Read the book: «Melanchthon und Luther als Väter»
Ingo Neumann
MELANCHTHON UND
LUTHER ALS VÄTER
Ein Beitrag zur Reformationsdekade
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelfoto © Jürgen M. Pietsch, Spröda
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
INHALTSVERZEICHNIS
Cover
Titel
Impressum
Zitat
VORWORT
1. Orte der Erinnerung
Das Henkerhaus
Das Melanchthonhaus
Das Schwarze Kloster
Laboratorien einer neuen Zeit
2. Die Vertreibung aus dem Zölibat
Eine hohe Schwelle
Vitale Evidenz
Urteil Martin Luthers über die Mönchsgelübde (1521)
Ein Mönch konstruiert das Haus der Ehe
Vom ehelichen Leben (1522)
3. Mit den Kindern beginnt eine neue Geschichte
Wie bei Luther die Kinder in den Blick kommen, und die Frauen als Mütter und die Männer als Väter
Die Ehe von Nonne und Mönch als Zeichen gegen Teufel und Weltuntergang
Lass fahren dahin!
Der Tisch, wo alle Platz finden, auch die Kinder
1. Kinder sind für Luther ein großes Glück
2. Kinder nehmen ihr Recht ungeniert in Anspruch.
3. Kinder stehen unter einem uneingeschränkten Ja
4. Luther teilt seine Freude über das Verhalten der Kinder mit Gott
5. Der Vorrang der Kinder und Luthers geistlicher Neid
6. Das Verhalten von Hans erhellt ihm die Gottesbeziehung
7. In der Erziehung macht Luther Unterschiede
8. Die Liebe zu den Kindern und der Tod
9. Das Sterben der Tochter Magdalena
Die Liebe zu den Kindern in den Schulschriften
An die Ratsherrn aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen (1524)
Eine Predigt Martin Luthers, dass man Kinder zur Schule halten solle (1530)
Lebensphasen der väterlichen Liebe
1. Gottes Wohlgefallen lässt in Mühsal und Last Liebe und Zärtlichkeit aufleuchten (Vom ehelichen Leben, 1522)
2. Kinder als Einsatz des Glaubens in einer vom Ende bedrohten Welt (Briefe an Freunde)
3. Kinder als Lehrmeister und Kronzeugen des Evangeliums (Tischreden)
4. Kinder als Partner für den Erziehungsernst der Eltern (Tischreden und Schulschriften)
5. Liebe als tiefes inneres Verbundensein über einem Abgrund von Trennungsangst und Trennungsschmerz (Tischreden, Briefe)
6. Liebe als strategische Fürsorge für Zukunft und Karriere
4. Epochales
Leidzumutung und Glücksgewissen
Die dynamische Kraft des reformatorischen Modells
ANMERKUNGEN
LITERATUR
Als ich mein Patenkind, Studentin der Journalistik, fragte, was ihr zu dem Wort „Glücksgewissen“ einfalle, sagte sie etwas verlegen:
„… dass man ein schlechtes Gewissen hat, wenn man glücklich ist“.
Dann aber lachte sie, und das Wort gefiel ihr sehr gut.
Wir wissen nun, dass wir mit einem guten Gewissen glücklich sein können.
Martin Luther
VORWORT
„Väter“ – ein altertümliches Wort. „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren“ – der Rütlischwur tönt nach Mittelalter. „Väter“ – inzwischen fast ein Modewort? Ein Schweizer Philosoph, der eben noch über „Eltern“ geschrieben hat, bringt ein Buch auf den Markt über „Väter“ und nennt es „Eine moderne Heldengeschichte“.1 Geowissen druckt ein Heft mit dem einfachen Titel „Väter. Was sie so besonders macht“.2 Mein kleines Buch hieß einmal anders: „Glücksgewissen, Leidzumutung und die Liebe zu Kindern“. Da standen die Kinder im Mittelpunkt. Jetzt, in der zweiten Auflage, habe ich den Titel verändert: „Melanchthon und Luther als Väter“. Es ist noch derselbe Text. Man kann ihn immer noch als eine Liebeserklärung an Kinder lesen. Und doch sind die Väter in den Vordergrund gerückt. Ein abschließendes Kapitel beschreibt „Lebensformen der väterlichen Liebe“. Was macht das Nachdenken über Väter auf einmal so interessant? Und nun auch noch aus der Perspektive ihrer Kinder?
Über Luther und Goethe ist aus der Perspektive ihrer Frauen schon geschrieben worden. Auch über Luthers Kinder gibt es ein Buch.3 Über Melanchthon und Luther als Väter, soweit ich sehe, noch nicht. Und doch geraten die Väter immer mehr in den Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit. Frauen versichern, dass oft die Männer es sind, die keine Kinder wollen.
Ich denke, es ist ein Riesenschritt, wenn Männer in der Öffentlichkeit wieder als Väter erscheinen. Noch kürzlich hat Karl Barth über die Kinderwagen schiebenden Männer gespottet.4 Ja, bei Wahlkämpfen werden schon mal die Kinder mit ins Feld geführt. Aber welcher Professor zeigt sich mit Kindern? Gar mit einem Säugling? Welcher Mann definiert sich als Vater?
Damit sind wir schon mitten in der Relektüre meines Buches. Zu seinen erstaunlichsten Anekdoten gehört die Szene, wo ein ausländischer Gesandter Melanchthon besucht. Er findet ihn in seinem Arbeitszimmer, in der einen Hand ein Buch, mit der anderen eine Wiege schaukelnd. Man kann diese Szene symbolisch nehmen. Dann wird aus dem Gelehrten, der für alles Praktische zwei linke Hände hat, ein Vater, der beide Hände voll einsetzen kann, die eine für die Wissenschaft, die andere für seine Kinder. Ein ganz neues Modell, für das es nicht mehr nur geistige oder geistliche Väter gibt – als einen solchen hat etwa Paulus sich gern apostrophiert – sondern wirkliche leibliche Väter. Die Reformation hat also auch die – bisweilen völlig vergessene – Seite, dass bisher ehelos lebende Männer zu Vätern werden und als Väter in der Öffentlichkeit erscheinen!
