Read the book: «Neukirchener Kinderbibel»

Inhalt
Das Alte Testament
I. Gott macht den Anfang
1. Am Anfang
2. Mann und Frau
3. Die Schlange
4. Kain und Abel
5. Noah und die Arche
6. Der Turm von Babel
II. Gott gibt sein Versprechen
7. Abraham und Sara
8. Abraham im neuen Land
9. Abraham muss warten
10. Abraham bekommt Besuch
11. Lot
12. Ismael
13. Isaak
14. Isaak und Rebekka
15. Jakob und Esau
16. Jakob bekommt den Segen
17. Jakob auf der Flucht
18. Jakob im fremden Land
19. Jakob kehrt heim
20. Josef und seine Brüder
21. Josef in Ägypten
22. Josef im Gefängnis
23. Josef vor dem König
24. Josefs Brüder in Ägypten
25. Josef söhnt sich aus
26. Jakob zieht nach Ägypten
III. Gott führt sein Volk
27. In Ägypten
28. Mose
29. Mose muss fliehen
30. Mose im Land Midian
31. Mose bekommt einen Auftrag
32. Mose bei Pharao
33. Die zehn Plagen
34. Der Auszug aus Ägypten
35. Durch das Rote Meer
36. Durch die Wüste
37. Hunger
38. Ein Überfall
39. Am Berg Sinai
40. Das goldene Kalb
41. Fast am Ziel
42. Schlangen
43. Mose sieht das Land
IV. Gott gibt das Land
44. Josua
45. Josua nimmt das Land ein
46. Gideon
47. Gideon und die Midianiter
48. Rut
49. Rut und Boas
50. Samuel
51. Samuel bei Eli
V. Gott setzt Könige ein
52. Saul
53. David
54. David bei König Saul
55. David und Goliat
56. David muss fliehen
57. David in der Höhle
58. David in der Wüste
59. David wird König
60. David in Jerusalem
61. David bekommt ein Versprechen
62. David und Batseba
63. David und Absalom
64. Salomo
65. Salomo baut den Tempel
VI. Gott sendet seine Propheten
66. Elia
67. Elia im fremden Land
68. Elia auf dem Berg Karmel
69. Elia in der Wüste
70. Elisa und Naaman
71. Jona
72. Jona in Ninive
73. Jesaja und König Hiskia
74. Die Schriftrolle
75. Jeremia
76. Jeremia und Baruch
VII. Gott ist Herr über die Welt
77. Daniel
78. Daniel deutet einen Traum
79. Daniels Freunde im Feuerofen
80. Daniel in der Löwengrube
VIII. Gott bringt heim
Das Neue Testament
I. Jesus, der Retter, ist da!
1. Gute Nachricht für Zacharias
2. Gute Nachricht für Maria
3. Jesus wird geboren
4. Ehre sei Gott!
5. Endlich ist er da!
6. Der neue König
7. Auf der Flucht
8. Auf dem Passafest
9. Am Jordan
10. In der Wüste
11. Die ersten Jünger
II. Jesus hilft
12. Am See
13. Auf der Hochzeit
14. Ausgestoßen
15. Gelähmt
16. Sprich nur ein Wort!
17. Zu spät?
18. Weine nicht!
19. Dein Glaube ist groß!
20. Hephata!
21. Eine dunkle Macht
22. Im Sturm
23. Alle werden satt
24. Nachts auf dem See
III. Jesus erzählt
25. Freut euch, ihr Armen!
26. Vom Sämann
27. Vom Beten
28. Vom bittenden Freund
29. Vom barmherzigen Samariter
30. Vom reichen Bauern
31. Vom verlorenen Schaf
32. Von der verlorenen Münze
33. Vom barmherzigen Vater
34. Vom Pharisäer und Zöllner
35. Von der bittenden Witwe
36. Von den beiden Knechten
37. Von den Arbeitern im Weinberg
IV. Jesus geht nach Jerusalem
38. Du bist Christus!
39. Auf dem Berg
40. Der einzige Sohn
41. Die gebeugte Frau
42. Der dankbare Samariter
43. Lasst die Kinder zu mir!
44. Der Reiche
45. Zachäus
46. Bartimäus
47. Marta
48. Lazarus
49. Maria
50. Hosianna!
V. Jesus muss sterben
51. Jesus räumt auf
52. Jesus wäscht den Jüngern die Füße
53. Jesus feiert das Mahl
54. Jesus betet in Gethsemane
55. Jesus wird verhaftet
56. Jesus wird verhört
57. Jesus wird verleugnet
58. Jesus wird verurteilt
59. Jesus wird gekreuzigt
60. Jesus wird begraben
VI. Jesus lebt
61. Jesus erscheint den Frauen
62. Jesus erscheint den Jüngern
63. Jesus erscheint Thomas
64. Jesus erscheint am See
VII. Jesus sendet seine Jünger
65. Jesus geht zum Vater
66. Gott schenkt seinen Geist
67. Petrus und der Bettler
68. Petrus im Gefängnis
69. Ein Minister aus Afrika
70. Paulus wird Christ
71. Paulus geht nach Europa
VIII. Jesus kommt wieder
72. Seid wachsam!
73. Seid bereit!
74. Kommt zum Fest!
Anhang
A. Einführung in die Geschichten der Bibel
I. Die Eigenart biblischer Geschichten
II. Das Thema der biblischen Geschichten
B. Die Geschichten des Alten Testaments
I. Gott macht den Anfang
II. Gott gibt sein Versprechen
III. Gott führt sein Volk
IV. Gott gibt das Land
V. Gott setzt Könige ein
VI. Gott sendet seine Propheten
VII. Gott ist Herr über die Welt
VIII. Gott bringt heim
C. Die Geschichten des Neuen Testaments
I. Jesus, der Retter, ist da!
II. Jesus hilft
III. Jesus erzählt
IV. Jesus geht nach Jerusalem
V. Jesus muss sterben
VI. Jesus lebt
VII. Jesus sendet seine Jünger
VIII. Jesus kommt wieder
Das Alte Testament
I
Gott macht den Anfang
Dies ist die Geschichte,
die uns die Bibel erzählt.
Sie erzählt von Gott
und seinen Menschen
und von dem Weg,
den er mit ihnen ging.
Es ist eine sehr lange Geschichte,
die längste und größte
und erstaunlichste Geschichte,
die uns Menschen bekannt ist.
Sie begann schon vor langer Zeit,
lange bevor wir geboren wurden,
lange bevor unsere Eltern
und Großeltern lebten.
Vor vielen, vielen Jahren,
als noch kein Mensch
auf der Erde lebte,
als noch keine Blume
und kein Baum auf der Erde wuchs,
noch viel, viel früher,
als es noch nicht einmal die Erde gab,
da war Gott schon da,
ganz am Anfang.
Mit ihm beginnt diese Geschichte.
1. Am Anfang
Am Anfang
schuf Gott Himmel und Erde.
Noch war die Erde öde
und ohne Leben.
Wasser bedeckte das Land.
Und es war überall dunkel.
Da sprach Gott:
„Es werde Licht!“
Und es geschah,
wie Gott gesagt hatte:
Über der Erde wurde es hell.
Und Gott sah,
dass das Licht gut war.
Er trennte das Licht von dem Dunkel.
Und er nannte das Licht „Tag“.
Und das Dunkel nannte er „Nacht“.
Da wurde es Abend.
Die Erde lag wieder im Dunkeln.
Der erste Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Über der Erde
soll ein Himmel entstehen!“
Und so geschah es:
Gott spannte das Firmament
über die Erde
und nannte es „Himmel“.
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Wieder wurde es Abend.
Der zweite Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Alles Wasser soll weichen!“
Und so geschah es:
Das Wasser floss zusammen.
Und trockenes Land trat
aus dem Wasser hervor.
Und Gott nannte das Trockene „Land“.
Und das Wasser nannte er „Meer“.
Und Gott sprach:
„Das Land bringe hervor
Gräser und Kräuter
und Bäume aller Art.“
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Wieder wurde es Abend.
Der dritte Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Lichter sollen am Himmel leuchten
bei Tag und bei Nacht!“
Und so geschah es:
Am Morgen ging die Sonne auf,
strahlend und hell.
Und am Abend leuchtete
der Mond am Himmel.
Und viele Sterne funkelten
in der dunklen Nacht.
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Wieder wurde es Abend.
Der vierte Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Tiere sollen das Wasser
und die Luft mit Leben erfüllen!“
Und so geschah es:
Im Wasser wimmelte es bald
von allerlei Tieren,
großen und kleinen Fischen.
Und Vögel flogen
in Schwärmen herbei
und erfüllten die Luft
mit ihrem Geschrei.
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Er segnete die Fische und Vögel
und sprach:
„Vermehrt euch!
Legt Eier und brütet sie aus!
Wasser und Luft
sollen von euch erfüllt sein.“
Wieder wurde es Abend.
Der fünfte Tag war vorüber.
Und Gott sprach:
„Auch auf dem trockenen Land
sollen allerlei Tiere leben!“
Und so geschah es:
Gott schuf die Tiere,
die auf dem Land leben,
große und kleine,
flinke und lahme,
wilde und zahme,
alles, was kriecht
und was Beine hat.
Und Gott sah,
dass es gut war,
was er gemacht hatte.
Zuletzt aber schuf Gott
den Menschen.
Gott sprach:
„Ich will Menschen machen,
die mir gleichen.
Über alle Tiere
will ich sie stellen.“
Und Gott schuf den Menschen
nach seinem Bild:
Mann und Frau.
Und Gott segnete sie
und sprach:
„Vermehrt euch!
Breitet euch aus über die Erde!
Alles, was ich gemacht habe,
soll für euch da sein,
die Bäume und die Früchte,
die Fische und die Vögel
und die Tiere auf dem Land.
Alles soll euch gehören,
euch und allen Menschen,
die auf der Erde leben werden.
Aber ihr sollt mir gehören.“
Und Gott sah auf alles,
was er gemacht hatte.
Es war alles sehr gut.
Da wurde es Abend.
Der sechste Tag war vorüber.
Am siebten Tag aber ruhte Gott
und vollendete sein Werk.
Gott segnete den siebten Tag
und sprach:
„Dieser Tag soll mein Tag sein.
Alle Arbeit soll ruhen
an diesem Tag!“
So wurden Himmel und Erde
durch Gott geschaffen.
Alles, was in dieser Welt ist,
kommt von ihm.
1. Mose 1
2. Mann und Frau
So schuf Gott den Menschen:
Er machte ihn aus Erde
und hauchte ihm Leben ein.
Und Gott ließ ihn wohnen
im Land Eden,
in einem Garten mit vielen Bäumen
und köstlichen Früchten.
Der Mensch durfte ihn pflegen
und seine Früchte ernten.
Der ganze Garten war für ihn da.
Da sprach Gott:
„Es ist nicht gut,
dass der Mensch allein bleibt.
Ich will ihm eine Gefährtin geben,
die ihm gleich ist,
die zu ihm gehört
und die ihn versteht.“
Und Gott brachte Tiere zu ihm.
Und der Mensch gab ihnen Namen,
jedem Tier einen besonderen Namen.
Aber unter allen Tieren
fand sich kein Tier,
das dem Menschen gleich war.
Mit keinem konnte er reden.
Und kein Tier konnte
den Menschen verstehen.
Da ließ Gott den Menschen
in einen tiefen Schlaf sinken.
Und als er aufwachte,
da war eine Frau bei ihm.
Gott hatte sie ihm gegeben.
„Endlich!“, rief er froh.
„Das ist sie,
meine Frau,
der Mensch,
der mir fehlte!“
Nun war der Mensch
nicht mehr allein.
Nun gehörten sie
für immer zusammen:
Frau und Mann,
Mann und Frau.
Gott hatte sie
füreinander geschaffen.
1. Mose 2
3. Die Schlange
Adam und Eva hießen die Menschen,
die Gott geschaffen hatte.
Sie lebten miteinander in Frieden.
Sie kannten keine Angst
und auch keine Schmerzen.
Es fehlte ihnen an nichts.
Gott war bei ihnen
und sorgte für sie
wie ein Vater für seine Kinder.
Alles hatte Gott
den Menschen gegeben.
Alles, was im Garten wuchs,
durften sie ernten und essen.
Nur eines hatte Gott verboten:
Mitten im Garten
stand ein besonderer Baum,
der „Baum der Erkenntnis“.
Wer von diesem Baum aß,
wusste, was gut und böse ist.
Dieser Baum gehörte nur Gott.
Gott hatte zu Adam gesagt:
„Alle Früchte dürft ihr essen.
Aber von diesem Baum
sollt ihr keine Frucht essen.
Sonst werdet ihr sterben.“
Aber eines Tages geschah es:
Eva ging mit Adam im Garten umher.
Plötzlich hörte sie eine Stimme.
Sie schaute sich um.
Da entdeckte sie eine Schlange.
Die sah sie listig an
und flüsterte ihr zu: „Wie?
Dürft ihr keine Früchte essen?
Hat Gott das gesagt?“
„Aber nein“, widersprach Eva.
„Alles dürfen wir essen.
Nur von dem Baum in der Mitte
sollen wir nichts essen.
Gott hat gesagt:
,Esst nicht davon!
Rührt seine Früchte nicht an!
Sonst müsst ihr sterben.‘“
Aber die Schlange flüsterte:
„Nein, glaub mir!
Ihr werdet nicht sterben.
Sondern ihr werdet
wie Gott sein,
so klug wie Gott selbst.“
Da sah Eva den Baum an.
Wie seine Früchte lockten!
Eva streckte die Hand aus,
pflückte eine Frucht,
biss hinein
und gab sie ihrem Mann.
Der nahm die Frucht
und aß auch davon.
Auf einmal gingen
den beiden die Augen auf.
Plötzlich erkannten sie,
dass die Schlange sie betrogen hatte.
Sie schauten sich erschrocken an.
Da sahen sie, dass sie nackt waren.
Schnell rissen sie
ein paar Feigenblätter ab
und banden sie sich um.
Schon kam der Abend heran.
Da hörten sie,
wie Gott durch den Garten ging.
Voll Angst liefen sie davon
und versteckten sich
zwischen den Bäumen.
Aber Gott hatte sie längst gesehen.
„Adam“, rief er, „wo bist du?“
Zitternd kam Adam
aus seinem Versteck hervor.
„Adam“, sprach Gott,
„hast du von dem Baum gegessen?“
„Ja“, gab Adam zu,
„ich habe es getan.
Aber Eva war schuld daran.
Sie gab mir die Frucht.“
„Eva“, sprach Gott,
„warum hast du das getan?“
„Ich war nicht schuld“,
wehrte sich Eva.
„Die Schlange war schuld.
Sie hat mir gesagt,
dass ich von dem Baum essen darf.“
Da sprach Gott zur Schlange:
„Verflucht sollst du sein,
weil du das getan hast.
Die Tiere werden dir
aus dem Weg gehen
und die Menschen dir feind sein.“
Und zu Eva sprach Gott:
„Du wirst viel Mühe haben
in deinem Leben.
Kinder wirst du gebären,
aber mit Schmerzen.“
Und zu Adam sprach er:
„Auch du wirst es schwer haben.
Felder wirst du bebauen.
Aber Dornen und Disteln
werden darauf wuchern.
Und deine Arbeit
wird dich viel Schweiß kosten.“
Nun war mit einem Mal
das Leben mit Gott zu Ende.
Adam und Eva mussten
den Garten verlassen.
Gott selbst wies sie hinaus.
Gerne wären die beiden
wieder zurückgekehrt.
Aber Engel mit feurigen Schwertern
bewachten den Zugang zum Garten.
Doch Gott ließ auch jetzt
seine Menschen nicht los.
Er erhielt sie am Leben
und gab ihnen alles,
was sie zum Leben brauchten:
Kleider aus Fellen,
um sie vor Kälte zu schützen,
und Korn und Früchte,
um ihren Hunger zu stillen.
Aber der Tag war noch fern,
an dem Gott selbst
zu den Menschen kommen würde,
um sich mit ihnen zu verbinden
für immer.
1. Mose 3
4. Kain und Abel
Adam und Eva lebten nun
fern von Gott.
Doch eines Tages geschah,
was Gott gesagt hatte:
Eva gebar einen Sohn.
Sie nannte ihn Kain.
Bald darauf gebar sie
noch einen Sohn,
den nannte sie Abel.
Kain wuchs heran
und wurde ein Bauer.
Er arbeitete auf dem Feld,
säte und erntete Korn.
Abel aber wurde ein Hirte.
Er hütete die Schafe
und sorgte für sie.
Kain und Abel
hatten Gott nie gesehen.
Aber sie dachten oft an ihn.
Sie brachten ihm Opfer
und dankten ihm für alles,
was er ihnen zum Leben gab.
Wenn Abel opferte,
wählte er das schönste Schaf aus,
schlachtete es
und legte es auf einen Altar,
den er aus Steinen gebaut hatte.
Dann schob er dürre Zweige
unter das Schaf,
zündete das Opfer an
und betete zu Gott,
sobald Rauch zum Himmel aufstieg.
Und Gott sah auf Abels Opfer
und freute sich daran.
Wenn aber Kain opferte,
dann legte er auf den Altar
Körner und Früchte,
die er geerntet hatte.
Auch er zündete sein Opfer an
und betete zu Gott.
Aber es schien,
als sähe Gott sein Opfer nicht.
Da dachte Kain bei sich:
Jetzt weiß ich es sicher:
Gott liebt nur Abel.
Mich hat er nicht lieb.
Sein Gesicht wurde ganz finster.
Er konnte Abel
gar nicht mehr ansehen,
so wütend war er auf ihn.
Schließlich fasste Kain
einen furchtbaren Plan:
Abel musste sterben!
Tag und Nacht
sann er darüber nach.
Aber Gott sah,
was Kain plante.
Er warnte ihn:
„Kain, was hast du vor?
Warum blickst du so finster?
Gib acht, was du tust!“
Doch Kain hörte nicht auf Gott.
Er lockte Abel aufs Feld,
fiel über ihn her
und schlug auf ihn ein,
bis er tot war.
Nun war es geschehen.
Abel lag am Boden
und rührte sich nicht mehr.
Auf einmal war es
totenstill auf dem Feld.
Schnell verscharrte Kain
seinen Bruder in der Erde.
Aber plötzlich –
rief da nicht jemand?
Erschrocken sah Kain sich um.
Er konnte niemand entdecken.
Gott war es, der ihn rief:
„Kain, wo ist Abel, dein Bruder?“
„Wie soll ich das wissen?“,
gab Kain zurück.
„Soll ich denn meinen Bruder hüten?
Bin ich denn sein Hirte?“
Doch Gott sprach zu Kain:
„Was hast du getan?
Das Blut deines Bruders
schreit zum Himmel
und klagt dich an.
Nun musst du fliehen.
Aber wohin du auch fliehst,
nirgendwo kannst du bleiben.“
Da erst begriff Kain,
was er Furchtbares getan hatte.
Seinen eigenen Bruder
hatte er umgebracht!
Schnell machte er sich auf
und lief davon.
Aber wohin?
Er wusste es selbst nicht.
Er floh von Ort zu Ort,
immer weiter.
Nirgendwo fand er Ruhe.
Überall hatte er
seinen toten Bruder vor Augen.
Sein Leben lang konnte er
Abel nicht mehr vergessen.
