Read the book: «Als Lilly schlief»
Ivy Bell
Als Lilly schlief
Roman

September 2016
© 2016 by Ivy Bell, Berlin
Umschlaggestaltung: Ivy Bell, Horst P M Osinski
Umschlagabbildung: © Ivy Bell
Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung mithilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung der Autorin untersagt. Alle Übersetzungsrechte vorbehalten. Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Über den Roman
Ein Wimpernschlag kann ein Leben verändern. Nachdem Lilly, Sophie und Eva zufällig aufeinandertreffen, ist nichts mehr, wie es war.
Lilly fällt nach einem Unfall ins Koma und wird mit ihren alten Ängsten und Nöten konfrontiert, Sophie sucht (und findet) neue Herausforderungen und Eva möchte nach dem unerwarteten Ende ihrer Ehe endlich ihr altes Leben wiederhaben.
Werden sich die Wünsche und Hoffnungen der drei Frauen am Ende erfüllen?
Über den Roman
Prolog
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Epilog
Über die Autorin
Danksagung
Prolog
Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie Ihr Leben heute aussähe, wenn Sie vor ein paar Jahren einen anderen Weg eingeschlagen hätten? Sicher, diese Gedanken kommen doch fast jedem irgendwann einmal. Man sitzt mit Freundinnen zusammen und plötzlich fällt einer von ihnen ein, dass sie vor fünf Jahren ihren damaligen Freund verlassen hat, ob die Anderen sich noch erinnern, diesen komischen, der so geizig war. Kurz danach überlegt man dann in geselliger Runde, wie das Leben für die betreffende Frau heute aussehen würde, wenn sie den Heiratsantrag vom Geizhals angenommen hätte, statt ihn in die Wüste zu schicken. Wäre sie glücklich geworden? Oder hätte sich der Geiz auf den Rest der Beziehung ausgeweitet, wie das ja manchmal so ist, es wird nicht nur am Geld gespart, sondern auch an lieben Worten, netten Gesten, Streicheleinheiten. Und schon ist die Runde herrlich am herum Philosophieren, aber wie es wirklich gekommen wäre, weiß natürlich keiner.
Ich habe die Chance bekommen, einige dieser Wege zu gehen. Die Umstände, die dazu führten, waren zwar keineswegs besonders angenehm, aber ich bin sehr dankbar und um eine paar wichtige Erkenntnisse reicher.
Zunächst mal zu mir, ich bin Anfang Dreißig, Innenarchitektin, kinderlos und lebe mit meinem Freund zusammen. Zumindest war ich das alles bis zu diesem Tag, der mich verändert hat und mir gezeigt hat, was in meinem Leben hätte passieren können, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte, sei es bewusst oder unbewusst. Seit diesem Tag bin ich immer noch Anfang Dreißig, aber ich hadere nicht mehr so sehr mit meinem Leben und bin viel zufriedener mit mir selbst. Aber der Reihe nach.....

1.
Irgendetwas schmeckt nach Metall, um mich herum Stimmen, Hektik, grelles Licht. Ein Pochen im Hinterkopf, jemand öffnet mein linkes Auge, leuchtet mit einer Taschenlampe hinein, viel zu hell. Es schmerzt, dann ist alles dunkel…
Ich komme wieder zu mir und habe keine Ahnung, wo ich bin und was mit mir passiert ist. Da mir meine Umgebung finster erscheint, denke ich, ich bin wohl gestorben. Sehr traurig, ich bin so erschüttert, dass ich weinen möchte, aber das geht nicht so richtig. Ich kann mich kein bisschen bewegen und sehe auch überhaupt nichts. Hoffentlich bin ich nicht blind, das stelle ich mir ganz schrecklich vor. Manchmal stellt man sich mit seinen Freundinnen doch diese Fragen, was wäre schlimmer, blind sein oder taub. Ich fand es immer furchtbarer, nichts mehr sehen zu können, nicht zu wissen, wo ich langgehe, ob mir Hindernisse im Weg liegen, ob jemand hinter mir ins Haus schleicht. Obwohl es auch schrecklich wäre, keine Musik mehr hören zu können, kein Vogelgezwitscher, nie wieder das Rauschen des Regens. Immerhin, denken kann ich noch, das beruhigt mich schon mal. Wenigstens mein Kopf scheint noch zu funktionieren, wenn er nur nicht so schmerzen würde…
So langsam erinnere ich mich an ein paar Dinge. Da ist ein kleiner Junge, so süß und tapsig, eine junge Frau, die sich mit einer verbitterten älteren Dame streitet. Auf den Jungen achtet keiner, er hat hellblonde Wuschelhaare, ein sonniges, herzförmiges Gesicht mit großen, blauen Augen. Er ist ca. 2 Jahre alt, trägt ein weißes T-Shirt und eine grüne Latzhose und zu meinem Erschrecken geht er zielsicher auf die Straße zu. Die Ampel ist rot, ein Schrei. Mein Schrei? Ich renne auf den Jungen zu, stoße ihn weg und dann spüre ich einen dumpfen Stoß, danach nichts mehr.
Ich kann die Bilder nicht so recht zuordnen, das Nachdenken fällt mir schwer, macht mich so unendlich müde. Bin ich nun tot oder nicht? Falls ja, wieso fühle ich mich so matt und zerschlagen? Wenn man nun für immer schlafen kann, dürfte man doch gar nicht erschöpft sein. Überhaupt, hieß es nicht, dass man nichts spürt, wenn man nicht mehr lebt? Mir ist aber eindeutig sehr warm. Könnte an der dicken Decke liegen. Das hier scheint allerdings kein Sarg zu sein, es wirkt alles eher wie ein Zimmer.
Irgendwie fühle ich mich auch so merkwürdig angebunden, irgendwas hängt an meinem linken Arm und über mir piepst etwas.
Die Müdigkeit wird stärker, meine Augen bekomme ich sowieso nicht richtig auf, um mich herum wird alles schwarz.
Ich sehe mich als sehr kleines Mädchen, etwa drei Jahre alt. Ich tobe mit meinem Papa durch den Schnee, wir sind ausgelassen und lachen viel. In der Nähe ist ein niedlicher See, auf dem ein paar Leute Schlittschuh laufen, aber an einer Seite ist der See abgesperrt. Die ganze Szene ist surreal, ich kann mich als Dreijährige sehen, aber gleichzeitig spüre ich die Empfindungen, die ich damals hatte. Als würde ich von oben auf die Szenerie schauen und trotzdem mittendrin stecken. Ich kann auch meinen damals sechsjährigen Cousin sehen, den ich heute nur noch »Großmaul-Tom« nenne, damals war er ganz niedlich, das hat sich leider total geändert.
Mein Onkel taucht ebenfalls auf, ausgelassen tobt er mit uns herum. Plötzlich zwinkert er meinem Papa, seinem Bruder zu und gemeinsam kreisen sie Tom ein, um ihn einzuseifen. Mein d reijähriges Ich ist indes sehr fasziniert von dem rot-weiß glänzenden Absperrband, ich laufe zielsicher darauf zu, schließlich achtet gerade keiner auf mich. Es ist verrückt, ich möchte schreien, meinen Papa rütteln, dass er auf seine kleine Tochter schaut, gleichzeitig sehe ich das Absperrband vor mir, ich renne, rutsche, falle und dann ist um mich herum alles nass und sehr kalt, ein brennender Schmerz in meiner Lunge, dann nichts mehr.
Das nächste, was ich sehe, sind meine Eltern, verweint, fertig. Sie stehen vor einem Grab, ich kann die Inschrift sehen und erstarre. Es ist mein Grab und ich bin nur drei Jahre alt geworden….
Plötzlich spüre ich einen Stich und bin anscheinend wieder in der Gegenwart. Das kann doch nicht wahr sein, ich verstehe nichts mehr. Wenn das ein Traum war, dann ein sehr realer. Meine Eltern haben mir von diesem Tag oft erzählt, aber damals bin ich nicht gestorben. Mein Onkel hat mich ins Eis stürzen sehen, ist mit meinem Papa zu mir gerannt und dann sind sie auf dem Bauch zu mir gerobbt und haben mich aus dem Eis gezogen. Sie haben mich dann schnell in ein Restaurant in der Nähe gebracht, dort wurde ich mit Decken warm gerubbelt bis der Krankenwagen kam. Ich lag ein paar Tage im Krankenhaus, aber dann war ich wieder in Ordnung. Warum jetzt dieser Traum, und wieso fühlte sich das so real an, als wäre ich da und es passiert alles wirklich?
Um mich herum ist Hektik, etwas steckt in meinem Arm und ich höre eine männliche Stimme, die ich nicht kenne. Ich bekomme meine Augen nicht geöffnet, sie sind bleischwer, aber es muss hell sein. Da ich gerade sowieso nichts anderes tun kann, beschließe ich, zunächst mal der Männerstimme zu lauschen.
»Sie hat mehrere gebrochene Rippen. Das Auto hat sie erwischt, sie wurde über die Fahrbahn geschleudert und schlug mit dem Kopf hart gegen einen Laternenpfahl, soweit wir es bis jetzt beurteilen können, hat sie aber keine schweren Kopfverletzungen.« »Sie ist eben ein Dickschädel, schon immer gewesen. Können Sie uns sagen, wann sie aufwachen wird?« Moment mal, das war meine Tante Luise, was macht die hier? Wenn sie auch hier ist, dann kann ich doch eigentlich nicht tot sein??? Und was quatscht der Typ da von einem Auto??? Dann war das mit dem kleinen Jungen anscheinend real, ich habe ihn wirklich gesehen, wie er über die Straße laufen wollte und bin ihm hinterhergelaufen, ohne auf mich zu achten. Wie es ihm wohl geht? Ich hoffe, er hat nicht so einen Schädel wie ich jetzt gerade.
»Wir haben bereits eine Computertomografie durchgeführt, um Blutungen im Gehirn ausschließen zu können. Ich hatte zunächst vermutet, dass sie ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma hat und die anhaltende Bewusstlosigkeit daher kommt, aber danach sieht es nicht aus. Wir müssen sie allerdings gut beobachten, um eventuell noch auftretende Blutungen richtig zu behandeln. Sie atmet selbstständig, das ist sehr gut. Ihr linker Arm ist gebrochen, am linken Fuß hat sie überdehnte Bänder, geprellte Rippen und viele blaue Flecken und Schürfwunden. Ihr Körper schützt sich sozusagen selbst, indem er sie in diesen tiefen Schlaf versetzt. Vermutlich hat sie einen starken Schock erlitten.« Luise seufzt. »Kann ich irgendetwas für sie tun?« »Das haben ihre Eltern und ihr Freund vorhin auch schon gefragt. Es tut ihr gut und hilft ihr, wenn Sie da sind, mit ihr reden. Sie wird sich bestimmt bald wieder erholen«.
Dann hatte ich wohl einen Unfall, anscheinend einen etwas schwereren. Schön, dass meine Eltern und Jan auch schon bei mir waren. Komisch, dass ich davon gar nichts mitbekommen habe.
