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Jacqueline Esch

Djorgian

Der Stein der Seelen

Roman

Kalidor-Verlag

Jacqueline Esch

Djorgian – Der Stein der Seelen

ISBN ePub 978-3-937817-16-3

ISBN Mobi 978-3-937817-18-7

E-Book, überarbeitete Auflage, 2014

Copyright Kalidor-Verlag, C. Fanselow

12529 Schönefeld OT Großziethen

© Alle Rechte vorbehalten

www.kalidor-verlag.de

1. Kapitel

Vor Entsetzen war ihre Kehle wie zugeschnürt. Dieses schreckliche Gefühl, schreien zu wollen und es doch nicht zu können. Gehetzt sah sie sich um. Schwarzer Wald. Ein Wald, der nicht lebte und aus dem kein Laut drang. Wohin sollte sie? In welche Richtung? Es wurde kälter. Entsetzlich kälter. Er war nicht mehr weit. Sie konnte seine Nähe spüren. Blindlings lief sie weiter. Weg, nur weg von diesem schrecklichen Ort! Ihr Atem gefror hinter ihr zu grauen, harmlos scheinenden Wölkchen. Und dann stand er vor ihr. Abrupt blieb sie stehen. Starr vor Angst glaubte sie, unter seinen Blicken sterben zu müssen. Und langsam, ganz langsam streckte er seine Arme nach ihr aus.

Mit einem Schrei erwachte sie. Ihr Herz raste und feine Schweißperlen bedeckten ihre Stirn. Ein Traum. Mit einem Seufzer ließ sie sich zurück in ihr Bett fallen.

»Judi? Was ist denn los?« Kathrin war wach geworden. »Judi?«

»Es war nur ein Alptraum.« Ein Rascheln verriet ihr, daß Kathrin aufgestanden war, und Sekunden später schloß Judi geblendet die Augen.

»Mach das Licht wieder aus! Es war wirklich nur ein Alptraum.« Als sie die Augen wieder öffnete, blickte sie auf einen schmatzenden Mund.

»Willst du Schokolade? Das beruhigt voll gut. Oder soll ich Herrn Mike holen? Dann kannst du mit ihm über deinen Traum reden. Manchmal bedeuten sie ja was und …«

»Halt die Klappe und schlaf!«, unterbrach Judi sie.

Ein bißchen beleidigt schaltete ihre Freundin das Licht wieder aus und kletterte in ihr Bett zurück. Das Schmatzen hörte aber nicht auf.

Judi zog die Decke über den Kopf und versuchte wieder einzuschlafen, was ihr natürlich nicht gelang. Und das lag nicht nur an dem Geschmatze von Kathrin. Was, wenn ihr Traum wirklich etwas bedeutete? Und was, wenn sie ihn weiterträumen sollte, wenn sie es tatsächlich schaffte, wieder einzuschlafen?

»Was hast du denn geträumt?«

Da Judi im Moment sowieso nicht mehr einschlafen konnte, erzählte sie es ihr.

»Hatte diese Gestalt zufällig einen ekelhaften roten Pulli und eine nagelneue olivgrüne Cordhose wie Herr Fischer an?« Beide mußten kichern.

»Wieviel Uhr?«, fragte Judi.

»In zwei Stunden müssen wir aufstehen. Schlaf jetzt!«, schmatzte Kathrin. Nach ein paar Minuten war sie eingeschlafen.

Judi lag noch lange wach und lauschte den gleichmäßigen Atemzügen ihrer Freundin. Dann war auch sie eingeschlafen.

Der Morgen verlief wie die vorherigen drei auch. Zuerst klingelte der Wecker von Kathrin (allerdings vergebens), und anschließend klopfte es energisch an die Zimmertür. Träge öffnete Judi die Augen. Sie fühlte sich überhaupt nicht ausgeschlafen.

»Sollen wir warten, bis Herr Fischer reinkommt und uns aus den Betten schmeißt oder stehen wir jetzt schon auf?«, fragte Kathrin.

Ohne ein Wort kroch Judi unter ihrer Decke vor und stieg die Leiter des Hochbetts hinunter. Es dauerte eine Weile, bis sie ihre Klamotten in ihrem Schrank gefunden hatte, was ganz einfach daran lag, daß Kathrin ihn sofort am ersten Tag seit ihrer Ankunft in der Jugendherberge in eine Vorratskammer umgewandelt hatte. Jetzt lagen Chipstüten zwischen ihren Hosen und Schokoladentafeln in allen Sorten über ihren Pullis.

Judi hatte Kathrin schon ein paarmal darauf hingewiesen, aber diese hatte es entweder gar nicht beachtet oder nur mit einem Schulterzucken beantwortet. Sie hatte schon mit dem Gedanken gespielt, das ganze Zeug einfach auf das Bett ihrer verfressenen Freundin zu häufen, aber das hätte hundertprozentig mit einem Streit geendet, und darauf hatte sie keine Lust. Seufzend kramte sie ihren Pulli unter Kathrins Schokoladentafeln hervor und anschließend ihre Hose.

»Seid ihr wach?«, fragte Herr Fischer durch die Tür.

»Ja. Was unternehmen wir heute?«, fragte Kathrin.

»Wird beim Frühstück besprochen. Beeilt euch, sonst bekommt ihr keine Plätze mehr«, erwiderte der Lehrer. Jetzt stieg auch Kathrin aus ihrem Bett und schlurfte zu ihrem Schrank.

Sie kamen ausnahmsweise nicht als letzte im Speisesaal an und setzten sich auf ihre gewohnten Plätze. Herr Fischer hatte ziemlich übertrieben, was die Sache mit den Plätzen anging. Der Raum war ohnehin schon viel zu groß für ihre Klasse, und Plätze fehlten erst recht nicht, aber das schien einer von Herrn Fischers Lieblingssätzen geworden zu sein, seit sie vor drei Tagen hier angekommen waren. Als auch die letzten Schüler am Tisch saßen, wurden Brötchen und Butter verteilt, und was sonst noch so zu einem Frühstück gehörte.

Eigentlich hatte Judi gar keinen Hunger, aber sie würgte ihr Brötchen trotzdem herunter, allein um der Predigt ihres Klassenlehrers zu entgehen, wie wichtig doch das Frühstück sei. Den Tee lehnte sie aber ab, worauf Herr Fischer Gott sei Dank nur ein wenig tadelnd dreinblickte.

Kathrin schien sich die Vorträge, wie wichtig doch das Frühstück sei, allerdings sehr zu Herzen zu nehmen. Auf ihrem Teller lagen alle möglichen Wurst- und Käsesorten, und drei Brötchen hatte sie um ihren Teller platziert (das vierte befand sich schon in ihrem Magen). Ein Schälchen mit Müsli und ein weiteres voller Joghurt standen auch noch bereit.

Schließlich stand der Lehrer auf und verkündete laut: »Heute gehen wir in einen großen Wald, der ganz in der Nähe liegt.« Wie immer wurde dies mit allgemeinem Stöhnen erwidert.

»Ruhe! Wenn jemand hier bleiben will, kann er es mir ja sagen, und er schreibt. Wir werden den ganzen Mittag dort bleiben. Der Wald ist wirklich groß, und ich werde Arbeitsblätter verteilen, in die jeder eintragen muß, was er für Tier- und Baumarten gesehen hat. Ruhe! Um elf Uhr geht es los.«

Judi räumte ihr Geschirr zusammen. Ein Waldspaziergang. Toll!

Kathrin neben ihr verdrehte die Augen. »Na, wenigstens haben wir noch zwei Stunden Zeit, um uns auf diesen tollen Waldspaziergang vorzubereiten. Das geht ja noch, aber die Sache mit den Arbeitsblättern hätte er ja wohl streichen können.«

Da war Judi ganz ihrer Meinung. Als Herr Fischer das bekannte Haut-ab-Handzeichen gab, verschwanden wieder alle in ihren Zimmern.

Judi kletterte in ihr Bett und schloß die Augen.

»Was machst du jetzt?«, nuschelte Kathrin, die sich ein Bonbon in den Mund gesteckt hatte.

»Rumlaufen.« Mit diesen Worten kletterte sie wieder von ihrem Hochbett herunter und schlenderte durch die Tür.

Kathrin blieb im Zimmer und versuchte die Unordnung in ihrer provisorischen Vorratskammer zu beseitigen.

Judi wendete sich Richtung Ausgang. Kurz vor der Tür kam ihr Bianka entgegen, die sie mit spöttischem Blick musterte. Judi achtete schon gar nicht mehr darauf und ging durch die Tür, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Blöde Kuh! Meint, sie sei die Beste von allen!

Draußen war es noch kühl. Der Tau lag noch auf dem Gras und ließ es wie gefroren aussehen. Geradewegs steuerte sie auf eine alte Bank zu und hockte sich hin. Auch die Bank war noch naß vom Tau. Die Knie mit ihren Händen umschlingend saß sie lange einfach nur da und lauschte dem Wind, aber mit der Zeit wurde es ihr unbehaglich, als würde sie beobachtet werden. Hastig drehte sie sich um, aber weit und breit war niemand zu sehen. War das Kathrin? Judi stand auf und ging ein paar Schritte auf die wenigen Bäume zu, die vor der Jugendherberge standen.

»Kathrin?« Keine Antwort. Zögernd ging sie weiter auf die Bäume zu und sah sich um. Niemand war da. Judi ärgerte sich über sich selbst. Was hatte sie erwartet? Etwa, daß jemand dort stand und sie wirklich beobachtete? Quatsch!

Kopfschüttelnd drehte sie sich um. Doch für einen kurzen Moment stand vor ihr nicht mehr die Jugendherberge, sondern ein großer schwarzer Wald, und dann war er wieder verschwunden. Fassungslos starrte Judi die alten Mauern an. Was war das? Nein, das hatte sie sich nur eingebildet! Vor ihr stand eine ganz gewöhnliche Jugendherberge mit nur einem Eingang und viel zu wenig Fenstern. Kein Wald!

Schnell betrat Judi wieder das Innere des Hauses und war ebenso schnell wieder in ihrem Zimmer. Kathrin war noch immer dabei, ihre Vorratskammer auf Vordermann zu bringen, aber darauf achtete sie gar nicht. Ihre Gedanken rasten. Was war das eben gewesen?

»Judi, was ist denn mit dir los? Hast du’n Gespenst gesehen? Du bist ganz blaß!«

Judi sah in den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Ja, sie war wirklich blaß.

»Hast du eben ein komisches Gefühl gehabt? Als wärst du für einen Augenblick woanders gewesen?«, fragte Judi.

»Hä? Nee. Was redest du da?«

»Schon gut. Ich hab nur nachgedacht.«

»Ach ja. Und davon wird man neuerdings käseweiß im Gesicht«, erwiderte Kathrin mißtrauisch.

Judi antwortete nicht und kletterte wieder in ihr Bett. Aber wenn sie geglaubt hatte, Kathrin gäbe sich damit zufrieden, hatte sie sich geirrt.

»Was meinst du damit, ob ich ein Gefühl gehabt hätte, als ob ich einen Moment nicht hier gewesen wäre? Was ist los mit dir? Du hast mir doch sonst immer alles erzählt.«

Judi antwortete immer noch nicht. Ihre Freundin würde ihr entweder gar nicht glauben oder sie für verrückt erklären.

»Jetzt sag schon. Ich hatte nicht so ein Gefühl. Ich habe nur gemerkt, daß du mein ganzes Essen im Schrank durcheinander gebracht hast. Ich hatte alles so schön sortiert …«, meinte Kathrin vorwurfsvoll.

»Das ist ja auch keine Vorratskammer sondern ein Kleiderschrank. Ich darf ja wohl noch an meine Klamotten! Das ist schließlich mein Schrank, und du hast deinen eigenen! Jetzt nerv nicht und räum deinen Krempel da raus!« Sie wußte, daß sie Kathrin damit weh getan hatte, aber sie wollte jetzt nicht reden.

Katrin verließ beleidigt das Zimmer. Jetzt war Judi allein, aber das half auch nicht weiter. War das draußen nicht der Wald aus ihrem Traum gewesen? Es ließ ihr keine Ruhe, was selbstverständlich war, denn wer glaubt schon an Visionen, geschweige denn hat eine?

Was sollte sie jetzt machen? Noch einmal zu den Bäumen gehen? Nein. Auf gar keinen Fall. Es doch Kathrin sagen? Das ging auch nicht. Die würde sie die nächsten zwei Stunden bestimmt nicht mehr für voll nehmen. Oder Herrn Fischer? Bloß nicht! Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten. Aber worauf?

Mit einem Seufzer stand Judi auf und kletterte nun schon zum x-ten Mal die Leiter von ihrem Hochbett hinunter. Tolle Klassenfahrt!

Sie sah auf die Uhr. Es war erst eine halbe Stunde vergangen. Also würde es noch lange bis zur Waldwanderung dauern. In Gedanken versunken schlenderte sie durch den Flur. Aus den anderen Zimmern kam laute Musik und Gelächter. Einige Türen standen offen, und sie konnte dahinter heilloses Durcheinander sehen. Da sah das Zimmer von Kathrin und ihr ja noch harmlos aus!

Als sie stehen blieb, stellte sie fest, daß sie schon wieder vor der Eingangstür stand. Sollte sie doch noch einmal zu den Bäumen gehen? Kurzerhand öffnete sie die Tür und ging noch einmal auf die alte Bank zu. Die Sonne hatte es noch nicht geschafft, den Tau, der noch gut sichtbar auf dem alten Holz haftete, zu beseitigen. Fassungslos starrte sie die Oberfläche der Bank an. Sie hatte sich doch eben noch darauf gehockt, aber kein einziger Fußabdruck war im Tau auf der Bank zu erkennen! Das Holz der Sitzfläche war unberührt.

»Was starrst du die Bank so an?«

Erschrocken drehte Judi sich um. Herr Fischer war, ohne daß sie es gemerkt hatte, aus der Jugendherberge gekommen. Jetzt stand er da, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und blickte sie fragend an.

»Ach nichts. Ich … einfach nur so. Der Tau sah von weitem so schön aus, und ich habe überlegt, ob ich meine Fotokamera hole und das fotografiere.«

Wenn Herr Fischer ihr das glaubte, mußte er sie entweder für bekloppt halten oder er glaubte einfach alles. Aber er ging nicht weiter darauf ein und fragte: »Wo ist Kathrin? Ihr seid doch sonst immer zusammen, wenn man euch sieht.«

Judi sah zur Seite. »Na ja … wir haben uns gestritten. Sie ist weggerannt. Ich weiß nicht, wohin.«

»Worüber habt ihr euch denn gestritten? Ach, ich bin zu neugierig. Das geht mich natürlich nichts an. Ich gehe in mein Zimmer. Wenn du doch darüber reden willst …«

Herr Fischer wartete wohl auf eine Antwort, aber diese gab Judi ihm nicht. Das ging ihn wirklich nichts an. Schließlich zuckte der Lehrer mit den Schultern und ging in die Herberge zurück.

Judi mußte sich irgendwie ablenken. Sie ging jetzt schon zum dritten Mal in ihr Zimmer zurück. Kathrin war immer noch nicht da. Eine Weile kramte Judi in ihrer Reisetasche herum, bis sie das gefunden hatte, was sie suchte: ein dickes, spannendes Buch, welches sie zum fünfzehnten Geburtstag vor drei Wochen bekommen hatte. Das Lesen würde sie ablenken, und dann verging auch die Zeit schneller.

Sie hockte sich vor die Heizung und begann zu lesen. Zehn Seiten später begannen die Buchstaben vor ihren Augen zu verschwimmen. Sie seufzte und begann von neuem, aber die Schrift hatte sich irgendwie verändert.

›Er ist schon eine ganze Weile dort unten. Er braucht Hilfe. Hilf ihm! Beeil dich! Er ist der einzige, der das Geheimnis kennt. Wenn er stirbt, sind wir verloren! Judi, hilf ihm!‹

Mit einem Schrei warf Judi das Buch aus der Zimmertür. Sie zitterte am ganzen Körper. Was war denn das schon wieder?

Eine ganze Zeit lang kauerte sie am Boden und starrte das Buch an, das im Flur lag. Wie sie so da saß, klärten sich ihre Gedanken auch wieder. Das konnte nicht sein. Es mußte eine logische Erklärung geben! Es konnte doch nicht sein … aber natürlich! Kathrin! Während sie draußen mit Herrn Fischer geredet hatte, war Kathrin wieder in das Zimmer zurückgekommen und hatte eine Seite in das Buch gelegt, auf die sie diesen Quatsch geschrieben hatte. Jetzt stand sie bestimmt irgendwo und lachte sie heimlich aus. Das war es!

Mit einem Ruck stand Judi wieder auf und näherte sich dem Buch. Sie hob es auf und begann langsam noch einmal zu lesen. Aber von dem, was vorhin dort stand, war nichts mehr zu sehen! Die Geschichte ging ganz normal weiter, und es stand dort nichts mehr von einem Hilferuf. Die Seite mußte wohl herausgefallen sein, als sie es vor lauter Schreck weggeworfen hatte.

Sie suchte den Boden im Flur ab, fand aber keinen Zettel. Auch in ihrem Zimmer war nichts zu sehen. Weder unter dem Schrank noch unterm Bett. Beunruhigt sah Judi auch noch auf den Betten nach, und sogar auf dem Schrank. Aber keine Spur von dem Zettel. Hatte ihn jemand weggenommen, während sie vor der Heizung gehockt hatte? Nein, sie hatte das Buch die ganze Zeit im Auge behalten; also hätte niemand den Zettel unbemerkt wegnehmen können. Verdammt noch mal, was sollte das alles?

