Read the book: «Fremde und Fremdsein in der Antike»

HOLGER SONNABEND
FREMDE UND
FREMDSEIN IN DER
ANTIKE
ÜBER MIGRATION, BÜRGERRECHT,
GASTFREUNDSCHAFT UND ASYL BEI
GRIECHEN UND RÖMERN

INHALT
Prolog: Bereicherung oder Bedrohung? Eine antike Diskussion über Fremde in Rom
I. Griechenland
1. Besuch bei Polyphem: Gastfreundschaft im antiken Griechenland
2. Fremde willkommen? Griechen unterwegs
3. Wir und die Anderen – Konzepte des Fremdseins
4. Griechen und Barbaren
5. Exotische Fremde – Ethnografie und Mythos
6. Leben mit Fremden – Leben als Fremde
7. Unter göttlichem Schutz: Asyl bei den Griechen
8. Fremde unerwünscht? Vertreibungen in Sparta
9. Karikatur oder Realität? Fremde in den Komödien des Aristophanes
II. Hellenismus
1. Aufbruch in neue Welten: Alexander der Große
2. Der Hellenismus: Staat und Gesellschaft
3. Alexandria – Schlaglicht auf einen antiken Schmelztiegel
4. Neue Trends: Philosophie, Religion und Kunst
5. Die Entdeckung der Welt
III. Rom
1. Fremde in Rom: Moderne und antike Stimmen
2. Rechtsstatus, soziale Akzeptanz, steile Karrieren
3. Bewundert, gefürchtet, gehasst: Pyrrhos und Hannibal
4. Kleopatra – Die Römer und die Griechin vom Nil
5. Wunderland Ägypten
6. Weltstadt Rom
7. Die Juden von Rom
8. Umjubelte Fremde: Gladiatoren und Wagenlenker
9. Von Traian bis Elagabal: Fremde auf dem römischen Kaiserthron
10. Berühmte Schriftsteller, die aus der Fremde kamen
11. Bürgerrecht für alle
12. Der Limes: Treffpunkt der Kulturen … und die traurige Geschichte des Syrers, der an der Donau Militärdienst leistete
13. Grenzerfahrungen
14. Die Völkerwanderung und der Untergang des Römischen Reiches
15. Blick nach vorn: Byzanz
Bilanz
Wichtige Forschungsliteratur
Verzeichnis der zitierten Quellen
Bildnachweis

Panorama der Ruinen des Forum Romanum von den Kapitolinischen Museen aus betrachtet, 2012
PROLOG: BEREICHERUNG ODER BEDROHUNG? EINE ANTIKE DISKUSSION ÜBER FREMDE IN ROM
Rom an einem Tag des Jahres 48 n. Chr. Der Sitzungssaal des römischen Senats auf dem Forum Romanum ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Das ehrwürdige Gremium der Senatoren diskutiert über eine brisante Frage. Die Gemüter sind erhitzt, die Emotionen kochen hoch, noch mehr als üblich. Es geht um einen Antrag, eingebracht von prominenten Persönlichkeiten aus Gallien. Schon lange ist das heutige Frankreich Teil des Römischen Reiches. Es war 100 Jahre zuvor von dem berühmten Feldherrn Iulius Caesar in seinem nicht minder berühmten »Gallischen Krieg« unterworfen worden. Inzwischen haben viele Bewohner des Landes das römische Bürgerrecht erhalten. Rom ist großzügig, wenn es darum geht, Fremde zu römischen Bürgern zu machen – nicht aus einer humanitären Grundhaltung heraus, sondern weil die Regierenden der Ansicht sind, dass ein Staat sich besser lenken lässt, wenn die Bewohner das Gefühl haben, gleichberechtigt zu sein. So sind viele Menschen, die im Römischen Reich leben, zwar von der Herkunft her Syrer, Ägypter, Griechen oder Germanen, doch im rechtlichen Sinne sind sie Römer – Herkunftsfremde und Rechtsrömer in einer Person.
Integration ist in Rom politisch gewollt. Doch was jetzt, im Jahre 48 n. Chr., auf der Tagesordnung des Senats steht, geht vielen, insbesondere den Vertretern der alten Adelsfamilien, entschieden zu weit. Der Antrag der Gallier lautet: Wir verlangen Zugang zu den hohen politischen Ämtern. Weil in Rom mit dem Amt traditionell auch der Anspruch auf einen Sitz im Senat verbunden ist, stünde ihnen damit auch der Weg in die Regierung offen. Gallier in römischen Schlüsselpositionen? Gallier als Konsuln, Praetoren, Tribunen? Viele Senatoren, die sich einiges auf ihren Stammbaum einbilden, verfallen in einen Zustand der Schockstarre, bevor sie heftig zu protestieren beginnen. Die Vorstellung, im Senat einen gallischen Sitznachbarn zu haben, und möge er auf dem Papier auch Römer sein, bereitet ihnen eine gehörige Portion Bauchschmerzen. Die Sache ist so wichtig, dass sie dem Kaiser vorgetragen wird. Die Kritiker fassen ihm gegenüber ihre Bedenken zusammen:
»Italien ist nicht so heruntergekommen, dass es seiner Hauptstadt nicht selbst einen Senat zur Verfügung stellen könne.«
»Früher sind die verwandten Völker mit geborenen Römern zufrieden gewesen, und man braucht sich der alten Republik doch nicht zu schämen.«
»Sogar jetzt noch wird an die Vorbilder erinnert, die entsprechend der alten Sitte römisches Wesen, um Tapferkeit und Ruhm bemüht, geschaffen haben.«
»Erfreuen sollen sich die Gallier an der Bezeichnung ›Bürger‹. Die Insignien der Senatoren und die Ehrenzeichen der hohen Beamten dürfen sie nicht zum Gemeingut machen.«
Was sagt der Kaiser zu diesen Argumenten? Der Kaiser merkt: Es gibt kein wirkliches sachliches Argument. Wir brauchen sie nicht, heißt es von den Kritikern, und: Das haben wir noch nie so gemacht. Die Senatoren aus Italien fürchten offenbar die Konkurrenz und ihre politischen Privilegien. Sie berufen sich auf eine abstrakte, aber zentrale römische Institution, den mos maiorum, die »Sitte der Vorfahren«. Was früher richtig war, kann heute nicht falsch sein.
Der Kaiser, dem die Gegner diese Argumente vortragen, heißt Claudius. Seit sieben Jahren im Amt, ist er als Nachfolger des berüchtigten Caligula bemüht, einen soliden, sachlichen Regierungsstil zu pflegen. Was er den versammelten Senatoren sagt, wissen wir ganz genau – dank einer Inschrift mit dem Text der Rede, die sich in Lyon, dem antiken Lugdunum, befindet und die von den glücklichen Galliern aufgestellt wurde, um die Ausführungen des Kaisers für alle Zeiten zu dokumentieren (Corpus Inscriptionum Latinarum 13,1668). Der Kaiser ergreift das Wort. Auch er spricht von der Vergangenheit, deutet sie aber ganz anders. Verschnörkelt und holprig im Stil, wie es seine Art ist, aber in der Sache unmissverständlich führt er aus:
»Ich bitte euch, daran zu denken, wie viele Neuerungen in dieser Stadt eingeführt wurden.
Einstmals hatten Könige diese Stadt in ihrem Besitz. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Herrschaft über sie Nachfolgern aus ihrem Haus zu übertragen. Fremde traten an ihre Stelle und sogar Ausländer, sodass Numa, der aus dem Sabinerland kam, auf Romulus folgte. Er war uns zwar benachbart, aber war damals ein Mann von auswärts. […]
Sicher führte man einen neuen Brauch ein, als der vergöttlichte Augustus, mein Großonkel, und mein Onkel Tiberius Caesar den Willen äußerten, die gesamte Blüte der Kolonien und Landstädte von überall her, das heißt die besten und wohlhabendsten Männer, sollte in diesem Senat einen Sitz erhalten. […]
Wie? Ist uns nicht ein Senator aus Italien lieber als einer aus den Provinzen? … Meiner Ansicht nach darf man nicht einmal Menschen aus den Provinzen zurückweisen, sofern sie nur das Ansehen der Kurie erhöhen können. […]
Wenn jemand bei den Galliern auf den Umstand schaut, dass sie dem vergöttlichten Iulius Caesar in einem zehnjährigen Krieg zu schaffen machten, dann möge er zugleich ihre 100-jährige unerschütterliche Treue dem entgegenstellen und ihren Gehorsam, der in vielen Krisen von uns mehr erprobt worden ist.«
Die Lehre, die wir aus der Vergangenheit ziehen müssen, lautet nach Ansicht des Kaisers: Fremde haben für Rom zu allen Zeiten Gutes bewirkt. Er führt große Namen ins Feld, als Zeugen dafür, dass Rom schon immer offen für fremde Menschen war: Romulus, den mythischen Stadtgründer und ersten König von Rom; Numa (Pompilius), den zweiten König von Rom; Augustus, den ersten römischen Kaiser; Tiberius Caesar, den zweiten Kaiser.
Die Worte des Kaisers geben den Ausschlag. Die Mehrheit der Senatoren beschließt, dass die fremden Gallier Spitzenämter bekleiden und in den Senat von Rom aufgenommen werden dürfen. Zwar sind nicht alle, die zustimmen, wirklich überzeugt. Aber es kann der eigenen Karriere nichts schaden, dem Kaiser einen Gefallen zu erweisen.
Die Argumente der Skeptiker hat der römische Historiker Tacitus in einem Standardwerk zur Geschichte der frühen römischen Kaiserzeit überliefert (Annalen 11,23). An gleicher Stelle (24–25) präsentiert er die inschriftlich erhaltene Rede des Kaisers Claudius in einer etwas freieren Bearbeitung und legt ihm dabei eine noch fremdenfreundlichere Haltung in den Mund, als sie der Kaiser ohnehin schon hatte:
»Meine Vorfahren, deren ältester, Clausus, ein geborener Sabiner, zugleich in die Bürgerschaft Roms und unter die Familien der Patrizier aufgenommen worden ist, mahnen mich, nach den gleichen Grundsätzen bei der Staatsführung zu verfahren, indem ich hierherhole, was sich irgendwo hervorgetan hat.
Was anderes wurde den Spartanern und Athenern trotz ihrer militärischen Übermacht zum Verhängnis, dass sie Besiegte, weil sie fremdstämmig waren, ausgrenzten? […]
Da besaß doch der Gründer unseres Staates, Romulus, so viel Weisheit, dass er die Mehrzahl der Volksstämme am selben Tag als Feinde und dann als Bürger behandelte. […]
Fremde haben über uns geherrscht. Den Söhnen Freigelassener Staatsämter zu übertragen, ist nicht, wie sehr viele meinen, etwas Neues, sondern war schon früher beim Volk üblich. […]
Da die Gallier schon durch Sitten, Bildung und Verschwägerung mit uns vermischt sind, mögen sie ihr Gold und ihre Schätze lieber hierher zu uns bringen als für sich allein zu behalten. […]
Alles, Senatoren, was man heute für uralt hält, ist einmal neu gewesen. […] Einbürgern wird sich auch die jetzige Regelung, und was wir heute durch Vorbilder verteidigen, wird einst zu den Vorbildern gehören.«
Die Aufnahme der Gallier in den römischen Senat ist ein markantes Beispiel für eine positive Einstellung gegenüber Fremden in der Antike. Die Gegner der Aufnahme waren Vertreter der einheimischen Eliten, die durch den Eintritt von Fremden in die politischen Führungszirkel um ihre Macht und ihre Privilegien fürchteten. Sie hatten aber keine Chance, ihre Wünsche durchzusetzen. Kaiser Claudius als oberste Autorität entschied anders. Er hatte keine humanitären Motive. Ihm ging es um den Nutzenaspekt. Er schätzte das wirtschaftliche und politische Potenzial der Fremden. Und er hoffte, in den Fremden Verbündete zu finden, weil sie ihm zu Dank verpflichtet waren. Sie konnten ihm das mitunter schwierige Geschäft des Regierens erleichtern, wenn sie sich im Senat für ihn einsetzten. Der historische Berichterstatter Tacitus, sonst nicht unbedingt ein Freund von Fremden, argumentierte nicht staatspolitisch, sondern in eigener Sache. Seine Familie stammte wahrscheinlich aus Gallien, und er war zu einer späteren Zeit selbst Mitglied des römischen Senats. Die Haltung des Kaisers Claudius bedeutete für ihn eine Unterstützung und Legitimierung der eigenen politischen Position.
Seine positive Haltung gegenüber Fremden brachte Claudius viel Kritik ein, auch später noch, nach seinem Tod, wie eine eigenartige Quelle aus der Regierungszeit seines Nachfolgers Nero dokumentiert. Sie stammt aus der Feder Senecas, Neros einflussreichem Berater, der dank dieser Tätigkeit im direkten Umfeld der Macht Millionär wurde und in der Attitüde des stoischen Philosophen seine nicht ganz so begüterten Zeitgenossen für die Idee zu begeistern versuchte, das höchste Glück in Genügsamkeit und Askese zu sehen. Ein paar Monate nach Neros Herrschaftsantritt 54 n. Chr. veröffentlichte Seneca eine Satire mit dem Titel Apocolocyntosis. In dieser genialen Verballhornung der Praxis, römische Kaiser nach ihrem Tod durch die Apotheose, die Entrückung zu den Göttern, zu ehren (der Titel bedeutet »Verkürbissung«), hat sich der verstorbene Kaiser Claudius vor den himmlischen Göttern zu verantworten. Doch zunächst muss die Seele den Körper verlassen, sie findet aber keinen Ausgang. Schuld daran ist die Schicksalsgöttin Clotho. Sie möchte dem Kaiser noch etwas Zeit geben, »bis er auch noch die paar Leutchen, die übrig geblieben sind, mit dem Bürgerrecht beschenkt hätte«. Erklärend sagt der Erzähler an dieser Stelle: »Claudius hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, alle Griechen, Gallier, Spanier, Britannier in der Toga zu sehen.« Clotho fährt fort: »Aber da nun laut Beschluss noch einige Ausländer als Saatgut für später bleiben sollen und du befiehlst, es solle so sein, so sei’s denn.« (3,3) Etwas später tritt die Göttin Febris auf. Sie ist für Krankheiten zuständig, insbesondere für fiebrige Infekte. Ihr Heiligtum befand sich in Rom auf dem Palatin, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Residenz des Kaisers. Insofern war sie Expertin für alles, was den – häufig kränkelnden – Claudius betraf. Und nun betreibt sie Aufklärung. Claudius – ein Römer? Nein, er ist in Lugdunum (heute Lyon) geboren, er ist also »ein lupenreiner Gallier«, und »deswegen hat er auch, wie es sich für einen Gallier gehört, Rom eingenommen«. Ein tiefer Griff in die Geschichte: 387 v. Chr. hatten Gallier die Stadt Rom gestürmt. Und nun lud der »Gallier« Claudius seine »Landsleute« dazu ein, im Senat Platz zu nehmen. Bei dieser Argumentation interessierte es nicht, dass Claudius in Wirklichkeit einer alten Römerfamilie entstammte. Dass er in Lyon geboren wurde, war reiner Zufall, weil sein Vater Drusus zu diesem Zeitpunkt dort in militärischer Mission seine Zelte aufgeschlagen hatte.
Die hohe Politik folgt eigenen Gesetzen, auch, wenn es um Fremde geht. Anders sieht es im normalen Alltag aus. Das Rom der Kaiserzeit war ein Schmelztiegel der Völker und Kulturen. Mehr als eine Million Menschen lebten in der Hauptstadt des Imperiums. Viele von ihnen kamen aus dem Osten der Mittelmeerwelt – aus Griechenland, Anatolien, Persien, Judäa, Syrien, Ägypten.
Iuvenal mag die Fremden nicht. Vor allem die aus dem Orient sind ihm zuwider. Iuvenal ist Dichter. Daher hat er die Gelegenheit, seiner Aversion gegen die Fremden ein breiteres Forum zu verschaffen. Er schreibt Satiren. In Rom handelt es sich dabei, anders als im heutigen Verständnis, um eine spezielle dichterische Form und nicht um eine mit pointierten Zuspitzungen arbeitende Kunstgattung. Was er sagt, meint er auch so. Seine Passion sind die Verhältnisse in der Großstadt Rom – der Alltag, die Menschen, ihre Sorgen und Nöte in der Kaiserzeit, zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr.
In der dritten Satire geht es um die Fremden. Ein Freund namens Umbricius ist des Treibens in der Hauptstadt überdrüssig und sehnt sich nach Ruhe und Entspannung. Er will den Moloch Rom verlassen und sich in das anmutige Cumae am Golf von Neapel zurückziehen. Gegenüber seinem Freund Iuvenal präzisiert der Großstadtmüde seine Motive für die Flucht.
Ihn stört viel – die Betriebsamkeit, der Lärm, die Geschäftemacher, die Gefahr von einstürzenden Häusern und Bränden, die Schlaflosigkeit, der Verkehr. Vor allem aber stören ihn die vielen Fremden (Sat. 3, 58 ff.).
»Welches Volk heute bei unseren Reichen am beliebtesten ist und vor wem ich vor allem die Flucht ergreife, will ich eilends bekennen, und Scheu soll mich nicht hindern: ich vermag nicht, ihr Mitbürger, das griechische Rom zu ertragen. Freilich, welchen Teil der Hefe bilden schon die Achäer?
Schon längst ist der syrische Orontes in den Tiber gemündet und hat mit sich geführt die Sprache, die Sitten, die schrägen Saiten samt dem Tibiabläser sowie die einheimischen Trommeln und die Mädchen, die man heißt, sich beim Circus feilzubieten: auf denn zu ihnen, die ihr eine ausländische Hure mit ihrer bunten Mitra schätzt!
Dein Bauer von einst, Bürger, zieht die schnellen Schleicher an und trägt an ölglänzendem Hals die Siegermedaillen.
Der eine verließ das hochgelegene Sikyon, der andere wieder Amydon, dieser Andros, jener Samos, ein weiterer Teil Tralles oder Alabanda, sie streben zum Esquilin oder zu dem nach der Weide benannten Hügel, um das Herzstück der großen Häuser zu werden und deren Herren.
Ihr Geist ist flink, die Dreistigkeit verwegen, die Rede stets parat und brausender als die des Isaeus. Gib an, für wen du ihn hältst, jede Art Mensch hat er mit sich zu uns gebracht: Grammatiker, Rhetor, Geometer, Maler, Masseur, Wahrsager, Seiltänzer, Arzt, Zauberer, auf alles versteht sich ein hungerndes Griechlein, in den Himmel wird er, befiehlst du es, sich erheben.«
Der Text enthält, neben römischen Lokalitäten wie dem Circus Maximus, wo die Wagenrennen stattfanden, dem Esquilin, einem der Sieben Hügel Roms, und dem Viminal, dem »nach der Weide benannten Hügel«, viele Fremdbegriffe: Achäer als Synonym für die Griechen, den Orontes (der antike Name des Flusses Nar el Asi), in Rom Inbegriff für Syrien; die Tibia, ein orientalisches Blasinstrument; die Mitra, ein orientalisches Kopfband; Isaeus für einen damals sehr bekannten Syrer, der in Rom als Stegreifredner auftrat.
Der syrische Orontes ist in den Tiber gemündet – eine berühmte Metapher: Der syrische Fluss hat sich nicht nur mit dem römischen Fluss vermischt, er hat ihn sogar verdrängt. Zielscheibe des Zorns sind die »Griechen« – unter diesem Sammelbegriff werden alle Menschen vereint, die aus dem Osten kommen. Nachdem Alexander der Große die griechische Welt bis zum Indus ausgedehnt hatte, war die griechische Kultur eine Weltkultur geworden. Griechen lebten in Anatolien, Ägypten, Syrien, bildeten mit der einheimischen Bevölkerung eine mal mehr, mal weniger homogene neue Kultur.
Wer kam nach Rom? Gelegenheitsarbeiter, Musiker, Prostituierte, Zauberer, Masseure – wenn man Umbricius Glauben schenken will, alles Tätigkeiten, die nach römischem Empfinden in der Skala geachteter Berufe nicht ganz weit oben rangierten. Aber warum sind sie gekommen? »Um das Herzstück der großen Häuser zu werden und deren Herren«. Sie biedern sich, so der Vorwurf, bei den Reichen und Mächtigen an, um, so der weitergehende Vorwurf, diese in Zukunft zu beerben. Die Einheimischen, so die Furcht des Umbricius, werden das Nachsehen haben.
Politiker waren für Fremde, Normalmenschen waren gegen Fremde. Geht diese einfache Gleichung auf, wenn man die Verhältnisse in der Antike betrachtet? Die beiden kontrastiven Fälle aus der römischen Kaiserzeit zeigen schon einmal den Rahmen dessen auf, was an Positionen möglich war. Sind die Menschen von Natur aus so gepolt, dass sie Fremde entweder als Gefahr oder als Bereicherung empfinden? Oder sind dafür die Verhältnisse, Umstände, Bedingungen, Situationen verantwortlich?
