Read the book: «Dachschaden»

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Marion Reddy, Iris Zachenhofer: Dachschaden

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 edition a, Wien

www.edition-a.at

Lektorat: Anatol Vitouch

Cover: Kyungmi Park

Gestaltung: Cornelia Lein

Gedruckt in Europa

Gesetzt in der Premiera

1 2 3 4 5 6 — 17 16 15 14

Print-ISBN 978-3-99001-104-1

eBook-ISBN 978-3-99001-124-9

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Zum Einstieg oder Was so passiert

Fall eins

Fall zwei

Prolog

Narzissten in Weiß

Und ich?

Die Gier nach Operationen

Lizenz zum Töten

Zerlegen wir ein Plüschtier

Kompetenz

Üben am Patienten

Spezialisten? Brauchen wir nicht

Keiner will die guten Ärzte

Alltag

Das neurochirurgische Zölibat

Essen gehört sich nicht

Stehend k. o.

Wenn wir gar nichts mehr machen können

Krank im Dienst

Schwanger? Wieso?

Sunny

Feinde fürs Leben

Graben- und Machtkämpfe

Der Umgang mit Frauen

Schriftliche Entmündigung

Die Süchte der Neurochirurgen

Einkommen

Die schlechten Chefs

Notwendige Reformen

Paris

Zum Einstieg oder Was so passiert
Fall eins

Die neurochirurgische Abteilung des Krankenhauses, in der ich damals als Assistenzärztin arbeitete, hatte einen neuen, auf Zeit bestellten Chef bekommen. Neben seinem Sinn für Karriere und dem Montblanc-Kugelschreiber in seiner Brusttasche, qualifizierte ihn meiner Meinung und der Meinung der meisten meiner Kollegen nach nur sehr wenig für den Job. Seine Referenzen waren fragwürdig, seine Führungsqualitäten wären nicht einmal unter dem sündteuren OP-Mikroskop sichtbar geworden.

Da er aber nun mal der neue Chef der Abteilung war, nutzte er seine vorübergehende Amtszeit konsequent, um seine Referenzen für die Zukunft gründlich zu verbessern. Bei einem Neurochirurgen bestehen Referenzen zu einem großen Teil aus den Operationen, die er schon durchgeführt hat. Daher teilte er sich hemmungslos für praktisch alles ein, das unsere Abteilung zu bieten hatte. Niemand aus dem Team bezweifelte, dass eine Reihe von Patienten bitter für sein Engagement in eigener Sache bezahlen würde, aber wir hatten ihn nicht bestellt. Chef ist nun mal Chef, und keiner hatte Lust auf noch mehr Stress, als wir ohnedies jeden Tag hatten.

Die Patientin, um die es hier geht, war eine gerade einmal drei-ßigjährige Krankenschwester. Sie litt an einem Meningeom, einem gutartigen Tumor mit sieben Zentimetern Durchmesser. Das Meningeom lag noch dazu an einer Stelle im Gehirn, an der die venösen Blutleiter besonders stark ausgeprägt sind, was bedeutete, dass sie bei einer Operation sehr stark bluten konnten. Blut ist bei einem Eingriff im Schädel nie gut. Es war trotzdem eine Routineoperation, die jeder einigermaßen eingearbeitete Neurochirurg locker hingekriegt hätte. Sie dauerte für gewöhnlich fünf Stunden und verlief in den meisten Fällen gut. Unser neuer Chef hatte solche Eingriffe bisher jedoch kaum durchgeführt, war aber zu stolz, um einen erfahreneren Kollegen beizuziehen. Also operierte er das Meningeom alleine. Er war ja jetzt zumindest vorübergehend Chef und musste seinen Operationskatalog für zukünftige Bewerbungen ordentlich auffetten. Doch übertriebenes Karrierebewusstsein und mangelnde Erfahrung bei einem Neurochirurgen sind für Patienten eine verhängnisvolle Kombination.

13 Stunden, nachdem er den Schädel der jungen Frau geöffnet hatte, war er mit der Beseitigung des Meningeoms noch immer nicht fertig. Eine weitere Stunde später fing es im gesamten Operationsgebiet wie verrückt zu bluten an. Unser Chef musste uns, einen Kollegen und mich, zu Hilfe holen, um die Schädeldecke so rasch wie möglich wieder zu schließen. Sich rechtzeitig Hilfe zu holen hätte seiner Reputation nicht geschadet, im Gegenteil, es hätte für sein Verantwortungsbewusstsein gesprochen. Er tat es leider viel zu spät.

Wir halfen ihm, so gut es ging. Doch gleich nachdem er die Frau, die angesichts ihrer vergleichsweise harmlosen Diagnose wohl nie vermutet hätte, was für ein endloses Gemetzel in ihrem Gehirn stattfinden würde, aus dem Operationssaal in die Intensivstation geschickt hatte, erlitt sie eine massive Nachblutung. Das machte eine sofortige weitere Operation notwendig.

Diesmal waren wir von Anfang an dabei. Wir öffneten ihre Schädeldecke weiter, als bei der zuvor durchgeführten Operation. Die aufgetretenen Komplikationen machten das notwendig. Der Knochendeckel, den wir ihr abgenommen hatten, würde nach der Operation weg bleiben, für den Fall einer Schwellung oder weiterer Komplikationen. Ein Mensch, der sich nach dem Aufwachen auf den Kopf greift und feststellt, dass auf einer Seite seines Kopfes kein harter Knochen mehr ist, sondern ein Loch im Knochen mit etwas, das sich so ähnlich anfühlt wie ein mit Wasser gefüllter Luftballon, hat sich darüber wahrscheinlich noch nie besonders gefreut.

Nach dem zweiten Eingriff landete die junge Frau als Risikopatientin künstlich beatmet und stark geschwächt abermals auf der Intensivstation. Im weiteren Verlauf kamen dann internistische Probleme hinzu, eine schwere Lungenentzündung und Embolien. Ihr Zustand war mehrere Tage lang lebensbedrohlich. Erst nach einem ganzen Monat wachte sie wieder auf, und es war kein schönes Erwachen für sie. Das Loch im Kopf war dabei ihr geringstes Problem. Ihr Sprachzentrum war ausgefallen. Sie konnte weder sprechen noch schreiben. Sie konnte auch den Worten, die sie hörte, keinen Sinn entnehmen. Sie konnte zum Beispiel eine Banane zwar sehen, aber nicht benennen, und das, obwohl sie bei vollem Bewusstsein war.

Das war noch immer nicht das Schlimmste, denn sie hatte durchaus eine Chance, dass ihr Sprachzentrum eines Tages wieder funktionstüchtig sein würde. Das Schlimmste war, dass sie an einer Hemiplegie litt, einer kompletten Halbseitenlähmung.

Gewöhnlich bekamen wir nicht mehr viel von den Patienten mit, wenn sie unsere Station einmal verlassen hatten. In diesem Fall war es anders, weil es sich um eine Branchenkollegin handelte. Deshalb weiß ich, dass ihre Mutter sie jahrelang zur Rehabilitation begleiten musste, bei der sie dank harten Trainings das Sprechen und Lesen tatsächlich wieder erlernte. Das verbesserte ihre Lebensqualität, aber gegen die halbseitige Lähmung hätte ihr auch das beste Training nicht mehr geholfen.

Hätte ein erfahrener Facharzt aus dem Team die gleiche Operation durchgeführt, dann wäre die junge Frau vollkommen geheilt worden und würde ein normales Leben führen. Sie wäre wieder in ihrem Job tätig, den sie gerne mochte, sie wäre vielleicht verheiratet und hätte Kinder. Auf jeden Fall würde sie nur noch ganz selten an den Eingriff in ihrem Schädel denken.

Doch so hatte ein Neurochirurg, der aus Prestige- und Karrieregründen eine Operation durchführte, für die ihn nichts qualifizierte, ihr Leben zerstört. Aus der Traum von einem normalen, glücklichen Leben, von Sport, Fernreisen, beruflichem Aufstieg, Hochzeit und eigenen Kindern.

