Read the book: «101 Dinge, die man über American Football wissen muss.»

Todd Gurley läuft vor einem Spiel der Los Angeles Rams aus dem Spielertunnel.
Jan Dafeld
101 Dinge die man über
American Football
wissen muss

Inhalt
Vorwort
1Das erste Footballspiel | Rutgers und Princeton erfinden eine neue Sportart
2Walter Camp | »The Father of Football«
3Die Gründung der NCAA | Der Aufstieg zum nationalen Sport
4Die College Bowl Games | Vom Tourismus-Spiel zum alles entscheidenden Finale
5Die Positionen der Offense | Quarterback, Offensive Tackle und Tight End
6Die Positionen der Defense | Edge Defender, Linebacker und Free Safety
7Die Gründung der NFL | Die ersten Schritte als Profisport
8Die Geschichte des Regelwerks | Ein Regelbuch im Wandel der Zeit
9Die Pro Football Hall of Fame | Die Halle für die größten Legenden des Spiels
10Der NFL Draft | Das Auswahlverfahren der größten Talente
11Die Heisman-Trophäe | Auszeichnung für den besten Collegespieler des Landes
12George Halas | Gründer, Spieler, Trainer, Legende
13George Preston Marshall | Pionier und Rassist
14»The Greatest Game ever played« | Das Spiel, das den Football-Boom in den USA auslöste
15Vince Lombardi | Der Namensgeber der Super-Bowl-Trophäe
16Der Zusammenschluss der NFL und der AFL | Wie Lamar Hunt einen Football-Konkurrenzkampf auslöste
17Super Bowl I | Die erste Ausgabe des großen Endspiels
18Jim Brown | Der wohl dominanteste Runner aller Zeiten
19Air Coryell | Wie ein College-Coach den Football fundamental veränderte
20Die West Coast Offense | Bill Walsh erschafft eine neue Art Offensiv-Football
21Don Shula | Mehr als 30 Jahre unter den Besten der NFL
22Die perfekte Saison | Als die Miami Dolphins ungeschlagen den Super Bowl gewannen
23Roger Staubach und die Hail Mary | Wie ein Quarterback einen bis dahin unbekannten Begriff prägte
24Der Steel Curtain | Die dominante Defense der Pittsburgh Steelers
25Der Supplemental Draft | Die Alternative zum NFL Draft
26The Miracle at the Meadowlands | Die Niederlage, die die Kneeldowns in der NFL etablierte
27Joe Montana | Der ultimative Sieger
28Der Streik 1982 | Als die NFL-Saison auf neun Spiele gekürzt werden musste
29The Catch | Der Moment, der die Ära der 49ers einläutete
30Ein Kicker als MVP | Mark Moseley wird zum wichtigsten Spieler der Liga gewählt
31Walter Payton | Großer Running Back, größerer Mensch?
Patrick Mahomes feiert einen Touchdown seiner Kansas City Chiefs.
32Monsters of Midway | Die dominante Saison der Bears 1985
33Donald Trump gegen die NFL | Als der spätere US-Präsident die Liga verklagte
34Lawrence Taylor | Der wohl dominanteste Verteidiger aller Zeiten
35John Elway | Champion als Spieler und als Manager
36Jerry Rice | Der größte Spieler aller Zeiten?
37O. J. Simpson | Ein ehemaliger Footballstar im vielleicht größten Mordprozess aller Zeiten
38Bo Jackson | Football- und Baseballstar zugleich
39Wide Right | Scott Norwood und die Buffalo Bills schreiben unfreiwillig NFL-Geschichte
40Barry Sanders | Maximal spektakulär – aber bis zuletzt ohne den großen Erfolg
41Deion Sanders | Cornerback, Returner und noch vieles mehr
42The Comeback | Als den Buffalo Bills die größte Aufholjagd aller Zeiten gelang
43Dan Marinos Fake Spike | Wie ein Trick den Miami Dolphins einen Sieg bescherte
44Jerry Jones | Der Besitzer des wertvollsten Teams der Welt
45Adam Vinatieri | Der Mann für die ganz großen Momente
46Brett Favre | Der größte Gunslinger in der Geschichte der NFL
47Jon Gruden | Raider, Super-Bowl-Sieger und dann wieder ein Raider
48Kurt Warner | Von der NFL Europe zum NFL MVP
49The Greatest Show on Turf | Die vielleicht spektakulärste Offense aller Zeiten
50The Music City Miracle | Der Spielzug, der die Buffalo Bills in eine tiefe Krise stürzte
51The Tackle | Als Kevin Dyson ein Yard zum Super-Bowl-Sieg fehlte
52Ray Lewis | Erst Straftäter, dann Held einer ganzen Stadt
53Peyton Manning | MVP-Rekordhalter und größter Brady-Rivale
54Bill Belichick | Der Begründer der Patriots-Dynastie
55Tom Brady | Der erfolgreichste Quarterback aller Zeiten
56Drew Brees | Der Passing-Rekordhalter schlechthin
57Nipplegate | Der wohl bekannteste Super-Bowl-Moment aller Zeiten
58Steve Gleasons Punt-Block | Ein Nobody erweckt eine Stadt wieder zum Leben
59Michael Vick | Wie einer der größten Superstars der NFL im Gefängnis landete
60JaMarcus Russell | Der wohl größte Draft-Bust aller Zeiten
61Randy Moss | Dominanter Receiver und schwieriger Charakter
62Der Helmet Catch | Wie David Tyree und Eli Manning die perfekte Saison der Patriots zerstörten
63Die Detroit Lions 2008 | Das wohl schlechteste Team aller Zeiten
64Aaron Rodgers | Jahrhunderttalent und Querkopf
65Sebastian Vollmer | Der beste Deutsche in der NFL
66Tim Tebow | Von heute auf morgen vom Publikumsliebling zum Bankdrücker
67Bountygate | Als die New Orleans Saints ihre Gegner absichtlich verletzen wollten
Larry Fitzgerald springt über den Tackling-Versuch eines Gegenspielers.
68Der Referee Lockout 2012 | Als die NFL neue Schiedsrichter anheuerte und dies umgehend bereute
69Der Butt Fumble | Der vielleicht bizarrste Fehler in der NFL aller Zeiten
70Aaron Hernandez | Ein Mörder inmitten der NFL
71CTE | Die große Gefahr, die Football birgt
72Der Blackout Bowl | Stromausfall im Super Bowl
73Der erste deutsche Touchdown | Markus Kuhn schreibt NFL-Geschichte
74Dez Bryants Non-Catch | Das NFC Divisional Game und die Catch-Regel
75Die Legion of Boom | Die beste Pass-Verteidigung aller Zeiten?
76Malcolm Butlers Interception | Hätten die Seahawks den Ball laufen sollen?
77Adrian Peterson | Der letzte Nicht-Quarterback als MVP
78Der Option Run | Als ein neuer Laufstil die NFL im Sturm zu erobern schien
79Die Run-Pass-Option | Die nächste Stufe der Option-Offense
80Colin Kaepernick | Wie politischer Protest einen Spieler seine Karriere kostete
8128-3 | Die größte Super-Bowl-Aufholjagd aller Zeiten
82The Minneapolis Miracle | Das wahrscheinlich größte Football-Wunder dieses Jahrtausends
83Das Philly Special | Ein Spielzug wird zum Symbol eines ganzen Teams
84Der NOLA No-Call | Wie eine Fehlentscheidung den NFC Champion bestimmte
85Andrew Luck | Viel zu früh zum Karriereende gezwungen
86Analytics | Revolutionieren Daten das Denken in der NFL?
87Green Bay Packers, Inc. | Der Sonderstatus der Packers in der NFL
88Lambeau Field | Das dienstälteste Stadion der NFL
89Soldier Field | Das älteste Stadion der NFL
90Arrowhead Stadium | Die lauteste Arena der Welt
91Mercedes-Benz Superdome | Zuhause von sieben Super Bowls
92Oakland-Alameda County Coliseum | Amerikas meistgehasstes Stadion?
93Werbung im Super Bowl | Der Platz der teuersten Werbespots der Welt
94Der Madden-Fluch | Jahr für Jahr schlägt ein Videospiel aufs Neue zu
95Frauen im Football | Mehr als nur Lingerie Football
96Die NFL Europe | Die europäische Liga der NFL
97NFL-Spiele in Europa | Die London Games und weitere Pläne
98Manni Burgsmüller | Vom Bundesligastar zum Kicker
99Rob Hart | Der barfüßige Kicker
100Die GFL | Die höchste deutsche Footballliga
101Der Football-Hype in Deutschland | Mitglieder- und Zuschauerzahlen schießen in die Höhe
Bildnachweis
Impressum
Vorwort

