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ILSE TIELSCH

DIE FRÜCHTE
DER TRÄNEN

ROMAN


Für RUDOLF, unsere Kinder STEFAN und CORNELIA und unseren Enkel BERNHARD

Wozu erinnerst du dich? Leb jetzt! Leb jetzt! Aber ich erinnere mich doch nur, um jetzt zu leben.

ELIAS CANETTI

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Nachts, wenn es dunkel ist, klingen die Stimmen fremd, auch jene, die es nicht sein dürften.

Judith ist tot, sagte die Stimme.

Die Hand hielt den Telefonhörer umklammert, die Bakelitmuschel lag kalt am Ohr. Es war kein Licht im Zimmer, nur der schwache Schein der Straßenbeleuchtung hing in den Vorhängen, und vom Herbstwind bewegte Baumzweige warfen zitternde Schatten. Die Stimme sprach in abgerissenen Sätzen, sie berichtete und versuchte zu erklären, was sich nicht erklären ließ, sprach Vermutungen aus, die, später von anderen ergänzt, dennoch Vermutungen bleiben würden. Tote wehren sich nicht, sie stellen nicht richtig, sie beantworten keine Fragen. Tote verteidigen sich nicht, beschuldigen niemanden, und sie weinen nicht mehr. Tote sind IN EINER ANDEREN WELT, aber Judith war plötzlich in meinem Zimmer, sie löste sich aus dem Schatten und nahm Farben an, ihre helle Haut, ihre graublauen Augen, ihr dunkles Haar, lockig abstehend vom Kinderkopf, lang auf Schultern und Rücken fallend, wie sie es als Fünfzehnjährige getragen hat.

Während die fremd gewordene Stimme sprach, erschienen Bilder.

Judith, die geschickteste Ballspielerin auf dem Schulhof, BALL ÜBER DIE SCHNUR, Judith im knappen Badeanzug auf dem Sprungbrett des neuen Schwimmbades in der Stadt, in der wir das Gymnasium besuchten, ein braun gebrannter Mädchenkörper, der viele Blicke auf sich zog, die beste Schwimmerin unseres Alters, Klassenbeste in Mathematik und Latein. Judith, über ihre Geige gebeugt im Schulorchester, schön an ihrem fünfzehnten Geburtstag im neuen, blau-weiß gemusterten Kleid. Judith, die überall Mittelpunkt war, wohin sie kam, auch später in Wien, als sie wieder unter uns lebte und wir ausgingen und uns mit Freunden trafen. Dann kein Bild mehr, nur einmal ein Zeitungsfoto, von dem wir nicht mit Sicherheit sagen können, ob es sie wirklich darstellt. Erst später jene Schwarzweißfotografie, auf der sie als Braut zu sehen ist, schüchtern lächelnd und fremd, an die Schulter eines jungen Mannes gelehnt, dessen Blick entschlossen auf etwas gerichtet ist, das wahrscheinlich ZUKUNFT bedeutet hat.

Das Begräbnis ist Mittwoch, sagte Christians fremd klingende Stimme, hoffentlich wird es dir möglich sein, zu kommen.

Die Bilder verschwammen im Dunkel, ich sah nur noch jenes eine, das ich von der Fotografie her kannte, die ich seither oft betrachtet hatte. In Judiths Gesicht floß mit einemmal vieles von dem zusammen, was wir damals dachten und waren, es stand symbolhaft für unsere jungen Jahre.

Das Wort JUGEND zwang sich mir auf, eigentlich war es mehr ein Gefühl als ein Wort, eine Art sanfter Schmerz.

Natürlich werde ich kommen, sagte ich.

1

Wir nehmen, wenn es uns möglich ist, an der Beerdigung teil, wenn jemand aus unserer Gegend gestorben ist, auch wenn wir nicht mit ihm verwandt oder näher befreundet gewesen sind. Wir drücken den Angehörigen die Hand, sagen ihnen teilnehmende Worte und nennen unsere Namen, die ja auch die Namen der Eltern und der Großeltern gewesen sind, damit sie die Stelle in ihrer Erinnerung finden, in die sie uns einbringen können. Die Geistlichen flechten in ihre Ansprachen Sätze über den Verlust der Heimat und über das schwere Schicksal des Verstorbenen ein, vergessen nicht, darauf hinzuweisen, daß er hier, wo er nun schon seit so vielen Jahren lebte, eine zweite Heimat gefunden hatte, ehe sie auf das verheißene Wiedersehen in der ewigen Heimat hinweisen. Wir gehen dann mit im Zug der Trauernden, werfen Erde ins offene Grab, es kommt vor, daß einer der Alten ein winziges Säckchen aus der Tasche zieht und es über dem Sarg entleert, von einer Reise mitgebrachte Erde aus Böhmen, aus Mähren, aus dem Adler-, dem Riesen-, dem Altvatergebirge, Erde aus dem Schönhengstgau, aus dem Egerland, aus dem südmährischen Hügelland. Muß der Verstorbene schon in fremder Erde ruhen, dann soll doch ein Stäubchen Heimaterde um ihn sein. Es kommt auch vor, daß einer der Alten nicht den ganzen Inhalt eines solchen Säckchens auf den Sarg streut, sondern ihm nur einen Teil der Erde entnimmt, das Säckchen wieder verschließt und in die Tasche zurücksteckt. Den verbliebenen Rest bewahrt er für seine eigene Beerdigung auf. Die Erde der neuen Heimat bleibt fremd für die Toten, die darin begraben werden, fremder als jene, in der schon die Eltern und Großeltern ruhen, vielleicht schon deren Vorfahren, zurück über mehrere hundert Jahre.

Ein Stück Heimat verläßt uns mit jedem, der stirbt, dies ist einer der Gründe dafür, daß wir manchmal viele Kilometer weit fahren, um einen Verwandten auf seinem letzten Weg zu begleiten. Daß wir einander bei solchen Anlässen wiedersehen, ist ein weiterer Grund dafür. Wir sitzen dann beisammen und sprechen von lange vergangenen Zeiten, wir berichten einander von unserem Leben, sprechen auch von Leuten aus unserer Gegend, die nicht gekommen sind oder nicht kommen konnten, von denen wir jedoch wissen, wo sie leben und wie es ihnen ergangen ist. Kommt bei einer solchen Gelegenheit jemand, den wir lange nicht gesehen haben, dahin, wo wir selbst jetzt leben, dann laden wir ihn ein, bei uns zu übernachten, wir nehmen ihn auf, stellen ihm unsere Kinder vor, wir kramen in Schubladen und Schränken nach alten Fotografien, nach Bildern von Schulschlußfeiern, Ausflügen, Sportveranstaltungen oder Sommerfesten, auf denen wir selbst als Kinder oder junge Leute zu sehen sind, meist sind es kleine, oft schon abgegriffene Schwarzweißfotografien, die wir durch Zufall gerettet haben oder die uns von anderen, die sie besaßen, geschenkt worden sind. Manchmal finden sich Gruppenaufnahmen in Fotoalben oder unter den Papieren verstorbener Verwandter, dann nehmen wir sie an uns, notieren nach und nach die Namen der Abgebildeten auf der Rückseite, weil wir die Lücken der Erinnerung erst im Lauf der Jahre und mit Hilfe anderer zu füllen vermögen. Wir hüten diese alten Fotografien, auch jene, auf denen nicht Menschen, sondern Landschaften abgebildet sind, die uns vertraut waren, Häuser, in denen wir gewohnt, Dörfer und Städte, in denen wir als Kinder gelebt haben. Wir lassen Reproduktionen anfertigen und tauschen sie untereinander aus. Der Prozeß der Veränderung ist uns bewußt, der dort, wo wir herkommen, wie überall abgelaufen ist, in solchen Stunden jedoch überspringen wir die Jahrzehnte, als wären sie nicht gewesen. Dies ist unser Dorf, unsere Stadt, unsere Kirche, unsere Schule, auch wenn es das Dorf, die Kirche, die Schule schon längst nicht mehr gibt, dies ist der Spielplatz, dies ist das Haustor, durch das wir täglich eingetreten sind, dies ist unser Weinberg, unsere Scheune, unser Weizenfeld. Wir kramen in Erinnerungen, wir sitzen bis spät nachts beisammen und erzählen einander Geschichten, und weil der Verstorbene ja aus derselben Gegend stammte, wie wir selbst, ist er bei solchen Gesprächen dabei.

Auch bei anderen Anlässen, bei denen wir einander begegnen, zum Beispiel bei Heimattreffen, werden Geschichten erzählt, die wir mitnehmen und die uns im Gedächtnis bleiben, wie zum Beispiel jene des alten Schmieds von Mühlfraun.

2

Als man dem alten Schmied von Mühlfraun bei Znaim mitgeteilt hatte, daß er die Heimat verlassen müsse, sperrte er das Tor seiner Schmiede ab und machte sich auf den Weg nach Westen. Er war zu diesem Zeitpunkt achtundachtzig Jahre alt und noch rüstig, seine Beine waren gesund, und er wußte über die Himmelsrichtungen Bescheid. Den Norden dachte er sich zu kalt, daher kam er nicht in Betracht, der Süden schien ihm in seiner Vorstellung von den Landstrichen jenseits des Äquators zu heiß, im Osten lag Rußland, dorthin wollte er nicht. Es blieb nur die westliche Richtung, und diese schlug er ein.

Er wollte nach Amerika, sagt sein Enkel, er hatte in seiner Jugend mehrere Leute gekannt, die dorthin ausgewandert waren, und man hörte später, es ginge ihnen sehr gut. Vielleicht hatte er selbst zu jenem Zeitpunkt einmal an eine Auswanderung gedacht. Vielleicht hatte er auch die Hoffnung gehabt, jenseits des großen Ozeans seinen ältesten Sohn wiederzufinden, der schon zu Beginn des Jahrhunderts, als blutjunger Mensch, dorthin gezogen war, um sein Glück zu versuchen, daß dieser Sohn schon 1936 verstorben war, hatte er niemals wirklich geglaubt, oder er hatte es vergessen.

Wahrscheinlich hatte der alte Schmied von Mühlfraun keine konkreten Vorstellungen davon, wie weit es von seinem Dorf bis Amerika war, und wahrscheinlich unternahm er auch nicht einmal den Versuch, sich diese Entfernung auch nur annähernd vorzustellen. Man zwang ihn, von allem wegzugehen, was er geliebt und besessen hatte, nun brauchte er einen Ort, an dem es sich anzukommen lohnte, an dem er bleiben würde, bis man ihm erlaubte, in die Heimat zurückzukehren, Amerika schien ihm dieser Ort zu sein.

Er ging also von seinem Anwesen weg, immer der untergehenden Sonne entgegen, er hatte sich diese Tageszeit, der Orientierung wegen, ausgesucht, und ein Blick auf die Landkarten gibt ihm recht. Immerhin kommt man, wenn man geradeaus und querfeldein geht und wenn man sich nur einigermaßen an die Himmelsrichtung hält, von Mühlfraun über Alt Edelspitz, nördlich an Deutsch Konitz und Poppitz vorbei, über Raabs, Straubing, Pforzheim, Paris an die Küste und nach Überquerung des Atlantischen Ozeans nach Neufundland, hält man sich auf dem Großen Wasser südwestlich, gelingt die Ankunft vielleicht sogar direkt in New York. Hindernisse wie hohe Gebirge und Flüsse sowie die Tatsache, daß auch die kleinen Straßen und Wege nicht immer in die gewünschte Richtung laufen, sind in dieser Überlegung allerdings nicht enthalten. Umwege werden notwendig gewesen sein, aber täglich ging ja die Sonne in derselben Richtung unter, man weiß, daß der Frühling des Jahres 1945 ein prächtiger Frühling gewesen ist, in dem sie fast ununterbrochen vom wolkenlosen Himmel schien, und immer wird der alte Mann ja auch nicht gewandert sein.

Der alte Schmied verließ das Dorf Mühlfraun in einem Augenblick, in dem niemand auf ihn achten konnte, man suchte nach ihm, so gut es in jenen schrecklichen Tagen überhaupt möglich war, man gab später Suchanzeigen an die dafür zuständigen Stellen auf, alle Bemühungen blieben erfolglos, schließlich hielt man, so sagt sein Enkel, den Großvater für tot. Es gab sehr viele Tote in jenen Wochen und Monaten, Greise und Kinder, das ist bekannt. Ein Achtundachtzigjähriger, den man aus seiner Heimat vertrieben hatte, ein Mensch also, der aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr lange zu leben gehabt hätte, konnte, bei den Zuständen, die damals herrschten, und in der Verwirrung seines Schmerzes, das jedenfalls glaubte man annehmen zu müssen, nicht weit gekommen sein. Man trauerte um den Großvater, den man nicht lebend wiedersehen würde, noch dann, als man selbst aus der Heimat vertrieben und irgendwo in Deutschland angekommen war, man resignierte eines Tages und gab keine Suchanzeigen mehr auf.

Inzwischen wanderte der alte Mann der österreichischen Grenze entgegen, überschritt sie irgendwo zwischen Feldern, durchquerte das nördliche Niederösterreich, passierte wiederum eine Grenze und ging auf den Böhmerwald zu. Da und dort nahm man ihn auf, gab ihm eine Kleinigkeit zu essen, obwohl man selbst nicht viel hatte, erlaubte ihm, in einer Scheune zu schlafen, er bot dafür seine Dienste an, half auf den Feldern mit und reparierte fachkundig defektes Gerät, immerhin kannte er sich dabei aus, und Männer waren selten in jener ersten Zeit nach dem Ende des Krieges, mit Ausnahme der fremden Soldaten, von diesen jedoch konnte man keine Hilfe erwarten. Es ist durchaus möglich, daß man da und dort froh war, wenn er nicht gleich wieder weiter wollte, sondern eine Zeitlang auf einem Bauernhof blieb. Vielleicht hat er den Winter von fünfundvierzig auf sechsundvierzig, den ersten Friedenswinter, der für sehr viele ein furchtbarer Winter gewesen ist, noch auf einem österreichischen Hof verbracht, ist dann im Frühling erst weitergegangen, durch die Täler des Böhmerwaldes und des Bayrischen Waldes, vielleicht hat er im Sommer sechsundvierzig in bayrischen Viehställen ausgeholfen, ist dort wiederum über die kalten Monate untergekrochen, erst im darauffolgenden Frühling wieder aufgebrochen, um weiterzuziehen, immer der untergehenden Sonne nach, immer in Richtung Amerika. Er durchwanderte Deutschland in westlicher Richtung, er muß überall auf Leute gestoßen sein, die aus der Heimat vertrieben waren wie er, das Land war überschwemmt mit Flüchtlingen und Vertriebenen, immer schwieriger wird es für ihn geworden sein, einen Schlafplatz zu finden, ein Stück Brot, einen Teller Suppe zu bekommen, immer häufiger wird man ihn von den Türen gewiesen haben. Trotzdem muß er irgendwo untergekommen sein, noch einen dritten Winter verbracht haben, bis er eines Tages, ohne es zu bemerken, wiederum eine Grenze passierte. Er sei, erzählte er später, nachdem er in einer Scheune geschlafen habe, von Leuten geweckt worden, deren Sprache er nicht verstanden habe. Am Klang ihrer Stimmen habe er gemerkt, daß er in Frankreich sei.

Nein, Amerika hat der alte Schmied von Mühlfraun nicht erreicht, obwohl es ihm zuzutrauen gewesen wäre. Er war jetzt einundneunzig Jahre alt und immer noch rüstig, aber er wird wohl schon etwas müde gewesen sein von dem weiten Weg, denn er ließ sich ohne Widerspruch von den Leuten des Roten Kreuzes, die man verständigt hatte, abholen, er ließ sich in ein Altersheim in Baden-Württemberg bringen.

Als der Enkel des Schmieds diese Geschichte erzählte, war es an unserem Tisch ganz still geworden. Unser Tisch bildete eine kleine, schweigsame Insel inmitten des Lärms. Wir saßen unter einem Baum am Rand der Wiese, doch nahe genug am Zelt, aus dem das Geräusch der Stimmen wie ein dumpfes Brausen zu uns herüberdrang, wenn die Blaskapelle schwieg. Um uns herum, an den anderen Tischen, war Lachen und lautes Gespräch, Leute kamen und gingen, der Geruch von Bratwurst und Grillhuhn mischte sich mit den Gerüchen von Backwerk, in der Hitze dampfender Erde und zertretenem Gras. Die Heimattreffen unserer Gegend finden im Hochsommer statt.

Daß der Großvater bis zu seinem Tod gehofft hatte, die Heimat wiederzusehen, sagte der Enkel des alten Schmieds, sei mit Sicherheit anzunehmen gewesen. Im Nachtkästchen neben seinem Bett im Altersheim habe er zahllose Päckchen mit den verschiedensten Samen gehabt, ständig habe er neue Samen dazugekauft, die Pflegerinnen hätten ihre liebe Not damit gehabt, die alten, schon keimenden Samen zu entfernen, ohne daß er es merkte. Salat, Kraut, Karotten und Sellerie, Gurken, Erbsen und Kürbis, alles, was daheim auf den Feldern und in den Hausgärten gewachsen sei, aber auch Getreide, Weizen, Gerste und Hafer, all dies, sagte er, müsse man ja wieder anbauen können, wenn man in die Heimat zurückkäme, er jedenfalls würde für diesen neuen Anfang gerüstet sein. Hier, habe er zu seinem Enkel gesagt, als ihn dieser besuchte, hier habe ich alles, was wir dann brauchen.

Immer und überall habe der Großvater auch eine alte Weste bei sich gehabt und getragen, er habe sich geweigert, sich davon zu trennen, selbst beim Baden durften sie ihm die Pflegerinnen nicht wegnehmen, er saß dann in der Wanne und hielt sie in der hochgehobenen Hand, um sie vor dem Naßwerden zu schützen. Niemand wußte, was es mit diesem Kleidungsstück für eine Bewandtnis hatte, man ließ ihm seinen Willen, um ihn nicht unnötig aufzuregen oder zu kränken. Als er, erst 1954, starb, einfach an Altersschwäche und ohne krank gewesen zu sein, gab man es ihm mit in den Sarg. Der Enkel wollte den Großvater noch einmal sehen, er nahm die Weste an sich, bemerkte, daß etwas darin eingenäht war, bemerkte auch eine mit unbeholfenen Fingern genähte Stelle, trennte sie auf, hielt ein sorgsam verschnürtes Päckchen in der Hand.

Wissen Sie, was in dem Päckchen gewesen ist?

Der Schlüssel ist in dem Päckchen gewesen, der Schlüssel zur Schmiede in Mühlfraun.

Eine still gewordene Tischrunde, von den übrigen Tischen Lachen und Lärm. Hitze, die uns den Atem nimmt, die Blaskapelle spielt mit Gefühl DA DRUNT IM BÖHMERWALD, WO MEINE WIEGE STAND. Der Enkel des alten Schmieds aus Mühlfraun wendet sein Gesicht zur Seite, er schämt sich der Tränen.

Wir fahren oft viele hundert Kilometer weit, um beisammen zu sitzen und solche oder ähnliche Geschichten zu hören, oder um einander zu berichten, wie es uns seit dem Verlassen der Heimat ergangen ist. Wir überspringen in unseren Gesprächen auch jene Grenze, die unser Leben in zwei ungleiche Teile teilt, wir erinnern uns an unsere Anfänge, damit sie uns nicht verlorengehen. Neben den alten Fotografien, auf denen die Dörfer und Städte zu sehen sind, wie sie waren, als wir dort lebten, zeigen wir einander auch andere, auf denen man sieht, wie sie sich im Lauf der Jahrzehnte verändert haben. In unseren Gesprächen fügen wir die beiden auseinandergerissenen Teile unserer Existenz aneinander, versuchen, ein Ganzes daraus zu machen, die Bilder helfen uns dabei, unsere verlorengegangene Vergangenheit wiederzufinden, sie mit der Gegenwart zu verbinden. DIES IST MEIN DORF bedeutet, daß dieser Ort, der vielleicht nur noch auf einer abgegriffenen Schwarzweißfotografie existiert, zu unserem Bewußtsein gehört, wie wir zu ihm gehören, daß mit unserer Vergangenheit ein Teil von uns selbst dort geblieben ist, den wir nicht löschen können, daß wir nicht wären ohne dieses Dorf, ohne die Sprache, die dort gesprochen wurde, ohne die Landschaft, die es umgibt.

(Seit 1945 sind über tausend Dörfer mit deutschen Namen von den Landkarten verschwunden, es gibt von ihnen keine Spuren mehr. Die von den Besitzern verlassenen Häuser und Bauernhöfe zerfielen, die Reste der Trümmer wurden beseitigt, die Friedhöfe eingeebnet, die verfallenden Kirchen und Ruinen gesprengt.

Die Stadt Brüx gibt es nicht mehr. Wo früher schöne Bürgerhäuser den weiten Stadtplatz umstanden, Kaufleute ihre Waren anboten, Kinder spielten, Spaziergänger unterwegs waren, dehnen sich die Abraumhalden der Kohlengruben. Man hat eine neue Stadt gebaut, sie heißt MOST, ein Wort, das ebenfalls BRÜCKE bedeutet, die alte Stadt mußte dem Kohlenabbau weichen. Nur die Kirche hat man auf Rollen, fünf Kilometer weit, an den Rand der Flöze gebracht. Anderes zerstörte, auf der Suche nach Zielobjekten, das Militär mit Kampfflugzeugen und Artillerie. Manches zerstörten Schnee, Regen und Wind. Ganze Stadtteile zerbröckelten, historische Schlösser verfielen, standen eine Zeitlang noch als Ruinen da, bis man ihren Anblick nicht mehr ertrug und die Reste sprengte, wegbrachte, anderweitig verwendete, was noch verwendbar war. In den Gebirgen mit den berühmten Namen sterben die Wälder. Über Gärten wuchert das Gras. Von manchem, was HEIMAT gewesen ist, sind nur noch Reste geblieben.)

Auf der Fahrt zu einem Heimattreffen bei Stuttgart erzählt ein Mann, der aus Mähren stammt, lange und liebevoll von seinem Heimatdorf. Natürlich fahre ich oft wieder hin, sagt er, erst im vergangenen Sommer bin ich wieder dort gewesen.

Wollen Sie mein Dorf sehen, sagt der Mann, greift in die Innentasche seiner Jacke, holt eine Brieftasche heraus, sucht in der Brieftasche nach einer Fotografie, hält sie mir dann entgegen. Das Bild zeigt eine Straße, die sich durch flaches Land zieht, rechts und links von der Straße wuchert vereinzelt Akaziengebüsch. Zwei Frauen beugen sich zum Boden hinab, als suchten sie dort etwas. Weit und breit ist kein Gebäude zu sehen.

Das ist mein Dorf, sagt der Mann, und dort, wo die beiden stehen, meine Frau und meine Schwägerin, dort ist mein Elternhaus.

Sie sehen nichts? sagt der Mann. Aber ich habe Ihnen doch alles genau beschrieben. Es ist ein Straßendorf, rechts und links an unser Haus schließen die Nachbarhäuser an, dahinter liegen die Höfe. Dort ist das Schulhaus und schräg gegenüber die Kirche. Und der kleine Bub, der die Gänse zum Bach treibt, bin ich. Ihr Fehler ist, sagt der Mann, daß Sie das Bild nur mit den Augen sehen. Ich, sagt er, sehe es anders. Ich sehe es innen.

Kann ein Stück flaches Land, von dem alle Spuren menschlichen Lebens getilgt sind, auf dem nicht ein Stein, nicht ein Baum oder Strauch, kein Fußabdruck, keine Wagenspur mehr an die Menschen erinnert, die dort gelebt haben, noch heimatlich berühren? Schon die Kontur eines Hügels, den wir als Kinder kannten, schon der Geruch des Unkrauts am Straßenrand, selbst der Staub, den der Wind von den Äckern treibt, bewegt unser Herz.

