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Indrek Hargla
Apotheker Melchior und das Rätsel der Olaikirche
Tallinn (Reval) im Jahre 1409: Auf dem Domberg wird ein hochrangiger Ordensritter, der von Visby unterwegs nach Marienburg ist, auf grausame Weise ermordet. Alles deutet darauf hin, dass der Mörder vom Domberg in die Stadt geflohen ist. Weitere Morde versetzen die Stadt in Aufregung. Stadtapotheker Melchior Wakenstede sucht gemeinsam mit dem Gerichtsvogt Wentzel Dorn nach der Lösung der Mordserie. Auf seiner Suche nach dem Mörder stößt er auf die unterschiedlichsten Menschen und deren mögliche Motive: auf festlichen Gelagen in der Gilde der Schwarzhäupter, in prächtigen Kaufmannshäusern, im Kloster der Dominikanermönche und in zweifelhaften Kneipen außerhalb der Stadtmauern. Einen zentralen Platz im Geschehen nimmt die gotische St. Olaikirche mit ihren alten mystischen Legenden ein.
Indrek Hargla, geboren 1970 in Tallinn, ist einer der beliebtesten Science-Fiction- und Fantasy-Autoren Estlands. Mit dem vorliegenden Roman hat er sich erstmals dem reinen Krimi-Genre zugewandt und damit seinen bisher größten Erfolg verzeichnet. Inspiration für den Roman fand er in der Geschichte des mittelalterlichen Tallinn und in alten Legenden, die sich um die Stadt ranken. In der Reihe über den Apotheker Melchior sollen in Estland insgesamt mindestens fünf Bände erscheinen. In den bisherigen vier Bänden, die jeweils im Abstand von einigen Jahren spielen, spürt der scharfsinnige Apotheker gefährlichen Mördern nach, die aus verschiedensten Motiven heraus die Sicherheit seiner Heimatstadt bedrohen, sei es aus über Generationen hinweg gehegtem Hass, oder aus bloßer Habgier.
INDREK HARGLA
Apotheker Melchior und das Rätsel der Olaikirche
Ein Hansekrimi
Aus dem Estnischen übersetzt von Uta Kührt
Die Hanse
© e-book Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014
eISBN 978-3-86393-520-7
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung, Vervielfältigung (auch fotomechanisch), der elektronischen Speicherung auf einem Datenträger oder in einer Datenbank, der körperlichen und unkörperlichen Wiedergabe (auch am Bildschirm, auch auf dem Weg der Datenübertragung) vorbehalten.
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Die Personen
Melchior Wakenstede, Stadtapotheker
Keterlyn Wakenstede, Melchior Wakenstedes Frau
Wentzel Dorn, Gerichtsvogt
Detleff Bockhorst, ein Ratsherr
Henning von Clingenstain, ehemaliger Ordensgebietiger auf Gotland
Jochen, Henning von Clingenstains Knappe
Ruprecht von Spanheim, Komtur
Baltazar Eckell, Dominikanerprior
Bruder Hinricus, Cellerarius im Dominikanerkloster
Bruder Wunbaldus, Laienbruder bei den Dominikanern
Mathias Rode, Pastor der Heiliggeistkirche
Clawes Freisinger, Kaufmann; Oldermann der Bruderschaft der Schwarzhäupter
Burckhart Casendorpe, Goldschmied; Oldermann der Kanutigilde
Hedwig Casendorpe, Burckhart Casendorpes Tochter
Mertin Tweffell, Kaufmann; Oldermann der Großen Gilde; Melchiors Nachbar
Gerdrud Tweffell, Mertin Tweffells Frau
Ludke, Mertin Tweffells Diener
Kilian Rechperger, Sängergeselle; Kostgänger bei Mertin Tweffell
Katrine und Birgitta, Kaufmannstöchter; Freundinnen von Kilian Rechperger
Caspar Gallenreutter, Baumeister aus Westfalen
Rinus Götzer, ehemaliger Schiffer; inzwischen Armenhäusler
Stadtplan Unterstadt
1 Olaikirche
2 Schmiedepforte
3 Dominikanerkonvent
4 Rathausplatz
5 Nikolaikirche
6 Melchiors Apotheke

Stadtplan Domberg
1 Domkirche
2 Kleine Festung
3 Tor
4 Clingenstains Unterkunft
5 Fundstelle der Mordwaffe
6 Dompforte
7 Turm

Inhalt
Vorwort Reval Anno Domini 1409
Prolog 1409, Domberg 15. Mai, später Abend
Kapitel 1 Reval, Raderstraße, Melchiors Apotheke 16. Mai, Morgen
Kapitel 2 Rathaus zu Reval 16. Mai, Morgen
Kapitel 3 Königsstraße, Haus des Goldschmieds Casendorpe 16. Mai, Morgen
Kapitel 4 Revaler Marktplatz 16. Mai, Morgen
Kapitel 5 Dominikanerkonvent 16. Mai, Morgen
Kapitel 6 Melchiors Apotheke 16. Mai, Morgen
Kapitel 7 Beim Kirchgarten der Nikolaikirche 16. Mai, Vormittag
Kapitel 8 Domberg, Kleine Ordensburg 16. Mai, Mittag
Kapitel 9 Raderstraße 16. Mai, Nachmittag
Kapitel 10 Mönchstraße 16. Mai, nach der Vesper
Kapitel 11 Dominikanerkonvent 16. Mai, zwischen Vesper und Komplet
Kapitel 12 Schwarzhäuptergilde, Langstraße 16. Mai, Abend
Kapitel 13 Vor der Stadtmauer, Schenke in Süstermay 17. Mai, Morgen bis Mittag
Kapitel 14 Raderstraße, Melchiors Apotheke 17. Mai, Nachmittag
Kapitel 15 Königsstraße, Meister Casendorpes Haus 17. Mai, nach der Vesper
Kapitel 16 Raderstraße, Melchiors Apotheke 17. Mai, später Abend
Kapitel 17 Raderstraße, Melchiors Apotheke 18. Mai, Nacht
Kapitel 18 Kirchgarten der Nikolaikirche 18. Mai, früher Morgen
Kapitel 19 Dominikanerkonvent 18. Mai, früher Morgen
Kapitel 20 Zwischen dem Dominikanerkonvent und dem Rathaus 18. Mai, später Vormittag
Kapitel 21 Am Schachbrett 18. Mai, früher Nachmittag
Kapitel 22 Schwarzhäuptergilde, Langstraße 18. Mai, Abend
Kapitel 23 Melchiors Apotheke 19. Mai, Nacht
Kapitel 24 Raderstraße 19. Mai, Morgen
Kapitel 25 Dominikanerkonvent 19. Mai, Vormittag
Kapitel 26 Bei der Schmiedepforte 19. Mai, um die Mittagszeit
Kapitel 27 Raderstraße, Haus des Mertin Tweffell 19. Mai, Nachmittag
Kapitel 28 Amtsstube des Gerichtsvogts, am Rathausplatz 19. Mai, Abend
Kapitel 29 Amtsstube des Gerichtsvogts, am Rathausplatz 19. Mai, Abend
Kapitel 30 Kloster zu St. Michael, Brauereischenke 22. Mai, Nachmittag
Glossar
Vorwort
Reval Anno Domini 1409
Zu keiner Zeit war Estland so eng mit Westeuropa verbunden wie im 15. Jahrhundert. Es war die Zeit, als sich die Macht des Ordens endgültig festigte, Städte und Festungen gebaut wurden, Gilden und Klöster aufblühten. Der Zustrom von Siedlern und die Blütezeit der Hanse sorgten für einen regen Schiffsverkehr mit den Häfen in Deutschland und Skandinavien. Noch nie zuvor war Estland so tief in die Kriege der Herrscher Europas um die Vormacht an der Ostsee verwickelt worden. Die Vitalienbrüder, die sich wegen der Streitigkeiten deutscher Fürsten und des dänischen Königshauses zusammengetan hatten, verwüsteten zwar die estnischen Küstengebiete, waren jedoch bei internen Streitereien Verbündete der Dorpater Bischöfe. Die Vitalienbrüder eroberten Visby und machten die Stadt zu ihrem Stützpunkt, bis die Flotte des Ordens 1398 unter Ulrich von Jungingen die Insel zurückeroberte und die Vitalienbrüder von Gotland vertrieb. Visby wurde verwüstet und verlor seine Position im Ostseehandel. Alle Vitalienbrüder, denen es nicht gelungen war, zu fliehen, wurden auf dieselbe grausame Art und Weise hingerichtet, wie sie ihre Gefangenen selbst hingerichtet hatten. 1409 verkaufte der Orden die Insel wieder an die dänische Königin. Bis zur vernichtenden Niederlage des Ordens gegen die Polen bei Tannenberg sollte es noch ein Jahr dauern.
Reval, das heutige Tallinn, sah 1409 bei weitem nicht so aus, wie man anhand der heutigen Altstadt meinen könnte. Reval wurde erst gebaut. Der Stadtplan lag zwar bereits fest, Straßen und Grundstücke gab es, auch das Rathaus stand schon, doch die Stadtmauer, die Türme und Kirchen waren noch nicht fertig. Die Straßen waren jedoch gepflastert, die Ordensfestung auf dem Domberg war eine der mächtigsten in Nordeuropa und das Revaler Wasserversorgungssystem – ein vom Oberen See aus gegrabener Kanal mit einem Wallgraben und drei Wassermühlen – war eine Meisterleistung der damaligen Ingenieurskunst. Der charakteristische Baustil war mit Hilfe vieler ausländischer Baumeister gerade im Entstehen; Reval war dabei, sich zu einem der wichtigsten Häfen des Ordens zu entwickeln, über den Handel getrieben und über den Livland versorgt wurde. Den Wohlstand von Reval oder Livland konnte man zwar nicht mit den Städten Deutschlands oder der Niederlande vergleichen, dennoch wuchs und gedieh die Stadt.
Reval war von Vorstädten und einem breiten Verwaltungsgebiet umgeben, wo das lübische Stadtrecht galt, das heißt, die Macht der Bürger beziehungsweise Kaufleute. Auf dem Domberg galten die Gesetze des Ordens und das Landrecht. Die Beziehungen zwischen der Stadt und dem Orden waren oft kompliziert, doch kam das eine ohne das andere nicht aus. Der Orden sicherte den Frieden im Land und in seinem wirtschaftlichen Zentrum Reval. Die Ordensmacht auf dem Domberg wurde durch den Komtur vertreten.
In alten Revaler Ratsbüchern ist man auf Hinweise gestoßen, dass im Jahre 1409 auf dem Domberg ein hochrangiger Ordensritter, der von Gotland nach Marienburg, in die Hauptstadt des Deutschen Ordens, unterwegs war, unter geheimnisvollen Umständen ermordet worden war. Dies war nicht der einzige Mord, der die Bürger Revals in jenem Frühjahr schockierte. Der Mörder vom Domberg wurde sowohl vom Orden als auch vom Rat gesucht, aber gefasst wurde er nie. So blieben auch die Gründe seiner Bluttaten unbekannt. Jedoch steht in der Gerichtschronik geschrieben, dass ein Revaler Apotheker namens Melchior eines Tages das Rathaus betreten und verkündet habe, er wisse, wer dieser geheimnisvolle Mörder sei und warum diese Verbrechen begangen worden seien. Der Rat hörte den Apotheker nicht an. Er schickte ihn fort – jedoch nicht mit leeren Händen. Melchior erhielt als Entschädigung zehn Mark. War es Schweigegeld? War die Aussage des Apothekers zu heikel, so dass der Rat es vorzog, die Beziehungen zwischen den Kaufleuten der Stadt, dem Orden und den geistlichen und weltlichen Machtinhabern nicht in Gefahr zu bringen? Dies wissen wir nicht und wir werden es nie erfahren. Auch nicht, was den Ratsschreiber dazu bewog, jene Worte in die Revaler Gerichtschronik einzutragen, die allen Forschern bis heute ein Rätsel geblieben sind: »Der Frieden des Herrn sei mit denen, die unserer Stadt Gutes gewünscht haben. Die vor uns lebten, waren Gott näher. Mögen die Gräber schweigen und bleibe bestehen, was von allen am höchsten ist.« Wir wissen nicht, wen Melchior beschuldigt hat oder was aus ihm geworden ist. Der Apotheker Melchior wird in den Ratsbüchern nie wieder erwähnt.
Prolog
1409, Domberg 15. Mai, später Abend
Henning von Clingenstain, der ehemalige Gebietiger des Deutschen Ordens auf Gotland, war sturzbetrunken.
Eigentlich war er schon fünf Tage lang sturzbetrunken, und wenn der hiesige Komtur ihn nicht großzügig bewirtet hätte – aus der Küche der kleinen Festung des Dombergs wurde von früh bis spät Essen aufgetragen –, so wäre er schon längst umgefallen und eingeschlafen. Doch Reval schien eine reiche und freigiebige Stadt zu sein, ganz anders als Visby. Hier in Reval verstand man zu essen und zu trinken. Hier war es Brauch so zu prassen, wie früher das Volk auf den Stadtfesten von Clingenstains Heimatstadt Warendorf geprasst hatte, soweit er sich daran erinnerte. Und der hiesige Komtur von Spanheim schien der König aller Prasser zu sein. Fünf Tage und Nächte lang hatte sich der Tisch unter Bier, Wein und anderen Köstlichkeiten gebogen. Und es wäre Sünde gewesen, das alles abzulehnen. Wie es eigentlich auch Sünde war, sich volllaufen zu lassen und sich vollzustopfen, aber um diese Sünde hatte sich von Clingenstain schon am Nachmittag gekümmert und hatte vor dem Dominikanerprior die Beichte abgelegt. Und natürlich wurde ihm das Prassen und Saufen vergeben, selbstverständlich.
Jetzt aber spürte Clingenstain, dass es tatsächlich genug war, seine Innereien revoltierten, sein Schädel brummte und seine Gedanken waren vollkommen durcheinander. Was Wirklichkeit und was nur das Ergebnis seiner Trunkenheit war, merkte er erst, als er nach einigem Umherirren im Nordflügel des Kastells endlich das Seitenportal fand, durch das man über den Wallgraben von der einen Festung in die andere gelangte, von der kleinen Festung in die große, die Bischofsfestung. Ein Knecht öffnete ihm die Tür und der Ritter schwankte in Richtung seiner Herberge. Verflucht, ich sehe schon Teufel, dachte er. Ein Soldat Christi durfte keine Teufel sehen.
Er trat in die milde Mainacht hinaus und versuchte tief durchzuatmen. Die dunklen Mauern der Festung erschienen ihm wie Schatten aus dem Reich der Dunkelheit, die sich um ihn zusammenzogen. Noch hatte er die fröhlichen Lieder der Musikanten des Komturs im Ohr und in der Festung war das Fest sicherlich noch in vollem Gange. Jetzt aber ragten Pflastersteine aus dem Boden und stellten ihm ein Bein. Der Ordensgebietiger stolperte und stürzte. Wenn er es bis in seine Bleibe schaffen wollte, brauchte er Hilfe.
»Jochen, du Hurensohn!«, brüllte er. Wo steckte sein Knappe nur wieder? Er sollte eigentlich wie ein treuer Hund an der Seite seines Herrn bleiben, nicht aber sich bei den Huren herumtreiben.
»Jochen!«, brüllte er noch einmal. »Ich habe nur gezecht, aber du bist wieder mit einem Waschweib auf den Dachboden gekrochen. Jochen, elender Hurenbock!«
Aber der Knappe war nirgends zu sehen, der Ordensgebietiger von Clingenstain stand allein auf dem Domberg. Auf der anderen Seite des Wallgrabens machten ein paar Ordensdiener ein Feuer, im Hintergrund erhoben sich schwarz die Mauern der Domkirche.
»Morgen lass ich dir das Fell über die Ohren ziehen«, schwor von Clingenstain, rappelte sich auf und tappte weiter. Verdammt, so hilflos war er nun auch wieder nicht! Er kam auch allein zurecht! Er erinnerte sich wohl, wo er untergebracht war, das war nicht weit von hier, ein Haus direkt an der Festungsmauer, er kam schon allein zurecht.
Während er zu seiner Unterkunft stolperte, bemerkte der Ordensgebietiger nicht, dass eine Gestalt aus einer dunklen Mauernische trat und ihm heimlich nachging. Er merkte nicht, dass ihm diese dunkle Gestalt bis zur Haustür folgte und sich dabei tunlichst verborgen hielt. Er merkte auch nicht, dass die Gestalt, als er nach langem Hantieren endlich die Haustüre aufbekommen hatte, neben ihm stehen blieb und den Fuß in die Tür stellte. Er blieb in der großräumigen Diele stehen und blinzelte in die Helligkeit. Jemand – wohl Jochen – hatte die Kerzen des Kandelabers angezündet. Der Ordensgebietiger stützte sich am Kamin ab und nahm dann den Kerzenleuchter vom Tisch: Irgendwo hier musste eine Tür sein, die ins Schlafzimmer führte, wenn er sich recht erinnerte und dort stand ein Bett. Er versuchte sich den Mantel abzustreifen, doch der blieb hängen und von Clingenstain wäre fast zu Boden gestürzt. Wenn doch nur dieser verdammte Knecht hier wäre, um ihm beim Ausziehen zu helfen!
»Jochen!«, donnerte der Ordensgebietiger noch einmal. »Ah, da bist du ja, du Esel!«
Verschwommen nahm er aus dem Augenwinkel wahr, dass jemand zur Eingangstür hereingekommen war. Das musste Jochen sein, wer sonst!
»Das nächste Mal schneid ich dir die Ohren ab! Wo hast du dich herumgetrieben, du Hund?«
Die dunkle Gestalt trat näher an den Ordensgebietiger heran, der kniff die Augen zusammen und ihm schoss gerade noch der Gedanke durch den Kopf, dass Jochen nicht so groß war und keinen solchen Mantel trug, aber das war auch alles, was er noch denken konnte, denn plötzlich ging der Fremde auf ihn los und warf ihn zu Boden. Von Clingenstain stürzte wie vom Blitz getroffen.
»Räubergesindel!«, keuchte er. »Wie kannst du es wagen, du Schuft, ich gehöre dem Deutschen Orden an!«
Der Fremde trat ihm mit dem Fuß gegen die Brust, der Ordensgebietiger krümmte sich vor Schmerz. Der Eindringling zog unter seinem Mantel ein Schwert hervor.
Von Clingenstain spürte, dass er nicht imstande war, sich aufzurichten, geschweige denn zu kämpfen, doch durch die drohende Gefahr und den Schmerz war er schlagartig nüchtern. Beinahe konnte er die Gesichtszüge des Fremden unter der Kapuze ausmachen ...
»Wer, wer ... bist du?«, wollte er wissen.
»Jemand, der dafür gebetet hat, deine dreckige Seele ins Jenseits zu befördern,« antwortete ihm eine dumpfe Stimme.
»Jochen, zu Hilfe!«, rief von Clingenstain, doch sein Hilferuf fiel kläglich aus und war durch die dicken Mauern kaum bis auf die Straße zu hören.
Mit dem Schwert in der Hand packte der Fremde den Ordensgebietiger und hievte ihn auf den Tisch. Der Ritter versuchte sich zu wehren und sich loszureißen, war dem Eindringling jedoch nicht gewachsen.
»Was willst du?«, brachte er schließlich hervor.
