Read the book: «Und dann lynch' ich deinen Hummer!»

Font::


Izy Kusche

Und dann lynch’ ich
deinen Hummer!
Das Affenalbum

Roman


1. Auflage

© Edition Atelier, Wien 2012

www.editionatelier.at

Satz: Jorghi Poll

Umschlagillustrationen: Peter M. Hoffmann

Druck: Prime Rate Kft., Budapest

ISBN 9783902498601

Das Buch ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, insbesondere für Übersetzungen, Nachdrucke, Vorträge sowie jegliche mediale Nutzung (Funk, Fernsehen, Internet). Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder weiterverwendet werden.

Mit freundlicher Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur und des Literaturreferats der Stadt Wien, MA7.

Inhalt

1. Der Ichauffeur

2. Dieser Affe fiel aus allen Wolken

3. Gastarbeit

4. Planet des Affen

5. Verlangen nach Zucker

6. Jeder hat etwas zu verbergen, abgesehen von mir und meinem … ehm … Selbst

7. Zu viel Affenbetrieb

8. Weißt du’s nicht, du musst den Affen schockieren?

9. Affeninseln (i bin reif, reif, reif …)

10. Aufzählaffe

11. Klappe zu, Affe …

12. Notizen, vom Schleifstein herab

13. Brass Monkey

Is it a crisis or a boring change?

PAVEMENT

1. Der Ichauffeur

Draußen standen die Neger. Sie wollten uns begleiten. Einer rief den seltsamen Namen einer Bar, die niemals schließe und stellte dort ein nicht endendes Fest in Aussicht. Die übrigen fielen in seine Werbung ein. Ebenso unerschöpflich wie die versprochene Party selbst schienen dabei immer neue Wörter in ihren Mündern zu entstehen, wie Einzeller, fähig zur ungeschlechtlichen Fortpflanzung, erstaunlich effizient, ausschwärmend und mit dem konsequent verfolgten Plan einer weiteren Vermehrung; so gab ein Wort von ihnen das nächste, und wenn auch ihre Rede insgesamt weitestgehend unverständlich blieb, so schien sie doch niemals zu versiegen, unerbittlich, mit dem Zweck, um uns zu werben, als würden wir irgendwann einlenken müssen, wobei es ihnen wohl eher auf sie als auf mich ankam, also – natürlich! – geschlechtliche Vermehrung, denn sie sah tatsächlich atemberaubend aus, und auch wenn die Neger denken mochten, sie hätten ein Leichtes mit mir – denn eigentlich wollten sie mich loswerden, was macht die mit dem alten Affen, werden sie sich gefragt haben –, doch ich ließ nicht nach, nein, ich nicht, nicht mit mir, diesmal nicht, so kurz vor dem Ziel, dachte ich, als unversehens ein einziger, sinnloser, aber bilingualer Ausruf des ersten Negers die anderen verstummen ließ: »The Wahrheit!«, wiederholte er daraufhin noch eine Weile, bis auch er schließlich still wurde und mit der flachen Hand über seinen muskulösen Oberkörper strich, der in einem T-Shirt mit folgender Aufschrift steckte: »Gott ist eine Pflanze!«

Nein. Wirklich nicht.

Wir hatten die Zeitmaschine gerade erst verlassen. Vom Tresen weg, durch den Keller, die Rollläden waren vorne längst runtergelassen, dem ersten Tageslicht entgegen, der Barmann tippte mit der Schuhsohle streng auf den Estrich vor der geöffneten Tür, ja, ja, weil wir zunächst WC und Hinterausgang verwechselt hatten, er wartete ungeduldig – wie es hagere Gestalten mitunter an sich haben – mit dem Schlüssel bereits im Schloss. Und dann raus. An den Negern vorbei.

Und dann.

Kurz.

Zum ersten Mal.

Ruhe.

Denn Stille lag ihr eigentlich nicht. Wie ich am Tresen saß. Und sie auf einmal neben mir stand. Und (wie die Neger) drauflosredete. Aus ihrem abrupt anhebenden Vortrag erkannte ich zunächst nur einzelne Vokabeln wie Verdienst, Lohn, Leistung, Wert. Ich konnte allerdings kaum wie jemand gewirkt haben, mit dem man ernsthaft über Arbeit sprechen wollte.

»Aber«, sagte sie, während sie einzelne Wörter gemeinsam mit dem Wein verschluckte, nämlich immer, wenn sie ihr Glas ansetzte und in kleinen, aber zahlreichen Schlucken trank, »warum? … Die verdienen nicht … sind sich zu … arbeiten … keine Leistung … Ich bin mir nicht … Sicher nicht. Wie finden Sie das, mein Herr?«

Ich hatte zunächst nur kurz in Richtung Fenster geblickt. Dann fiel mir die Tapete auf. Eine schwarze Fläche wurde überzogen von holzschnittartigen Kirschbäumen in einem schwachen Rotton mit etwas Weißanteil, ohne dabei allzu rosa zu wirken, dazu schlängelten sich längliche Blätter wie Schilf um ein vulkanartiges Gebirge in Hellbeige. Um diese zwar vereinfachten und schematischen Naturdarstellungen aber überhaupt zu erkennen, musste man sehr genau hinsehen, und wer hätte sich dazu noch imstande gesehen, hier, wo jegliche Analysetätigkeit mit Voranschreiten der Nacht eher nachließ; wenn man genauer hinsah, bemerkte man eine Art Metamuster, ein Gesamteindruck, der mit einigem Abstand – wobei es sich zumeist wohl um die Entfernung von der Theke zur Tapete handelte – betrachtet, Ähnlichkeit mit einer Korkstruktur aufwies. Diesen abstrakten Eindruck bewirkten die mit Folie abgedeckten Lampen, die direkt an der Wand befestigt waren und das Tapetenmuster lebendig erscheinen ließen. Die Mauern pulsierten orange oder vibrierten oder –

»Was soll das? Können Sie nicht sprechen, Sie Affe?«

Ihr Gesicht war plötzlich ganz nah an meinem. Sie hatte mich tatsächlich angesprochen. Ich bat um Entschuldigung, aber sie beruhigte sich kaum. Stattdessen wollte sie nun wissen, entweder aus tatsächlichem Interesse oder bloß aus Höflichkeit, ob ich denke, dass sie es nötig habe, irgendeinem Affen Vorträge zu halten, einem Affen, ergänzte sie, der offenkundig lieber in die Luft starre, als sich mit ihr zu unterhalten.

Es war die Tapete, präzisierte ich. Nicht Luft.

Sie fing an zu schreien, was ich mir einbilde. Ob ich nicht nur ein Affe, sondern auch noch ein Lackaffe, ein eingebildeter Lackaffe sei.

Ich wusste also bereits, dass sie leicht mal aus dem Häuschen geriet, als ich sie ungefähr ein Jahr später wieder die Zeitmaschine betreten sah, zunächst ohne mich zu beachten. Sie blieb erst einmal bei zwei Typen an der Bar, die sich für Neger hielten und sie bereits von der Türschwelle aus zu sich zogen, sofort das Gespräch mit ihr begannen und ganz nach Negerart auf sie einredeten, so, dass sich kaum einzelne Wörter voneinander unterscheiden ließen. Sie versuchte, beiden abwechselnd ins Gesicht zu schauen, schwankte dann leicht, hielt sich am Tresen fest und schrie, dass sie ihr Studium selbst finanziere und nicht angewiesen sei auf … Sie griff nach dem Glas von einem der beiden Ersatzneger und schluckte das Satzende mit dem fremden Getränk tief hinunter. Sie hatte Lippen wie ein Korallenriff. Es würde nun nicht mehr lange dauern, dachte ich.

Als wir die Bar verließen.

An den echten Negern vorbei. Die sie schon die ganze Zeit angestarrt hatten. Von draußen durch die Scheibe hindurch. Sie warteten dort so lange, bis wir rauskamen. Sie wollten mit uns gehen. Aber wir ließen sie stehen und gingen die wenigen Schritte zum Markt runter. So ist das bereits beim ersten Mal gewesen. Dachte ich.

Als wir uns vor ungefähr einem Jahr begegnet waren.

Die Sonne ging auf, die ersten Händler, Verkaufsneger, wie sie sie im Vorbeigehen bezeichnete, öffneten gerade ihre Stände, es war noch nichts zu sehen vom täglichen Geschacher um Obst und Gemüse, von dessen anbiedernder Präsentation. So sahen wir uns auch von der entwürdigenden Notwendigkeit entbunden, die Verkaufsofferten immer wieder aufs Neue abzulehnen, und spazierten über den Markt wie durch einen Garten im August, vorbei die Blütezeit und seine Früchte noch nicht bereit. Munterer als die ersten Menschen liefen wir an den Händlern, die noch keine waren, vorbei wie durch eine Frühphase der Wonne, bis wir schließlich zu dem Laden, der nie schließt, gelangten. (Allerdings ein anderer, nicht der, von dem die Neger redeten.)

