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Iris Böschen
Makroökonomik und Wirtschaftspolitik
Ein Lehrbuch zur Entwicklung nach der Weltwirtschaftskrise 2009
Herausgegeben von: Thomas Kirchhoff, Nicole C. Karafyllis, Dirk Evers, Brigitte Falkenburg, Myriam Gerhard, Gerald Hartung, Jürgen Hübner, Kristian Köchy, Ulrich Krohs, Thomas Potthast, Otto Schäfer, Gregor Schiemann, Magnus Schlette, Reinhard Schulz, Frank Vogelsang
Mohr Siebeck GmbH & Co. KG

Inhaltsverzeichnis
Widmung
Vorwort
Abkürzungsverzeichnis
Worum es gehtDie IdeeWas ist Makroökonomik und was Wirtschaftspolitik?Zu den Inhalten des Buches
Kapitel 1: Wenn die Wirtschaft wächst …1.1 Das Bruttoinlandsprodukt1.2 Zum Begriff Wirtschaftswachstum1.3 Prognose des wirtschaftlichen Wachstums1.3.1 Stilisierte Fakten1.3.2 Theorien zur Erklärung des wirtschaftlichen Wachstums1.3.3 Empirische Ansätze zum Wirtschaftswachstum1.4 Fazit
Kapitel 2: Wie entsteht eine Rezession?2.1 Was ist ein Konjunkturzyklus?2.2 Konjunkturdiagnose2.3 Konjunkturprognose2.4 Konjunkturtheorien2.4.1 Vorkeynesianische Konjunkturtheorien2.4.2 Keynesianische Konjunkturmodelle2.4.3 Neoklassisches Konjunkturmodell2.4.4 Polit-ökonomisches Konjunkturmodell2.4.5 Internationaler Konjunkturzusammenhang2.5 Warum sind Konjunkturschwankungen problematisch?2.6 Konjunkturpolitik2.6.1 Konjunkturpolitik auf der Grundlage keynesianischer Erklärungsansätze2.6.2 Konjunkturpolitik auf der Grundlage neoklassischer Theorien2.6.3 Sonstige Konjunkturpolitiken2.7. Fazit
Kapitel 3: Welche Rolle hat der Staat?3.1 Wieviel Staat ist nötig?3.2 Aufgaben und Grundsatzpositionen der Finanzpolitik3.2.1 Allokation3.2.2 Distribution3.2.3 Stabilisierung3.3 Einnahmen- und Steuerpolitik3.3.1 Finanzierung der Aufgaben3.3.2 Steuerpflicht, Steuerlast, Steuervermeidung3.3.3 Gemeinschaftssteuern3.3.4 Bundessteuern3.3.5 Landessteuern3.3.6 Kommunale Steuern3.3.7 Steueraufkommen und Steuersätze3.3.8 Zwischenfazit zu den Einnahmen des Staates3.4 Ausgabenpolitik3.4.1 Auf- und Ausgabenkategorien3.4.2 Ökonomische Beurteilung einzelner Ausgabenkategorien3.4.3 Zwischenfazit zu den Ausgaben des Staates3.5 Was soll der Staat leisten?3.6 Fazit
Kapitel 4: Was kann die Europäische Zentralbank tun?4.1 Zur Rolle einer Zentralbank4.2 Die Zentralbank, die Bürger und der Staat4.3 Zusammensetzung der Geldmengen4.3.1 Formen des Geldes4.3.2 Geldschöpfung im Bankensystem4.3.3 Geldmengenaggregate – die Steuerungsgröße der EZB4.4. Ziele der Geldpolitik4.4.1 Wie wird Inflation bzw. wie werden Preisniveauänderungen gemessen?4.4.2 Ursachen und Folgen von Inflation4.4.3 Geldpolitische Strategien4.5. Geldpolitische Instrumente4.5.1 Offenmarktpolitik4.5.2 Ständige Fazilitäten4.5.3 Notenbankfähige Sicherheiten4.5.4 Mindestreservepolitik4.5.5 ‚Outright‘-Geschäfte4.6. Die Taylor-Regel4.7 Fazit
Kapitel 5: Ist der Titel Exportweltmeister ‚gut‘?5.1 Einführung5.2 Chancen und Risiken freien Außenhandels5.2.1 Gründe für Handel mit anderen Volkswirtschaften5.2.2 Theoretischer Hintergrund5.5.3 Erfahrungen5.3 Das Konzept der Zahlungsbilanz5.3.1 Leistungsbilanz5.3.2 Vermögensänderungsbilanz und Restposten5.3.3 Kapitalbilanz5.3.4 Beispiele5.3.5 Grundlagen der Zahlungsbilanzanalyse und empirische Daten5.4 Außenhandelspolitik am Beispiel von Handelshemmnissen5.4.1 Damals und heute5.4.2 Die Schutzwirkung von Zöllen5.4.3 Importquote5.4.4 Exportsubvention5.4.5 Weitere Instrumente der Außenhandelspolitik5.4.6 Zwischenfazit zu den Handelshemmnissen5.5 Freihandelsabkommen5.6 Fazit
Kapitel 6: Brauchen wir Tarifverhandlungen?6.1 Einführung6.2 Das Beschäftigungsziel6.3 Der Arbeitsmarkt als Faktormarkt6.3.1 Zur Nachfrage nach Arbeit6.3.2 Zum Angebot der Arbeit6.4 Migration und Arbeitsmarkt6.4.1 Motive von Zuwanderung6.4.2 Ein Migrationsmodell auf der Basis der komparativen Kostenvorteile nach David Ricardo6.4.3 Neoklassisches Modell der Migrationswirkungen6.4.4 Zwischenfazit zur Migration6.5 Erklärungsansätze hoher Arbeitslosenquoten6.5.1 Ursachen der Arbeitslosigkeit6.5.2 Saisonale Arbeitslosigkeit6.5.3 Gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit6.5.4 Mismatch-Arbeitslosigkeit6.5.5 Zwischenfazit zu den Ursachen der Arbeitslosigkeit6.6 Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen und Tarifautonomie6.7 Fazit
Kapitel 7: Ob erwerbsunfähig, arbeitslos oder in Not – das soziale Netz hält7.1 Einführung7.2 Kriterien der Sozialpolitik7.2.1 Gleichbehandlung ist unabdingbar7.2.2 Die Bedürftigkeit ist zu prüfen7.2.3 Trennung von Wirtschafts- und Sozialpolitik7.2.4 Trennung von Versicherungs- und Sozialpolitik7.2.5 Keine Leistungen zu Lasten künftiger Generationen7.2.6 Selbständigkeit statt Abhängigkeit des Einzelnen stärken7.3 Sozialhilfe für nicht erwerbsfähige Bürger7.3.1 Bereiche der Sozialhilfe7.3.2 Kategorien und Höhe der Sozialhilfe7.3.3 Beurteilung7.4 Grundsicherung für Erwerbsfähige7.4.1 Wer bezieht Hartz IV und wie hoch sind die Aufwendungen?7.4.2 Integration in den Arbeitsmarkt und Sanktionen7.4.3 Beurteilung7.5. Grundsicherung für Asylbewerber und anerkannte Asylanten7.5.1 Asylbewerber im Jahr 2015 in Deutschland7.5.2 Leistungen gemäß Asylbewerberleistungsgesetz7.5.3 Beurteilung7.6 Fazit
Kapitel 8: Ist die Rente sicher?8.1 Einführung8.2 Eckdaten der gesetzlichen Rentenversicherung Deutschlands8.3 Was wird in der Rentenversicherung versichert?8.4 Der Generationenvertrag und das Umlageverfahren8.5 Muss ein Rentenversicherungssystem über den Staat organisiert werden?8.6 Welche Finanzierungsvarianten sind umsetzbar?8.7 Fazit
Kapitel 9: Die gesetzliche Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung9.1 Die gesetzliche Arbeitslosenversicherung9.1.1 Einführung9.1.2 Was wird versichert?9.1.3 Versicherungspflicht oder Pflichtversicherung?9.1.4 Welches Absicherungssystem ist zu wählen?9.1.5 Fazit9.2. Die gesetzliche Krankenversicherung9.2.1 Einführung9.2.2 Welches Risiko wird in einer Krankenversicherung abgesichert?9.2.3 Wie kann die Versicherungspflicht begründet werden?9.2.4 Welches Versicherungssystem ist zu wählen?9.2.5 Fazit9.3. Die gesetzliche Pflegeversicherung9.3.1 Einführung9.3.2 Was wird versichert?9.3.3 Versicherungspflicht oder Pflichtversicherung?9.3.4 Umlage- oder Kapitaldeckungsverfahren?9.3.5 Fazit9.4. Zusammenfassung
Kapitel 10: Was bringt uns der Wettbewerb?10.1 Einführung10.2 Marktgleichgewicht und Renten10.3 Marktformen und Wettbewerb10.4 Wettbewerb und intergenerative Kooperation10.5 Fazit
Kapitel 11: ‚SMART‘e Wirtschaftspolitik 11.1 Das Stabilisierungsziel 11.2 Wie werden diese Ziele operationalisiert? 11.3 Volkswirtschaftliche Denkschulen und deren Synthese 11.4 Wenn die Politiker ihre eigenen Ziele verfolgen 11.5 Instrumente der Wirtschaftspolitik 11.6 Fazit
Kapitel 12: Prüfungsvorbereitung12.1 Allgemeines zur Vorbereitung12.2 Klausuraufgaben zur Vorbereitung nach Themengebieten12.2.1 Konjunktur12.2.2 Konjunktur und Geldpolitik12.2.3 Staatsfinanzen und Konjunktur12.2.4 Geldpolitik12.2.5 Außenwirtschaft12.2.6 Außenwirtschaft12.2.7 Geldpolitik und Außenwirtschaft12.2.8 Arbeitsmarkt und Wachstum12.2.9 Zum Arbeitsmarkt und zur Tarifautonomie12.2.10 Arbeitsmarkt und internationale Wettbewerbsfähigkeit12.2.11 Zum Arbeitsmarkt und zur Konjunktur12.2.12 Zur Rentenpolitik12.2.13 Zur Rentenpolitik
Anhang
Literaturverzeichnis
Personenregister
Sachregister
[Zum Inhalt]
|V|Für Claus Böschen
(* 11.02.1935, †13.08.2017)
[Zum Inhalt]
|VII|Vorwort
Die Idee, diese Texte zu Vorlesungen zur Makroökonomie und Wirtschaftspolitik zu schreiben, stammt von Studierenden des Bachelor-Studienganges Business Administration an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Diesen jungen Studierenden, die durch ihre Diskussionsbereitschaft und Anmerkungen zur Verständlichkeit der Texte beigetragen haben, möchte ich sehr danken. Der Austausch mit Ihnen hat mir sehr viel Spaß gemacht!
Mein besonderer Dank gilt, wenn auch posthum, meinem akademischen Lehrer Prof. Dr. Johann Eekhoff (25.7.1941–3.3.2013). Den großen Zusammenhängen zwischen Wachstum, Konjunktur, Staatshandeln, Geldpolitik, dem Arbeitsmarkt, der sozialen Sicherung und dem Wettbewerb hat Johann Eekhoff einen großen Stellenwert in seinen Vorlesungen zur Allgemeinen Volkswirtschaftslehre beigemessen. Ebenso hat Johann Eekhoff das Detail in Betracht gezogen und die mikroökonomische Basis in die Analysen integriert. Mit diesem Buch für Studierende betriebswirtschaftlicher Studiengänge versuche ich, es ihm in dieser Hinsicht nach zu tun. Für besonders lehrreiche Jahre am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik von Prof. Dr. Eekhoff an der Universität zu Köln bin ich nach wie vor sehr dankbar.
Danken möchte ich meinen Kolleginnen und Kollegen, die sich an Diskussionen beteiligt und damit immer wieder wertvolle Beiträge und Ideen für die Umsetzung geleistet haben.
Nicht zuletzt bin ich dankbar für den Freiraum, mit diesem Buch der jungen Generation Mut machen zu dürfen, in einer alternden Gesellschaft die eigenen Interessen mit Durchsetzungskraft zu verfolgen. Unsere Demokratie braucht dringend die aktive, politische Beteiligung der jungen Generation!
Besonders hilfreich war es, nicht nur im Sinne der Work-Life-Balance, sondern auch aufgrund all der interessanten Gespräche während des Schreibens, viele schöne Stunden mit meinen Kindern verbracht zu haben.
Köln, am 3. März 2017 Iris Böschen
[Zum Inhalt]
|XV|Abkürzungsverzeichnis
| A | Arbeit(svolumen), Angebot |
| AAl1 | Arbeitsangebot beim Reallohnsatz 1 |
| AFHi | Angebot bei Freihandel im Inland |
| ANE | Arbeitnehmerentgelte |
| ANl1 | Arbeitsnachfrage beim Reallohnsatz 1 |
| APA | Arbeitsproduktivität je Arbeitsstunde |
| APE | Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigem |
| AsylblG | Asylbewerberleistungsgesetz |
| B | Boden |
| Bill. | Billionen, 1000 Mrd. |
| BIP | Bruttoinlandsprodukt |
| BIPreal | reales Bruttoinlandsprodukt |
| BKK | Betriebskrankenkasse |
| BMWi | Bundesministerium für Wirtschaft und Energie |
| BNP | Bruttonationalprodukt |
| BRIC | Brasilien, Russland, Indien, China |
| BuBa | Bundesbank |
| c | Konsumneigung |
| CG | Staatskonsum |
| CH | Konsum der privaten Haushalte |
| c.p. | ceteris paribus |
| DIHK | Deutscher Industrie- und Handelskammertag |
| DIW | Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung |
| ESM | Europäischer Stabilitätsmechanismus |
| EStG | Einkommensteuergesetz |
| ESZB | Europäisches System der Zentralbanken |
| ETH | Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich |
| EU | Europäische Union |
| Ew | Einwohner |
| EWWU | Europäische Wirtschafts- und Währungsunion |
| Ex | Export |
| EZB | Europäische Zentralbank |
| f (x) | Funktion von x |
| FAZ | Frankfurter Allgemeine Zeitung |
| FH | Freihandel |
| GB | Geschäftsbanken |
| GfK | Gesellschaft für Konsumforschung |
| GKV | Gesetzliche Krankenversicherung |
| GPV | Gesetzliche Pflegeversicherung |
| GRV | Gesetzliche Rentenversicherung |
| GTAI | German Trade and Invest GmbH |
| HVPI | Harmonisierter Verbraucherpreisindex |
| HWWA | Hamburgisches Weltwirtschaftsarchiv |
| I | Investitionen |
| Ifo | Institut für Wirtschaftsforschung |
| IfW | Institut für Weltwirtschaft |
| IHK | Industrie – und Handelskammer |
| IHS | Institut für Höhere Studien |
| IIA | Internationales Investitionsabkommen |
| Im | Import |
| IWF | Internationaler Währungsfonds |
| IWH | Institut für Wirtschaftsforschung Halle |
| k | Akzelerator |
| K | Kapital |
| k.A. | keine Angaben |
| KOF | Konjunkturforschungsstelle |
| l | Reallohnsatz |
| LSTK | Lohnstückkosten |
| M | Geldmenge, z.B. M1, M2, M3 |
| MD | Importnachfrage |
| MFH | Importe bei Freihandel |
| Mio. | Millionen |
| MQ | Importe bei einer Quote |
| MwSt | Mehrwertsteuer |
| N | Nachfrage |
| NFHi | Nachfrage bei Freihandel im Inland |
| NGO | Nicht-Regierungsorganisation |
| o.V. | ohne Verfasser |
| OECD | Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung |
| OMT | Außerordentliche monetäre Transaktionen |
| OPEC | Organisation Erdöl exportierender Länder |
| p | Preis, Profit |
| Pi* | Gleichgewichtspreis im Inland |
| PKW | Personenkraftwagen |
| ps | Preis bei Exportsubvention |
| pw | Weltmarktpreis |
| Q | Menge |
| q1, q2 | Gütermengen |
| Qw,t | Weltabsatzmenge bei Zoll |
| ROW | Rest oft he World |
| RV | Rentenversicherung |
| RWI | Rheinisch-Westfälisches Institut |
| S | Ersparnis, Subvention |
| s | Sparneigung, Sparquote |
| SGB | Sozialgesetzbuch |
| SMART | spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert |
| SVR | Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung |
| t | Zeit, Periode, Steuersatz, Zollsatz |
| T | Transformationskurve |
| Tmax | maximales Steueraufkommen |
| TTIP | Transatlantic Trade and Investment Partnership |
| UG | Umlaufgeschwindigkeit |
| UN | United Nations |
| UNCTAD | United Nations Conference on Trade and Development |
| UNHCR | United Nations High Commissioner for Refugees |
| USA | United States of America |
| USD | US-Dollar |
| UVE | Unternehmens- und Vermögenseinkünfte |
| Vj. | Vorjahr |
| w | Wachstumsrate |
| WIFO | Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung |
| WP | Wertpapiere |
| x1, x2 | Güter |
| XS | Exportangebot |
| Y | Output, Bruttoinlandsprodukt, Einkommen |
| ZB | Zentralbank |
| ZEW | Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung |
| ΔW | Wohlfahrtsveränderung |
[Zum Inhalt]
|1|Worum es geht
Die Idee
Dieses Buch zur Makroökonomik und Wirtschaftspolitik wurde insbesondere für Studierende der Betriebswirtschaftslehre, Business und Public Administration, Wirtschaftspsychologie u.a. konzipiert. Es ist in zwölf Abschnitte unterteilt. Der Vorteil liegt darin, dass erstens die üblicherweise als sehr theoretisch empfundene Makroökonomik durch den Anwendungsbezug und die weitreichende Bedeutung der Wirtschaftspolitik für das tägliche Leben interessanter sowie verständlicher wird und dass zweitens ein eindeutiger Erwartungshorizont im Hinblick auf die Prüfungsleistung aufgespannt wird. Trotz der Anwendungsorientierung darf die theoretische Basis nicht außeracht gelassen werden. In jedem Abschnitt – abgesehen vom letzten zur Prüfungsvorbereitung – wird in einem einführenden Teil die Relevanz für das tägliche Leben und Arbeiten erläutert. Daran schließen sich ein Theorieteil sowie ein anwendungsbezogener, d.h. in der Regel wirtschaftspolitischer Teil an. Zwischendrin werden Beispiele aus der aktuellen Politik aufgeführt. Die Studierenden werden bei paralleler Lektüre von Tageszeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, des Handelsblatts, der Süddeutschen Zeitung und der Neuen Zürcher Zeitung nach und nach die spezielle ökonomische Sichtweise auf die Prozesse, mit denen wir Bürger täglich konfrontiert sind, verstehen und diskutieren lernen.
Was ist Makroökonomik und was Wirtschaftspolitik?
Die Makroökonomik wird als die Wissenschaft bezeichnet, mit der gesamtwirtschaftliche Vorgänge betrachtet werden. Es geht um den Haushalts- und den Unternehmenssektor sowie den Staat und die Beziehungen zum Ausland. Dabei ist von Bedeutung, dass nicht das Handeln des Einzelnen (des Bürgers als Konsument, Unternehmer, Arbeitnehmer, als Teil der Gesellschaft) angeschaut wird, sondern dass alle Konsumenten im Sektor ‚Haushalte‘ zusammenfasst werden und das Handeln dieses Aggregats angesehen wird. Alle Unternehmer stellen den Unternehmenssektor dar.
Abbildung 1:
Sektoren in einer geschlossenen Volkswirtschaft (Quelle: Eigene Darstellung).
Wir analysieren in der Makroökonomik beispielsweise den Arbeitsmarkt, die Verteilung der Einkommen in der Gesellschaft, den gesamtwirtschaftlichen Konsum, das gesamtwirtschaftliche Güterangebot der Unternehmen, den Kapitalmarkt, die Investitionstätigkeit der Unternehmen und des Staates, das Angebot an öffentlichen Gütern, die Einnahmenseite des Staates oder die Export- und Importtätigkeit der Unternehmen. Die Theoretiker bedienen sich zur Analyse der makroökonomischen |2|Modellbildung. Die sogenannten Gleichgewichtsansätze weisen gleichwohl häufig eine mikroökonomische Fundierung auf. So werden in den Arbeitsmarktmodellen ein durchschnittlicher Lohnsatz sowie das gesamtwirtschaftliche Angebot an Arbeit und die entsprechende Nachfrage seitens der Unternehmen zugrunde gelegt.
Aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Sektoren können sich inhaltlich unterschiedliche Untersuchungsbereiche ergeben. Ein Bereich betrifft die sogenannte Allokation, d.h. die Lenkung der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital, Boden und auch Umwelt sowie Wissen in deren optimale Verwendungen. Üblicherweise planen sowohl die Konsumenten als auch die Unternehmen und der Staat ihre Aktivitäten hinsichtlich der Ausgaben und auch der erwarteten Einnahmen. Bei der Umsetzung wird in der Regel entweder das Minimalprinzip (geringstmöglicher Aufwand) oder das Maximalprinzip (höchstmöglicher Zielerreichungsgrad) berücksichtigt. Wenn eine Prozessplanung nicht möglich ist, kommt es zu suboptimalen Ergebnissen auf den verschiedenen Märkten und für die verschiedenen Sektoren.
Ein weiterer Bereich ist die Verteilung der Einkommen, die in einer Volkswirtschaft erwirtschaftet werden. In Abhängigkeit der Qualifikation und der Berufserfahrungen erwirtschaften die privaten Haushalte unterschiedlich hohe Einkommen. Eine Umverteilung zwischen relativ gering Verdienenden und denjenigen, die relativ hohe Einkommen erwirtschaften, erfolgt in Deutschland unter anderem über den Einkommensteuertarif und Transfers an private Haushalte. Nun ist erkennbar, dass sowohl die Altersarmut als auch die Jugendarmut Themen sind, die aktuell und in der Zukunft eine zunehmende Bedeutung erfahren. Es stellt sich den Makroökonomen und den Wirtschaftspolitikern u.a. die Frage, wie dieses Verteilungsproblem zu lösen ist.
Ein weiterer Bereich, in dem Schwierigkeiten aus dem Zusammenwirken der Sektoren resultieren können, ist die Verteilung der Macht. Kann ein Unternehmen die gesamte Nachfrage nach einem bestimmten Produkt auf sich vereinen, so hat es Preissetzungsmacht. Damit sind die Konsumenten gegenüber einer Situation, in der der Markt wettbewerblich organisiert ist, benachteiligt. Der Preis ist zu hoch. Die Lösung besteht darin, eine Ordnung für das wirtschaftliche Handeln und Entscheiden |3|gesetzlich festzulegen, die das Entstehen von Marktmacht verhindert. Ein Beispiel ist das deutsche Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen.
In der Makroökonomie geht es zusammenfassend darum, gesamtwirtschaftliche Entwicklungen zu beschreiben (Empirie), gesamtwirtschaftliche Beziehungen zu erklären (Theorie) sowie Vorschläge zur Problemlösung zu geben (Politik). Aber was hat das mit betriebswirtschaftlichen Überlegungen und Entscheidungen zu tun? Warum ist die Kenntnis der makroökonomischen Entwicklungen für einen Unternehmer von Bedeutung? Der Zusammenhang ergibt sich über die Beschaffungs- und die Absatzmärkte. Auf diesen Märkten spielt der Preis für die Ware oder die Dienstleistung eine große Rolle in Hinblick auf die Erlöse der Unternehmen sowie auf deren Verluste. Makroökonomische Schlüsselgrößen, die die Erlöse und Kosten beeinflussen, sind u.a. die Konjunkturerwartungen in In- und Ausland, die Absatzerwartungen und die Einkommensentwicklung. Politikbereiche, die diese Größen ihrerseits beeinflussen, sind die Tariflohnpolitik, die Geldpolitik der Zentralbank, die Finanzpolitik des Staates, die Wettbewerbspolitik etc. Da die wechselseitigen Abhängigkeiten groß sind, ist es für künftige Unternehmer wie auch Beamte unabdingbar, die makroökonomischen Prozesse und die wirtschaftspolitischen Maßnahmen zu verstehen.
Zu den Inhalten des Buches
Im ersten Abschnitt steht das wirtschaftliche Wachstum im Fokus der Betrachtung. Nicht zu verwechseln ist es mit dem Wohlstand. Gleichwohl wird auf die Bedeutung des wirtschaftlichen Wachstums für den Konsumenten, den Unternehmer, den Staat abgehoben. Das zweite Kapitel ist der Erläuterung der Ursachen und Folgen der verschiedenen Phasen eines Konjunkturzyklus’ gewidmet. Nachdem die deutsche Wirtschaft 2009 in eine Rezession ‚gestürzt‘ ist, werden die Auswirkungen auf die verschiedenen Märkte unter zu Zuhilfenahme relativ ‚junger‘ empirischer Daten erklärt. Die Auswirkungen einer Rezession wie auch eines Booms betreffen über die Einnahmen aus Steuern, Gebühren und Beiträgen und die Ausgaben für die Finanzierung öffentlicher Aufgaben den Staat. Möglicherweise ist hier zudem eine Ursache für konjunkturelle Schwankungen zu finden. Diese Fragen werden in Kapitel 3 thematisiert. Wenn es um die Auswirkungen konjunktureller Schwankungen geht, ist ebenfalls die Zentralbank als Hüterin der Geldwertstabilität gefragt. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank wird im vierten Kapitel dargestellt und erläutert. Insbesondere vor dem aktuellen Hintergrund der in der Presse häufig erwähnten drohenden inflationären Tendenzen werden geldtheoretische Ansätze, die geldpolitischen Instrumente sowie deren Einsatz in der jüngeren Vergangenheit dargestellt. Im fünften Abschnitt des vorliegenden Buches soll die Frage beantwortet werden, wie der Titel ‚Exportweltmeister‘ zu beurteilen ist. Der Außenhandel ist für die wirtschaftliche Stabilität Deutschlands von Bedeutung, da viele Arbeitsplätze in exportorientierten Branchen bestehen und ein hoher Anteil unseres Bruttoinlandsproduktes in diesem Bereich erwirtschaftet wird. Wie wirkt sich eine Rezession auf diese Branchen aus? Was bedeutet es genau, ‚Exportweltmeister‘ zu sein? Werden Kapitalgüter in das Ausland exportiert, die dort |4|zu höheren Wachstumsraten der Wirtschaft führen und bei uns künftig zu einer Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums? Wie sind Freihandelsabkommen zu bewerten? Was geschieht nach der Abwertung des chinesischen Yuan Renminbi mit den Exportchancen deutscher Unternehmen? Abschnitt 6 ist dem Arbeitsmarkt gewidmet. Auf diesem für Politiker insbesondere kurz vor den Wahlen so wichtigen Markt gilt es, einen hohen Beschäftigungsstand zu erreichen. Immerhin sind in Deutschland rund die Hälfte der Menschen erwerbstätig und Wähler. Der Arbeitsmarkt weist wichtige Charakteristika auf und wird ebenfalls von konjunkturellen Einflüssen bewegt. Im Guten wie im Schlechten sind der Staat und die Beschäftigung eng miteinander verbunden: Ist die Erwerbstätigkeit hoch, sprudeln die Steuereinnahmen und die Ausgaben für die soziale Sicherung halten sich in (demografisch festgelegten) Grenzen. Ist die Arbeitslosigkeit vergleichsweise hoch, gehen die Einnahmen des Staates zurück und die Ausgaben legen zu. Eine Ausgabenkategorie ist die Grundsicherung für Erwerbsfähige und Erwerbsunfähige. Das siebte Kapitel des Buches stellt die deutsche Grundsicherung im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft vor und hebt auf die verschiedenen Kriterien Gleichbehandlung der Bürger, Stärkung der Eigeninitiative, Bedürftigkeitsprinzip etc. ab. Werden diese Kriterien bei der Entscheidung herangezogen, ob Hilfe der öffentlichen Hand zu gewähren ist, so dürfte das Ergebnis einen Beitrag zur Verteilungsgerechtigkeit leisten. Wissend um den engen Zusammenhang zwischen der Beschäftigung und der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme wird im achten Kapitel die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung als eine Säule der sozialen Sicherung Deutschlands vorgestellt. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung, die beinhaltet, dass der Anteil der Rentner an der Gesamtbevölkerung stärker steigt als der Anteil der Kinder und Jugendlichen, wird im Rahmen der Frage ‚Ist die Rente sicher?‘ die zusätzliche kapitalgedeckte Altersvorsorge behandelt. Ebenfalls im Zusammenhang mit einer immer älter und durchschnittlich auch kranker werdenden Gesellschaft und (medizinisch-)technischen Innovationen steigen die Kosten im Gesundheitswesen laufend an. Den Medien ist zu entnehmen, dass das bestehende System auf Dauer nicht finanzierbar sei. Als weitere Säule der sozialen Sicherung werden daher in Kapitel 9 sowohl die gesetzliche Krankenversicherung als auch die gesetzliche Pflegeversicherung thematisiert. Als auf einer stabilen Basis stehende Versicherung wird die Arbeitslosenversicherung vorgestellt.