»Gerechtigkeit«, lautete die Antwort. Der Mann drückte mit der einen Hand von Clingenstain auf den Tisch, mit der anderen umfasste er das Schwert noch fester. »Du sollst dich im Dreck wälzen und vor Angst um Hilfe flehen. Du sollst sterben, ohne deinen Frieden mit Gott gemacht zu haben und sollst alle deine Sünden mit ins Grab nehmen. Zur Hölle mit dir, von Clingenstain!«
Ist das nun mein Tod? ging dem Ordensgebietiger durch den Kopf. Ein solcher Tod, nicht auf dem Schlachtfeld mit dem Schwert in der Hand, sondern hier in Reval im Hause eines gewöhnlichen Stadtbürgers, noch dazu sturzbetrunken und durch das Schwert eines Räubers! Heilige Jungfrau Maria, so hätte ich doch nie und nimmer sterben wollen! Nicht hier und jetzt, das habe ich nicht verdient ... Sein Verstand war klar, doch der Körper gehorchte ihm nicht.
»Wer bist du?«, fragte er noch einmal.
Statt einer Antwort hielt der Fremde ihm etwas vors Gesicht. Erst erschien der Gegenstand verschwommen, aber schließlich sah Clingenstain ihn deutlich. Und er sah auch, wie der Fremde seine Kapuze zurückschlug. Dieses Gesicht ... dieses Gesicht ... und der Gegenstand in seiner Hand, das war doch ...! Das war unmöglich! Er erkannte das Gesicht, ja, jetzt erkannte er es.
Doch Clingenstains Zeit war vorbei. Das spürte er deutlich, er fühlte sich schwach und hilflos. Und vor seinem geistigen Auge sah er sogar für einen Moment, wie die Heiligen ihm von der Himmelspforte aus gleichgültige Blicke zuwarfen. Ja, sagten diese Blicke, hier und jetzt, Henning von Clingenstain, gerade hier und gerade jetzt zu sterben, das ist dein Schicksal, und das können wir nicht aufhalten.
Der Fremde packte Clingenstain fest beim Kinn und riss ihm den Mund auf. Ein heftiger Schmerz durchzuckte Clingenstains Körper, als der Fremde ihm den Gegenstand in den Mund stopfte, den er ihm gerade vors Gesicht gehalten hatte.
»Genau so muss es sein!«, sagte der Mann. »Nicht einmal um Gnade sollst du bitten können! In der Hölle sehen wir uns wieder!«
Er rammte den Kopf des Ritters gegen den Tisch, hob mit beiden Händen das Schwert und schlug zu.
Henning von Clingenstain spürte, wie das Schwert auf seinen Hals niederkrachte. Er spürte sogar, wie der Schlag ihm den Halsknochen durchtrennte. Der Schmerz war unerträglich, doch nichts verglichen mit dem, was ihn noch erwartete.
Kapitel 1
Reval, Raderstraße, Melchiors Apotheke 16. Mai, Morgen
Der Revaler Apotheker Melchior Wakenstede war gerade vom Frühstückstisch aufgestanden, wo ihn seine geliebte Keterlyn mit frisch gebackenem Brot und einer ordentlichen Scheibe Schweinespeck verwöhnt hatte. Nun betrat er den Vorraum seines Hauses – der Revaler Apotheke –, wo ihn ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag erwartete. Er würde sich anhören, wie die Stadtbewohner ihm neue Krankheiten und alte Beschwerden schilderten, er würde ein paar Dutzend Gerüchte hören und Arzneien, Süßigkeiten und einige Becher seines guten Apothekerschnapses verkaufen. Er würde Notleidende und Kranke sehen, aber auch Gesunde, die einfach so in die Apotheke kamen, um zu schwatzen, das Neueste zu hören und süßes Gebäck oder Aniskonfekt zu naschen. Melchior erfüllte seine Pflicht und war dabei zufrieden und glücklich, wie er es an der Schwelle zu seinem einunddreißigsten Lebensjahr mit dem Segen seines Schutzheiligen und zur Freude seines tüchtigen Vaters – ruhe er in Frieden zur Rechten der Heiligen Jungfrau – wohl sein sollte.
Melchior Wakenstede war in Lübeck geboren, von wo sein Vater vor über zwanzig Jahren nach Reval umgezogen und in dieses neue Land gekommen war, das vor noch gar nicht so langer Zeit den Heiden abgerungen und der Jungfrau Maria geweiht worden war. Noch aus der Kindheit erinnerte sich Melchior an die Geschichten der alten Krieger, die manchmal in die Apotheke seines Vaters gekommen waren, um Salbe für ihre schmerzenden Glieder zu kaufen, Geschichten davon, wie sie hierzulande gegen die Heiden gekämpft hatten, als deren Streitmächte Reval umzingelt hatten. Inzwischen war das alles schwer zu glauben, denn zahllose Enkel dieser sogenannten Heiden kamen Tag für Tag in seine Apotheke und auch seine geliebte Gemahlin Keterlyn stammte schließlich von dem Geschlecht ab, das seit ewigen Zeiten hier im Lande lebte. Und selbst wenn sie auch ihr Brot nicht genau so backten oder ihr Bier nicht genau so brauten wie in Thüringen oder Westfalen, so gingen sie jetzt doch jeden Sonntag in die Kirche wie alle anständigen Christenmenschen.
Melchior Wakenstede fühlte sich in Reval zu Hause, an Lübeck erinnerte er sich kaum. Er war der einzige Apotheker hier in der Stadt, wie es auch sein Vater gewesen war. Melchior liebte Reval. Er hatte einen Eid geschworen, die Stadt mit seinen Arzneien zu heilen, jedem Notleidenden zu helfen und Beschwerden zu lindern. Er wurde auch der Koch des Arztes genannt, in Wirklichkeit war er aber ein bisschen mehr als das. Von gleichem Stand wie die Kaufleute, von gleicher Bildung wie ein Pfarrer oder ein Syndikus, war er in der Stadt ein angesehener Mann, den sowohl die Ratsherren, die Adligen als auch die Ritter respektvoll behandelten.
Jetzt, an diesem schönen Frühlingsmorgen, kam er aus der Küche in die Apotheke, öffnete die Eingangstür weit und ließ die frische Meeresluft herein. Sein Haus war klein, doch ein größeres hatte sich sein Vater nicht leisten können. Im Erdgeschoss in der Diele war die Apotheke, so wie bei den Kaufleuten der Laden, von der Diele gelangte man in seine Wohnung und von dort führte ein schmaler Durchgang in die Küche. Schon sein Vater hatte den Raum zu einer sogenannten Hexenküche umgebaut. Um die Feuerstelle herum standen Pressen mit Hebeln und Retorten, dort braute und mischte Melchior seine Arzneien. Im ersten Stock waren seine Lagerräume voller Holzkisten, wo er getrocknete Heilpflanzen aufbewahrte. In der Apotheke hatte er einen großen Tisch, und an den Wänden standen Regale, in denen sich Glasgefäße mit Tinkturen, Ölen, Mixturen sowie Mörser aneinanderreihten. Da jeder Apotheker ein bisschen geheimnisvoll sein und den Leuten seine Auserwähltheit demonstrieren musste, hatte Melchior über dem Tisch ein kleines ausgestopftes Krokodil an die Decke gehängt, das zehn Mark gekostet hatte und, wie ihm der verschmitzte Händler versichert hatte, ein echtes ägyptisches Krokodil sein sollte. Die Leute schienen es jedenfalls zu glauben.
Melchior war hellhäutig, mittelgroß und eher hager, hatte einen kantigen Körperbau und einen schwankenden Gang. Seine schütteren Haare lagen eng am Kopf an, auch dann, wenn er sie an den Seiten länger wachsen ließ und unterhalb der Ohren abschnitt. Seine grauen Augen schienen jederzeit Frohsinn und gute Laune auszustrahlen, Melchior lachte gerne laut über die Späße anderer Leute und sein Lachen war dabei kindlich und vertrauensvoll. Vielen schien, dass er ständig freundlich und gutgelaunt war – ein Apotheker durfte schließlich nicht mürrisch und abweisend sein –, doch manche hatten ihn auch in jenen Momenten gesehen, in denen über sein schüchternes Gesicht ein finsterer Schatten fiel. Dies waren die Augenblicke, in denen er glaubte, dass ihn niemand beobachtete, und dann schien in seinen Augen eine tiefe Beklemmung auf, eine drückende und schmerzhafte Angst. Doch dann schüttelte er dieses Gefühl ab und war wieder der fröhliche Revaler Apotheker, jedermanns Freund und treuer Helfer.
Es war noch früh, die Stadt erwachte gerade. Melchior setzte sich und sah in seinen Notizen nach, wer heute welche Arznei abholen würde. Hier standen seine Gläser und Mörser, seine Mixturen und getrockneten Kräuter, hier war seine Welt. Aus ihr gab es kein Entrinnen, selbst wenn er es gewollt hätte. Melchior knotete ein Säckchen mit getrocknetem, geraspeltem Knoblauch auf, nahm starken Spiritus vom Regal und stellte ihn vor sich hin. Daraus würde er heute eine Halsarznei für die Bäckersfrau herstellen, obwohl er natürlich viel mehr verdienen würde, wenn er den Gebrannten mit Kräutern mischte und diesen zum Beispiel seinem guten Freund, dem Gerichtsvogt Wentzel Dorn, gegen Bauchschmerzen vorsetzte.
Doch gerade als Melchior den Knoblauch in den Mörser schüttete, drang leise Musik herein. Er lugte durch die offene Tür auf die Straße und sah, dass Kilian Rechperger, der Kostgänger des Kaufmanns Mertin Tweffell, aus dem Nachbarhaus über die Raderstraße gekommen war, sich auf den Brunnenrand gesetzt hatte und auf seiner Laute spielte.
Der Junge war wohl noch keine siebzehn Jahre alt, doch soweit Melchior wusste, war er bereits in mehreren Städten im Ausland in der Sangeskunst unterrichtet worden. Nach Reval war er mit der Bürgschaft seines Vaters gekommen, weil der alte Kaufmann Tweffell zufällig ein Verwandter der Rechpergers aus Nürnberg war. Seit vergangenem Sommer wohnte Kilian als Kostgänger im Hause des Oldermanns der Großen Gilde, sang bei Festen in der Stadt, und besonders oft traf man ihn bei den Schwarzhäuptern, wo in der letzten Zeit kein Festessen stattgefunden hatte, ohne dass Kilian dort seine übermütigen Lieder gesungen hätte. Kilian stellte sich gewöhnlich als Schulfreund vor, da man so die Wandergesellen seiner Nürnberger Sängergilde nannte, die in die Ferne zogen, um die Kunst der Musik zu erlernen. Melchior musste sich eingestehen, dass ihm Kilians Musik gefiel. In ihr waren die Wärme südlicher Gefilde zu spüren, Kilian spielte Melodien und Weisen, die die Revaler Musiker nicht kannten, und seine Stimme war klar und rein, wohlklingend und warm. Was auch nicht unbemerkt an einigen jungen Mädchen vorbeigegangen ist, dachte Melchior. Und runzelte die Stirn.
Melchior fuhr mit der Zubereitung der Hustenmixtur fort und sah, wie sich die Tür des Nachbarhauses öffnete und Gerdrud, die junge Frau des Kaufmanns Tweffell, aus dem Haus trat. Und dem Apotheker schien es, als hätte der Sängerbursche auf gerade diesen Moment gewartet. Melchior nahm den Mörser und setzte sich etwas näher an das offene Fenster. Neugier war nun einmal das Laster aller Apotheker.
Gerdrud, die vielleicht ein oder zwei Jahre älter als Kilian, aber mindestens vierzig Jahre jünger als ihr Gemahl war, trug einen Marktkorb unter dem Arm und nickte Kilian zur Begrüßung höflich zu. Der junge Mann sprang vom Brunnenrand und verneigte sich.
»Guten Morgen, Kaufmannsherrin«, rief er fröhlich. »Einen schönen Frühlingsmorgen wünsch ich Euch! Seht Ihr, welch ein wunderbarer und gesegneter Tag uns geschenkt wurde, es wäre geradezu Sünde, ihn nicht mit einem schönen Lied zu begrüßen.«
Die junge Frau blieb stehen und antwortete aufgeweckt: »Guten Morgen, Kilian Rechperger. Wunderbar ist dieser Tag aber nur für diejenigen, die ihn mit Gesang und Lautenspiel verbringen können. Für andere ehrliche Stadtbürger gleicht er allen anderen Tagen, ist voller Arbeit und Mühsal.«
Kilian spielte eine schnelle und unglaublich komplizierte Melodie und entgegnete dann: »Aber meint Ihr denn wirklich, Herrin Gerdrud, dass Gesang und Lautenspiel nur aus Gottes Gnade entstehen und man dafür nicht arbeiten und sich anstrengen muss?«
»Alles geschieht aus Gottes Gnade«, sprach die junge Frau. »Singen kann ich auch, aber meine Arbeit und die Erledigungen nimmt mir niemand ab. Dem einen ist der Tag zum Musizieren gegeben, dem anderen, um sein täglich Brot zu verdienen.«
»Onkel Mertin ist wohl reich genug, dass sich seine Frau nicht den lieben, langen Tag wie ein Waschweib abrackern muss. Ihr habt doch noch Ludke im Haus, und die Hauswirtin ...«, sagte Kilian spitzfindig, doch Gerdrud unterbrach ihn verärgert.
»Was schwatzt du da, Kilian Rechperger! Es ist nicht deine Sache zu entscheiden, wie der Oldermann seinen Haushalt zu regeln hat. Du bist bei uns nur Kostgänger.«
»Auch ein Kostgänger hat Augen im Kopf. Ich sehe doch, wie die Dinge hier in Reval gehandhabt werden und wie bei uns in Nürnberg! Wie der Vetter meines Großonkels seiner hübschen Gattin Arbeiten aufbürdet, für die man eigentlich drei Dienstmädchen bräuchte und für deren Bezahlung der alte Geizhals sehr wohl Geld hätte!«
Ein dreister Kerl, dachte Melchior, wie er das Gespräch vom Fenster aus verfolgte. Dreist, aber er wagt es, die Wahrheit auszusprechen. Tweffell, den Oldermann der Großen Gilde, konnte man wirklich weder der Geldverschwendung noch der Prasserei bezichtigen. Seine junge Gemahlin – abgesehen davon, dass sie dem Kaufmann auf seine alten Tage eine Augenweide war – verrichtete tatsächlich mehr Hausarbeiten als so manch andere reiche Kaufmannsfrau hier in der Stadt. Der Diener Ludke und die alte Hauswirtin waren in Tweffells Haus die einzigen Angestellten.
Gerdrud rief nun noch verärgerter: »Sei nur still, Kilian, hör sofort mit dem dummen Geschwätz auf! Wenn dich Ludke hören würde, würde er sofort alles dem Herren Tweffell weitererzählen.«
Der Bursche trat etwas näher an sie heran, legte den Kopf schräg und fragte spitzbübisch: »Aber Ihr erzählt es nicht weiter, Herrin Gerdrud?«
Gerdrud reagierte befangen. »Ich ... ich muss weiter. Ich habe es eilig,« sagte sie.
Doch Kilian tat, als hätte er sie gar nicht gehört.
»Aber vielleicht hört Ihr Euch ein Lied an?«, fragte er. »Oder noch besser – wie Ihr gerade sagtet, singen könnt Ihr auch selbst ... Bringt denn ein solcher Frühlingsmorgen einen nicht zum Singen? Machen wir es so – ich spiele die Laute und Ihr singt.«
Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Als ob ich mitten in der Stadt anfangen würde, ein Liedchen zu trällern, das schickt sich doch nicht! Ich muss wirklich gehen.«
Kilian blieb aber beharrlich. »Gestattet, dass ich Euch ein Lied singe, nur eines!«
»Nein, Kilian. Auch nicht nur eines.«
»Möchtet Ihr denn wirklich keine der wunderbaren Weisen der Nürnberger Meistersänger hören, davon kann ich mehrere. Gerade ist mir ein Stück über einen alten Gerber eingefallen, der eine fünfzig Jahre jüngere Frau geheiratet hat und zum Gespött der ganzen Stadt wurde und dann ...«
Gerdrud stieß einen unterdrückten Schrei aus und platzte heraus: »Halt den Mund, Kilian, und beschäme mich nicht mitten in der Stadt! Ich gehe jetzt!«
»He, so wartet doch! Dann ein anderes Lied? Vielleicht ein Minnelied? Alle unsere Meistersänger lernen alte Minnelieder. Soll ich Euch vorsingen, wie Tannhäuser oder Konrad von Würzburg sich nach ihrer Liebsten sehnten? Soll ich?«
»Kilian – nein! Leb wohl, ich habe in der Stadt zu tun und möchte mich nicht länger mit dir unterhalten.« Gerdrud nahm den Marktkorb fester unter den Arm und schickte sich an zu gehen. Doch Kilian ließ nicht locker, er zupfte auf seiner Laute und rief leise:
»Oder dann vielleicht ein Lied aus Reval, Herrin Gerdrud? Aber die sind so traurig, dass sie so gar nicht zum schönen Frühling passen ... Ach, ein lustiges fällt mir jetzt doch ein! Vielleicht gefällt Euch dieses Stück über fröhliche Seeleute?«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann er zu singen:
Ich hab siebzehn Brüder und siebzehn Schiffe
Ich hab siebzehn Häfen voll hübscher Mädchen
Meine Brüder fürchten weder Tod noch Teufel ...
Doch da schrie Gerdrud auf und auch Melchior zuckte zusammen. Die junge Frau stürzte zu Kilian hin und hielt ihm den Mund zu.
»Dieses Lied darfst du in Reval nicht singen, wenn du nicht von hier fortgejagt werden willst!«, rief sie erschrocken. »Bist du von Sinnen? Die Vitalienbrüder haben uns so viel Leid zugefügt, diese Seeräuber, diese Mörder ... Wer hier in Reval ihre Lieder singt, der muss vollkommen von Sinnen sein!«
Kilian nahm langsam ihre Hand von seinem Mund und fragte so leise, dass Melchior ihn kaum hörte: »Aber vielleicht bin ich ja vollkommen von Sinnen?«
»Sei was du willst, aber solche Lieder darfst du hier in der Stadt nicht singen, wenn du nicht gesteinigt werden willst«, beharrte sie.
»Schon gut. Aber sagt mir, was für ein Lied Ihr an diesem Morgen dann hören wollt?«
»Keines, ich muss weiter. Keines der Minnesänger oder der Meistersänger, keines über den Frühling oder das Meer, kein einziges. Ich ... ich muss mich wirklich eilen. Geh du besser auch deiner Wege.«
Kilian lächelte bekümmert. »So ohne Lieder ist Euer Leben leer und traurig, ohne Freude und Trost. Nur Geschäft und Arbeit, Kummer und Sorgen. Nun, einen schönen Tag noch, Herrin Gerdrud, und bis heute abend! Auch ich habe bei den Schwarzhäuptern zu tun. Wohin wart Ihr denn unterwegs, vielleicht haben wir denselben Weg?«
»Ich? Nur gleich hier in die Apotheke muss ich und dann zum Hafen und auf den Markt.«
»In die Apotheke?«, fragte Kilian. »Kann denn nicht Ludke die Salben und Arzneien für seinen Herrn abholen?«
»Herr Mertin hat Ludke schon gestern Abend irgendwohin geschickt, ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen ... Auf Wiedersehen, Kilian, ich gehe nun.«
Damit drehte sich die junge Frau entschlossen um. Kilian lachte, winkte Gerdrud nach und ging selbst die Raderstraße entlang Richtung der Pforte am Langen Domberg. Melchior blickte ihm nach und schüttelte traurig den Kopf. Das ist nicht recht. Es war nicht recht, dass der alte Kaufmann eine so junge Frau geheiratet hatte und noch weniger, dass ein junger und gutaussehender Kostgänger mit ihnen unter demselben Dach wohnte. Doch dann entfernte Melchior sich rasch vom Fenster und stellte sich hinter seine Theke.
