Read the book: «Tote Weinbergschnecken schleimen nicht»
Janet Borgward
Tote Weinbergschnecken schleimen nicht
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Nachwort
Danksagung
Bisher von Janet Borgward erschienen
Literaturnachweis
Impressum neobooks
Kapitel 1
Tote Weinbergschnecken
schleimen nicht
Für
Hedwig, Friedlinde und Erwin
Wein,
weil keine gute Geschichte
je mit einem Salat begann.
Marie behielt von ihrem Wohnzimmerfenster aus die Straße fest im Blick. In der Ferne zeichneten sich die Vogesen in einem milchigen Graugrün gegen den strahlend blauen Himmel ab. Das spätsommerliche Wetter hielt sich. Gut für die bevorstehende Weinlese.
Dies war allerdings nicht der einzige Grund für ihren fokussierten Blick. Mit Spannung erwartete sie die neue Kommissarin. Ihr erster Gast, seit dem Umbau des Hauses, und nachdem ihr Mann bäuchlings die Treppenstufen hinuntergesegelt war. Nicht das erste Mal, aber zum letzten Mal – mit knapp drei Promille im Blut.
Marie hatte sich gegen den Willen ihrer Eltern durchgesetzt. Die beiden Wohnungen in ihrem Haus hatte sie nach eigenen Vorstellungen umbauen lassen. Sie brachten ihr ein zusätzliches Einkommen, da sie die Schulden ihres trinkfreudigen Gatten – Gott hab ihn selig – erdrückten.
Ihre Eltern zeigten keinerlei Empathie für ihren Wunsch nach Selbstbestimmung. Für ihren Vater grenzte es bereits an Verrat, dass ihr langjähriger Stammgast, Hauptkommissar Theo Conrads, Marie den ersten Feriengast vermittelte. Dabei blendete er aus, dass es in ihren alten Wohnungen über der ehemaligen Scheune zog, dass der Luftzug die Kerzen ausblies und der Geruch von Moder allgegenwärtig war.
Erst recht widersetzte er sich Maries Vorschlag, eine der beiden renovierungsbedürftigen Ferienwohnungen für die polnische Pflegerin herrichten zu lassen. Gleich vom ersten Tag an hatten sie sich gegen diese Person gesträubt und energisch betont, auf deren Hilfe nicht angewiesen zu sein. Wozu sonst hätten sie eine Tochter in die Welt gesetzt? Marie blieb beharrlich. Die Pflegekraft zog in die unrenovierte Wohnung über der Scheune und kümmerte sich hingebungsvoll um ihre Eltern. Ein beträchtlicher Triumph. „Pass gut auf sie auf“, erinnerte sich Marie an das Telefonat mit Theo. „Sie ist eine ausgezeichnete Kommissarin und die perfekte Besetzung für die freigewordene Stelle vom Karl. Aber wir müssen sie erst noch ein wenig aufmuntern.“ Was genau er darunter verstand, und wie das wir einzuordnen war, ließ er offen. Marie würde sich selbst ein Bild von der Kommissarin machen. Ein auf Hochglanz polierter schwarzer Mini hielt auf dem Gästeparkplatz. Sie straffte die Schultern und nahm die Düsseldorferin in Empfang. „Daag. Haben Sie gut hergefunden?“ „Ja, vielen Dank.“ Hektisch griff die Rheinländerin ihre Schultertasche, die auf dem Beifahrersitz gelegen hatte, und wischte sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn. Gehetzt legte sie die Rückenlehne des Fahrersitzes um und zerrte fluchend eine prall gefüllte Klappkiste vom Rücksitz. „Darf ich Ihnen behilflich sein?“, bot sich Marie an. „Es-geht-schon“, stieß sie hervor und wand sich umständlich aus dem Inneren ihres Wagens. Eine Schachtel löste sich aus dem Gepäck und rutschte unaufhaltsam auf den Boden. Eine Flut Glanzbilder mit Motiven von Feen, Blumen und Engeln verstreuten sich auf dem Asphalt. Marie ging in die Hocke, um ihr beim Aufsammeln behilflich zu sein. „Ich mache das schon“, zischte sie und las hastig die Bilder auf, bevor Marie sie zu fassen bekam. „Sind Sie die neue Kommissarin?“ „Cara Goldmann. – Ich bin zu meinem Vergnügen hier. Und Sie sind?“ „Marie Steiert. Sie känne die Färiewohnig im erschte Schtock haa. – E furchtbari Gschicht, wo dem Erchinger Karl do bassiert isch“, ging sie ohne Überleitung zum Kernthema über, das ganz Lausgrott derzeit beschäftigte: Der plötzliche Tod des bisherigen Kommissars der Wache. „Tut mir leid, den kenne ich nicht“, antwortete Cara zerstreut. Sie hatte kaum etwas von dem Dialekt geprägten Redeschwall verstanden. „Ich würde gerne mein Gepäck nach oben bringen, um aus der schweißtreibenden Sonne zu kommen“, fügte sie mit Nachdruck hinzu, da Marie Steiert offenbar nicht über die nötige Sensibilität verfügte, dies zu erkennen. „Karl Erchinger“, bemühte sich Marie nun auf Hochdeutsch. „Wegen dem sind Sie doch hier. Oder?“ „Ich verbringe meinen Urlaub hier. Gibt es im Ort eine Einkaufsmöglichkeit?“, wechselte Cara das Thema. „Nein, aber einen Edeka in Breisach.“ Sie hielt ihr einen Schlüsselanhänger aus Filz mit dem Aufdruck Willkommen in Lausgrott entgegen, an dem zwei Schlüssel baumelten. „Die Wohnung ist frisch renoviert worden.“ Sie reckte den Hals, um einen Blick ins Innere des Minis zu erhaschen. „Falls Sie irgendetwas benötigen, klingeln Sie. Ich wohne gleich nebenan.“ Marie lächelte gewinnend, wobei sich Fältchen um ihre Mundwinkel herum bildeten. Cara war abgespannt und darauf bedacht, möglichst rasch ihre Ferienwohnung beziehen zu können. Sie mühte sich mit ihrer Klappkiste ab, auf der das Kästchen mit den Glanzbildern wieder gefährlich in Schieflage geriet. Kaum dass Marie die Tür aufgeschlossen hatte, stellte sie ihr Gepäck ab. Auf dem Esstisch hießen sie eine Flasche Weißwein aus der Region sowie Mineralwasser und ein Gugelhupf willkommen. Die Geste schien sie versöhnlicher zu stimmen, wie ein knappes Hochziehen ihres Mundwinkels vermuten ließ. Sie zog die cremefarbigen Gardinen auf und trat auf den Balkon hinaus. Marie folgte ihr. Rechts kletterten Rebstöcke terrassenförmig in akkuraten Reihen den Weinberg hinauf, links lud das verwaschene Grün schattenspendender Bäume zu einer Wanderung am Fuße des Schwarzwaldes ein. Voraus zeichneten sich die Konturen der Vogesen ab. Cara sog die nach überreifen Früchten duftende Luft ein. „Gefällt’s Ihnen?