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Ingrid Mohr

ZAUBERSEELE

Gelungene Balance zwischen

Lyrik und Prosa

Engelsdorfer Verlag

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

ISBN 9783957444868

Coverentwurf: Ingrid Mohr

Sämtliche Zeichnungen, Skizzen, Collagen und Bildvorlagen: Ingrid Mohr

Puppenfotos: H.-D. Bueddicker

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

N E I N!

KEIN KATZENBUCH!

Trotz-desto-nichts werden ein paar Bilder von meinem Kater TOMMI-Fettsack hier zu finden sein!


… bin ich etwa der biologische Erzeuger von

Grumpy-Cat?

Für Ferdi


Ingrid Mohr wurde 1939 in Hamburg geboren. Sie besuchte die Grund-, Mittel- und Praktische Oberschule der Freien Hansestadt Hamburg sowie Privat- und Fortbildungsschulen in Düsseldorf. Bereits als Achtjährige schrieb sie Kurzgeschichten für die Tagespresse. In jungen Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Düsseldorf und absolvierte eine Ausbildung als Sekretärin.

Das Leben der Autorin verlief nicht immer so heiter wie in ihren Büchern. Am schlimmsten traf sie der bestialische Mord an ihrem 30jährigen Sohn Robert Ende Juli 1991. Für ihn, alle Trauernden und Hinterbliebenen von Verbrechensopfern schrieb sie das Buch „Wundschorf“ (Versuch einer Trauerbewältigung). Ingrid Mohr stürzte sich in die Arbeit und veröffentlichte zahlreiche Bücher, deren Cover ebenfalls aus ihrer Feder stammen. Ihr erstes im Jahre 1984 veröffentlichtes Buch heißt HUNGRIGE POREN (nicht mehr lieferbar). 20 Bücher sind bis dato erschienen.

Mit ihren Büchern um einen frechen Kater (TOMMI gibt Rat (Band I), TOMMI sieht Rot (Band II), TOMMI räumt auf (Band III) eroberte sie sich ihr Publikum. Schrilles über Chefs und Angestellte verarbeitete sie 1996 in ihrem Buch„… bitte zum Diktat“. Hierin integriert ist das Kinderbüchlein „Schnupftabak und Götterspeise“, das sie ihrem Sohn zum 21. Geburtstag widmete.

Die Wahl-Düsseldorferin ist seit 1984 Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di. Sie hält Lesungen in Schulen, Kliniken, Seniorenheimen und Stadtbüchereien. Sie las außerdem am Literaturtelefon der Stadt Düsseldorf. 1996 erhielt sie eine Einladung als Kurgastdichterin nach Lage-Hörste. Ihr Buch „Kur live“ wurde im WDR-Fernsehen vorgestellt. Es folgten „Wutspur“, „Julchens Irrfahrt“ und „Zwei Teufelsweiber“.

Ingrid Mohr lebte 19 Jahre in Spanien. An der Costa Blanca hat sie sich über das deutsche Literaturforum (in Denia und Calpe) durch Lesungen bekannt gemacht. Im Frühjahr 2005 wurde das Buch „HELENE’S DRITTER MANN – EIN HUND“ (ISBN-Nr. 3-8334-9498-2), ein bissig-erotischer Frauenkrimi, veröffentlicht, der in Band II „HELENE’S LETZTER COUP“ seine Fortsetzung gefunden hat (ISBN-Nr. 3-8334-2999-2). Band III der Krimireihe heißt „HELENE VERZWEIFELT GESUCHT“ (ISBN-Nr. 3833445815) und ist im Frühjahr 2006 erschienen. Es folgte PUPILLEN EXTREM – Skurrile Geschichten, Erdachtes und Erlebtes, Heiteres, Grausames, Witziges, Freches (ISBN-Nr. 3-8334-5243-9/978-38334-5243-7). Außerdem eine „Sonderausgabe“ der Krimitrilogie HELENE (3 Bände in einem, 400 Seiten) ISBN-Nr.10:-3-8334-5015-O/13:978-3-8334-5015-0).

