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Ingrid Hayek

Doña Laura
spielt Bingo und gewinnt ein Huhn

Reiseerzählungen aus Ecuador


Für Konrad Hayek

2017

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung, Layout und digitale Gestaltung:

Tyrolia-Verlag, Innsbruck

Titelbild: Donã Laura aus La Florida

Bildnachweis: Soweit nicht anders angegeben alle Abbildungen

© Ingrid Hayek

Lithografie: Artilitho, Trient (I)

Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien

ISBN 978-3-7022-3596-3 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3608-3 (E-Book)

www.tyrolia-verlag.at

E-Mail: buchverlag@tyrolia.at

ENTREMÉS – VORSPEISE

Dies sind die Aufzeichnungen aus einem Land, in dem ich

Distanzen in Dollar messe

einen Monokini trage

Tortillas um 25 Cent das Stück verkaufe

Lebensbeichten anhöre und aufschreibe

Tigermilch trinke

einen Gummistiefel im Schlamm verliere

Nelson, Nixon, Kelvin und Chávez persönlich kennenlerne

keine schwarzen Bananen essen möchte

mit Don Victor in einem Bett schlafe

beinahe eine Schamanin werde

einen Knochenbruch mit gefrorenem Fleisch behandle

vergeblich Kakerlaken in Kühlschränken jage

in zwei Tagen 1018 Wörter Quichua lerne

nicht ganz katholische Predigten halte

in der Disco mit drei Bäuerinnen sitzend tanze

Kaffee esse

nackt im Fernsehen schwimme

Töpfe mitgehen lasse

vor verrückten Kühen davonlaufe

im Internet-Café immer einen Schuh ausziehe

beim Bezahlen einer Stromrechnung fast in Ohnmacht falle

schwanger Rechtsanwälte verspeise

von Torten gebissen werde

Liebesschwüre am Computer korrigiere

mit schlafenden Kakaobauern verhandle

das Leid von Flüchtlings-Hinterbliebenen hautnah erlebe

einem eingeseiften Hund nachlaufe

in der Sauna unter Wolldecken mit Flöhen kämpfe

einen bitteren Nachgeschmack von Kakao habe

und Gringa loca (verrückte Weiße) heiße

INHALT

2010: ENTDECKEN

Ankunft

Lourdes

Padre Teodoro

Doña Laura

Reine Seele in beflecktem Körper

Schulstart

Computerprobleme

Alltag in La Florida

Hundeleben

Fiestas in Pijilí

Amigos de Austria

Ein ökologischer Spaziergang

Fiesta de Despedida

2011: WIEDERKEHREN

Wiederkehr

Dialog: Richtige und falsche Freunde

Eine heiße Stromrechnung

Ein Bauernmarkt, eine gebrochene Hand und eine verrückte Kuh

Ein Diplomzeugnis, viele Kilometer und wenig Schlaf

Drei Lagunen, vier Flüsse und ein Goldschatz

Schlagkräftige Frauen

Dialog

Ein Geisterdorf

Ein Märchen (?)

Eine Mariengeschichte

Magdalena

Immigration ist auch Emigration

Erzählung einer Migrantin

2012: NACH HAUSE KOMMEN

Bingo

Waldbesitz in Pahuancay

Bittere Schokolade

Eine lebensgefährliche Ernte

Reuniones de Cacao inklusive Gringa

Eine Kakaofabrik in Cuenca

Hermann Svetnik, der Grindio

Der Arqui und die Mühle

Kakaobohnen, Brandblasen und ein kurzer Hebel

Reise einer Carishina mit drei Dirigentinnen und Don Victor

Schmuck und Schmutz

Erwartete Preise, eine unerwartete Taufe und langes Warten auf eine Fiesta

Maschinen kaufen

Happy End?

Dank

2010:
ENTDECKEN

Hoy comienza una nueva etapa. (Heute beginnt eine neue Etappe.) Che Guevara, Bolivianisches Tagebuch

ANKUNFT

Juli 2010: Eine lange Menschenschlange wälzt sich in gemächlichem Tempo vom Gepäckausgabeband zum Zoll. Es ist früh am Morgen, die Luftistwarm, aber nicht unangenehm. 17 Stunden Flugreise liegen hinter mir. Nun bin ich in Guayaquil, der größten Stadt Ecuadors, deren Namen kaum jemand kennt, der noch nicht hier war. Auch mir wurde die Stadt erst vor einem Jahr zu einem, wenn auch abstrakten, Begriff.

Wäre nicht mein Sohn im Sommer 2009 mit einer kleinen Gruppe von Österreichern hierhergefahren, um in einem Dorf in der Küstengegend eine Schule zu errichten, dann hätte ich ihn beim Abschied nicht beiläufig gebeten, zu erkunden, ob es nicht auch für mich eine Möglichkeit gäbe, mich dort sozial zu engagieren.

Und hätte der Projektkoordinator Padre Teodoro nicht für eben diese Schule jemanden mit Englisch- und Computerkenntnissen gesucht … ja, dann würde ich jetzt wohl nicht halb belustigt, halb ungeduldig mit mehreren Laptops als Mitbringsel im schweren Koffer in der inzwischen zum Stillstand gekommenen Warteschlange stehen.

Der Scanner für die Gepäckskontrolle hat genau, als ich an der Reihe bin, den Geist aufgegeben. Der mitleidige Zöllner reiht mich in der Warteschlange des zweiten Scanners hinter einer Großfamilie mit 17 Koffern ein. Als ich endlich an die Reihe komme, geht alles sehr schnell. Meine drei Laptops werden entweder nicht bemerkt oder einfach ignoriert.