Der Oberarzt, der sie ganz sicher schon völlig vergessen hatte, noch ehe sie zu ihrer ersten Rehabilitationsstunde antrat, hatte nicht einmal mit Konsequenzen zu rechnen. Denn sowohl halbseitige Lähmung als auch Verlust des Sprachzentrums standen als mögliche Begleiterscheinungen am Beipackzettel dieser Operation.

Fall zwei

Zwölf Uhr Mittag an einem sonnigen Tag Anfang März. Ich hatte meinen Dienst vor vier Stunden angetreten und war fit und relativ gut ausgeschlafen. Als ich in den Schockraum gerufen wurde, klang die Vorabinformation zu der Patientin drastisch. Eine deutsche Skifahrerin war ohne Helm kopfüber auf einen Stein gestürzt. Sie kam mit einer großen Platzwunde am Kopf und, logischerweise, dem Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma. Also mussten Neurochirurgen zur Stelle sein. Wer nicht gerade im OP arbeitete, musste sich in so einem Fall einfinden.

Wir, zwei Neurochirurgen und ein Anästhesist, warteten auf den Hubschrauber, der sich als schwarze Silhouette vor dem wolkenlosen Himmel auf die Landeplattform am Krankenhausdach herabsenkte. Mit einem Blick durchs Fenster auf die Landefläche stellte ich bereits fest, dass der Kopfverband der Frau komplett mit Blut vollgesogen war und das Blut schon über die Trage rann. Nach den Informationen, die ich vom Notarzt und den Sanitätern am Ort des Unfalls bekommen hatte, war mir klar, das sie keine Chance hatte. Sie würde sterben. Denn neben der Blutung deutete auch alles auf ein Hirnstamm-Schertrauma hin. Dabei entsteht durch durch den harten Aufprall des Schädels eine derartige Beschleunigung, dass der Hirnstamm vom Grosshirn abgetrennt wird, als Folge tritt eine diffuse Gehirnschädigung auf. In so einem Fall kann kein Arzt der Welt helfen.

Selbst bei einem Notfall wie diesem laufen die Vorbereitung für die Operation kontrolliert und ohne Panik. Das Ärzteteam legt die Zugänge, untersucht die Extremitäten auf Brüche und legt die Patientin auf den Tisch für die Computer-Tomographie. Die Helfer entledigen sie ihrer Kleidung, wobei sie sich nicht lange mit Reißverschlüssen oder Knöpfen aufhalten. Um die Verletzte nicht ungünstig zu bewegen, schneiden sie die Kleider mit einer scharfen Schere herunter. Bei Skifahrern denke ich manchmal, tausend Euro Anorak. Sechshundert Euro Skihose. Aber egal, diese Dinge spielen dann keine Rolle. Die Skischuhe brechen die Helfer einfach auf. Ringe schneiden sie mit Zangen von den Fingern.

Auf dem Computertomographie-Bild sah ich ein Epiduralhämatom, eine Blutung außerhalb des Gehirns, zwischen der harten Hirnhaut und dem Schädelknochen. Ein Epiduralhämatom ist grundsätzlich nicht besonders schwer zu operieren, es muss bloß alles sehr schnell gehen. Außerdem zeigte das CT-Bild, wie ich erwartet hatte, eine offene Fraktur der Schädeldecke, wobei das eingebrochene Stück Knochen im Gehirn der Patientin steckte. Überlebens-Chance meiner Einschätzung nach: gegen null.

Trotzdem musste ich operieren, denn das Herz der Patientin schlug noch. Sie hatte auch keine Scheinwerfer, wie wir es nennen, sprich keine bis an den Rand der Augäpfel erweiterten Pupillen, die auf einen Hirntod hingewiesen hätten. Sie war offensichtlich noch am Leben.

Ich schnitt die Haut ihres inzwischen vollständig rasierten Schädels an der Scheitellinie auf, klappte den Hautlappen zur Wange herunter und fixierte ihn dort mit Haken, die wie Fischerhaken aussehen. Mit der Bohrmaschine bohrte ich mehrere Löcher mit je zehn bis fünfzehn Millimetern Durchmesser in den Knochen. Beim ersten Loch setzte ich das Kraniotom an und schnitt den Knochen von Loch zu Loch auf.

Durch die Fraktur hatte ich danach zwei Stücke des Schädelknochens in der Hand und ein drittes steckte nach wie vor im Gehirn. Es hatte die harte Hirnhaut, die das Gehirn umgibt, durchdrungen und war ins Gehirn selbst eingedrungen. Es sah so ähnlich aus wie diese dreieckigen Eiswaffeln, die manchmal in den Eisbechern im Eis stecken. Gewöhnlich schnitt ich in so einem Fall die harte Hirnhaut sternförmig auf und klappte die Ecken auseinander. Aufgrund der Form der Verletzung ging das bei der Skifahrerin nicht. Ich konnte nichts tun, als das Knochenstück nehmen und es aus dem Gehirn ziehen.

Das Stück Schädeldecke, das ich entnahm, legte ich normalerweise zur Seite, um es später in eine zertifizierte Knochenbank zu schicken. Die lagerte es bei minus siebzig Grad Celsius ein, bis ich es meinem Patienten wieder einsetzen konnte. In diesem Fall ging auch das nicht. Ich hatte am Ende drei Teile der Schädeldecke in der Hand. Mit denen wäre selbst im besten Fall für die Patientin, ihrem Überleben, nichts mehr anzufangen gewesen. Ich warf sie in den Müll. „Für den Flocki“, also für den Hund, sagen die OP-Pfleger dann gewöhnlich makabererweise.

Vor mir sah ich jetzt das Hämatom, einen Klumpen geronnenes Blut, und ich begann, es mit dem Sauger abzusaugen. Danach legte ich die Hirnhaut wieder über die offene Stelle und wollte gerade mit dem Zumachen beginnen, als ich bemerkte, dass es überall wieder zu bluten begonnen hatte. Vor lauter Blut unter meinen Händen konnte ich nicht sehen, was passiert war, ich konnte nur absaugen, absaugen, absaugen. Minutenlang.

Eigentlich war klar, was passiert war. Durch die starke Blutung nach dem Unfall hatte ihr Körper alle im Blut enthaltenen Gerinnungsfaktoren aufgebraucht, und dann blutet eben auf einmal alles, scheinbar ohne Ende. Der Anästhesist, der die Blutwerte kontrollierte, fing zu schreien an. „Mach was“, schrie er, „sie steht gleich“, womit er sagen wollte, dass die Patientin schon fast einen Herzstillstand hatte.

Mir gingen damals verschiedene Überlegungen durch den Kopf. Einige hatten mit dem Überleben der Patienten zu tun. Einige mit meiner Angst zu versagen. Einfach ruhig bleiben, dachte ich. Tu, was du gelernt hast, und tu es, so gut du kannst. Die meisten der Überlegungen, die mir in diesem Moment durch den Kopf gingen, waren aber viel pragmatischerer Natur. Wenn ein Patient schon sterben musste, dann besser nicht auf dem Operationstisch sondern auf der Intensivstation. So hatten es mir meine erfahrenen Kollegen von Anfang an eingetrichtert. Tote auf dem Operationstisch machten nur Probleme. Sie machten eine Selbstanzeige erforderlich. Ich würde mich rechtfertigen müssen, warum ich dieses und jenes gemacht und dieses und jenes unterlassen hatte, auch wenn am Ende herauskäme, dass keiner Schuld an gar nichts war.

Herzstillstand.

Die Anästhesisten reanimierten meine Patientin. Ich sah das Gesicht der Skifahrerin, während ihr Blut unter dem OP-Tisch zu einer rasch anwachsenden Pfütze zusammenfloss. Auch sie war noch jung und hübsch. Doch für grundsätzliche Fragen, die das Leben und das Schicksal betrafen, hatte ich während einer Operation keine Zeit.

Ich ließ einen Kollegen anrufen, der ebenfalls Facharzt war, weil ich unmöglich die Blutung alleine stillen konnte. Als er endlich kam, bewegte er sich langsam wie unter Drogen auf den Tisch zu und betrachtete in aller Ruhe den blutüberströmten Schädel.

„Sieht schlimm aus“, sagte er.