Ich bezahlte dort teuer für das, was wir wollten, weil in so einem Laden tatsächlich nichts billig zu haben war. Die Sonne ging immer noch auf und hinterließ atompilzartige Muster auf dem quadratischen Tischchen aus blassrosafarbenem Marmor, als sie direkt durch unsere gerade vom Ober gelieferten Getränke hindurchschien. Es waren zwei leuchtende Explosionswolken, die eingefasst wurden von einem dunklen, trichterförmigen Schatten. Ich sah, wie er auf der Steinplatte kreiselte, auf der unsere Gläser standen, als ich eines anhob und es am Stil leicht hin- und herbewegte.

»Hörst du mir überhaupt zu«, schrie sie plötzlich, »du Affe!«.

Ich entschuldigte mich und fragte, ob sie etwas gesagt habe.

»Natürlich habe ich.«

Ich entschuldigte mich erneut und korrigierte meine Frage dahingehend, was sie denn gesagt habe.

»Humor ist überhaupt das Größte.«

Ich verstand nicht recht, aber zum Beweis dessen, dass ich ihr diesmal aufmerksam zuhörte, begann ich, so ungekünstelt wie möglich zu kichern. Sie richtete sich auf. Ihre Augen hoben sich wie zwei zufällig freigelegte winzige Flecken auf einer Werbefläche hervor, von der sich jüngere Plakate, den äußeren Bedingungen nachgebend, langsam zu lösen begannen und nun im Wind flatterten, woraufhin unter den Schichten der Angebote von Elektronikkaufhäusern oder Schnellrestaurantketten zwei azurfarbene Punkte hindurchschimmerten, zwei Punkte eines Plakats, dessen Sinn überlagert wurde von neuerer Werbung, die mittlerweile aber dasselbe Schicksal wie die vorherige teilte. Erratisch zeugten diese zwei azurfarbenen Punkte von einer Art Reklame-Antike, die nun niemand mehr versteht. Ihre Augen betrachteten mich blicklos. Ich hatte keine Ahnung, was sie erwartete. Meine Reaktion zeigte deshalb insgesamt wohl zu viel Uneindeutigkeit, denn eigentlich kenne ich mich mit Menschen kaum aus. Sie begann zu weinen.

Nun ja, Humor sei sicherlich gut, überhaupt das Größte, wie sie sich ausdrückte, aber, versuchte ich sie zu beschwichtigen, er sollte eigentlich befreiend wirken und nicht Anlass zu Kummer geben, ob sie einem solchen beispielsweise zum Opfer gefallen sei, versuchte ich die Ursache ihrer Tränen zu erraten, aber, holte ich nun etwas weiter aus, in der Hoffnung, in ihren Augen nicht genau diese Sorte rücksichtslos aufmerksamkeitsheischender Spaßvögel (»selbstverständlich, ich würde töten für einen Lacher«, haha, das war ein guter Witz, Waschlappen) oder gar selbsternannter Zyniker (Typ einsamer Wolf, der seine verächtlichen Witze scheinbar reißt, um seine Autonomie unter Beweis zu stellen, in Wirklichkeit aber genauso nach Aufmerksamkeit heischend, nur eben nicht zustimmender, aber ohne (in wirklich supereinfach zu provozierende) entsetzte Blicke wäre er nackt wie ein Stück Seife) zu verkörpern, da sie weiterhin keine Regung zeigte; ob Spott und Humor überhaupt dasselbe seien, wagte ich zu bezweifeln, schließlich zeuge jener von Distanz, dieser eben gerade nicht. Und um den Satz nicht bloß im Symbolischen zu belassen, demonstrierte ich Nähe und rückte eng an sie heran.

Sie senkte ihren Blick und verfolgte ohne weitere Anteilnahme ihre vergeblichen Versuche, sich Feuer zu geben. Nachdem ihr das dritte Streichholz zerbrach, nahm ich ihr behutsam die Schachtel aus der Hand, die zitterte wie ein sterbendes Insekt auf einem Blatt Sonnentau (Drosera), entzündete ein viertes und hielt ihr das Flämmchen weit entgegen. Sie verfehlte es dennoch mit ihrer Zigarette. Ich korrigierte die Position des Feuers. Nachdem sie endlich den Rauch ihres ersten Zugs ausblies, nahm sie wie zum Dank meine Finger, die noch das versengte Hölzchen hielten, umfasste sie mit beiden Händen, führte sie zu ihrem Mund und küsste sie zweimal, zunächst ganz kurz und kaum spürbar, worauf ich das Streichholz schnell fallen ließ, dann lang anhaltend, aber immer noch behutsam und kaum merklich, die brennende Zigarette in ihrer Hand dabei völlig außer Acht lassend. Sie schien bereits mit ihren Lippen auf meinen Fingern ruhend eingeschlafen zu sein, als sie plötzlich ihren Kopf hob und versuchte, mir direkt ins Gesicht zu blicken. Ich hatte versucht, sie anzusprechen. Vermutlich verstand sie nicht.

»Du hast urschöne Augen«, sagte sie auf einmal, »wirklich, urschöne Augen.«

Nach dieser aufbauenden Ansprache wechselte sie jedoch leider das Thema und sprach nun von Kommilitonen, die nämlich ihre Kunst nicht verstünden, weil sie keine großen Bilder male, sondern nur kleine Strichmännchen. Ihr Professor hingegen wisse ihre Arbeit zu würdigen, das allein sei ihr ein Verdienst, wenn er den Wert ihrer Leistung schätze.

»Ich bin nämlich in der Klasse von …«, an dieser Stelle nannte sie den Namen des berühmten und derzeit zweitteuersten Malers des Landes, »und …«, sie wiederholte den Namen, »versteht mich, ich studier nämlich bei …«, sie nannte ihren Lehrer erneut. »Die übrigen Kommilitonen«, so fuhr sie fort, »denken überhaupt ganz lange nach, was große und ernste Kunst ist, dann fangen sie erst an zu malen. Große Bilder nennen sie«, an dieser Stelle zog sie mit dem rechten Zeigefinger ihr unteres Lid auf derselben Seite herunter, so dass die Rundung ihres Augapfels sichtbar wurde, wobei sie eine Quarte pfiff, bevor sie den Begriff nannte, den sie mit ihrer Geste in sein Gegenteil verkehrte: »ernsthafte Kunst.« Je lebhafter sie von ihren Kommilitonen erzählte, desto kürzer wurden nun die Abstände ihrer Schlucke. »Dabei … rückschrittlich, konservativ, … weil …, ich mach kleine Zeichnungen …, damit ein veränderter Blick … nämlich Strichmännchen … weniger die Intentionalität … als deren Aussetzen, weniger der bewusste Wille als das Begehren, weniger das Ich als das Subjekt des Unbewussten … experimentell … künstlerisch risikobereit … Konventionen brechen … Fortschritt der Ästhetik …« Plötzlich setzte sie das Glas ab und hielt es mit beiden Händen, wie um sich, zumindest hatte es den Anschein, auf es zu stützen oder besser auf folgende Schilderung konzentrieren zu können: »Sie stehen vor ihren Bildern und betrachten sie mit einem«, sie wiederholte die Geste mitsamt den zwei gepfiffenen Tönen, »ernsthaftem Blick. Haare aus der Stirn nach hinten gekämmt, an den Seiten kurz, Ohren frei, dünner Schnauzer über den Wangen, löchriger Bartwuchs, ein kariertes Tuch um den Hals geschlungen, dunkler Blaser.« Sie wirkte wieder so, als würde sie mir direkt ins Gesicht blicken wollen, diesmal wie um ihrer Rede eine rhetorische Frage hinzuzufügen. Deren Formulierung überließ sie anscheinend allerdings mir selbst: Sie zog ihre Kunstpause in die Länge, als habe sich die Außentemperatur nur für sie merklich geändert, so verfiel sie in eine amphibienhafte Starre, verharrte reglos mit offenen Augen, bis irgendwas die Gradzahl im Raum rückregulierte, sie unvermittelt rief und gleichzeitig mit einer Armbewegung ihre Äußerung unterstrich, als würde nun eine Bilanz erfolgen: »Der junge Stalin!«

Nun war es an mir, sie fragend anzusehen. Ihr Ausruf blieb mir unverständlich wie eine Negerrede.

»Glotzt du in meinen Ausschnitt?«

Stalin? fragte ich mit einem möglichst wissenden Ausdruck.

»Mode-Stalinisten. Ich nehm die gar nicht ernst.« Sie erhöhte wieder die Frequenz ihrer Schlucke. »Ich bin nämlich überzeugt von … Man muss hinter … stehen … Wenn nicht …, dass ich die beste Künstlerin überhaupt bin, dann … alles keinen Sinn. Ich bin in der Klasse von …«, sie nannte an dieser Stelle wieder den berühmten Namen ihres Professors, »und der unterstützt mich voll, … meine Strichmännchen … die besten Strichmännchen überhaupt!«

Sie blickte beim Sprechen auf immer neue Zigaretten, die sie von der linken in die rechte Hand wechselte und umgekehrt, nachdem sie sie aus meiner Schachtel zog und ich sie ihr anzündete, woraufhin sie jedes Mal nach meinen Händen griff, sie küsste und zwischendurch immer wieder bemerkte, ich habe urschöne Augen. Sie blinzelte dabei, als sie das sagte, so als hätte sie eigentlich Schwierigkeiten, meine Augen überhaupt zu erkennen.

