Read the book: «Drei Dekaden»
Für Petra

1. Auflage Oktober 2017
Copyright © 2017 by Edition Roter Drache.
Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Buch- und Umschlaggestaltung: Holger Kliemannel
Lektorat: Isa Theobald
Titelbild: Arnold Böcklin, Die Toteninsel, 3. Version 1883, Alte Nationalgalerie, Berlin
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-964260-14-7
INHALTSVERZEICHNIS
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Der Herr des Golem
Feuerlöscher – Feuer – Asche
Zaubern ohne Gott?
Das Primat des Göttlichen
Loki, Loki, shining bright!
Musik, Mythos, Fantasy
Über den Abgrund der Zeit
Von außen gestellte Fragen an die Edda
Delling
Hurli Harard, der hurtige Held aus Holmstedt, und Uller, der unbotmäßige Unhold aus Uppsala
Nordische Götter und Fantasy
Grausiger, grimmiger, gruseliger Gygax
Das Delling-Blot
Die geheime Weltregierung tagt in Tibet
Extended Delling
Die Nebel von Troja
Anhang
Quellenverzeichnis
Weitere Bücher
Anmerkungen
VORWORT
Vor dreißig Jahren war ich ein Student an einer evangelischen Hochschule; geprägt von meiner christlichen Erziehung, gefangen in klaren Vorerwartungen darüber, wie mein weiteres Leben verlaufen würde. Irgendwann hätte ich die Zwischenstationen des bürgerlichen Lebens absolviert – Beruf, Hochzeit, Kinder, Haus. Dann ginge alles dem Dämmerabend des Lebens entgegen. Nach dem Alter der Tod, nach dem Tod das Himmelreich.
Zum Glück war mein Studium nicht so, wie ich mir das Studieren an einer kirchlichen Hochschule vorgestellt hatte. Zu den religiösen Überraschungen und Enttäuschungen kamen zwei Ereignisse hinzu, die mein Leben langfristig verändern sollten. Das erste Ereignis war – mehr oder weniger unvorbereitet – die Teilnahme an einem heidnischen Ritual, das zweite Ereignis war – völlig unvorbereitet – ein schwerer Autounfall. Innerhalb weniger Monate waren meine Seele, mein Geist und nicht zuletzt mein Körper durcheinandergewirbelt, zerlegt und neu zusammengesetzt worden.
Den Weg, den ich damals begann, gehe ich noch heute. Er wirkt nicht einmal im Rückblick geradlinig, aber er ist mein Weg. Ich sehe zwar keine farbigen Backsteine vor mir, bin mir oft nicht sicher, ob ich Lotse oder Gelotster bin – aber ich gehe. Viele andere bleiben stehen oder gehen sogar zurück. Einige sind tot. Diese Zahlen werden sich verschieben, bis wir alle tot sind.
Was bleibt mir dann? Die Gewissheit, das Richtige gemacht zu haben. Oder ehrlicher: Das, was mir zu dem Zeitpunkt als richtig erschien. Der Wille zu lernen, die Fähigkeit Fehler einzugestehen, die Neugier, immer wieder Dinge zu probieren – ohne diese drei Grundlagen wäre ich nicht so weit gekommen.
Aber diese dreißig Jahre waren auch eine Fahrt durch das Leben und eine Achterbahnfahrt durch Magie und Okkultismus. Sprechende Pferde habe ich besichtigt, die auf hessisch in Vierzeilern sprachen. Menschen habe ich gesprochen, die vermuteten, ich sei ein Träger geheimer Informationen und wollte nur über chemtrails schweigen, weil ich Angst habe. Mit nackten Hexen stand ich auf einem FKK- Strand und führte ein Ritual durch. Im Wald zog der Nebel nach der Feier von dannen und wir waren von Skinheads und Neonazis umgeben.
Es gibt viel zu erzählen. Einen Teil der Geschichten präsentiere ich, einen Teil halte ich geheim. Das hier ist eine Art Tagebuch von Teilen dieser Reise. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Viel Spaß.
DER HERR DES GOLEM
1. Das Leben Gustav Meyrinks
Es ist schwierig, über Meyrink letztendlich gesicherte biographische Daten zu finden, weil er sein Leben für die Nachwelt absichtlich verhüllte (so berichtet Smit, dass Meyrink „auf jedem Brief einen Vermerk machte, ob er aufgehoben werden sollte oder nicht. […] Das führte dazu, dass immer ein geheimnisvolles Dunkel seine Gestalt umhüllte.“1).
Meyrink wurde am 19. Januar 1868 als uneheliches Kind von Maria Wilhemine Adelaide Meyer und Baron Friedrich Karl Gottlieb Freiherr Varnbüler von und zu Hemmingen mit dem Namen Gustav Meyer im Gasthof zum Blauen Bock in Wien geboren. Einige Zeitgenossen beschimpften Meyer/Meyrink später als Juden. Offensichtlich verwechselten sie seine Mutter mit der jüdischen Schauspielerin Clara Meyer, mit der Meyrink nicht verwandt war.2 Dem Fehler, Meyrink als „jüdischen Erzähler“ zu bezeichnen, erliegen sogar Arnold Zweig3 und Zondergeld in ihrem Lexikon der phantastischen Literatur.
Den Namen Meyrink (eine alte Schreibform des Namens seiner Mutter, auch als Meyerink geschrieben4) legte er sich erst in späteren Jahren zu. Zeit seines Lebens litt Meyrink unter seiner unehelichen Geburt – besonders, als man ihn in Prag einmal in einer Ehrenaffäre als nicht satisfaktionsfähig bezeichnete. Als ihn jedoch – nachdem er schon als Schriftsteller bekannt war – der Familienverband der väterlichen Familie aufnehmen wollte, lehnte er stolz ab.5
Der Konflikt mit seiner eigenen Herkunft und seine Abneigung gegenüber dem Beruf der Mutter (Schauspielerin) ziehen sich durch sein Werk.6
Nach Schule (in München und Hamburg) und (erstem Teil der) Ausbildung zog Meyrink 1883 nach Prag. „Meyrink schlug wie ein Meteor in die Stadt ein. In kürzester Zeit erwarb er sich den Ruf des großen Bürgerschrecks. Kleidung, Schmuck und Auftreten ließen ihn als den größten Snob erscheinen, den dekadentesten Stutzer, der in Prag herumlief. Hinzu kamen seine extravaganten Hobbys, sein Ruf als gefürchteter Duellant und sein turbulentes Nachtleben.“7 Max Brod beurteilte ihn ähnlich. Meyrink sei jeden Sonntag über die Hauptstraße gelaufen, alleine, dass eine Bein hinter sich herziehend – „Mit ehrfürchtigem Schauder beobachtete ich ihn aus der Ferne.“8 Frank nennt ihn einen „eleganten, snobistischen, okkult-umwitterten unehelichen Halbadeligen“9.
Meyrink war von Prag begeistert, und er ließ sich hier – er hatte wohl vor: für immer – nieder. Er nannte Prag „die Stadt mit dem heimlichen Herzschlag“10 und widmete Prag und seiner Geschichte Zeit seines Lebens immer neue Artikel und Erzählungen. Marzin geht sogar so weit zu behaupten, dass Prag „wenn nicht überhaupt Schauplatz der Handlung doch immer erkennbar im Hintergrund steht“.11
1888 gründete er eine Bank, Meyer und Morgenstern. Er nannte seine Bank Erste christliche Wechselstube12; dies tat er wohl auch, um Gerüchten entgegenzutreten, die seine jüdische Abkunft verbreiteten.
Meyrink entwickelte sein Interesse für den Okkultismus weiter, heiratete 1892 und verfasste seine ersten literarischen Versuche.
1897 wurde Meyrink sehr krank – eine Rückenmarksentzündung, von der er sich nie wieder richtig erholte. „Die Schmerzen gingen auf eine Entzündung des Rückenmarks zurück. Über die Ursachen seiner Krankheit gingen die wildesten Vermutungen um (…), doch Meyrink selbst schreibt sie bestimmten Meditationsübungen zu (…).“13
Durch einige Skandale und einen Prozess (1901/02) – in dem es sich später erwies, dass Meyrink unschuldig war – wurde seine Bank in der Öffentlichkeit unmöglich gemacht; sie musste schließen (der Polizist Olic spielte hier eine tragende Rolle, weswegen ihn Meyrink später als seinen großen Gegenspieler Otschin im Golem verewigt14). Egon Erwin Kisch hat diesen Prozess beschrieben15, Brod selbst hat den Prozess als ungerecht bezeichnet16, sein Vater war in der Kommission, die die Vorwürfe gegen Meyrink zu untersuchen hatte17.
Die Behauptung, dass Kisch über Meyrink geschrieben habe, klingt sehr interessant. In Wirklichkeit handelte es sich jedoch um einen Artikel in einer Kinderzeitung, die Kisch unter dem Arbeitstisch seines Vaters hergestellt hatte. Aber immerhin war es der erste Artikel, den Kisch je geschrieben hat18 (Meyrink war auch der tägliche Schachpartner von Kischs Vater19). Kisch selber schrieb autobiographisch über Meyrink (der sich damals noch Meyer nannte): „(…) wurde der Bankier Meyer unter dem Verdacht des Börsenbetruges verhaftet, und ich (…) verfasste einen geharnischten, nicht weniger als drei Zeilen langen Artikel zu seiner Verteidigung, bestehend in dem Satz, dass Herr Meyer ein sehr anständiger Herr sei. (…) Aber nie hat Gustav Meyrink erfahren, dass ich der erste war, der über ihn geschrieben.“20
Die Hintergründe des Prozesses sind aus heutiger Sicht kaum zu beurteilen, aber es ging wohl einfach darum, den Außenseiter Meyrink aus Prag zu vertreiben. So waren die Anklagen z.T. völlig aus der Luft gegriffen. So solle sich Meyrink als Sohn König Ludwig des II. von Bayern ausgegeben haben, woraufhin eine Hausdurchsuchung bei ihm anberaumt wurde, um festzustellen, ob er wirklich das bayerische Wappen in seinem Haus aufgehängt hat.21
Meyrink muss überhaupt eine schillernde Persönlichkeit gewesen sein. Steiner-Prag (der den Golem illustrierte) beschreibt ihn folgendermaßen: „Man hielt Sie für einen Goldmacher und Alchimisten, dem Geheimlehren vertraut waren; es hieß, Sie wären nicht mehr Christ sondern Brahmane und Mitglied mehrerer asiatischer Orden, den indische Mönche, die Europa bereisten, in Prag besucht hätten; man behauptete, Sie wären königlicher Abstammung und erbrachte phantastische Beweise. Die abenteuerlichsten Dinge erzählte man sich von Ihrer, nur Eingeweihten zugänglichen, ganz seltsam gestalteten Wohnung, in der sich unerklärliche und mystische Dinge zugetragen haben sollen.“22
Eigentlich sollte der Golem von Kubin illustriert werden. Meyrink legte jedoch nach den ersten Kapiteln eine längere Pause ein, so dass Kubin die Illustrationen für seinen eigenen Roman Die andere Seite verwendete.23
Meyrink ging durch die Prozesse Bankrott, er hielt sich nun mit dem Schreiben – namentlich durch die Mitarbeit beim Simplicissimus – über Wasser. Dort fand er bald Anerkennung, man nannte ihn den „bedeutendsten Satiriker des kaiserlichen Deutschland“, Brod nannte Meyrinks Beiträge „das Nonplusultra aller modernen Dichtung“24.
Seine Anstellung beim Simplicissimus ist auch schon an für sich eine typische Meyrink-Geschichte: „Es war etwa um die Jahrhundertwende. Redaktionssitzung beim Simplicissimus in München. Der zweite Schriftleiter Geheeb betrachtete kopfschüttelnd ein Manuskript. Es trug den Titel Der heiße Soldat. Sein Verfasser war ein gewisser Gustav Meyrink aus Prag. »Das Zeug«, sagte Geheeb, »hat ein Wahnsinniger geschrieben. Schade, einiges daran ist gar nicht so übel.« Achselzuckend warf er die Blätter in den Papierkorb. Kurz darauf erschien der Chef persönlich: Ludwig Thoma. Er setzte sich auf seinen Stuhl und hörte der Redaktionskonferenz zu. Zufällig fiel sein Blick auf den Papierkorb. Er fischte Meyrinks Skizze heraus und begann zu lesen. Plötzlich knurrte er: »Ja, was ist denn dös?« »Ach«, meinte Geheeb geringschätzig, »das Produkt eines Wahnsinnigen.« »Wahnsinnig?« fragte Thoma. »Ja, vielleicht. Aber genial. Ja, ja, Geheeb, Genie und Irrsinn! Merken Sie sich mal den Namen Meyrink. Und schreiben Sie dem Mann, ob er nicht noch mehr von solchen Sachen hat. Wir drucken‘s umgehend.«“25
1904 übersiedelt Meyrink nach Wien. Dort lässt er sich scheiden und heiratet 1905 erneut. Er zieht dann 1907 nach München, in dessen Umgebung er bis zu seinem Tode 1932 wohnt.
Meyrink war begeistert vom Okkultismus, schulte sich auch selber in vielen – teils fernöstlichen – Meditationstechniken, um z.B. Gedankenübertragung ausüben zu können (nach seinem Tode musste sein Arzt auf seinen Wunsch hin ihm einen Gnadenstich ins Herz geben, um zu verhindern, dass Meyrink – geschult durch viele Yoga-Stunden – als Scheintoter begraben wurde).26
Angeblich war er Mitglied in „verschiedenen Orden und Bruderschaften“, u.a. bei den Freimaurern, den Rosenkreuzern, den Sat Bahai und den Illuminaten.27
Neben seiner Tätigkeit als Herausgeber von esoterischen Büchern war er aber auch in Briefen als magischer Lehrer tätig. Da viele Briefe vernichtet sind, kann man nur aus einzelnen Zeugnissen auf diese Tätigkeit schließen. So berichtet Fritsche von einem Briefwechsel mit Meyrink und Fragen zur Magie.28 Auch zählte Meyrink einige Esoteriker zu seinen Freunden.29
Meyrink stirbt – fast 65jährig – 1932 in der Nähe von München. Man sagt, dass, als ihn die Mitteilung des Todes seines Sohnes erreicht hatte, ihn sein Lebensmut verließ; er wollte sterben.
„Es ist Meyrinks letzte Nacht. Er hat solche Schmerzen, dass der Arzt Frau Meyrink rät, ein von ihm mitgebrachtes narkotisches Mittel in den Tee zu tun, den Meyrink als einzige Labung noch zu sich nahm. Meyrink fühlte diese Absicht sofort und sagte: »Ich habe nur noch eine Bitte an euch, mich in meinem Sterben nicht zu stören. Gebt mir keine Narkotika.« Er wollte den Tod ‚erleben’, ihn nüchtern bis zum letzten Atemzug erfahren.“30
Auf seinem Grabstein steht nur Vivo – ich lebe!31
2. Zur Geschichte der Prager Kreise
Wenn man Meyrink verstehen will, muss man einige der ihn prägenden Elemente kennen. Das wichtigste war sicherlich Prag und dort die Prager Kreise; Literatentreffen, an denen Meyrink z.T. beteiligt war. Ich habe mich in meiner Einteilung fast nur auf Brod gestützt, weil er die ausführlichsten Schilderungen gibt.
Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Vertreter hatten die Prager Kreise drei unterschiedliche Prägungen gemeinsam.
Die erste Prägung war das in Prag existierende Spannungsfeld zwischen Judentum, Tschechentum (Panslawismus) und Deutschtum (Österreich-Ungarn, und damit auch Deutschland). Alle drei Faktoren hatten einen starken Einfluss auf die Mitglieder der Prager Kreise, und alle drei Einflüsse konnten nur in Prag gleich wirken, machten diese Stadt so zu einem einmaligen Zentrum dreier Kulturen. Besonders beeindruckend ist der Einfluss der jüdischen Kultur auf das Prag dieser Zeit: „The position of the Jews inside the cultured German stratum of Prague was strange enough in itself; but the concentration of Jews among the exponents of German culture was from any point of view striking.“32
Die zweite Prägung ist das gleichzeitige Auftreten von so vielen Literaten von Weltrang in einem engen zeitlichen und räumlichen Abstand. Die Prager deutsche Literatur ist in ihrer Konzentration nur verständlich, wenn man sich Prag wirklich als „literarische Insel“33 denkt – Prag zog die Literaten an, das Umfeld formte sie. „Das Phänomen der Prager deutschen Literatur oder besser gesagt der Prager deutschsprachigen Literatur fesselt die Aufmerksamkeit der Literaturforscher und der Leseröffentlichkeit bereits eine Reihe von Jahrzehnten. Diese Literatur repräsentiert nämlich den allerwichtigsten Komplex von Werken der Literatur, der je außerhalb der Grenzen des geschlossenen deutschen Sprachgebietes entstanden ist.“34
Die dritte Prägung ist der Einfluss der alten Kaiserstadt Prag selbst: „(…) der Aspekt Prags in der deutschsprachigen Literatur ist ausgesprochen phantasmagorisch; die Stadt ist eine Brutstätte nicht greifbarer Geheimnisse und bedrückender Mysterien, ein Vampir, der die deutsche Seele mit gorgonischem Grauen lockt wie einst Karthago die römischen Söldner; … ein kompliziertes Gefühl, das die deutsche Terminologie Hassliebe nennt und das ein typisch erotisches Erlebnis ist: Prag selbst ist ein mit Hass geliebtes weibliches Wesen.“35 Wagenbach spricht von der „Prager Treibhausluft“, in der „Arbeiten von monströser Erotik und schwüler Sexualität“ entstanden.36
a.) Concordia und Jung Prag
Dieser Kreis entstand aus den Reihen der Concordia – einer Gruppe von Literaten, die sich in den 1880ern trafen. Zu ihr gehörten u.a. der Dichter Hugo Salus (geb. 1866) und Fritz Mauthner.37 Aus diesem ersten Literatenzirkel entstand Jung Prag. Dieser Kreis existierte seit 1894, festgemacht am Erscheinen von Rilkes erstem Versband Leben und Lieder.38 Dieser Kreis scharte sich um Paul Leppin. Mitglieder waren u.a. Victor Hadwiger, Oskar Wiener, Richard Teschner, Karl Wilfert, Rainer Maria Rilke, Friedrich Adler, Hugo Salus, Emil Faktor, Heda Sauer und Hugo Steiner-Prag.39
In diesem Kreis tauchte auch zum ersten Mal Gustav Meyrink auf. Über sein Auftauchen und den Kreis im allgemeinen schrieb Steiner-Prag: „Es waren merkwürdige Jahre, die wir damals erlebten, wir, ein kleiner Kreis engbefreundeter junger Schriftsteller und Künstler, in deren festgefügte Gemeinschaft Sie eines Tages unerwartet eintraten. Wir staunten Sie an, Sie, den viel älteren, der schon äußerlich so wenig zu unserem etwas formlosen und überschäumenden Bohemetum passte, und wussten zunächsten noch nicht, was Sie (…) in unseren Kreis führte.“40 Auch Marzin erwähnt, dass Meyrink an diesen Treffen teilgenommen hat41 – neben Brod eine notwendige zweite Quelle. Im Zusammenhang mit der Kafka-Beschreibung stellt sich bei Brod eine Tendenz heraus, besonders Kafka zu überhöhen. Dies führt auch dazu, dass er Randfiguren – so sieht er offensichtlich Meyrink – nur wenig behandelt.
b.) Der Prager Kreis
Dieser Kreis, auch Engerer Prager Kreis oder Triumvirat (wegen Brod, Weltsch und Kafka) genannt, ist eigentlich Der Prager Kreis schlechthin. Er existierte von ca.1904 bis 1939. Ab 1908 waren die Treffen im Cafe Central, bald kam ein Wechsel ins Cafe Arco. Über das Arco sagte man „[u]nd es kafkat und werfelt und brodelt und kischt.“42 Die zentrale Figur dieses Kreises war Max Brod. Außer ihm zählten noch Felix Weltsch, Oskar Baum, Franz Kafka, Ludwig Winder, auch Egon Erwin Kisch, Paul Leppin, Rainer Maria Rilke und Hugo Bergmann zu diesem Kreis.