Ich bin immer noch so müde und kann mich auf das Gespräch zwischen dem Arzt und meiner Tante nicht richtig konzentrieren. Immerhin weiß ich nun, wo ich bin und was so ungefähr mit mir los ist. Dass ich lebe, ist natürlich schön und erleichtert mich sehr, obwohl, wenn ich so über mein bisheriges Leben nachdenke, was habe ich denn groß geleistet? Hätte mich überhaupt jemand lange vermisst? Gut, meine Eltern mit Sicherheit, und vielleicht auch Jan, aber sonst? Zu mir gibt es doch gar nicht viel zu sagen, Ich heiße Lilly und bin 31 Jahre alt. Vor Kurzem bin ich mit Jan zusammengezogen, und konnte tatsächlich endlich meinen ersten, richtigen Arbeitsvertrag unterschreiben. Nachdem ich weder vor dem Abitur noch danach genau wusste, was ich möchte, habe ich zunächst angefangen, BWL zu studieren. Somit tat ich also genau das, was alle Abiturienten machen, die noch nicht wissen, was sie werden wollen. Da mich das Studium nicht besonders interessierte, fiel ich sowohl im ersten als auch im zweiten Semester durch fast alle Prüfungen. Daraufhin jobbte ich eine ganze Weile vor mich hin, sehr zum Unmut meiner Eltern. Irgendwann bin ich dann bei McDonalds gelandet. Der permanente Essensgeruch hat allerdings dazu geführt, dass ich dauernd irgendetwas in mich hineingestopft habe und 5 Kilo zunahm, alle an den Oberschenkeln bzw. am Po. Immerhin habe ich dort auch Jan kennengelernt, er hat ab und zu einen Burger bei mir gekauft, später manchmal einen Salat. Ich bin ja der Meinung, dass er immer mehr zum Grünzeug überging, je mehr Kilos ich auf die Waage brachte, aber das streitet er ab. Er behauptet, er hätte meinen Hintern sowieso nie gesehen, da ich so klein bin, dass mein Unterkörper völlig hinter dem Tresen verschwindet. Außerdem, so sagt er, wäre ihm das eh nicht aufgefallen, er war vom ersten Augenblick an hingerissen von meinen hellgrünen Augen und meinen dunklen Wuschelhaaren, den Rest hat er angeblich gar nicht wahrgenommen. Irgendwann fragte er mich, ob ich mit ihm ausgehen möchte und da er mir bereits seit einiger Zeit gefiel, sagte ich zu. Da wir uns auch jenseits des Fast Food-Tresens gut verstanden dauerte es nicht so lange und wir waren ein Paar. Die zusätzlichen Kilos war ich dann schnell los, wenn ich frisch verliebt bin, esse ich nur das nötigste. Der Job bei McDonalds machte mir keinen Spaß mehr, außerdem stank ich danach immer nach dem Fett aus der Fritteuse. Jan hat mir damals einen Job bei seinem Vater vermittelt. Er ist Architekt, ein recht erfolgreicher mit eigenem Architekturbüro, und brauchte dringend eine Unterstützung, nachdem seine Sekretärin sich in den Mutterschutz verabschiedet hatte. Da ich durchaus in der Lage bin, Telefonate zu führen, Briefe zu tippen und Termine zu koordinieren, stellte er mich vorübergehend als Aushilfe ein. Durch diesen Job kam ich auf die Idee, Architektur zu studieren. Da ich aber noch lieber Innenräume gestalte, statt Häuser zu konstruieren, wurde ich Innenarchitektin. Ein toller, kreativer Beruf, vor allem einer, bei dem man wirklich schwer einen Job findet. Komischerweise rannten mir die Schönen und Reichen in unserer Stadt so gar nicht die Bude ein, um sich von mir ihre Räumlichkeiten verschönern zu lassen. Da hatte ich nun ein Studium abgeschlossen, sogar erfolgreich, und fand keine Arbeit. Ich jobbte kurzzeitig in einem Copyshop, aber irgendwann hatte ich auch Glück. Ein Jahr vor meinem Unfall wurde ich von einem Möbelhaus eingestellt, um dort die Verkaufsflächen zu gestalten. Man gab mir ein Thema vor, z.B. Wohnzimmer einer Familie mit zwei Kindern, ein paar Möbel wurden gestellt und dann konnte ich mit meinem Team die Fläche so herrichten, dass die Kunden hoffentlich Lust bekamen, sowohl die Couch als auch die Deko, die Tapeten und die Vorhänge zu erwerben. Zwar arbeitete ich nicht für Privatpersonen, wie ich es zunächst gedacht hatte, aber ich konnte einen Raum gestalten und war glücklich. Ärgerlich ist nur, dass immer, wenn ich erzähle, was ich in dem Möbelhaus mache, die Leute ausrufen »Ach, du bist Dekorateurin!« Das ist natürlich ebenfalls ein schöner Beruf, aber ich bin eben Innenarchitektin und für die gesamte Gestaltung eines Innenraums zuständig, auch wenn es sich nur um einen fiktiven handelt.
Mein Freund Jan hat Medizintechnik studiert und entwickelt medizinische Geräte. Eigentlich wollte er gerne Arzt werden und hat nach dem Abitur sofort ein Praktikum in einem Krankenhaus gemacht. Dabei stellte er aber zwei Dinge fest: Erstens: Er bildete sich dauernd ein, diverse Krankheiten, mit denen er gerade zu tun hatte, auch zu bekommen. Ständig hat er nach seinem Dienst in Büchern nachgelesen, worum es bei den verschiedenen Erkrankungen geht und dann sämtliche Anzeichen bei sich selbst beobachtet. Das ist für einen angehenden Arzt sehr unvorteilhaft, andauernd unter den Krankheiten zu leiden, die seine Patienten gerade haben.
Zweitens: Er kann überhaupt kein Blut sehen. Dies zeigte sich bereits, als er eine Stunde in der Ersten Hilfe Dienst hatte und ein Mann mit einer stark blutenden Wunde an der Hand auf ihn zu kam und ihn fragte, wo er sich anmelden müsse. Jan fiel einfach in Ohnmacht, direkt vor dem armen, verletzten Mann, der dann übrigens Jan sehr routiniert in die stabile Seitenlage gebracht und Hilfe geholt hat. Diese zwei Episoden tragen in unserem Freundeskreis immer wieder zur Erheiterung bei, so nach dem Motto »Wenn Jan eine eigene Arztpraxis hätte, wäre die ständig wegen Erkrankung des Herrn Doktors geschlossen … hahaha«. Zum Glück hat ein sehr netter Arzt Jan dann auf die Idee gebracht, Medizintechnik zu studieren, so kann er an der Entwicklung neuer medizinischer Geräte oder Prothesen mitwirken, arbeitet auch wie gewünscht im Gesundheitswesen, muss aber niemanden untersuchen, verbinden oder gar aufschneiden. Der perfekte Job für einen kleinen Hypochonder.
Jedenfalls ist doch ersichtlich, dass ich in den letzten 31 Jahren nichts Großes geleistet habe. Ich habe keine weltverbessernden Erfindungen gemacht, keine Waisenhäuser gebaut, keine Kinder bekommen, nichts Bleibendes erschaffen. Momentan bin ich sehr deprimiert.
Tante Luise streichelt mir über die Wange und nimmt meine Hand. »Kind, was machst du bloß für Sachen. Rennst auf die Straße und lässt dich von einem Auto umfahren. Aber ehrlich, ich bin stolz auf dich, der kleine Junge wäre ohne dein mutiges Eingreifen sicher tot. Seine Mutter erkundigt sich dauernd nach dir, sie macht sich solche Vorwürfe, dass sie ihren Kleinen aus den Augen ließ und du nun dafür büßen musst.« Ach Luise, ich würde so gerne mit dir reden, aber es geht nicht. Ich bekomme meinen Mund nicht auf, kann nicht mal blinzeln oder ihre Hand drücken.
Luise ist die Zwillingsschwester meiner Mutter, allerdings sind sie zweieiige Zwillinge, was man nicht nur sieht, sondern auch merkt, denn die zwei sind sehr verschieden. Gemeinsam haben sie ihr großes Herz, sie können beide zuhören und haben oft gute Ratschläge, wenn man mit Problemen zu ihnen kommt. Meine Tante ist aber viel verrückter als meine Mutter, eine sehr auffällige Frau, die ihr Geld mit dem Schreiben von Groschenromanen verdient. Sie schreibt die Heftchen allerdings unter einem Pseudonym, sehr erfolgreich, doch die meisten ihrer Freundinnen wissen gar nicht, woher sie ihr Einkommen hat. Luise ist groß, kurvenreich, mit langen blonden Haaren, die ihr in Wellen über die Schultern fallen und immer schick im Kostüm gekleidet, was sie aber nie davon abhielt, im Sommer mit mir auf Spielplätzen herumzutollen. Die Frau kann ewig und überall in Pumps herumlaufen. Meine Mutter ist dagegen eher klein, schmal, mit dunklen, ganz glatten Haaren, um die ich sie glühend beneide. Ich habe die komischen Wuschelhaare von meinem Papa geerbt. Ich hasse Regen oder hohe Luftfeuchtigkeit, weil meine Haare sich dann immer total wirr kringeln und ich nie weiß, was sie als Nächstes vorhaben. Bei schönem Wetter kann ich sie sogar zähmen und habe dann wenigstens eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Mama.
Luise hält meine Hand und seufzt. »Was könnte ich dir denn erzählen? Der nette Arzt meinte, wir sollen viel mit dir reden, du würdest alles hören, aber das ist so schwer, wenn man keine Antwort bekommt. Vielleicht sollte ich dir was vorsingen…« Oh nein, bitte nicht. Luise kann eine Menge, singen gehört allerdings nicht dazu. Sie schafft es, mit einer Karaoke-Einlage eine Bar zu leeren, aber sie will das nicht wahrhaben und ist der Meinung, sie hätte eine schöne Singstimme. Zum Glück entscheidet sie sich anders und redet noch ein wenig mit mir, irgendwann höre ich sie gar nicht mehr, ich bin schon wieder ganz woanders.

2.
Anscheinend ist es Nacht, denn um mich herum scheint es dunkel zu sein. Das Schlimme an meinem Zustand ist, dass ich meine Augen nicht öffnen, mich nicht bewegen kann. Meistens ist alles irgendwie in einem Nebel.
Noch beunruhigender allerdings sind diese erschreckend realistischen Träume. Jedes mal, wenn ich einschlafe, durchlebe ich Ereignisse aus meiner Vergangenheit, aber immer erfahre ich, wie mein Leben sich geändert hätte, wenn ich bzw. jemand in meiner näheren Umgebung damals anders gehandelt hätte. So habe ich in meinem vorletzten »Traum« z.B. festgestellt, dass Mia so oder so meine beste Freundin geworden wäre, auch wenn ich vor 23 Jahren im April NICHT am Dienstag, sondern erst am Donnerstag mit meiner Mama auf den Abenteuerspielplatz gegangen wäre, weil Mia dort eigentlich jeden Tag herumlungerte. Ich konnte mich nur noch sehr dunkel an diesen Tag erinnern, durch meinen Traum wurde er wieder präsent. Damals hatte ich meine Mutter fast zur Weißglut gebracht mit meiner Unentschlossenheit. Der Abenteuerspielplatz war ein wenig weiter von unserem zu Hause entfernt, meine Mutter oder Tante Luise hatten mich damals immer dorthin begleitet. Dieser Spielplatz war für mich etwas besonderes, dort gab es viel mehr Spielmöglichkeiten als auf dem kleinen Babyspielplatz bei mir vor dem Haus. Es gab fünf unterschiedliche Schaukeln, ein tolles Klettergerüst mit Wackelbrücke, zwei Rutschen und einen großen Buddelkasten mit Wasserpumpe.
An diesem besagten Dienstag wollte ich gerne dort hingehen, meine Mutter erklärte sich bereit, mich zu begleiten, aber plötzlich erschien mir meine Puppenstube doch viel reizvoller. Nach einer gewissen Zeit wollte ich doch wieder losziehen, aber dann entdeckte ich ein interessantes, halb fertiges Puzzle usw. Das ging eine Weile so, bis meine Mutter meinte, sie macht dieses Hin und Her nicht mehr mit, Jacke an, Jacke aus, nein, ja, entweder wir gehen jetzt oder gar nicht. Damals habe ich mich schließlich entschieden, auf den Spielplatz zu gehen, an diesem Tag habe ich Mia kennen gelernt.
