Read the book: «Neukirchener Kinderbibel Neukirchener Erzählbibel (ohne Illustrationen)»

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Inhalt
Neukirchener Kinder-Bibel

Inhaltsverzeichnis

Zum Gebrauch der Neukirchener Kinder-Bibel

Das Alte Testament

I. Gott macht den Anfang

II. Gott gibt sein Versprechen

III. Gott führt sein Volk

IV. Gott gibt das Land

V. Gott setzt Könige ein

VI. Gott sendet seine Propheten

VII. Gott ist Herr über die Welt

VIII. Gott bringt heim

Das Neue Testament

I. Jesus, der Retter, ist da!

II. Jesus hilft

III. Jesus erzählt

IV. Jesus geht nach Jerusalem

V. Jesus muss sterben

VI. Jesus lebt

VII. Jesus sendet seine Jünger

VIII. Jesus kommt wieder

Anhang

A. Einführung in die Geschichten der Bibel

B. Die Geschichten des Alten Testaments

C. Die Geschichten des Neuen Testaments

Neukirchener Erzählbibel

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das Alte Testament

1. Am Anfang

Das erste Buch Mose (Genesis)

2. Der Auszug

Das zweite und dritte Buch Mose (Exodus und Leviticus)

3. Durch die Wüste

Das vierte und fünfte Buch Mose (Numeri und Deuteronomium)

4. Einzug ins Land

Das Buch Josua

5. Im neuen Land

Das Buch der Richter und Rut

6. Ende und Neuanfang

Das erste Buch Samuel

7. König David

Das zweite Buch Samuel

8. Unter den Königen Israels

Das erste und zweite Buch der Könige

9. Unter den Königen Judas

Das erste und zweite Buch der Chronik

10. Unter fremden Herrschern

Die Bücher Esra, Nehemia und Ester

11. Klagen und Loben

Das Buch Hiob

Die Botschaft der Propheten

12. Der Prophet Amos

13. Der Prophet Jesaja

14. Der Prophet Jeremia

15. Der Prophet Hesekiel

16. Das Buch Daniel

17. Der unbekannte Prophet

Das Neue Testament

18. Das Evangelium von Jesus Christus

Das Johannesevangelium

19. Die Ausbreitung des Evangeliums

Die Apostelgeschichte des Lukas (1)

20. In alle Welt

Die Apostelgeschichte des Lukas (2)

21. Die Botschaft der Hoffnung

Die Offenbarung des Johannes

Einführung in die biblischen Bücher

Das Alte Testament

Die Botschaft der Propheten

Das Neue Testament


Inhalt

Das Alte Testament

I. Gott macht den Anfang

1. Am Anfang

2. Mann und Frau

3. Die Schlange

4. Kain und Abel

5. Noah und die Arche

6. Der Turm von Babel

II. Gott gibt sein Versprechen

7. Abraham und Sara

8. Abraham im neuen Land

9. Abraham muss warten

10. Abraham bekommt Besuch

11. Lot

12. Ismael

13. Isaak

14. Isaak und Rebekka

15. Jakob und Esau

16. Jakob bekommt den Segen

17. Jakob auf der Flucht

18. Jakob im fremden Land

19. Jakob kehrt heim

20. Josef und seine Brüder

21. Josef in Ägypten

22. Josef im Gefängnis

23. Josef vor dem König

24. Josefs Brüder in Ägypten

25. Josef söhnt sich aus

26. Jakob zieht nach Ägypten

III. Gott führt sein Volk

27. In Ägypten

28. Mose

29. Mose muss fliehen

30. Mose im Land Midian

31. Mose bekommt einen Auftrag

32. Mose bei Pharao

33. Die zehn Plagen

34. Der Auszug aus Ägypten

35. Durch das Rote Meer

36. Durch die Wüste

37. Hunger

38. Ein Überfall

39. Am Berg Sinai

40. Das goldene Kalb

41. Fast am Ziel

42. Schlangen

43. Mose sieht das Land

IV. Gott gibt das Land

44. Josua

45. Josua nimmt das Land ein

46. Gideon

47. Gideon und die Midianiter

48. Rut

49. Rut und Boas

50. Samuel

51. Samuel bei Eli

V. Gott setzt Könige ein

52. Saul

53. David

54. David bei König Saul

55. David und Goliat

56. David muss fliehen

57. David in der Höhle

58. David in der Wüste

59. David wird König

60. David in Jerusalem

61. David bekommt ein Versprechen

62. David und Batseba

63. David und Absalom

64. Salomo

65. Salomo baut den Tempel

VI. Gott sendet seine Propheten

66. Elia

67. Elia im fremden Land

68. Elia auf dem Berg Karmel

69. Elia in der Wüste

70. Elisa und Naaman

71. Jona

72. Jona in Ninive

73. Jesaja und König Hiskia

74. Die Schriftrolle

75. Jeremia

76. Jeremia und Baruch

VII. Gott ist Herr über die Welt

77. Daniel

78. Daniel deutet einen Traum

79. Daniels Freunde im Feuerofen

80. Daniel in der Löwengrube

VIII. Gott bringt heim

Das Neue Testament

I. Jesus, der Retter, ist da!

1. Gute Nachricht für Zacharias

2. Gute Nachricht für Maria

3. Jesus wird geboren

4. Ehre sei Gott!

5. Endlich ist er da!

6. Der neue König

7. Auf der Flucht

8. Auf dem Passafest

9. Am Jordan

10. In der Wüste

11. Die ersten Jünger

II. Jesus hilft

12. Am See

13. Auf der Hochzeit

14. Ausgestoßen

15. Gelähmt

16. Sprich nur ein Wort!

17. Zu spät?

18. Weine nicht!

19. Dein Glaube ist groß!

20. Hephata!

21. Eine dunkle Macht

22. Im Sturm

23. Alle werden satt

24. Nachts auf dem See

III. Jesus erzählt

25. Freut euch, ihr Armen!

26. Vom Sämann

27. Vom Beten

28. Vom bittenden Freund

29. Vom barmherzigen Samariter

30. Vom reichen Bauern

31. Vom verlorenen Schaf

32. Von der verlorenen Münze

33. Vom barmherzigen Vater

34. Vom Pharisäer und Zöllner

35. Von der bittenden Witwe

36. Von den beiden Knechten

37. Von den Arbeitern im Weinberg

IV. Jesus geht nach Jerusalem

38. Du bist Christus!

39. Auf dem Berg

40. Der einzige Sohn

41. Die gebeugte Frau

42. Der dankbare Samariter

43. Lasst die Kinder zu mir!

44. Der Reiche

45. Zachäus

46. Bartimäus

47. Marta

48. Lazarus

49. Maria

50. Hosianna!

V. Jesus muss sterben

51. Jesus räumt auf

52. Jesus wäscht den Jüngern die Füße

53. Jesus feiert das Mahl

54. Jesus betet in Gethsemane

55. Jesus wird verhaftet

56. Jesus wird verhört

57. Jesus wird verleugnet

58. Jesus wird verurteilt

59. Jesus wird gekreuzigt

60. Jesus wird begraben

VI. Jesus lebt

61. Jesus erscheint den Frauen

62. Jesus erscheint den Jüngern

63. Jesus erscheint Thomas

64. Jesus erscheint am See

VII. Jesus sendet seine Jünger

65. Jesus geht zum Vater

66. Gott schenkt seinen Geist

67. Petrus und der Bettler

68. Petrus im Gefängnis

69. Ein Minister aus Afrika

70. Paulus wird Christ

71. Paulus geht nach Europa

VIII. Jesus kommt wieder

72. Seid wachsam!

73. Seid bereit!

74. Kommt zum Fest!

Anhang

A. Einführung in die Geschichten der Bibel

I. Die Eigenart biblischer Geschichten

II. Das Thema der biblischen Geschichten

B. Die Geschichten des Alten Testaments

I. Gott macht den Anfang

II. Gott gibt sein Versprechen

III. Gott führt sein Volk

IV. Gott gibt das Land

V. Gott setzt Könige ein

VI. Gott sendet seine Propheten

VII. Gott ist Herr über die Welt

VIII. Gott bringt heim

C. Die Geschichten des Neuen Testaments

I. Jesus, der Retter, ist da!

II. Jesus hilft

III. Jesus erzählt

IV. Jesus geht nach Jerusalem

V. Jesus muss sterben

VI. Jesus lebt

VII. Jesus sendet seine Jünger

VIII. Jesus kommt wieder

Zum Gebrauch der Neukirchener Kinder-Bibel

Diese Bibel richtet sich in erster Linie an Kinder. Sie will Kinder in die Geschichte der Bibel einführen, sie für Gottes Wort öffnen und sie dazu anregen, die Bibel selbst zu entdecken.

Die Kinder-Bibel richtet sich aber auch an interessierte Erwachsene, an Eltern, Lehrende und Erziehende. Sie lädt dazu ein, die Geschichten mit Kindern zu lesen und sie für Kinder neu zu erschließen.

Daraus erklärt sich die Eigenart dieser Kinder-Bibel:

1. Die Erzähltexte

erzählen in einfacher, bildhafter Sprache und sind in Sinnzeilen geordnet. Sie möchten Kinder schon in frühem Alter mit der Bibel vertraut machen.

Sie orientieren sich in Inhalt und Sprachform an den biblischen Texten selbst. Sie möchten Kinder und Erwachsene hellhörig machen für die besondere Botschaft dieser Texte.

Sie bauen thematisch aufeinander auf. Sie zeigen den inneren Zusammenhang biblischer Zeugnisse auf und empfehlen sich zu fortlaufender Lektüre.

Sie erzählen von Gott, der uns in der Geschichte nahekommt. Sie laden Erwachsene und Kinder ein, diese Geschichte neu zu entdecken und selbst weiterzuerzählen.

2. Der Anhang

gibt eine thematische Einführung in die Themen und Texte der Kinder-Bibel und dient als Hinführung zum eigenen Bibelstudium. Er richtet sich an Erwachsene, die an einem biblischen Grundkurs interessiert sind und möchte zugleich als biblisch-theologische Grundlage für die eigene Nacherzählung biblischer Geschichten dienen.

Die Kinder-Bibel ist im neutestamentlichen Teil um 16 Geschichten erweitert worden (seit der 12. Auflage). Der Text der Bibel folgt der neuen Rechtschreibung.

Das Alte Testament

I
Gott macht den Anfang

Dies ist die Geschichte,

die uns die Bibel erzählt.

Sie erzählt von Gott

und seinen Menschen

und von dem Weg,

den er mit ihnen ging.

Es ist eine sehr lange Geschichte,

die längste und größte

und erstaunlichste Geschichte,

die uns Menschen bekannt ist.

Sie begann schon vor langer Zeit,

lange bevor wir geboren wurden,

lange bevor unsere Eltern

und Großeltern lebten.

Vor vielen, vielen Jahren,

als noch kein Mensch

auf der Erde lebte,

als noch keine Blume

und kein Baum auf der Erde wuchs,

noch viel, viel früher,

als es noch nicht einmal die Erde gab,

da war Gott schon da,

ganz am Anfang.

Mit ihm beginnt diese Geschichte.

1. Am Anfang

Am Anfang

schuf Gott Himmel und Erde.

Noch war die Erde öde

und ohne Leben.

Wasser bedeckte das Land.

Und es war überall dunkel.

Da sprach Gott:

„Es werde Licht!“

Und es geschah,

wie Gott gesagt hatte:

Über der Erde wurde es hell.

Und Gott sah,

dass das Licht gut war.

Er trennte das Licht von dem Dunkel.

Und er nannte das Licht „Tag“.

Und das Dunkel nannte er „Nacht“.

Da wurde es Abend.

Die Erde lag wieder im Dunkeln.

Der erste Tag war vorüber.

Und Gott sprach:

„Über der Erde

soll ein Himmel entstehen!“

Und so geschah es:

Gott spannte das Firmament

über die Erde

und nannte es „Himmel“.

Und Gott sah,

dass es gut war,

was er gemacht hatte.

Wieder wurde es Abend.

Der zweite Tag war vorüber.

Und Gott sprach:

„Alles Wasser soll weichen!“

Und so geschah es:

Das Wasser floss zusammen.

Und trockenes Land trat

aus dem Wasser hervor.

Und Gott nannte das Trockene „Land“.

Und das Wasser nannte er „Meer“.

Und Gott sprach:

„Das Land bringe hervor

Gräser und Kräuter

und Bäume aller Art.“

Und Gott sah,

dass es gut war,

was er gemacht hatte.

Wieder wurde es Abend.

Der dritte Tag war vorüber.

Und Gott sprach:

„Lichter sollen am Himmel leuchten

bei Tag und bei Nacht!“

Und so geschah es:

Am Morgen ging die Sonne auf,

strahlend und hell.

Und am Abend leuchtete

der Mond am Himmel.

Und viele Sterne funkelten

in der dunklen Nacht.

Und Gott sah,

dass es gut war,

was er gemacht hatte.

Wieder wurde es Abend.

Der vierte Tag war vorüber.

Und Gott sprach:

„Tiere sollen das Wasser

und die Luft mit Leben erfüllen!“

Und so geschah es:

Im Wasser wimmelte es bald

von allerlei Tieren,

großen und kleinen Fischen.

Und Vögel flogen

in Schwärmen herbei

und erfüllten die Luft

mit ihrem Geschrei.

Und Gott sah,

dass es gut war,

was er gemacht hatte.

Er segnete die Fische und Vögel

und sprach:

„Vermehrt euch!

Legt Eier und brütet sie aus!

Wasser und Luft

sollen von euch erfüllt sein.“

Wieder wurde es Abend.

Der fünfte Tag war vorüber.

Und Gott sprach:

„Auch auf dem trockenen Land

sollen allerlei Tiere leben!“

Und so geschah es:

Gott schuf die Tiere,

die auf dem Land leben,

große und kleine,

flinke und lahme,

wilde und zahme,

alles, was kriecht

und was Beine hat.

Und Gott sah,

dass es gut war,

was er gemacht hatte.

Zuletzt aber schuf Gott

den Menschen.

Gott sprach:

„Ich will Menschen machen,

die mir gleichen.

Über alle Tiere

will ich sie stellen.“

Und Gott schuf den Menschen

nach seinem Bild:

Mann und Frau.

Und Gott segnete sie

und sprach:

„Vermehrt euch!

Breitet euch aus über die Erde!

Alles, was ich gemacht habe,

soll für euch da sein,

die Bäume und die Früchte,

die Fische und die Vögel

und die Tiere auf dem Land.

Alles soll euch gehören,

euch und allen Menschen,

die auf der Erde leben werden.

Aber ihr sollt mir gehören.“

Und Gott sah auf alles,

was er gemacht hatte.

Es war alles sehr gut.

Da wurde es Abend.

Der sechste Tag war vorüber.

Am siebten Tag aber ruhte Gott

und vollendete sein Werk.

Gott segnete den siebten Tag

und sprach:

„Dieser Tag soll mein Tag sein.

Alle Arbeit soll ruhen

an diesem Tag!“

So wurden Himmel und Erde

durch Gott geschaffen.

Alles, was in dieser Welt ist,

kommt von ihm.

1. Mose 1

2. Mann und Frau

So schuf Gott den Menschen:

Er machte ihn aus Erde

und hauchte ihm Leben ein.

Und Gott ließ ihn wohnen

im Land Eden,

in einem Garten mit vielen Bäumen

und köstlichen Früchten.

Der Mensch durfte ihn pflegen

und seine Früchte ernten.

Der ganze Garten war für ihn da.

Da sprach Gott:

„Es ist nicht gut,

dass der Mensch allein bleibt.

Ich will ihm eine Gefährtin geben,

die ihm gleich ist,

die zu ihm gehört

und die ihn versteht.“

Und Gott brachte Tiere zu ihm.

Und der Mensch gab ihnen Namen,

jedem Tier einen besonderen Namen.

Aber unter allen Tieren

fand sich kein Tier,

das dem Menschen gleich war.

Mit keinem konnte er reden.

Und kein Tier konnte

den Menschen verstehen.

Da ließ Gott den Menschen

in einen tiefen Schlaf sinken.

Und als er aufwachte,

da war eine Frau bei ihm.

Gott hatte sie ihm gegeben.

„Endlich!“, rief er froh.

„Das ist sie,

meine Frau,

der Mensch,

der mir fehlte!“

Nun war der Mensch

nicht mehr allein.

Nun gehörten sie

für immer zusammen:

Frau und Mann,

Mann und Frau.

Gott hatte sie

füreinander geschaffen.

1. Mose 2

3. Die Schlange

Adam und Eva hießen die Menschen,

die Gott geschaffen hatte.

Sie lebten miteinander in Frieden.

Sie kannten keine Angst

und auch keine Schmerzen.

Es fehlte ihnen an nichts.

Gott war bei ihnen

und sorgte für sie

wie ein Vater für seine Kinder.

Alles hatte Gott

den Menschen gegeben.

Alles, was im Garten wuchs,

durften sie ernten und essen.

Nur eines hatte Gott verboten:

Mitten im Garten

stand ein besonderer Baum,

der „Baum der Erkenntnis“.

Wer von diesem Baum aß,

wusste, was gut und böse ist.

Dieser Baum gehörte nur Gott.

Gott hatte zu Adam gesagt:

„Alle Früchte dürft ihr essen.

Aber von diesem Baum

sollt ihr keine Frucht essen.

Sonst werdet ihr sterben.“

Aber eines Tages geschah es:

Eva ging mit Adam im Garten umher.

Plötzlich hörte sie eine Stimme.

Sie schaute sich um.

Da entdeckte sie eine Schlange.

Die sah sie listig an

und flüsterte ihr zu: „Wie?

Dürft ihr keine Früchte essen?

Hat Gott das gesagt?“

„Aber nein“, widersprach Eva.

„Alles dürfen wir essen.

Nur von dem Baum in der Mitte

sollen wir nichts essen.

Gott hat gesagt:

,Esst nicht davon!

Rührt seine Früchte nicht an!

Sonst müsst ihr sterben.‘“

Aber die Schlange flüsterte:

„Nein, glaub mir!

Ihr werdet nicht sterben.

Sondern ihr werdet

wie Gott sein,

so klug wie Gott selbst.“

Da sah Eva den Baum an.

Wie seine Früchte lockten!

Eva streckte die Hand aus,

pflückte eine Frucht,

biss hinein

und gab sie ihrem Mann.

Der nahm die Frucht

und aß auch davon.

Auf einmal gingen

den beiden die Augen auf.

Plötzlich erkannten sie,

dass die Schlange sie betrogen hatte.

Sie schauten sich erschrocken an.

Da sahen sie, dass sie nackt waren.

Schnell rissen sie

ein paar Feigenblätter ab

und banden sie sich um.

Schon kam der Abend heran.

Da hörten sie,

wie Gott durch den Garten ging.

Voll Angst liefen sie davon

und versteckten sich

zwischen den Bäumen.

Aber Gott hatte sie längst gesehen.

„Adam“, rief er, „wo bist du?“

Zitternd kam Adam

aus seinem Versteck hervor.

„Adam“, sprach Gott,

„hast du von dem Baum gegessen?“

„Ja“, gab Adam zu,

„ich habe es getan.

Aber Eva war schuld daran.

Sie gab mir die Frucht.“

„Eva“, sprach Gott,

„warum hast du das getan?“

„Ich war nicht schuld“,

wehrte sich Eva.

„Die Schlange war schuld.

Sie hat mir gesagt,

dass ich von dem Baum essen darf.“

Da sprach Gott zur Schlange:

„Verflucht sollst du sein,

weil du das getan hast.

Die Tiere werden dir

aus dem Weg gehen

und die Menschen dir feind sein.“

Und zu Eva sprach Gott:

„Du wirst viel Mühe haben

in deinem Leben.

Kinder wirst du gebären,

aber mit Schmerzen.“

Und zu Adam sprach er:

„Auch du wirst es schwer haben.

Felder wirst du bebauen.

Aber Dornen und Disteln

werden darauf wuchern.

Und deine Arbeit

wird dich viel Schweiß kosten.“

Nun war mit einem Mal

das Leben mit Gott zu Ende.

Adam und Eva mussten

den Garten verlassen.

Gott selbst wies sie hinaus.

Gerne wären die beiden

wieder zurückgekehrt.

Aber Engel mit feurigen Schwertern

bewachten den Zugang zum Garten.

Doch Gott ließ auch jetzt

seine Menschen nicht los.

Er erhielt sie am Leben

und gab ihnen alles,

was sie zum Leben brauchten:

Kleider aus Fellen,

um sie vor Kälte zu schützen,

und Korn und Früchte,

um ihren Hunger zu stillen.

Aber der Tag war noch fern,

an dem Gott selbst

zu den Menschen kommen würde,

um sich mit ihnen zu verbinden

für immer.

1. Mose 3

4. Kain und Abel

Adam und Eva lebten nun

fern von Gott.

Doch eines Tages geschah,

was Gott gesagt hatte:

Eva gebar einen Sohn.

Sie nannte ihn Kain.

Bald darauf gebar sie

noch einen Sohn,

den nannte sie Abel.

Kain wuchs heran

und wurde ein Bauer.

Er arbeitete auf dem Feld,

säte und erntete Korn.

Abel aber wurde ein Hirte.

Er hütete die Schafe

und sorgte für sie.

Kain und Abel

hatten Gott nie gesehen.

Aber sie dachten oft an ihn.

Sie brachten ihm Opfer

und dankten ihm für alles,

was er ihnen zum Leben gab.

Wenn Abel opferte,

wählte er das schönste Schaf aus,

schlachtete es

und legte es auf einen Altar,

den er aus Steinen gebaut hatte.

Dann schob er dürre Zweige

unter das Schaf,

zündete das Opfer an

und betete zu Gott,

sobald Rauch zum Himmel aufstieg.

Und Gott sah auf Abels Opfer

und freute sich daran.

Wenn aber Kain opferte,

dann legte er auf den Altar

Körner und Früchte,

die er geerntet hatte.

Auch er zündete sein Opfer an

und betete zu Gott.

Aber es schien,

als sähe Gott sein Opfer nicht.

Da dachte Kain bei sich:

Jetzt weiß ich es sicher:

Gott liebt nur Abel.

Mich hat er nicht lieb.

Sein Gesicht wurde ganz finster.

Er konnte Abel

gar nicht mehr ansehen,

so wütend war er auf ihn.

Schließlich fasste Kain

einen furchtbaren Plan:

Abel musste sterben!

Tag und Nacht

sann er darüber nach.

Aber Gott sah,

was Kain plante.

Er warnte ihn:

„Kain, was hast du vor?

Warum blickst du so finster?

Gib acht, was du tust!“

Doch Kain hörte nicht auf Gott.

Er lockte Abel aufs Feld,

fiel über ihn her

und schlug auf ihn ein,

bis er tot war.

Nun war es geschehen.

Abel lag am Boden

und rührte sich nicht mehr.

Auf einmal war es

totenstill auf dem Feld.

Schnell verscharrte Kain

seinen Bruder in der Erde.

Aber plötzlich –

rief da nicht jemand?

Erschrocken sah Kain sich um.

Er konnte niemand entdecken.

Gott war es, der ihn rief:

„Kain, wo ist Abel, dein Bruder?“

„Wie soll ich das wissen?“,

gab Kain zurück.

„Soll ich denn meinen Bruder hüten?

Bin ich denn sein Hirte?“

Doch Gott sprach zu Kain:

„Was hast du getan?

Das Blut deines Bruders

schreit zum Himmel

und klagt dich an.

Nun musst du fliehen.

Aber wohin du auch fliehst,

nirgendwo kannst du bleiben.“

Da erst begriff Kain,

was er Furchtbares getan hatte.

Seinen eigenen Bruder

hatte er umgebracht!

Schnell machte er sich auf

und lief davon.

Aber wohin?

Er wusste es selbst nicht.

Er floh von Ort zu Ort,

immer weiter.

Nirgendwo fand er Ruhe.

Überall hatte er

seinen toten Bruder vor Augen.

Sein Leben lang konnte er

Abel nicht mehr vergessen.

Gott aber gab Kain

ein Zeichen an seine Stirn

und schützte ihn,

solange er lebte.

Nun waren Adam und Eva

wieder allein wie am Anfang.

Doch Gott ließ sie

auch jetzt nicht allein.

Er schenkte ihnen

noch einen Sohn: Set.

Der wuchs heran

und hatte selbst Kinder.

Und auch seine Kinder

bekamen wieder Kinder.

So entstand ein großes Volk.

1. Mose 4

5. Noah und die Arche

Bald dachten die Menschen

nicht mehr an Gott.

Sie spielten sich auf,

als seien sie selbst Gott,

und verdarben alles,

was er gemacht hatte.

Sie raubten und mordeten

und machten sich nichts daraus.

Jeder dachte nur an sich selbst

und tat, was ihm allein nützte.

Da tat es Gott leid,

dass er die Menschen gemacht hatte.

Und er sprach zu sich:

„Ich will die Menschen

mitsamt der Erde verderben.

Denn sie sind alle

von Grund auf verdorben.“

Nur einer war anders: Noah.

Er hörte auf Gott

und lebte,

wie Gott es gefiel.

Da sprach Gott zu Noah:

„Bau dir ein Schiff!

Denn bald wird es regnen,

so viel, dass alles Land

im Wasser versinkt.

Auch die Blumen und Bäume,

sogar die Tiere und Menschen,

alles, was lebt, wird ertrinken.

Aber dich will ich am Leben erhalten,

dich und deine Frau

und deine drei Söhne

mit ihren Frauen.“

Da hörte Noah auf Gott.

Und er baute die Arche,

ein riesiges Schiff,

so hoch wie ein Haus,

drei Stockwerke hoch,

mit zahllosen Kammern,

mit Tür und Fenster

und einem richtigen Dach.

Danach sprach Gott:

„Nun wähle von allen Tieren

je ein Paar aus

und bringe sie in die Arche hinein!

Denn auch sie will ich

am Leben erhalten.“

Und schon kamen sie an,

Löwen und Schafe,

auch Vögel und Käfer,

alles, was kriecht

und was Beine hat.

Von allen brachte Noah

je ein Paar in die Arche,

wie Gott gesagt hatte.

Auch schaffte er für die Tiere

gewaltige Mengen an Futter herbei.

Darauf ging Noah selbst

in die Arche hinein,

er, seine Frau

und seine drei Söhne

mit ihren Frauen.

Und Gott selbst

schloss die Tür hinter ihm zu.

Sieben Tage lang

blieb es still auf der Erde.

Dann verschwand die Sonne

hinter den Wolken.

Der Himmel wurde ganz schwarz.

Ein furchtbarer Regen brach los.

Es schüttete.

Es goss in Strömen.

Die Flüsse traten über die Ufer.

Sie überschwemmten das Land.

Menschen und Tiere ertranken.

Bald stand alles Land unter Wasser.

Und immer noch

hörte der Regen nicht auf.

Das Wasser stieg höher und höher,

bis zu den höchsten Bergen empor.

Schließlich war nichts mehr

zu sehen, nur Wasser –

ein unendliches Meer!

Aber die Arche

schwamm auf dem Meer,

ruhig und sicher.

Kein Tropfen Wasser

drang in sie ein.

*

Vierzig Tage lang

dauerte der furchtbare Regen.

Da dachte Gott an Noah

und setzte dem Regen ein Ende.

Der Himmel riss auf.

Die Wolken verschwanden.

Und am blauen Himmel

strahlte wieder die Sonne.

Aber noch war alles Land

von den Fluten bedeckt.

Tage und Wochen vergingen.

Das Wasser sank nur ganz langsam.

Die Arche trieb

immer noch ziellos dahin.

Endlich, nach vielen Wochen,

lief sie auf einen Berg auf.

Der lag noch ganz unter Wasser.

Aber nach und nach

trat die Spitze des Berges

aus dem Wasser hervor.

Nun wusste Noah:

Bald ist es so weit.

Er öffnete das Fenster

und ließ eine Taube hinausfliegen.

Aber am Abend kam die Taube zurück.

Sie hatte kein Futter gefunden.

Da wartete Noah noch eine Woche.

Danach ließ er noch einmal

die Taube hinausfliegen.

Und wieder kam sie zurück.

Aber diesmal hielt sie

ein Ölblatt im Schnabel,

als wollte sie sagen:

„Seht doch, die Bäume

tragen schon wieder Blätter!“

Noch eine Woche verging.

Danach ließ Noah noch einmal

die Taube hinausfliegen.

Aber diesmal kam sie

nicht mehr zurück.

Da deckte Noah das Dach ab

und schaute hinaus.

Und sieh da:

Das Land war überall trocken.

Und Gott sprach zu Noah:

„Nun geh aus der Arche,

du und deine Frau

und deine drei Söhne

mit ihren Frauen,

dazu alle Tiere!“

Da machte Noah die Tür weit auf.

Menschen und Tiere stürmten hinaus.

Wie schön war die Erde wieder!

So schön wie am Anfang!

Aus dem Boden spross grünes Gras.

Und überall blühten Blumen.

Da baute Noah einen Altar

und brachte Gott Opfer.

Gott hatte sein Versprechen gehalten

und alle am Leben erhalten,

Menschen und Tiere.

Wie dankbar war Noah dafür!

Aber was hatte Gott

in Zukunft mit ihnen vor?

Würde er die Erde

noch einmal vernichten?

Doch Gott sprach zu Noah:

„Ich will die Erde

nicht mehr verderben.

Nie mehr soll es

so eine große Flut geben.

Solange die Erde steht,

soll nicht aufhören

Saat und Ernte,

Frost und Hitze,

Sommer und Winter,

Tag und Nacht.

Und wenn noch einmal

ein großes Unwetter kommt,

sodass ihr euch fürchtet,

dann schaut auf zum Himmel!

Dort steht in den Wolken

mein Bogen.

Er ist das Zeichen,

dass ich mein Versprechen halte.“

Und als Noah aufschaute,

da sah er am Himmel

einen großen Regenbogen.

Der spannte sich über die Erde

von einem Ende zum andern

und leuchtete in allen Farben.

Da dankte Noah Gott

für sein großes Versprechen.

Und er fing wieder von vorn an.

Er pflügte die Erde,

legte Äcker und Weinberge an,

säte und pflanzte.

Und Gott ließ wachsen und reifen,

was er gepflanzt hatte.

1. Mose 6–9

6. Der Turm von Babel

Bald gab es wieder

viele Menschen auf der Erde.

Sie sprachen dieselbe Sprache

und wohnten in Zelten.

Wo es ihnen gefiel,

schlugen sie ihre Zelte auf

und ließen sich nieder.

So zogen sie nach Osten

und kamen in die Ebene Schinar,

in ein weites und fruchtbares Land.

Da riefen die Menschen:

„Hier gefällt es uns.

Hier wollen wir bleiben.“

Und sie sagten zueinander:

„Auf, worauf warten wir noch?

Wir wollen Häuser bauen

aus festen Steinen,

richtige Häuser

mit Dächern, Fenstern und Türen.“

Und sogleich fingen sie an.

Sie formten Steine aus Lehm,

brannten sie in der Hitze

und fügten die Steine zusammen.

Aber die Menschen riefen:

„Auf, wir bauen noch mehr!

Eine Stadt wollen wir bauen

mit Häusern, Straßen und Plätzen

und einer Mauer ringsum.

Dann bleiben wir für immer zusammen.“

Und sogleich fingen sie an

und bauten die Stadt Babel,

eine riesige Stadt

mit vielen Häusern, Straßen und Plätzen

und einer dicken Mauer ringsum.

Aber die Menschen riefen:

„Auf, wir können noch mehr!

Einen Turm wollen wir bauen,

so hoch wie der Himmel!

Dann sind wir die Größten,

und alle Welt redet später von uns.“

„Ja, das ist gut“,

riefen alle begeistert.

„Auf, worauf warten wir noch?“

Und sogleich fingen sie an,

schleppten eifrig Steine herbei

und setzten einen Stein

auf den andern.

Der Turm wuchs.

Er wurde höher und höher.

Bald ragte er über die ganze Stadt.

Aber die Menschen riefen:

„Noch höher!

Viel höher!

So hoch wie der Himmel!

Wir geben nicht auf.“

Aber Gott sah herab

auf die Stadt und den Turm.

Er sah, was die Menschen planten.

Da sprach er zu sich:

„So sind die Menschen.

Immer mehr wollen sie haben.

Nie ist es ihnen genug.

Am Ende wollen sie selber

wie Gott sein.“

Und Gott ließ geschehen,

was keiner gedacht hätte:

Die Menschen bekamen

untereinander Streit.

Keiner konnte mehr

den andern verstehen.

Jeder sprach nur noch

seine eigene Sprache.

Schließlich sprach niemand mehr

mit dem andern.

Da warfen die Leute

ihre Arbeit hin

und zogen aus der Stadt,

jeder in eine andere Richtung.

Der Turm aber blieb zurück,

halb fertig und verlassen.

Und alle, die später vorübergingen,

zeigten auf ihn und sagten:

„Seht doch den Turm von Babel!

Seht, was sich die Menschen

damals ausgedacht haben!

Sie wollten zusammenhalten.

Aber sie wurden zerstreut.

Sie wollten groß und stark sein.

Doch was ist von ihnen geblieben?“

1. Mose 11,1–9

II
Gott gibt sein Versprechen

Die Menschen hatten sich von Gott

und voneinander getrennt.

Sie waren eigene Wege gegangen.

Es schien, als blieben sie nun

für immer sich selbst überlassen.

Aber Gott zeigte den Menschen,

was er mit ihnen vorhatte.

Er gab ihnen ein großes Versprechen.

7. Abraham und Sara

Vor langer Zeit lebte ein Mann,

der hieß Abraham.

Er war sehr reich

und hatte viele Schafe,

auch Ziegen, Kühe und Kamele,

dazu viele Knechte und Mägde,

die für die Tiere sorgten.

Abraham wohnte in der Stadt Haran.

Er hatte es gut dort.

Es fehlte ihm an nichts.

Er hatte genug zu essen

und auch genug Gras

für alle seine Tiere.

Nur eines fehlte Abraham:

Er und seine Frau Sara

hatten kein Kind.

Eines Tages aber sprach Gott:

„Geh, Abraham!

Geh weg von hier!

Zieh in ein anderes Land,

das ich dir zeigen werde.

Dort will ich ein großes Volk

aus dir machen.

Ich will dich segnen.

Und durch dich sollen

alle gesegnet werden,

alle Menschen auf dieser Erde.“

Da hörte Abraham auf Gott,

nahm Abschied

von seinen Verwandten

und brach von Haran auf,

wie Gott gesagt hatte.

Sara, seine Frau,

und Lot, der Sohn seines Bruders,

begleiteten ihn,

dazu alle seine Knechte und Mägde

mit allen Kühen, Kamelen,

Ziegen und Schafen.

Es wurde eine lange,

beschwerliche Reise.

Der Weg führte

durch heiße Wüsten

und über kahle Berge.

Abraham kam nur langsam

mit seinen Tieren voran.

Auch wusste er nicht,

wohin ihn der Weg führte.

So zog er immer weiter

und wartete,

bis Gott ihm das Land zeigte,

das er suchte.

Endlich kam er in das Land Kanaan.

Es war ein Land mit sanften Hügeln

und grünen Tälern.

Dort ließ sich Abraham nieder

und schlug sein Zelt

bei einer großen Eiche auf.

Da sprach Gott zu Abraham:

„Schau, Abraham!

Dies ist das Land,

das ich dir versprochen habe.

Dieses Land will ich

deinen Nachkommen schenken.“

Abraham horchte auf.

Was hatte Gott gesagt?

Deinen Nachkommen

will ich dieses Land schenken?

Aber er hatte doch gar keine Kinder!

Sollten er und Sara

etwa noch ein Kind bekommen?

Er war doch schon 75 Jahre alt!

Und seine Frau war auch schon sehr alt.

Aber Abraham sagte nichts.

Er dachte bei sich:

Gott hat es versprochen.

Dann wird es geschehen.

Wie es geschehen wird,

weiß ich zwar nicht.

Aber ich glaube,

dass Gott es tun kann.

Da baute Abraham einen Altar,

brachte Gott Opfer

und dankte ihm

für sein großes Versprechen.

1. Mose 12,1–9

8. Abraham im neuen Land

Abraham und Lot zogen

mit ihren Hirten und Herden

durch das Land Kanaan.

Sie suchten Gras für die Tiere.

Und wo sie einen Brunnen fanden,

hielten sie Rast

und gaben den Tieren zu trinken.

Aber oft reichte das Wasser

für die Tiere nicht aus.

Dann stritten sich die Hirten.

„Weg da vom Brunnen!“,

schrien Abrahams Hirten.

„Wir waren zuerst da.“

„Nein!“, schrien Lots Hirten.

„Wir brauchen auch Wasser.“

So stritten sie sich jeden Tag.

Da sagte Abraham eines Tages zu Lot:

„So geht es nicht weiter.

Wir müssen uns trennen.

Sonst hört der Streit

unter unseren Hirten nie auf.

Sieh doch!

Das Land ist sehr groß.

Es hat genug Platz für uns beide.

Nun sag mir: Wo willst du wohnen?

Rechts oder links?

Hier oder dort?

Du darfst wählen.“

Da zeigte Lot auf das Tal,

das vor ihnen lag, und rief:

„Dort gefällt es mir.

Dort will ich wohnen.“

Es war das Jordantal,

ein üppiges Tal mit grünen Wiesen

und fruchtbaren Feldern.

Auch zwei Städte lagen dort in dem Tal,

Sodom und Gomorra.

Dorthin zog Lot

mit seinen Hirten und Herden.

Abraham aber blieb allein

im Bergland zurück.

Da sprach Gott zu Abraham:

„Schau auf, Abraham!

Sieh dich um!

Dieses ganze Land

will ich dir

und deinen Nachkommen

geben für immer.

Wie Staub auf der Erde,

so viele werden es sein,

die hier wohnen.

Auf, zieh durch das Land

und wohne in ihm!

Ich will es dir geben.“

Da glaubte Abraham Gott

und zog durch das Land

und wohnte in ihm,

wie Gott ihm gesagt hatte.

1. Mose 13

9. Abraham muss warten

Es war Nacht.

Abraham lag wach in seinem Zelt.

Er fand keine Ruhe.

Immerzu musste er an das Kind denken,

das Gott ihnen versprochen hatte.

Wie lange noch mussten sie warten?

Hatte Gott sie etwa vergessen?

Da hörte er eine Stimme:

„Abraham!“

Abraham schreckte auf.

War das nicht Gottes Stimme?

„Abraham“, rief die Stimme.

„Fürchte dich nicht!

Ich meine es gut mit dir.

Ich will dich beschenken.“

„Ach Herr“, fragte Abraham traurig,

„was willst du mir schenken?

Du hast mir noch immer

kein Kind geschenkt.

Und bald werde ich sterben.

Was soll dann werden?“

Da sprach Gott zu Abraham:

„Komm heraus vor dein Zelt

und schau in den Himmel!

Siehst du die Sterne?

Kannst du sie zählen?“

Abraham schüttelte den Kopf.

Die Sterne zählen? Unmöglich!

Es gab viel zu viele

Sterne am Himmel.

Kein Mensch konnte sie zählen.

„Siehst du?“, sprach Gott.

„So viele Kinder will ich dir geben,

wie Sterne am Himmel sind.

Und sie werden alle

in diesem Land wohnen.“

*

Jahre vergingen.

Abraham und Sara warteten

noch immer auf das Kind,

das Gott versprochen hatte.

Da sagte Sara eines Tages zu Abraham:

„Warum warten wir eigentlich noch?

Ich bin schon viel zu alt.

Ich kann kein Kind mehr bekommen.

Und du wirst auch mit jedem Tag älter.

Heirate noch eine andere Frau!

Nimm meine Magd Hagar!

Sie ist viel jünger als ich.

Sie kann dir gewiss ein Kind schenken.“

Das gefiel Abraham gut.

Er überlegte nicht lange

und nahm Hagar neben Sara zur Frau.

Und wirklich:

Bald darauf wurde Hagar schwanger

und gebar ihm einen Sohn,

den nannte er Ismael,

das heißt: „Gott hört“.

Aber Gott sprach zu Abraham:

„Ismael ist nicht der Sohn,

den ich dir versprochen habe.

Nicht Hagars Sohn,

Saras Sohn wird es sein.

Auch Sara soll bald

einen Sohn bekommen.

Den will ich segnen.

Vertraue mir nur und glaube!

Ich werde es tun.“

Da vertraute Abraham Gott

und wartete weiter.

Aber wie lange noch?

1. Mose 15–17

10. Abraham bekommt Besuch

Es war Mittagszeit.

Abraham saß vor seinem Zelt

und schaute ins Land hinaus.

Da sah er drei Männer kommen.

Sogleich stand er auf,

lief ihnen entgegen

und grüßte sie freundlich:

„Willkommen! Seid meine Gäste!

Setzt euch zu mir in den Schatten!

Ruht euch ein wenig aus!

Und stärkt euch,

bevor ihr weiterzieht!“

Dann lief er zu Sara ins Zelt

und bat sie:

„Auf, eil dich! Mach einen Teig

und back einen Kuchen!“

Und seinem Knecht rief er zu:

„Schnell, schlachte ein Kalb

und mach einen zarten Braten!“

Er selbst aber holte

Milch und Butter herbei

und bediente die Gäste.

Aber wer waren die Fremden?

Abraham wagte nicht,

sie zu fragen.

Als die drei gegessen hatten,

fragte der eine von ihnen:

„Wo ist deine Frau Sara?“

„Drinnen im Zelt“,

antwortete Abraham erstaunt.

Woher wusste der Fremde,

wie seine Frau hieß?

Der aber sagte: „Hör zu!

Ich bringe euch gute Nachricht:

Nächstes Jahr wird Sara

einen Sohn haben.“

Abraham war sprachlos.

Was sagte der Fremde?

Woher wusste er das?

Und was würde Sara dazu sagen,

wenn sie es hörte?

Aber Sara hatte es bereits gehört.

Sie hatte heimlich

hinter der Zeltwand gelauscht.

„Was?“, sagte sie zu sich

und lachte leise in sich hinein.

„Ich soll noch ein Kind bekommen?

Ich bin doch viel zu alt.“

„Warum lacht Sara?“,

fragte der Fremde.

„Traut sie es Gott nicht zu?

Sollte Gott etwas unmöglich sein?“

Als Sara das hörte,

kam sie aus dem Zelt

und wehrte erschrocken ab:

„Aber ich habe gar nicht gelacht!“

„Doch“, meinte der Fremde,

„du hast wirklich gelacht.“

Da ahnten Abraham und Sara,

wer zu ihnen gekommen war.

Gott, der Herr, hatte sie besucht,

begleitet von seinen Engeln.

Gott selbst hatte ihnen

die gute Nachricht gebracht.

*

Wenig später brachen die Männer auf.

Abraham begleitete sie.

Da sprach Gott zu Abraham:

„Abraham, du bist mein Freund.

Dir will ich sagen,

wohin ich nun gehe:

nach Sodom und Gomorra.

Denn die Menschen dort

hören nicht mehr auf mich.

Sie tun, was sie wollen,

und fragen nicht mehr nach Gott.“

Erschrocken blieb Abraham stehen.

Wollte Gott etwa diese Städte zerstören?

In Sodom wohnte doch Lot!

Was würde aus ihm?

„Ach Herr“, fragte Abraham,

„willst du denn zulassen,

dass alle Menschen dort umkommen?

Vielleicht wohnen in Sodom

auch Menschen, die auf dich hören.

Vielleicht fünfzig, Herr?“

Da sprach Gott:

„Wenn ich dort fünfzig finde,

die auf mich hören,

will ich die Stadt nicht zerstören.“

Aber fünfzig Menschen waren viel!

Wenn es nun weniger waren?

Abraham versuchte es noch einmal:

„Wenn es aber fünf weniger sind?“

„Dann will ich die Stadt

auch nicht zerstören“, sprach Gott.

„Vielleicht sind es aber nur vierzig?“,

wandte Abraham ein.

„Auch dann will ich

die Stadt nicht zerstören.“

„Und wenn es nur dreißig sind?“

„Auch dann nicht“, sprach Gott.

„Ach Herr“, bat Abraham,

„erlaube mir,

dass ich noch einmal frage:

Wenn es nur zwanzig sind,

die auf dich hören?“

Gott sprach:

„Auch dann will ich

die Stadt nicht zerstören.“

Da wagte Abraham kaum noch

weiterzufragen.

„Wenn es aber nur zehn sind?“

„Auch dann nicht“, sprach Gott.

Da verneigte sich Abraham

und schwieg.

Und als er wieder aufschaute,

war Gott nicht mehr bei ihm.

Doch in der Ferne

sah er die beiden Engel.

Sie eilten auf Sodom zu.

Da ahnte Abraham,

was Gott mit Sodom vorhatte.

Still kehrte er um

und ging zurück in sein Zelt.

1. Mose 18

11. Lot

Es war Abend.

Lot saß am Stadttor von Sodom

und schaute in die Ferne.

Da sah er die zwei Engel kommen.

Lot erkannte sie nicht.

Aber er dachte bei sich:

Die beiden sind sicher

fremd in der Stadt.

Ich will sie in mein Haus aufnehmen.

Wer weiß, was ihnen

sonst in Sodom zustößt?

Sogleich stand er auf,

ging den beiden entgegen,

verneigte sich vor ihnen

und lud sie ein:

„Kommt in mein Haus!

Seid meine Gäste

und bleibt über Nacht bei mir!“

Und er führte sie in sein Haus,

wusch ihnen die Füße

und gab ihnen Brot zu essen.

Doch als die beiden noch aßen,

hörten sie plötzlich draußen

lautes Geschrei.

Vor dem Haus hatten sich

die Männer von Sodom versammelt.

Sie tobten und schrien

und schlugen mit ihren Fäusten

wild an die Tür.

„Lot“, schrien sie wütend,

„mach uns auf!

Gib sofort die Fremden heraus!

Wir wollen unser Spiel

mit ihnen treiben!“

Da ging Lot zu ihnen hinaus.

„Ach, liebe Freunde“, bat er,

„hört bitte auf!

Lasst meine Gäste in Frieden!

Sie haben euch nichts Böses getan.“

Aber die Männer schrien noch lauter:

„Weg mit dir!

Was fällt dir eigentlich ein?

Du bist doch selbst fremd hier!“

Und sie stürzten sich auf Lot

und wollten ihn packen.

Aber die Engel zogen ihn

schnell ins Haus zurück

und verriegelten die Tür.

Endlich wurde es draußen still.

Da erzählten die Engel,

warum sie gekommen waren.

„Auf“, drängten sie Lot,

„nimm deine Frau

und deine beiden Töchter

und flieh mit ihnen aus der Stadt,

bevor es zu spät ist!

Denn Gott wird Sodom zerstören.“

Als Lot das hörte,

wurde er blass vor Schreck.

Hatte er recht gehört?

Er sollte fliehen?

Aber sein Haus?

Und seine Schafe?

Was würde aus ihnen?

Lot zögerte noch.

Schon wurde es draußen hell.

Der Morgen brach an.

„Auf, eil dich!“, drängten die Engel.

„Sonst kommst du auch um.“

Und sie nahmen Lot,

seine Frau und seine Töchter

an ihre Hand

und führten sie schnell

hinaus vor die Stadt.

Dort blieben sie stehen.

„Nun lauft allein weiter!“,

befahlen die Engel.

„Flieht!

Bleibt ja nicht stehen!

Und seht euch nicht

nach der Stadt um!

Sonst ist es um euch geschehen.“

Und schon bebte die Erde.

Es dröhnte und blitzte.

Feuer fiel vom Himmel

und ließ alles in Flammen aufgehen,

die Häuser, die Mauern, die Menschen.

Nichts blieb mehr übrig,

nur Schutt und Asche.

Da packte Lot seine Töchter

und lief um sein Leben.

Er lief immer weiter

und floh in die Berge.

Aber Lots Frau blieb stehen.

Sie wandte sich um

und – erstarrte.

Am selben Morgen

stand Abraham früh auf

und stieg auf einen Hügel,

um nach Sodom zu schauen.

Aber von Sodom

war nichts mehr zu sehen.

Nur eine Rauchwolke

stieg aus dem Tal auf.

Da wusste Abraham:

Nicht einmal zehn Menschen

hatten in Sodom auf Gott gehört.

Aber eines wusste er nicht, noch nicht:

Lot und seine Töchter waren gerettet.

Gott hatte ihr Leben verschont.

1. Mose 19

12. Ismael

Endlich kam der Tag,

auf den Abraham und Sara

viele Jahre gewartet hatten.

Der Sohn wurde geboren,

den Gott ihnen versprochen hatte.

Glücklich nahm ihn Abraham

auf seine Arme

und nannte ihn Isaak.

Isaak wuchs und gedieh.

Er lernte laufen und sprechen.

Bald war er schon so groß,

dass er Fleisch und Brot aß

wie die Großen.

Da machte Abraham für Isaak

ein großes Festessen

und lud dazu

alle Knechte und Mägde ein.

Alle freuten sich

mit Abraham und Sara,

dass Isaak endlich bei ihnen war.

Nur einer freute sich nicht:

Ismael, der Sohn Hagars.

Denn an diesem Festtag

gaben sich alle nur mit Isaak ab.

Um ihn kümmerte sich keiner.

Das ärgerte Ismael sehr.

Er reizte seinen Bruder

und ließ ihm keine Ruhe.

Als Sara das sah,

lief sie zu Abraham und rief:

„Siehst du denn nicht,

was Ismael mit unserem Isaak macht?

Wir können Ismael

nicht länger bei uns behalten.