Warum ist das in Vergessenheit geraten? Eine schwer zu beantwortende Frage. Für Luther scheint das nicht zu gelten. In den volkstümlichen Bildern aus dem 19. Jahrhundert ist er zu dem vorbildlichen Familienvater geworden, mit der Laute unter dem Weihnachtsbaum. Aber mir geht es hier nicht um die Hausväter, sondern um Professoren, die hoch angesehene öffentliche Ämter bekleiden und die doch gleichzeitig Väter sind und sich öffentlich als Väter zeigen. Nicht nur bei Luther sammeln sich Kinder, Studenten, Kollegen und hochgestellte Gäste am Tisch, sondern auch bei Melanchthon. Wer aber hat sich bisher Melanchthon wirklich als Vater vorgestellt? Dabei war er der erste von beiden, der geheiratet hat, fünf Jahre vor Luther. Nach Luthers Tod geht er in den schrecklichen Wirren des Schmalkaldischen Krieges mit seiner Frau, seiner jüngsten Tochter Magdalena, seiner Enkelin Katharina und dem Famulus Koch auf die Flucht – mit der Universität, die aufgelöst wird.5
Wie verändert sich ein Gelehrter, wenn er Vater wird? Melanchthon hatte für seine Wissenschaft Schlimmes befürchtet. Er wird überrascht. Seine Produktivität lässt nicht nach. Er vertritt die evangelische Sache auf dem Augsburger Reichstag. Zugleich aber wächst eine eher verborgene Seite seines Wesens. Er wird ein fürsorglicher Vater. Er leidet mit seiner unglücklich verheirateten ältesten Tochter Anna. Luther und er lernen als Väter Alltagspraktisches, von dem ihre Schulweisheit sich bisher nichts hat träumen lassen. Am meisten aber berührt mich, wie sie selbst in ihrer Traurigkeit von ihren Kindern getröstet werden. Melanchthon erinnert sich, wie die kleine Anna ihm mit ihrem Nachthemdchen die Tränen abgewischt hat. Auf beiden Seiten gibt es ein Geben und Nehmen, fürsorgliches Handeln und elementare Bedürftigkeit, Stärken und Schwächen.
Da taucht ein Bild von Vätern und Kindern auf, wie ich es bisher sonst nirgends gefunden habe. Mit Melanchthon und Luther als Vätern kündigt sich eine epochale Veränderung an, die auch unserem Suchen und Fragen nach der Rolle von Vätern wesentliche Anstöße zu geben vermag. Deshalb ist es schade, dass wir dieses Erbe bisher noch kaum zu Gesicht bekommen, geschweige denn es uns angeeignet haben. Dieter Thomä verweist zwar darauf, dass Luther sich immerhin vorstellen konnte, ein Kind zu wiegen, Windeln zu waschen, Betten zu machen, Gestank zu riechen, die Nächte durchzuwachen – und das alles gern zu tun, wenn denn das göttliche Wohlgefallen darauf ruht.6 Aber von der zärtlichen Fürsorglichkeit der beiden Väter, von ihrem leidenschaftlichen Einsatz, wo es um die Ausbildung der Kinder ging, schreibt er nichts. Gut, dass wir das jetzt nachholen können.
Schließlich sind die beiden Gelehrten als Väter durch ihre Kinder mit ganz anderen Schichten in Berührung gekommen: mit den Handwerksmeistern und den erfolgreichen Bürgern von Wittenberg – und zwar auf Augenhöhe. Das hat sie verändert. Hat es auch ihre Theologie verändert? Darüber nachzudenken wäre ein zweiter Schritt. Melanchthon jedenfalls hat in seinen Vorlesungen gern Beispiele aus dem Leben seiner Kinder angeführt. Und bei Luther haben die Kinder bei Tisch immer wieder zur Illustration von theologischen Einsichten dienen müssen.
Ich bin inzwischen in Wittenberg gewesen, habe das umsichtig erneuerte Melanchthonhaus mit seinem kühl gewordenen inneren Foyer und das Schwarze Kloster besucht und ein paar Fotos mitgebracht, die dazu helfen sollen, die Geschichte von Melanchthon und Luther als Vätern mit farbigen Innenaufnahmen auszuschmücken.
Dr. Stefan Rhein hat mir wichtige Hinweise auf Katharina Melanchthon gegeben. Diana Wegener und Peter Hoferichter haben sich viel Zeit genommen, um mich mit beiden Häusern vertraut zu machen. Und Jürgen Maria Pietsch hat mir seine Aufnahme von der Kindersegnung, die Lucas Cranach d. Ä. 1529 gemalt hat und die in St. Wenzel in Naumburg hängt, für die Titelseite zur Verfügung gestellt. Ihnen allen sei herzlich gedankt.
1. ORTE DER ERINNERUNG
Das Henkerhaus
In Passau an der Donauseite der alten Stadt steht das Henkerhaus. Ein kleines Plexiglasschild macht darauf aufmerksam. Es ist genau so sorgfältig restauriert, in hellen Farben, wie die Häuser nebenan und schaut wie sie mit seiner schmalen Giebelseite zur Donau hin. Aber es lehnt sich nirgendwo an. Da ist ein Abstand eingehalten.
Wie mögen die Leute mit den Bewohnern dieses Hauses umgegangen sein? Mit dem Henker und seiner Familie? Wie war das für die Nachbarn, neben dem Henker zu wohnen? Durfte er im Gasthaus mit den andern am selben Tische sitzen? Und die Kinder? Konnten sie mit den andern Kindern zusammen spielen? Betteln brauchten sie sicher nicht. Das Haus ist zwar nicht stattlich, aber auch nicht ärmlich. Es muss wohl als Dienstwohnung zur Verfügung gestanden haben. Der Henker bekleidete ein öffentliches Amt. Und trotzdem: Wie mag das für die Kinder gewesen sein: Kinder des Henkers zu sein? Was von der Arbeit ihres Vaters haben sie miterlebt? Was hat er erzählt?
Unversehens bin ich bei meiner Mutter. Ihr Vater war Strafanstaltsdirektor. Die Familie wohnte mit auf dem Anstaltsgelände. Als sie zur Schule ging, wurden in der Strafanstalt noch Todesurteile vollstreckt. Der Vater kam dann immer schon im schwarzen Anzug an den Frühstückstisch, denn er musste bei der Hinrichtung zugegen sein, zusammen mit den bestellten Zeugen. Sehr schweigsam scheint es bei Tisch nicht zugegangen zu sein. Der Vater erzählte gerne. Er liebte das Gruselige, und er scheint bei den neugierigen Fragen der Kinder gern mitgespielt zu haben. Jedenfalls steckte meine Mutter voller Geschichten: von den Umständen, die bei der Herrichtung der Henkersmahlzeit gemacht wurden; von den ausgefallenen Wünschen, die die Gefangenen sich einfallen ließen; von ihren letzten Worten und Gesten dem Vater gegenüber und von seinem Respekt für viele von ihnen und von seinem Mitgefühl. Aber es gab auch schreckliche Szenen.