Es gibt viele Gründe, von American Football fasziniert zu sein: die pure Athletik der Sportler, die auf dem Spielfeld wie Naturgewalten aufeinandertreffen, die hochtaktische Komponente, die den Football stärker durchdrungen hat als nahezu jeden anderen Sport dieser Welt oder doch einfach das Drumherum, die Show, die jedes Spiel geradezu zwangsläufig mit sich bringt und viele der Zuschauer ebenso in ihren Bann zieht.
In den USA ist Football mittlerweile seit vielen, vielen Dekaden Nationalsport: Von Jonny Unitas über Jim Brown, Joe Montana, Lawrence Taylor und John Elway bis hin zu Peyton Manning und Tom Brady – Football brachte in den Vereinigten Staaten unzählige Helden und Legenden hervor. Doch auch hierzulande nimmt die Popularität von Football rasant zu. Längst sind die Zeiten als kleine Nischensportart vorbei. Der Super Bowl ruft auch in Deutschland mittlerweile zahlreiche Public-Viewing-Parties hervor, Freunde und Kollegen treffen sich regelmäßig, um Spiele ihres Lieblingsteams oder die Red-Zone-Konferenz zu verfolgen, auch die Zahl der aktiven Spieler wächst und wächst.
All dies ist Grund genug, um diesem faszinierenden Sport und seiner langen, ereignisreichen Geschichte mitsamt ihren Höhen und Tiefen ein eigenes Buch zu widmen: Welches Spiel verhalf Football erst zu seinem Status als US-amerikanischem Nationalsport? Welche Pioniere machten ihn zu dem Spiel, das er heute ist? Welche sind die größten Spieler aller Zeiten? Und welche Momente machten den Football im Besonderen aus?
All diese Fragen sollen auf den folgenden Seiten beantwortet werden. Frischgebackene Fans, die ihre Begeisterung für den Sport gerade erst entdeckt haben, sollen dabei ebenso ihre Freude haben, wie eingefleischte Experten, die womöglich dennoch das ein oder andere Neue erfahren und entdecken können.
Ich hoffe, dass dieses Buch diesem Anspruch gerecht werden kann und wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen!
Ihr Jan Dafeld
1 Das erste Footballspiel
Rutgers und Princeton erfinden eine Sportart
150 lange Jahre ist es her, dass sich die Universitäten von Rutgers und Princeton, damals noch bekannt als das College von New Jersey, zum ersten Football-Match in der Geschichte der Menschheit trafen – mit dem heute bekannten Sport hatte das Spiel damals allerdings noch wenig bis gar nichts gemeinsam. Tatsächlich durfte Rutgers’ William J. Leggett als Kapitän der Heimmannschaft die Regeln für das Spiel am 6. November 1869 vorschlagen und orientierte sich dabei stark an den bereits existierenden Fußballregularien: So spielten die Teams mit einem runden Ball und versuchten, diesen in das Tor der gegnerischen Mannschaft zu schießen, das Tragen oder Werfen des Balles war verboten. Einzig das physische Element des Spiels, bei dem damals nahezu jeder Körperkontakt erlaubt war, wies Gemeinsamkeiten zum heutigen Football auf. Letztlich setzte sich damals das schnellere und flinkere Rutgers-Team vor rund 100 Zuschauern mit 6:4 gegen seine physisch überlegenen Gegner aus Princeton durch.
Die Entwicklung in Richtung des heute bekannten Spiels erfolgte erst in den darauffolgenden Begegnungen: Im Rückspiel auf dem Campus von Princeton nahmen die Gastgeber beispielsweise bereits den Free Kick ins Regelwerk auf, der es einem Team erlaubte, den ersten geschossenen Ball der Gegner aus der Luft zu fangen, ohne dabei von einem Gegner angegangen werden zu dürfen. Eine Regel, die stark an den heute nach wie vor existenten Fair Catch erinnert. In den Folgejahren beteiligten sich mehr und mehr Schulen an den neu erfundenen Wettkämpfen. Bis zum ersten Spiel nach Regeln, die an die des heutigen Footballs erinnern, sollten allerdings noch einige Jahre vergehen. Die erste Begegnung mit elf Spielern pro Team, in dem der Ball nach vorne getragen werden durfte und ein Tackling des Ballträgers zu einer Spielunterbrechung führte, wurde erst am 4. Juni 1875 gespielt. Damals trafen die Universitäten von Tufts und Harvard aufeinander.
Diese Tafel auf dem Campus der Rutgers University erinnert an das erste Footballspiel.
2 Walter Camp
»The Father of Football«
Das erste Footballspiel mag bereits 1869 stattgefunden haben, doch die Sportart in der Form, wie wir sie heute kennen, wäre wohl nie Wirklichkeit geworden, wäre ein junger Mann Ende des 19. Jahrhunderts nicht auf diesen neuen Sport aufmerksam geworden. Sein Name: Walter Camp. Eine seiner ersten Begegnungen mit dem Football machte Camp 1875, als Harvard seinen größten Rivalen, die Universität von Yale, zu einem Match herausforderte. Harvard spielte damals unter anderen Regeln als die wenigen anderen Footballteams im Land, sodass sich die beiden Schulen auf einen Kompromiss des Regelwerks einigen mussten.
Camp, der im darauffolgenden Jahr sein Studium an der Yale-Universität beginnen sollte, war trotz der 0:4-Niederlage seiner Schule sofort fasziniert, seine Leidenschaft für den Football war geweckt. Er zählte zwar nie zu den dominantesten Spielern auf dem Feld – ein Harvard-Spieler fragte vor einem Spiel gegen Yale wenige Jahre später tatsächlich, ob »dieses Kind« auch wirklich mitspielen könne, ohne sich eine ernsthafte Verletzung zuzuziehen –, doch sein Einfluss auf die Entwicklung des Sports kann kaum überschätzt werden.

Der Erfinder der Downs
Camp engagierte sich aktiv in verschiedenen Regelausschüssen und ist verantwortlich für zahlreiche der Veränderungen, die schließlich zu dem Spiel führten, das heute noch gespielt wird. 1880 war es sein Vorschlag, der die Line of Scrimmage, die die Offensive und die Defensive voneinander trennt, im Spiel implementierte. Doch es dauerte weitere zwei Jahre, ehe Camps Ziel, das Spiel dadurch spannender und schneller zu machen, Wirklichkeit wurde. Bis dahin hatten einige Schulen die neue Line of Scrimmage als Sicherheit genutzt und den Ball in unzähligen, winzigen Schritten nach vorne bewegt, was das Spiel deutlich verlangsamte und in den Augen vieler Zuschauer langweilig werden ließ. Camps Antwort folgte 1882 mit der Einführung der Downs: Ab sofort hatten die Teams stets drei Versuche, um den Ball fünf Yards nach vorne zu bewegen. Gelang ihnen das nicht, wechselte der Ballbesitz und ging an den Gegner. Erst diese Neuerung löste Football von seinen Rugby-Ursprüngen und machte aus ihm den Sport, den wir heute kennen.
Darüber hinaus führte Camp die bis heute geltenden Spielfeldmaße ein, er entwarf die Yard-Markierungen auf dem Rasen und reduzierte die Anzahl der Spieler von 15 auf elf. Camp erfand obendrein den Snap vom Center zum Quarterback sowie die erste Formation im Football: eine Offensive Line aus sieben Mann mit vier Spielern dahinter, dem Quarterback und drei Running Backs. Auch die heute geltenden Punkteregelungen finden ihren Ursprung in Camps Ideen: Er legte diese damals auf vier Punkte für einen Touchdown (heute sechs Punkte), zwei Punkte für den Kick nach dem Touchdown (heute ein Punkt), fünf Punkte für Field Goals (heute drei Punkte) sowie zwei Punkte für einen Safety fest. Die letzte dieser Regeln hat bis heute Bestand.

Head Coach im Alter von nur 29 Jahren
Nach seinem Abschluss in Yale wurde Camp Head Coach des Footballteams der Universität und trainierte später auch noch am College von Stanford. Bereits zu dieser Zeit wurde sein Einfluss auf die Entwicklung des Spiels hoch geschätzt. Schon 1892, Camp war gerade mal 33 Jahre alt, verpasste ihm Caspar Whitney vom New Yorker Magazin Harper’s Weekly seinen Spitznamen, der sich bis heute gehalten hat: »The Father of Football«.
Fans bei einem Spiel von Harvard gegen Yale
3 Die Gründung der NCAA
Der Aufstieg zum nationalen Sport
Die von Camp angestoßenen Regeländerungen stießen schnell auf Begeisterung und sorgten in den USA für eine rasant ansteigende Popularität von Football. Zahlreiche große College-Rivalitäten, darunter beispielsweise das alljährliche Spiel von Army gegen Navy, gehen auf das späte 19. Jahrhundert zurück, 1888 gründete die Universität von Southern California zudem das erste Footballteam an der Westküste.
Dennoch litt der neue Sport unter einem enormen Problem: Er war schlicht zu brutal. Die bestehenden Regeln, die praktisch jede Art eines Tacklings erlaubten und oft zu massenhaften Zusammenstößen zwischen den rivalisierenden Mannschaften führten, stellten für jeden Spieler auf dem Spielfeld permanent eine ernsthafte Gefahr dar. Innerhalb von 15 Jahren verzeichneten die USA mehr als 300 Todesfälle als direkte Folge von Football, zahlreiche Schulen stellten ihren Spielbetrieb deshalb wieder ein. Als im Jahr 1905 19 weitere Tote hinzukamen, schaltete sich sogar der US-amerikanische Präsident ein: Theodore Roosevelt lud Vertreter von Schulen wie Harvard, Yale und Princeton ins Weiße Haus ein, um Änderungen am bestehenden Regelwerk zu diskutieren und die Anzahl der Todes- und Verletzungsfälle so zu reduzieren. Einige Berichte aus der Zeit mutmaßten sogar, dass der Republikaner damit drohte, Football gänzlich zu verbieten, sollten die Gefahren, die mit dem Spiel einhergingen, nicht verringert werden.
Zwei College-Teams im Jahr 1912

Der Vorwärts-Pass wird eingeführt
Roosevelts Intervention war von Erfolg gekrönt: Am 28. Dezember 1905 kamen Vertreter von 62 Schulen in New York zusammen, um Wege zu finden, ihren Sport sicherer zu machen. Die Teilnehmer des Treffens einigten sich schließlich auf die Gründung der Intercollegiate Athletic Association of the United States (IAAUS), die fortan über Regeländerungen im Sport entscheiden sollte und vier Jahre später in die bis heute bestehende National Collegiate Athletic Association (NCAA) umbenannt wurde. Tatsächlich diente die NCAA anfangs ausschließlich als Regelausschuss, erst ab 1921 richtete sie auch einige Wettbewerbe im Football und in weiteren Sportarten aus.
Die Änderungen des Football-Regelwerks ließen nicht lange auf sich warten und traten bereits im Frühjahr 1906 in Kraft. Die beiden wichtigsten Neuerungen: Ab sofort waren formierte Tacklings, bei denen Spieler sich beispielsweise bei ihren Nebenmännern unterhakten und einen Gegenspieler gemeinsam attackierten, verboten; zudem wurde erstmals der Pass nach vorne erlaubt, um das Spielgeschehen vertikal auseinander zu ziehen und so massenhafte Kollisionen zu vermeiden. Die neuen Regeln zeigten schnell Wirkung, die Schulen nahmen das Spiel wieder auf und die Popularität von Football wuchs erneut rasant. Besonders im Süden der USA stieß der Sport mehr und mehr auf Begeisterung, spätestens nach dem Sieg von Alabama im Rose Bowl 1926 stieg Football zum beliebtesten Sport des Südens auf. In den 1930er-Jahren legte das Spiel schließlich endgültig seinen regionalen Charakter ab. Gleich vier Städte riefen ihre eigenen Bowl Games nach dem Vorbild des Rose Bowls in Pasadena ins Leben: Der Orange Bowl in Miami, der Sugar Bowl in New Orleans, der Sun Bowl in El Paso sowie der Cotton Bowl in Arlington waren geboren.
4 Die College Bowl Games
Vom Tourismus-Spiel zum alles entscheidenden Finale
Jahr für Jahr werden in den USA Spiele wie der Rose Bowl, der Sugar Bowl oder der Cotton Bowl ausgetragen. Es existieren sogar ein Bahamas Bowl, ein Mineral Water Bowl und ein – kein Witz – Famous Idaho Potato Bowl. Doch was sind diese Bowl Games überhaupt? Ihren Ursprung findet diese Tradition im Jahr 1902, als die Colleges von Michigan und Stanford im Rahmen der Rose Parade in Pasadena aufeinandertrafen.

