Read the book: «Dublin»

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James Joyce

Dublin

NOVELLEN

Übersetzt Georg Goyert

Saga

Dublin ÜbersetztGeorg Goyert Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1914, 2020 James Joyce und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726642827

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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DIE SCHWESTERN

Diesmal gab’s für ihn keine Hoffnung mehr: es war der dritte Anfall. Jeden Abend war ich am Hause vorbeigegangen – (es war Ferienzeit) – und hatte das erhellte Fensterviereck beobachtet; und jeden Abend war es in der gleichen Weise erhellt gewesen, schwach und gleichmäßig. Wenn er tot wäre, so dachte ich, würde ich Kerzenschein auf dem dunklen Vorhang sehen, denn ich wußte, daß man zu Häupten einer Leiche zwei Kerzen aufstellen muß. Oft hatte er zu mir gesagt: Lange mache ich’s nicht mehr mit, und ich hatte geglaubt, seine Worte seien leeres Gerede. Jetzt aber wußte ich, daß sie wahr waren. Jeden Abend, wenn ich nach dem Fenster hinaufblickte, sagte ich leise das Wort Paralyse vor mich hin. Es hatte immer so seltsam in meinen Ohren geklungen, genau so wie das Wort Gnomon bei Euklid und das Wort Simonie im Katechismus. Jetzt aber klang es mir wie der Name eines boshaften, teuflischen Wesens. Es füllte mich mit Furcht und doch trieb es mich, ihm näher zu sein, sein tödliches Werk zu sehen. Als ich zum Abendessen nach unten kam, saß der alte Cotter am Feuer und rauchte. Während meine Tante meinen Haferbrei auf den Teller füllte, sagte er, als käme er auf eine vorher gemachte Bemerkung zurück:

»Nein, ich will nicht grade behaupten, daß er . . . aber etwas stimmte da nicht . . . hatte so was Unheimliches. Ich will euch sagen, was ich meine . . .« Er begann an seiner Pfeife zu saugen und legte sich im Geiste zweifellos seine Meinung zurecht. Langweiliger, alter Narr! Als wir ihn kennenlernten, war er meist ziemlich interessant, redete von Ohnmachten und Würmern; aber ich bekam ihn und seine endlosen Geschichten über Destillation bald leid. »Ich habe darüber so meine eigene Theorie«, sagte er. »Ich meine, es war einer von diesen . . . besonderen Fällen . . . Ja, das ist nicht so leicht zu sagen . . .«

Wieder sog er an seiner Pfeife, ohne uns aber seine Theorie wissen zu lassen. Mein Onkel sah, wie ich ihn anstarrte, und sagte zu mir:

»Ja, nun ist dein alter Freund nicht mehr; das tut dir sicher sehr leid.«

»Wer?« sagte ich.

»Pater Flynn.«

»Ist er tot?«

»Herr Cotter hat es uns eben erzählt. Er ist am Hause vorbeigegangen.«

Ich wußte, daß man mich beobachtete, und so aß ich denn ruhig weiter, als hätte mich die Nachricht gar nicht interessiert. Mein Onkel sagte zu dem alten Cotter: »Der Junge und er waren nämlich große Freunde. Der Alte hat ihm allerlei beigebracht; er soll ihn sehr gerne gehabt haben.«

»Gott sei seiner Seele gnädig«, sagte fromm meine Tante. Der alte Cotter sah mich kurze Zeit an. Ich fühlte, daß seine kleinen, schwarzen, runden Augen mich prüfend musterten; aber ich wollte ihm den Gefallen nicht tun, von meinem Teller aufzusehen. Er beschäftigte sich wieder mit seiner Pfeife und spuckte dann frech ins Feuer.

»Ich litte es nicht«, sagte er, »daß meine Kinder zu viel mit so einem zusammen wären.«

»Wie meinen Sie das, Herr Cotter?« fragte meine Tante.

»Nun, ich meine«, entgegnete der alte Cotter, »daß das nichts für Kinder ist. Meine Ansicht ist folgende: ein Junge soll rumlaufen und mit gleichaltrigen Jungens spielen und nicht . . . habe ich nicht recht, Jack?«

»Das ist auch mein Grundsatz«, sagte mein Onkel. »Boxen soll er lernen. Das predige ich diesen Rosenkreuzern hier schon lange: soll turnen. Ja, als ich so’n Junge war, wurde jeden Morgen, ob Sommer oder Winter, kalt gebadet. Und deshalb bin ich jetzt auch so gesund. Bildung ist ja ganz schön und gut . . . Vielleicht nimmt Herr Cotter ein Stück von der Hammelkeule«, sagte er dann zu meiner Tante.