“, fragte Marie. Ein Traktor fuhr knatternd mit gefährlich schwankenden Fässern auf dem Anhänger vorbei. Cara löste sich von dem liebreizenden Idyll und verzog säuerlich die Mundwinkel. „Die Aussicht ist …“ Sie brach ab und ihr Blick blieb auf dem umgegrabenen Erdreich der Ferienwohnung unter ihr haften. Aufeinandergestapelte Steinplatten mit einer Rüttelmaschine daneben. „Sie sanieren?“ „Die Arbeiten sind bis auf die Terrasse abgeschlossen.“ Cara sah ihre Vermieterin irritiert an. „In Ihrer Bestätigungsmail stand nichts von Umbauarbeiten.“ „Es müssen nur noch die Terrassenfliesen gelegt werden“, versicherte ihr Marie. „Ich wünsche Ihnen eine erholsame Zeit bei uns in Lausgrott.“ Besser, Marie ließ ihr Zeit, damit sie sich akklimatisierte. Sie hatte zahlreiche Gäste in den beiden Ferienwohnungen ihrer Eltern betreut. In den letzten Jahren vorwiegend ohne deren Unterstützung, da sie aufgrund ihres hohen Alters und ihrer körperlichen Verfassung lediglich zu delegieren vermochten. Marie kannte sich aus mit Menschen und ihren Eigenheiten. Mit Cara Goldmann beherbergte sie keinen unkomplizierten Gast unter ihrem Dach. Mal ehrlich: Welche Kriminalbeamtin befasste sich mit Glanzbildern? Dieses kindliche Hobby passte nicht zu dem Bild, das sie von einer Kommissarin hatte, die aus einer Großstadt kam. Ihr unstetes Verhalten dagegen, die unterschwellige Gereiztheit entsprachen eher jemandem, der, der … Sie sollte damit aufhören, die Personen in ihrem Umfeld zu analysieren. Du bist Winzerin, Marie. Was kümmert’s dich da, wie es in den Köpfen der Menschen ausschaut?, erinnerte ihre Mutter sie in einem ewigen Mantra an die ihr vorbestimmte Rolle. Wenn du Menschenkenntnis besäßest, setzte ihr Vater abfällig nach, wärst du nicht auf so einen wie deinen trunksüchtigen Mann hereingefallen.Hätte, wäre, wenn. Eine in Lausgrott geborene Frau wurde Winzerin, heiratete einen Winzer und bekam Kinder, die den elterlichen Winzerhof übernahmen. Hätte man den richtigen Partner an seiner Seite, wäre dies eine erfolgversprechende Aussicht gewesen. Wäre der Gatte nicht selbst sein bester Kunde, wäre der Hof nicht mit samt der Schnapsbrennerei in die Luft geflogen. Wenn sie damals eine andere Wahl gehabt hätte … Sie zwang sich, die deprimierenden Erinnerungen aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. All das war lange her. Inzwischen kannte sie die Menschen besser.
Kapitel 2
Cara Goldmann öffnete die Eingangstür des Reblaus Stüble. Würzige Aromen von Speck und Flammkuchen stiegen ihr in die Nase. Sofort knurrte ihr Magen unüberhörbar. Sie hatte seit dem Frühstück außer einer Kanne Kaffee nichts mehr zu sich genommen. An der Theke hockten drei Männer bei einem Schoppen Wein und unterhielten sich angeregt. Die Tische waren mit lachenden und schwatzenden Gästen besetzt. Seufzend ließ sie sich an dem einzigen freien Tisch mit Blick auf den gesamten Schankraum nieder. „Noowe, was darf ich Ihnen bringen?“, fragte der Wirt, ein hagerer Mittsechziger, der ebenso unverständlich sprach wie ihre Vermieterin Marie. Ratlos sah sie von der übersichtlichen Speisekarte auf. „Was empfehlen Sie mir?“ „Ist Freitag, da gibt’s Leberle sauer mit Brägele“, pries er an, soweit sie das seinem badischen Dialekt korrekt entnahm. „Dann nehme ich das. Und dazu …“ Sie fuhr mit einem bis auf das rohe Fleisch heruntergekauten Fingernagel die Getränkekarte entlang. Altbier würde sie hier vergeblich suchen. „Haben Sie ein dunkles Bier?“ „Nein. Wir haben ein helles Tannenzäpfle.“ Natürlich. Wie dumm von ihr. Sie befand sich in einem Weindorf. „Dann bitte ein Glas Spätburgunder“, entschied sie. Zumindest las sich die Beschreibung des prämierten Weines mit der Abbildung der lächelnden Weinkönigin Emilia daneben malerisch: Vollmundig und samtig, mit einem fruchtigen Aroma und Nuancen von Mandel und Kirschen. „Also a Leberle sauer und a Viertele Spätburgunder“, wiederholte der Wirt und verschwand in die Küche. Cara sah sich um. Der ansteigende Geräuschpegel behagte ihr nicht. Eine vollbesetzte Dorfkneipe an einem Freitagabend aufzusuchen, schien nicht gerade eine ihrer besten Ideen zu sein. Sie sehnte sich nach Ruhe und Entspannung. Ihre Fehlentscheidung bestätigte sich beim Eintreffen zweier Burschen. Die Gespräche verstummten. Ärger lag in der Luft! Mit selbstgefälligem Grinsen quittierten die beiden die Reaktionen der Gäste. Ihre brandroten Lederjacken aus feinstem Nappaleder mit geriffeltem Muster an Schultern und Armen trugen sie wie eine Rüstung. „Ist hier noch frei?“, fragte einer der beiden mit Blick auf die unbesetzten Stühle an Caras Tisch und ließ sich unaufgefordert nieder. Cara spannte ihren Körper an und war sofort hochkonzentriert. Zögerlich setzten die Gespräche wieder ein. Verhaltener, wie es schien. Der Wirt brachte Caras Wein und funkelte die Neuankömmlinge an: „Ihr habt hier Hausverbot, Wackes.“ „Wir wollen nur ein Viertele von deinem Emilia Spätburgunder probieren. Quasi zum Vergleich.“ „Dann sind wir praktisch schon wieder weg“, setzte der andere hinzu. „Hier bekommt ihr keine Weinprobe. Und jetzt raus mit euch!“ „Bemüh dich nicht, Linder. Ich habe den passenden Wein schon gefunden.“ Unbeeindruckt von dem unmissverständlichen Rauswurf griff der Kerl nach ihrem Glas. „Sie erlauben?“ Cara versuchte, seinen Arm festzuhalten. „Ja geht’s noch?