Nur zu gern hätte ich ihr geglaubt. Denn sie war ein absolut steiler Zahn. Ihr langes, glattes, blondes Haar fiel an den Schultern auf ein vornehmes schwarzes Kleid, das aussah wie von Varnadi, dazu trug sie ebenfalls schwarze, nichttransparente Strümpfe und rote Stiefeletten von Cizado (da war ich mir sicher) passend zu ihrem roten Barett (vermutlich vom Flohmarkt). In der Bar, in der wir uns begegneten und wo gewöhnlich eher betont nachlässig und, ihres Erachtens, wie der junge Stalin gekleidete Kunststudenten verkehrten, wirkte sie kaum, als gehörte sie dazu. Was tatsächlich an ihr auffiel, war ihre klassische Schönheit, wie von Vermeer porträtiert, ein gleichmäßig proportioniertes Gesicht, ebene Wangen, geschwungene Lippen, eine zierliche Nase, Brauen wie zwei leichte Federn. Dass allerdings auch ihre Augen gemalt wirkten, irritierte leicht. Denn sie blinzelte nie. Die dünnen Lider verliehen ihren Iriden den Eindruck einer flachen Schwere, die eine Spannung erzeugte, als würden in ihnen jeden Moment zwei Töpfchen Azur umkippen können, sich gleichmäßig ergießen und als bliebe die Farbe dann irgendwo: auf dem Tisch, an den Weingläsern, auf dem Boden, als verlören diese Augen tatsächlich ihre Blicke, um irgendwo funktionslos und gelangweilt zurückzubleiben. Denn ihre Aufgabe war es nicht zu sehen, sondern gesehen zu werden, Komplimente wurden reflektiert wie von verspiegeltem Glas.

»Du hast urschöne Augen«, sagte sie, nachdem ihr azurfarbene Kleckse aus dem Gesicht quollen und auf die Marmorplatte tropften. Sie tastete nach meinen Händen und führte sie wieder an ihre Lippen, ihre Zungenspitze pusselte an meinen Fingerkuppen, dann verschwanden sie kurz hinter ihren Zähnen, und in dem Moment, indem sie wieder entlassen wurden, zogen ihre Lider blaue Fäden aus den Augenhöhlen, senkten sie und hoben sie erneut, wieder und wieder, wie ein völlig separater Mechanismus, ohne jede Verbindung zu ihrem Körper oder ihrer suchenden Zunge über meinen Fingerspitzen. Auf einmal jedoch schienen sich die Schnüre stärker zu spannen, um sofort darauf zu reißen und zwei azurfarbene Spritzer an der Decke zu hinterlassen.

»Noch’n Wein«, sagte sie und ruderte nach einem Kellner.

Während der ganzen Zeit hatte sie ihr rotes Barett getragen. Jetzt aber geriet es ins Rutschen und drohte zu fallen. Mit einer Hand griff sie nach der Kopfbedeckung, verfehlte sie, und die Mütze landete auf den Fliesen.

»Ach, was soll’s«, rief sie, »hier wird man ja sowieso nicht bedient. Wir gehen woanders hin.«

Sie hatte sich bei mir eingehakt, als wir den Markt überquerten und in das Disco-Restaurant gingen, wo vormittags oder mittags alle landen, die noch stehen können. Da sie jedoch im Foyer, als der Türsteher sagte, wir müssten unsere Garderobe abnehmen, umfiel, durften wir nicht hinein.

»Ach, was soll’s«, sagte sie, »gehen wir eben gleich zu mir. Ich hab noch nie mit einem Affen gebumst.«

Als wir wieder draußen standen, kippte der Himmel mitsamt seiner schweren Sonnenstrahlen auf uns, als habe jemand ein riesiges Gemälde fallengelassen.

»Aber ich muss mich chauffieren lassen. Sonst geht’s nicht. Willst du uns ein Taxi rufen?«

Wozu warten, meinte ich, wir bräuchten nicht unnötig Zeit vergeuden, ich könne noch fahren und geleitete sie zu meinem winzigen Auto, das gleich beim Markt stand (in das sie einstieg, nicht ohne dabei anzumerken, um was für eine Affenklitsche es sich bei meinem Wagen handele). Sie erklärte den Weg, und ich bekam ein Gefühl, als würde die Fahrt niemals enden. Zwischendurch räumte sie ein, dass ihr Appartement, wie sie sich ausdrückte, eventuell nicht eben aufgeräumt sei.

»Wenn Sie das nicht stört?«

Warum sie mich auf einmal sieze, fragte ich.

»Du Affe. Du bist doch jetzt mein Chauffeur. Verstehst du etwa keinen Spaß? Humor ist nämlich überhaupt das Größte. Ich geh doch nicht mit einem witzlosen Affen ins Bett. Ich nicht. Nicht ich. Wollen Sie nun mein Ichauffeur sein, Herr Affe?«

Wie zum Beweis, dass ich verstünde, kicherte ich leise. Es war nicht einfach für mich, humorvoll zu erscheinen, denn eigentlich kenne ich mich mit Menschen kaum aus, wusste aber, sobald wir bei ihr waren, dass sich alle Anstrengung gelohnt hatte.

Nur mussten irgendwie Teile der Daunenwäsche explodiert sein. Ihr gesamtes Appartement war auf einmal voller Federn, als sei mitten im Sommer Neuschnee auf den Fußboden und ihr spärliches Mobiliar gefallen, was nicht nur im August unmöglich gewesen wäre, auch hätte dafür nicht nur dem Bett, sondern der Wohnung eine Decke beziehungsweise dem Haus ein Dach fehlen müssen. Überhaupt schienen aber Raum und Zeit dort, wo sie zuhause war, eine eigene Verbindung einzugehen. Die leeren Flaschen, die um einen Ohrensessel und einen Couchtisch mit einer Glasplatte, durch die man eine Collage mit Fotos aus Schultagen einer ihr eventuell fremden (war sie hier selbst bloß zu Gast?), auf jeden Fall aber anderen Person während der 80er Jahre sah (war sie jung genug, dass es sich hierbei bereits um ihre Eltern handeln könnte?), herum gruppiert waren, sowie dutzende Aschenbecher, in denen sich jeweils die Kippen zu einem massiven Hügel angehäuft hatten, zeugten von der Auffassung, dass Zeit sich allerhöchstens im Raum begreifen, sich ansonsten aber kaum fassen lasse, im Sinne von messen. Dieser Vorstellung gemäß hatten wir kurz und ergreifend miteinander geschlafen, bevor sie sagte, ich müsse gehen. Und zwar sofort.

Aber.

Ich gab nicht auf.Ich wusste.Meine Stunde.

Sie würde ein weiteres Mal kommen.

Und noch mal.

Und noch mal.

Ich war mir sicher.

Als ich sie sah.

Zum zweiten Mal.

In der Zeitmaschine:

Während sie an der Theke lehnte und mit den beiden Ersatznegern sprach, durchsuchte sie ihre Tasche vermutlich nach Zigaretten, denn schließlich holte sie einzeln und krumm ein paar hervor, jedoch fiel dabei ihr Kleingeld heraus. Beim Versuch, es aufzusammeln, kippte sie und krachte den Münzen hinterher. Die beiden Männer halfen ihr, aber als wäre sie in ein Zeitloch gefallen, aus dem sie schlagartig gealtert wieder herausstieg, und wie zwei Mäuse von einer leeren Falle wendeten sie sich schnell wieder ab (es waren eben nur Ersatzneger), sodass es nur noch eine Frage der Zeit sein könnte, dachte ich, bis sie neben mir stehen würde. Und diesmal würde ich bei ihr bleiben.

Länger als nur eine Nacht.

Ich war mir sicher.

Denn

an der Art wie sie in den Raum starrte, konnte ich sehen, dass sie mich nicht wiedererkannte. Das heißt, der Erfolg war mir eigentlich nicht mehr zu nehmen. Ich wusste, was zu tun war. Und tatsächlich bat sie nur wenig später um Feuer. Mit einer weichen Bewegung zündete ich ihre Zigarette an. Aber diesmal griff sie nicht nach meinen Händen. Noch nicht, beruhigte ich mich, ich weiß ja, was zu tun ist.

»Das Größte überhaupt«, begann sie nun rauchend, zwar kontextlos, aber mir wieder vertraut, »ist Humor. Meinen Sie nicht?«

Ich kicherte so ungekünstelt wie möglich, wohl wissend, dass sie einen Spaß gemacht hatte.

»Was lachen Sie so dämlich? Wie sehen Sie überhaupt aus?«

Sofort verstummte ich und fragte, wieso, habe sie nicht gerade gescherzt?