„Mach schon“, schrie ich ihn an. „Wir müssen die Blutung stillen, und dann raus mit ihr.“

Noch nie war einer meiner Patienten am Tisch gestorben. Danach auf der Intensivstation schon, das gehörte dazu, aber noch nie unter meinen Händen. Dieses Mal sollte nicht das erste Mal sein. Mein Kollege wusste, worum es ging, und deshalb konnte ich es nicht fassen, dass er so langsam machte. Nur möglichst rasch ab auf die Intensivstation mit ihr, dachte ich.

Mein Kollege stopfte blutsaugendes Fleece in ihren Schädel. Im OP waren jetzt bereits fünf Anästhesisten. Der Tropf reichte längst nicht mehr. Die Versorgung war viel zu langsam. Die Anästhesisten pressten das Blut mit beiden Händen aus den Blutkonserven in sie hinein.

Auf einmal begann die Skifahrerin sich zu stabilisieren. Ich nähte die Hirnhaut zu und mein Kollege vernähte die Platzwunde, in aller Ruhe und mit einer Genauigkeit, als wolle er sie für eine Ausstellung in Schuss bringen. Der Mann hatte einen Hang, auf Stress mit Phlegma zu reagieren, weshalb er in einer Abteilung wie der unseren superdauerphlegmatisch war.

Theoretisch war die Operation letztendlich ganz gut verlaufen. Theoretisch würde die Skifahrerin nach ein bis drei Monaten eine weitere Operation bekommen, bei der ihr ich oder ein anderer Neurochirurg einen dauerhaften Ersatz für das fehlende Stück ihrer Schädeldecke einsetzen würde. Doch ich glaubte nicht daran. Ich rechnete damit, dass sie auf der Intensivstation sterben würde, an Herzstillstand oder an Kreislaufversagen.

Eine Woche lang sedierten die dort zuständigen Ärzte die Patientin, maßen ihren Hirndruck und hielten ihren Kreislauf stabil. Die Schwellung ging zurück. Die Ärzte konnten sie aufwecken. Sie konnte die Extremitäten bewegen und war ansprechbar. Im MR zeigte sich, dass die Patientin, anders, als ich es vermutet hatte, kein Schertrauma hatte, und dass das Gehirn beim Unfall nicht weiter beschädigt worden war. Die Art, wie sie von selbst zu sich gekommen war und Hände und Füße bewegt hatte, hatte schon angedeutet, dass sie den Unfall erstaunlich gut überstanden hatte.

Klar, sie hatte einen kahl rasierten Kopf, eine große, eingesunkene Hautstelle dort, wo die Schädeldecke fehlte, was sich nicht nur beschissen anfühlt sondern auch beschissen aussieht, aber das war normal. Das hatten alle Trauma-Patienten. Es hingen ja auch keine Spiegel auf der Intensivstation, die Patienten dort hatten andere Probleme.

Nach sechs Monaten bekam sie ein Knochendeckel-Implantat eingesetzt. Durch einen Zufall war wieder ich dafür zuständig, wobei ich vom erfreulichen Verlauf ihrer Genesung erfuhr. Für eine kleinere Stelle hätte ich selbst eine Rekonstruktion des Knochens herstellen können, aus einer Masse, die sich wie Plastilin anfühlt, die geformt und dann eingesetzt wird. Die Skifahrerin brauchte allerdings eine halbe Schädeldecke in Form einer dreidimensionalen Rekonstruktion ihres Schädelknochens aus Kunststoffkarbonplastik, und das musste nach einer CT-Vorlage angefertigt werden.

Das Einsetzen war nur noch ein Routineeingriff. Ich legte die Schädelöffnung frei, präparierte die Schichten und setzte den neuen Deckel ein. Kein Mensch würde je glauben, dass die Neurochirurgin, die sie operiert hatte, nicht mehr um ihr Leben gekämpft hatte, sondern nur noch darum, wo sie sterben würde – gleich am Operationstisch oder hinterher in der Intensivstation. Glück gehabt. Auch das gibt es.

Prolog

Sie werden, was Sie in diesem Buch lesen, vermutlich entsetzlich finden. Allein die Vorstellung, dass jemand Ihren Schädel öffnet und sich Ihr Gehirn vornimmt, hat schon etwas Entsetzliches. Dass er es im Rahmen eines Systems tut, dessen Parameter nicht einzig auf Ihre anschließende körperliche und geistige Unversehrtheit und Ihr höchstmögliches Wohlbefinden ausgerichtet sind, ist noch entsetzlicher. Da tut sich ein richtiger Abgrund auf.

Für uns beide waren Gehirnoperationen, die wir an den neurochirurgischen Abteilungen unterschiedlicher Krankenhäuser durchgeführt haben, jahrzehntelang unser tägliches Brot. Wir waren anfangs beide hoch motiviert, Patienten zu helfen und selbst dabei ein gutes Leben zu führen. Doch mit der Zeit stellten wir fest, dass wir naiv waren. Dass es nicht um die Patienten geht, sondern zum Beispiel um Dinge wie die Selbstbestätigung der narzisstischen Neurochirurgen.

Früher hatten wir beide Angst, bei Aufenthalten, sagen wir in Thailand, in Vietnam oder in Staaten wie Bangladesch oder Nicaragua ins Krankenhaus zu müssen und uns damit einem vermeintlich unterentwickelten Gesundheitssystem auszuliefern. Doch irgendwann kamen wir zu dem Schluss, dass das österreichische und das deutsche Gesundheitssystem als Spielzeug narzisstischer Wichtigtuer dermaßen ausgerastet ist, dass ein Aufenthalt hierzulande auch scheißgefährlich sein kann.

Die Idee, ein Buch zu schreiben, ist ja an und für sich nichts Großartiges. Fast jeder denkt sich mal die Phrase: „Da könnte man ein Buch darüber schreiben”. Viele tun es, es gibt Autobiographien von sämtlichen Stars und auch Regale voller „real life”-Bücher, die von Supermarktkassiererinnen, Modejournalistinnen, Tänzerinnen und Briefträgern, ja sogar von Grabrednern geschrieben wurden. Wir hatten beide auch schon vor Jahren einmal die lockere Idee, wir schreiben ein Buch über die Zeit an der Neurochirurgie. Eine von uns war sogar schon so weit, dass sie ein Inhaltsverzeichnis geschrieben hatte. Aber das alles hatte nicht mehr Ernsthaftigkeit, als der Silvestervorsatz, im nächsten Jahr mit dem Rauchen aufzuhören und fünf Kilo abzunehmen. Gar keine nämlich. Wir waren dann auch zu beschäftigt damit, im Hamsterrad der Neurochirurgie zu laufen, sodass wir gar keine Zeit oder kreative Möglichkeit gehabt hätten. Wir sind nur gelaufen, wie zwei vertrottelte Hamster. Irgendwann einmal ist dann alles zusammengebrochen, unsere Jobs waren nur mehr die Hölle, die Beziehungen gescheitert. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt begannen wir, uns mehrmals täglich über facebook zu schreiben, und wir ließen nichts aus. Sämtliche beruflichen und privaten Katastrophen haben wir diskutiert, analysiert, seziert. Wir haben gelacht und geweint.

Mitten zwischen den ganzen Desastern wollte eine von uns dann diese zig Seiten einfach so abspeichern, als Erinnerung, weil sie ja fast wie ein Tagebuch waren, diese ganzen Dramen. In der Zeit, in der sich die Sanduhr am Bildschirm während des Speicherns schier endlos drehte, begann sie, die ganzen alten Dialoge noch einmal durchzulesen. Und die waren wie reality-TV, lustig, traurig, erschreckend, oberflächlich, tiefgründig, alles. Und durch die ganzen Seiten zog sich als blutroter Faden die Neurochirurgie, immer wieder und wieder, wie ein böser Albtraum, der einen ein Leben lang verfolgt. Eine von uns hat dann, da das ganze wirklich packend und ergreifend zu lesen war, der anderen vorgeschlagen, diese facebook-Dialoge zu einem Buch umzuschreiben, Orte und Namen zu ändern und probeweise an ein paar Verlage zu schicken. Die Zweite war sofort begeistert.

