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Über den Autor:

Hermann Küster wurde 1942 in Minden/​Westfalen geboren. Nach dem Schulabschluss Arbeit als Hilfskrankenpfleger. Dann Studium der Theologie auf dem zweiten Bildungsweg in Hermannsburg/​Celle. Von 1968 bis 1974 Pastor der Landeskirche Hannovers in Werlte/​Emsland, davon einige Jahre Kirchenkreisjugendpastor. Von 1974 bis 2005 Pfarrer der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (Schweiz) zunächst in Gurzelen/​BE dann in Hilterfingen/​BE, wo er auch heute mit seiner Frau wohnt. Er hat drei erwachsene Töchter und vier Enkelkinder. Er hat Geschichten und Gedichte als Buch und in Zeitschriften publiziert, dazu ein theologisches Werk.

Hermann Küster

… und die Geist lachte

Es könnte sehr wohl tatsächlich eine Erfahrung der Geist Gottes gewesen sein. Oder: Pfingstgeschichten aus dem Alltag.

Gedanken und Geschichten zur Heiligen Geist

Die Erde ist randvoll mit Himmel, und in jedem gewöhnlichen Dornbusch brennt Gott, aber nur jene, die sehen können, ziehen ihre Schuhe aus; die anderen sitzen drum herum und pflücken Brombeeren.

Elizabeth Barrett Browning

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto © Renáta Sedmáková - Fotolia.com

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

VORWORT

1 Warum die Geist?

2 Das Kreuz mit der Geist Gottes – oder: falsche Erwartungen und ihre Gefahren

3 Wie Jesus und der Apostel Paulus die Tätigkeit der Geist Gottes sehen

4 Vorinformationen zu diesen Geschichten

ACHTUNDZWANZIG GESCHICHTEN ZUR HEILIGEN GEIST

1 DIE HEILIGE GEIST AUF DEM SPAZIERGANG

2 VERTAUSCHTE ROLLEN

3 NEIN!

4 DIE GEIST IN GEISTESGEGENWART

5 NACHHILFEUNTERRICHT DER GEIST FÜR EINEN PFARRER

6 VÖGEL, DIE AM MORGEN SINGEN

7 DIE HERZLOSE BANDE

8 JAKOB, GEH’ HIER WEG

9 BETEN SIE FÜR MICH!!!

10 DER TOD DER JOHANNA HOLENWEGER

11 DIE WANDLUNG DES ERNST BITTERLIN

12 BITTE BETEN SIE MIT MIR, BETEN SIE FÜR MICH

13 … DICH BEI DEINEM NAMEN GERUFEN

14 IN EINEM ITALIENISCHEN SPITAL

15 WIE SOLL ICH DICH EMPFANGEN?

16 ABENDMAHL AN EINEM STERBEBETT

17 BJÖRN

18 DOCH VERSTANDEN

19 DER FESTGOTTESDIENST

20 DIE GEIST IM KREMATORIUM

21 WORTLOSER TROST

22 DIE GEIST BEI UNS ERSPART DIE ARBEIT NICHT

23 DER GEIST LETZTE TRÖSTUNG AUF ERDEN

24 DER RUF

25 DER TRANS EUROPA EXPRESS HÄLT IN TURTMANN

26 DAS DREIFACHGEBOT DER LIEBE

27 EIN GOTTBEGNADETER LÜGNER. EIN LÜGNER, VOLL DER GEIST GOTTES. EIN LÜGNER, WELCHER DER WAHRHEIT DIENTE

28 DIE KRAFT DER GEIST AUS MIR

NACHWORT

1 „Verbuchstäblichter“ Glaube, Gotteserfahrung und das Ziel dieser Schrift

2 Warum denn wurde Glaube domestiziert?

3 Zur Unterscheidung von Gotteserfahrung und nur vorgegebener Gotteserfahrung; zur Unterscheidung der Geister

4 Wie man sich für Gotteserfahrungen/Begegnungen mit der Geist Gottes fit halten kann

ANHANG

Einige Pauluszitate zur heiligen Geist

DANK

Fußnoten

VORWORT

1 Warum die Geist?

Ich meine mit die Geist die Geist Gottes!