“, fuhr sie ihn an. Er setzte es frech an die Lippen und trank einen großzügigen Schluck. Angewidert stellte er das Glas zurück. „Das nennst du vollmundig und samtig, Linder?“ Cara protestierte, aber der Bursche beachtete sie nicht. Stattdessen trieb er den Streit mit dem Wirt voran. „Ich verstehe beim besten Willen nicht, wieso der“, er deutete mit dem Zeigefinger auf Caras Glas, „ein Prädikat erhalten hat und unserer nicht. Muss man den richtigen Kellermeister kennen?“ Die Gesichtsfarbe des Gastwirts wechselte von rot zu aschfahl. „Verschwindet oder …“ „Was sonst, hm?“ „…rufe ich die Polizei“, presste er mühsam beherrscht hervor. „Meinst du damit die beiden Pfeifen aus dem Rosengässle?“ Er zuckte vielsagend mit den Schultern. „Denn mit dem Erchinger Karl ist ja wohl eher nicht zu rechnen.“ Eine Augenbraue hob sich in die Höhe. Cara stöhnte innerlich auf. Gleich am ersten Abend im Brennpunkt einer dörflichen Auseinandersetzung zu sitzen, entsprach nicht ihrer Vorstellung von einer erholsamen Auszeit. Sie wollte sich in die Diskussion einbringen, da wandte sich der Bursche an sie. „Ich empfehle einen Pinot Noir. Hat mehr …“, er bedachte sie mit einem abfälligen Blick. „Körper und enthält eine harmonische Säure. Sollten Sie probieren. Die fruchtigen Aromen überzeugen.“ In einer fließenden Bewegung zog er einen Zehn-Euro-Schein aus seiner Jackentasche und knallte ihn auf den Tisch. Feindliche Blicke folgten den Burschen beim Verlassen des Lokals. Langsam fiel die Anspannung von Cara ab. Was war hier los? Rebellion der Dorfjugend oder steckte mehr dahinter? Cara zwang sich, ihre kriminalistischen Instinkte auszuschalten. Sie hatte Urlaub. „Ich nehme nochmals ein Glas von dem Emilia Spätburgunder“, gab sie sich unbeeindruckt. Der Wirt murmelte eine Entschuldigung und verschwand für den Rest des Abends in der Küche. Statt seiner kam kurze Zeit später eine jüngere Ausgabe von ihm heraus. „Geht aufs Haus“, entschuldigte er sich mit einer Karaffe blutroten Weines. „Ist mit Ihrem Vater alles in Ordnung?“, versuchte Cara in Erfahrung zu bringen. Er schien nicht für Erklärungen aufgelegt zu sein und äußerte etwas, das sich anhörte wie „Essen kommt gleich.“ Mit hängenden Schultern nahm er weitere Bestellungen an den Nachbartischen auf, woraufhin eine hitzige Debatte entbrannte. Leider des Badischen nicht mächtig verstand Cara den dortigen Wortwechsel kaum. „Wie känne die s Wooge, do her z Kumme“, schimpfte einer der Gäste. „Dass dü des zulossesch, mit diinere Schweschter“, ein anderer. „Es ist ihr Leben“, nahm er sie in Schutz. „Joo, des wird de Schponsore nit gfalle.“ Er schüttelte den Kopf und verschwand geschäftig hinter den Tresen. Verstohlen drehte sich der ein oder andere zu dem fremden Gast um. Die Diskussion wurde nun verhaltener fortgesetzt. Die Kommissarin blendete ihre Gespräche aus und beschloss, den kulinarischen Leckerbissen auf ihrem Teller sowie den köstlichen Wein zu genießen. Gar nicht übel, wenn sie bedachte, dass ihr Gaumen an die herbe Note von Altbier gewöhnt war. Von Wein verstand sie nichts. Für sie gehörte zu einem deftigen Essen frisch gezapftes Alt. Darauf würde sie vorerst verzichten müssen. Bei dem vorzüglichen Menü und den adäquaten Preisen im Reblaus Stüble würde ihr das nicht schwerfallen. Sie hätte es denkbar schlechter treffen können. Auch wenn sie keinerlei Schuld an der Situation traf, in der sie sich befand. Ja, sie war überarbeitet und ja, sie hatte überreagiert bei ihrem letzten Einsatz in dem Bordell Hinter dem Bahndamm, Düsseldorfs historischem Freudenhaus, mit seinen nummerierten Fenstern. Nachdem alles, wirklich alles schiefgelaufen war bei diesem Polizeieinsatz. Angefangen von der Unfähigkeit Caras Kollegen am Tatort, Verstärkung zu rufen. Gefolgt von seinem unzusammenhängenden Gestammel in Bezug auf den Tathergang bis hin zu den Abdrücken der Sneakers Größe 38 in der Blutlache von der Tussi der Spurensicherung. Das brachte das Fass zum Überlaufen und sie war ausgerastet. Es brauchte lange, wirklich lange, um sie aus der Ruhe zu bringen. Das vorausgegangene, unerfreuliche Gespräch beim Scheidungsanwalt mochte die Lunte ihres emotionalen Pulverfasses gelegt haben. Wer wäre da nicht aus der Haut gefahren? Es rechtfertigte nicht ihre Versetzung in dieses Kaff hier. Urlaub – vielleicht. Hier arbeiten? Leben? Niemals. Sie wusste nicht, wie Theo es angestellt hatte, sie hierher zu verbannen, aber sie wollte wieder Politesse sein, wenn sie das nicht herausfand. „Darf es noch etwas sein?“ Inzwischen war sie der letzte Gast. „Wer waren die beiden Unruhestifter von soeben?“, stellte sie gewohnheitsmäßig eine Gegenfrage und schob den leeren Teller beiseite. „Zugezogene aus dem Elsass“, antwortete er abfällig. „Schauen die hier öfter vorbei?“, bohrte sie weiter. Die Kiefer des Mannes mahlten aufeinander, seine Augen wurden schmal. „Ich hoffe, das war das letzte Mal. Haben Sie noch einen Wunsch?“ „Die Rechnung bitte. Und – es hat ausgezeichnet geschmeckt.“ Kaum, dass sie das Lokal verlassen hatte, wurde die Tür hinter ihr verriegelt und das Licht gelöscht. Stille legte sich über Lausgrott.
Kapitel 3
Unsanft wurde Cara von Bauarbeiten aus dem Schlaf gerissen. Mit verstrubbelten Haaren stürmte sie auf den Balkon hinaus. Der Fluch, den sie auf den Lippen hatte, verpuffte ungehört im Baulärm. Unter ihr stand Marie und beaufsichtigte die fortschreitenden Arbeiten an der Terrasse. Samstags um acht Uhr in der Früh.
„Guten Morgen, Frau Goldmann. Haben Sie heute schon etwas geplant?“, rief Marie in der entstandenen Arbeitspause energiegeladen nach oben.