Die Idee war geboren. Wir machten uns aus, wenn wir unsere beruflichen und privaten Tiefs überstanden haben, wenn es wieder aufwärts geht, machen wir uns daran. Wir lagen zu dem Zeitpunkt, wie gesagt, beide am Boden. Mit dem Gesicht im Dreck. Aber es ging wieder aufwärts, wir sind wieder aufgestanden, beziehungsweise war das mehr „Rise like a Phoenix”. Denn wir haben uns regelrecht aus der Asche erhoben, wie der Phönix in der griechischen Mythologie, der in neuem Glanz erstrahlt.

Die Chancen, dass ein unverlangtes Manuskript von einem Verlag publiziert wird, sind sehr gering, bei etwa vier Prozent. Deshalb haben wir uns nicht viel Arbeit angetan, die facebook-Datei einfach geändert und gekürzt und einmal zum Probieren an drei Verlage geschickt. Irgendwann läutete bei einer von uns, während sie sich gerade einen Cappuccino in der Küche richtete, das Telefon. Unbekannte Handynummer. Unbekannte Handynummern verheißen normalerweise selten etwas Gutes, meistens sind das Lehrer, die sich beschweren, oder Nachhilfelehrer, oder sogar ein Geschäft, weil einer der Fratzen beim Ladendiebstahl erwischt wurde. Also immer irgendwelche Troubles.

In diesem Fall war es jedoch anders, denn am Telefon war unser zukünftiger Verleger, der von der Leseprobe so begeistert war, dass er am Telefon schon sagte, dass er das Buch auf jeden Fall publizieren will. Juhu!

Beim ersten Treffen mit unserem Verleger wurde uns dann eigentlich erst so richtig klar, wie betriebsblind wir geworden waren, wie normal völlig schockierende Tatsachen für uns sind, die einem Außenstehenden die Haare zu Berge stehen lassen. Nach dem ersten Treffen kaufte sich unser Verleger sofort einen Fahrradhelm, vor lauter Furcht, er könne nach einem Unfall als Patient an einer Neurochirurgie landen. Als wir Monate später mit den Arbeiten zu diesem Buch fertig waren, meinte er, am liebsten würde er überhaupt nicht mehr radfahren, sondern nur mehr mit dem Helm spazieren gehen. Kein Scherz, ich muss jetzt noch schmunzeln.

Der Grund für für dieses Buch war es nicht, den Neurochirurgen noch einmal einen richtigen Arschtritt zu verpassen. Okay, ein bisschen vielleicht, wir geben es zu, aber es war sicher nicht der Hauptgrund.

Denn wir sehen es eigentlich überhaupt nicht ein, dass wir uns einfach lautlos davonschleichen sollen, aus diesem tyrannischen System der österreichischen und deutschen Neurochirurgien. Dass wir weiter das Maul halten sollen darüber, was einem Patienten, der mit einer neurologischen Erkrankung dort eingeliefert wird, eigentlich alles geschehen kann.

Wir sind vor einigen Monaten mit jemandem, den wir sehr schätzen, auf einer Kaffeehausterrasse gesessen und haben nach einigen weißen Spritzern herumgekreischt, dass alle Neurochirurgen völlig durchgeknallt seien, dass jeder entweder säuft oder Beruhigungstabletten nimmt oder sich jeden Tag einraucht. Unser Freund hat dann gemeint, wir seien ein bisschen irre geworden, in diesen ganzen Krankenhäusern. Aber wir sind sicher nicht irre. Wir waren immer schon so, nur waren wir die letzten zehn oder fünfzehn Jahre mundtot gemacht an der Neurochirurgie. Und jetzt werden wir singen wie zwei fiese Mafia-Verräter. Und wenn wir einbetoniert im Keller irgendeiner Neurochirurgie liegen, ist es uns auch egal. Denn wir werden nicht so tun, als ob nie etwas gewesen wäre. Die ganze Welt soll wissen, dass wir existiert haben und was da läuft, im Mikrokosmos der Neurochirurgie.

Die Heldin unseres Buchs ist eine fiktive Person, die all das erlebt, was entweder wir oder jemand aus dem Kreis der Neurochirurginnen und Neurochirurgen, die wir persönlich kennen, erlebt hat. In die Person fließen demnach Geschichten und Erlebnisse ein, die einer von uns oder einem der vielen Neurochirurgen in Österreich, Deutschland und der Schweiz widerfahren sind.

Das bedeutet, dass alles in diesem Buch (leider) auf Begebenheiten beruht, die sich tatsächlich zugetragen haben. Wir haben aus Gründen des Datenschutzes allerdings Namen, zeitliche Abläufe, geografische Hinweise und medizinische Details so verändert, dass der Rückschluss auf bestimmte neurochirurgische Abteilungen oder dort tätige Neurochirurginnen und Neurochirurgen unmöglich ist.

Denn darum geht es ja schließlich nicht. Sie werden nie erfahren, welche Patienten völlig umsonst Pflegefälle geworden sind, welcher Neurochirurg seine Mitarbeiter vergiftet hat, wer während der Operation in den Mülleimer gekotzt hat und wer so überspannt war, dass er seinen Ehemann misshandelt hat. Es ist ja auch völlig egal. Es geht ja nur darum, dass Leute dazu gebracht werden, diese Dinge zu tun.

Es geht uns darum, ein groteskes, kaputtes medizinisches System zu zeigen, indem wir sein wahrscheinlich exponiertestes Fachgebiet ausleuchten.

Es steht außer Zweifel, dass es noch immer hervorragende Neurochirurgen gibt, die im Dienste der Medizin, der Idee des Heilens und damit im Dienste ihrer Patienten handeln. Doch der Allgemeinzustand in diesem Bereich ist so katastrophal geworden, dass es sich für uns beinahe schon wie ein Verstoß gegen den hippokratischen Eid anfühlen würde, dieses Buch nicht zu veröffentlichen. Wir haben schon lange begriffen, dass die Entwicklungen in die falsche Richtung laufen, dass sich das System, statt sich zu verbessern, immer weiter pervertiert. Und wir haben unsere Konsequenzen gezogen.

Eine von uns wechselte das Fach und arbeitet jetzt als Ärztin an einem Psychiatrischen Krankenhaus. Die andere ist weiterhin Neurochirurgin. Dies aber in Frankreich, einem Land, dessen Gesundheitssystem sehr wohl auf die Interessen der Patienten zugeschnitten ist, und das geistesgestörte Ärzte österreichischer oder deutscher Neurochirurgien an die Psychiatrie verweisen würde. Nicht als Ärzte, sondern als Patienten.

Es ist uns natürlich völlig klar, dass uns alle Neurochirurgen als Nestbeschmutzerinnen beschimpfen werden. Das müssen sie auch, denn sie sind ja alle mundtot gemacht in diesem kranken System. Aber nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Deshalb nehmen wir das in Kauf. Es ist uns eigentlich sogar scheißegal. Wir sind sicher keine Nestbeschmutzerinnen, denn wir hatten nie ein Nest. Wir hatten immer nur Schlangengruben.

Freunde haben uns gewarnt, dass wir nie mehr wieder an einer deutschsprachigen Neurochirurgie arbeiten werden können, nach diesem Buch. Aber so einen Job, den brauchen wir ungefähr so dringend, wie ein Loch im Kopf. Denn, das haben wir inzwischen erkannt, Geld darf auf keinen Fall unter Blut und Tränen verdient werden. Und wir würden daher eher in ein Kernkraftwerk putzen gehen, als noch einmal an einer Neurochirurgie in Österreich oder Deutschland zu arbeiten.