Gerdrud brauchte heute aus der Apotheke eine Knochensalbe für die kranken Gelenke ihres Gemahls. Melchior stellte diese Salbe nach dem Rezept des Stadtarztes her, obwohl er sicher war, dass auch die Salbe den Knochen und Gliedern des alten Oldermanns nicht mehr viel half.
Als Gerdrud die Apotheke betrat und Melchior begrüßte, war ihr Gesicht noch leicht gerötet.
»Herrin Gerdrud, unsere liebe Frau Nachbarin!«, rief der Apotheker. »Welch eine Freude, Euch an diesem schönen Morgen in so guter Laune zu sehen.«
»Ihr seid auch immer derart guter Laune, dass es mir geradezu leid tut, so selten her zu kommen«, erwiderte die junge Frau bescheiden.
»Aber kommt doch öfter vorbei! Selbst einem jungen und gesunden Menschen kann es nicht schaden, ab und zu eine anregende Arznei zu schlucken«, empfahl Melchior. »Ach ja, Eure Knochensalbe. Hier ist sie, fertig für Euch zum Mitnehmen. Alles ist so wie immer – die Salbe auf die schmerzenden Knochen auftragen und ein Gebet an die Heilige Jungfrau dabei sprechen, dann hilft sie am besten. Oder lindert zumindest die Beschwerden des Alters. Ich hatte eigentlich an Eurer Stelle Ludke erwartet ...«
»Herr Mertin hat ihn mit einem Auftrag fortgeschickt, schon gestern. Seitdem habe ich ihn nicht gesehen«, antwortete Gerdrud.
»Und Euer Gemahl selbst?«, wollte Melchior wissen.
»Er ist schon im Morgengrauen zum Hafen geeilt, um dort einen Handel abzuschließen. Danke für die Salbe.«
»Geeilt?«, wiederholte Melchior nachdenklich. »Nun, ich bin natürlich kein richtiger Arzt, aber das eine oder andere über Krankheiten weiß ich doch. Und in Herr Mertins Alter ist Eile nicht mehr das Richtige, das sage ich Euch. Ein ruhiges Leben, kräftiges Essen, während der Fastenzeit das Fasten nicht übertreiben, nicht wahr, regelmäßig ein Aderlass sowie die schmerzenden Stellen ab und zu mit Salbe einreiben und dann noch heiße Bäder – mehr kann ich nicht empfehlen.«
Während er so sprach, beobachtete er verstohlen Gerdruds Gesicht. Das Mädchen war noch keine zwanzig. Gerdrud hatte helle Haare und blaue Augen, unter ihrer länglichen Haube sah ihr jugendliches Gesicht ganz unschuldig aus und löste Mitgefühl aus. Verbarg sie mit ihrem sorglosen Aussehen all den Kummer, den eine junge Frau ertragen musste, deren Gemahl gute vierzig Jahre älter als sie und dazu noch krank war?
»Er lässt in der Nikolaikirche für sich beten und bezahlt für die Messen«, erzählte das Mädchen und seufzte. Nicht gerade allzu großzügig, wie ich gehört habe, dachte Melchior, doch er nickte eifrig.
Das Mädchen schwieg. Es sah Melchior an, wurde ernst und fragte dann plötzlich: »Aber sagt, Herr Melchior, das alles hilft wohl gar nichts? Seine Schmerzen wollen einfach nicht nachlassen.«
»Liebe Frau Nachbarin, das Leben des Menschen verläuft so, wie es ihm bestimmt ist. Mit Hilfe von Behandlungen und Gebeten kann Herr Mertin sein Leben wohl noch etwas verlängern. Und wenn er ordentlich zur Ader gelassen wird und seine kranken Knochen und Glieder eingerieben werden, so hat seine Gesundheit noch nicht das Schlimmste zu befürchten, das habe ich ihm auch gesagt. Er kann noch mehr als zehn Jahre leben.«
»Sagt Euch das Eure Sternenkarte?«
»Meine Sternenkarte?«, fragte Melchior. Er bückte sich und holte unter der Theke eine zusammengefaltete Sternenkarte hervor, eine Arbeit Brüggescher Meister, die ihm sein Vater vererbt hatte. Das Lesen der Sternenkarte war eines der Geheimnisse der Apothekerzunft. Die Astrologen der Königshäuser lasen die Karte auf ihre Art, die Apotheker aber konnten aus der Karte etwas ganz Anderes herauslesen, wenn sie den Namen und den Geburtsmonat des Kranken wussten.
»Nein, nicht meine Sternenkarte«, sagte er dann. »Das sagen mir mein Gefühl und meine Erfahrung. Die Glieder Eures Gemahls sind krank und seine Knochen schmerzen, aber seine Lebenskraft ist noch stark. Die Sternenkarte sagt mir, wann der beste Tag für den Aderlass ist, und wie ich sehe, wäre das ...«
Er ließ seine Finger rasch über die Symbole der Sternenkarte gleiten und murmelte: »Gegen die Hüftschmerzen von Herrn Tweffell müssen wir schauen, wo der Schütze steht, für die Beine brauchen wir den Steinbock und für die kranken Knie den Wassermann ... Und wenn wir hier jetzt sehen, dass der Mond übermorgen abend im Steinbock steht, so würde ich sagen, dass Euer Gemahl in zwei Tagen vormittags für einen Aderlass zum Barbier gehen sollte und danach sollte er sich sofort mit der Salbe einreiben. Dann müssten die Schmerzen in seinen Beinen wohl nachlassen.«
»Das werde ich ihm ausrichten. Tausend Dank, Herr Apotheker, und auf Wiedersehen!« Das Mädchen seufzte noch einmal und wandte sich zum Gehen.
Melchior nickte ihr zu. »Jaja, das ist eine alte Wissenschaft, die Wilhelm von Saliceto und Gerhard von Cremona und all die anderen berühmten Heiler vergangener Zeiten uns gelehrt haben. Empfehlt Eurem werten Gemahl einen ordentlichen Aderlass und Ihr werdet schon sehen, liebe Frau Nachbarin, dass er sich noch lange guter Gesundheit erfreuen wird.«
»Gebe es Gott«, murmelte Gerdrud. Dann ging sie, und der Apotheker sah ihr nachdenklich hinterher.
»Das arme Mädchen!«, meinte plötzlich eine Frauenstimme hinter ihm. Melchior hatte gar nicht gehört, dass seine geliebte Keterlyn hereingekommen war.
Kapitel 2
Rathaus zu Reval 16. Mai, Morgen
Der Gerichtsvogt des Revaler Rates, Wentzel Dorn, stand vor dem Ratsherrn Bockhorst und einem Ordensdiener und versuchte in Gedanken alle Berufe aufzuzählen, die er lieber ausüben würde, als den auf ewig verfluchten und lausigen Beruf des Gerichtsvogts. Als erstes fiel ihm der ehrenwerte Beruf des Bierbrauers ein und dies aus zwei Gründen. Erstens hatte jener ständig frisches Bier bei der Hand und zweitens wurde ein Bierbrauer niemals frühmorgens aus dem Bett geholt und ihm befohlen, auf der Stelle im Rathaus zu erscheinen, wo wiederum ihm der Diener des Ordenskomturs – oh Gotterbarmen! – solche Neuigkeiten verkündete, dass einem die Haare zu Berge standen.
Aber es half nichts – hier stand er nun, unausgeschlafen, und sein Bauch begann wieder zu rumoren wie immer, wenn er schlechte Nachrichten hörte. Sehr schlechte Nachrichten.
»Heute Mittag«, sagte der Ordensdiener und der Ratsherr nickte.
»Was ist heute Mittag?«, fragte der Gerichtsvogt Dorn.
Der Ordensdiener starrte ihn mit unverhohlener Bissigkeit an. »Heute Mittag erwartet Euch der hochehrenwerte Komtur«, sagte er.
»Das schon«, brummte er. »Aber die anderen Ratsherren doch auch oder nur den Gerichtsherrn ...?«
»Die Ratsherren haben zur Mittagszeit ihre Messe in der Heiliggeistkirche«, bekräftigte Ratsherr Bockhorst rasch. »Aber der Gerichtsvogt muss auf jeden Fall heute Mittag auf den Domberg. Er kennt die Gesetzestexte am allerbesten und überhaupt ...«
Überhaupt und auf jeden Fall, dachte Gerichtsvogt Dorn. Jetzt, wo der Komtur in der Stadt einen Mörder suchte, war der Gerichtsvogt der beste Gesetzeskundige. Er schaute zum offenen Rathausfenster hinaus auf den Markt und sah dort einen Bierverkäufer mit einer großen Kanne. Der Gerichtsherr schluckte. Könnte nicht schaden, vor dem Gang auf den Domberg bei meinem Freund Melchior vorbeizuschauen. Um so mehr, da der Komtur schlechte Nachrichten hatte. Die konnte man sich ja kaum nüchtern anhören.
Dieser Fall sah nach solchen Angelegenheiten aus, von denen er sich am liebsten fernhielt. Jener hohe Ordensritter, der umgebracht worden war, kam schließlich von Gotland, und Gotland befand sich ständig im Streit mit den Städten, mit denen Reval gut Freund sein sollte – so wenigstens verstand es der Gerichtsvogt. Der Rat hatte in letzter Zeit ohnehin genügend Streit mit Nowgorod und Wiborg und sogar mit Dorpat gehabt. Es war noch gar nicht lange her, dass der Gerichtsvogt alle russischen Kaufleute, die sich in der Stadt aufhielten, im Namen des Rates und auf Geheiß von Dorpat in den Gefängnisturm hätte werfen sollen, aber was wäre dann aus den Revaler Kaufleuten im Hansekontor von Nowgorod geworden? Dorn konnte derlei Dinge, die mit hohen Machtinhabern und fremden Ländern zusammenhingen, nicht ausstehen, und der Mord an jenem Ordensgebietiger schien genau ein solcher Fall zu sein. Dorn musste seinem Amtseid zufolge in Reval für Ruhe und Ordnung sorgen und Gericht halten – für nichts anderes hatte der Rat seine Gesetze erlassen. Und die waren klar und deutlich. Markthändler in Ketten legen zu lassen, weil sie ihre Ware falsch abgewogen hatten, oder Gerbergesellen, die während der Nachtruhe mit Messern aufeinander losgingen, eine Strafe zu erteilen – das waren Dorns Ansicht nach die wichtigsten Aufgaben eines Gerichtsherrn. Diese Arbeit führte er auf das Genaueste und mit bestem Gewissen aus, weil er wusste, dass die Stadt davon ihren Nutzen hatte. Die Suche nach Mördern von hohen ausländischen Ordensrittern – die hätte er gerne einem anderen überlassen.
»Eine furchtbare Geschichte!«, seufzte Ratsherr Bockhorst und schüttelte sich. »Aber zum Glück hat unsere Stadt einen so tüchtigen Gerichtsvogt wie Herrn Wentzel Dorn, der den Mörder finden wird, und sei es unter der Erde.«
Sonst ist sein Kopf der nächste, der aufgespießt wird, dachte der tüchtige Gerichtsvogt Wentzel Dorn.
»Der Orden hofft inständig, dass der Mörder sehr bald gefunden wird«, merkte der Bote wichtigtuerisch an. »Aber das wird der Komtur selbst genauer erläutern. Bevor der Komtur seinen Willen nicht kundgetan hat, darf in der Stadt nicht über den Fall gesprochen werden. Gerüchte schaden nur.«
Was du nicht sagst, dachte der Gerichtsvogt. In einer Stadt mit einem Markt war ein Ratsausrufer überflüssig, die Stadt wusste schon alles vorher.
Als er später mit dem Ordensdiener die Rathaustreppe hinunterstieg, fragte er, ob der Komtur denn auch ein Kopfgeld ausgesetzt habe.
»Das muss die Stadt wohl selbst aussetzen«, meinte der Diener. »Auf dem Stadtgebiet können wir nichts ausrichten.«
»Eine üble Sache«, seufzte Dorn.
»In der Tat, eine üble Sache«, sagte der Diener und seufzte ebenfalls. »Die ganze Nacht herrschte auf dem Domberg ein heilloses Durcheinander. Es versteht sich von selbst, dass der Komtur nicht erpicht ist, dem Ordensmeister mitzuteilen, dass einem hohen Ordensritter der Kopf abgeschlagen und ihm dazu noch eine Münze in den Mund gestopft worden ist und dass der Mörder in die Stadt geflohen und nach wie vor auf freiem Fuße ist. Nein, ganz bestimmt nicht ...«
»Eine Münze? Was für eine Münze?«, fragte Dorn überrascht.
»Ich weiß nicht, was für eine Münze, jedenfalls fiel die aus Clingenstains Mund, als sie seinen Kopf vom Haken nahmen. Der Kopf war nämlich aufgespießt.«
»Da hat sich der Mörder wahrlich angestrengt«, brummte Dorn.
Der Ordensdiener blieb plötzlich vor der Rathaustüre stehen. Er sah unschlüssig zu Dorn hinüber. »Nun«, er zögerte, »eigentlich hat der Komtur verboten, von der Münze zu erzählen. Vielleicht könnte der Gerichtsvogt die Sache so lange vergessen, bis der Komtur selbst die Sprache darauf bringt.«
»Abgemacht«, knurrte Dorn und verabschiedete sich von dem Ordensdiener. Aber dann entschloss er sich doch, Melchior aufzusuchen, denn ein ordentlicher Schnaps gegen seine Bauchschmerzen würde ihm gut tun und soweit er wusste, hatte sein Freund, der Apotheker, eine gute Spürnase, wenn es darum ging, Mörder ausfindig zu machen. Wenn Melchior vergangenes Frühjahr nicht aufgedeckt hätte, wer jenen flämischen Ketzer erwürgt hatte, würde die Täterin noch heute eine angesehene, ehrenwerte Dame der Stadt sein. Der Rat war sicherlich damit einverstanden, wenn Melchior von Dorn zu seinem Untervogt bestimmt werden würde.
Kapitel 3
Königsstraße, Haus des Goldschmieds Casendorpe 16. Mai, Morgen
Der Oldermann der St. Kanutigilde, Goldschmiedemeister Burckhart Casendorpe, war es nicht gewohnt, aufregende Neuigkeiten aus dem Munde seiner Tochter zu hören. Gewöhnlich hörte er sie von den Gesellen in der Werkstatt oder von den anderen Meistern im Gildehaus. Je nachdem, was für erschütternde Neuigkeiten in Reval die Runde machten. Meister Casendorpe konnte man nicht als neugierigen Menschen bezeichnen. Der Beruf des Goldschmieds war zu bedeutend und ehrwürdig, als dass nebenbei viel Zeit geblieben wäre über Stadtangelegenheiten zu diskutieren oder zum Zeitvertreib einen Schwatz zu halten. Als Oldermann der St. Kanutigilde hatte er mehr als genug zu tun – mit der Pflege der Gildenaltare, der Einberufung von Zunftversammlungen, der Wartung der Kasse, der Fürsprache für die Meister und anderen Dingen. In den dreiundvierzig Jahren von Herrn Casendorpes Leben – von denen er dreißig in Reval verbracht hatte – hatten Gold- und Silberarbeiten immer im Mittelpunkt gestanden. Was für Zeiten auch herrschten, Krieg oder Hungersnot oder Pest – Gold blieb bestehen, wie auch das Verlangen der Menschen nach Gold bestehen blieb. Gold ernährte den Menschen. Gold war das Symbol für Macht und Reichtum dieser Welt. Reiche Männer brauchten Goldschmuck. Wenn sie kein Gold vorzuzeigen hatten und ihnen kein Gold um den Hals hing, hielt sie niemand für reich oder wichtig. Und darum war ein Goldschmied ein geschätzter Mann. Als Burckhart Casendorpe zum Oldermann der St. Kanutigilde gewählt wurde, musste er sich zu seinem Missfallen mit Dingen auseinandersetzen, die ihm zwar nicht am Herzen lagen, ihn aber zu einem wichtigen, sogar sehr wichtigen Stadtbürger machten. Und seine einzige Tochter zu einer der begehrtesten Bräute Revals.
Jetzt aber stand seine achtzehnjährige Hedwig am Fenster der Meisterstube und verkündete haarsträubende Neuigkeiten:
»Und ganz und gar in Stücke gehauen haben sie den Ritter auf dem Domberg. Arme und Beine ab! Vollkommen zerstückelt!«
Hedwig war am Morgen mit der Mutter auf dem Markt gewesen. Was bedeutete, dass sie das Neueste gehört hatte.
»Leiser, Mädchen, leiser«, raunte Casendorpe und sah sich misstrauisch in der Werkstatt um, wo seine Gesellen so taten, als seien sie mit der Arbeit beschäftigt und hörten nicht zu, welche furchtbaren Neuigkeiten die Tochter dem Goldschmiedemeister brachte. Es schickte sich nicht, dass junge Mädchen über solche Dinge sprachen.
»Vater, das ist doch unglaublich! Grauenhaft!«, rief Hedwig.
»Ja«, pflichtete der Goldschmied bei. »Das ist es wohl.« Er nahm seine Brille von der Nase und runzelte die Stirn. Die Arbeit des Goldschmieds musste für die Stadtbevölkerung sichtbar vonstatten gehen – damit jedermann sehen konnte, dass er das edle Metall nicht beschädigte. Deshalb verlangte der Rat, dass das Haus des Goldschmieds zur Straße hin ein großes Fenster habe, durch das in das Innere der Werkstatt zu sehen sei. Seine Kunden bediente Casendorpe durch das offene Fenster, an dem ein Tisch stand und neben dem Tisch ein Regal mit Gegenständen, die zeigten, dass der Goldschmied ein ehrwürdiger, reicher und in allerlei Geheimnisse eingeweihter Mann war. Auf dem Regal hatte er Haifischzähne, eine Kokosnussschale, eine Koralle, Pfauenfedern, einen Bernsteinklumpen, Papageienfedern, eine getrocknete Krabbe und andere bedeutungsvolle und magische Dinge aus fernen Ländern ausgestellt, die er von Händlern für viel Geld gekauft hatte. Dass es im Winter an seinem offenen Fenster kalt würde, das brauchte man nicht zu fürchten. In der Meisterstube gab es eine große Feuerstelle und einen Schmiedeherd, wo der Lehrling das Feuer ständig schürte, wenn gearbeitet wurde.
Hedwig stand aber am Fenster und rief, dass auch die Gesellen in der Werkstatt die Köpfe wandten: »Vater, aber das ist doch der Ritter, dem du gestern diese Kette verkauft hast! Stell dir nur vor, ach gütiger Himmel, du hast den Mann noch gesehen, kurz bevor er zerstückelt wurde ...«
Casendorpe hob langsam den Kopf. »Haben sie das auf dem Markt auch erzählt?«, fragte er mit unterdrückter Stimme und sah sich misstrauisch um.