Gott aber gab Kain
ein Zeichen an seine Stirn
und schützte ihn,
solange er lebte.
Nun waren Adam und Eva
wieder allein wie am Anfang.
Doch Gott ließ sie
auch jetzt nicht allein.
Er schenkte ihnen
noch einen Sohn: Set.
Der wuchs heran
und hatte selbst Kinder.
Und auch seine Kinder
bekamen wieder Kinder.
So entstand ein großes Volk.
1. Mose 4
5. Noah und die Arche
Bald dachten die Menschen
nicht mehr an Gott.
Sie spielten sich auf,
als seien sie selbst Gott,
und verdarben alles,
was er gemacht hatte.
Sie raubten und mordeten
und machten sich nichts daraus.
Jeder dachte nur an sich selbst
und tat, was ihm allein nützte.
Da tat es Gott leid,
dass er die Menschen gemacht hatte.
Und er sprach zu sich:
„Ich will die Menschen
mitsamt der Erde verderben.
Denn sie sind alle
von Grund auf verdorben.“
Nur einer war anders: Noah.
Er hörte auf Gott
und lebte,
wie Gott es gefiel.
Da sprach Gott zu Noah:
„Bau dir ein Schiff!
Denn bald wird es regnen,
so viel, dass alles Land
im Wasser versinkt.
Auch die Blumen und Bäume,
sogar die Tiere und Menschen,
alles, was lebt, wird ertrinken.
Aber dich will ich am Leben erhalten,
dich und deine Frau
und deine drei Söhne
mit ihren Frauen.“
Da hörte Noah auf Gott.
Und er baute die Arche,
ein riesiges Schiff,
so hoch wie ein Haus,
drei Stockwerke hoch,
mit zahllosen Kammern,
mit Tür und Fenster
und einem richtigen Dach.
Danach sprach Gott:
„Nun wähle von allen Tieren
je ein Paar aus
und bringe sie in die Arche hinein!
Denn auch sie will ich
am Leben erhalten.“
Und schon kamen sie an,
Löwen und Schafe,
auch Vögel und Käfer,
alles, was kriecht
und was Beine hat.
Von allen brachte Noah
je ein Paar in die Arche,
wie Gott gesagt hatte.
Auch schaffte er für die Tiere
gewaltige Mengen an Futter herbei.
Darauf ging Noah selbst
in die Arche hinein,
er, seine Frau
und seine drei Söhne
mit ihren Frauen.
Und Gott selbst
schloss die Tür hinter ihm zu.
Sieben Tage lang
blieb es still auf der Erde.
Dann verschwand die Sonne
hinter den Wolken.
Der Himmel wurde ganz schwarz.
Ein furchtbarer Regen brach los.
Es schüttete.
Es goss in Strömen.
Die Flüsse traten über die Ufer.
Sie überschwemmten das Land.
Menschen und Tiere ertranken.
Bald stand alles Land unter Wasser.
Und immer noch
hörte der Regen nicht auf.
Das Wasser stieg höher und höher,
bis zu den höchsten Bergen empor.
Schließlich war nichts mehr
zu sehen, nur Wasser –
ein unendliches Meer!
Aber die Arche
schwamm auf dem Meer,
ruhig und sicher.
Kein Tropfen Wasser
drang in sie ein.
*
Vierzig Tage lang
dauerte der furchtbare Regen.
Da dachte Gott an Noah
und setzte dem Regen ein Ende.
Der Himmel riss auf.
Die Wolken verschwanden.
Und am blauen Himmel
strahlte wieder die Sonne.
Aber noch war alles Land
von den Fluten bedeckt.
Tage und Wochen vergingen.
Das Wasser sank nur ganz langsam.
Die Arche trieb
immer noch ziellos dahin.
Endlich, nach vielen Wochen,
lief sie auf einen Berg auf.
Der lag noch ganz unter Wasser.
Aber nach und nach
trat die Spitze des Berges
aus dem Wasser hervor.
Nun wusste Noah:
Bald ist es so weit.
Er öffnete das Fenster
und ließ eine Taube hinausfliegen.
Aber am Abend kam die Taube zurück.
Sie hatte kein Futter gefunden.
Da wartete Noah noch eine Woche.
Danach ließ er noch einmal
die Taube hinausfliegen.
Und wieder kam sie zurück.
Aber diesmal hielt sie
ein Ölblatt im Schnabel,
als wollte sie sagen:
„Seht doch, die Bäume
tragen schon wieder Blätter!“
Noch eine Woche verging.
Danach ließ Noah noch einmal
die Taube hinausfliegen.
Aber diesmal kam sie
nicht mehr zurück.
Da deckte Noah das Dach ab
und schaute hinaus.
Und sieh da:
Das Land war überall trocken.
Und Gott sprach zu Noah:
„Nun geh aus der Arche,
du und deine Frau
und deine drei Söhne
mit ihren Frauen,
dazu alle Tiere!“
Da machte Noah die Tür weit auf.
Menschen und Tiere stürmten hinaus.
Wie schön war die Erde wieder!
So schön wie am Anfang!
Aus dem Boden spross grünes Gras.
Und überall blühten Blumen.
Da baute Noah einen Altar
und brachte Gott Opfer.
Gott hatte sein Versprechen gehalten
und alle am Leben erhalten,
Menschen und Tiere.
Wie dankbar war Noah dafür!
Aber was hatte Gott
in Zukunft mit ihnen vor?
Würde er die Erde
noch einmal vernichten?
Doch Gott sprach zu Noah:
„Ich will die Erde
nicht mehr verderben.
Nie mehr soll es
so eine große Flut geben.
Solange die Erde steht,
soll nicht aufhören
Saat und Ernte,
Frost und Hitze,
Sommer und Winter,
Tag und Nacht.
Und wenn noch einmal
ein großes Unwetter kommt,
sodass ihr euch fürchtet,
dann schaut auf zum Himmel!
Dort steht in den Wolken
mein Bogen.
Er ist das Zeichen,
dass ich mein Versprechen halte.“
Und als Noah aufschaute,
da sah er am Himmel
einen großen Regenbogen.
Der spannte sich über die Erde
von einem Ende zum andern
und leuchtete in allen Farben.
Da dankte Noah Gott
für sein großes Versprechen.
Und er fing wieder von vorn an.
Er pflügte die Erde,
legte Äcker und Weinberge an,
säte und pflanzte.
Und Gott ließ wachsen und reifen,
was er gepflanzt hatte.
1. Mose 6–9
6. Der Turm von Babel
Bald gab es wieder
viele Menschen auf der Erde.
Sie sprachen dieselbe Sprache
und wohnten in Zelten.
Wo es ihnen gefiel,
schlugen sie ihre Zelte auf
und ließen sich nieder.
So zogen sie nach Osten
und kamen in die Ebene Schinar,
in ein weites und fruchtbares Land.
Da riefen die Menschen:
„Hier gefällt es uns.
Hier wollen wir bleiben.“
Und sie sagten zueinander:
„Auf, worauf warten wir noch?
Wir wollen Häuser bauen
aus festen Steinen,
richtige Häuser
mit Dächern, Fenstern und Türen.“
Und sogleich fingen sie an.
Sie formten Steine aus Lehm,
brannten sie in der Hitze
und fügten die Steine zusammen.
Aber die Menschen riefen:
„Auf, wir bauen noch mehr!
Eine Stadt wollen wir bauen
mit Häusern, Straßen und Plätzen
und einer Mauer ringsum.
Dann bleiben wir für immer zusammen.“
Und sogleich fingen sie an
und bauten die Stadt Babel,
eine riesige Stadt
mit vielen Häusern, Straßen und Plätzen
und einer dicken Mauer ringsum.
Aber die Menschen riefen:
„Auf, wir können noch mehr!
Einen Turm wollen wir bauen,
so hoch wie der Himmel!
Dann sind wir die Größten,
und alle Welt redet später von uns.“
„Ja, das ist gut“,
riefen alle begeistert.
„Auf, worauf warten wir noch?“
Und sogleich fingen sie an,
schleppten eifrig Steine herbei
und setzten einen Stein
auf den andern.
Der Turm wuchs.
Er wurde höher und höher.
Bald ragte er über die ganze Stadt.
Aber die Menschen riefen:
„Noch höher!
Viel höher!
So hoch wie der Himmel!
Wir geben nicht auf.“
Aber Gott sah herab
auf die Stadt und den Turm.
Er sah, was die Menschen planten.
Da sprach er zu sich:
„So sind die Menschen.
Immer mehr wollen sie haben.
Nie ist es ihnen genug.
Am Ende wollen sie selber
wie Gott sein.“
Und Gott ließ geschehen,
was keiner gedacht hätte:
Die Menschen bekamen
untereinander Streit.
Keiner konnte mehr
den andern verstehen.
Jeder sprach nur noch
seine eigene Sprache.
Schließlich sprach niemand mehr
mit dem andern.
Da warfen die Leute
ihre Arbeit hin
und zogen aus der Stadt,
jeder in eine andere Richtung.
Der Turm aber blieb zurück,
halb fertig und verlassen.
Und alle, die später vorübergingen,
zeigten auf ihn und sagten:
„Seht doch den Turm von Babel!
Seht, was sich die Menschen
damals ausgedacht haben!
Sie wollten zusammenhalten.
Aber sie wurden zerstreut.
Sie wollten groß und stark sein.
Doch was ist von ihnen geblieben?“
1. Mose 11,1–9
II
Gott gibt sein Versprechen
Die Menschen hatten sich von Gott
und voneinander getrennt.
Sie waren eigene Wege gegangen.
Es schien, als blieben sie nun
für immer sich selbst überlassen.
Aber Gott zeigte den Menschen,
was er mit ihnen vorhatte.
Er gab ihnen ein großes Versprechen.
7. Abraham und Sara
Vor langer Zeit lebte ein Mann,
der hieß Abraham.
Er war sehr reich
und hatte viele Schafe,
auch Ziegen, Kühe und Kamele,
dazu viele Knechte und Mägde,
die für die Tiere sorgten.
Abraham wohnte in der Stadt Haran.
Er hatte es gut dort.
Es fehlte ihm an nichts.
Er hatte genug zu essen
und auch genug Gras
für alle seine Tiere.
Nur eines fehlte Abraham:
Er und seine Frau Sara
hatten kein Kind.
Eines Tages aber sprach Gott:
„Geh, Abraham!
Geh weg von hier!
Zieh in ein anderes Land,
das ich dir zeigen werde.
Dort will ich ein großes Volk
aus dir machen.
Ich will dich segnen.
Und durch dich sollen
alle gesegnet werden,
alle Menschen auf dieser Erde.“
Da hörte Abraham auf Gott,
nahm Abschied
von seinen Verwandten
und brach von Haran auf,
wie Gott gesagt hatte.
Sara, seine Frau,
und Lot, der Sohn seines Bruders,
begleiteten ihn,
dazu alle seine Knechte und Mägde
mit allen Kühen, Kamelen,
Ziegen und Schafen.
Es wurde eine lange,
beschwerliche Reise.
Der Weg führte
durch heiße Wüsten
und über kahle Berge.
Abraham kam nur langsam
mit seinen Tieren voran.
Auch wusste er nicht,
wohin ihn der Weg führte.
So zog er immer weiter
und wartete,
bis Gott ihm das Land zeigte,
das er suchte.
Endlich kam er in das Land Kanaan.
Es war ein Land mit sanften Hügeln
und grünen Tälern.
Dort ließ sich Abraham nieder
und schlug sein Zelt
bei einer großen Eiche auf.
Da sprach Gott zu Abraham:
„Schau, Abraham!
Dies ist das Land,
das ich dir versprochen habe.
Dieses Land will ich
deinen Nachkommen schenken.“
Abraham horchte auf.
Was hatte Gott gesagt?
Deinen Nachkommen
will ich dieses Land schenken?
Aber er hatte doch gar keine Kinder!
Sollten er und Sara
etwa noch ein Kind bekommen?
Er war doch schon 75 Jahre alt!
Und seine Frau war auch schon sehr alt.
Aber Abraham sagte nichts.
Er dachte bei sich:
Gott hat es versprochen.
Dann wird es geschehen.
Wie es geschehen wird,
weiß ich zwar nicht.
Aber ich glaube,
dass Gott es tun kann.
Da baute Abraham einen Altar,
brachte Gott Opfer
und dankte ihm
für sein großes Versprechen.
1. Mose 12,1–9
8. Abraham im neuen Land
Abraham und Lot zogen
mit ihren Hirten und Herden
durch das Land Kanaan.
Sie suchten Gras für die Tiere.
Und wo sie einen Brunnen fanden,
hielten sie Rast
und gaben den Tieren zu trinken.
Aber oft reichte das Wasser
für die Tiere nicht aus.
Dann stritten sich die Hirten.
„Weg da vom Brunnen!“,
schrien Abrahams Hirten.
„Wir waren zuerst da.“
„Nein!“, schrien Lots Hirten.
„Wir brauchen auch Wasser.“
So stritten sie sich jeden Tag.
Da sagte Abraham eines Tages zu Lot:
„So geht es nicht weiter.
Wir müssen uns trennen.
Sonst hört der Streit
unter unseren Hirten nie auf.
Sieh doch!
Das Land ist sehr groß.
Es hat genug Platz für uns beide.
Nun sag mir: Wo willst du wohnen?
Rechts oder links?
Hier oder dort?
Du darfst wählen.“
Da zeigte Lot auf das Tal,
das vor ihnen lag, und rief:
„Dort gefällt es mir.
Dort will ich wohnen.“
Es war das Jordantal,
ein üppiges Tal mit grünen Wiesen
und fruchtbaren Feldern.
Auch zwei Städte lagen dort in dem Tal,
Sodom und Gomorra.
Dorthin zog Lot
mit seinen Hirten und Herden.
Abraham aber blieb allein
im Bergland zurück.
Da sprach Gott zu Abraham:
„Schau auf, Abraham!
Sieh dich um!
Dieses ganze Land
will ich dir
und deinen Nachkommen
geben für immer.
Wie Staub auf der Erde,
so viele werden es sein,
die hier wohnen.
Auf, zieh durch das Land
und wohne in ihm!
Ich will es dir geben.“
Da glaubte Abraham Gott
und zog durch das Land
und wohnte in ihm,
wie Gott ihm gesagt hatte.
1. Mose 13
9. Abraham muss warten
Es war Nacht.
Abraham lag wach in seinem Zelt.
Er fand keine Ruhe.
Immerzu musste er an das Kind denken,
das Gott ihnen versprochen hatte.
Wie lange noch mussten sie warten?
Hatte Gott sie etwa vergessen?
Da hörte er eine Stimme:
„Abraham!“
Abraham schreckte auf.
War das nicht Gottes Stimme?
„Abraham“, rief die Stimme.
„Fürchte dich nicht!
Ich meine es gut mit dir.
Ich will dich beschenken.“
„Ach Herr“, fragte Abraham traurig,
„was willst du mir schenken?
Du hast mir noch immer
kein Kind geschenkt.
Und bald werde ich sterben.
Was soll dann werden?“
Da sprach Gott zu Abraham:
„Komm heraus vor dein Zelt
und schau in den Himmel!
Siehst du die Sterne?
Kannst du sie zählen?“
Abraham schüttelte den Kopf.
Die Sterne zählen? Unmöglich!
Es gab viel zu viele
Sterne am Himmel.
Kein Mensch konnte sie zählen.
„Siehst du?“, sprach Gott.
„So viele Kinder will ich dir geben,
wie Sterne am Himmel sind.
Und sie werden alle
in diesem Land wohnen.“
*
Jahre vergingen.
Abraham und Sara warteten
noch immer auf das Kind,
das Gott versprochen hatte.
Da sagte Sara eines Tages zu Abraham:
„Warum warten wir eigentlich noch?
Ich bin schon viel zu alt.
Ich kann kein Kind mehr bekommen.
Und du wirst auch mit jedem Tag älter.
Heirate noch eine andere Frau!
Nimm meine Magd Hagar!
Sie ist viel jünger als ich.
Sie kann dir gewiss ein Kind schenken.“
Das gefiel Abraham gut.
Er überlegte nicht lange
und nahm Hagar neben Sara zur Frau.
Und wirklich:
Bald darauf wurde Hagar schwanger
und gebar ihm einen Sohn,
den nannte er Ismael,
das heißt: „Gott hört“.
Aber Gott sprach zu Abraham:
„Ismael ist nicht der Sohn,
den ich dir versprochen habe.
Nicht Hagars Sohn,
Saras Sohn wird es sein.
Auch Sara soll bald
einen Sohn bekommen.
Den will ich segnen.
Vertraue mir nur und glaube!
Ich werde es tun.“
Da vertraute Abraham Gott
und wartete weiter.
Aber wie lange noch?
1. Mose 15–17
10. Abraham bekommt Besuch
Es war Mittagszeit.
Abraham saß vor seinem Zelt
und schaute ins Land hinaus.
Da sah er drei Männer kommen.
Sogleich stand er auf,
lief ihnen entgegen
und grüßte sie freundlich:
„Willkommen! Seid meine Gäste!
Setzt euch zu mir in den Schatten!
Ruht euch ein wenig aus!
Und stärkt euch,
bevor ihr weiterzieht!“
Dann lief er zu Sara ins Zelt
und bat sie:
„Auf, eil dich! Mach einen Teig
und back einen Kuchen!“
Und seinem Knecht rief er zu:
„Schnell, schlachte ein Kalb
und mach einen zarten Braten!“
Er selbst aber holte
Milch und Butter herbei
und bediente die Gäste.
Aber wer waren die Fremden?
Abraham wagte nicht,
sie zu fragen.
Als die drei gegessen hatten,
fragte der eine von ihnen:
„Wo ist deine Frau Sara?“
„Drinnen im Zelt“,
antwortete Abraham erstaunt.
Woher wusste der Fremde,
wie seine Frau hieß?
Der aber sagte: „Hör zu!
Ich bringe euch gute Nachricht:
Nächstes Jahr wird Sara
einen Sohn haben.“
Abraham war sprachlos.
Was sagte der Fremde?
Woher wusste er das?
Und was würde Sara dazu sagen,
wenn sie es hörte?
Aber Sara hatte es bereits gehört.
Sie hatte heimlich
hinter der Zeltwand gelauscht.
„Was?“, sagte sie zu sich
und lachte leise in sich hinein.
„Ich soll noch ein Kind bekommen?
Ich bin doch viel zu alt.“
„Warum lacht Sara?“,
fragte der Fremde.
„Traut sie es Gott nicht zu?
Sollte Gott etwas unmöglich sein?“
Als Sara das hörte,
kam sie aus dem Zelt
und wehrte erschrocken ab:
„Aber ich habe gar nicht gelacht!“
„Doch“, meinte der Fremde,
„du hast wirklich gelacht.“
Da ahnten Abraham und Sara,
wer zu ihnen gekommen war.
Gott, der Herr, hatte sie besucht,
begleitet von seinen Engeln.
Gott selbst hatte ihnen
die gute Nachricht gebracht.
*
Wenig später brachen die Männer auf.
Abraham begleitete sie.
Da sprach Gott zu Abraham:
„Abraham, du bist mein Freund.
Dir will ich sagen,
wohin ich nun gehe:
nach Sodom und Gomorra.
Denn die Menschen dort
hören nicht mehr auf mich.