Auf, schick ihn weg

mitsamt seiner Mutter!“

Doch Abraham wehrte erschrocken ab.

„Was sagst du?

Ich soll Ismael wegschicken?

Nein, niemals!

Vergiss nicht: Auch er ist mein Sohn!“

Aber in der folgenden Nacht

sprach Gott zu Abraham:

„Mach dir um Ismael keine Sorgen!

Tu, was Sara dir sagt!

Und vertrau mir!

Ich werde für Ismael sorgen.“

Da hörte Abraham auf Gott.

Am nächsten Morgen

stand er früh auf,

holte einen Laib Brot

und füllte ein Gefäß mit Wasser.

Das lud er Hagar auf ihre Schultern.

„Du musst gehen“, sagte er traurig,

„du und dein Sohn.

Hier ist kein Platz mehr für euch.“

Da nahm Hagar Ismael an die Hand

und zog mit ihm weg.

Aber wohin?

Hagar wusste es selbst nicht.

Sie irrte mit Ismael durch die Wüste.

Schon wurde es Mittag.

Die Sonne stach ihnen auf den Kopf.

Ihre Füße waren schon wund.

„Ich kann nicht mehr!“, weinte Ismael.

„Gib mir zu trinken!“

Da hielt Hagar an

und gab ihm zu trinken.

Aber bald war das Gefäß leer.

„Wasser!“, schrie Ismael.

„Gib mir doch Wasser!

Ich sterbe vor Durst.“

Hagar sah sich verzweifelt um.

Was sollte sie tun?

Weit und breit

war kein Wasser zu finden,

keine Quelle und auch keine Zisterne,

nur Steine und Sand.

Da nahm sie Ismael auf ihre Arme

und legte ihn unter einen Strauch.

Sie selbst aber lief weg,

bis sie Ismael nicht mehr

hörte und sah.

Und sie warf sich auf die Erde,

weinte und rief:

„Ich kann nicht mit ansehen,

wie mein Sohn stirbt.“

Aber plötzlich – was war das?

Rief da nicht eine Stimme?

Hagar horchte auf.

Erschrocken sah sie sich um.

Aber sie konnte niemand entdecken.

„Hagar“, rief die Stimme,

„warum bist du bekümmert?

Fürchte dich nicht!

Gott hat gehört,

dass dein Sohn weint.

Steh auf!

Geh zu ihm hin!

Nimm ihn an deine Hand

und führe ihn durch die Wüste!

Denn dein Sohn wird nicht sterben.

Ich will auch ihn groß machen.

Zum Vater eines großen Volkes

will ich ihn machen.“

Da merkte Hagar:

Gott hatte zu ihr gesprochen.

Erstaunt sah sie sich um.

Plötzlich entdeckte sie

einen Brunnen.

Wie war das nur möglich?

Vorher hatte sie ihn

gar nicht gesehen.

Schnell stand sie auf,

lief zu dem Brunnen,

füllte ihr Gefäß mit Wasser,

brachte es ihrem Sohn

und gab ihm zu trinken.

Da kam wieder Leben in Ismael.

Er schlug seine Augen auf,

stand auf und wanderte

mit seiner Mutter weiter

durch die endlose Wüste.

Lange Zeit blieben die beiden

in der Wüste.

Doch Gott blieb bei ihnen

und sorgte für sie

wie ein Vater für seine Kinder.

1. Mose 21

13. Isaak

Isaak wuchs heran.

Sein Vater hatte ihn sehr lieb,

lieber als alles auf der Welt.

Eines Nachts aber

wachte Abraham plötzlich auf.

„Abraham!“, rief eine Stimme.

Abraham horchte auf.

War das nicht Gottes Stimme?

„Abraham!“, sprach Gott.

„Nimm Isaak,

deinen einzigen Sohn,

den du so lieb hast!

Nimm ihn an deine Hand

und geh mit ihm

in das Land Morija.

Dort will ich dir einen Berg zeigen.

Auf dem sollst du Isaak opfern.“

Abraham war wie betäubt.

Isaak opfern?

Seinen geliebten Sohn

sollte er hergeben?

Gott hatte ihm doch

dieses Kind geschenkt!

Er hatte doch versprochen:

„Dein Sohn wird leben

und in diesem Land wohnen.“

Abraham konnte es nicht fassen.

Aber er sagte nichts,

kein einziges Wort.

Stumm wartete er,

bis der Morgen anbrach.

Da stand er von seinem Lager auf,

ging hinaus vor sein Zelt,

sammelte Holz für das Opfer,

spaltete es

und lud es auf seinen Esel.

Dann weckte er Isaak, seinen Sohn,

nahm ihn an die Hand

und machte sich mit ihm auf den Weg,

wie Gott gesagt hatte.

Drei Tage lang wanderten sie

durch das Land,

Abraham und sein Sohn Isaak,

dazu zwei Knechte,

die den Esel führten.

Endlich sah Abraham

in der Ferne den Berg,

von dem Gott gesprochen hatte.

Da blieb Abraham stehen,

wandte sich zu seinen Knechten

und sagte:

„Bleibt ihr hier mit dem Esel

und wartet auf uns!

Ich will mit Isaak

auf den Berg gehen

und dort opfern.

Danach kehren wir wieder zurück.“

Und Abraham nahm ein Gefäß

mit glimmender Glut

und ein Messer in seine Hand,

lud seinem Sohn Isaak

das Holz auf den Rücken

und stieg mit ihm auf den Berg.

Lange Zeit wanderten die beiden

nebeneinander her,

Hand in Hand.

Keiner sagte ein Wort.

Da hielt es Isaak nicht länger aus.

„Mein Vater!“, sagte er.

„Ja, hier bin ich.

Was ist, mein Sohn?“

Isaak zeigte auf das Holz

und auf das Gefäß.

„Sieh doch!

Wir haben zwar Holz und Feuer

für unser Opfer.

Aber wo ist das Schaf,

das wir opfern?“

„Mein Sohn“, sagte Abraham,

„Gott wird es uns geben.“

Da fragte Isaak nichts mehr.

Stumm stiegen sie weiter hinauf,

beide miteinander,

Hand in Hand,

bis sie endlich auf dem Berg waren.

Dort baute Abraham einen Altar.

Er trug große Steine zusammen,

schichtete sie auf,

legte das Holz darauf

und auf das Holz legte er –

Isaak, seinen geliebten Sohn!

Doch plötzlich – was war das?

Rief da nicht jemand?

„Abraham! Abraham!“

„Ja, hier bin ich“,

antwortete er erschrocken.

Da hörte er wieder die Stimme,

ganz deutlich: „Abraham!

Rühr Isaak nicht an!

Gott weiß, dass du bereit bist,

ihm alles zu geben,

sogar deinen Sohn.

Aber Gott will

dieses Opfer nicht haben.“

Auf einmal raschelte es.

Abraham wandte sich um.

Da sah er einen Widder,

der hatte sich mit seinen Hörnern

in einem Dornstrauch verfangen.

Schnell griff Abraham zu,

packte den Widder an seinen Hörnern,

legte ihn auf den Altar

und opferte ihn an Isaaks Stelle.

Da wusste Abraham:

Gott hatte alles gesehen.

Und er nannte den Ort: „Gott sieht“.

Und Gott sprach zu Abraham:

„Weil du auf meine Stimme

gehört hast,

verspreche ich dir:

Ich will deinen Sohn segnen.

Auch seine Kinder

will ich segnen.

Und auch ihre Kinder

will ich wieder segnen.

So viele Kinder werden es sein

wie Sterne am Himmel

und wie Sand am Meer.

Durch sie sollen einmal

alle gesegnet werden,

alle Völker der Erde.“

Dankbar kehrte Abraham

mit seinem Sohn Isaak heim.

Gott hatte ihn

über alles Erwarten beschenkt.

1. Mose 22

14. Isaak und Rebekka

Jahre vergingen.

Abraham war noch viel älter geworden.

Seine Frau Sara lebte nicht mehr.

Und in dem großen Zelt

war es oft einsam und leer.

Da sagte sich Abraham:

„Sara ist tot.

Bald werde auch ich

nicht mehr leben.

Dann bleibt Isaak allein zurück.

Ich will dafür sorgen,

dass er eine Frau bekommt,

eine Frau, die ihn liebt

und die er liebt.“

Und er rief seinen obersten Knecht

und bat ihn: „Geh

und suche für Isaak eine Frau aus,

eine Frau, die auf Gott hört,

nicht wie die Frauen,

die hier im Land Kanaan leben.

Darum mach dich auf

und zieh nach Haran

zu meinen Verwandten!

Dort wirst du die rechte Frau

für Isaak finden.“

Da sattelte der Knecht die Kamele,

lud reiche Geschenke auf

und machte sich auf den Weg.

Nach vielen Wochen

kam er endlich nach Haran.

Am Brunnen vor der Stadt

machte er Halt mit seinen Kamelen.

Schon wurde es Abend.

Aus der Stadt kamen

Frauen und Mädchen

mit Krügen zum Brunnen,

um Wasser zu schöpfen.

Als der Knecht sie sah,

klopfte sein Herz.

Ob auch die Frau dabei war,

die er für Isaak suchte?

Aber wie sollte er sie

unter all den Frauen herausfinden?

Gott muss mir helfen,

dachte der Knecht,

sonst kann es mir nicht gelingen.

Und er betete:

„Du Gott Abrahams!

Lass es mir heute gelingen.

Sieh, hier steh ich und warte.

Gleich kommen die Frauen,

um Wasser zu schöpfen.

Bitte, gib mir ein Zeichen

und zeig mir die Frau,

die du für Isaak bestimmt hast!

Und dies soll das Zeichen sein:

Wenn ich eine Frau bitte:

,Gib mir zu trinken!‘,

und wenn sie sagt:

,Gerne! Trink nur!

Ich will deine Kamele auch tränken‘,

dann weiß ich,

dass sie die Frau ist,

die du für Isaak bestimmt hast.“

Und als er noch betete,

kam ein junges Mädchen zum Brunnen,

die füllte ihren Krug mit Wasser.

Da ging der Knecht auf sie zu

und bat sie:

„Gib mir ein wenig zu trinken!“

„Gerne“, sagte das Mädchen, „trink nur!

Ich will deine Kamele auch tränken.“

Schnell nahm sie den Krug vom Kopf

und ließ ihn trinken.

Dann lief sie zum Brunnen zurück,

füllte noch einmal den Krug

und goss das Wasser

in die Tränke für die Kamele.

Und wieder lief sie zum Brunnen,

füllte noch einmal den Krug

und noch einmal, immer wieder,

bis alle Kamele genug hatten.

Der Knecht aber sah ihr staunend zu.

Gewiss war sie die Frau,

die er suchte!

Er holte seine Geschenke hervor,

einen Stirnreif aus Gold,

dazu glänzende Ringe,

schenkte sie dem Mädchen

und fragte freundlich:

„Sag doch, wer bist du?

Und wie heißt dein Vater?

Können wir bei euch übernachten?“

Da antwortete das Mädchen:

„Ich bin Rebekka, Betuels Tochter.

Ich lade dich ein.

Ihr könnt bei uns bleiben.

Wir haben zu Hause auch Stroh

und Futter für deine Kamele.“

Da staunte der Knecht noch viel mehr.

Denn Betuel war mit Abraham verwandt.

„Gott sei gelobt!“, rief er.

„Nun bin ich gewiss:

Gott hat mich zu dir geführt.“

Als aber Rebekka hörte,

was der Knecht sagte,

eilte sie nach Hause

und erzählte dort,

wer ihr begegnet war.

Da stand ihr Bruder Laban auf,

eilte dem Knecht entgegen

und grüßte ihn freundlich:

„Du Gesegneter!

Komm in unser Haus!

Es steht alles bereit.“

Und er führte ihn in das Haus,

holte Wasser herbei,

wusch seine Füße

und setzte ihm Essen vor.

Aber der Knecht wollte nichts essen.

„Hört mich erst an!“, bat er.

„Kennt ihr noch Abraham,

euren Verwandten?

Er wohnte einst hier.

Nun lebt er im Land Kanaan,

weit weg von hier.

Ich bin sein Knecht.

Ich soll für seinen Sohn

eine Frau suchen.

Aber Gott hat sie schon ausgesucht:

eure Rebekka!“

Als sie das hörten,

riefen alle voll Staunen:

„Das kommt von Gott!

So soll es geschehen.

Isaak soll unsere Schwester

Rebekka bekommen.“

Und sie fragten Rebekka:

„Willst du ins Land Kanaan ziehen

und Isaaks Frau werden?“

„Ja“, sagte Rebekka.

„Ich will es.“

Am nächsten Morgen

brach der Knecht früh auf,

sattelte seine Kamele

und nahm Abschied.

Da nahm auch Rebekka

Abschied von ihrer Familie

und machte sich mit ihm

auf den Weg, Isaak entgegen.

Als sie nach Wochen

endlich zu Isaak kamen,

erzählte der Knecht ihm alles,

was er auf der Reise erlebt hatte

und wie Gott

ihn zu Rebekka geführt hatte.

Da glaubte auch Isaak:

Rebekka war die Frau,

die Gott ihm geschenkt hatte.

Voll Freude führte er sie in sein Zelt

und beide gewannen einander sehr lieb.

1. Mose 24

15. Jakob und Esau

Isaak und Rebekka bekamen Zwillinge.

Die nannten sie Esau und Jakob.

Esau, der erstgeborene Sohn,

war rötlich und rau

und hatte eine Haut wie ein Fell.

Als er älter wurde,

streifte er viel auf den Feldern umher

und jagte wilde Tiere.

Oft brachte er seinem Vater

einen fetten Braten nach Hause.

Das gefiel Vater Isaak.

Er mochte Esau gern leiden.

Jakob, der jüngere Sohn,

war dagegen ganz anders.

Er blieb meist

bei seiner Mutter im Zelt.

Rebekka hatte Jakob

viel lieber als Esau.

Sie dachte:

Jakob soll einmal später

das Erbe bekommen, nicht Esau!

So hatte Gott zu ihr gesagt.

Aber Isaak wollte das Erbe

Esau, dem Erstgeborenen, geben.

So war es Sitte im Land.

Eines Tages kam Esau

müde und hungrig

von der Jagd nach Hause.

Da sah er,

wie Jakob vor dem Zelt kochte.

Ein großer Topf

mit rötlicher Linsensuppe

dampfte über dem Feuer.

Esau roch den köstlichen Duft.

Das Wasser lief ihm

im Munde zusammen.

„Los, her mit der Suppe!“, rief Esau.

„Ich bin todmüde

und hab furchtbaren Hunger.“

„Nein“, wehrte sich Jakob.

„Sag erst: Was gibst du dafür?“

Esau überlegte nicht lange.

„Nimm, was du willst!

Aber gib mir die Suppe!

Ich sterbe vor Hunger.“

„Gut“, sagte Jakob listig.

„Gib dein Versprechen:

Von jetzt an will ich der Erste sein,

und du bist der Zweite.“

„Was soll’s!“, rief Esau.

„Ich verspreche dir alles.

Aber gib endlich die Suppe!“

Da reichte ihm Jakob

den Topf mit der Suppe

und dazu noch das Brot.

Esau verschlang alles gierig.

Dann kehrte er Jakob den Rücken

und ging auf und davon.

Er sah nicht mehr,

wie Jakob hinter ihm

schadenfroh lachte.

1. Mose 25,19–34

16. Jakob bekommt den Segen

Jahre vergingen.

Vater Isaak war alt

und gebrechlich geworden.

Und seine Augen waren so schwach,

dass er nichts mehr erkannte.

Da rief Isaak eines Tages

Esau zu sich und sagte:

„Bald muss ich sterben.

Dann sollst du das Erbe bekommen.

So geh nun auf die Jagd

und mach mir einen Braten,

wie ich ihn gern mag!

Dann will ich dich segnen

und dir alles übergeben,

bevor ich sterbe.“

Aber Rebekka hörte,

was Isaak zu Esau sagte.

Sogleich rief sie Jakob

und erzählte ihm alles.

„Auf“, drängte sie ihn,

„hol schnell zwei Böckchen,

damit ich sie schlachte und brate!

Du aber sollst den Braten

zum Vater bringen,

bevor Esau zurückkommt.

Dann wird er sicher glauben,

du seist sein Sohn Esau

und wird dir seinen Segen geben.“

„Nein“, rief Jakob erschrocken.

„Das geht nicht gut aus.

Zwar ist unser Vater fast blind,

doch wird er es merken,

wenn er mich fühlt.

Sieh, meine Hände sind glatt.

Doch Esaus Hände sind rau.“

Aber Rebekka ließ nicht locker.

„Tu, was ich sage!

Überlege nicht lange!

Sonst ist es zu spät.“

Da lief Jakob zur Schafherde,

holte zwei Böckchen

und brachte sie seiner Mutter.

Die schlachtete sie schnell

und briet sie über dem Feuer.

Dann zog sie Jakob

ein Kleid von Esau über,

band Felle um seine Hände

und seinen Hals,

drückte ihm die Schüssel

mit dem Braten

und ein Stück Brot in die Hand

und schickte ihn zu Isaak ins Zelt.

„Mein Vater“, rief Jakob,

„ich bin’s, Esau, dein Sohn!

Ich bin wieder zurück von der Jagd

und hab einen guten Braten für dich.

Komm, setz dich

und lass es dir schmecken!“

„Was? Du, Esau?“,

fragte Isaak erstaunt.

„Du bist schon zurück?

Wie ist das nur möglich?

Wie hast du deine Beute

so rasch gefunden?“

„Ganz einfach!“, log Jakob.

„Gott hat mir’s gegeben.“

Aber Isaak zögerte noch.

„Komm näher, mein Sohn!

Ich will erst wissen,

ob du auch wirklich Esau bist.

Gib mir deine Hände,

damit ich sie fühle!“

Da reichte ihm Jakob die Hände.

„Wie sonderbar!“, sagte Isaak zu sich.

„Die Hände sind rau

wie Esaus Hände.

Aber die Stimme klingt

wie Jakobs Stimme.

Sag, bist du auch wirklich Esau?“

„Ja“, antwortete Jakob.

„Ich bin Esau.“

Da gab sich Isaak endlich zufrieden.

Er aß von dem Braten

und trank den Wein,

den Jakob ihm reichte.

Dann bat er Jakob:

„Komm nun, mein Sohn,

und küsse mich!

Danach will ich dich segnen.“

Da beugte sich Jakob herab

und gab Isaak einen Kuss.

Als aber Isaak Esaus Kleid roch,

rief er froh:

„Ja, jetzt glaube ich wirklich,

dass du Esau bist.“

Und er ließ ihn niederknien,

legte seine Hände auf ihn,

segnete ihn und sprach:

„Gesegnet bist du, mein Sohn!

Gott schenke dir Leben

und mache dich groß!

Gesegnet soll sein,

wer dich segnet.“

Nun war es geschehen.

Leise schlich sich Jakob hinaus.

Nicht lange danach kam Esau

von der Jagd zurück.

„Mein Vater“, rief er fröhlich,

„hier bin ich wieder, Esau, dein Sohn!

Ich habe einen guten Braten für dich.

Komm, setz dich auf

und lass es dir schmecken!“

„Was?“, rief Isaak entsetzt.

„Du bist Esau?

Aber wer war der andere,

der soeben hier war?

Jakob war’s!

Er hat dich betrogen!“

Da schrie Esau auf:

„Aber was wird nun aus mir?

Segne mich, Vater!

Sonst bin ich verloren.“

„Ich kann nicht“,

antwortete Isaak traurig.

„Ich habe schon Jakob

den Segen gegeben.

Er wird den Segen behalten.“

Als Esau das hörte,

ballte er seine Fäuste

und murmelte grimmig:

„Warte nur, Jakob!

Dich mache ich fertig.

Wenn unser Vater tot ist,

dann gibt es Rache,

du gemeiner Betrüger!“

Und er stand auf

und ging wütend davon.

1. Mose 27

17. Jakob auf der Flucht

Endlich hatte Jakob,

was er sich gewünscht hatte!

Aber von nun an war Esau

sein erbitterter Feind.

Als Rebekka das sah,

rief sie heimlich Jakob zu sich.

„Du musst fliehen“, drängte sie Jakob.

„Sonst bringt dich Esau noch um.

Auf, flieh nach Haran

zu meinen Verwandten!

Und bleibe dort,

bis Esaus Zorn sich gelegt hat!“

Da hörte Jakob auf seine Mutter,

machte sich auf den Weg

und floh über die Berge.

Er wanderte ohne Pause,

bis die Nacht hereinbrach.

Aber wo sollte er schlafen?

Er war furchtbar müde.

Doch weit und breit gab es

kein Haus und kein Zelt.

Da legte sich Jakob auf die Erde,

nahm einen Stein als Kissen

und schlief ein.

In dieser Nacht hatte Jakob

einen seltsamen Traum:

Er sah eine Leiter,

die war so hoch wie der Himmel.

Auf der Leiter stiegen Engel

hinauf und hinunter.

Und Gott sah von oben auf ihn herab.

Und Gott sprach zu Jakob im Traum:

„Ich bin der Herr,

der Gott Abrahams

und der Gott Isaaks.

Ich will auch dein Gott sein.

Ich bin bei dir.

Ich behüte dich auf dem Weg.

Ich bringe dich auch wieder zurück.

Sieh her! Dieses Land,

auf dem du jetzt liegst,

will ich dir geben.

Deine Kinder

werden einmal hier wohnen.“

Da wachte Jakob auf.

Er sprang auf von der Erde

und rief erfreut: „Wahrhaftig!

Dies ist ein besonderer Ort.

Bethel will ich ihn nennen,

das heißt: ,Haus Gottes‘.

Denn hier wohnt Gott.“

Jakob wollte Gott

ein Dankopfer bringen.

Aber es gab keinen Altar dort.

Und Jakob hatte kein Opfertier.

Er hatte nur einen kleinen Krug

mit Öl bei sich.

Das goss er über dem Stein aus,

auf dem er gelegen hatte.

Und Jakob versprach:

„So soll es sein,

wie Gott mir gesagt hat.

Wird Gott mich behüten

und wieder heimbringen,

dann will ich ihm hier

ein Dankopfer bringen

und Gott gehören,

solange ich lebe.“

1. Mose 27,41–28,22

18. Jakob im fremden Land

Danach brach Jakob von Bethel auf

und kam in die Gegend von Haran.

Dort traf er Hirten am Brunnen.

Jakob grüßte sie freundlich.

„Seid gegrüßt, Freunde!

Wo kommt ihr her?“

„Aus Haran“, antworteten sie.

„Dann kennt ihr auch meinen Onkel?

Laban heißt er.“

„Aber gewiss! Wir kennen ihn gut.

Sieh, da kommt gerade

seine Tochter Rahel zum Brunnen.“

Als aber Jakob Rahel sah,

lief er ihr entgegen,

umarmte und küsste sie

und weinte vor Freude.

„Ich bin Jakob“, rief er,

„der Sohn von Rebekka.“

Da ließ Rahel ihre Schafe stehen

und holte schnell ihren Vater herbei.

Der fiel Jakob um den Hals und rief:

„Willkommen, mein Freund!

Komm in mein Haus

und bleibe bei uns,

solange du willst!“

Da ging Jakob mit Laban

und blieb bei ihm lange Zeit.

Er half Laban bei der Arbeit,

hütete seine Schafe und sorgte für sie.

Eines Tages aber

sagte Laban zu Jakob:

„Du bist zwar unser Verwandter.

Doch sollst du dennoch Lohn

für deine Arbeit bekommen.

Sag, was soll ich dir geben zum Lohn?“

Jakob antwortete:

„Ich will keinen Lohn von dir haben.

Ich habe nur einen einzigen Wunsch:

Gib mir deine Tochter Rahel zur Frau!

Sieben Jahre will ich

dafür dein Knecht sein.“

Da willigte Laban ein.

Und Jakob wurde sein Knecht.

Sieben Jahre lang diente er Laban.

Aber Jakob wurde die Zeit nicht lang.

Immerzu dachte er an Rahel

und freute sich schon

auf die Hochzeit mit ihr.

Nach sieben Jahren

war es endlich so weit.

Der Hochzeitstag war gekommen.

Laban bereitete ein Festmahl zu.

Am Abend führte er

die verschleierte Braut zu Jakob.

Aber wie erschrak Jakob am Morgen,

als er der Braut ins Gesicht sah!

Nicht Rahel war seine Braut,

sondern Lea, die ältere Schwester!

„Was hast du getan, Laban?“,

rief Jakob empört.

„Du hast mich betrogen!

Du hast mir Lea zur Frau gegeben.

Aber hast du mir nicht

Rahel versprochen?“

Doch Laban antwortete listig:

„Warum regst du dich auf, Jakob?

Halte diese Woche bei Lea aus!

Dann will ich dir auch noch

Rahel zur Frau geben.

Dafür sollst du noch einmal

sieben Jahre mein Knecht sein.“

Da musste Jakob sich fügen.

So blieb er noch weitere

sieben Jahre bei Laban.

Und Laban gab ihm

auch Rahel zur Frau.

*

Mehr als zwanzig Jahre lang

blieb Jakob in Haran.

Oft dachte er an seinen Vater

und an seinen Bruder Esau zurück.

Beide hatte er damals betrogen.

Nun war er selbst von Laban betrogen.

Aber Gott hielt sein Versprechen.

Er segnete Jakob im fremden Land

und machte ihn groß.

Er schenkte ihm viele Kinder,

dazu auch viele Schafe,

Ziegen und Rinder.

So wurde aus dem Knecht Jakob

ein angesehener Mann.

1. Mose 29 und 30

19. Jakob kehrt heim

Viele Jahre lang

lebte Jakob im fremden Land.

Aber mit jedem Jahr sehnte er sich

mehr nach Hause zurück.

Ob ihm sein Bruder Esau

noch böse war?

Ob er es wagen durfte,

ihn wiederzusehen?

Jakob hatte immer noch Angst,

wenn er an Esau dachte.

Eines Nachts sprach Gott

zu Jakob im Traum:

„Auf, Jakob!

Geh wieder in deine Heimat zurück!

Und vertraue mir!

Ich gehe mit dir.“

Da fasste Jakob Mut.

Er rief seine Frauen und Kinder herbei

und brach auf von Haran

mit allem, was er besaß.

Nach Wochen sah Jakob endlich

in der Ferne das Land Kanaan.

Da schickte er Boten zu Esau voraus,

die sollten ihm ansagen:

„Jakob, dein Bruder, ist da!“

Aber bald darauf

kamen die Boten wieder zurück

und meldeten Jakob:

„Wir haben Esau getroffen.

Er kommt dir entgegen.

Doch nimm dich in Acht!

Er ist nicht allein.

400 Männer begleiten ihn.“

Als Jakob das hörte,

erschrak er und verlor allen Mut.

Er überlegte bei sich:

400 Männer?

Das ist ja ein richtiges Heer!

Womöglich will Esau

Krieg mit mir führen?

Was soll ich nur tun?

Und Jakob betete zu Gott:

„Ach Herr!

Du hast mir bisher immer geholfen.

Du hast mich gesegnet

und reich gemacht.

Ich bin es nicht wert,

was du an mir getan hast.

Aber ich bitte dich jetzt:

Rette mich vor meinem Bruder!

Lass nicht zu, dass er uns tötet!“

Danach suchte Jakob

in aller Eile aus seinen Herden

die schönsten Tiere aus:

Ziegen, Schafe, Böcke und Widder,

auch Kamele, Kühe und Esel,

eine riesige Herde.

Die schickte er als Geschenk

mit drei Knechten Esau entgegen.

Wer weiß, dachte Jakob,

vielleicht ist Esau versöhnt,

wenn er sieht, was ich ihm schenke?

Schon brach die Nacht herein.

Da schlug Jakob sein Zelt

am Fluss Jabbok auf.

Aber in dieser Nacht

fand Jakob keine Ruhe.

Er wälzte sich auf seinem Lager

und dachte voll Angst

an den kommenden Morgen.

Schließlich hielt es Jakob

nicht länger auf seinem Lager.

Er stand auf,

weckte seine Frauen und Kinder,

führte sie durch den Fluss,

wo das Wasser nicht tief war,

und brachte alle ans andere Ufer.

Er aber blieb allein am Ufer zurück.

Doch plötzlich zuckte Jakob zusammen.

Ein Mann stand vor ihm.

Wer war es?

Freund oder Feind?

Was wollte er von ihm?

Der Fremde griff ihn an.

Jakob wehrte sich und schlug um sich.

Er hielt den anderen fest

und kämpfte verzweifelt.

Schon wurde es am Horizont hell.

Da sah Jakob auf einmal,

wer mit ihm kämpfte:

ein Engel Gottes!

Oder war es Gott selbst?

„Lass mich gehen!“, sprach der andere.

„Der Morgen bricht an.“

Aber Jakob klammerte sich an ihn.

„Nein“, rief er,

„ich lass dich nicht los.

Segne mich erst!“

Da segnete er Jakob und sprach:

„Jakob heißt du.

Aber von nun an sollst du Israel heißen,

das heißt: ,Gotteskämpfer‘.

Denn du hast nicht nur

mit Menschen gekämpft,

sondern mit Gott.“

Da spürte Jakob:

Gott war ihm ganz nah.

Nun hatte er Mut,

seinem Bruder entgegenzugehen.

Schon ging die Sonne auf.

In der Ferne rückte Esau

mit seinen Männern an.

Jakob lief ihm entgegen

und verneigte sich vor ihm

siebenmal bis auf die Erde.

Aber Esau eilte auf Jakob zu

und fiel ihm um den Hals.

Da war mit einem Mal

alle Angst verflogen.

Die Brüder lagen sich in den Armen

und weinten vor Freude.

Und beide spürten:

Gott hatte sie miteinander versöhnt!

1. Mose 31–32

20. Josef und seine Brüder

Jakob hatte zwölf Söhne.

Einer von ihnen hieß Josef.

Vater Jakob liebte ihn mehr

als alle anderen Söhne.

Er verwöhnte ihn,

wo er nur konnte,

und schenkte ihm

ein prächtiges, buntes Kleid.

Da wurden die anderen Söhne

neidisch auf Josef.

Sie schimpften:

„Immer nur Josef!

Warum bekommen wir kein Geschenk?“

Auch ärgerten sie sich,

weil Josef sie oft

bei ihrem Vater verriet,

wenn sie etwas falsch gemacht hatten.

Einmal hatte Josef

einen seltsamen Traum.

Den erzählte er seinen Brüdern.

„Hört“, rief er,

„was ich geträumt habe!

Ich sah im Traum ein Kornfeld vor mir.

Das Korn war geschnitten

und wir banden es in Garben zusammen.

Jeder von uns band eine Garbe.

Aber meine Garbe war die größte.

Sie stand in der Mitte.

Und alle eure Garben

verneigten sich vor meiner Garbe.“

Als die Brüder den Traum hörten,

wurden sie wütend.

„Ach du!“, fuhren sie Josef an.

„Du willst wohl

etwas Besseres sein als wir?

Willst du etwa unser König werden?“

Und sie ärgerten sich

noch mehr über Josef.

Wenig später hatte Josef

noch einen zweiten Traum.

Auch den erzählte er

seinem Vater und seinen Brüdern.

„Stellt euch vor“, rief er,

„Sonne, Mond und elf Sterne

kamen vom Himmel herab

und verneigten sich vor mir.“

„Was für ein Traum!“,

rief Vater Jakob erschrocken.

„Sollen wir alle zu dir kommen

und vor dir niederfallen,

dein Vater, deine Mutter

und deine elf Brüder?

Was bildest du dir ein?“

Aber im Stillen dachte Jakob:

Ich will mir den Traum merken.

Vielleicht hat Gott wirklich

etwas Großes mit Josef vor?

Eines Tages waren die Brüder

mit ihren Schafen unterwegs.

Plötzlich sahen sie Josef kommen.

Jakob hatte ihn hergeschickt.

Josef winkte ihnen fröhlich zu.

„Seht!“, riefen die Brüder grimmig.

„Da kommt der Träumer.

Endlich haben wir ihn.

Jetzt können wir mit ihm tun,

was wir wollen.

Wisst ihr, was wir machen?

Wir schlagen ihn einfach tot

und werfen ihn in einen Brunnen.

Aber dem Vater sagen wir:

,Ein wildes Tier hat Josef gefressen.‘

Dann wollen wir sehen,

was aus seinen Träumen wird.“

„Nein“, rief Ruben, der älteste Bruder.

„Das dürft ihr nicht tun.

Werft ihn lieber lebendig

in den Brunnen!“

Das war den Brüdern auch recht.

Sie fielen über Josef her

und packten ihn,

rissen ihm sein Kleid vom Leib,

schleppten ihn davon und warfen ihn

in ein leeres Brunnenloch.

Josef weinte und schrie.

Aber die Brüder

hörten nicht auf ihn.

Sie setzten sich an den Brunnen,

fingen an zu essen

und taten so,

als sei nichts geschehen.

Nach einer Weile kam eine Karawane

mit Kaufleuten und Kamelen vorbei.

Da schlug Juda, einer der Brüder, vor:

„Jetzt weiß ich, was wir machen.

Wir verkaufen Josef an die Kaufleute.

Dann müssen wir ihn nicht töten

und sind ihn dennoch für immer los.“

Gesagt, getan!

Sie zogen Josef aus dem Brunnen

und verkauften ihn als Sklaven

an die Kaufleute.

Zwanzig Silberstücke

handelten sie für ihn ein.

Ruben aber war nicht dabei,

als die Brüder Josef verkauften.

Als er am Abend zum Brunnen kam,

hörte er, was geschehen war.

„O weh!“, rief er entsetzt.

„Wenn das unser Vater hört!“

Aber auch dafür wussten die anderen Rat.

Sie holten einen Ziegenbock

von der Herde

und schlachteten ihn.

Dann nahmen sie Josefs Kleid,

tauchten es in das Blut

und übergaben es einem Knecht.

„Lauf schnell zu unserem Vater!“,

befahlen sie dem Knecht.

„Und gib ihm dieses Kleid!

Sag ihm: Wir haben es gefunden.“

Da lief der Knecht zu Jakob,

gab ihm das Kleid

und erzählte ihm alles,

was die Brüder gesagt hatten.

Als aber Jakob das Kleid sah,

zerriss er sein Gewand,

weinte und schrie:

„Josef ist tot! Josef ist tot!

Ein wildes Tier hat ihn gefressen.“

Und niemand konnte ihn trösten.

1. Mose 37

21. Josef in Ägypten

Die Kaufleute brachten Josef

in das ferne Land Ägypten.

Dort verkauften sie ihn

an einen reichen Mann,

der Potifar hieß.

Josef wurde Sklave in Potifars Haus.

Er arbeitete jeden Tag

von morgens bis abends.

Aber was Josef auch anpackte,

machte er richtig,

drinnen im Haus

und draußen im Freien.

Gott war mit ihm

und ließ es ihm gelingen.

Als Potifar das sah,

rief er Josef zu sich und sagte:

„Von nun an sollst du

mein Verwalter sein.

Alles, was in meinem Haus ist,

will ich dir übergeben.

Und alle anderen Sklaven

sollen dir gehorchen.“

Aber die Frau Potifars

hatte anderes mit Josef vor.

„Komm!“, flüsterte sie Josef zu.

„Sei mein Geliebter!“

„Nein!“, rief Josef erschrocken.

„Das kann ich Potifar nicht antun.

Und Gott will es auch nicht.

Sieh, dein Mann hat mir

alles im Haus übergeben.

Aber du gehörst nur ihm allein.“

Doch die Frau ließ Josef keine Ruhe.

Immer wieder versuchte sie,

ihn zu verführen.

Eines Tages waren die beiden

allein zu Hause.

Da hielt die Frau Josef am Gewand fest

und redete auf ihn ein:

„Tu, was ich dir sage!

Leg dich zu mir!“

Aber Josef riss sich von ihr los

und rannte ohne Gewand aus dem Haus.

Als die Frau das sah,

überlegte sie nicht lange.

„Hilfe! Hilfe!“, schrie sie so laut,

dass es durch das ganze Haus hallte.

Sogleich eilten von allen Seiten

die Sklaven herbei.

„Was ist los? Was ist los?“,

fragten sie erschrocken.

„Seht“, rief die Frau empört,

„was Josef mir angetan hat!

Er wollte sich zu mir legen.

Aber ich schrie laut um Hilfe.

Da ließ er sein Gewand fallen

und rannte davon.“

Und sie legte Josefs Gewand

neben sich und wartete,

bis ihr Mann heimkam.

Als aber Potifar hörte,

was seine Frau ihm erzählte,

wurde er furchtbar zornig.

„Josef hat mich betrogen!“,

schrie er wütend.

„Weg mit ihm!

Ab ins Gefängnis!

Ich will ihn nie mehr sehen.“

Da packten sie Josef

und warfen ihn ins Gefängnis.

1. Mose 39

22. Josef im Gefängnis

Nun saß Josef im Gefängnis

bei Dieben und Mördern.

Aber Josef war anders

als die anderen Gefangenen.

Das merkte auch bald der Wärter,

der die Gefangenen versorgte.

Er bat Josef:

„Willst du mir helfen?“

Josef war gerne dazu bereit.

Von nun an sorgte Josef

für die anderen Gefangenen.

Er besuchte sie jeden Tag,

brachte ihnen das Essen

und sprach ihnen Mut zu.

Josef machte seine Arbeit so gut,

dass der Wärter sich bald

um nichts mehr kümmern musste.

Gott war mit Josef

und ließ es ihm gelingen.

Unter den Gefangenen

waren auch zwei Diener

des ägyptischen Königs.

Der eine war Mundschenk.

Er hatte dem König immer

den Wein eingeschenkt.

Der andere war Bäcker.

Er hatte das Brot

für den König gebacken.

Aber beide waren beim König

in Ungnade gefallen.

Als Josef eines Morgens

zu den Gefangenen kam,

ließen beide den Kopf hängen.

„Was fehlt euch?“, fragte sie Josef.

„Warum seht ihr so traurig aus?“

„Ach“, antworteten sie,

„wir hatten beide

einen seltsamen Traum.

Und wir wissen nicht,

was er bedeutet.“

„Sagt mir doch,

was ihr geträumt habt!“, bat Josef.

„Vielleicht zeigt mir Gott,

was eure Träume bedeuten.“

Da erzählte der Mundschenk:

„Ich sah einen Weinstock

mit drei Reben,

die hingen voller Trauben.

Ich hielt den Becher des Königs

in meiner Hand,

nahm die Trauben,

drückte sie aus

und ließ den Saft in den Becher tropfen.

Den reichte ich dem König,

und er trank daraus.“

Als Josef den Traum hörte,

rief er erfreut:

„Das ist ein guter Traum!

Die drei Reben bedeuten drei Tage.

In drei Tagen

wirst du wieder frei sein.

Und der König wird dich

wieder zum Mundschenk machen.“

Und Josef fügte hinzu:

„Wenn du wieder zum König kommst,

dann denk an mich!

Bitte den König,

dass er mich hier herausholt!

Denn ich bin unschuldig hier.“

Da fasste sich der Bäcker ein Herz

und erzählte auch seinen Traum:

„Ich ging auf der Straße

und trug drei Körbe

auf meinem Kopf.

Im obersten Korb

hatte ich köstlichen Kuchen.

Den sollte der König essen.

Aber da kamen Vögel,

die setzten sich auf den Korb

und fraßen alles auf.“

Als Josef diesen Traum hörte,

rief er erschrocken:

„Dein Traum bedeutet nichts Gutes!

In drei Tagen wirst du gehängt.

Und die Vögel werden

dein Fleisch auffressen.“

Und wirklich:

Nach drei Tagen geschah,

was Josef vorausgesagt hatte.

Der Mundschenk wurde

wieder in sein Amt eingesetzt.

Der Bäcker aber wurde gehängt.

Doch der Mundschenk vergaß,

was er Josef versprochen hatte.

1. Mose 40

23. Josef vor dem König

Es war Nacht.

Der König von Ägypten

schlief in seinem Palast.

Er hatte in dieser Nacht

einen seltsamen Traum:

Er stand im Traum am Ufer des Nil.

Da stiegen aus dem Fluss

sieben schöne und fette Kühe,

die grasten am Ufer.

Danach stiegen noch einmal

sieben Kühe aus dem Wasser.

Aber sie waren hässlich und mager.

Sie fraßen die fetten Kühe auf.

Und noch einen Traum

hatte der König in dieser Nacht:

Er sah einen Getreidehalm vor sich.

Aus ihm wuchsen sieben Ähren,

schöne, dicke Kornähren.

Danach sah er einen anderen Halm.

Aus ihm wuchsen auch sieben Ähren.

Aber sie waren dürr und leer.

Die verschlangen die dicken Ähren.

Da wachte der König auf.

Unruhig wartete er,

bis der Morgen anbrach.

Dann rief er sogleich

seine Gelehrten herbei

und erzählte ihnen,

was er geträumt hatte.

„Auf, sagt mir,

was die Träume bedeuten!“,

befahl der König.

Aber die Gelehrten

sahen ihn verlegen an.

Sie konnten die Träume nicht deuten.

Da hörte der Mundschenk,

was der König geträumt hatte.

Plötzlich fiel ihm Josef wieder ein.

Wenn doch nur Josef hier wäre!,

dachte er bei sich.

Josef könnte sicher sagen,

was die Träume bedeuten.

Und er ging zum König,

verneigte sich vor ihm und sagte:

„Mein König!

Ich kenne einen Mann im Gefängnis.

Der kann Träume deuten.

Er hat auch mir vor Jahren

einen Traum gedeutet,

als ich im Gefängnis saß.

Alles traf so ein,

wie er es damals vorausgesagt hatte.“

„Dann holt ihn sofort her!“,

befahl der König.

„Worauf wartet ihr noch?“

Da holten sie Josef

aus dem Gefängnis,

schoren seine Haare,

zogen ihm ein neues Gewand an

und führten ihn vor den König.

Der wartete schon ungeduldig auf ihn.

„Ist es wahr?

Kannst du Träume deuten?“,

fragte der König.

„Nein“, antwortete Josef.

„Ich kann es nicht.

Aber Gott wird mir sagen,

was die Träume bedeuten.“

Da erzählte der König,

was er geträumt hatte.

Josef aber sagte zum König:

„Beide Träume bedeuten dasselbe.

Sieben Jahre lang

wird viel Korn wachsen.

Aber danach kommen

sieben schlechte Jahre.

Kein Korn wird mehr

auf den Feldern reifen.

Alle Menschen werden hungern.

Darum bau dir große Lagerhäuser

und setze einen klugen Verwalter ein,

der das Korn sammelt

und die Lagerhäuser füllt!

Und wenn die Hungersnot kommt,

soll er es an die Leute verkaufen.“

„Das ist gut!“, rief der König.

„Dein Plan gefällt mir.

Du sollst ihn selbst ausführen.

Ab heute bist du in Ägypten

der zweitmächtigste Mann.“

Und er gab Josef

seinen kostbaren Siegelring,

legte ihm einen Mantel um

und hängte eine goldene Kette

um seinen Hals.

Danach schickte er ihn

in seinem Königswagen

durch das ganze Land

und ließ in allen Städten

vor ihm her ausrufen:

„Dies ist der Mann,

dem der König alle Macht übergeben hat.

Ihm sollt ihr gehorchen.“

1. Mose 41

24. Josefs Brüder in Ägypten

Bald darauf traf ein,

was Josef vorhergesagt hatte.

Es gab Korn in Fülle.

Alle konnten essen,

so viel sie wollten.

Und es blieb immer noch

genug Korn übrig,

mehr als genug.

Da ließ Josef große Speicher bauen

und füllte sie mit Korn,

eine riesige Menge,

so viel wie der Sand am Meer.

Aber nach sieben Jahren

kam eine Dürrezeit.

Es regnete nicht mehr.

Die Sonne versengte das Land.

Die Erde trocknete aus.

Auf den Feldern

verdorrte das Korn.

Und in allen Ländern brach

eine große Hungersnot aus.

Da kamen die Menschen

in großen Scharen zu Josef

und baten ihn:

„Verkauf uns etwas von deinem Korn,

damit wir nicht verhungern!“

Und Josef öffnete seine Speicher

und gab ihnen Korn,

so viel sie brauchten.

*

Eines Tages aber kamen zehn Männer

aus einem fernen Land,

um Korn bei Josef zu kaufen.

Als Josef sie sah,

traute er seinen Augen nicht.

Vor ihm standen –

seine eigenen Brüder!

Sie warfen sich vor ihm auf die Erde

wie vor einem König.

Genauso hatte er es einst

in seinem Traum vorhergesehen.

Josef überlegte:

Ob seine Brüder

auch ihn erkannten?

Nein, sie ahnten gewiss nicht,

wer vor ihnen stand!

Da beschloss Josef,

seine Brüder auf die Probe zu stellen.

„Wer seid ihr?“, fragte er streng.

„Und woher kommt ihr?“

„Aus dem Land Kanaan“,

antworteten sie.

„In unserem Land

gibt es kein Korn mehr.

Darum sind wir hierher gekommen,

um Korn zu kaufen.“

„Nein“, unterbrach sie Josef,

„ihr lügt! Ihr seid Spione!

Ihr wollt nur unser Land

ausspionieren.“

„Aber nein!“,

riefen die Brüder erschrocken.

„Wir sind ehrliche Leute

und gehören alle zu einer Familie.

Zwölf Brüder sind wir.

Aber zwei Brüder fehlen.

Der jüngste Bruder

ist bei unserem Vater geblieben.

Und der zweitjüngste

lebt schon lange nicht mehr.“

Doch Josef unterbrach sie wieder:

„Ich glaube euch nicht.

Bringt euren jüngsten Bruder zu mir!

Dann will ich euch glauben.“

Darauf ließ er

alle zehn Brüder einsperren.

Aber nach drei Tagen

ließ er sie wieder frei

und befahl ihnen:

„Nehmt nun euer Korn

und zieht mit ihm nach Hause!

Aber kommt bald wieder zurück

und bringt euren jüngsten Bruder mit!

Dann will ich sehen,

ob ihr ehrliche Leute seid.

Einer von euch soll so lange

als Geisel hierbleiben,

bis ihr zurückkommt.“

Die Brüder sahen sich entsetzt an.

„Seht“, sagten sie zueinander,

„das ist die Strafe für alles,

was wir Josef angetan haben.

Wisst ihr noch, wie er uns anflehte,

als wir ihn in den Brunnen warfen?

Aber wir hörten nicht auf ihn.“

„Ich habe es euch ja gesagt“,

warf ihnen Ruben vor.

„Aber ihr habt nicht auf mich gehört.

Nun müssen wir dafür büßen.“

Als Josef das hörte,

wandte er sich ab

und wischte sich verstohlen

Tränen aus seinen Augen.

Dann nahm er einen Bruder als Geisel,

ließ ihn fesseln und sperrte ihn ein.

Aber die anderen Brüder

ließ er ziehen.

Als aber die Brüder

zu Hause ankamen

und ihre Kornsäcke ausleerten,

fanden sie in jedem Sack

einen Beutel mit Geld.

Die Brüder sahen sich bestürzt an.

„Das ist doch das Geld,

das wir dem Ägypter

für das Korn gezahlt haben“,

riefen sie erschrocken.

„Wie kommt es denn auf einmal

wieder in unseren Kornsack?

Am Ende denkt der Ägypter noch,

wir hätten ihn betrogen.“

Aber niemand kam auf den Gedanken,

dass der Ägypter absichtlich

das Geld in ihren Sack gesteckt hatte.

Und niemand ahnte,

dass dieser Ägypter

in Wahrheit ihr Bruder war.

1. Mose 42

25. Josef söhnt sich aus

Nach einiger Zeit kamen die Brüder

wieder nach Ägypten,

um Korn zu kaufen.

Diesmal empfing sie Josef

in seinem eigenen Haus.

Er begrüßte sie freundlich:

„Sagt, wie geht es eurem alten Vater?

Lebt er noch?“

Aber plötzlich entdeckte Josef

unter ihnen Benjamin,

seinen jüngsten Bruder.

„Ist das euer jüngster Bruder?“,

rief Josef bewegt.

„Gott sei dir gnädig, mein Sohn!“

Die Tränen schossen ihm in die Augen.

Schnell lief er hinaus,

schloss sich in eine Kammer ein

und weinte.

Als er sich wieder gefasst hatte,

ging er zu seinen Brüdern zurück

und aß mit ihnen.

Was hat dies alles zu bedeuten?,

überlegten die Brüder.

Warum ist der Ägypter plötzlich

so freundlich zu uns?

Und warum bekommt Benjamin

fünfmal so viel zu essen wie wir?

Aber Josef ließ sich nichts anmerken.

Nach dem Essen befahl er

heimlich seinem Verwalter:

„Fülle den Männern

die Säcke mit Korn

und leg das Geld wieder hinein,

das sie gezahlt haben!

Aber bei Benjamin leg noch

meinen silbernen Becher hinzu!“

Die Brüder aber ahnten nicht,

was mit ihren Säcken geschah.

Am nächsten Morgen

standen sie früh auf,

luden die Säcke auf ihre Esel

und zogen fröhlich davon.

Aber kaum hatten sie sich

von der Stadt entfernt,

sprengte plötzlich von hinten

ein Reiter heran.

Es war Josefs Verwalter.

„Halt!“, rief er streng.

„Bleibt stehen, ihr Diebe!

Was fällt euch ein?

Ihr habt meinem Herrn

den silbernen Becher gestohlen.“

„Das ist nicht wahr!“,

riefen die Brüder empört.

„Wir sind keine Diebe.

Wir haben den Becher nicht.

