Read the book: «Love's Direction»

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Inhaltsverzeichnis

1. Seine Traumfrau

2. Pussywagon

3. Rückblicke

4. Der Apfel der Erkenntnis

5. Blind-Date

6. Sein Universum

7. Die Dummheit der Glücklichen

8. Amelie

9. Lass mich nie mehr los

10. Synkope

11. Lebenserfahrungen

12. Ein heißes Bad

13. Grundgütiger!

14. Ich liebe dich

15. Chronologie des Grauens

16. Geeint

17. Kirschblüten und Drecksfotzen

18. Epilog

Anhang/Danksagungen

Love’s Direction – Liebe auf Umwegen

Impressum

Text: © Copyright by Isabella Kniest, 9184 St. Jakob im Rosental, Österreich

Cover: © Copyright by Isabella Kniest

Verwendete Pinselvorgaben: © by https://haru-chan037.deviantart.com,

Verwendete Schriftarten: Adobe Caslon Pro, Scriptina Pro

E-Mail: swevennovel@gmail.com

1. Auflage 23. März 2016 unter dem Titel Love on the left lane – Or how a mistake led me to you

2. Auflage 03. April 2019

3. Auflage 05. Juni 2020 (Korrektur des Covers)

4. Auflage 26. Juni 2021 (geringfügige Korrekturen, Buchsatz, Infotext)

Nun noch der übliche rechtliche Mist:

Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig.

Markennamen, die von der Autorin benutzt wurden, sind Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber und wurden rein zu schriftstellerischen Zwecken benutzt.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Anhang und den Danksagungen am Ende des Buches.

Ein paar wichtige Worte in eigener Sache! (Wie immer an dieser Stelle)

Doppelspurige Straßen in Städten sind keine Überholspuren!

Herrgott!

Es gibt nicht viele Dinge, die mir dermaßen auf den Sack gehen wie Autofahrer, welche die linke Fahrspur als Rennstrecke benützen und im weiteren Verlauf sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung haltende PKWs anhupen, anblinken, abdrängen und scharf schneiden.

Das ist nicht einmal dann in Ordnung, wenn sich dadurch eine Romanze entwickeln sollte. Ein solches Fahrverhalten ist nämlich gemeingefährlich, rücksichtslos und asozial!

Ich habe meinen Führerschein seit meinem siebzehnten Lebensjahr, eine derart drecksverfickte Drängelei und Fahrweise wie sie die Klagenfurter Vollpfosten an den Tag legen, habe ich jedoch nirgendwo sonst in einer solchen aggressiven Form erlebt.

Wie auch immer. Sollte dieser Roman zufälligerweise irgendwelchen Pseudo-Macho-Schwanzgrößenkomplex-Rennfahrern in die Hände fallen, so denkt das nächste Mal daran: Dort wo fünfzig ist, ist fünfzig – basta! Unbedeutend einer Doppel- oder Dreifachspur.

Um Missverständnissen vorzubeugen, hier einige wichtige Informationen für jeden potentiellen Leser:

Erstens.

Ich bin Selfpublisher. Korrektorat, Lektorat, Coverdesign, Buchsatz, eBook-Gestaltung, Kapitelverzierungen – alle diese Arbeiten werden ausschließlich von mir selbst durchgeführt. Für ein fehlerfreies Buch kann ich somit nicht garantieren. Dafür jedoch einer jeden Seite, einem jeden Kapitel, einem jeden niedergetippten Wort, einer jeden Szene und Aussage meine gesamte Aufmerksamkeit und Liebe gewidmet zu haben. Jeder Satz beinhaltet mein Herzblut, meine Gefühle, meine Lebensauffassung – ein Stück meiner selbst. Wenn ich ein Buch zur Veröffentlichung freigebe, präsentiert es meinen aktuellen Wissensstand. Aus diesem profanen Grund überarbeite ich meine Bücher in regelmäßigen Abständen. Wenn ich mir über Fehler bewusst werde, korrigiere ich diese und lade die überarbeitete Version hoch. Sollte Ihnen, lieber Leser, eine solche Vorgehensweise zu amateurhaft oder zu billig anmuten, bitte ich Sie, mein Buch nicht zu kaufen. Falls Sie sich nun unsicher sind oder die Vermutung in Ihnen hochklettert, ich könnte Schund verkaufen, bitte ich Sie, zuerst die Leseprobe zu lesen und sich dann zu entscheiden. Ist Ihnen meine Fehlerquote zu hoch, werde ich Ihnen nicht böse sein, wenn Sie mein Werk nicht in den Warenkorb legen.

Schreiben ist mein Hobby. Weder strebe ich Reichtum noch Berühmtheit an. Menschen zu bereichern, ihnen den intellektuellen und seelischen Horizont zu erweitern und eine andere Sichtweise zu offenbaren – das ist mein einziges Bestreben. Deshalb bin ich finanziell außerstande, ein Lektorat und Korrektorat oder Coverdesign auszulagern. Besäße ich die Möglichkeiten, würde ich keine Sekunde zögern und meine Werke einem Profi übergeben.

Zweitens.

Trotz mehrerer Rechtschreibreformen verwende ich die alte Schreibweise der unterbrochenen direkten Rede.

Ein Beispiel: Nach der neuen Regelung müsste ich schreiben »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab, »als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«

Ich hingegen schreibe »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab. »Als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«

Wie man sieht, ist mir die korrekte Schreibweise bestens bekannt. Ich entschied mich jedoch bewusst dafür, diese Regel aus persönlichen und ästhetischen Gründen zu brechen.

Drittens.

Da ich Österreicher bin, schleichen sich zwangsläufig viele österreichische Begriffe in meine Texte ein. Begriffe, die von deutschen Landsleuten unwissentlich als Fehler angesehen werden können.

Ein Beispiel:

In unseren Breitengraden spricht man nicht von Kasse, sondern von Kassa. Dies ist kein Tippfehler und hat auch nichts mit einer Rechtschreibschwäche oder läppischen Korrektur meinerseits zu tun.

Abschließend danke ich jedem Leser, der diese Information durchgelesen hat und sich entscheidet, erst nach der Leseprobe sein endgültiges Urteil zu fällen.

Es ist der von uns bestreitende Weg, welcher uns verändert.

Er formt uns, bereichert uns, füllt uns, fordert uns – und wenn wir dessen Ende erreicht haben, müssen wir uns unweigerlich die Frage stellen:

Können wir stolz auf das sein, was aus uns geworden ist?

Man soll akzeptieren oder weiterziehen – nicht erdulden

Man soll Verständnis zeigen – nicht ignorieren

Man soll respektieren – nicht verstoßen

Man soll dankbar sein – nicht Unmögliches verlangen

Für denjenigen, der mein Licht sehen wird

1. Seine Traumfrau

Steffi redete wieder einmal wie ein Wasserfall.

Den glorreichen Anfang ihres Vortrags durfte ihr Lieblingsthema machen: Lippenherpes und die daraus resultierenden Einschnitte ihres Sexuallebens. Ohne Umschweife oder Übergänge folgten Erlebnisse von und mit ihrem Dauerfreund Andreas – welcher, nebenbei erwähnt, ein komplettes Weichei war – sowie Fremdschämpotenzial aufweisende Geschichten ihrer nervigen Facebook-Freundinnen. Zu guter Letzt folterte sie ihn mit sämtlichem astrologischen Unsinn, allen voran die Sternenkonstellationen für dieses Jahr, welche besonders günstig standen für Veränderungen, neue Beziehungen und generelles Glück im privaten Bereich.

Tracey seufzte.

Vielleicht bei anderen. Doch bei ihm?

Fehlanzeige.

Privates Glück kannte er nicht. Die einzigen Weiber, die er abbekam, stellten im besten Fall durchgeknallte Schnepfen dar.

»Und, wie gefällt dir der neue Superheldenfilm?«

Er nahm einen Schluck seines zur Hälfte ausgetrunkenen dunklen Biers, dessen Geschmack ihm nicht sonderlich zusagte. »Interessiert mich nicht.«

Wie üblich war das Lokal gerammelt voll, und eine dementsprechend laute Geräuschkulisse herrschte vor.

Steffi und Tracey hatten die letzten freien Plätze an der Theke ergattert. Links von ihnen lachte eine Männergruppe – laut, ungezwungen, vergnügt. Rechts ums Eck saßen fünf Single-Frauen im Männerjagd-Modus. Dies war ausgesprochen gut daran zu erkennen, wie die zu stark geschminkten und eindeutig zu freizügig gekleideten Püppchen der lärmenden Proletenrunde unentwegt penetrante Ich-will-von-dir-genagelt-werden-Blicke zuwarfen.

»Er ist gut. Du solltest ihn dir ansehen.«

Eine blonde Männerfang-Tusse hatte eben einen weiteren charakteristischen Flirtversuch gestartet: Oberarme gegen die Bar gelehnt, Dekolleté herausgedrückt und einen – bedauerlicherweise ganz und gar nicht sexy anmutenden – Augenaufschlag aufgesetzt.

Gott, war das billig!

Für einen Moment ließ Tracey von der verstörenden Szenerie ab und schenkte Steffi etwas Aufmerksamkeit. »Ich stehe mehr auf Actionfilme.«

Sie musterte ihn kritisch. »Da kommt viel Action vor.«

»Ja, kann schon sein.« Er nahm einen weiteren Schluck. »Dennoch interessiert mich dieser Scheiß nicht.«

In letzter Zeit interessierte ihn nicht sonderlich viel.

Aber wunderte es wen? Wenn es im Leben mit rein gar nichts funktionieren wollte, woher sollte man da den Antrieb nehmen, um irgendetwas Neues anzufangen oder Begeisterung für irgendwelchen unbedeutenden Scheißdreck zu empfinden?

Gelangweilt schaute er zur Männerrunde zurück.

Offensichtlich hatten die abgeschleckten Gockel angebissen.

»Was ist los? Sonst bist du nicht so schlecht drauf.«

Tracey atmete tief durch, sammelte nicht mehr vorhandene Nervenstärke zusammen und wandte sich wieder seiner besten Freundin zu.

Seit nunmehr fünfzehn Jahren kannten sie sich – und in all der Zeit hatten sie nie etwas miteinander angefangen. Zugegeben, Steffi war hübsch anzuschauen mit diesen rehbraunen Kulleraugen, dem drallen Dekolleté und den vollen Lippen. Das wasserstoffblonde schulterlange Haar, der übermäßige Einsatz von Make-up sowie ihre etwas forschen Charakterzüge im Speziellen wogen dann doch zu schwer auf. Zudem sprach sie für seinen Geschmack schlichtweg zu viel. Der wichtigste Punkt allerdings blieb nach wie vor sein Bauchgefühl: Der Gedanke daran, mit ihr in die Kiste zu hüpfen hatte weder in der Vergangenheit noch jetzt richtig angemutet.

»Es ist einfach alles zum Kotzen, okay?«

Sein gesamtes beschissenes Leben!

Unschuldig nippte sie an ihrem Laphroaig. »Ist es wegen deiner Ex?«

Brechreiz entstand in seinem Gedärm, kletterte weiter in Magen und Hals, um in seinem Mund ein bitter-saures Ende zu finden.

»Nein, natürlich nicht!«, erwiderte er sarkastisch und verzog das Gesicht. »Wie kommst du nur darauf?«

…

Was denn sonst?!

Diese elendige Drecksfotze hatte ihn von vorn bis hinten verarscht!

Er hätte sich niemals von ihrem Äußeren blenden lassen dürfen! Titten und eine schlanke Figur schlossen noch lange nicht auf einen beziehungsfähigen, vernünftigen Charakter!

Allmählich der Verzweiflung nahe, stützte er den linken Ellbogen gegen den Tresen und lehnte den Kopf an seine zur Faust geballte Hand. »Ich verstehe nicht, weshalb ich andauernd auf dieselben Scheißweiber hereinfalle!«

Reichte es nicht, dass seine verfluchte Jugendzeit ein einziger Höllentrip gewesen war? Reichte es nicht, jegliche Menschen verloren zu haben, die ihm jemals wirklich nahe gestanden waren?

Steffis Züge wurden mitfühlend. »Ich bin mir sicher, du wirst noch die Richtige finden. Deine Traumfrau. Ganz bestimmt.«

Traumfrau.

Verächtlich stieß er die Luft aus. »Wer’s glaubt! So etwas wie eine Traumfrau gibt es nicht.«

Zumal er bislang ausnahmslos Vorzimmerdrachen an Land gezogen hatte.

Ein weiterer unumstößlicher Beweis für die Nichtexistenz des ominösen Traumpartners gab sein zwar kleiner, dafür illustrer Bekanntenkreis ab: Weder seine eigenwilligen Nachbarn noch bescheuerten Arbeitskollegen hatten ein solches Geschöpf je angetroffen oder gar geehelicht.

Er trank einen Schluck. »Was dir über den Weg läuft, ist das exakte Gegenteil deiner Traumvorstellungen. Im Leben bekommst du nämlich ausschließlich das, was du nicht willst!«

Steffi wölbte ihre stark nachgezeichneten Augenbrauen – eine Erwiderung kam ihr Gott sei Dank nicht über die Lippen.

»Willst du beispielsweise eine ästhetisch ansprechende Frau«, fuhr er mit seiner ihn selbst kränkenden Erklärung fort. »Ehelichst du letztendlich eine, die hässlicher ist, als die Nacht finster. Möchtest du eine intelligente, schlagfertige Frau an deiner Seite, gerätst du mit Garantie an die Dümmste der Stadt. Und wünschst du dir eine Jungfrau, kannst du dir sicher sein, die schlimmste Flitsche des Bundeslandes aufzugabeln.«

Jahrelang hatte er diese Faktizität zu ignorieren versucht, letztendlich hatte er sich den Naturgesetzen beugen müssen: Traumfrauen blieben Traumfrauen – sie hatten mit der Realität nicht das Geringste zu schaffen.

Steffi begann zu lachen – unbekümmert, herzlich und laut. Tracey war sich sicher: Ihr beleidigendes Gelächter vernahm man aller Wahrscheinlichkeit bis hinaus zum Parkplatz.

»Du bist, gelinde gesagt, frustriert.« Unvermittelt beugte sie sich etwas zu ihm und verengte die mit schwarzem Kajal und millimeterdicker Mascara zugekleisterten Augen.

Er versteifte.

O nein!

Diese Reaktion bedeutete nichts Gutes.

»Tracey, sag mal … Wie sollte deine Traumfrau denn aussehen?«

Er stutzte.

Ernsthaft?!

»Exakt darauf habe ich den lieben langen Abend gewartet: Damit du mich über private Nichtigkeiten ausquetschst!«

Sie schlug ihm gegen die Schulter. »Komm schon! Jetzt kennen wir uns unser halbes Leben, aber darüber hast du noch nie ein Sterbenswörtchen verloren.«

Aus dem einfachen Grund: Seine verschissenen Wunschvorstellungen gingen außer ihn niemanden etwas an!

»Weil ich eine Privatsphäre besitze.«

»Aber mir kannst du es erzählen! Du weißt, ich schweige wie ein Grab.«

Ja, das wusste er. Steffi war vielleicht lästig und aufdringlich, ein Geheimnis für sich bewahren, das konnte sie hingegen wie keine Zweite. Ungeachtet dieses einen positiven Charakterzugs ihrerseits empfand er nicht die geringste Lust, in einer überlauten, verqualmten Spelunke über ein heikles Thema wie dieses zu sinnieren.

»Ich bin nicht in Stimmung, über Wunschträume zu sprechen, die letzten Endes ohnehin nicht in Erfüllung gehen.«

»Bist du dir sicher?« Sie spitzte die schreiend rot angemalten Lippen. »Manchmal können solche Gespräche sehr aufbauend wirken. Jeder darf träumen! Du weißt doch: Die Gedanken sind frei.«

Ja, bislang.

»Tja, mag schon möglich sein.« Er zog seine linke Augenbraue nach oben. »Allerdings baut es dich sicherlich nicht mehr auf, wenn deine Gedanken ausschließlich um dieses Thema kreisen.«

Vorzugsweise in seinem Fall.

Ihm war nichts mehr anderes geblieben, als infantilen Tagträumen nachzuhängen, bildeten diese doch sein letztes Safehouse, wenn seine gesamte Welt zum wiederholten Male einzustürzen drohte – oder längst dem Erdboden gleichgemacht worden war.

»Oh.« Echtes Bedauern huschte über Steffis herzförmiges Gesicht. »Ist es so schlimm?«

Den Atem gepresst ausstoßend, fasste er nach seinem Krug. »Jedenfalls schlimm genug.«

»Dann erzähle mir davon.«

Himmel, Arsch!

Allmählich ging sie ihm ernsthaft auf die Nerven – das zeigte er ihr, indem er ihr einen schiefen finstren Blick zuschleuderte.

»Hey!«, rief sie beleidigt aus, lediglich um mit einem breiten Grinsen fortzufahren. »Sieh mich nicht an, als wäre ich die lästigste Person, die du kennst.«

»Tja … das bist du aber einmal. Ergo: Mit solchen Reaktionen musst du dich allmählich abfinden. Oder bist du dermaßen empfindlich?«

Solche Neckereien zwischen ihnen standen an der Tagesordnung – und ebendrum fasste keiner von ihnen beiden sie jemals ernst auf.

»Dann beantworte meine Frage, Griesgram! Oder willst du als alter verbitterter Sack irgendwo in einer stinkigen, vermüllten Wohnung sterben?«

Blöde Schnepfe!

»Was, zum Geier, hat das eine mit dem anderen zu tun?«

»Ernsthaft?« Ihr Gesichtsausdruck schrie regelrecht Tuppe. »Was geht mit dir heute ab? Weißt du nicht mehr: Ich kenne verdammt viele Leute! Wenn man im Einzelhandel arbeitet, kann man jeden Tag potenzielle Traumpartner kennenlernen. Vielleicht begegne ich einmal einer Frau, die Ähnlichkeiten mit deinen Wunschvorstellungen aufweist. Dann könnte ich ein Date arrangieren.«

»Ja ne, is’ klar. Und den Weihnachtsmann gibt es tatsächlich.«

»Ja, sicher doch!« Sie richtete sich auf wie ein paarungsbereiter Pfau und stemmte die Hände gegen ihre kurvigen, in ein dunkelrotes Spitzenkleid gehüllten Hüften. »Schließlich wurde er vom heiligen St. Nikolaus von Myra inspiriert.«

Er schüttelte den Kopf.

Es war hoffnungslos mit ihr.

»Jetzt erzähl endlich, Himmelherrgott! Soll sie große Töpfe haben?« Steffi wäre natürlich nicht Steffi, würde sie ihre Fragen und Aussagen nicht durch ausladende Armgesten unterstreichen.

Er prustete los. »Wie kommt dein schüchterner Freund eigentlich mit dir klar?«

Sie grinste. »Weich nicht aus, sondern beantworte meine Frage.« Und etwas leiser fügte sie hinzu: »Er steht auf Frauen, die anpacken. Das macht ihn heiß.«

»Okay, so genau wollte ich es gar nicht wissen.«

»Also …« Sie nahm einen Schluck und stellte das bauchige Whiskeyglas neben das lang gezogene zylinderförmige Wasserglas. »Große Möpse, kleine Möpse … was denn nun?«

»Lass mich in Ruhe.«

»Mann, Tracey! Sei nicht zugeknöpft wie das karierte Hemd eines Pädophilen!«

…

Er besah sie giftig.

In solchen Situationen wies Steffi große Ähnlichkeiten mit nervtötenden, sich in Waden verbeißenden Dreckskötern auf! Und gleichermaßen wie man solche Tölen draußen vor Geschäften an einem Fahrradabstellplatz anleinte, hätte er Steffi gerne an dem verrosteten Zeitungsständer vor dem Lokal angebunden.

Tracey fuhr sich durchs Haar, maßregelte sein Temperament und überlegte.

Es war ihm klar, sie würde nicht lockerlassen. Nicht einmal dann, wenn sie sich durch ihre Quasselei in Lebensgefahr gebracht hätte oder das Ende der Welt nahte – womit ihm offensichtlich nichts anders übrig blieb als sämtliche ihrer bescheuerten Fragen zu beantworten … wollte er nicht einen Nervenzusammenbruch oder einen Ausraster riskieren. Doch sosehr er sich bemühte, seinen Mund aufzumachen und loszulegen – er konnte es nicht. Er wollte nicht darüber sprechen. Es war ihm peinlich. Dabei war er grundsätzlich nicht auf den Mund gefallen, schüchtern oder verklemmt. Wenn es jedoch um seine intimen Vorlieben ging, hielt er sich lieber bedeckt. Konkret fürchtete er sich sogar. Er fürchtete sich davor, durch ein unbedachtes Geplapper seinen wenigen Wünschen ihre heilige Reinheit zu nehmen. Womöglich würden sie sich noch erfüllen, wenn er sie nur niemals laut aussprach – ähnlich wie der kindlich-naive Glaube an eine gute Welt oder eine höhere Macht, die helfend eingriff, wenn man nicht mehr weiterwusste.

Man unterhielt sich nicht darüber, sondern man hoffte oder betete.

Er blickte auf sein Bier.

Oder womöglich hatte er bloß zu viel getrunken?

