Read the book: «Das Zeichen für Regen»

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Jana Volkmann

DAS ZEICHEN
FÜR REGEN

Roman


In Kyōto bin ich

doch beim Schrei des Kuckucks

sehn ich mich nach Kyōto

Bashō

1. TEIL
1. Kyōto. Vor einem Jahr.

Wenn man auf dem Kansai International Airport landet, fühlt sich das an, als fiele man ins Meer. Der Flughafen ist auf eine künstliche Insel gebaut, fünf Kilometer liegen zwischen den Terminals und dem Festland. Die Schiffe in der Bucht von Ōsaka, über die man hinwegfliegt, sehen gefährlich groß aus. Bootsführer drehen sich um, wenn über ihren Scheiteln eine Passagiermaschine im Sinkflug Richtung Boden braust, und sie wirken ein wenig entsetzt, jedenfalls sieht es danach aus, wenn man im Flugzeug sitzt und selbst ein wenig entsetzt ist.

Irene erinnerte sich gut an das Gefühl beim Anflug, an den Schrecken und an die Angst vor dem Meer, an die Farbe des Wassers in der Bucht und an das Rumpeln der Tragflächen. Sie war zuvor nicht oft geflogen. Ihre Finger hielten sich an der Lehne fest. Die Landebahn bemerkte sie erst, als der Flieger aufsetzte. Ihr zweites Leben begann in dem Augenblick, als die Räder der Boeing 777 auf Asphalt trafen, die Maschine einen Ruck nach vorn machte und ihr klar wurde, dass sie schon an Land war, dass sie nicht ins Wasser stürzen und nicht ertrinken würde. Das war vor einem Jahr.

Auf dem Weg vom Gate bis zu ihrem Koffer musste sie einen Shuttlezug nehmen. Sie lief hinter den anderen Passagieren her, obwohl sie keine Ahnung hatte, ob diese den Weg kannten. Sie stellte sich hinter sie in die Schlange vor den Türen, drängte sich zu ihnen in den Zug, lief hinter ihnen her über Treppenstufen, Rollbänder, durch lange und kurze Gänge. Als sie schließlich mit den anderen Fluggästen am Gepäckband angelangt war, hatte sie gerade Gefallen daran gefunden, durch das Gebäude zu irren.

Erst als sie ihren Koffer wiederbekommen hatte, den Pass mit ihrem Visum vorgezeigt hatte und die anderen Fluggäste verschwunden waren, als hätte es sie nie gegeben, da erst fühlte sie sich ein wenig allein. Sie fühlte sich immer noch allein, als sie im Zug nach Kyōto saß, am Bahnhof fühlte sie sich allein, in der U-Bahn. Und als sie ihre neue Wohnung aufschloss, merkte sie, dass das genau die Art von Alleinsein war, die sie sich gewünscht hatte.

Sie stellte den Koffer ab und ließ sich auf das Bett fallen. Die Decke und das Kissen rochen noch ganz neu, ein wenig nach Plastikfolie. Auf der Bettwäsche zeichneten sich Falten in einem rechteckigen Muster ab. Die Vermieterin hatte sich offenbar nicht die Mühe gemacht, das Bettzeug zu waschen, aber Irene war das nicht wichtig. Je weniger Arbeit man sich mit ihr machte, desto wohler fühlte sie sich. Sie würde das Bettzeug einfach am nächsten Tag selbst waschen. Irene lächelte und lag mit offenen Augen wach, bis es dunkel wurde.

Die Sonne ging in Kyōto viel eher unter als in Berlin, das war das erste, was sie über ihre neue Heimat lernte. Zuvor hatte sie nur gelesen. Dass der Kansai International Airport mitsamt seiner künstlichen Insel im Jahr fast fünf Zentimeter tiefer ins Meer sinkt, zum Beispiel. Und dass die Gebäude mitsamt der Treibstoffversorgung deshalb so angelegt sind, dass sie sich an diesen Höhenunterschied anpassen. Irene hatte im Flugzeug darüber nachgedacht, wie das gehen soll, und war zu keinem Ergebnis gekommen.

Ihr Bett stand direkt unter dem Fenster. Sonst gab es hier nicht viel: einen Esstisch, der kleiner war als alle, die sie zuvor gesehen hatte. Eine Küchenzeile, die auch nicht eben groß war, und einen Schrank, in den sie in den kommenden Tagen ihre Kleidung einräumen würde, aber das eilte nicht. Irene setzte sich auf und stützte sich mit den Ellbogen auf die Fensterbank. Sie hatte auch gelesen, dass Kyōto, außer im Süden, von Bergen gesäumt war, aber sie hatte sich nicht vorstellen können, dass sie diese Berge jemals aus ihrem eigenen Fenster in ihrer eigenen Wohnung sehen würde. Sie schaute der Sonne beim Verschwinden zu und sah, wie die Gipfel im Zwielicht in den Himmel hineinflossen, bis sie nicht mehr davon zu unterscheiden waren, dann wurde sie müde.

Sie schlief fest, weit in den nächsten Morgen hinein. Von der Zeitverschiebung spürte sie nichts, und als sie in der Frühe zum Getränkeautomaten an der nächsten Straßenecke ging, kam es ihr gar nicht so vor, als liefe sie den Weg zum ersten Mal. Sie entschied sich für eine Zitronenlimonade, ohne lange nachzudenken, und fand ihre Wahl gut. Sie wollte nicht gleich zurück in die Wohnung, und da sie nichts weiter zu tun hatte, lief sie durch ihre Nachbarschaft und kaufte sich ein paar dango zum Frühstück – kleine gegrillte Reisklöße auf einem Holzspieß. Man musste gar nicht sprechen, um sich zu verständigen. Sie zeigte auf die Spieße, hielt drei Finger hoch und gab einfach viel zu viel Geld, sodass sie in jedem Fall etwas wiederbekäme und das Rechnen in fremden Zahlen der Verkäuferin überlassen konnte. Es schmeckte andersartig und gut, ein wenig süß. Der Reis klebte ihr zwischen den Zähnen. Sie blieb hin und wieder vor Restaurants oder Geschäften stehen, versuchte Speisekarten und Preislisten zu entziffern und ließ sich im Rhythmus der Stadt umhertreiben, im Rhythmus der blinkenden Leuchtreklamen und des Strampelns der Radfahrer, der stöckelnden Schritte der Frauen und Mädchen, die auf hohen Absätzen aus Cafés kamen oder aus Bussen stiegen.

Überhaupt fand sie ihre Wege in diesen ersten Tagen in Kyōto mit einer Sicherheit, die sie bei ihren Umzügen innerhalb Deutschlands nie gehabt hatte. Den Weg zur Post, zum Supermarkt, zur U-Bahn-Station: Sie brauchte sich nur aus dem Haus zu bewegen und loszulaufen. An die Wand neben ihrem Bett hängte sie einen Stadtplan und prägte sich die Straßen ein. Die Stadt erschien ihr außergewöhnlich symmetrisch, die meisten Wege waren im Schachbrettmuster angelegt. Wie New York, dachte Irene, und der Gedanke hatte etwas seltsam Tröstliches – zu wissen, dass auf ganz anderen Erdteilen ganz andere Städte lagen, durch deren Straßen ganz andere Leute liefen und dass sie dennoch mit einer Wahrscheinlichkeit von überwältigenden fünfundzwanzig Prozent in dieselbe Himmelsrichtung liefen wie sie.

Sie vermisste nichts und staunte nicht übermäßig über alles, was in Kyōto anders war. Weder über die Zebrastreifen, mit denen man große Kreuzungen diagonal überqueren konnte, noch über die vielen Fahrräder. Auch nicht über den Linksverkehr oder die Kinder in Schuluniformen. Es war, als fänden die Wege sie und als fände Japan sich in ihr zurecht, nicht umgekehrt. Jedenfalls kam es ihr heute so vor, wenn sie an die Tage nach ihrer Ankunft dachte. Sie wusste, dass sie sich viel fremder hätte fühlen müssen, dass es nur natürlich gewesen wäre, wenn sie inmitten der Straßenschluchten und der Autos, die links und rechts an ihr vorüberzogen, die Orientierung verloren hätte. Stattdessen fühlte sie sich, als habe sie die Stadt bereits gekannt, lange ehe sie dort angekommen war. Ein eigenartiges Gefühl des Erinnerns begleitete sie durch diese ersten Tage.