Schau selbst in unseren Säcken nach!

Wenn du den Becher dort findest,

wollen wir euch als Sklaven dienen.“

„Recht so!“, rief der Verwalter.

„Mein Herr wird den Dieb

zum Sklaven machen.

Die anderen aber sind frei.“

Da luden die Brüder

ihre Säcke von den Eseln,

banden sie auf

und zeigten sie dem Verwalter.

Der aber durchsuchte alle Säcke,

auch Benjamins Kornsack.

Und tatsächlich!

Aus seinem Sack

zog er den silbernen Becher hervor.

Die Brüder waren sprachlos.

Wie kam der Becher nur

in Benjamins Kornsack?

Was würde nun aus Benjamin?

Schnell luden sie wieder

die Säcke auf ihre Esel

und zogen mit Benjamin

zu Josef zurück,

warfen sich vor ihm auf die Erde

und stammelten:

„Wir alle sind schuldig.

Mach uns alle zu deinen Sklaven!“

„Aber nein!“,

fiel ihnen Josef ins Wort.

„Nur der soll mein Sklave sein,

der den Becher gestohlen hat.“

Da stand Juda auf und bat:

„Ach Herr, erlaube mir eine Bitte!

Mach mich zum Sklaven

an Benjamins Stelle!

Wenn Benjamin nicht mehr heimkommt,

dann stirbt unser Vater vor Kummer.

Er hat schon einen Sohn

auf diese Weise verloren.“

Als Josef das hörte,

hielt er sich nicht länger zurück.

Schnell schickte er

alle seine Diener zur Tür hinaus.

„Seht her!“, rief er.

„Seht, wer vor euch steht!

Ich bin Josef, euer Bruder,

den ihr als Sklaven verkauft habt.

Sagt mir: Wie geht es unserem Vater?

Lebt er wirklich noch?“

Die Brüder aber

starrten Josef entsetzt an.

Sie brachten vor Schreck

kein einziges Wort heraus.

Der mächtige Ägypter,

vor dem alle zitterten,

der war ihr Bruder?

Derselbe Bruder, den sie einst

als Sklaven verkauft hatten!

Nun war es um sie geschehen.

Sie waren in Josefs Hand.

Er konnte mit ihnen machen,

was er wollte.

Aber Josef redete ihnen gut zu:

„Steht auf! Kommt näher!

Seht mich an!

Ich bin wirklich Josef.

Habt keine Angst vor mir!

Ich bin nicht euer Feind.

Ihr habt es zwar

böse mit mir gemeint.

Aber Gott hat es gut

mit uns allen gemeint.

Er hat mich nach Ägypten geschickt,

damit ihr nicht hungern müsst.

Darum geht schnell

zu unserem Vater zurück!

Grüßt ihn von mir

und richtet ihm aus:

,Komm nach Ägypten!

Dort will ich dich

und deine Familie versorgen,

solange die Hungersnot anhält.‘“

Aber die Brüder waren

immer noch starr vor Schreck.

Da ging Josef auf sie zu,

fiel ihnen um den Hals,

küsste sie und weinte vor Freude.

Nun kam auf einmal Leben

in seine Brüder.

Sie lachten.

Sie umarmten sich.

Und sie erzählten Josef

von ihrem Vater Jakob,

der immer noch

um seinen Sohn trauerte.

Als aber der König hörte,

wer zu Josef gekommen war,

ließ er den Brüdern sagen:

„Kommt mit eurem Vater hierher

und wohnt bei uns!

Das ganze Land steht euch offen.“

Da zögerten die Brüder nicht lange.

Sogleich brachen sie auf

und machten sich auf den Heimweg,

um ihrem Vater

die gute Nachricht zu bringen:

„Josef, dein Sohn, lebt!“

1. Mose 43–45

26. Jakob zieht nach Ägypten

Vater Jakob stand vor seinem Zelt

und schaute in die Ferne.

Da sah er seine Söhne kommen:

Ruben, Simeon, Levi, Juda...

Alle kamen, keiner fehlte.

Auch Benjamin war dabei.

Jakob atmete auf.

Aber hörte er recht?

„Gute Nachricht, Vater!“,

riefen ihm seine Söhne entgegen.

„Stell dir vor: Josef lebt noch!

Er ist der zweitmächtigste Mann

in Ägypten.“

Jakob stand da wie erstarrt.

„Unmöglich!“, murmelte er tonlos.

„Ihr täuscht euch! Josef ist tot.“

„Nein, nein!“, riefen die Brüder.

„Glaub uns doch: Josef lebt!“

Und sie zeigten Josefs Geschenke:

Korn und Brot und kostbare Kleider

und viele Wagen und Esel.

„Da, sieh her!

Dies alles lässt Josef dir schicken.

Er lädt uns ein,

nach Ägypten zu ziehen.“

„Was sagt ihr?“, rief Jakob erregt.

„Josef, mein Sohn, lebt?

Worauf warten wir dann noch?

Ich will Josef wiedersehen,

ehe ich sterbe.“

Und er sammelte alle um sich,

Frauen und Kinder,

Knechte und Mägde.

„Habt ihr gehört?“, rief er.

„Josef lebt in Ägypten.

Auf, macht euch fertig!

Packt eure Zelte!

Treibt die Tiere zusammen!

Wir ziehen nach Ägypten.“

Da machten sich alle

auf den Weg nach Ägypten:

Männer, Frauen und Kinder,

dazu alle Tiere.

Jakob aber fuhr ihnen

im Wagen voraus,

Josef entgegen.

Als sie schon nahe bei Ägypten waren,

kam ihnen ein prächtiger Wagen

mit schnellen Pferden entgegen

und hielt vor ihnen an.

Aus dem Wagen sprang Josef.

Er eilte auf Jakob zu,

fiel ihm um den Hals

und weinte vor Freude.

„Mein Sohn, du lebst!“,

rief Jakob bewegt.

„Was will ich noch mehr?

Nun kann ich getrost sterben.“

Aber Josef führte Jakob nach Ägypten

und sorgte für ihn

und für seine ganze Familie,

bis die Hungersnot vorüber war.

Danach lebte Jakob noch viele Jahre.

Er sah, wie seine Enkel

und Urenkel heranwuchsen.

Und er segnete sie alle, bevor er starb.

So wuchs Jakobs Familie immer mehr

und breitete sich aus

wie Sand am Meer.

1. Mose 46–50

III
Gott führt sein Volk

Gott hatte sein Versprechen erfüllt.

Aus Abrahams Familie

war ein großes Volk geworden.

Aber dieses Volk lebte nun

im fremden Land Ägypten.

Wann würde Gott es wieder

nach Kanaan zurückführen,

in das Land,

das er einst Abraham

und seinen Nachkommen versprochen hatte?

27. In Ägypten

Vater Jakob lebte nicht mehr.

Auch Josef und seine Brüder

waren längst tot.

Aber die Kinder Josefs

und seiner Brüder

lebten immer noch in Ägypten.

Sie waren schon alt

und hatten selbst wieder Kinder,

Enkel und Urenkel,

eine riesengroße Familie,

so groß wie ein ganzes Volk.

Israeliten nannten sie sich

nach dem Stammvater Jakob,

der auch Israel hieß.

Zu dieser Zeit kam in Ägypten

ein neuer König auf den Thron,

der mächtige Pharao.

Der wusste nichts mehr

von Jakob und Josef.

Er ärgerte sich über das fremde Volk.

Und er sagte zu den Ägyptern:

„Was wollen die Fremden

in unserem Land?

Es sind schon viel zu viele.

Wer weiß?

Bald gibt es mehr Israeliten

als Ägypter im Land.

Eines Tages werden sie

gegen uns kämpfen.

Aber so weit darf es nicht kommen.

Wir werden sie unterdrücken

und Sklaven aus ihnen machen.

Dann müssen wir uns nicht mehr

vor ihnen fürchten.“

Und er gab den Befehl:

„Alle Israeliten

sollen für mich arbeiten!

Meine Sklaven sollen sie werden!“

Von nun an

mussten die Israeliten

jeden Tag schwer arbeiten,

vom frühen Morgen an

bis zum späten Abend.

Ziegelsteine mussten sie

aus Lehm formen.

Häuser mussten sie bauen.

Ja, ganze Städte mussten sie

für den König errichten.

Und der König setzte

Ägypter als Aufseher ein,

die trieben die Israeliten

mit der Peitsche an.

Und wenn die Israeliten müde wurden,

schlugen die Aufseher

unbarmherzig auf sie ein.

Aber das Volk Israel wuchs trotzdem.

Es wurde immer größer.

Je mehr die Ägypter es plagten,

desto zahlreicher wurde das Volk.

Dem König wurde ganz unheimlich,

wenn er das Volk sah.

Schließlich dachte er sich

einen grausamen Plan aus.

Er befahl allen Ägyptern:

„Geht zu den Israeliten!

Dringt in ihre Häuser ein!

Und seht nach,

wo ein Sohn geboren wurde!

Und wenn ihr einen findet,

packt ihn und werft ihn in den Nil!“

Da gehorchten die Ägypter.

Sie drangen in die Häuser ein.

Sie durchsuchten alle Winkel.

Und wo sie einen Neugeborenen fanden,

rissen sie ihn von seiner Mutter los

und nahmen ihn mit.

Da half kein Betteln und Weinen.

Die Ägypter taten,

was ihr König befohlen hatte.

2. Mose 1

28. Mose

Zu dieser Zeit

brachte eine Israelitin

ein Kind zur Welt.

Als sie sah, dass es ein Sohn war,

erschrak sie sehr.

„Was für ein schönes Kind!“,

sagte sie zu sich.

„Es soll nicht sterben

wie die anderen Kinder.

Ich will, dass es lebt!“

Schnell verbarg sie das Kind.

Aber kein Ägypter kam in das Haus.

Niemand entdeckte das Kind.

Tage und Wochen vergingen.

Drei Monate gingen ins Land.

Das Kind wuchs

und seine Stimme wurde

von Tag zu Tag lauter.

Da konnte es die Mutter nicht

länger im Haus verbergen.

Was sollte sie tun?

Sie überlegte hin und her.

Schließlich fasste sie

einen kühnen Entschluss:

Sie ging zum Ufer des Nil,

holte sich Schilfgras

und flocht daraus ein Kästchen.

Das verschmierte sie außen mit Pech,

sodass kein Wasser eindringen konnte.

Dann legte sie ihr Kind in das Kästchen,

trug es heimlich zum Fluss

und versteckte es am Ufer

zwischen dem Schilfgras.

Danach lief sie schnell

nach Hause zurück.

Niemand durfte merken,

was sie getan hatte.

Da lag nun das Kind

in seinem Kästchen auf dem Nil,

mutterseelenallein.

Nur Mirjam, die ältere Schwester,

hielt heimlich Wache am Ufer.

Aber plötzlich horchte Mirjam auf.

Stimmen wurden laut.

Schritte kamen näher.

Mirjam spähte

zwischen dem Schilfgras hervor.

Da sah sie eine Schar Mädchen

zum Baden kommen.

Doch mitten unter ihnen –

wen entdeckte sie da?

Die Tochter des Pharao!

Die Tochter des gefürchteten Königs!

Sie kam mit ihren Dienerinnen

zum Nil, um zu baden

und ging geradewegs

auf das Wasser zu.

Plötzlich blieb sie stehen.

Sie zeigte auf das Schilf.

„Seht doch!“, rief sie.

„Seht, was dort schwimmt!

Ein geflochtenes Kästchen!

Holt es schnell aus dem Wasser!

Ich will wissen,

was darin versteckt ist.“

Da holte eine Dienerin

das Kästchen aus dem Wasser

und brachte es der Königstochter.

Die nahm das Kästchen,

öffnete es und schaute hinein.

Da sah sie das Kind.

Es weinte und blickte zu ihr hoch.

„Das arme Kind!“,

rief die Königstochter voll Mitleid.

„Sicher gehört es zu den Israeliten.

Es darf aber nicht sterben

wie die anderen Kinder.

Ich will es retten.

Mein Kind soll es werden.

Und Mose will ich es nennen,

das heißt: ,aus dem Wasser gezogen‘.

Denn ich habe es gefunden

und aus dem Wasser geholt.

Und ich will für das Kind

wie eine Mutter sorgen.“

Als Mirjam das hörte,

kam sie schnell

aus ihrem Versteck hervor,

verneigte sich und sagte:

„Ich kenne eine Frau,

die kann das Kind stillen.

Soll ich sie holen?“

„Ja“, bat die Königstochter,

„hol sie schnell her!“

Da lief Mirjam nach Hause

und holte – ihre eigene Mutter!

Aber die Königstochter

wusste nicht, wer sie war.

Sie sagte zu ihr:

„Sieh, dieses Kind habe ich

im Wasser gefunden.

Kannst du es stillen?

Ich will dir’s auch bezahlen.

Nimm es an dich

und sorge gut für das Kind!

Doch wenn das Kind alt genug ist,

will ich es selbst haben.

Dann soll es bei mir wohnen.“

Die Mutter wusste nicht,

wie ihr geschah.

Glücklich trug sie das Kind

nach Hause,

ihr eigenes Kind!

Nun musste sie es nie mehr verstecken,

auch nicht vor den Soldaten des Königs.

2. Mose 2

29. Mose muss fliehen

Drei Jahre lang

blieb Mose bei seiner Mutter.

Danach nahm ihn Pharaos Tochter

zu sich in den Palast.

Dort bekam Mose kostbare Kleider

und eigene Diener und Lehrer.

Mose sah nun aus wie ein Ägypter

und sprach auch wie ein Ägypter.

Aber er blieb dennoch ein Israelit.

Er konnte sein Volk nicht vergessen.

Jahre vergingen.

Inzwischen war Mose erwachsen.

Da verließ er den Königspalast

und suchte die Israeliten auf.

Aber wie erschrak er,

als er sie arbeiten sah!

Sie plagten sich ab.

Sie keuchten und stöhnten.

Auf einmal hörte Mose

einen furchtbaren Schrei.

Ein Aufseher schlug

auf einen Israeliten ein.

Als Mose das sah,

packte ihn der Zorn.

War denn hier keiner,

der dem Ägypter wehrte?

Nein, keiner!

Alle machten sich aus dem Staub,

als sie den Aufseher sahen.

„Dann muss ich es tun“,

sagte sich Mose.

Und schon stürzte er sich

auf den Ägypter

und schlug wild auf ihn ein,

bis er tot war.

Schnell grub er

ein Loch in den Sand

und verscharrte den Toten.

Niemand durfte wissen,

was er getan hatte.

Wenn der König davon erfuhr,

war er verloren.

Am nächsten Tag suchte Mose

noch einmal die Israeliten auf

und sah, wie sie sich plagten.

Plötzlich hörte er wieder Geschrei.

Er horchte auf.

Wer schrie diesmal so laut?

Da entdeckte er zwei Israeliten,

die stritten und schlugen sich.

„Hört auf!“, rief Mose.

„Was soll der Unsinn?

Ihr seid doch beide Israeliten.

Vertragt euch!“

Aber der eine antwortete:

„Misch dich nicht ein!

Das geht dich nichts an.

Oder willst du mich auch töten

wie den Ägypter?“

Als Mose das hörte,

erschrak er furchtbar.

Er überlegte:

Wie ist das nur möglich?

Woher weiß der Mann,

was ich gestern getan habe?

Vielleicht hat er es schon

dem König verraten?

Dann muss ich fliehen,

bevor es zu spät ist.

Und er machte sich auf und davon

und floh aus Ägypten.

2. Mose 2,11–15

30. Mose im Land Midian

Nach vielen Tagen

kam Mose in das Land Midian,

ein einsames, steiniges Land

in der Wüste.

Es war bereits Abend,

als er dort ankam.

Müde setzte er sich

an einen Brunnen

und ruhte sich aus.

Da kamen sieben Mädchen

mit Schafen zum Brunnen.

Sie schöpften Wasser

und gossen es in den Trog

für die Schafe.

Aber plötzlich kamen Hirten daher.

Sie stießen die Mädchen zur Seite

und schrien: „Weg da!

Jetzt wollen wir schöpfen.“

Als Mose das sah, sprang er auf,

stellte sich vor die Mädchen

und rief zornig:

„Lasst sie in Frieden!

Sie waren zuerst da.“

Schnell griff er zu

und half den Mädchen beim Schöpfen,

bis alle Schafe genug hatten.

Da liefen die sieben Mädchen

zu ihrem Vater Reguel,

der auch Jitro hieß,

und erzählten ihm,

was sie am Brunnen erlebt hatten.

„Wie?“, rief der Vater erstaunt.

„Ein Fremder half euch beim Schöpfen?

Wo ist denn der Fremde?

Warum habt ihr ihn

nicht zu mir gebracht?

Lauft noch einmal zum Brunnen

und ladet ihn ein!

Er soll unser Gast sein.“

Da brachten die Mädchen

Mose zu ihrem Vater ins Zelt.

Mose aber blieb bei ihm

und diente ihm

und hütete seine Schafe.

Zum Dank gab ihm Reguel

seine Tochter Zippora zur Frau.

Viele Jahre blieb Mose im Land Midian

bei seiner Frau und dem Sohn,

den sie ihm schenkte.

Er hatte sein Volk in Ägypten

fast schon vergessen.

Aber Gott vergaß sein Volk nicht.

Und er vergaß auch Mose nicht.

2. Mose 2,15–25

31. Mose bekommt einen Auftrag

Eines Tages kam Mose

mit seinen Schafen zum Berg Sinai.

Da sah er einen Dornstrauch,

der lichterloh brannte.

„Wie ist das nur möglich?“,

fragte sich Mose erstaunt.

„Der Strauch brennt

und verbrennt doch nicht.

Ich will hingehen und sehen,

warum er nicht verbrennt.“

Neugierig ging er auf den Strauch zu.

Aber plötzlich hörte Mose

eine Stimme aus dem Feuer:

„Mose! Mose!“

„Hier bin ich“,

antwortete Mose erschrocken.

„Komm nicht näher heran!“,

rief die Stimme.

„Zieh deine Schuhe aus!

Du stehst auf heiligem Land.

Denn ICH bin hier,

der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.“

Da schlug Mose

die Hände vor das Gesicht.

Er wagte nicht aufzuschauen.

Aber er hörte,

wie Gott zu ihm sprach:

„Mose! Geh zurück nach Ägypten!

Geh zu Pharao und sage ihm:

,Lass mein Volk Israel frei!‘

Denn ich habe gesehen,

wie sie leiden.

Ich habe ihre Klagen gehört.

Ich will sie retten

und aus Ägypten führen.

Ich will sie nach Hause bringen,

in das Land,

wo Milch und Honig fließt.

So geh nun hin!

Du sollst das Volk

aus Ägypten führen.“

„Ich soll zum König gehen?“,

fragte Mose erschrocken.

„Ich soll die Israeliten

aus Ägypten führen?

Warum gerade ich?“

„Ich werde mit dir sein“,

sprach Gott.

„Aber“, wandte Mose ein,

„sie werden mir nicht glauben,

wenn ich zu ihnen komme.

Sie werden fragen:

Was ist das für ein Gott,

von dem du redest?‘“

Da sprach Gott:

„ICH WERDE SEIN,

DER ICH SEIN WERDE.

Das ist mein Name.

Den sollst du zu ihnen sagen.

So geh nun zurück

und sage den Israeliten,

ICH habe dich gesandt.“

Aber Mose zögerte noch.

„Ach Herr!“, rief er.

„Ich kann es nicht.

Ich konnte noch nie gut reden.

Und jetzt erst recht nicht!“

„Ich werde dir sagen,

was du reden sollst“,

antwortete Gott.

„Nein, nein!“, rief Mose.

„Nimm, wen du willst,

nur mich nicht!“

Aber Gott sprach:

„Aaron, dein Bruder,

wird dir helfen.

Er wird mit dir

zum König gehen

und für dich sprechen.

Er ist schon auf dem Weg zu dir.“

Da wagte Mose nichts mehr zu sagen.

Er brach auf mit seiner Familie

und zog nach Ägypten,

wie Gott ihm befohlen hatte.

2. Mose 3–4

32. Mose bei Pharao

Unterwegs traf Mose

seinen Bruder Aaron.

Ihm erzählte er alles,

was Gott am Berg Sinai

zu ihm gesagt hatte.

Da gingen die beiden

zu den Israeliten,

die sich in Ägypten

immer noch plagten.

„Freut euch!“, riefen sie.

„Gott hat euer Weinen gehört

und eure Not gesehen.

Bald werdet ihr frei sein

und in das Land ziehen,

das Gott euch versprochen hat.“

Als die Israeliten das hörten,

verneigten sie sich

und beteten Gott an.

„Gott sei Dank!“, riefen sie froh.

„Gott hat uns nicht vergessen.

Er hat unser Elend gesehen.“

Danach gingen Mose und Aaron

zu Pharao, dem König von Ägypten.

Der empfing sie

in seinem Palast.

„Warum kommt ihr zu mir?“,

fragte er sie.

„Was wollt ihr von mir?“

Da antworteten Mose und Aaron:

„So spricht der Herr,

der Gott Israels:

,Lass mein Volk gehen!‘“

„Was?“, rief der König empört.

„Wer ist dieser Herr?

Ich kenne euren Gott nicht.

Ich will ihn auch gar nicht kennen

und will ihm auch nicht gehorchen.

Ich bin hier allein der Herr,

der Herr über Ägypten

und der Herr über alle Israeliten.

Darum will ich euch sagen,

was ich tun werde:

Ich werde euch noch viel mehr

schinden und plagen.

Dann kommt ihr auf

keine dummen Gedanken mehr.

Und nun los! An die Arbeit!“

Von diesem Tag an

mussten die Israeliten

noch viel mehr arbeiten.

Sie schufteten.

Sie plagten sich ab.

Sie wurden geschunden

und wurden geschlagen.

Und niemand hatte Mitleid

mit ihnen.

Da liefen die Israeliten

zu Mose und Aaron,

weinten und schrien:

„Ihr seid an allem schuld.

Warum seid ihr zu Pharao gegangen?

Seitdem ist alles

noch viel schlimmer geworden.“

Auch Mose war ratlos.

„Ach Herr“, betete er,

„warum hast du uns das angetan?

Warum hast du mich

nach Ägypten geschickt?

Du hilfst deinem Volk ja doch nicht.“

Aber Gott sprach zu Mose:

„Warte nur ab!

Bald sollst du sehen,

was ich an Pharao tun werde.

Pharao soll erkennen,

dass ich allein der Herr bin.“

2. Mose 4,27–6,1

33. Die zehn Plagen

Bald darauf ließ Gott

zehn schwere Plagen

über Ägypten kommen.

Zuerst wurde alles Wasser zu Blut.

In den Bächen

und in den Seen und Sümpfen

starben die Fische.

Das Wasser stank furchtbar.

Niemand konnte es trinken.

Doch der König

machte sich nichts daraus.

Sein Herz blieb hart wie Stein.

Da schickte Gott

eine zweite Plage über Ägypten.

Aus den Flüssen und Sümpfen

krochen Frösche hervor,

Hunderte, Tausende,

hunderttausend und noch mehr.

Die hüpften überall hin,

in die Häuser und Höfe,

in die Betten und Backtröge,

in die Teller und Töpfe.

Nichts war vor ihnen sicher.

Da packte den König das Grausen.

Er rief Mose und Aaron zu sich

und befahl:

„Lasst die Frösche verschwinden!

Dann lasse ich euch ziehen.

Ich verspreche es euch.“

Da betete Mose zu Gott,

und die Frösche starben

in allen Häusern und Höfen

und auf dem Feld.

Man trug sie

in großen Haufen zusammen,

sodass das ganze Land

von ihrem Gestank erfüllt war.

Aber der König ließ das Volk Israel

dennoch nicht ziehen.

Sein Herz blieb hart.

Da schickte Gott noch eine

dritte und vierte Plage.

Aus dem Staub der Erde

kamen Stechmücken hervor,

Millionen von Mücken.

Die setzten sich

auf alle Menschen und Tiere

und bedeckten die ganze Erde.

Und Stechfliegen kamen

in großen Schwärmen

über das ganze Land.

Die stachen alle,

Große und Kleine, Alte und Junge.

Kein Mensch blieb verschont

außer den Israeliten.

Und wieder rief der König

Mose und Aaron zu sich

und versprach ihnen:

„Ich lasse euch ziehen.

Aber verscheucht mir

erst alle Fliegen!“

Da betete Mose zu Gott,

und die Fliegen verschwanden,

wie sie gekommen waren.

Nicht eine einzige Fliege blieb übrig.

Aber der König ließ das Volk Israel

dennoch nicht ziehen.

Sein Herz blieb hart.

Da traf die fünfte,

sechste und siebte Plage ein.

Alle Tiere wurden krank

und starben in Massen,

Pferde und Esel, Kamele und Kühe,

dazu viele, viele Schafe.

Bald darauf wurden

auch die Menschen schwer krank.

Eine Seuche brach aus.

Die Ägypter bekamen Geschwüre

an Händen und Füßen,

am Kopf und am ganzen Leib.

Schließlich kam ein schweres Unwetter

über das ganze Land.

Riesige Hagelkörner

fielen vom Himmel

und schlugen alles zusammen,

Menschen und Vieh

und das Korn auf den Feldern.

Aber der König ließ das Volk Israel

dennoch nicht ziehen.

Sein Herz blieb hart.

Da schickte Gott

die achte Plage ins Land.

Heuschrecken kamen in Schwärmen

und bedeckten die Erde

und fraßen alles auf,

was vom Hagel verschont war,

Gras und Blüten und Blätter.

Aber der König ließ das Volk Israel

dennoch nicht ziehen.

Sein Herz blieb hart.

Da ließ Gott noch

eine neunte Plage kommen.

Über dem ganzen Land

wurde es stockdunkel.

Drei Tage lang

schien die Sonne nicht mehr.

Die Menschen flohen in ihre Häuser

und zitterten vor Kälte und Angst.

Auch der König saß im Dunkeln

und konnte nichts sehen.

Voll Zorn rief er Mose

zu sich in seinen Palast

und herrschte ihn an:

„Verschwinde endlich!

Und komm mir nie wieder

unter die Augen!

Sonst lasse ich dich töten.“

Aber das Volk Israel

ließ er dennoch nicht ziehen.

Da ging Mose aus dem Palast.

Gott aber sprach zu Mose:

„Noch eine Plage

will ich dem Pharao schicken,

die letzte und schwerste.“

2. Mose 7–11,1

34. Der Auszug aus Ägypten

Es war Nacht.

Die Ägypter schliefen

in ihren Häusern.

Keiner von ihnen ahnte,

was in dieser Nacht geschah.

Aber die Israeliten

waren alle hellwach,

auch die Kinder.

Voller Erwartung standen sie

in Schuhen und Mänteln bereit.

Neben ihnen lag ihr Gepäck,

fertig gepackt.

„Macht euch bereit!“,

hatte Mose zu ihnen gesagt.

„Denn in dieser Nacht

wird es geschehen.

Gott wird euch befreien

und aus Ägypten herausführen.“

So hielten sie nun das letzte Mahl

in ihren Häusern.

Sie aßen das Lamm,

das der Vater geschlachtet hatte.

Und sie aßen das flache Brot,

das die Mutter in aller Eile

gebacken hatte.

Es war wie bei einem Festessen.

Ja, sie feierten wirklich ein Fest,

mitten in der Nacht,

das Fest der Befreiung: das „Passafest“.

Sie feierten das Fest,

obwohl schon alle im Aufbruch waren.

Denn so hatte Gott es Mose befohlen:

„In dieser Nacht

sollt ihr dieses Fest feiern.

Und so sollt ihr es

von nun an jedes Jahr feiern.

Denkt daran, wenn ich euch

aus Ägypten geführt habe!

Und dankt für eure Befreiung!“

Damals, in jener Nacht,

feierten die Israeliten

dieses Fest zum ersten Mal.

Sie aßen und tranken in ihren Häusern

und dankten Gott,

dass er sie endlich

aus Ägypten herausführte.

Aber bevor sie aßen und tranken,

nahm der Vater die Schale

mit dem Blut des Lammes,

ging damit zur Tür

und strich das Blut

außen an die Türpfosten.

Dann schloss er die Tür fest zu.

So machten es alle Israeliten

in dieser Nacht.

Gott hatte es ihnen

durch Mose befohlen.

Denn in dieser Nacht

brach ein großes Unglück

über Ägypten herein.

In allen Häusern

starb der älteste Sohn.

Nur die Häuser der Israeliten,

an deren Türen das Blut war,

blieben verschont.

Als aber die Ägypter sahen,

was geschehen war,

schrien sie laut auf,

weinten und klagten.

Und der König ließ eilig

Mose und Aaron zu sich holen,

mitten in der Nacht.

„Geht!“, rief er.

„Geht so schnell ihr könnt!

Nehmt alles mit, was ihr braucht,

Schafe, Kühe und was ihr wollt!

Aber geht endlich!“

Da brachen die Israeliten

noch in derselben Nacht auf,

mit ihren Frauen und Kindern

und mit all ihren Tieren.

Und sie zogen aus Ägypten,

wie Gott gesagt hatte.

2. Mose 11–12

35. Durch das Rote Meer

Kanaan hieß das Land,

aus dem Jakob und Josef

einst gekommen waren.

Dorthin wollte Gott sein Volk führen.

Aber wie sollten sie das Land finden?

Niemand kannte den Weg,

auch Mose nicht.

Da schickte Gott eine Wolke,

die zog vor ihnen her

und zeigte ihnen den Weg.

Wenn es Mittag wurde

und die Sonne hoch oben

am Himmel stand,

schützte die Wolke sie vor der Hitze.

Wenn es Abend wurde

und alle müde waren vom Wandern,

blieb die Wolke stehen.

Dann schlugen sie ihre Zelte auf

und ruhten sich aus.

Aber in der Nacht,

wenn alles dunkel war,

leuchtete die Wolke wie Feuer

und machte die Nacht hell.

Gott selbst war in der Wolke.

Er führte sein Volk

und gab ihm Schutz.

*

Drei Tage lang

waren die Israeliten unterwegs.

Da kamen sie an das Rote Meer.

Dort setzten sie sich ans Ufer

und hielten Rast.

Doch plötzlich hörten sie

dumpfen Lärm hinter sich.

Erschrocken schauten sie um sich.

Da sahen sie in der Ferne

eine Staubwolke.

Wagen und Pferde stürmten heran.

Sie kamen näher und näher.

„Hilfe!“, schrien die Israeliten.

„Wir sind verloren!

Die Ägypter kommen.

Sie wollen uns zurückholen.“

Was sollten sie tun?

Vor ihnen lag das Meer.

Und hinter ihnen waren die Ägypter.

Da liefen sie zu Mose und schrien:

„Du bist an allem schuld!

Warum hast du uns

aus Ägypten geführt?

Nun sitzen wir in der Falle.“

Aber Mose rief:

„Habt keine Angst!

Gott wird uns helfen.

Wartet nur ab!“

Und er ging an das Meer

und streckte seine Hand

über das Wasser aus.

Da kam ein starker Wind auf.

Ein Weg tat sich vor ihnen auf,

mitten im Meer!

Mose ging hinein in das Meer.

Und alle Israeliten folgten ihm,

Männer, Frauen und Kinder.

Auf trockenem Weg zogen sie

durch das Meer bis ans andere Ufer.

Die Wolke Gottes aber

stand hinter ihnen

und verbarg sie vor den Ägyptern.

Als die Ägypter das Meer erreichten,

war es schon tiefe Nacht.

Die Israeliten waren nicht mehr zu sehen.

„Vorwärts!“, schrie der König.

„Wir holen sie noch ein.“

Da spornten die Ägypter ihre Pferde an

und fuhren mit ihren Wagen ins Meer.

Aber in der Dunkelheit konnten sie

den Weg kaum erkennen.

Ihre schweren Wagen

blieben im Schlamm stecken.

Plötzlich überfiel die Ägypter

schreckliche Angst.

„Zurück! Zurück!“, schrien sie.

„Wir sind sonst verloren.“

Aber sie kamen weder vor noch zurück.

Ihre Wagen saßen im Schlamm fest.

Schon wurde es Morgen.

Die Israeliten hatten längst

das andere Ufer erreicht.

Aber die Ägypter waren noch

mitten im Meer

und mühten sich vergeblich ab

mit ihren Wagen und Pferden.

Da streckte Mose seine Hand

wieder über das Meer aus.

Und sieh da!

Das Wasser kehrte zurück

und bedeckte Wagen und Pferde.

Alle Ägypter ertranken.

Als die Israeliten das sahen,

erkannten sie: Das hat Gott getan!

Und sie glaubten an ihn.

Mirjam aber, Moses Schwester,

nahm ihre Pauke und sang:

„Lasst uns dem Herrn singen!

Denn er hat eine große Tat getan.

Ross und Mann

hat er ins Meer gestürzt.“

Da stimmten alle Frauen

in das Lied ein,

sangen und tanzten

und dankten Gott,

der sie gerettet hatte.

2. Mose 13,17–15,21

36. Durch die Wüste

Schon drei Tage lang

wanderten die Israeliten durch die Wüste.

Der Sand brannte unter ihren Sohlen.

Die Sonne stach auf ihren Kopf.

Und nirgendwo gab es Schatten,

überall nur Steine und Sand.

Da wurden alle müde und matt.

„Wie lange noch?“, jammerten sie.

„Wir haben furchtbaren Durst.“

Aber alle Wasserkrüge waren längst leer.

Und weit und breit

war kein Wasser zu finden.

Doch plötzlich rief jemand:

„Seht die Bäume dort drüben!

Das ist sicher eine Oase.

Dort gibt es Wasser!“

Da rannten alle los

und eilten zu der Oase.

Jeder wollte zuerst trinken.

Schon knieten einige nieder

und tranken gierig das Wasser.

Aber plötzlich verzogen sie

ihr Gesicht, schüttelten sich

und spuckten das Wasser wieder aus.

„Pfui!“, riefen sie.

„Das Wasser schmeckt bitter.

Ihr könnt es nicht trinken.“

„Was?“, riefen die anderen empört.

„Das kann doch nicht wahr sein!

Was sollen wir nun trinken?

Wir sterben vor Durst.“

Und sie drangen auf Mose ein:

„Du bist schuld,

wenn wir alle verdursten.

Du hast uns in diese Wüste geführt.

Nun sag uns: Was sollen wir tun?“

Mose wusste es selbst nicht.

„Ach Herr“, betete er leise,

„sag mir, was soll ich tun?

Ich weiß keinen Rat mehr.“

Da fiel sein Blick auf ein Stück Holz.

Mose hob es auf

und warf es ins Wasser.

Und sieh da!

Auf einmal schmeckte das Wasser.

Alle tranken sich satt,

Kinder, Frauen und Männer

und auch die Tiere.

Gestärkt brachen sie auf

und zogen weiter

durch die endlose Wüste.

2. Mose 15,22–25

37. Hunger

Tage und Wochen vergingen.

Bald waren alle Vorräte verzehrt.

Die Säcke waren leer.

Und es gab kein Fleisch

und kein Brot mehr.

Da wurden die Israeliten

von Tag zu Tag schwächer.

Der Hunger plagte sie sehr.

Sie kamen kaum noch voran.

„Ach“, jammerten sie,

„wären wir doch in Ägypten geblieben!

Dort hatten wir Fleisch und Brot,

so viel wir wollten.

Aber nun müssen wir hier

in der Wüste verhungern.

Mose und Aaron, ihr seid schuld!

Warum habt ihr uns

in diese Wüste geführt?“

Aber Mose antwortete:

„Hört, ihr Israeliten!

Warum klagt ihr uns an?

Gott hat euer Klagen gehört.

Er will euch geben,

was ihr braucht:

Fleisch am Abend

und am Morgen Brot.

Wartet nur ab!

Dann werdet ihr erfahren,

dass der Herr euer Gott ist.“

Die Leute sahen Mose ungläubig an.

Fleisch und Brot in der Wüste?

Wie sollte das zugehen?

Als es aber Abend wurde,

zog eine dunkle Wolke auf.

Sie kam näher und näher.

Ein riesiger Schwarm von Vögeln

flog auf das Lager zu

und ließ sich zwischen den Zelten nieder.

Es waren Wachteln,

große, fette, schwarze Vögel.

Schnell packten die Israeliten zu,

schlachteten die Vögel,

rösteten sie über dem Feuer

und aßen sie auf.

Alle aßen davon und wurden satt.

Und als sie am nächsten Morgen

aus ihren Zelten kamen,

da lagen auf der Erde

kleine, weiße und runde Körner.

„Was ist das?“,

fragten sie einander erstaunt.

„Das ist Manna“, antwortete Mose.

„Es ist das Brot,

das Gott euch geschenkt hat.“

Da hoben sie die Körner auf,

kosteten und staunten.

Die Körner schmeckten süß

wie Honigkuchen.

Schnell holten sie ihre Krüge herbei,

lasen die Körner auf,

füllten die Krüge

und machten Brei und Brot

aus dem Manna.

Alle aßen davon und wurden satt.

Von diesem Tag an

mussten sich die Israeliten

nie mehr um ihr Essen sorgen,

solange sie in der Wüste waren.

Jeden Morgen lag das Manna

auf der Erde

und jeden Morgen sammelten sie auf,

so viel sie brauchten.

Nur am siebten Tag ruhten sie aus.

Gott sorgte für sie

Tag für Tag.

2. Mose 16

38. Ein Überfall

Seit vielen Wochen wanderte

das Volk Israel durch die Wüste.

Immer höher wurden die Berge.

Und immer steiler wurde der Weg.

Er führte an Felsen und Höhlen vorbei,

in denen ein wildes Wüstenvolk hauste.

Amalekiter nannten sie sich.

Eines Tages hielten die Israeliten

nahe bei einem Berg Rast.

Plötzlich schauten sie auf:

Eine Horde von Kriegern jagte heran.

„Hilfe!“, schrien die Israeliten.

„Die Amalekiter kommen.

Wir sind verloren.“

Und schon waren sie da,

fielen über die Israeliten her,

raubten sie aus und jagten davon,

so plötzlich,

wie sie gekommen waren.

Da rief Mose Josua zu sich,

einen mutigen Mann,

und befahl ihm:

„Sammle eine Schar

tapferer Männer um dich

und zieh morgen mit ihnen

zum Kampf gegen die Amalekiter.

Ich aber will für euch beten.“

Am nächsten Morgen

rückten die Amalekiter wieder an.

Da zog ihnen Josua

mit seinen Männern entgegen.

Mose aber stieg auf einen Hügel.

Aaron, sein Bruder

und Hur, ein anderer Israelit,

begleiteten ihn.

Dort oben auf dem Hügel

hob er seinen Stab zum Himmel

und betete zu Gott.

Und siehe da:

Die Amalekiter wichen zurück!

Aber bald wurden Mose

die Arme schwer.

Er ließ seine Hände sinken.

Und schon stürmten

die Amalekiter wieder vor.

Als Aaron und Hur das sahen,

eilten sie Mose zu Hilfe

und stützten seine Arme,

bis es Abend wurde und die Sonne

hinter den Bergen verschwand.

Da war von den Amalekitern

nichts mehr zu sehen.

Dankbar kehrte Mose mit den beiden

zum Lager der Israeliten zurück.

Dort baute er Gott einen Altar.

Nie mehr wollten die Israeliten vergessen,

was Gott an diesem Tag

für sie getan hatte.

2. Mose 17,8–15

39. Am Berg Sinai

Nach vielen Wochen

kamen die Israeliten

an den Berg Sinai.

Dort schlugen sie ihre Zelte auf

und warteten,

was Gott mit ihnen vorhatte.

„Gebt acht!“, hatte Mose gesagt.

„Wenn ihr zum Berg Sinai kommt,

wird Großes geschehen.

Gott wird zu uns kommen

und uns zu seinem Volk machen.“

Da holten die Israeliten

ihre schönsten Kleider hervor,

wuschen sie und bereiteten

alles für den Tag vor,

den Gott bestimmt hatte.

Am dritten Tag aber

donnerte und blitzte es.

Der ganze Berg bebte und rauchte.

Und über dem Berg

schwebte die Wolke Gottes.

Da erschrak das Volk Israel

und wagte sich nicht

an den Berg heran.

Mose aber stieg allein

auf den Berg.

Dort redete er mit Gott.

Und Gott sprach zu Mose:

„Ich bin der Herr, dein Gott.

Ich habe euch aus Ägypten,

aus der Sklaverei, geführt.

Nun gehört ihr zu mir.

Darum sollt ihr meine Gebote halten.

Und dies sind meine Gebote:

1  Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

2  Du sollst dir kein Bild von Gott machen.

3  Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

4  Du sollst den Feiertag heiligen.

5  Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

6  Du sollst nicht töten.

7  Du sollst nicht die Ehe brechen.

8  Du sollst nicht stehlen.

9  Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

10  Du sollst nicht nach dem verlangen, was anderen gehört.“

Als Mose wieder vom Berg herabkam,

sagte er den Israeliten alles,

was Gott geboten hatte.

Und er fragte sie:

„Wollt ihr Gottes Volk sein?

Wollt ihr seine Gebote halten?“

„Ja!“, riefen die Israeliten

wie aus einem Munde.

„Alles, was Gott gesagt hat,

wollen wir tun.“

Da baute Mose einen Altar

aus zwölf Steinen

und brachte Gott Opfer.

Und Gott schloss

mit den Israeliten einen Bund.

Es war wie bei einer Hochzeit.

Alle freuten sich, dass Gott

sich mit ihnen verbunden hatte

und dass er sie so lieb hatte

wie kein anderes Volk

auf der ganzen Welt.

2. Mose 19–24

40. Das goldene Kalb

Danach stieg Mose noch einmal

auf den Berg Sinai.

Das Volk aber blieb

unten am Berg zurück

und wartete ungeduldig,

bis er zurückkam.

Doch Mose kam nicht zurück.

Tag um Tag verging,

Woche um Woche.

Aber von Mose war nichts zu sehen.

Da wurde das Volk unruhig.

„Wer weiß“, meinten die einen,

„vielleicht ist oben

ein Unglück geschehen?“

„Vielleicht ist Mose sogar tot“,

überlegten die anderen.

Und sie fragten

einander bekümmert:

„Wer wird uns nun

in das Land Kanaan führen?“

Aber wollte Gott nicht selbst

sein Volk dorthin führen?

„Ach was!“, riefen alle.

„Wir können Gott ja nicht sehen.

Wir spüren ihn nicht einmal.

Die anderen Völker haben es

da viel besser als wir.

Die haben Standbilder

von ihren Göttern.

Die können sie immer sehen.

Wir wollen auch

solch ein Standbild haben.

Das wollen wir auf dem Weg

vor uns hertragen.

Dann kann uns

kein Unglück geschehen.“

So gingen sie zu Aaron,

bedrängten ihn und baten:

„Auf, Aaron, mach uns

ein Standbild von Gott!

Das soll vor uns hergehen

und uns nach Kanaan führen.“

Da wagte Aaron nicht

zu widersprechen.

„Gut“, rief er, „ich mache mit.

Gebt eure goldenen Ohrringe her!“

Da rissen sie sich

die Ohrringe von den Ohren

und warfen sie Aaron vor die Füße.

Der aber nahm die Ringe,

schmolz sie im Feuer

und goss daraus ein goldenes Kalb.

Das stellte er vor dem Volk auf.

„Seht“, riefen alle begeistert,

„das ist der Gott,

der uns aus Ägypten geführt hat.“

Und sie feierten zusammen

ein lautes, wildes Fest.

Sie schlachteten Tiere,

aßen und tranken sich voll,

lachten und lärmten

und tanzten wie toll um das Kalb,

sodass der Lärm

zum Berg hinauf schallte.

Da kam Mose vom Berg herab.

In seinen Händen hielt er

zwei steinerne Tafeln.

Auf ihnen standen

Gottes Gebote geschrieben.

Als Mose das goldene Kalb

und die betrunkenen Leute sah,

ergriff ihn heiliger Zorn.

Er nahm die Tafeln,

zerschmetterte sie am Fels

und eilte den Berg hinab.

Er lief durch die johlende Menge

geradewegs auf das Kalb zu,

stieß es um und warf es ins Feuer.

Da wurde es auf einmal

ganz still in der Menge.

Alle standen wie erstarrt.

Plötzlich begriffen sie,

was sie getan hatten.

Am nächsten Morgen aber

stieg Mose noch einmal allein

auf den Berg und sprach mit Gott.

„Ach Herr!“, betete Mose.

„Dieses Volk hat

ein großes Unrecht getan.

Vergib ihm doch diese Sünde!

Denke daran, was du einst

Abraham, Isaak und Jakob

versprochen hast!

Es ist ja dein Volk.

Sei ihm gnädig

und verlasse es nicht!“

Da hörte Gott auf Mose.

Er vergab seinem Volk die Schuld.

Und er befahl Mose:

„Schreib noch einmal alle Gebote

auf steinerne Tafeln

und verwahre sie in einer Truhe!“

Da ließ Mose ein großes Zelt

aus kostbaren Decken errichten

und eine goldene Truhe bauen,

die „Lade Gottes“.

Dort legte er die zwei Tafeln hinein

und verwahrte die Lade im Zelt.

Danach rief Mose

alle Israeliten zusammen,

zeigte auf das Zelt und sprach:

„Das ist Gottes Zelt.

Hier will Gott unter uns wohnen.“

Da feierten alle ein großes Fest,

weil sich Gott mit ihnen versöhnt hatte.

Aaron war ihr Priester.

Er brachte Gott Opfer

auf einem Altar vor dem Zelt.

Danach ging er in das Zelt hinein,

um für das Volk zu beten.

Das Volk aber wartete draußen,

bis Aaron wieder herauskam.

Dann breitete Aaron seine Hände

über dem Volk aus

und sprach diesen Segen:

„Der Herr segne dich

und behüte dich;

der Herr lasse

sein Angesicht leuchten

über dir

und sei dir gnädig.

Der Herr hebe sein Angesicht

über dich

und gebe dir Frieden.“

Fast ein Jahr lang

blieb das Volk Israel am Berg Sinai.

Danach brach es auf und zog weiter

durch die endlose Wüste.

Aber das Zelt Gottes begleitete sie.

Und der Segen Gottes

blieb über ihnen.

2. Mose 32 ff. (3. Mose 16 / 4. Mose 6,24 ff.)

41. Fast am Ziel

Schon über ein Jahr

waren die Israeliten unterwegs.

Endlich kamen sie

ganz nah an das Land heran,

das Gott ihnen versprochen hatte.

Voll Freude hielten sie an,

schlugen ihre Zelte auf

und schauten sehnsüchtig

zu den Bergen hinüber.

Hinter diesen Bergen

lag das Land Kanaan.

Dorthin wollten sie ziehen.

Aber noch wohnten

andere Völker in diesem Land.

Ob sie sehr stark waren?

Ob das Land wirklich so schön war,

wie alle sagten?

Ob es dort auch genug zu essen gab?

Die Israeliten wollten es

gerne vorher wissen.

Da rief Mose zwölf Männer

zu sich und befahl ihnen:

„Geht über die Berge

und seht euch heimlich

in dem neuen Land um!

Schaut euch die Menschen

und ihre Städte an!

Seht und erkundet,

was dort in dem Land wächst!

Dann kommt zurück und sagt uns,

was ihr gesehen habt!“

Da machten sie sich auf den Weg,

zogen über die Berge

und blieben lange Zeit weg.

Nach vierzig Tagen

kehrten sie endlich zurück.

In ihren Händen hielten sie

grüne Feigen und rote Granatäpfel.

Und auf ihren Schultern

trugen sie eine Stange,

daran hing eine riesige Traube.

„Seht her!“, riefen die Männer.

„Dies alles wächst in dem Land

und noch viel mehr.

Es ist ein herrliches Land.

Aber täuscht euch nicht

und macht euch keine Hoffnung!

Wir können nie in das Land kommen.

Denn die Menschen dort

sind viel stärker als wir.

Und ihre Städte

haben hohe und dicke Mauern.“

Als die anderen das hörten,

schrien sie auf, weinten und klagten:

„Wären wir doch in Ägypten geblieben

oder unterwegs in der Wüste gestorben!“

Aber zwei von den Männern,

Josua und Kaleb, riefen:

„Nein! Habt keine Angst!

Das Land ist sehr gut.

Gott hat es uns versprochen.

Glaubt es! Er wird es uns geben!“

„Nein! Nein!“, schrien die anderen.

„Wir schaffen es nie.

Kommt, wir kehren um!

Wir ziehen zurück nach Ägypten.“

Als aber Mose sah,

was die Israeliten vorhatten,

warf er sich auf die Erde

und schrie zu Gott.

„Ach Herr“, betete er,

„vergib ihnen doch ihre Schuld!“

Da sprach Gott zu Mose:

„Wie lange noch will das Volk

mir nicht glauben?

Sie wollen nicht

in das Land hineingehen.

Dann sollen sie in der Wüste bleiben.

Vierzig Jahre lang

sollen sie umherirren

und nicht in das Land hineinkommen.“

Und so geschah es.

Bald darauf kamen Feinde,

die fielen über die Israeliten her

und trieben sie in die Wüste zurück.

4. Mose 13–14

42. Schlangen

Viele Jahre lang irrte das Volk

durch die Wüste, tagaus und tagein.

Aber die Israeliten

wurden das Wandern leid.

„Immer nur wandern!“,

riefen sie mürrisch.

„Wir haben keine Lust mehr.“

Und sie setzten Mose hart zu.

Tag für Tag redeten sie auf ihn ein,

schimpften und klagten ihn an:

„Mose! Du bist an allem schuld.