Der Rose Bowl als Grundstein
Die Begegnung entwickelte sich zu einer jährlichen Tradition und erhielt im Jahr 1923 durch das neue Rose Bowl Stadium, in dem das Match fortan ausgetragen wurde, ihren Namen. Tatsächlich stammen sämtliche Bowl-Begriffe im Football von dieser Partie ab, darunter also auch der Pro Bowl und sogar der Super Bowl. Einen besonderen sportlichen Wert brachte das Spiel damals zwar nicht mit sich, aufgrund der merklich erhöhten Popularität der Rose Parade zogen andere Städte in den 1930er-Jahren jedoch nach. So entstanden unter anderem der Sugar Bowl, der Orange Bowl und der Cotton Bowl. Heute existieren rund 40 Bowl Games auf dem höchsten College-Level.
Das Rose Bowl Stadion in Pasadena
Die LSU Tigers nach dem Sieg im National Championship Game 2019

National Championship Game existiert seit 2015
Viele Bowl Games sind dabei nach wie vor reine Marketing-Spiele, zu denen zwei Teams eingeladen werden, um den Tourismus in der Stadt zu fördern. So wird der Großteil der Spiele, die stets in der Wintersaison stattfinden, noch heute in den warmen Regionen der USA ausgetragen. Und doch gibt es heutzutage auch Spiele, die deutlich mehr Signifikanz mit sich bringen: Während der Sieger einer jeden College-Saison lange Zeit schlicht gewählt und nicht in einem finalen Spiel oder Turnier ermittelt wurde, wurden in den 1990er-Jahren einige Bowl Games so umstrukturiert, dass darin die besten Teams des Landes direkt aufeinandertreffen sollten. Seit 2015 spielen die vier höchstplatzierten Teams einer jeden Saison nun in zwei Halbfinals – dem Peach Bowl und dem Fiesta Bowl – sowie im finalen National Championship Game den Champion unter allen College-Teams des Landes aus.
5 Die Positionen der Offense
Quarterback, Offensive Tackle, Tight End & Co.
Quarterback
Der Quarterback ist der wichtigste Spieler im Football, er erhält bei praktisch jedem Snap der Offense zunächst den Ball und ist somit in beinahe jeden Spielzug der Offense direkt involviert – egal, ob dies ein Run oder ein Pass ist. Darüber hinaus fungiert der Quarterback als eine Art verlängerter Arm des Coaches: Er ist es, der den Spielzug von der Seitenlinie erhält und an seine Mitspieler weitergibt. Diesen kann er anschließend obendrein noch mit einem so genannten Audible abändern, zum Beispiel einen Passspielzug zu einem Lauf-Spielzug oder aber auch seine Pass-Protection oder die Route eines seiner Receiver verändern. In erster Linie ergibt sich der enorme Wert des Quarterbacks heutzutage allerdings aus der Tatsache, dass das Passspiel als wichtigster Bestandteil der Offense zum Großteil von ihm abhängt. Dies spiegelt sich auch in der Bezahlung wider: Die 13 NFL-Spieler mit dem höchsten Gehalt im Jahr 2019 waren allesamt Quarterbacks.

Running Back
Der Running Back ist der zweite Spieler neben dem Quarterback, der sich beim Großteil der offensiven Plays im Backfield, also hinter der Offensive Line, befindet. Im modernen Football muss der Running Back zunehmend drei verschiedene Facetten bedienen können: Rushing, also das Laufen mit dem Ball, Catching, das Freilaufen und das Fangen des Balls, sowie Pass-Blocking, also das Blocken, um dem werfenden Quarterback mehr Zeit zu verschaffen. Der erste Bereich war über die ersten 100 Jahre des Spiels die mit Abstand wichtigste Aufgabe des Running Backs, Spieler wie Jim Brown oder Barry Sanders wurden durch ihr Laufspiel zu zwei der größten Legenden des Sports. Doch: Mit der Evolution des Spiels, ganz besonders auf dem NFL-Level, wurde das Passspiel immer effektiver und in der Folge auch für Running Backs immer wichtiger.

Wide Receiver
Die Wide Receiver sind die primären Passempfänger für den Quarterback. In der modernen NFL stehen meistens drei Spieler dieser Position gleichzeitig auf dem Feld, je nach Offense können es aber auch ein, zwei oder unter Umständen sogar vier Wide Receiver sein. Unterschieden werden muss dabei zwischen den Rollen, die Receiver auf dem Feld einnehmen können. In der Regel handelt es sich um so genannte X-, Y- und Z-Receiver. Der X-Receiver wird meistens am äußeren Rand der Formation direkt an der Line of Scrimmage platziert. Er ist für gewöhnlich der physischste Receiver eines Teams. Der Y-Receiver ist meist der so genannte Slot Receiver. Das bedeutet, dass er nicht am Rand der Formation, sondern nahe der Offensive Line postiert ist. Der Y-Receiver wird oft dazu eingesetzt, um schnelle und einfache Pässe über die Mitte des Feldes zu ermöglichen. Der Z-Receiver wird meist auf der Gegenseite des X-Receivers postiert. Z-Receiver müssen in der Regel nicht so kräftig sein und sind in den meisten Fällen sehr schnelle Spieler, die Defenses dadurch tief attackieren können.
Beispiel für eine Offense mit drei Wide Receivern, einem Tight End und einem Running Back auf dem Feld

Tight End
Der Tight End fungiert seit jeher als eine Art Mischung aus Wide Receiver und Offensive Tackle. Je nach Spielzug und offensiver Philosophie kann er entweder als Passempfänger oder als zusätzlicher Blocker eingesetzt werden. Dementsprechend gibt es auch hier sehr verschiedene Spielertypen. Einige Tight Ends sind auf das Blocken spezialisiert und laufen nur in Ausnahmefällen selbst Routen. In der modernen NFL, in der das Passspiel immer wichtiger wird, ist der Receiving Tight End, der seine Stärken als Passempfänger hat, allerdings deutlich weiter verbreitet. Zahlreiche Offenses nutzen ihre Tight Ends mittlerweile regelmäßig und lassen diese auch immer wieder vertikale Routen laufen.
Die Gehälter der Offensiv-Spieler
Das Gehalt, das NFL-Teams Spielern auf einer bestimmten Position zu zahlen bereit sind, ist ein guter Indikator dafür, welche Positionen von Coaches und Managern heutzutage als am wertvollsten eingeschätzt werden. Während das Gehalt von Quarterbacks beispielsweise Jahr für Jahr kontinuierlich steigt, stagnierte der Markt für Running Backs und Tight Ends über mehrere Jahre. Dies ist ein Überblick über die Spitzenverdiener auf den jeweiligen offensiven Positionen. (Stand: Juni 2020)
Quarterback: Russell Wilson (Seattle Seahawks), 35 Mio. US-Dollar/Jahr
Running Back: Christian McCaffrey (Carolina Panthers), 16 Mio. Us-Dollar/Jahr
Wide Receiver: Julio Jones (Atlanta Falcons), 22 Mio. US-Dollar/Jahr
Tight End: Austin Hooper (Cleveland Browns), 10,5 Mio. US-Dollar/Jahr
Offensive Tackle: Laremy Tunsil (Houston Texans): 22 Mio. Us-Dollar/Jahr
Guard: Brandon Brooks (Philadelphia Eagles), 14,1 Mio. US-Dollar/Jahr
Center: Rodney Hudson (Oakland Raiders), 11,3 Mio. US-Dollar/Jahr

Offensive Line
Die Offensive Line, bestehend aus dem Center, zwei Guards sowie zwei Offensive Tackles, arbeitet bei jedem Spielzug als Einheit zusammen, die jeweiligen Aufgaben sind stets miteinander verknüpft. Der Center ist neben dem Quarterback der Spieler, der den Ball bei jedem offensiven Play berührt, da er diesen an den Quarterback übergibt oder zu ihm wirft. Gleichzeitig ist der Center oft für die Protection des Teams mitverantwortlich. Das bedeutet: Er soll erkennen, welcher von den gegnerischen Spielern attackieren wird und, davon ausgehend, die Entscheidung treffen, welcher Blocker welchen Gegenspieler zu übernehmen hat. Die Guards sind in der Regel die beweglichsten und athletischsten Spieler in der Offensive Line. Sie werden im Run-Blocking oft als Puller eingesetzt, also als Spieler, die nach dem Snap auf die andere Seite der Offensive Line laufen, um dort zu blocken. Die Offensive Tackles schließlich blocken häufig die gefährlichsten Pass-Rusher des Gegners. Besonders beim Left Tackle spricht man oft von den Beschützern der Blind Side des Quarterbacks, da ihre Gegenspieler sich dem Quarterback von dessen linker Seite nähern, wo dieser sie nicht gut sehen kann. Das schlägt sich auch im Gehalt der Spieler wieder: Offensive Tackles, ganz besonders Left Tackles, werden in der NFL im Durchschnitt höher bezahlt als die anderen Linemen.
6 Die Positionen der Defense
Edge Defender, Linebacker und Free Safety

Interior Defender
Die Nutzung der Positionsbegriffe des Defensive Tackles sowie des Defensive Ends dürfte den meisten Fans nach wie vor geläufiger sein als die des Interior Defenders. Diese Unterscheidung ist im modernen Football allerdings weitgehend überholt.
Der Begriff des Interior Defenders, der die Defensive Linemen zwischen den so genannten Edge Defendern beschreibt, ist deutlich präziser. Für gewöhnlich stehen zwei bis drei dieser Spieler gemeinsam auf dem Feld. Die Aufgaben der Interior Defender sind trotz ihrer teils unterschiedlichen Aufstellung auf dem Feld im Kern ähnlich. So sollen die Spieler auf diesen Positionen meistens eine bestimmte Lücke in der Offensive Line attackieren.
Bei einem Passspielzug der Offense geht es zumeist darum, durch diese Lücke hindurchzustoßen und zum Quarterback zu gelangen. Bei einem Lauf-Spielzug besteht die Aufgabe vielmehr darin, die zugewiesene Lücke zu schließen, also zu verhindern, dass der Running Back durch diese hindurchstoßen kann.
Beispiel für eine Defense mit zwei Linebackern und drei Cornerbacks, eine sogenannte Nickel-Defense

Edge Defender
Auch dieser Positionsbegriff wird im Football noch nicht von jedermann genutzt, die klassischen Bezeichnungen (Defensive End und Outside Linebacker) sind allerdings zunehmend ungenau, da deren Aufgabenbereiche größtenteils identisch sind. Die Edge Defender postieren sich üblicherweise gegenüber der Offensive Tackles, leicht außerhalb der Tackles oder noch weiter entfernt von der Offensive Line, zum Beispiel gegenüber eines Tight Ends. Sie nehmen also die Position am Rand der Defensive Line ein, der so genannten Edge. Bei einem Passspielzug attackieren die Edge Defender meist den Quarterback. Dabei gibt es verschiedene Techniken und Spielertypen, die entweder stärker auf Geschwindigkeit oder auf Kraft setzen. Bei einem Lauf-Spielzug ist es Aufgabe der Edge Defender, den Running Back nicht nach außen entkommen zu lassen. Sie sollen gewährleisten, dass der Runner in der Mitte des Feldes bleibt und dort gestoppt werden kann.

Linebacker
Die Linebacker sind die Verteidiger, die vor dem Snap für gewöhnlich hinter der Defensive Line, aber vor den Safeties in der Mitte des Feldes platziert sind. Je nachdem, welche gegnerischen Spieler die Offense auf das Feld schickt, stehen in der Regel ein bis drei Linebacker auf dem Platz. In der modernen NFL müssen Linebacker Allrounder sein und in drei verschiedenen Facetten des Spiels Qualitäten mitbringen. Als Pass-Verteidiger werden Linebacker zumeist als direkte Gegenspieler von Running Backs oder Tight Ends eingesetzt. In der Run-Verteidigung sind Linebacker – ähnlich wie die Interior Defender – für eine bestimmte Lücke in der Offensive Line zuständig. Ihre Aufgabe besteht also darin, die Lücke zu schließen und den Running Back zu stoppen. Als Blitzer werden Linebacker zudem eingesetzt, um der Defense im Pass-Rush einen numerischen Vorteil zu verschaffen und/oder den Interior und Edge Defendern einfachere Duelle zu ermöglichen.