Draußen wartet schon, wie angekündigt, der Padre mit einem Schild „Ingrid“ auf mich. Nachdem er mich herzlich mit Umarmung, einem Wangenküsschen und einer Abwehrbewegung bei der zweiten Wangenberührung begrüßt hat, stellt sich heraus, dass es nicht der Padre Teodoro ist, sondern Antonio, ein Mitarbeiter aus Spanien, der vom Padre beauftragt wurde, mich beim Ausgang zu erwarten. Nach einer Weile kommt dann der echte Teodoro. Die Begrüßungszeremonie wiederholt sich: Umarmung, Wangenberührung mit Abwehrhaltung.

In einem alten Mazda-Pickup geht es bei Nieselregen erst durchs Verkehrschaos von Guayaquil, dann durch die schlammige Pampa, gesäumt von Zuckerrohr, Teak-, Bananen- und Kakaobäumen, in drei Stunden nach La Florida, einem kleinen Dorf am Fuße der Anden.

Während der slalomartigen Zick-Zack-Fahrt um die vielen Schlaglöcher führen wir eine angeregte Diskussion über die Wirtschaft in Ecuador und der Welt.

Die Ecuadorianer machen sich rührenderweise große Sorgen über Europas Wirtschaftskrise, beklagen aber auch die dolarización in ihrem eigenen Land, die ihrer Meinung nach auf schwachen Beinen steht, sollten die amerikanischen Ölfirmen Ecuador den Rücken kehren.

Dolarización – Offizielle Dollarisierung

Von offizieller Dollarisierung spricht man, wenn die ausländische Währung die 100-prozentige Rolle des Geldes übernimmt. Zurzeit haben neben Ecuador nur Panama und El Salvador in Lateinamerika den US-Dollar als Währungsersatz eingeführt. Der US-Dollar ist seit September 2000 die offizielle Landeswährung Ecuadors.

Bei der Dollarisierung verlor die ursprüngliche Währung Ecuadors, der Sucre, innerhalb kürzester Zeit drastisch an Wert. Für 25.000 Sucres bekam man 1 USD. Ich habe Leute kennengelernt, die kurz vor der Dollarisierung ihr Haus verkauften, das Geld aber erst nach der Währungsumstellung erhielten und durch die Entwertung so ihr gesamtes Vermögen verloren.

Die Münzen heißen Centavos, werden in Ecuador geprägt und sind außerhalb Ecuadors nicht gültig. Dollarscheine hingegen dürfen nicht in Ecuador gedruckt, sondern müssen direkt von der US-amerikanischen Nationalbank bezogen werden.

Andererseits scheint die Dollarisierung doch unbestreitbar zur Stabilisierung der Wirtschaft in Ecuador beigetragen zu haben.

Zwischen den Wirtschaftsdiskussionen versucht der Padre immer wieder per Handy Lourdes, die Koordinatorin der Pfarre für die Schule in meiner Wirkungsstätte La Florida, zu erreichen, allerdings vergeblich. Schließlich erreichen wir La Florida und stellen auch ohne elektronische Hilfsmittel fest, dass sie nicht zuhause ist. Durch die schlammige Dorfstraße, vorbei an aggressiv kläffenden Hundemeuten vor jedem Haus, fahren wir 100 Meter weiter zur Schule, wo Lourdes mit einigen Halbwüchsigen eine riesige österreichische Fahne mit der Aufschrift bienvenida (willkommen) hochhält.

LOURDES

Lourdes ist Albino und fällt mit ihren hellblonden Haaren und ihrem weißen Gesicht mindestens so auf wie ich; das gibt mir irgendwie ein Gefühl von Geborgenheit. Sie begrüßt mich besonders herzlich und leistet beim zweiten Wangenkuss kaum Widerstand. Mit ihrem Hund Randú, einem treuherzigen Mischling mit melancholischen Augen, schließe ich gleich Freundschaft. Zumindest ein Hund weniger, der mich einmal beißen wird. Lourdes betet viel und erzählt ohne Unterlass zweideutige Witze, sodass die Witze notgedrungen Gefahr laufen, in die Gebete einzufließen. Dann lacht sie unschuldig verschmitzt und schaut kindlich treuherzig drein, während der Schalk aus ihren Augen funkelt.

Wir werden bei einer Familie im „Zentrum“ von La Florida zum Essen eingeladen. In einem kahlen Raum mit rohen Betonwänden steht schon ein Plastiktisch mit geblümter Plastiktischdecke und einigen Plastiksesseln bereit. Es gibt gebratene Tilapia, einen lokalen Süßwasserfisch. In der Tischmitte steht ein Behälter mit Gabeln und Papierservietten. Ich gewöhne mich sofort an die einhändige Esstechnik: In einer Hand hält man ein Besteck (Messer, Gabel oder Löffel), die andere Hand wird als Hand benutzt. Der Fisch schmeckt köstlich, meine Tischgenossen nagen Gräte für Gräte säuberlich ab. Beinahe bekomme ich ein schlechtes Gewissen, als ich den Fischkopf verschämt auf den Abfallteller lege. Großzügig, ja verschwenderisch sind die Leute hingegen bei Bananen, die hier im Überfluss gedeihen. Jede kleinste bräunliche Stelle an den Früchten wird herausgeschnitten und gleich als Dünger in die Natur geworfen.

Nach Besichtigung der Kirche, in der die Dorfkinder kreischend Fangen spielen, geht es wieder zur Schule, diesmal zum centro de computación. Don Gato, der Elektriker und Alleskönner des Dorfes, begrüßt mich herzlich mit Schraubenzieher und Beißzange. Der Padre erklärt ihm, wo der Nullleiter montiert werden muss, wenn er den Strom von der Straßenlaterne abzwackt und in das Computerzentrum leitet. Computer kann man jetzt noch gar nicht anstecken und benutzen. Aha, also deshalb hat Padre Teodoro vorher mehrmals zu mir gemeint, ich brauche ein paar Tage Erholung und Ruhe, um mich an das Klima und die Leute zu gewöhnen. Und: Der Padre erstaunt mich immer mehr, denn neben Religion, Politik und Wirtschaft scheint er auch von Technik einiges zu verstehen!