Im Zusammenhang mit Transferzahlungen seitens des Staates an private Haushalte und Unternehmen und in Verbindung mit den Exportchancen deutscher Unternehmen steht unmittelbar die Frage, was den Konsumenten und den Unternehmen freier Wettbewerb auf den Märkten bringt. Die undifferenzierte Antwort lautet: „Die Preise für die Produkte werden durch eine hohe Wettbewerbsintensität auf den Märkten gesenkt.“ Aus diesem Grund ist der freie Wettbewerb aus Konsumentensicht zu befürworten. Auch den Unternehmen wird nachgesagt, dass sie durch den Wettbewerb Innovationsleistungen erbringen, die in einer geschützten Marktnische nicht möglich sind, weil der Anreiz fehlt, Erster sein zu wollen. Im zehnten Kapitel wird dieses eigentlich mikroökonomische Thema aus makroökonomischer Sicht behandelt.
Im elften Kapitel werden die möglicherweise noch ‚losen Enden‘ der vorangegangen Abschnitte aufgegriffen und im Rahmen theoretischer Überlegungen zur Wirtschaftspolitik |5|als angewandter Makroökonomik kategorisiert. Hier werden u.a. Erläuterungen zu den Denkschulen der Makroökonomik gegeben und in Zusammenhang gestellt.
Als Abschluss des Buches werden im zwölften Kapitel verschiedene Beispiele aus den Medien präsentiert, die im Rahmen einer schriftlichen Prüfungsleistung diskutiert werden könnten. Dieses Kapitel dient der Vorbereitung der Studierenden auf ihre Prüfung.
[Zum Inhalt]
|7|Kapitel 1: Wenn die Wirtschaft wächst …
Seit dem 18. Jahrhundert findet eine Phase des wirtschaftlichen Wachstums von bis dahin unbekanntem Ausmaß statt. Wirtschaftswachstum ist also nicht selbstverständlich.
Von den frühesten Zeiten, über die wir Aufzeichnungen haben – also zurück, sagen wir, bis zweitausend Jahre vor Christus –, bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts gab es keine großen Veränderungen im Lebensstandard des durchschnittlichen, in der zivilisierten Welt lebenden Menschen. Natürlich gab es ein Auf und Ab. Heimsuchungen durch Seuchen, Hungersnöte und Krieg. Goldene Zwischenzeiten. Aber keine fortschreitenden Veränderungen. Einige Zeiten waren vielleicht 50 Prozent – allerhöchstens 100 Prozent – besser als andere in den viertausend Jahren, die (sagen wir) um 1700 n. Chr. endeten. […] Zu irgendeiner Zeit vor dem Beginn der Geschichte – […] vor der letzten Eiszeit – muss es eine Zeit des Fortschritts und der Erfindungen gegeben haben, die mit der, in der wir heute leben, vergleichbar ist. Aber während des größten Teils der aufgezeichneten Geschichte gab es nichts Derartiges. (Keynes [1930] 2007)
John Maynard Keynes (1883–1946), der Begründer der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik, beschreibt wirtschaftliches Wachstum als Steigerung des Lebensstandards. Mit anderen Worten: Er könnte mit steigendem Lebensstandard größere Konsummöglichkeiten für die Menschen gemeint haben, mehr Freizeit, weniger Arbeitszeit, Gesundheitsvorsorge für alle Menschen oder ein hohes Maß an innerer und äußerer Sicherheit.
Wir werden das Wirtschaftswachstum in zwei Dimensionen untersuchen. Zum einen unterscheiden wir die Determinanten des Wachstums in einerseits theoretische Modelle und andererseits empirische Ansätze. Zum anderen analysieren wir, ob sich das Wachstum stetig oder in Wellen vollzieht. Aber zunächst steht die Frage im Vordergrund, wie wir Wirtschaftswachstum in Deutschland verstehen.
1.1 Das Bruttoinlandsprodukt
Mit Hilfe des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird die Produktion von Waren und Dienstleistungen im Inland nach Abzug aller Vorleistungen innerhalb einer Periode gemessen (Mankiw 2016). Mit dem BIP wird die gesamte Wirtschaftsleistung innerhalb der nationalen Grenzen berücksichtigt. Das Bruttonationalprodukt (BNP) bezieht demgegenüber die wirtschaftliche Leistung aller Staatsbürger der betreffenden Nation ein, unabhängig vom aktuellen Wirkungsort.
Das BIP lässt sich auf verschiedene Arten, nämlich durch die Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung, ermitteln. Die Daten werden in Deutschland vierteljährlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht. Bereits Mitte Januar eines |8|Jahres liegen die vorläufigen Daten für das gesamte Vorjahr vor. Damit ist das Statistische Bundesamt eines der ‚schnellsten‘ Statistikämter weltweit. Hinzu kommt, dass die Qualität der Daten hoch ist. Es gibt im Nachhinein häufig nur marginale Anpassungen.
Bei der Entstehungsrechnung wird der Wert der Güter und Dienstleistungen addiert, die in den verschiedenen Sektoren produziert werden. Dabei hat in Deutschland die Wertschöpfung des primären, land- und forstwirtschaftlichen Sektors etwa einen Anteil von 1 Prozent am gesamten BIP. Das produzierende Gewerbe macht etwa 26 Prozent aus, das Baugewerbe 4 Prozent, Handel, Verkehr und Gastgewerbe haben einen Anteil von rund 47 Prozent und die sonstigen Dienstleistungen ca. 22 Prozent.
Zum gleichen Gesamtergebnis muss die Verwendungsrechnung kommen. In der Verwendungsrechnung werden der Konsum CH der privaten Haushalte (~60 Prozent des BIP), der Staatskonsum CG (~20 Prozent), die Investitionen I (~14 Prozent) sowie der Export abzüglich des Importes (~6 Prozent) addiert.
BIP = CH + CG + I + (Ex – Im)
In der Verteilungsrechnung wird geschaut, wem welche Einkünfte zugeflossen sind. Neben den Arbeitnehmerentgelten (ANE) sind dies die Unternehmens- und Vermögenseinkünfte (UVE). ANE und UVE entsprechen zusammen dem sogenannten Volkseinkommen. Addieren wir zum Volkseinkommen die Subventionen, d.h. die Transfers des Staates an den Unternehmenssektor, und ziehen die auf die Güter erhobenen Steuern ab, dann erhalten wir das Nettonationaleinkommen zu Marktpreisen. Um das Bruttonationaleinkommen zu berechnen, sind die Abschreibungen, d.h. der Werteverzehr der Anlagegüter der Volkswirtschaft, in Abzug zu bringen. Zu diesem Bruttonationaleinkommen addieren wir die Einkommen der Inländer, die im Ausland gearbeitet haben, und wir ziehen die Einkommen ab, die Ausländer im Inland erwirtschaftet haben. Wir erhalten das Bruttoinlandseinkommen, das BIP. Es geht bei der Verteilungsrechnung demnach um die Verteilung der Einkünfte auf die verschiedenen Produktionsfaktoren.
Wie wird das Bruttoinlandsprodukt in der Praxis berechnet? Die schnellste Variante ist die Berechnung über die Verwendungsrechnung, da bei den Finanzämtern laufend Daten zu den Einnahmen aus der Mehrwertsteuer (19 Prozent bzw. 7 Prozent anteilig vom Verkaufspreis von Gütern- und Dienstleistungen) eingehen. Die Finanzämter geben die Daten weiter an die statistischen Landesämter und diese an das Statistische Bundesamt. Dieses berechnet die entsprechenden Größen, aus denen sich das BIP zusammensetzt. Auf der europäischen Ebene übernimmt Eurostat, die Europäische Statistikbehörde, die Aufgabe der Sammlung der Daten von den Mitgliedsstaaten und der Bereitstellung der Zahlen für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Die Vereinten Nationen, die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und andere supranationale Organisationen stellen Daten für alle Länder bereit, soweit sie verfügbar sind.
Um tatsächlich zeigen zu können, ob die Güter- und Dienstleistungsproduktion in einer Volkswirtschaft sich verändert hat, ist es notwendig, das mit den Marktpreisen bewertete BIP, das nominale BIP, um Preisveränderungen zu bereinigen. Würden die Preisveränderungen nicht herausgerechnet werden, könnte es mindestens zwei Ursachen für Veränderungen oder auch das Gleichbleiben des BIP geben: entweder die |9|Produktionsmenge, der Output der Volkswirtschaft, hat sich verändert oder die Preise oder Menge und Preise. Bereinigen wir das nominale BIP um die Preisveränderungen in der betrachteten Periode, erhalten wir das reale BIP, das in der Regel in den Medien gemeint ist, wenn über das BIP gesprochen wird.
1.2 Zum Begriff Wirtschaftswachstum
Wirtschaftliches Wachstum liegt vor, wenn das reale BIP steigt.[1] Anders gewendet: Nimmt die gesamtwirtschaftliche Produktion zu, so ist das Leistungsvermögen einer Volkswirtschaft gestiegen. Dieses Leistungsvermögen, d.h. die Arbeitskräfte, das Kapital und der Boden, muss nicht zwangsläufig, kann aber von den Unternehmen vollständig genutzt werden. In der grafischen Darstellung verschiebt sich die sogenannte Transformationskurve T, wenn ein Modell zur Veranschaulichung herangezogen wird, das nur den Input von Kapital K und Arbeit A berücksichtigt. Wenn wir ein Input-Output-Diagramm zur Darstellung nutzen, dreht sich die Produktionsfunktion Y nach außen.
Abbildung 2:
Stilisierte Produktionsfunktion f (Y) und Transformationskurve T (Quelle: Eigene Darstellung).
In der linken Grafik der Abbildung 2 wird verdeutlicht, dass in der Theorie der Output Y (abgetragen auf der senkrechten Ordinate) vom Einsatz der Produktionsfaktoren Kapital K und Arbeit A (abgetragen auf der waagerechten Abszisse) abhängt.[2]
|10|Die hier gewählte ertragsgesetzliche Produktionsfunktion
f (Y) = f (K; A)
zeigt, dass bei relativ geringem Einsatz von K und A der Output Y zunächst langsam zunimmt, um dann ab einem bestimmten Punkt überproportional stark zu steigen und schließlich bei einer weiteren Ausdehnung des Faktoreinsatzes weniger stark weiter zu wachsen. Dieser Verlauf hängt mit den zunächst steigenden und schließlich abnehmenden Grenzproduktivitäten der eingesetzten Produktionsfaktoren zusammen. So ist vorstellbar, dass bei der Produktion an einem Fließband zunächst wenige Arbeitskräfte aktiv sind und der Output deshalb zu Beginn relativ gering ist. Werden mehr Arbeitskräfte eingesetzt, beispielsweise weitere Arbeitsplätze am vorhandenen Fließband eingerichtet, kann der Output stärker ausgeweitet werden. Stehen allerdings so viele Personen am Fließband, dass sie sich gegenseitig behindern, geht der zusätzliche Output zurück. Ein weiteres Fließband müsste eingerichtet werden.
Das Produktionspotenzial würde dann erweitert werden. Eine derartige Investition nennen wir Erweiterungsinvestition. Dem gegenüber steht die Instandhaltungsinvestition, die nicht zu einer Erhöhung der Produktionsmöglichkeiten und damit nicht zu wirtschaftlichem Wachstum führt. Wirtschaftliches Wachstum wird auch dadurch möglich, dass mit in der Summe gleichem Faktoreinsatz – z.B. aufgrund einer technologischen Innovation: am Fließband ersetzen Roboter Personen – der Produktionsprozess produktiver wird. Es kann mehr Output produziert werden. Die Produktionsfunktion dreht sich nach außen.
In der rechten Grafik der Abbildung 2 wird dargestellt, dass je nach Einsatzmengen von Kapital (Ordinate) und Arbeit (Abszisse) entlang der sogenannten Transformationskurve der maximale Output Y produziert werden kann. Die Transformationskurve zeigt verschiedene Kombinationsmöglichkeiten der Produktionsfaktoren an, die jeweils zum gleichen Output führen. Erst eine Produktivitätserhöhung – z.B. des Faktors Arbeit durch die Optimierung des Fertigungsprozesses beispielsweise im Wege der Arbeitsteilung – erlaubt, dass bei konstantem Faktoreinsatz ein höheres Outputniveau realisiert werden kann. Die Transformationskurve verschiebt sich nach außen und spiegelt ein höheres Outputniveau wider, das in der Volkswirtschaft erreicht werden kann. Eine Verschiebung der Transformationskurve oder eine Drehung der Produktionsfunktion nach außen soll verdeutlichen, dass die Volkswirtschaft wächst.
Als Maß für das Wirtschaftswachstum wird die Wachstumsrate w des BIPs, des Outputs Y, in einem bestimmten Zeitraum herangezogen. Die zeitliche Perspektive ist hierbei langfristig.[3] Analytisch formuliert bedeutet dies:

|11|Die Veränderung des BIPs wY ergibt sich aus dem Quotienten der Differenz des BIP Yt in der Periode t, z.B. 2015, und dem BIP Yt-1 in der Vorperiode t-1, z.B. 2014, geteilt durch das BIP der Vorperiode t-1, also 2014, multipliziert mit 100. Das Ergebnis ist ein Prozentwert. Ist wY > 0, dann ist die Wachstumsrate des BIP positiv. In der Volkswirtschaft wurden 2015 im Vergleich zum Vorjahr mehr Güter und Dienstleistungen produziert.
Mit wirtschaftlichem Wachstum ist eine höhere Güterversorgung der Wirtschaftssubjekte, d.h. der Bevölkerung, verbunden. Dies ist jedoch nur dann der Fall, wenn die Güterproduktion schneller zunimmt als die Bevölkerung. Wenn der demografische Aspekt berücksichtigt werden soll, ist das BIP pro Kopf zu ermitteln. Um die Veränderungsrate des BIP pro Kopf zu berechnen, wird Y durch die Einwohneranzahl Ew der Volkswirtschaft geteilt und mit der Vorperiode verglichen, wie in obiger Gleichung, oder es können die Wachstumsraten der Einfachheit halber voneinander abgezogen werden.[4]

Das BIP und dessen Wachstum wird gemeinhin als Indikator für den Wohlstand der Bevölkerung eines Landes herangezogen, obschon es eine Reihe von Mängeln dieses Indikators zu beklagen gibt (Miegel 2012). Andererseits fällt es schwer, ein besseres Maß zu finden (Enquete-Kommission 2013). Als Mängel können u.a. folgende Aspekte konstatiert werden:
Nachbarschaftshilfe, Haushaltstätigkeiten und ehrenamtliche Aktivitäten fließen nicht in die Berechnung des BIP ein.
Die Wertschöpfung des informellen Sektors (z.B. Schwarzarbeit) kann nicht berücksichtigt werden.
Durch die wirtschaftlichen Tätigkeiten entstehende Umweltschäden, die Kosten für deren Beseitigung und die ‚Wiedergutmachung‘ werden nicht von der konstruktiven Wertschöpfung, die mit dem BIP gemessen wird, abgezogen.[5]
Die Möglichkeit, mehr Freizeit und damit einen höheren Wohlstand zu genießen, kann darüber hinaus nicht aufgenommen werden.
Würde man diese Aspekte bei der Analyse und Beurteilung der Wirtschaftskraft eines Landes, einer Region, eines Bundeslandes, einer Kommune einbeziehen, dürfte eine sinnvollere Bewertung des Wohlstandsniveaus der Bevölkerung möglich sein.
1.3 Prognose des wirtschaftlichen Wachstums
Mithilfe der Wachstumsprognose soll ein langfristiger Trend der wirtschaftlichen Entwicklung bestimmt werden. Informationen darüber helfen den Unternehmen, ihren Einkauf, ihre Produktion sowie ihre Investitionstätigkeit zu planen. Zur Bestimmung |12|eines Wachstumstrends wird nach in der Vergangenheit aufgetretenen Regelmäßigkeiten Ausschau gehalten. Diese Regelmäßigkeiten in der Vergangenheit können mit statistischen Methoden z.B. der Regressionsberechnung in einem Trend abgebildet werden. Wird der Trend in die Zukunft fortgeschrieben, so ist dieses Verfahren der Extrapolation eine Methode zur Prognose wirtschaftlichen Wachstums.
Im Zentrum der Wachstumsprognose steht die gesamtwirtschaftliche Angebotsseite: das Produktionspotenzial der Unternehmen. Nimmt man an, dass das Produktionspotenzial in der Vergangenheit im Durchschnitt normal ausgelastet war, so verhilft eine Extrapolation der Zeitreihe des BIPs zu einer Prognose des wirtschaftlichen Wachstums. Um eine höhere Prognosegenauigkeit zu erreichen, können einzelne Produktionsfaktoren wie das Kapital, die Arbeit, der technische Fortschritt in die Analyse einbezogen werden. Daten zu diesen Einzelaspekten sind die Arbeitsproduktivität, die Kapitalintensität etc. Neben diesen sogenannten stilisierten Fakten sollen theoretische Ansätze u.a. der Prognose von wirtschaftlichem Wachstum dienen. Zwei Ansätze werden in Abschnitt 1.3.2 kurz dargestellt. Und schließlich verhelfen empirische Ansätze analog zu den stilisierten Fakten zu Aussagen über die künftige Entwicklung einer Volkswirtschaft (vgl. zu den folgenden Ausführungen Böschen 2015).
1.3.1 Stilisierte Fakten
Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung von Volkswirtschaften weist – so haben Wirtschaftswissenschaftler festgestellt – gewisse Regelmäßigkeiten auf. Diese charakterisieren den Prozess des wirtschaftlichen Wachstums und werden als stilisierte Fakten bezeichnet.[6]
Das BIP Y pro Kopf nimmt über die Zeit zu, und seine Wachstumsrate w nimmt tendenziell nicht ab. Die Entwicklung des realen Pro-Kopf-Einkommens in Deutschland seit 1990 ist hierfür ein Beispiel.
Abbildung 3:
Entwicklung des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens in ausgewählten Volkswirtschaften in US-Dollar (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten von UNCTAD 2015b).
|13|Auch das Pro-Kopf-Einkommen in z.B. Großbritannien nimmt im Durchschnitt über all die Jahre zu. Der starke Einbruch 2008/2009 ist auf die Weltwirtschaftskrise zurückzuführen, die bereits 2007 in den USA ausgelöst wurde und sich aufgrund der internationalen Verknüpfung der Kapitalmärkte weltweit niedergeschlagen hat. Da ein Großteil des BIP in Großbritannien im Finanzsektor generiert wird, ist der Einbruch der wirtschaftlichen Leistung dramatisch gewesen und der Erholungsprozess verläuft langsam.
Auch die Entwicklungen in den sogenannten ‚BRIC‘-Staaten untermauern die oben genannte These. Abbildung 3 veranschaulicht, dass die Pro-Kopf-Einkommen in Brasilien, Russland, Indien und China zwischen 1990 und 2014 durchschnittlich zugenommen haben. In Russland bzw. vormals der UdSSR und Brasilien lagen vor dem betrachteten Zeitraum einige deutliche Schwankungen vor. Hierfür waren in beiden Volkswirtschaften politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformversuche ursächlich. Insbesondere Brasilien war von einer Hyperinflation betroffen. In Russland hat der Übergang von der zentralen Planwirtschaft zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung zu Anpassungsschwierigkeiten geführt (dbresearch 2010).
Die Entwicklung der sogenannten Kapitalintensität wird als weiteres stilisiertes Faktum herangezogen, um die Entwicklung einer Volkswirtschaft zu beurteilen.
Am Beispiel Deutschlands erläutert das Statistische Bundesamt: „Wie sich die beiden Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit im Verhältnis zueinander entwickelt haben, zeigt die Kapitalintensität, d.h. das Verhältnis von Bruttoanlagevermögen zu Erwerbstätigen.“[7] Am Ende des Jahres 2015 belief sich das Bruttoanlagevermögen für Produktionszwecke in Deutschland auf 17,2 Billionen Euro und es waren 43,29 Millionen Menschen erwerbstätig, d.h. die Kapitalintensität betrug 17,2 Billionen Euro geteilt durch 43,29 Millionen Erwerbstätige und damit war jeder Arbeitsplatz in Deutschland durchschnittlich mit Anlagegütern im Wert von 397320 € ausgestattet. Das Bruttoanlagevermögen ist preisbereinigt um 5,9 Prozent gegenüber 2010 und um 1,2 Prozent gegenüber 2014 gestiegen.[8]
Der Quotient aus dem physischen Kapital und dem Output ist in etwa konstant. Das Verhältnis zwischen dem Kapitaleinsatz K und dem Output Y wird als Kapitalkoeffizient k bezeichnet. Im langfristigen Wachstumsprozess wachsen die Produktion und das Kapital im Durchschnitt mit der gleichen Rate, so dass der Kapitalkoeffizient – stilisiert – konstant bleibt.
wk = wK – wY = 0
Die Anteile der Arbeit und des physischen Kapitals am Volkseinkommen, d.h. die Lohnquote und die Gewinnquote, sind beinahe konstant. Die Lohnquote ergibt sich aus den Arbeitnehmereinkünften (ANE), die im Rahmen der Verteilungsrechnung besprochen wurden, anteilig am Volkseinkommen multipliziert mit 100. Die Gewinnquote |14|ergibt sich den Unternehmens- und Vermögenseinkünften anteilig am Volkseinkommen multipliziert mit 100. Zusammen sind die Lohn- und die Gewinnquote immer 100 Prozent des Volkseinkommens. Die leichten Schwankungen der beiden Quoten geben Hinweise auf die konjunkturelle Phase, in der die Volkswirtschaft sich befindet. In Deutschland liegt die Lohnquote im Durchschnitt der letzten Jahre bei 66,7 Prozent. Im Jahr 2007 betrug sie jedoch nur 63,5 Prozent des Volkseinkommens. Spiegelbildlich verhält sich die Gewinnquote. In der Folge der Finanzmarktkrise der Jahre 2007 und folgende, die mit einem Einbruch des Wirtschaftswachstums um nahezu 6 Prozent im Jahr 2009 einherging, ist die Gewinnquote auf 31,5 Prozent des Volkseinkommens gesunken. Die Unternehmen verzeichneten aufgrund des stagnierenden Welthandels und der schwächelnden Binnenwirtschaft Gewinneinbußen. Die Einkünfte aus Vermögen wie Zinsen und Dividenden gingen zurück.
Abbildung 4:
Lohn- und Gewinnquote in Prozent (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten vom Statistischen Bundesamt 2017d).
In Abbildung 4 werden auf der vertikalen Achse die Lohn- bzw. Gewinnquote in Prozent dargestellt. Auf der horizontalen Achse werden die Jahre abgebildet. Während die Lohnquote um die 67 Prozent anteilig am Volkseinkommen schwankt, liegt die Gewinnquote um die 33 Prozent herum.
Die Wachstumsrate des Outputs Y je Arbeiter A (die Arbeitsproduktivität[9]) weicht zwar zwischen einzelnen Ländern erheblich voneinander ab, nimmt aber in einer wachsenden Volkswirtschaft mit einer konstanten Rate zu. Abbildung 5 zeigt für Deutschland einen zwar nur leicht ansteigenden Verlauf der Trendlinie. Gleichwohl ist zu berücksichtigen, dass die Folgen der Weltwirtschaftskrise sich insbesondere im Jahr 2009 gravierend auf die Entwicklung des Outputs (BIP) und damit bei sogar um 0,1 Prozent angestiegenen Erwerbstätigenzahlen auf die Arbeitsproduktivität ausgewirkt haben und das Bild ein wenig verzerren.
|15|Abbildung 5:
Entwicklung der Arbeitsproduktivität in Deutschland in Prozent (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten vom Statistischen Bundesamt 2016g und 2017a).