»Sie braucht keine großen Möpse zu haben.«

»Gut … und sonst?«

Er drehte sich zu Steffi zurück. »Es muss einfach passen.«

Sie furchte die Stirn. »Das heißt?«

Himmel, Arsch!

Verzweifelt warf er die Hände in die Höhe. »Herrschaft, das weiß ich auch nicht!«

»O Mann!« Seine beste Freundin sah ihn an wie einen geistig Minderbemittelten. »Irgendeine besondere Frau wirst du dir bestimmt ausgedacht haben, oder? Somit kannst du mir bestimmt verraten, welche Haarfarbe, Augenfarbe und Kleidergröße sie aufweisen soll.«

Meinte sie etwa …

Konnte das wahr sein …?!

Was ging mit dieser Frau ab?!

»Spielst du etwa auf eine verfluchte Wichsvorlage an, oder was?«, platzte es entrüstet aus ihm heraus. »Das hat mit der Realität nichts zu tun! Zudem weißt du ganz genau, mit welchem Typ Frau ich zumeist zusammen war. Wozu soll ich dir diesen Mist noch einmal unter die Nase reiben?«

Um ihn noch etwas depressiver zu stimmen? Um Sehnsucht und Kummer erneut sein Herz zerreißen zu lassen?

»Ah … dann verstehe ich: Schlank soll sie sein.« Ihrer Stimmlage zufolge arbeitete seine nervende beste Freundin eine mentale Checkliste ab – was ihn nicht unbedingt Wohlbehagen bereitete …

»Ein wenig durchtrainiert vielleicht?«

Das war dann wohl der nächste Punkt …

Einerseits wurde er rasend vor Wut, andererseits wurde es ihm warm.

Ein sportlicher Körper – was gab es Besseres? Anstatt Steffi dies jedoch zu gestehen, beließ er es bei einer nüchternen Antwort: »Das Leben ist kein Wunschkonzert!«

»Jetzt reichts aber, Tracey! Hier geht es um Tagträumereien!« Ihr Gesagtes bekräftigte sie, indem sie die Fingerspitzen ihrer rechte Hand in italomäßigem Stil aufeinanderlegte und damit auf Gesichtshöhe herumfuchtelte. »Geschissen auf die Realität! Lass deiner Fantasie freien Lauf. Hier gibt es kein richtig oder falsch – und zu schämen brauchst du dich erst recht nicht. Erzähl mir einfach, was dir gefallen würde.«

Er blickte zur verspiegelten Rückwand der Bar. Unzählige Whiskey-, Scotch- und andere hochprozentige Gesöffflaschen reihten sich auf einer dunkelbraunen Holzstellage nebeneinander auf, und sein blondes – naturblondes, bitte schön! – verzwickt dreinschauendes Abbild lugte dahinter hervor.

Dieses Treffen war keine gute Idee gewesen. Er hätte sich sofort denken können, dass Steffi es auf irgendetwas abgesehen hatte.

Nun stellte sich die Frage: Was war es?

Ging es ihr darum, sich durch Einbildungen und Ideale anderer zu erbauen? Musste sie irgendwelchen angestauten Weiberfrust loswerden? Hatte sie ihre Tage? Oder war ihr schlicht und ergreifend langweilig?

Oder wollte sie ihm gar ernsthaft ein Date verschaffen?!

Eine Gänsehaut kroch gemächlich über seinen Rücken Richtung Nacken …

Hoffentlich nicht.

Tracey drehte sich zu ihr und nahm einen großen Schluck Bier, um Mut und Selbstsicherheit zu stärken sowie Bedenken abzumildern.

»Ein zartes Sixpack wäre sicherlich nicht verkehrt.« Seine Erwiderung versuchte er so nüchtern wie möglich zu halten.

Steffi erstrahlte. »Na endlich machen wir Fortschritte!« Zu seinem Leidwesen hielt ihre gute Laune nicht sonderlich lange an – ihrer sich kontinuierlich verhärtenden Augenpartie nach zu urteilen. »Und weiter? Komm schon, muss ich dir alles aus der Nase ziehen?«

»Du bist lästig!«

»Ganz genau.« Sie zeigte ihm ein breites Grinsen. »Deshalb sind wir so gute Kumpel!« Dies fröhlich von sich gegeben, verwandelte sie sich wieder in die ihn abfragende Oberlehrerin. »Zurück zum Thema! Schlank, durchtrainiert … und weiter?«

Er blickte Richtung Single-Frauen, zu welchen sich die gut gelaunte präpotente Männerrunde gesellt hatte.

»Willst du es wirklich wissen?«

»Ja, jedes einzelne Detail deiner schweinischen Fantasien.«

Was?!

Sein Kopf schnallte zu Steffi. »Wer sagt, ich hätte schweinische Fantasien? Etwa dein Freund, die Lusche?«

Mit ihrem nur allzu bekannten Allwissenheit widerspiegelnden Mienenspiel lehnte sie sich zurück. »Jeder hat schweinische Fantasien.«

Dann wollte sie tatsächlich über seine intimsten Pornowunschvorstellungen Bescheid wissen?!

Himmelherrgott!

Wie passte dies mit einer Beziehung, einem Date oder einer zukünftigen Freundin seinerseits ins Gesamtbild? Derartige Informationen halfen Steffi weder dabei, eine Frau für ihn zu finden, noch half es ihm selbst dabei, über seine durchwegs negativen beziehungsmäßigen Erfahrungen hinwegzukommen. Ergo: Dieses behämmerte Gespräch war komplett für die Katz’!

»Jeder hat schweinische Fantasien«, murmelte er und sammelte frische Willensstärke. »Mal ernsthaft: Weshalb willst du all das wissen? Damit wirst du mir kein Date vermitteln können. Und überhaupt: Habe ich dich jemals danach gefragt, was du dir in deinen Nächten ausmalst oder mit deinem Freund treibst?« Ehe sie etwas erwidern konnte, fuhr er zornig fort. »Nein. Das habe ich nie getan. Und weißt du weshalb? Weil solche intimen Details schlicht und ergreifend niemanden etwas angehen! Also bemühe dich besser um etwas Taktgefühl, halte den Rand und lies lieber noch ein paar deiner billigen Erotikromane …« Einen winzigen Augenblick hielt er inne, lediglich um im sarkastischen Tonfall den letzten Rundumschlag auszuteilen. »Aber sag ja nicht, es gäbe keine anständigen Lesepornos mehr … oder hast du etwa bereits alle durch?«

Sein Vortrag verschaffte ihm die exklusive Ehre, mit Steffis relativ seltenen Pass-bloß-auf-Blick beschenkt zu werden.

»Was denn«, keifte er zurück. »Stimmt doch! Wie viele Liebesschnulzen liest du in der Woche?«

»Zehn.« In ihrer Stimme schwang eine gehörige Portion Stolz mit.

Und er wusste allmählich nicht mehr, wohin er geraten war. Etwa in eine verfickte Daily Soap, oder was? Und überhaupt: Wie, zur Hölle, konnte man auf eine solche nichtssagende Leistung Stolz empfinden?

»Zehn? … Woher nimmst du dir die Zeit für diesen Blödsinn?«

Ihre Schminkobsession musste geringstenfalls eine Stunde täglich verschlingen – von Hausarbeit, Kochen und ihrem Dreißigstundenjob sprachen wir da noch gar nicht!

»Das sind Kurzromane«, gab sie beleidigt-arrogant zurück. »Die haben durchschnittlich an die hundert Seiten.«

Kurzromane …

Tracey schüttelte sich.

Diese abartigen Schundbücher in der Rubrik ›Liebesroman‹ diverser Onlineshops waren das Spiegelbild der gegenwärtigen Gesellschaft: einfältig, sexsüchtig, konsumorientiert, gefühllos, egoistisch, narzisstisch und last but not least: stilistisch zwar nahezu perfekt, dafür gänzlich kreativ-, charakter- und seelenlos.

»Dann zieh dir zur Abwechslung einmal einen richtigen Roman rein. Möglicherweise hilft der dir, deine krankhafte Neugier zu bändigen.«

Und womöglich würde sie sich dadurch weniger aufgeilen, stattdessen ein wenig ihren Horizont erweitern.

»Hier geht es nicht um meine Lesegewohnheiten«, konterte sie. »Sondern um deine dir feuchte Nächte bescherende Traumfrau.«

Und in exakt diese verfickte Richtung hatte sich diese Konversation niemals entwickeln sollen!

»Ich will nicht weiter darüber sprechen. Wechseln wir das Thema.«

»Nein, nein!« Zum zweiten Mal stemmte sie die Hände gegen die Hüften.

Versuchte sie, durch diese nervtötende Geste ihre kleine Körpergröße von nicht einmal einem Meter fünfzig zu kompensieren?

»Ich lass dich erst in Ruhe, wenn du mir alles gesagt hast … Oder –« Sie schielte durch den Raum. »Du eine dieser billigen Weiber da ums Eck aufreißt.«

Tracey hätte sich beinahe an seinem grässlich bitteren Bier verschluckt. »Hey! Geht’s noch?!«

Wo waren wir denn hier?! Im Kindergarten?!

Sie schmunzelte. »Diese krankheitsverseuchten Tussen wirst du sicherlich nicht ansprechen, darum überwinde dich und erzähl mir ein wenig von deinen erotischen Gedanken.« Es trat eine kurzweilige Pause ein, in der sie sich stumm anstarrten und in Tracey ein sich rasend schnell anwachsender Drang entstand, aufzustehen und das Lokal zu verlassen. »Glaub mir, das kann sehr befreiend sein.«

Weshalb wurde andauernd er vom Schicksal gequält?

Weshalb?

Anstatt aufzustehen, stützte er sich auf die Theke und vergrub das Gesicht in seinen Händen. »Du machst mich echt fertig.«

Zum Glück folgten keine beleidigenden Widerworte ihrerseits.

»Sei kein Mädchen.«

Zu früh gefreut.

Er atmete tief durch.

Trotz seines Unmuts und seiner – zugegebenermaßen – infantil angemuteten Eigenschutzreaktion eben erhob sich eigenartigerweise ein winziges Körnchen Verlangen, seine Fantasien zu offenbaren.

Weshalb?

Er wusste es beim besten Willen nicht!

Lag es womöglich daran, herauszufinden, ob seine Ansprüche zu hochgesteckt … unerfüllbar waren?

War er womöglich deshalb seit einem Jahr alleinstehend? Hatte er sich deshalb andauernd die falschen Weiber aufgehalst? Womöglich stand er auf den komplett falschen Typ Frau? Würde dieses Gespräch etwas Licht in diese Dunkelheit bringen?

Nach einigen Momenten des Innehaltens und Sammelns raffte er sich nochmals auf und griff nach seinem Krug. »In Ordnung. Ich erzähle dir alles. Aber untersteh dich, mich auszulachen oder Witze darüber zu reißen!«

»Ich schwöre es dir!« Steffi sah sehr aufrichtig aus dabei – allen voran ihre überschwänglichen Handgesten. »Ich werde weder lachen noch dich hänseln.«

»Das hoffe ich.« Er räusperte sich. »Nun … Die Haarfarbe ist mir ziemlich gleichgültig.«

»Echt jetzt? Keine Wunschfarbe? Pechschwarz, strohblond, feuerrot, knallig Pink, meliertes Grau?«

Tracey zuckte die Schultern. »Ist mir wirklich wurscht … allerdings gefallen mir natürliche Frauen.«

»Aha!« Sie streckte den Zeigefinger in die Höhe – den Blick auf irgendeinen ihn unbekannten Punkt hinter ihn gerichtet.

Anscheinend ergänzte sie eben ihre ›Traceys-Traumfrau-Liste‹.

»Wenig bis gar kein Make-up … okay.« Dies murmelnd hervorgebracht, fand ihre Aufmerksamkeit wieder zu ihm. »… Und sonst?«

»Nun ja … ich mag schlanke Frauen.«

»Das hatten wir schon durch.«

Er überlegte.

»Ich mag es, wenn Frauen sich zurückhaltender geben.«

»Ernsthaft?« Sie hob die Augenbrauen hoch. »Sofern ich das richtig in Erinnerung behalten habe, sind deine Ex-Freundinnen das krasse Gegenteil davon.«

Ein schmerzhafter Stich durchfuhr ihn – erinnerte an ein glühendes, zackiges Messer, welches ihm das Fleisch von den Rippen schnitt …

Tracey atmete stoßweise durch, verdrängte Hass und Trauer – scheiterte fatalerweise vollumfänglich daran.

Es war irrsinnig viel Zeit vergangen, trotz alledem tat ihm eine jede seiner erfolglosen Beziehungen in der Seele weh.

Verflucht noch einmal!

»Sicherlich«, erwiderte er genervt und stierte Steffi tief in ihre Augen. »Weil sie mir ihre kratzbürstigen Seiten erst reichlich spät offenbarten. Und deshalb nenne ich sie ja Ex.«

Zum Abschluss knallte er das Bier auf die Holztheke.

Verfickte Dreckfotzen!

All die Allüren und das penetrante Herumgezicke, die ewigen Streitereien und das besserwisserische Getue. Sämtliche seiner Ex-Weiber waren der blanke Horror! Beziehungsunfähig und soziopathisch!

»Was ist dir noch wichtig an einer Frau?«, zog Steffi ihn aus seinen bitteren Erinnerungen. »Wünsche hinsichtlich besonderer Freizeitbeschäftigungen oder Vorlieben?«

Ein zweiter Stich schlug in ihm ein.

Dieses Mal fühlte sich dieser jedoch nicht solcherweise unangenehm an – eher prickelig, wimmelig …

»Nein, mehr gibt es nicht«, log er.

Er wollte ihr dieses eine klitzekleine und doch für ihn sagenhaft erregende Detail nicht anvertrauen.

Nein, auf gar keinen Fall würde er das.

Steffi gab ihm einen Klaps. »Natürlich ist da noch mehr! Eine Traumfrau besteht schließlich nicht aus einer schlanken Figur.«

»O Mann …« Er wischte sich über die Stirn … und betete für Mut und Willensstärke. »Du reitest solcherweise lange darauf rum, bis ich es dir sage, oder?«

Steffi grinste siegessicher. »Darauf kannst du wetten!«

Und das glaubte er ihr aufs Wort.

»Erzähl’s mir, Griesgram.« Frech stupste sie ihn mit ihrem Ellbogen an. »Gib dir einen letzten Ruck. Du kennst mich, niemals würde ich ein Geheimnis ausplaudern.«

Natürlich wusste er, wie diskret Steffi sich in solchen Dingen verhielt. Sie war die Einzige, der er hundertprozentig vertraute. Falls er irgendwem diese intimen Fantasien anvertrauen würde, dann ihr.

Aber jetzt? Und hier?

Er schob den Krug über den polierten Tresen. »Weißt du … ehrlich gesagt, habe ich diese eine Sache noch keinem gestanden.«

Und das hörte sich derart kindisch an – gerne hätte er sich mit dem wuchtigen Bierkrug niedergeschlagen.

Sie rückte näher zu ihm. »Ich sage es wirklich niemandem. Versprochen.«

Scheiße.

Sollte er?

Sollte er nicht?

Konnte er es tatsächlich wagen? Sollte er es tatsächlich wagen? Durfte er es tatsächlich wagen?

Drauf geschissen!

»Ich mag es nicht, wenn Frauen mit mehr Männern herumgevögelt haben, als ich zu meinen Bekannten zählen kann.«

Das klang zwar noch nicht ganz eindeutig … aber womöglich begriff Steffi es dennoch.

»Ah verstehe.« Sie richtete sich auf. »… Das bedeutet dann: höchstens drei Ex-Freunde.«

Wie jetzt?!

»Du glaubst, ich stünde lediglich mit drei Leuten in engerem Kontakt?«

Sie kicherte. »Das hast du gesagt!« Etwas leiser fügte sie hinzu: »Du Eremit.«

…

Blöde Schnepfe!

»Wenn du mir auf diese asoziale Weise kommst, Steffi, dann sage ich gar nichts mehr.«

»Hey! Zick nicht rum! Du bist Einzelgänger. Das ist eine Tatsache.«

Er begutachtete die lineare Holzmaserung des Tresens. »Aus einem einfachen Grund: Mit diesen gesellschaftlich unfähigen Leuten komme ich nicht zurecht.«

Er war regelrecht dazu gezwungen worden, sich von der Allgemeinheit abzukapseln. Menschen wie seine Wenigkeit wurden ignoriert, oder im günstigsten Fall beleidigt, verarscht oder angefeindet. Deshalb sollte es wenigstens mit einer Partnerschaft klappen. Er wollte eine Frau, die sich ein Leben mit ihm aufbaute – keine mauerverbeißende, hinterfotzige Drecksschlampe, die ihm das gemeinsame Leben zerstörte!

»Das heißt somit«, fasste Steffi seine Äußerung nochmals zusammen. »Sie soll wenige Beziehungen hinter sich haben.«

Langsam wandte er sich ihr zu. »… Noch besser wären gar keine.«

Verfickte Scheiße!

Warum hatte er das gesagt?! Verfluchter Alkoholspiegel! Morgen würde er sich dafür verteufeln!

Nein.

Das tat er längst!

Scheiße …

Er suchte nach irgendwelchen Anzeichen – Unverständnis, Spott, Hohn … doch alles, was Steffi tat, war ihre Augen minimal zu weiten.

»Eine Jungfrau?«, erwiderte sie sachlich – womit er ungleich weniger gerechnet hatte. »Verstehe … Das ist leider ziemlich selten heutzutage. Besonders in deinem Alter … Und eine Minderjährige? Na, ich weiß nicht.«

Er hielt die Hände von seinem Körper weg. »Hey! Ich bin nicht pädophil!«

»Das weiß ich wohl … aber ab zwanzig aufwärts wirst du keine unberührte Frau mehr antreffen. Und wenn doch, hat die bestimmt mächtig einen an der Klatsche oder ist, wie du vorhin sagtest, hässlich wie die Nacht finster.«

Seine Hoffnung verging wie ein mickriges Salatpflänzchen in der heißen Augustsonne.

»Meinst du? Ist Jungfräulichkeit so selten geworden?«

Sie überlegte etwas. »Warte mal … Eine kenne ich. Sie sieht sogar ziemlich passabel aus. Sie meint, sie wolle auf den Richtigen warten.«

Traceys Herz begann zu klopfen. »Dann habe ich doch Chancen!«

Diesen Irrsinn noch nicht gänzlich ausgesprochen, schlug der eiskalte Blitz der Erkenntnis in seine Magengegend.

Verdammte Scheiße!

Niemals hatte er seine Vorliebe bezüglich unberührter Frauen offenbaren wollen – immerhin war dies die törichte Fantasie eines naiven Idioten … unerfüllbar, infantil, restlos behämmert!

»Schon …«, erwiderte Steffi. »Allerdings nicht so oft, wie du es gerne hättest.« Sie trank einen Schluck Wasser. »Glaube mir, das wird sicherlich nicht einfach werden.«

Die Fassung zurückerlangt und einen Schluck Bier getrunken, versuchte er, seinen kleinen Gefühlsausbruch zu überspielen. »Ich habe nie davon gesprochen, eine Jungfrau in der Realität anzutreffen und zu daten. Wir sprechen über Träume, vergessen?«

»Aber liegt dir verdammt viel daran … deiner Reaktion zufolge.« Steffis verschmitztes Lächeln jagte ihm einen kalten Schauer über den Körper. »Und nun zurück zum Thema. Gibt es sonst noch etwas, das sie auszeichnen soll? Ein Beruf zum Beispiel oder eine weitere charakterliche oder körperliche Eigenschaft?«

Da brauchte er nicht lange zu grübeln.

»Wenn es lediglich um eine verrückte Fantasie geht –«

»Ja-ha, das habe ich dir doch gesagt, oder?«, unterbrach sie ihn sichtlich ungeduldig. »Red einfach geradeheraus – nicht die ganze Zeit um den heißen Brei … wie ein verklemmtes Weib.«

Er brummte. »Okay, schon gut, schon gut.« Er zögert etwas. »Lehrerin oder professionelle Turnerin – und ungeküsst sollte sie sein.«

Nun brachte Steffi das erste Mal echte Verwunderung zum Ausdruck. »Jungfrau und ungeküsst? Das ist aber eine verdammt altmodische Einstellung.«

»Hey!« Tracey setzte sich gerader hin. »Du wolltest es wissen!«

Ein verspielt-neckisches Grinsen huschte über ihre vollen Lippen. »Das stimmt … Trotzdem habe ich mit einer solchen Neigung deinerseits nicht gerechnet.« Sie schwenkte ihren Kopf hin und her und warf ihm schlussendlich einen undefinierbaren Blick zu. »Aber Lehrerin … Ich will nicht wissen, wie deine Fantasien da mit dir durchgehen.« Sie leerte ihr Whiskeyglas. »Ein langes Lineal, mit dem sie dir den Arsch versohlt?«

Er funkelte sie an. »Ich stehe nicht auf ›Fifty Shades of Grey‹, unbedeutend welche Position ich dabei einnehmen würde!«

Weitere Vermutungen ließen nicht lange auf sich warten. »Ein zugeknöpftes Outfit? Bieder und altmodisch?« Dies kundgetan, folgte sogleich der längst überfällige Seitenhieb. »Genau wie du?«

»Steffi!«

»Aber dann, wenn ihr beide alleine im Klassenzimmer seid, zeigt sie dir, wie verdorben sie wirklich ist.«

Hitze erfasste ihn.

