Read the book: «Lebensabenteuer»
Lebensabenteuer
Kriminell, sexy, spannend, aufregend und echt
von
Margot Horn
Impressum
Texte: Margot Horn
Textbearbeitung und Layout: Bruno Moebius
Cover: Karina Pfolz
Coverfoto: Karina Pfolz
Herausgeber: © 2021, ModernLinePublishing, Wien
ISBN: 9783985229505
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Verlage unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Ereignissen oder Namen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt, Autor und Verlag lehnen hierfür jegliche Haftung ab.
Mein Bruder
Kristin stand am Fenster im Wohnzimmer und schaute durch die Gardine auf die Straße. Arnold sollte längst hier sein, dachte sie. Plötzlich sah sie, wie zwei Männer aneinandergerieten. Sie befanden sich außerhalb des Lichtkegels der Straßenlampe. Kristin konnte nicht viel erkennen und schaute sich nach ihrem Handy um. Sollte sie versuchen, die Polizei oder einen Krankenwagen zu rufen? Sie drehte sich wieder zum Fenster um. Durch die Gardine sah sie, wie einer der Männer dem anderen das Knie gegen den Unterleib stieß und mit der Faust gegen den Brustkorb schlug. Der getroffene Mann krümmte sich und lief gebückt in die Dunkelheit. Der andere Mann schaute an der Hausfassade hoch. Kristin erschrak und trat vom Fenster zurück.
Sie ging ins Schlafzimmer nebenan. Dort brannte kein Licht. Sie trat dicht hinter die Gardine und schaute wieder neugierig auf die Straße. Der zweite Mann schlenderte langsam davon. Kristin wollte sich umdrehen und ins Wohnzimmer zurückgehen, als ihr Blick an einem Liebespaar hängen blieb. Zwei Häuser weiter links stand das Pärchen unter einer Laterne und küsste sich. Aber dabei blieb es nicht. Die Liebenden kümmerten sich nicht um den Lichtkegel oder ob Passanten in der Nähe waren, sie küssten einander hemmungslos. Im Lichtschein konnte Kristin alle Bewegungen gut erkennen und sie war total aufgewühlt. Zuerst die handgreifliche Auseinandersetzung der beiden Männer und nun diese Intimitäten. Der Mann griff in die Jacke der Frau, auch unter den Rock, was ihr offensichtlich gut gefiel. Was soll das werden, dachte Kristin. Es war niemand auf der Straße – trotzdem, es würde sich doch ein dunkler Hauseingang finden lassen.
Der Mann drückte die junge Frau gegen den Laternenmast und bewegte sich erregt. Kristin schüttelte den Kopf und sagte sich: ›Das ist nicht mein Milieu.‹ Sie ging ins Wohnzimmer zurück und griff zum Telefon. Sie wählte Arnolds Nummer, aber er war wohl nicht zu Hause. Nun braucht er auch nicht mehr zu kommen, dachte sie. Es war 22 Uhr und sie ging ins Bad.
Einige Tage später rief Arnold an. Er entschuldigte sich für die verpasste Verabredung und sagte, dass ein langweiliges Geschäftsessen dazwischengekommen sei. Er machte Kristin Komplimente und wollte am Freitag zum Abendessen kommen. Kristin willigte ein, sie hatte nichts Besseres vor. In Gedanken ging sie diese Beziehung von Beginn an durch und kam wieder zu dem Schluss, dass dieses Verhältnis keine Zukunft hatte. Arnold war sehr fürsorglich, aber sie wollte keinen Freund, sondern sehnte sich nach einer Beziehung. Arnold gefiel ihr nach einigen anderen Beziehungen ausnehmend gut, aber mehr war da nicht. Warum berührt er mich nicht? Warum küsst er mich nicht oder macht ganz einfach Sachen, die alle Männer machen.
Am anderen Morgen im Büro sahen zwei befreundete Kollegen einander hasserfüllt an. »Ich habe dich gewarnt«, sagte Arnold. Fred schaute auf das Telefon, welches klingelte, und nahm den Hörer ab.
Die beiden Männer arbeiteten seit einigen Jahren gemeinsam in diesem großen Außenhandelsunternehmen und hatten zusammen so manchen Abend in Bars verbracht. Doch nun stand eine Frau zwischen ihnen – Kristin. Fred hatte Arnold und Kristin zufällig in der Stadt gesehen. Als er sich vor einigen Wochen nach Arnolds Begleiterin erkundigte, reagierte Arnold unerwartet schroff und abweisend. Dieses Verhalten hatte Fred nicht erwartet. Die Neugier war angefacht und Fred versuchte, etwas über Kristin zu erfahren. Er ging Arnold eines Tages nach, als er wieder einmal einen Barbesuch ablehnte. So sah er, in welchem Haus Arnold verschwunden war. Am gestrigen Abend wartete Fred vor dem Haus, in dem Kristin wohnen sollte, bzw. er vermutete das. Aber er wusste den Nachnamen nicht und konnte deshalb nicht klingeln. So wartete er etwa eine halbe Stunde. Dann trat Arnold wütend vor Fred und machte ihm Vorwürfe. »Du kannst mit anderen Frauen deine Spielchen treiben. Deine hinterhältige Art mit diversen Hilfsmitteln wie KO-Tropfen hat mich schon betroffen gemacht, aber mit Kristin machst du das nicht«, zischte Arnold.
Fred war verunsichert und fragte: »Woher weißt du das? Ich habe es nur bei der arroganten Karin versucht. Hast du mit ihr gesprochen?«
»Ja, Karin hat sich mir anvertraut«, nickte Arnold.
»Deshalb hat sie keine Zeit für mich, du hast sie mir ausgespannt. Nun spielst du den Hofhund für Kristin«, schnaubte Fred wütend.
»Verschwinde und lass dich hier nicht wieder blicken!«, meinte Arnold scharf und trat einen Schritt auf Fred zu. Dieser ließ sich nicht einschüchtern und es kam zum beleidigenden Wortwechsel. Die folgende Auseinandersetzung hatte Kristin beobachtet, ohne Arnold zu erkennen.
Fred legte den Telefonhörer auf und schaute zu Arnold auf, der vor dem Schreibtisch stand. Ernst meinte Fred: »Kristin ist eine besondere Frau mit einer sehr sympathischen Ausstrahlung. Hast du ernsthafte Absichten? Ich glaube, ich habe mich auf den ersten Blick verliebt.«
Arnold war überrascht. Diese Aussage hatte er nicht erwartet.
»Halte dich zurück, ich warne dich«, sagte er ernst und ging zu seinem Schreibtisch.
Vor einigen Monaten hatte Arnold Post von einem Notar aus Norddeutschland erhalten. Seine Mutter war verstorben. Arnold schluckte, als er den Brief gelesen hatte. Er hatte seine Mutter vor etwa zehn Jahren zuletzt gesehen. Seit sie einen Beamten als Lebensgefährten in sein Elternhaus einziehen ließ, blieb Arnold weg. Er konnte den sturen Typen in seinem festgefahrenen Weltbild nicht verstehen. Seine liebe Mutter hatte ein großes Herz und kümmerte sich um eine junge Mutter, wo sie als ›Kindermädchen‹ aushalf. Einem Witwer in der Nachbarschaft backte sie hin und wieder einen Kuchen. Die Nachbarn in der kleinen Gemeinde schätzten und achteten seine Mutter. Arnold war der Meinung, dass sich das mit dem Einzug dieses Mannes geändert hätte. Er hatte den Brief mehrfach gelesen und konnte das Gelesene nicht fassen. Der Anwalt schrieb, dass er seine ältere Schwester suchen solle. Er solle sich zur Testamentseröffnung melden, wenn er seine Schwester gefunden habe. Das konnte nicht sein. Hier musste eine Verwechslung vorliegen. Arnold war mit seinen Eltern immer allein in dem riedgedeckten Haus mit dem großen Garten. Sein Vater war verheiratet, bevor er seine Mutter heiratete. Seine junge Frau war mit dem Baby durch einen Unfall ums Leben gekommen. Das Baby war ein Junge. Wie sollte er nun eine Schwester haben. Nie gab es einen Hinweis von seiner Mutter. Arnold wurde von dieser Nachricht kalt erwischt. Er trauerte um die liebe Mutter, wunderte sich aber über die Bitte, seine Schwester zu suchen.
In den folgenden Wochen litt Arnold sehr und machte sich Vorwürfe, dass er sich mit seiner Mutter nicht mehr aussprechen konnte. Er machte sich Vorwürfe, weil er jahrelang nicht nach der Mutter gesehen hatte. Wie war es ihr all die Jahre ergangen? Hätte sie sich über Post oder den Besuch ihres Sohnes gefreut? Da war ein neues Gefühl. Er sollte eine ältere Schwester haben und dies machte ihn neugierig. Ihr Name sei Kristin Pahlke. Sie hätte nach dem Abitur ein Studium begonnen. Die Mutter schrieb im beiliegenden Brief, der sechs Jahre zuvor geschrieben worden war, dass Kristin Schauspielerin werden wollte oder in diesem Umfeld einen Beruf ergriffen haben könnte. Kein Wort über den Vater von Kristin. Arnold grübelte. War die Kristin, die er am Stadttheater gefunden hatte, seine Schwester? Sie hatte mit ihrer umgänglichen und sympathischen Art sofort Arnolds Herz erobert. Aber er sah Karins Gesicht vor seinem geistigen Auge und war mit sich im Reinen: Er liebte Karin!
Arnold dachte an Freds Worte, dass Karin arrogant sei. Sie war angenehm zurückhaltend, aber wenn sie allein waren, wurde Karin zum Vulkan. Arnold war zufrieden. Nun musste er sich überlegen, wie er Kristin beibringen sollte, dass sie angeblich Geschwister waren. Arnold glaubte alles über Kristin zu wissen und war sich sicher, dass sie seine Schwester war. Allerdings hatte Arnold sich anfangs gewundert, dass sie nur von ihrem Vater gesprochen hatte. Kristin war der Meinung, dass sie bei ihrem Vater und ohne Mutter aufgewachsen sei.
Am Freitagabend hatte Karin geschmollt, als Arnold sagte, dass er noch etwas erledigen müsse. Er wollte spätestens um 22 Uhr wieder zu Hause sein.