Erst dieser Traum, dann steht statt der Jugendherberge ein Wald vor ihr, ihre Spuren auf der Bank sind auf einmal nicht mehr da, und jetzt das mit dem Buch. Wenn sie das irgendwann einmal jemandem erzählen würde, würde sie sich im nächsten Augenblick in der Klapse wiederfinden. Sie verstaute das Buch sorgfältig wieder in ihrer Tasche und schob diese unters Bett.

Vom Flur her kamen plötzlich wütende Schreie. Hastig lief Judi zur Tür und sah in den Flur hinaus. Alle Schüler standen im Kreis und schauten einer Rangelei zu. Zwei Jungen stritten sich schon wieder. Das zweite Mal seit sie hier waren. Herr Fischer war schon dabei, sie auseinander zu zerren. Dann erkannte sie in der hinteren Reihe Kathrin. Sie stand so, daß sie Judi nicht sehen konnte. Sollte sie doch zu ihr gehen? Schließlich war sie es ja gewesen, die den Streit angefangen hatte.

Kathrin nahm ihr die Entscheidung ab und lief schnurstracks auf sie zu. Aber sie schien Judi gar nicht zu beachten und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf an ihr vorbei ins Zimmer. Sie wollte gerade schon wieder wegen Kathrins Verhalten ausrasten, riß sich dann aber doch zusammen.

»Kathrin, es tut mir leid! Es sind ein paar komische Sachen passiert, und da wollte ich alleine sein. Ich weiß, ich hätte dich nicht anschnauzen sollen. T’schuldigung …«, sagte Judi zerknirscht.

»Schon gut. Erzählst du es denn jetzt, was du hattest?«

Judi druckste herum. Sollte sie es ihr wirklich erzählen? »Bist du sauer, wenn ich es dir nicht erzähle?«

»Na ja, ich wüßte schon gerne, was los war«, meinte Kathrin.

»Du hältst mich auch ganz bestimmt nicht für verrückt? Und erzählst es auch niemandem?«

»Ehrenwort!« beteuerte Katrin. Also erzählte Judi ihr doch die ganze Geschichte. Kathrin blieb erstaunlicherweise völlig ernst. Als Judi fertig war, runzelte ihre Freundin die Stirn.

»Ich habe keine Seite in dein Buch gelegt. Hab auch keine Ahnung, was das bedeuten soll. Und das ist alles heute morgen passiert?«

»Ja. Ich habe so gehofft, daß du das warst! Und du erzählst es wirklich nicht weiter?«

»Ich schweige wie ein Grab. Weißt du was? Sollen wir uns die Zeit vertreiben und Schach spielen? Dann dauert es nicht mehr so lange, bis wir diesen tollen Waldspaziergang machen«, schlug Kathrin vor. Normalerweise spielte sie genau dieses Spiel nicht so gerne, aber sie wollte wohl Judi und vielleicht auch sich selbst ein wenig ablenken. Aber Judi war nicht nach Schach zumute, und sie verlor jedesmal, deshalb war sie froh, als Herr Fischer ins Zimmer kam und Bescheid gab, daß sie sich fertigmachen sollten.

Draußen herrschte großes Gedränge am Bus, denn jeder wollte einen Platz bekommen. Judi ergatterte gerade noch einen Sitzplatz am Fenster und konnte nur mit Mühe und Not einen Platz für Kathrin freihalten. Während der ganzen Fahrt sagten beide kein Wort. Dafür schienen die anderen sich um so lauter zu unterhalten.

Nach einer Stunde Fahrt hielt der Bus vor einem großen Schild, auf dem kaum noch erkennbar ›Tiere verboten‹ stand, und der Fahrer öffnete zischend die Türen. Draußen war es noch immer nicht wärmer geworden, worauf Judi ihre Jacke überzog. Herr Fischer versuchte verzweifelt, die Klasse zusammen zu trommeln und lief langsam rot an. Da das ein Zeichen für einen kurz bevorstehenden Wutanfall war, machte sie sich zusammen mit Kathrin schleunigst auf den Weg.

Schließlich standen alle in einem Halbkreis um ihn herum, und er erklärte laut: »Wir bilden Zweiergruppen. Stellt euch schon mal zusammen! Die Arbeitsblätter teilt Stefan aus, und wenn es los geht, bleibt bitte auf den Wegen, verstanden?«

Ein Gemurmel, das sich wie ein ›Ja‹ anhörte, ging durch die Reihen der Schüler. Kathrin hatte sich nach vorne gedrängelt und war dabei, sich ein Blatt zu erbeuten.

Judi ging auf Herrn Fischer zu und fragte: »Wann machen wir denn eine Pause? Wir haben doch gar kein richtiges Essen mit.«

»Tiefer im Wald liegt eine Gaststätte. Da bekommen wir was zu essen. Keine Sorge. Der Preis für das Essen ist schon im Klassenfahrtsgeld mit inbegriffen. Jetzt geh und schließe dich den anderen an!«

Kathrin stand bereits am Waldrand und wartete.

»Freu dich, Kati! Wir machen bald eine Pause in einer Gaststätte. Also brauchst du nicht zu verhungern.«

»Da hab ich aber schon vorgesorgt«, antwortete Kathrin grinsend und hob ihren Rucksack vor Judis Nase, den sie bis jetzt noch gar nicht bemerkt hatte.

Sie brauchte gar nicht zu fragen, was da drin sein sollte. Er war hundertprozentig mit Chipstüten vollgestopft. Judi verdrehte die Augen. Wie konnte man nur so verfressen sein?

Vor ihr setzten sich die ersten Schüler in Bewegung. Sie marschierten durch ein großes Holztor in den Wald hinein. Es roch nach frischer Erde und Nadelbäumen. Judi liebte diesen Geruch.

Neben ihr steckte sich Kathrin ihre Discmanhörer in die Ohren und begann zu schreiben: ›Eichhörnchen, Frosch, Ameise, Käfer, Wurm, Eiche, Tanne, Kastanie‹. Von all dem hatten sie zwar bis jetzt nur die Bäume gesehen, aber Judi sagte nichts. Sie fand die Aufgabe genau so langweilig wie ihre Freundin. Schweigend gingen sie weiter. Vor ihr hockte ein Specht auf einem Baum. Sie zog Kathrin die Hörer aus den Ohren und sagte es ihr. Diese kritzelte es auf den Zettel und steckte sich die Hörer wieder in die Ohren. Echt gesprächig, dachte Judi.

Nach einer halben Stunde wurde das Gejammer der anderen, wann sie denn nun endlich eine Pause machen würden, so groß, daß Herr Fischer eine Pause einlegen mußte.

Kathrin schaltete ihren Discman aus, steckte ihn in ihre Tasche zurück, holte tatsächlich eine Chipstüte heraus und begann zu mampfen. Judi setzte sich auf einen der vielen abgesägten, großen Baumstämme und sah sich um. Im Wald war es schön ruhig (abgesehen von dem Gequatsche der anderen), und der Boden war mit Moos bedeckt. Hier und da wuchsen ein paar Blumen und junge Bäume. Sie saß einfach nur da und träumte vor sich hin. Als Herr Fischer das Zeichen zum Weitergehen gab, bekam sie es erst gar nicht mit. Erst als Kathrin mit ihrer Hand vor ihrem Gesicht rumfuchtelte, blickte sie auf und reihte sich zusammen mit Kathrin wieder ein.

Der Weg führte immer tiefer in den Wald hinein und irgendwie kam es Judi vor, als würde er immer dunkler werden. Als sie ihre scheinbar discmansüchtige Freundin darauf ansprach, zuckte diese nur mit den Schultern. Nicht nur die Bäume, auch der Boden schien mit jedem Schritt dunkler zu werden. Aber vielleicht lag das ja daran, daß die Bäume immer dichter standen und deren riesige Baumkronen das Sonnenlicht schluckten. Den anderen schien das nicht aufzufallen.

Allmählich wurde Judi nervös. Sollte sie schon wieder etwas sehen, was gar nicht da war? Oder lag das daran, daß sie sich jetzt in einem Wald befand und sie es sich nur einbildete, weil sie vorher von einem dunklen Wald geträumt hatte? Egal. Sie mußte aufhören, an diesen blöden Traum zu denken, sonst würde man sie wirklich für verrückt erklären!

Judi sah sich um. Der Wald hatte aufgehört, sich zu verdunkeln. Erleichtert atmete sie auf. Kathrin neben ihr runzelte fragend die Stirn, worauf Judi hastig wegsah. Dabei bemerkte sie ein Eichhörnchen, das sie frech ansah. Verwundert blieb sie stehen. Ihre Klassenkameraden gingen einfach an ihr vorbei, ohne sie zu beachten.

Irgend etwas war an diesem Eichhörnchen anders … aber was? Langsam ging sie auf das kleine Ding zu und ließ sich in die Hocke sinken. Das Eichhörnchen rührte sich nicht. Es legte nur den Kopf schräg und sah sie aus unglaublich klugen Augen an. Judi konnte nicht anders: sie streckte vorsichtig die Hand nach ihm aus und seufzte enttäuscht auf, als es im hohen Bogen davonsprang. Sie hätte es wissen müssen.

Aber in einiger Entfernung blieb es wieder stehen und sah sie auffordernd an. Wollte es, daß sie ihm folgte? Nein, das sah man höchstens in Filmen, aber so etwas geschah doch nicht in Wirklichkeit! Andererseits war schon so viel Seltsames an diesem Morgen geschehen, das sonst auch nur in Filmen passierte, und was sollte es schaden, wenn sie ihm folgte? Judi machte einen Schritt auf das Eichhörnchen zu und dann noch einen. Es hüpfte immer wieder weg, wenn sie meinte, es streicheln zu können. Und dann war es mit einem Satz verschwunden.

Judi sah sich aufmerksam um, aber der kleine braune Ball tauchte nicht wieder auf. Statt dessen hörte sie ein leises Stöhnen. Wer war das? Sie ging ein paar Schritte und blieb wieder stehen. Wo war sie überhaupt?

»Hallo? Ist da jemand? Haaallo!« Allmählich bekam sie nun doch Angst. Sie machte noch ein paar Schritte und merkte, daß der Wald sich lichtete. Schließlich trat sie ganz aus ihm heraus.

»Hallo?« Judi fragte sich langsam, ob sie sich dieses Geräusch nicht nur eingebildet hatte, als sie es wieder hörte. »Wo bist du?«

»Hier unten … hilf mir …«, hörte sie auf einmal eine schwache Stimme.

Unten? Vorsichtig machte sie ein paar Schritte in die Richtung, aus der die Stimme kam, und wäre um ein Haar gestürzt. Erschrocken macht sie einen Satz nach hinten, so daß sie unsanft auf dem Hosenboden landete. Auf allen Vieren krabbelte sie nach vorn und sah in die Tiefe. Vor ihr erstreckte sich eine schmale, aber tiefe Schlucht. Man hätte bequem auf die andere Seite springen können. Als sie sich weiter nach vorn beugte, zog sie erschrocken die Luft ein. Da lag jemand auf einem Felsvorsprung! Was sollte sie tun?

»Kannst du aufstehen? Warte, ich hole Hilfe!«

»Nein! … An der großen Birke liegt ein Beutel. Ein Seil muß drin sein.«

»Ich hole es. Beweg dich nicht!« Hastig krabbelte sie vom Rand der Schlucht weg und stand auf. Birke? Eilig rannte sie nach rechts. Nichts. Wo war diese blöde Birke? Ratlos rannte sie in die andere Richtung. Nach einigen Metern sah sie es weiß durch die Bäume schimmern. Gott sei Dank, da war sie! Sie rannte noch schneller und suchte die Stelle. Es dauerte ein bißchen, denn der Beutel lag unter einigen Zweigen versteckt. Sie suchte das Seil und lief eilig zurück.

»Ich hab’s! Kannst du dich festhalten?« Bei diesen Worten warf sie das Seil hinunter.

Stöhnend stand der Junge unten auf und griff nach dem Seil. »Zieh mich hoch!«

Judi suchte sich einen festen Stand und zog kräftig am Seil. Beinahe hätte sie wieder losgelassen.

»Stop! Warte, sonst falle ich auch noch runter! Du bist zu schwer! Ich lege das Seil um einen Baum, dann kann ich besser ziehen. Warte!«

Glücklicherweise reichte das Seil, und Judi begann kräftig zu ziehen. Bald schon schmerzten ihre Handflächen und sie hatte das Gefühl, als versuche der Junge, ihr die Handgelenke herauszureißen. Aber irgendwie schaffte sie es doch und zog den Jungen ganz nach oben. Keuchend ließ sie sich ins Gras sinken. Ihm schien es nicht besser zu gehen, denn er machte ein paar Schritte und ließ sich dann ebenfalls erschöpft fallen.

Als Judi wieder halbwegs zu Atem gekommen war, stand sie auf und ging zu dem Jungen hinüber, der immer noch reglos im Gras lag. Sie setzte sich neben ihn und sah ihn genauer an. Sein Haar reichte ihm bis auf die Schultern und lag wirr durcheinander. Seine Stirn war blutig, und als Judi seine Hand ansah, erkannte sie ein schlangenartiges Wesen in seiner Handfläche. Der Unbekannte hatte ihren Blick bemerkt und zog hastig die Hand weg.

»Wie heißt du?«, fragte Judi neugierig.

»Niam«, sagte der Junge nur.

Seltsamer Name, dachte Judi.

»Du hast mir das Leben gerettet. Danke!«

»Hätte ich dich etwa da unten liegen lassen sollen? Das hätte jeder andere an meiner Stelle auch gemacht. Schönes Tattoo an deiner Hand. Ist das eine Schlange?«

Niam sah sie erschrocken an, sagte aber nichts.

»Ach, auch egal. Kannst du mir den Weg zurück zu meiner Klasse zeigen? Ich weiß nicht, wo ich bin, und meine Klassenkameraden suchen mich bestimmt schon. Wir wollen einen Waldspaziergang machen.«

Niam blickte nur verständnislos drein.

»Verstehst du mich? Hier in der Nähe liegt ein Gasthaus. Weißt du, wo es ist?«, fragte Judi leicht verärgert. Vielleicht stand er ja unter Schock oder ähnlichem. Als sie nach ein paar Sekunden immer noch keine Antwort bekam, zuckte sie mit den Schultern und stand auf, um das Seil zusammenzurollen. Im nächsten Augenblick verlor sie das Bewußtsein. Sie hatte den Schlag nicht einmal kommen sehen.

Judi erwachte mit höllischen Kopfschmerzen. Was war passiert? Sie konnte sich nur schwach an eine Person erinnern, die immer neben ihr gesessen hatte, war aber nicht sicher, ob sie es nun geträumt hatte oder nicht. Judi wollte sich genauer in dem Zimmer umsehen, in dem sie erwacht war, aber irgend etwas hinderte sie daran.

»Du bist wach? Kannst du mich verstehen?« Diese Stimme, etwas Vertrautes war in ihr. Wo war sie überhaupt? Das war nicht das Zimmer in der Jugendherberge.

»Kannst du mich verstehen?«, fragte die Stimme noch einmal.

»Ja. Wo bin ich?«, antwortete sie.

»Erkennst du mich?«, fragte sie jemand wieder.

»Wie denn? Erstens kann ich meinen Kopf nicht bewegen, und sehen kann ich so gut wie gar nichts«, gab sie ärgerlich zurück. Was sollte das? Wo waren die anderen?

»Ich bin es. Niam. Weißt du noch, wer ich bin? Kannst du dich erinnern?«

Niam … wo hatte sie diesen Namen schon einmal gehört? »Ich weiß nicht. Was ist passiert?«

»Ich lasse dich jetzt allein, vielleicht kannst du dich später erinnern. Schlaf jetzt!« Schritte entfernten sich.

Judi versuchte abermals den Kopf zu drehen, aber irgend etwas an ihrem Hals verhinderte es schon wieder. Sie versuchte die Decke über ihrem Kopf zu erkennen, aber alles blieb verschwommen. Vorsichtig tastete sie ihren Hals ab. Eine dicke Binde war darum gewickelt, und das war wahrscheinlich der Grund, warum sie ihren Kopf nicht drehen konnte. Beim Versuch, sie zu lösen, schoß ein stechender Schmerz in ihren Nacken. Erschrocken schloß sie die Augen.

Was war passiert? Da war eine Schlucht und … ja was eigentlich? Lag sie in einem Krankenhaus?

Als sie die Augen wieder öffnete, konnte sie etwas besser sehen. Die Decke über ihr war aus Stroh. Wo verdammt noch mal war sie? Diesmal, sehr viel vorsichtiger, versuchte sie noch einmal die Binde zu entfernen. Es blieb bei dem Versuch. Sie war viel zu fest angelegt.

Judi schlug die Decke ärgerlich zurück und setzte sich vorsichtig auf. Dabei wurde ihr für einen Augenblick so schlecht, daß sie meinte, sich übergeben zu müssen. Sie atmete ein paarmal tief durch und stand langsam auf.

Der Raum, in dem sie sich befand, bestand ganz aus Holz, und außer dem Bett standen nur noch ein kleiner Schrank und ein Tisch im Zimmer.

Judi machte einen vorsichtigen Schritt in Richtung Tür. Es ging viel leichter, als sie erwartet hatte. Von draußen waren viele Stimmen zu hören: Kinder, die kreischten und lachten, und bellende Hunde. In der Ecke neben der Tür lagen ihre Kleider. Judi bemerkte erst jetzt, daß sie nur ein dünnes Hemd anhatte, das ihr bis zu den Knien reichte. Nein, so konnte sie nicht nach draußen!