»Sie eingebildeter Affe!«

Ich würde also meine Vorgehensweise leicht ändern müssen und fragte sie, was sie beruflich treibe, um die Konversation noch einmal von vorn beginnen zu können. Außerdem würde ich mich ja nun auf bekanntem Terrain bewegen. Schließlich hatte ich im letzten Jahr intensivst über den berühmten und zweitteuersten Maler geforscht. Die ganze Bildung, dachte ich – irgendwann würde sich alles bezahlt machen, das hatte ich schon immer gewusst.

»Ich schreibe«, sagte sie, und ich war wieder ein wenig irritiert. Aber ich konnte sie schließlich nicht auf Kunst ansprechen ohne zu verraten, dass wir uns kennen, was zweifelsohne meinen Erfolg gefährdet hätte.

»Und Sie?«

Ich würde ebenfalls schreiben, änderte ich nun mein Vorhaben gänzlich, um eine gemeinsame Basis zu schaffen.

»Ach. Wie affig. Und was bitteschön schreiben Sie?«

Auch wenn sie naheliegend gewesen sein mochte, auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. Ich wand mich ein wenig und erklärte schließlich, ich würde Theaterstücke schreiben. Sie blieb stumm. Ich wartete noch ein wenig ab. Da sie weiterhin schwieg, fragte ich sie, was sie denn schreibe.

»Ich schreibe jedenfalls keine großen Dramen, keine ernsthafte Kunst wie Sie. Ich schreibe kleine, humorvolle Texte über Strichmännchen. Denn Humor ist überhaupt das allergrößte.«

Na ja, begann ich improvisierend zu erläutern, meine Theaterstücke seien nicht ausschließlich ernsthaft, sondern durchaus etwas komisch und ja, Humor sei in der Tat sehr bedeutsam, als Mittel zur Distanzierung beispielsweise, wie Bertolt Brecht in seinem Stück –

»Sie Affe«, unterbrach sie mich, »eingebildeter Affe! Sind Sie der Meinung, Sie schreiben gute Literatur?«

Ich wurde etwas verhaltener und meinte relativierend, da diese Frage für mich wieder völlig unvermittelt kam, denn ich hatte noch nie gehört, dass einem Schriftsteller jemals so eine Frage gestellt worden war, was sei schon gut, rein objektiv betrachtet, es gehe ja darum, was Inhalt eines Textes –

»Die Berufung zum Künstlertum, verehrtes Äffchen, erfährt der Künstler ausschließlich aus Gründen der Subjektivität. Nach der eigenen Einschätzung befragt, kann der Künstler nur antworten, er sei der Beste. Meine Meinung ist: Ich scheiß auf Ihr objektives Trara. Was sind Sie für ein affiger Schriftsteller, wenn Sie hier mit irgendwelchen Inhalten kommen?«

Sie setzte ihre Ausführungen fort, indem sie nun wieder etwas höherfrequentig trank.

»… weniger die Intentionalität … als deren Aussetzen, weniger der bewusste Wille als das Begehren, weniger das Ich als das Subjekt des Unbewussten … experimentell … künstlerisch risikobereit … Konventionen brechen … Fortschritt der Ästhetik …«

Die Luft war ein Apparat. Plötzlich schien alles kompliziert. Doch irgendwo gab es immer eine Resettaste.

»Das ist nur versuchsweise«, deutete sie einschränkend auf unsere Hände, die sich nun wie lange getrennte Partner streichelten. »Sie haben schöne Hände. Innen glatt und zart. Und außen die vielen kleinen Haare, so flauschig. Darf ich diesen Pelz einmal streicheln?«

Ich erlaubte es ihr, und sie fuhr langsam mit ihren Fingerspitzen durch die Haare auf meinem Handrücken. Eine Zeitlang tat sie es, ohne dabei zu sprechen. Sie starrte auf ihre Finger, wie sie meine Hand berührten, aber ihre Augen schienen zu langsam dafür zu sein. Sie folgten ihren Bewegungen, bis sie an einem imaginären Punkt am Unterarm zum Stehen zu kommen schienen. Tatsächlich betastete sie längst meinen erweiterten Bauchbereich, und ihr Blick wirkte auf einmal wie durch offene Fenster, durch die man zwei azurfarbene, leere Räume sah und aus denen Gardinen durch den Rahmen herauswehten und im Wind flatterten, wenn sie sich gerade wieder die Haare mit umgestülpter Unterlippe aus der Stirn fönte.

»Sie sind überall behaart.«

Ich war beruhigt, dass sie nicht weiter über Literatur sprechen oder wissen wollte, ob und wo bereits Stücke von mir aufgeführt worden waren. Doch meine Erleichterung hielt nicht lange. Denn ihre nächste Frage lautete, ob ich vom Schreiben leben könne.

Ich würde in der Tat, aber quasi nur nebenher einer geregelten Arbeit nachgehen, räumte ich ein.

»Sind Sie also kein richtiger Schriftsteller?«

Ich schwieg einen Augenblick zu lang. Sie erzählte, dass sie sich gerade für ein Studium für kreatives Schreiben beworben habe, um anschließend davon leben zu können. Denn wenn man schreibt, dann müsse man davon überzeugt sein, was man schreibt, und dann sollte man nicht noch nebenher arbeiten wollen oder sollen.

Das heiße aber, erkundigte ich mich, im Moment lebe sie nicht vom Schreiben? Leider konnte ich sie ja nicht fragen, was aus ihrem Studium an der hiesigen Kunsthochschule geworden sei, in diesem Fall hätte ich meine Vorgehensweise nochmalig ändern müssen, und immerhin hatte sie schon meine Hand gestreichelt. Und

alles, was ich wollte,

war

in ihr Bett,

auch wenn der Weg dorthin dieses Mal auch anders verlaufen würde als beim letzten Mal. Aber so ist das mit den Menschen, man kann halt nur versuchen, sich bestmöglich anzupassen.

»Wenn man schreibt, dann weiß man auch, ob man gut ist, denn sonst ist man kein guter Schriftsteller«, setzte sie wieder etwas tautologisch an und wollte wissen, wovon ich genau lebe. Ich umriss knapp Charakter und Funktion der Einrichtung, die mein Arbeitgeber war, beließ es aber im Wesentlichen bei Andeutungen, in der Hoffnung, sie gäbe sich mit vagen Ausflüchten zufrieden. Aber warum auch immer, auf einmal wirkte sie hellwach und für einen Moment so klar, wie ich sie noch nie erlebt hatte.

»Sie arbeiten für die Juden?«

Es sei ein solide geführtes Unternehmen, mehrheitlich in Staatsbesitz, antwortete ich.

»Ich habe überhaupt nichts gegen Juden,« fuhr sie fort, »ich habe durchaus sogar einen Freund, der Jude ist. Er ist solange umgänglich, bis er beginnt, von«, sie pfiff und machte die Zeigefingergeste, »Anti-Semitismus zu pa-la-vern. Dann dauert es nicht mehr lange, und alle sind Anti-Semiten. Ich brauch ja nur mal Israel zu kritisieren. Schon würde er mir am liebsten über den Mossad gewisse Grüße schicken lassen. Dabei habe ich überhaupt nichts gegen Juden. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Aber dieser Judenneger hat so eine Art an sich.«

Man könne sich heutzutage leider nicht aussuchen, für wen man arbeite, sah ich bereits meine Erfolgschancen bei ihr wieder schwinden und ergänzte, als Affe würde ich aber darüberstehen.

»Meine Güte. Was machen die denn?«

Ich blickte zum Fenster. Draußen hatten sich die Neger nebeneinander formiert. Sie trugen überraschenderweise jetzt alle einheitliche Trikots, die ihre durchtrainierten Körper äußerst betonten. Ihre Muskeln leuchteten in der Dunkelheit. Synchron bewegten sie sich nach links, dann nach rechts. Schließlich lösten sie diese Aufstellung sehr geschmeidig auf und standen sich in einer Zweierreihe gegenüber. Sie vergrößerten den Abstand zwischen den Paaren. Dann schlugen alle Purzelbäume und diejenigen aus der linken Reihe kamen zum Stehen. Die von rechts aber nutzten den Schwung, setzten nach der Landung sofort wieder zum Sprung an und hüpften auf die Schultern ihrer attraktiven Gegenüber. Dort angekommen, nahmen die oberen alle zur selben Zeit ihr linkes Bein und führten es elegant an ihren Hinterkopf. In dieser Position blieben sie kurz, bevor jeder zweite wieder auf den Boden sprang. Die übrigen stellten sich eng aneinander. Und auf einmal kletterten die ersteren an ihnen hoch, eine dritte Etage wurde gebildet, dann noch eine vierte.