„Können Sie mir etwas Ruhiges empfehlen?“, erwiderte sie bissig, anstatt sich für den Willkommensgruß mit Gugelhupf und Wein zu bedanken.
Offenbar wusste die undankbare Städterin die Gastfreundschaft des hiesigen Landstrichs nicht zu würdigen. Mit jeder Pore verströmte sie eine Aura negativ geladener Energie. Ihre heruntergekauten Fingernägel mit den wunden Rändern erzählten ihre eigene Geschichte. Von ungelösten Konflikten, körperlicher Anspannung und akutem Stress. Vielleicht hatte Theo das gemeint, als er Marie auftrug, sie solle gut auf die Kommissarin aufpassen. „Sie könnten eine Wanderung durch die Weinberge unternehmen“, schlug sie unbeeindruckt vor. „Gleich hinterm Haus führt ein malerischer Rundweg entlang. Nachmittags könnten Sie auf einen Kaffee bei mir vorbeikommen.“ Vielleicht reagierte Frau Goldmann gelassener auf die sie umgebende wunderschöne Weinregion, wenn sie ein Streifzug unternähme. Die Hände in die Seiten gestemmt sah Marie abwartend zu ihr hoch. „Danke für den Tipp und die Einladung“, presste Cara mühsam beherrscht hervor. Für sie klang jedes Wort aus Maries Mund wie ein Einheitsbrei aus Scht-Lauten. Marie wies mit dem Daumen zustimmend nach oben. Mit dem wieder einsetzenden Hämmern auf die Steinplatten verschwand Cara hektisch ins Wohnungsinnere.
Um den lärmenden Bauarbeiten zu entkommen, befolgte Cara Maries Ausflugstipp. Zähneknirschend gestand sie sich ein, dass mit jedem Schritt die Anspannung von ihr wich.
Bald ließ sie die terrassenförmige Landschaft hinter sich. Der stetig ansteigende Pfad führte wie ein Tor zu einer anderen Welt hinein in einen Wald aus Eichen, Hainbuchen und Feldahorn. Die vorherrschende Ruhe breitete sich wie Medizin in ihrem Inneren aus. Valium für ihre überstrapazierten Nerven. Keine Menschenseele kreuzte den Weg.
Für die Mühen des Aufstiegs wurde sie nach einer Wegbiegung mit einer imposanten Aussicht belohnt. Vor ihr breitete sich ein Gebiet aus, das zur Linken die schemenhaften Höhen des Schwarzwaldes aufwies, wohingegen sich voraus die Vogesen graublau abzeichneten. Ansonsten dominierte das satte Grün der Weinberge. Der erdige Geruch von feuchtem Waldboden wurde übertüncht von gemähtem Gras und überreifen Früchten.
Cara ließ sich entspannt auf den Rasen nieder und genoss das Panorama. Versonnen streifte sie den unvorteilhaften Cityrucksack ab, dessen schmale Riemen ihr bereits nach der kurzen Wanderung in die Schultern schnitten. Sie hob eine winzige Wasserflasche aus ihrem Proviant an die Lippen und schloss genüsslich die Augen. Für den Moment mit sich und der Welt zufrieden.
Mit bleierner Müdigkeit öffnete sie die Augenlider einen Spalt breit und richtete sich wieder auf. Geblendet von dem gleißenden Sonnenlicht, betrachtete sie die Mannigfaltigkeit des Areals, bis etwas ins Zentrum ihres Interesses rückte, was das malerische Bild jäh zerstörte.
Eine Schneise durchbrach die ansonsten akkuraten Linien der Weinreben unter ihr, wie ein hindurchgefegter Tornado. Cara sprang auf. Zu schnell für ihren Kreislauf. Schwankend registrierte sie aus dem Augenwinkel, wie eine monströse Erntemaschine in einem dieser Wege verschwand, die links und rechts von meterhohen Böschungen gesäumt waren.
Sie sah wieder zu dem zerstörten Pfad. Einem inneren Impuls folgend kletterte sie den Hang hinab, auf dem sie eben noch die Oase der Ruhe genossen hatte, um die Ursache zu ergründen. Das aufgewühlte Erdreich zu ihren Füßen, durchzogen von tiefen Reifenprofilen, ließ darauf schließen, dass dies nicht die Hinterlassenschaft eines nächtlichen Unwetters war. Ein umgekippter Traktor am Ende der Schneise erhärtete ihren Verdacht, dass hier ein weitaus dramatischeres Ereignis geschehen war. Einer düsteren Ahnung folgend stolperte sie über Erdklumpen und herausgerissenen Weinreben bis zum Unglücksort.
Rasch erfasste Cara die Umstände. Die Zugmaschine hatte Anhänger und Fahrer mitgeschleift. Der Verunglückte klemmte eingekeilt zwischen dem demolierten Traktor und einem mitgerissenen Befestigungspfeiler. Ein beklemmendes Gefühl beschlich sie und wurde zur Gewissheit.
„Scheiße“, fluchte sie und erkannte die brandrote Lederjacke. Die Augen des Verunglückten starrten ins Leere.
Kapitel 4
Bald wimmelte es um Cara herum von Menschen. Polizei, Spurensicherung, Rettungssanitäter, ein Bergungsfahrzeug der Feuerwehr und Journalisten der hiesigen Presse.
„Sie haben den Unfall gemeldet?“, fragte ein uniformierter Kollege, abseits des Trubels. Er sah sie forschend an.
„Ja.“
„Wie heißen Sie?“
„Cara Goldmann, Mordkommission Düsseldorf.“ Sie zückte ihren Dienstausweis.
„Düsseldorf? Na, da waren Sie ja schneller am Unfallort als wir“, scherzte er.
„Ich verbringe hier meinen Urlaub“, betonte sie und setzte nach, „Schrecklicher Unfall.“
„Leider erleben wir das oft zu dieser Zeit.“ Er sah zur Unfallstelle und wieder zu Cara. „Wo sind Sie untergebracht?“
„In einer Ferienwohnung in Lausgrott.“
„Und bei wem?“
„Marie Steiert.“
Sein Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. „Bei der Steiert Marie?“ Es schien dem hiesigen Dialekt geschuldet zu sein, stets den Nachnamen vor den Rufnamen zu setzen.
„Sie kennen sich?“
„Eher Maries Bruder.“ Mehr verriet er nicht. Stattdessen fragte er, seit wann sie in Lausgrott sei und was sie zu ihrer Wanderung veranlasst hätte.
„Ich kenne den Toten“, räumte Cara ein und sah dem Zinksarg nach, der an ihnen vorbei den Hang hinaufgetragen wurde. „Nicht seinen Namen, aber ich habe ihn gestern in Begleitung eines anderen Burschen im Reblaus Stüble gesehen.“
Der Beamte hielt in seinen Notizen inne. „Warten Sie bitte einen Augenblick.“ Er winkte dem ermittelnden Kommissar aus Freiburg zu sich.