So war das im Hause, um den Frühstückstisch herum und dann beim Mittagessen nach der Schule. Davon hat meine Mutter viel erzählt. Auch von dem Leben der Kinder auf dem weitläufigen Anstaltsgelände, vom Spielen unter den gewaltigen Dächern der alten Klostergebäude und den Freundschaften untereinander, mit den Kindern der anderen Beamten. Aber wie das draußen war, wie sie von den andern Kindern angesehen wurden, wie man mit ihnen umging – das wurde nie zum Thema. Natürlich waren sie interessant, denke ich. Sie kamen aus einer anderen Welt. Aber sie waren auch Henkerskinder, gewissermaßen.
Das Melanchthonhaus
Vielleicht ist es diese Fülle von Bildern und Geschichten, die mich bei einer Führung durch das Melanchthonhaus hat abirren lassen. Dort Kinder im Haus des Strafanstaltsdirektors, mitten in einer preußischen Strafanstalt, in einem abgeschlossenen Anstaltsbezirk – hier Kinder in einem stattlichen Bürgerhaus, vom Fürsten für den Vater und seine Familie großzügig gebaut. Auch eine Art Anstalt mit einem dramatischen Innenleben. Leider wurde von den Kindern nicht viel erzählt. Die Namen und Geburtsdaten ja – aber wie sie in diesem Hause gelebt haben? Und doch müssen sie irgendwie da gewesen sein. So fing ich an, mir das Leben der Kinder im Melanchthonhaus selbst auszumalen.
Am meisten beeindruckt hat mich die Diele im ersten Stock. Hier konnte die geführte Gruppe sich ungehindert bewegen. Von hier aus kam man in wichtige Räume links und rechts, von hier aus zur Treppe in den zweiten Stock. Hierher kam die Führung nach allen Ausflügen immer wieder zurück. Ein quadratischer Raum. Nicht hell. Die Mitte des Hauses. Ein inneres Foyer.
Und die Kinder? Wurden sie in der Küche unter Verschluss gehalten? Oder in Frau Katharinas Schlafzimmer? Kinderzimmer gab es ja nicht, habe ich inzwischen gelernt. Nein. Ich stelle mir vor, dass sie bei allem dabei waren. Dass sie alles mitkriegten, was in diesem Hause geschah. Und was ereignete sich nicht alles unter dem Dach dieses Hauses mit seinen vier Wohnebenen.
Schon der Alltag war farbig genug. Fangen wir an mit der Familie, auch wenn Melanchthon schon früher da war. Der hatte nämlich schon in der Bude gewohnt, die vor dem fürstlichen Neubau auf diesem Grundstück stand. Zur Familie gehört das Gesinde, meist zwei Mägde, und der Famulus, der auch mit für den Haushalt zuständig war. Als das neue Haus 1536 bezogen wurde, war der Sohn Philipp elf Jahre alt, Magdalena fünf. Anna, die Älteste, war mit ihren vierzehn Jahren gerade dabei zu heiraten. Das ganz normale Chaos einer Familie!
Dann war da das Arbeitszimmer des Vaters, genauso geräumig wie die Diele. Jetzt wird es als Melanchthons Sterbezimmer gezeigt. Aber es war alles andere als ein stilles Studierzimmer. Es war ein öffentlicher Raum für Gespräche und Verhandlungen mit Kollegen oder Besuchern. Und auch Melanchthons Sterben fand ja nicht in einem abgeschirmten privaten Bereich statt. Es war ein öffentliches Ereignis, bei dem Professoren der Universität als Zeugen zugegen waren. Da waren die Kinder freilich schon aus dem Hause.
Zum Familienalltag gehörten auch die Studenten, die mit im Hause wohnten, die hier als Privatschüler unterrichtet und beköstigt wurden und die oft aus wohlhabenden oder gar adligen Häusern stammten und deren Raum im zweiten Stock heute noch mit ihren hinterlassenen Wappen geschmückt ist.
Und dann gab es eine Fülle von außerordentlichen Besuchen. Schon in der Zeit der alten Bude interessierten sich die Universitäten aus Frankreich und England für Melanchthon.11 Kamen Gesandtschaften von dort ins Haus? Inzwischen war Melanchthon ja zu einer europäischen Gestalt geworden. Wenn er von Reichsstädten oder Fürsten um Rat gefragt, zur Arbeit an einer Kirchenordnung oder zur Mitarbeit bei der Reform einer Universität eingeladen wurde – wurden diese Bitten nicht durch Boten überbracht?

Melanchthonhaus und Leucorea
Alle kamen sie durch die Diele, und auch das Arbeitszimmer war für die Kinder nicht tabu. Das ganze weltbewegende Geschehen der Reformation – es spielte sich in diesem Haus immer auch vor den neugierigen Augen der Kinder ab.
Es gibt eine wunderschöne Anekdote von Melanchthon, die mich in dieser Annahme bestärkt. „In Melanchthons Arbeitszimmer spielten noch 1555 kleine Mädchen – wahrscheinlich die Enkelinnen Anna (geb. ca. 1552) und Magdalena Peucer (geb. 1554) –, so Melanchthons Schilderung, die er in eine Verlesung einstreute: ‚Ich habe meine Mädchen daran gewöhnt, sich nicht zurückzuhalten zu pinkeln in meinem Arbeitszimmer, wenn ich allein bin; wenn aber Fremde da sind, sollen sie dies auf keinen Fall tun’“.12
Ob die Kinder mit den Scholaren zusammen am Tisch saßen, wie drüben im Schwarzen Kloster bei Luther und seiner Familie? Jedenfalls muss es unter dem Dach dieses Hauses ein buntes Zusammenleben von Kindern und Schülern gegeben haben. Nicht umsonst heiraten beide Töchter Schüler des Vaters.