An der rechten Seite des Raumes war ein Fenster. Vorsichtig ging sie darauf zu und spähte hinaus. Was sie da sah, konnte sie kaum glauben. Wäre sie im Freilicht-Museum gewesen, es hätte nicht anders aussehen können. Überall standen Hütten aus Holz, und Leute in braunen Kleidern und Gewändern liefen durcheinander. Wie im Mittelalter. Sie trat vom Fenster zurück. War das ein böser Scherz?

»Du solltest doch schlafen! Geh ins Bett!«

Niam. Das war Niam. Jetzt wußte sie es. Sie hatte ihn aus der Schlucht gezogen. Aber was war danach passiert?

»Was willst du? Wo ist meine Klasse? Wo bin ich hier? Was hat das alles zu bedeuten, Niam?«

»Aha, du erinnerst dich wieder! Aber das sind zu viele Fragen auf einmal. Wie geht es dir?«

»Blöde Frage! Was ist passiert? Ich hatte das Seil zusammengerollt und dann …« Jetzt wurde es ihr klar. Er hatte sie niedergeschlagen! »Was sollte das? Ist das deine Art, Danke zu sagen? Schlägst du immer Leute nieder, wenn sie dir das Leben retten?« Judi war außer sich.

»Das würdest du nicht verstehen. Ich hatte keine andere Wahl! Bitte, ich …«

»Keine andere Wahl? Sag mal, spinnst du? Ich will sofort zurück, sonst …« Judi sprach nicht weiter. Sie kochte immer noch, aber mit Niam anlegen konnte sie sich ganz bestimmt nicht. Er war mindestens vier Jahre älter als sie und auch merklich stärker, was sie ja gespürt hatte. Sie wich seinem Blick aus und zupfte nervös an ihrem Hemd.

»Sonst was? Ich verstehe dich ja, aber du kannst nicht zurück! Nicht nachdem du das hier gesehen hast.« Bei diesen Worten deutete er auf das schlangenartige Ding auf seiner Handfläche.

Judi runzelte die Stirn. Was war daran so Besonderes?

»Leg dich wieder hin! Bitte!«, sagte Niam. Aber es hörte sich gar nicht wie eine Bitte an.

»Nein.« Judi macht hastig einen Schritt zurück und wäre beinahe gestürzt, denn ihr wurde schon wieder schwindelig.

Niam fing sie rasch auf, was Judi noch mehr ärgerte. Aber sie hätte genau so gut gegen einen Baum ankämpfen können. Niam trug sie einfach aufs Bett und fesselte sie kurzerhand.

»Was zum … Mach mich sofort wieder los! Was fällt dir ein? Du hast nicht das Recht, mich hier einfach festzuhalten!«, schrie Judi.

Aber Niam ging einfach aus dem Zimmer. Sie konnte hören, wie ein Riegel vorgeschoben wurde.

»Mach mich sofort wieder los! Verdammt noch mal!« brüllte sie, was zu einem weiteren Schwindelanfall führte. Wenn sie doch bloß nicht so wackelig auf den Beinen wäre! Das hatte sie alles ihm zu verdanken. Dieser Mistkerl! Was bildete der sich eigentlich ein? Hätte sie ihn doch bloß liegen gelassen. Sie zerrte an den Fesseln an ihren Handgelenken. Nichts zu machen. Und wenn sie um Hilfe schrie? Nein. Nachher würde er ihr auch noch den Mund knebeln. Sie seufzte.

Wie sollte das weitergehen? Das war wirklich zu viel! Verstört blickte sie zur Decke. Sie wußte nicht, wie lange sie so da lag, als der Riegel draußen zurückgeschoben wurde. Aber anders als erwartet, kam nicht Niam herein, sondern eine alte, dicke Frau in einem einfachen weißen Leinengewand.

»Ach du je! Was hat er denn mit dir gemacht? Wolltest du weglaufen?«, fragte sie. Ihre Stimme hörte sich warm und freundlich an.

»Ja. Ich will zu meiner Klasse zurück! Ich habe ihm das Leben gerettet, und dann will er mich hier aus lauter Dankbarkeit festhalten«, sagte Judi aufgebracht.

»Beruhige dich erst einmal. Du kannst mir gleich alles erzählen. Wie heißt du denn überhaupt, Kleines? Mein Name ist Diamara.«

»Judi«, antwortete sie nur. Diamara, Niam, hatten hier alle so seltsame Namen?

Diamara machte sich geschickt an dem Verband an ihrem Hals zu schaffen. »Das sieht schon besser aus. Er hat wirklich fest zugeschlagen. Kannst du deinen Kopf bewegen?«

Judi versuchte es. Es tat zwar weh, aber es ging.

»Hast du Hunger? Ich kann dir etwas zu essen bringen, wenn du willst.«

Judi schüttelte den Kopf (soweit das möglich war). Sie hatte keinen Hunger.

Diamara zuckte nur mit den Schultern und rückte sich einen Stuhl ans Bett. Mit einem Seufzer setzte sie sich und sagte: »So, Kleines, jetzt erzähle einmal, was passiert ist.«

Judi überlegte einen Moment. Dann begann sie zu erzählen: »Unsere Klasse wollte eine Wanderung durch den Wald machen, und als ich einmal zur Seite sah, hockte ein Eichhörnchen am Waldrand. Das hat mich, glaub ich, zu Niam geführt.«

Während Judi weiter erzählte, runzelte Diamara ein paar Mal die Stirn, sagte aber nichts. Als Judi mit ihrer Geschichte fertig war, herrschte eine unangenehme Stille im Raum.

»Ich muß wieder gehen. Vielleicht sehen wir uns morgen«, sagte Diamara dann und wandte sich zur Tür.

»Wann kann ich denn jetzt zu meiner Klasse zurück?«, fragte Judi zaghaft. Aber Diamara antwortete nicht und ging aus der kleinen Hütte. Sie hörte, wie von außen wieder der Riegel vorgeschoben wurde.

Judi wußte nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als sie erwachte. Durch das Fenster schien nicht mehr die Sonne, sondern der milchige Schein des Mondes. Es war unheimlich still im Zimmer, und Judi zog die Decke enger um sich. Wie lange suchte man sie wohl schon? Kathrin machte sich bestimmt Sorgen. Wieso hatte Herr Fischer ihnen eigentlich nichts von diesem Dorf erzählt? Fragen über Fragen und keine Antwort.

Judi drehte den Kopf in verschiedene Richtungen, aber der Schmerz, den sie erwartet hatte, blieb aus. Sie bemerkte eine kleine verbeulte Metallschüssel, die auf dem Tisch stand. Zögernd stand sie auf und ging zum Tisch hinüber, längst kalt gewordene Suppe befand sich darin. Aber sie hatte mittlerweile nun doch Hunger bekommen und nahm die Schüssel mit ins Bett. Gedankenversunken begann sie zu löffeln. Wie spät es jetzt wohl war? Aber so etwas wie Uhren kannten die Menschen hier bestimmt nicht. Wie lange würde man sie wohl gefangen halten?

Das Bellen eines Hundes riß sie aus ihren Gedanken. Sie stand abermals auf und ging zum Fenster. Das Dorf sah im Mondlicht seltsam unwirklich aus. Hinter keinem der Fenster brannte noch ein Licht. Das Bellen wiederholte sich. Kurz darauf war ein spitzer Schrei zu hören. Judi versuchte, mit zusammengekniffenen Augen etwas zu erkennen. Trotz des Mondlichts war es kaum möglich. Das Bellen war jetzt zu einem bösartigen Knurren geworden, das ihr einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Der Schrei wiederholte sich und hörte dann abrupt auf. Was ging da vor sich?

Trappelnde Schritte näherten sich. Hastig wich Judi vom Fenster zurück. Eine Weile stand sie reglos da und lauschte. Ihre Hände zitterten, ohne daß sie wußte, warum. Mit klopfendem Herzen wagte sie sich wieder ans Fenster. Nichts zu sehen. Erleichtert atmete sie auf, doch im selben Moment sprang etwas Schwarzes, Großes genau auf sie zu. Mit einem Schreckensschrei sprang Judi zurück und fiel der Länge nach hin. Die Prellung in ihrem Nacken schoß eine Welle aus Schmerz in ihren Rücken. Ein noch bösartigeres Knurren als das, das sie gerade gehört hatte, erscholl hinter ihr und ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Keuchend richtete sie sich auf und sah zum Fenster.

Rote Augen, die nur aus Bosheit zu bestehen schienen, starrten sie an. Ein riesiger Hund versuchte sich durch das winzige Fenster zu quetschen und schnappte nach ihr. Geifer tropfte zu Boden, und Judi schrie lauthals um Hilfe. Aber das schien das Tier noch wütender zu machen. Er kratzte wie wild am scheibenlosen Fenster und knurrte ununterbrochen. Er durfte es auf keinen Fall schaffen, durch das Fenster zu gelangen, sonst war sie verloren! Hektisch sah sie sich nach einer Waffe um, ergriff kurzerhand die Metallschüssel und warf sie mit aller Kraft nach dem Hund. Aber dieser schien das überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen, denn er kratzte, ohne auch nur einen Schmerzenslaut von sich zu geben, am Fenster weiter. Judi hatte das Gefühl, ihr Herz würde im nächsten Augenblick zerspringen. Wieso half ihr denn keiner?

Dann hörte das Knurren von einem Augenblick auf den nächsten auf. Die Bestie war verschwunden. Langsam stand Judi auf und bewaffnete sich mit dem einzigen, was ihr geblieben war: dem Stuhl, der an ihrem Bett stand. Sie umklammerte ihn so fest, daß ihre Knöchel weiß hervortraten. Dann erschütterte ein Krachen die Tür. Erschrocken ließ sie den Stuhl polternd zu Boden fallen. Ein zweites Mal krachte es, und Judi fuhr herum.

Das … Ding versuchte die Tür zu rammen! Aber so etwas tat doch kein normales Tier! Irgend etwas in ihrem Inneren sagte ihr, daß das vor der Hütte auch kein gewöhnlicher, wild gewordener Hund war.

Das dritte Mal, als sich das Tier gegen das Holz warf, riß sie aus ihrer Erstarrung. Mit einem Satz war sie an dem Tisch, der in der Ecke stand, und stemmte sich dagegen. Ächzend schob sie ihn vor die Tür. Sie glaubte, daß diese nach innen aufging. Wenn sie sich irrte, war sie so gut wie tot.

Als sie es endlich geschafft hatte, nahm sie den Stuhl wieder in beide Hände. Der Köter kann sich auf etwas gefaßt machen, dachte sie grimmig, aber mit jeder Sekunde begann ihr neu gewonnener Mut wieder zu schrumpfen. Das Krachen hatte endlich aufgehört, aber dafür war erneutes Kratzen zu hören, unter das sich ein leises Quietschen mischte.

Das Vieh schob den Riegel zurück! Mit einem Entsetzensschrei ließ sie den Stuhl abermals fallen und stemmte sich gegen die Tür. Aber ihre zurückgewonnenen Kräfte reichten kaum aus, dem Druck, der die Tür Millimeter für Millimeter aufdrückte, standzuhalten. Ein unglaublicher Schmerz begann sich in ihrem rechten Arm breit zu machen und feine Schweißperlen bedeckten ihre Stirn. Dann hörte der Druck schlagartig auf. Keuchend ließ sich Judi zurücksacken. Vorbei, dachte sie.

Aber da hatte sie sich geirrt. Ein Schlag traf erneut die Tür, öffnete sie und schob den Tisch einfach beiseite. Etwas Schwarzes schoß über ihren Kopf hinweg und landete direkt hinter ihr. Der Hund! Entsetzt versuchte Judi aufzuspringen, aber das schwarze Ungeheuer war schon über ihr. Die riesigen Vordertatzen, die sich mit einem Mal auf ihrer Brust befanden, schnürten ihr beinahe die Luft ab. Das Paar brennender roter Augen starrte triumphierend auf sie herab. Warmer, stinkender Atem schlug ihr ins Gesicht, Speichel tropfte auf ihre Wange und hinterließ eine glitzernde Spur. Von Panik erfüllt versuchte Judi sich hochzustemmen, aber das ungeheure Gewicht des Riesen über ihr ließ ihr keine Chance. Langsam näherte sich sein gewaltiges Gebiß ihrer Kehle. Eine zweite Gestalt tauchte plötzlich hinter der Bestie auf, und im nächsten Augenblick brach diese zusammen. Judi bekam keine Luft mehr, als sich nun das ganze Gewicht auf sie drückte. Aber das ließ mit einem Mal nach und Hände halfen ihr hoch.

»Er ist weg. Bist du verletzt?«

Niam … er hatte sie gerettet. Als Judi keine Antwort gab, begann er sie zu schütteln. »Antworte!«

Stöhnend schloß sie die Augen. »Was war das?«, fragte sie mit bebender Stimme.

»Ich weiß es nicht, aber ich vermute Schlimmes. Kannst du gehen?«

Sie versuchte es, aber ihre Beine gaben einfach nach. Kurzerhand nahm Niam sie auf die Arme, und diesmal wehrte sie sich nicht.

Starker Regen trommelte monoton auf das Dach. Der Himmel hatte sich verdunkelt und ein Gewitter war aufgezogen. Hin und wieder durchbrach ein Blitz mit seinem grellen Licht die Dunkelheit, die noch immer über dem kleinen Dorf lag, dicht gefolgt von dem noch entfernten Grollen des Donners. Es war kalt geworden und trotz des Regens kam Nebel auf. Dichter Nebel.

Judi wußte nicht, ob Minuten oder Stunden vergangen waren, seit sie hier lag. Letzteres vermutlich. Seufzend blickte sie in Richtung Fenster und versuchte, das wattige Weiß mit den Augen zu durchdringen, aber die ohnehin schon durch den Regen verschlechterte Sicht verhinderte es. Sie fühlte sich unwohl. Nicht, daß sie Angst vor Gewitter hatte, aber der Nebel war ihr unheimlich.

Niam hatte sie in eine andere Hütte gebracht, die etwas größer war als die vorherige. Jetzt lag sie wieder in einem Bett und versuchte, die Bilder, die in ihrem Kopf herumspukten, zu verbannen. Was, wenn das Tier noch lebte und wiederkommen würde, um das zu Ende zu bringen, was es begonnen hatte?

Unruhig sah sie wieder aus dem Fenster. Der Nebel war jetzt noch näher gekommen und hatte fast das ganze Dorf verschluckt.

Sie hatte Niam mehrmals darauf angesprochen, was das für ein Hund gewesen sei, der sie angefallen hatte, aber immer hatte er ihr nur ausweichend geantwortet. Er verheimlichte ihr etwas. Und Diamara auch. Aber was?

Der Wind wurde stärker und ließ die Holzwände ächzen. Judi zog die Decke ein Stückchen höher. Sie hatte jetzt zwar wieder ihre alten Kleider an statt des dünnen Hemdes, aber ihr war trotzdem kalt. Wieder erhellte ein Blitz das Zimmer und der Donner war jetzt merklich lauter geworden. Das Prasseln des Regens verstärkte sich.

Dann glaubte Judi so etwas wie Schritte zu hören, und starrte mit klopfendem Herzen zur Tür. Diese wurde schon im nächsten Augenblick aufgestoßen, und ein eisiger Windhauch wehte in den Raum. Diamara ließ ihren durchnäßten Umhang achtlos zu Boden fallen und schloß lauthals fluchend die Tür. Judi unterdrückte mit Mühe ein schadenfrohes Grinsen.

»Mistwetter! Wenn ich wüßte, wo das so schnell hergekommen ist! Ich habe dir etwas zu essen gekocht. Das stärkt deine Kräfte.« Mit diesen Worten hielt sie ihr einen stark nach Gewürzen riechenden Brei entgegen. Judi nahm die Schale wortlos entgegen, rührte aber nur lustlos darin herum.

Diamara achtete nicht darauf und setzte sich ans Bett. Eine Weile saß sie einfach nur schweigend da und beobachtete den Löffel in Judis Hand. Dann sah sie auf und fragte: »Ich … willst du darüber reden, was dir passiert ist?« Sie wirkte nervös. »Ich meine, kannst du mir sagen, wie er ausgesehen hat, der Hund?«

»Warum fragst du? Er ist doch tot, oder nicht?«

Diamara sah an ihr vorbei aus dem Fenster. »Ja, schon, aber er ist nicht mehr da.«

Judi blickte sie verständnislos an.

»Er … hat sich in Luft, eher gesagt in Rauch aufgelöst.«

»In was? Ich meine, war das jetzt ernst gemeint?« Wollte Diamara sie auf den Arm nehmen? So ein riesiges Biest konnte sich doch nicht einfach in Rauch auflösen!

»Ja, es stimmt. Ich muß wissen, wie er ausgesehen hat. Kannst du ihn mir beschreiben? Bitte, es ist wichtig!«, drängte Diamara.

Judi zögerte. »Er war groß und schwarz. Wie ein Wolf, nur um einiges größer. Und seine Augen … als würden sie brennen.« Judi schloß die Augen. Der Blick des Hundes war so voller Haß gewesen. Haß auf sie.

Diamara schwieg. Sie wirkte sehr besorgt. »Es ist wahr …«, murmelte sie.

»Was?«, fragte Judi.

Diamara sah sie erschrocken an. »Nichts. Ich hab nur laut gedacht.«

Man mußte nicht unbedingt schlau sein, um zu merken, daß Diamara ihr etwas verschwieg. Genau wie Niam.

»Ich würde gerne wissen, was hier los ist. Ich bin zwar nur eine Gefangene, aber ich hab ja wohl das Recht zu wissen, warum das Biest mich umbringen wollte. Ihr verschweigt mir etwas!«

Diamara antwortete nicht. Sie stand auf, öffnete die Tür und ging in den Regen hinaus.