Das muss ich erklären.

Denn wir sind es gewohnt, in der männlichen Form von Gottes Geist zu reden: der, nicht die Geist Gottes. In unserer Sprache ist Geist männlich. In vielen anderen ebenfalls. In den Ursprachen unseres Glaubens hingegen, in der Sprache, die Jesus Christus sprach, Aramäisch, und im Hebräischen, in der seine Bibel verfasst war, ist Geist (Gottes) vorwiegend weiblich: RUCHA (Jahwe) bzw. RUACH (Jahwe). Die Heilige Geist, die Geist Gottes kann folglich als die weibliche Komponente Gottes oder als die weibliche der Kommunikationsformen, der Wahrnehmungsgestalten, in denen Gott uns begegnet, angesehen werden. Von der Dreieinigkeit Gottes, der Trinität, die besagt, „dass Gott in der Begegnung mit den Menschen seine Gestalt ändern kann“1, rede ich daher als von Gott Vater, Sohn und Heilige Geist. Folgerichtig spreche ich auch nicht mehr ausschliesslich in männlicher Form von Gott. Das ist also theologisch aufgrund des Sprachbefundes wohlbegründet. Und von der Achtsamkeit gegenüber den Frauen geboten, die sich zu Recht daran stören, wenn von Gott, auch von Gottes Geist, ausschliesslich als von einem Maskulinum die Rede ist. Es ist also keineswegs bloss übertriebene Rücksichtnahme auf „mimosenhafte weibliche Empfindlichkeiten“, wie mir etwa einmal an den Kopf geworfen wurde, wenn ich auch in weiblicher Form von Gott und seiner Geistkraft rede. Ich halte es auch nicht für ein verzichtbares oder gar nebensächliches Detail, ob wir es tun oder nicht! Mir ist es wichtig, weil die ausschliesslich männliche, die patriarchale Rede von Gott – selbst da, wo sich von den beiden Ursprachen unseres Glaubens her die weibliche angeboten hätte! – gravierende unerfreuliche Folgen in Gesellschaft und Kirche gehabt hat. Sie hat nämlich wesentlich dazu beigetragen, dass das Patriarchat, also die Vorherrschaft der Männer über die Frauen, religiös begründet und sanktioniert und die Gleich-Gewichtigkeit, die Gleich-Wertigkeit der Geschlechter jahrhundertelang verhindert wurde, von denen doch in einigen biblischen Schriften immerhin – zumindest ansatzweise – durchaus die Rede ist. Im Anbetracht dieser Tatsache sollte es selbstverständlich sein, auch in weiblicher Form von Gott zu reden. Besonders natürlich dort, wo es sich eben von den Ursprachen der Bibel her nicht nur anbietet, sondern geradezu geboten ist. Dabei ist mir durchaus immer bewusst, dass Gott weder Mann oder Frau noch Mann und Frau, sondern darüber hinaus noch viel mehr – zum Beispiel Geist an sich, Kraft an sich, Liebe an sich – und eben der „ganz andere“2 ist.

Wo ich von der Geist rede, ist immer Gottes Geist gemeint. Die Geist, die Gott ist, als die Gott uns begegnet, als die Gott wirkt und die von Gott ausgeht.

In meinen Erzählungen lege ich aus den oben genannten Gründen selbst denjenigen verfremdeten Figuren (siehe dazu 4) in ihrem Reden über Gottes Geist die weibliche Form in den Mund, welche diese, un-verfremdet, nie verwendet haben.