Kurz vor 20 Uhr klingelte Fred bei Arnold. Er wollte seinen Kollegen auf ein Bier einladen. Es tat ihm leid, dass die Freundschaft einen Knacks erhalten hatte – und das durch Weibergeschichten. Karin öffnete die Korridortür und stutzte. Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand und kurz angebunden sagte sie: »Du? Was willst du?«
»Darf ich kurz reinkommen? Ich möchte mit Arnold sprechen.«
»Arnold ist nicht hier!« Damit schloss sie die Tür und ging verärgert in die Küche. Mit einem Glas Wein ging sie ins Wohnzimmer zurück. Was wäre passiert, wenn sich damals Arnold nicht eingemischt hätte. Diese und weitere Fragen stellte sich Karin und war Arnold sehr dankbar. Plötzlich freute sie sich auf Arnold und hoffte, dass er nicht zu spät nach Hause käme. Sie war aber auch neugierig, was Arnold wohl am Freitagabend zu erledigen hatte.
Arnold klingelte bei Kristin. Sie drückte auf den Summer und öffnete die Korridortür. Sie strahlte Arnold an und bat ihn in die Wohnung. »Ich habe eine Kleinigkeit zum Abendbrot zubereitet. Geh schon ins Wohnzimmer, ich komme gleich«, sagte Kristin.
Arnold überlegte, ob er das Essen ablehnen und gleich zum Thema kommen sollte. Er trat ins Wohnzimmer und nahm an dem gedeckten Tisch Platz. Er überlegte, wie er das Gespräch beginnen sollte. Kristin kam ins Wohnzimmer und stellte einen Holzteller mit Schnittchen auf den Tisch. Arnold gab sich einen Ruck.
»Antworte bitte ehrlich, ich habe den Eindruck, du bist etwas verliebt in mich?«
Kristin räumte noch einige Teller und Gläser auf den Tisch und schämte sich offensichtlich, als sie antwortete: »Bin ich so leicht zu durchschauen? Du bist mir tatsächlich sehr sympathisch, aber da ist noch mehr.« Sie schaute Arnold in die Augen und wartete auf seine Antwort. »Kristin, ich habe seit einigen Monaten eine Freundin und ich bin mit Karin sehr glücklich. Aber da ist noch mehr, wie du so treffend sagtest. Ich habe dich gesucht.«
Enttäuscht, aber auch neugierig, wartete Kristin auf Arnolds weitere Erklärung.
»Ich bekam vor einiger Zeit den Auftrag, dich zu suchen. Ein Anwalt erwartet uns zur Testamentseröffnung. Unsere Mutter ist gestorben.«
»Unsere Mutter? Was soll das bedeuten?« Kristin war nun vollends durcheinander. Sie unterstellte Arnold Lügen, um sich von ihr zu trennen. Warum hatte er von Freundschaft und Vertrauen gesprochen, wenn es doch eine andere gab? Giftig fragte sie Arnold: »Hattest du wegen Karin keine Zeit? Ich habe einige Male vergebens auf dich gewartet.«
Arnold sah ihr fest in die Augen: »Nein, ich habe recherchiert und war mir nicht sicher, ob du meine Schwester bist. Du hast auf meine Fragen nach deiner Mutter nicht geantwortet. Meine Mutter hatte ein Haus in Ostfriesland. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod; mein Vater starb vor zehn Jahren. Du bist in Hannover geboren, wie du sagtest, und deine Mutter hattest du nie kennengelernt. Wie soll ich da eine Brücke schlagen? Andererseits stimmen deine berufliche Laufbahn und Beschreibungen.« Arnold lehnte sich abwartend zurück. Es tat sehr weh, von Kristin so missverstanden zu werden. Diese Unterstellungen von ihr klangen wie eine Eifersuchtsszene. Milder gestimmt fragte sie zaghaft: »Kann ich den Brief lesen?«
Arnold griff in die Brusttasche und reichte ihr wortlos den Brief vom Anwalt. Den Brief seiner Mutter hatte er zu Hause vergessen. Kopfschüttelnd gab sie den Brief zurück und sagte: »Na, kleiner Bruder, was hast du nun geplant? Ich denke, wir sollten nach Friesland fahren und uns anhören, was man uns sagen will.« Arnold nickte und stand auf, um zu gehen. Kristin sah zu Arnold auf und sagte: »Ich kann doch meinen kleinen Bruder nicht mit leerem Magen gehen lassen. Komm, setz dich wieder.« Kristin schenkte Tee in die Gläser und begann zu essen. Ihre Blicke hingen an Arnolds Gesicht. Die Augen sind es nicht. Das Grübchen im Kinn hat ihr Vater nicht und auch Kristin nicht. Ebenso sind die Haare sehr unterschiedlich. Arnold hat kastanienbraunes, welliges Haar. Ihr Vater und sie haben feines, glattes Haar. Kristin kam mit ihren Gedanken nicht weiter. Sie müsste ihren Vater fragen, wie ihre Mutter ausgesehen hat. Arnold hatte schweigend aber mit Appetit gegessen.
»Nun kann ich also als kleiner Bruder meiner großen Schwester das Haus unserer Mutter zeigen«, sagte er.
Kristin lachte und fragte: »Wann soll es losgehen? Sind zwei Tage genug? Ich muss Urlaub einreichen.«
»Rufe mich morgen an. Ich vereinbare einen Termin mit dem Anwalt und sage dir Bescheid.« Wenig später verabschiedete er sich von seiner Schwester.
Als er noch vor 22:00 Uhr nach Hause kam, freute sich Karin und schmiegte sich an Arnold. Im Wohnzimmer standen Weingläser bereit und die Rotweinflasche war geöffnet. Arnold schenkte Wein ein und ging mit den Gläsern zu Karin, die es sich mittlerweile auf der Couch bequem gemacht hatte.
»Demnächst muss ich dir meine große Schwester vorstellen.«
»Wie bitte? Du hast nie von einer Schwester gesprochen.«
Nun erzählte Arnold die ganze Geschichte. Karin war erleichtert, weil sie spürte, dass die Sache, die Arnold zu schaffen gemacht hatte, kein anderes Verhältnis war, sondern seine Schwester.
Am anderen Morgen klingelte auf Arnolds Schreibtisch das Telefon. Arnold war in einer Besprechung, deshalb nahm Fred den Hörer ab und meldete sich. Eine Frauenstimme sagte: »Hier ist Kristin Pahlke. Ich möchte Arnold sprechen.«
Fred antwortete: »Arnold ist in einer Besprechung, Frau Pahlke. Soll ich etwas ausrichten?«
Kristin sagte ihm, dass sie sich später nochmals melden wollte, und legte auf. Bei Fred schlug es ein wie eine Bombe. Nun kannte er ihren Namen. Sie hat auch eine sehr angenehme Stimme, dachte er. Schade, es sind noch einige Stunden bis zum Feierabend. Er wusste, was er nach Dienstschluss machen musste.
Kristin packte ihre Einkäufe aus. Sie war gerade nach Hause gekommen, als es klingelte. Sie ging neugierig zur Tür, denn mit Arnold war sie erst für morgen Abend verabredet. »Ja, bitte?«
Fred hatte zwei Stufen mit einem Mal genommen und war außer Atem. »Ich bin Arnolds Kollege Fred, wir haben am Vormittag zusammen telefoniert.«
»Ach, Sie sind das. Ist etwas mit Arnold?«, fragte sie besorgt. Sie erkannte die sympathische Stimme wieder, von der sie am Vormittag beeindruckt gewesen war. Der Mann war ein anderer Typ als Arnold, aber der Funke sprang sofort über. Kristin war neugierig und bat den Fremden herein. Sie fragte: »Sollen Sie mir etwas von Arnold ausrichten? Wird es morgen nichts mit unserer Reise nach Friesland?«
Wütend brach es aus Fred heraus: »Dieser Mistkerl, er spannte mir meine Freundin vor einiger Zeit aus, sie wohnt schon bei ihm. Nun will er mit Ihnen in Urlaub fahren. Ich will Sie vor Arnold warnen, er nimmt es mit den Frauen wohl nicht so ernst …« Kristin unterbrach seinen Redeschwall und wollte ihr Verhältnis zu Arnold aufklären, aber dazu kam es nicht. Fred sprach weiter: »Sie sind eine tolle Frau und ich habe Sie schon einige Male mit Arnold gesehen, wenn eigentlich unser Barabend stattfinden sollte. So einen Mann haben Sie nicht verdient. Außerdem kann ich nur noch an Sie denken, seit ich Sie das erste Mal gesehen habe. Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber wir sind in einem Alter, wo man nicht mehr Süßholz raspelt. Ich wollte Ihnen eine Enttäuschung ersparen, falls Sie den Mistkerl lieben.« Er deutete eine Verbeugung an und ging einen Schritt in Richtung Tür. Kristin hatte plötzlich gute Laune und freute sich über die Begegnung. Der Mann gefiel ihr. Lächelnd sah sie Fred an und sagte: »Bitte kommen Sie ins Wohnzimmer und nehmen Sie Platz, ich komme gleich.« In der Küche räumte sie nur das Wichtigste in den Kühlschrank, der Rest konnte warten. Mit zwei Flaschen Bier und zwei Gläsern ging sie ins Wohnzimmer und setzte sich in einen Sessel.
Fred schenkte ihr ein und fragte vorsichtig: »Sie sind mir nicht böse?« Noch immer lächelnd meinte Kristin: »Ich trinke gern ein Bier mit Ihnen.« Schmunzelnd fragte sie Fred über seinen Freund und Kollegen aus. So erfuhr sie von einem Außenstehenden einiges über Arnold. Da Fred die Hintergründe nicht kannte, sagte er ehrlich seine Meinung über Arnold, der nicht immer gut dabei wegkam. Nach einiger Zeit lachte Kristin Fred offen an und sagte: »Nun haben wir uns ausreichend über meinen Bruder unterhalten. Sprechen wir doch lieber über uns.« Als sie Freds entsetztes Gesicht sah und seine Unsicherheit spürte, tat er ihr leid. Es wurde noch ein harmonischer Abend für die beiden – eben Liebe auf den ersten Blick.
Arnold fuhr mit seiner Schwester wie abgesprochen nach Friesland zum Rechtsanwalt. Er hoffte, dass er den Schlüssel für das Haus seiner verstorbenen Eltern besaß, damit die Geschwister dort übernachten konnten. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, Hotelzimmer zu buchen. Aber hier irrte er sich. Der Rechtsanwalt sagte den beiden, dass der Lebensgefährte dort wohne und auf sie warte. Zerknirscht und schweigsam fuhren sie zum Elternhaus von Arnold. Es war schon nach 21 Uhr, als Arnold klingelte. Im Korridor ging das Licht an. Wie es Arnold befürchtet hatte, so kam es: Der Beamte, wie er den Lebensgefährten seiner Mutter nannte, öffnete die Tür. Plötzlich schrie Kristin: »Papa, Papa, was machst du denn hier?« Sie umarmte den alten Mann herzlich und er freute sich ebenso herzlich und hielt seine Tochter bei den Händen. Er hatte feuchte Augen und konnte nicht sofort sprechen. »Kommt herein ihr beiden. Ich habe viel zu erzählen.«
So erfuhren Arnold und Kristin die Geschichte der Mutter und Kristins Vater, wovon die Geschwister bisher keine Ahnung hatten.
