Read the book: «Winterpony»

Captain Oates und die Ponys auf der Terra Nova
Iain Lawrence
WINTERPONY
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst

In Liebe, für meinen Vater
Inhalt
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
DIE PONYS
DIE MÄNNER
ANMERKUNGEN DES AUTORS
DANKSAGUNG



Wir schreiben das Jahr 1910. Ein großes Abenteuer beginnt. Es wird zwei Jahre dauern und in einen verzweifelten Wettlauf durch den Südzipfel der Welt münden, und am Ende wird ein toter Mann gewinnen. Aber noch ist es nur ein Abenteuer.
Die amerikanischen Entdecker Robert Peary und Frederick Cook sind beide aus der Arktis heimgekehrt, wobei jeder von ihnen behauptet, den anderen auf dem Weg zum Nordpol geschlagen zu haben. Jetzt bleibt nur noch ein unerforschter Flecken Erde übrig, ein Stück Land, das entdeckt werden will: der Südpol. In sechs Ländern heben Männer Expeditionen aus, in der Hoffnung, der Erste zu sein, der dieses Stück Land erreicht.
Zwei sind den anderen voraus.
In London rüstet Robert Falcon Scott ein Schiff aus. Er ist Kapitän in der Royal Navy, ein Held in der Erforschung der südlichsten Regionen. Vor sieben Jahren hat er gemeinsam mit Ernest Shackleton und Bill Wilson das Polarplateau entdeckt und den zweiundachtzigsten Grad südlicher Breite überschritten, etwa fünfhundert Meilen vom Südpol entfernt. Niemand ist je näher herangekommen.
In England ist man der festen Überzeugung, dass ein Brite der erste Mensch am Pol sein sollte. Spenden für Captain Scotts Expedition fließen in Strömen. Achttausend Männer melden sich freiwillig für die Expedition. Lawrence Oates, ein Kavallerieoffizier der Inniskilling Dragoner, spendet eintausend Pfund in der Hoffnung, dass er mitkommen darf und sich um die Ponys kümmern kann, die mit den Spenden von Seemännern gekauft worden sind. Ein junger Biologe namens Apsley Cherry-Garrard kann ohne Brille kaum etwas sehen, aber auch er spendet eintausend Pfund, um Captain Scott zu begleiten. Schulkinder sammeln Geld für Schlittenhunde. Captain Scott reist kreuz und quer durch das Land und hält Bildvorträge mit einer Laterna Magica.
Der Norweger Roald Amundsen plant ebenfalls eine Expedition. Aber er hält seine Vorbereitungen geheim. Er macht seinen Geldgebern weis, dass er nach Norden gehen will, um das Arktische Meer zu studieren, indem er dem Packeis folgt. Er hat nicht einmal seiner Crew erzählt, wohin die Reise in seinem geliehenen Schiff, der berühmtem Fram, wirklich geht. Es würde auch keinen Unterschied machen; seine Männer folgen ihm überall hin. Amundsen war der erste Mensch, der die Nordwestpassage durchschifft hat. Er ist mit Hundeschlitten über das arktische Land gefahren und hat die Lebensweise der Inuit studiert. Er war Erster Maat auf der fürchterlichen Fahrt der Belgica, die so lang im Südmeer eingeschlossen war, dass Amundsens Gefährten den Verstand verloren.
Scott und Amundsen kennen den eisigen Kontinent. Jeder von ihnen ist von dem Verlangen getrieben, als Erster den Südpol zu erreichen.
Es ist der Hauptpreis, hinter dem sie her sind: Ruhm und Ehre, Respekt, ein Platz in der Menschheitsgeschichte. Aber was für eine Herausforderung!
Um an den Südpol zu kommen, muss man durch ein Eismeer, das nur im Spätsommer passierbar ist. Man muss sich seinen Weg durch Eisschollen bahnen, die sich jeden Moment zu einer festen Eisfläche zusammenschließen und ein Schiff festsetzen können – oder in einem einzigen Augenblick zerquetschen. Wenn man dann endlich Land betritt, hat man immer noch tausend Meilen vor sich, muss die Schluchten der Großen Eisbarriere überwinden, Berge von unvorstellbarer Höhe, eine weite Ebene, über die der Wind riesige Schneemassen treibt. Man kann nicht alle Vorräte und Ausrüstungsgegenstände transportieren, also muss man entlang der Route Depots anlegen und weit in den Süden marschieren und wieder zurück, um den Proviant vorauszuschicken. Dann muss man einen Unterschlupf an der Küste errichten, wo man den antarktischen Winter verbringt – mit Temperaturen, die oft unter minus fünfzig Grad Celsius liegen, und einer Dunkelheit, die monatelang dauert. Sobald der Frühling kommt, geht es los. Die Reise zum Pol muss schnell gehen, ein Trip, hin und zurück. Bevor der Winter einsetzt, muss man zurück sein, ansonsten wird man auf offenem Land überrascht, womöglich ohne Vorräte, wo einem die Füße und die Finger abfrieren.
Wenn man Glück hat, ist das Schiff bereit und es ist immer noch früh genug, um den Kontinent hinter sich zu lassen, ehe das Meer wieder zufriert. Aber wenn man zu spät kommt oder der Winter zeitig einsetzt, muss man auf den nächsten Sommer warten.
Man kann sich von Robben und Pinguinen ernähren, obwohl viele Männer das ablehnen. Alles andere muss auf dem Schiff herangeschafft werden: Proviant für Männer und Tiere, Schlitten, Zuggeschirr, Skier und Stiefel und Winterkleidung. Auf dem siebten Kontinent wächst kein einziger Baum, also muss man Holz mitbringen, um sich eine Hütte bauen zu können, und genug Brennstoff, um alle Mahlzeiten zu kochen.
Es ist der einsamste Ort auf der ganzen Welt. Aber hin und wieder finden sich Spuren von Menschen, die schon hier waren. Am Grund des Meeres liegt ein Schiffswrack, das vom Eis zerquetscht wurde. Am Strand steht eine verlassene Holzhütte, und drinnen lagern tief gefrorene Vorräte und Schlafsäcke. Ein Schutzwall aus aufgeschichteten Steinen bröckelt an der Küste vor sich hin. Fetzen von verlassenen Zelten wehen im Wind wie Vogelscheuchen. Und auf der schrecklichen Barriere stehen immer noch kleine Hügel aus Schnee, obwohl der Wind sie allmählich abträgt.
Man fragt sich vielleicht, ob es das wert ist, diese unendlichen Mühen auf sich zu nehmen, all die Gefahren und Schrecken und die ständige Angst. Aber wenn man aus dem richtigen Holz geschnitzt ist, fällt die Antwort nicht schwer. Das Einzige, woran man dann denkt, ist der Preis: der Ruhm und die Ehre, als erster Mensch den Pol betreten zu haben. Viele Männer begehren daher den Preis, aber nur einer kann ihn gewinnen.
Amundsen nimmt fast hundert Hunde mit. Er glaubt, dass sie leichte Schlitten bis zum Pol ziehen können. Er will schnell vorwärtskommen und so wenig Vorräte und Ausrüstungsgegenstände wie möglich mitnehmen.
Captain Scott plant einen längeren Aufenthalt und einen wohlüberlegten Vorstoß zum Südpol. Er hat Wissenschaftler dabei, die Eis und Wetter studieren, die geologischen Beschaffenheiten, die Pflanzen- und Tierwelt. Er setzt auf Motorschlitten, um das Gepäck der Expeditionsteilnehmer zu transportieren. Er hat sie in Norwegen im Einsatz erlebt und war so beeindruckt, dass er drei dieser Gefährte angeschafft hat. Jedes davon kann tausend Pfund mit einer Geschwindigkeit von sieben Meilen pro Stunde bewegen, unermüdlich, ohne rasten oder Nahrung aufnehmen zu müssen.
Er setzt auf Zuggeschirre für die Männer, die traditionelle Art der Briten, sich bei Polarexpeditionen fortzubewegen. Zwar nimmt er auch Hunde mit, aber er fürchtet, dass sie ihn im Stich lassen werden. Auf seiner letzten Entdeckerreise hatte er große Probleme mit seinen Schlittenhunden und musste sie alle töten. Diesmal schickt er einen Mann nach Sibirien, um die besten zu beschaffen, die er finden kann.
Scott weiß, dass Ernest Shackleton auf seiner späteren Reise mehr Erfolg mit Ponys hatte. Und so beauftragt er den Mann, der die Hunde gekauft hat, noch zwanzig Ponys auszusuchen. Ein helles Fell müssten sie haben, alle miteinander, meint er. Alle dunklen Ponys, die Shackleton dabeihatte, sind umgekommen.
Der Mann heißt Cecil Meares und ist ein Experte in Sachen Hundegespanne, aber er hat so gut wie keine Ahnung von Ponys. Also beauftragt er wiederum einen russischen Jockey, ihm bei der Auswahl zu helfen. Gemeinsam reisen sie nach China, zur Großen Mauer, wo in Harbin ein Pferdemarkt stattfindet. Dort handelt man mit mandschurischen Ponys.
KAPITEL 1
Ich wurde im Wald geboren, am Fuß der Berge, auf einer Wiese, die ich als «den Gras-Ort» kannte. Das Erste, was ich sah, war die Sonne, die rot durch die Bäume schien, und sieben zottelige Tiere, die auf ihren Schatten grasten.
Es waren Ponys. Und ich war auch ein Pony, mit Beinen so schwach wie Weidenruten. Meine Mutter musste mich mit ihrer Nase auf die Füße schubsen, damit sie mich säugen konnte. Aber schon nach einem Tag war unsere kleine Herde wieder unterwegs. Ich hüpfte neben meiner Mutter her und glaubte, dass ich bereits so schnell und stark wie jedes andere Pony war. Ich wusste ja nicht, dass die anderen wegen mir langsam liefen, damit ich mit ihnen Schritt halten konnte.
Unser Anführer war ein silberner Hengst. Er war so wachsam wie eine Eule. Niemals überquerten wir offenes Land, ohne dass er vorgegangen wäre. Reglos stand er am Rand der Weide und hielt Ausschau nach Wölfen und Berglöwen. Er war immer der Letzte, der trank, und der Letzte, der graste, weil er Wache hielt, bis wir gesättigt waren. Bis auf einen dunklen Fleck auf seiner Brust war sein ganzer Körper schneeweiß. Ich fand es herrlich, zuzuschauen, wie seine silberweiße Mähne in Wind und Sonne flatterte, wie ein glänzendes Banner.
Wir folgten einem Weg, der uns innerhalb eines Jahres von den schneeverwehten Tälern des Winters zu den hoch gelegenen Weiden des Sommers brachte. Jedes Frühjahr führte er uns wieder zu einem steinigen Fluss, den wir einer hinter dem anderen durchquerten. In dem Wasser, das unsere Knöchel umspülte, machten unsere Hufe auf den Steinen ein lustiges, kicherndes Geräusch. Auf der anderen Seite stiegen wir die Böschung hinauf, liefen durch die Ausläufer eines Waldes und erreichten einen Grasplatz, der für mich der Mittelpunkt der Welt war.
Ich dachte, es würde immer so bleiben, ich würde immer jung und frei sein, ein Tag würde dem anderen folgen und ich würde tausend Sommer erleben.
Aber bereits in meinem ersten Jahr erlebte ich, wie junge Ponys älter wurden und wie ein altes Tier starb. Im Frühling war sie noch eine große, starke Stute gewesen. Aber dann, im Herbst, fing sie auf einmal an, ganz langsam zu gehen, und fiel hinter die Herde zurück. Sie beklagte sich nicht und rief nicht nach uns, wir sollten auf sie warten. Sie zog sich einfach nur zurück, und eines Nachts ging sie davon, zu einer Wasserstelle, und legte sich ganz allein in die Dunkelheit. Sie stand nicht mehr auf. Ich sah sie am nächsten Morgen. Ihre Nase berührte das gefrorene Wasser, die Beine ragten steif in die Luft wie die eines Insekts. Ich stupste sie mit meinen Lippen an und merkte, dass sie kalt und starr war, als ob ihr Körper zu Stein geworden wäre. In diesem Moment erkannte ich, dass nichts ewig lebt, dass sogar ich eines Tages sterben würde.
Das war schwer zu begreifen. Was bedeutete es zu sterben? Dem Gras machte es nichts aus, gefressen zu werden, und dem Wasser war es egal, wenn ich es trank. Aber die Kaninchen schrien, wenn der Fuchs zuschlug, und die kleinen Mäuse fiepten, wenn sie in den Krallen des Adlers baumelten. Warum also hatte sich die Stute so still hingelegt, ohne Groll und ohne Widerstand, fast so wie ein umgefallener Baum?