Die Antike, lautet ein viel zitierter Satz des Altertumsforschers Uvo Hölscher, ist das uns »nächste Fremde«. Bessere Voraussetzungen, etwas über das Verhältnis zu Fremden und zum Fremden zu erfahren, kann es eigentlich nicht geben. Natürlich meinte Hölscher damit nicht die zeitliche Nähe. In dieser Hinsicht hat die Antike wenig Chancen, Aktualität für sich beanspruchen zu dürfen. Gemeint war der Satz in kultureller und mentaler Hinsicht. Die Antike ist fremd genug, um unsere Denkgewohnheiten und unsere Verhaltensweisen kritisch zu überprüfen und gegebenenfalls auch infrage zu stellen. Und sie ist nahe genug, um für uns heute auch noch relevant zu sein. Was Umbricius über die Migranten aus Syrien sagte, ist nicht exklusiv antik, sondern gehört, wie man weiß, auch heute zum verbalen Repertoire derjenigen, die mit dem Zuzug von Fremden Probleme haben. Da ist die Antike uns sehr nahe, ebenso, wenn dafür geworben wird, Zuwanderung als Bereicherung zu empfinden. Fremd ist sie wiederum dann, wenn man die unterschiedlichen politischen Systeme in Betracht zieht oder auch die religiösen Verhältnisse. In der Antike wurde niemand wegen seiner religiösen Einstellung an den Pranger gestellt. Juden und später Christen wurden verfolgt, aber nicht wegen ihres Glaubens.
Zusammen mit den Griechen bilden die Römer das Rückgrat der antiken Geschichte. Griechen und Römer stehen deshalb auch im Mittelpunkt der Darstellung – wohl wissend, dass es auch ergiebig sein kann, die Rolle der Fremden etwa bei den Ägyptern, den Babyloniern, den Persern oder anderen antiken Kulturen unter die Lupe zu nehmen. Entscheidend für die Konzentration auf die Klassiker Griechenland und Rom ist die Quellenlage. Quellen mit Aussagen und Informationen über die Einstellung zu Fremden fließen sehr üppig, sowohl was schriftliche als auch bildliche Darstellungen angeht. Sie ermöglichen es, ein umfassendes und zugleich anschauliches Bild zum Thema »Fremde und Fremdsein in der Antike« zu zeichnen.
I.
GRIECHENLAND
1. Besuch bei Polyphem: Gastfreundschaft im antiken Griechenland
»Schon bei Homer heißt es …« lautet eine gern verwendete Formulierung, wenn es darauf ankommt, etwas als sehr alt und doch auch bereits wichtig zu etikettieren. Mit Recht: Denn mit Homer, dem ersten Dichter der Griechen, beginnt die Geschichte der europäischen Literatur. Über die gesamte Antike hinweg zählte er zu den populärsten, am meisten bewunderten und gelesenen Autoren. Alexander dem Großen diente er bei seinem Feldzug gegen die Perser und bei der Eroberung Asiens als Nachtlektüre. Bei den Römern war, jedenfalls in den Kreisen der Gebildeten, die Kenntnis der Werke Homers Pflicht.
In einem merkwürdigen Kontrast zu Homers Ruhm steht der Umstand, dass über ihn als Person so gut wie nichts bekannt ist. Der erste und größte Dichter der Griechen ist bis heute, trotz mancher, auch sehr gewagter, Versuche der Identifizierung, ein Phantom geblieben. In der Antike stritten gleich sieben Städte um das Privileg, Homers Geburtsort gewesen zu sein, wobei am Ende das griechische Smyrna, das heutige Izmir in der östlichen Türkei, am erfolgreichsten Argumente für sich sammelte. Als Troja vor einiger Zeit in akademischen Kreisen für heftige Streitigkeiten sorgte, konnte sogar die – freundlich formuliert – gewagte These Beachtung finden, Homer sei kein Grieche gewesen, sondern ein anatolischer Schreiber in assyrischen Diensten. Solche Spekulationen können angestellt werden, weil der bekannteste Autor der Antike zugleich der unbekannteste Autor der Antike ist.
Immerhin kann man seine beiden Hauptwerke, die Ilias und die Odyssee, relativ genau datieren (wobei es wiederum berechtigte Zweifel gibt, ob der unter dem Namen Homer bekannte Dichter wirklich als Autor beider Werke gelten kann): Sie stammen aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr., genauer: aus der Zeit um 720 v. Chr. Sie gehen zurück auf ältere, mündlich tradierte Stoffe und wurden in der Zeit Homers erstmals schriftlich fixiert – gleich nachdem die Griechen von den Phöniziern deren Schrift übernommen hatten. Weil die beiden Epen die frühesten literarischen Quellen der griechischen Geschichte darstellen, sind sie auch die frühesten Schriftquellen für den Umgang der Griechen mit Fremden.
Der Trojanische Krieg
Die Ilias ist das Epos des Trojanischen Krieges. Dessen Ablauf kann kurz so zusammengefasst werden: Fürsten und Adlige aus ganz Griechenland schließen sich zu einer Militäraktion gegen die Stadt Troja zusammen – auch Ilion genannt, daher der Titel Ilias. Hintergrund ist der Raub der Helena, der Frau des Herrschers von Sparta, die der trojanische Königssohn Paris in seine Heimatstadt entführt hatte. Die Belagerung dauert zehn Jahre und endet mit der Eroberung und Plünderung Trojas durch die Griechen.
Die Ilias behandelt nicht den ganzen Krieg. Dank der mündlichen Überlieferung konnte dessen Ablauf beim Publikum als bekannt vorausgesetzt werden. Homer schildert die letzten 51 Tage, im Mittelpunkt steht der Zorn des besten griechischen Kriegers Achill, der, weil er sich von dem Oberbefehlshaber Agamemnon in seiner Ehre getroffen fühlt, in einen vorübergehenden Kampfstreik tritt, um am Ende wieder dominant und entscheidend in das kriegerische Geschehen einzugreifen. Der Trojanische Krieg, so wie ihn Homer schildert, ist keine historische Realität, sondern Fiktion. Den historischen Hintergrund bilden Raub- und Plünderungszüge, die mykenische Griechen um 1200 v. Chr. in den östlichen Mittelmeerraum unternahmen. Auch Ilion/Troja geriet auf diese Weise in das Visier jener kriegerischen, nach der Burg Mykene auf der nördlichen Peloponnes bezeichneten Kultur. Homer schildert die Ereignisse aus der Rückschau, fast fünf Jahrhunderte später, mit der Konsequenz, dass er auch Zustände und Verhältnisse seiner eigenen Zeit in die Vergangenheit projiziert. Manches, was er als mykenisch ausgibt, gehört in seine eigene Gegenwart. Der Trojanische Krieg spielt sich nicht nur, aber auch vor dem Hintergrund der Vorstellungswelt der homerischen Zeit ab.
Die Ankunft von Helena und Paris in Troja, dargestellt von links nach rechts: Paris, Helena, Aphrodite, Troilos und Priamos, Ausschnitt einer rotfigurigen Vasenmalerei, apulisch, um 430/330 v. Chr.
Diese Feststellung hilft, ein merkwürdiges Phänomen zu erklären. Denn der Krieg, den die Griechen bei Homer gegen die Trojaner führten, war nicht ein Krieg von Griechen gegen Fremde, sondern ein Krieg unter Griechen. Die Trojaner heißen Priamos, Hektor, Paris oder Andromache – alles griechische Namen. Historisch korrekt wären luwische Namen gewesen. Denn die im Nordwesten der heutigen Türkei angesiedelten Trojaner waren nicht, wie bei Homer beschrieben, gewissermaßen Griechen 2.0. Sie gehörten zur Völkerfamilie der in Anatolien und Nordsyrien beheimateten Luwier, die wiederum mit den Hethitern verwandt waren.
Warum also machte Homer aus den Trojanern Griechen? Weil es zu seiner Zeit, also im 8. Jahrhundert v. Chr., noch nicht die definitive Einteilung der Welt in Griechen auf der einen und Barbaren auf der anderen Seite gab. Und außerdem spielt sich die Handlung der Ilias in den höheren Kreisen der Könige, Fürsten und Aristokraten ab. Die Trojaner repräsentieren in dem Epos jene Werte und Ideale, die auch die vornehmen Griechen für sich in Anspruch nahmen. Die Ilias liefert ein Szenario an heldenhaften Menschen mit heldenhaften Tugenden. In dieses Schema passten Fremde aus Anatolien nicht hinein. Ihnen traute man nicht zu, so vornehm wie die Griechen zu sein, und so wurden aus Luwiern Griechen.
Mit Odysseus auf großer Fahrt
Auch das zweite, Homer zugeschriebene Werk, die Odyssee, spielt nicht wirklich in der Zeit, in die es vom Dichter versetzt worden ist. Die Odyssee ist die Geschichte des griechischen Trojakämpfers Odysseus, im Epos als listenreich apostrophiert, was der König von Ithaka vor Troja eindrucksvoll unter Beweis stellte, als ihm die Idee mit dem Trojanischen Pferd kam. Nach dem Ende des Krieges aber zog er sich den Zorn der Götter zu, die seine Heimreise blockierten und ihn zu zehn Jahre dauernden Irrfahrten auf dem Meer verurteilten, bei denen er viele teils haarsträubende Abenteuer zu bestehen hatte. Odysseus ist der literarische Prototyp des Fremden. Die Situationen, in die er während der Irrfahrten gerät, zeigen die realen Gefahren, Risiken, aber auch Chancen des Fremdseins in der Zeit Homers auf, als die Griechen sich aufmachten, die Küsten des Schwarzen Meeres und des Mittelmeeres zu erkunden, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Diese sogenannte Große Kolonisation, die in der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. einsetzte, führte die Griechen bis weit in das westliche Mittelmeergebiet, bis nach Sizilien, Südfrankreich und Spanien. Anlass genug, jenes Seemannsgarn zu produzieren und zu verbreiten, das in der Odyssee zu den Abenteuern eines einzigen Protagonisten komprimiert wird.
In vielen Szenen bekommt Odysseus zu spüren, was es heißt, ein umherreisender Fremder zu sein – mit negativen, aber auch positiven Folgen. So kommt er in das Land der Phaiaken. Sie leben glücklich auf einer einsamen Insel. Odysseus strandet dort als Schiffbrüchiger. Ohne, dass er sich zu erkennen gibt, wird er vom König und dessen Tochter freundlich empfangen. Die Bevölkerung aber ist misstrauisch, sie meidet den Fremden. Die Erklärung liefert die Göttin Athene. Sie gibt Odysseus den Rat, sich von den Menschen fernzuhalten (7,31 f.): »Blicke niemanden an, noch frage jemanden. Denn sie dulden die Fremden nicht gern.«
Das Volk hat keine Erfahrung mit Fremden. Jeder, der nicht zur Gemeinschaft gehört, wird ausgegrenzt. Dahinter steht die für archaische Gesellschaften typische Haltung, im Fremden den Träger und Verbreiter unheimlicher, unbekannter Kräfte zu sehen. So kapselt man sich lieber ab. Der König und seine Tochter sind Repräsentanten einer schon etwas weiteren Entwicklungsstufe. Sie pflegen die Tugend der Gastfreundschaft, jedoch nicht aus humanitären Motiven heraus, sondern, weil sie die Vorstellung haben, durch freundliche Aufnahme diese negativen Kräfte des Fremden zu bändigen. Bezeichnend für dieses Stadium im Umgang mit Fremden ist die Tatsache, dass die Bezeichnung für »Fremder« und »Gast« identisch ist. Für beide verwenden die Griechen den Begriff xenos. Davon ist das heute allgegenwärtige Wort Xenophobie abgeleitet, meist unpräzise als »Fremdenhass« übersetzt. Genauer ist die Übersetzung »Fremdenangst«.
Die therapeutische Funktion der Gastfreundschaft bei der Überwindung von Ressentiments gegenüber Fremden illustriert eine weitere Episode in der Odyssee. Sie gibt zudem Einblick in die ritualisierte Form der Kontaktaufnahme zu dem Fremden. Als Odysseus endlich in die Heimat Ithaka zurückkehrt, verkleidet er sich zur Vorsicht als Bettler. Nicht einmal sein alter Sauhirt Eumaios erkennt ihn in dieser Aufmachung. Doch er bittet ihn in seine bescheidene Hütte, versorgt ihn mit Brot und Wein. Odysseus will sich bedanken, doch der Sauhirt will keinen Dank (14,56–58): »Es wäre ein Unrecht, einen Fremden zu missachten, auch wenn er noch geringer wäre als du: Sie alle kommen von Zeus.«
Ein neuer Gedanke: Der Fremde erhält eine Schutzgarantie, denn er steht unter göttlichem Schutz. Kein Geringerer als der oberste Gott Zeus persönlich ist jene Instanz, die diesen Schutz gewährleistet. In dieser Eigenschaft wird er von den Griechen Zeus Xenios genannt. Wer einen Fremden nicht freundlich aufnimmt, achtet den Gott nicht und begeht einen religiösen Frevel. Nicht umsonst wählt Homer für diese Szene einen Sauhirten und einen (verkleideten) Bettler. Die Pflicht zur gastlichen Aufnahme gilt auch gegenüber Menschen, die in der sozialen Skala nicht ganz oben rangieren. Und der Sauhirt Eumaios gehört zwar nicht zu den Repräsentanten der Oberschicht, hält sich aber selbstverständlich an die Regeln der Gastfreundschaft. Sie sind allgemein verbindlich.
Dass es auch ganz anders laufen kann, zeigt eine dritte Episode aus der Odyssee. Odysseus landet an einer Küste, die von den riesenhaften, grobschlächtigen Zyklopen bewohnt wird. Einer von diesen einäugigen, unzivilisierten Gestalten ist Polyphem, ein Sohn des Gottes Poseidon. Odysseus kommt mit seinen Begleitern in die Höhle des Zyklopen, und dieser verstößt nun eklatant gegen alle Regeln des göttlich garantierten Gastrechts. Der Riese weiß nicht, was sich gehört, er ist unfreundlich und sorgt nicht für seine Gäste. Als er grob fragt, mit wem er es eigentlich zu tun hat, erteilt ihm der erboste Odysseus eine verbale Lektion in Sachen Gastfreundschaft gegenüber Fremden (9,269–271): »Habe Respekt vor den Göttern! Wir Armen flehen dich um Hilfe an. Ist doch Zeus der Rächer für Schutzflehende und Fremde – Zeus Xenios, der die Fremden, die man achten muss, begleitet.«
Den Riesen beeindrucken diese Worte nicht. Im Gegenteil: Er verschließt die Höhle mit einem Felsen und frisst, bevor er sich zur Ruhe legt, zwei der Gefährten des Odysseus. Spätestens jetzt ist diesem klar, dass der Zyklop kein primärer Verfechter der hehren Prinzipien der Gastfreundschaft ist. Dank seines nie versiegenden Listenreichtums gelingt es ihm, sich und seine Gefährten aus der Gefahr zu befreien. Der einäugige Zyklop wird geblendet und bleibt in ohnmächtiger Wut zurück. Die Lehre, die von der Polyphem-Geschichte ausgehen soll: So ergeht es dem Ungeheuer (und wer so handelt, kann eigentlich nur ein Ungeheuer sein), weil es das heilige Gesetz der Gastfreundschaft verletzt.
Die Blendung des Polyphem durch Odysseus und seine Gefährten, schwarzfigurige Malerei auf einer Schale aus Kyrene, 6. Jh. v. Chr.
Ein anderes Gesetz gibt es in dieser frühen Phase der griechischen Geschichte noch nicht. Es gibt keine Rechtssätze, die den Umgang mit Fremden regeln. So muss der Gott Zeus einspringen, in dessen Obhut sich die Fremden begeben und dabei hoffen, dass die Menschen, denen sie in der Fremde begegnen, sich diesem göttlichen Gesetz ebenfalls verpflichtet fühlen.
2. Fremde willkommen? Griechen unterwegs
Homers Odysseus repräsentiert mit seinen fiktiven (Irr-)Fahrten über das Meer die historischen Fahrten, die 200 Jahre lang, zwischen 750 und 550 v. Chr., Griechen aus dem Mutterland zu fremden Gestaden führten. Man hat sich angewöhnt, diese massenhafte Migration als »Große Griechische Kolonisation« zu bezeichnen. Dieser Begriff ist insofern missverständlich, als die Wanderungsbewegungen der Griechen nichts mit Kolonialismus im modernen Sinn zu tun hatten. Die Griechen kamen nicht, um zu erobern und zu unterwerfen, sondern um eine neue Heimat zu finden.
Die Gründe, aus denen so viele Griechen die gewohnte Umgebung verließen und die Beschwernisse einer Reise, die häufig ins Ungewisse führte, auf sich nahmen, waren vielfältig. Eine Zunahme der Geburten und damit verbundene Ernährungsengpässe sowie Landnot mögen in einzelnen Fällen eine Rolle gespielt haben, waren als Motive zur Auswanderung jedoch nicht so gravierend, wie man früher angenommen hat. Wichtiger waren wirtschaftliche und handelspolitische Gründe. Die Migranten erhofften sich in der Fremde eine Verbesserung ihrer Lebenssituation und spekulierten auch auf die reichen Märkte im Mittelmeerraum und im Schwarzmeergebiet. Unter ihnen befanden sich auch reine Abenteurer, die, auf welche Weise auch immer, ihr Glück in der Fremde suchten.
Schließlich verließen viele ihre Heimat wegen politischer und sozialer Unruhen. Griechenland bestand damals aus vielen, Poleis genannten Stadtstaaten. Die Polis war die zentrale politische Organisationseinheit – ein Personalverband mit einem urbanen Zentrum und einem agrarischen Umland, politisch autonom und frei. Konflikte innerhalb des regierenden Adels oder zwischen Armen und Reichen führten zu Destabilisierung der Verhältnisse. Die Sieger blieben, die Verlierer gingen. Sie schlossen sich wie diejenigen, die wirtschaftliche Motive hatten, einer der vielen Auswanderergruppen an, die sich in dieser Zeit auf den Weg machten. Um einen zuvor bestimmten, aus der Adelsschicht stammenden Anführer scharten sich meist junge Männer, 100 bis 200 an der Zahl, die gemeinsam ein oder mehrere Schiffe charterten und in See stachen.
Die Reise gestaltete sich nicht als eine reine Fahrt ins Blaue. Die Kapitäne wussten, wohin sie wollten. Dafür sorgte die zentrale Auskunftsinstanz in Delphi, wo eine Pythia genannte Priesterin als orakelndes Sprachrohr des Gottes Apollon den Migranten Hinweise auf geeignete Zielorte gab. Wie üblich, geschah dies in einer eher nebulösen, zweideutigen Formulierung, die im Falle eines Scheiterns des Unternehmens dem Orakel die Möglichkeit zu der Versicherung gab, die Pythia sei falsch verstanden worden.
Das göttliche Votum war nicht nur deswegen wichtig, weil sich die Auswanderer den Segen für ihre Unternehmungen verschaffen wollten. Es war zugleich ein Argument in den Zielgebieten. Denn die Plätze, die die Neuankömmlinge für ihre neue Heimat aussuchten, waren nicht immer frei. Dort, wo es gute Häfen, fruchtbare Böden und eine ausreichende Wasserversorgung gab, waren sie häufig schon besetzt. Die Einheimischen waren daher nicht nur begeistert über den Zuzug von Fremden, sondern sahen in ihnen auch Konkurrenten. Um Widerstände zu beseitigen, konnte der Verweis auf göttlichen Ratschluss hilfreich sein. Und dazu verfügte man über die Waffe des Mythos. Mit ihm konnten die Griechen alles erklären. Eine Allzweckwaffe war der umtriebige Heros Herakles, der viel unterwegs gewesen war und von dem die Griechen behaupteten, er habe das Land, um das es ging, schon früher einmal in seinen Besitz genommen, und daher gehöre es ohnehin den Griechen.