PADRE TEODORO

Padre Teodoro ist der Pfarrer für eine flächenmäßig riesige Region von Bergdörfern in der Provinz Azuay im Südwesten Ecuadors. Neben Theologie hat er auch Philosophie studiert und eine Mechanikerlehre gemacht. Er setzt sich laut protestierend für die Umwelt ein, singt selbstkomponierte Lieder, tröstet Greisinnen, animiert Kinder, verzehrt alle vorgesetzten Riesenmahlzeiten ohne mit der Wimper zu zucken, liebt philosophische Gespräche bei langen Autofahrten, vergisst dauernd irgendetwas, ist genial-chaotisch und gibt nie klare Antworten auf die praktischen und naiven Fragen einer ebenfalls etwas chaotischen Gringa.

Im Pfarrhaus neben der Kirche werde ich für die nächsten Wochen Lourdes’ Zimmernachbarin sein. Die Einrichtung meines Zimmers ist eher spartanisch: ein Stockbett und ein Plastiksessel. Das obere Bett wird mir als Kleiderablage dienen, der Sessel als Schreibtisch. Viel werde ich hier ohnehin nicht brauchen.

Nun verabschiedet sich der Padre von mir mit zwei Wangenküssen und von Lourdes mit der Bemerkung „Lourdes kriegt nur ein Küsschen“, und endlich werde ich aufgeklärt: In Ecuador küsst man nur einmal! Beherrschung ist angesagt – zumindest für die nächsten acht Wochen.

Begrüßung und Anrede

Händeschütteln ist in Ecuador gebräuchlicher als in Europa. Werden zwei Personen einander vorgestellt oder stellt man sich selbst anderen Leuten vor, ist es selbstverständlich, sämtlichen Betroffenen die Hand zu geben. Ebenso geben bereits miteinander bekannte Personen bei jedem Treffen einander die Hände. Bei reuniones (Versammlungen) im kleineren Kreis, also bis zu 30 Personen, macht jeder neu Hinzugekommene die Runde und schüttelt jedem bereits Anwesenden die Hand. Da Pünktlichkeit keinesfalls zu den Tugenden der Ecuadorianer zählt, zieht sich die Dauer der zu allen möglichen Anlässen stattfindenden reuniones in ungeahnte Länge, weil Besprechungen laufend durch Zuspätkommende, die händeschüttelnd die Runde machen, unterbrochen werden.

Die Standard-Begrüßungsformel lautet „Guten Tag, wie geht’s?“, wobei die Antwort auf die Frage nach dem Wohlbefinden nicht wirklich interessiert. Dieses Manko umgeht man als geübter Ecuadorianer, indem man die Antwort gleich selbst in die Frage integriert. Eine typische vollständige Begrüßung klingt also so: Buenas días cómo está muy bien gracias (Guten Tag wie geht’s gut danke).

Das Ganze läuft ohne Komma, mit der Geschwindigkeit einer Maschinengewehrsalve ab und lässt keine Zeit zum Überlegen, wie es einem eigentlich selbst geht. Vielmehr schießt man gleichzeitig mit derselben Frage zurück. Und das ist gut so, denn sonst würden die Begrüßungsrituale den ohnehin schon enormen Zeitrahmen der Zusammenkünfte sprengen.

Unter Freunden ist es üblich, sich bei Begrüßung und Abschied auf die Wange zu küssen, eigentlich Wange an Wange zu legen, wie in Europa. Dabei „küsst“ man ausnahmslos nur einmal, und zwar auf die rechte Wange. Allerdings kommt es auch vor, dass jemand die linke Wange darbietet und die zwei Begrüßenden sich so aus Versehen Mund an Mund berühren (angeblich nicht immer nur versehentlich). Lernt man neue Leute kennen und wird mit einem „Wangenkuss“ begrüßt oder verabschiedet, darf man das getrost als Sympathiebeweis werten.

Die Anrede unter Fremden beginnt offiziell mit Señor beziehungsweise Señora und dem Nachnamen. Persönlich habe ich das in Ecuador aber so nie erlebt. Nur dritte, nicht anwesende Personen wurden manchmal als „Señor Soundso“ bezeichnet, meist eher in negativem Zusammenhang.

Normalerweise sprechen sich auch flüchtige Bekannte förmlich mit Don/ Doña und dem Vornamen an. Wird Don/Doña durch Amigo/Amiga oder gar durch Hermanito/Hermanita ersetzt, kann sich der Angesprochene über ein freundschaftliches Verhältnisfreuen. Bei Respektspersonen wird der entsprechende Titel vorgesetzt, also zum Beispiel Padre Marco oder el doctor Alberto. (Ich habe von Anfang an ausdrücklich betont, dass ich keine Respektsperson bin.)

Ecuadorianer verwenden wie alle Lateinamerikaner bei der Anrede im Plural ausnahmslos die Form ustedes, also „Sie“. Das spanische vosotros (ihr) existiert nicht. Auch bei der Anrede einzelner Personen überwiegt das usted. Geduzt wird nur im engsten Familien- und Freundeskreis sowie unter Kindern und jungen Jugendlichen. Am Land ist es durchaus üblich, dass Ehepaare einander mit usted anreden. Sogar Hunde werden per Sie verscheucht! („Da, fressen Sie, und dann marsch, verschwinden Sie!“).

In größeren Städten und touristischen Gebieten haben sich die Einheimischen durch den Umgang mit den gringos bereits an das Du gewöhnt.

Ich schlafe durch bis vier Uhr früh. Als Lourdes merkt, dass ich wach bin, beginnt sie gleich ein Morgengespräch über zwei Wände hinweg. Die Wände reichen nicht bis zur Decke, was die Konversation ungemein erleichtert. Abgesehen davon gehört Lourdes nicht zu der kaum existenten Gruppe schweigsamer Ecuadorianer.