Daran zu denken machte mir Angst, und ich war froh, als mich unser Anführer von der Stelle wegholte. Auf der anderen Seite des Tals heulten schon die Wölfe und berichteten einander von der Aussicht auf Frischfleisch. Und so machten wir, dass wir wegkamen. Eilig galoppierten wir durch den Wald. Wenn die Wölfe auf der Jagd waren, rannten die Ponys. Wir liefen über einen Hügel, hinunter in ein Tal und wieder nach oben, und wir blieben erst stehen, als wir den Grasplatz erreichten.
Der nächste Morgen war genauso wie der allererste, den ich erlebt hatte. Die Sonne war rot und warf Lichtspeere durch die Zweige. Die Ponys standen auf der Wiese verstreut, die zotteligen Mähnen hingen ihnen um die Ohren, während sie das süße Gras abrupften.
Als wir das Klappern von Hufen im Fluss hörten, schauten alle hoch. Meiner Mutter hingen grüne Halme rechts und links aus dem Maul. Der Anführer drehte den Kopf, seine Ohren zuckten.
Am Rand der Wiese flatterte unvermittelt eine Krähe aus einem Baum. Ich starrte dorthin und fragte mich, was den Vogel aufgeschreckt hatte. Und dann kamen, begleitet von Rufen und Schreien, vier schwarze Pferde mit Männern auf den Rücken aus dem Wald galoppiert. Mit donnernden Hufen stürmten sie über die Lichtung, sodass die Erde erbebte.
Ich hatte noch nie einen Mann gesehen. Ich hatte noch nie ein Pferd gesehen. Ich dachte, es sei jeweils ein einziges Tier, ein doppelköpfiges Monster, das auf mich zugaloppiert kam.
Meine Mutter rief mich, als sie mit einem Satz die Flucht ergriff. Mit zwei langen Sprüngen war sie im Wald und verschwand zwischen den Bäumen, während sie immer noch schrie, ich solle ihr folgen. Aber ich hatte zu viel Angst, um mich zu rühren, und die anderen Ponys rannten mich fast um, als sie versuchten, die Sicherheit des Waldes zu erreichen. Nur der Hengst blieb zurück. Er stellte sich den vier Pferden entgegen, erhob sich auf die Hinterhand und kam mir plötzlich so groß vor wie ein Baum. Er schlug mit den Hufen, bereit, es mit allen vier Monstern gleichzeitig aufzunehmen.
Sie kreisten ihn ein. Die Reiter schrien. Die schwarzen Pferde wieherten und schnaubten. Mit hohen, scheinbar nervösen Schritten staksten sie durch das Gras, als ob sie Füchse zertrampeln wollten. Doch der Hengst überragte sie alle. Seine silberne Mähne umwehte ihn.
Dann wendete einer der Reiter sein Pferd und stürmte auf mich zu. Die Hufe des Pferdes schleuderten Erde und Gras in die Höhe.
Ich rief nach meiner Mutter, aber sie konnte mir nicht helfen. Ich rannte auf die Bäume zu, schneller, als ich je zuvor gerannt war. Ich ließ den Hengst in seiner einsamen Schlacht hinter mir und floh blindlings in den Wald. Ich hörte die seltsamen Laute der Männer und das Schnauben ihrer Pferde, und ich dachte unwillkürlich, dass diese Monster zwei Stimmen hatten. Inmitten dieser tosenden Stimmen erklangen die schrillen Schreie des Hengstes, erfüllt von Wut und Angst, und die verzweifelten Rufe meiner Mutter, die im Wald immer leiser wurden.
Ich folgte diesen Rufen. Ich stürzte mich durchs Unterholz und wich Bäumen aus, sprang durch eine Senke und über eine umgekippte Kiefer. Ich stolperte, fiel hin, rappelte mich auf und lief weiter. Ich schlug Haken, nach links und nach rechts, und die ganze Zeit wusste ich, dass mir das Monster auf den Fersen war. Ich hörte sein tiefes Keuchen und diese unheimlichen Rufe und das Knallen einer Lederpeitsche.
Ich erreichte den Fuß eines lang gezogenen Hügels. Für einen Augenblick sah ich über mir die Ponyherde, meine Mutter mittendrin. Ihre weißen Gestalten galoppierten wie eine Schar Geister durch den lichten Wald. Und dann fiel mir eine Seilschlinge um den Hals, die sich mit einem Ruck zuzog. Ich stolperte nach vorn, und mein Kopf wurde nach rechts gerissen, bis ich dachte, mein Hals sei gebrochen. Halb erwürgt und nach Atem ringend, lag ich auf dem Boden, während das Monster über mir stand und mich mit seinen vier Augen anfunkelte.
Was ich dann zu sehen bekam, ergab überhaupt keinen Sinn: Die Kreatur schien sich zu teilen. Der Mann auf dem Rücken des Pferdes erhob sich ein Stück und stieg dann aus dem Sattel. Und da wurde mir klar, dass ein Pferd fast wie ein Pony war, nur größer und schwarz. Ohne dass der Mann es ihm befehlen musste, machte das Pferd aus eigenen Stücken ein paar Schritte rückwärts, um das Seil gespannt zu halten. Es starrte mich ungerührt an, beinahe kalt und völlig unbeeindruckt von meinem Schmerz. Ich wehrte mich nicht. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, Luft zu bekommen. Ich sah dem Mann entgegen, der auf mich zukam, und ich fragte mich, was für ein Wesen das war, das ein Pferd zum Feind eines Ponys machen konnte.
Die Männer schleppten mich davon, weit, weit weg. Ich rief ständig nach meiner Mutter, aber es hatte keinen Sinn. Sie brachten mich ins Flachland, fort von Wald und Bergen, in ein Land voller Menschen. Sie steckten mich in ein Gebäude, in dem es so dunkel wie in einer Höhle war, in eine schmale Nische aus Holzlatten. Hier gab es keine Wiesen mehr, keine Flüsse. Ich trank aus einem rostigen Eimer, in dem das Wasser einen bitteren Geschmack bekam. Einmal am Tag wurde mir ein Leinensack vor das Maul gebunden, und ich leckte die Handvoll Körner auf, die sich darin befanden.
Jeden Morgen führte man mich nach draußen in einen schlammigen Korral. Dort wurde ich gebrochen. Ich wurde gezähmt und gezäumt, und dann lernte ich, den Menschen zu dienen. Ich lernte, schwere Lasten zu ziehen und Befehlen zu gehorchen, die mir immer zugeschrien wurden. Wenn ich den Befehlen nicht schnell genug nachkam, wurde ich geschlagen, mit einem Stock, einer Peitsche oder einer Faust. Einmal schlug man mich mit einer Glasflasche, wieder und wieder, bis sie an meinem Schlüsselbein zerbrach. Es war jeden Tag das Gleiche. Die Ausbildung zog sich stundenlang hin, bis die Männer es satthatten, mich zu verprügeln.
Nach dem Leben, das ich im Wald hatte, machte mich dieses Leben traurig. Ich wollte aus einem Fluss trinken, nicht aus einem Eimer. Ich wollte über die Hügel laufen und mich ins Gras legen. In meinem Stall konnte ich mich nicht umdrehen, geschweige denn hinlegen.
In dem Gebäude gab es viele Ponys, die alle in solchen schmalen Nischen standen, und irgendwo – so weit weg, dass ich ihn nicht sehen konnte – war der silberne Hengst. Ich hörte ihn oft schnauben und wiehern. Manchmal trat er gegen die Holzlatten und zerbrach sie, woraufhin Männer in das Gebäude gerannt kamen. Dann erklangen schreckliche Geräusche: das Knallen von Peitschen, das Brüllen von Männern, das jämmerliche Schreien eines Ponys.
Ich wollte das nicht hören und schickte meinen Geist auf Wanderschaft. Meistens kehrte ich in den Wald zurück, auf die Sommerwiesen, und ich hörte das Surren der schwarzen Fliegen und das Zischen unserer Schweife. Aber eines Tages ging ich an einen ganz anderen Ort.
Ich sah ein Land aus Schnee und Eis, ein Portal, das so gewaltig war, dass seine Pfosten aus Bergen bestanden und der Bogen aus einer gewölbten Wolkendecke. Ich sah es im Sonnenlicht glänzen, sah die eisige Fläche, wie ein herrliches, funkelndes Feld.
Mein Geist ließ mich dieses Portal nicht durchschreiten. Aber irgendwie wusste ich, was dahinter lag: ein Ort für Ponys. Ich wusste, dass dort die alte Stute aus meiner Herde war und all die anderen, die gestorben waren, bevor ich geboren wurde. Ich sagte mir, dass auch ich eines Tages dorthin gehen würde, wenn ich es schaffte, durch das Portal zu treten. Und wenn es mir gelang, würde dort meine Mutter auf mich warten.
Diese Vision machte mir keine Angst. Der Gedanke, dass es einen Ort für Ponys gab, der auf mich wartete, spendete mir Trost. Jedes Mal, wenn ich traurig oder einsam war, wenn mir das Leben besonders hart vorkam, ging mein Geist zu diesem sonnenüberfluteten, schneebedeckten Hang.
Die Männer verkauften mich an einen anderen Mann, einen Russen, klein gewachsen und fett, der viel und gerne ausspuckte. Als er mich das erste Mal sah, schob er mir sofort seine dicken Finger zwischen die Lippen, zog sie auseinander und begutachtete meine Zähne. Seine Finger schmeckten nach schrecklichen Dingen, und seine Fingernägel waren wie kleine Steine, die sich in mein Zahnfleisch bohrten.
Der Russe brachte mich zurück in den Wald. Erst fand ich das sehr nett von ihm und hoffte, er würde mich freilassen, damit ich wieder mit den anderen wilden Ponys laufen konnte. Aber stattdessen kam ich in ein Lager in den Bergen, weit weg von dem Ort, wo ich geboren worden war. Dort hatte er einen Trupp Männer, die Bäume fällten und sie in Stücke schnitten. Ich musste die Holzscheite aus dem Wald schleppen, während ein Mann an dem Zaumzeug an meinem Kopf zerrte und ein anderer mir mit einer Weidengerte auf die Flanken schlug. Den ganzen Tag hatte ich das Zuggeschirr an und zog Holz – durch Schlamm und Schnee, in Kälte und Hitze, so viele Monate lang, dass ich jegliches Zeitgefühl verlor. Aus den Monaten wurden Jahre. Im Sommer legten die Fliegen ihre Eier in die langen, offenen Wunden auf meinem Rücken, und der Juckreiz trieb mich fast in den Wahnsinn. Im Winter erfroren die Larven, was mir zumindest in dieser Hinsicht Erleichterung verschaffte. Bei jedem Schlag schrie ich auf.
Ich hatte nicht einmal einen Stall. Ich wurde in der Nähe des Hauses angebunden, wo die Männer schliefen. Wenn es kalt war, zitterte ich stundenlang, und wenn es warm war, kamen die Fliegen in Scharen, und ich dachte, ich würde bei lebendigem Leib aufgefressen. Jede Nacht hoffte ich, dass ich im Schlaf davongleiten würde, zu jenem Portal aus meiner Vision. Ich träumte davon, den Hang hinauf bis zu dem Ort für Ponys zu galoppieren.
Fünf Jahre lang schuftete ich dort, und als die Arbeit erledigt war, war ich es auch. Ich war erst acht Jahre alt und fühlte mich wie siebzehn.
Eines Tages – der Frühling hatte kaum eingesetzt und auf dem Boden lagen noch Inseln aus Schnee – wurde ich zum letzten Mal aus dem Wald geführt. Der Russe fuhr einen Wagen, hinter dem ich hergezogen wurde, hinunter in ein Tal und über einen rutschigen Pfad, der zu einer Straße führte, die nach Osten verlief.
Nachdem wir einige Tage unterwegs gewesen waren, kamen wir in ein trockenes Tal, wo sich eine riesige Mauer quer durch das Land zog. Sie erhob sich von einem Hügelkamm im Süden, tauchte in das Tal ein und gewann mit den Bergen im Norden wieder an Höhe – wie eine Schlange, die sich durch die Gebirgswelt schlängelt. Und mitten in diesem Tal lag eine Stadt.
Was für ein Gewusel an Menschen! Zu Tausenden strömten sie von allen Seiten herbei, wie Ameisen, die zu einem riesigen Bau krabbeln und dabei eine Wolke aus Staub aufwirbeln. Straßenverkäufer priesen dem Russen ihre Waren an und versuchten, ihm Teppiche und Schuhe und alle möglichen Tiere zu verkaufen, sowohl lebende wie tote. Kleine schwarze Äffchen schnatterten in ihren Käfigen und streckten die rosigen Hände durch die Gitterstäbe. Doch der Russe schaute nicht nach rechts oder links, sondern fuhr einfach nur weiter, mit mir im Schlepptau.
Auf einem schmutzigen Feld unterhalb der Mauer wurde ein Pferdemarkt abgehalten. Unzählige Ponys waren auf einem Flecken Gras zusammengetrieben worden, und Tausende von Menschen waren gekommen, um sie zu kaufen. Einige der Ponys wurden in halsbrecherischem Tempo durch die Menge geritten, während andere angebunden in langen Reihen dastanden. Viele sahen alt und erschöpft aus, aber es gab genauso viele junge, kräftige Tiere, die noch jahrelang arbeiten konnten. Ein paar von ihnen waren nicht bei Verstand, sondern gingen in blinder Wut auf jeden los, der sich ihnen näherte.