»Nein, das nicht, aber du hast doch selbst gesagt, dass er Clingenstain hieß, dieser Ritter von Gotland, und jetzt reden die Leute auf dem Markt, dass er in Stücke gehauen worden ist!«
»In Stücke also?«, brummte der Goldschmied. Und fragte dann streng: »Du hast doch niemandem erzählt, dass ich dem Ritter eine Kette verkauft habe?«
»Nein, Vater, ich habe nichts gesagt«, beteuerte das Mädchen.
Casendorpe schob das Rechnungsbuch der Gilde, in das er gerade seine Eintragungen gemacht hatte, beiseite. »Wir könnten ein bisschen spazieren gehen, Hedwig«, sagte er dann. »Zum Beispiel in Richtung Markt und Apotheke.«
»Ah, du willst die Neuigkeiten also auch hören. Vater, ich habe dir doch gesagt, dass er in Stücke gehauen wurde und ...«
»Schweig still!«, befahl der Goldschmied seiner Tochter. »Das ist nichts, worüber junge Mädchen sprechen sollten. Warte vor dem Haus, ich mache mich gleich fertig.«
Gerüchte, Marktgeschwätz – das waren gefährliche Geschichten, die man umgehend hören sollte. Besonders, wenn sie einen Mann betrafen, der eine von dir gefertigte Goldkette um den Hals trug und jetzt tot war.
Dem Himmel sei Dank, dass er tot war.
Kapitel 4
Revaler Marktplatz 16. Mai, Morgen
Der Oldermann der Bruderschaft der Schwarzhäupter, der Kaufmann Clawes Freisinger, hörte von der Ermordung des Ordensgebietigers Clingenstain ebenfalls auf dem Revaler Markt, wo er mit zwei Schaffern die schmackhaftesten Leckerbissen für das Bierfest am Abend zusammensuchte. Der Onkel des Milchmanns vom Domberg hatte der Tochter des Fischhändlers erzählt ... jemand hatte etwas gesehen, jemand hatte etwas gehört ... der Kopf war abgehauen worden ... eine furchtbare Geschichte ... dass diese Ritterherren auch nicht nüchtern bleiben konnten ... genau der Clingenstain, der schon mehrere Tage lang auf Kosten des Rates in Saus und Braus lebte ... eine schreckliche Schande für die ganze Stadt ...
Freisinger spitzte die Ohren, aber Gerüchte waren eben nur Gerüchte. Eines war klar – es musste viel Blut geflossen sein.
Im Gegensatz zum Goldschmiedemeister Casendorpe war der Schwarzhäupter Freisinger sehr neugierig. Im Kaufmannsberuf war kein Gerücht zuviel, im Gegenteil – über die Angelegenheiten, Pech und Unglück, Freuden und Feierlichkeiten einer Stadt Bescheid zu wissen, war einem Kaufmann immer von Nutzen. Ein Kaufmann, insbesondere ein ausländischer Kaufmann musste über die Angelegenheiten der Stadt mehr wissen als ein Ratsherr. Freisinger spitzte die Ohren, doch er hörte zu viele unterschiedliche Varianten. Aber Blut musste viel geflossen sein.
Er musste mehr erfahren. Er lenkte seine Schritte in Richtung Apotheke, aber bemerkte dann, wie sich von ferne Goldschmiedemeister Casendorpe näherte, seine Tochter Hedwig am Arm. Freisingers Herz machte einen Freudensprung. Dort näherte sich sein zukünftiger Schwiegervater mitsamt der Braut. Für einige Zeit vergaß er die schrecklichen Bluttaten, die sich auf dem Domberg zugetragen hatten.
Hedwig war Clawes Freisingers Freibrief zu den Reichen und Angesehenen dieser Stadt. Sie war die beste Braut, die in der Stadt zu finden war, zumal sie so hübsch war wie die heilige Ursula und so reich wie ... ja, eigentlich wie Goldschmiedemeister Casendorpe selbst. Hedwig bedeutete für Freisinger den Zugang zur Großen Gilde und den Abschied vom Stand der Schwarzhäupter. In Reval gab es natürlich auch viele, die ihn für den besten Bräutigam der Stadt hielten. Dass er arm war, konnte niemand sagen, dafür sorgte Clawes Freisinger jederzeit. Seine Mäntel und Umhänge waren aus den teuersten Stoffen und seine Hüte genauso prächtig und mit Federn geschmückt wie die eines Barons. Er sparte nie an Geld, wenn er seine Ringe und Ketten kaufte, an seinem Kragen prangte stets eine silberne Brosche und selbst im Winter hing auf seinem Pelzmantel aus den wertvollsten Fellen ein vergoldeter Anhänger.
Genauso wenig konnte jemand sagen, dass er ungeschickt im Umgang mit Waffen war. Er saß so sicher im Sattel wie ein Ritter, schoss mit der Armbrust so genau wie ein englischer Bogenschütze, und wenn der Rat den Kriegstruppen der Schwarzhäupter befahl, ihre Ausrüstung vorzuzeigen, so war diese immer tadellos in Ordnung, die Harnische glänzten und die Hellebarden waren scharf wie Fleischermesser. Wenn die Gilden der Stadt Kriegsspiele veranstalteten, war es für Freisinger Ehrensache, dass die Schwarzhäupter die meisten Preise gewannen und dass sie bei allen als die tapfersten Soldaten galten.
Natürlich waren sie nur Kaufleute und die meisten von ihnen zudem Kaufleute aus dem Ausland, aber das Abhalten von Turnieren verlieh allen Städtern das Gefühl, von Adel zu sein, und sei es nur für einen Moment. Und Freisinger war sich ziemlich sicher, dass es für ihn oder einen anderen gestandenen Schwarzhäupter ein Leichtes war, so manchen harrischen Vasallen mit der Lanze aus dem Sattel zu heben.
Clawes Freisinger lebte seit nunmehr fünf Jahren in Reval und er hielt es für seinen Verdienst, dass die Schwarzhäupter, die vorher ein Schattendasein geführt hatten, nun in der ganzen Stadt bekannt und berühmt waren.
Freisinger war ledig und in Reval ein begehrter Bräutigam. Er war es gewohnt, dass die Kaufmannsfrauen ihm nachsahen. Die Mädchen hatte er für ihre Gesellschaft niemals bezahlen müssen. All dies war auch für Fräulein Hedwig kein Geheimnis, ganz bestimmt nicht.
Clawes Freisinger blieb stehen und wartete geduldig, bis das Mädchen ihn bemerkte. Dann nickte er ihm vorsichtig zu und machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Westseite des Marktplatzes. Dort würde es ihnen wohl gelingen, sich zu treffen und sich in einer verborgenen Ecke das zu schwören, was sie einander das letzte Jahr immer wieder geschworen hatten.
Zu seiner eigenen Überraschung war Clawes Freisinger zu dem Schluss gelangt, dass er das Fräulein Hedwig Casendorpe aufrichtig und innig liebte und wohl bereit war, den Preis zu zahlen und den Schwarzhäupterstand aufzugeben, wenn er nur diesen Körper, den er im Moment unter den Kleidern des Mädchens nur erahnte, als rechtmäßig angetraut in sein Bett holen konnte.
Ich sollte stärker als die Verlockung sein, dachte er, als er nun Fräulein Hedwig wie ein Schafhirte hinterher lief.
Kapitel 5
Dominikanerkonvent 16. Mai, Morgen
Der Dominikanerprior Baltazar Eckell fühlte sich schon seit geraumer Zeit schlecht. Ihn plagten Schmerzen und Sodbrennen, er hatte keinen Appetit, ihm wurde schwindlig und schwarz vor Augen und manchmal, wenn es ihm besonders schlecht ging, glaubte er die Stimme des Erzengels Michael zu hören, der ihn rief und ihm mitteilte, dass er erwartet würde. Vielleicht war seine Zeit auf Erden tatsächlich bald zu Ende, obwohl er doch noch so viel zu tun hatte, vom Bösen verursachte Dinge wieder gut zu machen. Aber gestern war die Zeit auf Erden für einen Mann tatsächlich zu Ende gegangen, das hörte er jetzt von Cellerarius Hinricus, der es vom Koch des Klosters gehört hatte, und der wiederum hatte es auf dem Markt gehört.
Henning von Clingenstain war auf dem Domberg ermordet worden. Ihm war der Kopf abgeschlagen worden. Der Herr sei ihm gnädig.
Prior Eckell saß zusammen mit dem jungen Cellerarius im Skriptorium des Klosters. Die Kapitelversammlung war gerade zu Ende gegangen. Schon seit Jahren kam der Prior im Anschluss an die Kapitelversammlung ins Skriptorium, um über himmlische und weniger himmlische Dinge nachzudenken. Die Klosterbrüder waren um diese Zeit in der Stadt beim Predigen oder erledigten andere Dinge für den Konvent, so dass der Prior ungestört seinen Gedanken nachgehen konnte. Und heute hatte er es sehr nötig gehabt nachzudenken, denn gebetet hatte er bereits. Er konnte sich nicht erinnern, ob er diese Nacht überhaupt geschlafen hatte. Beten war eine Kunst, das wahre Beten, die flehende Kraft, die aus dem Inneren des Menschen hervorbricht und Gott erreicht, diese Kunst musste man lernen und zwar mit Hingabe. Prior Eckell hatte gelernt, vor dem Einschlafen so zu beten, dass seine Gebete die ganze Nacht über bei ihm blieben, bis in seine Träume. In seinen Träumen durchlebte er sie noch einmal, sie umkreisten seine Gedanken und er hörte sich sogar mit den Engeln und Heiligen sprechen. Er hatte sich diese Fähigkeit schon als junger Mann angeeignet, um Zuflucht vor den begehrlichen Träumen zu finden, die ihn, den zwanzigjährigen Mönch, des Nachts heimsuchten. Und diese Fähigkeit, diese Kunst hatte er sich erhalten. Die Sünde lauerte dem Menschen bei jedem Schritt auf. Die Gedanken eines Mönches mussten wie eine mit sicheren Mauern geschützte Stadt sein, im Schlaf aber standen die Stadttore offen und die Stadtwächter waren mitsamt den Torschlüsseln verschwunden. Deshalb lernte der junge Baltazar eifrig, mit seinen Träumen zu kämpfen, damit die Versuchungen der Nacht seine Gedanken am Tage nicht vergifteten.
In der vergangenen Nacht hatte er diese Fähigkeit sehr gebraucht.
»Hochwürden, diesem Ordensmann habt Ihr doch gestern auf dem Domberg die Beichte abgenommen?«, fragte der Cellerarius Hinricus beunruhigt.
»Ja, das habe ich«, antwortete Eckell müde.
»Als ob es also himmlische Vorhersehung gewesen wäre? Tagsüber will er beichten und schon ein paar Stunden später stirbt er durch das Schwert. Als ob er es geahnt hätte?«
Aber Eckell antwortete nicht. Er sagte Hinricus nicht, dass der Ordensgebietige Clingenstain keinen Grund zur Annahme gehabt hatte, an diesem Abend auf dem Domberg seinen Tod zu finden. Die Heiligen sehen es als die Pflicht eines Priors, junge Mönche von weltlichen Gräueln fernzuhalten. Sie kannten den Tod noch nicht, sie kannten seinen Geruch noch nicht, sie erinnerten sich nicht an den Tod, so wie ein Prior sich erinnerte. Und er, Baltazar Eckell, erinnerte sich an sehr viele verschiedene Tode, er erinnerte sich an ihre Farben, Gerüche, Geräusche ... oh nein, ganz sicher hatte Clingenstain nicht damit gerechnet, dass sein Tod die Farbe hellroten Blutes hatte, das auf einen grauen Steinboden floss, und nach maßlos gezechtem Bier roch.
»Soll ich dem Infirmarius auftragen, dass er Euch einen Efeuaufguss kocht?«, fragte Hinricus plötzlich besorgt. »Ihr seid blass, Hochwürden.«
»Ich bin blass, weil mein Blut schon so weiß geworden ist wie mein Haar«, entgegnete der Prior. »Nein, den Infirmarius braucht es nicht. Weißt du, wo Wunbaldus ist?«
»Vorhin war er in der Braustube und probierte sein kupferfarbenes Bier. Das Bier, welches heute Abend bei den Schwarzhäuptern bewertet wird. Soll ich ihn rufen lassen?«
»Ja ... oder besser, nein«, murmelte der Prior. »Ich muss nachdenken.« Ich muss mich beruhigen und nachdenken. »Lass bitte mein Schachbrett in Wunbaldus‘ Arbeitsstube bringen und ...« Er verstummte plötzlich. Hinricus wartete geduldig. Der alte Mann atmete schwer, seine Hand ruhte auf dem Buchdeckel und sein Blick war ans Fenster geheftet, als hätte er dort die heilige Katharina erblickt. Von draußen drang Vogelgezwitscher in die heilige Stille des Skriptoriums mit seinen feuchten Wänden. Er spürte, wie ihm sein Gedankengang entglitt und wie Schnee im Frühling schmolz.
»Schneit es noch, Hinricus?«, fragte der Prior unvermittelt, den Blick immer noch am Fenster, durch das die knospenden Obstbäume des Klosters zu sehen waren.
»Nein, Hochwürden, es schneit nicht mehr«, antwortete Hinricus leise. Schon zwei Monate schneit es nicht mehr, die Jungfrau Maria sei uns gnädig.
»Der Schneefall hat also nachgelassen«, flüsterte der Prior. »Das ist gut, Hinricus, gelobt sei der Herr, das ist sehr gut.«
Kapitel 6
Melchiors Apotheke 16. Mai, Morgen
»Das arme Mädchen«, wiederholte Keterlyn, als sie neben ihren Gemahl trat und Gerdrud nachschaute.
»Alles andere als das, meine Liebe«, sagte Melchior und schmunzelte. »Gerdrud ist vielleicht unglücklich, aber arm ist sie nicht, denn Herr Mertin ist einer der reichsten Männer Revals.«
»Doch was nutzt dir der Reichtum, wenn du keinen Pfennig davon siehst und jeden Tag die geschwollenen Beine deines kranken Gemahls einreiben musst wie ein Armenpfleger?«, fragte Keterlyn. »Ich kenne Gerdrud schon seit meiner Kindheit, als wir zusammen auf der Wiese vor der Stadt gespielt haben, sie sprudelte nur so vor Lebensfreude, ein so vergnügtes Mädel, aber sieh sie dir jetzt an ...«
Der Apotheker zuckte die Achseln. »Natürlich haben Gerdruds Eltern nicht so sehr für ihre Tochter gesorgt, dass sie sie einem jungen, tüchtigen Apotheker zur Frau gegeben hätten, aber wenn man den Brautpreis anschaut, den der alte Mertin Gerdruds Eltern gezahlt hat und das, was ich deinen Eltern geben konnte ...«
»Mein Vater war auch nicht deutscher Abstammung, sondern ein Este und eben nur ein einfacher Steinmetz«, sagte seine Frau vorwurfsvoll.
»Nun ja, da habe ich einen guten Handel gemacht, ich habe mir das stattlichste Mädel ausgesucht, für das nur ein geringer Brautpreis zu zahlen war ...«
Keterlyn brach in Gelächter aus. »Du alter Geizhals!«
»Aber ich beklage mich nicht, nicht im Geringsten, das käme mir gar nicht in den Sinn. Der Preis war nicht hoch, aber was für ein Prachtweib. Übrigens, ich habe vorhin auf meiner Sternenkarte nachgeschaut, was diese einem schlauen Apotheker für heute verspricht, und dort stand etwas sehr Erfreuliches«, verkündete Melchior und blinzelte seiner Gemahlin spitzbübisch zu.
Keterlyn ertappte seinen Blick dabei, wie er ihren Körper entlangglitt und fragte mit gespielter Strenge: »So, was denn?«
Melchior zwinkerte noch einmal und breitete die Sternenkarte aus. »Tritt nur näher, meine Liebe, und schau selbst.«
»Dieses Sternenzeug ist doch Hokuspokus und ich glaube sowieso nicht dran, was soll ich da denn schauen?«
Wenn Keterlyn überhaupt an irgendetwas ernsthaft glaubte, so war dies ihr weiblicher Instinkt, in dem sich die alte Bauernschläue ihrer Vorfahren und die Vorsicht einer modernen Städterin vereinten. Melchior aber schmunzelte und beugte sich über die Sternenkarte. Die Frau eines Apothekers ist eben kein Apotheker, dachte Melchior.
»Wenn ich es richtig verstehe, so zeigt der Schütze ziemlich eindeutig, dass heute morgen ein tüchtiger und vortrefflicher Apotheker genau hier und jetzt von seiner lieben Gemahlin einen süßen Schmatz bekommt«, sagte er dann. Er drehte sich schnell um und zog seine Frau an sich. Keterlyn zierte sich anfangs, doch nur, weil sich das so gehörte. Ihren Einwand, dass doch jeden Moment jemand hereinkommen könnte, wollte Melchior nicht hören. Er drückte seine Frau sanft gegen den Ladentisch, drückte die Lippen auf ihren Mund, fuhr mit der Hand unter ihr Kleid und streichelte ihre geschwungene Hüfte.
»Siehst du, Liebste, genau so, wie es der Schütze vorausgesagt hat: Ein süßer Schmatz, und der Tag kann beginnen. Du glaubst also ganz umsonst nicht an die Sternenkarte«, flüsterte er nach einer Weile seiner Frau ins Ohr.
Und erst nachdem Keterlyn die Voraussage des Schützen bereitwillig entgegengenommen hatte, hörte Melchior Wakenstede, dass gestern auf dem Domberg ein hochrangiger Ordensritter umgebracht worden war. Keterlyn war am Morgen auf dem Markt gewesen, und wie Melchior schon oft bemerkt hatte, war der Markt der einzige Ort in der Stadt, wo man noch früher als in der Apotheke das Neueste hörte.
»So, haben die Ritter einander ein wenig zur Ader gelassen?«, fragte er neugierig, denn Apotheker sind nun einmal sehr neugierig.
»Ich weiß nicht. Ein gewisser Clingenstain oder so ähnlich. Es heißt, dass man ihm den Kopf abgeschlagen hat, im Schlaf!«
»Du lieber Gott!«, entfuhr es Melchior. »Was für furchtbare Spiele unsere Ritterherren nur spielen. Wer mag dieser Übeltäter nur gewesen sein?«
»Oh, erzählt wird alles Mögliche, aber Genaues weiß niemand. Der Komtur weiß es auch nicht, es gibt keine Zeugen. Der Kopf war abgeschlagen und das ist alles, kein Mörder weit und breit. Ein paar Rittersknappen wurden am Morgen schon beim Rathaus gesehen, die waren recht verdrossen und stritten miteinander. Melchior, sag, wohin ist unsere Welt nur geraten, wenn schon die Ordensmänner untereinander Streit suchen und so schreckliche Bluttaten begehen?«
»Ich weiß es nicht,« gestand Melchior und sah zum Fenster hinaus. »Und ich weiß nicht, ob ich es überhaupt wissen will. Aber ich glaube, dass wir gleich mehr darüber hören werden, denn dort kommt ja unser werter Gerichtsherr Dorn persönlich.«
Die Stadt war zum Leben erwacht, auf der Raderstraße drängte sich bereits die alltägliche Menschenmenge, und unter den bekannten Gesichtern erkannte Melchior sofort ein besonders vertrautes Gesicht, seinen guten Freund, den Gerichtsherrn der Stadt Reval, Wentzel Dorn. Und schon als Dorn die Apotheke betrat, wusste Melchior, was für Nachrichten ihm der Freund brachte. Der Gerichtsherr schien mürrisch und verdrossen, er hatte seine Amtskette vergessen und brannte auf ein paar Heilschnäpse und guten Rat.
