Read the book: «Neukirchener Kinderbibel Neukirchener Erzählbibel (ohne Illustrationen)»
Inhalt
Neukirchener Kinder-Bibel
Inhaltsverzeichnis
Zum Gebrauch der Neukirchener Kinder-Bibel
Das Alte Testament
I. Gott macht den Anfang
II. Gott gibt sein Versprechen
III. Gott führt sein Volk
IV. Gott gibt das Land
V. Gott setzt Könige ein
VI. Gott sendet seine Propheten
VII. Gott ist Herr über die Welt
VIII. Gott bringt heim
Das Neue Testament
I. Jesus, der Retter, ist da!
II. Jesus hilft
III. Jesus erzählt
IV. Jesus geht nach Jerusalem
V. Jesus muss sterben
VI. Jesus lebt
VII. Jesus sendet seine Jünger
VIII. Jesus kommt wieder
Anhang
A. Einführung in die Geschichten der Bibel
B. Die Geschichten des Alten Testaments
C. Die Geschichten des Neuen Testaments
Neukirchener Erzählbibel
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Das Alte Testament
1. Am Anfang
Das erste Buch Mose (Genesis)
2. Der Auszug
Das zweite und dritte Buch Mose (Exodus und Leviticus)
3. Durch die Wüste
Das vierte und fünfte Buch Mose (Numeri und Deuteronomium)
4. Einzug ins Land
Das Buch Josua
5. Im neuen Land
Das Buch der Richter und Rut
6. Ende und Neuanfang
Das erste Buch Samuel
7. König David
Das zweite Buch Samuel
8. Unter den Königen Israels
Das erste und zweite Buch der Könige
9. Unter den Königen Judas
Das erste und zweite Buch der Chronik
10. Unter fremden Herrschern
Die Bücher Esra, Nehemia und Ester
11. Klagen und Loben
Das Buch Hiob
Die Botschaft der Propheten
12. Der Prophet Amos
13. Der Prophet Jesaja
14. Der Prophet Jeremia
15. Der Prophet Hesekiel
16. Das Buch Daniel
17. Der unbekannte Prophet
Das Neue Testament
18. Das Evangelium von Jesus Christus
Das Johannesevangelium
19. Die Ausbreitung des Evangeliums
Die Apostelgeschichte des Lukas (1)
20. In alle Welt
Die Apostelgeschichte des Lukas (2)
21. Die Botschaft der Hoffnung
Die Offenbarung des Johannes
Einführung in die biblischen Bücher
Das Alte Testament
Die Botschaft der Propheten
Das Neue Testament

Inhalt
Das Alte Testament
I. Gott macht den Anfang
1. Am Anfang
2. Mann und Frau
3. Die Schlange
4. Kain und Abel
5. Noah und die Arche
6. Der Turm von Babel
II. Gott gibt sein Versprechen
7. Abraham und Sara
8. Abraham im neuen Land
9. Abraham muss warten
10. Abraham bekommt Besuch
11. Lot
12. Ismael
13. Isaak
14. Isaak und Rebekka
15. Jakob und Esau
16. Jakob bekommt den Segen
17. Jakob auf der Flucht
18. Jakob im fremden Land
19. Jakob kehrt heim
20. Josef und seine Brüder
21. Josef in Ägypten
22. Josef im Gefängnis
23. Josef vor dem König
24. Josefs Brüder in Ägypten
25. Josef söhnt sich aus
26. Jakob zieht nach Ägypten
III. Gott führt sein Volk
27. In Ägypten
28. Mose
29. Mose muss fliehen
30. Mose im Land Midian
31. Mose bekommt einen Auftrag
32. Mose bei Pharao
33. Die zehn Plagen
34. Der Auszug aus Ägypten
35. Durch das Rote Meer
36. Durch die Wüste
37. Hunger
38. Ein Überfall
39. Am Berg Sinai
40. Das goldene Kalb
41. Fast am Ziel
42. Schlangen
43. Mose sieht das Land
IV. Gott gibt das Land
44. Josua
45. Josua nimmt das Land ein
46. Gideon
47. Gideon und die Midianiter
48. Rut
49. Rut und Boas
50. Samuel
51. Samuel bei Eli
V. Gott setzt Könige ein
52. Saul
53. David
54. David bei König Saul
55. David und Goliat
56. David muss fliehen
57. David in der Höhle
58. David in der Wüste
59. David wird König
60. David in Jerusalem
61. David bekommt ein Versprechen
62. David und Batseba
63. David und Absalom
64. Salomo
65. Salomo baut den Tempel
VI. Gott sendet seine Propheten
66. Elia
67. Elia im fremden Land
68. Elia auf dem Berg Karmel
69. Elia in der Wüste
70. Elisa und Naaman
71. Jona
72. Jona in Ninive
73. Jesaja und König Hiskia
74. Die Schriftrolle
75. Jeremia
76. Jeremia und Baruch
VII. Gott ist Herr über die Welt
77. Daniel
78. Daniel deutet einen Traum
79. Daniels Freunde im Feuerofen
80. Daniel in der Löwengrube
VIII. Gott bringt heim
Das Neue Testament
I. Jesus, der Retter, ist da!
1. Gute Nachricht für Zacharias
2. Gute Nachricht für Maria
3. Jesus wird geboren
4. Ehre sei Gott!
5. Endlich ist er da!
6. Der neue König
7. Auf der Flucht
8. Auf dem Passafest
9. Am Jordan
10. In der Wüste
11. Die ersten Jünger
II. Jesus hilft
12. Am See
13. Auf der Hochzeit
14. Ausgestoßen
15. Gelähmt
16. Sprich nur ein Wort!
17. Zu spät?
18. Weine nicht!
19. Dein Glaube ist groß!
20. Hephata!
21. Eine dunkle Macht
22. Im Sturm
23. Alle werden satt
24. Nachts auf dem See
III. Jesus erzählt
25. Freut euch, ihr Armen!
26. Vom Sämann
27. Vom Beten
28. Vom bittenden Freund
29. Vom barmherzigen Samariter
30. Vom reichen Bauern
31. Vom verlorenen Schaf
32. Von der verlorenen Münze
33. Vom barmherzigen Vater
34. Vom Pharisäer und Zöllner
35. Von der bittenden Witwe
36. Von den beiden Knechten
37. Von den Arbeitern im Weinberg
IV. Jesus geht nach Jerusalem
38. Du bist Christus!
39. Auf dem Berg
40. Der einzige Sohn
41. Die gebeugte Frau
42. Der dankbare Samariter
43. Lasst die Kinder zu mir!
44. Der Reiche
45. Zachäus
46. Bartimäus
47. Marta
48. Lazarus
49. Maria
50. Hosianna!
V. Jesus muss sterben
51. Jesus räumt auf
52. Jesus wäscht den Jüngern die Füße
53. Jesus feiert das Mahl
54. Jesus betet in Gethsemane
55. Jesus wird verhaftet
56. Jesus wird verhört
57. Jesus wird verleugnet
58. Jesus wird verurteilt
59. Jesus wird gekreuzigt
60. Jesus wird begraben
VI. Jesus lebt
61. Jesus erscheint den Frauen
62. Jesus erscheint den Jüngern
63. Jesus erscheint Thomas
64. Jesus erscheint am See
VII. Jesus sendet seine Jünger
65. Jesus geht zum Vater
66. Gott schenkt seinen Geist
67. Petrus und der Bettler
68. Petrus im Gefängnis
69. Ein Minister aus Afrika
70. Paulus wird Christ
71. Paulus geht nach Europa
VIII. Jesus kommt wieder
72. Seid wachsam!
73. Seid bereit!
74. Kommt zum Fest!
Anhang
A. Einführung in die Geschichten der Bibel
I. Die Eigenart biblischer Geschichten
II. Das Thema der biblischen Geschichten
B. Die Geschichten des Alten Testaments
I. Gott macht den Anfang
II. Gott gibt sein Versprechen
III. Gott führt sein Volk
IV. Gott gibt das Land
V. Gott setzt Könige ein
VI. Gott sendet seine Propheten
VII. Gott ist Herr über die Welt
VIII. Gott bringt heim
C. Die Geschichten des Neuen Testaments
I. Jesus, der Retter, ist da!
II. Jesus hilft
III. Jesus erzählt
IV. Jesus geht nach Jerusalem
V. Jesus muss sterben
VI. Jesus lebt
VII. Jesus sendet seine Jünger
VIII. Jesus kommt wieder
Zum Gebrauch der Neukirchener Kinder-Bibel
Diese Bibel richtet sich in erster Linie an Kinder. Sie will Kinder in die Geschichte der Bibel einführen, sie für Gottes Wort öffnen und sie dazu anregen, die Bibel selbst zu entdecken.
Die Kinder-Bibel richtet sich aber auch an interessierte Erwachsene, an Eltern, Lehrende und Erziehende. Sie lädt dazu ein, die Geschichten mit Kindern zu lesen und sie für Kinder neu zu erschließen.
Daraus erklärt sich die Eigenart dieser Kinder-Bibel:
1. Die Erzähltexte
erzählen in einfacher, bildhafter Sprache und sind in Sinnzeilen geordnet. Sie möchten Kinder schon in frühem Alter mit der Bibel vertraut machen.
Sie orientieren sich in Inhalt und Sprachform an den biblischen Texten selbst. Sie möchten Kinder und Erwachsene hellhörig machen für die besondere Botschaft dieser Texte.
Sie bauen thematisch aufeinander auf. Sie zeigen den inneren Zusammenhang biblischer Zeugnisse auf und empfehlen sich zu fortlaufender Lektüre.
Sie erzählen von Gott, der uns in der Geschichte nahekommt. Sie laden Erwachsene und Kinder ein, diese Geschichte neu zu entdecken und selbst weiterzuerzählen.
2. Der Anhang
gibt eine thematische Einführung in die Themen und Texte der Kinder-Bibel und dient als Hinführung zum eigenen Bibelstudium. Er richtet sich an Erwachsene, die an einem biblischen Grundkurs interessiert sind und möchte zugleich als biblisch-theologische Grundlage für die eigene Nacherzählung biblischer Geschichten dienen.
Die Kinder-Bibel ist im neutestamentlichen Teil um 16 Geschichten erweitert worden (seit der 12. Auflage). Der Text der Bibel folgt der neuen Rechtschreibung.
Das Alte Testament
I
Gott macht den Anfang
Dies ist die Geschichte,
die uns die Bibel erzählt.
Sie erzählt von Gott
und seinen Menschen
und von dem Weg,
den er mit ihnen ging.
Es ist eine sehr lange Geschichte,
die längste und größte
und erstaunlichste Geschichte,
die uns Menschen bekannt ist.
Sie begann schon vor langer Zeit,
lange bevor wir geboren wurden,
lange bevor unsere Eltern
und Großeltern lebten.
Vor vielen, vielen Jahren,
als noch kein Mensch
auf der Erde lebte,
als noch keine Blume
und kein Baum auf der Erde wuchs,
noch viel, viel früher,
als es noch nicht einmal die Erde gab,
da war Gott schon da,
ganz am Anfang.
Mit ihm beginnt diese Geschichte.
1. Am Anfang
Am Anfang
schuf Gott Himmel und Erde.
Noch war die Erde öde
und ohne Leben.
Wasser bedeckte das Land.
Und es war überall dunkel.
Da sprach Gott:
„Es werde Licht!“
Und es geschah,
wie Gott gesagt hatte:
Über der Erde wurde es hell.
Und Gott sah,
dass das Licht gut war.
Er trennte das Licht von dem Dunkel.
Und er nannte das Licht „Tag“.
Und das Dunkel nannte er „Nacht“.
Da wurde es Abend.
Die Erde lag wieder im Dunkeln.
Der erste Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Über der Erde
soll ein Himmel entstehen!“
Und so geschah es:
Gott spannte das Firmament
über die Erde
und nannte es „Himmel“.
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Wieder wurde es Abend.
Der zweite Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Alles Wasser soll weichen!“
Und so geschah es:
Das Wasser floss zusammen.
Und trockenes Land trat
aus dem Wasser hervor.
Und Gott nannte das Trockene „Land“.
Und das Wasser nannte er „Meer“.
Und Gott sprach:
„Das Land bringe hervor
Gräser und Kräuter
und Bäume aller Art.“
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Wieder wurde es Abend.
Der dritte Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Lichter sollen am Himmel leuchten
bei Tag und bei Nacht!“
Und so geschah es:
Am Morgen ging die Sonne auf,
strahlend und hell.
Und am Abend leuchtete
der Mond am Himmel.
Und viele Sterne funkelten
in der dunklen Nacht.
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Wieder wurde es Abend.
Der vierte Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Tiere sollen das Wasser
und die Luft mit Leben erfüllen!“
Und so geschah es:
Im Wasser wimmelte es bald
von allerlei Tieren,
großen und kleinen Fischen.
Und Vögel flogen
in Schwärmen herbei
und erfüllten die Luft
mit ihrem Geschrei.
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Er segnete die Fische und Vögel
und sprach:
„Vermehrt euch!
Legt Eier und brütet sie aus!
Wasser und Luft
sollen von euch erfüllt sein.“
Wieder wurde es Abend.
Der fünfte Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Auch auf dem trockenen Land
sollen allerlei Tiere leben!“
Und so geschah es:
Gott schuf die Tiere,
die auf dem Land leben,
große und kleine,
flinke und lahme,
wilde und zahme,
alles, was kriecht
und was Beine hat.
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Zuletzt aber schuf Gott
den Menschen.
Gott sprach:
„Ich will Menschen machen,
die mir gleichen.
Über alle Tiere
will ich sie stellen.“
Und Gott schuf den Menschen
nach seinem Bild:
Mann und Frau.
Und Gott segnete sie
und sprach:
„Vermehrt euch!
Breitet euch aus über die Erde!
Alles, was ich gemacht habe,
soll für euch da sein,
die Bäume und die Früchte,
die Fische und die Vögel
und die Tiere auf dem Land.
Alles soll euch gehören,
euch und allen Menschen,
die auf der Erde leben werden.
Aber ihr sollt mir gehören.“
Und Gott sah auf alles,
was er gemacht hatte.
Es war alles sehr gut.
Da wurde es Abend.
Der sechste Tag war vorüber.
Am siebten Tag aber ruhte Gott
und vollendete sein Werk.
Gott segnete den siebten Tag
und sprach:
„Dieser Tag soll mein Tag sein.
Alle Arbeit soll ruhen
an diesem Tag!“
So wurden Himmel und Erde
durch Gott geschaffen.
Alles, was in dieser Welt ist,
kommt von ihm.
1. Mose 1
2. Mann und Frau
So schuf Gott den Menschen:
Er machte ihn aus Erde
und hauchte ihm Leben ein.
Und Gott ließ ihn wohnen
im Land Eden,
in einem Garten mit vielen Bäumen
und köstlichen Früchten.
Der Mensch durfte ihn pflegen
und seine Früchte ernten.
Der ganze Garten war für ihn da.
Da sprach Gott:
„Es ist nicht gut,
dass der Mensch allein bleibt.
Ich will ihm eine Gefährtin geben,
die ihm gleich ist,
die zu ihm gehört
und die ihn versteht.“
Und Gott brachte Tiere zu ihm.
Und der Mensch gab ihnen Namen,
jedem Tier einen besonderen Namen.
Aber unter allen Tieren
fand sich kein Tier,
das dem Menschen gleich war.
Mit keinem konnte er reden.
Und kein Tier konnte
den Menschen verstehen.
Da ließ Gott den Menschen
in einen tiefen Schlaf sinken.
Und als er aufwachte,
da war eine Frau bei ihm.
Gott hatte sie ihm gegeben.
„Endlich!“, rief er froh.
„Das ist sie,
meine Frau,
der Mensch,
der mir fehlte!“
Nun war der Mensch
nicht mehr allein.
Nun gehörten sie
für immer zusammen:
Frau und Mann,
Mann und Frau.
Gott hatte sie
füreinander geschaffen.
1. Mose 2
3. Die Schlange
Adam und Eva hießen die Menschen,
die Gott geschaffen hatte.
Sie lebten miteinander in Frieden.
Sie kannten keine Angst
und auch keine Schmerzen.
Es fehlte ihnen an nichts.
Gott war bei ihnen
und sorgte für sie
wie ein Vater für seine Kinder.
Alles hatte Gott
den Menschen gegeben.
Alles, was im Garten wuchs,
durften sie ernten und essen.
Nur eines hatte Gott verboten:
Mitten im Garten
stand ein besonderer Baum,
der „Baum der Erkenntnis“.
Wer von diesem Baum aß,
wusste, was gut und böse ist.
Dieser Baum gehörte nur Gott.
Gott hatte zu Adam gesagt:
„Alle Früchte dürft ihr essen.
Aber von diesem Baum
sollt ihr keine Frucht essen.
Sonst werdet ihr sterben.“
Aber eines Tages geschah es:
Eva ging mit Adam im Garten umher.
Plötzlich hörte sie eine Stimme.
Sie schaute sich um.
Da entdeckte sie eine Schlange.
Die sah sie listig an
und flüsterte ihr zu: „Wie?
Dürft ihr keine Früchte essen?
Hat Gott das gesagt?“
„Aber nein“, widersprach Eva.
„Alles dürfen wir essen.
Nur von dem Baum in der Mitte
sollen wir nichts essen.
Gott hat gesagt:
,Esst nicht davon!
Rührt seine Früchte nicht an!
Sonst müsst ihr sterben.‘“
Aber die Schlange flüsterte:
„Nein, glaub mir!
Ihr werdet nicht sterben.
Sondern ihr werdet
wie Gott sein,
so klug wie Gott selbst.“
Da sah Eva den Baum an.
Wie seine Früchte lockten!
Eva streckte die Hand aus,
pflückte eine Frucht,
biss hinein
und gab sie ihrem Mann.
Der nahm die Frucht
und aß auch davon.
Auf einmal gingen
den beiden die Augen auf.
Plötzlich erkannten sie,
dass die Schlange sie betrogen hatte.
Sie schauten sich erschrocken an.
Da sahen sie, dass sie nackt waren.
Schnell rissen sie
ein paar Feigenblätter ab
und banden sie sich um.
Schon kam der Abend heran.
Da hörten sie,
wie Gott durch den Garten ging.
Voll Angst liefen sie davon
und versteckten sich
zwischen den Bäumen.
Aber Gott hatte sie längst gesehen.
„Adam“, rief er, „wo bist du?“
Zitternd kam Adam
aus seinem Versteck hervor.
„Adam“, sprach Gott,
„hast du von dem Baum gegessen?“
„Ja“, gab Adam zu,
„ich habe es getan.
Aber Eva war schuld daran.
Sie gab mir die Frucht.“
„Eva“, sprach Gott,
„warum hast du das getan?“
„Ich war nicht schuld“,
wehrte sich Eva.
„Die Schlange war schuld.
Sie hat mir gesagt,
dass ich von dem Baum essen darf.“
Da sprach Gott zur Schlange:
„Verflucht sollst du sein,
weil du das getan hast.
Die Tiere werden dir
aus dem Weg gehen
und die Menschen dir feind sein.“
Und zu Eva sprach Gott:
„Du wirst viel Mühe haben
in deinem Leben.
Kinder wirst du gebären,
aber mit Schmerzen.“
Und zu Adam sprach er:
„Auch du wirst es schwer haben.
Felder wirst du bebauen.
Aber Dornen und Disteln
werden darauf wuchern.
Und deine Arbeit
wird dich viel Schweiß kosten.“
Nun war mit einem Mal
das Leben mit Gott zu Ende.
Adam und Eva mussten
den Garten verlassen.
Gott selbst wies sie hinaus.
Gerne wären die beiden
wieder zurückgekehrt.
Aber Engel mit feurigen Schwertern
bewachten den Zugang zum Garten.
Doch Gott ließ auch jetzt
seine Menschen nicht los.
Er erhielt sie am Leben
und gab ihnen alles,
was sie zum Leben brauchten:
Kleider aus Fellen,
um sie vor Kälte zu schützen,
und Korn und Früchte,
um ihren Hunger zu stillen.
Aber der Tag war noch fern,
an dem Gott selbst
zu den Menschen kommen würde,
um sich mit ihnen zu verbinden
für immer.
1. Mose 3
4. Kain und Abel
Adam und Eva lebten nun
fern von Gott.
Doch eines Tages geschah,
was Gott gesagt hatte:
Eva gebar einen Sohn.
Sie nannte ihn Kain.
Bald darauf gebar sie
noch einen Sohn,
den nannte sie Abel.
Kain wuchs heran
und wurde ein Bauer.
Er arbeitete auf dem Feld,
säte und erntete Korn.
Abel aber wurde ein Hirte.
Er hütete die Schafe
und sorgte für sie.
Kain und Abel
hatten Gott nie gesehen.
Aber sie dachten oft an ihn.
Sie brachten ihm Opfer
und dankten ihm für alles,
was er ihnen zum Leben gab.
Wenn Abel opferte,
wählte er das schönste Schaf aus,
schlachtete es
und legte es auf einen Altar,
den er aus Steinen gebaut hatte.
Dann schob er dürre Zweige
unter das Schaf,
zündete das Opfer an
und betete zu Gott,
sobald Rauch zum Himmel aufstieg.
Und Gott sah auf Abels Opfer
und freute sich daran.
Wenn aber Kain opferte,
dann legte er auf den Altar
Körner und Früchte,
die er geerntet hatte.
Auch er zündete sein Opfer an
und betete zu Gott.
Aber es schien,
als sähe Gott sein Opfer nicht.
Da dachte Kain bei sich:
Jetzt weiß ich es sicher:
Gott liebt nur Abel.
Mich hat er nicht lieb.
Sein Gesicht wurde ganz finster.
Er konnte Abel
gar nicht mehr ansehen,
so wütend war er auf ihn.
Schließlich fasste Kain
einen furchtbaren Plan:
Abel musste sterben!
Tag und Nacht
sann er darüber nach.
Aber Gott sah,
was Kain plante.
Er warnte ihn:
„Kain, was hast du vor?
Warum blickst du so finster?
Gib acht, was du tust!“
Doch Kain hörte nicht auf Gott.
Er lockte Abel aufs Feld,
fiel über ihn her
und schlug auf ihn ein,
bis er tot war.
Nun war es geschehen.
Abel lag am Boden
und rührte sich nicht mehr.
Auf einmal war es
totenstill auf dem Feld.
Schnell verscharrte Kain
seinen Bruder in der Erde.
Aber plötzlich –
rief da nicht jemand?
Erschrocken sah Kain sich um.
Er konnte niemand entdecken.
Gott war es, der ihn rief:
„Kain, wo ist Abel, dein Bruder?“
„Wie soll ich das wissen?“,
gab Kain zurück.
„Soll ich denn meinen Bruder hüten?
Bin ich denn sein Hirte?“
Doch Gott sprach zu Kain:
„Was hast du getan?
Das Blut deines Bruders
schreit zum Himmel
und klagt dich an.
Nun musst du fliehen.
Aber wohin du auch fliehst,
nirgendwo kannst du bleiben.“
Da erst begriff Kain,
was er Furchtbares getan hatte.
Seinen eigenen Bruder
hatte er umgebracht!
Schnell machte er sich auf
und lief davon.
Aber wohin?
Er wusste es selbst nicht.
Er floh von Ort zu Ort,
immer weiter.
Nirgendwo fand er Ruhe.
Überall hatte er
seinen toten Bruder vor Augen.
Sein Leben lang konnte er
Abel nicht mehr vergessen.
Gott aber gab Kain
ein Zeichen an seine Stirn
und schützte ihn,
solange er lebte.
Nun waren Adam und Eva
wieder allein wie am Anfang.
Doch Gott ließ sie
auch jetzt nicht allein.
Er schenkte ihnen
noch einen Sohn: Set.
Der wuchs heran
und hatte selbst Kinder.
Und auch seine Kinder
bekamen wieder Kinder.
So entstand ein großes Volk.
1. Mose 4
5. Noah und die Arche
Bald dachten die Menschen
nicht mehr an Gott.
Sie spielten sich auf,
als seien sie selbst Gott,
und verdarben alles,
was er gemacht hatte.
Sie raubten und mordeten
und machten sich nichts daraus.
Jeder dachte nur an sich selbst
und tat, was ihm allein nützte.
Da tat es Gott leid,
dass er die Menschen gemacht hatte.
Und er sprach zu sich:
„Ich will die Menschen
mitsamt der Erde verderben.
Denn sie sind alle
von Grund auf verdorben.“
Nur einer war anders: Noah.
Er hörte auf Gott
und lebte,
wie Gott es gefiel.
Da sprach Gott zu Noah:
„Bau dir ein Schiff!
Denn bald wird es regnen,
so viel, dass alles Land
im Wasser versinkt.
Auch die Blumen und Bäume,
sogar die Tiere und Menschen,
alles, was lebt, wird ertrinken.
Aber dich will ich am Leben erhalten,
dich und deine Frau
und deine drei Söhne
mit ihren Frauen.“
Da hörte Noah auf Gott.
Und er baute die Arche,
ein riesiges Schiff,
so hoch wie ein Haus,
drei Stockwerke hoch,
mit zahllosen Kammern,
mit Tür und Fenster
und einem richtigen Dach.
Danach sprach Gott:
„Nun wähle von allen Tieren
je ein Paar aus
und bringe sie in die Arche hinein!
Denn auch sie will ich
am Leben erhalten.“
Und schon kamen sie an,
Löwen und Schafe,
auch Vögel und Käfer,
alles, was kriecht
und was Beine hat.
Von allen brachte Noah
je ein Paar in die Arche,
wie Gott gesagt hatte.
Auch schaffte er für die Tiere
gewaltige Mengen an Futter herbei.
Darauf ging Noah selbst
in die Arche hinein,
er, seine Frau
und seine drei Söhne
mit ihren Frauen.
Und Gott selbst
schloss die Tür hinter ihm zu.
Sieben Tage lang
blieb es still auf der Erde.
Dann verschwand die Sonne
hinter den Wolken.
Der Himmel wurde ganz schwarz.
Ein furchtbarer Regen brach los.
Es schüttete.
Es goss in Strömen.
Die Flüsse traten über die Ufer.
Sie überschwemmten das Land.
Menschen und Tiere ertranken.
Bald stand alles Land unter Wasser.
Und immer noch
hörte der Regen nicht auf.
Das Wasser stieg höher und höher,
bis zu den höchsten Bergen empor.
Schließlich war nichts mehr
zu sehen, nur Wasser –
ein unendliches Meer!
Aber die Arche
schwamm auf dem Meer,
ruhig und sicher.
Kein Tropfen Wasser
drang in sie ein.
*
Vierzig Tage lang
dauerte der furchtbare Regen.
Da dachte Gott an Noah
und setzte dem Regen ein Ende.
Der Himmel riss auf.
Die Wolken verschwanden.
Und am blauen Himmel
strahlte wieder die Sonne.
Aber noch war alles Land
von den Fluten bedeckt.
Tage und Wochen vergingen.
Das Wasser sank nur ganz langsam.
Die Arche trieb
immer noch ziellos dahin.
Endlich, nach vielen Wochen,
lief sie auf einen Berg auf.
Der lag noch ganz unter Wasser.
Aber nach und nach
trat die Spitze des Berges
aus dem Wasser hervor.
Nun wusste Noah:
Bald ist es so weit.
Er öffnete das Fenster
und ließ eine Taube hinausfliegen.
Aber am Abend kam die Taube zurück.
Sie hatte kein Futter gefunden.
Da wartete Noah noch eine Woche.
Danach ließ er noch einmal
die Taube hinausfliegen.
Und wieder kam sie zurück.
Aber diesmal hielt sie
ein Ölblatt im Schnabel,
als wollte sie sagen:
„Seht doch, die Bäume
tragen schon wieder Blätter!“
Noch eine Woche verging.
Danach ließ Noah noch einmal
die Taube hinausfliegen.
Aber diesmal kam sie
nicht mehr zurück.
Da deckte Noah das Dach ab
und schaute hinaus.
Und sieh da:
Das Land war überall trocken.
Und Gott sprach zu Noah:
„Nun geh aus der Arche,
du und deine Frau
und deine drei Söhne
mit ihren Frauen,
dazu alle Tiere!“
Da machte Noah die Tür weit auf.
Menschen und Tiere stürmten hinaus.
Wie schön war die Erde wieder!
So schön wie am Anfang!
Aus dem Boden spross grünes Gras.
Und überall blühten Blumen.
Da baute Noah einen Altar
und brachte Gott Opfer.
Gott hatte sein Versprechen gehalten
und alle am Leben erhalten,
Menschen und Tiere.
Wie dankbar war Noah dafür!
Aber was hatte Gott
in Zukunft mit ihnen vor?
Würde er die Erde
noch einmal vernichten?
Doch Gott sprach zu Noah:
„Ich will die Erde
nicht mehr verderben.
Nie mehr soll es
so eine große Flut geben.
Solange die Erde steht,
soll nicht aufhören
Saat und Ernte,
Frost und Hitze,
Sommer und Winter,
Tag und Nacht.
Und wenn noch einmal
ein großes Unwetter kommt,
sodass ihr euch fürchtet,
dann schaut auf zum Himmel!
Dort steht in den Wolken
mein Bogen.
Er ist das Zeichen,
dass ich mein Versprechen halte.“
Und als Noah aufschaute,
da sah er am Himmel
einen großen Regenbogen.
Der spannte sich über die Erde
von einem Ende zum andern
und leuchtete in allen Farben.
Da dankte Noah Gott
für sein großes Versprechen.
Und er fing wieder von vorn an.
Er pflügte die Erde,
legte Äcker und Weinberge an,
säte und pflanzte.
Und Gott ließ wachsen und reifen,
was er gepflanzt hatte.
1. Mose 6–9
6. Der Turm von Babel
Bald gab es wieder
viele Menschen auf der Erde.
Sie sprachen dieselbe Sprache
und wohnten in Zelten.
Wo es ihnen gefiel,
schlugen sie ihre Zelte auf
und ließen sich nieder.
So zogen sie nach Osten
und kamen in die Ebene Schinar,
in ein weites und fruchtbares Land.
Da riefen die Menschen:
„Hier gefällt es uns.
Hier wollen wir bleiben.“
Und sie sagten zueinander:
„Auf, worauf warten wir noch?
Wir wollen Häuser bauen
aus festen Steinen,
richtige Häuser
mit Dächern, Fenstern und Türen.“
Und sogleich fingen sie an.
Sie formten Steine aus Lehm,
brannten sie in der Hitze
und fügten die Steine zusammen.
Aber die Menschen riefen:
„Auf, wir bauen noch mehr!
Eine Stadt wollen wir bauen
mit Häusern, Straßen und Plätzen
und einer Mauer ringsum.
Dann bleiben wir für immer zusammen.“
Und sogleich fingen sie an
und bauten die Stadt Babel,
eine riesige Stadt
mit vielen Häusern, Straßen und Plätzen
und einer dicken Mauer ringsum.
Aber die Menschen riefen:
„Auf, wir können noch mehr!
Einen Turm wollen wir bauen,
so hoch wie der Himmel!
Dann sind wir die Größten,
und alle Welt redet später von uns.“
„Ja, das ist gut“,
riefen alle begeistert.
„Auf, worauf warten wir noch?“
Und sogleich fingen sie an,
schleppten eifrig Steine herbei
und setzten einen Stein
auf den andern.
Der Turm wuchs.
Er wurde höher und höher.
Bald ragte er über die ganze Stadt.
Aber die Menschen riefen:
„Noch höher!
Viel höher!
So hoch wie der Himmel!
Wir geben nicht auf.“
Aber Gott sah herab
auf die Stadt und den Turm.
Er sah, was die Menschen planten.
Da sprach er zu sich:
„So sind die Menschen.
Immer mehr wollen sie haben.
Nie ist es ihnen genug.
Am Ende wollen sie selber
wie Gott sein.“
Und Gott ließ geschehen,
was keiner gedacht hätte:
Die Menschen bekamen
untereinander Streit.
Keiner konnte mehr
den andern verstehen.
Jeder sprach nur noch
seine eigene Sprache.
Schließlich sprach niemand mehr
mit dem andern.
Da warfen die Leute
ihre Arbeit hin
und zogen aus der Stadt,
jeder in eine andere Richtung.
Der Turm aber blieb zurück,
halb fertig und verlassen.
Und alle, die später vorübergingen,
zeigten auf ihn und sagten:
„Seht doch den Turm von Babel!
Seht, was sich die Menschen
damals ausgedacht haben!
Sie wollten zusammenhalten.
Aber sie wurden zerstreut.
Sie wollten groß und stark sein.
Doch was ist von ihnen geblieben?“
1. Mose 11,1–9
II
Gott gibt sein Versprechen
Die Menschen hatten sich von Gott
und voneinander getrennt.
Sie waren eigene Wege gegangen.
Es schien, als blieben sie nun
für immer sich selbst überlassen.
Aber Gott zeigte den Menschen,
was er mit ihnen vorhatte.
Er gab ihnen ein großes Versprechen.
7. Abraham und Sara
Vor langer Zeit lebte ein Mann,
der hieß Abraham.
Er war sehr reich
und hatte viele Schafe,
auch Ziegen, Kühe und Kamele,
dazu viele Knechte und Mägde,
die für die Tiere sorgten.
Abraham wohnte in der Stadt Haran.
Er hatte es gut dort.
Es fehlte ihm an nichts.
Er hatte genug zu essen
und auch genug Gras
für alle seine Tiere.
Nur eines fehlte Abraham:
Er und seine Frau Sara
hatten kein Kind.
Eines Tages aber sprach Gott:
„Geh, Abraham!
Geh weg von hier!
Zieh in ein anderes Land,
das ich dir zeigen werde.
Dort will ich ein großes Volk
aus dir machen.
Ich will dich segnen.
Und durch dich sollen
alle gesegnet werden,
alle Menschen auf dieser Erde.“
Da hörte Abraham auf Gott,
nahm Abschied
von seinen Verwandten
und brach von Haran auf,
wie Gott gesagt hatte.
Sara, seine Frau,
und Lot, der Sohn seines Bruders,
begleiteten ihn,
dazu alle seine Knechte und Mägde
mit allen Kühen, Kamelen,
Ziegen und Schafen.
Es wurde eine lange,
beschwerliche Reise.
Der Weg führte
durch heiße Wüsten
und über kahle Berge.
Abraham kam nur langsam
mit seinen Tieren voran.
Auch wusste er nicht,
wohin ihn der Weg führte.
So zog er immer weiter
und wartete,
bis Gott ihm das Land zeigte,
das er suchte.
Endlich kam er in das Land Kanaan.
Es war ein Land mit sanften Hügeln
und grünen Tälern.
Dort ließ sich Abraham nieder
und schlug sein Zelt
bei einer großen Eiche auf.
Da sprach Gott zu Abraham:
„Schau, Abraham!
Dies ist das Land,
das ich dir versprochen habe.
Dieses Land will ich
deinen Nachkommen schenken.“
Abraham horchte auf.
Was hatte Gott gesagt?
Deinen Nachkommen
will ich dieses Land schenken?
Aber er hatte doch gar keine Kinder!
Sollten er und Sara
etwa noch ein Kind bekommen?
Er war doch schon 75 Jahre alt!
Und seine Frau war auch schon sehr alt.
Aber Abraham sagte nichts.
Er dachte bei sich:
Gott hat es versprochen.
Dann wird es geschehen.
Wie es geschehen wird,
weiß ich zwar nicht.
Aber ich glaube,
dass Gott es tun kann.
Da baute Abraham einen Altar,
brachte Gott Opfer
und dankte ihm
für sein großes Versprechen.
1. Mose 12,1–9
8. Abraham im neuen Land
Abraham und Lot zogen
mit ihren Hirten und Herden
durch das Land Kanaan.
Sie suchten Gras für die Tiere.
Und wo sie einen Brunnen fanden,
hielten sie Rast
und gaben den Tieren zu trinken.
Aber oft reichte das Wasser
für die Tiere nicht aus.
Dann stritten sich die Hirten.
„Weg da vom Brunnen!“,
schrien Abrahams Hirten.
„Wir waren zuerst da.“
„Nein!“, schrien Lots Hirten.
„Wir brauchen auch Wasser.“
So stritten sie sich jeden Tag.
Da sagte Abraham eines Tages zu Lot:
„So geht es nicht weiter.
Wir müssen uns trennen.
Sonst hört der Streit
unter unseren Hirten nie auf.
Sieh doch!
Das Land ist sehr groß.
Es hat genug Platz für uns beide.
Nun sag mir: Wo willst du wohnen?
Rechts oder links?
Hier oder dort?
Du darfst wählen.“
Da zeigte Lot auf das Tal,
das vor ihnen lag, und rief:
„Dort gefällt es mir.
Dort will ich wohnen.“
Es war das Jordantal,
ein üppiges Tal mit grünen Wiesen
und fruchtbaren Feldern.
Auch zwei Städte lagen dort in dem Tal,
Sodom und Gomorra.
Dorthin zog Lot
mit seinen Hirten und Herden.
Abraham aber blieb allein
im Bergland zurück.
Da sprach Gott zu Abraham:
„Schau auf, Abraham!
Sieh dich um!
Dieses ganze Land
will ich dir
und deinen Nachkommen
geben für immer.
Wie Staub auf der Erde,
so viele werden es sein,
die hier wohnen.
Auf, zieh durch das Land
und wohne in ihm!
Ich will es dir geben.“
Da glaubte Abraham Gott
und zog durch das Land
und wohnte in ihm,
wie Gott ihm gesagt hatte.
1. Mose 13
9. Abraham muss warten
Es war Nacht.
Abraham lag wach in seinem Zelt.
Er fand keine Ruhe.
Immerzu musste er an das Kind denken,
das Gott ihnen versprochen hatte.
Wie lange noch mussten sie warten?
Hatte Gott sie etwa vergessen?
Da hörte er eine Stimme:
„Abraham!“
Abraham schreckte auf.
War das nicht Gottes Stimme?
„Abraham“, rief die Stimme.
„Fürchte dich nicht!
Ich meine es gut mit dir.
Ich will dich beschenken.“
„Ach Herr“, fragte Abraham traurig,
„was willst du mir schenken?
Du hast mir noch immer
kein Kind geschenkt.
Und bald werde ich sterben.
Was soll dann werden?“
Da sprach Gott zu Abraham:
„Komm heraus vor dein Zelt
und schau in den Himmel!
Siehst du die Sterne?
Kannst du sie zählen?“
Abraham schüttelte den Kopf.
Die Sterne zählen? Unmöglich!
Es gab viel zu viele
Sterne am Himmel.
Kein Mensch konnte sie zählen.
„Siehst du?“, sprach Gott.
„So viele Kinder will ich dir geben,
wie Sterne am Himmel sind.
Und sie werden alle
in diesem Land wohnen.“
*
Jahre vergingen.
Abraham und Sara warteten
noch immer auf das Kind,
das Gott versprochen hatte.
Da sagte Sara eines Tages zu Abraham:
„Warum warten wir eigentlich noch?
Ich bin schon viel zu alt.
Ich kann kein Kind mehr bekommen.
Und du wirst auch mit jedem Tag älter.
Heirate noch eine andere Frau!
Nimm meine Magd Hagar!
Sie ist viel jünger als ich.
Sie kann dir gewiss ein Kind schenken.“
Das gefiel Abraham gut.
Er überlegte nicht lange
und nahm Hagar neben Sara zur Frau.
Und wirklich:
Bald darauf wurde Hagar schwanger
und gebar ihm einen Sohn,
den nannte er Ismael,
das heißt: „Gott hört“.
Aber Gott sprach zu Abraham:
„Ismael ist nicht der Sohn,
den ich dir versprochen habe.
Nicht Hagars Sohn,
Saras Sohn wird es sein.
Auch Sara soll bald
einen Sohn bekommen.
Den will ich segnen.
Vertraue mir nur und glaube!
Ich werde es tun.“
Da vertraute Abraham Gott
und wartete weiter.
Aber wie lange noch?
1. Mose 15–17
10. Abraham bekommt Besuch
Es war Mittagszeit.
Abraham saß vor seinem Zelt
und schaute ins Land hinaus.
Da sah er drei Männer kommen.
Sogleich stand er auf,
lief ihnen entgegen
und grüßte sie freundlich:
„Willkommen! Seid meine Gäste!
Setzt euch zu mir in den Schatten!
Ruht euch ein wenig aus!
Und stärkt euch,
bevor ihr weiterzieht!“
Dann lief er zu Sara ins Zelt
und bat sie:
„Auf, eil dich! Mach einen Teig
und back einen Kuchen!“
Und seinem Knecht rief er zu:
„Schnell, schlachte ein Kalb
und mach einen zarten Braten!“
Er selbst aber holte
Milch und Butter herbei
und bediente die Gäste.
Aber wer waren die Fremden?
Abraham wagte nicht,
sie zu fragen.
Als die drei gegessen hatten,
fragte der eine von ihnen:
„Wo ist deine Frau Sara?“
„Drinnen im Zelt“,
antwortete Abraham erstaunt.
Woher wusste der Fremde,
wie seine Frau hieß?
Der aber sagte: „Hör zu!
Ich bringe euch gute Nachricht:
Nächstes Jahr wird Sara
einen Sohn haben.“
Abraham war sprachlos.
Was sagte der Fremde?
Woher wusste er das?
Und was würde Sara dazu sagen,
wenn sie es hörte?
Aber Sara hatte es bereits gehört.
Sie hatte heimlich
hinter der Zeltwand gelauscht.
„Was?“, sagte sie zu sich
und lachte leise in sich hinein.
„Ich soll noch ein Kind bekommen?
Ich bin doch viel zu alt.“
„Warum lacht Sara?“,
fragte der Fremde.
„Traut sie es Gott nicht zu?
Sollte Gott etwas unmöglich sein?“
Als Sara das hörte,
kam sie aus dem Zelt
und wehrte erschrocken ab:
„Aber ich habe gar nicht gelacht!“
„Doch“, meinte der Fremde,
„du hast wirklich gelacht.“
Da ahnten Abraham und Sara,
wer zu ihnen gekommen war.
Gott, der Herr, hatte sie besucht,
begleitet von seinen Engeln.
Gott selbst hatte ihnen
die gute Nachricht gebracht.
*
Wenig später brachen die Männer auf.
Abraham begleitete sie.
Da sprach Gott zu Abraham:
„Abraham, du bist mein Freund.
Dir will ich sagen,
wohin ich nun gehe:
nach Sodom und Gomorra.
Denn die Menschen dort
hören nicht mehr auf mich.
Sie tun, was sie wollen,
und fragen nicht mehr nach Gott.“
Erschrocken blieb Abraham stehen.
Wollte Gott etwa diese Städte zerstören?
In Sodom wohnte doch Lot!
Was würde aus ihm?
„Ach Herr“, fragte Abraham,
„willst du denn zulassen,
dass alle Menschen dort umkommen?
Vielleicht wohnen in Sodom
auch Menschen, die auf dich hören.
Vielleicht fünfzig, Herr?“
Da sprach Gott:
„Wenn ich dort fünfzig finde,
die auf mich hören,
will ich die Stadt nicht zerstören.“
Aber fünfzig Menschen waren viel!
Wenn es nun weniger waren?
Abraham versuchte es noch einmal:
„Wenn es aber fünf weniger sind?“
„Dann will ich die Stadt
auch nicht zerstören“, sprach Gott.
„Vielleicht sind es aber nur vierzig?“,
wandte Abraham ein.
„Auch dann will ich
die Stadt nicht zerstören.“
„Und wenn es nur dreißig sind?“
„Auch dann nicht“, sprach Gott.
„Ach Herr“, bat Abraham,
„erlaube mir,
dass ich noch einmal frage:
Wenn es nur zwanzig sind,
die auf dich hören?“
Gott sprach:
„Auch dann will ich
die Stadt nicht zerstören.“
Da wagte Abraham kaum noch
weiterzufragen.
„Wenn es aber nur zehn sind?“
„Auch dann nicht“, sprach Gott.
Da verneigte sich Abraham
und schwieg.
Und als er wieder aufschaute,
war Gott nicht mehr bei ihm.
Doch in der Ferne
sah er die beiden Engel.
Sie eilten auf Sodom zu.
Da ahnte Abraham,
was Gott mit Sodom vorhatte.
Still kehrte er um
und ging zurück in sein Zelt.
1. Mose 18
11. Lot
Es war Abend.
Lot saß am Stadttor von Sodom
und schaute in die Ferne.
Da sah er die zwei Engel kommen.
Lot erkannte sie nicht.
Aber er dachte bei sich:
Die beiden sind sicher
fremd in der Stadt.
Ich will sie in mein Haus aufnehmen.
Wer weiß, was ihnen
sonst in Sodom zustößt?
Sogleich stand er auf,
ging den beiden entgegen,
verneigte sich vor ihnen
und lud sie ein:
„Kommt in mein Haus!
Seid meine Gäste
und bleibt über Nacht bei mir!“
Und er führte sie in sein Haus,
wusch ihnen die Füße
und gab ihnen Brot zu essen.
Doch als die beiden noch aßen,
hörten sie plötzlich draußen
lautes Geschrei.
Vor dem Haus hatten sich
die Männer von Sodom versammelt.
Sie tobten und schrien
und schlugen mit ihren Fäusten
wild an die Tür.
„Lot“, schrien sie wütend,
„mach uns auf!
Gib sofort die Fremden heraus!
Wir wollen unser Spiel
mit ihnen treiben!“
Da ging Lot zu ihnen hinaus.
„Ach, liebe Freunde“, bat er,
„hört bitte auf!
Lasst meine Gäste in Frieden!
Sie haben euch nichts Böses getan.“
Aber die Männer schrien noch lauter:
„Weg mit dir!
Was fällt dir eigentlich ein?
Du bist doch selbst fremd hier!“
Und sie stürzten sich auf Lot
und wollten ihn packen.
Aber die Engel zogen ihn
schnell ins Haus zurück
und verriegelten die Tür.
Endlich wurde es draußen still.
Da erzählten die Engel,
warum sie gekommen waren.
„Auf“, drängten sie Lot,
„nimm deine Frau
und deine beiden Töchter
und flieh mit ihnen aus der Stadt,
bevor es zu spät ist!
Denn Gott wird Sodom zerstören.“
Als Lot das hörte,
wurde er blass vor Schreck.
Hatte er recht gehört?
Er sollte fliehen?
Aber sein Haus?
Und seine Schafe?
Was würde aus ihnen?
Lot zögerte noch.
Schon wurde es draußen hell.
Der Morgen brach an.
„Auf, eil dich!“, drängten die Engel.
„Sonst kommst du auch um.“
Und sie nahmen Lot,
seine Frau und seine Töchter
an ihre Hand
und führten sie schnell
hinaus vor die Stadt.
Dort blieben sie stehen.
„Nun lauft allein weiter!“,
befahlen die Engel.
„Flieht!
Bleibt ja nicht stehen!
Und seht euch nicht
nach der Stadt um!
Sonst ist es um euch geschehen.“
Und schon bebte die Erde.
Es dröhnte und blitzte.
Feuer fiel vom Himmel
und ließ alles in Flammen aufgehen,
die Häuser, die Mauern, die Menschen.
Nichts blieb mehr übrig,
nur Schutt und Asche.
Da packte Lot seine Töchter
und lief um sein Leben.
Er lief immer weiter
und floh in die Berge.
Aber Lots Frau blieb stehen.
Sie wandte sich um
und – erstarrte.
Am selben Morgen
stand Abraham früh auf
und stieg auf einen Hügel,
um nach Sodom zu schauen.
Aber von Sodom
war nichts mehr zu sehen.
Nur eine Rauchwolke
stieg aus dem Tal auf.
Da wusste Abraham:
Nicht einmal zehn Menschen
hatten in Sodom auf Gott gehört.
Aber eines wusste er nicht, noch nicht:
Lot und seine Töchter waren gerettet.
Gott hatte ihr Leben verschont.
1. Mose 19
12. Ismael
Endlich kam der Tag,
auf den Abraham und Sara
viele Jahre gewartet hatten.
Der Sohn wurde geboren,
den Gott ihnen versprochen hatte.
Glücklich nahm ihn Abraham
auf seine Arme
und nannte ihn Isaak.
Isaak wuchs und gedieh.
Er lernte laufen und sprechen.
Bald war er schon so groß,
dass er Fleisch und Brot aß
wie die Großen.
Da machte Abraham für Isaak
ein großes Festessen
und lud dazu
alle Knechte und Mägde ein.
Alle freuten sich
mit Abraham und Sara,
dass Isaak endlich bei ihnen war.
Nur einer freute sich nicht:
Ismael, der Sohn Hagars.
Denn an diesem Festtag
gaben sich alle nur mit Isaak ab.
Um ihn kümmerte sich keiner.
Das ärgerte Ismael sehr.
Er reizte seinen Bruder
und ließ ihm keine Ruhe.
Als Sara das sah,
lief sie zu Abraham und rief:
„Siehst du denn nicht,
was Ismael mit unserem Isaak macht?
Wir können Ismael
nicht länger bei uns behalten.
Auf, schick ihn weg
mitsamt seiner Mutter!“
Doch Abraham wehrte erschrocken ab.
„Was sagst du?
Ich soll Ismael wegschicken?
Nein, niemals!
Vergiss nicht: Auch er ist mein Sohn!“
Aber in der folgenden Nacht
sprach Gott zu Abraham:
„Mach dir um Ismael keine Sorgen!
Tu, was Sara dir sagt!