Große Freude bereitet ihr die Neuauflage der Katzenbuchserie TOMMI: „HEI FENZ, BIN WIEDER DA!“ (ISBN-Nummer 3-8334-2694-2) - Philosophische Betrachtungen aus der Sicht eines Stubenkaters - einschließlich 108 Skizzen, Collagen und Zeichnungen aus der Feder der Autorin. Im Frühjahr 2008 erschien DENISE – das mittlere Kind Nummer 4 – ein ideales Geschenkbuch mit vielen farbigen Abbildungen, 2. erweiterte Auflage (ISBN-Nr. 9783833475634). SCHULE IST DOOF (ISBN-Nr. 3-86703-938-0 – ein Schmunzelbuch für Erwachsene – folgte in 2008. Ihr Werk KALEIDOSKOP (Kurzprosa – ISBN 3-86901-194-7) erschien im Frühjahr 2009. Im Juni 2009 kehrte sie endgültig nach Deutschland (Düsseldorf) zurück.

Im Herbst 2010 zum 90jährigen Bestehen der AWO Düsseldorf erschien in einer Anthologie ein Auszug ihres neuesten Frauenkrimis STUNDEN WIE DIESE. Ab 2011 ist Ingrid Mohr Mitglied im Westdeutschen Autorenverband e.V. (WAV), Düsseldorf. Im Sommer 2011 erschien ihr Buch Nummer 20 mit dem Titel FUNKENFLUG UND POTPOURRI (ISBN.-Nr. 978-3-86268-417-5) mit Vervollständigung des Frauenkrimis „Stunden wie diese“.

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Kindermund

Kindermund

Ostereier

Lilly und Amely und Tanja

Nadine und Inge

Denise

HNO-Kinderstation

Rüdiger

Hannah und Max

Hilde und Klaus

Putzteufel

Krimi

Morgens einen Joint und derTag ist dein Freund …

Schwangerschaft

Abseits

Sucht

Hilde und Klaus in Spanien

Weltschmerz

Tanzen gehn

Schwiegermütter

Goldfisch

Goldfisch – ein stiller Beobachter (1)

Goldfisch – ein stiller Beobachter (2)

Goldfisch – ein stiller Beobachter (3)

Prosatext

Seniorentraum

Verschwunden

Na? Wie war ich?

Memory

Reserve

Schwer verknallt

Platonisch

Niagarafälle (oder: 3-Wetter-Taft lässt grüßen)

Dreckwegtag

Nagelstudio

Invasion (alle Jahre wieder)

für Anne

Androhung

Schock

Ausgeflippt

Oldlife-Crisis

Wie ein Zyklon

Grüner Donnerstag

Träume zerrinnen

Abschied (Nachlese zum Muttertag)

Untreue

Lästerchwestern

Für das beste Stück

Stubenfliege

Mein Liebster

Wenig gebraucht, gut erhalten …

Hund

Eifersucht

Zoff

Urlaub

Gyno und Prokto

Hetzjagd

Frivol

Kurschatten

Auf die Pauke hauen …

Aus dem Nähkörbchen geplaudert

Hunger

Pröbchen

Küsschen geben

Gips mit Schwips

Lieber, lieber Opa

Tod

Exitus

Süße 17

Taschendiebe

Flohmarkt

Demenz

Trotzköpfchen

Politik en vogue

Sehnsucht

Schnarchen und …

Windmacher

Hell wie Osram

Kesse Motte

Pech gehabt

Hotel Mama

Gänsehaut

Diät-Wahn

Old Germany

Staub – Staub – Staub

Hei Fenz, bin wieder da

Wachkoma – Trauma – Stillstand

An der Schwelle

Gebrauchsanweisung

Ebenfalls erschienen …

Vorwort

Mein einziger Sohn Robert wurde im Alter von 30 Jahren bestialisch ermordet. Ein grausamer Schicksalsschlag, bei dem Suizidgedanken zu verarbeiten waren.

Wenn die Seele schreit, ist sie offen und empfänglich für alles, speziell für Krankheiten, die mich hart trafen.

Mir ist jedoch ein „posttraumatisches Wachstum“ widerfahren, denn diejenigen, die sich von so schweren Schicksalsschlägen nicht unterkriegen lassen, machen die paradoxe Erfahrung, dass aus der eigentlichen Verletzlichkeit eine neue innere Kraft und Stärke erwächst. Und diese habe ich wieder gefunden.