2 Das Kreuz mit der Geist Gottes – oder: falsche Erwartungen und ihre Gefahren

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Einerseits sind die allgemeine Hektik, die Reduzierung des Menschen auf zwei Funktionen – die des Rädchens im Wirtschaftsgetriebe, das klaglos zu funktionieren hat und anderen Falles einfach ausgewechselt wird, und die des Konsumenten, dessen Lebenszweck im Kaufen und Verbrauchen besteht –, die unheimliche und schier unverarbeitbare Fülle an Informationen, die tagtäglich mehr oder minder ungefiltert auf uns einbrandet, dem Geistigen spinnefeind. Andererseits merken die Menschen, dass ihnen diese Dimension fehlt und dass dies ein Verlust ist; so wächst das Verlangen nach und ist allenthalben die Rede von „Spiritualität“ und davon, wie wichtig es für Körper, Geist und Seele sei, sie zu leben. Die Spiritualität, die dann resultiert, ist allerdings oftmals eine Spiritualität ohne spiritus, jedenfalls ohne spiritus sanctus, also ohne die Geist. Auch unter Christen ist es vielfach so. Auch „in christlichen Kreisen“ sucht man vermehrt spirituelle Erfahrung in der Umarmung von Bäumen, im Aufsuchen sogenannter „Kraftorte“, in indianischen Schwitzhütten, in der Lektüre der Flut von Büchern über Engel und in Übungen, durch welche fühlbare Beziehungen zu diesen vermeintlich oder auch tatsächlich hergestellt werden können. Das alles ist nicht falsch. Es mag für den menschlichen Geist bereichernd und hilfreich sein und kann zweifellos zu einem achtsameren und nachhaltigeren Umgang mit der Natur führen und wäre dann durchaus zu begrüssen. Aber es ist nicht Spiritualität im eigentlichen Sinne, denn es geht dabei in erster Linie um den menschlichen Geist und dessen Bedürfnisse, es ist sozusagen ein Ausgleichssport für den so oft missachteten und zu kurz kommenden menschlichen Geist; es geht nicht um die Verbindung zu der Geist. Christus aber hatte genau diese Verbindung im Sinn, als er uns für die Zeit bis zu seiner Wiederkehr nicht Bäume, Kraftorte, Schwitzhütten und Engel als Tröster, erleuchtende, auferbauende, Lebenskraft vermittelnde Elemente verheissen hat, sondern die Geist Gottes. Sie zu erfahren, mit und in ihr zu leben – das wäre wahrhaftige Spiritualität.

Warum suchen selbst „christliche Kreise“ Spiritualität woanders? Warum ist ihnen die Geist so unwichtig geworden, dass sie sich nicht mehr dafür interessieren, wie mir einmal ein Buchhändler gesagt hat?

Ich denke: weil heute weithin – und eben selbst unter Christen – bezweifelt wird, dass die Geist Gottes „da“ sei und wirke. Es wird argumentiert: Wenn die Geist Gottes noch tätig wäre, müsste es doch in der Welt und wenigstens unter Christen weniger zweifelhaftes Verhalten, weniger buchstabenlastige Gesetzlichkeit und Unbeweglichkeit, dafür aber mehr Lebendigkeit, Liebe, Fröhlichkeit, Aufgeschlossenheit und Begeisterung geben, als es ganz offensichtlich der Fall ist. Man spüre auch persönlich so nichts davon, dass die Geist Gottes noch wirksam sei. Wo denn, bitte schön? Wann denn wohl? Da sei doch nichts. Da rege sich nichts. Man spüre nichts! So ist die Wahrnehmung vieler Menschen. Sie bereitet ihnen Glaubensnot. Man muss das ernstnehmen.

Menschen, die meinen, dass die Geist Gottes nicht mehr wirke, haben, meiner Erfahrung nach, meist eine verzerrte Sichtweise und Erwartungshaltung. Dies möglicherweise, weil sie ihre Erwartungen an das Wirken der Geist Gottes an spektakulären Ereignissen wie etwa dem in der Pfingstgeschichte im Neuen Testament überlieferten orientieren. Auch bei vielen sehr ernsthaften und ernstzunehmenden Mitchristinnen und Mitchristen herrscht, scheint mir, die Meinung vor, wenn in Gottesdiensten und sonstigen Versammlungen von Christen nicht die Post abgehe, wenn nicht mit erhobenen Händen und verzückt geschlossenen oder dann verdrehten Augen laut gejubelt werde, wenn nicht wenigstens ein paar Menschen zitternd zu Boden fallen und wenn nicht in Zungen geredet werde, wenn nichts geheimnisvoll Übersinnliches und Unerklärliches geschehe, dann sei es nichts gewesen mit der Ereignung und dem Wirken der Geist Gottes.