Verflucht.

Verflucht.

Ja!

Ja!

Exakt ein solches Szenario hatte er sich dutzende Male ersonnen.

Eine hochgeschlossene Bluse … doch anstatt eines langen Faltenrocks tröge sie einen hautengen Minirock, da ihr sexuelles Verlangen längst schmerzhafte Ausmaße angenommen hatte … sie endlich ausgefüllt, geführt und benutzt werden wollte – von ihm. Ausschließlich von ihm.

…

Er träte hinter sie und schöbe in aller Gewissenhaftigkeit den dunkelblauen Rock hoch. Verängstigt dennoch schier blind vor Lust würde sie ihren Oberkörper auf ihren pingeligst zusammengeräumten Bürotisch lehnen … die Beine gespreizt, das Herz rasend, die perfekt manikürten Finger um den Tischrand geklammert …

Eine ruckartige, gekonnte Bewegung – und ihr dunkelroter Spitzenstring glitte zu Boden … Ein verschüchtertes Japsen, ein Aufzittern ihres Leibs … Seine sich um ihre grazilen Hüften legenden Hände … Und seine stramme, tief in ihren nassen, glühenden, engen Schoß dringende, vor Geilheit pochende Männlichkeit …

»Jungfräuliche Lehrerin?«, riss Steffi ihn aus seinen heißmachenden Vorstellungen.

Er nickte gedankenverloren.

»Die ihre ersten sexuellen Erfahrungen in ihrem eigenen Klassenzimmer macht?«

Verdammt, ja! Was denn sonst? Das war einer seiner zahllosen Träume. Oder dieser hier: Sie seinen Namen hilflos-beschämt wimmernd, währenddessen er sie in seinen Armen hielte und mit seinen Händen behutsam verwöhnte.

…

Himmel, Arsch!

Wenn er seinen Träumen nicht bald Einhalt gebot, bekäme er noch in aller Öffentlichkeit einen verdammten Ständer!

»Jetzt ist aber gut, verdammt!«, schimpfte er und zwang sich, die hochschäumende Erregung zu verscheuchen.

»Ich habe bloß überlegt, was du dir vorstellen könntest«, konterte seine beste Freundin unschuldig.

»Ja, und genau das wollte ich verhindern.«

Sie lehnte ihren rechten Unterarm gegen den Tresen und bedachte ihn verständnisvoll. »Du kannst dir sicher sein: Ich werde es niemandem verraten.«

»Ich hoffe es … Und versuche erst gar nicht, mir ein Rendezvous zu verschaffen!«

Eine hässliche, durchgeknallte Jungfrau war das Letzte, das er daten wollte!

Steffi verfiel in ein herzliches Gelächter.

Sämtliche seiner Alarmglocken schrillten.

Wenn er sich nicht gänzlich täuschte, steuerte er auf ein neues Desaster zu. Dafür, da war er sich sicher, würde diese Verrückte schon Sorge tragen!

Früher oder später.

2. Pussywagon

Was für’n verdammter Scheißtag!

Sein Urlaub war gestrichen worden – wieder einmal. Dabei wollte er lediglich eine einzige verfickte Woche Auszeit!

Wer hingegen bekam sofort und ohne Diskussionen zwei Wochen Urlaub? Sämtliche Kollegen, die sich Eltern nennen durften!

Wie immer.

Hatten Singles in dieser verfluchten Welt kein Anrecht mehr auf Erholung und Privatzeit? Musste er erst Vater werden, um von Vorgesetzten und Kollegen ernstgenommen zu werden?

»In den Energieferien hat die Schule geschlossen. Dementsprechend sind die Kinder zu Hause, Tracey«, äffte er die pathetischen Worte seines Chefs nach. »Da benötigen die Eltern ebenfalls Urlaub. Sei nicht herzlos. Denke lieber einmal an die fürchterlichen Probleme mit der Unterbringung der Kinder, wenn Mama und Papa arbeiten müssen!«

Dann hätten diese verfickten Scheißleute keine verfluchten Kinder zeugen sollen! Wer war auch derart gehirnamputiert und setzte in diese verrottete, egoistische Welt Nachwuchs?

Höchstwahrscheinlich all die arbeitsunwilligen Frauen, die auf Lasten des ehrlichen Steuerzahlers Familienbeihilfe und Steuervergütungen abkassieren wollten. Oder damit deren machomäßige Ehegatten prahlen konnten, sie hätten ihre Weibsbilder erfolgreich geschwängert – in etwa: Ich bin potent und der Leitrammler unseres Viertels … ich kann es meiner Frau anständig besorgen, das sieht man an ihrer fetten Babykugel, die sie süffisant herausdrückt und mit enggeschnittenen Kleidern zusätzlich ekelhaft in Szene setzt …

Und was erwartete dem Nachwuchs dieser Zeit?

Mobbing.

Kapitalismus.

Facebook.

Traceys Blutdruck schoss explosionsartig in die Höhe.

Diese Bastarde!

Er hatte diesen verfickten Urlaub vor einem halben Jahr eingetragen! Sollten diese Pseudoeltern ihren genetischen Sondermüll doch bei deren Großeltern abliefern!

Verfluchtes Leben!

Er empfand große Lust, gegen das Lenkrad zu schlagen, andererseits war der alte VW ebenso wenig für diese seine Situation verantwortlich wie er selbst.

Er rieb sich über die Nase, schluckte seinen Groll hinunter und bog in die Feldkirchnerstraße ein.

Zum Glück fiel der Nachmittagsverkehr heute nicht allzu zäh aus. Schleichende, die zweite Spur blockierende Autofahrer waren das Letzte, mit dem er sich nun herumärgern wollte – zumal er heute bereits dreimal damit zu kämpfen gehabt hatte.

Just drängte sich ein rot lackierter zweihundertvierziger Mercedes Benz Kombi zwischen ihn und den vor ihm fahrenden dunkelgrünen Skoda Octavia. Soviel er erkennen konnte, saß in dem Neunzigerjahre-Mercedes ein alter Sack samt Hut am Steuer – der, sich eben eingereiht, logischerweise sofort das Tempo verringerte.

»Na ganz fein!«, polterte Tracey. »Nicht noch einmal!«

Er blickte auf den Tacho: Vierzig.

Dieser halb tote Sack fuhr tatsächlich vierzig!

Verfluchte Senioren!

Was hatten diese sabbernden, inkontinenten, senilen Flachwichser hinter einem Lenkrad verloren?! Das waren tickende Zeitbomben – gleichzusetzen mit alkoholisierten oder unter Drogeneinfluss stehenden Lenkern! Die sollten sich besser in ihre Stammkneipe oder den örtlichen Seniorenklub verziehen, Bingo spielen und ›Willkommen Österreich‹, ›Klingendes Österreich‹ oder ›Mei Liabste Weis‹ glotzen.

Weitere dutzende gedankliche Schimpftiraden später ordnete Tracey sich zur Ruhe. Es half nichts, durchzudrehen. Es half nichts. Und wer wusste, war dieser Pensionist bald einer seiner nächsten Kundschaften …

Sein erhitztes Gemüt ein winziges bisschen abgekühlt, erhöhte er den Abstand zum schleichenden Mercedes und schaltete das Radio an. ›Umbrella‹, ein Song, der ihn an Fingernägel erinnerte, welche über eine Schultafel kratzten, drang blechern aus den alten Boxen.

Innerlich fluchend tat er das einzige Vernünftige: Er schaltete wieder ab.

Ja, die Sache mit dem Urlaub … Wenn es dabei bloß geblieben wäre! Der Gipfel dieses beschissenen Tages bildete jedoch der neue Dienstplan: Sein Chef hatte ihn die nächsten Wochen für die vormittäglichen Krankentransporte eingeteilt! Die Dienstzeit war zwar klasse – immerhin kam er jeden Abend um siebzehn Uhr nach Hause –, alte jammernde Leute von einem Arzt zum nächsten zu kutschieren stellte allerdings nicht unbedingt die befriedigende berufliche Herausforderung für ihn dar.

Noteinsätze waren es, für die er lebte.

Das Gefühl, der Allgemeinheit helfend unter die Arme zu greifen bedeutete schlichtweg alles für ihn.

Selbstverständlich fielen alltägliche Krankentransporte ebenso in dieselbe Rubrik, dessen ungeachtet lasteten solche Aufgaben ihn nicht aus. Krankentransporte langweilten, ja unterforderte ihn regelrecht. Tracey wollte helfen, anpacken, etwas verändern – notleidenden Menschen in ihrer ausweglosen Stunde zur Seite stehen. Er wollte ihnen Sicherheit vermitteln … und jetzt saß er hinter dem Lenkrad und wurde von Schleichern ausgebremst!

Scheiße!

Nun, zumindest ein Gutes hatte es: Sein dunkelhaariger Kollege Franz, den er nicht eben zu seinen besten Freunden zählte, durfte hinten sitzen und sich die langweiligen Geschichten der zittrigen Greise anhören.

Jetzt ebenfalls.

Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Die ihn jäh fürchterlich blendende, tief stehende Frühlingssonne riss ihn aus seinen Grübeleien.

Abermals fluchte er – dieses Mal zur Abwechslung gut hörbar –, hatte er doch seine Sonnenbrille daheim vergessen.

Was, zur Hölle, lief heute eigentlich nicht schief?

Da erinnerte er sich an eine weitere klitzekleine Bedeutungslosigkeit zurück: Die demenzkranke Rentnerin, die ihn von oben bis unten vollgekotzt hatte.

In aller Früh.

…

Scheiß Drecksmontag!

Den Mercedes nachkriechend, der vermutlich ebenso altersschwach war wie dessen Fahrer, bog Tracey in die Rosentalerstraße ein.

Wann würde dieser Vollidiot endlich von der verfickten Straße verschwinden?!

Eben wollte er zum Überholvorgang ansetzen, da schwenkte das Opamobil ebenfalls nach rechts – ohne optische Vorwarnung, sprich den Blinker zu betätigen.

»Ja, hat der sonst keine Probleme, oder was?!«, keifte Tracey. »Verfluchte Pensionisten!«

Nicht mehr lange, und er würde ernsthaft durchdrehen …

Nun … zum Glück war endlich die Straße frei geworden.

Er atmete tief durch und beschleunigte.

Bloß noch Mr. Herzkrank zu Hause abliefern, dann war Schluss für heute.

Eine sanfte Vorfreude breitete sich in ihm aus.

Alsbald er den Krankentransporter zurück zur Basis gebracht hätte, würde er heimfahren, sich heiß duschen, eine Bretterljause richten und sich einen knallharten Actionfilm reinziehen.

Vielleicht einen Van Damme? Oder einen Stallone? Nein, einen Seagal!

Hinter einem grässlich pink lackierten Wagen hielt Tracey an. Dieser wartete, wie dutzende weitere PKWs, links und rechts neben, vor und hinter ihm, an der vorletzten Kreuzung des Klagenfurter Randbezirks.

Er betrachtete die schief angeschraubte Nummerntafelhalterung, die verbeulte pinkfarbene Stoßstange, das mit Rostbeulen übersäte Heck …

Was für eine blonde Schnepfe saß da wohl hinter dem Steuer? Sicherlich eine ohne Job …

Die Ampel sprang auf Grün und der Pussywagon fuhr an.

Wohl rief das Auto Augenkrebs und Bindehautentzündungen hervor, doch zumindest würgte die Fahrerin den Motor nicht ab.

Wenn man dermaßen viel Zeit wie Tracey auf der Straße verbrachte – insbesondere in der Stadt –, wurde man zwangsläufig Zeuge von Erlebnissen, die man nicht einmal in einem durchgeknallten Quentin-Tarantino-Film zu sehen bekam. Beispiele gefällig? Vor rund drei Jahren hatte er einen italienischen Fahrer angetroffen, dessen Fahrzeug weder Rücklichter noch Seitenscheiben besessen hatte. Zudem gelang es dem Trottel nicht ein einziges Mal, die Kupplung vernünftig zu betätigen. Dies bedeutete, alsbald der Fahrer in den nächst höheren oder niedrigeren Gang wechselte, sprang die schrottreife Kiste einen halben Meter weit nach vorn. Ein andermal hatte Tracey sich gegen rücksichtslose GTI-Fahrer zur Wehr setzen müssen. Diese hatten in einer unübersichtlichen Kurve zu einem Überholmanöver angesetzt. Auf gleicher Höhe mit ihm tauchte logischerweise ein entgegenkommendes Fahrzeug auf, womit diese verkackten Piefke sich schneidend vor ihn hatten drängen müssen. Ähnlich brutal verhielten sich sämtliche slowenischen Staatsbürger. Da wurde geschnitten, gedrängt und mit wahnsinniger Geschwindigkeit drei, vier oder fünf Wagen gleichzeitig überholt – verständlicherweise in ähnlich unübersichtlichen Kurven wie bei der zuvor erwähnten GTI-Vollpfosten-Geschichte.

Wer nun dachte, lediglich verrückte Ausländer stellten Straßenrowdys dar, der irrte: Fahrunfähige Österreicher gab es ebenfalls zu Genüge! Ausgesprochen waghalsige Raser stellten sämtliche verschissenen Wiener dar, die vorzugsweise mit präpotenten PS-Schleudern aka BMWs durch die Stadt preschten. Spittaler und Klagenfurter teilten sich den zweiten Platz, wenn es um überhöhte Geschwindigkeiten und eine schneidende, drängelnde Fahrweise ging.

Woher all diese unterbelichteten, die Allgemeinheit gefährdenden Dreckskrüppel ihren Führerschein erhalten hatten – gerade einparken, Blinker benützen und sich den Witterungsverhältnissen anpassen, war für all diese erwähnten Idioten ein Ding der Unmöglichkeit –, fragte er sich nahezu tagtäglich. Er begnügte sich mit der Ansicht, dass wohl mehrere Fahrschullehrer bestochen worden waren.

Der vor sich hin tuckernde Pussywagon vor ihm brachte ihn ins Hier und Jetzt zurück.

Er schaute auf den Tacho.

Dreißig.

Was zur Hölle?!

Einunddreißig.

Zweiunddreißig.

Dreiunddreißig.

Was sollte das werden, wenn es denn jemals fertig werden würde?

Nachdem der Pussywagon selbst nach zweihundert Metern nicht auf die erlaubte Höchstgeschwindigkeit beschleunigt hatte, erreichte Traceys schlechte Laune einen neuen Tiefstpunkt.

Was war heute los?! Wieso gab diese blöde Kuh nicht endlich vernünftig Gas?

Eine weitere rote Ampel nötigte den Pussywagon abermals zum Halten – und in weiterer Folge den seinen.

»Alter! Das gibt’s nicht!«

»Was ist los?«, rief Franz von hinten.

»Da ist abermals so eine elendige Tusse vor mir, die nicht vernünftig fahren kann!«

»Reg dich ab. Wir sind eh gleich da.«

Ja, ja … du hast gut Reden! Du musst dich nicht mit diesen behinderten Linkswichsern rumärgern!

Die Ampel schaltete auf Grün, und der pinke Wagen beschleunigte erneut so schnell wie eine Weinbergschnecke.

Verfickt noch einmal!

…

Er blendete auf.

Immerhin fuhr er ein verschissenes Rettungsfahrzeug! Diese impertinente Tante sollte ihren fetten Arsch von der verdammten Straße wälzen und seinetwegen irgendwo in der Pampa umher kreisen und Almöhis auf den Sack gehen!

Sie hingegen wurde weder schneller, noch bog sie ab oder wechselte die Spur.

Konnte das die Möglichkeit sein?

»Ist die blind, oder was?!«

Erneut betätigte er das Aufblendlicht.

Keine Reaktion.

»Zum Teufel! Jetzt reicht’s!«

Er fuhr knapp zu ihr auf, machte sie dreimal hintereinander mit der Lichthupe darauf aufmerksam, die verfickte Seite zu wechseln …

Und was tat sie? Sie wurde … langsamer!

Sein Blutdruck musste in diesem Moment eine jede kritische Skala gesprengt haben – da schwenkte der Pussywagon endlich nach rechts.

Er fuhr in gleicher Höhe auf …

Blicke trafen sich.

Kalt, verächtlich und belehrend der ihre.

Jäh dämmerte es ihm: Es war pure Absicht gewesen! Dieses Miststück hatte es exakt darauf angelegt … hatte ihn demütigen wollen!

Diese verfluchte Nutte!

Die sich schnell nähernde Tankestelleneinfahrt rückte in sein Blickfeld. Ehe er weiter nachzudenken in der Lage gewesen wäre, lenkte er zu dem ekelhaften Ungetüm eines PKW.

Erst reagierte die Frau gar nicht, dann setzte ein Hupkonzert ein. Letzten Endes nutzte ihr dies aber rein gar nichts und er nötigte sie dazu, in die Tankstelle einzubiegen.

Sie hielt an.

Er hielt an.

Während er den Wagen verließ, hörte er noch, wie Franz ihm ein »Was wird denn das jetzt?« nachrief.

Tracey reagierte nicht mehr darauf. Zu fixiert war er auf das bevorstehende Aufeinandertreffen: Drecksschnepfe gegen Krankentransportfahrer.

»Sind Sie noch ganz dicht?!«, keifte die junge Gitsche und näherte sich ihm schnellen Schrittes. »Was soll der Scheiß?!«

In Tracey brodelte eine derartige Wut, beinahe hätte er das atemberaubend elegante Outfit der Lenkerin übersehen. Dabei liebte er es für gewöhnlich, hübsch gekleidete Frauen genauestens anzusehen.

Dies hatte ihm seit jeher imponiert – selbstbewusste Frauen in perfekt sitzenden Businesskleidern oder Hosenanzügen. Dazu eine gepflegte Frisur, High Heels, ein eleganter Mantel, vielleicht noch eine große Sonnenbrille …

Frauen in schönen Gewändern hatten schlichtweg etwas ausgesprochen Ästhetisches und Betörendes an sich, dessen er sich um nichts in der Welt zu entziehen vermochte.

Doch heute? Da sah er alleinig Rot – im wahrsten Sinne.

Der Bruchteil einer Sekunde war nötig, um die Dreckschnepfe in die korrekte Kategorie einzuordnen: Vorzimmerdrachen … und Ex-Freundin.

Meine Fresse!

Sie zeigte tatsächlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit seiner vermaledeiten, verfickten Verflossenen namens Klara, welche ihn vor einem Jahr verlassen hatte. Das rote Haar, die großen runden, dunkelblauen Augen und die ewig langen, in feine Netzstrümpfe gehüllten Beine – verflucht, die beiden hätten Geschwister sein können. Und seine Dreckschlampe von Ex war die schlimmste Hexe, die ein Mann sich auszumalen imstande war!

»Sie glauben wohl, Ihnen gehört die verdammte Straße?!«, polterte Pseudo-Klara. Ihre Stimme hatte einen herrischen wie tiefen Klang – satt, selbstbewusst, emanzipiert.

Ergo: ein gänzliches Flintenweib.

Sein Zorn verwandelte sich in brachialen Hass. Dieser wiederum rief grauenhafte Erinnerungen seiner mauerverbeißenden Ex ab.

Mit ziemlicher Sicherheit beharrte dieses vor ihm stehende Prachtexemplar einer Giftspritze ebenfalls auf dieses bescheuerte Gendern und pfändete sie ihren Ex-Freund angesichts einer ungewollten Schwangerschaft bis aufs Blut!

Solche Weiber – nein, alle Weiber – waren dieselben!

Ausnahmslos!

Anstatt der Gewitterziege zu antworten, wartete er drauf, welchen unsinnigen Scheiß diese noch von sich zu geben getraute. Doch eines war klar: Würfe sie ihm bloß ein einziges Gott verdammtes falsches Wort an den Kopf, würde er ihr eine scheuern, dass sie sich dreimal im Kreise drehte!

Sie traten zueinander – und sie zeigte ihm fidel einen Vogel. »Gehst’s eigentlich noch?! Sie haben wohl zu viele Actionfilme angeschaut!«

In ihrem makellosen Gesicht lag so viel Wut und Hass – wahrscheinlich ähnlich viel wie in seiner eigenen Seele.

Wie alt mochte das Flittchen wohl sein?

Zwanzig? Achtzehn?

»Ich werde das der Polizei melden!«

Polizei?

Er lachte. »O nein, Schätzchen! Du wirst dich selbst anzeigen! Einen Rettungswagen zu behindern ist die Oberfrechheit!«

»Sie elendiger Drecksack! Was bilden Sie sich überhaupt ein?!«

…

Drecksack?!

…

…

Etwas Dumpfes … Schmerzliches legte sich vor sein Sichtfeld – und sämtliche Vorwürfe Klaras hallten in seinen Ohren wider.