»Arnolds Mutter war noch keine achtzehn Jahre alt, als ich ihr in Hannover begegnete. Es war Liebe auf den ersten Blick. Nach einigen Monaten wurde eure Mutter schwanger. Es war nicht einfach für ein siebzehnjähriges Mädchen in den 1960er Jahren. Die Eltern wohnten auf einem kleinen Dorf in Friesland und die Leute würden reden. Arnolds Mutter vertraute sich ihrer Mutter in einem Brief an. Diese verlangte, dass sie bis zur Entbindung in Hannover in der Ausbildung bleiben und das Baby sofort zur Adoption freigeben solle. Eure Mutter war sehr froh, dass ihr eine Abtreibung erspart blieb. So adoptierte ich Kristin als Vater und wohnte weiterhin in Hannover mit ihr. Aber die Verbindung zwischen eurer Mutter und mir riss nie ab. Ich schaffte es, ihr in Abständen über den Fortschritt ihrer intelligenten Tochter zu berichten. Auch dann noch, als ein Witwer im Dorf um eure Mutter geworben hat. Drei Jahre später bekam Kristin ihren Bruder Arnold und niemand kannte das Geheimnis.«
Otto Pahlke atmete schwer. Er litt unter dem Verlust seiner Jugendliebe. Er beendete die Erzählung, indem er den Kindern versicherte, dass Arnolds Mutter ihrem Mann bis zu seinem Tod treu gewesen war. Er selbst hatte nie geheiratet. Kristin war sein Lebensinhalt gewesen. Er hatte Tränen in den Augen, als er meinte: »Wenigstens zehn gemeinsame Jahre waren mir mit eurer lieben Mutter noch vergönnt.« Arnold hielt es nicht mehr im Sessel. Er betrachtete ein Bild seiner Mutter, das auf einer Konsole stand. Auch ihm standen die Tränen in den Augen. Dann sagte er: »Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich öfter nach Hause gekommen. Verzeih mir, Otto, und danke, dass du dich ein Leben lang um Mutter gekümmert hast.«
Kristin saß bei ihrem Vater auf der breiten Sessellehne und legte ihren Kopf auf seinen Brustkorb. Aber es fehlte jemand – die Mutter. Das spürten alle schmerzlich.
Am anderen Tag fand in der Kreisstadt die Testamentseröffnung bei einem Notar statt. Kristins und Arnolds Mutter wollte, dass Otto Pahlke das Haus nutzen sollte, solange er das mochte oder konnte. Danach sollte es beiden Kindern je zur Hälfte gehören.
Kristin und Arnold blieben zum Wochenende im Elternhaus und fuhren am Sonntag nach Hannover zurück. Da erzählte Kristin von Freds Besuch und dass sie sich auf ihn freute. Arnold schüttelte den Kopf und meinte: »Unglaublich, nun hat er es doch geschafft.«
Aufmerksam schaute Kristin zu Arnold: »Was heißt das?«
Arnold lächelte sie an: »Er ist seit Monaten in dich verliebt. Er ist kein schlechter Kerl. Ich wünsche dir alles Gute mit ihm.«
Glücklich strahlte Kristin ihren kleinen Bruder an.
Die Unbekannte
Ingrid Buchmann schlendert durch die Einkaufsstraße des kleinen Ortes. Sie hat sich eine leichte, helle Hose gekauft und möchte in einem Café in der Nähe Kaffee trinken und Kuchen essen. Sie sieht freudig und in guter Laune in die Schaufenster und geht zügig in Richtung Café. Kurz vor ihrem Ziel führt eine kleine Brücke, die in eine Gasse mündet, über einen Wasserlauf. Am Geländer lehnt eine Frau, der es offenbar nicht gut geht. Ingrid hat Zeit und geht, ohne zu zögern, auf sie zu, spricht sie an und fragt, ob sie helfen könne. Die Unbekannte schaut kurz hoch und es scheint, als erschrecke sie, als sie Ingrids Gesicht sieht. Sie klammert sich ans Brückengeländer und schüttelt den Kopf. Es sei nur ein Krampf in den Beinen; wenn sie sich etwas ausgeruht habe, ginge es wieder. Freundlich verabschiedet sich Ingrid von der jungen Frau und geht weiter zum Café.
Dort angekommen, nimmt sie an einem der kleinen Tische am Fenster Platz und bestellt bei der Kellnerin ihre Lieblingstorte. Die Torte auf ihrem Teller ist fast aufgegessen, als sie die junge Frau auf der Straße vorbeigehen sieht. Die junge Frau läuft beschwingt an der Seite eines etwa gleichaltrigen Mannes. Verwundert denkt Ingrid, die hat sich aber schnell erholt, und schaut auf ihren Kuchenrest. Kurze Zeit später hat sie aufgegessen und bezahlt die Rechnung.
Nun geht sie in entgegengesetzter Richtung nach Hause. Die kleine Wohnung im Dachgeschoss hat sie gemütlich eingerichtet. Solange sie hier eingesetzt ist in diesem kleinen ›Nest‹, wie sie insgeheim denkt, muss die hübsche Wohnung für vieles entschädigen. Sie hatte in Hannover eine lockere Beziehung und nahm diesen Job in der Provinz gern an, um Abstand zu gewinnen.
Als Ingrid in Erfahrung brachte, dass ihr Freund Harald Köhler verheiratet ist, hat sie sich sofort getrennt. Die Logistikaußenstelle soll einer Inventur unterzogen und der Ablauf der Warenzusammenstellungen optimiert werden – der passende Vorwand für ihre Flucht.
Am nächsten Tag geht Ingrid den kurzen Fußweg bis zur Niederlassung langsam und beobachtet die Umgebung. Die Natur ist hier in der ländlichen Umgebung einfach näher dran oder sie der Natur, überlegt sie schmunzelnd. Es gibt weniger Autos und fast keine LKW – nur die vom eigenen Unternehmen. Morgens wird sie vom Vogelgezwitscher aufgeweckt.
Ingrid geht ohnehin gern zu Fuß, wenn es sich einrichten lässt. So ist der Weg zur Arbeit entspannend und ein Spaziergang für sie. Wenn sie zurückdenkt, kommt ihr der Lärm in Hannover fast unerträglich vor. Plötzlich sieht sie eine Handtasche am Gebüsch liegen. Sie geht zwei Schritte und hebt sie auf. Als sie den Reißverschluss öffnen will, um nach einer Adresse zu schauen, springt ein Mann seitlich aus dem Gebüsch. Er entreißt ihr die Handtasche und rennt weg. Sie schaut sich erschrocken um, aber kein Mensch weit und breit, der helfen könnte. Es kann auch ein Nachteil sein, so allein in der schönen Natur und am Rand des Ortes, denkt Ingrid. Sie überlegt, ob sie das eben Erlebte anzeigen sollte. Ist es ein Dieb, der die Handtasche nicht gut versteckt hatte? Wurde er gestört und konnte er sich nur hinter dem Busch in Sicherheit bringen oder vielmehr verbergen? Wem hat er die Handtasche gestohlen?
Nochmals schaut sich Ingrid um, es ist aber niemand in der Nähe. Sie biegt links in eine Zufahrtsstraße ein und erreicht die Niederlassung. Das eben Erlebte geht ihr nicht aus dem Sinn. Ingrid hat in der kurzen Zeit, die sie hier eingesetzt ist, einige Kollegen kennengelernt. Sie legt Wert auf ein gutes Klima am Arbeitsplatz und verhält sich höflich und verbindlich. Mittags geht Ingrid mit zwei weiteren Kollegen in die kleine Kantine und kauft sich ein belegtes Baguette, während die Männer eine warme Mahlzeit aus der Mikrowelle nehmen.
Plötzlich stutzt Ingrid und erkundigt sich bei ihren Tischnachbarn nach einer jungen Frau. Genau die, die mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Brücke, sitzt dort am Ecktisch und unterhält sich lachend mit einem Mann. Sie ist eine Kollegin, denkt Ingrid. Sie sagt zu ihren Kollegen, dass sie gestern die junge Frau auf der Brücke gesehen hat und dass es ihr nicht gut ging. Rainer, der rechts von ihr sitzt, wundert sich. Er meint: »Julia ist nicht krank und ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihr gestern schlecht ging. Sie ist eine Frohnatur, anders als ihre Schwester.«
Der linke Nachbar weiß, dass die Schwester zurzeit zu Besuch hier ist. Sie gehen an ihre Arbeitsplätze zurück und die Gedanken an die junge Frau sind vergessen.
Einige Tage, nachdem Ingrid ihre Kollegin beim Mittagessen wiedergesehen hat, sieht sie Julia beim Einkauf in dem kleinen Ort. Als Julia ihre Ware vor der Kasse aufs Band liegt, fällt ihr eine Weinflasche um und Ingrid greift rasch zu, um zu helfen. Die beiden Frauen lächeln einander an. Anderen Tags wird im Betrieb getuschelt und wenn Ingrid in die Nähe kommt, verstummen die Kolleginnen. Ingrid fühlt sich nicht wohl, sie spürt die Spannung. Die Kollegen als unmittelbare Mitarbeiter wissen angeblich nicht, was die Frauen reden. Nach zwei Tagen sieht Ingrid bei einem Abendspaziergang Julia wieder. Heute Abend sieht sie leidend aus. Ingrid schaut Julia an und fragt sich: Hat sie rote Augen vom Weinen?
Sie fasst sich ein Herz und spricht ihre Kollegin an. »Guten Abend Julia, wollen wir ein Stück zusammen gehen?« Die Frau antwortet: »Sparen Sie sich Ihr Mitleid, Frau Buchmann. Ich bin Julias Schwester Karin.«
»Entschuldigung, Sie sehen Julia sehr ähnlich.«
Karin erwidert: »Wir sind Zwillinge und ich bin hier zu Besuch.«
Ingrid fragt: »Dann waren Sie die Frau auf der Brücke, nicht Julia?«
»Ja, so ist es.«
Wieder grübelt Ingrid: »Woher kennen Sie meinen Namen und warum sprechen sie von Mitleid? Ich kenne sie doch gar nicht.«
»Dafür weiß ich genau, wer mir den Mann in Hannover weggenommen hat. Ich bin schwanger, aber mein Mann weiß das nicht. Es geht mir nicht gut und ich will mich bei meiner Schwester erholen, bevor ich nach Hannover zurückgehe.«
Fassungslos sieht Ingrid Frau Köhler an. Schmerzlich wird ihr die Trennung bewusst.