Safety
Die Safeties sind in der Regel die Spieler der Defense, die vor dem Snap am weitesten von der Line of Scrimmage entfernt stehen. Sie spielen sehr tief postiert und sollen große Raumgewinne der Offense verhindern. Unterschieden wird oft zusätzlich zwischen dem Free Safety und dem Strong Safety, die je nach defensivem System unterschiedliche Rollen einnehmen. Der Free Safety spielt meist die klassische Rolle des Safetys: Er postiert sich sehr tief und ist in erster Linie als Verteidiger gegen tiefe Pässe gefragt. Dem Strong Safety kann in manchen defensiven Systemen eine ähnliche Rolle zukommen wie dem Free Safety, häufig agiert dieser allerdings näher an der Line of Scrimmage. Der Strong Safety fungiert in dieser Rolle als eine zusätzliche Hilfe in der Laufverteidigung sowie als Passverteidiger gegen kurze und mittellange Pässe.

Cornerback
Cornerbacks sind primäre Passverteidiger, die in den meisten Fällen die direkten Gegenspieler der Wide Receiver darstellen und sich vor dem Snap gegenüber von diesen aufstellen. Dementsprechend richtet sich die Anzahl der Cornerbacks auf dem Spielfeld häufig auch nach der der gegnerischen Wide Receiver. Ein Cornerback muss auf dem NFL-Level in der Lage sein, verschiedene Typen von Gegenspielern zu verteidigen und sich sowohl gegen große und physische als auch gegen sehr schnelle Receiver behaupten zu können.
Während einige Teams konstant mit einem linken und einem rechten Cornerback spielen, werden die besten Spieler auf dieser Position teilweise so genutzt, dass sie sich konstant gegenüber dem besten gegnerischen Receiver aufstellen, diesen also geradezu über das Spielfeld verfolgen. Passend zum Slot Receiver in der Offensive wird auch der Slot Cornerback in der Defensive von Saison zu Saison wichtiger. Dieser Spieler stellt sich stets gegenüber dem gegnerischen Slot Receiver auf und verteidigt diesen im Eins-gegen-Eins.
Die Gehälter der Defensiv-Spieler
Auch in der Defensive sagt das Gehalt der einzelnen Positionsgruppen und Spielertypen einiges über ihre Wertschätzung auf dem Footballfeld aus. Unter den Interior Defendern und Edge Defendern werden zum Beispiel seit jeher Pass-Rusher deutlich besser bezahlt als Verteidiger, die ihre Stärken eher gegen den Lauf haben. Während der Markt für Cornerbacks in den vergangenen Jahren eher stagnierte, sich also nicht signifikant steigerte, erhielten Darius Slay und Byron Jones 2020 beide Rekord-Verträge (Stand: Juni 2020).
Interior Defender: Aaron Donald (Los Angeles Rams), 22,5 Mio. US-Dollar/Jahr
Edge Defender: Khalil Mack (Chicago Bears), 23,5 Mio. US-Dollar/Jahr
Linebacker: Bobby Wagner (Seattle Seahawks), 18 Mio. US-Dollar/Jahr
Safety: Eddie Jackson (Chicago Bears) 14,6 Mio. US-Dollar/Jahr
Cornerback: Darius Slay (Philadelphia Eagles), 16,7 Mio. US-Dollar/Jahr
7 Die Gründung der NFL
Die ersten Schritte als Profisport
Den ersten Schritt in Richtung Professionalisierung machte der Football zwar bereits 1892, als erstmals hohe Summen für die Dienste einzelner Footballspieler gezahlt wurden, dennoch sollte die Entwicklung bis hin zur ersten überregionalen, dauerhaft bestehenden Profiliga noch viele Jahre dauern. Erst Ende der 1910er-Jahre formierten sich an der Ostküste sowie im mittleren Westen der USA erstmals Footballligen, die über mehrere Bundesstaaten hinweg agierten. Letztere sollten sich schließlich im Lauf der Jahre zur NFL entwickeln.
1920 wurde die American Professional Football Association in Canton, Ohio gegründet – auf dem Parkplatz eines Autohändlers. Die Liga nahm hauptsächlich Teams aus der regionalen Ohio League, jedoch auch jeweils ein Team aus Buffalo, Rochester und Chicago auf. Bei ihrer Gründung bestand der Wettbewerb aus elf Mannschaften, deren Anzahl in den Folgejahren allerdings stark variierte. Heutzutage existieren nur noch zwei Teams aus dem Gründungsjahr der Liga – wenn auch unter anderem Namen: die Chicago Cardinals (heute Arizona Cardinals) sowie die Decatur Staleys (heute Chicago Bears). 1922 erhielt die Liga schließlich ihren bis heute bestehenden Namen: National Football League.
An professionellen Strukturen mangelte es dem Wettbewerb allerdings nach wie vor. Die Teams spielten unterschiedlich viele Saisonspiele, unter Umständen wurden sogar Spiele gegen College- oder Amateur-Teams mit in die Wertung aufgenommen. Zudem bestand ein teilweise gigantischer Unterschied zwischen den finanziellen Bedingungen der Teams. Als die New York Giants 1928 beispielsweise Benny Friedman von den Detroit Wolverines verpflichten wollten, kaufte Giants-Besitzer Tim Mara die Wolverines kurzerhand auf und meldete sie vom Spielbetrieb ab.
Erst durch die Anstöße von George Preston Marshall, Besitzer der Boston Redskins, und George Halas, Besitzer der Chicago Bears, entwickelte sich die NFL zu Beginn der 1930er-Jahre in eine Liga mit professionellen Strukturen. Die Teams zogen – mit der bis heute bestehenden Ausnahme der Green Bay Packers – in größere Märkte und wurden in zwei unterschiedliche Divisionen eingeteilt, deren Sieger am Ende der Saison den Meister unter sich ausspielten. Erst 1933, 13 Jahre nach der Gründung der Liga, kam es zum ersten Championship Game der NFL. Auf dem Wrigley Field in Chicago siegten die heimischen Bears mit 23:21 gegen die New York Giants.
Die Chicago Bears und New York Giants im ersten NFL Championship Game
8 Die Geschichte des Regelwerks
Ein Regelbuch im Wandel der Zeit
Das Regelwerk der NFL bestand im Jahr 2019 aus 19 Regeln, 116 Abschnitten und 343 Artikeln. Mit dem Regelbuch, das vor mehr als 100 Jahren erstmals von der NFL genutzt wurde, hat das heutige Dokument allerdings kaum noch etwas gemeinsam.
In den 1920er-Jahren setzte die NFL noch auf die exakt gleichen Regeln wie die College-Teams, erst im Jahr 1932 führte die Liga ihren ersten eigenen Regelausschuss ein, der das Spiel spannender und für Fans attraktiver machen sollte. Eine der ersten vom Ausschuss beschlossenen Veränderungen war das Erlauben von mehreren Incomplete Passes bei einer Serie von Downs. Tatsächlich waren – aus heutiger Sicht geradezu unvorstellbar – mehrere unerfolgreiche Pässe bis 1934 noch verboten gewesen.
In den Folgejahren entwickelte sich das Spiel mehr und mehr in die Richtung des Sports, den wir heute kennen: Die Anforderungen an die einzelnen Spieler wurden spezieller, sodass sich ab Beginn der 1950er-Jahre separate Offensiv- und Defensivteams weitestgehend als Standard etabliert hatten. Nachdem sich Browns-Star Otto Graham in einem Spiel schwer im Gesicht verletzte hatte, wurde zudem der erste Gesichtsschutz in der NFL eingeführt – wenn auch vorerst noch aus Plastik. Die Browns unter Paul Brown waren es auch, die 1956 erstmals Radiowellen nutzten, um den Head Coach während des Spiels mit dem Quarterback kommunizieren zu lassen. Auch wenn das System in der NFL heutzutage seit mehr als 25 Jahren etabliert ist, wurde diese Erfindung damals noch von Commissioner Bert Bell verboten und blieb fast 40 Jahre im Abseits jedes NFL-Feldes.

Regeländerungen erleichtern das Passspiel
1972 gewann das Laufspiel durch eine Veränderung der Spielfeldbegrenzung enorm an Effizienz, die NFL reagierte darauf mit weiteren Regeländerungen, die wiederum dem Passspiel entgegenkommen sollten. 1978 verbot die Liga beispielsweise körperlichen Kontakt von Verteidigern gegen Receiver, sobald diese mehr als fünf Yards von der Line of Scrimmage entfernt waren. Diese Regel wurde bekannt als die Mel Blount Rule, benannt nach dem Cornerback der Pittsburgh Steelers, der zuvor zahlreiche seiner Gegenspieler kurzerhand zu Boden geworfen hatte.
Nachdem die NFL ein Replay-System, bei dem sich die Schiedsrichter Spielszenen auf einem Monitor in der Wiederholung ansehen konnten, zunächst für sechs Jahre getestet und für nicht gut genug befunden hatte, wurde dieses 1999 dann schließlich doch eingeführt. Die Liga legte allerdings fest, dass Coaches Einspruch gegen angeblich falsche Entscheidungen einlegen sollten – das so genannte Challenge-System, das bis heute nach wie vor in Kraft ist.
Ronde Barber führt ein Horse Collar Tackle aus.