Bei Judiths Begräbnis, oder vielmehr davor oder danach, würde, das wußte ich, vor allem von Judith gesprochen werden. Es würden Vermutungen angestellt werden, die nicht beweisbar sein würden, verschiedene Leute würden verschiedene Geschichten erzählen. Aber auch unsere Herkunftsorte würden wiedererstehen, ihre Häuser und Straßen würden sich mit Leben füllen. Wir würden durch die Jahrzehnte zurückfallen und wieder zu jenen Kindern werden, die wir einmal waren. In unseren Erzählungen würden die Spiele, die wir gespielt hatten, wilder, die Streiche, die wir ausgeheckt hatten, verwegener sein, als sie in Wirklichkeit gewesen sind. Anni würde wieder zum Leben erwachen, das Kind, das auf seinem weinroten Fahrrad über den abschüssigen Stadtplatz von B. gefahren ist, mit wehenden Zöpfen und so wild, daß es stürzte und sich die Knie aufschlug, das auf der Wiese hinter dem Haus über die Springschnur sprang, mit von der Sonne erhitzter Haut auf den hölzernen Liegebrettern des Schwimmbads lag und Helga, der blonden Freundin, Geheimnisse ins Ohr flüsterte, von dieser wiederum Geheimnisse erfuhr. Judith würde im Zusammenhang mit dieser Erinnerung ebenfalls wieder Kind sein, Judith, die niemals vom Rad fiel, weil sie weniger wild als Anni war, die alles besser konnte als andere, die alle Geheimnisse kannte. Nein, darüber würde nicht gesprochen werden, aber ich, Anna, würde mich daran erinnern, auch an die älter gewordene Anni, die Feldpostbriefe von Christian in der Tasche trug, MEINE LIEBE ANNI, die sie beantwortete, MEIN LIEBER CHRISTIAN, die, mit Christian über eine weit im Ungewissen liegende Zukunft sprechend, die Angst zu verdrängen versuchte, WENN DER KRIEG ZU ENDE IST, WENN WIR ES ÜBERLEBEN, die von Christian im April fünfundvierzig Abschied nahm.

Auch daran würde ich mich erinnern, wie Judith auf den silbernen Ring wies, den Anni von einem bestimmten Zeitpunkt an am Ringfinger trug.

Was hast du da für einen Ring, hatte Judith gesagt.

Der ist von Christian, erwiderte Anni, Trotz und Triumph mischten sich in ihrer Stimme.

Judith wurde rot im Gesicht, wußte es, wendete sich ab, weil sie dachte, daß Anni es dann nicht bemerken würde.

Das verzeih ich dir nie, sagte sie, schon im Gehen, nein, sie schrie es, schrie es Anni über die Schulter zurück zu. DAS VERZEIHE ICH DIR NIE!

3

Anfang September neunundvierzig stand Europa unter dem Einfluß eines Hochdruckgebietes. In Wien lagen die Tagestemperaturen trotz nächtlicher Abkühlung zwischen dreiundzwanzig und fünfundzwanzig Grad, während der Herbstmesse herrschte ausnahmslos schönes, für die Jahreszeit viel zu warmes Spätsommerwetter. Auf dem Ausstellungsgelände im Prater drängten sich die Besucher zu Tausenden vom frühen Vormittag bis zum Abend, die angebotenen Waren lockten, obwohl sie nicht für den Einzelkäufer gedacht waren und den meisten Besuchern zum Kauf ohnedies das nötige Geld gefehlt hätte. Sehen wollte man, sich an der Vielfalt des Gebotenen erfreuen. Zu lange hatte man die Entbehrungen der Notzeit tragen müssen. Auch eine Weinkost gab es. Die Hallen waren überfüllt, die Luft war gesättigt von Schweißgeruch.

Auch im Pavillon der Erfinder gab es Sehenswertes. Eine Schmutzauffangspachtel für Zimmermaler, ein raumsparendes Brillenetui, spangenlose Ohrenschützer, eine zusammenlegbare Rodel. Die Menge staute sich vor den Kojen, ein Strumpfhalter ohne Knöpfe wurde vorgeführt, ein Schraubenzieher mit biegsamer Welle, ein Kunststopfapparat. Hinter dem Tisch, auf einem elektrischen Kocher, brodelte Milch in einem Topf, ein dürres Männchen in weißem Mantel wies mit dem Kochlöffel auf die dampfende Milch und wiederholte mit schriller Stimme immer das gleiche Satzfragment: GEHT NICHT IEBER! GEHT NICHT IEBER!

Heute noch, sagt Bernhard, habe ich diese Stimme und diese Worte im Ohr.

Bernhard und Anni schoben sich durch die Menge, auf ein Schild zu, das die Aufschrift RAUMSPARENDE MÖBEL trug. Schon von weitem sahen sie Plotzner, der, mit rudernden Armbewegungen auf einzelne Möbel zeigend, die von ihm ausgestellten Stücke anpries. Sein Hemd unter der aufgeknöpften Jacke war, der Mode entsprechend, aus weißem Nylongewebe, es zog klebrige Falten, er war hochrot im Gesicht. Ununterbrochen redete er auf die vor seiner Koje versammelte Menge ein. Hinter ihm, auf einem Podest, als Mittelpunkt der sorgfältig arrangierten Wohnzimmereinrichtung, stand eine mit rostrotem Boucléstoff bezogene Polsterbank, die sich, wie er beteuerte, vollkommen mühelos in ein bequemes Doppelbett verwandeln ließ.

Auch in Wien waren unzählige Wohnungen durch Bomben zerstört worden, auch hier herrschte bitterste Wohnungsnot. Die neuen Wohnungen, die gebaut wurden, waren klein, jene Glücklichen, die sie beziehen durften, brauchten geeignete Möbel dazu, nur die wenigsten konnten sich den Luxus eines eigenen Schlafzimmers leisten. Eine Polsterbank, die man ohne viel Mühe in eine bequeme Bettstatt verwandeln konnte, war eine vernünftige Lösung vieler Probleme.

Das Podest, auf dem die Polsterbank stand, war von zwei kleinen Fauteuils mit hölzernen Armstützen, einem quadratischen Tischchen und einem Hocker umgeben, der sich bei Raumnot unter das Tischchen schieben ließ, in der Ecke, der Polsterbank gegenüber, verdeckten Gummibäume eine mit grünem Stoff bespannte trennende Wand.

Plotzner, mit den Armen rudernd, redete ununterbrochen. Was Sie hier sehen, meine hochgeschätzten Damen und Herren, rief er, während ihm der Schweiß von der Stirn und in die Augen lief, ist das Bett unserer Zeit, nein, es ist das Bett unseres Jahrhunderts. Sie brauchen sich, wenn Sie abends müde von der Arbeit nach Hause kommen, nicht anzustrengen, um es aufzuziehen, Sie brauchen dazu nicht zwei Hände, nicht eine Hand, nein, – er machte eine effektvolle Pause – Sie brauchen gar keine Hand dazu.

Aus dem Krieg waren viele mit nur einer Hand heimgekommen, manche hatten auch keine Hände mehr, Plotzner war sich der Geschmacklosigkeit seiner Anspielung wahrscheinlich nicht bewußt. Sie glauben mir nicht, fuhr er fort, ich werde es Ihnen beweisen.

Er drehte sich um und ging auf die Polsterbank zu. Dieses Bett, rief er, ist ein Wunderbett, es öffnet sich, wenn Sie es wünschen, Sie brauchen es nicht zu berühren, Sie brauchen nur zu blasen, wie ich es Ihnen jetzt zeige. Er neigte seinen massigen Körper nach vorne und blies aus vollen Backen dorthin, wo die beiden Sitzpolster sich aneinanderfügten, das Wunder geschah, die rostroten Polster schoben sich beinahe geräuschlos nach vorne, die Polster, welche die Lehne gebildet hatten, klappten nach rückwärts um, auf dem Podest stand ein breites Bett.

Die Menge staunte und applaudierte, beifälliges Gemurmel wurde laut, die Leute fragten nach dem Preis, Plotzner nannte ihn, einer wollte selbst blasen, Plotzner erlaubte es, nachdem er das Bett wieder zur Bank zusammengeschoben hatte, der Mann blies, das Wunder ereignete sich tatsächlich zum zweitenmal. Die Menge schwieg staunend, beinahe ergriffen, schließlich streckten sich Hände vor, Plotzner verteilte Karten mit seiner Geschäftsadresse.

Na endlich, sagte Plotzner zu Bernhard, Sie müssen mich ablösen. Haben Sie aufgepaßt, wie ich es gemacht habe?

Ja, sagte Bernhard, aber den Trick müssen Sie mir erst noch erklären.

Über Plotzners Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Ja, der Trick, sagte er, Herr Student. Ideen muß man heute haben, Ideen sind das Wichtigste in dieser Zeit. Rechts vor der Bank, sagte er, gleich neben der Stelle, auf der ich gestanden bin, ist ein Knopf im Boden, auf den müssen Sie treten, während Sie blasen, oder während ein anderer bläst, wie vorhin. Wenn Sie auf den Knopf treten, leuchtet hinter dem Wandschirm eine kleine Lampe auf. Wenn die Lampe aufleuchtet, zieht meine Frau an dem Nylonseil. Das Nylonseil läuft unter dem Tisch und unter den Sesseln durch, wenn man an dem Seil zieht, dann öffnet sich das Bett.

Wenn ein anderer auf das Bett bläst, müssen Sie auch auf den Knopf treten, sagte Plotzner.

Hinter dem Wandschirm saß Frau Plotzner, eine hagere Blondine, sie saß auf einem Sessel und hielt das Ende des Nylonseils in der Hand.

Ich werde noch eine Weile hier stehenbleiben und Sie beobachten, sagte Plotzner. Ihre Freundin kann das Seil betätigen, wenn die Lampe aufleuchtet. Machen Sie alles ordentlich und ruinieren Sie mir nicht mein Geschäft.

Ja, sagte Bernhard.

Wenn Sie es nicht ordentlich machen, bekommen Sie kein Geld, sagte Plotzner, und wenn Sie mir mein Geschäft ruinieren, werde ich Schritte unternehmen.

Bernhard trat aus der Ecke hinter dem Wandschirm heraus, die Blondine stand auf, und Anni setzte sich auf ihren Sessel und nahm das Seilende in die Hand. Plotzner lehnte sich an die Wand.

Geh inzwischen etwas essen, sagte er zu seiner Frau, ich komme nach, wenn das hier richtig funktioniert. Frau Plotzner entfernte sich.

Bernhard machte seine Sache gut, vielleicht noch besser als Plotzner selbst. Eine Menschentraube hatte sich neuerlich vor der Koje versammelt, man hörte ihm mit Interesse zu. Bernhard blies, und die kleine Lampe leuchtete auf.

Jetzt! flüsterte Plotzner.

Anni zog an dem Seil, aber das Wunder ereignete sich nicht, die Bank blieb geschlossen.

Fester, zischte Plotzner, ziehen Sie!

Anni riß an dem Seil, aber das Seil hatte sich irgendwo festgeklemmt, Plotzner traten Schweißperlen auf die Stirn, er stürzte auf Anni zu und riß ihr das Nylonseil aus der Hand. Anni erschrak, sprang von ihrem Sessel auf, stieß an den Wandschirm, der Wandschirm kippte nach vorn über die Gummibäume, Plotzner stand mit dem Seil in der Hand da, das Publikum starrte einen Augenblick lang überrascht, brach dann, als es begriffen hatte, in Gelächter aus.

Bernhard nützte die Schrecksekunde, packte Anni an der Hand und zog sie hinter sich her aus dem Lokal und über das Gelände, zwischen den Ausstellungshallen hindurch, erst als sie sicher sein konnten, daß Plotzner ihnen nicht folgte, blieben sie stehen.

Diese Geldquelle ist versiegt, sagte Bernhard.

Sie sahen einander an, dann begannen sie gleichzeitig zu lachen. Über Plotzner und seine raumsparenden Möbel lachten sie, über seine Idee mit dem Nylonseil, über die ganze, miese Geschichte. Sie lachten auch aus Erleichterung darüber, daß sie Plotzner entkommen waren.

Ich habe den Verdacht, sagte Bernhard schließlich, daß wir es auf solche Art nicht zu Reichtum bringen werden.

Würdest du gerne wie dieser Plotzner sein, fragte Anni.

Nein, sagte Bernhard, das nicht.

Da kommt Judith, sagte Anni.

Judith bog eben um die Ecke der Halle, in der die Haushaltsgeräte ausgestellt waren, die von vielen bewundert wurden und die kaum jemand kaufen konnte, weil sie zu teuer waren, sie kam auf die beiden zu. Sie trug einen roten Rock zur weißen, schulterfreien Bluse, das dunkle Haar hatte sie auf dem Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der Pferdeschwanz wehte im leichten Wind, der weite Rock flatterte, sie sah sehr hübsch aus, und die Leute drehten sich nach ihr um. Man hatte, was Kleidung betraf, in jener Zeit nur geringe Möglichkeiten, jedenfalls wenn man arm war und wenn man dazu auch nicht auf Bestände zurückgreifen durfte, die Mütter oder Tanten über den Krieg gerettet hatten und die man umarbeiten konnte. Judith aber gelang es immer, irgendwo ein Stück Stoff zu bekommen, aus dem ein Kleidungsstück zu fertigen war, sie nähte sich ihre Kleider selbst, und da sie keine Nähmaschine besaß, nähte sie mit der Hand. Aus einer alten Decke zauberte sie eine Jacke, aus einem Tischtuch, einem Vorhang eine Bluse oder ein Kleid, sie brachte es fertig, immer auf eine besondere Art modisch gekleidet zu sein, und sie genoß es, dadurch die Blicke auf sich zu ziehen und auf angenehme Art aufzufallen.

Hallo, sagt Judith, was macht ihr da.

Bernhard berichtete, was sich ereignet hatte.

Da wäre ich gern dabeigewesen, sagte Judith.

Anni, auch Judith, sind aus der Erinnerung aufgetaucht und verschwinden wieder. Zurück bleibt ein von Karl Plotzner gesprochener Satz, der als Brücke zu jenen Geschichten benützt werden kann, die erzählt werden müssen, damit aus einzelnen aneinandergefügten, miteinander verwobenen Teilen ein Bild entsteht.

IDEEN MUSS MAN HABEN, hatte Plotzner gesagt, IDEEN SIND DAS WICHTIGSTE IN DIESER ZEIT.

Ein Vater ging mit seinem Sohn durch den Bayrischen Wald bei Kraiburg, die beiden gingen ein Flüßchen entlang, der Sohn blieb stehen und hob aus dem seichten Uferwasser eine Muschel heraus. Die Muschel schillerte an der Innenseite, außen war sie grau, das Tier hatte sein Gehäuse schon verlassen, die Schale lag halbrund und fest in der Hand des Buben, ein schöner, unbeschädigter Gegenstand inmitten der Zerstörungen, welche der Krieg und hier im Wald auch die Nachkriegsaktivitäten der Besatzungsmacht angerichtet hatten.

Was kann man daraus machen, fragte der Sohn.

Der Vater nahm die Muschel aus seiner Hand, wendete sie hin und her und betrachtete sie. Vielleicht Knöpfe, sagte er.

Er hatte mit Knöpfen bis dahin nur soweit zu tun gehabt, als er sie zum Verschließen seiner Kleidung benötigte, aber jetzt, beim Betrachten der Muschel, kam ihm eine IDEE. Er versuchte sich in der Herstellung von Knöpfen aus Muscheln und aus Walnußschalen. Aus diesen kleinsten Anfängen entstand eine Knopffabrik.

WAS KANN MAN DARAUS MACHEN, das war eine der wichtigsten Formeln für jene, die aus den Baracken, den Holzverschlägen, den Viehställen und Scheunen kamen oder noch darin saßen, die sich auf die Suche nach einer Arbeitsmöglichkeit, nach den Anfängen einer neuen Existenz begaben. Aus alten Autoreifen wurden Schuhsohlen, aus Konservenbüchsen wurden Schmuck und Christbaumbehang, aus Eisenstückchen wurden Werkzeuge, aus Maschinentrümmern funktionierende Maschinen, aus geeigneten Holzstückchen wurden Trommelstöcke und Flöten. In der Geigenbauersiedlung Bubenreuth bei Erlangen bewahrt man eine Geige, die aus Barackentrümmern gefertigt worden ist. WAS KANN MAN DARAUS MACHEN, fragten sich jene Vertriebenen, die man in das Lager Pürten bei Kraiburg gebracht hatte, als sie im Mühlbacher Hart auf die Trümmer und Reste der nur zum Teil zerstörten Munitionsfabriken und Bunker jener Anlagen stießen, welche die Deutsche Sprengstoffchemie während des Krieges errichtet hatte. Der Bombenkrieg hatte die gut getarnten Anlagen nicht zerstört, aber die amerikanischen Besatzer hatten gesprengt und demontiert. Nur ein Teil der Baracken und Bunker war erhalten geblieben, dazwischen lagen die Trümmer, gewaltige Blöcke aus schwerstem Beton, aus denen rostige Eisenstangen gefährlich hervorragten, dazwischen wucherte der Wald. Sie dachten ARBEIT, als sie auf die Maschinenteile stießen, die noch verwendbar waren. Die in der Heimat Fabriken besessen hatten, dachten AUFBAU und PRODUKTION. Sie zogen aus den Lagern in den Wald, sie bezogen diejenigen der Bunker, die noch beziehbar waren, von den Betonwänden rann das Wasser, sie brachen in monatelanger Schwerstarbeit Fensteröffnungen in die Wände. Sie wohnten und arbeiteten unter elendsten Verhältnissen, sie rodeten und gruben wie einst ihre Vorfahren in den böhmischen Ländern, wie jene, die man gerufen hatte, um aus Urwäldern fruchtbare Äcker zu machen. Sie hatte man nicht gerufen, und ihre Not war größer als jene der Vorfahren je gewesen war, denn jene waren als Arbeitskräfte und Siedler willkommen gewesen, sie aber waren als unerwünschte Eindringlinge gekommen. Immer wieder wurde, während sie bauten, demontiert und gesprengt, aber sie ließen sich nicht vertreiben, sie waren zäh, sie krallten sich fest an diesem Stück Waldgelände, sie hatten nichts zu essen und nichts, das sie hätten gegen Eßbares eintauschen können, sie bastelten Wäscheklammern aus Holzstückchen, die sie im Wald auflasen, und liefen damit zu den Bauern, um ein wenig Milch für die Kinder zu bekommen, jeder rostige Nagel, jeder Stoffetzen, jedes verwertbare Holzstück waren wertvolle Funde für sie. Buchstäblich aus dem Müll gruben sie die Anfänge ihrer Existenz.

Was hätten diese Leute aus dem Müll unserer Tage gemacht, sagt Bernhard, diese Frage drängt sich einem ja auf, wenn man das liest.

Ich, Anna F., bin auf der Suche nach Anfängen, die sich rund um den eigenen Anfang begeben haben, in die meine Anfänge eingebettet sind. Ich fühle mich als Einzelperson eingebunden in ein Geflecht verschiedenster sozialer und menschlicher Abläufe, die sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums abgespult haben wie Fäden und die jene Menschengruppe betreffen, der ich nach Herkunft und Schicksal zuzuzählen bin. Ich gehe herum und sammle die Fäden, wo ich sie finden kann, ich verfolge sie zu den Anfängen zurück. Ich lasse mir Geschichten erzählen, fahre mit dem Wagen durch Gegenden, in denen ich nie vorher gewesen bin, und sammle Landschaften, in die es die Menschen meiner Heimat verschlagen hat, ich lasse mir Bilder zeigen, alte Schwarzweißfotografien, die aus diesen Anfängen stammen und aus denen die Veränderungen erkennbar werden, die vorgegangen sind. Ich will, indem ich dies tue, eine Verbindung herstellen zwischen Früher und Jetzt, vielleicht eine Art Band flechten aus den gesammelten Fäden, das Halt gibt und zusammenhält. Ich weiß, indem ich darüber nachdenke, daß diese Vorstellung einer Art Wunschdenken entspringt, das eigentlich jeder realen Basis entbehrt, ebenso wie die ebenfalls mögliche Vorstellung, aus den gesammelten Fäden ließe sich etwas spinnen wie ein Kokon, dessen Inneres Schutz und Geborgenheit bieten kann. Beides, das unzerreißbare Band wie auch der Kokon, gehören in den Bereich der Illusion.

Wen oder was also will ich retten, wen oder was will ich bergen oder zu bewahren versuchen?

Laß die Vergangenheit, hätte Judith gesagt, was geht sie uns an. Wir leben HEUTE, und wir haben nur dieses eine Leben.

Ich aber weiß, daß spätere Entwicklungen ohne die Anfänge nicht vorstellbar sind.

Die ersten der Vorfahren, von denen wir wissen, sagte der Vater, sind aus dem Adlergebirge gekommen.

Einer der Fäden, die ich zu den Anfängen zurückverfolgt habe, führt in die Stadt zurück, die auf dem Bunkergelände bei Kraiburg entstanden ist und die man Waldkraiburg genannt hat. Sie ist vielen Adlergebirglern zur zweiten Heimat geworden.

Erzählt mir, wie es gewesen ist, sage ich zu den Leuten, die mir in Waldkraiburg begegnen. Sie berichten, woran sie sich erinnern, wie es war, als die ersten von ihnen durch die Wälder gegangen sind. Der erste Kaufmann berichtet, wie er mit dem Fahrrad bis nach München gefahren ist und die Lebensmittel geholt hat, die zugeteilt worden sind. Wie er mit dem Schubkarren nach Kraiburg gefahren ist oder nach Mühldorf um Mehl oder Brot.

Zweiundzwanzig Kilometer weit nach Altötting, siebzehn Kilometer nach Mühldorf, dort habe er mit dem Rucksack die Wurst geholt. Als es zum erstenmal Rübensirup ohne Marken zu kaufen gab, fuhr er mit dem Fahrrad dreißig Kilometer weit, ebensoweit wieder zurück in den Wald, rechts und links je einen Eimer mit Sirup an die Lenkstange gehängt, weil die Eimer bald leer waren, legte er die gleiche Wegstrecke gleich noch einmal zurück. UNTERWEGS IST MIR DANN NOCH DIE GABEL GEBROCHEN. DIE STRASSEN WAREN JA NOCH VOLLER LÖCHER, NICHTS WAR ASPHALTIERT.

Von der Frau erzählen sie, welche die Kinder einsammelte und in einer Baracke den ersten Schulunterricht gab. Nein, nichts mit Behörden und so, das sei erst später gewesen.

Auch der erste Gottesdienst wurde in einer Baracke gehalten. Ein Leintuch als Altardecke, jeder brachte einen Sessel mit. Ein Brautschleier zu Ostern für das Heilige Grab. Dieser Brautschleier sei auch zu Hochzeiten oft verliehen worden.

(Auch Anni ist, etwa zur gleichen Zeit, in geliehenem Brautkleid, mit geliehenem Schleier, über den Teppich der Churhauskapelle nächst Sankt Stephan in Wien gegangen.)

Eine Barackenschule, eine Barackenkirche, ein Barackenkindergarten. Später eine erste feste Kirche in einem Bunker. DAS WAR NOCH EINE RICHTIGE KIRCHE, DA HAT MAN SICH NOCH IN GOTTES NÄHE GEFÜHLT.

Wie die ersten Häuser am Annabergplatz gebaut worden sind, erzählen sie, wie Oskar F. seine ersten Möbel aus Pulverkisten gebaut hat, die Angeln aus Draht für die Türen, die Nägel aus den Dornen des Stacheldrahtes, das habe er in der Gefangenschaft in Rußland gelernt.

Erst Anfang der fünfziger Jahre sei es langsam aufwärts gegangen, da habe es dann schon eiserne Militärbetten gegeben.

Von den Anfängen muß gesprochen werden. Wie sie nacheinander gekommen sind, erzählt Dr. K., der Apotheker, wie der Doktor, der Armeechirurg gewesen war, bei dem amerikanischen Offizier einen Blinddarmdurchbruch diagnostiziert hat, wie der Amerikaner ihn aufgefordert hat, ihn zu operieren.

Yes, habe der Doktor gesagt, ich werde operieren, habe den Amerikaner in der Baracke auf einen Tisch gelegt und mit seinen mehr als bescheidenen Instrumenten so operiert, daß er überlebte. Das hast du gut gemacht, sagte der Offizier, du wirst Chefarzt hier im Krankenhaus.

Was man überhaupt für Möglichkeiten gehabt hat, was man alles werden konnte, wenn man durch Zufall auf die maßgeblichen Leute der Besatzungsmacht gestoßen ist, wenn man es verstanden hat, die Möglichkeiten, die sich boten, wahrzunehmen.

Wie sie einander halfen, wenn ein Kind zur Welt kam, wie die Uralten sich der Kinder annahmen, weil die Jüngeren zur Arbeit gebraucht wurden. DA WAR DIE FAMILIE WICHTIG, DA WAR EINER AUF DEN ANDEREN ANGEWIESEN.