Was bildest du dir eigentlich ein?

Meinst du, wir machen alles mit,

was du sagst?

Glaubst du, wir wollen so lange

in der Wüste warten,

bis wir sterben?

Was gibt es hier schon?

Nichts! Nur Steine und Sand!

Nicht einmal Wasser und Brot!

Immer nur dieses eklige Manna!

Davon wird doch niemand satt!

Wir können es nicht mehr riechen.

Es ekelt uns schon,

wenn wir es sehen.“

So schimpften sie alle Tage.

Sie klagten nicht nur Mose an,

sondern auch Gott.

Und sie wurden immer missmutiger.

Da geschah etwas,

was niemand erwartet hatte.

Eines Morgens, als die Israeliten

vor ihre Zelte traten,

um das Manna zu sammeln,

was sahen sie da?

Schlangen! Überall giftige Schlangen!

Aus allen Löchern krochen sie hervor.

Sie zischten und wanden sich

um die Beine und bissen zu.

„Hilfe! Wir sind verloren!“,

schrien die Menschen.

Sie flüchteten sich in ihre Zelte.

Aber auch dort krochen die Schlangen

aus allen Ecken hervor.

Da packte alle furchtbare Angst.

Sie stürzten zu Mose und schrien:

„Mose! Wir sind selbst schuld!

Wir haben Gott und dir Unrecht getan.

Aber hilf uns jetzt bitte!

Bitte Gott, dass er uns

von den Schlangen befreit!“

Da betete Mose für das Volk.

Und Gott hörte auf ihn.

Er befahl Mose:

„Mach dir eine Schlange aus Erz

und befestige sie an einem Stab!

Wer auf diese Schlange schaut,

der wird leben.“

Da gehorchte Mose.

Er machte eine Schlange aus Erz

und richtete sie hoch auf,

sodass alle sie sahen.

Und alle, die zu ihr aufschauten,

blieben am Leben.

4. Mose 21,4–9

43. Mose sieht das Land

Vierzig Jahre lang

waren die Israeliten

durch die Wüste gewandert.

Nun lagerten sie wieder

vor dem Land Kanaan

und warteten darauf,

dass sie einziehen durften.

Da rief Mose noch einmal

alle Israeliten zusammen

und ermahnte sie:

„Vergesst nicht,

was Gott euch Gutes getan hat

vom ersten Tag an,

als ihr aus Ägypten gezogen seid,

bis zum heutigen Tag!

Vergesst auch nicht,

was Gott euch geboten hat,

sondern haltet seine Gebote!

Dann werdet ihr lange

in dem Land leben,

das Gott euch schenkt.“

Mose war inzwischen

schon 120 Jahre alt.

Er wusste,

dass er bald sterben würde.

Gerne hätte er vorher

noch das Land Kanaan gesehen.

Aber Gott hatte zu ihm gesagt:

„Du wirst nicht

in das Land hineinkommen.“

Da rief Mose Josua zu sich

und sprach:

„Ich bin nun alt

und werde bald sterben.

Und du sollst mein Nachfolger sein.

Du sollst das Volk anführen

und in das Land bringen,

das Gott uns versprochen hat.

Hab nur Mut

und sei nicht verzagt!

Gott wird mit dir sein.

Er wird dich nicht verlassen.“

Und Gott sprach zu Mose:

„Geh auf den Berg Nebo!

Von dort aus darfst du

das Land Kanaan schauen,

bevor du stirbst.“

Da nahm Mose Abschied.

Er segnete das Volk

und stieg allein auf den Berg,

wie Gott ihm gesagt hatte.

Als er oben war, ließ Gott ihn

das versprochene Land schauen.

Gott zeigte ihm

Berge und Täler,

Flüsse und Wälder,

das weite Land bis zum Meer.

Und Gott sprach:

„Dies ist das Land,

das ich einst Abraham,

Isaak und Jakob versprochen habe.

Jetzt siehst du es mit eigenen Augen.“

Danach nahm Gott Mose zu sich.

Aber das Volk Israel zog weiter,

dem versprochenen Land entgegen.

5. Mose 31–34

IV
Gott gibt das Land

Mose lebte nicht mehr.

Nun musste Josua

das Volk in das Land führen.

Doch Josua war

nur ein einfacher Mann.

Gott hatte noch nie zu ihm gesprochen.

Würde das Volk auf ihn hören?

Würde es ihm folgen?

Aber Gott sprach zu Josua:

„Hab nur Mut, Josua!

Sei nicht verzagt!

Wie ich mit Mose gewesen bin,

so will ich auch mit dir sein.

Du wirst das Volk Israel

in das Land Kanaan führen.

Ich will euch das Land geben,

das ich einst Abraham versprochen habe.“

44. Josua

Endlich war es so weit!

Das Volk Israel war am Ziel.

Nur noch der Fluss Jordan

trennte es von dem Land,

das Gott versprochen hatte.

Da schlugen die Israeliten

ihre Zelte nahe am Fluss auf

und schauten voller Erwartung

auf das große und weite Land,

das vor ihnen lag.

In der Ferne sahen sie

Mauern und Türme.

Dort lag Jericho,

eine große und mächtige Stadt.

Diese Stadt mussten sie einnehmen.

Dann stand ihnen

das ganze Land offen.

Aber wie sollten sie dorthin kommen?

Über den Jordan führte keine Brücke.

Und die Stadt Jericho

war ringsum von Mauern umgeben.

Kein Fremder durfte sie betreten.

Da rief Josua zwei Männer zu sich

und befahl ihnen:

„Schwimmt durch den Jordan

und schleicht euch heimlich

in die Stadt Jericho ein!

Seht euch dort alles genau an:

die Mauern, wie dick sie sind;

die Türme, wie hoch sie sind;

die Soldaten, wie stark sie sind.

Aber gebt acht!

Niemand darf merken,

dass ihr Israeliten seid.

Danach kommt schnell zurück

und gebt mir Bescheid,

damit wir die Stadt einnehmen!“

Da zogen die beiden Männer los

und kamen nach Jericho.

Heimlich schlichen sie sich

durch das Tor in die Stadt

und streiften durch alle Gassen.

Sie erkundeten alles genau,

die dicken Mauern,

die hohen Türme,

sogar die Soldaten und ihre Waffen.

Als aber die Nacht hereinbrach,

suchten sie ein Gasthaus auf,

das an der Mauer lag.

Es gehörte einer Frau namens Rahab.

Bei ihr wollten sie die Nacht verbringen.

Aber plötzlich klopfte es laut.

Wachsoldaten standen vor der Tür.

Sie schrien wütend:

„Aufmachen! Aufmachen!

Hier haben sich Spione versteckt.

Los, Rahab! Gib sie heraus!“

Aber Rahab machte nicht auf.

Rasch führte sie die Fremden

auf das flache Dach,

wo Flachs zum Trocknen auslag,

und versteckte die beiden

unter dem Flachs.

Dann lief sie zur Tür,

öffnete sie und fragte erstaunt:

„Wen sucht ihr hier? Spione?

Ach, ihr meint die zwei Fremden?

Ja, die waren bei mir.

Aber sie sind längst weg.

Jagt ihnen nach!

Vielleicht holt ihr sie noch ein.“

Da jagten die Soldaten davon,

um die Männer zu suchen.

Rahab aber holte die beiden

aus ihrem Versteck hervor

und sagte zu ihnen:

„Ich weiß genau, wer ihr seid.

Ihr gehört zum Volk Israel.

Wir haben alles gehört,

was euer Gott getan hat.

Euer Gott kann viel mehr

als unsere Götter.

Ich weiß auch,

ihr werdet Jericho einnehmen.

Aber versprecht mir,

dass ihr dann mich

und meine Familie verschont!“

Da versprachen es die beiden.

Rahab aber nahm ein langes rotes Seil,

band es am Fenster fest

und ließ die Männer im Dunkeln

an der Stadtmauer herab.

„Häng dieses Seil ans Fenster,

wenn wir wiederkommen

und die Stadt einnehmen!“,

sagten die beiden beim Abschied.

„Dann bleibt dein Haus verschont.“

Danach kehrten sie zurück

und berichteten Josua alles,

was sie gehört und gesehen hatten.

„Die Stadt ist sehr groß“, sagten sie,

„und hat viele starke Soldaten.

Aber Gott wird sie uns geben.“

Da rief Josua am nächsten Morgen

alle Israeliten zusammen und sprach:

„Macht euch bereit!

Nun ziehen wir in das Land ein,

das Gott uns versprochen hat.“

Und er befahl den Priestern:

„Holt die Lade Gottes aus dem Zelt

und tragt sie vor dem Volk her!

Geht mit ihr in den Jordan!

Dann werdet ihr sehen,

was Gott tun wird.“

Da gehorchten die Priester.

Sie nahmen die Lade auf ihre Schultern,

trugen sie vor dem Volk her

und gingen mit ihr in den Fluss.

Und sieh da!

Das Wasser blieb stehen.

Ein Weg tat sich vor ihnen auf,

mitten im Fluss.

Da folgten ihnen alle,

Männer, Frauen und Kinder,

und zogen voll Freude in das Land ein,

das Gott ihnen versprochen hatte.

Josua 1–4

45. Josua nimmt das Land ein

Auf den Stadtmauern von Jericho

standen Wachsoldaten

und spähten ins Land hinaus.

Plötzlich sahen sie die Israeliten kommen.

„Sie kommen!“, riefen die Soldaten.

„Schnell, schließt die Tore

und macht euch zum Kampf bereit!“

Die Israeliten rückten näher heran.

Wie in einem Festzug,

so feierlich kamen sie an.

An der Spitze marschierten die Männer.

Dann folgten die Priester

in festlichen Kleidern.

Sieben Priester mit sieben Posaunen

gingen vor der Lade Gottes her.

Die anderen Priester trugen

die Lade auf ihren Schultern.

Auch Frauen und Kinder waren dabei.

Sie alle zogen schweigend

einmal um die ganze Stadt.

Nur die Priester

bliesen immerzu in ihre Posaunen.

Dann verschwanden sie,

wie sie gekommen waren.

Am nächsten Tag

rückten sie erneut an,

zogen einmal um die Stadt

und verschwanden wieder.

Auch am nächsten

und übernächsten Tag

rückten die Israeliten an.

Tag für Tag zogen sie um die Stadt

und verschwanden dann wieder.

Den Soldaten auf der Mauer

und den Bewohnern der Stadt

wurde es ganz unheimlich zumute.

„Was für ein seltsames Volk!“,

sagten sie sich.

„Was haben sie vor?

Warum greifen sie nicht an?“

Sie ahnten ja nicht,

dass Gott zu Josua gesagt hatte:

„Zieht mit der Lade Gottes

um die Stadt!

Sieben Tage lang sollt ihr

um die Mauern von Jericho ziehen.

Aber am siebten Tag sollt ihr

siebenmal um die Stadt ziehen

Dann wird Gott euch

die Stadt übergeben.“

Endlich brach der siebte Tag an.

Noch war es dunkel ringsum.

Aber schon rückten

die Israeliten wieder an.

Sie zogen um die Mauern der Stadt,

doch nicht nur einmal,

nein, zweimal, dreimal

und immer wieder, siebenmal.

Da, beim siebten Mal, geschah es.

Die Priester bliesen in ihre Posaunen.

Auf einmal brachen alle Israeliten

in lautes Geschrei aus.

Sie schrien und jubelten,

als hätten sie schon gesiegt.

Und sieh da!

Plötzlich bebte die Erde.

Die Türme schwankten.

Die Mauern zitterten.

Und ehe die Soldaten von Jericho

es recht begriffen,

stürzten die Mauern ein

und begruben alle

unter ihren Trümmern.

Da stiegen die Israeliten

über die Trümmer,

stürmten die Stadt

und nahmen sie ein.

Nur ein Haus blieb verschont.

Dort hing ein rotes Seil

aus dem Fenster.

Es war das Haus,

das Rahab gehörte.

*

Bald darauf nahmen die Israeliten

das ganze Land ein.

Sie zogen über die Berge,

drangen vor in die Täler

und nahmen die Städte ein,

eine nach der anderen.

Danach bauten sie Häuser,

pflanzten Ölbäume und legten

Weinberge, Gärten und Felder an.

Sie säten und ernteten

und füllten ihre Scheunen mit Korn.

Nun wohnten sie endlich

in ihrem eigenen Land.

Gott hatte es ihnen gegeben:

das Land Kanaan,

das später „Israel“ hieß.

*

Nach vielen Jahren rief Josua

noch einmal alle Israeliten

in der Stadt Sichem zusammen

und sprach zu ihnen:

„Nun ist alles in Erfüllung gegangen,

was Gott einst unseren Vorfahren

versprochen hat.

Gott hat uns dieses Land gegeben.

So frage ich euch:

Wollt ihr sein Volk bleiben?

Und wollt ihr ihm allein gehören?“

„Ja!“, riefen alle wie aus einem Munde.

„Wir wollen nur ihm gehören

und keine anderen Götter

neben ihm haben.“

An diesem Tag schlossen die Israeliten

mit Gott einen Bund,

wie ihn einst ihre Vorfahren

am Berg Sinai geschlossen hatten.

Nie mehr wollten sie vergessen,

was Gott für sie getan hatte.

Josua 6 und 24

46. Gideon

Es war Erntezeit.

Das Korn stand reif auf den Feldern.

Im ganzen Land Israel

schnitten die Bauern das Korn

und banden es in Garben zusammen.

Aber die Bauern sahen bedrückt aus.

Immer wieder schauten sie

von ihrer Arbeit auf

und blickten ängstlich in die Ferne.

„Was meint ihr?“,

fragten sie einander besorgt.

„Ob die Feinde wieder kommen

und uns alles wegnehmen werden?“

Ihre Feinde waren die Midianiter,

ein wildes Wüstenvolk.

Jedes Jahr um die Erntezeit

jagten sie auf ihren Kamelen daher

und verwüsteten das Land.

Sie verbrannten das Korn

und nahmen alles mit,

was sie fanden,

auch das Vieh,

Schafe, Kühe und Esel.

Schon seit sieben Jahren

fielen sie in das Land ein.

Seitdem gab es im ganzen Land

kaum noch etwas zu essen.

Unter den Bauern,

die auf den Feldern arbeiteten,

war ein junger Mann namens Gideon.

Er hatte sein Korn schon geschnitten.

Nun war er dabei, es zu dreschen.

Mit einem großen Dreschflegel

schlug er auf die Ähren ein,

bis die Körner heraussprangen.

Gideon hatte es eilig.

Er wollte das Korn verstecken,

bevor die Feinde kamen.

„Ach“, sagte sich Gideon,

„so weit ist es mit uns gekommen!

Nun müssen wir sogar

unser Korn vor den Feinden verstecken.

Aber wir sind selbst schuld,

dass es uns so schlecht geht.

Wir haben Gott vergessen

und uns andere Götter gesucht.

Wir haben ihnen Altäre gebaut

und Götterbilder geschnitzt.

Doch jetzt denken wir auf einmal

wieder an Gott und beten:

,Herr, hilf uns!‘

Aber ob Gott noch auf uns hört?

Vielleicht will er gar nichts mehr

von uns wissen?“

Plötzlich entdeckte Gideon

einen fremden Mann in der Nähe.

Er saß unter einer Eiche

und grüßte ihn freundlich.

„Gott sei mit dir, du tapferer Mann!“,

rief er Gideon zu.

„Wie?“, fragte Gideon.

„Was sagst du?

Gott soll mit uns sein?

Wo ist denn Gott?

Ich sehe ihn nicht.

Früher hat Gott uns geholfen.

Aber wer hilft uns jetzt?“

„Du“, sagte der Fremde.

„Du sollst deinem Volk helfen.

Gott schickt dich.

Du sollst die Feinde vertreiben.“

„Ich?“, rief Gideon ungläubig.

„Wie denn? Ohne Waffen?

Und außerdem:

Auf mich hört doch keiner!“

Aber der Fremde sagte:

„Gott wird mit dir sein.

Er wird dir helfen.“

Da merkte Gideon,

wer zu ihm gesprochen hatte.

Ein Engel war es, ein Bote Gottes.

In der folgenden Nacht

fand Gideon keinen Schlaf.

Es war ihm,

als ob Gott selbst ihn riefe:

„Gideon, steh auf!

Hau den Götteraltar entzwei

und das Götterbild,

das vor eurem Haus steht,

und bau mir einen Altar!“

Da stand Gideon in der Nacht auf,

weckte seine Knechte

und machte sich mit ihnen

heimlich an die Arbeit.

Er riss den Götteraltar ein,

schlug das Götterbild entzwei

und baute für Gott einen Altar

und brachte ihm ein Opfer dar.

Dann schlich er sich schnell

wieder ins Haus.

Am nächsten Morgen kamen

die Leute aus dem Dorf

und sahen die Trümmer.

„Wer hat das getan?“,

schrien sie empört.

„Sicher war es Gideon.

Ja, Gideon hat es getan!“

Und sie drangen auf seinen Vater ein:

„Gib Gideon heraus!

Er hat das Götterbild

und den Götteraltar zerstört.

Er muss sterben.“

„Nein“, rief der Vater,

„ihr sollt sterben,

wenn ihr die Götterbilder

und ihre Altäre verteidigt.

Sollen sich doch die Götter

selbst wehren, wenn sie es können!“

Da schwiegen alle beschämt

und schlichen sich leise nach Hause.

Gideon aber fasste Mut.

Nun war er bereit,

dem Volk Israel zu helfen,

wie Gott ihm aufgetragen hatte.

Richter 6,1–32

47. Gideon und die Midianiter

Wenig später fielen die Midianiter

wieder in das Land ein.

In großen Scharen kamen sie an.

Wie ein Wirbelwind

fegten sie auf ihren Kamelen daher

und schlugen im Tal ihre Zelte auf,

ein riesiges Kriegslager.

Als die Israeliten das sahen,

überfiel sie große Angst.

Sie flohen in die Berge

und versteckten sich in Höhlen.

Aber Gideon ließ laut

in die Posaune blasen,

sodass es über die Berge schallte.

Er schickte Boten ins ganze Land

und ließ allen Israeliten sagen:

„Wer kommt mit?

Wer zieht mit mir

gegen die Midianiter?“

Da krochen sie alle wieder

aus ihren Höhlen hervor,

einer nach dem anderen,

und scharten sich um Gideon.

Bald waren es viele Tausend Krieger.

Aber es waren noch nicht genug.

„Ob Gott uns helfen wird?“,

fragte sich Gideon.

„Ich muss es wissen.

Sonst bin ich verloren.“

Er nahm ein Schaffell,

legte es auf die Wiese und betete:

„Herr, gib mir ein Zeichen,

damit ich erkennen kann,

ob du uns hilfst!

Wenn morgen früh

das Fell nass ist vom Tau,

aber die Wiese trocken,

dann will ich glauben,

dass du uns hilfst.“

Am nächsten Morgen

war das Fell nass,

aber die Wiese war trocken.

Doch Gideon war noch unsicher.

Er betete noch einmal zu Gott.

„Ach Herr! Wenn es nur Zufall war?

Bitte, gib mir noch ein Zeichen!

Wenn morgen früh das Gras nass ist,

aber das Fell trocken,

dann will ich gewiss glauben,

dass du uns hilfst.“

Und wirklich: Am nächsten Morgen

war das Fell ganz trocken,

aber das Gras ringsum war nass.

Da schöpfte Gideon Mut.

Er scharte seine Männer um sich

und zog mit ihnen

den Feinden entgegen.

Aber Gott sprach zu Gideon:

„Du hast zu viele Männer bei dir.

Sag ihnen: Wer Angst hat,

kann nach Hause gehen.“

Da liefen die Männer

in großen Scharen davon.

Doch Gott sprach zu Gideon:

„Es sind noch immer zu viele.

Führe die Männer zu einer Quelle

und lass sie dort trinken!

Du aber gib acht, wie sie trinken!

Wer das Wasser leckt wie ein Hund,

der soll mit dir ziehen.

Aber die anderen

schick alle nach Hause!“

Da führte Gideon die Männer

zu einer Quelle und ließ sie trinken.

Aber nur ganz wenige

leckten das Wasser wie Hunde.

Nur 300 Männer

blieben am Ende zurück.

Gideon klopfte das Herz,

als er die kleine Schar sah.

Was waren schon 300 Männer

gegen so viele Feinde?

Doch Gott sprach zu Gideon:

„Durch diese 300 Männer

will ich Israel retten.

Hab keine Angst!

Geh zum Lager der Midianiter

und horch, was sie dort reden!

Dann wirst du wieder Mut fassen.“

Da schlich sich Gideon

mit seinem Diener bei Nacht

zum Lager der Feinde und lauschte.

Und er hörte, wie sie sagten:

„Gideon ist viel stärker als wir.

Gideon wird über uns siegen.

Denn Gott ist auf seiner Seite.“

Als Gideon das hörte,

kniete er nieder und dankte Gott.

Danach kehrte er schnell zurück,

und sammelte seine 300 Männer

um sich.

„Auf“, rief er,

„macht euch bereit!

Nehmt Posaunen und Tonkrüge

mit Fackeln in die Hand!

Und zieht mit mir

zum Lager der Feinde.

Da werdet ihr sehen,

was Gott für euch tut.“

Da packten die 300 Männer

ihre Posaunen,

nahmen die Krüge und Fackeln

und zogen dem Feind entgegen.

Von drei Seiten schlichen sie sich

an das Lager heran.

Plötzlich blieben sie stehen,

bliesen laut in ihre Posaunen

und zerschmetterten ihre Krüge.

Und sie schrien laut:

„Für Gott und für Gideon!“

„Für Gott und für Gideon!“

So schallte es

von den Bergen zurück.

Es war ein Lärm,

als ob Tausende anrückten.

Da wurde es auf einmal

lebendig im Lager der Midianiter.

„Hilfe! Hilfe!“, schrien sie.

„Wir sind verloren.

Die Israeliten sind da.

Rette sich, wer kann!“

Sie packten ihre Schwerter,

schlugen wild um sich,

hieben aufeinander ein

und sahen im Dunkeln gar nicht,

dass sie nur ihre eigenen Leute trafen.

Sie schrien vor Angst,

ließen alles liegen und stehen

und flohen davon.

*

Als aber Gideon

mit seinen Männern heimkehrte,

kamen die Israeliten zu ihm

und baten ihn:

„Gideon, sei unser König!

Denn du hast uns gerettet.“

Aber Gideon wehrte erschrocken ab.

„Ich will kein König sein.

Begreift doch:

Ich habe euch nicht gerettet.

Gott hat es getan.

Er ist euer König.“

Von diesem Tag an

fielen keine Midianiter mehr

in das Land ein.

Das Volk Israel

hatte endlich Frieden.

Richter 6,33–8,23

48. Rut

Bald brach ein neues Unglück

über das Land herein.

Der Regen blieb aus.

Das Gras wurde welk.

Und auf den Feldern

wuchs kein Korn mehr.

Zu der Zeit lebte in Bethlehem

eine Frau, die hieß Noomi.

Ihr Mann war ein Bauer.

Er hatte sein Feld vor der Stadt.

Aber in diesem Jahr

hatte sein Feld kein Korn getragen.

Und Noomi hatte kein Mehl

und kein Brot mehr im Haus.

Da sagten sich die beiden:

„Was sollen wir machen?

Wir können nicht

in Bethlehem bleiben.

Sonst müssen wir

am Ende verhungern.

Wir wollen ins Ausland gehen,

solange hier Hungersnot ist.“

So packten sie ihre Habe

und zogen ins Nachbarland Moab.

Ihre zwei Söhne begleiteten sie.

Jahre vergingen.

Da starb Noomis Mann.

Die Söhne aber wuchsen heran.

Sie heirateten Frauen

aus dem Land Moab,

Rut und Orpa mit Namen.

Doch nach zehn Jahren

starben auch beide Söhne.

Noomi blieb allein

mit ihren Schwiegertöchtern zurück.

Aber diese gehörten nicht

zum Volk Israel wie Noomi.

Sie gehörten zum Volk der Moabiter.

Da sagte Noomi eines Tages

zu Rut und Orpa:

„Warum soll ich noch länger

im fremden Land bleiben?

Die Hungersnot ist vorüber.

Ich will wieder nach Bethlehem

in meine Heimat zurückkehren.“

„Dann begleiten wir dich“,

sagten Rut und Orpa.

Und sie machten sich mit Noomi

auf den Weg.

Als sie schon ein gutes Stück

miteinander gegangen waren,

blieb Noomi plötzlich stehen

und wandte sich zu den beiden:

„Kehrt nun um!

Geht zurück in euer Land

und werdet glücklich dort!

Gott sei mit euch!“

„Aber nein! Wir gehen mit dir“,

sagten die beiden.

Doch Noomi schüttelte den Kopf.

„Warum wollt ihr denn mit mir

in ein fremdes Land ziehen?

Seht, ich bin alt.

Ich kann euch

keinen Mann mehr geben.

Geht in euer Land zurück!

Heiratet dort wieder

und fangt ein neues Leben an!“

Da nahm Orpa Abschied,

weinte und küsste Noomi

und kehrte um.

Rut aber blieb stehen.

„Nein“, sagte sie fest,

„ich lasse dich nicht allein.

Ich gehe mit dir.

Wo du hingehst,

da will ich auch hingehen.

Dein Volk ist auch mein Volk.

Und dein Gott ist auch mein Gott.“

Und sie ging mit Noomi.

Nach vielen Tagen kamen

die beiden in Bethlehem an.

Im Nu sprach es sich

in der ganzen Stadt herum:

„Habt ihr gehört?

Noomi ist wieder da!“

Von allen Seiten

eilten die Leute herbei,

um Noomi zu begrüßen,

Freunde, Nachbarn und Verwandte.

Aber wie erschraken sie,

als sie Noomi sahen!

„Ist das wirklich Noomi?“,

riefen sie entsetzt.

„Seht doch, wie alt sie geworden ist!

Und wo hat sie ihren Mann

und ihre beiden Söhne gelassen?“

„Ja, ich bin es wirklich“,

sagte Noomi bitter.

„Aber ich bin nicht mehr

dieselbe wie früher.

Alles ist anders geworden.

Reich zog ich damals

aus Bethlehem aus.

Ich hatte meinen Mann

und meine beiden Söhne.

Doch nun kehre ich arm

und ohne Mann und Söhne zurück.

Gott hat mir bitteres Leid zugefügt.“

Rut aber stand bei ihr und schwieg.

Niemand ahnte, wer sie war

und warum sie mit Noomi

nach Bethlehem gekommen war.

Rut 1

49. Rut und Boas

Es war gerade Erntezeit,

als Rut und Noomi

nach Bethlehem kamen.

Überall auf den Feldern

waren die Schnitter am Werk.

Sie schnitten das Korn mit der Sichel

und banden die Ähren

in Garben zusammen.

Aber einige Ähren blieben

am Boden liegen.

Die durften die Armen aufsammeln,

die selbst kein Feld besaßen.

Da sagte Rut zu Noomi:

„Was sollen wir essen?

Wir haben kein Brot im Haus

und auch kein Mehl und kein Korn.

Darum will ich morgen früh

auf die Felder gehen

und Ähren auflesen.“

„Ja, geh nur!“, meinte Noomi.

„Mir ist es recht.“

Am nächsten Morgen

stand Rut früh auf.

Sie ging auf ein Feld,

das nahe bei Bethlehem lag,

und machte sich an die Arbeit.

Sie bückte sich

und las auf, was sie fand:

goldgelbe Ähren, kleine und große,

und sammelte sie in ihr Tuch.

Sie ruhte nicht und schaute nicht auf,

bis das Tuch voll war.

Darüber wurde es Mittag.

Da kam Boas aufs Feld,

der Bauer, dem das Feld gehörte.

Als er Rut sah,

ging er zu seinen Knechten

und fragte sie leise:

„Sagt, wer ist diese Frau,

die dort Ähren aufliest?“

Sie antworteten:

„Es ist die Frau aus Moab,

die mit Noomi hierher kam.

Sie ist schon

vom frühen Morgen an hier

und arbeitet ohne Pause.“

Da ging Boas zu Rut hin,

grüßte sie freundlich und sagte:

„Wenn du willst, kannst du immer

auf meinen Feldern Ähren auflesen.

Meine Knechte und ich sorgen dafür,

dass dir kein Leid geschieht.

Und wenn du Durst hast,

dann geh zu den Knechten

und trink aus ihrem Krug!“

Da verneigte sich Rut so tief,

dass ihr Gesicht

fast die Erde berührte.

„Mein Herr“, fragte sie leise,

„warum bist du so gütig zu mir?

Womit habe ich das verdient?

Ich bin doch für dich

nur eine Fremde.“

„Man hat mir erzählt,

was du für Noomi getan hast“,

antwortete Boas freundlich.

„Gott segne dich dafür!

Komm, steh auf!

Es ist Mittagszeit.

Iss mit uns

und lass es dir schmecken!“

Da setzte sich Rut

zu den Knechten und Mägden.

Und Boas legte ihr Brot

und geröstete Körner vor,

so viel sie wollte.

Danach aber stand Rut

sogleich wieder auf

und sammelte weiter.

Boas sah ihr verwundert zu.

„Sorgt nur immer dafür,

dass sie auch genug Ähren findet!“,

sagte er leise zu seinen Knechten.

„Lasst ab und zu

ein paar Ähren absichtlich fallen,

damit sie mehr findet!

Und seid auch stets freundlich zu ihr!“

Als es Abend wurde,

hatte Rut einen ganzen Sack

voller Ähren gesammelt.

Sie klopfte das Korn aus den Ähren

und brachte es zu Noomi.

„So viel Korn?“, staunte Noomi.

„Wo hast du das alles gefunden?“

„Auf dem Feld von Boas“,

antwortete Rut und erzählte Noomi,

was Boas zu ihr gesagt hatte.

„Gott sei Dank!“, rief Noomi froh.

„Nun sehe ich,

dass Gott uns nicht vergessen hat.

Bleib nur immer in Boas’ Nähe!

Er meint es gut mit uns.

Er ist sogar mit uns verwandt.“

Von da an ging Rut

jeden Tag zu Boas aufs Feld.

Als aber die Erntezeit vorüber war,

holte Boas Rut zu sich ins Haus

und nahm sie zur Frau.

Nicht lange danach gebar Rut einen Sohn.

Da kamen alle Nachbarn

und Freunde zu Noomi

und riefen voll Freude:

„Gott sei gelobt!

Er hat dich wieder getröstet.

Rut hat dir einen Enkelsohn geschenkt.

Der wird dich froh machen.“

Und alle in der Stadt

freuten sich mit Noomi und Rut

und dankten Gott für dieses Kind.

Aber noch ahnte niemand in Bethlehem,

wer einmal der Enkelsohn

dieses Kindes sein würde:

König David, der König,

den Gott für sein Volk bestimmt hatte.

Rut 2–4

50. Samuel

Zur selben Zeit lebte in Israel

ein Mann namens Elkana,

der hatte zwei Frauen.

Die eine hieß Hanna,

die andere Pennina.

Pennina hatte viele Kinder.

Aber Hanna hatte kein Kind.

Seit Jahren betete sie:

„Herr, schenk mir bitte ein Kind!“

Aber es schien,

als hörte Gott ihr Gebet nicht.

Jedes Jahr wanderte Elkana

mit seiner Familie in die Stadt Silo

zum Haus Gottes,

wo die Lade Gottes stand.

Dort opferte er einen Stier

und hielt mit seiner Familie

ein festliches Mahl.

Dabei teilte er Fleisch aus.

Pennina bekam viele Stücke

für sich und alle ihre Kinder.

Aber Hanna bekam nur

ein einziges Stück.

„Ha!“, stichelte Pennina.

„Da siehst du, Hanna!

Du bist eben nichts wert.

Du hast ja keine Kinder.

Sieh mich an!

Mich hat Gott lieber als dich.

Darum hat er mir auch

viele Kinder geschenkt.“

So ging es Jahr für Jahr.

Jedes Mal stichelte

und reizte Pennina so lange,

bis Hanna weinte.

Einmal saß Hanna wieder

mit den anderen beim Opfermahl.

Alle aßen und waren fröhlich,

lachten und ließen sich’s schmecken.

Aber Hanna saß stumm dabei,

aß nichts und trank nichts

und weinte leise vor sich hin.

„Aber Hanna“, fragte Elkana,

„warum isst du nichts?

Warum bist du so traurig?

Bin ich dir nicht mehr wert

als zehn Söhne?“

Aber Pennina machte sich nur

über Hanna lustig.

Da hielt es Hanna nicht mehr aus.

Sie sprang auf,

ging zum Heiligtum,

warf sich dort auf die Erde

und weinte und schluchzte:

„Bitte, Herr“, betete sie leise,

„schenk mir einen Sohn!

Ich will ihn nicht für mich behalten.

Er soll dir gehören

und dir dienen sein Leben lang.

Das verspreche ich dir.“

Während sie so betete,

saß der alte Priester Eli

an der Tür und beobachtete sie.

Wie sonderbar!, dachte er.

Die Frau liegt am Boden

und bewegt ihre Lippen.

Sicher ist sie betrunken.

„Was fällt dir ein?“,

herrschte er Hanna an.

„Du bist ja betrunken

Spuck den Wein aus,

den du getrunken hast!“

„Aber nein“, sagte Hanna traurig,

„ich bin nicht betrunken.

Ich habe nur einen Kummer.

Den habe ich Gott gesagt.“

Als Eli das hörte,

sagte er freundlich zu ihr:

„Steh auf!

Geh in Frieden nach Hause!

Gott hat dein Gebet gehört.“

Hanna horchte auf.

Wollte Gott ihr wirklich

noch ein Kind schenken?

Erleichtert stand sie auf,

wischte ihre Tränen ab,

lief wieder zu den anderen zurück,

lachte mit ihnen

und ließ es sich schmecken.

*

Nach einem Jahr wurde

endlich das Kind geboren,

auf das Hanna

so lange gewartet hatte.

„Da ist er endlich“, rief Hanna,

„der Sohn, den ich

von Gott erbeten habe!“

Samuel nannte sie ihn,

das heißt: „von Gott erbeten“.

Und Hanna dankte Gott

mit diesem Lied:

„Mein Herz ist voll Freude

über den Herrn.

Denn der Herr macht arm

und macht reich.

Er erniedrigt und erhöht.

Die Schwachen hebt er

aus dem Staub

und erhöht die Armen.“

1. Samuel 1–2,1 ff.

51. Samuel bei Eli

Drei Jahre lang blieb Samuel

bei Hanna, seiner Mutter.

Hanna hatte Samuel sehr lieb

und sorgte für ihn von früh bis spät.

Aber eines Tages nahm sie

Samuel bei der Hand

und wanderte mit ihm nach Silo

zum Haus Gottes.

Dort saß der alte Priester Eli

an der Tür und sah ihnen entgegen.

„Da bin ich wieder“, sagte Hanna.

„Gott hat mein Gebet erhört.

Er hat mir diesen Sohn geschenkt.

Aber ich will ihn nicht

für mich behalten.

Er soll ein Priester werden,

ein Diener Gottes wie du.“

Von diesem Tag an durfte

der kleine Samuel bei Eli wohnen.

Eli war wie ein Vater zu ihm.

Er erzählte ihm von Gott

und zeigte ihm alles,

was ein Diener Gottes zu tun hatte.

Und Samuel hörte auf ihn.

Eli hatte auch zwei erwachsene Söhne.

Sie waren auch Priester.

Aber sie hörten nicht auf Eli.

Auch fragten sie nicht nach Gott,

sondern taten nur,

was ihnen Spaß machte.

Sie ärgerten die Leute,

die zum Gottesdienst kamen,

nahmen ihnen das Opferfleisch weg

und aßen es selbst auf.

Und wenn ihr Vater ihnen vorhielt:

„Was macht ihr da?

Das dürft ihr nicht tun!“,

dann lachten sie ihn nur aus

und scherten sich nicht darum.

Samuel aber wuchs heran

und wurde ein Diener Gottes.

Von früh bis spät war er im Heiligtum.

Nachts schlief er sogar

neben der Lade Gottes.

Eines Nachts hörte Samuel

plötzlich eine Stimme:

„Samuel! Samuel!“

Samuel fuhr hoch.

Wer hatte ihn gerufen?

Es war niemand zu sehen.

Schnell stand er auf,

ging zu Eli und sagte:

„Hier bin ich.

Du hast mich gerufen.“

Doch Eli schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte er.

„Ich habe dich nicht gerufen.

Leg dich nur wieder hin und schlaf!“

Da dachte Samuel:

Sicher habe ich nur geträumt.

Er legte sich wieder hin

und schlief ein.

Aber auf einmal hörte er wieder:

„Samuel! Samuel!“

Schnell stand er auf,

lief zu Eli und sagte:

„Hier bin ich wieder.

Du hast mich gerufen.“

Doch Eli antwortete:

„Nein, ich habe dich nicht gerufen.

Leg dich nur wieder hin und schlaf!“

Aber kaum lag Samuel

auf seinem Lager,

da hörte er schon wieder:

„Samuel! Samuel!“

Und wieder lief er zu Eli

und sagte: „Hier bin ich.

Du hast mich gerufen.“

Da begriff Eli auf einmal,

woher die Stimme kam.

Und er sagte zu Samuel:

„Leg dich nur wieder hin!

Aber wenn du noch einmal

die Stimme hörst,

dann antworte darauf:

,Rede, Herr!

Dein Knecht hört.‘“

Nun ahnte auch Samuel,

wer ihn gerufen hatte.

Still ging er zurück,

legte sich hin,

wartete und lauschte.

Da − auf einmal rief es wieder:

„Samuel! Samuel!“

Samuel richtete sich auf.

„Rede, Herr!“,

antwortete er laut.

„Dein Knecht hört.“

Da hörte Samuel,

wie Gott zu ihm sprach:

„Hör zu, Samuel!

Bald wird ein großes Unglück

über dieses Haus kommen.

Eli und seine Söhne

werden alle umkommen.

Und es wird keinen Priester mehr

im Haus Gottes geben.“

Samuel erschrak.

War das wirklich Gott,

der zu ihm gesprochen hatte?

Er konnte nicht mehr einschlafen.

Am nächsten Morgen

stand Samuel früh auf,

öffnete leise die Tür

und wollte sich an Eli vorbeischleichen.

Doch Eli hatte ihn schon gehört.

„Komm her, Samuel!“, rief er.

„Was hat Gott zu dir gesagt?

Erzähl mir alles!

Verschweige mir nichts!“

Da erzählte Samuel alles,

was Gott in der Nacht

zu ihm gesagt hatte.

Eli aber hörte

ihm aufmerksam zu.

„Wie Gott will“,

sagte er ernst.

„Sein Wille geschehe!“

Und wie Gott gesagt hatte,

so geschah es auch:

Bald danach fielen Feinde

in das Land ein.

Sie kämpften gegen das Volk Israel

und töteten beide Söhne Elis

und nahmen die Lade Gottes

als Beutestück mit.

Als aber Eli hörte,

was mit der Lade

geschehen war,

fiel er vor Schreck

von seinem Stuhl,

brach sich das Genick

und starb.

Seit dieser Zeit gab es

im Heiligtum von Silo

keinen Priester mehr,

der Gott diente.

Aber Samuel diente Gott,

solange er lebte.

Und Gott war mit ihm.

Und alle Israeliten

hörten auf ihn.

1. Samuel 1,21–3,21

V
Gott setzt Könige ein

Schon viele Jahre

wohnten die Israeliten

im eigenen Land.

Aber immer wieder fielen Feinde ein

und bedrohten das Land.

Da sagten sich die Israeliten:

„Wenn wir doch einen König hätten,

der über uns regiert!

Dann hätten wir endlich

wieder Frieden im Land.“

Und sie baten Samuel:

„Gib uns einen König!

Der soll über uns herrschen

und unsere Feinde vertreiben.“

Aber Samuel antwortete:

„Wozu braucht ihr einen König?

Habt ihr vergessen?

Gott ist euer König.

Er hat euch bisher geführt

und alle eure Feinde vertrieben.“

Doch die Israeliten drängten Samuel:

„Wir wollen einen anderen König haben,

einen richtigen König

wie alle anderen Völker.“

Da sprach Gott zu Samuel:

„Tu, was sie sagen!

Sie sollen ihren König haben.

Aber ich will ihn für sie auswählen.“

52. Saul

Zu der Zeit lebte in Israel

ein junger Mann namens Saul.

Er war kräftig und groß

und half seinem Vater

bei der Arbeit auf dem Feld.

Eines Tages rief ihn sein Vater:

„Saul, unsere Esel sind entlaufen.

Such sie und bring sie zurück!“

Da machte sich Saul

mit seinem Knecht auf die Suche.

Er zog über die Berge

und durch die Täler.

Er suchte alle Wege ab.

Aber die Esel fand er nicht.

Da sagte der Knecht zu Saul:

„Nicht weit von hier liegt eine Stadt.

Dort ist gerade Samuel zu Besuch.

Warum fragen wir ihn nicht?

Vielleicht weiß er, wo die Esel sind.“

So zogen die beiden zu der Stadt,

um Samuel zu befragen.

Als sie durch das Stadttor gingen,

kam ihnen Samuel schon entgegen.

Aber Saul erkannte ihn nicht.

„Weißt du, wo Samuel wohnt?“,

fragte er ihn.

„Ich bin es selbst“, antwortete Samuel.

„Kommt mit mir! Seid meine Gäste!

Ich lade euch ein.

Wir feiern heute ein Fest.

Morgen früh könnt ihr weiterziehen.

Und sorgt euch nicht um die Esel!

Sie sind längst gefunden.“

Danach führte Samuel die beiden

in eine große Halle,

wo der Tisch festlich gedeckt war.

Samuel bot Saul

den Ehrenplatz neben sich an

und legte ihm das beste Stück Fleisch vor.

„Was hat dies zu bedeuten?“,

fragte sich Saul verwundert.

„Warum ist Samuel so freundlich zu mir?

Warum ehrt er mich vor allen anderen?

Er kennt mich doch gar nicht.“

Aber Gott hatte zu Samuel gesagt:

„Der ist es!

Der soll König werden

über das Volk Israel.“

Am nächsten Morgen

stand Saul früh auf,

rief seinen Knecht

und machte sich mit ihm

auf den Weg nach Hause.

Samuel begleitete ihn

bis vor das Stadttor.

Doch plötzlich blieb Samuel stehen.

„Schick deinen Knecht voraus!“,

befahl er Saul.

„Du aber bleib hier und höre,

was Gott dir sagen lässt!“

Dann holte er einen kleinen Krug

unter seinem Mantel hervor,

goss Öl auf Sauls Haare

und sprach feierlich:

„Gott salbt dich zum König.

Du sollst König sein über Israel.“

Saul wusste nicht,

wie ihm geschah.

Er lief über die Berge zurück,

jubelte und lobte Gott.

Und alle, die ihn sahen,

wunderten sich und fragten:

„Was ist nur in Saul gefahren?“

Aber Saul verriet niemand,

was geschehen war

und was Samuel zu ihm gesagt hatte.

Wenig später fielen Feinde

in das Land ein.

Als Saul davon hörte,

dachte er daran, dass Gott ihn

zum König gesalbt hatte.

Er schickte Boten ins Land

und ließ allen Israeliten sagen:

„Kommt alle und folgt mir!“

Da kamen sie von Norden und Süden,

von Osten und Westen,

und zogen mit Saul in den Krieg

und jagten die Feinde aus dem Land.

Nun war die Freude

bei allen Israeliten groß.

„Saul hat uns geholfen“,

riefen sie begeistert.

„Saul soll unser König sein!“

Und sie feierten ein großes Fest.

Sie jubelten ihrem König zu

und dankten Gott, der ihnen

diesen König geschenkt hatte.

*

Aber später vergaß Saul

den Herrn, seinen Gott,

der ihn zum König gemacht hatte.

Er tat nur noch,

was ihm selber gefiel,

und fragte nicht mehr nach Gott.

Da kam Samuel zu Saul und sprach:

„Warum hast du Gott verlassen?

Nun wird Gott auch dich verlassen

und sich einen anderen König wählen,

einen König, der auf ihn hört.“

Und Samuel ging weg von Saul.

Saul aber sah ihn nie mehr wieder.

1. Samuel 9–15

53. David

Damals lebte in Bethlehem

ein Mann namens Isai.

Er war ein Enkelsohn

von Boas und Rut

und hatte acht Söhne.

Der jüngste hieß David.

David hütete die Schafe seines Vaters.

Jeden Tag führte er sie auf die Weide,

sorgte für sie und bewachte sie.

Wenn sie Durst hatten,

führte er sie zum Brunnen.

Und wenn sich ein wildes Tier

auf die Schafe stürzte,

sprang er hinzu

und vertrieb es mit seinem Stab.

David war meist allein

bei seinen Schafen.

Oft nahm er seine Harfe

und spielte auf ihr.

Dazu sang er seine Lieder,

auch das Lied „vom guten Hirten“:

„Der Herr ist mein Hirte.

Mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße

um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte

im finsteren Tal,

fürchte ich kein Unglück,

denn du bist bei mir,

dein Stecken und Stab trösten mich.“

Eines Tages, als David

draußen auf der Weide war,

kam Samuel nach Bethlehem.

Sein Vater Isai sah ihn

schon von weitem kommen.

Er eilte ihm entgegen

und grüßte ihn freundlich:

„Welch seltener Besuch!

Bringst du uns gute Nachricht?“

Samuel nickte: „Ja!

Ruf schnell alle deine Söhne herbei!“

Isai sah Samuel erstaunt an.

Was hatte Samuel vor?

Warum wollte er seine Söhne sehen?

Isai wusste ja nicht,

dass Samuel von Gott geschickt war.

Gott hatte zu Samuel gesagt:

„Geh nach Bethlehem!

Denn aus Bethlehem

wird der König kommen,

den ich erwählt habe.

Ein Sohn Isais wird es sein.“

Da rief Isai seine Söhne herbei,

einen nach dem anderen.

Zuerst rief er den Ältesten.

Er war groß und kräftig.

Als Samuel ihn sah, dachte er:

„Wahrhaftig, der ist es!

Der wird König werden.“

Aber Gott sprach zu Samuel:

„Nein, der ist es nicht!

Ich habe ihn nicht erwählt.

Du siehst nur auf das Äußere.

Aber ich schaue ins Herz.“

Da rief Isai den zweiten Sohn.

Aber Samuel schüttelte den Kopf.

Der war es auch nicht, den er suchte.

Gott hatte ihn nicht erwählt.

Da rief Isai den dritten Sohn.

Und wieder schüttelte Samuel den Kopf.

Der war es auch nicht.

Gott hatte ihn nicht erwählt.

Da rief Isai alle anderen Söhne herbei.

Aber Samuel schüttelte den Kopf.

Er fragte Isai:

„Sind das wirklich alle Söhne?“

„Nein“, sagte Isai.

„Es fehlt noch der jüngste.

Er ist draußen bei den Schafen.“

„Dann holt ihn!“, bat Samuel.

„Ich muss ihn sehen.“

Da holten sie David von der Weide

und brachten ihn zu Samuel.

Als aber Samuel David sah,

braun gebrannt und strahlend,

da wusste er auf einmal,

wen Gott meinte.

„Der ist es“, sprach Gott.

„Den habe ich erwählt.

Auf, salbe ihn zum König!“

Da holte Samuel ein Horn

unter seinem Mantel hervor,

das mit Öl gefüllt war.

Er goss das Öl auf Davids Haare

und sagte feierlich: „David,

Gott salbt dich zum König.

Du sollst König werden

über das ganze Volk Israel.“

David war sprachlos.

Er sollte König werden?

Es gab doch schon

einen König im Land!

Wenn Saul erfuhr,

was Samuel getan hatte,

wer weiß, was dann

mit David geschah. . .

1. Samuel 16,1–13 (Psalm 23)

54. David bei König Saul

Saul saß in seinem Königssaal

und starrte finster vor sich hin.

Immerzu dachte er daran,

was Samuel zu ihm gesagt hatte:

„Gott wird sich

einen anderen König wählen.“

Aber wer war dieser andere?

Er musste es herausfinden.

Es ließ ihm keine Ruhe.

Saul ballte die Fäuste.

Die Wut stieg in ihm hoch.

Er sprang auf, schrie

und tobte durch den Saal.

Seine Diener und Ratgeber

sahen erschrocken zu.

„Jetzt bekommt er seinen Anfall“,

flüsterten sie.

„Der König ist von allen

guten Geistern verlassen.

Wir müssen ihn beruhigen.

Aber wie?

Sie schauten sich ratlos an.

Als der Anfall vorüber war,

kamen sie zu Saul,

verneigten sich und sagten:

„O König,

vielleicht hilft dir Musik.

Lass einen Mann kommen,

der für dich Musik macht!

Das wird dir gut tun

und deine düsteren Gedanken

vertreiben.“

„Gut“, sagte Saul.

„Mir soll es recht sein.

Wen schlagt ihr vor?“

Sie antworteten:

„David, den Sohn Isais.

Er ist ein Hirte, ein prächtiger Kerl.

Er kann auch Harfe spielen und singen.“

„Dann holt ihn her!“, befahl Saul.

Da holten sie David

und brachten ihn zum König.

Der hatte gerade wieder einen Anfall.

Er tobte und schrie

und zitterte am ganzen Leib.

Aber David setzte sich in eine Ecke,

nahm seine Harfe

und stimmte sein Lied an:

„Der Herr ist mein Hirte.

Mir wird nichts mangeln. . .

Und ob ich schon wanderte

im finsteren Tal,

fürchte ich kein Unglück,

denn du bist bei mir.“

Da wurde der König ruhig.