Und vertrau mir!
Ich werde für Ismael sorgen.“
Da hörte Abraham auf Gott.
Am nächsten Morgen
stand er früh auf,
holte einen Laib Brot
und füllte ein Gefäß mit Wasser.
Das lud er Hagar auf ihre Schultern.
„Du musst gehen“, sagte er traurig,
„du und dein Sohn.
Hier ist kein Platz mehr für euch.“
Da nahm Hagar Ismael an die Hand
und zog mit ihm weg.
Aber wohin?
Hagar wusste es selbst nicht.
Sie irrte mit Ismael durch die Wüste.
Schon wurde es Mittag.
Die Sonne stach ihnen auf den Kopf.
Ihre Füße waren schon wund.
„Ich kann nicht mehr!“, weinte Ismael.
„Gib mir zu trinken!“
Da hielt Hagar an
und gab ihm zu trinken.
Aber bald war das Gefäß leer.
„Wasser!“, schrie Ismael.
„Gib mir doch Wasser!
Ich sterbe vor Durst.“
Hagar sah sich verzweifelt um.
Was sollte sie tun?
Weit und breit
war kein Wasser zu finden,
keine Quelle und auch keine Zisterne,
nur Steine und Sand.
Da nahm sie Ismael auf ihre Arme
und legte ihn unter einen Strauch.
Sie selbst aber lief weg,
bis sie Ismael nicht mehr
hörte und sah.
Und sie warf sich auf die Erde,
weinte und rief:
„Ich kann nicht mit ansehen,
wie mein Sohn stirbt.“
Aber plötzlich – was war das?
Rief da nicht eine Stimme?
Hagar horchte auf.
Erschrocken sah sie sich um.
Aber sie konnte niemand entdecken.
„Hagar“, rief die Stimme,
„warum bist du bekümmert?
Fürchte dich nicht!
Gott hat gehört,
dass dein Sohn weint.
Steh auf!
Geh zu ihm hin!
Nimm ihn an deine Hand
und führe ihn durch die Wüste!
Denn dein Sohn wird nicht sterben.
Ich will auch ihn groß machen.
Zum Vater eines großen Volkes
will ich ihn machen.“
Da merkte Hagar:
Gott hatte zu ihr gesprochen.
Erstaunt sah sie sich um.
Plötzlich entdeckte sie
einen Brunnen.
Wie war das nur möglich?
Vorher hatte sie ihn
gar nicht gesehen.
Schnell stand sie auf,
lief zu dem Brunnen,
füllte ihr Gefäß mit Wasser,
brachte es ihrem Sohn
und gab ihm zu trinken.
Da kam wieder Leben in Ismael.
Er schlug seine Augen auf,
stand auf und wanderte
mit seiner Mutter weiter
durch die endlose Wüste.
Lange Zeit blieben die beiden
in der Wüste.
Doch Gott blieb bei ihnen
und sorgte für sie
wie ein Vater für seine Kinder.
1. Mose 21
13. Isaak
Isaak wuchs heran.
Sein Vater hatte ihn sehr lieb,
lieber als alles auf der Welt.
Eines Nachts aber
wachte Abraham plötzlich auf.
„Abraham!“, rief eine Stimme.
Abraham horchte auf.
War das nicht Gottes Stimme?
„Abraham!“, sprach Gott.
„Nimm Isaak,
deinen einzigen Sohn,
den du so lieb hast!
Nimm ihn an deine Hand
und geh mit ihm
in das Land Morija.
Dort will ich dir einen Berg zeigen.
Auf dem sollst du Isaak opfern.“
Abraham war wie betäubt.
Isaak opfern?
Seinen geliebten Sohn
sollte er hergeben?
Gott hatte ihm doch
dieses Kind geschenkt!
Er hatte doch versprochen:
„Dein Sohn wird leben
und in diesem Land wohnen.“
Abraham konnte es nicht fassen.
Aber er sagte nichts,
kein einziges Wort.
Stumm wartete er,
bis der Morgen anbrach.
Da stand er von seinem Lager auf,
ging hinaus vor sein Zelt,
sammelte Holz für das Opfer,
spaltete es
und lud es auf seinen Esel.
Dann weckte er Isaak, seinen Sohn,
nahm ihn an die Hand
und machte sich mit ihm auf den Weg,
wie Gott gesagt hatte.
Drei Tage lang wanderten sie
durch das Land,
Abraham und sein Sohn Isaak,
dazu zwei Knechte,
die den Esel führten.
Endlich sah Abraham
in der Ferne den Berg,
von dem Gott gesprochen hatte.
Da blieb Abraham stehen,
wandte sich zu seinen Knechten
und sagte:
„Bleibt ihr hier mit dem Esel
und wartet auf uns!
Ich will mit Isaak
auf den Berg gehen
und dort opfern.
Danach kehren wir wieder zurück.“
Und Abraham nahm ein Gefäß
mit glimmender Glut
und ein Messer in seine Hand,
lud seinem Sohn Isaak
das Holz auf den Rücken
und stieg mit ihm auf den Berg.
Lange Zeit wanderten die beiden
nebeneinander her,
Hand in Hand.
Keiner sagte ein Wort.
Da hielt es Isaak nicht länger aus.
„Mein Vater!“, sagte er.
„Ja, hier bin ich.
Was ist, mein Sohn?“
Isaak zeigte auf das Holz
und auf das Gefäß.
„Sieh doch!
Wir haben zwar Holz und Feuer
für unser Opfer.
Aber wo ist das Schaf,
das wir opfern?“
„Mein Sohn“, sagte Abraham,
„Gott wird es uns geben.“
Da fragte Isaak nichts mehr.
Stumm stiegen sie weiter hinauf,
beide miteinander,
Hand in Hand,
bis sie endlich auf dem Berg waren.
Dort baute Abraham einen Altar.
Er trug große Steine zusammen,
schichtete sie auf,
legte das Holz darauf
und auf das Holz legte er –
Isaak, seinen geliebten Sohn!
Doch plötzlich – was war das?
Rief da nicht jemand?
„Abraham! Abraham!“
„Ja, hier bin ich“,
antwortete er erschrocken.
Da hörte er wieder die Stimme,
ganz deutlich: „Abraham!
Rühr Isaak nicht an!
Gott weiß, dass du bereit bist,
ihm alles zu geben,
sogar deinen Sohn.
Aber Gott will
dieses Opfer nicht haben.“
Auf einmal raschelte es.
Abraham wandte sich um.
Da sah er einen Widder,
der hatte sich mit seinen Hörnern
in einem Dornstrauch verfangen.
Schnell griff Abraham zu,
packte den Widder an seinen Hörnern,
legte ihn auf den Altar
und opferte ihn an Isaaks Stelle.
Da wusste Abraham:
Gott hatte alles gesehen.
Und er nannte den Ort: „Gott sieht“.
Und Gott sprach zu Abraham:
„Weil du auf meine Stimme
gehört hast,
verspreche ich dir:
Ich will deinen Sohn segnen.
Auch seine Kinder
will ich segnen.
Und auch ihre Kinder
will ich wieder segnen.
So viele Kinder werden es sein
wie Sterne am Himmel
und wie Sand am Meer.
Durch sie sollen einmal
alle gesegnet werden,
alle Völker der Erde.“
Dankbar kehrte Abraham
mit seinem Sohn Isaak heim.
Gott hatte ihn
über alles Erwarten beschenkt.
1. Mose 22
14. Isaak und Rebekka
Jahre vergingen.
Abraham war noch viel älter geworden.
Seine Frau Sara lebte nicht mehr.
Und in dem großen Zelt
war es oft einsam und leer.
Da sagte sich Abraham:
„Sara ist tot.
Bald werde auch ich
nicht mehr leben.
Dann bleibt Isaak allein zurück.
Ich will dafür sorgen,
dass er eine Frau bekommt,
eine Frau, die ihn liebt
und die er liebt.“
Und er rief seinen obersten Knecht
und bat ihn: „Geh
und suche für Isaak eine Frau aus,
eine Frau, die auf Gott hört,
nicht wie die Frauen,
die hier im Land Kanaan leben.
Darum mach dich auf
und zieh nach Haran
zu meinen Verwandten!
Dort wirst du die rechte Frau
für Isaak finden.“
Da sattelte der Knecht die Kamele,
lud reiche Geschenke auf
und machte sich auf den Weg.
Nach vielen Wochen
kam er endlich nach Haran.
Am Brunnen vor der Stadt
machte er Halt mit seinen Kamelen.
Schon wurde es Abend.
Aus der Stadt kamen
Frauen und Mädchen
mit Krügen zum Brunnen,
um Wasser zu schöpfen.
Als der Knecht sie sah,
klopfte sein Herz.
Ob auch die Frau dabei war,
die er für Isaak suchte?
Aber wie sollte er sie
unter all den Frauen herausfinden?
Gott muss mir helfen,
dachte der Knecht,
sonst kann es mir nicht gelingen.
Und er betete:
„Du Gott Abrahams!
Lass es mir heute gelingen.
Sieh, hier steh ich und warte.
Gleich kommen die Frauen,
um Wasser zu schöpfen.
Bitte, gib mir ein Zeichen
und zeig mir die Frau,
die du für Isaak bestimmt hast!
Und dies soll das Zeichen sein:
Wenn ich eine Frau bitte:
,Gib mir zu trinken!‘,
und wenn sie sagt:
,Gerne! Trink nur!
Ich will deine Kamele auch tränken‘,
dann weiß ich,
dass sie die Frau ist,
die du für Isaak bestimmt hast.“
Und als er noch betete,
kam ein junges Mädchen zum Brunnen,
die füllte ihren Krug mit Wasser.
Da ging der Knecht auf sie zu
und bat sie:
„Gib mir ein wenig zu trinken!“
„Gerne“, sagte das Mädchen, „trink nur!
Ich will deine Kamele auch tränken.“
Schnell nahm sie den Krug vom Kopf
und ließ ihn trinken.
Dann lief sie zum Brunnen zurück,
füllte noch einmal den Krug
und goss das Wasser
in die Tränke für die Kamele.
Und wieder lief sie zum Brunnen,
füllte noch einmal den Krug
und noch einmal, immer wieder,
bis alle Kamele genug hatten.
Der Knecht aber sah ihr staunend zu.
Gewiss war sie die Frau,
die er suchte!
Er holte seine Geschenke hervor,
einen Stirnreif aus Gold,
dazu glänzende Ringe,
schenkte sie dem Mädchen
und fragte freundlich:
„Sag doch, wer bist du?
Und wie heißt dein Vater?
Können wir bei euch übernachten?“
Da antwortete das Mädchen:
„Ich bin Rebekka, Betuels Tochter.
Ich lade dich ein.
Ihr könnt bei uns bleiben.
Wir haben zu Hause auch Stroh
und Futter für deine Kamele.“
Da staunte der Knecht noch viel mehr.
Denn Betuel war mit Abraham verwandt.
„Gott sei gelobt!“, rief er.
„Nun bin ich gewiss:
Gott hat mich zu dir geführt.“
Als aber Rebekka hörte,
was der Knecht sagte,
eilte sie nach Hause
und erzählte dort,
wer ihr begegnet war.
Da stand ihr Bruder Laban auf,
eilte dem Knecht entgegen
und grüßte ihn freundlich:
„Du Gesegneter!
Komm in unser Haus!
Es steht alles bereit.“
Und er führte ihn in das Haus,
holte Wasser herbei,
wusch seine Füße
und setzte ihm Essen vor.
Aber der Knecht wollte nichts essen.
„Hört mich erst an!“, bat er.
„Kennt ihr noch Abraham,
euren Verwandten?
Er wohnte einst hier.
Nun lebt er im Land Kanaan,
weit weg von hier.
Ich bin sein Knecht.
Ich soll für seinen Sohn
eine Frau suchen.
Aber Gott hat sie schon ausgesucht:
eure Rebekka!“
Als sie das hörten,
riefen alle voll Staunen:
„Das kommt von Gott!
So soll es geschehen.
Isaak soll unsere Schwester
Rebekka bekommen.“
Und sie fragten Rebekka:
„Willst du ins Land Kanaan ziehen
und Isaaks Frau werden?“
„Ja“, sagte Rebekka.
„Ich will es.“
Am nächsten Morgen
brach der Knecht früh auf,
sattelte seine Kamele
und nahm Abschied.
Da nahm auch Rebekka
Abschied von ihrer Familie
und machte sich mit ihm
auf den Weg, Isaak entgegen.
Als sie nach Wochen
endlich zu Isaak kamen,
erzählte der Knecht ihm alles,
was er auf der Reise erlebt hatte
und wie Gott
ihn zu Rebekka geführt hatte.
Da glaubte auch Isaak:
Rebekka war die Frau,
die Gott ihm geschenkt hatte.
Voll Freude führte er sie in sein Zelt
und beide gewannen einander sehr lieb.
1. Mose 24
15. Jakob und Esau
Isaak und Rebekka bekamen Zwillinge.
Die nannten sie Esau und Jakob.
Esau, der erstgeborene Sohn,
war rötlich und rau
und hatte eine Haut wie ein Fell.
Als er älter wurde,
streifte er viel auf den Feldern umher
und jagte wilde Tiere.
Oft brachte er seinem Vater
einen fetten Braten nach Hause.
Das gefiel Vater Isaak.
Er mochte Esau gern leiden.
Jakob, der jüngere Sohn,
war dagegen ganz anders.
Er blieb meist
bei seiner Mutter im Zelt.
Rebekka hatte Jakob
viel lieber als Esau.
Sie dachte:
Jakob soll einmal später
das Erbe bekommen, nicht Esau!
So hatte Gott zu ihr gesagt.
Aber Isaak wollte das Erbe
Esau, dem Erstgeborenen, geben.
So war es Sitte im Land.
Eines Tages kam Esau
müde und hungrig
von der Jagd nach Hause.
Da sah er,
wie Jakob vor dem Zelt kochte.
Ein großer Topf
mit rötlicher Linsensuppe
dampfte über dem Feuer.
Esau roch den köstlichen Duft.
Das Wasser lief ihm
im Munde zusammen.
„Los, her mit der Suppe!“, rief Esau.
„Ich bin todmüde
und hab furchtbaren Hunger.“
„Nein“, wehrte sich Jakob.
„Sag erst: Was gibst du dafür?“
Esau überlegte nicht lange.
„Nimm, was du willst!
Aber gib mir die Suppe!
Ich sterbe vor Hunger.“
„Gut“, sagte Jakob listig.
„Gib dein Versprechen:
Von jetzt an will ich der Erste sein,
und du bist der Zweite.“
„Was soll’s!“, rief Esau.
„Ich verspreche dir alles.
Aber gib endlich die Suppe!“
Da reichte ihm Jakob
den Topf mit der Suppe
und dazu noch das Brot.
Esau verschlang alles gierig.
Dann kehrte er Jakob den Rücken
und ging auf und davon.
Er sah nicht mehr,
wie Jakob hinter ihm
schadenfroh lachte.
1. Mose 25,19–34
16. Jakob bekommt den Segen
Jahre vergingen.
Vater Isaak war alt
und gebrechlich geworden.
Und seine Augen waren so schwach,
dass er nichts mehr erkannte.
Da rief Isaak eines Tages
Esau zu sich und sagte:
„Bald muss ich sterben.
Dann sollst du das Erbe bekommen.
So geh nun auf die Jagd
und mach mir einen Braten,
wie ich ihn gern mag!
Dann will ich dich segnen
und dir alles übergeben,
bevor ich sterbe.“
Aber Rebekka hörte,
was Isaak zu Esau sagte.
Sogleich rief sie Jakob
und erzählte ihm alles.
„Auf“, drängte sie ihn,
„hol schnell zwei Böckchen,
damit ich sie schlachte und brate!
Du aber sollst den Braten
zum Vater bringen,
bevor Esau zurückkommt.
Dann wird er sicher glauben,
du seist sein Sohn Esau
und wird dir seinen Segen geben.“
„Nein“, rief Jakob erschrocken.
„Das geht nicht gut aus.
Zwar ist unser Vater fast blind,
doch wird er es merken,
wenn er mich fühlt.
Sieh, meine Hände sind glatt.
Doch Esaus Hände sind rau.“
Aber Rebekka ließ nicht locker.
„Tu, was ich sage!
Überlege nicht lange!
Sonst ist es zu spät.“
Da lief Jakob zur Schafherde,
holte zwei Böckchen
und brachte sie seiner Mutter.
Die schlachtete sie schnell
und briet sie über dem Feuer.
Dann zog sie Jakob
ein Kleid von Esau über,
band Felle um seine Hände
und seinen Hals,
drückte ihm die Schüssel
mit dem Braten
und ein Stück Brot in die Hand
und schickte ihn zu Isaak ins Zelt.
„Mein Vater“, rief Jakob,
„ich bin’s, Esau, dein Sohn!
Ich bin wieder zurück von der Jagd
und hab einen guten Braten für dich.
Komm, setz dich
und lass es dir schmecken!“
„Was? Du, Esau?“,
fragte Isaak erstaunt.
„Du bist schon zurück?
Wie ist das nur möglich?
Wie hast du deine Beute
so rasch gefunden?“
„Ganz einfach!“, log Jakob.
„Gott hat mir’s gegeben.“
Aber Isaak zögerte noch.
„Komm näher, mein Sohn!
Ich will erst wissen,
ob du auch wirklich Esau bist.
Gib mir deine Hände,
damit ich sie fühle!“
Da reichte ihm Jakob die Hände.
„Wie sonderbar!“, sagte Isaak zu sich.
„Die Hände sind rau
wie Esaus Hände.
Aber die Stimme klingt
wie Jakobs Stimme.
Sag, bist du auch wirklich Esau?“
„Ja“, antwortete Jakob.
„Ich bin Esau.“
Da gab sich Isaak endlich zufrieden.
Er aß von dem Braten
und trank den Wein,
den Jakob ihm reichte.
Dann bat er Jakob:
„Komm nun, mein Sohn,
und küsse mich!
Danach will ich dich segnen.“
Da beugte sich Jakob herab
und gab Isaak einen Kuss.
Als aber Isaak Esaus Kleid roch,
rief er froh:
„Ja, jetzt glaube ich wirklich,
dass du Esau bist.“
Und er ließ ihn niederknien,
legte seine Hände auf ihn,
segnete ihn und sprach:
„Gesegnet bist du, mein Sohn!
Gott schenke dir Leben
und mache dich groß!
Gesegnet soll sein,
wer dich segnet.“
Nun war es geschehen.
Leise schlich sich Jakob hinaus.
Nicht lange danach kam Esau
von der Jagd zurück.
„Mein Vater“, rief er fröhlich,
„hier bin ich wieder, Esau, dein Sohn!
Ich habe einen guten Braten für dich.
Komm, setz dich auf
und lass es dir schmecken!“
„Was?“, rief Isaak entsetzt.
„Du bist Esau?
Aber wer war der andere,
der soeben hier war?
Jakob war’s!
Er hat dich betrogen!“
Da schrie Esau auf:
„Aber was wird nun aus mir?
Segne mich, Vater!
Sonst bin ich verloren.“
„Ich kann nicht“,
antwortete Isaak traurig.
„Ich habe schon Jakob
den Segen gegeben.
Er wird den Segen behalten.“
Als Esau das hörte,
ballte er seine Fäuste
und murmelte grimmig:
„Warte nur, Jakob!
Dich mache ich fertig.
Wenn unser Vater tot ist,
dann gibt es Rache,
du gemeiner Betrüger!“
Und er stand auf
und ging wütend davon.
1. Mose 27
17. Jakob auf der Flucht
Endlich hatte Jakob,
was er sich gewünscht hatte!
Aber von nun an war Esau
sein erbitterter Feind.
Als Rebekka das sah,
rief sie heimlich Jakob zu sich.
„Du musst fliehen“, drängte sie Jakob.
„Sonst bringt dich Esau noch um.
Auf, flieh nach Haran
zu meinen Verwandten!
Und bleibe dort,
bis Esaus Zorn sich gelegt hat!“
Da hörte Jakob auf seine Mutter,
machte sich auf den Weg
und floh über die Berge.
Er wanderte ohne Pause,
bis die Nacht hereinbrach.
Aber wo sollte er schlafen?
Er war furchtbar müde.
Doch weit und breit gab es
kein Haus und kein Zelt.
Da legte sich Jakob auf die Erde,
nahm einen Stein als Kissen
und schlief ein.
In dieser Nacht hatte Jakob
einen seltsamen Traum:
Er sah eine Leiter,
die war so hoch wie der Himmel.
Auf der Leiter stiegen Engel
hinauf und hinunter.
Und Gott sah von oben auf ihn herab.
Und Gott sprach zu Jakob im Traum:
„Ich bin der Herr,
der Gott Abrahams
und der Gott Isaaks.
Ich will auch dein Gott sein.
Ich bin bei dir.
Ich behüte dich auf dem Weg.
Ich bringe dich auch wieder zurück.
Sieh her! Dieses Land,
auf dem du jetzt liegst,
will ich dir geben.
Deine Kinder
werden einmal hier wohnen.“
Da wachte Jakob auf.
Er sprang auf von der Erde
und rief erfreut: „Wahrhaftig!
Dies ist ein besonderer Ort.
Bethel will ich ihn nennen,
das heißt: ,Haus Gottes‘.
Denn hier wohnt Gott.“
Jakob wollte Gott
ein Dankopfer bringen.
Aber es gab keinen Altar dort.
Und Jakob hatte kein Opfertier.
Er hatte nur einen kleinen Krug
mit Öl bei sich.
Das goss er über dem Stein aus,
auf dem er gelegen hatte.
Und Jakob versprach:
„So soll es sein,
wie Gott mir gesagt hat.
Wird Gott mich behüten
und wieder heimbringen,
dann will ich ihm hier
ein Dankopfer bringen
und Gott gehören,
solange ich lebe.“
1. Mose 27,41–28,22
18. Jakob im fremden Land
Danach brach Jakob von Bethel auf
und kam in die Gegend von Haran.
Dort traf er Hirten am Brunnen.
Jakob grüßte sie freundlich.
„Seid gegrüßt, Freunde!
Wo kommt ihr her?“
„Aus Haran“, antworteten sie.
„Dann kennt ihr auch meinen Onkel?
Laban heißt er.“
„Aber gewiss! Wir kennen ihn gut.
Sieh, da kommt gerade
seine Tochter Rahel zum Brunnen.“
Als aber Jakob Rahel sah,
lief er ihr entgegen,
umarmte und küsste sie
und weinte vor Freude.
„Ich bin Jakob“, rief er,
„der Sohn von Rebekka.“
Da ließ Rahel ihre Schafe stehen
und holte schnell ihren Vater herbei.
Der fiel Jakob um den Hals und rief:
„Willkommen, mein Freund!
Komm in mein Haus
und bleibe bei uns,
solange du willst!“
Da ging Jakob mit Laban
und blieb bei ihm lange Zeit.
Er half Laban bei der Arbeit,
hütete seine Schafe und sorgte für sie.
Eines Tages aber
sagte Laban zu Jakob:
„Du bist zwar unser Verwandter.
Doch sollst du dennoch Lohn
für deine Arbeit bekommen.
Sag, was soll ich dir geben zum Lohn?“
Jakob antwortete:
„Ich will keinen Lohn von dir haben.
Ich habe nur einen einzigen Wunsch:
Gib mir deine Tochter Rahel zur Frau!
Sieben Jahre will ich
dafür dein Knecht sein.“
Da willigte Laban ein.
Und Jakob wurde sein Knecht.
Sieben Jahre lang diente er Laban.
Aber Jakob wurde die Zeit nicht lang.
Immerzu dachte er an Rahel
und freute sich schon
auf die Hochzeit mit ihr.
Nach sieben Jahren
war es endlich so weit.
Der Hochzeitstag war gekommen.
Laban bereitete ein Festmahl zu.
Am Abend führte er
die verschleierte Braut zu Jakob.
Aber wie erschrak Jakob am Morgen,
als er der Braut ins Gesicht sah!
Nicht Rahel war seine Braut,
sondern Lea, die ältere Schwester!
„Was hast du getan, Laban?“,
rief Jakob empört.
„Du hast mich betrogen!
Du hast mir Lea zur Frau gegeben.
Aber hast du mir nicht
Rahel versprochen?“
Doch Laban antwortete listig:
„Warum regst du dich auf, Jakob?
Halte diese Woche bei Lea aus!
Dann will ich dir auch noch
Rahel zur Frau geben.
Dafür sollst du noch einmal
sieben Jahre mein Knecht sein.“
Da musste Jakob sich fügen.
So blieb er noch weitere
sieben Jahre bei Laban.
Und Laban gab ihm
auch Rahel zur Frau.
*
Mehr als zwanzig Jahre lang
blieb Jakob in Haran.
Oft dachte er an seinen Vater
und an seinen Bruder Esau zurück.
Beide hatte er damals betrogen.
Nun war er selbst von Laban betrogen.
Aber Gott hielt sein Versprechen.
Er segnete Jakob im fremden Land
und machte ihn groß.
Er schenkte ihm viele Kinder,
dazu auch viele Schafe,
Ziegen und Rinder.
So wurde aus dem Knecht Jakob
ein angesehener Mann.
1. Mose 29 und 30
19. Jakob kehrt heim
Viele Jahre lang
lebte Jakob im fremden Land.
Aber mit jedem Jahr sehnte er sich
mehr nach Hause zurück.
Ob ihm sein Bruder Esau
noch böse war?
Ob er es wagen durfte,
ihn wiederzusehen?
Jakob hatte immer noch Angst,
wenn er an Esau dachte.
Eines Nachts sprach Gott
zu Jakob im Traum:
„Auf, Jakob!
Geh wieder in deine Heimat zurück!
Und vertraue mir!
Ich gehe mit dir.“
Da fasste Jakob Mut.
Er rief seine Frauen und Kinder herbei
und brach auf von Haran
mit allem, was er besaß.
Nach Wochen sah Jakob endlich
in der Ferne das Land Kanaan.
Da schickte er Boten zu Esau voraus,
die sollten ihm ansagen:
„Jakob, dein Bruder, ist da!“
Aber bald darauf
kamen die Boten wieder zurück
und meldeten Jakob:
„Wir haben Esau getroffen.
Er kommt dir entgegen.
Doch nimm dich in Acht!
Er ist nicht allein.
400 Männer begleiten ihn.“
Als Jakob das hörte,
erschrak er und verlor allen Mut.
Er überlegte bei sich:
400 Männer?
Das ist ja ein richtiges Heer!
Womöglich will Esau
Krieg mit mir führen?
Was soll ich nur tun?
Und Jakob betete zu Gott:
„Ach Herr!
Du hast mir bisher immer geholfen.
Du hast mich gesegnet
und reich gemacht.
Ich bin es nicht wert,
was du an mir getan hast.
Aber ich bitte dich jetzt:
Rette mich vor meinem Bruder!
Lass nicht zu, dass er uns tötet!“
Danach suchte Jakob
in aller Eile aus seinen Herden
die schönsten Tiere aus:
Ziegen, Schafe, Böcke und Widder,
auch Kamele, Kühe und Esel,
eine riesige Herde.
Die schickte er als Geschenk
mit drei Knechten Esau entgegen.
Wer weiß, dachte Jakob,
vielleicht ist Esau versöhnt,
wenn er sieht, was ich ihm schenke?
Schon brach die Nacht herein.
Da schlug Jakob sein Zelt
am Fluss Jabbok auf.
Aber in dieser Nacht
fand Jakob keine Ruhe.
Er wälzte sich auf seinem Lager
und dachte voll Angst
an den kommenden Morgen.
Schließlich hielt es Jakob
nicht länger auf seinem Lager.
Er stand auf,
weckte seine Frauen und Kinder,
führte sie durch den Fluss,
wo das Wasser nicht tief war,
und brachte alle ans andere Ufer.
Er aber blieb allein am Ufer zurück.
Doch plötzlich zuckte Jakob zusammen.
Ein Mann stand vor ihm.
Wer war es?
Freund oder Feind?
Was wollte er von ihm?
Der Fremde griff ihn an.
Jakob wehrte sich und schlug um sich.
Er hielt den anderen fest
und kämpfte verzweifelt.
Schon wurde es am Horizont hell.
Da sah Jakob auf einmal,
wer mit ihm kämpfte:
ein Engel Gottes!
Oder war es Gott selbst?
„Lass mich gehen!“, sprach der andere.
„Der Morgen bricht an.“
Aber Jakob klammerte sich an ihn.
„Nein“, rief er,
„ich lass dich nicht los.
Segne mich erst!“
Da segnete er Jakob und sprach:
„Jakob heißt du.
Aber von nun an sollst du Israel heißen,
das heißt: ,Gotteskämpfer‘.
Denn du hast nicht nur
mit Menschen gekämpft,
sondern mit Gott.“
Da spürte Jakob:
Gott war ihm ganz nah.
Nun hatte er Mut,
seinem Bruder entgegenzugehen.
Schon ging die Sonne auf.
In der Ferne rückte Esau
mit seinen Männern an.
Jakob lief ihm entgegen
und verneigte sich vor ihm
siebenmal bis auf die Erde.
Aber Esau eilte auf Jakob zu
und fiel ihm um den Hals.
Da war mit einem Mal
alle Angst verflogen.
Die Brüder lagen sich in den Armen
und weinten vor Freude.
Und beide spürten:
Gott hatte sie miteinander versöhnt!
1. Mose 31–32
20. Josef und seine Brüder
Jakob hatte zwölf Söhne.
Einer von ihnen hieß Josef.
Vater Jakob liebte ihn mehr
als alle anderen Söhne.
Er verwöhnte ihn,
wo er nur konnte,
und schenkte ihm
ein prächtiges, buntes Kleid.
Da wurden die anderen Söhne
neidisch auf Josef.
Sie schimpften:
„Immer nur Josef!
Warum bekommen wir kein Geschenk?“
Auch ärgerten sie sich,
weil Josef sie oft
bei ihrem Vater verriet,
wenn sie etwas falsch gemacht hatten.
Einmal hatte Josef
einen seltsamen Traum.
Den erzählte er seinen Brüdern.
„Hört“, rief er,
„was ich geträumt habe!
Ich sah im Traum ein Kornfeld vor mir.
Das Korn war geschnitten
und wir banden es in Garben zusammen.
Jeder von uns band eine Garbe.
Aber meine Garbe war die größte.
Sie stand in der Mitte.
Und alle eure Garben
verneigten sich vor meiner Garbe.“
Als die Brüder den Traum hörten,
wurden sie wütend.
„Ach du!“, fuhren sie Josef an.
„Du willst wohl
etwas Besseres sein als wir?
Willst du etwa unser König werden?“
Und sie ärgerten sich
noch mehr über Josef.
Wenig später hatte Josef
noch einen zweiten Traum.
Auch den erzählte er
seinem Vater und seinen Brüdern.
„Stellt euch vor“, rief er,
„Sonne, Mond und elf Sterne
kamen vom Himmel herab
und verneigten sich vor mir.“
„Was für ein Traum!“,
rief Vater Jakob erschrocken.
„Sollen wir alle zu dir kommen
und vor dir niederfallen,
dein Vater, deine Mutter
und deine elf Brüder?
Was bildest du dir ein?“
Aber im Stillen dachte Jakob:
Ich will mir den Traum merken.
Vielleicht hat Gott wirklich
etwas Großes mit Josef vor?
Eines Tages waren die Brüder
mit ihren Schafen unterwegs.
Plötzlich sahen sie Josef kommen.
Jakob hatte ihn hergeschickt.
Josef winkte ihnen fröhlich zu.
„Seht!“, riefen die Brüder grimmig.
„Da kommt der Träumer.
Endlich haben wir ihn.
Jetzt können wir mit ihm tun,
was wir wollen.
Wisst ihr, was wir machen?
Wir schlagen ihn einfach tot
und werfen ihn in einen Brunnen.
Aber dem Vater sagen wir:
,Ein wildes Tier hat Josef gefressen.‘
Dann wollen wir sehen,
was aus seinen Träumen wird.“
„Nein“, rief Ruben, der älteste Bruder.
„Das dürft ihr nicht tun.
Werft ihn lieber lebendig
in den Brunnen!“
Das war den Brüdern auch recht.
Sie fielen über Josef her
und packten ihn,
rissen ihm sein Kleid vom Leib,
schleppten ihn davon und warfen ihn
in ein leeres Brunnenloch.
Josef weinte und schrie.
Aber die Brüder
hörten nicht auf ihn.
Sie setzten sich an den Brunnen,
fingen an zu essen
und taten so,
als sei nichts geschehen.
Nach einer Weile kam eine Karawane
mit Kaufleuten und Kamelen vorbei.
Da schlug Juda, einer der Brüder, vor:
„Jetzt weiß ich, was wir machen.
Wir verkaufen Josef an die Kaufleute.
Dann müssen wir ihn nicht töten
und sind ihn dennoch für immer los.“
Gesagt, getan!
Sie zogen Josef aus dem Brunnen
und verkauften ihn als Sklaven
an die Kaufleute.
Zwanzig Silberstücke
handelten sie für ihn ein.
Ruben aber war nicht dabei,
als die Brüder Josef verkauften.
Als er am Abend zum Brunnen kam,
hörte er, was geschehen war.
„O weh!“, rief er entsetzt.
„Wenn das unser Vater hört!“
Aber auch dafür wussten die anderen Rat.
Sie holten einen Ziegenbock
von der Herde
und schlachteten ihn.
Dann nahmen sie Josefs Kleid,
tauchten es in das Blut
und übergaben es einem Knecht.
„Lauf schnell zu unserem Vater!“,
befahlen sie dem Knecht.
„Und gib ihm dieses Kleid!
Sag ihm: Wir haben es gefunden.“
Da lief der Knecht zu Jakob,
gab ihm das Kleid
und erzählte ihm alles,
was die Brüder gesagt hatten.
Als aber Jakob das Kleid sah,
zerriss er sein Gewand,
weinte und schrie:
„Josef ist tot! Josef ist tot!
Ein wildes Tier hat ihn gefressen.“
Und niemand konnte ihn trösten.
1. Mose 37
21. Josef in Ägypten
Die Kaufleute brachten Josef
in das ferne Land Ägypten.
Dort verkauften sie ihn
an einen reichen Mann,
der Potifar hieß.
Josef wurde Sklave in Potifars Haus.
Er arbeitete jeden Tag
von morgens bis abends.
Aber was Josef auch anpackte,
machte er richtig,
drinnen im Haus
und draußen im Freien.
Gott war mit ihm
und ließ es ihm gelingen.
Als Potifar das sah,
rief er Josef zu sich und sagte:
„Von nun an sollst du
mein Verwalter sein.
Alles, was in meinem Haus ist,
will ich dir übergeben.
Und alle anderen Sklaven
sollen dir gehorchen.“
Aber die Frau Potifars
hatte anderes mit Josef vor.
„Komm!“, flüsterte sie Josef zu.
„Sei mein Geliebter!“
„Nein!“, rief Josef erschrocken.
„Das kann ich Potifar nicht antun.
Und Gott will es auch nicht.
Sieh, dein Mann hat mir
alles im Haus übergeben.
Aber du gehörst nur ihm allein.“
Doch die Frau ließ Josef keine Ruhe.
Immer wieder versuchte sie,
ihn zu verführen.
Eines Tages waren die beiden
allein zu Hause.
Da hielt die Frau Josef am Gewand fest
und redete auf ihn ein:
„Tu, was ich dir sage!
Leg dich zu mir!“
Aber Josef riss sich von ihr los
und rannte ohne Gewand aus dem Haus.
Als die Frau das sah,
überlegte sie nicht lange.
„Hilfe! Hilfe!“, schrie sie so laut,
dass es durch das ganze Haus hallte.
Sogleich eilten von allen Seiten
die Sklaven herbei.
„Was ist los? Was ist los?“,
fragten sie erschrocken.
„Seht“, rief die Frau empört,
„was Josef mir angetan hat!
Er wollte sich zu mir legen.
Aber ich schrie laut um Hilfe.
Da ließ er sein Gewand fallen
und rannte davon.“
Und sie legte Josefs Gewand
neben sich und wartete,
bis ihr Mann heimkam.
Als aber Potifar hörte,
was seine Frau ihm erzählte,
wurde er furchtbar zornig.
„Josef hat mich betrogen!“,
schrie er wütend.
„Weg mit ihm!
Ab ins Gefängnis!
Ich will ihn nie mehr sehen.“
Da packten sie Josef
und warfen ihn ins Gefängnis.
1. Mose 39
22. Josef im Gefängnis
Nun saß Josef im Gefängnis
bei Dieben und Mördern.
Aber Josef war anders
als die anderen Gefangenen.
Das merkte auch bald der Wärter,
der die Gefangenen versorgte.
Er bat Josef:
„Willst du mir helfen?“
Josef war gerne dazu bereit.
Von nun an sorgte Josef
für die anderen Gefangenen.
Er besuchte sie jeden Tag,
brachte ihnen das Essen
und sprach ihnen Mut zu.
Josef machte seine Arbeit so gut,
dass der Wärter sich bald
um nichts mehr kümmern musste.
Gott war mit Josef
und ließ es ihm gelingen.
Unter den Gefangenen
waren auch zwei Diener
des ägyptischen Königs.
Der eine war Mundschenk.
Er hatte dem König immer
den Wein eingeschenkt.
Der andere war Bäcker.
Er hatte das Brot
für den König gebacken.
Aber beide waren beim König
in Ungnade gefallen.
Als Josef eines Morgens
zu den Gefangenen kam,
ließen beide den Kopf hängen.
„Was fehlt euch?“, fragte sie Josef.
„Warum seht ihr so traurig aus?“
„Ach“, antworteten sie,
„wir hatten beide
einen seltsamen Traum.
Und wir wissen nicht,
was er bedeutet.“
„Sagt mir doch,
was ihr geträumt habt!“, bat Josef.
„Vielleicht zeigt mir Gott,
was eure Träume bedeuten.“
Da erzählte der Mundschenk:
„Ich sah einen Weinstock
mit drei Reben,
die hingen voller Trauben.
Ich hielt den Becher des Königs
in meiner Hand,
nahm die Trauben,
drückte sie aus
und ließ den Saft in den Becher tropfen.
Den reichte ich dem König,
und er trank daraus.“
Als Josef den Traum hörte,
rief er erfreut:
„Das ist ein guter Traum!
Die drei Reben bedeuten drei Tage.
In drei Tagen
wirst du wieder frei sein.
Und der König wird dich
wieder zum Mundschenk machen.“
Und Josef fügte hinzu:
„Wenn du wieder zum König kommst,
dann denk an mich!
Bitte den König,
dass er mich hier herausholt!
Denn ich bin unschuldig hier.“
Da fasste sich der Bäcker ein Herz
und erzählte auch seinen Traum:
„Ich ging auf der Straße
und trug drei Körbe
auf meinem Kopf.
Im obersten Korb
hatte ich köstlichen Kuchen.
Den sollte der König essen.
Aber da kamen Vögel,
die setzten sich auf den Korb
und fraßen alles auf.“
Als Josef diesen Traum hörte,
rief er erschrocken:
„Dein Traum bedeutet nichts Gutes!
In drei Tagen wirst du gehängt.
Und die Vögel werden
dein Fleisch auffressen.“
Und wirklich:
Nach drei Tagen geschah,
was Josef vorausgesagt hatte.
Der Mundschenk wurde
wieder in sein Amt eingesetzt.
Der Bäcker aber wurde gehängt.
Doch der Mundschenk vergaß,
was er Josef versprochen hatte.
1. Mose 40
23. Josef vor dem König
Es war Nacht.
Der König von Ägypten
schlief in seinem Palast.
Er hatte in dieser Nacht
einen seltsamen Traum:
Er stand im Traum am Ufer des Nil.
Da stiegen aus dem Fluss
sieben schöne und fette Kühe,
die grasten am Ufer.
Danach stiegen noch einmal
sieben Kühe aus dem Wasser.
Aber sie waren hässlich und mager.
Sie fraßen die fetten Kühe auf.
Und noch einen Traum
hatte der König in dieser Nacht:
Er sah einen Getreidehalm vor sich.
Aus ihm wuchsen sieben Ähren,
schöne, dicke Kornähren.
Danach sah er einen anderen Halm.
Aus ihm wuchsen auch sieben Ähren.
Aber sie waren dürr und leer.
Die verschlangen die dicken Ähren.
Da wachte der König auf.
Unruhig wartete er,
bis der Morgen anbrach.
Dann rief er sogleich
seine Gelehrten herbei
und erzählte ihnen,
was er geträumt hatte.
„Auf, sagt mir,
was die Träume bedeuten!“,
befahl der König.
Aber die Gelehrten
sahen ihn verlegen an.
Sie konnten die Träume nicht deuten.
Da hörte der Mundschenk,
was der König geträumt hatte.
Plötzlich fiel ihm Josef wieder ein.
Wenn doch nur Josef hier wäre!,
dachte er bei sich.
Josef könnte sicher sagen,
was die Träume bedeuten.
Und er ging zum König,
verneigte sich vor ihm und sagte:
„Mein König!
Ich kenne einen Mann im Gefängnis.
Der kann Träume deuten.
Er hat auch mir vor Jahren
einen Traum gedeutet,
als ich im Gefängnis saß.
Alles traf so ein,
wie er es damals vorausgesagt hatte.“
„Dann holt ihn sofort her!“,
befahl der König.
„Worauf wartet ihr noch?“
Da holten sie Josef
aus dem Gefängnis,
schoren seine Haare,
zogen ihm ein neues Gewand an
und führten ihn vor den König.
Der wartete schon ungeduldig auf ihn.
„Ist es wahr?
Kannst du Träume deuten?“,
fragte der König.
„Nein“, antwortete Josef.
„Ich kann es nicht.
Aber Gott wird mir sagen,
was die Träume bedeuten.“
Da erzählte der König,
was er geträumt hatte.
Josef aber sagte zum König:
„Beide Träume bedeuten dasselbe.
Sieben Jahre lang
wird viel Korn wachsen.
Aber danach kommen
sieben schlechte Jahre.
Kein Korn wird mehr
auf den Feldern reifen.
Alle Menschen werden hungern.
Darum bau dir große Lagerhäuser
und setze einen klugen Verwalter ein,
der das Korn sammelt
und die Lagerhäuser füllt!
Und wenn die Hungersnot kommt,
soll er es an die Leute verkaufen.“
„Das ist gut!“, rief der König.
„Dein Plan gefällt mir.
Du sollst ihn selbst ausführen.
Ab heute bist du in Ägypten
der zweitmächtigste Mann.“
Und er gab Josef
seinen kostbaren Siegelring,
legte ihm einen Mantel um
und hängte eine goldene Kette
um seinen Hals.
Danach schickte er ihn
in seinem Königswagen
durch das ganze Land
und ließ in allen Städten
vor ihm her ausrufen:
„Dies ist der Mann,
dem der König alle Macht übergeben hat.
Ihm sollt ihr gehorchen.“
1. Mose 41
24. Josefs Brüder in Ägypten
Bald darauf traf ein,
was Josef vorhergesagt hatte.
Es gab Korn in Fülle.
Alle konnten essen,
so viel sie wollten.
Und es blieb immer noch
genug Korn übrig,
mehr als genug.
Da ließ Josef große Speicher bauen
und füllte sie mit Korn,
eine riesige Menge,
so viel wie der Sand am Meer.
Aber nach sieben Jahren
kam eine Dürrezeit.
Es regnete nicht mehr.
Die Sonne versengte das Land.
Die Erde trocknete aus.
Auf den Feldern
verdorrte das Korn.
Und in allen Ländern brach
eine große Hungersnot aus.
Da kamen die Menschen
in großen Scharen zu Josef
und baten ihn:
„Verkauf uns etwas von deinem Korn,
damit wir nicht verhungern!“
Und Josef öffnete seine Speicher
und gab ihnen Korn,
so viel sie brauchten.
*
Eines Tages aber kamen zehn Männer
aus einem fernen Land,
um Korn bei Josef zu kaufen.
Als Josef sie sah,
traute er seinen Augen nicht.
Vor ihm standen –
seine eigenen Brüder!
Sie warfen sich vor ihm auf die Erde
wie vor einem König.
Genauso hatte er es einst
in seinem Traum vorhergesehen.
Josef überlegte:
Ob seine Brüder
auch ihn erkannten?
Nein, sie ahnten gewiss nicht,
wer vor ihnen stand!
Da beschloss Josef,
seine Brüder auf die Probe zu stellen.
„Wer seid ihr?“, fragte er streng.
„Und woher kommt ihr?“
„Aus dem Land Kanaan“,
antworteten sie.
„In unserem Land
gibt es kein Korn mehr.
Darum sind wir hierher gekommen,
um Korn zu kaufen.“
„Nein“, unterbrach sie Josef,
„ihr lügt! Ihr seid Spione!
Ihr wollt nur unser Land
ausspionieren.“
„Aber nein!“,
riefen die Brüder erschrocken.
„Wir sind ehrliche Leute
und gehören alle zu einer Familie.
Zwölf Brüder sind wir.
Aber zwei Brüder fehlen.
Der jüngste Bruder
ist bei unserem Vater geblieben.
Und der zweitjüngste
lebt schon lange nicht mehr.“
Doch Josef unterbrach sie wieder:
„Ich glaube euch nicht.
Bringt euren jüngsten Bruder zu mir!
Dann will ich euch glauben.“
Darauf ließ er
alle zehn Brüder einsperren.
Aber nach drei Tagen
ließ er sie wieder frei
und befahl ihnen:
„Nehmt nun euer Korn
und zieht mit ihm nach Hause!
Aber kommt bald wieder zurück
und bringt euren jüngsten Bruder mit!
Dann will ich sehen,
ob ihr ehrliche Leute seid.
Einer von euch soll so lange
als Geisel hierbleiben,
bis ihr zurückkommt.“
Die Brüder sahen sich entsetzt an.
„Seht“, sagten sie zueinander,
„das ist die Strafe für alles,
was wir Josef angetan haben.
Wisst ihr noch, wie er uns anflehte,
als wir ihn in den Brunnen warfen?
Aber wir hörten nicht auf ihn.“
„Ich habe es euch ja gesagt“,
warf ihnen Ruben vor.
„Aber ihr habt nicht auf mich gehört.
Nun müssen wir dafür büßen.“
Als Josef das hörte,
wandte er sich ab
und wischte sich verstohlen
Tränen aus seinen Augen.
Dann nahm er einen Bruder als Geisel,
ließ ihn fesseln und sperrte ihn ein.
Aber die anderen Brüder
ließ er ziehen.
Als aber die Brüder
zu Hause ankamen
und ihre Kornsäcke ausleerten,
fanden sie in jedem Sack
einen Beutel mit Geld.
Die Brüder sahen sich bestürzt an.
„Das ist doch das Geld,
das wir dem Ägypter
für das Korn gezahlt haben“,
riefen sie erschrocken.
„Wie kommt es denn auf einmal
wieder in unseren Kornsack?
Am Ende denkt der Ägypter noch,
wir hätten ihn betrogen.“
Aber niemand kam auf den Gedanken,
dass der Ägypter absichtlich
das Geld in ihren Sack gesteckt hatte.
Und niemand ahnte,
dass dieser Ägypter
in Wahrheit ihr Bruder war.
1. Mose 42
25. Josef söhnt sich aus
Nach einiger Zeit kamen die Brüder
wieder nach Ägypten,
um Korn zu kaufen.
Diesmal empfing sie Josef
in seinem eigenen Haus.
Er begrüßte sie freundlich:
„Sagt, wie geht es eurem alten Vater?
Lebt er noch?“
Aber plötzlich entdeckte Josef
unter ihnen Benjamin,
seinen jüngsten Bruder.
„Ist das euer jüngster Bruder?“,
rief Josef bewegt.
„Gott sei dir gnädig, mein Sohn!“
Die Tränen schossen ihm in die Augen.
Schnell lief er hinaus,
schloss sich in eine Kammer ein
und weinte.
Als er sich wieder gefasst hatte,
ging er zu seinen Brüdern zurück
und aß mit ihnen.
Was hat dies alles zu bedeuten?,
überlegten die Brüder.
Warum ist der Ägypter plötzlich
so freundlich zu uns?
Und warum bekommt Benjamin
fünfmal so viel zu essen wie wir?
Aber Josef ließ sich nichts anmerken.
Nach dem Essen befahl er
heimlich seinem Verwalter:
„Fülle den Männern
die Säcke mit Korn
und leg das Geld wieder hinein,
das sie gezahlt haben!
Aber bei Benjamin leg noch
meinen silbernen Becher hinzu!“
Die Brüder aber ahnten nicht,
was mit ihren Säcken geschah.
Am nächsten Morgen
standen sie früh auf,
luden die Säcke auf ihre Esel
und zogen fröhlich davon.
Aber kaum hatten sie sich
von der Stadt entfernt,
sprengte plötzlich von hinten
ein Reiter heran.
Es war Josefs Verwalter.
„Halt!“, rief er streng.
„Bleibt stehen, ihr Diebe!
Was fällt euch ein?
Ihr habt meinem Herrn
den silbernen Becher gestohlen.“
„Das ist nicht wahr!“,
riefen die Brüder empört.
„Wir sind keine Diebe.
Wir haben den Becher nicht.
Schau selbst in unseren Säcken nach!
Wenn du den Becher dort findest,
wollen wir euch als Sklaven dienen.“
„Recht so!“, rief der Verwalter.
„Mein Herr wird den Dieb
zum Sklaven machen.