Haare ziehen bleibt erlaubt
Während ein Tackling durch Greifen der gegnerischen Gesichtsmaske bereits seit 1956 verboten war, wurde das Horse-Collar Tackle, also ein Tackle durch Greifen und Ziehen des gegnerischen Trikots im Nackenbereich, erst 2005 verboten. Bis heute stellen diese zwei Regelungen allerdings die einzigen Ausnahmen für Tacklings durch Greifen dar. Spieler können also legal zu Boden gebracht werden, indem sie beispielsweise an den Haaren oder an ihrem Bart festgehalten werden.
Neben weiteren Regeländerungen, die die Sicherheit der Spieler verbessern sollten, stellte die veränderte Catch-Regel 2018 die größte Neuerung in der jüngeren Vergangenheit der NFL dar. Seitdem legt das Regelbuch für einen Catch drei Kriterien zugrunde: Hatte der Spieler sichere Kontrolle über den Ball? Hatte er beide Füße oder ein anderes Körperteil mit Ausnahme der Hände innerhalb des Spielfelds auf dem Boden? Und zu guter Letzt: Hat er einen Football-Move mit dem Ball in der Hand durchgeführt?
9 Die Pro Football Hall of Fame
Die Halle für die größten Legenden des Spiels
So wie jede der großen vier Sportarten in den USA verfügt auch der Profi-Football neben Baseball, Basketball und Eishockey über seine eigene Hall of Fame. Zusätzlich zu Spielern können auch Coaches, Manager und Teambesitzer in die Hall of Fame gewählt werden, die Spieler müssen ihre aktive Karriere allerdings seit fünf Jahren beendet haben, um aufgenommen zu werden. Alle Hall-of-Famer erhalten in Canton, wo die Pro Football Hall of Fame bei ihrer Gründung 1963 errichtet wurde, ein goldenes Jackett überreicht sowie eine goldene Büste zu ihren Ehren. Dass die Wahl 1963 auf das eher beschaulichere Städtchen in Ohio fiel, mag überraschen, die Hall of Fame erinnert so allerdings stets an die Gründung der NFL, die am 17. September 1920 in Canton erfolgte. Heute fasst die Halle beinahe 11.000 Quadratmeter und damit rund sechsmal so viel wie noch bei ihrer Gründung. Mit 34 Spielern in der Hall of Fame halten die Chicago Bears bis heute den Rekord.
Gewählt werden die Geehrten dabei stets von einem 48-köpfigen Komitee, das größtenteils aus Sportreportern aus dem ganzen Land besteht, jede Stadt stellt dabei einen lokalen Journalisten pro Team, das in der jeweiligen Gemeinde ansässig ist.
Die Auswahl soll stets ausschließlich aufgrund von sportlichen Aspekten erfolgen – eine Richtlinie, die in den vergangenen Jahren mehr und mehr in die Kritik geriet. Besonders 2016 wurde diese Vorgabe für die Auswählenden heftig diskutiert: Mit Darren Sharper wurde in diesem Jahr – fünf Jahre nach dessen Karriereende – einer der besten Safeties des vergangenen Jahrzehnts wählbar. Sharper war allerdings noch im gleichen Jahr wegen mehrfacher Vergewaltigung zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Auch wenn Sharper damals nicht offiziell als untauglich für die Hall of Fame erklärt wurde, ist er bis heute kein Teil des elitären Kreises geworden.
Ed Reed posiert neben seiner Hall-of-Fame-Büste.
10 Der NFL Draft
Das Auswahlverfahren der größten Talente
Im NFL Draft können alle qualifizierten Spieler, die noch nie einen Vertrag bei einem NFL-Team unterschrieben haben, von einer der Mannschaften ausgewählt werden. Außer in wenigen Ausnahmen betrifft dies Spieler, die zuvor auf dem College aktiv waren. Die NFL-Regularien schreiben allerdings vor, dass der High-School-Abschluss der Spieler mindestens drei Jahre zurückliegen muss, zuvor darf sich niemand für den Draft anmelden. Heute umfasst der NFL Draft sieben Runden, in denen jedes Team jeweils einen Pick erhält. Das Team mit der schlechtesten Bilanz der Vorsaison bekommt dabei den ersten Pick, das zweitschlechteste erhält den zweiten Pick und so weiter bis zum 32. Pick der Runde. Im Fall eines Unentschiedens entscheidet die kombinierte Bilanz der Gegner in der vergangenen Saison, welches Team den höheren der Picks erhält, die sogenannte Strength of Schedule.
Nummer-eins-Picks seit 2011
2020: Joe Burrow, Cincinnati Bengals, QB
2019: Arizona Cardinals, Kyler Murray, QB
2018: Cleveland Browns, Baker Mayfield, QB
2017: Cleveland Browns, Myles Garrett, ED
2016: Los Angeles Rams, Jared Goff, QB
2015: Tampa Bay Buccaneer, Jameis Winston, QB
2014: Houston Texans, Jadeveon Clowney, ED
2013: Kansas City Chiefs, Eric Fisher, OT
2012: Indianapolis Colts, Andrew Luck, QB
2011: Carolina Panthers, Cam Newton, QB
Wie auch in den anderen großen US-amerikanischen Sportligen, dient der NFL Draft also auch dem Zweck, die schwächsten Teams der Liga zu stärken, um eine Ausgeglichenheit zu gewährleisten. Die Teams können zudem ihre Picks in Trades an andere Teams abgeben oder die Picks anderer Teams erhalten. So durften die Oakland Raiders im NFL Draft 2019 gleich drei Spieler in der ersten Runde auswählen, nachdem das Team Khalil Mack und Amari Cooper zuvor getradet hatte. Eine Besonderheit im NFL Draft stellen obendrein die Compensatory Picks dar. Diese Picks sind zusätzliche Auswahlmöglichkeiten am Ende der dritten, vierten, fünften, sechsten und siebten Draft-Runde. Compensatory Picks werden nach einer komplizierten und öffentlich nicht bekannten Formel vergeben und sollen die Teams, die im Jahr zuvor besonders gute Spieler als Free Agents gehen lassen mussten, entschädigen. Im Jahr 2019 durften erstmals auch die Compensatory Picks, genau wie die normalen Picks, per Trade gehandelt werden.
11 Die Heisman-Trophäe
Auszeichnung für den besten Collegespieler des Landes
Der Most Valuable Player Award dürfte den meisten Footballfans ein Begriff sein. Die Auszeichnung für den Defensive Player of the Year dürfte zudem ebenso selbsterklärend sein wie die für den Rookie of the Year. Aber die Heisman-Trophäe? Da könnte es schon kniffliger werden. Dabei zählt der Award zu den prestigeträchtigsten der Footballwelt. Der große Unterschied zu den vorher genannten Auszeichnungen: Im Gegensatz zu diesen wird die Heisman-Trophäe nicht an einen Profi verliehen.
Die Trophäe des Heisman-Gewinners 2019 Joe Burrow

Abstimmung durch Journalisten und Ehemalige
Tatsächlich erhält Jahr für Jahr der herausragendste Collegespieler der abgelaufenen Saison die begehrte Trophäe. Gewählt wird dieser in erster Linie von Medienvertretern, jeweils 145 Journalisten aus sechs verschiedenen Regionen der USA erhalten dabei eine Stimme. Dazu kommen 57 weitere Stimmen, die von ehemaligen Gewinnern des Awards vergeben werden können, sowie eine Stimme, die durch eine Abstimmung unter allen Fans zusammengesetzt wird.

Kontroverse um Reggie Bush
Besonders erwähnenswerte Sieger sind Archie Griffin, der die Trophäe 1974 und 1975 als einziger Spieler überhaupt zweimal gewinnen konnte, Charles Woodson, der 1997 als erster und bis heute einziger Verteidiger zum Sieger gekürt wurde sowie Reggie Bush, der 2005 mit 2541 Punkten das damals höchste Ergebnis aller Zeiten erhielt, den Award aufgrund von Verstößen gegen NCAA-Regularien fünf Jahre später jedoch wieder zurückgeben musste. Die ganz großen Legenden des Sports sucht man allerdings bis heute weitestgehend vergeblich unter den Heisman-Gewinnern. Roger Staubach und Barry Sanders gewannen die Heisman-Trophäe und zählten auch in der NFL zu den besten Spielern ihrer Zeit, bilden damit jedoch eine Ausnahme. Einer der Kandidaten, die diesen Status in den kommenden Jahren verändern könnte, ist allerdings Lamar Jackson: Der Quarterback wurde 2016 im Alter von nur 19 Jahren zum Heisman-Sieger gewählt, in der Saison 2019 zeichnete ihn dann auch die NFL als ihren MVP aus.
Reggie Bush mit der Heisman-Trophäe 2005
12 George Halas
Gründer, Spieler, Trainer, Legende
Niemand prägte die NFL in den ersten 50 Jahren ihrer Existenz stärker als George Halas. Der Hall-of-Famer zählte 1920 zu den Gründungsmitgliedern der Liga und war dennoch bis in die 1970er-Jahre direkt an ihrem Geschehen beteiligt. Halas gründete die Decatur Staleys, wählte ihre Teamfarben aus und zog nur ein Jahr nach der Gründung mitsamt des Teams nach Chicago um, wo es in die heute noch existierenden Bears umbenannt wurde.

73:0-Sieg über Washington
Doch Halas war nicht nur Gründer und Besitzer, er war – aus heutiger Sicht kaum zu glauben – gleichzeitig auch Spieler und Head Coach des Teams, das 1921 erstmals den nationalen Titel gewinnen sollte. »Mr. Everything« stieß zahlreiche der Veränderungen, die die Popularität der NFL nach ihrer Gründung rasant ansteigen ließen, mit an. 1925 war er es zudem, der College-Star Red Grange zu einem Wechsel zu den Bears überreden konnte. Grange sollte der erste große Name im Sport werden, der sich für eine Profikarriere in der NFL entschied.
George Halas nach dem 73:0-Sieg der Bears über die Redskins auf den Schultern seiner Spieler
Die Statue von George Halas vor dem Stadion der Chicago Bears
Doch auch taktisch zählte Halas zu den Größten seiner Zeit. Ende der 1930er-Jahre installierte er die auf verschiedenen Optionen für den Quarterback basierende T-Formation in Chicago und führte seine Bears so zum bis heute höchsten Sieg der Ligageschichte (73:0 gegen die Washington Redskins) sowie zu drei Titeln in sieben Jahren. Als erster Coach überhaupt führte Halas tägliche Trainingseinheiten und das Studieren gegnerischer Teams anhand von Videoaufnahmen ein und legte damit den Grundstein für die heute noch existente Spielvorbereitung der NFL-Teams.

Bears gedenken ihm noch heute
Erst 1967 – nach mehr als 40 Jahren als Head Coach in der NFL – trat Halas von seinem Amt zurück und fungierte fortan nur noch als Teambesitzer, ehe er 1983 schließlich im Alter von 88 Jahren verstarb. »Papa Bear«, wie einige seiner Spieler ihn nannten, gilt als einer der größten Pioniere und Legenden des American Football. Die Chicago Bears gedenken Halas daher in besonderer Art und Weise: Noch heute prangen Halas’ Initialen auf dem linken Ärmel eines jeden Bears-Trikots: »GSH« – George Stanley Halas.
13 George Preston Marshall
Pionier und Rassist
George Preston Marshall war einer der ersten Teambesitzer in der NFL. Er galt als Football-Pionier und wurde später in die Hall of Fame gewählt. Doch sein Wirken hatte nicht nur gute Seiten. Marshall gründete 1932 zunächst die Boston Braves, benannte sie kurz darauf jedoch in Redskins um und zog nur wenige Jahre später mit seinem Team nach Washington D.C. Gemeinsam mit George Halas war Marshall die treibende Kraft hinter zahlreichen Struktur- und Regeländerungen in der NFL, die die Popularität der relativ jungen Liga rasant ansteigen ließen. Als erstes Team überhaupt nutzten die Redskins Halbzeitshows und eine Marching Band – Elemente, die im College-Football bereits fest zu jedem Spiel gehörten.
Doch mit Marshall begann auch der Ausschluss afroamerikanischer Spieler aus der NFL. Selbst als alle anderen Teams nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf schwarze Spieler zurückgriffen, weigerte sich der Redskins-Besitzer entschieden. Marshall hatte selbst rassistische Überzeugungen, er hoffte allerdings auch durch das Alleinstellungsmerkmal seines Teams mehr Anhänger im Süden der USA zu gewinnen. 1962 zwang ihn die US-Regierung schließlich dazu, einen Afroamerikaner unter Vertrag zu nehmen. Marshalls Redskins wählten im NFL Draft Ernie Davis aus, der erklärte jedoch öffentlich, nicht für »Hurensohn« Marshall spielen zu wollen. Der erste schwarze Spieler im Team der Redskins wurde schließlich Bobby Mitchell. Der spätere Hall-of-Famer kam per Trade im Gegenzug für Davis nach Washington.
Bis 2020 stand eine Gedenktafel für den verstorbenen George Preston Marshall vor dem Stadion der Washington Redskins. In der Folge der landesweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt wurde diese schließlich abgebaut.
14 »The Greatest Game ever played«
Das Spiel, das den Football-Boom in den USA auslöste
Football ist im 21. Jahrhundert eine der populärsten Sportarten der Welt. Der Super Bowl wird allein in den USA Jahr für Jahr von mehr als 100 Millionen Menschen verfolgt, die NFL ist mit ihrem Umsatz von rund 16 Milliarden US-Dollar die umsatzstärkste Sportliga des Planeten. Doch wäre dieser Status ebenso denkbar, wären vor mehr als 60 Jahren nicht die Baltimore Colts im NFL Championship Game auf die New York Giants getroffen? Fraglich.