2014

KINDERMUND

Kindermund

Unser kleiner Piefke war gerade sechs Jahre alt. Alle Mütter, die ihren Kindern baumwollweiche Trikotschlafanzüge überstülpten, wissen von den ausgebeulten Hosenbeinen in der Kniegegend eines solchen Nachtgewandes. Nach dem allabendlichen Waschen stand unser Piefke, das Oberteil seines Anzuges noch nicht übergestreift, im Wohnraum, von mir aufgefordert, Papi Gute Nacht zu sagen. An seinem mageren Oberkörper konnten wir die Klavierrippen zählen, denn er war nun nicht mehr so pummelig, wie früher als Kleinkind. Plötzlich und wild entschlossen ballte er die kleinen Fäuste, ging hüftewiegend in drohender Gebärde mit eingeknickten Trikotbeutelknien in Stellung, schaltete seine wütenden Blicke auf Morddrohung, forderte kraftstrotzend voll Mut und geballter Wucht seinen Vater auf und sagte: „Los, komm her! Komm her, du feige Sau!”

Die feige Sau und ich konnten uns das Lachen nicht verkneifen und Piefke musste blitzschnell ins Bett.

Den ganzen Abend mussten mein Mann und ich unaufhörlich über den Mut unseres kleinen Sohnes lächeln.


Ostereier

Jedes Jahr Ostern fuhren wir mit unserem Piefke zu den Großeltern nach Bayern. Die hatten ein schönes Haus mit Garten. Piefke bewohnte ein kleines Dachstübchen oben unter dem Giebel und konnte alles im Garten und dem angrenzenden Wald beobachten. Er war gerade vier Jahre alt. Wir riefen ihn und er kam heruntergetrabt zum Frühstück. Gleich danach sollte er nun die Ostergeschenke suchen, die sein Vater frühmorgens heimlich im Garten versteckt hatte. Piefke setzte sich trotzig auf die kleine Gartenbank neben dem Sandkasten, den ihm der Opa gestaltet hatte. Sein Vater stubste ihn an:

„Nun, willst du nicht die Geschenke suchen, die der Osterhase für dich hier im Garten versteckt hat?“

„Nein, will ich nicht! Du hast sie ja selber versteckt, dann kannst du sie auch alle wieder selber einsammeln!“

Piefke verschränkte seine Arme vor der Brust und schlenkerte mit den Beinen demonstrativ unter dem Sitz der Gartenbank hin und her. Sein trotziges Gesicht ließ keine weitere Diskussion mehr zu. Das war mal wieder ein gelungenes Osterfest!


Lilly und Amely und Tanja

Altweibersommer. 25 Grad wurden uns versprochen. Dabei habe ich die Sommer- und Winterklamotten schon umgeschichtet. Egal, ich trage Zwiebellook, wenn es mir zu warm wird, blättere ich ab. Froh gelaunt ging ich durch den Klinikpark zur HNO-Kinderstation.

Total aufgelöst kam Lilly von der Toilette und schluchzte gottserbärmlich: „Das Loch vom Klo war so schräg, ich hab gewühlt und geangelt, ich konnte meine Zahnspange nicht finden. Ich hab alles versucht, ganz doll. Nun ist sie verschwunden und gleich kommen meine Eltern.“

„Beruhige dich, du kannst doch nichts dafür, das ist nicht deine Schuld. Dir war halt von der Narkose noch schlecht und dann hast du die Spange ins Klo erbrochen. Ich rede gleich mit deinen Eltern.“

Lilly lehnte sich an mich, schlang ihre Ärmchen um meinen Körper und machte einen tiefen Seufzer: „Dann ist es ja gut. Hoffentlich kaufen die bloß keine neue!“

Die kleine rothaarige Amely plapperte sehr viel. Auf ihrem Bett lagen mehrere Kinderbücher und Malhefte mit Buntstiften. Sie hatte ein Ohr verbunden, zog mich zu sich herunter, deutete auf das Nebenbett und sprach leise hinter vorgehaltener Hand: „Die Tanja neben mir, die ist ganz traurig. Ihr Papa ist zu Hause ausgezogen und kommt nie mehr wieder. Muss ihre Mama die Tanja ganz allein in die Länge ziehen?“

Der Tag fing gut an. Kindermund ist was Herrliches. Frohgemut ging ich zum Einkaufen und setzte mich auf die Parkbank, die letzten 25 Grad wollte ich schnell noch genießen, bevor mein gekauftes Gefriefgut auftauen würde.