Nicht immer ließen sich die Indigenen von solchen Argumenten überzeugen. So kam es im Rahmen der griechischen Kolonisation häufig zu Auseinandersetzungen, die in der Mehrzahl damit endeten, dass die Zuwanderer die Einheimischen unterwarfen, versklavten oder vertrieben. Das war zum Beispiel auf Sizilien der Fall, das zu den bevorzugten Siedlungsgebieten der Griechen gehörte. Bei der Gründung der Stadt Syrakus an der Ostküste der Insel wurden die ansässigen Sikuler besiegt und hatten als Heloten Frondienste für die neuen Herren zu leisten. Ähnlich verhielt es sich auf der Insel Pithekoussai, dem heutigen Ischia. Besonders perfide war der Umgang der fremden Kolonisten mit den ihnen fremden Bewohnern in Süditalien. Sie kamen aus der griechischen Landschaft Lokris und nahmen ein Territorium ins Visier, das sich im Eigentum der Sikuler befand. Hier weiß der gewöhnlich gut unterrichtete griechische Historiker Polybios (12,6) Erstaunliches zu berichten – journalistisch korrekt in indirekter Rede, weil er die Information aus zweiter Hand erhalten hat:
»Damals, als sie bei ihrer Ankunft in Italien die Sikuler im Besitz des Landes fanden, das sie jetzt selbst bewohnen, wären jene so in Schrecken geraten, dass sie sie in ihrer Angst aufnahmen. Sie hätten nun mit den Sikulern ein Übereinkommen geschlossen, mit ihnen Freundschaft zu halten und gemeinsam mit ihnen das Land zu bewohnen, solange ihr Fuß die Erde beträte und sie den Kopf auf den Schultern trügen. Bei der Ableistung des Eides aber hätten die Lokrer auf die Sohlen ihrer Schuhe Erde gelegt und unter dem Gewand auf ihrer Schulter Knoblauchköpfe versteckt und so den Eid geleistet. Dann hätten sie die Erde aus den Schuhen entfernt, die Knoblauchköpfe weggeworfen und nicht lange danach, als sich die Gelegenheit bot, die Sikuler aus dem Land vertrieben.«
Geschickter stellten es die Bewohner von Libyen an. Kolonisten aus Thera (Santorin) suchten nach einem geeigneten Platz, wo sie sich niederlassen konnten. Nach einigen Schwierigkeiten gründeten sie die Stadt Kyrene. Im Zusammenhang mit der Gründungsgeschichte dieser Stadt berichten antike Quellen davon, dass die Fremden für ihre Stadt zunächst einen anderen Platz gewählt hatten. Diesen Ort bewohnten sie, wie es bei dem griechischen Historiker Herodot (4,158) heißt, sechs Jahre:
»Im siebten Jahr aber boten Libyer ihnen an, sie an eine bessere Stelle zu führen, und gewannen sie dafür, fortzuziehen. Die Libyer ließen sie also von dort aufbrechen und führten sie nach Westen. Am schönsten Platz, damit ihn die Hellenen nicht zu sehen bekämen bei ihrem Zug, führten sie sie nachts vorbei, nachdem sie vorher die Wegstunden berechnet hatten. Dieser Platz hieß Irasa. Und sie führten sie an eine Quelle, von der es hieß, sie gehöre Apollon, und sprachen: ›Männer aus Hellas, hier ist gut sein, hier nehmt eure Wohnung. Denn hier hat der Himmel Löcher.‹«
Die Griechen nahmen das Angebot dankend an, nicht ahnend, dass sie nur den zweitbesten Platz erhalten hatten. Und die Libyer freuten sich, dass die Fremden nun keine weiteren Begehrlichkeiten an Land entwickeln würden. Die Glaubwürdigkeit dieser Erzählung ist natürlich nicht über jeden Zweifel erhaben – im Gegenteil. Aber sie zeigt immerhin, dass eine solche Konstellation im Umgang mit Fremden, die man nicht eingeladen hatte zu kommen, prinzipiell denkbar war. Andere Beispiele zeigen, dass sich zwischen den Bewohnern und den Zugezogenen Prozesse abspielten, die man mit dem modernen Begriff der »Akkulturation« bezeichnen kann, worunter man im Allgemeinen die Angleichung und Anpassung unterschiedlicher Kulturen versteht. Dabei kam es nicht zu Auseinandersetzungen, Versklavung oder Vertreibung. Vielmehr lebten die Einheimischen mit den fremden Siedlern nicht völlig harmonisch, aber doch konfliktfrei zusammen. Wie es aussieht, haben die Einheimischen dabei mehr von den Fremden übernommen als umgekehrt die Fremden Impulse von den Indigenen aufnahmen. So übernahm die Urbevölkerung die religiösen Praktiken der Zugezogenen, indem sie deren Götter verehrten. Beigaben in den Gräbern beweisen, dass viele auch den griechischen Lebensstil adaptierten oder wenigstens imitierten. Man benutzte griechische Salben, um in Sachen Kosmetik mit den Fremden mithalten zu können; übte sich im Wurf von Diskus und Speer, um wie die Griechen Sport zu treiben; trank den Wein aus griechischen Mischkrügen, wie die Griechen bei den Trinkgelagen, die diese vornehmer als Symposien zu bezeichnen pflegten.
Die mit Abstand schönste aller Geschichten wurde in Marseille geschrieben. Die heutige französische Millionenstadt an der Küste des Mittelmeeres ist, wie viele andere Städte in Frankreich auch, eine Gründung der Griechen. Es war um 600 v. Chr., schon eher gegen Ende der Großen Kolonisation, als Griechen aus der Stadt Phokaia hier landeten und eine Siedlung mit dem Namen Massalia anlegten. Phokaia gehörte zu den Griechenstädten, die schon um 1000 v. Chr. entstanden waren, als ionische Griechen die Küsten Kleinasiens besiedelt hatten. Ihre ursprüngliche Heimat lag im mittleren Griechenland. Was die Seefahrer aus Phokaia anlockte, waren der Reichtum an Rohstoffen, insbesondere Zinn, und die Aussicht auf lukrativen Handel mit den keltisch-ligurischen Bewohnern. Auf der Suche nach einem geeigneten Handelsstützpunkt fiel ihnen das Gebiet um die Mündung der Rhone ins Auge – mit einem guten, durch eine Felsbucht geschützten Naturhafen. Es gab jedoch eine kleine Schwierigkeit: Der so perfekte Ort war schon besetzt, er gehörte zum Territorium eines einheimischen keltischen Fürsten, der über das Volk der Segobrigier herrschte. Wie würden die Platzhirsche auf die Ankunft der Fremden reagieren?
»Anführer der Flotte waren Simos und Protis. Und so wandten sie sich also an den König der Segobrigier mit Namen Nannus, in dessen Gebiet sie eine Stadt zu gründen beabsichtigten, und baten ihn um Freundschaft. Zufällig war er an diesem Tag gerade damit beschäftigt, die Hochzeit seiner Tochter Gyptis auszurichten, die er nach der Stammessitte den beim Gastmahl auserwählten Schwiegersohn auf der Stelle zur Frau zu geben vorhatte. Als nun alle Kandidaten zur Hochzeit geladen waren, wurden auch die Griechen als Gastfreunde zur Tafel gebeten. Als nun die junge Frau in den Saal geführt und vom Vater aufgefordert wurde, demjenigen, den sie zum Ehemann wähle, das Wasser zu reichen, da hatte sie für alle anderen keinen Blick mehr, sondern wandte sich allein den Griechen zu und reichte Protis das Wasser. So wurde er aus einem fremden Gast sofort zu einem Schwiegersohn, und er bekam von seinem Schwiegervater den Platz für die zu gründende Stadt. So wurde also Massalia gegründet, nahe der Mündung der Rhone in einer tief ins Land geschnittenen Bucht. Die Ligurer aber waren neidisch auf das Geschehen in der Stadt und plagten die Griechen durch unablässige Kriege. Diese jedoch arbeiteten sich durch erfolgreiche Abwehr aller Gefahren zu einem solchen Glanz empor, dass sie nach ihrem Sieg über die Feinde in den dabei eingenommenen Gebieten viele Kolonien anlegten.«
So beschreibt eine spätere Quelle (Iustin 43) die Vorgänge bei der Gründung von Marseille. Gerne würde man glauben, dass sich alles ganz genauso abgespielt hat, zumindest, was die so romantisch zustande gekommene Hochzeit von Gyptis und Protis betrifft. Indes ist es die undankbare Aufgabe einer tendenziell eher nüchternen historischen Analyse, die Fiktion von der Realität zu trennen. Und da ist festzuhalten, dass die Erzählung in dieser Form legendär ist. Es handelt sich um eine typische retrospektive Gründungsgeschichte, reich und fantasievoll ausgeschmückt, geeignet, im Wettbewerb der besten Gründungsgeschichten gut abzuschneiden. Sie ist jedoch, wie alle Mythen und Legenden, nicht völlig aus der Luft gegriffen. Sie beruht auf dem historischen Faktum, dass die Gründung von Marseille das Ergebnis des Zusammenwirkens von Einheimischen und Fremden gewesen ist. Über die Gründe für die Harmonie kann man indes nur spekulieren. Wahrscheinlich versprachen sich beide Seiten wirtschaftliche Vorteile. Die Griechen konnten ungestört ihre Handelsaktivitäten betreiben, und die Kelten wurden mit griechischen Waren beliefert.
Massalia entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten zu einer blühenden, prosperierenden Stadt. Sie dehnte ihr Territorium nach Osten aus, auf Kosten der dortigen ligurischen Stämme. Wenn die Quelle behauptet, die Ligurer seien auf die Griechen neidisch gewesen und hätten deswegen mit ihnen oft Krieg geführt, so ist dies die griechische Lesart. In Wirklichkeit dürften sie sich gegen die Bestrebungen gewehrt haben, von den Griechen okkupiert zu werden. Jedenfalls gründeten die Griechen von Massalia aus weitere bekannte Städte wie Nikaia (das heutige Nizza) und Antipolis (das heutige Antibes).
Massalia als Bollwerk in einer barbarischen Umgebung
»Massalia wird umwohnt von übermütigen Völkern und derweil der barbarische Nachbar mit grausigen Riten schreckt, hält fest die Siedler-Stadt der Phokäer inmitten waffenstarrender Völker an Sitten und Göttern der Heimat.«
Silius Italicus, Punica 15, 169–172
Die Gründungslegende von Marseille bringt auch Licht in das Dunkel eines Problems, das in den Forschungen zur griechischen Kolonisation eine prominente Rolle spielt. Die Kolonisten der ersten Stunde waren Männer, meist junge Männer. Es ist unmittelbar einsichtig, dass die von ihnen gegründeten Städte nur dann eine Zukunftsperspektive hatten, wenn zu der Bevölkerung auch Frauen gehörten. An Bord waren Frauen jedenfalls nicht, wenn die Schiffe auf der Suche nach Land unterwegs waren. Holten die Siedler die Frauen aus Griechenland nach, wenn sie sich für einen Platz entschieden hatten? Oder heirateten sie einheimische Frauen? Im Fall von Massalia herrscht wünschenswerte Klarheit: Gyptis und Protis stehen für die Praxis, dass die Griechen Ehen mit einheimischen Frauen schlossen, was der Integration ohne Frage sehr förderlich war. Aber so war es wohl nicht immer. Im Zusammenhang mit der Gründung von Milet in Kleinasien durch ionische Griechen schildert es Herodot (1,146) als ungewöhnlich, dass die Siedler einheimische Frauen heirateten und hat dabei auch eine merkwürdige Geschichte parat:
»Die aber vom Prytaneion in Athen auszogen und meinten, sie seien die vornehmsten unter den Ioniern, die brachten keine Frauen mit in ihre neue Siedlung, sondern nahmen karische Frauen, deren Eltern sie zuvor erschlagen hatten. Und um dieses Totschlags willen machten es sich die Frauen zum Gesetz und setzten einen Schwur darauf und gaben ihn weiter an ihre Töchter, niemals mit ihren Männern zu essen noch ihren Mann beim Namen zu rufen, weil sie ihre Väter und Männer und Kinder umgebracht und nach solcher Tat sie selber zu ihren Frauen gemacht hatten.«
Dass die Zugewanderten die Eltern ihrer künftigen Frauen erschlugen, macht nur Sinn, wenn sich diese geweigert hatten, ihnen ihre Töchter zur Frau zu geben. Aber, so bleibt zu hoffen, vielleicht handelt es sich auch bloß um eine Legende, die erfunden wurde, um den so stolzen und selbstbewussten Athenern zu schaden.
3. Wir und die Anderen – Konzepte des Fremdseins
Wer ist eigentlich ein Fremder? Wann bezeichnen wir einen anderen Menschen als Fremden? – Wenn man ihn nicht kennt? Wenn er anders aussieht? Wenn er anders spricht?
Die Griechen haben sich diese Fragen auch gestellt. Sie beantworteten sie jedoch nicht mit einer Definition des Fremden. Sie suchten vielmehr nach Kriterien für sich selbst, um sich dann von jenen abzugrenzen, die nicht diesen Kriterien entsprachen. Im 5. Jahrhundert v. Chr. formulierte der griechische Historiker Herodot die klassische Definition dessen, was aus Griechen Griechen macht (8,144): »Wir haben die gleiche Abstammung, die gleiche Sprache, die gleiche Religion und die gleichen Lebensformen.«
Das bedeutet im Umkehrschluss: Fremde haben eine andere Abstammung, eine andere Sprache, eine andere Religion und andere Lebensformen.
Abstammung
Woher sie kamen und von wem sie abstammten, wussten die Griechen – die sich meistens Hellenen nannten – selbst nicht so genau. Immerhin wussten sie, dass es sie nicht schon immer gegeben hatte. So sagt der athenische Historiker Thukydides im 5. Jahrhundert v. Chr. (1,2): »Es ergibt sich nämlich, dass, was heute Hellas heißt, nicht von alters her fest besiedelt gewesen ist, sondern dass es früher Völkerwanderungen gab und die einzelnen Stämme leicht ihre Wohnsitze verließen unter dem Druck der jeweiligen Übermacht.«
Später, als sie sich dann nach einer langen Phase der Formierung gefunden hatten und eine ethnische oder zumindest kulturelle Einheit bildeten, waren die Griechen bemüht, sich eine gemeinsame Herkunft zu verschaffen. Beliebt war das Mittel, eine Abstammung von Göttern, Heroen oder fiktiven Stammvätern zu konstruieren und damit Identität zu erzeugen. Verbreitet war der Mythos von einem Stammvater Hellen, auf den über seine Söhne und Enkel letztlich alle Griechen – oder besser: Hellenen – zurückgegangen sein sollen. Eine für die Griechen typische Art der Rekonstruktion: Ortsnamen, Personennamen oder Völkernamen wurden gerne vom völlig fiktiven Namensgeber abgeleitet, hinter dem man sich scharte, um zu einer Identität zu finden und sich von anderen abzugrenzen.
Ein wichtiges Element von Zugehörigkeit und Identität waren bei den Griechen die Phylen und Phratrien. Die Phyle wird im Allgemeinen etwas altertümlich mit »Stamm« oder »Sippe« übersetzt. Diese Verbände entstanden in den Zeiten der großen Wanderungen der nachmykenischen Zeit, als sich die Stadtstaaten formierten. Sie bildeten das Fundament der für die Griechen der klassischen Zeit charakteristischen Poleis. Niemals aber vergaßen die Griechen ihre stammesmäßige Herkunft.
Die Phratrie, etymologisch abgeleitet von dem griechischen Wort für »Bruder«, bildete, als Unterabteilung einer Phyle, einen Zusammenschluss von Personen, die sich familiär miteinander verbunden fühlten. Dabei handelte es sich um Großfamilien, die mehrere hundert Köpfe zählen konnten. Diese Clans waren eng miteinander verbunden, feierten gemeinsame Feste, heirateten untereinander und halfen sich in allen wichtigen Angelegenheiten. Die wichtigste Veranstaltung war das jährlich stattfindende Apaturia-Fest in Athen. Hier demonstrierten die Mitglieder der Phratien ihre Zusammengehörigkeit und ihren Zusammenhalt. Das Fest dauerte drei Tage und bot viele Attraktionen. Die jungen Männer, Epheben genannt, wurden zeremoniell in die Gemeinschaft der Erwachsenen eingeführt, indem man ihnen das Haar schor. Gleichzeitig wurden die im abgelaufenen Jahr geborenen Kinder in die Großfamilie aufgenommen. Per Eid oder Opfer bezeugten dabei die jeweiligen Väter, dass die Kinder aus einer legitimen Ehe mit einer Athenerin stammten.
Fremde, die diesem Spektakel zusahen, fühlten sich dabei nicht gerade perfekt integriert. Im Gegenteil: Nichts konnte ihnen deutlicher vor Augen führen, dass sie nicht dazugehörten. Die Griechen bildeten aus ihrer Sicht eine verschworene, exkludierende Gemeinschaft.
Sprache
Nicht alle Griechen verstanden sich untereinander problemlos. Es gab verschiedene Dialekte, die eine Kommunikation erschwerten. Und doch waren sie eine einheitliche Sprachfamilie. So fungierte die Sprache als ein wesentliches Element bei der Frage, wer zu den Griechen gehörte und wer nicht. Wer nicht Griechisch sprach, war ein »Barbar« – so das lautmalerische Etikett, das die Griechen, stolz auf die Ästhetik ihrer Sprache und den Reichtum an Vokalen, all jenen anhefteten, die Klänge benutzten, die sich in ihren Ohren wie kakophonisches Kauderwelsch anhörten.
Zum Glück waren die Griechen keine Sprachwissenschaftler. Denn wenn die Sprache ein Faktor war, der Griechen von Nichtgriechen trennte, hätten sie auch die frühen Kreter nicht für Griechen halten dürfen. Auf Kreta entstand um 2000 v. Chr. die minoische Kultur, die erste europäische Hochkultur, benannt nach dem sagenhaften König Minos, der, wie die Griechen überzeugt waren, im Palast von Knossos residierte. Die Griechen waren stolz, schon so früh so bedeutend gewesen zu sein und vereinnahmten die minoische Kultur retrospektiv als Anfang und Ausgangspunkt ihrer eigenen Kultur. In Wirklichkeit waren die Minoer keine Griechen, denn sie sprachen, wie ihre Linear A genannte Schrift beweist, nicht Griechisch, sondern eine vorgriechische Sprache.
Religion
»Ich bringe Opfer für Zeus, Hera, Poseidon, Demeter, Apollon, Artemis, Athene, Ares, Aphrodite, Hermes, Hephaistos und Hestia.« Ein Grieche, der diesen Satz sagte, war ein vorbildlicher Grieche. Denn er erwies allen wichtigen Göttinnen und Göttern seine kultische Reverenz. Die zwölf Göttinnen und Götter, die weit oben auf dem Olymp thronten, waren in religiöser Hinsicht das Maß aller Dinge.

Der bärtige Zeus der Griechen mit den Widderhörnern Amuns, römische Marmorbüste des Zeus-Ammon aus der Oase Siwa, 120–160 n. Chr., Metropolitan Museum of Art
Die Sympathiewerte der Griechen waren bei den anderen Völkern nicht so hoch, wie sie es sich selbst vorstellten. Bei vielen waren sie im Gegenteil sehr unbeliebt. Das lag vor allem daran, dass sie der Meinung waren, sie seien in allen Bereichen die Besten. Schlimmer noch: Sie waren in den meisten Bereichen auch die Besten. Aus dieser überlegenen Grundhaltung heraus waren sie auch der Ansicht, dass es neben ihren Göttern keine anderen Götter gebe. Die Götter anderer Völker, so ihre Vorstellung, müssten die griechischen Götter sein, nur mit einem anderen Namen. Das Fremde wurde unter griechischen Vorzeichen interpretiert. So setzten sie etwa den ägyptischen Gott Amun mit ihrem obersten Gott Zeus gleich und nannten ihn Zeus-Ammon. Insofern war die Religion in der Praxis kein wirklich trennendes Element zwischen den Griechen und den Fremden. Die »Barbaren« mussten eben nur einsehen, dass ihre Götter in der Realität die Götter der Griechen waren.
Lebensformen
Um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. unternahm Herodot, dem die Definition dessen, was einen Griechen und implizit einen Fremden ausmacht, zu verdanken ist, eine Reise nach Ägypten. Von dieser Reise hat er einen umfangreichen Bericht vorgelegt, den er im zweiten Buch seiner Historien veröffentlichte. Er tauchte in die fremde Welt ein und notierte gewissenhaft alles, was ihm dabei auffiel (2,35).
»Sie haben sich in fast allen Bereichen Gewohnheiten und Sitten zurecht gelegt, die denen anderer Menschen gerade entgegen gesetzt sind. So gehen die Frauen bei ihnen auf den Markt und handeln, die Männer aber sitzen zu Hause und weben. Und beim Weben schlagen die anderen den Einschlag nach oben, die Ägypter nach unten. Lasten tragen die Männer auf den Köpfen, die Frauen auf den Schultern. Die Frauen lassen Wasser im Stehen und die Männer im Hocken. Ihre Notdurft verrichten sie in den Häusern und sagen dazu, was unanständig, aber notwendig ist, solle man im Verborgenen tun, was aber nicht unanständig ist, vor aller Augen. Keine Frau versieht Priesterdienste, weder bei einem Gott noch bei einer Göttin, sondern nur Männer, bei allen Göttern und Göttinnen. Die Söhne brauchen ihre Eltern nicht zu ernähren, wenn sie keine Lust haben, aber die Töchter müssen es, auch wenn sie keine Lust haben.«
Alles anders als bei uns, lautet die Botschaft, die Herodot vermitteln will. Nicht alle seiner teils skurrilen Behauptungen halten einer kritischen Betrachtung stand. Wichtiger aber ist der Maßstab, den er anlegt. Er spricht von »anderen Menschen« und meint damit in erster Linie die Griechen. Bei ihnen konstatiert er gemeinsame Formen der Gestaltung des alltäglichen Lebens, mit denen sie sich von den Fremden unterscheiden. Natürlich gehen bei uns die Männer zur Arbeit und die Frauen sitzen zu Hause und arbeiten. Die Söhne kümmern sich um die Eltern, nicht die Töchter.