Die anderen aber sind frei.“
Da luden die Brüder
ihre Säcke von den Eseln,
banden sie auf
und zeigten sie dem Verwalter.
Der aber durchsuchte alle Säcke,
auch Benjamins Kornsack.
Und tatsächlich!
Aus seinem Sack
zog er den silbernen Becher hervor.
Die Brüder waren sprachlos.
Wie kam der Becher nur
in Benjamins Kornsack?
Was würde nun aus Benjamin?
Schnell luden sie wieder
die Säcke auf ihre Esel
und zogen mit Benjamin
zu Josef zurück,
warfen sich vor ihm auf die Erde
und stammelten:
„Wir alle sind schuldig.
Mach uns alle zu deinen Sklaven!“
„Aber nein!“,
fiel ihnen Josef ins Wort.
„Nur der soll mein Sklave sein,
der den Becher gestohlen hat.“
Da stand Juda auf und bat:
„Ach Herr, erlaube mir eine Bitte!
Mach mich zum Sklaven
an Benjamins Stelle!
Wenn Benjamin nicht mehr heimkommt,
dann stirbt unser Vater vor Kummer.
Er hat schon einen Sohn
auf diese Weise verloren.“
Als Josef das hörte,
hielt er sich nicht länger zurück.
Schnell schickte er
alle seine Diener zur Tür hinaus.
„Seht her!“, rief er.
„Seht, wer vor euch steht!
Ich bin Josef, euer Bruder,
den ihr als Sklaven verkauft habt.
Sagt mir: Wie geht es unserem Vater?
Lebt er wirklich noch?“
Die Brüder aber
starrten Josef entsetzt an.
Sie brachten vor Schreck
kein einziges Wort heraus.
Der mächtige Ägypter,
vor dem alle zitterten,
der war ihr Bruder?
Derselbe Bruder, den sie einst
als Sklaven verkauft hatten!
Nun war es um sie geschehen.
Sie waren in Josefs Hand.
Er konnte mit ihnen machen,
was er wollte.
Aber Josef redete ihnen gut zu:
„Steht auf! Kommt näher!
Seht mich an!
Ich bin wirklich Josef.
Habt keine Angst vor mir!
Ich bin nicht euer Feind.
Ihr habt es zwar
böse mit mir gemeint.
Aber Gott hat es gut
mit uns allen gemeint.
Er hat mich nach Ägypten geschickt,
damit ihr nicht hungern müsst.
Darum geht schnell
zu unserem Vater zurück!
Grüßt ihn von mir
und richtet ihm aus:
,Komm nach Ägypten!
Dort will ich dich
und deine Familie versorgen,
solange die Hungersnot anhält.‘“
Aber die Brüder waren
immer noch starr vor Schreck.
Da ging Josef auf sie zu,
fiel ihnen um den Hals,
küsste sie und weinte vor Freude.
Nun kam auf einmal Leben
in seine Brüder.
Sie lachten.
Sie umarmten sich.
Und sie erzählten Josef
von ihrem Vater Jakob,
der immer noch
um seinen Sohn trauerte.
Als aber der König hörte,
wer zu Josef gekommen war,
ließ er den Brüdern sagen:
„Kommt mit eurem Vater hierher
und wohnt bei uns!
Das ganze Land steht euch offen.“
Da zögerten die Brüder nicht lange.
Sogleich brachen sie auf
und machten sich auf den Heimweg,
um ihrem Vater
die gute Nachricht zu bringen:
„Josef, dein Sohn, lebt!“
1. Mose 43–45
26. Jakob zieht nach Ägypten
Vater Jakob stand vor seinem Zelt
und schaute in die Ferne.
Da sah er seine Söhne kommen:
Ruben, Simeon, Levi, Juda...
Alle kamen, keiner fehlte.
Auch Benjamin war dabei.
Jakob atmete auf.
Aber hörte er recht?
„Gute Nachricht, Vater!“,
riefen ihm seine Söhne entgegen.
„Stell dir vor: Josef lebt noch!
Er ist der zweitmächtigste Mann
in Ägypten.“
Jakob stand da wie erstarrt.
„Unmöglich!“, murmelte er tonlos.
„Ihr täuscht euch! Josef ist tot.“
„Nein, nein!“, riefen die Brüder.
„Glaub uns doch: Josef lebt!“
Und sie zeigten Josefs Geschenke:
Korn und Brot und kostbare Kleider
und viele Wagen und Esel.
„Da, sieh her!
Dies alles lässt Josef dir schicken.
Er lädt uns ein,
nach Ägypten zu ziehen.“
„Was sagt ihr?“, rief Jakob erregt.
„Josef, mein Sohn, lebt?
Worauf warten wir dann noch?
Ich will Josef wiedersehen,
ehe ich sterbe.“
Und er sammelte alle um sich,
Frauen und Kinder,
Knechte und Mägde.
„Habt ihr gehört?“, rief er.
„Josef lebt in Ägypten.
Auf, macht euch fertig!
Packt eure Zelte!
Treibt die Tiere zusammen!
Wir ziehen nach Ägypten.“
Da machten sich alle
auf den Weg nach Ägypten:
Männer, Frauen und Kinder,
dazu alle Tiere.
Jakob aber fuhr ihnen
im Wagen voraus,
Josef entgegen.
Als sie schon nahe bei Ägypten waren,
kam ihnen ein prächtiger Wagen
mit schnellen Pferden entgegen
und hielt vor ihnen an.
Aus dem Wagen sprang Josef.
Er eilte auf Jakob zu,
fiel ihm um den Hals
und weinte vor Freude.
„Mein Sohn, du lebst!“,
rief Jakob bewegt.
„Was will ich noch mehr?
Nun kann ich getrost sterben.“
Aber Josef führte Jakob nach Ägypten
und sorgte für ihn
und für seine ganze Familie,
bis die Hungersnot vorüber war.
Danach lebte Jakob noch viele Jahre.
Er sah, wie seine Enkel
und Urenkel heranwuchsen.
Und er segnete sie alle, bevor er starb.
So wuchs Jakobs Familie immer mehr
und breitete sich aus
wie Sand am Meer.
1. Mose 46–50
III
Gott führt sein Volk
Gott hatte sein Versprechen erfüllt.
Aus Abrahams Familie
war ein großes Volk geworden.
Aber dieses Volk lebte nun
im fremden Land Ägypten.
Wann würde Gott es wieder
nach Kanaan zurückführen,
in das Land,
das er einst Abraham
und seinen Nachkommen versprochen hatte?
27. In Ägypten
Vater Jakob lebte nicht mehr.
Auch Josef und seine Brüder
waren längst tot.
Aber die Kinder Josefs
und seiner Brüder
lebten immer noch in Ägypten.
Sie waren schon alt
und hatten selbst wieder Kinder,
Enkel und Urenkel,
eine riesengroße Familie,
so groß wie ein ganzes Volk.
Israeliten nannten sie sich
nach dem Stammvater Jakob,
der auch Israel hieß.
Zu dieser Zeit kam in Ägypten
ein neuer König auf den Thron,
der mächtige Pharao.
Der wusste nichts mehr
von Jakob und Josef.
Er ärgerte sich über das fremde Volk.
Und er sagte zu den Ägyptern:
„Was wollen die Fremden
in unserem Land?
Es sind schon viel zu viele.
Wer weiß?
Bald gibt es mehr Israeliten
als Ägypter im Land.
Eines Tages werden sie
gegen uns kämpfen.
Aber so weit darf es nicht kommen.
Wir werden sie unterdrücken
und Sklaven aus ihnen machen.
Dann müssen wir uns nicht mehr
vor ihnen fürchten.“
Und er gab den Befehl:
„Alle Israeliten
sollen für mich arbeiten!
Meine Sklaven sollen sie werden!“
Von nun an
mussten die Israeliten
jeden Tag schwer arbeiten,
vom frühen Morgen an
bis zum späten Abend.
Ziegelsteine mussten sie
aus Lehm formen.
Häuser mussten sie bauen.
Ja, ganze Städte mussten sie
für den König errichten.
Und der König setzte
Ägypter als Aufseher ein,
die trieben die Israeliten
mit der Peitsche an.
Und wenn die Israeliten müde wurden,
schlugen die Aufseher
unbarmherzig auf sie ein.
Aber das Volk Israel wuchs trotzdem.
Es wurde immer größer.
Je mehr die Ägypter es plagten,
desto zahlreicher wurde das Volk.
Dem König wurde ganz unheimlich,
wenn er das Volk sah.
Schließlich dachte er sich
einen grausamen Plan aus.
Er befahl allen Ägyptern:
„Geht zu den Israeliten!
Dringt in ihre Häuser ein!
Und seht nach,
wo ein Sohn geboren wurde!
Und wenn ihr einen findet,
packt ihn und werft ihn in den Nil!“
Da gehorchten die Ägypter.
Sie drangen in die Häuser ein.
Sie durchsuchten alle Winkel.
Und wo sie einen Neugeborenen fanden,
rissen sie ihn von seiner Mutter los
und nahmen ihn mit.
Da half kein Betteln und Weinen.
Die Ägypter taten,
was ihr König befohlen hatte.
2. Mose 1
28. Mose
Zu dieser Zeit
brachte eine Israelitin
ein Kind zur Welt.
Als sie sah, dass es ein Sohn war,
erschrak sie sehr.
„Was für ein schönes Kind!“,
sagte sie zu sich.
„Es soll nicht sterben
wie die anderen Kinder.
Ich will, dass es lebt!“
Schnell verbarg sie das Kind.
Aber kein Ägypter kam in das Haus.
Niemand entdeckte das Kind.
Tage und Wochen vergingen.
Drei Monate gingen ins Land.
Das Kind wuchs
und seine Stimme wurde
von Tag zu Tag lauter.
Da konnte es die Mutter nicht
länger im Haus verbergen.
Was sollte sie tun?
Sie überlegte hin und her.
Schließlich fasste sie
einen kühnen Entschluss:
Sie ging zum Ufer des Nil,
holte sich Schilfgras
und flocht daraus ein Kästchen.
Das verschmierte sie außen mit Pech,
sodass kein Wasser eindringen konnte.
Dann legte sie ihr Kind in das Kästchen,
trug es heimlich zum Fluss
und versteckte es am Ufer
zwischen dem Schilfgras.
Danach lief sie schnell
nach Hause zurück.
Niemand durfte merken,
was sie getan hatte.
Da lag nun das Kind
in seinem Kästchen auf dem Nil,
mutterseelenallein.
Nur Mirjam, die ältere Schwester,
hielt heimlich Wache am Ufer.
Aber plötzlich horchte Mirjam auf.
Stimmen wurden laut.
Schritte kamen näher.
Mirjam spähte
zwischen dem Schilfgras hervor.
Da sah sie eine Schar Mädchen
zum Baden kommen.
Doch mitten unter ihnen –
wen entdeckte sie da?
Die Tochter des Pharao!
Die Tochter des gefürchteten Königs!
Sie kam mit ihren Dienerinnen
zum Nil, um zu baden
und ging geradewegs
auf das Wasser zu.
Plötzlich blieb sie stehen.
Sie zeigte auf das Schilf.
„Seht doch!“, rief sie.
„Seht, was dort schwimmt!
Ein geflochtenes Kästchen!
Holt es schnell aus dem Wasser!
Ich will wissen,
was darin versteckt ist.“
Da holte eine Dienerin
das Kästchen aus dem Wasser
und brachte es der Königstochter.
Die nahm das Kästchen,
öffnete es und schaute hinein.
Da sah sie das Kind.
Es weinte und blickte zu ihr hoch.
„Das arme Kind!“,
rief die Königstochter voll Mitleid.
„Sicher gehört es zu den Israeliten.
Es darf aber nicht sterben
wie die anderen Kinder.
Ich will es retten.
Mein Kind soll es werden.
Und Mose will ich es nennen,
das heißt: ,aus dem Wasser gezogen‘.
Denn ich habe es gefunden
und aus dem Wasser geholt.
Und ich will für das Kind
wie eine Mutter sorgen.“
Als Mirjam das hörte,
kam sie schnell
aus ihrem Versteck hervor,
verneigte sich und sagte:
„Ich kenne eine Frau,
die kann das Kind stillen.
Soll ich sie holen?“
„Ja“, bat die Königstochter,
„hol sie schnell her!“
Da lief Mirjam nach Hause
und holte – ihre eigene Mutter!
Aber die Königstochter
wusste nicht, wer sie war.
Sie sagte zu ihr:
„Sieh, dieses Kind habe ich
im Wasser gefunden.
Kannst du es stillen?
Ich will dir’s auch bezahlen.
Nimm es an dich
und sorge gut für das Kind!
Doch wenn das Kind alt genug ist,
will ich es selbst haben.
Dann soll es bei mir wohnen.“
Die Mutter wusste nicht,
wie ihr geschah.
Glücklich trug sie das Kind
nach Hause,
ihr eigenes Kind!
Nun musste sie es nie mehr verstecken,
auch nicht vor den Soldaten des Königs.
2. Mose 2
29. Mose muss fliehen
Drei Jahre lang
blieb Mose bei seiner Mutter.
Danach nahm ihn Pharaos Tochter
zu sich in den Palast.
Dort bekam Mose kostbare Kleider
und eigene Diener und Lehrer.
Mose sah nun aus wie ein Ägypter
und sprach auch wie ein Ägypter.
Aber er blieb dennoch ein Israelit.
Er konnte sein Volk nicht vergessen.
Jahre vergingen.
Inzwischen war Mose erwachsen.
Da verließ er den Königspalast
und suchte die Israeliten auf.
Aber wie erschrak er,
als er sie arbeiten sah!
Sie plagten sich ab.
Sie keuchten und stöhnten.
Auf einmal hörte Mose
einen furchtbaren Schrei.
Ein Aufseher schlug
auf einen Israeliten ein.
Als Mose das sah,
packte ihn der Zorn.
War denn hier keiner,
der dem Ägypter wehrte?
Nein, keiner!
Alle machten sich aus dem Staub,
als sie den Aufseher sahen.
„Dann muss ich es tun“,
sagte sich Mose.
Und schon stürzte er sich
auf den Ägypter
und schlug wild auf ihn ein,
bis er tot war.
Schnell grub er
ein Loch in den Sand
und verscharrte den Toten.
Niemand durfte wissen,
was er getan hatte.
Wenn der König davon erfuhr,
war er verloren.
Am nächsten Tag suchte Mose
noch einmal die Israeliten auf
und sah, wie sie sich plagten.
Plötzlich hörte er wieder Geschrei.
Er horchte auf.
Wer schrie diesmal so laut?
Da entdeckte er zwei Israeliten,
die stritten und schlugen sich.
„Hört auf!“, rief Mose.
„Was soll der Unsinn?
Ihr seid doch beide Israeliten.
Vertragt euch!“
Aber der eine antwortete:
„Misch dich nicht ein!
Das geht dich nichts an.
Oder willst du mich auch töten
wie den Ägypter?“
Als Mose das hörte,
erschrak er furchtbar.
Er überlegte:
Wie ist das nur möglich?
Woher weiß der Mann,
was ich gestern getan habe?
Vielleicht hat er es schon
dem König verraten?
Dann muss ich fliehen,
bevor es zu spät ist.
Und er machte sich auf und davon
und floh aus Ägypten.
2. Mose 2,11–15
30. Mose im Land Midian
Nach vielen Tagen
kam Mose in das Land Midian,
ein einsames, steiniges Land
in der Wüste.
Es war bereits Abend,
als er dort ankam.
Müde setzte er sich
an einen Brunnen
und ruhte sich aus.
Da kamen sieben Mädchen
mit Schafen zum Brunnen.
Sie schöpften Wasser
und gossen es in den Trog
für die Schafe.
Aber plötzlich kamen Hirten daher.
Sie stießen die Mädchen zur Seite
und schrien: „Weg da!
Jetzt wollen wir schöpfen.“
Als Mose das sah, sprang er auf,
stellte sich vor die Mädchen
und rief zornig:
„Lasst sie in Frieden!
Sie waren zuerst da.“
Schnell griff er zu
und half den Mädchen beim Schöpfen,
bis alle Schafe genug hatten.
Da liefen die sieben Mädchen
zu ihrem Vater Reguel,
der auch Jitro hieß,
und erzählten ihm,
was sie am Brunnen erlebt hatten.
„Wie?“, rief der Vater erstaunt.
„Ein Fremder half euch beim Schöpfen?
Wo ist denn der Fremde?
Warum habt ihr ihn
nicht zu mir gebracht?
Lauft noch einmal zum Brunnen
und ladet ihn ein!
Er soll unser Gast sein.“
Da brachten die Mädchen
Mose zu ihrem Vater ins Zelt.
Mose aber blieb bei ihm
und diente ihm
und hütete seine Schafe.
Zum Dank gab ihm Reguel
seine Tochter Zippora zur Frau.
Viele Jahre blieb Mose im Land Midian
bei seiner Frau und dem Sohn,
den sie ihm schenkte.
Er hatte sein Volk in Ägypten
fast schon vergessen.
Aber Gott vergaß sein Volk nicht.
Und er vergaß auch Mose nicht.
2. Mose 2,15–25
31. Mose bekommt einen Auftrag
Eines Tages kam Mose
mit seinen Schafen zum Berg Sinai.
Da sah er einen Dornstrauch,
der lichterloh brannte.
„Wie ist das nur möglich?“,
fragte sich Mose erstaunt.
„Der Strauch brennt
und verbrennt doch nicht.
Ich will hingehen und sehen,
warum er nicht verbrennt.“
Neugierig ging er auf den Strauch zu.
Aber plötzlich hörte Mose
eine Stimme aus dem Feuer:
„Mose! Mose!“
„Hier bin ich“,
antwortete Mose erschrocken.
„Komm nicht näher heran!“,
rief die Stimme.
„Zieh deine Schuhe aus!
Du stehst auf heiligem Land.
Denn ICH bin hier,
der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.“
Da schlug Mose
die Hände vor das Gesicht.
Er wagte nicht aufzuschauen.
Aber er hörte,
wie Gott zu ihm sprach:
„Mose! Geh zurück nach Ägypten!
Geh zu Pharao und sage ihm:
,Lass mein Volk Israel frei!‘
Denn ich habe gesehen,
wie sie leiden.
Ich habe ihre Klagen gehört.
Ich will sie retten
und aus Ägypten führen.
Ich will sie nach Hause bringen,
in das Land,
wo Milch und Honig fließt.
So geh nun hin!
Du sollst das Volk
aus Ägypten führen.“
„Ich soll zum König gehen?“,
fragte Mose erschrocken.
„Ich soll die Israeliten
aus Ägypten führen?
Warum gerade ich?“
„Ich werde mit dir sein“,
sprach Gott.
„Aber“, wandte Mose ein,
„sie werden mir nicht glauben,
wenn ich zu ihnen komme.
Sie werden fragen:
Was ist das für ein Gott,
von dem du redest?‘“
Da sprach Gott:
„ICH WERDE SEIN,
DER ICH SEIN WERDE.
Das ist mein Name.
Den sollst du zu ihnen sagen.
So geh nun zurück
und sage den Israeliten,
ICH habe dich gesandt.“
Aber Mose zögerte noch.
„Ach Herr!“, rief er.
„Ich kann es nicht.
Ich konnte noch nie gut reden.
Und jetzt erst recht nicht!“
„Ich werde dir sagen,
was du reden sollst“,
antwortete Gott.
„Nein, nein!“, rief Mose.
„Nimm, wen du willst,
nur mich nicht!“
Aber Gott sprach:
„Aaron, dein Bruder,
wird dir helfen.
Er wird mit dir
zum König gehen
und für dich sprechen.
Er ist schon auf dem Weg zu dir.“
Da wagte Mose nichts mehr zu sagen.
Er brach auf mit seiner Familie
und zog nach Ägypten,
wie Gott ihm befohlen hatte.
2. Mose 3–4
32. Mose bei Pharao
Unterwegs traf Mose
seinen Bruder Aaron.
Ihm erzählte er alles,
was Gott am Berg Sinai
zu ihm gesagt hatte.
Da gingen die beiden
zu den Israeliten,
die sich in Ägypten
immer noch plagten.
„Freut euch!“, riefen sie.
„Gott hat euer Weinen gehört
und eure Not gesehen.
Bald werdet ihr frei sein
und in das Land ziehen,
das Gott euch versprochen hat.“
Als die Israeliten das hörten,
verneigten sie sich
und beteten Gott an.
„Gott sei Dank!“, riefen sie froh.
„Gott hat uns nicht vergessen.
Er hat unser Elend gesehen.“
Danach gingen Mose und Aaron
zu Pharao, dem König von Ägypten.
Der empfing sie
in seinem Palast.
„Warum kommt ihr zu mir?“,
fragte er sie.
„Was wollt ihr von mir?“
Da antworteten Mose und Aaron:
„So spricht der Herr,
der Gott Israels:
,Lass mein Volk gehen!‘“
„Was?“, rief der König empört.
„Wer ist dieser Herr?
Ich kenne euren Gott nicht.
Ich will ihn auch gar nicht kennen
und will ihm auch nicht gehorchen.
Ich bin hier allein der Herr,
der Herr über Ägypten
und der Herr über alle Israeliten.
Darum will ich euch sagen,
was ich tun werde:
Ich werde euch noch viel mehr
schinden und plagen.
Dann kommt ihr auf
keine dummen Gedanken mehr.
Und nun los! An die Arbeit!“
Von diesem Tag an
mussten die Israeliten
noch viel mehr arbeiten.
Sie schufteten.
Sie plagten sich ab.
Sie wurden geschunden
und wurden geschlagen.
Und niemand hatte Mitleid
mit ihnen.
Da liefen die Israeliten
zu Mose und Aaron,
weinten und schrien:
„Ihr seid an allem schuld.
Warum seid ihr zu Pharao gegangen?
Seitdem ist alles
noch viel schlimmer geworden.“
Auch Mose war ratlos.
„Ach Herr“, betete er,
„warum hast du uns das angetan?
Warum hast du mich
nach Ägypten geschickt?
Du hilfst deinem Volk ja doch nicht.“
Aber Gott sprach zu Mose:
„Warte nur ab!
Bald sollst du sehen,
was ich an Pharao tun werde.
Pharao soll erkennen,
dass ich allein der Herr bin.“
2. Mose 4,27–6,1
33. Die zehn Plagen
Bald darauf ließ Gott
zehn schwere Plagen
über Ägypten kommen.
Zuerst wurde alles Wasser zu Blut.
In den Bächen
und in den Seen und Sümpfen
starben die Fische.
Das Wasser stank furchtbar.
Niemand konnte es trinken.
Doch der König
machte sich nichts daraus.
Sein Herz blieb hart wie Stein.
Da schickte Gott
eine zweite Plage über Ägypten.
Aus den Flüssen und Sümpfen
krochen Frösche hervor,
Hunderte, Tausende,
hunderttausend und noch mehr.
Die hüpften überall hin,
in die Häuser und Höfe,
in die Betten und Backtröge,
in die Teller und Töpfe.
Nichts war vor ihnen sicher.
Da packte den König das Grausen.
Er rief Mose und Aaron zu sich
und befahl:
„Lasst die Frösche verschwinden!
Dann lasse ich euch ziehen.
Ich verspreche es euch.“
Da betete Mose zu Gott,
und die Frösche starben
in allen Häusern und Höfen
und auf dem Feld.
Man trug sie
in großen Haufen zusammen,
sodass das ganze Land
von ihrem Gestank erfüllt war.
Aber der König ließ das Volk Israel
dennoch nicht ziehen.
Sein Herz blieb hart.
Da schickte Gott noch eine
dritte und vierte Plage.
Aus dem Staub der Erde
kamen Stechmücken hervor,
Millionen von Mücken.
Die setzten sich
auf alle Menschen und Tiere
und bedeckten die ganze Erde.
Und Stechfliegen kamen
in großen Schwärmen
über das ganze Land.
Die stachen alle,
Große und Kleine, Alte und Junge.
Kein Mensch blieb verschont
außer den Israeliten.
Und wieder rief der König
Mose und Aaron zu sich
und versprach ihnen:
„Ich lasse euch ziehen.
Aber verscheucht mir
erst alle Fliegen!“
Da betete Mose zu Gott,
und die Fliegen verschwanden,
wie sie gekommen waren.
Nicht eine einzige Fliege blieb übrig.
Aber der König ließ das Volk Israel
dennoch nicht ziehen.
Sein Herz blieb hart.
Da traf die fünfte,
sechste und siebte Plage ein.
Alle Tiere wurden krank
und starben in Massen,
Pferde und Esel, Kamele und Kühe,
dazu viele, viele Schafe.
Bald darauf wurden
auch die Menschen schwer krank.
Eine Seuche brach aus.
Die Ägypter bekamen Geschwüre
an Händen und Füßen,
am Kopf und am ganzen Leib.
Schließlich kam ein schweres Unwetter
über das ganze Land.
Riesige Hagelkörner
fielen vom Himmel
und schlugen alles zusammen,
Menschen und Vieh
und das Korn auf den Feldern.
Aber der König ließ das Volk Israel
dennoch nicht ziehen.
Sein Herz blieb hart.
Da schickte Gott
die achte Plage ins Land.
Heuschrecken kamen in Schwärmen
und bedeckten die Erde
und fraßen alles auf,
was vom Hagel verschont war,
Gras und Blüten und Blätter.
Aber der König ließ das Volk Israel
dennoch nicht ziehen.
Sein Herz blieb hart.
Da ließ Gott noch
eine neunte Plage kommen.
Über dem ganzen Land
wurde es stockdunkel.
Drei Tage lang
schien die Sonne nicht mehr.
Die Menschen flohen in ihre Häuser
und zitterten vor Kälte und Angst.
Auch der König saß im Dunkeln
und konnte nichts sehen.
Voll Zorn rief er Mose
zu sich in seinen Palast
und herrschte ihn an:
„Verschwinde endlich!
Und komm mir nie wieder
unter die Augen!
Sonst lasse ich dich töten.“
Aber das Volk Israel
ließ er dennoch nicht ziehen.
Da ging Mose aus dem Palast.
Gott aber sprach zu Mose:
„Noch eine Plage
will ich dem Pharao schicken,
die letzte und schwerste.“
2. Mose 7–11,1
34. Der Auszug aus Ägypten
Es war Nacht.
Die Ägypter schliefen
in ihren Häusern.
Keiner von ihnen ahnte,
was in dieser Nacht geschah.
Aber die Israeliten
waren alle hellwach,
auch die Kinder.
Voller Erwartung standen sie
in Schuhen und Mänteln bereit.
Neben ihnen lag ihr Gepäck,
fertig gepackt.
„Macht euch bereit!“,
hatte Mose zu ihnen gesagt.
„Denn in dieser Nacht
wird es geschehen.
Gott wird euch befreien
und aus Ägypten herausführen.“
So hielten sie nun das letzte Mahl
in ihren Häusern.
Sie aßen das Lamm,
das der Vater geschlachtet hatte.
Und sie aßen das flache Brot,
das die Mutter in aller Eile
gebacken hatte.
Es war wie bei einem Festessen.
Ja, sie feierten wirklich ein Fest,
mitten in der Nacht,
das Fest der Befreiung: das „Passafest“.
Sie feierten das Fest,
obwohl schon alle im Aufbruch waren.
Denn so hatte Gott es Mose befohlen:
„In dieser Nacht
sollt ihr dieses Fest feiern.
Und so sollt ihr es
von nun an jedes Jahr feiern.
Denkt daran, wenn ich euch
aus Ägypten geführt habe!
Und dankt für eure Befreiung!“
Damals, in jener Nacht,
feierten die Israeliten
dieses Fest zum ersten Mal.
Sie aßen und tranken in ihren Häusern
und dankten Gott,
dass er sie endlich
aus Ägypten herausführte.
Aber bevor sie aßen und tranken,
nahm der Vater die Schale
mit dem Blut des Lammes,
ging damit zur Tür
und strich das Blut
außen an die Türpfosten.
Dann schloss er die Tür fest zu.
So machten es alle Israeliten
in dieser Nacht.
Gott hatte es ihnen
durch Mose befohlen.
Denn in dieser Nacht
brach ein großes Unglück
über Ägypten herein.
In allen Häusern
starb der älteste Sohn.
Nur die Häuser der Israeliten,
an deren Türen das Blut war,
blieben verschont.
Als aber die Ägypter sahen,
was geschehen war,
schrien sie laut auf,
weinten und klagten.
Und der König ließ eilig
Mose und Aaron zu sich holen,
mitten in der Nacht.
„Geht!“, rief er.
„Geht so schnell ihr könnt!
Nehmt alles mit, was ihr braucht,
Schafe, Kühe und was ihr wollt!
Aber geht endlich!“
Da brachen die Israeliten
noch in derselben Nacht auf,
mit ihren Frauen und Kindern
und mit all ihren Tieren.
Und sie zogen aus Ägypten,
wie Gott gesagt hatte.
2. Mose 11–12
35. Durch das Rote Meer
Kanaan hieß das Land,
aus dem Jakob und Josef
einst gekommen waren.
Dorthin wollte Gott sein Volk führen.
Aber wie sollten sie das Land finden?
Niemand kannte den Weg,
auch Mose nicht.
Da schickte Gott eine Wolke,
die zog vor ihnen her
und zeigte ihnen den Weg.
Wenn es Mittag wurde
und die Sonne hoch oben
am Himmel stand,
schützte die Wolke sie vor der Hitze.
Wenn es Abend wurde
und alle müde waren vom Wandern,
blieb die Wolke stehen.
Dann schlugen sie ihre Zelte auf
und ruhten sich aus.
Aber in der Nacht,
wenn alles dunkel war,
leuchtete die Wolke wie Feuer
und machte die Nacht hell.
Gott selbst war in der Wolke.
Er führte sein Volk
und gab ihm Schutz.
*
Drei Tage lang
waren die Israeliten unterwegs.
Da kamen sie an das Rote Meer.
Dort setzten sie sich ans Ufer
und hielten Rast.
Doch plötzlich hörten sie
dumpfen Lärm hinter sich.
Erschrocken schauten sie um sich.
Da sahen sie in der Ferne
eine Staubwolke.
Wagen und Pferde stürmten heran.
Sie kamen näher und näher.
„Hilfe!“, schrien die Israeliten.
„Wir sind verloren!
Die Ägypter kommen.
Sie wollen uns zurückholen.“
Was sollten sie tun?
Vor ihnen lag das Meer.
Und hinter ihnen waren die Ägypter.
Da liefen sie zu Mose und schrien:
„Du bist an allem schuld!
Warum hast du uns
aus Ägypten geführt?
Nun sitzen wir in der Falle.“
Aber Mose rief:
„Habt keine Angst!
Gott wird uns helfen.
Wartet nur ab!“
Und er ging an das Meer
und streckte seine Hand
über das Wasser aus.
Da kam ein starker Wind auf.
Ein Weg tat sich vor ihnen auf,
mitten im Meer!
Mose ging hinein in das Meer.
Und alle Israeliten folgten ihm,
Männer, Frauen und Kinder.
Auf trockenem Weg zogen sie
durch das Meer bis ans andere Ufer.
Die Wolke Gottes aber
stand hinter ihnen
und verbarg sie vor den Ägyptern.
Als die Ägypter das Meer erreichten,
war es schon tiefe Nacht.
Die Israeliten waren nicht mehr zu sehen.
„Vorwärts!“, schrie der König.
„Wir holen sie noch ein.“
Da spornten die Ägypter ihre Pferde an
und fuhren mit ihren Wagen ins Meer.
Aber in der Dunkelheit konnten sie
den Weg kaum erkennen.
Ihre schweren Wagen
blieben im Schlamm stecken.
Plötzlich überfiel die Ägypter
schreckliche Angst.
„Zurück! Zurück!“, schrien sie.
„Wir sind sonst verloren.“
Aber sie kamen weder vor noch zurück.
Ihre Wagen saßen im Schlamm fest.
Schon wurde es Morgen.
Die Israeliten hatten längst
das andere Ufer erreicht.
Aber die Ägypter waren noch
mitten im Meer
und mühten sich vergeblich ab
mit ihren Wagen und Pferden.
Da streckte Mose seine Hand
wieder über das Meer aus.
Und sieh da!
Das Wasser kehrte zurück
und bedeckte Wagen und Pferde.
Alle Ägypter ertranken.
Als die Israeliten das sahen,
erkannten sie: Das hat Gott getan!
Und sie glaubten an ihn.
Mirjam aber, Moses Schwester,
nahm ihre Pauke und sang:
„Lasst uns dem Herrn singen!
Denn er hat eine große Tat getan.
Ross und Mann
hat er ins Meer gestürzt.“
Da stimmten alle Frauen
in das Lied ein,
sangen und tanzten
und dankten Gott,
der sie gerettet hatte.
2. Mose 13,17–15,21
36. Durch die Wüste
Schon drei Tage lang
wanderten die Israeliten durch die Wüste.
Der Sand brannte unter ihren Sohlen.
Die Sonne stach auf ihren Kopf.
Und nirgendwo gab es Schatten,
überall nur Steine und Sand.
Da wurden alle müde und matt.
„Wie lange noch?“, jammerten sie.
„Wir haben furchtbaren Durst.“
Aber alle Wasserkrüge waren längst leer.
Und weit und breit
war kein Wasser zu finden.
Doch plötzlich rief jemand:
„Seht die Bäume dort drüben!
Das ist sicher eine Oase.
Dort gibt es Wasser!“
Da rannten alle los
und eilten zu der Oase.
Jeder wollte zuerst trinken.
Schon knieten einige nieder
und tranken gierig das Wasser.
Aber plötzlich verzogen sie
ihr Gesicht, schüttelten sich
und spuckten das Wasser wieder aus.
„Pfui!“, riefen sie.
„Das Wasser schmeckt bitter.
Ihr könnt es nicht trinken.“
„Was?“, riefen die anderen empört.
„Das kann doch nicht wahr sein!
Was sollen wir nun trinken?
Wir sterben vor Durst.“
Und sie drangen auf Mose ein:
„Du bist schuld,
wenn wir alle verdursten.
Du hast uns in diese Wüste geführt.
Nun sag uns: Was sollen wir tun?“
Mose wusste es selbst nicht.
„Ach Herr“, betete er leise,
„sag mir, was soll ich tun?
Ich weiß keinen Rat mehr.“
Da fiel sein Blick auf ein Stück Holz.
Mose hob es auf
und warf es ins Wasser.
Und sieh da!
Auf einmal schmeckte das Wasser.
Alle tranken sich satt,
Kinder, Frauen und Männer
und auch die Tiere.
Gestärkt brachen sie auf
und zogen weiter
durch die endlose Wüste.
2. Mose 15,22–25
37. Hunger
Tage und Wochen vergingen.
Bald waren alle Vorräte verzehrt.
Die Säcke waren leer.
Und es gab kein Fleisch
und kein Brot mehr.
Da wurden die Israeliten
von Tag zu Tag schwächer.
Der Hunger plagte sie sehr.
Sie kamen kaum noch voran.
„Ach“, jammerten sie,
„wären wir doch in Ägypten geblieben!
Dort hatten wir Fleisch und Brot,
so viel wir wollten.
Aber nun müssen wir hier
in der Wüste verhungern.
Mose und Aaron, ihr seid schuld!
Warum habt ihr uns
in diese Wüste geführt?“
Aber Mose antwortete:
„Hört, ihr Israeliten!
Warum klagt ihr uns an?
Gott hat euer Klagen gehört.
Er will euch geben,
was ihr braucht:
Fleisch am Abend
und am Morgen Brot.
Wartet nur ab!
Dann werdet ihr erfahren,
dass der Herr euer Gott ist.“
Die Leute sahen Mose ungläubig an.
Fleisch und Brot in der Wüste?
Wie sollte das zugehen?
Als es aber Abend wurde,
zog eine dunkle Wolke auf.
Sie kam näher und näher.
Ein riesiger Schwarm von Vögeln
flog auf das Lager zu
und ließ sich zwischen den Zelten nieder.
Es waren Wachteln,
große, fette, schwarze Vögel.
Schnell packten die Israeliten zu,
schlachteten die Vögel,
rösteten sie über dem Feuer
und aßen sie auf.
Alle aßen davon und wurden satt.
Und als sie am nächsten Morgen
aus ihren Zelten kamen,
da lagen auf der Erde
kleine, weiße und runde Körner.
„Was ist das?“,
fragten sie einander erstaunt.
„Das ist Manna“, antwortete Mose.
„Es ist das Brot,
das Gott euch geschenkt hat.“
Da hoben sie die Körner auf,
kosteten und staunten.
Die Körner schmeckten süß
wie Honigkuchen.
Schnell holten sie ihre Krüge herbei,
lasen die Körner auf,
füllten die Krüge
und machten Brei und Brot
aus dem Manna.
Alle aßen davon und wurden satt.
Von diesem Tag an
mussten sich die Israeliten
nie mehr um ihr Essen sorgen,
solange sie in der Wüste waren.
Jeden Morgen lag das Manna
auf der Erde
und jeden Morgen sammelten sie auf,
so viel sie brauchten.
Nur am siebten Tag ruhten sie aus.
Gott sorgte für sie
Tag für Tag.
2. Mose 16
38. Ein Überfall
Seit vielen Wochen wanderte
das Volk Israel durch die Wüste.
Immer höher wurden die Berge.
Und immer steiler wurde der Weg.
Er führte an Felsen und Höhlen vorbei,
in denen ein wildes Wüstenvolk hauste.
Amalekiter nannten sie sich.
Eines Tages hielten die Israeliten
nahe bei einem Berg Rast.
Plötzlich schauten sie auf:
Eine Horde von Kriegern jagte heran.
„Hilfe!“, schrien die Israeliten.
„Die Amalekiter kommen.
Wir sind verloren.“
Und schon waren sie da,
fielen über die Israeliten her,
raubten sie aus und jagten davon,
so plötzlich,
wie sie gekommen waren.
Da rief Mose Josua zu sich,
einen mutigen Mann,
und befahl ihm:
„Sammle eine Schar
tapferer Männer um dich
und zieh morgen mit ihnen
zum Kampf gegen die Amalekiter.
Ich aber will für euch beten.“
Am nächsten Morgen
rückten die Amalekiter wieder an.
Da zog ihnen Josua
mit seinen Männern entgegen.
Mose aber stieg auf einen Hügel.
Aaron, sein Bruder
und Hur, ein anderer Israelit,
begleiteten ihn.
Dort oben auf dem Hügel
hob er seinen Stab zum Himmel
und betete zu Gott.
Und siehe da:
Die Amalekiter wichen zurück!
Aber bald wurden Mose
die Arme schwer.
Er ließ seine Hände sinken.
Und schon stürmten
die Amalekiter wieder vor.
Als Aaron und Hur das sahen,
eilten sie Mose zu Hilfe
und stützten seine Arme,
bis es Abend wurde und die Sonne
hinter den Bergen verschwand.
Da war von den Amalekitern
nichts mehr zu sehen.
Dankbar kehrte Mose mit den beiden
zum Lager der Israeliten zurück.
Dort baute er Gott einen Altar.
Nie mehr wollten die Israeliten vergessen,
was Gott an diesem Tag
für sie getan hatte.
2. Mose 17,8–15
39. Am Berg Sinai
Nach vielen Wochen
kamen die Israeliten
an den Berg Sinai.
Dort schlugen sie ihre Zelte auf
und warteten,
was Gott mit ihnen vorhatte.
„Gebt acht!“, hatte Mose gesagt.
„Wenn ihr zum Berg Sinai kommt,
wird Großes geschehen.
Gott wird zu uns kommen
und uns zu seinem Volk machen.“
Da holten die Israeliten
ihre schönsten Kleider hervor,
wuschen sie und bereiteten
alles für den Tag vor,
den Gott bestimmt hatte.
Am dritten Tag aber
donnerte und blitzte es.
Der ganze Berg bebte und rauchte.
Und über dem Berg
schwebte die Wolke Gottes.
Da erschrak das Volk Israel
und wagte sich nicht
an den Berg heran.
Mose aber stieg allein
auf den Berg.
Dort redete er mit Gott.
Und Gott sprach zu Mose:
„Ich bin der Herr, dein Gott.
Ich habe euch aus Ägypten,
aus der Sklaverei, geführt.
Nun gehört ihr zu mir.
Darum sollt ihr meine Gebote halten.
Und dies sind meine Gebote:
1 Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
2 Du sollst dir kein Bild von Gott machen.
3 Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.
4 Du sollst den Feiertag heiligen.
5 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
6 Du sollst nicht töten.
7 Du sollst nicht die Ehe brechen.
8 Du sollst nicht stehlen.
9 Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.
10 Du sollst nicht nach dem verlangen, was anderen gehört.“
Als Mose wieder vom Berg herabkam,
sagte er den Israeliten alles,
was Gott geboten hatte.
Und er fragte sie:
„Wollt ihr Gottes Volk sein?
Wollt ihr seine Gebote halten?“
„Ja!“, riefen die Israeliten
wie aus einem Munde.
„Alles, was Gott gesagt hat,
wollen wir tun.“
Da baute Mose einen Altar
aus zwölf Steinen
und brachte Gott Opfer.
Und Gott schloss
mit den Israeliten einen Bund.
Es war wie bei einer Hochzeit.
Alle freuten sich, dass Gott
sich mit ihnen verbunden hatte
und dass er sie so lieb hatte
wie kein anderes Volk
auf der ganzen Welt.
2. Mose 19–24
40. Das goldene Kalb
Danach stieg Mose noch einmal
auf den Berg Sinai.
Das Volk aber blieb
unten am Berg zurück
und wartete ungeduldig,
bis er zurückkam.
Doch Mose kam nicht zurück.
Tag um Tag verging,
Woche um Woche.
Aber von Mose war nichts zu sehen.
Da wurde das Volk unruhig.
„Wer weiß“, meinten die einen,
„vielleicht ist oben
ein Unglück geschehen?“
„Vielleicht ist Mose sogar tot“,
überlegten die anderen.
Und sie fragten
einander bekümmert:
„Wer wird uns nun
in das Land Kanaan führen?“
Aber wollte Gott nicht selbst
sein Volk dorthin führen?
„Ach was!“, riefen alle.
„Wir können Gott ja nicht sehen.
Wir spüren ihn nicht einmal.
Die anderen Völker haben es
da viel besser als wir.
Die haben Standbilder
von ihren Göttern.
Die können sie immer sehen.
Wir wollen auch
solch ein Standbild haben.
Das wollen wir auf dem Weg
vor uns hertragen.
Dann kann uns
kein Unglück geschehen.“
So gingen sie zu Aaron,
bedrängten ihn und baten:
„Auf, Aaron, mach uns
ein Standbild von Gott!
Das soll vor uns hergehen
und uns nach Kanaan führen.“
Da wagte Aaron nicht
zu widersprechen.
„Gut“, rief er, „ich mache mit.
Gebt eure goldenen Ohrringe her!“
Da rissen sie sich
die Ohrringe von den Ohren
und warfen sie Aaron vor die Füße.
Der aber nahm die Ringe,
schmolz sie im Feuer
und goss daraus ein goldenes Kalb.
Das stellte er vor dem Volk auf.
„Seht“, riefen alle begeistert,
„das ist der Gott,
der uns aus Ägypten geführt hat.“
Und sie feierten zusammen
ein lautes, wildes Fest.
Sie schlachteten Tiere,
aßen und tranken sich voll,
lachten und lärmten
und tanzten wie toll um das Kalb,
sodass der Lärm
zum Berg hinauf schallte.
Da kam Mose vom Berg herab.
In seinen Händen hielt er
zwei steinerne Tafeln.
Auf ihnen standen
Gottes Gebote geschrieben.
Als Mose das goldene Kalb
und die betrunkenen Leute sah,
ergriff ihn heiliger Zorn.
Er nahm die Tafeln,
zerschmetterte sie am Fels
und eilte den Berg hinab.
Er lief durch die johlende Menge
geradewegs auf das Kalb zu,
stieß es um und warf es ins Feuer.
Da wurde es auf einmal
ganz still in der Menge.
Alle standen wie erstarrt.
Plötzlich begriffen sie,
was sie getan hatten.
Am nächsten Morgen aber
stieg Mose noch einmal allein
auf den Berg und sprach mit Gott.
„Ach Herr!“, betete Mose.
„Dieses Volk hat
ein großes Unrecht getan.
Vergib ihm doch diese Sünde!
Denke daran, was du einst
Abraham, Isaak und Jakob
versprochen hast!
Es ist ja dein Volk.
Sei ihm gnädig
und verlasse es nicht!“
Da hörte Gott auf Mose.
Er vergab seinem Volk die Schuld.
Und er befahl Mose:
„Schreib noch einmal alle Gebote
auf steinerne Tafeln
und verwahre sie in einer Truhe!“
Da ließ Mose ein großes Zelt
aus kostbaren Decken errichten
und eine goldene Truhe bauen,
die „Lade Gottes“.
Dort legte er die zwei Tafeln hinein
und verwahrte die Lade im Zelt.
Danach rief Mose
alle Israeliten zusammen,
zeigte auf das Zelt und sprach:
„Das ist Gottes Zelt.
Hier will Gott unter uns wohnen.“
Da feierten alle ein großes Fest,
weil sich Gott mit ihnen versöhnt hatte.
Aaron war ihr Priester.
Er brachte Gott Opfer
auf einem Altar vor dem Zelt.
Danach ging er in das Zelt hinein,
um für das Volk zu beten.
Das Volk aber wartete draußen,
bis Aaron wieder herauskam.
Dann breitete Aaron seine Hände
über dem Volk aus
und sprach diesen Segen:
„Der Herr segne dich
und behüte dich;
der Herr lasse
sein Angesicht leuchten
über dir
und sei dir gnädig.
Der Herr hebe sein Angesicht
über dich
und gebe dir Frieden.“
Fast ein Jahr lang
blieb das Volk Israel am Berg Sinai.
Danach brach es auf und zog weiter
durch die endlose Wüste.
Aber das Zelt Gottes begleitete sie.
Und der Segen Gottes
blieb über ihnen.
2. Mose 32 ff. (3. Mose 16 / 4. Mose 6,24 ff.)
41. Fast am Ziel
Schon über ein Jahr
waren die Israeliten unterwegs.
Endlich kamen sie
ganz nah an das Land heran,
das Gott ihnen versprochen hatte.
Voll Freude hielten sie an,
schlugen ihre Zelte auf
und schauten sehnsüchtig
zu den Bergen hinüber.
Hinter diesen Bergen
lag das Land Kanaan.
Dorthin wollten sie ziehen.
Aber noch wohnten
andere Völker in diesem Land.
Ob sie sehr stark waren?
Ob das Land wirklich so schön war,
wie alle sagten?
Ob es dort auch genug zu essen gab?
Die Israeliten wollten es
gerne vorher wissen.
Da rief Mose zwölf Männer
zu sich und befahl ihnen:
„Geht über die Berge
und seht euch heimlich
in dem neuen Land um!
Schaut euch die Menschen
und ihre Städte an!
Seht und erkundet,
was dort in dem Land wächst!
Dann kommt zurück und sagt uns,
was ihr gesehen habt!“
Da machten sie sich auf den Weg,
zogen über die Berge
und blieben lange Zeit weg.
Nach vierzig Tagen
kehrten sie endlich zurück.
In ihren Händen hielten sie
grüne Feigen und rote Granatäpfel.
Und auf ihren Schultern
trugen sie eine Stange,
daran hing eine riesige Traube.
„Seht her!“, riefen die Männer.
„Dies alles wächst in dem Land
und noch viel mehr.
Es ist ein herrliches Land.
Aber täuscht euch nicht
und macht euch keine Hoffnung!
Wir können nie in das Land kommen.
Denn die Menschen dort
sind viel stärker als wir.
Und ihre Städte
haben hohe und dicke Mauern.“
Als die anderen das hörten,
schrien sie auf, weinten und klagten:
„Wären wir doch in Ägypten geblieben
oder unterwegs in der Wüste gestorben!“
Aber zwei von den Männern,
Josua und Kaleb, riefen:
„Nein! Habt keine Angst!
Das Land ist sehr gut.
Gott hat es uns versprochen.
Glaubt es! Er wird es uns geben!“
„Nein! Nein!“, schrien die anderen.
„Wir schaffen es nie.
Kommt, wir kehren um!
Wir ziehen zurück nach Ägypten.“
Als aber Mose sah,
was die Israeliten vorhatten,
warf er sich auf die Erde
und schrie zu Gott.
„Ach Herr“, betete er,
„vergib ihnen doch ihre Schuld!“
Da sprach Gott zu Mose:
„Wie lange noch will das Volk
mir nicht glauben?
Sie wollen nicht
in das Land hineingehen.
Dann sollen sie in der Wüste bleiben.
Vierzig Jahre lang
sollen sie umherirren
und nicht in das Land hineinkommen.“
Und so geschah es.
Bald darauf kamen Feinde,
die fielen über die Israeliten her
und trieben sie in die Wüste zurück.
4. Mose 13–14
42. Schlangen
Viele Jahre lang irrte das Volk
durch die Wüste, tagaus und tagein.
Aber die Israeliten
wurden das Wandern leid.
„Immer nur wandern!“,
riefen sie mürrisch.
„Wir haben keine Lust mehr.“
Und sie setzten Mose hart zu.
Tag für Tag redeten sie auf ihn ein,
schimpften und klagten ihn an:
„Mose! Du bist an allem schuld.