Sie tun, was sie wollen,
und fragen nicht mehr nach Gott.“
Erschrocken blieb Abraham stehen.
Wollte Gott etwa diese Städte zerstören?
In Sodom wohnte doch Lot!
Was würde aus ihm?
„Ach Herr“, fragte Abraham,
„willst du denn zulassen,
dass alle Menschen dort umkommen?
Vielleicht wohnen in Sodom
auch Menschen, die auf dich hören.
Vielleicht fünfzig, Herr?“
Da sprach Gott:
„Wenn ich dort fünfzig finde,
die auf mich hören,
will ich die Stadt nicht zerstören.“
Aber fünfzig Menschen waren viel!
Wenn es nun weniger waren?
Abraham versuchte es noch einmal:
„Wenn es aber fünf weniger sind?“
„Dann will ich die Stadt
auch nicht zerstören“, sprach Gott.
„Vielleicht sind es aber nur vierzig?“,
wandte Abraham ein.
„Auch dann will ich
die Stadt nicht zerstören.“
„Und wenn es nur dreißig sind?“
„Auch dann nicht“, sprach Gott.
„Ach Herr“, bat Abraham,
„erlaube mir,
dass ich noch einmal frage:
Wenn es nur zwanzig sind,
die auf dich hören?“
Gott sprach:
„Auch dann will ich
die Stadt nicht zerstören.“
Da wagte Abraham kaum noch
weiterzufragen.
„Wenn es aber nur zehn sind?“
„Auch dann nicht“, sprach Gott.
Da verneigte sich Abraham
und schwieg.
Und als er wieder aufschaute,
war Gott nicht mehr bei ihm.
Doch in der Ferne
sah er die beiden Engel.
Sie eilten auf Sodom zu.
Da ahnte Abraham,
was Gott mit Sodom vorhatte.
Still kehrte er um
und ging zurück in sein Zelt.
1. Mose 18
11. Lot
Es war Abend.
Lot saß am Stadttor von Sodom
und schaute in die Ferne.
Da sah er die zwei Engel kommen.
Lot erkannte sie nicht.
Aber er dachte bei sich:
Die beiden sind sicher
fremd in der Stadt.
Ich will sie in mein Haus aufnehmen.
Wer weiß, was ihnen
sonst in Sodom zustößt?
Sogleich stand er auf,
ging den beiden entgegen,
verneigte sich vor ihnen
und lud sie ein:
„Kommt in mein Haus!
Seid meine Gäste
und bleibt über Nacht bei mir!“
Und er führte sie in sein Haus,
wusch ihnen die Füße
und gab ihnen Brot zu essen.
Doch als die beiden noch aßen,
hörten sie plötzlich draußen
lautes Geschrei.
Vor dem Haus hatten sich
die Männer von Sodom versammelt.
Sie tobten und schrien
und schlugen mit ihren Fäusten
wild an die Tür.
„Lot“, schrien sie wütend,
„mach uns auf!
Gib sofort die Fremden heraus!
Wir wollen unser Spiel
mit ihnen treiben!“
Da ging Lot zu ihnen hinaus.
„Ach, liebe Freunde“, bat er,
„hört bitte auf!
Lasst meine Gäste in Frieden!
Sie haben euch nichts Böses getan.“
Aber die Männer schrien noch lauter:
„Weg mit dir!
Was fällt dir eigentlich ein?
Du bist doch selbst fremd hier!“
Und sie stürzten sich auf Lot
und wollten ihn packen.
Aber die Engel zogen ihn
schnell ins Haus zurück
und verriegelten die Tür.
Endlich wurde es draußen still.
Da erzählten die Engel,
warum sie gekommen waren.
„Auf“, drängten sie Lot,
„nimm deine Frau
und deine beiden Töchter
und flieh mit ihnen aus der Stadt,
bevor es zu spät ist!
Denn Gott wird Sodom zerstören.“
Als Lot das hörte,
wurde er blass vor Schreck.
Hatte er recht gehört?
Er sollte fliehen?
Aber sein Haus?
Und seine Schafe?
Was würde aus ihnen?
Lot zögerte noch.
Schon wurde es draußen hell.
Der Morgen brach an.
„Auf, eil dich!“, drängten die Engel.
„Sonst kommst du auch um.“
Und sie nahmen Lot,
seine Frau und seine Töchter
an ihre Hand
und führten sie schnell
hinaus vor die Stadt.
Dort blieben sie stehen.
„Nun lauft allein weiter!“,
befahlen die Engel.
„Flieht!
Bleibt ja nicht stehen!
Und seht euch nicht
nach der Stadt um!
Sonst ist es um euch geschehen.“
Und schon bebte die Erde.
Es dröhnte und blitzte.
Feuer fiel vom Himmel
und ließ alles in Flammen aufgehen,
die Häuser, die Mauern, die Menschen.
Nichts blieb mehr übrig,
nur Schutt und Asche.
Da packte Lot seine Töchter
und lief um sein Leben.
Er lief immer weiter
und floh in die Berge.
Aber Lots Frau blieb stehen.
Sie wandte sich um
und – erstarrte.
Am selben Morgen
stand Abraham früh auf
und stieg auf einen Hügel,
um nach Sodom zu schauen.
Aber von Sodom
war nichts mehr zu sehen.
Nur eine Rauchwolke
stieg aus dem Tal auf.
Da wusste Abraham:
Nicht einmal zehn Menschen
hatten in Sodom auf Gott gehört.
Aber eines wusste er nicht, noch nicht:
Lot und seine Töchter waren gerettet.
Gott hatte ihr Leben verschont.
1. Mose 19
12. Ismael
Endlich kam der Tag,
auf den Abraham und Sara
viele Jahre gewartet hatten.
Der Sohn wurde geboren,
den Gott ihnen versprochen hatte.
Glücklich nahm ihn Abraham
auf seine Arme
und nannte ihn Isaak.
Isaak wuchs und gedieh.
Er lernte laufen und sprechen.
Bald war er schon so groß,
dass er Fleisch und Brot aß
wie die Großen.
Da machte Abraham für Isaak
ein großes Festessen
und lud dazu
alle Knechte und Mägde ein.
Alle freuten sich
mit Abraham und Sara,
dass Isaak endlich bei ihnen war.
Nur einer freute sich nicht:
Ismael, der Sohn Hagars.
Denn an diesem Festtag
gaben sich alle nur mit Isaak ab.
Um ihn kümmerte sich keiner.
Das ärgerte Ismael sehr.
Er reizte seinen Bruder
und ließ ihm keine Ruhe.
Als Sara das sah,
lief sie zu Abraham und rief:
„Siehst du denn nicht,
was Ismael mit unserem Isaak macht?
Wir können Ismael
nicht länger bei uns behalten.
Auf, schick ihn weg
mitsamt seiner Mutter!“
Doch Abraham wehrte erschrocken ab.
„Was sagst du?
Ich soll Ismael wegschicken?
Nein, niemals!
Vergiss nicht: Auch er ist mein Sohn!“
Aber in der folgenden Nacht
sprach Gott zu Abraham:
„Mach dir um Ismael keine Sorgen!
Tu, was Sara dir sagt!
Und vertrau mir!
Ich werde für Ismael sorgen.“
Da hörte Abraham auf Gott.
Am nächsten Morgen
stand er früh auf,
holte einen Laib Brot
und füllte ein Gefäß mit Wasser.
Das lud er Hagar auf ihre Schultern.
„Du musst gehen“, sagte er traurig,
„du und dein Sohn.
Hier ist kein Platz mehr für euch.“
Da nahm Hagar Ismael an die Hand
und zog mit ihm weg.
Aber wohin?
Hagar wusste es selbst nicht.
Sie irrte mit Ismael durch die Wüste.
Schon wurde es Mittag.
Die Sonne stach ihnen auf den Kopf.
Ihre Füße waren schon wund.
„Ich kann nicht mehr!“, weinte Ismael.
„Gib mir zu trinken!“
Da hielt Hagar an
und gab ihm zu trinken.
Aber bald war das Gefäß leer.
„Wasser!“, schrie Ismael.
„Gib mir doch Wasser!
Ich sterbe vor Durst.“
Hagar sah sich verzweifelt um.
Was sollte sie tun?
Weit und breit
war kein Wasser zu finden,
keine Quelle und auch keine Zisterne,
nur Steine und Sand.
Da nahm sie Ismael auf ihre Arme
und legte ihn unter einen Strauch.
Sie selbst aber lief weg,
bis sie Ismael nicht mehr
hörte und sah.
Und sie warf sich auf die Erde,
weinte und rief:
„Ich kann nicht mit ansehen,
wie mein Sohn stirbt.“
Aber plötzlich – was war das?
Rief da nicht eine Stimme?
Hagar horchte auf.
Erschrocken sah sie sich um.
Aber sie konnte niemand entdecken.
„Hagar“, rief die Stimme,
„warum bist du bekümmert?
Fürchte dich nicht!
Gott hat gehört,
dass dein Sohn weint.
Steh auf!
Geh zu ihm hin!
Nimm ihn an deine Hand
und führe ihn durch die Wüste!
Denn dein Sohn wird nicht sterben.
Ich will auch ihn groß machen.
Zum Vater eines großen Volkes
will ich ihn machen.“
Da merkte Hagar:
Gott hatte zu ihr gesprochen.
Erstaunt sah sie sich um.
Plötzlich entdeckte sie
einen Brunnen.
Wie war das nur möglich?
Vorher hatte sie ihn
gar nicht gesehen.
Schnell stand sie auf,
lief zu dem Brunnen,
füllte ihr Gefäß mit Wasser,
brachte es ihrem Sohn
und gab ihm zu trinken.
Da kam wieder Leben in Ismael.
Er schlug seine Augen auf,
stand auf und wanderte
mit seiner Mutter weiter
durch die endlose Wüste.
Lange Zeit blieben die beiden
in der Wüste.
Doch Gott blieb bei ihnen
und sorgte für sie
wie ein Vater für seine Kinder.
1. Mose 21
13. Isaak
Isaak wuchs heran.
Sein Vater hatte ihn sehr lieb,
lieber als alles auf der Welt.
Eines Nachts aber
wachte Abraham plötzlich auf.
„Abraham!“, rief eine Stimme.
Abraham horchte auf.
War das nicht Gottes Stimme?
„Abraham!“, sprach Gott.
„Nimm Isaak,
deinen einzigen Sohn,
den du so lieb hast!
Nimm ihn an deine Hand
und geh mit ihm
in das Land Morija.
Dort will ich dir einen Berg zeigen.
Auf dem sollst du Isaak opfern.“
Abraham war wie betäubt.
Isaak opfern?
Seinen geliebten Sohn
sollte er hergeben?
Gott hatte ihm doch
dieses Kind geschenkt!
Er hatte doch versprochen:
„Dein Sohn wird leben
und in diesem Land wohnen.“
Abraham konnte es nicht fassen.
Aber er sagte nichts,
kein einziges Wort.
Stumm wartete er,
bis der Morgen anbrach.
Da stand er von seinem Lager auf,
ging hinaus vor sein Zelt,
sammelte Holz für das Opfer,
spaltete es
und lud es auf seinen Esel.
Dann weckte er Isaak, seinen Sohn,
nahm ihn an die Hand
und machte sich mit ihm auf den Weg,
wie Gott gesagt hatte.
Drei Tage lang wanderten sie
durch das Land,
Abraham und sein Sohn Isaak,
dazu zwei Knechte,
die den Esel führten.
Endlich sah Abraham
in der Ferne den Berg,
von dem Gott gesprochen hatte.
Da blieb Abraham stehen,
wandte sich zu seinen Knechten
und sagte:
„Bleibt ihr hier mit dem Esel
und wartet auf uns!
Ich will mit Isaak
auf den Berg gehen
und dort opfern.
Danach kehren wir wieder zurück.“
Und Abraham nahm ein Gefäß
mit glimmender Glut
und ein Messer in seine Hand,
lud seinem Sohn Isaak
das Holz auf den Rücken
und stieg mit ihm auf den Berg.
Lange Zeit wanderten die beiden
nebeneinander her,
Hand in Hand.
Keiner sagte ein Wort.
Da hielt es Isaak nicht länger aus.
„Mein Vater!“, sagte er.
„Ja, hier bin ich.
Was ist, mein Sohn?“
Isaak zeigte auf das Holz
und auf das Gefäß.
„Sieh doch!
Wir haben zwar Holz und Feuer
für unser Opfer.
Aber wo ist das Schaf,
das wir opfern?“
„Mein Sohn“, sagte Abraham,
„Gott wird es uns geben.“
Da fragte Isaak nichts mehr.
Stumm stiegen sie weiter hinauf,
beide miteinander,
Hand in Hand,
bis sie endlich auf dem Berg waren.
Dort baute Abraham einen Altar.
Er trug große Steine zusammen,
schichtete sie auf,
legte das Holz darauf
und auf das Holz legte er –
Isaak, seinen geliebten Sohn!
Doch plötzlich – was war das?
Rief da nicht jemand?
„Abraham! Abraham!“
„Ja, hier bin ich“,
antwortete er erschrocken.
Da hörte er wieder die Stimme,
ganz deutlich: „Abraham!
Rühr Isaak nicht an!
Gott weiß, dass du bereit bist,
ihm alles zu geben,
sogar deinen Sohn.
Aber Gott will
dieses Opfer nicht haben.“
Auf einmal raschelte es.
Abraham wandte sich um.
Da sah er einen Widder,
der hatte sich mit seinen Hörnern
in einem Dornstrauch verfangen.
Schnell griff Abraham zu,
packte den Widder an seinen Hörnern,
legte ihn auf den Altar
und opferte ihn an Isaaks Stelle.
Da wusste Abraham:
Gott hatte alles gesehen.
Und er nannte den Ort: „Gott sieht“.
Und Gott sprach zu Abraham:
„Weil du auf meine Stimme
gehört hast,
verspreche ich dir:
Ich will deinen Sohn segnen.
Auch seine Kinder
will ich segnen.
Und auch ihre Kinder
will ich wieder segnen.
So viele Kinder werden es sein
wie Sterne am Himmel
und wie Sand am Meer.
Durch sie sollen einmal
alle gesegnet werden,
alle Völker der Erde.“
Dankbar kehrte Abraham
mit seinem Sohn Isaak heim.
Gott hatte ihn
über alles Erwarten beschenkt.
1. Mose 22
14. Isaak und Rebekka
Jahre vergingen.
Abraham war noch viel älter geworden.
Seine Frau Sara lebte nicht mehr.
Und in dem großen Zelt
war es oft einsam und leer.
Da sagte sich Abraham:
„Sara ist tot.
Bald werde auch ich
nicht mehr leben.
Dann bleibt Isaak allein zurück.
Ich will dafür sorgen,
dass er eine Frau bekommt,
eine Frau, die ihn liebt
und die er liebt.“
Und er rief seinen obersten Knecht
und bat ihn: „Geh
und suche für Isaak eine Frau aus,
eine Frau, die auf Gott hört,
nicht wie die Frauen,
die hier im Land Kanaan leben.
Darum mach dich auf
und zieh nach Haran
zu meinen Verwandten!
Dort wirst du die rechte Frau
für Isaak finden.“
Da sattelte der Knecht die Kamele,
lud reiche Geschenke auf
und machte sich auf den Weg.
Nach vielen Wochen
kam er endlich nach Haran.
Am Brunnen vor der Stadt
machte er Halt mit seinen Kamelen.
Schon wurde es Abend.
Aus der Stadt kamen
Frauen und Mädchen
mit Krügen zum Brunnen,
um Wasser zu schöpfen.
Als der Knecht sie sah,
klopfte sein Herz.
Ob auch die Frau dabei war,
die er für Isaak suchte?
Aber wie sollte er sie
unter all den Frauen herausfinden?
Gott muss mir helfen,
dachte der Knecht,
sonst kann es mir nicht gelingen.
Und er betete:
„Du Gott Abrahams!
Lass es mir heute gelingen.
Sieh, hier steh ich und warte.
Gleich kommen die Frauen,
um Wasser zu schöpfen.
Bitte, gib mir ein Zeichen
und zeig mir die Frau,
die du für Isaak bestimmt hast!
Und dies soll das Zeichen sein:
Wenn ich eine Frau bitte:
,Gib mir zu trinken!‘,
und wenn sie sagt:
,Gerne! Trink nur!
Ich will deine Kamele auch tränken‘,
dann weiß ich,
dass sie die Frau ist,
die du für Isaak bestimmt hast.“
Und als er noch betete,
kam ein junges Mädchen zum Brunnen,
die füllte ihren Krug mit Wasser.
Da ging der Knecht auf sie zu
und bat sie:
„Gib mir ein wenig zu trinken!“
„Gerne“, sagte das Mädchen, „trink nur!
Ich will deine Kamele auch tränken.“
Schnell nahm sie den Krug vom Kopf
und ließ ihn trinken.
Dann lief sie zum Brunnen zurück,
füllte noch einmal den Krug
und goss das Wasser
in die Tränke für die Kamele.
Und wieder lief sie zum Brunnen,
füllte noch einmal den Krug
und noch einmal, immer wieder,
bis alle Kamele genug hatten.
Der Knecht aber sah ihr staunend zu.
Gewiss war sie die Frau,
die er suchte!
Er holte seine Geschenke hervor,
einen Stirnreif aus Gold,
dazu glänzende Ringe,
schenkte sie dem Mädchen
und fragte freundlich:
„Sag doch, wer bist du?
Und wie heißt dein Vater?
Können wir bei euch übernachten?“
Da antwortete das Mädchen:
„Ich bin Rebekka, Betuels Tochter.
Ich lade dich ein.
Ihr könnt bei uns bleiben.
Wir haben zu Hause auch Stroh
und Futter für deine Kamele.“
Da staunte der Knecht noch viel mehr.
Denn Betuel war mit Abraham verwandt.
„Gott sei gelobt!“, rief er.
„Nun bin ich gewiss:
Gott hat mich zu dir geführt.“
Als aber Rebekka hörte,
was der Knecht sagte,
eilte sie nach Hause
und erzählte dort,
wer ihr begegnet war.
Da stand ihr Bruder Laban auf,
eilte dem Knecht entgegen
und grüßte ihn freundlich:
„Du Gesegneter!
Komm in unser Haus!
Es steht alles bereit.“
Und er führte ihn in das Haus,
holte Wasser herbei,
wusch seine Füße
und setzte ihm Essen vor.
Aber der Knecht wollte nichts essen.
„Hört mich erst an!“, bat er.
„Kennt ihr noch Abraham,
euren Verwandten?
Er wohnte einst hier.
Nun lebt er im Land Kanaan,
weit weg von hier.
Ich bin sein Knecht.
Ich soll für seinen Sohn
eine Frau suchen.
Aber Gott hat sie schon ausgesucht:
eure Rebekka!“
Als sie das hörten,
riefen alle voll Staunen:
„Das kommt von Gott!
So soll es geschehen.
Isaak soll unsere Schwester
Rebekka bekommen.“
Und sie fragten Rebekka:
„Willst du ins Land Kanaan ziehen
und Isaaks Frau werden?“
„Ja“, sagte Rebekka.
„Ich will es.“
Am nächsten Morgen
brach der Knecht früh auf,
sattelte seine Kamele
und nahm Abschied.