Tatsächlich – und nicht nur in der durchaus polemischen Auseinandersetzung mit den Gewohnheiten und Praktiken anderer Völker – kann man bei den antiken Griechen eine sie spezifisch prägende Alltagskultur feststellen. Das gilt etwa auch für die Art und Weise des Wohnens, die Kleidung, die Gestaltung des sozialen Lebens, die Grabsitten, das berufliche Leben.
Wie sieht ein Spartaner aus?
Im 2. Jahrhundert v. Chr., als Rom Führungsmacht in Griechenland geworden war, unternahmen die Bewohner von Korinth, in übereifriger Umsetzung römischer Vorgaben, eine Razzia gegen alle Spartaner, die sich gerade in ihrer Stadt aufhielten. Sie griffen jeden auf, »den sie sicher als einen Spartaner erkannten oder den sie wegen des Haarschnittes, wegen des Schuhzeugs, der Kleidung oder des Namens wegen für einen Spartaner hielten.«
Pausanias 7,14,2
Die vier Säulen Abstammung, Sprache, Religion und Lebensformen schufen auch bereits im zeitgenössischen Bewusstsein Identität. Das Fremde konstituierte sich aus dem Gegensatz zum Eigenen. Dieselben vier Säulen kreierten, wenn sie nicht vorhanden waren, Alterität, wie man dieses Phänomen in den modernen Sozialwissenschaften nennt. Keine Identität ohne Alterität, keine Alterität ohne Identität – so lautet eine Botschaft aus der Antike. Erst als die Griechen merkten, dass sie Griechen waren, konnten sie die Fremden als Fremde identifizieren.
Oder in den Worten des klugen Thukydides (1,3): Die frühen Griechen hatten »für die Barbaren noch keinen Begriff, weil auch die Hellenen, wie ich meine, noch nicht unter einem gegensätzlichen Namen zusammengefasst waren.«
Jedenfalls gilt die Erkenntnis, dass Identität und Alterität sich gegenseitig bedingen, für das Verhältnis von Völkern. Individuell fremd hingegen konnte man, wie der Blick auf die Anfänge der griechischen Geschichte gezeigt hat, auch schon sein, als es die Barbaren-Typologie noch nicht gab.
4. Griechen und Barbaren
Das 5. Jahrhundert v. Chr. war die »klassische« Zeit der Griechen. Hier vollbrachten sie jene viel bestaunten Höchstleistungen in Politik, Kultur und Wissenschaft, die ihnen den bis heute anhaltenden und niemals verblassenden Ruf der ersten großen Zivilisation Europas einbrachten. Sich mit den Griechen zu befassen, schließt automatisch die Verpflichtung ein, sie zu bewundern. Dafür sorgten in der Neuzeit berühmte Antikenfreunde wie der Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann, der im 18. Jahrhundert mit Bezug auf die Kunst der Griechen das eindrucksvolle Bild der »edlen Einfalt und stillen Größe« prägte – eine Charakterisierung, mit der die Griechen selbst allerdings wenig hätten anfangen können, sahen sie doch die im Übrigen original bunten Kunstwerke nicht als überzeitlich-entrückte Artefakte, sondern als hoch lebendige, auch politisch kontextualisierte Gegenstände an. Aber da die Griechen nun einmal als vorbildlich galten, wurde diese exzeptionelle Position auch auf viele andere Lebensbereiche ausgedehnt.
Die Griechen waren politisch vorbildlich: Sie waren es, die die erste Demokratie der Weltgeschichte gründeten, im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. in Athen. Während alle anderen Staaten und Völker von Monarchen oder Adligen regiert wurden, bestimmte in Athen das Volk – allerdings mit Ausnahme der Frauen, Sklaven und auch der Fremden, die keine Mitwirkungsrechte hatten. Die Griechen waren philosophisch vorbildlich: Griechische Gelehrte machten sich tiefschürfende Gedanken über Gott, die Welt, den Staat, den Menschen und hinterließen den späteren Europäern einen wahren Schatz an Ideen, Gedanken, Prinzipien, Impulsen. Die Griechen waren literarisch vorbildlich: Im alten Griechenland entstanden unsterbliche Werke, Tragödien wie Komödien, Epen, Gedichte, Dramen. Die Griechen waren architektonisch vorbildlich: Ihre Architekten setzten mit ihren genialen Bauwerken Maßstäbe – Tempel, Gymnasien, Stadien, Marktplätze, Wohngebäude. Noch heute kann man an vielen Orten diese Meisterleistungen bewundern.
Die Griechen haben sich diese Wertschätzung natürlich auch ehrlich und redlich verdient. Sie waren sich ihrer Bedeutung und ihrer Qualitäten bewusst. Sie wussten, wie gut sie waren, und entwickelten ein an Arroganz grenzendes Selbstbewusstsein, dass in der Vorstellung gipfelte, es gebe kein anderes Volk und keine andere Kultur auf der Welt, die es mit ihnen aufnehmen könne. Eine solche Haltung ist, wie man zugeben muss, grundsätzlich nicht geeignet, anderen Völkern, Kulturen, Nationen mit Respekt und Achtung zu begegnen, ihre Leistungen und Errungenschaften zu schätzen und zu würdigen.
Das war bei den Griechen nicht immer so gewesen. In der Frühzeit waren sie anders gestrickt. Als sie die Bühne der großen Geschichte betraten, waren sie neugierig und lernwillig. Sie gingen mit offenen Augen in die Welt hinaus, begierig zu erfahren, wie die Welt funktionierte und wie die Welt beschaffen war. Insbesondere hatten es ihnen die hochentwickelten Kulturen des Orients angetan – in Ägypten, Anatolien, Mesopotamien. Ex oriente lux, sagten später die Lateiner: »Das Licht kommt aus dem Orient« – ein Satz mit einem hohen Wahrheitsgehalt.
Die Minoer auf Kreta, die um 2000 v. Chr. eine blühende Zivilisation hervorbrachten, profitierten entscheidend von Impulsen, die sie aus Ägypten und aus dem innovativen Mesopotamien empfingen. Auch die kriegerischen Mykener, die der griechischen Geschichte danach ihren Stempel aufdrückten, pflegten enge Kontakte zu den Völkern des östlichen Mittelmeerraumes und des Vorderen Orients. Nach dem Zusammenbruch der mykenischen Macht folgte eine längere Phase des Stillstands, die man gerne und etwas dramatisch als die »Dunklen Jahrhunderte« zu bezeichnen pflegt. Zum Glück wussten die damaligen Griechen nicht, dass sie in einer dunklen Zeit lebten. Sie werden sie auch nicht als so dunkel empfunden haben wie spätere Historiker und Archäologen. Richtig ist aber, dass zwischen 1100 und 800 v. Chr. die kulturelle Entwicklung nicht mehr den vorherigen Standards entsprach. Das gilt für die materielle Kultur, die wirtschaftlichen Strukturen, die Außenbeziehungen. Die Griechen der Dunklen Jahrhunderte verlernten die Schrift, die in den mykenischen Palästen zur Regulierung der Verwaltung gedient hatte.
Nach 800 v. Chr. tauchen die Griechen wieder aus der Isolation auf. Es entfalten sich neue, stadtstaatliche Strukturen. Die Große Kolonisation führt sie in die große, weite Welt hinaus. Sie treiben umfangreichen Handel, lernen wieder neue Ideen und Technologien kennen. Von den Phöniziern, die vom Libanon aus ein mediterranes Handelsimperium aufbauten, übernehmen sie die Schrift, die bis heute die Grundlage des griechischen Alphabets bildet. Die ionischen Naturphilosophen um Thales von Milet ließen sich bei ihren revolutionären Lehren über die Natur und den Kosmos von Erkenntnissen inspirieren, die babylonische Wissenschaftler gewonnen hatten. Jedoch blieb es nicht nur bei der reinen Übernahme: Die Griechen waren in der Lage, aus diesen Ideen etwas zu machen, sie im ständigen Austausch, aber auch im gegenseitigen Wettbewerb, weiterzuentwickeln.
Im 5. Jahrhundert v. Chr., der »klassischen« Zeit, war es mit der Offenheit für das Andere und mit der Bereitschaft zu lernen, vorbei. Die Griechen hielten sich für die Größten und grenzten sich von der übrigen Welt ab. Jetzt waren auch die fremden Völker, denen man so viel zu verdanken hatte, nur noch »Barbaren«. Der Begriff an sich war nicht neu. Erstmals taucht er in den Epen Homers auf. In der Ilias, die um 720 v. Chr. schriftlich fixiert wurde, nennt der Dichter (2, 867) die Karer im südwestlichen Kleinasien ein »Volk barbarischer Mundart«. Damit ist noch keine dezidiert negative Konnotation verbunden. Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass die Karer kein Griechisch sprachen. Die Beherrschung der griechischen Sprache ist hier noch kein Privileg oder kultureller Qualitätsnachweis. Wer nicht Griechisch spricht, ist kein schlechterer Mensch, sondern nur anders.
In der klassischen Zeit hat »Barbar« einen deutlich abwertenden Klang und wird als Schimpfwort verwendet. Der Barbar ist ein Fremder, der charakterlich und kulturell weit unter dem Griechen steht. Dieser Wandel in der Einstellung zu Fremden war nicht das Resultat einer plötzlich auftretenden neuen genetischen Disposition. Vielmehr hatte er konkrete politische Ursachen. Die entscheidende Zäsur, die dazu führte, dass der Fremde zum Barbaren im negativen Sinn wurde, waren die Kriege der Griechen gegen die Perser.
»Dies ist die Darlegung der Erkundung des Herodot aus Halikarnassos, auf dass, was von Menschen geschehen, nicht mit der Zeit verblasse, noch Taten, groß und des Staunens wert, vollbracht von Griechen und von Barbaren, ihren Ruhm verlieren – manches andere und so auch, warum die Krieg gegeneinander führten.«
Mit diesen Worten beginnt das Geschichtswerk des Herodot über die Kriege zwischen Griechen und Persern, die in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. das große Thema der griechischen Außenpolitik waren. Herodot, dessen Lebensdaten etwa zwischen 485 und 424 v. Chr. liegen, wurde später von dem Römer Cicero mit dem Ehrentitel pater historiae, »Vater der Geschichtsschreibung«, geadelt. Diesen Titel hat er absolut verdient. Er erforschte die Vergangenheit als erster kritisch, rational und analytisch, überprüfte die Quellen und fragte nach den Gründen und Ursachen historischen Geschehens. Er beschränkte sich nicht allein auf die politische und militärische Geschichte, sondern interessierte sich auch für Kultur, Religion und Alltag. Insofern war er auch nach heutigen Kategorien ein moderner Autor. Zudem war er gebildet und kenntnisreich, was, wie man weiß, eine gute, wenn nicht gar unabdingbare Voraussetzung für eine verantwortungsvolle, seriöse publizistische Tätigkeit bildet.
Herodot kann man sich also anvertrauen, wenn es darum geht, ein historisch einigermaßen zuverlässiges Bild von den Perserkriegen zu gewinnen. Und er müsste auch, wie man zumindest annehmen darf, eine kompetente Quelle für den Wandel im Fremdenbild der Griechen sein. Neben seiner historiografischen Kompetenz brachte er auch gute persönliche Voraussetzungen mit. Seine Heimat war Halikarnassos, das heutige Bodrum im Südwesten der Türkei, seine Familie hatte vermutlich sogar einheimisch-karische Wurzeln.
Marmorbüste Herodots, römische Kopie eines griechischen Originals aus dem 4. Jh. v. Chr.
Griechen und Perser
Das kurze Vorwort, das Herodot seiner Darstellung der Perserkriege vorausgeschickt hat, ist bemerkenswert. »Taten, groß und des Staunens wert, vollbracht von Griechen wie von Barbaren«, heißt es dort. Von Griechen und Barbaren? Also waren auch Barbaren in der Lage, Großes und Bedeutendes zu leisten? Früher hatte kein Grieche daran Zweifel gehegt. Erst in dem Maße, wie die Griechen sich ihrer Qualitäten bewusst wurden, distanzierten sie sich von der Außenwelt, spielten sich, einst gelehrige Schüler, nun als deren Lehrmeister auf. Gutes kann nur von Griechen kommen, lautete die Devise der klassischen Zeit.
Eine politische Dimension erhielt das Barbarenbild in den Kriegen gegen die Perser. Diese regierten damals ein Weltreich, das sich vom Mittelmeer bis nach Indien erstreckte. Gründer war im 6. Jahrhundert v. Chr. der legendäre König Kyros gewesen. Kyros? Das hört sich nicht sehr persisch an. Und tatsächlich hieß Kyros auch nicht Kyros, sondern Kurusch. Die Kriege gegen die Griechen fanden statt, als Darajavausch und Chschajarscha auf dem Thron der Herrscherdynastie der Achämeniden saßen. Wir kennen sie besser unter den Namen Dareios und Xerxes. Eine ihrer Residenzstädte hieß Persepolis – Griechischer kann ein Name nicht sein: die »Perserstadt«. Der richtige iranische Name lautet Parsa. Die Griechen, und auch der so weltläufige Herodot, pflegten fremde Namen – seien es Personen, seien es Orte – konsequent zu gräzisieren. Das hatte zum einen phonetische Gründe. Die fremden Namen klangen in den feinen Ohren der Griechen zu exotisch. Zum anderen aber stand dahinter auch das griechische Überlegenheitsgefühl. Jemanden bei seinem richtigen Namen zu nennen, bedeutet, ihn anzuerkennen und zu respektieren. Den Namen in die eigene Sprache zu transkribieren, heißt, auch die Person, die diesen Namen trägt, zu vereinnahmen.
Die Kriege der Griechen gegen die Perser dauerten mit Unterbrechungen von 500 bis 479 v. Chr. Verbunden sind sie mit den von den Griechen gebührend gefeierten Schlachten von Marathon (490 v. Chr.), Salamis (480 v. Chr.) und Plataiai (479 v. Chr.). Viele griechische Stadtstaaten waren an der Abwehr der persischen Militäraktionen beteiligt. Doch verstanden es speziell die Athener, sich als diejenigen in Szene zu setzen, die den meisten Anteil am Sieg hatten, weil es ihre Flotte gewesen sei, die den Vormarsch der Perser letztendlich gestoppt habe. Gleich nach dem Abzug der Perser gründeten sie den Attischen Seebund, dessen Zweck darin bestand, sich vor weiteren Angriffen der Perser zu schützen. Die Partner Athens zahlten Geld oder stellten Schiffe – und wollten natürlich wissen, warum sie das tun mussten. Weil, so die Antwort der Athener, die Perser eine nach Expansion strebende Macht seien; weil sie den Westen vor dem Osten schützen müssten; weil die Perser von hybriden, blasphemischen, dekadenten Despoten regiert würden.
Der Perserkönig lässt das Meer auspeitschen
Als die persische Armee 480 v. Chr. auf dem Weg nach Griechenland die Dardanellen (von den Griechen Hellespont genannt) überqueren wollte, wurde die Schiffsbrücke von einem Sturm zerstört.
»Als Xerxes das erfuhr, war er empört und befahl, den Hellespont mit 300 Hieben auszupeitschen und ein paar Fesseln ins Meer zu senken … Er gab den Auftrag, beim Geißeln die barbarischen Lästerworte zu sprechen: ›Du bitteres Wasser, dein Herr legt dir diese Strafe auf, da du ihn beleidigt hast, ohne Böses von ihm erlitten zu haben. Und der König Xerxes wird doch über dich hinweggehen, ob du nun willst oder nicht.‹ … Das Meer also befahl er damit zu züchtigen. Denen aber, die das Überbrücken des Hellespont zu leiten hatten, ließ er den Kopf abhauen.«
Herodot 7,35
Das griechische Perserbild war natürlich mehr Propaganda als Realität, doch geeignet, den Führungsanspruch Athens als Garant für Sicherheit vor den Persern zu untermauern. Wir gegen die Barbaren, Freiheit gegen Despotie, lautete die nun politisch korrekte, antithetische Devise. Die persischen Barbaren sind gefährlich, zu dekadent, wir haben die Verpflichtung, gegen sie unsere Freiheit zu verteidigen. Ab jetzt hatten die Perser keine Chance mehr, unvoreingenommen betrachtet zu werden. Sie kamen in eine Ablage mit der Aufschrift »dekadente, versklavte Barbaren«. Der Barbarenbegriff hatte damit eine neue Dimension erreicht. Bis dahin galt er als Synonym für Andersartigkeit, in sprachlicher, aber auch in kultureller Hinsicht. Durch die Kriege der Griechen gegen die Perser und vor allem den Umgang der Griechen mit den Kriegen gegen die Perser wurde der Barbar politisiert.
Eine antike Klima- und Umwelttheorie
»Dass Griechen über Barbaren herrschen, ist recht und billig, nicht aber Barbaren über Griechen. Die einen nämlich sind Sklaven, die anderen Freie.«
So sprach im 4. Jahrhundert v. Chr. der berühmte griechische Universalgelehrte Aristoteles (Politik 1252 b8). Er formulierte damit kurz und knapp die Konsequenz aus einer Lehre, die nachweisen sollte, dass die Menschen nicht alle gleich seien. Um 430 v. Chr. erschien unter dem Namen des berühmten Arztes Hippokrates – aber sicher nicht aus seiner eigenen Feder – eine Schrift über den Einfluss von Klima und Umwelt auf die Konstitution und die Mentalität der Menschen. Der Autor leitete die von ihm postulierte Verschiedenheit der Völker von dem Klima und den relevanten Umweltfaktoren in den jeweiligen Regionen der Welt ab. Das Klima in Europa schwanke zwischen Hitze und Kälte. Daraus resultiere ein robuster Körper, geistige Beweglichkeit, Tapferkeit und Freiheitsliebe. Das Klima in Asien sei von einer großen Gleichförmigkeit gekennzeichnet. Weil es keine Schwankungen zeige, seien die Menschen schlaff, träge, ängstlich und daher auch bereit, sich Despoten zu unterwerfen. Diese Theorie war politisch höchst willkommen. Nun hatte man den »wissenschaftlichen« Beweis, dass Europäer den Asiaten überlegen waren. Freie Europäer befehlen, geknechtete Asiaten gehorchen.
Aristoteles entwickelte diese Lehre weiter (1327 b21 ff.), indem er eine Grenzlinie durch Europa zog. Menschen im Norden Europas seien mutig, aber hätten keinen Sinn für Geist und Kunst. Sie verfügten nicht über das Talent, ihre Nachbarn zu beherrschen. Die Menschen in Asien seien intelligent und hätten künstlerische Begabung, aber sie seien furchtsam und lebten daher in ständiger Sklaverei.
Und was ist mit den Griechen? Sie leben genau in der Mitte zwischen den Nordeuropäern und Asiaten. Sie teilen alle Vorzüge und sind frei von allen Nachteilen. Mutig, intelligent, befähigt zu Staatlichkeit und zum Herrschen. Die Römer haben diese Lehre später übernommen – nur mit dem Unterschied, dass sie sich selbst als Maß aller Dinge sahen und die Griechen in die zweite Reihe versetzten.
Wer sich gegenüber den Persern freundlich zeigte, riskierte, in den Verdacht der Kollaboration und des Abfalls von griechischen Werten zu geraten. Die Griechen sprachen in diesem Fall von Medismos – der Hinwendung zu den Sitten der Meder, wie die Perser alternativ genannt wurden. In der Realität schätzten viele aristokratische Griechen den ausschweifenden, repräsentativen Lebensstil der persischen Oberschichten und versuchten, diesem nachzueifern. Dem Spartaner Pausanias wurde vorgeworfen, sich persisch zu kleiden und mit einer persischen Leibgarde zu umgeben. Er soll sogar dem persischen Großkönig angeboten haben, ihm die Herrschaft über die Griechen zu verschaffen, wenn er ihm seine Tochter zur Frau gebe.
Dieser Vorwurf war unberechtigt. Allem Anschein nach war Pausanias einigen seiner griechischen Gegner zu mächtig und einflussreich geworden, sodass sie eine Intrige starteten. Dass sie bei dem Versuch, ihn zu diskreditieren, gerade in die Schublade »Perserfreund« griffen, spricht aber Bände, was die Haltung zu den Persern während der Perserkriege und nach den Perserkriegen angeht. Der Begriff »Perser« war zu einem politischen Schimpfwort geworden.
Dass es in der Realität auch anders aussehen konnte, beweist eine wirklich schöne Episode, von der der griechische Historiker Xenophon berichtet (4,1,39). Sie handelt von dem spartanischen König Agesilaos und einem jungen persischen Adligen. Sie spielt gut hundert Jahre später, zu Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr., als Agesilaos militärische und diplomatische Aktionen in Kleinasien durchführte. Einmal traf er mit dem persischen Statthalter Pharnabazos zu einer Besprechung zusammen. Als das Gespräch beendet war, geschah etwas Unerwartetes:
»Pharnabazos bestieg sein Pferd und ritt davon. Aber sein Sohn, den er von der Parapita hatte, noch jugendlich und schön, blieb zurück und lief auf Agesilaos zu mit den Worten:
›Agesilaos, ich mache dich zu meinem Gastfreund.‹
›Und ich nehme es an.‹
›Denke also daran‹, sagte er.