»Du elendiger Drecksack! Fünf Monate meines Lebens habe ich mit dir vergeudet! Wie willst du mir diese verlorene Zeit zurückzahlen? Scheißkerl!«

»Du bist ein Versager von hinten bis vorn! Hast nicht einmal einen vernünftigen Job mit fixen Arbeitszeiten. Wie willst du mir da ein anständiges Leben ermöglichen?«

»Langweiliger geht’s mit dir wirklich nicht mehr! Erst deine biederen Vorstellungen einer Beziehung … dann dein mich anödender Blümchensex … und jetzt willst du nicht einmal mit mir in Urlaub fahren?!«

»Wärst du wenigstens flexibel oder selbstbewusst, spontan und nicht so eine penetrante Spaßbremse! Aber bei dir, ernsthaft, da ist Hopfen und Malz verloren!«

…

Irgendein Schalter in ihm kippte um.

Seine Gedanken kamen zum Erliegen. Die Szenerie um ihn herum verwandelte sich in ein graues Einerlei.

Er holte aus –

Und sie blockte ab, schlug ihm in den Magen und verpasste ihm einen Tritt gegen seinen rechten Oberschenkel.

Professionelle Kampfkunst, schoss es durch seine adrenalindurchtränkten Gehirnwindungen. Reagiere. Reagiere!

Sie schlug nochmals zu. Nun war jedoch er es, der abwehrte und ihre offene Deckung benutzte, um sie zu Boden zu bringen, indem er ihr seine rechte Faust in ihren angespannten Bauch pfefferte, und sein rechtes Bein zwischen ihre hakte.

…

Von einer Tusse niedergeschlagen zu werden – das hätte noch gefehlt!

…

»Scheiß elendiges Drecksweib! Diese Scheiße reicht mir allemal!«

Er wollte nochmals zuschlagen, da wurde er von jemandem gepackt und zurückgezogen.

»Hey! Spinnst du?!«, drang ein von weit her anmutendes Geschrei in seine Ohren. »Was machst du denn?!« Falls er sich nicht komplett irrte, gehörte die Stimme zu Franz, der ihn – so schien es jedenfalls, genau konnte er dies aufgrund seines Wutanfalls nicht beurteilen – von hinten fixierte. »Das geht doch nicht!«

Er wollte sich von ihm losreißen, dadurch wurde Franz’ Griff bedauerlicherweise bloß fester.

Dies erinnerte ihn einmal mehr daran, weshalb er diesen Typen beim Tode nicht ausstand!

Franz musste in allem besser sein.

Mit Karate beispielsweise hatten sie gleichzeitig begonnen. Und wer legte eine Prüfung nach der anderen bravourös ab? Genau. Franz. Und wer angelte sich jedes sympathische, gut aussehende, intelligente, witzige Weib? Genau. Franz. Und wem wurde der Urlaub nächste Woche nicht gestrichen? Genau. Franz!

Es war zum Kotzen!

»Verflucht! Die Frau liegt am Boden und du willst noch einmal zuschlagen? Geht’s dir noch gut?!« Sein Kollege drehte ihn zu sich um. »Was ist los mit dir? Willst du dir etwa eine Anzeige wegen Körperverletzung aufbrummen lassen?«

Diese Worte sowie des Kollegen bestürzter Gesichtsausdruck hatten eine gewisse Wirkung, welche dieses hartnäckige rote Tuch von seinen Augen zog.

Schwer atmend drehte Tracey sich zur Tusse zurück.

Nach wie vor lag diese auf dem trockenen Asphaltboden, die Beine halb abgewinkelt aneinandergepresst, die Augen in Schock weit aufgerissen, ihre zierlichen Arme schützend an ihren Oberkörper gedrückt.

Ein Gefühl, vergleichbar mit dem einer eiskalten Dusche, vernichtete letzte Verwirrtheitszustände und brachte ihn gänzlich zur Besinnung zurück.

Was zur Hölle hatte er da verbockt?! Er war doch kein Schläger! Noch nie zuvor hatte er einem Menschen Gewalt angetan. Nicht einmal seiner Drecksfotze von Ex, die ihm dreimal fremdgegangen war und ihn wie einen Bittsteller und Außenseiter behandelt hatte!

»Scheiße«, gelang es ihm hervorzuwürgen.

»Geht’s dir jetzt besser?«, fragte sein Kollege barsch-entnervt.

»Ja … ja.« Er brauchte noch einige sich endlos anfühlende Sekunden, bis er seinem sich neu entflammenden Emotionschaos Herr wurde – allen voran nagende Gewissensbisse – und er Franz Instruktionen erteilen konnte. »Kümmer du dich um unseren Fahrgast. Ich regle diese Sache.«

Sein Kollege sah von diesem Vorschlag nicht eben begeistert aus. »Kann ich dich ernsthaft alleine lassen? Wirst du sie wohl nicht noch einmal angreifen?«

»Nein, werde ich nicht!«, versprach Tracey und verkniff sich einen frechen Konter, um nicht noch unprofessioneller zu erscheinen.

»In Ordnung.« Zögerlich und die Stirn gekraust, trat Franz den Rückweg an.

Tracey setzte sich ebenfalls langsam in Bewegung, geradewegs auf die apathische, ihn angsterfüllt musternde Frau zu.

»Lassen Sie mich in Ruhe!«, keuchte Letztgenannte und erhob sich unbeholfen.

Ein zweiter eisig-stechender Adrenalinausstoß stob durch seine Adern.

Verdammt nein, verdammt nein!

»Warte!«

Sie war eben auf den Beinen, da klappte sie ohne Vorwarnung nach vorn.

Kreislaufkollaps.

Noch einmal verdammt!

Er sah bereits, wie sie mit ihrem hübschen Gesicht voran auf die Asphaltfläche schlug. Ehe es dazu kam, vollführte er jedoch einen beherzten Sprung und fing sie auf.

Sie war leicht wie eine Feder, zierlich wie eine Tänzerin, zerbrechlich wie Kristallglas … Eine Prinzessin … stolz, stark, selbstbewusst – doch hilflos ohne ihren Mann an ihrer Seite …

Was zum Geier dachte er da?!

Kopfschüttelnd verdrängte er die verstörenden Gedankenfetzen und ließ die Frau behutsam zurück auf den Boden sinken.

Ihren Kopf in seinem linken Arm gebettet, strich er ihr die offenen langen feuerroten Haare aus dem Gesicht.

Das junge Ding war kreidebleich und zu allem Übel nicht ansprechbar.

Er gab ihr einen sanften Klaps auf die Wange. »Hey, Mädchen. Aufwachen.«

Sie rührte sich nicht.

Noch ein Klaps.

Weiterhin keine Reaktion.

Er gedachte, sie zum Krankenwagen zu bringen, da hob sie zögerlich die Lider.

Und seine in Schatten und Kälte liegende Welt blieb abrupt stehen.

Durch die grellen Strahlen der Sonne mutete das Dunkelblau regelrecht zu glühen an. Es erinnerte ihn an die Farbe des Ozeans: tief, beruhigend, umschließend, hypnotisierend. Er tauchte in sie ein, sank tiefer und tiefer … bis zum Grund – in des Mädchens Seele, empfing dessen wirbelnde Emotionen … Aufgebrachtheit, Unsicherheit, Geborgenheit, Angekommensein.

Es war unbeschreiblich. Unvergleichlich. Unheimlich.

Der tollpatschige Versuch des zierlichen Geschöpfs, sich aus seinen Armen zu befreien, riss ihn aus seiner Trance.

Die empfundenen Emotionen verschwanden allerdings nicht. Weiterhin krallten sie sich an seinen Seelenwänden fest, trübten seine Wahrnehmung.

»Lassen … Sie mich los«, nuschelte die junge Frau mit einer ungesund klingenden dünnen, aber vor allem eingeschüchterten Stimmlage.

Gegangen war das vorhin noch überschäumende Temperament – verschwunden alle Kraft und jeglicher Widerstand.

Sie wirkte gebrochen.

Es tat ihm im Herzen weh.

»Lassen … lassen … Sie mich los.«

»Nein. Nicht so schnell.« Zärtlich schloss er seinen linken Arm um ihre schlanke Taille. »Du warst eben ohnmächtig. Stündest du nun auf, wirst du garantiert nochmals zusammenbrechen.« Seine rechte Hand glitt unter ihre Kniekehlen. »Ich werde dich hochheben, in Ordnung? Im Anschluss daran trage ich dich zum Krankenwagen, um dir eine Infusion zu setzen, die dir deinen Kreislauf stabilisiert. Schling deine Arme um meinen Hals.«

»Einen Scheißdreck … werde ich tun.« Irgendwie gelang es dieser sturen Pute tatsächlich, sich aus seiner Umarmung zu drehen.

Sichtlich zittrig, nichtsdestoweniger stolz und erhaben erhob sie sich.

Und vor ihm tauchten sofort allerlei frisch-vergnügte Horrorszenarien auf, die ihm seinen Herzschlag in die Höhe trieben.

»Verdammt noch einmal! Wieso seid ihr Weiber andauernd solchermaßen verbissen?! Willst du dir deinen Kopf aufschlagen? Bist du scharf drauf, auf den Asphalt zu knallen und dir eine Gehirnerschütterung zuzuziehen?«

»Niemand fasst mich an!«, bildete ihre raubauzige Antwort.

Taumelnd stakste sie zu ihrem grässlichen Wagen, öffnete die von Rostblasen verzierte Fahrertür, ließ sich auf den Sitz plumpsen, drehte sich zur Beifahrerseite und griff nach ihrer Tasche. Falls er es richtig erkannte, kramte sie etwas herum. Plötzlich zog sie ein Handy hervor – und machte ein Foto. Erst von ihm, darauffolgend vom Krankentransportfahrzeug.

Na noch besser!

»Was soll der Scheiß?«

Allmählich füllten sich ihre Augen mit dieser bekannten Eiseskälte. »Sie wollten auf mich eindreschen! Das bringe ich zur Anzeige. Ich lasse mich nicht mehr runtermachen! Von keinem mehr!« Lautstark knallte sie die Tür zu, startete den Motor und fuhr los.

Gänsehaut und schneidend-stechende Panik nahmen ihm kurzzeitig die Luft.

Tausendmal verdammt!

3. Rückblicke

Es konnte immer schlimmer kommen.

So geschehen in den darauffolgenden Tagen.

Alsbald die Anzeige herein trudelte, wurde er von seinem Chef beurlaubt. Ein psychisch instabiler Mann war trivialerweise nicht diensttauglich.

Psychisch instabil.

Das musste man sich auf der Zunge zergehen lassen!

Er und ein Psycho?!

Noch nie hatte er sich etwas zu Schulden kommen lassen. Grundsätzlich war er es, der Schichten übernahm, wenn niemand sonst Zeit erübrigen konnte. Er war es, der seinen Urlaub verschob, wenn Kollegen durch private Krisen nicht in der Lage waren, ihren Dienst anzutreten. Und er war es, der sich nie darüber beschwerte.

Bestenfalls in seinen Gedanken.

Dann platzte ihm einmal der Kragen – lediglich ein Gott verdammtes Mal –, und zack, wurde er als psychisch instabil abgestempelt!

Tracey atmete tief durch.

Mit dem rechten Unterarm gegen die schneeweiß verflieste, kühle Wand gelehnt, schloss er die Lider und versuchte sich auf das heiße, dampfende Wasser zu konzentrieren: Wie es auf sein Haupt prasselte, weiter über Rücken, Hintern, Ober- und Unterschenkeln floss.

Es fühlte sich gut an – beruhigend, entspannend, reinigend.

Wasser – sein Element. Obschon er nicht gerne schwamm, liebte er es zu duschen und zu baden.

Tracey fuhr sich durchs nasse Haar. Es war weich und dicht. Er mochte dieses Gefühl. Genauso wie das langer weicher seine Haut kitzelnder Frauenhaare …

Es erregte ihn ungemein, wenn Frauenhände behutsam durch sein Haar glitten, es zärtlichst kraulten und streichelten …

Er seufzte.

Wie sehr sehnte er sich nun nach etwas Geborgenheit. Nach jemandem, der ihn in den Arm nahm … hinter ihm stand … ihm Trost und Liebe spendete.

Doch da war niemand.

Wie immer.

Nun, zumindest etwas Gutes lag in seiner beschissenen Situation: Endlich hatte er seinen wohlverdienten Urlaub erhalten.

Erschöpft lenkte er seine Aufmerksamkeit zurück zum wohltuenden Wasser, und wie dieses jeden einzelnen seiner verspannten Muskeln auflockerte. Es umarmte und verwöhnte ihn, verbannte seine trüben Gedanken. Dessen Wärme erinnerte an die Umarmung seiner ersten großen Liebe, die – wie alles im Leben – nicht einmal richtig begonnen, wieder beendet war.

…

Zu sehr hatte er ihre Umarmungen genossen … die Küsse und Berührungen, das Fallenlassen, das Vereinigen ihrer Körper – eins werden, nichts mehr um sich herum wahrnehmen außer den Herzschlag und die glühende Hitze des jeweils anderen.

Es war Poesie. Es war Liebe – jedenfalls hatte er es angenommen. Die gepackten Koffer vollgestopft mit seinen Habseligkeiten im Vorzimmer ihrer gemeinsamen Wohnung hatten ihm einen anderen Sachverhalt dargelegt. Sie hatten ihm verdeutlichten, wie blind und pueril er gewesen war.

Bedingungslose Liebe … grenzenloses Vertrauen …

Pah!

An solche stumpfsinnigen Ideale festgehalten zu haben, war längst peinlich genug gewesen! Dann allerdings aufgrund eines aufgepumpten Machos von der Frau rausgeworfen und verlassen zu werden, welche er mehr geliebt hatte als sich selbst, war der Gipfel der Blöße!

Verzweifelt hatte er sie nach einem Grund gefragt. Die Antwort kam klatschend und rauborstig: »Du bist einfach nicht mein Typ. Ich steh auf Südländer.«

…

Wo waren wir denn, im Kindergarten?!

Selbst nach all den Jahren konnte er es nicht fassen.

Weshalb waren sie zusammengezogen? Weshalb war sie mit ihm in die Kiste gesprungen? Weshalb hatte sie ihm süße Worte der Liebe ins Ohr gesäuselt?

Er stand knapp davor, in Tränen auszubrechen.

Unvermittelt und ihm zage Hitzewallungen entfesselnd sah er die Frau des Pussywagon vor sich.

Die strahlenden Augen, ihre stolze Selbstsicherheit – und ihre plötzliche Gehemmtheit.

Wie wirkte sie doch verloren in seinen Armen! Er musste sich eingestehen, er hätte sie am liebsten nicht mehr losgelassen.

Dabei wollte er sie kurz zuvor noch verprügeln!

Er schüttelte den Kopf.

In solch einer aggressiven Verfassung hatte er sich noch nie zuvor befunden. Emotional aufgewühlt: sicher, oft genug. Derart instabil: niemals.

Welche Ahndung erwartete ihn? Haft? Schmerzensgeld? Oder eine fünfjährige Bewährungsstrafe?

Wie auch immer es ausgehen möge, seinen Job konnte er an den Nagel hängen – gleichermaßen wie eine erfolgversprechende, rosige Zukunft.

Diese kalte ihn übermannende Gewissheit wand sich um seine Seele und sein Herz, drückte erbarmungslos zu, raubte ihm sämtliche Kraft, lähmte seine Muskeln und trieb ihm letztendlich heiße Tränen aus seinem gebrochenen Innersten empor.

Er hatte sein Leben weggeworfen – aufgrund der Provokation einer blöden Schnepfe!



Erwärmt und mäßig entspannt verkroch er sich ins Bett. Weder wollte er sich einen Film zu Gemüte führen noch etwas essen oder die Wohnung verlassen. Alles, was er sich herbeisehnte, war ein tiefer, angenehmer, ihn für die nächsten acht oder neun Stunden seiner Sorgen beraubender Schlaf.

Stattdessen wurde er von ebendiesen nagenden Sorgen gequält. Wie die letzten Tage drehte Tracey sich gefühlte tausendmal von einer Seite zur anderen. Und tausendmal spielte sein Gehirn dieselben Gedankengänge und Erinnerungen ab: das Aufeinandertreffen mit der Schnepfe, seine verfickten Ex-Freundinnen, die traumatisierten Erfahrungen und Schicksalsschlägen seiner Kindheit, die Panik vor einer jahrelangen unbedingten Haftstrafe …

Irgendwann zeigte Gevatter Schlaf dann doch erbarmen und legte sich halbherzig über ihn – und wie jedes Mal träumte Tracey wirres Zeugs, durch welches sein ohnehin bröckeliger Gefühlszustand stärker ins Wanken geriet.

Es war eine einzige Tortur.



Des Morgens erwachte er – wie konnte es anders sein? – erschöpfter, als er sich die Abende zuvor gefühlt hatte.

Wie in den vergangenen Tagen versuchte er sein emotionales Gleichgewicht zurückzuerlangen, indem er eine Stunde lang durch Klagenfurt joggte, dabei die Sonne beobachtete, wie diese sich träge über die von Raureif überzogenen Dächer und qualmenden Kamine der Altbauwohnungen und zu Tode renovierten Vorkriegsvillen emporschob. Er beobachtete die Futter suchenden und von jungen Mietern unbarmherzig verscheucht werdenden Tauben, atmete den Geruch von Verbrennungsmotoren ein, fühlte den schneidenden Wind – ein letztes trotziges Aufbegehren, ein Sich-am-Leben-Festklammern des unweigerlich dahinsterbenden Winters … Ein Äquivalent zum Lebenswillen des menschlichen Greises. Selbst im Anblick des Todes sah Tracey ihn in ihren bleichen Gesichtern: den Unglauben, den Schock, die Verdrängung, die Leugnung.

Wenn die Kraft nachließ, das Atmen und die Augenlider schwerer wurden, der Körper gnadenlos verfiel – gleichgültig eines wachen, steten Geistes.

Irgendwann kam der Augenblick, dann musste man loslassen. Loslassen von all dem Irdischen, dem Fleischlichen, dem Bedeutungslosen. Dann, in dieser letzten Stunde des Todes, begannen viele zu bereuen – die unversuchten Dinge, die unversöhnten Streitigkeiten, die nicht genutzten Chancen.

Ich will leben – in zweierlei Hinsicht –, dies wurde ihm immer wieder geklagt.

Aber was bedeutete zu leben?

Highlife? Über die Stränge zu schlagen, zu prassen, zu feiern? Jede freie Sekunde außer Haus zu verbringen, um ja nichts zu verpassen?

Bullshit!

Ein bewusstes Leben gab dir mehr, als tausend Partys oder falsche Freunde und Luxuskarossen. Ein bewusstes Leben im Sinne von Genuss, Akzeptanz, Dankbarkeit, Demütigkeit und Understatement. Kein iPhone der Welt, kein Bentley, keine Rolex, kein Maßanzug schenkte dir Liebe, Zufriedenheit, Gesundheit und Geborgenheit. Erst wenn das Gewöhnliche, das Alltägliche, das Selbstverständliche zu etwas Besonderem, Schätzbarem wurde, lebte man.

Geschmeidig sprang Tracey über fünf Steinstufen hinab zum Lendkanal, zapfte sämtliche Energien an und sprintete die letzten zwei Kilometer Richtung Wohnung zurück. Anschließend genehmigte er sich eine kurze heiße Dusche und ein englisches Frühstück. Doch kein Moment verging, und die ihm in die Knie zwingenden Fragen begannen ihn abermalig zu geißeln, zu unterdrücken, zu zermalmen: Verliere ich meine Arbeit? Muss ich in den Knast? Wie viel Strafe werde ich zahlen müssen? Wenn die Gerichtsverhandlung vorüber ist, wird noch irgendjemand etwas mit mir zu tun haben wollen?

Und ebenso oft geisterte der Anblick der Pussywagon-Fahrerin durch seinen kruden Verstand.

War seine Wut in den ersten drei Tagen noch grenzenlos gewesen, schlug dieser Umstand allmählich in Neugier um. Wer war diese Frau, die einerseits bewundernswerte Selbstsicherheit an den Tag legte, andererseits völlig hilflos und unischer wirken konnte?

Solch harte Gegensätze – vereint in einer Persönlichkeit.

Er trank sein Glas mit Orangensaft aus, packte seine dunkelblaue Trainingstasche, zog sich Turnschuhe an und machte sich auf den Weg zum Fitnesscenter.

Zwei Stunden gelang es ihm, seinen Kopf abzuschalten und sich auszupowern. Jedoch bedurfte es bloß einen Schritt aus dem quadratischen Objekt mit der überheblichen ›Fitness for all! – gestalte dein Leben vitaler!‹-Aufschrift und die wunderhübsche rothaarige Frau mit den intensiven blauen Augen schlich sich zurück in sein Bewusstsein.

Wenngleich er es absolut nicht wollte, entwickelt er Sympathie für sie. Und zwei Tage später musste er sich eingestehen: Sie lag im Recht.

Er hatte auf sie einschlagen wollen, er hatte sein Ego über die StVO erheben wollen, er hatte die Nerven verloren.

Was war da mit ihm los gewesen?