In meinem realistischen Traum ist die ganze Sache aber anders ausgegangen, meine Mutter hat sich schließlich geweigert, noch loszugehen. Sie meinte, es sei nun zu spät. Alles Flehen half nicht, sie ließ sich nicht mehr erweichen. In meinem Traum sind wir dann zwei Tage später auf den Abenteuerspielplatz gegangen, ohne dass ich permanent unentschlossen und unentschieden war, und siehe da, Mia war auch am Donnerstag dort. Sie sollte mein Dasein wohl bereichern. Einer der wenigen Träume, in denen sich gegenüber meinem wahren Leben nichts geändert hat.
Auch dieses Mal war alles wieder so realistisch, ich fühlte mich wie damals mit 8 Jahren, aber gleichzeitig hatte ich diesen Aha-Effekt, betrachtete alles von Außen mit meinem heutigen Wissen. Ich hatte richtig Angst, dass ich Mia nicht getroffen hätte, wenn ich nicht an jenem besagten Tag doch noch auf dem Spielplatz aufgeschlagen wäre. Umso beruhigter war ich, als ich erfuhr, dass sie so oder so in mein Leben getreten wäre.
Beunruhigend ist allerdings, dass dieser Traum viel länger war als der erste. Ich frage mich, wo das noch hinführt und ob ich irgendwann mal wieder unbehelligt einschlafen kann, ohne diese beunruhigenden Träume. Obwohl es da sicher noch einige spannende Ereignisse in meinem Leben gäbe, an denen ich mich für den einen oder den anderen Weg entscheiden könnte.
Mia war heute auch schon bei mir und hat mir von Ihrem neuen Auftrag berichtet. Sie ist genauso alt wie ich, Single und Grafikerin. Momentan macht sie Illustrationen für ein Kinderbuch. Eigentlich war ich noch mit ihr in unserem Lieblingscafé verabredet, aber dann kam mir ja mein Unfall dazwischen. Sie wollte mir neue Zeichnungen zeigen, nun hat sie mir detailliert davon erzählt. Zwischendurch hat sie wohl ein paar Tränchen verdrückt, ihre Stimme wurde manchmal brüchig und sie schluchzte kurz, um sich danach wieder zu fassen und weiter zu erzählen. Das hat mir klar gemacht, dass ich wahrscheinlich einen ziemlich schlimmen Anblick bieten muss, denn Mia bringt so leicht nichts aus der Ruhe. Sie ist sehr lustig, hat eine große Klappe und ist die schlagfertigste Person, die ich kenne. Beschwerdebriefe schreibt sie grundsätzlich in zwei Ausführungen, eine, die sie nicht verschickt, in die sie aber jede Menge Spitzen und Anmerkungen packt, die sie der anderen Partei gerne sagen würde. Da das jedoch garantiert noch mehr Probleme (und evtl. eine Anzeige wegen Beleidigung) nach sich ziehen könnte, schickt sie diese Version nie ab, speichert sie und versendet dann die überarbeitete, harmlosere Variante. Auf diese Art schreibt sie sich ihren Ärger vom Hals und wir haben danach immer was zu lachen. Heute hat sie mir wieder von den neusten Querelen mit ihrer Hausverwaltung erzählt, ein unerschöpfliches Thema. Sie hat mir von ihrer Mail berichtet, die sie in ihrem ersten Unmut entworfen hat und ich hätte so gerne laut gelacht, weil es so komisch war, aber es ging leider nicht.
Nachdem Mia weg war, bin ich erneut eingedöst und hatte meinen dritten, beunruhigend realistischen Traum.
Ich kann mich noch gut an Frank erinnern, dieser fiese Junge mit dem verschlagenen Gesichtsausdruck. Damals war ich ca. 10 Jahre alt und bekam mit, dass Frank auf dem Spielplatz kleinere Kinder erpresst hat. Ich dachte zuerst, er spielt mit dem Mädchen, aber sie wirkte nicht so glücklich. Ein paar Tage später konnte ich beobachten, wie ein anderer kleiner Junge Frank ein wenig Geld gab. Ich habe damals einen günstigen Moment abgewartet und mit dem Kleinen gesprochen. Zuerst wollte er mir nichts sagen, aber dann gab er schließlich zu, dass Frank von jüngeren Kindern Geld oder kleine Geschenke verlangt, damit sie in Ruhe auf dem Spielplatz spielen können, ansonsten gäbe es Ärger. Der Kleine wollte erst nicht zahlen, wurde dann aber in unbeobachteten Momenten immer wieder von Frank gepiesackt. Er brachte schließlich kleine Spielsachen mit, und an jenem Tag, als ich ihn beobachtet habe, sein Taschengeld. Ich war entsetzt und sprach erstmal mit Mia. Das wollten wir Frank so nicht durchgehen lassen, er hatte eine Lektion verdient.
Mia hatte die Idee, eine alte, leere Filmrolle von Ihrem Vater mitzubringen und Frank gegenüber zu behaupten, man habe ihn bei seiner Erpresserei gefilmt. Wenn er nicht damit aufhören würde, kleine Kinder zu piesacken, werden wir den Film seinen Eltern übergeben. Gesagt, getan. Wir passten Frank alleine ab und erzählten ihm, dass wir über seine üblen Machenschaften Bescheid wussten. Ich weiß noch genau, dass er damals richtig erschrocken reagiert hat und versprach, nie wieder kleine Kinder zu erpressen. Wir haben danach noch mal mit dem Jungen gesprochen, den ich mit Frank beobachtet und danach ausgefragt hatte. Er bestätigte mir, dass er nun seine Ruhe hatte und Frank auch die anderen Kinder in Ruhe ließ.
In meinem Traum lief die ganze Sache aber etwas anders ab.
Frank gab sich uns gegenüber sehr selbstsicher und überheblich, und plötzlich schnappte er sich die Filmrolle und rannte davon. Wir hatten zwar behauptet, noch eine Kopie des Filmes zu haben, da auf der Filmrolle aber nichts zu sehen war, befanden wir uns in einer sehr ungünstigen Situation, um Forderungen zu stellen. Einige Tage später stellte sich mir nach der Schule Frank in den Weg und lachte hämisch. »Auf eurem Film ist gar nichts, nur Schnee, und deshalb werde ich auch weiterhin machen, was ich will und niemand wird mich daran hindern, schon gar nicht ihr.« Hinter Frank tauchte plötzlich noch Bernd auf, ein richtig fieser Typ, um den wir alle einen Bogen machten. Immer schlecht gelaunt und permanent bereit, zu raufen. Bernd stellte sich neben Frank und sagte: »Ihr mischt euch nicht mehr in unsere Angelegenheiten, habt ihr verstanden? Ansonsten wird euch das leidtun.« Dann packte er mich an meinem Schulranzen, schüttelte mir den Ranzen grob vom Rücken, öffnete ihn und verteilte den ganzen Inhalt auf den Bürgersteig. Er warf den Ranzen auf den Boden und grinste mich an. Frank grölte noch: »Lass dir das eine Warnung sein, beim nächsten Mal kommst du mir nicht so einfach davon«, dann gingen beide und ich kniete mich zitternd auf den Boden und sammelte meine Sachen ein.
Ich hatte Angst. Frank war unangenehm für die Kleinen, Bernd konnte ich bis jetzt immer super aus dem Weg gehen, weil er mehr auf dem Bolzplatz war und da mit anderen Jungen herum raufte oder denen die Bälle klaute. Aber nun hatten die beiden mich und wahrscheinlich auch Mia im Auge. Mia. Ich rannte nach Hause und rief bei ihr an, um ihr alles zu erzählen. Wir beschlossen, auf dem Spielplatz die Augen offen zu halten, evtl. war Frank weiterhin alleine unterwegs. Schließlich haben wir vorher nie mitbekommen, dass er mit Bernd befreundet war, Bernd hatte keine Freunde und wir konnten uns nicht erklären, wie die beiden zusammengekommen waren.
Wir trafen Frank aber nicht mehr auf dem Spielplatz an, er fing an, nach der Schule mit Bernd in irgendwelchen Hauseingängen herumzulungern und dort Kinder abzufangen und zu erpressen. Die ganze Sache eskalierte schließlich, als ein kleines Mädchen sich weigerte. Zuerst wurde sie nur geschubst, aber als sie am nächsten Tag immer noch nicht zahlen wollte, schlug Bernd das Mädchen so übel ins Gesicht, dass sie ungünstig stürzte und sich den Arm brach. Da der damals 14 jährige Bernd schon häufiger auffällig geworden war und seine Eltern sich nicht um ihn kümmerten, kam er in eine betreute Wohngruppe für schwer erziehbare Jugendliche.
Wir haben eine Zeit lang nichts von Bernd gehört und auch Frank begegneten wir kaum, aber ein paar Jahre später sahen wir die zwei in den Nachrichten. Sie hatten sich als Handwerker getarnt Zugang zu Wohnungen von älteren Menschen verschafft. Während der eine den Bewohner in ein Gespräch über angeblich notwendige Reparaturen verwickelte, hatte der andere Wertsachen geklaut. Eines Tages bemerkte ein Mann den Diebstahl und wollte seine Sachen, da zückte Bernd ein Messer und stach ihn nieder. Er starb in seiner Wohnung, eine Nachbarin hatte ihn zwar schreien gehört und die Polizei gerufen, aber der Mann hatte zu viel Blut verloren, er war schon tot, ehe die Polizei eintraf.
Ich sehe im Traum den Fernsehbericht von der erfolgreichen Festnahme von Bernd und Frank, da wache ich plötzlich auf, bemerke durch meine geschlossenen Lider, dass es immer noch stockdunkel um mich herum ist, und bin schweißgebadet.
Gut, dass wir Frank damals unter Druck setzen konnten, erst neulich habe ich ihn gesehen, als er abends in die Kneipe ging, in der er kellnert. Krumme Dinger hat er nie gedreht. Nachdem wir ihn mit unserer Filmrolle erschreckt hatten, hielt er sich von den anderen Kindern fern und mit Bernd war er auch nie befreundet. Der ist nämlich ein paar Monate, nachdem wir Frank so erfolgreich die Hände gebunden haben, bei einem selbst verschuldeten Unfall mit einem geklauten Moped gestorben.
Ob das alles wirklich so gekommen wäre, wenn Mia und ich Frank damals nicht mit unserem Trick in die Schranken gewiesen hätten? Was wäre dann noch alles passiert? Warum habe ich solche Träume? Ich soll doch gesund werden, da kann man wohl erwarten, dass man im Schlaf nicht so schrecklich gestresst wird. Ich sollte von schönen Dingen träumen, z.B. von sonnigen Sandstränden in der Karibik, einem fruchtigen Cocktail in meiner Hand und Jan, der mir den Rücken mit Sonnenmilch eincremt. Das wäre entspannend, aber nein, ich muss ja mein Leben neu träumen.
Ich liege noch eine Weile im Dunkeln, bin verwirrt und denke über meinen Unfall nach. Ich ärgere mich, dass ich meine Augen, obwohl ich doch wahrscheinlich wach bin, einfach nicht öffnen kann, bis ich schließlich wieder einschlafe.

3.
Sophie seufzt und dreht sich zu Felix herum. Der kleine Junge schläft ruhig in seinem Krankenhausbett, er hat nur ein paar Kratzer am Arm und einen leichten Schock, ist ansonsten glücklicherweise völlig gesund und darf hoffentlich bald wieder nach Hause. Sophie setzt sich vorsichtig auf das kleine Bettchen und legt ihren Kopf neben den von Felix. Die Haltung ist zwar sehr unbequem, aber nach diesem Tag möchte sie ihren Sohn am liebsten nie mehr aus den Augen lassen.