Und darauf gab er seine Lanze – er hatte eine sehr schöne – dem Agesilaos. Der nahm sie an, zog den wunderschönen Schmuck ab, der an dem Pferd seines Schreibers Idaios angebracht war, und reichte ihm den als Gegengeschenk. Da sprang der junge Mann auf sein Pferd und jagte dem Vater hinterher.«
So harmonisch und freundschaftlich verliefen die Kontakte zwischen Griechen und Persern aber nur im Ausnahmefall. Gastfreundschaften dieser Art, durch ritualisiertes Handeln wie den Austausch von Geschenken begründet, schlossen die griechischen Eliten eher untereinander. Die meisten griechischen Spitzenpolitiker verfügten über ein breites Netzwerk persönlicher Kontakte zu Führungspersonen in anderen griechischen Stadtstaaten. Aber eine Freundschaft mit einem Perser war doch etwas anderes – zumal in Zeiten, in denen das politische Klima zwischen Griechenland und Persien sich dem Tiefpunkt näherte.
Auch Herodot konnte oder wollte sich der nach den Perserkriegen politisch geforderten Barbaren-Interpretation nicht entziehen. In der jüngeren Forschung hat man viel Energie in das Bestreben investiert, ihn zu einer weltoffenen Ikone und einem von Vorurteilen freien, global denkenden Kosmopoliten zu stilisieren. Richtig daran ist, dass er sich mehr als andere für fremde Völker, deren Sitten, Gebräuche, Lebensformen interessierte. Um sie kennenzulernen, unternahm er viele Reisen. So hat er in dieser Hinsicht auch einige Informationen über die Perser zusammengetragen und präsentiert sie seinem griechischen Publikum gerne und ausführlich (1,133–136).
Banales …
»Unter allen Tagen hält nach dem Brauch ein jeder den besonders in Ehren, an dem er geboren ist. An ihm muss ein reicheres Mahl als gewöhnlich aufgetragen werden. Da lassen die Reichen auftragen Rind und Pferd und Kamel und Esel, im Stück im Ofen gebraten, die Armen aber tragen kleines Vieh auf. Speisen aus Getreide sind wenig im Gebrauch, desto mehr Nachspeisen, die nacheinander vorgesetzt werden. Deshalb sagen die Perser auch, die Griechen müssten hungrig sein, wenn sie mit der Hauptspeise Schluss machten, weil ihnen ja nichts Ordentliches mehr vorgesetzt werde. Setzte man ihnen was vor, würden sie kaum Schluss machen mit dem Essen.«
… wechselt darin mit Erstaunlichem:
»Es ist ihre Gewohnheit, die ernstesten Angelegenheiten in betrunkenem Zustand zu beraten. Das Ergebnis, zu dem sie dabei gelangen, trägt der Herr des Hauses, in dem sie beraten, am folgenden Tag, wenn sie nüchtern sind, noch einmal vor. Befinden sie es auch nüchtern für gut, so handeln sie danach. Wenn sie aber eine Sache nüchtern beraten haben, so prüfen sie es im Rausch nach.«
Manches wird gönnerhaft für gut befunden (»Das ist ein Brauch, den ich lobe«), Kritik wird nicht geübt. Eigentlich ist Herodot von den Persern und ihrer Kultur fasziniert – doch unter den neuen Vorzeichen in der Zeit nach den Perserkriegen war dies nicht mehr erwünscht. Auch Herodot muss diesem neuen Denken Rechnung tragen. Wenn er in seinem Vorwort die Taten von Griechen und Barbaren erwähnt, so ist dieses und trennend und nicht verbindend. König Xerxes, der die militärischen Unternehmungen der Perser in Griechenland persönlich leitete, wird von ihm alles andere als freundlich beschrieben.
Acht Jahre nach der Schlacht von Salamis sorgte in Athen ein Theaterstück für Furore. Der Autor katapultierte sich damit in die erste Riege der griechischen Tragiker. Das Stück des Aischylos trug den Namen Die Perser – eine dramatische Auseinandersetzung mit der Seeschlacht von Salamis, in der die Griechen der persischen Flotte eine schwere Niederlage bereitet hatten.
Römische Marmorbüste des Aischylos, 30 v. Chr., nach einem griechischen Bronzeoriginal, 340–320 v. Chr., Archäologisches Nationalmuseum Neapel
Dem griechischen Publikum präsentierte Aischylos das Thema aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Nicht etwa jubelnde Griechen, sondern trauernde Perser beherrschen die Szene. Schauplatz ist die persische Königsresidenz Susa. Hier informiert ein Bote über den Ausgang der Schlacht. Allgemeines Gejammer und Geklage ist die Folge. Dramaturgisch geschickt findet die Handlung vor dem Grab des verstorbenen Königs Dareios statt, der kurz aus dem Reich der Toten auftauchen darf und einen beeindruckenden Auftritt hat. Eine prominente Rolle spielt Atossa, die Mutter des unglücklichen Königs Xerxes, der am Schluss als in ein zerrissenes Gewand gehüllter, gedemütigter Kriegsheimkehrer auf der Bühne erscheint.
Aischylos wird heute sehr gelobt für seine Darstellung der Perser in den Persern. Nicht zuletzt deswegen gehört das Werk konstant zum Repertoire moderner Theater. Er degradiert, so wird gesagt, die Perser nicht zu reinen Statisten, zu Objekten eines Triumphs der Griechen. Er belässt ihnen ihre Würde. Die Perser klagen, aber sie klagen stilvoll. Und er widersteht der Versuchung, aus dem Sieg von Salamis eine grundsätzliche Überlegenheit der Griechen über die Barbaren abzuleiten. Die Griechen siegten bei Salamis nicht, weil sie besser waren, sondern weil die Götter auf ihrer Seite standen. Die Götter bestraften den ehrgeizig-skrupellosen König Xerxes, weil er Griechenland erobern wollte und weil er für viele Freveltaten verantwortlich war. Der Störfaktor Xerxes brachte das gottgewollte Gleichgewicht der Mächte in Unordnung.
Aber wurde Aischylos mit den Persern tatsächlich zu einem Anwärter auf einen (imaginären) Preis für Frieden, Freundschaft und Verständigung in der Antike? Aischylos dachte nicht an den Beifall des 21. Jahrhunderts. Er dachte an die Gunst der Gegenwart, und das bedeutete für einen griechischen Bühnenautor, beim Publikum Erfolg zu haben. Theateraufführungen wurden im antiken Griechenland als Wettbewerbe durchgeführt. Es wurden hintereinander meist drei Stücke gespielt, dann stimmte eine Jury (die sich gerne von den Reaktionen des Publikums beeinflussen ließ) über die Platzierung ab. Aischylos hatte mit den Persern Erfolg, er kam auf Platz eins. Er traf also den Geschmack des Publikums. Acht Jahre nach Salamis war die Erinnerung an dieses Großereignis, das patriotisch gefeiert worden war, noch sehr frisch. Sympathiewerbung für tapfere Perser wäre hier fehl am Platz gewesen. Die Menschen, die in einem Theater in Athen das Stück sahen, waren gewissermaßen live dabei, wie die Nachricht von der Niederlage bei den erfolgsverwöhnten, siegessicheren Persern im fernen Susa einschlug.
Das Jammern und Klagen am persischen Königshof rief beim Publikum nicht Bewunderung und Respekt hervor, sondern Stolz auf sich selbst – eine Wirkung, die Aischylos einkalkuliert hatte. Im Leiden der Perser feierten die Griechen ihren Erfolg – über die »Barbaren«, denn so lässt Aischylos die Perser in dem Stück sich selbst bezeichnen. Im Übrigen war Aischylos von seiner eigenen Biografie her kein unbedingter Freund der Perser. Bei Marathon und Salamis hatte er aktiv für die Griechen gekämpft. Sein Bruder war bei Marathon ums Leben gekommen. Auf seinem Grabstein ließ er eine Inschrift anbringen, die seine Tapferkeit in der Schlacht von Marathon rühmt. So sind seine Perser auch Reflex seiner ganz persönlichen Erfahrungen mit den Persern.
Spezial: Fremde unerwünscht! Die Olympischen Spiele der Antike
Olympia – ein internationales Völkerfest. Das ist der Anspruch, seit 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden. In der Antike waren die Olympischen Spiele, die alle vier Jahre im heiligen Hain von Olympia stattfanden, zunächst eine exklusive Angelegenheit für Griechen – genauer: für junge männliche Athleten griechischer Herkunft. Barbaren waren nicht zugelassen. Wer bei Olympia dabei sein wollte, musste gegenüber den Organisatoren den Nachweis erbringen, dass er Grieche war, etwa durch Sprachkenntnisse, die Zugehörigkeit zu einer griechischen Stadt oder die Verbundenheit mit der griechischen Religion. Nicht zugelassen waren anfangs Athleten aus Makedonien. Die Bewohner dieser Landschaft im Gebiet des Olymps galten den Griechen, obwohl sie mit ihnen ethnisch verwandt waren, als Barbaren. König Alexander I., ein Vorfahr des großen Alexander, empfand diese Zurückweisung als Diskriminierung. Mit großem Gefolge erschien er, wie Herodot (5,22) berichtet, in Olympia und marschierte schnurstracks dorthin, wo die Läufer sich auf ihren Wettbewerb vorbereiteten, ganz offensichtlich in der Absicht, mitzulaufen. Die Begeisterung der anderen Sportler, einen veritablen König im Teilnehmerfeld zu sehen, hielt sich jedoch in engen Grenzen, sie forderten seinen Ausschluss mit der Begründung, der Wettkampf sei nicht für fremde, sondern nur für griechische Athleten gedacht. Das war ein Fall für die Schiedsrichter, sie verlangten, dass der König eine griechische Herkunft nachweise. Alexander war gut vorbereitet und legte dar, dass er von seinen Vorfahren her aus der griechischen Stadt Argos stamme. Diese Begründung wurde akzeptiert, Alexander trat an – und gewann? Das wäre des Guten dann doch zu viel gewesen. Aber die Wettkampfrichter waren weise genug, salomonisch zu entscheiden, dass er genauso schnell gelaufen war wie der Sieger.
Später, als die Römer die Herrschaft über Griechenland übernahmen, wurde die Schranke zwischen Griechen und Barbaren aufgehoben. Schließlich waren in der Sicht der Griechen auch die Römer Barbaren. So stand die Teilnahme an den Olympischen Spielen jetzt allen offen. Bis zum Verbot der Spiele durch den römischen Kaiser Theodosius 393 n. Chr. waren die Spiele nun eine internationale Angelegenheit.
5. Exotische Fremde – Ethnografie und Mythos
Das Fremde hatte es in der Antike leichter, wenn es weiter entfernt lag. Je exotischer, desto besser. Von fernen Fremden war man fasziniert, weil man ihnen, anders nahen Fremden, entspannt und offen begegnen konnte. Diese Haltung hat die Antike nicht exklusiv gepachtet, sondern scheint so etwas wie eine anthropologische Konstante zu sein – wenn man nur daran denkt, wie Europa im Mittelalter und der Frühen Neuzeit dem Fernen Osten oder in der Neuzeit der karibischen Inselwelt begegnet ist. Fremde Völker, fremde Sitten und fremde Landschaften dienen dabei immer auch als Projektionsflächen eigener Wünsche und Sehnsüchte. Und sie befriedigen die Neugier und lassen staunen.
So wurden in der griechischen Geografie und Ethnografie die Völker am Rande der Oikumene, der bewohnten, vom Weltmeer, dem Okeanos, umgebenen Landmasse, zu wundersamen Gesellschaften stilisiert. Exotische Fremde wurden im – aus griechischer Sicht – äußersten Süden, Osten, Norden und Westen angesiedelt. Je ferner, desto exotischer. Ein typisches Beispiel für die klassische Zeit wird von dem auch in dieser Hinsicht sehr auskunftsfreudigen Herodot geliefert (4,185). Dort, wo der griechische Schriftsteller des 5. Jahrhunderts v. Chr. die in Libyen lebenden Menschen porträtiert, nimmt er seine Leser und Hörer mit auf eine Reise zu den Garamanten und Troglodyten, zwei exotischen Völkern in Nordafrika:
»Von Augila aus kommen nach zehn weiteren Tagen des Weges wieder ein Salzhügel und Wasser und viele fruchttragende Dattelpalmen, wie bei den anderen. Auch da wohnen Menschen, die heißen Garamanten, ein mächtig großes Volk. Sie tragen Erde auf das Salz und säen dann. Hier kommt der Höhenzug der Lotophagen am nächsten. Von denen bis hierher sind es 30 Tage. Bei ihnen gibt es auch die rückwärts weidenden Rinder. Rückwärts weiden sie deswegen: Ihre Hörner sind nach vorne gebogen, darum gehen sie rückwärts, wenn sie weiden. Vorwärts können sie nämlich nicht, denn sonst würden sie mit ihren Hörnern in den Boden stoßen. Sonst unterscheiden sie sich gar nicht von anderen Rindern, nur hierin und dann dadurch, dass ihre Haut sehr stark und haltbar ist. Diese Garamanten machen Jagd auf die aithiopischen Troglodyten, und zwar mit Viergespannen. Die aithiopischen Troglodyten nämlich haben die schnellsten Beine von allen Menschen, von denen uns darüber berichtet wird. Diese Höhlenbewohner ernähren sich von Schlangen und Eidechsen und anderem solchem Gewürm. Es gibt bei ihnen eine Sprache, die ist keiner anderen ähnlich, sondern sie kreischen wie Fledermäuse.«
Das sind seltsame Informationen, die Herodot über die Fremden verbreitet. Ein gemeinsamer Nenner bei der Betrachtung des exotischen Fremden aber ist, neben dem Wundersamen und Ungewöhnlichen, der Naturbezug dieser Völker. Sie sind ein urtümliches Gegenmodell zu den (tatsächlich oder vermeintlich) zivilisierten Völkern. Sie können sogar ein Vorbild sein. Die Libyer am Tritonsee, berichtet Herodot (4,189), verehren nicht, wie alle anderen, die Sonne und den Mond, sondern die griechischen Gottheiten Athene, Triton und Poseidon. Den Tritonsee haben die Griechen über die Argonauten-Sage (Jason auf der Suche nach dem Goldenen Vlies) in ihren geografischen und kultischen Horizont einbezogen. Bekannt geworden ist er ihnen während der Großen Kolonisation, als griechische Siedler und Abenteurer auf der Suche einer neuen Heimat auch der afrikanischen Küste Besuche abstatteten.
Doch die Libyer haben nicht nur genommen, sondern auch gegeben. Genauer gesagt: Es waren die libyschen Frauen, die griechischen Frauen in Sachen Kleidung und Mode als Vorbild dienten, und auch die akustische Begleitung kultischer Handlungen war libyscher Herkunft, wie Herodot wissen will (4,189): »Ich habe auch die Vermutung, dass das helle Schreien (ololyge) beim Opfern dort zuerst aufgekommen ist. Denn die libyschen Frauen verwenden es reichlich und verwenden es schön.« Um aber bei den stolzen Griechen nicht den Eindruck zu erwecken, man habe zu viel von den barbarischen Libyern übernommen, fügt der Autor zur Beruhigung hinzu (4,198): »Ich meine aber, auch in seiner Leistung ist Libyen nicht so bedeutend, dass man es mit Europa oder Asien gleichstellen kann.«
Zwischen den Garamenten und den Troglodyten tauchen bei Herodot die Lotophagen auf – eine griechische Bezeichnung für die »Lotosesser«, denen bereits Homer in der Odyssee ein literarisches Denkmal gesetzt hatte (9,82–105). Seine Irrfahrten führten den griechischen Trojahelden und seine Begleiter an die Gestade dieses Volkes. Wie würden sie als Fremde empfangen werden? Zwei seiner Leute schickte Odysseus als Kundschafter voraus. Das Ergebnis dieses Besuches war erfreulich und unerfreulich. »Die Lotophagen beleidigten nicht im geringsten unsere Freunde, sie gaben den Fremdlingen Lotos zu kosten.« Die Gefährten freuten sich über den freundlichen Empfang, beachteten aber nicht die Risiken und Nebenwirkungen des Genusses der Lotospflanze:
»Wer nun die Honigsüße der Lotosfrüchte gekostet,
Dieser dachte nicht mehr an Kundschaft oder an Heimkehr,
Sondern sie wollten stets in der Lotophagen Gesellschaft
Bleiben und Lotos pflücken und ihrer Heimat entsagen.«
Odysseus aber war wie immer zur Stelle, und befreite die Gefährten aus ihrer misslichen Lage, indem er »die Weinenden mit Gewalt wieder ans Ufer zog«. Herodot lokalisiert dieses bemerkenswerte Volk der Lotosesser im östlichen Nordafrika. Damit gehört er zu den antiken Vorläufern jener unermüdlichen Schar von Forschern und Abenteurern, die viel Energie in die vom historischen Standpunkt aus relativ aussichtslose Idee investiert haben, die Schauplätze der homerischen Odyssee mit konkreten Orten innerhalb oder gar außerhalb der Mittelmeerwelt in Verbindung zu bringen. Die Lotophagen als Volk hat es nicht gegeben, sie gehören dem Reich der Fantasie an, ebenso wie das erstaunliche Volk der Enotokoiten – Menschen, die so große Ohren hatten, dass sie sich im Schlaf damit zudecken konnten, oder die wundersamen Kynokephaloi, Menschen, die mal in Indien, mal in Afrika angesiedelt wurden, einen Hundekopf hatten und wie die Enotokoiten passenderweise ihre physiognomische Erscheinung auch gleich als Volksnamen trugen. Die Garamanten und Troglodyten indes sind real – ein Beweis dafür, wie unbefangen selbst ein versierter Historiker wie Herodot wirkliche und fiktive Völker miteinander kombinierte. Das Ferne in diesem Sinne ist häufig mehr Fantasie als Realität. Manchmal geht die Realität in Fantasie oder die Fantasie in Realität über. Wenn die Fantasie auf die Realität trifft, können sich bemerkenswerte Konstellationen ergeben.
Ein fester Begriff im griechischen Repertoire exotischer Völker waren die Aithiopes. Die Vokabel aithiops bedeutet im Griechischen »dunkel, schwarz, verbrannt«. Als »Äthiopier« bezeichneten sie alle Menschen mit dunkler Hautfarbe – auch diejenigen im heutigen Libyen, die Herodot als Troglodyten identifiziert und denen er so schmeichelhafte Komplimente zu ihren stimmlichen Qualitäten machte. Wer in der Antike einer Homer-Lesung beiwohnte (immer die erste literarische Referenz, wenn es um frühe Zustände und Entwicklungen bei den Griechen geht), musste nicht lange warten, bis die Äthiopier erwähnt wurden. Sie tauchen gleich im ersten Buch der Ilias auf (1,423–425). Dort sind sie die Gastgeber der olympischen Götter:
»Zeus ging gestern zum Mahl der unsträflichen Äthiopen
An des Okeanos Flut, und die Himmlischen folgten ihm alle.
Aber am zwölften Tag dann kehrt er heim zum Olympos.«
Nicht jedem Volk der Antike widerfuhr die Ehre, von der Götterfamilie zum freundlichen Gastmahl aufgesucht zu werden. So werden die »unsträflichen« (man kann auch sagen »untadeligen«) Äthiopier in das erste Werk der europäischen Literaturgeschichte mit einer deutlich positiven Note eingeführt. Im Nachfolgewerk, der Odyssee, tauchen die Äthiopier noch früher auf, gleich im 22. Vers des ersten Buches. Bei ihnen hält sich der Odysseus zürnende Gott Poseidon auf, schon wieder speisend, während der Rest der Götterfamilie auf dem Olymp über das Schicksal des irrfahrenden Trojahelden beratschlägt. »Die äußersten Menschen« werden die Äthiopier hier genannt, ganz am Rande der bewohnten Welt lebend. Das ferne Dasein garantiert ihnen die Sympathien der Griechen und stilisiert sie zu einem idealisierten Naturvolk, bei dem die Götter gerne zum Essen vorbeischauen. In direkter Nachbarschaft zu den Griechen hätten sie es schwerer gehabt.