Das ist nicht das erste Mal, erinnerte sich Melchior. Der Gerichtsherr kannte sich zwar gut im lübischen Recht aus und er hatte kräftige Diener, aber wenn er guten Rat brauchte, so war die Apotheke der erste Ort, den er aufsuchte. Es war schon drei Mal vorgekommen, dass Melchior dem Rat von Reval bei der Suche nach einem Mörder behilflich sein konnte und beim vorigen Mal im letzten Sommer, als Melchior herausgefunden hatte, wer jenen flämischen Ketzer erwürgt hatte, hatten sie festgestellt, dass sie sehr gerne Zeit miteinander verbrachten, über die weite Welt diskutierten und zusammen Bier tranken. Und das nannte man dann wohl Freundschaft.
Der Revaler Gerichtsvogt Wentzel Dorn war ein Dutzend Jahre älter als der Apotheker, ein untersetzter und stämmiger Mann mit roten Haaren, der leicht auf dem rechten Bein hinkte. Das rührte von einer alten Verletzung her, die er sich in seiner Jugend in der städtischen Kriegstruppe beim Kampf gegen die Litauer zugezogen hatte. Schon sechs Jahre lang war der gebürtige Revalenser Wentzel Dorn der Gerichtsvogt des Rates, einer von vierzehn Ratsherren, allerdings nannte man den Gerichtsvogt auch den kleinen Ratsherren, denn größeres Mitspracherecht bei der Planung von städtischen Angelegenheiten hatte er keines. Die Aufgabe des Gerichtsherrn war es, Verbrecher zu fassen und sie bei geringeren Vergehen nach dem lübischen Recht zu bestrafen. Ebenso war es seine Sache, ein Auge auf die Handwerker zu haben, dass sie die Vorschriften des Rates befolgten und die Stadtbewohner nicht betrogen. Bei schwereren Verbrechen hielt der ganze Rat Gericht, gemeinsam mit allen Bürgermeistern und Ratsherren. Wentzel Dorn war ein guter Gerichtsvogt, fand Melchior, und ein guter Richter, da er das Herz auf dem rechten Fleck hatte. Wie es im lübischen Recht stand, durfte sich ein Richter weder von Hass, Gunst noch Geschenken beeinflussen lassen und durfte niemanden fürchten außer dem Herrgott, und genau daran hielt sich Wentzel Dorn auch. Wenn jemand gefoltert werden musste, so befahl Dorn, ihn zu foltern. Und was Gerechtigkeit und Rechtsprechung anging, so war er weder übermäßig streng noch grausam, er hörte stets alle Beteiligten an und verhängte eine solche Strafe, die der Angeklagte zahlen konnte und die seine Familie nicht in die tiefe Armut trieb. Wenn aber Schläue nötig war oder man einen Verbrecher seinen Spuren nach suchen musste oder wenn ein Dieb alles abstritt und niemand gegen ihn aussagte, dann fehlte es Dorn manchmal an Scharfsinn. Aber dazu hatte man schließlich Freunde.
Ja, dies war nicht das erste Mal, dass Melchior seinem Freund einen guten Rat geben sollte, und mit genau solchen gerunzelten Augenbrauen wie immer in solchen Fällen betrat Wentzel Dorn nun die Apotheke.
Der Gerichtsherr begrüßte höflich Keterlyn und ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.
»Der Frieden des Herrn sei mit Euch, Herr Wentzel«, sagte Keterlyn.
»Von Frieden sind die Dinge hier weit entfernt«, entgegnete der Gerichtsherr unwirsch.
»Ich frage dann erst gar nicht lange«, sagte Melchior, »wie es dem Bauch des Gerichtsherrn heute morgen geht, ich schenke besser gleich einen heilenden Gewürzwein ein.«
»Ach«, rief Keterlyn mit gespielter Überraschung, »geht es dem Gerichtsherrn wieder im Bauch herum? Wie jeden Morgen?«
»So ein kleiner Heiltrunk, ja, der würde nichts schaden. Der Bauch zwickt und zwackt schon rechtschaffen ...«, brummte Dorn.
Melchior hatte die Tonflasche schon bereitgestellt. »Und wie ich sehe, sind die Bauchschmerzen heute ganz besonders schlimm, der Gerichtsherr hat deswegen sogar seine Amtskette vergessen«, bemerkte er, während er den Trunk eingoss. »Wohl bekomm‘s!«
»Dank dir, Melchior, wohl bekomm‘s!« Der Gerichtsherr kippte den Becher Gewürzwein mit Kräutern die Kehle hinunter und atmete tief aus. Keterlyn beobachtete ihn und lachte still in sich hinein. Soweit sie wusste, plagten den Gerichtsherrn seine Bauchschmerzen allzu oft und ein Apothekertrunk der stärkeren Art schien das einzige zu sein, was half.
Dorn ächzte jedoch: »Als ob der Leibhaftige selbst dahintersteckte, das zwickt und zwackt nur so. Die Amtskette aber, ja ... Die habe ich vielleicht gar nicht mehr lange um. Aber Melchior, falls du es noch nicht gehört haben solltest ...«
»Das habe ich wohl, denn meine Frau war heute früh bereits auf dem Markt«, sagte Melchior.
»In dem Fall weißt du schon mehr als ich«, meinte Dorn.
Melchior schwieg einen Moment und sagte dann ernster: »Nur ein kleines bisschen, Herr Gerichtsvogt, nur soviel, dass gestern auf dem Domberg am Abend dem ehemaligen Ordensgebietiger von Gotland der Kopf abgeschlagen wurde und dass der Mörder in die Stadt geflohen ist.«
»In die Stadt!«, rief Keterlyn. »Das hat auf dem Markt aber niemand gesagt! Woher weißt du das nur?«
»Nun, das ist nicht gerade schwer auszurechnen – wenn auf dem Domberg eine Bluttat begangen und noch niemand in Ketten gelegt worden ist, hat der Mörder es folglich geschafft, zu entfliehen. Und wenn er entflohen ist und sich am frühen Morgen Ordensdiener beim Rathaus herumtreiben und der Gerichtsvogt nach alledem äußerst missgestimmt ist, dann ist klar, dass er nur in die Stadt geflüchtet sein kann.«
Dorn nickte und nahm einen Schluck.
»Der Mörder ist in der Stadt? Ach du grundgütiger Himmel, Melchior, der Mörder ist in der Stadt? Jetzt wage ich mich überhaupt nicht mehr auf die Straße«, klagte Keterlyn.
»Um so besser«, sagte Melchior. »Ich habe dir vorhin nur das gesagt, was die Sternenkarte tüchtigen Apothekern für den Morgen versprochen hat, aber wenn ich jetzt recht überlege, stand dort für die Mittagszeit noch das eine oder andere mehr, geh also wirklich besser nicht in die Stadt.«
»Melchior! Schäm dich!« Keterlyn wurde rot, aber Dorn interessierte sich sogleich dafür, was denn über Gerichtsvogte für heute in der Sternenkarte stünde.
»Drei Becher Gewürzwein gegen Bauchschmerzen«, antwortete Melchior und nickte heiter. Keterlyn aber verabschiedete sich vom Gerichtsvogt, weil sie diese furchtbaren Mordgeschichten nicht hören wollte.
Das war eine ernste Angelegenheit, wenn der Mörder des hohen Ordensmeisters sich unter das Stadtrecht flüchtete. Oh, natürlich würde der Orden ihn auf den Domberg holen lassen, und natürlich würde der Rat ihn auch herausgeben, aber alles weitere hing davon ab, wer der Mörder war und warum er gemordet hatte. Die Ordensleute durften nicht selbst in die Stadt kommen und dort ihr Landrecht durchsetzen. Melchior liebte Reval, dies war seine Stadt. Er wollte, dass Reval wohlauf war, dass sich keine Krankheiten ausbreiteten und das Leben ungefährlich war und dass die Stadt auch für seine Kinder ein sicherer Wohnort blieb. Reval lag auf dem Herrschaftsgebiet des Ordens, obwohl hier das lübische Recht galt und der Orden bei Stadtangelegenheiten nicht mitbestimmen konnte. Wenn der Mörder des Ordensmannes aber ein Stadtbürger war, konnte die Rache des Ordens die ganze Stadt treffen. Das war noch nie passiert, dass jemand aus Reval einen Ritter geköpft hätte. Das war unerhört, das war grauenhaft ...
»Haben sie den Mörder gesehen?«, fragte Melchior plötzlich. »Haben die Ordensmänner gesehen, wer es war?«
»Das weiß ich nun nicht, was oder wen sie dort gesehen haben. Die Ritter erkennen doch kaum noch jemanden, die zechen mit den Männern von Gotland doch schon mehrere Tage lang«, brummte der Gerichtsvogt.
»Jaja, wenn ich jetzt nachdenke, war nicht dieser von Clingenstain – Friede seiner Asche –, jener berühmte Henning von Clingenstain von Gotland, einer der Armeeanführer des hochehrenwerten Ordensmeisters von Jungingen, als der Orden vor neun Jahren die Ordnung auf Gotland wiederherstellte und die Vitalienbrüder von dort vertrieb?«, erinnerte sich Melchior.
»So ist es«, bestätigte Dorn. »Wie dem Rat mitgeteilt wurde, reisen die Ordensmänner von Gotland über Reval zurück nach Marienburg, zum Hochmeister, nachdem der Orden Gotland nun an die dänische Krone abgetreten hat.«
»Von Clingenstain, der Schlächter von Gotland, wie man ihn nannte ...«, murmelte der Apotheker. »Wie man früher erzählte, verbrannten die Ordensmänner damals auf Gotland die Vitalienbrüder bei lebendigem Leibe, schlugen ihnen die Arme ab und ließen sie am Strand verbluten, manchen zogen sie die Haut ab und aus ihrer Haut machten sich die Ordensmänner Handschuhe. Dort ist das Blut geradezu in Strömen geflossen.«
»Und ganz zu Recht!«, polterte der Gerichtsvogt. »Hatten denn die Vitalienbrüder mit irgendjemandem Erbarmen? Haben sie denn damals nicht jedes Schiff ausgeraubt, ganz gleich, ob nun Schiffe der Hanse, aus Schweden oder Dänemark, waren sie nicht die schlimmste Plage der Nordsee, diese Bande von hinterhältigen, tollwütigen Räubern, verfluchte Mörder! Störtebeker, Gödeke Michels und Magister Wigbold und wie sie alle hießen ...«
Ja, Melchior kannte diese Namen, wie sie wohl jeder Hafenstadtbewohner hier am Meer kannte. Dies waren Namen aus seiner Jugendzeit, die Angst und Schrecken verbreitet hatten. Die Vitalienbrüder hatten mit niemandem Erbarmen und niemand Erbarmen mit ihnen. Die einen töteten, damit sich ihre Feinde vor Angst schneller ergaben, die anderen, damit die Räuber aus Angst vor ihrem Schicksal von den Meeren verschwanden. Die gefangen genommenen Vitalienbrüder wurden an Land gebracht und dort in den Häfen vor den Augen des Volkes hingerichtet. Eine solche Hinrichtung hatte er selbst vor einem Dutzend Jahren miterlebt. Im Hafen von Reval wurden drei Vitalienbrüder geköpft und ihre Schädel an die Schiffsdalben genagelt. Hunderte und aberhunderte von Menschen kamen bei diesen Kriegen ums Leben und der Zug der Verwüstung traf auch Livland, selbst Hapsal hatten die Vitalienbrüder niedergebrannt. Der Orden hatte alledem ein Ende gemacht. Melchior dachte daran zurück, hörte dem Gerichtsvogt und seinen Schimpftiraden zu und sah dabei ab und an aus dem Fenster. Er sah, wie unter all den Leuten der Herr Schwarzhäupter Clawes Freisinger und Fräulein Hedwig vertraulich flüsternd am Fenster vorbeigingen, er sah den Pastor der Heiliggeistkirche Herrn Rode vorbeilaufen, dann waren da der Schustergeselle und andere bekannte Leute, die offensichtlich noch nicht wussten, dass hier irgendwo auch der Mörder vom Domberg herumspazieren könnte.
»Sie hatten ihre Gefangenen in Heringsfässer gesteckt und ins Meer geworfen«, ereiferte sich der Gerichtsvogt weiter, »und sogar meinen Schwiegersohn hatten sie gefangen genommen und erst später hörten wir, dass er schon längst am Strand von Stralsund abgestochen worden war. Verflucht, Reval war wegen dieser Vitalienbrüder wie umzingelt, kein einziger ehrlicher Schiffer hat es mehr gewagt, ohne Soldaten zur See zu fahren und selbst die überkam manchmal die Gier und sie haben das ganze Schiff an die Vitalienbrüder verschachert. Das war ein Segen Gottes, Melchior, dass der Orden sie von Gotland verscheucht hat.«
»Ein Segen Gottes, das war es«, stimmte Melchior zu. »Auf der See ist es jetzt tatsächlich weniger gefährlich, obwohl die Räuberei dort solange weitergehen wird, wie Waren auf dem Seeweg befördert werden. Denn wie man hört, lassen die Vögte von Wiborg und Turku die Schiffe aus Reval von ihren Küstenleuten weiterhin kapern. Dennoch seltsam, dass von Clingenstain gerade jetzt sein Ende gefunden hat, nachdem er Gotland verlassen hatte.«
»Was willst du damit sagen, mein Freund?«
»Nichts, nur, dass es seltsam ist. Solange er Herrscher auf Gotland war, war er gesund und munter, und gerade jetzt, wo er seiner Amtspflichten entbunden ist, findet er sein Ende. Und das gerade in Reval, wohin er vorher wohl noch nie einen Fuß gesetzt hat und wo niemand Hass gegen ihn hegen konnte.«
Der Gerichtsvogt seufzte. »Gerade in Reval, ja, jetzt reibst du auch noch Salz in die Wunde.«
»Das ist doch die Aufgabe eines Apothekers, alle möglichen Wunden einzureiben. Nein, ich möchte auf deine Kosten keine Späße machen, lieber Freund, aber das eine sage ich dir, wenn ich dir irgendwie zwischen den Mühlsteinen des Rates und des Ordens heraushelfen kann, damit sie dich nicht ganz zermahlen ...«
Melchiors Angebot unterbrach ein heller Aufschrei vor dem Fenster. Er drehte sich um und sah, dass es offensichtlich Fräulein Hedwig Casendorpe gewesen war, das sich über Herrn Freisingers Worte mächtig gefreut hatte und daraufhin beinahe mit Pastor Rode zusammengestoßen war. Der Schwarzhäupter Freisinger versuchte nun, dem Pastor die Sache beschwichtigend zu erklären, Hedwig aber eilte fröhlich wieder auf den Markt zurück.
»Was ist los?«, erkundigte sich Dorn.
»Nichts besonderes«, meinte Melchior. »Der Herr Schwarzhäupter geht dort mit seiner Angebeteten nur spazieren. Oder besser gesagt, ging. Sie haben sich nämlich gerade sehr innig verabschiedet. Sieh einer an, der Herr Schwarzhäupter hat also vor einem so wichtigen Abend auch noch Zeit für Herzensdinge.«
»Abend? Was denn für ein Abend?«, fragte Dorn.
»Bester Freund, heute ist doch bei den Schwarzhäuptern der erste Tag der Bierprobe, wo sowohl der Herr Apotheker als auch der Herr Gerichtsvogt erwartet werden. Ich habe schon gestern gesehen, wie sie von den Dominikanern Bierfässer zu den Schwarzhäuptern gerollt haben.«
»Verdammt«, stöhnte Dorn. »Das hatte ich schon ganz vergessen. Das Fest wird doch wohl nicht abgesagt, jetzt, wo ...«
»Ein Mörder in der Stadt herumläuft? Aber das können wir Herrn Freisinger doch gleich fragen.«
Melchior steckte den Kopf zum Fenster hinaus und rief dem Kaufmann Freisinger zu, der Fräulein Hedwig noch sehnsuchtsvoll nachblickte: »Seid gegrüßt, Herr Schwarzhäupter, bleibt nun doch nicht auf der Schwelle stehen, kommt nur in die Apotheke herein, wenn Ihr schon in der Gegend seid.«
»Aber gerne«, erwiderte der Kaufmann von der Straße aus. Er sah noch einmal Hedwig hinterher, wie sie Richtung Rathaus lief und rieb sich schnell die Augen. Dann stieß er die Tür zur Apotheke auf und trat ein, während Melchior ihm bereits einen Becher seines Apothekertrunks einschenkte.
»Ah, der Gerichtsherr ist auch hier, einen guten Morgen«, nickte Freisinger ihm zu.
Melchior konnte nicht behaupten, dass Clawes Freisinger gerade sein Freund sei, dazu waren sowohl sie selbst als auch ihre Lebensweise zu verschieden. Jedoch brachte er diesem groß gewachsenen, südländisch anmutenden Mann Ehrerbietung und Hochachtung entgegen und das nicht nur, weil er als Apotheker zu den Festgelagen der Schwarzhäupter eingeladen wurde, nein. Clawes Freisinger war, so fand Melchior, ein Mann mit Gerechtigkeitssinn, er hatte etwas Edles und Ritterliches an sich, was ihn von den anderen Kaufleuten der Stadt abhob. Freisinger strahlte eine unerklärliche Würde aus, gerade, als sei er ein Adliger. Den Oldermann der Schwarzhäupter umgab auch ein bisschen etwas Geheimnisvolles und eine unerklärbare Kraft, die Melchior noch nie richtig verstanden hatte. Jetzt aber goss Melchior dem Herren Freisinger einen kleinen Becher Apothekertrunk ein und der Gerichtsherr wollte wissen, wer denn da gerade auf der Straße gerufen habe.
»Fräulein Hedwig Casendorpe hätte beinahe Pastor Rode von der Heiliggeistkirche umgerannt«, antwortete Freisinger sachlich. »Niemandem ist dadurch größerer Schaden entstanden.«
»Ah, Fräulein Hedwig war das, aber dann ist doch klar, warum sie den Pastor beinahe umrennt«, prustete Dorn vor Lachen.
»Ich verstehe nicht, was Euch zu der Annahme bringt?«, fragte Freisinger in nun angespannterem Ton.
»Hört mal, die ganze Stadt weiß doch, dass Fräulein Hedwig und Ihr den Pastor bald brauchen werdet, der wie es sich gehört vor dem Altar ...«, raunte der Gerichtsvogt vertrauensvoll und zwinkerte Freisinger zu. »Sagt an, Herr Schwarzhäupter – wann wird der alte Casendorpe für die ganze Stadt das Verlobungsfest ausrichten?«
Freisinger schien solches Gerede aber nicht zu passen. »Das müsst Ihr schon Herrn Casendorpe selbst fragen«, erwiderte er knapp.