Im Wald hatte man rauchloses Pulver erzeugt, Granaten, Munition für den Krieg, den wenige gewollt hatten, der so viele Opfer gekostet hatte, der auch viel später noch Opfer forderte, weil Unzählige an den Spätfolgen, die sich einstellten, starben. Sie richteten sich in diesem Wald ein, um darin zu leben, sie gingen nicht, als man ihnen die Bewilligung zum Aufbau entzog, bauten mit dem Risiko, wieder vertrieben zu werden, erste, kleine Betriebe auf, blieben und arbeiteten mit Zähigkeit und Fleiß, halfen einander weiter, ließen sich nicht entmutigen, überzeugten schließlich die Behörden und die Besatzungsmacht. Sie erzeugten Ofenrohre, Puppen, Musikinstrumente, Spielwaren, Knöpfe, sie bearbeiteten und veredelten Glas. Von den Unternehmen, zu denen sie damals den Grundstein legten, haben mehrere internationale Bedeutung erlangt. Auch nordböhmische Glasfachleute waren in die Kraiburger Wälder gekommen, Glas sollte in der neuen Siedlung eine bedeutende Rolle spielen.

(Wenn Anna und Bernhard Gäste bewirten, dann trinken diese Wasser und Wein aus Gläsern, die in Waldkraiburg hergestellt worden sind.)

Ich bin durch Waldkraiburg gegangen und habe die Namen der Straßen gelesen, die an die alte Heimat erinnern. Troppauer Straße, Neutitscheiner Weg, Tilsiter Straße, Prager Straße, Adlergebirgsstraße. Ich habe in einem Hotel in der Berliner Straße geschlafen, das zu einem Teil noch aus einem der übriggebliebenen Bunker besteht. Oskar F. hat mir die anderen, noch existierenden Bunker gezeigt, das Jugendzentrum, die Polizeidienststelle in der Nähe des Annabergplatzes, eine Schlosserei. Der Jugendstilmaler Ferdinand Staeger hat bis zu seinem Tod in einem Bunker gewohnt, ich, Anna, habe ihn dort noch besuchen dürfen. Auch jene ersten Häuser, die man am Annabergplatz gebaut hat, sind noch bewohnt.

In einem Bildband sieht man die schmale Straße, die damals über das Bahngeleise geführt hat, hinter dem Bahngeleise ragt hoher Fichtenwald.

Überall ist hier Wald gewesen, sagt Oskar F., und hier war die alte Kirche, die Bunkerkirche, von der meine Frau erzählt hat, man hat sie erst vor ein paar Jahren abgerissen.

Hier liegt noch etwas Schutt davon.

Ich habe mir gedacht, daß Sie das sehen wollen, sagte Oskar F. Auf dem Waldfriedhof gibt es eine Gedenkstätte für die in der Heimat zurückgebliebenen Toten, sie ist aus Ziegeln erbaut, man konnte einen solchen Ziegel kaufen und die Namen und Daten der in der Heimat zurückgebliebenen Toten einbrennen lassen. Ich suchte im Telefonbuch nach Leuten aus dem Adlergebirge, die den gleichen Familiennamen tragen, der auch der meine gewesen ist, es könnten Nachkommen meines Vorfahren Adam, des um 1580 Geborenen, sein. Was ich nicht zu hoffen gewagt hatte, trat ein. Es fand sich eine Familie dieses Namens.

Was hatte ich, als ich die Nummer wählte, eigentlich gehofft?

Ja, sagte die Frau, die sich meldete, sie heiße so und sie stamme auch aus dem Adlergebirge.

Tschenkowitz, ja, das sei ihr bekannt.

Nein, sagte die Frau, es interessiere sie nicht, mit mir in Kontakt zu treten.

Warum denn? fragte die Frau.

Der Plotzner kommt, sagte Anni erschrocken, gehen wir schnell weg.

Nein, sagte Bernhard, das hat keinen Sinn, er hat uns ja schon gesehen.

Ihr werdet euch doch nicht fürchten, sagte Judith.

Plotzner kam mit rudernden Armbewegungen direkt auf sie zu, ein Zweifel war ausgeschlossen, er hatte sie gesucht und auch gefunden. Kleine Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, er schien gelaufen zu sein.

So geht das nicht, Herr Student, sagte er zu Bernhard, das können Sie mit mir nicht machen. Zuerst machen Sie mich lächerlich vor den Leuten, und dann rennen Sie einfach davon.

Anni blickte besorgt, sie dachte daran, was Plotzner ihnen angedroht hatte, er würde Schritte unternehmen, hatte er gesagt, es blieb abzuwarten, wie das gemeint gewesen war.

Das Seil ist hängengeblieben, sagte sie, wir können gar nichts dafür, daß das passiert ist.

Das müssen Sie mir nicht sagen, das haben wir ja alle gesehen, bemerkte Plotzner, aber deswegen brauchen Sie ja nicht den Wandschirm umzuwerfen.

Sie hat sich vor Ihnen gefürchtet, sagte Bernhard.

Lächerlich, sagte Plotzner, und ein Gummibaum ist auch abgebrochen.

Was kostet ein Gummibaum, rechnete Anni. Plotzners Schritte würden den Preis eines Gummibaums einbeziehen.

Sie sind auf sie zugestürzt wie ein wild gewordener Hund, sagte Bernhard.

Hund, wiederholte Plotzner drohend, das sagen Sie nicht noch einmal zu mir, Herr Student!

Ich wollte Sie nicht beleidigen, erwiderte Bernhard. Aber Sie hätten sich sehen sollen, wie Sie losgestürzt sind.

Ja, sagte Anni, das ist wahr.

Plotzner zog ein Taschentuch aus der Rocktasche und wischte sich damit den Schweiß von der Stirn. Sie können leicht reden, sagte er, Sie kommen her, spielen ein bißchen Theater und wollen noch Geld dafür, aber ich muß dieses Geld erst verdienen. Ich muß Ideen haben, ich muß mir etwas einfallen lassen, damit die Leute später in die Geschäfte gehen und meine Möbel kaufen und keine anderen. Es sind gute Möbel, und auf das Bett habe ich schließlich ein Patent, es geht ganz leicht auf, auch ohne das Seil, es gibt andere Ausziehbetten.

Und warum machen Sie dann das ganze Theater, fragte Anni.

Junge Frau, entgegnete Plotzner, verstehen Sie denn überhaupt nichts vom Geschäft? Die Leute brauchen das, man muß ihnen etwas bieten, was sie nicht überall sehen. So lang hat man bei uns nichts zu kaufen bekommen, die Geschäfte waren leer, jetzt wird überall angeboten, seit achtunddreißig oder neununddreißig haben die Leute nicht mehr so viele verschiedene Sachen gesehen. Wenn sie von dieser Messe nach Hause kommen, haben sie ein Durcheinander von Sachen im Kopf, die sie alle gesehen haben und die sie sich gerne kaufen würden, wenn sie das Geld dazu hätten.

Aber sie haben ja das Geld gar nicht, sagte Anni, die meisten haben es nicht.

Eben, sagte Plotzner. Jetzt haben Sie ins Schwarze getroffen, junge Frau. Es gibt zwar wieder Leute, die Geld haben, aber die haben auch andere Wohnungen und die brauchen auch keine Ausziehbetten, die Ausziehbetten sind für die kleinen Wohnungen und für die armen Leute gedacht. Die Leute, für die sie erfunden sind, müssen sparen, ehe sie sich ein Möbelstück kaufen können, und weil sie sparen müssen, überlegen sie sich gut, was sie kaufen. Das ist eine Katze, die sich in den Schwanz beißt, junge Frau, das muß ein Geschäftsmann heute bedenken. Sie wissen ja nicht, was ein Geschäftsmann alles bedenken muß. Überall werden jetzt raumsparende Möbel angeboten, überall werden sie gemacht, deshalb ist es wichtig, daß man den Leuten etwas Besonderes bietet, etwas, was ihnen im Gedächtnis bleibt.

Die Leute, die meine Koje besuchen, sagte Plotzner, wissen sehr gut, daß das mit dem Blasen ein Trick ist, sie sind ja nicht blöd. Aber wie dieser Trick funktioniert, das können sie nicht so leicht herausbekommen, das Nylonseil ist ja beinahe unsichtbar, und außerdem ist es unter dem Teppich versteckt, und die Leute achten nur auf das Bett, sie kommen nicht dahinter, wie es gemacht wird, wenn nicht jemand daherkommt wie Sie und den Wandschirm umwirft. Die Leute stehen da und sehen, wie das Bett aufgeht, ohne daß jemand es auch nur anrührt, sie versuchen, dahinterzukommen, wie das funktioniert, aber normalerweise kommen sie nicht dahinter, das freut sie, das bringt Spannung in die Sache. Sie sind dankbar für den gut gemachten Trick, die Leute, das ist fast wie wenn sie im Zirkus gewesen wären, aber sie mußten dazu nicht in den Zirkus gehen und Geld ausgeben, sie haben den Trick ganz umsonst mit dem Eintrittsgeld für die Messe mitgekauft. Und wenn sie dann wieder zu Hause sind, erinnern sie sich daran und reden davon.

Zum Glück ist ja ein ständiges Kommen und Gehen auf dieser Messe, sagte Plotzner, also einmal ist keinmal, die Sache ist nicht so schlimm.

Da bin ich aber beruhigt, sagte Bernhard.

Komm, sagte er zu Anni, wir gehen.

Plotzner packte ihn am Arm. Nein, sagte er, so ist das nicht gemeint. Sie haben mir versprochen, mich abzulösen, ich brauche eine Pause bei diesem Betrieb und bei dieser Hitze, auch meine Frau braucht eine Pause. Wir haben einen Preis für die Stunde ausgemacht. Wo soll ich jetzt, mitten im Messebetrieb, jemand anderen herbekommen?

Sie haben doch einen Sohn, sagte Bernhard.

Der Peter ist im Geschäft, sagte Plotzner. Einer muß im Geschäft sein, sonst machen die Angestellten, was sie wollen. Kommen Sie, sagte er, ich gebe Ihnen einen Schilling mehr für die Stunde.

Das Angebot würde ich annehmen, sagte Judith.

Na ja, meinte Anni.

Also gut, sagte Bernhard, gehen wir.

Ich komme mit, sagte Judith.

Sie schoben sich wieder durch das Gedränge, an dem Mann mit dem Milchtopf vorbei, der Erfinder des Schraubenziehers drehte immer noch Schrauben in ein Stück Holz, die Dame mit dem Strumpfhalter ohne Knöpfe schob ihren Rock hoch und wies auf ihr Bein, der Student, der die Dachziegel anpries, warf ihnen einen vielsagenden Blick zu, er deutete auf die Koje, vor der sich schon wieder die Menge staute. Auf dem Patentbett, das jetzt aufgeschlagen war, lag ein junger Mann, die Arme unter dem Kopf verschränkt, und täuschte laute Schnarchtöne vor.

Plotzner zog sein Taschentuch aus der Rocktasche, wischte damit über die Stirn und steckte es wieder ein. Wünsche wohl geruht zu haben auf Plotzners Patentbett, sagte er scharf.

Plotzner junior öffnete die Augen und gähnte. Die Menge brach in Gelächter aus. Plotzner senior tat, als wäre die Sache mit Absicht so arrangiert worden, er vermied im Hinblick auf die drohende Blamage einen Familienstreit und nützte die Situation.

Peter Plotzner schüttelte Bernhard und Anni die Hand und entfernte sich, er hatte den beiden den Nebenverdienst in der Möbelkoje seines Vaters vermittelt. Viel Spaß und überarbeitet euch nicht, rief er ihnen noch zu, dann war er verschwunden.

Diesmal lief alles zu Karl Plotzners Zufriedenheit ab. Bernhard hielt seinen Vortrag über die Qualitäten der raumsparenden Möbel, vor allem der Polsterbank, Anni zog im richtigen Augenblick kräftig am Seil, das sich nicht verklemmt hatte, sondern prompt funktionierte. Die Bank glitt lautlos nach vorne und öffnete sich zum Bett, das Publikum staunte und applaudierte.

Plotzner, hinter dem Wandschirm stehend, nickte zufrieden. So müssen Sie es machen, so ist es richtig, sagte er zu Anni, wenn Sie es jedesmal so machen, dann wird es ein Erfolg, dann lasse ich vielleicht mit mir reden und gebe Ihnen noch einen Schilling mehr.

Im selben Augenblick ereignete sich draußen auf dem Podest etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Judith, die unten im Publikum gestanden war und die Vorstellung interessiert verfolgt hatte, sprang, ihren roten Rock mit beiden Händen festhaltend, auf das Podest. Dieses prachtvolle Bett muß man aber auch ausprobieren, rief sie, ich möchte wissen, wie man darauf schläft. Ehe Bernhard es verhindern konnte, war sie, leicht wie eine Tänzerin, auf das Patentbett gesprungen, nicht ohne die Schuhe vorher abzustreifen, hatte, auf und ab hüpfend, die Federung erprobt, sich dann hingelegt, der Länge nach ausgestreckt. Nun räkelte sie sich behaglich auf den rotbraunen Polstern, ihr Rock verrutschte, eines ihrer schlanken Beine wurde bis zum Schenkel hinauf sichtbar, wofür sich vor allem der männliche Teil der Zuschauer mit lautem Beifall bedankte.

Plotzner, der mit geschärftem Ohr die zu diesem Zeitpunkt nicht erwartete Bewegung in der Menge wahrgenommen hatte, lugte durch einen Spalt im Wandschirm, erblickte zwischen den Blättern eines der Gummibäume Judiths roten Rock und Judiths nacktes Bein, wollte erst wütend aus seiner Ecke hervorbrechen, die freche Person von seinem Patentbett verjagen, besann sich dann, blieb still und wartete ab. Er vernahm, wie die Menge, nachdem Bernhard Judith endlich bewogen hatte, sich wieder aufzurichten und das Bett zu verlassen, Unmut darüber äußerte, daß die Vorstellung zu Ende war, dann lachend weiterzog. Erst dann trat er hinter dem Wandschirm hervor und auf Judith zu, die eben dabei war, ihre Schuhe wieder anzuziehen.

Fräulein, sagte Plotzner, Sie verstehen etwas vom Geschäft, Sie müssen das unbedingt wiederholen.

Judith sah ihn erschrocken an. Das fällt mir nicht ein, sagte sie zornig.

Aber Fräulein, sagte Plotzner, haben Sie nicht gesehen, was für ein Erfolg das war?

Judith hörte ihn nicht mehr, sie hatte sich schon durch die Menge gedrängt und lief durch die Halle dem Ausgang zu.

(Ich, Anna, sehe Judith mit wehendem roten Rock durch die Tür der Halle verschwinden. Ich sehe Anni und Bernhard wiederum das Podest besteigen, auf dem Plotzners Patentmöbel stehen. Sie werden, indem sie diese anpreisen, mithelfen, eine Epoche zu prägen. Die Verhältnisse werden sich bessern, aber die Architekten werden auf ihren Reißbrettern weiterhin kleinräumige Wohnungen entwerfen, das kleine Glück wird in kleine Räume gedrängt bleiben, auch dann noch, wenn keine Patentbetten mehr nötig sind. Manches wird überflüssig werden, weil es in den zu kleinen Zimmern keinen Platz mehr dafür geben wird, zum Beispiel Klaviere. Die Kinder werden nicht mehr Klavier spielen lernen wie Anni, wie Heinrich, wie auch Valerie, sie werden auf Knöpfe drücken, Knöpfe erfordern nur wenig Platz. Die Knopffabriken werden erweitern, in großen Hallen werden kleine Knöpfe erzeugt werden, die Knöpfe werden an kleinen Apparaten angebracht werden, die Apparate werden in den kleinen Wohnzimmern die Klaviere ersetzen. Die Zeit wird anbrechen, in der man Klaviere nachts heimlich von den Brücken in die Donau kippt, weil niemand sie mehr braucht und niemand sie mehr haben will, vielleicht auch in andere Flüsse von einiger Breite und Tiefe, Architektur und Technik werden den heimlichen Tod der Klaviere verursacht haben, das Ertrinken der Klaviere, das Verstummen der Klaviere. Niemand wird mehr Klavierauszüge von Opern oder Operetten auf Notenpulte legen und daraus Opern- oder Operettenmusik spielen.

Anni vor dem schwarzen Flügel, auf dem in Goldbuchstaben HANSMANN geschrieben steht, Valerie vor dem braunen Flügel im Bauernhaus ihrer Eltern in B., Heinrich vor dem Flügel in Mährisch Trübau, Friederike vor dem Flügel in Sankt Ägyd, Kinder, die Musik durch Klavierspiel erzeugen, nur der Musik zuliebe, dies alles wird Vergangenheit sein.

Heinrich ging, im Ersten Weltkrieg in Polen, auf ein fremdes Klavier zu, das in einem polnischen Herrenhaus stand, er spielte Musik von Lehár und Strauß. Klaviermusik, spontan auf fremden Klavieren gespielt, wird es kaum noch geben, was bleiben wird, werden die Kriege sein. Der Tod der Klaviere, das Verschwinden der Klaviere wird nicht dazu beitragen, die Welt friedlicher werden zu lassen, die Knöpfe werden eine furchtbare Bedeutung erlangen. Dies aber sind Entwicklungen, die Plotzners Patentbett nicht direkt verursacht hat.)

4

Der fünfte Winter nach dem Ende des Krieges war kalt. Eine böse Zeit für jene, die noch in Notunterkünften saßen, keine warme Kleidung, keine festen Schuhe hatten, kaum Brennmaterial und die nötigsten Lebensmittel kaufen konnten. Zwei Jahre nach der Währungsreform war im Westen Deutschlands die Rationalisierung der Lebensmittel zum großen Teil aufgehoben worden, trotzdem spürte man den Mangel überall, denn es fehlte an Arbeitsplätzen und damit auch an Geld. Ein Ei kostete achtzehn Pfennig, die Butter konnte man um zwei Mark fünfzig für das halbe Kilo kaufen, ein Kilo Brot kostete eine Mark. Hedwig hatte mit hundertvierzig Mark im Monat für die Familie auszukommen. Sie war eine der 469.000 Kriegerwitwen, die zu versorgen waren.

Obwohl man den Flüchtlingen und Vertriebenen in Deutschland Renten und Unterstützung gewährte, konnten diese, bei den herrschenden Verhältnissen, nur niedrig sein. Auch die Arbeitslosigkeit war im Steigen begriffen. Im deutschen Bundesgebiet erreichte die Zahl der Menschen, die ohne Beschäftigung waren, die Zweimillionengrenze, in Nürnberg allein waren 13.180 Arbeitslose gezählt worden, die Schlangen vor den Arbeitsämtern wurden von Tag zu Tag länger. Von den Unternehmern wurden nur voll einsatzfähige Arbeitskräfte beschäftigt, Angestellte, die auf Grund ihres schlechten Gesundheitszustandes den Anforderungen nicht entsprechen konnten, wurden in den meisten Fällen entlassen. Ständig kamen neue Arbeitsuchende hinzu, Heimkehrer, illegale Grenzgänger, auf verschiedenen Wegen Zugezogene. Die allgemeine Not war groß, beinahe katastrophal. Trotzdem schrieb die New York Times, sich auf Berichte aus Frankfurt berufend, die Deutschen äßen jetzt besser, als sie je nach dem Krieg gegessen hätten, und sie hätten vor, IM NEUEN JAHR ZU GUT ZU LEBEN. Die Administratoren, hieß es, seien besorgt, daß die deutsche Bevölkerung sich AN EIN ZU UMFANGREICHES MENU GEWÖHNEN könnte und daß es eines Tages zu neuerlichen Einschränkungen kommen würde, etwa dann, wenn die mögliche Einstellung der amerikanischen Hilfe mit einer schlechten Ernte zusammenfiele. Dies würde dann EINE RÜCKKEHR ZUM MAGEREN TISCH bedeuten.

(Hier ist daran zu erinnern, daß Annis Großeltern, Josef und Anna, mit ihrer Tochter Hedwig und deren beiden Kindern Heidi und Günter nach ihrer Vertreibung von Haus und Hof und einer Zwischenstation im nördlichen Niederösterreich in ein sehr kleines Dorf bei Erlangen gebracht wurden, wo sie in einem Häuschen zwei Dachkammern bewohnten. Heidi und Günter erklären, daß der Tisch der Familie in jenen Jahren mehr als mager gedeckt gewesen sei. Sie waren zu diesem Zeitpunkt, von dem hier die Rede ist, sieben und zehn Jahre alt und können sich nicht daran erinnern, damals GUT UND REICHLICH gegessen zu haben.

Präsente, die man den Großen machte, spiegeln die Lage der Zeit deutlicher als der zitierte Zeitungsbericht. Zum vierundsiebzigsten Geburtstag des Bundeskanzlers Adenauer stellten sich die Länder mit Lebensmittelgeschenken ein. Bayern soll sechs Hühnereier, Schleswig-Holstein ein halbes Pfund Butter gespendet haben.)

Der Winter also war kalt, und die Familie fror, obwohl Großvater Josef Holz aus dem Wald heranbrachte und der kleine eiserne Ofen, der in einer der beiden Kammern stand, geheizt werden konnte. Die Wände blieben kalt, und durch die Fugen der klapprigen Fenster pfiff ein eisiger Wind.

Großmutter Anna war schon mehrmals schwer krank gewesen, sie war über siebzig Jahre alt und geschwächt. Hedwig hatte die Sorge um die tägliche Nahrung für die fünfköpfige Familie und zu ihrem Kummer um den in Rußland verschollenen Mann Richard auch noch jene um die kranke Mutter zu tragen.

Die Schwägerin in Wien versuchte zu helfen, sie stellte ein Weihnachtspaket zusammen und gab es einer Frau mit, die zu Verwandten nach Nürnberg fuhr. Irgendwann um die Weihnachtszeit kam dann der von der Zensurstelle geöffnete und wieder verklebte Brief, in dem Hedwig mitgeteilt wurde, daß das Paket unter einer genannten Adresse in Nürnberg zu holen sei.

Hedwig war bis zu diesem Zeitpunkt noch nie in der nahen Stadt Nürnberg gewesen, die Gelegenheit hatte sich nicht ergeben, jetzt mußte sie diese Fahrt unternehmen, obwohl die Mutter wieder erkrankt war und sie dringend gebraucht hätte. Das Paket und sein Inhalt waren wichtig, und sie entschloß sich zur Reise.

Sie zog den Mantel an, den eine befreundete Frau ihr aus einem alten Männerrock und einer Jacke genäht hatte. Nein, einen richtigen Mantel habe sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehabt.

(Wenig später wurde in Nürnberg ein Winterschlußverkauf eröffnet, in den zwischen den Ruinen errichteten Behelfsläden gab es Damenwintermäntel aus umgearbeiteter US-Ware, BESTE, STRAPAZIERFÄHIGE QUALITÄT, mit Webpelzfutter, sie kosteten fünfundzwanzig bis dreißig Mark.

Das hätte mir auch nichts genützt, auch wenn ich es gewußt hätte, sagt Hedwig. Soviel Geld habe ich für mich nicht ausgeben können, soviel Geld habe ich gar nicht gehabt.

Arbeitsjacken aus Wolle kosteten drei Mark fünfundsechzig, Gummiüberschuhe drei Mark fünfzehn bis vier Mark fünfzig. Die Ware war liegengeblieben, die Leute hatten sie nicht gekauft. Überall machte sich Geldnot bemerkbar.

Mit der Währungsreform, heißt es allgemein, habe der Konsum begonnen. Die Leute hätten die Geschäfte gestürmt und gekauft, was kaufbar gewesen sei.

Das ist ein Märchen, sagt Hedwig, davon sind nur sehr wenige betroffen gewesen. Die meisten Leute sind vor den Geschäften gestanden und haben in die Auslagen geschaut und die Sachen bestaunt, die es schon wieder gegeben hat. Wirklich kaufen konnten die wenigsten. Alles spricht von dem Aufschwung, sagt ein Geschäftsmann, der Ende der fünfziger Jahre nach Amerika ausgewandert ist, niemand spricht von der FLAUTE nach der Währungsreform.

Das zu Unrecht erworbene Geld der Schwarzhändler und Schieber war abgeschöpft worden, das durch Schwarzhandel und Betrug erworbene Geld, Haufen von Papiergeld waren zu wenigen Scheinen geschmolzen oder zu einem Häuflein Münzen, die Währungsreform hatte die neuen Reichen wieder arm gemacht, aber die Armen waren dadurch nicht reicher geworden.)