Zur Idee des Prager Kreises schrieb Brod: „Auch dass wir keinen Lehrer und kein Programm hatten (…). Es sei denn, dass man Prag selber, die Stadt, ihre Menschen, ihre Geschichte, ihre schöne nahe und ferne Umgebung, die Wälder und Dörfer, die wir eifrig in Fußmärschen durchwanderten, als unseren Lehrer und unser Programm ansehen will. Die Stadt mit ihren Kämpfen, ihren drei Völkern, ihren messianischen Hoffnungen in vielen Herzen. – Dazu trat die Bibel in ihrer Ursprache, Homer, Platon, Goethe, Flaubert. Ein Kult der Wahrheit und der unverfälschten Natürlichkeit, die wir (im Gegensatz zu den Zieraten der Neoromantiker) verehrten und suchten.“43
c.) Nachwehen
Auch wenn die Literatentreffen in Prag erst 1939 endeten, so bildete der 1. Weltkrieg doch eine Zäsur, der 2. Weltkrieg und der Holocaust dann das Ende. Nach dem 1. Weltkrieg gab es noch eine Art „letzten Prager Kreis“, jedoch nicht in Prag, sondern in Wien. Hier fanden seit 1922 wieder Literatentreffen statt, im Cafe Herrenhof. Teilnehmer waren u.a. Ernst Pollak, Franz Werfel, Otto Pick, Egon Erwin Kisch, Otto Groß und Franz Kafka.44
3. Meyrinks Werke
a.) Artikel
Meyrinks Werk lässt sich in zwei Teile unterteilen – seine Sach-Artikel und seine phantastischen Geschichten. Bis auf wenige Ausnahmen prägten zwei Themen Meyrinks Gesamtwerk, Artikel wie Geschichten. Auf der einen Seite war dies die Stadt Prag. Darunter zählt bei den Artikeln z.B. Die geheimnisvolle Stadt oder – der wegen seinem Titel als Charakterisierung Prags bekannte – Artikel Die Stadt mit dem heimlichen Herzschlag45. Diesen Artikeln ist zu eigen, dass sie Prag mit einer fast zärtlichen Sprache beschreiben und geschichtliche Ereignisse aus der Prager Vergangenheit mit einer Lebendigkeit beschreiben, die in der Literatur selten ist.
Der zweite Teil seiner Artikel widmet sich einem anderen Meyrinkschen Lieblingsthema, dem Okkultismus. Meyrink beschäftigte sich seit seiner Prager Zeit mit dem Okkultismus im weitesten Sinne, so z.B. mit der Golden Dawn, einer Rosenkreuzer-Gruppe, diversen – auch christlichen – Gurus & Hochstaplern und den Anthroposophen.46
Sein Interesse an den Anthroposophen zieht sich durch sein ganzes Werk, und es finden sich bei ihm viele Artikel über die Anthroposophie selbst, aber auch über Madame Blavatsky, Krishnamurti und die späteren Anthroposophen-Absplitterungen. In diesen Artikeln zeigt sich ein ausgesprochen starker, weil spitzzüngiger, fast bösartig sarkastischer Meyrink.
Er selber war von vielen Okkultisten enttäuscht. Da er selber sich ernsthaft mit Okkultismus beschäftigte, waren ihm gerade die Anthroposophen und ihre vergorene Weltsicht zuwider.
Meyrink hielt das Aufkommen des Okkultismus für einen Wink des Lotsen, einer mythischen engelsähnlichen Figur, die in gewissen Weltepochen eingreift. „Die Wendung vom Satiriker zum Metaphysiker war bedingt durch äußere und innere Erlebnisse. Solange Meyrink bloß das Leben eines wohlhabenden Prager Bankiers führte, eines Lebemannes, der durch seine Affären die bürgerlichen Kreise schockierte, wo er nur konnte (…), traf sein Spott zwar wunde Stellen des Lebens, aber das innerste Wesen des Gefüges erkannte er noch nicht.“ Dies geschah erst dadurch, dass – als Meyrink sich eines Tages im Alter von 23 Jahren erschießen wollte – just in diesem Moment ein Heft über Spiritismus unter der Tür durchgeschoben wurde, natürlich vom geheimnisvollen Lotsen!47
Ebenso glaubte er an das regelmäßige Wiederkehren einer kosmischen Walpurgisnacht, in der die Spukwesen aus ihren Ketten befreit werden und die Grenzen zwischen Realität und Traum verwischen.48 Für ihn waren die Ereignisse seit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges nur eine Bestätigung seiner Theorien. Er glaubte, in einer besonderen Zeit zu leben, in der der Boom des Okkultismus nur Vorankündigung schlimmerer, größerer Ereignisse war. Zu dieser Art von Artikeln gehört z.B. Der Lotse49.
Er interessierte sich auch für die Alchimie (wie man nicht nur in seinen Goldmachergeschichten merkt) und schrieb auch über dieses Thema eine Reihe von Artikeln, u.a. für Vorwörter (meist für Bücher, die er selber übersetzt hatte). So schrieb er z.B. Alchimie oder die Unerforschlichkeit (als Einleitung zu Thomas von Aquino Abhandlung über den Stein der Weisen).50 Aber auch allgemeine okkultistische Themen reizten ihn, so z.B. bei „Haschisch und Hellsehen“51, der nicht nur angesichts der momentan boomenden Okkultismus-Welle so klingt, als stamme er aus der Gegenwart.
Sein okkultes Hauptwerk dürfte An der Grenze des Jenseits sein. Obwohl schon 1923 erschienen, wirken viele Formulierungen sehr aktuell: „Der heilige Bonifazius hat die Donnereiche abgesägt, und es ist ihm nichts geschehen. Hätte er den Mast einer Hochspannungsleitung abgesägt, wäre ihm das unter Umständen übel bekommen, aber die Existenz oder Nichtexistenz eines Blitzdämons bliebe unbewiesen in dem einen wie in dem anderen Falle.“52
Einige wenige Artikel widmeten sich anderen Themen, z.B. Südsee-Masken53.
b.) Geschichten
Meyrinks Gesamtwerk umfasst fünf Romane, ein Romanfragment, drei Novellen und sechs Bände mit Kurzgeschichten.
Seine fünf Romane sind Der Golem (Buchausgabe 1915, ab 1913 erschien er als Fortsetzungsroman) (der Roman spielt in Prag), Der weiße Dominikaner (1921) (ebenso Prag), Das grüne Gesicht (1917) (Amsterdam), Walpurgisnacht (Prag) und Der Engel vom westlichen Fenster (1927). Sein Romanfragment ist Das Haus des Alchimisten, das im Haus zur letzten Latern 1 veröffentlicht ist. Doch dies ist kein von Meyrink zur Veröffentlichung vorgesehenes Werk: „Ein Enkel Gustav Meyrinks, Dr. Julius Gustav Böhler, hat das nachgelassene Manuskript bearbeitet und sämtliche Entwürfe zu diesem Roman zusammengefasst; so ist ein Exposé entstanden, das die vorgesehene Grundstruktur und den Inhalt des gesamten Romans enthält.“54
Seine drei Novellen (Der Mönch Laskaris, Der seltsame Gast und Die Abenteuer des Polen Sendivogius) sind alle im Band Goldmachergeschichten (1925) enthalten.55
Seine Kurzgeschichten finden sich in Des deutschen Spiessers Wunderhorn (1913). Diese zweibändige Ausgabe umfasst in Band 1 Der heiße Soldat56, Orchideen (1904) und Das Wachsfigurenkabinett (1907). Band 2 ist Der violette Tod (1922). Beide Bände bestehen zum großen Teil aus Simplicissimus-Artikeln. Das Haus zur letzten Latern, 1973 von Eduard Frank herausgegeben, enthält drei Bände mit vermischtem Inhalt, nämlich Die Frau ohne Mund und Das Zauberdiagramm sowie Fledermäuse (1916) (wiederum 2 Bände – Die 4 Mondbrüder und Der schwarze Habicht). Zwei angekündigte Romane – Die seltsamen Abenteuer des Bankiers Hugendubel und Salz – sind wohl nie geschrieben worden.57
Auch in seinen Romanen bleibt Meyrink bei den beiden Themen, mit denen er sich am besten auskennt: Prag und Okkultismus. Weiter oben ist schon die These dargelegt worden, dass zwar nicht alle Romane in Prag spielen, aber doch Prag als Handlungshintergrund haben.
Meyrinks erster Roman, Der Golem, erscheint erst, nachdem er schon einige Jahre aus Prag fort war. Er verließ sich also auf seine Erinnerung und erzeugte so ein idealisiertes Prag, mehr ein Abbild seiner Idee von Prag als eine Darstellung des wirklichen Prag (wobei der Begriff des wirklichen Prag für Meyrink unverständlich gewesen wäre. Er ging immer davon aus, dass es bei der Stadt Prag mehrere Ebenen von Wirklichkeit gibt). Es gelang ihm trotzdem in diesem – und seinen folgenden Romanen – Prag treffend zu schildern; scheinbar ist erst durch die Distanz zu Prag seine treffende Schilderung möglich. Kafka z.B. hat Der Golem nicht gefallen, aber dafür die Schilderung der Atmosphäre Prags58, ein größeres Lob kann man sich für einen Exil-Prager kaum vorstellen.
In Prag spielt auch eine der wichtigsten autobiographischen Geschichten, in der er seinen Hass auf diese Stadt durch die Zerstörung einiger ihrer Teile ausdrückt (hier ist es der Hass des Vertriebenen; dieser rächt sich aus dem Exil zurückgekehrt durch seine überlegene Intelligenz an den bornierten Stadteinwohnern). Diese Geschichte G.M.59, die er in seiner Münchener Zeit verfasste, ist nicht nur wegen der Initialen im Titel mehrfach ein klarer Hinweis auf die Person Meyrinks.
Ich will in diesem Zusammenhang nur kurz auf sein Hauptwerk eingehen. Der Golem geht zurück auf den alten Mythos von Rabbi Löw und dem aus Ton erschaffenen Golem.60 Meyrink war – obwohl selber von der Erziehung her Christ – ein großer Bewunderer des Judentums. Er war z.B. von der chassidischen Bewegung fasziniert. So stand er auch einige Zeit im Briefwechsel mit Martin Buber und kannte Gershom Scholem.61 Meyrink verwendet den Golem jedoch nicht in der sehr roboterhaften Form, in der ihn die volkstümliche Überlieferung benützt. Er verwendet ihn als Handlungshintergrund, wobei er absichtlich die Sagen benutzt, ohne auf sie wirklich inhaltlich zurückzugreifen. Der Golem ist eigentlich ein Werk über Gott (nicht umsonst arbeitet Marzin in seiner sehr guten Golem-Analyse heraus, dass es „im Golem keinen rationalisierten Gottesbegriff“ gibt. „Gott ist ein deus absconditus, der sich dem Menschen vollständig entzieht“62).
Im Golem geht es nur vordergründig um eine Handlung. Alle irdischen Dinge – auch die sonst so gern verwendeten Geschehnisse wie Liebe, Verrat, Enttäuschung – sind nur Spiegelungen einer höheren Wahrheit, die die Existenz Gottes zwar zu beweisen trachtet, ihn aber nicht selber vorführt (analog dazu wird der Golem im Roman nur erwähnt, tritt jedoch handelnd nicht auf).
Kisch hat den Golem später gesucht – er stieg auf den Dachboden der Prager Altneu-Synagoge, um ihn zu suchen. Er konnte ihn nicht finden. Aber immerhin – er war der einzige, der ihn vor Ort gesucht hat.63
4. Meyrinks Kosmologie
Marzin arbeitet für Meyrinks Kosmologie drei Punkte heraus, die ich – leicht verändert – an den Abschluss dieser Werkschau stellen möchte.64
Der erste Punkt ist der Okkultismus (statt der Marzinschen Kabbala) als Lehre, der sich durch Meyrinks Werk zieht. In allen Geschichten bezieht sich Meyrink auf irgendwelche okkulten Lehren, nur wandelt er im Laufe der Zeit seine Vorlieben (manchmal ist es die Alchimie, manchmal eben Yoga oder Anthroposophie oder starke christliche Elemente). Meyrink versteht sich als jemand, der versucht, das Wissen um die Magie durch die Literatur den Menschen wieder nahe zu bringen.
Konieczny fasst dies folgendermaßen zusammen: „Der Schriftsteller versucht, die Welt wieder zu verzaubern, und sei es mit dem Bösen, Bizarren, Okkulten.“65 Dieses Literaturverständnis hat Meyrink immer wieder Kritik eingebracht. Jüngst ist diese Kritik von Reiter zusammengefasst worden: „Die bereits bei oberflächliche Lektüre offenkundigen Probleme seines Oeuvres liegt darin, dass in die Texte okkultistische Glaubensmodelle derart stark einfließen, dass ihr Status als ästhetische Literatur und als fiktionale Werke durch didaktische Züge gefährdet wird.“66 Es sollte betont werden, dass ich diese Ansicht nicht teile.
Beim zweiten Punkt geht es um das Verhaftetsein in der Geschichte. Meyrinks Figuren handeln nicht selber, sondern sie sind Ausführende einer Handlung, die sozusagen an ihnen vorbeiläuft, die sie nur noch ausführen können, ohne wirklich auf sie einwirken zu können. Besonders im Golem wird deutlich, dass die Protagonisten nur Spielbälle des Schicksals sind, welches sie selber nicht beeinflussen oder verändern können. Meyrink geht sogar so weit, dass er hinter Kriegen handelnde Mächte sieht, die jenseits unserer menschlichen Ebene liegen.67
Der dritte Punkt ist das individuelle Schicksal als zentrales Thema. Dies scheint auf den ersten Blick im Widerspruch zum zweiten Punkt zu stehen. Doch während für Meyrink die Geschichte etwas kosmologisches ist (in ihr scheinen überirdische Kräfte zu wirken), ist das individuelle Schicksal rein irdisch.
Der Meyrinksche Mensch ist in seinem Schicksal doppelt determiniert – auf der einen Seite durch seinen Stammbaum, durch den „die Freiheit des menschlichen Willens auf die durch die Ahnen gesetzten Grenzen reduziert wird.“68 Auf der anderen Seite durch die unverständlichen, nur am Rande erfassbaren kosmischen Geschehnisse (wie die kosmische Walpurgisnacht), die sein Schicksal bestimmen. Immer sind es (wie bei den Goldmachergeschichten) geheime Regeln und Beziehungen, die ihre Entsprechung im Leben der Menschen finden. Verschiedene Handlungen verbinden sich (obwohl vorher durch Zeit und/oder Raum getrennt), um am Ende parallel zu laufen, bevor sie einem gemeinsamen Höhepunkt zustreben.
Meyrink spürte die Entfremdung des Menschen von der Welt voraus. Für ihn gab es das hüben der irdischen Welt und das drüben der mystischen Welt (oder, um in Meyrinks Begrifflichkeiten zu bleiben, der jenseitigen Welt69). Doch das höchste Ziel des Menschen ist nicht die Machtentfaltung im hüben oder die esoterische Perfektionierung im drüben, sondern die Synthese beider Welten, der Verbund beider Hälften der Welt. Das Ziel definiert Meyrink am Ende von Das grüne Gesicht eindeutig: „er war hüben und drüben ein lebendiger Mensch.“70
Konieczny äußert dazu: „Die Gesamtheit des irdischen Seins ist eine unabänderliche Kette von Ursache und Wirkung, von schicksalshafter Verstrickung. Was geschieht, geschieht aus einer existentiellen Notwendigkeit heraus, die der einzelne quasi als Fatum, als Schicksal, hinnehmen muss, weil er sie nicht durchschaut (…).“71
5. Nachbemerkung
Berechtigterweise muss man jetzt die Frage stellen, was aus dem Topseller Meyrink nach dem 2. Weltkrieg geworden ist. 1917 warb ein Verlagsprogramm noch im Vordergrund mit den Gesamtausgaben von Heinrich Mann und Meyrink.72 Während der Golem „innerhalb zweier Jahre 150 Tausend Exemplare“ verkaufte73 und damals – eine Neuheit – auf Litfaßsäulen beworben wurde74, verkauft er sich heute kaum. Meyrinks Bücher sind nicht alle erhältlich, über ihn ist wenig publiziert. Marzin spricht sogar von einer „Lücke in der Meyrinkrezeption“.75
Doch was ist mit dem Mystiker Meyrink, über den Wünsch schreibt: „Meyrink ist der vielleicht bedeutendste Mythenschöpfer dieser Zeit“?76
Leider kann auch ich keine verbindlichen Lösungen anbieten. Natürlich sind Teile von Meyrinks Werk von der Zeit überholt worden. Heute liest sich seine Kritik am Offizierskorps nicht mehr treffend, viele seiner Artikel über okkultistische/okkulte Phänomene sind von der Berichterstattung seriöser Magazine über übersinnliche Phänomene überrollt worden, diesen Artikeln fehlt heute der Biss.
Doch seine Romane sind immer noch gut zu lesen. Der Golem ist ein herausragender Roman der Phantastik, und auch sein weiteres Werk wird deutlich unterschätzt (besonders die Goldmachergeschichten hätten es verdient, positiver aufgenommen zu werden). Noch immer mangelt es an vernünftigen Ausgaben von Meyrinks Geschichten. Die letzte Bereicherung – Der Mönch Laskaris – enthält kein Vorwort, keine Informationen über die Herkunft der Geschichten und knapp 40 Seiten Information auf dem Backcover.
Trotzdem kommt es in letzter Zeit zu einer – begrenzten – Wiederbelebung von Meyrink. Nach der verstärkten literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Meyrink hat sich auch die Esoterik an einen ihrer Klassiker erinnert.
Es bleibt zu hoffen, dass die deutschen Leser der Phantastik für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg genauso wie die Freunde der Mystik wieder einen der Klassiker wiederentdecken – Gustav Meyrink. VIVO!
FEUERLÖSCHER – FEUER – ASCHE
a. Feuerlöscher
Wir wissen nicht, woher wir kommen. Wir wissen nicht, wohin wir gehen. Doch wir folgen dem Weg, den die Gottheit uns zeigt.
In den 80er Jahren war ich Mitorganisator einer Großveranstaltung. Man bat mich an einem Abend darum, den großen Saal für eine geschlossene Veranstaltung haben zu dürfen. Unter der Auflage, dass die Mieter jemanden reinlassen, der auf offene Kerzen etc. aufpasst, bekamen sie die Räumlichkeit. Also fand ich mich wenige Minuten vor dem geplanten Beginn in den Räumen ein – einen Feuerlöscher im Arm.
Ich habe den Feuerlöscher nicht gebraucht. Der Abend war die Sommersonnenwendfeier von zwei befreundeten Hexen-Coven, die den von uns gestellten Rahmen nutzten, um hier zu feiern. Ich kam mir mit meinem Feuerlöscher im Arm selten dämlich vor – nicht nur, weil er überflüssig war, sondern weil ich auch die feierliche Stimmung des restlichen Abends zu stören schien. Man nahm mich aber freundlich auf, ließ mich an den Feierlichkeiten teilhaben. Jahrelang war ich schon auf der Suche nach einer Religion, einem Glauben, der meine Vorerwartungen erfüllen konnte. Von den christlichen Kirchen enttäuscht sah ich hier eine Möglichkeit, zu meinem spirituellen Selbst zu finden.
b. Feuer!