Erste Verlängerung der NFL-Geschichte
Als erstes Spiel in der NFL-Geschichte wurde die Begegnung 1958 erst in der Verlängerung entschieden. Die Overtime und die damit verbundenen Regeln waren damals dermaßen unbekannt, dass am Ende des letzten Viertels nicht einmal die Spieler selbst wussten, wie das Spiel fortgesetzt werden würde. »Wir standen an der Seitenlinie und haben gewartet, was als Nächstes passieren würde«, erklärte Colts-Quarterback Jonny Unitas später die kuriose Situation. »Plötzlich kamen die Schiedsrichter rüber und sagten: ›Schickt euren Kapitän. Wir werfen eine Münze, um zu sehen, wer den Ball bekommt.‹ Das war das erste Mal, dass wir von der Verlängerung hörten.«
Unitas und seine Colts gewannen das Finalspiel in dramatischer Weise: Der Quarterback führte sein Team über 80 Yards das Feld hinunter, Alan Ameche erzielte schließlich den entscheidenden Touchdown. Unitas hatte alle Spielzüge selbst angesagt, es war die Geburt des Two-Minute-Drills, wie er heute noch in der NFL existiert. Ihre große Aufmerksamkeit erlangte die Begegnung allerdings insbesondere durch die Tatsache, dass NBC das Spiel landesweit übertrug. Rund 45 Millionen Menschen verfolgten den dramatischen Triumph der Colts live im Fernsehen – ein absolutes Novum zu dieser Zeit. Es folgte ein echter Boom des Sports, die Anzahl der professionellen Teams schoss in die Höhe und mit der AFL entstand die zweite große Footballliga neben der NFL. Auch deshalb bestätigten Medienvertreter den legendären Status des »Greatest Game ever played« im Jahr 2019 einmal mehr: Sie wählten die Begegnung zum besten Spiel in der 100-jährigen Geschichte der NFL.
15 Vince Lombardi
Der Namensgeber der Super-Bowl-Trophäe
Am Ende jeder NFL-Saison reckt das beste Team des Jahres im Konfettiregen nach dem Gewinn des Super Bowls die Trophäe für den Gewinn der Meisterschaft in die Höhe: die Vince Lombardi Trophy. Benannt ist der Pokal nach dem Coach, der ihn 1967 in Super Bowl I erstmals gewann – und dieses Kunststück im darauffolgenden Jahr gleich wiederholte. In seiner ersten Saison als Head Coach der Green Bay Packers führte Lombardi das Team 1959 nach einer enttäuschenden Saison mit nur einem Sieg zu sieben Erfolgen bei nur fünf Niederlagen und wurde zum besten Trainer des Jahres gewählt. Lombardis Energie zog die gesamte Stadt von Anfang an in den Bann: Die Packers spielten jede Begegnung der Saison 1960 vor vollem Haus. Eine Anziehung, die bis heute anhält: Seitdem waren über 60 Jahre alle Heimspiele der Packers restlos ausverkauft.
Nach der Niederlage in seinem ersten NFL-Finale 1960 schwor Lombardi seinem Team damals: »Das wird nie wieder passieren. Ihr werdet kein Finale mehr verlieren« – und er sollte Recht behalten. Die Packers gewannen die Titel 1961 und 1962, in den Saisons 1965 bis 1967 holte Green Bay drei Titel in Serie, darunter auch die ersten beiden Super Bowls der Geschichte. In seiner gesamten Karriere verlor Lombardi nie wieder ein Playoff-Spiel.
Vince Lombardi (r.) an der Seitenlinie
Vince Lombardi während eines Spiels seiner Packers: Lombardi (hinten) freut sich über den Touchdown-Lauf von Boyd Dowler

Kampf gegen Diskriminierung
Der Hall-of-Famer galt als eisenharter Coach, der von seinen Spielern ausnahmslos höchste Disziplin und Einsatz verlangte. Und doch setzte sich Lombardi, bekennender Christ und Demokrat, leidenschaftlich für die Rechte seiner Spieler ein und förderte sowohl afroamerikanische als auch homosexuelle Athleten in seiner Organisation. Er sehe seine Spieler »nicht als schwarz oder weiß, sondern als grün wie ein Packer«, erklärte Lombardi, der ankündigte, jeden in seinem Team, der in irgendeiner Weise diskriminierend auffallen sollte, vor die Tür zu setzen. Im Amerika der 1960er-Jahre eine geradezu revolutionär fortschrittliche Denkweise. Womöglich hätte Lombardi seinen fünf Meistertrophäen sogar noch weitere hinzufügen können, hätte ihn sein Körper nicht so früh im Stich gelassen. Bereits 1970, nur drei Jahre nach seinem letzten Super-Bowl-Sieg, verstarb der damals 57-Jährige plötzlich an Krebs. Lombardis Ansehen und Respekt innerhalb der Football-Gemeinde war und ist bis heute gewaltig: 1500 Menschen besuchten seine Beerdigung, bereits unmittelbar nach seinem Tod wurde die Super-Bowl-Trophäe ihm zu Ehren neu benannt. Bis heute käme niemand auf die Idee, daran etwas zu ändern.
16 Zusammenschluss NFL und AFL
Wie Lamar Hunt einen Football-Konkurrenzkampf auslöste
Die NFL steht im Jahr 2020 konkurrenzlos an der Spitze der American-Football-Landschaft. Keine andere Footballliga kommt auch nur annähernd an ihren Status heran. Vor rund 60 Jahren war die Situation allerdings eine gänzlich andere. Ein Gegenspieler erhob sich als Rivale der NFL und war drauf und dran, der etablierten Liga den Rang als größte Footballliga der Welt abzulaufen. Erst ein Zusammenschluss beendete die Koexistenz der beiden Konkurrenten.

Hunt gründet seine eigene Liga
Diese Geschichte beginnt im Jahr 1959 mit den ambitionierten Plänen eines Sprösslings des texanischen Ölmagnaten H. L. Hunt: Lamar Hunt wollte damals um jeden Preis sein eigenes Footballteam in Dallas aufbauen. Als die NFL seine Pläne einer Erweiterung der Liga ablehnte, schlug Hunt einen anderen Weg ein – und gründete kurzerhand seine eigene Liga. Als die American Football League im Jahr 1960 startete, waren mit den Patriots, den Bills, den Titans, den Oilers, den Broncos, den Raiders, den Chargers und Hunts Texans bereits acht Teams ein Teil von ihr, nur wenig später kamen die Dolphins sowie die Bengals dazu.