Hedwig bestieg den ungeheizten Zug, der sie nach Forchheim bringen würde, sie hockte frierend auf der Holzbank und sah die Landschaft vorüberziehen, die sie kannte. Vier Jahre lebte sie mit den Ihren nun schon in dieser Gegend, in Forchheim war sie wiederholt gewesen, auch Erlangen kannte sie schon, Nürnberg noch nicht. Ein Jahr hatte sie in Österreich verbracht, hatte dann weiterziehen müssen, zum zweitenmal vertrieben, zum zweitenmal gezwungen, sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen, schon Gewohntes aufgeben zu müssen, eine junge Frau, die Kinder geboren und wieder begraben hatte. Ein kleines Grab war auf einem niederösterreichischen Dorffriedhof zurückgeblieben. Ihr Mann Richard war aus Rußland nicht wiedergekommen, sie hatte sich dazu entschließen müssen, die Todeserklärung zu beantragen, Kriegerwitwen stand eine zusätzliche Rente zu, sie hatte das Geld gebraucht, um die beiden ihr noch verbliebenen Kinder und die alten Eltern ernähren zu können, obwohl sie insgeheim immer noch hoffte, Richard würde eines Tages wiederkommen, über das Rote Kreuz oder über die in Wien lebende Schwester ihren Aufenthaltsort erfahren. Immer wieder hatte sie sich in Tagträumen ausgedacht, wie er eines Tages vor der Tür stehen, wie sie ihm öffnen würde, wie die Kinder auf ihn zustürzen würden, wie er sie, Hedwig, in die Arme schließen würde. Immer wieder hatte sie in den Nächten von ihm geträumt, eine junge Frau, die ohne ihren Mann zu leben gezwungen war, die sich sehnte und wach lag, wenn die Alten und die Kinder schon in ihren Betten schliefen, eine immer noch schöne junge Frau, die trotz ihrer Armut nicht hätte allein bleiben müssen, es jedoch blieb, weil sie nicht aufhören konnte, auf ein Wunder zu hoffen.

In Forchheim hielt der Zug, Hedwig stand längere Zeit frierend auf dem Bahnsteig, stieg dann in einen anderen Zug um, saß wieder auf einer Holzbank im ungeheizten Abteil, kam endlich in Nürnberg an.

Hatte sie sich vor der Fahrt in die Stadt, von der sie schon so viel gehört hatte, die sie von Bildern und Büchern her kannte, gefürchtet oder hatte sie sich darauf gefreut? Sollte sie diese Fahrt mit dem Gefühl angetreten haben, vom Dorf in eine große Stadt zu fahren, in eine stark zerstörte, aber immerhin von Leben erfüllte Stadt, sollte sie sich, trotz der quälenden Sorgen, auf eine Abwechslung gefreut haben, dann jedenfalls wurde sie grausam enttäuscht.

Als sie den Zug verlassen hatte, sah sie Ruinen, wohin sie auch blickte, sauber zur Seite geräumten, aber in hohen Haufen liegenden Schutt. Aus den Trümmern ragten bizarre Reste von Türmen, Mauern, Gewölben. Nackte Fensterbogen sah sie, mit schwarz verkohlten Stuckrosetten, einzelne, noch erhalten gebliebene Schornsteine ragten wie Nadeln empor, von Fensterlöchern durchbrochenes Mauerwerk hob sich gegen den Winterhimmel ab. Hedwig hatte viel über die zerstörten Städte Deutschlands gehört und gelesen, überall war darüber geschrieben und auch gesprochen worden, so aber hatte sie sich die Wirklichkeit doch nicht vorgestellt. Auch in B. waren zu Kriegsende Bomben gefallen, auch dort hatten Häuser gebrannt, auch die Stadt Wien hatte furchtbare Zerstörungen aufzuweisen gehabt. Aber das, sagt sie, muß man erlebt haben, man muß es gesehen haben, um zu wissen, wie es wirklich gewesen ist.

Sie sei, sagt Hedwig, immer weitergegangen, wie von selbst hätten sich ihre Füße bewegt. Auf einem freien Platz, mitten unter den Trümmern, sei auf einem Sockel eine dunkle Figur in wallendem Umhang gesessen, in der einen Hand einen Schreibblock, in der anderen eine Feder, als sie nahe genug herangekommen sei, habe sie das Denkmal von Hans Sachs erkannt. Ob es unversehrt geblieben war oder ob man es inzwischen wieder aufgestellt hatte, kann sie nicht sagen. Der Anblick aber habe sie verstört und traurig gemacht. Eine ganze Weile stand Hedwig vor dem Denkmal, dann ging sie weiter. Aus den Kellern der zerstörten Häuser lugten Ofenrohre hervor, sie schloß daraus, daß in den erhalten gebliebenen Kellerräumen Menschen lebten, wohnten und schliefen. Da und dort sah sie einen Mann, eine Frau aus einer dieser unterirdischen Höhlen hervorkommen oder darin verschwinden, die Vorstellung HÖHLENBEWOHNER drängte sich ihr auf, sonst begegneten ihr nur wenige, in der Hauptsache ältere Leute. Mühsam fragte sie sich zu der von der Schwägerin angegebenen Adresse durch, stand schließlich vor einem zur Hälfte zerstörten Haus, konnte sich nicht vorstellen, daß in der erhalten gebliebenen Hälfte noch Menschen lebten, betrat dann doch zögernd den Flur und ging die Treppe hinauf, fand schließlich die Tür, an der ein Schild mit dem angegebenen Namen befestigt war. Die Wohnung, die sie betreten habe, sagt Hedwig, habe aus einem einzigen Zimmer bestanden, das nur von der Mauer des Treppenhauses und von den Außenmauern gestützt worden sei, die weiteren Räume hätten gefehlt. Sie habe in diesem Zimmer das Gefühl gehabt, in der nächsten Minute durch den Fußboden durchzubrechen, abzustürzen und in die Tiefe gerissen zu werden. Sie habe Angst gehabt. Sie habe das Paket in Empfang genommen, sich bedankt, sei dann sehr rasch wieder gegangen, sei mit dem Paket in der Hand, das ziemlich schwer gewesen sei, ziellos durch die Straßen gelaufen und habe nach der Innenstadt gesucht, irgendwo zwischen den Ruinen habe sie einen Polizisten getroffen und ihn nach dem Weg gefragt.

Können Sie mir den Weg in die Innenstadt zeigen, fragte Hedwig.

Der Polizist sah sie erstaunt an. Sie sind ja hier mitten in der Innenstadt, sagte er. Das hier ist die Nürnberger Innenstadt.

Er beschrieb mit dem Arm einen Kreis und wies auf die umliegenden Ruinenfelder. Sie befinden sich, sagte er, mitten im Zentrum von Nürnberg. Oder, setzte er hinzu, in dem, was das Zentrum von Nürnberg einmal gewesen ist.

Sie habe, sagt Hedwig, plötzlich furchtbar gefroren. Das war eine Kirche, sagte der Polizist und wies mit der Hand auf einen Trümmerhaufen, aus dessen Mitte ein Steinblock ragte, aus dem Steinblock ein großes, schwarzes Kreuz.

Nur schwarz berußte Trümmer, sagt Hedwig, darauf das Kreuz, sie habe gar nicht daran gedacht, daß dies einmal eine Kirche gewesen sei, aber der Anblick dieses einsam ragenden Kreuzes über den Trümmern habe sie mit einem furchtbaren Entsetzen erfüllt. Trotz allem, was sie selbst habe erleben müssen, was sie vorher schon gesehen und erlebt hatte, sei dies eine ihr bis dahin noch unbekannte Art des Entsetzens gewesen, von dem sie ergriffen worden sei.

Ist Ihnen schlecht? fragte der Polizist und blickte Hedwig erschrocken an.

Nein, sagte Hedwig, ihr sei nicht schlecht, nur sehr kalt.

Sie habe am ganzen Körper gezittert, aber nicht nur wegen der äußeren Kälte, eher wegen jener, die von innen gekommen sei. Sie sei sehr schnell davongegangen, sie habe das Paket fest an sich gedrückt, sie sei fast gelaufen, die kalte Nässe sei durch ihre schon schäbigen Schuhe gedrungen, sie habe noch zwei- oder dreimal nach dem Weg fragen müssen, obwohl das auch nicht leicht gewesen sei, weil sie nur so wenige Leute getroffen habe. Schließlich sei sie auf dem Bahnhof angekommen, habe sich dort auf einen Stein gesetzt und geweint. Nein, daran, was in dem Paket gewesen sei, erinnere sie sich nicht. Wahrscheinlich Lebensmittel, sagt sie, obwohl die Schwägerin in Wien ja auch nicht viel gehabt hat, und wahrscheinlich einige Kleidungs- oder Wäschestücke für die Kinder. Sie seien ja damals über jedes Stück, das man ihnen geschenkt habe, glücklich gewesen.

Aber monatelang habe sie von der zerstörten Stadt Nürnberg geträumt, in diesen Träumen, aus denen sie immer wieder aufgeschreckt sei, in Schweiß gebadet, dabei zitternd vor Kälte, sagt Hedwig, in diesen Träumen habe sich die Zerstörung jedoch später nicht mehr ausschließlich auf Nürnberg bezogen, schließlich sei der Begriff Nürnberg darin überhaupt nicht mehr vorgekommen, sie habe nur endlose Trümmerwüsten gesehen, zerstörte Häuser und Schuttberge, sie habe geträumt, daß sie zwischen diesen Trümmern und Schuttbergen hindurchlaufen müsse, sie habe sich dabei sehr allein gefühlt, von allen verlassen, sie habe zwischen den Ruinen und in den Kellerlöchern nach ihren Kindern gesucht und sie nicht gefunden, habe auch nach ihrem Mann Richard gerufen, und immer wieder habe sie diesen Steinhaufen gesehen und das große, schwarze Kreuz darauf. Immer wieder dieses Kreuz zwischen den Trümmern, sagt Hedwig, diese Träume hätten sie lange verfolgt und ganz krank gemacht.

(Fünf Jahre vorher, am 2. Jänner 1945, an einem schneefreien, diesigen Wintertag, hatte der schwerste Angriff auf die Stadt Nürnberg stattgefunden, er dauerte dreiundfünfzig Minuten und forderte zweitausend Menschenleben, Hunderttausende wurden obdachlos. Etwa tausend Flugzeuge warfen rund eine Million Stab- und Phosphorbomben, etwa hundert Minen und sechstausend Brandbomben ab. In der bis dahin schon schwer getroffenen Stadt lebten, wie man anhand der Lebensmittelkarten errechnet hatte, die ausgegeben worden waren, nur noch 259.000 Menschen, von denen allerdings auch schon viele in die umliegenden Landgebiete gezogen waren. Die Tage und Nächte seit dem Weihnachtsfest waren ruhig verlaufen, man hoffte schon auf ein baldiges Ende des Krieges, wenn es auch ein Ende mit Schrecken sein würde. Wohl hatte es am Nachmittag des 2. Jänner dreimal Voralarm gegeben, aber als die Dämmerung hereinbrach, waren die Straßen trotzdem belebt, die Straßenbahnen wegen des Schichtwechsels in den Fabriken überfüllt, auch zu den Kinos und zum Opernhaus strömten die Menschen, die Abendvorstellungen waren wegen der drohenden Alarmgefahr vorverlegt worden. Gegen achtzehn Uhr wußte man bereits, daß große Bomberverbände im Anflug auf Hamburg und Aachen waren. Dann schwebten CHRISTBÄUME über der Stadt, in der Mitte einer in grüner Farbe, die Türme von Sankt Lorenz und der Kaiserburg, die Giebel der noch unversehrten Fachwerkhäuser waren in fahles Licht getaucht, im Südosten erglänzte der grelle Blitz einer Mine, gefolgt von einem dröhnenden Donnerschlag, dann kamen die Bomber.

Anfangs sollen sie nur aus Südost gekommen sein, dann aus Ost und West, schließlich aus allen Himmelsrichtungen. Die erste Bombe fiel siebenundvierzig Minuten nach achtzehn Uhr, dreiundfünfzig Minuten später war alles vorbei. Eine riesige Wolke aus Ruß und Rauch hing über der Altstadt, die den Flammen rettungslos ausgeliefert war. Es war unmöglich, das Feuer einzudämmen, denn es herrschte totaler Wassermangel. Über hunderttausend Menschen, die das Inferno lebend überstanden hatten und obdachlos geworden waren, stürmten am nächsten Tag die wenigen intakt gebliebenen Bahnhöfe der Umgebung und versuchten, im umliegenden Land ein Obdach zu finden.

Fünf Tage nach der Katastrophe fiel Schnee in dichten Flocken und legte eine weiße Decke über Nürnbergs zerstörte Altstadt und über die Toten, die unter den Trümmern lagen.)

Hedwig erreichte ihr Dorf in den Abendstunden, müde und deprimiert ging sie den Weg vom Bahnhof hinauf, die Straße war mit Eis bedeckt, auch der Weiher unterhalb des Schlößchens war mit einer dicken Eisschicht überzogen. Nur wenige Leute hatten wie sie den Zug verlassen und strebten jetzt ihren Häusern und Wohnungen zu. Sie merkte erst jetzt, wie schwer das Paket war, das die Schwägerin geschickt hatte, sie merkte erst jetzt, daß ihre Füße in den nassen Schuhen vor Kälte gefühllos geworden waren, daß sie Hunger hatte. Sie schleppte sich bis zu dem Haus, in dem Eltern und Kinder auf ihr Heimkommen warteten, öffnete die Haustür vorsichtig, um die Hausleute nicht auf ihr Kommen aufmerksam zu machen, und ging dann leise die Treppe hinauf. Sie hörte die Stimmen ihrer Kinder und empfand plötzlich etwas wie Dankbarkeit dafür, daß sie ein geheiztes Kämmerchen betreten durfte, so elend es auch war, daß sie nicht in einem Kellerloch zwischen Ruinen hausen mußte.

Es hat Leute gegeben, denen es noch schlechter gegangen ist als uns, sagt Hedwig, und das sind nicht einmal Flüchtlinge oder Vertriebene gewesen. Auch hier hat es so viele gegeben, die alles verloren haben wie wir, sagt sie. NUR DIE HEIMAT HABEN SIE NICHT VERLOREN.

Zwölf Millionen Heimatvertriebene stellten nicht nur ein deutsches, sie stellten ein internationales Problem dar, mit dem man sich zu beschäftigen hatte. Zwölf Millionen Heimatvertriebene waren eine Zahl, mit der man rechnen mußte und mit der man auch rechnete, eine Menge, die zu einer Macht werden konnte, auf deren Bedürfnisse einzugehen, die zu respektieren war. Zwölf Millionen, man hätte sie sicherlich auch gerne aus dem eigenen, mit Obdachlosen und Arbeitslosen überfüllten, armen, zerstörten Land wieder in ihre Heimatgebiete zurückgebracht, wenn dies möglich und menschlich vertretbar gewesen wäre. Hat man dies in Deutschland, fünf Jahre nach dem Ende des Kriegs, noch für möglich gehalten, und wenn dies so gewesen sein sollte, hat man ihnen Hoffnungen gemacht oder hat man sie in der Hoffnung auf eine Rückkehr bestärkt?

Josef und Anna, auch Hedwig verfolgten die Tagespolitik, aber auch und vor allem alle Berichte zum Flüchtlingsproblem in der Zeitung, die in ihrem Dorf gekauft und gelesen wurde, dem ERLANGER TAGEBLATT, der HEIMATZEITUNG FÜR ERLANGEN UND UMGEBUNG. Sie konnten dieser Zeitung am 10. Oktober desselben Jahres über den am vorhergegangenen Sonntag im ganzen Bundesgebiet abgehaltenen TAG DER HEIMAT einen genauen Bericht entnehmen, Zitate aus den bei diesem Anlaß an vielen Orten gehaltenen Ansprachen und Reden waren wiedergegeben.

EINE ENTWURZELTE UND HOFFNUNGSLOSE BEVÖLKERUNG VON 12 MILLIONEN IN DER MITTE EUROPAS WIRD IMMER EIN ELEMENT DER UNSICHERHEIT UND UNRUHE DARSTELLEN, UND ES GEHT NICHT AN, SO ZU TUN, ALS OB DIESES PROBLEM ÜBERHAUPT NICHT EXISTIERE. Dies hatte der Kirchenpräsident der evangelischen Landeskirche, Martin Niemöller, in einer Rede gesagt, die auch vom australischen Rundfunk ausgestrahlt worden war, das Erlanger Tageblatt hatte sie in Auszügen abgedruckt. AUCH WENN ES KEINERLEI TENDENZEN ZUM KOMMUNISMUS BEI DIESEN LEUTEN GIBT, WERDEN SIE DOCH IMMER EINE NEIGUNG ZUM EXTREMISMUS HABEN.

Wir sind keine Extremisten, ereiferte sich die kleine, zarte Großmutter Anna, wir sind friedliche Leute. Auch wenn es uns jetzt schlecht geht, auch wenn wir in Not sind, werden wir keine Unruhe stiften.

(Sie sollte recht behalten. Was man befürchtet hatte, daß die Vertriebenen einen Unruheherd in Europa darstellen könnten, trat nicht ein.)

In Düsseldorf, lasen Josef und Anna in ihrer Zeitung, habe der Bundesminister für Flüchtlingsfragen erklärt, daß er für eine friedliche Rückführung der Ostvertriebenen arbeiten würde.

Der Präsident des Deutschen Bundesrates bezeichnete die Wiedergewinnung des deutschen Ostens als eine Angelegenheit der gesamten europäischen Politik und Zivilisation.

Ein Redner der Sudetendeutschen Landsmannschaft forderte die Rückgabe des Sudetenlandes an Deutschland auf Grund des 1938 auch von England und Frankreich sanktionierten Münchner Abkommens.

In Dortmund sagte ein Staatssekretär, NICHT AUSWANDERN, SONDERN RÜCKWANDERN sei die Parole. Nur in Stuttgart betonte ein Redner aus Riga, die Flüchtlinge müßten sich von ihren Träumen befreien und in den Westzonen eine Adoptivheimat schaffen.

Es gibt nur eine Heimat, sagte Josef, eine Adoptivheimat gibt es nicht.

Du wirst sehen, sagte seine Frau Anna, bald fahren wir wieder in die Heimat zurück.

Der amerikanische Hochkommissar McCloy, stand in der Erlanger Zeitung, habe zum Problem der Heimatvertriebenen gesagt, wenn man in dieser Beziehung geschickt vorginge, könnte diese Massenwanderung eines Tages zu einer wirtschaftlichen Blüte für Deutschland führen, wie sie Amerika bei der Einwanderung der Pioniere erlebt habe.

Das ist auch wahr, sagte die kleine Großmutter Anna. Unsere Leute sind fleißig, das wissen die Amerikaner, viele von ihnen stammen ja selbst von Sudetendeutschen ab.

Sie dachte an ihren Bruder Ferdinand, der zu Beginn des Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert, von dort jedoch niemals zurückgekommen war.

Einmal, sagte die kleine Großmutter, ist man drüben vor der Entscheidung gestanden, ob Deutsch oder Englisch die Sprache der Vereinigten Staaten werden soll, so viele Deutsche hat es damals dort als Einwanderer gegeben. Das hat man bis heute nicht vergessen, das kann man ja gar nicht vergessen haben. Unsere Leute haben Amerika mit aufgebaut, wie es heute ist, sie könnten auch hier in Deutschland viel leisten, aber man gibt ihnen ja nicht die Gelegenheit dazu.

Wenn man endlich erkannt haben wird, daß das falsch gewesen ist, dann werden wir längst nicht mehr hier sein. Aber, sagte die kleine Großmutter Anna, in der Heimat wird es für uns auch sehr viel Arbeit geben, wenn wir zurückkommen. In der Heimat wird auch viel wieder aufzubauen sein.

Die Sehnsucht der Alten war groß, und die Heimat war weit entfernt, nur wenige, die aus der Umgebung von B. stammten, hatte es in die Föhrenwälder rund um Erlangen verschlagen. Sie legten an Sonntagen oft weite Fußwege zurück, um einander beim Kirchgang zu treffen. Nach dem Gottesdienst standen sie dann auf der Straße beisammen und besprachen die politische Lage. Manchmal hatte auch der eine oder der andere einen Brief erhalten, in welchem Wissenswertes aus anderen Landesteilen oder über in anderen Gegenden Deutschlands lebende Bekannte mitgeteilt wurde, ein Kind war geboren worden, ein Verschollener hatte sich über das Rote Kreuz gemeldet, ein Mädchen aus einer heimatvertriebenen Familie hatte einen einheimischen Mann geheiratet, dies allerdings kam selten vor, noch seltener gab man einem der besitzlosen Vertriebenen ein einheimisches Mädchen zur Frau. Erst 1955 stellte man anhand von Statistiken fest, daß die Neigung der Vertriebenen, untereinander zu heiraten, nachgelassen habe, daß die Verschwägerung zunehme, daß DIE ZEIT MITHELFE, DEN STROM DES ZUSAMMENLEBENS ZU VERBREITERN. Man zog zu diesem Zeitpunkt die Folgerung, daß das soziologische Aufgehen der Vertriebenen in die größere Gruppe des einheimischen Gesamtvolkes als allmählicher Prozeß nicht mehr aufzuhalten sei.

Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, sagt Heidi, wenn ich mich daran erinnere, wie der Großvater bei jedem Wetter den weiten Weg nach Röttenbach zur Kirche gegangen ist, um die Leute, die er gekannt hat, zu treffen und mit ihnen zu sprechen, wenn ich mich daran erinnere, wie sie bei jedem Wetter vor der Kirche beisammengestanden sind, auch wenn es geregnet hat, auch im Winter, wenn es sehr kalt gewesen ist, dann verstehe ich die Fremdarbeiter, die sich auf den Bahnhöfen treffen. Weil sie miteinander in ihrer Sprache reden wollen, weil sie Sehnsucht nach ihren Heimatländern haben. Gerade wir Heimatvertriebenen, sagt Heidi, die sich heute als Nürnbergerin fühlt, gerade wir, die wir unter der Fremdheit gelitten haben, als wir hierherkamen, müßten diese Leute besser als andere verstehen.

5

Ich weiß nicht, was du dir vorgestellt hast, sagte Hedwig, als ich in ihrem Wohnzimmer in Nürnberg saß, aber was sollte diese Frau für ein Interesse daran gehabt haben, mit dir in Verbindung zu treten?

Ich hatte ihr von dem Telefongespräch in Waldkraiburg und von der ablehnenden Reaktion der Frau aus dem Adlergebirge erzählt.

Wenn es sich um eine nahe Verwandtschaft gehandelt hätte, sagte Hedwig, aber nur, weil diese Frau so heißt wie du?

Wahrscheinlich, sagte sie, ist sie mißtrauisch gewesen und hat überhaupt nicht verstanden, was du von ihr willst.

Ich weiß selbst nicht, was ich von ihr gewollt habe, sagte ich.

Alles, was du über die Landschaft und über die Leute aus dem Adlergebirge wissen willst, kannst du wahrscheinlich aus Büchern erfahren, sagte Hedwig. Man ruft keine wildfremden Leute an, wenn man keine guten Gründe dafür hat.

Da hast du wahrscheinlich recht, sagte ich.

Spurensuche, die Sucht, Altes und Gegenwärtiges zu einem Ganzen zu fügen, wie sollte ich das meiner Tante, wie sollte ich es mir selbst erklären?

Im Museum der Adlergebirgler, in Waldkraiburg, hatte ich alte Kalender gesehen, in einem dieser Kalender ein Kinderlied, ich hatte es wieder und wieder gelesen, der Leiter des Museums, der die Sammlung zusammengetragen hat, hat mir den Kalender geschenkt. Die Melodie, zu der es gesungen worden ist, kennt heute niemand mehr.

Schloof, Kendla, schloof,

dr Voatr hitt de Schoof,

schloof Kendla, sisse,

doas Schoof hoot weiße Fisse,

schloof ock, Kendla, lange,

dr Tuud hockt off dr Stange,

a hood a lemta Jackla oa

on schmeißt gebacken Bärna roa.