Der Kreis wird sich wiederfinden, wenn es an der Zeit ist!
Ich begann meine Zeit als Schüler. Ein Schüler ist jemand, der den Wunsch geäußert hat, etwas über die Geheimnisse und Riten der Hexenkunst zu lernen. Den Wunsch hatte ich schon mit meinem Feuerlöscher im Arm unmissverständlich geäußert, den Drang nach Wissen auch. Ich fand auch eine Lehrerin, die bereit war, mich auszubilden.
Dies waren ihrer Meinung nach die drei Grundvoraussetzungen für eine Ausbildung: Das Äußern des eigenen Wunsches zu einer Ausbildung, die Nähe zu einer Lehrerin/zu einem Lehrer und der Wunsch nach Wissen, der in einem brennen sollte. Das konnte ich alles bieten.
Meine Schülerzeit wurde als eine Vorstufe beschrieben. Die beiden mir zu vermittelnden Grundlagen waren eine umfangreiche Persönlichkeitsbildung (immerhin sollte ich wissen, was ich wirklich will, bevor ich die Techniken lerne, um meinen Willen durchzusetzen) und das Fühlen eines Grundvertrauens in die Gottheit, so dass ich die Angst vor den Dingen abstreifen konnte, die mir noch fremd waren.
Außerdem erhielt ich sozusagen liturgische Grundkenntnisse – einen Einblick in die Glaubensgrundlagen des Covens.
Nach einem Jahr und einem Tag (der alten Formel für solche Bindungen) erhielt ich meine erste Initiation. Beschrieben wurde sie mir im Vorfeld als Akzeptierung des Schülers durch die Gottheit. Dem kann ich nur beipflichten (auch wenn das jetzt ein wenig kitschig klingen mag). Ich war jetzt ein vollwertiges Mitglied im Coven, durfte mitsprechen. Außerdem war es nun an der Zeit, weitere Dinge zu lernen. Namentlich waren dies der Ablauf der Feste im Jahreslauf, die ersten Einblicke in den Ritus und der Ausbau meiner Kenntnisse der Grundkenntnisse im Bereich Mystik und Hexerei.
An dieser Stelle hätte ich jetzt die Möglichkeit gehabt, als einfaches Covenmitglied im äußeren Kreis zu verbleiben. Doch ich entschloss mich gegen diesen magischen Schnupperkurs und bat nach Jahr und Tag erneut darum, eine Initiation zu erhalten. Meine Lehrerin war mit meinen Fortschritten sehr zufrieden. So erhielt ich auch diese Initiation und durfte mich nun Zweitinitiierter nennen.
Meine weiteren Lernaufgaben waren jetzt vielfältig: vom genauen Ablauf der einzelnen Feste im Jahreslauf, über weitere Informationen zum Ritus, die Grundlagen der Energiearbeit (man stelle sich das ähnlich vor wie bei den Chakren – verschiedene Körperregionen waren an bestimmte Energiemuster geknüpft) bis hin zur Handhabung des Zubehörs (kein echtes Coven-Mitglied ohne seine eigene Klinge – und der Erwerb von weiteren Dingen wie Räucherkessel ist zwar optional, aber sehr empfohlen!).
Danach sollte ich mich entscheiden, ob ich weitermache. Die weiteren möglichen Initiationen waren aufgeteilt – es gab eine Initiation, die es mir erlaubt hätte, als Priester zu arbeiten; eine andere Initiation ist für die Heiler vorbehalten etc. Ich entschloss mich erst nach längerem Nachdenken für eine Wahlmöglichkeit.
Meine Lehrerin hatte mir vorher gesagt, dass das Lernen niemals aufhört; man ist das ganze Leben damit beschäftigt. Und sie hat mir auch gesagt, dass die Ausbildung andere Ziele verfolgt als die Beherrschung obskurer magischer Energien. Gemeinsam mit ihr habe ich eine Reihe von Zielen entwickelt, die ich erreichen wollte. Die Wahl meines Berufs oder meiner Berufung in der letzten Weihe hing also davon ab, was ich eigentlich wollte. Wieder war es mein Wollen, das mein Handeln bestimmen sollte.
Was wollte ich? Ich wollte eine Ruhe in Gott finden. Außerdem wollte ich mein Leben in der Zeit anders empfinden – im Jahreskreis, gebunden an die Entwicklung der Welt, der Natur. Ich wollte die Ausbildung als einen Lernprozess begreifen, in dem es nicht darum ging, einen Rang zu erlangen, sondern um eine Art Aufgabeninitation. Und als letztes wollte ich die Aufgabe abarbeiten, die mir meine Lehrerin ganz zu Anfang gestellt hatte – die Aufgabe der Charakterbildung. Ich war in den Jahren bis dahin durch die Ausbildung ein anderer geworden und ich wollte jetzt anfangen, etwas aktiver an der Gestaltung dieses anderen Selbst mitzuwirken.
Etwas über mein Leben in der Zeit kann ich zum Besten geben, ohne zu viel über mich und meine Seele zu verraten. Es war gerade die andere Zeit, die natürliche Zeit des Heidnischen, die mich begeistert hat. Im Heidentum – so wie ich es kennen gelernt habe – ist man eingebunden in größere Bezüge, die einem das Leben strukturieren und überleben helfen. Natürlich bietet eine natürliche Ordnung auch Sicherheit, in dem sie Strukturen schafft und Anleitung gibt. Mir ist das klar; damals war es mir auch klar, aber ich habe trotzdem den engen Rahmen des Mythos gesucht, weil er mir half, anderen Dingen zu entkommen.
Der heidnische Jahreslauf orientiert sich primär an den Vollmonden. Das Jahr hat 13 Vollmonde, die einem helfen, den Kreis der Jahreszeiten zu strukturieren. Weitere wichtige Eckpunkte dieses Jahreskreises sind Winter- und Sommersonnenwende sowie die beiden Tag- und Nachtgleichen. Eigentlich ist es egal, wie man die Feste nennt – bekannte Namen sind Yul, Ostara, Beltaine und Samhain, aber die Feste könnten genauso Rollepöng, Epsol, Flekkna und Schrumbiegel heißen. Wichtig ist, dass man sich durch sie sowohl in den Jahresablauf als auch in einen historischen Kontext eingebunden fühlt, der einem glaubhaft vermitteln kann, dass man über Generationen und Leben hinweg in einer Gemeinschaft steht, die dem Leben Sinn vermittelt.
Dazu kommen die Regeln des Ritus, die weiterhin helfen, die Arbeit mit den Energien zu strukturieren. Während die Zeit am Mond verortet ist, ist der Ort an die Himmelsrichtungen gebunden. Den vier Himmelsrichtungen werden Elemente zugeordnet – von Osten aus im Uhrzeigersinn Luft, Feuer, Wasser und Erde. Und auch die Zeit findet ihren Niederschlag im Räumlichen: Den Himmelsrichtungen sind in derselben Reihenfolge von Osten aus Kleinkind/Kind, junge Frau/junger Mann, Mutter/Vater und Greisin/Greis bzw. die Toten zugeordnet. Der Raum ist nicht länger von der Zeit getrennt und unsere Positionierung beim Ritual war auch immer ein Standpunkt in der Zeit.
Das Ritual eröffnet durch seine Bindung an den Jahreslauf und dessen Bindung an eine heidnische Religion, welche die Schöpfung in einen Sinn einbettete, eine Möglichkeit, Teil einer größeren Wirklichkeit zu werden, die unsere Realität wie schützende Hände umfing. Alleine für dieses Gefühl des geborgen seins, des verstanden seins war es sinnvoll, die ganzen Jahre auf mich zu nehmen.
c. … und Flamme
Die Flamme des Wissens wird ewig in uns weiterleben.
Der Coven hatte eine Geschichte. So war es nicht verwunderlich, dass sich bestimmte Rahmenbedingungen – genährt sowohl aus der Tradition der Wicca als auch aus eigenen Überlegungen meiner Lehrerin (die diese wiederum aus Mythen und der Fantasy-Literatur speiste) – in Form von Traditionen eingeschlichen hatten.
Dies waren z.B. bestimmte Geräte mit klarer ritueller Bedeutung – die Schale für die Salz-Wasser-Reinigung, der Hausaltar mit seinem ewigen Licht, das Räucherwerk, das Messer, aber auch die Kleidung. Wie auf Bildern von Romantikern des frühen 19. Jahrhunderts hüllten wir uns in farbige Kutten, die eher aussahen wie die Requisiten der Eloi in Die Zeitmaschine denn wie heidnische Kleidungsstücke. Warum kann ein Heide im 21. Jahrhundert nicht Kleidung tragen, die zu seiner Zeit und seiner Umwelt passt?
Da waren aber auch die Handlungen, die sich eingeschliffen hatten, ohne hinterfragt zu werden. Während die Aufstellung in den vier Himmelsrichtungen (s.o.) noch Sinn machte, gab es andere Handlungen (z.B. bestimmte Formen, den Kreis zu schützen, oder einen Schirm um die Teilnehmer zu errichten), die darunter litten, dass ihre Bedeutung nicht genügend kommuniziert wurde. Es mag sein, dass mir ein mystischer Schirm hilft, auch wenn ich nicht davon unterrichtet worden bin, dass er errichtet wurde – lieber ist es mir trotzdem, wenn ich Bescheid weiß. Angenehm fand ich die Angewohnheit, die letzten 24 Stunden vor einem Hochfest kein Fleisch zu essen. Ich fühlte mich dadurch leichter, energievoller als mit Fleisch im Magen. Dafür gab es dann nach dem Ritual – „wegen des Energieverlusts“ – Schlachtplatten voller Fleisch zu essen. Aber heute muss ich sagen, dass hinter diesem Aufbau des Rituals eine bestimmte Weisheit steckte.
Mehr Schwierigkeiten hatte ich mit den Glaubenselementen, die einfach vorgegeben wurden, ohne dass man sie hinterfragen durfte. Dazu gehörte nicht nur die unsägliche Rückbesinnung auf Atlantis (nein, ich habe das jetzt nicht erfunden), sondern auch der Rückgriff auf die mythische Klamottenkiste: Die Reinkarnation. Mehr als einmal durfte ich erleben, dass Mitglieder unseres Covens sowohl nach innen (zu Mitgliedern des Covens) als auch nach außen (zu anderen Heiden) die These vertraten, man würde sich aus früheren Leben kennen. Dies sollte gleich eine besondere Bindung herstellen. Diesen Effekt hat es in den wenigsten Fällen nicht gehabt; die meisten Menschen fühlen sich gelobt, wenn sie erfahren, dass sie in einem früheren Leben auch eine wichtige Person waren und mit dem Funktionsträger des Covens in irgendeiner Art und Weise verbunden waren (beliebte Ansätze: Geschwister, Geliebter, Magier-Kollege). Ich glaube heute, dass man diese Bindungen eher psychologisch als religiös deuten sollte.
Aber es gilt weiterhin, dass die Existenz von Riten und Formen für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft wichtig ist. Die Regeln sorgen für eine Sicherheit im Ritus, für ein Gemeinschaftsgefühl bei den Feiern.
d. Hitze und Energie
Magie ist das Gespür für und das Erkennen von Energien, die dieses Universum schufen und im Gang halten.
Ich habe nicht wirklich zaubern gelernt. Es tut mir leid, wenn ich das zugeben muss. Bis heute77 kann ich keine Krankheiten heilen, keine Kaffeemaschinen reparieren oder Dämonen austreiben. Anders ist die Frage, ob ich Situationen zulassen kann, in denen solche Dinge – die wir eigentlich als unnatürlich oder übernatürlich bezeichnen würden – geschehen können. Viel wichtiger als der Einsatz einer aus einem selbst kommenden Gabe ist die Fähigkeit, die Umgebung (das setting) davon zu überzeugen, dass gewisse, den üblichen Gesetzen der Realität widersprechende Dinge zugelassen werden können.
Der Magier ändert nichts am Gegenstand, den er verzaubern will – er ändert etwas an der Welt, die den Gegenstand umgibt und verändert somit den Gegenstand und sein Verhältnis zur Welt.
Anfangs, in den ersten Jahren meiner Ausbildung, war es gerade die duale Ausrichtung des Glaubens, die mir Halt verschaffte. Hier waren die Dinge einfach und locker in ein Schwarz-Weiß-Schema zu pressen. Es gab die Gottheit, die eins war, und trotzdem geteilt in ein männliches und ein weibliches Prinzip. Es gab Hell und Dunkel, Gut und Böse, Kalt und Warm, Göttin und Gott. Aber umso mehr ich mich mit der Frage beschäftigte, was hinter den Dingen liegt, die ich beobachten kann, desto mehr wurde mir klar, dass diese Dualität eigentlich nicht besteht. Alles ist eins, ist miteinander verbunden. Nicht immer kann ich die Verbindungslinien sehen, aber sie sind vorhanden – wenn auch getarnt oder versteckt oder schwer zu sehen. Manchmal ist die Zahl der Verbindungen so hoch, dass ihnen mein begrenzter Verstand nicht folgen kann. Aber die Verbindungen sind trotzdem vorhanden.
Der Dualismus ist ein künstlicher Dualismus, weil er trennt, wo Dinge eigentlich verbunden sind, und verbindet, wo Dinge eigentlich getrennt sind. Die Welt ist nicht in Dichotomien einteilbar; die Welt ist vielschichtiger, als wir es begreifen können. Der Dualismus hilft, die Extreme zu erkennen. Aber man muss den Dualismus transzendieren, um die Extreme aufheben zu können.
e. Asche
So will ich trachten zu tragen meinen Teil an Leid und dankbar zu empfangen meinen Teil an Freude.
Ich war fast ein Jahrzehnt in diesem Coven. Er hat mir viele Dinge gegeben, die ich gesucht habe – Nähe, Freundschaft, Wärme und Zuneigung. Darüber hinaus erfuhr ich, wie es ist, im Kreis mit anderen Menschen zu arbeiten, wie man gemeinsam Entscheidungen trifft, ohne dass sich nachher jemand ausgegrenzt oder beleidigt fühlt. Ich erfuhr eine Menge darüber, wie es ist, wenn man in Ritualgewänder gehüllt nachts im Wald steht und anfangs nur darauf hofft, dass einen kein Spaziergänger oder gar Polizist erwischt – bis diese Angst durch ein Gefühl des Verzaubertseins vertrieben wird, welches die Unwirklichkeit der Situation in ein Gefühl der Freude verwandelt.
Heute noch gibt es Tage, an denen ich diesem Gefühl nachtrauere. Ich habe meine Lehrerin sehr geschätzt. Gescheitert ist sie am eigenen Anspruch, an sonst nichts. Wer Schüler ausbildet, der muss sich damit abfinden, dass diese Schüler eines Tages fertig ausgebildet sein werden und bei der weiteren Planung der Gruppe mitsprechen wollen. Mit dieser Problematik konnte sie nicht leben.
Sie konnte auch nicht damit leben, dass es mir eigentlich egal war, ob sie die Texte selbst erfunden oder wirklich aus einer jahrhundertealten Tradition übernommen hatte. Wichtig ist nicht die Herkunft einer Inspiration, wichtig ist, ob sie Wirkung zeigt. Und sie hat gewirkt, denn in mir ist ein Feuer geweckt worden, das bis heute nicht erloschen ist. Ich suche Wissen und suche Erfahrungen; ich will mich in meinem Suchen der Gottheit annähern und mein Leben mit dem Gefühl beschließen können, dass ich nach jenem Licht gestrebt habe, welches unser Leben beginnt, begleitet und beendet.
P.S.: Die Zitate an den Kapitelanfängen sind Texte aus den heiligen Texten meines Covens.
ZAUBERN OHNE GOTT?
Vorbemerkung
Das einzige, was der wahre Mensch aber wirklich besitzen kann, ist sein eigenes Ich. Alles andere ist das Nichts, in das wir eines Tages zurückkehren.78
Ein Text wie dieser kann keinen allgemeinen Zuspruch erwarten. Das Fragezeichen im Titel impliziert, dass ich eine Frage stelle, die ich – soweit möglich – beantworte. Das heißt aber nicht, dass jeder Mensch, der sich mit dieser Frage beschäftigt, zu denselben Antworten kommen muss wie ich. Ganz im Gegenteil. Es ist unsere Vielfalt, aus der wir Nutzen ziehen sollten, nicht unsere Gleichförmigkeit.
Ich möchte auch einleitend darauf hinweisen, dass man Gott im Titel und im Text gerne durch Göttin oder Göttliches ersetzen kann – ich finde Gott als Begriff hier lesbarer und für mich nachvollziehbarer. Man möge Nachsicht mit mir üben.
1. Zur Magie
Zwei Verschiebungen von Begrifflichkeiten sind im Rahmen der Industrialisierung erfolgt – die Verschiebung von weltlichen und die Verschiebung von magischen Begrifflichkeiten. Hierbei verstehe ich die Industrialisierung als den Übergang von einer eher naturnahen Gesellschaft hin zu unserer Industriegesellschaft. Der zeitliche Rahmen dieser Veränderung ist die Zeit zwischen 1650 und 1950, der von mir besprochene räumliche Rahmen umfasst Westeuropa sowie Nordamerika.
Diese Verschiebung von Begrifflichkeiten erfolgte in der Weltsicht des Heiden bzw. magisch Tätigen. Und diese Verschiebungen haben Rückwirkungen auf die Arbeit bzw. den Glauben (wobei ich beide Begriffe von den Verflechtungen her für nicht trennbar halte). Daher will ich auf diese beiden Verschiebungen länger eingehen.
a. Verschiebung von weltlichen Begrifflichkeiten
Die Bedeutung von Schrift und Geschriebenem hat sich in den letzten 500 Jahren in unserer Kultur grundlegend verändert. Angefangen bei den für magische Handlungen benutzten Bildern und Piktogrammen über die Silbenschrift und die Runen bis hin zu unserer Schrift hat sich die gesamte damit verbundene Kultur gewandelt.
Früher waren es nur wenige, die in der Lage waren, die geschriebenen Zeichen zu entziffern. Ihnen war auch Macht gegeben, da sie als Geschichtenerzähler, Barden und Priester benötigt wurden. Im Mittelalter war es so, dass die Klöster die Horte der Schreibkultur waren; die wichtigsten (und schönsten) mittelalterlichen Texte sind religiöser Natur.
Auf einer anderen Ebene hat sich auch das Erzählte vom Inhalt her verändert. Statt Sagas und Gedichten, die mündlich überliefert wurden, gab es später die festgefügten Märchen, die in einer bestimmten, unveränderlichen Form in einem Buch festgeschrieben waren.79 Seit der Entwicklung des Fernsehens wird nicht nur die Sprache festgelegt, sondern auch die optische Information (die vorher von der Vorstellungskraft des Zuhörenden ergänzt worden ist) ist festgelegt und damit unveränderbar.
Wenn wir heute Geschichten aus einer Epoche betrachten, in der weite Teile der Bevölkerung Analphabeten waren, dann bedenken wir dieses nicht. In unseren Köpfen ist Analphabetismus die Ausnahme, die Mangelerscheinung. Wir können alle lesen; Bücher und Zeitschriften sind Allgemeingut geworden. Doch wir dürfen nicht den Fehler machen, ähnliche Bilder auf unsere Vorfahren/Vorgänger anzuwenden. Schrift hatte früher einen wesentlich höheren Stellenwert und magische Symbole (wie Siegel etc.) hatten eine wesentlich umfassendere Bedeutung – und sei es nur, weil sie von einer schreibunkundigen Bevölkerung nicht zu reproduzieren waren.