»Nein, nein, nur keine Umstände«, sagte der alte Cotter.

Meine Tante nahm die Schüssel aus dem Büfett und stellte sie auf den Tisch.

»Aber warum scheint Ihnen, Herr Cotter, das nicht gut für Kinder?« fragte sie.

»Es ist für Kinder schädlich«, sagte der alte Cotter, »weil ihr Geist so empfänglich ist. Wenn Kinder so was sehen, verstehen Sie, dann wirkt das . . .«

Ich stopfte mir Haferbrei in den Mund, weil ich. sonst vor Wut losgeplatzt wäre. Alter, langweiliger, rotnasiger Schafskopf!

Es war spät, als ich einschlief. Wenn ich auch auf den alten Cotter wütend war, daß er mich als Kind behandelte, zermarterte ich mir den Kopf, den Sinn seiner unvollendeten Sätze zu ergründen. In der Dunkelheit meines Zimmers glaubte ich, das schwere, graue Gesicht des Gelähmten wiederzusehen. Ich zog mir die Decke über den Kopf und versuchte an Weihnachten zu denken. Aber das graue Gesicht ließ mich nicht los. Es sprach ganz leise; und ich begriff, daß es etwas beichten wollte. Ich fühlte, wie meine Seele zurückwich an einen Ort der Lust und des Lasters, aber auch hier wartete es wieder auf mich. Mit leiser Stimme fing es an, mir zu beichten, und ich wunderte mich, warum es immer lächelte und warum die Lippen so speichelfeucht waren. Aber dann fiel mir ein, daß er an Paralyse gestorben war, und ich fühlte, daß auch ich leicht lächelte, als wollte ich den Simonisten von seiner Sünde lösen.

Am nächsten Morgen ging ich gleich nach dem Frühstück hinaus und beobachtete das kleine Haus in der Great Britain Street. Ein anspruchsloser Laden mit dem alles und nichts besagenden Schild: Weißwaren. Die Weißwaren bestanden hauptsächlich aus wollenen Kinderschuhen und Regenschirmen; sonst hing immer ein Schild im Fenster, auf dem stand: Hier werden Regenschirme neu überzogen. Jetzt aber war von einem Schilde nichts zu sehen, denn die Fensterläden waren zu. Mit Bändern war am Türklopfer ein Trauerbukett befestigt. Zwei arme Frauen und ein Telegrammbote lasen die Karte, die mit einer Nadel an den Flor gesteckt war. Ich trat auch näher und las:

1. Juli 1895.

Ehrwürden James Flynn (früher tätig an der St.-Katharinen-Kirche Meath Street), im Alter von

65 Jahren.

R. I. P.

Als ich die Karte gelesen hatte, war ich überzeugt, daß er tot war, und diese Tatsache verwirrte mich. Wäre er nicht tot gewesen, wäre ich in das kleine, dunkle Zimmer hinter dem Laden gegangen und hätte ihn dort, fest in den dicken Mantel gehüllt, im Lehnstuhl neben dem Feuer sitzend gefunden. Vielleicht hätte mir meine Tante ein Paket High Toast für ihn mitgegeben, und dieses Geschenk hätte ihn vielleicht aus seinem blöden Dösen geweckt. Ich leerte immer das Paket in seine schwarze Schnupftabakdose, denn seine Hände zitterten zu sehr, als daß er dies hätte tun können, ohne die Hälfte des Schnupftabaks zu verschütten. Immer wenn er seine große, zitternde Hand an die Nase hob, rieselten kleine Staubwolken durch seine Finger herab auf die Vorderseite seines Mantels. Vielleicht kam die blaßgrüne Farbe seiner alten Priesterkleider von diesem dauernden Schnupftabakregen, denn das rote, von den Schnupftabakflecken einer Woche immer schwarze Taschentuch, mit dem er die heruntergefallenen Krümchen wegzuwischen versuchte, war ganz wirkungslos.