»Ich hasse Minderheiten«, schrie sie, »und überhaupt. Alle wollen immer Aufmerksamkeit. Man soll zuhören. Aber ich halte das nicht aus, wenn die mit ihrem Minderheitenpa-la-ver anfangen. Ständig wollen die was von einem. Man soll sie anerkennen. Man soll sie so sein lassen, wie sie sind. Usw. Usw. Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Ich hab eigentlich nichts gegen Minderheiten. Aber die sollen mich in Ruhe lassen. Die Neger sind am schlimmsten.«

Draußen hatte sich die Pyramide bis zur zweiten Etage gerade aufgelöst, diejenigen, die auf den Schultern der untersten standen, stützten sich nun mit ihren Armen auf deren Schultern. Sie streckten erst ihre Beine, dann den linken Arm, sodass sie nur noch auf ihrem rechten ruhten. Schließlich lösten sie auch diese grazilen Ts auf.

»Der Neger steht auf dicke Frauen. Wenn die in meiner Straße rumstehen und mir hinterherrufen. Das nenne ich mein Negerbarometer. Als Anzeichen dafür, dass ich zugenommen habe. Verstehen Sie? Die lassen einen nie in Ruhe. Ich hasse alle Minderheiten.«

Sie versuchte, mir in die Augen zu schauen, traf mit ihrem Blick aber irgendwie nicht richtig und schickte eine Hand hinterher, die mein Gesicht abtastete.

»Die ganzen Haare. Das ist ja ein regelrechtes Fell.«

Sie streichelte über die Schulter, den Arm herunter und landete wieder bei meiner Hand. Sie fuhr mit ihren Fingerkuppen über meinen Handrücken.

»Diese ganzen Haare. So viele Haare. Überall.«

Ja, entgegnete ich ironisch, ich müsse mir viele Bemerkungen über mein dickes Fell anhören.

»Sie Affe! Eingebildeter Affe!«, schrie sie wieder, und ich wurde unsicher, ob sie meine Behaarung nun mochte oder nicht. Aber wenn ich meine Chance wahren wollte, dann durfte ich nichts auf ihre Beleidigungen erwidern.

»Was haben Sie überhaupt zu bieten?«

Ich verstand nicht.

»Ob Sie eigentlich überhaupt etwas zu bieten haben?«

Ich wurde unruhig und fragte noch einmal nach. Finanziell?

»Nein, Mann. Sie blöder Affe.«

Erinnerte sie sich doch an die Nacht vor einem Jahr? Beunruhigt fragte ich nach: Ob ich im Bett was zu bieten habe?

»Scheiße, nein. Ob Sie überhaupt irgendwelche Eigenschaften haben? Sie biedern sich an. Sie äffen mich nach.«

Ich beschloss, da ich nun bereits so viel Arbeit in diese Nacht investiert hatte, und das Feld weder den Ersatznegern in der Bar, noch den Negern draußen in ihren hautengen Kostümen überlassen wollte, es mit meiner Vorgehensweise nun nicht mehr so genau zu nehmen und aufs Ganze zu gehen. Ich küsste sie direkt auf den Mund. Als sie ihren Mund öffnete und mit ihrer Zunge nach meiner tastete, wusste ich, dass nun nichts mehr schiefgehen könne. Plötzlich schob sie mich von sich, versuchte wieder, mich anzusehen und lachte auf einmal: »Wissen Sie was? Ich habe noch nie mit einem Affen gebumst.«

Ich bemühte mich, ihr schnellstmöglich Feuer zu geben, als sie sich eine meiner Zigaretten aus der Schachtel nestelte.

»Ach. Was soll’s.«

Sie nahm meine Hand.

Ich zahlte.

Rasch.

Wir gingen raus.

Vorbei

an den Negern,

die dort standen

und uns hinter

herriefen.

2. Dieser Affe fiel aus allen Wolken

Ja. Nein … Hm. Also?

Auch das ist Zeit:

eiaeiaeia rtai 09yta09 q095 q-a-yü hm

alaoi –yeö< ß2äa aöa aäaäaä

?!

»…«

hahajaha

blaha

^^^^^^^^^^

qqqqqqqqwwwwweeeeeeeeeerrrrrrrrrrrtttttttttttttzzzzzzz

uuuuuuuuiiiiiiiiiiiiioooooooopppppppüüüü ++++++++++

Abs.Ret.-Mix Abs.Ret-Mix Aktien-Dachf. Amer.STck-Mix Definsiv-Pf. DivedendSt2015 Em.Mkt Bnd-Mix Emerging-Mix Euro Bond-Mix Blbl Stock-Mix Hochzins Immo-Strategie Infationssch. KMU-Fonds LngTerm Erobd Offensiv-Pf Portfolio.-Mix ShTrm EuBd-Mix TopRendiete2013 Un-tern.anl.-F. Strat. Dynamik Strat. Klassik Strat. Wachs aaaaaaaaaa

Sssssssss ddddddd f

fffffffffffffff FFFFFFFF

GGgggGGg EMCore

C. Europe

Was soll’s.

Die Zeit ist irgendwie vorübergegangen. Ohne dass sonst etwas geschehen wäre. Nächtelang in der Zeitmaschine. Was soll’s.

jjjjjjjjjj kkkkkkkk LLLLLLLL öööööööö ÄÄÄÄÄÄÄ #########

Ich hatte mich zuvor ja niemals mit der Tastatur auseinandergesetzt. Mit der Buchstabenanordnung. Da kommt man doch erst mal überhaupt nicht drauf, dass da eine Systematik dahinterstecken soll.

yyyyyyyyy xxxxxxxxx ccccccccccc vvvvvvvvvv bbbbbbbbb nnnn

mmmmmm

Mix Konservativ Mix Ausgewogen Stegy Return T Mix Dynamisch Top Trend Hohstoff Trend Post.Klassik Plus P.S.K. Euro Div+ T EuropaBlueChipStck Amer.Blue Chip Stck amer Blue C St Unh Österreich Plus GLBL Stock Euopa Stock JaPan-Asien Stock Going Public

Auch damit kann man üben.

Was soll’s.

Es nimmt kein Ende.

Ich versuche, mich zu erinnern. Endlos. Ergebnislos.

Ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, was passiert ist. Was, wenn ich einfach hier sitzen bliebe? Für eine Weile? Paar Tage. Oder länger. Was ist schon Zeit? Ich versuche mich zu erinnern. Und schreibe einfach weiter. Ohne Ende. Bis irgendwann ein Ergebnis vorläge? Eine Erinnerung? Die Geschichte? Mal abgesehen vom logischen Widerspruch: Endlos schreiben und schließlich doch etwas fertigstellen. Ist das dann the Wahrheit? Oder bloß esoterischer Quatsch? Oder was? Was soll’s. Einfach weiterschreiben. Ohne Ende.

Das war der Anfang: Sie habe meinen Brief erhalten, sagte sie. Brief, fragte ich, was für ein Brief? Denn es stimmte, ich hatte ihr diverse Briefe geschrieben. Aber keinen schickte ich jemals ab. Und diesen einen, den ich tatsächlich einmal bei der Post aufgeben wollte, der befindet sich immer noch in Planung. Sie habe also gar keinen Brief von mir erhalten können. Resümierte ich. Absolut keinen Brief. Den ich ihr beispielsweise nachts geschrieben haben könnte. Wenn ich beispielsweise wach gelegen hätte, es irgendwann nicht mehr ausgehalten haben könnte und aus dem Bett gesprungen wäre. Dann hätte ich mich beispielsweise an den Schreibtisch gesetzt haben können, um mit einem Brief an sie zu beginnen.

Mit der Hand.

Liebe Annabelle.

So begann ich nämlich stets, wenn ich ihr schreiben wollte. Nur ein Ende fand es nie.

Ich schrieb ihr endlose Briefe, und ich zündete mir extra eine Kerze dazu an, damit diese Briefe besser gelängen, wenn ich ins Nichts starrte, und, wie stets, dabei immer nur mich selbst entdeckte, als schwaches Spiegelbild im Fenster im flackernden Schein der Flamme, des Lichts.

Was machst du so, hatte sie nach der Begrüßung zunächst gefragt. Unerwartet kühl, wie dieser Abend Mitte September für seine Jahreszeit. Nichts, antwortete ich. Nichts Wesentliches, präzisierte ich, was der Anlass dafür war, dass alles Übel an diesem Abend seinen Anfang nahm, denn Annabelle dozierte zunächst über Ansprüche im Allgemeinen und im Besonderen, wie sie daraufhin betonte, sei es manchmal auch ratsam, Unwesentliches zu unterlassen, was sie als Anspielung auf einen gewissen Brief verstanden haben wollte. Brief?, fragte ich also, nachdem sie behauptete, ihn erhalten zu haben, was für ein Brief?

Oder was auch immer das gewesen sein solle, meinte sie, sie habe das nicht verstanden, was das überhaupt solle, ihr diesen Brief zu schicken. Sie habe keinen Brief erhalten können. Argumentierte ich. Weil ich keinen Brief geschrieben hatte. Meine Güte, schrie sie daraufhin. Beinahe. Dann eben Kurzgeschichte. Text. Was auch immer. Was sollte das?