Hat dieses Liedchen, frage ich mich, das in einer Mundart abgedruckt worden ist, die niemand von den Jungen heute noch wirklich sprechen kann, Anna Josefa, die Großmutter meines Großvaters väterlicherseits, ihren zehn Kindern als Schlaflied vorgesungen? Hat ihr Sohn Josef es seinen eigenen Kindern aus dem Dorf Tschenkowitz nach Schmole mitgebracht, wo er Färber und Leinendrucker gewesen ist? Der Tod hockt auf der Stange und hat ein Jäcklein aus Leinen an, das in der alten Heimat gesponnen und gewebt worden ist, manche von denen, die heute auf dem Waldfriedhof liegen, sind noch in diesem Leinen begraben worden. Die Jungen aber kaufen ihre Hemden in bayrischen Geschäften, sie wissen nicht mehr, wie der Flachs auf den kargen Äckern ihrer Großeltern gediehen ist, wie er sich gegen den Spätsommer zu goldbraun färbte, wie die Körner der runden Samenkapseln schmeckten, wenn man sie aus der Kinderhand leckte. Aber auch meine Kinder wissen das ja nicht mehr.

Fünfzig Adlergebirgler liegen schon auf dem Waldfriedhof, früher hat man die Herkunftsorte auf die Grabsteine geschrieben, die Jungen tun das nicht mehr.

Ich, Anna, Urenkelin Josefs, der Färber in Schmole gewesen ist und ein Sohn Johann Wenzels aus Tschenkowitz war, versuche mir zu erklären, warum mich das mit Trauer erfüllt.

Heute interessiert sich niemand mehr für den anderen, sagte Hedwig, heute leben die Leute alle für sich, sie schließen sich ab, sie wohnen miteinander Tür an Tür und wollen doch nichts voneinander wissen. Früher ist das anders gewesen. Früher hat einer den anderen gebraucht, da war einer auf den anderen angewiesen. Es hat nicht so viele Einsame gegeben wie heute, weil einfach zu wenig Platz war, weil die Leute aneinander-gedrängt leben mußten, weil diese entsetzliche Wohnungsnot war.

Die Not überhaupt, sagte Hedwig, sie hat dazu beigetragen, daß die Menschen nicht so einsam wie heute gewesen sind. Ich meine die Zeit nach dem Krieg, sagte Hedwig. Das hat länger gedauert, als man es heute wahrhaben will, hier bei uns jedenfalls hat es sehr lang gedauert. Bis es erst einmal so weit gewesen ist, daß man von einem Dorf, in das man eingewiesen worden ist, in eine größere Stadt ziehen durfte. Bis man die Zuzugsgenehmigung bekommen hat. Und wenn man sie dann endlich hatte, wenn man sich einen Raum suchen durfte, in den man einziehen konnte, bis man dann einen solchen Raum überhaupt gefunden hat.

Uns ist das erst neunundfünfzig gelungen.

(Neunundfünfzig waren Großmutter Anna und Großvater Josef schon tot, in fremder Erde begraben, ohne die Heimat wiedergesehen zu haben.)

Der Mann, der uns damals zwei Zimmer in seiner Nürnberger Wohnung vermietet hat, ist freilich sehr einsam gewesen, sagte Hedwig. Sie erzählte mir die Geschichte von Karl Kodnik, der überallhin, wo es ihm möglich war, seinen Namen schrieb.

Auf jedes Ei, das er gekocht hat, sagte Hedwig, schrieb er: gekocht am soundsovielten, dann das Monogramm, K. K., Karl Kodnik. Neben den Lichtschalter schrieb er mit Tintenblei: nach rechts drehen. Karl Kodnik. Auf den Geschirrschrank schrieb er: Geschirr. Karl Kodnik. Wenn er ausging, legte er einen Zettel auf den Küchentisch: bin ausgegangen, Karl Kodnik. Überall schrieb er seinen Namen an, weil ihn sonst niemand geschrieben hat, sagte Hedwig, weil ihn auch niemand ausgesprochen hat, weil ihn niemand bei seinem Namen gerufen hat. Er hat keine Kinder gehabt, keine Verwandten oder Bekannten, er hat überhaupt niemals Post bekommen. Er hat mich oft mit allen möglichen Ausreden in der Küche zurückgehalten, nur um mit mir, der Flüchtlingsfrau, sprechen zu können. Er war schon sehr alt, aber das war nicht der Grund, er hat uns auch später noch, als wir ans andere Ende von Nürnberg gezogen sind, oft besucht, auch dann noch, als er nur noch auf Krücken gehen konnte.

Nachdem mir Hedwig die Geschichte von Karl Kodnik erzählt hatte, erzählte ich ihr die Geschichte des alten Schmieds von Mühlfraun. Als ich damit zu Ende gekommen war, weinte sie.

Du könntest mit dem Wagen nach Bubenreuth fahren, sagte Hedwig, das ist nicht weit von hier, gleich bei Erlangen, es wird dich interessieren. In Bubenreuth sind die Geigenbauer aus Schönbach zu Hause.

Nur versprich mir, daß du nicht wieder im Telefonbuch nach Verwandten suchst.

Im Egerland hatten wir keine Verwandten, sagte ich.

Auch die Geigenbauer von Schönbach im Egerland waren, wie die Adlergebirgler, auseinandergerissen, in verschiedene Richtungen verstreut worden. Auch sie brauchten erst wieder einen Ort, um sich zu sammeln. Sie waren aufeinander angewiesen, was die Arbeit betraf, in der alten Heimat hatten sie einander in die Hände gearbeitet, jeder war ein Spezialist auf seinem Gebiet gewesen, die Meistergeigen aber wurden von einem Geigenbauer in allen Teilen allein erzeugt.

Nun saßen sie in verschiedenen Gegenden Deutschlands, die Boden- und die Deckenmacher, die Boden-und Deckenleimer, die Schachtelmacher, die Korpusmacher, die Griffbretterzeuger, die Wirbeldreher und die Stegmacher, die Saitenspinner und die Bogenmacher, die Geigenbauer, welche die Teile zusammensetzten, die fertigen Instrumente zuletzt lackierten und polierten. Nur einen Teil von ihnen hatte es in ein Lager bei Erlangen verschlagen, dort saßen sie jetzt, fingen einzeln wieder in bescheidenstem Rahmen zu arbeiten an, hofften im übrigen, daß man ihnen die gemeinsame Ansiedlung eines Tages doch noch gestatten würde.

WIR BRAUCHEN KEINE DEVISEN, WIR BRAUCHEN UNSERE WIESEN, hatte man in dem Ort Möhrendorf gerufen, als in einer Gemeinderatssitzung die wirtschaftliche Bedeutung als Argument für eine mögliche Ansiedlung in die Waagschale geworfen worden war.

Seit Jahrhunderten hatten sie Geigen hergestellt, und sie waren für die Qualität ihrer Instrumente in der Welt bekannt und berühmt gewesen, nun standen sie als Bettler vor Leuten, die nichts von Geigen verstanden und zu denen ihr Ruf nicht gedrungen war. Niemand kümmerte sich um sie, man wies ihnen elende, halb verfallene Baracken zu, sie mußten die wertvollen Hölzer, die sie im Fluchtgepäck mitgenommen hatten, zur Ausbesserung der Löcher in den Barackenwänden verwenden.

WAS ABER EIN RICHTIGER GEIGENBAUER IST, DER LÄSST DAS GEIGENBAUEN NICHT, sagte der Bürgermeister von Bubenreuth, als ich in seinem Wohnzimmer saß. Er war, als er hierher kam, elf Jahre alt. Schon in den Baracken fingen sie wieder mit ihrer Arbeit an. In einem Stall schmiedete ein Werkzeugmacher aus Eisenstücken, die er gesammelt hatte, die ersten Werkzeuge. Tag und Nacht arbeitete er, es waren harte Jahre, ABER JETZT HABEN WIR WIEDER EIN DAHEIM, UND WIR SIND DANKBAR DAFÜR.

Nein, niemand wollte diese Flüchtlinge haben, niemand wollte sie aufnehmen, man verglich sie mit den Besenbindern eines Nachbardorfes, das war das Erbärmlichste, was an Vergleich möglich war, denn es bedeutete, daß sie nicht nur arm waren, sondern daß man ihnen nicht traute.

Scheinbar kleine Begebenheiten, die verletzt haben, sind im Gedächtnis geblieben. Wie die Einheimischen zum Beispiel bei den Fronleichnamsprozessionen in der Reihe aufgeschlossen haben, GROSSER GOTT, WIR LOBEN DICH, wenn sich ein Vertriebener einreihen wollte. WIR SIND MENSCHEN DRITTER KLASSE GEWESEN.

Die nur 695 Einwohner des Nachbardorfes Bubenreuth hatten damals einen klugen Bürgermeister, er schätzte die Situation richtig ein, die Bewohner seines Dorfes schlossen sich seiner Meinung an.

Ob es damit zu tun hatte, daß die Bubenreuther vielleicht musikalischer waren als die Bewohner der umliegenden Gemeinden? (Es ist immerhin vorstellbar, daß es so gewesen ist.) Oder haben sie nur die Argumente begriffen, mit denen man ihnen die Vorteile einer positiven Entscheidung dargelegt hat? (Auch wenn dies vorwiegend der Fall gewesen sein sollte, wären sie zu loben, denn sie haben zweifellos richtig entschieden.)

Großvater Josef, der eine besondere Beziehung zu Musik hatte und seine Flöte im Fluchtgepäck mitgenommen hatte, las die Berichte von der Grundsteinlegung zur neuen Siedlung in Bubenreuth, die am 20. Oktober 1949 stattfand und über die ausführlich geschrieben wurde, er schnitt sie aus dem Erlanger Tageblatt aus und bewahrte sie auf. Den Satz, der bei der Grundsteinlegung gesprochen wurde, las er den Seinen vor: GOTT ZUR EHRE, DEN GEIGENBAUERN ZUR FREUDE, ZUM GLÜCK FÜR BAYERN UND REICH.

Vergelt’s Gott, sagte die kleine Großmutter Anna gerührt, daß man unseren Leuten wenigstens erlaubt, hier zu zeigen, was sie können.

Die meisten der Vertriebenen aus den im Süden Mährens gelegenen Gebieten waren fromm, sie dankten ihrem Herrgott, wenn ihnen etwas Gutes widerfuhr.

Aber, fügte sie nachdenklich hinzu, was wird aus dieser Siedlung, wenn die Geigenbauer wieder nach Schönbach heimgekehrt sind?

(Am Beginn des großen WUNDERS trugen sich die kleinen Wunder zu, sie ereigneten sich, eines hier, eines dort. Die Not hatte in den aus ihrer Heimat Vertriebenen Energien freigesetzt, die dazu beitrugen, die Länder, in die man sie gebracht hatte, zu verändern. Ihre Kraft mischte sich unter die in diesen Ländern vorhandenen Kräfte. Mit dem verzweifelten Wunsch, eine neue Heimat zu schaffen, in der man wieder leben, in der man arbeiten konnte, halfen sie wesentlich mit, die Heimat der anderen, denen dieses Land gehörte, aus dem Schutt und aus den Trümmern zu graben. Dies ist einer der Gründe dafür, daß von den Anfängen heute immer noch gesprochen wird.)

JEDE GEIGE HAT EINEN ANDEREN KLANG. Das wußten die Schönbacher schon, als in Italien die berühmten Meister Amati, Stradivarius und Guanerius wirkten. Schon im 16. Jahrhundert wurden im Egerland Geigen gebaut, eine mehrjährige Wanderzeit war den Gesellen streng vorgeschrieben, sie vervollkommneten ihre Kunst bei den italienischen Meistern, der eine oder der andere von ihnen ist vielleicht in Italien geblieben, unter den Lautenmachern von Brescia und Bologna sollen Schönbacher Namen vorgekommen sein. Die älteste im Egerland hergestellte Bratsche, 1664 gebaut von Johann Adam Pöbel in Bruck, einem zur Pfarre Schönbach gehörigen Dorf, wird im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg aufbewahrt.

Durch den freundlichen Ort Bubenreuth bei Erlangen gehend, habe ich, Anna, die ersten Häuser gesehen, die dort gebaut worden sind. Ich bin im Wohnzimmer des Bürgermeisters gesessen, das zugleich als Arbeitszimmer gebaut worden ist, wie es daheim in Schönbach so üblich war, ich habe mir die Geschichte der Geigenbauer aus Schönbach erzählen lassen.

Dankbar gedenkt man dort der Leute, die damals geholfen haben. Immer wieder wird im Zusammenhang mit dem Bau der Siedlung der Name eines Landrats genannt, Höhnekopp habe er geheißen, er habe alles vorangetrieben und zustande gebracht. Auch der Name des Bürgermeisters von Altbubenreuth, Paulus, der ein großes Stück Grund zur Verfügung stellte und letzten Endes für die Ansiedlung war, ist unvergessen geblieben. Das Geld habe die St.-Josephs-Stiftung gegeben.

Der Bürgermeister von Bubenreuth ist Geigenbauermeister, seine Instrumente gehen nach England und Korea, nach Japan und in die Schweiz. Die Frau Bürgermeisterin ist perfekt im Lackieren. Und die Gitarren, die jener Meister baut, der mich durch das Museum führte, gehören zu den besten der Welt.

Noch vor Weihnachten neunundvierzig zogen die ersten Familien in die neu erbauten Wohnhäuser ein. Bald arbeiteten sie wieder, die Boden- und Deckenmacher lieferten die Böden und Decken, die Schachtelmacher leimten die Zwischenteile auf die Böden auf, die Korpusmacher fügten die Decken hinzu, die Griffbrett- und die Saitenhaltermacher, Hals- und Schneckenschnitzer, Wirbeldreher und Stegschnitzer lieferten die von ihnen hergestellten Teile, die Geigenbauer endlich fügten die Teile zusammen, jeder arbeitete in seinem eigenen Haus. Man baute auch das Cello, die Bratsche, den Streichbaß, die Laute, man baute auch Zupfinstrumente, vor allem die immer moderner werdenden Gitarren.

Ja, auch heute noch werden Geigen nach dieser alten Methode in Arbeitsteilung gebaut, man kann nach Bubenreuth fahren und den Handwerkern in ihren Werkstätten zusehen, das sind aber vor allem die Schülergeigen, die auf diese Weise entstehen.

Wer eine Meistergeige besitzen will, kauft sie bei einem Geigenbauermeister seines Vertrauens, direkt in Bubenreuth.

Sechzig Meister leben und arbeiten in Bubenreuth und in den nahe gelegenen Orten, auch die Bogenbauer gehören dazu.

Auch Yehudi Menuhin hat eine Meistergeige aus Bubenreuth gekauft.

Die Schönbacherstraße, die Sudetenstraße, der Werkstättenweg. Als ich, Anna, in Bubenreuth bei Erlangen war, marschierte abends ein langer Zug Männer und Frauen in egerländischer Tracht durch die Gassen hinaus aus dem Ort, um die Sonnenwende zu feiern. Ich blieb stehen auf einem kleinen, von Bäumen überschatteten Platz, eine riesige, uralte Eiche breitete ihre Äste, dort steht der Geigenbauer, wie einst in Schönbach, er steht auf einer steinernen Weltkugel, die auf steinernen Schnecken ruht, er hält die bronzene Geige nicht so hoch, wie sein Vorgänger in der alten Heimat, er blickt nicht so selbstsicher geradeaus ins Land hinein, er hat den Blick gesenkt und blickt versonnen auf das Instrument herab, das in seinen Händen liegt.

Hier ist meine Geige, scheint der Mann auf dem Denkmal in Schönbach zu sagen, ich habe sie für euch gebaut, euch zur Freude, spielt sie, tanzt zu ihrer Musik. Sein Nachfolger in Bubenreuth bei Erlangen scheint nicht an Tanz zu denken, ein inniger Ausdruck liegt über seinem Gesicht und in seiner Haltung. Hier ist meine Geige, scheint er zu sagen, ich gebe sie euch und vertraue darauf, daß ihr sie lieben werdet, wie ich sie liebe, die Arbeit an ihr hat mir Heimat gegeben in einem Land, in das ich als ein Fremder gekommen bin. Nicht alle Geigenbauer hat man aus Schönbach vertrieben, einige hat man nicht weggehen lassen, auch wenn sie lieber mit den anderen gegangen wären, man hat sie zur Weitergabe ihrer Kenntnisse gebraucht.

Das Schönbacher Geigenbauerdenkmal steht noch, sagte mir ein Mann in Bubenreuth.

Ob die Aufschrift darauf noch deutsch ist?

Das weiß ich nicht, sagte der Mann. Schönbach, das immer deutsch gewesen sei, heiße jetzt Luby. Das soll Zarge heißen, sagte er.

(Dej mi rot, dej mi blau, sollen die tschechischen Arbeiter in den ehemals deutschen Betrieben der Glasstadt Gablonz noch lange nach der Vertreibung der Deutschen gesagt, sie sollen die deutschen Worte für sich übernommen haben.)

6

Natürlich werde ich kommen, hatte ich gesagt und Judiths Beerdigung in Nürnberg gemeint. Als wir beide den Telefonhörer wieder aufgelegt hatten, Christian in Frankfurt und ich in Wien, dachte ich über diese spontane Zusage nach. Jahrzehntelang hatte ich nichts mehr von Judith gehört, ich hatte nicht einmal ihre Adresse gekannt, sie hatte mir keine Briefe geschrieben. War das, was uns verbunden hatte, wirklich Freundschaft gewesen? Ich stellte mir diese Frage, und wie mir sofort bewußt wurde, stelle ich sie mir um mehr als dreißig Jahre zu spät. Plötzlich wußte ich, daß ich, was mein Verhältnis zu Judith betraf, mit dem Wort Freundschaft leichtfertig umgegangen war.

War Judith meine, war ich Judiths Freundin gewesen? Hatten wir nicht, wie dies häufig der Fall ist, in derselben Gegend verbrachte Kinderjahre, Gymnasialjahre an derselben Anstalt, gemeinsame Erinnerung an Orte, Begebenheiten und Personen, hatten wir dies alles nicht nur irrtümlich mit jener viel tieferen Art der Beziehung gleichgesetzt, die zwischen Menschen besteht, die einander in Freundschaft verbunden sind? Was hatte ich für Judith, was hatte Judith für mich getan, was wären wir, wäre dies notwendig geworden, bereit gewesen, füreinander zu tun? Waren wir nicht in vielerlei Hinsicht geteilter, ja gegensätzlicher Meinung gewesen? Was überhaupt hatten wir wirklich voneinander gewußt, wieweit hatten wir einander wirklich gekannt?

Nachdem Judith Wien verlassen hatte, war keine Nachricht mehr von ihr gekommen, sie hatte mit Absicht jede Verbindung, nicht nur zu mir, auch zu allen anderen, die sie gekannt hatte, unterbrochen. Ihr Vater war bald gestorben, wenige Monate nach ihrer Abreise starb auch die Mutter, andere Verwandte kannten wir nicht. Jene Cousine ihres Vaters, die der Familie nach dem Krieg in Wien Unterkunft gewährt hatte, war nicht mehr am Leben. Es gab niemanden, der uns Auskunft geben konnte.

Ich lag schlaflos in dieser Nacht und dachte an Judith, wie sie damals gewesen war. Ich erinnerte mich daran, was sie sagte, als wir einander in Wien wieder trafen. Man muß die Vergangenheit begraben, hatte sie gesagt, man muß unter alles, was gewesen ist, einen Strich ziehen und ein ganz neues Leben beginnen. Man muß einfach vergessen, das ist die einzige Möglichkeit.

Das muß man aber auch können, hatte ich gesagt.

Dazu muß man sich zwingen, hatte sie geantwortet, eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Schon Judiths Weg nach Wien unterschied sich von vielen anderen Wegen, von denen wir wußten. Ihre Mutter stammte aus der Stadt Bodenbach an der Elbe, sie war mit der Tochter vor Weihnachten vierundvierzig dorthin zu ihrer Schwester gezogen, deren Mann gefallen war, der Vater, kurz vor dem Ende des Krieges frontuntauglich geworden, kehrte ebenfalls dorthin zurück, es gelang der Familie, beisammenzubleiben, was in jenen Monaten keine Selbstverständlichkeit war. Im Juli fünfundvierzig, berichtete Judith, habe man sie eines Nachts gegen zwei Uhr geweckt und zum Bahnhof getrieben, dort habe man sie in offene Kohlenwaggons gepreßt und über die Grenze nach Sachsen gebracht.

Wahrscheinlich, sagte Judith, hätten wir nach Mecklenburg in ein Lager gebracht werden sollen, aber der Vater wollte nicht in ein Lager, er wollte auch nicht nach Mecklenburg, er habe mit dem Wort LAGER Vorstellungen von Zwang und Gefangenschaft verbunden, habe während der Fahrt ununterbrochen auf die Frau und auf deren Schwester eingeredet, sie schließlich davon überzeugt, daß sie den Zug heimlich verlassen, daß sie abspringen, sich auf eigene Faust durchschlagen, einen Ort finden müßten, wo sie bleiben konnten und wollten, er habe sie schließlich überzeugt und so weit gebracht, daß sie sich dazu entschlossen, sie sei ohnedies sofort und von Anfang an für den Plan des Vaters gewesen, nur die Mutter und die Tante hätten sich gefürchtet, hätten Angst gehabt. Nicht vor dem Abspringen allein, sagte Judith, vorne auf dem Bremserhäuschen hinter der Lokomotive sei ein russischer Wachtposten mit einer Maschinenpistole gestanden, bereit, zu schießen, wenn er etwas gemerkt hätte.

Er habe aber zum Glück nichts bemerkt.

Judith erinnerte sich an den Ort LOMATSCH, dort sprangen sie vom fahrenden Zug, es war dunkel, sie rollten eine Böschung hinunter, liefen ein Stück, lagerten in einem Gebüsch, bis es hell wurde, gingen dann weiter, von Dorf zu Dorf. Dem Vater gelang es, einen Handwagen aufzutreiben, darauf hätten sie ihr geringes Gepäck gelegt.

Von Ort zu Ort zogen sie, bis sie schließlich in einer Kleinstadt, nahe der Stadt Chemnitz, Unterkunft und Arbeit fanden.

Dann, wiederum eines Nachts, seien sie über die GRÜNE GRENZE gegangen, der Vater habe nicht bleiben wollen, die Zustände seien unerträglich gewesen, er wollte nach Österreich, dort hätten sie ja Verwandte gehabt. Nur die Schwester der Mutter habe nicht mehr mitgehen wollen, die sei geblieben.

Eigentlich sind wir ja nicht gegangen, sagte Judith, sondern gekrochen, eine Hochspannungsleitung entlang, so hatte man uns den Weg beschrieben, GEROBBT, beinahe nichts von dem, was wir noch hatten, konnten wir mitnehmen, alles mußte zurückbleiben. Sie hätten dann die Orientierung verloren oder sie verloren zu haben geglaubt, sie hätten es auch dann noch nicht gewagt, sich aufzurichten, aufrecht zu gehen, als sie sich schon längst auf westdeutschem Gebiet befunden hätten, der Vater habe es schließlich gewagt, an die Tür eines Bauernhauses zu klopfen und nach dem Weg zu fragen. Die Bäuerin habe sofort Bescheid gewußt, Sie sind schon im Westen, habe sie gesagt, nicht weit hinter Plauen sei das gewesen, in der Nähe der Stadt Hof.

Sie sind nicht die ersten, sagte die Bäuerin, und Sie werden nicht die letzten sein.

Sie habe ihnen etwas Milch und zu essen gegeben.

Ich habe schon einen Blick dafür, wo die Leute herkommen, die bei uns anklopfen, sagte sie.

(Jahrzehnte später der Anblick der MAUER in Berlin, die elektrisch geladenen Zäune, die Wachttürme, die TODESSTREIFEN.

Hunderttausende, sagt eine Berlinerin, Hunderttausende sind in der Zeit, von der Sie reden, in den Westen gegangen.)

Zu Fuß zogen sie weiter, in WEIDEN hätten sie einen Zug erreicht, seien mit diesem Zug ein Stück gefahren, dann wieder zu Fuß gegangen, schließlich hätten sie Schärding erreicht, hätten mit einem Boot den Inn überquert, ein amerikanischer Posten habe sie aufgehalten, dann aber weitergehen lassen.

Er hat wohl ein Mädchen bei sich gehabt, sagte Judith, als sie mir dies erzählte, irgendwo im Gebüsch versteckt hat sicherlich ein Mädchen auf ihn gewartet, er hat die längere Unterbrechung einer Liebesstunde befürchtet oder gar deren Verhinderung, er hat mit seinem Gewissen gekämpft, sich dann aber für die Liebe entschieden. Er hat sich einfach umgedreht und uns gehen lassen. Wiederum überquerten sie, nachts und in einem bezahlten Boot, in der Nähe von Urfahr, die Donau. Ihr Ziel war Wien.