Ein anderer Begriff, der sich – wie der Begriff der Schrift – in den letzten Jahrhunderten in seiner Bedeutung stark verändert hat, ist der des Blutes. Während in mythischen Texten immer noch von Dingen wie Blutsverwandtschaft („Blut ist dicker als Wasser“), Blutschwur80 und Blutsbrüderschaft die Rede ist, so hat heute die Wahlverwandtschaft die Bedeutung der Blutlinie völlig verdrängt. Und statt der matrilinearen Vererbung (über die Mutter) wird heute der Name (und auch die Familie) patrilinear (über den Vater) vererbt.
Seit der Verbreitung von AIDS ist auch unsere Hemmschwelle gegen Blutschwüre höher geworden – es ist nicht nur der ungeschützte Geschlechtsverkehr, der einen infizieren könnte, sondern auch der Austausch von Blut im Rahmen von Ritualen.
Und letztendlich ist es auch die Kommerzialisierung des Blutes und der Blutspende durch die Vermarktung von Blutplasma, das diesen Begriff seiner mythologischen Bedeutung fast entbunden hat. Wer heute ein klassisches Ritual mit Blut oder Blutsbanden liest, wird es sicherlich völlig anders verstehen, als ein Heide/Magier aus dem 13. oder 16. Jahrhundert. Und unsere Hemmschwelle gegen den Einsatz von Blut, immerhin dem Saft des Lebens, in Ritualen ist deutlich angestiegen.
Ein paar andere Begriffe möchte ich nur kurz anreißen. Die Bedeutung des Windes für unsere Kultur hat sich in den letzten Jahrhunderten verändert. Es werden keine Häuser mehr vom Sturm abgedeckt, die wilde Jagd zwischen den Jahren ist nicht mehr zu hören, der Fischfang samt Küstenschifffahrt ist unbedeutend geworden (und damit sinkt auch die Gefahr von im Meer ertrinkenden Familienmitgliedern), wir haben sogar den Wind für die Erzeugung von Strom gezähmt und können Stürme mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen. Schon deutsche Gedichte der Romantik, die von den Naturgewalten sprechen, sind für uns heute in ihrer beschworenen Bedrohlichkeit kaum verständlich oder nachvollziehbar.
Auch unser Verhältnis zu Wasserstraßen und Straßen allgemein hat sich völlig verändert. Wir sind es gewöhnt, beim Reisen auch an den Luftverkehr und die Eisenbahn zu denken; die Autobahn stellt eine völlig andere Art der Vorstellung von Transportwegen dar als die Straßen des Mittelalters. Die heutige Streckenplanung kann sich auf stabile Brücken, Fähren und regelmäßige Ozeanüberquerungen verlassen – alles Dinge, die noch vor 100 Jahren eine Ausnahme waren.
Auch unsere räumliche Vorstellung von der Welt (die Landkarte, die wir in unserem Kopf mit uns herumtragen) hat sich deutlich verändert. Orte entlang ausgebauter Verkehrswege sind wesentlich leichter zu erreichen als Orte in entlegenen Gebieten. Der Mensch im Mittelalter dachte eher in konzentrischen Kreisen um seinen Wohnort herum, da seine Fortbewegungsgeschwindigkeit kaum zu steigern war, wenn er bestimmte Routen anderen vorgezogen hätte.
Deutlich wird diese Verschiebung auch an der Veränderung der mythologischen Bedeutung von Straßen. So ist der Wandel von Wegen wie den mittelalterlichen Pilgerwegen oder der Seidenstraße hin zu Strecken wie der Route 66 oder dem Orient Express neben der Veränderung in der Geschwindigkeit auch ein Wandel im gewählten Verkehrsmittel.
Der Schatz als ökonomische Herausforderung hat in den letzten Jahrhunderten seinen mythischen Charakter verloren (man denke nur an den Kessel voller Gold am Ende des Regenbogens). Die wenigen noch mythischen Schätze (Bernsteinzimmer etc.) sind mit eher negativen Erfahrungen verknüpft.
b. Verschiebung von magischen Begrifflichkeiten
Auch bei den magischen Begrifflichkeiten hat sich in den letzten Jahrhunderten einiges am Bedeutungsinhalt verschoben. So hat sich z.B. das Königsheil von Königen/Priestern weg zu öffentlichen Personen (Elvis etc.) hin verschoben. Wo früher noch der König für das Land stand (wie bei den Artus-Sagen), so ist es heute höchstens ein Präsident, der sein Leben für die Unschuld des Landes lassen muss (ich denke hier an Präsident Kennedy, dessen Regierungszentrale nicht umsonst Camelot genannt wurde!).
Auch der Ort der Seele ist im Lauf der Jahrhunderte immer wieder im Körper verlegt worden, ohne dass die Seele irgendwo im Körper wirklich hätte festgelegt werden können. Scheinbar wandert der Ort der Seele – wie der Ort der Utopie – immer hinter den Horizont des gerade Erkennbaren und verbleibt immer genau hinter unserem Horizont.81 Und heute hat sich die Suche nach der Seele hinter den Nahtoderfahrungen etc. versteckt. Die wissenschaftliche Grenze hat sich verschoben, für das Organ Seele bleibt im Körper kein Platz mehr. Aber die Sinnsuche, die sich hinter der Suche nach der Seele verbirgt, braucht weiterhin Raum in unserem Leben.
Auch die Zwerge und Elfen sind nur auf den ersten Blick aus unserer Mythologie verschwunden. Früher stahlen die Hügelvölker oder die Feen Kinder und entführten sie, in ihren Heimen lief die Zeit anders ab als in der realen Welt, und wer für sie arbeitete und ihre Geheimnisse wahrte, der wurde reich belohnt (diese Motive tauchen interessanterweise auch in den Märchen auf, in denen sich jemand für den Teufel verdingt – hier gibt es offensichtlich eine Gleichschaltung Feen/Hügelvolk – Teufel in der christlichen Mythologie). Heute sind es Außerirdische mit schmalen Händen und großen Augen, die unsere Kinder entführen, unsere Frauen schwängern, deren Zeit anders verläuft als unsere und die jene reich belohnen, die mit ihnen zusammenarbeiten. Die Parallelen sind unübersehbar. Aber da wir alle Hügel aufgegraben, alle Wälder abgeholzt haben, musste sich der Mythos halt in kleine Flugscheiben82 zurückziehen, die entweder aus dem Inneren der Erde, von der Rückseite des Mondes oder aus anderen Dimensionen kommen. Eine ähnliche Entwicklung hat nebenbei auch der Hausgeist hinter sich, wobei es einen eigenen Vortrag wert wäre, die Analogien zwischen Schüsseln Milch und Blumen für Hausgeister und Zuwendungen und Eigennamen für Computer herauszuarbeiten …
Eine offensichtliche Veränderung verursachte auch die Entmythologisierung der Drachen nach der Entdeckung der Dinosaurier-Skelette im letzten Jahrhundert. Unsere Drachenmärchen wurden auf einmal als Erinnerungen an eine gemeinsame Koexistenz von Drachen und Menschen gedeutet, viele Darstellungen von Dinosauriern wurden verdrachtusw. Ein schönes Beispiel für diese Entwicklung sind Märchenbucher a la Dinotopia oder Die vergessene Welt von Arthur Conan Doyle – beides Bücher, in denen die genannte Koexistenz beschrieben wird.
Die Veränderungen im Weltbild der Astrologie folgen auch wissenschaftlichen Entdeckungen.
Die letzten drei Planeten [des Sonnensystems, HR] wurden erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt, lange nach der Entwicklung der traditionellen Analogien der ersten sieben Planeten: Uranus 1781, Neptun 1846 und Pluto 1930. Jedes Mal erfanden die Astrologen empirische ‚Deutungen‘, die schließlich als verbindlich akzeptiert wurden.83
Die Festlegung einer Definition für den Einfluss der Planeten bzw. für ihre Rolle in der Astrologie dauerte unterschiedlich lange. Beim Uranus waren es noch 33 Jahre, beim Neptun sogar 44 Jahre und beim Pluto nur noch 2 (!) Jahre.84
Auch das Bild von Äther und Sphären/Sphärenklängen sowie unser Verständnis der Sternbilder hat sich deutlich gewandelt. Wo früher die Sternbilder noch exakt standen und wir in den richtigen Häusern geboren wurden, so hat die Verschiebung der Sternbilder inzwischen dafür gesorgt, dass niemand mehr in seinem Haus geboren wird. Und der – vorher mehrmals physikalisch bewiesene Äther – musste genauso (wie die Sphären der Planeten) Federn lassen und darf jetzt nur noch als esoterische Analogie sein Leben fristen.
c. Verschiebung von weltlich/magischen Begrifflichkeiten
Mythos und Wissenschaft befruchten sich gegenseitig. Eine Weiterentwicklung des einen ist ohne eine Weiterentwicklung des anderen nicht möglich. Unser Suchen nach Erkenntnis wird von unseren Träumen gespeist, und unsere Träume beziehen ihre realistischen Grundlagen aus unseren Erkenntnissen.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass mythologische Begriffe, welche die Jahrhunderte überstanden haben, immer wieder von Mythos und (!) Wissenschaft weiterentwickelt werden. Das klassische Beispiel hierfür ist der Atlantis-Mythos mit seinen starken Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte. Man betrachte nur, welche geographischen Veränderungen Atlantis durchgemacht hat. Vom Mittelmeer über den Atlantik hin zu Grönland und England im Norden, Südamerika im Westen und Westafrika im Süden. Und der Kreis schließt sich, wenn die moderne Forschung Atlantis nach Troja oder Santorin und damit zurück ins Mittelmeer verlegen will.
Ähnliches gilt für Mythen, die – im Gegensatz zum Atlantis-Mythos – in den letzten Jahrzehnten untergegangen sind bzw. massiv an Bedeutung verloren haben, aber vorher einen wilden Wechsel von Bedeutung und Inhalt hinter sich gebracht haben. Das Einhorn wäre ein Beispiel85, ebenso der Vampir86. Faszinierend ist auch die Geschichte des roten Planeten Mars und seiner angeblichen Bewohner. Von Kanälen könnte man da sprechen, und von dreibeinigen Todesmaschinen, von Pyramiden und Marsgesichtern …87
d. Probleme, die daraus entstehen
Wir kämpfen mit dem Phänomen, dass ältere Texte und Rituale für uns unverständlich werden, weil uns der kulturelle Hintergrund/ Gefühlszusammenhang zu ihrem Verständnis fehlt. Das Weltbild ändert sich, ohne dass der an ein Weltbild gebundene Kult die Änderungen nachvollzieht.
Oftmals haben wir zwar das Gefühl, den Text eines klassischen Rituals begriffen zu haben, aber das Verstehen geschieht auf einer sprachlichen und nicht auf einer inhaltlichen Ebene (wir verstehen die Worte, nicht den Sinn). Die oben genannten Erklärungen sollten ausreichen, um diese Behauptung zu untermauern.
Ich will jetzt kurz ein paar Beispiele weltlicher und magischer Natur für die Bindung von einzelnen Begriffen an Religionen/Kulte oder magische Handlungen anführen. Und ich will zeigen, dass wir diese Begriffe zwar weiterhin verwenden (können), aber ohne die ursprüngliche Bindung zwischen Begriff und Bedeutung rekonstruieren zu können.
Weltliche Beispiele
Hierzu gehören die Bedeutung des Feuers bei den Parsen (Feuer spielt für uns schon lange nicht mehr die Rolle als Wärmespender und Waffe, die es früher gespielt hat), die magische Rolle von einzelnen Schriftzeichen (man denke nur an die Runen; durch die faktische Beseitigung des Analphabetismus in der Bevölkerung hat die Schrift überhaupt ihren magischen Charakter verloren) und Piktogrammen (ich meine nicht die Notausgang-Zeichen in öffentlichen Gebäuden, sondern steinzeitliche Jagdzauber an Höhlenwänden), der Verlust des faszinierenden Gefühls für fremde Sprachen in Ritualen (die lateinische Messe hat ihre Ausstrahlung verloren, ebenso aber auch Texte in unverständlichen Sprachen oder der Effekt des Zungenredens), die Naturgewalten verlieren an Bedrohlichkeit (die Wind- und Sturmgötter wie die Wilde Jagd verschwinden aus unserem Bewusstsein, weil die Naturgewalten für unsere Häuser nicht mehr bedrohlich sind und daher nicht mehr beschworen und besänftigt werden müssen), bestimmte Arbeiten verschwinden aus unserem Lebenszusammenhang (der Meergott der Fischer verschwindet aus unserem Kulturzusammenhang, da der Nährstand – und damit auch Fischer und Bauern – in unserem Leben nicht mehr direkt vorkommt; Pferdesegen und Schmiedezauber bleiben unverständlich, weil die entsprechenden Berufe aus unserem kulturellen Umfeld verschwunden sind), halbmenschliche/ tierische Götter verlieren an Bedeutung, weil das sie inspirierende Wesen aus unserem Leben verschwunden ist (so der gehörnte Gott/Hirsch, die Katze88, Wolf/ Hund etc.) und die Priester/Magier sind nicht länger Wächter des Kalenders (daher verschwinden auch die Großkalender wie die Megalithbauten aus den Erfordernissen unserer Kultur – niemand baut mehr selbst Zeitmessgeräte und niemand wird mit religiöser Verehrung bedacht, weil er Jahreszeiten oder Mondfinsternisse vorhersagen kann!).
Der Begriff ist weiterhin da, und er steht auch weiterhin in unseren Ritualen und Texten. Aber wir verwenden ihn in anderer Bedeutung als der, in der er ursprünglich verwendet worden ist. Und daher sind wir nicht in der Lage, das ursprüngliche Ritual mit denselben Worten zu wiederholen, weil die Worte sich in ihrem Inhalt verändert haben.
Magische Beispiele
Mit magisch meine ich in diesem Zusammenhang Begriffe, die eher nicht der physischen Welt unterworfen sind. Ein typischer Begriff wäre der Begriff der Seele. Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat die Seele ihren Platz im Körper verloren. Unsere wissenschaftliche Sichtweise des Körpers lässt keinen Platz mehr für ein unerklärtes Organ, die Seele kann also nicht im Körper materiell existieren. Da wir Menschen aber weiterhin wissen wollen, was hinter der letzten Grenze kommt, verlagern wir unsere Suche nach dem Jenseits in den Bereich der Nahtoderfahrung und verwandeln dadurch die Seele in ein immaterielles Organ89.
Das kleine Volk wird von uns entrückt und unserem Lebenszusammenhang entrissen. Wir glauben nicht mehr daran, dass Kobolde in unserem Haus wohnen, Feen in den Büschen nisten oder Zwerge in unseren Hügeln hausen. Die nichtmenschlichen Völker, seit Jahrhunderten mythologische Partner und Freunde der Menschen, werden uns fremd.
Ebenso verschwinden die Halbmenschen (Werwolf, Vampir, Satyr, Kentaur usw.) – entweder werden sie wissenschaftlich gedeutet und damit entmystifiziert90, entlarvt91 oder aber lächerlich gemacht.
Und letztendlich bleibt die Frage, was mit jenen magischen Wesen geschah, die wir fast komplett aus unserem Bewusstsein verdrängt haben. Es sind überraschenderweise die alchemistischen Figuren, die unser wissenschaftliches 20. Jahrhundert ausgemerzt hat. Wo verbergen sich Phönix, Basilisk, Greif, Einhorn und Salamander vor unseren Blicken?
e. Alternativen für die Zukunft
Wenn wir einen Verlust der Bindung von alten Bildern an magische Energie postulieren oder einfach behaupten, dass eine Veränderung der gesellschaftlichen Umstände auch in einer Veränderung der für Religion und Kult benutzten Bilder resultieren muss, so ist es unumgänglich, dass wir uns überlegen, welche Alternativen sich im Umgang mit dieser Situation bieten. Es gibt drei unterschiedliche Alternativen, die ich kurz vorstellen will.
1. Wir bleiben stur bei den alten Bildern, obwohl sie an Macht verlieren werden. Ich würde dies die Vogel-Strauß-Politik nennen, weil sie die Veränderung der Umstände einfach ignoriert und die Rückkehr in ein goldenes, mythisches Zeitalter zu postulieren scheint, in dem alles gut war und Magie immer funktioniert hat.
Leider ist es so, dass die hier verwendeten Bilder weiterhin an Macht verlieren werden. Die Bindung zwischen Bild und Bedeutung wird schwächer, das Band zwischen mentaler, magischer Assoziation und weltlicher Bedeutung wird immer dünner werden, bis es eines Tages zerreißt. Und umso mehr Bänder zerreißen, umso dünner und schwächer wird der Strang, der Mythos und Kult, der Glauben und Religionsausübung, Theorie und Praxis miteinander verbindet.
Die Ausbildung von neuen Funktionsträgern ist in dieser Alternative sehr schwierig, da die verwendeten Bilder schwächer sind als auf der Hand liegende Alternativen aus der Gegenwart. Potentielle Schüler werden sich – außer sie sind unheilbar romantisch … – eher für eine der anderen Alternativen entscheiden.
Die Zukunft für diese Alternative ist sehr fraglich, da sie immer in der Gefahr leben wird, konservativ statt konservierend zu arbeiten und in die volkstümelnde (faschistische?) Ecke abzurutschen.
2. Wir suchen uns völlig neue Bilder. Ich nenne dies die coole Lösung, weil sie immer versucht, einem magischen Zeitgeist hinterherzuhecheln, der genau einen Schritt vor uns herläuft.
Doch die hier benutzten Bilder haben eventuell nur kurzzeitig Macht; sie gelten zwar für unsere Zeit, aber nicht für die vorgehergehende Epoche und wahrscheinlich auch nicht für die folgende Epoche.
Die Ausbildung von Nachwuchs ist schwierig, da nicht garantiert werden kann, dass die Bilder noch in 50 oder gar 100 Jahren Macht besitzen. Und sicherlich kommt irgendwann im Laufe einer Ausbildung auch die Frage, wie man die Sicherheit solcher Bilder überhaupt garantieren will. Da es neue Bilder sind, deren Bedeutung erst in dieser Generation so signifikant geworden ist, dass sie für Magie eingesetzt werden können, kann man nicht aus ihrer Herkunft auf eine glorreiche Zukunft schließen. Die vom Schüler erwünschte magische Sicherheit ist nicht herzustellen. Überhaupt ist hier die Mystifizierung schwierig. Man vergleiche nur den Mythos hinter klassischen/modernen Alternativen wie Strom und Stecker mit Licht und Fackel, oder Pistole und Macht mit Messer und Macht.
Natürlich ist diese Richtung sehr hip, aber es erinnert mich immer ein wenig an moderne Freizeit-Rollenspieler a la Shadowrun oder Film-Freaks, die auch brav Matrix und Highlander sehen, bis sie die Dialoge mitsprechen können.
Die Zukunft dieser Alternative ist nicht vorhanden, da sie keine Vergangenheit hat und haben will. Doch der, der außerhalb der Zeit rein im Moment leben will, wird die Vergangenheit verlieren und die Zukunft nie kennenlernen.
3. Wir entschlacken die alten Bilder und versuchen herauszubekommen, was wirklich hinter den Bildern steht. Dieses gefundene wahre Ding transferieren wir dann in die Gegenwart und suchen uns ein zeitgerechtes Bild. Passend zu Platons Höhlengleichnis und seiner wahren Welt könnte man dies Platons Lösung nennen.