„Dann lassen Sie mal hören“, übernahm dieser die weitere Befragung. Er überragte Cara um einen Kopf und besaß die Statur eines Türstehers.
„Die beiden schienen im Reblaus Stüble nicht erwünscht zu sein“, schilderte sie ihre Sichtweise vom gestrigen Abend.
„Woraus schließen Sie das?“
„Der Wirt drohte damit, die Polizei zu holen, wenn sie das Lokal nicht verließen. Ferner ließ der Sohn des Gastwirtes durchblicken, er hoffe, es wäre der letzte Besuch der beiden.“
„Und wo ist das Reblaus Stüble?“, hakte er nach.
„In Lausgrott.“ Dabei hatte sie längst den Eindruck gewonnen, dass ihm das Wirtshaus geläufig war.
„Frank, kommst du mal zu uns? Wir brauchen dich bei den Presseleuten“, rief der Kollege, der Cara zuerst befragt hatte, überfordert. Presseleute! Cara schnaufte verächtlich.
„Seid ihr dazu nicht selbst in der Lage?“, gab er unwirsch zurück.
„Würde ich dich dann fragen?“
„Ich bin hier gleich fertig.“ Und wieder an Cara gewandt: „Ist Ihnen sonst etwas aufgefallen? Ich meine, hier, am Unfallort?“ Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen.
Sie sind mit der Situation völlig überfordert, mutmaßte Cara. „Eine Erntemaschine verschwand in dem Hohlweg da hinten“, sie deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die entsprechende Richtung, „bevor ich den Abhang hinabkletterte.“
„Ein Vollernter?“
„Nennt man die so?“
„Ja. Farbe?“
„Gelb würde ich sagen. Der Fahrer müsste eigentlich etwas von dem Unfall mitbekommen haben …“
„Haben Sie eine Ahnung, wie laut diese Maschinen sind? Da bekommt man kaum mit, was um einen herum geschieht. Sonst noch was?“
„Wie nennt man die Art von Traktor?“ Cara wies auf das umgekippte Fahrzeug. „Das ist ein Schmalspurtraktor.“ Miene und Tonfall ließen erahnen, dass er nicht erpicht darauf war, ihr Nachhilfe in Maschinenkunde zu erteilen. „Aha. Der hat sicher ein anderes Reifenprofil.“ „Ja, und?“ „Ich meine nur, weil an dem Abhang zwei unterschiedliche Reifenspuren zu sehen waren, die ineinander verliefen.“ „Das haben Sie in dem Durcheinander erkannt?“ Er pfiff anerkennend durch die Zähne, doch sein Gesichtsausdruck war spöttisch. „Kommst du?“, drängte sein Kollege. „Bitte halten Sie sich zur Verfügung, falls wir weitere Fragen haben.“ Er wandte sich um und ließ Cara stehen. „Der Verunglückte könnte absichtlich abgedrängt worden sein“, rief sie ihm hinterher. Der Kriminalkommissar wirbelte herum und kam mit energischen Schritten auf Cara zu. „Geht’s noch was lauter? Möchten Sie vielleicht mit der Presse sprechen?“, zischte er. „Wir haben das hier im Griff, Frau Kollegin. Genießen Sie Ihren Urlaub.“ Er stapfte davon. Es folgte ein knapper Wortwechsel, gefolgt von Köpfen, die sich verstohlen in ihre Richtung drehten. Souverän stellte er sich daraufhin den Fragen der Reporter. Eine Frau zwängte sich aus der Gruppe der Schaulustigen hervor und steuerte mit gezielten Schritten auf Cara zu. Marie Steiert. „Du liebe Güte. Was ist denn da vorgefallen?“ Ihr Mienenspiel wechselte zwischen Entsetzen und Faszination, als sie ihre Kommissarin erreichte, die verloren am Rande des Geschehens stand. „Sind Sie mit dem Auto hier?“, antwortete Cara mit einer Gegenfrage. „Ja. Ich stehe gleich da vorne.“ „Können Sie mich mitnehmen?“ „Ja, sicher.“ Marie erhoffte sich Informationen aus erster Hand. Warum sonst hätte man die Kommissarin aus Düsseldorf befragt? „Steigen Sie ein.“ Sie setzte zurück und wendete ihren Wagen. „Was ist passiert?“, bohrte sie weiter, um ihren Wissensdurst zu stillen. „Jemand ist mit dem Traktor den Hang hinabgestürzt.“ „Ach herrje. Weiß man schon, wer es war?“ „Wie kommt es, dass Sie in so kurzer Zeit hier waren?“, stellte Cara eine Gegenfrage. „Ich war zufällig auf dem Blankenhornsberg, da sah ich Polizei und Krankenwagen vorbeijagen. Da habe ich gleich vermutet, dass etwas in den Reben passiert ist.“ „Kommt das denn öfter vor, dass ein Traktor den Abhang hinunterstürzt? Die Weinberge kommen mir nicht so steil vor wie an der Mosel.“ Wenn sie dagegen Maries Fahrstil auf sich wirken ließ … In halsbrecherischem Tempo jagte sie über den schmalen Wirtschaftsweg bis zur Hauptstraße, die nach Lausgrott führte. „Das ist die Zeit des Herbstens. Alle stehen unter Druck. Da passieren dauernd Unfälle, weil die Ladung nicht festsitzt oder der Anhänger ins Trudeln gerät.“ Marie sah Cara von der Seite an. „Und Sie haben den gefunden?“ „Achten Sie bitte wieder auf den Weg“, mahnte Cara, die nicht darauf erpicht war, dass sie die nächsten waren, die den Hang herunterstürzten. „Ich meine, da empfehle ich Ihnen einen Wanderweg und Sie stolpern gleich über eine Leiche.“ Maries Wangen glühten vor Aufregung. „Wie kommen Sie darauf, dass es einen Toten gab?“ „So wie der durch die Weinberge abgegangen ist? Das konnte der Fahrer unmöglich überlebt haben. Und der Leichenwagen …“ „Das haben Sie alles mitbekommen?“ „Ich war natürlich wie paralysiert. Später dachte ich: Die Frau Goldmann, wenn der was passiert ist, wo ich der den Wanderweg empfohlen habe … Zum Glück habe ich Sie dann bei den Polizisten stehen sehen.“ Sie verließen die Weinberge und fuhren auf die Bundesstraße. Marie überholte zwei Fahrzeuge und gliederte sich hinter einem Traktor ein. „An dem kommen wir jetzt bis Lausgrott nicht mehr vorbei“, jammerte sie – und behielt recht. „Danke, dass Sie mich mitgenommen haben.“ Hektisch kramte Cara ihren Schlüssel wie einen rettenden Anker hervor. Maries draufgängerische Fahrweise war ihr in die Glieder gefahren. „Mögen Sie noch auf einen Kaffee reinkommen?