Bemerkenswerterweise spricht Homer an keiner Stelle von der dunklen Hautfarbe der Äthiopier. Homer schrieb seine Epen am Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. Dunkelhäutige Menschen hatten die Griechen aber schon lange vorher kennengelernt, in der mykenischen Zeit, als sie im ostmediterranen Raum ein enges Netz an Handelskontakten knüpften. Und vor ihnen waren es die Minoer auf Kreta gewesen, die über Ägypten Beziehungen zu Afrika pflegten. Dabei gab es genug Gelegenheiten und auch Möglichkeiten, Menschen mit dunkler Hautfarbe zu begegnen. Die frühen Griechen prägten aufgrund dieser Beziehungen, lange vor Homer, den Namen Äthiopier und meinten damit dunkelhäutige Menschen. Bei Homer haben sie ihre Farbe verloren – eine Folge des Umstandes, dass in den Jahrhunderten zuvor, nach dem Zusammenbruch der Mykenischen Kultur, keine nennenswerten Kontakte zu Ägypten und damit zu anderen Völkern Afrikas bestanden. Die Fremden sind weder weiß noch schwarz, sondern einfach nur noch die Äthiopier am Rande der Welt, bei denen gelegentlich die Götter zu Gast sind. Und dann eine weitere Wende: Schon in der Zeit Homers, der noch alte Konventionen verwaltet, aber verstärkt danach gehen die Griechen im Zuge der Großen Kolonisation wieder in die weite Welt hinaus, begegnen auch wieder den »richtigen« und nicht mehr nur den »mythischen« Äthiopiern – und schon erhalten sie ihre Farbe wieder, wie Texte, aber auch Vasenbilder mit der Darstellung von schwarzen Menschen zeigen. Bilder von Fremden können sich, so lehrt dieses Beispiel, ändern – je nach Situation und Intensität der Kontakte.
Fremde Frauen im Mythos
Medea – Die Fremde aus dem Kaukasus
Um sich an ihrem Mann zu rächen, tötet sie ihre Kinder. So lautet, kurz zusammengefasst, der Kern der Geschichte der Medea. Einer der populärsten Stoffe der Antike, mit einer bis in die Gegenwart reichenden Rezeption in der Literatur, der Kunst, auf den Theaterbühnen. Medea ist ein Mythos. Die antiken Griechen arbeiteten gerne mit Mythen. Sie dienten ihnen dazu, allgemein menschliche Probleme, Situationen, Konstellationen dramatisch und fantasievoll zu beleuchten. Und sie sollten Erklärungen und Begründungen für Verhältnisse und Ereignisse liefern, an die man nur noch eine vage Erinnerung hatte und die man gerne konkreter mit Inhalt füllen wollte.
Medea gehört in den Kontext der Geschichte der Argonauten, die nach dem Schiff benannt sind, mit dem sie sich auf die Suche nach dem Goldenen Vlies, dem goldenen Fell eines Widders mit Zauberpotenzial, machten. Das Ziel der Expedition lag in der Landschaft Kolchis am Kaukasus, im frühen geografischen Weltbild der Griechen am Rande der Welt, weit weg von aller Zivilisation. Anführer der Schatzsucher war Jason, ein Königssohn aus Iolkos in Thessalien. Den historischen Hintergrund dieses Mythos bildete die seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. erfolgte Kolonisation des Schwarzmeergebietes durch die Griechen.
Das Unternehmen Goldenes Vlies gestaltet sich kompliziert, ist aber letztlich erfolgreich, weil Jason eine höchst aktive Helferin gewinnt – jene Medea eben, die Tochter des Königs Aietes von Kolchis. Die Frau aus dem Kaukasus verliebt sich in den Griechen, sie heiraten, bekommen zwei Söhne und ziehen schließlich, nach einigen Irrungen und Wirrungen, nach Korinth. Dort regiert ein König namens Kreon, der die Begeisterung für die Fremde vom Ende der Welt nicht teilt. Er bietet Jason seine eigene Tochter als Ehefrau an. Jason geht, mit Blick auf die mit der geplanten Heirat verbundenen beruflichen Perspektiven, auf diesen Handel ein. Er verstößt Medea, reklamiert aber die Kinder für sich. Medeas Rache ist furchtbar: In der Fremde isoliert und als Fremde stigmatisiert, vom Ehemann schmählich verlassen, ermordet sie die eigenen Kinder. Jason wird König von Korinth, wird aber nicht mehr glücklich und nimmt sich aus Verzweiflung das Leben. Medea macht indes Karriere in Athen, wo sie den König Aigeus heiratet und zur Stiefmutter des Helden Theseus avanciert.
Medea vor dem Kindermord, Wandmalerei aus Herculaneum, 1. Jh. n. Chr., nach einem griechischen Original, Archäologisches Nationalmuseum Neapel
Wie jeder antike Mythos, so ist auch der Medea-Mythos vielschichtig, aus verschiedenen Quellen gespeist und in unterschiedlichen Versionen überliefert. Am bekanntesten ist die Tragödie des athenischen Dichters Euripides, die 431 v. Chr. erstmals aufgeführt wurde. Der Tragiker porträtiert Medea gemäß ihrer Herkunft als wild und unzivilisiert, mit magischen Kräften versehen. Jedoch zeigt er, was den tragischen Konflikt zwischen Medea und Jason angeht, mehr Sympathie für die Frau aus der Fremde als für den abtrünnigen griechischen Ehemann. Zwar lässt er ihn in einem ehelichen Streit mit der überlegenen Zivilisation der Griechen argumentieren, wodurch Medea als Fremde, sogar als Barbarin erscheint. Doch angesichts der Situation wirken diese Worte nicht sehr überzeugend, eher überheblich. Das athenische Theaterpublikum war auf der Seite der Medea.
Andromeda – Die Fremde aus Äthiopien
Nicht jede Frau aus der Antike bringt es zu einem eigenen Sternbild. Andromeda hat es geschafft. So erstrahlt sie am nächtlichen Himmel in dauerhaftem Glanz. Die mythische Namensgeberin war eine aus Äthiopien stammende Afrikanerin. Die Geschichte, die die Griechen mit Andromeda verbanden, steht auf der Liste der fantasievollsten Mythen ganz weit oben. Wie Medea war sie eine Frau aus den höchsten Kreisen. Ihr Vater Kepheus war der König der Äthiopier. Den Stein ins Rollen brachte die Königin, Andromedas Mutter Kassiopeia, die wie die Tochter heute den Sternenhimmel ziert. Indem sie behauptete, schöner zu sein als die Nereiden, die bezaubernden Töchter des Meeresgottes Nereus, reizte sie den obersten Meeres- und Erdbebengott Poseidon. Zur Strafe schickt er den Äthiopiern Hochwasser und ein außerordentlich störendes Seeungeheuer. Auf Weisung eines Orakels lässt der König seine Tochter an einen Felsen binden, in der Hoffnung, mit diesem Opfer den zürnenden Gott zu besänftigen. Zum Glück kommt der berühmte griechische Held Perseus vorbei, auf dem Rückweg von einem anderen, gerade erfolgreich bestandenen Abenteuer. Er verspricht Hilfe, wenn Andromeda ihm ihrerseits verspricht, mit ihm zu ziehen – spätere Heirat nicht ausgeschlossen. Andromeda stimmt zu, der Held besiegt das Ungeheuer. Gestört wird das Glück durch Andromedas Onkel, der seinerseits Begehrlichkeiten in Richtung seiner Nichte entwickelt. Doch Perseus verwandelt den lästigen Rivalen mithilfe des Hauptes der Medusa in Stein. Danach lebten sie in Glück und Frieden mit vielen Kindern. Als sie starben, wurden Andromeda und Perseus zu den Sternen versetzt, zusammen mit ihren Eltern.
Auch dieser Mythos spielt an einem Ende der Welt. Medea kommt aus dem Norden, Andromeda aus dem Süden. Medea ist für die Griechen eine Fremde, Andromeda nicht. Der Mythos thematisiert ihr Fremdsein jedenfalls nicht. Sie hat auch keine dunkle Hautfarbe. Vasenbilder aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. zeigen sie zwar in nichtgriechischer, »barbarischer« Tracht, aber im Gegensatz zu ihren dunkelhäutigen Begleitern ist sie eine Weiße. Der Mythos hat sie griechisch eingemeindet durch die enge Anbindung an den großen Helden Perseus. Ihre Heimat Äthiopien ist nur eine geografische Chiffre, markiert aber keinen kulturellen oder zivilisatorischen Unterschied.
Europa – Die Fremde aus dem Orient
Europa ist nach einer Frau aus dem Libanon benannt, also aus griechischer und europäischer Sicht nach einer Fremden. Natürlich nicht nach irgendeiner Fremden, königlichen Geblüts musste sie schon sein. Europa stammte aus einer Hochburg der Phönizier, die in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends den Handel im Mittelmeerraum beherrschten und sogar bis nach Spanien kamen. Europa war die Tochter des Königs Agenor, der die reiche Stadt Sidon regierte (andere Quellen sprechen von Tyros). Auf einem seiner zahlreichen amourösen Abenteuer kam der oberste griechische Gott Zeus an die Küste Phöniziens, erblickte am Strand die schöne Europa im Kreise ihrer Gespielinnen und fragte sich, wie er es anstellen könne, sie für sich zu gewinnen. Er verwandelte sich schließlich in einen Stier, lud die Königstochter ein, auf seinem Rücken Platz zu nehmen und rauschte mit ihr über das Meer bis zur Insel Kreta. Nachdem Zeus wieder seine eigentliche Gestalt angenommen hatte, kamen sich der Gott und Europa so nahe, dass am Ende drei Söhne geboren wurden, deren ältester den Namen Minos erhielt. Dieser wurde König auf Kreta und residierte im Palast von Knossos.
Jupiter entführt in Gestalt eines Stiers die Königstochter Europa, Wandmalerei aus Pompeji, Archäologisches Nationalmuseum Neapel
Ein bemerkenswerter Mythos: Er dokumentiert, dass die Griechen wussten, woher ihre Kultur kam – aus dem Vorderen Orient, der dem Westen damals in wirtschaftlicher, technologischer und wissenschaftlicher Hinsicht weit voraus war. Ohne die Impulse aus dem Osten hätten sich die Griechen nicht so entwickelt, wie sie es getan haben. Bemerkenswert ist einerseits, dass sie sich, wie der Europa-Mythos zeigt, dessen durchaus bewusst waren, und dass sie andererseits diese Impulse gerne aufnahmen und etwas daraus gemacht haben.
Dieser Vorgang des Kulturtransfers aus dem Orient spiegelt sich auch in einem Anschluss-Mythos wider. Als Europa verschwunden war, machte sich ihre Familie Sorgen. So wurde ihr Bruder Kadmos beauftragt, nach der Schwester zu suchen. Er wandte sich, wie auch die Griechen es zu tun pflegten, an das Orakel von Delphi, das dazu riet, die Nachforschungen nach Europa aufzugeben und stattdessen in Böotien die Stadt Theben zu gründen. So ging der Phönizier Kadmos in die Annalen ein als Gründer der später bedeutenden griechischen Stadt Theben. Und die Thebaner waren stolz auf den fremden Gründer und hielten ihn immer in Ehren.
6. Leben mit Fremden – Leben als Fremde
»Es kommt wegen der Größe der Stadt aus aller Welt alles zu uns herein.« Perikles bei Thukydides 2,38
»Aus ganz Hellas wandten sich die Verdrängten und Flüchtlinge, immer die Mächtigsten, nach Athen als an einen sicheren Ort, wurden dort Bürger und machten so schon seit ältester Zeit die Stadt noch größer und volkreicher …«
Thukydides 1,2
Für die Griechen war nicht jeder Fremde gleich fremd. Sie nahmen eine deutliche Unterscheidung zwischen griechischen Fremden und nichtgriechischen Fremden vor. Wer kein Grieche war, war ein Barbar. Wer Grieche war, aber einem anderen Stadtstaat angehörte, war kein Barbar, aber doch ein Fremder. Zwar schufen die Griechen durch die Faktoren Abstammung, Sprache, Religion und Lebensformen eine kulturelle Identität, mit der sie sich von Persern, Libyern, Ägyptern oder anderen Völkern – den »Barbaren« eben – abgrenzten. Jedoch bildeten sie in der Antike zu keinem Zeitpunkt eine rechtliche oder gar staatliche Einheit. Die Griechen waren sich selbst ziemlich fremd, sie waren auch in Griechenland fast überall Fremde. Das lag an den politischen Strukturen der klassischen Zeit. Griechenland bestand aus etwa 700, meist sehr kleinen Stadtstaaten, von den Griechen »Poleis« genannt. Jede Polis war autonom und frei, mit eigenen Gesetzen, eigenem Bürgerrecht, eigenen politischen Funktionären, eigenem Kalender, eigener Währung. Sie definierte sich als Personenverband und nicht über das Territorium, in dem die Menschen lebten. So gab es die Athener, die Spartaner, die Korinther, die Thebaner. Schneller als ein antiker Grieche konnte man kaum zum Fremden werden: Er musste nur seine Stadt verlassen, über einen Berg ins nächste Tal gehen, die Grenzen der Nachbarstadt überschreiten – und schon war er ein Fremder.
Kam man nur zu Besuch oder um geschäftliche Angelegenheiten zu regeln, kehrte man anschließend in die eigene Stadt zurück und war kein Fremder mehr. Anders aber verhielt es sich mit jenen Menschen, die für länger oder sogar auf Dauer oder sogar für immer in einer fremden Stadt lebten. Am besten sind in dieser Hinsicht die Verhältnisse in der Polis Athen bekannt. In klassischer Zeit entwickelte sich die Stadt in Attika zu einem der wichtigsten urbanen Zentren in Griechenland. Hierher strömten viele Fremde, Nichtgriechen wie auch Griechen. Sie wurden angelockt von den wirtschaftlichen Möglichkeiten, welche die pulsierende Metropole bot, wie auch von deren kulturellem Glanz.
Wurden sie von der Bevölkerung mit offenen Armen empfangen? Die Politiker jedenfalls sendeten freundliche Signale aus. Allen voran der berühmte Solon. Seine Glanzzeit hatte er vor 2600 Jahren, zu Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. Er war ein wahres Multitalent: Politischer Reformer, Wegbereiter der athenischen Demokratie, Gesetzgeber, Lyriker, einer der Sieben Weisen der Antike. Mehr passte nicht auf die historische Visitenkarte. Das Ziel, das letztlich hinter all seinen Aktivitäten und all seinem Eifer stand, war Stabilität der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Athen. Zuvor hatte es eine Serie von Bürgerkriegen und Konflikten gegeben, ein tiefer Spalt war durch die Gesellschaft gegangen. Ein ganzes Paket von Gesetzen und Maßnahmen sollte dazu dienen, die bedrohte Ordnung wiederherzustellen und die Menschen dafür zu gewinnen, sich für das Wohlergehen und das Funktionieren des Staates einzusetzen.
In diesen Rahmen gehört auch ein bemerkenswertes Gesetz über den Zuzug von Fremden und die Verleihung des Athener Bürgerrechts an Fremde, eine Art antiker Staatsbürgerschaft (Plutarch, Solon 24,4). Unter zwei Voraussetzungen sollten Fremde einen Anspruch haben, in die Bürgergemeinschaft der Athener aufgenommen zu werden: Wenn sie für immer aus ihrer Heimat verbannt worden waren oder wenn sie bereit waren, mit ihrer ganzen Familie nach Athen überzusiedeln, um dort ein Handwerk oder Gewerbe zu betreiben. Willkommen waren also, wie der zweite Punkt zeigt, Migranten, die in der Lage waren, das wirtschaftliche Leben in Athen weiter anzukurbeln. Warum aber zeigte sich Athen offen für Menschen, die man aus ihrer Heimat vertrieben hatte? Vertreibungen waren in dieser Zeit in der Regel das Ergebnis von politischen Unruhen und Bürgerkriegen. Wer auf diese Weise nach Athen kam, war ein Flüchtling – weil er die Heimat entweder freiwillig oder gezwungenermaßen verlassen hatte. Wenn Solon Flüchtlingen und Vertriebenen den Weg nach Athen ebnete, so stand dahinter nicht die Hoffnung, für die Verleihung eines Menschenrechtspreises infrage zu kommen. Vielmehr stand im Vordergrund das ganz rationale und pragmatische Kalkül, mit den politischen Flüchtlingen Menschen Schutz und Sicherheit zu gewähren, die in der Konsequenz alles darangeben würden, sich in ihrer neuen Heimat, wenn auch nicht in führender Position, politisch und gesellschaftlich zu engagieren.
Humanitäre Gründe spielten bei Solon also keine Rolle, maßgeblich war der Wunsch, von den Fremden zu profitieren – wirtschaftlich und politisch. Menschlichkeit im modernen Sinne war ohnehin selten bis gar nicht im Spiel, wenn sich Menschen im antiken Griechenland um antike Fremde kümmerten. Meistens bis immer standen dahinter subjektive Interessen. Unter Solon ging die Rechnung auf, wie die weitere Entwicklung zeigt. Die eingebürgerten Fremden bildeten zusammen mit der einheimischen Bevölkerung das wirtschaftliche Rückgrat des demokratischen Staates Athen. Ihre Stellung war deutlich besser als die der rechtlosen Sklaven, bei denen es sich ebenfalls meistens um Fremde handelte, deren Zuzug nun allerdings alles andere als freiwillig war. Es handelte sich bei ihnen um Kriegsgefangene, die vor allem in der Landwirtschaft und im Bergbau eingesetzt wurden.
Doch war die Einbürgerung von Fremden nicht der Normalfall. Überhaupt wurde die Verleihung des Bürgerrechts an Fremde in der Zeit nach Solon restriktiver gehandhabt. Im Normalfall wurde ihnen die Eintrittskarte in die Bürgergemeinschaft der Athener vorenthalten. Sie bekamen in Athen den Status von Metoikoi, wörtlich »Mitwohnende«. Andere Städte gingen ähnlich vor, fanden nur andere Begriffe für die Fremden, die dauerhaft bei ihnen lebten. Ein Metoikos war, anders als die Sklaven, persönlich frei. Anders als die Bürger hatte er, wie seine ganze Familie, keinerlei politische Rechte. Vom politischen Leben, das in der Demokratie der Athener besonders intensiv war, blieben sie vollständig ausgegrenzt. Weder durften sie wählen noch sich an den Abstimmungen über Gesetze beteiligen.
Die Akropolis von Athen, 2008
Für die Zuordnung in die Gruppe der Metoikoi war ein genaues bürokratisches Prozedere vorgeschrieben. Bis zu 30 Tage durfte sich ein Fremder in der Stadt aufhalten, ohne sich bei den Behörden melden zu müssen. Er galt für diese Zeit als Xenos, was sowohl »Fremder« als auch »Gast« bedeutete. Nach 30 Tagen hatte er sich in die Liste der Metoikoi einzutragen. Die Aufnahme, die regelmäßig gewährt wurde, da es keine Zugangsbeschränkung gab, war gleichbedeutend mit der dauerhaften Aufenthaltsberechtigung. So konnten die neuen Athener, die keine wirklichen Athener waren, nun ihren Geschäften nachgehen und sich ein neues Leben aufbauen, sahen sich aber zugleich einigen Restriktionen ausgesetzt. Nicht allein, dass sie politisch keinerlei Rechte hatten. Sie mussten auch eine besondere Kopfsteuer, Metoikion genannt, zahlen. Sie war nicht sehr hoch und diente vor allem dazu, die Ausgrenzung der Fremden deutlich zu machen. Ein Bürger hatte keine regelmäßigen Steuern zu zahlen, sondern wurde von Zeit zu Zeit, bei Bedarf, zur Zahlung von Sonderabgaben verpflichtet. Vor Gericht durften Fremde nicht selbstständig auftreten, sondern hatten sich einen Interessenvertreter zu wählen. Der gravierendste Unterschied zu den Bürgern bestand darin, dass die Fremden keinen Grundbesitz erwerben durften. Diese Bestimmung folgte der Logik, warum man Fremde prinzipiell mit offenen Armen empfing: Sie sollten sich um Handel, Gewerbe und Handwerk kümmern und auf diese Weise die athenische Wirtschaft ankurbeln.
Weniger Rechte, dafür aber gleiche Pflichten – unter diese Kategorie fällt die Praxis, Fremde zum Militärdienst heranzuziehen. In Athen gab es, wie in den anderen griechischen Stadtstaaten, keine Berufsarmee und kein stehendes Heer. Wenn Krieg ausbrach – in der klassischen Zeit alles andere als eine Seltenheit –, zogen die Bürger ins Feld, an ihrer Seite Metoikoi, die, wenn sie sich militärisch bewährten, zur Belohnung das Bürgerrecht erhalten konnten. Nach dem verlustreichen Peloponnesischen Krieg, den die griechischen Supermächte Athen und Sparta 27 Jahre lang führten, von 431 bis 404 v. Chr., kamen mehr und mehr Söldner zum Einsatz, die in der Fremde rekrutiert wurden. Militärisch waren sie ein Gewinn, doch litten sie unter einem notorisch schlechten Ruf, den sie sich auch deswegen erwarben, weil sie, befreit von der Disziplin ihrer Herkunfts-Gesellschaften, sich in der Fremde in einer rechts- und moralfreien Zone wähnten und häufig auch genauso verhielten.