Sie habe es immer bewundernswert gefunden, wie ich das so mache, was ich mache. Also, obwohl ich bin wie ich bin. Meinte sie damit. Wohl. Das hatte mich fertig gemacht. Jedes Mal. Wenn sie das sagte. Ich schrie. Ich scheiß auf deine Ironie. Am liebsten. Aber ich tat nichts. Schrie nicht. In Wirklichkeit. Ich log. Wohl. Das eine oder andere Mal. Aber diesmal?

Ja. Ja. Einem Affen kann man ja an allem die Schuld geben. Meinte ich.

Sie schlug mir mit der flachen rechten Hand auf die von ihr aus gesehen ebenfalls rechte Wange, was meine linke ist, von mir aus gesehen, und damit beginne bereits das Dilemma, gab ich mich unbeeindruckt, denn was zähle mehr, ihre oder meine Perspektive, links oder rechts, die alte Frage, und sie schlug mir prompt auf die andere Seite. Das sei ihr scheißegal, schrie sie.

Zwischen ihrer ersten Bemerkung über einen sogenannten Brief und diesen Ohrfeigen lagen zufällige Begegnungen mit anderen Gästen, nebenbei Bemerktes, flüchtige Augenblicke. Kein Grund, um eine Spannungskurve dramatisch ansteigen zu lassen. Aber Annabelle führt ja immer irgendwas auf irgendwas anderes zurück. Kein waberndes Kontinuum im Sinne von: Alles hängt mit allem zusammen, was im Ergebnis dazu führt, dass alles egal ist. Sondern eins folgt aus dem anderen. Was bedeutet: Es gibt keine Entschuldigung. Eine umgekehrte Esoterik. Denn alles hat einen Grund. Ein knallhartes Ursache-Wirkungs-Prinzip. Eine Waspassiert-dann-Maschine. Für alles. Sagte sie. Auch als sie mich auf der hübschen Terrasse ohrfeigte, wiederholte sie ihre Auffassung. Wohl. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, wie uns alle ansahen. Als wir von draußen reinkamen. Während es ruhig wurde um uns herum. Oder war es nur sie, die mich ansah, noch niemals so intensiv, impulsiv, wütend und sogleich bereuend, wie sie mich gerade geohrfeigt hatte, zunächst ein Reflex, dann ein zweites Mal und dadurch also Vorsatz, aber trotzdem haben wir uns danach geküsst, wie das eine oder andere Mal, in dieser oder jener Nacht, damals, bis wir entscheiden mussten, wie wir das nennen zwischen uns, und bis es deswegen schließlich still wurde um uns, und sie erleichtert schien, wegen eines Jobangebots wegziehen zu können, und irgendwann die Telefonate seltener wurden, als ich kaum mehr schlief, stattdessen Briefe schrieb, an sie, die ich aber niemals abgeschickt hatte, sagte ich. Wohl.

Na gut. Ich hatte gelogen. Das eine oder andere Mal. Aber diesmal legte ich wert auf Präzisierung. Erfolglos.

Tag nach Marions Hochzeit. Ich bleibe im Bett ohne mich zu bewegen. Der Fernseher läuft in der Wohnung einer Bekannten eines guten Freundes, die ein paar Wochen leer war, weil die Frau (im Folgenden: Velouria) in Mexiko unterwegs ist, weshalb der Freund mich dort unterbringen konnte, weil es bei ihm selbst schlecht ging. Denn seit er Vater geworden sei, da habe sich nun mal das Leben unwiederbringlich verändert, wie er erklärt hat.

Bei der Arbeit hatte ich mir offengelassen, wann ich wiederkomme. Übermorgen wird Velouria wiederkommen. Etwas Zeit, um wieder klarer zu werden. Aber wahrscheinlich zu wenig, selbst um meine spärliche Erinnerung an diesen Abend aufzuschreiben. Was soll’s. There’s never a forever thing. Vielleicht gelingt es mir wenigstens, mein Telefon wiederzufinden. Kein Schimmer, wo das abgeblieben sein könnte. Vom Festnetzanschluss hier mal probiert. Sofort Mailbox. Tja. Später drum kümmern. Erst mal drinnen bleiben. Konserven sind in der Wohnung. Wenigstens muss ich nicht raus und einkaufen gehen. Und am Ende noch jemandem auf der Straße begegnen. Das wäre ziemlich – allein die Vorstellung, womöglich noch einem der Hochzeitsgäste über den Weg zu laufen. Stadt bleibt Dorf. Am Rande der Wildnis. Mit TV.

Blubber.

Blubber.

Ihr natürliches Verbreitungsgebiet reicht von Mittelamerika über das Amazonasbecken bis in das südöstliche Brasilien und in das nördliche Argentinien. Ihr Lebensraum sind Wälder. Sie sind in Regenwäldern, trockenen Laubwäldern, in Mangroven- und Gebirgswäldern zu finden. Diese Flexibilität erlaubt es dem Zoo, die Tiere in einem Außengehege zu halten, welches ihrer natürlichen Umgebung sehr nahekommt.

Welche natürliche Umgebung denn? Wenn sie so flexibel sind? Was soll’s. Die Kiste läuft halt vor sich hin. Ich mag keine Musik hören. Jedenfalls nicht Velourias Schallplatten.

Ich habe mich umgesehen. Diskret. Oder eher flüchtig. Ich könnte es gar nicht genau sagen. Wie sieht die Wohnung aus? Wenn ich jetzt die Augen schließe. Aber man macht sich natürlich so seine Gedanken, wenn jemand heute noch einen Plattenspieler benutzt und da außerdem noch eine Schreibmaschine rumsteht.

Ich sah sie mir an. Nahm sie von der Kommode. Spannte ein Blatt ein. Und tippte nur so vor mich hin. Zunächst. Irgendwas.

aoriu.amöaaö9alaq5äjaop lsaku5 lalmait

oqla a99 a. öqli aöujrao 9qlamvka alks zara aöjr

Ich tat so, als könnte ich mit zehn Fingern tippen. Allein wegen des Klangs. Wie auf einer Zeitreise. Haben sich die Nachbarn früher nie beschwert, wenn da die Schriftsteller im Sommer bei offenem Fenster und besonders nachts wie die Affen, haha, tippten?

Ich spüre den Bewusstseinsstrom.

Ah.

Jetzt.

?

Doch nicht.

tack-tack-tack?

Hier bin ich also. Wieder.

Ich hatte diese Stadt wegen ihr verlassen, wie ich ihr brieflich einmal gestehen wollte. Denn ich wollte nichts lieber, als es ihr gleichzutun und sofort abhauen, nachdem Annabelle gegangen war. Zum Fernsehen. Als Redakteurin. In die große Stadt im Süden.

Ihre Nahrung besteht aus Insekten, Früchten, Wurzeln und Nüssen, aber auch gelegentlich aus kleinen Wirbeltieren wie Fröschen, Echsen oder Vögeln. Trotz der regelmäßigen Fütterung ist die Nahrungssuche ein regelmäßiger Bestandteil des Alltags.

…?

Ich war nicht mehr zurückgekehrt. Seitdem. Bevor ich dieses Wochenende zur Hochzeit von Marion, die Annabelle und ich vom Studium her kennen, angereist bin.

Ich wusste, ich würde Annabelle wiedersehen, und ich wusste, ich würde ihr aus dem Weg gehen können, wenn ich mich nur etwas zurückhielte. Aber schon nachdem ich in Velourias Wohnung angekommen war, in der ich drei bis vier Tage über bleiben konnte, riss ich sofort eine der Dosen auf, die ich im Kühlschrank entdeckte, und entschloss mich, die Krawatte wegzulassen. Wozu auch. Dachte ich. Immerhin blieb so noch Zeit für eine zweite Dose.

Die Schnöselfreunde von Marion hatten sich wegen der fehlenden Krawatte tatsächlich über mich lustig gemacht. Ja. Ja. Der Affe hat keine Krawatte. Ich meine, wie sieht das denn aus, wenn die einfach so über meinem Fell hin- und herbaumelt?

Ich hielt mich nach meiner Ankunft deshalb erst mal etwas abseits vom großen Begrüßungstreiben auf der Terrasse und wollte abwarten, wie die Feier in die Gänge kommt. Ich müsse nicht bis zum Ende bleiben, dachte ich, zwar konnte man anstandshalber nicht schon nach dem Essen gehen, aber sobald getanzt wird, dachte ich, ließe sich unverfänglich und leise Servus sagen. So stand ich unauffällig draußen auf den Steinplatten vor diesem wunderhübschen Lokal, wie alle betonten, die nach mir ankamen und das Brautpaar begrüßten.