Was bildest du dir eigentlich ein?
Meinst du, wir machen alles mit,
was du sagst?
Glaubst du, wir wollen so lange
in der Wüste warten,
bis wir sterben?
Was gibt es hier schon?
Nichts! Nur Steine und Sand!
Nicht einmal Wasser und Brot!
Immer nur dieses eklige Manna!
Davon wird doch niemand satt!
Wir können es nicht mehr riechen.
Es ekelt uns schon,
wenn wir es sehen.“
So schimpften sie alle Tage.
Sie klagten nicht nur Mose an,
sondern auch Gott.
Und sie wurden immer missmutiger.
Da geschah etwas,
was niemand erwartet hatte.
Eines Morgens, als die Israeliten
vor ihre Zelte traten,
um das Manna zu sammeln,
was sahen sie da?
Schlangen! Überall giftige Schlangen!
Aus allen Löchern krochen sie hervor.
Sie zischten und wanden sich
um die Beine und bissen zu.
„Hilfe! Wir sind verloren!“,
schrien die Menschen.
Sie flüchteten sich in ihre Zelte.
Aber auch dort krochen die Schlangen
aus allen Ecken hervor.
Da packte alle furchtbare Angst.
Sie stürzten zu Mose und schrien:
„Mose! Wir sind selbst schuld!
Wir haben Gott und dir Unrecht getan.
Aber hilf uns jetzt bitte!
Bitte Gott, dass er uns
von den Schlangen befreit!“
Da betete Mose für das Volk.
Und Gott hörte auf ihn.
Er befahl Mose:
„Mach dir eine Schlange aus Erz
und befestige sie an einem Stab!
Wer auf diese Schlange schaut,
der wird leben.“
Da gehorchte Mose.
Er machte eine Schlange aus Erz
und richtete sie hoch auf,
sodass alle sie sahen.
Und alle, die zu ihr aufschauten,
blieben am Leben.
4. Mose 21,4–9
43. Mose sieht das Land
Vierzig Jahre lang
waren die Israeliten
durch die Wüste gewandert.
Nun lagerten sie wieder
vor dem Land Kanaan
und warteten darauf,
dass sie einziehen durften.
Da rief Mose noch einmal
alle Israeliten zusammen
und ermahnte sie:
„Vergesst nicht,
was Gott euch Gutes getan hat
vom ersten Tag an,
als ihr aus Ägypten gezogen seid,
bis zum heutigen Tag!
Vergesst auch nicht,
was Gott euch geboten hat,
sondern haltet seine Gebote!
Dann werdet ihr lange
in dem Land leben,
das Gott euch schenkt.“
Mose war inzwischen
schon 120 Jahre alt.
Er wusste,
dass er bald sterben würde.
Gerne hätte er vorher
noch das Land Kanaan gesehen.
Aber Gott hatte zu ihm gesagt:
„Du wirst nicht
in das Land hineinkommen.“
Da rief Mose Josua zu sich
und sprach:
„Ich bin nun alt
und werde bald sterben.
Und du sollst mein Nachfolger sein.
Du sollst das Volk anführen
und in das Land bringen,
das Gott uns versprochen hat.
Hab nur Mut
und sei nicht verzagt!
Gott wird mit dir sein.
Er wird dich nicht verlassen.“
Und Gott sprach zu Mose:
„Geh auf den Berg Nebo!
Von dort aus darfst du
das Land Kanaan schauen,
bevor du stirbst.“
Da nahm Mose Abschied.
Er segnete das Volk
und stieg allein auf den Berg,
wie Gott ihm gesagt hatte.
Als er oben war, ließ Gott ihn
das versprochene Land schauen.
Gott zeigte ihm
Berge und Täler,
Flüsse und Wälder,
das weite Land bis zum Meer.
Und Gott sprach:
„Dies ist das Land,
das ich einst Abraham,
Isaak und Jakob versprochen habe.
Jetzt siehst du es mit eigenen Augen.“
Danach nahm Gott Mose zu sich.
Aber das Volk Israel zog weiter,
dem versprochenen Land entgegen.
5. Mose 31–34
IV
Gott gibt das Land
Mose lebte nicht mehr.
Nun musste Josua
das Volk in das Land führen.
Doch Josua war
nur ein einfacher Mann.
Gott hatte noch nie zu ihm gesprochen.
Würde das Volk auf ihn hören?
Würde es ihm folgen?
Aber Gott sprach zu Josua:
„Hab nur Mut, Josua!
Sei nicht verzagt!
Wie ich mit Mose gewesen bin,
so will ich auch mit dir sein.
Du wirst das Volk Israel
in das Land Kanaan führen.
Ich will euch das Land geben,
das ich einst Abraham versprochen habe.“
44. Josua
Endlich war es so weit!
Das Volk Israel war am Ziel.
Nur noch der Fluss Jordan
trennte es von dem Land,
das Gott versprochen hatte.
Da schlugen die Israeliten
ihre Zelte nahe am Fluss auf
und schauten voller Erwartung
auf das große und weite Land,
das vor ihnen lag.
In der Ferne sahen sie
Mauern und Türme.
Dort lag Jericho,
eine große und mächtige Stadt.
Diese Stadt mussten sie einnehmen.
Dann stand ihnen
das ganze Land offen.
Aber wie sollten sie dorthin kommen?
Über den Jordan führte keine Brücke.
Und die Stadt Jericho
war ringsum von Mauern umgeben.
Kein Fremder durfte sie betreten.
Da rief Josua zwei Männer zu sich
und befahl ihnen:
„Schwimmt durch den Jordan
und schleicht euch heimlich
in die Stadt Jericho ein!
Seht euch dort alles genau an:
die Mauern, wie dick sie sind;
die Türme, wie hoch sie sind;
die Soldaten, wie stark sie sind.
Aber gebt acht!
Niemand darf merken,
dass ihr Israeliten seid.
Danach kommt schnell zurück
und gebt mir Bescheid,
damit wir die Stadt einnehmen!“
Da zogen die beiden Männer los
und kamen nach Jericho.
Heimlich schlichen sie sich
durch das Tor in die Stadt
und streiften durch alle Gassen.
Sie erkundeten alles genau,
die dicken Mauern,
die hohen Türme,
sogar die Soldaten und ihre Waffen.
Als aber die Nacht hereinbrach,
suchten sie ein Gasthaus auf,
das an der Mauer lag.
Es gehörte einer Frau namens Rahab.
Bei ihr wollten sie die Nacht verbringen.
Aber plötzlich klopfte es laut.
Wachsoldaten standen vor der Tür.
Sie schrien wütend:
„Aufmachen! Aufmachen!
Hier haben sich Spione versteckt.
Los, Rahab! Gib sie heraus!“
Aber Rahab machte nicht auf.
Rasch führte sie die Fremden
auf das flache Dach,
wo Flachs zum Trocknen auslag,
und versteckte die beiden
unter dem Flachs.
Dann lief sie zur Tür,
öffnete sie und fragte erstaunt:
„Wen sucht ihr hier? Spione?
Ach, ihr meint die zwei Fremden?
Ja, die waren bei mir.
Aber sie sind längst weg.
Jagt ihnen nach!
Vielleicht holt ihr sie noch ein.“
Da jagten die Soldaten davon,
um die Männer zu suchen.
Rahab aber holte die beiden
aus ihrem Versteck hervor
und sagte zu ihnen:
„Ich weiß genau, wer ihr seid.
Ihr gehört zum Volk Israel.
Wir haben alles gehört,
was euer Gott getan hat.
Euer Gott kann viel mehr
als unsere Götter.
Ich weiß auch,
ihr werdet Jericho einnehmen.
Aber versprecht mir,
dass ihr dann mich
und meine Familie verschont!“
Da versprachen es die beiden.
Rahab aber nahm ein langes rotes Seil,
band es am Fenster fest
und ließ die Männer im Dunkeln
an der Stadtmauer herab.
„Häng dieses Seil ans Fenster,
wenn wir wiederkommen
und die Stadt einnehmen!“,
sagten die beiden beim Abschied.
„Dann bleibt dein Haus verschont.“
Danach kehrten sie zurück
und berichteten Josua alles,
was sie gehört und gesehen hatten.
„Die Stadt ist sehr groß“, sagten sie,
„und hat viele starke Soldaten.
Aber Gott wird sie uns geben.“
Da rief Josua am nächsten Morgen
alle Israeliten zusammen und sprach:
„Macht euch bereit!
Nun ziehen wir in das Land ein,
das Gott uns versprochen hat.“
Und er befahl den Priestern:
„Holt die Lade Gottes aus dem Zelt
und tragt sie vor dem Volk her!
Geht mit ihr in den Jordan!
Dann werdet ihr sehen,
was Gott tun wird.“
Da gehorchten die Priester.
Sie nahmen die Lade auf ihre Schultern,
trugen sie vor dem Volk her
und gingen mit ihr in den Fluss.
Und sieh da!
Das Wasser blieb stehen.
Ein Weg tat sich vor ihnen auf,
mitten im Fluss.
Da folgten ihnen alle,
Männer, Frauen und Kinder,
und zogen voll Freude in das Land ein,
das Gott ihnen versprochen hatte.
Josua 1–4
45. Josua nimmt das Land ein
Auf den Stadtmauern von Jericho
standen Wachsoldaten
und spähten ins Land hinaus.
Plötzlich sahen sie die Israeliten kommen.
„Sie kommen!“, riefen die Soldaten.
„Schnell, schließt die Tore
und macht euch zum Kampf bereit!“
Die Israeliten rückten näher heran.
Wie in einem Festzug,
so feierlich kamen sie an.
An der Spitze marschierten die Männer.
Dann folgten die Priester
in festlichen Kleidern.
Sieben Priester mit sieben Posaunen
gingen vor der Lade Gottes her.
Die anderen Priester trugen
die Lade auf ihren Schultern.
Auch Frauen und Kinder waren dabei.
Sie alle zogen schweigend
einmal um die ganze Stadt.
Nur die Priester
bliesen immerzu in ihre Posaunen.
Dann verschwanden sie,
wie sie gekommen waren.
Am nächsten Tag
rückten sie erneut an,
zogen einmal um die Stadt
und verschwanden wieder.
Auch am nächsten
und übernächsten Tag
rückten die Israeliten an.
Tag für Tag zogen sie um die Stadt
und verschwanden dann wieder.
Den Soldaten auf der Mauer
und den Bewohnern der Stadt
wurde es ganz unheimlich zumute.
„Was für ein seltsames Volk!“,
sagten sie sich.
„Was haben sie vor?
Warum greifen sie nicht an?“
Sie ahnten ja nicht,
dass Gott zu Josua gesagt hatte:
„Zieht mit der Lade Gottes
um die Stadt!
Sieben Tage lang sollt ihr
um die Mauern von Jericho ziehen.
Aber am siebten Tag sollt ihr
siebenmal um die Stadt ziehen
Dann wird Gott euch
die Stadt übergeben.“
Endlich brach der siebte Tag an.
Noch war es dunkel ringsum.
Aber schon rückten
die Israeliten wieder an.
Sie zogen um die Mauern der Stadt,
doch nicht nur einmal,
nein, zweimal, dreimal
und immer wieder, siebenmal.
Da, beim siebten Mal, geschah es.
Die Priester bliesen in ihre Posaunen.
Auf einmal brachen alle Israeliten
in lautes Geschrei aus.
Sie schrien und jubelten,
als hätten sie schon gesiegt.
Und sieh da!
Plötzlich bebte die Erde.
Die Türme schwankten.
Die Mauern zitterten.
Und ehe die Soldaten von Jericho
es recht begriffen,
stürzten die Mauern ein
und begruben alle
unter ihren Trümmern.
Da stiegen die Israeliten
über die Trümmer,
stürmten die Stadt
und nahmen sie ein.
Nur ein Haus blieb verschont.
Dort hing ein rotes Seil
aus dem Fenster.
Es war das Haus,
das Rahab gehörte.
*
Bald darauf nahmen die Israeliten
das ganze Land ein.
Sie zogen über die Berge,
drangen vor in die Täler
und nahmen die Städte ein,
eine nach der anderen.
Danach bauten sie Häuser,
pflanzten Ölbäume und legten
Weinberge, Gärten und Felder an.
Sie säten und ernteten
und füllten ihre Scheunen mit Korn.
Nun wohnten sie endlich
in ihrem eigenen Land.
Gott hatte es ihnen gegeben:
das Land Kanaan,
das später „Israel“ hieß.
*
Nach vielen Jahren rief Josua
noch einmal alle Israeliten
in der Stadt Sichem zusammen
und sprach zu ihnen:
„Nun ist alles in Erfüllung gegangen,
was Gott einst unseren Vorfahren
versprochen hat.
Gott hat uns dieses Land gegeben.
So frage ich euch:
Wollt ihr sein Volk bleiben?
Und wollt ihr ihm allein gehören?“
„Ja!“, riefen alle wie aus einem Munde.
„Wir wollen nur ihm gehören
und keine anderen Götter
neben ihm haben.“
An diesem Tag schlossen die Israeliten
mit Gott einen Bund,
wie ihn einst ihre Vorfahren
am Berg Sinai geschlossen hatten.
Nie mehr wollten sie vergessen,
was Gott für sie getan hatte.
Josua 6 und 24
46. Gideon
Es war Erntezeit.
Das Korn stand reif auf den Feldern.
Im ganzen Land Israel
schnitten die Bauern das Korn
und banden es in Garben zusammen.
Aber die Bauern sahen bedrückt aus.
Immer wieder schauten sie
von ihrer Arbeit auf
und blickten ängstlich in die Ferne.
„Was meint ihr?“,
fragten sie einander besorgt.
„Ob die Feinde wieder kommen
und uns alles wegnehmen werden?“
Ihre Feinde waren die Midianiter,
ein wildes Wüstenvolk.
Jedes Jahr um die Erntezeit
jagten sie auf ihren Kamelen daher
und verwüsteten das Land.
Sie verbrannten das Korn
und nahmen alles mit,
was sie fanden,
auch das Vieh,
Schafe, Kühe und Esel.
Schon seit sieben Jahren
fielen sie in das Land ein.
Seitdem gab es im ganzen Land
kaum noch etwas zu essen.
Unter den Bauern,
die auf den Feldern arbeiteten,
war ein junger Mann namens Gideon.
Er hatte sein Korn schon geschnitten.
Nun war er dabei, es zu dreschen.
Mit einem großen Dreschflegel
schlug er auf die Ähren ein,
bis die Körner heraussprangen.
Gideon hatte es eilig.
Er wollte das Korn verstecken,
bevor die Feinde kamen.
„Ach“, sagte sich Gideon,
„so weit ist es mit uns gekommen!
Nun müssen wir sogar
unser Korn vor den Feinden verstecken.
Aber wir sind selbst schuld,
dass es uns so schlecht geht.
Wir haben Gott vergessen
und uns andere Götter gesucht.
Wir haben ihnen Altäre gebaut
und Götterbilder geschnitzt.
Doch jetzt denken wir auf einmal
wieder an Gott und beten:
,Herr, hilf uns!‘
Aber ob Gott noch auf uns hört?
Vielleicht will er gar nichts mehr
von uns wissen?“
Plötzlich entdeckte Gideon
einen fremden Mann in der Nähe.
Er saß unter einer Eiche
und grüßte ihn freundlich.
„Gott sei mit dir, du tapferer Mann!“,
rief er Gideon zu.
„Wie?“, fragte Gideon.
„Was sagst du?
Gott soll mit uns sein?
Wo ist denn Gott?
Ich sehe ihn nicht.
Früher hat Gott uns geholfen.
Aber wer hilft uns jetzt?“
„Du“, sagte der Fremde.
„Du sollst deinem Volk helfen.
Gott schickt dich.
Du sollst die Feinde vertreiben.“
„Ich?“, rief Gideon ungläubig.
„Wie denn? Ohne Waffen?
Und außerdem:
Auf mich hört doch keiner!“
Aber der Fremde sagte:
„Gott wird mit dir sein.
Er wird dir helfen.“
Da merkte Gideon,
wer zu ihm gesprochen hatte.
Ein Engel war es, ein Bote Gottes.
In der folgenden Nacht
fand Gideon keinen Schlaf.
Es war ihm,
als ob Gott selbst ihn riefe:
„Gideon, steh auf!
Hau den Götteraltar entzwei
und das Götterbild,
das vor eurem Haus steht,
und bau mir einen Altar!“
Da stand Gideon in der Nacht auf,
weckte seine Knechte
und machte sich mit ihnen
heimlich an die Arbeit.
Er riss den Götteraltar ein,
schlug das Götterbild entzwei
und baute für Gott einen Altar
und brachte ihm ein Opfer dar.
Dann schlich er sich schnell
wieder ins Haus.
Am nächsten Morgen kamen
die Leute aus dem Dorf
und sahen die Trümmer.
„Wer hat das getan?“,
schrien sie empört.
„Sicher war es Gideon.
Ja, Gideon hat es getan!“
Und sie drangen auf seinen Vater ein:
„Gib Gideon heraus!
Er hat das Götterbild
und den Götteraltar zerstört.
Er muss sterben.“
„Nein“, rief der Vater,
„ihr sollt sterben,
wenn ihr die Götterbilder
und ihre Altäre verteidigt.
Sollen sich doch die Götter
selbst wehren, wenn sie es können!“
Da schwiegen alle beschämt
und schlichen sich leise nach Hause.
Gideon aber fasste Mut.
Nun war er bereit,
dem Volk Israel zu helfen,
wie Gott ihm aufgetragen hatte.
Richter 6,1–32
47. Gideon und die Midianiter
Wenig später fielen die Midianiter
wieder in das Land ein.
In großen Scharen kamen sie an.
Wie ein Wirbelwind
fegten sie auf ihren Kamelen daher
und schlugen im Tal ihre Zelte auf,
ein riesiges Kriegslager.
Als die Israeliten das sahen,
überfiel sie große Angst.
Sie flohen in die Berge
und versteckten sich in Höhlen.
Aber Gideon ließ laut
in die Posaune blasen,
sodass es über die Berge schallte.
Er schickte Boten ins ganze Land
und ließ allen Israeliten sagen:
„Wer kommt mit?
Wer zieht mit mir
gegen die Midianiter?“
Da krochen sie alle wieder
aus ihren Höhlen hervor,
einer nach dem anderen,
und scharten sich um Gideon.
Bald waren es viele Tausend Krieger.
Aber es waren noch nicht genug.
„Ob Gott uns helfen wird?“,
fragte sich Gideon.
„Ich muss es wissen.
Sonst bin ich verloren.“
Er nahm ein Schaffell,
legte es auf die Wiese und betete:
„Herr, gib mir ein Zeichen,
damit ich erkennen kann,
ob du uns hilfst!
Wenn morgen früh
das Fell nass ist vom Tau,
aber die Wiese trocken,
dann will ich glauben,
dass du uns hilfst.“
Am nächsten Morgen
war das Fell nass,
aber die Wiese war trocken.
Doch Gideon war noch unsicher.
Er betete noch einmal zu Gott.
„Ach Herr! Wenn es nur Zufall war?
Bitte, gib mir noch ein Zeichen!
Wenn morgen früh das Gras nass ist,
aber das Fell trocken,
dann will ich gewiss glauben,
dass du uns hilfst.“
Und wirklich: Am nächsten Morgen
war das Fell ganz trocken,
aber das Gras ringsum war nass.
Da schöpfte Gideon Mut.
Er scharte seine Männer um sich
und zog mit ihnen
den Feinden entgegen.
Aber Gott sprach zu Gideon:
„Du hast zu viele Männer bei dir.
Sag ihnen: Wer Angst hat,
kann nach Hause gehen.“
Da liefen die Männer
in großen Scharen davon.
Doch Gott sprach zu Gideon:
„Es sind noch immer zu viele.
Führe die Männer zu einer Quelle
und lass sie dort trinken!
Du aber gib acht, wie sie trinken!
Wer das Wasser leckt wie ein Hund,
der soll mit dir ziehen.
Aber die anderen
schick alle nach Hause!“
Da führte Gideon die Männer
zu einer Quelle und ließ sie trinken.
Aber nur ganz wenige
leckten das Wasser wie Hunde.
Nur 300 Männer
blieben am Ende zurück.
Gideon klopfte das Herz,
als er die kleine Schar sah.
Was waren schon 300 Männer
gegen so viele Feinde?
Doch Gott sprach zu Gideon:
„Durch diese 300 Männer
will ich Israel retten.
Hab keine Angst!
Geh zum Lager der Midianiter
und horch, was sie dort reden!
Dann wirst du wieder Mut fassen.“
Da schlich sich Gideon
mit seinem Diener bei Nacht
zum Lager der Feinde und lauschte.
Und er hörte, wie sie sagten:
„Gideon ist viel stärker als wir.
Gideon wird über uns siegen.
Denn Gott ist auf seiner Seite.“
Als Gideon das hörte,
kniete er nieder und dankte Gott.
Danach kehrte er schnell zurück,
und sammelte seine 300 Männer
um sich.
„Auf“, rief er,
„macht euch bereit!
Nehmt Posaunen und Tonkrüge
mit Fackeln in die Hand!
Und zieht mit mir
zum Lager der Feinde.
Da werdet ihr sehen,
was Gott für euch tut.“
Da packten die 300 Männer
ihre Posaunen,
nahmen die Krüge und Fackeln
und zogen dem Feind entgegen.
Von drei Seiten schlichen sie sich
an das Lager heran.
Plötzlich blieben sie stehen,
bliesen laut in ihre Posaunen
und zerschmetterten ihre Krüge.
Und sie schrien laut:
„Für Gott und für Gideon!“
„Für Gott und für Gideon!“
So schallte es
von den Bergen zurück.
Es war ein Lärm,
als ob Tausende anrückten.
Da wurde es auf einmal
lebendig im Lager der Midianiter.
„Hilfe! Hilfe!“, schrien sie.
„Wir sind verloren.
Die Israeliten sind da.
Rette sich, wer kann!“
Sie packten ihre Schwerter,
schlugen wild um sich,
hieben aufeinander ein
und sahen im Dunkeln gar nicht,
dass sie nur ihre eigenen Leute trafen.
Sie schrien vor Angst,
ließen alles liegen und stehen
und flohen davon.
*
Als aber Gideon
mit seinen Männern heimkehrte,
kamen die Israeliten zu ihm
und baten ihn:
„Gideon, sei unser König!
Denn du hast uns gerettet.“
Aber Gideon wehrte erschrocken ab.
„Ich will kein König sein.
Begreift doch:
Ich habe euch nicht gerettet.
Gott hat es getan.
Er ist euer König.“
Von diesem Tag an
fielen keine Midianiter mehr
in das Land ein.
Das Volk Israel
hatte endlich Frieden.
Richter 6,33–8,23
48. Rut
Bald brach ein neues Unglück
über das Land herein.
Der Regen blieb aus.
Das Gras wurde welk.
Und auf den Feldern
wuchs kein Korn mehr.
Zu der Zeit lebte in Bethlehem
eine Frau, die hieß Noomi.
Ihr Mann war ein Bauer.
Er hatte sein Feld vor der Stadt.
Aber in diesem Jahr
hatte sein Feld kein Korn getragen.
Und Noomi hatte kein Mehl
und kein Brot mehr im Haus.
Da sagten sich die beiden:
„Was sollen wir machen?
Wir können nicht
in Bethlehem bleiben.
Sonst müssen wir
am Ende verhungern.
Wir wollen ins Ausland gehen,
solange hier Hungersnot ist.“
So packten sie ihre Habe
und zogen ins Nachbarland Moab.
Ihre zwei Söhne begleiteten sie.
Jahre vergingen.
Da starb Noomis Mann.
Die Söhne aber wuchsen heran.
Sie heirateten Frauen
aus dem Land Moab,
Rut und Orpa mit Namen.
Doch nach zehn Jahren
starben auch beide Söhne.
Noomi blieb allein
mit ihren Schwiegertöchtern zurück.
Aber diese gehörten nicht
zum Volk Israel wie Noomi.
Sie gehörten zum Volk der Moabiter.
Da sagte Noomi eines Tages
zu Rut und Orpa:
„Warum soll ich noch länger
im fremden Land bleiben?
Die Hungersnot ist vorüber.
Ich will wieder nach Bethlehem
in meine Heimat zurückkehren.“
„Dann begleiten wir dich“,
sagten Rut und Orpa.
Und sie machten sich mit Noomi
auf den Weg.
Als sie schon ein gutes Stück
miteinander gegangen waren,
blieb Noomi plötzlich stehen
und wandte sich zu den beiden:
„Kehrt nun um!
Geht zurück in euer Land
und werdet glücklich dort!
Gott sei mit euch!“
„Aber nein! Wir gehen mit dir“,
sagten die beiden.
Doch Noomi schüttelte den Kopf.
„Warum wollt ihr denn mit mir
in ein fremdes Land ziehen?
Seht, ich bin alt.
Ich kann euch
keinen Mann mehr geben.
Geht in euer Land zurück!
Heiratet dort wieder
und fangt ein neues Leben an!“
Da nahm Orpa Abschied,
weinte und küsste Noomi
und kehrte um.
Rut aber blieb stehen.
„Nein“, sagte sie fest,
„ich lasse dich nicht allein.
Ich gehe mit dir.
Wo du hingehst,
da will ich auch hingehen.
Dein Volk ist auch mein Volk.
Und dein Gott ist auch mein Gott.“
Und sie ging mit Noomi.
Nach vielen Tagen kamen
die beiden in Bethlehem an.
Im Nu sprach es sich
in der ganzen Stadt herum:
„Habt ihr gehört?
Noomi ist wieder da!“
Von allen Seiten
eilten die Leute herbei,
um Noomi zu begrüßen,
Freunde, Nachbarn und Verwandte.
Aber wie erschraken sie,
als sie Noomi sahen!
„Ist das wirklich Noomi?“,
riefen sie entsetzt.
„Seht doch, wie alt sie geworden ist!
Und wo hat sie ihren Mann
und ihre beiden Söhne gelassen?“
„Ja, ich bin es wirklich“,
sagte Noomi bitter.
„Aber ich bin nicht mehr
dieselbe wie früher.
Alles ist anders geworden.
Reich zog ich damals
aus Bethlehem aus.
Ich hatte meinen Mann
und meine beiden Söhne.
Doch nun kehre ich arm
und ohne Mann und Söhne zurück.
Gott hat mir bitteres Leid zugefügt.“
Rut aber stand bei ihr und schwieg.
Niemand ahnte, wer sie war
und warum sie mit Noomi
nach Bethlehem gekommen war.
Rut 1
49. Rut und Boas
Es war gerade Erntezeit,
als Rut und Noomi
nach Bethlehem kamen.
Überall auf den Feldern
waren die Schnitter am Werk.
Sie schnitten das Korn mit der Sichel
und banden die Ähren
in Garben zusammen.
Aber einige Ähren blieben
am Boden liegen.
Die durften die Armen aufsammeln,
die selbst kein Feld besaßen.
Da sagte Rut zu Noomi:
„Was sollen wir essen?
Wir haben kein Brot im Haus
und auch kein Mehl und kein Korn.
Darum will ich morgen früh
auf die Felder gehen
und Ähren auflesen.“
„Ja, geh nur!“, meinte Noomi.
„Mir ist es recht.“
Am nächsten Morgen
stand Rut früh auf.
Sie ging auf ein Feld,
das nahe bei Bethlehem lag,
und machte sich an die Arbeit.
Sie bückte sich
und las auf, was sie fand:
goldgelbe Ähren, kleine und große,
und sammelte sie in ihr Tuch.
Sie ruhte nicht und schaute nicht auf,
bis das Tuch voll war.
Darüber wurde es Mittag.
Da kam Boas aufs Feld,
der Bauer, dem das Feld gehörte.
Als er Rut sah,
ging er zu seinen Knechten
und fragte sie leise:
„Sagt, wer ist diese Frau,
die dort Ähren aufliest?“
Sie antworteten:
„Es ist die Frau aus Moab,
die mit Noomi hierher kam.
Sie ist schon
vom frühen Morgen an hier
und arbeitet ohne Pause.“
Da ging Boas zu Rut hin,
grüßte sie freundlich und sagte:
„Wenn du willst, kannst du immer
auf meinen Feldern Ähren auflesen.
Meine Knechte und ich sorgen dafür,
dass dir kein Leid geschieht.
Und wenn du Durst hast,
dann geh zu den Knechten
und trink aus ihrem Krug!“
Da verneigte sich Rut so tief,
dass ihr Gesicht
fast die Erde berührte.
„Mein Herr“, fragte sie leise,
„warum bist du so gütig zu mir?
Womit habe ich das verdient?
Ich bin doch für dich
nur eine Fremde.“
„Man hat mir erzählt,
was du für Noomi getan hast“,
antwortete Boas freundlich.
„Gott segne dich dafür!
Komm, steh auf!
Es ist Mittagszeit.
Iss mit uns
und lass es dir schmecken!“
Da setzte sich Rut
zu den Knechten und Mägden.
Und Boas legte ihr Brot
und geröstete Körner vor,
so viel sie wollte.
Danach aber stand Rut
sogleich wieder auf
und sammelte weiter.
Boas sah ihr verwundert zu.
„Sorgt nur immer dafür,
dass sie auch genug Ähren findet!“,
sagte er leise zu seinen Knechten.
„Lasst ab und zu
ein paar Ähren absichtlich fallen,
damit sie mehr findet!
Und seid auch stets freundlich zu ihr!“
Als es Abend wurde,
hatte Rut einen ganzen Sack
voller Ähren gesammelt.
Sie klopfte das Korn aus den Ähren
und brachte es zu Noomi.
„So viel Korn?“, staunte Noomi.
„Wo hast du das alles gefunden?“
„Auf dem Feld von Boas“,
antwortete Rut und erzählte Noomi,
was Boas zu ihr gesagt hatte.
„Gott sei Dank!“, rief Noomi froh.
„Nun sehe ich,
dass Gott uns nicht vergessen hat.
Bleib nur immer in Boas’ Nähe!
Er meint es gut mit uns.
Er ist sogar mit uns verwandt.“
Von da an ging Rut
jeden Tag zu Boas aufs Feld.
Als aber die Erntezeit vorüber war,
holte Boas Rut zu sich ins Haus
und nahm sie zur Frau.
Nicht lange danach gebar Rut einen Sohn.
Da kamen alle Nachbarn
und Freunde zu Noomi
und riefen voll Freude:
„Gott sei gelobt!
Er hat dich wieder getröstet.
Rut hat dir einen Enkelsohn geschenkt.
Der wird dich froh machen.“
Und alle in der Stadt
freuten sich mit Noomi und Rut
und dankten Gott für dieses Kind.
Aber noch ahnte niemand in Bethlehem,
wer einmal der Enkelsohn
dieses Kindes sein würde:
König David, der König,
den Gott für sein Volk bestimmt hatte.
Rut 2–4
50. Samuel
Zur selben Zeit lebte in Israel
ein Mann namens Elkana,
der hatte zwei Frauen.
Die eine hieß Hanna,
die andere Pennina.
Pennina hatte viele Kinder.
Aber Hanna hatte kein Kind.
Seit Jahren betete sie:
„Herr, schenk mir bitte ein Kind!“
Aber es schien,
als hörte Gott ihr Gebet nicht.
Jedes Jahr wanderte Elkana
mit seiner Familie in die Stadt Silo
zum Haus Gottes,
wo die Lade Gottes stand.
Dort opferte er einen Stier
und hielt mit seiner Familie
ein festliches Mahl.
Dabei teilte er Fleisch aus.
Pennina bekam viele Stücke
für sich und alle ihre Kinder.
Aber Hanna bekam nur
ein einziges Stück.
„Ha!“, stichelte Pennina.
„Da siehst du, Hanna!
Du bist eben nichts wert.
Du hast ja keine Kinder.
Sieh mich an!
Mich hat Gott lieber als dich.
Darum hat er mir auch
viele Kinder geschenkt.“
So ging es Jahr für Jahr.
Jedes Mal stichelte
und reizte Pennina so lange,
bis Hanna weinte.
Einmal saß Hanna wieder
mit den anderen beim Opfermahl.
Alle aßen und waren fröhlich,
lachten und ließen sich’s schmecken.
Aber Hanna saß stumm dabei,
aß nichts und trank nichts
und weinte leise vor sich hin.
„Aber Hanna“, fragte Elkana,
„warum isst du nichts?
Warum bist du so traurig?
Bin ich dir nicht mehr wert
als zehn Söhne?“
Aber Pennina machte sich nur
über Hanna lustig.
Da hielt es Hanna nicht mehr aus.
Sie sprang auf,
ging zum Heiligtum,
warf sich dort auf die Erde
und weinte und schluchzte:
„Bitte, Herr“, betete sie leise,
„schenk mir einen Sohn!
Ich will ihn nicht für mich behalten.
Er soll dir gehören
und dir dienen sein Leben lang.
Das verspreche ich dir.“
Während sie so betete,
saß der alte Priester Eli
an der Tür und beobachtete sie.
Wie sonderbar!, dachte er.
Die Frau liegt am Boden
und bewegt ihre Lippen.
Sicher ist sie betrunken.
„Was fällt dir ein?“,
herrschte er Hanna an.
„Du bist ja betrunken
Spuck den Wein aus,
den du getrunken hast!“
„Aber nein“, sagte Hanna traurig,
„ich bin nicht betrunken.
Ich habe nur einen Kummer.
Den habe ich Gott gesagt.“
Als Eli das hörte,
sagte er freundlich zu ihr:
„Steh auf!
Geh in Frieden nach Hause!
Gott hat dein Gebet gehört.“
Hanna horchte auf.
Wollte Gott ihr wirklich
noch ein Kind schenken?
Erleichtert stand sie auf,
wischte ihre Tränen ab,
lief wieder zu den anderen zurück,
lachte mit ihnen
und ließ es sich schmecken.
*
Nach einem Jahr wurde
endlich das Kind geboren,
auf das Hanna
so lange gewartet hatte.
„Da ist er endlich“, rief Hanna,
„der Sohn, den ich
von Gott erbeten habe!“
Samuel nannte sie ihn,
das heißt: „von Gott erbeten“.
Und Hanna dankte Gott
mit diesem Lied:
„Mein Herz ist voll Freude
über den Herrn.
Denn der Herr macht arm
und macht reich.
Er erniedrigt und erhöht.
Die Schwachen hebt er
aus dem Staub
und erhöht die Armen.“
1. Samuel 1–2,1 ff.
51. Samuel bei Eli
Drei Jahre lang blieb Samuel
bei Hanna, seiner Mutter.
Hanna hatte Samuel sehr lieb
und sorgte für ihn von früh bis spät.
Aber eines Tages nahm sie
Samuel bei der Hand
und wanderte mit ihm nach Silo
zum Haus Gottes.
Dort saß der alte Priester Eli
an der Tür und sah ihnen entgegen.
„Da bin ich wieder“, sagte Hanna.
„Gott hat mein Gebet erhört.
Er hat mir diesen Sohn geschenkt.
Aber ich will ihn nicht
für mich behalten.
Er soll ein Priester werden,
ein Diener Gottes wie du.“
Von diesem Tag an durfte
der kleine Samuel bei Eli wohnen.
Eli war wie ein Vater zu ihm.
Er erzählte ihm von Gott
und zeigte ihm alles,
was ein Diener Gottes zu tun hatte.
Und Samuel hörte auf ihn.
Eli hatte auch zwei erwachsene Söhne.
Sie waren auch Priester.
Aber sie hörten nicht auf Eli.
Auch fragten sie nicht nach Gott,
sondern taten nur,
was ihnen Spaß machte.
Sie ärgerten die Leute,
die zum Gottesdienst kamen,
nahmen ihnen das Opferfleisch weg
und aßen es selbst auf.
Und wenn ihr Vater ihnen vorhielt:
„Was macht ihr da?
Das dürft ihr nicht tun!“,
dann lachten sie ihn nur aus
und scherten sich nicht darum.
Samuel aber wuchs heran
und wurde ein Diener Gottes.
Von früh bis spät war er im Heiligtum.
Nachts schlief er sogar
neben der Lade Gottes.
Eines Nachts hörte Samuel
plötzlich eine Stimme:
„Samuel! Samuel!“
Samuel fuhr hoch.
Wer hatte ihn gerufen?
Es war niemand zu sehen.
Schnell stand er auf,
ging zu Eli und sagte:
„Hier bin ich.
Du hast mich gerufen.“
Doch Eli schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte er.
„Ich habe dich nicht gerufen.
Leg dich nur wieder hin und schlaf!“
Da dachte Samuel:
Sicher habe ich nur geträumt.
Er legte sich wieder hin
und schlief ein.
Aber auf einmal hörte er wieder:
„Samuel! Samuel!“
Schnell stand er auf,
lief zu Eli und sagte:
„Hier bin ich wieder.
Du hast mich gerufen.“
Doch Eli antwortete:
„Nein, ich habe dich nicht gerufen.
Leg dich nur wieder hin und schlaf!“
Aber kaum lag Samuel
auf seinem Lager,
da hörte er schon wieder:
„Samuel! Samuel!“
Und wieder lief er zu Eli
und sagte: „Hier bin ich.
Du hast mich gerufen.“
Da begriff Eli auf einmal,
woher die Stimme kam.
Und er sagte zu Samuel:
„Leg dich nur wieder hin!
Aber wenn du noch einmal
die Stimme hörst,
dann antworte darauf:
,Rede, Herr!
Dein Knecht hört.‘“
Nun ahnte auch Samuel,
wer ihn gerufen hatte.
Still ging er zurück,
legte sich hin,
wartete und lauschte.
Da − auf einmal rief es wieder:
„Samuel! Samuel!“
Samuel richtete sich auf.
„Rede, Herr!“,
antwortete er laut.
„Dein Knecht hört.“
Da hörte Samuel,
wie Gott zu ihm sprach:
„Hör zu, Samuel!
Bald wird ein großes Unglück
über dieses Haus kommen.
Eli und seine Söhne
werden alle umkommen.
Und es wird keinen Priester mehr
im Haus Gottes geben.“
Samuel erschrak.
War das wirklich Gott,
der zu ihm gesprochen hatte?
Er konnte nicht mehr einschlafen.
Am nächsten Morgen
stand Samuel früh auf,
öffnete leise die Tür
und wollte sich an Eli vorbeischleichen.
Doch Eli hatte ihn schon gehört.
„Komm her, Samuel!“, rief er.
„Was hat Gott zu dir gesagt?
Erzähl mir alles!
Verschweige mir nichts!“
Da erzählte Samuel alles,
was Gott in der Nacht
zu ihm gesagt hatte.
Eli aber hörte
ihm aufmerksam zu.
„Wie Gott will“,
sagte er ernst.
„Sein Wille geschehe!“
Und wie Gott gesagt hatte,
so geschah es auch:
Bald danach fielen Feinde
in das Land ein.
Sie kämpften gegen das Volk Israel
und töteten beide Söhne Elis
und nahmen die Lade Gottes
als Beutestück mit.
Als aber Eli hörte,
was mit der Lade
geschehen war,
fiel er vor Schreck
von seinem Stuhl,
brach sich das Genick
und starb.
Seit dieser Zeit gab es
im Heiligtum von Silo
keinen Priester mehr,
der Gott diente.
Aber Samuel diente Gott,
solange er lebte.
Und Gott war mit ihm.
Und alle Israeliten
hörten auf ihn.
1. Samuel 1,21–3,21
V
Gott setzt Könige ein
Schon viele Jahre
wohnten die Israeliten
im eigenen Land.
Aber immer wieder fielen Feinde ein
und bedrohten das Land.
Da sagten sich die Israeliten:
„Wenn wir doch einen König hätten,
der über uns regiert!
Dann hätten wir endlich
wieder Frieden im Land.“
Und sie baten Samuel:
„Gib uns einen König!
Der soll über uns herrschen
und unsere Feinde vertreiben.“
Aber Samuel antwortete:
„Wozu braucht ihr einen König?
Habt ihr vergessen?
Gott ist euer König.
Er hat euch bisher geführt
und alle eure Feinde vertrieben.“
Doch die Israeliten drängten Samuel:
„Wir wollen einen anderen König haben,
einen richtigen König
wie alle anderen Völker.“
Da sprach Gott zu Samuel:
„Tu, was sie sagen!
Sie sollen ihren König haben.
Aber ich will ihn für sie auswählen.“
52. Saul
Zu der Zeit lebte in Israel
ein junger Mann namens Saul.
Er war kräftig und groß
und half seinem Vater
bei der Arbeit auf dem Feld.
Eines Tages rief ihn sein Vater:
„Saul, unsere Esel sind entlaufen.
Such sie und bring sie zurück!“
Da machte sich Saul
mit seinem Knecht auf die Suche.
Er zog über die Berge
und durch die Täler.
Er suchte alle Wege ab.
Aber die Esel fand er nicht.
Da sagte der Knecht zu Saul:
„Nicht weit von hier liegt eine Stadt.
Dort ist gerade Samuel zu Besuch.
Warum fragen wir ihn nicht?
Vielleicht weiß er, wo die Esel sind.“
So zogen die beiden zu der Stadt,
um Samuel zu befragen.
Als sie durch das Stadttor gingen,
kam ihnen Samuel schon entgegen.
Aber Saul erkannte ihn nicht.
„Weißt du, wo Samuel wohnt?“,
fragte er ihn.
„Ich bin es selbst“, antwortete Samuel.
„Kommt mit mir! Seid meine Gäste!
Ich lade euch ein.
Wir feiern heute ein Fest.
Morgen früh könnt ihr weiterziehen.
Und sorgt euch nicht um die Esel!
Sie sind längst gefunden.“
Danach führte Samuel die beiden
in eine große Halle,
wo der Tisch festlich gedeckt war.
Samuel bot Saul
den Ehrenplatz neben sich an
und legte ihm das beste Stück Fleisch vor.
„Was hat dies zu bedeuten?“,
fragte sich Saul verwundert.
„Warum ist Samuel so freundlich zu mir?
Warum ehrt er mich vor allen anderen?
Er kennt mich doch gar nicht.“
Aber Gott hatte zu Samuel gesagt:
„Der ist es!
Der soll König werden
über das Volk Israel.“
Am nächsten Morgen
stand Saul früh auf,
rief seinen Knecht
und machte sich mit ihm
auf den Weg nach Hause.
Samuel begleitete ihn
bis vor das Stadttor.
Doch plötzlich blieb Samuel stehen.
„Schick deinen Knecht voraus!“,
befahl er Saul.
„Du aber bleib hier und höre,
was Gott dir sagen lässt!“
Dann holte er einen kleinen Krug
unter seinem Mantel hervor,
goss Öl auf Sauls Haare
und sprach feierlich:
„Gott salbt dich zum König.
Du sollst König sein über Israel.“
Saul wusste nicht,
wie ihm geschah.
Er lief über die Berge zurück,
jubelte und lobte Gott.
Und alle, die ihn sahen,
wunderten sich und fragten:
„Was ist nur in Saul gefahren?“
Aber Saul verriet niemand,
was geschehen war
und was Samuel zu ihm gesagt hatte.
Wenig später fielen Feinde
in das Land ein.
Als Saul davon hörte,
dachte er daran, dass Gott ihn
zum König gesalbt hatte.
Er schickte Boten ins Land
und ließ allen Israeliten sagen:
„Kommt alle und folgt mir!“
Da kamen sie von Norden und Süden,
von Osten und Westen,
und zogen mit Saul in den Krieg
und jagten die Feinde aus dem Land.
Nun war die Freude
bei allen Israeliten groß.
„Saul hat uns geholfen“,
riefen sie begeistert.
„Saul soll unser König sein!“
Und sie feierten ein großes Fest.
Sie jubelten ihrem König zu
und dankten Gott, der ihnen
diesen König geschenkt hatte.
*
Aber später vergaß Saul
den Herrn, seinen Gott,
der ihn zum König gemacht hatte.
Er tat nur noch,
was ihm selber gefiel,
und fragte nicht mehr nach Gott.
Da kam Samuel zu Saul und sprach:
„Warum hast du Gott verlassen?
Nun wird Gott auch dich verlassen
und sich einen anderen König wählen,
einen König, der auf ihn hört.“
Und Samuel ging weg von Saul.
Saul aber sah ihn nie mehr wieder.
1. Samuel 9–15
53. David
Damals lebte in Bethlehem
ein Mann namens Isai.
Er war ein Enkelsohn
von Boas und Rut
und hatte acht Söhne.
Der jüngste hieß David.
David hütete die Schafe seines Vaters.
Jeden Tag führte er sie auf die Weide,
sorgte für sie und bewachte sie.
Wenn sie Durst hatten,
führte er sie zum Brunnen.
Und wenn sich ein wildes Tier
auf die Schafe stürzte,
sprang er hinzu
und vertrieb es mit seinem Stab.
David war meist allein
bei seinen Schafen.
Oft nahm er seine Harfe
und spielte auf ihr.
Dazu sang er seine Lieder,
auch das Lied „vom guten Hirten“:
„Der Herr ist mein Hirte.
Mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte
im finsteren Tal,
fürchte ich kein Unglück,
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.“
Eines Tages, als David
draußen auf der Weide war,
kam Samuel nach Bethlehem.
Sein Vater Isai sah ihn
schon von weitem kommen.
Er eilte ihm entgegen
und grüßte ihn freundlich:
„Welch seltener Besuch!
Bringst du uns gute Nachricht?“
Samuel nickte: „Ja!
Ruf schnell alle deine Söhne herbei!“
Isai sah Samuel erstaunt an.
Was hatte Samuel vor?
Warum wollte er seine Söhne sehen?
Isai wusste ja nicht,
dass Samuel von Gott geschickt war.
Gott hatte zu Samuel gesagt:
„Geh nach Bethlehem!
Denn aus Bethlehem
wird der König kommen,
den ich erwählt habe.
Ein Sohn Isais wird es sein.“
Da rief Isai seine Söhne herbei,
einen nach dem anderen.
Zuerst rief er den Ältesten.
Er war groß und kräftig.
Als Samuel ihn sah, dachte er:
„Wahrhaftig, der ist es!
Der wird König werden.“
Aber Gott sprach zu Samuel:
„Nein, der ist es nicht!
Ich habe ihn nicht erwählt.
Du siehst nur auf das Äußere.
Aber ich schaue ins Herz.“
Da rief Isai den zweiten Sohn.
Aber Samuel schüttelte den Kopf.
Der war es auch nicht, den er suchte.
Gott hatte ihn nicht erwählt.
Da rief Isai den dritten Sohn.
Und wieder schüttelte Samuel den Kopf.
Der war es auch nicht.
Gott hatte ihn nicht erwählt.
Da rief Isai alle anderen Söhne herbei.
Aber Samuel schüttelte den Kopf.
Er fragte Isai:
„Sind das wirklich alle Söhne?“
„Nein“, sagte Isai.
„Es fehlt noch der jüngste.
Er ist draußen bei den Schafen.“
„Dann holt ihn!“, bat Samuel.
„Ich muss ihn sehen.“
Da holten sie David von der Weide
und brachten ihn zu Samuel.
Als aber Samuel David sah,
braun gebrannt und strahlend,
da wusste er auf einmal,
wen Gott meinte.
„Der ist es“, sprach Gott.
„Den habe ich erwählt.
Auf, salbe ihn zum König!“
Da holte Samuel ein Horn
unter seinem Mantel hervor,
das mit Öl gefüllt war.
Er goss das Öl auf Davids Haare
und sagte feierlich: „David,
Gott salbt dich zum König.
Du sollst König werden
über das ganze Volk Israel.“
David war sprachlos.
Er sollte König werden?
Es gab doch schon
einen König im Land!
Wenn Saul erfuhr,
was Samuel getan hatte,
wer weiß, was dann
mit David geschah. . .
1. Samuel 16,1–13 (Psalm 23)
54. David bei König Saul
Saul saß in seinem Königssaal
und starrte finster vor sich hin.
Immerzu dachte er daran,
was Samuel zu ihm gesagt hatte:
„Gott wird sich
einen anderen König wählen.“
Aber wer war dieser andere?
Er musste es herausfinden.
Es ließ ihm keine Ruhe.
Saul ballte die Fäuste.
Die Wut stieg in ihm hoch.
Er sprang auf, schrie
und tobte durch den Saal.
Seine Diener und Ratgeber
sahen erschrocken zu.
„Jetzt bekommt er seinen Anfall“,
flüsterten sie.
„Der König ist von allen
guten Geistern verlassen.
Wir müssen ihn beruhigen.
Aber wie?
Sie schauten sich ratlos an.
Als der Anfall vorüber war,
kamen sie zu Saul,
verneigten sich und sagten:
„O König,
vielleicht hilft dir Musik.
Lass einen Mann kommen,
der für dich Musik macht!
Das wird dir gut tun
und deine düsteren Gedanken
vertreiben.“
„Gut“, sagte Saul.
„Mir soll es recht sein.
Wen schlagt ihr vor?“
Sie antworteten:
„David, den Sohn Isais.
Er ist ein Hirte, ein prächtiger Kerl.
Er kann auch Harfe spielen und singen.“
„Dann holt ihn her!“, befahl Saul.
Da holten sie David
und brachten ihn zum König.
Der hatte gerade wieder einen Anfall.
Er tobte und schrie
und zitterte am ganzen Leib.
Aber David setzte sich in eine Ecke,
nahm seine Harfe
und stimmte sein Lied an:
„Der Herr ist mein Hirte.
Mir wird nichts mangeln. . .