Er vergaß seine düsteren Gedanken

und dachte nicht mehr an den anderen,

den er so fürchtete und hasste.

Von diesem Tag an

blieb David bei Saul.

Er diente ihm und beruhigte ihn,

sooft er seine Anfälle bekam.

Aber Saul ahnte nicht,

dass David der andere war,

den er suchte.

1. Samuel 16,14–23

55. David und Goliat

Eines Tages brach ein Krieg

mit den Philistern aus.

Die Philister waren ein mächtiges Volk,

viel mächtiger als die Israeliten.

Sie hatten starke Soldaten

mit blitzenden Waffen

und rückten mit einem gewaltigen Heer

gegen die Israeliten vor.

Da sammelte Saul sofort

alle Israeliten um sich

und zog mit ihnen gegen die Philister.

In einem Tal trafen

beide Heere aufeinander.

Die Israeliten errichteten ihr Lager

auf der einen Seite des Tals.

Die Philister hatten ihr Lager

auf der anderen Seite.

Unter den Philistern aber

war ein Soldat, der hieß Goliat.

Er war so groß wie ein Baum

und so stark wie ein Löwe,

größer und stärker

als alle anderen Philister.

Er trug einen schweren Panzer

und einen blitzenden Helm.

An seiner Hüfte hing

ein riesiges, scharfes Schwert.

Und auf seiner Schulter

trug er einen Wurfspeer,

der war so lang wie ein Baum.

Jeden Tag stellte sich Goliat

vor das Lager der Philister

und rief zu den Israeliten hinüber:

„Wer von euch wagt es,

mit mir zu kämpfen?

Ha! Ihr Feiglinge!

Ihr wagt es ja nicht.

Ich bin viel stärker als ihr.“

Dazu fluchte er laut

und lachte aus vollem Hals,

sodass es durch das ganze Tal dröhnte.

Jeden Tag kam Goliat,

morgens und abends.

Und jeden Tag rief er dasselbe,

fluchte und höhnte.

Und jedes Mal zitterten

die Israeliten vor Angst,

wenn sie ihn kommen sahen.

Keiner wagte, mit ihm zu kämpfen.

Nicht einmal Saul wagte es,

auch nicht Jonatan, sein tapferer Sohn.

So vergingen viele Tage.

Da kam eines Tages David zum Heerlager,

um nach seinen Brüdern zu schauen.

Als er bei dem Heer ankam,

stand gerade wieder Goliat

auf dem Hügel,

breitbeinig und riesig.

„Ihr Feiglinge!“, schrie Goliat

zu den Israeliten herüber.

„Kommt doch und kämpft mit mir!

Warum traut ihr euch nicht?

Hilft euch euer Gott nicht mehr?“

Als David das hörte, wurde er zornig.

Wie? Goliat machte sich

über Gott lustig?

Gab es denn keinen,

der ihm widersprach?

Nein, alle zitterten vor ihm

und flohen, wenn sie ihn sahen.

„Und wenn ich mit ihm kämpfe?“,

fragte David die anderen.

„Dann macht dich der König reich

und gibt dir seine Tochter zur Frau.“

Doch Eliab, Davids ältester Bruder,

rief zornig: „Was fällt dir ein?

Warum bist du überhaupt hier?

Ich kenne dich gut.

Du machst dich nur wichtig.“

Aber David gab nicht auf:

„Und wenn ich doch mit ihm kämpfe?“

Da führten sie David zu Saul.

Der saß in seinem Zelt

und ließ den Kopf hängen.

„Nur Mut!“, rief David ihm zu.

„Ich will mit Goliat kämpfen.“

Aber Saul sah David ungläubig an.

„Unmöglich!“, rief er.

„Du bist viel zu jung.

Goliat ist ein starker Soldat.

Keiner kann so gut kämpfen wie er.“

Doch David antwortete:

„Ich habe schon

mit Löwen und Bären gekämpft.

Ich habe keine Angst

vor diesem Philister.

Gott wird mir helfen.“

„Dann geh!“, sagte Saul.

„Gott helfe dir!“

Und er gab David seinen Panzer,

setzte ihm seinen Helm auf den Kopf

und reichte ihm sein Schwert.

Aber das Schwert war viel zu groß.

Und der Panzer war viel zu schwer.

David konnte darin nicht gehen.

Er zog den Panzer wieder aus,

setzte den Helm ab

und gab das Schwert zurück.

Dann nahm er seinen Hirtenstab

und seine Steinschleuder,

ging hinunter zum Bach,

suchte sich fünf glatte Steine

und steckte sie in seine Tasche.

So lief er Goliat entgegen.

Als aber Goliat ihn kommen sah,

lachte er laut, fluchte und rief:

„Was willst du hier, du Wicht?

Nicht einmal ein Schwert

hast du bei dir.

Nur einen Stock!

Willst du mich etwa

mit dem Stock jagen

wie einen Hund?

Komm nur her, Bürschchen!

Dir werde ich’s zeigen!

Bei Gott, dich schlag ich tot!

Die wilden Tiere sollen dich fressen.“

Goliat schrie furchtbar.

Alle zitterten, als sie ihn hörten.

Doch David blieb ruhig.

Er ging auf Goliat zu

und rief ihm entgegen:

„Du kommst zu mir

mit Schwert, Lanze und Speer.

Aber ich komme zu dir

im Namen des starken Gottes,

den du verhöhnt hast.“

Blitzschnell holte er

einen Stein aus der Tasche,

legte ihn in seine Schleuder –

und schon sauste der Stein durch die Luft

und traf den Riesen an seiner Stirn.

Goliat schwankte, stürzte

und schlug mit dem Kopf

auf die Erde.

Da lag er nun,

der riesige Goliat,

und rührte sich nicht.

David aber lief schnell zu ihm hin,

packte sein großes Schwert

und hieb ihm den Kopf ab.

Als die Philister das sahen,

flohen sie alle, so schnell sie konnten.

Aber die Israeliten jagten ihnen nach

bis über die Grenze.

Da war der Jubel groß

bei allen Israeliten.

Fröhlich kehrten sie heim

und erzählten allen,

was Gott durch David getan hatte.

1. Samuel 17

56. David muss fliehen

David war plötzlich berühmt.

Im ganzen Land sprach man von ihm.

Die Leute auf der Straße

zeigten auf ihn und jubelten,

wenn sie ihn sahen.

Von nun an blieb David

ganz bei König Saul.

Dort bekam er alles,

was sich ein Mensch wünschen kann.

Die Königstochter wurde seine Frau,

und Jonatan, der Sohn des Königs,

wurde sein bester Freund.

David durfte jeden Tag

mit dem König speisen.

Und Saul machte ihn

zu seinem höchsten General,

zum Herrn über alle Soldaten.

Eines Tages fielen die Philister

wieder ins Land ein.

Da zog ihnen David

mit seinen Soldaten entgegen

und vertrieb sie aus dem Land.

Als er heimkehrte,

liefen ihm die Frauen

mit Pauken entgegen.

Sie jubelten ihm zu,

tanzten und sangen:

„Saul hat tausend erschlagen.

Aber David hat zehntausend erschlagen.“

Als König Saul das Lied hörte,

packte ihn der Neid.

„Was singen die Frauen da?“,

rief er zornig.

„David hat zehntausend erschlagen,

ich aber nur tausend?

Ist David denn besser als ich?

Es sieht fast so aus,

als sei David König im Land.“

Saul konnte das Lied

nicht mehr vergessen.

Bei Tag und bei Nacht

dachte er darüber nach.

Eines Morgens aber

wurde ihm alles klar.

Auf einmal wusste er,

wer der andere war,

von dem Samuel gesprochen hatte.

David war es!

„Wer weiß“, dachte Saul erschrocken,

„vielleicht will das Volk

jetzt David zum König machen?

Aber ich werde ihnen zeigen,

wer König im Land ist.“

Da bekam Saul wieder seinen Anfall.

Er schlug um sich, schrie und tobte,

sodass alle vor ihm zitterten.

Nur David blieb ruhig.

Er ging leise zum König hinein,

setzte sich in die Ecke,

sang ein Lied

und spielte dazu auf der Harfe.

Aber Saul sah David böse an.

„Warte nur!“, dachte er grimmig.

„Dich mache ich fertig.

Ich spieße dich einfach an die Wand.

Dann bin ich dich los.“

Und schon schleuderte er seinen Speer.

Doch David wich blitzschnell aus,

rannte aus dem Haus

und verbarg sich vor Saul.

Lange Zeit hielt sich David versteckt.

Nur Jonatan wusste,

wo er sich aufhielt.

Er suchte ihn heimlich auf

und warnte ihn:

„Mein Vater sucht dich überall.

Er ruht nicht eher, bis du tot bist.

Aber ich weiß,

Gott wird es nicht zulassen.

Er wird dich zum König machen.

Doch versprich mir,

dass wir auch dann noch Freunde bleiben.“

David versprach es.

Dann fielen sich beide um den Hals,

weinten und nahmen traurig Abschied.

Jonatan kehrte zu Saul zurück.

David aber floh in die Berge.

1. Samuel 18–20

57. David in der Höhle

Es war ein heißer Tag.

David wanderte über die Berge.

Eine Schar Männer begleitete ihn.

Plötzlich – was war das?

In der Ferne entdeckte er

Saul mit seinen Soldaten!

Er war gekommen,

um David zu fangen.

Schnell versteckte sich David

mit seinen Begleitern in einer Höhle.

Da saßen sie nun im Dunkeln

und sahen gespannt

auf den Weg hinaus.

Keiner rührte sich.

Keiner sagte ein Wort.

Plötzlich stand Saul

am Eingang der Höhle.

Er schaute hinein.

Den Männern stockte der Atem.

Ob Saul sie entdeckte?

Nein, er bemerkte sie nicht!

Er rief seinen Soldaten zu:

„Steht still!

Wir machen hier Pause.“

Und er zog sich allein

in die Höhle zurück.

David und seine Männer

trauten ihren Augen nicht.

Saul war in ihrer Höhle!

Er ahnte ja nicht,

dass sie sich hier versteckt hielten!

„Auf, David!“, flüsterten die Freunde.

„Jetzt ist Saul in deiner Hand.

Töte ihn auf der Stelle!

Jetzt oder nie!

Warum zögerst du noch?“

Da stand David auf.

Leise machte er sich an Saul heran,

packte sein Schwert –

und schlug zu.

Zitternd hielt er in seinen Händen

ein Stück von Sauls Mantel.

Sein Herz klopfte.

Ob Saul ihm vergeben würde,

was er getan hatte?

Leise schlich er sich wieder zurück.

Aber seine Freunde waren empört.

„David, was soll das?

Warum hast du Saul nicht getötet?

Traust du dich nicht?

Dann tun wir es für dich.“

Doch David hielt sie zurück.

„Nein“, flüsterte er,

„tut es nicht!

Dazu habt ihr kein Recht.

Ich warne euch.

Habt ihr vergessen,

dass Gott ihn zum König gemacht hat?“

Still warteten sie im Dunkeln,

bis Saul die Höhle wieder verließ,

um weiter nach David zu suchen.

Da wagte sich David endlich

aus der Höhle hervor.

„Mein König!“,

rief er laut hinter Saul her.

„Warum jagst du mich

wie deinen schlimmsten Feind?

Sieh doch!

Ich war in derselben Höhle wie du.

Ich hätte dich töten können.

Aber ich habe dir nichts getan.

Nur dieses Mantelstück

habe ich abgeschnitten.

Glaub mir doch endlich:

Ich bin nicht dein Feind.“

„David“, rief Saul bewegt,

„du bist besser als ich.

Ich habe dir Unrecht getan.“

Und er fügte leise hinzu:

„Ich weiß, du wirst einmal König.

Aber, bitte, versprich mir:

Wenn du dann König bist,

verschone meine Familie!“

David versprach es.

Saul aber zog wieder heim

und nahm sich vor,

David nicht mehr zu verfolgen.

1. Samuel 24

58. David in der Wüste

Nicht lange danach

kamen Boten zu Saul,

die meldeten ihm:

„Wir haben David gesehen.

Er hat sich in der Wüste versteckt.“

„Dann will ich ihn suchen

und fangen“, rief Saul.

„Diesmal entkommt er mir nicht.“

Saul sammelte in aller Eile

3000 Soldaten um sich

und zog mit ihnen in die Wüste,

um David zu suchen.

Den ganzen Tag marschierten

die Soldaten durch die Wüste,

bis es Abend wurde.

Aber David fanden sie nicht.

Da schlugen sie ihre Zelte auf,

legten sich nieder

und schliefen erschöpft ein.

Auch Saul schlief bald ein.

Er lag in seinem Königszelt.

Sein Speer steckte

neben ihm in der Erde.

Daneben stand ein Krug,

der mit Wasser gefüllt war.

Draußen vor dem Zelt

hielten Soldaten Wache.

Aber auch ihnen fielen

die Augen bald zu.

Plötzlich raschelte es.

Zwei Männer schlichen sich

an das Lager heran.

Sie schlüpften an der Wache vorbei

und drangen in Sauls Zelt ein.

David war es und sein Freund Abischai.

Niemand hatte bemerkt,

wie sie ins Lager gekommen waren.

Auch Saul hatte nichts bemerkt.

Er lag auf der Erde

und rührte sich nicht.

Abischai zeigte auf Saul.

„Soll ich ihn töten?“, fragte er leise.

„Nein“, flüsterte David.

„Was fällt dir ein?

Fass ihn nicht an!

Nur Gott darf das tun.“

Dann nahm David den Speer

und den Wasserkrug an sich,

huschte aus dem Zelt

und machte sich mit Abischai

schnell wieder davon.

Als es Morgen wurde,

war David längst entkommen.

Er stand oben auf dem Berg

und rief laut zu den Zelten hinab:

„Hört, ihr Soldaten!

Ihr bewacht euren König schlecht.

Ich war heute Nacht bei ihm

und hätte ihn töten können.

Seht den Speer und den Krug!

Das ist der Beweis.“

Da wachte auch Saul auf.

„David“, rief er erschrocken,

„ist das deine Stimme?“

„Ja“, antwortete David.

„Glaubst du jetzt endlich,

dass ich nicht dein Feind bin?“

Da schämte sich Saul und rief:

„Es tut mir leid, David.

Ich habe dir Unrecht getan.

Komm her! Ich tu dir nichts an.“

Aber David kam nicht.

Er wusste:

Saul würde wieder nicht halten,

was er versprochen hatte.

So gab er einem Soldaten

den Krug und den Speer.

Der brachte beides zu Saul zurück.

David aber floh

ins Land der Philister

und versteckte sich dort.

Er sah Saul nie mehr wieder.

1. Samuel 26

59. David wird König

Danach brach wieder ein Krieg aus.

Die Philister zogen

mit ihrem ganzen Heer

gegen die Israeliten.

Da sammelte Saul alle seine Soldaten

und rückte gegen die Philister vor.

Sein Sohn Jonatan zog

mit ihm in den Kampf.

Doch David war nicht dabei.

Er hielt sich immer noch

bei den Philistern versteckt.

Dort wartete er bange

auf Nachricht von den Israeliten.

Was würde aus Israel

und was würde aus Saul und Jonatan,

wenn die Philister siegten?

Nach drei Tagen

kam endlich ein Bote zu David.

Der rief: „Aus! Aus!

Der Krieg ist aus!

Die Philister haben gesiegt.

Die Israeliten sind alle geflohen.

Und Saul und Jonatan sind tot.“

„Was?“, schrie David entsetzt.

„Woher weißt du das?

Wer hat es dir gesagt?“

„Ich habe es selbst gesehen“,

sagte der Bote.

Da zerriss David sein Gewand,

weinte und klagte.

Und er dichtete

für Saul und Jonatan dieses Lied:

„Ach, wie sind die Helden gefallen!

Es tut mir leid um dich,

mein Bruder Jonatan.

Du warst mir sehr lieb.“

*

Danach kehrte David nach Israel zurück

und wohnte in der Stadt Hebron.

Dort wartete er, bis er erfuhr,

was Gott mit ihm vorhatte.

Endlich, nach sieben Jahren,

kamen die Israeliten zu David

und baten ihn:

„Sei du jetzt unser König!“

„Ja“, antwortete David.

„Ich will euer König sein.“

Und er dachte daran,

was der alte Samuel

vor vielen Jahren gesagt hatte:

„Du, David, sollst König sein

über das Volk Israel.“

2. Samuel 1–5,5

60. David in Jerusalem

David zog in die Stadt Jerusalem ein

und machte sie zu seiner Königsstadt.

Dort baute er sich

einen prächtigen Königspalast.

Nun hatte David alles,

was ein König brauchte:

Er hatte einen Palast, der ihm gehörte.

Er hatte Diener, die ihm gehorchten.

Er hatte Soldaten, die ihn bewachten.

Und er hatte Ratgeber, die ihn berieten.

Aber David dachte bei sich:

Ich bin zwar der König in dieser Stadt

und alle müssen mir dienen.

Aber ich will Gott dienen.

Er ist der wahre König in meiner Stadt.

Das sollen auch

die anderen Leute erfahren.

Darum will ich die Lade Gottes

nach Jerusalem holen.

Dann können alle erkennen:

Gott ist der König und Herr,

dem ich diene.

Da rief David die Priester herbei

und machte sich mit ihnen auf den Weg,

um die Lade Gottes zu holen.

Aber den Leuten in Jerusalem

ließ er sagen: „Macht euch bereit!

Bald kommt die Lade Gottes

in eure Stadt.“

Da legten alle

ihre schönsten Festkleider an,

zogen hinaus vor die Stadt

und warteten gespannt,

was nun geschehen würde.

Plötzlich hörten sie fröhliche Musik.

Ein Festzug kam ihnen entgegen.

Priester in festlichen Kleidern

trugen die Lade Gottes

auf ihren Schultern daher.

Andere Priester folgten ihnen

und bliesen dazu in ihre Posaunen.

David aber lief vor der Lade her,

hüpfte und tanzte wie ein Kind.

Er trug nur einen einfachen Rock,

wie ihn sonst Priester tragen.

So lief er und tanzte er

auf die Stadt zu.

Jubelnd folgten die anderen

und stimmten mit ihm das Lied an:

„Machet die Tore weit

und die Türen in der Welt hoch,

dass der König der Ehre einziehe!“

Da gingen die Tore weit auf

und die Priester zogen

mit der Lade in die Stadt ein.

Dort feierten sie miteinander

das Königsfest Gottes,

Alte und Junge, Große und Kleine.

An diesem Fest dankten sie Gott,

ihrem König und Herrn,

dass er nun bei ihnen wohnte.

Am Abend aber,

als David nach Hause kam,

rief ihm seine Frau Michal

spöttisch entgegen:

„Du bist mir ein feiner König!

Du hast dich heute

vor allen bloßgestellt und getanzt

wie das Volk auf der Straße.“

Aber David antwortete ihr:

„Ich habe vor Freude getanzt,

weil Gott bei uns wohnt.

Vor ihm will ich gern

noch viel niedriger sein.“

2. Samuel 6 (Psalm 24,7)

61. David bekommt ein Versprechen

David saß in seinem Palast

und ruhte sich aus.

Wie gut habe ich es doch,

dachte David bei sich.

Ich wohne in diesem schönen Palast

aus edlem Zedernholz.

Aber für Gott gibt es

kein Haus in dieser Stadt,

nur ein Zelt.

Das muss anders werden,

so wahr ich König bin!

Ich weiß, was ich tue:

Ich werde Gott ein Haus bauen.

Da ging die Tür auf.

Natan, der Prophet Gottes,

kam zu Besuch.

„Willkommen!“, rief David.

„Komm, setz dich zu mir!

Ich muss dir etwas Wichtiges sagen.

Sieh, ich wohne in diesem Palast.

Aber die Lade Gottes

steht noch immer in einem Zelt.

Darum will ich für Gott ein Haus bauen.

Einen prächtigen Tempel

will ich ihm schenken.“

„Nur zu!“, rief Natan erfreut.

„Das wird Gott gefallen.

Tu, was du vorhast!

Gott ist mit dir.“

Aber am nächsten Morgen

kam Natan noch einmal zu David

und sprach: „Hör zu, David!

In dieser Nacht hat Gott

zu mir gesprochen.

Gott lässt dir sagen:

,Du sollst mir kein Haus bauen

und musst mir nichts schenken.

Denk doch daran:

Alles, was dir gehört,

habe ich dir geschenkt.

Aber ich verspreche dir

noch viel mehr:

Ich will dir ein Haus bauen,

ein Königshaus, das ewig besteht.

Ich will dir einen Sohn schenken,

der wird nach dir König sein.

Und der wird mir ein Haus bauen.

Ich will sein Vater sein

und er soll mein Sohn sein.

Ich will mit ihm sein

und mit allen Königen,

die nach ihm kommen,

bis einst der letzte König kommt,

der ewig König sein wird.‘“

Da verneigte sich David vor Gott,

der ihm dieses große Versprechen

gegeben hatte, und sprach:

„Ach, Herr, Herr! Wer bin ich,

dass du mich bis hierher gebracht hast?

Doch nun hast du

noch Größeres versprochen.

Wie groß bist du, Herr!

So mache nun wahr,

was du versprochen hast,

und segne uns,

dass alle deine Größe erkennen!“

2. Samuel 7

62. David und Batseba

Bald darauf geschah,

was niemand erwartet hätte.

Es war ein kühler Abend.

David ruhte sich auf dem Dach

seines Palastes aus

und schaute über die Stadt.

Plötzlich entdeckte er

in der Nähe ein Haus.

Dort wusch sich eine Frau,

die war so schön,

dass David alles andere darüber vergaß.

„Wer ist diese Frau?“,

fragte sich David erregt.

„Ich will sie haben,

ganz gleich, wer sie ist.

Meine Frau muss sie werden,

noch heute!“

David überlegte nicht lange.

Er schickte seine Diener los,

ließ die Frau holen

und schlief mit ihr.

Aber Batseba, so hieß die Frau,

war schon verheiratet.

Ihr Mann Uria ahnte nicht,

was David getan hatte.

Er war in den Krieg gezogen

und kämpfte für David.

Aber wenn er eines Tages

zurückkommen würde, was dann?

Auch dafür wusste David Rat:

Er schickte heimlich einen Brief

an seinen obersten General

und ließ ihm sagen:

„Sorge dafür,

dass Uria nie mehr zurückkommt!“

Und so geschah es.

Nicht lange danach

erhielt David die Nachricht:

„Uria ist im Kampf

gegen die Feinde gefallen.“

Nun war David endlich zufrieden.

Uria war tot.

Batseba gehörte ihm ganz.

Und niemand hatte gemerkt,

was er getan hatte.

Aber Gott schickte noch einmal

seinen Propheten Natan zu David,

der sprach zu ihm:

„Hör zu, König David!

In deinem Königreich

ist etwas Unerhörtes geschehen.“

„Was denn?“, fragte David erstaunt.

„Los, erzähle!“

Da erzählte Natan:

„Zwei Männer lebten in einer Stadt.

Der eine war reich,

der andere arm.

Der eine hatte viele Schafe.

Der andere hatte nur

ein einziges Schaf.

Der Arme liebte sein Schaf

wie sein eigenes Kind

und hütete es von früh bis spät.

Aber eines Tages kam Besuch

zu dem Reichen.

Da ging der Reiche zu dem Armen,

nahm ihm sein Schaf weg,

sein einziges Schaf,

schlachtete es und briet es

und setzte es seinem Gast vor.“

Als David das hörte,

rief er empört: „Unerhört!

Der Mann muss sterben,

der das getan hat,

so wahr ich König bin!“

Da antwortete Natan:

„Du bist der Mann!

Du bist es selbst.

Du hast Uria das Liebste genommen,

seine Frau, seine einzige Frau

und hast ihn getötet.“

„Wahrhaftig, du hast Recht“,

rief David zu Tode erschrocken.

„Jetzt sehe ich:

Ich habe ein großes Unrecht getan.

Ich habe den Tod verdient.

Ich sollte sterben, nicht Uria.“

Und er eilte in seine Kammer,

warf sich auf den Boden,

weinte und betete:

„Ach Herr!

Vergib mir doch meine Schuld,

meine große Schuld!

Gott sei mir gnädig!“

So lag er auf dem Boden,

viele Stunden lang,

viele Tage und Nächte lang.

Ob Gott ihm seine Schuld

jemals vergeben konnte?

Nicht lange danach

wurde Batseba schwanger

und gebar einen Sohn: Salomo.

Da spürte David:

Gott hatte sein Gebet erhört.

Er hatte sich über ihn erbarmt,

wie sich ein Vater

über seine Kinder erbarmt.

2. Samuel 11–12,25 (Psalm 51,2 ff.)

63. David und Absalom

David hatte viele Söhne.

Einer von ihnen hieß Absalom.

Er war der schönste von allen Söhnen.

Kein anderer konnte sich

mit ihm messen.

Wahrhaft königlich sah er aus,

wenn er mit seinem wallenden Haar

durch die Straßen schritt.

Absalom hatte alles,

was er sich wünschte.

Er hatte ein eigenes Haus

und eigene Diener und Knechte.

Aber Absalom wollte noch mehr:

Er wollte selbst König sein

und auf dem Königsthron sitzen.

Eines Tages schaffte er sich

einen prächtigen Wagen an

mit schnellen Pferden.

Und er sammelte 50 Soldaten um sich,

die ihn als Wache umgaben.

Von nun an fuhr er nur noch

in seinem Wagen durch die Stadt,

begleitet von seinen Soldaten.

Die Leute blieben stehen,

wenn sie ihn sahen

und zeigten bewundernd auf ihn:

„Seht Absalom!“, riefen sie dann.

„Wie ein König kommt er daher.“

Jeden Morgen ging Absalom

in der Frühe zum Stadttor.

Dort empfing er die Leute,

die von weither kamen,

um sich beim König zu beklagen.

Er fragte sie freundlich:

„Woher kommt ihr?

Was fehlt euch?

Kann ich euch helfen?“

Das gefiel den Leuten.

„Ach“, sagten sie sich,

„wäre doch Absalom unser König!

Dann ginge es uns besser im Land.“

Eines Tages bereitete Absalom

in der Stadt Hebron

ein großes Fest vor.

Er lud viele Gäste dazu ein.

Aus dem ganzen Land kamen sie an

und feierten fröhlich mit ihm.

Doch mitten im Fest

rief Absalom plötzlich:

„Auf, blast in die Posaunen!

Jetzt ist es so weit.“

Und als die Posaunen ertönten,

riefen alle im Chor:

„Hoch lebe Absalom, unser König!“

Wie ein Lauffeuer breitete sich

die Nachricht im ganzen Land aus.

Einer rief es dem anderen zu:

„Hast du schon gehört?

Absalom ist König geworden.“

Da kam ein Bote zu David

und meldete ihm:

„Absalom hat sich selbst

zum König gemacht.

Das ganze Land fällt ihm zu.“

Als David das hörte,

erschrak er und rief:

„Auf, flieht mit mir aus der Stadt!

Denn Absalom will sicher

Krieg mit mir führen.“

Und er verließ eilig

mit seinen Freunden die Stadt.

Er floh und ruhte nicht eher,

bis er jenseits der Grenze war.

Wie ein Dieb musste David

vor Absalom fliehen –

und war doch sein Vater,

den Gott erwählt

und zum König gesalbt hatte!

Bald darauf rückte Absalom

mit seinem Heer an,

um David zu töten.

Da stellten Davids Männer

in aller Eile ein Heer auf

und zogen gegen Absalom

in den Kampf.

„Aber gebt acht auf Absalom!“,

rief David ihnen nach.

„Tut ihm nichts an!

Vergesst nicht: Er ist mein Sohn!“

Viele Stunden vergingen.

Unruhig wartete David auf Nachricht.

Endlich kam atemlos ein Bote gelaufen.

Der rief David fröhlich entgegen:

„Gute Nachricht!

Wir haben gewonnen.“

„Und was ist mit Absalom?“,

fragte David bange.

„Ich weiß es nicht“, sagte der Bote.

Da kam schon wieder ein Bote gelaufen,

der rief David zu:

„Gute Nachricht für dich!

Wir haben gewonnen!“

„Und was ist mit Absalom?“,

fragte David voll Sorge.

Da erzählte der Bote,

was mit Absalom geschehen war:

Auf einem Maultier war er geflohen.

Aber auf einmal hatte er sich

in einer dichten Eiche verfangen.

Dort hatten ihn Davids Männer entdeckt

und auf der Stelle getötet.

Als David das hörte, schrie er auf,

weinte und schluchzte:

„O Absalom, mein Sohn Absalom!

Ach, wäre doch ich

an deiner Stelle gestorben!

O Absalom, mein Sohn, mein Sohn!“

Und niemand konnte ihn trösten.

Bald darauf kamen Davids Soldaten

vom Kampf zurück.

Fröhlich winkten sie ihrem König zu.

Doch als sie sahen,

wie David weinte und klagte,

verstummten sie

und wussten nichts mehr zu sagen.

*

Von diesem Tag an

herrschte wieder Frieden im Land.

David kehrte nach Jerusalem zurück

und regierte dort wieder wie vorher.

Doch Absalom lebte nicht mehr.

David hatte seinen Sohn

für immer verloren!

Aber Gott hielt

an seinem Versprechen fest.

Sein Segen blieb über David

und seinen Kindern.

2. Samuel 15–19

64. Salomo

Als David gestorben war,

wurde sein Sohn Salomo König.

Aber Salomo war noch sehr jung.

Wie sollte er über

das große Volk herrschen?

Salomo wusste es selbst nicht.

Wenn Gott mir doch zeigte,

was ich tun soll,

dachte er bei sich.

Eines Nachts hatte Salomo

einen besonderen Traum.

Gott sprach zu ihm: „Salomo!

Ich will dir etwas schenken.

Sag, was willst du von mir?“

„Ach Herr!“, bat Salomo.

„Du hast mich zum König

über dieses große Volk gemacht,

wie du es David versprochen hast.

Aber ich bin noch zu jung.

Ich weiß nichts und kann nichts.

Schenk mir doch bitte,

dass ich auf dich höre

und dass ich ein weiser

und gerechter König werde!“

Da sprach Gott zu Salomo:

„Ich will dir geben,

was du gewünscht hast.

Ich will dich klug und weise machen

wie keinen anderen Menschen zuvor.

Und ich will dir noch mehr geben,

alles, was du dir nicht gewünscht hast.

Reich und mächtig sollst du werden,

reicher als alle anderen Könige

auf dieser Welt.

Bleibe nur gehorsam

und halte meine Gebote!“

Da wachte Salomo auf und dankte Gott

für sein großes Versprechen.

Bald danach zeigte sich,

wie weise Salomo war:

Es war an einem Tag,

da der König Gericht hielt.

Salomo saß auf seinem Thron

und empfing seine Untertanen.

Da stürzten zwei Frauen herein.

Sie schrien einander an.

Jede Frau trug ein Kind auf dem Arm.

Das eine Kind strampelte vergnügt.

Das andere rührte sich nicht.

Es war tot.

„Das lebendige Kind gehört mir!“,

schrie die eine Frau.

„Nein, mir“, schrie die andere zurück.

„Du lügst“, rief die eine.

„Nein, du“, rief die andere noch lauter.

Da hob Salomo die Hand.

„Erzählt mir, was geschehen ist!“

„O König!“, rief die eine Frau.

„Wir beide wohnen in einem Haus

und schlafen in einem Raum.

Jede von uns hat ein Kind.

Doch ihr Kind

ist in dieser Nacht gestorben.“

„Nein“, rief die andere Frau.

„Es war dein Kind.

Mein Kind lebt.

Dein Kind ist tot.

Ich will das lebendige Kind haben.“

„Nein“, rief die erste.

„Ich will es haben.

Ich bin die Mutter.“

So zankten sie sich,

zeterten und schrien sich an.

Und niemand wusste,

wer von den beiden Recht hatte.

Da befahl Salomo:

„Bringt mir ein Schwert

und teilt das lebendige Kind!

Teilt es gerecht in zwei Teile!“

Aber da schrie die eine Frau:

„Nein, lasst es am Leben!

Gebt es lieber der anderen Frau!“

Doch die andere Frau sagte kalt:

„Warum nicht?

Das ist doch gerecht!

Dann haben wir beide kein Kind mehr.“

Nun wusste König Salomo,

wer die wahre Mutter war.

Er befahl seinen Dienern:

„Gebt das Kind der Frau,

die sich gewehrt hat!

Denn sie ist die Mutter.“

Da nahm die Mutter

ihr Kind auf den Arm

und trug es glücklich nach Hause.

Doch alle, die dabei standen,

staunten und wunderten sich.

Und sie erzählten im ganzen Land:

„Wie weise ist unser König Salomo!“

1. Könige 3

65. Salomo baut den Tempel

Salomos Weisheit wurde bald

in allen Ländern bekannt.

Viele Völker schickten Gesandte zu ihm

und schlossen Freundschaft mit ihm.

Auch weise Gelehrte

und vornehme Fürsten besuchten ihn

und bewunderten seine Klugheit.

Salomo hatte jeden Tag

so viele Gäste an seinem Tisch,

dass er täglich neunzig Säcke Mehl

für sein Königsmahl brauchte.

Auch hatte er viele Tausend Pferde

in seinen Reitställen

und noch mehr Knechte,

die sie versorgten.

Salomo führte keinen Krieg.

So wurde er immer reicher,

und seine Schatzkammern

wurden von Tag zu Tag voller.

Eines Tages reiste eine Königin

aus dem fernen Arabien an

mit vielen Dienern und mit Kamelen.

Sie brachte Salomo kostbare Geschenke,

Edelsteine und duftende Salben

und viele Säcke voll Gold.

Die Königin hatte in ihrem Land

von Salomos Weisheit gehört.

Nun war sie gekommen,

um seine Weisheit zu prüfen.

Salomo empfing sie

in seinem prächtigen Palast

und lud sie zum Festmahl

an seinen Tisch.

Da stellte ihm die Königin

viele schwierige Fragen.

Aber Salomo wusste auf alle Fragen

die richtige Antwort.

„Wie weise und reich du bist!“,

staunte die Königin.

„Viel weiser und reicher

als alle anderen Menschen!

Gelobt sei dein Gott,

der dich zum König gemacht hat!“

So wurde Salomos Name

in aller Welt berühmt.

Aber Salomo sagte sich:

Nicht mein Name

soll gerühmt werden.

Gottes Name soll allein

geehrt werden.

Denn was ich habe,

das habe ich alles von Gott.

Darum will ich für Gott

einen Tempel bauen.

Der soll die Mitte

in meinem Königreich sein,

damit dort Gottes Name geehrt wird.

Da ließ Salomo einen Tempel bauen,

größer und prächtiger,

als sein Vater David

es jemals gekonnt hätte.

Er schickte Holzfäller in die Berge

und Steinhauer in die Steinbrüche.

Die schlugen die Steine aus dem Fels.

Und ein Heer von Lastträgern

brachte sie nach Jerusalem.

Sieben Jahre lang

wurde am Tempel gebaut.

Die Bauleute setzten Stein auf Stein,

fügten das Holz zusammen

und schmückten es mit Gold

und kunstvollem Schnitzwerk.

Sie arbeiteten so leise,

dass man kein Hämmern und Sägen

auf dem Tempelberg hörte.

Endlich stand der Tempel fertig da.

Prachtvoll sah er aus,

hoch oben auf dem Berg,

schon von weitem für alle sichtbar.

Innen aber war ein dunkler Raum,

der war für die Lade Gottes bestimmt.

Nur der oberste Priester sollte

dieses „Allerheiligste“ sehen.

Danach feierte Salomo

mit seinem ganzen Volk

ein großes Tempelweihfest.

In einem fröhlichen Festzug

zogen sie zum Tempel.

Und Priester trugen die Lade Gottes

ins Allerheiligste hinein.

Dann stellte sich Salomo

vor den großen Altar,

hob seine Hände auf und betete laut

vor der ganzen Gemeinde:

„Herr, wer ist dir gleich?

Kein Himmel kann dich fassen.

Wie kann dich dann

dieser Tempel fassen?

Doch bitten wir dich:

Sieh auf dieses Haus

bei Tag und bei Nacht!

Höre auf uns,

wenn wir deinen Namen anrufen!“

Danach breitete Salomo seine Hände

über der Gemeinde aus,

segnete sie und rief laut:

„Gelobt sei der Herr, unser Gott,

der alles erfüllt hat,

was er versprochen hat!

Der Herr sei mit uns, wie er

mit unseren Vorfahren gewesen ist.

Er schenke uns,

dass wir immer bei ihm bleiben

und nur auf ihn hören.“

Acht Tage feierte Salomo

mit seinem Volk das Tempelweihfest

voll Freude über all das Gute,

das Gott ihnen geschenkt hatte.

Danach gingen alle fröhlich

und mit neuem Mut an ihre Arbeit.

*

Doch als Salomo älter wurde,

vergaß er, was er versprochen hatte.

Er baute Altäre für andere Götter,

opferte ihnen und betete sie an.

Da sprach Gott zu Salomo:

„Warum hast du nicht

dein Versprechen gehalten?

Nun bleibt auch dein Königreich

nicht erhalten.

Dein Sohn wird nur einen Teil

deines großen Reiches erben.

Und ein anderer wird König

neben ihm sein.“

1. Könige 5–11

VI
Gott sendet seine Propheten

Als Salomo gestorben war,

traf ein, was der Prophet

zu Salomo gesagt hatte:

Das große Königreich

wurde in zwei Teile geteilt.

Im Reich Juda regierten Könige,

die aus der Familie Davids stammten.

Sie wohnten in Jerusalem

wie einst ihre Väter David und Salomo.

Im Reich Israel aber

regierten andere Könige,

die nicht zu Davids Familie gehörten.

Sie regierten in der Stadt Samaria

und gingen eigene Wege.

Sie kümmerten sich nicht um Gott,

sondern holten andere Götter

in ihr Land und dienten ihnen

mehr als dem Gott Israels.

Aber Gott schickte ihnen

immer wieder Propheten.

Die verkündeten ihnen Gottes Wort

und riefen das Volk zu Gott zurück.

66. Elia

Im Reich Israel herrschte lange Zeit

ein mächtiges Königspaar:

König Ahab und seine Frau Isebel.

Sie wohnten in der Stadt Samaria

in einem großen Königspalast

wie die Könige,

die in Jerusalem herrschten.

Sie hatten dort alles,

was sie sich wünschten.

Aber einen Tempel hatten sie

in Samaria nicht.

Da sagte sich Ahab:

„Ich will nicht, dass mein Volk

zum Tempel nach Jerusalem geht.

Mein Volk soll einen eigenen Tempel

und einen eigenen Gott haben,

der besser ist als der Gott,

dem unsere Väter gedient haben.

Aber welchen Gott soll ich nehmen?“

Ahab fragte seine Frau Isebel:

„Kennst du einen Gott,

der besser ist als der Gott Israels?“

Isebel stammte nämlich

aus einem fremden Land,

wo man andere Götter verehrte.

„Ja“, sagte Isebel,

„nimm doch meinen Gott Baal!

Der ist besser als euer Gott.

Er gibt Sonnenschein und Regen.

Er lässt das Gras wachsen

und Blumen und Bäume.

Er lässt die Früchte reifen

und auch das Korn auf dem Feld.“

Das gefiel Ahab gut.

Er ließ in Samaria für Baal

einen großen Tempel bauen.

Dort stellte er

ein Bild von Baal auf.

Und er setzte viele Priester ein,

die ihm dienten.

Dann schickte er Boten

in das Land Israel

und ließ allen sagen:

„Kommt und betet Baal an!

Der gibt euch, was ihr braucht.“

Da kamen sie alle nach Samaria

und beteten Baal an

und vergaßen den Herrn, ihren Gott.

So ging es viele Jahre.

Eines Tages aber kam ein Mann

zu Ahab in den Königspalast.

Er sah ganz anders aus

als die Diener des Königs

und seine Priester.

Er trug einen rauen Mantel

und einen ledernen Gürtel

um seine Hüften.

Elia war es,

der Prophet Gottes.

Er stellte sich Ahab in den Weg,

sah ihn ernst an

und sprach:

„So wahr der Herr,

der Gott Israels, lebt,

dem ich diene:

Von jetzt an wird es

keinen Regen mehr geben

und keinen Tau am Morgen,

so lange, wie Gott es bestimmt.“

Dann drehte er sich um

und ging wortlos hinaus.

Einen Augenblick lang

war es ganz still im Palast.

Aber dann lachte der König.

Und seine Diener riefen: „Ach was!

Was kümmert uns sein Gott!

Wir haben ja Baal!

Der gibt uns genug Regen,

wenn wir ihn darum bitten.“

Doch an den folgenden Tagen

regnete es nicht.

Wochen vergingen.

Es regnete immer noch nicht.

Jeden Tag strahlte die Sonne.

Die Erde wurde trocken.

Die Bäche trockneten aus.

Das Gras verdorrte.

Die Blumen verwelkten.

Die Blätter fielen von den Bäumen.

Und das Korn verbrannte

auf den Feldern.

Da bekam der König auf einmal Angst.

Er merkte:

Elia hatte die Wahrheit gesagt.

Er rief seine Soldaten und befahl:

„Auf, sucht Elia

und bringt ihn hierher!

Elia ist an allem Unglück schuld.“

Da zogen seine Soldaten

durch das ganze Land,

um Elia zu suchen.

Aber sie fanden ihn nicht.

1. Könige 16,29–17,1

67. Elia im fremden Land

Elia hielt sich am Bach Krit

in einem entlegenen Tal versteckt.

Dort gab es noch Wasser.

Jeden Tag ging er zum Bach

und trank sich satt.

Und jeden Tag

kamen Raben geflogen,

morgens und abends.

Die brachten Brot und Fleisch

in ihrem Schnabel

und ließen es vor Elia fallen.

Aber nach einiger Zeit

trocknete der Bach aus.

Da sprach Gott zu Elia:

„Steh auf und zieh weg von hier!

Geh in die Stadt Zarpat,

die im Nachbarland liegt!

Dort wirst du eine Witwe finden,

die wird für dich sorgen.“

Da brach Elia auf

und wanderte nach Zarpat.

Als er an das Stadttor kam,

sah er eine Frau,

die gerade Holz auflas.

Elia ging auf sie zu und fragte sie:

„Hast du ein wenig Wasser für mich?

Ich komme von weit her

und habe großen Durst.“

Da ging die Frau zu ihrem Haus,

um einen Krug Wasser zu holen.

„Warte!“, rief Elia hinter ihr her.

„Bring mir auch ein Stück Brot mit!

Ich habe schon lange

nichts mehr gegessen.“

Aber die Frau sah ihn traurig an.

„Mein Herr“, sagte sie,

„ich habe kein Brot mehr im Haus,

kein einziges Stück.

Ich habe nur noch

ein wenig Mehl im Topf

und ein paar Tropfen Öl im Krug.

Davon kann ich gerade noch

einen kleinen Kuchen backen.

Der ist für mich und meinen Sohn.

Darum habe ich soeben

Holz aufgelesen,

damit ich Feuer machen

und den Kuchen backen kann.

Danach haben wir beide

nichts mehr zu essen

und müssen verhungern.“

Da merkte Elia, dass sie die Witwe war,

von der Gott gesprochen hatte.

„Mach dir keine Sorgen!“,

sagte er zu ihr.

„Geh in dein Haus,

back einen Kuchen

und bring ihn zu mir heraus,

damit ich ihn essen kann.

Dann back noch einen Kuchen

für deinen Sohn und für dich!

Es wird genug übrig sein.

Denn so spricht der Herr,

der Gott Israels:

Das Mehl im Topf

und das Öl im Krug

sollen nicht zu Ende gehen

bis zu dem Tag,

an dem Gott, der Herr,

wieder Regen geben wird.“

Da hörte die Frau auf Elia

und ging in ihr Haus.

Sie zündete ein Feuer an,

nahm das Mehl und das Öl,

machte einen Kuchen

und brachte ihn Elia.

Der nahm den Kuchen und aß ihn auf.

Aber sieh da!

Im Topf war noch genug Mehl übrig.

Und im Krug war noch genug Öl.

Die Frau machte noch einen

und noch einen Kuchen.

Alle drei wurden satt,

Elia, die Frau und ihr Sohn.

Es war genug da.

Auch an den folgenden Tagen

war immer genug da.

Das Mehl und das Öl gingen nicht aus,

solange Elia bei ihnen lebte.

*

Elia wohnte lange Zeit in Zarpat.

Aber eines Tages wurde

der Sohn der Witwe schwer krank.

Und bald darauf starb er.

Als aber die Frau sah,

dass ihr Sohn tot war,

weinte sie und schrie:

„Elia, wärst du doch nie

zu uns gekommen!

Du bist schuld,

dass mein Sohn tot ist.“

Elia aber nahm den Sohn

auf seine Arme,

trug ihn in seine Kammer,

legte ihn auf sein Bett

und betete laut: „Ach Herr,

bitte lass das Kind wieder leben!“

Da kam auf einmal wieder

Leben in den Jungen.

Er atmete,

schlug seine Augen auf

und richtete sich auf.

Sogleich trug ihn Elia

zu seiner Mutter zurück.

„Sieh“, sagte Elia, „dein Sohn lebt!“

Die Mutter aber war sprachlos.

Ihr Sohn, ihr einziger Sohn, lebte!

„Ja“, rief sie voll Staunen,

„nun glaube ich wirklich,

dass du ein Prophet bist.

Denn was du sagst, das ist wahr

und kommt von Gott.“

1. Könige 17

68. Elia auf dem Berg Karmel

Nach drei Jahren sprach Gott zu Elia:

„Geh wieder zurück in dein Land!

Denn bald will ich es

wieder regnen lassen.“

Da brach Elia auf

und kehrte nach Israel zurück.

Als aber Ahab hörte,

dass Elia wieder im Land war,

ging er ihm entgegen

und rief zornig:

„Bist du wieder da,

du Unglückseliger?

Du bringst uns nur Unglück.“

„Nein“, gab Elia zurück.

„Du hast das Unglück

über das Land gebracht.

Du hast den Gott Israels verlassen

und seine Gebote vergessen.

Du hast nur Baal im Sinn.

Aber wir wollen sehen,

wer Recht hat, du oder ich.

Ruf dein Volk

und alle deine Priester

auf dem Berg Karmel zusammen!

Dort werden wir sehen,

wer der wahre Gott ist:

dein Gott Baal oder der Herr,

der Gott Israels.“

Da ließ der König

im ganzen Land ausrufen:

„Kommt alle auf den Berg Karmel!“

Und von allen Seiten

strömten die Leute herbei

und stiegen auf den Berg Karmel.

Auch viele Baalspriester

versammelten sich auf dem Berg,

mehr als vierhundert.

Und alle warteten gespannt,

was Elia vorhatte.

Elia aber stellte sich

vor das Volk und rief laut:

„Wie lange wollt ihr noch

hin und her schwanken?

Ist der Herr der wahre Gott,

dann folgt ihm nach!

Ist aber Baal der wahre Gott,

dann folgt ihm nach!“

Da wurde es auf einmal

ganz still in der Menge.

Alle schwiegen betroffen.

Elia aber befahl:

„Bringt uns zwei Stiere!

Den einen für die Baalspriester!

Den sollen sie Baal opfern

und danach ihren Gott anrufen.

Den anderen Stier aber für mich!

Den will ich opfern

und den Herrn anrufen.

Dann werden wir sehen,

wer der wahre Gott ist:

Baal oder der Gott Israels.

Der wird es sein,

der das Gebet erhört

und das Opfer im Feuer verbrennt.

Der ist der wahre Gott.“

Da brachten sie zwei Stiere herbei.

Und die Baalspriester

nahmen den einen Stier,

schlachteten ihn,

legten ihn auf ihren Altar

und schrien laut:

„Baal, erhöre uns!

Baal, erhöre uns!“

Von morgens bis mittags riefen sie

und hüpften und tanzten

um ihren Altar.

Aber es geschah nichts, gar nichts.

Da spottete Elia:

„Ruft lauter!

Vielleicht schläft euer Gott.

Oder vielleicht denkt er nach.

Vielleicht ist er auch verreist.“

Da riefen sie noch lauter:

„Baal, erhöre uns!

Baal, erhöre uns!“

Und sie ritzten sich mit Messern,

bis das Blut herabfloss.

Aber nichts geschah, gar nichts.

Schon war der Mittag vorüber.

Da rief Elia:

„Kommt alle zu mir!“

Und er nahm zwölf Steine

und baute für Gott einen Altar.

Aber rings um den Altar

grub er einen breiten Graben.

Dann schichtete er Holz

auf den Altar,

schlachtete den Stier,

legte ihn auf den Holzstoß

und goss dreimal Wasser darüber,

sodass das Wasser den Graben füllte.

Und Elia betete laut:

„Du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs!

Zeige doch heute dem Volk,

dass du allein Gott in Israel bist

und dass ich dein Knecht bin!

Erhöre mich, Herr! Erhöre mich!“

Da – plötzlich schreckten alle zurück.

Feuer fiel vom Himmel herab.

Das Opfer verbrannte

mitsamt dem Altar.

Sogar das Wasser im Graben

war vom Feuer verschluckt.

Als die Menschen das sahen,

warfen sie sich auf die Erde,

beteten Gott an und riefen alle:

„Der Herr ist Gott!

Ja, er ist wirklich Gott!“

Voll Staunen kehrten sie heim.

Nie mehr wollten sie vergessen,

dass der Herr, der Gott Israels,

ihr Gott war.

Elia aber blieb allein

auf dem Berg zurück.