“, fragte Marie. Sie bemerkte Caras Zögern und setzte nach: „So ein Erlebnis muss ja erstmal verarbeitet werden. Obwohl, für Sie als Kriminalbeamtin ist das sicherlich nichts Ungewöhnliches.“ „Wie meinen Sie das?“ Cara folgte ihr und ließ sich auf der Eckbank ihrer offenen Küche nieder. Die Stube war rustikal eingerichtet und vermittelte Gemütlichkeit. „Sie werden oft mit dem Tod konfrontiert.“ „Selten auf diese Art.“ „In welcher Abteilung arbeiten Sie?“, hakte Marie nach. „Mordkommission“, erwiderte Cara. Marie nickte nachdenklich, stellte zwei Kaffeebecher mit Smiley Motiven auf den Esstisch sowie einen appetitlich duftenden Kuchen. „Nehmen Sie Zucker und Milch in Ihren Kaffee?“ „Schwarz bitte.“ Allein beim Anblick des Gebäcks meinte Cara, die zusätzlichen Pfunde auf ihren Hüften zu spüren. „Ich hoffe, Sie vertragen einen kräftigen Kaffee.“ Marie goss eine Flüssigkeit ein, deren Farbe und Konsistenz an Teer erinnerten. „Was ist das für ein Kuchen?“ Cara schob die Kaffeetasse unschlüssig von der rechten auf die linke Seite ihres Tellers. „Ein Rahmkuchen. Ohne Rosinen.“ Gut, dass sie die Kaffeesahne weggelassen hatte, dachte Cara. Ihr Ex-Mann predigte seit Monaten, dass sie in ihrem Alter mehr auf ihr Gewicht achten müsse. Sie ließe sich gehen, meinte er. Voller Neid sah sie zu Marie Steiert, die sich drei Löffel Zucker in den Kaffee schaufelte und eine ordentliche Portion Sahne dazugab. „Grausige Geschichte“, setzte Marie erneut an und rührte so energisch den Löffel in ihrer Tasse, dass Sahne auf den Unterteller schwappte. „Ja. In der Zeitung wird man sicher darüber berichten.“ Ausweichend sah Cara sich in der Küche um. Fotos von einem Jungen und einem Mädchen im Wandel der Zeit: Bei der Einschulung, Kommunion und Abiturfeier. Zwei schlaksige Teenager mit ernstem Blick. „Ihre Kinder?“ „Ja. Basti und Marlene.“ Marie starrte versonnen auf ihre Kaffeetasse. Ein wunder Punkt in ihrer Familienchronik. Nicht geeignet, um mit einem fremden Feriengast darüber zu schwätzen. „Kommen in dem Gelände, in dem der Unfall passierte, Erntemaschinen zum Einsatz?“, fragte Cara. „Für einen Vollernter sind die Terrassen dort ungeeignet. Es gibt keine Möglichkeit zum Wenden“, seufzte Marie, dankbar für den Themenwechsel. „Die Steigung beziehungsweise das Gefälle wäre aber unproblematisch?“ „Wie meinen Sie das?“ „Mir kam der Hang nicht sonderlich steil vor.“ „Das sind schon so um die 20 Prozent. Aber für einen Vollernter stellen selbst 30 Prozent kein Problem dar. Dagegen sind die Zwischenräume der angelegten Terrassenflächen, dort, wo der Unfall passierte, zu eng. Der Fahrer wäre gezwungen, rückwärts in die nächste Reihe einzubiegen.“ „Ein Stück weiter vorne würde man eine Erntemaschine wieder einsetzen?“ „Nur wenn man lebensmüde ist. Bei der damaligen Planung der Terrassen war der Gebrauch von Vollerntern nicht vorgesehen. Das kam erst Anfang der 80er Jahre. In Lausgrott kommen sie ausschließlich in flachen Lagen, wie beispielsweise am Ortsausgang, zum Einsatz. – Aber was ich Sie fragen wollte: Was ist eigentlich gestern im Reblaus Stüble vorgefallen?“ Sie fegte ein paar Kuchenkrümel vom Tisch und sah Cara abwartend an. „Inwiefern?“ „Ich habe gehört, es gab da einen Zwischenfall. Eine Touristin soll belästigt worden sein.“ „Tatsächlich?“ „Ja. Waren Sie das?“ „Wie kommen Sie darauf?“ „Das Reblaus Stüble liegt nahe der Ferienwohnung.“ „Der Vorfall scheint sich ja schnell herumgesprochen zu haben“, grummelte Cara und nagte an ihrem Daumennagel. „Zwei Burschen kamen herein, setzten sich bei mir an den Tisch. Einer der beiden griff nach meinem Weinglas und trank daraus.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sachen gibt’s.“ „Also ist da doch etwas dran an der Geschichte.“ Maries Augen weiteten sich vor Sensationslust. „Ich habe ja gleich gesagt, die werden dem Reni nicht den Umgang mit der Emilia verbieten können. Aber dass der dann so arg provoziert …“ „Wer sind die beiden? Reni und Emilia?“ „Die Emilia ist unsere Weinkönigin“, verkündete Marie mit leidenschaftlichem Tonfall. „Das ist die Tochter vom Linder, dem Wirt aus dem Reblaus Stüble. Und die ist mit einem der beiden Elsässer Brüder zusammen. Reni Durand. Das ist der Jüngere“, setzte sie Cara ins Bild. „Haben die Geschwister deshalb Hausverbot im Reblaus Stüble?“ „Nicht nur deswegen. Nachdem die Emilia zu unserer Weinkönigin gewählt wurde, passte dem Leonard der Umgang mit denen erst recht nicht.“ „Und was ist der Grund dafür?“ „Weil die Konkurrenten sind.“ „Die Burschen sind Winzer?“ „Ja, aber eben aus dem Elsass.“ „Was ist daran verwerflich?“ „Um das zu begreifen, muss man hier geboren sein.“ Maries Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. „Ich bin lernfähig.“ „Ist eine längere Geschichte.“ „Kommt darin ein Pinot Noir vor?“ Marie sah sie verständnislos an. „Pinot Noir?“ „Einer der Brüder unterstellte Herrn Linder, dass sein Wein nur deshalb prämiert worden wäre, weil er den richtigen Kellermeister kenne. Er empfahl mir einen Pinot Noir zum Vergleich.“ „So? Sagt er das?“, bemerkte Marie skeptisch. „Bisher nahm ich an, Pinot Noir und Spätburgunder seien unterschiedliche Weine. Da ich überzeugte Altbiertrinkerin bin, kenne ich mich mit den Klassifizierungen nicht sonderlich aus“, räumte Cara ein. „Pinot Noir und Spätburgunder sind zwei Bezeichnungen für die gleiche Sorte“, klärte Marie sie auf. „Man findet die Rebsorte vor allem in Weinbaugebieten wie im französischen Burgund oder dem Elsass.