Um sechs Uhr wird es innerhalb von drei Minuten „hell”, das heißt düster-hell. Hace frío (es ist kalt) sagen die Einheimischen bedauernd zu mir, para mí agradable (für mich ist es angenehm) ist meine Standard-Antwort. Tatsächlich bewegt sich die Temperatur Tag und Nacht konstant zwischen 22 und 26 Grad. Trotzdem ist das Wetter recht abwechslungsreich: Meist nieselt es, manchmal auch so fein, dass man die wie ein Schleier sich lautlos herabsenkenden Tropfen nicht sieht, sondern nur spürt. Dazwischen schüttet, plätschert oder gießt es; genauso gut kann es aber auch normal regnen, und zeitweilig beschränkt sich die Luft auf diesige 100 Prozent Feuchtigkeit.

Schon bald klopft es an der Tür: etwas schüchtern fragt ein kleines Mädchen nach hermanita (Schwesterchen) Lourdes. Wir beginnen eine ausführliche Konversation über meine Familienverhältnisse. Ein mitleidiger Blick streift mich, als ich gestehe, dass ich nur einen Vornamen und zwei Kinder habe. Triumphierend zählt sie ihre sämtlichen Familienmitglieder mit sämtlichen Namen auf, jedes Familienmitglied hat mindestens drei. Ihr Name ist Blanca Xiomara Chávez, und sie lächelt geschmeichelt, als ich ihr sage, dass sie so heißt wie der Präsident von Venezuela. Wir schieben eine kleine Mathematikstunde ein, in der wir abklären, ob es möglich ist, dass sie fünf Schwestern und sechs Brüder hat und sie insgesamt acht Geschwister sind. Sie lässt sich auf drei Brüder herunterhandeln und gibt dann zu, dass es sich insgesamt vermutlich um neun Geschwister handelt.

Schließlich machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum colegio.

Die Schule wurde letztes Jahr von den Amigos de Austria errichtet, einer Gruppe Österreicher um den Innsbrucker Konrad Piok, die jedes Jahr ein anderes Dorf in der Provinz besucht, um dort Gebäude für soziale Zwecke aufzustellen oder herzurichten. Mein Sohn war dabei und fragte aufgrund meines Interesses, ob sich ein Tätigkeitsfeld für mich ergeben würde. Mit der Aussage des Padre „Jetzt haben wir eine Schule und keinen Lehrer für Englisch und Computer“ bot sich die Gelegenheit, wie aus der Pistole geschossen zu sagen: „Meine Mama macht das gern!“, und deshalb bin ich jetzt hier.

Ich platze mitten in die Abschlussprüfungen, die erste Prüfung ist gerade fertig. Der 64-jährige Seniorschüler Don Florencio (der die Prüfung mitmacht) begrüßt mich überschwänglich mit einem Wangenkuss (ich habe schon dazugelernt).

Lourdes möchte, dass ich die Religion- und Sozialkunde- Prüfungen anhand ihres Musterexemplars korrigiere. Allerdings gibt es da mehrere Probleme, zunächst einmal wieder ein mathematisches: Pro Aufgabe werden maximal 20 Punkte vergeben. Lourdes möchte, dass man pro Frage bei richtiger Beantwortung zwei Punkte bekommt, einen für die Antwort und einen für die Begründung der Antwort. Da jede Aufgabe fünf Teilfragen hat, kommt man allerdings höchstens auf eine Gesamtpunkteanzahl von zehn. Nach erfolgter Korrektur der Maximalpunktezahl taucht das nächste Problem auf: Woher soll ich wissen, wie weit eine Begründung abweichen darf?

Inzwischen drängen sich jede Menge Schüler um mich. Sie lugen in das Musterexemplar von Lourdes und wollen ihre Prüfungszettel wieder haben, um die Begründung nachträglich draufzuschreiben. Tatsächlich hat Lourdes auf dem Prüfungsblatt nicht explizit eine Begründung verlangt. Das Chaos ist perfekt. Die Zettel werden wieder ausgeteilt und nochmals eingesammelt. Die Schüler drängen sich alle um mich, ich kann die Arme kaum bewegen.

Gleich bei der ersten Frage stolpere ich: Sind die Menschen höherwertig als die übrigen von Gott erschaffenen Kreaturen, ja oder nein und warum?

Die richtige Antwort soll lauten: Ja, der Mensch ist das höchste aller erschaffenen Wesen. Die Antwort des ersten Schülers lautet: Nein, alle Kreaturen sind gleichermaßen von Gott erschaffen. Ich möchte die Antwort gelten lassen; Lourdes aber verweist auf das, was sie im Unterricht gebracht hat. Die Frage ist im Grunde philosophischer Natur. Ich finde, zunächst einmal müsste man den Ausdruck „höchste Kreatur“ definieren. Mit einem Schlag ergattere ich die Sympathie nicht nur des betroffenen Schülers. Trotzdem erkläre ich, dass ich mich der verantwortungsvollen Aufgabe des Korrigierens nicht gewachsen fühle, weil ich ja nicht wissen kann, was im Unterricht besprochen wurde.

DOÑA LAURA

Doña Laura lädt mich zum almuerzo (Mittagessen) ein.

Doña Laura! Sie ist die Seele des Dorfes, ihr Lachen bringt die Welt in Ordnung. Ich nenne sie la risa personificada (das personifizierte Lachen). Doña Laura betreibt einen kleinen Laden im Dorf, zusammen mit ihrem Mann Luis. Doña Laura erntet Kakao und Bananen, schlachtet Meerschweinchen und Hühner, schläft während der Messe ein und weckt ihren Mann beim Essen auf. Doña Laura sorgt dafür, dass die Kirche geputzt wird, dass Glühbirnen in der Schule ausgetauscht werden und dass ich auf keinen Fall verhungere, während ich in La Florida weile.