Und ob ich schon wanderte
im finsteren Tal,
fürchte ich kein Unglück,
denn du bist bei mir.“
Da wurde der König ruhig.
Er vergaß seine düsteren Gedanken
und dachte nicht mehr an den anderen,
den er so fürchtete und hasste.
Von diesem Tag an
blieb David bei Saul.
Er diente ihm und beruhigte ihn,
sooft er seine Anfälle bekam.
Aber Saul ahnte nicht,
dass David der andere war,
den er suchte.
1. Samuel 16,14–23
55. David und Goliat
Eines Tages brach ein Krieg
mit den Philistern aus.
Die Philister waren ein mächtiges Volk,
viel mächtiger als die Israeliten.
Sie hatten starke Soldaten
mit blitzenden Waffen
und rückten mit einem gewaltigen Heer
gegen die Israeliten vor.
Da sammelte Saul sofort
alle Israeliten um sich
und zog mit ihnen gegen die Philister.
In einem Tal trafen
beide Heere aufeinander.
Die Israeliten errichteten ihr Lager
auf der einen Seite des Tals.
Die Philister hatten ihr Lager
auf der anderen Seite.
Unter den Philistern aber
war ein Soldat, der hieß Goliat.
Er war so groß wie ein Baum
und so stark wie ein Löwe,
größer und stärker
als alle anderen Philister.
Er trug einen schweren Panzer
und einen blitzenden Helm.
An seiner Hüfte hing
ein riesiges, scharfes Schwert.
Und auf seiner Schulter
trug er einen Wurfspeer,
der war so lang wie ein Baum.
Jeden Tag stellte sich Goliat
vor das Lager der Philister
und rief zu den Israeliten hinüber:
„Wer von euch wagt es,
mit mir zu kämpfen?
Ha! Ihr Feiglinge!
Ihr wagt es ja nicht.
Ich bin viel stärker als ihr.“
Dazu fluchte er laut
und lachte aus vollem Hals,
sodass es durch das ganze Tal dröhnte.
Jeden Tag kam Goliat,
morgens und abends.
Und jeden Tag rief er dasselbe,
fluchte und höhnte.
Und jedes Mal zitterten
die Israeliten vor Angst,
wenn sie ihn kommen sahen.
Keiner wagte, mit ihm zu kämpfen.
Nicht einmal Saul wagte es,
auch nicht Jonatan, sein tapferer Sohn.
So vergingen viele Tage.
Da kam eines Tages David zum Heerlager,
um nach seinen Brüdern zu schauen.
Als er bei dem Heer ankam,
stand gerade wieder Goliat
auf dem Hügel,
breitbeinig und riesig.
„Ihr Feiglinge!“, schrie Goliat
zu den Israeliten herüber.
„Kommt doch und kämpft mit mir!
Warum traut ihr euch nicht?
Hilft euch euer Gott nicht mehr?“
Als David das hörte, wurde er zornig.
Wie? Goliat machte sich
über Gott lustig?
Gab es denn keinen,
der ihm widersprach?
Nein, alle zitterten vor ihm
und flohen, wenn sie ihn sahen.
„Und wenn ich mit ihm kämpfe?“,
fragte David die anderen.
„Dann macht dich der König reich
und gibt dir seine Tochter zur Frau.“
Doch Eliab, Davids ältester Bruder,
rief zornig: „Was fällt dir ein?
Warum bist du überhaupt hier?
Ich kenne dich gut.
Du machst dich nur wichtig.“
Aber David gab nicht auf:
„Und wenn ich doch mit ihm kämpfe?“
Da führten sie David zu Saul.
Der saß in seinem Zelt
und ließ den Kopf hängen.
„Nur Mut!“, rief David ihm zu.
„Ich will mit Goliat kämpfen.“
Aber Saul sah David ungläubig an.
„Unmöglich!“, rief er.
„Du bist viel zu jung.
Goliat ist ein starker Soldat.
Keiner kann so gut kämpfen wie er.“
Doch David antwortete:
„Ich habe schon
mit Löwen und Bären gekämpft.
Ich habe keine Angst
vor diesem Philister.
Gott wird mir helfen.“
„Dann geh!“, sagte Saul.
„Gott helfe dir!“
Und er gab David seinen Panzer,
setzte ihm seinen Helm auf den Kopf
und reichte ihm sein Schwert.
Aber das Schwert war viel zu groß.
Und der Panzer war viel zu schwer.
David konnte darin nicht gehen.
Er zog den Panzer wieder aus,
setzte den Helm ab
und gab das Schwert zurück.
Dann nahm er seinen Hirtenstab
und seine Steinschleuder,
ging hinunter zum Bach,
suchte sich fünf glatte Steine
und steckte sie in seine Tasche.
So lief er Goliat entgegen.
Als aber Goliat ihn kommen sah,
lachte er laut, fluchte und rief:
„Was willst du hier, du Wicht?
Nicht einmal ein Schwert
hast du bei dir.
Nur einen Stock!
Willst du mich etwa
mit dem Stock jagen
wie einen Hund?
Komm nur her, Bürschchen!
Dir werde ich’s zeigen!
Bei Gott, dich schlag ich tot!
Die wilden Tiere sollen dich fressen.“
Goliat schrie furchtbar.
Alle zitterten, als sie ihn hörten.
Doch David blieb ruhig.
Er ging auf Goliat zu
und rief ihm entgegen:
„Du kommst zu mir
mit Schwert, Lanze und Speer.
Aber ich komme zu dir
im Namen des starken Gottes,
den du verhöhnt hast.“
Blitzschnell holte er
einen Stein aus der Tasche,
legte ihn in seine Schleuder –
und schon sauste der Stein durch die Luft
und traf den Riesen an seiner Stirn.
Goliat schwankte, stürzte
und schlug mit dem Kopf
auf die Erde.
Da lag er nun,
der riesige Goliat,
und rührte sich nicht.
David aber lief schnell zu ihm hin,
packte sein großes Schwert
und hieb ihm den Kopf ab.
Als die Philister das sahen,
flohen sie alle, so schnell sie konnten.
Aber die Israeliten jagten ihnen nach
bis über die Grenze.
Da war der Jubel groß
bei allen Israeliten.
Fröhlich kehrten sie heim
und erzählten allen,
was Gott durch David getan hatte.
1. Samuel 17
56. David muss fliehen
David war plötzlich berühmt.
Im ganzen Land sprach man von ihm.
Die Leute auf der Straße
zeigten auf ihn und jubelten,
wenn sie ihn sahen.
Von nun an blieb David
ganz bei König Saul.
Dort bekam er alles,
was sich ein Mensch wünschen kann.
Die Königstochter wurde seine Frau,
und Jonatan, der Sohn des Königs,
wurde sein bester Freund.
David durfte jeden Tag
mit dem König speisen.
Und Saul machte ihn
zu seinem höchsten General,
zum Herrn über alle Soldaten.
Eines Tages fielen die Philister
wieder ins Land ein.
Da zog ihnen David
mit seinen Soldaten entgegen
und vertrieb sie aus dem Land.
Als er heimkehrte,
liefen ihm die Frauen
mit Pauken entgegen.
Sie jubelten ihm zu,
tanzten und sangen:
„Saul hat tausend erschlagen.
Aber David hat zehntausend erschlagen.“
Als König Saul das Lied hörte,
packte ihn der Neid.
„Was singen die Frauen da?“,
rief er zornig.
„David hat zehntausend erschlagen,
ich aber nur tausend?
Ist David denn besser als ich?
Es sieht fast so aus,
als sei David König im Land.“
Saul konnte das Lied
nicht mehr vergessen.
Bei Tag und bei Nacht
dachte er darüber nach.
Eines Morgens aber
wurde ihm alles klar.
Auf einmal wusste er,
wer der andere war,
von dem Samuel gesprochen hatte.
David war es!
„Wer weiß“, dachte Saul erschrocken,
„vielleicht will das Volk
jetzt David zum König machen?
Aber ich werde ihnen zeigen,
wer König im Land ist.“
Da bekam Saul wieder seinen Anfall.
Er schlug um sich, schrie und tobte,
sodass alle vor ihm zitterten.
Nur David blieb ruhig.
Er ging leise zum König hinein,
setzte sich in die Ecke,
sang ein Lied
und spielte dazu auf der Harfe.
Aber Saul sah David böse an.
„Warte nur!“, dachte er grimmig.
„Dich mache ich fertig.
Ich spieße dich einfach an die Wand.
Dann bin ich dich los.“
Und schon schleuderte er seinen Speer.
Doch David wich blitzschnell aus,
rannte aus dem Haus
und verbarg sich vor Saul.
Lange Zeit hielt sich David versteckt.
Nur Jonatan wusste,
wo er sich aufhielt.
Er suchte ihn heimlich auf
und warnte ihn:
„Mein Vater sucht dich überall.
Er ruht nicht eher, bis du tot bist.
Aber ich weiß,
Gott wird es nicht zulassen.
Er wird dich zum König machen.
Doch versprich mir,
dass wir auch dann noch Freunde bleiben.“
David versprach es.
Dann fielen sich beide um den Hals,
weinten und nahmen traurig Abschied.
Jonatan kehrte zu Saul zurück.
David aber floh in die Berge.
1. Samuel 18–20
57. David in der Höhle
Es war ein heißer Tag.
David wanderte über die Berge.
Eine Schar Männer begleitete ihn.
Plötzlich – was war das?
In der Ferne entdeckte er
Saul mit seinen Soldaten!
Er war gekommen,
um David zu fangen.
Schnell versteckte sich David
mit seinen Begleitern in einer Höhle.
Da saßen sie nun im Dunkeln
und sahen gespannt
auf den Weg hinaus.
Keiner rührte sich.
Keiner sagte ein Wort.
Plötzlich stand Saul
am Eingang der Höhle.
Er schaute hinein.
Den Männern stockte der Atem.
Ob Saul sie entdeckte?
Nein, er bemerkte sie nicht!
Er rief seinen Soldaten zu:
„Steht still!
Wir machen hier Pause.“
Und er zog sich allein
in die Höhle zurück.
David und seine Männer
trauten ihren Augen nicht.
Saul war in ihrer Höhle!
Er ahnte ja nicht,
dass sie sich hier versteckt hielten!
„Auf, David!“, flüsterten die Freunde.
„Jetzt ist Saul in deiner Hand.
Töte ihn auf der Stelle!
Jetzt oder nie!
Warum zögerst du noch?“
Da stand David auf.
Leise machte er sich an Saul heran,
packte sein Schwert –
und schlug zu.
Zitternd hielt er in seinen Händen
ein Stück von Sauls Mantel.
Sein Herz klopfte.
Ob Saul ihm vergeben würde,
was er getan hatte?
Leise schlich er sich wieder zurück.
Aber seine Freunde waren empört.
„David, was soll das?
Warum hast du Saul nicht getötet?
Traust du dich nicht?
Dann tun wir es für dich.“
Doch David hielt sie zurück.
„Nein“, flüsterte er,
„tut es nicht!
Dazu habt ihr kein Recht.
Ich warne euch.
Habt ihr vergessen,
dass Gott ihn zum König gemacht hat?“
Still warteten sie im Dunkeln,
bis Saul die Höhle wieder verließ,
um weiter nach David zu suchen.
Da wagte sich David endlich
aus der Höhle hervor.
„Mein König!“,
rief er laut hinter Saul her.
„Warum jagst du mich
wie deinen schlimmsten Feind?
Sieh doch!
Ich war in derselben Höhle wie du.
Ich hätte dich töten können.
Aber ich habe dir nichts getan.
Nur dieses Mantelstück
habe ich abgeschnitten.
Glaub mir doch endlich:
Ich bin nicht dein Feind.“
„David“, rief Saul bewegt,
„du bist besser als ich.
Ich habe dir Unrecht getan.“
Und er fügte leise hinzu:
„Ich weiß, du wirst einmal König.
Aber, bitte, versprich mir:
Wenn du dann König bist,
verschone meine Familie!“
David versprach es.
Saul aber zog wieder heim
und nahm sich vor,
David nicht mehr zu verfolgen.
1. Samuel 24
58. David in der Wüste
Nicht lange danach
kamen Boten zu Saul,
die meldeten ihm:
„Wir haben David gesehen.
Er hat sich in der Wüste versteckt.“
„Dann will ich ihn suchen
und fangen“, rief Saul.
„Diesmal entkommt er mir nicht.“
Saul sammelte in aller Eile
3000 Soldaten um sich
und zog mit ihnen in die Wüste,
um David zu suchen.
Den ganzen Tag marschierten
die Soldaten durch die Wüste,
bis es Abend wurde.
Aber David fanden sie nicht.
Da schlugen sie ihre Zelte auf,
legten sich nieder
und schliefen erschöpft ein.
Auch Saul schlief bald ein.
Er lag in seinem Königszelt.
Sein Speer steckte
neben ihm in der Erde.
Daneben stand ein Krug,
der mit Wasser gefüllt war.
Draußen vor dem Zelt
hielten Soldaten Wache.
Aber auch ihnen fielen
die Augen bald zu.
Plötzlich raschelte es.
Zwei Männer schlichen sich
an das Lager heran.
Sie schlüpften an der Wache vorbei
und drangen in Sauls Zelt ein.
David war es und sein Freund Abischai.
Niemand hatte bemerkt,
wie sie ins Lager gekommen waren.
Auch Saul hatte nichts bemerkt.
Er lag auf der Erde
und rührte sich nicht.
Abischai zeigte auf Saul.
„Soll ich ihn töten?“, fragte er leise.
„Nein“, flüsterte David.
„Was fällt dir ein?
Fass ihn nicht an!
Nur Gott darf das tun.“
Dann nahm David den Speer
und den Wasserkrug an sich,
huschte aus dem Zelt
und machte sich mit Abischai
schnell wieder davon.
Als es Morgen wurde,
war David längst entkommen.
Er stand oben auf dem Berg
und rief laut zu den Zelten hinab:
„Hört, ihr Soldaten!
Ihr bewacht euren König schlecht.
Ich war heute Nacht bei ihm
und hätte ihn töten können.
Seht den Speer und den Krug!
Das ist der Beweis.“
Da wachte auch Saul auf.
„David“, rief er erschrocken,
„ist das deine Stimme?“
„Ja“, antwortete David.
„Glaubst du jetzt endlich,
dass ich nicht dein Feind bin?“
Da schämte sich Saul und rief:
„Es tut mir leid, David.
Ich habe dir Unrecht getan.
Komm her! Ich tu dir nichts an.“
Aber David kam nicht.
Er wusste:
Saul würde wieder nicht halten,
was er versprochen hatte.
So gab er einem Soldaten
den Krug und den Speer.
Der brachte beides zu Saul zurück.
David aber floh
ins Land der Philister
und versteckte sich dort.
Er sah Saul nie mehr wieder.
1. Samuel 26
59. David wird König
Danach brach wieder ein Krieg aus.
Die Philister zogen
mit ihrem ganzen Heer
gegen die Israeliten.
Da sammelte Saul alle seine Soldaten
und rückte gegen die Philister vor.
Sein Sohn Jonatan zog
mit ihm in den Kampf.
Doch David war nicht dabei.
Er hielt sich immer noch
bei den Philistern versteckt.
Dort wartete er bange
auf Nachricht von den Israeliten.
Was würde aus Israel
und was würde aus Saul und Jonatan,
wenn die Philister siegten?
Nach drei Tagen
kam endlich ein Bote zu David.
Der rief: „Aus! Aus!
Der Krieg ist aus!
Die Philister haben gesiegt.
Die Israeliten sind alle geflohen.
Und Saul und Jonatan sind tot.“
„Was?“, schrie David entsetzt.
„Woher weißt du das?
Wer hat es dir gesagt?“
„Ich habe es selbst gesehen“,
sagte der Bote.
Da zerriss David sein Gewand,
weinte und klagte.
Und er dichtete
für Saul und Jonatan dieses Lied:
„Ach, wie sind die Helden gefallen!
Es tut mir leid um dich,
mein Bruder Jonatan.
Du warst mir sehr lieb.“
*
Danach kehrte David nach Israel zurück
und wohnte in der Stadt Hebron.
Dort wartete er, bis er erfuhr,
was Gott mit ihm vorhatte.
Endlich, nach sieben Jahren,
kamen die Israeliten zu David
und baten ihn:
„Sei du jetzt unser König!“
„Ja“, antwortete David.
„Ich will euer König sein.“
Und er dachte daran,
was der alte Samuel
vor vielen Jahren gesagt hatte:
„Du, David, sollst König sein
über das Volk Israel.“
2. Samuel 1–5,5
60. David in Jerusalem
David zog in die Stadt Jerusalem ein
und machte sie zu seiner Königsstadt.
Dort baute er sich
einen prächtigen Königspalast.
Nun hatte David alles,
was ein König brauchte:
Er hatte einen Palast, der ihm gehörte.
Er hatte Diener, die ihm gehorchten.
Er hatte Soldaten, die ihn bewachten.
Und er hatte Ratgeber, die ihn berieten.
Aber David dachte bei sich:
Ich bin zwar der König in dieser Stadt
und alle müssen mir dienen.
Aber ich will Gott dienen.
Er ist der wahre König in meiner Stadt.
Das sollen auch
die anderen Leute erfahren.
Darum will ich die Lade Gottes
nach Jerusalem holen.
Dann können alle erkennen:
Gott ist der König und Herr,
dem ich diene.
Da rief David die Priester herbei
und machte sich mit ihnen auf den Weg,
um die Lade Gottes zu holen.
Aber den Leuten in Jerusalem
ließ er sagen: „Macht euch bereit!
Bald kommt die Lade Gottes
in eure Stadt.“
Da legten alle
ihre schönsten Festkleider an,
zogen hinaus vor die Stadt
und warteten gespannt,
was nun geschehen würde.
Plötzlich hörten sie fröhliche Musik.
Ein Festzug kam ihnen entgegen.
Priester in festlichen Kleidern
trugen die Lade Gottes
auf ihren Schultern daher.
Andere Priester folgten ihnen
und bliesen dazu in ihre Posaunen.
David aber lief vor der Lade her,
hüpfte und tanzte wie ein Kind.
Er trug nur einen einfachen Rock,
wie ihn sonst Priester tragen.
So lief er und tanzte er
auf die Stadt zu.
Jubelnd folgten die anderen
und stimmten mit ihm das Lied an:
„Machet die Tore weit
und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!“
Da gingen die Tore weit auf
und die Priester zogen
mit der Lade in die Stadt ein.
Dort feierten sie miteinander
das Königsfest Gottes,
Alte und Junge, Große und Kleine.
An diesem Fest dankten sie Gott,
ihrem König und Herrn,
dass er nun bei ihnen wohnte.
Am Abend aber,
als David nach Hause kam,
rief ihm seine Frau Michal
spöttisch entgegen:
„Du bist mir ein feiner König!
Du hast dich heute
vor allen bloßgestellt und getanzt
wie das Volk auf der Straße.“
Aber David antwortete ihr:
„Ich habe vor Freude getanzt,
weil Gott bei uns wohnt.
Vor ihm will ich gern
noch viel niedriger sein.“
2. Samuel 6 (Psalm 24,7)
61. David bekommt ein Versprechen
David saß in seinem Palast
und ruhte sich aus.
Wie gut habe ich es doch,
dachte David bei sich.
Ich wohne in diesem schönen Palast
aus edlem Zedernholz.
Aber für Gott gibt es
kein Haus in dieser Stadt,
nur ein Zelt.
Das muss anders werden,
so wahr ich König bin!
Ich weiß, was ich tue:
Ich werde Gott ein Haus bauen.
Da ging die Tür auf.
Natan, der Prophet Gottes,
kam zu Besuch.
„Willkommen!“, rief David.
„Komm, setz dich zu mir!
Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.
Sieh, ich wohne in diesem Palast.
Aber die Lade Gottes
steht noch immer in einem Zelt.
Darum will ich für Gott ein Haus bauen.
Einen prächtigen Tempel
will ich ihm schenken.“
„Nur zu!“, rief Natan erfreut.
„Das wird Gott gefallen.
Tu, was du vorhast!
Gott ist mit dir.“
Aber am nächsten Morgen
kam Natan noch einmal zu David
und sprach: „Hör zu, David!
In dieser Nacht hat Gott
zu mir gesprochen.
Gott lässt dir sagen:
,Du sollst mir kein Haus bauen
und musst mir nichts schenken.
Denk doch daran:
Alles, was dir gehört,
habe ich dir geschenkt.
Aber ich verspreche dir
noch viel mehr:
Ich will dir ein Haus bauen,
ein Königshaus, das ewig besteht.
Ich will dir einen Sohn schenken,
der wird nach dir König sein.
Und der wird mir ein Haus bauen.
Ich will sein Vater sein
und er soll mein Sohn sein.
Ich will mit ihm sein
und mit allen Königen,
die nach ihm kommen,
bis einst der letzte König kommt,
der ewig König sein wird.‘“
Da verneigte sich David vor Gott,
der ihm dieses große Versprechen
gegeben hatte, und sprach:
„Ach, Herr, Herr! Wer bin ich,
dass du mich bis hierher gebracht hast?
Doch nun hast du
noch Größeres versprochen.
Wie groß bist du, Herr!
So mache nun wahr,
was du versprochen hast,
und segne uns,
dass alle deine Größe erkennen!“
2. Samuel 7
62. David und Batseba
Bald darauf geschah,
was niemand erwartet hätte.
Es war ein kühler Abend.
David ruhte sich auf dem Dach
seines Palastes aus
und schaute über die Stadt.
Plötzlich entdeckte er
in der Nähe ein Haus.
Dort wusch sich eine Frau,
die war so schön,
dass David alles andere darüber vergaß.
„Wer ist diese Frau?“,
fragte sich David erregt.
„Ich will sie haben,
ganz gleich, wer sie ist.
Meine Frau muss sie werden,
noch heute!“
David überlegte nicht lange.
Er schickte seine Diener los,
ließ die Frau holen
und schlief mit ihr.
Aber Batseba, so hieß die Frau,
war schon verheiratet.
Ihr Mann Uria ahnte nicht,
was David getan hatte.
Er war in den Krieg gezogen
und kämpfte für David.
Aber wenn er eines Tages
zurückkommen würde, was dann?
Auch dafür wusste David Rat:
Er schickte heimlich einen Brief
an seinen obersten General
und ließ ihm sagen:
„Sorge dafür,
dass Uria nie mehr zurückkommt!“
Und so geschah es.
Nicht lange danach
erhielt David die Nachricht:
„Uria ist im Kampf
gegen die Feinde gefallen.“
Nun war David endlich zufrieden.
Uria war tot.
Batseba gehörte ihm ganz.
Und niemand hatte gemerkt,
was er getan hatte.
Aber Gott schickte noch einmal
seinen Propheten Natan zu David,
der sprach zu ihm:
„Hör zu, König David!
In deinem Königreich
ist etwas Unerhörtes geschehen.“
„Was denn?“, fragte David erstaunt.
„Los, erzähle!“
Da erzählte Natan:
„Zwei Männer lebten in einer Stadt.
Der eine war reich,
der andere arm.
Der eine hatte viele Schafe.
Der andere hatte nur
ein einziges Schaf.
Der Arme liebte sein Schaf
wie sein eigenes Kind
und hütete es von früh bis spät.
Aber eines Tages kam Besuch
zu dem Reichen.
Da ging der Reiche zu dem Armen,
nahm ihm sein Schaf weg,
sein einziges Schaf,
schlachtete es und briet es
und setzte es seinem Gast vor.“
Als David das hörte,
rief er empört: „Unerhört!
Der Mann muss sterben,
der das getan hat,
so wahr ich König bin!“
Da antwortete Natan:
„Du bist der Mann!
Du bist es selbst.
Du hast Uria das Liebste genommen,
seine Frau, seine einzige Frau
und hast ihn getötet.“
„Wahrhaftig, du hast Recht“,
rief David zu Tode erschrocken.
„Jetzt sehe ich:
Ich habe ein großes Unrecht getan.
Ich habe den Tod verdient.
Ich sollte sterben, nicht Uria.“
Und er eilte in seine Kammer,
warf sich auf den Boden,
weinte und betete:
„Ach Herr!
Vergib mir doch meine Schuld,
meine große Schuld!
Gott sei mir gnädig!“
So lag er auf dem Boden,
viele Stunden lang,
viele Tage und Nächte lang.
Ob Gott ihm seine Schuld
jemals vergeben konnte?
Nicht lange danach
wurde Batseba schwanger
und gebar einen Sohn: Salomo.
Da spürte David:
Gott hatte sein Gebet erhört.
Er hatte sich über ihn erbarmt,
wie sich ein Vater
über seine Kinder erbarmt.
2. Samuel 11–12,25 (Psalm 51,2 ff.)
63. David und Absalom
David hatte viele Söhne.
Einer von ihnen hieß Absalom.
Er war der schönste von allen Söhnen.
Kein anderer konnte sich
mit ihm messen.
Wahrhaft königlich sah er aus,
wenn er mit seinem wallenden Haar
durch die Straßen schritt.
Absalom hatte alles,
was er sich wünschte.
Er hatte ein eigenes Haus
und eigene Diener und Knechte.
Aber Absalom wollte noch mehr:
Er wollte selbst König sein
und auf dem Königsthron sitzen.
Eines Tages schaffte er sich
einen prächtigen Wagen an
mit schnellen Pferden.
Und er sammelte 50 Soldaten um sich,
die ihn als Wache umgaben.
Von nun an fuhr er nur noch
in seinem Wagen durch die Stadt,
begleitet von seinen Soldaten.
Die Leute blieben stehen,
wenn sie ihn sahen
und zeigten bewundernd auf ihn:
„Seht Absalom!“, riefen sie dann.
„Wie ein König kommt er daher.“
Jeden Morgen ging Absalom
in der Frühe zum Stadttor.
Dort empfing er die Leute,
die von weither kamen,
um sich beim König zu beklagen.
Er fragte sie freundlich:
„Woher kommt ihr?
Was fehlt euch?
Kann ich euch helfen?“
Das gefiel den Leuten.
„Ach“, sagten sie sich,
„wäre doch Absalom unser König!
Dann ginge es uns besser im Land.“
Eines Tages bereitete Absalom
in der Stadt Hebron
ein großes Fest vor.
Er lud viele Gäste dazu ein.
Aus dem ganzen Land kamen sie an
und feierten fröhlich mit ihm.
Doch mitten im Fest
rief Absalom plötzlich:
„Auf, blast in die Posaunen!
Jetzt ist es so weit.“
Und als die Posaunen ertönten,
riefen alle im Chor:
„Hoch lebe Absalom, unser König!“
Wie ein Lauffeuer breitete sich
die Nachricht im ganzen Land aus.
Einer rief es dem anderen zu:
„Hast du schon gehört?
Absalom ist König geworden.“
Da kam ein Bote zu David
und meldete ihm:
„Absalom hat sich selbst
zum König gemacht.
Das ganze Land fällt ihm zu.“
Als David das hörte,
erschrak er und rief:
„Auf, flieht mit mir aus der Stadt!
Denn Absalom will sicher
Krieg mit mir führen.“
Und er verließ eilig
mit seinen Freunden die Stadt.
Er floh und ruhte nicht eher,
bis er jenseits der Grenze war.
Wie ein Dieb musste David
vor Absalom fliehen –
und war doch sein Vater,
den Gott erwählt
und zum König gesalbt hatte!
Bald darauf rückte Absalom
mit seinem Heer an,
um David zu töten.
Da stellten Davids Männer
in aller Eile ein Heer auf
und zogen gegen Absalom
in den Kampf.
„Aber gebt acht auf Absalom!“,
rief David ihnen nach.
„Tut ihm nichts an!
Vergesst nicht: Er ist mein Sohn!“
Viele Stunden vergingen.
Unruhig wartete David auf Nachricht.
Endlich kam atemlos ein Bote gelaufen.
Der rief David fröhlich entgegen:
„Gute Nachricht!
Wir haben gewonnen.“
„Und was ist mit Absalom?“,
fragte David bange.
„Ich weiß es nicht“, sagte der Bote.
Da kam schon wieder ein Bote gelaufen,
der rief David zu:
„Gute Nachricht für dich!
Wir haben gewonnen!“
„Und was ist mit Absalom?“,
fragte David voll Sorge.
Da erzählte der Bote,
was mit Absalom geschehen war:
Auf einem Maultier war er geflohen.
Aber auf einmal hatte er sich
in einer dichten Eiche verfangen.
Dort hatten ihn Davids Männer entdeckt
und auf der Stelle getötet.
Als David das hörte, schrie er auf,
weinte und schluchzte:
„O Absalom, mein Sohn Absalom!
Ach, wäre doch ich
an deiner Stelle gestorben!
O Absalom, mein Sohn, mein Sohn!“
Und niemand konnte ihn trösten.
Bald darauf kamen Davids Soldaten
vom Kampf zurück.
Fröhlich winkten sie ihrem König zu.
Doch als sie sahen,
wie David weinte und klagte,
verstummten sie
und wussten nichts mehr zu sagen.
*
Von diesem Tag an
herrschte wieder Frieden im Land.
David kehrte nach Jerusalem zurück
und regierte dort wieder wie vorher.
Doch Absalom lebte nicht mehr.
David hatte seinen Sohn
für immer verloren!
Aber Gott hielt
an seinem Versprechen fest.
Sein Segen blieb über David
und seinen Kindern.
2. Samuel 15–19
64. Salomo
Als David gestorben war,
wurde sein Sohn Salomo König.
Aber Salomo war noch sehr jung.
Wie sollte er über
das große Volk herrschen?
Salomo wusste es selbst nicht.
Wenn Gott mir doch zeigte,
was ich tun soll,
dachte er bei sich.
Eines Nachts hatte Salomo
einen besonderen Traum.
Gott sprach zu ihm: „Salomo!
Ich will dir etwas schenken.
Sag, was willst du von mir?“
„Ach Herr!“, bat Salomo.
„Du hast mich zum König
über dieses große Volk gemacht,
wie du es David versprochen hast.
Aber ich bin noch zu jung.
Ich weiß nichts und kann nichts.
Schenk mir doch bitte,
dass ich auf dich höre
und dass ich ein weiser
und gerechter König werde!“
Da sprach Gott zu Salomo:
„Ich will dir geben,
was du gewünscht hast.
Ich will dich klug und weise machen
wie keinen anderen Menschen zuvor.
Und ich will dir noch mehr geben,
alles, was du dir nicht gewünscht hast.
Reich und mächtig sollst du werden,
reicher als alle anderen Könige
auf dieser Welt.
Bleibe nur gehorsam
und halte meine Gebote!“
Da wachte Salomo auf und dankte Gott
für sein großes Versprechen.
Bald danach zeigte sich,
wie weise Salomo war:
Es war an einem Tag,
da der König Gericht hielt.
Salomo saß auf seinem Thron
und empfing seine Untertanen.
Da stürzten zwei Frauen herein.
Sie schrien einander an.
Jede Frau trug ein Kind auf dem Arm.
Das eine Kind strampelte vergnügt.
Das andere rührte sich nicht.
Es war tot.
„Das lebendige Kind gehört mir!“,
schrie die eine Frau.
„Nein, mir“, schrie die andere zurück.
„Du lügst“, rief die eine.
„Nein, du“, rief die andere noch lauter.
Da hob Salomo die Hand.
„Erzählt mir, was geschehen ist!“
„O König!“, rief die eine Frau.
„Wir beide wohnen in einem Haus
und schlafen in einem Raum.
Jede von uns hat ein Kind.
Doch ihr Kind
ist in dieser Nacht gestorben.“
„Nein“, rief die andere Frau.
„Es war dein Kind.
Mein Kind lebt.
Dein Kind ist tot.
Ich will das lebendige Kind haben.“
„Nein“, rief die erste.
„Ich will es haben.
Ich bin die Mutter.“
So zankten sie sich,
zeterten und schrien sich an.
Und niemand wusste,
wer von den beiden Recht hatte.
Da befahl Salomo:
„Bringt mir ein Schwert
und teilt das lebendige Kind!
Teilt es gerecht in zwei Teile!“
Aber da schrie die eine Frau:
„Nein, lasst es am Leben!
Gebt es lieber der anderen Frau!“
Doch die andere Frau sagte kalt:
„Warum nicht?
Das ist doch gerecht!
Dann haben wir beide kein Kind mehr.“
Nun wusste König Salomo,
wer die wahre Mutter war.
Er befahl seinen Dienern:
„Gebt das Kind der Frau,
die sich gewehrt hat!
Denn sie ist die Mutter.“
Da nahm die Mutter
ihr Kind auf den Arm
und trug es glücklich nach Hause.
Doch alle, die dabei standen,
staunten und wunderten sich.
Und sie erzählten im ganzen Land:
„Wie weise ist unser König Salomo!“
1. Könige 3
65. Salomo baut den Tempel
Salomos Weisheit wurde bald
in allen Ländern bekannt.
Viele Völker schickten Gesandte zu ihm
und schlossen Freundschaft mit ihm.
Auch weise Gelehrte
und vornehme Fürsten besuchten ihn
und bewunderten seine Klugheit.
Salomo hatte jeden Tag
so viele Gäste an seinem Tisch,
dass er täglich neunzig Säcke Mehl
für sein Königsmahl brauchte.
Auch hatte er viele Tausend Pferde
in seinen Reitställen
und noch mehr Knechte,
die sie versorgten.
Salomo führte keinen Krieg.
So wurde er immer reicher,
und seine Schatzkammern
wurden von Tag zu Tag voller.
Eines Tages reiste eine Königin
aus dem fernen Arabien an
mit vielen Dienern und mit Kamelen.
Sie brachte Salomo kostbare Geschenke,
Edelsteine und duftende Salben
und viele Säcke voll Gold.
Die Königin hatte in ihrem Land
von Salomos Weisheit gehört.
Nun war sie gekommen,
um seine Weisheit zu prüfen.
Salomo empfing sie
in seinem prächtigen Palast
und lud sie zum Festmahl
an seinen Tisch.
Da stellte ihm die Königin
viele schwierige Fragen.
Aber Salomo wusste auf alle Fragen
die richtige Antwort.
„Wie weise und reich du bist!“,
staunte die Königin.
„Viel weiser und reicher
als alle anderen Menschen!
Gelobt sei dein Gott,
der dich zum König gemacht hat!“
So wurde Salomos Name
in aller Welt berühmt.
Aber Salomo sagte sich:
Nicht mein Name
soll gerühmt werden.
Gottes Name soll allein
geehrt werden.
Denn was ich habe,
das habe ich alles von Gott.
Darum will ich für Gott
einen Tempel bauen.
Der soll die Mitte
in meinem Königreich sein,
damit dort Gottes Name geehrt wird.
Da ließ Salomo einen Tempel bauen,
größer und prächtiger,
als sein Vater David
es jemals gekonnt hätte.
Er schickte Holzfäller in die Berge
und Steinhauer in die Steinbrüche.
Die schlugen die Steine aus dem Fels.
Und ein Heer von Lastträgern
brachte sie nach Jerusalem.
Sieben Jahre lang
wurde am Tempel gebaut.
Die Bauleute setzten Stein auf Stein,
fügten das Holz zusammen
und schmückten es mit Gold
und kunstvollem Schnitzwerk.
Sie arbeiteten so leise,
dass man kein Hämmern und Sägen
auf dem Tempelberg hörte.
Endlich stand der Tempel fertig da.
Prachtvoll sah er aus,
hoch oben auf dem Berg,
schon von weitem für alle sichtbar.
Innen aber war ein dunkler Raum,
der war für die Lade Gottes bestimmt.
Nur der oberste Priester sollte
dieses „Allerheiligste“ sehen.
Danach feierte Salomo
mit seinem ganzen Volk
ein großes Tempelweihfest.
In einem fröhlichen Festzug
zogen sie zum Tempel.
Und Priester trugen die Lade Gottes
ins Allerheiligste hinein.
Dann stellte sich Salomo
vor den großen Altar,
hob seine Hände auf und betete laut
vor der ganzen Gemeinde:
„Herr, wer ist dir gleich?
Kein Himmel kann dich fassen.
Wie kann dich dann
dieser Tempel fassen?
Doch bitten wir dich:
Sieh auf dieses Haus
bei Tag und bei Nacht!
Höre auf uns,
wenn wir deinen Namen anrufen!“
Danach breitete Salomo seine Hände
über der Gemeinde aus,
segnete sie und rief laut:
„Gelobt sei der Herr, unser Gott,
der alles erfüllt hat,
was er versprochen hat!
Der Herr sei mit uns, wie er
mit unseren Vorfahren gewesen ist.
Er schenke uns,
dass wir immer bei ihm bleiben
und nur auf ihn hören.“
Acht Tage feierte Salomo
mit seinem Volk das Tempelweihfest
voll Freude über all das Gute,
das Gott ihnen geschenkt hatte.
Danach gingen alle fröhlich
und mit neuem Mut an ihre Arbeit.
*
Doch als Salomo älter wurde,
vergaß er, was er versprochen hatte.
Er baute Altäre für andere Götter,
opferte ihnen und betete sie an.
Da sprach Gott zu Salomo:
„Warum hast du nicht
dein Versprechen gehalten?
Nun bleibt auch dein Königreich
nicht erhalten.
Dein Sohn wird nur einen Teil
deines großen Reiches erben.
Und ein anderer wird König
neben ihm sein.“
1. Könige 5–11
VI
Gott sendet seine Propheten
Als Salomo gestorben war,
traf ein, was der Prophet
zu Salomo gesagt hatte:
Das große Königreich
wurde in zwei Teile geteilt.
Im Reich Juda regierten Könige,
die aus der Familie Davids stammten.
Sie wohnten in Jerusalem
wie einst ihre Väter David und Salomo.
Im Reich Israel aber
regierten andere Könige,
die nicht zu Davids Familie gehörten.
Sie regierten in der Stadt Samaria
und gingen eigene Wege.
Sie kümmerten sich nicht um Gott,
sondern holten andere Götter
in ihr Land und dienten ihnen
mehr als dem Gott Israels.
Aber Gott schickte ihnen
immer wieder Propheten.
Die verkündeten ihnen Gottes Wort
und riefen das Volk zu Gott zurück.
66. Elia
Im Reich Israel herrschte lange Zeit
ein mächtiges Königspaar:
König Ahab und seine Frau Isebel.
Sie wohnten in der Stadt Samaria
in einem großen Königspalast
wie die Könige,
die in Jerusalem herrschten.
Sie hatten dort alles,
was sie sich wünschten.
Aber einen Tempel hatten sie
in Samaria nicht.
Da sagte sich Ahab:
„Ich will nicht, dass mein Volk
zum Tempel nach Jerusalem geht.
Mein Volk soll einen eigenen Tempel
und einen eigenen Gott haben,
der besser ist als der Gott,
dem unsere Väter gedient haben.
Aber welchen Gott soll ich nehmen?“
Ahab fragte seine Frau Isebel:
„Kennst du einen Gott,
der besser ist als der Gott Israels?“
Isebel stammte nämlich
aus einem fremden Land,
wo man andere Götter verehrte.
„Ja“, sagte Isebel,
„nimm doch meinen Gott Baal!
Der ist besser als euer Gott.
Er gibt Sonnenschein und Regen.
Er lässt das Gras wachsen
und Blumen und Bäume.
Er lässt die Früchte reifen
und auch das Korn auf dem Feld.“
Das gefiel Ahab gut.
Er ließ in Samaria für Baal
einen großen Tempel bauen.
Dort stellte er
ein Bild von Baal auf.
Und er setzte viele Priester ein,
die ihm dienten.
Dann schickte er Boten
in das Land Israel
und ließ allen sagen:
„Kommt und betet Baal an!
Der gibt euch, was ihr braucht.“
Da kamen sie alle nach Samaria
und beteten Baal an
und vergaßen den Herrn, ihren Gott.
So ging es viele Jahre.
Eines Tages aber kam ein Mann
zu Ahab in den Königspalast.
Er sah ganz anders aus
als die Diener des Königs
und seine Priester.
Er trug einen rauen Mantel
und einen ledernen Gürtel
um seine Hüften.
Elia war es,
der Prophet Gottes.
Er stellte sich Ahab in den Weg,
sah ihn ernst an
und sprach:
„So wahr der Herr,
der Gott Israels, lebt,
dem ich diene:
Von jetzt an wird es
keinen Regen mehr geben
und keinen Tau am Morgen,
so lange, wie Gott es bestimmt.“
Dann drehte er sich um
und ging wortlos hinaus.
Einen Augenblick lang
war es ganz still im Palast.
Aber dann lachte der König.
Und seine Diener riefen: „Ach was!
Was kümmert uns sein Gott!
Wir haben ja Baal!
Der gibt uns genug Regen,
wenn wir ihn darum bitten.“
Doch an den folgenden Tagen
regnete es nicht.
Wochen vergingen.
Es regnete immer noch nicht.
Jeden Tag strahlte die Sonne.
Die Erde wurde trocken.
Die Bäche trockneten aus.
Das Gras verdorrte.
Die Blumen verwelkten.
Die Blätter fielen von den Bäumen.
Und das Korn verbrannte
auf den Feldern.
Da bekam der König auf einmal Angst.
Er merkte:
Elia hatte die Wahrheit gesagt.
Er rief seine Soldaten und befahl:
„Auf, sucht Elia
und bringt ihn hierher!
Elia ist an allem Unglück schuld.“
Da zogen seine Soldaten
durch das ganze Land,
um Elia zu suchen.
Aber sie fanden ihn nicht.
1. Könige 16,29–17,1
67. Elia im fremden Land
Elia hielt sich am Bach Krit
in einem entlegenen Tal versteckt.
Dort gab es noch Wasser.
Jeden Tag ging er zum Bach
und trank sich satt.
Und jeden Tag
kamen Raben geflogen,
morgens und abends.
Die brachten Brot und Fleisch
in ihrem Schnabel
und ließen es vor Elia fallen.
Aber nach einiger Zeit
trocknete der Bach aus.
Da sprach Gott zu Elia:
„Steh auf und zieh weg von hier!
Geh in die Stadt Zarpat,
die im Nachbarland liegt!
Dort wirst du eine Witwe finden,
die wird für dich sorgen.“
Da brach Elia auf
und wanderte nach Zarpat.
Als er an das Stadttor kam,
sah er eine Frau,
die gerade Holz auflas.
Elia ging auf sie zu und fragte sie:
„Hast du ein wenig Wasser für mich?
Ich komme von weit her
und habe großen Durst.“
Da ging die Frau zu ihrem Haus,
um einen Krug Wasser zu holen.
„Warte!“, rief Elia hinter ihr her.
„Bring mir auch ein Stück Brot mit!
Ich habe schon lange
nichts mehr gegessen.“
Aber die Frau sah ihn traurig an.
„Mein Herr“, sagte sie,
„ich habe kein Brot mehr im Haus,
kein einziges Stück.
Ich habe nur noch
ein wenig Mehl im Topf
und ein paar Tropfen Öl im Krug.
Davon kann ich gerade noch
einen kleinen Kuchen backen.
Der ist für mich und meinen Sohn.
Darum habe ich soeben
Holz aufgelesen,
damit ich Feuer machen
und den Kuchen backen kann.
Danach haben wir beide
nichts mehr zu essen
und müssen verhungern.“
Da merkte Elia, dass sie die Witwe war,
von der Gott gesprochen hatte.
„Mach dir keine Sorgen!“,
sagte er zu ihr.
„Geh in dein Haus,
back einen Kuchen
und bring ihn zu mir heraus,
damit ich ihn essen kann.
Dann back noch einen Kuchen
für deinen Sohn und für dich!
Es wird genug übrig sein.
Denn so spricht der Herr,
der Gott Israels:
Das Mehl im Topf
und das Öl im Krug
sollen nicht zu Ende gehen
bis zu dem Tag,
an dem Gott, der Herr,
wieder Regen geben wird.“
Da hörte die Frau auf Elia
und ging in ihr Haus.
Sie zündete ein Feuer an,
nahm das Mehl und das Öl,
machte einen Kuchen
und brachte ihn Elia.
Der nahm den Kuchen und aß ihn auf.
Aber sieh da!
Im Topf war noch genug Mehl übrig.
Und im Krug war noch genug Öl.
Die Frau machte noch einen
und noch einen Kuchen.
Alle drei wurden satt,
Elia, die Frau und ihr Sohn.
Es war genug da.
Auch an den folgenden Tagen
war immer genug da.
Das Mehl und das Öl gingen nicht aus,
solange Elia bei ihnen lebte.
*
Elia wohnte lange Zeit in Zarpat.
Aber eines Tages wurde
der Sohn der Witwe schwer krank.
Und bald darauf starb er.
Als aber die Frau sah,
dass ihr Sohn tot war,
weinte sie und schrie:
„Elia, wärst du doch nie
zu uns gekommen!
Du bist schuld,
dass mein Sohn tot ist.“
Elia aber nahm den Sohn
auf seine Arme,
trug ihn in seine Kammer,
legte ihn auf sein Bett
und betete laut: „Ach Herr,
bitte lass das Kind wieder leben!“
Da kam auf einmal wieder
Leben in den Jungen.
Er atmete,
schlug seine Augen auf
und richtete sich auf.
Sogleich trug ihn Elia
zu seiner Mutter zurück.
„Sieh“, sagte Elia, „dein Sohn lebt!“
Die Mutter aber war sprachlos.
Ihr Sohn, ihr einziger Sohn, lebte!
„Ja“, rief sie voll Staunen,
„nun glaube ich wirklich,
dass du ein Prophet bist.
Denn was du sagst, das ist wahr
und kommt von Gott.“
1. Könige 17
68. Elia auf dem Berg Karmel
Nach drei Jahren sprach Gott zu Elia:
„Geh wieder zurück in dein Land!
Denn bald will ich es
wieder regnen lassen.“
Da brach Elia auf
und kehrte nach Israel zurück.
Als aber Ahab hörte,
dass Elia wieder im Land war,
ging er ihm entgegen
und rief zornig:
„Bist du wieder da,
du Unglückseliger?
Du bringst uns nur Unglück.“
„Nein“, gab Elia zurück.
„Du hast das Unglück
über das Land gebracht.
Du hast den Gott Israels verlassen
und seine Gebote vergessen.
Du hast nur Baal im Sinn.
Aber wir wollen sehen,
wer Recht hat, du oder ich.
Ruf dein Volk
und alle deine Priester
auf dem Berg Karmel zusammen!
Dort werden wir sehen,
wer der wahre Gott ist:
dein Gott Baal oder der Herr,
der Gott Israels.“
Da ließ der König
im ganzen Land ausrufen:
„Kommt alle auf den Berg Karmel!“
Und von allen Seiten
strömten die Leute herbei
und stiegen auf den Berg Karmel.
Auch viele Baalspriester
versammelten sich auf dem Berg,
mehr als vierhundert.
Und alle warteten gespannt,
was Elia vorhatte.
Elia aber stellte sich
vor das Volk und rief laut:
„Wie lange wollt ihr noch
hin und her schwanken?
Ist der Herr der wahre Gott,
dann folgt ihm nach!
Ist aber Baal der wahre Gott,
dann folgt ihm nach!“
Da wurde es auf einmal
ganz still in der Menge.
Alle schwiegen betroffen.
Elia aber befahl:
„Bringt uns zwei Stiere!
Den einen für die Baalspriester!
Den sollen sie Baal opfern
und danach ihren Gott anrufen.
Den anderen Stier aber für mich!
Den will ich opfern
und den Herrn anrufen.
Dann werden wir sehen,
wer der wahre Gott ist:
Baal oder der Gott Israels.
Der wird es sein,
der das Gebet erhört
und das Opfer im Feuer verbrennt.
Der ist der wahre Gott.“
Da brachten sie zwei Stiere herbei.
Und die Baalspriester
nahmen den einen Stier,
schlachteten ihn,
legten ihn auf ihren Altar
und schrien laut:
„Baal, erhöre uns!
Baal, erhöre uns!“
Von morgens bis mittags riefen sie
und hüpften und tanzten
um ihren Altar.
Aber es geschah nichts, gar nichts.
Da spottete Elia:
„Ruft lauter!
Vielleicht schläft euer Gott.
Oder vielleicht denkt er nach.
Vielleicht ist er auch verreist.“
Da riefen sie noch lauter:
„Baal, erhöre uns!
Baal, erhöre uns!“
Und sie ritzten sich mit Messern,
bis das Blut herabfloss.
Aber nichts geschah, gar nichts.
Schon war der Mittag vorüber.
Da rief Elia:
„Kommt alle zu mir!“
Und er nahm zwölf Steine
und baute für Gott einen Altar.
Aber rings um den Altar
grub er einen breiten Graben.
Dann schichtete er Holz
auf den Altar,
schlachtete den Stier,
legte ihn auf den Holzstoß
und goss dreimal Wasser darüber,
sodass das Wasser den Graben füllte.
Und Elia betete laut:
„Du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs!
Zeige doch heute dem Volk,
dass du allein Gott in Israel bist
und dass ich dein Knecht bin!
Erhöre mich, Herr! Erhöre mich!“
Da – plötzlich schreckten alle zurück.
Feuer fiel vom Himmel herab.
Das Opfer verbrannte
mitsamt dem Altar.
Sogar das Wasser im Graben
war vom Feuer verschluckt.
Als die Menschen das sahen,
warfen sie sich auf die Erde,
beteten Gott an und riefen alle:
„Der Herr ist Gott!
Ja, er ist wirklich Gott!“
Voll Staunen kehrten sie heim.