Bis ich Annabelle sah, wie sie die Stufen von der Straße zur Terrasse herunterstieg. Es wurde in dem Moment ein Tablett mit Willkommensgrüßen durch die Gesellschaft hindurch an mir vorbeigetragen, ich nahm ein Glas, leerte es so rasch, dass ich es auf dem Rückweg der Kellnerin bereits gegen ein neues austauschen konnte, für das nächste musste ich allerdings meine sichere Position im Verborgenen aufgeben, und auf einmal schien alles unvermeidlich. Annabelle entdeckte mich, sie kam mir mit einem kühl entschlossenen Ausdruck in den Augen und einem höflichen Lächeln auf den Lippen entgegen, wir tauschten zunächst ein paar Unverbindlichkeiten aus, bevor sie wie gesagt auf den angeblichen Brief zu sprechen kam: Was sollte das etc. Wir wurden jedoch schon bald von einem freudigen Aufschrei neben uns unterbrochen: Marion habe uns nebeneinander platziert, wie uns eine gemeinsame Freundin aus der Studienzeit freudig erzählte, die plötzlich mit auffordernd weit geöffneten Augen neben uns stand, als wären wir von uns aus auf sie zugegangen und hätten deshalb interessierte Nachfragen stellen sollen. Da Annabelle und ich uns jedoch bloß ratlos anblickten, ergänzte sie, sie habe bereits die Tischkärtchen studiert, und fügte sogar, in unser anhaltendes Schweigen hinein, die Sitzordnung hinzu: Der größte Teil unseres Freundeskreises, sagte sie, sitze weiter hinten im Raum, wir seien hingegen gemeinsam mit ihr nahe der Bar neben einem riesigen Aquarium platziert und saßen einer Schulfreundin Marions mit ihrem Gatten gegenüber, und sie nannte Namen, die wir noch nie gehört hatten. Nur als Signifikant. Ohne Signifikat vor Augen.

Annabelle schien den angeblichen Brief, Vorteil ihres, nun ja: Temperaments, erfreulicherweise wieder vergessen zu haben, zu dritt entspannte sich das Gespräch augenblicklich, und wir nahmen etwas später sogar verhalten lachend jener Schulfreundin und ihrem Gatten gegenüber Platz. Sie stellten sich sehr förmlich und angesichts der Tischkärtchen etwas redundant als Sandy und Elvis vor.

Sandy kicherte, als sie mir die Hand gab, was ihr sofort peinlich war, wie man an ihren Lippen sehen konnte, die sie augenblicklich aufeinanderpresste, sodass man nur noch eine dünne Linie sah. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, hatte aber in dem Augenblick schon wieder die Nase voll von der gesamten Hochzeitsgesellschaft. Doch Annabelle bemerkte natürlich meine unterdrückte Wut, was mir zunächst einmal zum Vorteil gereichte: Mitleid funktionierte immer. Vielleicht war es das, weshalb Sandy und Elvis es im weiteren Verlauf des Abends immer schwerer haben würden mit uns am Tisch. Vielleicht hätten sie eine Chance haben können. Aber Elvis hatte alles in den Sand gesetzt mit einer flapsigen Bemerkung über den Bräutigam. Ich hatte sie noch nicht mal richtig mitbekommen. Keine Ahnung. Ich erinnere mich nicht mehr. Aber Annabelle war sofort drauf angesprungen. Wie er das gemeint habe, fragte sie etwas zu betont beiläufig, sodass jedem am Tisch auffiel, wie viel Mühe es sie gekostet hatte, ihre Stimme sich nicht überschlagen zu lassen.

Na ja, meinte Elvis, ist doch so. Für das Kind wird es bestimmt nicht leicht. Bei so einem Vater.

Annabelle konnte nun keine Rücksicht mehr auf den Klang ihrer Stimme nehmen: Das liege nicht am Vater, rief sie und meinte damit Marions Gatten, also den Bräutigam, sondern an der Gesellschaft.

Ich ließ meine flache Hand sofort, als sie das Wort ergriff, wie schwebend über der Tischplatte ganz leicht auf und ab gleiten, als würde ich in dem geringen Zwischenraum, der sich mit dieser Bewegung ergab, einen unsichtbaren Ball prellen, wie ein Profi, stellte ich mir vor, kurz bevor er ihn in den Korb werfen würde.

Und zu dir, sagte Annabelle mit einem strengen Blick auf meine Hand, kommen wir später, ich glaube nämlich nicht, dass ausgerechnet du, sie sah mich scharf an, in dieser Hinsicht, sie deutete mit ihren Augen kurz auf Elvis, zur Ruhe mahnen solltest.

Immerhin sprach sie dabei insgesamt nicht so laut, dass alle Gäste auf uns aufmerksam wurden. Nur das Personal an der Bar blickte verstohlen zu uns herüber. Ich bemühte mich, ihnen zwanglos zuzulächeln, um zu signalisieren, die Lage sei unter Kontrolle. Aber jeder, der einmal einen Affen lächeln gesehen hat, kann sich vorstellen, wie schwer es ist, damit den gewünschten Effekt zu erzielen. Ich drehte mich bei dem Versuch, den Kellnern zu verstehen zu geben, es bestehe kein Anlass zur Beunruhigung, vorsichtshalber von Annabelle weg.

Schon früher neigte sie dazu, ein wenig, nun ja, aus dem Häuschen zu geraten, wenn ihr auffiel, wie peinlich es mir war, dass ich mal wieder verhohlen angestarrt oder unverhohlen schlecht behandelt wurde. Sie wurde dann unerbittlich und beharrlich. Niemand solle sich schämen dafür, wie er sei, das war ihr Standpunkt. Und das war ja auch ganz löblich. Aber sie hatte gut reden. Sie hatte alles in die Wiege gelegt bekommen. Ihre Schönheit. Ihre Intelligenz. Ihre Herkunft. Ihren Reichtum also. Es hat immer etwas Ungerechtes an sich, wenn sich eine Frau wie Annabelle für Gerechtigkeit einsetzt, fand ich. Natürlich sagte ich ihr das nie so direkt. Denn oft genug konnte ich schließlich von ihrem Gerechtigkeitssinn profitieren, wenn sie mich über Nacht bleiben ließ. Nur am nächsten Morgen war meistens alles wieder vorbei. Dann hatte sie entsetzlich schlechte Laune, weil sie aus purem Mitleid mit mir geschlafen hatte. Was sie wiederum mir natürlich (sie hasse das Wort natürlich, sagte sie einmal, weil nichts natürlich sei, es sei denn, es betreffe die Natur, aber wann sei das tatsächlich der Fall?) nie so direkt gesagt hatte. Und mir war es ehrlich gesagt auch egal. Hauptsache, sie ließ mich überhaupt ran. Und irgendwann hatte ich es ja auch immerhin dazu gebracht, dass dies an drei aufeinanderfolgenden Tagen passiert war. Und wir hatten also was miteinander. Fand ich. Sie wollte dann zwar immer noch nicht auf der Straße meine Hand halten, aber das sei generell so, sagte sie, bisher habe sie keine Menschenseele, wie sie sich ausdrückte, in der Öffentlichkeit umarmt oder gar geküsst. Auch das war mir egal.

Aber als wir drei aufeinanderfolgende Tage bzw. Nächte miteinander verbrachten, musste auch Annabelle sich aufgrund eines gesteigerten Mitleids damit auseinandersetzen, ob wir nun was haben, wie sie zunächst noch formulierte, oder nicht. Ich handelte aus, dass ich meinen Freunden zumindest erzählen durfte, wir hätten eine Affäre, nicht ohne dass sie anmerkte, wenn ich mit Freunde die paar Schnapsleichen, mit denen ich gelegentlich in zwielichtigen Bars abhänge, meine, dann würden die das am Tag nach meiner nächtlichen Prahlerei sowieso vergessen haben.

Umso besser, entgegnete ich lässig, dann kann ich jede Nacht mit meiner scharfen Braut prahlen, und wenn du mit Schnapsleichen in zwielichtigen Bars zum Beispiel dich im Lokal mit der kreiselnden Kuh meinst, wo wir uns zum ersten Mal geküsst haben, dann können wir den ersten Kuss ebenfalls jede Nacht wiederholen, so vergesslich, wie du dich da gesoffen hast.

Nun werd nicht gleich romantisch, BITTE. Affäre klingt jedenfalls immer noch besser als Techtelmechtel oder so.

Mir war alles egal!!! Alles!!! Hauptsache ich hatte etwas mit ihr. Wenn auch nur für kurze Zeit. Denn sie konnte es leider nicht lange aushalten, mit mir zusammenzusein. Wer sollte es ihr verdenken.

Sie hat viele Freunde. Freunde und Freundinnen. Und Glück. Mit allem. Deshalb ist sie ja auch so engagiert, was das Thema Gerechtigkeit angeht. Nur Glückliche reden von Gerechtigkeit, alle anderen von Ungerechtigkeit. Ihre Forderung: Es sollte allen so wie ihr gehen können. Das wäre doch nur gerecht, hat sie oft gesagt.