Ich halte dies von den drei vorgeschlagenen Lösungen für die sinnvollste Lösung. Sie verlangt Interesse an Vergangenheit und (!) Zukunft, eine Einbindung in Traditionen und einen Ausblick in die Zukunft.
Diese Lösung macht Ausbildung möglich, obwohl hier gefundene Bilder im Einzelfall schwächer sein können als neue Bilder (siehe Alternative #2) oder alte Bilder (siehe Alternative #1). Aber im gesamten Überblick wiegen die Vorteile dieser Lösung die Nachteile gegenüber den beiden anderen Alternativen bei weitem wieder auf.
Ich habe eben bei der Beschreibung der dafür nötigen Technik den Begriff transferieren gebraucht. Ich halte diesen Transfer für einen der wichtigsten Begriffe bei der Diskussion des Zusammenhangs zwischen Magie und Religion. Wir brauchen den Transfer von Bedeutungen und Begrifflichkeiten in die Gegenwart. Aber dieser Transfer wird bei magischen Gegenständen/Gebräuchen schwierig. Er kann eigentlich nur bei Religionen funktionieren, weil hier die Überlieferungslage besser ist und der Glauben einfacher zu erlangen ist als magische Ergebnisse (hier geht es um den Widerspruch zwischen subjektiver und objektiver Erkenntnis). Mit anderen Worten: Ich brauche einen Transfer von Bedeutungen in reale Gegenstände, um für ein Ritual – nein: für Magie allgemein – eine der Gegenwart entsprechende Darstellungsform zu finden. Dieser Transfer fällt mir einfacher, wenn ich einer religiösen Umgebung entstammte, weil Religion und Glauben sowieso den Transfer von Inhalten beinhalten. Wir müssen jetzt nur noch diese Transferleistung auf die Magie übertragen.
2. Zur Religion
a. Das Christentum
Es ist auch unter Heiden inzwischen unkritisch: Das Christentum ist die prägende Religion des Abendlandes, ist der Kulturträger der letzten zweitausend Jahre für Mitteleuropa. Was man auch immer über die Untaten des Christentums oder die eigenen theologischen Probleme mit dem Gotte-hochgenagelt92 haben mag, ohne das Christentum gäbe es unsere abendländische Musik nicht, unsere lateinische Schrift nicht, keine Kathedralen und keine Territorialstaaten.93 Das Christentum erklärt unsere Erziehung, färbt viele der Bilder vor, die wir für Magie und Religion benutzen und wieder für uns mit Beschlag belegen wollen. Schon allein aus diesem Grunde ist die Auseinandersetzung mit dem Christentum für unseren Glauben von Bedeutung. Viele unserer Bilder sind zwar heidnischen Ursprungs, doch christlich verbrämt. Wenn wir nicht in der Lage sind, den christlichen Anteil zu definieren, dann können wir ihn auch nicht aus den Bildern subtrahieren. Und unsere Bilder behalten dadurch einen christlichen Anteil, weil wir es eigentlich ablehnen, uns mit dem Christentum zu beschäftigen.
Das unsere Auseinandersetzung beim Gottbild (und nicht beim Kultus!) anfangen muss, dürfte klar sein. Der Kultus ist nur umgebendes Werk, ist nur Verzierung. Mit unserem Versuch, Bilder zu transzendieren sollte nachvollziehbar sein, dass wir das hinter dem Kultus liegende Bild zu erfassen trachten. Und da landen wir beim Christentum schnell beim Gottesbild.
Die christliche Religion ist – obwohl monotheistisch – nicht monolithisch angelegt. Es gibt nicht das einzige Gottesbild, sondern verschiedene, sich oft widersprechende Gottbilder. Ein Beispiel möchte ich kurz ausführen:
Dass Gott nur der All-Liebende sein kann, folgt einfach aus der Tatsache seines Schöpfertums. Wer schafft, will Leben und wer Leben will, liebt, und wenn sich das Geschöpf die Liebe des Schöpfers bewahrt, indem es sie erwidert, bleibt ihm auch der Wille und die Macht, neues Leben hervorzubringen. Die schöpferische Kausalität ist somit die Kausalität des Lebens und der Liebe.94
Wäre dieses Bild eines entrückten Schöpfergottes für Heiden akzeptabel? Wahrscheinlich schon. Da es jedoch ein christliches Bild ist, lehnen wir es instinktiv ab.
Wir verbinden viel zu oft Religion und Religionsausübung, Idee und Ausführung miteinander. Da wir als Heiden aber selten bis nie über eigene funktionierende Religionsgemeinschaften verfügen, sind wir auch schlecht auf Grund der allzu verständlichen Fehler der Gläubigen zu kritisieren (und wehe man erinnert einen Asatru ob der christlichen Zerstörungen in Südamerika an die Beutezüge der Wikinger!). Unsere diesbezügliche Kritik am Christentum greift also nicht, weil wir als Heiden selbst keine vergleichbaren Angriffsflächen aufzuweisen haben (obwohl wir sie dringend nötig hätten).
Das zweite Thema für die Auseinandersetzung mit dem Christentum ist die Magiekritik des Christentums. Das Christentum setzt die vom Christentum propagierte Menschwerdung Gottes gegen die von der Magie gelehrte Gottwerdung des Menschen.
Die Grundhaltung des magischen Denkens ist: Mein Wille geschehe, die Grundhaltung des religiösen Menschen aber ist: Dein Wille, Herr, geschehe! Es ist, als werde das Crowleysche Tu, was du willst, das ja letztlich nur das Eritis sicut Deus (Ihr werdet sein wie Gott) der Schlange im Paradies rekapituliert, immer mehr zum eigentlichen Losungswort der sich vom Christentum lösenden Zeitströmungen.95
Leider ist dies für viele (neu-)heidnische Gruppierungen wahr. Begriffe wie Demut und Glaube werden – wenn überhaupt – nur pervertiert wahrgenommen und benutzt. Dass es eine dienende Demut geben kann, heißt nicht, dass sie zur einzigen Möglichkeit der Demut werden muss. Wer demütig ist, der ist nicht immer unterwürfig. Und wer demütig ist, der ist nicht auch automatisch schwach. Unsere Magie macht sich oft einmal an der Stärke fest, die wir zu erlangen trachten, und nicht an den Gaben, die wir als Geschenk erhalten haben oder erhalten können. Magie ist ein Geschenk, genauso wie unser Leben, die Natur, der Kosmos überhaupt. Wir müssen uns dies ab und an ins Gedächtnis zurückrufen, wenn wir leichtfertig mit dem umgehen, was uns eigentlich nur geschenkt oder geliehen worden ist!
Auch das Menschenbild des Heiden ist kritikwürdig. Unsere Götter tragen menschliche, oftmals gar allzu menschliche Züge. Sie trinken, sie lieben, sie kämpfen, sie sterben. Natürlich ist es gerade diese Menschlichkeit im Vergleich mit dem entrückten Gottessohn des Christentums, welche die heidnischen Götter interessant macht. Aber es ist nicht so, dass die Götter zu uns herunterzogen werden. Oftmals erscheint es mir, dass durch diesen Kunstgriff eher die Menschen vergöttert werden sollen. Menschen, Göttern gleich! könnte das Schlagwort dieser Bewegung innerhalb des Heidentums sein. Wenn die Göttlichkeit so einfach zu erreichen ist – warum soll man sich dann noch nach ihr strecken? Oder – als Gegenbewegung zur eben angedeuteten Lethargie – man versucht, selbst zum Gott zu werden und die eigene Menschlichkeit zu überwinden. Und wenn wir wirklich so sein können wie Gott, nehmen wir dann nicht Gott oder den Göttern seinen/ihren Raum in der Schöpfung und ersetzen ihn/ sie durch einen Über-Menschen, der quasi halbgöttliche Rechte erhält? Nehmen wir nicht Gott oder den Göttern sein/ihre Sonderrolle, wenn wir sie nur zu Menschen mit besonderen Gaben machen?
Der christliche Gott ist zu entrückt, doch sind uns die heidnischen Götter nicht vielleicht manchmal zu nahe?
Uns Heiden treibt manchmal eine schon als manisch zu bezeichnende ablehnende Haltung gegenüber dem Christentum. Meinem Argument von vorher folgend ist es wichtig, die Grundstrukturen des Christentums (oder besser und richtiger: der vom Christentum geprägten Kultur des Abendlandes) zu verstehen. Und sei es nur, um mit Hilfe der Erfassung der Grundstruktur konsequent die christlichen Anteile aus dem heidnischen Glauben zu entfernen. Ob dies möglich ist, ohne dass wir damit auch grundsätzliche Aspekte unseres Glaubens verlieren, sei dahingestellt.
Es muss doch möglich sein, viele der Dinge, die wir als ursächlich christlich betrachten, als angenehm und/oder schön zu akzeptieren, ohne damit gleich die Hexenverfolgung, den Papst in Rom und die Eroberung Südamerikas samt gewaltsamer Missionierung der Indios zu akzeptieren. Positive Elemente des Christentums wären (ohne dass diese Auflistung irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt oder mehr sein kann als eine Liste meiner persönlichen Vorlieben) die Kathedralen, die christlichen (Blei-)Glasbilder, Choräle, Kerzen im Gottesdienst, Weihnachtskekse, der Einsatz von Weihrauch zur Reinigung/ Weihung von Gebäuden und die Verwendung von Glocken zur Vertreibung der bösen Geister bzw. zur Einladung zum Gottesdienst.
Ein ganz wichtiges Element des Christentums, das wir unreflektiert übernommen haben, ist die Priestersukzession. Ausgehend von der Idee, dass sich alle Priesterweihen auf die Weihe der Apostel durch Jesus zurückverfolgen lassen, hält das Christentum die Illusion aufrecht, dass alle Priesterweihen in einer ungebrochenen Reihe bis auf den Sohn Gottes selbst zurückgehen. Bei der Weihe eines neuen Priesters wird diese Original-Salbung also direkt von Gott und seinem Sohn an einen neuen Priester weitergegeben.96
Dieser Ansatz ist aber nur in Religionen interessant, in der es einen Religionsstifter gibt, der die Religion geoffenbart hat – daher der Begriff Offenbarungsreligionen für Christentum und Islam. Wir sind dieses Element der Legitimation von Priesteramt in unserer Kultur so sehr gewohnt, dass wir es (bewusst oder unbewusst) in viele heidnische Strömungen integriert haben – und das, obwohl wir uns von den Offenbarungsreligionen zu distanzieren suchen. Es scheint manchmal wichtiger zu sein, belegen zu können, welcher obskure irische Druide, welcher legendäre isländische Gode, welcher friesische Schamane oder von Gardners Stiefcousin initiierter Wicca-Priester achten Grades (mit Schulterpolstern und bunten Sternen am dreifach geflochtenen Band) einen selbst initiiert und legitimiert hat, als durch Handlungen und Taten zu beweisen, dass man die Befähigung zu Priestertum, Ausbildung und/oder Heilung besitzt.
b. Heidnische Adaptionen
Es ist bekannt, dass sich das Christentum u.a. heidnische, germanische Elemente zu Nutze gemacht hat, um seine Verankerung in der Bevölkerung Deutschlands möglich zu machen. Natürlich sind weder unser Osterfest noch Weihnachten (samt Nikolaus) von der Ausgestaltung her christliche Feste. Es sind heidnische Feste, die mit christlichen Themen verknüpft worden sind.
Jedoch ist dieser Prozess keine Entwicklung, die nur für das Christentum typisch wäre. Auch im Heidentum wurden (und werden) Götter auf die Bedürfnisse der Kultur adaptiert:
Der Kampf zwischen Wanen und Asen ist die Erinnerung an einen uralten, besonders in Schweden ausgefochtenen Kulturkrieg zwischen dem älteren Freysdienste und dem jüngeren, von Deutschland über Dänemark eindringenden Odinskult. Der Wanenkult ist überwiegend eine Naturreligion; die erzeugenden und dem Menschen wohltätigen Kräfte der Natur werden personifiziert und verehrt. Der Odinsdienst und Asenkult ist dagegen eine mehr anthromorphische Religion; die menschlichen Kräfte, die als die höchsten galten, d.h. die imstande waren, Macht zu erwerben, Weltherrschaft, werden hypostatisiert und verehrt.97
Ebenso adaptieren wir Heiden Naturreligionen wie z.B. den Glauben der Indianer oder das Weltbild (und die Musikinstrumente …) der Aboriginees auf unsere Bedürfnisse. Um diese Religionen und ihr Weltbild für unsere Kultur anwenden zu können, müssen wir sie adaptieren, obwohl diese Religionen von ihrem Selbstverständnis lokal und völkisch98 für einen begrenzten Rahmen – eben den Lebensraum der entsprechenden Kultur – gedacht sind. Meiner Ansicht nach würden wir es als zumindest befremdlich empfinden, wenn Indianer oder australische Ureinwohner Asatru oder Keltoi werden wollten, isländische und irische Lieder singen, Met herstellen und nach einem mythischen Land im westlichen Meer suchen. Doch wenn diese Adaption in die Gegenrichtung stattfindet, und wir uns fremde Kulturen einverleiben, dann ist das alles schon in Ordnung. Mir scheint es so, als wollten wir Europäer uns für Jahrhunderte politischer Hegemonie dafür entschuldigen, dass wir die einst unterdrückten Kulturen importieren und damit psychologische sowie religiöse Wiedergutmachung leisten.
Neben der Adaption von irdischen Mythen fremder Kulturen gibt es noch eine andere Möglichkeit, um zu versuchen, die verlorenen heidnischen Mythen zu ersetzen. Diese Möglichkeit ist die Neuschaffung von Mythen. Neben Einzel-Phänomen wie Star Wars oder Star Trek dürfte hier der Boom der Fantasy-Literatur99 in den letzten zwanzig Jahren gelten (immerhin ist die Zahl von Fantasy-Welten, die durch Romane erschaffen und beschrieben worden sind, inzwischen Legion), aber auch der Siegeszug der Brett- und Live-Rollenspiele.
Ein Teil der literarischen Kunstmythen samt der Erschaffung neuer Welten ist als religiöser Ansatz gedacht. So findet man z.B. bei den Inklings, besonders bei Tolkien und Lewis, immer wieder starke christliche Motive. Lewis schrieb seine Narnia-Serie unter der klaren Prämisse, christliche Ideale in Fantasy-Motive zu verpacken. Cleverer – im Bezug auf die Verkäuflichkeit – sind da die Religions- und Kultgründungen, wie der Shaver-Mythos und Scientology/Dianetics.100
Gerade in der Heidenszene spielen moderne Kunstmythen eine große Rolle. Genannt werden könnten Highlander, Star Wars, der Herr der Ringe und Star Trek. Die Verkaufszahlen von Fantasy und Science Fiction dürften belegen, dass ein großes Interesse an Mythen in der Bevölkerung vorhanden ist. Und auch in unserer Gesellschaft, die so viele ihrer eigenen Mythen verloren hat, ist es augenfällig, dass der Wunsch der Menschen nach eben diesen durch erfundene Mythen substituiert wird.
c. Folgerungen
Im Rahmen der Aufklärung, der Entzauberung der Welt, ist die Verbindung zwischen Mensch und Gott zerrissen bzw. zerschnitten worden. Umso mehr Lebensumstände wir uns mit wissenschaftlichen Regeln erklären konnten, desto weniger brauchten wir Gott als erklärenden Umstand. Und das Verständnis der Regeln der Schöpfung dämpfte unser Interesse an dem Sinn der Schöpfung. Zu spät haben wir erkannt, dass wir zwar die Grundlagen der menschlichen Entwicklung wissenschaftlich erklären können, doch nicht den Sinn der Erschaffung von intelligenten Wesen in unserem Sonnensystem. Es ist eben doch noch Raum für den Schöpfer in der wissenschaftlichen Gleichung.
Die Menschheit hat in den letzten Jahrhunderten viel gelernt. Aber jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, wo das Lernen alleine uns nicht mehr glücklich macht und das Fühlen seinen Platz zurückerhalten muss. Stirn und Hand, das ist das Motto unserer Zeit. Doch das Herz, das ach so schmerzhaft nach Antworten auf uralte Fragen stöhnt, muss auch befriedet werden.
Die Bedeutung von Kult, Gebet, Gottesdienst und Opfer ist verloren. Diese Begriffe sind aus unserem täglichen Leben verschwunden. Aber der Bedarf danach ist noch vorhanden. Wir brauchen Mythen, weil wir zusätzlich zur rationalen Erklärung der Welt einer irrationalen Erklärung bedürfen! Die Magie erfüllt diesen Wunsch nach Irrationalität.
Ich habe aufzuzeigen versucht, dass es die Transzendenz ist, welche uns die Magie ermöglicht, die uns auch wieder an die Religion bindet. Doch das Erkennen dieser Transzendenz ist eine reine Geistesleistung, kein Ergebnis eines religiösen Fühlens und Sehnens, das uns nach Gott verlangen lässt. Doch nicht nur unser Geist bindet uns an Gott – ebenso sind wir mit Gott über Herz und Seele verbunden. Die Wissenschaft beantwortet die Fragen unseres Verstandes, doch bei der Beantwortung der Fragen unserer Seele hat sie kläglich versagt. Wir Heiden sind auch alle Kinder der wissenschaftlichen Aufklärung, doch wir haben uns jenen Zauber erhalten, der uns immer wieder fragen lässt, warum die Sterne am Himmel leuchten und warum uns Gott mit Gefühlen versehen hat. Wir sind Kinder der Wissenschaft, aber Enkel der Magie. Und alles stammt von Gott.
Beenden will ich diesen Text mit den Aussagen über Religion von jemanden, der dies wesentlich schöner formuliert hat, als ich es werde je formulieren können; Thomas Morus.
Von den religiösen Anschauungen der Utopier. Die religiösen Anschauungen sind nicht nur über die ganze Insel hin, sondern auch in den einzelnen Städten verschieden, indem die einen die Sonne, andere den Mond, die einen diesen, die anderen jenen Planeten als Gottheit verehren. Es gibt Gläubige, denen irgendein Mensch, der in der Vorzeit durch Tugend oder Ruhm geglänzt hat, nicht nur als ein Gott, sondern sogar als die höchste Gottheit gilt. Aber der größte und weitaus vernünftigste Teil des Volkes glaubt an nichts von alledem, sondern nur an einziges, unbekanntes, ewiges, unendliches, unbegreifliches göttliches Wesen, das die Fassungskraft des menschlichen Geistes übersteigt und durch dieses gesamte Weltall ergossen ist, als wirkende Kraft, nicht als materielle Masse; ihn nennen sie Vater. Ihm allein, sagen sie, dient Ursprung, Wachstum, Fortschritt, Wandel und Ausgang aller Dinge zum Wohlgefallen, und keinem anderen außer ihm erwiesen sie göttliche Ehren.101
DAS PRIMAT DES GÖTTLICHEN
Der Mensch wird mit der Geburt in die Schöpfung hineingeworfen. Er beginnt sein Leben ohne Anleitung und ohne Regeln zum Umgang mit den Kräften, welche die Welt bestimmen. Im Laufe seines Lebens eignet sich der Mensch die Regeln an, die er zur Bewältigung seiner Existenz braucht.
Zwei Quellen sind es, aus der wir Regeln schöpfen: Die eigene Erfahrung und Dinge, die wir lernen. Beide Quellen stehen in Verbindung, doch begreifen wir ihr Wirken oft als getrennt.