Dr. Marion Reddy,

Dr. Iris Zachenhofer,

Oktober 2014

Narzissten in Weiß

Da gibt es diesen angesehenen amerikanischen Neurochirurgen Frank Vertosick. Kein Neurochirurg würde zugeben, seine Bücher gelesen zu haben. Denn der schreibt nicht nur spannend und aufschlussreich über Patienten und Operationen. Er befasst sich auch kritisch mit dem Fach selbst. Er charakterisiert seine Protagonisten so treffend, dass sich jeder Neurochirurg, dem es an Selbstironie mangelt, und das ist bei neunundneunzig Prozent von ihnen der Fall, geschmäht fühlen muss. Vertosick beschreibt die Neurochirurgen als die Looser in der Kindheit, die, die immer geprügelt und am Spielplatz verarscht wurden. Die, die in der Highschool später die pickligen Idioten waren, die nie eine Freundin oder auch nur ein Date hatten. Die Weicheier, die Warmduscher, die Beckenrandschwimmer, die Streber. Erst nach einigen Jahren Misere in der Neurochirurgie habe ich begonnen, die Psychopathologie dieser Leute zu verstehen. Meine Psychiaterin hat mir viel erklärt. Diese ständigen Kränkungen in der Kindheit haben aus sehr vielen von ihnen Narzissten unterschiedlicher Ausprägung gemacht. Narzissmus ist eine der charakterlichen Grundstrukturen der Neurochirurgen. An dieser Spezies Mensch können wir allerdings auch große Anteile der gesamten Psychiatrie studieren.

Neurochirurgen nehmen ihre Umwelt einfach nicht wahr. Sie schreiten über sie hinweg. Jeder Neurochirurg muss der Beste sein. Er interessiert sich nie für andere Fächer. Er könnte nie Pathologe oder Urologe sein. Das wäre für ihn zu wenig Prestige. Er muss Hirnchirurg sein. Zur Not käme noch Herzchirurg infrage, aber Hirnchirurg ist besser. Den Schädel eines Menschen zu öffnen, der sich ihm ganz und gar anvertraut, und darin etwas zu tun, hat etwas Gottgleiches. Das trifft sich perfekt mit der Selbstwahrnehmung eines Neurochirurgen.

Der Neurochirurg glaubt an das Image seines Faches. Ein Eingriff in den Schädel, das klingt ja schon so interessant, und es hat auch etwas mit Nervenkitzel zu tun. Dazu kommt der Kick des Risikos, das Spiel mit den Schicksalen, die sich unter den eigenen Händen entscheiden. Das Gehirn ist mit Abstand das komplizierteste Organ, und wer einmal die topographischen Bilder des Gehirns, Bilder der Funktionsfelder und des Gefäßsystems gesehen hat, kann die Komplexität nur erahnen. Dazu kommt, dass das Nervengewebe sich nicht regenerieren kann. Dadurch ist es, wenn es einmal angekratzt ist, gleich immer irreparabel geschädigt, und der betreffende Patient kann nicht mehr sprechen oder ist vollkommen gelähmt. Das Gehirn ist nun einmal extrem fragil.

Die schwierigsten Fälle, die kompliziertesten Eingriffe und die längsten Operationen sind dem Neurochirurgen gerade gut genug, um sich zu beweisen und glänzen zu können. Der Neurochirurg sieht Patienten als Mittel zu diesem Zweck. Den Zugang vieler Ärzte, anderen Menschen helfen zu wollen, kennt er nicht. Ihn interessiert neben seiner Karriere im bestenfalls noch die Krankheit, aber sicher nicht der Mensch, der sie hat. Wenn sich ein Neurochirurg karenzieren lässt und unentgeltlich zum Beispiel in Vietnam operiert, dann ist das garantiert auch wieder nur eine Prestigesache. Auf Facebook zeigt er sich dann umgeben von lachenden, ehrerbietenden Kindern. Er darf dort den ganzen Tag operieren was er will, muss sich mit niemandem um die Operationen streiten und kriegt dabei Fälle zu sehen, die er in Europa in diesen Ausprägungen niemals vor das Mikroskop bekäme. Ein Paradies.

Die Bilder von den Fehlbildungen und Tumoren zeigt er dann bei internationalen Kongressen an der Riesenleinwand. Darum geht es ja, um die geilen Operationen, um die Ausbeute. Die vietnamesischen Patienten sind ihm ja in Wirklichkeit ebenso scheißegal, wie die in Europa. Und dann zeigt er noch haufenweise Bilder von sich selbst, dem kleinen, widerlichen, neurochirurgischen Fettsack, neben den dankbaren Kindern und Eltern. Ich könnte heute noch kotzen, wenn ich nur daran denke.

Alle anderen Neurochirurgen sieht er als Konkurrenten, denen er im Prinzip Operationen nur dann zugesteht, wenn er persönlich gerade nicht Dienst oder keine Zeit hat, weil er einen wichtigeren und prestigeträchtigeren Fall operiert.

Die Gedankengänge dabei sind simpel. Arzt ist schon mal super, denkt er sich, und inskribiert nach dem Schulabschluss Medizin. Unter den ärztlichen Berufen findet er Hirnchirurg richtig geil, weil das am meisten Prestige bringt, also entscheidet er sich dafür. Mit welcher Lebensqualität das einhergeht und welche Kollegen er kriegt, ist ihm egal. Das Defizit in seiner Persönlichkeit ist groß genug, um das alles in Kauf zu nehmen.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Doch die meisten Neurochirurgen sind Würstchen. Sie sind Männer, die schon als Kinder am Spielplatz die Verlierer waren, die grauen Mäuse, die immer Außenseiter sind. Eines Tages denken die dann, na wartet, euch werde ich es zeigen, irgendwann mache ich einen tollen Job und dann ändert sich alles.

Es ist schon komisch, dass die Neurochirurgen, die ich kenne, fast alle ziemlich klein sind. Klein und eigentlich hässlich. Traummänner gibt es auf der Neurochirurgie keine, die sind dort unmöglich zu finden. Ich glaube, ich hatte tatsächlich kaum richtig gut aussehende Kollegen. Weit entfernt von den Typen aus „Emergency Room” oder „Gray’s Anatomy”. Kein Wunder, die hätten die Neurochirurgie auch nicht nötig. Je kleiner der Penis desto größer und komplizierter muss der Tumor sein, den ein Neurochirurg rausschneiden will. Der Satz ist zwar alt, aber wohl wahr.

Neurochirurgen stehen auf Maturajubiläen. Die sind ihnen so wichtig, dass sie dafür sogar auf eine Prestige-Operation verzichten. Denn sobald alle davon reden, was denn so aus einem geworden ist, können sie endlich einmal richtig auftrumpfen.

Dass sie jetzt Neurochirurg sind, macht es für sie wieder gut, dass sie schon in der Sandkiste immer nur von den anderen in die Fresse gekriegt und in der Schule nie einen freiwilligen Sitznachbarn gefunden haben, von den Mädchen geschmäht und beim Fußball immer als letzter in die Mannschaft gewählt wurden. Das ist ja das Gemeine: Aus den Armen werden die Schrecklichen. Narzissten entstehen oft aus Mangel an Wertschätzung, Liebe und Bestätigung in der Kindheit, und sie merken es nicht, weil sie keinen Hang zur Selbstreflexion haben.

Es geht immer um ihr Ego, angefangen bei der Morgenbesprechung. Die beginnt mit dem Gezänk, wer wo am Besprechungstisch sitzt, am Kopfende mit direktem Blick auf den Monitor mit den Operationsbildern vom Vortag, oder auf der schmalen Bank zwischen den Zimmerpflanzen und dem Büroschrank, von der schon mal ein übermüdeter Kollege im Sekundenschlaf abstürzt. Es gab Ärzte, die sich gar nicht an den Tisch setzen wollten, entweder, um nicht mit solchen Leuten an einem Tisch zu sitzen, oder aus Angst, durch Beschimpfungen von jemandem vertrieben zu werden, dessen Platz sie zufällig besetzt hätten. Dass Neurochirurgen nicht hinpinkeln, um „ihren” Sessel zu markieren, grenzt schon an ein Wunder.

Ihr Ego schwächt allerdings das System: Eine Revolution in der Neurochirurgie war zum Beispiel das Medikament Gliolan. Wenn Patienten es vor der Anästhesie einnehmen, lässt es den Tumor während der Operation bei entsprechenden Lichtverhältnissen rot leuchten. Die Operateure erkennen dadurch noch genauer die Grenzen des Tumors und können so leichter gesundes von krankem Gewebe unterscheiden.