(Ein Stück weiter südöstlich, bei Mauthausen, hat Anni zwei Jahre vorher, um das Weihnachtsfest mit den wiedergefundenen Eltern verbringen zu können, die Donau ebenfalls in einem Boot, ebenfalls nachts, überquert. Es sind damals, in den Nächten, sehr viele in Booten unterwegs gewesen.)

Ich dachte an Judith und erinnerte mich an das winzige Schrebergartenhäuschen in Wien, das die Cousine des Vaters ihnen zur Verfügung gestellt und in dem sie mit ihren Eltern lange gelebt hatte. Die Wände waren dünn gewesen, obwohl die kleinen Räume beheizbar gewesen waren, froren im Winter die Lebensmittel, fror das Brot im Schrank, zogen sich Judith und ihre Mutter Erfrierungen an den Beinen zu. Morgens, im Winter, hatte mir Judith erzählt, sei die Decke vor ihrem Mund weiß bereift von der Feuchtigkeit ihres Atems gewesen.

Erst Jahre später fand sich eine bessere Unterkunft für die Familie. Zur Zeit der Herbstmesse neunundvierzig, als sie Plotzners Patentbett erprobte, hat Judith noch mit ihren Eltern in jenem Holzhäuschen am Wiener Stadtrand gewohnt.

Ich lag und dachte an Judith in dieser Nacht, sah sie über die klebrige Erde kriechen, geduckt über nasse Wiesen laufen, sah sie vom Kohlenwaggon auf den Bahndamm springen, über eine dreckige Böschung fallen, sich wieder erheben, nein, an ihren Kleidern klebte kein Schmutz, ich hatte Judith niemals schmutzig gesehen, selbst wenn sie im Sommer daheim auf den Feldern mithalf, als während des Krieges keine Arbeitskräfte zu bekommen waren, wenn sie Obst pflückte und Trauben von den Stöcken schnitt, selbst dann sah sie aus, als hätte sie eben erst gebadet oder frisch gewaschene Kleider aus dem Schrank angezogen. Nie hing ihr das Haar schweißnaß und verklebt in die Stirn, nie waren ihre Arme von Mückenstichen geschwollen, ihre Augen vom Staub gerötet oder von Kornhalmen zerstochen. Die Arbeiter auf den Feldern drehten sich nach ihr um, wenn sie kam, lachten ihr zu, sie lachte und winkte zurück. Wie Judith wollte ich sein, als ich Anni war, stand vor dem Spiegel, versuchte mein Kopftuch zu binden, wie sie es gebunden hatte, es gelang mir nicht, ich versuchte, mein Haar offen zu tragen, wie sie es trug, es wehte mir über die Stirn in die Augen, vergeblich strich ich es immer wieder seitlich zurück. Wie siehst du denn aus, sagte meine Mutter, WIE EINE ZIGEUNERIN, hast du denn deinen Kamm verloren? Es blieb mir nichts übrig, als wieder meine Zöpfe zu flechten, bis man mir endlich erlaubte, sie abschneiden zu lassen. Das Ergebnis war lächerlich, heute noch kann man es nachprüfen anhand einer damals entstandenen Fotografie, nie würde Anni wie Judith aussehen, nie würde Anni wie Judith sein.

Nein, es gelang mir nicht, Judiths Vollkommenheit auch nur annähernd zu erreichen, nicht in der Kleidung und nicht in der Frisur, nicht in der Haltung und nicht in der Sprache, es dauerte eine ganze Weile, bis ich zu dieser Einsicht kam, bis Anni nicht mehr versuchte, wie Judith zu sein, bis sie sich trotzig dazu entschloß, mit ihren Fehlern zu leben.

Dennoch, Jahre später, die Szene mit Christians silbernem Ring, als Anni wahrheitsgemäß Antwort gab und Judith zornig reagierte, sich von ihr abwendete und davonlief, dennoch das dunkle Gefühl, daß Christians Liebe ihr eigentlich gar nicht zustand, daß er sich nicht ihr, sondern Judith hätte zuwenden müssen, weil Judith klüger, schöner, geschickter, mit einem Wort, in jeder Hinsicht vollkommener war als sie.

Ich dachte an Judith, vielleicht war sie wirklich in meinem Zimmer, was wissen wir von den Toten, von ihrer Freiheit, von ihrem Losgelöstsein, eine Ahnung ihrer Gegenwart wehte mich aus den Vorhängen an, in denen die zitternden Schatten der Baumzweige tanzten, stieg aus den blassen Lichtschatten, die auf dem Teppich lagen. Ich hörte ihre Stimme, mit der sie auf Mutter und Tante einredete, ihnen Mut zusprach, sie überzeugte.

Spring, sagte Judith, und die Mutter, eine sonst ängstliche und vorsichtige Person, sprang vom Kohlenwaggon in die Nacht hinein, es geschah ihr nichts, sie verletzte sich nicht bei diesem waghalsigen Sprung vom fahrenden Zug, die Überzeugungskraft der mutigen Tochter hatte sie stark gemacht.

Von der Geschichte, die sie mir über den amerikanischen Wachtposten erzählt hatte, der die Familie nicht, wie es seine Pflicht gewesen wäre, am Überschreiten der Demarkationslinie ohne Papiere hinderte, sondern ziehen ließ, hatte ich mir von Anfang an ein anderes Bild gemacht als jenes, das sie dargestellt hatte. Wahrscheinlich hatte es dieses Mädchen, das angeblich irgendwo im Gebüsch auf den Liebsten gewartet hatte, gar nicht gegeben, dachte ich, es hatte nur in Judiths Phantasie existiert, wahrscheinlich hatte einzig und allein ihr Anblick den Amerikaner veranlaßt, sie ungehindert gehen zu lassen. Er konnte nicht widerstehen, als sie ihn erschrocken und bittend ansah, er konnte sich der Wirkung ihrer Stimme nicht entziehen, er vergaß einfach, was ihm aufgetragen war, und widersetzte sich nicht. Es gingen Veränderungen in ihm vor, gegen die er sich nicht zur Wehr setzen konnte. Vielen ist es vorher und nachher ähnlich ergangen, auch Georg, dachte ich, mußte es ähnlich ergangen sein.

Vielleicht war sich Judith der Wirkungen, die von ihrer Person ausgingen, gar nicht bewußt, oder jedenfalls nicht so sehr, wie man später behauptet hat. Sie versuchte einfach, etwas zu erreichen, was sie erreichen wollte, und es gelang, in den meisten Fällen jedenfalls gelang es, sie wünschte sich etwas und bekam es, selten schlug man ihr eine Bitte ab, wenn sie erfüllbar war. Sie war so sehr daran gewöhnt, Erfolg zu haben, wenn sie ihn haben wollte, daß es ihr nicht weiter auffiel, wenn er sich wirklich einstellte. Nie hat sie die Faszination, die von ihrer Person ausging, wissentlich dazu benützt, anderen zu schaden oder sie zu verdrängen. Trotzdem konnte man schuldig werden in ihrem Namen, sie gab den Anlaß zur Schuld, an der andere ein Leben lang zu tragen hatten, und einmal gab sie den Anstoß zu einem Unglück, das sich nicht mehr rückgängig machen, nicht mehr gutmachen ließ. Als es geschehen war, reagierte sie wie ein Kind, das sich im Bewußtsein seiner Schuld in einen Winkel verkriecht und sich die Augen zuhält, in dem Glauben, daß Unglück gelöscht werden kann, wenn man es nicht sieht.

Ich hätte alles nur noch ärger gemacht, wenn ich geblieben wäre, sagte Judith, die in meinem Zimmer war.

Du bist davongelaufen, sagte ich, das war schlimmer, als wenn du geblieben wärst. Du hast das Unglück nicht ertragen, das du verursacht hast, aber andere mußten es tragen.

Du bist mit schuld daran, daß ich davongelaufen bin, sagte Judith.

Ich weiß, sagte ich.

Ich wollte es nicht, sagte Judith, DAS NICHT.

Das habe ich immer gewußt, sagte ich. Du wolltest etwas ganz anderes. Hast du es wenigstens bekommen? Es kam keine Antwort, es konnte ja auch keine kommen.

Nachdem Judith Wien verlassen hatte und nach Deutschland gegangen war, kam keine Nachricht mehr von ihr. Jahre später schickte man uns einen Zeitungsausschnitt zu, auf dem eine Reporterin zu sehen ist, die Passanten in Stuttgart nach ihrer finanziellen Situation befragt, der Name der Reporterin war nicht genannt, sie sah wie Judith aus, konnte Judith sein, sicher waren wir nicht, daß sie es wirklich war.

Dann kam das Hochzeitsbild. Der Umschlag, in dem es steckte, trug keine Adresse, nicht einmal ihren durch ihre Heirat geänderten Namen gab sie uns bekannt. Wir haben geheiratet, Judith und Frank, stand auf der Rückseite der Fotografie, keine Anschrift, kein Datum, den verwischten Poststempel konnten wir nicht entziffern.

Wer war dieser Frank, dessen Frau sie geworden war? Wir wußten es nicht, und es gab niemanden, der uns Auskunft geben konnte. Er konnte ein Deutscher, er konnte auch ein Ausländer sein, ein Nordländer vielleicht oder ein Amerikaner.

Mir fiel auf, was die anderen anscheinend nicht bemerkten, weil sie nicht mehr an ihn dachten oder auch, weil sie ihn gar nicht gekannt harten, die Ähnlichkeit mit Christian. Frank sieht beinahe wie Christian aus, dachte ich sofort, als ich das Bild in der Hand hielt, äußerlich jedenfalls, er sieht ihm ähnlich, der Gesichtsschnitt, das glatte, zur Seite gebürstete Haar, die Haltung, die Körpergröße, die schmalen, zu den Schläfen hin leicht schräg verlaufenden Augenbrauen, die Nase, das Kinn. Ich erschrak über diese Ähnlichkeit, dann aber sah ich den fremden Ausdruck in Franks Augen, und ich sah vor allem die Hände, die eine, etwas unbeholfen herabhängend, die andere besitzergreifend um die Schulter der Braut gelegt. Vor allem diese eine Hand sah ich, die Judiths Oberarm umgriff, ihn umklammerte, sich in den dünnen Stoff des Brautkleides grub, so daß er an dieser Stelle Falten bildete. Die Spuren dieser Umklammerung mußten an Judiths Arm sichtbar geblieben sein, sie mußte am nächsten Tag blaue Druckstellen am Oberarm gehabt haben, dachte ich. Nein, das war nicht Christians Hand, und es waren vor allem nicht Christians Augen, nicht sein skeptischer, hinterfragender Blick. Franks Augen blickten zielstrebig, entschlossen, sie sahen am Betrachter des Bildes vorbei, waren auf einen imaginären Punkt gerichtet, der wahrscheinlich ZUKUNFT bedeutete, sonst nichts.

Nichts von dem war in Franks Augen, was Anni und Valerie traurig gestimmt hatte, als sie die kleine Fotografie betrachteten, die Christian bald nach seiner Ankunft in Deutschland geschickt hatte, sie riefen kein Mitgefühl hervor, ließen keine Zweifel ahnen, keine Spuren von Verunsicherung durch Vergangenes waren aus ihnen abzulesen. Frank war nicht Christian, war ein völlig anderer Mensch, das war mir, als der erste Schreck über die äußerliche Ähnlichkeit abgeklungen war, klar. Alle anderen Überlegungen, die wir über Beruf, Staatszugehörigkeit, Nationalität, durch den ungewöhnlichen, in unseren Ländern kaum gebräuchlichen Namen angeregt, anstellten, gehörten in den Bereich der Phantasie. Es blieb uns, abzuwarten, ob doch eines Tages eine Nachricht von Judith kommen würde, aber das war nicht der Fall. Sie wollte keine Verbindung mehr zu uns, sie wollte vergessen werden und wahrscheinlich wollte sie selbst auch vergessen.

7

Das letzte Weihnachtsfest der Jahrhunderthälfte, eine Gelegenheit, noch einmal rückblickend anzuhalten, Heinrich und seine Frau Valerie, Annis Eltern, in jener Küche zu besuchen, die ihnen wohlmeinende Verwandte drei Jahre zuvor als Wohnung zur Verfügung gestellt haben und die sie immer noch bewohnen. Auch das Mobiliar hat sich noch nicht verändert, es besteht immer noch aus den beiden eisernen Betten, der Waschkommode, auf deren gelb-rot geflammter, zerrissener Marmorplatte die Waschschüssel aus Zinkblech steht, die Valerie für eine einzige amerikanische Zigarette eingehandelt hat, dazu der Wasserkrug aus dem gleichen Material, aus einem schmalen Schrank, drei hölzernen Sesseln und einem Tisch. Wie vielen anderen ist auch ihnen der Schritt aus der Not der Anfänge heraus noch nicht gelungen. Es gibt zu viele im Land geborene Ärzte, die ohne Anstellung sind.

Am vierundzwanzigsten Dezember neunundvierzig sind auf Abschnitt achtzehn der Lebensmittelkarten zwei Eier aufgerufen worden, man konnte zwischen Kühlhauseiern und Kalkeiern wählen, die Kalkeier kosteten sechsundneunzig Groschen, die Kühlhauseier einen Schilling und achtzehn Groschen, durchschnittliche Einkommen haben zu jener Zeit zwischen 300 und 400 Schilling betragen.

Valerie hat sich, trotz des höheren Preises, für die Kühlhauseier entschieden, nun steht sie vor dem Tisch, der zugleich als Arbeitstisch, Eßtisch und Schreibtisch verwendet wird, und knetet Teig für die Weihnachtsbäckerei, die sie, in kleinsten Mengen, nach den seit langer Zeit in ihrer Familie vererbten Rezepten herstellen wird. Der kleine eiserne Ofen ist warm beheizt, es hat vor einiger Zeit eine Zuteilung an Brennmaterial gegeben. Valerie vermengt Zucker, Mehl, Fett und die erwähnten Kühlhauseier, die sie sorgfältig in Dotter und Eiweiß getrennt hat, zu kleinsten Mengen verschiedener Teigsorten, aus dem Radio, das immer noch auf dem Wandbrett steht, tönt Weihnachtsmusik. Heinrich hat einen der Sessel zum Fenster gestellt und liest in der Zeitung.

Eine Delegation der Interessengemeinschaft volksdeutscher Heimatvertriebener hat beim Bundesministerium für soziale Verwaltung vorgesprochen und um Gleichstellung der Volksdeutschen mit den österreichischen Staatsbürgern auf arbeitsrechtlichem Gebiet ersucht. Die Delegation begründete ihre Bitte mit der seit Generationen bestehenden Verbundenheit der Volksdeutschen mit Österreich sowie mit deren aktivem Anteil an der Arbeit des Wiederaufbaus. Sie ersuchte auch um Gleichberechtigung volksdeutscher Schulentlassener hinsichtlich der Besetzung von Lehrstellen und um Anerkennung des Berufsnachweises von Facharbeitern. Der Sozialminister versprach, die Vorschläge eingehend zu prüfen. Im Entwurf des Inlandarbeiterschutzgesetzes würde, sagte er, DER BEGRIFF DES AUSLÄNDERS EINGEHEND ZU PRÄZISIEREN SEIN.

(Heinrich und Valerie dürfen sich seit wenigen Monaten Staatsbürger nennen, bis dahin sind sie nicht nur keine österreichischen, sie sind überhaupt keine Staatsbürger gewesen. Auch Ausländer waren sie nicht, der Begriff des Ausländers war noch nicht GENAU PRÄZISIERT worden. Obwohl sie alle Nachteile zu tragen hatten, die mit der Situation von Ausländern verbunden waren, wurden sie auch der Rechte nicht teilhaftig, die Ausländern immerhin, in bezug auf ihre Zugehörigkeit zu einem als Ausland benennbaren anderen Staat, zugestanden werden mußten, sie konnten sich auf die Rechte keines Staates berufen, sie waren nicht nur heimatlos, sie waren auch rechtlos geworden. Obwohl der Bescheid, der ihnen zugegangen ist und der ihnen das Recht zusichert, sich wieder Staatsbürger nennen zu dürfen, bisher nur eine ideelle Verbesserung ihrer Situation gebracht hat, steht nun doch fest, daß sie im Lande bleiben dürfen. Wovon sie in diesem Lande leben werden, wissen sie noch nicht.)

Die Sendung, die vom Sender ROT-WEISS-ROT ausgestrahlt wird, während Valerie ihre kleinen Teigmengen mischt, heißt O, JUBEL, O, FREUD, GLÜCKSELIGE ZEIT.

Zwei Bundesräte der Volkspartei, liest Heinrich, haben in einer schriftlichen Anfrage an das Innenministerium darauf hingewiesen, daß die Kontrollstellen an den Demarkationslinien, an der Steyregger Brücke und an der Ennsbrücke, in unbewohntem Gebiet liegen, was, wie verbrecherische Vorfälle der letzten Zeit bewiesen haben, SCHWERE GEFAHREN AN LEBEN UND GUT für die Bevölkerung mit sich bringt. Die Bundesräte verlangen Aufnahme von Verhandlungen mit dem sowjetrussischen und dem amerikanischen BESATZUNGSELEMENT, mit dem Ziel, die Beseitigung der Kontrollen überhaupt zu erreichen oder wenigstens die Erleichterung, daß an Stelle der bisherigen Kontrollstelle an der Ennsbrücke die amerikanische Kontrolle bereits ab Linz im fahrenden Zug, die sowjetische Kontrolle, wenn sich nicht die gleiche Praxis ab der Station Ennsdorf erreichen lassen sollte, in der Bahnstation Sankt Valentin vorgenommen wird. Bei Eisenbahnfahrten von Linz in Richtung Budweis sollte die Kontrolle in die Züge oder in die Bahnstation Steyregg verlegt werden.

Schließlich verlangten die Antragsteller, daß die Kontrollorgane der Besatzungsmächte von je einem Organ der österreichischen Exekutive begleitet werden sollten. (Heinrich nimmt diese Meldung mit Genugtuung zur Kenntnis. Seine Tochter Anni ist von einem die Ausweise kontrollierenden Russen auf der Ennsbrücke aus dem Zug geholt worden, obwohl ihre Papiere ordnungsgemäß ausgestellt und mit der vorgeschriebenen Anzahl von Rundstempeln versehen waren.

Es ist Annis einzige Fahrt über die Demarkationslinie gewesen, bei der sie ordnungsgemäß ausgestellte und gestempelte Papiere besaß. Mehrmals vorher und nachher hat sie die Demarkationslinien mit von Freundinnen geborgten Ausweisen und Passierscheinen ohne Schwierigkeiten überschritten.)

Welche Gedanken tauchen vor Valeries innerem Auge auf, während sie sich der geliebten Beschäftigung hingibt, die kleinen Teigkugeln formt, knetet, betastet, mit den Fingerspitzen streichelt, ihre seidige Oberfläche befühlt? Welche Erinnerungsbilder befallen sie, versetzen sie in eine lange vergangene Zeit zurück, in jene Zeit, in der sie mit Heinrich und der kleinen Tochter in dem mährischen Landstädtchen, in dem sie geboren wurde und aufwuchs, glücklich gewesen ist? Vielleicht sieht sie sich in der Küche, ZU HAUSE, mit viel größeren Teigkugeln hantierend, vielleicht sieht sie sich selbst, den großen, bis zur Decke reichenden Christbaum schmükkend, während im Kachelofen das Feuer brennt, knistert, in jene Glut zusammenfällt, von der die Wärme langsam in die Kacheln steigen, von dort in das große Eckzimmer ausstrahlen, es am Heiligen Abend gemütlich erwärmen soll, während Schnee in weichen Flokken vor den Fenstern fällt, herabsinkt, die Geräusche der Straße dämpft. Vernehmen ihre Ohren das leise Gleiten von Schlittenkufen, das Tappen der Pferdehufe, das Klingeln von Glöckchen, die an den Pferdegeschirren befestigt sind, hört sie die Stimmen der Kinder, die sich im Schnee balgen, mit kleinen Rodelschlitten unterwegs sind, dem Abend entgegenfiebern, der mit seinem Glanz alle anderen Abende des Jahres überstrahlt?

Sieht sie nur freundliche Bilder, hat sie die anderen, dunkleren Bilder mit Absicht vergessen, verdrängt, sieht sie, während die Melodie eines Weihnachtsliedes aus dem Radio in ihre Küche dringt, wie sich Türen öffnen, Kerzen brennen, Christbäume erstrahlen, O JUBEL, O FREUD, es wäre vorstellbar, obwohl sie eigentlich nie dazu neigte, die Vergangenheit in rosaroten Farben zu sehen und auch hinsichtlich der Weihnachtsfeiern vergangener Zeiten hin und wieder kritische Bemerkungen in die vorweihnachtliche Stimmung eingestreut hat. (Der Kachelofen, weißt du noch, dieser verdammte Kachelofen, der im Eckzimmer gestanden ist, er hat niemals richtig brennen wollen, er ist überhaupt nicht richtig warm geworden, hätten wir den AMERICAN HEATING im Herrenzimmer nicht gehabt und die Türen aufgemacht, dann hätten wir zu Weihnachten immer gefroren.) Sie hätte Anlaß genug, weniger freundliche Bilder zu sehen, sie hat fünf lange Jahre der Not hinter sich, davor die bitteren Jahre des Krieges, davor die Hungerjahre nach dem ersten Krieg. Nur eine kurze Periode des Glücks als Liebende, als junge Ehefrau, liegen dazwischen.

Vielleicht denkt sie auch vor allem, während sie ihre winzigen Teigkugeln knetet, an ihre Eltern und an die jüngere Schwester, die jetzt in ihrer Dachkammer in dem Dorf bei Erlangen ebenfalls Weihnachtsvorbereitungen treffen, fragt sich, ob die kleine Kammer auch warm genug beheizt ist, ob die Familie genügend zu essen hat, ob sie nicht friert, ob sich die Mutter nach ihrer Krankheit wieder erholt hat. Vielleicht ist sie auch ihrer Tochter wegen von Sorge erfüllt. (Ich hab es dir gleich gesagt, das kann nicht gut ausgehen, du bist nichts und hast nichts, und wir haben nichts, was wir dir geben können, warum hast du dir diese Heirat nicht aus dem Kopf geschlagen?)

Heinrich nimmt inzwischen zur Kenntnis, daß, einer Meldung der Prager Zeitung SVET PRACE zufolge, alle Hotels und Restaurants in der Tschechoslowakei verstaatlicht, die Dorfwirtshäuser den landwirtschaftlichen Genossenschaften angeschlossen worden sind. Die kommunistische Partei, liest er, habe Weisungen zur Liquidierung der DORFREICHEN und zum Zusammenschluß der Kleinbauern und der mittleren Grundbesitzer herausgegeben.

Von dem Wort LIQUIDIERUNG erschreckt, läßt Heinrich die Zeitung sinken, zögert einen Augenblick, ehe er sie wieder aufnimmt und weiterliest.

Für den Fremdenverkehr wird schon wieder geworben, die Zonengrenzen stellen jedoch, liest Heinrich, ein Hindernis dar, eine Einreise aus Deutschland ist nur mit einem Militärpermit möglich, dieses gilt nur für die westlichen Besatzungszonen (das hat Heinrich ohnedies gewußt), der mitgenommene Geldbetrag dürfe nur vierzig Mark, also etwa zweihundertvierzig Schilling, betragen (das hat er nicht gewußt, aber zweihundertvierzig Schilling sind für ihn eine Menge Geld). In Deutschland sind Tagespensionen schon ab sieben Mark zu finden, in Österreich kosten sie zwischen sechs und zwölf Mark. In Spitzenhotels sind für den Tag bis zu zwanzig Mark zu bezahlen.

Auch vor Heinrichs innerem Auge tauchen wahrscheinlich jetzt Bilder aus lange vergangenen Tagen auf.

Im Radio sind die Weihnachtslieder verklungen, es ist jetzt von Weihnachtsbräuchen die Rede, Valerie dreht am Knopf, der Sender RADIO WIEN bringt die Sendung WEIHNACHTSFEST IN EINEM USIA-BETRIEB, sie stellt das Radio ab.

Was steht denn in deiner Zeitung, sagt sie zu Heinrich, während sie nach der Teigrolle greift, lies mir etwas vor.

Heinrich, im Hinblick auf die vorweihnachtliche Stimmung, die er nicht verderben will, wählt erfreuliche Nachrichten aus. Ein wichtiger Verhandlungspunkt der Gemeinderatssitzung am Tag vorher, liest er, ist die Neugestaltung des Stephansplatzes gewesen. Dieses Problem ist in bisher insgesamt achtunddreißig Sitzungen behandelt worden, es geht die gesamte Wiener Bevölkerung an, GANZ WIEN IST DARAN INTERESSIERT.