Wie konnte sie nur so nachlässig sein??? Da streitet sie sich so sehr mit dieser alten Hexe, dass sie beinahe ihr Kind verloren hätte? Wenn die junge Frau nicht so geistesgegenwärtig auf die Straße gerannt wäre, sie möchte gar nicht daran denken, wie ihr Abend jetzt aussehen würde. Sie fühlt einen unendlichen Schmerz bei der Vorstellung an ein Leben ohne Felix. Nein, das darf nie passieren.
Oliver ist mit Nele nach Hause gegangen, nachdem er sie immer wieder beruhigt hat, dass doch nichts passiert ist und sie sich keine Vorwürfe machen soll. Zum Glück hat er so viel Verständnis, sie ist sehr froh, dass sie ihn hat.
Ihre Tochter Nele war furchtbar aufgewühlt, weil ihr kleiner Bruder beinahe vom Auto überfahren worden wäre. Sie hat fast noch mehr geweint als Felix, der nach dem Schock erstmal nur schwer zu beruhigen gewesen war.
Felix stöhnt im Schlaf und dreht sich herum. Sophie streichelt ihm über den Kopf und nachdem er sich beruhigt hat, geht sie ans Fenster und schaut hinaus in den Krankenhausgarten, der im Dunkeln vor ihr liegt, nur schwach beleuchtet von einigen Laternen. Sie blickt nach links zum Seitenflügel, irgendwo dort hat man die junge Frau untergebracht, die ihren Sohn von der Straße gestoßen hat und dann selber von dem Auto gestreift wurde. Vor Sophies innerem Auge läuft die ganze Szene immer wieder ab, wie in Zeitlupe. Sie sieht sich erst noch mit der alten Frau Hartung aus dem 3. Stock streiten, hört den Schrei der jungen Frau und als sie sich umdreht, stolpert ihr Sohn über den Bordstein. Die Frau hat ihn fort geschubst, in dem Moment wird sie selbst von dem Auto gestreift, fliegt ein Stück durch die Luft, prallt mit dem Kopf gegen einen Pfahl und bleibt reglos liegen. Der Autofahrer ist sofort aus seinem Fahrzeug gesprungen und hat den Notarzt gerufen. Er wollte Felix ausweichen und hat dadurch die junge Frau erwischt, die ebenfalls Felix helfen wollte und nicht auf das Auto geachtet hat. Der arme Mann war ganz schön fertig.
Sophie schaut die Krankenhausfenster an, einige sind dunkel, manche erleuchtet, so viele Menschen liegen hier in diesem Gebäude, mit ihren ganz eigenen Sorgen und Ängsten.
Sophie fühlt sich schon lange nicht mehr richtig wohl. Ihre Familie liebt sie über alles, ihren Mann, ihre 7-jährige Tochter Nele und den kleinen Felix, mit dem sie schon fast nicht mehr gerechnet hatten. Seit kurzem gibt es da noch Fleck, einen Jack-Russel Welpen, sehr süß, aber leider auch noch nicht 100%-ig erzogen. Und genau dieser kleine Hund war der Grund für ihren Ärger mit Frau Hartung, hatte er es doch gewagt, seinen kleinen Kopf blitzschnell aus dem Halsband zu befreien und Frau Hartung anzuspringen. Diese hatte daraufhin behauptete, ihre Hose sei nun ruiniert und Sophie müsse die Reinigung bezahlen, und überhaupt, nun auch noch diese Töle, wo sie doch schon ihre Kinder nicht im Griff hätte. Da ist Sophie der Kragen geplatzt und sie hat Frau Hartung angeschrien, dass ihr Hund viel sauberer ist als die blöde Hose, die Frau Hartung schon seit Jahren immer trägt, dass sie sehr wohl mit ihren Kindern klar kommt und das Frau Hartung doch eine verbitterte alte….. ja… Hexe ist. Dann hörte sie schon den Schrei...
Oh Gott. Hatte sie Frau Hartung wirklich ins Gesicht gesagt, was sie sonst immer nur dachte bzw. worüber sie nur mit ihrem Mann sprach? Dass diese Frau eine richtige Hexe sei? Wie sollte sie ihr je wieder unter die Augen treten? Sie hat keine Ahnung, wo Frau Hartung nach dem Unfall abgeblieben war. Sie hat sich um den weinenden Felix gekümmert und die junge Frau angestarrt, die reglos dalag und der ein kleines, blutiges Rinnsal über die Stirn lief.
Sophie geht zu ihrem Bett, dabei fällt ihr Blick auf ihre Handtasche, in der eine kleine Tüte steckt. Eine kleine Tüte, deren Inhalt ihr sofort Gewissheit bringen könnte, ob sie sich zusätzlich zu einem Hundewelpen in ein paar Monaten noch um ein weiteres Baby würde kümmern müssen. Sie weiß nicht, ob sie darüber erfreut wäre, momentan bringt sie das nur sehr durcheinander. Sie wollten nach Nele so gerne noch ein Kind, am besten schnell, damit der Abstand nicht so groß ist. Aber dann vergingen zwei Jahre, dann drei und nichts passierte. Nele war schon 5, als Sophie endlich doch wieder schwanger war, damals hatten sie sich alle so gefreut. Als Sophie dann mit dem kleinen Felix zu Hause war, fand sie das zuerst sehr ungewohnt. Nun also das Ganze wieder von vorne, ein Baby wickeln, alle paar Stunden füttern, riesige Windelpakete und haufenweise Breigläschen nach Hause schleppen. Nele war schon so groß, sie konnte sprechen, brauchte keine Windeln, konnte unterwegs alles möglich essen, man brauchte keine Fläschchen, keinen Brei und keine riesige Spielzeugansammlung mitnehmen. Sophie hatte sich dann überraschend schnell wieder an den Alltag mit einem Baby gewöhnt, im Nachhinein sind die letzten 2 ½ Jahre wie im Flug vergangen. Wollte sie das noch mal?
Oliver würde sich sicher freuen, er liebte Kinder, je mehr, desto besser, aber würde sie das packen? Sie fand es schön mit zwei Kindern, sie war froh, dass Felix auch schon 2 ½ war, dass er mit seiner Schwester spielen konnte. Sophie fühlte sich gerade etwas rastlos, überlegte, wie sie wieder eigenes Geld verdienen könnte, was sie noch mit ihrem Leben anfangen wollte, schließlich war sie erst 38. Und nun das. Ein drittes Kind war in ihren Überlegungen nicht vorgekommen.
Sophie sieht ihre Tasche schräg an, dann schiebt sie Felix kleines Bettchen vorsichtig neben ihr eigenes, krabbelt unter ihre Decke und schläft sofort ein.

4.
In einer stillen, dunklen Wohnung in einem ruhigen Stadtteil sitzt eine ältere Dame am Fenster und schaut in die Dunkelheit. Sie hat sich in eine dicke Decke gewickelt, zittert aber immer noch. Sie hockt schon ein paar Stunden so da, hat gesehen, wie Herr Schulz mit seiner kleinen Tochter und dem Hund nach Hause kam, seine Frau und der Sohn waren nicht dabei. Sie würde gerne klingeln und fragen, wie es Frau Schulz und ihrem kleinen Sohn geht, aber sie traute sich nicht. Schließlich hatte Frau Schulz ihr vorhin nur zu deutlich gesagt, was sie von ihr hielt. Sie sei eine alte Hexe. Danach gab es diesen schrecklichen Knall, der Sohn von Frau Schulz stolperte gegen den Bordstein, fing an zu weinen und die junge Frau, die ihn vor dem Auto retten wollte, flog durch die Luft. Der süße kleine Junge. Eigentlich war diese nette Familie genau das, wovon sie selbst, Eva Hartung, immer geträumt hat. Ein freundlicher Mann, zwei süße Kinder und ein Hund, so richtig wie im Bilderbuch. Eva hatte sich nach dem Unfall geschockt in ihre Wohnung zurückgezogen, jetzt schämt sie sich. Vielleicht hätte man ja eine Zeugenaussage von ihr gebraucht. Aber durften Hexen überhaupt aussagen??? Eva seufzt. Ganz ehrlich, die Frau hat Recht. Seit ihr Mann sie vor 12 Jahren verlassen hatte, war sie tatsächlich zu einer alten Hexe geworden. Eine, über die sie sich früher lustig gemacht hatte. Eine alte Frau, die nichts Besseres zu tun hat, als sich über alles und jeden aufzuregen. Wo war die alte Eva, die gute Laune hatte, lachen konnte und Spaß hatte? Es konnte doch nicht sein, dass Georg sie nicht nur verlassen, sondern auch ihre Lebensfreude mitgenommen hat?
So groß der Schock damals auch gewesen war, als Georg ihr eröffnet hatte, dass er sie verlässt, weil er mit dieser ewigen Lüge nicht mehr Leben kann, nach 12 Jahren müsste sie doch endlich darüber hinweg sein.
Es war schon ein harter Schlag für sie, zu erfahren, dass Georg sich in einen Mann verliebt hatte. Das war fast noch schlimmer als der Moment, als er ihr eröffnete, dass er nicht mehr mit ihr zusammen leben möchte, weil er sich zu jemand anderem hingezogen fühlte, der seine Gefühle auch erwiderte. Wäre die andere Person eine Frau gewesen, so hätte sie wenigstens noch um ihn kämpfen können, aber so erschien ihr das alles hoffnungslos.
Georg hatte ihr damals gesagt, dass er bereits öfter an seinen Gefühlen gezweifelt hatte, dass er sich schon früher zu Männern hingezogen gefühlt hatte. Seine Erziehung hatte ihm aber verboten, diesen Gefühlen nachzugeben. Er war der Meinung, das gehört sich nicht und wollte ein Leben wie alle seine Freunde, mit einer Frau und Kindern. Das mit den Kindern hatte nicht geklappt, was Eva inzwischen auch nicht mehr verwunderte. Georg war zwar ein sehr netter, liebevoller Mann, hatte allerdings nicht so häufig das Bedürfnis gehabt, mit ihr zu schlafen. Eva hatte sich darüber manchmal gewundert, aber sie hatte es akzeptiert. Im Nachhinein war ihr natürlich klar, warum Georg sie nicht so begehrenswert gefunden hatte. Ihr fielen die Blicke ein, die er dem hübschen Spanischen Kellner auf ihrer Hochzeitsreise zugeworfen hatte. Es hatte ab und zu solche Blicke gegeben, damals hatte sie diese nie ernst genommen. Georg musste darunter gelitten haben, seine wahre Neigung so lange zu verbergen, jetzt erschien ihr das furchtbar. Überhaupt hatte dieser Tag sie endlich einmal zum Nachdenken gebracht. Sie lebte seit 12 Jahren in einem Cocoon aus Verbitterung und Selbstzweifeln, anstatt ihr Leben in die Hand zu nehmen. Es hatte nicht an ihr gelegen, dass Georg gegangen war, das hatte er ihr auch versichert, aber sie ist in so ein tiefes Loch gefallen, hat sich allem gegenüber verschlossen und so viele Jahre ihres Lebens vergeudet. Sie hat sich gehen lassen und keine Freude mehr empfunden. Georg hatte sich immer mal wieder bei ihr gemeldet, weil er sie noch sehr mochte, aber sie hatte das abgeblockt. In den letzten Jahren waren seine Anrufe seltener geworden, und Eva merkt, dass sie das zutiefst bedauert, denn Georg war, bevor er ihr Liebhaber und Ehemann wurde, eigentlich ein sehr guter Freund gewesen. Einer, den sie bis heute gerne mochte. Wenn sie ehrlich war, vermisste sie die Gespräche mit ihm mehr, als sie um die gescheiterte Ehe trauerte.
Eva stößt einen tiefen Seufzer aus, starrt in die Dunkelheit und schwört sich, ab jetzt ihr Leben wieder zu leben und nicht mehr muffelig durch die Gegend zu laufen. Sie würde bei Familie Schulz klingeln und sich für ihr Benehmen entschuldigen. Sie würde sich auch bei Georg melden, schließlich mag sie ihn immer noch sehr und er hatte ihr ein ums andere Mal versichert, wie gerne er mit ihr befreundet bleiben möchte.