Es gibt Berichte von Zeitgenossen, die unserer Phantasie weiteres Material liefern und die zu unseren Fragen passen: „Die Zahl der Tischgenossen war wohl immer groß … Mathesius, der 1540 eine Zeitlang an Käthes Tisch speiste, schildert uns auch, wie es damals bei Melanchthons zuging. Da betete vor Tisch Lippus ein lateinisches Gebet, und sein Schwesterchen Magdalena las aus Luthers deutschem Katechismus vor, und dann kamen die Knaben, der eine mit einer Legende, der andere mit der Heiligen Schrift, ein dritter mit einem Abschnitt aus den Evangelien, ein vierter mit dem Livius, der fünfte mit einem alten Griechen, es war wohl Thucydides, der sechste mit dem Psalter, und alle standen um den Herrn Magister Philippus herum, als wäre er ein Orakel, das sie befragen müssten“.13 Schwesterchen Magdalena ist damals neun Jahre alt, Lippus, Melanchthons ältester Sohn Philipp, fünfzehn, und daran schließen sich bruchlos die Knaben an, die Schüler des Vaters.
Zum bunten Leben in diesem Haus gehören auch die düsteren Farben. Georg, das dritte Kind, stirbt 1529 mit drei Jahren. Nach seiner Geburt geht es Katharina sehr schlecht. Der Vater drückt seine Trauer in ergreifenden Worten schriftlich aus: „Nichts war mir jemals im Leben teurer als dieser Knabe. Denn es leuchtete in ihm eine einzigartige Begabung. Welchen Schmerz ich durch den Verlust erlitten habe, kann ich mit Worten nicht ausdrücken“.14 Auch das haben die beiden älteren Geschwister miterlebt.
Ich muss gestehen, dass mir diese Vorstellung gefällt: Kinder nicht abgeschirmt in einer Wohnung mit den Einheitsdimensionen des sozialen Wohnungsbaus oder in einem Einfamilienhaus mit einem Zaun drum, gehegt und gehütet – sondern einbezogen in eine Welt, in der viele Dimensionen des Lebens und der Gesellschaft gegenwärtig sind: sei es im Henkerhaus oder im Haus des Strafanstaltsdirektors oder in Melanchthons Wohnhaus. Deswegen wohl ist das Bild von dieser geräumigen Diele bis heute mit mir gegangen und hat mich zu weiterem Forschen und Fragen angehalten.
Auch hier die Frage: Wie sind die Kinder von Melanchthon und Luther angesehen worden? Sie haben miteinander gespielt.15 Aber Luthers Kinder waren Kinder eines Mönchs und einer Nonne. Sie standen damit im Kreuzfeuer zwischen Altgläubigen und Anhängern der Reformation. Wie ihre Väter und Mütter lebten sie unter verschärfter Beobachtung.

Melanchthonhaus, Diele: das innere Foyer
Das Schwarze Kloster
Wenn man heute durch das Melanchthonhaus geht, dann ist das Schwarze Kloster, Luthers Haus und Wirkungsstätte, allgegenwärtig mit dabei. Das war damals auch schon so. Es gab einen Weg vom Garten hinter dem Melanchthonhaus hinüber zum Klostergarten. Die Kinder hatten es leicht, sich zu verabreden, sich zu besuchen, miteinander zu spielen.16
Aber auch die Väter lebten in einer kollegialen Freundschaft und Nachbarschaft miteinander. Dabei hatte Luthers Haus die größere Attraktion. Es gab Zeiten, da saß Philipp Melanchthon „wochenlang Abend für Abend an Luthers Tische“.17 Wenn Luther und Melanchthon, ihre Ehefrauen und ihre Kinder, ständig miteinander in Beziehung gesetzt und verglichen werden, so sind dabei ihre Häuser immer auch mit im Spiel.
Melanchthon wohnte in einem nagelneuen Haus. Der Kurfürst hatte es ihm 1536 gebaut, auf einem Grundstück, das seiner Frau Katharina gehörte und auf dem in den ersten Jahren ihrer Ehe die kleine Bude stand, in der sie sehr bescheiden wohnten. Das neue Haus kann den Vergleich mit den Häusern wohlhabender Handwerker und Kaufleute aushalten. Es steht gleichsam in ihrer Tradition. Seit Beginn seiner Lehrtätigkeit in Wittenberg 1518 hat Melanchthon dafür geworben, dass seine Kollegen Studenten bei sich zu Hause aufnehmen.18 Schon bald darauf hatte er bei sich Studenten aufgenommen und damit eine Art Wohngemeinschaft gegründet. Jetzt im neuen großen Haus und mit diesen Vorerfahrungen im Rücken kann Melanchthon seine Vorstellungen von einem modernen, an humanistischen Idealen ausgerichteten Studienbetrieb wie auf dem Reißbrett verwirklichen. Er nimmt ständige Hausschüler bei sich auf und gründet eine „schola domestica“, eine Hausschule.19
Bei Luther sieht das ganz anders aus. Er bewohnt das Schwarze Kloster. Das war ein alter, weitläufiger Bau, immer wieder umgebaut, auch zu Luthers Zeiten. Nach Auflösung des Augustinerklosters hatte der Kurfürst es Luther 1524 überlassen. Hier musste er sich mit seiner Ehefrau Katharina 1525 einrichten.
Als Mitte dieses Hauses wird das Studierzimmer, die Lutherstube, gezeigt. Im selben ersten Stockwerk ist die Disputationsaula zu sehen, Luthers Hörsaal. Aber es gibt auch bei Luther noch eine andere Mitte des Hauses: den Tisch, um den sich die wachsende Familie versammelt, zusammen mit den Mitbewohnern des Hauses und den Gästen, zweimal am Tage, zum Mittagessen und zum Abendessen. Ein Tisch von gewaltigen Ausmaßen, stelle ich mir vor, oder auch mehrere Tische, denn im Haus wohnen nicht nur eine stattliche Anzahl Studenten, sondern je länger je mehr auch in Not geratene Verwandte Luthers, darunter eine ganze Anzahl Kinder.
Man muss also, noch deutlicher als bei Melanchthon, ein Haus mit zwei Schwerpunkten vor sich sehen: dem Studienbetrieb und der groß angelegten Haushaltung, dem Tisch. Und wie der Hochschulbereich durch eine ungeheuere Anzahl von Schriften dokumentiert ist, so der Tisch durch Luthers Tischreden, die in sechs Bände der Weimaraner Ausgabe gesammelt sind.