2. Kyōto. Heute.

Irene schob den Wagen mit dem Bettzeug, den frischen Handtüchern und all dem Putzmittel über den Teppich auf dem Flur. Es erschien ihr unsinnig, hier einen so weichen Teppich zu verlegen, aber es erschien ihr sowieso vieles unsinnig an ihrem Job, also dachte sie nicht weiter darüber nach.

Die Anstellung als Zimmermädchen hatte sie über einen Freund bekommen. Timo war Japanologe und hatte ihr von Berlin aus Kontakte nach Kyōto vermittelt, er kannte jemanden im Hotel Kikka, irgendwen im Personalmanagement. Er hatte ein paar Anrufe gemacht und ein Empfehlungsschreiben aufgesetzt. Irene war es unangenehm gewesen, dass er sich so hatte ins Zeug legen müssen, aber es war ihre einzige Chance gewesen, ohne größere Schwierigkeiten nach Japan zu gelangen. Er hingegen hatte sich ein wenig geschämt, ihr nichts Besseres bieten zu können, und gemeint, wenn sie erst mal selbst vor Ort wäre, könnte sie sich ja gleich nach etwas Besserem umsehen. Für ein paar Monate sei es sicher ganz in Ordnung. Nun waren es schon zwölf Monate, die sie hier arbeitete. Irene konnte sich gar nichts anderes mehr vorstellen. Ihr Studium war noch nicht lange vorbei, aber es erschien ihr wie ein anderes, altes Leben. Wie sich das damals angefühlt hatte, im Seminar zu sitzen oder im Hörsaal, in die Bibliothek zu gehen, daran erinnerte sie sich kaum. Überhaupt dachte sie selten an Deutschland.

Die Zimmer waren alle gleich geschnitten, mit ein paar wenigen Variationen bei der Größe der Betten; in den Bädern lagen immer die gleichen kleinen Kästchen mit Haarbändern, Zahnbürsten und Kosmetika, die es aufzufüllen galt. Die Arbeit im Hotel war nicht unbedingt einfach, aber wenn man erst mal den Dreh raus und eine gewisse Routine entwickelt hatte, machte sie sich trotzdem fast von allein. Nach einer Weile überließ sie die Arbeiten ganz ihrem Körper, in dessen Gedächtnis sich die Bewegungen so sehr eingeprägt hatten, dass Irene sich mehr oder weniger heraushalten konnte.

Manchmal, wenn ihr langweilig war, überlegte sie sich Geschichten über amouröse Verstrickungen zwischen den Hotelgästen, so dass daraus eine kleine Seifenoper nur für sie selbst wurde. Bei jeder Schicht erzählte sie sich die neuste Folge. Der Mann in 1331 hatte in ihrer Vorstellung nicht ohne Grund ein Zimmer für zwei gebucht. Die Frau aus 1204, die so unglücklich aussah, als sie sie auf dem Flur grüßte, schlief nämlich in Wahrheit gar nicht in 1204. Der Mann aus 1204 bekam in Irenes Seifenoper nichts davon mit, weil er jeden Abend den teuersten Whiskey aus der Minibar trank und selig schlief, während seine Frau mit dem Geschäftsmann ein romantisches Date im dreizehnten Stock hatte. Frau 1204 und Herr 1331 blickten Arm in Arm aus dem Fenster auf die Stadt, betrachteten den eigentlich nicht sehr ansehnlichen Kyōto Tower und die Berge in der Ferne. Dann sahen sie einander lang und intensiv in die Augen, ehe Frau 1204 wieder zurück in den zwölften Stock musste, zurück zu ihrem unerträglichen Mann.

Oder sie stellte sich vor, dass die Musik auf den Fluren nicht aus Lautsprecherboxen kam, sondern dass ein winziges Orchester direkt unter der Decke saß und Vivaldi oder Beethoven spielte. In letzter Zeit hatte sie angefangen, hin und wieder den Lautsprechern in der Decke zuzuzwinkern, wenn sie den Rollwagen über den Flur schob. Sie dachte dann an Kafkas Josefine, die kleine Mäusesängerin, und sehnte sich ein wenig nach ihrem Bücherschrank, den es nun nicht mehr gab. Sie hatte kein einziges Buch mit nach Japan genommen.

Die thailändischen Zimmermädchen sprachen thailändisch miteinander, die Indonesierinnen indonesisch und die Philippinerinnen Tagalog. Die einzige Brasilianerin sprach mehr oder weniger mit niemandem, so wie Irene. Aber aus all dem Sprachgewirr hoben sich immer wieder japanische Worte ab, die Irene teils verstand, teils einfach aufgrund ihres Klangs als Japanisch erkannte. Außer ihr konnten alle gut genug nihongo, um sich ausgiebig auszutauschen, und es gab viele japanische Zimmermädchen. Sie hatten ihr zu Anfang beigebracht, sich zu verbeugen und den Hotelgästen freundlich zu danken, obwohl ihr nie ganz klar war, wofür, denn die meisten Hotelgäste hinterließen die Zimmer in einem Zustand, der nicht besonders dankenswert war. Ihre Sprachkenntnisse reichten aus, um die Wünsche der Gäste entgegennehmen und erfüllen zu können, aber ihre eigentliche Aufgabe war, Wünsche zu erfüllen, bevor sie geäußert wurden. Die meiste Zeit wischte sie Staub, wechselte Laken und putzte Bäder. So gern sie ihr Alleinsein mochte, manchmal hätte sie gern besser Japanisch gesprochen. Nicht unbedingt um sich an den Unterhaltungen um sie herum zu beteiligen, eher um sie zu verstehen. Sie war sicher, dass die anderen Zimmermädchen einander alles erzählten, was sie bei der Arbeit erlebten. Wenn sie Sexspielzeug in den Zimmern gefunden hatten, zum Beispiel. Wenn jemand ein besonders großzügiges Trinkgeld gab. Wenn alles danach aussah, als habe sich eine ganze Familie in einem Einzelzimmer einquartiert, vom Baby bis zur Großmutter. Wenn ein männlicher Gast eine ganze Kollektion von Pumps in großen Größen im Vorraum drapierte. Wenn einer wie George Clooney aussah, oder wie der japanische Premierminister, dessen Namen Irene einfach nicht behalten konnte. Sie versuchte, alle wichtigen Namen auswendig zu lernen. Die von ihren Kolleginnen und von den Portiers, natürlich die ihrer Vorgesetzten, und in dieser Liste wichtiger Personen war irgendwie auch der Premier gelandet, obwohl er dort nicht wirklich etwas verloren hatte.

Wäre in dem Jahr, das sie nun hier in Kyōto verbracht hatte, ein neuer Premierminister gewählt worden, hätte sie das vielleicht gar nicht mitbekommen. In Japan wurde häufig neu gewählt. Wegen der Rücktritte, die wiederum oft wegen Korruptionsaffären zustande kamen. Vielleicht versuchte sie schon seit Monaten, sich einen Namen einzuprägen, der gar nicht mehr aktuell war. Es kam vor, dass Irene auch über solche Dinge nachdachte, während sie Bettlakenzipfel unter Matratzen packte, Fernsehschirme abwischte oder Toilettenbrillen desinfizierte. Es störte sie nicht, dass ihr die aktuelle politische Lage derart unklar war.

Wenn sie gewollt hätte, hätte sie jederzeit nachsehen können, wer gerade welches Amt bekleidete, sie hätte sich einen schnellen Überblick über die Parteien und ihre Vertreter machen und dieses Wissen mit halbwegs wenig Aufwand auf dem neusten Stand halten können. Sie war nie besonders interessiert an solchen Dingen gewesen und konnte, wenn sie ehrlich war, auch das deutsche Kabinett nicht herunterbeten. Aber dieser blinde Fleck, der alles Aktuelle, alles Relevante, die ganze Gesamtgesellschaft aus ihrer Wahrnehmung strich, ließ sich nicht darauf zurückführen, dass sie nicht wusste, wo es am Bahnhof internationale Zeitungen zu kaufen gab. Die englischsprachige Ausgabe der Asahi Shimbun, USA Today, der Guardian, selbst die Süddeutsche: Auf ihrem Heimweg kam sie jedes Mal an zig Läden vorbei, in denen sie sich mit Zeitungen eindecken könnte, die sie verstehen würde. Sie fegte noch dazu an jedem Arbeitstag zig Zeitungen in die Hotelpapierkörbe, unbesehen, unaufgeschlagen, mit der gleichen lässigen Wischbewegung wie für leere Starbucks-Becher, gebrauchte Taschentücher und Nigiri-Verpackungen. Die russische Vogue, wisch und weg. Danke und auf Wiedersehen, Zeit-Magazin. Sayōnara, New Economist. Die ganze internationale Presse wanderte hier Tag für Tag in den Müll. Irene fühlte fast so etwas wie Erleichterung dabei. Hier durfte sie sich ein ganzes Universum nach ihren eigenen Maßstäben zusammenstellen, und niemand könnte ihr einen Vorwurf daraus stricken, dass sie sich nicht um politische Themen, aktuelle Themen und alle möglichen anderen Themen scherte. Weil sie ja auch mit niemandem darüber sprach und niemand auf die Idee kam, sie nach einer Meinung zu irgendwas außer dem Wetter zu fragen. Manches war wesentlich einfacher geworden, seit sie hier in Japan war.