Eva steht auf und schaut in den Spiegel. Ganz dringend muss sie zum Friseur. Sie hatt keine Lust mehr auf den Zopf, den sie ewig trägt, weil es so praktisch ist. Früher hatte sie sich gerne hübsch angezogen und sich die Haare frisiert, aber nach dem Outing von Georg war das alles vorbei. Wenigstens hat sie sich nicht mit Süßigkeiten voll gestopft, sie weiss, dass ihre schönen Kleider noch passen, sie hat verstohlen manchmal eins anprobiert, es hatte allerdings nie zu ihrer Laune gepasst. Eva probiert zaghaft, ihr Spiegelbild anzulächeln. Das hat sie schon lange nicht mehr getan, aber es tut ihr überraschenderweise sehr gut. Sie grinst breit in den Spiegel und ihre braunen Augen funkeln fast wie früher.
Die alte Eva ist endlich wieder da.

5.
Um 6:30 Uhr ist die Nacht für Sophie vorbei. Felix erwacht und brüllt wie am Spieß, sie und die herbeigeeilte Schwester haben Mühe, ihn wieder zu beruhigen. Der Kleine leidet noch an den schrecklichen Erinnerungen des Unfalls, hatte unruhig geschlafen, immer wieder im Schlaf geschluchzt und sich eng an seine Mutter geschmiegt. Sophie fühlt sich völlig zerschlagen, sie hat das Gefühl, dass sie höchstens eine halbe Stunde geschlafen hat. So schlimm war es nicht mal gewesen, als Felix oder Nele Babys waren.
Inzwischen hat Felix sich zwar beruhigt und spielt zufrieden mit einem Puzzle, aber schlafen möchte er leider nicht mehr, also bleibt Sophie nichts anderes übrig, als neben ihm zu sitzen und ihm beim Puzzeln zuzusehen. Sie hofft, dass sie bald nach Hause dürfen. Sie langweilt sich, schließlich kann sie mit Felix hier nicht viel machen, nicht mal der Krankenhausgarten bietet eine Abwechslung, denn es regnet in Strömen.
Sophie gähnt, als neben ihr das Telefon klingelt. »Guten Morgen, mein Schatz, was macht unser Kleiner?«, begrüßt Oliver sie. »Er hat schlecht geschlafen und ist um halb sieben brüllend aufgewacht. Inzwischen hat er sich beruhigt, gefrühstückt und puzzelt. Ich bin hundemüde. Apropos Hund, ich hoffe, Fleck hat nicht wieder in meinen Ficus gepinkelt.« »Ich war schon mit ihm draußen, er ist ganz brav heute, hat gestern wohl auch einen Schreck bekommen. Ich komme bald zu Dir und löse Dich ein wenig ab, damit Du Dich ausruhen kannst. Nele fragt schon die ganze Zeit, wann ihr endlich nach Hause dürft.« Sophie seufzt »Ich hoffe, wir können nachher das Krankenhaus verlassen. Wenn der Arzt zur Visite kommt und sich Felix angesehen hat, erfahren wir mehr«.
Oliver verabschiedet sich, er möchte Brötchen holen und mit Nele frühstücken, damit sie bald Sophie und Felix besuchen können, und Sophie schaut kurz hinaus in den Regen. Draußen ist alles trübe und grau, gestern war es noch so schön, heute gießt es in Strömen.
Felix ruft sie, er hat ein Puzzleteil verloren und kann es in seinem Bett nicht finden. Die Suche nach dem fehlenden Teil bringt ihr wenigstens ein wenig Bewegung. Sie hat das Gefühl, sie sitzt hier schon Stunden herum. Sophie schaut auf die Uhr: Erst 8:20 Uhr??? Das kann nicht sein, sind denn noch keine 2 Stunden vergangen? Felix ist bald fertig mit seinem Puzzle, dann wird er sich langweilen, quengeln und nach Beschäftigung verlangen. Oliver hatte ihr zwar ein paar Spielsachen ins Krankenhaus gebracht, aber das war nichts gegen die eigene Wohnung, in der Felix mit seiner Schwester spielen konnte.
Sophie fixiert die Zeiger der Uhr und wünscht sich magische Kräfte, die ihr die Fähigkeit verleihen, die Zeit schneller vergehen zu lassen.
In dem Moment öffnet sich die Tür und der nette Kinderarzt erscheint. »Na Felix, wie geht es dir? Hast du gut geschlafen?« Felix strahlt den Mann an, grinst und sagt: »Alles gut«. »Ich möchte dich gerne ein wenig untersuchen, damit wir sehen können, ob du bald wieder nach Hause darfst. Zeig mir mal bitte deinen Arm.« Felix hebt seinen Arm, der Arzt entfernt den Verband und begutachtet die Schrammen. Danach leuchtet er Felix mit einer Lampe in die Augen, hört ihn ab und betastet seinen Bauch. »War ihm irgendwann übel?« »Nein, er hat zwar unruhig geschlafen, aber schlecht war ihm nicht.« Der Arzt lächelt Sophie an. »Sie können wieder nach Hause gehen, Felix bekommt noch eine Salbe auf die Schrammen, aber es sieht alles sehr gut aus. Er soll sich noch ein wenig erholen, dann ist er bald wieder der Alte.« »Das ist schön. Ich habe aber noch etwas auf dem Herzen: Wissen Sie, wie es der jungen Frau geht, die Felix gerettet hat?« »Da kann ich Ihnen leider nichts sagen, sie liegt auf Station 4. Ich weiß nicht, ob Sie sie besuchen können. Vielleicht fragen Sie dort mal eine Schwester«.
Eine Stunde später erscheint Oliver mit Nele. Felix fliegt Oliver in die Arme. »Ich darf nach Hause, Papa, ich darf nach Hause« jauchzt Felix vor Freude. »Das ist ja super mein Süßer, dann packen wir schnell Deine Sachen damit wir hier verschwinden können.« Sophie zupft Oliver am Ärmel und flüstert ihm zu: »Ich möchte mich gerne nach der jungen Frau erkundigen, die Felix gestern gerettet hat. Ich schaue noch mal auf Station 4 vorbei. Könntest Du in der Zwischenzeit alles einpacken und Dich darum kümmern, dass wir den Arztbericht bekommen? Ich beeile mich auch.«
»Klar, ich warte hier auf Dich oder in der Eingangshalle.«
Sophie fährt mit dem Fahrstuhl einen Stock höher und läuft die Gänge entlang zu Station 4. Dort ist es, im Gegensatz zur Kinderstation, sehr ruhig. Als Sophie eine Schwester entgegenkommt, hält sie diese an. »Guten Tag, mein Name ist Sophie Schulz. Ich suche eine junge Frau, dunkelhaarig, etwa so groß wie ich, die gestern Mittag nach einem Autounfall eingeliefert wurde. Sie hat meinem Sohn das Leben gerettet und wurde dann selber von dem Auto erfasst. Als ich sie das letzte Mal sah, war sie immer noch bewusstlos. Ich wüsste gerne, ob ich sie besuchen darf bzw. wie es ihr geht.« »Ach, Sie meinen bestimmt Frau Lilly Vogel. Sie liegt im Zimmer 422, ist leider noch nicht ansprechbar. Momentan sind gerade ihre Eltern bei ihr, vielleicht warten Sie, bis jemand aus dem Zimmer kommt und fragen nach. Ansonsten können Sie auch in den nächsten Tagen hier bei uns anrufen und sich nach ihr erkundigen. Ich würde Ihnen dann Bescheid sagen, wenn sie Besuch empfangen kann. Näheres darf ich Ihnen wegen der Schweigepflicht nicht sagen, aber ich kann gut verstehen, dass Sie sie gerne besuchen möchten.« Die Schwester lächelt sie an und Sophie entschließt sich, sich in den nächsten Tagen nach Lilly zu erkundigen und dann nochmal mit einem großen Blumenstrauß im Krankenhaus vorbeizufahren. Sie notiert sich den Namen der Schwester, die Telefonnummer der Station und den Namen von Lilly. Schließlich lungert Sophie noch ein wenig vor Lillys Zimmer herum, in der Hoffnung, dass jemand heraus kommt, von dem sie etwas über Lillys Zustand erfahren kann.
Die kleine Apothekentüte in ihrer Tasche hat sie inzwischen völlig vergessen.

6.
Ich sitze über einem Mathematik-Lehrbuch und versuche, diese merkwürdige Formel zu kapieren. Mia sitzt neben mir, ist aber genauso ahnungslos wie ich, und das kurz vor der Abiprüfung.
Ach, ich hätte mir doch ein anderes Prüfungsfach aussuchen sollen, dieser Lehrer ist komisch und kann den Lehrstoff einfach nicht gut vermitteln. Dabei war Mathematik immer eins der Fächer, die ich mochte, da hatte ich aber auch noch unsere freundliche, ältere Lehrerin. Sie konnte super erklären, bei ihr hat der Unterricht richtig Spaß gemacht. Deswegen haben Mia und ich es auch als Leistungskurs belegt, allerdings hat dann nicht die tolle Lehrerin den Kurs bekommen, sondern dieser dämliche, durchgeknallte Lehrer. Seitdem haben wir das Gefühl, Mathematik ist ein Buch mit sieben Siegeln. Aber es hilft nichts, wir müssen da jetzt durch. Mia guckt mich schräg an, grinst und meint: »Heute ist noch eine Party bei Lars«, sie lässt den Satz in der Luft hängen und wartet. »Man braucht doch auch mal eine Pause, oder?« Schiebt sie schließlich nach. »Klar, aber dann rassel ich nächste Woche durch die Prüfung. Ich weiß, es ist Wochenende, ich würde auch lieber tanzen gehen, aber jetzt ist Endspurt, wir haben es bald geschafft.« Ich seufze, stehe jedoch voll hinter dem, was ich gerade gesagt habe ….. also fast … ich tanze so gerne und außerdem mag ich Lars sehr. Ich war erstaunt, als er mich eingeladen hat, ich dachte immer, er nimmt mich gar nicht wahr. Aber er hat nächste Woche auch keine Mathe-Prüfung, sondern Sport und Geschichte, und das schafft er sicher spielend. Ich stehe auf, gehe zu meiner Anlage und lege die CD von den Stereo-MC´s ein, die wir gerade so toll finden. »Okay, eine halbe Stunde Tanzpause!«, rufe ich, und Mia fällt mir lachend in die Arme. Wir gehen zwar nicht auf eine Party, aber diese halbe Stunde tut uns so gut, dass wir danach sogar die Formel knacken. Endlich!
Drei Tage später sitzen wir zusammen in der schriftlichen Mathe-Prüfung. Ich finde den Gedanken, 5 Stunden Aufgaben lösen zu müssen, immer ganz schlimm. Wenn mir nun nichts einfällt??? Dann vergeht der Vormittag, während ich ahnungslos die Unterlagen durchsehe und am Ende leere Blätter abgebe. 5 Stunden erscheinen mir immer viel zu lang, aber dann läuft es doch richtig gut. Ich arbeite konzentriert, kann die Aufgaben gut lösen und die Zeit vergeht ziemlich schnell.