Gerne wäre ich hineingegangen, ihn zu sehen, aber ich hatte nicht den Mut zu klopfen. Langsam ging ich auf der Sonnenseite der Straße weiter und las im Vorübergehen alle Theaterzettel in den Ladenfenstern. Ich fand es seltsam, daß weder ich noch der Tag traurig zu sein schien, und ich ärgerte mich sogar, als ich in mir so etwas wie ein Gefühl der Freiheit entdeckte, als wäre ich durch seinen Tod von etwas befreit worden. Das erstaunte mich sehr, denn er hatte mir doch, wie mein Onkel am Abend vorher gesagt hatte, allerhand beigebracht. Er hatte auf dem irischen Kolleg in Rom studiert und mich eine korrekte lateinische Aussprache gelehrt. Er hatte mir Geschichten über die Katakomben und über Napoleon Bonaparte erzählt, hatte mir die Bedeutung der verschiedenen Zeremonien bei der Messe erklärt und die der verschiedenen Kleider, die der. Priester trägt. Manchmal hatte er sich den Spaß gemacht, mir schwierige Fragen zu stellen, hatte mich dann gefragt, was man unter den und den Umständen tun müßte, ob die oder die Sünden Todsünden, Erlassungssünden oder nur Unvollkommenheiten wären. Seine Fragen zeigten mir, wie komplex und geheimnisvoll gewisse Institutionen der Kirche waren, in denen ich immer nur die einfachsten Handlungen gesehen hatte. Die Pflichten des Priesters der Eucharistie und dem Beichtgeheimnis gegenüber schienen mir so schwer, daß ich mich verwundert fragte, wie nur jemand den Mut in sich fände, sie zu übernehmen; und ich war nicht erstaunt, als er mir erzählte, die Kirchenväter hätten Bücher geschrieben, die wären so dick wie das Post Office Directory und so eng gedruckt wie die Prozeßnachrichten in der Zeitung, und in ihnen würden all diese Fragen behandelt. Wenn ich hieran dachte, konnte ich oft keine oder nur eine sehr dumme oder langsame Antwort geben, bei der er immer lächelte und zwei- oder dreimal nickte. Manchmal jagte er mich durch die Responsorien der Messe, die er mich hatte auswendig lernen lassen, und wenn ich stotterte, lächelte er immer nachdenklich und nickte mit dem Kopf, schob dann und wann große Prisen erst in das eine, dann in das andere Nasenloch. Wenn er lächelte, zeigte er seine großen, mißfarbenen Zähne und ließ dabei seine Zunge auf der Unterlippe liegen, eine Gewohnheit, die in mir zu Anfang unserer Bekanntschaft, als ich ihn noch nicht richtig kannte, ein Gefühl des Unbehagens auslöste. Während ich so in der Sonne einherging, fielen mir die Worte des alten Cotter ein, und ich versuchte, mich auf das, was sich hinterher im Traume ereignet hatte, zu besinnen. Ich erinnerte mich, daß ich lange Samtvorhänge und eine schwingende Lampe von altertümlicher Form gesehen hatte. Ich fühlte, daß ich sehr weit fort, in irgendeinem Lande gewesen war, wo die Sitten so seltsam waren – in Persien, glaubte ich . . .

Aber auf das Ende des Traumes konnte ich mich nicht besinnen. Am Abend nahm mich meine Tante mit in das Trauerhaus. Es war nach Sonnenuntergang; die Fensterscheiben der Häuser, die nach Westen sahen, strahlten das gelbe Gold einer großen Wolkenbank wider. Nannie empfing uns im Flur; und da es wenig passend gewesen wäre, laut mit ihr zu sprechen, drückte meine Tante ihr nur die Hand. Fragend zeigte die alte Frau nach oben, und als meine Tante nickte, ging sie müde vor uns her die enge Treppe hinauf, wobei ihr gebeugter Kopf kaum über das Geländer ragte. Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen, winkte uns ermutigend zu und führte uns dann an die offene Tür des Sterbezimmers. Meine Tante trat ein, und als die alte Frau sah, daß ich zögerte, einzutreten, winkte sie mir mit der Hand wiederholt zu. Auf den Zehen trat ich ein. Durch das Spitzenende des Vorhangs strömte dunkelgoldenes Licht in den Raum, in dem die Kerzen wie blasse, dünne Flammen aussahen. Er war schon eingesargt. Nannie kniete am Fuße des Bettes nieder, wir taten dasselbe. Ich tat so, als ob ich betete, aber ich konnte meine Gedanken nicht sammeln, weil mich das Gemurmel der alten Frau störte. Ich sah, daß ihr Kleid auf dem Rücken unordentlich zugehakt und die Hacken ihrer Zeugschuhe ganz schief getreten waren. Ich meinte die ganze Zeit, der alte Priester lächle, während er da in seinem Sarge lag.

Aber nein. Als wir aufstanden und an das Kopfende des Bettes traten, sah ich, daß er nicht lächelte. Er lag da, feierlich und dick, gekleidet, als stünde er vor dem Altar, leicht hielten seine großen Hände einen Kelch. Fürchterlich sein Gesicht, grau und massig, mit schwarzen, höhlenartigen Nasenlöchern, von einem dünnen, weißen Pelz umgeben. Schwerer Duft hing irn Zimmer – die Blumen.