Harald betonte vor wenigen Wochen, dass er schon ewig von seiner Frau getrennt und diese Beziehung vorbei sei. Ingrid ist froh, dass sie Schluss gemacht hat und nicht auf seine Beteuerungen hereingefallen ist. Wenn Frau Köhler schwanger ist, dann kann die Zerrüttung seiner Ehe nicht ewig her sein. Sie sagt beschwörend: »Aber, Frau Köhler! Ich hatte keine Ahnung, habe aber Schluss gemacht, als ich von Haralds Ehe gehört habe. Zuerst hat er es abgestritten, aber ich war misstrauisch. Zu oft hatte er keine Zeit und die Ausreden mit Skatabend usw. konnte ich nicht glauben.«
Frau Köhler schaut Ingrid offen in die Augen und fragt: »Sie haben meinem Mann nicht die Ehe versprochen?«
»Aber nein!«, widerspricht Ingrid.
»Er ist bei mir ausgezogen«, sagt Karin geknickt.
Ingrid fragt: »Wann ist er ausgezogen?«
»Vor etwa vier Wochen«, antwortet Frau Köhler.
Ingrid überlegt, dann sagt sie: »Ich bin seit drei Wochen hier und habe vor fünf Wochen Schluss gemacht. Harald hat nie bei mir gewohnt.«
Bitter sagt Karin: »Dann muss es eine dritte Frau geben.«
Schweigend gehen die beiden Frauen miteinander weiter. Frau Köhler schaut Ingrid schüchtern an: »Dann habe ich Ihnen wohl Unrecht getan.«
Ingrid lächelt und sagt: »Entschuldigung angenommen, Sie wussten es nicht besser, aber woher kennen Sie mich?«
Karin Köhler holt tief Luft und schaut Ingrid erleichtert an: »Harald hat ein Bild bei Ihrer Telefonnummer hinterlegt. Als er einmal duschte, habe ich sein Handy ausspioniert, weil ich merkte, dass etwas nicht stimmt mit ihm.«
Ingrid ist vor dem Wohnhaus, in dem sich ihre kleine Dachgeschosswohnung befindet, stehen geblieben. »Darf ich Sie auf eine Tasse Tee einladen? Hier wohne ich.«
Frau Köhler antwortet, schon wesentlich erleichtert über das Gespräch: »Diese Einladung nehme ich gern an. Ich hatte einen ganz falschen Eindruck von Ihnen.«
Ingrid lächelt und schließt die Haustür auf. Die beiden Frauen unterhalten sich noch lange an diesem Abend und schmieden einen Plan gegen den treulosen Harald.
Am nächsten Tag kommt mittags Karin Köhlers Schwester Julia auf Ingrid zu und sagt: »Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Meine Schwester hat mir alles erzählt. Sie haben meinem Schwager den Laufpass gegeben, als sie von seiner Ehe gehört haben. Hut ab, so würde nicht jede Frau reagieren.« Julia lächelt und geht an ihren Tisch zurück.
Die beiden Kollegen heben die Daumen und fragen wie aus einem Mund: »Dann bist du frei?«
»Jungs, macht euch keine Hoffnungen«, sagt Ingrid verschmitzt.
Heute Abend will sie mit Harald telefonieren und den mit Karin beschlossenen Plan in die Tat umsetzen. Es klingelt fünfmal, bevor Harald das Gespräch annimmt. Im Hintergrund ist es laut, eine Frau schimpft mit einem Kind, so kommt es Ingrid vor. Dann sagt sie lächelnd und mit zärtlicher Stimme zu Harald: »Wie geht es dir, ich vermisse dich.«
Harald sagte leise: »Wie schön, dass du anrufst, ich muss immer an dich denken. Moment – ich gehe vor die Tür, hier ist es so laut.«
Ingrid fragt weiterhin mit Schmelz in der Stimme: »Wo bist du denn?«
»Bei einem Freund«, lautet die Antwort von Harald.
Ingrid lächelt insgeheim und versucht, Harald weiter bei Laune zu halten, denn ihr ist klar, dass dies wieder eine Lüge ist. So sagt sie zu ihm: »In zwei Wochen ist mein Einsatz hier zu Ende. Sag, können wir uns in Hannover wieder sehen?«
Harald ist so erfreut, dass er Ingrid seinen Liebling nennt und Komplimente macht wie nie zuvor.
Zwei Wochen später sind Ingrid Buchmann und Karin Köhler in Hannover zurück und besprechen nun die weitere Vorgehensweise gemäß dem gefassten Plan.
Ingrid telefoniert mit Harald an diesem Abend. Sie wird morgen mit ihm in einer Gaststätte in der Innenstadt zu Abend essen. Mit gemischten Gefühlen geht Ingrid zur Verabredung. Im Lokal sitzt Harald an einem Tisch in der Ecke. Von dort kann er den Eingang sowie das Lokal überblicken. Typisch, denkt Ingrid, er will nichts verpassen. Harald rückt ihr artig den Stuhl zurecht und sie nimmt Platz. Er zeigt ehrliche Freude und macht Ingrid Komplimente. Sie sagt einige Floskeln später: »Erzähle mir bitte von deiner Frau.«
Harald ist verwirrt und stottert Ausreden. »Ja, was soll ich erzählen. Wir sind seit einigen Monaten getrennt.« Offensichtlich wollte er bei seiner Version bleiben, die er Ingrid erzählt hatte.
Ingrid entgegnet: »Warum lügst du mich an? Ich will die ganze Geschichte hören, aber wahrheitsgemäß!«
Harald lächelt sie an und sagt ihr Nettigkeiten. Ingrids versteinerte Miene lässt ihn spüren, dass es ihr sehr ernst ist, und er beginnt schüchtern zu erzählen:
»Karin ist eine liebenswerte Frau und absolut zuverlässig. Wir haben uns immer ein Kind gewünscht, es klappte bis heute nicht. Vor Kurzem lernte ich eine attraktive Frau kennen, die einen kleinen Jungen hat. Es tut gut, als kleine Familie Ausflüge zu unternehmen. Mit dem aufgeweckten Jungen war jedes Treffen ein Abenteuer.«
Ingrid fragt: »Wohnst du bei ihr?«
»Ja, sie wollte Schluss machen, wenn ich mich nicht zu ihr und dem Jungen bekenne. Dann wurde sie schwanger und ich hatte keine Wahl und blieb bei ihr. Aber gut geht es mir nicht. Ständig kommen neue Forderungen von ihr und sie erpresst mich emotional. Ich weiß mir keinen Rat. Ich habe mich so sehr über deinen Anruf gefreut, du kannst dir das nicht vorstellen. Mit deiner Hilfe komme ich wieder auf die Beine.« Hilfe suchend schaut er Ingrid in die Augen.
Aber Ingrid verfolgt ihren Plan und fragt: »Warum sollte ich dir helfen? Du hast deine Frau verlassen wegen eines attraktiven Verhältnisses. Du hast mich tief enttäuscht, wobei wir nur eine schöne Affäre hatten. Ich wusste weder von deiner Frau noch von deinem Verhältnis. Was soll ich von dir halten? Offensichtlich bist du kein zuverlässiger Mann und für eine dauerhafte Beziehung nicht geeignet.«
Harald sagte leise, mehr zu sich selbst: »Ich hätte Karin nicht verlassen dürfen und meine Affären hat sie nicht verdient. Ich liebe sie noch immer. Ingrid, ich bin am Ende.«
Ingrid lächelt und sagt zu Harald: »Ich denke, jetzt kann ich dir helfen. Lass uns morgen Abend das Gespräch fortsetzen. Wollen wir uns wieder hier in diesem schönen Restaurant treffen?« Harald weiß nicht, was die beiden Frauen geplant haben. Er macht einen wesentlich erleichterteren Eindruck, lächelt und streichelt Ingrid die Hand beim Abschied. »Ich freue mich auf morgen.«
Am nächsten Abend gehen Ingrid und Karin in die Gaststätte, wo Harald schon auf Ingrid wartet. Harald ist total überfordert, als er die Frauen sieht. Er steht auf und rückt die Stühle für die beiden zurecht. Sprechen kann Harald nicht. Er schaut seine Frau Karin immer wieder an und es entsteht eine verlegene Pause am Tisch.
Ingrid ergreift die Initiative und strahlt Harald an: »Da staunst du! Ich bringe dir deine liebe Frau und du hast nun eine letzte Chance!«
Harald stammelt: »Wieso kennt ihr euch? Ich verstehe gar nichts.« Nach anfänglichen, stockenden Fragen und unsicheren Antworten entwickelt sich der Abend sehr unterhaltsam. Harald will wissen, warum Karin nie auf seine Anrufe geantwortet hat. Also versuchte Harald tatsächlich, Kontakt zu seiner Frau aufzunehmen, stellt Ingrid erfreut fest. Karin erzählt nun, dass ihr beim Besuch bei ihrer Schwester die Handtasche gestohlen wurde. Sie hat nun ein neues Handy und will später Harald ihre Nummer geben.
Sehr ernst und nachdenklich sagt Ingrid: »Da habe ich deine gestohlene Tasche wohl in der Hand gehabt?!«
Karin schaut Ingrid erschrocken an: »Wieso, was hast du mit dem Diebstahl zu tun?«
Da erzählt Ingrid, was ihr vor Wochen an dem Morgen auf dem Weg zur Arbeit passiert ist. Harald sagt überlegend: »Jetzt weiß ich auch, woher die andere Frau weiß, wo Karin wohnt. Sicherlich ist der kriminelle Bruder für seine Schwester unterwegs gewesen und Karin wurde ausspioniert.«
»Die Ermittlungen der Polizei kommen nicht voran«, sagt Karin.
Harald gibt ihr die Adresse der anderen Frau und fordert sie auf, der Polizei einen Hinweis zu geben. Der Bruder sei jeden Abend zum Essen bei seiner Schwester.
Harald und Karin treffen einander nun regelmäßig. Schließlich ist Harald wieder in die gemeinsame Wohnung eingezogen und Karin fühlt sich sehr wohl. Sie spürt, dass es Harald ernst meint. Karin ist im vierten Monat schwanger und das Unwohlsein hat sie überstanden. Ihr Mann war überglücklich, als Karin von der Schwangerschaft erzählte. Er freut sich sehr auf ein eigenes Kind, hat er sich doch über Jahre von Karin ein Kind gewünscht. Aber bisher klappte es nicht. Deshalb ist Harald der anderen Frau mit ihrem kleinen Jungen gern auf den Leim gegangen. Aber er merkte nach wenigen Wochen schon, dass er als Versorger und Aushängeschild geangelt wurde. Anfangs war es für Harald ein sehr schönes Gefühl, von einer attraktiven Frau und einem witzigen kleinen Jungen geliebt zu werden. Aber was er für Liebe gehalten hatte, flachte ganz schnell ab und der Alltag war mies mit Erpressung und Lügen sowie immer neuen Geldforderungen der Frau.