Als wir die Prüfungsunterlagen aushändigen müssen, schaue ich zu Mia hinüber, die mich anstrahlt. Wir verabschieden uns kurz von den Anderen, beschließen dann aber, lieber bei mir einen Tee zu trinken. Nach den Prüfungen geht nämlich immer diese nervige Vergleicherei los. »Was hast du bei Aufgabe 3 gemacht? Welches Ergebnis kommt bei Aufgabe 5 raus?« Alle stehen im Kreis und machen sich verrückt. Mia und ich mögen das nicht, wir können jetzt nichts mehr ändern. Aber wir haben beide ein sehr gutes Gefühl und sind stolz, dass wir am Wochenende lieber ein wenig gelernt haben, statt auf die Party zu gehen. Auf dem Weg zu mir kommen wir an einem netten Café vorbei. Ich möchte Mia gerade vorschlagen, dass wir auch dort etwas trinken können, da sehe ich durch die Fensterscheibe Lars, und er ist leider nicht alleine. Er hält Händchen mit Doro, die anscheinend die Gunst der Stunde bzw. die Gunst der Party genutzt hat, um Lars näher zu kommen. So ein Mist, mir steigen Tränen in die Augen. Mia erfasst die Situation blitzschnell und zieht mich weiter. Bei mir zu Hause setzt sie mich aufs Sofa und kocht eine Kanne Tee. »Wenn er so schnell was mit einer Anderen anfängt, ist er es nicht wert, dass du jetzt Trübsal bläst. Von deiner Schwärmerei wusste er ja schließlich gar nichts.« Ich schlucke, wische mir eine Träne von der Wange und schniefe: »Das wird er nun auch nicht mehr erfahren, der Schuft. Mensch, ich hatte mich so gefreut, als er mich gefragt hat, ob ich auf seine Party komme. Ich dachte, er mag mich.« Ich ärgere mich ein wenig, ich bin immer so schüchtern. Ich traue mich nie, die Jungs anzusprechen, die mir gefallen. Und wenn sie mich ansprechen, dann fange ich an zu stottern und werde rot. Okay, ehrlicherweise muss ich zugeben, dass Lars natürlich auch ein paar andere Mädchen aus unserem Jahrgang eingeladen hat, aber gefreut habe ich mich trotzdem. Mia knufft mich in die Seite. »Sei nicht traurig, in drei Wochen sitzen wir im Flieger nach Barcelona und machen uns eine schöne Zeit«. Ach ja, unsere »Hurra-wir-haben-es-geschafft« Reise. Das wird toll.
Drei Wochen später, mit einem richtig guten Abi in der Tasche, geht es los. Wir fliegen nach Barcelona. Wir haben uns für diese Stadt entschieden, und nicht für Mallorca oder Ibiza, wie die meisten anderen, weil wir so viel Schönes darüber gehört haben. Man kann so einiges besichtigen, außerdem liegt Barcelona auch am Meer und wir können gleich mal unser Schul-Spanisch ausprobieren.
Ich bin schon kurz nach der Landung hin und weg. Ich finde das immer wundervoll, man steigt in Deutschland in den Flieger, fliegt ein paar Stunden, landet am Meer und hat sofort diesen typischen, milden Meeresduft in der Nase. Im Winter, wenn ich über Silvester mit meinen Eltern nach Lanzarote abgehauen bin, um dem Geknalle zu entfliehen, ist es natürlich besonders schön. Man steigt aus der Maschine und die Luft ist warm und irgendwie weicher.
Zuerst fahren wir mit dem Taxi in unser gemütliches, kleines Hotel, richten uns ein, machen uns frisch und beschließen dann, die Las Ramblas entlang zu laufen um ein nettes Restaurant zu suchen.
Die Straße ist wunderschön und so voller Leben. Es gibt wahnsinnig viele hübsche Läden, rechts und links stehen Bäume, die Schatten spenden, überall sind Akrobaten und Straßenkünstler und jede Menge kleine Cafés. Schließlich finden wir ein schnuckeliges Restaurant, welches uns gefällt, setzen uns unter einen Sonnenschirm und beobachten die Menschen, die an uns vorbei flanieren. Irgendwann habe ich das Gefühl, dass ich beobachtet werde. Mia grinst mich an und flüstert mir zu: »Ich glaube, du hast einen spanischen Verehrer. Der Typ an dem Tisch rechts von uns guckt die ganze Zeit zu dir herüber«. Ich drehe mich verstohlen ein Stück in die angegebene Richtung und blicke in das strahlende Gesicht eines nett aussehenden Südländers. Ich kann gar nicht anders, als zurück zu grinsen. Das versteht er wohl als Aufforderung, er steht auf, nimmt seinen Kaffee und kommt zu uns an den Tisch. Er fragt uns, ob wir Spanisch, Deutsch oder Englisch sprechen können und als wir ihm sagen, dass wir aus Deutschland sind, fragt er in ziemlich gutem Deutsch, ob er sich zu uns setzten darf. Wir bejahen und erfahren dann, dass er Pablo heißt und aus Barcelona kommt. Er hat aber im letzten Jahr ein Auslandssemester in München verbracht. Er studiert Wirtschaft, wird aber im nächsten Semester fertig. Dann fragt er uns, wie lange wir schon in Barcelona sind, wie lange wir noch bleiben und was wir uns alles so ansehen möchten. Da er Semesterferien hat und nur an drei Tagen in der Woche jobbt, bietet er sich als Fremdenführer an. Pablo kann sehr interessant über seine Heimatstadt erzählen, und er sieht wirklich wahnsinnig gut aus. Er ist groß (okay, im Verhältnis zu mir sind ja eigentlich alle groß), hat wuschelige, schwarze Haare und verschmitzte, braune Augen. Wir reden und reden und merken kaum, wie die Zeit vergeht. Irgendwann fängt Mia an zu gähnen und ich spüre ebenfalls, dass ich vom Flug etwas erschöpft bin. Inzwischen ist es dunkel geworden, was dem Betrieb auf der Prachtstraße aber keinen Abbruch tut. Es sind immer noch wahnsinnig viele Leute unterwegs. Pablo begleitet uns netterweise zu unserem Hotel, wir tauschen unsere Handynummern aus und dann fallen Mia und ich auch schon hundemüde in unsere Betten.
Am nächsten Tag treffen wir Pablo vor der Sagrada Familia. Wir wollten dieses ewig unfertige Bauwerk von Antoni Gaudi unbedingt einmal sehen. Ich bin ziemlich erstaunt, wie hoch die vier Türme sind. Pablo erzählt uns, dass Gaudi eigentlich 18 Türme vorgesehen hatte, dass es aber keinen umfassenden definitiven Bauplan gibt, weil Gaudi immer mal wieder improvisiert hat und die Pläne nach Bedarf von ihm geändert wurden. Pablo schlägt uns vor, auf einen Turm zu gehen, man hätte von dort oben einen schönen Ausblick. Mia ist sofort begeistert und ich möchte mir vor Pablo auch keine Blöße geben, also zahlen wir und fangen mit dem Aufstieg an. Dass ich unter Höhenangst leide, verschweige ich Pablo. In den Türmen befinden sich ziemlich enge Wendeltreppen, und dummerweise kommen einem dort Leute entgegen, die absteigen. Das kenne ich aus Deutschland gar nicht, da gibt es in der Regel einen Weg nach oben und einen anderen nach unten, zumindest, wenn die Treppen so eng sind. Je höher wir steigen, desto mehr Panik bekomme ich. Dauernd drängen Menschen an mir vorbei, und immer möchte ich mich eigentlich an die Wand drücken, da wollen die absteigenden Leute aber auch hin und schubsen mich nach außen. Schließlich kommen wir an einen Ausgang und stehen auf einer Art Brücke, die zwei Türme miteinander verbindet. Ich bin von dem Aufstieg bis hier schon total fertig, Pablo sieht richtig erschrocken aus, als er mein angstverzerrtes Gesicht bemerkt. Bloß Mia feixt herum und macht ein paar Fotos von mir. Ich knurre sie an: »Die kannst du alle wegschmeißen«. »Garantiert nicht. Wenn du mal heiratest, baue ich die Bilder in eine Diashow ein«, kontert sie. »Wer solche Freundinnen hat, braucht keine Feinde mehr,« jaule ich und verkünde dann, dass ich mich sofort an den Abstieg machen werde, ich habe genug gesehen. Mia möchte noch weiter auf den Türmen herumkraxeln, sie hat nicht das geringste Problem mit Höhe. Sie ist aber einverstanden, dass Pablo mich lieber nach unten begleitet und wir dort auf sie warten. Wir machen uns an den Abstieg und nach einer Weile nimmt Pablo meine Hand. Er grinst mich an und meint, dass sei nur, damit ich keine Angst mehr habe und sicher wieder unten ankomme. Irgendwann haben wir es tatsächlich geschafft und stehen vor dem imposanten Bauwerk. Pablo hält immer noch meine Hand, was mich überhaupt nicht stört. Schließlich bin ich frei und ungebunden, vor mir liegen zwei Wochen Urlaub und einem netten, kleinen Flirt bin ich nicht abgeneigt.
Die nächsten Tage sind wunderschön. Wir treffen uns mit Pablo, durch den wir auch Ecken in Barcelona kennen lernen, die man sonst als normaler Tourist vielleicht nicht entdecken würde. Pablo und ich flirten auf Teufel komm raus, und nach 3 Tagen küsst er mich das erste Mal. Wir sind in einem tollen Klub und tanzen, als ich irgendwann frische Luft schnappen möchte. Mia kann sich aber nicht von der Tanzfläche losreißen, so dass Pablo mich nach draußen begleitet. Wir stehen vor dem Klub herum, grinsen uns an und plötzlich nimmt er mein Gesicht in seine Hände und küsst mich. Mir wird schwindelig, denn das ist mit Abstand der schönste und längste Kuss, den ich bis dahin je bekommen habe. Nach einer halben Stunde Knutscherei beschließen wir, dass es Zeit wird, wieder zu Mia zu gehen. Die sitzt einsam an einem Tisch und guckt etwas säuerlich. Als ich sie frage, was los ist, möchte sie bloß ins Hotel. Ich bekomme nichts aus ihr heraus. Auch an den nächsten Tagen wird sie immer ruhiger. Sie schlägt mir vor, dass wir mal einen Tag getrennt verbringen könnten. Pablo entführt mich an diesem Tag auf den Gipfel des Berges Montjuïc. Hier gibt es nicht nur die Festung Castell de Montjuïc, sondern auch viele schön angelegte Gärten. Wir streifen durch den wunderschönen Jardin de Joan Margalla, landen beim Palacio de Albéniz, einem Palast, in dem der spanische König bei seinen Aufenthalten in Barcelona wohnt, und setzen uns dort auf eine Bank vor einem Springbrunnen. Wir bewundern die farbenfrohen Blumen und schauen einem Hochzeitspaar beim Fototermin zu. Es ist alles so märchenhaft und unwirklich, wir sitzen dort, halten uns an den Händen und reden. Aber irgendwo in mir nagt etwas, ich habe das Gefühl, als hätte ich eine sehr wichtige Sache vergessen.