Nahezu pausenlos grübelte er über diesen Vorfall, seinen Aussetzer und die daraus resultierende Begegnung. Und zu welchem Stolz ankratzenden Ergebnis brachte es ihn? Niemals hätte er auf diese beschämende, asoziale Weise reagiert, hätte das Mädchen nicht eine derart große äußerliche Ähnlichkeit zu seiner verschissenen Ex aufgewiesen! Dies wiederum verdeutlichte ihm: Sein Chef hatte ebenfalls recht. Er hatte vollumfänglich und über die Maßen irrational und gemeingefährdend gehandelt.

Aber was brachte es schon zu grübeln und sich schuldig zu fühlen? Weder konnte er seine Tat gutmachen noch die Zeit zurückdrehen.

Es war geschehen.

Genauso wie es geschah, dass er sich immer öfter fragte, wie das Zusammentreffen mit dieser rothaarigen Schönheit vonstattengegangen wäre, hätten sie sich in einem Lokal, bei einem Spaziergang, im Kino oder im Fitnessklub begegnet.

Zum Teufel!

Wohin drifteten seine ziellosen Gedanken ab?

Außer Atem erhob er sich vom dunklen Parkettboden seiner Zwei-Zimmer-Wohnung.

Sein Herz raste, seine Muskeln schmerzten.

Wie viele Push-ups hatte er absolviert?

Er war sich nicht mehr sicher. Lediglich eines wusste er: nicht genug, um sein verfluchtes rastloses Gehirn abzuschalten und Ruhe zu finden! Und diese vermaledeite Frau zu vergessen, ihren betörenden Blick zu vergessen, dieses Gefühl zu vergessen, diese Einigkeit zu vergessen …

Verfickt noch einmal!

Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, von einer fremden Frau jemals auf eine solche intensive Weise angesehen worden zu sein. Freilich, in der Vergangenheit hatte er einige selbstbewusste und ebensoviele schüchterne Damen kennengelernt – sie dagegen spielte in einer völlig anderen Liga.

Tracey atmete stoßweise tief durch, dann fing er mit Kniebeugen an. Sein Blick aus dem Fenster gerichtet, welches ihm die ewig deprimierende Aussicht auf die angrenzenden Wohnblöcke zeigte, deren abblätternden ockerfarbenen Außenfassaden eher an eine russische Siedlung aus den Achtzigern erinnerten als an einen modernen Vorort Klagenfurts des einundzwanzigsten Jahrhunderts, zogen seine Gedanken weitaus größere Kreise.

Läge diese Frau in seinen Armen, würde sie ihn auf dieselbe verbindende Weise betrachten?

Wie sähe sie ihn an, wenn sie sich ihm hingäbe?

Seine letzte Freundin hatte einen unaussprechlich erregenden Gesichtsausdruck gezeigt, wenn sie miteinander intim geworden waren. Insbesondere, wenn er sie mit seinen Händen verwöhnt hatte.

…

Im Augenblick der höchsten Lust, würde sie ihre Augenbrauen wölben oder senken, die Lider schließen oder minimal angehoben halten?

Welch Wunder läge in ihren tiefblauen Augen, wenn er in sie eindrang – Zentimeter um Zentimeter, ihr zierliches Becken fest in seinen Händen haltend, ihre schlanken Beine um seine Hüften geschlossen?

Wie fühlte sie sich an?

Ihr ekstatischer, glühender, nasser Unterleib … ihre Brüste, deren Knospen sich ihm hart entgegenstreckten?

Harmonische Stöße … seelenverschmelzende Küsse … ihr nackter Oberkörper an seinen gepresst …

Er hielt inne.

…

Himmel, Arsch! Verfickt noch einmal!

Sie hatte ihn angezeigt!

Vermutlich würde er sie allerhöchstens in der Gerichtsverhandlung antreffen – und er dachte an ungezügelten Sex mit ihr?!

Es wurde tagtäglich schlimmer mit ihm!

Wohin würde sein Geisteszustand ihn noch führen?

4. Der Apfel der Erkenntnis

Tracey hatte sich eben an die auf Hochglanz polierte dunkle Bar seines Stammlokals gesetzt und ein aromatisiertes Mineralwasser – in diesem Fall Johannisbeergeschmack – bestellt, da tauchte ein ihm zu vertrautes Gesicht auf.

»Na, wen sehen meine entzündeten Augen da?«, posaunte eine, wie üblich, gut gelaunte Steffi quer durch den stickig-vernebelten Raum.

»Ich bin nicht in Stimmung«, wehrte er prophylaktisch ab. »Versuch es erst gar nicht.«

Was auch immer du versuchen willst, vervollständigte er gedanklich und nahm einen großen Schluck.

»Hast du Probleme?«

Er schielte sie aus zusammengezogenen Augenbrauen an. »Was glaubst du wohl?«

Seine beste Freundin schnippte mit den Fingern. »Ach natürlich! Die Sache mit der Körperverletzung, Nötigung und … was war da noch?«

»Gefährdung der körperlichen Sicherheit«, vervollständigte er ihren Bericht deprimiert, verzweifelt und gefrustet.

»Ganz genau.« Fröhlich-beschwingt setzte sie sich zu ihm, bestellte einen weißen Spritzer und plapperte munter weiter. »Wie, zur Hölle, kannst du derart ausflippen?«

Tracey wandte sich den unzähligen Whiskeyflaschen zu und begann diese im Geiste abzuzählen. »Ich hatte einen schlechten Tag.«

»Du hast keine schlechten Tage.«

»Na, wenn du das sagst.«

»Ja, das sage ich!« Die Vehemenz in ihrer besserwisserischen Stimmlage feuerte sein wankelmütiges Temperament unverhältnismäßig heftig an. »Schließlich kenne ich dich länger als irgendjemanden sonst.«

Was sehr einfach ist, dachte er zähneknirschend. Weil du durch deine anstrengende Art Menschen fortwährend vergraulst und letztendlich verjagst.

Anstatt diese Tatsache laut auszusprechen, erwiderte er gezwungen ruhig: »Ich fühlte mich geehrt.«

»Ich weiß, das ist gelogen. Aber trotzdem, Danke.«

Tracey zählte weiter, suchte nach innerer Kraft und einer scheiß Ausgeglichenheit.

Seine Nervenstärke hatte in den vergangenen Tagen kontinuierlich abgebaut, seine Zukunft war ein einziger Scherbenhaufen und seine Einsamkeit brachte ihn sukzessiv um. Eine ihn bequasselnde Steffi stellte somit nicht unbedingt den idealen Gesprächspartner dar. Zumal er bloß nach etwas Abwechslung und Zerstreuung gesucht hatte – und keinen Weibertratsch-Perioden-Depressionstage-Jammergeschichten lauschen wollte.

»Also, alter Griesgram! Was geht sonst so ab?«

Tracey reagierte nicht.

Es war besser, ruhig zu bleiben und den kauzigen Eremiten zu mimen, wollte er sie schnell wieder loswerden. Denn eines war gewiss: Was immer Steffi hier tat, es verhieß hundertprozentig nichts Gutes. Für ihn wiederum bedeutete es ungleich mehr Strapazen und Hindernisse, um etwas Lockerheit und Positivität in seinen Alltag zu bringen.

»Wie schmeckt dein Kindergetränk?«, stichelte sie und beugte sich zu ihm, um überheblich in sein Glas schauen zu können. »Hat das Bier letztens nicht gemundet?«

Er schob das Wasser zur Seite und musterte ihre zugekleisterte Visage. »Was willst du hier?«

»Besser gesagt«, konterte sie einschließlich unheilvollen Grinsens, »was will ich von dir.«

Er vollführte eine schwach-gelangweilte Handgeste. »Und was willst du von mir?« Das letzte Wort betonte er übermäßig gereizt, gleichzeitig lehnte er sich zu ihr.

»Ich habe nach dir gesucht. Die letzten Tage nach unserem Telefonat warst du wie vom Erdboden verschluckt.«

Ja, weshalb wohl?!

»Ich brauchte meine Ruhe.«

»Aber jetzt scheint das anders zu sein.«

Super deduziert, Sherlock!

Er zuckte die Achseln. »Ja, und?«

Sie klopfte ihm auf die rechte Schulter. »Ich habe eine Einladung für dich.«

…

»Einladung? Welche Einladung?«

Der alternde Kellner brachte Steffi ihr Wunschgetränk, welches sie sofort ergriff und davon einen großen Schluck nahm. »Zu einem romantischen Blind-Date.«

Eiseskälte und mit Stromschlägen gleichzusetzende Adrenalinausstöße brachten ihn ins Schwitzen.

O mein Gott …

Das war nicht mehr schlecht – das war der Horror schlechthin!

Er stöhnte. »Fängst du neuerlich damit an?«

Soweit er sich zurückerinnern konnte, hatte sie ihn zu verkuppeln versucht, alsbald er solo durch die Welt wanderte.

Weshalb?

Er wusste es nicht. Jedenfalls drangsalierte sie ihn in solchen Lebensphasen solange, bis er nachgab.

Wie vor drei Jahren.

Da hatte er sich kurzerhand zu einem derartigen verfluchten Blind-Date überreden lassen. Und wie erwartet, hatte es in einem Desaster, einer Katastrophe und einem Armageddon geendet. Um genauer zu sein: Mit einer Schlägerei und einer Anzeige – allerdings nicht gegen ihn, sondern gegen den Kerl, der seine Verabredung bedrängt hatte. Erst im Nachhinein hatte Tracey erfahren, dass es sich hierbei um den Ex-Lover seines Dates gehandelt hatte.

»Ich habe keinen Bock auf eine weitere Schlägerei. Außerdem würde eine solche in meiner nunmehrigen Situation kein besonders gutes Licht auf mich werfen.«

Mit dem zugegebenermaßen hübschen Mädchen war letzten Endes zwar nichts geworden, doch wenigstens würde dieses zukünftig nicht mehr von dem Schlägertypen belästigt werden. Dafür hatte Tracey gesorgt. Auf ausgesprochen subtile, erinnerungswürdige, schmerzhafte Weise.

Steffis Gegrinse wuchs besorgniserregend in die Breite. »Die Süße meinte, sie hätte schon seit acht Jahren keine Beziehung. Somit brauchst du dir wegen möglicher Ex-Freunde keine Gedanken zu machen.«

»Ach wirklich? Dann wird sie wohl zu wählerisch sein. Sonst hätte sie längst jemanden gefunden.«

Wozu gab es Online-Partnerbörsen und Singletreffs? Irgendwelche On-off-Beziehungen konnte man sich schnell aufgabeln, und One-Night-Stands beträchtlich leichter.

»Nein, die eierlosen Macker getrauen sich bloß nicht, sie anzusprechen.«

Er beäugte Steffi eingehend. »Noch eine Emanze, oder was? Glaub mir, die Letzte reichte mir definitiv.«

»Nein! Sie ist total nett, liebenswürdig, ehrlich, vernünftig und umgänglich.«

Ja klar!

Und er war der Präsident der Vereinigten Staaten!

»Natürlich, deshalb spricht sie keiner an.«

»Zudem ist sie bildhübsch. Eine einzige Augenweise. Schlank und natürlich – genau dein Typ.«

»Deshalb spricht sie keiner an«, wiederholte er.

»Man kann sich wunderbar und ausgelassen mit ihr unterhalten. Sie hat Köpfchen und ist schlagfertig.«

»Ja sicher!«, antwortete er bissig. »Exakt deshalb spricht ja niemand mit ihr!«

Steffi wollte ihn wohl für blöd verkaufen! Wäre dieses Traumweib ernsthaft solcherweise hübsch, klug und wundertoll, wäre sie längst nicht mehr single, womit dies nur eines bedeuten konnte: Diese Frau war ein einziger Hausdrachen, hässlich, unfreundlich, berechnend, durchtrieben und sowieso beziehungsunfähig!

Schleppend und seufzend richtete er sich auf. »Ernsthaft Steffi, hör mir bitte endlich auf mit dem Mist. Ich brauche keine weitere emanzipierte Scheiß-Schnepfe, die mir einen weiteren belanglosen Tag in meinem erbärmlichen, desaströsen Leben versaut. Es ist längst schlimm genug, lass gut sein.«

»Das Essen ist kostenlos«, fuhr sie ungehindert fort. »Obendrauf gibt es Kuchen und Torten.«

Allmählich reichte ihm Steffis Herumgeturne auf seinen zum Zerreißen angespannten Nerven.

Bemerkte sie es nicht, wann es genug war, oder wollte sie es schlichtweg nicht bemerken?

»Hörst du mir nicht zu, oder was?! Ich habe kein Interesse an einer weiteren Katastrophe, okay? Ich habe genügend verschissene Probleme!«

Eine unvermutete Milde huschte über ihre Züge. »Es würde dir guttun. Ein wenig Abwechslung schadet nie, Tracey.«

Falls du unter Abwechslung ein zertrümmertes Kniegelenk verstehst, dachte er. Ist das natürlich völlig legitim.

Er wunderte sich, weshalb er damals nicht ebenfalls angeklagt worden war. Vermutlich war der Versuch des Arschlochs, ihn mit einer zerschlagenen Bierflasche niederzustechen, doch etwas schwerer ins Gewicht gefallen als Traceys darauffolgender Tritt gegen das rechte Knie dieses Wahnsinnigen.

Er nippte an seinem Johannisbeerwasser. »Ich hab keinen Bock, verdammt.«

»Du weißt genau, es wird nicht derart ablaufen wie letztens.« Blitzschnell streckte sich ihre Hand zu seinem Haar – und unbekümmert zerraufte sie es. »Das Treffen wird lustig. Ich verspreche es dir!«

Schmerz zuckte durch ihn hindurch, sämtliche feine Härchen seines Körpers stellten sich auf.

Wie er es hasste, wenn sie dies tat!

Er schlug ihre verkackte Hand zur Seite, wich zurück und taxierte sie giftig. »Fass gefälligst mein verschissenes Haar nicht an! Das tut weh, du grober Klotz!«

Sie schürzte die Lippen. »Aber sie sind wahnsinnig kuschelig.« Dies gesprochen sekkierte sie sein Haupt mit beiden Händen, woraufhin er vom Barhocker glitt, drei Schritte nach hinten stolperte und die Arme in einer abwehrenden Geste von sich streckte. »Steffi, hör auf, oder bei Gott, ich vergesse mich.«

Seine Kopfhaut war ausgesprochen empfindlich – eine erogene Zone, die von keinem Menschen außer seiner Partnerin berührt werden durfte!

»Mann! Du Spaßbremse!« Seine fläzige Freundin zog eine beleidigte Schnute, welche große Ähnlichkeiten mit der eines ungezogenen Hosenscheißers aufwies. »Komm einfach vorbei. Es haben sich viele Leute angemeldet. Außerdem habe ich mich mordsmäßig gequält, um der Süßen das Date schmackhaft zu machen.«

O Gott!

Steffi hatte sie ebenfalls genötigt?

»Wie lange hast du sie terrorisiert?«

Mit dem rechten Zeigefinger malte sie Kreise auf den Holztresen – unschuldiger Dackelblick mit eingeschlossen. »Gefühlte hundertmal.«

»Und tatsächlich?«

Sie zuckte die Schultern. »Zwanzig?«

»Himmel! Steffi!« Zögerlich setzte er sich wieder zu ihr. »Weshalb willst du andauernd Singles zusammenbringen?«

Etwas ihn Hühnerhaut Auslösendes huschte über ihre Make-up beladenen Züge. »Ich ertrage es schlichtweg nicht, wenn Menschen einsam sind. Darum beiße in den sauren Apfel – womöglich ist er doch süßer als vermutet.«

Er atmete hörbar durch.

Warum durchwegs er? Wann würde seine verfickte Unglückssträhne ein Ende finden?

…

Andersrum hatte Steffi nicht ganz unrecht. Ein wenig Abwechslung schadete grundsätzlich nie – sofern es dadurch keine durchgeknallten Ex-Lover auf ihn abzusehen begannen.

»Saurer Apfel, ja?«

Hoffnung ließ sie erstrahlen. »Glaub mir, sie wird dir bestimmt gefallen.«

Was sie nicht sagte!

Eine abrupt über ihn hereinbrechende böse Vorahnung ließ ihn unweigerlich erzittern. »Das hat aber hoffentlich nichts mit unserem letzten intimen Gespräch zu tun?«

Sie winkte ab. »Überhaupt nicht. Außerdem hatte sie vor acht Jahren eine Beziehung – wie vorhin erwähnt. Jungfrau kann sie somit nicht mehr sein, oder?«

Na, wenigstens etwas … andersrum gesehen wäre eine Jungfrau wesentlich besser als eine weitere Dorfmatratze …

Ach verdammt!

»Und das Essen ist wirklich kostenlos?«

Er musste auf seine Finanzen achten. Sollte er eine Haftstrafe abbüßen müssen, zählte jeder Cent, um die Wohnung weiterhin halten zu können sowie keine Schulden anzubauen.

»Ja. Alles gratis.«

»Wer finanziert das?«

»Ein Freund eines Freundes, dessen Freund ein Jubiläum zu feiern hat.«

Tracey zog die Augenbrauen hoch. »Welches Jubiläum?«

»Der Gasthof von dem Freund eines Freundes dessen Freund … wird zehn.«

»Aha« Er blickte zu den Whiskeyflaschen zurück. »Wie schön für ihn.«

Noch ein erfolgreicher Drecksack, dem offenkundig alles in die Wiege gelegt wurde …

»Komm schon!«, quengelte sie. »Sag Ja. Ich bin mir tausendprozentig sicher, es wird ein lustiger Abend werden.«

Er stieß einen lauten, resignierten Seufzer aus.

Wahrscheinlich würde Steffi ihn noch drei weitere Stunden quälen … da war es wohl besser, dem Blind-Date zuzustimmen. Ein einmaliges Gespräch mit einer hübschen Frau konnte niemals dergestalt nervenaufreibend sein, wie das Gejammer einer gefrusteten Steffi. Zumindest hoffte er dies, währenddessen er seiner penetranten Freundin zögerlich zustimmte.

»Super!« Sie verpasste ihn noch einen Klaps auf die Schulter und trank ihren Spritzer mit einem Zug aus. »Du wirst garantiert viel Spaß haben!« Sie rutschte vom Barhocker, verabschiedete sich herzlich bis besorgniserregend einschleimend und zog glücklich strahlend von dannen.

Und Tracey fühlte sich sekündlich unwohler.

Hoffentlich hatte er sich nicht eben einen Apfel vom Baum der Erkenntnis andrehen lassen.

5. Blind-Date

Das Blind-Date fand an einem Freitagabend statt.

Ein paar Kilometer abseits von Klagenfurt lenkte Tracey seinen in die Jahre gekommenen Ford in einen mit eindeutig zu vielen Schlaglöchern versehenen, kaum zehn Meter vom Gasthof entfernten Parkplatz. Von Steffi hatte er sich sagen lassen, dass der Besitzer das vormalige Bauernhaus billigst ersteigert und anschließend flott und kostengünstig renoviert hätte. Tracey selbst hatte von diesem Wirtshaus noch nie zuvor gehört.

Wie auch immer, zum Glück hatte er den Schuppen auf Anhieb gefunden. Durch eine verschissene kalte Februarnacht zu irren, war nicht unbedingt seine Idealvorstellung eines gemütlichen Abends.

Tracey fuhr bis ans Ende des schätzungsweise zweihundert Quadratmeter großen Abstellplatzes, schaltete den Motor ab und öffnete die stets klemmende Fahrertür, indem er den Verschlusshebel anzog und gleichzeitig benebst seinem linken Oberarm kräftig gegen die Plastikverkleidung drückte. Mit einem durch Mark und Bein jagenden quietschenden Geräusch öffnete sich die rostige Tür und er schwang sich aus dem Sitz.

Bissige nach Hausbrand und Feuchtigkeit riechende Kälte wehte ihm entgegen. Äußerst kraftvoll schlug er die Tür zu und fluchte einige Male, ehe es ihm gelungen war, das kaputte Schloss halbwegs vernünftig zuzusperren.

Das Ding ärgerte ihn bereits seit einer geraumen Weile – und seiner nunmehrigen Situation nach zu urteilen würde es dies wohl noch länger tun dürfen.

Angenervt setzte er sich in Bewegung.

Dabei hatte er die schäbige, zerbeulte, rot lackierte Karre gern gegen einen Neuwagen eintauschen wollen.

Das konnte er sich wohl in die Haare schmieren.

Nein.

Alles konnte er sich in die Haare schmieren: einen Urlaub, eine Beziehung, ein geregeltes Leben …

Speziell nachdem er angeklagt worden wäre.

Wahrscheinlich würde er sich die nächsten zehn Jahre durch Billigjobs über Wasser halten müssen. Denn Fakt war: Wer gab einen Vorbestraften Arbeit?

Frust, Hoffnungslosigkeit sowie diese elendige verschissene Kälte brachten seine Augen zum Brennen. Schniefend setzte er über zwei Stufen, streifte seine Schuhe an einer ovalen Türmatte ab und öffnete die mächtige, lasierte, im matten Schein der Eingangsbeleuchtung schwarz schimmernde Holztür.

Er trat ein in ein behagliches Vorzimmer.

Die typische feuchte Wärme eines Gasthofs unterlegt mit dem köstlichen Geruch von deftigem Essen, allen voran Sauerkraut, Wildbraten und Suppen, umschmeichelte ihn wie eine liebeshungrige Katze und entlockte seinem Magen ein ordentliches Knurren. Ebenso sanft drang ihm dumpfes Stimmenwirrarr dutzender Gäste in die Ohren.