“ Bereitwillig unterwies sie die Kommissarin in die Techniken des Weinanbaus. „Der Pinot Noir ist schwierig anzubauen, da der Rebstock anfällig für Krankheiten ist. Die Traubenhaut ist dünn.“ Sie goss sich eine weitere Tasse Kaffee ein. „Die Durands versuchten, ihre Rebsorten aus dem Elsass in Lausgrott einzuführen. Schon immer. Dafür haben sie hier aber den falschen Boden.“ Sie schürzte die Lippen. „Wir haben vorwiegend Vulkangestein. Lössboden. Dazu kommt, dass die Sommer von Jahr zu Jahr heißer werden. Es regnet kaum. Ein erfolgreicher Winzer passt sich den Gegebenheiten an.“ Marie hatte nie begriffen, warum die Durands so sehr darauf beharrten. Selbst beim drastischen Rückgang ihrer Erträge blieben sie unbelehrbar. „Und die Durands sind da anders geartet?“ „Sie sind rebellisch, halten sich nicht an unsere Regeln. Erst recht, seit die Söhne aus dem Teenageralter herausgewachsen sind. Der alte Durand hat seine liebe Mühe mit denen. Hat selbst mal gesagt, dass er sie am liebsten im Haus behalten würde.“ Ihre Wangen hatten vor Eifer wieder einen rosigen Schimmer angenommen. „Wer ist dieser Karl Erchinger, von dem Sie gestern sprachen?“ „Wie kommen Sie jetzt auf den?“, fragte Marie verwirrt. „Der Name fiel im Reblaus Stüble – und Sie erwähnten ihn gestern im Zusammenhang mit einer furchtbaren Geschichte, die ihm widerfahren sei.“ Marie legte ihre Kuchengabel sorgfältig neben dem Teller ab und strich die Tischdecke glatt. „Der Erchinger Karl, das war ein trauriges Ereignis. Grad mal fünfzig bekommt der einen Herzanfall bei der Arbeit.“ Sie lud sich ein zweites Stück Kuchen auf den Teller und sah Cara fragend an. Sie lehnte dankend ab. „Der Karl war Kommissar im Polizeirevier Lausgrott“, erklärte sie. „Aha. Und wegen des plötzlichen Ablebens des Kollegen Erchinger nahmen Sie an, ich käme extra aus Düsseldorf hierher?“ „Was? Nein.“ Sie lachte. „Theo Conrads het Ihre Noome erwäähnt, wiil e Kolleeg us Friiburg quasi in letschter Sekund die Arbit in Lausgrott abglehnt het.“ Cara sah Marie irritiert an. „Verstehen Sie, was ich sage?“, bemühte sich Marie nun wieder auf Hochdeutsch. „Nicht genau.“ „Theo Conrads erwähnte Ihren Namen, weil ein Kollege aus Freiburg quasi in letzter Sekunde die Anstellung in Lausgrott ablehnte. – Mit der Zeit werden Sie das Badische verstehen. Hat viel mit dem Alemannischen gemein.“ Es stand nicht in Caras Absicht, ihren Aufenthalt in Lausgrott zu verlängern. „Theo hat Ihnen gegenüber erwähnt, dass ich die Nachfolge von Kommissar Erchinger antrete, anstatt der Kollege aus Freiburg?“, hakte sie nach. „Ja.“ „Warum?“ „Weil“, Marie zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, „mein Bruder andere Pläne hatte.“ Sie sah an Cara vorbei zu einem imaginären Punkt an der Wand. „Ihr Bruder ist bei der Polizei?“, fragte Cara ungläubig. „Ja, in Freiburg. Wissen Sie, ich wollte damals ebenfalls Polizistin werden.“ Marie wusste, dass man sie in Lausgrott dafür belächelte. Aber Cara war neu hier. Sie sollte nicht von dem Geschwätz der Leute beeinflusst werden, die sich darüber den Mund zerrissen. Ihr war daran gelegen, dass die Kommissarin es von ihr erfuhr. „Aber das haben meine Eltern nicht zugelassen.“ Sie seufzte. Ein verbitterter Ausdruck zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. Sie starrte auf ihre Hände, die harte Arbeit gewöhnt waren. „Winzerin war nicht mein Traumberuf. Aber in Lausgrott ist man Winzer, heiratet einen Winzer und die Kinder werden Winzer.“ Ihre Augen blitzen angriffslustig. „Der Weinbau allein reicht nicht zur Lebensgrundlage. Erst recht nicht, wenn der Ehemann seinen Wein selbst in hohem Maß verköstigt und die Kinder aus dem Haus treibt.“ Ihre anklagenden Worte öffneten für einen winzigen Moment eine Türe ihres Seelenlebens. „Ich habe mich ja noch gar nicht bedankt für den regionalen Willkommensgruß in meiner Wohnung“, lenkte Cara ein in dem Bemühen, die entstandene Disharmonie abzuschwächen. Marie nickte beiläufig und pickte mit der Kuchengabel die restlichen Krümel von ihrem Teller auf. „Wann ist Kommissar Erchinger denn gestorben?“ „Das ist noch gar nicht so lange her. Vor zwei Wochen.“
Kapitel 5
Cara genoss ihr Frühstück auf dem Balkon mit Blick auf die Weinberge des Kaiserstuhls. Zumindest versuchte sie sich einzureden, dass sie Gefallen daran fand. Stattdessen war sie von einer unbestimmten Unruhe erfasst. Urlaub sah anders aus.
Neben ihr lag die Tageszeitung zusammengerollt auf dem Tisch. Wie sie richtig vermutet hatte, handelte es sich bei dem tödlichen Unfall in den Reben um einen der Elsässer Brüder. Reni D. war dem Artikel zufolge im Alter von zwanzig Jahren bei einem Traktorunfall in den Weinbergen seinen lebensgefährlichen Verletzungen erlegen. Es hieß, er sei mit einem Schmalspurtraktor im Gelände unterwegs gewesen. Aus bisher ungeklärter Ursache war er beim Wenden auf der mit zweiundzwanzig Prozent abfallenden Fahrspur zwischen die Reben geraten, woraufhin sein Traktor ins Rutschen geriet und sich mit einem Hinterrad an einem Metallpfosten verhakte. Dadurch drehte sich das Fahrzeug seitlich und überschlug sich in dem Gefälle. Der 20-Jährige wurde abgeworfen, kam vor dem Traktor zum Liegen und von dem nachfolgenden Gefährt überrollt. Eine Urlauberin stieß bei ihrer Wanderung auf den Verunglückten und alarmierte den Rettungsdienst. Dennoch kam für Reni D. jede Hilfe zu spät – so der Zeitungsbericht.