Mit ihm war Nebel gekommen. Er wußte, daß sie hier war, aber es war zu früh. Über ihm tobte das Gewitter und unter ihm lag das Dorf. Sein Diener war tot. Er hatte versagt, aber das störte ihn nicht sonderlich. Er wußte, er würde noch früh genug die Gelegenheit bekommen, die Gefahr zu beseitigen … Noch war Zeit …

Judi hatte es nach einiger Zeit endlich geschafft, Schlaf zu finden. Aber es war ein unruhiger Schlaf gewesen. Die Geräusche des erwachenden Dorfes hatten sie schließlich geweckt. Müde schlug sie die Decke zur Seite und stand auf.

Der Boden war eisig, und als sie an das vergitterte Fenster herantrat, sah sie, daß der Nebel noch immer über dem Dorf lag und der Wind noch immer anhielt, wenn er auch wesentlich schwächer geworden war. Der Regen hatte aufgehört und mit ihm war auch das Gewitter verschwunden. Die wenigen Menschen, die zwischen den Häusern hin und her liefen, wirkten in dem dichten Nebel seltsam unwirklich. Das Dorf schien irgendwie unruhig zu sein, aber sie wußte nicht, ob sie es sich nicht nur einbildete. Hatte es etwas mit dem gestrigen Erlebnis zu tun?

Schaudernd wandte sie sich ab und sah sich zum ersten Mal genauer im Raum um. Die Einrichtung war fast identisch mit der in der Hütte, in der sie vorher gewesen war, nur ein wenig freundlicher. Sie bemerkte auch, daß Diamara ihren Mantel auf dem Boden vergessen hatte, als sie gestern so eilig gegangen war. Judi hängte ihn zum Trocknen über den Tisch und kroch wieder ins Bett zurück. Wann würde sie endlich die Gelegenheit bekommen, von hier zu verschwinden?

Unruhig spielte sie an dem Zipfel ihrer Decke. Als sie wieder zum Fenster sah, stand dort ein kleines Mädchen und sah Judi neugierig an. Dann wurde es von einer dicken Frau gepackt und geschüttelt.

»Was hab ich dir gesagt? Du sollst hier nicht hingehen. Wenn ich dich noch einmal hier erwische, dann …« Sie sah auf und blickte Judi böse an. »Was hast du mit meiner Kleinen gemacht? Hast du sie verhext? Wolltest du sie vergiften?«

»Wie?« Mehr brachte Judi nicht heraus.

»Stell dich nicht dumm! Du gehörst zu ihm, gib es zu!« Sie fuchtelte drohend mit der Hand. Aber Judi war viel zu verwirrt, um zu antworten.

»Ja, dich dumm stellen, das kannst du gut! Ich hoffe, daß der Djamo endlich eine weise Entscheidung trifft und dich beseitigt!«

»Enra! Was machst du da? Es ist nur Diamara und mir erlaubt, zu ihr zu gehen! Geh!«, unterbrach Niam sie.

Enra warf ihr noch einen letzten bösen Blick zu und zerrte das kleine Mädchen vom Fenster weg. »Sie wollte meine Kleine verhexen. Wenn …«

»Geh jetzt!«, unterbrach Niam sie zum zweiten Mal. Schimpfend entfernte sich Enra. Judi starrte ihr nach.

Als Niam hereinkam und sich neben sie setzte, sah sie auf und fragte: »Warum haßt sie mich so? Was habe ich denn getan?«

Niam antwortete nicht.

»Was ist ein Djamo? Was wollte sie von mir?«, drängte sie weiter.

»Ein Djamo ist ein weiser Rat. Man trifft dort viele Entscheidungen. Was hat sie dir darüber gesagt?«

Der Unterton in seiner Stimme gefiel ihr nicht ganz. »Nichts, ich meine, sie hat es nicht ganz ausgesprochen. Ich glaube, sie meinte, daß …«

»Daß was?«, fragte er, als sie nicht weiter sprach.

»Ich glaube, sie hat gemeint, daß der Djamo darüber entscheiden soll, mich zu … beseitigen.« Ihre Stimme zitterte. »Ist das wahr? Was habe ich denn gemacht?«

Niam sah weg.

»Verdammt noch mal, was ist eigentlich los? Soll ich etwa umgebracht werden? Das ist doch wohl nicht euer Ernst!«

»Das hat niemand gesagt. Wieso umbringen? Enra redet viel Unsinn. Ich muß jetzt gehen. Bis später!«

Judi wußte, daß er log. Fast schon eilig schloß er die Tür. Sie mußte so schnell wie möglich hier weg! Judi stand auf und spähte vorsichtig aus dem Fenster. Von Niam war nichts mehr zu sehen und auch von niemand anderem. Zögernd näherte sie sich der Tür. Mit pochendem Herzen streckte sie die Hand aus und schloß sie um das kalte Metall der Klinke. Langsam drückte sie sie hinunter und öffnete die Tür. Ein paar Sekunden lang stand sie einfach nur da und starrte verblüfft die Tür an. War das eine Falle, oder hatte Niam tatsächlich vergessen, die Tür abzuschließen? Vorsichtig sah sie um die Ecke.

Es war niemand zu sehen, soweit der Nebel es zuließ, und kurz bevor sie ihrem »Gefängnis« entkommen war, hatte sie sich Diamaras halbwegs getrockneten Umhang übergezogen, um nicht sofort erkannt zu werden. Jetzt huschte sie mit rasendem Herzen von Haus zu Haus. Der Nebel wurde stärker, je weiter sie sich dem Dorfrand näherte.

Ängstlich duckte Judi sich wieder unter einem Fenster hinweg und blieb stehen. Sie wußte nicht, ob es eine Täuschung war, aber sie meinte, zwei schemenhafte Umrisse im Nebel vor sich zu erkennen. Sie hielt ihren Atem an. Zum Verstecken blieb keine Zeit mehr, also hatte sie keine andere Wahl. Sie zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und trat weiter aus dem Schatten heraus auf die Straße. Die Gestalten kamen näher. Mit gezwungen langsamen Schritten ging sie weiter. Nur noch ein paar Schritte waren die beiden von ihr entfernt, dann waren sie vorbei. Ein erleichtertes Aufatmen konnte Judi nicht unterdrücken. Aber es ging zu leicht! War es doch eine Falle? Sie war nicht einmal beachtet worden. Als wären diese Gedanken ein Stichwort gewesen, hörte sie Schritte hinter sich.

»Bleib stehen!«, rief eine Stimme. Niam! Judi dachte gar nicht daran, sondern rannte los. Niam hinter ihr rief noch etwas, aber sie verstand es nicht. Wie von Furien gehetzt rannte sie weiter in den Nebel hinaus. Plötzlich verhakte sich ihr Fuß an einer Wurzel und sie fiel der Länge nach hin. Sie schürfte sich ihre Hände auf, aber sie bemerkte den Schmerz gar nicht und wollte aufstehen, doch sie bekam ihren Fuß nicht frei. Verzweifelt strampelte sie und trat um sich. Dann wurde sie in die Höhe gerissen.

»Verdammt noch mal! Halt still!«, rief Niam.

Panikerfüllt biß sie ihm in die Hand, die ihren rechten Arm umklammert hielt. Niam brüllte vor Schmerz auf und ließ sie los. Keuchend kam sie wieder auf die Füße und rannte blindlings weiter.

»Verdammt noch mal! Bleib stehen! Du rennst in den Tod!«

Judi hörte seine Worte gar nicht. Immer weiter rannte sie in den Nebel hinein. Sie merkte nicht, wie er um sie herum immer dichter wurde …

Er wollte sie aufspüren, aber jetzt war sie von selbst gekommen. Vorsichtig lenkte er sie in seine Richtung, ohne daß sie es merkte. Aber etwas war nicht so, wie es sein sollte. Nicht daß es seine Macht beeinflußte. Nein, dazu war er viel zu mächtig. Er wußte nicht, was es war … Etwas näherte sich ihm. Er wurde unruhig, als er merkte, was es war. Eine andere Macht, die ihm nichts anhaben konnte, aber durchaus stören …

Judi wußte längst nicht mehr, wo sie war. Sie war stehengeblieben, als sie merkte, daß Niam nicht mehr hinter ihr war. Mühsam rang sie nach Atem und sah sich um. Alles, was weiter als einen Meter von ihr entfernt lag, verschwand hinter einer dichten Nebelwand. Sie fror.

Judi drehte sich noch einmal um ihre eigene Achse. Sie wußte nicht aus welcher Richtung sie gekommen war. Was hatte Niam hinter ihr hergerufen? Sie wußte es nicht mehr, aber es war wichtig gewesen. Sie ging weiter. Es war einfach unmöglich, etwas zu erkennen, und der Gedanke, sich einfach hinzusetzen und zu warten, bis der Nebel verschwunden war, wurde beinahe übermächtig. Doch das Risiko, daß Niam sie dann schließlich doch noch fand, war zu groß. Irgend etwas schien sie voran zu treiben. Aber ehe sie richtig darüber nachdenken konnte, entschlüpfte ihr der Gedanke wieder.

Was war eigentlich los? Sie irrte hier im Nebel umher auf der Flucht vor ein paar anscheinend verrückt gewordenen Dorfbewohnern, die sie gegen ihren Willen festgehalten hatten, und das alles nur wegen eines dummen Eichhörnchens! Sie hätte beinahe laut aufgelacht, auch wenn alles, was sie fühlte, Angst war.

Abermals blieb sie stehen. Der Nebel gaukelte ihr Bewegung vor, wo keine war – das hoffte sie zumindest. Etwas kam näher. Judis Herz pochte um einiges schneller. Trotz der Kälte war ihre Stirn mit feinen Schweißtröpfchen bedeckt. Verdammt noch mal, das ist ein ganz normaler Nebel! Aber so sehr sie es sich auch einzureden versuchte, es mißlang gründlich.

Das Gefühl, daß sich etwas näherte, wurde immer stärker. Langsam ging sie einen Schritt zurück und versuchte abermals, etwas durch die dichte Nebelwand zu erkennen. Vergebens. Dann berührte etwas ihre Schulter. Mit einem Schrei fuhr Judi herum. Eine Hand preßte sich auf ihren Mund.

»Sei still!«, raunte eine Judi nur allzu bekannte Stimme. Niam. Langsam nahm er seine Hand herunter.

»Was …«, begann sie, wurde aber sofort durch ein hastiges Zeichen von Niam wieder zum Schweigen gebracht.

Auf seinem Gesicht lag ein angespannter Ausdruck. »Sei endlich still, wenn du lebend aus diesem Nebel heraus willst! Wenn du fliehst, bist du verloren! Du hast die Wahl«, flüsterte er. Ohne eine Antwort abzuwarten, zerrte er sie mit sich.

Sie war sich nicht sicher, ob seine Worte nur ein Vorwand waren, sie einzuschüchtern, aber sie wollte es auch nicht ausprobieren. Sie wußte nicht, wie lange er sie so hinter sich her zerrte, als sie ein Geräusch hinter sich hörte. Sie wollte stehen bleiben, aber Niam ging beinahe noch schneller, so daß sie jetzt fast rannten.

Das Geräusch wiederholte sich. Ein leises Rauschen und Zischen. Auch Niam schien es diesmal zu hören, denn in seinen Augen spiegelte sich pures Entsetzen wider. Jetzt rannte er wirklich. Judi wußte nicht, wie er überhaupt etwas sehen konnte, denn der Nebel war mittlerweile zu einer für Blicke undurchdringlichen Wand geworden. Das Zischen wurde lauter.

»Lauf! Lauf so schnell du kannst!«, schrie er. Er ließ ihren Arm los und sie hatte alle Mühe, ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

»Sieh nicht nach hinten! Lauf!« Seine Stimme überschlug sich fast.

So schnell sie konnte, lief sie hinter ihm her, und ihre Angst verlieh ihr beinahe übermenschliche Kräfte. Aus den Augenwinkeln sah sie etwas Schwarzes auf sich zurasen. Sie schrie auf und warf sich herum und … der Nebel war verschwunden. Er hatte sich nicht etwa langsam aufgelöst, er war einfach nicht mehr da.

Von ihrem eigenen Schwung getragen, prallte sie gegen Niam und riß ihn mit sich zu Boden. Eine halbe Minute lang lag sie einfach nur da und rang mühselig nach Atem, bis sie sich vorsichtig aufsetzte und sich umsah. Vor ihnen begann ein dichter Wald, und es erschien ihr schier unmöglich, vorhin nicht gegen einen Baum gelaufen zu sein. Neben ihr setzte sich auch Niam auf.

»Was war das?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

Niam antwortete nicht. Er sah sie nur mit einer Mischung aus Erleichterung und Unglauben an.

»Was war das, verdammt noch mal?«, schrie sie ihn an.

»Ich erkläre dir alles, wenn wir zurück ins Dorf gehen. Und keine weiteren Fluchtversuche, verstanden?«

Er stand auf, als sie auffahren wollte, und packte sie am Handgelenk. Wie vorhin zerrte er sie einfach mit sich. Aber sie wollte auch gar nicht weglaufen. Allein der Gedanke, noch einmal in diesen Nebel zu geraten, jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken.

Sie war ihm entwischt. Irgend jemand hatte sie aus seiner Reichweite geholt. Wütend zog er sich zurück. Aber er hatte Zeit. Er konnte warten. Noch wußte sie noch immer nichts, aber das war nicht von besonderer Bedeutung. Selbst wenn sie Bescheid wüßte, würde es seine Aufgabe nur noch leichter machen …

Als sie das Dorf erreichten, brachte Niam sie wieder in die Hütte, verzichtete aber darauf, den Riegel von außen vorzulegen, aber das war auch nicht nötig. Nach kurzer Zeit kam er in Begleitung von Diamara zurück. Beide blickten sie mit einem Ernst an, der ihr ganz und gar nicht gefiel.

»Wir müssen mir dir reden«, sagte Diamara überflüssigerweise. Sie setzte sich wie gewohnt auf die Bettkante, während sich Niam einen Stuhl an ihr Bett zog.

»Wollt ihr mir erklären, was das vorhin war?«

»Später. Ich muß erst etwas nachprüfen.« Mit diesen Worten griff Diamara in einen kleinen Beutel, der um ihre Hüfte hing, und holte drei kleine Steine hervor. Sorgfältig legte sie sie vor Judi auf die Bettdecke.

Bei genauerem Hinsehen konnte sie verschlungene Muster erkennen, die sich nach einer Weile als feine Bilder entpuppten. Auf allen waren halb drachen- und halb schlangenartige Wesen zu erkennen.

»Wenn ich dich fragen würde, welcher von den dreien der Stein der Gerechtigkeit und der Wahrheit ist, welchen würdest du nehmen?«

Ein wenig verwirrt blickte sie auf die grauen Steine hinab.

»Achte nicht auf das Aussehen, sondern höre auf dein Gefühl!«, sagte Niam. Judi deutete auf den mittleren.

»Und welcher ist deiner Meinung nach der Stein der Hoffnung?«, fragte Diamara.

Ihr Gefühl sagte, daß der linke der richtige sei, und Judi deutete auf diesen.

»Und was meinst du, ist der übriggebliebene Stein: des Lebens oder der Liebe und Freude?«

»Der des Lebens«, antwortete sie ohne zu zögern. Das Wissen war einfach da, aber woher? Immer noch verwirrt, blickte sie auf die kleinen grauen Steine.

»Bist du sicher?«, hakte Diamara nach.

»Ja, aber woher … ich meine nicht, daß ich weiß, ob es richtig ist, aber woher weiß ich das?«

»Es ist richtig. Weißt du, Niam erklärt dir später alles. Und jetzt trink das, aber langsam!« Diamara hielt ihr einen hölzernen, reich verzierten Kelch entgegen.

Unsicher blickte sie zu Niam. In seinem Gesicht stand nach wie vor derselbe Ernst geschrieben, aber in seinen Augen war … Spannung? Aber worauf? Judi wendete schließlich den Blick ab und nahm den Kelch vorsichtig entgegen. Er fühlte sich eisig an. Diamara lächelte ihr aufmunternd zu.

Mit kleinen Schlucken begann sie zu trinken. Es schmeckte nicht einmal schlecht, sah man von dem säuerlichen Nachgeschmack ab. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich augenblicklich in ihr aus, dann wurde es um sie herum dunkel.

Niam hob den heruntergefallenen Kelch auf und reichte ihn Diamara. »Meinst du, sie ist es?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht. Sie hat alle Fragen richtig beantwortet, aber das ist nicht sicher genug. Spätestens morgen werden wir es erfahren.« Mit dem Zipfel ihres Gewandes wischte sie den Kelch sauber. »Du bleibst bei ihr!«, befahl sie und ging aus der Hütte.

Niam betrachtete Judis schlafendes Gesicht. Ja, spätestens morgen würden sie es erfahren. Wenn sie es nicht wäre, sondern ein Geschöpf von ihm, dann … Er dachte diesen Gedanken nicht zu Ende. Sie war ihm schon mehr ans Herz gewachsen, als gut war. Sein Rücken begann zu schmerzen und er setzte sich in eine bequemere Lage. Vielleicht war sie ja ihre letzte Hoffnung. Andererseits sprach die Legende von einem Jungen, nicht von einem Mädchen …

Judi bewegte sich unruhig. Nein, sie war bestimmt kein Geschöpf von ihm, aber sie mußten bis zum nächsten Morgen warten.

Als sie erwachte, hatte sie ein Gefühl, als habe sich jemand einen Spaß daraus gemacht, sie als Tennisball zu benutzen. Jeder einzelne Knochen tat höllisch weh. Als sie die Augen öffnete, blickte sie direkt in Niams Augen. Er strahlte über das ganze Gesicht.

»Du … du leb … ich meine du …« Er brach ab.