Wir schlugen das Zeichen des Kreuzes und gingen dann. In dem kleinen Zimmer unten saß Elisa würdig in seinem Lehnstuhl. Langsam tastete ich mich nach meinem gewohnten Stuhl in der Ecke, während Nannie ans Büfett ging und eine Karaffe mit Sherry und einige Weingläser herausnahm. Sie stellte alles auf den Tisch und lud uns ein, ein Gläschen Wein zu trinken. Dann goß sie auf Aufforderung ihrer Schwester den Sherry in die Gläser und reichte sie uns. Sie quälte mich, doch einige Biskuits zu nehmen, aber ich wollte nicht, weil ich meinte, ich verursachte beim Essen zu viel Geräusch. Meine Weigerung schien sie ein wenig zu enttäuschen; sie ging ruhig nach dem Sofa, das hinter ihrer Schwester stand, und setzte sich. Niemand sprach: wir sahen alle in den leeren Kamin. Meine Tante wartete, bis Elisa seufzte, und sagte dann:

»Ah ja, nun ist er in eine bessere Welt eingegangen.«

Elisa seufzte wieder und senkte zustimmend den Kopf. Meine Tante spielte mit dem Fuße ihres Weinglases, bevor sie einen Schluck nahm. »Ist er . . . ruhig?« fragte sie.

»O, ganz ruhig«, sagte Elisa. »Man könnte nicht sagen, wann er den letzten Atemzug tat. Er hatte einen schönen Tod. Gott sei Dank.«

»Und alles . . .?«

»Pater O’Rourke hat ihn am Dienstag noch besucht, ihm die letzte Ölung gegeben und ihn wohl vorbereitet.«

»So wußte er also?«

»Er war ganz ergeben.«

»Er sieht auch ganz ergeben aus«, sagte meine Tante.

»Das sagte auch die Frau, die ihn gewaschen hat. Sie sagte, er sähe aus, als wenn er schliefe, so friedlich und ergeben sah er aus. Niemand hätte geglaubt, daß er mal eine so schöne Leiche sein würde.«

»Ja, wirklich«, sagte meine Tante.

Sie nahm einen etwas größeren Schluck und sagte dann:

»Ja, Fräulein Flynn, auf alle Fälle muß der Gedanke, daß Sie alles für ihn getan haben, was Sie konnten, ein großer Trost für Sie sein. Sie waren doch beide sehr freundlich zu ihm.«

Elisa strich ihr Kleid über den Knien glatt.

»Ach, der arme James«, sagte sie. »Der liebe Gott weiß, daß wir alles getan haben, was wir konnten, so arm wir auch waren; solange er lebte, sollte ihm wenigstens nichts fehlen.« Nannie hatte den Kopf gegen das Sofakissen gelehnt und schlief fast ein.

»Sehen Sie nur mal die arme Nannie«, sagte Elisa und sah hin zu ihr, »sie ist ganz kaputt. Haben wir beide eine Arbeit gehabt! Zuerst die Leichenwäscherin und dann das Ankleiden und dann den Sarg und dann die Besprechung wegen der Messe in der Kapelle. Hätte Pater O’Rourke uns nicht geholfen, ich weiß nicht, wie wir fertig geworden wären. Er hat uns alle Blumen und die beiden Kerzenleuchter aus der Kapelle besorgt, er hat auch die Anzeige für den Freeman’s General aufgesetzt und alle Papiere für die Beerdigung und die Versicherung des armen James beschafft.«

»Das war wirklich nett von ihm«, sagte meine Tante. Elisa schloß die Augen und bewegte langsam den Kopf.

»Ach ja, alte Freunde sind doch immer die besten«, sagte sie, »ich meine Freunde, auf die man sich wirklich verlassen kann.«

»Ja, da haben Sie recht«, sagte meine Tante. »Und ich bin sicher, daß er jetzt, wo er seinen Lohn in der Ewigkeit empfangen hat, weder Sie noch alle Ihre Freundlichkeit ihm gegenüber vergessen wird.«

»Ach, der arme James«, sagte Elisa. »Er war uns wirklich nicht beschwerlich. Man merkte von ihm nicht mehr im Hause als jetzt. Aber, ich weiß es ja, daß er nun fort ist, und zwar . . .«

»Erst wenn alles vorbei ist, werden Sie ihn vermissen«, sagte meine Tante.