So gab es einen Lastwagen voll Literatur darüber, dass die Ergebnisse bei der Operation von Gehirntumoren unter Einsatz dieses Medikaments viel besser werden. Doch bei einer Tumoroperation mit Einsatz dieses Medikamentes muss ein Arzt zugegen sein, der die entsprechende Ausbildung zur Anwendung von Gliolan gemacht hat. Einer meiner Oberärzte hatte sie nicht absolviert und verweigerte den Einsatz des Medikamentes lieber, als Ärzten Zutritt zum Operationssaal zu gewähren, die ihm etwas voraus hatten. „Jeder Trottel sieht doch, wo die Grenzen eines Tumors sind“, meinte er lapidar. Dabei war gerade er einer von den neurochirurgischen Pfuschern, die mit ihrer bewährten „Staubsauger”-Technik immer viel zu viel gesundes Gewebe wegsaugten und dabei jede Menge neurologischer Defizite verursachten. Auch in seinem Fall hätte die Neurochirurgie dazu dienen sollen, mit den erbärmlichen Füßchen in die viel zu großen Fußstapfen seines Vaters zu treten.

Doch die eigenen Fehler nehmen die Neurochirurgen nicht wahr. Ihrer Natur folgend ergötzen sie sich lieber an den Fehlern der anderen. Sichtbar wird so ein Fehler etwa, wenn während einer Operation Blut spritzt. Neurochirurgen ist ihre Zeit nie zu schade, sich den Videomitschnitt von der schlecht verlaufenen Operation eines Kollegen zu holen und sich die Bilder genüsslich anzusehen. Dabei rühren sie in ihrem Kaffee und murmeln vor sich hin. „Mein Gott, was für eine Sauerei.“ Oder: „Habt Ihr das gesehen? Da ging ja nun wirklich alles daneben.“

Einer, der beruflich in anderen Gehirnen herumstochert, ist sich irgendwann nicht mehr ganz sicher, was in seinem eigenen abgeht. Deshalb haben Neurochirurgen eine Tendenz zur Hypochondrie. Ich hatte einen Kollegen, der sich alle sechs Wochen eine Magnetresonanz machen ließ. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Alle sechs Wochen ein Schädel-MR. Einmal meinte er, er hätte ein Aneurysma, also eine Blutgefäßerweiterung. Wenig später vermutete er einen Tumor in seinem Schädel und dann wieder eine Gefäßmissbildung. Wir waren uns alle einig. Das würde bei ihm so lange weitergehen, bis er irgendwann wirklich etwas hatte.

Eine Kleinigkeit, die jeder einem Neurochirurgen gerne verzeiht. Schließlich leidet er nur selbst darunter. Schwerwiegender für das System ist es da schon, dass sie es durch ihren Stil bei der Nachbesetzung frei werdender Jobs schwächen. Grundprinzip: Flaschen sind ihnen immer willkommen, besonders dann, wenn sie mit deren Bestellung jemandem einen Gefallen tun, der ihnen später auch mal helfen kann. Gute Leute hingegen rennen sich den Kopf an. Die Neurochirurgen können nicht mit denen, die gefühlt die sind, die ihnen in der Sandkiste eine reingehauen, beim Fußball die Tore geschossen und die Mädchen gekriegt haben. Sie brauchen keine Menschen, die lernen und sich verbessern wollen oder die schon richtig gut sind, sie brauchen artige Sklaven, die über einen Piepser für sie jederzeit für die niedrigsten Dienste abrufbar sind.

„Erzählen Sie uns für den Anfang bitte einmal, warum Sie Neurochirurgin werden wollen“, sagte einer meiner Chefs einmal bei einem Hearing, bei dem ich ebenfalls zugegen war.

Die Kandidatin wirkte kompetent und engagiert. Wäre eine neurochirurgische Abteilung ein eigentümergeführter Betrieb, in dem es um Leistung und Servicequalität für Kunden, in unserem Fall für Patienten, geht, hätte sie den Job gekriegt. Selbstbewusst und sehr gut vorbereitet hatte sie mit dem Computer unter dem Arm den Raum betreten. Sie wollte Assistenzärztin werden und würde bestimmt eine gute abgeben.

Bei einem Neurochirurgen, also auch bei meinem damaligen Chef, kommt so etwas gar nicht gut an. Sie hören nur die eine Botschaft, vor der sie am allermeisten Angst haben: „Ich werde gut sein, vielleicht bald mal besser als du.”

Mein Chef entschied sich für die Strategie, ihr den Job, den sie so gern wollte, madig zu machen. Ehe sie zu Wort kam, machte er ihr durch die Blume klar, dass sie damit rechnen müsse, als bessere Krankenschwester eingesetzt zu werden. „Sie wissen ja, dass Sie bei uns nur einen ganz kleinen Bereich der Neurochirurgie kennenlernen werden“, sagte er.

Derlei greift aber bei potenziellen Leistungsträgern nicht. Die gehen davon aus, dass sie alles über Leistung so ändern können, dass es für sie passt.

„Das macht nichts“, sagte sie.

„Sie wissen auch, dass die Gehälter der Assistenzärzte gerade empfindlich gekürzt wurden.“

Auch kein guter Versuch. Welchem künftigen Leistungsträger geht es schon um Geld? Das Geld, so etwas wissen diese Menschen, kommt irgendwann von selbst.

„Das weiß ich“, sagte sie.

Also nahm er ihr die Zukunftsperspektive. „Wir können Sie nach Abschluss Ihrer Ausbildung nicht verlängern.“

Das ist einer zukünftigen Leistungsträgerin auch egal. Bei mir wird alles anders sein, denkt sie.

„Das stört mich nicht“, sagte sie.

Sie erinnerte sie mich in dem Moment an mich selbst, als ich angefangen hatte. Ich hatte auch gedacht, durch grenzenloses Engagement würde ich die Welt niederreißen und alles schaffen können. Gott, was war ich naiv. Die Bewerberin kam auch weiterhin nicht dazu, zu erklären, warum sie eigentlich unbedingt Neurochirurgin werden wollte. Denn leicht verzweifelt wandte er sich an mich. „Frau Kollegin“, sagte er, „möchten Sie als Frau der Kollegin etwas sagen?“

Ich hatte keine Lust auf sein dummes Spiel. Die Bewerberin hatte sowieso keine Chance. Die meisten neurochirurgischen Abteilungen suchen Bewerber ohne Charakter und ohne Willen zum selbstständigen Denken, weil sie das manipulierbar macht. Sie sollen nichts hinterfragen und fleißig arbeiten. Vorkenntnisse sind nicht gerne gesehen. Es gab zwei Flaschen mit Beziehungen, die gab es immer, und eine würde das Rennen machen.

„Ich möchte etwas fragen“, sagte ich. „Es interessiert mich, warum jemand mit Potenzial eine neurochirurgische Ausbildung machen möchte, wenn er A nichts dabei lernt, B wenig verdient, C hinterher gekündigt und D mit seiner schlechten Ausbildung auf den Arbeitsmarkt entlassen wird.“

Die Bewerberin war konsterniert und mein Chef bat mich bei Bewerbungen nie wieder um einen Kommentar.

Die nächste Bewerberin empfing er mit einem Lächeln. Kein Laptop unter dem Arm, mädchenhaft, leicht geduckte Körperhaltung, schlecht sitzendes Kostüm, die Haare straßenköterblond. Nickelbrille. Eine, die in der Vorlesung immer in der ersten Reihe gesessen war. Von der Haltung her eine Dienerin. Ich wusste es nicht genau, aber ich vermutete, dass sie eine der beiden Flaschen auf seiner Shortlist war.

„Warum wollen Sie Neurochirurgin werden?“, fragte er sie.

„Wissen Sie, ich habe bis jetzt im Labor gearbeitet und ich stelle es mir so schön vor, mit Patienten zu arbeiten.“

Ich hielt sie für komplett bescheuert, aber sie bekam den Job.

Ich erinnere mich auch genau an die Situation, als mein zweiter Mann einmal an der Klinik einen der Oberärzte traf. Es war ein heißer Sommertag, und mein Mann war am Weg ins Schwimmbad. Er war braungebrannt, muskulös, groß und trug coole Shorts mit Riesen-Ananas. Als der Neurochirurg ihn sah, zuckte er zunächst richtig zusammen, als ob er ein Gespenst gesehen hätte. Den Blick, den er aber dann aufzog, werde ich nie vergessen, so viel abgrundtiefen Hass sieht man selten. Denn das war genau so einer, der ihn, den kleinen fetten Streber, früher ordentlich verarscht hatte.