Dunkles durch aufwendige Schnitzereien veredeltes Vollholzmobiliar, eine Holzstuckdecke sowie rostrote Fliesen bildeten das rustikale Interieur und ließen den Einrichtungsstil des restlichen Gasthofs erahnen. Eine dunkelblaue bauchige, nicht unbedingt zum altbäuerlichen Ambiente passende Vase in der linken Ecke des Vorzimmers lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich.

Er musste sich eingestehen, das Ding sah schön aus– obwohl er grundsätzlich nicht auf Staubfänger im Speziellen und Dekoscheiß im Allgemeinen stand.

Tracey hängte seine schwarze Lederjacke – ein selbstgekauftes, verfrühtes Weihnachtsgeschenk, welches er während der European-Bike-Week erstanden hatte – auf die großzügig-klobige Garderobe und blickte kurz in den schmalen Wandspiegel daneben.

Durch die erhöhte Luftfeuchtigkeit begann sich sein naturblondes Haar leicht zu wellen.

Er musste sich eingestehen: Es gefiel ihm.

Normalerweise war er mit sich selbst nicht sonderlich zufrieden. Irgendetwas störte ihn andauernd: ob es nun seine blasse Gesichtsfarbe, das für seinen Geschmack weicheimäßig anmutende Zartgrün seiner Augen, seine schmalen Hände proportional zu seiner großgewachsenen Statur oder sein verschissener, ewig flach anmutender Hintern war. Lediglich sein dichtes Haar tat meistens das, was er wollte, und hübschte ihn etwas auf.

Wahrscheinlich bekomme ich deshalb durchwegs Kratzbürsten ab, dachte er und schritt durch die dunkelbraune Schwenktür. Mir fehlt es schlichtweg an stereotypischem Sex-Appeal.

Wildbratenduft und charakteristischer Umgebungslärm verstärkten sich, und sein Hunger nahm kräftig an Fahrt auf.

Alles kostenlos, erinnerte er sich. Das kann ein Festmahl werden!

»Da bist du ja endlich!«, vernahm er die vorwurfsvolle Stimmlage seiner besten Freundin.

Kaum eine Sekunde später trat Steffi in sein Blickfeld. Ein zartgrüner Bleistiftrock, ein flauschiger schneeweißer Wollpulli sowie farblich dazu abgestimmte Overknees zierten ihren kurvigen Körper.

»Es ist schon zehn nach sieben. Hast du dich verfahren?«

Er verzog das Gesicht.

Nein, er hatte lediglich einem fahrunfähigen Opa nachkriechen dürfen. Von der Klagenfurter Innenstadt bis kurz vor der Einfahrt zum Gasthof war er mit diesem für die Gesellschaft längst entbehrlichen Individuum bestraft worden, dessen durchschnittliche Höchstgeschwindigkeit dreißig Kilometer pro Stunde betragen hatte.

Dreißig!

Herrgott noch einmal! Dreißig!!!

»Ein verschissener Rentner in seinem nagelneuen 7er BMW hielt mich bedauerlicherweise etwas auf.«

Steffis Augen, für die sie höchstwahrscheinlich eine komplette Tube Mascara aufgebraucht hatte, weiteten sich. »Wie willst du wissen, wer gefahren ist? Es ist stockdunkel draußen.«

»Die Silhouette seines verfickten Huts war von Weitem zu erkennen gewesen.«

Steffi grinste. »Nun, jetzt bist du ja da.« Sie gestikulierte nach links. »Geh schon mal vor. Auf Tisch Nummer sechzehn wartet die Süße. Ich muss nur schnell einmal für kleine Mädchen.« Damit verschwand sie in die gegengesetzte Richtung.

Sein Herzschlag beschleunigte sich kurzfristig. Er mäßigte diesen, indem er einmal tief durchatmete, die Hände in die Taschen seiner dunkelblauen, knackig sitzenden Jeans steckte und durch den rundgemauerten Einlass in den Speisesaal trat.

Seit jeher trug er ausschließlich eng geschnittenes, seine Statur vorteilhaft in Szene setzendes Gewand. Schlaksige Cargo-Jeans, durch welche seine Kehrseite erstens ungleich flacher aussah – und Männer im Allgemeinen inkontinent anmuteten –, solche Outfits konnten ihm gestohlen bleiben. Kleidung sollte die Schönheit eines jeden Einzelnen unterstreichen, und nicht sie untergraben …

Er beendete seine Überlegungen und nahm die Tische in Augenschein.

Ein Jeder davon war belegt.

Leute lachten, tratschten, witzelten, aßen …

Er konzentrierte sich auf die von Steffi erwähnten Nummern – und wurde fündig. Etwa zehn mal zehn Zentimeter große Holzschildchen waren in der Mitte eines jeden rechteckigen Tisch positioniert worden. Darauf prangten in liebevoller Schwungschrift die eingeschnitzten Zahlen und Ziffern.

Zehn … Dreizehn … Fünfzehn … Zwölf … Elf … Sechzehn.

…

…

Rotes Haar.

…

Enzianblaue Augen.

…

Ein unsicherer Blick, welcher jäh Unglauben, dann Schock und schlussendlich abgrundtiefen Hass widerspiegelte.

…

Entsetzen seinerseits, welches von brodelnder Wut verdrängt wurde.

…

Die Pussywagon-Fahrerin!

Ruckartig erhob sich letztgenannte Schreckschraube. »Ich fasse es nicht! Sie?!«

Drei Schritte, und sie stand vor ihm – die Hände in die Hüften gestemmt, ihre fein geschwungenen Augenbrauen durch Aggression und ungestümen Zorn tief nach unten gezogen.

Ich muss es mir eingestehen: Du siehst außerordentlich niedlich aus, wenn du wütend bist.

Noch ehe dieser fürwahr stumpfsinnige Geistesblitz sich gänzlich in ihm manifestieren konnte, wurde dieser durch ein gebrülltes »Sie verfluchter Hurensohn!« vonseiten der rothaarigen Zicke vernichtet.

Derart gebrüllt, eine jede einzelne Person – Servicepersonal eingeschlossen – drehte sich simultan zu ihm um.

Plötzlich holte sie aus –

Adrenalin flutete seine Magengegend.

Er blockte ab und wich einen Schritt zurück.

Nein, du mauerverbeißendes Miststück!

Dieses Mal ließ er sich zu nichts mehr hinreißen! Geschissen auf sein Ego, geschissen auf seine Würde! Er wollte seine Zukunft nicht noch mehr verbauen. Außerdem: Nun hatte er einen Grund, sie anzuzeigen!

Womöglich verhälfe ihm dieser momentane Umstand sogar zu einem milderen Strafausgang seinerseits …

Eine Gewichtsverlagerung ihrerseits beendete sein Grübeln.

Sie schlug zu – solcherweise kraftvoll, für die nächsten Sekunden wurde es ihm reichlich anders zumute. Im Detail kämpfe er gegen ein hartnäckiges Schwindelgefühl sowie rauschende Ohren und eine schmerzende rechte Wange, aber vor allem gegen den Drang, diese verfluchte Beißzange zu packen und aufs Kreuz zu legen.

»Waschlappen!«, drang es matt durch seine sich zunehmend verstärkenden Ohrengeräusche, welche an einen hochtourigen Waschmaschinenschleudergang erinnerten.

Er schluckte, er blinzelte – und sein Hirn schaltete.

Waschlappen?!

Niemand nannte ihn einen Waschlappen!

Niemand!

Verdammt noch einmal!

Und sein zäher Schalter klappte um. Er spürte es in seinen Nerven und Muskeln, die sich in Bereitschaft versetzten.

Tracey machte einen Schritt nach links, wog ab – und schlug zurück.

Sie blockte, vollführte einen Schritt nach rechts.

Falsche Reaktion, Hausdrachen!

Er setzte an, nach ihren Unterarmen zu packen, um sie auf den Boden zu bringen – da sah er ihre Faust erneut auf sich zurasen.

Scheiße, scheiße, scheiße!

Ein Uppercut …

Im letzten Augenblick biss er die Zähne aufeinander und ließ sich weitestgehend nach hinten kippen. Das Ergebnis: Sie streifte ihn.

Weh tat es trotzdem.

Unsanft landete er auf seinem Hintern.

»Sie elendiger Sack!« Die Furie näherte sich ihm bedrohlich. »Wie können Sie es wagen, mich von der Straße zu drängen?! Und darüber hinaus handgreiflich zu werden?!«

»Beruhig dich, du verdammte Kampfemanze!«

»Was?!« Ihre Stimme überschlug sich. Ihr Augenausdruck nahm dämonische, teuflische und überhaupt diabolische, satanische Züge an.

Er wusste: Er musste sofort auf die Beine zurück, oder sie würde ihn höchstwahrscheinlich zu Tode treten.

Überlegt, getan.

Und just folgten neue Angriffe, die ihn unweigerlich zwangen, nach hinten zu weichen.

»Offensichtlich hast du ein ziemliches Aggressionsproblem«, stellte er nüchtern fest. »Du Giftspritze!«

Ein linker Haken traf ihn an der Schläfe.

Er wäre beinahe niedergegangen.

…

Diese verfickte Drecksnutte!

»Jetzt reicht’s!« Er ergriff ihre Unterarme und drängte sie zum Tisch zurück.

»Lassen Sie mich los!« Verzweifelt versuchte sie, ihre Hände aus seinem Griff zu drehen. Sie wirkte verängstigt wie verärgert dabei – verärgert über ihre Unfähigkeit, die Oberhand zu behalten, verängstigt über das, was ihr bevorstand.

Keine Sorge, Kleines, dachte er. Es wird bloß eine minimale Abreibung. Ich bin nämlich kein asozialer Frauenschläger.

Aber was sein musste, musste sein!

…

Unvermittelt, und unfähig etwas dagegen unternehmen zu können, erschienen Bilder vor seinem geistigen Auge.

Erotische Bilder, sinnliche Bilder, gänzlich irrationale Bilder …

…

Die rothaarige Emanze splitterfasernackt gegen den Türstock seines Schlafzimmers gedrückt … sie dazu genötigt, die Beine weit zu spreizen … und sie letztendlich genommen … sie zur Besinnung gevögelt … und die drakonische Bestrafung? Kein Höhepunkt für sie!

…

Tracey wurde es heiß und kalt.

Woher kam nun dieser behämmerte Gedankengang schon wieder her?

Er verstärkte seinen Griff, überhörte bissige Meldungen der Rothaarigen, warf sie nicht eben zärtlich rücklings auf das Tischblatt, fixierte ihre fragilen Arme rechts und links neben ihrem Kopf und beugte sich über sie.

Ihre Nasenspitzen berührten sich beinahe.

Er blickte ihr in die Augen – in dieses hypnotisierende Blau … versank in ihnen, verlor sich in ihnen.

»Was willst du nun tun, Mädel? Mich erneut schlagen?«

Diese eigenwillige Emotion der Einigkeit schlang sich um sein Innerstes, verknüpfte seine Seele mit ihrer, gab ihm ein verrücktes Gefühl der Schwerelosigkeit.

…

Sie küssen, sie spüren, sie fest an sich drücken, in sie gleiten …

…

Was gedachte er eben noch zu tun?

Er wusste es nicht mehr.

Er wusste gar nichts mehr.

Alleine sie und er vereinigt in seinem Bett – dies war es, was er sah, was er wollte, was er verlangte …

Am Rande seines Sichtfelds registrierte er eine Bewegung … und ein Tritt in seinen Magen katapultierte ihn rücklings auf den Boden.

…

Woher nahm eine solche zierliche Frau derartige Kräfte?

…

»Drecksack!«, fauchte Kampfemanze und beugte sich über ihn – die rechte Hand zur Faust geballt.

Die will mich tatsächlich fertigmachen …

Sein halb vernebeltes Gehirn eben diesen Gedanken hervorgebracht, verflüchtigte sich dieser, alsbald Tracey verwundert, ja nahezu gelähmt beobachtete, wie des Beißzanges Faust geradewegs auf ihn zuflog.

»Scheiße!«, brüllte eine ihm wohlvertraute Stimme. »Ihr Verrückten! Was macht ihr denn?!«

Steffi war zurückgekehrt.

Und sein Verstand schaltete einen Gang höher, löschte sämtliche Einigkeit und entflammte seinen altbekannten Frust.

Die Rothaarige stierte Tracey weiterhin tief in die Augen – die rechte Gerade auf halbem Wege innehaltend.

Formten sich da etwa Tränen in den ihren?

Nein, das bildete er sich ein.

Oder waren es hormonell bedingte Trotztränen? Bei elendigen Drecksweibern wie einer solchen wusste man schließlich nie, weshalb diese urplötzlich zu heulen anfingen.

Ja, wahrscheinlich hatte sie ihre Tage. Ansonsten reagierte ein Mensch doch nicht dermaßen über. Da musste eine Frauengeschichte dahinterstecken!

Steffi erschien und packte die verschissene Kratzbürste bei den Armen.

»Lass ihn in Ruhe! Bist du denn des Wahnsinns?!« Sie zog sie zurück, runter von ihm.

Gott sei Dank!

Die anfängliche Erleichterung schlug jedoch schnell in Scham, Kränkung und reine Erniedrigung um.

Wie schlimm vermochte es eigentlich noch zu werden?! Erst wurde er von dieser Drecksnutte angezeigt und nun brachte sie es überdies zustande, ihn zu Boden zu werfen!

Sein Leben war ein einziges Fiasko.

Flott erhob er sich.

Steffi besah erst sie und anschließend ihn bösartig. »Ich will sofort wissen, was hier abgeht!«

»Sie ist grundlos auf mich losgegangen!«, erklärte er leicht außer Atem.

»Er war es, der mich von der Straße drängte!«, konterte Pussywagon-Fahrerin verzwickt wie ein Heftklammerentferner. »Und dann wollte er mich zusammenschlagen!«

»Und jetzt werde ich dich anzeigen!«, keifte er zurück und deutete aggressiv in ihre Richtung. »Diese Aktion reiht sich nämlich ebenso in die Abteilung ›Körperverletzung‹ ein! Du Scheißweib!«

»Ruhe!«, brüllte seine beste Freundin und packte die Rothaarige und ihn am Oberarm. »Wir gehen in einen anderen Raum. Dort können wir über alles in Ruhe reden.«

Was wollte sie?!

Das konnte nicht mehr wahr sein!

»Dieser elenden Dreckstusse habe ich nichts zu sagen!«

Steffi funkelte ihn an. »Das werden wir erst sehen.«

»Ich habe diesem verfluchten Drecksarsch genauso wenig zu sagen!«, kam es fauchend und tobend von der rothaarigen Rohrzange.

»Haltet beide den Mund!« Schnellen Schrittes führte Steffi sie aus dem Speisesaal in einen nebenan liegenden gediegenen Raum, der anscheinend für spezielle Anlässe benutzt wurde, war dieser doch beträchtlich prunkvoller eingerichtet: Wände und Decken verkleidet mit aufwendigem Holzstuck, ein auf Hochglanz polierter Boden sowie ein Luster, von dem man fürchtete, er würde aufgrund seiner imposanten Ausmaße jeden Moment von der Decke fallen.

»Nun könnt ihr euch unterhalten.« Diese Äußerung oberlehrerhaft von sich gegeben, stieß Steffi die Zicke und ihn in die Mitte des Zimmers und knallte die Tür lautstark zu. Im Anschluss daran war ein metallisches Klicken zu vernehmen.

Er drehte sich um.

…

Keine Steffi. Lediglich eine geschlossene dunkelbraune Holztür.

Er ahnte Menschenunwürdiges.

»Das ist nicht dein Ernst!« Er trat zur Türschnalle und drückte diese herunter …

Wie befürchtet ging sie nicht auf.

Verfluchte Scheiße!

»Du sperrst mich hier ein?!«, polterte er. »Das ist Freiheitsberaubung!«

»Sprecht euch in aller Ruhe aus«, kam es dumpf kichernd von der anderen Seite.

Tracey wusste nicht, gegen wen er mehr Groll hegen sollte: die Massivwand durchbeißende rothaarige Brechstange hinter ihm oder der hinterfotzige Druckluftschlagschrauber auf der gegenüberliegenden Seite der Tür.

»Du kannst mich mal kreuzweise, Steffi!«

Die rothaarige Zicke trat zu ihm.

Unwillkürlich zuckte er zusammen.

Mit ihrer rechten Killerfaust donnerte sie gegen das Türblatt. »Lass mich sofort raus!«

Vorsichtshalber wich er zur Seite.

Wer wusste, überkam sie plötzlich ein Rappel Mordgelüste und sie schlug nach ihm.

Steffis schadenfrohe, gedämpfte Stimme erklang: »Dann steht ihr beide schon nebeneinander? Ihr macht unglaubliche Fortschritte!«

Dies erzürnte die Pussywagon-Fahrerin dermaßen, sie drehte sich mit hochrotem Kopf zu ihm um und beäugte ihn vernichtend.

Echte, ihn lähmende Angst kroch ihm über den Rücken bis in seinen Nacken, brachte seine Härchen dazu, sich panisch aufzustellen, und kurbelte seinen Herzschlag schmerzhaft an.

Würde dieses unberechenbare Biest neuerlich auf ihn eindreschen?

»Sie!«, schnaubte Letztgenannte, den Zeigefinger bedrohlich auf ihn zeigend. »Sie sind das Allerletzte!«

Prickelnde Panik pikste ihm in den Hintern. Bedächtig brachte er noch etwas mehr Abstand zwischen sich und der Schreckschraube. »Was geht eigentlich mit dir ab, verdammt?!«

Die Wankelmütigkeit dieser irren Fotze war ja nicht einmal mit den Stimmungsschwankungen seiner zweiten Ex-Freundin vergleichbar – und die war bereits ein Psycho wie aus dem Lehrbuch gewesen …

Wenn er sich vorstellte, dieses Biest vor ihm sein eigen nennen und ihren Eskapaden tagtäglich ausgesetzt sein zu müssen …

Es wurde ihm blümerant.

Wehe dem, der dieses rothaarige Weibsstück ehelichte.

Letztgenannte reckte das Kinn. »Sie glauben wohl, Sie sind der Stecher der Nation, oder?!«

Bitte was geht ab?!

Hatte er sich etwa verhört?

»Und du denkst anscheinend, jeder muss parieren, alsbald Prinzesschen Rotschopf ruft!«

Hätten Blicke getötet, wäre er spätestens jetzt bei Petrus gelandet.

…

Beängstigend langsam setze sich Pussywagon-Fotze in Bewegung – geradewegs auf ihn zu. Und er stolperte einige Schritte rückwärts.

Scheiße … was hatte sie nun vor? Einen Chuck-Norris-Roundhousekick? Eine Kung-Fu-Einlage? Einen Judo Würgegriff?

»Jemand, der denkt«, knurrte sie. »Weil er gut aussieht, könne er tun und lassen, was er will – solche Leute bringen mich zum Kotzen!«

Er stutzte.

Wie jetzt …?

Sie fand ihn ernsthaft gut aussehend?

Obwohl es dies nicht sollte, erfreute ihn diese naive Vermutung.

»Das Kompliment gebe ich gerne zurück.«

Ihre Gesichtsfarbe wechselte von diesem anfänglichen Ärgernis-Rot in ein tief dunkles Weinrot. »Halten Sie ihre verdammte Klappe! Sich über andere lustig machen – es wird immer besser!« Drohend erhob sie ihre rechte Faust. »Am liebsten würde ich Ihnen eine verpassen, sodass Sie sich die nächsten Tage flüssig ernähren müssen.«

»Na, dann versuch es doch!«, entfuhr es ihm schneller, als er zu denken imstande war.

Und selbstverständlich ging sie darauf ein.

Verflucht!

Er wich zurück und brachte sich in Stellung, indem er seine linke Hand schützend vor sich hielt.

Doch Kampftusse blieb seltsamerweise nach dem ersten Schritt stehen und schien sich nicht mehr rühren zu wollen.

»War ja klar! Mehr als drohen könnt ihr Weiber nicht!«

…

Weshalb sagte er das?

Just und ohne etwas dagegen unternehmen zu können, kam ihm eine weitere Beleidigung über die Lippen. »Erst einen auf unschuldig machen und dann los dreschen! Hinterfotziges Weib!«

Ihre Augen verengten sich zu zwei winzigen Schlitzen.

»Sie sind der letzte Abschaum!« Dies kundgetan, ging sie auf ihn los – überraschenderweise wie ein unkoordinierter, hilfloser Frischling.

Ihren Schlägen gelang es nicht einmal im Ansatz, seine Verteidigung zu durchdringen, allerdings hielt Tusse dies nicht davon ab, es unermüdlich weiter zu versuchen. Nachdem ihr überdies ein grober Anfängerfehler passierte – durch ein falsches Gewichtverlagern fiel sie ihm buchstäblich in seine Arme – blieb ihm gar nichts anderes übrig, als ihre ungewollte Umarmung zu erwidern. Er schmiegte sie an seinen Oberkörper – jedoch stets gewahr, auf ihre Beine zu achten. Einen Tritt in seine Kronjuwelen wollte er unter allen Umständen vermeiden.