Was war denn in den gefahren? Gestern noch hatte er sie wie eine Gefangene behandelt, was sie ja irgendwie auch war und leider immer noch blieb, und jetzt freute er sich, sie erwachen zu sehen. Was war eigentlich passiert? Das Durcheinander hinter ihrem Kopf ließ sich einfach nicht ordnen. Stöhnend hob sie die Hand. Selbst das war beinahe zu viel.

»Du hast doch sicher Durst?«, fragte Niam.

Durst? Jetzt, als er sie darauf ansprach, merkte sie, daß das weit untertrieben war. Sie nickte. Hastig sprang er auf und füllte einen kleinen Holzbecher. Das Wasser war so kalt, daß es sie nicht gewundert hätte, wenn eine Eisschicht darauf schwimmen würde, aber sie trank es trotzdem mit großen, gierigen Schlucken. Als sie Niam fragte, ob sie noch einen Becher haben dürfe, schüttelte er nur den Kopf.

»Du darfst nicht so viel auf einmal! Warte noch ein bißchen.«

Enttäuscht ließ sie den Becher wieder sinken.

»Ich komme sofort wieder! Ich hole nur schnell Diamara.« Niam rannte regelrecht aus der Hütte. Stirnrunzelnd sah Judi ihm nach. Sie konnte sich an fast nichts erinnern. Diamara hatte sie einige merkwürdige Dinge gefragt. Sie hatte sie richtig beantwortet und dann? Es war, als würde sich eine unsichtbare Mauer vor ihre Erinnerungen schieben. Vorsichtig ließ sie sich in die Kissen zurücksinken. Sie war immer noch müde und mußte wohl wieder eingeschlafen sein, denn sie schrak hoch, als Niam und Diamara die Hütte betraten. Die Bewegung war etwas zu heftig. Die ganze Hütte begann, sich um sie herum zu drehen. Abermals hob sie stöhnend die Hand an den Kopf.

»Judi! Wie geht es dir?« Auch Diamara strahlte über das ganze Gesicht.

»Einigermaßen …«, antwortete sie zögernd. »Was ist denn eigentlich passiert?«

»Hast du schon was getrunken? Hast du Hunger?« Diamara beachtete Judis Frage gar nicht. Seit wann sorgten sich beide so um sie?

»Hab ich. Hunger hab ich keinen«, antwortete sie ein bißchen verwirrt.

»Ich mache dir trotzdem eine kräftige Suppe. Dann fühlst du dich besser! Währenddessen … Niam wird es dir erklären.« Sie warf Niam einen auffordernden Blick zu und ging.

»Was sollst du mir erklären?«, hakte Judi mißtrauisch nach.

Niam zögerte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Weißt du, es gibt eine Legende. Unser Dorf wird von einem, Na ja, es wird halt bedroht. Seit Jahren konnten wir uns vor ihm verstecken, aber jetzt … Ich glaube, er weiß, wo wir sind. Er hat Helfer, und wir dachten erst, du wärst eine von ihnen. Eine Legende erzählt, daß ein Retter unser Dorf aus der Not befreien wird. Er weiß … Warte!« Niam stand auf und eilte aus der Hütte.

Sie mußte nicht lange warten, bis er zurück kam. Sein Atem ging schnell und unter seinem Arm trug er ein dickes, altes Buch. Er mußte gerannt sein! Ohne ein weiteres Wort schob er den Stuhl an den Tisch und lud das Buch darauf ab. Ein paar Minuten blätterte er darin herum, bis er schließlich das gefunden zu haben schien, was er suchte.

»Also«, begann er, »einst war Djorgian eine herrliche Stadt. Voll von Menschen, die einander nichts Böses wollten. Doch dieses Glück sollte nicht lange währen, denn einer der fünf mächtigsten Magier, Dohn, sagte sich los und verließ die Stadt. Sein Herz war voller Machtbegierde und seine Seele vergiftet. Er trachtete nach dem Leben der anderen Magier. Er gründete ein eigenes Reich, aus dem bald alles Leben verschwand. Die Menschen machte er sich zu Sklaven, und die, die nicht gehorchten, ließ er hinrichten. Die Männer zwang er mit schwarzer Magie, ein Heer zu bilden und griff Djorgian an. Viele starben und nur wenige konnten entkommen, darunter nur zwei der mächtigen Magier.

Jahrelang flohen sie vor seinen dunklen Reitern, bis sie schließlich einen sicheren Platz fanden, der tief im Wald verborgen lag. Sie errichteten einen magischen Schutzwall um das kleine Dorf. Doch dann starben die Magier. Der Schutzwall nahm Jahr für Jahr an Stärke ab.

Das heilige Orakel, dessen damaliger Standort jetzt unbekannt ist, sagte voraus, daß Dohn Djorgian doch mit Hilfe seiner Gehilfen entdecken würde, um dessen Bewohner neu zu versklaven. Doch ein Retter sei auserkoren. Man würde ihn an seinem Wissen über die drei heiligen Steine erkennen. Doch Dohn würde dies bemerken und versuchen, den Retter zu vernichten. Er muß gut beschützt werden, bis er über seine Aufgabe Bescheid wissen würde. Er muß den Stein der Seelen, aus dem der Magier seine schwarze Macht zieht, finden und vernichten. Doch ob er das Dorf rechtzeitig retten könnte, wurde nie erwähnt. Das Orakel schwieg darüber und hat seitdem auch nie mehr gesprochen.« Niam klappte das Buch langsam zu und schob es von sich.

»Und was soll mir das jetzt sagen? Ich meine, was soll ich jetzt mit diesem Märchen anfangen?« Niam mochte sie ja für dumm halten, aber wenn er meinte, daß sie glauben würde, was er da vorgelesen hatte, hatte er sich geirrt.

»Es ist die Wahrheit! Diamara hat dich gestern über die drei heiligen Steine befragt, und du hast alle Fragen richtig beantwortet. Es ist zwar von einem Retter die Rede, aber wieso sollte es nicht eine Retterin sein? Außerdem hat Dohn zweimal versucht, dich zu töten! Der Hund, wie du ihn nennst, war einer seiner Diener. Ein Gor. Was das draußen im Wald war, weiß ich allerdings nicht, aber es war eines seiner Geschöpfe.«

»Das war ein Nebelwesen«, sagte Diamara. Sie stand mit einer dampfenden Schale in der Tür. »Du mußt ihm glauben! Ich weiß, in deiner Welt glaubt man längst nicht mehr an Magier und böse Mächte. Zumindest nicht mehr sehr viele. Aber es ist die Wahrheit.« Sie reichte Judi die Schale.

»Aber das kann doch gar nicht sein! Ich und eine Retterin? Das kann ich mir kaum vorstellen. Ich kann ja nicht mal kämpfen! Bei uns hat man so etwas nicht nötig. Da laufen keine Leute mit Schwertern bewaffnet durch die Gegend und kämpfen mit irgendwelchen Ungeheuern!«

»Du hast über die drei heiligen Steine Bescheid gewußt, wie das Orakel gesagt hatte. Und noch so einiges. Du mußt uns helfen!« Sie setzte sich wie immer auf die Bettkante.

»Ich weiß doch gar nicht, wo dieser Da …«

»Dohn«, half Niam ihr aus.

»… wo dieser Dohn ist und erst recht nicht dieser Stein!«

»Man sagt, daß der Stein im Herzen seiner Burg läge, und Niam könnte dir den Weg zur Festung zeigen.«

»Wenn, dann begleite ich sie die ganze Zeit«, widersprach Niam.

Judi schwieg. Entweder sagten sie tatsächlich die Wahrheit, oder man wollte sie gründlich auf den Arm nehmen.

»Das kann ich nicht glauben«, sagte sie noch einmal. »Magier … so etwas gibt es doch wirklich nur in Märchen.«

»Ach ja?« Mit diesen Worten hob er die Hand. »Die Drachenschlange ist das Zeichen unserer Magier. Bevor sie gestorben sind, haben sie einen Teil ihrer Macht an einige von uns weitergegeben. Die wiederum haben es an ihre Kinder weitervererbt und so weiter.«

»Wieso besiegt ihr ihn dann nicht einfach mit eurer Magie?«, erwiderte Judi trotzig.

»Wenn das so einfach wäre, bräuchten wir keinen Retter!«, meinte Niam ungeduldig. »Was brauchst du noch für Beweise? Mußt du ihm erst persönlich gegenüberstehen, um uns zu glauben? Du mußt uns helfen!«

Diamara beruhigte ihn mit einer raschen Handbewegung. »Denk darüber nach. Komm, Niam!«

Zögernd stand er auf. Bevor er die Tür schloß, drehte er sich noch einmal um. »Du mußt uns glauben, Judi, bitte!« Langsam schloß er die Tür. Das Geräusch des Riegels blieb auch jetzt aus.

Judi löffelte lustlos in der Suppe herum, stellte sie schließlich auf den Boden und ließ sich zurück in die Kissen fallen. Sollte sie das wirklich glauben? Sie und eine Retterin? Judi lächelte gequält. Früher, als sie um die acht Jahre alt war, hatte sie sich so etwas immer gewünscht. Judi, die große Retterin, und alle würden sie bewundern! Und jetzt? Sie war hin und her gerissen.

Sollte sie das Spiel einfach mitspielen? Vielleicht würde man sie dann endlich freilassen. Und wenn es doch stimmte? Dann würde sie ihr Leben riskieren. Andererseits würde sie dann vielen Menschen helfen. Würde, würde, würde. Das waren eindeutig ein paar ›würde‹ zu viel!

In Geschichten siegte immer das Gute und das Böse wurde geschlagen. Aber wie sah so etwas wohl in der Wirklichkeit aus? Judi stand auf und ging im Zimmer umher. Wenn sie ein Dorf retten sollte, wollte sie es erst einmal richtig kennenlernen. Sie ging auf die Tür zu und streckte gerade die Hand nach dem Türgriff aus, als diese von außen heftig aufgestoßen wurde. Mit einem erschrockenen Hüpfer brachte sie sich in Sicherheit. Niam grinste.

»Das finde ich nicht sehr komisch!«, entgegnete sie wütend.

Er wurde übergangslos wieder ernst. »Was wolltest du überhaupt an der Tür? Doch nicht etwa wieder weglaufen?«

»Nein, aber wenn ich euch schon helfen soll, möchte ich mir erst einmal das Dorf ansehen. Wenn ich darf«, fügte sie hastig hinzu.

Niams Gesicht hellte sich auf. »Natürlich! Deswegen bin ich eigentlich noch einmal hergekommen. Die Frage kann ich mir ja jetzt sparen. Komm!« Er streckte ihr die Hand entgegen, die sie aber ignorierte. Er zuckte nur mit den Schultern und schloß die Tür hinter Judi.

»Was gibt es denn Besonderes in eurem Dorf? Habt ihr eine Kirche?« Sie blickte ihn fragend an.

»Ich weiß leider nicht, was eine Kirche ist, aber ich kann dir den Djamo zeigen.« Judi nickte ein wenig verwirrt und folgte Niam.

Die Wege waren noch vom Regen aufgeweicht und sie mußten mehrmals große, schlammige Pfützen umrunden. Unterwegs begegneten ihnen nur wenige Menschen, was wahrscheinlich an dem schlechten Wetter lag. Die wenigen, die sie sahen, waren alle in naturfarbene Gewänder gekleidet, wie Niam und Diamara. Einige schleppten Holzbündel auf dem Rücken, andere trugen große Körbe. Einmal blieb ein kleines Kind stehen und rief irgend etwas, das Judi nicht verstand, und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf sie. Ein paar Leute blickten in ihre Richtung, und in fast jedem Gesicht konnte sie diese Mischung aus Unglauben, Hoffnung, aber auch Furcht erkennen. Sie hatte es plötzlich sehr eilig, Niam zu folgen.

Schließlich blieb er vor einem großen hölzernen Haus stehen. »Das ist der Djamo«, erklärte er stolz.

Judi bewunderte die feinen Schnitzereien, die sich über der wuchtigen Tür befanden. Es handelte sich um drei halb schlangen- und halb drachenartige Wesen. Der erste und größte von allen hielt ein großes Schwert in der rechten Klaue und in der linken einen Kelch, der mittlere blickte zu einem strahlenden Stern empor, und dem letzten lief Wasser aus den Klauen. Sie sahen so echt aus, daß es Judi nicht gewundert hätte, hätten sie sich bewegt.

Verschlungene Symbole waren in die Türrahmen geritzt. Sie kamen ihr irgendwie bekannt vor.

»Die Drachen waren auch auf den Steinen, stimmt’s?«

»Ja. Das stimmt. Der erste ist der Drache der Gerechtigkeit und Wahrheit. Mit seinem Schwert urteilt er über alle Menschen. Man sagt, wenn man eine schlimme Tat begangen hat, erscheint er einem im Traume, und man wird auf eine harte Probe gestellt. Besteht man sie nicht, wird er mit seinem Schwert über den Schuldigen richten. Der zweite ist der Drache der Hoffnung. Wenn man ihn um Hilfe bittet, heißt es, daß er einen Stern vom Himmel holt und ihn dem Bittenden in sein Herz legt, damit seine Hoffnung nicht versiegt. Der dritte ist der Drache des Lebens. Aus seinen Händen läßt er Wasser fließen, denn ohne Wasser kann nichts leben. Mütter stellen über Nacht eine Schale mit Wasser unter seine Statue, und trinken das Wasser an drei aufeinander folgenden Tagen, damit sie ein gesundes Kind bekommen. Denn über Nacht, so sagt man, läßt er ein paar Tropfen seines heiligen Wassers in die Schale fließen.«

»Und was bedeuten die Zeichen in der Tür?«

»Da steht die Geschichte über die Drachen geschrieben. Nur Diamara kann sie lesen, aber sie hat sie oft erzählt, und du hast sie gerade auch gehört.«

»Und was findet in diesem Haus noch mal statt?«, fragte Judi weiter.

»Wenn es wichtige Dinge zu besprechen gibt, versammelt sich das ganze Dorf hier. Aber hauptsächlich fragen sie den Djamo, einen Rat, der sich dann in diesem Haus trifft und nach dem Willen der drei heiligen Drachen richtet. Zu diesem Rat gehören vier Magier, also alle, die es noch in unserem Dorf gibt. Da man sie den Djamo nennt, heißt auch das Gebäude so.«

»Aber du hast gesagt, daß alle Magier eine Drachenschlange auf der Hand haben. Dann bist du ja …«

»Dann bin ich einer der vier Weisen«, beendete Niam ihren Satz stolz.

Judi zog die linke Augenbraue hoch. »Du? Unter einem weisen Rat stelle ich mir ein wenig ältere Menschen vor.«

»Na und? Nur weil ich noch jung bin, heißt das noch lange nicht, daß ich nichts weiß und keine Entscheidungen treffen kann!«, erwiderte er beleidigt.

Judi senkte betreten den Blick. »Tut mir leid … Sei doch nicht gleich so eingeschnappt. Was gibt es denn noch so Besonderes in eurem Dorf?«, versuchte sie ihn wieder ein wenig zu beruhigen.

»Es gibt noch das Heilerhaus. Es liegt am Ende des Dorfes.«

Sie gingen weiter. Alle anderen Häuser waren meist klein und aus Holz, nur wenige waren aus Stein gebaut. Kleine Gärten, in denen allerhand Kräuter und Gemüse wuchsen, drängten sich zwischen die Gebäude, und hier und da lief ihnen eine Schar Gänse und Hühner über den Weg.

Ein paarmal bogen sie in eine schmale Seitengasse ein und Judi bemerkte nur all zu oft eine Gestalt hinter einem Fenster, die ihnen nachstarrte. Niam blieb abermals stehen und deutete auf eine kleine Hütte. Das Dach war ein wenig schief, und über den Fenstern hing, zu kleinen Büscheln zusammengebunden, eine Vielzahl an getrockneten Kräutern. Vor der Tür stand eine kleine, metallene Schale, aus der leichter weißer Rauch aufstieg. Neben der Tür stand eine große Statue, der Drache des Lebens. Seine Augen schienen Judi unentwegt anzustarren, wobei an diesem Blick nichts Unangenehmes war. Sie wirkten gutmütig aber auch von großem Ernst. Der Künstler, der diese Statue angefertigt hatte, mußte sehr lange daran gearbeitet haben.

Sie trat einen Schritt näher an den hölzernen Drachen heran und streckte die Hand nach ihm aus. Im selben Moment wurde die Tür mit einem leisen Quietschen geöffnet. Erschrocken zog sie die Hand zurück, wobei sie sich ein spöttisches Lächeln von Niam einfing. Sie bemühte sich, ihn mit Blicken aufzuspießen und drehte sich zu der Person, die die Tür geöffnet hatte, um. Es war Diamara.

»Du?«, rutschte es Judi heraus.

Diamara lächelte. »Ja, ich bin die Heilerin des Dorfes. Willst du hereinkommen? Ich habe frischen Tee gekocht.« Sie trat einen Schritt zur Seite und machte eine einladende Geste, die in das Innere der Hütte wies.

Judi trat ein und blickte sich neugierig um. Ein würziger Geruch lag in der Luft, denn unter der Decke hingen ebenfalls getrocknete Kräuter. In einem Ofen in der hinteren Ecke des Raumes prasselte ein behagliches Feuer.

»Setzt euch doch!«, sagte Diamara und deutete auf ein paar Stühle, die um einen großen Tisch standen. Er war zum größten Teil mit etlichen Schälchen und Gläsern, die verschiedenfarbige Pulver und Säfte enthielten, bedeckt.