Seither weiß ich, dass es nicht nur Liebe auf den ersten Blick, sondern auch Hass auf den ersten Blick gibt. Da der Neurochirurg wusste, dass mein Mann Medizin studierte, konnte er sich nicht einmal damit trösten, dass er ihm intellektuell überlegen war. Aber eines ist ganz klar, auch wenn er ein Diplom von Harvard oder Yale und zwanzig Publikationen gehabt hätte, hätte mein Mann niemals eine Stelle an einer Neurochirurgie bekommen. Denn solche Leute wären eine ständige Traumatisierung und eine wandelnde Provokation für die erwachsen gewordenen Looser der Kindheit. Wieso die Neurochirurgie der stärkste Magnet für Narzissten ist, habe ich schon beschrieben. In einem Gesundheitswesen, das Ärzte auf eine Stufe mit Gott stellt und das Typen anzieht, die diese Stellung brauchen, ist in der allgemeinen Wahrnehmung das Fach Neurochirurgie das göttlichste.

Es gibt sie auch in allen anderen Fächern, unter den Internisten, unter den Gynäkologen, unter den plastischen Chirurgen und sogar unter den Zahnärzten. Aber vor allem gibt es sie bei den Neurochirurgen. Denn der Neurochirurg übt seine Macht noch universeller aus, als die Mediziner aller anderen Fachrichtungen. Er öffnet einen Schädel und tut etwas damit. Es ist für ihn der ultimative Kick. Die Wirkung von Kokain ist ein Dreck dagegen.

Zusammengefasst heißt das, will ein Neurochirurg Sie operieren, dann nehmen Sie Ihren Infusionsständer und rennen Sie, solange Sie noch können. Und da haben wir erst von den Charaktermerkmalen der Neurochirurgen gesprochen, und noch gar nicht von ihrer Ausbildung, ihrer Überlastung, ihren Drogenproblemen und all den anderen Dingen. Das kommt noch.

Und ich?

Je länger ich dabei war, desto mehr wurde ich zu einem Störfaktor in diesem System. Jemand, der nicht dazu passt.

Zwei Sätze, die gut klingen, wenn ich sie so hinschreibe, und die meinem Ego schmeicheln, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie auch stimmen. Meine Psychiaterin meint, ich habe sicher auch narzisstische Anteile, aber das muss ja nicht immer negativ sein. Im positiven Sinne sind das Leute, die es einfach angemessen finden, einen guten Job, schöne Kleidung, eine tolle Wohnung und ein ausgeglichenes Privatleben zu haben. Die finden, dass ihnen das auf jeden Fall zusteht, vielleicht noch mehr als anderen. Der Übergang zum pathologischen Narzissmus ist dann allerdings fließend und nicht immer erkennbar.

Ich gebe zu, dass auch mein erster Gedanke an ein Medizinstudium nicht nur von Selbstlosigkeit und Hingabe geprägt war. Mir war ja als Kind immer schon aufgefallen, dass alle meine Freundinnen mit Arzt-Eltern Pferde hatten, da gab es Ferienhäuser in Spanien und Swimmingpools und Tennisplätze im Garten. Seit ich fünfzehn bin, habe ich mir dann jeden Monat die „Vogue” gekauft. „Warum kaufst du dir diese blöde Zeitschrift, da sind nur Designersachen drinnen, die wirst du dir sowieso nie leisten können!”, sagte meine Mutter immer. „Komm endlich von deinem hohen Ross herunter.” Gott, was habe ich diesen Spruch gehasst. Ich wusste aber, dass ich mir diese Sachen irgendwann leisten wollte, also wollte ich einen lukrativen Job, das war ganz klar.

Wir waren als Kinder im Sommer immer im Strandbad am Wörthersee. Da gab es so einen speziellen Milchreis, mit frischen Früchten, mit Erdbeeren, Himbeeren und Waldbeeren. Ich habe den nie bekommen, „viel zu teuer” haben meine Eltern immer gesagt. Ich habe ihn vielleicht zweimal im Leben gegessen, wenn meine Oma mit war und ihn mir gezahlt hat. Und wenn wir nach Grinzing zum Heurigen gefahren sind, hat meine Mutter gesagt, da sind die Villen von diesen reichen Arschlöchern. Ich dachte mir, ich möchte einmal so ein reiches Arschloch sein. Und mir so viel Beeren-Milchreis kaufen, wie ich will. Wahrscheinlich habe ich also einfach deswegen Medizin studiert … – Nein, die ursprüngliche Intention war schon, diesen Beruf erlernen zu wollen, Menschen helfen zu können, die Operationen bestens ausführen zu können. Aber eben auch, ein sorgenfreies Leben zu haben, insbesondere durch den finanziellen Hintergrund.

Aber weit gefehlt, vollkommen falsche Entscheidung, das sind einfach andere Zeiten gewesen, vor zwanzig oder dreißig Jahren. Unsere heutige Generation von Ärzten, mit der heutigen Bezahlung, ist komplett anders. Da gibt es jetzt nur mehr Bankrott, Mahnungen und gesperrte Konten.

Inzwischen kommt es sogar vor, dass ein Chefarzt den Ärzten monatliche Sonderklassengelder nicht ausbezahlt, wenn sie gerade in Urlaub sind, und hofft, dass das nicht bemerkt wird. Und da geht es um Summen wie hundert Euro, wie lächerlich ist das denn?

Am Gymnasium war ich dann auch immer ein Störfaktor, genauso wie später an der Neurochirurgie. Mit siebzehn war ich schwer verliebt in meinen Freund, der bereits studierte. Ich hing immer mit ihm vormittags in den Cafés ab und hatte infolgedessen sehr schnell das freiwillige Vorlesungssystem der Universität auf die Schule übertragen. Was bedeutete, dass ich nur mehr für die Hauptgegenstände in die Schule kam, und dabei vorzugsweise für Mathematik. Meine Fehlstunden explodierten, die Schulnoten fielen in den Keller. Als meine Eltern mir Hausarrest verpassten, stieg ich nachts aus dem Fenster, um meinen Freund zu sehen. Mein Vater nahm mich aus dem Gymnasium. Zur Strafe steckte er mich in die Krankenschwesternschule. Bereits nach drei Monaten begann ich, für die Externistenmatura zu lernen, weil mir klar war, dass ich das nicht mein Leben lang machen würde. Respekt vor den Krankenschwestern, aber für mich war das nichts. Zu wenig Geld und dafür zu viel rumgeschubst werden. Also machte ich die Matura und studierte Medizin. Das schien mir eine realistische Aussicht auf einen gehobenen Lebensstil zu bieten.

Während des Studiums bemerkte ich, dass mir Sezieren Spaß machte. Ich hatte die Geduld, ewig an den Gefäßen und Nerven zu präparieren, damit konnte ich mich für Stunden beschäftigen. Also Chirurgie.

In den Sommerferien arbeitete ich während des Studiums weiter als Schwester in einem Krankenhaus und verliebte mich in einen Patienten. Er lag auf der neurochirurgischen Station. Wegen einer Zyste und wegen epileptischer Anfälle.

Die Ärzte schickten ihn mit Medikamenten gegen die Anfälle wieder nach Hause. Ich fischte mir seine Daten aus dem Computer und schrieb ihm einen unverfänglichen Brief: „Hey, wie geht’s? Wir haben uns im Krankenhaus kennengelernt. Melde dich doch mal.”

Wir verliebten uns und heirateten sehr schnell, es war zunächst eine sehr schöne und unbeschwerte Zeit. Jedoch hörten seine epileptischen Anfälle trotz der ganzen Medikamente nicht auf. Die Ärzte entschlossen sich zu einer Operation. Dabei fanden sie leider keine Zyste, sondern einen Hirntumor. Der Tumor meines Mannes hatte den Grad zwei bis drei. Das ist sozusagen die Grauzone zwischen gutartig und bösartig und legt eine Bestrahlung nahe.