Er war eben dabei zu überlegen, wie er sein linkes Bein bestmöglich positionieren konnte, da brach die junge Frau in Tränen aus.

Und er verstand gar nichts mehr.

Herzzerreißende Schluchzer ihrerseits nötigten ihn, sie etwas von sich wegzuziehen und anzublicken.

Ihre schräg nach oben gezogenen lieblich geschwungenen Augenbrauen brachten reine Verzweiflung zum Ausdruck. Die tränennassen, geröteten Wangen ließen das Blau ihrer Augen noch beträchtlich stärker erstrahlen. Ihre an eine zuckersüße Tortenglasur erinnernden blassrosa Lippen waren formvollendet … weder zu voll noch zu schmal. Perfekt … gleichermaßen wie ihre zarten Gesichtszüge, die niedliche Stupsnase, die ewig langen dunkelroten Wimpern, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene, feine Haar …

Er hielt inne – schaute genauer, obduzierte einen jeden Quadratmillimeter ihrer makellosen Haut … und Hitze brauste ihm durch den Leib.

Himmel, Arsch und Zwirn!

Sie benutzte keine Schminke!

Er fand nicht den geringsten Beweis, wie zerronnene Mascara oder verschmiertes Make-up.

…

Wow.

…

Eine natürliche Schönheit … wie Gott sie schuf.

Kein Täuschen und Tarnen, kein verkleiden, kein Theater …

Das war bei seiner letzten Ex nicht der Fall gewesen. Sie hatte sich diese ungustiöse Pampe jeden einzelnen Tag ins Gesicht geschmiert. Dementsprechend ekelig war es manchmal geworden, wenn er sie stürmisch geküsst und seine Hände um ihre Gesichtskonturen gelegt hatte.

Das Zeugs hatte geklebt und geschmiert wie eine zähflüssige Handcreme …

Klar, ein ebenmäßiger Teint und akzentuierte Augenpartien waren hübsch anzuschauen – anzufassen allerdings weniger.

Besonders im Alltag.

Wenn er zurückdachte, glaube er nicht sagen zu können, seine Ex jemals ohne diese Karneval-Aufmachung gesehen zu haben. Soviel er wusste, holte sie ungeschminkte weder die Zeitung aus dem Briefkasten, geschweige traute sie es sich ›oben ohne‹ einkaufen oder arbeiten zu gehen. Die Pussywagon-Fahrerin hingegen benutzte augenscheinlich nicht einmal Lippenstift!

Welch verrückte Welt!

»Warum seid ihr allesamt … andauernd so gemein zu mir?«, brachte ihr schluchzendes Wimmern seine rasenden Gedanken zum Erliegen. »Nie habe ich irgendwen etwas Böses angetan. Weshalb akzeptiert ihr mich nicht? Versteht mich überhaupt kein Mensch? –« Ein Weinkrampf erstickte ihre Anklage und nötigte ihn, das zitternde Mädchen fest an sich zu drücken.

Diese Worte … sie berührten ihn zutiefst.

Weshalb?

Er wusste es nicht recht. Womöglich, weil er sich Fragen wie diese ebenso stellte? Weil er akzeptiert und verstanden werden wollte? Weil das Leben und die Gesellschaft ihm tagtägliches Kopfzerbrechen und Frustrationsschübe bescherten?

…

Niemand tut etwas grundlos, hallten die weisen Worte seines Karatetrainers plötzlich durch seinen aufgebrachten Sinn. Beobachte, lausche, fühle – erst dann fälle dein Urteil.

…

Das sich aufgelöst an ihn klammernde rothaarige Mädchen sowie die eben aufgekommene Erinnerung verscheuchten selbst den allerletzten Groll und weckten seine Neugier. Ihre allzeit auftretende Gehemmtheit, ihre Stutenbissigkeit, ihr überschäumender Zorn, ihre gegenwärtige Melancholie und die vorhin getätigte Äußerung … irgendetwas lag hier im Verborgenen!

Ein traumatisches Erlebnis? Eine schwere Kindheit? Familiäre Probleme? Schwierigkeiten in der Arbeit?

Würde er es vermögen, ihr den Grund für ihre eigenartigen Reaktionen zu entlocken?

»Ist schon gut.« Zärtlich streichelte er über ihren bebenden Rücken. »Willst du mir sagen, warum du derart heftig reagierst? Ich verstehe zurzeit nämlich gar nichts mehr.«

»Ich –« Ein Schluchzen unterbrach ihren Versuch einer Erklärung. »Ich wollte ausschließlich gemocht werden … Ich wollte verstanden werden … bloß einmal.«

»Ich kenne dich nicht«, erwiderte er sachlich. »Demzufolge kann dich nicht einfach verstehen. Erst recht nicht, wenn du plötzlich auf mich losgehst.«

»Sie haben mich von der Straße gedrängt«, hielt sie trotzig dagegen.

Oh, Mann! Erst flennen, dann flugs zurück in die Starrsinnigkeit rutschen … typisch Weib!

Er seufzte. »Ja … das war nicht richtig. Das habe ich selbst schon eingesehen, okay?«

Darum hielt er sich zurück! Darum gab er ihr nun eine Chance, diese irre Situation aufzuklären! War das nicht genug, um vernünftig und wie ein erwachsener Mensch zu reagieren?

»Und warum wollten Sie mich niederschlagen?« Sie lehnte sich zurück – und er musste stark schlucken.

Ihr Gesichtsausdruck spiegelte solcherweise viele Emotionen wider, er wusste wahrhaftig nicht, wo er beginnen und aufhören sollte, diese zu bestimmen. Auf jeden Fall entdeckte er neben Verzweiflung, Verwirrung, Unsicherheit und Stursinn minimalistisches Vertrauen.

Diese pikante Entdeckung kurbelte seine Männerfantasie gehörig an …

Ein verlorenes wunderschönes junges Mädchen, das verzweifelt Vertrauen und bedingungslose Liebe suchte, sich an jemanden zu lehnen wünschte – war dies ihre Bürde?

Oder ging seine Vorstellungskraft ein wenig zu sehr mit ihm durch?

»Sagen Sie mir«, zerrte der Rotschopf ihn aus seinen Tagträumereien. »Weswegen wollten Sie mich zusammenschlagen?«

Scham befiel ihn, kletterte in seine Wangen, wodurch diese sich leicht erwärmten.

Und er verfluchte sich tausendmal im Geiste.

Er konnte ihr den Grund seines Ausrasters unmöglich anvertrauen. Was hätte sie von ihm gehalten, wenn er ihr offenbarte, dass allein ihre äußerliche Ähnlichkeit mit seiner Ex und die vielen kleinen Katastrophen des damaligen Tages ihn hatten ausflippen lassen?

Unsicherheit veranlasste ihn, sich zu räuspern. »Ich hatte einen schlechten Tag. Einen richtigen Scheißtag, um ehrlich zu sein.«

Abrupt änderte sich ihr interessantes Mienenspiel.

Entdeckte er da etwa Verständnis?

Tracey wurde es beträchtlich wärmer zumute.

…

Eine junge Frau, die ihn dankbar, wissbegierig, liebeshungrig und devot anblickte, ehe er sie dazu aufforderte, sich umzudrehen und an die Mauer seines Vorraumes zu lehnen, damit er ihren knielangen nachtschwarzen Rock hochziehen und langsam in sie gleiten konnte …

Eine Jungfrau … ängstlich, hilflos wie heillos erregt in seinen Armen … sie verwöhnen, sie küssen, ihren nassen Leib spüren … sie auf die Matratze pressen, in sie dringen, sich bewegen … sie nehmen … sie ausfüllen … sie lieben wie keine Frau zuvor …

…

Eine erregende Gänsehaut rauschte über seinen Rücken und schlug pulsierend und ziehend in seine Leisten ein.

Scheiße … elendige Scheiße!

Dieses Kopfkinoprogramm musste sofort ein Ende nehmen … und diese Schönheit vor ihm musste mit dieser verschissenen Hilflosnummer aufhören, ehe er sich gänzlich vergaß …

Das junge Ding musterte ihn eindringlicher, seelenverschmelzender … liebevoll, sanft, versöhnlich …

Verflucht, Mädel. Hör auf damit! Das weckt meinen Beschützerinstinkt!

Und das war, verfickt noch einmal, überhaupt nicht gut!

Neuerlich ließ er sich einlullen – von einem hübschen Äußeren und weiblichem Manipulationsgeschick! Bereits seine verfickten Ex-Freundinnen hatten dies allesamt verdammt gut hinbekommen. Mit dieser Naturschönheit hier vermochten sie es jedoch nicht im Geringsten mitzuhalten.

»Okay.« Hüstelnd ließ sie von ihm ab und trat einen unsteten Schritt nach hinten.

Und in ihm entstand das wilde Verlangen, sie länger festzuhalten, sie leidenschaftlich zu küssen …

Das ist gar nicht gut, Tracey! Reiß dich zusammen. Von einer wie der wirst du dich doch nicht wieder hereinlegen lassen, oder?

Die Tränen aus ihrem hübschen Gesicht gewischt, meinte sie: »Was genau ist passiert?«

Er verstand nicht.

Seine Auffassungsgabe befand sich noch irgendwo zwischen seinen Jungfrau-Fantasien und stolzannagenden Flashbacks seiner verflossenen Liebschaften …

»Wie … was?«

»Na dieser Scheißtag.« Sie blinzelte. »Was genau ist da gewesen?«

Hatte er erwähnt, wie aufgekratzt er sich fühlte? Ja? Tja, nun war sein Gemütszustand am besten mit einem Verkehrsunfall vergleichbar: geschockt, neurasthenisch, hysterisch.

…

Sie wollte ernsthaft wissen, was passiert war? Sie interessierte sich für seinen Gemütszustand?

»Wozu willst du das wissen?«

»Ich möchte mir eine Meinung bilden«, kam es etwas zu emotionslos zurück.

Und sein Hirn begann abermalig zu rotieren.

Reagierte sie auf diese kühle Weise, um von einer übermäßig emotionalen Aufgebrachtheit hinwegzutäuschen?

»Anscheinend sind Sie doch nicht ein solcher hirnverbrannter, asozialer Idiot, wie all die anderen Leute es normalerweise sind.«

Alter, ging’s noch?!

»Na, vielen Dank für das Kompliment.« Er blickte zur Seite, suchte einen Grund, seine Erklärung hinauszuzögern.

»Ich lache Sie nicht aus.«

Sein Kopf schnellte zu ihr zurück. »Wie?«

»Sie können mir gerne anvertrauen, was los war.« Die Seriosität schwang nicht bloß in ihrer Äußerung, sondern er sah sie ebenfalls in ihrem ihn ernst musternden Angesicht. »Ich lache Sie nicht aus. Ich bin selbst zu oft ausgelacht worden.«

Er schluckte.

Kämpfte sie etwa gegen ähnliche Schwierigkeiten wie den seinen? Kam sie mit den Menschen in ihrer Umgebung nicht zurecht?

Würde sie seine Lage verstehen? Würde sie womöglich sogar die Anzeige zurückziehen, wenn sie erführe, wie sein Tag abgelaufen war?

»Mein Urlaub«, antwortete er nach einigem Zögern. »Wurde gestrichen – das fünfte Mal in Folge. Eine Rentnerin kotzte mich von oben bis unten voll, ich hatte gefühlte zwanzig schleichende alte Säcke vor mir – und schlussendlich tauchte plötzlich dieser Pussywagon vor mir auf.«

»Pussywagon?«

»Na, dein Auto.«

Sie besah ihn verwirrt. »Mein Wagen? Mein Wagen ist nicht –« Da blitzte Erkenntnis auf. »Ach, Sie meinen dieses eklige pinke Ding auf vier Rädern?«

Weshalb bezeichnete sie ihr eigenes Auto als ekliges pinkes Ding?

Er nickte. »Exakt das meine ich.«

»Der gehört mir nicht.«

Wie jetzt?

»Ach, nein?«

»Der Wagen war ausgeliehen, da meiner in der Werkstätte zur Pickerlüberprüfung stand.«

Oh …

»Oh … Dann magst du kein Pink?«

Schier herzallerliebst verzog sie ihre zarten Züge. »Ich hasse Pink.«

Und ihm blieb schier die Luft weg. Für einen minimalen Augenblick zwar – dennoch.

Himmelherrgott!

Sie hasste tatsächlich Pink!

Normalerweise hätte sie es nun verdient, wild geküsst und mit nach Hause genommen zu werden, damit er es mit ihr die gesamte Nacht lang zärtlich trieb – im Schlafzimmer, in der Küche, im Wohnzimmer, in der Dusche …

…

Mal ernsthaft … welche Frau verabscheute Pink?

Sein Blick glitt über die schlanke Gestalt der unergründlichen Pussywagon-Fahrerin.

Wohl ausschließlich eine, die gekleidet in einem wunderschönen kurzen dunkelgrünen hautengen Bleistiftkleid und den farblich dazu passenden Pumps auf ein Blind-Date ging.

Ungeschminkt selbstverständlich.

…

Da wurde es ihm erst richtig gewahr …

Grundgütiger!

Sie sah hinreißend aus! Atemberaubend … ein Wahnsinn …

Und sie hasste Pink!

…

»Das ist beruhigend«, presste er hervor, nachdem er sich von all diesen äußerst erotischen Tatsachen und Eindrücken erholt hatte.

Scheiße.

Er musste sich abregen.

Ihretwegen hatte er immer noch eine Anzeige am Hals! Zudem hasste sie nicht bloß die Farbe Pink, sondern ebenso ihn!

»Und normalerweise fahre ich nicht solcherweise langsam wie damals. Aber dieser verfluchte Wagen verbrauchte dermaßen viel Sprit, weswegen ich vorsichtiger Gas gab.«

»Dann konnten wir wohl beide nichts für diese Situation.«

Von einer Sekunde auf die andere verfinsterte sich ihr Ausdruck – und Verständnis und Rücksicht verschwanden zur Gänze. »Trotzdem haben Sie versucht, mich zu schlagen. Das ist das Allerletzte!«

Eine frische Welle an Schamgefühle und Gewissensbisse baute sich in ihm auf.

Räuspernd drehte er sich zur Seite. »Da hast du natürlich recht. Es tut mir leid.«

»Ich habe etwas gegen Schläger. Ein derartiges Verhalten ertrage ich nicht. Genauso wenig verzeihe ich solche Taten.«

Ein eisig kalter über seinen Rücken kriechender Schauer schickte ihm stechend-schneidende Adrenalinausstöße quer durch seinen Oberkörper.

»Deshalb werde ich die Anzeige nicht fallenlassen«, zeterte sie weiter. »Das war grob fahrlässig!«

…

Grob fahrlässig.

…

Er akzeptierte vieles. Wahrhaftig! Allerdings nicht dieses Wort! Gut, vielleicht war er manchmal etwas zu aufbrausend, nachtragend und genervt von der Welt. Jedoch grob fahrlässig – dies war er sicherlich nicht! Er half Menschen! Er kümmerte sich um Alte und Kranke … und noch bis vor wenigen Wochen war er für die Erstversorgung Schwerverletzter zuständig gewesen!

»Gut, dann kannst du mich erst recht kreuzweise!« Er ging an ihr vorbei zurück zur Tür und schlug dagegen. »Lass mich endlich raus, Steffi! Verdammt noch mal! Ich schwöre dir, das ist das letzte Mal, dass ich bei deinen verschissenen Scherzen mitgemacht habe!«

Jäh vernahm er Schritte von der anderen Seite des Raums.

»Störe ich?« Eine dunkelhaarige Kellnerin blickte ihn und die rote Beißzange fragend an. »Ich brauche ein paar frische Tischtücher aus dem Kasten dort hinten. Macht es Ihnen etwas aus?«

»Existiert hier ein zweiter Durchgang?«, fragte Vorzimmerdrachen verdutzt.

»Ja, sicher. Gleich da drüben.« Die Servierkraft deutete nach rechts – und Tracey und die Pussywagon-Fahrerin stürmten aus dem Zimmer.

»Das kann alles nicht mehr wahr sein!«, klagte er. »Wir hätten die ganze Zeit rausgehen können!«

»Steffi!«, zischte Rotschopf harsch, alsbald die blondierte Nervensäge siegessicher grinsend im Korridor auftauchte. »Du warst die längste Zeit meine Freundin!« Für einen winzigen Augenblick erweckte die Killeremanze den Anschein, nach Steffi treten oder sie mindestens ohrfeigen zu wollen, letztendlich entschied sie sich anders und rannte ohne ein weiteres Wort zu verlieren in den Speisesaal.

Ihr nachblickend trat Tracey zu Steffi. »Du hast es von Anfang an gewusst, stimmt’s?«

Etwas Ähnliches wie zage Gewissensqual brachte Steffis Augenbrauen dazu, sanfte Wellen zu schlagen. »Du wärst niemals gekommen, hättest du gewusst, wer sie ist.«

»Dann hast du sie ebenso reingelegt?«

Sie bejahte. »Ganz genau. Ich bin gut, oder?«

Er schüttelte den Kopf. »Wieso hast du das gemacht?«

»Ihr solltet euch ausreden.« Ihre Reue verwandelte sich in ein intensives Flehen. »Ich wusste doch nicht, dass sie sofort auf dich losgehen würde. Normalerweise ist sie supernett und freundlich.«

Blöde Kuh!

Von wegen supernett und freundlich!

»Du schätzt Leute einfach komplett falsch ein, das ist alles!«

Sichtlich angepisst stemmte Steffi die Hände gegen ihre Hüften. »Jetzt hör mal gut zu, mein lieber Freund! Ich kenne die Süße vielleicht nicht so lange wie du, dennoch weiß ich, dass sie eine liebenswürdige und einfühlsame Person ist!«

»Ja, vielleicht, wenn ich nicht in ihrer Nähe weile.«

Steffi ließ die Schultern hängen. »Ich war mir tausendprozentig sicher, es würde gut ausgehen.«

In Traceys Augenwinkeln registrierte er eine knallrot angelaufene vorbeihuschende Pussywagon-Fahrerin.

»Tja, gut gemacht, Steffi. Du hast es vollbracht, dass diese Irre fluchtartig das Gebäude verlässt.«

Steffi drehte sich Richtung Ausgang. »Ach verflucht noch mal! … Ich werde das in Ordnung bringen.«

»Vergiss es! Für mich ist die Party gelaufen. Keine weiteren Dates. Keine weiteren Überraschungen!«

Dies gesprochen, machte er sich auf zur Garderobe, zog seine Lederjacke über und trat hinaus in die kalte Februarnacht, deren kristallklarer Himmel funkelnde Sterne enthüllte. Neben dem metallischen Geruch der Winterkälte trug der leichte Nordwind den Schreckruf eines Rehs mit sich.

Er fischte die Autoschlüssel aus der rechten Brusttasche, atmete tief durch und setzte sich wieder in Bewegung.

Das war klasse gelaufen! Einfach klasse! Ein weiterer Abend in seinem verschissenen Leben hinter sich gebracht, welchen er in seiner Erinnerungssammlung in die Kategorie ›alltägliche Katastrophen‹ ablegen durfte.

Während er Richtung Wagen schlenderte, beobachtete er, wie ein kleiner Wagen mit Vollgas davonrauschte – offenkundig die Zicken-Emanze mit ihrer frisch überprüften Dreckskarre …

Er stieß die Atemluft hörbar aus.

Na hoffentlich überfuhr sie in ihrer Raserei nicht das Reh.

6. Sein Universum

Die nächsten Wochen zogen ereignislos an ihm vorüber – bis auf den einen unbedeutenden Tag, als seine Zwangsbeurlaubung eingestellt und er durch seinen charakteristisch unterkühlt anmutenden Chef darüber aufgeklärt wurde, fristlos gekündigt zu werden, sollte die Gerichtsverhandlung seine Schuld anerkennen.

Ansonsten lief es wie üblich: Er spielte Taxi für alte Menschen, hörte sich deren Gezeter und die immerselben Geschichten des Kriegs und der Zeit der Entbehrungen an, fernerhin durfte er sich jeden Morgen die anprangernden Blicke seiner verschissenen Kollegen zu Gemüte führen.

War das Leben nicht herrlich?

Zu Hause absolvierte er einen regelrechten Marathon an Trainingseinheiten. Sit-ups, Push-ups, Kniebeugen – um einige zu nennen. Dazwischen schoben sich großzügige Jogging- oder Spazierrunden sowie Karateeinheiten im Klub. Doch jedes Mal, wenn er glaubte, diese namenlose, verrückte Schönheit vergessen zu haben, träumte er von ihr oder sie blitzte vor seinem Geiste auf.

Ihren Namen könnte er selbstredend schnell herausfinden – immerhin stand dieser in seinem Anwaltsschreiben. Angesichts seiner anhaltendenden und von ihm zwanghaft unterdrückt werdenden Kopfkinoeinlagen seit des Blind-Dates wollte er es jedoch tunlichst vermeiden, eine engere Bindung aufzubauen.

Ein Name bedeutete Subjektivation. Ein Name bedeutete Manifestation. Ein Name bedeutete Nähe und Intimität.