Ihre Küche ist zugleich Ess- und Wohnzimmer mit der Standardausstattung in diesem Dorf: ein Plastiktisch und ein paar Plastikstühle in einem Raum mit rohen Betonwänden und einem kleinen Fenster, welches das ohnehin düstere Tageslicht kaum in die Höhle dringen lässt; eine schwache Spar-Glühbirne ersetzt das Tageslicht. Ein paar kitschige Fotomontagen von fiktiven Alpenlandschaften kaschieren die nackten Wände kaum, und eine ausgebleichte blaue Kunststoff-Hängematte versucht vergeblich, dem Ambiente etwas Farbe zu geben. Trotzdem vermittelt dieser kahle Raum ein unglaubliches Gefühl von Behaglichkeit: Doña Laura werkt fröhlich plaudernd am Küchenherd, ihre Hunde tollen um und unter dem Tisch herum, ständig auf der Suche nach ein paar Essensabfällen. Nachbarinnen gehen ein und aus und nehmen dazwischen einen cafecito zu sich. Luis schlurft vom nebenan liegenden Geschäftsraum herein und fragt mich „Wie ist es denn so bei euch da drüben?“ Während ich versuche, ein bisschen von Österreich und Europa zu erzählen, nickt Luis am Tisch sitzend ein. Laura setzt sich zu uns und prustet vor Lachen „Schauen Sie, Amiga Ingrid, schauen Sie nur, er ist schon wieder eingeschlafen!“

Lourdes ist hier Dauergast und erzählt einen schlüpfrigen Witz nach dem anderen.

Nach dem Verzehr einiger leckerer empanadas (Teigtaschen) überquere ich die „Straße“ zur Kirche. Die Kirche ist hier nicht nur das religiöse Zentrum, sondern dient auch als Versammlungsraum, Kinderspielplatz, Hunderaststätte, Disco und vieles mehr.

Jetzt zum Beispiel geht es um die Inskription zu den von mir angebotenen Englisch- und Computerkursen. Das halbe Dorf meldet sich an, Alt und Jung, Arbeiter und Hausfrauen, Schüler und Kleinkinder (ab drei); mein Stundenplan wird immer dichter: Montag bis Sonntag 10:00 bis 21:30 Uhr. Wann soll ich mich vorbereiten? Wie soll ich mir an die 100 Namen merken?

Plötzlich werde ich aufgefordert, eine Antrittsrede vor der versammelten Kirchengemeinde zu halten und bekomme auch schon das Mikrofon in die Hand gedrückt. Was soll ich jetzt aus dem Stegreif sagen?

Drei Dinge gehen mir rasend schnell durch den Kopf:

1. In den zwei Tagen, die ich jetzt in Ecuador bin, habe ich festgestellt: Gefühle werden hier offener, blumiger und inniger ausgedrückt – für europäische Ohren ein wenig kitschig.

2. Die Leute in diesem Dorf lachen gern und scheinen Humor zu haben. Darf ich da vielleicht sogar ein bisschen ironisch sein?

3. Ich stehe hier, in der vollen Kirche, habe ein Mikrofon in der Hand und über 100 Augenpaare schauen mich erwartungsvoll an – da bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen …

„Liebe Leute! Vielen Dank für die liebevolle Zuneigung, mit der ihr mich empfangen habt. Ich fühle mich so wohl bei euch, so willkommen. Und ich möchte meine Begrüßung mit einer Frage beginnen: Wer in dieser Kirche spricht am schlechtesten Spanisch?“

Perplexes Schweigen.

„Könnt ihr mir das nicht sagen?“

Gespanntes Schweigen.

„ICH, natürlich!“

Lautes Lachen.

„Und trotzdem rede ich, wie ihr bemerkt. Ich mache Fehler, aber ich rede. Wenn ich mich nicht trauen würde zu sprechen, könnten wir uns nicht unterhalten. Es gibt niemanden in dieser Welt, der unfehlbar ist.“ (Ich stehe während der Rede direkt vor einem Papst-Portrait.) „Wenn man eine Sprache lernen will, ist das Wichtigste, dass man redet. Ohne Reden keine Übung. Ich beiße niemanden, ich bestrafe nicht, ich gebe keine Noten, ihr braucht also keine Angst vor mir zu haben. Und ich bin überzeugt, dass ich auch viel von euch lernen kann. Gracias.“

Fröhliche und freundliche Gesichter sind mir zugewandt. Ich glaube, ich bin hier angekommen. Nicht nur im wörtlichen Sinn.

Ja, wo bin ich denn wirklich angekommen? Und was habe ich bis jetzt von Ecuador gewusst?

Geordnet nach meinem steigenden Bildungsniveau war das:

1. Ecuador liegt in Südamerika, und zwar am Äquator.

2. In Ecuador spricht man Spanisch.

3. In Ecuador produziert man Bananen (die es bei uns zu kaufen gibt).

4. Die Hauptstadt heißt Quito und ist mit einer Seehöhe von 2850 Metern die höchstgelegene Hauptstadt der Welt (La Paz in Bolivien liegt zwar höher, die Hauptstadt aber ist Sucre).

5. Ecuador war einmal von den Incas besiedelt.

6. Die Galápagos-Inseln mit ihrer faszinierenden Fauna gehören zu Ecuador.

7. Alexander von Humboldt erkundete Ecuador und bestieg beinahe den Chimborazo. Dieser Vulkan ist mit 6227 Metern der höchste Berg Ecuadors und, aufgrund der leicht ellipsoiden Form unseres Planeten, der Punkt der Erdoberfläche, der am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt ist.

Wie viel habe ich in den letzten 48 Stunden dazugelernt! Zunächst einmal, dass ich mein Wissen ergänzen und korrigieren muss:

1. Ecuador liegt zwar am Äquator, kann aber ganz ungemütlich kühl sein. Außerdem stellt die Orientierung beim Reisen durchs Land eine gewisse Herausforderung dar: Hat man sich endlich daran gewöhnt, dass die Sonne zu Mittag im Norden steht, kann sie – je nach Jahreszeit oder Region – auch im Süden auftauchen.