Der Russe übergab mich einem ungepflegten kleinen Mongolen, der ganz in Schwarz gekleidet war, und erhielt dafür eine Hand voll Geld. Er warf mir einen letzten Blick zu und spuckte mir dann vor die Füße.
Ich war froh, ihn los zu sein, aber gleichzeitig voller Angst, denn bislang hatte jede Veränderung für mich auch einen Abstieg bedeutet. Immer war es schlimmer gewesen als zuvor. Der Mongole packte mein Halfter und zerrte mich über das Marktgelände. Sein Haar war zu einem unordentlichen, schmierigen Zopf geflochten, der in seinem Nacken hin und her schaukelte.
Ich dachte, dass man mich zu den anderen kräftigen Ponys bringen würde, die wieder zur Arbeit in den Wald gehen konnten, doch stattdessen steckte man mich zu der bejammernswerten kleinen Gruppe, für die niemand einen Blick übrig hatte. Ich wurde zwischen den Alten und Kranken angebunden, zwischen denen, die verrückt geworden waren, und jenen, die man niemals hatte zähmen können. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sie kaufen würde, und ich fragte mich zum ersten Mal, was mit ausgelaugten, müden Ponys passierte. Ließ man sie im Wald frei, damit sie zu ihren Herden zurückkehren konnten? Kamen sie auf die Weide eines Bauern, wo sie nichts tun mussten außer fressen und schlafen? Oder erwartete sie ein anderes Schicksal, das ich mir nicht vorstellen konnte? Ich hoffte das Beste und befürchtete das Schlimmste.
Den ganzen Tag standen wir in der Sonne, in der Hitze und dem Staub. Viele Leute gingen vorbei, und der Mongole wurde immer lauter und hektischer. Er wedelte wie wild mit den Armen und fing an, die Passanten an den Ärmeln zu packen.
Die meisten schüttelten ihn mit einem verächtlichen Blick ab, als ob der schmutzige kleine Mongole nur ein weiterer Affe im Käfig war. Der einzige Mann, der stehen blieb und mich musterte, war merkwürdig blass und rosig. Er war Engländer, der erste, den ich je zu Gesicht bekommen hatte. Begleitet wurde er von einem russischen Jungen.
Der Engländer begutachtete mich von Kopf bis Fuß. Er kam näher und hob seinen Arm. Ich zuckte zurück. Doch statt mich zu schlagen, erstarrte der Engländer. Er blieb mit erhobener Hand stehen, bis ich aufgehört hatte zu zittern. Dann schaute er mir geradewegs in die Augen.
«Schon gut», sagte er sanft. «Ich werde dir nichts tun. Versprochen.»
Ich spürte Mitgefühl in seiner Stimme, ein Ton, den ich noch nie gehört hatte. Wieder streckte er den Arm aus, ganz langsam diesmal, und ich versuchte, nicht zu zittern, weil ich Angst hatte, dass ihn das wütend machen könnte. Ich ließ mir von ihm die Nase streicheln. Ich ließ zu, dass er mich zwischen den Ohren tätschelte und mit seinen Fingern durch meine Stirnlocke kämmte. Anfangs wollte ich weglaufen. Aber er sagte «Ist ja gut» in dieser ruhigen Stimme, und so schloss ich einfach nur die Augen und bebte leicht.
Der Mongole wirkte überrascht. Dann packte er den Jungen am Arm, und die beiden fingen an, auf Russisch aufeinander einzureden. Sie schwenkten die Arme, sie schrien, aber der Engländer streichelte mich unbeirrt weiter. Als er die Hand wegzog, war ich enttäuscht. Ich schnaubte und rückte ein bisschen näher, in der Hoffnung, dass er mich wieder berühren würde. Doch jetzt war er derjenige, der zurückwich, und ich sah, dass er auch ein bisschen Angst vor mir hatte, so wie ich Angst vor ihm gehabt hatte. Er fühlte sich unbehaglich, wenn sich ein so großes Tier an ihn drückte. Und so trat er stattdessen an meine Schulter und rieb dort die Muskeln. Als er die Narben bemerkte, berührte er sie sehr sanft. Seine Finger verharrten auf der Stelle, wo jemand vor langer Zeit eine Flasche zerbrochen hatte. Dann flüsterte er: «Jemand hat dir sehr schlimme Dinge angetan.»
Der Mongole und der Russe redeten immer noch, wenn auch nicht mehr so hektisch. Der Engländer griff in seine Tasche, und die schnelle Bewegung erschreckte mich. Mit einem ängstlichen Wimmern scheute ich zurück. Wieder erstarrte er. Dann bewegte er ganz langsam die Hand, und als er sie wieder aus der Tasche zog, sah ich, dass er einen kleinen weißen Würfel genommen hatte, wie ein winziges Stück Schnee. Er hob ihn an mein Maul, die Hand so flach wie ein Stein.
Ich war acht Jahre alt, aber ich hatte noch nie Zucker gefressen. Ich konnte nicht fassen, dass etwas so gut schmeckte. Ich hoffte, dass er noch einen Würfel in seiner Tasche hatte, und stupste ihn an, woraufhin er lachte. «Aha», sagte er, «jetzt habe ich einen Freund fürs Leben gefunden, nicht wahr?» Dann rieb er mir wieder über die Nase und wandte sich seinem Begleiter zu. «Was hältst du von dem hier?»
«Gutes Pony», sagte der Junge. Er deutete auf die Reihe mit den alten Ponys, während der Mongole hinter ihm stand und listig lächelte. «Alles gute Ponys.»
Der Engländer strich sich über das Kinn. Ich versuchte, ihm zu folgen, als er die Reihe entlangging, aber ich war angebunden. Ich hoffte sehr, dass er mich kaufen würde.
Er interessierte sich nur für die Ponys mit hellem Fell. An allen anderen ging er vorbei, obwohl einige der dunklen Ponys in viel besserem Zustand waren. Als er ganz unten am Ende der Reihe angekommen war, hörte ich ein Pony wiehern, ein anderes schrie ängstlich auf. Ich sah, wie eins sich auf die Hinterhand erhob und plötzlich alle anderen überragte. Es schnaubte und wieherte, schlug mit den Vorderbeinen aus. Dann taumelte der Engländer rückwärts, und der Junge versuchte, ihn wegzuziehen.
Das Pony stand immer noch auf den Hinterbeinen, dann fiel es nach unten und erhob sich gleich wieder. Irgendwie kam mir dieses Pony bekannt vor. Die Erinnerung war zunächst vage, doch als ich den dunklen Fleck auf seiner Brust sah, wusste ich mit einem Mal alles wieder. Es war der silberne Hengst, der vor so langer Zeit meine Herde angeführt hatte, der mich beschützt hatte, als ich klein war. Mittlerweile war er eher grau als silbern, sein Rücken war krumm und seine Schultern verkrampft vom Schleppen der Lasten. In den Augen lag ein wildes, verrücktes Starren. Aber als er da auf den Hinterbeinen stand, mit wehender Mähne und Stirnlocke, da sah er genauso prächtig und stark aus wie immer.
Ich rief ihm ein schrilles Wiehern zu, aber er gab keine Antwort. Ich sah, wie der Engländer aufstand und sich die Strohhalme von der Kleidung klopfte. «Tja, der hier hat auf jeden Fall Feuer», sagte er.
Er kaufte den Hengst. Er kaufte noch neunzehn weitere Ponys, einschließlich mich. Die meisten waren alt oder zornig oder gemein, aber alle waren so weiß wie Schnee. Der Engländer schien sehr mit sich zufrieden zu sein, und der Mongole war geradezu entzückt.
Am selben Tag, noch in dieser Stunde, holte uns der russische Junge ab. Einige der Ponys wehrten sich aus Leibeskräften, so wie der Hengst. Sie traten aus und bockten so wild, dass die Leute in den Hauseingängen Schutz suchten. Doch am Ende blieb der Junge siegreich. Er brachte uns zum Bahnhof, wo am nächsten Morgen ein Zug einfuhr.
Der Zug hatte eine Pfeife, die hoch und schrill klang, wie der Schrei eines angstvollen Kaninchens. Ich schaute in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und sah über den Gebäuden Rauch aufsteigen, der einen grauschwarzen Strich durch die Luft malte. Die Lok schnaubte und prustete wie ein Ungeheuer. Dann kam sie um die Ecke gestampft, schwarz und schmutzig, stieß Dampf aus und schwankte von einer Seite zur anderen.
Ich bekam Angst. Ich hatte noch nie einen Zug gesehen, und ich mochte weder die Geräusche noch die Gerüche. Als der Rauch sich auf uns niedersenkte, wurden wir unruhig. Jedes einzelne Pony versuchte, sich etwas Platz zu verschaffen, obwohl wir uns nicht einmal umdrehen konnten.
Ein Russe bewachte uns und schrie uns an, wir sollten stillhalten. Mit einem Stock schlug er gegen den Zaun.
Das Keuchen und Atmen der Lok wurden lauter. Wieder ertönte dieses schrille, durchdringende Pfeifen, und der Hengst fing an auszutreten. Er stieg hoch und bearbeitete den Zaun mit seinen Hufen, die Ohren zurückgelegt, die Nüstern weit aufgerissen. Er warf sich gegen die Holzlatten und versuchte wegzukommen.
Wieder schrie der Mann. Sein Stock zischte pfeifend durch die Luft, als er ausholte und dem Hengst quer über das Auge schlug. Eine dunkle Spalte öffnete sich in dem silbrigen Fell.
Der Hengst duckte sich. Er blinzelte und ließ mit einem traurigen kleinen Wimmern den Kopf hängen.
Ich hatte miterlebt, wie dieser Hengst einen Bären vertrieben hatte. Ich hatte gesehen, wie er es mit drei Wölfen gleichzeitig aufgenommen hatte – zwei hatte er niedergetrampelt und den dritten mit den Zähnen gepackt. Aber jetzt war er nur noch ein altes, verschüchtertes Wesen, das Angst vor einem Weidenstock hatte.
Der Mann stellte sich auf die Zaunlatten. Er schlug jedes Pony, das er erreichen konnte, und hörte erst damit auf, als er außer Atem war. Er hustete, krümmte sich und stützte sich auf den Knien ab. In der Hand hielt er immer noch den Stock, von dem unser Schweiß und unser Blut tropfte.
Ich hoffte, der Zug würde mich zu dem Ort für Ponys bringen. Irgendwie tat er das auch, obwohl die Reise dorthin lang und hart war und ich unmöglich ahnen konnte, dass sie hier begann.
Wir wurden in einen Viehwagen gestoßen, und hinter uns schlug die Tür zu. Es war dunkel und unheimlich, bis sich die Sonne zwischen die Holzplanken schob. Sie griff durch die schmalen Ritzen und die Astlöcher und streichelte meine Rippen. Goldener Staub aus zertrampeltem Stroh schwebte durch die Luft, und ich musste niesen und schnauben. Auch die Lok schnaubte auf, und ruckelnd setzte sich der Zug in Bewegung.
Es war schwierig, während der Fahrt das Gleichgewicht zu halten. Wir schaukelten und wiegten uns wie die dicken Frauen, die in den Holzfällerlagern getanzt hatten. Durch Tag und Nacht trug uns der Zug, der nur dann anhielt, wenn die Lok durstig war. Ich hatte ebenfalls Durst, aber ich bekam kein Wasser, obwohl ich hörte, wie es bei jedem Halt draußen auf die Schienen platschte.
Wir fuhren durch Wälder, die nach Moos und Pilzen rochen und mich an meine Kindheit erinnerten. Wir überquerten einen steinigen Gebirgszug, ratterten über viele Brücken, die schäumende und brodelnde Flüsse überspannten. Wir fuhren bis zum Meer, bis hinunter zum Hafen, wo der Engländer auf uns wartete.
Sein Name, so erfuhr ich, war Mr. Meares. Er hatte einen Arzt dabei, der uns unter die Lupe nahm und den Kopf schüttelte. Der Arzt sagte Mr. Meares, dass ihn jemand hinters Licht geführt habe, und ich schaute mich um und fragte mich, wie man hinter das Licht kommen könnte. «Das ist der armseligste Haufen, der mir je unter die Augen gekommen ist», sagte der Arzt. Er deutete auf ein kurzatmiges Pony, dessen Schultern vom Ziehen des Wagens ganz krumm geworden waren. «Das da bleibt hier.»
«Wieso?», fragte der Engländer.
«Sehen Sie es sich doch an», sagte der Arzt. «Zu allem Übrigen hat es den Rotz und wird die anderen anstecken – und womöglich auch Sie.»