Und nichts von alldem durfte sich jemals zutragen! Denn wie es aussah, würden sie beide ohnehin niemals Freunde werden.

Gleichwohl er sich insgeheim nichts sehnlicher wünschte …

Freilich, ihr Blind-Date hatte in einer absoluten Katastrophe geendet, dessen ungeachtet war es ihm wenigstens möglich gewesen, einen winzigen Blick in Rotschopfs Seele zu erhaschen. Dies hatte ihm veranschaulicht, was er sich die gesamte Zeit erhofft hatte: Sie schien offenkundig keine vollumfänglich durchgeknallte Emanze zu sein.

Da lagen bisweilen unberührte Geheimnisse verborgen.

Ich will endlich gemocht werden.

…

Auch er sehnte sich danach, mit den Menschen in seinem Umfeld zurechtzukommen. Er wollte toleriert und geliebt werden. Vor allem jedoch wollte er endlich die Frau seines Herzens finden. Die Frau, welche an seiner Seite schreiten würde – für den Rest ihres gemeinsamen Lebens. Die Frau, die Kamerad, Freund, Schwester und Geliebte in einem darstellte.

Sein Seelenverwandter.

Bedauerlicherweise wusste er selbst längst zu gut, was diese seine Vorstellungen waren: durch Verzweiflung hervorgerufene Symptome eines naiven, realitätsfremden Mannes. Eines Mannes, der auf schmerzhafte Weise hatte erfahren müssen, wie Partnerschaften in der gegenwärtigen Zeit funktionierten: Menschen betrogen einander, lebten gänzlich eigenständige Leben, nahmen keinerlei Rücksicht auf den jeweils anderen. Alleine Spaß haben und in den Tag hineinleben – Verantwortung übernehmen und sich für den anderen aufgeben dagegen nicht.

Kein Wunder, weshalb es in sämtlichen Lebenslagen kriselte! Wenn Menschen ihre Arbeit und die Erziehung ihrer Kinder auf dieselbe Weise verrichteten wie sie sich um ihre Ehepartner und Eltern kümmerten, waren Flüchtlingskrisen, Kriege, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftseinbrüche und Mobbing vorprogrammiert!

Manchmal kam es Tracey vor, er wäre auf einem anderen Stern geboren worden – wie Superman. Bloß fehlten ihm die physischen Kräfte.

Der schneidende durch seine dicke Lederjacke dringende Nordwind zog ihn aus seinen unnützen Grübeleien.

Zielsicher brachten seine Beine ihn über den kahlen Friedhof, dessen asphaltierte durch Eis, Umgebungsfeuchtigkeit und Streusalznässe stumpf schimmernde Weglein sich einsam und fröstelnd durch die Anlage zogen. Die alleenförmig aufgereihten Laubbäume ragten stumm und teilnahmslos in den von dunkelgrauen, tonnenschweren Regenwolken verhangenen Himmel. Deren nackte Zweige wiegten apathisch-verzweifelt hin und her. Sie erweckten den Eindruck, seine Stimmung zu teilen. Das triste Wetter sowie der die Gebirgsketten gänzlich verhüllende Nebel verstärkte seine depressive Stimmung nochmals erheblich und verlieh seinem derzeitigen Leben das passende Flair.

An einem mit schneeweißem Kies bedeckten Doppelgrab blieb er stehen.

Er wollte kein Immergrün oder kitschige Engelsfiguren. Soweit ihm bekannt war, hatten seine Eltern die Einfachheit des Seins bevorzugt.

Laut seinen Großeltern liebte Mama gerade Linien und schnörkelloses Design. Papa mochte die Natur und reine, glatte Objekte: klares Glas, spiegelnde Flächen, Steinböden. Seine Großeltern wiederum waren verrückt nach funkelnden Dingen gewesen: Kristallgläser, Vasen, Mineralien. Aus diesem Grund hatte Tracey in den aus schwarzem auf Hochglanz polierten Granit gefertigten rechteckigen Grabstein zwei funkelnde Kristallglassteine setzen lassen.

Diesen vier von ihm unendlich geliebten Menschen sollte ein jeder Quadratzentimeter Tribut gezollt werden. Durch die geradlinige mit grauem Naturstein umrandete niedrige Abgrenzung und dem Kies meinte Tracey, dies erfolgreich in die Tat umgesetzt zu haben.

Er überlegte.

Eigentlich besaß er sehr wenig Gemeinsamkeiten mit seinen Eltern und Großeltern. Weder konnte er funkelnden Dingen noch puristischem Design etwas abgewinnen. Ja, eigentlich interessierte ihn beinahe gar nichts. Er war kein Kunstliebhaber oder Verfechter eines besonderen Stils.

Nun ja … etwas liebte er wohl: Wasser – in all seinen Formen. Die von der Sonne funkelnden Wellen eines kristallklaren Flusses, die brachiale Gewalt einer Sturzflut, das beruhigende Plätschern eines Baches, das einlullende, prasselnde Geräusch eines lieblichen Sommerregens …

Er genoss die Einfachheit, in welcher unbezwingbare Stärke lag. Keine Schnörkel, Ausschmückungen oder protziges Gehabe – schlichtweg das Ergebnis … das Leben … die Liebe.

Nichts anderes zählte im Leben. Nichts anderes gab Rückhalt, Erfolg und Hoffnung.

Er ging in die Hocke und entfernte behutsam die einzelnen störrischen andauernd wiederkehrenden Grashalme, die irgendwie das unter dem Kies befindliche Vlies durchdrangen.

Ich hoffe, es geht euch gut, sprach er im Gedanken. Ich hoffe, wir sehen uns, wenn meine Zeit gekommen ist …

All die erdrückenden Ereignisse der letzten Jahre schlugen auf ihn ein, zwangen ihn dazu, die Zähne zusammenzubeißen.

Manchmal will ich nicht mehr länger warten. Manchmal möchte ich am liebsten zu euch kommen. Ich weiß nicht mehr weiter. Alles läuft schief. Ich weiß nicht, was ich noch tun, wie ich mein Leben in den Griff bekommen soll. Oma … Opa … Mama … Papa … ich vermisse euch unwahrscheinlich. Schenkt mir bitte etwas Kraft, um weiterzumachen.

Tränen flossen ihm über die erkalteten Wangen. Flott wischte er sie davon.

Helft mir. Was soll ich machen? Ich will meinen Job nicht verlieren. Ich wollte bloß glücklich sein. Weshalb gelingt mir das nicht?

Kraftlos ließ er sich auf die Knie fallen.

Wozu sind wir überhaupt hier? Wozu bin ich hier? Welcher Grund war es, der mich hat auf die Welt kommen lassen? Was ist mein Schicksal? Etwa zu leiden, ein Leben lang durch Einsamkeit und Sehnsucht gepeinigt zu werden? Ich ertrage den Schmerz nicht mehr länger … Holt mich doch zu euch …

Krähengeschrei nötigte ihn dazu, sich umzudrehen.

Drei von diesen anmutigen Tieren in ihrem glänzend schwarzen Federkleid saßen auf der hundertjährigen Birke, welche knapp zwanzig Meter von Tracey entfernt ihre Zweige erhaben in den Himmel reckte.

Sie war ein majestätischer Baum. Selbst jetzt, ohne Belaubung. Im Sommer allerdings, wenn ihre wunderschönen, sanft im Takt des warmen Windes schwankenden dunkelgrünen Blätter in der rötlichen Abendsonne funkelten, da war sie die Königin unter all den Pflanzen.

Schniefend blickte er zurück zum Grab.

Es war ihm nicht erlaubt gewesen, seine Eltern kennenzulernen. Sie starben, da war er ein Säugling gewesen – eben sechs Monate alt.

Es geschah am Abend der betrieblichen Weihnachtsfeier. Seine Eltern hatten beide in derselben Firma gearbeitet – sein Vater in der Buchhaltung, seine Mutter im Sekretariat des Vorstandsdirektors. Die Feier fand in einem Fünf-Sterne-Restaurant auf einem von Klagenfurt eben einmal dreißig Kilometer entfernt gelegenen Berg statt.

Die Aussicht soll wunderschön sein, hatten Nachbarn Tracey einmal erzählt. Obwohl er gerne die eine oder andere Wanderung machte, war er noch nie dort gewesen. Zu schwer wog die Furcht, die Unglücksstelle zu passieren.

Hatte man ein Kreuz aufgestellt? Oder erinnerte etwa gar nichts mehr an diesen schicksalhaften Tag?

Zu Beginn hatten seine Eltern das Fest erst gar nicht besuchen wollen. Sie wünschten lediglich, ihren Urlaub zu genießen – und seine Mutter die Zeit mit ihrem Kind. Ein Weihnachtsfest zu dritt. Ihr erstes Weihnachtsfest zu dritt. Als die beiden hörten, dass ein gigantisches Feuerwerk angekündigt worden war – welches letzten Endes nicht durchgeführt werden würde – beschlossen sie, der Weihnachtsfeier ein paar Stunden beizuwohnen.

Feuerwerke hatten sie sich seit jeher gerne angesehen: die bunten Farben, die Knallerei, die hübschen Formen. Besonders seine Mutter verzückte die wie Sterne glitzernden Funken in einer tiefschwarzen Nacht.

Weder die eisige Winterkälte noch einsetzender Schneefall waren schuld daran gewesen, weshalb dieses pyrotechnische Kunstwerk letztendlich abgesagt werden musste, sondern seine Eltern selbst, welche während der Fahrt die Bergstraße hinauf in einer steilen und überaus eisigen Linkskurve ins Schleudern gerieten und als Folge dessen, über die zweihundert Meter tiefe Böschung hinabstürzten.

Jede Hilfe kam selbstredend zu spät. Der Aufprall hatte sie sofort getötet.

Tracey fuhr sich mit dem Handrücken über seine juckende Nase.

Wenigstens mussten sie nicht leiden oder als sabbernde Krüppel ihr Dasein fristen …

Zu der schicksalhaften Zeit war Tracey bei seinen Großeltern untergebracht gewesen, welche ihn nach dieser Tragödie großzogen. Als er älter wurde, hatten sie ihm andauernd erzählt, wie unruhig er sich in der Unglücksnacht verhalten hatte. Üblicherweise hatte er stets friedlich geschlafen. Damals sollte er durchgehend geweint haben.

Weitere Tränen suchten kitzelnd ihren Weg über sein Gesicht. Er wischte sie weg, räusperte sich und rupfte ein schief gewachsenes Unkraut seitlich der Umrandung heraus.

Er liebte seine Großeltern. Sie waren wundervolle Menschen gewesen, hatten sich aufopfernd und vorbildlich um ihn gekümmert. Sie hatten all die Dinge mit ihm gemacht, die Eltern mit ihren Kindern normalerweise machten: Sie hatten mit ihm gespielt, ihm bei seinen Hausaufgaben geholfen, ihn getröstet und aufgemuntert.

Seine Großeltern waren sein Halt, sein Universum, seine Sonne, sein Leben.

Damals hatte niemand von dem sich langsam aber stetig über ihr Dreiergespann legenden Schatten geahnt, welcher Traceys Leben sehr bald in eine komplett andere Bahn werfen sollte.

Es war ein wunderschöner, strahlend sonniger Tag im Mai gewesen. Vögel hatten gezwitschert, Bäume kitschig geblüht, sanfte Düfte waren durch die Luft gewabert, Menschen hatten gelacht, getratscht und über den langen Winter gejammert – und Tracey hatte eben sein fünfzehntes Lebensjahr erreicht. Da starb sein Großvater an einer Thrombose. Kurz darauf verlor er seine Großmutter, die den Tod des geliebten Ehemannes nicht ertrug und einen Hinterwandinfarkt erlitt.

Diese Erfahrung zerstörte sein Lebensgebilde, nahm ihm seinen Glauben und seinen Lebensmut.

Durch seine Minderjährigkeit wurde er in ein betreutes Wohnen gesteckt – das im Großen und Ganzen nicht übel gewesen war. Bloß die großelterliche Liebe, diese konnte ihm niemand vermitteln. Weder die Betreuer noch seine Mitbewohner. Darum klammerte er sich an die Hoffnung, eine Frau zu finden – seine Seelenverwandte. Wenn er sie hätte, wäre alles andere unwichtig, denn dann wäre er nicht mehr einsam, dann wäre da jemand an seiner Seite.

Mehr wünschte er sich nicht.

Aber er traf sie nicht – einzig Weiber, die ihn ausnützten, betrogen und abartig über ihn herzogen. Und nun war er längst jenseits der Dreißig und kämpfte nach wie vor gegen diese verfluchte immerwährende Einsamkeit!

Ich liebe euch. Mit diesem Gedanken verließ er die Ruhestätte und begab sich zurück zu seinem verhassten Ford.



In seiner Wohnung absolvierte er sein alltägliches Fitnessprogramm. Womöglich nahm es ihm nicht seine negativen Gedanken, dafür fühlte er sich körperlich ein wenig leichter, freier – schwerelos.

Schweißnass stellte er sich unter eine kalte Dusche. Normalerweise verabscheute er dies, da ihm kaltes Wasser schier Schmerzen bereitete. Lediglich kurz nach dem Training hielt er es aus – oder im Hochsommer, wenn seine kleine Dachgeschosswohnung größere Ähnlichkeit mit einem eingeschalteten Backofen annahm, anstatt mit einem menschlichen Obdach.

Alsbald sein Körper abgekühlt war, drehe er das Wasser heiß. Der Schüttelfrost verschwand, die Spannungen lösten sich auf – und sein Geist begann zu fliegen, machte sich auf in unerforschte wie altbekannte Höhen, in die schmerzlich vermisste Geborgenheit bringenden Gefilde.

Die Erinnerungen an seine Großeltern hatten dort ihren Platz, ebenso die der rothaarigen Frau.

Normalerweise versuchte er, seine Gedankenspiele über Letztgenannte so nüchtern wie möglich zu halten. Heute fühlte sich seine Sehnsucht jedoch dermaßen schlimm an, wie in den ganzen einsamen und katastrophalen Jahren zusammengerechnet. Er konnte und wollte sich nicht zurückhalten. Nicht mehr. Wie sehr wünschte er sich, diese Frau nochmals wiederzusehen und über alles zu sprechen.

Wenn er ihr seine ganze Geschichte erzählte, würde sie es verstehen? Könnten sie dann womöglich doch Freunde werden?

…

Nein, Freunde nicht. Viel mehr wollte er. So verdammt viel mehr. Aber nicht aufgrund ihres hübschen Äußeren. Es lag an ihrer anziehenden Ausstrahlung.

Er begehrte sie – mit einer jeden Faser. Manchmal wollte er am liebsten nach ihr schreien. Sein gesamter Körper schien sich ihr entgegenstrecken, sie ausfüllen, sie spüren, sie lieben zu wollen.

Ihre wunderschönen Augen.

Wie gern er sie ansehen mochte, wenn sie völlige Erregung zeigten – und diese Erregung durch ihn entstünde.

Äußerst zögerlich legte er die Finger um seine Männlichkeit und stützte den rechten Unterarm an der verfliesten kalten Wand ab.

Und er sah sie – diese wunderschöne, rothaarige Frau. Ein bodenlanges Seidenkleid … ein bis zu ihren Hüften reichender Schlitz, durch welchen ihr nackter Schenkel hervorblitzte … keine Unterwäsche … ein unsteter Blick ihrerseits … glänzendes, über ihren Rücken fallendes, offenes Haar …

Seine über ihre Haut gleitenden Hände … in die elegante Öffnung des Kleids, weiter zwischen ihre Beine wandernd … zarte Seufzer der Lust aus ihrer Kehle … schmerzhaftes Verlangen seinerseits …

Unsicherheit und Verlorenheit in ihrem perfekten Angesicht, wenn sie sich vor ihm entkleiden würde … zierliche, langsam über ihre fragilen Arme gleitende Träger … schimmernder Stoff, welcher fließend über ihren weichen Körper zu Boden fiel … ihre festen Brüste und deren empfindliche Erhöhungen hart nach oben gereckt, nach seinen fähigen Fingern gierend, beschienen alleine vom gedeckten Licht der hereinscheinenden Wohnzimmerbeleuchtung … ein Schattenspiel der Begierde, ein Kunstwerk vollendet durch ihren betörenden Leib.

Wie schnell würde sie feucht werden, wenn er ihre Oberschenkel und ihren Hintern knetete?

Behutsam rieb er über seine wachsende Erregung.

Er fühlte beinahe, wie er sich in sie stieß, hörte nahezu ihr erregendes Wimmern und Stöhnen …

Zärtlich würde er seine Finger in ihren Haaren vergraben, ihre süßen Lippen küssen, bis sie beide keine Luft mehr bekamen. Wieder und wieder würde er zärtlichst zustoßen. Wieder und wieder. Und sie würde zuerst kommen, dafür würde er Sorge tragen – wie er bei allen vorherigen Frauen dafür gesorgt hatte.

Er sah, wie sie ihre Schenkel für ihn spreizte; fühlte, wie sie ihre Finger in seinem Rücken vergrub … ihre glühenden Wangen, der schüchterne Augenausdruck …

Er rieb stärker, die elektrisierenden Emotionen wirbelten durch seine Leisten, seine Brust, seine Oberschenkel, entlockten ihm ein leises Seufzen.

Wie schön sie aussah. Wie wunderschön.

Gefiel es ihr, wenn er sie von hinten nahm?

Seine linke Hand sachte um ihren Schwanenhals gelegt, seine rechte ihre Klit massierend … sie selbst – ausschließlich gekleidet in ein tiefschwarzes, kurzes Seidennegligé – stützte sich an der Wand ab, reckte ihr Becken gekonnt und willenlos erregt in die Höhe … und langsam glitt er in sie.

Ein schüchternes Stöhnen ihrerseits – die feurige Hitze ihrer nassen Weiblichkeit …

Tracey, nimm mich. Nimm mich jetzt … sofort … bitte … ich bitte dich … ich ertrage es nicht mehr …

Er erschauerte, rieb stärker, keuchte, schloss die Lider …

Tracey, schneller … bitte schneller …

Und er erfüllte ihr diesen würgend-brüchig hervorgepressten ihn verrückt machenden Wunsch.

Sie verkrampfte sich, drückte ihren muskulösen Rücken durch, wimmerte seinen Namen, immer und immer wieder. Und schließlich kam sie – heftig, hemmungslos, wild … er musste sie festhalten, um ein Zu-Boden-Gehen ihrerseits zu verhindern.

Seine Atmung wurde schwerer. Er verlor sich in diesen prickelnd-ziehenden Emotionen in seiner Männlichkeit, legte an Geschwindigkeit zu und ließ seinen Gedanken neuerlich freien Lauf …

Ihr zitternder, erhitzender Leib in seinen Armen … er drückte sie bäuchlings auf die Matratze … ergeben wie dankbar öffnete sie ihm die Schenkel, gleichzeitig vergrub sie die Finger im Laken … keuchte vor Lust, dennoch begehrte sie nicht auf.

Nein.

Sie wartete, bis er es ihr richtig besorgte. Sie wartete still und geziemt, bis seine Männlichkeit sie ausfüllte – sie formte, sie unterwies. Denn sie wusste: Sie gehörte ihm alleine. Alles, was er tat, tat er für sie. Wenn er sie nahm, dann um ihretwillen – nicht aufgrund des Verlangens oder einer Notgeilheit. Ein jeder leidenschaftliche, tiefe Stoß galt ihr, ein jeder minutenlanger Kuss zollte ihr Respekt, Vertrauen und Liebe. Seine sich in sie schiebenden, sie für ihn bereit machenden Finger bekräftigten diesen Liebesschwur Tag für Tag. Ob gegen die Küchenanrichte gelehnt, während einer langen Dusche oder vor seiner Wohnungseingangstür – stets spreizte sie die Beine, gebot ihm geduldig-schweigend Einlass. Auf diese Weise verlieh sie ihrer Rücksichtnahme und Dankbarkeit den nötigen Ausdruck. Er wiederum beschenkte sie allzeit mit einem entfesselnden, sie betäubenden Höhepunkt …

Ein Hochrecken ihrer drallen Kehrseite bewies: Sie konnte nicht mehr. Sie flehte im Geiste, genommen zu werden. Ihre feucht schimmernde Weiblichkeit bekräftigte diese Vermutung … und er drang tief in sie, begann sich rhythmisch-fordernd zu bewegen … schneller und schneller … spürte ihre brennende, nasse Hitze, diese ihn übermannende, blind wie taub machende Sehnsucht und ihre unendliche Liebe zu ihm … vernahm ihr hilfloses stöhnendes Flehen nach mehr …

Tracey … o Gott … Tracey … ich brauche dich … ich liebe dich …

Seine Muskeln verkrampften sich. Er stöhnte, sein Leib erbebte … die Luft anhaltend presste er seine Stirn gegen die kühle Fliesenwand – und er ergoss sich … hart … schmerzhaft … brachte halb wimmernde halb würgende Laute der Ekstase hervor …

Schnell waren der Höhepunkt und diese ihn beruhigende Leichtigkeit vorüber.

Keuchend und zitternd rang er nach Atem. Er sank zu Boden … und begann haltlos zu weinen.

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412 p. 21 illustrations
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9783752923940
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