Melchior klopfte dem Gerichtsvogt auf die Schulter und lachte. »Tja, unsere Stadt ist eben klein, da bleibt nichts unbemerkt und die Frauen fangen doch gleich an zu tratschen, sobald eine Hochzeit auch nur zu erahnen ist. Nun, auch ich habe gehört, dass der Herr Freisinger bald das fröhliche Leben der Schwarzhäupter hinter sich lassen und ein verheirateter Stadtbürger werden soll, aber erzählt wird eben alles Mögliche, und wenn etwas erzählt wird, gelangen die Gerüchte auch hierher in die Apotheke. Nehmt uns unsere Neugierde also nicht übel, Herr Schwarzhäupter.«
»Ich nehme sie Euch nicht übel, Melchior«, sagte der Kaufmann. »Ihr als verheirateter Mann wisst ja selbst, wie das ist: Man sagt etwas, der Nächste versteht es anders, und Dritte hören eine dritte Variante, und erzählen es Vierten wiederum auf ihre Weise weiter.«
»So ist es, Herr Schwarzhäupter«, stimmte Melchior zu. »Aber was sagt Ihr zu einem süßen Heiltrunk gegen die Halsschmerzen, die Euch letzte Woche erst plagten? Ich habe noch etwas davon übrig und Eurem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, würde ich sagen, dass die Schmerzen noch nicht ganz weg sind.«
»Es wäre in der Tat Sünde, den Trunk abzulehnen, wenn ich schon hier in der Apotheke bin. Tausend Dank und heute Abend werde ich Euch dann meinerseits bewirten.«
»Ja, richtig, die Bierprobe«, meldete sich nun Dorn zu Wort. »Sagt nur, sie wird doch nicht ausfallen?«
»Wann ist jemals bei den Schwarzhäuptern ein Fest ausgefallen? Wenn es so ausgerufen wurde und das Bier gebraut ist, findet bei den Schwarzhäuptern das Fest auch statt, und sollten die Stadt hunderte Feinde belagern.«
»Wenn Ihr das sagt, Herr Schwarzhäupter, wenn Ihr das sagt ... Ich wüsste nicht, dass die Schwarzhäupter früher in der Stadt so große Feste gefeiert hätten. Von euch hat man kaum etwas gehört, als ich jung war«, sagte Melchior und nickte. Es hieß, die Schwarzhäupter seien in Reval schon seit ein paar hundert Jahren ansässig, länger als die anderen Gilden, aber das behaupteten nur sie selbst und Melchior erinnerte sich wirklich nicht, dass viel von ihnen die Rede gewesen war, bevor Herr Freisinger in die Stadt kam. Kaum war aber Freisinger in die Stadt gekommen, wurden die Schwarzhäupter auf einen Schlag berühmt. Der junge Kaufmann hatte die Söhne der Kaufleute der Großen Gilde und andere Kaufmänner aus dem Ausland zu den Schwarzhäuptern geholt. Seitdem, schon seit drei Jahren, waren die fröhlichen und vergnügten Schwarzhäupter in der ganzen Stadt bekannt für ihre ausgelassenen Feste und Drunken, Kampfspiele und Turniere. Davor gab es in Reval nur drei alte alleinstehende Kaufmänner, die sich Schwarzhäupter nannten. Diese waren aber schon so alt und gebrechlich, dass mit ihnen auch die Gilde der Schwarzhäupter zu Grabe getragen worden wäre.
Freisinger nippte an seinem Becher und pries den Apothekertrunk, dass er dem Hals wirklich sehr gut tue. »Mit den Schwarzhäuptern ist es in jeder Stadt eben ein bisschen anders«, antwortete er dann auf Melchiors Frage. »Von unseren Bruderschaften gibt es auch nicht sehr viele. Ja, aber Ihr habt vorhin gefragt, ob das Fest ausfallen würde. Warum sollte es denn ausfallen? Ist etwas passiert?«
»Hat der Herr Schwarzhäupter etwa noch nichts über den Vorfall auf dem Domberg gehört?«, fragte Dorn.
»Ich war gerade auf dem Markt und dort ist mir wohl etwas über den Domberg zu Ohren gekommen, aber ich habe nicht genauer nachgefragt. Was ist denn, ist etwa Krieg ausgebrochen? Nur heraus mit der Sprache, Melchior, sicher sind doch auch diese Gerüchte schon in der Apotheke angekommen«, erkundigte sich Freisinger belustigt.
»Soviel ich weiß«, sagte Melchior, »wurde der ehemalige Ordensgebietiger von Gotland Henning von Clingenstain gestern Abend auf dem Domberg um einen Kopf kürzer gemacht.«
»Gotterbarmen, der berühmte von Clingenstain!«, brach es aus dem Schwarzhäupter hervor. »So ist es also wahr! Gütiger Himmel! Wer kann dieses furchtbare Verbrechen nur begangen haben?«
»Der Mörder ist in die Unterstadt geflohen, heißt es«, äußerte der Gerichtsvogt verärgert. »Aber wer es war, das weiß ich nicht.«
Sie stießen an und tranken, so wie es hier in der Stadt Brauch war, wenn man vom Domberg schlechte Nachrichten hörte.
»Hat der Ordensmeister denn schon ein Kopfgeld ausgesetzt?«, fragte Freisinger schließlich.
»Das weiß ich nicht, was der Ordensmeister getan hat oder nicht getan hat, aber das werde ich wohl gleich zu hören bekommen, denn ich bin von hier auf dem direkten Weg auf den Domberg, sobald meine Bauchschmerzen etwas nachgelassen haben«, meinte Dorn. »Nein, über ein Kopfgeld haben die Ordensmänner nichts gesagt. Ach, aber das haben sie erwähnt, dass man dem armen Clingenstain irgendeine Münze in den Mund gestopft hatte und den Kopf an die Wand ...«
»Eine Münze in den Mund gestopft!«, rief Melchior erschrocken.
»Das sagten sie. Dass die ihm aus dem Mund gekullert war, als man ihn fand. An so etwas Widerwärtiges möchte ich gar nicht erst denken.«
»Eine schlimme Sache«, meinte Freisinger nachdenklich. »Je schneller der Mörder gefasst wird, desto besser, sonst wird der Ordensmeister ungehalten, und wenn seine Wut die Stadt treffen sollte ... das würde den Kaufleuten nicht gefallen. Aber erinnert doch den Komtur auf dem Domberg daran, dass auch er heute und übermorgen bei den Schwarzhäuptern als Gast erwartet wird. Übrigens, was hält denn der ehrenwerte Rat von der Sache? Wird er ein Kopfgeld aussetzen?«
»Der ehrenwerte Rat hat sich noch nicht besprochen«, sagte Dorn. »Der ehrenwerte Rat schläft oder treibt seine Handelsgeschäfte und der Gerichtsherr muss mit schrecklichen Rückenschmerzen auf den Domberg steigen. Das ist eine leidige Sache. Von welcher Seite man es auch betrachtet – es bleibt doch eine leidige Sache.«
Melchior schmunzelte: Vorhin hatte der Gerichtsherr noch über Bauchschmerzen geklagt. Doch dann verabschiedete sich Freisinger von ihnen und betonte noch einmal, dass eine so wichtige Veranstaltung wie der Smeckeldach ganz sicher nicht ausfalle, wenn der Rat es nun nicht ausdrücklich verbot. Und dass nach altem Brauch der Ordenskomtur als Landesherr herzlich eingeladen sei. Dann zog er seinen Hut und ging und Melchior kam es vor, als hätte er noch kurz vorher aus dem Augenwinkel auf der Straße das Gesicht von Goldschmied Casendorpe gesehen. Dies führte ihn zu dem Gedanken, dass es doch sehr schade wäre, wenn die Stadt einen so fleißigen und großartigen Schwarzhäupter verlöre.
Aber so stand es in ihrem Schragen geschrieben, dass zu den Schwarzhäuptern keine Stadtbürger oder verheiratete Männer gehören durften. Wenn ein Schwarzhäupter heiratete – und alle Zeichen deuteten daraufhin, dass Herr Freisinger in genau diesen Hafen segelte – musste er das Amt des Schwarzhäupter-Oldermanns niederlegen. Aus ihm wurde dann ein Stadtbürger und verheirateter Mann, er wurde in die Große Gilde aufgenommen und die Schwarzhäupter mussten sich einen neuen Oldermann suchen. Das war eine etwas seltsame Regel, aber bei den Schwarzhäuptern war eben alles ein wenig seltsam. Es gab sie zwar schon seit ewigen Zeiten in Reval, aber niemand hatte sie recht gehört oder gesehen. Sie suchten sich stets unter den neuen Kaufleuten ihre Nachfolger und was für Dinge sie untereinander besprachen, wusste niemand. Jetzt aber, wo sie sich mit den Söhnen der Männer der Großen Gilde und den ausländischen Kaufmannsgesellen zusammengetan hatten, fand man in der Stadt kaum eine fröhlichere Gesellschaft. Wer weiß, vielleicht wäre auch aus mir ein Schwarzhäupter geworden, dachte Melchior.
»Gut«, sagte er dann zum Gerichtsherrn. »So wie ich die Dinge sehe, haben wir jetzt einen wichtigen Gang auf den Domberg vor uns. Ich wiege schnell ein paar Arzneien ab, damit Keterlyn alleine zurecht kommt, solange ich fort bin ...«
Der Gerichtsherr kratzte sich am Hals und gab zu, dass er im Namen des Rates tatsächlich genau diese Bitte habe.
»Weißt du, wenn du nichts dagegen hast, dann ...«, murmelte er unsicher, »würde dich der Rat als Gehilfen des Gerichtsherren bezahlen, so wie letztes Mal, weißt du noch, als wir diesen Würger suchten. Nun ja, und unter uns gesagt, waren meine Rückenschmerzen auch nur so getan als ob ...«
»Bauchschmerzen, meintest du«, berichtigte Melchior grinsend. »Aber ja, ich bin gerne einverstanden. Und mir fiel gerade ein, dass ich dem Komtur ab und zu einen Trunk der besonderen Art habe zukommen lassen. Den braue ich aus süßem Met und ein paar Heilpflanzen zusammen und er treibt nach mehrtägigem Feiern die Müdigkeit wie von Zauberhand aus den Knochen. Das ist meine Apotheke und meine Stadt, und ich will wissen, was hier in der Stadt vor sich geht. Komm mit, gehen wir nach hinten, ich gebe meiner Frau ein paar Anweisungen, außerdem muss ich meinen Hut suchen und ihn erst etwas abstauben.«
»Gehen wir, mein Freund,« rief Wentzel Dorn und sprang auf, »geben wir dem Hut ein paar Anweisungen und stauben deine Frau ab und dann nichts wie auf den Domberg!«
Kapitel 7
Beim Kirchgarten der Nikolaikirche 16. Mai, Vormittag
Kilian Rechperger streifte gerne durch die Gärten Revals und übte dort unter den schattigen Sträuchern und Bäumen seine Lieder. Er hatte mehrere Lieblingsorte, einer davon lag zwischen der Schmiedestraße und der Unterbergstraße, unter den Obstbäumen, in der Gegend, wo die ärmeren Leute wohnten und wo Ludke ihn gar nicht erst suchen würde. Die Tatsache, dass ihm der Diener seines Hausherren in der Stadt nachspionierte – wenn der alte Onkel Mertin ihm keine anderen Aufgaben aufgetragen hatte –, brachte Kilian manchmal richtig außer sich. Aber als Kostgänger durfte er seinen Ärger nicht offen zeigen, ein Kostgänger musste stets unterwürfig und dankbar sein. Nachdem Ludke Kilians früheres Versteck entdeckt hatte, kam Kilian nun öfter hierher, an den Fuß des Dombergs, in den schattigen Kirchgarten der Nikolaikirche, was noch dazu näher an seinem Zuhause lag. Unterhalb lagen die Hinterhöfe der Häuser in der Schmiedestraße, oberhalb die Nikolaikirche und ringsumher wuchsen Bäume. Es war ein verborgener und sicherer Ort und Ludke hatte ihn bisher noch nicht aufgespürt. Am Nordrand des Kirchgartens direkt gegenüber der Münze wuchs dichtes Dickicht und dort lag ein großer Stein, auf dem man bequem sitzen und von wo aus man die Vorbeigehenden auf der Straße gut sehen konnte.
Hier unter den blühenden Apfelbäumen und Linden hatte Kilian in Reval seine schönsten Melodien geschrieben. Hier dachte er an die Worte seines Freundes Giuseppe, dass die beste Musik in Gärten geschaffen wurde, wo es grün war und das Leben blühte. Was Gärten anging, war Reval eine arme Stadt, nicht so wie Mailand ... Immer, wenn er an seine Zeit in Mailand dachte, zog sich Kilians Herz ein wenig zusammen. Ach, warum konnte es in Reval nicht solche Gärten geben wie in Mailand, solche Wärme und Lebensfreude, solchen Stolz und Edelmut, dachte er oft. Hier war es oft kalt und ungemütlich, der Sommer war kurz und das Frühjahr schien ewig zu dauern. Der Schnee schmolz, doch das Wetter wurde einfach nicht warm, Gras und Bäume nicht grün. Es schien geradeso, als wisse die Natur nach dem langen Winter nicht mehr, ob sie noch lebte oder schon tot war. Den Revaler Frühling hasste Kilian am meisten, er war so anders als zu Hause in Nürnberg oder in Mailand, wo er die bisher schönste Zeit seines Lebens verbracht hatte. Nicht der Winter, sondern der Frühling war in Reval die Zeit des Todes. Der Winter war in seiner kalten Gläsernheit, mit behaglichen Abenden an der warmen Feuerstelle, sogar schön. Der Frühling tat aber durch sein Nichtvorhandensein weh, mit seiner Kälte, seinem Schmutz und Dreck. Im Frühjahr war es am schwierigsten, hier zu leben. Ostern in Reval bedeutete Starre, Niedergeschlagenheit und Trauer. Doch auch in Reval fand man schöne Dinge, die Herz und Auge erfreuten und jetzt, Mitte Mai, schien es, als hätten auch die Bäume und Sträucher begriffen, dass die Zeit des Todes vorbei war.
Heute hatten im Kirchgarten der Nikolaikirche die Apfelbäume angefangen zu blühen.
Kilian Rechperger saß auf dem von der Frühlingssonne gewärmten Stein und spielte auf seinem Instrument. Ihm zu Füßen saßen zwei Mädchen und lauschten seiner Musik. Alle beide, Katrine und Birgitta, waren hübsch, Töchter stolzer Stadtbürger obendrein, aber sie waren so jung, dass die Liebe für sie noch nicht einmal ein Spiel war. Ihre Herzen waren zwar voller Übermut, bald würden sie ins Heiratsalter kommen, aber noch war die Liebe für sie etwas Fremdes – und Lustiges. Sie wussten nicht, dass Liebe weh tun musste und dass wahre Liebe Schmerz bedeutete.
Kilian sang:
Sieh, dort an der Wegkreuzung steht
beim Dorrenstamm eine Schenke
und der Teufel selbst in die Schenke geht ...
Das war ein altes Lied, er hatte es vor ein paar Jahren im Herbst in einer Herberge am Wegesrand gehört, als er von Nürnberg nach Mailand unterwegs gewesen war. In dem Lied ging es um eine Schenke, in der der Teufel die Reisenden vom rechten Weg abbrachte, sie zum Würfelspiel verleitete und sie zwang, zur Deckung ihrer Schulden ihre Seele zu verkaufen. Früher hatte Kilian das Verkaufen der Seele für vollkommen nichtig und unwichtig gehalten. Davon sprachen die Bischöfe und die Wandermönche manchmal in ihren Predigten, doch in Wirklichkeit konnte man seine Seele doch nicht verkaufen, das war alles nur Gerede.
Jetzt wusste er es besser, jetzt verstand er dieses Lied.
Seine Seele konnte man verkaufen. Der Mensch ließ sich auf den Sündenpfad locken. Die Sünde lauerte in Gedanken, in Blicken ... und im Begehren, und das war eine Todsünde. Kilian hatte den Kirchgarten nicht grundlos für seine mittägliche Faulenzerei gewählt. Mittags kam hier Gerdrud vorbei, wenn sie zur Mühle hinter der Schmiedepforte ging.
»Hört mal, Herr Meistersänger aus Nürnberg, kennt Ihr denn auch lustigere Lieder?«, rief nun Katrine und lachte. Die Sommersprossen tanzten auf ihrem reizenden Gesicht, sie hatte rotes Haar und aufgeweckte grüne Augen.
»Ja, solche, die auch tugendhaften, jungen Mädchen ziemen, nicht nur solche übers Würfelspielen und den Teufel«, wünschte sich Birgitta.
»Oder findet Ihr etwa, dass alle Lieder nur davon handeln sollten, wie Männer sich mit Würfeln die Zeit vertreiben?«
»Dem Meistersänger Kilian Rechperger aus Nürnberg hat es vom vielen Meistersingen wohl ganz die Sprache verschlagen?«
Die Fragen prasselten auf Kilian herab, die Mädchen lachten und von Weitem sah Kilian, wie Gerdrud sich näherte. Die junge Frau hatte einen Marktkorb unter dem Arm und bemerkte Kilian. Und sie bemerkte auch die zwei Mädchen, die seiner Musik zuhörten. Wäre Kilian alleine gewesen, wäre Gerdrud vielleicht zu ihm gekommen und hätte ihn gerügt, dass er den Tag so nutzlos mit Lautenspiel vorbeiziehen ließ, nun aber trat sie nicht näher. Sie nickte ihm nicht einmal zu, sondern wandte den Blick ab, als hätte sie Kilian gar nicht gesehen, als wäre Kilian gar nicht da.
Das tat weh, doch es war ein süßer Schmerz, der Kilians Herz erfüllte.
»Ganz und gar nicht, gnädige Fräulein«, sagte er dann und strich mit den Fingern über die Lautensaiten. »Aber noch bin ich kein richtiger Meistersänger, ich bin erst ein Schulfreund, ein Wandergeselle. Nichtsdestotrotz singe ich Euch gerne etwas vor. Für jeden Menschen, sei er alt oder jung, dick oder dünn, hübsch oder hässlich, Mann oder Frau, Räuber oder Heiliger, gibt es auf dieser Welt ein Lied.«
»Und was sind wir Eurer Meinung nach? Jung oder alt? Dick oder dünn?«, fragte Birgitta. »Hübsch oder hässlich, Räuber oder Heilige?«
»Frauen oder Männer?«, kicherte Katrine.
»Wer Ihr seid, gnädige Fräulein, liegt an Euch zu entscheiden, zu suchen und zu finden. Ich habe meinen Weg gewählt und gehe ihn mit Gesang. Wisst Ihr, in unserer Gilde wird nur der ein wahrer Meistersänger, der auf der Stelle ein Lied erschaffen kann, aus der Luft, aus dem Nichts, ein ganz eigenes und neues Lied, das es vorher noch nicht gegeben hat«, erzählte Kilian eifrig. Gerdrud war jetzt schon in der Nähe, doch zu Kilian schaute sie nicht hinüber.
»Und Ihr beherrscht diese Kunst, Kilian Rechperger?«, erkundigte sich Katrine.