Das Pony blieb also zurück. An einem heißen und regnerischen Tag wurde der Rest von uns auf ein altes Dampfschiff verladen, das mit Rostflecken überzogen war. Nacheinander wurden neunzehn Ponys in eine Holzkiste geschoben, die am Ende eines Seils baumelte.
Ich hatte Angst, in die Kiste zu gehen und durch die Luft gehoben zu werden. Ich wusste nicht, wohin das Schiff mich bringen würde. Ich wollte wieder in die Wälder, von mir aus auch zurück in das Holzfällerlager, wenn das möglich gewesen wäre. Der Hengst hatte noch mehr Angst als ich. Als die Männer zu ihm kamen, stieg er hoch. Er sprang zur Seite, durchschlug den Zaun und galoppierte über das Dock.
Ein zweites Pony folgte ihm, und gemeinsam rasten sie durch eine Gruppe von Leuten, die davonhüpften wie Heuschrecken. Aber es dauerte nicht lange, da hatte man sie wieder eingefangen, zurückgeschleppt und auf das Schiff verfrachtet.
Ich war als Nächstes an der Reihe. Zitternd stand ich in der Kiste. Ich schloss die Augen, damit ich das Wasser unter mir nicht sehen musste, und als die Kiste mit einem Rums auf dem Deck landete, dachte ich zuerst, der Boden wäre herausgefallen. Man führte mich hinaus und dann hinein in einen sehr engen Stall. Das alles kam mir gar nicht so schlimm vor – bis die Hunde an Bord gebracht wurden.
Es waren große und bösartige Tiere, mit riesigen Zähnen und kleinen Augen. Sie kamen mir so wild wie Wölfe vor, vielleicht sogar wilder, und sie fletschten ihre Zähne, wann immer Männer, Ponys oder sogar ein Artgenosse ihnen zu nahe kam. Man kettete sie an die Reling und an Kisten und Gerätschaften, bis es auf dem ganzen Schiff vor Hunden nur so wimmelte. Und jeder einzelne von ihnen heulte und kläffte ohne Unterlass.
Wie jedes Pony fürchtete ich Hunde am allermeisten. Ich fühlte mich nicht sicher, solange sie in der Nähe waren, aber mir blieb nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und so zu tun, als gäbe es sie gar nicht.
Dann fuhr das Schiff aufs Meer hinaus, und ich ging einem neuen Leben entgegen. Ich erwartete nichts als Leid und Elend.
Das hatte ich gelernt, als ich jung war: Das Leben ist kurz und die Menschen sind grausam. Ponys sind zum Leiden geboren. Ich beschloss, dass ich so hart arbeiten würde, wie ich konnte, was auch immer man mir auflud. Ich glaubte daran, dass ich am Ende dafür belohnt werden und auf ewig an dem Ort der Ponys leben würde.
An diesem Ort dienten die Menschen den Tieren. An diesem Ort waren die Ställe warm, dick mit weichem Stroh ausgelegt, und die Decken waren auf dem Ofen vorgewärmt, wohlig weich und nach Rauch duftend. Meine Narben würden verheilen. Und nicht ein einziges Mal in zehntausend Jahren würde ich den stechenden Schmerz von Peitsche oder Stock verspüren.

Am 1. Juni lässt Captain Scotts Schiff London hinter sich und setzt Kurs nach Süden. Es ist die Terra Nova, ein altes schottisches Walfangschiff, das für Fahrten in der Arktis erbaut wurde, mit einem gegen das Eis verstärkten Rumpf, drei Masten und einem hohen Schornstein, der Rauch zwischen die Segel spuckt. Eine Dampfmaschine tief unten in seinem Bauch verbrennt jede Stunde drei Tonnen Kohle.
Am Dock steht eine Menschenmenge und jubelt, als das Schiff den Fluss entlangfährt. Kleine Kinder winken ihren Vätern zum Abschied zu. Frauen weinen und lachen gleichzeitig. Sie alle schauen der Terra Nova nach, bis sie um die Biegung verschwunden ist. Aber auch dann noch hören sie, wie die vielen Boote, Barken und Schiffe auf dem Fluss hupen und pfeifen und der Terra Nova salutieren.
Scott ist nicht an Bord. Er hat immer noch nicht genug Geld für seine Expedition beisammen und bleibt zurück, um seine Vorbereitungen abzuschließen. Sechs Wochen später besteigt er mit seiner Frau, aber ohne ihren neugeborenen Sohn, das schnellste Postschiff nach Afrika, wo er in Kapstadt zur Terra Nova stoßen wird.
Er weiß, dass auch andere Männer versuchen werden, den Südpol zu erreichen. Aber er glaubt, dass er ihnen weit voraus ist. Er plant eine gemächliche Reise und will seinen Wissenschaftlern genügend Zeit für ihre Arbeit geben.
In Kapstadt übernimmt er das Kommando über die Terra Nova und setzt Kurs auf Australien. Er erkennt, dass der alte Walfänger einige üble Lecks hat, und er ist enttäuscht von der geringen Geschwindigkeit des Schiffes und dem hohen Kohleverbrauch.
Die Reise dauert länger, als er berechnet hat. Er verlässt das Schiff in Australien und schickt es nach Neuseeland, wo die Ponys und Hunde an Bord gehen sollen. Im Hafen von Melbourne wartet Post auf ihn, die schon einige Wochen alt ist. Unter zahlreichen Briefen befindet sich auch ein Telegramm.
Es ist eine knappe Nachricht von Amundsen:
BITTE UM ERLAUBNIS MITTEILEN ZU DÜRFEN – UNTERWEGS ZUR ANTARKTIS
Das Telegramm ist datiert vom 9. September 1910. Es wurde in Spanien aufgegeben und ist bereits fünf Wochen alt.
Scott reist sofort ab, um in Neuseeland zu seinem Schiff zu stoßen und zum Südpol aufzubrechen.
KAPITEL 2
Die Fahrt auf dem alten Dampfer war eine Quälerei, jedenfalls zum größten Teil. Ich war es nicht gewohnt, dass sich der Boden unter meinen Hufen bewegte, und das Rollen des Schiffs machte mich seekrank. Die Sonne brannte zu heiß, das Meer gleißte zu hell. Der Gestank der Hunde war unerträglich.
Am liebsten hätte ich die ganze Zeit Wasser gesoffen, aber ich bekam nur zweimal täglich ein paar Schlucke, wenn der russische Junge mit einem Eimer herumging. Ich beugte mich ihm jedes Mal über den Rand meines Verschlags entgegen, während mir beim Duft des süßen Wassers die Lippen zuckten. Aber immer dann, wenn ich gerade angefangen hatte zu saufen, riss der Russe den Eimer weg.
Mir taten die Beine weh, weil ich mich nicht hinlegen konnte. Mein Rücken juckte von dem Ruß, der aus dem Schornstein niederging, ein schwarzer Regen, der fast alles bedeckte, bis auf die verfluchten Hunde. Sie beobachteten mich unentwegt mit ihren wilden kleinen Augen, die nichts als schmale Schlitze im Fell waren.
Manchmal kam Mr. Meares vorbei und streichelte mich, aber nicht sehr oft. Er kümmerte sich viel mehr um die Hunde als um die Ponys. Das Gleiche traf auch auf seinen Hundeführer zu, einen Russen, den ich nur selten sah und niemals schätzen lernte. Und der Junge, ein Jockey, war so aufgeregt über die weite Reise, dass er die Ponys manchmal einfach vergaß.
Wir segelten nach Süden, immer nach Süden, geradewegs durch den Winter, ohne ihn zu sehen. Wir waren im Sommer losgefahren und kamen im Frühling an, wobei die feurige Sonne jeden Tag heißer schien.
Wir legten auf einer Insel an, wo das Gras grün und üppig wuchs und die Bäume groß waren und reichlich Schatten spendeten. Es gab einen Sandstrand, an dem wir uns austoben konnten, und wir galoppierten durch das seichte Wasser und wirbelten mit unseren Hufen weißen Schaum auf.
Das war ganz und gar nicht das, was ich erwartet hatte. Einige der Ponys, besonders die älteren, hätten hier bis an ihr Lebensende glücklich werden können. Die Wärme tat ihren Knochen gut, während die Sonne sie schläfrig und faul machte. Oft lagen drei oder vier gleichzeitig lang ausgestreckt im Gras und schliefen. Ich musste im Schatten bleiben und mir die Insekten mit meinem Schweif vom Leib halten. Ich war ein Winterpony mit einer dicken Mähne und zotteligem Fell. Ich mochte knisternd kalte Morgen, an denen ich weißen Dampf ausatmete, Flüsse mit eisigem Wasser und Berge mit Schnee auf den Gipfeln.
Aber im Augenblick war ich sehr glücklich. Hier gab es zwar keine Eiszapfen, aber auch keine Stockschläge und Peitschenhiebe. Die Männer schienen nicht grausam zu sein. Aber ich konnte einfach nicht glauben, dass ich nicht mehr geschlagen wurde, und so zuckte ich jedes Mal zusammen, wenn ein Mann die Hand hob, um sich am Kopf zu kratzen oder seinen Hut zurechtzurücken. «Ganz ruhig, Junge», hörte ich ungefähr hundertmal am Tag. «Ganz ruhig, ich tu dir nichts.»
Mr. Meares zog kurze Hosen an, und schon bald waren seine Beine genauso feuerrot wie sein Gesicht. Auf seinem Rücken und an seinen Armen zeichneten sich lange, nasse Schweißstreifen ab, und er legte ein Taschentuch unter seinen Hut, um sich doppelt vor der Sonne zu schützen.
Einige Ponys waren enttäuscht, als er Zuggeschirr und Stränge herbeischleppte. Aber ich arbeitete gern, weshalb es mir nichts ausmachte, obwohl in den Sinn unserer Aufgabe nicht verstand. Wir mussten Holzstämme den Strand entlang ziehen, Stämme, die so schwer waren, dass sie nicht im Wasser trieben. Wir zogen sie bis ans Ende des Strands, kehrten um und zogen sie wieder zurück. Es war eine nutzlose Arbeit, aber wir lernten die englische Art kennen, Lasten zu transportieren. Sie war sanfter als das, was wir gewohnt waren, und beinhaltete eine Führhand am Halfter und einen Keks, wenn wir fertig waren. Ich legte mich mit Freuden ins Zeug, weil ich Mr. Meares gefallen wollte.
Ich wünschte nur, dass der Hengst und einige der anderen Ponys sich ebenfalls gefügt und ihre Angst vergessen hätten. Aber für sie waren alle Menschen zum Fürchten.
Eines Tages kam ein Herr aus seinem Haus, ein Herr mit weißen Haaren und einem kerzengeraden Rücken. Eine Dame hatte sich bei ihm untergehakt. Er blieb stehen, bewunderte den Hengst und fragte den Jockey: «Wie alt ist dieser hier?» Der Jockey zuckte nur mit den Schultern; er wusste es nicht. Also trat der Herr näher an den Hengst heran.
Der Hengst versuchte den Mann zu warnen. Er legte die Ohren nach hinten, senkte den Kopf und schwang ihn vor und zurück. Aber der Mann merkte es nicht – oder verstand nicht – und kam noch näher. Und da griff der Hengst ihn an.
Der alte Mann stand einfach nur da. Vielleicht war er zu überrascht, um wegzulaufen. Mit einem Satz stand der Hengst direkt vor ihm, stieg auf die Hinterbeine und schlug zu.
Im allerletzten Moment hob der Herr einen dürren Arm, um das Pony mit seinem Spazierstock abzuwehren. Dann traf der Hengst sein Ziel, und der Mann flog rückwärts in das Gras. Mit einem Schrei stieg der Hengst wieder in die Höhe und ließ die Hufe wirbeln.
Es waren vier Männer nötig, um das Pony wegzuziehen. Der Hengst bockte, trat um sich und wehrte sich nach Kräften. Die Männer hatten Angst, waren aber auch voller Ehrfurcht. Einen solchen Kämpfer hatten sie noch nie erlebt. Sie nannten ihn Hackenschmidt, nach dem berühmten russischen Ringer, der noch nie einen Kampf verloren hatte.
Ich sah seine Augen an diesem Tag, sie waren ganz wild und verrückt, und wieder einmal fragte ich mich, was ihm bei den Menschen widerfahren war. Er war so wütend und so bitter, dass er sogar den anderen Ponys Angst einjagte. Es gab nur eines, das ihn nicht fürchtete – ein anderer HHengst, ein bisschen jünger, aber genauso wild wie der alte. Die Männer nannten ihn Christopher, meiner Meinung nach ein viel zu netter Name für so ein schreckliches Pony.
Die beiden waren wie zwei Schläger, die sich nur miteinander anfreundeten, damit sie sich nicht gegenseitig umbrachten. Beide waren dickköpfig und ungezähmt. Sobald sie das Geschirr und die Stränge sahen, machten Hackenschmidt und Christopher den Männern klar, dass sie nicht arbeiten wollten. Aber die Männer waren noch dickköpfiger, und obwohl sie manchmal zu viert oder zu fünft an einem Pony hingen, schafften sie es jedes Mal, den beiden das Geschirr anzulegen. Und sie brachten sie jedes Mal dazu, die Arbeit zu erledigen, und das ohne Stock oder Peitsche.