Die meisten Gespräche, die Irene führte, beschränkten sich auf höfliche Floskeln, von denen sie sich nie ganz sicher sein konnte, ob sie wirklich angemessen waren. Es gab so vieles zu beachten, und noch immer kämpfte sie mit den Silben. Bei der Arbeit brauchte sie zum Glück nicht viel zu sprechen. Irasshaimase, arigatō gozaimashita, wakarimasen. Doitsujin desu, sagte sie manchmal, ich bin Deutsche. Wie eine Entschuldigung. Dann sagte ihr Gegenüber meist etwas, das wie »achso« klang und genau dasselbe bedeutete, und in diesen Momenten wäre sie gern anderswo gewesen, wo sie dieselbe Sprache sprach wie alle und andere Leute ohne Mühe verstand. Aber wenn sie dann, die Arbeitskleidung gegen Jeans und T-Shirt getauscht, das Hotel Kikka hinter sich ließ und in ihr neues Leben hineinlief, dann war sie wieder ganz sicher, dass sie hier richtig war.

Bevor sie in Ōsaka gelandet war, hatte sie Japan nur aus ihren Büchern gekannt. Sie hatte sich in Banana Yoshimotos Tsugumi und in Yōko Tawada verliebt, viele Stunden versucht, Haruki Murakamis rätselhafte Romanfiguren zu entschlüsseln und hinter das Geheimnis ihrer Ohren zu kommen, hatte dank eines Romans von Yōko Ogawa mit dem Schachspielen begonnen (und es bald darauf wieder bleiben lassen, hauptsächlich weil niemand gegen sie antreten wollte), und sie war mithilfe von Ryūnosuke Akutagawas Kurzgeschichten durch die Vergangenheit ihres Wunschortes gereist. Damals hatte sie nicht für möglich gehalten, dass es dieses Japan tatsächlich geben könnte, jedenfalls nicht so, wie es in ihrer Vorstellung existierte. Sie hatte gedacht, sie könne sich dem richtigen, tatsächlichen Japan bestenfalls mit Mäuseschritten nähern. Nur um jedes Mal, wenn sie etwas Neues über das Land und das Leben dort lernte, zu begreifen, wie unzureichend ihre Vorstellung war.

Die japanischen Romane hatte sie bei ihrer Abreise an ein Antiquariat verschenkt, und viele andere Bücher auch. Manche konnte sie verkaufen, nicht so, dass sie davon reich geworden wäre, aber immerhin. Timo überließ sie alle, die er haben wollte; einen anderen Stapel Bücher packte sie in einen Pappkarton, mit dem Vermerk, dass sie zum Mitnehmen seien. Die Rücken nach oben, so dass man die Titel sehen konnte. Sie stellte sie einfach an die Straße, auf die oberste Stufe der Treppe, die zu ihrer Haustür führte. Sie standen nicht lange dort. Selbst die Kiste fehlte, als Irene beim nächsten Mal das Haus verließ.

Die Bücher blieben in Berlin. Irene ging alleine fort, ohne Andenken, ohne Wehmut und Bange. Sie hatte immer schon fort gewollt, nur dass dieses Gefühl über die Jahre immer festere Formen angenommen hatte, immer drängender geworden war. Für sie war der Schritt nach Japan ein ganz logischer, auch wenn kaum jemand ihre Entscheidung nachvollziehen konnte. Sie konnte sich dort nicht fremder vorkommen als in Berlin.

3. Berlin. Früher.

Irene lag auf dem Rücken, die Hände ruhten auf ihrem Bauch. Sie war erleichtert, dass er so bald nach dem Sex eingeschlafen war, aber Irene selbst war danach umso wacher, ihr Körper umso unruhiger gewesen. An Schlaf war nicht zu denken. Nicht mit diesem Mann neben ihr, nicht in dieser Luft, die so verbraucht roch, nach ihnen beiden, nach der Nacht, die noch nicht vorbei war. Am liebsten hätte sie das Fenster geöffnet, aber sie mochte ihn unter keinen Umständen wecken. Draußen war es sicher laut. Er wohnte an der Gneisenaustraße, im Vorderhaus, erste oder zweite Etage. Da war immer Verkehr, und um diese Zeit würden genug Leute auf dem Heimweg sein, die nach dem letzten Bier keine Ahnung mehr hatten, wie laut sie sich unterhielten. Würde der Mann jetzt wach werden, würde er sie berühren, vielleicht sogar noch mal mit ihr schlafen wollen. Oder er würde sie in die Arme nehmen, in ihren Nacken atmen und seinen Bauch an ihren Rücken drücken. Manche wollten das. Irene ließ das Fenster geschlossen. Sie hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt und sah den Stuck an der Decke an, bis das Muster vor ihren Augen verschwamm.

Der Mann hieß Carsten, aber es war Irene lieber, nicht an seinen Namen zu denken, sondern einfach an den Mann, ein unbestimmter Mann mit einem bestimmten Artikel. Er sah allerdings eher aus wie ein alter Junge, wie er da grauhaarig und mit Stoppelbart unter seiner Decke lag. Das Muster der Bettwäsche war ausgeblichen.

Irene stellte sich vor, wie er in seinem Elternhaus in derselben Bettwäsche geschlafen hatte, vielleicht in einem Dachzimmer mit Konzertplakaten von Bands an einer vertäfelten Wand, nur dass die Bands damals wahrscheinlich Gruppen hießen. Vielleicht hatte er selbst in einer Gruppe gespielt, Bass oder Schlagzeug. Kein Gesang, keine Gitarre, das passte nicht. Der Bass passte. Wahrscheinlich war er ein cooler Junge gewesen, nachdenklich und interessant, rebellisch, unbeirrt, ein wenig zu ernst vielleicht, vielleicht zu wütend. So einer, von dem man nie angenommen hätte, dass sein Leben irgendwann so traurig werden würde, dass er Mädchen wie Irene mit in seine Wohnung nehmen musste und ihnen verlegen erklärte, die Bilder an der Wand habe seine Nichte gemalt. Dabei hätte Irene nie um eine Erklärung gebeten. Sie wollte gar nicht wissen, wessen Kind das war, das diese Häuser und Schmetterlinge gemalt hatte. Als gingen sie einander irgendetwas an.

Den Mann hatte sie ein paar Tage zuvor im Café getroffen. Das passierte Irene selten, eigentlich war es so gut wie nie vorgekommen, dass sie einfach so angesprochen wurde. Sie sah nicht übel aus, achtete auf ihren Körper, kleidete sich nicht gerade auffällig, aber mit den Jahren hatte sie so etwas wie einen eigenen Stil entwickelt, der einem etwas kritischen, kennenden Blick durchaus eine Weile standhalten konnte. Aber irgendetwas schien nicht zu stimmen mit ihr.

Stattdessen suchte sie ihre Dates oft über das Internet, schrieb Männer an, ließ sich anschreiben, antwortete und wartete auf Antworten. Das konnte sie, sie schrieb gut, lockte mit Worten, machte sie neugierig mit drei, vier Sätzen. Es funktionierte. Wenn sie schrieb, war sie interessant. Vermutlich schien sie dann klüger, als sie war. Sprechen lag ihr weniger. Sie wirkte oft spröde auf Fremde, wie eine, bei der es viel Mühe kosten würde, ihr nahezukommen, und bei der man nie sicher war, ob sich diese Mühe lohnen würde.