Nadine und Inge

25 Grad, leicht bewölkt, kein Wind. So ein Wetter wünschte ich mir ständig – und nachts den notwendigen Regen. In welchem Land gibt es das? Ich würde sofort dort hin ziehen. Fröhlich gelaunt ging ich leichtfüßig (mit Rheuma in den Zehen) zur HNO-Kinderstation.

Als ich an das Bett der kleinen sechsjährigen Nadine kam (sie wurde heute Früh eingeliefert), staunte ich über ihre bunt lackierten Fingernägel. Jeder in einer anderen Farbe. Ich betrachtete ihre Fingerkuppen einzeln (morgen Früh vor der OP wäre keine Farbe mehr vorhanden) und sagte zu ihr: „Oh, sieht das süß aus. Hast du dir das selbst gemacht?“

„Nein, meine Mami. Sie hat ein Nagelstudio und da kommen immer Frauen zu Besuch. Meine Mami sagt, sie sitzt ja jetzt an der Quelle. Sie hatte nämlich immer ihre Nägel bis auf den Grund abgekaut und macht sich das nun immer selbst alles neu.“

„Und kaust du denn auch an den Fingernägeln?“

„Nein. Das ist ja verboten. Meine Mama darf das, weil sie ja genügend Ersatz hat und auch viel Geld damit verdient, wenn die Frauen kommen. Und die kauen auch alle an den Nägeln.“

Neben Nadine lag Inge. Sie mischte sich ein und erzählte ganz wichtig: „Meine Mama hat sich die Lippen aufspritzen lassen und der Papa hat ganz doll gemeckert, dass Mami jetzt aussieht sie ein Fischmaul im Schlauchboot.“

Da wurde mir klar, hier reiften schon frühzeitig an Modetrends interessierte Menschen heran. Ich ging grinsend ein Zimmer weiter. Was würde ich hier wohl alles zu hören bekommen?


Denise

Die kleine Denise (viertelnachfünf, blond, blauäugig, sehr naseweis) hat im Kindergarten eine neue Betreuerin bekommen. Sie geht auf diese zu und plappert sofort los:

„Bist du die Neue?“

„Ja, die bin ich.“

„Du bist aber viel dünner als die andere!“

„Ja, es gibt eben Dicke und Dünne.“

„Darf ich denn auch auf deinem Schoß sitzen?“

„Ja, das darfst du.“

„Und darf ich auch mit dir kuscheln?“

„Ja klar, nur zu!“

„Hast du denn auch einen Busen?“

„Ja, ich hab auch einen Busen.“

„Dann bring den doch morgen mal mit!“



HNO-Kinderstation

Die Kinder auf meiner Station wechselten fast wöchentlich. Es ist wunderschön, immer neue kleine Menschen betreuen und von ihren Ängsten ablenken zu können. Wie gern höre ich ihrem munteren Geplappere zu. Ich fragte die zierliche Sabine: „Willst du denn beim Schlafen deine Brille nicht abnehmen?“

„Nein, das ist eine ‚Dessainerbrille‛. Meine Eltern haben viel Geld dafür ausgegeben. Die sind nämlich neureich. Aber was das ist, weiß ich nicht.“

Während ich grinsen musste und die Betten aufschüttelte und ein wenig Ordnung im Zimmer machte, hörte ich, wie der kleine Martin (er hatte ein verbundenes Ohr) daraufhin laut prahlte, dass jeder es hören konnte:

„Meine Eltern haben mir keine Brille geschenkt, dafür aber ein halbes Pferd. Es steht auf dem Bauernhof.“

„Fällt es denn beim Reiten auf zwei Beinen nicht um?“, wollte Sabine wissen.