Beklemmende Gedanken waren auf Cara eingestürmt. Reni war im Alter ihres Sohnes. Was würde sie durchleben, wenn Lennis etwas Derartiges zustieß? Nicht gerade mit einem Traktor. Es gab andere Möglichkeiten. Sein altersschwacher VW Scirocco beispielsweise, der ständig in der Werkstatt war.
Sie zwang sich, wieder die Fakten in den Fokus zu stellen. Reni war gemeinsam mit seinem Bruder nach einem provokanten Auftritt im Reblaus Stüble tödlich verunglückt. Darüber war in den Zeitungen nichts zu lesen, weil niemand über dieses Hintergrundwissen verfügte.
Mitten hinein in ihre Überlegungen kam ein Anruf von Theo. Sie verließ den Balkon und nahm das Handy mit in die Wohnung.
„Theo, welche Überraschung. Was gibt es?“ Sie war gespannt, wie er sich aus der Nummer herauswinden wollte, dass er Marie gegenüber ihre Versetzung nach Lausgrott ausgeplaudert hatte, bevor sie davon erfuhr.
„Die Kollegen aus Freiburg haben Fragen gestellt“, kam er nach einer knappen Überleitung auf den Kern seines Anrufs zu sprechen.
„Die da wären?“
„Ob es Zufall sei, dass eine Düsseldorfer Kommissarin in ihren Ferien am Schauplatz eines Unfalls mit Todesfolge anwesend war und die Behauptung aufstellte, am Vortag die Bekanntschaft mit dem Opfer gemacht zu haben.“
„Ich war nicht Zeuge des Unfalls“, verbesserte sie ihn entrüstet. „Ebenso könnte ich dich fragen, ob es Absicht war, dass du mir Lausgrott zu diesem Zeitpunkt empfohlen hast. Oder wieso Marie Steiert darauf kommt, dass ich die neue Kommissarin in Lausgrott bin.“
„Hat Marie das gesagt?“
„Was fällt dir ein, interne Dienstabläufe mit Marie zu sprechen?“
„Ich habe ihr lediglich erzählt, dass ich einer Mieterin für ihre Ferienwohnung wüsste.“
„Und dabei erwähnt, dass ich Kommissarin bin.“
„Vielleicht.“
„Sehr verantwortungsvoll von dir. Habt ihr auch über meine Krankenakte gesprochen, meine Scheidung?“, ereiferte sie sich.
„Ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass Marie aus der Tatsache deines Aufenthaltes diese Schlüsse für sich zieht und gleich zum Besten gibt.“
„Dann gibst du Maries Kombinationsgabe die Schuld an der Verbreitung interner Angelegenheiten?“
„Ich habe nichts in dieser Richtung nach außen dringen lassen. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Wie hast du das Opfer kennengelernt?“
Langsam stieg ihr Blutdruck an. „Das Opfer mit Namen Reni Durand hatte das Reblaus Stüble am Vortag gemeinsam mit seinem Bruder besucht. Zwei unbeliebte Elsässer Geschwister.“ „Was haben die beiden angestellt?“ „Reni hatte meinen Wein ungefragt probiert, einen Emilia Spätburgunder, falls das für dich relevant ist. Und was für ein Zufall, dass Reni tags darauf in den Weinbergen mit seinem Traktor tödlich verunglückt.“ „Dafür bringt man niemanden um.“ „Ich würde es nicht ausschließen. Erst recht nicht, nachdem der Sohn des Wirtes eine unterschwellige Drohung aussprach.“ „Elias? Was hat er denn gesagt?“ „Ist das der Sohn vom Linder?“ „Ja.“ „Wörtlich?“ Theo stieß genervt die Luft aus. „Cara. Was hat er gesagt?“ „Auf meine Frage, ob das öfter vorkäme, antwortete er, er hoffte, es sei das letzte Mal. Was schließt du als erfahrener Ermittler daraus?“ „Ich würde mich an die Fakten halten und keine Vermutungen anstellen.“ Cara kaute an ihrer Nagelhaut. „Bei dem Abhang, wo Reni verunglückte, trafen zwei unterschiedliche Reifenspuren aufeinander. Die eine war deutlich breiter und tiefer. Sie verlor sich neben den Reben auf der anderen Seite. Vermutlich ein Vollernter. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt habe ich keine Kenntnis davon, wie diese Dinger arbeiten, aber dass es für zwei Fahrzeuge nebeneinander zu eng war, lässt sich nicht von der Hand weisen.“ „Was willst du damit andeuten?“ „Das man Reni absichtlich mit einem Vollernter abgedrängt hat.“ „Das ist reine Spekulation. Zu dieser Jahreszeit fahren unzählige Traktoren durch die Weinberge. Das können alte Fahrspuren gewesen sein.“ „Sagen das die Freiburger Kollegen?“ „Nein ich, weil ich den Landstrich besser kenne.“ „Du sitzt aber in Düsseldorf und hast nicht die Spuren gesehen. Das war ich.“ Theo seufzte vernehmlich. „Was zerbrichst du dir darüber den Kopf? Die Spurensicherung in Baden-Württemberg arbeitet genauso korrekt wie bei uns in Nordrhein-Westfalen. Wenn ein begründeter Verdacht besteht, stellen sie es fest. Du hast Urlaub.“ „Ich soll also Augen und Ohren geschlossen halten?“ „Das habe ich nicht gesagt. Versuche, dich für die Schönheit der Weinregion zu begeistern, anstatt irgendeine blutrünstige Geschichte in den Unfall hineinzuinterpretieren.“ „Wie fürsorglich“, gab sie bissig zurück. „Da ist noch etwas“, druckste er herum. „Dein Versetzungsgesuch ist durch.“ „Also stimmt es?“ „Was?“ „Eben habe ich dich gefragt, warum Marie davon wusste. Da hast du es abgestritten.“ Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Zu wann?“ „Erster Oktober.“ „So schnell?“, presste Cara hervor. „Es hat sich irgendwie überschnitten.“ „Hältst du mich für blöde, oder was? Eine Versetzung ist nur im Austausch mit einem Kollegen möglich. Da Karl Erchinger dies kaum nach seinem Tod beantragen konnte, ist Maries Bruder aus Freiburg eingesprungen. Welch glückliche Fügung. Wie kam es dazu, Theo?“ „Wo hast du das denn her?“ „Ich habe meine Quellen.“ „Marie, vermute ich.“ „Warum wurde ich nach Lausgrott versetzt, Theo?“ „Du interpretierst da zu viel hinein, Cara.“ „Und warum rufst du mich wegen des toten Elsässers in meinem Urlaub an?“ „Entschuldige, wenn ich dich gestört habe. Genieß deine Ferien“, beendete er das Gespräch. Eine tiefe Leere breitete sich in Cara aus.
The free sample has ended.