Einer, der ihr wichtig war, hatte ihr einmal gesagt, sie sehe aus wie jemand, der andere traurig macht. Den Satz vergaß sie nicht, sie war überzeugt, dass er stimmen musste. Jetzt, da sie in dem fremden Bett lag und ihre Gedanken kreisten, hallten die Worte in ihr nach. Sie tat Männern nicht gut. Den Mann, der jetzt neben ihr schlief, hatte das womöglich nicht gestört, aber viel wahrscheinlicher war, dass er es gar nicht erst bemerkt hatte. Oder dass er einfach schon vorher traurig genug gewesen war. Er hatte noch am selben Abend angerufen, es war unkompliziert mit ihm. Sie ließ ihn erzählen, von seiner Arbeit, von seinen Freunden, und er fragte sie nach ihrem Studium aus, so lange, bis er merkte, dass es ihr unangenehm war, davon zu sprechen. Er gab ihr das Gefühl, interessant und begehrenswert zu sein, und an diesem Abend hatten sie sich zum Essen verabredet. Wieder war alles ganz einfach. Im Grunde genommen war es immer einfach, wenn Irene sich auf solche Verabredungen einließ. Sie hatte sich ein Kleid und die hohen Schuhe angezogen, sie tranken beide Wein, und als es zu kühl wurde, um draußen zu sitzen, war längst klar, dass sie mit zu ihm kommen würde.

Sie hatten sich vor seiner Wohnungstür geküsst, sie hatte nicht warten wollen, bis er aufgeschlossen hatte, und drinnen hatte sie sich ausgezogen. Sie hatte das Kleid über den Kopf gezogen, war aus dem Slip gestiegen und ließ die Schuhe an bis zum Schluss. Sie gefielen ihm. Irene gefiel ihm. Sie war nicht mehr sicher, ob sie gesprochen hatten, seit sie aus dem Restaurant weggegangen waren. Er hatte sie aus der Distanz betrachtet, ehe er auf sie zukam, noch immer angezogen, und sie ins Schlafzimmer führte. Er war auch noch angezogen, als er ihre Brüste streichelte, sie küsste, dort, überall; er spreizte ihre Beine und leckte sie. Er machte das gut. Ihr gefiel, wie gierig er war. Sie hatte ihn viel zögerlicher eingeschätzt. Und ungeschickter. Erst als es ihr gekommen war, zog er sich auch aus.

Irene war jedes Mal erstaunt, wie anders Menschen aussehen, wenn sie nackt sind, und wie anders ein Gesicht aussieht, wenn es sich nähert, um einen zu küssen. Als hätte das Gesicht, das einen küssen will, nichts zu tun mit dem Gesicht, das mit sicherem Abstand spricht, lacht und isst. In dem Moment, als er seine Kleidung ablegte, sie küsste und zu sich zog, um in sie einzudringen, da gefiel ihr der Mann sogar ein bisschen.

Nun fiel Sonnenlicht zwischen den Vorhängen ins Zimmer. Es wurde früh hell, und innerhalb weniger Minuten war die Nacht vorbei. Der Mann drehte sich zu Irene um und legte seine Hand um ihre Taille. Es fühlte sich richtig an, als ob seine Hand und ihre Taille ganz selbstverständlich zusammengehören würden, und er streichelte sie eine Weile, ehe er zu sprechen begann.

»Wie magst du deinen Kaffee?«

Der Mann hatte Schlaf in den Augen und seine Haare lagen platt an der Seite seines Kopfes. Er wirkte ausgeruht. Und glücklich, oder wenigstens nicht traurig. Irene machte sich trotzdem nichts vor. Ihr war klar, dass sie nicht bei ihm bleiben und ihn nur wieder enttäuschen würde. Aber für einen kurzen Moment färbte seine Freude auf sie ab, sie war zufrieden, weil er es auch war, und sie lächelte.

»Schwarz, bitte.«

Er brachte ihr die Tasse ans Bett und strahlte sie an wie jemand, der ein Lob erwartet, weil er etwas Großartiges gemacht hat. Um seine Augen herum zeichneten sich Falten ab, wenn er so leise vor sich hin lachte.

Irenes Blick fiel auf die Bilder an der Wand, die Kinderzeichnungen. Manchmal genügte so ein Augenblick, so eine Kleinigkeit, die störte, obwohl sie gar nicht wichtig war, um Irene daran zu erinnern, dass sie nirgends bleiben wollte. Irgendetwas hielt sie immer fern, von allen. Auf einem der Bilder war eine grüne Wiese mit einem Baum, dieses hatte sie am Abend noch nicht gesehen. Sie fragte sich, warum das Kind keine Menschen malte. Die meisten Kinder, die sie kannte, malten ihre Eltern oder ihre Geschwister, oder irgendwelche anderen Kinder. Hier waren nur verlassene Häuser und Wiesen und lachende Schmetterlinge. Irene glaubte nicht, dass sie das Kind besonders mögen würde.

»Du, ich muss bald los. Bitte entschuldige. Danke für den Kaffee, der tut gut. Und danke, dass ich hierbleiben durfte.«

Er wollte sich seine Enttäuschung nicht anmerken lassen, tat es aber doch, jedenfalls glaubte Irene, sie ganz deutlich zu sehen. Sie mochte die Stimmung nicht, die nun zwischen ihnen entstand; sie mochte ihr Weggehen nicht begründen und seine Traurigkeit nicht länger sehen. Sie ging ins Bad, schloss die Tür hinter sich ab und setzte sich auf eine Wäschetruhe. Sie hatte weder eine Zahnbürste dabei noch irgendetwas anderes, das sie hätte gebrauchen können, um die letzte Nacht von ihrem Körper zu waschen, zu putzen oder zu schrubben, aber der Platz auf der Truhe war ihr für den Augenblick trotzdem recht. Unter dem Deckel lugte ein weißer Zipfel hervor. Irene erhob sich und zog daran; es war ein T-Shirt. Sie grub ihr Gesicht tief in den Baumwollstoff und atmete ein. Er war weich und roch gut. Nach Waschmittel, der Haut des Mannes, nach seinem Duschgel, ein wenig verschwitzt. Sie faltete es zusammen, rollte das gefaltete T-Shirt wiederum auf, bis es so klein war, wie es nur sein konnte, und ließ es auf dem Weg zurück zu dem Mann in ihrer Tasche verschwinden. Er merkte nichts davon und lächelte sie zum Abschied an. Er hatte kleine Grübchen auf den Wangen und wieder diese Lachfalten um den Mund, aber in seinen Augen las Irene noch etwas anderes, etwas Trauriges, vielleicht eine Ahnung, dass das, was er sich von Irene wünschte, keine Aussicht auf Erfüllung hatte.

Er versuchte danach noch ein paar Mal, sie anzurufen, doch nach einigen Tagen gab er auf. Irene fuhr oft mit dem Rad durch die Gneisenaustraße, wenn sie auf dem Weg zur Uni war. Dann dachte sie an ihn. Sie war nicht mehr sicher, welches der Häuser seines war, also suchte sie eines aus, das es hätte sein können: einen besonders prächtigen, restaurierten Altbau mit Balkonen im Vorderhaus. Wenn sie daran vorbeifuhr, wagte sie kaum hinzusehen, beschleunigte das Tempo und richtete den Blick ganz gerade auf den Radweg vor ihr.

4. Kyōto. Heute.

Es war heiß draußen. In Kyōto sagte man, wenn es im Winter besonders kalt war, dass die Kälte aus dem Boden zu kommen schien. Nun glühte der Asphalt, als käme die Hitze direkt aus dem Inneren der Erde. Im Hotel dagegen war es angenehm kühl. Die Klimaanlagen ließen einen das Wetter außerhalb des Gebäudes ohnehin völlig vergessen. Hier war man unabhängig von Jahreszeiten und Wetterlaunen, die Temperatur war immer gleich, die Luftfeuchtigkeit immer genau richtig.

Irene hatte sich völlig verloren in ihren Gedanken, in Geschichten über Hotelgäste, die sie kein bisschen kannte und denen sie deshalb alles andichten konnte, was sie sich nur vorzustellen vermochte. Als sie Zimmer 1009 öffnete und ihr Putzzeug hineintrug, überließ sie die Arbeit wieder ganz ihrem Körper, ihren Muskeln. Den Mann bemerkte sie erst, als er sich zum zweiten Mal räusperte und sich im Bett aufsetzte.