In einem anderen Zimmer lag die kleine Sophie. Sie war sehr gesprächig. Sie trug einen Schlafanzug mit Biene-Maja-Motiven und zappelte im Bett hin und her. Sie fragte mich, ob ich auch einen Opa mit Garten hätte. Ich schüttelte den Kopf und verneinte. Sie sagte: „Ich glaub, mein Opa liebt Insekten. Zu meiner Oma sagt er immer: ‚Los, mach jetzt mal ’ne Fliege!‛“

Seit Jahren bin ich auf dieser Station tätig. Die Kinder würden mir sehr fehlen, wenn ich aus gesundheitlichen Gründen diesen Job einmal nicht mehr ausfüllen könnte.

Fröhlich marschierte ich durch den Klinikpark nach Hause. Der Frühling war ausgebrochen und ich genoss das bunte und grün blühende Umfeld. Heute wollte ich auf meiner Terrasse neue Blumen pflanzen. Mein Mann hat schon die Erde besorgt.

Ich meine, wir sollten immer ein Ziel vor Augen haben …


Rüdiger

Heute hatte ich es eilig zur Klinik zu kommen. Zwei Neuzugänge wurden auf der HNO-Kinderstation erwartet. Einer war Rüdiger, acht Jahre alt und rotes Haar. Für morgen war seine Mandel-OP angesetzt. Rüdiger guckte aus dem Fenster und zeichnete die Spuren der Regentropfen nach, gleichmäßig von oben nach unten. Er war etwas zu klein für sein Alter, aber der wird ja noch wachsen. Er hörte mich kommen und drehte sich zu mir.

„Hast du schon alle Voruntersuchungen abgehakt?“, wollte ich wissen. Ich strich über seinen Rotschopf. „Ja, alles erledigt. Spritzen machen mir nichts mehr aus, hatte schon mehrere.“

„Und fühlst du dich fit?“

„Und wie! Ich bin richtig froh, eine Woche lang mal nicht zur Schule zu müssen.“

„Oh, schlechtes Zeugnis gehabt?“

„Nee, war sogar ganz gut. Meine Eltern waren zufrieden und von Oma und Opa krieg ich dann immer Geld.“

„Was ist denn dann der Grund, dass du nicht so gern zum Unterricht gehst?“

„Weil die Großen in der Pause immer zu uns kommen, wenn wir auf der Mauer sitzen und unser Pausenbrot austauschen. Das andere schmeckt immer viel besser als das von zuhause. Ein ganz Großer hat mir schon öfter meine Brotbox geklaut. Meine Schwester sagt, wenn er das noch einmal macht, soll ich ihm in die Eier treten.“

„Und, hast du?“

„Nö! Die liegen bei dem viel zu hoch, da komm ich nicht dran!“


Hannah und Max

5. September, 30 Grad, Sonne satt, tiefblauer Himmel, kein Wölkchen. Trotzdem rieselte herbstlich gefärbtes Laub von den Bäumen. Ich suchte im Klinikpark ein paar bunte Blätter und nahm sie mit auf die HNO-Kinderstation.

Heute gab es einige Entlassungen und neue Kinder kamen auf meine Station.

Die kleine Hannah war sehr zutraulich und sagte, mit einem strengen Blick auf die in unserem Zimmer werkelnde Reinigungskraft zu mir:

„Meine Mama braucht nicht mehr unsere Fußböden zu moppen und polieren. Mein kleiner Bruder krabbelt überall hin und reinigt schon mal alles vor wie ein Wischmopp.“

Und Max mit der Harry-Potter-Brille schaute mich erstaunt fragend an. Er schien zu überlegen, wie alt ich wohl sein könnte.

„Ich hab schon den dritten Papa. Wie viele hast du?“, wollte er von mir wissen. Da verließ ich ganz schnell das Zimmer, ich musste noch auf eine andere Station. Ich konnte mir vor Lachen den Bauch nicht halten. Wie herrlich war doch Kindermund.

Die bunten Herbstblätter verteilte ich im Flur auf die Fensterbank. Schön sah das aus.


HILDE UND KLAUS

Putzteufel

Meine Angetraute Hilde

Fuhrwerkt rum wie eine Wilde

Putzt die Fenster, schrubbt das Bad

Damit ichs urgemütlich hab

„Es zieht, machs Fenster bitte zu

Und lass mich endlich mal in Ruh

Ich will meine Zeitung lesen

Benimmst dich wie ein alter Besen

Hör jetzt auf, sonst werd ich grob

Kümmer dich um deinen Mop!