Ich dachte mir, dass sie uns auf eine besondere Aufgabe vorbereiteten, denn kein Mensch – nicht einmal ein Engländer – würde einfach nur aus reinem Vergnügen arbeiten. Ich zerbrach mir den Kopf, was es wohl sein konnte, und hielt überall nach Hinweisen Ausschau.
Der erste Anhaltspunkt kam im November, als ein merkwürdiges Schiff auf unserer Insel eintraf. Es war Captain Scotts Terra Nova, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich bemerkte nur den Schornstein, der schwarzen Rauch ausspuckte, und einen alten Geruch nach Tod, den man mit Farbe und Teer übertüncht hatte.
Das Schiff fuhr noch am Anleger entlang, da sprangen die Männer schon an Land, wie Flöhe von einem Hund hüpfen.
Einer dieser Männer hatte eine Pfeife zwischen den Zähnen. Eine Zeit lang lief er mit einem seltsam schaukelnden Gang, als ob das Land unter seinen Füßen sich bewegen würde, obwohl es stillstand. Er marschierte den Anleger auf und ab, drehte sich dann um und kam geradewegs auf die Ponys zu.
Er ging schnell, mit langen Schritten, querfeldein bis zu der Wiese, wo wir grasten. Dort legte er seine Ellbogen auf den Weidenzaun, zog an seiner Pfeife und paffte.
Hackenschmidt und Christopher schnaubten ängstlich. Sie kanterten auf die gegenüberliegende Seite der Wiese, und ein paar der anderen Ponys folgten ihnen. Aber ich blieb stehen, wo ich war, keine drei Meter von dem Mann entfernt. Ich mochte ihn auf Anhieb, denn er lächelte, als er mich ansah.
Über seine Schulter sah ich Mr. Meares auf uns zukommen. Seine rosaroten Beine leuchteten in der Sonne. «Was halten Sie von ihnen, Titus?», rief er dem Neuankömmling zu.
Der Mann nahm die Pfeife aus dem Mund und sagte laut, ohne den Kopf zu wenden: «Sie sehen erstklassig aus.»
Er hatte die freundlichste Stimme, die ich je gehört hatte, und eine so mitfühlende Ausstrahlung, dass sie ihn buchstäblich einhüllte, wie der Rauch aus seiner Pfeife. Ich wollte ihn richtig begrüßen, ihn ausgiebig beschnuppern und mich an ihm reiben, aber ich ließ Vorsicht walten, senkte den Kopf und scharrte mit den Hufen durch das Gras. Ich schnaubte ihn sanft an, um ihm zu zeigen, dass ich keinen Ärger machen wollte.
Er rührte sich nicht. Er blieb einfach an den Zaun gelehnt stehen, mit der Pfeife in der Hand, und beobachtete mich mit hellen, ozeanblauen Augen.
Ich blieb vor ihm stehen, so nah, dass er mich anfassen konnte, wenn er es wollte. Eine geraume Weile schauten wir einander nur an. Dann beugte er sich plötzlich vor.
Er war so flink wie eine Schlange. Bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte er mein Halfter gepackt. Ich wollte zurückweichen.
«Ganz ruhig, mein Junge», sagte er, als er merkte, wie ich zitterte. «Dir passiert nichts, versprochen.»
Ich kam näher. Ich stupste ihn an, und er lächelte wieder. Dann glitten seine Augen über die Narben an meinen Schultern. Er betastete sie, und ich zuckte nicht einmal zusammen.
Dieser Mann war Lawrence Oates, ein Soldat, ein Hauptmann der Kavallerie. Aber niemand nannte ihn bei seinem richtigen Namen. Für die Männer war er nur Titus oder «der Soldat». Aber mir kam er so wenig wie ein Kämpfer vor, dass er für mich immer Mister Oates blieb.
An diesem Tag blieb er nicht lang. Nachdem er mich getätschelt und mir die Wange gerieben hatte, ging er mit Mr. Meares davon. Gemeinsam schlenderten sie zum Schiff zurück. Von da an hielt ich die ganze Zeit nach ihm Ausschau und stellte mich so oft es ging an dieselbe Stelle am Zaun. Aber es dauerte drei oder vier Tage, bevor ich ihn wieder auf mich zukommen sah.
Er überraschte mich, weil ich erwartet hatte, dass er vom Schiff her kommen würde, aber stattdessen tauchte er auf der Straße auf, inmitten einer fröhlichen Gruppe von Leuten.
Es war ein schöner Tag. Die Wolken hingen am Himmel, sie sahen aus wie Schaum auf einem Fluss. Bienen summten im Klee, und die Menschen schlenderten gemächlich durch die Sonne, wobei sie wie ein Haufen Krähen schwatzten.
Unter ihnen befand sich ein Mann mit einem Spazierstock, einer Mütze mit einem schimmernden Abzeichen und einem Mantel mit Knöpfen, die in der Sonne wie runde Goldstücke glänzten. Die anderen umringten ihn, waren mal vor ihm, mal hinter ihm, wie eine Schar kleiner Vögel. Mr. Oates ging dicht hinter ihm, und an seiner Seite war eine Frau, das schönste Wesen, das ich je gesehen hatte. Ihr weißes Kleid reichte bis zum Boden, und ich fragte mich, ob sie überhaupt Beine hatte, denn sie schien wie eine Wolke über das Gras zu schweben. Hinter den anderen ging der russische Jockey, der Führungsseile über seine Schultern gelegt hatte.
Der Mann in der Mitte war Captain Scott. Er schwang den Spazierstock so munter in der Hand, wie ein Hund mit dem Schwanz wedeln würde. In zehn Metern Entfernung blieb er stehen und starrte mich und die anderen Ponys an. Er schob die Mütze auf seinen Hinterkopf.
Seine Begleiter blieben ebenfalls stehen. Mr. Meares trat zu ihm; er strahlte vor Stolz. Mr. Oates blieb zurück, obwohl ich es genossen hätte, wenn er zu mir gekommen wäre und mich gestreichelt hätte.
Captain Scott betrachtete uns ausgiebig. Ausnahmsweise hielten wir alle still, keiner muckte auf. Sogar Hackenschmidt fraß friedlich Gras, obwohl er dabei äußerst wachsam blieb. Wir boten bestimmt einen beeindruckenden Anblick: neunzehn weiße Ponys auf einer grünen Wiese voller Gras und Klee.
«Prächtig», sagte Captain Scott. Er sah sehr zufrieden aus. «Das ist schon was, finden Sie nicht auch, Titus?»
«Scheint so», sagte Mr. Oates. «Ich konnte sie noch nicht unter die Lupe nehmen.»
«Na, dann besser heute als morgen», sagte Captain Scott.
Die ganze Gesellschaft trat durch das Gatter auf die Weide. Der russische Jockey trieb vier Ponys zusammen, einschließlich mich. Er klinkte die Führleinen an unsere Halfter und stellte uns in einer engen Reihe auf, als Captain Scott und die anderen zu uns traten. Die Dame hielt Abstand und achtete darauf, dass immer ein Mann zwischen ihr und den Ponys stand. Aber Mr. Meares und Captain Scott kamen geradewegs auf uns zu, und dann lächelte mich Mr. Oates mit der Pfeife zwischen seinen Zähnen rundheraus an. «Da ist ja mein braver Junge», sagte er.
Ich war entzückt, dass Mr. Oates sich an mich erinnerte. Ich begrüßte ihn mit einem Schnauben, einem kurzen Wiehern und einem munteren Ruck mit dem Kopf. Aus irgendeinem Grund mussten die Männer darüber lachen, und die Dame rief: «Was für ein lieber Kerl!»
Ich war der Erste, den Mr. Oates begutachtete, während Captain Scott die Führleine hielt. Er hob meine Füße hoch und betastete meine Hufe, fühlte meinen Bauch und meine Brust. Jetzt lächelte er nicht mehr; vielmehr runzelte er die Stirn. Er ging zum nächsten Pony und dann zum nächsten, bis er uns vier untersucht hatte.
Captain Scott wurde ungeduldig. «Nun?», fragte er.
«Sie hatten ein schweres Leben», sagte Mr. Oates seufzend. «Und ein langes.»
«Wollen Sie damit sagen, dass sie alt sind?», fragte der Captain.
«So alt wie Methusalem», sagte Mr. Oates, «und völlig ausgebrannt. Die meisten sind Klepper.»
Klepper. Dieses Wort hörte ich zum ersten Mal. Aber ich wusste gleich, dass es nicht gut war, ein Klepper zu sein. Die Ponys neben mir waren wirklich alt. Ihr Fell hatte kahle Stellen, ihre Rücken waren krumm, die Zähne abgeschliffen. Ich fragte mich, ob Hackenschmidt ein Klepper war, weil er so wild war. Oder Christopher, weil er so gemein und dickköpfig war.
Mr. Meares wirkte enttäuscht. Und Captain Scott war sehr ungehalten. «Sie gehen ein bisschen hart mit ihnen ins Gericht, finden Sie nicht?», sagte er.
Mr. Oates schüttelte den Kopf. «Nicht im Mindesten.»
«Nun, ich glaube, dass sie ihre Sache sehr gut machen werden», sagte Captain Scott. «Sie sind genauso gut wie die von Shackleton, da bin ich mir sicher.»
Noch ein neues Wort. Ich war froh, mindestens genauso gut zu sein wie ein Pony aus Shackleton, wo auch immer das auch sein mochte.
«Sie werden ihre Aufgabe erfüllen», sagte Captain Scott.
Ihre Aufgabe. Ich spitzte die Ohren, in der Hoffnung, mehr darüber zu erfahren. Aber der Captain lief mit Mr. Oates weiter, und die anderen folgten ihnen. Und so stellte ich mich ab von nun an, so oft es ging, an den Rand der Weide und versuchte, bedeutsame Worte aufzuschnappen. Das alles war mir ein absolutes Rätsel.
Als die Männer das Schiff ausluden, hoffte ich, sie würden auf der Insel bleiben. Die Sachen, die zum Vorschein kamen, waren für kaltes Wetter gedacht: große Schlitten, Zelte, wollene Kleidung. Aber sie entluden das Schiff nur, um Reparaturen durchzuführen, dann brachten sie die Sachen wieder an Bord. Die Arbeit dauerte viele Tage, während derer ich meistens im Gras lag und jedes winzige Kleeblatt fraß, das ich erreichen konnte, ohne mich zu bewegen. Jeden Morgen kam die Dame mit einem Sonnenschirm, setzte sich zu mir und kraulte mir die Ohren, während ich an der grünen Köstlichkeit knabberte.
Aber irgendwann war die Arbeit erledigt, und eines Abends gingen alle Männer an Bord.
Ich hatte Angst, dass sie ohne mich abfahren würden. Ich rief nach Mr. Oates, ich wieherte und schnaubte, so laut ich nur konnte. Aber er beachtete mich nicht. Und so rannte ich am Zaun auf und ab und jammerte wie ein Fohlen nach seiner Mutter. Aber dieses Mal – zum ersten Mal – kam Mr. Oates nicht zu mir.
Am nächsten Morgen war die Katastrophe für mich perfekt. Der Anleger war leer, das Schiff voll beladen, und schwarzer Rauch quoll aus dem Schornstein. Ich spürte einen großen Schmerz in meiner Brust. Es wäre schwer genug, Mr. Oates davonsegeln zu sehen, aber noch viel schlimmer, wenn er sich nicht einmal von mir verabschieden würde.
Doch das Schiff segelte nicht davon. Stattdessen erhob sich plötzlich aus den Gepäckstapeln an Deck eine riesige Kiste. Düstere Erinnerungen wurden in mir wach, aber ich rannte nicht davon. Im Gegenteil, ich trabte näher, weil ich der Erste sein wollte, der an Bord gebracht wurde.
Die Männer suchten sich Hackenschmidt aus. Sechs von ihnen rangen ihn nieder und schoben ihn in die Kiste, und die ganze Zeit trat und schlug er um sich. Mit Christopher, der danach kam, war es das Gleiche. Dann war ich an der Reihe. Ein großer Matrose namens Taff Evans fütterte mir einen Keks, während er mich in die Kiste führte. «So ist’s richtig», sagte er stolz. «So wird das gemacht.»
Er rieb mir die Ohren, klappte die Tür zu, und dann ging es aufwärts. Die Männer lachten, als ich nach unten schaute und dabei an meinem Keks kaute.