»Wie ich schon sagte, bin ich erst Geselle. Von der wahren Kunst des Meistersingens bin ich noch weit entfernt.«
»Seid doch nicht so bescheiden, Kilian. Wir haben doch gehört, wie Ihr vorhin gesungen habt.«
»Sagt, könntet Ihr beispielsweise sofort ein eigenes Lied erfinden, einfach so, aus dem Nichts?«
»Oder ein Lied über etwas, was Ihr gesehen habt und was Euch gefällt?«
»Ach, singe ich denn nicht die ganze Zeit davon, was mir gefällt und was mir am Herzen liegt? Kann man denn überhaupt von etwas anderem singen?«, fragte Kilian bedrückt.
Die Mädchen spornten ihn weiter an. Kilian sträubte sich nicht ernsthaft, er wartete einfach.
»So singt doch, Kilian! Das ist doch Eure Aufgabe, herumzureisen und den Leuten etwas vorzusingen«, verlangte Birgitta.
»Schön, dann singe ich«, versprach er. »Aber worüber?«
»Singt über irgendetwas! Oder nein, singt über das Nichts! Ja, genau, singt Euer eigenes, neu erfundenes Lied, das von nichts handelt«, riefen die Mädchen durcheinander.
»Über das Nichts? Gut, das mache ich«, war Kilian einverstanden. Gerdrud war nun ganz nah, so dass sie ihn hören musste. Kilian sah nicht, dass auch Apotheker Melchior und Gerichtsvogt Dorn unterhalb des Kirchgartens aufgetaucht waren. Dorn regelte dort etwas mit seinen Amtskollegen, Melchior kam aber ein paar Schritte näher, winkte Kilian kurz zu und blieb stehen, um das Lied anzuhören.
Dies ist ein Lied über das Nichts
Es ist nicht über mich, nicht über einen anderen
Nicht über die Liebe, nicht über die Jugend
Auch über nichts anderes, über nichts
Es kam mir in den Sinn, als ich schlief
Und auf meinem Pferd durch die Einsamkeit trabte
Ich weiß nicht, wann ich geboren wurde
Ich bin weder glücklich noch böse
Ich bin hier kein Fremder
Und habe hier doch keinen Platz
Daran kann ich nichts ändern
Eine Bergfee hat mich verzaubert
Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume
Mein Herz bricht fast entzwei, ich bin so bekümmert
Aber das kümmert mich nicht im Geringsten
Ich bin in jemanden verliebt, ich weiß nicht, wer sie ist
Denn ich habe sie noch nie gesehen
Niemals hat sie mich erfreut oder mich betrübt
Und auch das kümmert mich nicht
Ich habe sie nie gesehen, doch ich liebe sie so sehr
Sie hat mir weder das zukommen lassen, was sie sollte, noch das, was verboten ist
Sehe ich sie nicht, bin ich glücklich
Gar nichts mache ich mir aus ihr
Denn ich kenne eine, die netter ist als sie und hübscher und reicher noch dazu
Ich weiß nicht, wo sie wohnt
Oben in den Bergen oder auf dem ebenen Feld
Es schmerzte zu sehr euch zu erzählen, wie sie mich quält
Und zu sehr schmerzt es hier zu bleiben
Daher gehe ich
Hier ist mein Lied
Ich weiß nicht, wovon es handelt
Ich schicke es jemandem
Der es mit jemand anderem an jemanden in Nürnberg schickt
Vielleicht kann sie mir den Schlüssel ihrer Truhe schicken, mit dem ich dieses Rätsel lösen kann.
Gerdrud schritt an Kilian vorbei, als wäre der Junge überhaupt nicht anwesend, Melchior aber hörte interessiert das Lied zu Ende und eilte dann dem Gerichtsvogt hinterher.
Kapitel 8
Domberg, Kleine Ordensburg 16. Mai, Mittag
Melchior wartete beim Rathaus, während Dorn den Hilfsschreiber, den Juristen und die Gerichtsdiener zusammentrommelte, sie ordentlich maßregelte und hieß, auf den Domberg mitzukommen. Von der Unterstadt führten zwei Wege auf den Domberg. Den größeren und besseren Weg, den auch Lastpferde hinaufkamen und den das Vieh entlang getrieben wurde, nannte man den Langen Domberg. Dieser begann am Ende der Raderstraße beim neuen Torturm, der in Melchiors Jugendjahren erbaut worden war. Der zweite Weg, der Kurze Domberg, wurde von einer Torschranke mit einem schmalen Durchgang begrenzt. Beide Tore wurden abends abgeschlossen und die Schlüssel von den Stadtwächtern im Rathaus verwahrt. Im Frühjahr bestand allerdings keine große Hoffnung den Fußweg am Kurzen Domberg passieren zu können. Er war zu steil, schlüpfrig und matschig. Schon viele hatten sich hier die Knochen gebrochen und ein Ordensdiener kürzlich sogar das Genick.
Im Mai war aber auch der Lange Domberg schwer passierbar, der Weg war voller Schlamm und Viehmist, hatte große Löcher und war stellenweise so eng, dass Pferdewagen kaum ein Durchkommen hatten. Zudem hagelte es vom Steilhang, an dessen oberer Kante die Außenmauer der Großen Festung verlief, ständig Steine und Schutt auf den Weg.
Den Weg auf den Domberg mit seinen zwei Toren kannte Melchior gut, weil er als Kind einen Winter lang bei der Domkirche zur Schule gegangen war. Nachdem sie den steinernen Turm passiert hatten, stieg der Weg steil an. Rechterhand erhob sich eine Felswand, wie ein von der Natur errichteter Schutzwall. Linkerhand aber gähnte ein jäher Abgrund. Wer hier ausrutschte, fand sich auf schnellstem Wege in der Stadt wieder. Der Rat hatte zwar ein Geländer anbringen lassen, aber das war die letzten Winter über morsch geworden und bot keinen besonderen Schutz. Ein paar hundert Schritte weiter erhob sich der viereckige Torturm am Kurzen Domberg, der die Stadtgrenze markierte. Hier musste jeder, der aus der Stadt kam, die freie Stadtluft und das lübische Recht hinter sich lassen, hier begann das Gebiet des Dombergs, wo das Landrecht und die Gesetze des Ordens galten und wo der Komtur das Sagen hatte. Am Turm war ein schweres, zweiflügeliges Tor aus Eichenholz angebracht, das der Ratswächter bei Sonnenuntergang abschloss. Nachts hatte niemand aus der Stadt Zugang zum Ordensgebiet noch andersherum.
Sie stiegen, besser gesagt, stolperten den Berg hinauf, bis sie endlich das Tor am Kurzen Domberg erreichten. Als ob diese Strecke zwischen den beiden Toren zum Nachdenken da sei, so ging es Melchior durch den Kopf, als er kurz über die Schulter zurückschaute, ob die Stadtbürger die Ordensburg wirklich betreten und sich den Gesetzen des Ordens ausliefern, ob sie das schützende Stadtrecht tatsächlich hinter sich lassen und sich in die Festung ihres Landesherren begeben wollten.
Sie hatten es auf den Domberg geschafft, ins Zentrum der Macht, und standen in der Vorburg, einem mit einer niedrigen Mauer begrenzten Hof. Von hier aus ging es entweder in Richtung Norden durch die Dompforte in die Bischofsfestung oder geradeaus in das prächtige Kastell des Komturs, von einem Wallgraben umgeben, dessen Haupttor ein paar hundert Schritte entfernt lag.
Jeden Ankömmling aus der Stadt beeindruckte hier als erstes die Übermacht der Mauern und Türme. Wenn auch die Mauern der Unterstadt ständig höher gebaut und verstärkt und neue Türme errichtet wurden, vermittelte deren Anblick doch nicht dasselbe Gefühl, wie wenn man zwischen den Türmen auf dem Domberg stand. Melchior war schon oft hier gewesen, doch jedes Mal, wenn er die kalten Mauern sah, überkamen ihn Befremden und Furcht. Der Orden war und blieb, und je mehr Zeit ins Land ging, um so unterschiedlicher entwickelte sich das Leben in den Ordensfestungen und den Städten. Um so unterschiedlicher waren die Gedanken, die man sich in den Ordenskonventen und innerhalb der Stadtmauern machte. Zugegeben, der jetzige Revaler Komtur Ruprecht von Spanheim war offener und einfacher als so mancher seiner Vorgänger und ein paar Mal hatte er den Stadtapotheker sogar als seinen Freund bezeichnet.
Auf dem Domberg war der Boden sehr schlammig, auch hier in der zugigen Vorburg. Die Straßen waren nicht mit Steinen gepflastert, so wie in der Unterstadt. Sie wateten durch den Schlamm weiter zum Haupttor des Kastells. Zu ihrer Rechten lagen der Wallgraben und der Glockenturm, die Dompforte. Die von hier abzweigende Bischofsstraße führte zur Domkirche, deren achtflächiger Turm sich weit über die Mauern erhob.
Nun standen sie unmittelbar vor der Kleinen Burg, dem Sitz des Komturs, und dem Langen Hermann, dem Turm, der den Städtern eindrucksvoll die Macht des Ordens demonstrierte. Die Festung war bereits vom dänischen König errichtet worden und der Orden hatte sie eifrig weiterbefestigt – er hatte die Mauern höher und an den Ecken vier mächtige Türme bauen lassen, die wie die Olaikirche von der See aus schon von Weitem zu sehen waren.
Eine Apotheke gab es auf dem Domberg nicht. Der Komtur hatte zwar einen Leibarzt, der seinem Herren auch ab und zu Arzneien mischte, doch in den letzten Jahren hatte dessen Sehkraft nachgelassen und, wie Melchior befürchtete, nicht nur die Sehkraft, sondern auch der Verstand. Wenn Melchior für den Komtur Arzneien herstellte, benutzte er deshalb nicht die Rezepte dessen Leibarztes, sondern vertraute auf seine eigene Logik oder die Rezepte des Stadtarztes. Dem Revaler Rat hatte er natürlich nicht auf die Nase gebunden, dass er als Stadtapotheker manchmal auch dem Landesherren auf dem Domberg Arzneien mischte, denn so mancher Ratsherr würde hierzu eine gehässige Bemerkung machen. Mit der Behandlung der Herren auf dem Domberg hatte die Stadt nichts zu schaffen. Ruprecht von Spanheim war jedoch verglichen mit den vorherigen Komturen aus etwas anderem Holz geschnitzt. Wie es hieß, stammte er aus einer sehr armen Adelsfamilie aus Sachsen, der der Adelsstand schon lange kein Auskommen mehr bot. Ruprecht von Spanheim war der vierte Sohn der armen Rittersfamilie, deren Geld nicht einmal langte, den Jungen ins Kloster zu geben. So war Ruprecht schon in seiner Jugend dem Orden beigetreten, um als genügsamer Soldatenmönch aus eigener Kraft im Leben zurechtzukommen. Inzwischen hatte er es zum Komtur der wichtigsten Stadt Livlands gebracht und dies vor allem durch die Tapferkeit, die er auf dem Schlachtfeld bewiesen hatte. In den Kriegen gegen die Polen, Litauer, Russen und Schweden hatte Ruprecht von Spanheim mutig gekämpft, was ihm innerhalb des Ordens zu vielen Anhängern verholfen hatte. Doch selbst als Komtur war von Spanheim ein einfacher Mann geblieben, der für die Angelegenheiten der Unterstadt Verständnis aufbrachte. Seinen Beitrag hierzu leistete sicherlich das Bier, das die Stadt dem Domberg lieferte und das der Komtur keineswegs ablehnte. Ganz im Gegenteil, soweit Melchior wusste – denn recht oft schickte der Komtur seinen Diener in Melchiors Apotheke und ließ sich einen gewissen Trunk bringen, den Melchior aus Kräutern, Apfelsaft und Met herstellte und zuletzt ein rohes Ei hineinschlug. Und just wegen dieses Trunks hatte der Komtur ihn ein paar Mal seinen Freund genannt.
Als Melchior und Dorn das Haupttor der Kleinen Burg erreicht hatten, wo um diese Tageszeit natürlich kein einziger Wächter stand, betraten sie ehrfürchtig den Innenhof – sie befanden sich im Zentrum der Ordensmacht. Und in diesem Zentrum stank es gewaltig nach Mist. Hier standen die Ställe und Scheunen des Ordens, auf dem Hof gackerten Hühner und im Stall grunzten ein paar Ferkel.
Dorn sah sich suchend um, ob nicht ein Knecht in der Nähe sei, um dem Komtur ihren Besuch anzukündigen. Doch das war gar nicht nötig – beim Brunnen in der Ecke des Burghofes stand der Komtur persönlich und ...
Der Komtur brüllte aus Leibeskräften.
Er brüllte so laut, dass die Gerichtsdiener die Köpfe einzogen und der Ratsvogt erschrocken zusammenzuckte.
Allerdings hatte das Gebrüll nicht das Geringste mit dem Erscheinen der Ratsgesandtschaft zu tun. Der hochehrenwerte Komtur hatte sich gerade einen Eimer kalten Wassers über den Leib schütten lassen. Als er die Ratsgesandten bemerkte, gab er einen grummelnden Laut von sich, stieß den zweiten vollen Wassereimer mit dem Fuß um und winkte zur Eingangstüre hinüber. Daraufhin wurde die Gesandtschaft über den Hof zum Südflügel der Burg geleitet, wo sich die Wohnräume des Komturs befanden. Dort mussten sie ein wenig warten, während Spanheim sich abtrocknete und umkleidete. Die Gerichtsdiener schwiegen betreten, der Syndikus kaute sorgenvoll auf seiner Unterlippe herum und Dorn bestaunte die Aussicht, die sich durch die Schießscharten auf die Domkoppel und den Tönniesberg eröffnete.
Schließlich tauchte der Komtur auf und bat sie in seinen Empfangssaal. Als er unter den Wartenden Melchior erblickte, hellte sich seine Miene sofort auf.
»Melchior, alter Schlawiner, du hier? Wer hat denn dich auf den Domberg gelassen?«
Melchior verbeugte sich ehrerbietig und überreichte dem Komtur wortlos ein Tonfläschchen.
»Bei der heiligen Jungfrau, dein Wundermittel!«, lachte Spanheim. Er griff nach der Flasche, setzte sie an und nahm einen kräftigen Schluck. Dann befahl er den Gerichtsdienern und dem Syndikus, sich aus dem Staube zu machen – der Domberg sei schließlich kein Jahrmarkt. Etwas später, als sie im Empfangssaal mit seinem niedrigen Gewölbe angekommen waren, seufzte der Komtur zufrieden und anerkennend:
»Nein, man kann es nicht anders sagen, Herr Melchior, das ist ein Wundermittel ...«
»Ich kann versichern, dass es sich nur um einen ganz gewöhnlichen Apothekertrunk handelt, mehr nicht«, erwiderte Melchior bescheiden.
»Tod und Teufel, dem Komtur widerspricht man nicht, Melchior«, donnerte Spanheim. Seine üble Laune schien verflogen, wie immer, wenn er nach mehrtägiger Zecherei Melchiors Trunk zu sich genommen hatte. Sie standen nun im Empfangssaal, dessen ganze Einrichtung aus einem Kohlenbecken, einem Schreibpult und einem verblichenen Ordenswappen bestand.
»Widersprich mir nicht«, wiederholte der Komtur. »Auf dem Schlachtfeld, danke der Nachfrage, komme ich allein zurecht, ja, in meiner Jugend habe ich ganze Heere in Stücke gehauen. Und bei Festgelagen trinke ich sämtliche Witzbolde aus Fellin unter den Tisch und da bleiben sie liegen und wenn ihnen die Hunde die Brotkrümel aus den Bärten lecken. Sogar die Revaler Waschweiber vertragen mehr Bier als der Felliner Komtur. Über den lachen selbst die Katzen und hören nicht auf, ehe ihnen jemand auf den Schwanz tritt.«
Dorn lachte nur etwas gekünstelt und Melchior versicherte, dass der ehrenwerte Rat und die Apotheke hier vollkommen derselben Meinung seien. Es bestehe nicht der geringste Zweifel, dass niemand in Fellin gegen den Komtur ankam, wenn es ums Biertrinken ging.
»Genau so ist es«, rühmte sich der Komtur. »Unter den Tisch hab ich sie alle getrunken und laufe dann noch kerzengerade und lege vor dem Morgen zehn Dirnen aufs Kreuz, wenn ich nur will, und das kommt öfters vor, das könnt ihr mir glauben ...«
»Das habe ich immer gesagt, dass in der Hurerei und dem Biertrinken mit unserem Komtur keiner mithalten kann, der ganze Rat weiß, dass ...«, setzte Dorn an, doch Melchior trat dem Gerichtsvogt rasch gegen das Schienbein und hustete. Dorn verstummte erschrocken.
Dies fiel Spanheim aber nicht weiter auf. »So ist es«, sagte er, atmete tief durch und schritt zum Schreibpult.
»Tretet näher, Herr Gerichtsvogt«, befahl er dann. »Ich möchte Euch etwas zeigen.«
Was der Komtur vorzuzeigen hatte, ließ Dorn und Melchior erschaudern. Der Komtur griff in die Truhe des Schreibpults und holte aus ihr einen Menschenkopf hervor.
»Hier ist von Clingenstains Kopf. Sein Leichnam liegt in der Kapelle, bis er in der Domkirche zur ewigen Ruhe gebettet wird«, teilte er dann mit.
»Heilige Maria!« Dorn zuckte zurück. Der Kopf hatte einem etwa vierzig Jahre alten Mann gehört. Das Blut war abgewaschen. Ein Kopf wird viel kleiner, wenn das Blut herausgeflossen ist, fiel Melchior auf, das Gesicht fällt ein, die Haut färbt sich leicht gelb ...
»Zur Sache«, sagte der Komtur nun ernst. »Gestern Abend hat jemand dem Ritter von Clingenstain den Kopf abgeschlagen und ist dann in die Stadt geflohen. Herr Gerichtsvogt, noch bevor ich den Ordensdiener zu Euch ins Rathaus schickte, habe ich einen Eilboten mit der furchtbaren Nachricht zum Ordensmeister gesandt. Eine solche Gräueltat ist eine Schande für die ganze Stadt! Unerhört, dass in Reval ein hoher Machtinhaber derart niederträchtig ermordet worden ist!«
Auf dem Domberg, dachte Melchior, auf dem Domberg ist er ermordet worden.
»Jetzt ist es für die Stadt Ehrensache, dass der Mörder in Ketten gelegt und dem Orden ausgeliefert wird, damit das Rittergericht ihn zum Tode verurteilen kann. Er wird in den Langen Hermann gesteckt und nach allen Regeln gefoltert«, fuhr Spanheim fort. »Gewöhnlich erhält die Stadt eine schriftliche Anordnung von uns, aber hiermit habe ich Euch diese Weisung nun erteilt.«
Dorn verbeugte sich und wollte etwas sagen, doch der Komtur sprach bereits weiter.