Da nahm auch Rebekka
Abschied von ihrer Familie
und machte sich mit ihm
auf den Weg, Isaak entgegen.
Als sie nach Wochen
endlich zu Isaak kamen,
erzählte der Knecht ihm alles,
was er auf der Reise erlebt hatte
und wie Gott
ihn zu Rebekka geführt hatte.
Da glaubte auch Isaak:
Rebekka war die Frau,
die Gott ihm geschenkt hatte.
Voll Freude führte er sie in sein Zelt
und beide gewannen einander sehr lieb.
1. Mose 24
15. Jakob und Esau
Isaak und Rebekka bekamen Zwillinge.
Die nannten sie Esau und Jakob.
Esau, der erstgeborene Sohn,
war rötlich und rau
und hatte eine Haut wie ein Fell.
Als er älter wurde,
streifte er viel auf den Feldern umher
und jagte wilde Tiere.
Oft brachte er seinem Vater
einen fetten Braten nach Hause.
Das gefiel Vater Isaak.
Er mochte Esau gern leiden.
Jakob, der jüngere Sohn,
war dagegen ganz anders.
Er blieb meist
bei seiner Mutter im Zelt.
Rebekka hatte Jakob
viel lieber als Esau.
Sie dachte:
Jakob soll einmal später
das Erbe bekommen, nicht Esau!
So hatte Gott zu ihr gesagt.
Aber Isaak wollte das Erbe
Esau, dem Erstgeborenen, geben.
So war es Sitte im Land.
Eines Tages kam Esau
müde und hungrig
von der Jagd nach Hause.
Da sah er,
wie Jakob vor dem Zelt kochte.
Ein großer Topf
mit rötlicher Linsensuppe
dampfte über dem Feuer.
Esau roch den köstlichen Duft.
Das Wasser lief ihm
im Munde zusammen.
„Los, her mit der Suppe!“, rief Esau.
„Ich bin todmüde
und hab furchtbaren Hunger.“
„Nein“, wehrte sich Jakob.
„Sag erst: Was gibst du dafür?“
Esau überlegte nicht lange.
„Nimm, was du willst!
Aber gib mir die Suppe!
Ich sterbe vor Hunger.“
„Gut“, sagte Jakob listig.
„Gib dein Versprechen:
Von jetzt an will ich der Erste sein,
und du bist der Zweite.“
„Was soll’s!“, rief Esau.
„Ich verspreche dir alles.
Aber gib endlich die Suppe!“
Da reichte ihm Jakob
den Topf mit der Suppe
und dazu noch das Brot.
Esau verschlang alles gierig.
Dann kehrte er Jakob den Rücken
und ging auf und davon.
Er sah nicht mehr,
wie Jakob hinter ihm
schadenfroh lachte.
1. Mose 25,19–34
16. Jakob bekommt den Segen
Jahre vergingen.
Vater Isaak war alt
und gebrechlich geworden.
Und seine Augen waren so schwach,
dass er nichts mehr erkannte.
Da rief Isaak eines Tages
Esau zu sich und sagte:
„Bald muss ich sterben.
Dann sollst du das Erbe bekommen.
So geh nun auf die Jagd
und mach mir einen Braten,
wie ich ihn gern mag!
Dann will ich dich segnen
und dir alles übergeben,
bevor ich sterbe.“
Aber Rebekka hörte,
was Isaak zu Esau sagte.
Sogleich rief sie Jakob
und erzählte ihm alles.
„Auf“, drängte sie ihn,
„hol schnell zwei Böckchen,
damit ich sie schlachte und brate!
Du aber sollst den Braten
zum Vater bringen,
bevor Esau zurückkommt.
Dann wird er sicher glauben,
du seist sein Sohn Esau
und wird dir seinen Segen geben.“
„Nein“, rief Jakob erschrocken.
„Das geht nicht gut aus.
Zwar ist unser Vater fast blind,
doch wird er es merken,
wenn er mich fühlt.
Sieh, meine Hände sind glatt.
Doch Esaus Hände sind rau.“
Aber Rebekka ließ nicht locker.
„Tu, was ich sage!
Überlege nicht lange!
Sonst ist es zu spät.“
Da lief Jakob zur Schafherde,
holte zwei Böckchen
und brachte sie seiner Mutter.
Die schlachtete sie schnell
und briet sie über dem Feuer.
Dann zog sie Jakob
ein Kleid von Esau über,
band Felle um seine Hände
und seinen Hals,
drückte ihm die Schüssel
mit dem Braten
und ein Stück Brot in die Hand
und schickte ihn zu Isaak ins Zelt.
„Mein Vater“, rief Jakob,
„ich bin’s, Esau, dein Sohn!
Ich bin wieder zurück von der Jagd
und hab einen guten Braten für dich.
Komm, setz dich
und lass es dir schmecken!“
„Was? Du, Esau?“,
fragte Isaak erstaunt.
„Du bist schon zurück?
Wie ist das nur möglich?
Wie hast du deine Beute
so rasch gefunden?“
„Ganz einfach!“, log Jakob.
„Gott hat mir’s gegeben.“
Aber Isaak zögerte noch.
„Komm näher, mein Sohn!
Ich will erst wissen,
ob du auch wirklich Esau bist.
Gib mir deine Hände,
damit ich sie fühle!“
Da reichte ihm Jakob die Hände.
„Wie sonderbar!“, sagte Isaak zu sich.
„Die Hände sind rau
wie Esaus Hände.
Aber die Stimme klingt
wie Jakobs Stimme.
Sag, bist du auch wirklich Esau?“
„Ja“, antwortete Jakob.
„Ich bin Esau.“
Da gab sich Isaak endlich zufrieden.
Er aß von dem Braten
und trank den Wein,
den Jakob ihm reichte.
Dann bat er Jakob:
„Komm nun, mein Sohn,
und küsse mich!
Danach will ich dich segnen.“
Da beugte sich Jakob herab
und gab Isaak einen Kuss.
Als aber Isaak Esaus Kleid roch,
rief er froh:
„Ja, jetzt glaube ich wirklich,
dass du Esau bist.“
Und er ließ ihn niederknien,
legte seine Hände auf ihn,
segnete ihn und sprach:
„Gesegnet bist du, mein Sohn!
Gott schenke dir Leben
und mache dich groß!
Gesegnet soll sein,
wer dich segnet.“
Nun war es geschehen.
Leise schlich sich Jakob hinaus.
Nicht lange danach kam Esau
von der Jagd zurück.
„Mein Vater“, rief er fröhlich,
„hier bin ich wieder, Esau, dein Sohn!
Ich habe einen guten Braten für dich.
Komm, setz dich auf
und lass es dir schmecken!“
„Was?“, rief Isaak entsetzt.
„Du bist Esau?
Aber wer war der andere,
der soeben hier war?
Jakob war’s!
Er hat dich betrogen!“
Da schrie Esau auf:
„Aber was wird nun aus mir?
Segne mich, Vater!
Sonst bin ich verloren.“
„Ich kann nicht“,
antwortete Isaak traurig.
„Ich habe schon Jakob
den Segen gegeben.
Er wird den Segen behalten.“
Als Esau das hörte,
ballte er seine Fäuste
und murmelte grimmig:
„Warte nur, Jakob!
Dich mache ich fertig.
Wenn unser Vater tot ist,
dann gibt es Rache,
du gemeiner Betrüger!“
Und er stand auf
und ging wütend davon.
1. Mose 27
17. Jakob auf der Flucht
Endlich hatte Jakob,
was er sich gewünscht hatte!
Aber von nun an war Esau
sein erbitterter Feind.
Als Rebekka das sah,
rief sie heimlich Jakob zu sich.
„Du musst fliehen“, drängte sie Jakob.
„Sonst bringt dich Esau noch um.
Auf, flieh nach Haran
zu meinen Verwandten!
Und bleibe dort,
bis Esaus Zorn sich gelegt hat!“
Da hörte Jakob auf seine Mutter,
machte sich auf den Weg
und floh über die Berge.
Er wanderte ohne Pause,
bis die Nacht hereinbrach.
Aber wo sollte er schlafen?
Er war furchtbar müde.
Doch weit und breit gab es
kein Haus und kein Zelt.
Da legte sich Jakob auf die Erde,
nahm einen Stein als Kissen
und schlief ein.
In dieser Nacht hatte Jakob
einen seltsamen Traum:
Er sah eine Leiter,
die war so hoch wie der Himmel.
Auf der Leiter stiegen Engel
hinauf und hinunter.
Und Gott sah von oben auf ihn herab.
Und Gott sprach zu Jakob im Traum:
„Ich bin der Herr,
der Gott Abrahams
und der Gott Isaaks.
Ich will auch dein Gott sein.
Ich bin bei dir.
Ich behüte dich auf dem Weg.
Ich bringe dich auch wieder zurück.
Sieh her! Dieses Land,
auf dem du jetzt liegst,
will ich dir geben.
Deine Kinder
werden einmal hier wohnen.“
Da wachte Jakob auf.
Er sprang auf von der Erde
und rief erfreut: „Wahrhaftig!
Dies ist ein besonderer Ort.
Bethel will ich ihn nennen,
das heißt: ,Haus Gottes‘.
Denn hier wohnt Gott.“
Jakob wollte Gott
ein Dankopfer bringen.
Aber es gab keinen Altar dort.
Und Jakob hatte kein Opfertier.
Er hatte nur einen kleinen Krug
mit Öl bei sich.
Das goss er über dem Stein aus,
auf dem er gelegen hatte.
Und Jakob versprach:
„So soll es sein,
wie Gott mir gesagt hat.
Wird Gott mich behüten
und wieder heimbringen,
dann will ich ihm hier
ein Dankopfer bringen
und Gott gehören,
solange ich lebe.“
1. Mose 27,41–28,22
18. Jakob im fremden Land
Danach brach Jakob von Bethel auf
und kam in die Gegend von Haran.
Dort traf er Hirten am Brunnen.
Jakob grüßte sie freundlich.
„Seid gegrüßt, Freunde!
Wo kommt ihr her?“
„Aus Haran“, antworteten sie.
„Dann kennt ihr auch meinen Onkel?
Laban heißt er.“
„Aber gewiss! Wir kennen ihn gut.
Sieh, da kommt gerade
seine Tochter Rahel zum Brunnen.“
Als aber Jakob Rahel sah,
lief er ihr entgegen,
umarmte und küsste sie
und weinte vor Freude.
„Ich bin Jakob“, rief er,
„der Sohn von Rebekka.“
Da ließ Rahel ihre Schafe stehen
und holte schnell ihren Vater herbei.
Der fiel Jakob um den Hals und rief:
„Willkommen, mein Freund!
Komm in mein Haus
und bleibe bei uns,
solange du willst!“
Da ging Jakob mit Laban
und blieb bei ihm lange Zeit.
Er half Laban bei der Arbeit,
hütete seine Schafe und sorgte für sie.
Eines Tages aber
sagte Laban zu Jakob:
„Du bist zwar unser Verwandter.
Doch sollst du dennoch Lohn
für deine Arbeit bekommen.
Sag, was soll ich dir geben zum Lohn?“
Jakob antwortete:
„Ich will keinen Lohn von dir haben.
Ich habe nur einen einzigen Wunsch:
Gib mir deine Tochter Rahel zur Frau!
Sieben Jahre will ich
dafür dein Knecht sein.“
Da willigte Laban ein.
Und Jakob wurde sein Knecht.
Sieben Jahre lang diente er Laban.
Aber Jakob wurde die Zeit nicht lang.
Immerzu dachte er an Rahel
und freute sich schon
auf die Hochzeit mit ihr.
Nach sieben Jahren
war es endlich so weit.
Der Hochzeitstag war gekommen.
Laban bereitete ein Festmahl zu.
Am Abend führte er
die verschleierte Braut zu Jakob.
Aber wie erschrak Jakob am Morgen,
als er der Braut ins Gesicht sah!
Nicht Rahel war seine Braut,
sondern Lea, die ältere Schwester!
„Was hast du getan, Laban?“,
rief Jakob empört.
„Du hast mich betrogen!
Du hast mir Lea zur Frau gegeben.
Aber hast du mir nicht
Rahel versprochen?“
Doch Laban antwortete listig:
„Warum regst du dich auf, Jakob?
Halte diese Woche bei Lea aus!
Dann will ich dir auch noch
Rahel zur Frau geben.
Dafür sollst du noch einmal
sieben Jahre mein Knecht sein.“
Da musste Jakob sich fügen.
So blieb er noch weitere
sieben Jahre bei Laban.
Und Laban gab ihm
auch Rahel zur Frau.
*
Mehr als zwanzig Jahre lang
blieb Jakob in Haran.
Oft dachte er an seinen Vater
und an seinen Bruder Esau zurück.
Beide hatte er damals betrogen.
Nun war er selbst von Laban betrogen.
Aber Gott hielt sein Versprechen.
Er segnete Jakob im fremden Land
und machte ihn groß.
Er schenkte ihm viele Kinder,
dazu auch viele Schafe,
Ziegen und Rinder.
So wurde aus dem Knecht Jakob
ein angesehener Mann.
1. Mose 29 und 30
19. Jakob kehrt heim
Viele Jahre lang
lebte Jakob im fremden Land.
Aber mit jedem Jahr sehnte er sich
mehr nach Hause zurück.
Ob ihm sein Bruder Esau
noch böse war?
Ob er es wagen durfte,
ihn wiederzusehen?
Jakob hatte immer noch Angst,
wenn er an Esau dachte.
Eines Nachts sprach Gott
zu Jakob im Traum:
„Auf, Jakob!
Geh wieder in deine Heimat zurück!
Und vertraue mir!
Ich gehe mit dir.“
Da fasste Jakob Mut.
Er rief seine Frauen und Kinder herbei
und brach auf von Haran
mit allem, was er besaß.
Nach Wochen sah Jakob endlich
in der Ferne das Land Kanaan.
Da schickte er Boten zu Esau voraus,
die sollten ihm ansagen:
„Jakob, dein Bruder, ist da!“
Aber bald darauf
kamen die Boten wieder zurück
und meldeten Jakob:
„Wir haben Esau getroffen.
Er kommt dir entgegen.
Doch nimm dich in Acht!
Er ist nicht allein.
400 Männer begleiten ihn.“
Als Jakob das hörte,
erschrak er und verlor allen Mut.
Er überlegte bei sich:
400 Männer?
Das ist ja ein richtiges Heer!
Womöglich will Esau
Krieg mit mir führen?
Was soll ich nur tun?
Und Jakob betete zu Gott:
„Ach Herr!
Du hast mir bisher immer geholfen.
Du hast mich gesegnet
und reich gemacht.
Ich bin es nicht wert,
was du an mir getan hast.
Aber ich bitte dich jetzt:
Rette mich vor meinem Bruder!
Lass nicht zu, dass er uns tötet!“
Danach suchte Jakob
in aller Eile aus seinen Herden
die schönsten Tiere aus:
Ziegen, Schafe, Böcke und Widder,
auch Kamele, Kühe und Esel,
eine riesige Herde.
Die schickte er als Geschenk
mit drei Knechten Esau entgegen.
Wer weiß, dachte Jakob,
vielleicht ist Esau versöhnt,
wenn er sieht, was ich ihm schenke?
Schon brach die Nacht herein.
Da schlug Jakob sein Zelt
am Fluss Jabbok auf.
Aber in dieser Nacht
fand Jakob keine Ruhe.
Er wälzte sich auf seinem Lager
und dachte voll Angst
an den kommenden Morgen.
Schließlich hielt es Jakob
nicht länger auf seinem Lager.
Er stand auf,
weckte seine Frauen und Kinder,
führte sie durch den Fluss,
wo das Wasser nicht tief war,
und brachte alle ans andere Ufer.
Er aber blieb allein am Ufer zurück.
Doch plötzlich zuckte Jakob zusammen.
Ein Mann stand vor ihm.
Wer war es?
Freund oder Feind?
Was wollte er von ihm?
Der Fremde griff ihn an.
Jakob wehrte sich und schlug um sich.
Er hielt den anderen fest
und kämpfte verzweifelt.
Schon wurde es am Horizont hell.
Da sah Jakob auf einmal,
wer mit ihm kämpfte:
ein Engel Gottes!
Oder war es Gott selbst?
„Lass mich gehen!“, sprach der andere.
„Der Morgen bricht an.“
Aber Jakob klammerte sich an ihn.
„Nein“, rief er,
„ich lass dich nicht los.
Segne mich erst!“
Da segnete er Jakob und sprach:
„Jakob heißt du.
Aber von nun an sollst du Israel heißen,
das heißt: ,Gotteskämpfer‘.
Denn du hast nicht nur
mit Menschen gekämpft,
sondern mit Gott.“
Da spürte Jakob:
Gott war ihm ganz nah.
Nun hatte er Mut,
seinem Bruder entgegenzugehen.
Schon ging die Sonne auf.
In der Ferne rückte Esau
mit seinen Männern an.
Jakob lief ihm entgegen
und verneigte sich vor ihm
siebenmal bis auf die Erde.
Aber Esau eilte auf Jakob zu
und fiel ihm um den Hals.
Da war mit einem Mal
alle Angst verflogen.
Die Brüder lagen sich in den Armen
und weinten vor Freude.
Und beide spürten:
Gott hatte sie miteinander versöhnt!
1. Mose 31–32
20. Josef und seine Brüder
Jakob hatte zwölf Söhne.
Einer von ihnen hieß Josef.
Vater Jakob liebte ihn mehr
als alle anderen Söhne.
Er verwöhnte ihn,
wo er nur konnte,
und schenkte ihm
ein prächtiges, buntes Kleid.
Da wurden die anderen Söhne
neidisch auf Josef.
Sie schimpften:
„Immer nur Josef!
Warum bekommen wir kein Geschenk?“
Auch ärgerten sie sich,
weil Josef sie oft
bei ihrem Vater verriet,
wenn sie etwas falsch gemacht hatten.
Einmal hatte Josef
einen seltsamen Traum.
Den erzählte er seinen Brüdern.
„Hört“, rief er,
„was ich geträumt habe!
Ich sah im Traum ein Kornfeld vor mir.
Das Korn war geschnitten
und wir banden es in Garben zusammen.
Jeder von uns band eine Garbe.
Aber meine Garbe war die größte.
Sie stand in der Mitte.
Und alle eure Garben
verneigten sich vor meiner Garbe.“
Als die Brüder den Traum hörten,
wurden sie wütend.
„Ach du!“, fuhren sie Josef an.
„Du willst wohl
etwas Besseres sein als wir?
Willst du etwa unser König werden?“
Und sie ärgerten sich
noch mehr über Josef.
Wenig später hatte Josef
noch einen zweiten Traum.
Auch den erzählte er
seinem Vater und seinen Brüdern.
„Stellt euch vor“, rief er,
„Sonne, Mond und elf Sterne
kamen vom Himmel herab
und verneigten sich vor mir.“
„Was für ein Traum!“,
rief Vater Jakob erschrocken.
„Sollen wir alle zu dir kommen
und vor dir niederfallen,
dein Vater, deine Mutter
und deine elf Brüder?
Was bildest du dir ein?“
Aber im Stillen dachte Jakob:
Ich will mir den Traum merken.
Vielleicht hat Gott wirklich
etwas Großes mit Josef vor?