»Das weiß ich«, sagte Elisa. »Nun bringe ich ihm seine Bouillon nicht mehr, und Sie schicken ihm keinen Schnupftabak mehr. Ach, der arme James.« Sie hielt inne, als beschäftige sie sich mit der Vergangenheit, und sagte dann fast verschmitzt: »Denken Sie mal an, ich habe es doch gemerkt, daß in der letzten Zeit was Seltsames mit ihm vorging. Jedesmal, wenn ich ihm seine Suppe hineinbrachte, lag er zurückgelehnt mit offenem Mund im Sessel, und sein Brevier war auf die Erde gefallen.«

Sie legte einen Finger an die Nase, runzelte die Brauen; dann fuhr sie fort:

»Aber immer wieder sagte er, ehe der Sommer vorüber wäre, möchte er an einem schönen Tage nach Irishtown rausfahren, unser altes Geburtshaus nochmal sehen und mich und Nannie mitnehmen. Wenn wir für den Tag nur billig einen von den neumodischen Wagen kriegen könnten, von denen Pater O’Rourke ihm erzählt hätte, die so leise und leicht fahren, daß der Rheumatismuskranke nichts davon merkt– bei Johnny Rush, grade gegenüber gäb’s solche, sagte er, dann wollten wir alle drei an einem Sonntagnachmittag mal rausfahren. Davon redete er immer wieder . . . Der arme James.«

»Der Herr sei seiner Seele gnädig«, sagte meine Tante.

Elisa zog ihr Taschentuch heraus und wischte sich damit die Augen. Dann steckte sie es wieder ein und sah ohne zu sprechen einige Zeit in den leeren Kamin.

»Er war immer zu gewissenhaft«, sagte sie. »Die Pflichten der Priesterschaft waren für ihn zu schwer. Und dann war sein Leben, das kann man wohl sagen, auch nicht so einfach.«

»Ja«, sagte meine Tante. »Er war ein Mann, der seine Enttäuschungen gehabt hat. Das sah man ihm an.«

Im Schutze des Schweigens, das sich über das kleine Zimmer senkte, näherte ich mich dem Tisch, probierte meinen Sherry und kehrte dann ruhig auf meinen Stuhl in der Ecke zurück. Elisa schien in tiefe Träumerei versunken. Wir warteten respektvoll, daß sie das Schweigen bräche; und nach einer langen Pause sagte sie langsam:

»Der Kelch, den er zerbrach . . . Damit fing’s an. Natürlich sagte man, das wäre weiter nicht schlimm, ich meine, daß er leer war. Aber immerhin . . . Der Knabe soll ja schuld haben. Aber der arme James war so nervös, Gott sei ihm gnädig.«

»Und wie war’s denn eigentlich?« sagte meine Tante. »Ich habe wohl so allerhand gehört . . .«

Elisa nickte.

»Das hat ihn doch schwer getroffen«, sagte sie. »Hernach wurde er so schweigsam, redete mit niemandem und lief allein umher. Eines Abends wurde er gerufen, war aber nirgendwo zu finden. Das ganze Haus wurde abgesucht, von oben bis unten, nirgendwo war auch nur eine Spur von ihm zu entdecken. Da sagte der Küster, man sollte mal in der Kapelle nachsehen. Man holte die Schlüssel und öffnete die Kapelle, und der Küster und Pater O’Rourke und noch ein Priester, der da war, holten ein Licht, um ihn zu suchen . . . Und was glauben Sie, wo er war? Ganz allein saß er im Dunkeln, in seinem Beichtstuhl, halbwach, und schien leise vor sich hin zu lächeln.« Plötzlich war sie still, als lausche sie. Ich horchte auch; aber im Hause war kein Laut zu hören: und ich wußte, daß der alte Priester noch in seinem Sarge lag, wie wir ihn gesehen hatten, feierlich und schrecklich im Tode, einen leeren Kelch auf der Brust.

Elisa wiederholte:

»Halbwach und schien leise vor sich hin zu lächeln. Als sie das sahen, glaubten sie natürlich, daß es nicht ganz mit ihm stimmte . . .«

EINE BEGEGNUNG

Joe Dillon machte uns mit dem Wildwest bekannt. Er hatte eine kleine Bibliothek, die aus alten Nummern des Union Jack, Pluck und Half Penny Marvel bestand. Jeden Abend nach der Schule trafen wir uns in seinem Garten hinter dem Hause und veranstalteten Indianerkämpfe. Er und sein junger Bruder, der fette, faule Leo, verteidigten den Speicher über dem Stall, während wir ihn zu stürmen versuchten; oder wir schlugen eine regelrechte Schlacht auf dem Rasen. Aber so tapfer wir auch kämpften, nie gewannen wir bei der Belagerung oder in der Schlacht, und unsere Kämpfe endeten immer mit einem Siegestanz von Joe Dillon.