Weiter teilen wir diese Regeln in einen materiellen und einen immateriellen Bereich. Der materielle Bereich wird z.B. durch die Naturwissenschaft repräsentiert, der immaterielle Bereich z.B. durch Religion und Magie, aber auch Philosophie und Geschichtswissenschaft.
| Erfahrungen im materiellen Bereich | Gelerntes im materiellen Bereich |
| Erfahrungen im immateriellen Bereich | Gelerntes im immateriellen Bereich |
Noch einmal: Wir beginnen unser Leben ohne die Übergabe eines Regelwerks durch eine höhere Instanz. Auch der Beginn der menschlichen Zivilisation muss ohne eine Erstverkündung durch irgendwelche höheren Wesen auskommen. Stattdessen übernimmt es die Kultur, in der wir aufwachsen, uns Regeln zu vermitteln. Wir übernehmen die Verifizierung dieser Regeln am eigenen Erleben. (So ist die Schwerkraft eine Regel, die wir immer wieder ohne Probleme überprüfen können …)
Die Regeln, denen wir folgen, sind also eine Kombination, eine Mixtur aus kulturellen Vorgaben und eigenem Erleben. Keines von beiden ruht auf objektiven Grundlagen, keines von beiden wird erkennbar aus einer göttlichen Ebene oder ähnlicher Instanz gespeist.
Die Folgerung, die man daraus ziehen sollte, ist einfach: Es darf keine unumstößlichen oder undiskutierbaren Regeln geben, weil es keine objektiven, allgemein vermittelten Regeln gibt.
Trotzdem verfügen wir über Regeln, die unser Leben leiten. Doch was sind das für Regeln? Regeln sind – gerade im Bereich der Naturwissenschaften – Vereinbarungen aufgrund des Versuchs, Effekte, Ereignisse etc. auf einfache Regeln zurückzuführen. Die Erklärung der Phänomene (die Bewegung der Planeten, die Schwerkraft) folgt Occam‘s razor – das Rasiermesser fordert möglichst einfache Erklärungen.
Diese im materiellen Bereich wirksame Technik wird im immateriellen Bereich genauso angewandt. Bei der Betrachtung dieser immateriellen Seite müssen wir jedoch bedenken, dass das immaterielle mehr als die klassisch vom Heidentum abgedeckten Bereiche Religion und Magie umfasst. Ich will mich trotzdem auf jene beiden Bereiche beschränken.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten, Regeln vermittelt zu bekommen: Aktiv und passiv. Ich will – unabhängig von möglichen Mischformen – Beispiele für diese aktive und passive Vermittlung aufzeigen.
Die aktive Vermittlung wäre die Schulausbildung, in der Fakten und Regeln zusammen vermittelt werden. Ein Beispiel für die passive Vermittlung ist die gesellschaftliche Weitergabe von Tabus. Tabus erzeugen Regeln, ohne sie zu erklären. Auch das klassische So etwas tut man nicht! ist eine Art Tabu, weil hier eine Regel vorgeführt, aber nicht erklärt wird.
Unser Problem als Heiden ist jedoch nicht die passive Vermittlung. In ihr schwingen – wenn auch oft mystisch verblümt – Erinnerungen an eine heidnisch-mystische Weltsicht mit (Beispiele sind z.B. der Kult um die heiligen drei Könige, das Hufeisen als Glücksbringer, das toi-toi-toi, die Räucherung von heiligen Stätten mit Weihrauch etc.).
Die Schwierigkeiten tauchen in dem Bereich der aktiven Vermittlung von Regeln auf (z.B. beim Schulfach Religion). Hier sollte unser Wunsch nach Veränderung dahingehend wirken, dass die unumstößlichen oder undiskutierbaren Regeln, welche von den diesen Bereich dominierenden gesellschaftlichen Gruppen stammen, durch Alternativen flankiert werden. Wahlfreiheit und Zensur schließen sich gegenseitig aus!
Aber es macht keinen Sinn, jetzt den Versuch zu unternehmen, dies auf allen Ebenen zugleich zu wiederholen. Durch das Anrennen gegen bestimmte Gruppen von Regeln – jenen Bereich nämlich, welcher das streift, was wir heilig oder mystisch nennen – kommt es dort zu obskuren Bündnissen im Esoterik-Bereich. Freunde freier Energien, UFO-Kontaktler, Revisionisten, Atlanter, Magier und Heiden treffen sich in einem Topf wieder, in den zumindest die Heiden ganz bestimmt nicht wollen.
Unter anderem deswegen sollte man sich auf Bereiche konzentrieren, in denen man als Heide bessere Alternativen anbieten kann. Dieser Bereich umfasst meiner Ansicht nach Religion (Kult) und Magie. Die Erstellung daraus folgender Regeln resultiert in den beiden Hauptaufgaben dieser Themen: Der Vermittlung (und Suche) nach Sinn und der Vermittlung (und Suche) nach Beziehungen zwischen den Dingen.
Sinnstiftung geschieht durch Religion. Die Verantwortung der heidnischen Religion steht hier in Konkurrenz zur staatlichen (mit-)organisierten Sinnvermittlung der christlichen Kirche. Heiden müssen Sinn stiften und Alternativen bieten. Dabei muss man sich – die geringen gesellschaftlichen Kräfte des Heidentums in Deutschland eingedenk – auf Bereiche konzentrieren, in denen ein Engagement nötig (!) ist.
Sinnvermittlung, ja Sinnstiftung ist nötig zu heiligen Terminen (Geburt, Volljährigkeit [Geschlechtsreife, Mannbarkeit], Ehe, Tod; zur Priesterweihe und zu den Festterminen im Jahreslauf), aber auch zu existentiellen Fragen (Tod und Krankheit, aber auch Familienplanung und Beruf) und kultischen Fragen (Leben im Mythos).
Aber Vorsicht: Im Gegensatz zum Kultischen, das bei den christlichen Kirchen sehr ausgearbeitet ist, steht bei Heiden meiner Ansicht nach das Primat des Göttlichen im Vordergrund. Die (Wieder-)Belebung heidnischer Religionen muss zuerst das Wesen der Gottheiten, ihren anderen Charakter klar machen. Der Boom des Heidentums im 20. Jahrhundert begann nicht in einem vom Christentum unterschiedenen Kultus, sondern in der Erarbeitung bzw. Wiederbelebung anderer religiöser Grundlagen, die wiederum ein anderes Menschen- und Naturverständnis als die christlichen Kirchen propagierten. Der Aufbau dieser neuen Religion erfolgte von oben, nicht von unten her – obwohl in diesem Fall das Fundament des Glaubens jener Teil ist, der eigentlich am höchsten angesiedelt ist (im innersten Bezirk der Heiligkeit …).
Magie steht für die Erfassung und Nutzung der (Ver-)Bindungen zwischen den Dingen. Die Kräfte, welche alles verbinden, will der Magier nutzen. Um sie zu nutzen muss er zwischen sich als Wirkendem und dem zu bezaubernden Wesen oder Ding eine Verbindung schaffen. Verbindung verlangt Bindung, Bindung bedingt Verbindung. Bindungen schaffen auch Muster und stiften Sinn.
Das Weben, das Knüpfen sind klassische Bilder der Magie – nicht nur das Schicksal wird gewoben, bildet einen Teppich, sondern der Zaubernde verknüpft unterschiedliche Fäden zu einem Bild, das vorher nur in seiner Phantasie existiert hat.
Während die heidnische Religion mit den christlichen Kirchen um Gelände kämpft, streitet sich die Magie meist mit den Sozial- und Geisteswissenschaften um Terrain.
Aus der Situation als unterlegene Richtung kann das Heidentum Fehler der großen Religionen aufzeigen, selbst vermeiden und Alternativen anbieten. Doch auch hier gilt, dass Macht korrumpiert – wenn das Heidentum die gesellschaftlich bestimmende Religion wäre, dann wären die Rollen in Bezug auf die blinden Flecken wahrscheinlich anders verteilt. Die Gestaltungsmöglichkeiten, welche sich aus Sinn und Glauben ergeben, müssen durch unsere Möglichkeiten (Zeit, Personal, Ressourcen) auf das Mögliche und Gewünschte eingeschränkt werden.
Zwei Fragen sind es, die klären helfen sollen, welche Gestaltungsmöglichkeiten man ergreift:
1. Man sollte Themen gestalten, die einem als Heide wichtig sind.
2. Man sollte Themen gestalten, in denen nach dem Abwiegen der eigenen Ressourcen und des zu erwartenden Widerstandes eine Alternative Sinn macht.
Nur wenn beide Fragen mit ja beantwortet werden, macht es Sinn, Energie einzusetzen.
Zu 1.
Was ist wichtig? Das entscheidende Element ist für mich erneut die Frage nach dem Mythos (unter Berücksichtigung der Grundannahme eines Primats des Göttlichen). Ich muss mir überlegen, was ich glaube, muss den Dingen im Himmel und unter der Erde Namen und Titel geben, um mit ihnen kommunizieren zu können (der händeringende Ruf an die namenlosen Götter ist uns Menschen weniger nahe als das Gebet an den namenstragenden Gott).
Handelt es sich um ein bekanntes Pantheon (z.B. den nordischen oder griechischen Götterhimmel)? Ist es der Mythos von Göttin und Gott im Jahreslauf? Gibt es eine Vorhersage für die Zukunft, einen Zeithorizont (z.B. den Untergang der Welt in einem Ragnarök oder ein kommendes Zeitalter?). Welche Punkte des Mythos sind wichtig, welche sind weniger wichtig? Wie korrespondieren Punkte des Mythos mit möglichen Festen und Festterminen?
Ein Mythos muss kein zusammenhängendes Relikt sein, er kann auch aus einem Sagen- und Märchen-Konvolut bestehen (als Quellen sind hier z.B. Tolkien, Andersen, die Gebrüder Grimm, aber auch Hauff denkbar – wobei man sich die Frage stellen könnte, ob sich manche modernen Hexentraditionen nicht sowieso aus einem Fantasy-Phantastik-Mix nähren).
Die im Heidnischen geschilderte Göttlichkeit ist von den monotheistischen Religionen geschieden. Es gibt im Heidentum keine einzelne (Erst-)Vermittlung von Religion durch Einzelne (Religionsstifter), keinen Alleinvertretungsanspruch, dafür eine Koppelung des Mythos an einen lebendigen und beeinflussbaren Kult(us). Der veränderliche Kultus als Inneres der Religion muss aber auch durch eine flexible Gestaltung des Äußeren flankiert werden. Um es etwas plump auszudrücken: Wenn ich den Mythos verändere, muss ich auch die Feste verändern.
Zu 2.
Man sollte Alternativen nicht mit kleinen Entwürfen zeichnen, sondern mit großen, kraftvollen Strichen einen Rahmen vorgeben, in dem die Veränderung stattfinden soll. Es macht nichts, wenn dieses Bild unfertig erscheint – das ist es ja auch. Aber es ist einfacher, erst mit groben Strichen Glauben und Mythos zu skizzieren, bevor man an die Ausarbeitung der Details geht. Es macht wenig Sinn, erst die Farbe der Zotteln am Mantel der Priester zu definieren, bevor man sich über Charakter, Namen und Hintergrund der verehrten Gottheit einig ist. Wir wachsen als Heiden nicht in einer heidnischen Gesellschaft auf, sondern wir wählen als Erwachsene. Wir sollten diese Wahlfreiheit auch nutzen, um mit Verstand zu wählen und zu entscheiden.
Ich glaube weiterhin, dass die richtige Kombination der Entwurf des Göttlichen samt einer Anknüpfung an die heiligen Termine, existentiellen und kultischen Fragen ist. Bei diesen Punkten dürfte klar sein, dass sie von eigener, persönlicher Bedeutung sind. Ich hoffe darauf, dass durch das Anbieten von Alternativen in lebenswichtigen Fragen die verändernden, heilsamen Kräfte des Heidentums, der Magie am ehesten zum Einsatz kommen.
Und noch etwas: Auch wenn die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, um alles zu gestalten – Bündnisse machen nicht immer Sinn. Der Heide sollte aufhören, um jeden Preis Bündnisse zu schließen und sich auf das konzentrieren, was realistisch zu erreichen ist. Das Unmögliche zu fordern bleibt weiterhin Programm, aber das Unmögliche beginnt mit dem ersten Schritt.
LOKI, LOKI, SHINING BRIGHT!
I. Die kurze Einführung
All woes that fall
On Odin’s hall
Can be traced to Loki base.
– Valhalla, J. C. Jones102 –
Loki ist unter den nordischen Göttern eine Ausnahme – er ist kultlos, ortlos, heil-los. Seine mythische Herkunft liegt im Dunkeln, nur sein Ende ist bekannt. Schon Herrmann schrieb in klarer Erkenntnis der Geheimnisse nordischer Mythologie:
Bei den Griechen lag der siegreiche Kampf der Olympier gegen die Titanen weit, weit in der Vergangenheit, der Germane dachte sich den letzten Kampf seiner Götter in der Zukunft, und nicht die Götter behaupteten die Walstatt, sondern ihre Gegner.103
Auf das Ende hin, nicht aus einer heroischen Vergangenheit gespeist; ein Götterhimmel, der auf etwas zu, nicht aus etwas kommend existierte. Das ganze Sein nur als Präludium zum Niedergang.
Die nordischen Götter lebten in Kenntnis ihres Endes, daher sind ihre Vorstellungen von der Vergangenheit weniger farbig als jene der Zukunft. Die uns überlieferten Mythen sind eschatologisch geprägt – vom Ende der Zeit, einem Heil beeinflusst, das schon das Herüberwehen christlicher Vorstellungen beweisen dürfte.
Und es war Loki, der diesen Niedergang der Götter einleitete. Er ist der Auslöser, der wichtige Faktor im Geschehenen. Am Ende der Welt darf Loki das Nagelschiff lenken104, seine Kinder sind wichtiger Teil der Eschatologie. Sie werden im Rahmen einer gigantischen Blutrache von den Kindern der Opfer getötet.105 Und er auch.
II. Der riesige Hintergrund
Loki ist eine der interessantesten Gestalten der nordischen Mythologie, wenn nicht gerade die interessanteste. Als der Geist, der stets verneint, treibt er innerhalb der Götterwelt sein Unwesen (…); er ist bald Ratgeber und Helfer der Götter, bald ihr Possenreißer und Spaßmacher, schließlich aber ihr erbittertster, furchtbarster Feind (…).
– Nordische Mythologie, Paul Herrmann106 –
Lokis Herkunft ist unklar. Doch seine Familienverhältnisse sind (teilweise) eindeutig. Er hat drei Kinder: die Midgardschlange, den Fenriswolf und Hel (Tod). Alle drei spielen beim Ende der Welt eine wichtige Rolle.
Odin konsultierte, um das Schicksal Balders zu erfahren, die Seherin und Riesin Angerbode oder Angrboda (die Schadensbotin107), die Mutter von Fenris, Hela und Midgardschlange. Sie war tot, daher musste Odin sie im Totenreich Helas suchen.
Warum war sie tot? Wer ist diese Frau, die Mutter von Lokis Kindern? Warum hatte Loki Kinder mit einer Riesin? War er selbst ein (Halb-)Riese, ungeschlacht, mythisch?
Noch einmal Herrmann:
Die Riesen erscheinen als Heiden aus dem Steinzeitalter, die sich scheu vor den erobernden Menschen zurückziehen und ihren Ackerbau und die Klänge ihrer Kirchenglocken verwünschen.108
Für eine Beschreibung der Riesen ist das zu wenig, auch wenn es zutreffend ist. Die Riesen sind älter als die Götter, auch eine der Nornen wird als Riesin bezeichnet.109 Die Riesen erhalten Runen für die Zauberei110, doch die Zaubersprüche sind „gar nützlich den Menschen, doch unnütz den Riesen“.111 Warum? Welche Zauberei war den Riesen eigen? Wie konnte sie gegen die Asen bestehen, ihnen ein würdiger Gegner sein?
Ich weiß es nicht. Niemand hat eine Antwort, die mich überzeugt. Zusammenfassend kann ich mich wieder nur Herrmann anschließen:
Ihrer [der Riesen] großen Bedeutung bei der Kosmogonie entspricht nicht ihre untergeordnete Stellung in der Eschatologie.112
III. Lokis kleine Tat
Loki:
„Hass und Hader,
bring ich den Asen,
so misch’ ich ihnen Gift in den Met.“
– Zankreden Lokis, Vers 3 –
Loki stiftet Balders/Baldrs Tod an. Er ist Beginner und Vollender des göttlichen Endkampfes Ragnarök.
Doch ist er auch schuld? Diese Frage mag eigenartig sein, aber sie wird aus zwei Quellen gespeist. Erstens ist es der Ursprung der Schuldfrage, die eigenartig ist:
Seine [Lokis] Weigerung, um Baldr zu weinen, sein trotziges Brüsten Frigg gegenüber (…) galt ursprünglich als wirklicher Grund für seine Bestrafung; aber ist noch keine Andeutung wahrzunehmen, dass Loki an Baldrs Tötung schuld gewesen sei; der intellektuelle Urheber des Mordes ist Loki in der Dichtung erst um das Jahr 1000.113
Ist Lokis Schuld eine spätere Schöpfung, ein Erklären des Ragnarök, das mit seiner ursprünglichen Rolle nichts zu tun hat? Vielleicht; zumindest ist die Theorie interessant (und passt zu meinen folgenden Thesen). Der zweiten Quelle meiner Theorie will ich mich gleich zuwenden.
IV. Die ewigen Blutsbrüder
„Lebt wohl“, sagte der Wanderer. Sein Umhang wehte um ihn herum, sein Speer drehte sich in die andere Richtung, die Tür fiel zu, und er war fort.
– Die Trauer Odins des Goten, Poul Anderson114 –
Odin: Der große Gute der nordischen Mythologie, die All-Vater-Figur, der Wissende um das Ende der Götter, der trotzdem seine Rolle bis zum Ende konsequent spielt. Doch ist Odin richtig beurteilt, wenn Herrmann über ihn schreibt:
Die alte Welt geht aus den Fugen, aber in unermüdlicher Fürsorge sie so lange wie möglich zu erhalten, auch unter den schwersten eigenen Opfern – das ist ihm [Odin] gelungen.115
Odin ist keine Lichtfigur, will es auch nicht sein. Man darf nicht vergessen, welche Ereignisse zum Krieg am Ende der Zeit führen. Die Schuld liegt bei den Göttern. Der erste Eidbruch war der Bruch des Eides der Götter gegenüber den Riesen. Dieser Betrug erzeugt das Ragnarök, sät er doch die Feindschaft, welche die Welt zerstören sollte.
Und auch Odins Handel, der zum Verlust von Hand, Schwert und Auge führt, ist am Ende der Welt töricht. Loki hingegen hilft den Göttern, kampfbereit zu bleiben. Als Thors Hammer verschwunden ist, ist es Loki, der ihn mit Thor zusammen wiederholt.116 Seine Warnung ist eindeutig:
Gleich werden Riesen
in Asgard hausen,
holst du dir nicht
deinen Hammer heim.117
Warum? Immerhin rettet er damit das Gerät, mit dem die Vernichtung der Welt erst möglich wird. Und was weiß er von der Bedrohung durch die Riesen, die durch die Angst vor Thors Hammer gebannt wird?
Scheinbar will er den Status Quo halten, so lange er kann. Und das macht nur (!) Sinn, wenn er vom Endkampf weiß. Eine eigenartige These. Aber es gibt Indizien dafür, dass Loki in das große Geheimnis eingeweiht ist.