Nie mehr wollten sie vergessen,
dass der Herr, der Gott Israels,
ihr Gott war.
Elia aber blieb allein
auf dem Berg zurück.
Er warf sich auf die Knie
und bat Gott um Regen.
Lange Zeit kniete er auf der Erde,
betete und wartete.
Aber nichts geschah.
Der Himmel blieb blau wie zuvor.
Endlich, nach vielen Stunden,
zog eine Wolke über dem Meer auf.
Sie wurde größer und größer.
Mit einem Mal war der Himmel
schwarz von Wolken.
Da brach der Regen los.
Es schüttete. Es goss.
Es hörte gar nicht mehr auf.
Die Erde trank das Wasser.
Die Flüsse füllten sich.
Die welken Halme
richteten sich wieder auf.
Alle tranken sich satt,
Menschen und Tiere.
Da erkannte das Volk Israel,
dass der Herr, ihr Gott,
auch Herr über Wind und Wetter war.
1. Könige 18
69. Elia in der Wüste
König Ahab kehrte zu Isebel zurück
und erzählte ihr alles,
was Elia getan hatte.
Da wurde Isebel sehr zornig.
Sie schickte einen Boten zu Elia
und ließ ihm sagen:
„Bei meinen Göttern!
Du musst sterben.
Morgen bist du tot.“
Als Elia das hörte,
floh er in die Wüste,
so schnell er konnte.
Er lief und hielt nicht an,
bis es Abend wurde.
Da warf er sich erschöpft
unter einen Strauch auf die Erde
und rief: „Es ist genug.
Ich kann nicht mehr.
Herr, lass mich sterben!
Ich bin auch nicht besser,
als andere vor mir waren.“
Danach fiel er
in einen langen, tiefen Schlaf.
Aber plötzlich wachte er auf.
Jemand hatte ihn berührt.
Wer war das?
Elia schlug seine Augen auf.
Da sah er einen Mann vor sich,
einen Engel Gottes.
„Elia“, sprach der Engel,
„steh auf und iss!“
Elia schaute sich um.
Tatsächlich!
Da lag ein geröstetes Brot.
Auch ein Wasserkrug stand dabei.
Elia aß von dem Brot
und trank das Wasser.
Dann legte er sich wieder hin
und schlief ein.
Aber der Engel
berührte ihn noch einmal und rief:
„Elia, steh auf und iss!
Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“
Da stand Elia auf, stärkte sich
und machte sich auf den Weg.
Vierzig Tage lang
wanderte er durch die Wüste,
bis er an den Berg Gottes kam.
Und weil er müde war,
suchte er eine Höhle auf
und blieb dort über Nacht.
Aber Elia konnte nicht schlafen.
War Gott nicht einst
an diesem Berg zu Mose gekommen?
Ob Gott sich auch ihm zeigen würde?
Da kam ein großer Sturm auf.
Draußen vor der Höhle
rauschte und brauste es.
Steine lösten sich vom Berg
und donnerten herab.
Sicher ist Gott im Sturm,
dachte Elia erschrocken.
Aber Gott war nicht im Sturm.
Da kam plötzlich ein Erdbeben.
Der Boden wankte und bebte.
Sicher ist Gott im Erdbeben,
dachte Elia erschrocken.
Aber Gott war nicht im Erdbeben.
Da brach ein Unwetter los.
Der Blitz schlug ein.
Draußen brannte es lichterloh.
Sicher ist Gott im Feuer,
dachte Elia erschrocken.
Aber Gott war nicht im Feuer.
Schließlich kam ein sanfter Wind.
Da hüllte Elia sein Gesicht
in seinen Mantel.
Er spürte:
Nun war Gott ihm ganz nah.
Und Gott sprach:
„Elia, was machst du hier?“
„Ach Herr“, antwortete Elia,
„ich habe mich mit Eifer
für dich eingesetzt.
Denn das Volk Israel
hat dich verlassen und vergessen.
Ich bin der Einzige,
der noch zu dir hält.
Doch mich wollen sie töten.“
Aber Gott sprach zu Elia:
„Geh wieder zurück!
Geh zu einem Mann namens Elisa
und mach ihn zum Propheten
an deiner Stelle!
Geh nur und vergiss nicht:
Du bist nicht allein.
Es gibt noch andere,
die nicht Baal, sondern mir dienen.
Siebentausend sind es,
die mir dienen.
Ich will sie alle bewahren.“
Da gehorchte Elia
und kehrte ins Land Israel zurück.
Dort fand er Elisa.
Der pflügte gerade sein Feld.
Elia ging auf ihn zu
und legte seinen Mantel um ihn.
Da ließ Elisa seinen Pflug stehen,
nahm Abschied von seinen Eltern
und zog mit Elia.
Nicht lange danach
nahm Gott Elia zu sich.
Gott holte ihn im Gewitter heim,
in einem feurigen Wagen
mit feurigen Pferden.
Elisa aber wurde an Elias Stelle
Gottes Prophet.
1. Könige 19 (2. Könige 2,11)
70. Elisa und Naaman
Bald darauf fielen
Soldaten aus Syrien
in das Land Israel ein
und raubten alles, was ihnen gefiel.
Auch ein junges Mädchen
nahmen sie als Gefangene mit
und brachten es nach Syrien
zu ihrem General namens Naaman.
Der nahm das Mädchen
als Sklavin in sein Haus auf.
Naaman war in seinem Land
ein hochgeachteter Mann,
aber schwer krank.
Er hatte den Aussatz.
An seinen Händen und Füßen
und in seinem Gesicht
faulte die Haut.
Kein Arzt konnte ihm helfen.
Als aber das Mädchen aus Israel
von seiner Krankheit erfuhr,
sagte es traurig:
„Ach, könnte mein Herr
doch nach Israel fahren!
Dort gibt es einen Propheten,
der könnte ihm helfen.“
Da zögerte der General nicht lange.
Er bat seinen König um Urlaub,
ließ die Pferde anspannen,
lud kostbare Geschenke
auf seinen Wagen
und fuhr nach Israel.
Aber wo sollte er dort
den Propheten finden?
Naaman wusste ja gar nicht,
was ein Prophet ist.
So fuhr er in die Hauptstadt Samaria,
ging in den Königspalast
und bat den König um Hilfe.
„Wie?“, rief der König erschrocken.
„Ich soll dir helfen?
Ich bin doch kein Gott.
Ich kann dich nicht heilen.“
Da kam ein Bote herein.
„O König“, sagte der Bote
und verneigte sich tief.
„Elisa, der Prophet,
schickt mich zu dir.
Er lässt dir sagen:
,Warum schickst du Naaman
nicht zu mir?
Dann wird er schon merken,
was ein Prophet ist.‘“
Da fuhr Naaman schnell
zum Haus des Elisa
und hielt vor seiner Tür an.
Aber nicht Elisa,
nur sein Diener kam zu ihm heraus.
Der richtete Naaman aus:
„Kehr wieder um
und wasch dich im Jordan!
Tauch siebenmal unter!
Dann bist du gesund.“
„Wie?“, rief Naaman empört.
„Ich soll mich im Jordan waschen?
In diesem dreckigen Fluss?
Dazu bin ich doch nicht
aus Syrien gekommen!
Ich dachte, der Prophet
kommt zu mir heraus.
Er betet für mich
und macht mich gesund!
Aber er hat mich nicht einmal begrüßt.
Auf, wir fahren nach Syrien zurück!
Dort gibt es besseres Wasser als hier.“
Aber seine Diener redeten ihm zu:
„Ach, lieber Naaman!
Warum bist du so wütend?
Versuch’s doch einmal!
Es kann dir nicht schaden.
Tu, was der Prophet sagt,
und wasch dich im Jordan!
Wer weiß,
vielleicht hilft es dir doch?“
Da hörte Naaman auf seine Diener.
Er fuhr zum Jordan,
stieg in das Wasser
und tauchte siebenmal unter.
Und sieh da!
Seine Haut wurde ganz rein.
An den Händen und Füßen
und auch im Gesicht
war nichts mehr zu sehen.
Schnell stieg Naaman
wieder in seinen Wagen
und fuhr zu Elisa zurück.
Dort holte er seine Geschenke
aus dem Wagen hervor
und breitete sie vor Elisa aus,
Säcke voll Gold und Silber
und kostbare Kleider.
„Das alles gehört dir“,
rief Naaman glücklich.
„Nimm dies zum Dank!“
Doch Elisa wies alles zurück.
„Nein, ich nehme nichts an,
kein einziges Stück,
so wahr der Gott lebt,
dem ich diene.“
„Ja, du hast Recht“, sagte Naaman.
„Dein Gott lebt wirklich.
Er ist der einzige wahre Gott,
und sonst ist kein anderer Gott.
Deinem Gott will auch ich dienen,
solange ich lebe.“
2. Könige 5,1–17
71. Jona
Zu jener Zeit gab es
noch ein anderes Volk,
das Israel bedrohte,
das Volk der Assyrer.
Es war viel mächtiger
als das Volk der Syrer
und alle anderen Völker ringsum.
Es hatte ein riesiges Heer
und einen mächtigen König.
Der herrschte wie ein Gott
in der großen Stadt Ninive.
Die Israeliten zitterten vor Angst,
wenn sie an die Assyrer dachten.
Sie sagten sich:
„Hoffentlich kommen die Assyrer
nicht eines Tages zu uns
und nehmen unser Land ein.
Dann ist es aus mit uns allen.“
Auch erzählten sie sich
furchtbare Geschichten
von den grausamen Assyrern
und der gottlosen Stadt Ninive.
Aber eine Geschichte
war anders als alle anderen:
die Geschichte
von dem Propheten Jona,
den Gott nach Ninive sandte.
Und dies ist seine Geschichte:
Jona war ein Prophet in Israel.
Eines Tages sprach Gott zu ihm:
„Jona, steh auf!
Verlasse dein Land
und geh in die Stadt Ninive!
Warne die Menschen dort!
Denn sie richten großes Unheil an.“
Da erschrak Jona.
„Nach Ninive?“, sagte er sich.
„Nein, da gehe ich nicht hin.
Dort wohnen doch meine Feinde!
Sollen die Menschen dort machen,
was sie wollen!
Mich geht das nichts an.
Ich gehe nicht nach Ninive.
Aber ich weiß, was ich mache:
Ich laufe einfach davon.
Dann kann mich
Gott nicht mehr finden.
Dann muss ich auch nicht
nach Ninive gehen.“
Da stand Jona auf und lief weg.
Nicht nach Ninive,
sondern zum Meer lief er.
Dort lag ein Schiff im Hafen,
das fuhr zu der fernen Stadt Tarsis,
die weit im Westen lag.
Jona ging hin und bat:
„Kann ich mit euch fahren?“
Und er zahlte das Fahrgeld,
stieg in das Schiff
und fuhr auf und davon.
Der Wind blies voll in die Segel.
Das Schiff glitt ruhig durchs Wasser.
Aber Jona sah nichts davon.
Er lag ganz unten im Schiff
und dachte zufrieden:
Hier kann Gott mich nicht sehen.
Da zog plötzlich ein Unwetter auf.
Der Himmel wurde ganz schwarz.
Es blitzte. Es donnerte.
Der Sturm brauste
und peitschte über das Wasser.
Und haushohe Wellen
schlugen gegen das Schiff,
sodass es krachte.
Da erschraken alle Matrosen
und schrien vor Angst.
Sie hoben die Hände zum Himmel
und beteten zu ihren Göttern:
„Rettet uns!
Helft uns, ihr Götter!“
Aber Jona lag unten im Schiff.
Er schlief tief und fest.
Da stieg der Kapitän zu ihm hinab,
rüttelte ihn wach und rief:
„Was fällt dir ein?
Wie kannst du jetzt schlafen?
Steh auf! Ruf deinen Gott an!
Vielleicht hilft er uns.“
Da stand Jona schnell auf
und ging zu den anderen an Deck.
Als er aber den Sturm
und die Wellen sah,
da wusste er plötzlich:
Gott hatte ihn gefunden.
„Bist du schuld an dem Sturm?“,
fragten ihn die Matrosen.
„Ja“, sagte Jona, „ich bin es.“
Die anderen schauten Jona entsetzt an.
„Wer bist du denn?“, fragten sie.
„Und woher kommst du?“
Jona antwortete:
„Ich komme aus dem Land Israel.
Und ich glaube an Gott,
den Herrn, der die Erde
und alle Meere gemacht hat.
Aber ich bin vor ihm geflohen.
Darum hat er diesen Sturm geschickt.“
„Aber“, so fragten die anderen,
„was sollen wir nun mit dir machen?“
Jona schlug vor:
„Werft mich ins Wasser!
Dann hört der Sturm sicher auf.“
Aber die Matrosen
wollten es anders versuchen.
Sie legten sich in die Ruder
und ruderten mit aller Kraft.
Doch sie kamen nicht
gegen den Wind an.
Da wussten sich die Matrosen
keinen Rat mehr.
„Ach Herr“, beteten sie,
„vergib uns, was wir jetzt tun!“
Und sie packten Jona
und warfen ihn in das Wasser.
Da hörte der Sturm plötzlich auf.
Die Wellen legten sich.
Und der Himmel hellte sich auf.
Als die Matrosen das sahen,
beteten sie Gott an
und brachten ihm Opfer.
Aber Jona?
Was wurde aus ihm?
Ertrank er im Meer?
Nein, Gott schickte
einen riesigen Fisch.
Der verschluckte Jona
mit Haut und mit Haar.
Und noch bevor Jona begriff,
was mit ihm geschah,
saß er im Bauch des Fisches.
Es war dunkel um Jona her
und sehr eng.
Aber er war gerettet!
Da sang Jona ein Danklied
und sprach dieses Gebet:
„Ich rief zu dem Herrn
in meiner Angst.
Und er antwortete mir.
Wasser umgaben mich
und gingen mir ans Leben.
Aber du hast mein Leben
aus dem Verderben geführt,
Herr, mein Gott!“
Jona 1–2
72. Jona in Ninive
Nach drei Tagen
spuckte der Fisch Jona aus
und schleuderte ihn an die Küste.
Da sprach Gott noch einmal:
„Jona, steh auf!
Geh nach Ninive!
Sag den Menschen dort alles,
was ich dir sagen werde!“
Da gehorchte Jona,
stand auf und ging nach Ninive.
Aber wie staunte er,
als er die Stadt sah!
Sie war viel größer und schöner
als alle anderen Städte.
Drei Tage brauchte man,
um von einem Ende
zum anderen zu kommen.
Jona ging in die Stadt hinein.
Entsetzt sah er, was dort
auf den Straßen und Plätzen geschah.
Die Menschen waren brutal
und schreckten auch nicht
vor dem Schlimmsten zurück.
Und plötzlich wusste Jona,
was er diesen Menschen
von Gott mitteilen sollte.
Er stellte sich auf den Marktplatz
und rief laut:
„So spricht Gott, der Herr:
Es sind noch vierzig Tage,
dann wird Ninive untergehen.“
Da horchten die Menschen auf.
Sie blieben stehen.
Sie wurden blass.
Sie schauten einander entsetzt an.
Immer mehr Menschen kamen
und hörten, was Jona rief.
„Was sollen wir tun?“,
fragten alle erschrocken.
„Wir haben Gott beleidigt.“
„Wir wollen beten.“
„Wir wollen uns ändern.“
So riefen sie durcheinander.
Als aber der König davon hörte,
legte er seinen Königsmantel ab,
zog ein Trauerkleid an
und befahl allen:
„Lasst euer Streiten, Schlagen,
Stehlen und Morden!
Und betet zu Gott!
Vielleicht wendet er das Unglück
noch einmal von uns ab.“
Und alle, die in Ninive wohnten,
beteten zu Gott,
Frauen, Männer und Kinder.
Jona aber baute sich draußen
vor der Stadt eine Hütte.
Dort setzte er sich hin
und wartete darauf,
dass die Stadt zerstört würde.
Endlich sollten die Menschen
ihre gerechte Strafe bekommen!
Aber es geschah nichts.
Ninive stand immer noch
in seiner Pracht da.
Da packte Jona der Zorn.
Er klagte Gott an:
„Ich hab’s mir ja gleich gedacht!
Darum wollte ich auch nicht
nach Ninive gehen.
Du tust ja doch nicht, was du sagst.
Du lässt dich wieder überreden.
Und am Ende vergibst du
den Menschen.“
Auf einmal sah Jona eine Pflanze,
die sich an seiner Hütte hochrankte.
Ihre Zweige reichten schon
über das Dach.
Jona wunderte sich.
Er hatte gar nicht bemerkt,
wie sie gewachsen war.
„Nun habe ich endlich
Schatten vor meiner Hütte“,
sagte er zu sich selbst.
„Wenigstens ein kleiner Trost!“
Aber am nächsten Morgen
waren die Blätter welk.
Da schimpfte Jona mit Gott:
„Warum lässt du die Pflanze wachsen,
wenn du sie mir
gleich wieder wegnimmst?
Nun habe ich keinen Schatten mehr.
Die Sonne sticht mir auf den Kopf.
Ich mag nicht mehr.
Am liebsten möchte ich sterben.“
Aber Gott sprach zu Jona:
„Wie, Jona?
Dir ist es leid um die Pflanze,
weil sie verdorrt ist?
Aber um die Menschen in Ninive
ist es dir nicht leid?
Du kannst ruhig zusehen,
wie sie sterben?
Ich kann das nicht.
Ich kann nicht mit ansehen,
wie sie verderben,
Menschen und Tiere.“
Da schwieg Jona und dachte bei sich:
Wie geduldig und barmherzig
ist Gott mit seinen Menschen
– und sogar mit mir!
Jona 3–4
73. Jesaja und König Hiskia
Eines Tages brach ein großes Unglück
über das Land Israel herein.
Die Assyrer kamen
mit ihrem gewaltigen Heer
und nahmen das Land ein.
Sie zerstörten die Städte,
zündeten die Häuser an
und verwüsteten das Land.
Viele Menschen wurden
gefangen genommen
und nach Assyrien verschleppt.
Nun gab es kein Königreich Israel mehr,
nur noch das Königreich Juda,
das Land rings um Jerusalem.
Dort regierten immer noch Könige
aus der Familie Davids.
Aber wie lange noch?
Zu der Zeit kam in Jerusalem
König Hiskia auf den Thron.
Der war ganz anders als König Ahab.
Er hörte auf Gott
und auf seine Propheten.
Und er tat, was Gott gefiel.
Aber bald darauf fielen die Assyrer
auch in sein Land ein,
mit ihrem gewaltigen Heer,
mit Wagen und schnellen Pferden.
Sie rückten bis nach Jerusalem vor.
Dort machten sie halt
und schlugen ihr Kriegslager auf.
Ihre Anführer aber
ritten bis an das Stadttor heran
und riefen durch das verschlossene Tor:
„Wo ist euer König Hiskia?
Wir wollen ihn sprechen.“
Da kamen drei Minister
des Königs zu ihnen heraus,
um mit ihnen zu sprechen.
Doch die beiden Anführer
riefen zur Stadtmauer hoch:
„Hört, ihr Leute von Jerusalem
dort auf der Mauer!
Auf wen verlasst ihr euch?
Verlasst ihr euch immer noch
auf euren Gott?
Ha, ihr seht doch:
Wir sind stärker als euer Gott.“
Sie höhnten und schrien so laut,
dass alle auf der Mauer es hörten.
Da überfiel alle furchtbare Angst.
Auch König Hiskia erschrak,
als er davon hörte.
Was sollte er tun?
Er konnte seinem Volk nicht helfen.
Wenn Gott uns nicht hilft,
dachte er bange,
dann sind wir verloren.
Hiskia ging in den Tempel
und betete lange zu Gott.
Dann schickte er seinen Minister
zu dem Propheten Jesaja
und ließ ihn fragen:
„Hast du für mich
eine Nachricht von Gott?“
Da ließ Jesaja ihm sagen:
„Fürchte dich nicht
vor den Assyrern
und vor ihren starken Worten!
Gott wird dir helfen.“
Aber bald darauf kam
ein Bote der Assyrer
und übergab dem König einen Brief,
darin stand geschrieben:
„So spricht Sanherib,
der mächtige König von Assyrien:
,Verlass dich nicht auf deinen Gott!
Er kann dich nicht
aus meiner Hand retten.‘“
Als Hiskia den Brief las,
erschrak er furchtbar.
Zitternd nahm er den Brief,
ging noch einmal zum Tempel,
kniete dort nieder
und breitete den Brief vor Gott aus.
„Ach Herr!“, schrie er verzweifelt.
„Sieh, wie der assyrische König
dich verhöhnt und verspottet.
Lass es nicht zu!
Rette uns vor ihm,
damit alle sehen,
dass du allein Gott bist.“
Da ging plötzlich die Tür auf.
Ein Mann kam leise herein.
Er ging auf Hiskia zu und sagte:
„Jesaja schickt mich zu dir.
Er lässt dir sagen:
Gott hat dein Gebet gehört.
Er wird diese Stadt beschützen
und von den Assyrern befreien.“
Da glaubte Hiskia
dem Wort des Propheten Jesaja
und schöpfte neuen Mut.
Er stand auf, ging nach Hause
und wartete, was Gott tun würde.
In der folgenden Nacht
brach eine Seuche
im assyrischen Lager aus.
Viele starben.
Die anderen flohen.
Am nächsten Morgen
waren alle Zelte leer.
Jerusalem war gerettet!
*
Aber nicht lange danach
wurde Hiskia todkrank.
Da kam der Prophet Jesaja
zu ihm und sagte:
„So spricht der Herr:
Mach dich bereit!
Bald wirst du sterben.“
Als Hiskia das hörte,
drehte er sich zur Wand,
weinte und betete:
„Ach Herr, denk doch an mich
und lass mich nicht sterben!“
Da kam Jesaja noch einmal
zu ihm und sprach:
„Gott hat dein Gebet erhört.
Er wird dich wieder gesund machen.
Fünfzehn Jahre wirst du noch leben.“
Aber bald danach kamen Gesandte
aus dem fernen Babel zu König Hiskia.
Da fühlte sich Hiskia geschmeichelt.
Er führte die Fremden
in sein Schatzhaus
und zeigte ihnen stolz
alle seine Waffen und Schätze.
Als aber Jesaja davon hörte,
kam er ein letztes Mal
zu König Hiskia und sprach:
„Warum hast du das getan?
Warum hast du den Fremden
deine Schätze und Waffen gezeigt?
Darum höre, was Gott dir sagen lässt:
Bald wird ein großes Heer
aus Babel kommen
und die Stadt Jerusalem einnehmen
und alle deine Schätze wegtragen,
auf die du so stolz bist.“
Da merkte der König,
dass er sich mehr
auf seine Schätze verlassen hatte
als auf den Herrn, seinen Gott,
der ihn und sein Volk
aus großer Not gerettet hatte.
2. Könige 18–20
74. Die Schriftrolle
Als König Hiskia gestorben war,
wurde sein Sohn König.
Der aber tat nur, was ihm gefiel
und hörte nicht auf Gott.
Überall, sogar im Tempel,
ließ er Götterbilder aufstellen.
Und er befahl seinem Volk:
„Hört auf mich
und betet meine Götter an!“
Da hörten sie auf ihn
und beteten zu seinen Göttern.
Aber an den Herrn, ihren Gott,
der sie von den Assyrern befreit hatte,
dachten sie nicht mehr.
Viele Jahre ging es so in Jerusalem zu,
bis endlich der König starb.
Kurz darauf starb auch sein Sohn.
Wer sollte nun König
über das Volk Gottes werden?
Im ganzen Königshaus
gab es keinen mehr,
der auf Gott hörte.
Nur ein Sohn war noch da,
der sich zu Gott hielt: Josia.
Aber er war erst acht Jahre alt.
Da kam das Volk zu Josia
und bat ihn: „Sei du unser König!“
Josia erschrak.
Er war noch ein Kind.
Wie konnte er König sein?
Er wusste doch nichts.
Und er konnte noch nichts.
„Gott muss mir zeigen,
was ich tun soll“, sagte er zu sich.
Aber wo sollte er Gott finden?
Sein Vater hatte ihm nie etwas
von Gott erzählt.
Vielleicht finde ich Gott im Tempel,
überlegte Josia.
Aber wie erschrak er,
als er den Tempel sah!
In den Wänden waren Risse.
Von den Säulen blätterte das Gold ab.
Und überall standen
fremde Götterbilder herum.
Das soll Gottes Haus sein?,
dachte Josia erschrocken.
Das muss anders werden,
so wahr ich König bin!
Ich weiß, was ich mache.
Ich werde den Tempel
wieder schön machen,
so schön, wie er früher war.
Aber Josia verriet keinem,
was er vorhatte.
Jahre vergingen.
König Josia war inzwischen
ein junger Mann geworden.
Da rief er eines Tages seinen Minister,
den Schreiber Schafan, zu sich
und sagte zu ihm:
„Hör zu! Ich habe einen Plan.
Ich möchte, dass der Tempel
wieder ein Haus wird,
wo Gott gerne wohnt.
Er soll wieder so schön werden,
wie er am Anfang war.
Darum ruf alle Handwerker
und Arbeiter herbei
und sage ihnen,
dass sie das Haus Gottes
wieder in Ordnung bringen.“
Da rief der Minister alle herbei,
die Maurer und Schreiner,
die Zimmerleute und Goldschmiede.
Sie kamen zum Tempel
und machten sich an die Arbeit.
Der Priester aber holte Geld
aus dem großen Opferkasten
und zahlte den Handwerkern
im Voraus ihren Lohn aus.
So vergingen Tage und Wochen.
Der Tempel wurde
mit jedem Tag schöner.
Aber eines Tages kam Schafan
aufgeregt zu Josia und rief:
„O König, sieh, was ich habe!“
Er hielt eine alte Schriftrolle
in seiner Hand.
„Was?“, rief der König erstaunt.
„Eine Schriftrolle hast du?
Wo hast du sie her?“
„Gefunden“, rief der Minister.
„Der Priester Hilkia hat sie
im Opferkasten gefunden,
als er das Geld herausholte.
Es stehen wichtige Worte
von Gott auf der Rolle.“
Da horchte der König auf.
„Was sagst du da?
Worte von Gott?
Die muss ich hören.
Die muss ich alle wissen.
Auf, lies sie mir vor!
Und lass nichts aus!
Lies sie von Anfang bis Ende!“
Da nahm der Minister die Rolle,
rollte sie feierlich auf
und las sie dem König vor,
von Anfang bis Ende.
Viele Stunden lang las er.
Der König aber hörte ihm zu
und wurde immer blasser.
Plötzlich sprang er auf.
Was stand da geschrieben?
Der Minister las es noch einmal:
„Höre Israel,
der Herr, unser Gott,
ist der einzige Gott.
Ihn sollt ihr lieben
mit ganzem Herzen,
mit ganzer Seele
und mit ganzer Kraft.
Vergesst ihn nicht!
Und betet keine anderen Götter an!
Sonst werdet ihr umkommen
wie die anderen Völker.“
Als der König das hörte,
weinte er laut und rief:
„Was sollen wir tun?
Wir haben Gott verlassen
und seine Gebote vergessen.
Wir sind verloren.“
Und er befahl:
„Ruft alle Leute zum Tempel,
alle, Kleine und Große,
das ganze Volk!“
Da kamen sie alle herbei
und strömten zum Tempel,
die Fürsten und Bauern,
die Priester und einfachen Leute.
Sie versammelten sich
im Vorhof des Tempels.
Der König aber
stellte sich an die Säule
vor dem Eingang des Tempels
und befahl den Priestern:
„Bringt die Schriftrolle
und lest sie dem Volk vor,
damit alle wissen,
was Gott von uns will!“
Da holten sie die Rolle herbei
und lasen sie dem Volk vor,
von Anfang bis Ende.
Auf einmal wurde es ganz still.
Niemand wagte zu sprechen.
Plötzlich erkannten alle,
was sie Gott angetan hatten.
Josia aber wandte sich
zum Volk und rief laut:
„Hört, ihr Leute von Jerusalem!
Wollt ihr wieder auf Gott hören?
Wollt ihr ihn lieben
und seine Gebote halten?“
Da antworteten alle
wie aus einem Munde:
„Ja, wir wollen es.
Wir wollen keine anderen Götter
neben Gott haben.“
Und sie stießen
alle Götterbilder im Tempel um,
warfen sie hinaus
und verbrannten sie im Feuer.
Danach feierten sie
miteinander das Passafest.
Es wurde das herrlichste
und fröhlichste Passafest,
das je im Tempel gefeiert wurde.
2. Könige 22–23 (5. Mose 6,4 ff.)
75. Jeremia
Bald darauf vergaßen
die Menschen wieder,
was sie Gott versprochen hatten.
Sie dachten nur noch an sich
und an das, was ihnen selbst nützte.
Sie bauten sich prächtige Häuser,
kauften sich kostbare Kleider
und aßen nur erlesene Speisen.
Dabei redeten sie sich ein:
„Uns kann kein Unglück geschehen.
Wir sind ja reich.
Wir nehmen uns, was wir brauchen.
Gott hat gewiss nichts dagegen.
Wenn wir ihm nur ab und zu
im Tempel ein Opfer bringen,
dann ist er sicher zufrieden mit uns.“
So ging es lange Zeit in Jerusalem zu.
Die Reichen wurden
mit jedem Tag reicher.
Aber die Armen wurden
mit jedem Tag ärmer.
Da schickte Gott seinem Volk
einen Propheten: Jeremia.
Der redete den Menschen
ins Gewissen und erinnerte sie
an ihr Versprechen.
Er sprach sie überall an,
auf ihren Straßen und Gassen,
auf ihren Märkten
und an den Stadttoren.
Er rief es sogar in ihre
Häuser und Paläste hinein:
„Ihr Leute von Jerusalem,
hört doch auf Gottes Wort!“
Eines Tages kam Jeremia zum Tempel.
Da sah er, wie die Leute
in ihren prunkvollen Kleidern
zum Gottesdienst gingen.
Wie sie sich aufspielten!
Wie sie sich an den Bettlern
vorbeidrückten und so taten,
als seien sie Luft!
Jeremia packte der Zorn,
als er sie sah.
Er blieb am Tempeltor stehen
und rief ihnen laut entgegen:
„Ihr feinen Leute, hört her!
Glaubt ihr denn,
Gott sei zufrieden mit euch,
wenn ihr ab und zu
zum Gottesdienst geht?
Nein! Bessert euer Leben!
Dann ist Gott mit euch.
Aber ihr hört ja nicht mehr
auf Gott und seine Gebote.
Diebe seid ihr, Lügner, Verbrecher!
Den ganzen Tag treibt ihr nur
eure krummen Geschäfte.
Aber dann kommt ihr
wieder zum Tempel
und fühlt euch dort sicher.
Glaubt ihr denn,
der Tempel sei eine Räuberhöhle,
ein Versteck für Verbrecher?
Macht euch nichts vor!
Bald werden Feinde die Stadt einnehmen
und den Tempel zerstören.“
Da horchten die Leute auf.
Erschrocken blieben sie stehen.
„Ist das nicht der Prophet Jeremia?“,
fragte einer den anderen.
Die Priester aber schrien ihn an:
„Jeremia, was fällt dir ein?
Was hast du hier
an diesem heiligen Ort zu suchen?
Wer hat dir erlaubt,
unsere Gottesdienste zu stören?
Warte nur! Das sollst du büßen!“
Und schon drangen sie auf ihn ein,
packten ihn und schleppten ihn
vor die Richter der Stadt.
„Jeremia muss sterben!“,
schrien sie wütend.
„Denn er hat Unheil über die Stadt
und den Tempel vorausgesagt.“
Aber Jeremia verteidigte sich:
„Nicht ich habe es gesagt.
Gott hat es gesagt.
Ich habe sein Wort nur weitergegeben.
So hört doch endlich auf Gott
und tut, was er sagt!
Dann wird sich Gott
wieder zu euch wenden.
Mich könnt ihr zwar töten,
wenn es euch Spaß macht.
Aber was habt ihr davon?
Ihr macht euch
nur noch mehr schuldig.“
Da wurde es auf einmal
ganz still in der Menge.
„Eigentlich hat er Recht“,
flüsterten einige Leute.
„Vielleicht sollten wir wirklich tun,
was Jeremia sagt?“
Auch die Richter wurden nachdenklich.
Schließlich sagten sie:
„Jeremia hat Recht.
Denn Gott spricht durch ihn.
Wir können ihm nicht widersprechen.“
So ließen sie Jeremia frei.
Aber von diesem Tag an
durfte Jeremia nie mehr
den Tempel betreten.
Jeremia 7 und 26
76. Jeremia und Baruch
Eines Tages wurde in Jerusalem
ein Bußtag gefeiert.
Aus dem ganzen Land strömten
die Leute herbei,
um im Tempel zu beten
und Gott um Hilfe zu bitten.
Doch als sie zum Tempeltor kamen,
hörten sie jemand rufen:
„Ihr Leute, hört her!
Gott hat eine wichtige Nachricht
für euch.“
Verwundert blieben sie stehen.
Wer rief da so laut?
Die Worte kannten sie doch!
Da entdeckten sie einen Mann,
der stand im Vorhof des Tempels
und las aus einer Schriftrolle vor.
Baruch war es, ein Freund Jeremias.
Neugierig kamen die Leute näher
und lauschten.
„Habt ihr gehört, was der liest?“,
flüsterten sie erschrocken.
„Das muss der König erfahren
und auch seine Minister
müssen es wissen.“
Und sogleich rannte einer
zum Königspalast,
wo gerade alle Minister
versammelt waren.
Dort meldete er aufgeregt:
„Baruch, der Freund Jeremias,
liest im Vorhof des Tempels
aus einer Schriftrolle vor.
Er hat eine wichtige Nachricht
von Gott.“
Da horchten die Minister auf.
„Was sagst du da?
Eine wichtige Nachricht?
Die müssen wir hören.
Jetzt gleich! Auf der Stelle!“
Schnell ließen sie Baruch rufen
und baten ihn:
„Komm, setz dich zu uns!
Lies uns aus deiner Rolle vor!
Wir wollen dich hören.“
Da las ihnen Baruch alles vor,
von Anfang bis Ende,
Wort für Wort.
Als aber die Minister hörten,
was Baruch las,
wurden sie ganz bleich.
„Sag“, unterbrachen sie ihn,
„ist das wirklich wahr,
was du da liest?
Woher weißt du dies alles?“
„Von Jeremia“, antwortete Baruch.
„Und der weiß es von Gott.
Jeremia hat mir alle Worte gesagt,
und ich habe sie mit Tinte
auf diese Rolle geschrieben,
damit sie niemand vergisst.“
„Gib uns die Rolle!“,
baten ihn die Minister.
„Wir wollen sie auch
dem König vorlesen.
Er muss wissen,
was für ein großes Unglück
uns allen bevorsteht.
Du aber geh schnell zu Jeremia
und versteck dich mit ihm!
Denn wer weiß,
was der König euch antut,
wenn er hört,
was in der Schriftrolle steht.“
Und sie gingen sogleich
zu Jojakim, ihrem König.
Der saß gerade in seinem Winterpalast
und wärmte seine Hände
über dem offenen Feuer.
„O König“, meldeten sie,
„wir haben eine dringende
Nachricht für dich.
Sie steht in einer Schriftrolle.“
„Dann lest sie mir vor!“,
befahl ihnen der König.
„Ich will sie auch hören.“
Da holte ein Diener die Rolle
und las dem König laut vor:
„So spricht der Herr:
Ich will deinen Palast
zur Wüste machen
und deine Stadt
zu einer Stadt ohne Bewohner.
Fremde Völker werden kommen
und diese Stadt zerstören
und im Feuer verbrennen,
weil sie den Bund mit Gott
gebrochen hat.“
Die Minister schauten
gespannt auf den König.
Was würde er tun?
Was würde er dazu sagen?
Der aber verzog keine Miene.
Ungerührt nahm er ein Messer,
schnitt Stück um Stück
von der Schriftrolle ab
und warf alle Stücke ins Feuer.
Den Ministern stockte der Atem.
Wie? Der König wagte es,
Gottes Wort zu verbrennen?
„O König“, baten sie leise,
„tu’s nicht! Bitte, hör auf!“
Doch der König hörte nicht auf sie.
Er ruhte nicht eher,
bis die ganze Rolle verbrannt war.
Da wurde es mit einem Mal
ganz still in der Runde.
Niemand wagte noch,
etwas zu sagen.
Niemand schrie auf.
Niemand weinte und klagte.
Es blieb totenstill in dem Saal.
Gottes Wort war endgültig verstummt.
Aber Gott sprach zu Jeremia:
„Schreib alles noch einmal auf,
alles, was ich geredet habe.“
Da nahm Jeremia
eine neue Schriftrolle,
gab sie Baruch
und sagte ihm alle Worte,
die Gott zu ihm geredet hatte.
Und er fügte hinzu:
„So spricht der Herr:
Einst kommt die Zeit,
da will ich mich wieder
meinem Volk zuwenden
und ich will sie
zu mir heimbringen.
Sie sollen mein Volk sein
und ich will ihr Gott sein.“
Noch war es ein Geheimnis,
was Baruch damals
auf die Schriftrolle schrieb.
Nur wenige Menschen ahnten,
was Gott dem Propheten
anvertraut hatte.
Aber einmal würde der Tag kommen,
da würden die Menschen
mit eigenen Augen sehen,
wie sich Gottes Versprechen
an ihnen erfüllte.
Jeremia 36 (22,6 ff. / 30,1 ff.)
VII
Gott ist Herr über die Welt
Zu jener Zeit herrschte
im fernen Land Babel
der mächtige König Nebukadnezar.
Er war mächtiger
als alle anderen Könige der Erde.
Er wohnte in der Stadt Babel
in einem prächtigen Palast.
Und er hatte ein gewaltiges Heer.
Seine Soldaten eroberten viele Länder
und unterwarfen sie für den König.
Sie zogen auch in das Land Juda
und belagerten Jerusalem
und nahmen es ein.
Sie rissen die Mauern ein,
drangen in die Stadt vor,
zündeten die Häuser an,
raubten den Tempel aus
und zerstörten ihn bis auf den Grund.
Und sie nahmen alles mit,
was sie fanden:
goldene Leuchter, silberne Becher
und Schalen aus Kupfer.
Aber auch viele Bewohner
nahmen sie gefangen
und führten sie mit sich nach Babel.
Nun war geschehen,
was die Propheten vorhergesagt hatten.
Es gab kein Königreich
und auch keinen Tempel mehr.
Jerusalem war zerstört.
Das Land Juda war verwüstet.
Und die Juden mussten von nun an
im fremden Land leben
und einem fremden König dienen.
Was würde sie dort erwarten?
Ob Gott auch im fremden Land
ihr Herr blieb?
Ob er auch Herr war
über den König von Babel,
Herr über den mächtigsten
Herrscher der Welt?
77. Daniel
Nebukadnezar, der König von Babel,
thronte in seinem Palast
Da wurde dem König gemeldet:
„Die Gefangenen aus Jerusalem
sind in der Stadt eingetroffen.
Was sollen wir
mit ihnen machen?“
Da rief der König Aschpenas,
seinen Kämmerer, zu sich
und befahl ihm:
„Geh zu den Gefangenen hinaus!
Suche die jüngsten
und besten aus, junge Leute,
die klug sind und schön.
Sie sollen Unterricht
in unserer Sprache bekommen
und jeden Tag gutes Essen,
so viel sie wollen.
Das Fleisch, das ich esse
und den Wein, den ich trinke.
In drei Jahren aber
sollst du mir alle vorführen.
Dann will ich sie prüfen
und die Besten unter ihnen
zu meinen Hofdienern machen.“
Aber Nebukadnezar wusste nicht,
dass es den Juden verboten war,
Speisen zu sich zu nehmen,
die fremden Göttern geweiht waren.
Da suchte Aschpenas
die schönsten und klügsten Jungen
unter den Gefangenen aus.
„Habt keine Angst!“,
sprach er zu ihnen.
„Der König meint es gut mit euch.
Er will euch zu seinen Dienern machen.
Drei Jahre lang sollt ihr lernen.
Danach sollt ihr vor den König treten.
Und damit ihr gesund ausseht,
dürft ihr essen,
was auch der König isst,
und trinken,
was auch der König trinkt.“
Und er führte sie in einen großen Saal,
wo der Tisch festlich gedeckt war.
Diener trugen Schüsseln auf
mit köstlichem Fleisch.
Und andere Diener
schenkten Wein in die Becher.
Da machten sich die Jungen
gierig über das Essen her.
Aber vier Jungen aßen nicht mit:
Daniel und seine drei Freunde.
Sie rührten nichts an,
keinen Teller und keinen Becher.
„Warum esst ihr nicht?“,
fragte Aschpenas erstaunt.
„Habt ihr denn keinen Hunger?
Auf, esst und trinkt!
Es ist genug da.“
Aber Daniel antwortete:
„Wir wollen nichts
von eurem Fleisch essen
und auch nichts
von eurem Wein trinken.
Unser Gott, dem wir dienen,
erlaubt es uns nicht.“
Aschpenas sah sie ungläubig an.
„Aber ihr müsst essen!“, befahl er.
„Sonst hat der König
keine Freude an euch.“
Da antwortete Daniel:
„Wir brauchen keinen Wein
und auch kein Fleisch.
Gib uns Gemüse und Wasser!
Mehr brauchen wir nicht.“
„Unmöglich!“,
rief Aschpenas erschrocken.
„Der König wird mir
den Kopf abschlagen,
wenn er davon hört.“
Doch Daniel bat ihn:
„Versuch es wenigstens zehn Tage!“
Da gab Aschpenas nach.
Und wirklich:
Nach zehn Tagen
sahen Daniel und seine Freunde
besser aus als alle anderen Jungen.
Als der Kämmerer das sah,
ließ er sie gewähren.
Nach drei Jahren wurden alle
vor den König geführt.
Der stellte ihnen Fragen
und gab ihnen schwere Rätsel auf.
Aber Daniel und seine Freunde
lösten alle Rätsel und Fragen.
Da rief der König:
„Daniel und seine Freunde
sind zehnmal klüger als alle anderen.
Sie sollen meine Diener sein.“
So kamen Daniel und seine Freunde
an den Hof Nebukadnezars,
des mächtigen Königs von Babel.
Ihm dienten sie von nun an
täglich von früh bis spät.
Aber Gott blieb dennoch
der wahre König und Herr,
dem sie dienten.
Auch als Diener des Königs
blieben sie ihrem Gott treu
und hielten seine Gebote.
Daniel 1
78. Daniel deutet einen Traum
Es war Nacht.
König Nebukadnezar schlief unruhig
in seinem Königspalast.
Er hatte einen seltsamen Traum.
Plötzlich wachte er auf.
Sein Traum hatte ihn sehr erschreckt.
Was hatte er nur geträumt?
So sehr er sich auch besann:
Er wusste es nicht mehr.
„Sicher war es ein wichtiger Traum“,
sagte er zu sich.
„Ich muss ihn wissen,
koste es, was es wolle.“
Am nächsten Morgen ließ er
alle Gelehrten und Wahrsager rufen
und befahl ihnen:
„Ich hatte heute Nacht einen Traum.
Sagt mir, was er bedeutet!“
Da verneigten sich die Männer
und sprachen: „O König!
Erzähle uns, was du geträumt hast!
Dann wollen wir
deinen Traum deuten.“
Aber der König rief zornig:
„Nein, ihr sollt den Traum erzählen
und mir sagen, was er bedeutet.
Ich will euch reich beschenken,
wenn ihr mir den Traum deutet.
Aber wenn ihr es nicht könnt,
dann lasse ich euch töten.“
Da erschraken die Weisen
und verneigten sich noch tiefer.
„O König!“, riefen sie.
„Wie können wir wissen,
was du geträumt hast?
Niemand auf der ganzen Welt
kann das wissen.“
Aber der König schrie wütend:
„Ihr seid alle Betrüger!
Ihr behauptet, alles zu wissen.
Aber ihr wisst gar nichts.“
Und er befahl seinen Soldaten:
„Zieht durch das Land!
Spürt alle Weisen auf
und schlagt sie tot!“
Da zogen die Soldaten los
und suchten alle Weisen im Land,
auch Daniel und seine drei Freunde.
Als aber Daniel hörte,
was der König vorhatte,
eilte er zum König und bat ihn:
„O König, gib mir ein wenig Zeit!
Dann will ich dir sagen,
was du geträumt hast.“
Danach ging er schnell
zu seinen Freunden zurück,
kniete mit ihnen nieder
und betete zu Gott.
Die ganze Nacht lag Daniel
auf seinen Knien.
Da, mitten in der Nacht,
sah er auf einmal vor sich,
was der König geträumt hatte.
„Gott sei Dank!“, rief er froh
und eilte zum König.
Der wartete schon ungeduldig auf ihn.
„Kannst du mir endlich sagen,
was ich geträumt habe?“,
fragte der König.
„Nein“, entgegnete Daniel,
„kein Mensch kann es.
Aber Gott im Himmel
hat mir den Traum gezeigt.
Er war es,
der dir den Traum geschickt hat.
Und das war dein Traum:
Ein großes Standbild stand vor dir.
Es sah furchtbar aus.
Sein Kopf war aus Gold,
seine Brust aus Silber,
sein Bauch aus Kupfer,
und die Füße waren
aus Eisen und Ton.
Da löste sich ein Stein vom Fels,
der donnerte den Berg herab
und zerschlug die Füße
und das ganze Standbild.
Der Stein aber wurde
immer größer und größer.
Er wurde am Ende so groß,
dass er die ganze Welt ausfüllte.
Und das bedeutet dein Traum:
Das Standbild verging.
Aber der Stein blieb
und wurde größer als alles.
So werden auch
die Königreiche vergehen.
Aber unser Gott bleibt.
Sein Königreich besteht ewig
und erfüllt die ganze Welt.“
Da fiel König Nebukadnezar
auf seine Knie und rief:
„O Daniel, wie groß ist dein Gott!
Er ist mächtiger als alle Götter
und als alle Könige der Welt.“
Und König Nebukadnezar
gab Daniel reiche Geschenke
und machte ihn zum Ratgeber
in seinem Palast.
Daniels Freunde aber erhob er
zu Fürsten in seinem Reich.
Daniel 2
79. Daniels Freunde im Feuerofen
Nicht lange danach
ließ König Nebukadnezar
ein riesiges Standbild bauen.
Es war noch viel größer
als das Bild in seinem Traum
und war ganz aus Gold.
„Ich will doch sehen,
wer Herr ist im Land“,
sagte er zu sich.
Und er schickte Boten
in das ganze Land,
zu allen Mächtigen,
zu Richtern und Ratsleuten,
zu Fürsten und Vornehmen
in seinem Reich.
Und er ließ ihnen sagen:
„Kommt und weiht mit mir
das neue Standbild ein!“
Da eilten sie alle herbei,
die mächtigen Männer,
die Richter und Ratsleute,
die Fürsten und Vornehmen,
wie der König befohlen hatte.
Wie staunten sie alle,
als sie das Standbild sahen
in seinem goldenen Glanz!
Aber daneben – was war das?
Ein riesiger Ofen aus Stein!
Haushohe Flammen schlugen heraus.
Da rief der Herold des Königs:
„Passt auf, ihr Männer!
Gleich hört ihr Musik.
Dann kniet sofort nieder
und betet das Bild an!
So befiehlt es der König,
der mächtige Nebukadnezar.
Jeder muss knien.
Niemand darf stehen.
Sonst wird er im Feuerofen verbrannt.“
Da zitterten alle vor Angst.
Es wurde ganz still.
Nur das Feuer knisterte laut.
Und auf einmal ertönte Musik:
Posaunen und Trompeten,
Harfen und Zithern,
Flöten und Lauten.
Sofort fielen alle auf ihre Knie.
Nein, nicht alle!
Drei blieben stehen: Daniels Freunde.
„Wie?“, rief der König.
„Ihr wollt mein Bild nicht verehren?
Was fällt euch ein?
Aber ich will es noch einmal
mit euch versuchen.
Gebt acht!
Gleich spielt die Musik wieder.
Dann kniet sofort nieder
und betet das Bild an!
Sonst werfen wir euch in den Ofen.
Dort hilft euch niemand,
auch euer Gott nicht.“
Aber die Freunde erwiderten:
„Nein, König Nebukadnezar!
Wir werden nicht niederknien.
Unser Gott will nicht,
dass wir andere Götter verehren.
Aber wenn unser Gott will,
kann er uns auch
aus dem Feuer erretten.
Und wenn er es nicht will,
dann knien wir dennoch nicht nieder.“
„Wie?“, schrie der König wütend.
„Ihr wagt es, nicht zu gehorchen?“
Und er befahl seinen Soldaten:
„Heizt den Ofen
noch siebenmal stärker!
Und werft die Männer ins Feuer!“
Da warfen sie die Männer
in den brennenden Ofen
mit ihren Kleidern und Hüten,
an Händen und Füßen gebunden.
Die Flammen aber schlugen
so hoch aus dem Ofen heraus,
dass die Soldaten verbrannten.
Aber den König störte das nicht.
Er sah nur auf das Feuer
und auf die drei Männer im Feuer.
Doch plötzlich erschrak er.
Er rief: „Haben wir nicht
drei Männer ins Feuer geworfen?
Aber nun sind es vier!
Sie gehen im Feuer umher.
Und der vierte ist gar kein Mensch.