»Und wenn ich den nächsten Eilboten zum Ordensmeister schicke, möchte ich ihm mitteilen, dass der Mörder im Langen Hermann in der Zelle sitzt und dass der Revaler Rat dem Orden gegenüber die nötige Ehrerbietung gezeigt hat. Herr Gerichtsvogt, Ihr versteht, dass ich dem Ordensmeister mit dem nächsten Eilboten nicht übermitteln will, dass der Mörder noch immer auf freiem Fuße ist und der Revaler Rat ihn noch nicht gefasst hat. Ich will nicht, dass es so kommt wie beim letzten Mal, als sich der Streit zwischen Rat und Domberg über die Herausgabe eines Diebes über zwei Monate hinzog und der Dieb währenddessen mit einem Schiff das Weite suchte! Euer lübisches Recht in der Unterstadt ist aus des Ordensmeisters Gnaden gut und recht, aber es gibt mir nicht die Vollmacht, den Mörder selbst in Ketten legen zu lassen und auf den Domberg zu holen.«
Dorn fasste sich und fragte: »Aber würde der hochehrwürdige Komtur uns dann sagen, wer der Mörder ist, damit ich dem ehrenwerten Rat den Namen mitteilen und der Rat die Erlaubnis erteilen kann, ihn ...«
»Nach allen Regeln zu foltern und so weiter. Natürlich würde ich Euch den Namen sagen, zum Teufel, aber ich weiß nicht, wer es war! Ich habe schon alle Knechte, Handwerker und Bediensteten befragt, aber niemand hat etwas gehört oder gesehen. Und Jochen, der Diener des seligen Bruder Henning, hat sich zur Zeit des Mordes mit einem Waschweib vergnügt und auch nichts gehört oder gesehen.«
»Aber wen soll ich denn dann festnehmen?«, fragte Dorn verwirrt.
»Zum Donnerwetter!«, fauchte der Komtur. »Der Gerichtsherr seid doch Ihr! Hat bei Euch in der Unterstadt jeder Ermordete ein Schild um den Hals hängen, auf dem steht, wer ihn ins Jenseits befördert hat? Pinselt etwa jeder Dieb seinen Namen an die Kirchenwand, so dass Ihr ihn festnehmen könnt?«
»Aber dem Gesetz nach muss doch der Orden den Namen des Verbrechers von der Stadt einfordern und dann ... und dann muss das Ratsgericht ... Aber wen soll das Ratsgericht denn dann in Ketten legen lassen?«
»Mein lieber Gerichtsherr Dorn, Ihr seid derjenige, der herausfinden muss, wer Clingenstains Mörder war! Ihr sagt mir den Namen, und ich verlange den Mörder dann vom Rat heraus. Das ist doch ganz einfach.«
»Hochehrenwerter Komtur«, mischte sich nun Melchior ein. »Der Gerichtsvogt will damit nur sagen, dass es ihm eine große Hilfe wäre, wenn der Domberg die Untersuchungen mit seinem Wissen und seinen Ratschlägen unterstützt. Zum Beispiel wäre es sehr hilfreich zu erfahren, um welche Stunde der schreckliche Mord begangen worden ist und wer den Leichnam gefunden hat, ob in seiner Nähe vielleicht Gegenstände lagen, die uns etwas über den Mörder sagen können und woher wir überhaupt wissen, dass der Mörder in die Unterstadt geflohen ist.«
Spanheim musterte den Apotheker für einen Moment. »Hör mal, Melchior, warum steckst du überhaupt deine Nase in diese Sache? In der Stadt warten Notleidende und Kranke auf dich, um die du dich zu kümmern hast. Der Ratsherr kommt schon alleine zurecht. Wenn nötig, nimmt er den Scharfrichter zu Hilfe, der den Verdächtigen ein bisschen die Knochen verdreht, und dann wird sich schon jemand geständig zeigen,« sprach der Komtur. »Ich habe dich nur hier hereingelassen, weil du mir dein Wundermittel gebracht hast.«
Dorn räusperte sich: »Der Scharfrichter wäre mir in der Tat eine große Hilfe, aber dem Rat wäre Melchior eine ebenso große Hilfe. Denn wohin gehen die Leute, um zu schwatzen? In die Apotheke! Jeder Mensch, sei er Kaufmann oder Ratsherr, Maurer oder Schuster, Bierträger oder Mündrich, muss irgendwann einmal in die Apotheke, nicht wahr. Und dort schenkt ihnen der gute Melchior ein Gläschen ein und die Leute erzählen, was sie alles gehört und gesehen haben.«
»Und sie erzählen um einiges lieber und um einiges mehr als unter Androhung des Scharfrichters«, fügte Melchior hinzu. »Der ist im Übrigen ein guter Freund von mir. Er kommt ab und zu auch in die Apotheke und holt sich ein Mittel gegen seine Gliederschmerzen.«
»Außerdem ist das nicht das erste Mal, dass Melchior dem Rat weiterhelfen kann«, sprach der Gerichtsvogt weiter. »Letztes Jahr nämlich ...«
»Sei‘s drum«, unterbrach Spanheim den Gerichtsvogt. »Letztendlich ist es nicht meine Sache zu entscheiden, wie der Rat den Mörder findet, und wenn Melchior und die Apotheke wirklich dazu beitragen können ...«
Er trank einen Schluck und berichtete dann, dass Henning von Clingenstain schon seit fünf Tagen auf dem Domberg im Haus eines wierländischen Vasallen gewohnt habe, der selbst auf seinem Gutshof verweilte, so wie die meisten Vasallen im Frühjahr. Der Ordensgebietiger Clingenstain war unterwegs von Gotland nach Marienburg, doch vor seiner Weiterreise hatte er in Reval noch einige Dinge zu erledigen. Insgesamt waren acht Männer von Gotland angereist, bei Clingenstains Weggefährten handelte es sich um Ordensbrüder niedereren Ranges, die der Komtur im Dormitorium der Festung untergebracht hatte. Die meiste Zeit verbrachte Clingenstain im Speisesaal im Ostflügel der Festung, denn, wie der Komtur meinte, »musste man ja irgendwohin mit den vier Fass Bier, dem Fass Hering und dem Berg gepökelten Schweinefleischs, das der Rat zur Bewirtung des hohen Gastes geschickt hatte.« Im Haus des Vasallen wohnte außer Clingenstain noch sein Knappe Jochen, der inzwischen in Ketten gelegt und durchgeprügelt worden war. In seine Bleibe ging Clingenstain nur zum Schlafen. Gestern Abend gegen acht Uhr hatte sich Clingenstain auf den Heimweg gemacht. Er ging alleine, ein paar Ordensknechte hatten ihn gesehen, wie er bei den Stallungen herumstolperte, nach dem richtigen Weg suchte und seinen Knappen rief. Clingenstain hatte den Weg durch das Seitenportal des Nordflügels gewählt, von wo er ohne den langen Umweg durch die Vorburg und die Dompforte direkt in die Bischofsburg gelangte. Eine Stunde später fand Jochen den geköpften Leichnam seines Herren und kam laut schreiend in die Burg gerannt. Der Komtur ließ sofort die Sturmglocke läuten, doch wonach oder nach wem sollte man suchen? Die halbe Nacht lang hatte der Komtur alle Ritter, Knechte und Knappen verhört. Niemand hatte etwas Besonderes gehört oder gesehen.
»Um acht Uhr«, murmelte Melchior vor sich hin, als der Komtur fertig erzählt hatte. »Damit wissen wir also, dass der Mörder in die Unterstadt geflohen ist.«
»Was willst du denn da schon wissen?«, fragte Spanheim. »Du kannst noch gar nichts wissen. Das Schwert und die Blutspuren fanden wir erst in der Morgendämmerung.«
»Ein Schwert?«, fragte Melchior neugierig.
»Ja, die Mordwaffe. Das Schwert gehörte einem Ordensknecht, der Mörder hatte es aus der Burgschmiede gestohlen. Der Schmied war natürlich vollkommen betrunken und ich habe ihn bereits in Ketten legen lassen. Das Schwert haben wir bei Sonnenaufgang beim Torturm am Kurzen Domberg entdeckt, am Grabenrand. Außerdem fanden wir Blutspuren an der Turmwand und auf den Pflastersteinen vom Haus des Vasallen bis hin zum Torturm. Der Mörder hatte das Schwert in den Graben geworfen, aber die Morgensonne spiegelte sich darauf und so haben wir es gleich gefunden. Nun interessiert mich, wie du schon wissen willst, was wir erst später herausgefunden haben?«
»Die Tore werden bei Sonnenuntergang geschlossen und danach gelangt niemand mehr vom Domberg in die Unterstadt«, antwortete Melchior ehrerbietig.
»Und weiter?«, fragte der Komtur.
»Der Mörder musste sich beeilen, um seine Tat noch vor Toresschluss zu vollbringen. Würde der Täter auf dem Domberg wohnen, hätte er vernünftigerweise bis zur Nacht gewartet, wenn niemand mehr auf den Straßen unterwegs ist und auch von Clingenstain und Jochen eingeschlafen sind. Doch nein, er verrichtete seine Bluttat am Abend, so dass er noch durch die Stadttore entwischen konnte«, antwortete Melchior.
»Genau das habe ich mir auch gedacht«, sprach der Komtur. »Er muss das Tor passiert haben, kurz bevor die Wächter kamen und das Tor abschlossen.«
Melchior fuhr eifrig fort: »Wahrscheinlich hatte er das Schwert unter seinem Mantel versteckt und es sicherheitshalber bis zum Tor mitgenommen, damit er sich hätte verteidigen können, wenn der Mord sofort entdeckt worden wäre. Daraus können wir folgern, dass er Soldat gewesen ist oder ihm das Kämpfen zumindest nicht fremd war. Dann ging er durch die Dompforte und bei der Pforte am Kurzen Domberg warf er das Schwert fort, weil er sich bereits auf Stadtgebiet befand. Er fühlte sich in Sicherheit, weil er wusste, dass ihm die Ordensleute hier nichts mehr anhaben konnten. Es deutet also alles darauf hin, dass er wirklich in die Stadt geflohen ist.«
Der Komtur starrte Melchior überrascht an. Dorn machte den Mund auf, sagte dann aber doch nichts.
»Ganz bestimmt ist der Mörder auch aus der Stadt gekommen«, sagte Spanheim dann. »Daran besteht kein Zweifel. Aus der Burg ist ihm niemand durch das Seitenportal gefolgt, das kann der dortige Wächter bestätigen. Das Haus des Vasallen steht direkt am Wallgraben, in der Nähe der Dompforte. Die Tat muss ein Fremder vollbracht haben, ein niederträchtiger und ruchloser Fremder, der sich aus der Stadt hergeschlichen und den richtigen Moment abgepasst hat. Verteufelt, ich kenne jeden hier auf dem Domberg und ich kann schwören, dass kein einziger der Vasallen Clingenstain gegenüber – Friede seiner Asche – Hass gehegt hat. Niemand hatte ihn je zuvor gesehen! Ganz abgesehen davon, dass sich die Vasallen zur Zeit gar nicht hier aufhalten und in der großen Festung nur die Leute des Bischofs und Bäcker und Knechte wohnen. Und ich habe in der Nacht nachzählen lassen – es fehlt niemand.«
Dorn, der lange geschwiegen hatte, wagte nun zu äußern: »Aber auch in der Unterstadt hat den edlen Rittersherren doch niemand gehasst? Eher im Gegenteil, wir hier in Reval sind ihm und dem Orden dankbar, dass sie uns von der Plage der Vitalienbrüder befreit haben.«
Der Komtur runzelte die Stirn: »Aber jemand aus dieser unserer dankbaren Stadt hat ihm dennoch den Kopf abgeschlagen, Herr Gerichtsvogt.«
»Und das ist doch seltsam«, meinte hierauf Melchior. »Wie ist es möglich, sich auf den Domberg zu schleichen, hier ein Schwert zu stehlen und sich zu verbergen, bis sich am Abend ein passender Augenblick für den Mord ergibt? Wie der ehrenwerte Komtur selbst gerade erwähnte, hat niemand etwas Verdächtiges gehört oder gesehen. Deshalb gehen auch meine Gedanken in die Richtung, dass der Täter jemand sein muss, der den Domberg gut kennt, der weiß, sich hier zu verstecken und ein Schwert zu stehlen und dessen Anblick hier absolut alltäglich ist. Ein ausländischer Kapitän oder Schiffsjunge, deren Schiff im Hafen liegt, verirrt sich nicht einfach so auf den Domberg.«
»Jegliche Herumtreiber werfen wir hier sofort raus«, stellte Spanheim klar.
Das ist wahr, dachte Melchior. Die Leute aus der Unterstadt konnten nicht einfach so auf dem Domberg herumschlendern, Bettler und Landstreicher gleich gar nicht. Jedes fremde Gesicht erregte Aufmerksamkeit.
»Das heißt, ein Herumtreiber war hier gestern doch«, fiel dem Komtur dann ein. »Dieser Sänger ... ich muss gestehen, er sang recht gut, es war eine reine Lust ihm zuzuhören ... dieser Bursche aus Nürnberg.«
Melchior war überrascht. Kilian auf dem Domberg?
»Meint der Herr Komtur den Kostgänger des Herren Tweffell, Kilian Rechperger?«, fragte er.
»Ja, den meine ich. Er hat Tweffell hierher begleitet. Und er wollte eine Urkunde.«
»Folglich ist auch Herr Tweffell auf dem Domberg gewesen? Der Oldermann der Großen Gilde?«
»Ja, der Oldermann war gestern hier«, nickte der Komtur. »Er hatte mit Clingenstain ein Handelsgeschäft zu besprechen. Soweit ich mich erinnere, ging es um ein Schiff, und Tweffell verließ den Domberg in ausgesprochen mieser Laune. Aber das war schon um die Mittagszeit, nachdem Clingenstain mit dem Goldschmied gesprochen hatte ...«
Bei dem Goldschmied handelte es sich um keinen anderen als Burckhart Casendorpe, den Oldermann der Kanutigilde, wie Melchior nun hörte. Gestern waren überhaupt recht viele Leute bei Clingenstain gewesen. Der Ordensgebietiger hatte von Casendorpe ein Geschenk für den Ordensmeister in Marienburg kaufen wollen. Die Goldschmiede auf Gotland seien miserabel und geizig, die Arbeiten der Revaler Meister dagegen rund um die Ostsee für ihre Güte bekannt. Schon vor seiner Ankunft hatte er mit Casendorpe wegen des Geschenks im Briefwechsel gestanden und hatte dem Goldschmied letztendlich auch eine vergoldete Kette abgekauft. Die aber habe ein Heidengeld gekostet. Clingenstain hatte Jochen noch zum Schiff schicken und mehr Geld holen lassen müssen, weil sein Geldsack nichts mehr hergab.
»Aus der Unterstadt waren gestern also drei Personen bei Clingenstain«, meinte Melchior nachdenklich. Fünf Tage lang kein Einziger und dann gleich mehrere nacheinander. Genau an dem Tag, an dem er umgebracht wird.
»Wenn Tweffell hier war, dann hat auch bestimmt sein Diener Ludke nicht gefehlt, denn ohne ihn geht der alte Kaufmann nirgends hin, selbst in die Kirche und ins Rathaus nicht. Manchmal trägt Ludke seinen Herren sogar die Treppe hoch«, warf Dorn ein.
»Das stimmt, seinen Diener hatte er dabei. Ein unglaublich starker und zäher Kerl, dieser Ludke, noch größer als unser Ordensmeister, der schon fast alle überragt. Wenn man dem ein Beil in die Hand gibt und ihn in die Schlacht schickt, kämpft er für drei, zweifellos. Warum einer wie er wohl Diener geworden ist? Wisst Ihr das?«
Melchior musste zugeben, dass er es nicht wusste. Der Oldermann Tweffell und Ludke schienen unzertrennlich zu sein. Mit Ludke, einem Mann undeutscher Herkunft, hatte er selten die Gelegenheit gehabt, sich zu unterhalten. Der Diener war nicht sehr gesprächig und machte einen etwas einfältigen Eindruck, war aber stark wie Goliath. Melchior überlegte, ob er jemals von Tweffell gehört hatte, dass dieser den gotländischen Ordensgebietiger kannte. Ja, von einem Streit um Gotland und ein Schiff war ihm tatsächlich etwas zu Ohren gekommen, aber an Genaueres konnte er sich nicht erinnern. In dem Moment erweckte der Komtur wieder Melchiors Aufmerksamkeit: Er hatte gerade Prior Eckell erwähnt.
»Baltazar Eckell, der Dominikanerprior?«, fragte Melchior überrascht.
»Ja, verdammt, das habe ich doch gerade gesagt«, schnappte der Komtur. »Er kam, um Clingenstain Respekt zu zollen, und Clingenstain – als frommer und gottesfürchtiger Ritter, der er war – bat, sich die Beichte abnehmen zu lassen. Hier in der Domkirche wurden ihm also kurz vor seinem Tode seine Sünden vergeben. Aber das, Melchior, hat mit dem Mord nicht das Geringste zu tun.«
»Beim heiligen Andreas, das hoffe ich«, murmelte Melchior.
»Was murmelst du da?«
»Ach, nichts ... nichts. Mir kommt es nur seltsam vor, dass er den Dominikanerprior um die Beichte bat, und nicht den Pastor der Domkirche.«
»Daran ist ganz und gar nichts seltsam. Der Orden ist schon seit langem Gönner der heiligen Dominikaner und Clingenstain hat sich oft in der Sankt-Nikolaus-Kirche zu Visby die Predigten der Brüder angehört. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war auch Prior Eckell früher einmal im Konvent von Visby tätig und vergiss nicht, Melchior, es waren die Dominikaner, die die Domkirche bauten.«
Das erzählte man sich tatsächlich, fiel Melchior nun wieder ein. Als die Dominikaner vor langer Zeit nach Reval gekommen waren, ließen sie sich auf dem Domberg nieder und genau an der Stelle der jetzigen Domkirche errichteten sie ihre erste Kirche. Und genau dort fand ein grauenhaftes Blutvergießen zwischen den Ordensleuten und den Dänen statt. Die Ritter hatten die Dänen in der Kirche erschlagen und ihre Leichen auf dem Altar aufgehäuft. Und hatte nicht der Orden die Dominikaner seitdem vom Domberg verbannt? Aber das war fast zweihundert Jahre her – bei der Suche nach Clingenstains Mörder bot dieses Wissen keine Hilfe.
»Fünf Revaler Bürger«, sagte nun Melchior. »Wir haben es also mit fünf Männern zu tun, die sich gestern mit Clingenstain getroffen haben. Es waren nicht etwa noch weitere Leute aus der Stadt auf dem Domberg?«
»Natürlich kann es sein, dass ein paar Müllersgesellen oder Schusterlehrlinge aus der Stadt hier waren«, erwiderte der Komtur verdrossen. »Aber ich erinnere mich nicht, dass von denen jemand mit Clingenstain zu tun gehabt hätte. Ach ja, noch bevor der Prior kam, bettelte dieser Laienbruder von den Dominikanern hier um Almosen, aber das ist nichts besonderes. Er kommt oft hierher.«
»Ach, Bruder Wunbaldus?«
»So heißt er wohl, ja. Der Laienbruder mit dem Buckel.«
»Das ist Bruder Wunbaldus«, nickte Melchior. »Ein armer und frommer Mann, der manchmal auch in meine Apotheke kommt und jedesmal verspricht, mich für die Arzneien in seine Gebete einzuschließen. Wie man hört, soll er ein ausgezeichneter Bierbrauer sein. Das Bier der Dominikaner schmeckt seit Wunbaldus‘ Aufnahme ins Kloster tatsächlich ganz anders als vorher. Dem Herren Komtur ist nicht etwa aufgefallen, ob Bruder Wunbaldus auch mit Clingenstain zusammentraf?«
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