Eines Tages waren die Brüder
mit ihren Schafen unterwegs.
Plötzlich sahen sie Josef kommen.
Jakob hatte ihn hergeschickt.
Josef winkte ihnen fröhlich zu.
„Seht!“, riefen die Brüder grimmig.
„Da kommt der Träumer.
Endlich haben wir ihn.
Jetzt können wir mit ihm tun,
was wir wollen.
Wisst ihr, was wir machen?
Wir schlagen ihn einfach tot
und werfen ihn in einen Brunnen.
Aber dem Vater sagen wir:
,Ein wildes Tier hat Josef gefressen.‘
Dann wollen wir sehen,
was aus seinen Träumen wird.“
„Nein“, rief Ruben, der älteste Bruder.
„Das dürft ihr nicht tun.
Werft ihn lieber lebendig
in den Brunnen!“
Das war den Brüdern auch recht.
Sie fielen über Josef her
und packten ihn,
rissen ihm sein Kleid vom Leib,
schleppten ihn davon und warfen ihn
in ein leeres Brunnenloch.
Josef weinte und schrie.
Aber die Brüder
hörten nicht auf ihn.
Sie setzten sich an den Brunnen,
fingen an zu essen
und taten so,
als sei nichts geschehen.
Nach einer Weile kam eine Karawane
mit Kaufleuten und Kamelen vorbei.
Da schlug Juda, einer der Brüder, vor:
„Jetzt weiß ich, was wir machen.
Wir verkaufen Josef an die Kaufleute.
Dann müssen wir ihn nicht töten
und sind ihn dennoch für immer los.“
Gesagt, getan!
Sie zogen Josef aus dem Brunnen
und verkauften ihn als Sklaven
an die Kaufleute.
Zwanzig Silberstücke
handelten sie für ihn ein.
Ruben aber war nicht dabei,
als die Brüder Josef verkauften.
Als er am Abend zum Brunnen kam,
hörte er, was geschehen war.
„O weh!“, rief er entsetzt.
„Wenn das unser Vater hört!“
Aber auch dafür wussten die anderen Rat.
Sie holten einen Ziegenbock
von der Herde
und schlachteten ihn.
Dann nahmen sie Josefs Kleid,
tauchten es in das Blut
und übergaben es einem Knecht.
„Lauf schnell zu unserem Vater!“,
befahlen sie dem Knecht.
„Und gib ihm dieses Kleid!
Sag ihm: Wir haben es gefunden.“
Da lief der Knecht zu Jakob,
gab ihm das Kleid
und erzählte ihm alles,
was die Brüder gesagt hatten.
Als aber Jakob das Kleid sah,
zerriss er sein Gewand,
weinte und schrie:
„Josef ist tot! Josef ist tot!
Ein wildes Tier hat ihn gefressen.“
Und niemand konnte ihn trösten.
1. Mose 37
21. Josef in Ägypten
Die Kaufleute brachten Josef
in das ferne Land Ägypten.
Dort verkauften sie ihn
an einen reichen Mann,
der Potifar hieß.
Josef wurde Sklave in Potifars Haus.
Er arbeitete jeden Tag
von morgens bis abends.
Aber was Josef auch anpackte,
machte er richtig,
drinnen im Haus
und draußen im Freien.
Gott war mit ihm
und ließ es ihm gelingen.
Als Potifar das sah,
rief er Josef zu sich und sagte:
„Von nun an sollst du
mein Verwalter sein.
Alles, was in meinem Haus ist,
will ich dir übergeben.
Und alle anderen Sklaven
sollen dir gehorchen.“
Aber die Frau Potifars
hatte anderes mit Josef vor.
„Komm!“, flüsterte sie Josef zu.
„Sei mein Geliebter!“
„Nein!“, rief Josef erschrocken.
„Das kann ich Potifar nicht antun.
Und Gott will es auch nicht.
Sieh, dein Mann hat mir
alles im Haus übergeben.
Aber du gehörst nur ihm allein.“
Doch die Frau ließ Josef keine Ruhe.
Immer wieder versuchte sie,
ihn zu verführen.
Eines Tages waren die beiden
allein zu Hause.
Da hielt die Frau Josef am Gewand fest
und redete auf ihn ein:
„Tu, was ich dir sage!
Leg dich zu mir!“
Aber Josef riss sich von ihr los
und rannte ohne Gewand aus dem Haus.
Als die Frau das sah,
überlegte sie nicht lange.
„Hilfe! Hilfe!“, schrie sie so laut,
dass es durch das ganze Haus hallte.
Sogleich eilten von allen Seiten
die Sklaven herbei.
„Was ist los? Was ist los?“,
fragten sie erschrocken.
„Seht“, rief die Frau empört,
„was Josef mir angetan hat!
Er wollte sich zu mir legen.
Aber ich schrie laut um Hilfe.
Da ließ er sein Gewand fallen
und rannte davon.“
Und sie legte Josefs Gewand
neben sich und wartete,
bis ihr Mann heimkam.
Als aber Potifar hörte,
was seine Frau ihm erzählte,
wurde er furchtbar zornig.
„Josef hat mich betrogen!“,
schrie er wütend.
„Weg mit ihm!
Ab ins Gefängnis!
Ich will ihn nie mehr sehen.“
Da packten sie Josef
und warfen ihn ins Gefängnis.
1. Mose 39
22. Josef im Gefängnis
Nun saß Josef im Gefängnis
bei Dieben und Mördern.
Aber Josef war anders
als die anderen Gefangenen.
Das merkte auch bald der Wärter,
der die Gefangenen versorgte.
Er bat Josef:
„Willst du mir helfen?“
Josef war gerne dazu bereit.
Von nun an sorgte Josef
für die anderen Gefangenen.
Er besuchte sie jeden Tag,
brachte ihnen das Essen
und sprach ihnen Mut zu.
Josef machte seine Arbeit so gut,
dass der Wärter sich bald
um nichts mehr kümmern musste.
Gott war mit Josef
und ließ es ihm gelingen.
Unter den Gefangenen
waren auch zwei Diener
des ägyptischen Königs.
Der eine war Mundschenk.
Er hatte dem König immer
den Wein eingeschenkt.
Der andere war Bäcker.
Er hatte das Brot
für den König gebacken.
Aber beide waren beim König
in Ungnade gefallen.
Als Josef eines Morgens
zu den Gefangenen kam,
ließen beide den Kopf hängen.
„Was fehlt euch?“, fragte sie Josef.
„Warum seht ihr so traurig aus?“
„Ach“, antworteten sie,
„wir hatten beide
einen seltsamen Traum.
Und wir wissen nicht,
was er bedeutet.“
„Sagt mir doch,
was ihr geträumt habt!“, bat Josef.
„Vielleicht zeigt mir Gott,
was eure Träume bedeuten.“
Da erzählte der Mundschenk:
„Ich sah einen Weinstock
mit drei Reben,
die hingen voller Trauben.
Ich hielt den Becher des Königs
in meiner Hand,
nahm die Trauben,
drückte sie aus
und ließ den Saft in den Becher tropfen.
Den reichte ich dem König,
und er trank daraus.“
Als Josef den Traum hörte,
rief er erfreut:
„Das ist ein guter Traum!
Die drei Reben bedeuten drei Tage.
In drei Tagen
wirst du wieder frei sein.
Und der König wird dich
wieder zum Mundschenk machen.“
Und Josef fügte hinzu:
„Wenn du wieder zum König kommst,
dann denk an mich!
Bitte den König,
dass er mich hier herausholt!
Denn ich bin unschuldig hier.“
Da fasste sich der Bäcker ein Herz
und erzählte auch seinen Traum:
„Ich ging auf der Straße
und trug drei Körbe
auf meinem Kopf.
Im obersten Korb
hatte ich köstlichen Kuchen.
Den sollte der König essen.
Aber da kamen Vögel,
die setzten sich auf den Korb
und fraßen alles auf.“
Als Josef diesen Traum hörte,
rief er erschrocken:
„Dein Traum bedeutet nichts Gutes!
In drei Tagen wirst du gehängt.
Und die Vögel werden
dein Fleisch auffressen.“
Und wirklich:
Nach drei Tagen geschah,
was Josef vorausgesagt hatte.
Der Mundschenk wurde
wieder in sein Amt eingesetzt.
Der Bäcker aber wurde gehängt.
Doch der Mundschenk vergaß,
was er Josef versprochen hatte.
1. Mose 40
23. Josef vor dem König
Es war Nacht.
Der König von Ägypten
schlief in seinem Palast.
Er hatte in dieser Nacht
einen seltsamen Traum:
Er stand im Traum am Ufer des Nil.
Da stiegen aus dem Fluss
sieben schöne und fette Kühe,
die grasten am Ufer.
Danach stiegen noch einmal
sieben Kühe aus dem Wasser.
Aber sie waren hässlich und mager.
Sie fraßen die fetten Kühe auf.
Und noch einen Traum
hatte der König in dieser Nacht:
Er sah einen Getreidehalm vor sich.
Aus ihm wuchsen sieben Ähren,
schöne, dicke Kornähren.
Danach sah er einen anderen Halm.
Aus ihm wuchsen auch sieben Ähren.
Aber sie waren dürr und leer.
Die verschlangen die dicken Ähren.
Da wachte der König auf.
Unruhig wartete er,
bis der Morgen anbrach.
Dann rief er sogleich
seine Gelehrten herbei
und erzählte ihnen,
was er geträumt hatte.
„Auf, sagt mir,
was die Träume bedeuten!“,
befahl der König.
Aber die Gelehrten
sahen ihn verlegen an.
Sie konnten die Träume nicht deuten.
Da hörte der Mundschenk,
was der König geträumt hatte.
Plötzlich fiel ihm Josef wieder ein.
Wenn doch nur Josef hier wäre!,
dachte er bei sich.
Josef könnte sicher sagen,
was die Träume bedeuten.
Und er ging zum König,
verneigte sich vor ihm und sagte:
„Mein König!
Ich kenne einen Mann im Gefängnis.
Der kann Träume deuten.
Er hat auch mir vor Jahren
einen Traum gedeutet,
als ich im Gefängnis saß.
Alles traf so ein,
wie er es damals vorausgesagt hatte.“
„Dann holt ihn sofort her!“,
befahl der König.
„Worauf wartet ihr noch?“
Da holten sie Josef
aus dem Gefängnis,
schoren seine Haare,
zogen ihm ein neues Gewand an
und führten ihn vor den König.
Der wartete schon ungeduldig auf ihn.
„Ist es wahr?
Kannst du Träume deuten?“,
fragte der König.
„Nein“, antwortete Josef.
„Ich kann es nicht.
Aber Gott wird mir sagen,
was die Träume bedeuten.“
Da erzählte der König,
was er geträumt hatte.
Josef aber sagte zum König:
„Beide Träume bedeuten dasselbe.
Sieben Jahre lang
wird viel Korn wachsen.
Aber danach kommen
sieben schlechte Jahre.
Kein Korn wird mehr
auf den Feldern reifen.
Alle Menschen werden hungern.
Darum bau dir große Lagerhäuser
und setze einen klugen Verwalter ein,
der das Korn sammelt
und die Lagerhäuser füllt!
Und wenn die Hungersnot kommt,
soll er es an die Leute verkaufen.“
„Das ist gut!“, rief der König.
„Dein Plan gefällt mir.
Du sollst ihn selbst ausführen.
Ab heute bist du in Ägypten
der zweitmächtigste Mann.“
Und er gab Josef
seinen kostbaren Siegelring,
legte ihm einen Mantel um
und hängte eine goldene Kette
um seinen Hals.
Danach schickte er ihn
in seinem Königswagen
durch das ganze Land
und ließ in allen Städten
vor ihm her ausrufen:
„Dies ist der Mann,
dem der König alle Macht übergeben hat.
Ihm sollt ihr gehorchen.“
1. Mose 41
24. Josefs Brüder in Ägypten
Bald darauf traf ein,
was Josef vorhergesagt hatte.
Es gab Korn in Fülle.
Alle konnten essen,
so viel sie wollten.
Und es blieb immer noch
genug Korn übrig,
mehr als genug.
Da ließ Josef große Speicher bauen
und füllte sie mit Korn,
eine riesige Menge,
so viel wie der Sand am Meer.
Aber nach sieben Jahren
kam eine Dürrezeit.
Es regnete nicht mehr.
Die Sonne versengte das Land.
Die Erde trocknete aus.
Auf den Feldern
verdorrte das Korn.
Und in allen Ländern brach
eine große Hungersnot aus.
Da kamen die Menschen
in großen Scharen zu Josef
und baten ihn:
„Verkauf uns etwas von deinem Korn,
damit wir nicht verhungern!“
Und Josef öffnete seine Speicher
und gab ihnen Korn,
so viel sie brauchten.
*
Eines Tages aber kamen zehn Männer
aus einem fernen Land,
um Korn bei Josef zu kaufen.
Als Josef sie sah,
traute er seinen Augen nicht.
Vor ihm standen –
seine eigenen Brüder!
Sie warfen sich vor ihm auf die Erde
wie vor einem König.
Genauso hatte er es einst
in seinem Traum vorhergesehen.
Josef überlegte:
Ob seine Brüder
auch ihn erkannten?
Nein, sie ahnten gewiss nicht,
wer vor ihnen stand!
Da beschloss Josef,
seine Brüder auf die Probe zu stellen.
„Wer seid ihr?“, fragte er streng.
„Und woher kommt ihr?“
„Aus dem Land Kanaan“,
antworteten sie.
„In unserem Land
gibt es kein Korn mehr.
Darum sind wir hierher gekommen,
um Korn zu kaufen.“
„Nein“, unterbrach sie Josef,
„ihr lügt! Ihr seid Spione!
Ihr wollt nur unser Land
ausspionieren.“
„Aber nein!“,
riefen die Brüder erschrocken.
„Wir sind ehrliche Leute
und gehören alle zu einer Familie.
Zwölf Brüder sind wir.
Aber zwei Brüder fehlen.
Der jüngste Bruder
ist bei unserem Vater geblieben.
Und der zweitjüngste
lebt schon lange nicht mehr.“
Doch Josef unterbrach sie wieder:
„Ich glaube euch nicht.
Bringt euren jüngsten Bruder zu mir!
Dann will ich euch glauben.“
Darauf ließ er
alle zehn Brüder einsperren.
Aber nach drei Tagen
ließ er sie wieder frei
und befahl ihnen:
„Nehmt nun euer Korn
und zieht mit ihm nach Hause!
Aber kommt bald wieder zurück
und bringt euren jüngsten Bruder mit!
Dann will ich sehen,
ob ihr ehrliche Leute seid.
Einer von euch soll so lange
als Geisel hierbleiben,
bis ihr zurückkommt.“
Die Brüder sahen sich entsetzt an.
„Seht“, sagten sie zueinander,
„das ist die Strafe für alles,
was wir Josef angetan haben.
Wisst ihr noch, wie er uns anflehte,
als wir ihn in den Brunnen warfen?
Aber wir hörten nicht auf ihn.“
„Ich habe es euch ja gesagt“,
warf ihnen Ruben vor.
„Aber ihr habt nicht auf mich gehört.
Nun müssen wir dafür büßen.“
Als Josef das hörte,
wandte er sich ab
und wischte sich verstohlen
Tränen aus seinen Augen.
Dann nahm er einen Bruder als Geisel,
ließ ihn fesseln und sperrte ihn ein.
Aber die anderen Brüder
ließ er ziehen.
Als aber die Brüder
zu Hause ankamen
und ihre Kornsäcke ausleerten,
fanden sie in jedem Sack
einen Beutel mit Geld.
Die Brüder sahen sich bestürzt an.
„Das ist doch das Geld,
das wir dem Ägypter
für das Korn gezahlt haben“,
riefen sie erschrocken.
„Wie kommt es denn auf einmal
wieder in unseren Kornsack?
Am Ende denkt der Ägypter noch,
wir hätten ihn betrogen.“
Aber niemand kam auf den Gedanken,
dass der Ägypter absichtlich
das Geld in ihren Sack gesteckt hatte.
Und niemand ahnte,
dass dieser Ägypter
in Wahrheit ihr Bruder war.
1. Mose 42
25. Josef söhnt sich aus
Nach einiger Zeit kamen die Brüder
wieder nach Ägypten,
um Korn zu kaufen.
Diesmal empfing sie Josef
in seinem eigenen Haus.
Er begrüßte sie freundlich:
„Sagt, wie geht es eurem alten Vater?
Lebt er noch?“
Aber plötzlich entdeckte Josef
unter ihnen Benjamin,
seinen jüngsten Bruder.
„Ist das euer jüngster Bruder?“,
rief Josef bewegt.
„Gott sei dir gnädig, mein Sohn!“
Die Tränen schossen ihm in die Augen.
Schnell lief er hinaus,
schloss sich in eine Kammer ein
und weinte.
Als er sich wieder gefasst hatte,
ging er zu seinen Brüdern zurück
und aß mit ihnen.
Was hat dies alles zu bedeuten?,
überlegten die Brüder.
Warum ist der Ägypter plötzlich
so freundlich zu uns?
Und warum bekommt Benjamin
fünfmal so viel zu essen wie wir?
Aber Josef ließ sich nichts anmerken.
Nach dem Essen befahl er
heimlich seinem Verwalter:
„Fülle den Männern
die Säcke mit Korn
und leg das Geld wieder hinein,
das sie gezahlt haben!
Aber bei Benjamin leg noch
meinen silbernen Becher hinzu!“
Die Brüder aber ahnten nicht,
was mit ihren Säcken geschah.
Am nächsten Morgen
standen sie früh auf,
luden die Säcke auf ihre Esel
und zogen fröhlich davon.
Aber kaum hatten sie sich
von der Stadt entfernt,
sprengte plötzlich von hinten
ein Reiter heran.
Es war Josefs Verwalter.
„Halt!“, rief er streng.
„Bleibt stehen, ihr Diebe!
Was fällt euch ein?
Ihr habt meinem Herrn
den silbernen Becher gestohlen.“
„Das ist nicht wahr!“,
riefen die Brüder empört.
„Wir sind keine Diebe.
Wir haben den Becher nicht.
Schau selbst in unseren Säcken nach!
Wenn du den Becher dort findest,
wollen wir euch als Sklaven dienen.“
„Recht so!“, rief der Verwalter.
„Mein Herr wird den Dieb
zum Sklaven machen.
Die anderen aber sind frei.“
Da luden die Brüder
ihre Säcke von den Eseln,
banden sie auf
und zeigten sie dem Verwalter.
Der aber durchsuchte alle Säcke,
auch Benjamins Kornsack.
Und tatsächlich!
Aus seinem Sack
zog er den silbernen Becher hervor.
Die Brüder waren sprachlos.
Wie kam der Becher nur
in Benjamins Kornsack?
Was würde nun aus Benjamin?
Schnell luden sie wieder
die Säcke auf ihre Esel
und zogen mit Benjamin
zu Josef zurück,
warfen sich vor ihm auf die Erde
und stammelten:
„Wir alle sind schuldig.
Mach uns alle zu deinen Sklaven!“
„Aber nein!“,
fiel ihnen Josef ins Wort.
„Nur der soll mein Sklave sein,
der den Becher gestohlen hat.“
Da stand Juda auf und bat:
„Ach Herr, erlaube mir eine Bitte!
Mach mich zum Sklaven
an Benjamins Stelle!