In dieser Zeit der Schwankungen dachte er immer öfter an seine Frau Karin. In ihr sah er den Leuchtturm in der Brandung. Durch einen Zufall lernte er in dieser kritischen Zeit Ingrid kennen und sah eine zuverlässige Freundin in ihr.
Karin erhält einen Anruf von der Polizei und wird auf die Polizeiwache bestellt. Dort erfährt sie, dass in der Wohnung der anderen Frau zahlreiches Diebesgut gefunden wurde. Offensichtlich war es die Masche der Frau, mit ihrem Bruder ständig nach Männern Ausschau zu halten, um sich aushalten zu lassen.
Ingrid und Karin sind zuverlässige Freundinnen geworden. Karin hat ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht und die Patentante Ingrid geht gern mit der Kleinen spazieren. Harald meint: »Nun habe ich zwei Umwege gemacht und wieder zu dir gefunden. Beide Erlebnisse haben mich tief erschüttert und ich bin dir so dankbar, liebe Karin, dass du mir vergeben konntest.« Karin sagt darauf: »Na, ein Umweg war sehr nützlich. In Ingrid habe ich eine treue Freundin gefunden.«
Die Trennung
Inge Brückmann saß in ihrem Wohnzimmer und sah von der Zeitschrift hoch. Sie las sehr gern, aber heute war sie aus dem täglichen Einerlei der letzten Monate irgendwie abgelenkt.
Sie wohnte unweit vom Marienplatz in München. Hier brandete das Leben Tag und Nacht mit einer deutlichen Geräuschkulisse bis hoch zu ihren Fenstern.
Sah sie hinaus, erregte sie das pulsierende Treiben auf dem Radlersteg. Die vielen Geschäfte nahm sie wie Miniaturen eines Modells wahr. Würde sie nicht gerade in Scheidung leben – das Leben könnte so schön sein. Die Alpen, für die sie sich immer aufs Neue begeistern konnte, waren ganz in der Nähe und für ihre Wochenenden ein beliebtes Ausflugsziel. Ja, ihre Ehe, nur ein fader Nachgeschmack war geblieben und böse Erinnerungen. Bevor sie ihren Mann vor acht Jahren geheiratet hatte, rief sein derber Sex ein besonders intensives Gefühl in ihr wach. Seine Zärtlichkeit überwog anfangs gegenüber seinen sadistischen Neigungen. Als sie sich der Unerträglichkeit ihrer Situation bewusst wurde, war sie schon einige Jahre verheiratet. Sie waren einmal im Urlaub an der Nordsee und fuhren anschließend zu einer Familienfeier nach Frankfurt. Plötzlich erinnerte sie sich deutlich an den Zwillingsbruder von Jan. Frank hatte sie vor dem Sarkasmus ihres Mannes in Schutz genommen, auf diesem Familienfest vor fünf Jahren. Als Frank merkte, dass ihr das Wasser in den Augen stand, lenkte er sie geschickt ab und tanzte mit ihr. Im Nachhinein war ihr bewusst, dass dieser Abend etwas Besonderes hatte. Inge hatte sich in dieser Nacht wohlgefühlt. Sie verglich zum ersten Mal die Brüder miteinander. Bald nach ihrer Hochzeit war Frank nach Amerika gegangen. Sie lebte mit ihrem Mann Jan in Frankfurt. Der Kontakt zur Familie war sehr locker. Heute dachte sie darüber auch anders. Während ihr Mann abfällig über seine Familie sprach und es völlig ausreichend fand, wenn man einander zu bestimmten Terminen begegnen musste, wusste sie heute, dass Jan als Zyniker nicht gern im Kreis seiner Angehörigen gesehen war.
Ein Kind blieb ihr versagt, so konnte sie nach einer brutalen Liebesnacht Hals über Kopf ihre Sachen packen und sich hier in München diese kleine Wohnung nehmen. Sie fand schnell eine gute Anstellung in einem Bürohaus am Candidplatz und kam finanziell gut zurecht in dieser teuren Stadt.
Frank hatte aus den USA einige Male in Frankfurt angerufen. Sie freute sich immer sehr darüber. Seine warme Stimme versetzte eine unbekannte Seite in ihr in Schwingung. Wie geduldig er zuhörte, auch das hatte sie an Jan vermisst.
›Mein Gott‹, dachte sie, ›es gibt einen Menschen, der mir nicht gleichgültig ist. Dieser eine Mann wohnt zufällig in Amerika; irgendwo.‹ Sie kam sich sehr hilflos und verlassen vor. Frank kannte ihre Münchner Adresse nicht. Aber wenn Sie anrufen würde, müsste sie einiges erklären, davor schämte sie sich. Außerdem hätte sie das vor Wochen tun sollen, der Zeitpunkt war überschritten. So stand sie träumend am Fenster und der Mann, von dem sie träumte, hatte keine Ahnung. Sie drückte auf die Fernbedienung. Auf dem Bildschirm erschien ein alter Spielfilm, den sie kannte. Missmutig drückte sie andere Sender, aber sie blieb bei dem Spielfilm. Es wurde eine Szene gezeigt, in der sich ein verliebtes Paar in die Augen sah und Walzer tanzte. Wieder war die letzte Feier in Frankfurt in Inges Gedächtnis.
Frank war nie wieder in Europa gewesen, so viel wusste sie. Es war also die letzte Nacht, in der sie Frank gesehen und sich gut mit ihm unterhalten hatte.
Plötzlich erinnerte sie sich auch an seine Lachfältchen und ein spitzbübisches Lächeln.
Die Gedanken an ihren Mann versuchte sie zu verdrängen. Sein wütendes Gesicht, wenn nicht alles nach seinem Willen lief. Dann die schmalen Lippen, die nur geöffnet wurden, um Gemeinheiten auszustoßen. Sie war müde geworden über den vielen Gedanken und tröstete sich auf dem Weg ins Badezimmer mit einer vielleicht besseren Zukunft. Vielleicht träumte sie einmal von Frank.
Am anderen Tag richtete ihr eine Kollegin aus, dass Herr Brückmann angerufen habe und sich nach der Mittagspause nochmals melden würde. Eine Gänsehaut beschlich Inge, dann machte sich panische Angst breit. Woher wusste ihr Mann, wo sie zu erreichen war? Die Anwältin hatte doch gesagt, dass sie nichts von ihrem Mann gehört hätte. Die Gedanken wirbelten nur so durcheinander. Sie wusste nicht, was sie tun sollte.
Die nächste Stunde verlief sehr langsam und quälend. Dann wurde ihr ein Anruf durchgestellt. Bei der eisigen Stimme am anderen Ende schien ihr das Blut in den Adern zu erstarren. Ihr Mann wollte sich mit ihr versöhnen und ein Treffen vereinbaren. Als sie das ablehnte, drohte ihr Mann, in die Firma zukommen. Bloß das nicht, dachte sie. Die wenigen Mitarbeiter pflegten einen guten Umgangston, aber private Dinge gehörten hier nicht her.
Sie willigte ein, sich am Viktualienmarkt zu einem Imbiss mit ihm zu treffen. Zitternd nahm sie ihre Handtasche, als endlich Feierabend war, und ging mit sehr zwiespältigen Gefühlen zu ihrem Treff.
Ihr Mann stand auf, als er sie in der Tür sah. Langsam ging sie auf das Tischchen zu, ihre Nerven drohten zu versagen. Ihr Mann machte einen gepflegten Eindruck und war wohl im Sonnenstudio gewesen. Überhaupt war sie angenehm überrascht. Sie hatte erwartet, dass er sie mit bissigem Spott grüßen würde. Jan gab ihr die Hand und sie glaubte einen Freudenschimmer in seinem Gesicht zu erkennen. Ganz vernünftig und gefasst erklärte er ihr, dass er sich bessern wolle und sie doch wieder nach Frankfurt zurückkehren solle. Aber das wollte sie auf keinen Fall. Am Wochenende wollte er sie besuchen, aber sie gab ihm auch ihre Adresse nicht. Zuletzt ließ sie sich zu einem Ausflug in die Berge überreden und verabredete sich an einem neutralen Ort. Hin- und hergerissen verbrachte sie die Zeit bis zum Sonnabend. Sie legte sich eine Strategie nach der anderen zurecht, wie sie ihn nicht erzürnen, sich aber doch aus seinen Fängen befreien könnte. Alle Pläne verwarf sie und trat traurig den Weg zu ihrer Verabredung an. Vielleicht hätte sie sich Frank damals anvertrauen sollen? Er hätte ihr bestimmt beigestanden oder einen guten Rat gegeben. Hatte sie sich zu viel vorgenommen? Den Gedanken, ihre Anwältin anzurufen, hatte sie auch wieder fallen lassen. Plötzlich war ihr klar, dass niemand wusste, was sie vorhatte und mit wem sie unterwegs sein würde. Was war, wenn er wieder brutal wurde? Bei diesem Gedanken kamen Erinnerungen an den letzten Seeurlaub auf.
Unvorsichtigerweise hatte sie sich einen Sonnenbrand zugezogen. Jede Berührung ihres Körpers tat weh, sogar die feine Seide des Nachthemdes konnte sie auf der Haut nicht ertragen und zog es wieder aus. Da konnte sich ihr Mann nicht beherrschen und legte sich verlangend auf sie. Je mehr sie vor Schmerzen stöhnte, umso mehr genoss er es und berührte sie an den geröteten Stellen immer wieder. In dieser Nacht war wohl das letzte Stückchen Liebe zerbrochen, falls noch etwas vorhanden war.
Sie schreckte zusammen, als Jan ihr aus dem Wagen heraus einen guten Tag wünschte. In Gedanken versunken hatte sie ihn nicht bemerkt. ›Noch ist es Zeit umzukehren‹, dachte sie. Aber andererseits musste Klarheit geschaffen werden. Und wenn sie sich gütlich mit ihrem Mann einigen konnte, war das sicher von Vorteil. An eine Möglichkeit der Versöhnung dachte sie nicht. Sie stieg also ein. Stockend wurden verschiedene Themen angesprochen, keiner schien den richtigen Faden zu finden. Jan erzählte sehr viel von Frank, dass sie viel telefoniert hätten, wohin er in Urlaub fahre, dass er einen neuen Job angenommen habe und vieles mehr. Inge hörte neugierig zu und freute sich über das unverfängliche Thema. Als Jan und Inge an einem Berggasthof vorbeikamen, lenkte er das Auto auf den Parkplatz und betonte, dass es Zeit für einen Kaffee sei.