»Sumimasen! Gomen nasai! Sumimasen!« Irene wusste nie, welche der beiden Phrasen angemessen war, wenn man sich entschuldigen musste. »Sumimasen!« Sie schrie fast, ihre Stimme klang fremd und sie spürte die Röte bis in die äußersten Ohrenspitzen kriechen. Sie verbeugte sich. Und verbeugte sich erneut, diesmal tiefer. »Gomen nasai«, sagte sie noch mal, leiser, ehe sie bemerkte, dass der Mann nicht sehr japanisch aussah. Sie versuchte es auf Englisch. Er beschwichtigte sie auf Deutsch, ganz ohne Akzent. Irene brauchte einen kurzen Moment, um zu begreifen, dass sie nicht für sich selbst zu dolmetschen brauchte.

»Es ist alles okay. So was passiert. Und gar nicht mal selten.«

Der Mann sah sie freundlich an.

»Diese Schilder an der Türklinke kann man nun wirklich übersehen. Ich bin öfter in Hotels, als mir lieb ist, und glaub mir: Das passiert nicht zum ersten Mal. Nun schau nicht so erschrocken, ja?«

Er rieb sich die Augen und zog die Decke ein wenig höher über die Brust, auf der sich graue Haare kräuselten.

Seine Hände waren ein wenig zu kräftig für seinen Körper, und Irene konnte nicht anders, sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie jetzt sofort unter seine Decke kriechen könnte. Die warme Haut zu spüren und die Müdigkeit riechen zu können und seiner fremden Stimme mit der vertrauten Sprache noch weiter zu lauschen. Es war aber nun mal keine Option und schon gar kein guter Stil, sich als Zimmermädchen einfach so unter die Bettdecke der Hotelgäste zu legen. Auch nicht, wenn es da etwas Gemeinsames gab – und was konnte schon gemeinsamer sein als eine gemeinsame Sprache, in der man sich unterhalten konnte? Das wurde ihr klar, als der Mann zu sprechen begonnen hatte. Es war so simpel, alles, wonach sie sich sehnte, waren ein paar Worte, die nicht übersetzt werden mussten. Die schwere und geschlossene Silben hatten, nicht wie das Japanische. Die sich zu Sätzen fügten, die einen Sinn ergaben, den man nicht erst zu entschlüsseln brauchte, die keine Floskeln enthielten, die man nur begreifen konnte, wenn man sich ausgiebig mit den japanischen Gesellschaftsverhältnissen der letzten hundert oder hunderttausend Jahre beschäftigt hatte.

»Es tut mir wirklich leid. Mir ist so was noch nie passiert.«

In der eigenen Sprache klang Irenes Stimme anders, sie kam ihr viel sanfter vor. Er gähnte und entschuldigte sich dafür.

»Jetlag?«

Irene merkte, dass sie starrte, und wandte den Blick ab, verwirrt über das, was sie fühlte. Scham war das nicht, das war etwas ganz anderes, aber sie vermochte es nicht zu benennen, auch später nicht.

»Ja. Gestern gelandet. Zeitzonen dürfte es eigentlich gar nicht geben, aber mich fragt ja niemand.«

Sie fühlte sich einsam, als sie eine weitere Entschuldigung zu Ende gemurmelt und das Zimmer verlassen hatte. Er hatte gesprächig gewirkt. Für jemanden, der gerade aus einem zeitverschobenen Schlaf gerissen wurde, fast schon geschwätzig. Aber sie durfte das nicht. Sie durfte nicht als Zimmermädchen mit mehr oder weniger nackten Hotelgästen ein Gespräch über Zeitzonen beginnen. Und sie durfte nicht als Irene in Kyōto dieselben Fehler machen, die sie als Irene in Berlin auch schon begangen hatte.

Nun stand sie wieder auf dem Flur, und die Musik kam ganz eindeutig aus den Lautsprecherboxen, da war weder ein Orchester unter der Zimmerdecke, noch wartete jemand unter einer Bettdecke auf ihre Gesellschaft.

Zu Zimmer 1009 kehrte sie erst ganz am Ende ihrer Runde zurück, als sie halbwegs sicher war, dass der Mann nicht mehr schlafen und längst in der Stadt unterwegs sein würde. Das Schild mit der Aufschrift »Do not disturb« hing tatsächlich nicht mehr an der Klinke. Sie klopfte dennoch kräftig an und lauschte an der Tür, ehe sie eintrat.

Der Raum war leer. Der Mann hatte ihn ordentlich zurückgelassen. Sein Koffer stand offen, mit zugeklapptem Deckel, in der Ecke, die Bettdecke war glatt gestrichen, die Vorhänge geöffnet.

Sie hätte gern einen Blick in seine Sachen gewagt. Irgendwo musste sein Pass sein und in dem Pass sein Name. Sie hätte gern an einem Hemdkragen gerochen oder im Bad gestöbert, sein Aftershave geöffnet und in denselben Spiegel geschaut, in den der Mann auch geblickt hatte, nicht bloß, um das Glas zu putzen. Sondern um etwas von ihm darin zu sehen, noch mehr Gemeinsames vielleicht. Ein ähnlich mattes Lächeln oder Augen, die genauso müde waren wie seine. Sie hätte gern über sein Kissen gestreichelt, hätte es mit den Fingernägeln gekratzt und gehört, wie sich die Fasern des Stoffes anhörten, und sie hätte am liebsten nachgesehen, ob er ein Buch dabeihatte. Vielleicht eines von Haruki Murakami, oder etwas von Kazuo Ishiguro. Einfach nur, weil sie sich ein bisschen wünschte, dass er las.

Sie stellte sich vor, wie sie mit dem Mann an einem Strand sitzen würde. Es war Sommer, und niemand außer ihnen beiden hatte Platz in dieser Fantasie. Er saß auf einem weißen Badetuch mit roten Streifen, ein Buch in der Hand, las ihr vor, und sie schaute zu, wie seine Lippen sich bewegten, wie sein Mund auf und zu ging und wie seine Nasenflügel sich ein wenig wölbten, wenn er atmete. Seine Stimme, der Wind und die Brandung rauschten gemeinsam in ihren Ohren, ein einziges Geräusch. Er trug eine Badehose und hatte schöne Füße mit ganz geraden Zehen.

Irenes Arme arbeiteten und arbeiteten, und sie hätte ihnen gern befohlen, den Deckel des Koffers anzuheben, die Schrankwand aufzuschieben, die Nachttischschublade aufzuziehen.

Aber sie ermahnte sich, schließlich wusste sie, dass sich das nicht gehörte, dass man an fremden Sachen weder roch noch sie befühlte, und dass das für ein Zimmermädchen erst recht tabu war, absolut tabu.

Ihre Arme und Hände beeilten sich, das Zimmer herzurichten. Irene versuchte, nicht darauf zu achten, ob der Mann die Zahnbürste benutzt hatte, die sie im Badezimmer bereitgelegt hatte, oder ob er eine eigene dabeihatte. Sie schaute auch nicht weiter nach, ob er etwas aus der Minibar genommen hatte, sie ließ nur ihre Hände den dazugehörigen Zettel ausfüllen, und zum ersten Mal, seit sie hier war, eigentlich seit viel längerer Zeit, war sie auf jemanden neugierig. Nicht darauf, wie jemand ganz theoretisch sein könnte, nicht auf irgendwen in ihren eigenen Geschichten. Sie wollte seinen Namen. Wissen, wer er war. Sie musste raus aus dem Zimmer, fort aus 1009.

Toshio Hayakawa saß an der Rezeption, als Irene die Lobby durchquerte. Er hatte nicht viel zu tun, die meisten Gäste reisten später an, und ausgecheckt hatten diejenigen, die das Hotel verließen, schon längst. Wahrscheinlich hatte er ein Manga unter dem Tisch versteckt. Irene kannte ihn nicht gut, aber wie die meisten Leute, die sie kennengelernt hatte, hatte Toshio eine handvoll Verhaltensmuster, die sich endlos wiederholten. Variationen oder große Überraschungen erwartete sie nicht von ihm.

»Sag mal, Toshio-san, in 1009, wer wohnt da? Ich dachte, ich hätte einen Schauspieler aus dem Zimmer gehen sehen, aber ich weiß den Namen nicht.«

Irene sprach langsam und deutlich. Sie hatte die japanischen Sätze auf dem Weg nach unten in ihrem Kopf zurechtgelegt und mehrmals stumm wiederholt. Sie fand, dass sie richtig und verständlich klangen, und dass es legitim war, nach einem Gast zu fragen, wenn derjenige womöglich berühmt war. Außerdem war ja nicht ausgeschlossen, dass der Mann tatsächlich Schauspieler war. Toshio tippte etwas in seinen PC.