Am Abend wird mir deutlich bewusst, was bzw. wen ich da die ganze Zeit vernachlässigt habe, meine allerbeste und treueste Freundin Mia. Die sitzt nämlich alleine im Hotel und sieht ein wenig verheult aus. Als ich in unser Zimmer komme, dreht sie sich schnell weg und wischt sich über die Nase, aber mir ist längst aufgefallen, dass sie geweint hat. »Mia, ist etwas passiert?«, frage ich. Mia schnaubt. »Was passiert, was passiert! Ha, Pablo ist passiert. Ich dachte, wir machen hier einen Mädelsurlaub, belohnen uns für unseren ganzen Stress mit der Lernerei, bevor das Studium losgeht. Aber du hast ja nichts Besseres zu tun, als dich dem erstbesten Spanier an den Hals zu werfen. Ganz toll, und ich darf das fünfte Rad am Wagen spielen.« Mia schnieft schon wieder, doch nun werde ich wütend. »Also erstens habe ich mich ihm nicht an den Hals geworfen, du hast mich darauf aufmerksam gemacht, dass da jemand vom Nebentisch herüber guckt. Außerdem warst du auch nicht abgeneigt, dir von ihm Barcelona zeigen zu lassen. Schließlich haben wir durch Pablo so jede Menge schöne Plätze kennen gelernt. Und wir hatten so viel Spaß im Aquarium, das war so ein lustiger Tag.« »Klar, für dich war es toll, ihr hattet reichlich Spaß beim Flirten. Du hast doch nicht einen Fisch gesehen, bloß Pablos schöne, braune Augen.« Ich merke, wie meine Wangen glühen und bevor ich noch etwas dagegen tun kann, kommen die Worte aus meinem Mund. »Du bist doch bloß sauer, dass ich jemanden kennen gelernt habe und du nicht.« Rumms, das war es. Mia schaut mich kalt an und verlässt das Zimmer. Sie dreht sich nicht um, knallt nicht mit der Tür, sie verschwindet einfach und lässt mich zurück und ich schäme mich schrecklich. Hat sie nicht vielleicht Recht? Habe ich mich zu schnell zu sehr an Pablo gehängt? Und meine liebste, beste Freundin im Stich gelassen? Ich habe wirklich fast nur noch von Pablo gesprochen, wenn wir alleine waren, und gar nicht gemerkt, dass Mia immer stiller wird. Mein Handy klingelt, es ist Pablo. Den kann ich nun gerade gar nicht gebrauchen, also stopfe ich das Handy unter ein Kissen und ignoriere das gedämpfte Klingeln. Irgendwann, es ist schon lange dunkel, beschließe ich, ins Bett zu gehen. Mia wird bald wieder kommen, zumindest hoffe ich das.
Ich wache nachts auf, weil Mia beim ins Zimmer schleichen gegen einen Stuhl gestoßen ist. Sie hüpft auf einem Bein herum und hält sich den rechten Fuß, während sie durch zusammengebissene Zähne flucht. Leider muss ich bei diesem Anblick schallend lachen. Ich mache eine Nachttischlampe an und juchze: »Damit du nicht noch mit dem anderen Fuß irgendwo gegen rennst«. Mia guckt mich an und um ihre Mundwinkel zuckt es verdächtig. Schließlich lässt sie sich lachend auf unser Bett fallen, jault dann aber doch auf, weil ihr Fuß ziemlich weh tut. Ich gucke mir ihren kleinen Zeh an, der gerade anfängt, auf doppelte Größe zu schwellen. »Da wirst du wohl die nächsten Tage nur Flipflops tragen können.« Mia begutachtet ihren Fuß und jammert: »Ich habe gar keine mit, ich mag die nicht, diesen Plastikstreifen zwischen den Zehen. Außerdem rutsche ich da immer raus.« »Mia, es tut mir so leid, was ich da vorhin gesagt habe. Ich habe wirklich nur noch von Pablo geredet, Pablo hier, Pablo da. Ich weiß, dass du nicht neidisch bist. Kannst du mir verzeihen? Ich muss Pablo ja auch nicht dauernd treffen.« Mia legt den Kopf schief und guckt mich an, dann lächelt sie, nimmt mich fest in die Arme und murmelt: »Na ja, vielleicht bin ich ja ein ganz kleines bisschen neidisch. Ist ja wirklich ein sehr niedliches Exemplar von Spanier, was du dir da angelacht hast. Aber es wäre schön, wenn du auch mal mit mir sprichst, wenn wir zu dritt unterwegs sind.« Ich drücke meine beste Freundin ganz fest und verspreche ihr, dass wir an den letzten Tagen auch mal etwas alleine unternehmen, so, wie es ursprünglich geplant war. Und dieses Versprechen halte ich auch.

7.
Schade, ich bekomme meine Augen immer noch nicht auf. Ich weiß, dass Mia und Jan an meinem Bett sitzen, ich kann ihnen jedoch nicht mal begreiflich machen, dass ich nicht mehr schlafe, sondern eigentlich wach bin. Ach, das ist alles so merkwürdig. Diesen Urlaub in Barcelona hat es tatsächlich gegeben, aber er ist in Wirklichkeit etwas anders abgelaufen. Wir verbrachten nur einen Abend mit Pablo, denn vor unserer Prüfung habe ich gar nicht so fleißig gelernt, wie ich es gerade noch erlebte. Ich bin auf die Party von Lars gegangen und habe auf Teufel komm raus mit ihm geflirtet. Danach waren wir ein halbes Jahr zusammen. Mia war damals allerdings auch irgendwann etwas genervt, ich habe sie wirklich vernachlässigt, denn aus Barcelona rief ich vor lauter Sehnsucht öfter bei Lars an, bis ihr schließlich der Kragen geplatzt ist. Anscheinend war es doch vorbestimmt, dass wir uns mal wegen einem Mann streiten sollten. Leider ist meine Mathe-Prüfung damals nicht ganz so gut ausgefallen. Mia stattete der Party von Lars nur einen kurzen Besuch ab und ging dann noch lernen, aber ich blieb bis zum Schluss, schließlich wollte ich meine neue Eroberung nicht so schnell hergeben. Immerhin, ich habe trotzdem ein ganz gutes Abi gemacht (okay, bis auf die Mathe-Note) und heute fragt da sowieso keiner mehr nach.
Jan und Mia unterhalten sich, Jan hält meine Hand. Ich würde sie so gerne drücken, aber es geht nicht. »Ob sie uns gerade hören kann?«, fragt Mia Jan. Ich möchte schreien: »Ja, ja, ich kann alles hören, ich möchte so gerne mit euch sprechen, ich bin hiiier!!!!!«, aber ich kann mich nicht bewegen, überhaupt nicht. Obwohl ich versuche, meine Muskeln anzuspannen. Jan, der eben noch mit dem Daumen über meine Finger gestreichelt hat, hält kurz inne. »Ich glaube, Lilly hat gerade ein wenig ihre Hand bewegt, ganz leicht.« Mia und Jan sind ruhig, ich kann förmlich vor mir sehen, wie sie mich mustern und auf eine Regung von mir warten. Aber alle Anstrengung nützt nichts, ich kann mich kein Stück regen, so sehr ich es auch möchte. Ich bin eingesperrt in meinem Körper, der mir nicht mehr gehorcht. »Ich muss langsam gehen«, meint Mia. »Ich sitze auch schon seit 4 Stunden hier, ich muss mal etwas Essen gehen«, erwidert Jan. Er drückt mir einen Kuss auf die Wange und streicht mir über die Stirn. »Schlaf schön Lilly, werde gesund, und dann wach doch bitte, bitte auf, wenn ich nachher wieder komme«, flüstert Jan mir ins Ohr. Die beiden verlassen das Zimmer und ich bin alleine.

8.
Sophie steht im Badezimmer vor dem Spiegel und grinst. So erleichtert war sie schon lange nicht mehr. Ganz von alleine hat sich die Frage, ob sie sich in ein paar Monaten um ein drittes Kind würde kümmern müssen, erledigt, ohne Test. Sie war einfach ein wenig überfällig. Sie hätte ein weiteres Baby mit Sicherheit bekommen, sie ist zwar keine Abtreibungs-Gegnerin, aber sie selber könnte das nicht. So fühlt sie sich aber viel besser. Kein weiteres Kind, das heißt, sie kann endlich überlegen, wie ihr Leben weitergeht und womit sie zukünftig vielleicht auch etwas Geld verdienen möchte.
Sophie geht aus dem Bad und sieht Oliver im Flur stehen, mit der Apothekentüte und dem Test in der Hand. Oliver fährt hektisch zu ihr herum »Schatz, du weißt, ich würde nie in deinen Sachen wühlen, aber Felix wollte seinen Teddy haben, der war in deiner Tasche und da ist diese Tüte heraus gefallen. Als ich sie aufgehoben habe, fiel ein Schwangerschaftstest heraus…. Na ja …nun frage ich mich natürlich, ob wir noch ein Kind bekommen…«. Er grinst schief und Sophie rutscht das Herz in die Hose. Er freut sich, und sie ist doch so erleichtert, dass sie um diese Sache herumgekommen ist. Das war eigentlich auch nie ein Thema, aber Oliver hat selber drei Geschwister und fand das immer toll. Sophie geht auf ihn zu. »Nein, ein drittes Kind bekommen wir nicht. Ich hatte den Test vor dem Unfall gekauft, das hat sich nun jedoch erledigt und ehrlich gesagt bin ich darüber auch ganz erleichtert.« Oliver seufzt »Ein wenig gefreut habe ich mich tatsächlich.« Sophie wuschelt Oliver durch die Haare. »Ich weiß, dass du Kinder liebst und ein super Vater bist, aber ich finde es so genau richtig, zwei Kinder und ein ungezogener Hund, das reicht doch, oder?« »Da hast du Recht, und jetzt muss Felix sich auch erst einmal wieder erholen.« Wie aufs Stichwort rasen Nele und Felix durch den Flur, beide mit einem Steckenpferd. Nele jagt hinter Felix her, Sophie sieht ihr an, dass sie extra langsamer ist als sonst, damit Felix sich nicht zu sehr anstrengt, aber der hat den Unfall erstaunlich gut weggesteckt. Seit er zu Hause ist, blüht er richtig auf. Seinen Teddy hat er sich unter den Arm geklemmt. Sophie hofft bloß, dass Frau Hartung sich nicht gleich wieder beschwert. Ihre Kinder rennen wirklich selten durch die Wohnung, aber wenn sie mal, so wie jetzt, durch den Flur hüpfen, dann wird meistens sofort von unten energisch mit einem Besenstiel gegen die Decke geklopft. »Diese Frau ist bestimmt schon erwachsen auf die Welt gekommen«, murrt Sophie. Sie läuft in die Küche und fängt an, Äpfel für einen Kuchen zu schneiden. Dabei summt sie vor sich hin. Backen entspannt sie immer sehr. Oliver sitzt am Küchentisch, lächelt sie an und schaut ihr zu. »Vielleicht hättest du damals doch Bäckerin werden sollen statt Buchhalterin. Das macht dir wenigstens richtig Spaß, und deine Kuchen sind die Besten, die ich kenne.« »Du bist befangen, das zählt nicht.« Sophie freut sich aber trotzdem über das Kompliment. Sie bekommt tatsächlich auch von Freunden immer wieder begeisterte Reaktionen auf ihre Backwerke. Sie liebt es, Rezepte ein wenig abzuwandeln, so dass die Kuchen gleich noch etwas besser schmecken. Nele und Felix stürmen in die Küche. Felix kuschelt sich an seinen Vater, in der Hand hält er einen Block und ein paar Stifte, im Arm seinen Teddy. Er kann die vielen Sachen gerade so halten. »Papa, malst du mit mir?«, bittet er und schenkt Oliver einen so treuherzigen Augenaufschlag, dass dieser nicht nein sagen kann.
Nele schleicht um ihre Mutter herum. »Darf ich den Teig mit dir anrühren«?, fragt sie. Sophie freut sich und lässt ihre Tochter die Zutaten in eine Schüssel geben. Sie erklärt ihr genau, wie viel Mehl, Zucker, Eier usw. sie für den Kuchen brauchen. Dann knetet Nele den Teig, den sie schließlich in die Form füllen, mit den Äpfeln belegen und in den Ofen schieben. Nele ist begeistert »Mama, das macht so einen Spaß und du kannst viel besser erklären als Frau Voigt, die blöde Musiklehrerin.« Sophie schaut ihre Tochter an. »Also Musik ist ja auch was anderes als backen, warum magst du diese Lehrerin nicht?« »Eigentlich ist sie mir egal, der Unterricht ist bloß so langweilig und die Frau hat so eine heisere Stimme. Wahrscheinlich, weil sie in der großen Pause immer heimlich vor der Schule rauchen geht. Aber wir haben sie ausspioniert und das entdeckt.« Nele hat gerade Sommerferien, wird bald 8 und geht eigentlich gerne zur Schule. Sie ist stolz, dass sie nach den Ferien schon in die dritte Klasse kommt. Nur die Musiklehrerin ist ein ewiges Thema, sie ist langweilig, sie ist blöd, der Unterricht ist öde, das ist allerdings nicht nur Neles Meinung, sondern auch die ihrer Freundinnen. Aber vielleicht hat sie ja Glück und bekommt im neuen Schuljahr eine andere Musiklehrerin. Nele hüpft wieder in ihr Zimmer, Felix im Schlepptau, der genug gemalt hat. In der Küche duftet es herrlich nach Apfelkuchen, Fleck liegt in seinem Körbchen und nagt an einem Hundekuchen und Sophie ist endlich mal rundum glücklich. Allerdings spukt ihr die Aussage ihrer Tochter durch den Kopf, dass sie so gut erklären kann, viel besser als ihre Musiklehrerin. Vielleicht lässt sich damit in der Zukunft ja noch etwas anfangen?