Entschieden schüttelte sie den Kopf und hoffte inbrünstig, dass er nun keinen Wutanfall bekäme. Sie war sehr erstaunt, als sie sein betroffenes Gesicht sah, hatte ihm die Trennung zugesetzt? Hatte er sich bereits zum Positiven geändert? Sie fiel von einem Extrem in das nächste und wusste gar nicht mehr, wie es weitergehen sollte.
Ein wenig unsicher nahm sie seinen Vorschlag, eine kleine Pause zu machen, nun doch an. Immerhin war sie hungrig.
Während der Heimfahrt schwiegen beide vorwiegend. Eine kleine Weile legte Jan seine Hand auf ihre, wobei sie erschauerte. Es war aber eher angenehm und sie hatte nicht das Gefühl, diese Hand abschütteln zu müssen. Sie verlangte, hinter dem Viktualienmarkt auszusteigen. Beim Abschied hauchte Jan ihr einen Kuss auf die Wange. Sie war angenehm überrascht von seiner erträglichen Art. Das hatte sie wirklich nicht erwartet.
Auf dem Weg in ihre Wohnung war sie noch mehr durcheinander und kein bisschen schlauer. Wie lange konnte er sich beherrschen und nett sein? Fragen über Fragen, so schlief sie ein und wachte am Sonntag mit Kopfschmerzen sehr spät auf. Die kommende Woche verging wie gewohnt und wäre nicht der bohrende Zweifel in Verbindung mit ihrem Mann gewesen, könnte man die letzten Tage als normal bezeichnen. Inge freute sich aufs Wochenende und wollte gerade das Büro verlassen, als das Telefon sie aus ihren Gedanken riss. Das würde doch wohl nicht Jan sein, der da anrief, also hob sie den Hörer ab. Blass ließ sie sich auf den Stuhl fallen. Es war doch Jan und er wollte sich wieder mit ihr treffen. Er schlug ein anderes Ziel an der Romantischen Straße vor. Es sollte ein Tagesausflug werden. Sie brachte einige Einwände vor, die Jan aber entkräftete. Bügeln könne sie auch abends noch, es solle schönes Wetter geben und die frische Luft täte ihr bestimmt gut. Inge stimmte Jans Vorschlag zu und verstand die Welt nicht mehr. Eigenartig, er hatte gefragt, ob es einen anderen Mann gebe. Vielleicht hätte sie »ja« sagen sollen? Aber Lügen – nein!
Anderen Tags fuhren sie wie verabredet los. An einem See machten sie Rast. Jan hatte eine Decke aus dem Auto geholt und legte sie doppelt ins Gras, so konnten sie bequem sitzen. Er sah sie immer wieder an, als könnte er sich nicht sattsehen und als müsste er die vergangenen Monate nachholen. Dann zog er sie sanft an sich und fragte, ob sie es sich doch nicht noch einmal überlegen wolle. Ängstlich sah sie sich um, sie waren allein. Hektisch überlegte sie, wie sie sich verhalten sollte, ohne ihn zu reizen.
Es war bisher so harmonisch zwischen ihnen gewesen. Nun dieser Zündstoff. Sachte griff Jan nach ihrer Hand und fragte, ob ihr kalt sei. Sie schüttelte nur den Kopf. Mit dem Finger hob Jan ihr Kinn etwas an, sah ihr in die Augen und seine Lippen näherten sich ihrem Mund. Unwillkürlich wich sie etwas zurück. Er bemerkte das Misstrauen, hielt inne und bat Inge um einen Kuss. Erstaunt riss Inge die Augen auf und begriff das Gehörte nicht recht. Er bat sie um einen Kuss? Er musste sehr gelitten haben, wenn er fähig war, sich derart zu ändern. Wie zur Salzsäule erstarrt, war sie nicht fähig, ihn zu berühren. Jan legte seine Hand in ihr Genick und zog sie sachte an sich, als er sie küsste.
Dieser zärtliche Kuss wirkte plötzlich. Sein Rasierwasser roch dezent, die Wärme seiner Hand in ihrem Genick durchströmte sie warm. Wie lange hatte sie auf Zärtlichkeiten verzichtet.
Wie viele Jahre war es her, als sie das letzte Mal solch angenehme Gefühle durchströmt hatten? Leicht öffnete sie ihre Lippen, der Druck in ihrem Genick wurde fester. Wie eine Verdurstende trank sie diesen immer inniger werdenden Kuss und vergaß alle Vorbehalte. Wie lieb Jan sein konnte. Wie sollte sie die richtigen Worte finden und ihm erklären, dass sie Angst hatte vor einem Rückfall in alte Zeiten, die sie noch nicht überwunden hatte?
Im Kopf wirbelten die Gedanken, während die Sinne etwas ganz anderes aufnahmen. Liebte sie ihren Mann noch immer? Inge ärgerte sich über die quälenden Gedanken, die es nicht zuließen, dass sie sich einfach ihren Gefühlen hingab. Sie lag auf seinem Arm, schaute in den blauen Septemberhimmel und wünschte sich, dass die Zeit stehen bleiben möge. Jan streichelte ihr mit einem Finger die Wange und hauchte Küsse auf ihre Augen. Als er am Ohr angekommen war, stöhnte sie auf und schlang ihre Arme um seinen Hals. Nun gab sie sich der Leidenschaft hin und alles um sie versank als das Unwichtigste der Welt. Jan freute sich und flüsterte ihr liebe Worte zu, die sie von ihm nicht kannte. Endlich war ihr Misstrauen gebrochen. Endlich war sie aufgetaut und wieder Frau. Als er sagte: »Endlich, Kleines, darauf warte ich schon zu lange«, konnte sie sich nur wundern. Auf der Heimfahrt fragte Jan nach Inges Adresse. Sie lächelte und sagte, wenn er wieder anriefe, würde sie ihm verraten, wo ihr Bett stünde. Inge Brückmann, wo ist dein Charakter geblieben?
Sie fragte sich immer wieder, wie es möglich war, dass sie allen guten Vorsätzen untreu werden konnte. Rasch verging eine arbeitsreiche Woche und Inge freute sich wieder aufs Wochenende, ohne jegliche Einschränkung freute sie sich sehnsüchtig. Als es Sonnabend Mittag an ihrer Wohnungstür schellte, schoss eine heiße Welle durch ihren Körper.
Freudig öffnete sie. Noch an der Tür nahm ihr Mann sie in die Arme und küsste sie zärtlich. Sie hatte Schnitzel und Schwarzwurzeln zu Mittag zubereitet, seine Lieblingsspeise. »Mein Gott, wie viele Jahre habe ich schon keine Schwarzwurzeln gegessen?«, sagte er. Sie sah ihn groß an und meinte, dass sie sein Lieblingsessen im Frühjahr schon einige Male zubereitet hätte. Er lächelte nur verlegen. Als sie es sich am Abend nach einem ausgedehnten Spaziergang bei einer Flasche Wein bequem machten, sagte Jan, dass er heute alle Zukunftsfragen klären wolle.
Neugierig sah sie ihn an. Das war ihr sehr recht, sie wollte die neu gefundene Geborgenheit nicht wieder aufgeben. Sie konnte sich nicht entsinnen, sich jemals so wohlgefühlt zu haben wie gegenwärtig.
Aber bevor er redete, zog er Inge in seine Arme und küsste sie immer wieder, als hätte er Angst vor dem klärenden Gespräch. Flüsternd sagte sie zu ihm, dass er bleiben solle und sie sich morgen unterhalten könnten. Innig drückte er Inge an sich. Er hielt sie lange Zeit schweigend in den Armen. Langsam begann sie, die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Er stöhnte leise, als sie seine behaarte Brust streichelte und dabei seine Brustwarzen berührte. Er konnte sein Glück nicht fassen und hatte Angst, aus einem schönen Traum zu erwachen. Mutig geworden, streichelten seine Finger ihren Hals und glitten immer weiter. Lustvoll drängte sich Inge an ihn. Sie hatten begonnen, sich gegenseitig auszuziehen, als Inge plötzlich aufschrie. Mit einem Ruck saß sie aufrecht am äußersten Rand der Couch und verlangte eine Erklärung für den Leberfleck. Da erzählte ihr Frank die Ereignisse der letzten vier Monate. Inges Mann Jan hatte, nachdem sie nach München gegangen war, tüchtig dem Schnaps zugesprochen. Eines Tages hatte er Frank angerufen und seinen Besuch in Amerika angekündigt. Sein Jähzorn kannte keine Grenzen und Frank konnte nicht begreifen, wie sehr sich sein Bruder verändert hatte. Bekam er nichts zu trinken, wurde er bösartig, hatte er getrunken, war es nicht besser mit ihm. Frank streckte die Hand nach Inge aus und bat sie, ihn nicht so vorwurfsvoll anzusehen. Ganz behutsam zog er sie wieder an sich und legte den Arm um sie, als er weiter sprach. Als Inge hörte, dass ihr Mann betrunken Helikopter fliegen wollte und dabei abstürzte, nahm sie es auf wie eine anonyme Zeitungsmeldung. Sie hatte keine Träne. Stumm saß sie da und versuchte, das Gehörte zu begreifen. Sachte zwickte sie Frank ins Ohr und fragte, ob er es sei oder nur ein schöner Traum.
Behutsam fragte Frank, ob sie ihm seine Annäherung übel nähme. Unvoreingenommen wollte er ihre Liebe wecken und nicht als Ersatz für den verstorbenen Mann herhalten. Dass er dabei anfangs das Ekel spielen musste, hatte ihm wehgetan. Nun wusste sie, warum er nie geheiratet hatte. Bald nach ihrer Hochzeit mit seinem Bruder war Frank nach Amerika gegangen.
Er liebte sie vom ersten Augenblick an und konnte es nicht ertragen, sie neben seinem alles verachtenden, gehässigen Bruder zu sehen. Sie beugte sich über ihn und biss sachte zu. Glücklich stöhnte er auf. Endlich hatte das Leben einen Sinn bekommen – an der Seite der geliebten Frau.