Verschiedene Studien über unterschiedliche Volkswirtschaften und in verschiedenen Zeiträumen spiegeln die aufgeführten Punkte wider (Barro und Sala-i-Martín 1998, 6–11). Heubes fordert in diesem Zusammenhang: „Jede Wachstumstheorie, die als Erklärung der langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung akzeptiert werden will, muss in der Lage sein, diese stilisierten Fakten zu erklären.“ (Heubes 1991, 153) Bevor zwei einfache Wachstumsmodelle erläutert werden, sei hervorgehoben, dass folgende Bestimmungsgründe das Wachstum einer Volkswirtschaft maßgeblich beeinflussen:
der technische Fortschritt;
die Höhe der Humankapitalinvestitionen, d.h. der Investitionen in die Bildung der Wirtschaftssubjekte, die in der Volkswirtschaft agieren;
die Produktivität der Arbeit, die in die vielfältigen Produktionsprozesse einfließt;
die Rentabilität des Kapitals bzw. die Erhöhung des Kapitalstocks, das in die Produktionsprozesse eingebunden ist.
Tatsächlich sind die genannten, empirisch beobachteten Fakten unmittelbar eingängig und liefern doch zu wenige Argumente für die Beantwortung der Frage, wie wirtschaftliches Wachstum von statten geht. Zu diesem Zweck werden theoretischen Modelle herangezogen.
1.3.2 Theorien zur Erklärung des wirtschaftlichen Wachstums
Theorien und Modelle zum wirtschaftlichen Wachstum haben die Aufgabe, bestimmte Teilaspekte der langfristigen Entwicklung einer Volkswirtschaft anschaulich zu erklären. Sie sind wegen der Abstraktion nicht allumfassend und beinhalten üblicherweise unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte. Es können die neoklassische Wachstumstheorie |16|und die keynesianische unterschieden werden.[10] Die neoklassische Wachstumstheorie geht davon aus, dass der Output Y durch den Einsatz der Produktionsfaktoren Kapital K und Arbeit A hervorgebracht wird und dass jede zusätzlich in den Produktionsprozess eingebrachte Einheit Kapital bzw. Arbeit dafür sorgt, dass ein höherer Output produziert werden kann. Es nimmt jedoch der zusätzliche Output ab, je mehr Einheiten Kapital respektive Arbeit bereits im Produktionsprozess eingesetzt sind. Es werden abnehmende Grenzproduktivitäten der Produktionsfaktoren angenommen. Die keynesianische Wachstumstheorie orientiert sich vor allen Dingen an den Investitionen.
1.3.2.1. Eine keynesianische Wachstumstheorie
In der keynesianischen Wachstumstheorie versuchten Schüler von John Maynard Keynes das eigentlich Unmögliche: die kurzfristig und konjunkturorientierte Theorie nach Keynes (vgl. Kapitel 2) wurde um den längerfristigen Aspekt erweitert, der aus der Kapitalstockbildung resultiert. Es geht um die Frage, inwieweit zusätzliche Investitionen eine Ausweitung des Produktionspotenzials bewirken und eine neue Nachfrage schaffen. Eine Kapazitätserhöhung ist auf das Ausmaß der Investitionen zurückzuführen.
Nicholas Kaldor (1908–1986) stellte die These auf, dass es endogene Faktoren gibt, die in Form einer veränderten Einkommensverteilung dafür Sorge tragen, dass der Wachstumsprozess stabil verläuft.[11] Das Modell von Kaldor wird im Folgenden kurz dargestellt.
Ausgangspunkt des Modells sind die Investitionen. Es wird die ex post-Gleichheit von Ersparnissen und Investitionen angenommen. Mit anderen Worten: in einer Volkswirtschaft muss nach Abschluss einer Periode z.B. am 31.12. all das Kapital, das von den privaten Haushalten, den Unternehmen und dem Staat gespart wurde, von diesen investiert worden sein (Terlau et al. 2013). Kaldor geht davon aus, dass die Investitionstätigkeit vom Zins abhängt. Wenn der Zins zulegt, wird das Entleihen von Kapital auf dem Kapitalmarkt kostspieliger. Ein Unternehmer wird abwägen, ob die erwartete Rendite der geplanten Investitionen so hoch ist, dass die Fremdkapitalkosten wenigstens gedeckt sind. Hinsichtlich der Sparfunktion unterscheidet er das Verhalten der Lohneinkommensbezieher von dem der Bezieher von Gewinn- und Vermögenseinkünften. |17|Kaldor nennt diese Einkommen Profiteinkommen. Es gilt die Annahme, dass die Sparneigung der Bezieher von Lohneinkommen geringer ist als die der ‚Profiteinkommensbezieher‘. Dies hängt mit der Beobachtung zusammen, dass Lohneinkommensbezieher tendenziell ein geringeres Einkommen erwerben und der Anteil der Konsumausgaben an diesem Einkommen höher ist als ‚Profiteinkommensbeziehern‘. Insofern können die Lohneinkommensbezieher nur einen geringeren Anteil ihres Einkommens sparen als die Profiteinkommensbezieher. Die Investitionstätigkeit kann annahmegemäß bestimmt werden, indem der tatsächlich vorhandene Kapitalstock mit dem idealerweise vorhandenen Kapitalstock verglichen wird. Es wird unterstellt, dass dieser optimale Kapitalstock während einer Periode erreicht werden kann. Das bedeutet, dass der tatsächliche Kapitalstock zu Beginn einer Periode dem optimalen Kapitalstock der Vorperiode entspricht. Die Produktionshöhe der Vorperiode ist nun für das Investitionskalkül und damit für den Kapitalstock in der aktuellen Periode ausschlaggebend. Der Anteil des Profiteinkommens der Vorperiode am Kapitalstock der Vorperiode wird zur Ermittlung der Profitrate mit der Produktionshöhe der Vorperiode multipliziert. Kaldor nimmt an, dass der optimale Kapitalstock bzw. die Investitionstätigkeit von der Produktionshöhe und von der Profitrate abhängen. Mit Hilfe der Sparquote, dem Anteil der Ersparnis am Volkseinkommen, und der Investitionsquote, dem Anteil der Investitionen am Volkseinkommen, kann nach Kaldor analysiert werden, ob ein stabiles Wachstumsgleichgewicht erreicht werden kann.
Es gilt weiterhin die Annahme, dass die Investitionen gleich der Ersparnis sind. Die gesamtwirtschaftliche Sparquote setzt sich aus der gewichteten Sparneigung der Lohneinkommensbezieher und der Sparneigung der ‚Profitbezieher‘ zusammen. Beide Sparneigungen sind einkommensabhängig und unterschiedlich. Unter Berücksichtigung der Kapitalintensität und des Anteils der Profiteinkommen am Kapitalstock kann die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote ermittelt werden. Für beide relativen Größen liegen lineare Zusammenhänge vor. In der grafischen Darstellung haben beide Funktionen einen positiven Y-Achsenabschnitt und eine positive Steigung. Im Punkt (P/Y)* liegt ein Gleichgewicht vor, wobei P/Y die Profitquote ist. Hat sich die Wirtschaft zu diesem Gleichgewicht zwischen Spar- und Investitionsquote hin entwickelt, dann ist auch die Einkommensverteilung zwischen Lohneinkommen und ‚Profiteinkommen‘ stabil. Wenn jedoch der Anteil der ‚Profiteinkommen‘ am Volkseinkommen höher ist als im Gleichgewicht, dann ist die Ersparnisbildung größer als die Investitionstätigkeit. Dies führt zu sinkenden Preisen mit der Folge, dass die Unternehmen aufgrund sinkender Gewinnerwartungen weniger investieren. Die sinkende Investitionstätigkeit beinhaltet, dass die Profitquote P/Y fällt. Der Prozess läuft, bis die gleichgewichtige Profitquote erneut erreicht ist. Kaldor nimmt demnach in seinem Modell an, dass Preisveränderungen Anpassungen der Einkommensverteilung auslösen. Diese sorgen einerseits für eine Verhaltensänderung der Wirtschaftssubjekte hinsichtlich der Ersparnisbildung. Andererseits verändert sich durch Preisbewegungen die Investitionsnachfrage. Mit Hilfe des Akzelerators führt dies erneut zum alten Gleichgewicht mit der Profitquote (P/Y)*.
|18|Abbildung 6:
Spar- und Investitionsquote im Wachstumsmodell von Kaldor (Quelle: Eigene Darstellung nach Jürgen Heubes, Konjunktur und Wachstum, München 1991, 162).
Nachdem Kaldor zunächst die konjunkturelle Stabilität seines Modells nachgewiesen hat, versucht er in einem zweiten Schritt, die langfristigen Angebotsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft einzubeziehen. Kaldor nimmt an, dass die langfristige Wachstumsrate der Produktion bei konstantem Arbeitseinsatz – schließlich ändert sich das Erwerbstätigenpotenzial nur in der sehr langen Frist – von der Veränderung des Kapitalstocks abhängt. Die Wachstumsrate des Kapitals bzw. die Zunahme des Kapitalstocks hängt, so Kaldor und eine Vielzahl weiterer Ökonomen, vom technischen Fortschritt ab. Ein gleichgewichtiges Wachstum ist in dem Fall erreicht, in dem die Wachstumsraten von Output und Kapital übereinstimmen. Jedoch steigt die Wachstumsrate des Outputs infolge zunehmender Probleme bei der Umsetzung technischen Fortschritts unter Umständen nur unterproportional im Vergleich zur Wachstumsrate des Kapitals. Das bedeutet, dass die Kapitalproduktivität, d.h. das Verhältnis zwischen der Produktion und dem Kapitaleinsatz, während des Anpassungsprozesses zum gleichgewichtigen Wachstum zunimmt. Werden die Bedingungen der Investitionsquote erneut in die Überlegungen zur langfristigen Veränderung des Kapitalstocks einbezogen, dann kann sich die Wachstumsrate des Kapitalstocks der Wachstumsrate der Produktion anpassen. Hinsichtlich der Profitquote ergibt sich unter Beachtung der Sparquote und der Identität von Ersparnis und Investitionen, dass die Investitionsquote und auch die Profitquote während des Anpassungsprozesses ansteigen. Dies bewirkt eine weitere Beschleunigung der Anpassung. Diese Zusammenhänge weisen darauf hin, dass der langfristige Gleichgewichtspfad gemäß den Überlegungen von Kaldor stabil ist. Wenn die Wachstumsraten des Outputs und des Kapitalstocks voneinander abweichen, treten Anpassungsprozesse in Kraft, die zu einem gleichgewichtigen Wachstum hinführen. Der dargestellte Wachstumsprozess wird nach Kaldor immer wieder auf den langfristigen Gleichgewichtspfad zurückgeführt, auf dem das BIP und der Kapitalbestand mit der gleichen Rate wachsen.
|19|Kaldor stellte die These auf, dass endogene Faktoren existieren, die in Form einer veränderten Einkommensverteilung dafür Sorge tragen, dass der Wachstumsprozess stabil verläuft. Nachdem er gezeigt hat, dass Preisveränderungen Anpassungsprozesse hinsichtlich der Einkommensverteilung bewirken, legt er dar, dass gleichgewichtiges Wirtschaftswachstum auf dem gesamtwirtschaftlichem Güterangebot und der gesamtwirtschaftlichen Güternachfrage basieren. Kaldor bestätigt die oben genannten stilisierten Fakten und wird damit der Forderung von Heubes gerecht.
1.3.2.2. Das neoklassische Grundmodell
In den neoklassischen Wachstumsmodellen wird nicht mehr wie in dem keynesianischen Modell die Antwort auf die Frage nach der Stabilität des Wachstumsprozesses gesucht, sondern die Antwort auf die Frage, unter welchen Bedingungen stabile Gleichgewichtspfade existieren. Eine Vorhersage des Modells der Wirtschaftswissenschaftler Robert M. Solow (geboren 1924) und Trevor Swan (1918–1989) ist, dass eine Volkswirtschaft umso stärker wachsen kann, je geringer das Pro-Kopf-Einkommen in der Ausgangssituation im Verhältnis zum langfristigen oder gleichgewichtigen Niveau ist. Eine weitere Vorhersage ist, dass das Pro-Kopf-Einkommenswachstum ohne ständige Verbesserungen der Technik stagniert.[12]
In der modellierten Volkswirtschaft wird der Output mit Hilfe von Arbeit und Kapital hergestellt. Es herrscht Vollbeschäftigung. Die Produktionsfunktion ist durch konstante Skalenerträge gekennzeichnet sowie durch fallende Grenzproduktivitäten der Produktionsfaktoren und positive und stetig bestimmbare Elastizitäten der Substitution zwischen den Produktionsfaktoren. Die Substitutionselastizität ist ein Maß für die Leichtigkeit, mit der die beiden Produktionsfaktoren bei konstantem Outputniveau gegeneinander ausgetauscht werden können. (In keynesianischen Modellen können die Produktionsfaktoren meistens nicht gegeneinander ausgetauscht werden). Es wird darüber hinaus unterstellt, dass die Grenzerträge der Produktionsfaktoren gleich den jeweiligen Faktorentlohnungssätzen – Lohn für den Einsatz von Arbeit und Rendite für den Kapitaleinsatz – sind. Das Wachstum der Bevölkerung liegt exogen fest, und weil Altersaufbau, Erwerbsquote etc. als konstant gelten, stimmt die Wachstumsrate der verfügbaren Arbeit mit der Wachstumsrate der Bevölkerung überein. Ein konstanter Anteil des BIP wird dem Kapitalstock als Nettoinvestition zugerechnet. Der Rest wird konsumiert. Dem Modell wird eine lineare Produktionsfunktion zu Grunde gelegt. Es gilt die Annahme, dass die Grenzproduktivitäten der Produktionsfaktoren ihrer jeweiligen Entlohnung, d.h. Lohn bei der Arbeit und Rendite beim Kapital, entsprechen und konstant sind. Bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 1000 betragen die Bruttoinvestitionen pro Kopf in der Ausgangssituation 100 und die Abschreibungen auf den Kapitalstock ebenfalls 100 (vgl. Anhang). Weil die Nettoinvestitionen gleich Null sind, verändert sich der Kapitalstock in der Ausgangssituation nicht und damit ist auch das Pro-Kopf-Einkommen konstant. Unter der Annahme, dass die Investitionsneigung in dieser Situation auf 20 Prozent steigt, erhöhen sich im ersten Jahr die |20|Pro-Kopf-Investitionen auf 200, während die Abschreibungen für den Kapitalstock noch bei 100 liegen. Der Kapitalstock pro Kopf nimmt demnach von 1000 auf 1100 (=1000+200–100) zu. Dies steigert auch – allerdings weniger stark – das Pro-Kopf-Einkommen. Dieses beträgt dann 1065. In der zweiten Periode wächst der Kapitalstock nach wie vor, aber weniger stark. Zum einen erhöhen sich die Abschreibungen i.H.v. 10 Prozent auf 110, zumal der Kapitalstock zu Beginn der Periode 2 bei 1100 liegt. Die vom Einkommen abhängigen Investitionen belaufen sich nach wie vor auf 20 Prozent, so dass bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 1065 für die Investitionen ein Wert von 213 resultiert. Die Investitionen nehmen damit um 6,5 Prozent gegenüber der Vorperiode zu, also nicht mehr so stark wie zuvor. Das Pro-Kopf-Einkommen steigt auf 1131. Bereits in Periode 3 ergib sich folgendes Resultat: Die Abschreibungen betragen 10 Prozent von 1100+213–110 = 1203, d.h. 120. Die Investitionen liegen bei 20 Prozent von 1131, d.h. sie betragen 226. Der Anstieg beläuft sich nur noch auf 6,1 Prozent gegenüber Periode 2. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt nun bei 1197. Das Pro-Kopf-Einkommen ist auch in Periode 3 gestiegen. Der Anstieg ist allerdings weniger hoch. In Periode 2 betrug er 6,1 Prozent gegenüber Periode 1 und in Periode 3 ist nur noch ein Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens von 5,8 Prozent gegenüber der Vorperiode zu verzeichnen. Auch der Kapitalstock steigt stetig, jedoch mit abnehmenden Wachstumsraten. Dieser Prozess dauert an, bis die Abschreibungen wieder so hoch sind wie die Investitionen. Unter den genannten Bedingungen ist dies in Periode 199 der Fall (vgl. die Berechnungen im Anhang). Hier verharren der Kapitalstock und das Volkseinkommen auf dem gleichen Niveau. Der sogenannte ‚steady state‘, das langfristige Gleichgewicht, ist erreicht. Eine höhere Sparquote kann dem Modell von Solow zufolge keine stetige Erhöhung des Volkseinkommens herbeiführen. Das wirtschaftliche Wachstum nimmt nur für einen bestimmten Zeitraum zu, nicht dauerhaft. Dieses Ergebnis hängt von der Annahme ab, dass der zusätzliche Kapitaleinsatz bei einem unveränderten Arbeitskräfteeinsatz mit abnehmenden Grenzerträgen verbunden ist.
Anfänglich wurde angenommen, dass die Sparquote konstant ist. Diese Annahme wird beibehalten. Es soll allerdings untersucht werden, wie sich die Konsummöglichkeiten bei unterschiedlich hohen, konstanten Sparquoten verändern. Dieser Analyse liegt die Frage zugrunde, welchen Betrag die Wirtschaftssubjekte investieren sollen, wenn sie möglichst viel konsumieren können wollen. Deutlich ist, dass ohne Nettoinvestitionen die Abschreibungen zu einer Verminderung des Kapitalstocks führen. Die Folge wäre, dass auch die Einkommen gegen Null gehen und nicht mehr konsumiert werden könnte. Demgegenüber würde ebenfalls nichts konsumiert werden können, wenn die Wirtschaftssubjekte ihre gesamten Einkommen investierten. Der Kapitalstock würde zwar stark zunehmen, aber auch die Abschreibungen würden steigen. Es müsste laufend viel investiert werden. Das Optimum liegt zwischen der Nullinvestition und dem Verausgaben des gesamten Einkommens für Investitionen. Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass eine Sparquote von 70 Prozent zu maximalen künftigen Konsummöglichkeiten führt (Bofinger 2011, 55ff.). Diese Sparquote wird als ‚goldene Regel der Kapitalakkumulation‘ bezeichnet. Logisch erscheint eine derart hohe Sparquote nicht. Die deutsche Sparquote liegt durchschnittlich in etwa bei 11 Prozent und gehört im internationalen Vergleich zu den höheren.
|21|Überträgt man diesen Gedanken auf die Analyse unterschiedlich weit entwickelter Volkswirtschaften, so wird deutlich, warum die z.T. relativ hohen Wachstumsraten von Entwicklungsländern mit dem Aufbau ihres Kapitalstocks erklärt werden können. China kann als ehemaliges Entwicklungsland und heutiges Schwellenland als Beispiel herangezogen werden: So waren in den 70er und 80er Jahren zweistellige Wachstumsraten eher die Regel als die Ausnahme. Diese Dynamik hat erst in den vergangenen Jahren nachgelassen und Anfang 2016 zu Irritationen auf den Kapitalmärkten geführt.[13] Demgegenüber ist bei Ländern mit einem vergleichsweise hohen Wohlstandsniveau beobachtbar, dass die Wachstumsdynamik weniger hoch ist, weil die Grenzerträge der eingesetzten Produktionsfaktoren zwar positiv sind, der zusätzliche Ertrag aber laufend geringer wird. Es gibt jedoch Ausnahmen. So können der technische Fortschritt und die qualitative Weiterentwicklung des Humankapitals Wachstumsschübe auslösen.
Analytisch bewirkt technischer Fortschritt, dass bei unveränderten Faktoreinsatzmengen ein höherer Output produziert wird. Die Produktionstechnologie kann durch Innovationen optimiert werden. Kontinuierliche Produktinnovationen sind eine ausschlaggebende Bedingung für hohe Unternehmensgewinne. Befördert wird eine kontinuierliche Innovationsfähigkeit sowohl durch eine unternehmensinterne Forschungs- und Entwicklungspolitik als auch durch eine staatliche Grundlagenforschungs- und Bildungspolitik. Ohne technischen Fortschritt können in entwickelten Volkswirtschaften, die eine sinkende Wachstumsdynamik aufweisen, keine Zuwächse der Pro-Kopf-Einkommen realisiert werden.
Mit technischem Fortschritt und der Entwicklung von Produktinnovationen geht die Qualifizierung des sogenannten Humankapitals, die (Aus-)Bildung der Erwerbstätigen bzw. Erwerbsfähigen, einher. In der neoklassischen Produktionsfunktion wird angenommen, dass der Produktionsfaktor Arbeit eine homogene Größe ist. Eine jede Arbeitsstunde führt immer zum selben Output. Diese Annahme ist bei der weniger abstrakten Modellierung des Modells aufzuweichen. Tatsächlich ist die Verbesserung des allgemeinen Bildungsstandes ausschlaggebend für die wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft. So können sinkende Grenzerträge des Kapitaleinsatzes kompensiert werden, indem der zunehmende Kapitalstock von immer qualifizierteren Arbeitskräften genutzt wird. Zudem ist beobachtbar, dass in Volkswirtschaften mit zunehmendem Qualifikationsniveau der Dienstleistungssektor sowohl den primären als auch den sekundären Wirtschaftssektor ‚verdrängt‘. Da der Dienstleistungssektor weniger kapitalintensiv ist, als die beiden anderen Sektoren, nimmt das Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer einen höheren Stellenwert im Produktionsprozess ein. Ein hohes Qualifikationsniveau beinhaltet zeitgleich, dass mehr Produkt- und Prozessinnovationen entwickelt werden können und technischer Fortschritt umsetzbar ist.
Als Schwächen der keynesianischen und der neoklassischen Wachstumstheorie sind der hohe Abstraktionsgrad zu nennen, die Annahme der Exogenität des technischen Fortschritts, das Fehlen der Berücksichtigung des Humankapitals sowie der |22|Verteilung der Einkommen und institutioneller Faktoren. Zudem wird in den Modellen automatisch das wirtschaftliche Wachstum mit der Veränderung der Investitionen gleichgesetzt. Die Wachstumsrate pro Kopf wird vollständig von der Rate des technischen Fortschritts determiniert. Die langfristige Wachstumsrate des Outputniveaus hängt außerdem von der Wachstumsrate der Bevölkerung ab, die jedoch ebenfalls exogen gegeben ist. Der Tatsache, dass die Umwelt durch wirtschaftliches Wachstum geschädigt werden könnte, wird in keinem der Modelle Rechnung getragen. Es liegt also ein Wachstumsmodell vor, das vieles, nur nicht das langfristige Wachstum erklärt.
1.3.2.3. Zum Zusammenhang zwischen Wachstum und erschöpfbaren Ressourcen
Eine Konsequenz des Wirtschaftswachstums, insbesondere seit der Industrialisierung, ist die Schädigung der Umwelt (Miegel 2012). Die Aufwendungen, die dadurch entstehen, dass die Umweltschäden beseitigt werden, sind vom wirtschaftlichen Wachstum abzuziehen. Das Statistische Bundesamt berücksichtigt diesen Sachverhalt in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Auch in den ökonomischen Theorien findet die Umwelt Berücksichtigung, wobei allerdings häufig eine getrennte Analyse von Umwelt und Wachstum erfolgt. Wenn sie gemeinsam besprochen wuden, diente die Umwelt lange in erster Linie als Abfallraum. Dabei können die Überlegungen zum Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Umweltqualität einfach gehalten werden. So ist eingängig, dass mit steigender Produktion die Umwelt intensiver genutzt wird. Mit zunehmendem Kapitalstock kommt es zu einer Verschlechterung der Umweltqualität. Es können allerdings Investitionen zum Ausgleich der Umweltschädigung in dem Maß getätigt werden, in dem die Grenzkosten der Schadensvermeidung gerade genau dem Grenzschaden aus der Umweltnutzung entsprechen. Ziel ist dabei nicht, die Umweltverschmutzung grundsätzlich zu vermeiden. Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass die Kosten für die Wiederherstellung des Anfangszustandes dem Verursacher der Umweltschädigung angelastet werden. Der sogenannte externe Effekt, der bei der Produktion von Gütern aus der Umweltnutzung resultiert, soll internalisiert werden. Wird dies durch eine angemessene Umweltpolitik erreicht, ist nachhaltiges Wirtschaftswachstum sichergestellt (vgl. dazu ausführlich Fritsch, Wein und Ewers 2007).
1.3.3 Empirische Ansätze zum Wirtschaftswachstum
Die empirische Wirtschaftsforschung bedient sich der Analyse und Beschreibung historischer Entwicklungen. So unterschied Walt W. Rostow (1916–2003) in seinem Buch „The Stages of Economic Growth“ fünf Entwicklungsstufen (Rostow 1960):
1. Stufe: Die traditionelle Gesellschaft ist von der Agrarwirtschaft bestimmt, in der keine Arbeitsteilung erfolgt.
2. Stufe: Das aufgeklärte Bürgertum kennt bereits die Vorzüge des Außenhandels, macht sich das Kreditwesen und die Arbeitsteilung zu Nutze.
3. Stufe: |23|In der Take Off-Phase der wirtschaftlichen Entwicklung entstehen das Unternehmertum und die Investitions- und Sparneigung.
4. Stufe: Es wird wirtschaftliche Reife im Zuge der allgemeinen Technisierung und der Herausbildung des Managertums erreicht.
5. Stufe: Der Massenkonsum und die Überflussgesellschaft setzen sich durch.
Rostow hat die wirtschaftliche Entwicklung beschrieben und sich für ein starkes Unternehmertum eingesetzt, da er dieses als maßgeblich für den Anstoß wirtschaftlichen Wachstums anerkannte. Empirische Wirtschaftsanalysen sind quantitativ beschreibend. Bei den Analysen z.B. von Kuznets (vgl. im Kapital 2 den Abschnitt zu den Konjunkturzyklen) und den Berichten der Wirtschaftsforschungseinrichtungen wird immer wieder betont, dass wirtschaftliches Wachstum ein Ergebnis der Anstrengung von Menschen ist, die versuchen, ihren Lebensstandard zu verbessern. Das Tempo des Wachstums ist dabei abhängig vom Verhalten der Wirtschaftssubjekte und vom Ordnungsrahmen:
Risikobereitschaft und Tüchtigkeit;
Qualifikation der Arbeitnehmer;
Anpassungsfähigkeit und -bereitschaft der Unternehmen z.B. bei strukturellen Veränderungen (Kohlebergbau, Textilindustrie);
Bereitschaft zum Sparen und damit zum Verzicht auf Gegenwartskonsum;
Günstige institutionelle Rahmenbedingungen: Wirtschaftsordnung und -politik können maßgeblich für die Dynamik des wirtschaftlichen Wachstums sein.