Während Judi und Niam Platz nahmen, eilte sie in einen anliegenden Raum und hantierte eine Weile lautstark herum. Judi vermutete, daß es sich um die Küche handelte. Ein paar Minuten später kam sie mit einem reich verzierten Tablett zurück. Als sie bemerkte, daß kein Platz mehr auf dem Tisch war, stellte Diamara das Tablett seufzend auf einem der freien Stühle ab und begann, die Unordnung in eine andere Ecke des Raumes zu verfrachten.

»Das sieht hier immer so aus«, erklärte Niam grinsend.

»Sehr witzig. Als wenn du viel Wert auf Ordnung legen würdest! Hauptsache, ich finde, was ich suche«, gab sie ärgerlich zurück.

Niams Grinsen wurde noch breiter und auch Judi mußte lächeln.

Schließlich war genug Platz geschaffen, um das Tablett auf den Tisch zu stellen. Sie reichte jedem einen mit dampfendem Tee gefüllten Becher. Er duftete herrlich. »Was ist das für ein Tee?«, fragte sie, nachdem sie an der warmen Flüssigkeit genippt hatte.

»Er wird aus Lindenblüten und Zitronenmelisse gewonnen. Er hilft einem, einen klaren Kopf zu bewahren und er entspannt.«

Judi trank einen weiteren Schluck. »Weiß einer von euch, warum mich die Menschen hier im Dorf immer so anstarren?«, fragte sie schließlich.

Niam trank noch einen großen Schluck aus seinem Becher, ehe er antwortete. »Anfangs hielten wir dich für einen Feind. Aber jetzt bist du diejenige, die das Dorf retten soll. Die Menschen hier legen großen Wert auf dich. Sie sind halt neugierig. Außerdem haben sie auf einen Retter gewartet, nicht auf eine Retterin. Sie sind noch ein bißchen mißtrauisch, nimm es ihnen nicht übel. Du mußt sie verstehen.«

»Da du jetzt schon von dir aus auf dieses Thema gekommen bist – hilfst du uns?« Diamara blickte Judi beinahe flehend an.

Judi trank noch ein paarmal aus ihrer Tasse, um ein wenig Zeit zu gewinnen. »Ich habe noch gar nicht so sehr darüber nachgedacht. Ich weiß noch nicht so ganz, aber ich glaube, ich will n…«

Judi wurde von einem gellenden Schrei unterbrochen. Niam und Diamara sprangen beinahe gleichzeitig von ihren Stühlen auf und rannten zur Tür. Judi lief ihnen nach. Immer mehr Rufe und Schreie wurden laut. »Was ist denn da …«

»Sie greifen an! Die Gor greifen an!« Die letzten Worte hatte Niam geschrieen.

Diamara sog erschrocken die Luft ein und zerrte Judi wieder in das Innere des Hauses.

»Bringt euch in Sicherheit! Verriegelt die Tür! Beeilt euch! Ich muß los.«

»Niam, du bleibst hier!«, rief Diamara, aber er stieß sie einfach weiter in die Hütte, eilte wieder nach draußen und schlug die Tür zu.

»Ich muß den anderen helfen. Versteckt euch!« Seine Schritte entfernten sich.

»Dieser Narr! Er wird sich umbringen!«, murmelte Diamara. Sie blickte Judi aus tränenerfüllten Augen an. »Komm! Wir müssen uns verstecken!«

Sie zog Judi auf eine schwere, hölzerne Tür zu. Einige Sekunden suchte sie gehetzt in ihrer Rocktasche nach dem Schlüssel. Mit fliegenden Fingern steckte sie ihn ins Schloß und stieß hastig die Tür auf. Judi betrat einen völlig dunklen Raum.

»Warte!« Diamara eilte davon, um Sekunden später mit einer brennenden Kerze in der linken Hand zurückzukommen. »Halte das!« sagte sie knapp und reichte Judi die Kerze. Sie schloß die Tür und drehte den Schlüssel herum. Dann legte sie noch zusätzlich einen Riegel vor. Sie nahm Judi die Kerze wieder ab und stellte sie auf ein kleines Schränkchen, welches das einzige Möbelstück in dem winzigen Raum war.

Judis Herz jagte. »Sie sind wegen mir hier, nicht wahr?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

»Ja, aber wir können nichts tun außer warten.«

Niam eilte in die Richtung, aus der die entsetzten Rufe und Schreie kamen. Er hatte sich mit dem Nächstbesten bewaffnet, was er finden konnte: eine lange, mehrmals reparierte Mistgabel. Zwei Frauen mit ihren Kindern auf den Armen rannten ihm entgegen.

»Wo?«, fragte er knapp.

»Am Djamo. Es sind vier!«, keuchte eine über das Weinen ihres Kindes hinweg, dann rannten sie weiter. Eilig bog er in die rechte Seitenstraße. Schlamm spritzte in alle Richtungen davon. Vier Gor. So viele! Dohn wußte also, daß man sie informiert hatte.

Aus den Augenwinkeln sah er plötzlich einen schwarzen Schatten, der auf ihn zuraste, und er hätte beinahe zu spät reagiert. Er warf sich im allerletzten Moment zur Seite und riß gleichzeitig die Mistgabel hoch. Der Gor segelte um Haaresbreite über ihn hinweg. Stolpernd kam Niam wieder auf die Beine. Nicht zu früh, denn der Gor stieß ein drohendes Knurren aus und spannte sich zum zweiten Sprung.

Aber diesmal war Niam vorbereitet. Als das Ungeheuer sprang, warf er sich nicht zur Seite, sondern lief ihm einen Schritt entgegen, und so rammte sich der Gor die Mistgabel selbst in den Leib. Er stieß ein schrilles Jaulen aus und stürzte. Doch Niam konnte nicht schnell genug ausweichen, so streifte ihn das Tier und riß ihn mit sich zu Boden. Der Gor schnappte nach seinem Bein und hinterließ einen tiefen, blutigen Riß. Niam schrie auf und kroch ein paar Meter von der Bestie fort. Diese bäumte sich noch ein letztes Mal auf und brach dann endgültig zusammen. Niam ließ sich erschöpft in den Morast sinken. Einige Sekunden blieb er so mit geschlossenen Augen liegen und wartete, bis sein Herz aufgehört hatte, wie wild zu schlagen. Als er sich wieder aufrichtete und sich den Schlamm aus dem Gesicht wischte, war von dem Gor nichts mehr zu sehen. Nur ein wenig grauer Rauch, der vom Wind aber rasch verweht wurde, bewies, daß dort eben noch eines der Ungeheuer gelegen hatte.

Als Niam aufzustehen versuchte, begann die Wunde noch heftiger zu bluten. Er riß sich einen Streifen Stoff aus seinem Hemd und band es fest um sein Bein. Das würde die Blutung vorerst einigermaßen stoppen. Ihm wurde schwindelig, so daß er die alte Mistgabel als Stütze benutzen mußte. Als er langsam weiter in die schmale Seitengasse humpelte, hörte er Schritte, die sich rasch näherten.

»Niam! Bist du verletzt? Ist es schlimm?«

»Nein, nur ein Kratzer, Dilh. Sind noch mehr Gor unterwegs?«

»Nein. Wir haben sie besiegt! Aber sie haben fünf von uns getötet.«

Dilh stützte Niam. Als er ihn genauer betrachtete, sah er, daß sein rechter Arm ziemlich übel zugerichtet war. Dilh bemerkte seinen Blick und lächelte gequält.

»Laß uns erst einmal zu Diamara gehen! Die anderen kümmern sich schon um alles. Wir stehen ihnen garantiert nur im Weg, glaub mir, Niam.«

Judi wußte nicht, ob mehr als ein paar Minuten oder eine halbe Stunde vergangen waren, als es an der alten Tür kratzte. Sie konnte im schwachen Licht der fast heruntergebrannten Kerze sehen, daß Diamara noch blasser wurde, als sie ohnehin schon war. Ihre Hände krampften sich um den Schlüssel. Das Geräusch wurde lauter.

»Keinen Mucks!«, raunte Diamara. Sie stand vorsichtig auf und ging zu der Kerze hinüber. Als sie sie ausblies, herrschte völlige Dunkelheit in der kleinen Kammer. Ein Klicken ertönte, und Judi meinte etwas zu hören, das sich wie Stimmen anhörte und … Schritte? Sie wollte Diamara darauf ansprechen, überlegte es sich dann aber doch anders.

Jemand klopfte an der Tür. Erleichtert atmete sie auf. Judi hörte, wie Diamara aufstand und den Riegel zurück schob. Geblendet schloß sie die Augen, als die Tür geöffnet wurde und helles Licht hereinflutete.

»Niam! Du lebst! Aber wie seht ihr denn aus? Ist es vorbei?«

Neugierig stand Judi auf und ging zur Tür hinüber. Diamara war schon dabei, Niam zu verarzten. Etwas abseits stand ein Junge, ungefähr in Niams Alter, schätzte sie. Sein rechter Arm war blutverschmiert. Als er Judis Blick bemerkte, lächelte er.

»Das sieht übel aus. Warte ich hole schnell eine Salbe«, sagte Diamara und ging in den Nebenraum, den Judi vorhin schon für die Küche gehalten hatte.

»Was ist passiert?« Judi blickte Niam fragend an. Er hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und sein verletztes Bein hochgelegt.

»Ein Gor hat mich überrascht. Aber dafür hat er bezahlt!« fügte er grimmig hinzu.

Diamara kehrte mit einer großen Holzschale und sauberen, weißen Tüchern zurück. »Kannst du deine Hose hochziehen, oder tut es zu sehr weh? Ansonsten muß ich sie aufschneiden.« Sie stellte die Sachen auf dem Tisch ab (der jetzt schon wieder überladen war) und ging zu Niam hinüber, der mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte, die Hose hochzukrempeln.

Diamara sah ihm noch ein paar Sekunden schweigend zu, dann schüttelte sie den Kopf und nahm ein kleines Messer aus ihrer Schürze. Während sie die Hose vorsichtig aufschnitt, sagte sie zu Judi: »Hole bitte aus der Küche dort drüben frisches Wasser, damit ich die Wunde auswaschen kann! Und noch ein paar neue Verbände. Die hier reichen nicht. Sie sind in dem kleinen Schrank neben dem Fenster.«

Judi eilte in die Küche. Auf dem Boden stand ein großer Eimer mit frischem Wasser. Sie schöpfte mit einem kleinen Tonkrug, der neben dem Wasserbehälter stand, ein wenig heraus und stellte ihn auf den kleinen Tisch neben der Tür. Dann nahm sie noch ein Bündel Verbände aus dem Schrank und hängte sie sich über den Arm. Vorsichtig, um nichts von dem Wasser zu verschütten, ging sie zu Diamara zurück. Da auf dem großen Eßtisch kein Platz mehr war, zog sie einen der Stühle heran und stellte den Krug darauf. Die Verbände hängte sie über die Lehne.

»Kannst du mir gleich eines der Tücher ordentlich naß machen?«

Judi nickte, und tat, was Diamara ihr gesagt hatte.

»Danke! Hier, nimm das Messer und fang schon mal an, Dilhs Ärmel vorsichtig aufzuschneiden. Dann kannst du noch ein Tuch naß machen und die Wunde säubern, wenn du willst.«

»Mach ich.« Sie nahm das Messer und ging um den Tisch herum zu Dilh, der sich ebenfalls gesetzt hatte.

Er lächelte wieder und hielt Judi seinen verletzten Arm entgegen. Ihr wurde leicht übel, als sie begann, den blutdurchtränkten Ärmel aufzutrennen. Es mußte wohl deutlich in ihrem Gesicht zu erkennen sein, denn Dilhs Lächeln wurde noch breiter. Als sie fertig war und mit einem nassen Tuch, wie ihr Diamara gesagt hatte, die Wunde zu säubern begann, wurde sein Lächeln allerdings krampfhaft, und er wurde blaß.

»T’schuldigung«, sagte sie und versuchte, etwas vorsichtiger zu sein. Sie fragte sich, ob er wohl stumm war. Bis jetzt hatte sie noch kein Wort von ihm gehört.

Diamara war mit Niam fertig und kam zu ihr herüber. »Das machst du gut! Ich glaube, das reicht jetzt auch. Bist du so lieb und bringst mir die Salbe?«, fragte sie, während sie Dilhs Arm betrachtete.

Judi ging abermals um den Tisch herum und brachte ihr die Schale mit der grünlichen Paste. Sie beobachtete neugierig, wie sie die Salbe gleichmäßig auf der Wunde verteilte und anschließend verband.

»So, fertig. Tut es noch sehr weh?«

»Nein es geht schon wieder, danke!« Das waren die ersten Worte, die Judi von ihm hörte. Seine Stimme hörte sich dunkel und warm an. So ähnlich wie die von Niam.

»Am Djamo sind noch mehr Verletzte. Es wäre besser wenn du nach ihnen sehen würdest, Diamara. Ich bleibe so lange mit Dilh bei Judi, wenn du mich nicht brauchst.«

»Das ist nicht nötig. Bleibt ihr nur hier, außerdem darfst du dein Bein jetzt nicht belasten!« Diamara stand auf und hob einen Korb vom Schrank. Judi half ihr beim Einpacken der Dinge, die sie benötigte, und schloß hinter ihr die Tür.

»Seid ihr befreundet?«, fragte sie und setzte sich wieder.

»Ja. Dilh und ich sind zusammen aufgewachsen. Er ist für mich wie ein Bruder, nicht wahr?«, fragte Niam. Dilh grinste.

»Gab es viele Verletzte?«, fragte sie, an Dilh gewandt.

»Ich weiß es nicht genau. Alles ging so schnell. Aber es sind unter zehn, glaube ich. Wir haben großes Glück gehabt!«

»Haben die Gor euer Dorf schon einmal angegriffen? Bevor ich kam?«

»Nein. Bis dahin hatte der Schutzschild noch gehalten. Aber er beginnt sich immer weiter aufzulösen. Noch ist es nicht leicht für die Gor, ihn zu durchdringen. Aber das wird sich bald ändern«, meinte Niam.

»Und wenn du wirklich die Retterin bist, wird Dohn alles daran setzen, dich außer Gefecht zu setzen und …«

»Dilh! Hör auf«, unterbrach ihn Niam.

Dilh senkte den Blick, und Judi sah aus dem Fenster. Einige Männer mit Schwertern liefen vorbei.

»Sie stellen Wachen auf. Du brauchst keine Angst zu haben«, erklärte Niam.

»Ich habe keine Angst«, behauptete sie. Judi wußte, daß diese Bemerkung dumm war, aber sie wollte vor Niam nicht wie ein kleines, verängstigtes Mädchen dastehen.

Es klopfte an der Tür und ein alter, grauhaariger Mann trat ein. Ein paar Sekunden musterte er Judi und strich sich über seinen kurzen, im Gegensatz zu seinen grauen Haaren, weißen Bart. Dann wandte er sich an Niam. »Wo ist Diamara? Ich muß sie sofort sprechen! Und dich auch. Wir müssen zum Djamo.« Wieder blickte er Judi an. In seinen Augen lag große Sorge. Dann drehte er sich um und ging hinaus. Niam hinkte ihm eilig hinterher.

»Wer war das?«, fragte sie Dilh, als Niam die Tür geschlossen hatte.

»Das war Anmar, einer der vier Magier. Ich vermute, sie versuchen den Schutzzauber zu erneuern. Ich glaube nicht, daß ihnen das gelingen wird. Sie sind zu wenige. Vielleicht können sie den Verfall ja noch ein paar Tage hinauszuzögern, aber völlig erneuern geht nicht. Wären wir fünf Magier … Ach das weißt du ja sicher schon. Wie heißt du überhaupt?«

»Judi. Habt ihr euer Dorf nie verlassen?« Sie konnte sich das nicht vorstellen, ewig in einem kleinen Dorf zu leben und niemals verreisen zu können oder wenigstens einen Ausflug zu machen.

»Doch. Aber nur, wenn es unbedingt sein muß. Die Holzfäller müssen natürlich außerhalb Bäume fällen. Wenn wir allerdings Bekannte oder Verwandte in einer anderen Stadt besuchen wollen, geht das nur sehr selten. Aber wenn du glaubst, daß das Leben hier mit der Zeit langweilig werden würde, hast du dich geirrt. Es gibt viel Arbeit. Wie ist das eigentlich in deiner Welt?«, fragte Dilh.

Judi überlegte. »Na ja, bei uns gibt es kaum noch Raubtiere, vor denen man sich fürchten müßte. Man lebt in großen Häusern. Manche haben über zwanzig Stockwerke.«

»Über zwanzig? Das glaube ich dir nicht!«, unterbrach er sie.

»Doch es stimmt! Und wir haben Autos und Schulen und Kirchen. Dann Einkaufszentren und …«

»Was sind Autos? Und Einkaufszentren? Und was sind Kirchen?«, unterbrach er sie schon wieder.

Sie runzelte die Stirn. »Niam hat auch gesagt, daß er keine Kirchen kennen würde, aber ich habe geglaubt, er will mich auf den Arm nehmen. Ihr kennt keine Kirchen? Das sind Häuser, in denen man zu Gott betet. Und zu seinem Sohn Jesus, der sich für die Menschen geopfert hat«, sagte sie.

»Nur ein Gott? Kann der sich denn um alles kümmern?«

Judi seufzte. Wie sollte sie ihm denn das nur erklären? »Gott hat die ganze Welt erschaffen, steht in der Bibel, und die Menschen. Wissenschaftler sagen aber, daß die Erde durch einen Urknall, glaube ich, entstanden ist.«

»Was ist denn jetzt eine Bibel? Und …«

»Ich kann das nicht alles erklären. Vielleicht später mal. Das sind einfach zu viele Fragen.«

Dilh schwieg enttäuscht.