9.
Eva ist sehr nervös. Es ist 17 Uhr, also noch nicht zu spät, um bei einer Familie mit kleinen Kindern zu klingeln. Am liebsten möchte sie die Treppe wieder herunterspringen und sich einfach in ihrer Wohnung verkriechen, aber das hieße ja, dass sie erneut in ihr altes Muster verfallen würde. Nein, sie muss ihr Leben endlich in die Hand nehmen, ein Leben, das sich auch so nennen darf. Nicht dieses Dahinvegetieren der letzten Jahre.
Eva drückt entschlossen auf den Klingelknopf. Hinter der Tür bellt der Hund, dann hört sie eine Männerstimme. »Ruhig Fleck, setzt dich in dein Körbchen«, es raschelt und die Tür wird geöffnet. Herr Schulz guckt verdutzt. »Ja bitte, was möchten Sie?« Eva räuspert sich. »Ich würde gerne kurz mit Ihrer Frau sprechen.« Oliver dreht sich um, in dem Moment kommt Sophie schon zur Tür, sieht Eva und stutzt. »Entschuldigung, kennen wir uns?«, fragt Sophie. Eva glaubt erst, das sei die Rache für ihr schlechtes Benehmen in der letzten Zeit, ach was, in den zurückliegenden Jahren, aber dann wird es ihr schlagartig bewusst: Frau Schulz erkennt sie nicht. Sie war beim Friseur, hat sich die Haare färben und schneiden lassen, und trägt sie nun offen, haselnussbraun und halblang. Ein pfiffiger Pony fällt ihr weich in die Stirn, sie hat Make-up aufgelegt und ein Sommerkleid angezogen. Wie soll Frau Schulz sie da auch wieder erkennen, sie hat sie immer nur mit biestigem Gesichtsausdruck, den ewig praktischen, langweiligen Hosen und einem braun-grauen Zopf gesehen. Eva grinst und hält Sophie die Blumen hin, die sie noch besorgt. »Eva Hartung, ich wohne unter Ihnen und ich möchte mich wirklich entschuldigen für den ganzen Stress, den Sie mit mir hatten. Es tut mir ehrlich leid, vielleicht haben Sie mal Zeit und ich kann versuchen, Ihnen meine Situation zu erklären, aber …«, Eva gehen die Worte aus. Ihre Nachbarin mustert sie und sie hat keine Ahnung, was sich hinter der Stirn der hübschen Frau gerade abspielt. »Manchmal müsste man wirklich Gedanken lesen können«, denkt Eva. Sophie schaut zu Boden. »Das mit der Hexe tut mir sehr leid, das war nicht fair«, flüstert sie. Sophie lächelt breit. »Und jetzt passt es zumindest optisch auch gar nicht mehr zu Ihnen.« Die beiden Frauen sehen sich an und müssen grinsen. Sophie geht einen Schritt zur Seite und bittet Eva hinein. »Ich habe Apfelkuchen gebacken, wir können uns doch bei einem Kaffee aussprechen.« »Gerne, das freut mich wirklich sehr.« Die beiden Frauen gehen in die Küche, Sophie deckt den Tisch, schenkt jedem einen Kaffee ein und stellt die Platte mit dem Kuchen dazu. Eva schnuppert. »Hmmm, der duftet aber köstlich.« Die Beiden setzen sich und schauen sich an. Sophie findet ihre Sprache als erste wieder. »Unglaublich, ich hätte Sie überhaupt nicht erkannt. Sie sehen wirklich großartig aus. Wieso sind Sie jahrelang in Sack und Asche herumgelaufen? Oder ist die Frage zu privat?« Eva lächelt. »Vielen Dank, es fällt mir schwer, darüber zu reden, aber ich wollte Ihnen ja erklären, warum ich zu so einer Hexe geworden bin.« »Nein!«, wirft Sophie ein, »bitte nicht mehr dieses Wort, ich schäme mich wirklich ganz schrecklich.« »Ach was, es stimmt doch, ich war eine Hexe. Zuerst möchte ich jetzt gerne wissen, wie es Ihrem kleinen Sohn geht? Ist er wieder zu Hause? Und haben Sie etwas über die junge Frau erfahren, die ihn zur Seite gestoßen und ihn damit gerettet hat?« »Felix geht es erstaunlich gut, er hat den Unfall problemlos weggesteckt. Ich würde die junge Frau, sie heißt übrigens Lilly Vogel, gerne besuchen, aber sie ist anscheinend immer noch bewusstlos. Ich habe neulich im Krankenhaus eine Weile auf ihre Eltern gewartet und mit ihnen gesprochen, die Schwestern dürfen einem keine Auskunft geben wegen der Schweigepflicht. Sie wollten sich bei mir melden, wenn ich Frau Vogel besuchen kann. Wenn Lilly nicht so beherzt eingegriffen hätte, ich möchte gar nicht wissen, wie das ausgegangen wäre …« Sophie schluchzt und ihre Augen werden schon wieder wässrig, wie überhaupt sehr oft in den letzten zwei Tagen. Eva legt ihr die Hand auf den Arm. »Beruhigen Sie sich, Ihr Sohn ist ja zum Glück wohlauf. Wenn ich nicht so biestig reagiert hätte, wäre der Unfall nicht passiert. Ich mache mir schwere Vorwürfe. Aber immerhin hat mich dieses Erlebnis aus meiner Lethargie geholt.« Die beiden Frauen sehen sich an und lächeln. »Wenn ich Ihnen jetzt ein wenig über mich erzähle, wäre es da nicht schöner, wenn wir uns duzen? Ich heiße Eva.« »Das ist eine gute Idee, mein Name ist Sophie.«
Eva räuspert sich und fängt an zu sprechen. Sie erzählt, wie sie Georg kennen gelernt hat, er forderte sie zum Tanzen auf, als sie bei der Hochzeit einer Freundin war. Der höfliche, sehr schick gekleidete Mann ist Eva damals sofort ins Auge gefallen, aber sie war viel zu schüchtern, um ihn anzusprechen. Sie haben den ganzen Abend zusammen getanzt und dann hat Georg sie ins Kino eingeladen, zum Essen, er hat sie bekocht, alles war so wundervoll. Nach einem halben Jahr fragte er Eva, ob sie gemeinsam in eine Wohnung ziehen wollen und Eva glaubte damals, noch glücklicher könne sie kaum werden. Schließlich machte Georg ihr sogar einen Heiratsantrag, es wurde eine schöne, große Feier und eigentlich auch eine glückliche Ehe, bis auf diese eine Sache …. Eva schluckt. Es fällt ihr schwer, darüber mit Sophie zu sprechen, aber irgendwie ist nun ein Knoten geplatzt und sie möchte das endlich auch einmal loswerden. Sophie merkt, dass es ihrer Nachbarin sehr schwerfällt, weiter zu sprechen »Oh mein Gott, was ist dann passiert, ist Georg etwa…?« »Nein, er ist nicht gestorben. Das dachtest du doch? Hmmm, also, wir hatten nicht so oft…. Sex. Georg ist schwul, er hoffte, er könne mit mir trotzdem glücklich werden, er wollte ein normales Leben, dabei ist er ja normal, er liebt nur eben Männer. Ich hätte es bereits auf der Hochzeitsreise nach Spanien merken müssen. Ständig hat er einem Kellner Blicke zugeworfen, aber ich dachte mir nichts dabei. Na ja, vor 12 Jahren konnte Georg dann nicht mehr. Er hatte sich in einen Mann verliebt und wollte endlich so leben, wie er es schon immer hätte tun sollen. Das war hart für mich. Ich fiel in ein tiefes Loch, wurde verbittert, regte mich über alles Mögliche auf. Ich ging nicht mehr zur Arbeit, aber das war mir egal. Ich hatte gespart, ich verkroch mich zu Hause und brauchte nicht viel. Georg machte sich Sorgen um mich und wollte immer wieder den Kontakt zu mir. Er hatte mich nach wie vor sehr gerne, nur verliebt ist er eben nicht in mich, sondern in Dirk, seinen Freund.« Eva guckt zu Boden. Sie horcht in sich hinein und erwartet, den ganzen Schmerz wieder zu fühlen, der sie erfasst hat, als Georg ihr sein Geständnis machte. Komischerweise fühlt sie sich aber bloß erleichtert. Endlich kann sie mal mit jemandem sprechen, alles raus lassen, und das tut ihr überraschend gut. Eva hebt den Kopf und lächelt Sophie an »Weißt du was? Das ist das erste Mal, dass ich so richtig über die ganze Sache rede. Ich habe mich dauernd nur geschämt und eingeigelt, habe meine Familie und Freunde vor den Kopf gestoßen und gedacht, ich bin schuld, ich war nicht gut genug. So ein Quatsch, Georg war schon immer so, ein lieber Kerl mit einem Faible für Männer. Mann, so gut wie der angezogen war, hätte ich das eigentlich gleich merken müssen. Und diese Parfumwolke ….« Eva fängt schallend an zu lachen und Sophie lacht erleichtert mit. Sie hatte schon befürchtet, ihre Nachbarin würde doch noch in Tränen ausbrechen und ihrer verlorenen Liebe hinterher weinen. Aber danach sieht es zum Glück nicht aus. Eva wischt sich Lachtränen aus den Augen. »Das hat richtig gutgetan. Endlich konnte ich mir das alles von der Seele reden.« »Das freut mich, und es ehrt mich, dass du mir so vertraust. Schließlich kennen wir uns kaum.« »Manchmal ist es einfacher, sich jemandem anzuvertrauen, den man noch nicht lange kennt. Ich muss gestehen, dass ich kaum Freunde habe, eigentlich gar keine, nachdem ich mich jahrelang zurückgezogen habe. Das kann nicht gesund sein.« Eva grinst und beginnt, den Apfelkuchen zu essen. »Der ist ja wahnsinnig gut. Bist du Bäckerin?« Sophie lächelt geschmeichelt. »Nein, Backen ist einfach nur ein Hobby von mir. Es entspannt mich, ich ändere gerne Rezepte ab oder denke mir etwas eigenes aus.« Eva schließt genießerisch die Augen, als sie das nächste Stück Kuchen im Mund hat. »Ehrlich, das ist eine Geschmacksexplosion, so einen unglaublich guten Apfelkuchen habe ich wirklich noch nie gegessen. Und ich habe schon so einige gegessen, das kannst du mir glauben. Schmecken deine Kuchen alle so gut? Dann solltest du ein Geschäft aufmachen, es wäre schade, wenn nicht mehr Menschen in den Genuss deiner Kuchen kämen.« Sophie geht wieder der Spruch ihrer Tochter durch den Kopf. »Du kannst so gut erklären, Mama.« Hat sie gesagt. So langsam formt sich ein Gedanke in ihrem Kopf. Vielleicht hat sie mit Evas und Neles Hilfe gerade eine zukunftsweisende Idee.
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