Die PUMMERIN würde in Sankt Florian neu gegossen werden, eine Spendenaktion sei geplant, um die nötigen dreihunderttausend Schilling aufzubringen. Es bestehe der Plan einer festlichen Überführung der fertigen Glocke auf der Donau, mit Anlegepausen in allen Ufergemeinden, als eine Art Bekenntnis zu Österreich.

Wenn die Besatzungsmächte damit einverstanden sind, sagte Valerie.

In den Zeitungen jener Tage blätternd, finde ich heute, nach so vielen Jahren, Nachrichten, die Heinrich, um seine Frau nicht zu beunruhigen, wahrscheinlich nicht vorgelesen hat. Ich finde auch die Listen mit den Namen derer, die ZUM VERFAHREN DER TODESERKLÄRUNG AUFGEBOTEN waren.

AUF ANSUCHEN DER ANTRAGSTELLER WIRD DAS AMTLICHE VERFAHREN ZUR TODESERKLÄRUNG VERMISSTER EINGELEITET UND DIE AUFFORDERUNG ERLASSEN, DEM GERICHT NACHRICHT ÜBER IHREN VERBLEIB UND IHR SCHICKSAL ZU GEBEN.

Namen und Geburtsdaten, vage Angaben über letzte Aufenthalte, Angabe von Orten, an denen die Verschollenen, Vermißten, noch nicht Heimgekehrten zum letztenmal gesehen wurden oder von wo ihre letzte Nachricht gekommen ist.

Verschollen in der Weite Rußlands, bei Rückzugsgefechten, in Gefangenenlagern, aber auch aus Häusern, Wohnungen geholt, in Züge, Lastwagen gestoßen, nie mehr aufgetaucht, nie mehr zurückgekommen. Alte Männer und Kinder werden gesucht, der deutschen Wehrmacht letztes Aufgebot, Verschleppte werden gesucht, Deportierte, von denen nie mehr eine Nachricht gekommen ist, Österreicher und Deutsche jüdischer Religion. Orte werden genannt, letzte Stationen ihrer Leidenswege, SEITHER FEHLT JEDE NACHRICHT.

Reinhard S., geboren 1917, wird seit den Kämpfen bei Breslau im Jahre 1945 vermißt. Seither fehlt jede Nachricht.

Peter B., geboren 1910, wurde vorhandenen Nachrichten zufolge mit einem Kriegsgefangenentransport von Stalingrad nach Uspestipan gebracht. Seither fehlt jede Nachricht.

Henoch K., geboren 1885 als Sohn des Aron K. und der Chane, geborene D., zuletzt wohnhaft in Wien, wurde Nachrichten zufolge 1942, von Wien nach Minsk gebracht. Seither fehlt jede Nachricht.

Hedwig hatte sich nach langem Zögern und aus Gründen der Not doch dazu entschlossen, einen Antrag auf Todeserklärung für ihren in Rußland verschollenen Mann Richard zu stellen. Wie aber hätte sie dem Gericht Nachricht geben können über den Verbleib und das Schicksal Richards, da doch gerade sein Verbleib und sein Schicksal ihr unbekannt waren.

DIE VERMISSTEN WERDEN AUFGEFORDERT, VOR DEM GEFERTIGTEN GERICHTE ZU ERSCHEINEN ODER AUF ANDERE WEISE VON SICH NACHRICHT ZU GEBEN. Wie konnte einer, der für tot erklärt werden sollte, weil er seit Jahren mit unbekanntem Aufenthalt verschollen, wahrscheinlich schon irgendwo begraben lag, vor einem Gericht erscheinen oder auf andere Weise von sich hören lassen, wie konnte er Nachricht geben?

Hedwigs Antrag wurde, wie unzählige andere Anträge gleichen Inhalts, von einem deutschen Gericht erledigt, Richard wurde in Deutschland, andere wurden in Österreich für tot erklärt, amtlich aus dem Leben genommen, aus dem Leben ausgestrichen, in ein papierenes Grab gelegt. Der amtliche Totenschein bedeutete eine Witwenrente für die Not leidende Frau, eine Waisenrente für die hinterbliebenen Kinder, bedeutete häufig, wie im Fall Hedwigs, nicht das Ende der Hoffnung auf die immer noch mögliche Heimkehr des Totgesagten, amtlich für tot Erklärten.

In den meisten Fällen jedoch hat sich diese Hoffnung, wie jene Hedwigs, niemals mehr erfüllt.

Immer noch fehlten Väter, Söhne und Brüder, immer noch trafen auf Bahnhöfen Transporte mit Heimkehrern ein, mit solchen, auf deren Rückkehr man mit Sehnsucht gewartet hatte, aber auch mit solchen, die nach ihrer Rückkehr vor Gräbern oder vor verschlossenen Türen standen. Der Krieg hatte zahllose Opfer gefordert, das Leben war trotzdem weitergegangen. Nach der furchtbaren Tragödie des Krieges spielten sich in der Heimat die einzelnen privaten Tragödien ab. In der Zentrale des Internationalen Roten Kreuzes in Genf waren allein 1949 hundertzwanzigtausend Briefe mit Suchmeldungen eingegangen, hundertvierunddreißigtausend Briefe wurden abgeschickt, nur fünfzehntausend Einzelfälle konnten gelöst werden. Zwei Drittel aller Anfragen betrafen deutsche Staatsangehörige, die an der Ostfront verschollen waren, auch zahllose Kinder wurden gesucht, die man den Eltern entrissen hatte. Aus der Gefangenschaft Entlassene berichteten über andere, die in ihrem Beisein verstorben waren oder die keine Nachricht geben konnten, obwohl sie noch lebten. Zu Kriegsende verschleppte Mädchen kamen als Frauen wieder und brachten in der Gefangenschaft geborene Kinder mit. Die jüngste Heimkehrerin aus Rußland, die wenige Tage vor Weihnachten neunundvierzig auf dem Wiener Südbahnhof ankam, hieß Gertrude Noll und war drei Monate alt.

Jetzt vor Weihnachten, rief die leitende Schwester der Bahnhofsmission, JETZT VOR WEIHNACHTEN KÖNNEN WIR SO EIN KLEINES KIND NICHT BRAUCHEN!

Die junge Mutter drückte die kleine Trude an sich und brach in Tränen aus. Sie hatte schwere Jahre hinter sich, schreckliche Jahre, Verschleppung, Gefangenschaft, Zwangsarbeit, sie war nicht verweichlicht worden, sie hatte in Rußland einen Mitgefangenen zum Mann genommen, hatte ihr Kind im Gefangenenlager geboren, sie hatte vieles ertragen müssen, aber auf diesen Satz war sie nicht gefaßt gewesen. Zu Weihnachten wurde das Kind in der Krippe gefeiert, das Kind, das in einem Stall geboren worden war, die Welt kniete nieder vor diesem Kind, die Menschen beschenkten einander, die Priester in den Kirchen standen in prächtigen Gewändern vor den Altären, die Glocken läuteten, Kerzen brannten, Weihrauchwolken verströmten exotische Düfte, tausendfach ertönte das Lied von der Heiligen Nacht, die diesem Kind gewidmet war, das den Frieden in die Welt bringen sollte. An den Fronten hatten, dem Kind zuliebe, die Waffen geschwiegen. Ihr Kind aber, das ebenso in Armut geboren war wie jenes vor zweitausend Jahren, wurde nicht aufgenommen, wurde in die Kälte verstoßen. Sie stand vor verschlossener Türe mit ihrem Kind, IN DER HERBERGE WAR KEIN PLATZ FÜR SIE.

Waren die Menschen in zweitausend Jahren nicht um einen Schritt weitergekommen, hatte sich an ihrer Dummheit und Selbstsucht seither überhaupt nichts geändert?

Eine Hilfsschwester hatte Mitleid und nahm die verstörte Mutter in ihre Wohnung mit, versorgte sie dort drei Tage lang und vermittelte schließlich über die evangelische Pfarrgemeinde eine Unterkunft bei der Heilsarmee.

Wie hätte Valerie, wäre ihr diese Geschichte zu Ohren gekommen, gesagt? Immer und überall, hätte sie gesagt, kommt es auf den einzelnen Menschen an.

Die österreichische Regierung setzte sich für die noch nicht Zurückgekehrten ein. WIR WOLLEN KEINE KRIEGSVERBRECHER SCHÜTZEN, WIR WEHREN UNS ABER DAGEGEN, DASS MENSCHEN WEGEN EINER KOLLEKTIVSCHULD UNSCHULDIG VERURTEILT WERDEN, NACHDEM SIE BEREITS FÜNF JAHRE IHRER FREIHEIT BERAUBT WURDEN UND DURCH SCHWERE KÖRPERLICHE ARBEIT GENÜGEND SÜHNE GELEISTET HABEN.

Nur die Frauen, Mütter, Schwestern der Heimatvertriebenen warteten vergeblich auf eine diesbezügliche Bitte oder ein hilfreiches Wort.

In Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage bedauerte der österreichische Außenminister, daß nach einer allgemein anerkannten Norm des Völkerrechts ein Staat bei einer ausländischen Regierung Interventionen nur zugunsten seiner eigenen Staatsbürger durchführen könne.

DEN ÖSTERREICHISCHEN VERTRETUNGSBEHÖRDEN FEHLT DAHER JEDE LEGITIMATION, OFFIZIELL FÜR NICHTÖSTERREICHISCHE KRIEGSGEFANGENE WEGEN ENTLASSUNG AUS DER GEFANGENSCHAFT ZU INTERVENIEREN. AUCH WENN DIE IN ÖSTERREICH BEFINDLICHEN ANGEHÖRIGEN DER KRIEGSGEFANGENEN ODER IN DER ANFRAGE GENANNTEN STAATEN ZURÜCKGEHALTENEN VOLKSDEUTSCHEN ZUM TEIL SCHON DIE ÖSTERREICHISCHE STAATSBÜRGERSCHAFT ERHALTEN HABEN, IST DIES KEINESFALLS AUTOMATISCH FÜR DIE GENANNTEN KRIEGSGEFANGENEN UND ZURÜCKGEHALTENEN GEGEBEN.

DAHER BESTEHT IN SOLCHEN FÄLLEN FÜR DEN ÖSTERREICHISCHEN STAAT KEINE VÖLKERRECHTLICHE LEGITIMATION ZU OFFIZIELLEN SCHRITTEN IM INTERESSE DIESER PERSONEN.

Wie hatte Heinrich zu dem Kind Anni gesagt, das nach seinen Vorfahren und nach deren Volkszugehörigkeit gefragt hatte?

Früher, hatte Heinrich gesagt, als du noch nicht geboren warst, sind wir alle Österreicher gewesen.

Den Leuten sind die Hände gebunden, sagte Valerie, diese Regierung darf ja nicht tun, was sie für richtig hält.

Fünf Jahre nach dem Krieg und noch immer besetzt, sagte Valerie, was das kostet.

Drei Monate später informierte die WIENER ZEITUNG ihre Leser in einem Bericht über die bisherigen Besatzungskosten.

Bis 1949 waren an die Amerikaner 407 Millionen, an die Engländer 841 Millionen, an die Franzosen 735 Millionen Schilling, an die Russen 2,5 Milliarden Schilling bezahlt worden.

1949 hatte die vierfache Besetzung Österreich 518,7 Millionen Schilling gekostet. Zusammen mit dem Umtausch alliierter Militärschillinge hatte der Betrag, der für die Besatzungsmächte ausgegeben werden mußte, über fünf Milliarden Schilling betragen. (Das monatliche Einkommen eines Beamten mit Maturastatus im gehobenen Verwaltungsdienst machte am 1. Jänner 1950 vierhundertsechsunddreißig Schilling aus.)

Fünf Jahre nach dem Krieg und noch immer kein Friedensvertrag, sagte Valerie, dabei wollen wir doch nichts als den Frieden!

Bewußt die erste Person der Mehrzahl verwendend, die eigene Person einbeziehend, engagierte sie sich für den Staat, der sie als gleichberechtigte Bürgerin angenommen hatte. Genoß sie die Rechte dieses Staates, fielen ihr auch Pflichten zu. Es gibt niemanden in diesem Land, der nicht den Frieden will, sagte sie.

Am letzten Tag des fünften Friedensjahres erwähnte der Wiener Bürgermeister diesen leidenschaftlichen Friedenswillen des Volkes, aber er sprach auch von Kriegsangst, welche die Menschen erfüllte, er äußerte sich sorgenvoll im Hinblick auf das kommende Jahr. Nur der amerikanische Sonderbotschafter Averell Harriman sagte Österreich eine hoffnungsvolle Zukunft voraus. Vergeblich warteten die Heimatvertriebenen in Österreich an ihren eigenen oder an fremden Radioapparaten auf einen Satz in den Neujahrsbotschaften und Neujahrsreden der Großen des Landes, der sich auf ihr Schicksal bezogen hätte. Niemand gedachte ihrer mit einem an sie gerichteten, tröstenden oder Hoffnung gebenden Wort.

8

Briefe kamen aus Deutschland. Die Bewirtschaftung der Butter sei aufgehoben worden, schrieb Hedwig, jetzt könne man Butter frei kaufen, das Pfund koste zwei Mark vierundfünfzig Pfennig. Man hat gefürchtet, daß es Hamsterkäufe geben wird, schrieb sie, aber das ist nicht eingetreten. Die Leute kaufen nicht mehr, als sie früher gekauft haben, sie haben ja auch nicht mehr Geld als vorher. Man kauft ja nur, was man braucht. Nur für den Zucker wird es noch eine Zeitlang Marken geben.

Nach Baden-Württemberg sollen jetzt achttausend Flüchtlinge aus Schleswig-Holstein, aus Niedersachsen und Bayern kommen, schrieb Hedwig. Sie werden umgesiedelt, man wird für sie Wohnungen bauen. Schade, daß wir nicht auch umgesiedelt werden, dann würde man uns vielleicht eine Wohnung geben. Vielleicht wäre Mutter dann nicht immer krank, und die Kinder kämen in bessere Schulen.

Die nächsten drei Zeilen in dem Brief waren von der Zensur mit schwarzer Farbe dick durchgestrichen worden. Valerie hielt den Brief mit der durchgestrichenen Stelle gegen das Licht, aber man konnte nichts von dem erkennen, was die schwarze Farbe verdeckte. In Stuttgart soll es schon wieder herrliche Geschäfte geben, schrieb Hedwig im nächsten Absatz, abends viele Lichtreklamen. Ferdinand ist dort gewesen, er hat mir geschrieben.

Er sei in Stuttgart gewesen, schrieb Vetter Ferdinand an Hedwig, er sei über die Königsstraße gegangen, er sei WIE ERSCHLAGEN gewesen vom Anblick der Geschäfte und dem Angebot der Waren in den Auslagen, er habe geglaubt zu träumen, ein Geschäft neben dem anderen, dazwischen sogar schon Kaffeehäuser und Kinos, der Satz WIE IM FRIEDEN sei ihm eingefallen, jener Satz, den man gebraucht habe, wenn man sich während des Krieges nach unerreichbarem Luxus gesehnt habe. Seidenstoffe, Schuhe, Handtaschen, sogar Schmuck sei in den Auslagen ausgelegt, schön angeordnet und arrangiert, dann, als die Dämmerung eingefallen sei, die Lichtreklamen, er sei sich vorgekommen wie in einem Märchenland. Die Leute hätten sich vor den Schaufenstern gedrängt.

Dahinter freilich hocke das Elend noch immer wie vorher. Er sei ja ein neugieriger Mensch, er sei durch die Tore gegangen und habe die hinter den Toren liegenden Höfe betreten. Dort liege der Schutt noch herum, die Mauern seien ohne Verputz, man trete in Abfallhaufen und in Pfützen, die Leute hätten Stricke gespannt und Wäsche zum Trocknen aufgehängt, WIE IN EINEM FLÜCHTLINGSLAGER, er habe notdürftig zusammengezimmerte Bretterhütten gesehen, in denen offensichtlich Menschen wohnten.

So sei es fast auf der ganzen Königsstraße gewesen, vom Bahnhof weg bis zum Ende. Es ist mir eingefallen, schrieb Vetter Ferdinand, daß dies die beiden Seiten unserer Gegenwart sind, schon wieder Reichtum auf der einen Seite, noch immer bittere Armut auf der anderen. VORNE PRUNKFASSADEN, DAHINTER EIN NIEMANDSLAND, hinter der immer noch schönen Fassade des Kronprinzenpalais ein von Trümmern übersätes Gelände, aus dem Eisenträger hervorragten, ideal für lichtscheues Gesindel. Abseits von den schönen neuen Geschäften gäbe es, wie überall, aus Latten und Zeltplanen gezimmerte Notverkaufsstände, Behelfsläden. Und dann wieder ein Bürohaus mit großen Glasfenstern, er habe, schrieb Ferdinand, das Gefühl gehabt, die Menschen, die sich hinter den riesigen Scheiben bewegten, seien nur Puppen gewesen, von unsichtbarer Hand bewegte Marionetten.

Papa hat man das zweite Bein abgenommen, schrieb Annis Freundin Helga aus Hessen, Mama ist sehr verzagt.

Ich habe eine Lehrstelle bei der hiesigen Kleinbahn bekommen, die Leute dort sind sehr nett zu mir.

(Fast eineinhalb Millionen Vertriebene und Flüchtlinge hatte man nach dem Ende des Krieges nach Hessen gebracht, obwohl über zwanzig Prozent des vorhandenen Wohnraums zerstört oder von der Besatzungsmacht beschlagnahmt worden waren.

DIE AUS DEM GEDRÄNGTEN ZUSAMMENLEBEN DER FLÜCHTLINGE MIT DEN EINGESESSENEN RESULTIERENDEN SPANNUNGEN, DIE BESONDERS IN DEN LANDGEMEINDEN AUFTRETEN, sagte der zuständige Ministerialbeamte in einer Rede, BEHERRSCHEN HEUTE UNSER SOZIALES, WIRTSCHAFTLICHES UND POLITISCHES LEBEN.)

Nein, immer noch kein Ende der Not. Immer noch grub man Tote aus den verschütteten Kellern, immer noch lebten sehr viele in Flüchtlingsbaracken, in Bunkern und Kellerlöchern, Flüchtlinge kamen über die Grenze nach Westdeutschland, die Mittel reichten nicht aus, um das Elend zu beseitigen und sie alle menschenwürdig unterzubringen.

(Über zweieinhalbtausend Flüchtlinge aus Ostberlin kamen zu jener Zeit in den Westen der Stadt, sie konnten nicht weitertransportiert werden, da die russische Besatzungsmacht die durch die Ostzone führenden Züge streng kontrollierte. In Berlin nahm die Arbeitslosigkeit ständig zu, nur wenige der Flüchtlinge konnten ihren Fähigkeiten und ihrer Ausbildung entsprechende Arbeitsplätze bekommen.)

Über die Trümmerfelder deutscher Großstädte zogen Kinder und suchten nach Eisen, Kupfer und Blei. Für ein Kilogramm Kupfer zahlten Händler eine Mark und zehn Pfennig, für ein Kilo Blei fünfzig Pfennig, für ein Kilo Messing fünfundvierzig Pfennig, für ein Kilogramm Stahlschrott zwei Mark. Zwölfjährige schleppten Eisenträger, zogen Handwagen über den Schutt, kleine Schwerarbeiter, die zum Unterhalt der Familien beitrugen und ihre Schulaufgaben aus Müdigkeit nicht erledigen konnten. Siebenjährige handelten mit amerikanischen Zigaretten und machten Geschäfte mit Besatzungssoldaten. Waisen suchten ihre Eltern, Väter und Mütter suchten ihre verschollenen Kinder. Unter der schwarzen Bevölkerung Amerikas wurden Adoptiveltern für farbige Mischlingskinder gesucht.

ÄTSCH, MIR HAM HALT A ECHT’S NEGERLA, sagt der Anführer einer Gruppe von Sternsingern zum Sternträger einer anderen Gruppe, die Karikatur findet sich in der Zeitung NÜRNBERGER NACHRICHTEN vom 5. Jänner 1950. Ein schüchterner Versuch, die Öffentlichkeit zugunsten der kleinen Farbigen günstig zu beeinflussen.

Ein Flüchtlingssprecher ermahnte die Flüchtlinge und die Heimatvertriebenen, treu zusammenzuhalten, ABER NICHT, UM EINE REVOLUTION ZU ENTFACHEN, SONDERN UM DIE MENSCHENRECHTE ZU WAHREN.

Was das Elend der Heimatvertriebenen betrifft, sagte der österreichische Innenminister, so sei die Regierung bestrebt, das Los dieser Menschen in jeder Beziehung zu erleichtern. ALLERDINGS, ICH WARNE DAVOR, BEI DIESER HEIKLEN FRAGE MIT GROSSEN VERSPRECHUNGEN ZU ARBEITEN. WER MIT VERSPRECHUNGEN ARBEITET, WER DEN ARMEN TEUFELN HOFFNUNGEN MACHT, DIE NICHT IN ERFÜLLUNG GEHEN KÖNNEN, DER WIRD SEHEN, DASS ER DIESE LEUTE NICHT NUR SICH SELBER, SONDERN AUCH DIESEM LAND ZU FEINDEN MACHT. WIR MÜSSEN UNSER LAND NACH UNSEREN BEDÜRFNISSEN AUFBAUEN, UND WIR MÜSSEN IN ERSTER LINIE AN UNSERE EIGENEN STAATSBÜRGER DENKEN.

Valerie, die sich als Staatsbürgerin fühlte, fragte sich trotzdem in Augenblicken der Depression, ob es nicht besser gewesen wäre, mit den vielen anderen nach Deutschland zu gehen.

In Deutschland, sagte sie zu Heinrich, hätte man uns besser geholfen, dort hat man die Heimatvertriebenen als Neubürger angenommen und hat ihnen wenigstens für den Anfang etwas Geld zum Leben gegeben.

(Wäre ich nur nach Deutschland gegangen, sagte Edith K. aus Siebenbürgen, die man zu Kriegsende nach Rußland verschleppt hatte und die erst vier Jahre später nach Österreich entlassen worden war. Für jeden Tag der Gefangenschaft hätte ich acht Mark bekommen. Sie können sich ausrechnen, wie viel Geld das gewesen ist.)

Heinrich warf seiner Frau, wenn sie solches sagte, einen traurigen Blick zu. Du weißt, sagte er dann immer, warum ich nicht von hier weggegangen bin.

Valerie schwieg, sie wußte Bescheid. Schon als Student hatte Heinrich sich gewünscht, in Wien leben zu dürfen, er hatte alle seine Hoffnungen auf dieses Leben in Wien gesetzt, er hatte sich den Anfang in Wien hart, aber doch etwas anders vorgestellt.

Daß ich damals nach Deutschland gegangen bin, sagt Hedwig, Valeries jüngere Schwester, ist unser Glück gewesen. In Österreich wären wir Bettler geblieben, in Österreich hätte ich nicht gewußt, wie ich die Eltern und die Kinder ernähren soll. Auch hier, sagt sie, war der Anfang sehr schwer. Auch die Einheimischen haben Not gelitten. Aber man hat uns wenigstens anerkannt, und man hat uns geholfen, wo es möglich war.

(Deutsche Zeitungen veranstalteten 1950 eine Umfrage mit dem Ergebnis, daß die meisten Menschen über zu niedrige Einkommen und zu hohe Lebenshaltungskosten klagten. Ein Lehrer verdiente etwa vierhundert Mark, ein mittlerer Beamter zweihundertfünfzig, ein Facharbeiter zweihundert Mark. Ausgebombte Familien sahen keine Möglichkeit, die nötigsten Möbelstükke, Wäsche oder Hausgerät anzuschaffen, selbst der Kauf eines Kleides, eines Mantels für den Winter, die Anschaffung von Schuhen bedeuteten unlösbare Probleme.)

Du kannst dir vorstellen, sagt Hedwig, wie es uns und den Flüchtlingen gegangen ist, auch wenn wir kleine Unterstützungsbeiträge bekommen haben.

Dann die Arbeitslosigkeit, sagt Hedwig. Sie half bei den Bauern auf den Feldern mit, auch der alte Vater arbeitete noch schwer, später fuhr sie mit dem Fahrrad in die nahe Stadt Erlangen und wusch die Wäsche einer amerikanischen Familie.

Nie, sagt Hedwig, hat mir die Amerikanerin etwas zu essen für mich und für die Kinder mitgegeben, sie ist wahrscheinlich gar nicht auf den Gedanken gekommen, mich zu fragen, ob wir genug zu essen hätten.