Mein Mann wollte seine Krankheit nicht wahrhaben. Also musste ich mich allein damit befassen. Als ich alles darüber nachgelesen und begriffen hatte, dass der Tumor nach der Bestrahlung sehr wahrscheinlich wiederkommen würde, heulte ich zwei Tage lang ununterbrochen. Auch deshalb, weil ich gerade mit Zwillingen schwanger war und mich meine Familie mit meinem Wissen allein ließ.

„Unmöglich“, sagte meine Mutter. „Er stirbt nicht. Er sieht so gesund aus und er kriegt ja jetzt Kinder.“

Kurz nach meinem Studienabschluss, als die Zwillinge schon auf der Welt waren, musste bei meinem Mann eine zweite Operation durchgeführt werden, da der Tumor nachgewachsen war. Der behandelnde Neurochirurg meines Mannes führte mich in sein Büro. „Es ist jetzt ein sehr bösartiger Tumor, Grad vier“, sagte er. „Ihr Mann lebt nicht mehr lange. Er kann gerade noch das Notwendigste erledigen.“

Ich fragte mich in diesem Moment nur, was er denn regeln sollte, schließlich waren wir keine Millionäre, die schnell noch fünf Millionen von da nach dort schieben mussten. Immerhin war ich aber darauf vorbereitet gewesen, was mir in den nächsten Monaten bevorstand. Später, als ich selbst in der Neurochirurgie arbeitete, wurde mir klar, dass dieser Arzt noch sehr menschlich gehandelt hatte und ein guter Neurochirurg gewesen war. Die Neurochirurgen, die ich danach kennenlernte, ließen solche Hiobsbotschaften mal eben während der Visite am Fußende des Bettes fallen, und ehe die Patienten richtig kapierten, was sie eben gehört hatten, waren sie schon wieder weg.

Ich hatte Studienkollegen, die auch in der Chirurgie Praktika gemacht und dort gesehen hatten, wie den Patienten bei der Visite oder sogar am Gang ihre schweren Diagnosen, ihre Todesurteile sozusagen, mitgeteilt wurden. Viele Studenten sagten danach, sie würden niemals in die Chirurgie gehen wollen, denn sie wollten nicht zu solchen Monstern werden.

Der Tumor meines Mannes war also inzwischen bis zu Grad vier fortgeschritten, ein so genanntes Glioblastom. Das bedeutete, dass er noch rund sechs Monate zu leben hatte, eine Prognose, die dann auch ziemlich genau zutraf.

Ich verlor in dieser Phase eine Menge Illusionen über Menschlichkeit und Liebe, über Not und Nähe, über das Dasein für einander, über das „bis der Tod euch scheidet“ und über mich selbst. Zwischen dem Hoffen und dem Verdrängen meines Mannes, in einer Zeit, in der Zukunftsplanung für mich zu einem Tabuthema wurde, fingen wir schrecklich zu streiten an. Wir trennten uns sogar noch, ehe er in einem deutschen Pflegeheim starb.

Ich hatte dabei gelernt, wie wenig in unserer Gesellschaft Leben und Tod zusammenpassen. Meine Lebenssituation hatte mich unter meinen Studienkollegen zur unwillkommenen Person gemacht. Wenn ich mit einigen von ihnen bei einem Glas Wein saß und ihnen von mir erzählte, sah ich sie danach höchstens noch aus der Ferne an der Uni. Ist auch ganz klar, keiner traut sich mehr über seine alltäglichen Probleme zu reden. Die Leute kommen sich blöd vor, wenn sie über ihr Übergewicht, einen vertrottelten Professor oder einen Artikel in einer Zeitschrift diskutieren, und es sitzt jemand daneben, der denken könnte, wie unnötig und oberflächlich solche Gedanken sind. Aber gerade in schwierigen Lebenssituationen wäre genau so etwas mal notwendig. Denn die Gespräche mit meinem Mann, das war immer wie ein Tanz auf einem Minenfeld. Nächstes Weihnachten, nächstes Ostern, das durfte ich alles nicht ansprechen, wir wußten ja nicht, ob er nicht möglicherweise im Krankenhaus ist. Nächster Sommerurlaub, den Gedanken daran bloß vermeiden. Würde er da überhaupt noch leben? Ständig kleine Messerstiche ins Herz, unbemerkt, aber doch scharf.

Gerade Ärzte tun sich manchmal schwer, mit dem Tod in ihrer eigenen Nähe umzugehen. Eine Neurochirurgin, mit der ich später im Team arbeitete, musste ihren Mann, der an Darmkrebs litt, über viele Monate durch die Krankheit begleiten. Sie begleitete ihn durch all die Therapien, nur um am Ende zuzusehen, wie die Schmerzmittel nicht mehr wirkten und er hilflos starb. Sie stellte daraufhin die Sinnhaftigkeit unseres Tuns grundlegend infrage. Wenig später bekam sie Bauchschmerzen, und ein Arzt diagnostizierte viel zu voreilig auch bei ihr Darmkrebs. Eben hatte sie noch gedacht, durch die Hölle gegangen zu sein, jetzt sah es so aus, als läge die erst vor ihr. Es war dann nur ein Blinddarmdurchbruch, aber sie hatte dennoch genug. Sie schickte uns wenig später eine Ansichtskarte aus der Karibik, mit Segelboot und blauem Meer. Sie kam nie wieder.

Ich denke, bei mir lief es umgekehrt. Mich hat dieses Spannungsverhältnis zwischen meinen kleinen Kindern und meinem sterbenden Mann, zwischen dem prallen Leben und dem Tod, sogar angetrieben. Ich habe mich in einer Zeit für die Neurochirurgie entschieden, als ich alle sechs Monate auf einen neuen Befund warten musste. In einer Zeit, in der ich mich ständig fragte, wie schlimm es werden würde und wie lange es noch gehen würde, und in der ich wegen meiner reaktiven Depression Psychopharmaka bekam.

Auch mir teilte ein Oberarzt bei meinem ersten Hearing durch die Blume mit, dass ich es mir besser noch einmal überlegen sollte, und auch ich ließ mich davon in meinem Schwung nicht bremsen.

„Sie haben doch Kinder“, sagte er. „Ich hoffe, Sie wissen, dass Sie bei uns immer erst frühestens um acht Uhr abends heimkommen, und zwar jeden Abend. Am Wochenende sind alle Kollegen hier und arbeiten in der Bibliothek, und ich meine damit wirklich alle, nicht nur die Diensthabenden.“

Den Job bekam ein anderer, aber ich suchte weiter. Jetzt erst recht die Neurochirurgie, dachte ich. Aber wollte ich Menschen retten, als ich meine Berufswahl traf? Wollte ich verhindern, dass es anderen Menschen so ging wie meinem Mann, oder ihr Schicksal zumindest verbessern? Schließlich bringt selbst eine erfolgreiche Tumoroperation nie Genesung sondern immer nur Lebenszeit, meistens nur ein paar Monate.

Ich weiß es nicht. Ich glaube, es stimmt schon, die Grundlage meiner Entscheidung für die Medizin war mein Wunsch nach einem schicken Leben, und meine Entscheidung für die Neurochirurgie fiel höchstens aus Neugierde. Ich wollte wissen, was da passiert war. Ich wollte wissen, was so einen Schatten über mein Leben als junge Frau und Mutter geworfen hatte. Vielleicht heißt das, dass es auch mir bei meiner Entscheidung nicht um die Menschen, sondern um die Krankheit ging.

Den Oberarzt, der mir meine Berufsentscheidung nicht ausreden wollte und mir meine erste Stelle als Assistenzärztin an einer neurochirurgischen Abteilung gab, kannte ich. Er kannte mich ebenfalls. Er ordnete mich nur falsch zu.

„Sie waren doch in unserem Endoskopiekurs“, sagte er bei meinem Bewerbungsgespräch.

Ich nickte. Dabei stimmte es nicht. Ich erzählte ihm nichts davon, wie er mir einmal mitgeteilt hatte, dass mein Mann, der Vater meiner kleinen Babys, nur noch wenige Monate zu leben hätte. Ich habe es ihm bis heute nicht erzählt.

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