1.4 Fazit
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steht im Zentrum der Bemessung des wirtschaftlichen Wachstums einer Volkswirtschaft. Die Größe ist angreifbar, weil eine Reihe von Faktoren nicht in die Berechnung einbezogen werden und das BIP z.B. bei Berücksichtigung des Freizeitnutzens höher bzw. bei Berücksichtigung von Umweltschäden geringer ausfallen müsste. Gleichwohl dient das BIP in gewissem Maße dazu, verschiedene Volkwirtschaften und deren Entwicklungen vergleichen zu können.
Versucht man, neben dem Messen des wirtschaftlichen Wachstums dessen Entwicklung zu prognostizieren, stößt man erneut an Grenzen. Es können Daten aus der Vergangenheit analysiert werden, um daraus für die Zukunft Aussagen zu treffen. Die ableitbaren stilisierten Fakten zeigen Entwicklungsmuster auf. Auch Wachstumstheorien sollen helfen, den Prozess des Wachstums, den Verlauf, zu erklären. In der Regel abstrahieren die Modelle sehr stark von der Wirklichkeit, damit einfache Aussagen getroffen werden können. So werden üblicherweise die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit in die Analyse einbezogen und aus deren Zusammenspiel Ergebnisse hergeleitet. Die Neoklassiker gehen dabei von abnehmenden Grenzproduktivitäten der Produktionsfaktoren aus und arbeiten in der langen Frist, während die keynesianischen Modelle eher kurzfristig orientiert sind und über Nachfrageveränderungen z.B. im Wege zusätzlicher Investitionen argumentieren. Allen Modellen gemein ist, dass sie Schwierigkeiten haben, das wirtschaftliche Wachstum zu prognostizieren. |24|Eine Mischung aus Theorie und Praxis scheint daher angemessen und verhilft über empirische Daten dazu, passende Wachstumspolitiken zu entwickeln.
Grundsätzlich gibt es zwei Ansatzpunkte der Wachstumspolitik: die Ausdehnung des Angebots an Gütern, d.h. Verbesserung der Produktionsbedingungen (geht auf die sog. neoklassische Wirtschaftstheorie zurück) sowie die Ausdehnung der Nachfrage nach Gütern, d.h. direkte oder indirekte Einflussnahme auf die Güternachfrage (geht auf den Keynesianismus zurück). Eine nachfrageseitige Wirtschaftspolitik könnte darin bestehen, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch Steuersenkungen anzuregen bzw. die Investitionsausgaben z.B. durch Zinssenkung zu erhöhen. Diese Politiken setzen an der Verwendungsseite des BIP an, d.h. an der Formel
BIP = CH + CG + I + (Ex – Im)
Auch die Staatsnachfrage kann z.B. durch Haushaltsbeschlüsse zum Anstieg der Bildungsausgaben bzw. über die Steigerung der Nettoexporte (z.B. durch Wechselkurspolitik) erhöht werden. Ziel ist die Abschwächung (kurzfristiger) konjunktureller Schwankungen und eher nicht das (langfristige) Wachstum.
Eine angebotsseitige Wirtschaftspolitik zielt darauf ab, die Möglichkeiten und Anreize für die Unternehmen, ein hohes Güterangebot zu produzieren, zu fördern. Politikbereiche können die Verbesserung des Humankapitalstocks, insbesondere Förderung von Bildung und Ausbildung, die Förderung des technischen Fortschritts, insbesondere Förderung von Forschung und Entwicklung, die erleichterte Realkapitalbildung, etwa öffentliche Bereitstellung einer Infrastruktur sowie Stärkung des Wettbewerbs und Deregulierung sein (vgl. Kapitel 10).
Das Wirtschaftswachstum und die Wachstumspolitiken sind mehr denn je sehr wichtige Forschungs- und Politikfelder. Mit der Wirtschaftskrise, die 2007 in den USA durch das Platzen der Immobilienblase losgetreten wurde, und den folgenden Staatsschuldenkrisen der USA und einer Vielzahl europäischer Staaten hat sich herausgestellt, dass die Theorien und die Schlussfolgerungen für die Politik zu überdenken sind. Offenkundig bedarf der ‚freie‘ Markt vor dem Hintergrund der Globalisierung und der internationalen Verflechtung der Güter- und Kapitalmärkte eines flexiblen ordnungsrechtlichen Rahmens. Ein Beispiel für den flexiblen Umgang mit makroökonomischen Krisen ist die konzertierte Aktion der Franzosen, Spanier, Italiener und Deutschen im Herbst 2009: Es wurden Konjunkturpakete geschnürt, um einen scharfen Einbruch der wirtschaftlichen Aktivitäten zu vermeiden. Dies und weitere Aspekte werden im folgenden Kapitel zur Konjunktur besprochen.
[Zum Inhalt]
|25|Kapitel 2: Wie entsteht eine Rezession?
2.1 Was ist ein Konjunkturzyklus?
„[…] im Jahr 2014 [wird sich] die konjunkturelle Lage in Deutschland voraussichtlich aufhellen. Während für das Jahr 2013 lediglich ein Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes von 0,4 Prozent erwartet wird, prognostiziert der Sachverständigenrat für das Jahr 2014 einen Zuwachs von 1,6 Prozent. (SVR 2013)“
Dies war der Stand im Sommer 2013. Schaut man sich die Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung rückblickend an, dann ist festzustellen, dass das BIP 2013 um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt hat und 2014 tatsächlich um 1,6 Prozent. Sieht man in das Gutachten des Sachverständigenrates 2014/15 ‚Mehr Vertrauen in Marktprozesse‘, dann waren die Erwartungen für die Zukunft eher pessimistisch:
Nach einem überraschend guten Start in das Jahr 2014 hat die deutsche Konjunktur einen deutlichen Dämpfer erhalten. Hierfür dürften die geopolitischen Risiken ebenso eine Rolle gespielt haben wie die ungünstige Entwicklung im Euro-Raum. Über Vertrauenseffekte könnte sich zudem der von der Bundesregierung eingeschlagene Kurs in der Energiepolitik sowie in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik negativ bemerkbar gemacht haben. Im Jahr 2015 dürfte sich die verhaltene wirtschaftliche Entwicklung fortsetzen; der Sachverständigenrat rechnet mit einer Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts von 1,0 Prozent. (SVR 2014)
Tatsächlich ist das BIP im Jahr 2015 gegenüber dem Vorjahr um 1,7 Prozent gestiegen. Für das Jahr 2016 korrigiert der Sachverständigenrat seine Konjunkturprognose:
„[…] aufgrund eines etwas schwächeren außenwirtschaftlichen Umfelds leicht nach unten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland wird nach Einschätzung des Rates um 1,5 Prozent wachsen, also um 0,1 Prozentpunkte weniger als im Jahresgutachten 2015/16 prognostiziert. Für das Jahr 2017 wird ein etwas höherer BIP-Zuwachs von 1,6 Prozent erwartet.“ (SVR 2016b)
Tatsächlich ist das BIP 2016 um 1,9 Prozent gewachsen.
Konjunkturschwankungen, wie sie in den Zitaten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung aus dem Herbst des Jahres 2013 sowie 2014 und in der Pressemitteilung aus dem Frühjahr 2016 diagnostiziert und prognostiziert werden, lassen sich als Schwankungen des Auslastungsgrades des Produktionspotenzials definieren. Dieser Indikator gibt ein Bild von der gesamtwirtschaftlichen Wirtschaftsentwicklung wieder. Er misst nicht die wirtschaftlichen Aktivitäten der Wirtschaftssubjekte selbst, sondern stellt diese in Relation zur potenziellen Wertschöpfung (vgl. dazu Böschen 2015).
|26|Dasjenige Produktionsvolumen, das in einer Periode maximal erzeugt werden könnte, wenn alle Produktionsfaktoren vollständig ausgelastet wären, bezeichnet man als Produktionspotenzial. Das Produktionspotenzial ist eine hypothetische Größe. Eine objektive Definition der volkswirtschaftlichen Produktionsgrenze ist nicht möglich. Fasst man das Produktionspotenzial als Summe der betrieblichen Produktionsmöglichkeiten auf, so müssten letztere eindeutig definiert werden, um den gesamtwirtschaftlich erzeugbaren Output zu ermitteln. Für die Vollauslastung der Produktionskapazitäten eines Unternehmens gibt es jedoch keine objektiven Kriterien. Häufig wird auf die betriebsübliche, nicht jedoch auf die technisch maximal mögliche Kapazität abgestellt. Entsprechendes gilt für die Kapazitätsgrenze einer Volkswirtschaft. Das Produktionspotenzial ließe sich demnach nur dann quantifizieren, wenn Annahmen hinsichtlich der bestmöglichen Nutzung der Produktionsfaktoren getroffen werden würden.[14] Im ‚Normalzustand‘ der deutschen Volkswirtschaft wird das Produktionspotenzial zu 96,75 Prozent ausgelastet (SVR 2011). Das Konzept des Produktionspotenzials spielt ungeachtet der genannten Kritik eine wichtige wirtschaftstheoretische und -politische Rolle. So ist die kurzfristig orientierte Konjunkturpolitik darauf ausgerichtet, die optimale Auslastung des Produktionspotenzials zu sichern.
Das Produktionspotenzial weist eine positive Steigung auf, da in der Regel – abgesehen von Kriegssituationen – der Kapitalstock einer Volkswirtschaft stetig zunimmt. Würden alle Produktionsfaktoren ständig voll ausgelastet werden, würde die Volkswirtschaft entlang dieses Pfades wachsen. Da aber Konjunkturschwankungen aufgrund verschiedener Faktoren üblich sind, wird das Produktionspotenzial nur im sogenannten Boom, der Hochkonjunktur, zu 100 Prozent genutzt. In der Depression ist nur ein Teil der Produktionsfaktoren ‚beschäftigt‘. Um zu erklären, in welchem Maße die Volkswirtschaft durchschnittlich während eines Konjunkturzyklus’ wächst, wird ein Trend bestimmt. Die Konjunktur (das tatsächliche BIP) schwankt um diesen langfristigen Wachstumstrend.
Mit Konjunktur meinen Ökonomen somit die Schwankungen, die bei einem bestimmten Grad der Kapazitätsauslastung des vorhandenen Produktionspotenzials entstehen (können). Hochkonjunkturphasen werden als Perioden einer überdurchschnittlichen Inanspruchnahme der Produktionskapazitäten wahrgenommen. Während einer Depression werden demgegenüber die Produktionsmöglichkeiten nur unterdurchschnittlich intensiv genutzt. Die Phase zwischen einer Hochkonjunktur bzw. einem wirtschaftlichen Boom und einer Depression bezeichnet man als Abschwung oder Rezession. Die Phase zwischen einer depressiven Periode und einem Boom nennen Ökonomen Aufschwung oder Expansion.
Während eines Aufschwungs steigt die Produktion (das BIP) gemäß der Definition des Statistischen Bundesamtes in mindestens zwei aufeinander folgenden Quartalen.[15] |27|Die Arbeitslosigkeit sinkt. Im Boom (Hochkonjunktur) erfolgt die Produktion an der Kapazitätsgrenze. Es werden relativ viele Investitionen getätigt und das Preisniveau steigt u.U. stark. Wenn die Inflationsrate besonders stark im Verhältnis zum BIP zunimmt, wird dies als konjunkturelle Überhitzung bezeichnet. Aufgrund des Preisanstiegs geht in der Regel die Nachfrage zurück und schließlich die Produktion. Die Wirtschaft befindet sich in einer Rezession, wenn die Produktion in zwei aufeinander folgenden Quartalen abnimmt. In dieser Situation steigt die Arbeitslosigkeit. Fällt das BIP, während die Inflationsraten hoch bleiben, befindet sich die Volkswirtschaft in einer Situation der Stagflation: wirtschaftliche Stagnation und monetäre Inflation. Gehen die Produktion und die Investitionen weiter zurück und nimmt die Arbeitslosigkeit zu, dann ist die Volkswirtschaft von einer Depression (Krise) betroffen.
Je nachdem in welcher Phase die volkswirtschaftliche Entwicklung verortet wird, sollen konjunkturpolitische Maßnahmen die konjunkturelle Entwicklung während des Booms gegebenenfalls vorab dämpfen oder in der Depression unterstützen. Betrachtet man die empirischen Daten der Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft wie sie in untenstehender Abbildung 7 dargestellt sind, so fällt auf, dass der durchschnittliche Wachstumspfad zwar durchweg positiv war, dass zwischen 1950 und 2016 die Wachstumsdynamik jedoch deutlich abgenommen hat.
Abbildung 7:
Veränderung des realen deutschen Bruttoinlandsproduktes gegenüber dem Vorjahr in Prozent (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten vom Statistischen Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung – Lange Reihen ab 1950, 2017e).[16]
|28|Von einem durchschnittlichen Wachstum von 8,2 Prozent in den Wiederaufbaujahren zwischen 1950 und 1959 ist die deutsche Volkswirtschaft auf ein durchschnittliches Wachstum von nur 0,9 Prozent zwischen 2000 und 2010 gerutscht. Dafür maßgeblich ist unter anderem die Weltwirtschaftskrise, die im Jahr 2007 in den USA durch den Kollaps des Bankwesens aufgrund der Kreditvergabepolitik der Banken provoziert und ausgelöst wurde. Die Auswirkungen zeigten sich insbesondere 2009 in Deutschland und in einer Reihe anderer Staaten auf der Welt.
Neben der geringeren Wachstumsdynamik ist in Abbildung 7 ablesbar, dass es einige Depressionen während der vergangenen 60 Jahre in Deutschland gegeben hat. Die erste Ölpreiskrise 1973/74 hat sich auch auf die deutsche Wirtschaft deutlich ausgewirkt. Aufgrund des Ölpreisschocks gingen die Produktion, die Nachfrage und die Investitionen deutlich zurück. „Der Rohölpreis, der 1970 noch 1,40 US-Dollar pro Barrel (=158,8 Liter) betragen hatte, schoss nach oben und hatte sich um die Jahreswende 1973/74 vervierfacht.“ (Seng 2004)
Die zweite Depression wurde ebenfalls durch einen immensen Anstieg des Ölpreises 1980/1981 ausgelöst. Das Barrel kostete zeitweise 38 USD. Anfang der 90er Jahre manövrierte Deutschland sich wirtschaftlich durch die Wiedervereinigung und die damit verbundenen Aufwendungen sehenden Auges in eine wirtschaftliche Depression. Anfang des neuen Jahrtausends sorgte die sogenannte „dot.com-Krise“ für Irritationen an den Finanzmärkten. Die Unternehmen der „New Economy“ schienen stark überbewertet zu sein und es kam zu einem Platzen der Spekulationsblase mit der Folge eines massiven Abrutschens der Börsenwerte der Unternehmen der betroffenen Branchen. Dies zeitigte schließlich auch Auswirkungen in der Realwirtschaft. Davon betroffen war nicht nur die deutsche Volkswirtschaft. Der wirtschaftliche Einbruch war weltweit spürbar.
Bereits erwähnt wurde die Finanzmarkt-, Wirtschafts-, Banken- und Staatsschuldenkrise, die sich realwirtschaftlich ab 2009 in Deutschland auswirkte. Sie scheint jedoch, soweit die in Abschnitt 2 aufgeführten Indikatoren eine stichhaltige Aussage zulassen, überwunden zu sein. In den Jahren 2010 und 2011 wurden reale Wachstumsraten zwischen 3,6 und 3,3 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorjahr vom Statistischen Bundesamt ausgewiesen[17], 2012 und 2013 0,7 und 0,1 Prozent. Im Jahr 2014 ist das BIP um 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, 2015 um 1,7 Prozent und 2016 um 1,9 Prozent (Statistisches Bundesamt 2017d).
2.2 Konjunkturdiagnose
Um eine erfolgreiche Konjunkturpolitik mit dem Ziel der Glättung der Konjunkturschwankungen umsetzen zu können, ist es unabdingbar, gewisse Gesetzmäßigkeiten konjunktureller Entwicklungen zu erkennen und deren Ursachen offen zu legen. Eine |29|Reihe von Wissenschaftlern hat versucht, aus empirischen Daten und deren Entwicklung Muster zu isolieren und wiederkehrende Konjunkturzyklen zu definieren.[18] Zu diesen gehören
Joseph Kitchin (Kitchin, 1923)
Clement Juglar (Juglar, 1860)
Simon Kuznets (Kuznets, 1930)
Nicolai Kondratieff (Kondratieff, 1926)
Ein Kitchin-Zyklus hat eine Gesamtlänge von im Durchschnitt drei bis vier Jahren. Unter Wirtschaftswissenschaftlern gilt ein Kitchin-Zyklus als relativ ‚harmlos‘, da angenommen wird, dass auftretende Nachfrageschwankungen durch den Lagerauf- oder -abbau ausgeglichen werden können. Das bedeutet, dass keine oder nur geringe Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung auftreten. Die Lagerveränderungen wirken quasi als Puffer. – Zur aktuellen Relevanz: Seit vielen Jahren ist zu beobachten, dass Lagerhaltungszeiten von den Unternehmen aus Kostengründen minimiert und damit optimiert werden. Die Folge ist, dass Nachfrageschwankungen unmittelbarer auf die Beschäftigungssituation rückkoppeln. Insofern ist die Pufferfunktion nicht mehr gegeben und der Kitchin-Zyklus nicht mehr relevant.
Ein Juglar-Zyklus weist eine Gesamtlänge von acht bis zwölf Jahren auf. Diese Zyklen gelten nach wie vor als zentrale Konjunkturzyklen in marktwirtschaftlichen Systemen. Änderungen der Nachfrage schlagen vollständig auf die Produktion und damit auf die Beschäftigungssituation und das wirtschaftliche Wachstum durch. Typischerweise setzt hier die 80 Jahre später entwickelte keynesianische Konjunkturpolitik an. Maßnahmen zur Stärkung der Nachfrage seitens des Staates sollen einen konjunkturellen Einbruch überwinden helfen.
Ein Kuznets-Zyklus ist ein Wachstumszyklus, da er eine Länge von ca. zwanzig Jahren hat. Er wird als Re-Investitionszyklus bezeichnet. Als Grund für wirtschaftliche Schwankungen werden Investitionsschübe genannt, die auftreten, wenn sich in bestimmten Branchen wegen hohen Kapitalbedarfs und langer Nutzungsphasen Investitionen stauen. Diese müssen dann kurzfristig komprimiert realisiert werden. Die Investitionsexplosion bewirkt dann eine intensive, gegebenenfalls zu hohe Auslastung der Produktionskapazitäten.
Ein Kondratieff-Zyklus weist eine Dauer von 50 bis 60 Jahren auf. Er ist eher als Trend- oder Wachstumszyklus zu verstehen und wird durch Innovationsschübe verursacht. So verortete Kondratieff zwischen 1790 und 1840 einen Zyklus, der durch die technischen Entwicklungen in der Eisen- und Textilindustrie hervorgerufen wurde. Zwischen 1840 und 1900 begründeten der Eisenbahnbau, die Dampfmaschine und die Stahlindustrie einen wirtschaftlichen Aufschwung. Zurzeit befinden wir uns im |30|fünften Kondratieff-Zyklus, der auf die weitreichenden Innovationen in der Informationstechnologie zurückzuführen ist.
Diese empirisch, d.h. ex post, diagnostizierten Zyklen lassen sich allerdings nicht dazu nutzen, Prognosen über künftige Entwicklungen zu treffen. Sie dienen lediglich der Interpretation wirtschaftlicher Entwicklungen, die in der Vergangenheit Platz gegriffen haben, und der Analyse geeigneter wirtschaftspolitischer Maßnahmen, die einst umgesetzt wurden.
Neben den genannten Konjunkturzyklen, die unterschiedliche Ursachen und Phasenlängen aufweisen, gibt es sogenannte politische Konjunkturzyklen. Sie werden von exogenen Faktoren bestimmt, d.h. die Ursache des Entstehens konjunktureller Störungen hängt nicht unmittelbar mit ökonomischen Faktoren zusammen. Die Dauer eines politisch motivierten Konjunkturzyklus’ wird – so die Theorie von William D. Nordhaus (geb. 1941) – von der Länge der Legislaturperiode der im Amt befindlichen Regierung bzw. Regierungskoalition beeinflusst. Grundsätzlich hängt die Wiederwahl einer Regierung davon ab, ob die Beschäftigungssituation und die Wirtschaftsstruktur am Ende der Legislaturperiode das Plazet der Wähler finden. Es liegt damit nahe, dass eine an ihrer Wiederwahl interessierte Regierung gegen Ende der Legislaturperiode versucht, mit allen Mitteln eine prosperierende Wirtschaft, also einen Aufschwung aufrechtzuhalten oder gar zu erzeugen. Die Wiederwahl kann z.B. erreicht werden, indem der Staat versucht, durch die Ausweitung der Transferleistungen an die privaten Haushalte zunächst die Kaufkraft und schließlich den privaten Konsum kurzfristig zu erhöhen. Mittelfristig ist der durch diese Maßnahme erzeugte Aufschwung allerdings ein konjunkturelles Strohfeuer, da die zusätzlichen Transferausgaben mittels zusätzlicher Staatsausgaben und damit Staatsverschuldung finanziert werden müssen. Die Steuereinnahmen werden in einer derartigen Phase nicht erhöht, da damit die zusätzliche Kaufkraft der Wirtschaftssubjekte unmittelbar abgeschöpft werden würde. Dass die Staatsverschuldung in der Zukunft im Wege der Steuerfinanzierung zu bedienen und zu tilgen ist, durchschaut der wählende Bürger dem Konzept der politischen Konjunkturzyklen zufolge nicht oder er steht dieser Situation gleichgültig gegenüber.[19] Neben der Ausweitung der Transferleistungen kann der Staat die Subventionierung bestimmter, üblicherweise beschäftigungsintensiver Branchen ausweiten, um Wählerstimmen zu sichern bzw. zu sammeln. Hier gelten die gleichen kritischen Argumente, die bereits aufgeführt wurden. Die politischen Verantwortungsträger stören die Folgen dieser Maßnahmen für die Staatsverschuldung und auch die Inflation nur am Rande, solange die Wiederwahl ermöglicht wird. Nach der gewonnenen Wahl werden recht bald Instrumente eingesetzt, die die Staatsfinanzen begünstigen, die Inflation bekämpfen etc. Auch die positive Entwicklung der Beschäftigungssituation wird gelegentlich geopfert, um die anderen Stabilitätsziele erneut zu erreichen – zumindest bis zur nächsten Wahl. Dann wird erneut eine expansive Wirtschaftspolitik verfolgt. Die Beschäftigungssituation verbessert sich, die Wähler |31|sind zufrieden. Aufgrund der anstehenden Wahlen wurden ein Aufschwung und ein Abschwung eingeleitet.
Der letztgenannte Konjunkturzyklus wird inzwischen, abgesehen von exogenen Schocks, die eine Wirtschaft treffen können, gemeinhin als besonders relevant für die konjunkturelle Lage einer Volkswirtschaft eingestuft.
2.3 Konjunkturprognose
Während die diagnostizierbaren Konjunkturzyklen vergangenheitsbezogen sind, ist die Konjunkturprognose in die Zukunft gerichtet. Sowohl die Konjunkturdiagnose als auch die Prognose sollen zu Erkenntnissen verhelfen, die dazu beitragen, eine adäquate Konjunkturpolitik zu konzipieren. In der Presse wird regelmäßig über die Erwartungen von Experten hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands, der USA, Chinas, europäischer Staaten, lateinamerikanischer Volkswirtschaften etc. berichtet. Diese ziehen Auswertungen von Befragungen von Unternehmen und privaten Haushalten zu Rate, um die künftige Wirtschaftsentwicklung abzuschätzen.
Bei den Befragungen der Unternehmen werden in der Regel zum einen die aktuelle Geschäftssituation und zum anderen die Geschäftserwartungen abgefragt. Es werden Frühindikatoren, gleichlaufende und Spätindikatoren unterschieden. Zu den Frühindikatoren gehören z.B. die Auftragseingänge, die bei den Unternehmen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eingegangen sind. Sie gelten als Signal für die Veränderung der Nachfrage im In- und Ausland. Darüber hinaus werden insbesondere in den USA die Hauskäufe als wichtiger Indikator für die konjunkturelle Entwicklung wahrgenommen, da die Bauinvestitionstätigkeit besonders zinsreagibel ist. Daten zu den Hauskäufen werden in der Regel freitags gegen 14:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit veröffentlicht und sorgen weltweit für Aktivitäten an den Aktien- und Rentenmärkten. Auch die Entwicklung der Finanzmärkte, beispielsweise die Kursänderungen von Aktien, wird als Frühindikator für künftige konjunkturelle Entwicklungen in Betracht gezogen. Zu den gleichlaufenden Indikatoren für die Entwicklung der Konjunktur gehört die Analyse der Veränderungen des Produktionsindexes bzw. der Kapazitätsauslastung der Unternehmen. Wenn die Kapazitäten von einem Stichtag gegenüber einem weiteren Stichtag stärker ausgelastet sind, deutet dies mitunter auf den Beginn eines konjunkturellen Aufschwunges hin und vice versa. Neben den hochsensiblen Frühindikatoren bildet die Auswertung der Spätindikatoren die Grundlage für wirtschaftspolitische Entscheidungen. Insbesondere die Lohnentwicklung und die Veränderung der Beschäftigungssituation sind hier von Bedeutung.
Abgesehen von der chronologischen Unterteilung der Indikatoren unterscheiden wir zudem Einzel- und Gesamtindikatoren. Während die Löhne, die Preise und die Auftragsentwicklung zu den Einzelindikatoren gerechnet werden, weisen die Entwicklung des BIP, des Ifo-Geschäftsklimaindexes und des Geschäftsklimas der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) die Eigenschaften von Gesamtindikatoren auf. Der Ifo-Geschäftsklimaindex wird im Wege einer regelmäßigen Umfrage unter etwa 7000 Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft Deutschlands ermittelt. Der Fragebogen |32|besteht aus insgesamt 20 Fragen. Die Unternehmen werden zu ihrer gegenwärtigen Geschäftslage (Auswahlmöglichkeit: gut, befriedigend oder schlecht), ihren Geschäftserwartungen für das kommende halbe Jahr (Auswahlmöglichkeiten: günstiger, gleich bleibend oder ungünstiger), zur Nachfragesituation (Auswahlmöglichkeiten: verbessert, nicht verändert oder verschlechtert) sowie zur Zahl ihrer Beschäftigten (Auswahlmöglichkeiten: zunehmend, gleichbleibend, abnehmend) befragt. Der „Wert“ der gegenwärtigen Geschäftslage ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten „gut“ und „schlecht“. Der Saldo der Erwartungen ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten „günstiger“ und „ungünstiger“. Das Geschäftsklima ist ein geometrischer Mittelwert aus den Salden der Geschäftslage und der Erwartungen. Zur Berechnung des Indexwertes wird das Geschäftsklima auf den Durchschnitt des Jahres 2005 normiert (seit Mai 2011). Zu diesem Zeitpunkt wurde der Index auf 100 gesetzt. Der Index dient als Frühindikator für die konjunkturelle Entwicklung. Zudem ergänzt er Daten aus der amtlichen Statistik, denen gegenüber er den Vorteil hat, dass er häufiger erhoben wird und schnell verfügbar ist. Das BIP wird beispielsweise von den statistischen Ämtern nur quartalsweise erhoben und mit einer ‚Verspätung‘ von ca. zwei Quartalen unter Vorbehalt veröffentlicht.