Mr. Oates wartete auf dem Schiff auf mich. «Da ist ja mein Junge», sagte er, als er mich aus der Kiste holte. «Mittschiffs», sagte er zu einem Matrosen, der mich in meine Box brachte. Wir gingen über das Deck, das mit Kisten und Säcken so vollgestellt war, dass wir nur im Gänsemarsch hintereinander gehen konnten. Ich stand mit drei anderen Ponys in einer Reihe, mit einer Zeltleinwand als Dach. Ich konnte nach oben in Richtung Bug blicken oder über das Dach des Kühlhauses, am Schornstein vorbei zum Heck. Ich musste zwar an Packkisten und Gerätschaften vorbeischauen, aber es war trotzdem ein angenehmer Anblick. Andere Ponys, die nicht so viel Glück hatten, wurden unter Deck ins Dunkel gebracht.
Als das letzte Pony an Bord war, kamen die Hunde kläffend über die Insel gelaufen. Ich hatte gedacht, ich wäre sie los, aber wieder einmal wurden sie rings um mich herum angekettet. Einer lag direkt vor meiner Box, ein anderer nur ein paar Schritte entfernt, ein paar hatten es sich auf dem Dach des Eishauses gemütlich gemacht. Ich hoffte nur, dass ihre Ketten robust und stark waren, und wünschte, sie würden aufhören zu heulen.
Unter mir fing die Dampfmaschine an zu stampfen. Bauschige Rauchwolken quollen aus dem Schornstein wie ein drohendes Gewitter. Mit einem schrillen Pfiff und einem Jubelruf von der Küste aus fuhren wir los. Captain Scott schrie Befehle, die Männer hievten an den Seilen, und mit jeder Sekunde nahm das Schiff Fahrt auf. Das Hämmern der Maschine ließ alles vibrieren und rattern und klappern. Ich sah, wie der Captain seiner Frau zuwinkte, die an Land geblieben war. Dann drehte er sich weg. Nicht lange, und wir hatten den Schutz des Landes hinter uns gelassen und erreichten das offene Meer.
Obwohl das Rollen und Stampfen nicht enden wollte, und trotz der Hunde in meiner Nähe gehören die ersten Tage unserer Reise zu den glücklichsten meines Lebens.
Von allen neunzehn Ponys war ich der Liebling der Matrosen. Sie gaben mir den Namen James Pigg, zu Ehren eines Mannes, den es nur in einem Buch gab. «Ein liebenswürdiger Halunke», sagten sie. Manchmal riefen sie mich Jimmy Pigg, manchmal einfach nur James. Und sie sagten es jedes Mal auf eine fast zärtliche Art, immer mit einem Lächeln und einem Klaps auf meine Schultern. Oft gab es noch einen Keks dazu, der mir insgeheim zugesteckt wurde, damit die anderen Ponys nicht eifersüchtig wurden. «Du bist ein guter Junge, James Pigg», sagten sie.
Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen Namen. In der Vergangenheit war ich immer nur «das Pony» gewesen, nur ein Ding, das einen Karren oder einen Baumstamm zog. Aber jetzt fühlte ich mich wichtig.
Wir alle bekamen Namen. Ein faules altes Pony links von mir wurde Weary Willy genannt, ein kleines rechts von mir Jehu und das neben ihm Nobby. Ich hörte, wie andere Namen von unten durch die Wände gerufen wurden, wo die restlichen Ponys untergebracht waren. Ich sah sie nicht, aber ich erfuhr ihre Namen: Snatcher und Snippets, Bones und Guts und so viele andere, dass ich mir nicht alle behalten konnte.
Manchmal hörte ich die Matrosen singen, und das Schiff fühlte sich wie ein sicherer und glücklicher Hafen an. Aber je weiter wir nach Süden kamen, desto schneidender wurde der Wind, desto aufgewühlter das Meer. Ich sah die Männer ängstliche Blicke in den Himmel schicken, der sich mit gefährlich aussehenden Wolken füllte.
Der Sturm war entsetzlich. Es fing an mit einem Wind, der so laut heulte wie ein Hund. Dann türmten sich die Wellen immer höher und höher auf, und es dauerte nicht lange, da rollte und schlingerte das Schiff heftig. Ich musste darum kämpfen, auf den Beinen zu bleiben, während ich in meiner Box hin und her geworfen wurde.
Das Schiff legte sich so weit zur Seite, dass ich dachte, es würde umkippen. Wellen krachten über die Reling und schäumten über das Deck. Sie leckten über das Kühlhaus und brachen sich an meiner Box. Plötzlich stand ich bis zum Bauch im Wasser, das nur langsam wieder ablief.
Den Hunden erging es noch schlechter. Die Wellen begruben sie unter sich, und sie kämpften an ihren Ketten um das nackte Überleben. Sie kläfften und heulten nicht mehr. Sie wimmerten wie kleine Vögel und blickten mit angsterfüllten Augen um sich. Selbst mir taten sie leid.
Der Wind nahm noch zu. Die Wellen stiegen immer höher. Packkisten und Säcke mit Kohle rutschten hin und her, schlugen an die Reling und an das Deckhaus.
Dann brach ein Stück der Reling ab. Es trudelte hinunter ins Meer, und ein Hund, der an das Holz angebunden war, paddelte ein paar Sekunden lang mit aller Kraft, bevor er unterging. Er tauchte wieder auf und schwamm, was das Zeug hielt, doch dann versank er endgültig.
Das Schiff würde untergehen, daran hatte ich keinen Zweifel. Es suhlte sich in den Wellen wie ein großes Schwein in einer Schlammkuhle. Ich konnte die Angst der Männer riechen, aber sie arbeiteten unbeirrt weiter. Nur ein paar von ihnen waren Matrosen. Die meisten waren Wissenschaftler und Doktoren. Es waren auch ein Koch und ein Fotograf unter ihnen, der schon an ruhigen Tagen dauernd seekrank war. Aber jeder einzelne Mann legte Hand an, um das Schiff zu retten. Und sie taten ihr Möglichstes. Tonnenweise schaufelten sie Kohle über die Reling ins Meer, pumpten Wasser aus dem Rumpf und trugen es in Eimern nach oben.
Ein Regenbogen erschien am Himmel, während sie noch schufteten. Es war der schönste Regenbogen, den ich je gesehen hatte. Riesig und strahlend stand er über uns. Einer der Männer sah ihn und stieß seinen Nachbarn an, und gleich darauf starrten alle nach oben. Dann schlug die nächste Riesenwelle über dem Schiff zusammen, und die Arbeit begann aufs Neue.
Als das Schiff sich ruckartig zur Seite warf, verlor ich das Gleichgewicht. Meine Vorderbeine rutschten unter mir weg, und ich fiel hart auf die Holzbohlen. Weder konnte ich aufstehen noch mich hinlegen, und ich dachte, jeden Moment würden mir die Beine brechen. Ich hörte eine Welle an Deck krachen, und plötzlich strömte Wasser in meine Box.
Ich geriet in Panik. Ich trat um mich, schrie laut aus Angst und Schmerz. Die See schlug brüllend auf mich ein, über mir zusammen, und der kleine Jehu machte einen Satz zur Seite, um von meinen wild wirbelnden Hufen nicht getroffen zu werden.
Ein Matrose sah mich, ein Mann namens Thomas Crean. Er rief um Hilfe, und Mr. Oates kam angerannt. «Halte durch, Junge», sagte er, während er in die Box kletterte.
Allein schon der Klang seiner Stimme hatte eine beruhigende Wirkung. Ich lag schwer atmend auf dem Boden, während er meine Beine entwirrte. Das große runde Gesicht von Taff Evans blickte über den Boxenrand zu mir herunter. Dann trat er zu Mr. Oates, und die beiden hievten mich gemeinsam wieder auf die Füße, so wie es meine Mutter am Tag meiner Geburt getan hatte. Sie hielten mich fest, bis ich mein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, und stützten mich von rechts und links.
«So ist’s recht», sagte Taff Evans. «Auf die Beine mit dir. Und schon ist die Sache erledigt.»
Als Mr. Oates sah, dass ich in Sicherheit war, eilte er davon. Ich hörte, wie die Ponys in der Dunkelheit unter Deck gegen das Schlingern ankämpften, hörte sie schreien, als sie gegen die Holzwände geworfen wurden.
Achtern stand Captain Scott, so zerzaust wie eine Vogelscheuche. Er steuerte nach Osten, mit dem Wind in seinem Rücken. Mir kam das Schiff regelrecht verängstigt vor. Es fuhr in einer rasenden Geschwindigkeit durch die turmhohen Wellen. Captain Scott wirkte ruhig und gelassen, aber das Schiff, so schien es mir, hatte einen Satz gemacht und war losgerannt, nur um wegrennen zu können.

Die Terra Nova scheint dem Untergang geweiht. Captain Scott steuert sie nach Osten, in der Hoffnung, dass der Sturm vorüberzieht. Er verlässt sich darauf, dass die Dampfmaschine das Wasser aus dem Bauch des alten Walfängers pumpt.oHo
Unter Deck ist alles nass. Meerwasser tropft durch den Kohlenbunker und wäscht den schwarzen Staub in den Kielraum. Dort, am tiefsten Punkt des Schiffes, schwappt es hin und her und vermischt sich mit dem Schmieröl aus dem Motor. Nach und nach wird es von der Pumpe eingesogen, wo es sich in eine schwarze, teerartige Masse verwandelt, die die Ventile verstopft und die Pumpe abwürgt.
Im Maschinenraum steigt das Wasser in Windeseile über die Grätings. Der Motor wird abgestellt, damit die Kessel nicht explodieren.
Die Terra Nova stampft schwer im Wasser, und die Wellen rollen über das Deck hinweg. Captain Scott, der achtern Position bezogen hat, sieht von seinem Schiff nur noch die Masten. Zwei Ponys werden in ihren Boxen so heftig hin und her geworfen, dass sie sterben. Ein Hund geht über Bord. Zehn Tonnen Kohle versinken im Meer, zusammen mit fünfundsechzig Gallonen Benzin, das für die Motorschlitten gedacht war.
Scott drückt seinen Wissenschaftlern Eimer in die Hände und schickt sie unter Deck, um das Wasser aus dem Kielraum zu schöpfen. Seine Matrosen zerschlagen mit Äxten ein Schott, um die verstopfte Pumpe wieder in Gang zu setzen.
Wissenschaftler mit Eimern und Matrosen mit Äxten retten das alte Schiff. Der Sturm klingt ab, und Scott setzt wieder Kurs nach Süden.
Amundsen und seine Fram sind viel weiter im Westen, Tausende von Meilen hinter Scott. Er hat gerade die Kerguelen hinter sich gelassen und befindet sich auf halbem Weg zwischen Afrika und Australien. Eigentlich wollte er die norwegische Walstation dort aufsuchen, aber schlechtes Wetter hat ihn daran gehindert, an Land zu gehen. Jetzt steht der Wind südlich und treibt ihn in Richtung Antarktis. Noch liegen viertausend Meilen vor ihm.
Auf seinem Schiff wimmelt es von Hunden. Siebenundneunzig waren es, als er Norwegen verlassen hat, aber unterwegs wurden Welpen geboren, und jetzt sind es viel mehr. Sie laufen frei herum; der Wind macht ihnen nichts aus, aber sie verabscheuen den Regen.
KAPITEL 3
Ich erfuhr erst vom Tod der beiden Ponys, als ihre Leichen durch die Ladeluke nach oben gebracht wurden.
Es war schrecklich, sie so schlaff und leblos zu sehen, wie einen Sack voll Kohlen. Ein paar Matrosen schleiften die Kadaver über das Deck und warteten, bis sich das Schiff zur Seite neigte. Dann wuchteten sie die Körper über die Reling. Der arme Mr. Oates machte ein todunglückliches Gesicht.
Ich sah, wie er an der Reling lehnte und ins Meer starrte, und ich wünschte, ich hätte zu ihm gehen und ihn halten können, wie er mich während des Sturms aufrecht gehalten hatte. Ich wusste, was er dachte: dass es nicht fair war, diese Ponys um die halbe Welt zu schleppen, weg von Wiesen und Wäldern, nur damit sie auf einem elenden Schiff mitten auf dem Meer starben. Ich konnte mir vorstellen, dass er dachte, die Ponys würden ihn deswegen hassen.
Die Männer hielten einen Moment mit ihrer Arbeit inne, als die toten Ponys ins Meer geworfen wurden. Gischt spritzte auf und befleckte Mr. Oates’ Stiefel, der darüber ganz erschrocken wirkte. Dann wandten sich die Matrosen wieder ihren Aufgaben zu, aber Mr. Oates blieb, wo er war. Er zog seine Pfeife aus der Jackentasche, zündete sie an und wandte das Gesicht dem Himmel zu.
Verglichen mit mir war er klein und zerbrechlich, aber in diesem Augenblick kam er mir so stark wie ein Ochse vor, und ich wusste, dass ich ihm bis ans Ende der Welt folgen würde, wenn er es von mir verlangte.
Süden, Süden, immer nach Süden fuhr das Schiff über Wellenberge und -täler auf unser Ziel zu, was immer das auch war.