Jeden Morgen gingen seine Eltern in die Acht-Uhr-Messe in der Gardiner Street, und der Flur des Hauses duftete nach der friedlichen Frau Dillon. Für uns, die wir jünger und ängstlicher waren, spielte er zu wild. Er sah wirklich aus wie ein Indianer, wenn er mit einer alten Teemütze auf dem Kopf durch den Garten sprang, wobei er mit der Faust auf eine Blechdose schlug und schrie:

»Ya! yaka, yaka, yaka!«

Jeder schüttelte ungläubig den Kopf, wenn erzählt wurde, er wolle Priester werden. Aber deshalb war es doch wahr. Ein Geist der Zuchtlosigkeit war bei uns eingeschlichen, und sein Einfluß ließ die Unterschiede der Bildung und des Temperaments verschwinden. Wir scharten uns zusammen, einige in frechem Übermut, andere aus Spaß und wieder andere aus Angst; und zu diesen letzteren, den Indianern wider Willen, die sich fürchteten, als Streber oder Angsthasen angesehen zu werden, gehörte auch ich. Die Abenteuer, die in der Literatur des Wildwest berichtet wurden, lagen mir gar nicht, aber schließlich öffneten sie mir Tore, durch die ich entwischen konnte. Viel besser gefielen mir gewisse amerikanische Detektivgeschichten, in denen dann und wann ungekämmte, wilde und schöne Mädchen vorkamen. Wenn auch nichts Schlimmes in diesen Geschichten passierte und ihre Absicht manchmal literarisch war, wurden sie in der Schule doch nur heimlich weitergegeben. Eines Tages, als Pater Butler die vier Seiten römische Geschichte abhörte, fiel der ungeschickte Leo Dillon mit einer Nummer des Half Penny Marvel auf.

»Diese Seite oder diese Seite? Diese Seite? Nun, Dillon, du! Kaum war der Tag . . . Weiter! Welcher Tag? Kaum war der Tag angebrochen . . . Hast du gelernt? Was hast du denn da in der Tasche?«

Wir bekamen alle Herzklopfen, als Leo Dillon ihm das Heftchen reichte, und machten alle ein unschuldiges Gesicht. Pater Butler schlug die Seiten um, runzelte die Stirn.

»Was ist denn das für Zeug?« sagte er. »Der Apachenhäuptling!So was also liesest du, anstatt deine römische Geschichte zu lernen! Daß ich in der Schule nie wieder solches Dreckzeug finde! Wer so was schreibt, kann nur ein ganz elender Kerl sein, der sich mit seinem Mist ein paar Saufgroschen verdienen will. Ich bin überrascht, daß so gebildete Jungen wie ihr solchen Dreck lesen. Ich könnte das verstehen, wenn ihr in . . . die National School ginget. Also, Dillon, das rate ich dir allen Ernstes, setz’ dich auf die Hosen, oder . . .«

Dieser Tadel während der trockenen Schulstunde ließ in meinen Augen den Glanz des Wildwest verblassen, und Leo Dillons verwirrtes, aufgedunsenes Gesicht brachte mich etwas zur Selbstbesinnung. Als aber der hemmende Einfluß der Schule hinter mir lag, hungerte ich wieder nach wilden Sensationen, nach einem Entrinnen, was mir beides nur diese wilden Geschichten zu geben vermochten. Die abendlichen Kriegsspiele waren mir schließlich ebenso langweilig wie der morgendliche Betrieb in der Schule; ich sehnte mich nach wirklichen Abenteuern. Aber wirkliche Abenteuer, so überlegte ich, erleben die nicht, die zu Hause bleiben: man muß sie draußen suchen. Die Sommerferien standen vor der Tür, als ich mich entschloß, wenigstens für einen Tag der Öde des Schullebens zu entfliehen. Mit Leo Dillon und einem andern Jungen namens Mahony plante ich ein eintägiges Schwänzen. Jeder von uns sparte sich Sixpence. Um zehn Uhr morgens wollten wir uns auf der Canal Bridge treffen. Mahonys große Schwester sollte für diesen eine Entschuldigung schreiben, und Leo Dillons Bruder sollte bestellen, er sei krank. Wir verabredeten, die Wharf Road hinunterzugehen bis zu den Schiffen; dort wollten wir mit der Fähre übersetzen und zum Pigeon House wandern. Leo Dillon hatte Angst, wir könnten Pater Butler oder sonst jemandem aus dem College begegnen; aber Mahony fragte ganz richtig, was Pater Butler denn wohl beim Pigeon House zu suchen hätte. Wir beruhigten uns wieder: und ich erledigte den ersten Teil der Verschwörung, indem ich von den beiden andern die Sixpence einsammelte und ihnen auch mein eigenes Sixpencestück zeigte. Als wir am Abend die letzten Vorbereitungen trafen, waren wir alle doch ein bißchen aufgeregt. Lachend schüttelten wir einander die Hände, und Mahony sagte: »Na, dann also bie morgen!«