Warum sind Loki und Odin Blutsbrüder? Woher stammt dieser Eid, auf was fußt er?
Loki:
„Weißt du noch, Odin,
wie in der Vorzeit einst
wir mischten das Blut miteinander?
Sagtest, du würdest
kein Bier je trinken,
außer es würde uns beiden gebracht.“118
Was war geschehen, dass diese beiden so aneinander bindet? Ich glaube, dass es das Wissen um das Schicksal war, in dem sie beide ihre Kinder und ihr eigenes Leben verlieren würden. Loki war die einzige Wahl für Odin, um das Geheimnis zu teilen. Wer sonst, wenn nicht der zynische Rätsel-Zauber-Trug-Gott? Und daher ist es Loki, der seine Rolle spielt – aber dafür sich herausnimmt, unter Odins Schutz der Witzbold zu sein, der Dinge tun darf, die kein anderer tun darf. Odin und Loki sind Blutsbrüder, weil sie gemeinsam um das Ende wissen.
Doch war das Geheimnis wirklich ein Geheimnis, das nur Odin kannte? Woher kennen die Götter beim Ragnarök dann das Geheimnis?
Die Asen treffen
am Idafeld sich, (…)
und denken zurück
an die großen Dinge,
an Göttervaters,
altes Geheimnis.119
Und auch die Seherin kennt das Schicksal der Welt:
Heimreite du, Odin,
freu dich des Ruhms!
So suche keiner mehr
Künftig mich heim,
bis Loki sich löst
aus seinen Banden
und Göttergeschick,
das gewaltige, eintritt.120
Was spricht Odin seinem (eigentlich schon toten) Sohn ins Ohr, bevor dieser auf den Holzstoß steigt?121
Das Geheimnis kann kein Geheimnis sein, wenn es so weit bekannt ist. Aber es ist auch nicht öffentlich bekannt, eher ein Geheimnis einer kleinen Gruppe, die gemeinsam schweigt, außer sie verplappert sich oder wird zum Reden gezwungen.
Odin kennt den Gang der Welt, aber er nutzt dieses Wissen meiner Ansicht nach, um das Ende der Welt so weit wie möglich zu verzögern. Verschlüsselt wirft auch Loki Odin vor, am Schicksal gedreht zu haben.122 Wofür hat Odin eigentlich sein Auge bezahlt? Das Schicksal der Welt kannte er schon, als er sich verstümmelte.
Immer wieder wird Loki von Odin geschützt – scheinbar als Ergebnis des alten Bundes, der Loki schützt, so lange dieser das Geheimnis wahrt. Doch Odin ist nicht der einzige, der Loki schützt. Loki wird bestraft, in dem eine Giftschlange ihm Gift ins Gesicht tropft. Seine Frau Sigyn123 hält eine Schale über sein Gesicht, um ihn vor dem Schmerz zu retten. Macht man das mit jemanden, der die Welt vernichten will?124
Meine These ist einfach: Loki weiß durch Odin (oder durch eigenes Erfahren?) vom Ende der Götter. Odin schützt Loki des gemeinsamen Geheimnisses willen. Die beiden schließen einen Bund, bis zum Ende der Welt zu schweigen, da sie ihre Umgebung nicht mit dem Wissen belasten wollen, das zu groß und zu schrecklich ist, um es selbst Göttern anzuvertrauen. Loki bleibt der Zyniker der Götter, der – von Odin geschützt – tun und lassen darf was er will, so lange er hilft, das gesehene Ende zu verwirklichen. So ist zu erklären, warum er Thor seinen Hammer besorgte und warum er seinen Teil im Kampf der Götter spielte.
Doch er wusste und erkannte, wer an dem Krieg wirklich schuld war. Die Asen trugen die Schuld der alten Blutlast und sie werden bestraft. Aber mit dem Fall der Asen endet auch das goldene Zeitalter Asgards, und so versucht Loki alles, um dieses Zeitalter zu verlängern – vergeblich, wie es scheint. Wenn die Zeichen kommen, dann steigt Loki an Deck und lenkt das Schiff zum letzten Kampf.
Und so erfüllt sich das Schicksal, das nicht hätte sein müssen, wenn die Götter ihre Eide gehalten hätten. Loki – der widerwillig zum Feind gemachte Possenreißer – zieht mit seinen Kindern gegen die Götter-Ordnung, um vernichtet zu werden. Das Steuerrad sicher zwischen den Händen fährt er aus, um Familie und eigenes Leben zu verlieren. Aber er stirbt im Wissen, das Ende der Welt mitgestaltet und – soweit möglich – verzögert zu haben.
V. Das kurze Nachwort
Nur ein sehr naives Zeitalter konnte wähnen, dass des Feuers Macht Segen bringt, solange es der Mensch bezähmt und bewacht. Der Teufel ist ein gewiefter Falschspieler, er lässt den Partner zunächst einmal gewinnen, um ihn dann hinterher um so müheloser ausplündern zu können. Mit dem Feuer, dem Element der Dämonen, lässt sich kein dauerhafter Bund schließen.
– Der Dämon und sein Bild, Erwin Reisner125 –
Dreieinhalb Nachbemerkungen.
Erstens: Ich bin kein Fachmann in nordischer Mythologie, kann weder fünfundzwanzig Namen für Gehöft in altisländisch oder altnorwegisch vorschlagen noch wichtige Sätze wie „Noch ein Met für den Magier an Tisch Zwo!“ in einer Zunge sprechen, die nordischen Göttern verständlich wäre. Sollte ich nach meinem Tode von Walküren geholt werde (was ich bezweifele), so hoffe ich in der Halle der Helden auf Bedienung nach Handzeichen.
Zweitens: Ich bin kein Mensch, der sich mit Schamanismus beschäftigt. Schamanismus und Religion sind nicht zwei unterschiedliche Seiten einer Münze, sondern eine Holzscheibe und eine Münze. Da ich an Gott oder Götter glaube (nennen wir es Theismus), muss ich auf den Schamanismus verzichten. Mir fehlt daher auch der Zugang, zu Göttern oder göttlichen Welten zu reisen und mich dort selbst umzuschauen. Mir bleiben das Buch, das gesprochene Wort und das eigene Erleben.
Drittens: Meine Annäherung an Loki ist eine vorsichtige. Ich habe große Achtung und Demut vor dem Feuer und der Lohe, die in Loki brennt. Aber Loki fasziniert mich trotz der Warnung, die in Reisner Zitat „Mit dem Feuer, dem Element der Dämonen, lässt sich kein dauerhafter Bund schließen“ mitschwingt. Ich will nicht den Fehler machen, mit dem Feuer einen Bund zu schließen. Ich suche einen Mittler, der mir das Feuer erklärt und mir hilft, mehr zu Feuer zu werden oder das Feuer zu erkennen126. Dieser Mittler ist für mich – mit aller Demut, die man benutzen muss, wenn man für Menschen, die mehr von nordischer Mythologie verstehen als man selbst, über nordische Mythologie schreibt – Loki. Keiner sonst.
Dreieinhalb: Hey Loki, wir sterben sowieso (fast) alle im Endkampf. Ich würde gerne den Wind in den Segeln spüren und die Waffe für etwas schwingen, an das ich glaube, bevor alles vorbei ist. An Zynismus kann ich glauben, aber eher an einen Eid, der einen zum Schweigen verpflichtet, damit das Leid durch das Wissen um das Ende nicht noch größer wird. Wenn auf deinem Schiff noch ein Platz frei ist …
MUSIK, MYTHOS, FANTASY
1. Vorbemerkung
Ich bin selbst kein Musikwissenschaftler. Ich bin von der Ausbildung her eigentlich Sozialarbeiter und habe mein Diplom über Fantasy-Rollenspiele geschrieben. Danach kam ein Studium der Geschichte und Politik mit einer Magisterarbeit über Alternative Geschichte – also über das Was wäre wenn? einer anderen Entwicklung von historischen Ereignissen. Darüber hinaus bin ich seit vielen Jahren in der Phantastik-Szene aktiv.
Man möge mir also verzeihen, wenn meine Abhandlungen weniger mit Musiktheorie als mit Phantastik, weniger mit wunderschönen Liedbeispielen aus dem 11. Jahrhundert als mit Zitaten aus dem sogenannten Mainstream geschmückt sind. Als Mainstream bezeichne ich im Folgenden etwas lapidar all jenes, was einem ohne zu suchen via der modernen Kommunikationsmedien ins Haus gebracht wird. Jene Dinge, die man suchen muss, um auf sie aufmerksam zu werden, können per Definition nicht Mainstream sein.
2. Status Quo
Die Phantastik ist mit ihren mythischen Bildern nach vielen Jahrzehnten als verlachte Randerscheinung der Literatur längst im Mainstream angekommen. Dies gilt nicht nur für die Literatur, sondern auch für den Film und die Musik. Ich brauche – völlig anders als noch vor zwanzig Jahren, als das Lesen von Fantasy ähnlich ruchbar war wie der Import von bunten Druckheften aus Dänemark – nur auf die Bestsellerlisten zu verweisen, wo nicht nur Harry Potter für die Phantastik punktet. Auch die Herr der Ringe-Verfilmung, Narnia, Beowulf und was da sonst noch in den letzten Jahren über uns hereingebrochen ist, hat bewiesen, dass mythische Bilder längst ihren Platz in der allgemeinen Kultur eingenommen haben.
Keine andere Literaturgattung kennt eine so enge Bindung zwischen Musik und Literatur wie die Phantastik. Nur der Krimi hat eine ähnliche Leserbindung entwickelt wie die Phantastik – analog mit Veröffentlichungen zum Thema, dem Erscheinen von eigenen Magazinen (Fanzines) und einem eigenen Fan-Publikum (Fandom genannt).
Doch spielt Sherlock Holmes zwar meisterhaft die Violine, aber ein singender Sherlock oder ein singender Arsene Lupin sind undenkbar. So gibt es zwar die Tanzenden Männchen bei Holmes, aber keine Hinweise auf Gesang. Der bekannte Detektiv Nero Wolfe beschäftigt sich nur mit Philosophie, seiner Bibliothek, Wein und Essen127; Sherlock Holmes128 nur mit Tabak und der Violine. Gesang findet nicht statt – und der Singende Detektiv ist daher auch eine eher humoristische Fernsehserie als eine echte Bereicherung des Genres.
Anders in der Fantasy. Wir wissen sofort, dass Prinz Eisenherz sein singendes Schwert führt, auch wenn dies Schwert überhaupt nicht singt. Da musste man schon bis Falsches Spiel mit Roger Rabbit (1988) warten, wo ein singendes Schwert mit dem Gesicht von Frank Sinatra vor sich hin fechtet. Aber praktisch kein Fantasy-Roman kommt ohne die Gesänge irgendwelcher obskurer Volksgruppen aus, die nur singend reisen oder ihre Rituale und Zauber gerne mit Gesang untermauern. Ein wenig fühle ich mich bei Elben immer an den 17. Asterix-Band Die Trabantenstadt gemahnt: Die Elben können nur arbeiten, wenn sie singen – die Elben sind vom Arbeiten befreit.
Sprache hat in der Fantasy-Literatur eine ganz eigene Bedeutung. In seiner Doktorarbeit zur Fantasy schreibt Helmut Pesch darüber:
Die Welt der Fantasy ist somit in einem ganz besonderen Sinne eine Welt, die aus Sprache aufgebaut ist; es verwundert darum auch nicht, dass die Sprache die Möglichkeit gibt, diese Welt zu verändern.129
Die Fantasy kennt einen Zusammenhang zwischen Sprache und wahrer Sprache, die wiederum auf die wahren Namen von Dingen hinweist.130 Wer den wahren Namen einer Sache kennt, der kann die Sache beherrschen. Zur Perfektion getrieben hat dies der Science Fiction-Schriftsteller Samuel R. Delany – in Babel 17 (1966) wird eine Sprache als Waffe eingesetzt. Wer etwas in dieser Sprache richtig beschreiben kann, der kann es auch kontrollieren.
Tolkiens Gandalf hat für jede Volksgruppe einen anderen Namen – und da man über ihn nicht mit einem Namen sprechen kann, bleiben seine Manipulationen auch unbesprochen, weil man offensichtlich nicht vom selben Namen (und damit eigentlich derselben Person) spricht. In Ursula LeGuins Erdsee-Trilogie131 geht es darum, dass der wahre Name Magie ist.
Die Phantastik bietet sich an als Spielwiese für den Einsatz von Magie im Gesang – und natürlich führt gerade die Medienpräsenz der Fantasy im Film dazu, dass hier von der Leinwand herab auch elbisch gesungen und auf Soundtrack-Alben in Harfen und mystischen Klängen geschwelgt wird.
Für die Musik gilt das im Wechselschluss auch, aber hier sind die Regale der Musikläden nicht nur voll mit Soundtracks, sondern auch mit allen möglichen heidnischen, mystisch/mythischen und zauberischen Titeln.
Dass der Mythos des Gesangs in der populären Kultur noch vorhanden ist und fröhliche Urstände feiert, ist spätestens seit dem 2. Weltkrieg kein Geheimnis mehr. Schon in den späten 40ern und frühen 50ern des 20. Jahrhunderts machte eine Amerikanerin auf sich aufmerksam, die angeblich Indio-Prinzessin, Priesterin und Sonnenjungfrau in einem war – 1952 schaffte sie es sogar auf das Titelbild des Spiegel: Yma Sumac.132 Sie sang populäre Lieder wie Wimoweh alias The Lion sleeps tonight:
In the jungle, the mighty jungle
The lion sleeps tonight
In the jungle the quiet jungle
The lion sleeps tonight
Sie sang aber auch Zauberweisen und Regenbeschwörungen a la Nina (Fire Arrow Dance) und Wanka (The Seven Winds). Obwohl diese Titel nicht für einfache Vermarktbarkeit sprachen, waren sie doch in einer unverständlichen Sprache gesungen, füllte sie große Hallen, tourte durch die UdSSR, durfte viele Jahre später auf einem Sammlung mit Liedern aus Disney-Filmen ein Stück beitragen (I wonder auf dem Sampler Stay awake) und war im Soundtrack zu The Big Lebowski zu hören (mit Ataypura).
Wem auch dieser Hinweis zu unauffällig erscheint, dem sei eine andere Quelle ans Herz gelegt, die weder als zu unbekannt noch als zu unpopulär gelten darf. In einer Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung der letzten Wochen war folgender Absatz zu lesen. Und wer hier nicht an singende Zwerge denkt, der ist wahrscheinlich deutlich weniger voreingenommen als ich:
»1,31 Meter groß, kurze Arme, sieben Finger – vier rechts, drei links –, großer, relativ wohlgeformter Kopf, braune Augen, ausgeprägte Lippen; Beruf: Sänger.« So beschreibt sich der 1959 geborene Konzertsänger Thomas Quasthoff selbst. Quasthoff dürfte das bekannteste Contergan-Kind Deutschlands sein.133
Wenn jetzt dieser Thomas Quasthoff Odins Meeresritt (von Aloys Schreiber, 1761-1841) in der Version von Carl Loewe (1796-1869) singt134 – ist das dann Zauberei, Fantasy, Mythos oder einfach nur Mainstream?
3. Mythische Wurzeln
Ich will die mythischen Wurzeln nur streifen, da mein Hauptbetrachtungsgebiet ja in der Gegenwart liegen soll. Natürlich schöpfen moderne Mythen aus Sagen & Mythen – die aber wiederum aus Sagen & Mythen schöpfen die dann wiederum aus Sagen & Mythen schöpfen … Der Vorteil bei einer Betrachtung der Gegenwart ist, dass man sich nicht Gedanken über jeden einzelnen Einfluss machen muss, sondern die Dinge in situ betrachten kann. Der Nachteil ist eben, dass einem manche Anspielung, manches Zitat entgeht … womit man eben leben muss. Schon gar, weil die Betrachtung einer Beziehung im aktuellen Zusammenhang Wechselwirkungen mit der Gesellschaft aufweisen kann, die nachvollziehbar sind, während eine historische Ableitung gerne dazu führt, sich in unterschiedlichen Traditionslinien zu verirren, anstatt die tatsächlichen Auswirkungen zu betrachten.
Schon die griechischen Sagen kennen nicht nur die Sirenen, deren Zaubersang Seeleute anzog. Selbst Asterix und die Seinen wussten, dass man sich bei störendem Gesang nur Petersilie oder ähnliches in die Ohren stopfen muss.
Während die Sirenen aber noch klassischer Monster waren, war Orpheus ein Mensch, der mit Gesang und Lyra alle Wesen bezauberte.135 In Franco Serpas Aufsatz Orpheus, der erste Künstler heißt es wenig verständlich:
Orpheus, der mythische Vorfahr der Dichter, ist das Modell, in dem wir heute noch die Identität von Poesie und Musik und ihre ursprüngliche Energie finden können, die dem Menschen eine instinktive Einfühlung in die Natur gab und ihm die Geheimnisse des Todes offenbarte.136
Praktischerweise hatten die Griechen eine eigene Muse für den Gesang, Terpsichore mit Namen.137 Aber hier ist Gesang ein Mittel zur Magie, ein Zugang zum Mythos, aber nicht prägender Bestandteil. Es ist eben nur eine Muse für den Gesang zuständig. Der Kombination Instrument und Gesang wohnt ein Zauber inne, der jedoch nicht auf sie begrenzt ist. Zaubermächtig konnten auch andere Dinge sein, Prophezeiungen wurden nicht gesungen, Zauber eher durch magische Gegenstände oder durch magische Wesen als durch die Kraft des Gesanges gewoben.
Anders liegt der Fall in der nordischen Mythologie. Diese wird oft (unrichtig) als nordische Dichtung verstanden.138 Die Bezeichnungen Edda-Lieder und Lieder-Edda lassen jedoch nicht die Deutung zu, dass diese Epen gesungen worden sind. Weder die Snorra-Edda, jenes Handbuch der Skaldendichtung139, noch die Lieder-Edda waren Sammlungen von Gesangsstücken. Auch wenn in manchen Übersetzungen immer wieder in den Sagas zur Magie gesungen wird – die in der Literatur verwendeten Stichwörter wie Lieder oder Liedfragmente sowie der Gesamttitel Götter- und Heldenlieder140 lassen nicht darauf schließen, dass diese Stücke wirklich gesungen worden sind.
In Simeks Lexikon der germanischen Mythologie sucht man daher die Stichworte Gesang/Singen, Lied und Musik umsonst. Daher bleiben Simeks Hinweise wie der unter Zaubersprüchen unverständlich:
Zaubersprüche wurden aber nicht immer ausgesprochen oder gesungen.141
Was dann noch an Artikulationsmöglichkeiten für den Zauberspruch bleibt, dürfte sich zwischen jodeln und summen abspielen.
Wirklich gesungen wird in der Edda wenig. Eine der wenigen Ausnahmen ist der folgende Vers aus der Wöluspa:
Da saß auf dem Hügel / und schlug die Harfe
Der Riesin Hüter, / der heit’re Egdir.
Vor ihm sang / im Vogelwalde
Der hochrote Hahn, / geheißen Fialar.
Den Göttern gellend / sang Gullinkambi,
Er weckt die Helden / bei Heervater,
Unter der Erde / sang ein andrer,
Der schwarzrote Hahn, / in den Sälen Hels.142
Nicht gerade eine beeindruckende Quelle für den Zusammenhang zwischen Gesang und Mythos.