Beide Häuser sind je auf ihre Art Laboratorien einer neuen Epoche, einer neuen Verbindung von Familienleben und Universität, einer neuen Pädagogik und neuer theologischer Grundentscheidungen.
Laboratorien einer neuen Zeit
Wenn wir den Suchaufträgen nachgehen, die in diesen Erinnerungsbildern stecken, dann stellt sich bald die Frage nach dem Epochalen, nach dem Neuen in dieser Art zu wohnen, zu leben, zu arbeiten. Neu ist nicht, dass Professor und Schüler unter einem Dach wohnen. Diese ganzheitliche Art des Lernens, deren Wurzeln man schließlich bis zu den Rabbinen und zu Jesus und seinen Jüngern zurückverfolgen kann. Auch das Bursenwesen hat eine lange Geschichte,20 in der die zusätzlichen Einnahmen für den Lehrer immer schon eine wichtige Rolle spielten.

Schwarzes Kloster: das Lutherhaus
Neu ist, dass Magister und Doktor verheiratet sind, dass die Ehefrau des Lehrers die Haushaltung organisiert, die Zimmer vermietet, die Gelder eintreibt, und dass die Schüler in eine real existierende Familie aufgenommen werden.
Das hat eine sehr interessante ökonomische Seite. Katharina Melanchthon stammte aus einem Handwerkerhaushalt. Jetzt hatte sie einen Haushalt aufzubauen, bei dem noch ein paar mehr „Lehrlinge“ und „Gesellen“ zu beherbergen und zu verköstigen waren als zu Hause. Melanchthon prahlt einmal: „Heute wurde an meinem Tische in elf Sprachen geredet, lateinisch, griechisch, hebräisch, deutsch, ungarisch, slavisch, türkisch, arabisch, neugriechisch, indisch und spanisch.“21 Katharina war dieser Aufgabe durchaus gewachsen, auch wenn sie nicht so geschäftstüchtig war, wie Luthers Käthe. Nur ein Mal, als sie sich über längere Zeit schwach fühlt, bittet Melanchthon die jugendlichen Kostgänger, „sich andere Tischplätze zu suchen“.22
Katharina Luther dagegen baute ihre Position zielstrebig aus. Das große Kloster bot viele Räume, die sie an Studenten vermieten konnte. Die Wohn- und Lernatmosphäre um sie und ihren Mann hatte so viel Faszinierendes, dass oft alle Zimmer ausgebucht waren und sie nicht einmal mehr Freunde aufnehmen konnte. Luther war ungewöhnlich freigiebig und von einer königlichen Gastfreiheit. Ihr fiel die Rolle zu, mit den Studenten unnachgiebig abzurechnen. Und Luthers große offene Tafel ließ sich nur durch eine professionell organisierte Hauswirtschaft beschicken, zu der ein wachsender Bestand an eigenen Gärten und schließlich sogar eine kleine Landwirtschaft gehörten. Sie wurde dabei zu einer selbständigen Unternehmerin und verdiente zeitweise mehr, als ihr Mann, der am besten bezahlte Professor in Wittenberg.
Während Luther die Lehrtradition seines Klosters im Rahmen einer reformatorisch umgestalteten theologischen Fakultät weiterführte, brachte sie ihr ökonomisches Können zum Einsatz, das sie ebenfalls der Erziehung im Kloster verdankte. Klöster waren mitunter äußerst erfolgreiche Wirtschaftsunternehmen mit einer Ausstrahlung, die noch heute andauert. Luther hat sie darin voll anerkannt, und man kann seine amüsanten Beschreibungen ihrer weitläufigen Unternehmungen unmittelbar neben die seiner eigenen Arbeitsüberlastung stellen, die ja auch amüsant klingen.23
Diese Struktur ist etwas Neues: nicht die der traditionellen Arbeitsehe, wo Mann und Frau sich gemeinsam an der Ausübung des Berufs beteiligen, in Handel, Handwerk oder bäuerlicher Arbeit; auch nicht der spätere Beamtenhaushalt, wo der Mann der Ernährer ist und die Frau sich der Küche und den Kindern zu widmen hat. Hier leuchtet ein drittes Modell auf: Wo beide in ihrem eigenen Bereich selbständig arbeiten, gleich erfolgreich, und kooperieren.
Das eigentlich Neue, das epochal Neue aber spielt sich in einem ganz anderen Bereich ab, der etwas mit der Intimität der Familie zu tun hat. Das wird sehr drastisch illustriert durch eine Begebenheit einhundertfünfzig Jahre später, die Philippe Ariès in seiner „Geschichte der Kindheit“ referiert:
„Man duldete damals zwar, dass Lehrer heirateten, hielt jedoch daran fest, dass verheiratete Lehrer keine Universitätsämter übernehmen dürften. Im Jahr 1677 nun wird ein verheirateter Professor zum Dekan der Tribu von Paris gewählt. Der unterlegene Kandidat, der Kanzlist du Boulay, erhebt dagegen Einspruch, und die Angelegenheit wird an den Conseil Privé weitergeleitet. Du Boulays Anwalt gibt in einem Memorandum die Gründe an, die sich für die Aufrechterhaltung des Zölibats der Professoren anführen ließen. Lehrer nehmen gewöhnlich Pensionäre bei sich auf, und die Tugend dieser Knaben kann in mehrfacher Hinsicht in Gefahr geraten:
Unschicklichkeiten, die nur allzu oft auftreten, weil verheiratete Lehrer genötigt sind, häufig junge Leute bei sich zu haben, die sie dann in Gegenwart ihrer Frauen, ihrer Töchter und ihrer Dienerinnen unterrichten. Solches lässt sich unmöglich verhindern und trifft auf die Pensionäre in noch größerem Maß zu als auf die Externen. Ich bitte die Herren Kommissare bei ihren Überlegungen folgendes zu bedenken: welche Unschicklichkeit es insgesamt bedeutet, dass die Schüler auf der einen Seite die Kleider der Ehefrauen und Töchter und auf der anderen Seite ihre Bücher und ihr Schreibzeug und oft genug alles durcheinander zu sehen bekommen, dass sie mitansehen, wie die Ehefrauen und Töchter sich kämmen, ankleiden, zurechtmachen, dass sie Kinder in der Wiege und in Windeln und alles übrige erleben, was zur Ehe gehört …

Schwarzes Kloster, Großer Hörsaal
Der verheiratete Lehrer antwortet darauf, dass es dort, wo Frauen leben, auch Zimmer gibt, in denen sie für sich sind, wenn sie sich ankleiden …, und andere Zimmer für die Schüler. Was nun die Kinder in der Wiege betrifft, so kann man in den Pariser Wohnungen keine solchen finden, weil sie alle bei einer Amme sind: Bekanntlich schickt man die Kinder zu einer Amme auf irgendein benachbartes Dorf, so dass man bei den Eheleuten ebenso wenig Wiegen und Windeln antrifft wie in der Kanzlei besagten du Boulays“.24
Interessant ist, dass es zwischen beiden Bewerbern, dem verheirateten und dem zölibatär lebenden, einen Konsens darüber gibt, dass Schüler weder Frauen zu Gesicht bekommen dürfen, die sich ankleiden, noch Kinder in der Wiege und in Windeln. Erst vor einem solchen Hintergrund wird erkennbar, welch ein epochaler Schritt in den Häusern von Melanchthon und Luther geschieht. Er betrifft nicht nur das Verhältnis zu Frauen und zur Sexualität, sondern auch das Verhältnis zu Säuglingen in der Wiege und in Windeln – vor allem aber die Frage, wie weit Schüler mit beidem in Berührung kommen dürfen und wie weit beides, Unterricht und Familie, unter einen Dach stattfinden darf.