Aber sie hielt es selbst nicht aus. Weil sie dachte, sie wäre es, die diese Gerechtigkeit der Welt überhaupt erst bringen müsste, da es sie, die Gerechtigkeit, erst in der Zukunft geben würde. Wenn man so ist wie Annabelle, dann ist es nur natürlich, dass man zur Selbstüberschätzung neigt. Finde ich. Ich kann es ihr jedenfalls nicht verübeln. Problematisch ist es nur gewesen, wenn sie von ihrer an sich völlig berechtigten Selbstüberschätzung auf ein Minderwertigkeitsgefühl meinerseits schloss. Deshalb ertrug sie es so schwer, wenn mir etwas peinlich war. Du lügst, sagte sie dann, wenn du behauptest, dass es (damit meinte sie jeweils die Situation, in der mir etwas unangenehm gewesen sein soll) dir überhaupt nicht peinlich ist.

Das sei nur ein Witz gewesen, behauptete Elvis von seiner vorherigen Bemerkung, denn sie waren immer noch bei dem Thema, als ich gerade vom WC zurückkehrte, aber man könne doch nicht einfach so tun, als gäbe es kein Problem, wenn der Vater ein Neger sei. Das sei doch nun mal eine Tatsache, dass sich das Kind früher oder später Bemerkungen werde anhören müssen.

Bemerkungen, fragte Annabelle.

Ja, antwortete er erstaunt, aber schon herausfordernd lächelnd, als begriffe er erst jetzt.

Diskriminierungen, rief Annabelle.

Das Personal sah wieder irritiert zu uns herüber. Die übrige Gesellschaft unterhielt sich weiter, offenkundig ohne den beginnenden Streit zu bemerken.

Ob sie ihre Augen davor verschließen wolle, sagte Elvis mit dem routinierten Grinsen eines alternden Fernsehmoderators, der verbergen will, dass er weiß, dass er immer noch den Augenblick kennt, in dem er einen Gag platzieren kann, damit, fuhr Elvis fort, Annabelle weiter von ihrer tugendhaften Gesellschaft träumen kann, um sich über die …, er ließ eine kurze Pause, um die Spannung vor der nachfolgenden Pointe zu steigern, und bevor er weiter sprach, hüstelte Elvis bewusst unecht, um auf den nachfolgend unangenehmen Charakter einer Wahrheit, die nun mal ausgesprochen werden müsse, aufmerksam zu machen, dann endlich vervollständigte er seinen Satz: eigene Verklemmtheit hinwegzutrösten.

Bitte? Was? Ich soll? Weil ich deine Bemerkungen darüber, dass, sagte Annabelle und nannte an dieser Stelle den Namen des Negerbräutigams, anders aussieht als wir, nicht witzig finde?

Anders als ihr vielleicht, bemerkte ich, in der Hoffnung, mit knappen Äußerungen zu Oberflächlichem problemlos in das Gespräch zurückzufinden, auch ohne zu wissen, worum es eigentlich genau ging.

Du hast erst mal Sendepause, schrie sie bereits fast, auf dich komme ich später zurück. Und wieder zu Elvis gewandt, zwar, wie ihr vermutlich selbst bewusst sein musste, mit einem denkbar schwachen Argument, doch zu lange durfte sie nicht mit einer Entgegnung warten, um nicht von dem gebogenen Ende eines langen Spazierstocks, der plötzlich hinter dem Vorhang erscheint, beiseite gezogen zu werden, obwohl, wie sie mir vor längerer Zeit versicherte, sie es hasste, dass solche Diskussionen immer über die Bühne gehen müssen, kann man nicht einfach normal reden, sagte sie mir einmal, Elvis aber entgegnete sie: Außerdem sagt man ›Neger‹ nicht.

Ich gab mich wissend, aber aufmerksam, damit Annabelle mein folgsames Interesse wieder als Zustimmung deuten könnte, und schwieg.

Ja, Mutti, entgegnete Elvis nun mit der Souveränität von jemandem, der genau wusste, was zu sagen war, weil ihm der Charakter solcher Unterhaltungen vertraut war und er in zahllosen vorhergehenden Diskussionen bereits genügend Pointen ausprobiert hatte, denn es war klar, was er eigentlich meinte: Der Spießervorwurf erzielt immer seine Wirkung, vor allem bei jemandem mit einer aufgeklärten Einstellung. Darauf ließ er Ausführungen über die Natur des Menschen und die Beschaffenheit der Gesellschaft folgen, die im Zusammenhang mit seiner vorherigen Bezeichnung von Annabelle als Mutti eher meinten, dass Annabelle nun mal, hüstel, hüstel, als Frau nicht aus ihrer Haut könne und der Mensch an sich auch nicht so, wie sie sich vorstelle –

Ich als …?

Und insbesondere als deutsche Frau, ergänzte er mit betont pastoraler Gestik, mit diesem betulichen Dringeling-Dringeling-Alarm, sobald jemand seinen Finger auch nur in die Nähe des Knopfs ausstreckt, das ist ja alles so entsetzlich berechenbar, jene Bemerkung von Elvis vorhin sei jedenfalls natürlich nicht diskriminierend gemeint, er wolle lediglich auf den Umstand, dass Maulkörbe und Denkverbote eigentlich –

Ja, ja, unterbrach ihn jedoch Annabelle sofort, nun wieder mit einem zwar völlig ruhigen Ton, weil sie schließlich Unterhaltungen wie die mit Elvis ebenfalls schon fünfzig Millionen Mal geführt hatte, aber gleichzeitig hasste sie auch, wie sie in solchen Momenten sprach, weil genau ihre Ausdrucksweise, die das, was sie meinte, in eine klare Sprache kleidete, paradoxerweise der Punkt war, an dem man ihr kaum mehr zuhörte, weil sie, so lautete der Vorwurf – und dass dies bereits als Vorwurf gemeint war, konnte sie allein schon auf die Palme bringen –, nämlich wie eine Feministin klinge, auch ohne überhaupt aus einer geschlechterspezifischen Sichtweise heraus gesprochen zu haben, aber anscheinend galt das auch völlig zusammenhangslos als Totschlagargument, wenn jemandem nicht passte, was sie sagte, dann wurde einfach gesagt, sie habe überzogene Moralvorstellungen, wie eine Übermutter, so fuhr sie fort mit dem Blick von jemandem, der im Spiegel beobachtet, dass ihn jemand im Spiegel beobachtet, wie er im Spiegel beobachtet und dabei entdeckt wird: Er meine Ironie. Wenn er aber auf dieser Feier den Bräutigam als Neger bezeichnete, wo er nicht davon ausgehen könne, der Hochzeitsgesellschaft einen Narrenspiegel vorhalten zu müssen, bliebe in seinem Witz das Nichtgemeinte des Gemeinten klarerweise nun mal trotzdem gemeint.

Elvis verzog sein Gesicht zu einer kindlich schmollenden Mine, mit der er »ach männo« sagte, doch Annabelle wurde noch ruhiger im Ton (und hasste es dabei, dass wenn sie auf Diskriminierung hinweist, deswegen als Mutti bezeichnet wird): Ironie ist eine Form, die ohne ein Bezugssystem keine Bedeutung an sich trägt, erst recht keine kritische, wie du von deiner Bemerkung behauptest. Weil du beweisen willst, dass du nämlich über den Tugendwächtern und Moralaposteln stehst. Deine Ironie bleibt reine Egozentrik.

Er wisse nicht, wovon sie rede, blieb Elvis stur, er habe gar nicht von Ironie gesprochen, er sei ein einfacher Mensch und nicht so verkopft oder intellektuell oder so, und jedenfalls dieses ganze, hüstel, frigide Emanzengefasel von political correctness und so, das sei doch schon pathologisch, jedenfalls auch nicht gesund für die Gesellschaft, wenn man den einfachen Menschen immer etwas verbiete. Und dabei sah er mich an, weil er vielleicht darauf spekulierte, insgeheim in mir einen Verbündeten zu finden. Aber was sollte ich seiner Anrede anderes entgegnen, als auf den Umstand hinzuweisen, dass ich nun mal kein ›einfacher Mensch‹ sei.

Elvis wirkte betreten, denn der Plural, von dem er bisher als Gesellschaft sprach, war nun, wie Annabelle bemerkt hatte, tatsächlich ein Singular geworden, erkennbar als seine eigene Position. Sandy blieb als seine Frau natürlich stumm. Wie um davon abzulenken, fragte er in das immer länger währende Schweigen hinein nach meiner beruflichen Tätigkeit.

Ich arbeite in der …, ich nannte den Namen der Landesbank, in der ich beschäftigt bin, und er starrte mich ungläubig an.

Er arbeite nämlich auch in einer Bank, erklärte er nach meiner Antwort auf seine Frage, doch nun musste er detaillierter nachfragen, denn das war schließlich nicht möglich, dass ein Affe wie ich denselben Job wie Elvis haben konnte.

In der Personalabteilung, präzisierte ich also meine Aufgabe, ich übertrage handschriftlich ausgefüllte Formulare zur Korrektur der Arbeitszeit, die mit einem elektronischen System erfasst wird, mittels eines Computers in die Datenbank der Bank.

The free sample has ended.

Genres and tags

Age restriction:
0+
Volume:
186 p. 11 illustrations
ISBN:
9783903005570
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books