Der Fremde
Ilona ging gern durch den kleinen Kurort spazieren. Am Abend erwachten ihre Wünsche und Sehnsüchte viel stärker, als dies am Tag der Fall war. Während sie tagsüber vorwiegend die Auslagen der Geschäfte betrachtete und sich von der gewaltigen Bergwelt rund um den Ort faszinieren ließ, blieb sie am Abend gern vor Juweliergeschäften stehen und der Wunsch nach dem einen oder anderen Schmuckstück machte sich in ihrem Kopf breit.
Am Tag warf sie stolz ihren Kopf in den Nacken, wenn ein Mann sie musterte, und schritt rasch weiter. So war abends die Welt aber ganz anders und von einer gewissen Sehnsucht geprägt. Vor dem Eingang eines Hotels stieß sie beinahe mit einem Mann zusammen. Die Entschuldigung blieb ihr fast im Hals stecken, so überrascht war sie, ohne genau zu wissen, warum sie gestutzt hatte. Woher kannte sie das Gesicht? Die Ähnlichkeit mit ihrem Schwager war verblüffend, aber er wäre doch stehengeblieben und hätte sich mit ihr unterhalten. Wieso sollte er sich in den bayerischen Alpen aufhalten, ohne es im gestrigen Telefongespräch zu erwähnen? Sie konnte diese Ähnlichkeit und die Begegnung nicht einordnen. Zu Hause angekommen, stellte sie fest, dass ihr Mann noch nicht zurückgekehrt war und sie dachte weiter über den Fremden nach. Als sie sich einige Tage später zum abendlichen Spaziergang angezogen hatte, fragte ihr Mann, ob er sie ein Stück mit dem Auto mitnehmen solle. Er wollte noch in die Videothek, das wusste sie. Sie lehnte dankend ab. Sie war sich darüber im Klaren, dass das Hotel, wo sie den Fremden gesehen hatte, in einer anderen Richtung lag. Der Fremde nahm breiten Raum in ihren Gedanken ein. Sie wünschte sich sehnsüchtig, ihm noch einmal zu begegnen. Wieder ging sie durch die Geschäftsstraßen und genoss den Lichterglanz. Der Blick durch das Fenster der Weinstube zeigte ihr vergnügte Leute und ein Pärchen flirtete. Plötzlich überkam sie Sehnsucht. Sie wünschte sich an die Stelle der jungen Frau. Der Mann berührte mit seinen Lippen ihr Ohr und streichelte ihre Hand. So zärtlich möchte Ilona auch verwöhnt werden. Vielleicht traf sie den Fremden doch noch? Ob er als Gast oder geschäftlich hier war? Alle Sinne drehten sich um diesen Mann, von dem sie nichts wusste. Er war nicht viel größer als sie, hatte sie mit vertrauten, aber auch erschrockenen Augen angesehen. Sein dunkles, volles Haar war sauber gescheitelt und geföhnt. Ilona Assmann hatte mittelblondes, etwas schütteres Haar. Träumend schlenderte sie ihrem Haus entgegen.
Eines Tages glaubte sie am Eingang eines Cafés den Fremden zu sehen. So sehr sie sich bemühte, es vergingen einige Tage, bis es zu einer überraschenden Begegnung kam. Ihr Mann wollte beim Nachbarn etwas richten. Sie zog ihren Mantel an, nahm vorsichtshalber den Schirm mit, denn der goldene Oktober war vorüber und es regnete zeitweise.
Die Suche nach dem Fremden hatte sie aufgegeben, trotzdem dachte sie immer noch an ihn. Von undefinierbarer Sehnsucht erfüllt, träumte sie von dem sympathischen Unbekannten und malte sich unterschiedliche Versionen über eine Liebesbeziehung aus.
In Gedanken war sie also bereit, ihren Mann zu betrügen. Sie schämte sich für ihre Wünsche und verdrängte die Gedanken, die ihr Kribbeln im Unterleib hervorgerufen hatten. So ging sie raschen Schrittes nach Hause.
Das Wetter war unfreundlich und die Leute hasteten vorbei. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen und versuchte, die vor ihr laufenden Menschen zu unterscheiden. ›War das nicht das dichte, dunkle Haar des Fremden?‹, fragte sie sich. Der Trenchcoat war kein Unterscheidungsmerkmal, den trugen viele. Ihre Augen wanderten über die Köpfe der Leute, wobei der Blick bei den Männern einen Moment verweilte. Da, der Mann im Tabakladen, er könnte es sein. War es ein Wunsch von ihr oder Realität? Sie dachte, nun sähe sie schon Gespenster. Der Mann steckte das Wechselgeld ein und Ilona stellte sich dicht hinter die Ladentür. Ob sie diesen Mann in ein Gespräch verwickeln könnte? Der provozierte Zusammenstoß war geschickt arrangiert. Der Mann umfasste sie mit einem Arm, damit sie nicht stolperte, mit der anderen Hand hielt er die Tür auf und schob sie aus dem Laden. Ein »Hallo, schöne Frau, nicht zu stürmisch«, löste im Bruchteil einer Sekunde Panik bei Ilona aus. Sie bekam weiche Knie und befürchtete, ohnmächtig zu werden. Der Mann hielt sie fest, zog sie sanft zu sich und küsste sie. In einer Atempause stammelte sie etwas wie: »Erkläre bitte …« Weiter kam sie nicht. Der Mann hielt sie fest an sich gedrückt, die Arme um sie gelegt, als müsse er gleichzeitig festhalten und beschützen. Inmitten der Passanten standen die beiden und küssten sich zärtlich. »Komm nach Hause«, sagte ihr Ehemann leise an ihrem Ohr und ein wohliger Schauer durchlief Ilona. Auf dem kurzen Weg nach Hause erzählte er seiner Frau, deren viele, sich überstürzende Fragen er nicht schnell genug beantworten konnte, nur das Wichtigste. »Weißt du, wenn man eine gut aussehende, intelligente Frau hat, die öfter gern allein ausgeht, dann macht man sich Gedanken.« »Ja, aber«, fiel sie ihm ins Wort, »du hattest in den letzten Monaten so wenig Zeit, dann deine Geschäftsessen und eine neue Sekretärin hast du auch.« Er blieb stehen, zog sie an sich und küsste sie sachte auf die erschrockenen Augen. »Mein Liebling, so hat einer vom anderen falsch gedacht. Ich habe für die Perücke einiges investiert, um auf dich aufzupassen, wenn du abends so allein warst in dem Gewühl von Konkurrenten. Ich habe die anerkennenden Blicke der Männer gesehen und wahre Höllenqualen ausgestanden.«
Sie lächelte glücklich und schmiegte sich noch fester in seine Arme. Sie freute sich auf die kommenden Stunden. Ilona war sicher, dass die Zärtlichkeiten mit ihrem Mann schöner werden würden als die neidvoll erspähten Beobachtungen anderer Liebender. Glücklich strahlte sie ihn an und sagte: »Das Geld für die Perücke war keine Fehlinvestition.«
Meine Freundin Madeleine
Madeleine lag auf dem Sofa im Wohnzimmer und grübelte über die letzten Wochen nach. Der rechte Unterschenkel war eingegipst und ihr gesundheitlicher Zustand katastrophal.
Was war passiert? Madeleine zweifelte an sich selber. Warum war sie vor zwei Wochen so durcheinander gewesen? Sie wusste, dass sie sich nicht auf ihren Lebensgefährten verlassen konnte. Er war ein Schürzenjäger, konnte gut delegieren, aber keine Verantwortung übernehmen. Er hatte seit zwei Wochen mit ihrer besten Freundin ein Verhältnis – und das ging zu weit.
Madeleines Aktionsradius beschränkte sich auf die Wohnung. Die Verbindung nach außen bestand nur durch das Telefon. Eine Nachbarin brachte die wichtigsten Einkäufe mit. So humpelte Madeleine durch die Wohnung und versorgte sich selbst. Das Bein schmerzte nicht mehr, nur das Krabbeln unter dem Gips nervte.
Es war toll, wie sie reagiert hatte. Endlich bekam ihr Lebensgefährte die längst verdiente Abfuhr, wenn auch mit Handgreiflichkeiten und gebrochenem Wadenbein. Warum war sie so neugierig? War es nicht egal, mit wem sich ihr Lebensgefährte traf, wo er sie doch mehrfach belogen und betrogen hatte? Aber dieses herzhafte Lachen kannte sie. Sie stellte ihr Bein in die Tür, um Eintritt zu erhalten. Es war tatsächlich ihre Freundin Christel, die überrascht und mit großen Augen auf Madeleine schaute. Madeleines Lebensgefährte wollte die Tür zuschlagen, aber ihr Bein verhinderte das.
Christel und Madeleine waren seit der Schulzeit befreundet und hatten einige schöne Urlaube zusammen verbracht. Aber das hier war das Letzte. Christel und Madeleine hatten vor zwei Jahren eine Wohnung in der Großstadt angemietet und wohnten als WG zusammen. Der Weg zur Arbeit konnte zu Fuß erledigt werden und dies sparte Zeit und Geld. So hatte Christel den Bruder von Madeleine kennengelernt und die beiden hatten sich angefreundet. Also betrog Christel nicht nur sie, sondern auch ihren Bruder Axel mit ihrem Freund. Sie überlegte, ob er etwas wusste oder ahnte. Sollte sie ihn informieren? Sie fühlte sich elend und konnte keinen Entschluss fassen.
Andrea hatte ein Werbefoto gesehen und war sehr erschrocken. Sie überlegte, wann diese Aufnahme von ihr gemacht worden war. Auf jeden Fall war die Veröffentlichung ohne ihre Einwilligung geschehen. Sie stand wie angewachsen vor dem Schaufenster und starrte auf das Bild. Langsam kamen ihr Zweifel an der Identität. Sie schaute auf den Leberfleck an der Oberlippe. Solch einen Leberfleck hatte auch ihre Mutter. War das ein sehr altes Foto und zeigte das Gesicht ihrer Mutter? Nein, die Reklame war aktuell. Nun verstand sie die Welt nicht mehr. Hatte der Fotograf eine Fotomontage vorgenommen? Aber ihre Bekannten kannten die Mutter nicht und wussten nichts von dem Leberfleck. Wenn sie nächste Woche nach dem Semester nach Hause fuhr, würde sie mit ihrer Mutter sprechen. Rasch machte sie unauffällig ein Foto mit dem Handy. Sie war gespannt, wie sich dieses Mysterium erklären ließ.