Die Entwicklung des aus den beiden Komponenten „Beurteilung der Geschäftssituation“ und der „Geschäftserwartungen“ bestehenden Geschäftsklimaindexes für die Periode zwischen Januar 2003 und März 2017 wird in Abbildung 8 dargestellt.
Abbildung 8:
Der Ifo-Geschäftsklimaindex für Deutschland (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten vom Ifo-Institut 2017).
Nachdem weiter oben gezeigt wurde, dass in Deutschland im Jahr 2009 eine Depression vorlag, wird in Abbildung 8 deutlich, dass die Unternehmen die Folgen der Finanzmarktkrise bereits im Vorfeld abgeschätzt haben. Die Geschäftserwartungen, die in Abbildung 8 gestrichelt dargestellt sind, nahmen bereits 2007 ab. Auch die Bewertung der Geschäftssituation durch die Unternehmen, die gepunktet dargestellt ist, |33|nimmt die realwirtschaftliche Entwicklung des BIP quasi vorweg. Andersherum zeigen die Indikatoren bereits vor Eintreten der konjunkturellen Besserung einen deutlichen Positivtrend: Die Geschäftserwartungen waren bereits vor dem Eintreten des Wachstumstiefs im Aufwind begriffen. Besondere Bedeutung hat der Ifo-Geschäftsklimaindex. Der Geschäftsklimaindex ist das arithmetische Mittel aus den Geschäftserwartungen und der Beurteilung der Geschäftslage seitens der befragten Unternehmen. Das Geschäftsklima ist in der Grafik mit einer durchgehenden Kurve dargestellt und hilft bei der Prognose von Trendwenden im Konjunkturzyklus. Eine Trendwende bei der Konjunkturentwicklung ist mit hoher Sicherheit gemäß der so genannten Dreimal-Regel erst nach einem dreimaligen Ausschlagen des Geschäftsklima-Indikators in die betreffende Richtung zu erwarten (Heubes, 1991, 15 ff).
Der Präsident des ifo-Institutes in München Clemens Fuest äußert sich folgendermaßen zur aktuellen Entwicklung: „Die Stimmung in den deutschen Chefetagen verbessert sich immer mehr. Der ifo Geschäftsklimaindex stieg im März von 111,1 (saisonbereinigt korrigiert) auf 112,3 Punkte. Dies ist der höchste Wert seit Juli 2011. Die Aufwärtsentwicklung bei der Beurteilung der aktuellen Geschäftslage hält unvermindert an. Auch die Erwartungen der Unternehmen verbesserten sich weiter. Der Aufschwung gewinnt an Kraft.“[20]
Die Gesellschaft für Konsumklimaforschung (GfK) untersucht das Verhalten der Verbraucher. So basiert die am 23. Februar 2017 veröffentlichte Studie zum Konsumklima auf rund 2000 Verbraucherinterviews, die im Auftrag der EU-Kommission monatlich durchgeführt werden. In dem Bericht werden verschiedene Indikatoren grafisch aufbereitet, prognostiziert und ausführlich kommentiert. Zu den Indikatoren gehören[21]:
die KonjunkturerwartungenFolgende Frage wurde den Verbrauchern gestellt: „Was glauben Sie, wie wird sich die allgemeine wirtschaftliche Lage in den kommenden zwölf Monaten entwickeln?“ (Auswahlmöglichkeiten: verbessern – gleich bleiben – verschlechtern)
die EinkommenserwartungenDie Verbraucher antworteten auf die Frage: „Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die finanzielle Lage Ihres Haushalts in den kommenden zwölf Monaten entwickeln?“ (Auswahlmöglichkeiten: verbessern – gleich bleiben – verschlechtern)
die Konsum- und Anschaffungsneigung„Glauben Sie, dass es zurzeit ratsam ist, größere Anschaffungen zu tätigen?“ (Der Augenblick ist günstig – weder günstig noch ungünstig – ungünstig)
das Konsumklima.Diese Größe soll die Entwicklung des privaten Konsums erläutern. Seine wesentlichen Einflussfaktoren sind die Einkommenserwartung, die Anschaffungs- sowie die Sparneigung. Die Konjunkturerwartung wirkt in diesem Zusammenhang eher mittelbar über die Einkommenserwartung auf das Konsumklima.
|34|Zudem werden Informationen über die Ausgabevorhaben der Verbraucher für 20 Bereiche der Gebrauchsgüter-, Verbrauchsgüter- und Dienstleistungsmärkte zusammengestellt. Die GfK-Konsumklimastudie wird seit 1980 erhoben. Der aktuellen Studie ist zu entnehmen: „Nach dem glänzenden Start in das Jahr 2017 muss die Verbraucherstimmung in Deutschland im Februar einen kleinen Rückschlag hinnehmen. Sowohl die Konjunktur- und Einkommenserwartung als auch die Anschaffungsneigung gehen zurück. Für den Monat März liegt die Prognose für das Konsumklima bei 10,0 Punkten nach 10,2 Zählern im Februar. Der Regierungswechsel in den USA und die zuletzt deutlich gestiegene Inflation haben der überaus guten Konsumstimmung im Februar einen Dämpfer versetzt. So büßen die Konjunktur- und Einkommenserwartung einen wesentlichen Teil ihrer Gewinne aus den Vormonaten wieder ein. Im Sog der gesunkenen Einkommensaussichten sinkt auch die Anschaffungsneigung moderat.“ (Gesellschaft für Konsumforschung 2017)
Abbildung 9:
Konsumklimaindex (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten der Gesellschaft für Konsumklimaforschung 2014–2017).
In Abbildung 9 werden die Konjunkturerwartungen, die Einkommensentwicklung sowie die Anschaffungsneigung anhand von Indexpunkten (auf der Ordinate) dargestellt. Es werden Daten aus dem Mai 2014, 2015, 2016 und Februar 2017 gegenüber gestellt. Die Konjunkturerwartungen haben sich gegenüber 2015 und 2014 aktuell deutlich eingetrübt, jedoch zuletzt wieder leicht aufgehellt. Die Einkommenserwartungen legen im Zeitablauf zu, sinken jedoch 2017 etwas. Während die Anschaffungsneigung im Mai 2015 besonders hoch war, geht sie seither zurück. Das Konsumklima hat sich leicht positiv verändert. Letztere Entwicklungen spiegelt auch der ifo-Geschäftsklimaindex im Großen und Ganzen wieder (vgl. Abbildung 8). Insgesamt ist die Stimmung in der deutschen Wirtschaft aktuell recht positiv. Die Tarifverhandlungen in vielen Branchen der deutschen Wirtschaft, die mit z.T. relativ ehrgeizig wirkenden Lohnforderungen seitens der Gewerkschaften einhergehen, bringen darüber hinaus |35|zum Ausdruck, dass die Jahre der Lohnzurückhaltung der Vergangenheit angehören und eine zusehends positive Entwicklung der Wirtschaft erwartet wird.
Auch Wirtschaftsforschungsinstitute versuchen, die wirtschaftliche Entwicklung zu prognostizieren. In Deutschland arbeitet eine Reihe von Ökonomen an Konjunkturprognosen für verschiedene, meist gemeinnützige Wirtschaftsforschungsinstitute, die zum Teil unterschiedlichen Interessengruppen nahestehen. Zu nennen sind u.a. das:
Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung, RWI, in Essen;
Institut für Wirtschaftsforschung e.V., Ifo-Institut, in München;
Weltwirtschaftsinstitut, IfW, in Kiel;
Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, DIW, in Berlin;
Institut für Wirtschaftsforschung, IWH, in Halle;
Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, HWWA[22].
Die sechs genannten Wirtschaftsforschungsinstitute veröffentlichten zwischen 1950 und 2007 zweimal im Jahr eine viel beachtete Konjunkturprognose, die als Frühjahrs- und Herbstgutachten bekannt war. Seit 2007 schreibt das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie die „Gemeinschaftsdiagnose“ aus. Für die Periode 2017 bis 2019 sind folgende Arbeitsgemeinschaften bzw. Institute an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligt (Schmelzer 2016):
DIW Berlin mit Österreichischem Institut für Wirtschaftsforschung, WIFO;
ifo Institut München mit KOF Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich;
IWH Halle mit IfW Kiel;
RWI Essen mit Institut für Höhere Studien, IHS, Wien.
An dieser 2007 eingeführten wettbewerblich organisierten Vergabepraxis wird deutlich, dass das zuständige Bundesministerium bemüht ist, eine größtmögliche Unabhängigkeit zwischen Wissenschaft und Politik hinsichtlich der unter anderem für die Unternehmen und die Politik sehr wichtigen wirtschaftswissenschaftlichen Konjunkturanalysen herzustellen.[23]
Große Bedeutung wird in Wirtschaft und Politik auch dem Bericht des SVR beigemessen. Das Gutachten wird seit 1963 jährlich bis zum 15. November der amtierenden Bundesregierung überreicht. Diese nimmt bis spätestens acht Wochen nach Vorlage des Gutachtens im Rahmen des Jahreswirtschaftsberichts Stellung. In einem eigenen Gesetz über die Bildung eines SVR sind die Aufgaben des Sachverständigenrates und die Berufung der Mitglieder geregelt. Zu den Aufgaben gehören die Analyse der gesamtwirtschaftlichen Lage und Prognosen für die Zukunft. Die Experten sollen „Fehlentwicklungen und Möglichkeiten zu deren Vermeidung aufzeigen, jedoch keine Empfehlungen für bestimmte wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen aussprechen“. In der Tat nutzt der SVR nationale und internationale Indikatoren, um die Konjunktur zu analysieren. Diese Datenreihen werden laufend aktualisiert. Zu den Indikatoren gehören zusammengefasst:
|36|die Produktion der Industrie,
der Auftragseingang der Industrie aus dem Inland/Ausland,
die Produktion des Bauhauptgewerbes,
die Entwicklung des Geschäftsklimas in der gewerblichen Wirtschaft,
die Beurteilung der Fertigwarenlager und der Auftragsbestände im verarbeitenden Gewerbe,
der Frühindikator für die wirtschaftliche Lage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW),
die Umsatzentwicklung im Einzelhandel,
das Verbrauchervertrauen,
die Entwicklung der Aus- und Einfuhr,
der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungsbereich,
die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts und dessen Verwendungskomponenten,
die Entwicklung von Produktivität und Lohnstückkosten,
die Entwicklung der Bruttowertschöpfung, von verfügbarem Einkommen, Konsum und Sparen,
die Einschätzung der Wirtschaftslage (Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, DIHK),
die Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Deutschland, der Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung.
Auf der Basis der gewonnenen Daten wurde auch das Gutachten mit dem Titel „Jahresgutachten 2016/17 – Zeit für Reformen“ veröffentlicht, das folgende Daten beinhaltet:
Tabelle 1: Wirtschaftliche Eckdaten für Deutschland in Prozent

Quelle: Eigene Darstellung mit Daten des SVR und des Statistischen Bundesamtes[24].
|37|Im Gegensatz zum Ifo-Geschäftsklimaindex und zum GfK-Konsumklimaindex basieren die erhobenen Daten weniger auf Umfragen (abgesehen z.B. von der DIHK-Umfrage zur Einschätzung der Wirtschaftslage), als vielmehr auf Daten, die von den statistischen Landes- und Bundesämtern regelmäßig erhoben werden. Es handelt sich also um ex post-Daten, deren Extrapolation gleichwohl eine Prognose erlaubt. Tabelle 1 weist einige Verwendungskomponenten des BIP aus und deren Veränderung in den vergangenen Jahren, wobei für die Jahre 2014, 2015, 2016 und 2017 auf der Basis der Daten, die bis Mitte des entsprechenden Vorjahres verfügbar waren, Prognosen formuliert wurden. Häufig wird die Qualität bzw. die Treffsicherheit von Prognosen kritisiert. Während der SVR mit seiner Prognose die Entwicklung des BIP für das Jahr 2016 eine Punktlandung hingelegt hat, hat er das BIP-Wachstum 2015 um 0,6 Prozentpunkte unterschätzt (vgl. die Spalte 20152). Für das Jahr 2014 wurden die prognostizierten 1,6 Prozent realen Wirtschaftswachstums durch das Statistische Bundesamt bestätigt (vgl. die Spalte 20142). Hinsichtlich des privaten und staatlichen Konsums hat der SVR die Nachfragesituation 2016, 2015 und 2014 unterschätzt. Die Ausrüstungsinvestitionen wurden in den Jahren teilweise deutlich unterschätzt, während die Bauinvestitionen 2016 und 2015 über- und 2014 unterschätzt wurden. Die Exporttätigkeit war 2016 höher und 2015 sowie 2014 geringer erwartet, während die Importtätigkeit etwas stärker angenommen worden war, als sie tatsächlich ausfiel. Bei der Arbeitslosenquote hat sich der Sachverständigenrat erhofft, dass die Arbeitsmarktsituation sich deutlicher verbessern würde. Hinsichtlich der Preisveränderungen ist die Differenz zwischen der Prognose des SVR und den Daten des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2016 geringer und 2015 deutlich höher als 2014. Letzteres hängt damit zusammen, dass die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank nicht zu der in all den Jahren vor der Finanzmarktkrise üblichen Ausweitung der Geldmenge und damit zu einer Steigerung des Preisniveaus führt. Die Prognosegenauigkeit ist insgesamt als relativ hoch zu bezeichnen. Diese Tatsache erlaubt das Stützen konjunkturpolitischer Maßnahmen auf der Basis der Prognosewerte des SVR.
2.4 Konjunkturtheorien
Um konjunkturelle Entwicklungen trotz der aufgeführten Diagnose- und Prognosemethoden noch besser verstehen, vorhersehen und interpretieren zu können, wurden und werden nach wie vor Konjunkturtheorien und -modelle entwickelt. Bei den wirtschaftswissenschaftlichen Theorien zur Konjunkturentwicklung unterscheiden wir die vorkeynesianischen von den „neuen“ Theorien. Zu letzteren gehören das keynesianische Konjunkturmodell (ab ca. 1937) sowie die polit-ökonomische Sichtweise der Theoretiker (ab 1975) und einige weitere jüngere Modelle.
2.4.1 Vorkeynesianische Konjunkturtheorien
Die Wissenschaftler, die die rein-monetäre Konjunkturtheorie postulierten, gingen davon aus, dass die Instabilität des Geldumlaufes der zentrale Bestimmungsgrund des Konjunkturverlaufes ist. Für sie ist der Konjunkturzyklus ein reines Geldphänomen. So |38|sorgt ein erhöhtes Geldangebot für sinkende Zinsen, da das Geld weniger knapp wird. In der Folge wird die realwirtschaftliche Lagerhaltung günstiger und die (Konsum-) Nachfrage belebt. Demgegenüber veranlassen steigende Zinsen aufgrund des knapper werdenden Geldes einen Lagerabbau. Die im Lager befindlichen Waren sollen abgesetzt werden, damit mehr Geld in Umlauf kommt und gegebenenfalls die Zinsen erneut fallen können. Das zusätzliche Güterangebot aus den aufgelösten Lagern konkurriert nun mit den Waren aus der laufenden Produktion. Dieses Mehrangebot an Gütern dürfte zu fallenden Preisen führen. Verstärkt wird der monetäre Anstoß sowohl im Aufschwung als auch in der Depression dadurch, dass die Einkommen produktionsabhängig sind und damit auch der Konsum. Während des Aufschwunges sorgen Preissteigerungserwartungen demnach dafür, dass die Händler ihre Vorräte ausdehnen, d.h. mehr Güter produzieren, um mehr in die Lager einstellen zu können. Damit wird der Expansionsprozess gefördert, der Boom verstärkt. Ebenso bewirkt nach der konjunkturellen Wende die Erwartung sinkender Preise den Abbau der Lager. Die Talfahrt in die Depression wird beschleunigt. Es greifen somit die jeweilige Konjunkturphase verschärfende Mechanismen und nicht die wünschenswerten konjunkturdämpfenden Maßnahmen. Die adäquate politische Maßnahme ist gemäß der Anhänger der rein-monetären Konjunkturtheoretiker die Stabilisierung des Geldumlaufes. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes hängt von den Erwartungen der Konsumenten und Unternehmen im Hinblick auf die Zinsentwicklung, auf die Höhe der künftig verfügbaren Einkommen etc. ab. Ob der Umlauf des Geldes überhaupt kontrolliert werden kann, ist noch heute umstritten. Zudem wird an der Theorie kritisiert, dass empirische Studien widerlegen, dass die Lagerhaltung zinsabhängig ist. Im Gegenteil: die jederzeitige Lieferfähigkeit hat sich als dominierend herausgestellt (Teichmann 1997, 4ff).
Eine weitere Erklärung für das Auftreten konjunktureller Wellen sind die monetären und die nicht-monetären, realen Überinvestitionstheorien. Die monetären Überinvestitionstheorien begründen Konjunkturschwankungen mit dem Auseinanderfallen von „natürlichem Zins“ und „Kreditzins“. Hier werden Investitionen durch eine übergroße Differenz zwischen dem „natürlichem Zins“ als realwirtschaftlich bestimmter Rendite der Investitionen und dem „Kreditzins“ als monetärem Zins der Finanzmärkte ausgelöst. Ist die Investitionsrendite höher als der für Kredite zu zahlende Zins, so investieren die Unternehmen und weiten ihre Produktionskapazitäten sowie die Beschäftigung aus. Im weiteren Verlauf gleichen sich der natürliche Zins und der Kreditzins wieder an. Die Investitionen gehen zurück. Der Renditevorteil von Sachinvestitionen gegenüber Finanzinvestitionen sinkt und kann sogar negativ werden. Investitionen sind nicht mehr rentabel bzw. werden unrentabel (Teichmann 1997, 5ff). Dies wird in Abbildung 10 veranschaulicht.
Abbildung 10:
Rentabilität von Investitionsprojekten (Quelle: Eigene Darstellung).
Während auf der horizontalen Achse der Grafik die Investitionsprojekte A bis F abgetragen sind, wird auf der vertikalen Achse die Rentabilität der Investitionsprojekte denominiert in Euro aufgeführt. Die zugrunde liegende, realistische Annahme ist, dass die Investitionsprojekte mittels der Aufnahme von Krediten finanziert werden. Steigt der Kreditzins, so werden im Beispiel die Projekte C, D, und E unrentabel. Der Investor wird die Projekte nicht umsetzen, keine Mitarbeiter einstellen, sondern vermutlich einige entlassen müssen. Allein Projekt F lohnt sich noch für den Unternehmer, wobei |39|die Rendite durch den höheren Kreditzins geschmälert wird. Es kommt, wenn mehrere Unternehmen das genannte Kalkül aufmachen, zur Rezession und eventuell Depression.
Die realen Überinvestitionstheorien knüpfen an der Tatsache an, dass die Investitionsgüterindustrie größeren konjunkturellen Schwankungen unterliegt als die Konsumgüterindustrie. Die Schwankungsursachen liegen damit in der im Vergleich zur künftigen Nachfrage zu hohen oder zu geringen Investitionsgüterproduktion begründet. Ein Konjunkturzyklus mit Aufschwung und sich hieraus automatisch ergebendem Abschwung lässt sich z.B. damit erklären, dass es ausgehend von positiven Erwartungen infolge von Innovationen oder einer Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen für die Unternehmen etc. zu einer stark ansteigenden Investitionsgüternachfrage kommt. Damit nimmt die Kapazitätsausweitung im Investitionsgütersektor zu. Irgendwann aber ist der Markt gesättigt. Noch mehr neue Maschinen werden nicht benötigt. Die vorhandenen Kapazitäten der Investitionsgüterindustrie werden nicht mehr ausgelastet. Es kommt in der Investitionsgüterindustrie zu einem Abschwung. Dies geschieht auch dann, wenn die Konsumgüternachfrage noch intakt ist. Allerdings werden die Entlassungen in der Investitionsgüterbranche zu einer geringeren Kaufkraft und damit zu einem Rückgang der Nachfrage nach Konsumgütern führen. Die Konsumgüterindustrie kann ebenso in eine Schieflage geraten (Teichmann 1997, 6ff). Ein Beispiel für die reale Überinvestitionstheorie ist die Krise in der Automobilindustrie nach dem Boom der deutschen Wiedervereinigung. Der Markt war – bei hohen vorhandenen Kapazitäten – gesättigt.
In den Unterkonsumtionstheorien werden Konjunkturschwankungen auf Veränderungen der Einkommens- und Vermögensverteilung bzw. konkret auf einen Rückgang der Konsumnachfrage aufgrund eines Kaufkraftverfalls zurückgeführt. Unterstellen wir einen Aufschwung und legen zur Vereinfachung folgende Annahmen zugrunde:
|40|Je höher die Einkommen aus unselbstständiger Arbeit sind, desto höher ist die volkswirtschaftliche Konsumquote.
Je höher die Einkommen aus Vermögen und Unternehmertätigkeit sind, desto höher ist die volkswirtschaftliche Spar- bzw. Investitionsquote.
Zudem gilt, dass in einem Aufschwung grundsätzlich die Preise schneller steigen als die Löhne, da ein gewisser Nachfragedruck vorliegt.
Wenn aber die Güterpreise schneller steigen als die Löhne, kommt es aufgrund hierdurch steigender Gewinne der Unternehmen zu einer Änderung der funktionalen Einkommensverteilung. Als funktionale Einkommensverteilung wird das Verhältnis der Lohnquote zur Gewinnquote verstanden. Die Lohnquote ist der Quotient der Arbeitnehmerentgelte und des Volkseinkommens. Das Volkseinkommen setzt sich aus den Bruttoeinkommen aus unselbstständiger Arbeit und den Einkommen aus Vermögens- und Unternehmenseinkünften zusammen. Die Gewinnquote ihrerseits ist das Verhältnis aus den Vermögens- sowie Unternehmenseinkünften und dem Volkseinkommen. Steigt also die Lohnquote, so muss die Gewinnquote sinken und vice versa, denn beide Quoten müssen in der Summe 100 ergeben; das gesamte Volkseinkommen. In Deutschland liegt die Lohnquote aktuell bei einem Anteil von etwa 68 Prozent am Volkseinkommen. Sie schwankte in den vergangenen acht Jahren zwischen 63 und 68 Prozent am Volkseinkommen. Steigen nun in einem Aufschwung die Preise schneller als die Löhne, wird die Investitionstätigkeit in Relation zur Konsumnachfrage überproportional erhöht. Ein wirtschaftlicher Abschwung wird dann unvermeidlich, wenn bei hohen Kapazitäten der Investitionsgüterindustrie der Auslastungsgrad der Konsumgüterindustrie sinkt, weil die Kaufkraft der unselbstständig Beschäftigten in Relation zum Angebot zu gering ist. Im Zuge der Rezession kommt es dann bei rückläufigen Unternehmensgewinnen und Preissenkungen wieder zu der ursprünglichen Einkommensverteilung. Die Kaufkraft steigt, die Nachfrage nimmt zu, ein neuer Aufschwung beginnt. Dies geschieht allerdings nur unter der Prämisse, dass die Rezession nicht dazu genutzt wurde, die Löhne zu stark zurückzuführen (Teichmann 1997, 7). Dies würde – so die Unterkonsumtionstheorien – zu einem Abschwung führen, wie im Jahr 1929, als eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst wurde. Vor diesem Hintergrund empfiehlt die Bundesbank angesichts der konjunkturellen Entwicklung, die Erhöhung der realen Löhne: „Insofern liegt es in der Natur der Sache und ist auch zu begrüßen, dass die Arbeitsentgelte wieder stärker steigen als zu Zeiten, in denen die deutsche Wirtschaft in deutlich schlechterer Verfassung war.“[25]
Neben der monetären Überinvestitionstheorie werden weitere monetäre Konjunkturtheorien ins Feld geführt, die allerdings darauf basieren, dass fehlerhafte geldpolitische Maßnahmen der Zentralbank für konjunkturelle Schwankungen verantwortlich sein sollen. Betreibt die Zentralbank eine expansive Geldpolitik indem sie beispielsweise die Leitzinsen senkt oder die Geldmenge ausweitet, so kommt es normalerweise, d.h. wenn der Transmissionsmechanismus funktioniert und die Geschäftsbanken günstige Refinanzierungskosten an die privaten Haushalte und Unternehmen weitergeben, zu einer Kreditexpansion. Diese führt in einer ansonsten normalen Wirtschaftslage zu einer Ausweitung der Investitionen (vgl. Abbildung 10: Alle Projekte, auch |41|die Projekte A und B werden rentabel und deshalb umgesetzt). Zudem nehmen die Konsumausgaben zu, da die Ersparnisbildung der Wirtschaftssubjekte aufgrund der gesunkenen Zinsen weniger rentabel ist. Es kommt zu einem Aufschwung. Wenn in dieser Situation die Geschäftsbanken die Kreditvergabe nicht ausweiten können oder diese gar wegen zunehmender Risiken einschränken, kommt es zu einem Anstieg des Zinsniveaus. Es nehmen damit sowohl die Finanzierungskosten der Investoren zu als auch die Kontokorrentzinsen, die für die Nachfrager bedeutsam sind. In der Folge geht die Nachfrage zurück. Die Preise fallen. Die Gewinne der Unternehmen sinken. Die Investitionen werden eingeschränkt und damit die Beschäftigung. Schließlich fällt die Kaufkraft aufgrund der gesunkenen Lohnsumme. Die Wirtschaft gleitet in die Rezession. Ein Beispiel für eine kreditinduzierte Rezession ist die Finanzkrise, die 1997/ 1998 in Asien durch eine zunächst viel zu expansive Kreditpolitik des dortigen Bankensektors verursacht wurde.