Irgendwann sahen wir den ersten Eisberg. Er trieb weit im Westen, und ich konnte ihn kaum erkennen. Die Männer waren ganz aufgeregt und riefen einander zu. Ich beugte mich nach rechts und spähte zwischen zwei Reihen Packkisten hindurch. Weit in der Ferne glänzte die Sonne auf der Spitze des Eisbergs. Für mich sah es aus wie ein Stück Zucker, das auf einem grauen Teller aus Meer und Himmel lag.
Am selben Tag sahen wir schlanke Fische, die von den Männern Delfine genannt wurden, eine sehr verspielte Art. Die Männer versammelten sich am Bug und schauten ihn zu, wie sie in die Höhe sprangen und ihre Faxen machten. Es versetzte mir einen kleinen Stich, dass Mr. Oates bei ihnen war und so breit lächelte, dass ich mich fragte, ob er Fische lieber mochte als Ponys.
Die Hunde kläfften pausenlos und veranstalteten bei dem prustenden Atem der Delfine ein ohrenbetäubendes Theater. Auch am folgenden Tag bellten sie wie verrückt, als Vögel und Eisschollen auftauchten. Es dauerte nicht lange, und wir waren von Eisbrocken umringt, über uns die Vögel, sodass die Hunde kaum noch zu halten waren. Der Fotograf, ein Mann namens Mr. Ponting, machte Bilder von allem, was sich bewegte, und von vielem, was sich nicht bewegte.
Dann wurde das Eis dicker, und schließlich kam das Schiff nicht mehr voran. Wir saßen in einem Feld aus weißen Brocken fest, die sich in alle Richtungen ausbreiteten, so weit das Auge reichte. Die Segel wurden eingeholt, die Dampfmaschine stand still. Wir trieben einfach nur im Meer und warteten darauf, dass sich eine Rinne öffnete.
Wir warten stundenlang. Wir warteten tagelang. Den Männern wurde langweilig; sie standen an der Reling und kletterten in die Wanten und benahmen sich genauso stumpfsinnig wie die Hunde. Sie deuteten auf alles, was sich bewegte, von den mächtigen Walen, die hin und wieder zwischen den Schollen auftauchten, bis zu den kleinsten Vögeln. Manchmal schrien sie einige dieser Dinge an, manchmal schossen sie darauf. Sie beschossen sich auch gegenseitig, das hohle Bellen ihrer Waffen klang flach, weil es kein Echo hatte. Aber meistens lachten sie, und am meisten lachten sie über die fetten kleinen Vögel, die sie Pinguine nannten, die jämmerlichste Sorte Vögel, die ich je gesehen hatte.
Auf flachen Füßen aufrecht stehend, kamen die Pinguine mit ihren kleinen runden Bäuchen und ihren kurzen Stummelflügeln in Scharen auf uns zu gewatschelt. Sie waren schwarz und weiß, wie kleine Herren in kleinen Anzügen, die von einer Seite zur anderen schaukelten. Manchmal fielen sie über ihre eigenen Füße. In der Ferne sah ich, dass immer mehr kamen, und alle watschelten sie in Reih und Glied, entweder nebeneinander oder hintereinander.
Hin und wieder teilte sich das Eis mit einem deutlichen Beben, und das Schiff fuhr ein Stück weiter, manchmal mit gesetzten Segeln, manchmal mit dem Motor. An einigen Tagen kamen wir nicht einmal eine Meile voran, und an anderen wurden wir von den Eisschollen rückwärts gedrückt. Hin und wieder erreichten wir offenes Wasser und segelten eine gute Strecke, doch schon bald kesselte uns das Eis wieder ein, und die Warterei ging von Neuem los.
Die Tage glichen einander wie ein Ei dem anderen, außer einem Tag, den die Männer Weihnachten nannten. An diesem Tag brachte mir Mr. Oates einen besonderen Keks, und danach bekam ich von Taff Evans einen Presskuchen. Ich konnte mein Glück kaum fassen – zwei Leckereien an einem Tag! Und das, obwohl ich nichts weiter getan hatte, als in meiner Box zu stehen. Aber damit war Weihnachten noch nicht zu Ende. Nach dem Abendessen kam Captain Scott, gefolgt von drei oder vier Männern, einer nach dem anderen. An diesem Tag bekam ich mehr Köstlichkeiten und mehr Streicheleinheiten als in meinem ganzen Leben zuvor.
Der Letzte, der zu mir kam, war ein Matrose namens Patrick Keohane, der eine lustige Art zu sprechen hatte, weil er von einem Ort namens Irland stammte. Er schenkte mir ein Stück Apfel, der erste seit sehr langer Zeit, und er blieb eine ganze Weile bei mir und tätschelte mich. «In Irland sind sie jetzt alle in der Kirche, weißt du», sagte er. «Ja, sie sitzen in der Kirche und sprechen vielleicht auch ein Gebet für mich. Den ganzen Tag schon musste ich an sie denken. Oh, wie sehr ich heute Morgen mein Zuhause vermisst habe!» Die Hände des Matrosen waren schwielig und rot. Er drückte mein Ohr in seiner Faust, fest und sanft zugleich. «Ich habe an die Schafe gedacht. An den Klee», sagte er. «Alles ist grün in Irland, das ganze Jahr über. Es würde dir da bestimmt gefallen.»
Ich nickte mit dem Kopf und schnaubte leise, während ich mich an ihn drückte. Er streichelte mir seitlich über die Nase.
«Du armer Kerl hast keine Ahnung, was uns bevorsteht.» Er kicherte leise. «Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich es selbst weiß. Aber ich kann es mir vorstellen und du nicht. Und ich frage mich: Wer von uns beiden ist eher zu beneiden? Ich glaube, ich würde mit Freuden den Platz mit dir tauschen.»
Vielleicht wäre er noch länger geblieben und hätte mit mir geredet, aber dann kam ein anderer Matrose, und Mr. Keohane war auf einmal verlegen, weil er sich mit einem Pony unterhalten hatte. Er versetzte mir einen freundschaftlichen Schubser und schlenderte dann davon.
«Frohe Weihnachten, James Pigg», sagte er.
Im Norden stand die Sonne nur noch sehr niedrig am Himmel. Das Eis schimmerte in unzähligen Farben, meistens in Blau- und Rottönen. Dann fingen die Männer unter Deck an zu singen. Ihre Lieder waren ernst und langsam, aber ich war glücklich in jener Nacht. Ich fühlte mich als ihr Kamerad.
Am letzten Tag des Jahres erblickte Captain Scott die Berge auf dem Land vor uns. Er stand an der Reling, den Kopf über eine Packkiste gereckt, und starrte sehnsüchtig nach Süden, wie ein Murmeltier, das aus seiner Erdhöhle lugt.
Als er die Berge sah, fing er an zu jubeln, woraufhin alle nach Süden schauten und jubelten. Ich spürte eine Erregung, die sich wie ein Lauffeuer auf dem Schiff ausbreitete. Selbst die Hunde wurden unruhig, auch sie fühlten, dass sich etwas verändert hatte, dass etwas bevorstand. Auf Captain Scotts Miene lag ein triumphaler Ausdruck, als ob sein ganzes Ziel darin bestanden hätte, bloß diese Berge zu sehen, und er jetzt umdrehen und nach Hause fahren könnte.
Aber stattdessen fuhren wir weiter. Das Eis knarrte am Rumpf entlang, während wir uns Stück für Stück immer weiter nach Süden schoben, auf diese Berge zu. Und zwei Stunden später endete ein Jahr und ein neues begann. Obwohl das für mich keine Rolle spielte.
Für die Männer war es nun 1911.
Am dritten Tag des neuen Jahres sahen wir auch das Land entlang des Meeres. An was für einen schrecklichen Ort waren wir gekommen – in eine Welt, die sich mit riesigen Mauern aus Felsen und Eis zu schützen schien! Es gab Berge, die aufragten wie die Reißzähne eines Hundes. Einer hatte einen abgeflachten Gipfel, aus dem eine Rauchwolke quoll, als ob in seinem Inneren ein mächtiges Feuer brannte. Zwischen den Bergen stürzten Gletscher ins Tal und kalbten mit einem beständigen Dröhnen und Donnern ins Meer. Die Klippe vor den Gletschern ragte höher auf als die Masten unseres Schiffes, und haushohe Eisblöcke brachen ab und stürzten ins Wasser. Dort, wo die Eisberge durch das Wasser mahlten, brodelte die See.
Bei dem Anblick beschlich mich eine ungute Vorahnung. Die Gesichter der Männer waren mit einem Mal grimmig und nachdenklich geworden. Aus schmalen Augen betrachteten sie Schnee, Eis und die Berge, vermieden es aber, sich gegenseitig anzusehen. Das Land war so kalt und kahl, dass ich unwillkürlich zitterte. Nirgends sah ich Bäume oder Blumen, weder Gras noch Klee, überhaupt keine Pflanzen.
Aber Captain Scott schien sehr zufrieden zu sein. Man merkte ihm an, dass er diesen Ort liebte. Er nannte die Berge bei ihren Namen, genauso wie die Buchten und Landzungen und den rauchenden Gipfel mit seinem weißen Dampf. Er lenkte das Schiff am Rand der Eisklippe vorbei, erst um eine Biegung, dann um eine nächste. Vor uns lag eine Insel, die aber ganz anders war als diejenige, von der wir kamen. Eis statt Wasser umgab sie von drei Seiten, und der Strand bestand aus einem schwarzen Sandstreifen, der nicht zum Rennen oder Toben einlud.
Captain Scott kannte jeden Zentimeter. Ein schneebedeckter Strand tauchte genau da auf, wo er ihn vorhergesagt hatte, und er brachte das Schiff längsseits eines Eisbandes, das vor der Küste trieb. Die Männer warfen den Anker aus und machten das Schiff auf dem Eis fest. Die Taue gefroren, sodass sie steif und gerade waren wie Eisenstangen.
Die Hunde gingen zuerst von Bord. Sie sprangen einfach über die Reling. Dann wurde die Ponykiste hervorgeholt, und diesmal freute ich mich sogar, sie zu sehen. Weary Willy wurde zuerst ausgeladen. Er machte einen Satz aus der Kiste, sobald die Tür geöffnet wurde, warf sich auf das schneebedeckte Eis und räkelte sich auf dem Rücken wie eine Katze, mit allen vier Beinen in der Luft. Ich war so voller Vorfreude, dass ich in der Kiste kaum stillhalten konnte. Und genau wie Weary Willy legte auch ich mich gleich hin und rollte mich ausgiebig hin und her. Ein paar der Männer lachten über mich. Aber das war mir egal. Es war ein herrliches Gefühl, sich strecken und kratzen zu können, die Läuse und losen Haare abzurubbeln. Und meine Beine freuten sich, denn zum ersten Mal seit vierzig Tagen mussten sie mich nicht tragen.
Weary Willy knabberte an meinem Schorf und an den Läusebissen. Ich tat das Gleiche für ihn und dann für Jehu und Nobby, als sie sich zu uns gesellten. Wir standen zufrieden beisammen und gaben uns der Fellpflege hin.
Unter den Männern gab es einen sehr netten Kerl mit einem sehr pompösen Namen. Mr. Apsley Cherry-Garrard. Für mich – und für alle anderen – war er bloß Cherry. Er war sechsundzwanzig, was einem Pony uralt vorkommt, für einen Menschen aber noch ziemlich jung ist. Er kümmerte sich um Weary Willy, und zwar mit einer großen Fürsorge. Cherry konnte nur dann sehen, wenn er zwei Glasscheiben auf der Nase sitzen hatte, als ob er seine Augen außerhalb seines Kopfes trüge. Er hatte die Aufgabe, die Tiere zu studieren, die in diesem winterlichen Land lebten, und er war womöglich der glücklichste Mann an Bord, denn er war umringt von lauter merkwürdigen Lebewesen.
Auf dem Eis lagen fette Robben, langgestreckt wie riesige Schnecken. Die schwarzen Raubmöwen hockten in großen Scharen dicht beieinander und machten einen bösartigen Eindruck. Und dann die Pinguine, Hunderte von ihnen, und alle fanden Cherry genauso interessant, wie er von ihnen fasziniert war.
Pinguine sind schrecklich neugierig. Sie kamen von überall her, um uns in Augenschein zu nehmen, watschelten über Schnee und Eis oder hüpften aus dem Meer wie Funken aus einem Feuer. Sie schossen geradewegs auf das Eis, plumpsten flach auf ihre Bäuche und richteten sich dann mit ihren kurzen Flügeln auf. Ich fand sie sehr lustig.
In Gruppen von fünf oder sechs Tieren standen sie da und starrten uns an. Ihre kleinen Köpfe ruckten und wackelten, und sie murmelten einander in leisen, zwitschernden Tönen zu, die ziemlich hübsch anzuhören waren. Als sie unserer überdrüssig wurden, wandten sie sich den Hunden zu. Sie wussten nicht, dass sie Hunde fürchten mussten. Die Hunde knurrten und bellten, aber die Pinguine gingen immer näher. Mr. Meares verscheuchte sie, sodass sie mit ihren komischen Wackelschritten davontapsten, aber sobald sich die Gelegenheit bot, kamen sie wieder. Eine Zeit lang beobachteten wir diesen lächerlichen Kampf, bei dem Mr. Meares sie vertrieb und die Pinguine immer wieder kamen. Es dauerte nicht lange, da ging einer von ihnen zu weit.