Diese Nacht schlief ich schlecht. Am Morgen war ich der erste an der Brücke, da ich ihr am nächsten wohnte. Ich versteckte meine Bücher in dem langen Grase neben der Abfallgrube am Ende des Gartens, wo nie jemand hinkam, und lief dann am Kanalufer entlang. Es war ein milder, sonniger Morgen in der ersten Juniwoche. Ich setzte mich auf das Brückensims, bewunderte meine dünnen Zeugschuhe, die ich am Abend vorher mit Pfeifenton geweißt hatte, und beobachtete die willigen Pferde, die einen ganzen Wagen voll Arbeiter den Hügel hinaufzogen. Alle Zweige der großen Bäume, die am Rande der Straße standen, waren voll lustiger, kleiner, hellgrüner Blätter, und schräg fiel das Sonnenlicht durch sie herab auf das Wasser. Der Granit der Brücke fing an, warm zu werden, und ich trommelte darauf zu einer Melodie, die ich im Kopfe hatte, den Takt. Ich war sehr glücklich.

Als ich fünf bis zehn Minuten so dagesessen hatte, sah ich Mahony in seinem grauen Anzug näher kommen. Lächelnd kam er den Hügel herauf und kletterte neben mich auf die Brücke. Während wir warteten, zog er die Schleuder hervor, die aus der inneren Tasche herausguckte, und erklärte mir einige Verbesserungen, die er an ihr angebracht hatte.

Ich fragte ihn, warum er sie mitgenommen hätte, und er erklärte mir, er wolle nur mit den Vögeln so’n bißchen Blödsinn machen. Mahony gebrauchte gerne Straßenausdrücke und nannte Pater Butler immer nur den alten Wanst. Wir warteten noch eine Viertelstunde, aber von Leo Dillon war immer noch nichts zu sehen. Schließlich sprang Mahony runter und sagte:

»Los! Wußte ja, daß der Dicke Schiß hatte.«

»Und seine Sixpence?« sagte ich.

»Sind verfallen«, sagte Mahony. »Um so besser für uns – ein Shilling und Sixpence anstatt eines Shillings.«

Wir gingen die North Strand Road entlang, bis wir an die Vitriolwerke kamen, und wandten uns dann nach rechts, die Wharf Road entlang. Sobald uns niemand mehr sehen konnte, fing Mahony an, Indianer zu spielen. Er jagte hinter einer Schar zerlumpter Mädchen her, schwang seine ungeladene Schleuder, und als zwei zerlumpte Jungens aus Ritterlichkeit anfingen, uns mit Seinen zu werfen, schlug er einen Angriff auf sie vor. Ich entgegnete, die Jungen wären zu klein, und so gingen wir denn weiter, während die zerlumpte Schar hinter uns herrief: Evangelische Ratten, denn sie hielten uns für Protestanten, weil Mahony, der eine dunkle Gesichtsfarbe hatte, an seiner Mütze das silberne Abzeichen eines Kricketklubs trug. Als wir an das Smoothing Iron kamen, spielten wir Belagerung; aber es war ein Fehlschlag, weil dazu doch mindestens drei nötig sind. Wir rächten uns an Leo Dillon, schimpften ihn einen ganz gemeinen Schisser und rieten, wieviel er um drei Uhr von Herrn Ryan übergezogen bekommen würde.

Dann kamen wir an den Fluß. Lange gingen wir über die lärmenden Straßen, die hohe Steinmauern einfaßten, beobachteten das Arbeiten der Kräne und Maschinen und wurden oft von den Kutschern ächzender Wagen angeschrien, weil wir so unbeweglich im Wege standen.

Es war Mittag, als wir die Kais erreichten, und da alle Arbeiter zu frühstücken schienen, kauften wir zwei große Korinthenbrötchen und setzten uns, um sie zu essen, auf ein Metallrohr neben dem Fluß. Wir erfreuten uns am Anblick des Dubliner Handels: von weither kündigten sich die Schiffe durch ihren krausen, wolligen Rauch an, die braune Fischerflotte fuhr jenseits Ringsend, und am gegenüberliegenden Kai wurde das große, weiße Segelschiff ausgeladen. Mahony meinte, es wäre ein herrlicher Spaß, auf einem der großen Schiffe durchzubrennen, und als ich die hohen Masten betrachtete, sah oder glaubte sogar ich zu sehen, wie die Geographie, die ich in so kleinen Dosen in der Schule verabreicht bekommen hatte, in meinen Augen Substanz annahm. Schule und Haus schienen zurückzuweichen und beider Einfluß auf uns zu schwinden.