Wenn Benjamin nicht mehr heimkommt,
dann stirbt unser Vater vor Kummer.
Er hat schon einen Sohn
auf diese Weise verloren.“
Als Josef das hörte,
hielt er sich nicht länger zurück.
Schnell schickte er
alle seine Diener zur Tür hinaus.
„Seht her!“, rief er.
„Seht, wer vor euch steht!
Ich bin Josef, euer Bruder,
den ihr als Sklaven verkauft habt.
Sagt mir: Wie geht es unserem Vater?
Lebt er wirklich noch?“
Die Brüder aber
starrten Josef entsetzt an.
Sie brachten vor Schreck
kein einziges Wort heraus.
Der mächtige Ägypter,
vor dem alle zitterten,
der war ihr Bruder?
Derselbe Bruder, den sie einst
als Sklaven verkauft hatten!
Nun war es um sie geschehen.
Sie waren in Josefs Hand.
Er konnte mit ihnen machen,
was er wollte.
Aber Josef redete ihnen gut zu:
„Steht auf! Kommt näher!
Seht mich an!
Ich bin wirklich Josef.
Habt keine Angst vor mir!
Ich bin nicht euer Feind.
Ihr habt es zwar
böse mit mir gemeint.
Aber Gott hat es gut
mit uns allen gemeint.
Er hat mich nach Ägypten geschickt,
damit ihr nicht hungern müsst.
Darum geht schnell
zu unserem Vater zurück!
Grüßt ihn von mir
und richtet ihm aus:
,Komm nach Ägypten!
Dort will ich dich
und deine Familie versorgen,
solange die Hungersnot anhält.‘“
Aber die Brüder waren
immer noch starr vor Schreck.
Da ging Josef auf sie zu,
fiel ihnen um den Hals,
küsste sie und weinte vor Freude.
Nun kam auf einmal Leben
in seine Brüder.
Sie lachten.
Sie umarmten sich.
Und sie erzählten Josef
von ihrem Vater Jakob,
der immer noch
um seinen Sohn trauerte.
Als aber der König hörte,
wer zu Josef gekommen war,
ließ er den Brüdern sagen:
„Kommt mit eurem Vater hierher
und wohnt bei uns!
Das ganze Land steht euch offen.“
Da zögerten die Brüder nicht lange.
Sogleich brachen sie auf
und machten sich auf den Heimweg,
um ihrem Vater
die gute Nachricht zu bringen:
„Josef, dein Sohn, lebt!“
1. Mose 43–45
26. Jakob zieht nach Ägypten
Vater Jakob stand vor seinem Zelt
und schaute in die Ferne.
Da sah er seine Söhne kommen:
Ruben, Simeon, Levi, Juda...
Alle kamen, keiner fehlte.
Auch Benjamin war dabei.
Jakob atmete auf.
Aber hörte er recht?
„Gute Nachricht, Vater!“,
riefen ihm seine Söhne entgegen.
„Stell dir vor: Josef lebt noch!
Er ist der zweitmächtigste Mann
in Ägypten.“
Jakob stand da wie erstarrt.
„Unmöglich!“, murmelte er tonlos.
„Ihr täuscht euch! Josef ist tot.“
„Nein, nein!“, riefen die Brüder.
„Glaub uns doch: Josef lebt!“
Und sie zeigten Josefs Geschenke:
Korn und Brot und kostbare Kleider
und viele Wagen und Esel.
„Da, sieh her!
Dies alles lässt Josef dir schicken.
Er lädt uns ein,
nach Ägypten zu ziehen.“
„Was sagt ihr?“, rief Jakob erregt.
„Josef, mein Sohn, lebt?
Worauf warten wir dann noch?
Ich will Josef wiedersehen,
ehe ich sterbe.“
Und er sammelte alle um sich,
Frauen und Kinder,
Knechte und Mägde.
„Habt ihr gehört?“, rief er.
„Josef lebt in Ägypten.
Auf, macht euch fertig!
Packt eure Zelte!
Treibt die Tiere zusammen!
Wir ziehen nach Ägypten.“
Da machten sich alle
auf den Weg nach Ägypten:
Männer, Frauen und Kinder,
dazu alle Tiere.
Jakob aber fuhr ihnen
im Wagen voraus,
Josef entgegen.
Als sie schon nahe bei Ägypten waren,
kam ihnen ein prächtiger Wagen
mit schnellen Pferden entgegen
und hielt vor ihnen an.
Aus dem Wagen sprang Josef.
Er eilte auf Jakob zu,
fiel ihm um den Hals
und weinte vor Freude.
„Mein Sohn, du lebst!“,
rief Jakob bewegt.
„Was will ich noch mehr?
Nun kann ich getrost sterben.“
Aber Josef führte Jakob nach Ägypten
und sorgte für ihn
und für seine ganze Familie,
bis die Hungersnot vorüber war.
Danach lebte Jakob noch viele Jahre.
Er sah, wie seine Enkel
und Urenkel heranwuchsen.
Und er segnete sie alle, bevor er starb.
So wuchs Jakobs Familie immer mehr
und breitete sich aus
wie Sand am Meer.
1. Mose 46–50
III
Gott führt sein Volk
Gott hatte sein Versprechen erfüllt.
Aus Abrahams Familie
war ein großes Volk geworden.
Aber dieses Volk lebte nun
im fremden Land Ägypten.
Wann würde Gott es wieder
nach Kanaan zurückführen,
in das Land,
das er einst Abraham
und seinen Nachkommen versprochen hatte?
27. In Ägypten
Vater Jakob lebte nicht mehr.
Auch Josef und seine Brüder
waren längst tot.
Aber die Kinder Josefs
und seiner Brüder
lebten immer noch in Ägypten.
Sie waren schon alt
und hatten selbst wieder Kinder,
Enkel und Urenkel,
eine riesengroße Familie,
so groß wie ein ganzes Volk.
Israeliten nannten sie sich
nach dem Stammvater Jakob,
der auch Israel hieß.
Zu dieser Zeit kam in Ägypten
ein neuer König auf den Thron,
der mächtige Pharao.
Der wusste nichts mehr
von Jakob und Josef.
Er ärgerte sich über das fremde Volk.
Und er sagte zu den Ägyptern:
„Was wollen die Fremden
in unserem Land?
Es sind schon viel zu viele.
Wer weiß?
Bald gibt es mehr Israeliten
als Ägypter im Land.
Eines Tages werden sie
gegen uns kämpfen.
Aber so weit darf es nicht kommen.
Wir werden sie unterdrücken
und Sklaven aus ihnen machen.
Dann müssen wir uns nicht mehr
vor ihnen fürchten.“
Und er gab den Befehl:
„Alle Israeliten
sollen für mich arbeiten!
Meine Sklaven sollen sie werden!“
Von nun an
mussten die Israeliten
jeden Tag schwer arbeiten,
vom frühen Morgen an
bis zum späten Abend.
Ziegelsteine mussten sie
aus Lehm formen.
Häuser mussten sie bauen.
Ja, ganze Städte mussten sie
für den König errichten.
Und der König setzte
Ägypter als Aufseher ein,
die trieben die Israeliten
mit der Peitsche an.
Und wenn die Israeliten müde wurden,
schlugen die Aufseher
unbarmherzig auf sie ein.
Aber das Volk Israel wuchs trotzdem.
Es wurde immer größer.
Je mehr die Ägypter es plagten,
desto zahlreicher wurde das Volk.
Dem König wurde ganz unheimlich,
wenn er das Volk sah.
Schließlich dachte er sich
einen grausamen Plan aus.
Er befahl allen Ägyptern:
„Geht zu den Israeliten!
Dringt in ihre Häuser ein!
Und seht nach,
wo ein Sohn geboren wurde!
Und wenn ihr einen findet,
packt ihn und werft ihn in den Nil!“
Da gehorchten die Ägypter.
Sie drangen in die Häuser ein.
Sie durchsuchten alle Winkel.
Und wo sie einen Neugeborenen fanden,
rissen sie ihn von seiner Mutter los
und nahmen ihn mit.
Da half kein Betteln und Weinen.
Die Ägypter taten,
was ihr König befohlen hatte.
2. Mose 1
28. Mose
Zu dieser Zeit
brachte eine Israelitin
ein Kind zur Welt.
Als sie sah, dass es ein Sohn war,
erschrak sie sehr.
„Was für ein schönes Kind!“,
sagte sie zu sich.
„Es soll nicht sterben
wie die anderen Kinder.
Ich will, dass es lebt!“
Schnell verbarg sie das Kind.
Aber kein Ägypter kam in das Haus.
Niemand entdeckte das Kind.
Tage und Wochen vergingen.
Drei Monate gingen ins Land.
Das Kind wuchs
und seine Stimme wurde
von Tag zu Tag lauter.
Da konnte es die Mutter nicht
länger im Haus verbergen.
Was sollte sie tun?
Sie überlegte hin und her.
Schließlich fasste sie
einen kühnen Entschluss:
Sie ging zum Ufer des Nil,
holte sich Schilfgras
und flocht daraus ein Kästchen.
Das verschmierte sie außen mit Pech,
sodass kein Wasser eindringen konnte.
Dann legte sie ihr Kind in das Kästchen,
trug es heimlich zum Fluss
und versteckte es am Ufer
zwischen dem Schilfgras.
Danach lief sie schnell
nach Hause zurück.
Niemand durfte merken,
was sie getan hatte.
Da lag nun das Kind
in seinem Kästchen auf dem Nil,
mutterseelenallein.
Nur Mirjam, die ältere Schwester,
hielt heimlich Wache am Ufer.
Aber plötzlich horchte Mirjam auf.
Stimmen wurden laut.
Schritte kamen näher.
Mirjam spähte
zwischen dem Schilfgras hervor.
Da sah sie eine Schar Mädchen
zum Baden kommen.
Doch mitten unter ihnen –
wen entdeckte sie da?
Die Tochter des Pharao!
Die Tochter des gefürchteten Königs!
Sie kam mit ihren Dienerinnen
zum Nil, um zu baden
und ging geradewegs
auf das Wasser zu.
Plötzlich blieb sie stehen.
Sie zeigte auf das Schilf.
„Seht doch!“, rief sie.
„Seht, was dort schwimmt!
Ein geflochtenes Kästchen!
Holt es schnell aus dem Wasser!
Ich will wissen,
was darin versteckt ist.“
Da holte eine Dienerin
das Kästchen aus dem Wasser
und brachte es der Königstochter.
Die nahm das Kästchen,
öffnete es und schaute hinein.
Da sah sie das Kind.
Es weinte und blickte zu ihr hoch.
„Das arme Kind!“,
rief die Königstochter voll Mitleid.
„Sicher gehört es zu den Israeliten.
Es darf aber nicht sterben
wie die anderen Kinder.
Ich will es retten.
Mein Kind soll es werden.
Und Mose will ich es nennen,
das heißt: ,aus dem Wasser gezogen‘.
Denn ich habe es gefunden
und aus dem Wasser geholt.
Und ich will für das Kind
wie eine Mutter sorgen.“
Als Mirjam das hörte,
kam sie schnell
aus ihrem Versteck hervor,
verneigte sich und sagte:
„Ich kenne eine Frau,
die kann das Kind stillen.
Soll ich sie holen?“
„Ja“, bat die Königstochter,
„hol sie schnell her!“
Da lief Mirjam nach Hause
und holte – ihre eigene Mutter!
Aber die Königstochter
wusste nicht, wer sie war.
Sie sagte zu ihr:
„Sieh, dieses Kind habe ich
im Wasser gefunden.
Kannst du es stillen?
Ich will dir’s auch bezahlen.
Nimm es an dich
und sorge gut für das Kind!
Doch wenn das Kind alt genug ist,
will ich es selbst haben.
Dann soll es bei mir wohnen.“
Die Mutter wusste nicht,
wie ihr geschah.
Glücklich trug sie das Kind
nach Hause,
ihr eigenes Kind!
Nun musste sie es nie mehr verstecken,
auch nicht vor den Soldaten des Königs.
2. Mose 2
29. Mose muss fliehen
Drei Jahre lang
blieb Mose bei seiner Mutter.
Danach nahm ihn Pharaos Tochter
zu sich in den Palast.
Dort bekam Mose kostbare Kleider
und eigene Diener und Lehrer.
Mose sah nun aus wie ein Ägypter
und sprach auch wie ein Ägypter.
Aber er blieb dennoch ein Israelit.
Er konnte sein Volk nicht vergessen.
Jahre vergingen.
Inzwischen war Mose erwachsen.
Da verließ er den Königspalast
und suchte die Israeliten auf.
Aber wie erschrak er,
als er sie arbeiten sah!
Sie plagten sich ab.
Sie keuchten und stöhnten.
Auf einmal hörte Mose
einen furchtbaren Schrei.
Ein Aufseher schlug
auf einen Israeliten ein.
Als Mose das sah,
packte ihn der Zorn.
War denn hier keiner,
der dem Ägypter wehrte?
Nein, keiner!
Alle machten sich aus dem Staub,
als sie den Aufseher sahen.
„Dann muss ich es tun“,
sagte sich Mose.
Und schon stürzte er sich
auf den Ägypter
und schlug wild auf ihn ein,
bis er tot war.
Schnell grub er
ein Loch in den Sand
und verscharrte den Toten.
Niemand durfte wissen,
was er getan hatte.
Wenn der König davon erfuhr,
war er verloren.
Am nächsten Tag suchte Mose
noch einmal die Israeliten auf
und sah, wie sie sich plagten.
Plötzlich hörte er wieder Geschrei.
Er horchte auf.
Wer schrie diesmal so laut?
Da entdeckte er zwei Israeliten,
die stritten und schlugen sich.
„Hört auf!“, rief Mose.
„Was soll der Unsinn?
Ihr seid doch beide Israeliten.
Vertragt euch!“
Aber der eine antwortete:
„Misch dich nicht ein!
Das geht dich nichts an.
Oder willst du mich auch töten
wie den Ägypter?“
Als Mose das hörte,
erschrak er furchtbar.
Er überlegte:
Wie ist das nur möglich?
Woher weiß der Mann,
was ich gestern getan habe?
Vielleicht hat er es schon
dem König verraten?
Dann muss ich fliehen,
bevor es zu spät ist.
Und er machte sich auf und davon
und floh aus Ägypten.
2. Mose 2,11–15
30. Mose im Land Midian
Nach vielen Tagen
kam Mose in das Land Midian,
ein einsames, steiniges Land
in der Wüste.
Es war bereits Abend,
als er dort ankam.
Müde setzte er sich
an einen Brunnen
und ruhte sich aus.
Da kamen sieben Mädchen
mit Schafen zum Brunnen.
Sie schöpften Wasser
und gossen es in den Trog
für die Schafe.
Aber plötzlich kamen Hirten daher.
Sie stießen die Mädchen zur Seite
und schrien: „Weg da!
Jetzt wollen wir schöpfen.“
Als Mose das sah, sprang er auf,
stellte sich vor die Mädchen
und rief zornig:
„Lasst sie in Frieden!
Sie waren zuerst da.“
Schnell griff er zu
und half den Mädchen beim Schöpfen,
bis alle Schafe genug hatten.
Da liefen die sieben Mädchen
zu ihrem Vater Reguel,
der auch Jitro hieß,
und erzählten ihm,
was sie am Brunnen erlebt hatten.
„Wie?“, rief der Vater erstaunt.
„Ein Fremder half euch beim Schöpfen?
Wo ist denn der Fremde?
Warum habt ihr ihn
nicht zu mir gebracht?
Lauft noch einmal zum Brunnen
und ladet ihn ein!
Er soll unser Gast sein.“
Da brachten die Mädchen
Mose zu ihrem Vater ins Zelt.
Mose aber blieb bei ihm
und diente ihm
und hütete seine Schafe.
Zum Dank gab ihm Reguel
seine Tochter Zippora zur Frau.
Viele Jahre blieb Mose im Land Midian
bei seiner Frau und dem Sohn,
den sie ihm schenkte.
Er hatte sein Volk in Ägypten
fast schon vergessen.
Aber Gott vergaß sein Volk nicht.
Und er vergaß auch Mose nicht.
2. Mose 2,15–25
31. Mose bekommt einen Auftrag
Eines Tages kam Mose
mit seinen Schafen zum Berg Sinai.
Da sah er einen Dornstrauch,
der lichterloh brannte.
„Wie ist das nur möglich?“,
fragte sich Mose erstaunt.
„Der Strauch brennt
und verbrennt doch nicht.
Ich will hingehen und sehen,
warum er nicht verbrennt.“
Neugierig ging er auf den Strauch zu.
Aber plötzlich hörte Mose
eine Stimme aus dem Feuer:
„Mose! Mose!“
„Hier bin ich“,
antwortete Mose erschrocken.
„Komm nicht näher heran!“,
rief die Stimme.
„Zieh deine Schuhe aus!
Du stehst auf heiligem Land.
Denn ICH bin hier,
der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.“
Da schlug Mose
die Hände vor das Gesicht.
Er wagte nicht aufzuschauen.
Aber er hörte,
wie Gott zu ihm sprach:
„Mose! Geh zurück nach Ägypten!
Geh zu Pharao und sage ihm:
,Lass mein Volk Israel frei!‘
Denn ich habe gesehen,
wie sie leiden.
Ich habe ihre Klagen gehört.
Ich will sie retten
und aus Ägypten führen.
Ich will sie nach Hause bringen,
in das Land,
wo Milch und Honig fließt.
So geh nun hin!
Du sollst das Volk
aus Ägypten führen.“
„Ich soll zum König gehen?“,
fragte Mose erschrocken.
„Ich soll die Israeliten
aus Ägypten führen?
Warum gerade ich?“
„Ich werde mit dir sein“,
sprach Gott.
„Aber“, wandte Mose ein,
„sie werden mir nicht glauben,
wenn ich zu ihnen komme.
Sie werden fragen:
Was ist das für ein Gott,
von dem du redest?‘“
Da sprach Gott:
„ICH WERDE SEIN,
DER ICH SEIN WERDE.
Das ist mein Name.
Den sollst du zu ihnen sagen.
So geh nun zurück
und sage den Israeliten,
ICH habe dich gesandt.“
Aber Mose zögerte noch.
„Ach Herr!“, rief er.
„Ich kann es nicht.
Ich konnte noch nie gut reden.
Und jetzt erst recht nicht!“
„Ich werde dir sagen,
was du reden sollst“,
antwortete Gott.
„Nein, nein!“, rief Mose.
„Nimm, wen du willst,
nur mich nicht!“
Aber Gott sprach:
„Aaron, dein Bruder,
wird dir helfen.
Er wird mit dir
zum König gehen
und für dich sprechen.
Er ist schon auf dem Weg zu dir.“
Da wagte Mose nichts mehr zu sagen.
Er brach auf mit seiner Familie
und zog nach Ägypten,
wie Gott ihm befohlen hatte.
2. Mose 3–4
32. Mose bei Pharao
Unterwegs traf Mose
seinen Bruder Aaron.
Ihm erzählte er alles,
was Gott am Berg Sinai
zu ihm gesagt hatte.
Da gingen die beiden
zu den Israeliten,
die sich in Ägypten
immer noch plagten.
„Freut euch!“, riefen sie.
„Gott hat euer Weinen gehört
und eure Not gesehen.