Es war Osman, der König der Hunde, der den Vogel zu sich heranlockte. Er hielt ganz still und ließ den Pinguin glauben, dass seine Leine schon straff war und er keinen Schritt mehr tun könnte. Dann wartete er auf seine Gelegenheit und schlug zu. Ein wölfisches Knurren, ein Aufblitzen von Zähnen, ein jämmerliches Aufquietschen des Pinguins. Dann lag der zerfetzte Körper in einem Fleck aus rotem Schnee, und die Federn waren über das Eis verstreut. Innerlich erschauerte ich, weil ich wusste, dass mir das Gleiche passieren konnte, wenn Mr. Meares jemals auf die Idee kommen würde, seine Hunde loszulassen.
Aber die Pinguine hatten ihre Lektion immer noch nicht gelernt. Man hätte glauben können, dass sie überhaupt keine Angst kannten, dabei lebten sie doch in ständiger Furcht vor den Killerwalen.
Die Killerwale waren die schlimmsten Tiere überhaupt – schwarzweiß, mit kleinen Schweinsäuglein und endlosen Zahnreihen. Ihre hohen Finnen durchschnitten das Wasser, manchmal kamen sie allein, manchmal in wolfsähnlichen Rudeln. Sie konnten so schnell schwimmen, wie ein Pferd galoppiert, dann wieder trieben sie reglos im Meer, die Köpfe hoch über der Wasseroberfläche. Das war ein unheimlicher Anblick, denn sie gaben nie auch nur einen Laut von sich, wenn sie so dahintrieben, sondern beobachteten einen nur mit ihren kleinen runden Augen. Nach einer Weile sanken sie ohne auch nur ein einziges Kräuseln des Wassers wieder nach unten.
Wenn die Wale nah ans Schiff kamen, konnte ich ihre Stimmen durch das Eis zittern hören. Es war ein schwaches Geräusch, voller Pfiffe und Knarzen, und beim ersten Ton stürzten sich alle Pinguine aus dem Wasser. Zwanzig, dreißig, vierzig auf einmal, schossen die kleinen Vögel wie Raketen auf das Eis. Und hinter ihnen in den Wirbeln und Strudeln des Wassers schwammen kleine Fetzen aus Pinguinfleisch.
Dann kam der Angriff der Raubmöwen von oben. Riesige Schwärme aus schwarzflügeligen Skuas stießen kreischend nieder, um sich an den Happen satt zu fressen. Ich konnte den Weg der Killerwale anhand der aufstiebenden und wieder nach unten flatternden Möwen verfolgen.
Dieses eisige Land im Süden war eine grausame Welt. Robben jagten Fische, und Wale jagten Robben, und alle jagten die armen Pinguine. Die kleinen Babys versuchten verzweifelt, inmitten der Erwachsenen zu bleiben, aber mindestens einmal in jeder Stunde kreischte eine Raubmöwe auf und schoss nach unten. Dann stand wieder ein Muttertier blökend allein auf dem Eis und schaute sich traurig um.
Ich war froh, dass niemand ein Pony fressen wollte, außer natürlich die schrecklichen Hunde.
Drei Tage lang taten wir Ponys gar nichts. Angebunden an einen behelfsmäßigen Zaun an einem verschneiten Hang oberhalb des Strandes schauten wir zu, wie die Männer das Schiff ausluden und die Sachen auf dem Eis aufstapelten.
Die riesigen Packkisten, die fast das ganze Deck eingenommen hatten, wurden von Bord gehievt. Darin befanden sich merkwürdige Schlitten mit Motoren auf den Rücken. Statt Kufen hatten sie breite Ketten, die immer rundherum liefen, während die Motoren dröhnten und klapperten. Sie hoppelten über das Eis und polterten über jeden kleinen Hügel, während immer ein paar Männer um sie herumwuselten und versuchten, sie aufrecht zu halten und auf einen geraden Weg zu bringen.
Ich freute mich, als einer der Schlitten durch das Eis brach und unterging. Aber Captain Scott war darüber so traurig, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam. Die anderen beiden Motorschlitten wurden eingesetzt, um Holz und Zeltleinwand zu transportieren. Weary Willy schaute den Maschinen gerne zu, wie sie seine Arbeit erledigten, und das Einzige, was ihm noch besser gefallen hätte, wäre gewesen, wenn sie auch noch ihn getragen hätten.
Dann wurden die Zuggeschirre für Ponys und Hunde herausgeholt und noch eines, das ich aber nicht kannte. Dieses Geschirr breiteten die Männer aus, befestigten die Stränge daran und legten sich dann selbst die Gurte an. Ich konnte es kaum glauben: Männer in Zuggeschirr, die mit aller Kraft zogen, die ächzten und stöhnten, während Ponys untätig daneben standen. Ich fragte mich, ob die Kälte und die Einsamkeit die Männer um den Verstand gebracht hatten. Sie schnallten sich sogar Bretter an die Füße – «Skier» nannten sie das. Damit glitten sie über das Eis und zogen Schlitten, auf denen sich Futtersäcke stapelten.
Es war seltsam, tatenlos zuzusehen, wie Menschen schufteten. In Russland hätte mir das sehr gefallen, es hätte mich über alle Maßen verblüfft. Aber jetzt fühlte ich mich nutzlos und hatte Angst, dass Captain Scott glaubte, Ponys könnten nicht arbeiten. Ich kam mir fehl am Platz vor; ich wollte meinen Teil beitragen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurden nun auch die Hunde angeschirrt. Sie schossen über das Eis und zogen kleine Schlitten, die so schnell waren wie der Blitz. Ein ganzes Hundegespann konnte nur dreihundert Pfund ziehen, ein Drittel von dem, was ich allein schaffte. Mr. Meares stand hinten auf dem Schlitten und lenkte die Hunde. Er schrie Befehle auf Russisch. «Ki!», rief er, und die Hunde wandten sich nach rechts, und wenn er «Tchui!» rief, bogen sie in einer Reihe nach links ab. Mit ihrem Heulen und Kläffen machten sie fast genauso viel Lärm wie die Motorschlitten.
Ich sah zu, wie eine Ladung nach der nächsten an Land gebracht wurde. Die Männer bauten eine Winterstation auf, angefangen mit einem großen Zelt und dann einer Hütte, die sie daneben errichteten. Ich hatte das Gefühl, dass ich nie zum Einsatz kommen würde.
Doch endlich hörte ich das Klirren von Ponygeschirr. In meinen Ohren war es ein lieblicher Klang, aber es stellte sich heraus, dass die Arbeit härter war, als ich gedacht hatte. Es gab so viele Vorräte! Wir hatten genügend Nahrung und Ausrüstung dabei, um uns alle – Männer, Ponys und Hunde – durch den Winter zu bringen. Ich merkte, dass es etwas anderes ist, einen Schlitten zu ziehen, als Eisenschienen oder schwere Baumstämme zu schleppen. Wenn ich langsamer ging, überholte mich der Schlitten manchmal. und die schwere Querstange schlug mir gegen die Beine. Aber wenn ich versuchte, schneller zu gehen, blieb er im weichen Schnee stecken, und ich wurde in den Riemen zurückgerissen. Trotzdem zog ich fast achthundert Pfund auf einmal, quer über das Eis zum Strand und den Hügel hinauf zu der Stelle, wo die Station entstand. Dann trottete ich zurück und holte eine neue Ladung.
Alle mussten mit anpacken, und wir gingen immer im Kreis, wie die Ketten an den Motorschlitten. Die lange Reihe von Ponys war ein schöner Anblick, wobei das Zugtier an der Spitze ständig wechselte. Onkel Bill, das größte Pony von allen, hatte tausend Pfund auf seinem Schlitten aufgeladen. Aber Michael, das kleinste, zog seinen Schlitten meistens am schnellsten.
Ich wurde oft überholt. Der Weg vom Schiff zur Hütte, über das Eis und den Hügel hinauf, kam mir endlos lang vor. Der Teil der Arbeit gefiel mir nicht besonders. Viel schöner fand ich es, wenn ich mit dem leeren Schlitten zurücklaufen und warten konnte, bis die Männer ihn neu beladen hatten. Ein netter kleiner Mann namens Birdie Bowers war für das Material und die Vorräte zuständig, und er zählte jeden Sack und jede Kiste wie eine Henne ihre Eier. Er sorgte dafür, dass mein Schlitten nie zu schwer beladen wurde. Dann nahm der Ire Patrick Keohane mein Halfter und ließ mich in meinem eigenen Tempo den Hügel hinaufgehen.
Der sture alte Weary Willy zog an mir vorbei, genau wie Nobby, der ungefähr so groß war wie ich, und auch der kleine Michael. Ich aber überholte Blossom und Blucher, die ziemlich alt waren. Und ich schoss geradezu an dem armen, uralten Jehu vorbei, der so langsam lief wie eine Schnecke. Die Reise hatte den ältesten Ponys arg zugesetzt, und er, Blossom und Blucher kämpften sich mit gesenkten Köpfen über das Eis, als ob sie durch einen Schneesturm marschierten. Jehus Ladung war kaum dreihundert Pfund schwer, und doch keuchte er bei jedem Schritt.
Als ich ihn das erste Mal überholte, ging ich langsamer. Unsere Hufe knirschten gemeinsam im Schnee, hinter uns kratzten die Kufen der Schlitten. Jehu drehte den Kopf gerade so weit, dass er mich erkannte, und in seinem Blick lag die pure Angst. Wir wussten beide, was mit Ponys passierte, die nicht mithalten konnten.
Dann sah ich, wer ihn führte: Es war Mr. Atkinson, einer der Doktoren, und er sah genauso sorgenvoll aus wie das Pony.
«Armer alter Kerl», sagte er. «Er ist jetzt schon völlig fertig. Er wird den Winter nicht überstehen, keine Chance.»
Mr. Keohane hielt mein Halfter fest. Seine Hand war immer an meinem Kopf. Durch seine pelzgefütterten Lederhandschuhe spürte ich seine Fingerknöchel an meiner Wange – ein Gefühl, das ich mochte. Kurz darauf hatten wir Jehu hinter uns gelassen.
Mr. Atkinson rief uns nach: «Er wird der Nächste sein, nicht wahr? Dein Pony, meine ich.»
«Oh nein, nicht James Pigg. Das glaube ich kaum», sagte Mr. Keohane. Er packte mein Halfter fester, und ich fühlte, wie sich seine Finger verkrampften. «Mach dir keine Sorgen, mein Junge», sagte er mit seiner weichen Stimme. «Mach dir bloß keine Sorgen.»
Ich kümmerte mich nicht um das, was Mr. Atkinson sagte. Aber während ich meine Last zog, fragte ich mich unwillkürlich, ob ich wirklich bloß ein Klepper war, kaum besser als Jehu. Natürlich konnte ich mich nicht mit Onkel Bill messen. Ich war auch nicht so stark wie Bones, Guts, Punch und Nobby und konnte nicht so gleichmäßig laufen wie Snatcher und auch nicht so flink wie Victor. Aber ich hasste die Vorstellung, ein Klepper zu sein.
Ich trat in den Schnee und schnaubte. Ich beschloss, dass ich noch härter arbeiten würde, so hart wie es mir möglich war. Ich würde Mr. Atkinson beweisen, dass er sich irrte.
Als ich eines Tages am Schiff stand und wartete, ging Mr. Keohane zu Mr. Oates, um ihm mit Christopher zu helfen. Ich stand ein paar Meter vom Rand der Eisplatte entfernt, in der Nähe der mächtigen Ankerkette, die das Schiff an seinem Platz hielt. Zwei der Hunde waren an der Kette angebunden und hatten sich zu großen Pelzknäulen zusammengerollt.
Hinter ihnen tauchten im Wasser die Finnen von Killerwalen auf. Ich hörte ihren prustenden Atem und sah die schmalen Gischtfontänen. Die Hunde wachten auf, gähnten und streckten sich und beäugten mich hungrig.
Die Finnen glitten schnell durch das Wasser, stiegen auf und sanken wieder nach unten. Dann verschwanden sie alle miteinander, und das Meer war leer.
Doch kurz darauf tauchten ihre Köpfe auf. Wie auf Kommando hoben sie sich aus dem Wasser, sieben Stück auf einmal, junge und alte Wale, und sie alle starrten mich mit diesem unheimlichen Blick an.
Vom Schiff aus rief Mr. Scott: «Ponting! Schauen Sie sich die Wale an!»
Mr. Ponting machte gerade Fotos von Pinguinen. Er griff sich seine große, hölzerne Kamera und kam über das Eis gerannt, mit Mantel, Fellstiefeln und einer Fellmütze, die auf seinem Kopf auf und ab wippte.
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