Er warf sich auf die Knie

und bat Gott um Regen.

Lange Zeit kniete er auf der Erde,

betete und wartete.

Aber nichts geschah.

Der Himmel blieb blau wie zuvor.

Endlich, nach vielen Stunden,

zog eine Wolke über dem Meer auf.

Sie wurde größer und größer.

Mit einem Mal war der Himmel

schwarz von Wolken.

Da brach der Regen los.

Es schüttete. Es goss.

Es hörte gar nicht mehr auf.

Die Erde trank das Wasser.

Die Flüsse füllten sich.

Die welken Halme

richteten sich wieder auf.

Alle tranken sich satt,

Menschen und Tiere.

Da erkannte das Volk Israel,

dass der Herr, ihr Gott,

auch Herr über Wind und Wetter war.

1. Könige 18

69. Elia in der Wüste

König Ahab kehrte zu Isebel zurück

und erzählte ihr alles,

was Elia getan hatte.

Da wurde Isebel sehr zornig.

Sie schickte einen Boten zu Elia

und ließ ihm sagen:

„Bei meinen Göttern!

Du musst sterben.

Morgen bist du tot.“

Als Elia das hörte,

floh er in die Wüste,

so schnell er konnte.

Er lief und hielt nicht an,

bis es Abend wurde.

Da warf er sich erschöpft

unter einen Strauch auf die Erde

und rief: „Es ist genug.

Ich kann nicht mehr.

Herr, lass mich sterben!

Ich bin auch nicht besser,

als andere vor mir waren.“

Danach fiel er

in einen langen, tiefen Schlaf.

Aber plötzlich wachte er auf.

Jemand hatte ihn berührt.

Wer war das?

Elia schlug seine Augen auf.

Da sah er einen Mann vor sich,

einen Engel Gottes.

„Elia“, sprach der Engel,

„steh auf und iss!“

Elia schaute sich um.

Tatsächlich!

Da lag ein geröstetes Brot.

Auch ein Wasserkrug stand dabei.

Elia aß von dem Brot

und trank das Wasser.

Dann legte er sich wieder hin

und schlief ein.

Aber der Engel

berührte ihn noch einmal und rief:

„Elia, steh auf und iss!

Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“

Da stand Elia auf, stärkte sich

und machte sich auf den Weg.

Vierzig Tage lang

wanderte er durch die Wüste,

bis er an den Berg Gottes kam.

Und weil er müde war,

suchte er eine Höhle auf

und blieb dort über Nacht.

Aber Elia konnte nicht schlafen.

War Gott nicht einst

an diesem Berg zu Mose gekommen?

Ob Gott sich auch ihm zeigen würde?

Da kam ein großer Sturm auf.

Draußen vor der Höhle

rauschte und brauste es.

Steine lösten sich vom Berg

und donnerten herab.

Sicher ist Gott im Sturm,

dachte Elia erschrocken.

Aber Gott war nicht im Sturm.

Da kam plötzlich ein Erdbeben.

Der Boden wankte und bebte.

Sicher ist Gott im Erdbeben,

dachte Elia erschrocken.

Aber Gott war nicht im Erdbeben.

Da brach ein Unwetter los.

Der Blitz schlug ein.

Draußen brannte es lichterloh.

Sicher ist Gott im Feuer,

dachte Elia erschrocken.

Aber Gott war nicht im Feuer.

Schließlich kam ein sanfter Wind.

Da hüllte Elia sein Gesicht

in seinen Mantel.

Er spürte:

Nun war Gott ihm ganz nah.

Und Gott sprach:

„Elia, was machst du hier?“

„Ach Herr“, antwortete Elia,

„ich habe mich mit Eifer

für dich eingesetzt.

Denn das Volk Israel

hat dich verlassen und vergessen.

Ich bin der Einzige,

der noch zu dir hält.

Doch mich wollen sie töten.“

Aber Gott sprach zu Elia:

„Geh wieder zurück!

Geh zu einem Mann namens Elisa

und mach ihn zum Propheten

an deiner Stelle!

Geh nur und vergiss nicht:

Du bist nicht allein.

Es gibt noch andere,

die nicht Baal, sondern mir dienen.

Siebentausend sind es,

die mir dienen.

Ich will sie alle bewahren.“

Da gehorchte Elia

und kehrte ins Land Israel zurück.

Dort fand er Elisa.

Der pflügte gerade sein Feld.

Elia ging auf ihn zu

und legte seinen Mantel um ihn.

Da ließ Elisa seinen Pflug stehen,

nahm Abschied von seinen Eltern

und zog mit Elia.

Nicht lange danach

nahm Gott Elia zu sich.

Gott holte ihn im Gewitter heim,

in einem feurigen Wagen

mit feurigen Pferden.

Elisa aber wurde an Elias Stelle

Gottes Prophet.

1. Könige 19 (2. Könige 2,11)

70. Elisa und Naaman

Bald darauf fielen

Soldaten aus Syrien

in das Land Israel ein

und raubten alles, was ihnen gefiel.

Auch ein junges Mädchen

nahmen sie als Gefangene mit

und brachten es nach Syrien

zu ihrem General namens Naaman.

Der nahm das Mädchen

als Sklavin in sein Haus auf.

Naaman war in seinem Land

ein hochgeachteter Mann,

aber schwer krank.

Er hatte den Aussatz.

An seinen Händen und Füßen

und in seinem Gesicht

faulte die Haut.

Kein Arzt konnte ihm helfen.

Als aber das Mädchen aus Israel

von seiner Krankheit erfuhr,

sagte es traurig:

„Ach, könnte mein Herr

doch nach Israel fahren!

Dort gibt es einen Propheten,

der könnte ihm helfen.“

Da zögerte der General nicht lange.

Er bat seinen König um Urlaub,

ließ die Pferde anspannen,

lud kostbare Geschenke

auf seinen Wagen

und fuhr nach Israel.

Aber wo sollte er dort

den Propheten finden?

Naaman wusste ja gar nicht,

was ein Prophet ist.

So fuhr er in die Hauptstadt Samaria,

ging in den Königspalast

und bat den König um Hilfe.

„Wie?“, rief der König erschrocken.

„Ich soll dir helfen?

Ich bin doch kein Gott.

Ich kann dich nicht heilen.“

Da kam ein Bote herein.

„O König“, sagte der Bote

und verneigte sich tief.

„Elisa, der Prophet,

schickt mich zu dir.

Er lässt dir sagen:

,Warum schickst du Naaman

nicht zu mir?

Dann wird er schon merken,

was ein Prophet ist.‘“

Da fuhr Naaman schnell

zum Haus des Elisa

und hielt vor seiner Tür an.

Aber nicht Elisa,

nur sein Diener kam zu ihm heraus.

Der richtete Naaman aus:

„Kehr wieder um

und wasch dich im Jordan!

Tauch siebenmal unter!

Dann bist du gesund.“

„Wie?“, rief Naaman empört.

„Ich soll mich im Jordan waschen?

In diesem dreckigen Fluss?

Dazu bin ich doch nicht

aus Syrien gekommen!

Ich dachte, der Prophet

kommt zu mir heraus.

Er betet für mich

und macht mich gesund!

Aber er hat mich nicht einmal begrüßt.

Auf, wir fahren nach Syrien zurück!

Dort gibt es besseres Wasser als hier.“

Aber seine Diener redeten ihm zu:

„Ach, lieber Naaman!

Warum bist du so wütend?

Versuch’s doch einmal!

Es kann dir nicht schaden.

Tu, was der Prophet sagt,

und wasch dich im Jordan!

Wer weiß,

vielleicht hilft es dir doch?“

Da hörte Naaman auf seine Diener.

Er fuhr zum Jordan,

stieg in das Wasser

und tauchte siebenmal unter.

Und sieh da!

Seine Haut wurde ganz rein.

An den Händen und Füßen

und auch im Gesicht

war nichts mehr zu sehen.

Schnell stieg Naaman

wieder in seinen Wagen

und fuhr zu Elisa zurück.

Dort holte er seine Geschenke

aus dem Wagen hervor

und breitete sie vor Elisa aus,

Säcke voll Gold und Silber

und kostbare Kleider.

„Das alles gehört dir“,

rief Naaman glücklich.

„Nimm dies zum Dank!“

Doch Elisa wies alles zurück.

„Nein, ich nehme nichts an,

kein einziges Stück,

so wahr der Gott lebt,

dem ich diene.“

„Ja, du hast Recht“, sagte Naaman.

„Dein Gott lebt wirklich.

Er ist der einzige wahre Gott,

und sonst ist kein anderer Gott.

Deinem Gott will auch ich dienen,

solange ich lebe.“

2. Könige 5,1–17

71. Jona

Zu jener Zeit gab es

noch ein anderes Volk,

das Israel bedrohte,

das Volk der Assyrer.

Es war viel mächtiger

als das Volk der Syrer

und alle anderen Völker ringsum.

Es hatte ein riesiges Heer

und einen mächtigen König.

Der herrschte wie ein Gott

in der großen Stadt Ninive.

Die Israeliten zitterten vor Angst,

wenn sie an die Assyrer dachten.

Sie sagten sich:

„Hoffentlich kommen die Assyrer

nicht eines Tages zu uns

und nehmen unser Land ein.

Dann ist es aus mit uns allen.“

Auch erzählten sie sich

furchtbare Geschichten

von den grausamen Assyrern

und der gottlosen Stadt Ninive.

Aber eine Geschichte

war anders als alle anderen:

die Geschichte

von dem Propheten Jona,

den Gott nach Ninive sandte.

Und dies ist seine Geschichte:

Jona war ein Prophet in Israel.

Eines Tages sprach Gott zu ihm:

„Jona, steh auf!

Verlasse dein Land

und geh in die Stadt Ninive!

Warne die Menschen dort!

Denn sie richten großes Unheil an.“

Da erschrak Jona.

„Nach Ninive?“, sagte er sich.

„Nein, da gehe ich nicht hin.

Dort wohnen doch meine Feinde!

Sollen die Menschen dort machen,

was sie wollen!

Mich geht das nichts an.

Ich gehe nicht nach Ninive.

Aber ich weiß, was ich mache:

Ich laufe einfach davon.

Dann kann mich

Gott nicht mehr finden.

Dann muss ich auch nicht

nach Ninive gehen.“

Da stand Jona auf und lief weg.

Nicht nach Ninive,

sondern zum Meer lief er.

Dort lag ein Schiff im Hafen,

das fuhr zu der fernen Stadt Tarsis,

die weit im Westen lag.

Jona ging hin und bat:

„Kann ich mit euch fahren?“

Und er zahlte das Fahrgeld,

stieg in das Schiff

und fuhr auf und davon.

Der Wind blies voll in die Segel.

Das Schiff glitt ruhig durchs Wasser.

Aber Jona sah nichts davon.

Er lag ganz unten im Schiff

und dachte zufrieden:

Hier kann Gott mich nicht sehen.

Da zog plötzlich ein Unwetter auf.

Der Himmel wurde ganz schwarz.

Es blitzte. Es donnerte.

Der Sturm brauste

und peitschte über das Wasser.

Und haushohe Wellen

schlugen gegen das Schiff,

sodass es krachte.

Da erschraken alle Matrosen

und schrien vor Angst.

Sie hoben die Hände zum Himmel

und beteten zu ihren Göttern:

„Rettet uns!

Helft uns, ihr Götter!“

Aber Jona lag unten im Schiff.

Er schlief tief und fest.

Da stieg der Kapitän zu ihm hinab,

rüttelte ihn wach und rief:

„Was fällt dir ein?

Wie kannst du jetzt schlafen?

Steh auf! Ruf deinen Gott an!

Vielleicht hilft er uns.“

Da stand Jona schnell auf

und ging zu den anderen an Deck.

Als er aber den Sturm

und die Wellen sah,

da wusste er plötzlich:

Gott hatte ihn gefunden.

„Bist du schuld an dem Sturm?“,

fragten ihn die Matrosen.

„Ja“, sagte Jona, „ich bin es.“

Die anderen schauten Jona entsetzt an.

„Wer bist du denn?“, fragten sie.

„Und woher kommst du?“

Jona antwortete:

„Ich komme aus dem Land Israel.

Und ich glaube an Gott,

den Herrn, der die Erde

und alle Meere gemacht hat.

Aber ich bin vor ihm geflohen.

Darum hat er diesen Sturm geschickt.“

„Aber“, so fragten die anderen,

„was sollen wir nun mit dir machen?“

Jona schlug vor:

„Werft mich ins Wasser!

Dann hört der Sturm sicher auf.“

Aber die Matrosen

wollten es anders versuchen.

Sie legten sich in die Ruder

und ruderten mit aller Kraft.

Doch sie kamen nicht

gegen den Wind an.

Da wussten sich die Matrosen

keinen Rat mehr.

„Ach Herr“, beteten sie,

„vergib uns, was wir jetzt tun!“

Und sie packten Jona

und warfen ihn in das Wasser.

Da hörte der Sturm plötzlich auf.

Die Wellen legten sich.

Und der Himmel hellte sich auf.

Als die Matrosen das sahen,

beteten sie Gott an

und brachten ihm Opfer.

Aber Jona?

Was wurde aus ihm?

Ertrank er im Meer?

Nein, Gott schickte

einen riesigen Fisch.

Der verschluckte Jona

mit Haut und mit Haar.

Und noch bevor Jona begriff,

was mit ihm geschah,

saß er im Bauch des Fisches.

Es war dunkel um Jona her

und sehr eng.

Aber er war gerettet!

Da sang Jona ein Danklied

und sprach dieses Gebet:

„Ich rief zu dem Herrn

in meiner Angst.

Und er antwortete mir.

Wasser umgaben mich

und gingen mir ans Leben.

Aber du hast mein Leben

aus dem Verderben geführt,

Herr, mein Gott!“

Jona 1–2

72. Jona in Ninive

Nach drei Tagen

spuckte der Fisch Jona aus

und schleuderte ihn an die Küste.

Da sprach Gott noch einmal:

„Jona, steh auf!

Geh nach Ninive!

Sag den Menschen dort alles,

was ich dir sagen werde!“

Da gehorchte Jona,

stand auf und ging nach Ninive.

Aber wie staunte er,

als er die Stadt sah!

Sie war viel größer und schöner

als alle anderen Städte.

Drei Tage brauchte man,

um von einem Ende

zum anderen zu kommen.

Jona ging in die Stadt hinein.

Entsetzt sah er, was dort

auf den Straßen und Plätzen geschah.

Die Menschen waren brutal

und schreckten auch nicht

vor dem Schlimmsten zurück.

Und plötzlich wusste Jona,

was er diesen Menschen

von Gott mitteilen sollte.

Er stellte sich auf den Marktplatz

und rief laut:

„So spricht Gott, der Herr:

Es sind noch vierzig Tage,

dann wird Ninive untergehen.“

Da horchten die Menschen auf.

Sie blieben stehen.

Sie wurden blass.

Sie schauten einander entsetzt an.

Immer mehr Menschen kamen

und hörten, was Jona rief.

„Was sollen wir tun?“,

fragten alle erschrocken.

„Wir haben Gott beleidigt.“

„Wir wollen beten.“

„Wir wollen uns ändern.“

So riefen sie durcheinander.

Als aber der König davon hörte,

legte er seinen Königsmantel ab,

zog ein Trauerkleid an

und befahl allen:

„Lasst euer Streiten, Schlagen,

Stehlen und Morden!

Und betet zu Gott!

Vielleicht wendet er das Unglück

noch einmal von uns ab.“

Und alle, die in Ninive wohnten,

beteten zu Gott,

Frauen, Männer und Kinder.

Jona aber baute sich draußen

vor der Stadt eine Hütte.

Dort setzte er sich hin

und wartete darauf,

dass die Stadt zerstört würde.

Endlich sollten die Menschen

ihre gerechte Strafe bekommen!

Aber es geschah nichts.

Ninive stand immer noch

in seiner Pracht da.

Da packte Jona der Zorn.

Er klagte Gott an:

„Ich hab’s mir ja gleich gedacht!

Darum wollte ich auch nicht

nach Ninive gehen.

Du tust ja doch nicht, was du sagst.

Du lässt dich wieder überreden.

Und am Ende vergibst du

den Menschen.“

Auf einmal sah Jona eine Pflanze,

die sich an seiner Hütte hochrankte.

Ihre Zweige reichten schon

über das Dach.

Jona wunderte sich.

Er hatte gar nicht bemerkt,

wie sie gewachsen war.

„Nun habe ich endlich

Schatten vor meiner Hütte“,

sagte er zu sich selbst.

„Wenigstens ein kleiner Trost!“

Aber am nächsten Morgen

waren die Blätter welk.

Da schimpfte Jona mit Gott:

„Warum lässt du die Pflanze wachsen,

wenn du sie mir

gleich wieder wegnimmst?

Nun habe ich keinen Schatten mehr.

Die Sonne sticht mir auf den Kopf.

Ich mag nicht mehr.

Am liebsten möchte ich sterben.“

Aber Gott sprach zu Jona:

„Wie, Jona?

Dir ist es leid um die Pflanze,

weil sie verdorrt ist?

Aber um die Menschen in Ninive

ist es dir nicht leid?

Du kannst ruhig zusehen,

wie sie sterben?

Ich kann das nicht.

Ich kann nicht mit ansehen,

wie sie verderben,

Menschen und Tiere.“

Da schwieg Jona und dachte bei sich:

Wie geduldig und barmherzig

ist Gott mit seinen Menschen

– und sogar mit mir!

Jona 3–4

73. Jesaja und König Hiskia

Eines Tages brach ein großes Unglück

über das Land Israel herein.

Die Assyrer kamen

mit ihrem gewaltigen Heer

und nahmen das Land ein.

Sie zerstörten die Städte,

zündeten die Häuser an

und verwüsteten das Land.

Viele Menschen wurden

gefangen genommen

und nach Assyrien verschleppt.

Nun gab es kein Königreich Israel mehr,

nur noch das Königreich Juda,

das Land rings um Jerusalem.

Dort regierten immer noch Könige

aus der Familie Davids.

Aber wie lange noch?

Zu der Zeit kam in Jerusalem

König Hiskia auf den Thron.

Der war ganz anders als König Ahab.

Er hörte auf Gott

und auf seine Propheten.

Und er tat, was Gott gefiel.

Aber bald darauf fielen die Assyrer

auch in sein Land ein,

mit ihrem gewaltigen Heer,

mit Wagen und schnellen Pferden.

Sie rückten bis nach Jerusalem vor.

Dort machten sie halt

und schlugen ihr Kriegslager auf.

Ihre Anführer aber

ritten bis an das Stadttor heran

und riefen durch das verschlossene Tor:

„Wo ist euer König Hiskia?

Wir wollen ihn sprechen.“

Da kamen drei Minister

des Königs zu ihnen heraus,

um mit ihnen zu sprechen.

Doch die beiden Anführer

riefen zur Stadtmauer hoch:

„Hört, ihr Leute von Jerusalem

dort auf der Mauer!

Auf wen verlasst ihr euch?

Verlasst ihr euch immer noch

auf euren Gott?

Ha, ihr seht doch:

Wir sind stärker als euer Gott.“

Sie höhnten und schrien so laut,

dass alle auf der Mauer es hörten.

Da überfiel alle furchtbare Angst.

Auch König Hiskia erschrak,

als er davon hörte.

Was sollte er tun?

Er konnte seinem Volk nicht helfen.

Wenn Gott uns nicht hilft,

dachte er bange,

dann sind wir verloren.

Hiskia ging in den Tempel

und betete lange zu Gott.

Dann schickte er seinen Minister

zu dem Propheten Jesaja

und ließ ihn fragen:

„Hast du für mich

eine Nachricht von Gott?“

Da ließ Jesaja ihm sagen:

„Fürchte dich nicht

vor den Assyrern

und vor ihren starken Worten!

Gott wird dir helfen.“

Aber bald darauf kam

ein Bote der Assyrer

und übergab dem König einen Brief,

darin stand geschrieben:

„So spricht Sanherib,

der mächtige König von Assyrien:

,Verlass dich nicht auf deinen Gott!

Er kann dich nicht

aus meiner Hand retten.‘“

Als Hiskia den Brief las,

erschrak er furchtbar.

Zitternd nahm er den Brief,

ging noch einmal zum Tempel,

kniete dort nieder

und breitete den Brief vor Gott aus.

„Ach Herr!“, schrie er verzweifelt.

„Sieh, wie der assyrische König

dich verhöhnt und verspottet.

Lass es nicht zu!

Rette uns vor ihm,

damit alle sehen,

dass du allein Gott bist.“

Da ging plötzlich die Tür auf.

Ein Mann kam leise herein.

Er ging auf Hiskia zu und sagte:

„Jesaja schickt mich zu dir.

Er lässt dir sagen:

Gott hat dein Gebet gehört.

Er wird diese Stadt beschützen

und von den Assyrern befreien.“

Da glaubte Hiskia

dem Wort des Propheten Jesaja

und schöpfte neuen Mut.

Er stand auf, ging nach Hause

und wartete, was Gott tun würde.

In der folgenden Nacht

brach eine Seuche

im assyrischen Lager aus.

Viele starben.

Die anderen flohen.

Am nächsten Morgen

waren alle Zelte leer.

Jerusalem war gerettet!

*

Aber nicht lange danach

wurde Hiskia todkrank.

Da kam der Prophet Jesaja

zu ihm und sagte:

„So spricht der Herr:

Mach dich bereit!

Bald wirst du sterben.“

Als Hiskia das hörte,

drehte er sich zur Wand,

weinte und betete:

„Ach Herr, denk doch an mich

und lass mich nicht sterben!“

Da kam Jesaja noch einmal

zu ihm und sprach:

„Gott hat dein Gebet erhört.

Er wird dich wieder gesund machen.

Fünfzehn Jahre wirst du noch leben.“

Aber bald danach kamen Gesandte

aus dem fernen Babel zu König Hiskia.

Da fühlte sich Hiskia geschmeichelt.

Er führte die Fremden

in sein Schatzhaus

und zeigte ihnen stolz

alle seine Waffen und Schätze.

Als aber Jesaja davon hörte,

kam er ein letztes Mal

zu König Hiskia und sprach:

„Warum hast du das getan?

Warum hast du den Fremden

deine Schätze und Waffen gezeigt?

Darum höre, was Gott dir sagen lässt:

Bald wird ein großes Heer

aus Babel kommen

und die Stadt Jerusalem einnehmen

und alle deine Schätze wegtragen,

auf die du so stolz bist.“

Da merkte der König,

dass er sich mehr

auf seine Schätze verlassen hatte

als auf den Herrn, seinen Gott,

der ihn und sein Volk

aus großer Not gerettet hatte.

2. Könige 18–20

74. Die Schriftrolle

Als König Hiskia gestorben war,

wurde sein Sohn König.

Der aber tat nur, was ihm gefiel

und hörte nicht auf Gott.

Überall, sogar im Tempel,

ließ er Götterbilder aufstellen.

Und er befahl seinem Volk:

„Hört auf mich

und betet meine Götter an!“

Da hörten sie auf ihn

und beteten zu seinen Göttern.

Aber an den Herrn, ihren Gott,

der sie von den Assyrern befreit hatte,

dachten sie nicht mehr.

Viele Jahre ging es so in Jerusalem zu,

bis endlich der König starb.

Kurz darauf starb auch sein Sohn.

Wer sollte nun König

über das Volk Gottes werden?

Im ganzen Königshaus

gab es keinen mehr,

der auf Gott hörte.

Nur ein Sohn war noch da,

der sich zu Gott hielt: Josia.

Aber er war erst acht Jahre alt.

Da kam das Volk zu Josia

und bat ihn: „Sei du unser König!“

Josia erschrak.

Er war noch ein Kind.

Wie konnte er König sein?

Er wusste doch nichts.

Und er konnte noch nichts.

„Gott muss mir zeigen,

was ich tun soll“, sagte er zu sich.

Aber wo sollte er Gott finden?

Sein Vater hatte ihm nie etwas

von Gott erzählt.

Vielleicht finde ich Gott im Tempel,

überlegte Josia.

Aber wie erschrak er,

als er den Tempel sah!

In den Wänden waren Risse.

Von den Säulen blätterte das Gold ab.

Und überall standen

fremde Götterbilder herum.

Das soll Gottes Haus sein?,

dachte Josia erschrocken.

Das muss anders werden,

so wahr ich König bin!

Ich weiß, was ich mache.

Ich werde den Tempel

wieder schön machen,

so schön, wie er früher war.

Aber Josia verriet keinem,

was er vorhatte.

Jahre vergingen.

König Josia war inzwischen

ein junger Mann geworden.

Da rief er eines Tages seinen Minister,

den Schreiber Schafan, zu sich

und sagte zu ihm:

„Hör zu! Ich habe einen Plan.

Ich möchte, dass der Tempel

wieder ein Haus wird,

wo Gott gerne wohnt.

Er soll wieder so schön werden,

wie er am Anfang war.

Darum ruf alle Handwerker

und Arbeiter herbei

und sage ihnen,

dass sie das Haus Gottes

wieder in Ordnung bringen.“

Da rief der Minister alle herbei,

die Maurer und Schreiner,

die Zimmerleute und Goldschmiede.

Sie kamen zum Tempel

und machten sich an die Arbeit.

Der Priester aber holte Geld

aus dem großen Opferkasten

und zahlte den Handwerkern

im Voraus ihren Lohn aus.

So vergingen Tage und Wochen.

Der Tempel wurde

mit jedem Tag schöner.

Aber eines Tages kam Schafan

aufgeregt zu Josia und rief:

„O König, sieh, was ich habe!“

Er hielt eine alte Schriftrolle

in seiner Hand.

„Was?“, rief der König erstaunt.

„Eine Schriftrolle hast du?

Wo hast du sie her?“

„Gefunden“, rief der Minister.

„Der Priester Hilkia hat sie

im Opferkasten gefunden,

als er das Geld herausholte.

Es stehen wichtige Worte

von Gott auf der Rolle.“

Da horchte der König auf.

„Was sagst du da?

Worte von Gott?

Die muss ich hören.

Die muss ich alle wissen.

Auf, lies sie mir vor!

Und lass nichts aus!

Lies sie von Anfang bis Ende!“

Da nahm der Minister die Rolle,

rollte sie feierlich auf

und las sie dem König vor,

von Anfang bis Ende.

Viele Stunden lang las er.

Der König aber hörte ihm zu

und wurde immer blasser.

Plötzlich sprang er auf.

Was stand da geschrieben?

Der Minister las es noch einmal:

„Höre Israel,

der Herr, unser Gott,

ist der einzige Gott.

Ihn sollt ihr lieben

mit ganzem Herzen,

mit ganzer Seele

und mit ganzer Kraft.

Vergesst ihn nicht!

Und betet keine anderen Götter an!

Sonst werdet ihr umkommen

wie die anderen Völker.“

Als der König das hörte,

weinte er laut und rief:

„Was sollen wir tun?

Wir haben Gott verlassen

und seine Gebote vergessen.

Wir sind verloren.“

Und er befahl:

„Ruft alle Leute zum Tempel,

alle, Kleine und Große,

das ganze Volk!“

Da kamen sie alle herbei

und strömten zum Tempel,

die Fürsten und Bauern,

die Priester und einfachen Leute.

Sie versammelten sich

im Vorhof des Tempels.

Der König aber

stellte sich an die Säule

vor dem Eingang des Tempels

und befahl den Priestern:

„Bringt die Schriftrolle

und lest sie dem Volk vor,

damit alle wissen,

was Gott von uns will!“

Da holten sie die Rolle herbei

und lasen sie dem Volk vor,

von Anfang bis Ende.

Auf einmal wurde es ganz still.

Niemand wagte zu sprechen.

Plötzlich erkannten alle,

was sie Gott angetan hatten.

Josia aber wandte sich

zum Volk und rief laut:

„Hört, ihr Leute von Jerusalem!

Wollt ihr wieder auf Gott hören?

Wollt ihr ihn lieben

und seine Gebote halten?“

Da antworteten alle

wie aus einem Munde:

„Ja, wir wollen es.

Wir wollen keine anderen Götter

neben Gott haben.“

Und sie stießen

alle Götterbilder im Tempel um,

warfen sie hinaus

und verbrannten sie im Feuer.

Danach feierten sie

miteinander das Passafest.

Es wurde das herrlichste

und fröhlichste Passafest,

das je im Tempel gefeiert wurde.

2. Könige 22–23 (5. Mose 6,4 ff.)

75. Jeremia

Bald darauf vergaßen

die Menschen wieder,

was sie Gott versprochen hatten.

Sie dachten nur noch an sich

und an das, was ihnen selbst nützte.

Sie bauten sich prächtige Häuser,

kauften sich kostbare Kleider

und aßen nur erlesene Speisen.

Dabei redeten sie sich ein:

„Uns kann kein Unglück geschehen.

Wir sind ja reich.

Wir nehmen uns, was wir brauchen.

Gott hat gewiss nichts dagegen.

Wenn wir ihm nur ab und zu

im Tempel ein Opfer bringen,

dann ist er sicher zufrieden mit uns.“

So ging es lange Zeit in Jerusalem zu.

Die Reichen wurden

mit jedem Tag reicher.

Aber die Armen wurden

mit jedem Tag ärmer.

Da schickte Gott seinem Volk

einen Propheten: Jeremia.

Der redete den Menschen

ins Gewissen und erinnerte sie

an ihr Versprechen.

Er sprach sie überall an,

auf ihren Straßen und Gassen,

auf ihren Märkten

und an den Stadttoren.

Er rief es sogar in ihre

Häuser und Paläste hinein:

„Ihr Leute von Jerusalem,

hört doch auf Gottes Wort!“

Eines Tages kam Jeremia zum Tempel.

Da sah er, wie die Leute

in ihren prunkvollen Kleidern

zum Gottesdienst gingen.

Wie sie sich aufspielten!

Wie sie sich an den Bettlern

vorbeidrückten und so taten,

als seien sie Luft!

Jeremia packte der Zorn,

als er sie sah.

Er blieb am Tempeltor stehen

und rief ihnen laut entgegen:

„Ihr feinen Leute, hört her!

Glaubt ihr denn,

Gott sei zufrieden mit euch,

wenn ihr ab und zu

zum Gottesdienst geht?

Nein! Bessert euer Leben!

Dann ist Gott mit euch.

Aber ihr hört ja nicht mehr

auf Gott und seine Gebote.

Diebe seid ihr, Lügner, Verbrecher!

Den ganzen Tag treibt ihr nur

eure krummen Geschäfte.

Aber dann kommt ihr

wieder zum Tempel

und fühlt euch dort sicher.

Glaubt ihr denn,

der Tempel sei eine Räuberhöhle,

ein Versteck für Verbrecher?

Macht euch nichts vor!

Bald werden Feinde die Stadt einnehmen

und den Tempel zerstören.“

Da horchten die Leute auf.

Erschrocken blieben sie stehen.

„Ist das nicht der Prophet Jeremia?“,

fragte einer den anderen.

Die Priester aber schrien ihn an:

„Jeremia, was fällt dir ein?

Was hast du hier

an diesem heiligen Ort zu suchen?

Wer hat dir erlaubt,

unsere Gottesdienste zu stören?

Warte nur! Das sollst du büßen!“

Und schon drangen sie auf ihn ein,

packten ihn und schleppten ihn

vor die Richter der Stadt.

„Jeremia muss sterben!“,

schrien sie wütend.

„Denn er hat Unheil über die Stadt

und den Tempel vorausgesagt.“

Aber Jeremia verteidigte sich:

„Nicht ich habe es gesagt.

Gott hat es gesagt.

Ich habe sein Wort nur weitergegeben.

So hört doch endlich auf Gott

und tut, was er sagt!

Dann wird sich Gott

wieder zu euch wenden.

Mich könnt ihr zwar töten,

wenn es euch Spaß macht.

Aber was habt ihr davon?

Ihr macht euch

nur noch mehr schuldig.“

Da wurde es auf einmal

ganz still in der Menge.

„Eigentlich hat er Recht“,

flüsterten einige Leute.

„Vielleicht sollten wir wirklich tun,

was Jeremia sagt?“

Auch die Richter wurden nachdenklich.

Schließlich sagten sie:

„Jeremia hat Recht.

Denn Gott spricht durch ihn.

Wir können ihm nicht widersprechen.“

So ließen sie Jeremia frei.

Aber von diesem Tag an

durfte Jeremia nie mehr

den Tempel betreten.

Jeremia 7 und 26

76. Jeremia und Baruch

Eines Tages wurde in Jerusalem

ein Bußtag gefeiert.

Aus dem ganzen Land strömten

die Leute herbei,

um im Tempel zu beten

und Gott um Hilfe zu bitten.

Doch als sie zum Tempeltor kamen,

hörten sie jemand rufen:

„Ihr Leute, hört her!

Gott hat eine wichtige Nachricht

für euch.“

Verwundert blieben sie stehen.

Wer rief da so laut?

Die Worte kannten sie doch!

Da entdeckten sie einen Mann,

der stand im Vorhof des Tempels

und las aus einer Schriftrolle vor.

Baruch war es, ein Freund Jeremias.

Neugierig kamen die Leute näher

und lauschten.

„Habt ihr gehört, was der liest?“,

flüsterten sie erschrocken.

„Das muss der König erfahren

und auch seine Minister

müssen es wissen.“

Und sogleich rannte einer

zum Königspalast,

wo gerade alle Minister

versammelt waren.

Dort meldete er aufgeregt:

„Baruch, der Freund Jeremias,

liest im Vorhof des Tempels

aus einer Schriftrolle vor.

Er hat eine wichtige Nachricht

von Gott.“

Da horchten die Minister auf.

„Was sagst du da?

Eine wichtige Nachricht?

Die müssen wir hören.

Jetzt gleich! Auf der Stelle!“

Schnell ließen sie Baruch rufen

und baten ihn:

„Komm, setz dich zu uns!

Lies uns aus deiner Rolle vor!

Wir wollen dich hören.“

Da las ihnen Baruch alles vor,

von Anfang bis Ende,

Wort für Wort.

Als aber die Minister hörten,

was Baruch las,

wurden sie ganz bleich.

„Sag“, unterbrachen sie ihn,

„ist das wirklich wahr,

was du da liest?

Woher weißt du dies alles?“

„Von Jeremia“, antwortete Baruch.

„Und der weiß es von Gott.

Jeremia hat mir alle Worte gesagt,

und ich habe sie mit Tinte

auf diese Rolle geschrieben,

damit sie niemand vergisst.“

„Gib uns die Rolle!“,

baten ihn die Minister.

„Wir wollen sie auch

dem König vorlesen.

Er muss wissen,

was für ein großes Unglück

uns allen bevorsteht.

Du aber geh schnell zu Jeremia

und versteck dich mit ihm!

Denn wer weiß,

was der König euch antut,

wenn er hört,

was in der Schriftrolle steht.“

Und sie gingen sogleich

zu Jojakim, ihrem König.

Der saß gerade in seinem Winterpalast

und wärmte seine Hände

über dem offenen Feuer.

„O König“, meldeten sie,

„wir haben eine dringende

Nachricht für dich.

Sie steht in einer Schriftrolle.“

„Dann lest sie mir vor!“,

befahl ihnen der König.

„Ich will sie auch hören.“

Da holte ein Diener die Rolle

und las dem König laut vor:

„So spricht der Herr:

Ich will deinen Palast

zur Wüste machen

und deine Stadt

zu einer Stadt ohne Bewohner.

Fremde Völker werden kommen

und diese Stadt zerstören

und im Feuer verbrennen,

weil sie den Bund mit Gott

gebrochen hat.“

Die Minister schauten

gespannt auf den König.

Was würde er tun?

Was würde er dazu sagen?

Der aber verzog keine Miene.

Ungerührt nahm er ein Messer,

schnitt Stück um Stück

von der Schriftrolle ab

und warf alle Stücke ins Feuer.

Den Ministern stockte der Atem.

Wie? Der König wagte es,

Gottes Wort zu verbrennen?

„O König“, baten sie leise,

„tu’s nicht! Bitte, hör auf!“

Doch der König hörte nicht auf sie.

Er ruhte nicht eher,

bis die ganze Rolle verbrannt war.

Da wurde es mit einem Mal

ganz still in der Runde.

Niemand wagte noch,

etwas zu sagen.

Niemand schrie auf.

Niemand weinte und klagte.

Es blieb totenstill in dem Saal.

Gottes Wort war endgültig verstummt.

Aber Gott sprach zu Jeremia:

„Schreib alles noch einmal auf,

alles, was ich geredet habe.“

Da nahm Jeremia

eine neue Schriftrolle,

gab sie Baruch

und sagte ihm alle Worte,

die Gott zu ihm geredet hatte.

Und er fügte hinzu:

„So spricht der Herr:

Einst kommt die Zeit,

da will ich mich wieder

meinem Volk zuwenden

und ich will sie

zu mir heimbringen.

Sie sollen mein Volk sein

und ich will ihr Gott sein.“

Noch war es ein Geheimnis,

was Baruch damals

auf die Schriftrolle schrieb.

Nur wenige Menschen ahnten,

was Gott dem Propheten

anvertraut hatte.

Aber einmal würde der Tag kommen,

da würden die Menschen

mit eigenen Augen sehen,

wie sich Gottes Versprechen

an ihnen erfüllte.

Jeremia 36 (22,6 ff. / 30,1 ff.)

VII
Gott ist Herr über die Welt

Zu jener Zeit herrschte

im fernen Land Babel

der mächtige König Nebukadnezar.

Er war mächtiger

als alle anderen Könige der Erde.

Er wohnte in der Stadt Babel

in einem prächtigen Palast.

Und er hatte ein gewaltiges Heer.

Seine Soldaten eroberten viele Länder

und unterwarfen sie für den König.

Sie zogen auch in das Land Juda

und belagerten Jerusalem

und nahmen es ein.

Sie rissen die Mauern ein,

drangen in die Stadt vor,

zündeten die Häuser an,

raubten den Tempel aus

und zerstörten ihn bis auf den Grund.

Und sie nahmen alles mit,

was sie fanden:

goldene Leuchter, silberne Becher

und Schalen aus Kupfer.

Aber auch viele Bewohner

nahmen sie gefangen

und führten sie mit sich nach Babel.

Nun war geschehen,

was die Propheten vorhergesagt hatten.

Es gab kein Königreich

und auch keinen Tempel mehr.

Jerusalem war zerstört.

Das Land Juda war verwüstet.

Und die Juden mussten von nun an

im fremden Land leben

und einem fremden König dienen.

Was würde sie dort erwarten?

Ob Gott auch im fremden Land

ihr Herr blieb?

Ob er auch Herr war

über den König von Babel,

Herr über den mächtigsten

Herrscher der Welt?

77. Daniel

Nebukadnezar, der König von Babel,

thronte in seinem Palast

Da wurde dem König gemeldet:

„Die Gefangenen aus Jerusalem

sind in der Stadt eingetroffen.

Was sollen wir

mit ihnen machen?“

Da rief der König Aschpenas,

seinen Kämmerer, zu sich

und befahl ihm:

„Geh zu den Gefangenen hinaus!

Suche die jüngsten

und besten aus, junge Leute,

die klug sind und schön.

Sie sollen Unterricht

in unserer Sprache bekommen

und jeden Tag gutes Essen,

so viel sie wollen.

Das Fleisch, das ich esse

und den Wein, den ich trinke.

In drei Jahren aber

sollst du mir alle vorführen.

Dann will ich sie prüfen

und die Besten unter ihnen

zu meinen Hofdienern machen.“

Aber Nebukadnezar wusste nicht,

dass es den Juden verboten war,

Speisen zu sich zu nehmen,

die fremden Göttern geweiht waren.

Da suchte Aschpenas

die schönsten und klügsten Jungen

unter den Gefangenen aus.

„Habt keine Angst!“,

sprach er zu ihnen.

„Der König meint es gut mit euch.

Er will euch zu seinen Dienern machen.

Drei Jahre lang sollt ihr lernen.

Danach sollt ihr vor den König treten.

Und damit ihr gesund ausseht,

dürft ihr essen,

was auch der König isst,

und trinken,

was auch der König trinkt.“

Und er führte sie in einen großen Saal,

wo der Tisch festlich gedeckt war.

Diener trugen Schüsseln auf

mit köstlichem Fleisch.

Und andere Diener

schenkten Wein in die Becher.

Da machten sich die Jungen

gierig über das Essen her.

Aber vier Jungen aßen nicht mit:

Daniel und seine drei Freunde.

Sie rührten nichts an,

keinen Teller und keinen Becher.

„Warum esst ihr nicht?“,

fragte Aschpenas erstaunt.

„Habt ihr denn keinen Hunger?

Auf, esst und trinkt!

Es ist genug da.“

Aber Daniel antwortete:

„Wir wollen nichts

von eurem Fleisch essen

und auch nichts

von eurem Wein trinken.

Unser Gott, dem wir dienen,

erlaubt es uns nicht.“

Aschpenas sah sie ungläubig an.

„Aber ihr müsst essen!“, befahl er.

„Sonst hat der König

keine Freude an euch.“

Da antwortete Daniel:

„Wir brauchen keinen Wein

und auch kein Fleisch.

Gib uns Gemüse und Wasser!

Mehr brauchen wir nicht.“

„Unmöglich!“,

rief Aschpenas erschrocken.

„Der König wird mir

den Kopf abschlagen,

wenn er davon hört.“

Doch Daniel bat ihn:

„Versuch es wenigstens zehn Tage!“

Da gab Aschpenas nach.

Und wirklich:

Nach zehn Tagen

sahen Daniel und seine Freunde

besser aus als alle anderen Jungen.

Als der Kämmerer das sah,

ließ er sie gewähren.

Nach drei Jahren wurden alle

vor den König geführt.

Der stellte ihnen Fragen

und gab ihnen schwere Rätsel auf.

Aber Daniel und seine Freunde

lösten alle Rätsel und Fragen.

Da rief der König:

„Daniel und seine Freunde

sind zehnmal klüger als alle anderen.

Sie sollen meine Diener sein.“

So kamen Daniel und seine Freunde

an den Hof Nebukadnezars,

des mächtigen Königs von Babel.

Ihm dienten sie von nun an

täglich von früh bis spät.

Aber Gott blieb dennoch

der wahre König und Herr,

dem sie dienten.

Auch als Diener des Königs

blieben sie ihrem Gott treu

und hielten seine Gebote.

Daniel 1

78. Daniel deutet einen Traum

Es war Nacht.

König Nebukadnezar schlief unruhig

in seinem Königspalast.

Er hatte einen seltsamen Traum.

Plötzlich wachte er auf.

Sein Traum hatte ihn sehr erschreckt.

Was hatte er nur geträumt?

So sehr er sich auch besann:

Er wusste es nicht mehr.

„Sicher war es ein wichtiger Traum“,

sagte er zu sich.

„Ich muss ihn wissen,

koste es, was es wolle.“

Am nächsten Morgen ließ er

alle Gelehrten und Wahrsager rufen

und befahl ihnen:

„Ich hatte heute Nacht einen Traum.

Sagt mir, was er bedeutet!“

Da verneigten sich die Männer

und sprachen: „O König!

Erzähle uns, was du geträumt hast!

Dann wollen wir

deinen Traum deuten.“

Aber der König rief zornig:

„Nein, ihr sollt den Traum erzählen

und mir sagen, was er bedeutet.

Ich will euch reich beschenken,

wenn ihr mir den Traum deutet.

Aber wenn ihr es nicht könnt,

dann lasse ich euch töten.“

Da erschraken die Weisen

und verneigten sich noch tiefer.

„O König!“, riefen sie.

„Wie können wir wissen,

was du geträumt hast?

Niemand auf der ganzen Welt

kann das wissen.“

Aber der König schrie wütend:

„Ihr seid alle Betrüger!

Ihr behauptet, alles zu wissen.

Aber ihr wisst gar nichts.“

Und er befahl seinen Soldaten:

„Zieht durch das Land!

Spürt alle Weisen auf

und schlagt sie tot!“

Da zogen die Soldaten los

und suchten alle Weisen im Land,

auch Daniel und seine drei Freunde.

Als aber Daniel hörte,

was der König vorhatte,

eilte er zum König und bat ihn:

„O König, gib mir ein wenig Zeit!

Dann will ich dir sagen,

was du geträumt hast.“

Danach ging er schnell

zu seinen Freunden zurück,

kniete mit ihnen nieder

und betete zu Gott.

Die ganze Nacht lag Daniel

auf seinen Knien.

Da, mitten in der Nacht,

sah er auf einmal vor sich,

was der König geträumt hatte.

„Gott sei Dank!“, rief er froh

und eilte zum König.

Der wartete schon ungeduldig auf ihn.

„Kannst du mir endlich sagen,

was ich geträumt habe?“,

fragte der König.

„Nein“, entgegnete Daniel,

„kein Mensch kann es.

Aber Gott im Himmel

hat mir den Traum gezeigt.

Er war es,

der dir den Traum geschickt hat.

Und das war dein Traum:

Ein großes Standbild stand vor dir.

Es sah furchtbar aus.

Sein Kopf war aus Gold,

seine Brust aus Silber,

sein Bauch aus Kupfer,

und die Füße waren

aus Eisen und Ton.

Da löste sich ein Stein vom Fels,

der donnerte den Berg herab

und zerschlug die Füße

und das ganze Standbild.

Der Stein aber wurde

immer größer und größer.

Er wurde am Ende so groß,

dass er die ganze Welt ausfüllte.

Und das bedeutet dein Traum:

Das Standbild verging.

Aber der Stein blieb

und wurde größer als alles.

So werden auch

die Königreiche vergehen.

Aber unser Gott bleibt.

Sein Königreich besteht ewig

und erfüllt die ganze Welt.“

Da fiel König Nebukadnezar

auf seine Knie und rief:

„O Daniel, wie groß ist dein Gott!

Er ist mächtiger als alle Götter

und als alle Könige der Welt.“

Und König Nebukadnezar

gab Daniel reiche Geschenke

und machte ihn zum Ratgeber

in seinem Palast.

Daniels Freunde aber erhob er

zu Fürsten in seinem Reich.

Daniel 2

79. Daniels Freunde im Feuerofen

Nicht lange danach

ließ König Nebukadnezar

ein riesiges Standbild bauen.

Es war noch viel größer

als das Bild in seinem Traum

und war ganz aus Gold.

„Ich will doch sehen,

wer Herr ist im Land“,

sagte er zu sich.

Und er schickte Boten

in das ganze Land,

zu allen Mächtigen,

zu Richtern und Ratsleuten,

zu Fürsten und Vornehmen

in seinem Reich.

Und er ließ ihnen sagen:

„Kommt und weiht mit mir

das neue Standbild ein!“

Da eilten sie alle herbei,

die mächtigen Männer,

die Richter und Ratsleute,

die Fürsten und Vornehmen,

wie der König befohlen hatte.

Wie staunten sie alle,

als sie das Standbild sahen

in seinem goldenen Glanz!

Aber daneben – was war das?

Ein riesiger Ofen aus Stein!

Haushohe Flammen schlugen heraus.

Da rief der Herold des Königs:

„Passt auf, ihr Männer!

Gleich hört ihr Musik.

Dann kniet sofort nieder

und betet das Bild an!

So befiehlt es der König,

der mächtige Nebukadnezar.

Jeder muss knien.

Niemand darf stehen.

Sonst wird er im Feuerofen verbrannt.“

Da zitterten alle vor Angst.

Es wurde ganz still.

Nur das Feuer knisterte laut.

Und auf einmal ertönte Musik:

Posaunen und Trompeten,

Harfen und Zithern,

Flöten und Lauten.

Sofort fielen alle auf ihre Knie.

Nein, nicht alle!

Drei blieben stehen: Daniels Freunde.

„Wie?“, rief der König.

„Ihr wollt mein Bild nicht verehren?

Was fällt euch ein?

Aber ich will es noch einmal

mit euch versuchen.

Gebt acht!

Gleich spielt die Musik wieder.

Dann kniet sofort nieder

und betet das Bild an!

Sonst werfen wir euch in den Ofen.

Dort hilft euch niemand,

auch euer Gott nicht.“

Aber die Freunde erwiderten:

„Nein, König Nebukadnezar!

Wir werden nicht niederknien.

Unser Gott will nicht,

dass wir andere Götter verehren.

Aber wenn unser Gott will,

kann er uns auch

aus dem Feuer erretten.

Und wenn er es nicht will,

dann knien wir dennoch nicht nieder.“

„Wie?“, schrie der König wütend.

„Ihr wagt es, nicht zu gehorchen?“

Und er befahl seinen Soldaten:

„Heizt den Ofen

noch siebenmal stärker!

Und werft die Männer ins Feuer!“

Da warfen sie die Männer

in den brennenden Ofen

mit ihren Kleidern und Hüten,

an Händen und Füßen gebunden.

Die Flammen aber schlugen

so hoch aus dem Ofen heraus,

dass die Soldaten verbrannten.

Aber den König störte das nicht.

Er sah nur auf das Feuer

und auf die drei Männer im Feuer.

Doch plötzlich erschrak er.

Er rief: „Haben wir nicht

drei Männer ins Feuer geworfen?

Aber nun sind es vier!

Sie gehen im Feuer umher.

Und der vierte ist gar kein Mensch.

Er sieht aus wie ein Engel.“

„Ihr Diener Gottes“, rief er,

„kommt schnell aus dem Ofen!“

Da kamen sie heraus,

mit Kleidern und Hüten.

Nichts war verbrannt,

nicht ein einziges Haar.

Sie rochen auch nicht verbrannt.

Nichts war ihnen geschehen.

Da rief der König laut,

sodass alle es hörten:

„Gelobt sei euer Gott!