Judi hielt nach ihrem Becher Ausschau, den sie auf dem Tisch stehen gelassen hatte. Sie fand ihn nicht. Vielleicht hatte Diamara ihn ja schon weggeräumt, als sie Niam verarzten mußte und Platz brauchte.

»Sollen wir ein bißchen aufräumen?«, fragte sie und deutete auf das Durcheinander, das sich auf dem Tisch vor ihr erstreckte.

Dilh nickte. Zusammen räumten sie das schmutzige Geschirr, welches aus etlichen leeren Schalen, Töpfchen und Gläschen bestand, vom Tisch und trugen es in die Küche. Da es hier keine Spülen wie bei ihr zuhause gab, mußte sie alles mit einem kleinen Stofflappen in dem großen Eimer, aus dem sie vorhin Wasser geschöpft hatte, säubern. Dilh übernahm das Abtrocknen. Als sie fertig waren, ging er los, um frisches Wasser vom Brunnen zu holen. Jetzt war sie wieder allein. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis Diamara kam.

Um sich die Zeit ein wenig zu vertreiben, ging sie zu einem der vielen Schränke, der an der hinteren Wand stand. Bücher stapelten sich über- und nebeneinander, und dazwischen standen kleine, aus Holz geschnitzte Figuren. Judi nahm eine in die Hand. Sie war erstaunlich leicht. Vorsichtig stellte sie sie wieder an ihren Platz und betrachtete die Bücher. Die meisten sahen sehr alt aus und waren in einer ihr unbekannten Schrift geschrieben.

Dann fand sie eines, das über und über mit Verzierungen und Bildern bedeckt war. Eine silberne Schnalle mit einem Schloß daran machte Judi noch neugieriger. Es dauerte eine Weile, bis sie den Mechanismus, der das Buch öffnete, herausgefunden hatte. Judi schlug es wahllos in der Mitte auf. Ein Bild, welches die ganze Seite bedeckte, war zu sehen. Sie ging zum nun halbwegs abgeräumten Tisch hinüber und setzte sich. Das Bild zeigte eine kniende, aus weißem Stein gearbeitete Frau, die sich über eine kleine Schale mit Wasser beugte. Die Hände hatte sie in den Schoß gelegt. Hinter der Figur standen drei in strahlend weiße Gewänder gehüllte Männer. Jeder von ihnen hielt einen kleinen Stein in der Hand, den sie weit von sich, in Richtung der Figur, gestreckt hielten. Die andere Hand hielten sie gen Himmel.

Sie blätterte weiter. Da sie diese Schrift nicht lesen konnte, beschränkte sie sich auf das Betrachten der Bilder. Das nächste zeigte eine wunderschöne Stadt. Menschenmengen liefen die Straßen entlang und trugen bunte Blumen, die sie zu einem großen Tempel brachten, auf dem die drei heiligen Drachen zu sehen waren.

Auf der anderen Seite war die Stadt kaum wiederzuerkennen. Feuer schlug aus fast allen Häusern und dichter dunkler Rauch verdunkelte den Himmel. Der Tempel lag in Trümmern. Menschen waren kaum noch zu sehen. Die meisten kämpften gegen in dunkle Gewänder gehüllte Krieger oder gegen Gor.

»Das war Dohn, während er in unsere alte Stadt einfiel.«

Erschrocken zuckte Judi zusammen und drehte sich um. Diamara stand so hinter ihr, daß sie in das Buch sehen konnte. Verlegen senkte sie den Blick. »Es tut mir leid. Ich hätte nicht einfach das Buch nehmen dürfen.«

»Das ist nicht schlimm, solange es nur die Bücher sind. Ich finde es sogar gut, daß du dich für Bücher interessierst. Das da ist eines meiner Lieblingsbücher. Es beschreibt die ganze Geschichte unserer alten Stadt«, unterbrach sie Judi.

»Und was ist das?«, fragte sie Diamara, während sie zu der Stelle zurück blätterte, wo die steinerne Frau zu sehen war.

»Das ist das Orakel, welches nach dem Einfall Dohns befragt wurde, und einen Retter voraussagte. Die drei Steine, die sie in den Händen halten, hast du schon gesehen. Es waren die, die ich dir gezeigt hatte«, erklärte Diamara.

»Aber wie soll so etwas gehen? Ich meine das mit dem Orakel. Es kann ja nicht einfach anfangen zu sprechen.«

»Das tut es auch nicht. Aber wenn die Beschwörer des Orakels fertig sind, gehen sie zu der Schale, über die sich das Orakel beugt, und lesen daraus. Es steht dann auf dem Boden der Schale geschrieben. Wenn sie einen Text gelesen haben, verschwindet er und es bildet sich ein neuer usw. So steht es zumindest geschrieben. Niemand weiß, ob es stimmt, denn das Orakel wurde kurz nach unserer Stadt ebenfalls zerstört.«

»Oh«, machte Judi nur und blickte wieder auf das Bild herab. Wie gerne hätte sie die Schrift gelesen. »Wie alt ist das Buch?«, fragte sie dann.

»Ich weiß es nicht genau. Ich glaube, um die hundert Jahre.«

»Hundert Jahre?« Es sah aus als wäre es gestern erst geschrieben worden. Vorsichtig klappte sie es zu und gab es Diamara zurück. Diese stellte es wieder in den Schrank und setzte sich zu Judi.

Sie redeten noch eine Weile über die alte Stadt, die ebenfalls Djorgian geheißen hatte, aber auch über Judis Welt. Dabei stellte Diamara nicht viel weniger Fragen als Dilh zuvor.

Schließlich stand Diamara auf und wischte sich ihre Hände an ihrer weißen Schürze ab. »Ich glaube, wir machen besser erst einmal eine Pause. Wenn du Lust hast, kann ich uns etwas zu essen kochen«, schlug sie lächelnd vor.

Judi nickte, denn sie hatte wirklich großen Hunger. Sie wußte zwar nicht, wie lange sie geredet hatten, aber sie schätzte, daß es sicherlich etwas über eine Stunde gewesen sein mußte. Diamara verschwand in der Küche und im selben Moment öffnete Dilh die Tür. »Hier bringe ich das frische Wasser«, verkündete er keuchend. Er schleppte den großen Eimer so umständlich, daß Judi nur mit Mühe ein schadenfrohes Grinsen unterdrücken konnte, denn es sah aus, als hätte er einen Kaktus in der Unterwäsche.

»Na, da bin ich ja gerade noch mal rechtzeitig gekommen. Soll ich dir helfen?«, hörte Judi ihn in der Küche.

»Nein das hatten wir schon. Dich laß ich nicht noch mal an mein Essen ran, sonst kann ich es wieder an die Schweine verfüttern, und selbst die haben es letztes Mal nur mit Wiederwillen gefressen. Husch, raus hier!«, schimpfte Diamara.

Grinsend eilte Dilh aus der Küche. »Das bißchen zuviel Salz …«, murmelte er leise und setzte sich zu Judi. »Das war vielleicht eine Schlepperei! Ist Niam noch gar nicht da?«, fragte er und rieb sich demonstrativ den Rücken.

Sie schüttelte den Kopf. In der Küche polterte etwas lautstark zu Boden und Diamara fluchte ungehemmt. Dilh grinste schon wieder.

»Wieso warst du so lange weg? Oder ist es zum Brunnen so weit?«, fragte sie über Diamaras Gefluche hinweg.

»Nein, aber ich habe unterwegs noch ein paar Besorgungen gemacht. Hier, das ist für dich!« Dilh hielt ihr ein kleines Bündel entgegen.

Dankend nahm sie es in die Hand. Es war erstaunlich schwer. Neugierig wickelte sie es aus und zum Vorschein kam ein wunderschöner silberner Dolch. In seine kleine Klinge waren viele verschlungene Muster eingraviert. Bewundernd drehte Judi ihn im Licht.

»Gefällt er dir? Ich habe ihn gesehen und mußte irgendwie sofort an dich denken.«

»Natürlich gefällt er mir! Er ist wunderschön.«

»Du kannst ihn leicht unter deiner Kleidung tragen. Er ist extra so klein, damit er nicht auffällt. Viele in unserem Dorf tragen so etwas«, erklärte er stolz.

Vorsichtig wickelte sie ihn wieder in das Tuch und legte ihn neben sich auf den Tisch. »Danke noch mal«, sagte sie und lächelte ihn an.

Er grinste schon wieder.

»Sollen wir schon mal den Tisch decken?«, rief Dilh in die Küche.

»Wenn du … ah verdammt! Ja, komm und hol die Teller!«

»Mach dir keine Sorgen. Diamara ist ein herzensguter Mensch, aber sobald sie kocht, solltest du nicht in ihrer Nähe sein.«

»Das habe ich gehört! Noch so eine Bemerkung, und ich mische dir eine extra Portion Salz unters Essen!«

Grinsend ging Dilh in die Küche und kam kurz darauf mit einem Stapel Teller zurück. Als Judi ihm helfen wollte, schüttelte er den Kopf. »Mach ich schon«, sagte er nur und legte das Besteck hin.

Im selben Moment wurde die Tür geöffnet und Niam kam herein. Er sah ziemlich blaß aus und ließ sich ohne ein weiteres Wort auf den Stuhl neben Dilh fallen.

»Und, hat es was gebracht? Wo warst du so lange? Diamara ist schon längst wieder zurück«, redete er auf ihn ein.

Niam hob abwehrend die Hände. »Nicht viel. Wir konnten es nur fünf Tage hinauszögern. Ich war noch bei Tjaro und habe ihn ein bißchen geritten. Ist Diamara am kochen?«, fragte er, als er sie zum zweiten Mal laut fluchen hörte. Dilh grinste wie immer zur Antwort.

»Sieh mal, was ich von Dilh bekommen habe! Hast du auch einen?«, fragte Judi und hielt Niam den eingewickelten Dolch entgegen.

Fragend blickte er Dilh an und packte den Dolch aus. Erstaunt drehte er ihn in seiner Hand.

»Er ist schön, nicht?«, fragte sie.

Er blickte abermals zu Dilh hinüber, und in seinem Blick war etwas … Eifersucht? Nein, das konnte nicht sein. Nicht bei Niam!

»Ja, er ist schön. Meiner liegt zu Hause. Er sieht fast gleich aus.« Niam gab ihr den Dolch zurück und hob leicht die Nase. »Das riecht aber gut. Ich glaube, wir können gleich essen«, meinte er und lehnte sich zurück. Der Stuhl knackte hörbar.

»Kann mir mal jemand helfen?«, ertönte es ein paar Minuten später aus der Küche.

Niam und Dilh standen beinahe gleichzeitig auf und verschwanden in der Küche. Niam kam als erster mit einer großen Schüssel zurück. Als er sie abgestellt hatte, setzte er sich und öffnete neugierig den Deckel. Weißer Dampf schlug ihm ins Gesicht und er wich hastig zurück.

»Das kommt davon, wenn man zu naseweis ist«, sagte Diamara amüsiert, lud eine große Schüssel Salat auf den Tisch und setzte sich zu Dilh, der ebenfalls einen Topf abgeladen hatte.

»Magst du Reis? Ich bekomme ihn immer aus einem Dorf in der Nähe. Nicht jeder hat so etwas. Er ist ziemlich schlecht zu bekommen«, sagte sie und nahm den Deckel ab.

Judi nickte und Diamara lud ihr gleich eine ordentliche Portion auf ihren Teller. Der zweite Topf beinhaltete frisches, gekochtes Gemüse.

Sie aßen schweigend und allmählich begann sich eine Spannung im Raum zu bilden die ihr gar nicht gefiel. Als sie fertig waren, legte Niam sein Besteck ebenfalls auf den Teller zurück und blickte Judi fragend an. »Hilfst du uns jetzt?«

Judi überlegte. Sie hatte befürchtet, daß diese Frage spätestens nach dem Essen kommen würde. Noch einmal konnte sie die Antwort bestimmt nicht hinauszögern. Konnte sie jetzt eigentlich noch nein sagen? Nach allem, was passiert war? Sie fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen. Einen Scherz mit ihr machen wollte man ganz bestimmt nicht, da war sie sich jetzt sicher. »Ich weiß ja gar nicht, was ich machen muß …«

»Du mußt Dohn den Stein der Seelen abnehmen und ihn vernichten. Ich werde dir helfen!«, fiel ihr Niam ins Wort.

Nein, sie konnte nicht mehr ablehnen. Die Menschen im Dorf setzten alle Hoffnungen in sie, wenn das stimmte, was Niam ihr erzählt hatte. »Wenn ich … Ja. Ich werde euch helfen.«

Niam lächelte. Diamara neben ihr seufzte erleichtert. Niemand sagte ein Wort.

Nach dem Essen hatte Diamara ihr ein Zimmer bei sich gezeigt, in dem sie übernachten konnte. Sie hatte darauf bestanden, daß Judi es nahm, weil sie nicht wollte, daß sie ganz allein in einem Haus schlief und womöglich abermals von Gor überrascht werden würde. Ein Nachthemd hatte sie ihr auch geliehen, das allerdings ein paar Nummern zu groß war und sie aufpassen mußte, nicht ständig auf den Saum zu treten. Judi war fast augenblicklich eingeschlafen.

Am nächsten Morgen weckte sie der Duft von frischem Tee. Müde öffnete sie die Augen und schlug die Decke zurück. Nachdem sie sich ausgiebig gestreckt hatte, ging sie zum Fenster. Es konnte noch nicht sehr spät sein, denn die Sonne stand noch nicht sehr hoch. Judi glaubte, sich an Fetzen eines Traumes zu erinnern, in denen es schon wieder um einen dunklen Wald ging.

Sie gähnte und kroch wieder ins warme Bett. Wenn sie etwas haßte, dann war es früh aufzustehen. Sie schloß die Augen und versuchte wieder einzuschlafen, als es an der Tür klopfte. »Judi, bist du wach?«

Träge öffnete sie ein Auge. »Ja. Komme gleich«, murmelte sie und zog die Decke über den Kopf.

Noch ein paar Minuten … Nach kurzer Zeit klopfte es wieder an der Tür. »Judi? Wo bleibst du denn? Bist du schon fertig?«, klang Diamaras Stimme gedämpft durch die Tür.

»Ja, ja. Ich komme gleich!« Sie benahm sich ja schon fast so schlimm wie ihre Mutter. Mutter! Wie gern wäre sie jetzt wieder zu Hause bei ihren Eltern. Nur daß diese nach dem ersten Rufen sofort nach dem nassen Waschlappen griff. Das war das Zweite, was sie haßte, mit Wasser geweckt zu werden.

»Meine Güte, du bist ja fast so schlimm wie Niam! Der kommt morgens auch nie aus den Federn. Jetzt beeile dich aber, der Tee wird kalt«, meinte Diamara tadelnd und zog Judi die Decke weg. Widerwillig stand sie auf und griff nach ihren Kleidern.

»Hier ist eine Schüssel mit frischem Wasser, damit du dich erst einmal richtig wach waschen kannst.« Diamara lächelte und stellte die Schale ab. »Handtücher liegen da im Schrank«, sagte sie noch und schloß wieder die Tür.

Langsam schlurfte Judi zur Wasserschale und schöpfte sich eine Hand voll ins Gesicht. Es war eisig. Prustend griff sie in die Schublade und zog ein Handtuch heraus, mit dem sie sich hastig abtrocknete. Jetzt war sie wirklich wach! Nachdem sie fertig war und sich angezogen hatte, ging sie in die Küche.

»Da bist du ja endlich«, sagte Diamara und deutete auf den Stuhl neben sich. Judi setzte sich und griff nach den Brötchen. Zumindest sahen sie so aus und dufteten herrlich.

»Frisch gebacken. Greif ruhig zu«, sagte Diamara und lächelte.

»Wie lange bist du denn schon wach?«, fragte Judi verwundert, während sie sich das Brötchen mit Butter bestrich.

»Nicht lange. Ich stehe eigentlich immer mit der Sonne auf.«

»So früh?« Sie konnte sich das gar nicht vorstellen, daß jemand so etwas freiwillig tat, und das jeden Tag!

Während sie aß, plapperte Diamara fröhlich weiter über das Dorf, die Tiere und über ihre Liebe zu den Kräutern. Darüber erzählte sie besonders gern. Wie man sie zubereitete, kochte, Salben daraus machte und welche Kräuter gegen bestimmte Krankheiten oder Beschwerden halfen.

Kurz darauf kam Niam und sagte, daß alles für die Abreise gepackt werden müsse und sie ebenfalls ihre Sachen packen solle. Da sie aber außer ihrer Kleidung nichts anderes hatte, bestand Diamara darauf, daß sich Judi einige Kleidungsstücke von ihr mitnehmen sollte, die ihr selbst ohnehin zu klein waren. Dann packte sie noch einige Fläschchen in den Beutel, die gegen allerlei Krankheiten oder Verletzungen helfen würden. Da Judi sich die Bedeutungen schlecht alle merken konnte, beschriftete sie Diamara. Als sie fertig waren, verschnürte sie den Beutel sorgfältig und stellte ihn neben den Kamin.

»Setz dich doch noch, bis Niam wiederkommt«, meinte Diamara und deutete auf den Stuhl neben sich.

Eine Weile saß sie einfach nur da und starrte die Wand an. Hunderte von Gedanken gingen ihr durch den Kopf. War es wohl richtig gewesen, ja zu sagen? Was würde alles auf ihrer Reise passieren? Würde sie es schaffen?

»Hast du Angst?«, fragte Diamara sie leise.

»Ich weiß nicht«, gestand Judi.