2. In Ecuador spricht man nicht nur Spanisch, sondern auch über 20 indigene Sprachen. Quichua und Shuar sind offiziell anerkannt.¡Hablemos cristiano! (sprechen wir christlich!) sagen die Leute scherzhaft, wenn Klartext (in Spanisch) gesprochen werden soll.

3. In Ecuador produziert man auch Kakao und Kaffee. Die Einheimischen trinken jedoch fast ausschließlich Nescafé. Schokolade wird nicht gegessen, sondern getrunken: Das köstliche dunkle Getränk wird meist mit etwas Zimt versetzt, nach Belieben gezuckert und mit darin schwimmenden Frischkäse-Stückchen serviert.

4. Quito ist UNESCO Weltkulturerbe. Daneben gibt es noch ein weiteres Weltkulturerbe, nämlich die wunderschöne Kolonialstadt Cuenca in der Sierra. Die größte Stadt Ecuadors ist nicht Quito, sondern Guayaquil an der Küste. Guayaquil ist gefährlich, erzählen mir alle ecuadorianischen Freunde. Die Einwohner von Guayaquil werden halb scherzhaft, halb abfällig monos (Affen) genannt.

5. Die Incas gaben in Ecuador nur ein kurzes Gastspiel von etwa 40 Jahren. Sie eroberten Ende des 15. Jahrhunderts Ecuador, unterwarfen die dort lebenden Cañari, und wurden bereits Anfang des 16. Jahrhunderts selbst von den spanischen conquistadores unterworfen. (Die von den Incas unterdrückten Cañari hatten sich – wenig verwunderlich – auf die Seite der spanischen Eroberer geschlagen).

6. Die Galápagos-Inseln sind kein einsames Tierparadies, sondern weisen eine Einwohnerzahl von über 30.000 auf.

7. Der Chimborazo ist bei guter Sicht von beinahe ganz Ecuador aus zu sehen. Diese Information kann ich noch nicht verifizieren, weil ich bis jetzt nicht einmal weiß, ob es in Ecuador „gute Sicht“ gibt.

Zusätzlich habe ich folgende Erfahrungen gemacht:

Die Zeitverschiebung von sechs Stunden (bezogen auf Europa) kann man in zwei Tagen gut überwinden. Schwieriger hingegen ist die Umstellung auf die hora ecuatoriana (ecuadorianische Uhrzeit, „Ecu time“). Die besagt nämlich, dass man zu einem Treffpunkt oder einer Veranstaltung etwa eine Stunde später als vereinbart kommt. Es können aber auch zwei Stunden sein. Oder drei. Oder man verschiebt das Treffen auf den nächsten Tag. Nur eines steht fest: Man kommt keinesfalls pünktlich, gemäß folgender Logik: Wenn Manuel und Luis für neun Uhr ein Treffen „fixieren“, weiß Manuel, dass Luis sicher nicht vor zehn Uhr auftauchen wird. Das bedeutet, Manuel kann sich ruhig bis etwa elf Uhr Zeit lassen. Da Luis seinerseits sich natürlich ebenfalls in Manuel hineinversetzt, weiß er, dass Manuel entsprechend später kommen wird, und verzögert sein eigenes Kommen noch ein bisschen. Dieses Spiel könnte nun ewig weiter gehen, bis gar kein Treffen mehr zustande kommt. Da die Ecuadorianer aber sehr gesellige Menschen sind, pendeln sich der Drang nach Unpünktlichkeit und der Wunsch nach Gesellschaft irgendwo ein.

Die Ecuadorianer sind offen und extrovertiert, und diese Selbsteinschätzung tun sie auch kund. Es ist unglaublich leicht, in ein Gespräch verwickelt zu werden – auch wenn man dabei kaum zu Wort kommt. Man kann über Politik diskutieren, Lebensgeschichten lauschen, gemeinsam lachen und man wird bei näherer Kontaktaufnahme sehr bald zum Essen eingeladen. (Das Essen ist ein Kapitel für sich.)

Die Ecuadorianer sind kleingewachsen. In Europa habe ich Durchschnittsgröße, hier komme ich mir wie eine klobige Riesin vor, bezogen auf die Höhe, nicht auf den Umfang. (Das Essen ist, wie gesagt, ein Kapitel für sich.) Umso verwunderlicher ist es, dass die durchschnittliche Tischhöhe hier etwa 10 Zentimeter höher als in Europa ist. Man sitzt wie an einer Bar, nur nicht auf einem Barhocker. Das Essen befindet sich also in Brusthöhe, der Weg zum Mund ist weniger weit (und das Essen ist tatsächlich ein Kapitel für sich).

Das ecuadorianische Spanisch ist weich und melodisch. In Cuenca, so erzählen mir die Leute, spricht man nicht spanisch, man singt es. Das Vokabular ist durchsetzt von indigenen Wörtern aus der Sprache der Quichua und Cañari, die exklusiv in Ecuador verwendet werden.

Es gibt einige Floskeln und Redewendungen, ohne die eine Konversation undenkbar wäre:

a ver, ausgesprochen „a verrrrr“ bedeutet

mal sehen

echt?!

Moment

also, was ist los?

warten wir’s ab

ist da jemand?

… und vieles mehr

claro, ausgesprochen „claaaro“, wobei sich das aaa über mehrere Tonlagen bewegt, bedeutet

logo

was du nicht sagst

echt?!

sofort (= gleich, bald, irgendwann einmal)

keine Ahnung wovon du redest

… und vieles mehr

comer café heißt wortwörtlich übersetzt „Kaffee essen“ und ist die stark verkürzte Ausdrucksweise für eine Einladung folgender Art: „Kommen Sie schnell auf einen Kaffee?“ Während man auf den Kaffee wartet, wird eine magenfüllende Mahlzeit zubereitet, die man dann auch essen muss. Da hilft kein Argument, dass der Magen schon voll ist oder dass man gerade erst vom Essen gekommen ist – schließlich wurde man ja nur auf einen Kaffee eingeladen!