Wie sind die Dinge bei Melanchthon und Luther geregelt? Bestimmte Regeln des Anstands gelten auch hier. Katharina Melanchthon scheint ein eigenes Schlafzimmer gehabt zu haben.25 Melanchthon hat seine kleinen Enkelinnen daran gewöhnt, haben wir gehört, dass sie in seinem Arbeitszimmer pinkeln dürfen, wenn er allein ist, „wenn aber Fremde da sind, sollen sie dies auf keinen Fall tun“.26 Aber diese Regeln sind begleitet von einer gänzlich unbekümmerten Großzügigkeit und Sorglosigkeit und eingebettet in die Freude an der kreatürlichen, leiblichen Existenz. „Als ein französischer Gesandter ins Haus kam, traf er Melanchthon an, wie er in der einen Hand ein Buch zum Lesen hielt, mit der anderen Hand die Wiege schaukelte“.27
Die französische Szenerie aus dem 17. Jahrhundert lässt eine Ahnung aufkommen von der ungeheuren Arbeit, die nötig war, die zölibatäre Welt zu überwinden und nicht nur eine neue Beziehung zu Frauen und zur Sexualität zu finden, sondern gerade auch zu Kindern, kleinen Kindern zumal.28
2. DIE VERTREIBUNG AUS DEM ZÖLIBAT
Eine hohe Schwelle
Wenn man die beiden Häuser in vollem Betrieb vor sich sieht, das Melanchthonhaus und das Schwarze Kloster, Zentren der Reformation, dann fällt es schwer zu ermessen, eine wie hohe Schwelle für beide Männer zu überwinden war, um dieses neue Leben zu beginnen, sich auf diese neue Lebensform Ehe und Familie einzulassen. Denn das war für beide klar, und nicht nur für sie, sondern für jedermann und jedefrau in dieser Zeit: die Entscheidung für die Ehe war gleichzeitig eine Entscheidung für Kinder, für das Leben in einer Familie. Es ging also nicht nur um Sexualität, sondern um viel mehr.
In unserer öffentlichen Wahrnehmung ist der Zölibat etwas Entsagungsvolles geworden. Man muss auf Ehe und Familie verzichten. Das ist ein Opfer, das eine hohe asketische Leistung erfordert – geradezu etwas Heroisches, sagt man. Deswegen fällt es uns erst einmal schwer zu begreifen, dass der Zölibat auf der Schwelle zur Neuzeit auch noch etwas ganz Anderes war. Er war eine Schutzmauer. Wie das Leben in mittelalterlichen Städten durch eine Mauer gegen Angriffe von außen geschützt wurde, so schützte der Zölibat eine ganze Welt vor Störungen und Gefährdungen von „außen“: die Welt der Klöster und der kirchlichen Hierarchie bis hinunter zu den Priestern, aber auch Lehrer und Professoren, ja weithin die gesamte Welt der Wissenschaft. Priester, Mönche und Nonnen waren durch ihre Gelübde zur Ehelosigkeit verpflichtet, aber auch da, wo die Gelübde nicht galten, blieb die zölibatäre Lebensweise bis weit in die Neuzeit hinein für ganze Berufsstände attraktiv. Dem Philosophen konnte man seine Herkunft aus dem Mönchtum noch lange ansehen. Erasmus lebte ehelos, aber auch Descartes und Spinoza, Leibniz und Kant.
Auch die humanistische Bewegung, der die Reformation in Bezug auf den Umgang mit ihren Quellen so viel verdankt, hat hier keine Wende herbeigeführt. Im Gegenteil. Das „Unverständnis gegenüber den Freuden der Ehe charakterisiert, über Melanchthon hinaus, weite Teile der humanistischen Gelehrtenkultur. Man hat geradezu von einer ‚humanistischen Misogynie’ gesprochen, um die Distanz vor den Frauen und zugleich das affektive Eingebundensein der Humanisten in männliche Gemeinschaften poitiert zu skizzieren“.29
So ist es wirklich der Mühe wert genau hinzusehen, welche Motive Melanchthon und Luther dazu gebracht haben, diese Sicherheit gewährende, unter dem besonderen Segen der Kirche stehende Lebensform zu verlassen und sich selbst diesem Laboratorium Ehe auszuliefern.
Mit Furcht und Zittern
Mit Furcht und Zittern hatte Luther seine erste Messe gefeiert. Mit Furcht und Zittern tat Melanchthon den Schritt in die Ehe. Luther war zutiefst beunruhigt, ob er in dieser Nähe zum Heiligen bestehen könne. Melanchthon war besorgt, ob die Wissenschaft in dieser neuen Lebensform nicht Schaden nehmen würde. Die Sorge war nicht unbegründet.