»Nein, das kann nicht sein.«

»Weshalb nicht?«

»1009 steht leer, seit drei Tagen schon. Ist erst morgen wieder belegt. So ist das außerhalb der Saison«, sagte Toshio und runzelte die Stirn, wie nur er das konnte, in ganz feinen Fältchen. Irene traute sich nicht, noch mal nachzufragen und ihn zu bitten, das langsam und ganz deutlich zu wiederholen, falls sie ihn nicht richtig verstanden hatte.

»Achso«, sagte sie nur und bemühte sich, dass das nicht allzu deutsch klang.

5. Kyōto. Heute.

Irene gab sich Mühe, bei der Arbeit nicht an den Mann und die Begegnung in Zimmer 1009 zu denken. Es gelang ihr nicht, nichts konnte sie ablenken, nichts fand Platz in ihren Gedanken, niemand außer ihm. Ein paar Tage lang kümmerte sie sich um andere Räume auf anderen Fluren, kehrte nicht in 1009 zurück, ein freier Tag verstrich, sie hatte keine Ahnung wie. Irgendwie. So, wie eben alle Tage irgendwie verstrichen.

Als sie den Raum danach zum ersten Mal aufschloss, wusste sie nicht, was schlimmer wäre: dort keinerlei Spuren des Mannes zu entdecken oder seine Sachen vorzufinden oder ihn wiederzutreffen. Sie hatte Angst, sich den Mann bloß eingebildet zu haben, dass er ein Hirngespinst war, eine fixe Idee, genau wie das Orchester unter der Decke im Flur oder die Gestalten in ihrer Seifenoper.

Sie hatte Angst, dass sie vergessen hatte, was wirklich war und was nicht. Sie hatte Angst, dass sie dieses Mal, wäre er noch da, seinen Koffer durchsuchen würde, seinen Namen herausfinden würde, Kontakt aufnehmen und machen würde, dass sie sich ineinander verliebten. Sie hatte Angst, dass sie Kontakt aufnehmen und auf sein Desinteresse stoßen würde, und Angst, dass am Ende sie die einzige wäre, die sich verliebt.

Sie fand weder ihn noch sein Gepäck vor. Toshio hatte offenbar recht, zumindest, was den neuen Gast anging, der in 1009 eingezogen war: Da war ein anderer Koffer, Kleidungsstücke hingen über der Sessellehne, ein Pyjama lag gefaltet auf dem Bett, die Vorhänge waren geöffnet und gaben den Blick frei auf die Stadt; dunstig und diesig drückte der Himmel auf die Dächer, in einer Farbe, die keine Himmelsfarbe zu sein schien und die Irene nicht benennen konnte. Gelblich, ein wenig bräunlich vielleicht, sehr hell. Je länger sie den Himmel betrachtete, desto heller wurde er, bis er fast weiß aussah. Die Berge waren verhangen. Sie wirkten weiter weg als sonst.

Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz, den sie vom Fenster aus sehen konnte, liefen Leute. Sie sahen einander ähnlich. Blaue und schwarze Anzüge, blaue und schwarze und graue Röcke, schwarze Haare, Rollkoffer, Aktenkoffer, Aktentaschen. Auf einmal erschien Irene die Stadt nicht mehr wohlgeordnet mit ihren Nord-Süd-Achsen und dem weiten Blick in die Straßenschluchten, sie sah nur noch Menschen durcheinanderlaufen und hörte, wie ein Busfahrer hupte, aber es war nicht festzustellen, woher genau das Geräusch kam. Gegenüber, am Kyōto Tower, blinkte eine Leuchtreklame Schriftzeichen in den Himmel. Von einem Wagen am Straßenrand wurde mithilfe eines Megaphons eine Werbebotschaft verlesen, durch das geschlossene Fenster drang Gemurmel. Im Zimmer nebenan unterhielten sich mehrere Menschen, oder es lief der Fernseher.

Irene wischte das Fenster, als könne sie so den Himmel dahinter sauber machen, als läge da hinter der gelbbrauntrüben Färbung eine richtigere Farbe, ein echtes Blau, und als müsse sie einfach nur abstauben, herrichten und schön machen, damit man es wieder sieht. Sie reinigte Zimmer 1009 gründlicher als alle anderen und gewissenhafter als jemals zuvor. Sie zog die Düse des Staubsaugers ab und saugte an den Fußleisten entlang, klopfte die Sesselpolster aus, wischte hinter dem Fernseher, unter dem Telefon und in der Nachttischschublade. Wischte die Fugen der Fliesen im Bad ab, die Armaturen, die Abzugshaube, den Mülleimer, den anderen Mülleimer, einen dritten Mülleimer, die Türklinke und die Tür.

Der Mann war nicht da.

Irene fuhr an diesem Tag nicht wie sonst mit der U-Bahn, sondern ging zu Fuß nach Hause. Die Aussicht, die Rolltreppen zu nehmen, um durch das unterirdische Kaufhaus hindurch zur Bahn zu gelangen, sich zu anderen Heimkehrenden und Wegfahrenden in einen Waggon zu stellen, unter der Erde, unter den Straßen und Häusern und Tempeln, war ihr unbehaglich. Sie sehnte sich nach draußen, nach der drückenden Hitze, nach etwas Echtem, wie der hohen Luftfeuchtigkeit und den hohen Temperaturen. Und nach ein wenig Weite, nach natürlichem Licht, zügigen Schritten und der Möglichkeit zu rennen, wenn einem danach war.

Sie hatte gelesen, dass der Bahnhof jeden Tag von fast zweihunderttausend Menschen genutzt wurde. Ihr erschien das ungeheuer wenig in Anbetracht der Massen, die dort hinein- und hinausgingen oder einfach herumstanden. Es war immer voll dort, Ruhephasen schien es nicht zu geben.

Sie durfte den Haupteingang des Hotels nicht nutzen, der war den Gästen vorbehalten. So musste sie beim Verlassen des Hotels nicht durch die Bahnhofshalle. Normalerweise war das ein Umweg, und es erschien ihr unangemessen, dass ausgerechnet die Menschen, die hier im Kikka arbeiten mussten und keinen Urlaub machten, nach Feierabend nicht einmal den kürzesten Weg zur U-Bahn nehmen durften. Heute aber kam ihr dieser Umweg gelegen.

Sie hatte keine Lust auf Menschen, kein Bedürfnis nach Leben und Lärm. Dort, wo sie aus dem Hotel und hinein in die Stadt trat, standen Taxis. Einige Fahrer pausierten. Einer lehnte rauchend am Wagen, ein anderer telefonierte, ein dritter sah Irene mit einem Blick an, mit dem sie nichts anfangen konnte. Vielleicht war er interessiert. Er blickte eindringlich. Zudringlich. Aber da war noch etwas anderes, eine eigenartige Gleichgültigkeit, die zu dem Starren nicht passen mochte. Vielleicht war er gelangweilt. Dieser Widerspruch wurde nicht geringer, je länger Irene den Blick erwiderte. Schließlich riss sie ihre Augen von seinen weg, richtete sie auf die Straße, die Berge, die Häuser, und sie lief los.

Der Weg führte sie durch Wohngegenden. Kyōto sah trist aus, hier, wo es keine spektakulären Kaufhäuser gab oder Tempel oder Schreine, keine Gärten. Die Straßen waren eng. Auf einem Parkplatz stand ein Getränkeautomat. Irene entschied sich für einen Traubensaft, er schmeckte klebrig, zu süß, zu kräftig, nach überreifen Früchten, zu lange in der Sonne gehangen. Aus irgendeinem Grund dachte sie an Portwein, während sie den schmalen Gehweg entlanglief, dabei schmeckte Portwein ganz anders. Der Geschmack der Trauben hing an ihrem Gaumen fest. Sie holte ihren Spiegel aus der Tasche und streckte sich die violette Zunge heraus. Ihr war übel, eigentlich hätte sie jetzt gern einen grünen Tee gehabt, oder einfach ein Glas Wasser. Die Entfernung kam ihr nun viel zu weit vor, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie zur nächsten U-Bahn-Station kommen würde, also lief sie einfach weiter, orientierte sich an den Bergen in der Ferne, an den Himmelsrichtungen der Straßen, und am Kamogawa, dem Fluss, an dessen Ufer sie eine Weile gehen musste.

Das Wasser war braun, in ein sattes Grün gehend, und es war kaum zu erkennen, in welche Richtung die Strömung führte. An der gegenüberliegenden Uferseite saß ein Paar. Es sah aus, als würden sie gemeinsam in einer Zeitschrift lesen, Schulter an Schulter, aber aus der Ferne war das nicht genau zu erkennen.