Der Bierkasten steht auch im Weg

Räum ihn bitte schnellstens weg

Der ist zu schwer? Dass ich nicht lach

Assauers Spots hats vorgemacht

Das Fahrrad steht vor der Garage

Tus rein und hör, was ich dir sage

Das Auto darfst du auch polieren

Ich geh derweil so lang spazieren!“

Nun lieg ich hier in meinem Bett

Was sie getan, war gar nicht nett

Sie haute mir eins auf die Rübe

Damit ich die Besinnung kriege

Kauf später ihr ’nen Blumenstrauß

Kümmer mich selbst um Hof und Haus

Werd um Entschuldigung sie bitten

Mich hat der Teufel halt geritten

Und die Moral von der Geschicht?

Drangsalieren darf man nicht!

Krimi

Meine Angetraute Hilde

Ist bei Krimis stets im Bilde

Bevor mir noch der Schluss bekannt

Hat sie den Mörder mir benannt

„Lass diese Unart bitte sein

Ich finde mich da selbst hinein!“

Weil Fehler sind sehr oft passiert

Hat sie mir diese kommentiert:

Ein Schuss = Knie ‚rechts‛ am Kripomann

Und als die nächste Szene kam

Sieht man das Pflaster ‚links‛

Wieso er mit dem Bein jetzt hinkt?

Regiefehler sie schnell erkennt

Mein Hildchen mir nun weiter nennt:

„Guck, der Tote auf der Bahre

Dem sträuben sich sogar die Haar

Wer tot auf dem Seziertisch liegt

Beim Atmen sich der Bauch bewegt?“

Die nächste Szene war echt lasch

Der Star rennt los mit seiner Tasch

Am Ziel er angekommen war

War diese Tasche nicht mehr da

Die Klappe fällt – Aufnahme drei

Da ist die Tasche stets dabei

Der Star wühlt emsig darin rum

Der Zuschauer = verkauft für dumm

Das Pärchen küsste sich sehr viel

Bis dass die nächste Klappe fiel

Das Filmsternchen trug Haare kurz

Das war dem Regisseur auch schnurz

Die nächste Szene: Haare lang

Mein Hildchen sie kaum noch erkannt

dann dieses:

Ein Mörder flieht in einen Felsen

Er nächtigt tagelang im selben

Als man ihn fing, was war passiert?

Er war gekämmt und glatt rasiert.

Ein Dieb ist in den Fluss gesprungen

Die Kripo ihn sofort gefunden

Dann Großaufnahme, das ist wahr

Die Kleidung knochentrocken war

Nicht mal sein Haar war pitschenass

Bei solchen Fehlern machts kein Spaß

Mein Hildchen hats genau gesehn

In vielen Krimis so geschehn

Oder in Historienfilmen

Wo Römer kämpften mit den Wilden

Trägt einer an dem Handgelenk

(von seiner Oma ein Geschenk?)

Ne goldne Uhr mit Glitzerrand

So grobe Fehler gleich erkannt

Wie ein Rohrspatz schimpft sie los

„Was denkt der Regisseur sich bloß?

Mir sowas vor die Nas zu setzen

Ich könnte diesen Mann zerfetzen!“

Einmal – sie hats genau gesehn

Da ist dann folgendes geschehn:

In einem Tierfilm wars ein Hund

Der tat uns tolle Streiche kund

Man sah ihn liebevoll beim Strecken

Auf dem Rücken mit zwei Flecken

Nächste Szene – Klappe vier

Da hat sein Fell kein Fleckchen mehr

Mein Hildchen rauft sich wüst ihr Haar

„Was ich hier seh – das ist nicht wahr!“

Sie klopft wie’n Fuhrmann freche Sprüche

Und macht uns Tee dann in der Küche

Noch immer ärgert sich die Hilde

Ich nicke nur und lächle milde

Sie weiß es nicht, ich mach kein Fax

In meinen Ohren = OHROPAX!