Er sieht aus wie ein Engel.“
„Ihr Diener Gottes“, rief er,
„kommt schnell aus dem Ofen!“
Da kamen sie heraus,
mit Kleidern und Hüten.
Nichts war verbrannt,
nicht ein einziges Haar.
Sie rochen auch nicht verbrannt.
Nichts war ihnen geschehen.
Da rief der König laut,
sodass alle es hörten:
„Gelobt sei euer Gott!
Er hat euch gerettet.
Kein Gott ist so mächtig wie er.“
Daniel 3
80. Daniel in der Löwengrube
Jahre vergingen.
Inzwischen herrschte König Darius
über das Land.
Darius achtete Daniel hoch.
Er war sein bester Minister.
Darum beschloss der König:
Daniel soll noch mehr Macht
in meinem Königreich haben.
Als aber die anderen Minister
und Fürsten das hörten,
wurden sie neidisch auf Daniel
und sie fragten sich:
„Warum nicht wir?
Wir sind doch viel besser!
Aber wir werden dem König zeigen,
wie schlecht Daniel ist.“
Von diesem Tag an suchten sie
einen Fehler an Daniel zu finden.
Aber sie konnten nichts finden.
„Daniel hat nur einen Fehler“,
meinten sie schließlich.
„Er betet zu viel.“
Und wirklich:
Daniel betete dreimal am Tag,
morgens, mittags und abends.
Er kniete am offenen Fenster,
wenn er mit seinem Gott sprach,
und schaute voll Wehmut nach Westen,
wo in der Ferne Jerusalem lag.
„Ach Herr“, so betete er,
„bring uns wieder nach Hause!“
Eines Tages dachten sich
die Minister und Fürsten
einen listigen Plan aus.
Sie gingen zum König,
verneigten sich tief und sprachen:
„O großer König Darius!
Dein Volk soll dich allein
und niemand sonst ehren.
Darum gib den Befehl:
Niemand darf zu einem Menschen
oder zu einem Gott beten.
Nur dich darf man bitten.
Und dieses Gebot
soll 30 Tage lang gelten.
Wer sich nicht daran hält,
den sollen die Löwen fressen.“
Da fühlte sich der König
geschmeichelt und rief:
„Gut, gut! Das gefällt mir!“
Er schickte Boten ins Land
und ließ überall ausrufen:
„Dies befiehlt König Darius:
Niemand darf zu einem Menschen
oder zu einem Gott beten.
Nur mich dürft ihr bitten.
Und dieses Gebot
soll 30 Tage lang gelten.
Und wer sich nicht daran hält,
den sollen die Löwen fressen.“
Als aber Daniel davon hörte,
wusste er sofort,
dass dieses Gebot auf ihn zielte.
Dennoch ging er hinein in sein Haus,
kniete nieder am offenen Fenster,
betete, lobte und dankte Gott,
wie er es gewohnt war.
Aber unter Daniels Fenster
hatten sich seine Gegner versteckt.
Als sie hörten,
wie Daniel sein Gebet sprach,
eilten sie sogleich zum König
und riefen: „O König!
Hast du nicht gesagt:
,Niemand darf beten‘?“
„Ja“, sagte der König,
„das habe ich wirklich gesagt.“
„Und“, fuhren sie fort,
„hast du nicht gesagt:
,Wer sich nicht daran hält,
den sollen die Löwen fressen‘?“
„Auch das habe ich gesagt“,
gab der König zur Antwort.
„Dann muss Daniel sterben“,
riefen die Fürsten.
„Denn Daniel betet zu seinem Gott,
dreimal am Tag.“
Da merkte der König,
dass die Fürsten ihm
eine Falle gestellt hatten.
„Nein“, rief er entsetzt, „nicht Daniel!
Das lasse ich nicht zu.“
Aber die Fürsten erwiderten:
„Du hast es befohlen.
Nun musst du es tun.“
Vergeblich versuchte der König,
Daniel zu retten.
Aber die Fürsten gaben nicht nach.
Endlich, am Abend,
ließ der König Daniel holen.
„Daniel“, sagte er traurig,
„dein Gott, dem du dienst,
der muss dir jetzt helfen.“
Und er befahl seinen Soldaten:
„Werft ihn zu den Löwen!“
Da packten sie Daniel,
warfen ihn in die Löwengrube
und rollten einen Stein vor die Tür.
Dann wurde es Nacht.
Aber der König konnte nicht schlafen.
Er aß nichts und trank nichts.
Er dachte die ganze Nacht
nur an Daniel.
Am anderen Morgen aber
stand der König früh auf
und eilte zur Grube.
„Daniel“, rief er in die Grube hinab,
„du Diener des lebendigen Gottes!
Hat dein Gott, dem du dienst,
dir auch jetzt geholfen?“
Er horchte gespannt.
Auf einmal hörte er Daniels Stimme:
„Ja, König, Gott hat mir geholfen.
Er hat seinen Engel geschickt.
Der hat den Löwen
das Maul zugehalten.
Sie haben mir nichts getan.“
„Habt ihr gehört?“,
rief der König erleichtert.
„Daniel lebt!
Holt ihn sofort aus der Grube!“
Da zogen sie Daniel heraus.
„Seht“, rief der König voll Staunen,
„Daniel ist unverletzt!
Was für ein Wunder!“
Und der König gab
im ganzen Reich den Befehl aus:
„Ehrt Daniels Gott!
Und fürchtet ihn mehr als die Götter!
Denn er ist ein lebendiger Gott.
Er rettet und hilft.“
Daniel 6
VIII
Gott bringt heim
Viele Jahre lang lebten die Juden
im fremden Land.
Wann durften sie endlich
wieder heimkehren?
Viele von ihnen hatten schon
alle Hoffnung verloren.
Da schickte Gott ihnen Propheten.
Die trösteten sie und sprachen:
„Fürchtet euch nicht!
Gott wird euch erlösen
und aus Babel befreien.
Er wird euch
in euer Land zurückführen,
wie er einst eure Vorfahren
aus Ägypten herausgeführt hat.“
Jesaja 43,1 ff.
Da schöpften die Juden neue Hoffnung.
Voll Sehnsucht sangen sie
das Lied der Befreiung:
„Wenn der Herr
die Gefangenen Zions
erlösen wird,
so werden wir sein
wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund
voller Lachen
und unsere Zunge
voller Rühmen sein.
Dann wird man sagen
unter den Völkern:
,Der Herr hat Großes
an uns getan.‘“
Psalm 126
Endlich kam der Tag,
auf den die Juden
so lange gewartet hatten.
Kyros, der König von Persien,
eroberte Babel
und wurde Herrscher über das Land.
Er gab den Befehl aus:
„Alle Juden, die nach Babel
verschleppt wurden,
dürfen heimkehren.“
Da war die Freude groß
bei allen Juden.
Endlich waren sie frei!
Viele machten sich sofort auf den Weg
und zogen ins Land Juda zurück.
Aber das Land war noch verwüstet.
Jerusalem lag noch immer in Trümmern.
Und von dem herrlichen Tempel,
den Salomo einst gebaut hatte,
war nichts mehr zu sehen.
Da machten sie sich an die Arbeit.
Zuerst errichteten sie wieder den Tempel,
danach die Stadtmauern.
Viele Jahre lang bauten sie.
Oft wurden sie müde
und ließen die Arbeit liegen.
Manchmal verloren sie allen Mut
und seufzten:
„Es hat keinen Sinn.
Wir schaffen es nie.“
Aber Gott schickte ihnen
immer wieder Propheten,
die riefen ihnen zu:
„Fürchtet euch nicht!
Macht eure Hände stark!
Gott steht euch bei.“
Sacharja 8,13b
Da bauten sie weiter,
bis der Tempel fertig dastand.
Nun konnten die Juden wieder
miteinander das Passafest feiern.
Sie feierten es so fröhlich,
wie es ihre Vorfahren
vor vielen Jahren gefeiert hatten:
Sie dankten Gott,
der sie bis zu diesem Tag
wunderbar geführt hatte,
von dem Tag an,
als er sie aus Ägypten gerettet hatte.
Und sie sagten zueinander:
„Einmal wird der Retter kommen,
der König,
den Gott uns versprochen hat.
Er wird zu uns
nach Jerusalem kommen
und für immer unser König sein.
Wer weiß?
Vielleicht wird er sogar
am Passafest kommen?“
So freuten sie sich auf den Tag,
an dem sich erfüllen würde,
was der Prophet Sacharja
vorausgesagt hatte:
„Jerusalem, freue dich sehr!
Denn siehe, dein König kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer.“ Sach. 9, 9
Aber wann würde der Retter kommen?
Niemand wusste es, noch niemand.
Das Neue Testament
I
Jesus, der Retter, ist da!
Im Land der Juden
war eine schlimme Zeit
angebrochen.
Die Römer
hielten das Land besetzt.
Sie hatten Herodes
zum König gemacht.
Der regierte in Jerusalem
wie einst König David.
Aber Herodes war grausam.
Alle Menschen im Land,
sogar seine Freunde
und seine Familie
fürchteten sich vor ihm.
Niemand durfte offen sagen,
was er wirklich dachte.
Doch heimlich
fragten sich viele:
Wann wird diese schlimme Zeit
einmal zu Ende gehen?
Wann werden wir
endlich wieder frei sein?
Wann wird der König kommen,
den Gott uns versprochen hat,
der Retter,
der uns den Frieden bringt?
Immer ungeduldiger
fragten sie so.
Und immer sehnlicher
warteten sie auf den Retter.
1. Gute Nachricht für Zacharias
Nicht weit von Jerusalem
lebte ein Priester,
der hieß Zacharias.
Er und seine Frau Elisabeth
liebten Gott über alles
und lebten nach seinen Geboten.
Aber die beiden hatten
einen geheimen Kummer:
Sie hatten kein Kind.
Schon viele Jahre lang
beteten sie zu Gott:
„Herr, schenke uns ein Kind!“
Aber das Kind kam nicht.
Zacharias und Elisabeth
wurden älter und älter.
Es schien,
als hätte Gott sie vergessen.
Eines Tages nahm Zacharias
Abschied von seiner Frau
und ging nach Jerusalem zum Tempel.
Dort wollte er Gott Opfer bringen,
wie es den Priestern befohlen war.
Schon von Weitem sah er den Tempel
hoch oben auf dem Berg.
Sein Dach glänzte
golden in der Sonne.
Zacharias eilte den Berg hinauf,
schritt durch ein großes Tor
und kam in den Vorhof des Tempels.
Dort waren schon
viele Leute versammelt.
Sie warteten auf den Priester,
der im Tempel
das Rauchopfer darbringen sollte.
Nur einer von allen Priestern
durfte hineingehen.
An diesem Tag war
Zacharias an der Reihe.
Feierlich zog er
sein Priestergewand an,
schritt durch die Menge,
stieg die Stufen zum Tempel hinauf,
öffnete die Tür und trat ein.
Wie still und dunkel
war es dort innen!
Zacharias sah sich andächtig um.
Auf dem Altartisch
stand eine Schale aus Gold.
In ihr brannte das Opferfeuer.
Zacharias trat näher,
nahm ein paar Weihrauchkörner
und streute sie in das Feuer.
Rauch stieg auf
und Wohlgeruch erfüllte den Raum.
Zacharias betete leise.
Aber plötzlich zuckte er zusammen.
Ein Mann stand neben dem Altar.
Zacharias erschrak.
Er zitterte am ganzen Leib.
Aber der Mann sprach:
„Fürchte dich nicht, Zacharias!
Gott hat dein Gebet erhört.
Deine Frau Elisabeth
wird einen Sohn bekommen.
Den sollst du Johannes nennen.
Du wirst große Freude an ihm haben.
Aber nicht nur du.
Auch viele andere
werden sich an ihm freuen.
Denn er wird allen
die gute Nachricht bringen,
dass der Retter bald kommt.“
Zacharias stand da
und konnte es nicht fassen.
„Aber wie kann das sein?“,
stammelte er.
„Ich bin schon sehr alt.
Und meine Frau ist auch alt.
Wie kann ich erkennen,
dass es wahr ist, was du sagst?“
Da antwortete der andere:
„Ich bin Gabriel, ein Engel Gottes.
Gott hat mich zu dir geschickt.
Daran sollst du merken,
dass ich die Wahrheit sage:
Du wirst stumm sein
und nicht reden können,
bis alles geschieht,
was ich dir gesagt habe.“
Draußen vor dem Tempel
wurden die Leute allmählich unruhig.
„Wo bleibt der Priester nur so lange?“,
fragten sie ungeduldig.
„Wann kommt er endlich heraus
und spricht den Segen über uns aus?“
Da ging endlich die Tür auf.
Zacharias trat heraus.
Er hob seine Hände zum Segen,
öffnete seinen Mund
und wollte sprechen.
Aber er brachte nichts heraus,
kein einziges Wort.
Die Leute starrten ihn an.
„Wie seltsam“, flüsterten sie.
„Der Priester bewegt die Lippen.
Aber wir hören ihn nicht.
Vielleicht ist im Tempel
etwas mit ihm geschehen?“
Aber niemand ahnte,
was wirklich geschehen war.
Da winkte ihnen Zacharias,
dass sie heimgehen sollten.
Und nachdenklich ging
einer nach dem anderen davon.
Auch Zacharias eilte nach Hause
zu Elisabeth, seiner Frau.
Und wie der Engel gesagt hatte,
so geschah es:
Elisabeth wurde schwanger.
„Gott sei Lob und Dank!“,
rief Elisabeth voll Freude.
„Gott hat uns nicht vergessen.“
Aber sie verriet niemandem,
was geschehen war.
Endlich kam der Tag,
an dem das Kind geboren wurde.
Ein Sohn war es,
wie der Engel gesagt hatte.
Nun war es kein Geheimnis mehr.
Im Nu sprach es sich
in der ganzen Gegend herum:
„Habt ihr schon gehört?
Zacharias und Elisabeth
haben einen Sohn!“
Da kamen sie
von allen Seiten herbei,
um das Kind zu begrüßen,
alle Nachbarn und Verwandten.
Und am achten Tag
feierten sie miteinander ein Fest.
„Wie soll denn das Kind heißen?“,
fragten die Nachbarn.
„Sicher Zacharias wie sein Vater?“
„Nein“, antwortete Elisabeth,
„Johannes soll es heißen.“
„Johannes?“, wunderten sich alle.
„So heißt doch niemand
in eurer Familie.
Warum gerade Johannes?
Wir wollen den Vater fragen,
was er dazu meint.“
Da gingen sie zu Zacharias
und fragten ihn:
„Wie soll das Kind heißen?“
Aber Zacharias konnte es
ihnen nicht sagen.
Er war immer noch stumm.
So nahm er eine kleine Tafel
und schrieb darauf:
„Er heißt Johannes.“
Und als er noch schrieb,
da geschah es:
Auf einmal konnte er
wieder sprechen.
„Ja“, rief er fröhlich,
„Johannes soll er heißen.“
Das heißt: „Gott ist gnädig.“
Und voll Freude stimmte er
ein Loblied an:
„Gelobt sei der Herr,
der Gott Israels,
denn er hat sein Volk
besucht und erlöst
Und du, Kind,
wirst vor dem Retter hergehen.
Du wirst ihm den Weg bereiten.“
Da staunten alle, die es hörten,
und sie sagten zueinander:
„Das ist bestimmt ein besonderes Kind.
Wer weiß, was Gott mit ihm vorhat?“
Und überall, wohin sie kamen,
erzählten sie die Geschichte
von Zacharias und Elisabeth
und ihrem Sohn Johannes.
Lukas 1,5–25 und 57–80
2. Gute Nachricht für Maria
Zur selben Zeit,
als Johannes noch nicht geboren war,
lebte in Nazareth
eine Verwandte von Elisabeth,
eine junge Frau mit Namen Maria.
Sie war verlobt mit Josef,
einem Zimmermann,
der stammte von König David ab.
Eines Tages aber geschah
etwas Unglaubliches.
Maria war in ihrem Haus.
Da hörte sie plötzlich eine Stimme:
„Sei gegrüßt, Maria, du Gesegnete!
Der Herr ist mit dir.“
Erschrocken fuhr Maria hoch.
Da sah sie: Ein Engel stand vor ihr,
der blickte sie freundlich an.
Maria war ganz verwirrt.
Was soll das bedeuten?,
dachte sie bei sich.
Ich soll gesegnet sein?
Aber der Engel sprach:
„Fürchte dich nicht, Maria!
Denn Gott hat dich gesegnet.
Du wirst einen Sohn bekommen,
den sollst du Jesus nennen.
Der wird ein König wie David sein.
Doch sein Königreich
wird ewig bestehen.“
Maria war sprachlos.
Sie sollte ein Kind bekommen?
Ein Kind, das einmal König würde?
Der Retter, auf den alle warteten?
„Wie soll das zugehen?“, fragte Maria.
„Ich lebe doch
mit keinem Mann zusammen?
Wer wird der Vater des Kindes sein?“
Der Engel sprach:
„Gottes Geist wird auf dich kommen.
Darum wird dein Sohn
auch Gottes Sohn heißen.
Und sieh,
auch Elisabeth, deine Verwandte,
bekommt einen Sohn,
obwohl sie schon alt ist.
Denn bei Gott ist nichts unmöglich!“
Da verneigte sich Maria
und sprach: „Ich bin bereit.
Wie du gesagt hast,
so soll es geschehen.“
Und sogleich stand sie auf
und eilte zu Elisabeth,
ihrer Verwandten.
Die aber, als sie Maria sah,
rief ihr voll Freude entgegen:
„Gepriesen bist du, Maria!
Und gepriesen ist das Kind
in deinem Leib!
Denn als ich deine Stimme hörte,
hüpfte das Kind in meinem Leib!
Gesegnet bist du,
weil du geglaubt hast,
was Gott dir anvertraut hat!
Er wird es auch tun.“
Als Maria das hörte,
dankte sie Gott
und pries ihn mit diesem Lied:
„Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich
über Gott, meinen Retter.
Denn er hat Großes an mir getan.
Er stößt die Mächtigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Er denkt an sein Versprechen
und hilft seinem Volk auf.“
Lukas 1,26–36
3. Jesus wird geboren
Endlich war es soweit:
Der Retter kam in die Welt!
Zu jener Zeit aber
war Kaiser Augustus
der mächtigste Herrscher der Welt.
Er regierte in Rom
über ein riesiges Reich.
Und alle Welt musste tun,
was der Kaiser befahl.
Eines Tages schickte Augustus
Boten in alle Länder und Städte
und er ließ überall ausrufen:
„So befiehlt Kaiser Augustus:
Alle Menschen in meinem Reich
sollen gezählt werden.
Darum macht euch auf!
Zieht in eure Heimat,
in die Stadt eurer Vorfahren,
und lasst euch dort zählen
und eure Namen in Listen eintragen!“
Da machten sich alle auf den Weg
und zogen in ihre Heimat,
wie der Kaiser befohlen hatte.
Auch Josef machte sich
von Nazareth auf
und zog nach Bethlehem,
in die Stadt seiner Vorfahren,
aus der einst König David kam.
Maria, seine Verlobte,
begleitete ihn.
Sie war schwanger
und erwartete das Kind,
wie ihr der Engel gesagt hatte.
Als die beiden
nach Bethlehem kamen,
war die Stadt überfüllt.
Wo sollten sie nun unterkommen?
Maria spürte:
Bald würde ihr Kind
zur Welt kommen,
vielleicht schon in dieser Nacht.
Gab es denn für dieses Kind
keinen Raum in der Stadt?
Sie fragten und suchten
nach einer Herberge.
Aber am Ende fanden sie
nur einen Stall.
Stroh bedeckte den Boden.
Und eine Futterkrippe
stand in der Ecke.
Und da geschah es:
Mitten in der Nacht
wurde das Kind geboren,
von dem der Engel geredet hatte.
Maria wickelte es in Windeln
und legte es in die Krippe.
Es war ein hilfloses Kind
wie jedes andere.
Und doch war es
ein besonderes Kind:
das Kind, das der Welt
den Frieden Gottes bringen sollte.
Noch war es ein Geheimnis.
Niemand in Bethlehem ahnte,
was in dieser Nacht geschehen war.
Aber bald sollten es alle erfahren:
Jesus, der Retter der Welt,
war geboren.
Lukas 2,1–7
4. Ehre sei Gott!
Es war Nacht.
Draußen vor der Stadt
wachten Hirten bei ihren Schafen.
Ganz dunkel war es um sie her.
Aber plötzlich schreckten sie auf.
Was war das?
Mitten in der Nacht
wurde es hell, taghell.
Ein Licht leuchtete auf,
noch heller als die Sonne.
Und in dem Licht erschien
ein Engel vor ihnen.
Die Hirten wussten nicht,
wie ihnen geschah.
Sie waren geblendet von dem Licht
und zitterten vor Angst.
Aber der Engel sprach zu ihnen:
„Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch
große Freude,
die allen zuteil werden soll.
Denn euch ist heute
der Retter geboren:
Christus, der Herr,
in der Stadt Davids.
Und das ist das Zeichen,
an dem ihr den Retter erkennt:
Ihr werdet ein Kind finden,
in Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen.“
Als der Engel noch sprach,
sahen die Hirten plötzlich
noch viel, viel mehr Engel,
die sangen und jubelten:
„Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden
bei den Menschen
seines Wohlgefallens.“
Die Hirten standen da
und lauschten,
bis der Gesang verklungen war.
Dann wurde es wieder still
und dunkel um sie her.
Doch die Hirten riefen:
„Habt ihr gehört,
was der Engel gesagt hat?
Der Retter ist da!
In Bethlehem ist er geboren,
in dieser Nacht!
Auf, wir wollen gehen und sehen,
was dort geschehen ist.“
Da ließen sie ihre Schafe zurück
und eilten nach Bethlehem
und fanden das Kind
mit Maria und Josef.
Es lag in der Krippe
und war in Windeln gewickelt,
wie der Engel gesagt hatte.
Da erzählten die Hirten,
was sie gesehen hatten
und was ihnen der Engel
von diesem Kind gesagt hatte.
Maria hörte ihnen zu,
staunte und schwieg.
Und sie dachte im Stillen daran,
was ihr der Engel gesagt hatte.
Die Hirten aber liefen hinaus
auf die Straßen der Stadt,
sangen und jubelten:
„Gelobt sei Gott!
Der Retter ist da!
Hier in Bethlehem
ist er geboren.
Wir haben ihn
mit eigenen Augen gesehen.“
Jubelnd kehrten sie
zu ihren Schafen zurück.
Und als ihre Lieder
längst verklungen waren,
klang das Lied der Engel
immer noch weiter in ihren Ohren:
„Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden!“
Lukas 2,8–20
5. Endlich ist er da!
Jesus war in Bethlehem geboren.
Aber in der Stadt Jerusalem
wusste noch niemand,
was inzwischen geschehen war.
Immer noch herrschte dort
König Herodes in seinem Palast
und immer noch seufzten alle:
Wann kommt der Retter,
der uns endlich befreit?
Zu jener Zeit lebte in Jerusalem
Simeon, ein hochbetagter Mann.
Der wartete seit Jahren
auf den Retter Israels.
Jeden Tag betete er: „Herr,
lass mich den Retter sehen,
ehe ich sterbe!“
Und er glaubte fest,
Gott werde ihm seine Bitte erfüllen.
Oft ging er zum Tempel
und hielt dort nach dem Retter Ausschau.
Aber vergeblich.
Der Retter kam nicht.
Eines Tages trieb es
Simeon wieder zum Tempel.
Es war ihm, als hätte er
Gottes Stimme gehört:
„Heute wirst du den Retter sehen.“
Gespannt sah sich Simeon
im Vorhof des Tempels um.
Da entdeckte er
unter all den Menschen
Maria und Josef mit ihrem Kind.
Sie waren gekommen,
um Gott ein Dankopfer zu bringen.
Als Simeon das Kind sah,
da wusste er plötzlich:
Dies war der Retter,
den Gott seinem Volk schickte!
Voller Freude nahm er
das Kind auf seine Arme,
dankte Gott und rief:
„Herr, nun kann ich
in Frieden sterben.
Denn wie du gesagt hast,
so ist es geschehen:
Meine Augen haben
deinen Retter gesehen.
Der wird Licht und Hoffnung
in unsere Welt bringen.“
Dann wurde Simeon
auf einmal ganz ernst.
Er sah Maria an.
„Dein Kind“, sagte er,
„wird einmal viele aufrichten.
Aber auch viele Menschen
werden sich an ihm stoßen.
Und du wirst seinetwegen
viel Kummer haben.“
Und als er noch mit ihr redete,
kam eine alte Frau hinzu,
Hanna, eine Prophetin.
Sie war schon 84 Jahre alt
und seit vielen Jahren Witwe.
Als sie das Kind sah,
rief sie glücklich:
„Da ist ja der Retter!
Endlich ist er gekommen.
Gott sei Lob und Dank!“
Und sie erzählte es allen,
die mit ihr auf den Retter hofften.
Lukas 2,22–38
6. Der neue König
In einem fernen Land,
weit im Osten,
lebten damals kluge Gelehrte.
Sie waren Sterndeuter und
kannten jeden Stern am Himmel.
Sie wussten, wann er aufging
und wann er unterging
und was sein Lauf bedeutete.
Eines Nachts, als sie wieder
zum Himmel aufschauten,
entdeckten sie einen neuen Stern.
Der strahlte heller
als alle anderen Sterne.
„Was für ein Stern!“, riefen sie.
„Das muss ein Königsstern sein.
Sicher ist irgendwo
ein neuer König geboren.
Aber wo? In welchem Land?“
Sie forschten in ihren Schriften
und überlegten lange.
Da sagte einer:
„Vielleicht im Land der Juden?“
„Ja“, fielen die anderen ein,
„im Land der Juden muss es sein.
Auf, worauf warten wir noch?
Wir wollen das Kind suchen,
vor ihm niederknien
und ihm unsere Geschenke bringen.“
Da sattelten sie ihre Kamele,
luden kostbare Geschenke auf
und machten sich auf den Weg,
das Kind zu suchen.
Sie zogen durch weite Wüsten
und fremde Länder,
über hohe Berge
und durch tiefe Täler.
Wochenlang reisten sie,
bis sie endlich
ins Land der Juden kamen.
Aber wo sollten sie hier
das Königskind suchen?
„Sicher lebt es im Königspalast“,
sagten sie sich
und zogen nach Jerusalem,
wo König Herodes wohnte.
Als sie dort ankamen,
fragten sie die Leute
auf der Straße:
„Sagt uns! Wo ist
der neugeborene König der Juden?
Wir haben seinen Stern gesehen
und sind hergekommen,
um ihn anzubeten.“
Aber die Leute
sahen sie verlegen an.
Ein neugeborener König?
Sie kannten keinen neuen König.
Nur einen alten König
kannten sie: Herodes.
Und vor dem zitterten alle.
Bald darauf erfuhr König Herodes,
wer in die Stadt gekommen war.
„Wen suchen die Fremden?“,
rief er erschrocken.
„Einen neuen König?
Ich bin doch
der einzige König im Land!“
Aber wenn es stimmte,
was die Fremden sagten?
Wenn es wirklich
noch einen anderen König gab?
Wenn gar der Retter geboren war,
auf den das Volk hoffte?
Und sogleich ließ Herodes
alle Priester und Gelehrten rufen
und befahl ihnen:
„Sagt mir die Wahrheit!
Was steht in eurer Heiligen Schrift?
Wo wird der Retter geboren?“
„In Bethlehem“, erwiderten sie
und zeigten auf ihre Schriftrollen.
„So steht es in der Heiligen Schrift.
So hat es der Prophet Micha
vor langer Zeit vorausgesagt:
,Aus Bethlehem
wird der Retter kommen.‘“
Da lud der König heimlich
die Sterndeuter in seinen Palast
und fragte sie aus:
„Sagt mir doch bitte:
Wann habt ihr den Stern entdeckt?
Sagt, wann?
Ich muss es genau wissen.“
„Das ist schon länger her“,
antworteten die Sterndeuter.
„Damals waren wir noch
zu Hause in unserem Land.
Aber seitdem suchen wir
den neugeborenen König.“
„Ich will euch helfen“,
bot Herodes an.
„Ich weiß, wo er ist:
in der Stadt Bethlehem,
nicht weit von hier.
Dort werdet ihr ihn finden.“
Und listig fügte er hinzu:
„Aber kommt danach wieder
und sagt mir,
wo ihr ihn gefunden habt.
Dann will auch ich hingehen
und ihn anbeten.“
Da verneigten sich die Sterndeuter
und zogen nach Bethlehem,
wie der König gesagt hatte.
Als sie dort ankamen,
war es schon dunkel.
Am Himmel leuchteten die Sterne.
Und sieh da! Auf einmal stand
der Stern wieder am Himmel,
derselbe Stern,
den sie zu Hause gesehen hatten.
Es schien, als bliebe er
über einem Haus stehen.
Voller Freude ritten sie
auf das Haus zu,
stiegen von ihren Kamelen,
eilten hinein und fanden das Kind:
Jesus, Marias Sohn.
Es lag im Arm seiner Mutter
und sah aus
wie ein gewöhnliches Kind.
Und doch war es der König,
den sie suchten:
der König, den einmal
alle Könige anbeten sollten!
Da fielen sie auf die Knie,
beteten das Kind an
und breiteten ihre Geschenke aus,
ein Kästchen mit Gold,
eine Schale mit Weihrauch
und einen Krug mit Myrrhe.
Aber in derselben Nacht
sprach Gott im Traum
zu den Sterndeutern:
„Geht nicht zu Herodes zurück!
Glaubt ihm nicht!
Er will dem Kind nur schaden.“
Da hörten sie auf Gott
und zogen auf einem anderen Weg
zurück in ihr Land.
Matthäus 2,1–12
7. Auf der Flucht
König Herodes wartete lange Zeit.
Doch vergeblich.
Die Sterndeuter kamen nicht zurück.
Da verlor der König die Geduld.
Wütend schrie er:
„Sie haben mich betrogen!
Es hat sie jemand gewarnt.
Gewiss sind sie längst
wieder zu Hause.“
Aber das Kind?
Der neue König?
Wie sollte er nun das Kind finden?
In Bethlehem gab es viele Kinder.
Herodes wusste nicht einmal
den Namen des Kindes.
Nur eines stand für ihn fest:
Ein Junge war es,
noch keine zwei Jahre alt.
Und dieser Junge musste verschwinden,
wenn er, Herodes, König bleiben wollte.
Da fasste Herodes
einen grausamen Plan.
Er rief seine Soldaten
und befahl ihnen: „Los!
Marschiert nach Bethlehem!
Geht in jedes Haus
und zu jeder Familie!
Sucht alle kleinen Söhne,
die unter zwei Jahren sind,
und tötet sie mit dem Schwert!“
Doch bevor das geschah,
erschien Josef ein Engel im Traum,
der sprach: „Josef!
Steh schnell auf!
Nimm das Kind an dich
und flieh mit Maria
ins Land Ägypten!
Denn Herodes will das Kind töten.“
Sogleich stand Josef auf,
weckte seine Frau Maria,
nahm das Kind an sich
und floh mit den beiden
noch in derselben Nacht.
Nach Ägypten zogen die drei,
wie der Engel befohlen hatte.
Dort blieben sie lange Zeit.
Eines Nachts aber erschien Josef
noch einmal der Engel im Traum
und sprach: „Josef!
Komm wieder zurück.
Denn Herodes ist tot.“
Da kehrte Josef
mit den beiden zurück
und zog in die Stadt Nazareth,
wo Maria und Josef früher gelebt hatten.
Dort wuchs Jesus auf
als Sohn von Maria und Josef,
ein Kind unter anderen Kindern.
Und niemand ahnte,
wer Jesus in Wahrheit war.
Matthäus 2,13–23
8. Auf dem Passafest
Jedes Jahr wurde in Jerusalem
das Passafest gefeiert.
Es war ein fröhliches Fest!
Aus dem ganzen Land strömten
die Menschen zusammen.
Auch Maria und Josef waren dabei.
Aber Jesus durfte nicht mitgehen.
Als Jesus zwölf Jahre alt wurde,
sagten seine Eltern zu ihm:
„Jetzt darfst auch du
mit uns zum Passafest gehen.“
Da zog Jesus mit ihnen zum Fest.
Und viele andere gingen mit,
Nachbarn und Freunde,
Männer und Frauen,
Alte und Junge.
In großen Scharen
wanderten sie auf Jerusalem zu.
Auf dem Weg
sangen sie fröhliche Lieder,
voller Vorfreude:
„Wie liebenswert, Gott,
ist deine Wohnung!
Meine Seele sehnt sich
nach den Vorhöfen des Herrn.“
Psalm 84,2 ff
Endlich erblickten sie
in der Ferne den Tempel.
Jubel brach aus.
Alle eilten den Berg hinauf
und zogen voller Erwartung
durch das goldene Tor
in den Vorhof des Tempels.
Dort brachten sie ihre Opfer
und dankten Gott, der ihr Volk
einst aus Ägypten befreit hatte.
Auch Jesus dankte und sprach
mit seinem Vater im Himmel.
Hier war das Haus Gottes,
das Haus seines Vaters.
Hier wollte er bleiben.
Sieben Tage dauerte das Fest.
Danach zogen alle
wieder nach Hause.
Auch Maria und Josef
machten sich auf den Weg.
Aber wo war Jesus?
Maria und Josef suchten ihn überall.
Doch Jesus war nirgends zu finden.
Da sagten sich seine Eltern:
Vielleicht ist er schon
mit Freunden vorausgegangen.
Und so machten sie sich
ohne ihn auf den Weg.
Unterwegs trafen sie
viele Verwandte und Bekannte.
„Habt ihr Jesus gesehen?“,
fragten sie alle.
Aber niemand von ihnen
hatte Jesus gesehen.
Da kehrten Maria und Josef um
und eilten nach Jerusalem zurück
und suchten die ganze Stadt ab.
Tagelang suchten sie.
Aber Jesus fanden sie nicht.
Nach drei Tagen aber gingen sie
noch einmal zum Tempel.
Dort waren kaum noch
Menschen zu sehen.
Nur einige Gelehrte
saßen beisammen.
Sie lasen und forschten
in der Heiligen Schrift.
Doch mitten unter ihnen
saß ein Junge,
der unterhielt sich eifrig
mit den Gelehrten.
Er stellte ihnen Fragen
und gab selbst Antwort,
so klug und verständig,
dass alle nur staunten.
Maria traute ihren Augen nicht.
War das nicht Jesus, ihr Sohn?
Sie lief auf ihn zu.
„Mein Sohn“, rief sie außer sich,
„warum hast du uns das angetan?
Wir waren in großer Sorge um dich
und haben dich überall gesucht.“
Jesus aber blickte
seine Mutter erstaunt an.
„Wie?“, fragte er.
„Ihr habt mich gesucht?
Wisst ihr denn nicht,
dass ich hier sein muss,
im Haus meines Vaters?“
Danach aber stand Jesus auf
und ging mit seinen Eltern
nach Nazareth zurück.
Dort blieb er bei ihnen,
bis er erwachsen war.
Damals verstand Maria noch nicht,
was Jesus gesagt hatte.
Aber sie hütete seine Worte
wie ein Geheimnis.
Lukas 2,41–52
9. Am Jordan
Viele Jahre vergingen.
Jesus war inzwischen erwachsen.
Auch Johannes,
der Sohn von Elisabeth und Zacharias,
war nun ein erwachsener Mann.
Sein Vater hatte ihm alles erzählt,
was der Engel damals
zu ihm gesagt hatte:
„Der Retter
wird bald zu uns kommen,
der König,
den Gott uns versprochen hat.
Und du, Johannes,
sollst sein Bote sein.“
Aber wie sollte das geschehen?
Johannes wusste es nicht.
Er wartete, bis Gott es ihm zeigte.
So zog er sich in die Wüste zurück
und lebte in einer einsamen Höhle.
Er aß nur Heuschrecken
und Honig von wilden Bienen.
Und er trug einen einfachen Umhang
aus Kamelhaaren.
Mehr brauchte er nicht.
Dort in der Wüste
sprach Gott zu Johannes:
„Jetzt ist es Zeit.
Geh zu den Menschen
und sag ihnen,
dass der König bald kommt,
der Richter und Retter der Menschen.“
Da verließ Johannes die Wüste
und ging zum Jordan.
Dort stellte er sich an die Straße,
die nach Jerusalem führte.
Viele Menschen zogen
auf der Straße vorüber.
Johannes rief ihnen zu:
„Macht euch bereit!
Der König ist nah.“
Da blieben die Leute stehen
und hörten Johannes zu.
Von allen Seiten kamen sie an.
„Macht euch bereit!“,
rief Johannes erneut.
„Der König ist nah,
der Richter und Retter der Menschen.
Macht ihm den Weg frei!“
Als die Menschen das hörten,
bekamen sie Angst.
Sie dachten an alles,
was sie getan
und was sie versäumt hatten.
Und sie fragten erschrocken:
„Was sollen wir denn tun?“
„Kehrt um!“, rief Johannes.
„Ändert euer Leben
und lasst euch taufen!
Gott will euch die Sünde vergeben.“
Und den Reichen rief er zu:
„Teilt eure Kleider
und euer Essen mit den Armen!“
Den Männern vom Zoll befahl er:
„Nehmt den Leuten
nicht zu viel Geld ab!“
Und den Soldaten:
„Tut niemand Gewalt an!“
Danach taufte er sie.
Er ging mit ihnen zum Jordan hinab,
stieg in das Wasser
und tauchte sie unter.
Wie das Wasser
ihren Körper reinwusch,
so sollten sie rein werden
von ihrer Sünde.
Da dachten einige:
Wer weiß, vielleicht ist Johannes
selbst der König und Retter?
Aber Johannes merkte,
was sie über ihn dachten.
„Nein“, rief er,
„ich bin nicht der König.
Ich bin nur sein Bote.
Der König ist viel größer als ich.“
Bald darauf kam Jesus zum Jordan.
Da erkannte Johannes:
Das war der König!
Der Retter stand vor ihm!
„Taufe auch mich!“, bat Jesus.
Doch Johannes wehrte ab.
„Ich soll dich taufen?
Nein, taufe du lieber mich!“
Aber Jesus erwiderte:
„Tu, was ich sage!
Gott will es.“
Da hörte Johannes auf ihn
und taufte Jesus im Jordan.
Und Jesus ließ alles an sich geschehen.
Und sieh!
Der Himmel öffnete sich.
Eine Taube kam auf Jesus herab:
Gottes Geist erfüllte ihn.
Und eine Stimme
rief vom Himmel herab:
„Du bist mein Sohn.
Dich habe ich lieb.“
Da erkannte Johannes:
Jesus war nicht nur der König,
der Richter und Retter der Menschen.
Er war Gottes Sohn!
Lukas 3,1–22 (Matthäus 3,14)
10. In der Wüste
Danach verließ Jesus den Jordan
und ging in die Wüste.
Dort in der Stille sprach Jesus
mit seinem Vater im Himmel.
Vierzig Tage und Nächte
hielt Jesus dort aus
in Hitze und Kälte
ohne Wasser und Brot.
Nach vierzig Tagen aber
litt Jesus großen Hunger.
Da hörte er eine Stimme,
die flüsterte ihm zu:
„Wenn du Gottes Sohn bist,
dann befiehl diesen Steinen
und mach aus ihnen Brot!“
Da horchte Jesus auf.
Wer sprach da mit ihm?
Das war nicht Gottes Stimme.
Der Versucher war es,
der sich ihm nahte.
Doch Jesus entgegnete:
„Nein, das tue ich nicht.
Denn in der Schrift steht:
,Der Mensch lebt nicht
vom Brot allein,
sondern von jedem Wort,
das aus Gottes Mund kommt.‘“
Aber der Versucher ließ Jesus
noch nicht in Frieden.
Er führte ihn
auf einen hohen Berg.
Dort oben zeigte er ihm
das weite Land.
Und wieder flüsterte er
Jesus zu:
„Dies alles und noch viel mehr
will ich dir geben.
Die ganze Erde soll dir gehören
mit allen Menschen,
die darauf wohnen.
Nur eins sollst du mir
dafür geben:
Knie vor mir nieder
und bete mich an!“
„Nein“, rief Jesus.
„Das ist nicht Gottes Wille.
Denn in der Schrift steht:
,Der Herr, unser Gott,
ist der einzige Gott.
Nur ihn allein
sollst du anbeten
und ihm allein dienen.‘“
Aber der Versucher ließ Jesus
noch nicht in Frieden.
Er entführte ihn nach Jerusalem
und stellte ihn
auf die Spitze des Tempels.
Und wieder sprach er
mit verlockender Stimme:
„Wenn du Gottes Sohn bist,
dann spring vom Tempel herab!
Versuch’s doch!
Du kannst es.
Denn in der Schrift steht:
,Die Engel werden dich tragen,
und du wirst deinen Fuß
nicht an einen Stein stoßen.‘
Dann wird alle Welt sehen,
wie mächtig du bist.“
„Niemals!“, entgegnete Jesus.
„Denn die Schrift sagt:
,Du sollst den Herrn,
deinen Gott, nicht versuchen.‘“
Da verstummte die Stimme.
Der Versucher ließ endlich
von Jesus ab.
Von nun an hatte Jesus
Ruhe vor seinem Widersacher.
Und Gottes Geist ruhte auf ihm,
wohin er auch ging.
Lukas 4,1–14
11. Die ersten Jünger
Nicht lange danach kam Jesus
zum See Genezareth.
Dort sah er ein Boot am Ufer.
Zwei Fischer saßen darin.
Die warfen gerade
ihre Netze ins Wasser.
Da rief Jesus zu ihnen hinüber:
„Kommt und folgt mir nach!
Ihr sollt meine Jünger sein.
Menschenfischer sollt ihr werden.“
Sogleich ließen die Fischer
das Boot und die Netze zurück
und folgten Jesus
und wurden seine Jünger.
Petrus und Andreas
hießen die beiden.
Sie waren Brüder.
Ein Stück weiter
lag noch ein Boot am Ufer.
Ein alter Fischer saß darin
mit seinen zwei Söhnen.
Sie flickten gerade ihre Netze.
Jesus ging auf die beiden zu
und rief: „Kommt auch ihr!
Auch ihr sollt meine Jünger sein.“
Da standen die beiden auf,
ließen ihren Vater zurück
und folgten Jesus
und wurden seine Jünger.
Johannes und Jakobus
hießen die beiden.
Auch sie waren Brüder.
Nun hatte Jesus schon vier Jünger.
Bald darauf rief er
noch andere zu sich,
bis er schließlich zwölf Jünger hatte.
Sie zogen mit ihm durch das Land
und waren immer bei ihm.
Sie sahen,
wie er den Menschen half,
und hörten,
was er ihnen von Gott erzählte.
Er war ihr Lehrer,
und sie waren seine Schüler.
Und sie liebten ihn mehr
als ihren besten Freund.
Matthäus 4,18–22 /Markus 1,16–20
II
Jesus hilft
Jesus zog mit seinen Jüngern
durch Galiläa,
das Land am See Genezareth.
Er kam durch viele Städte
und kleine Dörfer.
Überall, wohin er kam,
warteten Menschen auf ihn
und baten ihn um Hilfe.
Viele von ihnen waren in großer Not,
einsame, kranke, bekümmerte Menschen.
Aber Jesus sah ihre Not.
Er tröstete sie und rief ihnen zu:
„Kommt her zu mir,
ihr müden, belasteten Menschen!
Ich will euch erquicken
und will euch Ruhe geben.“
Andere hatten seit Jahren
ein schweres Leiden.
Sie konnten nicht sehen
oder nicht hören
oder waren gelähmt.
Aber Jesus sah ihr Leid.
Ihr Schmerz tat ihm weh.
Er legte seine Hand auf sie
und heilte ihr Leiden.
Einige von ihnen
hatten alle Hoffnung verloren.
Sie sagten sich:
„Uns kann keiner mehr helfen.
Gott hat uns vergessen.
Wir haben ihn betrübt.
Er liebt uns nicht mehr.“
Aber Jesus sah,
wie sie sich quälten.
Er sprach zu ihnen:
„Freut euch!
Gott ist euch nah.
Er vergibt euch die Sünde.“
Da wurden sie frei und spürten,
wie die Lasten von ihnen fielen.
Und viele von ihnen glaubten an Jesus.
12. Am See
Es war früh am Morgen.
Am See Genezareth saßen
ein paar Fischer am Ufer
und wuschen ihre Netze.
Einer von ihnen war Petrus.
Er hatte die ganze Nacht gefischt.
Aber kein Fisch
war ins Netz gegangen,
kein einziger.
Mit leerem Boot
war er zurückgekehrt.
Petrus ließ den Kopf hängen.
Doch plötzlich blickte er auf.
In der Ferne sah er Jesus kommen.
Eine große Menge folgte ihm.
Was sucht Jesus hier
so früh am Morgen?,
fragte sich Petrus verwundert.
Jesus aber ging auf ihn zu,
stieg in sein Boot
und bat ihn:
„Fahr mich aufs Wasser!
Von dort aus will ich
zu den Menschen sprechen.“
Da stieß Petrus das Boot
ein wenig vom Ufer ab.
Und Jesus sprach
zu den Menschen,
die sich am Ufer drängten.
Atemlos hörten die Leute,
was er ihnen erzählte.
Petrus aber saß im Boot
und lauschte gespannt.
Noch nie hatte er
so gewaltige Worte gehört.
Darüber wurde es Mittag.
Die Sonne brannte heiß
vom Himmel herab.
Da schickte Jesus
die Leute nach Hause.
Nur Petrus und die anderen Fischer
blieben am Ufer zurück.
Plötzlich wandte sich Jesus
zu Petrus und sprach:
„Nun fahr hinaus auf den See
und wirf dein Netz aus!
Dann wirst du
einen großen Fang tun.“
Petrus sah Jesus groß an.
„Unmöglich!“, wollte er rufen.
„Niemand fängt Fische
am helllichten Tag.“
Doch er sagte nur:
„Meister, wir haben
die ganze Nacht gefischt
und nichts gefangen.
Aber wenn du es sagst,
dann will ich das Netz
noch einmal auswerfen.“
Und Petrus fuhr hinaus
und warf das Netz aus,
wie Jesus befohlen hatte.
Da – plötzlich ein Ruck!
Im Netz wimmelte es
auf einmal von Fischen.
Petrus zog und zerrte.
Aber umsonst.
Das Netz war zu schwer.
Schon begann es zu reißen.
„So kommt doch und helft!“,
rief Petrus den anderen zu.
Da ruderten sie schnell herbei
und füllten die Boote mit Fischen,
bis sie fast sanken.
„So viele Fische!“, staunten alle.
So viele hatten sie noch nie
in ihrem Leben gefangen.
Petrus aber war sprachlos.
Er starrte auf Jesus.
Auf einmal ahnte er,
wer vor ihm stand.
Voll Ehrfurcht fiel er
vor Jesus nieder.
Und erschrocken stammelte er:
„Herr, geh von mir!
Ich kann vor dir nicht bestehen.“
Doch Jesus sprach zu ihm:
„Fürchte dich nicht!
Ich habe noch viel mehr
mit dir vor.
Zum Menschenfischer
will ich dich machen.“
Da ließ Petrus alles zurück
und zog mit Jesus.
Und mit eigenen Augen
sah er die Wunder,
die Jesus an Menschen tat.
Lukas 5,1–11
13. Auf der Hochzeit
Nicht weit vom See Genezareth
liegt das kleine Dorf Kana.
Dort wurde eines Tages
Hochzeit gefeiert.
Viele Verwandte und Freunde
waren zur Hochzeit geladen.
Auch Jesus kam
mit seinen Jüngern zum Fest.
Und Maria, seine Mutter,
war auch unter den Gästen.
Tagelang wurde gefeiert.
Diener trugen köstliche Speisen auf
und gossen Wein in die Becher.
Und der Speisemeister sorgte dafür,
dass den Gästen nichts fehlte.
Alle durften essen und trinken,
soviel sie wollten.
Dazu gab es Musik
und fröhliche Lieder.
Aber da geschah etwas,
was allen fast die Freude
verdorben hätte:
Der Wein ging zu Ende.
Es war kein Tropfen mehr
in den Krügen.
Die Diener merkten es zuerst.
Sie sahen sich ratlos an.
Was sollten sie tun?
Was sollten sie nun
den Gästen anbieten?
Auch Maria hatte bemerkt,
was geschehen war.
Sie flüsterte Jesus zu: „Sieh doch!
Sie haben keinen Wein mehr.“
Aber Jesus wies sie zurück:
„Was willst du von mir?
Meine Zeit ist noch nicht gekommen.“
Maria wollte es nicht glauben.
Konnte Jesus wirklich nicht helfen?
Sie ging zu den Dienern und sagte:
„Tut alles, was euch Jesus befiehlt!“
Kaum hatte sie das gesagt,
da kam auch schon Jesus
zu den Dienern heraus.
Er zeigte auf die Wasserkrüge,
die an der Tür standen,
sechs große Steinkrüge.
„Füllt die Krüge mit Wasser!“,
befahl er den Dienern.
Da füllten sie die Krüge
mit Wasser bis an den Rand.
„Nun schöpft daraus“, sagte Jesus,
„und bringt es dem Speisemeister!
Er soll davon kosten.“
Da füllten sie einen Becher
und brachten ihn dem Speisemeister.
Der nahm den Becher und trank.
„Ah“, rief er erstaunt,
„was für ein köstlicher Wein!