Was hat ihn dazu gebracht, diesen kritischen Schritt dennoch zu tun? Sein Glücksgewissen war ja ganz auf Seiten der Wissenschaft, die er mit Begeisterung und Erfolg betrieb. Bei der anstehenden Universitätsreform wurde auf ihn gerechnet. Auf der anderen Seite aber stand Luther, als theologische und geistliche Autorität und als älterer Freund. Schon seit vielen Jahren arbeitete Luther an dem Thema Mönchsgelübde, Ehelosigkeit und Ehe. Melanchthon war – anders als Luther – durch keine Gelübde gebunden. Und je mehr er in kollegialer Zusammenarbeit mit Luther den Weg zu den Quellen ging und sich in seinem humanistischen Eros der Heiligen Schrift zuwandte, um deutlicher traten die für Luther so wichtigen Schlüsselworte auch für ihn hervor: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Gehilfin schaffen, die um ihn sei“ (1. Mose 2,18), und dieses „Seid fruchtbar und mehret euch“ (1. Mose 1,28).
Er war kein Einzelgänger. So etwas gab es in dem ganzen damaligen Schulbetrieb nicht.30 Aber er hatte bisher nur unter Männern gelebt. Als Philipp elf Jahre alt war starb sein Vater. Für ihn bedeutete das, auch die Mutter verlassen zu müssen, da er und sein Bruder bei der Großtante in Pforzheim untergebracht wurden. Nach einem Jahr Lateinschule wurde er mit 12 Jahren an der Universität Heidelberg immatrikuliert. Seitdem lebte er nur noch unter Männern: an der Universität, in den Studentenbursen, in seiner Wittenberger Männer-Wohngemeinschaft.
Nicht die Sehnsucht nach dem Umgang mit Frauen, nach dem anderen Geschlecht wurde zum Problem. Die Wittenberger Wohngemeinschaft wurde für den jetzt einundzwanzigjährigen Professor aus anderen Gründen zu einer Belastung. Sie war ja ein riskanter Schritt aus den etablierten Versorgungseinrichtungen heraus in ein selbstbestimmtes Leben mit der Verpflichtung, den Alltag selbst zu organisieren. Dabei half zwar ein Famulus, und doch fing Luther bald an, sich Sorgen um den jüngeren Freund zu machen. Anfang 1520 schreibt er an Spalatin, „dass Philipp sein Hauswesen und seinen Körper völlig vernachlässige; eine Ehefrau wäre die beste Fürsorge, obgleich der eifrige Geistesarbeiter überhaupt kein Interesse für die Ehe zeige“. Auch die Sorge um das Wohl der Wittenberger Universität kommt ins Spiel. „Der Berufung nach Ingolstadt und dem fortschreitenden Raubbau der physischen Kräfte könne nur die Ehe Einhalt gebieten“.31
Im Sommer 1520 heiratet Melanchthon Katharina Krapp, die gleichaltrige Tochter eines Wittenberger Gewandschneiders und Ratsherrn. Luther selbst scheint bei der Suche aktiv geworden zu sein. Jedenfalls gibt es ein Gerede, dass er der Urheber der Ehe sei. Da Melanchthons Glücksgewissen nach wie vor durch die Wissenschaft gebunden ist, muss dieser diesen Schritt vor Freunden rechtfertigen. Er spricht von der Ehe als Vorbild für die Jugend, von der Schwachheit des Fleisches, aber er verschweigt auch nicht, dass der Hochzeitstag für ihn ein „Tag der Trübsale“ sein werde.32
Es gibt keine Belege für eine erotische Anziehung, eine herzliche Liebe zu Katharina, erst recht nicht für eine vorauslaufende Liebe zu den zu erwartenden Kindern. Was dazu hilft, die Schwelle zu überschreiten, das ist das göttliche Gebot, die besorgte Autorität des Freundes und, etwas lahm ins Feld geführt, die Schwachheit des Fleisches. Selbstbefriedigung wurde von der Kirche als Sünde gebrandmarkt.

Melanchthons Wohn- und Sterbezimmer
Eine herzliche Liebe zu seiner Ehefrau erwacht bei Melanchthon viel später. Nach einer Zeit heftiger Konflikte und Klagen tauchen in Briefen von unterwegs immer häufiger „Äußerungen der Sehnsucht auf, endlich zu Frau und zu den Kindern heimzukehren“.33
Melanchthon wird als liebevoller Vater wahrgenommen. Wir haben freilich vor allem Äußerungen dieser Kinderliebe, die von Trauer und Sorge bestimmt sind. Sein drittes Kind Georg stirbt dreijährig 1529. Melanchthon sagt: „Nichts war mir jemals im Leben teurer als dieser Knabe. Denn es leuchtete in ihm eine einzigartige Begabung. Welchen Schmerz ich durch den Verlust erlitten habe, kann ich in Worten nicht ausdrücken.“34 Man spürt, wie sich der hochbegabte Vater mit diesem kleinen Sohn identifiziert und welche Hoffnungen er in ihn setzt. Über zehn Jahre quält Sorge die Eltern um die älteste Tochter Anna, geboren 1522. Sie hat schon mit vierzehn Jahren einen doppelt so alten Schüler des Vaters geheiratet, der ihr mit seiner wahnhaften Eifersucht das Leben zur Hölle macht. Sie stirbt bei der Geburt des sechsten Kindes im Alter von 24 Jahren. Es gibt zu diesem Verlust eine Äußerung Melanchthons im Brief an seinen engsten Freund Camerarius, die mich sehr bewegt, weil sie von einer tiefen Liebe und Zärtlichkeit erzählt: „Ich erinnere mich, dass Anna als kleines Kind mir die Tränen von der Wange wischte mit ihrem Hemdchen; morgens war sie nur damit angezogen. Diese Geste ist mir so tief in mein Herz eingedrungen, dass ich an ihre Bedeutung fest glaube.“35
Das heißt doch: schon damals hat das kleine Mädchen den weinenden Vater auf eine rührende, zärtliche Weise getröstet und ihm die Tränen abgewischt. Und selbst jetzt, wo er um sie trauert, lässt er sich in der Erinnerung an diese Szene von ihr trösten. Sie ist nicht mehr nur Gegenstand seiner Sorge, seiner Trauer, sondern sie tritt aus der Erinnerung hervor, tritt ihm gegenüber, sie sind einander in einer tiefen erwachsen-kindlichen Liebe zugewandt. „Die Liebe höret nimmer auf“ (1.Kor 13,13), möchte man zitieren. Ich nehme damit zugleich auch den Titel eines gerade erschienenen Buches auf, das vom „Verbundensein über den Tod hinaus“ bewegt ist und das dieser Erfahrung pastoralpsychologisch nachgeht.36
Als Katharina 1557 im Alter von 60 Jahren stirbt, findet er auch für sie liebevolle Worte: „Im Alter hört die Sehnsucht nach der verlorenen Gattin nicht auf wie bei den Jungen, die sich in immer neue Liebesabenteuer stürzen. Täglich, wenn ich meine Enkel und Enkelinnen sehe, denke ich nicht ohne Seufzen an ihre Großmutter. Der Schmerz bricht wieder auf, wenn ich daran denke, dass ich, meine Familie und die Enkel ihrer beraubt sind. Denn meine Frau sorgte für die gesamte Familie, erzog die Kinder, heilte die Kranken, linderte durch ihre Worte mein Leid und lehrte den kleinen Kindern Gebete. Deshalb vermisse ich sie jetzt in vielen Dingen“.37
Das ist freilich ein nüchternerer Ton als beim Tod der Kinder. Und doch erkennt man, einen wie weiten Weg Melanchthon in den 37 Jahren seiner Ehe zurückgelegt hat. Was er schreibt, das ist eine liebevolle, dankbare Würdigung dieser ihm einst so fremden Frau. Und auch von ihr kann er sagen, was ihn an der kleinen Anna so berührt hatte: dass sie „durch ihre Worte sein Leid gelindert habe“ und dass er sie deswegen jetzt vermisse. Ja, er kann sogar von „Sehnsucht“ reden und sie der Verliebtheit der Jungen mit einem gewissen Überlegenheitsbewusstsein gegenüberstellen.