Er hat euch gerettet.

Kein Gott ist so mächtig wie er.“

Daniel 3

80. Daniel in der Löwengrube

Jahre vergingen.

Inzwischen herrschte König Darius

über das Land.

Darius achtete Daniel hoch.

Er war sein bester Minister.

Darum beschloss der König:

Daniel soll noch mehr Macht

in meinem Königreich haben.

Als aber die anderen Minister

und Fürsten das hörten,

wurden sie neidisch auf Daniel

und sie fragten sich:

„Warum nicht wir?

Wir sind doch viel besser!

Aber wir werden dem König zeigen,

wie schlecht Daniel ist.“

Von diesem Tag an suchten sie

einen Fehler an Daniel zu finden.

Aber sie konnten nichts finden.

„Daniel hat nur einen Fehler“,

meinten sie schließlich.

„Er betet zu viel.“

Und wirklich:

Daniel betete dreimal am Tag,

morgens, mittags und abends.

Er kniete am offenen Fenster,

wenn er mit seinem Gott sprach,

und schaute voll Wehmut nach Westen,

wo in der Ferne Jerusalem lag.

„Ach Herr“, so betete er,

„bring uns wieder nach Hause!“

Eines Tages dachten sich

die Minister und Fürsten

einen listigen Plan aus.

Sie gingen zum König,

verneigten sich tief und sprachen:

„O großer König Darius!

Dein Volk soll dich allein

und niemand sonst ehren.

Darum gib den Befehl:

Niemand darf zu einem Menschen

oder zu einem Gott beten.

Nur dich darf man bitten.

Und dieses Gebot

soll 30 Tage lang gelten.

Wer sich nicht daran hält,

den sollen die Löwen fressen.“

Da fühlte sich der König

geschmeichelt und rief:

„Gut, gut! Das gefällt mir!“

Er schickte Boten ins Land

und ließ überall ausrufen:

„Dies befiehlt König Darius:

Niemand darf zu einem Menschen

oder zu einem Gott beten.

Nur mich dürft ihr bitten.

Und dieses Gebot

soll 30 Tage lang gelten.

Und wer sich nicht daran hält,

den sollen die Löwen fressen.“

Als aber Daniel davon hörte,

wusste er sofort,

dass dieses Gebot auf ihn zielte.

Dennoch ging er hinein in sein Haus,

kniete nieder am offenen Fenster,

betete, lobte und dankte Gott,

wie er es gewohnt war.

Aber unter Daniels Fenster

hatten sich seine Gegner versteckt.

Als sie hörten,

wie Daniel sein Gebet sprach,

eilten sie sogleich zum König

und riefen: „O König!

Hast du nicht gesagt:

,Niemand darf beten‘?“

„Ja“, sagte der König,

„das habe ich wirklich gesagt.“

„Und“, fuhren sie fort,

„hast du nicht gesagt:

,Wer sich nicht daran hält,

den sollen die Löwen fressen‘?“

„Auch das habe ich gesagt“,

gab der König zur Antwort.

„Dann muss Daniel sterben“,

riefen die Fürsten.

„Denn Daniel betet zu seinem Gott,

dreimal am Tag.“

Da merkte der König,

dass die Fürsten ihm

eine Falle gestellt hatten.

„Nein“, rief er entsetzt, „nicht Daniel!

Das lasse ich nicht zu.“

Aber die Fürsten erwiderten:

„Du hast es befohlen.

Nun musst du es tun.“

Vergeblich versuchte der König,

Daniel zu retten.

Aber die Fürsten gaben nicht nach.

Endlich, am Abend,

ließ der König Daniel holen.

„Daniel“, sagte er traurig,

„dein Gott, dem du dienst,

der muss dir jetzt helfen.“

Und er befahl seinen Soldaten:

„Werft ihn zu den Löwen!“

Da packten sie Daniel,

warfen ihn in die Löwengrube

und rollten einen Stein vor die Tür.

Dann wurde es Nacht.

Aber der König konnte nicht schlafen.

Er aß nichts und trank nichts.

Er dachte die ganze Nacht

nur an Daniel.

Am anderen Morgen aber

stand der König früh auf

und eilte zur Grube.

„Daniel“, rief er in die Grube hinab,

„du Diener des lebendigen Gottes!

Hat dein Gott, dem du dienst,

dir auch jetzt geholfen?“

Er horchte gespannt.

Auf einmal hörte er Daniels Stimme:

„Ja, König, Gott hat mir geholfen.

Er hat seinen Engel geschickt.

Der hat den Löwen

das Maul zugehalten.

Sie haben mir nichts getan.“

„Habt ihr gehört?“,

rief der König erleichtert.

„Daniel lebt!

Holt ihn sofort aus der Grube!“

Da zogen sie Daniel heraus.

„Seht“, rief der König voll Staunen,

„Daniel ist unverletzt!

Was für ein Wunder!“

Und der König gab

im ganzen Reich den Befehl aus:

„Ehrt Daniels Gott!

Und fürchtet ihn mehr als die Götter!

Denn er ist ein lebendiger Gott.

Er rettet und hilft.“

Daniel 6

VIII
Gott bringt heim

Viele Jahre lang lebten die Juden

im fremden Land.

Wann durften sie endlich

wieder heimkehren?

Viele von ihnen hatten schon

alle Hoffnung verloren.

Da schickte Gott ihnen Propheten.

Die trösteten sie und sprachen:

„Fürchtet euch nicht!

Gott wird euch erlösen

und aus Babel befreien.

Er wird euch

in euer Land zurückführen,

wie er einst eure Vorfahren

aus Ägypten herausgeführt hat.“

Jesaja 43,1 ff.

Da schöpften die Juden neue Hoffnung.

Voll Sehnsucht sangen sie

das Lied der Befreiung:

„Wenn der Herr

die Gefangenen Zions

erlösen wird,

so werden wir sein

wie die Träumenden.

Dann wird unser Mund

voller Lachen

und unsere Zunge

voller Rühmen sein.

Dann wird man sagen

unter den Völkern:

,Der Herr hat Großes

an uns getan.‘“

Psalm 126

Endlich kam der Tag,

auf den die Juden

so lange gewartet hatten.

Kyros, der König von Persien,

eroberte Babel

und wurde Herrscher über das Land.

Er gab den Befehl aus:

„Alle Juden, die nach Babel

verschleppt wurden,

dürfen heimkehren.“

Da war die Freude groß

bei allen Juden.

Endlich waren sie frei!

Viele machten sich sofort auf den Weg

und zogen ins Land Juda zurück.

Aber das Land war noch verwüstet.

Jerusalem lag noch immer in Trümmern.

Und von dem herrlichen Tempel,

den Salomo einst gebaut hatte,

war nichts mehr zu sehen.

Da machten sie sich an die Arbeit.

Zuerst errichteten sie wieder den Tempel,

danach die Stadtmauern.

Viele Jahre lang bauten sie.

Oft wurden sie müde

und ließen die Arbeit liegen.

Manchmal verloren sie allen Mut

und seufzten:

„Es hat keinen Sinn.

Wir schaffen es nie.“

Aber Gott schickte ihnen

immer wieder Propheten,

die riefen ihnen zu:

„Fürchtet euch nicht!

Macht eure Hände stark!

Gott steht euch bei.“

Sacharja 8,13b

Da bauten sie weiter,

bis der Tempel fertig dastand.

Nun konnten die Juden wieder

miteinander das Passafest feiern.

Sie feierten es so fröhlich,

wie es ihre Vorfahren

vor vielen Jahren gefeiert hatten:

Sie dankten Gott,

der sie bis zu diesem Tag

wunderbar geführt hatte,

von dem Tag an,

als er sie aus Ägypten gerettet hatte.

Und sie sagten zueinander:

„Einmal wird der Retter kommen,

der König,

den Gott uns versprochen hat.

Er wird zu uns

nach Jerusalem kommen

und für immer unser König sein.

Wer weiß?

Vielleicht wird er sogar

am Passafest kommen?“

So freuten sie sich auf den Tag,

an dem sich erfüllen würde,

was der Prophet Sacharja

vorausgesagt hatte:

„Jerusalem, freue dich sehr!

Denn siehe, dein König kommt zu dir,

ein Gerechter und ein Helfer.“ Sach. 9, 9

Aber wann würde der Retter kommen?

Niemand wusste es, noch niemand.

Das Neue Testament

I
Jesus, der Retter, ist da!

Im Land der Juden

war eine schlimme Zeit

angebrochen.

Die Römer

hielten das Land besetzt.

Sie hatten Herodes

zum König gemacht.

Der regierte in Jerusalem

wie einst König David.

Aber Herodes war grausam.

Alle Menschen im Land,

sogar seine Freunde

und seine Familie

fürchteten sich vor ihm.

Niemand durfte offen sagen,

was er wirklich dachte.

Doch heimlich

fragten sich viele:

Wann wird diese schlimme Zeit

einmal zu Ende gehen?

Wann werden wir

endlich wieder frei sein?

Wann wird der König kommen,

den Gott uns versprochen hat,

der Retter,

der uns den Frieden bringt?

Immer ungeduldiger

fragten sie so.

Und immer sehnlicher

warteten sie auf den Retter.

1. Gute Nachricht für Zacharias

Nicht weit von Jerusalem

lebte ein Priester,

der hieß Zacharias.

Er und seine Frau Elisabeth

liebten Gott über alles

und lebten nach seinen Geboten.

Aber die beiden hatten

einen geheimen Kummer:

Sie hatten kein Kind.

Schon viele Jahre lang

beteten sie zu Gott:

„Herr, schenke uns ein Kind!“

Aber das Kind kam nicht.

Zacharias und Elisabeth

wurden älter und älter.

Es schien,

als hätte Gott sie vergessen.

Eines Tages nahm Zacharias

Abschied von seiner Frau

und ging nach Jerusalem zum Tempel.

Dort wollte er Gott Opfer bringen,

wie es den Priestern befohlen war.

Schon von Weitem sah er den Tempel

hoch oben auf dem Berg.

Sein Dach glänzte

golden in der Sonne.

Zacharias eilte den Berg hinauf,

schritt durch ein großes Tor

und kam in den Vorhof des Tempels.

Dort waren schon

viele Leute versammelt.

Sie warteten auf den Priester,

der im Tempel

das Rauchopfer darbringen sollte.

Nur einer von allen Priestern

durfte hineingehen.

An diesem Tag war

Zacharias an der Reihe.

Feierlich zog er

sein Priestergewand an,

schritt durch die Menge,

stieg die Stufen zum Tempel hinauf,

öffnete die Tür und trat ein.

Wie still und dunkel

war es dort innen!

Zacharias sah sich andächtig um.

Auf dem Altartisch

stand eine Schale aus Gold.

In ihr brannte das Opferfeuer.

Zacharias trat näher,

nahm ein paar Weihrauchkörner

und streute sie in das Feuer.

Rauch stieg auf

und Wohlgeruch erfüllte den Raum.

Zacharias betete leise.

Aber plötzlich zuckte er zusammen.

Ein Mann stand neben dem Altar.

Zacharias erschrak.

Er zitterte am ganzen Leib.

Aber der Mann sprach:

„Fürchte dich nicht, Zacharias!

Gott hat dein Gebet erhört.

Deine Frau Elisabeth

wird einen Sohn bekommen.

Den sollst du Johannes nennen.

Du wirst große Freude an ihm haben.

Aber nicht nur du.

Auch viele andere

werden sich an ihm freuen.

Denn er wird allen

die gute Nachricht bringen,

dass der Retter bald kommt.“

Zacharias stand da

und konnte es nicht fassen.

„Aber wie kann das sein?“,

stammelte er.

„Ich bin schon sehr alt.

Und meine Frau ist auch alt.

Wie kann ich erkennen,

dass es wahr ist, was du sagst?“

Da antwortete der andere:

„Ich bin Gabriel, ein Engel Gottes.

Gott hat mich zu dir geschickt.

Daran sollst du merken,

dass ich die Wahrheit sage:

Du wirst stumm sein

und nicht reden können,

bis alles geschieht,

was ich dir gesagt habe.“

Draußen vor dem Tempel

wurden die Leute allmählich unruhig.

„Wo bleibt der Priester nur so lange?“,

fragten sie ungeduldig.

„Wann kommt er endlich heraus

und spricht den Segen über uns aus?“

Da ging endlich die Tür auf.

Zacharias trat heraus.

Er hob seine Hände zum Segen,

öffnete seinen Mund

und wollte sprechen.

Aber er brachte nichts heraus,

kein einziges Wort.

Die Leute starrten ihn an.

„Wie seltsam“, flüsterten sie.

„Der Priester bewegt die Lippen.

Aber wir hören ihn nicht.

Vielleicht ist im Tempel

etwas mit ihm geschehen?“

Aber niemand ahnte,

was wirklich geschehen war.

Da winkte ihnen Zacharias,

dass sie heimgehen sollten.

Und nachdenklich ging

einer nach dem anderen davon.

Auch Zacharias eilte nach Hause

zu Elisabeth, seiner Frau.

Und wie der Engel gesagt hatte,

so geschah es:

Elisabeth wurde schwanger.

„Gott sei Lob und Dank!“,

rief Elisabeth voll Freude.

„Gott hat uns nicht vergessen.“

Aber sie verriet niemandem,

was geschehen war.

Endlich kam der Tag,

an dem das Kind geboren wurde.

Ein Sohn war es,

wie der Engel gesagt hatte.

Nun war es kein Geheimnis mehr.

Im Nu sprach es sich

in der ganzen Gegend herum:

„Habt ihr schon gehört?

Zacharias und Elisabeth

haben einen Sohn!“

Da kamen sie

von allen Seiten herbei,

um das Kind zu begrüßen,

alle Nachbarn und Verwandten.

Und am achten Tag

feierten sie miteinander ein Fest.

„Wie soll denn das Kind heißen?“,

fragten die Nachbarn.

„Sicher Zacharias wie sein Vater?“

„Nein“, antwortete Elisabeth,

„Johannes soll es heißen.“

„Johannes?“, wunderten sich alle.

„So heißt doch niemand

in eurer Familie.

Warum gerade Johannes?

Wir wollen den Vater fragen,

was er dazu meint.“

Da gingen sie zu Zacharias

und fragten ihn:

„Wie soll das Kind heißen?“

Aber Zacharias konnte es

ihnen nicht sagen.

Er war immer noch stumm.

So nahm er eine kleine Tafel

und schrieb darauf:

„Er heißt Johannes.“

Und als er noch schrieb,

da geschah es:

Auf einmal konnte er

wieder sprechen.

„Ja“, rief er fröhlich,

„Johannes soll er heißen.“

Das heißt: „Gott ist gnädig.“

Und voll Freude stimmte er

ein Loblied an:

„Gelobt sei der Herr,

der Gott Israels,

denn er hat sein Volk

besucht und erlöst

Und du, Kind,

wirst vor dem Retter hergehen.

Du wirst ihm den Weg bereiten.“

Da staunten alle, die es hörten,

und sie sagten zueinander:

„Das ist bestimmt ein besonderes Kind.

Wer weiß, was Gott mit ihm vorhat?“

Und überall, wohin sie kamen,

erzählten sie die Geschichte

von Zacharias und Elisabeth

und ihrem Sohn Johannes.

Lukas 1,5–25 und 57–80

2. Gute Nachricht für Maria

Zur selben Zeit,

als Johannes noch nicht geboren war,

lebte in Nazareth

eine Verwandte von Elisabeth,

eine junge Frau mit Namen Maria.

Sie war verlobt mit Josef,

einem Zimmermann,

der stammte von König David ab.

Eines Tages aber geschah

etwas Unglaubliches.

Maria war in ihrem Haus.

Da hörte sie plötzlich eine Stimme:

„Sei gegrüßt, Maria, du Gesegnete!

Der Herr ist mit dir.“

Erschrocken fuhr Maria hoch.

Da sah sie: Ein Engel stand vor ihr,

der blickte sie freundlich an.

Maria war ganz verwirrt.

Was soll das bedeuten?,

dachte sie bei sich.

Ich soll gesegnet sein?

Aber der Engel sprach:

„Fürchte dich nicht, Maria!

Denn Gott hat dich gesegnet.

Du wirst einen Sohn bekommen,

den sollst du Jesus nennen.

Der wird ein König wie David sein.

Doch sein Königreich

wird ewig bestehen.“

Maria war sprachlos.

Sie sollte ein Kind bekommen?

Ein Kind, das einmal König würde?

Der Retter, auf den alle warteten?

„Wie soll das zugehen?“, fragte Maria.

„Ich lebe doch

mit keinem Mann zusammen?

Wer wird der Vater des Kindes sein?“

Der Engel sprach:

„Gottes Geist wird auf dich kommen.

Darum wird dein Sohn

auch Gottes Sohn heißen.

Und sieh,

auch Elisabeth, deine Verwandte,

bekommt einen Sohn,

obwohl sie schon alt ist.

Denn bei Gott ist nichts unmöglich!“

Da verneigte sich Maria

und sprach: „Ich bin bereit.

Wie du gesagt hast,

so soll es geschehen.“

Und sogleich stand sie auf

und eilte zu Elisabeth,

ihrer Verwandten.

Die aber, als sie Maria sah,

rief ihr voll Freude entgegen:

„Gepriesen bist du, Maria!

Und gepriesen ist das Kind

in deinem Leib!

Denn als ich deine Stimme hörte,

hüpfte das Kind in meinem Leib!

Gesegnet bist du,

weil du geglaubt hast,

was Gott dir anvertraut hat!

Er wird es auch tun.“

Als Maria das hörte,

dankte sie Gott

und pries ihn mit diesem Lied:

„Meine Seele erhebt den Herrn,

und mein Geist freut sich

über Gott, meinen Retter.

Denn er hat Großes an mir getan.

Er stößt die Mächtigen vom Thron

und erhebt die Niedrigen.

Er denkt an sein Versprechen

und hilft seinem Volk auf.“

Lukas 1,26–36

3. Jesus wird geboren

Endlich war es soweit:

Der Retter kam in die Welt!

Zu jener Zeit aber

war Kaiser Augustus

der mächtigste Herrscher der Welt.

Er regierte in Rom

über ein riesiges Reich.

Und alle Welt musste tun,

was der Kaiser befahl.

Eines Tages schickte Augustus

Boten in alle Länder und Städte

und er ließ überall ausrufen:

„So befiehlt Kaiser Augustus:

Alle Menschen in meinem Reich

sollen gezählt werden.

Darum macht euch auf!

Zieht in eure Heimat,

in die Stadt eurer Vorfahren,

und lasst euch dort zählen

und eure Namen in Listen eintragen!“

Da machten sich alle auf den Weg

und zogen in ihre Heimat,

wie der Kaiser befohlen hatte.

Auch Josef machte sich

von Nazareth auf

und zog nach Bethlehem,

in die Stadt seiner Vorfahren,

aus der einst König David kam.

Maria, seine Verlobte,

begleitete ihn.

Sie war schwanger

und erwartete das Kind,

wie ihr der Engel gesagt hatte.

Als die beiden

nach Bethlehem kamen,

war die Stadt überfüllt.

Wo sollten sie nun unterkommen?

Maria spürte:

Bald würde ihr Kind

zur Welt kommen,

vielleicht schon in dieser Nacht.

Gab es denn für dieses Kind

keinen Raum in der Stadt?

Sie fragten und suchten

nach einer Herberge.

Aber am Ende fanden sie

nur einen Stall.

Stroh bedeckte den Boden.

Und eine Futterkrippe

stand in der Ecke.

Und da geschah es:

Mitten in der Nacht

wurde das Kind geboren,

von dem der Engel geredet hatte.

Maria wickelte es in Windeln

und legte es in die Krippe.

Es war ein hilfloses Kind

wie jedes andere.

Und doch war es

ein besonderes Kind:

das Kind, das der Welt

den Frieden Gottes bringen sollte.

Noch war es ein Geheimnis.

Niemand in Bethlehem ahnte,

was in dieser Nacht geschehen war.

Aber bald sollten es alle erfahren:

Jesus, der Retter der Welt,

war geboren.

Lukas 2,1–7

4. Ehre sei Gott!

Es war Nacht.

Draußen vor der Stadt

wachten Hirten bei ihren Schafen.

Ganz dunkel war es um sie her.

Aber plötzlich schreckten sie auf.

Was war das?

Mitten in der Nacht

wurde es hell, taghell.

Ein Licht leuchtete auf,

noch heller als die Sonne.

Und in dem Licht erschien

ein Engel vor ihnen.

Die Hirten wussten nicht,

wie ihnen geschah.

Sie waren geblendet von dem Licht

und zitterten vor Angst.

Aber der Engel sprach zu ihnen:

„Fürchtet euch nicht!

Siehe, ich verkündige euch

große Freude,

die allen zuteil werden soll.

Denn euch ist heute

der Retter geboren:

Christus, der Herr,

in der Stadt Davids.

Und das ist das Zeichen,

an dem ihr den Retter erkennt:

Ihr werdet ein Kind finden,

in Windeln gewickelt

und in einer Krippe liegen.“

Als der Engel noch sprach,

sahen die Hirten plötzlich

noch viel, viel mehr Engel,

die sangen und jubelten:

„Ehre sei Gott in der Höhe

und Friede auf Erden

bei den Menschen

seines Wohlgefallens.“

Die Hirten standen da

und lauschten,

bis der Gesang verklungen war.

Dann wurde es wieder still

und dunkel um sie her.

Doch die Hirten riefen:

„Habt ihr gehört,

was der Engel gesagt hat?

Der Retter ist da!

In Bethlehem ist er geboren,

in dieser Nacht!

Auf, wir wollen gehen und sehen,

was dort geschehen ist.“

Da ließen sie ihre Schafe zurück

und eilten nach Bethlehem

und fanden das Kind

mit Maria und Josef.

Es lag in der Krippe

und war in Windeln gewickelt,

wie der Engel gesagt hatte.

Da erzählten die Hirten,

was sie gesehen hatten

und was ihnen der Engel

von diesem Kind gesagt hatte.

Maria hörte ihnen zu,

staunte und schwieg.

Und sie dachte im Stillen daran,

was ihr der Engel gesagt hatte.

Die Hirten aber liefen hinaus

auf die Straßen der Stadt,

sangen und jubelten:

„Gelobt sei Gott!

Der Retter ist da!

Hier in Bethlehem

ist er geboren.

Wir haben ihn

mit eigenen Augen gesehen.“

Jubelnd kehrten sie

zu ihren Schafen zurück.

Und als ihre Lieder

längst verklungen waren,

klang das Lied der Engel

immer noch weiter in ihren Ohren:

„Ehre sei Gott in der Höhe

und Friede auf Erden!“

Lukas 2,8–20

5. Endlich ist er da!

Jesus war in Bethlehem geboren.

Aber in der Stadt Jerusalem

wusste noch niemand,

was inzwischen geschehen war.

Immer noch herrschte dort

König Herodes in seinem Palast

und immer noch seufzten alle:

Wann kommt der Retter,

der uns endlich befreit?

Zu jener Zeit lebte in Jerusalem

Simeon, ein hochbetagter Mann.

Der wartete seit Jahren

auf den Retter Israels.

Jeden Tag betete er: „Herr,

lass mich den Retter sehen,

ehe ich sterbe!“

Und er glaubte fest,

Gott werde ihm seine Bitte erfüllen.

Oft ging er zum Tempel

und hielt dort nach dem Retter Ausschau.

Aber vergeblich.

Der Retter kam nicht.

Eines Tages trieb es

Simeon wieder zum Tempel.

Es war ihm, als hätte er

Gottes Stimme gehört:

„Heute wirst du den Retter sehen.“

Gespannt sah sich Simeon

im Vorhof des Tempels um.

Da entdeckte er

unter all den Menschen

Maria und Josef mit ihrem Kind.

Sie waren gekommen,

um Gott ein Dankopfer zu bringen.

Als Simeon das Kind sah,

da wusste er plötzlich:

Dies war der Retter,

den Gott seinem Volk schickte!

Voller Freude nahm er

das Kind auf seine Arme,

dankte Gott und rief:

„Herr, nun kann ich

in Frieden sterben.

Denn wie du gesagt hast,

so ist es geschehen:

Meine Augen haben

deinen Retter gesehen.

Der wird Licht und Hoffnung

in unsere Welt bringen.“

Dann wurde Simeon

auf einmal ganz ernst.

Er sah Maria an.

„Dein Kind“, sagte er,

„wird einmal viele aufrichten.

Aber auch viele Menschen

werden sich an ihm stoßen.

Und du wirst seinetwegen

viel Kummer haben.“

Und als er noch mit ihr redete,

kam eine alte Frau hinzu,

Hanna, eine Prophetin.

Sie war schon 84 Jahre alt

und seit vielen Jahren Witwe.

Als sie das Kind sah,

rief sie glücklich:

„Da ist ja der Retter!

Endlich ist er gekommen.

Gott sei Lob und Dank!“

Und sie erzählte es allen,

die mit ihr auf den Retter hofften.

Lukas 2,22–38

6. Der neue König

In einem fernen Land,

weit im Osten,

lebten damals kluge Gelehrte.

Sie waren Sterndeuter und

kannten jeden Stern am Himmel.

Sie wussten, wann er aufging

und wann er unterging

und was sein Lauf bedeutete.

Eines Nachts, als sie wieder

zum Himmel aufschauten,

entdeckten sie einen neuen Stern.

Der strahlte heller

als alle anderen Sterne.

„Was für ein Stern!“, riefen sie.

„Das muss ein Königsstern sein.

Sicher ist irgendwo

ein neuer König geboren.

Aber wo? In welchem Land?“

Sie forschten in ihren Schriften

und überlegten lange.

Da sagte einer:

„Vielleicht im Land der Juden?“

„Ja“, fielen die anderen ein,

„im Land der Juden muss es sein.

Auf, worauf warten wir noch?

Wir wollen das Kind suchen,

vor ihm niederknien

und ihm unsere Geschenke bringen.“

Da sattelten sie ihre Kamele,

luden kostbare Geschenke auf

und machten sich auf den Weg,

das Kind zu suchen.

Sie zogen durch weite Wüsten

und fremde Länder,

über hohe Berge

und durch tiefe Täler.

Wochenlang reisten sie,

bis sie endlich

ins Land der Juden kamen.

Aber wo sollten sie hier

das Königskind suchen?

„Sicher lebt es im Königspalast“,

sagten sie sich

und zogen nach Jerusalem,

wo König Herodes wohnte.

Als sie dort ankamen,

fragten sie die Leute

auf der Straße:

„Sagt uns! Wo ist

der neugeborene König der Juden?

Wir haben seinen Stern gesehen

und sind hergekommen,

um ihn anzubeten.“

Aber die Leute

sahen sie verlegen an.

Ein neugeborener König?

Sie kannten keinen neuen König.

Nur einen alten König

kannten sie: Herodes.

Und vor dem zitterten alle.

Bald darauf erfuhr König Herodes,

wer in die Stadt gekommen war.

„Wen suchen die Fremden?“,

rief er erschrocken.

„Einen neuen König?

Ich bin doch

der einzige König im Land!“

Aber wenn es stimmte,

was die Fremden sagten?

Wenn es wirklich

noch einen anderen König gab?

Wenn gar der Retter geboren war,

auf den das Volk hoffte?

Und sogleich ließ Herodes

alle Priester und Gelehrten rufen

und befahl ihnen:

„Sagt mir die Wahrheit!

Was steht in eurer Heiligen Schrift?

Wo wird der Retter geboren?“

„In Bethlehem“, erwiderten sie

und zeigten auf ihre Schriftrollen.

„So steht es in der Heiligen Schrift.

So hat es der Prophet Micha

vor langer Zeit vorausgesagt:

,Aus Bethlehem

wird der Retter kommen.‘“

Da lud der König heimlich

die Sterndeuter in seinen Palast

und fragte sie aus:

„Sagt mir doch bitte:

Wann habt ihr den Stern entdeckt?

Sagt, wann?

Ich muss es genau wissen.“

„Das ist schon länger her“,

antworteten die Sterndeuter.

„Damals waren wir noch

zu Hause in unserem Land.

Aber seitdem suchen wir

den neugeborenen König.“

„Ich will euch helfen“,

bot Herodes an.

„Ich weiß, wo er ist:

in der Stadt Bethlehem,

nicht weit von hier.

Dort werdet ihr ihn finden.“

Und listig fügte er hinzu:

„Aber kommt danach wieder

und sagt mir,

wo ihr ihn gefunden habt.

Dann will auch ich hingehen

und ihn anbeten.“

Da verneigten sich die Sterndeuter

und zogen nach Bethlehem,

wie der König gesagt hatte.

Als sie dort ankamen,

war es schon dunkel.

Am Himmel leuchteten die Sterne.

Und sieh da! Auf einmal stand

der Stern wieder am Himmel,

derselbe Stern,

den sie zu Hause gesehen hatten.

Es schien, als bliebe er

über einem Haus stehen.

Voller Freude ritten sie

auf das Haus zu,

stiegen von ihren Kamelen,

eilten hinein und fanden das Kind:

Jesus, Marias Sohn.

Es lag im Arm seiner Mutter

und sah aus

wie ein gewöhnliches Kind.

Und doch war es der König,

den sie suchten:

der König, den einmal

alle Könige anbeten sollten!

Da fielen sie auf die Knie,

beteten das Kind an

und breiteten ihre Geschenke aus,

ein Kästchen mit Gold,

eine Schale mit Weihrauch

und einen Krug mit Myrrhe.

Aber in derselben Nacht

sprach Gott im Traum

zu den Sterndeutern:

„Geht nicht zu Herodes zurück!

Glaubt ihm nicht!

Er will dem Kind nur schaden.“

Da hörten sie auf Gott

und zogen auf einem anderen Weg

zurück in ihr Land.

Matthäus 2,1–12

7. Auf der Flucht

König Herodes wartete lange Zeit.

Doch vergeblich.

Die Sterndeuter kamen nicht zurück.

Da verlor der König die Geduld.

Wütend schrie er:

„Sie haben mich betrogen!

Es hat sie jemand gewarnt.

Gewiss sind sie längst

wieder zu Hause.“

Aber das Kind?

Der neue König?

Wie sollte er nun das Kind finden?

In Bethlehem gab es viele Kinder.

Herodes wusste nicht einmal

den Namen des Kindes.

Nur eines stand für ihn fest:

Ein Junge war es,

noch keine zwei Jahre alt.

Und dieser Junge musste verschwinden,

wenn er, Herodes, König bleiben wollte.

Da fasste Herodes

einen grausamen Plan.

Er rief seine Soldaten

und befahl ihnen: „Los!

Marschiert nach Bethlehem!

Geht in jedes Haus

und zu jeder Familie!

Sucht alle kleinen Söhne,

die unter zwei Jahren sind,

und tötet sie mit dem Schwert!“

Doch bevor das geschah,

erschien Josef ein Engel im Traum,

der sprach: „Josef!

Steh schnell auf!

Nimm das Kind an dich

und flieh mit Maria

ins Land Ägypten!

Denn Herodes will das Kind töten.“

Sogleich stand Josef auf,

weckte seine Frau Maria,

nahm das Kind an sich

und floh mit den beiden

noch in derselben Nacht.

Nach Ägypten zogen die drei,

wie der Engel befohlen hatte.

Dort blieben sie lange Zeit.

Eines Nachts aber erschien Josef

noch einmal der Engel im Traum

und sprach: „Josef!

Komm wieder zurück.

Denn Herodes ist tot.“

Da kehrte Josef

mit den beiden zurück

und zog in die Stadt Nazareth,

wo Maria und Josef früher gelebt hatten.

Dort wuchs Jesus auf

als Sohn von Maria und Josef,

ein Kind unter anderen Kindern.

Und niemand ahnte,

wer Jesus in Wahrheit war.

Matthäus 2,13–23

8. Auf dem Passafest

Jedes Jahr wurde in Jerusalem

das Passafest gefeiert.

Es war ein fröhliches Fest!

Aus dem ganzen Land strömten

die Menschen zusammen.

Auch Maria und Josef waren dabei.

Aber Jesus durfte nicht mitgehen.

Als Jesus zwölf Jahre alt wurde,

sagten seine Eltern zu ihm:

„Jetzt darfst auch du

mit uns zum Passafest gehen.“

Da zog Jesus mit ihnen zum Fest.

Und viele andere gingen mit,

Nachbarn und Freunde,

Männer und Frauen,

Alte und Junge.

In großen Scharen

wanderten sie auf Jerusalem zu.

Auf dem Weg

sangen sie fröhliche Lieder,

voller Vorfreude:

„Wie liebenswert, Gott,

ist deine Wohnung!

Meine Seele sehnt sich

nach den Vorhöfen des Herrn.“

Psalm 84,2 ff

Endlich erblickten sie

in der Ferne den Tempel.

Jubel brach aus.

Alle eilten den Berg hinauf

und zogen voller Erwartung

durch das goldene Tor

in den Vorhof des Tempels.

Dort brachten sie ihre Opfer

und dankten Gott, der ihr Volk

einst aus Ägypten befreit hatte.

Auch Jesus dankte und sprach

mit seinem Vater im Himmel.

Hier war das Haus Gottes,

das Haus seines Vaters.

Hier wollte er bleiben.

Sieben Tage dauerte das Fest.

Danach zogen alle

wieder nach Hause.

Auch Maria und Josef

machten sich auf den Weg.

Aber wo war Jesus?

Maria und Josef suchten ihn überall.

Doch Jesus war nirgends zu finden.

Da sagten sich seine Eltern:

Vielleicht ist er schon

mit Freunden vorausgegangen.

Und so machten sie sich

ohne ihn auf den Weg.

Unterwegs trafen sie

viele Verwandte und Bekannte.

„Habt ihr Jesus gesehen?“,

fragten sie alle.

Aber niemand von ihnen

hatte Jesus gesehen.

Da kehrten Maria und Josef um

und eilten nach Jerusalem zurück

und suchten die ganze Stadt ab.

Tagelang suchten sie.

Aber Jesus fanden sie nicht.

Nach drei Tagen aber gingen sie

noch einmal zum Tempel.

Dort waren kaum noch

Menschen zu sehen.

Nur einige Gelehrte

saßen beisammen.

Sie lasen und forschten

in der Heiligen Schrift.

Doch mitten unter ihnen

saß ein Junge,

der unterhielt sich eifrig

mit den Gelehrten.

Er stellte ihnen Fragen

und gab selbst Antwort,

so klug und verständig,

dass alle nur staunten.

Maria traute ihren Augen nicht.

War das nicht Jesus, ihr Sohn?

Sie lief auf ihn zu.

„Mein Sohn“, rief sie außer sich,

„warum hast du uns das angetan?

Wir waren in großer Sorge um dich

und haben dich überall gesucht.“

Jesus aber blickte

seine Mutter erstaunt an.

„Wie?“, fragte er.

„Ihr habt mich gesucht?

Wisst ihr denn nicht,

dass ich hier sein muss,

im Haus meines Vaters?“

Danach aber stand Jesus auf

und ging mit seinen Eltern

nach Nazareth zurück.

Dort blieb er bei ihnen,

bis er erwachsen war.

Damals verstand Maria noch nicht,

was Jesus gesagt hatte.

Aber sie hütete seine Worte

wie ein Geheimnis.

Lukas 2,41–52

9. Am Jordan

Viele Jahre vergingen.

Jesus war inzwischen erwachsen.

Auch Johannes,

der Sohn von Elisabeth und Zacharias,

war nun ein erwachsener Mann.

Sein Vater hatte ihm alles erzählt,

was der Engel damals

zu ihm gesagt hatte:

„Der Retter

wird bald zu uns kommen,

der König,

den Gott uns versprochen hat.

Und du, Johannes,

sollst sein Bote sein.“

Aber wie sollte das geschehen?

Johannes wusste es nicht.

Er wartete, bis Gott es ihm zeigte.

So zog er sich in die Wüste zurück

und lebte in einer einsamen Höhle.

Er aß nur Heuschrecken

und Honig von wilden Bienen.

Und er trug einen einfachen Umhang

aus Kamelhaaren.

Mehr brauchte er nicht.

Dort in der Wüste

sprach Gott zu Johannes:

„Jetzt ist es Zeit.

Geh zu den Menschen

und sag ihnen,

dass der König bald kommt,

der Richter und Retter der Menschen.“

Da verließ Johannes die Wüste

und ging zum Jordan.

Dort stellte er sich an die Straße,

die nach Jerusalem führte.

Viele Menschen zogen

auf der Straße vorüber.

Johannes rief ihnen zu:

„Macht euch bereit!

Der König ist nah.“

Da blieben die Leute stehen

und hörten Johannes zu.

Von allen Seiten kamen sie an.

„Macht euch bereit!“,

rief Johannes erneut.

„Der König ist nah,

der Richter und Retter der Menschen.

Macht ihm den Weg frei!“

Als die Menschen das hörten,

bekamen sie Angst.

Sie dachten an alles,

was sie getan

und was sie versäumt hatten.

Und sie fragten erschrocken:

„Was sollen wir denn tun?“

„Kehrt um!“, rief Johannes.

„Ändert euer Leben

und lasst euch taufen!

Gott will euch die Sünde vergeben.“

Und den Reichen rief er zu:

„Teilt eure Kleider

und euer Essen mit den Armen!“

Den Männern vom Zoll befahl er:

„Nehmt den Leuten

nicht zu viel Geld ab!“

Und den Soldaten:

„Tut niemand Gewalt an!“

Danach taufte er sie.

Er ging mit ihnen zum Jordan hinab,

stieg in das Wasser

und tauchte sie unter.

Wie das Wasser

ihren Körper reinwusch,

so sollten sie rein werden

von ihrer Sünde.

Da dachten einige:

Wer weiß, vielleicht ist Johannes

selbst der König und Retter?

Aber Johannes merkte,

was sie über ihn dachten.

„Nein“, rief er,

„ich bin nicht der König.

Ich bin nur sein Bote.

Der König ist viel größer als ich.“

Bald darauf kam Jesus zum Jordan.

Da erkannte Johannes:

Das war der König!

Der Retter stand vor ihm!

„Taufe auch mich!“, bat Jesus.

Doch Johannes wehrte ab.

„Ich soll dich taufen?

Nein, taufe du lieber mich!“

Aber Jesus erwiderte:

„Tu, was ich sage!

Gott will es.“

Da hörte Johannes auf ihn

und taufte Jesus im Jordan.

Und Jesus ließ alles an sich geschehen.

Und sieh!

Der Himmel öffnete sich.

Eine Taube kam auf Jesus herab:

Gottes Geist erfüllte ihn.

Und eine Stimme

rief vom Himmel herab:

„Du bist mein Sohn.

Dich habe ich lieb.“

Da erkannte Johannes:

Jesus war nicht nur der König,

der Richter und Retter der Menschen.

Er war Gottes Sohn!

Lukas 3,1–22 (Matthäus 3,14)

10. In der Wüste

Danach verließ Jesus den Jordan

und ging in die Wüste.

Dort in der Stille sprach Jesus

mit seinem Vater im Himmel.

Vierzig Tage und Nächte

hielt Jesus dort aus

in Hitze und Kälte

ohne Wasser und Brot.

Nach vierzig Tagen aber

litt Jesus großen Hunger.

Da hörte er eine Stimme,

die flüsterte ihm zu:

„Wenn du Gottes Sohn bist,

dann befiehl diesen Steinen

und mach aus ihnen Brot!“

Da horchte Jesus auf.

Wer sprach da mit ihm?

Das war nicht Gottes Stimme.

Der Versucher war es,

der sich ihm nahte.

Doch Jesus entgegnete:

„Nein, das tue ich nicht.

Denn in der Schrift steht:

,Der Mensch lebt nicht

vom Brot allein,

sondern von jedem Wort,

das aus Gottes Mund kommt.‘“

Aber der Versucher ließ Jesus

noch nicht in Frieden.

Er führte ihn

auf einen hohen Berg.

Dort oben zeigte er ihm

das weite Land.

Und wieder flüsterte er

Jesus zu:

„Dies alles und noch viel mehr

will ich dir geben.

Die ganze Erde soll dir gehören

mit allen Menschen,

die darauf wohnen.

Nur eins sollst du mir

dafür geben:

Knie vor mir nieder

und bete mich an!“

„Nein“, rief Jesus.

„Das ist nicht Gottes Wille.

Denn in der Schrift steht:

,Der Herr, unser Gott,

ist der einzige Gott.

Nur ihn allein

sollst du anbeten

und ihm allein dienen.‘“

Aber der Versucher ließ Jesus

noch nicht in Frieden.

Er entführte ihn nach Jerusalem

und stellte ihn

auf die Spitze des Tempels.

Und wieder sprach er

mit verlockender Stimme:

„Wenn du Gottes Sohn bist,

dann spring vom Tempel herab!

Versuch’s doch!

Du kannst es.

Denn in der Schrift steht:

,Die Engel werden dich tragen,

und du wirst deinen Fuß

nicht an einen Stein stoßen.‘

Dann wird alle Welt sehen,

wie mächtig du bist.“

„Niemals!“, entgegnete Jesus.

„Denn die Schrift sagt:

,Du sollst den Herrn,

deinen Gott, nicht versuchen.‘“

Da verstummte die Stimme.

Der Versucher ließ endlich

von Jesus ab.

Von nun an hatte Jesus

Ruhe vor seinem Widersacher.

Und Gottes Geist ruhte auf ihm,

wohin er auch ging.

Lukas 4,1–14

11. Die ersten Jünger

Nicht lange danach kam Jesus

zum See Genezareth.

Dort sah er ein Boot am Ufer.

Zwei Fischer saßen darin.

Die warfen gerade

ihre Netze ins Wasser.

Da rief Jesus zu ihnen hinüber:

„Kommt und folgt mir nach!

Ihr sollt meine Jünger sein.

Menschenfischer sollt ihr werden.“

Sogleich ließen die Fischer

das Boot und die Netze zurück

und folgten Jesus

und wurden seine Jünger.

Petrus und Andreas

hießen die beiden.

Sie waren Brüder.

Ein Stück weiter

lag noch ein Boot am Ufer.

Ein alter Fischer saß darin

mit seinen zwei Söhnen.

Sie flickten gerade ihre Netze.

Jesus ging auf die beiden zu

und rief: „Kommt auch ihr!

Auch ihr sollt meine Jünger sein.“

Da standen die beiden auf,

ließen ihren Vater zurück

und folgten Jesus

und wurden seine Jünger.

Johannes und Jakobus

hießen die beiden.

Auch sie waren Brüder.

Nun hatte Jesus schon vier Jünger.

Bald darauf rief er

noch andere zu sich,

bis er schließlich zwölf Jünger hatte.

Sie zogen mit ihm durch das Land

und waren immer bei ihm.

Sie sahen,

wie er den Menschen half,

und hörten,

was er ihnen von Gott erzählte.

Er war ihr Lehrer,

und sie waren seine Schüler.

Und sie liebten ihn mehr

als ihren besten Freund.

Matthäus 4,18–22 /Markus 1,16–20

II
Jesus hilft

Jesus zog mit seinen Jüngern

durch Galiläa,

das Land am See Genezareth.

Er kam durch viele Städte

und kleine Dörfer.

Überall, wohin er kam,

warteten Menschen auf ihn

und baten ihn um Hilfe.

Viele von ihnen waren in großer Not,

einsame, kranke, bekümmerte Menschen.

Aber Jesus sah ihre Not.

Er tröstete sie und rief ihnen zu:

„Kommt her zu mir,

ihr müden, belasteten Menschen!

Ich will euch erquicken

und will euch Ruhe geben.“

Andere hatten seit Jahren

ein schweres Leiden.

Sie konnten nicht sehen

oder nicht hören

oder waren gelähmt.

Aber Jesus sah ihr Leid.

Ihr Schmerz tat ihm weh.

Er legte seine Hand auf sie

und heilte ihr Leiden.

Einige von ihnen

hatten alle Hoffnung verloren.

Sie sagten sich:

„Uns kann keiner mehr helfen.

Gott hat uns vergessen.

Wir haben ihn betrübt.

Er liebt uns nicht mehr.“

Aber Jesus sah,

wie sie sich quälten.

Er sprach zu ihnen:

„Freut euch!

Gott ist euch nah.

Er vergibt euch die Sünde.“

Da wurden sie frei und spürten,

wie die Lasten von ihnen fielen.

Und viele von ihnen glaubten an Jesus.

12. Am See

Es war früh am Morgen.

Am See Genezareth saßen

ein paar Fischer am Ufer

und wuschen ihre Netze.

Einer von ihnen war Petrus.

Er hatte die ganze Nacht gefischt.

Aber kein Fisch

war ins Netz gegangen,

kein einziger.

Mit leerem Boot

war er zurückgekehrt.

Petrus ließ den Kopf hängen.

Doch plötzlich blickte er auf.

In der Ferne sah er Jesus kommen.

Eine große Menge folgte ihm.

Was sucht Jesus hier

so früh am Morgen?,

fragte sich Petrus verwundert.

Jesus aber ging auf ihn zu,

stieg in sein Boot

und bat ihn:

„Fahr mich aufs Wasser!

Von dort aus will ich

zu den Menschen sprechen.“

Da stieß Petrus das Boot

ein wenig vom Ufer ab.

Und Jesus sprach

zu den Menschen,

die sich am Ufer drängten.

Atemlos hörten die Leute,

was er ihnen erzählte.

Petrus aber saß im Boot

und lauschte gespannt.

Noch nie hatte er

so gewaltige Worte gehört.

Darüber wurde es Mittag.

Die Sonne brannte heiß

vom Himmel herab.

Da schickte Jesus

die Leute nach Hause.

Nur Petrus und die anderen Fischer

blieben am Ufer zurück.

Plötzlich wandte sich Jesus

zu Petrus und sprach:

„Nun fahr hinaus auf den See

und wirf dein Netz aus!

Dann wirst du

einen großen Fang tun.“

Petrus sah Jesus groß an.

„Unmöglich!“, wollte er rufen.

„Niemand fängt Fische

am helllichten Tag.“

Doch er sagte nur:

„Meister, wir haben

die ganze Nacht gefischt

und nichts gefangen.

Aber wenn du es sagst,

dann will ich das Netz

noch einmal auswerfen.“

Und Petrus fuhr hinaus

und warf das Netz aus,

wie Jesus befohlen hatte.

Da – plötzlich ein Ruck!

Im Netz wimmelte es

auf einmal von Fischen.

Petrus zog und zerrte.

Aber umsonst.

Das Netz war zu schwer.

Schon begann es zu reißen.

„So kommt doch und helft!“,

rief Petrus den anderen zu.

Da ruderten sie schnell herbei

und füllten die Boote mit Fischen,

bis sie fast sanken.

„So viele Fische!“, staunten alle.

So viele hatten sie noch nie

in ihrem Leben gefangen.

Petrus aber war sprachlos.

Er starrte auf Jesus.

Auf einmal ahnte er,

wer vor ihm stand.

Voll Ehrfurcht fiel er

vor Jesus nieder.

Und erschrocken stammelte er:

„Herr, geh von mir!

Ich kann vor dir nicht bestehen.“

Doch Jesus sprach zu ihm:

„Fürchte dich nicht!

Ich habe noch viel mehr

mit dir vor.

Zum Menschenfischer

will ich dich machen.“

Da ließ Petrus alles zurück

und zog mit Jesus.

Und mit eigenen Augen

sah er die Wunder,

die Jesus an Menschen tat.

Lukas 5,1–11

13. Auf der Hochzeit

Nicht weit vom See Genezareth

liegt das kleine Dorf Kana.

Dort wurde eines Tages

Hochzeit gefeiert.

Viele Verwandte und Freunde

waren zur Hochzeit geladen.

Auch Jesus kam

mit seinen Jüngern zum Fest.

Und Maria, seine Mutter,

war auch unter den Gästen.

Tagelang wurde gefeiert.

Diener trugen köstliche Speisen auf

und gossen Wein in die Becher.

Und der Speisemeister sorgte dafür,

dass den Gästen nichts fehlte.

Alle durften essen und trinken,

soviel sie wollten.

Dazu gab es Musik

und fröhliche Lieder.

Aber da geschah etwas,

was allen fast die Freude

verdorben hätte:

Der Wein ging zu Ende.

Es war kein Tropfen mehr

in den Krügen.

Die Diener merkten es zuerst.

Sie sahen sich ratlos an.

Was sollten sie tun?

Was sollten sie nun

den Gästen anbieten?

Auch Maria hatte bemerkt,

was geschehen war.

Sie flüsterte Jesus zu: „Sieh doch!

Sie haben keinen Wein mehr.“

Aber Jesus wies sie zurück:

„Was willst du von mir?

Meine Zeit ist noch nicht gekommen.“

Maria wollte es nicht glauben.

Konnte Jesus wirklich nicht helfen?

Sie ging zu den Dienern und sagte:

„Tut alles, was euch Jesus befiehlt!“

Kaum hatte sie das gesagt,

da kam auch schon Jesus

zu den Dienern heraus.

Er zeigte auf die Wasserkrüge,

die an der Tür standen,

sechs große Steinkrüge.

„Füllt die Krüge mit Wasser!“,

befahl er den Dienern.

Da füllten sie die Krüge

mit Wasser bis an den Rand.

„Nun schöpft daraus“, sagte Jesus,

„und bringt es dem Speisemeister!

Er soll davon kosten.“

Da füllten sie einen Becher

und brachten ihn dem Speisemeister.

Der nahm den Becher und trank.

„Ah“, rief er erstaunt,

„was für ein köstlicher Wein!