Padre Teodoro weiß dazu wie zu allem und jedem eine Geschichte:

„Als ich eines Tages nach einem mühsamen Aufstieg im Dorf Pahuancay ankam, begrüßte mich die bescheidene Doña Esperanza mit den Worten: ‚Entschuldigen Sie, ich habe nichts weiter anzubieten als einen cafecito.‘ Natürlich war der Teller, den sie servierte, übervoll mit allem, was die Küche zu bieten hatte. Wo immer ich den Löffel ansetzen wollte, immer fiel Essen über den Tellerrand. ‚Doña Esperanza, das ist zu viel für mich‘, sagte ich, ‚mit dem, was Sie mir auftischen, habe ich genug für heute, morgen und übermorgen.‘ Sie antwortete in ihrer Schlichtheit: ‚Entschuldigen Sie, lieber Padre, wir arbeiten hier sehr hart, deshalb essen wir tüchtig.‘ An jenem Tag aß ich so viel, bis ich beinahe platzte, nur um der geschätzten Dame zu zeigen, dass auch ich hart arbeitete!“

In Ecuador wird an alles die Silbe ito als Verkleinerungsform angehängt; das entspricht dem deutschen -chen oder –lein, bedeutet aber faktisch das Gegenteil:

café = Kaffee

cafecito = ein Riesen-Nescafé

comida = Mahlzeit

comidita = ein riesiger Teller mit einem Berg von Essen

fácil = leicht

facilito = superleicht, „das haben wir gleich“ (theoretisch! – siehe hora ecuatoriana)

rato = Weile

ratito = ein kleines Weilchen von nicht unter einer halben Stunde

su = sein (Possessivpronomen)

suito = „seinchen“. Diese Wort hat meines Wissens keine besondere Bedeutung, klingt aber einfach besser als su

todos = alle

toditos = alle, aber wirklich ALLE

Noch habe ich keine Ahnung von den unglaublich vielen Dingen, die ich lernen und erfahren werde und die eine „neue Etappe“ für mich bedeuten.

Gringos und Gringas

Als gringos werden in den spanischsprachigen Ländern Südamerikas weiße Ausländer (vor allem Nordamerikaner) bezeichnet. Etymologisch (laut Breve Diccionario Etimológico de la Lengua Castellana) leitet sich das Wort vom spanischen griego (griechisch) ab, da „griechisch“ als Ausdruck für „unverständlich“ verwendet wurde, so wie wir im Deutschen sagen: „Ich verstehe nur Spanisch“ (was in diesem Fall nicht logisch wäre!).

Ursprünglich verwendete man den Ausdruck gringo also für Sprecher fremder Sprachen. Später wurde er auf Menschen weißer Hautfarbe ganz allgemein ausgedehnt und hat stellenweise auch einfach die Bedeutung „blond“. (Sämtliche Kriterien treffen auf mich zu.)

Nach weniger wissenschaftlichen Überlieferungen bezieht sich das Wort auf die grünen Soldatenröcke (englisch: green coat) der amerikanischen Soldaten im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg von 1846 bis 1848. Damals gab es in Mexiko die auf diese Soldaten bezogene Parole „Greens go home!“ oder vereinfacht „Green go!“ (ein Vorläufer von „Amis go home“) mit negativer Bedeutung. (Diese Kriterien treffen auf mich glücklicherweise nicht zu.) Tatsächlich aber hat gringo eine etwas abwertende Bedeutung für die Lateinamerikaner. Ich stelle mich permanent selbstironisch als gringa vor, bis die Leute mich liebevoll nuestra gringa loca (unsere verrückte gringa) nennen und erstaunt feststellen, dass gringa eigentlich ein ganz nettes Wort ist! (Gringa ist die weibliche Form von gringo und nicht eine spezielle Konjugationsform des englischen Wortes go.)

REINE SEELE IN BEFLECKTEM KÖRPER

Eine unruhige Nacht liegt hinter mir. Die Hähne sind nachtaktive Tiere in La Florida, die krähen nicht erst beim Morgengrauen – Petrus müsste sich hier mit dem Verleugnen beeilen. Auch Hunde und Menschen haben einander die ganze Nacht hindurch etwas mitzuteilen. Außerdem schießen mir Hunderte Ideen zum Unterricht durch den Kopf. Punkt sechs Uhr wird dem normalen Nachtlärm ein Ende gesetzt: Ohrenbetäubende ecuadorianische Cumbia-Musik schallt durch den Kirchenlautsprecher. Dann verkündet ein Gemeindebediensteter das Programm des heutigen Tages.

Beim gemütlichen Frühstück mit unbekannten tropischen Früchten spricht Lourdes ein Tischgebet und bedankt sich bei höherer Stelle für meine Anwesenheit.

„Hättest du Lust, zu einer Versammlung im nächsten Dorf mitzukommen?“, schlägt sie vor. Lourdes ist erstens an gringos gewöhnt, zweitens haben wir gleich Freundschaft geschlossen, also duzen wir uns. Natürlich habe ich Lust auf neue Aktivitäten! Und etwas Bewegung würde ich mir auch gern einmal wieder verschaffen. „Kann ich da zu Fuß hinwandern?“ Lourdes zögert kurz, dann meint sie, in einer Stunde müsse der Weg zu schaffen sein.

Kurz darauf traue ich meinen Ohren nicht: Lourdes Stimme ertönt aus dem Kirchenlautsprecher über das gesamte Dorf: „Ingrid möchte zur Versammlung wandern. Alle, die Ingrid begleiten wollen, haben sich um neun Uhr bei der Kirche einzufinden. Ich wiederhole: Alle treffen sich um neun Uhr bei der Kirche!“. Mir schwant Übles, und so ist es auch: Die ganze Gruppe von 15 bis 20 Leuten fühlt sich verpflichtet, mit mir zu wandern statt mit dem Pickup zu fahren.