»Du darfst niemandem während deiner Reise vertrauen! Es könnten Gesandte von Dohn sein oder sonstige Betrüger. Und meide unbedingt nebelige Gegenden, denn es könnte sein, daß Dohns Nebelwesen dort lauern! Nachts mußt du immer Feuer anzünden, und es darf nie ausgehen, während du schläfst! Gor mögen kein Feuer und …«

»Ich werde schon auf sie aufpassen«, unterbrach sie Niam lächelnd. Diamara seufzte.

»Es ist alles bereit. Hast du gepackt?«, fragte er und deutete auf den Beutel neben dem Kamin.

Judi nickte. Als sie immer noch keine Anstalten machte aufzustehen, fragte er: »Bereust du es, uns zu helfen? Du kannst immer noch nein sagen, und wir lassen dich gehen.«

»Nein! Ich bereue es nicht. Es ist nur …« Sie wußte nicht, wie sie es in Worte fassen sollte und schwieg schließlich ganz.

Niam lächelte und nahm ihren Beutel. »Keine Sorge. Ich werde auf dich aufpassen. Komm jetzt, wir müssen gehen, wenn wir noch vor Sonnenuntergang im Nebelwald ankommen wollen.«

»Nebelwald?«, fragte Judi erschrocken.

»Er heißt nur so. Du brauchst keine Angst zu haben, es gibt dort keine Nebel«, beruhigte sie Diamara.

Niam öffnete die Tür und trat hinaus. Judi folgte ihm mit gemischten Gefühlen. Vor der Tür standen zwei prächtige Pferde. Das eine war rabenschwarz und das andere hatte einen warmen Braunton. Als Niam sich dem schwarzem Pferd näherte, hob es leicht den Kopf und wieherte leise.

»Ist das Tjaro?«, fragte Judi.

Niam hatte am gestrigen Abend von einem Pferd mit diesem Namen geredet. Er nickte. »Und das ist Nuruna, dein Pferd«, erklärte er und verschnürte ihren Beutel auf dem Rücken des Pferdes.

Nuruna schnaubte leise, als Judi es am Kopf kraulte. Als Niam fertig war, half er ihr in den Sattel und stieg anschließend selber auf.

Diamara drückte ihr zum Abschied die Hand. »Paßt gut auf euch auf«, sagte sie besorgt.

Judi nickte, sie wußte nicht, was sie hätte sagen sollen.

»Bist du schon mal geritten?«, fragte Niam.

Judi verneinte. Sie hatte noch nie auf einem Pferd gesessen, geschweige denn eines geritten.

»Es ist ganz einfach. Halte dich einfach an den Zügeln fest und versuche, dich nicht zu verkrampfen!«, sagte er und ritt langsam voraus. Nuruna setzte sich ohne ihr Zutun in Bewegung und folgte Niam.

Als sich Judi noch einmal umdrehte, um zurück zu blicken, stand Diamara direkt auf dem Weg und winkte. Weiter hinter ihr standen noch einige Dorfbewohner und winkten ebenfalls. Dilh war auch unter ihnen.

Gegen Mittag legten sie die erste Pause ein. Sie hielten an einem halbwegs trockenen Platz unter einer Gruppe alter Eichen. Judis Rücken schmerzte, obwohl sie die ganze Zeit im langsamen Schritt geritten waren.

Sie sprang aus dem Sattel und streckte sich. Neben ihr machte sich Niam am Gepäck seines Pferdes zu schaffen und holte Brot und ein bißchen Käse heraus.

»Wie weit ist es noch bis zum Nebelwald?«, fragte sie, während sie es sich unter einem der Bäume im Gras bequem machte.

»Wir werden wohl noch bis zum Abend reiten müssen. Vielleicht können wir ja gleich etwas schneller reiten?« Niam reichte ihr einen Teil des Brotes und setzte sich neben sie.

»Vielleicht«, sagte sie und biß hinein. Sie hatte großen Hunger.

Plötzlich hielt Niam im essen inne und hob den Kopf. Als Judi ihn nach dem Grund fragen wollte, hob er die Hand und sie verstummte. Besorgt blickte sie sich um, aber es war weit und breit nichts zu sehen.

»Ich glaube, ich habe Schritte gehört«, flüsterte Niam.

Judi lauschte, konnte aber nichts außer dem Rascheln der Blätter im Wind und dem zaghaften Zwitschern eines Vogels hören. »Ich höre nichts«, sagte sie und blickte Niam an.

»Ich habe mich wohl geirrt.« Er hob die Schultern und aß weiter.

Als sie das schlichte Mittagessen beendet hatten, half er ihr beim Aufsteigen und sie ritten schweigend weiter.

»Halt dich fest!« rief er auf einmal und preschte los. Sofort galoppierte auch Nuruna hinterher, und Judi mußte all ihre Kraft aufbringen, sich im Sattel zu halten. Die Bäume rauschten an ihr vorbei und sie klammerte sich noch fester an den Hals des Pferdes. Sie mußte aufpassen, nicht von tief hängenden Ästen getroffen zu werden. Im Stillen verfluchte sie Niam. Schließlich zügelte er endlich sein Pferd, und auch Nuruna wurde wieder langsamer.

»Bist du verrückt geworden? Ich bin beinahe aus dem Sattel gefallen! Willst du mich umbringen?«, herrschte sie ihn an.

Er blickte ein wenig entschuldigend drein. »Es tut mir leid, aber ich habe das sichere Gefühl, wir werden verfolgt. Ich glaube, wir haben ihn erst einmal abgehängt.«

»Das nächste Mal warnst du mich bitte vorher!«, meinte sie böse.

Er grinste. »Du hast dich aber gut gehalten«, sagte er.

In Gedanken fügte sie seiner Liste an Minuspunkten noch eine gehörige Portion dazu.

Sie ritten weiter. Allmählich gewöhnte sie sich an das Schaukeln des Pferdes und wurde etwas sicherer im Sattel. Den ganzen Weg sprachen sie kein Wort mehr und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Mit der Zeit wurden aus den paar vereinzelten Baumgruppen am Wegrand immer mehr, bis sie schließlich durch einen dichten Wald ritten. Als sie Niam darauf ansprach, erklärte er ihr, daß es sich um den Nebelwald handelte.

Sie ritten noch weiter, bis es anfing zu dämmern. Sie bogen vom Weg ab, tiefer in den Wald hinein, um einen geschützten Platz zum Übernachten zu finden. Dann banden sie die Pferde an einem Baum fest, und Niam kümmerte sich um die Schlafplätze.

Da Judi nichts zu tun hatte, sah sie sich ein bißchen genauer im Wald um. Es handelte sich bei den Bäumen fast nur um Eichen. Durch ihre dichten Kronen, die weit in den Himmel ragten, war es hier schon dunkler. Vereinzelt lugten ein paar weiße Blumen, die schon begonnen hatten, sich zu schließen, aus dem Waldboden und von irgendwo war das Abendlied eines einzelnen Vogels zu hören. Als sie ein paar Meter weiterging, vernahm sie das Plätschern eines Baches. Sie folgte dem Geräusch und entdeckte bald eine kleine Quelle. Judi kniete sich hin, tauchte die Arme in das kühle Wasser und trank aus der hohlen Hand. Als sie wieder aufstand, fühlte sie sich beobachtet. Sie kniff die Augen zusammen um im immer dunkler werdenden Wald etwas zu erkennen, sah aber nichts. Schleunigst machte sie sich wieder auf den Weg zu ihrem Nachtlager.

Niam hatte schon die Schlafplätze fertig und machte sich daran, ein Feuer zu entzünden.

»Hier in der Nähe gibt es eine kleine Quelle«, berichtete sie ihm und setzte sich auf eines der Lager.

»Das ist gut. Dann können wir morgen früh gleich die Pferde tränken und unsere Wasservorräte wieder auffüllen. Kannst du mal bitte den Topf aus meinem Gepäck holen und den Lederbeutel? Er liegt hinter dir«, bat er sie und warf noch ein paar kleine Äste ins Feuer.

Judi reichte ihm die gewünschten Dinge und streckte sich auf ihrem Lager aus.

»Hast du deinen Dolch bei dir?«, fragte er sie und stellte den Topf auf das kleine Feuer.

Judi überlegte. »Ich glaube, ich habe ihn in meiner Tasche. Warum?«

»Es wäre besser, wenn du ihn immer bei dir tragen würdest. Am besten unter deiner Kleidung. Man kann nie wissen!«

Judi stand auf und suchte in ihrem Beutel. Sie dachte schon, sie hätte ihn vergessen, als sie ihn in einer kleinen Seitentasche fand. Sie wickelte ihn aus und band ihn um ihre Hüfte.

Niam beobachtete sie zufrieden und rührte im Topf herum. Allmählich begann es nach Hühnerfleisch zu duften, und Judis Magen meldete sich knurrend. Niam grinste, schöpfte ihr einen Löffel Hühnereintopf in eine Schale und reichte sie ihr. Gierig begann sie zu essen. Einen solchen Hunger hatte sie schon lange nicht mehr gehabt.

Niam füllte sich ebenfalls eine Schale und setzte sich auf sein eigenes Lager. »Morgen werden wir, wenn wir früh losreiten, wahrscheinlich das Ende des Nebelwaldes erreichen. Aber ich glaube es wäre besser, wenn wir morgen nicht am Waldrand unser Lager aufschlagen. Erst übermorgen werden wir dann nach Sonnenfeld weiterreiten. Das ist eine große Stadt, und wir können da in einer Herberge übernachten. Gor brauchen wir da nicht zu fürchten. Es gibt dort zu viele Menschen«, erklärte er kauend.

Judi nickte und kratzte ihre Schale aus. Sehnsüchtig blickte sie zum kleinen Topf hinüber, der jetzt neben dem Feuer stand.

Niam bemerkte ihren Blick und schüttelte den Kopf. »Wir müssen mit dem Essen sparen. Den Rest essen wir morgen zum Frühstück. Komm, hilf mit Feuerholz zu suchen. Geh aber nicht zu weit vom Lager weg!«

Sie standen auf und gingen in entgegen gesetzten Richtungen los. Judi fand reichlich große Äste auf dem Waldboden. Als sie schließlich so viel aufgehoben hatte, wie sie tragen konnte, ging sie zum Lager zurück.

Niam war noch nicht da. Judi lud ihren Stapel in der Nähe des Feuers ab und setzte sich wieder. Als es um sie herum völlig dunkel wurde, war Niam immer noch nicht zurück. Langsam machte sie sich Sorgen. Hoffentlich war ihm nichts passiert! Unruhig blickte sie sich um. Als sie aufstehen wollte, um ihn zu suchen, hörte sie Schritte. War das Niam?

Zögernd griff sie nach ihrem Dolch. Die Schritte näherten sich. Judi umfaßte die Waffe fester. Dann tauchte Niam im Licht des Feuers auf. Er hatte beide Arme voll mit Ästen beladen.

Erleichtert atmete sie auf und ließ den Dolch sinken. »Wo warst du so lange? Ich habe mir schon Sorgen gemacht!« Judi band sich die Waffe wieder um.

»Ich habe nach einer ganz bestimmten Holzart gesucht, die besonders lange brennt. Wenn wir genug auf das Feuer legen, brennt es bis zu drei Stunden«, erklärte er und lud seinen Stapel ebenfalls ab. »Wir müssen Nachtwache halten und aufpassen, daß das Feuer nicht ausgeht. Soll ich anfangen?« Niam blickte sie fragend an.

»Nein. Ich kann sowieso noch nicht schlafen. Leg du dich ruhig hin. Wenn ich zu müde bin, wecke ich dich«, erwiderte sie und wickelte sich ihre Decke um die Schultern.

Niam gähnte, schloß die Augen und streckte sich auf seinem Lager aus. Das rote Licht des Feuers färbte seine braunen, schulterlangen Haare golden. Schon nach kurzer Zeit hob und senkte sich seine Brust gleichmäßig. Er war eingeschlafen. Wie konnte er nur so ruhig bleiben? Es wurde kälter und Judi wickelte die Decke enger um sich.

Stunden saß sie so da und starrte in die Dunkelheit. Um sie herum war gelegentlich das Knacken eines Astes oder der Ruf einer Eule zu hören. Ansonsten blieb alles still. Manchmal glaubte Judi, wieder beobachtet zu werden, war sich dessen aber nie sicher. Als der Mond hoch am Himmel stand, wurde sie langsam müde. Der Ritt war anstrengend gewesen. Sie legte noch ein paar Äste ins Feuer und setzte sich dann erneut hin. Sie versuchte, noch eine Weile die Müdigkeit zu vertreiben, dann gab sie es schließlich auf und weckte Niam. Er blinzelte schlaftrunken und setzte sich auf. Als Judi sicher war, daß er auch wirklich wach war, legte sie sich auf ihr Lager und kuschelte sich in die Decke. Augenblicke später war sie eingeschlafen.

Judi wurde von wütendem Schimpfen geweckt. Müde öffnete sie die Augen und setzte sich auf. Es war immer noch kalt und sie fröstelte.

»Das wird dir noch leid tun! Laß mich sofort los, du elender Riesenstelzer!«, schimpfte eine heisere, dunkle Stimme.

Judi setzte sich ganz auf und wickelte ihre Decke um die Schultern. »Wer ist da? Niam?«, fragte sie.

»Bei meines Bruders Käsefüßen – das wird dir leid tun! Jetzt laß mich los, du Geizhals! Dir Grünschnabel sollte man gehörig eins hinter die Löffel geben!«

Judi runzelte die Stirn. Was war da los? Sie schlüpfte in ihre Schuhe und näherte sich der fluchenden Stimme. Als sie hinter einen Baum trat, klappte ihr Unterkiefer herunter. Das gab es doch nicht! Da stand Niam, grinste über das ganze Gesicht und hielt einen kleinen, zappelnden Mann am Kragen, der die Größe eines Zwerges hatte!

»Was machst du denn da? Was …«

»Dieser Dieb wollte unser Frühstück klauen. Und unsere gesamten Vorräte. Aber ich habe ihn gerade noch rechtzeitig erwischt.« Sein Grinsen wurde breiter.

»Das Grinsen wird dir schon noch vergehen! Laß mich los sonst …« Der Zwerg stockte.

»Was dann? Willst du mir vielleicht in den Hintern treten? Da mußt du aber noch ein gehöriges Stück wachsen!« Niam lachte schallend.

»Niam! Laß ihn runter!«

»Ja, höre auf sie, wenn du schlau bist! Ich kann ganz schön ungemütlich werden. Niemand legt sich mit Burbix dem Zwerg an!«, keifte der Zwerg.

»Das kommt gar nicht in Frage. Er wollte unser gesamtes Essen stehlen. So glimpflich kommt er mir nicht davon«, meinte Niam entschieden, und ging mit dem zappelnden Bündel zu seinem Lager zurück.

Judi folgte ihm schweigend. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Sie hatte einen leibhaftigen Zwerg vor sich!

»Hol mir bitte ein Seil«, sagte Niam, aber Judi rührte sich nicht. Niam verdrehte die Augen. »Wie kann man nur Mitleid mit einem diebischen Zwerg haben?«, murmelte er, und kramte mit einer Hand ein Stück Seil aus seiner Tasche, während er mit der anderen immer noch das zappelnde Männchen am Kragen hielt. Dann band er ihm geschickt die Hände und Beine zusammen. Als wäre er ein kleines, störrisches Kind, setzte er ihn auf den Boden ab.

»Was hast du mit ihm vor? Wieso läßt du ihn nicht einfach laufen?« Ihr tat der kleine Zwerg leid.

»Wenn ich ihn jetzt laufen lasse, klaut er uns bei der nächsten Gelegenheit nicht nur unsere Vorräte. Diese Art von Zwergen sind bei uns berühmt fürs Stehlen. Bei uns zu Hause haben wir auch oft welche erwischt. Wenn man nicht aufpaßt, klauen sie einem die Sachen unter der Nase weg!«, erwiderte er ärgerlich.

Abermals sah sie zu Burbix hinüber. Er blickte auf seine Schuhspitzen und fluchte leise vor sich hin.

»Jetzt guck nicht so! Vielleicht ist er uns ja nützlich. Vielleicht kann er uns ja auf unserer äh … Mission helfen?«

Burbix hielt für einen Moment im Fluchen inne.

»Kann ich dir einen Vorschlag machen, ohne daß du gleich loskeifst?« Niam ging vor ihm in die Hocke, damit er mit seinem Gesicht auf gleicher Höhe war.

Trotzig blickte der Zwerg ihn an. »Was für einen Vorschlag willst du mir schon machen?«, grummelte er.

»Du willst doch sicherlich wieder frei sein?« Niam legte den Kopf schräg und grinste.

»Saublöde Frage!«, schimpfte Burbix.

»Ich mache dir ein Angebot. Wenn du uns hilfst, lasse ich dich laufen. Einverstanden?«

»Ich will erst wissen, wobei ich euch helfen soll!«

»Na gut. Wir sind auf dem Weg zu jemandem, der unser Dorf bedroht. Wenn du uns hilfst, in sein Schloß zu kommen, bist du frei.« Niam blickte ihn herausfordernd an.

»Und wer soll das sein, zu dem ihr wollt?«

Niam zögerte. Schließlich hob er die Schultern und sagte: »Dieser jemand ist Dohn.«

Burbix klappte nun ebenfalls der Unterkiefer herunter. »Seid ihr lebensmüde? Ihr wollt euch wohl unbedingt umbringen lassen? Das ist glatter Selbstmord! Lieber verrecke ich hier, als auch nur einen Fuß in sein Reich zu setzen!«

Niam seufzte. »Dann werden wir dich wohl hier allein lassen müssen.« Er stand auf und machte sich daran, seine Sachen zusammenzupacken. Judi tat es ihm gleich, warf aber immer verstohlene Blicke zu Burbix hinüber.

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22 December 2023
Volume:
321 p. 2 illustrations
ISBN:
9783937817163
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