Bald werdet ihr frei sein
und in das Land ziehen,
das Gott euch versprochen hat.“
Als die Israeliten das hörten,
verneigten sie sich
und beteten Gott an.
„Gott sei Dank!“, riefen sie froh.
„Gott hat uns nicht vergessen.
Er hat unser Elend gesehen.“
Danach gingen Mose und Aaron
zu Pharao, dem König von Ägypten.
Der empfing sie
in seinem Palast.
„Warum kommt ihr zu mir?“,
fragte er sie.
„Was wollt ihr von mir?“
Da antworteten Mose und Aaron:
„So spricht der Herr,
der Gott Israels:
,Lass mein Volk gehen!‘“
„Was?“, rief der König empört.
„Wer ist dieser Herr?
Ich kenne euren Gott nicht.
Ich will ihn auch gar nicht kennen
und will ihm auch nicht gehorchen.
Ich bin hier allein der Herr,
der Herr über Ägypten
und der Herr über alle Israeliten.
Darum will ich euch sagen,
was ich tun werde:
Ich werde euch noch viel mehr
schinden und plagen.
Dann kommt ihr auf
keine dummen Gedanken mehr.
Und nun los! An die Arbeit!“
Von diesem Tag an
mussten die Israeliten
noch viel mehr arbeiten.
Sie schufteten.
Sie plagten sich ab.
Sie wurden geschunden
und wurden geschlagen.
Und niemand hatte Mitleid
mit ihnen.
Da liefen die Israeliten
zu Mose und Aaron,
weinten und schrien:
„Ihr seid an allem schuld.
Warum seid ihr zu Pharao gegangen?
Seitdem ist alles
noch viel schlimmer geworden.“
Auch Mose war ratlos.
„Ach Herr“, betete er,
„warum hast du uns das angetan?
Warum hast du mich
nach Ägypten geschickt?
Du hilfst deinem Volk ja doch nicht.“
Aber Gott sprach zu Mose:
„Warte nur ab!
Bald sollst du sehen,
was ich an Pharao tun werde.
Pharao soll erkennen,
dass ich allein der Herr bin.“
2. Mose 4,27–6,1
33. Die zehn Plagen
Bald darauf ließ Gott
zehn schwere Plagen
über Ägypten kommen.
Zuerst wurde alles Wasser zu Blut.
In den Bächen
und in den Seen und Sümpfen
starben die Fische.
Das Wasser stank furchtbar.
Niemand konnte es trinken.
Doch der König
machte sich nichts daraus.
Sein Herz blieb hart wie Stein.
Da schickte Gott
eine zweite Plage über Ägypten.
Aus den Flüssen und Sümpfen
krochen Frösche hervor,
Hunderte, Tausende,
hunderttausend und noch mehr.
Die hüpften überall hin,
in die Häuser und Höfe,
in die Betten und Backtröge,
in die Teller und Töpfe.
Nichts war vor ihnen sicher.
Da packte den König das Grausen.
Er rief Mose und Aaron zu sich
und befahl:
„Lasst die Frösche verschwinden!
Dann lasse ich euch ziehen.
Ich verspreche es euch.“
Da betete Mose zu Gott,
und die Frösche starben
in allen Häusern und Höfen
und auf dem Feld.
Man trug sie
in großen Haufen zusammen,
sodass das ganze Land
von ihrem Gestank erfüllt war.
Aber der König ließ das Volk Israel
dennoch nicht ziehen.
Sein Herz blieb hart.
Da schickte Gott noch eine
dritte und vierte Plage.
Aus dem Staub der Erde
kamen Stechmücken hervor,
Millionen von Mücken.
Die setzten sich
auf alle Menschen und Tiere
und bedeckten die ganze Erde.
Und Stechfliegen kamen
in großen Schwärmen
über das ganze Land.
Die stachen alle,
Große und Kleine, Alte und Junge.
Kein Mensch blieb verschont
außer den Israeliten.
Und wieder rief der König
Mose und Aaron zu sich
und versprach ihnen:
„Ich lasse euch ziehen.
Aber verscheucht mir
erst alle Fliegen!“
Da betete Mose zu Gott,
und die Fliegen verschwanden,
wie sie gekommen waren.
Nicht eine einzige Fliege blieb übrig.
Aber der König ließ das Volk Israel
dennoch nicht ziehen.
Sein Herz blieb hart.
Da traf die fünfte,
sechste und siebte Plage ein.
Alle Tiere wurden krank
und starben in Massen,
Pferde und Esel, Kamele und Kühe,
dazu viele, viele Schafe.
Bald darauf wurden
auch die Menschen schwer krank.
Eine Seuche brach aus.
Die Ägypter bekamen Geschwüre
an Händen und Füßen,
am Kopf und am ganzen Leib.
Schließlich kam ein schweres Unwetter
über das ganze Land.
Riesige Hagelkörner
fielen vom Himmel
und schlugen alles zusammen,
Menschen und Vieh
und das Korn auf den Feldern.
Aber der König ließ das Volk Israel
dennoch nicht ziehen.
Sein Herz blieb hart.
Da schickte Gott
die achte Plage ins Land.
Heuschrecken kamen in Schwärmen
und bedeckten die Erde
und fraßen alles auf,
was vom Hagel verschont war,
Gras und Blüten und Blätter.
Aber der König ließ das Volk Israel
dennoch nicht ziehen.
Sein Herz blieb hart.
Da ließ Gott noch
eine neunte Plage kommen.
Über dem ganzen Land
wurde es stockdunkel.
Drei Tage lang
schien die Sonne nicht mehr.
Die Menschen flohen in ihre Häuser
und zitterten vor Kälte und Angst.
Auch der König saß im Dunkeln
und konnte nichts sehen.
Voll Zorn rief er Mose
zu sich in seinen Palast
und herrschte ihn an:
„Verschwinde endlich!
Und komm mir nie wieder
unter die Augen!
Sonst lasse ich dich töten.“
Aber das Volk Israel
ließ er dennoch nicht ziehen.
Da ging Mose aus dem Palast.
Gott aber sprach zu Mose:
„Noch eine Plage
will ich dem Pharao schicken,
die letzte und schwerste.“
2. Mose 7–11,1
34. Der Auszug aus Ägypten
Es war Nacht.
Die Ägypter schliefen
in ihren Häusern.
Keiner von ihnen ahnte,
was in dieser Nacht geschah.
Aber die Israeliten
waren alle hellwach,
auch die Kinder.
Voller Erwartung standen sie
in Schuhen und Mänteln bereit.
Neben ihnen lag ihr Gepäck,
fertig gepackt.
„Macht euch bereit!“,
hatte Mose zu ihnen gesagt.
„Denn in dieser Nacht
wird es geschehen.
Gott wird euch befreien
und aus Ägypten herausführen.“
So hielten sie nun das letzte Mahl
in ihren Häusern.
Sie aßen das Lamm,
das der Vater geschlachtet hatte.
Und sie aßen das flache Brot,
das die Mutter in aller Eile
gebacken hatte.
Es war wie bei einem Festessen.
Ja, sie feierten wirklich ein Fest,
mitten in der Nacht,
das Fest der Befreiung: das „Passafest“.
Sie feierten das Fest,
obwohl schon alle im Aufbruch waren.
Denn so hatte Gott es Mose befohlen:
„In dieser Nacht
sollt ihr dieses Fest feiern.
Und so sollt ihr es
von nun an jedes Jahr feiern.
Denkt daran, wenn ich euch
aus Ägypten geführt habe!
Und dankt für eure Befreiung!“
Damals, in jener Nacht,
feierten die Israeliten
dieses Fest zum ersten Mal.
Sie aßen und tranken in ihren Häusern
und dankten Gott,
dass er sie endlich
aus Ägypten herausführte.
Aber bevor sie aßen und tranken,
nahm der Vater die Schale
mit dem Blut des Lammes,
ging damit zur Tür
und strich das Blut
außen an die Türpfosten.
Dann schloss er die Tür fest zu.
So machten es alle Israeliten
in dieser Nacht.
Gott hatte es ihnen
durch Mose befohlen.
Denn in dieser Nacht
brach ein großes Unglück
über Ägypten herein.
In allen Häusern
starb der älteste Sohn.
Nur die Häuser der Israeliten,
an deren Türen das Blut war,
blieben verschont.
Als aber die Ägypter sahen,
was geschehen war,
schrien sie laut auf,
weinten und klagten.
Und der König ließ eilig
Mose und Aaron zu sich holen,
mitten in der Nacht.
„Geht!“, rief er.
„Geht so schnell ihr könnt!
Nehmt alles mit, was ihr braucht,
Schafe, Kühe und was ihr wollt!
Aber geht endlich!“
Da brachen die Israeliten
noch in derselben Nacht auf,
mit ihren Frauen und Kindern
und mit all ihren Tieren.
Und sie zogen aus Ägypten,
wie Gott gesagt hatte.
2. Mose 11–12
35. Durch das Rote Meer
Kanaan hieß das Land,
aus dem Jakob und Josef
einst gekommen waren.
Dorthin wollte Gott sein Volk führen.
Aber wie sollten sie das Land finden?
Niemand kannte den Weg,
auch Mose nicht.
Da schickte Gott eine Wolke,
die zog vor ihnen her
und zeigte ihnen den Weg.
Wenn es Mittag wurde
und die Sonne hoch oben
am Himmel stand,
schützte die Wolke sie vor der Hitze.
Wenn es Abend wurde
und alle müde waren vom Wandern,
blieb die Wolke stehen.
Dann schlugen sie ihre Zelte auf
und ruhten sich aus.
Aber in der Nacht,
wenn alles dunkel war,
leuchtete die Wolke wie Feuer
und machte die Nacht hell.
Gott selbst war in der Wolke.
Er führte sein Volk
und gab ihm Schutz.
*
Drei Tage lang
waren die Israeliten unterwegs.
Da kamen sie an das Rote Meer.
Dort setzten sie sich ans Ufer
und hielten Rast.
Doch plötzlich hörten sie
dumpfen Lärm hinter sich.
Erschrocken schauten sie um sich.
Da sahen sie in der Ferne
eine Staubwolke.
Wagen und Pferde stürmten heran.
Sie kamen näher und näher.
„Hilfe!“, schrien die Israeliten.
„Wir sind verloren!
Die Ägypter kommen.
Sie wollen uns zurückholen.“
Was sollten sie tun?
Vor ihnen lag das Meer.
Und hinter ihnen waren die Ägypter.
Da liefen sie zu Mose und schrien:
„Du bist an allem schuld!
Warum hast du uns
aus Ägypten geführt?
Nun sitzen wir in der Falle.“
Aber Mose rief:
„Habt keine Angst!
Gott wird uns helfen.
Wartet nur ab!“
Und er ging an das Meer
und streckte seine Hand
über das Wasser aus.
Da kam ein starker Wind auf.
Ein Weg tat sich vor ihnen auf,
mitten im Meer!
Mose ging hinein in das Meer.
Und alle Israeliten folgten ihm,
Männer, Frauen und Kinder.
Auf trockenem Weg zogen sie
durch das Meer bis ans andere Ufer.
Die Wolke Gottes aber
stand hinter ihnen
und verbarg sie vor den Ägyptern.
Als die Ägypter das Meer erreichten,
war es schon tiefe Nacht.
Die Israeliten waren nicht mehr zu sehen.
„Vorwärts!“, schrie der König.
„Wir holen sie noch ein.“
Da spornten die Ägypter ihre Pferde an
und fuhren mit ihren Wagen ins Meer.
Aber in der Dunkelheit konnten sie
den Weg kaum erkennen.
Ihre schweren Wagen
blieben im Schlamm stecken.
Plötzlich überfiel die Ägypter
schreckliche Angst.
„Zurück! Zurück!“, schrien sie.
„Wir sind sonst verloren.“
Aber sie kamen weder vor noch zurück.
Ihre Wagen saßen im Schlamm fest.
Schon wurde es Morgen.
Die Israeliten hatten längst
das andere Ufer erreicht.
Aber die Ägypter waren noch
mitten im Meer
und mühten sich vergeblich ab
mit ihren Wagen und Pferden.
Da streckte Mose seine Hand
wieder über das Meer aus.
Und sieh da!
Das Wasser kehrte zurück
und bedeckte Wagen und Pferde.
Alle Ägypter ertranken.
Als die Israeliten das sahen,
erkannten sie: Das hat Gott getan!
Und sie glaubten an ihn.
Mirjam aber, Moses Schwester,
nahm ihre Pauke und sang:
„Lasst uns dem Herrn singen!
Denn er hat eine große Tat getan.
Ross und Mann
hat er ins Meer gestürzt.“
Da stimmten alle Frauen
in das Lied ein,
sangen und tanzten
und dankten Gott,
der sie gerettet hatte.
2. Mose 13,17–15,21
36. Durch die Wüste
Schon drei Tage lang
wanderten die Israeliten durch die Wüste.
Der Sand brannte unter ihren Sohlen.
Die Sonne stach auf ihren Kopf.
Und nirgendwo gab es Schatten,
überall nur Steine und Sand.
Da wurden alle müde und matt.
„Wie lange noch?“, jammerten sie.
„Wir haben furchtbaren Durst.“
Aber alle Wasserkrüge waren längst leer.
Und weit und breit
war kein Wasser zu finden.
Doch plötzlich rief jemand:
„Seht die Bäume dort drüben!
Das ist sicher eine Oase.
Dort gibt es Wasser!“
Da rannten alle los
und eilten zu der Oase.
Jeder wollte zuerst trinken.
Schon knieten einige nieder
und tranken gierig das Wasser.
Aber plötzlich verzogen sie
ihr Gesicht, schüttelten sich
und spuckten das Wasser wieder aus.
„Pfui!“, riefen sie.
„Das Wasser schmeckt bitter.
Ihr könnt es nicht trinken.“
„Was?“, riefen die anderen empört.
„Das kann doch nicht wahr sein!
Was sollen wir nun trinken?
Wir sterben vor Durst.“
Und sie drangen auf Mose ein:
„Du bist schuld,
wenn wir alle verdursten.
Du hast uns in diese Wüste geführt.
Nun sag uns: Was sollen wir tun?“
Mose wusste es selbst nicht.
„Ach Herr“, betete er leise,
„sag mir, was soll ich tun?
Ich weiß keinen Rat mehr.“
Da fiel sein Blick auf ein Stück Holz.
Mose hob es auf
und warf es ins Wasser.
Und sieh da!
Auf einmal schmeckte das Wasser.
Alle tranken sich satt,
Kinder, Frauen und Männer
und auch die Tiere.
Gestärkt brachen sie auf
und zogen weiter
durch die endlose Wüste.
2. Mose 15,22–25
37. Hunger
Tage und Wochen vergingen.
Bald waren alle Vorräte verzehrt.
Die Säcke waren leer.
Und es gab kein Fleisch
und kein Brot mehr.
Da wurden die Israeliten
von Tag zu Tag schwächer.
Der Hunger plagte sie sehr.
Sie kamen kaum noch voran.
„Ach“, jammerten sie,
„wären wir doch in Ägypten geblieben!
Dort hatten wir Fleisch und Brot,
so viel wir wollten.
Aber nun müssen wir hier
in der Wüste verhungern.
Mose und Aaron, ihr seid schuld!
Warum habt ihr uns
in diese Wüste geführt?“
Aber Mose antwortete:
„Hört, ihr Israeliten!
Warum klagt ihr uns an?
Gott hat euer Klagen gehört.
Er will euch geben,
was ihr braucht:
Fleisch am Abend
und am Morgen Brot.
Wartet nur ab!
Dann werdet ihr erfahren,
dass der Herr euer Gott ist.“
Die Leute sahen Mose ungläubig an.
Fleisch und Brot in der Wüste?
Wie sollte das zugehen?
Als es aber Abend wurde,
zog eine dunkle Wolke auf.
Sie kam näher und näher.
Ein riesiger Schwarm von Vögeln
flog auf das Lager zu
und ließ sich zwischen den Zelten nieder.
Es waren Wachteln,
große, fette, schwarze Vögel.
Schnell packten die Israeliten zu,
schlachteten die Vögel,
rösteten sie über dem Feuer
und aßen sie auf.
Alle aßen davon und wurden satt.
Und als sie am nächsten Morgen
aus ihren Zelten kamen,
da lagen auf der Erde
kleine, weiße und runde Körner.
„Was ist das?“,
fragten sie einander erstaunt.
„Das ist Manna“, antwortete Mose.
„Es ist das Brot,
das Gott euch geschenkt hat.“
Da hoben sie die Körner auf,
kosteten und staunten.
Die Körner schmeckten süß
wie Honigkuchen.
Schnell holten sie ihre Krüge herbei,
lasen die Körner auf,
füllten die Krüge
und machten Brei und Brot
aus dem Manna.
Alle aßen davon und wurden satt.
Von diesem Tag an
mussten sich die Israeliten
nie mehr um ihr Essen sorgen,
solange sie in der Wüste waren.
Jeden Morgen lag das Manna
auf der Erde
und jeden Morgen sammelten sie auf,
so viel sie brauchten.
Nur am siebten Tag ruhten sie aus.
Gott sorgte für sie
Tag für Tag.
2. Mose 16
38. Ein Überfall
Seit vielen Wochen wanderte
das Volk Israel durch die Wüste.
Immer höher wurden die Berge.
Und immer steiler wurde der Weg.
Er führte an Felsen und Höhlen vorbei,
in denen ein wildes Wüstenvolk hauste.
Amalekiter nannten sie sich.
Eines Tages hielten die Israeliten
nahe bei einem Berg Rast.
Plötzlich schauten sie auf:
Eine Horde von Kriegern jagte heran.
„Hilfe!“, schrien die Israeliten.
„Die Amalekiter kommen.
Wir sind verloren.“
Und schon waren sie da,
fielen über die Israeliten her,
raubten sie aus und jagten davon,
so plötzlich,
wie sie gekommen waren.
Da rief Mose Josua zu sich,
einen mutigen Mann,
und befahl ihm:
„Sammle eine Schar
tapferer Männer um dich
und zieh morgen mit ihnen
zum Kampf gegen die Amalekiter.
Ich aber will für euch beten.“
Am nächsten Morgen
rückten die Amalekiter wieder an.
Da zog ihnen Josua
mit seinen Männern entgegen.
Mose aber stieg auf einen Hügel.
Aaron, sein Bruder
und Hur, ein anderer Israelit,
begleiteten ihn.
Dort oben auf dem Hügel
hob er seinen Stab zum Himmel
und betete zu Gott.
Und siehe da:
Die Amalekiter wichen zurück!
Aber bald wurden Mose
die Arme schwer.
Er ließ seine Hände sinken.
Und schon stürmten
die Amalekiter wieder vor.
Als Aaron und Hur das sahen,
eilten sie Mose zu Hilfe
und stützten seine Arme,
bis es Abend wurde und die Sonne
hinter den Bergen verschwand.
Da war von den Amalekitern
nichts mehr zu sehen.
Dankbar kehrte Mose mit den beiden
zum Lager der Israeliten zurück.
Dort baute er Gott einen Altar.
Nie mehr wollten die Israeliten vergessen,
was Gott an diesem Tag
für sie getan hatte.
2. Mose 17,8–15
39. Am Berg Sinai
Nach vielen Wochen
kamen die Israeliten
an den Berg Sinai.