Hintergrund dieser Erklärung konjunktureller Schwankungen ist die Annahme, dass Konjunkturzyklen parallel zu Produktlebenszyklen von Produkten verlaufen, die besonders beschäftigungsintensiv produziert werden. Joseph Schumpeter (1883–1950) ging davon aus, dass sich eine Produktinnovation eines Unternehmers als technologische Neuerung auf dem Markt durchsetzen kann. Die Wirtschaft gerät in einen Aufschwung, da immer mehr Unternehmen die Innovation, indem sie vermehrt investieren, nachahmen. Dieser Prozess geht so lange von statten, bis so viele Neuunternehmer auf dem Markt sind, dass der Gewinn des einzelnen Unternehmens zurückgeht. Der erzielbare Preis für das Produkt liegt dann nicht nur kurz- sondern mittelfristig unterhalb der Grenzkosten der Produktion, d.h. für den Unternehmer lohnt sich die Produktion nicht mehr. Sinkende Gewinne oder gar Verluste leiten jedoch unter Umständen einen Abschwung ein, dem durch eine sich erneuernde Innovationsfähigkeit der Volkswirtschaft begegnet werden kann.
Eine weitere Sichtweise hinsichtlich der Gründe für Konjunkturschwankungen lieferte Arthur C. Pigou (1877–1959) im Jahr 1927. Er machte das Verhalten der Marktteilnehmer verantwortlich für Konjunkturschwankungen. Übertriebener Optimismus der Investoren führt zu z.T. risikobehafteten Investitionsentscheidungen und damit zu einem angebotsinduzierten Aufschwung, der bei einer neutralen Sicht auf die Wirtschaftsentwicklung unter Umständen nicht stattgefunden hätte. Wenn sich die Absatzerwartungen der Unternehmer nun nicht erfüllen, kommt es zu einer stark gegenläufigen Kontraktionsphase. Die Unternehmen bauen Kapazitäten über die Maßen ab. Die Beschäftigung geht zurück. Die Kaufkraft fällt weiter. Denkbar ist auch, dass der Optimismus der Konsumenten einen nachfrageinduzierten Aufschwung einleitet. In der Erwartung zunehmender Beschäftigung sowie steigender Löhne und Gehälter wird der Konsum ausgedehnt. Stellen sich die Erwartungen als fehlerhaft heraus, steigen die Löhne und Gehälter nicht im erhofften Ausmaß. Der Konsum wird zurückgenommen. Die anfänglich positive Erwartung schlägt in eine Rezession um (Teichmann 1997, 7ff).
Ein Konjunkturzyklus kann auch ohne jegliche kausale ökonomische Notwendigkeit herbeigeredet werden. In dem Augenblick, in dem die Medien und einflussreiche Wirtschaftssubjekte mit einem wirtschaftlichen Einbruch rechnen und öffentlich |42|darüber reden, beginnen die Empfänger der Informationen zu sparen, weniger zu investieren bzw. zu konsumieren. Andersherum kann auch ein Aufschwung herbeigeredet werden. Wird eine neue, als wirtschaftskompetent geltende Regierung gewählt, investieren die Unternehmen, um die Konsumenten künftig bedienen zu können. Diese kaufen auch auf Kreditbasis Güter, da sie mit Lohn- und Gehaltssteigerungen rechnen und andererseits Preissteigerungen erwarten. Diese Art von Konjunkturschwankungen wird durch sich selbst erfüllende Prophezeiungen induziert.
Sowohl die Unterkonsumtions- als auch die Überinvestitionstheorie und die zur Auflösung der konjunkturellen Verzerrung empfohlenen Instrumente werden heute überwiegend als überholt angesehen, helfen uns jedoch, die Prozesse besser zu verstehen. Die Konturen der Zyklen sind heute aufgrund der statistischen Datenerhebungs- und Analysemöglichkeiten deutlicher zu erkennen. Der technische Fortschritt erfolgt aufgrund der Globalisierung heute weniger in „plötzlichen“ Schüben als vielmehr relativ gleichmäßig. Es werden von dieser Seite heute eher keine Konjunkturzyklen ausgelöst.
2.4.2 Keynesianische Konjunkturmodelle
Zwei einfache Modelle zur Erklärung von Konjunkturschwankungen basieren auf der keynesianischen Theorie. Es sind die Modelle von John R. Hicks (1904–1989) und Paul A. Samuelson (1915–2009) (vgl. dazu z.B. Heubes 1991, 29–83 sowie Teichmann 1997, 11–14). Samuelson betrachtete in seinem Modell eine geschlossene Volkswirtschaft, d.h. das Export- und das Importverhalten der Unternehmen und privaten Haushalte bleiben außer Acht. Das BIP Y wird demnach für den Konsum der privaten Haushalte CH, die Investitionen I und den Staatskonsum CG verwendet. Das Preisniveau nimmt Samuelson als gegeben an, d.h. es wird nicht durch die genannten Größen beeinflusst. Der Produktionsfaktor Arbeit ist bei dieser Betrachtung ausreichend vorhanden. Der Produktionsfaktor Kapital stellt hingegen einen Engpass dar. Die Produktionsfaktoren werden beide im Produktionsprozess benötigt und können nicht durch den jeweils anderen ersetzt werden. Jede zusätzlich im Produktionsprozess eingebrachte Einheit Kapital erfordert eine bzw. mehrere zusätzliche Einheiten Arbeit und anders herum. Diese Annahme ist durchaus realistisch: man stelle sich ein neu angeschafftes Fließband vor, an dem nur unter besonderen Umständen Güter produziert werden können, ohne dass eine zusätzliche Arbeitskraft zum Einsatz kommt. Samuelson geht in diesem Modell davon aus, dass Konjunkturschwankungen durch Veränderungen des Verhältnisses der Investitionen I zum Output Y verstärkt werden. Steigen die Investitionen um eine Einheit, so ist zu erwarten, dass der Output entsprechend um zwei bis zu drei Einheiten, also überproportional zunimmt. Der Grund: Die Investitionen selbst erhöhen die Nachfrage des Unternehmens nach Zulieferprodukten, die weiterverarbeitet werden können, und damit werden Investitionen in weiteren Unternehmen notwendig. Die Investitionen wirken wie ein Akzelerator und dieser wird – wenn wir einmal die Annahme der geschlossenen Volkswirtschaft außer Acht lassen – nicht ausschließlich im Inland wirksam.[26] So waren 2015 in Deutschland rund |43|16 Prozent der Exportgüter chemische Erzeugnisse und etwa 13 Prozent der Importe (German Trade and Invest 2016). Auch zum Konsum CH trifft Samuelson verschiedene Annahmen: Die Konsumfunktion basiert auf den Annahmen von John M. Keynes’ makroökonomischem Modell zur Begründung der Notwendigkeit höherer Staatsausgaben in wirtschaftlichen Krisensituationen (Felderer 2005). Der Konsum CH der privaten Haushalte ist diesem zufolge vom Einkommen der Vorperiode abhängig. Dieses wiederum wird entweder gespart oder ausgegeben, je nachdem wie groß die Konsumneigung c bzw. die Sparneigung s ist. Konsumneigung und Sparneigung ergeben in der Summe immer 1, d.h. der Wert z.B. der Konsumneigung liegt zwischen 0 und 1. Wenn die Konsumneigung c 0,8 beträgt, werden 80 Prozent des verfügbaren Einkommens für Konsumzwecke verausgabt, und 20 Prozent gespart. Wenn die Konsumneigung von 0,8 auf 0,9 steigt, dann geht die Ersparnis zwar um 10 Prozentpunkte zurück, aber durch den zusätzlichen Konsum nimmt nicht nur die aktuelle Güternachfrage zu, sondern es steigen zudem die Investitionen. D.h., da die laufende Investitionsnachfrage sich – anders als die einkommensunabhängige autonome Investitionsnachfrage – proportional zum Konsum CH verhält, werden zusätzliche Investitionen getätigt und damit künftige Produktionskapazitäten geschaffen, um Nachfragesteigerungen bedienen zu können. Dies wiederum bewirkt, dass zusätzliche Arbeitseinheiten in den Produktionsprozess eingebracht werden müssen. Die Entlohnung des Produktionsfaktors Arbeit zieht gesamtwirtschaftlich ein höheres Einkommen nach sich. Ein höheres Einkommen seinerseits bewirkt, dass die Konsumausgaben, die annahmegemäß einkommensabhängig sind, steigen. Es liegt demnach ein doppelter Effekt vor, der durch die Konsumneigung hervorgerufen wird. Daraus resultiert der Begriff Multiplikator.
Die zusätzliche Konsumnachfrage erhöht die Investitionen unter der Annahme, dass ein entsprechender Kapitalstock aufgebaut werden kann. Die Gesamtinvestitionen beinhalten die laufenden, von der Konsumnachfrage abhängigen, Investitionen und die autonomen Investitionen. Das Zusammenwirken von Akzelerator und Multiplikator erklärt Samuelson zufolge das Auftreten von Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und damit Konjunkturschwankungen. Eine Zunahme der Konsumneigung c von z.B. 0,8 auf 0,9 wirkt also zunächst über den Multiplikator auf die Zunahme des Einkommens und über den Akzelerator wirkt dies auf die Erhöhung der Investitionen mit dem bekannten Effekt der Verzwei- bis Verdreifachung des Outputs. Der Aufschwung wird – zu sehr – verstärkt. Eine konjunkturelle Überhitzung kann die Folge sein. Andersherum wirkt eine Abnahme der Konsumneigung insofern nachteilig auf die wirtschaftliche Entwicklung, als dass die konjunkturelle Delle verschärft werden kann. In beide Richtungen kann die wirtschaftliche Entwicklung diesem Modell zufolge aufgrund des Zusammenwirkens von Akzelerator und Multiplikator ‚explodieren‘. Es können mit diesem Modell Konjunkturschwankungen erklärt werden.
Ein wichtiger Aspekt konjunktureller Schwankungen sind zeitliche Verzögerungen – time lags –, mit denen die Anpassungsprozesse eintreten. So ist davon auszugehen, |44|dass Effekte infolge der Veränderung der Konsumneigung erst zwei Perioden verspätet sichtbar werden. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Vielzahl eben dieser Verzögerungen als Auslöser von Konjunkturschwankungen in Frage kommt. Die Einkommen steigen beispielsweise bevor die Konsumausgaben CH zunehmen. Die Nachfrage CH wird geäußert und die Produktion nimmt erst daraufhin zu. Die Investitionsentscheidung geht der Investition voraus etc. Nach Samuelson sind Konjunkturschwankungen von unterschiedlichem Ausmaß natürlich, regelmäßig gleiche Amplituden der Schwankungen jedoch eher zufällig. Allerdings – und dies ist bedeutsam – wird in Samuelsons Modell der Einfluss der Erwartungsbildung außer Acht gelassen und es werden ausschließlich reale Größen betrachtet. Monetäre Effekte werden annahmegemäß nicht in die Analyse einbezogen. Dies beinhaltet darüber hinaus eine gewisse Realitätsferne, gleichwohl vereinfacht die Exogenität des Preisniveaus die realwirtschaftliche Betrachtung.
Hicks zeigte etwa ein Jahrzehnt nach Samuelson in den 50er Jahren, dass Konjunkturschwankungen um einen Gleichgewichtspfad herum verlaufen, d.h. dass sie gerade nicht ‚explodieren‘. Untenstehende Abbildung 11 veranschaulicht dies. Die Konjunktur schwankt um einen Wachstumspfad. Während auf der vertikalen Achse das Bruttoinlandsprodukt bzw. die Produktion Y dargestellt wird, veranschaulicht die horizontale Achse den Ablauf der Zeit t.
Abbildung 11:
Produktionspotenzial und Konjunkturschwankungen (Quelle: Eigene Darstellung nach Albertshauser 2007).
|45|Grundlegende Annahmen auch dieses Modells sind das Vorliegen einer geschlossenen Volkswirtschaft, die Tatsache, dass Staatsinvestitionen autonom und damit nicht nachfrageinduziert sind, während private Investitionen nachfrageabhängig sind. Zudem wird angenommen, dass Preise und Löhne kurzfristig konstant bleiben. Neben den genannten Annahmen liegen dem Modell von Hicks Verhaltensannahmen zugrunde:
So hängt der private Konsum CH wie bei Samuelson vom Einkommen der Vorperiode ab. Der Konsum ist sogar ausschließlich vom Einkommen abhängig, d.h. eine autonome Konsumkomponente wird – anders als bei John M. Keynes – nicht berücksichtigt, weil eine kurzfristige Entwicklung erklärt werden soll.
Die Investitionen haben zwei Facetten.
1 Sie sind teils unabhängig vom Einkommen. Ausgehend von einer anfänglichen Investitionsnachfrage wächst die Investitionstätigkeit mit einer konstanten Rate. (Samuelson ging nicht von einer konstanten Wachstumsrate der einkommensabhängigen Investitionen aus.) Es kann für jede Folgeperiode das Volumen der einkommensunabhängigen Investitionen bestimmt werden. Als Begründung für die Autonomie der Investitionen und deren konstanter Wachstumsrate werden der laufende technische Fortschritt, eine veränderte Konsumnachfrage sowie staatliche Ausgaben aufgeführt.
2 Die bedeutsamere Komponente der Investitionen besteht in der nachfrageabhängigen Kapitalstockänderung, d.h. die Investoren orientieren sich bei der Planung ihrer Investitionen an den Einkommen der Vergangenheit. Sie gehen davon aus, dass die Einkommensdifferenzen der vergangenen Perioden in die Zukunft fortgeschrieben werden können. (Samuelson ging davon aus, dass eine Abhängigkeit vom Konsum besteht.) Zudem wird die Investitionshöhe durch den konstant angenommenen Akzelerator festgelegt. Hierin kann berechnet werden, welche Kapitalausstattung notwendig ist, um die erwartete Nachfragezunahme in der Folge der Einkommenserhöhung zu befriedigen.
Die genannten Verhaltenshypothesen bestimmen die Entwicklung des BIP Y, wenn von einem Gütermarktgleichgewicht ausgegangen wird. Das bedeutet, dass das BIP dem privaten Konsum zuzüglich der Investitionen entspricht und damit, dass die Entwicklung des BIP um einen Wachstumspfad herum schwankt. Im Gegensatz zu Samuelson betrachtete Hicks einen in Abbildung 11 dargestellten Gleichgewichtspfad und nicht einen Gleichgewichtswert. Dies hängt mit den beiden Modifikationen der Investitionsnachfrage zusammen (Heubes 1991, 39). Der natürliche Wachstumspfad des BIP liegt theoretisch bei einer Normalauslastung der Kapazitäten vor. Dieses stetige Wachstum beinhaltet jedoch keinerlei Konjunkturschwankungen, d.h. das BIP beläuft sich in der Periode t=1 auf das BIP in der Periode t=0 zuzüglich des Produktes aus dem BIP und der konstanten Wachstumsrate der einkommensunabhängigen Investitionen. Diese letztgenannte Wachstumsrate wird durch den technischen Fortschritt bestimmt. Da aber Konjunkturschwankungen beobachtet werden, ist davon auszugehen, dass dieses dynamische Gleichgewicht nicht bzw. nur zeitweise besteht. D.h. es liegt ein gleichgewichtiger Wachstumspfad vor, um den herum die Konjunktur schwankt. Der Multiplikator weicht bei Hicks von dem Samuelsons ab. Hicks’ Multiplikator kann als |46|‚Supermultiplikator‘ bezeichnet werden, da neben der Konsumneigung c der Akzelerator k einen unmittelbaren Einfluss auf die Investitionen sowie das BIP Y hat. Die Folge dieses ‚Supermultiplikators‘ ist, dass Störungen des Gleichgewichtspfades zu starken Schwankungen des Einkommens führen können. Die Störungen können die unterschiedlichsten Ursachen haben. Beobachtet wurde, dass Energiepreisänderungen sich gravierend auf die wirtschaftlichen Aktivitäten und auf die einkommensunabhängige Nachfrage auswirken. Derartige Störungen des Gleichgewichts sorgen für Schwankungen, deren Amplituden aber begrenzt sind, so die These von Hicks. Die obere Grenze besteht bei Maximalauslastung der Produktionsfaktoren (Produktionspotenzial). Aufgrund der Kapazitätswirkungen der autonomen Investitionen wächst diese obere Grenze mit der Wachstumsrate, die vom technischen Fortschritt beeinflusst wird. Die untere Grenze ergibt sich aus der Höhe der Abschreibungen. Unter der Annahme, dass es sich bei den einkommensabhängigen Investitionen um Nettoinvestitionen und nicht nur um Erhaltungs- und Ersatzinvestitionen handelt, müsste ein Kapitalabbau bei sinkender Nachfrage durch eine Verschrottung von Maschinen erfolgen. Weil dies in der Realität nicht beobachtbar ist, sind die Nettoinvestitionen im Konjunkturabschwung betragsmäßig auf die Höhe der Abschreibungen D beschränkt (Teichmann 1997, 13). Die Amplitude der Schwankung kann nicht weiter nach unten ‚ausbrechen‘: Die Abschreibungen nehmen mit der gleichen Wachstumsrate wie das Volkseinkommen zu. Übersteigen die einkommensabhängigen Investitionen im Konjunkturabschwung die Höhe der Abschreibungen, so sinkt die gesamte Investitionsnachfrage.
Abbildung 11 veranschaulicht, dass die dargestellte Wirtschaft im Aufschwung so stark wächst, dass das Produktionspotenzial gänzlich ausgenutzt wird. Ab diesem Zeitpunkt kann die Wirtschaft nur noch mit der Wachstumsrate zunehmen. Diese ist niedriger als die im Aufschwung realisierte Wachstumsrate. Da somit die Differenz zwischen den Volkseinkommen in den Perioden t=1 und t=0 kleiner wird, gehen auch die einkommensabhängigen Investitionen zurück, so dass das Einkommen schließlich sinkt. Mit sinkendem Einkommen tritt nun ein negativer Multiplikator-Akzelerator-Prozess in Kraft. Dieser kumulative Prozess wird jedoch gebremst, sobald die einkommensabhängigen Investitionen die Höhe der Abschreibungen erreicht haben. Die Wirtschaft befindet sich kurzfristig genau auf dem Wachstumspfad. Ab diesem Zeitpunkt wird der Akzelerator-Mechanismus außer Kraft gesetzt, so dass die Entwicklung des Einkommens durch den Multiplikator bestimmt wird. Die Wirtschaft nähert sich nun der ansteigenden unteren Grenze an. Schließlich kann – nach Durchschreiten der Depression – ein neuer positiver Akzelerator-Prozess gestartet werden und die Wirtschaft in einen Aufschwung gelangen. Keine der Entwicklungen führt dem Modell von Hicks zufolge zu einem ‚explodierenden‘ Verlauf der Konjunktur. Kritisiert wird allerdings, dass im Modell nicht erläutert wird, warum und wann die Wendepunkte im wellenförmigen Konjunkturverlauf erreicht werden. Damit wird zudem nicht deutlich gemacht, warum der Akzelerator ab diesen Wendepunkten wirksam bzw. nicht wirksam ist. Darüber hinaus berücksichtigt auch dieses Modell keine monetären Größen. Die Annahme des stabilen Preisniveaus erscheint zudem wenig realitätsnah.
|47|Die keynesianischen Modelle zur Erklärung von Konjunkturphänomenen weisen die nachfrageabhängige Investitionsfunktion als gemeinsames Merkmal auf. In beiden vorgestellten Modellen löst ein exogener Anstoß die Konjunkturschwankungen aus. Diese werden durch den Multiplikator-Akzelerator-Prozess verstärkt. Erwartungen finden keine Berücksichtigung. Besonders hervorzuheben ist, dass die Keynesianer davon ausgehen, dass die modellhaft betrachtete Volkswirtschaft in sich instabil ist, weil die Nachfrage phasenweise zu gering ist, um das gesamte Angebot zu aufzunehmen.
2.4.3 Neoklassisches Konjunkturmodell
Milton Friedman (1912–2006) gilt gemeinsam mit John M. Keynes als der einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhundert und entwickelte einen monetaristischen Ansatz zur Erklärung von Konjunkturschwankungen (Heubes 1991, 84–86). Im Jahr 1963 wurde sein gemeinsam mit Anna J. Schwartz (1915–2012) geschriebenes Hauptwerk „A Monetary History of the United States, 1867–1960“ (Friedman 1971 [1963]) veröffentlicht, in dem die Auswirkungen von Geldmengenänderungen auf Konjunkturzyklen beschrieben werden. Mit diesem Werk haben Friedman und Schwartz die – oben aufgeführten – nachfrageorientierten keynesianischen Erklärungen von Konjunkturzyklen bestritten.
Friedman und Schwartz legen ihrem Modell den Markträumungsansatz zu Grunde. Das bedeutet, dass angenommen wird, dass die Volkswirtschaft auch bei flexiblen Preisen in einem stabilen Gleichgewicht ist. Dieses walrasianische Gleichgewicht, benannt nach Léon Walras (1834–1910) liegt augenblicklich vor, wenn nur einer der Märkte (Gütermarkt, Geldmarkt etc.) im Gleichgewicht ist, da sich dann automatisch alle anderen Märkte ebenfalls im Gleichgewicht befinden müssen. Unabhängig davon können gemäß Friedman und Schwartz die nominalen Einkommen schwanken, wenn die Zentralbank die Geldmengenpolitik verändert. Dies wiederum erzeugt Konjunkturwellen. Friedman und Schwartz stellen die These auf, dass exogene monetäre Schocks Konjunkturschwankungen verursachen können. Hinzu kommt der Gedanke, dass diese in Verbindung mit nicht angemessenen Erwartungen der Wirtschaftssubjekte entstehen. Um zu zeigen, dass Einkommensschwankungen auf Geldmengenänderungen zurückgeführt werden können, führen Friedman und Schwartz die Erwartungshaltung der Wirtschaftssubjekte hinsichtlich der Inflation ein.
Geld ist diesem Ansatz zufolge ein Vermögensobjekt unter vielen. Die Nachfrage nach Geld ist von dem Kalkül der Wirtschaftssubjekte bestimmt, das Vermögen optimal unter verschiedenen Anlageformen aufzuteilen. Durch dieses Verhalten wird das Risiko der Vermögenshaltung gestreut und damit ein möglicher Verlust minimiert. Die optimale Aufteilung des Vermögens richtet sich nach den Renditen der einzelnen Anlageformen. Diese stellen – von der anderen Seite betrachtet – die Opportunitätskosten der Geldhaltung dar. Der Zinssatz und die Inflationsrate dienen bei Friedman und Schwartz der Bemessung der Opportunitätskosten. Ansatzpunkt für die Bewertung des Gesamtvermögens ist das laufende Einkommen, da das Gesamtvermögen nur schwer zu bestimmen ist. Künftige Einkommensströme schätzen die Wirtschaftssubjekte annahmegemäß anhand vergangener Einkommen ab, d.h. sie handeln auf der Basis adaptiver Erwartungen. Das rationale Verhalten der Wirtschaftssubjekte spiegelt |48|sich in der individuellen Nutzenmaximierung sowie in preis- und zinselastischem Verhalten wider. Preisänderungen bewirken somit eine Veränderung der Güternachfrage. Zinsänderungen bedingen eine Anpassung der Zusammensetzung des Vermögensportfolios. Dieses kann aus folgenden Vermögenswerten bestehen:
Festverzinsliche Finanzaktiva und/ oder Aktien, wobei die Erträge Zinsen sein können oder Stimmrechte auf Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften;
Sachaktiva wie physisch vorhandene und nicht-menschliche Güter;
Humankapital wie Aus- und Fortbildung.
Je nachdem, bei welchem Vermögenswert die höchsten Renditen zu erwarten sind, wird das Wirtschaftssubjekt sein Portfolio entsprechend optimieren. Unter der weiteren Annahme, dass die Wirtschaftssubjekte sich an realen Größen orientieren, ergibt sich für die Nachfrage der Wirtschaftssubjekte nach realer Kassenhaltung, also nach Bargeld oder Giralgeld, dass sich diese in gleicher Weise wie das reale Einkommen ändert. Der Einfluss der Inflationsrate ist anhand der Entwicklung des realen Einkommens zu erkennen. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Wirtschaftssubjekte ihre reale Geldnachfrage nur geringfügig von Zinsänderungen abhängig machen. Demgegenüber hat der Zins sehr wohl einen Einfluss auf das Halten festverzinslicher Finanzaktiva, Sachaktiva etc. Friedman und Schwartz nutzen diesen Zusammenhang dazu, Konjunkturschwankungen zu erläutern. Sie gehen von einem Vollbeschäftigungsgleichgewicht und zunächst von einem stabilen Preisniveau aus. Zudem wird angenommen, dass die Wirtschaft mit einer jährlichen Rate von drei Prozent wächst, wobei die Finanzierung der steigenden Umsätze durch ein Wachstum der Geldmenge von ebenfalls drei Prozent sichergestellt wird. Es resultiert demnach in dieser Situation keine Inflation. Dieses Gleichgewicht wird nun im Zeitpunkt t0 durch eine Erhöhung der Geldmenge zum Beispiel um acht Prozent gestört. Dieser exogene Schock bewirkt gemäß Friedman und Schwartz eine Konjunkturschwankung.
Aufgrund der erhöhten Geldmenge übersteigt die von den Wirtschaftssubjekten gehaltene Geldmenge die optimale Geldnachfrage.
Die optimale Geldnachfrage bleibt annahmegemäß zunächst bei noch unverändertem Nominaleinkommen und gegebenen Inflationserwartungen gleich.
Die Wirtschaftssubjekte werden deshalb ihre überflüssige Kassenhaltung abbauen. Sie schieben ihre überflüssige Kassenhaltung (gehaltene Geldmenge) je nach Zinshöhe in Finanzaktiva etc. oder sie konsumieren. Die Preise für Güter und Dienstleistungen steigen in Folge einer höheren Nachfrage.
Dies führt schließlich zu einem Anstieg des nominalen Einkommens. Dieser Anstieg ist zum Teil auf die Erhöhung des Preisniveaus zurückzuführen.
Da die Wirtschaftssubjekte ihre Inflationserwartungen nun (fälschlicherweise) korrigieren, steigt die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Das vorhandene Geld wird häufiger umgesetzt.
Die Wachstumsrate des Nominaleinkommens übersteigt die Wachstumsrate der Geldmenge um die Veränderungsrate der Umlaufgeschwindigkeit.
|49|Es kommt zu einem ‚over shooting‘ des Nominaleinkommens in der Folge der Erwartungsbildung der Wirtschaftssubjekte. Eine Konjunkturschwankung wurde durch die unerwartet starke Geldmengenexpansion ausgelöst.