Als sie in der nächsten Woche nach Hause kam, hatte ihre Mutter am selben Morgen einen Herzinfarkt erlitten. Die Nachbarin hatte die Hilferufe der halbseitig gelähmten Mutter gehört und Hilfe gerufen. Andrea war unendlich traurig, weil ihre liebe Mutter diesen Infarkt hatte erleiden müssen. Als die Nachbarin Andrea unterrichtet hatte, machte sie sich zu Fuß auf den Weg ins Krankenhaus. Verzweifelt und mit tränennassem Gesicht ging sie rasch den kurzen Weg. Passanten starten sie an, Andrea bemerkte es nicht. Im Krankenhaus sagte man ihr, dass die Mutter ruhiggestellt worden war und jetzt schlafe. Morgen würde der Arzt Auskunft geben können. Auf der Intensivstation saß Andrea am Bett und sah ihre Mutter an. Sie konnte nicht helfen und die Tränen nahmen kein Ende. Eine Schwester schaute nach den Geräten. Als sie Andreas Verzweiflung bemerkte, bot sie ein Beruhigungsmittel an. Aber Andrea schüttelte nur den Kopf und putzte sich die Nase. Später ging sie den kurzen Weg nach Hause und durchdachte die Vorkommnisse. Da sie nicht mit der Mutter sprechen konnte, fesselten sie die Gedanken an das Bild im Schaufenster. Zu Hause sah sie sich das Bild in ihrem Handy an, aber das brachte sie auch nicht voran. Dann kam der Gedanke an eine Tante oder eine ihr unbekannte Verwandte ihrer Mutter in den Sinn. Sie hatte das Abendbrot vergessen und sich in die Fotoalben der Familie vertieft. Die Personen auf den Fotos kannte sie alle. Kein weibliches Familienmitglied sah aus wie ihre Mutter oder sie selber oder wie das Bild im Schaufenster. Ratlos kramte sie in losen Bildern einer Schublade. Dabei fiel ihr ein altes Schulheft auf. Das hatte sie noch nie gesehen. Sie begann die schöne, ausgeglichene Handschrift der Mutter zu lesen. Es war ein Tagebuch und datierte aus der Zeit vor dreiundzwanzig Jahren, aus der Zeit ihrer Geburt. Sie musste entsetzt lesen, dass die Mutter um die Zwillingsschwester von Andrea, die nur zwei Wochen gelebt hatte, trauerte. Die Mutter schrieb offensichtlich unter Tränen und völlig mit den Nerven am Ende, denn das Heft hatte Wasserflecken. Die Aufzeichnungen waren bruchstückhaft. Andrea hatte nicht geahnt, wie sehr ihre Mutter nach ihrer Geburt gelitten und um ihre Zwillingsschwester Madeleine getrauert hatte. Ihre Mutter schrieb auch, dass sie ihrer Schwiegermutter sehr dankbar war. Sie war eine große Hilfe und kümmerte sich um die Beerdigung der kleinen Madeleine. Andrea wischte sich die letzten Tränen ab und war dann starr vor Entsetzen. Was musste ihre liebe Mutter alles durchgemacht haben, es bestand für sie nun eine ganz andere Sicht auf ihre Kindheit. Plötzlich fielen ihr verschiedene Situationen ein, zum Beispiel, dass ihre Mutter manchmal ein zweites Spielzeug kaufte und es in einer Ecke des Kinderzimmers auf einem Schränkchen abstellte. Andrea wagte nie zu fragen und die Mutter hat es nie erklärt. Andrea wusste aber noch, dass sie an dieses Schränkchen nicht gehen durfte. Irgendwann war das Schränkchen verschwunden und sie erinnerte sich erst jetzt wieder. Was wäre, wenn die Zwillingsschwester Madeleine noch lebte und die Person auf dem Werbefoto wäre? Andrea hatte einiges unternommen, um das Grab von Madeleine zu finden. Bei der Friedhofsverwaltung konnte kein Eintrag gefunden werden. Sie hatte mit dem Pfarrer gesprochen, der auch keine Auskunft geben konnte, weil er nichts wusste.
Bei weiteren Krankenbesuchen hat Andrea ihre Neugier gezügelt und bei der Mutter nicht nachgefragt. Die Mutter erholte sich langsam und wurde für vier Wochen in eine Reha-Klinik geschickt. Diese Zeit nutzte Andrea und beauftragte einen Rechtsanwalt, die näheren Umstände vor dreiundzwanzig Jahren zu ermitteln. Sie hatte dem Rechtsanwalt die Adresse der Schwiegermutter ihrer Mutter mitgeteilt. Dort hatte ihr Vater nach der Scheidung kurz nach ihrer Geburt noch einige Jahre bis zu seinem Unfalltod gewohnt. Andrea hatte nie ihre Großmutter besucht und zum Vater bestand ebenfalls kein Kontakt. Sie lebte mit ihrer Mutter in einer heilen Welt, wie sie glaubte, die aber so heil gar nicht war – und dies stellte sie jetzt mit Erschrecken fest.
Andrea Kirchner wurde von ihrem Rechtsanwalt informiert, dass er den Aufenthalt ihrer gesuchten Zwillingsschwester Madeleine ermittelt hatte. Der Mietvertrag lautete auf Christel Berger, aber eine Madeleine Kirchner bezahlte bei den Stadtwerken den Strom für diese Wohnung. Andrea notierte sich die Adresse und fuhr neugierig dorthin.
An der Haustür kam ihr ein älterer Herr entgegen und grüßte sie freundlich. Andrea grüßte zurück, sie kannte den Mann nicht. Sie stieg die Treppe hinauf und klingelte am Namensschild. Eine junge Frau öffnete die Tür, schaute sie fragend an und meinte: »Hast du deinen Schlüssel vergessen?«
Andrea musste lächeln und überlegte blitzschnell, was sie sagen oder erklären sollte. Die junge Frau ging in die Wohnung zurück und Andrea folgte ihr. Dann stammelte die junge Frau mit Tränen in den Augen:
»Es tut mir so leid, aber ich habe mich ernsthaft in deinen Freund verliebt.«
Andrea sagte: »Ich weiß nicht, worum es geht, aber mein Name ist Andrea Kirchner.«
Die junge Frau entgegnete: »Du musst mich nicht ignorieren oder unsere wertvolle Freundschaft aufs Spiel setzen. Bitte sprich mit mir, ich möchte eine Lösung mit dir finden.«
Andrea schüttelte wieder den Kopf und erklärte ausführlich, warum sie hier war. Ungläubig schaute Christel in das Gesicht der Zwillingsschwester. Andrea zeigte Christel das Foto im Handy. Christel bestätigte, dass Madeleine als Fotomodel gejobbt und auch den kleinen Leberfleck an der Oberlippe hatte. Christel wusste nicht, wann Madeleine nach Hause kommen würde. Andrea ließ sich die Telefonnummer ihrer Schwester geben und verabschiedete sich.
Sie wählte die Telefonnummer und hörte am anderen Ende eine leise Stimme fragen: »Ja, bitte?«
Andrea erwiderte: »Ich möchte mich mit dir treffen, wie hast du morgen Zeit?«
Sie wurde gefragt: »Mit wem spreche ich bitte?«
Andrea antwortete nur: »Du kennst mich nicht, aber ich habe dir eine interessante Geschichte zu erzählen. Also, wo und wann?«
Die Schwester schlug ein hübsches Studentencafé vor und Andrea freute sich auf den nächsten Tag.
Dieses Café war gut besucht und es waren vorwiegend junge Leute anwesend. Als Andrea sich nach einem Platz umschaute, wurde sie von mehreren Seiten gegrüßt und aufgefordert, doch mit an den Tisch zu kommen. Fröhlich antwortete sie: »Später vielleicht«, und nahm an einem freien Tisch Platz. Als Madeleine das Café betrat, setzte Raunen ein und viele Gäste schauten von Andrea auf Madeleine und wieder auf Andrea. Ein Kommilitone kam an Andreas Tisch und rückte den Stuhl für Madeleine zurecht. Er meinte breit grinsend: »Es ist sehr schön, dass du Hübsche noch eine zweite Ausgabe mitgebracht hast«, und schaute von einer Frau zur anderen. Madeleine sagte zu ihm: »Wir haben etwas zu besprechen. Ich komme später zu euch rüber.«
Als Andrea ihr die Ereignisse so weit berichtet hatte, wie sie es selbst wusste, überschlugen sich die Fragen von Madeleine. Madeleine dachte, dass ihre Mutter bei der Geburt gestorben sei, so hatte es die Großmutter immer erzählt. Ihren Vater kannte sie nicht gut, er war viel unterwegs auf Montage und sie war erst sechs Jahre alt, als er starb. Die Großmutter und der Bruder Axel waren ihre einzige Familie, bis sie vor zwei Jahren ebenfalls verstarb.
Eben noch erschüttert von dem Gehörten, war Madeleine aber schnell zu Späßen aufgelegt und schilderte Situationen, wo sie als doppeltes Lottchen die Bekannten veralbern könnten. Die Schwestern verstanden einander sofort und freuten sich auf eine gemeinsame Zukunft. Madeleine zeigte auch Verständnis für ihre Freundin Christel, als Andrea die befremdliche Begrüßung in der Wohnung erwähnte.
Madeleine sprach sich mit ihrer Freundin Christel aus. Sie gönnte der Freundin die Liebe zu ihrem Lebensgefährten Klaus. Madeleine konnte auf Andreas Frage nicht begründen, warum sie Klaus so einfach aufgab. Vielleicht spielte die Freundschaft eine größere Rolle als die Liebe. Klaus war sehr fürsorglich und hilfsbereit; auch in der Uni war er sehr geschätzt und Madeleine wurde beneidet.
Die Schwestern besprachen mit Klaus und Christel, dass Madeleine aus- und zu ihrer Mutter und Schwester ins Haus einziehen würde. So teilten sich dann Klaus und Christel in die WG-Wohnung.
Madeleine wartete gespannt auf ihre Mutter. Es war ein bewegender Tag, als die Mutter der Schwestern aus der Reha nach Hause kam. Es flossen jede Menge Freudentränen. Trotzdem konnte sich die Mutter lange Zeit nicht beruhigen, hatte doch die Schwiegermutter mit dem Gatten und Vater eine ihrer zwei Töchter gestohlen und deren Tod vorgetäuscht, um selbst eine Tochter und Enkelin zu haben.
Madeleine wusste inzwischen von ihrer eigenen Schwangerschaft. Sollte sie Klaus informieren? Gefährdete dieses Ereignis die neue Liebe ihrer Freundin Christel? Die Schwestern besprachen sich mit der Mutter und beschlossen, erst einmal abzuwarten, bis das Baby geboren war. Es war eine besondere Situation, dass die Mutter nach dreiundzwanzig Jahren ihre totgeglaubte Tochter in die Arme schließen konnte. Sie freute sich auf ihren Lebensabend mit den Zwillingen und überwand den Infarkt erstaunlich gut.
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