Morgens einen Joint und der Tag ist dein Freund …

Ich bin Hildes Mann – der Klaus

Mir geht bald die Puste aus

Muttern will uns heut besuchen

Drum backt Hilde Apfelkuchen

Es kommt auch das Enkelkind

Dann weht hier ein andrer Wind

Der Enkel kam mit seiner Süßen

Sie tat uns auch ganz lieb begrüßen

Die Kaffeetafel war gedeckt

Der Kuchen hat sogar geschmeckt

Abgeräumt wurd von den Frauen

Dann wollten alle Tennis schauen

Die Süße machte sich ’nen Joint

Sie hats gelernt von einem Freund

Wollt den Enkel auch verführen

Dieser tat sich sehr genieren

Doch Mutter bat um eine Fluppe

Meine Blicke warn ihr schnuppe

Ich erkannte sie nicht wieder

Zeitlebens war sie brav und bieder

Ich haute sie ihr aus der Hand

Hund Sepp sofort den Stengel fand

Schwupps hat er ihn aufgefressen

Ich hätte mich beinah vergessen

Ich schmiss die Süße aus dem Haus

Der Enkel sah bedröppelt aus

Er rannte ihr gleich hinterher

Ich sah den Enkel nimmermehr

Ich wollte mit dem Hund zum Arzt

Da hat es fürchterlich geknarzt

Nein, es war ein schriller Ton

Er kam nicht vom Telefon

Es war unser blöder Wecker

Hildchen kam gerad vom Bäcker

Es dufteten die warmen Brötchen

Hund Sepp gab mir ganz brav sein Pfötchen

„Komm, steh auf, es ist schon zehn

Du musst mit Sepp zum Doktor gehn

Irgendwas hat er gefressen

Was es war – ich habs vergessen!”

„Kommt Muttern heute?“ – „Nein, wieso?“

„Ach, da bin ich aber froh

Auch nicht unser Enkelsohn?“

„Der ist im Ausland – länger schon

Guck mal raus, es ist schon hell

Ich mach Kaffe, wasch dich schnell

Zähne putzen nicht vergessen

Dann können wir gemütlich essen!“

Ich nahm mein Hildchen in den Arm

An ihrem Busen wars schön warm

Flugs hab ich mich hingesetzt

Mir hat das Frühstück gut geschmeckt

Den Traum behielt ich fest für mich

Ganz ehrlich – er war fürchterlich!

Schwangerschaft

Meine Angetraute Hilde

Führt mal wieder was im Schilde

Zeigt auf ihren strammen Bauch

Hofft, ich merke das jetzt auch

„Bitte mach jetzt kein Theater

Ist der Postbote der Vater?

Oder ist’s der Müllmann gar

Weil ich eine Zeit nicht da?

Willst mir das Kind jetzt unterschieben?

Verstrick dich nicht in viele Lügen!

Vorsorge hab ich längst getroffen

Und jetzt sag ichs dir ganz offen

Ich war längst beim Urologen

Der hat gewiss auch nicht gelogen

Meine Beutel sind ganz leer

Sie zeugen keine Babys mehr!“

„April, April, es war ein Scherz

Und jetzt klopft ganz doll mein Herz

Wollt sehen, wie du reagierst

Ob du dich als Vater zierst

Ob du taugst für nen Papa

Jetzt ist die Periode da

Verzeih mir meine vielen Lügen

Wir werden schon noch Kinder kriegen!“

„Du meinst vielleicht von Neckermann?

Das hört sich ganz vernünftig an

Viel lieber wäre ich dein Kind

Weil wir auch ohne glücklich sind

Ich kuschel mich in deinen Schoß

Jetzt sind wir alle Sorgen los!“

Und die Moral von der Geschicht?

Belüge deinen Gatten nicht.

Abseits

Mein Hildchen kommentiert jetzt Fußball

Und funkt dazwischen wie ein Urknall

Sitzt mit Strickzeug neben mir

Klopft Sprüche hin, da graust es mir

Küsst mich heftig, das kommt vor

Genau da fällt das erste Tor

„Und wo ist kleines dickes Müller?