Wo habt ihr ihn her?“

Schnell holte er den Bräutigam,

hielt ihm den Becher hin

und rief aufgeregt:

„Sieh, dieser Wein ist ja viel besser

als der vorige Wein!

Warum hast du diesen Wein

bis zuletzt aufgespart?

Jeder gibt zuerst den guten Wein aus,

danach den schlechteren.

Du aber hast es umgekehrt gemacht.“

Doch der Bräutigam wusste nicht,

woher der gute Wein kam.

Nur die Diener wussten,

woher der Wein kam.

Wasser hatten sie

in die Krüge geschüttet.

Und Wein hatten sie herausgeschöpft.

Jesus hatte ein Wunder getan.

Da wurde das Fest

noch viel fröhlicher als zuvor.

Alle tranken von dem köstlichen Wein

und wunderten sich,

woher er wohl kam.

Die Jünger aber sahen auf Jesus

und dachten bei sich:

Nun glauben wir,

dass Jesus der Retter ist.

Wir haben mit eigenen Augen gesehen,

was Jesus getan hat.

Johannes 2,1–11

14. Ausgestoßen

In jener Gegend

lebte ein kranker Mann,

der wohnte draußen vor der Stadt

in einer einsamen Hütte.

Sein Gesicht, seine Hände und Füße

waren schrecklich entstellt.

Wenn die Leute ihn von fern sahen,

riefen sie erschrocken:

„Passt auf! Der ist aussätzig.

Geht ihm aus dem Weg!

Sonst steckt er uns an.“

Und sie machten alle

einen großen Bogen um seine Hütte.

Niemand wollte ihn besuchen,

nicht einmal seine Freunde.

Wenn sie ihm das Essen brachten,

stellten sie es nur

vor seiner Hütte ab.

Dann rannten sie gleich wieder weg.

Aber eines Tages kam Jesus

ganz nah an der Hütte vorbei.

Als der Aussätzige ihn sah,

durchfuhr es ihn: Wie?

Jesus machte keinen Bogen

um seine Hütte?

Hatte Jesus denn keine Angst

vor seiner Krankheit?

„Wer weiß“, sagte er sich,

„vielleicht kann Jesus mir helfen?“

Der Kranke überlegte nicht lange.

Schnell lief er Jesus entgegen,

fiel vor ihm nieder

und streckte seine kranken Hände

nach ihm aus.

„Ach Herr“, rief er,

„ich weiß, du kannst mich heilen,

wenn du es willst.“

Da blieb Jesus stehen.

Voller Mitleid sah er auf den Mann,

der vor ihm kniete.

Er beugte sich zu ihm herab,

fasste seine Hände

und sagte freundlich zu ihm:

„Ich will es tun. Sei rein!“

Da spürte der Kranke auf einmal:

Er war geheilt!

Er spürte es an seinen Händen

und an seinen Füßen.

Er spürte es sogar im Gesicht.

„Ich bin gesund“, rief er.

„Ich darf wieder nach Hause!“

„Ja“, sagte Jesus zu ihm,

„geh nach Hause!

Aber sag keinem,

wer dich geheilt hat!

Es bleibt unser Geheimnis.“

Aber der Mann hörte

schon gar nicht mehr zu.

Voll Freude lief er

zurück in die Stadt

zu seinen Freunden

und zu allen Verwandten.

„Seht mich an!“, rief er fröhlich.

„Ich bin wieder gesund.

Ich kann wieder unter euch leben.“

Die anderen aber

starrten ihn fassungslos an.

„Wie? Du bist wirklich gesund?

Verrate uns doch:

Wer hat dir geholfen?“

Da konnte der Mann sein Geheimnis

nicht länger bei sich behalten.

„Jesus!“, rief er.

„Jesus hat mir geholfen.

Er hat mich berührt.

Da war ich geheilt.“

Markus 1,40–45 /Lukas 5,12–15

15. Gelähmt

Am See Genezareth

liegt die Stadt Kapernaum.

Dort lebte ein Mann,

der war seit vielen Jahren gelähmt.

Er konnte nicht gehen

und auch nicht stehen.

Er konnte nicht einmal

seine Hände und Füße bewegen.

So musste er immer

auf einer Matte liegen.

Und wenn er Hunger hatte,

fütterten ihn seine Freunde

wie ein kleines Kind.

Eines Tages aber

kamen seine Freunde

und riefen aufgeregt:

„Hast du schon gehört?

Jesus ist in der Stadt.

Er kann dir gewiss helfen.“

Und bevor der Kranke

noch antworten konnte,

packten sie seine Matte

und schleppten ihn aus dem Haus.

Sie trugen ihn

durch viele Straßen und Gassen,

bis sie zu dem Haus kamen,

in dem Jesus war.

Aber wie sollten sie

zu Jesus hineinkommen?

Das Haus war überfüllt.

Sogar draußen standen noch Leute

und drängten hinein.

„Macht Platz!“, riefen die Freunde.

„Wir wollen zu Jesus.“

Aber niemand hörte auf sie.

Da schauten sich die Freunde um

und entdeckten eine Treppe

außen am Haus.

Sie führte auf das flache Dach.

Dorthin trugen sie

ihren gelähmten Freund.

Sie deckten das Dach ab,

machten ein Loch

und schauten von oben ins Haus.

Da sahen sie Jesus.

Er stand genau unter ihnen

und sprach zu den Leuten,

die sich um ihn drängten.

Vorsichtig machten die Freunde

das Loch größer,

knüpften die Matte an Seile

und ließen sie langsam

mit dem Gelähmten hinab,

bis er vor Jesus lag.

Da schaute Jesus auf.

Als er die Freunde sah,

die voller Erwartung auf ihn blickten,

wandte er sich zu dem Kranken

und sprach: „Mein Sohn!

Deine Sünden sind dir vergeben.“

Da wurde es auf einmal

ganz still in dem Haus.

Alle starrten auf Jesus.

Was hatte Jesus gesagt?

,Deine Sünden sind dir vergeben‘?

Was sollte das heißen?

Einige Gelehrte waren dabei,

die murmelten empört:

„Unerhört!

Was erlaubt sich dieser Jesus?

Nur Gott kann Sünden vergeben.

Bildet sich Jesus etwa ein,

er sei Gott?“

Jesus aber wusste,

was die Gelehrten dachten.

„Was meint ihr?“, fragte er sie.

„Was ist leichter:

die Sünden vergeben

oder die Krankheit heilen?

Aber ihr sollt wissen,

dass Gott mir die Macht gab,

beides zu tun.“

Danach wandte er sich

zu dem Kranken und sprach:

„Steh auf!

Nimm deine Matte und geh!“

Da konnte der Mann

auf einmal wieder seine Beine

und seine Hände bewegen.

Sogleich stand er auf,

nahm seine Matte,

bahnte sich einen Weg

durch die Menschen

und ging fröhlich nach Hause.

Die Leute aber sahen fassungslos zu,

wie er davonging.

„Noch nie haben wir

so etwas gesehen“,

riefen alle voll Staunen.

Und einer nach dem anderen

fing an, Gott laut zu loben,

bis das ganze Haus

von ihren Lobliedern erfüllt war.

Markus 2,1–12 /Lukas 5,17–26

16. Sprich nur ein Wort!

Draußen vor Kapernaum

stand ein prächtiges Haus.

Dort wohnte ein römischer Hauptmann,

ein angesehener Mann.

Er hatte hundert Soldaten,

die ihm gehorchten,

dazu viele Knechte und Mägde,

die in seinem Haus dienten.

Eines Tages aber wurde

einer seiner Knechte schwer krank.

Von Tag zu Tag

wurde es schlimmer mit ihm.

Bald wusste der Hauptmann

keinen Rat mehr.

Hilflos sah er zu,

wie sein Knecht litt.

Gerne hätte er

in der Stadt Hilfe geholt.

Aber er wusste:

Kein Jude würde

das Haus eines Römers betreten.

Da hörte der Hauptmann:

Jesus ist in der Stadt.

„Wer weiß“, sagte er sich,

„vielleicht kann Jesus

meinem Knecht helfen?“

Und sogleich machte er sich

auf den Weg

und suchte Jesus,

bis er ihn fand.

„Ach Herr“, rief der Hauptmann,

„mein Knecht liegt

zu Hause schwer krank.

Er hat große Schmerzen.“

„Ich komme“, sprach Jesus.

„Ich will ihn gesund machen.“

Aber der Hauptmann

wehrte erschrocken ab:

„Nein, Herr!

Ich bin es nicht wert,

dass du in mein Haus kommst.

Aber sprich nur ein Wort,

ein einziges Wort!

Dann wird mein Knecht gesund.

Denn ich weiß, was ein Wort

aus deinem Munde bewirkt.

Denn auch ich gehorche

meinen Vorgesetzten aufs Wort.

Und auch meine Soldaten

hören auf mein Wort.

Wenn ich einem sage:

,Geh los!‘,

dann geht er auch los.

Und wenn ich einen rufe:

,Komm her!‘,

dann tut er’s sofort.

Und wenn ich sage:

,Tu dies!‘ oder: ,Tu das!‘,

dann hört er aufs Wort.“

Als Jesus das hörte,

rief er voll Staunen:

„Wahrhaftig!

Solch einen Glauben

habe ich in ganz Israel

nicht gefunden.“

Und er wandte sich

zu dem Hauptmann

und sprach zu ihm:

„Geh in Frieden nach Hause!

Es soll so geschehen,

wie du geglaubt hast.“

Da kehrte der Hauptmann um

und eilte nach Hause.

Und sieh da!

Auf dem Weg kam ihm

sein Knecht schon fröhlich entgegen.

Da wusste der Hauptmann:

Jesus hatte ein Wunder getan.

Sein Wort hatte den Knecht

in dieser Stunde geheilt.

Matthäus 8,5–13

17. Zu spät?

Damals lebte in Kapernaum

ein Mann, der hieß Jairus.

Er war Vorsteher der Gemeinde

und in der ganzen Stadt

ein geachteter Mann.

Er hatte ein großes Haus

mit vielen Knechten und Mägden.

Dort wohnte er mit seiner Frau

und seiner kleinen Tochter,

die war zwölf Jahre alt.

Doch eines Tages wurde

seine Tochter schwer krank.

Von Tag zu Tag wurde sie schwächer.

Jairus war ratlos.

Was sollte er tun?

Wenn keine Hilfe kam,

musste sein Kind sterben.

Da hörte Jairus von anderen:

„Jesus ist wieder in der Stadt.“

„Ja“, sagte er sich,

„Jesus muss kommen,

bevor es zu spät ist!“

Schnell machte er sich auf,

um Jesus zu suchen.

Er lief durch die ganze Stadt

und suchte Jesus

auf allen Plätzen und Straßen.

Endlich fand er ihn draußen am See.

Aber viele Menschen umringten Jesus.

Sie versperrten Jairus den Weg.

Da drängte sich Jairus

durch die Menge hindurch,

fiel vor Jesus nieder

und bat ihn:

„Herr, bitte, komm schnell!

Meine Tochter ist todkrank.

Leg deine Hände auf sie!

Dann wird sie wieder gesund.“

Da ließ Jesus die Leute stehen

und ging mit Jairus.

Aber er kam nur langsam voran.

Immer wieder hielt ihn jemand auf

und bat ihn um Hilfe.

Wenn wir nur nicht zu spät kommen!,

dachte Jairus.

Aber da kamen ihm

schon seine Knechte entgegen,

die riefen ihm zu:

„Zu spät! Zu spät!

Jesus braucht nicht mehr zu kommen.

Deine Tochter ist tot.“

Wie erschrak Jairus,

als er das hörte!

Verzweifelt sah er auf Jesus.

Aber Jesus sprach zu ihm:

„Fürchte dich nicht!

Vertraue mir nur!“

Dann ging er mit Jairus

zu seinem Haus.

Dort waren schon

viele Menschen versammelt,

die heulten und klagten

und jammerten laut.

Das ganze Haus war erfüllt

von ihrem Klagegeschrei.

Als Jesus sah,

wie sie lärmten und klagten,

fuhr er sie an:

„Was macht ihr für ein Geschrei?

Das Kind ist nicht tot.

Es schläft nur.“

Aber die Leute riefen:

„Was sagt der?

Das Kind schläft?

Was für ein Unsinn!

Es ist tot.

Es wacht nie mehr auf.“

Und sie lachten ihn aus.

Aber Jesus jagte sie alle hinaus.

Nun war es auf einmal ganz still.

Nur die Eltern und drei Jünger

waren mit Jesus im Haus.

Da ging Jesus mit ihnen

in den Raum, wo das Kind lag.

Ruhig lag es auf seinem Bett.

Es rührte sich nicht.

Aber Jesus ging zu dem Kind hin,

fasste seine Hand und rief laut:

„Mädchen, ich sage dir:

Steh auf!“

Und sieh da!

Auf einmal rührte sich das Kind.

Die Augen öffneten sich.

Die Lippen bewegten sich.

Das Mädchen stand auf

und lief seinen Eltern entgegen.

Die Eltern aber waren wie erstarrt.

Sie wussten nicht, wie ihnen geschah.

„Euer Kind hat Hunger“,

sagte Jesus zu ihnen.

„Gebt ihm zu essen!“

Da kam auf einmal wieder

Leben in die Eltern.

Schnell holten sie etwas zu essen

und sahen voll Freude,

wie es ihrem Kind schmeckte.

Am liebsten hätten sie laut

auf die Straße hinausgerufen:

„Seht, was Jesus getan hat!

Er hat unserem Kind

das Leben geschenkt.“

Aber Jesus hielt sie zurück.

„Sagt es nicht weiter!“, befahl er.

„Es soll ein Geheimnis bleiben.“

Markus 5,21–43

18. Weine nicht!

Eines Tages wanderte Jesus

mit seinen Jüngern

zu der kleinen Stadt Nain.

Da kam ihnen aus dem Stadttor

ein Trauerzug entgegen.

Voran schritten Männer

mit einer Bahre.

Auf ihr lag ein toter Junge.

Viele Menschen folgten der Bahre.

Unter ihnen war auch

die Mutter des Jungen.

Ihr Mann war längst tot.

Nun hatte sie auch noch

den einzigen Sohn verloren.

Sie weinte und schluchzte

und vergrub ihr Gesicht

in den Händen.

Als Jesus sie weinen sah,

ging es ihm durch und durch.

Er hielt den Zug an,

ging auf die Mutter zu

und sprach zu ihr:

„Weine nicht!“

Da blickte die Frau auf.

Sie sah Jesus verwundert an.

Wer sprach so zu ihr?

Wer war dieser Fremde?

Sie kannte ihn nicht.

Jesus aber legte seine Hand

auf die Bahre

und rief laut

über dem Toten:

„Steh auf, Junge!

Ich sage dir: Steh auf!“

Und sieh da!

Der Junge setzte sich auf.

Er bewegte seine Lippen.

Er stieß Laute hervor,

sprach Wörter, sogar Sätze!

Da nahm ihn Jesus an die Hand

und gab ihn seiner Mutter zurück.

Als aber die anderen sahen,

was Jesus getan hatte,

jubelten sie und riefen:

„Gott sei Lob und Dank!

Er hat uns nicht vergessen.

Er hat Jesus zu uns geschickt.“

Voll Freude zogen sie

zurück in die Stadt,

sangen und lachten

und riefen in alle Häuser hinein:

„Wie mächtig ist Jesus!

Mächtiger als der Tod!“

Da wurde aus dem Trauertag

ein Festtag,

wie ihn die Stadt

noch nie erlebt hatte.

Lukas 7,11–17

19. Dein Glaube ist groß!

Nördlich von Israel

liegt das phönizische Land.

Dort wohnten Menschen,

die nicht an Gott glaubten,

sondern andere Götter verehrten.

„Heiden“ wurden sie

von den Juden genannt.

Unter ihnen lebte eine Frau,

deren Tochter hatte

ein schweres Leiden.

Wenn sie ihre Anfälle bekam,

schlug sie um sich

und wusste nicht, was sie tat.

Niemand konnte ihr helfen.

Auch die Mutter war ratlos.

Hilflos musste sie zusehen,

wie ihre Tochter sich quälte.

Die anderen Leute

trauten sich nicht einmal,

ihr Haus zu betreten.

Denn sie glaubten,

ein böser Geist

hätte ihre Tochter verhext.

Das bekümmerte die Mutter so sehr,

dass sie nicht mehr

aus noch ein wusste.

Da erfuhr die Mutter eines Tages:

„Ein Fremder ist

in unsere Gegend gekommen.

Er heißt Jesus

und stammt aus Israel.

Dort hat er schon

vielen Menschen geholfen.“

Als die Mutter das hörte,

ließ sie alles liegen und stehen

und machte sich auf den Weg,

um Jesus zu suchen.

Endlich fand sie ihn

unterwegs auf der Straße.

Sie lief hinter ihm her,

weinte und schrie:

„Ach Herr, hilf meiner Tochter!

Vertreibe den bösen Geist,

der sie plagt!“

Verzweifelt warf sie sich

auf die Erde, Jesus zu Füßen.

Wenn er sie nur nicht abwies!

Wenn er sie nur nicht davonjagte,

weil sie zu den Heiden gehörte!

Da blieb Jesus stehen.

Er beugte sich zu der Frau herab

und er sprach zu ihr:

„Erst brauchen die anderen Hilfe.

Es ist nicht recht,

wenn man den Kindern

das Brot wegnimmt

und wirft es vor die Hunde.“

Der Mutter stockte der Atem.

Wie? Sollte das heißen:

Jesus wollte nur

den Menschen in Israel helfen?

Und ihre Tochter?

War sie Jesus nicht wichtig?

War sie in seinen Augen

nur so viel wert wie ein Hund?

Die Mutter wollte es nicht glauben.

„Ja, Herr, ich verstehe“, stammelte sie.

„Aber dennoch essen die Hunde

von den Krümeln der Kinder,

die vom Tisch herabfallen.“

„O Frau“, rief Jesus voll Staunen,

„dein Glaube ist groß.

Genauso soll es geschehen,

wie du gesagt hast.“

Da glaubte die Mutter:

Jesus hatte sich

über ihre Tochter erbarmt.

Sogleich stand sie auf

und eilte nach Hause.

Dort fand sie die Tochter

auf ihrem Bett.

Ruhig und gelöst

lag sie da, völlig geheilt.

Die Jünger aber,

die Jesus gefolgt waren,

wussten nicht, wie ihnen geschah.

An diesem Tag hatten sie

mit eigenen Augen gesehen:

Jesus war nicht nur ihr Retter.

Er war auch zu den Heiden

als Retter gekommen.

Markus 7,24–30 / Matthäus 15,21–28

20. Hephata!

Eines Tages zog Jesus

mit seinen Jüngern

in eine fremde Gegend

auf der anderen Seite des Sees.

Im Nu sprach es sich

in der ganzen Gegend herum.

Einer rief es dem anderen zu:

„Hast du gehört?

Jesus ist hier.

Komm, wir wollen ihn sehen!“

Und schon rannten sie los

und liefen Jesus entgegen.

Nur einer blieb am Weg sitzen

und rührte sich nicht.

Er hörte nicht,

was die anderen riefen.

Er verstand nichts,

kein einziges Wort.

Er sah nur,

wie die Leute vorbeieilten.

„Wohin geht ihr alle?“,

wollte er fragen.

Aber er brachte kein Wort heraus,

nur unklare Laute.

Er war nicht nur taub.

Er war auch stumm.

Er hatte niemals gelernt,

richtig zu sprechen.

Als die Leute ihn sahen,

blieben sie stehen und fragten:

„Was sagt der?

Wir verstehen ihn nicht.

Aber wer weiß,

vielleicht versteht ihn Jesus?

Wir wollen ihn bitten,

dass er dem Taubstummen hilft.“

Und sie nahmen ihn an der Hand

und führten ihn zu Jesus.

„Da, sieh her!“, sagten sie.

„Dieser Mensch kann nicht hören.

Er kann auch nicht sprechen.

Aber leg deine Hand auf ihn

und mach ihn gesund!“

Da nahm ihn Jesus beiseite

und rührte seine Ohren

und seine Zunge an.

Und Jesus sah auf zum Himmel,

seufzte und rief: „Hephata!“

Das heißt: „Tu dich auf!“

Da geschah es.

Auf einmal gingen die Ohren auf.

Und auf einmal

löste sich auch die Zunge.

„Ich kann hören!“,

jubelte der Mann.

„Ich kann sogar sprechen!

Hört ihr mich?“

Und schon eilten die anderen herbei

und staunten ihn an:

„Wie ist das nur möglich?

Der Stumme kann reden.

Wir verstehen ihn alle.

Er redet richtige Worte,

ja, ganze Sätze.

Er stockt nicht einmal.“

Und sie riefen voll Freude:

„Das hat Jesus getan.

Er ist der Retter.

Er öffnet den Tauben das Ohr

und löst den Stummen die Zunge.“

Markus 7,31–37

21. Eine dunkle Macht

Am anderen Ufer des Sees

wohnte ein Mensch,

der litt furchtbare Qualen.

In ihm tobte

eine unheimliche Macht.

Wie ein gehetztes Tier

rannte er durch die Straßen.

Er raufte sich die Haare

und schlug sich mit Steinen.

Niemand konnte ihn zähmen.

Er zerriss alle Fesseln.

Sogar seine Kleider

riss er sich vom Leib,

wenn es über ihn kam.

Wo er auftauchte,

liefen die Leute davon.

Sie schrien vor Angst

und flüsterten entsetzt:

„Dieser Mensch ist

von allen guten Geistern verlassen.

Was ist nur in ihn gefahren?

Als ob tausend Teufel ihn plagten!“

Sogar seine eigene Familie

fürchtete sich vor ihm

und ließ ihn nicht mehr ins Haus.

So trieb sich der Mensch

draußen vor der Stadt herum.

Tagsüber streifte er ziellos umher

auf den Bergen über dem See,

wo auch Schweine grasten.

Und nachts schlief er in Grabhöhlen.

Eines Tages aber kam Jesus

mit seinen Jüngern über den See.

Schon von Weitem sah ihn

der Mann kommen.

Wie ein Wilder rannte er

zum Ufer hinab

und warf sich vor Jesus nieder.

Gequält schrie es aus ihm heraus:

„Was willst du von mir,

Jesus, du Sohn Gottes,

des Allerhöchsten?

Ich bitte dich: Quäle mich nicht!“

Jesus aber blickte

voller Mitleid auf ihn herab.

Er sah, wie eine fremde Macht

in dem Mann tobte.

Und zornig rief er:

„Du dunkle Macht!

Lass diesen Menschen los!

Fahr in die Schweine!

Da magst du wüten.

Aber lass diesen Menschen

endlich in Frieden!“

Da war es auf einmal,

als ob unsichtbare Ketten sich lösten.

Endlich war der Mann

von seinen Qualen erlöst!

Ruhig saß er Jesus zu Füßen.

Aber droben am Berg,

bei den Schweinen,

da war plötzlich die Hölle los.

Die Tiere bäumten sich auf.

Sie rasten wild den Abhang hinab

und stürzten sich kopfüber ins Wasser.

Als die Schweinehirten das sahen,

packte sie die Panik.

Sie flohen in die Stadt

und berichteten allen entsetzt,

was mit den Schweinen geschehen war.

Da liefen die Leute in Scharen

hinaus vor die Stadt.

Dort fanden sie Jesus

und bei ihm den Mann,

den alle gemieden hatten.

Ganz gelöst sah er aus.

Er tobte nicht mehr.

Er schrie auch nicht mehr.

Er war sogar richtig gekleidet.

Da wurde den Leuten

ganz unheimlich zumute.

„Du Fremder“, baten sie Jesus,

„geh und lass uns in Ruhe!“

Da ließ Jesus die Leute stehen

und stieg wieder ins Boot.

„Halt! Warte auf mich!“,

rief der Geheilte.

„Ich gehe mit dir.“

Doch Jesus erwiderte:

„Nein, bleibe du hier!

Geh zu deiner Familie zurück!

Und erzähle allen,

was Gott Großes an dir getan hat.“

Da kehrte der Mann um

und erzählte in allen Städten ringsum,

was Jesus an ihm getan hatte.

Markus 5,1–20 /Lukas 8,26–39

22. Im Sturm

Es war Abend.

Jesus saß mit seinen Jüngern

am See Genezareth.

Er war sehr müde.

Viele Menschen waren

an diesem Tag zu ihm gekommen.

Auch jetzt noch

ließen sie ihm keine Ruhe.

Da sagte Jesus zu seinen Jüngern:

„Kommt, wir wollen

ans andere Ufer fahren!“

Sie stiegen ins Boot

und fuhren hinaus auf den See.

Jesus aber nahm ein Kissen,

legte sich hinten ins Boot

und schlief ein.

Es war ein ruhiger Abend.

Die Sterne leuchteten klar.

Die Wellen plätscherten leise.

Und der Wind blies sanft

in die Segel.

Aber plötzlich zog ein Sturm auf.

Der Himmel wurde ganz schwarz.

Es stürmte und brauste.

Das Segel zerriss.

Die Wellen tobten

und schlugen ins Boot.

Da überfiel die Jünger

furchtbare Angst.

Sie klammerten sich ans Boot.

Sie schrien um Hilfe.

Konnte denn Jesus nicht helfen?

Aber Jesus lag hinten im Boot

und schlief immer noch tief,

mitten im Sturm.

„Herr, hilf uns!“,

schrien die Jünger.

„Siehst du denn nicht?

Wir gehen unter.“

Da öffnete Jesus die Augen.

Er sah auf den Sturm,

der um sie tobte.

Und er sah die Angst

in den Augen der Jünger.

Er stand auf,

erhob seine Hand drohend

gegen den Sturm

und rief laut über die Wellen:

„Schweig und sei still!“

Auf einmal wurde es ganz still.

Der Wind legte sich.

Die Wellen wichen zurück.

Das Schiff glitt ruhig

durch das Wasser.

„Warum hattet ihr solche Angst?“,

fragte Jesus die Jünger.

„Ich bin doch bei euch.

Habt ihr denn kein Vertrauen zu mir?“

Die Jünger aber waren sprachlos.

Sie sahen einander an

und flüsterten erschrocken:

„Wer ist nur dieser Jesus?

Sogar der Wind und die Wellen

gehorchen ihm.“

Markus 4,35–41 /Lukas 8,22–25

23. Alle werden satt

Einmal wollte Jesus

mit seinen Jüngern allein sein.

Er stieg in ein Boot

und fuhr mit ihnen über den See

zu einer verlassenen Gegend,

wo es keine Häuser

und keine Menschen gab,

nur einsame Berge.

Aber die Leute hatten gesehen,

wohin Jesus fuhr.

Sie wanderten um den See herum.

Und als Jesus ans andere Ufer kam,

standen sie schon da und warteten

auf ihn, Hunderte, sogar Tausende.

Und immer mehr kamen hinzu.

Als Jesus die Menschen sah,

Frauen und Männer,

Alte und Junge,

Gesunde und Kranke,

hatte er großes Mitleid mit ihnen.

Er spürte: Sie brauchten ihn alle.

Sie waren wie Schafe,

die keinen Hirten haben.

Da ging er zu ihnen hin,

heilte die Kranken,

tröstete die Traurigen

und erzählte ihnen von Gott.

Darüber wurde es Abend.

Die Sonne ging schon bald unter.

Aber immer noch standen

die Menschen bei Jesus

und hörten ihm zu.

Da kamen die Jünger

zu Jesus und sagten:

„Die Leute haben Hunger.

Es ist schon spät.

Bald wird es Nacht.

Und hier ist es einsam.

Schick sie endlich nach Hause!

Dann können sie unterwegs

noch etwas Brot kaufen.“

Aber Jesus erwiderte:

„Gebt ihr ihnen zu essen!“

„Wie?“, fragten die Jünger verwundert.

„Sollen wir denn weggehen

und Brot kaufen

für so viele Menschen?

Mindestens 200 Silberstücke

müssten wir dafür bezahlen.

Und es würde trotzdem

noch lange nicht reichen.“

„Wie viele Brote habt ihr?“,

fragte Jesus die Jünger.

„Seht nach

und sagt mir Bescheid!“

Da machten sich die Jünger

auf die Suche nach Brot.

Bald darauf kamen sie zurück

und meldeten Jesus:

„Wir haben einen Jungen gefunden,

der hat fünf Brote

und zwei Fische.

Aber was sind fünf Brote

und zwei Fische

für so viele Menschen?“

„Bringt mir das Brot und die Fische!“,

befahl Jesus den Jüngern.

„Und sagt allen,

sie sollen sich setzen!“

Da setzten sich alle

in Gruppen ins Gras,

immer fünfzig

oder hundert zusammen.

Fast sah es so aus,

als ob sie sich

um einen gedeckten Tisch setzten.

Jesus aber nahm das Brot,

schaute auf zum Himmel,

dankte Gott,

brach es

und gab es den Jüngern.

Die teilten das Brot aus

und auch die Fische.

Immer mehr Brot

und immer mehr Fisch

teilten sie aus an alle,

Männer, Frauen und Kinder.

Alle aßen und wurden satt,

ja, mehr als satt.

Danach sammelten die Jünger auf,

was übrig geblieben war.

Zwölf Körbe voll!

Nur fünf Brote und zwei Fische

waren es gewesen.

Aber Jesus hatte

mehr als 5000 Menschen

satt gemacht.

Als die Leute das sahen,

riefen sie begeistert:

„Jesus ist wirklich der Retter,

auf den wir warten.

Auf, wir wollen ihn

zu unserem König machen!“

Und sie umringten Jesus

und wollten ihn festhalten.

Aber Jesus ließ es nicht zu.

Er ließ die Leute stehen

und stieg allein

auf einen einsamen Berg.

Dort kniete er nieder und sprach

mit seinem Vater im Himmel,

er ganz allein.

Markus 6,32–44 / Johannes 6,1–15

24. Nachts auf dem See

Es war bereits Nacht,

als die Jünger

wieder in ihr Boot stiegen.

Jesus war noch nicht

vom Berg zurückgekehrt.

So fuhren sie ohne ihn los.

Sie ruderten hinaus

auf den dunklen See.

Aber sie kamen kaum voran.

Der Wind blies ihnen ins Gesicht.

Und die Wellen schlugen

von vorn gegen das Boot.

Sie ruderten und ruderten.

Doch es war, als ruderten

sie nur auf der Stelle.

Schon ging es auf den Morgen zu.

Aber das andere Ufer war noch fern.

Die Jünger spähten über das Wasser.

Plötzlich schrien sie auf.

Was war das?

Über dem Wasser leuchtete es hell.

„Hilfe!“, schrien die Jünger.

„Ein Gespenst!“

Doch da hörten sie Jesus:

„Ich bin es“, rief er über das Wasser.

„Fürchtet euch nicht!“

Die Jünger waren sprachlos.

Wie war das nur möglich?

Jesus war doch am Ufer geblieben!

Wie war er plötzlich zu ihnen gekommen?

Als erster fand Petrus wieder die Worte.

Mutig rief er über das Wasser:

„Herr, wenn du es bist,

dann befiehl mir,

dass ich zu dir aufs Wasser komme!“

„Komm zu mir!“, rief Jesus.

Da stieg Petrus aus dem Boot,

setzte seine Füße aufs Wasser

und wirklich:

Das Wasser trug ihn – Jesus entgegen!

Aber plötzlich erschrak Petrus.

Der Wind blies ihm ins Gesicht.

Die Wellen schlugen über ihm zusammen.

„Herr, hilf mir!“, schrie Petrus.

„Ich ertrinke.“

Da spürte er eine Hand

mitten im Wasser.

Sie hielt ihn fest

und trug ihn zum Boot.

Die Hand Jesu!

Sie hatte ihn

vor dem Ertrinken bewahrt.

„Petrus“, fragte Jesus,

„warum hast du mir

so wenig vertraut?“

Und Jesus stieg

mit Petrus ins Boot

und der Wind legte sich.

Als die Jünger das sahen,

fielen sie vor Jesus nieder

und riefen voll Staunen:

„Du bist wirklich Gottes Sohn.“

Matthäus 14,22–33

III
Jesus erzählt

Immer wieder kamen Menschen

zu Jesus und baten ihn:

„Erzähl uns vom Vater im Himmel!

Zeig uns,

was wir tun sollen

und wie wir beten sollen.

Wir möchten es Gott

gerne recht machen.“

Da erzählte ihnen Jesus

von seinem Vater,

der die Menschen unendlich liebt.

Er lehrte sie,

was sie tun sollten

und wie sie beten sollten

und dass sie Gott

über alles lieben sollten.

Viele hörten Jesus zu.

Aber einige waren dabei,

die verstanden nicht,

was er meinte.

Sie schüttelten den Kopf,

wunderten sich und fragten:

„Was will dieser Jesus

eigentlich von uns?“

Andere waren dabei,

die ärgerten sich über Jesus.

Sie ballten die Fäuste

und schimpften:

„Jesus spielt sich auf,

als ob er selbst Gott sei.

Wir wollen ihn nicht mehr hören.“

Aber dann gab es auch einige,

die spitzten die Ohren.

Sie hörten die gute Nachricht

von Gott, der sie liebt,

und änderten ihr Leben.

25. Freut euch, ihr Armen!

Einmal stieg Jesus auf einen Berg,

um dort zu beten.

Die ganze Nacht sprach er

mit seinem Vater im Himmel.

Als es aber Morgen wurde,

ging er mit seinen Jüngern

hinunter ins Tal.

Dort wartete schon

eine große Menschenmenge auf ihn.

Viele waren von weither gekommen,

um Jesus zu hören.

Als sie ihn sahen,

liefen sie ihm entgegen,

streckten die Hände nach ihm aus

und riefen: „Jesus, hilf uns!“

„Erzähl uns von Gott!“

Da wandte sich Jesus an alle,

die sich um ihn geschart hatten.

Und laut rief er über die Menge hinweg:

„Freut euch, ihr Armen!

Denn ihr gehört zu Gott.

Freut euch, ihr Hungrigen!

Denn ihr sollt satt werden.

Freut euch, ihr Weinenden!

Denn ihr werdet lachen.

Freut euch, auch wenn euch

die Menschen hassen!

„Freut euch, ihr Armen!

Denn ihr gehört zu Gott.

Freut euch, ihr Hungrigen!

Denn ihr sollt satt werden.

Freut euch, ihr Weinenden!

Denn ihr werdet lachen.“

Freut euch dennoch

und jubelt vor Freude!

Denn der Vater im Himmel

gibt euch, was euch fehlt.

Er wird euch

über Erwarten beschenken.“

Atemlos lauschten die Leute.

Das waren neue, unerhörte Worte,

die Jesus zu ihnen sprach!

Noch nie hatte ein Lehrer

so zu ihnen gesprochen.

Und Jesus fuhr fort:

„Hört, was ich euch sage:

Liebt eure Feinde!

Tut denen Gutes,

die euch hassen!

Segnet die,

die euch verfluchen!

Und bittet für die,

die euch beleidigen!

Dann werdet ihr Gottes Kinder sein.

Und seid barmherzig,

wie auch euer Vater im Himmel

barmherzig ist!“

Noch viel mehr sagte Jesus.

Und er schloss seine Rede:

„Wer meine Worte hört,

gleicht einem Menschen,

der klug war.

Er baute sein Haus auf Fels.

Und als ein Unwetter kam,

blieb das Haus stehen.

Denn es stand auf felsigem Grund.

Wer aber nicht auf mich hört,

gleicht einem Menschen,

der leichtsinnig war.

Er baute sein Haus auf Sand.

Doch als ein Unwetter kam,

stürzte das Haus ein

und die Flut schwemmte es weg.

Denn es stand auf sandigem Grund.“

Nachdenklich gingen die Leute davon.

Es war ihnen, als hätte in dieser Stunde

Gott selbst zu ihnen gesprochen.

Lukas 6,12–49 /Matthäus 5,3 ff.; 7,24 ff.

26. Vom Sämann

Einmal war Jesus am See.

Da strömten die Menschen

aus allen Städten

und Dörfern zusammen.

Sie umringten Jesus und baten ihn:

„Erzähl uns eine Geschichte von Gott!“

Da stieg Jesus in ein Boot

und sprach zu den Menschen,

die sich am Ufer drängten.

Seine Stimme schallte über das Wasser,

sodass alle ihn hörten.

Und Jesus fing an zu erzählen:

» Es war ein Sämann,

der ging auf sein Feld

und streute Samen aufs Land.

Aber einige Körner

fielen auf den Weg.

Da kamen Vögel und pickten sie auf.

Die Körner konnten nicht keimen.

Einige Körner

fielen auf steiniges Land.

Sie gingen auf, keimten

und sprossen aus der Erde hervor.

Aber die Sonne dörrte das Land aus.

Da wurden die Halme welk

und trockneten aus.

Sie konnten nicht wachsen.

Einige Körner

fielen unter dornige Sträucher.

Sie gingen auf,

keimten und sprossen

und trieben Halme hervor.

Die wuchsen und wurden

größer und größer.

Aber die dornigen Sträucher

wuchsen und wucherten

noch viel mehr.

Sie nahmen den Halmen

die Luft und das Licht weg.

Da konnten die Körner nicht reifen.

Die anderen Körner aber

fielen auf fruchtbares Land.

Sie gingen auf,

keimten und sprossen

und trieben Halme und Ähren hervor.

Und als die Erntezeit kam,

standen sie da,

aufrecht und groß,

mit gelben Ähren

und reifer Frucht in ihren Ähren.

Da kam der Sämann wieder aufs Feld

und zählte voll Freude die Früchte.

Dreißig –

nein, sechzig –

nein, mehr noch:

hundert Körner

zählte er in den Ähren. «

Hier endete Jesus.

Und er rief laut über das Wasser:

„Wer von euch Ohren hat zum Hören,

der höre auf mich!“

Da spürten die Menschen am Ufer:

Das waren nicht nur Geschichten,

die Jesus von Gott erzählte.

In seinen Worten

kam Gott selbst ihnen ganz nah.

Und vielen, die Jesus hörten,

ging das Herz auf,

wie Samen aufgeht

auf fruchtbarem Land.

Lukas 8,4–8 / Matthäus 13,1–9

27. Vom Beten

Einmal war Jesus allein

an einem einsamen Ort.

Da kamen seine Jünger

und sahen, dass er betete.

„Herr“, sagten sie,

„das möchten wir auch lernen.

Zeig uns, wie wir beten können!“

Da sprach Jesus zu seinen Jüngern:

„So sollt ihr beten:

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe

wie im Himmel,

so auf Erden.

Unser tägliches Brot

gib uns heute.

Und vergib uns

unsere Schuld,

wie auch wir vergeben

unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht

in Versuchung,

sondern erlöse uns

von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

und die Kraft

und die Herrlichkeit

in Ewigkeit.

Amen.“

Dieses Gebet merkten sich die Jünger.

Sie lernten es auswendig

und sagten es weiter.

Und bis heute beten

die Christen dieses Gebet,

das Jesus seine Jünger gelehrt hat.

Lukas 11,1–4 / Matthäus 6,9–13

28. Vom bittenden Freund

Schon viele Male

hatten die Jünger erlebt,

wie Jesus mit Gott sprach.

Ob Gott auch auf unser Gebet hört?

So fragten sie sich.

Da erzählte Jesus seinen Jüngern

diese Geschichte:

» Stellt euch vor:

Ein Mann bekommt

spätabends Besuch.

Sein Freund ist

von weither gekommen

und hat großen Hunger.

Aber der Mann

hat kein Brot im Haus,

kein einziges Stück.

Da geht er mitten in der Nacht

zu seinem Nachbarn,

klopft an seine Tür und ruft:

„Lieber Freund!

Mach mir auf!

Leih mir drei Brote!

Denn ich habe Besuch bekommen.

Und ich habe nichts,

was ich meinem Besuch

anbieten kann.“

Was glaubt ihr,

was wird der Nachbar tun?

Wird er rufen:

„Lass mich in Ruhe!

Störe mich nicht!

Es ist schon Mitternacht.

Weck die Kinder nicht auf!

Sie schlafen bei mir

in der Kammer.

Und die Tür ist verriegelt.

Ich kann nicht aufstehen

und dir das Brot herausgeben.“

Was glaubt ihr?

Wird er das tun?

Nein, ich sage euch:

Er wird aufstehen

und die Tür öffnen

und seinem Freund Brot geben,

so viel er braucht.

Und wenn er’s nicht tut,

weil er sein Freund ist,

so wird er es trotzdem tun,

schon deshalb, weil sein Freund

ihn so inständig bittet und drängt.«

„Seht“, fuhr Jesus fort,

„so wird mein Vater im Himmel

auch euch geben,

was ihr von ihm bittet.

Darum bittet,

so wird euch gegeben.

Suchet, so werdet ihr finden.

Klopfet an,

so wird euch aufgetan.“

Lukas 11,5–13

29. Vom barmherzigen Samariter

Einmal kam ein Gelehrter zu Jesus,

der kannte sich gut aus

in der Heiligen Schrift.

Er wollte Jesus prüfen.

„Was muss ich tun“, fragte er,

„damit ich zu Gott komme?“

Jesus antwortete:

„Du kennst doch die Gebote.

Wie heißt es dort?“

Da antwortete der Gelehrte:

„Es heißt in den Geboten:

,Du sollst den Herrn, deinen Gott,

von ganzem Herzen lieben

und deinen Nächsten wie dich selbst.‘

Aber wer ist denn mein Nächster?“

Da erzählte ihm Jesus

diese Geschichte:

» Einmal ging ein Mann

von Jerusalem nach Jericho hinab.

Er wanderte an steilen Bergen

und an tiefen Schluchten vorbei.

Plötzlich kamen Räuber

aus ihrem Versteck hervor.

Sie stürzten sich auf den Mann,

schlugen auf ihn ein,

plünderten ihn aus

und machten sich eilig davon.

Da lag nun der Mann

verlassen am Wegrand, halbtot.

Doch plötzlich hörte er Schritte.

Ein Priester kam den Weg herab.

Er kam vom Tempel,

wo er gebetet hatte.

Der Priester wird gewiss helfen,

hoffte der verwundete Mann.

Aber der Priester

rührte ihn nicht an.

Er ging schnell weiter

und ließ ihn im Dreck liegen.

Stunden vergingen.

Da hörte er wieder Schritte.

Ein Levit ging vorüber.

Auch er kam vom Tempel,

wo er Gott gedient hatte.

Der Levit wird gewiss helfen,

hoffte der Mann.

Aber der Levit blieb

nicht einmal stehen.

Er ging einfach vorbei.

Viele Stunden vergingen.

Der Mann hatte schon

alle Hoffnung verloren.

Da – plötzlich horchte er auf.

Jemand ritt auf einem Esel

das Tal herauf.

Ein Fremder war es,

ein Samariter.

Der wird mir nicht helfen,

dachte der Mann am Wegrand.

Der gehört ja gar nicht

zu unserem Volk.

Aber nein!

Der Mann traute seinen Augen nicht:

Der Esel blieb stehen.

Der Samariter stieg ab.

Er kam auf ihn zu.

„Du Armer!“,

rief der Samariter voll Mitleid.

„Was haben sie mit dir gemacht?“

Und er beugte sich über ihn,

wusch das Blut mit Öl und Wein ab

und verband seine Wunden.

Dann hob er ihn vorsichtig hoch

und setzte ihn auf den Esel.

Behutsam führte er ihn

den steilen Weg hinauf

und brachte ihn zur nächsten Herberge.

Dort hielt er an.

Er trug den Verletzten ins Haus

und pflegte ihn.

Am nächsten Morgen rief er den Wirt,

gab ihm zwei Silbermünzen

und bat ihn:

„Sorge gut für den Mann!

Und pflege ihn, bis er gesund ist!

Und wenn du noch mehr Geld brauchst,

will ich’s dir bezahlen,

wenn ich zurückkomme.“ «

Hier endete Jesus.

Und er wandte sich

an den Gelehrten und fragte:

„Nun sag selbst!

Wer von den dreien

war dem Verletzten am nächsten:

der Priester, der Levit

oder der Samariter?“

Das war keine schwere Frage.

„Natürlich der Samariter“,

antwortete der Gelehrte.

„Gut“, sagte Jesus,

„dann mach es wie er!“

Lukas 10,25–37

30. Vom reichen Bauern

Einmal waren viele Leute

um Jesus versammelt.

Alle umringten ihn.

Alle wollten etwas

von ihm wissen.

Da schob sich einer

durch die Menge hindurch

und bat Jesus: „Hilf mir,

du großer Lehrer und Meister!

Mein Bruder will mir

mein Erbteil nicht geben.

Sag ihm, dass er das Erbe teilt!“

Doch Jesus erwiderte:

„Mensch, meinst du,

ich sei dazu da,

euren Erbstreit zu schlichten?“

Und er wandte sich an alle,

die bei ihm standen, und sprach:

„Ihr Leute, gebt acht!

Seid nicht darauf bedacht,

dass ihr reich werdet!

Denn wenn ihr alles bekommt,

was ihr euch wünscht,

was habt ihr am Ende davon?“

Und Jesus erzählte ihnen

diese Geschichte:

» Es war ein Bauer,

der war sehr reich.

Er besaß viele Felder.

Und seine Felder

trugen viel Korn.

Jedes Jahr füllte der Bauer

seine Scheunen mit Korn.

Er hatte immer genug.

Aber in einem Jahr

wuchs noch mehr Korn

auf den Feldern

als in allen Jahren zuvor.

„Welch eine Ernte!“,

staunte der Bauer

und rieb sich die Hände.

„So viel Korn gab es noch nie.

Doch wohin mit dem Korn?

Wo soll ich es sammeln?

Meine Scheunen sind

viel zu klein.

Aber ich weiß,

was ich mache:

Ich reiße die alten Scheunen ab

und baue mir neue.

Danach fülle ich die Scheunen

mit Korn bis unter das Dach.

Und dann, ja dann

bin ich endlich zufrieden.

Dann kann ich sagen:

,Gut gemacht, Bauer!

Jetzt hast du’s geschafft.

Nun hast du ausgesorgt,

hast Vorrat für viele Jahre.

Nun gönne dir endlich

deine verdiente Ruhe!

Mach dir’s bequem!

Greif zu! Iss und trink!

Lass es dir schmecken

und genieße dein Leben!‘“

So dachte der Reiche zufrieden.

Und in Gedanken sah er schon

die neuen Scheunen vor sich,

gefüllt bis unter das Dach.

Aber plötzlich –

rief da nicht jemand?

Gott war es,

der zu ihm sprach:

„Du Narr!

Glaubst du im Ernst,

nun könne dir

nichts mehr geschehen?

Noch in dieser Nacht

wirst du sterben.

Wem wird dann

all das gehören,

was du dir angehäuft hast?“ «

„So geht es allen“, sprach Jesus,

„die mehr haben wollen,

immer noch mehr,

und haben in Gott nicht genug.

Darum sage ich euch:

Macht euch keine Sorgen!

Fragt nicht:

,Was werden wir essen?

Was werden wir trinken?

Welche Kleider werden wir tragen?‘

Denn euer Vater im Himmel weiß,

was ihr braucht.

Er gibt euch genug,

mehr als genug.“

Lukas 12,13–30

31. Vom verlorenen Schaf

Zu Jesus kamen

die verschiedensten Menschen.

Auch viele verrufene Leute

waren darunter.

Niemand konnte sie leiden.

Aber Jesus freute sich,

wenn sie zu ihm kamen.

Er setzte sich mit ihnen

an einen Tisch

und aß und trank mit ihnen.

Das passte den anderen nicht.

Vor allem die Gesetzeslehrer

ärgerten sich über Jesus.

„Was?“, schimpften sie.

„Mit solchen Leuten

gibt Jesus sich ab?

Weiß er denn nicht,

wie schlecht sie sind?“

Das hörte Jesus.

Deshalb erzählte er ihnen

diese Geschichte:

» Es war ein Hirte,

der hatte hundert Schafe.

Er kannte alle Schafe

mit ihrem Namen.

Und auch die Schafe

kannten ihren Hirten

und hörten auf seine Stimme.

Jeden Tag zog der Hirte

mit seinen Schafen auf die Weide.

Der Weg war oft gefährlich.

Er führte über steinige Berge

und durch finstere Täler.

Aber die Schafe blieben

dicht bei dem Hirten.

So konnten sie sich nicht verlaufen.

Aber eines Tages

kam ein Schaf vom Weg ab

und verirrte sich in den Bergen.

Der Hirte merkte es erst am Abend,

als er die Schafe zählte.

Wie erschrak er:

Er hatte keine hundert Schafe mehr.

Ein Schaf fehlte.

Da ließ der Hirte

die 99 Schafe zurück

und zog sofort los,

um das verlorene Schaf zu suchen.

Er ging immer weiter

in die Nacht hinein.

Und immerzu rief er

das Schaf mit Namen.

Da – auf einmal hörte er etwas,

ganz schwach.

War das nicht sein Schaf?

Der Hirte lief schnell darauf zu.

Wirklich, da lag das Schaf,

das er verloren hatte!

Er hatte es gefunden.

Behutsam nahm er das Tier

auf seine Schultern

und trug es glücklich nach Hause.

Zu Hause aber holte der Hirte

alle Freunde und Nachbarn herbei.

„Freut euch mit mir!“, rief er.

„Denn mein Schaf war verloren.

Aber nun habe ich es

wiedergefunden.“ «

„Seht“, sagte Jesus zu allen,

die ihm zuhörten,

„so freut sich Gott,

wenn ein Mensch heimfindet,

der sich verirrt hat.“

Lukas 15,1–7

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Release date on Litres:
25 June 2025
Volume:
912 p. 4 illustrations
ISBN:
9783761560518
Copyright Holder::
Bookwire
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