Sie hat auch nicht kochen können, sie hat überhaupt keine Vorstellung von richtigem Kochen gehabt. Sie hat ein Stück gefrorenes Fleisch aus dem Kühlschrank genommen, hat mit einer Hacke ein Stück davon abgehackt, hat es in die Pfanne geworfen, rasch abgebraten und dann ihrem Mann auf den Teller gelegt. Jeden Tag hat sich das gleiche abgespielt. Der Mann hat ein kleines Stück von dem Fleisch abgeschnitten, hat daran herumgekaut, hat es wieder ausgespuckt, hat dann den Teller weggeschoben und ist gegangen. Das Fleisch hat die Frau dann in den Abfalleimer geworfen.

Wahrscheinlich ist das gar nicht böser Wille gewesen, sagt Hedwig, daß sie mich nie gefragt hat, ob ich ein kleines Stück von dem Fleisch haben will, sie hat sich vielleicht gar nicht vorstellen können, daß es Leute gibt, die Hunger haben.

Ein Stückchen von dem Fleisch, habe ich manchmal gedacht, sagt Hedwig, und ich könnte für die ganze Familie eine herrliche Suppe kochen. Vielleicht hätte sie mir etwas gegeben, wenn ich sie darum gebeten hätte, aber ich habe es nicht gewagt, sie zu bitten, und ich wollte auch nicht als Bettlerin dastehen.

Dabei sind wir doch wirklich arm wie Bettler gewesen.

(Friedl, Christians Schulkollege aus dem Gymnasium, das auch Anni besucht hat, noch mit siebzehn Jahren einberufen und an die Front geschickt, in amerikanischer Gefangenschaft beinamputiert, hatte um diese Zeit als Student in Freiburg mit siebenundfünfzig Mark monatlich auszukommen. Fünfundzwanzig Mark, sagt Friedl, habe sein Zimmer gekostet, vom Rest mußte er den Lebensunterhalt bestreiten.

Wenn ich Brot gekauft habe, sagt Friedl, dann habe ich es drei Tage lang liegen lassen, altes Brot gibt mehr aus als frisches.

Natürlich habe ich Hunger gehabt. Erst 1951 hat es hundertfünfzig Mark zusätzlich für das Semester gegeben, von diesem Geld mußten die Bücher gekauft werden.

1984 sagt ein Mann, der im Zug von München nach Berlin unterwegs ist und von der Zeit nach dem Krieg erzählt: Zum Glück ist mein Bruder gefallen, sonst hätte ich, als ich eine Anstellung bekam, nicht einmal eine passende Hose anzuziehen gehabt.)

Heinrich und Valerie immer noch in der Küche mit dem Steinfußboden, in einem kleinen Schaff aus Zinkblech wusch Valerie die Wäsche, spannte dann einen Strick vom Fensterhaken zur Wand, hängte die Wäschestücke daran zum Trocknen auf. Zwei Gassen weiter war das Brausebad, TRÖPFERLBAD oder VERTIKALSTROMBAD sagten die Wiener.

Hedwig immer noch mit den beiden Alten und den Kindern in den winzigen Kämmerchen unter dem Dach, immer mißtrauisch beobachtet von den Hausleuten, fremd in der neuen Umgebung, keine Möglichkeit, in eine Stadt zu übersiedeln.

Judith mit ihren Eltern im Schrebergartenhaus ihrer Tante am Stadtrand von Wien, ein winziges Zimmerchen, eine Küchenecke, ein Feldbett, das abends aufgeschlagen wurde, zwei übereinandergestockte Bettstellen an der Wand, Wasser aus dem Brunnen im Gärtchen, der an kalten Wintertagen zugefroren war, auch auf dem Eimer, den man ins Haus geholt hatte, bildete sich eine Eiskruste über Nacht, die Milch auf dem Tisch fror zu weißen Kristallen.

Man muß wissen, was man will, sagte Judith zu Anni, die neben ihr auf dem unteren Stockbett saß. Man muß ein Ziel haben und immer dran denken, ob einen das, was man unternimmt, auf dem Weg zu diesem Ziel weiterbringt oder ob es einen zurückwirft.

Ich habe ein Ziel, sagt Judith. Ich möchte wieder so leben können, wie wir zu Hause gelebt haben.

Wieder leben, wie man zu Hause gelebt hatte, wieder besitzen, was man zu Hause besessen hatte, das wollten viele in dieser Zeit. Daran dachten sie, davon träumten sie, wenn sie an den beleuchteten Fenstern fremder Häuser vorbeigingen, die jenen Glücklichen gehörten, die durch Krieg und Bomben ihren Besitz nicht verloren hatten, die verschont geblieben waren, jedenfalls was den materiellen Besitz betraf. Manche träumten auch davon, einmal vielleicht, in einer nicht allzu fernen Zukunft, besser zu leben, als sie daheim gelebt hatten, manchen ist dies auch gelungen.

NICHTS MEHR BESITZEN wollte Narcisse, die blutjunge Pianistin aus Böhmen, als sie endlich an einem Ort angekommen war, an dem sie bleiben konnte, keine Möbel, keine Teppiche, keine Vorhänge an den Fenstern, keinen überflüssigen Gegenstand mehr, nichts von dem, was sie zu Hause besessen hatte, nur ein Klavier.

Wie und wo übten Pianisten, die kein eigenes Klavier besaßen, in jener Zeit?

Ein später sehr bekannter Pianist soll in der Auslage eines Klaviergeschäftes geübt haben, in der ein Flügel stand, man hatte es ihm erlaubt, weil man sich davon einige Werbewirkung versprach.

Narcisse übte nachts, in der Kantine des Eisenbahnausbesserungswerkes in Eßlingen am Neckar, sie spielte die Nächte durch, wenn die Arbeiter in ihren Betten lagen und schliefen. Ein Klavier zur Verfügung zu haben, wenn auch nur nachts, war Glück, war für den Anfang genug, mehr wünschte sie nicht. Erst Jahre später erfüllte sich ihr Traum von einem eigenen Flügel. Sie war glücklich. Was brauchte sie mehr?

Frei sein von der Herrschaft der Dinge, vielleicht hatte sie das gewollt, oder nichts mehr besitzen, woran man sein Herz hängen, was man eines Tages doch wieder verlieren konnte. Ohne die Dinge hätte sie leben können, nicht ohne ihre Musik.

NATÜRLICH KONNTE DAS NICHT SO BLEIBEN, da lagen die Noten auf dem Fußboden herum, man mußte sie unterbringen, da waren die Bücher, die sich vermehrten. Da kamen Gäste aus der Heimat, man hatte sie zu bewirten, man brauchte Teller, Löffel, Tassen. DIE HABE ICH HEUTE NOCH.

Eine Bekannte stellte ihr einen schönen alten Schrank vor die Tür, dem sofort ihre Liebe gehörte. Dann kam eines zum anderen, die Dinge vermehrten sich wieder, man kam nicht aus ohne die Dinge, man hatte neu zu überdenken, was man anstrebte, was man wollte, man hatte seine Beziehung zu den Dingen neu zu formulieren.

NUR NOCH WAS ICH WIRKLICH HABEN WOLLTE, sagt Narcisse, NUR NOCH, WAS MIR AM HERZEN LAG.

Aber gerade das, was man aus Neigung erwirbt, ist es ja, was man schmerzlich vermißt, wenn es einem wieder genommen wird. NIMM NUR DEINE WICHTIGSTEN SACHEN MIT, ALLEM ÜBRIGEN SAGE ADIEU UND WEINE DEN DINGEN KEINE TRÄNE NACH, ES STEHT NICHT DAFÜR. So hatte Heinrichs Onkel Hermann an seine noch in Mährisch Trübau verbliebene Schwester geschrieben, als feststand, daß man sie mit einem Lastwagen abholen und nach Österreich bringen würde, aber Friederike, Heinrichs Mutter, hatte zu diesem Zeitpunkt nichts mehr von dem besessen, was ihr lieb gewesen war. Das Eisenbett mit dem Drahteinsatz, das Küchenstockerl, den Korb mit Wäsche, den sie gerettet hatte, nahm man ihr beim Grenzübertritt ebenfalls ab. HÖR AUF, MAMA, pflegte Valerie zu sagen, wenn die Schwiegermutter immer wieder damit anfing, von den ihr geraubten Dingen zu reden, ICH BITTE DICH, MAMA, HÖR AUF.

Wenn Anni in späteren Jahren etwas verlor, was von einigem Wert gewesen war, sagte sie stets: REG DICH NICHT AUF, WIR HABEN MEHR VERLOREN. Anni hat nicht nur den Ausspruch von ihr übernommen, sie hat das Argument begriffen und es zu einem Teil ihrer Lebensphilosophie gemacht.

Man hatte die Zerstörung der Dinge erlebt, an die man sein Herz gehängt hatte, oder sie waren einem geraubt worden. Man war bereit dazu, aus diesem Verlust zu lernen, wie immer er vor sich gegangen war, oder man hatte jedenfalls vorgehabt, daraus zu lernen. Trotzdem fing man schließlich doch wieder damit an, zu sammeln, zusammenzutragen.

Wann hat Heinrich, einen in Tücher gewickelten Gegenstand in den Händen, die Wohnung betreten, die er, Jahre später, mit Valerie in einer nahe Wien gelegenen niederösterreichischen Kleinstadt bewohnte, ein glückliches Lächeln im Gesicht, den Gegenstand vorsichtig auf den Tisch gestellt, mit den Worten: HEUTE HABE ICH JEMANDEN MITGEBRACHT, die Tücher entfernt, sich über Valeries Entzücken gefreut, mit dem sie zur Kenntnis nahm, um WEN es sich handelte? Eine alte Uhr mit kunstvoll geschnittenem Perpendikel, auf Alabastersäulen ruhend, bunte Stroh- und Papierblümchen unter Glas, ähnlich jener, die er ZU HAUSE besessen hatte.

Wann hat Valerie, im Keller des Hauses, in dem sich diese Wohnung befand, sich mit einem Schrei auf das kleine Nähtischchen aus poliertem Nußholz gestürzt, das ein Wohnungsnachbar eben mit einer Holzhacke in handliche Teile zerlegen wollte, um es im Wohnzimmerofen verbrennen zu können? Der Mann fragte sie lachend, ob sie DAS GERÜMPEL denn haben wolle, er schenkte es ihr, sie trug es glücklich in die eigene Wohnung hinauf, in die kleine Platte aus Nußholz war ein Band aus helleren Hölzern eingelegt, von den winzigen Blättchen aus Perlmutt waren nicht mehr alle vorhanden, aber sie hatte das Tischchen sofort in ihr Herz geschlossen.

Was empfand die Malerin Elisabeth aus Gablonz, als sie eines Tages in Berlin die Wohnung jenes Schleichhändlers betrat, dessen Adresse ihr im Zusammenhang mit dem Schwarzmarkt für Heizmaterial genannt worden war und den sie dann, alles Geld, das sie daheim hatte finden können, in der Tasche, aufsuchte, um etwas Kohle zu kaufen? Sie sei, sagt Elisabeth, wie im Traum durch die Räume dieser behaglich beheizten Wohnung gegangen. Sie sei in ein Zimmer geführt worden, in dessen Mitte ein Flügel stand, so jedenfalls sei es ihr in Erinnerung geblieben, dieser Flügel bilde einen zentralen Punkt in ihrer Erinnerung. Auf dem Flügel, der mit einer seidenen Decke abgedeckt gewesen sei, sei eine silberne Schale gestanden, die Schale sei angefüllt mit Früchten gewesen, die sie nur noch vom Hörensagen gekannt habe, Orangen, Bananen, Äpfel, sie habe sich gefragt, ob das Wahrheit sei oder ob sie träume, diese Wärme, dieser Überfluß, all dies inmitten des furchtbaren Elends, inmitten der zerstörten, zertrümmerten Stadt Berlin.

WENN ICH SO ETWAS NOCH EINMAL IM LEBEN BESITZEN SOLLTE, habe sie beim Anblick des Flügels und der mit Früchten gefüllten Schale gedacht, dann werde ich immer an diesen Augenblick denken. Und sie habe auch daran denken, sich daran erinnern müssen, immer wieder, sagt sie, habe sie dieses Bild, das ihre Augen damals aufgenommen hatten, gesehen.

Was empfand Anni, als sie die prachtvoll möblierten Räume der Wohnung betrat, in der ihr Großonkel Hermann mit seiner zweiten Ehefrau Esther lebte? Neid? Sehnsucht nach, wenn auch bescheidenerem Wohlstand, der sie zu Hause umgeben hatte, in dem sie aufgewachsen war?

Durch Krieg und Kriegsfolgen Zerstörtes, Verlorengegangenes baldmöglichst in ähnlicher Form wieder erwerben zu können, hat sie sich das in jenen Augenblicken gewünscht?

Soweit die Erinnerung damals Gefühltes festgehalten hat, empfand sie nichts Derartiges. Sie nahm wahr, was sie mit den Augen erfaßte, die angenehmen Formen der alten Möbel, die, wie sie wußte, noch nicht lange im Besitz der Verwandten waren, die große Wohnung in der Rotenturmstraße war einer Bombennacht zum Opfer gefallen, nichts war erhalten geblieben. Die neue Wohnung war noch prächtiger eingerichtet worden, als es die alte gewesen war. Annis Augen erblickten die weich gepolsterten Sitzmöbel, die schönen Kommoden, die hübschen Gegenstände auf dem Biedermeiertischchen, sie nahmen wahr und registrierten, aber Anni fühlte kein Verlangen danach, ähnliches zu besitzen. Der Prunk, den sie nicht gewohnt war, dieser zur Schau gestellte, geschickt arrangierte Prunk, irritierte sie, machte sie verlegen, sie fühlte eine Art Scham angesichts dieses Überflusses, all dieser überflüssigen, in ihrer nutzlosen Schönheit entbehrlichen Dinge, ein Unbehagen erfaßte sie, das erst wieder wich, als sie das Haus schon verlassen hatte. Dieses Unbehagen taucht mit der Erinnerung an den Besuch in der Wohnung ihres Großonkels Hermann wieder auf.

Anni hatte einen Entschluß gefaßt, nichts davon ihren Eltern mitgeteilt, sie hatte sich heimlich zu diesem Besuch entschlossen, mit ihm einen Zweck verbunden. Sie wollte versuchen, was ihre Eltern unversucht ließen, wozu sich die Eltern nicht hatten entschließen können. Sie wollte die Frau ihres Großonkels um Hilfe bitten. Esther, das ahnte sie, verfügte über Mittel, diese Hilfe zu geben, sie würde, so hoffte Anni, dazu bereit sein, den Verwandten, die sie in glücklicheren Tagen so gerne besucht hatte, die sie umsorgt und bewirtet hatten, helfend zur Seite stehen.

Verlegen also, aber entschlossen, durchschritt Anni die schön möblierten Räume, betrat mit schon schäbig gewordenen Schuhen das glänzende Parkett und den weichen Teppich, wartete höflich, bis sie aufgefordert wurde, sich niederzusetzen, nahm dann auf einem mit Seide bezogenen Bänkchen Platz.

Was trinkst du, fragte die Tante, Tee oder Kaffee?

Anni entschloß sich für Tee, obwohl sie sicher war, daß sie Mühe haben würde, ihn zu trinken, sie hatte keinen Durst, obwohl ihr Hals trocken war, sie hatte auch keinen Appetit auf den Kuchen, den das Mädchen auf einer schön geformten Platte servierte. Sie würde, das fühlte sie, keinen Bissen davon hinunterbringen, obwohl sie mittags nicht viel gegessen hatte.

Die Tante bemerkte Annis Verlegenheit, aber sie ließ sich Zeit, goß den Tee in die Tassen, schob Anni die Zuckerdose zu, Anni nahm ein Stück Zucker, nahm auch von dem Kuchen, aß aber nicht.

Nun, sagte die Tante schließlich, warum bist du gekommen?

Jetzt mußte gesagt werden, was zu sagen war, nun hatte sich herauszustellen, was Hermanns Großnichte wollte, und es stellte sich heraus. Anni bat Esther um Geld.

Nicht für mich, versicherte sie, nein, für die Eltern, die nicht in der Lage waren, die Mittel zum Kauf einer Wohnung aufzubringen, nicht einmal den Betrag, der zur Anzahlung nötig war. Anni schilderte die Zustände, die der Tante bekannt sein mußten, sie beschrieb die Verhältnisse, unter denen die Eltern immer noch zu leben gezwungen waren, sie stieß mit rauhem Hals und trockener Zunge Sätze hervor, andere Sätze, als sie zu sagen vorgehabt hatte, sie redete eine ganze Weile und blickte dabei auf den Tee in ihrer Tasse, in dem der Zukker langsam zerging. Erst als es nichts mehr zu sagen gab, blickte sie auf.

Die Tante trug eine Brille mit goldenem Rand, hinter den Gläsern wirkten ihre Augen groß und kalt.

Um welchen Betrag handelt es sich, fragte Esther.

Anni nannte den Betrag.

Was kannst du für Sicherheiten bieten, fragte Esther.

Anni stockte. Daran hatte sie nicht gedacht.

Die Augen hinter der Brille veränderten sich, es schien, als ob Esther sich über die Verlegenheit der Nichte amüsiere. Bei diesem Betrag mußt du mir doch Sicherheiten bieten, sagte sie.

Wir würden das Geld zurückzahlen, sagte Anni trotzig. Das genügt nicht, erwiderte Esther. Du wirst zugeben, daß ich mich darauf nicht verlassen kann.

Auf meine Eltern kann man sich immer verlassen, stieß Anni hervor.

In der Situation, die du eben geschildert hast? sagte die Tante. Kannst du mir wenigstens etwas als Sicherheit geben, was Wert hat, fügte sie hinzu, irgendein Pfand? Anni überlegte, dann zog sie den Ring vom Finger, den der Vater ihr an jenem letzten Weihnachtsabend überreicht hatte, den sie noch daheim in B. verbracht hatten, jenem letzten Weihnachtsabend vor dem Ende des Krieges, es war ein Ring aus rötlichem Gold, geschmückt mit einem altmodisch gefaßten Brillanten. Der Ring hatte jenem Mädchen namens Luise gehört, das Heinrich seit seiner Schülerzeit in Mährisch Trübau gekannt hatte, mit dem er verlobt gewesen war, jener Luise, die jung gestorben war. Er hatte ihn ihr gekauft, es war ihr Verlobungsring gewesen. Nun sollte die Tochter ihn tragen, und Anni trug ihn auch, sie nahm ihn mit auf ihre im letzten noch möglichen Augenblick beschlossene Flucht, sie liebte diesen Ring und legte ihn niemals ab. Jetzt aber schien der Zeitpunkt gekommen, es trotzdem zu tun.

Ich habe nur diesen Ring, sagte Anni, ich gebe ihn dir als Pfand.

Die Tante lächelte, nahm den Ring, drehte ihn vor ihrer Brille hin und her, trat damit ans Fenster, um ihn besser betrachten zu können, kam wieder zurück.

Der Ring ist nicht viel wert, sagte sie, aber ich werde ihn schätzen lassen.

Da griff Anni nach dem Ring und steckte ihn wieder an den Finger zurück. Ihr Hals war noch trockener geworden. Nein, sagte sie, lieber nicht. Wir werden schon einen Weg finden, um das Geld zu bekommen.

Wie du meinst, sagte die Tante.

Abends lag Anni mit Fieber im Bett, besorgt legte ihr Valerie kalte Kompressen auf die Stirn, sie halfen nicht, am nächsten Tag stieg das Fieber auf vierzig Grad. Heinrich brachte aus dem Krankenhaus Medikamente nach Hause, aber das Fieber wollte nicht sinken. Eine besonders bösartige Grippe kursiere in Wien, sagte der Kollege, den Heinrich ans Bett der schwerkranken Tochter gebeten hatte, überall lägen die Leute krank, einige seien gestorben.

Anni träumte von kalten Augen hinter großen, in Gold gefaßten Brillengläsern. Es dauerte lange, bis sie gesund wurde und sich wieder erholte.

Ich will hier raus, sagte Judith, ich will wieder wie ein Mensch leben.

Das glaub ich dir, sagte Anni, das wollen wir alle.

Aber sie tun nichts dafür, sagte Judith, sie tun viel zu wenig dafür. Sie sitzen in diesem Stall und finden sich ab, sie werden sich jedenfalls total abfinden, wenn das noch längere Zeit so weitergeht. Sie werden stumpf, und sie werden alt.

Sie meinte ihre Eltern, die fortgegangen waren, um Bekannte zu treffen, es war ein Sonntagnachmittag, und die beiden Mädchen waren allein in dem Schrebergartenhaus.

Was sollen sie denn machen, fragte Anni. Es gibt keine Arbeit für deinen Vater, und es gibt keine Wohnungen, außer, wenn man dafür bezahlen kann.

Andere haben eine Wohnung durch das Wohnungsamt bekommen, sagte Judith trotzig.

Das sind Einzelfälle, erwiderte Anni, das weißt du ja. Das Wohnungsamt kann auch nicht zaubern, sagte sie. Sie dachte an ihren Besuch bei der Frau ihres Großonkels Hermann. Andere haben jedenfalls schon eine Wohnung, und sie haben auch eine Beschäftigung, rief Judith, irgend jemand hat sich gefunden, der sie ohne Arbeitsbewilligung beschäftigt hat. Sie schlug mit den Händen auf das hölzerne Bettgestell, auf dem sie saßen, Tränen schossen ihr in die Augen.

(Die Zeitspanne, in der alle Flüchtlinge die gleichen Möglichkeiten hatten, war sehr kurz, sagt 1980 eine ehemalige Beamtin des Wohnungsamtes einer westdeutschen Stadt, bald teilten sie sich wieder in verschiedene Schichten. Da waren jene, die hartnäckig waren, in gewisser Weise rücksichtsloser als die anderen, Ellenbogenmenschen, die auf der Treppe des Wohnungsamtes saßen, oder des Rathauses, die nicht weggingen, immer wieder kamen, bis man ihnen schon deshalb eine Wohnung gab, weil man sie endlich loswerden wollte. Die Bescheidenen, die Stillen, gerieten ins Hintertreffen. Schon vom Charakter her kann man nicht davon sprechen, daß alle die gleichen Chancen gehabt hätten, sagt sie. Das galt, wenn es überhaupt je gegolten hat, nur für die allererste Zeit.)

Andere sind ausgewandert, weggegangen, sagte Judith. Es gibt die verschiedensten Möglichkeiten, man muß sich nur darum kümmern, man muß sie wahrnehmen wollen.

Zum Auswandern sind unsere Eltern zu alt, sagte Anni. Ich sehe die beiden auf dem Stockbett im Gartenhaus sitzen, sehe ihre jungen Gesichter, in denen die Jahre noch keine sichtbaren Spuren hinterlassen haben, höre ihre noch unverbrauchten Stimmen, ich versuche mich an Sätze zu erinnern, die sie damals gesprochen haben. So wie du, meinte Judith, würde ich es nicht machen. Du hast dir das alles nicht überlegt.

Wie meinst du das, sagte Anni.

Du weißt schon, wie ich es meine, erwiderte Judith.

Die Burschen müssen jetzt vermögende Mädchen heiraten, das hatte eine Verwandte von Christian wenige Jahre zuvor zu einer Bekannten gesagt, zumindest war dies behauptet worden, die Bekannte hatte es weiter erzählt, Anni war das Gesagte zu Ohren gekommen. Nie ist geklärt worden, ob dieser Satz wirklich in der zitierten Form ausgesprochen worden ist, Anni fühlte sich trotzdem gekränkt, sie war arm, sie war nicht vermögend, sie hatte plötzlich das Gefühl gehabt, durch ihre Armut weniger wert geworden zu sein.

Hatte Judith nur ähnliches gemeint, hatte sie, auf ihre eigene Situation bezogen, ähnliches angedeutet, andeuten wollen? In Anni wurden Erinnerungen wach, sie hatte den vor Jahren gehörten Satz nicht vergessen, sie fühlte sich wieder gekränkt, weil sie nun von Judith Ausgesprochenes in umgekehrtem Sinn auf sich bezog. Nur Liebe, sagte Judith, das können wir uns in unserer Situation gar nicht leisten.

Man kann gemeinsam etwas aufbauen, sagte Anni, in ihrer Stimme waren Auflehnung und Trotz, vielleicht ist das dann mehr wert als etwas, das einem einfach in den Schoß gefallen ist.

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18+
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451 p. 2 illustrations
ISBN:
9783990650363
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