Der galt doch mal als Superknüller

Und Uwe Seeler – wo ist der?“

„Mein Schatz, das ist schon lange her!“

„Matthäus hat Verschleiß mit Frauen

Kein Funktionär will ihm vertrauen

Und plötzlich – paradoxerweise

Wird es um ihn ganz still und leise

Will ihn in Deutschland keiner haben?“

„Da musst du Ulli Hoeneß fragen!“

„Schweinsteiger und auch unser Poldi

Altersmäßig bald schon Oldies

Bei Fortuna – die sind jünger

Gibt man denen Fußball-Dünger?

Wieso kauft Hoeneß Spieler ein?

Mensch als Ware – darf das sein?

Und was heißt ‚Eckball‛, der ist rund!“

„Bitte, halt jetzt deinen Mund!“

„Verlängerung bei Unentschieden?“

„Das ist von Fall zu Fall verschieden

Es geht um Punkte, die sie sammeln

Da kommt Entscheidendes zusammen!“

„Poldi und auch unser Schweini

Guck – die sind sich gar nicht einig

Auf der Wiese – locker-lose

Dreht ein Salto dieser Klose

Und Beckhams Frau – Victoria

Macht in Mode – wunderbar

Spielt denn Beckham immer noch?“

„Solange er in einem Hoch

Und wird er einmal gänzlich träg

Wird auch er schnell abgesägt!“

„Wie kommt es, das ‚Herr Libero‛

Gleichzeitig hier und anderswo?

Am selben Tag spielt er in Spanien

Zur gleichen Zeit auch in Italien?

Vielleicht hat er nen Zwillingsbruder?“

Mein Hildchen ist ein dummes Luder

„Beschäftige dich in der Küche

Und lass unsachgemäße Sprüche!“

Jetzt schreit sie auch noch „Abseitsfalle!“

„Pass auf, ich greif dir gleich ins Dralle!“

„Ich hab es doch genau gesehn!

Zwei Spieler vor der Linie stehn!

Was kämpften Effenberg und Strunz?“

„Sie stritten sich wie Hinz und Kunz

Natürlich um die gleiche Frau

Viel Spektakel – große Schau!“

„Und Beckenbauer – Olli Kahn?“

„Die fingen längst was Bessres an!“

„Wieso hat Deutschland einen Kaiser?“

„Franz nennt man so – jetzt wird er leiser

Stand jahrelang im Fußball-Leben

Legenden hat es stets gegeben!“

„Und Ballack tobt im Mittelfeld?

War Deutschland einst sein größter Held

Warum hat man ihn abgeschoben

Anstatt gebührend ihn zu loben?“

„Es zieht ihn nach Amerika!“

„Ich frage dich, was will er da?

Und Phillip Lahm – Frank Riberi

Die Fußballwelt vergöttert sie

Auch Robben und den Marco Reus?“

Woher sie nur die Namen weiß?

Sie sitzt ja ständig neben mir

Mit Strickzeug – und ich trink mein Bier

Klar, dass sie alle Namen kennt

Und diese flott beim Namen nennt

„Bei Sepp Meier und Fritz Walter

Kennt keiner mehr ihr wahres Alter

Berti Vogts und Thomas Helmer

Erhöhen sich Gehälter selber

Und der Torwart – dieser Neuer

Der war dem Hoeneß nicht zu teuer?

Was sind das nur für Funktionäre

Selbsternannte Millionäre?

Und wir beide dümpeln hier

Ich mit Strickzeug – du beim Bier!“

Ja, meine Angetraute Hilde

Mal ist sie sanft – dann wie ne Wilde

Ne dritte Flasche sie mir holt

„Das Fußballspiel wird wiederholt???“

„Ach wo, es gibt Elf-Meter-Schießen

Denn es blieb beim Unentschieden!“

Wer gewinnt? Die Spannung steigt

Der letzte hat das Tor vergeigt

(Ach Maradonna und Pelé!

Schade – sie sind längst passé)

Mein Hildchen schleicht ins Doppelbett

Ich gähn zur Uhr – es ist schon spät

Ein ‚Zweitgerät‛ hab ich im Sinn

Das stell ich ins Büro dann hin!

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$5.59

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0+
Release date on Litres:
23 December 2023
Volume:
82 p. 21 illustrations
ISBN:
9783957444868
Copyright Holder::
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