Bunte Truppe
Der Historiker Thukydides über das militärische Aufgebot, das die Athener 415 v. Chr. nach Sizilien schickten (6,43):
»Und nun war es so weit, dass die Athener von Kerkyra (Korfu) in See stachen und hinüber fuhren nach Sizilien. Trieren waren es im Ganzen 134 sowie zwei Fünfzigruderer aus Rhodos. Davon kamen 100 aus Athen – 60 Schnellfahrer, die anderen Truppenschiffe –, die übrige Flotte aus Chios und von den anderen Verbündeten; Gepanzerte insgesamt 5100, davon Athener 1500 nach der Liste und 700 von den Ärmeren als Schiffsbesatzung. Die anderen waren mit aufgebotene Hilfsvölker, teils von den Untertanen, aber auch 500 aus Argos und 250 aus Mantineia und Söldner. Schützen im Ganzen 480, wovon 80 aus Kreta waren, 700 Schleuderer aus Rhodos und Plänkler aus Megara, von den Verbannten 120 und ein Lastschiff für Pferde mit 30 Reitern.«
Die Athener nahmen Fremde aus wirtschaftlichen Gründen gerne auf, schlossen sie aber rigoros aus ihrer Bürgergemeinde aus. Für den Umstand, dass griechische Stadtstaaten wie Athen an einer hohen Bevölkerungszahl, nicht aber an einer hohen Bürgerzahl interessiert waren, waren strukturelle Gründe verantwortlich. In Theorie und Praxis galt die Regel: Eine Polis darf nicht zu groß sein. Die Polis lebte von der politischen Partizipation der Bürger. Das erforderte eine Limitierung der politisch Berechtigten, denn Politik funktionierte nach Meinung der Griechen nur im intensiven Austausch und in kommunikativer Atmosphäre. Im Idealfall sollten sich alle persönlich kennen. Zu viele Fremde würden das System zerstören. Der Universalgelehrte Aristoteles, auf dessen imposanter Visitenkarte auch der Eintrag »Staatstheoretiker« steht, sagte, zehn Menschen seien für einen Staat zu wenig, hunderttausend zu viel (Nikomachische Ethik 1170 b31). »Wer könnte«, so fragte er rhetorisch, »Stratege einer übergroßen Masse oder wer ein Herold sein, wenn er nicht eine Stimme wie Stentor hätte?« (Politeia 1326 b5) – also wie jene Figur des griechischen Mythos, die im Rahmen des Trojanischen Krieges mit gewaltigen phonetischen Fähigkeiten auftritt.
Die meisten griechischen Stadtstaaten erfüllten das Anforderungsprofil des klugen Wissenschaftlers. Nur die Kultur- und Wirtschaftsmetropole Athen fiel aus der Rolle. In ihrer Glanzzeit im 5. Jahrhundert v. Chr. lebten hier geschätzt etwa 250 000 Menschen – nicht alle in der Stadt selbst, sondern auch in dem zugehörigen agrarisch geprägten Umland von Attika. Dies war jedenfalls der Zustand, nachdem Athen durch den Sieg gegen die Perser zur wichtigsten Stadt in Griechenland aufgestiegen war. Nach dem verheerenden Krieg gegen Sparta zwischen 431 und 404 v. Chr. (der »Peloponnesische Krieg«) sank die Einwohnerzahl aufgrund hoher Verluste signifikant. Von den 250 000 Bewohnern der Glanzzeit besaßen ca. 30 000 – knapp über 10 % – das Bürgerrecht. Andere Schätzungen gehen – zu hoch – von bis zu 50 000 Bürgern aus. Dabei handelte es sich um die politisch vollberechtigten Männer über 18 Jahren. Frauen und Kinder blieben also ausgeschlossen, wie auch die Sklaven und die Fremden – auch wenn diese, wie die Metoikoi, dauerhaft ortsansässig waren. Deren Zahl dürfte zwischen 25 000 und 35 000 gelegen haben. Das heißt: Gemessen an der Gesamtbevölkerung von 250 000 machten die Fremden einen Anteil von mindestens 10 % aus. Es gab in Athen im 5. Jahrhundert v. Chr. daher genauso viele Fremde wie Bürger. Im 4. Jahrhundert v. Chr. waren die Verhältnisse nicht viel anders. Um 340 v. Chr. wurde eine Volkszählung durchgeführt. Dabei kam heraus (Athenaios 272c), dass damals in Athen 21 000 einheimische Vollbürger lebten, während die Zahl der (männlichen) Metoikoi bei 10 000 lag. Ein Drittel aller athenischen Haushalte waren »fremde« Haushalte.
Metoikoi und ihre Herkunftsorte
Die Fremden, die dauerhaft in Athen lebten, kamen aus 380 Städten und Orten zwischen Sizilien und Kleinasien. Die größte Gemeinde stellten Zuwanderer aus der Handelsmetropole Milet im Westen der heutigen Türkei. Auf Platz zwei lagen Griechen aus der Stadt Herakleia am Schwarzen Meer. Nach Ausweis der Grabinschriften kamen viele auch aus Ägypten, Thrakien und Zypern.
Der Anspruch auf überschaubare Verhältnisse war ein Grund für die fehlende Bereitschaft zur Integration von Fremden in die politische Gemeinschaft, die Mentalität des Polisbürgers ein weiterer. Das Bürgerrecht galt als exklusives Privileg, auf das man stolz war und das man nicht gerne Fremden anbot. Die Polis verstand sich als ein geschlossener Personenverband. Es galt das Prinzip der Abstammung. In der Regel musste ein Elternteil seine Herkunft aus der jeweiligen Stadt nachweisen, egal, ob Vater oder Mutter. Die Athener, die sich gerne ihrer Weltoffenheit rühmten, waren in dieser Hinsicht noch restriktiver. 451/50 v. Chr. wurde auf Betreiben des Perikles ein Gesetz beschlossen, wonach das Athener Bürgerrecht auf Kinder beschränkt wurde, deren beide Elternteile aus Athen stammten.
Perikles selbst bewies dabei eindrucksvoll, dass für einen Politiker gelegentlich andere Maßstäbe gelten als für jene Menschen, die von ihren Gesetzen betroffen sind. Er verliebte sich in eine Frau namens Aspasia, die aus Milet stammte. Sie war eine Griechin, aber nach den von den Athenern aufgestellten Regeln eine Fremde. Als er sie kennenlernte, war Perikles verheiratet – ordnungsgemäß mit einer Athenerin. Wie der Biograf Plutarch lapidar mitteilt, waren sie aber nicht glücklich miteinander, und Perikles überließ sie großzügig einem anderen Mann. Wahrscheinlich war der wirkliche Grund der Trennung das Erscheinen der Aspasia, die dem um gut 25 Jahre älteren Perikles den Kopf verdreht hatte. Über den rechtlichen Status der Verbindung sind in der modernen Forschung viele Diskussionen geführt worden. Eine reguläre Ehe führten Perikles und Aspasia vermutlich nicht, denn mit einer offiziellen Heirat hätte er gegen die Prinzipien seiner eigenen Bürgerrechtspolitik verstoßen, die ihm bei der athenischen Bevölkerung viele Sympathien eingebracht hatte. Der Sohn, den Aspasia bald zur Welt brachte und dem die Eltern den Namen Perikles gaben, wurde demzufolge von den Gegnern des Perikles in der Diktion wenig freundlich, in der Sache aber durchaus zutreffend als »Bastard« bezeichnet. Nach rechtlichen Kategorien war die Verbindung zwischen Perikles und Aspasia also so etwas wie ein Konkubinat. Da half es auch nicht, dass Perikles, wenn er morgens zur Arbeit ging, seine Aspasia vor der Haustür zum Abschied »zärtlich küsste«, wie professionelle Voyeure zu bezeugen wussten.
Perikles war ein kluger Politiker, doch die Umsetzung der neuen Verordnung hatte er sich wahrscheinlich einfacher vorgestellt. Denn nun erhob sich eine wichtige Frage: Ab wann sollte das Gesetz Gültigkeit haben? Waren Athenerinnen oder Athener, die nur über einen aus Athen stammenden Elternteil verfügten, nun plötzlich keine Athenerinnen und Athener mehr? Mussten sie sofort aus den Listen der Bürger gestrichen werden? Die Nagelprobe folgte auf dem Fuß. Ein auswärtiger Potentat – die Rede ist vom »König von Ägypten«, das damals allerdings unter persischer Herrschaft stand – vermachte dem Volk von Athen, wie Plutarch (Per. 37) berichtet, ein Geschenk von 40 000 Scheffel Weizen. Dem »Volk von Athen«? Das konnten nur die Bürger sein. Aber wer war nach dem Gesetz des Perikles nun plötzlich kein Bürger mehr?
Porträtbüste der Aspasia, Gefährtin des Perikles, 5. Jh. v. Chr., Vatikanische Museen, Rom
»Als das Getreide unter die Bürger verteilt werden sollte, gab es infolge dieses Gesetzes plötzlich eine Menge von Prozessen gegen die nicht vollbürtigen Athener, die bis dahin unbemerkt geblieben und übersehen worden waren. Mancher fiel auch falscher Anklage zum Opfer. Gegen 5000 wurden auf diese Weise überführt und in die Sklaverei verkauft. Die Zahl derer, die aufgrund der Prüfung das Bürgerrecht behielten und als Athener bestätigt wurden, betrug 14 040.«
In die Sklaverei verkauft – das war ein merkwürdiges, sogar tragisches Schicksal. Eben noch fühlten sich die Betroffenen als athenische Bürger, gut aufgehoben in jenem Staat, den sie als den ihrigen ansahen. Und nun waren sie auf einen Schlag rechtlose Fremde in einem anderen Staat, wohin man sie als Sklaven verkauft hatte.
Erfolgreiche Fremde
Politisch und rechtlich waren die dauerhaft in Athen lebenden Fremden den Bürgern nicht gleichgestellt. Trotzdem machten einige von ihnen Karriere, indem sie die von ihnen erwarteten wirtschaftlichen Aktivitäten besonders erfolgreich gestalteten. Allerdings handelte es sich dabei in der Regel um Fremde griechischer Herkunft – vergleichbare Erfolgsgeschichten von »barbarischen« Fremden sind nicht bekannt. Einer, der es besonders weit brachte, war Kephalos, der aus Syrakus auf Sizilien stammte und über den Plutarch Erstaunliches zu berichten weiß (Moralia 835c):
»Kephalos war von Geburt an ein Syrakusaner, ging aber nach Athen, weil er in dieser Stadt leben wollte und auch, weil Perikles ihn dazu überredet hatte, da er ein persönlicher Freund des Perikles war und beide durch gegenseitige Gastfreundschaft verbunden waren, und er war ein sehr wohlhabender Mann.«
Nicht jeder Fremde war Freund eines prominenten Politikers, und die Quelle lässt deutlich durchblicken, dass bei der Migration und der Integration des Kephalos sein alter Freund Perikles die Hände im Spiel hatte. Möglicherweise gab es deswegen Ärger. Perikles war zwar beim Volk populär, hatte aber, auch und gerade deswegen, viele innenpolitische Gegner. Um diese zu beruhigen, wurde eine andere Begründung für die Übersiedlung des Kephalos lanciert:
»Einige sagen, dass er nach Athen ging, weil er aus Syrakus verbannt worden war unter der Tyrannenherrschaft des Gelon.«
Das hörte sich natürlich überzeugender an: Kephalos war vor einem Tyrannen geflohen. Wie auch immer: Athen durfte sich auf einen reichen Unternehmer und Investor freuen, Kephalos auf eine neue Heimat, die ihm beste Rahmenbedingungen für seine Aktivitäten bot. Sein Geld machte er mit einer florierenden Fabrik, die sich auf die Herstellung von Waffenschilden spezialisiert hatte – eine dauerhaft einträgliche Quelle, wurde doch immer irgendwo in Griechenland Krieg geführt. In die athenische Gesellschaft war er allem Anschein nach gut integriert. Platon wählte Kephalos als Gastgeber des Auftakt-Dialogs in seiner berühmten Politeia, ohne dass dort in irgendeiner Weise auf seinen Status als Fremder Bezug genommen wird.
Sein Sohn Lysias, der vom Vater das Unternehmen erbte, machte es sogar noch besser als der Vater. Er war, wie es in einer Quelle (Papyrus Oxyrrhynchus XIII 1606) heißt, »der Reichste der Metoikoi«. Zur Belohnung für seinen Eifer kam er in den Genuss eines Privilegs, das der athenische Staat erfolgreichen Metoikoi gewährte. So durfte sich Lysias über die isoteleia freuen, die Befreiung von Steuern und anderen Abgaben, die Fremde sonst zu zahlen hatten. Im Nebenberuf betätigte sich der umtriebige Wirtschaftsmann als Logograf. So nannten die Athener die Verfasser von Gerichtsreden. Jeder Bürger musste in Athen seine Sache vor Gericht persönlich vertreten. Viele ließen sich von kundigen Schreibern Reden anfertigen, die sie auswendig lernten und während des Prozesses vortrugen. Eine interessante Konstellation: Der Fremde Lysias schrieb für athenische Bürger Reden, während die Fremden sonst vor Gericht einen einheimischen Anwalt präsentieren mussten, der ihren Fall vortrug. Später geriet er in den Strudel innenpolitischer Auseinandersetzungen, als nach dem Peloponnesischen Krieg die Demokratie ausgehebelt und ein oligarchisches System installiert wurde. Lysias, der als Freund der Demokratie galt, musste Athen verlassen, sein Bruder wurde ermordet. Aus dem Exil in Megara unterstützte er die Demokraten. Als wenig später die demokratische Ordnung wiederhergestellt wurde, wollte man ihn für sein beherztes Eintreten mit dem Bürgerrecht belohnen, was aber am Widerstand einflussreicher Kreise in Athen scheiterte.
Berufe, die Fremde in Athen ausübten (Liste von 400 v. Chr.)
| Koch | Gärtner | Brotverkäufer |
| Zimmermann | Eseltreiber | Tuchwalker |
| Maultiertreiber | Ölhändler | Bildhauer |
| Architekt | Nusshändler | Lohnarbeiter |
Zusammengestellt nach M. N. Tod, Greek Historical Inscriptions 2,100
Mehr Fremde!
Der Historiker und Publizist Xenophon unterbreitet in einer Schrift Vorschläge zur Verbesserung der Staatseinkünfte (5. Jh. v. Chr.):
»Einkünfte der Fremden scheinen mir zu den besten zu gehören, weil die Fremden, die sich selbst ernähren und den Städten großen Nutzen bringen, keine Besoldung annehmen, sondern sogar noch die Abgabe für Metoikoi entrichten. Mir scheint das aber als eine ausreichende Förderung, wenn wir einerseits die Regelungen aufheben, die, ohne der Stadt zu nützen, den Fremden Erniedrigungen zu bringen scheinen, und wenn wir andererseits abschaffen, dass Fremde als Schwerbewaffnete gemeinsam mit den Bürgern in den Krieg ziehen. Denn groß ist die Gefahr für die Schwerbewaffneten, schwerwiegend ist aber auch für sie, sich von ihren Geschäften und Häusern zu entfernen. Aber sicher dürfte auch die Stadt einen Nutzen davon haben, wenn die Bürger lieber miteinander ins Feld ziehen, statt dass sich mit ihnen zusammen Lyder, Phryger, Syrer und andere Nichtgriechen aus vielerlei Ländern in der Schlachtreihe aufstellen, wie es jetzt üblich ist. Denn viele Fremde entstammen diesen Völkern. Zusätzlich zu dem Vorteil, dass die Fremden davon befreit würden, gemeinsam in der Schlachtreihe aufgestellt zu werden, käme es auch dem Ansehen der Stadt zugute, wenn die Athener in dem Ruf stünden, dann, wenn es ums Kämpfen geht, mehr auf sich als auf Fremde zu bauen. Und wenn wir ferner die Fremden außer zu den anderen Dingen, an denen sie zu beteiligen ehrenvoll ist, zusätzlich auch zur Reiterei zuließen, dann dürften wir uns meiner Meinung nach ihr größeres Wohlwollen gewinnen und zugleich die Stadt größer und stärker machen.
Es gibt innerhalb der Stadt viele Grundstücke, die nicht mit Häusern bebaut und als Bauplätze geeignet sind. Wenn nun die Stadt den Bauwilligen, die darum nachsuchen und würdig erscheinen, das Recht auf Besitz einräumte, dann dürften meiner Meinung nach auch infolge dieser Maßnahmen bei weitem mehr und bessere Leute ihre Niederlassung in Athen anstreben. Und wenn wir das Amt von Fremdenbeauftragten einführten – nach dem Vorbild der Waisenbeauftragten – und unter ihnen diejenigen auszeichnen würden, die die meisten Fremden vorweisen könnten, dann dürfte auch dieser Schritt die Fremden gewogener machen, und aller Wahrscheinlichkeit nach dürften alle Heimatlosen den Status eines Metoiken in Athen anstreben – und unsere Einnahmen vergrößern.«
Neben den dauerhaft ansässigen Fremden gab es in den griechischen Stadtstaaten auch immer viele Menschen fremder Herkunft, die sich dort nur vorübergehend aufhielten. Auch in dieser Hinsicht nahm die politische, wirtschaftliche und kulturelle Metropole Athen eine Spitzenposition ein. In dankenswerter Weise hat der Philosoph und Wissenschaftler Platon eine systematische Zuordnung dieser auswärtigen Gäste vorgenommen (Nomoi 12,6). Dabei unterscheidet er vier Gruppen von Fremden.
Gruppe 1: Händler auf der Durchreise
Platon bezeichnet sie als die »regelmäßigen Sommergäste«, die ihr Leben lang von Ort zu Ort ziehen und »zum großen Teil über das Meer sozusagen geflogen kommen wie die Zugvögel, um durch Handel ihren Gewinn zu machen und dann zu gegebener Zeit ihren Flug fortzusetzen nach anderen Städten.« In Athen gibt es spezielle Beamte, die sich um die Belange der fremden Händler und Kaufleute kümmern. Sie weisen ihnen feste Plätze auf den Märkten oder am Hafen zu und achten auch sorgsam darauf, dass diese »keine Neuerungen« einführen. Diese Bemerkung zeigt einmal mehr, dass es auch in der multikulturellen, kosmopolitischen Stadt Athen eine offenbar fest verwurzelte Urangst vor Fremden gab, die man im Verdacht hatte, sie würden die herkömmliche Ordnung gefährden.
Gruppe 2: Bildungs- und Studienreisende
Athen war wegen seiner Theater und seiner kulturellen Reputation ein Publikumsmagnet. Von überall her strömten bildungsbeflissene Menschen in die Stadt, und sei es auch nur, um später zu Hause erzählen zu können, sie seien in Athen gewesen und hätten sich die Stücke bedeutender Autoren oder eine der berühmten Prozessionen angesehen. Platon klassifiziert diese Fremden als »Gäste, die die Schaulust zu uns führt«. Sie müssen versorgt und verpflegt werden, dazu bedarf es einer Logistik, die in der Lage ist, der Masse der Besucher gerecht zu werden. In den Worten Platons: »Zur freundlichen Aufnahme für sie alle müssen in der Nähe der Tempel Herbergen bereitgestellt sein. Auch für sie bedarf es der Aufsicht und Fürsorge für ihre leibliche Verpflegung, und zwar sollen damit Priester und Tempeldiener betraut werden.«
Aus der Sicht der modernen Fremdenforschung ist an dieser Stelle zu notieren: Händler und Kaufleute sind willkommen, weil sie als Motoren der Wirtschaft gelten, jedoch begegnet man ihnen auch mit Misstrauen, weil sie die Gesellschaft mit neuen Sitten und Gewohnheiten infiltrieren könnten. Von ganz anderem Kaliber sind Bildungs- und Kulturreisenden: Ihnen muss man mit Freundlichkeit begegnen. Der Grund wird von Platon nicht genannt, liegt aber auf der Hand: Die Standards im Umgang mit Fremden setzten die sozialen Eliten. Wer nach Athen reiste, um sich Vorstellungen im Theater anzusehen, stammte in der Regel aus derselben Schicht. So handelte es sich hier um eine städteübergreifende Solidarität des Bildungsbürgertums, die das Fremdsein in Vertrautheit verwandelte.
Gruppe 3: Reisende in Sachen Politik
Weil jede Stadt im klassischen Griechenland ein eigener Staat war und es Hunderte solcher Stadtstaaten gab, herrschte im Rahmen der zwischenstaatlichen Politik ein reger Verkehr von Gesandtschaften. Der Austausch war auch deswegen so intensiv, weil die Antike noch keine ständig vor Ort residierenden Botschaften kannte. Wenn es zwischen zwei Staaten etwas zu regeln gab, machte sich aus dem einen Staat eine Gruppe von Gesandten auf den Weg in die andere Stadt. Sie genossen in den Zielstädten als wichtige Fremde höchste Aufmerksamkeit und Fürsorge. Dass es sich bei ihnen um Fremde erster Klasse handelte, weiß auch Platon: »Für ihre Aufnahme und Unterkunft hat der Staat zu sorgen. Wohnen sollen sie ausschließlich bei Strategen, Hipparchen und Taxiarchen, und ihre Versorgung soll neben den Prytanen an erster Stelle demjenigen obliegen, bei dem er als Gast im Hause weilt.«
Die Athener behandelten fremde Gesandte gut. Sie durften bei der politischen Prominenz wohnen, bei den obersten Militärführern (Strategen), den Kommandanten der Reiterei (Hipparchen), den Führern anderer Einheiten (Taxiarchen), den Ratsherren (Prytanen). Im Gegenzug erwarteten sie, dass ihre eigenen Gesandten in der Fremde in gleicher Weise behandelt wurden.