Werden die Äußerungen dieser Liebe durch den Tod hervor getrieben, so dass die Trauer dem nüchternen Gelehrten das Herz öffnet, oder bekommt unsere Liebe erst durch den Verlust, den Trennungsschmerz, den Tod diese Tiefe? Das ist eine schwer zu beantwortende Frage.
Mit leisem Schmunzeln lässt sich noch anfügen, dass Melanchthons anfängliche Besorgnis, durch den Ehestand könne die Wissenschaft Schaden erleiden, sich nicht erfüllt hat. Im Gegenteil. Mit einer kleinen Geste des Triumphs kann er einem zölibatär gebliebenen Pfarrer, einem Freund Luthers, entgegenhalten, „es sei eigentlich eine Schande, dass ein Mann mit grauen Haaren nicht wüsste, was es für eine Bewandtnis um das Zahnen der kleinen Kinder hätte“.38 Ähnliche Äußerungen der Überlegenheit gibt es auch bei Luther.
Gerhard Ebeling hat in seinen Lutherstudien auf einen Text aus den Tischreden aufmerksam gemacht, der sich wie der Entwurf einer neuen Wissenschaftstheorie liest, in der die Fortschritte der Naturwissenschaft der Gotteserkenntnis zugute kommen: „In einer Bemerkung bei Tisch wertet Luther die (für unsere Begriffe höchst dürftige) Zunahme an Naturerkenntnis in seiner Zeit geradezu als Zeichen der Morgenröte der vita futura. Das unterscheide ihn von Erasmus … Erasmus sei es gleichgültig, wie sich ein Fötus im Mutterleib bildet. Wir dagegen beginnen dank Gottes Gnade sogar aus der Betrachtung einer Blume die Großtaten Gottes zu erkennen …“.39 Einen für uns wichtigen Akzent nimmt Ebeling allerdings nicht auf: dass Luther die Borniertheit des Erasmus in dieser Sache auf seine zölibatäre Existenz zurückführt – dass er von der Würde der Ehe nichts weiß.40
Vitale Evidenz
Melanchthon ist den schwierigen Schritt in den Ehestand mit Furcht und Zittern gegangen. Bei Luther ist dieser Schritt getragen von einer vitalen Evidenz. Starke Motive wirken bei dieser Entscheidung mit: die Klarheit der göttlichen Gebote in der Heiligen Schrift, negative Erfahrungen mit Ehelosigkeit und Mönchsgelübden, seine Wahrnehmungen über die elementare Kraft der Sexualität, seine Lust, in einer Zeit der Katastrophen dem Teufel ins Gesicht auf das Leben zu setzen, und – im Hintergrund – sicher auch der Wunsch, seinen Vater zu erfreuen.
Alle diese Motive verstärken sich gegenseitig zu einer vitalen Evidenz. Dieser Begriff meint nicht eine unumschränkte Dominanz der Triebe, sondern: „Unter vitaler Evidenz verstehen wir das Zusammenwirken von rationaler Einsicht, emotionaler Erfahrung, leibhaftigem Erleben und sozialer Bedeutsamkeit“. Der Begriff stammt aus der Integrativen Therapie. Die vitale Evidenz ist „das Movens jeder Veränderung“. Wenn die verschiedenen Komponenten zusammenwirken, wird eine „Neukonstituierung der Szene“ möglich.41 Der Schritt aus dem klösterlichen Leben in den Ehestand ist solch eine grundlegende „Neukonstituierung der Szene“.
Luther ist diesen Schritt erst 1525, fünf Jahre nach Melanchthon, gegangen. Zu dieser Zeit waren einige seiner Kollegen längst verheiratet, in nächster Nachbarschaft sein Schüler Johannes Bugenhagen.42 Aber er hatte schon viele Jahre vorher in seiner theologischen Arbeit angefangen, diesen Weg aus dem Zölibat, diesen Schritt über die hohe Schwelle des Hauses Ehestand zuerst für andere, dann auch für sich selbst, gangbar zu machen.
Was diesen Schritt für ihn und viele andere über die Situation bei Melanchthon und auch Bugenhagen hinaus zusätzlich erschwerte, das waren die Mönchsgelübde. Mit ihnen musste er sich 1521 auf der Wartburg, sozusagen in einem Atemzug mit der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche, in einer lateinisch geschriebenen, umfangreichen Schrift auseinandersetzen. Titel: De votis monasticis Martini Lutheri iudicium. Er schreibt an Spalatin: „Ich bin entschlossen, jetzt auch die Frage der Gelübde der Ordensleute anzupacken und die jungen Leute aus dieser Hölle des Zölibats zu befreien“.43 Um Luthers Weg zu seiner vitalen Evidenz zu verstehen, müssen wir uns in die Befreiungsarbeit hineinhören, die er in dieser lateinischen, an seine Gefährten gerichteten Schrift leistet. Sie liegt uns glücklicherweise in einer neuen deutschen Übersetzung vor.44
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