Konkurrenzkampf wird zum Problem
Von diesem Tag an kämpften die NFL und die AFL um die größten Talente des Landes und versuchten, diese mit hochdotierten Gehaltsschecks von der eigenen Liga zu überzeugen. Das große Problem für die etablierte NFL: Hunt hatte Teambesitzer um sich geschart, die nicht nur sehr reich waren, sondern die obendrein auch bereit waren, diesen Reichtum einzusetzen, um die hohen Verluste der neu gegründeten Mannschaften in den ersten Jahren aufzufangen. Weil sie den Kampf um die Spieler nicht eskalieren lassen wollten, hielten sich die Teams aus beiden Ligen an ein Gentleman’s Agreement: Athleten, die sich einmal für eine der beiden Ligen entschieden hatten, sollten nicht wieder abgeworben werden. Die Regel hatte Bestand, bis die New York Giants sie 1966 brachen, um Kicker Pete Gogolak von den Buffalo Bills abzuwerben. Die AFL antwortete prompt und nahm zahlreiche Stars aus der NFL unter Vertrag. Die Gehälter schossen in die Höhe und der Konkurrenzkampf entwickelte sich mehr und mehr zu einem Problem für beide Seiten.
Aus Angst um die eigene Rentabilität ging die NFL schließlich auf die AFL zu. Der Vorschlag: ein Zusammenschluss der beiden großen Rivalen. Bereits wenige Monate später wurden die Verhandlungen abgeschlossen, ab sofort sollte am Ende jeder Saison der Meister in einem Duell der Sieger der NFL und der AFL ausgespielt werden. Ab 1970 schlossen sich die beiden einstigen Rivalen endgültig zu einer gemeinsamen Liga mit zwei Conferences, der AFC und der NFC, zusammen. Die große Ausgeglichenheit zwischen den beiden Ligen spiegelte sich auch in den Resultaten der ersten AFL-NFL World Championship Games wider: Nachdem die Green Bay Packers aus der NFL in den ersten beiden Finalspielen als Sieger vom Platz gegangen waren, setzten sich mit den New York Jets und den Kansas City Chiefs in den letzten beiden Jahren vor der Fusion Mannschaften aus der AFL durch. Hunt konnte somit doppelt zufrieden sein. Er hatte nicht nur einen Zusammenschluss mit der großen NFL erreicht, sein Team gewann auch einen der ersten nationalen Titel für die jüngere der beiden Ligen: Die Chiefs waren 1963 aus den Dallas Texans hervorgegangen.
Die Statue von Lamar Hunt vor dem Arrowhead Stadium
17 Super Bowl I
Die erste Ausgabe des großen Endspiels
Als erstes offizielles Spiel zwischen einem NFL- und einem AFL-Team brachte Super Bowl I 1967 zahlreiche Besonderheiten und Kuriositäten mit sich. Ein Beispiel: Als erstes Match überhaupt übertrugen mit CBS, das die NFL-Spiele zeigte, und NBC, wo die Spiele der AFL liefen, zwei Sender das Spiel simultan. Die ungewohnte Situation ging sogar so weit, dass sich CBS-Reporter Pat Summerall und NBCs George Ratterman bei der Übergabe der Trophäe nach dem Spiel tatsächlich ein und dasselbe Mikrofon teilen mussten. Des Weiteren wurde das Endspiel – aus heutiger Sicht geradezu unvorstellbar – mit zwei verschiedenen Bällen gespielt: Die Packers nutzten bei ihren Drives den in der NFL bewährten »Wilson The Duke«, während die Chiefs auf den AFL-Ball »Spalding J5V« zurückgriffen.
Aufgrund der besonderen Situation des ersten Aufeinandertreffens zwischen zwei Teams der beiden rivalisierenden Ligen stellte der Super Bowl ein enorm prestigeträchtiges Spiel dar. Besonders die Packers, die als Vertreter der NFL als der Favorit in der Begegnung angesehen wurden, verspürten einen enormen Druck auf ihren Schultern. CBS-Reporter Frank Gifford erinnerte sich später, dass Packers-Coach Vince Lombardi sich vor dem Spiel kaum auf den Beinen habe halten können und vor Nervosität gezittert habe wie ein Blatt. Doch selbst die als Außenseiter angesehenen Chiefs gingen hoch angespannt in das Match. »Sie hatten Todesangst. Einige haben sich noch in dem Spielertunnel übergeben müssen«, erzählte Kansas Citys Linebacker E. J. Holub.
Letztlich wurden die Packers ihrem Favoritenstatus gerecht: Nachdem die Chiefs das Spiel in der ersten Halbzeit noch überraschend eng gestalten konnten, gelangen Green Bay im zweiten Durchgang 21 Punkte in Serie, sodass das NFL-Team sich mit 35:10 zum ersten ligaübergreifenden Champion krönen konnte. Allzu lange musste Kansas City allerdings nicht auf seine Rache warten: Nur drei Jahre später gewannen die Chiefs den letzten Super Bowl vor der endgültigen Fusion der beiden Ligen.
Bart Starr, MVP von Super Bowl I, mit dem Ball
18 Jim Brown
Der wohl dominanteste Runner aller Zeiten
»Wenn Running Backs in einem Raum zusammenkommen, dann diskutieren sie nicht darüber, wer der beste [aller Zeiten] ist«, sagte Jim Brown einst. Was er nicht aussprach: Wir wissen doch ohnehin alle, dass ich es bin. Der Superstar der Cleveland Browns aus den 1960er-Jahren gilt nicht nur als der größte Runner seiner Zeit, viele halten ihn sogar für einen der besten Spieler, die jemals ein Footballfeld betreten haben. In nur neun Jahren in der NFL schaffte es Brown neunmal in den Pro Bowl, führte die Liga achtmal in Rushing Yards an und wurde dreimal zum MVP gewählt.
Statue von Jim Brown vor dem Stadion der Cleveland Browns
Bereits auf dem College stach Brown als herausragender Athlet hervor. Der Youngster war nicht nur ein dominanter Running Back, auch in Basketball, Leichtathletik und ganz besonders Lacrosse zählte er zu den besten Spielern seiner Schule. In der NFL benötigte er gerade einmal neun Spiele, um einen neuen Rekord für die meisten Rushing Yards in einer Partie aufzustellen, bereits in seinem zweiten Jahr brach er auch den Rekord für die meisten Rushing Yards in einer Saison. Als Brown seine Karriere 1970 – ein Jahr, nachdem er sich im Super Bowl erstmals zum Champion gekürt hatte –, beendete, hatte er die meisten Yards und Touchdowns in der Geschichte der Liga auf dem Konto. Und das, obwohl er zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 29 Jahre alt war.
Nach seiner aktiven Karriere begann für Brown eine erfolgreiche Zeit als Schauspieler. Wie viel zu viele andere ehemalige Footballstars sorgte allerdings auch er für zahlreiche negative Schlagzeilen abseits des Platzes: Brown wurde in mehreren Fällen Körperverletzung, häusliche Gewalt und sogar Vergewaltigung vorgeworfen. 2000 verbrachte er drei Monate im Gefängnis. Seinen Status als der wohl dominanteste Runner aller Zeiten hat der Hall-of-Famer dennoch bis heute behalten. »Brown sagte mir einst: Wenn dich jemand tackelt, dann sorge dafür, dass er sich daran erinnert, wie sehr dies geschmerzt hat«, verriet Colts-Tight-End John Mackey später. Man kann sich sicher sein: Browns Gegenspieler haben sich an ihn erinnert.
19 Air Coryell
Wie ein College-Coach den Football fundamental veränderte
Die Liste der großen Coaches in der Geschichte des American Football ist lang. Vince Lombardi, Bill Walsh und Bill Belichick sind nur eine kleine Auswahl der legendären Trainer, die jemals ein Footballfeld betreten haben. Ein Name, der allerdings fast nie in einer Reihe mit diesen bedeutenden Trainern genannt wird, ist Don Coryell. Selbst große Fans des Spiels haben teilweise nie von ihm gehört. Und das, obwohl nur wenige Personen im 20. Jahrhundert einen größeren Einfluss auf die Entwicklung des Spiels gehabt haben dürften als er. Um nachvollziehen zu können, wie es dazu kam, müssen wir mehr als ein halbes Jahrhundert zurückgehen.
In den 1960er-Jahren arbeitete Coryell als Head Coach der San Diego State University. Seine Teams waren stets erfolgreich, aber ein-, zwei- oder dreimal im Jahr mussten sich die Aztecs dann doch immer geschlagen geben. Die besten Athleten in Kalifornien entschieden sich Jahr für Jahr für die Konkurrenz von USC oder UCLA. Im physischen, von Running und Blocking geprägten Spiel, hatte Coryell mit den ihm zur Verfügung stehenden Spielern gegen die größeren Schulen schlicht keine Chance.
Don Coryell beim Training der San Diego Chargers

Coryell revolutioniert den Football
Doch der Status quo war für den ehemaligen Verteidiger nicht zu akzeptieren. Coryell wollte einen Weg finden, um auch ohne physische Dominanz seiner Spieler erfolgreich zu sein – und revolutionierte so die Art, wie Teams Football spielen. Er entwarf ein völlig neues Offensivsystem, das in erster Linie über den Pass funktionieren sollte – zu dieser Zeit außergewöhnlich. Coryell stellte oft vier Wide Receiver gleichzeitig auf und ließ diese in erster Linie vertikale Routen laufen. Der vielleicht revolutionärste Aspekt des gesamten Systems war allerdings die Terminologie: Coryell wies sowohl den Outside- als auch den Inside-Receivern jeweils neun Routen zu, die durchnummeriert wurden. Dementsprechend lauteten die Spielzüge seiner Teams schlicht und ergreifend 356 oder 989. Es war ein System, das durch seine Einfachheit bestach. »Du kannst jemandem das ganze Ding in zwei Tagen beibringen«, meinte Coryell selbst.
Der Erfolg war überwältigend: Mit den Aztecs gewann Coryell zwischen 1967 und 1969 31 Spiele in Serie und beendete drei Saisons ungeschlagen. Nach elf Jahren in San Diego zog es ihn schließlich in die NFL, wo er erst den St. Louis Cardinals und anschließend den San Diego Chargers mehrere Division-Titel bescherte. Mit Quarterback Dan Fouts führten die Chargers unter Coryell die NFL sechs Jahre in Serie in Passing Yards an.
Noch größer als all seine Erfolge auf dem College- und dem NFL-Level ist jedoch Coryells Vermächtnis: Die herausragende Offense der Dallas Cowboys mit Troy Aikman und Michael Irvin in den 1990er-Jahren spielte unter Norv Turner eine modifizierte Variante von Coryells Offensivsystem, Mike Martz, Architekt der »Greatest Show on Turf«, nannte Coryell einst den »Patenonkel des heutigen Passspiels«. Tatsächlich sind die Kernelemente von Coryells Spielzügen sowie seiner Terminologie noch heute Bestandteil zahlreicher Offensiven in der NFL. Sein Einfluss auf die Entwicklung des American Football kann kaum überschätzt werden. Und doch blieb dem Coach die gebührende Anerkennung stets verwehrt. Am 1. Juli 2010 verstarb Coryell im Alter von 85 Jahren – ohne jemals in die Pro Football Hall of Fame aufgenommen worden zu sein.
20 Die West Coast Offense
Bill Walsh erschafft eine neue Art Offensiv-Football
Die so genannte West Coast Offense zählt ohne Frage zu den bekanntesten Philosophien im American Football. Kaum eine Football-Übertragung vergeht, ohne dass das System von den Kommentatoren zumindest gestreift wird. Dabei hatte die vom legendären Bill Walsh entworfene Offense ursprünglich überhaupt nichts mit der US-amerikanischen Westküste zu tun. Tatsächlich beruht die Namensgebung des heute so allgegenwärtigen Systems auf nichts anderem als einer Verwechslung, wie Tim Layden in seinem Buch Blood, Sweat and Chalk aufzeigte: Bernie Kosar, Backup-Quarterback der Dallas Cowboys, bezeichnete die Cowboys Offense in einem Interview 1993 als West Coast Offense – allerdings spielte das Team damals etwas gänzlich anderes als das, was heute jedes Kind in den USA als West Coast Offense kennt. Dallas’ Offense hatte seine Wurzeln in den 1990ern in der Air-Coryell-Philosophie, die tatsächlich in San Diego, also an der Westküste, entwickelt worden war. Kosars Bezeichnung wurde in den Folgejahren jedoch unsauber übernommen und verbreitet.

Erfindung aus der Not heraus
Walshs West Coast Offense fand ihren Ursprung im Sommer 1969 in Cincinnati, mehr als 3000 Kilometer von der Westküste entfernt. Walsh arbeitete damals als relativ unerfahrener Assistenztrainer für die Bengals und war mit der aufregenden Aufgabe betraut worden, eine Offense rund um den hochtalentierten Rookie-Quarterback Greg Cook zu entwerfen. Das Problem: Der herausragende Athlet riss sich gleich in seinem ersten Jahr in der NFL die Rotatorenmanschette in der Schulter und startete nie wieder in einem Profispiel. Statt mit Cook musste Walsh plötzlich mit Virgil Carter, einem Quarterback, der nicht annähernd über die physischen Möglichkeiten seines Vorgängers verfügte und kaum einen Pass über 20 Yards anbringen konnte, vorliebnehmen. Aus der Not heraus entwarf der junge Trainer ein komplett neues Offensivsystem und revolutionierte den Football so beinahe von Grund auf. Wegen Carters mangelnder Armstärke setzten die Bengals als erstes Team überhaupt auf eine Offense, die vielmehr horizontal als vertikal funktionierte und den kurzen Pass dabei als ein elementares Mittel nutzte. Walsh installierte ein System, das stärker als jede Offense zuvor über Timing funktionierte. Er synchronisierte alle Routen der Receiver mit den Bewegungen des Quarterbacks und nutzte als erster Trainer überhaupt den Running Back als Passempfänger gegen den Blitz.