Ein wenig missmutig stehen sie, teilweise mit Schirm bewaffnet, im Nieselregen und warten auf die Zuspätkommenden. Mir hätten einige wenige Begleiter genügt, um mich nicht zu verirren. Als Gruppe finden wir den Weg übrigens auch nicht, denn die Wanderung ist für alle eine Premiere.

Immer wieder fragen wir die Bauern der am Weg liegenden Fincas (Gehöfte), wo es weitergeht. Der „Weg“ ist eine immer tiefer werdende Schlammfurche zwischen Kakao- und Bananenplantagen. Über die ersten Pfützen springe ich noch akrobatisch und von allen bewundert, aber bald sind Schuhe und Hosenbeine ohnehin so schmutzig, dass sich der Aufwand nicht mehr lohnt. Mehrere Flüsse durchwate ich mit Schuhen, da werden sie immerhin gewaschen. Doña Laura hat sich ihre Sandalen bereits zu Beginn zerrissen und humpelt mit schmerzenden Füßen. Irgendwann landen wir wieder auf der Straße und steigen in den Pickup, der uns dort erwartet. Nie hätte ich gedacht, wie mühelos 20 Personen auf zwei Sitzbänken und einer kleinen Ladefläche Platz finden!

Die Veranstaltung im Nachbarort erinnert mich an eine Mischung aus Religionsunterricht für Kinder, US-Fernsehpredigt und populistischer Politikveranstaltung. Das Thema ist die Familie, deren Bedrohung düster geschildert wird: Es gibt immer weniger Kinder (derzeit ist der Durchschnitt am Land etwa acht Kinder pro Familie). Die Eltern kümmern sich nicht mehr um die Kinder, genauso wenig wie um die Großeltern, die in Heime gesteckt werden. Ein utopisches Schreckensszenario… oder auch einfach europäische Realität.

Ein kolumbianischer Wanderprediger redet uns mit aufpeitschender Stimme ein, dass wir einzigartig und wertvoll sind, uns aber auch waschen sollen, zum Beispiel die Füße. Meine von der Schlammwanderung völlig verdreckte Florida-Gruppe schaut sich vielsagend an. Ich wage es kaum, mich mit meiner braunen, ehemals weißen Hose zu den immer wiederkehrenden Gebeten zu erheben. Als uns der Wanderprediger belehrt, dass wir Menschen keine Hühner, sondern freie Adler sind, flüstere ich Doña Laura ins Ohr: „Fliegen wir fort!“ Aber daran ist natürlich nicht zu denken; der Prediger stellt nicht nur rhetorische, sondern auch echte Fragen und erwartet Antworten vom Publikum. Zum Abschied werden wir alle mit Brötchen und Kakao bewirtet, dann aber stürmen wir die Ladefläche unseres Pickups. In rasender Fahrt geht es durch die Dämmerung nach Hause.

Familien in La Florida

Wie viele Leute leben denn hier in La Florida?, möchte ich eines Tages gern wissen. Darauf gibt es natürlich keine konkrete Antwort. Die Bevölkerung eines Ortes wird nämlich nicht in Personen, sondern in Familien angegeben. Aber auch auf die Frage nach der Anzahl der Familien bekomme ich keine einheitlichen Antworten. Manchmal sind es 20, manchmal 40. Jedenfalls ist hier die Familie das Maß aller Dinge, nicht das Individuum.

Auch die Familienbeihilfe gibt es pro Familie, unabhängig von der Anzahl der Kinder. Trotzdem ist es am Land üblich, sechs bis zehn Kinder zu haben. Mütter mit zwölf bis 14 Jahren und junge Väter mit 16 Jahren sind keine Seltenheit. Das Durchschnittsalter in Ecuador war im Jahr 2010 28 Jahre. Beinahe 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt.

Andererseits leben die Jungen sehr lange bei ihren Eltern. Daraus ergibt sich ein für Außenstehende wie mich oft verwirrendes Sammelsurium aus Verwandtschaftsverhältnissen: Während die Mutter mit ihrem neunten Kind gerade schwanger ist, wird die Geburt des dritten Enkels im selben Haus gefeiert. Großmütter, Väter, Tanten, Onkel, Nichten, Neffen – alle bewegen sich auf engstem Raum.

Dies alles offenbart sich mir bei einfachen Englisch-Konversationsübungen. Ganz harmlos frage ich auf Englisch: „Wie viele Brüder hast du?“, und schon lande ich mitten in einer großen Familiengeschichte. Wenn ich mich dann nach den älteren Generationen erkundige, vereinfacht sich alles wieder: Beinahe alle stammen von einigen wenigen „Gründerfamilien“ ab.

Vor 30 Jahren hat La Florida noch gar nicht existiert, erfahre ich, es gab nur vereinzelte Fincas in den Hügeln. Da diese Gehöfte so abgelegen waren, mussten die Bauern über eine Stunde wandern, um ins Tal zu kommen. Die Kinder bekamen erst nachmittags um vier Uhr zu essen und waren zum Teil anämisch. Der Schulbesuch war ein Problem. So beschlossen die Bauern eines Tages, ein Dorf zu gründen. Gemeinsam kauften sie das Land, das sie bewirtschafteten, dem Großgrundbesitzer ab, teilten es in Parzellen auf und verlosten die einzelnen Grundstücke dann innerhalb der Käufergruppe. Eine Stromversorgung erkämpften die Familien erst vor rund 20 Jahren nach monatelangem Verhandeln mit einer Elektrofirma in Cuenca, als sie drohten, Strommasten und Kabel in einem der Nachbarorte zu rauben.

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170 p. 35 illustrations
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9783702236083
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