Dort schlugen sie ihre Zelte auf
und warteten,
was Gott mit ihnen vorhatte.
„Gebt acht!“, hatte Mose gesagt.
„Wenn ihr zum Berg Sinai kommt,
wird Großes geschehen.
Gott wird zu uns kommen
und uns zu seinem Volk machen.“
Da holten die Israeliten
ihre schönsten Kleider hervor,
wuschen sie und bereiteten
alles für den Tag vor,
den Gott bestimmt hatte.
Am dritten Tag aber
donnerte und blitzte es.
Der ganze Berg bebte und rauchte.
Und über dem Berg
schwebte die Wolke Gottes.
Da erschrak das Volk Israel
und wagte sich nicht
an den Berg heran.
Mose aber stieg allein
auf den Berg.
Dort redete er mit Gott.
Und Gott sprach zu Mose:
„Ich bin der Herr, dein Gott.
Ich habe euch aus Ägypten,
aus der Sklaverei, geführt.
Nun gehört ihr zu mir.
Darum sollt ihr meine Gebote halten.
Und dies sind meine Gebote:
1 Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.
2 Du sollst dir kein Bild von Gott machen.
3 Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.
4 Du sollst den Feiertag heiligen.
5 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
6 Du sollst nicht töten.
7 Du sollst nicht die Ehe brechen.
8 Du sollst nicht stehlen.
9 Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.
10 Du sollst nicht nach dem verlangen, was anderen gehört.“
Als Mose wieder vom Berg herabkam,
sagte er den Israeliten alles,
was Gott geboten hatte.
Und er fragte sie:
„Wollt ihr Gottes Volk sein?
Wollt ihr seine Gebote halten?“
„Ja!“, riefen die Israeliten
wie aus einem Munde.
„Alles, was Gott gesagt hat,
wollen wir tun.“
Da baute Mose einen Altar
aus zwölf Steinen
und brachte Gott Opfer.
Und Gott schloss
mit den Israeliten einen Bund.
Es war wie bei einer Hochzeit.
Alle freuten sich, dass Gott
sich mit ihnen verbunden hatte
und dass er sie so lieb hatte
wie kein anderes Volk
auf der ganzen Welt.
2. Mose 19–24
40. Das goldene Kalb
Danach stieg Mose noch einmal
auf den Berg Sinai.
Das Volk aber blieb
unten am Berg zurück
und wartete ungeduldig,
bis er zurückkam.
Doch Mose kam nicht zurück.
Tag um Tag verging,
Woche um Woche.
Aber von Mose war nichts zu sehen.
Da wurde das Volk unruhig.
„Wer weiß“, meinten die einen,
„vielleicht ist oben
ein Unglück geschehen?“
„Vielleicht ist Mose sogar tot“,
überlegten die anderen.
Und sie fragten
einander bekümmert:
„Wer wird uns nun
in das Land Kanaan führen?“
Aber wollte Gott nicht selbst
sein Volk dorthin führen?
„Ach was!“, riefen alle.
„Wir können Gott ja nicht sehen.
Wir spüren ihn nicht einmal.
Die anderen Völker haben es
da viel besser als wir.
Die haben Standbilder
von ihren Göttern.
Die können sie immer sehen.
Wir wollen auch
solch ein Standbild haben.
Das wollen wir auf dem Weg
vor uns hertragen.
Dann kann uns
kein Unglück geschehen.“
So gingen sie zu Aaron,
bedrängten ihn und baten:
„Auf, Aaron, mach uns
ein Standbild von Gott!
Das soll vor uns hergehen
und uns nach Kanaan führen.“
Da wagte Aaron nicht
zu widersprechen.
„Gut“, rief er, „ich mache mit.
Gebt eure goldenen Ohrringe her!“
Da rissen sie sich
die Ohrringe von den Ohren
und warfen sie Aaron vor die Füße.
Der aber nahm die Ringe,
schmolz sie im Feuer
und goss daraus ein goldenes Kalb.
Das stellte er vor dem Volk auf.
„Seht“, riefen alle begeistert,
„das ist der Gott,
der uns aus Ägypten geführt hat.“
Und sie feierten zusammen
ein lautes, wildes Fest.
Sie schlachteten Tiere,
aßen und tranken sich voll,
lachten und lärmten
und tanzten wie toll um das Kalb,
sodass der Lärm
zum Berg hinauf schallte.
Da kam Mose vom Berg herab.
In seinen Händen hielt er
zwei steinerne Tafeln.
Auf ihnen standen
Gottes Gebote geschrieben.
Als Mose das goldene Kalb
und die betrunkenen Leute sah,
ergriff ihn heiliger Zorn.
Er nahm die Tafeln,
zerschmetterte sie am Fels
und eilte den Berg hinab.
Er lief durch die johlende Menge
geradewegs auf das Kalb zu,
stieß es um und warf es ins Feuer.
Da wurde es auf einmal
ganz still in der Menge.
Alle standen wie erstarrt.
Plötzlich begriffen sie,
was sie getan hatten.
Am nächsten Morgen aber
stieg Mose noch einmal allein
auf den Berg und sprach mit Gott.
„Ach Herr!“, betete Mose.
„Dieses Volk hat
ein großes Unrecht getan.
Vergib ihm doch diese Sünde!
Denke daran, was du einst
Abraham, Isaak und Jakob
versprochen hast!
Es ist ja dein Volk.
Sei ihm gnädig
und verlasse es nicht!“
Da hörte Gott auf Mose.
Er vergab seinem Volk die Schuld.
Und er befahl Mose:
„Schreib noch einmal alle Gebote
auf steinerne Tafeln
und verwahre sie in einer Truhe!“
Da ließ Mose ein großes Zelt
aus kostbaren Decken errichten
und eine goldene Truhe bauen,
die „Lade Gottes“.
Dort legte er die zwei Tafeln hinein
und verwahrte die Lade im Zelt.
Danach rief Mose
alle Israeliten zusammen,
zeigte auf das Zelt und sprach:
„Das ist Gottes Zelt.
Hier will Gott unter uns wohnen.“
Da feierten alle ein großes Fest,
weil sich Gott mit ihnen versöhnt hatte.
Aaron war ihr Priester.
Er brachte Gott Opfer
auf einem Altar vor dem Zelt.
Danach ging er in das Zelt hinein,
um für das Volk zu beten.
Das Volk aber wartete draußen,
bis Aaron wieder herauskam.
Dann breitete Aaron seine Hände
über dem Volk aus
und sprach diesen Segen:
„Der Herr segne dich
und behüte dich;
der Herr lasse
sein Angesicht leuchten
über dir
und sei dir gnädig.
Der Herr hebe sein Angesicht
über dich
und gebe dir Frieden.“
Fast ein Jahr lang
blieb das Volk Israel am Berg Sinai.
Danach brach es auf und zog weiter
durch die endlose Wüste.
Aber das Zelt Gottes begleitete sie.
Und der Segen Gottes
blieb über ihnen.
2. Mose 32 ff. (3. Mose 16 / 4. Mose 6,24 ff.)
41. Fast am Ziel
Schon über ein Jahr
waren die Israeliten unterwegs.
Endlich kamen sie
ganz nah an das Land heran,
das Gott ihnen versprochen hatte.
Voll Freude hielten sie an,
schlugen ihre Zelte auf
und schauten sehnsüchtig
zu den Bergen hinüber.
Hinter diesen Bergen
lag das Land Kanaan.
Dorthin wollten sie ziehen.
Aber noch wohnten
andere Völker in diesem Land.
Ob sie sehr stark waren?
Ob das Land wirklich so schön war,
wie alle sagten?
Ob es dort auch genug zu essen gab?
Die Israeliten wollten es
gerne vorher wissen.
Da rief Mose zwölf Männer
zu sich und befahl ihnen:
„Geht über die Berge
und seht euch heimlich
in dem neuen Land um!
Schaut euch die Menschen
und ihre Städte an!
Seht und erkundet,
was dort in dem Land wächst!
Dann kommt zurück und sagt uns,
was ihr gesehen habt!“
Da machten sie sich auf den Weg,
zogen über die Berge
und blieben lange Zeit weg.
Nach vierzig Tagen
kehrten sie endlich zurück.
In ihren Händen hielten sie
grüne Feigen und rote Granatäpfel.
Und auf ihren Schultern
trugen sie eine Stange,
daran hing eine riesige Traube.
„Seht her!“, riefen die Männer.
„Dies alles wächst in dem Land
und noch viel mehr.
Es ist ein herrliches Land.
Aber täuscht euch nicht
und macht euch keine Hoffnung!
Wir können nie in das Land kommen.
Denn die Menschen dort
sind viel stärker als wir.
Und ihre Städte
haben hohe und dicke Mauern.“
Als die anderen das hörten,
schrien sie auf, weinten und klagten:
„Wären wir doch in Ägypten geblieben
oder unterwegs in der Wüste gestorben!“
Aber zwei von den Männern,
Josua und Kaleb, riefen:
„Nein! Habt keine Angst!
Das Land ist sehr gut.
Gott hat es uns versprochen.
Glaubt es! Er wird es uns geben!“
„Nein! Nein!“, schrien die anderen.
„Wir schaffen es nie.
Kommt, wir kehren um!
Wir ziehen zurück nach Ägypten.“
Als aber Mose sah,
was die Israeliten vorhatten,
warf er sich auf die Erde
und schrie zu Gott.
„Ach Herr“, betete er,
„vergib ihnen doch ihre Schuld!“
Da sprach Gott zu Mose:
„Wie lange noch will das Volk
mir nicht glauben?
Sie wollen nicht
in das Land hineingehen.
Dann sollen sie in der Wüste bleiben.
Vierzig Jahre lang
sollen sie umherirren
und nicht in das Land hineinkommen.“
Und so geschah es.
Bald darauf kamen Feinde,
die fielen über die Israeliten her
und trieben sie in die Wüste zurück.
4. Mose 13–14
42. Schlangen
Viele Jahre lang irrte das Volk
durch die Wüste, tagaus und tagein.
Aber die Israeliten
wurden das Wandern leid.
„Immer nur wandern!“,
riefen sie mürrisch.
„Wir haben keine Lust mehr.“
Und sie setzten Mose hart zu.
Tag für Tag redeten sie auf ihn ein,
schimpften und klagten ihn an:
„Mose! Du bist an allem schuld.
Was bildest du dir eigentlich ein?
Meinst du, wir machen alles mit,
was du sagst?
Glaubst du, wir wollen so lange
in der Wüste warten,
bis wir sterben?
Was gibt es hier schon?
Nichts! Nur Steine und Sand!
Nicht einmal Wasser und Brot!
Immer nur dieses eklige Manna!
Davon wird doch niemand satt!
Wir können es nicht mehr riechen.
Es ekelt uns schon,
wenn wir es sehen.“
So schimpften sie alle Tage.
Sie klagten nicht nur Mose an,
sondern auch Gott.
Und sie wurden immer missmutiger.
Da geschah etwas,
was niemand erwartet hatte.
Eines Morgens, als die Israeliten
vor ihre Zelte traten,
um das Manna zu sammeln,
was sahen sie da?
Schlangen! Überall giftige Schlangen!
Aus allen Löchern krochen sie hervor.
Sie zischten und wanden sich
um die Beine und bissen zu.
„Hilfe! Wir sind verloren!“,
schrien die Menschen.
Sie flüchteten sich in ihre Zelte.
Aber auch dort krochen die Schlangen
aus allen Ecken hervor.
Da packte alle furchtbare Angst.
Sie stürzten zu Mose und schrien:
„Mose! Wir sind selbst schuld!
Wir haben Gott und dir Unrecht getan.
Aber hilf uns jetzt bitte!
Bitte Gott, dass er uns
von den Schlangen befreit!“
Da betete Mose für das Volk.
Und Gott hörte auf ihn.
Er befahl Mose:
„Mach dir eine Schlange aus Erz
und befestige sie an einem Stab!
Wer auf diese Schlange schaut,
der wird leben.“
Da gehorchte Mose.
Er machte eine Schlange aus Erz
und richtete sie hoch auf,
sodass alle sie sahen.
Und alle, die zu ihr aufschauten,
blieben am Leben.
4. Mose 21,4–9
43. Mose sieht das Land
Vierzig Jahre lang
waren die Israeliten
durch die Wüste gewandert.
Nun lagerten sie wieder
vor dem Land Kanaan
und warteten darauf,
dass sie einziehen durften.
Da rief Mose noch einmal
alle Israeliten zusammen
und ermahnte sie:
„Vergesst nicht,
was Gott euch Gutes getan hat
vom ersten Tag an,
als ihr aus Ägypten gezogen seid,
bis zum heutigen Tag!
Vergesst auch nicht,
was Gott euch geboten hat,
sondern haltet seine Gebote!
Dann werdet ihr lange
in dem Land leben,
das Gott euch schenkt.“
Mose war inzwischen
schon 120 Jahre alt.
Er wusste,
dass er bald sterben würde.
Gerne hätte er vorher
noch das Land Kanaan gesehen.
Aber Gott hatte zu ihm gesagt:
„Du wirst nicht
in das Land hineinkommen.“
Da rief Mose Josua zu sich
und sprach:
„Ich bin nun alt
und werde bald sterben.
Und du sollst mein Nachfolger sein.
Du sollst das Volk anführen
und in das Land bringen,
das Gott uns versprochen hat.
Hab nur Mut
und sei nicht verzagt!
Gott wird mit dir sein.
Er wird dich nicht verlassen.“
Und Gott sprach zu Mose:
„Geh auf den Berg Nebo!
Von dort aus darfst du
das Land Kanaan schauen,
bevor du stirbst.“
Da nahm Mose Abschied.
Er segnete das Volk
und stieg allein auf den Berg,
wie Gott ihm gesagt hatte.
Als er oben war, ließ Gott ihn
das versprochene Land schauen.
Gott zeigte ihm
Berge und Täler,
Flüsse und Wälder,
das weite Land bis zum Meer.
Und Gott sprach:
„Dies ist das Land,
das ich einst Abraham,
Isaak und Jakob versprochen habe.
Jetzt siehst du es mit eigenen Augen.“
Danach nahm Gott Mose zu sich.
Aber das Volk Israel zog weiter,
dem versprochenen Land entgegen.
5. Mose 31–34
IV
Gott gibt das Land
Mose lebte nicht mehr.
Nun musste Josua
das Volk in das Land führen.
Doch Josua war
nur ein einfacher Mann.
Gott hatte noch nie zu ihm gesprochen.
Würde das Volk auf ihn hören?
Würde es ihm folgen?
Aber Gott sprach zu Josua:
„Hab nur Mut, Josua!
Sei nicht verzagt!
Wie ich mit Mose gewesen bin,
so will ich auch mit dir sein.
Du wirst das Volk Israel
in das Land Kanaan führen.
Ich will euch das Land geben,
das ich einst Abraham versprochen habe.“
44. Josua
Endlich war es so weit!
Das Volk Israel war am Ziel.
Nur noch der Fluss Jordan
trennte es von dem Land,
das Gott versprochen hatte.
Da schlugen die Israeliten
ihre Zelte nahe am Fluss auf
und schauten voller Erwartung
auf das große und weite Land,
das vor ihnen lag.
In der Ferne sahen sie
Mauern und Türme.
Dort lag Jericho,
eine große und mächtige Stadt.
Diese Stadt mussten sie einnehmen.
Dann stand ihnen
das ganze Land offen.
Aber wie sollten sie dorthin kommen?
Über den Jordan führte keine Brücke.
Und die Stadt Jericho
war ringsum von Mauern umgeben.
Kein Fremder durfte sie betreten.
Da rief Josua zwei Männer zu sich
und befahl ihnen:
„Schwimmt durch den Jordan
und schleicht euch heimlich
in die Stadt Jericho ein!
Seht euch dort alles genau an:
die Mauern, wie dick sie sind;
die Türme, wie hoch sie sind;
die Soldaten, wie stark sie sind.
Aber gebt acht!
Niemand darf merken,
dass ihr Israeliten seid.
Danach kommt schnell zurück
und gebt mir Bescheid,
damit wir die Stadt einnehmen!“
Da zogen die beiden Männer los
und kamen nach Jericho.
Heimlich schlichen sie sich
durch das Tor in die Stadt
und streiften durch alle Gassen.
Sie erkundeten alles genau,
die dicken Mauern,
die hohen Türme,
sogar die Soldaten und ihre Waffen.
Als aber die Nacht hereinbrach,
suchten sie ein Gasthaus auf,
das an der Mauer lag.
Es gehörte einer Frau namens Rahab.
Bei ihr wollten sie die Nacht verbringen.
Aber plötzlich klopfte es laut.
Wachsoldaten standen vor der Tür.
Sie schrien wütend:
„Aufmachen! Aufmachen!
Hier haben sich Spione versteckt.
Los, Rahab! Gib sie heraus!“
Aber Rahab machte nicht auf.
Rasch führte sie die Fremden
auf das flache Dach,
wo Flachs zum Trocknen auslag,
und versteckte die beiden
unter dem Flachs.
Dann lief sie zur Tür,
öffnete sie und fragte erstaunt:
„Wen sucht ihr hier? Spione?
Ach, ihr meint die zwei Fremden?
Ja, die waren bei mir.
Aber sie sind längst weg.
Jagt ihnen nach!
Vielleicht holt ihr sie noch ein.“
Da jagten die Soldaten davon,
um die Männer zu suchen.
Rahab aber holte die beiden
aus ihrem Versteck hervor
und sagte zu ihnen:
„Ich weiß genau, wer ihr seid.
Ihr gehört zum Volk Israel.
Wir haben alles gehört,
was euer Gott getan hat.
Euer Gott kann viel mehr
als unsere Götter.
Ich weiß auch,
ihr werdet Jericho einnehmen.
Aber versprecht mir,
dass ihr dann mich
und meine Familie verschont!“
Da versprachen es die beiden.
Rahab aber nahm ein langes rotes Seil,
band es am Fenster fest
und ließ die Männer im Dunkeln
an der Stadtmauer herab.
„Häng dieses Seil ans Fenster,
wenn wir wiederkommen
und die Stadt einnehmen!“,
sagten die beiden beim Abschied.
„Dann bleibt dein Haus verschont.“
Danach kehrten sie zurück
und berichteten Josua alles,
was sie gehört und gesehen hatten.
„Die Stadt ist sehr groß“, sagten sie,
„und hat viele starke Soldaten.
Aber Gott wird sie uns geben.“
Da rief Josua am nächsten Morgen
alle Israeliten zusammen und sprach:
„Macht euch bereit!
Nun ziehen wir in das Land ein,
das Gott uns versprochen hat.“
Und er befahl den Priestern:
„Holt die Lade Gottes aus dem Zelt
und tragt sie vor dem Volk her!
Geht mit ihr in den Jordan!
Dann werdet ihr sehen,
was Gott tun wird.“
Da gehorchten die Priester.
Sie nahmen die Lade auf ihre Schultern,
trugen sie vor dem Volk her
und gingen mit ihr in den Fluss.
Und sieh da!
Das Wasser blieb stehen.
Ein Weg tat sich vor ihnen auf,
mitten im Fluss.
Da folgten ihnen alle,
Männer, Frauen und Kinder,
und zogen voll Freude in das Land ein,
das Gott ihnen versprochen hatte.
Josua 1–4
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