Herrmann ließ sich in Deutsche Mythologie immerhin zu einem ganzen Satz hinreißen:
Feierliche Lieder zum Preise der Götter erklangen beim Opferfeste.143
Dann folgen noch einige Worte über einen angelsächsischen Vers und der folgende Hinweis:
Aber keins von diesen alten ehrfürchtigen Liedern ist auf die Nachwelt gekommen, selbst ihren Inhalt können wir kaum vermuten.144
Ausgehend von dieser Einschätzung könnte man sagen, dass überhaupt keine Aussagen über Gesang und Mythos in der nordischen Mythologie möglich sind.
Auch Kieckhefer kann in Magie im Mittelalter zwar zu den Sagas schreiben, dass Zauberei mit Gesang zusammenhängt. Aber im Kontext wird klar, dass es hier um die Rezitation von Zaubersprüchen, also um sprechen oder rezitieren geht, nicht um Gesang.145
In den Merseburger Zaubersprüchen heißt es immerhin:
da besang ihn Sinthgunt, der Sunna ihre Schwester, da besang ihn Frija, der Folla ihre Schwester, da besang ihn Wodan, der das wohl konnte (…)146
Aber ob dieses besingen ein echter Zauber ist – diese Information gibt die Quelle nicht her.
Die Bibel enthält eine Menge Hinweise zum Thema Gesang.147 Glaubt man dem Nachschlagewerk Bibel von A bis Z, dann taucht das Stichwort Gesang nur zwei Mal in der Bibel auf, und das nur im Alten Testament. 19 Verweise finden sich zum Stichwort Lied, davon nur drei im Neuen Testament, kein Eintrag zu Musik, aber 25 Einträge zu singen (davon immerhin ein Eintrag im Neuen Testament). Auch wenn man daraus klar schließen wollte, dass das Alte Testament wesentlich Musik-freudiger ist als das Neue Testament – immerhin heißt es in Offenbarung 5,9 „und sie sangen ein neues Lied“ –, so ist die Quelle für die Motivation hinter neuen Gesangbüchern doch die ähnlich lautende Stelle im 98. Psalm: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“148
Scheinbar gibt es eine Abnahme in der Sangesfreudigkeit vom Alten Testament zum Neuen Testament – wobei weder ein singender Moses noch ein singender Jesus wirklich vorstellbar sind.
Aber es ist nicht die Bibel, welche die Grundlage für die Verwendung für Gesang im Gottesdienst schuf. Immerhin schuf Gott die Erde auch mit Sprache, nicht mit Gesang: „Und Gott sprach: Es werde Licht!“149
Die christliche Gemeinde hat Gesang schon früh benutzt, um ihn im Ritus einzubauen. Gesang war hier Mittel zum Zweck, sollte als Teil der Liturgie Heiligkeit schaffen und durch das gemeinsame Singen Gemeinschaft erzeugen. Die großen Kirchen wurden gebaut, um Gesang zu unterstützen. Rudolf Wendorff schreibt in Zeit und Kultur dazu:
Die langen Nachhallzeiten mittelalterliche Kirchen führen zu einer Klangverschmelzung, erzwingen eine Verlangsamung des Tempos von Rede und Gesang und verstärken damit den Eindruck feierlicher Würde.150
Gesang hat hier keine rein mythische, sondern eine liturgische Bedeutung. Um es ein wenig böse zu sagen: Man singt, weil es gut klingt.
4. Mythische Gegenwart
Der griechische Mythos hat seine Bedeutung als lingua franca einer europäischen Geisteswelt verloren. Wenn sich im 19. Jahrhundert zwei Menschen auf Englisch oder Deutsch über Heidentum unterhalten wollten, so konnten sie auf einem gemeinsam bekannten griechischen Mythenhintergrund aufbauen, der eine Unterhaltung und einen Austausch möglich machte. Heute wird diese Rolle wahrscheinlich eher von den Religionen in Raumschiff Enterprise eingenommen – und man kann heute wahrscheinlich auf einer Party eher über Shakespeare auf Klingonisch reden als über die Argonauten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der griechische Mythos in der populären Kultur der Gegenwart nur eine Randposition einnimmt.
Das 20. Jahrhundert erweist sich in seinem Umgang mit dem Mythos als treues Kind der Romantik. Man braucht nicht die Nazis bemühen, um die Wiederkehr des nordischen Mythos in die allgemeine Wahrnehmung zu erklären. Klaus Bödl schreibt in Der Mythos der Edda:
Durch Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen ist eine Fülle von Stoffen, Motiven und auch formalen Eigenheiten der altnordischen Literatur in das Bildungsgut vergleichsweise breiter bürgerlicher Schichten eingegangen.151
Ein offensichtliches Beispiel: Die Nähe zwischen nordischen Mythen und dem Herrn der Ringe, aber auch J.R.R. Tolkien und Wagner wird immer wieder bemüht. Tolkien kannte Wagner, lehnte aber Vergleiche zwischen Wagners Ring und dem Herrn der Ringe immer ab:
Both rings were round, and there the resemblance ceased.152
Trotzdem schöpft der Herr der Ringe aber offensichtlich aus den nordischen Mythen – bei der Wahl seiner Rassen, bei der Vergabe der Namen, bei der Verwendung von Menschenbild und Schablonen für mythische Personen. Gerade im Herr der Ringe erlangen die Benennungen eine Sprachmacht, die an den Kenning (eine poetische Umschreibung von einfachen Begriffen) der altnordischen Dichtung erinnert.153
Auch mit dem Gesang seiner phantastischen Welt hat sich Tolkien schon früh beschäftigt; so hatte Tolkien in Zusammenarbeit mit Donald Swann an einem Tolkien Lieder-Zyklus gearbeitet.154 Tolkiens goldene Hochzeit wurde 1966 unter anderem auch mit einer Aufführung von Donald Swanns Liederzyklus The Road Goes Ever On gefeiert – die Lieder wurden dabei von einem gewissen William Elvin gesungen. „A name of good omen!“, wie Tolkien zum Namen Elvin bemerkte.155
Alleine mit der Wirkung von Tolkiens Werk auf die Musik könnte man einen eigenen Vortrag füllen.156 Aber über diesen Umweg ist nordische Mystik im Mainstream angekommen – angefangen von der Musik zu den unterschiedlichen Verfilmungen, beginnend mit Ralph Bakshis Lord of the Rings von 1978, Bo Hannsons Umsetzung vom Herrn der Ringe (1972 auf Englisch erschienen, nachdem das Original 1970 auf Schwedisch erschien), bis hin zu Blind Guardian mit Nightfall in middle earth aus dem Jahre 1998. Sogar Leonard Nimoy – besser bekannt als Spock aus Raumschiff Enterprise – hat sich mit der Ballad of Bilbo Baggins hervorgetan (liegt mir auf einer CD namens Spaced out vor – noch Fragen?).
Wer heute durch die Regale der CD-Läden streift, wird bald feststellen, dass Tolkien nur einen geringen Anteil an der nordisch inspirierten Musik hält. Es gehört fast zum guten Ton, sich auf dem, was ich als Heavy Metal bezeichnen würde – nein, hier bitte keine Gattungsdiskussion über moderne Musik, die verliere ich nämlich – mit Hörnerhelmen, Äxten und am besten noch vor Langschiffen aufzustellen. Wie schön noch die Jahre, als man mit Jethro Tulls The Broadsword and the Beast noch punkten konnte, weil es auf dem Markt eine der wenig nordisch inspirierten Platten war. Ich höre immer noch die Trommeln im Ohr und dazu den Gesang:
I see a dark sail on the horizon
set under a black cloud that hides the sun.
Bring me my broadsword and a clear understanding.
Bring me my cross of gold as a talisman.
Get up to the rundhouse on the cliff-top standing.
Take women and children and bed them down.
Christliche Mythologie tut sich schwer, da die meisten Werke, die sich zu eng an die christlichen Vorgaben halten, bigott wirken, während andere Umsetzungen der christlichen Mythologie gerne in den Ruch geraten, selbst nicht mehr christlich zu sein. Eine Randposition nimmt die Narnia-Serie von C.S. Lewis ein.
Narnia soll christliche Mythen für Kinder verständlich machen. Und Lewis baute Musik in seine Schöpfung ein – und veröffentlichte in Poems auch eine zweiteilige Narnian Suite.157 Seine Welt Narnia wird sogar von Aslan, dem Christus jener Welt, „ins Dasein gesungen“.158
Christlicher Fantasyrock – wie die beiden Lewis-Vertonungen The Roar of Love von 2nd Chapter of Act (zu Narnia) (1991) und Edens Perelandra (um 1980) (zu Lewis’ Science Fiction-Trilogie) – verlässt selten die CD-Regale in christlichen Buchläden, wo er aber fröhliche Urstände feiert.
Einen Verweis auf Jesus Christ Superstar kann ich mir hier nicht ersparen: Dieser Film zeigt einen singenden Jesus, aber seine Aufnahme in christlichen Kreisen dürfte am ehesten mit zwiespältig bezeichnet werden.
Aber vielleicht geht es den Christen ja auch wie den Christen in John Christophers post-doomsday-Trilogie Der Fürst von Morgen, wo sie nur noch wegen ihres schönen Gesangs zu Weihnachten eine Randrolle in der Kultur spielen dürfen.
Die griechischen, nordischen und christlichen Mythen sind alte Mythen. Einen starken Einfluss auf die Fantasy & Musik der Gegenwart übt aber ein neuer Mythos aus. Um jenen neuen Mythos, der sich heute unter Namen wie Wicca, Hexerei, Esoterik oder Wassermannzeitalter versteckt, zu verstehen, muss man wissen, dass er eine Erfindung oder besser Kreation des 20. Jahrhunderts ist. Ausgehend von Werken wie Margarete Murrays Witch-Cult in Western Europe von 1921159, befeuert und multipliziert von Gerald B. Gardners Büchern wie High Magic’s Aid (1949)160 und dem danach beginnenden Wicca-Kult, startete die Esoterik ihren Siegeszug durch die westliche Zivilisation.
Das sogenannte Revival der Hexerei, eine Rückbesinnung auf uralte Kulte, auf Wurzeln in der eigenen Kultur, ist aber kein solches. Margot Adler schreibt in ihrer wundervollen Art darüber:
The Wiccan revival starts with a myth, one that Bonewits used to call – much to the anger of many Witches – »the myth of the Unitarian, Universalist, White Witchcult of Western Theosophical Britainy.«161
Aber Wicca ist für die weitere Beschäftigung mit Musik prägend, weil es als seine (oder ihre) Anhänger als Multiplikator eingesetzt hat, die ein bestimmtes Weltverständnis verbreiten. Man muss nur an Chers getürkte Indianervergangenheit denken (Cher heißt eigentlich Cherilyn Sarkissian und ist Armenierin) oder an John Lee Hookers The Healer.
Wicca meint hier den Glauben an eine Beseeltheit der gesamten Schöpfung, der Glaube an Magie als Energie zwischen den Dingen und der Wunsch zur Rekonstruktion einer oftmals matriarchalen Kultur, in der nicht nur alle Dinge besser waren, sondern auch jene riesige christliche Zerstörung nicht stattgefunden hat, die alle Hexen verbrannt, das alte Wissen vergraben und die Weisheit aus der Welt gebannt hat. Nicht umsonst fühle ich mich hier immer an Monty Python erinnert. Verwandelt müsste es dann heißen: „Was haben uns die Christen eigentlich gebracht?“ „Die Aquädukte.“ …
Wicca benutzt Gesang nicht immer und nicht ausschließlich, doch wird es gerne bei Beschwörungen/Anrufungen benutzt.162 Luisa Francia schreibt richtig in Zaubergarn:
Wer gehen kann, kann auch tanzen, heißt es, und wer sprechen kann, kann auch singen.163
„Mysterium ist Überraschung“ schreibt Starhawk in Mit Hexenmacht die Welt verändern.164 Und sie beschreibt sehr passend gleich die mystische Wirkung des Gesangs:
Dann beginnt jemand zu singen. Der Gesang ist wortlos. Ein tiefer Brummton mit offenen Vokalen, der anschwillt und wächst, als seien wir die kollektive Stimme irgendeines uralten Tiers, das brummt und singt, eine Stimme, die nichts von Waffen, Mauern, Knüppeln, Tränengas oder Stacheldrahtzäunen weiß, und dennoch Schutz bietet, eine Stimme jenseits jeder Bewachung, jenseits des Kalküls, doch nicht jenseits des Wissens, eine Stimme, die, wenn auch nicht von unserem Verstand, so doch von unseren Körpern erkannt wird und auch den Wächtern bekannt ist, deren Menschenkörper, wie unsere, Millionen von Jahren vor der Erfindung der Herrschaft Tierkörper waren.165
Für Starhawk ist ein Ritual ein „nach einem bestimmten Muster ablaufendes Handeln“166. Singen ist für sie ein wichtiger Teil eines Hexenrituals.167 Ihre Ritualvorschläge enthalten daher auch Vorschläge für das Singen, z.B. in eine Litanei namens Heiliger Brunnen und heilige Flamme eingepasster Sprechgesang168 oder für das Singen des eigenen Namens:
Leichte Spielart: Einer nach der anderen singen alle Personen in der Gruppe ihren Namen, so kreativ wie nur möglich. Die Gruppe singt sie dann zurück, als Bejahung des Eigenwertes jeder Person.
Herausfordernde Spielart: Die Herausforderung besteht darin, deinen Namen in einer Art und Weise zu singen, die der Gruppe deine Macht zeigt. Nachdem eine Person zum ersten Mal ihren Namen gesungen hat, reagiert die Gruppe mit Kritik und Ermutigung:
»Komm – ich weiß, dass du machtvoller sein kannst.«
»Los, lass es ’raus.«
»Das war schon gut – aber du kannst noch stärker sein.«
Die Person singt ihren Namen ein zweites und dann ein drittes Mal. Nach dem dritten Mal, wenn die Gruppe zufrieden ist, dass die Person ihre Macht wirklich gezeigt hat, singt sie den Namen zurück und klatscht und trommelt vielleicht noch dazu.169
5. Willkommen im Mainstream
Gerade die Science Fiction war es, die in den 60ern und 70ern einen massiven Einfluss auf die populäre Musik begann.170 Bands wie die Ventures (mit Titel wie Telstar, benannt nach einem Fernsehsatellit) und ihrem Album In Space fügten Elemente der Science Fiction in die Musik ein. Die Beatles (nicht zuletzt mit Yellow Submarine und der Magical Mystery Tour) und die Rolling Stones (Their Satanic Majesties Request) folgten auf dem Fuße.
Jefferson Airplane besang mit White Rabbit eine Figur aus Alice im Wunderland, Steve Miller dichtete über die Children of the Future (1968) und zu Woodstock sangen Crosby, Stills, Nash und Young von den Wooden Ships, die in einer Welt nach dem Atomkrieg die Menschen transportieren.
Grateful Dead intonierte From the Mars Hotel, Pink Floyd spielte The Piper at the Gates of Dawn (vor 40 Jahren!), Yes (mit einer Homage an Robert A. Heinleins Starship Troopers), Tyrannosaurus Rex (Children of the Revolution). David Bowie verwandelte sich selbst in Ziggy Stardust (1973) im Film Der Mann, der vom Himmel fiel. Rick Wakeman schlug gleich mehrmals zu: Neben Jules Verne (Journey to the Centre of the Earth von 1974 und Return to the Centre of the Earth von 1999) vertonte er auch die Geschichten um die Tafelrunde mit The Myths and Legends of King Arthur and the knights of the round table von 1975.
Alan Parsons Projekt vertonte Edgar A. Poe mit Tales of Mystery and Imagination nach Edgar Allan Poe, Jeff Wayne schuf die Ulla Ulla rufenden Marsmenschen für War of the Worlds (1980)
Schließlich heißt es in Hair in Age of Aquarius:
When the moon is in the Seventh House
And Jupiter aligns with Mars
Then peace will guide the planets
And love will steer the stars
This is the dawning of the Age of Aquarius
The Age of Aquarius
Aquarius! Aquarius!
Die deutsche Version sang Donna Summer unter dem Namen Donna Gaines171:
Wenn der Mond im siebten Hause steht
Und Jupiter auf Mars zugeht
Herrscht Friede unter den Planeten
Lenkt Liebe ihre Bahn
Genau ab dann regiert die Erde der Wassermann,
Regiert sie der Wassermann, der Wassermann, der Wassermann.
Der damals Eurorock genannte Trend überfuhr uns mit Bands wie Tangerine Dream, Eloy (z.B. Planets von 1982), Klaus Schulze, Ash Ra Tempel und Magma aus Frankreich (Debütalbum 1970). Die ungarische Band Omega entwickelte für ihre Platten sogar eine eigene Sprache (als wäre das ungarische nicht unverständlich genug!). Ähnliches gilt für Laszlo Hortobagyi, der mit Platten wie Ritual Music of the Fomal-Hoot al-Ganoubi und der 6th All-India Music Conference eigentlich Musik aus einer nicht-realisierten Parallelwelt brachte.
Die deutsche Band Flaming Bess wurde sogar durch die gleichnamige Science Fiction-Serie des Kölner (!) Autors Thomas Ziegler inspiriert. Ihr Debütalbum erschien 1979.
Erinnert sei auch an den DDR-Rock mit den Puhdys – deren Platte Puhdys 11 Stücke wie Computerman enthält –, Berluc mit Hallo Erde, hier ist Alpha und Karat mit Der blaue Planet.
Richtig eigenartig wird es aber mit Bands wie Hawkwind und Blue Öyster Cult. Bei Hawkwind war eine Zeit lang der Fantasy-Autor Michael Moorcock als Schreiber und Sänger (!) tätig. Deren Scheibe Warrior on the edge of time (1973) behandelt Moorcocks Elric-Saga. Blue Öyster Cult dürfte mit Stücken wie Godzilla und ihren Beiträgen zum Film Heavy Metal aus dem Album Fire of unknown origin (1987) bekannt sein.
Aber wissen doch alle, dass Science Fiction längst Mainstream sind. Oder haben wir nicht in der Rocky Horror Picture Shows (1973) im Kino gesessen, Reis geworfen und die Zeilen laut mitgesungen:
Michael Rennie was ill
The Day the Earth Stood Still
But he told us where we stand.
And Flash Gordon was there
In silver underwear,
Claude Rains was the Invisible Man.
Then something went wrong
For Fay Wray and King Kong.
They got caught in a celluloid jam.
Then at a deadly pace
It Came From … Outer Space.
And this is how the message ran:
Science fiction, double feature
Doctor X will build a creature.
See androids fighting Brad and Janet
Anne Francis stars in Forbidden Planet
Wuh uh uh oh o-o-oh
At the late night, double feature, picture show.
I knew Leo G. Carrol
Was over a barrel
When Tarantula took to the hills.
And I really got hot
When I saw Jeanette Scott
Fight a triffid that spits poison and kills.
Dana Andrews said Prunes
Gave him the runes
And passing them used lots of skills.
But When Worlds Collide,
Said George Pal to his bride,
I’m gonna give you some terrible thrills,
Like a …
Science fiction, double feature
(…)
To the late night, double feature, picture show.
Eine kurze Übersetzung eines Teiles ist angesagt:
Dana Andrews sagte »Depp«
Und reichte ihm die Runen.
Und Sie zu übergeben forderte eine Menge Übung.
Curse of the Demon ist ein Film, der auf dem Book Casting the Runes von Montague Rhodes James aufbaut. Wer die klassische Gespenstergeschichte Eine Schulgeschichte (die auch immer wieder nachgedruckt wird, so in Das Wassergespenst von Harrowby Hall) kennt, der kennt auch James.
Im Moment wandert ja auch John Fogerty mit Revival wieder die Charts rauf – erinnert sei hier nur an seine Solo-LP Eye of the Zombie.172
The free sample has ended.