Wo habt ihr ihn her?“
Schnell holte er den Bräutigam,
hielt ihm den Becher hin
und rief aufgeregt:
„Sieh, dieser Wein ist ja viel besser
als der vorige Wein!
Warum hast du diesen Wein
bis zuletzt aufgespart?
Jeder gibt zuerst den guten Wein aus,
danach den schlechteren.
Du aber hast es umgekehrt gemacht.“
Doch der Bräutigam wusste nicht,
woher der gute Wein kam.
Nur die Diener wussten,
woher der Wein kam.
Wasser hatten sie
in die Krüge geschüttet.
Und Wein hatten sie herausgeschöpft.
Jesus hatte ein Wunder getan.
Da wurde das Fest
noch viel fröhlicher als zuvor.
Alle tranken von dem köstlichen Wein
und wunderten sich,
woher er wohl kam.
Die Jünger aber sahen auf Jesus
und dachten bei sich:
Nun glauben wir,
dass Jesus der Retter ist.
Wir haben mit eigenen Augen gesehen,
was Jesus getan hat.
Johannes 2,1–11
14. Ausgestoßen
In jener Gegend
lebte ein kranker Mann,
der wohnte draußen vor der Stadt
in einer einsamen Hütte.
Sein Gesicht, seine Hände und Füße
waren schrecklich entstellt.
Wenn die Leute ihn von fern sahen,
riefen sie erschrocken:
„Passt auf! Der ist aussätzig.
Geht ihm aus dem Weg!
Sonst steckt er uns an.“
Und sie machten alle
einen großen Bogen um seine Hütte.
Niemand wollte ihn besuchen,
nicht einmal seine Freunde.
Wenn sie ihm das Essen brachten,
stellten sie es nur
vor seiner Hütte ab.
Dann rannten sie gleich wieder weg.
Aber eines Tages kam Jesus
ganz nah an der Hütte vorbei.
Als der Aussätzige ihn sah,
durchfuhr es ihn: Wie?
Jesus machte keinen Bogen
um seine Hütte?
Hatte Jesus denn keine Angst
vor seiner Krankheit?
„Wer weiß“, sagte er sich,
„vielleicht kann Jesus mir helfen?“
Der Kranke überlegte nicht lange.
Schnell lief er Jesus entgegen,
fiel vor ihm nieder
und streckte seine kranken Hände
nach ihm aus.
„Ach Herr“, rief er,
„ich weiß, du kannst mich heilen,
wenn du es willst.“
Da blieb Jesus stehen.
Voller Mitleid sah er auf den Mann,
der vor ihm kniete.
Er beugte sich zu ihm herab,
fasste seine Hände
und sagte freundlich zu ihm:
„Ich will es tun. Sei rein!“
Da spürte der Kranke auf einmal:
Er war geheilt!
Er spürte es an seinen Händen
und an seinen Füßen.
Er spürte es sogar im Gesicht.
„Ich bin gesund“, rief er.
„Ich darf wieder nach Hause!“
„Ja“, sagte Jesus zu ihm,
„geh nach Hause!
Aber sag keinem,
wer dich geheilt hat!
Es bleibt unser Geheimnis.“
Aber der Mann hörte
schon gar nicht mehr zu.
Voll Freude lief er
zurück in die Stadt
zu seinen Freunden
und zu allen Verwandten.
„Seht mich an!“, rief er fröhlich.
„Ich bin wieder gesund.
Ich kann wieder unter euch leben.“
Die anderen aber
starrten ihn fassungslos an.
„Wie? Du bist wirklich gesund?
Verrate uns doch:
Wer hat dir geholfen?“
Da konnte der Mann sein Geheimnis
nicht länger bei sich behalten.
„Jesus!“, rief er.
„Jesus hat mir geholfen.
Er hat mich berührt.
Da war ich geheilt.“
Markus 1,40–45 /Lukas 5,12–15
15. Gelähmt
Am See Genezareth
liegt die Stadt Kapernaum.
Dort lebte ein Mann,
der war seit vielen Jahren gelähmt.
Er konnte nicht gehen
und auch nicht stehen.
Er konnte nicht einmal
seine Hände und Füße bewegen.
So musste er immer
auf einer Matte liegen.
Und wenn er Hunger hatte,
fütterten ihn seine Freunde
wie ein kleines Kind.
Eines Tages aber
kamen seine Freunde
und riefen aufgeregt:
„Hast du schon gehört?
Jesus ist in der Stadt.
Er kann dir gewiss helfen.“
Und bevor der Kranke
noch antworten konnte,
packten sie seine Matte
und schleppten ihn aus dem Haus.
Sie trugen ihn
durch viele Straßen und Gassen,
bis sie zu dem Haus kamen,
in dem Jesus war.
Aber wie sollten sie
zu Jesus hineinkommen?
Das Haus war überfüllt.
Sogar draußen standen noch Leute
und drängten hinein.
„Macht Platz!“, riefen die Freunde.
„Wir wollen zu Jesus.“
Aber niemand hörte auf sie.
Da schauten sich die Freunde um
und entdeckten eine Treppe
außen am Haus.
Sie führte auf das flache Dach.
Dorthin trugen sie
ihren gelähmten Freund.
Sie deckten das Dach ab,
machten ein Loch
und schauten von oben ins Haus.
Da sahen sie Jesus.
Er stand genau unter ihnen
und sprach zu den Leuten,
die sich um ihn drängten.
Vorsichtig machten die Freunde
das Loch größer,
knüpften die Matte an Seile
und ließen sie langsam
mit dem Gelähmten hinab,
bis er vor Jesus lag.
Da schaute Jesus auf.
Als er die Freunde sah,
die voller Erwartung auf ihn blickten,
wandte er sich zu dem Kranken
und sprach: „Mein Sohn!
Deine Sünden sind dir vergeben.“
Da wurde es auf einmal
ganz still in dem Haus.
Alle starrten auf Jesus.
Was hatte Jesus gesagt?
,Deine Sünden sind dir vergeben‘?
Was sollte das heißen?
Einige Gelehrte waren dabei,
die murmelten empört:
„Unerhört!
Was erlaubt sich dieser Jesus?
Nur Gott kann Sünden vergeben.
Bildet sich Jesus etwa ein,
er sei Gott?“
Jesus aber wusste,
was die Gelehrten dachten.
„Was meint ihr?“, fragte er sie.
„Was ist leichter:
die Sünden vergeben
oder die Krankheit heilen?
Aber ihr sollt wissen,
dass Gott mir die Macht gab,
beides zu tun.“
Danach wandte er sich
zu dem Kranken und sprach:
„Steh auf!
Nimm deine Matte und geh!“
Da konnte der Mann
auf einmal wieder seine Beine
und seine Hände bewegen.
Sogleich stand er auf,
nahm seine Matte,
bahnte sich einen Weg
durch die Menschen
und ging fröhlich nach Hause.
Die Leute aber sahen fassungslos zu,
wie er davonging.
„Noch nie haben wir
so etwas gesehen“,
riefen alle voll Staunen.
Und einer nach dem anderen
fing an, Gott laut zu loben,
bis das ganze Haus
von ihren Lobliedern erfüllt war.
Markus 2,1–12 /Lukas 5,17–26
16. Sprich nur ein Wort!
Draußen vor Kapernaum
stand ein prächtiges Haus.
Dort wohnte ein römischer Hauptmann,
ein angesehener Mann.
Er hatte hundert Soldaten,
die ihm gehorchten,
dazu viele Knechte und Mägde,
die in seinem Haus dienten.
Eines Tages aber wurde
einer seiner Knechte schwer krank.
Von Tag zu Tag
wurde es schlimmer mit ihm.
Bald wusste der Hauptmann
keinen Rat mehr.
Hilflos sah er zu,
wie sein Knecht litt.
Gerne hätte er
in der Stadt Hilfe geholt.
Aber er wusste:
Kein Jude würde
das Haus eines Römers betreten.
Da hörte der Hauptmann:
Jesus ist in der Stadt.
„Wer weiß“, sagte er sich,
„vielleicht kann Jesus
meinem Knecht helfen?“
Und sogleich machte er sich
auf den Weg
und suchte Jesus,
bis er ihn fand.
„Ach Herr“, rief der Hauptmann,
„mein Knecht liegt
zu Hause schwer krank.
Er hat große Schmerzen.“
„Ich komme“, sprach Jesus.
„Ich will ihn gesund machen.“
Aber der Hauptmann
wehrte erschrocken ab:
„Nein, Herr!
Ich bin es nicht wert,
dass du in mein Haus kommst.
Aber sprich nur ein Wort,
ein einziges Wort!
Dann wird mein Knecht gesund.
Denn ich weiß, was ein Wort
aus deinem Munde bewirkt.
Denn auch ich gehorche
meinen Vorgesetzten aufs Wort.
Und auch meine Soldaten
hören auf mein Wort.
Wenn ich einem sage:
,Geh los!‘,
dann geht er auch los.
Und wenn ich einen rufe:
,Komm her!‘,
dann tut er’s sofort.
Und wenn ich sage:
,Tu dies!‘ oder: ,Tu das!‘,
dann hört er aufs Wort.“
Als Jesus das hörte,
rief er voll Staunen:
„Wahrhaftig!
Solch einen Glauben
habe ich in ganz Israel
nicht gefunden.“
Und er wandte sich
zu dem Hauptmann
und sprach zu ihm:
„Geh in Frieden nach Hause!
Es soll so geschehen,
wie du geglaubt hast.“
Da kehrte der Hauptmann um
und eilte nach Hause.
Und sieh da!
Auf dem Weg kam ihm
sein Knecht schon fröhlich entgegen.
Da wusste der Hauptmann:
Jesus hatte ein Wunder getan.
Sein Wort hatte den Knecht
in dieser Stunde geheilt.
Matthäus 8,5–13
17. Zu spät?
Damals lebte in Kapernaum
ein Mann, der hieß Jairus.
Er war Vorsteher der Gemeinde
und in der ganzen Stadt
ein geachteter Mann.
Er hatte ein großes Haus
mit vielen Knechten und Mägden.
Dort wohnte er mit seiner Frau
und seiner kleinen Tochter,
die war zwölf Jahre alt.
Doch eines Tages wurde
seine Tochter schwer krank.
Von Tag zu Tag wurde sie schwächer.
Jairus war ratlos.
Was sollte er tun?
Wenn keine Hilfe kam,
musste sein Kind sterben.
Da hörte Jairus von anderen:
„Jesus ist wieder in der Stadt.“
„Ja“, sagte er sich,
„Jesus muss kommen,
bevor es zu spät ist!“
Schnell machte er sich auf,
um Jesus zu suchen.
Er lief durch die ganze Stadt
und suchte Jesus
auf allen Plätzen und Straßen.
Endlich fand er ihn draußen am See.
Aber viele Menschen umringten Jesus.
Sie versperrten Jairus den Weg.
Da drängte sich Jairus
durch die Menge hindurch,
fiel vor Jesus nieder
und bat ihn:
„Herr, bitte, komm schnell!
Meine Tochter ist todkrank.
Leg deine Hände auf sie!
Dann wird sie wieder gesund.“
Da ließ Jesus die Leute stehen
und ging mit Jairus.
Aber er kam nur langsam voran.
Immer wieder hielt ihn jemand auf
und bat ihn um Hilfe.
Wenn wir nur nicht zu spät kommen!,
dachte Jairus.
Aber da kamen ihm
schon seine Knechte entgegen,
die riefen ihm zu:
„Zu spät! Zu spät!
Jesus braucht nicht mehr zu kommen.
Deine Tochter ist tot.“
Wie erschrak Jairus,
als er das hörte!
Verzweifelt sah er auf Jesus.
Aber Jesus sprach zu ihm:
„Fürchte dich nicht!
Vertraue mir nur!“
Dann ging er mit Jairus
zu seinem Haus.
Dort waren schon
viele Menschen versammelt,
die heulten und klagten
und jammerten laut.
Das ganze Haus war erfüllt
von ihrem Klagegeschrei.
Als Jesus sah,
wie sie lärmten und klagten,
fuhr er sie an:
„Was macht ihr für ein Geschrei?
Das Kind ist nicht tot.
Es schläft nur.“
Aber die Leute riefen:
„Was sagt der?
Das Kind schläft?
Was für ein Unsinn!
Es ist tot.
Es wacht nie mehr auf.“
Und sie lachten ihn aus.
Aber Jesus jagte sie alle hinaus.
Nun war es auf einmal ganz still.
Nur die Eltern und drei Jünger
waren mit Jesus im Haus.
Da ging Jesus mit ihnen
in den Raum, wo das Kind lag.
Ruhig lag es auf seinem Bett.
Es rührte sich nicht.
Aber Jesus ging zu dem Kind hin,
fasste seine Hand und rief laut:
„Mädchen, ich sage dir:
Steh auf!“
Und sieh da!
Auf einmal rührte sich das Kind.
Die Augen öffneten sich.
Die Lippen bewegten sich.
Das Mädchen stand auf
und lief seinen Eltern entgegen.
Die Eltern aber waren wie erstarrt.
Sie wussten nicht, wie ihnen geschah.
„Euer Kind hat Hunger“,
sagte Jesus zu ihnen.
„Gebt ihm zu essen!“
Da kam auf einmal wieder
Leben in die Eltern.
Schnell holten sie etwas zu essen
und sahen voll Freude,
wie es ihrem Kind schmeckte.
Am liebsten hätten sie laut
auf die Straße hinausgerufen:
„Seht, was Jesus getan hat!
Er hat unserem Kind
das Leben geschenkt.“
Aber Jesus hielt sie zurück.
„Sagt es nicht weiter!“, befahl er.
„Es soll ein Geheimnis bleiben.“
Markus 5,21–43
18. Weine nicht!
Eines Tages wanderte Jesus
mit seinen Jüngern
zu der kleinen Stadt Nain.
Da kam ihnen aus dem Stadttor
ein Trauerzug entgegen.
Voran schritten Männer
mit einer Bahre.
Auf ihr lag ein toter Junge.
Viele Menschen folgten der Bahre.
Unter ihnen war auch
die Mutter des Jungen.
Ihr Mann war längst tot.
Nun hatte sie auch noch
den einzigen Sohn verloren.
Sie weinte und schluchzte
und vergrub ihr Gesicht
in den Händen.
Als Jesus sie weinen sah,
ging es ihm durch und durch.
Er hielt den Zug an,
ging auf die Mutter zu
und sprach zu ihr:
„Weine nicht!“
Da blickte die Frau auf.
Sie sah Jesus verwundert an.
Wer sprach so zu ihr?
Wer war dieser Fremde?
Sie kannte ihn nicht.
Jesus aber legte seine Hand
auf die Bahre
und rief laut
über dem Toten:
„Steh auf, Junge!
Ich sage dir: Steh auf!“
Und sieh da!
Der Junge setzte sich auf.
Er bewegte seine Lippen.
Er stieß Laute hervor,
sprach Wörter, sogar Sätze!
Da nahm ihn Jesus an die Hand
und gab ihn seiner Mutter zurück.
Als aber die anderen sahen,
was Jesus getan hatte,
jubelten sie und riefen:
„Gott sei Lob und Dank!
Er hat uns nicht vergessen.
Er hat Jesus zu uns geschickt.“
Voll Freude zogen sie
zurück in die Stadt,
sangen und lachten
und riefen in alle Häuser hinein:
„Wie mächtig ist Jesus!
Mächtiger als der Tod!“
Da wurde aus dem Trauertag
ein Festtag,
wie ihn die Stadt
noch nie erlebt hatte.
Lukas 7,11–17
19. Dein Glaube ist groß!
Nördlich von Israel
liegt das phönizische Land.
Dort wohnten Menschen,
die nicht an Gott glaubten,
sondern andere Götter verehrten.
„Heiden“ wurden sie
von den Juden genannt.
Unter ihnen lebte eine Frau,
deren Tochter hatte
ein schweres Leiden.
Wenn sie ihre Anfälle bekam,
schlug sie um sich
und wusste nicht, was sie tat.
Niemand konnte ihr helfen.
Auch die Mutter war ratlos.
Hilflos musste sie zusehen,
wie ihre Tochter sich quälte.
Die anderen Leute
trauten sich nicht einmal,
ihr Haus zu betreten.
Denn sie glaubten,
ein böser Geist
hätte ihre Tochter verhext.
Das bekümmerte die Mutter so sehr,
dass sie nicht mehr
aus noch ein wusste.
Da erfuhr die Mutter eines Tages:
„Ein Fremder ist
in unsere Gegend gekommen.
Er heißt Jesus
und stammt aus Israel.
Dort hat er schon
vielen Menschen geholfen.“
Als die Mutter das hörte,
ließ sie alles liegen und stehen
und machte sich auf den Weg,
um Jesus zu suchen.
Endlich fand sie ihn
unterwegs auf der Straße.
Sie lief hinter ihm her,
weinte und schrie:
„Ach Herr, hilf meiner Tochter!
Vertreibe den bösen Geist,
der sie plagt!“
Verzweifelt warf sie sich
auf die Erde, Jesus zu Füßen.
Wenn er sie nur nicht abwies!
Wenn er sie nur nicht davonjagte,
weil sie zu den Heiden gehörte!
Da blieb Jesus stehen.
Er beugte sich zu der Frau herab
und er sprach zu ihr:
„Erst brauchen die anderen Hilfe.
Es ist nicht recht,
wenn man den Kindern
das Brot wegnimmt
und wirft es vor die Hunde.“
Der Mutter stockte der Atem.
Wie? Sollte das heißen:
Jesus wollte nur
den Menschen in Israel helfen?
Und ihre Tochter?
War sie Jesus nicht wichtig?
War sie in seinen Augen
nur so viel wert wie ein Hund?
Die Mutter wollte es nicht glauben.
„Ja, Herr, ich verstehe“, stammelte sie.
„Aber dennoch essen die Hunde
von den Krümeln der Kinder,
die vom Tisch herabfallen.“
„O Frau“, rief Jesus voll Staunen,
„dein Glaube ist groß.
Genauso soll es geschehen,
wie du gesagt hast.“
Da glaubte die Mutter:
Jesus hatte sich
über ihre Tochter erbarmt.
Sogleich stand sie auf
und eilte nach Hause.
Dort fand sie die Tochter
auf ihrem Bett.
Ruhig und gelöst
lag sie da, völlig geheilt.
Die Jünger aber,
die Jesus gefolgt waren,
wussten nicht, wie ihnen geschah.
An diesem Tag hatten sie
mit eigenen Augen gesehen:
Jesus war nicht nur ihr Retter.
Er war auch zu den Heiden
als Retter gekommen.
Markus 7,24–30 / Matthäus 15,21–28
20. Hephata!
Eines Tages zog Jesus
mit seinen Jüngern
in eine fremde Gegend
auf der anderen Seite des Sees.
Im Nu sprach es sich
in der ganzen Gegend herum.
Einer rief es dem anderen zu:
„Hast du gehört?
Jesus ist hier.
Komm, wir wollen ihn sehen!“
Und schon rannten sie los
und liefen Jesus entgegen.
Nur einer blieb am Weg sitzen
und rührte sich nicht.
Er hörte nicht,
was die anderen riefen.
Er verstand nichts,
kein einziges Wort.
Er sah nur,
wie die Leute vorbeieilten.
„Wohin geht ihr alle?“,
wollte er fragen.
Aber er brachte kein Wort heraus,
nur unklare Laute.
Er war nicht nur taub.
Er war auch stumm.
Er hatte niemals gelernt,
richtig zu sprechen.
Als die Leute ihn sahen,
blieben sie stehen und fragten:
„Was sagt der?
Wir verstehen ihn nicht.
Aber wer weiß,
vielleicht versteht ihn Jesus?
Wir wollen ihn bitten,
dass er dem Taubstummen hilft.“
Und sie nahmen ihn an der Hand
und führten ihn zu Jesus.
„Da, sieh her!“, sagten sie.
„Dieser Mensch kann nicht hören.
Er kann auch nicht sprechen.
Aber leg deine Hand auf ihn
und mach ihn gesund!“
Da nahm ihn Jesus beiseite
und rührte seine Ohren
und seine Zunge an.
Und Jesus sah auf zum Himmel,
seufzte und rief: „Hephata!“
Das heißt: „Tu dich auf!“
Da geschah es.
Auf einmal gingen die Ohren auf.
Und auf einmal
löste sich auch die Zunge.
„Ich kann hören!“,
jubelte der Mann.
„Ich kann sogar sprechen!
Hört ihr mich?“
Und schon eilten die anderen herbei
und staunten ihn an:
„Wie ist das nur möglich?
Der Stumme kann reden.
Wir verstehen ihn alle.
Er redet richtige Worte,
ja, ganze Sätze.
Er stockt nicht einmal.“
Und sie riefen voll Freude:
„Das hat Jesus getan.
Er ist der Retter.
Er öffnet den Tauben das Ohr
und löst den Stummen die Zunge.“
Markus 7,31–37
21. Eine dunkle Macht
Am anderen Ufer des Sees
wohnte ein Mensch,
der litt furchtbare Qualen.
In ihm tobte
eine unheimliche Macht.
Wie ein gehetztes Tier
rannte er durch die Straßen.
Er raufte sich die Haare
und schlug sich mit Steinen.
Niemand konnte ihn zähmen.
Er zerriss alle Fesseln.
Sogar seine Kleider
riss er sich vom Leib,
wenn es über ihn kam.
Wo er auftauchte,
liefen die Leute davon.
Sie schrien vor Angst
und flüsterten entsetzt:
„Dieser Mensch ist
von allen guten Geistern verlassen.
Was ist nur in ihn gefahren?
Als ob tausend Teufel ihn plagten!“
Sogar seine eigene Familie
fürchtete sich vor ihm
und ließ ihn nicht mehr ins Haus.
So trieb sich der Mensch
draußen vor der Stadt herum.
Tagsüber streifte er ziellos umher
auf den Bergen über dem See,
wo auch Schweine grasten.
Und nachts schlief er in Grabhöhlen.
Eines Tages aber kam Jesus
mit seinen Jüngern über den See.
Schon von Weitem sah ihn
der Mann kommen.
Wie ein Wilder rannte er
zum Ufer hinab
und warf sich vor Jesus nieder.
Gequält schrie es aus ihm heraus:
„Was willst du von mir,
Jesus, du Sohn Gottes,
des Allerhöchsten?
Ich bitte dich: Quäle mich nicht!“
Jesus aber blickte
voller Mitleid auf ihn herab.
Er sah, wie eine fremde Macht
in dem Mann tobte.
Und zornig rief er:
„Du dunkle Macht!
Lass diesen Menschen los!
Fahr in die Schweine!
Da magst du wüten.
Aber lass diesen Menschen
endlich in Frieden!“
Da war es auf einmal,
als ob unsichtbare Ketten sich lösten.
Endlich war der Mann
von seinen Qualen erlöst!
Ruhig saß er Jesus zu Füßen.
Aber droben am Berg,
bei den Schweinen,
da war plötzlich die Hölle los.
Die Tiere bäumten sich auf.
Sie rasten wild den Abhang hinab
und stürzten sich kopfüber ins Wasser.
Als die Schweinehirten das sahen,
packte sie die Panik.
Sie flohen in die Stadt
und berichteten allen entsetzt,
was mit den Schweinen geschehen war.
Da liefen die Leute in Scharen
hinaus vor die Stadt.
Dort fanden sie Jesus
und bei ihm den Mann,
den alle gemieden hatten.
Ganz gelöst sah er aus.
Er tobte nicht mehr.
Er schrie auch nicht mehr.
Er war sogar richtig gekleidet.
Da wurde den Leuten
ganz unheimlich zumute.
„Du Fremder“, baten sie Jesus,
„geh und lass uns in Ruhe!“
Da ließ Jesus die Leute stehen
und stieg wieder ins Boot.
„Halt! Warte auf mich!“,
rief der Geheilte.
„Ich gehe mit dir.“
Doch Jesus erwiderte:
„Nein, bleibe du hier!
Geh zu deiner Familie zurück!
Und erzähle allen,
was Gott Großes an dir getan hat.“
Da kehrte der Mann um
und erzählte in allen Städten ringsum,
was Jesus an ihm getan hatte.
Markus 5,1–20 /Lukas 8,26–39
22. Im Sturm
Es war Abend.
Jesus saß mit seinen Jüngern
am See Genezareth.
Er war sehr müde.
Viele Menschen waren
an diesem Tag zu ihm gekommen.
Auch jetzt noch
ließen sie ihm keine Ruhe.
Da sagte Jesus zu seinen Jüngern:
„Kommt, wir wollen
ans andere Ufer fahren!“
Sie stiegen ins Boot
und fuhren hinaus auf den See.
Jesus aber nahm ein Kissen,
legte sich hinten ins Boot
und schlief ein.
Es war ein ruhiger Abend.
Die Sterne leuchteten klar.
Die Wellen plätscherten leise.
Und der Wind blies sanft
in die Segel.
Aber plötzlich zog ein Sturm auf.
Der Himmel wurde ganz schwarz.
Es stürmte und brauste.
Das Segel zerriss.
Die Wellen tobten
und schlugen ins Boot.
Da überfiel die Jünger
furchtbare Angst.
Sie klammerten sich ans Boot.
Sie schrien um Hilfe.
Konnte denn Jesus nicht helfen?
Aber Jesus lag hinten im Boot
und schlief immer noch tief,
mitten im Sturm.
„Herr, hilf uns!“,
schrien die Jünger.
„Siehst du denn nicht?
Wir gehen unter.“
Da öffnete Jesus die Augen.
Er sah auf den Sturm,
der um sie tobte.
Und er sah die Angst
in den Augen der Jünger.
Er stand auf,
erhob seine Hand drohend
gegen den Sturm
und rief laut über die Wellen:
„Schweig und sei still!“
Auf einmal wurde es ganz still.
Der Wind legte sich.
Die Wellen wichen zurück.
Das Schiff glitt ruhig
durch das Wasser.
„Warum hattet ihr solche Angst?“,
fragte Jesus die Jünger.
„Ich bin doch bei euch.
Habt ihr denn kein Vertrauen zu mir?“
Die Jünger aber waren sprachlos.
Sie sahen einander an
und flüsterten erschrocken:
„Wer ist nur dieser Jesus?
Sogar der Wind und die Wellen
gehorchen ihm.“
Markus 4,35–41 /Lukas 8,22–25
23. Alle werden satt
Einmal wollte Jesus
mit seinen Jüngern allein sein.
Er stieg in ein Boot
und fuhr mit ihnen über den See
zu einer verlassenen Gegend,
wo es keine Häuser
und keine Menschen gab,
nur einsame Berge.
Aber die Leute hatten gesehen,
wohin Jesus fuhr.
Sie wanderten um den See herum.
Und als Jesus ans andere Ufer kam,
standen sie schon da und warteten
auf ihn, Hunderte, sogar Tausende.
Und immer mehr kamen hinzu.
Als Jesus die Menschen sah,
Frauen und Männer,
Alte und Junge,
Gesunde und Kranke,
hatte er großes Mitleid mit ihnen.
Er spürte: Sie brauchten ihn alle.
Sie waren wie Schafe,
die keinen Hirten haben.
Da ging er zu ihnen hin,
heilte die Kranken,
tröstete die Traurigen
und erzählte ihnen von Gott.
Darüber wurde es Abend.
Die Sonne ging schon bald unter.
Aber immer noch standen
die Menschen bei Jesus
und hörten ihm zu.
Da kamen die Jünger
zu Jesus und sagten:
„Die Leute haben Hunger.
Es ist schon spät.
Bald wird es Nacht.
Und hier ist es einsam.
Schick sie endlich nach Hause!
Dann können sie unterwegs
noch etwas Brot kaufen.“
Aber Jesus erwiderte:
„Gebt ihr ihnen zu essen!“
„Wie?“, fragten die Jünger verwundert.
„Sollen wir denn weggehen
und Brot kaufen
für so viele Menschen?
Mindestens 200 Silberstücke
müssten wir dafür bezahlen.
Und es würde trotzdem
noch lange nicht reichen.“
„Wie viele Brote habt ihr?“,
fragte Jesus die Jünger.
„Seht nach
und sagt mir Bescheid!“
Da machten sich die Jünger
auf die Suche nach Brot.
Bald darauf kamen sie zurück
und meldeten Jesus:
„Wir haben einen Jungen gefunden,
der hat fünf Brote
und zwei Fische.
Aber was sind fünf Brote
und zwei Fische
für so viele Menschen?“
„Bringt mir das Brot und die Fische!“,
befahl Jesus den Jüngern.
„Und sagt allen,
sie sollen sich setzen!“
Da setzten sich alle
in Gruppen ins Gras,
immer fünfzig
oder hundert zusammen.
Fast sah es so aus,
als ob sie sich
um einen gedeckten Tisch setzten.
Jesus aber nahm das Brot,
schaute auf zum Himmel,
dankte Gott,
brach es
und gab es den Jüngern.
Die teilten das Brot aus
und auch die Fische.
Immer mehr Brot
und immer mehr Fisch
teilten sie aus an alle,
Männer, Frauen und Kinder.
Alle aßen und wurden satt,
ja, mehr als satt.
Danach sammelten die Jünger auf,
was übrig geblieben war.
Zwölf Körbe voll!
Nur fünf Brote und zwei Fische
waren es gewesen.
Aber Jesus hatte
mehr als 5000 Menschen
satt gemacht.
Als die Leute das sahen,
riefen sie begeistert:
„Jesus ist wirklich der Retter,
auf den wir warten.
Auf, wir wollen ihn
zu unserem König machen!“
Und sie umringten Jesus
und wollten ihn festhalten.
Aber Jesus ließ es nicht zu.
Er ließ die Leute stehen
und stieg allein
auf einen einsamen Berg.
Dort kniete er nieder und sprach
mit seinem Vater im Himmel,
er ganz allein.
Markus 6,32–44 / Johannes 6,1–15
24. Nachts auf dem See
Es war bereits Nacht,
als die Jünger
wieder in ihr Boot stiegen.
Jesus war noch nicht
vom Berg zurückgekehrt.
So fuhren sie ohne ihn los.
Sie ruderten hinaus
auf den dunklen See.
Aber sie kamen kaum voran.
Der Wind blies ihnen ins Gesicht.
Und die Wellen schlugen
von vorn gegen das Boot.
Sie ruderten und ruderten.
Doch es war, als ruderten
sie nur auf der Stelle.
Schon ging es auf den Morgen zu.
Aber das andere Ufer war noch fern.
Die Jünger spähten über das Wasser.
Plötzlich schrien sie auf.
Was war das?
Über dem Wasser leuchtete es hell.
„Hilfe!“, schrien die Jünger.
„Ein Gespenst!“
Doch da hörten sie Jesus:
„Ich bin es“, rief er über das Wasser.
„Fürchtet euch nicht!“
Die Jünger waren sprachlos.
Wie war das nur möglich?
Jesus war doch am Ufer geblieben!
Wie war er plötzlich zu ihnen gekommen?
Als erster fand Petrus wieder die Worte.
Mutig rief er über das Wasser:
„Herr, wenn du es bist,
dann befiehl mir,
dass ich zu dir aufs Wasser komme!“
„Komm zu mir!“, rief Jesus.
Da stieg Petrus aus dem Boot,
setzte seine Füße aufs Wasser
und wirklich:
Das Wasser trug ihn – Jesus entgegen!
Aber plötzlich erschrak Petrus.
Der Wind blies ihm ins Gesicht.
Die Wellen schlugen über ihm zusammen.
„Herr, hilf mir!“, schrie Petrus.
„Ich ertrinke.“
Da spürte er eine Hand
mitten im Wasser.
Sie hielt ihn fest
und trug ihn zum Boot.
Die Hand Jesu!
Sie hatte ihn
vor dem Ertrinken bewahrt.
„Petrus“, fragte Jesus,
„warum hast du mir
so wenig vertraut?“
Und Jesus stieg
mit Petrus ins Boot
und der Wind legte sich.
Als die Jünger das sahen,
fielen sie vor Jesus nieder
und riefen voll Staunen:
„Du bist wirklich Gottes Sohn.“
Matthäus 14,22–33
III
Jesus erzählt
Immer wieder kamen Menschen
zu Jesus und baten ihn:
„Erzähl uns vom Vater im Himmel!
Zeig uns,
was wir tun sollen
und wie wir beten sollen.
Wir möchten es Gott
gerne recht machen.“
Da erzählte ihnen Jesus
von seinem Vater,
der die Menschen unendlich liebt.
Er lehrte sie,
was sie tun sollten
und wie sie beten sollten
und dass sie Gott
über alles lieben sollten.
Viele hörten Jesus zu.
Aber einige waren dabei,
die verstanden nicht,
was er meinte.
Sie schüttelten den Kopf,
wunderten sich und fragten:
„Was will dieser Jesus
eigentlich von uns?“
Andere waren dabei,
die ärgerten sich über Jesus.
Sie ballten die Fäuste
und schimpften:
„Jesus spielt sich auf,
als ob er selbst Gott sei.
Wir wollen ihn nicht mehr hören.“
Aber dann gab es auch einige,
die spitzten die Ohren.
Sie hörten die gute Nachricht
von Gott, der sie liebt,
und änderten ihr Leben.
25. Freut euch, ihr Armen!
Einmal stieg Jesus auf einen Berg,
um dort zu beten.
Die ganze Nacht sprach er
mit seinem Vater im Himmel.
Als es aber Morgen wurde,
ging er mit seinen Jüngern
hinunter ins Tal.
Dort wartete schon
eine große Menschenmenge auf ihn.
Viele waren von weither gekommen,
um Jesus zu hören.
Als sie ihn sahen,
liefen sie ihm entgegen,
streckten die Hände nach ihm aus
und riefen: „Jesus, hilf uns!“
„Erzähl uns von Gott!“
Da wandte sich Jesus an alle,
die sich um ihn geschart hatten.
Und laut rief er über die Menge hinweg:
„Freut euch, ihr Armen!
Denn ihr gehört zu Gott.
Freut euch, ihr Hungrigen!
Denn ihr sollt satt werden.
Freut euch, ihr Weinenden!
Denn ihr werdet lachen.
Freut euch, auch wenn euch
die Menschen hassen!
„Freut euch, ihr Armen!
Denn ihr gehört zu Gott.
Freut euch, ihr Hungrigen!
Denn ihr sollt satt werden.
Freut euch, ihr Weinenden!
Denn ihr werdet lachen.“
Freut euch dennoch
und jubelt vor Freude!
Denn der Vater im Himmel
gibt euch, was euch fehlt.
Er wird euch
über Erwarten beschenken.“
Atemlos lauschten die Leute.
Das waren neue, unerhörte Worte,
die Jesus zu ihnen sprach!
Noch nie hatte ein Lehrer
so zu ihnen gesprochen.
Und Jesus fuhr fort:
„Hört, was ich euch sage:
Liebt eure Feinde!
Tut denen Gutes,
die euch hassen!
Segnet die,
die euch verfluchen!
Und bittet für die,
die euch beleidigen!
Dann werdet ihr Gottes Kinder sein.
Und seid barmherzig,
wie auch euer Vater im Himmel
barmherzig ist!“
Noch viel mehr sagte Jesus.
Und er schloss seine Rede:
„Wer meine Worte hört,
gleicht einem Menschen,
der klug war.
Er baute sein Haus auf Fels.
Und als ein Unwetter kam,
blieb das Haus stehen.
Denn es stand auf felsigem Grund.
Wer aber nicht auf mich hört,
gleicht einem Menschen,
der leichtsinnig war.
Er baute sein Haus auf Sand.
Doch als ein Unwetter kam,
stürzte das Haus ein
und die Flut schwemmte es weg.
Denn es stand auf sandigem Grund.“
Nachdenklich gingen die Leute davon.
Es war ihnen, als hätte in dieser Stunde
Gott selbst zu ihnen gesprochen.
Lukas 6,12–49 /Matthäus 5,3 ff.; 7,24 ff.
26. Vom Sämann
Einmal war Jesus am See.
Da strömten die Menschen
aus allen Städten
und Dörfern zusammen.
Sie umringten Jesus und baten ihn:
„Erzähl uns eine Geschichte von Gott!“
Da stieg Jesus in ein Boot
und sprach zu den Menschen,
die sich am Ufer drängten.
Seine Stimme schallte über das Wasser,
sodass alle ihn hörten.
Und Jesus fing an zu erzählen:
» Es war ein Sämann,
der ging auf sein Feld
und streute Samen aufs Land.
Aber einige Körner
fielen auf den Weg.
Da kamen Vögel und pickten sie auf.
Die Körner konnten nicht keimen.
Einige Körner
fielen auf steiniges Land.
Sie gingen auf, keimten
und sprossen aus der Erde hervor.
Aber die Sonne dörrte das Land aus.
Da wurden die Halme welk
und trockneten aus.
Sie konnten nicht wachsen.
Einige Körner
fielen unter dornige Sträucher.
Sie gingen auf,
keimten und sprossen
und trieben Halme hervor.
Die wuchsen und wurden
größer und größer.
Aber die dornigen Sträucher
wuchsen und wucherten
noch viel mehr.
Sie nahmen den Halmen
die Luft und das Licht weg.
Da konnten die Körner nicht reifen.
Die anderen Körner aber
fielen auf fruchtbares Land.
Sie gingen auf,
keimten und sprossen
und trieben Halme und Ähren hervor.
Und als die Erntezeit kam,
standen sie da,
aufrecht und groß,
mit gelben Ähren
und reifer Frucht in ihren Ähren.
Da kam der Sämann wieder aufs Feld
und zählte voll Freude die Früchte.
Dreißig –
nein, sechzig –
nein, mehr noch:
hundert Körner
zählte er in den Ähren. «
Hier endete Jesus.
Und er rief laut über das Wasser:
„Wer von euch Ohren hat zum Hören,
der höre auf mich!“
Da spürten die Menschen am Ufer:
Das waren nicht nur Geschichten,
die Jesus von Gott erzählte.
In seinen Worten
kam Gott selbst ihnen ganz nah.
Und vielen, die Jesus hörten,
ging das Herz auf,
wie Samen aufgeht
auf fruchtbarem Land.
Lukas 8,4–8 / Matthäus 13,1–9
27. Vom Beten
Einmal war Jesus allein
an einem einsamen Ort.
Da kamen seine Jünger
und sahen, dass er betete.
„Herr“, sagten sie,
„das möchten wir auch lernen.
Zeig uns, wie wir beten können!“
Da sprach Jesus zu seinen Jüngern:
„So sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel,
so auf Erden.
Unser tägliches Brot
gib uns heute.
Und vergib uns
unsere Schuld,
wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht
in Versuchung,
sondern erlöse uns
von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.“
Dieses Gebet merkten sich die Jünger.
Sie lernten es auswendig
und sagten es weiter.
Und bis heute beten
die Christen dieses Gebet,
das Jesus seine Jünger gelehrt hat.
Lukas 11,1–4 / Matthäus 6,9–13
28. Vom bittenden Freund
Schon viele Male
hatten die Jünger erlebt,
wie Jesus mit Gott sprach.
Ob Gott auch auf unser Gebet hört?
So fragten sie sich.
Da erzählte Jesus seinen Jüngern
diese Geschichte:
» Stellt euch vor:
Ein Mann bekommt
spätabends Besuch.
Sein Freund ist
von weither gekommen
und hat großen Hunger.
Aber der Mann
hat kein Brot im Haus,
kein einziges Stück.
Da geht er mitten in der Nacht
zu seinem Nachbarn,
klopft an seine Tür und ruft:
„Lieber Freund!
Mach mir auf!
Leih mir drei Brote!
Denn ich habe Besuch bekommen.
Und ich habe nichts,
was ich meinem Besuch
anbieten kann.“
Was glaubt ihr,
was wird der Nachbar tun?
Wird er rufen:
„Lass mich in Ruhe!
Störe mich nicht!
Es ist schon Mitternacht.
Weck die Kinder nicht auf!
Sie schlafen bei mir
in der Kammer.
Und die Tür ist verriegelt.
Ich kann nicht aufstehen
und dir das Brot herausgeben.“
Was glaubt ihr?
Wird er das tun?
Nein, ich sage euch:
Er wird aufstehen
und die Tür öffnen
und seinem Freund Brot geben,
so viel er braucht.
Und wenn er’s nicht tut,
weil er sein Freund ist,
so wird er es trotzdem tun,
schon deshalb, weil sein Freund
ihn so inständig bittet und drängt.«
„Seht“, fuhr Jesus fort,
„so wird mein Vater im Himmel
auch euch geben,
was ihr von ihm bittet.
Darum bittet,
so wird euch gegeben.
Suchet, so werdet ihr finden.
Klopfet an,
so wird euch aufgetan.“
Lukas 11,5–13
29. Vom barmherzigen Samariter
Einmal kam ein Gelehrter zu Jesus,
der kannte sich gut aus
in der Heiligen Schrift.
Er wollte Jesus prüfen.
„Was muss ich tun“, fragte er,
„damit ich zu Gott komme?“
Jesus antwortete:
„Du kennst doch die Gebote.
Wie heißt es dort?“
Da antwortete der Gelehrte:
„Es heißt in den Geboten:
,Du sollst den Herrn, deinen Gott,
von ganzem Herzen lieben
und deinen Nächsten wie dich selbst.‘
Aber wer ist denn mein Nächster?“
Da erzählte ihm Jesus
diese Geschichte:
» Einmal ging ein Mann
von Jerusalem nach Jericho hinab.
Er wanderte an steilen Bergen
und an tiefen Schluchten vorbei.
Plötzlich kamen Räuber
aus ihrem Versteck hervor.
Sie stürzten sich auf den Mann,
schlugen auf ihn ein,
plünderten ihn aus
und machten sich eilig davon.
Da lag nun der Mann
verlassen am Wegrand, halbtot.
Doch plötzlich hörte er Schritte.
Ein Priester kam den Weg herab.
Er kam vom Tempel,
wo er gebetet hatte.
Der Priester wird gewiss helfen,
hoffte der verwundete Mann.
Aber der Priester
rührte ihn nicht an.
Er ging schnell weiter
und ließ ihn im Dreck liegen.
Stunden vergingen.
Da hörte er wieder Schritte.
Ein Levit ging vorüber.
Auch er kam vom Tempel,
wo er Gott gedient hatte.
Der Levit wird gewiss helfen,
hoffte der Mann.
Aber der Levit blieb
nicht einmal stehen.
Er ging einfach vorbei.
Viele Stunden vergingen.
Der Mann hatte schon
alle Hoffnung verloren.
Da – plötzlich horchte er auf.
Jemand ritt auf einem Esel
das Tal herauf.
Ein Fremder war es,
ein Samariter.
Der wird mir nicht helfen,
dachte der Mann am Wegrand.
Der gehört ja gar nicht
zu unserem Volk.
Aber nein!
Der Mann traute seinen Augen nicht:
Der Esel blieb stehen.
Der Samariter stieg ab.
Er kam auf ihn zu.
„Du Armer!“,
rief der Samariter voll Mitleid.
„Was haben sie mit dir gemacht?“
Und er beugte sich über ihn,
wusch das Blut mit Öl und Wein ab
und verband seine Wunden.
Dann hob er ihn vorsichtig hoch
und setzte ihn auf den Esel.
Behutsam führte er ihn
den steilen Weg hinauf
und brachte ihn zur nächsten Herberge.
Dort hielt er an.
Er trug den Verletzten ins Haus
und pflegte ihn.
Am nächsten Morgen rief er den Wirt,
gab ihm zwei Silbermünzen
und bat ihn:
„Sorge gut für den Mann!
Und pflege ihn, bis er gesund ist!
Und wenn du noch mehr Geld brauchst,
will ich’s dir bezahlen,
wenn ich zurückkomme.“ «
Hier endete Jesus.
Und er wandte sich
an den Gelehrten und fragte:
„Nun sag selbst!
Wer von den dreien
war dem Verletzten am nächsten:
der Priester, der Levit
oder der Samariter?“
Das war keine schwere Frage.
„Natürlich der Samariter“,
antwortete der Gelehrte.
„Gut“, sagte Jesus,
„dann mach es wie er!“
Lukas 10,25–37
30. Vom reichen Bauern
Einmal waren viele Leute
um Jesus versammelt.
Alle umringten ihn.
Alle wollten etwas
von ihm wissen.
Da schob sich einer
durch die Menge hindurch
und bat Jesus: „Hilf mir,
du großer Lehrer und Meister!
Mein Bruder will mir
mein Erbteil nicht geben.
Sag ihm, dass er das Erbe teilt!“
Doch Jesus erwiderte:
„Mensch, meinst du,
ich sei dazu da,
euren Erbstreit zu schlichten?“
Und er wandte sich an alle,
die bei ihm standen, und sprach:
„Ihr Leute, gebt acht!
Seid nicht darauf bedacht,
dass ihr reich werdet!
Denn wenn ihr alles bekommt,
was ihr euch wünscht,
was habt ihr am Ende davon?“
Und Jesus erzählte ihnen
diese Geschichte:
» Es war ein Bauer,
der war sehr reich.
Er besaß viele Felder.
Und seine Felder
trugen viel Korn.
Jedes Jahr füllte der Bauer
seine Scheunen mit Korn.
Er hatte immer genug.
Aber in einem Jahr
wuchs noch mehr Korn
auf den Feldern
als in allen Jahren zuvor.
„Welch eine Ernte!“,
staunte der Bauer
und rieb sich die Hände.
„So viel Korn gab es noch nie.
Doch wohin mit dem Korn?
Wo soll ich es sammeln?
Meine Scheunen sind
viel zu klein.
Aber ich weiß,
was ich mache:
Ich reiße die alten Scheunen ab
und baue mir neue.
Danach fülle ich die Scheunen
mit Korn bis unter das Dach.
Und dann, ja dann
bin ich endlich zufrieden.
Dann kann ich sagen:
,Gut gemacht, Bauer!
Jetzt hast du’s geschafft.
Nun hast du ausgesorgt,
hast Vorrat für viele Jahre.
Nun gönne dir endlich
deine verdiente Ruhe!
Mach dir’s bequem!
Greif zu! Iss und trink!
Lass es dir schmecken
und genieße dein Leben!‘“
So dachte der Reiche zufrieden.
Und in Gedanken sah er schon
die neuen Scheunen vor sich,
gefüllt bis unter das Dach.
Aber plötzlich –
rief da nicht jemand?
Gott war es,
der zu ihm sprach:
„Du Narr!
Glaubst du im Ernst,
nun könne dir
nichts mehr geschehen?
Noch in dieser Nacht
wirst du sterben.
Wem wird dann
all das gehören,
was du dir angehäuft hast?“ «
„So geht es allen“, sprach Jesus,
„die mehr haben wollen,
immer noch mehr,
und haben in Gott nicht genug.
Darum sage ich euch:
Macht euch keine Sorgen!
Fragt nicht:
,Was werden wir essen?
Was werden wir trinken?
Welche Kleider werden wir tragen?‘
Denn euer Vater im Himmel weiß,
was ihr braucht.
Er gibt euch genug,
mehr als genug.“
Lukas 12,13–30
31. Vom verlorenen Schaf
Zu Jesus kamen
die verschiedensten Menschen.
Auch viele verrufene Leute
waren darunter.
Niemand konnte sie leiden.
Aber Jesus freute sich,
wenn sie zu ihm kamen.
Er setzte sich mit ihnen
an einen Tisch
und aß und trank mit ihnen.
Das passte den anderen nicht.
Vor allem die Gesetzeslehrer
ärgerten sich über Jesus.
„Was?“, schimpften sie.
„Mit solchen Leuten
gibt Jesus sich ab?
Weiß er denn nicht,
wie schlecht sie sind?“
Das hörte Jesus.
Deshalb erzählte er ihnen
diese Geschichte:
» Es war ein Hirte,
der hatte hundert Schafe.
Er kannte alle Schafe
mit ihrem Namen.
Und auch die Schafe
kannten ihren Hirten
und hörten auf seine Stimme.
Jeden Tag zog der Hirte
mit seinen Schafen auf die Weide.
Der Weg war oft gefährlich.
Er führte über steinige Berge
und durch finstere Täler.
Aber die Schafe blieben
dicht bei dem Hirten.
So konnten sie sich nicht verlaufen.
Aber eines Tages
kam ein Schaf vom Weg ab
und verirrte sich in den Bergen.
Der Hirte merkte es erst am Abend,
als er die Schafe zählte.
Wie erschrak er:
Er hatte keine hundert Schafe mehr.
Ein Schaf fehlte.
Da ließ der Hirte
die 99 Schafe zurück
und zog sofort los,
um das verlorene Schaf zu suchen.
Er ging immer weiter
in die Nacht hinein.
Und immerzu rief er
das Schaf mit Namen.
Da – auf einmal hörte er etwas,
ganz schwach.
War das nicht sein Schaf?
Der Hirte lief schnell darauf zu.
Wirklich, da lag das Schaf,
das er verloren hatte!
Er hatte es gefunden.
Behutsam nahm er das Tier
auf seine Schultern
und trug es glücklich nach Hause.
Zu Hause aber holte der Hirte
alle Freunde und Nachbarn herbei.
„Freut euch mit mir!“, rief er.
„Denn mein Schaf war verloren.
Aber nun habe ich es
wiedergefunden.“ «
„Seht“, sagte Jesus zu allen,
die ihm zuhörten,
„so freut sich Gott,
wenn ein Mensch heimfindet,
der sich verirrt hat.“
Lukas 15,1–7
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