Walsh gewinnt dreimal den Super Bowl
Die Erfolge der West Coast Offense konnten sich zwar bereits früh sehen lassen, vollends eroberte Walsh die NFL allerdings erst in seiner Zeit als Head Coach in San Francisco – ironischerweise also doch an der Westküste. Die 49ers wählten gleich in Walshs erster Saison Joe Montana im NFL Draft aus und entwickelten sich zum besten Team ihrer Generation. Zwischen 1981 und 1988 zog Walsh mit seinem Team siebenmal in die Playoffs ein, gewann sechsmal die eigene Division und holte drei Super-Bowl-Titel.
Dass die West Coast Offense noch heute regelmäßig von Experten und Kommentatoren erwähnt wird, ist dabei kein Zufall: Wohl kaum ein Trainer konnte jemals einen derart beeindruckenden »Coaching-Stammbaum« vorweisen wie Walsh. Große Coaches wie Mike Shanahan oder Jon Gruden übernahmen Kernelemente von seinem System und gewannen selbst einen Super Bowl. Noch heute setzen zahlreiche NFL-Head-Coaches wie Gruden, Andy Reid oder Kyle Shanahan im Grundsatz auf die Ideen, die vor mehr als 50 Jahren von Walsh erdacht wurden. In Cincinnati. Nicht an der Westküste.
Bill Walsh mit Joe Montana an der Seitenlinie der San Francisco 49ers
21 Don Shula
Mehr als 30 Jahre unter den Besten der NFL
Als Carroll Rosenbloom, Besitzer der Baltimore Colts, 1963 den erst 33-jährigen Don Shula als neuen Head Coach seines Teams vorstellte, staunte die Sportwelt nicht schlecht. Shula war nicht nur der jüngste Trainer der Liga, bei den Colts traf er obendrein auf zahlreiche Spieler, unter anderem Star-Quarterback Johnny Unitas, mit denen er nur fünf Jahre zuvor noch gemeinsam auf dem Footballfeld gestanden hatte. Shula mochte nie ein besonders herausragender Spieler gewesen sein und seine Entscheidung daher als großes Wagnis angesehen werden, gab Rosenbloom zu. Doch er betonte auch: »Er hat sich immer von allem ein Bild gemacht, hat immer über Football geredet. Er wollte schon immer ein Coach sein.«

Frühe Super-Bowl-Niederlage
Rosenbloom sollte seinen Beschluss nicht bereuen: Shula führte die Colts gleich in seiner ersten Saison zu zwölf Siegen und dem Einzug ins NFL Championship Game, am Saisonende wurde er sogar zum Coach des Jahres gewählt. In den folgenden fünf Jahren gewann Baltimore stets mindestens acht Spiele und zählte zu den besten Teams der Liga. Ein Titel blieb Shula aber vorerst verwehrt: 1968 unterlag er in Super Bowl III den New York Jets, erst 1970, ausgerechnet der ersten Saison der Colts ohne Shula an der Seitenlinie, krönten sich Unitas und Co. zum NFL Champion. Doch: Shulas erfolgreichste Jahre sollten ihm noch bevorstehen.

25 Jahre Coach der Dolphins
In Miami formte er mit Beginn der 1970er-Jahre eines der dominantesten Teams aller Zeiten. Angeführt von einem starken Running Game, einer guten Offensive Line sowie einer der besten Defenses der Liga, zogen die Dolphins dreimal in Serie in den Super Bowl ein und gewannen diesen 1972 und 1973. Im ersten der beiden Jahre krönten sich die Dolphins zudem zum bis heute einzigen ungeschlagenen Champion der NFL-Geschichte. 25 Jahre lang blieb Shula Miamis Head Coach, das Team zählte Saison für Saison fast ausnahmslos zu den besseren Mannschaften der Liga – auch weil Shula stets mit der Zeit ging: In den 1980ern stellte er seine taktische Ausrichtung grundlegend um und richtete diese auf die Qualitäten seines neuen Star-Spielers Dan Marino aus. Plötzlich vertrauten die Dolphins auf eine Offense, die vornehmlich über den Pass, nicht durch den Run dominierte.

In Miami als Held verehrt
1983 stand die NFL kurz davor, ihren dienstältesten Coach zu verlieren. Donald Trump, damals Besitzer der New Jersey Generals in der USFL, lockte den Meistercoach mit einer Verzehnfachung seines Gehalts, Shula stand angeblich unmittelbar vor einer Unterschrift, als Trump Details der Vertragsverhandlungen an die Presse weitergab. Shula fühlte sich verraten und blieb trotz so mancher Differenzen mit Dolphins-Besitzer Joe Robbie in Miami. Die Stadt dankt es ihm bis heute: Unter anderem sind eine Autobahn und ein College Bowl Game in Miami nach Shula benannt, seit dem 31. Januar 2010 erinnert zudem eine Statue vor dem Stadion der Dolphins an sein Wirken. Noch heute hält der langjährige Trainer zahlreiche NFL-Rekorde, darunter die meisten Spiele und die meisten Siege eines Coaches in der Ligageschichte. Doch auch Shulas anhaltender Misserfolg in den ganz großen Spielen – seine zwei Super-Bowl-Siege vor fast 50 Jahren bilden die große Ausnahme – bleiben in Erinnerung. So hält der Hall-of-Famer auch einen wenig erstrebenswerten Rekord: Vier Super Bowls verlor Shula während seiner Karriere. Kein Coach unterlag häufiger in dem großen Finale.
Don Shula an der Seitenlinie der Dolphins
22 Die perfekte Saison
Als die Miami Dolphins ungeschlagen den Super Bowl gewannen
Gleich zweimal mussten sich die Miami Dolphins in ihrem Trainingslager im Sommer 1972 ihre schwerste Niederlage ansehen. Nachdem sie sich im Super Bowl den Dallas Cowboys hatten geschlagen geben müssen, schwor Head Coach Don Shula, den Titel in der darauffolgenden Saison nach Florida zu holen. Sein Team mit dieser Niederlage zu konfrontieren, war für ihn der erste Schritt zu diesem Ziel. Und er sollte erfolgreich sein.

Ein bis heute unerreichter Erfolg
Von 1970 bis 1974 bildeten die Dolphins die dominanteste Mannschaft ihrer Zeit. Sie zogen fünfmal in Folge in die Playoffs ein, gewannen drei Jahre hintereinander die AFC und 1972 und 1973 den Super Bowl. Ihren größten Erfolg stellte dabei ohne Zweifel der erste der beiden Titel dar: Es war die perfekte Saison. Miami gewann alle 14 Spiele der Regular Season, zog bis in den Super Bowl ein und setzte sich dort ultimativ gegen die Washington Redskins durch. Es war ein Triumph, der zuvor keinem Team in der Football-Geschichte gelungen war – und bis heute nicht wiederholt werden konnte. Die New England Patriots kamen diesem Ziel 2007 bislang am nächsten: Sie gewannen alle 16 Saisonspiele und zogen in den Super Bowl ein, nur um dort sensationell den New York Giants zu unterliegen.

Offensiv und defensiv dominant
Angeführt von einer dominanten Offensive Line mit zwei späteren Hall-of-Famern in Jim Langer und Larry Little sowie seinen herausragenden Running Backs Larry Csonka und Mercury Morris, die in dieser Saison beide für mehr als 1000 Yards liefen, walzte die Offense der Dolphins 1972 über ihre Gegner hinweg. Doch auch die Defense, die aufgrund ihres Schattendaseins hinter den Stars in der Offensive oft als No-Name-Defense tituliert wurde, zählte zu den besten der Liga. Als erstes Team überhaupt erzielten die Dolphins in einer Saison die meisten Punkte und ließen gleichzeitig die wenigsten zu.
Ins Weiße Haus, wo die Champions der großen Sportligen heutzutage standesgemäß empfangen werden, wurde Miami trotz seiner herausragenden Leistung nicht eingeladen – bis zum 20. August 2013, als Barack Obama dieses Versäumnis mehr als vier Jahrzehnte im Nachhinein nachholte. Obama, ein glühender Chicago-Anhänger, hatte das Bears-Team, das 1985 den NFL-Titel gewonnen hatte, wenige Jahre zuvor zum besten Team aller Zeiten gekürt. Beim Besuch der Dolphins musste der US-Präsident jedoch etwas zerknirscht eingestehen: Das beste Team aller Zeiten? Vielleicht war es doch nicht Chicago gewesen. Sondern Miami. In der perfekten Saison 1972.
Das Team der Dolphins von 1972 bei ihrem Besuch im Weißen Haus 2013
23 Roger Staubach und die Hail Mary
Wie ein Quarterback einen bis dahin unbekannten Begriff prägte
Roger Staubach zählt im Jahr 2020 wohl zu den populärsten Quarterbacks, die jemals in der NFL spielten. Er gewann am College bei den Navy Midshipmen die Heisman-Trophäe für den besten Spieler, zog fünfmal in den Super Bowl ein, gewann diesen zweimal und wurde von Medien und Fans aufgrund zahlreicher Last-Minute-Siege in der NFL »Captain Comeback« getauft.

»Captain Comeback« schlägt erneut zu
Es ist somit kein Zufall, dass sich auch Staubachs berühmtester Moment auf einem NFL-Feld in den letzten Sekunden eines knappen Sieges seiner Dallas Cowboys ereignete. Im Divisional-Playoff-Spiel gegen die Minnesota Vikings lagen die Cowboys 1975 wenige Sekunden vor dem Ende mit 10:14 zurück. Staubach feuerte einen 50-Yard-Pass auf Wide Receiver Drew Pearson, der sich kurz vor der Endzone physisch gegen Gegenspieler Nate Wright durchsetzte, den Ball fing und die wenigen verbleibenden Meter zum Touchdown in die Endzone trug. Die Cowboys gingen mit 17:14 in Front, Dallas gewann und zog wenige Wochen später einmal mehr in den Super Bowl ein.

»Einfach nur eine Hail Mary aufgesagt«
Seinen geradezu legendären Status erhielt Staubachs Pass allerdings erst durch dessen Erklärung nach dem Spiel: »Ich habe einfach nur den Ball in die Luft geworfen, die Augen geschlossen und eine Hail Mary (auf Deutsch: Ave Maria) aufgesagt«, schilderte der gläubige Katholik die Geschehnisse im Anschluss an das spektakuläre Spiel. Der Hail-Mary-Pass war somit geboren. Noch heute zählt die Hail Mary als Bezeichnung für die langen Pässe in den letzten Sekunden eines Spiels oder einer Halbzeit zum Standard-Vokabular eines jeden Footballkommentators oder -fans. Staubach mag zwar nicht die erste Person gewesen sein, die diesen Begriff jemals in einer solchen Situation nutzte, doch er war es, der diesem zu seiner enormen Bekanntheit verhalf und ihn als festen Begriff im Football etablierte.
Ob sein Pass auch in der heutigen NFL hätte erfolgreich sein können, wurde der ehemalige Quarterback viele Jahre später gefragt. Eher nicht, glaubt Staubach: »Die Vorbereitungen, um eine Hail Mary zu verteidigen, sind heute ganz anders. Als Drew den Ball gefangen hat, war überhaupt niemand anderes in der Nähe«, so der Hall-of-Famer. Der einzige Quarterback, der es selbst in der modernen NFL geradezu regelmäßig vermag, erfolgreiche Hail Marys zu werfen, ist Aaron Rodgers. »Er ist es, den wir heute ›Mr. Hail Mary‹ nennen sollten«, meint Staubach. Ein nicht zu unterschätzendes Kompliment. Staubach weiß, wovon er spricht.
Roger Staubach setzt bei einem Spiel seiner Cowboys zum Pass an.
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