Von einer Brücke aus warf sie die halbvolle Flasche Traubensaft in den Kamogawa. Die Flasche verschwand für einen Augenblick im Fluss, dann tauchte der violette Deckel wieder auf und trieb gemächlich davon. Ein älterer Mann sah Irene verständnislos nach, als sie auf ihrer Uferseite in den Straßen verschwand, und sie verstand selbst nicht, was sie tat; es war nun nicht mehr weit bis zu ihrer Wohnung, und sie versuchte, sich an das Gesicht des Mannes aus Zimmer 1009 zu erinnern, aber es gelang ihr nicht, nur ganz grob hatten seine Züge sich in ihr Gedächtnis hineinskizzieren lassen. Sie würde ihn kaum erkennen, würde er ihr auf der Straße begegnen. An seine Haltung erinnerte sie sich, an die Bewegung, mit der er die Decke über seinen Oberkörper gezogen hatte, nachdem sie in sein Zimmer eingedrungen war. An die Neigung seines Kopfes, als er mit ihr gesprochen hatte.

Im Erdgeschoss ihres Wohnhauses war ein kleines Café, das vor allem von jungen Japanern besucht wurde. Studenten und Studentinnen, vielleicht gingen auch einige noch zur Schule. An einem Tisch gleich am Fenster saß ein einsamer Mann, jedenfalls sah er einsam aus, nicht wie jemand, der auf eine bestimmte Person wartet. Als er den Kopf zur Seite neigte, während Irene an der Fensterfront vorbeilief, sah er aus dem Augenwinkel und für einen Augenblick aus wie der Mann aus dem Hotel. Sei nicht albern, dachte sich Irene und fühlte in ihrer Tasche nach dem Haustürschlüssel. Sie zog ihn heraus, wog ihn in der Hand, und als hätte sie noch nie zuvor einen Schlüssel gesehen, besah sie sich die Zacken, das Metall, die Löcher und Kanten. Dann steckte sie den Schlüssel sorgfältig in die Tasche zurück, als wisse sie nichts damit anzufangen, und lief einfach an ihrem Haus vorbei. Ihre Beine machten das, und Irene gab sich geschlagen, sie leistete keinen Widerstand gegen das, was ihr Körper mit ihr vorhatte. Schnell war sie hinter einer Straßenecke verschwunden, und es kam ihr für einen Augenblick so vor, als sehe sie sich selbst hinterher, immer einen Moment zu langsam, zu unentschlossen folgte sie ihrem Körper nach.

6. Berlin. Früher.

Stephan saß drei Reihen weiter vorn, mittig. Irene sah, wie er Notizen machte. Er war Linkshänder. Es sah ungewohnt aus, wie er den Kugelschreiber hielt, seine Finger griffen irgendwie anders, sein Arm war in einem eigenartigen Winkel vom Körper gestreckt. Hin und wieder sah er auf, in Richtung der Dozentin, die sich bemühte, den Unterschied zwischen Phonemen und Allophonen zu erklären. An der Tafel stand ein wüstes Gekritzel aus Lautschrift und Fremdworten. Irene schrieb einige davon ab, Stephan vielleicht auch. Sicher wusste er, was sie bedeuteten und konnte mit den Lautschriftzeichen etwas anfangen, mit dem umgedrehten e und einem durchgestrichenen l, mit den Längenzeichen und Runen, die man heute eigentlich nur noch aus dem Isländischen kennt, und auch das vermutlich nur, wenn man für Sprachen ungewöhnlich viel übrig hat. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, aber sie stellte sich vor, wie er der Dozentin direkt ins Gesicht sah. Konzentriert. Interessiert.

Auf Irenes Knien lag ein Buch. Ihr Blick wanderte vom Pult vorn über die Tafel durch die Sitzreihen hinaus aus dem Fenster, hinein zu ihrer Sitznachbarin, hinab auf ihr Buch und wieder zu Stephan.

Die Vorlesung diente der Einführung in die Sprachwissenschaft, und besuchen musste sie jeder, der im ersten Semester in Germanistik eingeschrieben war. Irene war ein Jahr älter als die meisten, jedenfalls als die Frauen, aber die waren hier im Hörsaal ohnehin in der Überzahl. Sie hatte ein Jahr später angefangen mit dem Studium. Während die Jungen aus ihrer früheren Schulklasse Zivildienst machten oder ihren Wehrdienst leisteten und die Mädchen studierten, mit ihren Freunden zusammenzogen oder ein Jahr im Ausland verbrachten, wurde Irene anderswo erwachsen.

Wenn sie gefragt wurde, was sie in dem Jahr zwischen Abitur und Uni gemacht hatte, erzählte sie die Geschichte jedes Mal ein wenig anders, nicht weil sie etwas vertuschen wollte oder sich für ihre Untätigkeit schämte, sondern weil sie es selbst nicht genau wusste. Meist sagte sie einfach, dass sie noch nicht sicher gewesen sei, was sie studieren wolle, und das Jahr gebraucht habe, um sich zu orientieren. Das war plausibel und leuchtete den meisten Menschen sofort ein, dabei war sie nach diesem Jahr viel orientierungsloser als zuvor. Sie war nach Berlin gezogen, hatte gejobbt, war gereist, hatte sehr oft gar nichts gemacht und hatte Timo kennengelernt. Er erzählte ihr von Japan, immer wieder. Er wusste viel, hatte das Land studiert, an der Universität und auf Reisen. Sie tat, als könne sie das nicht beeindrucken. Sie hatte sich verliebt und zugelassen, dass er sich auch verliebt. Nur ein kleines bisschen. Ihre Liebe war eine zögerliche, zurückweichende; leise und ängstlich kamen sie einander nahe, um sich gleich darauf wieder voneinander zu entfernen. Für jeden Schritt, den sie sich auf ihn zubewegte, wich er ein kleines bisschen vor ihr zurück. Wenn er ihr dann plötzlich mehr Nähe zugestand, verschloss sie sich vor ihm. Anfangs wunderte sie sich, wie wenig ihr das ausmachte. Aber Irene ahnte, dass ihrer beider Furcht damit zusammenhing, dass sie einander sehr ähnelten. Dass sie beide zu viel schwiegen und zu viel allein waren, zu viele Geheimnisse hatten und dass sie beide dazu neigten, zu verletzen, zu verlassen und zu lügen – ohne es zu wollen, sicherlich. Aber sie gaben sich auch keine große Mühe, es zu verhindern.

Dann hatten sie sich schnell und ohne dass es sonderlich kompliziert gewesen wäre wieder auseinandergeliebt. Für Irene war das beinahe eine Erleichterung gewesen, ein ganz logischer Schritt. Für Timo wohl auch: Zu leiden schien er nicht, und glücklich sah sie ihn ohnehin selten. Es schien keinen Unterschied zu machen, ob sie zusammen waren oder nicht. Ganz verloren gegangen waren sie einander nie.

Wenn Timo in diesem einen Jahr eine neue Freundin hatte, oder zumindest eine Aussicht darauf, dann trafen er und Irene einander heimlich. Meistens in Irenes Wohnung. Er blieb selten länger als ein, zwei Stunden, über Nacht blieb er beinahe nie. Sie schliefen miteinander, danach redeten sie. Leise, flüsternd, mit geschlossenen Augen erzählten sie einander ihre Pläne und wovor sie Angst hatten, was sie erlebt hatten, was schiefgelaufen war und was nicht. Nie fragte sie nach den Frauen, die er mit ihr betrog. Timo fragte nie, ob sie auch jemanden hatte, und sie sagte nie, wenn es so war. Sie lag in seinem Arm, immer gleich, ihr Kopf an einer Stelle in seiner Armbeuge vergraben, die sich anfühlte, als sei sie extra für Irenes Kopf gemacht, und in diesen Augenblicken gab es auf der ganzen Welt nur sie beide. Hatte er niemanden, verschwand er, manchmal für Wochen. Wenn Timo anrief, war sie für ihn bereit, räumte die Wohnung auf und wartete auf sein Klingeln. Sie konnte sich nicht erklären, weshalb das so war, aber es wurde nicht langweilig, egal wie oft ihr Ritual sich wiederholte, und sie war nie beunruhigt, wenn er länger nichts von sich hören ließ. Weil sie sich auf ihn genauso verlassen konnte wie umgekehrt.