Mit der Fähre fuhren wir über den Liffey, zahlten unser Fahrgeld und wurden zusammen mit zwei Arbeitern und einem kleinen Juden, der einen Sack trug, hinübergefahren. Wir waren ernst bis zur Feierlichkeit, aber einmal begegneten sich während der kurzen Überfahrt unsere Augen, und wir lachten. Als wir landeten, beobachteten wir das Ausladen des schmucken Dreimasters, den wir vom andern Kai aus schon gesehen hatten. Einer der Zuschauer sagte, es sei ein norwegisches Schiff. Ich ging an das Hinterteil und wollte seinen Namen entziffern; da mir das aber nicht gelang, kam ich zurück und betrachtete genau die ausländischen Matrosen, denn ich wollte feststellen, ob welche von ihnen grüne Augen hätten, mir schwebte nämlich vor . . . Die Augen der Matrosen waren blau, grau und sogar schwarz. Der einzige Matrose, dessen Augen man hätte grün nennen können, war ein großer Mann, der die Menge auf dem Kai dadurch erfreute, daß er jedesmal, wenn die Planken fielen, lustig rief: All right! All right!

Als wir dieses Schauspiels müde waren, schlenderten wir nach Ringsend hinein. Es war schwül geworden, und in den Fenstern der Krämerläden schimmelten bleiche Biskuits. Wir kauften ein paar Biskuits und Schokolade, die wir unverdrossen aßen, während wir durch die schmutzigen Straßen wanderten, in denen die Familien der Fischer wohnen. Wir konnten keine Milchwirtschaft finden und gingen deshalb in einen Hökerladen, wo wir für jeden eine Flasche Himbeerlimonade erstanden. Nach dieser Erfrischung jagte Mahony in einer Gasse hinter einer Katze her, aber die Katze entkam auf ein weites Feld. Wir waren beide ziemlich müde, und als wir das Feld erreichten, gingen wir gleich auf eine abfallende Böschung zu, über die hinweg wir den Dodder sehen konnten.

Es war zu spät, und wir waren zu müde, unsern Plan, das Pigeon House zu besuchen, auszuführen. Vor vier Uhr mußten wir zu Hause sein, sollte unser Abenteuer nicht entdeckt werden. Voll Bedauern betrachtete Mahony seine Schleuder, und erst als ich ihm vorschlug, wir wollten mit dem Zuge nach Hause fahren, wurde er wieder einigermaßen froh. Die Sonne verbarg sich hinter einigen Wolken und überließ uns unseren müden Gedanken und den Resten unserer Vorräte. Außer uns war niemand auf dem Felde. Als wir einige Zeit ohne ein Wort zu sagen am Abhang gelegen hatten, sah ich einen Mann, der vom andern Ende des Feldes her näher kam. Ich beobachtete ihn lässig, während ich an einem jener grünen Halme kaute, mit deren Hilfe die Mädchen wahrsagen. Langsam kam er die Böschung entlang. Beim Gehen stützte er die eine Hand in die Hüfte, in der andern Hand hielt er einen Stock, mit dem er leicht auf den Rasen schlug. Er trug einen schäbigen, grün-schwarzen Anzug und dazu einen sogenannten Schriliber mit hohem Kopf. Er sah ziemlich alt aus, denn sein Schnurrbart war aschgrau. Als er an unseren Füßen vorbeikam, warf er uns einen schnellen Blick zu und ging dann weiter. Wir blickten hinter ihm her und sahen, daß er nach ungefähr fünfzig Schritten umkehrte und wieder zurückkam. Ganz langsam schritt er auf uns zu, schlug dabei immer mit dem Stock auf den Boden; er ging so langsam, daß ich glaubte, er suche etwas im Grase. Als er vor uns stand, machte er halt und sagte uns guten Tag. Wir erwiderten den Gruß; langsam und sehr sorgfältig setzte er sich auf den Abhang. Zuerst sprach er vom Wetter, sagte, es würde ein sehr heißer Sommer, und fügte hinzu, daß sich seit seiner Knabenzeit die Jahreszeiten sehr geändert hätten – aber das wäre schon lange her. Er sagte, die schönste Zeit des Lebens sei zweifellos die Schulzeit, und alles würde er darangeben, könnte er noch einmal jung sein.

$4.57

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260 p. 1 illustration
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