Gruppe 4: Fremde Beobachter
Einen noch privilegierteren Status als reguläre Gesandte genossen sogenannte Auslandsbeobachter. Platon fasst unter diesem Begriff eine elitäre Gruppe zusammen, deren Aufgabe darin bestand, »etwas zu sehen oder von etwas Kunde zu geben, was an Schönheit und Trefflichkeit nicht seinesgleichen hat.« Diese auserwählten fremden Beobachter mussten nach Platons Angabe mindestens 50 Jahre alt sein, nach antiken Kategorien also mit einer Würde, Reife und Autorität zumindest wahrscheinlicher machenden Summe an absolvierten Lebensjahren ausgestattet sein. »Jeder derartige Fremde«, berichtet Platon, »soll uneingeladen Zutritt haben zu den Häusern der reichen und durch Bildung herausragenden Männer. Denn er ist ja selbst ein Mann von hervorragender Bildung. Beim Abschied soll er als Freund vom Freund mit Geschenken und gebührenden Ehren bedacht werden.«
Tod in der Fremde
Nicht in der Heimat, sondern in der Fremde zu sterben und dort, in fremder Erde, bestattet zu werden, war für viele antike Menschen eine schlimme Vorstellung. Tod in der Fremde bedeutete in der Regel und fast zwangsläufig, in der Fremde bestattet zu werden. Überführungen in die Heimat waren kostspielig und daher nicht üblich. Nach dem Tod in der Fremde war das Klagen groß (Stroszeck 2002/2003):
»Fern der Heimat starb ich im berühmten Athen.
Bei allen Verwandten ließ ich Sehnsucht zurück.«
So lautet die Inschrift auf dem Grab einer Frau namens Herseis, die um 400 v. Chr. in Athen verstorben war. Der bekannte Dichter Leonidas aus Tarent, der im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. lebte und wirkte, schreibt in einem Epigramm:
»Fern von Italien lieg ich und fern von der Erde der Heimat von Tarent – das ist mir bitterer als noch der Tod.«
Um 265 v. Chr. stirbt der Schauspieler Aristion. Er wird in Athen bestattet. Sein Grab ziert, neben der Darstellung einer Theatermaske, der folgende Text:
»Ich liege hier, mein Vater ist Aristaios aus Troizen
Mit 40 Jahren habe ich meines Lebens Strecke beendet und bin,
als dritter geboren, als erster gestorben.
Mir haben das Grabmal gesetzt Schwester und Bruder
im fremden Festland, und ich war ohne Nachkommen.
Mein Name aber war: Aristion. Ich übte die Kunst der Komödie aus.«
Nicht jeder, der in der Fremde starb, bekam auf dem Grabstein so schöne, eindrucksvolle Abschiedsworte. In allen drei angeführten Fällen waren Lyriker am Werk, die entweder im Auftrag der Familie arbeiteten oder die sich als Verfasser von Musternekrologen betätigten. Gemeinsam ist diesem speziellen Genre des Epigramms der Umstand, dass der Verstorbene oder die Verstorbene selbst spricht und sich auf diese Weise an die Öffentlichkeit wendet. Die Grundstimmung ist Trauer – Trauer wegen des Todes, mehr aber noch Trauer darüber, in fremder Erde liegen zu müssen, und nicht in Tarent im Süden Italiens oder in Troizen, einer griechischen Stadt in der Argolis. Diese Trauer hatte noch einen besonderen Grund: Die Familien der Verstorbenen hatten keine Gelegenheit, sich regelmäßig um die Grabstätte zu kümmern, sie zu pflegen, der Toten zu gedenken. Wie wichtig dieser Aspekt in der griechischen Gesellschaft war, zeigt der Umstand, dass in Athen nur diejenigen ein öffentliches Amt antreten durften, die zuvor den Nachweis erbracht hatten, dass sie über ein Familiengrab verfügten.
7. Unter göttlichem Schutz: Asyl bei den Griechen
Sollen sich Fremde in der Fremde so verhalten wie die Einheimischen? Oder sollen sie in der Fremde ihre gewohnte Kultur und Mentalität beibehalten? Je nach Standpunkt spricht man von gelungener oder nicht gelungener Integration.
Alle, die die erste Option bevorzugen, sollten sich Alkibiades zum Vorbild nehmen. Über den Athener, der im 5. Jahrhundert v. Chr. zu den schillerndsten Figuren in der griechischen Politik gehörte, weiß sein antiker Biograf Plutarch zu berichten (Alkibiades 23):
»Es war, wie man sagt, eine seine vielen Begabungen und Talente, die Menschen dadurch zu gewinnen, dass er sich ihnen anzugleichen, ihren Neigungen und Lebensformen anzupassen vermochte, indem er sich schneller wandelte als ein Chamäleon … In Sparta war er ein großer Sportler, einfach und ernsthaft, in Ionien war er üppig, vergnügt und leichtfertig, in Thrakien ein heftiger Zecher und Reiter, und wenn er bei dem [persischen] Statthalter Tissaphernes war, stellte er durch seinen verschwenderischen Prunk den persischen Luxus in den Schatten.«
In Sparta ein Spartaner, in Ionien ein Ionier, in Thrakien ein Thraker, in Persien ein Perser – Alkibiades wusste, mit welchem Lebensstil er bei seinen jeweiligen Gastgebern Sympathien sammelte. Allerdings ging es ihm, wenn er sich den jeweiligen Verhältnissen anpasste, ganz und gar nicht darum, den fremden Kulturen Respekt zu bezeugen. So war er nicht gestrickt. Alkibiades interessierte nur Alkibiades. Er war der Typus von Politiker, der bei allem, was er tut, an sich und seinen Vorteil denkt. Die Anpassung an andere Sitten und Gebräuche war ein taktisches Mittel, um seine politischen Ziele zu erreichen. Dabei scheute er gelegentlich auch nicht davor zurück, das Gastrecht grob zu missbrauchen.
Plutarch berichtet von einer Affäre mit Timaia, der Ehefrau des Königs Agis von Sparta (Alkibiades 23). Als der königliche Gemahl einmal außer Landes war, stürzte sie sich in ein amouröses Abenteuer mit Alkibiades, mit der Folge, dass einige Monate später ein Kind zur Welt kam. Agis rechnete nach und kam zu dem Ergebnis, dass er selbst unmöglich der Vater sein konnte:
»Er verließ sich vor allem auf die Berechnung der Zeit. Bei einem Erdbeben sei er voller Schrecken aus der Schlafkammer von der Seite seiner Frau hinaus gerannt und sei dann zehn Monate nicht mehr mit ihr zusammen gewesen.«
Es gibt berechtigte Zweifel an der Echtheit der Geschichte. Wahrscheinlich war sie von Gegnern des Alkibiades in die Welt gesetzt worden. Sie zeigt aber zumindest, was man ihm alles zutraute.
Alkibiades lebte in Sparta als Asylant. Er hatte bei den Spartanern Zuflucht gesucht, weil er in seiner Heimatstadt Athen in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war. Die Spartaner, eigentlich Konkurrenten der Athener, nahmen den prominenten Gast auf und gewährten ihm politisches Asyl.
»Aus Furcht vor seinen Feinden und sich ganz von seinem Vaterland lossagend, schickte er nach Sparta und bat, ihm Sicherheit und Vertrauen zu schenken. Er werde ihnen größere Dienste leisten und ihnen mehr hilfreich sein, als er ihnen als Feind früher geschadet habe.«
Das geschah nicht uneigennützig. Man befand sich im Krieg mit Athen und erhoffte sich von dem prominenten Gast nützliche Ratschläge, die die Spartaner auch prompt erhielten. Auch bei ihnen stellte Alkibiades seine Fähigkeit zur völligen Anpassung unter Beweis und präsentierte sich als vollkommener Spartaner:
»Er gab sich in seiner Lebensweise ganz lakonisch, so dass sie, wenn sie sahen, wie er sich die Haare lang wachsen ließ, kalt badete, dem groben Brot zusprach und die schwarze Suppe aß, nicht denken konnten, dass dieser Mann jemals einen Koch in seinem Haus beschäftigt, einen Parfümeur seines Anblicks gewürdigt oder einen milesischen Mantel an seinem Leib geduldet haben sollte.«
Die Grundidee des Asyls bei den Griechen bestand darin, einen verfolgten Fremden unter göttlichen Schutz zu stellen. Der Begriff ist von dem griechischen Verb sylao abgeleitet, was so viel bedeutet wie »etwas herausnehmen, etwas gewaltsam entfernen«. Die Vorsilbe a negiert den Vorgang, und so bedeutet die asylía den Schutz vor Raub von Freiheit und Eigentum. Asyl zu gewähren, war ebenso eine Verpflichtung wie die körperliche Unversehrtheit des Asylanten zu garantieren. Wer bei einem Gott Schutz suchte, hatte Anteil an der göttlichen Tabuzone. Folgerichtig waren bevorzugte Anlaufstationen für Asylanten Tempel oder der Temenos, wie man das heilige, meist weit dimensionierte Areal eines Tempels in seiner Gesamtheit bezeichnete. Die Aufenthaltsdauer war nicht begrenzt: Im Prinzip konnte ein Asylant »ewig«, bis an sein Lebensende, im Tempel bleiben. Solche Fälle sind allerdings nicht überliefert. Absoluter Rekord waren die 19 Jahre, die der spartanische König Pleistoanax in einem Zeus-Heiligtum im Lykeion-Gebirge in Arkadien zubrachte (Thuk. 5,16), wo er die Hälfte des Tempelareals bewohnte. Anlass war der Vorwurf gewesen, er habe sich, als er mit einem Heer der Spartaner nach Attika gezogen war, von dem athenischen Politiker Perikles bestechen lassen und den Feldzug abgebrochen. Die erbosten Spartaner verurteilten ihn zur Zahlung einer hohen Geldsumme, die der König nicht aufzubringen vermochte, und daraufhin habe er sich in die Obhut des Gottes Zeus begeben. Nach 19 Jahren kehrte er in die Heimat zurück, aufgrund eines göttlichen Spruches der Pythia in Delphi, der sicher nicht ohne tatkräftige Hilfe seiner Anhänger zustande gekommen war.
Das Asylrecht, das aufgrund allgemeiner Konvention befolgt wurde, war den Griechen heilig. Wer es verletzte, galt als Frevler. Um 640 v. Chr. versuchte der Athener Kylon, ein Olympiasieger, in seiner Heimatstadt eine Tyrannen-Herrschaft zu errichten. Er besetzte mit seinen Freunden die Akropolis, wurde dort aber von seinen Gegnern belagert (Thuk. 1,126):
»Sie rückten mit dem ganzen Aufgebot von den Dörfern her gegen sie an und legten sich um die Akropolis, um sie einzuschließen. Auf die Dauer war freilich den meisten diese Belagerung zu aufreibend. Sie zogen ab und gaben den neun Archonten Auftrag und Vollmacht, die Bewachung und alles nach bester Einsicht zu ordnen … Aber Kylon und seine Mitbelagerten waren wegen des Mangels an Nahrung und Wasser übel dran. Er selbst und sein Bruder konnten fliehen, die anderen in ihrer Bedrängnis, und da einige schon an Hunger starben, setzten sich als Schutzflehende an den Altar auf der Akropolis. Als die mit der Wache beauftragten Athener sie im Heiligtum hinsterben sahen, befahlen sie ihnen, aufzustehen, sie würden ihnen nichts tun. Dann führten sie sie ab und töteten sie.«
Plutarch (Solon 12) liefert weitere Details:
»Die Mitverschworenen Kylons, die am Altar der Göttin Athene Schutz gesucht hatten, wurden überredet, herabzukommen und sich vor Gericht zu stellen. Sie banden einen Faden an das Bild der Göttin und hielten sich daran fest. Als sie aber beim Herabsteigen am Heiligtum der Erhabenen Göttinnen vorüberkamen und der Faden von selbst riss, schritten Megakles und seine Mitarchonten zu ihrer Verhaftung, weil ihnen die Göttin ihren Schutz versage. Diejenigen, die sich außerhalb eines Heiligtums befanden, wurden gesteinigt, diejenigen, die sich zu Altären geflüchtet hatten, wurden abgeschlachtet. Nur diejenigen, die sich schutzflehend vor den Frauen der Archonten niedergeworfen hatten, wurden freigelassen.«
So groß war das Vertrauen in die schützende Wirkung des Göttlichen, dass die Asylanten sich an einem mit dem Bild der Göttin verbundenen Faden festhielten. Sie wurde auch von den Gegnern respektiert – bis der Faden riss. Keinerlei Erbarmen hatte man mit den Menschen, die nicht an einem Altar Zuflucht gesucht hatten. Gegen jedes religiöse Gesetz wurden aber auch diejenigen getötet, die sich an den Altären der Götter sicher fühlten.
Eine Überlebensgarantie hingegen waren die Frauen der Archonten, der obersten Zivilbeamten. Dass die Bedrohten den Kontakt zu ihnen suchten und sich vor ihnen niederwarfen, gehörte zu einem Ritual, das die Griechen unter dem Namen Hikesie kannten. Es regelte die Art und Weise, wie sich Menschen, die verfolgt wurden, verhalten sollten, wenn sie Schutz suchten. Dabei entwickelten die Griechen ein umfangreiches Repertoire an Gesten und symbolhaften Handlungen, das offenbar von allen verstanden wurde. Eine Favoritenstellung nahm der direkte Kontakt zu einem sakralen Gegenstand wie einem Altar oder einem Götterbild ein. Wichtig war dabei die sitzende Haltung, mit der die Schutzsuchenden Demut, Unterwerfung und Ernsthaftigkeit ihres Anliegens signalisierten. Als früheste Auskunftsinstanz für dieses Prozedere fungiert einmal mehr Homer. In der Odyssee nimmt der nach seinen unfreiwilligen Irrfahrten in die Heimat zurückgekehrte Odysseus grausame Rache an den Männern, die während seiner Abwesenheit seine Ehefrau Penelope belästigt hatten. Einer von ihnen namens Phemios überdachte rasch die lebensrettenden Möglichkeiten, die ihm in dieser bedrohlichen Situation zur Verfügung standen (Od. 22,331 ff.): 1. Er konnte aus dem Haus des tobenden Odysseus nach draußen fliehen und sich vor den Altar des Zeus setzen, »wo der Vater Laertes und Odysseus viel der Rinderlenden geopfert.« 2. Er konnte sich vor Odysseus auf den Boden werfen und flehend dessen Knie berühren. Phemios entschied sich für die zweite Option:
»Darum stellte er gleich die gewölbte Leier am Boden
Zwischen dem Mischkrug hin und dem silberbeschlagenen Sessel,
Und er kam und warf sich Odysseus zu Füßen und rührte
ihm die Knie und flehte und sprach die geflügelten Worte:
›Kniefällig fleh’ ich, Odysseus, verschone mich, habe Erbarmen!‹«
Seine Bemühungen waren von Erfolg gekrönt: Odysseus begnadigte den Flehenden – allerdings auch, weil der leidenschaftliche Sänger eine erfolgreiche Kostprobe seiner musikalischen Künste ablieferte.
Das Berühren von Menschen, von denen man sich Hilfe erhoffte, war bei dem Verfahren der Hikesie ein wichtiges Element. Hände und Knie waren dabei die populärsten Objekte. Manche Schutzflehende begnügten sich nicht damit, das Knie des Gegenübers lediglich zu berühren, sondern umschlangen es mit beiden Armen. In der Antike passierte wenig ohne Grund, schon gar nicht bei solchen ritualisierten Handlungen: Das Knie galt den Griechen als Sitz des Lebens oder der Lebenskraft und genoss gegenüber den anderen Körperteilen insofern eine privilegierte Position.
Göttliche Mahnung
»Diese töte nicht mit Eisen, noch tue Unrecht den Schutzflehenden, denn sie sind stets heilig und rein.«
Spruch des Zeus mit dem Beinamen Hikesios (»Beschützer der Schutzflehenden«) in Dodona, adressiert an die Athener mit der Aufforderung, sich nicht an spartanischen Asylanten zu vergehen (Paus. 7,25,1)
Aber hatte jeder Asylbewerber oder jeder Schutzflehende Anspruch auf Rettung und Hilfe? Also auch Verbrecher und Kriminelle? In dieser Frage gab es unterschiedliche Positionen. Es gibt keine Unterschiede, sagten die Befürworter. Der Schutz der Götter ist für alle da. Nein, antworteten die Kritiker. Wer getötet, gemordet, gestohlen hat, hat seinen Anspruch auf Schutz verwirkt. Eine vermittelnde Position empfahl: Nur wer aus Versehen einen anderen Menschen getötet hat, darf um Asyl bitten. Und was ist mit den Sklaven? Sklaven waren rechtlos, keine Menschen, sondern Sachen. Was war, wenn ein Sklave seinem Herrn entfloh und in einem Tempel um Asyl bat? Die Sklaverei war in den antiken Gesellschaften fest verwurzelt. Ein entlaufener Sklave fand keine Fürsprecher. Er durfte sich zwar in die Obhut eines Gottes begeben, doch damit war nicht etwa automatisch das Recht auf Freiheit verbunden.
Das Asylrecht war ein antikes Grundrecht – jedoch kein staatlich garantiertes Recht. Erst in hellenistischer Zeit, ab dem Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr., wurde die Gewährung des Asyls zum vertraglichen Gegenstand zwischen einzelnen Staaten. Davor war das Asyl ein religiöses und kein politisches Recht. Wer gegen das göttlich geschützte, heilige Asylrecht verstieß, musste daher auch keine politischen oder rechtlichen Sanktionen befürchten. Es gab keine Strafe für Menschen, die Hilfesuchenden Hilfe verweigerten oder gar gewaltsam gegen sie vorgingen. Aber zum Glück gab es da noch die Götter. Ihnen vertrauten sich die Schutzsuchenden an, und sie waren es, die jene sanktionierten, die es wagten, das heilige Asylrecht zu verletzen. Das bekamen die Spartaner im Jahre 464 v. Chr. zu spüren. Der antike Historiker Diodor (11,63,1–4) berichtet:
Tempel von Segesta auf Sizilien, 2015
»In diesem Jahr erfasste die Spartaner eine große und außergewöhnliche Katastrophe. Gewaltige Erdbeben ereigneten sich in der Stadt. Häuser fielen komplett zusammen, und mehr als 20 000 Spartaner wurden getötet. Da die Stadt über einen langen Zeitraum hinweg erschüttert wurde und viele Häuser einstürzten, wurden viele Menschen von den einstürzenden Mauern begraben und erschlagen, und eine große Menge des Inventars der Häuser wurde vernichtet.«
Naturkatastrophen waren nach der Meinung der meisten antiken Menschen keine geologischen oder physikalischen Vorgänge. Sie waren ein Zeichen oder eine Strafe der Götter. In Sparta im Jahr 464 v. Chr. war der Fall klar: Die Götter hatten die Spartaner bestraft, weil sie einen religiösen Frevel begangen und das Asylrecht missachtet hatten (Thuk. 1,121,8):
»Die Spartaner hatten einst schutzflehende Heloten aus dem Poseidon-Tempel am Tainaron vertrieben und getötet. Das halten sie selbst für die Ursache des großen Erdbebens in Sparta.«
Tainaron, das Kap an der Südspitze der Peloponnes, war Schauplatz eines grausamen Verbrechens gewesen. Heloten, die von den Spartanern unterdrückte und ausgebeutete Vorbevölkerung der von ihnen in Besitz genommenen Territorien, hatten im Tempel des Gottes Poseidon Asyl gefunden – ein Asyl, das von den Spartanern nicht respektiert worden war, woraufhin ihnen Poseidon, der im Hauptberuf nicht Meeresgott, sondern Erdbebengott war, ein schreckliches Erdbeben geschickt hatte.
Ähnlich erging es 91 Jahre später den Bewohnern von Helike. Die Stadt am Golf von Korinth versank in einer Winternacht des Jahres 373 v. Chr. im Meer, als Ergebnis eines kombinierten See- und Erdbebens. Auch hier waren sich die meinungslenkenden Foren der Antike einig: Die Heliker waren bestraft worden, weil sie einen Frevel begangen hatten. Wieder war Poseidon darin verwickelt gewesen. Die Heliker hatten Gesandte aus dem Tempel vertrieben, in den diese aufgrund der Nachstellungen vor jenen geflohen waren. Damit hatten sie gegen das heilige Gesetz des Asyls verstoßen und ihr Leben verwirkt.
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