Kurz bevor die Frist für die Bewerbung um Studienplätze abgelaufen war, hatte sie das Formular zur Einschreibung der Uni ausgefüllt und ohne lange nachzudenken ein Kreuz bei Germanistik gemacht. Es erschien ihr naheliegend. Lesen war das einzige, das sie wirklich gut konnte. An ihrem ersten Tag an der Uni lud Timo sie zum Essen ein, er schien stolz zu sein, Irene wusste nicht worauf.

»Sag mal, hast du vielleicht neulich in der Einführungsvorlesung mitgeschrieben? Ich habe meine Notizen verloren, und nun weiß ich nicht, wegen der Klausur am Ende, und –«

Stephan nickte. Irene lächelte. Sie hatte ihn zwischen zwei Seminaren auf dem Flur gesehen, er stand allein. Ein wenig verloren. Sie hätte nicht gedacht, dass sie den Mut aufbringen würde, ihn einfach so anzusprechen, und als sie es dennoch tat, konnte sie nicht glauben, wie leicht das war. Sie redeten über die Kurse, die sie gemeinsam besuchten. Stephan riss ein paar Seiten aus seinem Block und gab sie Irene. Seine Schrift war schön. Die Buchstaben neigten sich nach rechts und waren ganz schmal. Sie standen dicht beieinander, berührten sich, man konnte gar nicht richtig sehen, ob Stephan den Stift beim Schreiben absetzte oder jedes Wort mit einem einzigen Strich schrieb.

Zu Hause sah sie die Zettel an. Es interessierte sie nicht, was in der Vorlesung gesagt worden war. Es war ohnehin schwierig, aus den Notizen eines anderen schlau zu werden, fand Irene, sie kamen ihr seltsam zusammenhanglos vor. Seine Schrift in ihrer Wohnung aufzubewahren, seine Gedanken, die Sätze, die er aufgeschrieben hatte – Irene erschien das ungeheuer intim. Kein Anfang von irgendetwas, nichts Flüchtiges, sondern eine ganz große Sache. Etwas Bedeutsames. Als hätten Stephans Aufzeichnungen und ihre Wohnung sich längst auf eine innige Beziehung miteinander eingelassen. Sie legte die Blätter auf den Küchentisch. Die Platte hatte sie zuvor abgewischt und achtgegeben, dass sie ganz trocken war.

»Es tut mir leid«, sagte Irene. »Wir können uns eine Weile nicht mehr sehen. Ich habe jetzt auch jemanden, er heißt Stephan.«

Sie lächelte. Es war ein gutes Gefühl, beinahe als ob es automatisch wahr würde, wenn man es nur ausspricht. Timo war am anderen Ende der Leitung; er schwieg ein wenig, dann sagte er irgendetwas, lange dauerte das Gespräch nicht.

Dass aus Stephan und ihr nichts wurde und dass sie Timo sehr wohl und sehr bald wiedersah, wusste Irene in Wahrheit genauso gut wie er, zumindest ahnte sie es. Aber für einen kurzen Moment sah sie alle Möglichkeiten vor sich. Stephan war eine davon. Mit jemandem wie ihm könnte alles anders sein. Sie könnten in seiner WG gemeinsam kochen, gemeinsam lernen. Auf ihrem Bett liegen, nebeneinander, und die Spinnweben an der Decke anschauen. In der Küche rauchen, am offenen Fenster, und Musik hören, was auch immer, fernsehen, essen, atmen, Kaffee trinken und Wein, tanzen, schlafen, arbeiten. Zusammen zum Supermarkt gehen, Arm in Arm. Seine Socken mit ihren Strumpfhosen zusammen in die Waschmaschine stecken. Die Stirn runzeln, streiten und schweigen. Sich allein fühlen, wenn der andere neben einem schlief und man selbst wach lag. Gewöhnlich sein, so gewöhnlich, dass es fast schon wieder kunstfertig wäre, so ein Leben. Beinahe zum Lachen, wie ernst es ihnen miteinander sein könnte.

Ein paar Tage lang blieb alles offen, so viele Leben lauerten auf sie, schienen plötzlich greifbar. Während sie sich durch ganze Universen voller besserer, anderer Welten träumte, ging vollkommen an ihr vorüber, dass Stephan nicht von sich hören ließ. Sie vergaß ihn beinahe, so sehr war sie damit beschäftigt, sich ein gemeinsames Leben mit ihm vorzustellen.

Dann sah Irene ein, dass er sie nicht wollte, dass er ihre Nachrichten in seiner Mailbox nicht übersehen hatte und dass es keine Nachlässigkeit oder Unaufmerksamkeit war, dass er im Café des Instituts nicht an ihren Tisch kam, sondern sich zu Vanessa setzte. Und dass die Möglichkeiten, die sie hatte, nicht so zahllos waren, wie sie gedacht hatte.

Vanessa hatte nun ein paar Möglichkeiten.

Sie saß neben Stephan in einem der Seminare. Nie hatte es so ausgesehen, als würden die beiden einander auch nur wahrnehmen. Aber wie sie dort ihren Kaffee tranken, aufgebracht redend, war es auf einmal ganz klar. Vanessa war anders, aufgeschlossen, Irene fand sie weder besonders hübsch noch besonders begehrenswert, aber ihre Wachheit, ihr hastiges Reden und ihr bedingungsloses Interesse für irgendwas, das mit dem Studium zusammenhing, das alles hatte etwas Rührendes. Stephan drehte zwei Zigaretten und legte eine davon vor Vanessa auf den Tisch. Sie nahm sie, ohne den Blick von Stephans Gesicht abzuwenden, und als sie aufstanden, fiel Irene auf, wie ähnlich ihre Bewegungen waren. Es war kein bisschen erstaunlich, dass sie einander mochten. Viele waren so, verliebten sich in die, die ihnen selbst am meisten glichen. Irene hatte große Zweifel, dass Stephan und Vanessa ihr Glück begriffen. Sie hätte sich gern für ihn gefreut. Es gelang ihr nicht.

Timo stellte keine Fragen, als sie nach einer Weile doch wieder vor der Tür stand, und sie war dankbar dafür. Er war auch nicht böse, obwohl unangemeldete Besuche eindeutig gegen ihre Regeln verstießen. Sie hatte Stephans Namen nie aus seinem Mund gehört. Irene fragte sich, ob das nur aus Desinteresse so war oder ob er vielleicht begriff, dass es besser war, die Sache so bedeutungslos wie möglich aussehen zu lassen. Manche Namen waren gefährlich, sie auszusprechen glich einer Geisterbeschwörung.

Sie hielt es noch eine Zeit an der Uni aus, aber sie gab acht, dass etwas wie mit Stephan nicht so bald wieder passierte. Sie studierte vor sich hin, verzettelte sich, besuchte Kurse, die sie nicht belegen musste, die sie aber interessant fand, und machte nur ab und zu mal einen Schein, den sie tatsächlich brauchen konnte. Es kam ihr vor, als säßen jede Woche neue Leute in ihren Seminaren und Vorlesungen, da war kaum jemand, den sie wiedererkannte. Zu Referaten ließ sie sich vom Arzt ein Attest ausstellen und spielte an solchen Tagen tatsächlich krank, blieb im Bett liegen, las in abgegriffenen Taschenbüchern und schaute Filme, trank Ingwertee und aß alles, was sie im Kühlschrank hatte. Niemand erwartete von ihr, dass sie mit dem Studium fertig würde. Oder dass sie sich etwas einfallen ließe für die lange Zeit danach. Ihrer Mutter war schon rätselhaft genug, dass sie überhaupt eingeschrieben war, sie stellte keine weiteren Fragen. Worte wie »wann« und »endlich« gingen ihr noch seltener über die Lippen als andere. Ihre Mutter war so geduldig, dass es einen rasend machen konnte. Irene wusste, dass das kein Wohlwollen ihr gegenüber war, sondern eher eine logische Folge der allgemeinen Teilnahmslosigkeit, mit der sie der Welt begegnete. Timo dagegen war weniger geduldig, hatte aber schnell gelernt, dass Irene Fragen nach ihrem Fortschritt, nach ihren Plänen und Aussichten immer unangenehm waren, egal wie vorsichtig sie formuliert waren. Die Leute, die mit ihr im Hörsaal saßen, begriffen nicht, dass sie sie längst in allem überholt hatten. Und falls doch, war es ihnen egal genug, nicht davon zu sprechen. Als ihre Kommilitoninnen gerade mit dem neunten Semester begannen, buchte sie ein Ticket nach Ōsaka.

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203 p. 6 illustrations
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9783903005709
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