Friedmans und Schwartz’ Ziel war es, zu veranschaulichen, dass u.U. zufällige Schwankungen der Geldmenge das gesamte Wirtschaftssystem in Schwingungen versetzen können. Nicht ausschließlich die Konsumnachfrage ist Dreh- und Angelpunkt konjunktureller Verwerfungen, wie in den keynesianischen Theorien dargestellt. Obschon darauf hingewiesen wurde, dass Veränderungen des Nominaleinkommens zum Teil auf die Höhe der Inflationsrate und zum Teil auf das Realeinkommen rückwirken, wurde offen gelassen, welche realen Auswirkungen die Anpassung an das neue Gleichgewicht auf die Wachstumsrate des Volkseinkommens hat.
2.4.4 Polit-ökonomisches Konjunkturmodell
Weitere theoretische Versuche, konjunkturelle Schwankungen zu erläutern, sind polit-ökonomische Modelle. Diesen zu Folge werden Konjunkturzyklen durch wirtschaftspolitische Entscheidungen verursacht. Sie entstehen durch die Politik einer Regierung, die ihre Wiederwahl sicherstellen möchte. Um das Ziel des Machterhalts zu erreichen, trägt eine Regierung Sorge dafür, dass am Ende einer Legislaturperiode und damit vor der Wahl die Arbeitslosenquote besonders niedrig ist. Der Preis für diese Politik ist unter Umständen eine zunehmende Inflation, d.h. die Instabilität des Preisniveaus. Nach erfolgreicher Wiederwahl muss die Regierung die Preisniveaustabilität mit den ihr zur Verfügung stehenden Instrumenten wieder herstellen. Nebenprodukt dieser Maßnahmen kann der Anstieg der Arbeitslosenquote sein. William D. Nordhaus hat dargestellt, welche Konsequenzen der Wechsel von einer am Gemeinwohl orientierten Wirtschaftspolitik zu einer am Eigeninteresse ausgerichteten Wirtschaftspolitik hat (Nordhaus 1975)[27]. In seinem Modell unterscheidet er zwischen dem ökonomischen und dem politischen System. Letzteres hat ebenfalls zwei Komponenten:
die Regierung, die das Ziel der Wiederwahl verfolgt;
die Wähler bzw. das Wählerverhalten.
Das Wahlverhalten eines Wirtschaftssubjektes kann modellhaft in einer Wahlfunktion erfasst werden. Diese beinhaltet zunächst nur die Zielgrößen geringe Arbeitslosigkeit und geringe Inflation.
Abbildung 12:
Indifferenzkurven der aggregierten Wahlfunktion (Eigene Darstellung in Anlehnung an Jürgen Heubes, Konjunktur und Wachstum, München 1991, S. 113ff).
Die in der Abbildung 12 dargestellten konvexen Indifferenzkurven der Wahlfunktion geben alle Kombinationen von Höhen der Inflationsrate und der Arbeitslosenquote an, die der Regierung den gleichen Stimmenanteil sichern (in Abbildung 12 entweder mit 51 Prozent die Mehrheit der Stimmen oder mit 40 Prozent weniger als die Mehrheit der Stimmen). Der Stimmenanteil ist umso größer, je näher die Indifferenzkurve am Ursprung liegt. Hinsichtlich des Wählerverhaltens wird angenommen, dass die Wirtschaftssubjekte ihre Wahlentscheidung in Abhängigkeit der Entwicklung der Arbeitslosenquote und Inflationsrate während der gesamten Wahlperiode berücksichtigen, wobei neuere Daten zur Wirtschaftslage ein höheres Gewicht haben. Die |50|Regierungspartei oder -koalition ihrerseits versucht, ihre Wiederwahl sicherzustellen, indem sie abschätzt, welche Präferenzen die Wähler hinsichtlich der Arbeitslosenquote und der Inflationsrate haben.
Abbildung 13:
Kurzfristige Philips-Kurven (Eigene Darstellung in Anlehnung an Jürgen Heubes, Konjunktur und Wachstum, München 1991, S. 114ff).
|51|Da die wirtschaftspolitischen Ziele des hohen Beschäftigungsstandes und der Preisniveaustabilität nicht ohne weiteres bzw. nur in Sondersituationen (wie z.B. 2014 bis 2016, vgl. Tabelle 1) parallel erreicht werden können, ist ein Optimum scheinbar nicht erreichbar. Eine hohe Arbeitslosenquote ist gemäß der Philips-Kurve mit einer geringen Inflation verbunden und vice versa. Grafisch bedeutet dies: Je höher die erwartete Inflationsrate ist, umso weiter verläuft die hier betrachtete Philips-Kurve vom Ursprung entfernt. Nordhaus hat für sein Modell diese Philips-Kurve genutzt, um die optimale Strategie der Regierungspartei darstellen zu können. Bringt man nun die Präferenzen der Wähler mit der Situation in der Wirtschaft in Einklang, so ergibt sich ein Tangentialpunkt, der der Regierung eine Hilfestellung hinsichtlich einzuleitender wirtschaftspolitischer Maßnahmen gibt.
Abbildung 14:
Optimale Strategie der Regierungspartei (Eigene Darstellung in Anlehnung an Jürgen Heubes, Konjunktur und Wachstum, München 1991, S. 117ff).
Punkt A in Abbildung 14 veranschaulicht, dass die Regierung versuchen sollte, im Hinblick auf den Wahltag eine relativ geringe Arbeitslosenquote zu erreichen und die hiermit verbundene vergleichsweise hohe Inflation in Kauf zu nehmen. Da die damit verbundenen hohen Inflationserwartungen die kurzfristige Philips-Kurve nach außen verschieben (Philips-Kurve 1), wodurch die Stimmenmehrheit verloren geht, muss die Regierung im Laufe der Legislaturperiode die Inflationserwartungen mittels die Konjunktur dämpfende wirtschaftspolitische Maßnahmen zurückführen, obschon dies mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote verbunden sein könnte.[28] Hierdurch verschiebt sich die Philips-Kurve wieder in Richtung Ursprung, so dass die Regierung die dann anstehende Wahl gegebenenfalls erneut gewinnt.
|52|Abbildung 15:
Der politische Konjunkturzyklus (Eigene Darstellung in Anlehnung an Jürgen Heubes, Konjunktur und Wachstum, München 1991, S. 117ff).
Abbildung 15 zeigt, dass die zeitliche Abfolge durch die Dauer der Legislaturperiode bestimmt wird und erklärt die Persistenz von Konjunkturschwankungen. Infolge der Wahltermine ändert sich periodisch die Wirtschaftspolitik der Regierung. Diese Änderungen der Wirtschaftspolitik wirken auf die betrachteten Bereiche der Wirtschaft wie exogene Schocks. Exogene Schocks, die in den oben dargestellten Modellen allerdings unmittelbar die Nachfrage betreffen, sind die Ursache für konjunkturelle Schwankungen.
2.4.5 Internationaler Konjunkturzusammenhang
Nachdem in den vorangegangenen Abschnitten jeweils Modelle vorgestellt wurden, die eine geschlossene Volkswirtschaft zugrunde legen, wird nun nicht zuletzt aus aktuellem Anlass der internationale Konjunkturzusammenhang thematisiert. In Anbetracht der Weltwirtschaftskrise, die 2007 in den USA durch die Vergabepraxis von Krediten („Subprime Crises“) ausgelöst wurde und 2009 massive Rückwirkungen auf viele, auch die deutsche Volkswirtschaft hatte, wird im Folgenden ein Modell erläutert, dem flexible Wechselkurse zugrunde liegen. Auch in jüngster Vergangenheit haben wir mit dem im Juni 2016 per Volksentscheid herbeigeführten ‚Brexit‘, dem Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union (EU), und der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA im November 2016 anschauliche Beispiele für den internationalen Konjunkturzusammenhang.
Ziel ist es, zu zeigen, ob und inwieweit flexible Wechselkurse das Inland gegenüber – auch konjunkturellen – Störungen im Ausland abschirmen. Dazu werden geld- und finanzpolitische Maßnahmen im Ausland betrachtet. In den USA wurden beispielsweise im Zuge der Krise von der Zentralbank, der Federal Reserve Bank, mehrere geldpolitische Pakete geschnürt und lanciert, die zu einer sehr guten Versorgung der Märkte mit Geld führten. Auch die Europäische Zentralbank EZB hat |53|seit 2011 mehrmals den Geldmarkt „geflutet“ und den Leitzins ab dem 10. März 2016 auf 0 Prozent gesenkt[29], um der drohenden Unterversorgung der Banken mit Kapital entgegenzuwirken bzw. die Weitergabe von Kapital an Investoren zu gewährleisten.[30] Die Banken stellen sich seit Beginn der Krise 2009 untereinander aufgrund der erwarteten Risiken und der Notwendigkeit, ‚faule‘ Kredite abzuschreiben, kaum noch gegenseitig Finanzierungsmittel zur Verfügung. Die EZB versucht mit einer weiteren Lockerung der Geldmengenpolitik, dem Outright Monetary Transaction-Programm, den resultierenden Problemen entgegenzuwirken.
Im nun erläuterten Modell wird davon ausgegangen, dass sich alle Märkte, die Güter- und der Geldmarkt, hin zu einem Gleichgewicht orientieren.[31] Der Gütermarkt ist im Gleichgewicht, wenn gerade so viele Güter angeboten wie nachgefragt werden. Dies ist der Fall, wenn die Investitionen der Unternehmen aus den Ersparnissen der privaten Haushalte finanziert werden, ihnen also entsprechen. Die Investitionen der Unternehmen hängen von der Höhe des Zinses ab. Je niedriger der Zins, umso günstiger sind Investitionen. In der Folge wird üblicherweise mehr investiert. Die Ersparnisbildung der Wirtschaftssubjekte hängt modellgemäß ausschließlich vom Einkommen ab. Je höher das Volkseinkommen, desto größer sind die Ersparnisse. Sinkt das Volkseinkommen, dann wird weniger gespart und damit auch weniger investiert. Damit der Gütermarkt nach dem Sinken des Volkseinkommens wieder im Gleichgewicht ist, muss der Zins steigen. Der Geldmarkt befindet sich im Gleichgewicht, wenn die Nachfrage der Wirtschaftssubjekte nach Geld dem Geldangebot der Zentralbank entspricht. Die Geldnachfrage ist im Modell abhängig vom Einkommen und von der Höhe des Zinses. Nimmt das Einkommen der Wirtschaftssubjekte zu, so steigt ihre Geldnachfrage. Sie wollen mehr konsumieren. Steigt allerdings der Zins, so nimmt die Geldnachfrage ab. Geld ist relativ teuer geworden. Andere Vermögensobjekte, wie z.B. festverzinsliche Wertpapiere oder Aktien werden bevorzugt.
Das Geldangebot wird von der Zentralbank festgelegt. Falls es in dieser Situation gleichbleibt, sinkt das Volkseinkommen. Folglich nimmt die Geldnachfrage ab und ist schließlich geringer als das Geldangebot. Der Zins muss fallen, damit die Wirtschaftssubjekte trotz niedrigeren Einkommens ebenso viel Geld halten wollen wie zuvor. Damit ein internationaler Wirtschaftszusammenhang dargestellt werden kann, muss die Zahlungsbilanz bzw. die Außenhandelsbilanz in die Überlegungen einbezogen werden. Ein höheres Einkommen bewirkt ein Zahlungsbilanzdefizit[32], weil die Importe stärker zunehmen als die Exporte. Dieses Zahlungsbilanzdefizit im Ausland, beinhaltet einen Zahlungsbilanzüberschuss[33] im Inland. Im Inland müssen daher die Zinsen steigen. Unter der Annahme, dass eine expansive Geldmengenpolitik im Ausland umgesetzt |54|wird, erhöhen sich das ausländische sowie das inländische Einkommen. Aufgrund der Geldmengenausdehnung sinken die Zinsen im Ausland. Durch den Anstieg des Einkommens steigt der Konsum, d.h. die Güternachfrage nimmt im Ausland und im Inland zu. Es stellt sich ein Zahlungsbilanzdefizit im Ausland ein, da mehr Güter importiert werden. Im Inland hat das gestiegene ausländische Einkommen steigende Exporte zur Folge. Tendenziell liegt also ein Zahlungsbilanzüberschuss im Inland vor.
Wären die Anpassungsprozesse in dieser Situation vollendet, könnte die Behauptung aufgestellt werden, dass eine expansive Geldmengenpolitik im Ausland zu einer Einkommenserhöhung im Inland führt. Bei den unterstellten flexiblen Wechselkursen bewirkt jedoch der tendenzielle Zahlungsbilanzüberschuss im Inland eine Aufwertung der inländischen Währung. Wenn in diesem Prozess der inländische Zinssatz nicht so stark sinkt wie der ausländische, dann muss die Aufwertung der inländischen Währung so stark sein, dass ein Leistungsbilanzdefizit im Inland entsteht, welches den Überschuss der Kapitalverkehrsbilanz ausgleicht. Aufgrund dieser Aufwertung gehen die Exporte zurück, die Importe nehmen zu und das reale Einkommen im Inland sinkt.
Es kommt in diesem Fall zu einer negativen Konjunkturübertragung. Es zeigt sich, dass flexible Wechselkurse wie beispielsweise zwischen dem Euro und dem US-Dollar die deutsche Wirtschaft bzw. die Wirtschaften der Euro-Länder nicht vor konjunkturellen Störungen in den USA abschirmen können bzw. vor den Wirkungen der Instrumente, die zur Abhilfe eingesetzt werden. Würde keine internationale Verflechtung des Güter- und Kapitalhandels zwischen den Euro-Ländern und den USA bzw. dem Vereinigten Königreich bestehen und damit die Kapitalverkehrsbilanz unberührt bleiben, wäre die Lage anders.
2.5 Warum sind Konjunkturschwankungen problematisch?
Konjunkturschwankungen beinhalten wie Abbildung 11 zeigt, dass die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital in einer Boom-Phase in besonderer Weise zum Einsatz kommen und in einer Depression nicht vollständig genutzt werden. In der Boom-Phase stellt sich aufgrund der Knappheit der Produktionsfaktoren eine Knappheit auf dem Gütermarkt mit der Folge eines zunehmenden Preisniveaus ein. Eine Inflationsrate nahe unter zwei Prozent ist gemäß des deutschen Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes akzeptabel. Entwickelt diese sich darüber hinaus, so ist mit gesamtwirtschaftlich nachteiligen Wirkungen zu rechnen. In der Depression werden weder die Produktionsanlagen vollständig genutzt, noch können alle Arbeitskräfte in dem Maße beschäftigt werden, wie es wünschenswert ist. Es tritt Arbeitslosigkeit auf. Wenn die Arbeitslosenquote oberhalb von vier Prozent liegt, so wird dies gemäß des deutschen Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes als nicht akzeptabel eingestuft. Verschiedene nachteilige Auswirkungen ergeben sich auch hieraus für die Gesamtwirtschaft, die sozialen Sicherungssysteme, das Gemeinwohl und die nachfolgenden Generationen. Steigt die Inflation oder ist zu erwarten, dass sie zunimmt, dann investieren die Wirtschaftssubjekte vermehrt in Sachkapital, da dieses von der Geldentwertung nicht tangiert wird. Es kann jedoch zu Über- und Fehlinvestitionen kommen. Liegt eine vergleichsweise hohe |55|Inflation vor, so spiegeln die Preise der Güter nicht mehr die Knappheitsrelationen am Gütermarkt wider. Die Wirtschaftssubjekte verschieben u.U. ihre Einkäufe in die Zukunft, wenn sie erwarten, dass die Preise künftig fallen. Es kommt zu einem Nachfrage- und Produktionsrückgang, einer Unterauslastung der Produktionskapazitäten und einer rezessiven Wirtschaftsentwicklung.
In Abbildung 16 wird die Veränderung des Harmonisierten Verbraucherpreisindex’ (HVPI) dargestellt, d.h. die Preisentwicklungen bei Lebensmitteln, Energie und Tabak werden außen vor gelassen. Wir sehen, dass die Finanzmarktkrise mit ihren Auswirkungen auf die Konjunktur ab 2009 einen deutlichen Wendepunkt bei der Entwicklung der Inflationsraten darstellt. Erst 2011 kommen wir wieder in bekannte Fahrwasser, jedoch nur kurz. In den Jahren 2013ff. steigt die Sorge deflationärer Tendenzen. Die Entwicklung im Jahr 2015 mit Nullinflation bzw. in den USA negativen Inflationsraten ist u.a. Grund für die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken; z.B. der us-amerikanischen Federal Reserve Bank bis Ende 2016.
Abbildung 16:
Inflationsraten ausgewählter Volkswirtschaften in Prozent (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten von Eurostat)[34].
Gehen wir einmal davon aus, dass die Dynamik der Teuerung erneut zunehmen wird: Dann ist als weitere Folge davon auszugehen, dass es zu einer Umverteilung der Einkommen und Vermögen durch zu hohe Inflation kommt. Die Löhne werden z.B. aufgrund von laufenden Tarifverträgen nicht unmittelbar an die Inflation angepasst. Die abhängig Beschäftigten erleiden damit einen Reallohnverlust. Die Wirtschaftssubjekte, die in der Lage sind, aus dem Geld- und Finanzkapital in Sachwerte zu flüchten, haben einen Vorteil. Da dies in der Regel die vermögenderen Mitglieder einer Gesellschaft sind, bewirkt Inflation eine Umverteilung von den weniger vermögenden zu den vermögenden Wirtschaftssubjekten. Auch der Staat profitiert von |56|Inflation, da die Transferleistungen genau wie die Löhne nicht unmittelbar an die Inflationsrate angepasst werden. Wendet man den Blick in Richtung Außenhandel, so bewirkt eine relativ hohe Inflation im Inland, dass die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland sinkt. Die Inlandswährung wird aufgrund der Inflation gegenüber der Auslandswährung abgewertet. Die inländischen Wirtschaftssubjekte erhalten für ihr Exportgüterbündel ein geringeres Importgüterbündel als zuvor und erleiden somit einen realen Kaufkraftverlust.
Arbeitslosigkeit ist prinzipiell ein Problem für eine Volkswirtschaft, da das ‚Humankapital‘ der betroffenen Personen entwertet wird. Dies hat psychische Folgen für die Betroffenen, die nicht selten mit Hilfe staatlicher Transferleistungen „behandelt“ werden müssen. Arbeitslosigkeit bewirkt neben Erkrankungen des Einzelnen auch, dass die Investitionen in das Humankapital zurückgehen. Die Folge ist eine langfristige Senkung der Produktivität der Volkswirtschaft und damit ein Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Arbeitslosigkeit hat aber auch Auswirkungen auf die volkswirtschaftliche Produktion, da vorhandene Ressourcen verschwendet werden, die eigentlich produktiv eingesetzt werden müssten. Zudem steigen die Sozialausgaben des Staates und die Steuereinnahmen fallen. Die entstehenden Beitragslücken z.B. in der Renten- und Krankenversicherung müssen durch den Staat finanziert werden. Eine Steuermitfinanzierung der Systeme, die eigentlich gemäß des Umlageverfahrens bzw. des Versicherungsprinzips finanziert werden, belastet die aktuell erwerbstätige Generation, während eine Schuldenfinanzierung die künftig Erwerbstätigen zur Kasse bittet. Beide Varianten sind ungünstig und veranschaulichen, dass die Folgekosten einer hohen Arbeitslosigkeit vermieden werden sollten, indem Arbeitslosigkeit verhindert und das wichtigste Potenzial einer Wirtschaft, das Humankapital, weitestgehend genutzt wird. Durch hohe Arbeitslosigkeit gehen zudem die durchschnittlichen Einkommen der abhängig Beschäftigten zurück. Dies beinhaltet auch, dass die Nachfrage nach Gütern abnimmt. Die Produktion fällt daraufhin etc.
Starke konjunkturelle Schwankungen sollten zusammenfassend nach Kräften vermieden werden. Der ‚Brexit‘ wird aller Voraussicht nach Katalysator einer konjunkturellen Verwerfung im Vereinigten Königreich wie auch in der EU und im Besonderen in der Eurozone werden, zumal die Unsicherheit über die künftige Entwicklung der Zusammenarbeit zur Zurückhaltung bei Investitionen der Unternehmen und Wirtschaftssubjekte generell führen dürfte. Diese Starre dürfte sich erst lösen, wenn der ‚Fahrplan‘ des Austritts feststeht. Die Verhandlungen begannen ab Ende März 2017, nachdem Premierministerin Theresa May das Austrittsgesuch des Vereinigten Königreiches der Europäischen Union zugestellt hat.
2.6 Konjunkturpolitik
Konjunkturpolitiken sollen konjunkturelle Schwankungen bzw. deren nachteiligen Folgen dämpfen oder vermeiden. Betrachtet man die theoretischen Ansätze, so werden einige Hilfestellungen hinsichtlich der Instrumentenauswahl gegeben. Während die Unterkonsumtions- und die Überinvestitionstheorie sowie der (plötzliche) technische |57|Fortschritt allerdings als Ursache von Konjunkturzyklen heute weniger in Betracht gezogen werden, bieten die chronologisch nachfolgenden keynesianischen Ansätze, die neoklassische und die polit-ökonomische Sichtweise wichtige Hinweise. Konjunkturpolitiken können inhaltlich voneinander abgegrenzt werden. Mit konjunkturpolitischen Maßnahmen kann das Ziel verfolgt werden, den Konjunkturzyklus zu glätten (Stetigkeitspolitik) oder zusätzlich einen bestimmten Wachstumspfad anzustreben (Niveausteuerung). Beide Ziele können mit unterschiedlichen Vorgehensweisen verfolgt werden. Zum einen kann eine Politik adäquat sein, mit deren Hilfe die Ursachen konjunktureller Schwankungen ausgeschaltet werden (Ursachentherapie). Zum anderen können politische Maßnahmen ergriffen werden, die die Auswirkungen der konjunkturellen Schwankungen wie zu hohe Inflation oder Arbeitslosigkeit bekämpfen (kompensatorische Konjunkturpolitik, z.B. Arbeitsmarktpolitik[35]). Verstetigende Maßnahmen haben die Aufgabe, die Nachfrage zeitlich zu verschieben. Geplante Käufe sollen in die Rezession vorgezogen, im Aufschwung und Boom hinausgezögert und in die nachfolgende Rezession bzw. Depression verlagert werden.
Ein Beispiel für die Stetigkeitspolitik ist die ‚Abwrackprämie‘, die im Januar 2009 in Deutschland eingeführt wurde und im September 2009 auslief. 2500 Euro erhielt ein Fahrzeughalter für Fahrzeuge, die mindestens neun Jahre alt waren und wenigstens ein Jahr auf den aktuellen Halter zugelassen waren, wenn der Wagen abgegeben wurde. Auch Frankreich hatte im Dezember 2008 eine derartige Verschrottungsprämie mit dem Ziel der Ankurbelung der Konjunktur eingeführt.[36] Im Gegensatz zum Versuch, die Wirtschaft so zu steuern, das sie sich entlang eines Wachstumstrends entwickelt, ist die Stetigkeitspolitik zunächst weniger komplex als die Niveausteuerung. Um eine Niveausteuerung vornehmen zu können, müssten die Politiker zunächst in der Lage sein, eine perfekte Statusanalyse zu machen. Schließlich ist die Angebotsseite der Wirtschaft in angemessener Weise zu stärken. Dass Politiker hier die perfekte Weitsicht haben, wurde bereits vor vielen Jahren, z.B. vom griechischen Philosophen Sokrates in Frage gestellt. „… dieser glaubt doch, etwas zu wissen, was er nicht weiß, ich aber, der ich nichts weiß, glaube auch nicht zu wissen. Ich scheine doch wenigstens um ein Kleines weiser zu sein als dieser, weil ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube …“[37]
Die polit-ökonomische Sichtweise von Nordhaus unterstützt die These: Als Ursachen zyklischer Schwankungen können die Nachfragelücke bzw. der Nachfrageüberschuss sowie Informationsmängel gemäß der keynesianischen Perspektive benannt werden. Informationsmängel verzögern die Marktkorrektur über den Preismechanismus. Sie bewirken, dass Investoren und Konsumenten angesichts erwarteter konjunktureller Risiken ihre Pläne zurückstellen. Die Nachfragelücke oder der Nachfrageüberschuss können durch externe Einflüsse verursacht werden oder durch Zufall. Der Akzelerator-Multiplikator-Prozess bewirkt hier die Verstärkung der Konjunkturschwankung. |58|Eine Ursachentherapie sollte naturgemäß genau an diesen Stellen ansetzen. So wäre eine Verzögerung der Lohnanpassung, also des Einkommensanstiegs im Aufschwung, ein adäquates Instrument zur Verhinderung zu hoher Preissteigerungsraten. Gleichwohl bleiben den Politikern häufig nur nachträgliche kompensatorische Maßnahmen, weil die Gründe für die konjunkturellen Schwankungen, beispielsweise wegen einer expansiven Geldmengenpolitik im Ausland, oft nicht eingeschätzt werden können. Die Politik muss dann ein anderes Ziel avisieren. Es geht um den Ausgleich z.B. zu hoher Exportüberschüsse und Geldzuflüsse aus dem Ausland oder eines Rückgangs der Investitionen durch eine Politik, die den Konsum der Wirtschaftssubjekte anreizt und damit indirekt auf die Investitionen zurückwirkt.
2.6.1 Konjunkturpolitik auf der Grundlage keynesianischer Erklärungsansätze
Das Instrument zum Ausgleichen konjunktureller Verwerfungen, das in keynesianischen Konjunkturmodellen vielfach propagiert wird, ist die Fiskalpolitik. Als Fiskalpolitik wird diejenige Finanzpolitik bezeichnet, die darauf setzt, mittels der Gestaltung der Staatseinnahmen- und Staatsausgabenpolitik den Konjunkturzyklus bzw. dessen Schwankungen zu dämpfen. In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern gingen die Politiker beispielsweise davon aus, dass die konjunkturelle Delle in den Jahren 2008 und 2009 Ursachen hatte, die in der keynesianischen Theorie auffindbar sind: Nachfragerückgang, Unsicherheit über die Zukunft etc. Das politische Instrument, das in einer konzertierten Aktion angewendet wurde, waren schuldenfinanzierte Konjunkturpakete. Der Staatskonsum und die staatlichen Investitionen wurden mit dem Ziel erhöht, die realen Einkommen zu steigern und damit die Kaufkraft, um schlussendlich die Nachfrage zu beleben. In Deutschland beliefen sich die im Dezember 2008 und Anfang 2009 lancierten Konjunkturprogramme auf ein Niveau von rund 50 Milliarden Euro.[38] Die erste Frage ist, ob die inländische Nachfrage aufgrund binnenwirtschaftlicher Faktoren zurückgegangen ist oder ob die inländische Depression Folge eines Nachfrageeinbruches im Ausland war und damit die inländische Exportwirtschaft betraf. Im ersten Fall kann der Staat gemäß der keynesianischen Theorie, seinen Konsum ausweiten, um die Binnennachfrage zu steigern. Im zweiten Fall kann der Staat, obschon die Theorie nach Keynes von einer geschlossenen Volkswirtschaft ausgeht, zum Ausgleich der rückläufigen Exporte Subventionen an Unternehmen bzw. Transfers zur Kaufkraftbelebung an die privaten Haushalte geben. Der Staat kann diese Maßnahmen über Steuereinnahmen finanzieren oder über eine zusätzliche Staatsverschuldung. Finanziert der Staat zusätzliche Staatsausgaben über Kredite, tritt er am Kapitalmarkt als zusätzlicher Nachfrager auf. Weil Kapital knapper wird, steigen in der Folge die Zinsen. Eine Zunahme der Staatsausgaben wirkt über den Multiplikator demnach positiv auf das Einkommen. Die Investitionen gehen allerdings wegen der höheren Kapitalmarktzinsen zurück (Akzeleratoreffekt). Einige Projekte sind nicht mehr profitabel und werden von den Unternehmen nicht umgesetzt (vgl. Abbildung 10). Da der Staat jedoch als zusätzlicher Nachfrager auch am Gütermarkt auftritt (bei |59|den Konjunkturpaketen wurde insbesondere der Infrastrukturausbau gefördert und damit die Nachfrage nach Bauleistungen angekurbelt), nimmt das gesamtwirtschaftliche Einkommen zu. Steigt das Einkommen, nimmt auch die Konsumnachfrage der Wirtschaftssubjekte zu und deren Kassenhaltung. Die zusätzliche Nachfrage auf dem Gütermarkt bewirkt steigende Preise, da das Güterangebot (zunächst) unverändert ist und die Produkte knapper werden. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt aufgrund der Preissteigerungen. Der Zins steigt bei knapper werdendem Geld weiter. Folglich gehen die privaten Investitionen weiter zurück. Das Einkommen nimmt erneut ab und damit der Konsum etc. Ist schließlich nach den Anpassungsprozessen ein neues Gleichgewicht auf dem Gütermarkt erreicht, stabilisieren sich auch die Preise. Letztlich wird deutlich, dass die kreditfinanzierten Ausgaben des Staates die privaten Investitionen zurückgedrängt haben bzw. ersetzt haben („crowding out“). Das reale Einkommen und die Konsumnachfrage sind konstant geblieben. Ein Überbrückungseffekt hat sich gemäß der Theorie jedoch eingestellt. Finanziert der Staat zusätzliche Ausgaben im Wege der Steuerfinanzierung, müssen die Steuersätze naturgemäß angehoben oder neue Steuern erhoben werden. Dies mindert die verfügbaren Einkommen der Wirtschaftssubjekte und damit deren Konsummöglichkeiten. Die Haushalte sparen weniger, um einen Teil ihrer Konsumnachfrage weiterhin decken zu können. Der Konsumrückgang ist nicht so groß wie der Anstieg der Güternachfrage des Staates. Es kommt zu einer Überschussnachfrage und damit zu neuen Knappheitsverhältnissen mit der Folge eines steigenden Preisniveaus. Auf dem Kapitalmarkt kommt es wegen des Rückgangs der Ersparnisbildung zu einem geringeren Kapitalangebot. Unter der Annahme, dass die Unternehmen von der zusätzlichen Besteuerung nicht betroffen sind, gibt es keine weiteren Einflüsse auf den Kapitalmarkt. Gleichwohl nimmt der Zins aufgrund der Kapitalknappheit zu und die Investitionen gehen zurück. Die Anpassungsprozesse bewirken nun, dass aufgrund der Preiserhöhungen die Güternachfrage wieder zurückgeht bis sie auf das bestehende, unveränderte Güterangebot trifft. Hinsichtlich des Realeinkommens unterscheiden sich die Steuer- und die Schuldenfinanzierung nicht. Der Unterschied besteht darin, dass die Schuldenfinanzierung zu Lasten der Investitionstätigkeit der privaten Unternehmen geht, während die Steuerfinanzierung auch die Konsumnachfrage der privaten Haushalte beeinträchtigt. „Insgesamt betrachtet ist die Fiskalpolitik jedoch stabilisierungspolitisch unnötig [kursiv im Original] und (real) wirkungslos.“ (Felderer 2005, 172)
Dieses Urteil beinhaltet auch, dass theoretisch weder die Inflationsrate gedämpft, noch die Arbeitslosenquote durch fiskalpolitische Maßnahmen verringert werden kann. Gleichwohl ist für Deutschland festzuhalten, dass sowohl die ‚Abwrackprämie‘ die Aufgabe des Vorziehens von Konsum erfüllt hat, als auch die Konjunkturpakete zu einer Erwartungsstabilisierung, wenn nicht gar Erwartungsumkehr beigetragen haben. Folgende Daten weisen darauf hin, dass die fiskalpolitischen Maßnahmen nicht völlig wirkungslos geblieben sind: Im Anschluss an die Depression im Jahr 2009 mit einer Wachstumsrate des BIP von -5,6 Prozent ist die deutsche Wirtschaft 2010 wieder um 4,1 Prozent gewachsen und 2011 um 3,6 Prozent. Die Arbeitslosenquote betrug 2010 8,6 Prozent und 6,7 Prozent im Jahr danach. Die Inflationsrate belief |60|sich 2010 auf 1,1 Prozent und 2011 auf 1,9 Prozent. (Statistisches Bundesamt 2015)[39] Möglicherweise sind die im internationalen Vergleich positiven Daten auch auf die wieder anziehende Exportgüternachfrage aus dem sich erholenden Ausland zurückzuführen. Hierbei bleibt zu berücksichtigen, dass auch die wichtigsten Außenhandelspartner Deutschlands Konjunkturpakete lanciert haben.
2.6.2 Konjunkturpolitik auf der Grundlage neoklassischer Theorien
Ist der Ausgangspunkt der theoretischen Betrachtung die oben erwähnte Annahme von Friedman und Schwartz, dass eine Geldmengenexpansion im Ausland (z.B. in den USA) zu der konjunkturellen Verwerfung im Inland (z.B. Deutschland) geführt hat, dann scheinen geldpolitische Maßnahmen zur Behandlung der Symptome adäquat zu sein. Da das Inland aber die Geldmengenpolitik des Auslands nicht beeinflussen kann, ist zunächst zu schauen, was die expansive Geldmengenpolitik im Ausland bewirkt. Friedman und Schwartz haben in ihrem Modell gezeigt, dass die Folge ein Anstieg des ausländischen Einkommens ist. Im Ausland sinken darüber hinaus die Zinsen. Die Investitionen nehmen zu, so dass das Einkommen steigt, die Konsumnachfrage angereizt wird und die Preise bei zunächst konstantem Güterangebot zulegen. Die Geldmengenexpansion hat also ausschließlich Inflation im Ausland erzeugt. Realwirtschaftlich ist alles beim Alten geblieben. Nimmt man das Modell zum internationalen Konjunkturzusammenhang hinzu, so zeigt sich, dass die Inflation auch dazu geführt hat, dass die ausländische Währung gegenüber anderen Währungen abgewertet wird und das Ausland Wettbewerbsfähigkeit gewinnt. Im Inland müsste in dieser Situation die Wettbewerbsfähigkeit abnehmen. Die Exportmöglichkeiten sinken; das Einkommen, der Konsum und die Investitionen auch. Es kann im Inland zu einem Güterüberschuss mit der Folge eines sinkenden Preisniveaus kommen. Mittels einer expansiven Geldmengenpolitik der inländischen Zentralbank könnte die Erwartungsbildung stabilisiert werden. In der Krise war denn auch zu beobachten, dass die US-amerikanische Zentralbank und die EZB fast parallel die jeweiligen Geldmengen ausgeweitet haben. Allerdings befanden sich die Volkswirtschaften der USA und des Euroraumes in der Krise als die Geldmengenexpansionen von den Zentralbanken beschlossen und umgesetzt wurden. In den monetär orientierten Modellen wird jedoch davon ausgegangen, dass sich die Wirtschaften in der Ausgangslage in einem Gleichgewicht befinden. Erst die Geldmengenexpansion verhilft der Konjunktur zu einer initialen Bewegung bzw. bewirkt eine negative Konjunkturübertragung. In der depressiven Situation war es so herum betrachtet durchaus angezeigt, mittels expansiver Geldmengenpolitik die ‚traumatisierten‘ Volkswirtschaften wieder in Schwingungen zu versetzen. Bis dato zeigen sich Auswirkungen der Geldpolitik in den USA und in den Euro-Ländern: Die Inflationsrate betrug 2010 in der USA 2,4 Prozent und 2011 bereits 3,8 Prozent. In Deutschland lag die Teuerungsrate 2010 bei 1,1 Prozent und 2011 bei 2,5 Prozent.[40] Seither ist die Inflationsrate sowohl in den USA als auch in der Eurozone und in Deutschland trotz der expansiven Geldpolitik von Jahr zu Jahr mit einer Ausnahme |61|gesunken. Erst für das Jahr 2017 wird eine Zunahme der Inflationsrate auf 1,9 Prozent in Deutschland prognostiziert (SVR 2016a).
Dennoch ist zu konstatieren, dass die expansive Geldpolitik die Erwartungen der am Geld- und Kapitalmarkt tätigen Wirtschaftssubjekte stabilisiert haben könnte. Die Investitionstätigkeit ist allenthalben wieder angekurbelt worden und die Arbeitsmarktdaten stellen sich in den USA wie in Deutschland aktuell positiv dar.
Abbildung 17:
Arbeitslosenrate in den USA in Prozent (Quelle: Eigene Darstellung mit Daten von Statista 2016a und b).
Die Arbeitslosenquote betrug in den USA 2009 9,2 Prozent, 2010 9,6 Prozent und 2011 8,9 Prozent. Die aktuellen Daten weisen auf eine deutliche Erholung am Arbeitsmarkt hin. Dies passt gut zur Theorie des politischen Konjunkturzyklus’ nach Nordhaus: Zur Wahl im Jahr 2012 versuchte sich die Regierung unter US-Präsident Barack Obama mit günstigen Arbeitsmarktdaten die Wiederwahl zu sichern. Dies war erfolgreich. Im Wahljahr 2016 war die Lage anders: trotz noch positiverer Arbeitsmarktdaten, wurden die Demokraten abgewählt. Die Theorie nach Nordhaus wird wiederlegt. Offenbar gibt es viele weitere Aspekte, die die Wahlentscheidung prägen.
2.6.3 Sonstige Konjunkturpolitiken
Nachdem mit der stabilitätsorientierten Finanzpolitik bzw. Fiskalpolitik nach keynesianischem Muster und der Geldmengenpolitik im Friedman und Schwartz’schen Stil zwei Ursachentherapien als Stetigkeitspolitiken dargestellt wurden, sollten kompensatorische Konjunkturpolitiken kurz Erwähnung finden. Von besonderer Bedeutung ist die Arbeitsmarktpolitik. Mit Hilfe verschiedener Instrumente wie z.B.
der Integration Langzeitarbeitsloser in den Wirtschaftsprozess,
der Vermeidung von Jugendarbeitslosigkeit durch Bildungsmaßnahmen,
der Unterstützung der Beschäftigung von Frauen z.B. mittels Erziehungsgeld, Quotenregelungen
|62|versucht der Staat gemeinsam mit den Tarifpartnern – Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden – und einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik ein hohes Beschäftigungsniveau sicherzustellen. Diese Politik ist u.a. Gegenstand des sechsten Kapitels. Die Aufgabe der deutschen Bundesbank und seit der Europäischen Integration zu einem einheitlichen Währungsraum der Europäischen Zentralbank (EZB) ist es, die Preisniveaustabilität zu sichern. Der EZB stehen verschiedene geldpolitische Instrumente zur Verfügung, um für die Einhaltung dieses priorisierten Zieles Sorge tragen zu können. Diese geldpolitischen Maßnahmen sind Gegenstand des vierten Kapitels.
2.7. Fazit
Die Schwankungen des BIPs um einen Wachstumstrend herum werden als Konjunktur bezeichnet und eine Reihe von empirischen Untersuchungen sowie theoretischen Modellen sollen einen Beitrag zur Erklärung leisten, wann die Wirtschaft auf einen Aufschwung zusteuert, wann ein Abschwung droht, wie stark und lange der Boom ausfallen wird etc. Es wird also extrapoliert und prognostiziert und am Ende wirken so viele Faktoren auf z.B. die Entwicklung der deutschen Wirtschaft ein, dass nicht mehr genau herauskristallisiert werden kann, was nun Ursache und was Wirkung bestimmter Aktivitäten ist und war. Insofern bleibt es die Aufgabe der Unternehmer, sich mit den Faktoren, die ihre Unternehmung beeinflussen, vertraut zu machen, diese zu beobachten und auf der Basis der eigenen Erfahrungen Entscheidungen zu fällen. Dabei mögen die hier vorgestellten empirischen und theoretischen Ansätze einen wichtigen Beitrag leisten. Sie helfen zudem dabei, die Vorgehensweise der Wirtschaftspolitiker verstehen und gegebenenfalls im Voraus abschätzen zu können. Es gibt jedoch nicht die eine Wahrheit, sondern eine Gemengelage von Situationen, die jeweils tagesaktuell neu zu beurteilen sind. Die Auswirkungen der Bekanntgabe, dass die OPEC die Fördermengen für Rohöl ausweitet, gehören beispielsweise zu den Nachrichten, die auf den Märkten Aktivitäten mit weitreichenden Folgen für energieintensiv produzierende Unternehmen mit sich bringen.
[Zum Inhalt]
|63|Kapitel 3: Welche Rolle hat der Staat?
3.1 Wieviel Staat ist nötig?
In Abhängigkeit der Wirtschaftsordnung obliegen dem Staat mehrere oder nur einige Aufgaben und damit Ausgaben sowie die Notwendigkeit der Einnahmengenerierung. Während in den USA die Marktordnung bis dato als liberale Marktwirtschaft zu bezeichnen war, wird Schweden als Wohlfahrtsstaat mit weitreichenden Eingriffen des Staates in die Wirtschaftsaktivitäten der Menschen bezeichnet. Zwischen diesen beiden Wirtschaftsordnungen ist die Soziale Marktwirtschaft Deutschlands zu positionieren. Die Soziale Marktwirtschaft geht auf Ludwig Erhard (1897–1977) bzw. auf die Idee des Kölner Professors für Nationalökonomie Alfred Müller-Armack (1901–1978) zurück, wobei Elemente wie die umlagefinanzierte Krankenversicherung bereits 1883, die Rentenversicherung 1889 von Otto von Bismarck (1815–1898) institutionalisiert wurden.[41] Die Soziale Marktwirtschaft ist ein gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Leitbild mit dem Ziel, „auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft die freie Initiative mit einem gerade durch die wirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Fortschritt zu verbinden.“ (Müller-Armack, 1976)
Was meinen wir heute mit ‚Sozialer Marktwirtschaft‘? Genauer: Wo sehen junge Studierende den Staat in der Pflicht? Welche Aufgaben obliegen dem Staat in einer demokratischen Volkswirtschaft? Sollten wir es mit John F. Kennedy (1917–1963) halten, der 1963 in Berlin sagte: „Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country.“ Oder sollten wir vom Staat erwarten, dass der Einzelne bei Bedürftigkeit von der Gesellschaft alimentiert wird?
3.2 Aufgaben und Grundsatzpositionen der Finanzpolitik
Die Benennung der Aufgaben des Staates erfolgt im demokratischen Prozess, z.B. in einem Koalitionsvertrag (Große Koalition 2013). Nur im Idealfall spiegelt ein Koalitionsvertrag wider, was in den Parteiprogrammen der beteiligten Parteien während des |64|Wahlkampfes proklamiert wurde. Damit die vereinbarten, geplanten Aufgaben umgesetzt werden können, müssen die Einnahmen für alle Ausgabenkategorien durch den Staat im Budget veranschlagt werden. So hieß es z.B. im März 2015 im Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums: „Der Entwurf des Nachtragshaushalts 2015 und die Haushaltseckwerte für die Jahre 2016 bis 2019 setzen die zentrale haushaltspolitische Vorgabe des Koalitionsvertrags um: Der Bundeshaushalt wird in allen Jahren ohne neue Schulden ausgeglichen.“ (Bundesministerium der Finanzen 2015). Schaut man sich einen Haushaltsplan an, so ist schnell zu erkennen, für welche Aufgaben unser Steueraufkommen genutzt wird. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales weist die größte Bedeutung auf. Auf der Einnahmeseite sind die Einkommen- und Lohnsteuer sowie die Mehrwertsteuer die aufkommensstärksten Steuern. Zu den Ausgaben und Einnahmen des Staates kommen wir in den folgenden Abschnitten. Zunächst wollen wir mit der Brille des Ökonomen auf die originären Aufgaben des Staates schauen. Die ökonomische Sichtweise verleiht dem Staat Aufgaben im Bereich der Allokation, der Distribution sowie der Verteilung.
3.2.1 Allokation
Unter Allokation verstehen wir die Lenkungen der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital, Boden und Wissen. Idealerweise werden diese Produktionsfaktoren immer in ihre optimale, d.h. wirtschaftlichste Verwendung gelenkt. Der Traktor ist dann verfügbar, wenn der Bauer ernten muss. Möchte ein Unternehmer in eine Innovation investieren, hat er Zugang zu Kapital. Die ständig überfüllte Autobahn muss erweitert werden. Wird auf dem Arbeitsmarkt eine bestimmte Qualifikation in besonderer Weise nachgefragt, wie z.B. Sprachlehrer für die Qualifizierung Zugewanderter, dann können diese an den Orten, an denen sie benötigt werden, eingesetzt werden. Ist die Allokation nun grundsätzlich eine Aufgabe des Staates? Können nicht privatwirtschaftliche Unternehmen dafür Sorge tragen, dass die Allokation reibungslos läuft? Die privaten Unternehmen werden die Aufgaben immer dort erfüllen, wo Gewinne gemacht werden können. Wo es seitens der Konsumenten eine Zahlungsbereitschaft für eine Leistung gibt, sollen Private aktiv werden. Der Bauer sowie der Investor sind Beispiele dafür. Wie sieht es jedoch mit der Autobahn aus? Bin ich als Nutzer der Autobahn bereit, etwas dafür zu bezahlen, dass ich morgens und abends nicht im Stau stehe? Wie hoch ist meine Zahlungsbereitschaft? In dem Augenblick, in dem mehrere Nutzer freien Zugang zu einer Leistung haben, möchte der Einzelne seine Zahlungsbereitschaft nicht mehr benennen, da er nicht weiß, ob er mehr oder weniger als die anderen Nutzer zahlt. Die Aussicht auf eine Autobahn ohne Stau führt darüber hinaus dazu, dass es keine Rivalität zwischen den Autofahrern gibt. Ein Mangel an Rivalität im Konsum in Verbindung mit einem Mangel an Ausschließbarkeit vom Konsum führt dazu, dass ein privates Unternehmen eine Leistung nicht anbieten wird. Es ist nicht kalkulierbar, wie hoch die Erlöse sein werden. Es liegt ein öffentliches Gut vor. Wie sieht es mit dem Beispiel der Qualifizierung Zugewanderter aus? Nur in Einzelfällen dürfte hier eine Zahlungsbereitschaft vorliegen, zumal die Voraussetzung für den Einkommenserwerb die Qualifizierung ist. D.h. private Unternehmen werden die Aufgabe nicht wahrnehmen wollen. Hat der Staat jedoch beschlossen, dass Zuwanderung |65|gewünscht ist und die Integration der Menschen in unsere Gesellschaft für alle Mitglieder der Gesellschaft als notwendig anzusehen ist, dann kann die Qualifizierung aus Steuermitteln finanziert werden. Nun gibt es wieder einen Preis für die Leistung, so dass private Unternehmen die Durchführung der Aufgabe übernehmen werden. Dieser Preis wird vom Staat festgelegt und ergibt sich damit nicht am Markt.
Wir können festhalten, dass der Staat die Aufgabe hat, den Umfang und die Struktur der Bereitstellung öffentlicher Güter zu übernehmen. Das bedeutet nicht, dass der Staat die Durchführung umsetzen muss. Jedoch sind diese Güter und Dienstleistungen aus Steuermitteln zu finanzieren. Dies gilt im Prinzip nur für Güter und Leistungen, bei denen das Nicht-Ausschließbarkeitsprinzip und das Nicht-Rivalitätsprinzip voll anwendbar sind.
Ein Beispiel dafür ist die innere Sicherheit. Niemand ist ausschließbar vom Nutzen aus z.B. der Arbeit des Bundesgrenzschutzes und es stört niemanden, dass sein Nachbar den gleichen Nutzen aus dem Angebot der inneren Sicherheit zieht. Es gibt nicht viele reine öffentliche Güter. In den meisten Fällen handelt es sich bei den Gütern und Leistungen, die heute vom Staat bereitgestellt werden, um Produkte, die aus Sicht der Gesellschaft von den Bürgern konsumiert werden müssen. Beispiele sind hier die frühkindliche Erziehung in Kindertagesstätten, die Schulpflicht, der Anschluss- und Benutzungszwang bei den kommunalen Ver- und Entsorgungsleistungen etc. Hier wird der Staat aktiv, weil er eine gesetzliche Pflicht begründet hat und sich damit sogar ermächtigt fühlt, die Durchführung der Aufgabe zu übernehmen. So baut und betreibt der Staat, genauer die Kommunen, Kindertagesstätten und Schulen, Leitungsnetze und Abwasseraufbereitungs- sowie Trinkwasserversorgungsanlagen.
Unmittelbar verbunden mit leitungsgebundener Infrastruktur ist die Tatsache, dass keine Rivalität im Konsum sowie ein Anschlusszwang vorliegen. Das bedeutet, dass sich ein Nutzer der Infrastruktur nicht dadurch gestört fühlt, dass es weitere Nutzer gibt. Zudem ist es für den Anbieter der – in diesem Fall nicht-leitungsgebundenen – Infrastrukturleistung schwierig, potenzielle Nutzer vom Konsum der Güter „öffentlicher Park“ oder „Straßenbeleuchtung“ auszuschließen. Das resultierende Problem ist, dass private Unternehmen nicht willens sind, Güter bereitzustellen, für die die potenziellen Konsumenten keine Zahlungsbereitschaft äußern. Die gebaute Straße – sofern ein freier Zugang zu dieser besteht und keine Mautstation daran hindert – wird von jedem auf ihr Fahrenden genutzt, ohne dass dieser zumindest bis dato in Deutschland überlegt, wie viel Geld er bereit wäre, für die Nutzung zu zahlen. Im Gegenteil, manch einer wird denken, dass keine weiteren Kosten anfallen, wenn er die Straße neben einer Vielzahl weiterer Auto-, Lastwagen- sowie Motorradfahrer nutzt, da die Straße bereits gebaut worden und vorhanden ist. Also muss er keinen Preis zahlen.
Auf diese Weise wird das einzelne Wirtschaftssubjekt gelegentlich zum sogenannten ‚Trittbrettfahrer‘. Für ein privates Unternehmen würde es zum wirtschaftlichen Ruin führen, wenn nicht eine Möglichkeit bestünde, den freien Zugang zur Nutzung zur regulieren bzw. im Wege alternativer technischer Methoden einen Preis für die Nutzung bestimmter Streckenabschnitte zu verlangen. Demnach scheint die Bereitstellung der leitungsgebundenen Infrastruktur und hier nicht nur der Verkehrswege sondern im Besonderen der Energie- und Wasserversorgung sowie -entsorgung, die |66|von besonderer Bedeutung für die Ansiedlung von Unternehmen ist, eine Aufgabe des Staates zu sein. Dies wiederum bedeutet keineswegs, dass die öffentlichen Hände die Infrastruktur planen, bauen und finanzieren müssen. Im Gegenteil, allein die Finanzierung über Steuermittel, Gebühren oder zusätzliche Staatsverschuldung sind aus ökonomischer Sicht unter bestimmten Bedingungen zu rechtfertigen. Planung und Bau sollen im Wege der Vergabe an private Unternehmen ausgelagert werden. Die aktuelle Diskussion um die PKW-Maut, die auf deutschen Fernstraßen erhoben werden soll, um die Finanzierung der Sanierung bzw. des Neubaus der Fernstraßen zu ermöglichen, geht in eben diese Richtung.[42] Nach wie vor wird das deutsche Maut-Thema auf EU-Ebene besprochen: „EU wird noch im Juni gegen Pkw-Maut klagen – Die EU-Kommission wird voraussichtlich schon am 18. Juni ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland wegen der Pkw-Maut einleiten. Brüssel will Dobrindt’s Projekt schnellstmöglich stoppen. […]Überraschend schnell hat Bundespräsident Joachim Gauck am Montag das Gesetzespaket zur Einführung der Infrastrukturabgabe auf deutschen Fernstraßen unterzeichnet, obwohl zahlreiche Juristen schwere europarechtliche Bedenken wegen einer möglichen Diskriminierung von Ausländern geäußert hatten.“ (Kammann 2015)
Die Frage bleibt: In welchem Umfang ist die staatlich finanzierte Infrastruktur bereitzustellen? Da die Wirtschaftssubjekte ihre Zahlungsbereitschaft nicht äußern, kann eher auf dem Wege der demokratischen Wahlverfahren versucht werden, herauszufinden, wie viel Infrastruktur der Bürger wünscht. Allerdings gibt es auch hier Nachteile. Es können nicht konsistente Wahlergebnisse auftreten[43], so dass schließlich nicht die für alle Steuerzahler optimale Infrastruktur bereitgestellt wird. Zudem ist fraglich, ob viele Wähler an der Wahl teilnehmen, zumal sie nur dann teilnehmen wollen, wenn sie das Ergebnis beeinflussen können. Dies ist bei relativ großen Gruppen je nach Wahlverfahren (z.B. Mehrheitswahlrecht) nicht zwangsläufig der Fall. Eine geringe Wahlbeteiligung beinhaltet auch, dass nicht das optimale Wahlergebnis erreicht wird. Kleine Gruppen können ihre Präferenzen besonders gut durchsetzen.[44] Insgesamt ist hinsichtlich der Nutzung öffentlicher Güter wie z.B. der leitungsgebundenen Infrastruktur ein aus Unternehmer- bzw. Konsumentensicht optimales Angebot nicht möglich.
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