Nun will ich nicht in Abrede stellen, dass sich das Wirken der Geist Gottes auch in solchen Phänomenen ereignen kann. Aber wenn ausschliesslich sie als deren Ereignung erwartet werden, dann ist das höchst gefährlich.

Ich sehe im Wesentlichen drei Gefahren:

Erstens: Die Neigung wächst, die genannten Phänomene (auto)suggestiv zu erwirken. Allenfalls autosuggestiv hervorgerufene Trancezustände werden dann als Be-Geist-erung, als Ereignungen der Geist Gottes angesehen und ausgegeben. Was sie nicht sind. Was also ein auf Abwege führender Irrtum ist.

Zweitens: Unter dem Druck einer Gruppe, zu der man gehören möchte, aber nur gehören kann, wenn man Phänomene erlebt und aufweist wie die oben geschilderten, entstehen entweder tatsächlich solche Phänomene – oder dann, wenn man erkennen muss, dass sie ausbleiben und man beim besten Willen nichts Entsprechendes fühlt, werden sie notgedrungen vorgetäuscht, um nicht mit Liebesentzug bestraft oder gar aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Ereignungen, die diesen Hintergrund haben, sind schwerlich Ereignungen der Geist Gottes. Dieser Weg ist ein auf die Dauer die Seele in Bedrängnis bringender Irrweg. Davon im Folgenden mehr.

Drittens: Sieht sich ein Mensch aber dauernd gezwungen, die von ihm und bei ihm erwarteten, aber zu seinem Leidwesen eben ausbleibenden Phänomene immer wieder vorzutäuschen, so stellt sich irgend einmal Frustration ein. Die Betroffenen sehen sich als unwert, als von Gott verworfen, als Versager; sie verzweifeln schliesslich an sich selbst. Am Schluss dieser Entwicklung kann die totale und endgültige Abkehr von Gott stehen.

3 Wie Jesus und der Apostel Paulus die Tätigkeit der Geist Gottes sehen

Jesus Christus hat sich Ereignungen der Heiligen Geist offenbar nicht so spektakulär vorgestellt wie dies in der Pfingstgeschichte der Apostelgeschichte des Lukas geschildert wird. Er stellte sie sich nach der biblischen Überlieferung als stetiges, verlässliches, nachhaltiges, oft unmerkliches Wirken vor (so lese ich etwa Johannes 3,34). Heilige Geist war für ihn Geist der Wahrheit (Johannes 14,17). Sie ereignet sich also schlicht da, wo Menschen die Wahrheit Gottes und seines Christus erkennen und wo sie demzufolge ehrlich, redlich und wahrhaftig sind und entsprechend miteinander umgehen (also mit Paulus zu sagen: als Geist der Liebe, 1. Korinther 4,21). Als Ereignis der Geist Gottes galt es Jesus, wenn den Seinen das richtige Wort und Verhalten zur rechten Zeit in den Sinn käme (auch so dürfe man, denke ich, etwa Matthäus 10,20 lesen). Ihm war Heilige Geist Tröster (Johannes 14,26 u.ö.), Mittler. Wenn also ein Mensch in schier hoffnungsloser Lage zuversichtlich bleibt, wenn Trauernde schliesslich getröstet sind, wenn Menschen spontan und für sie selbst unerwartet tröstlich wirken, dann ist das für Jesus Christus Ereignung der Geist Gottes. In ganz stillen, unspektakulären Geschehnissen also ereignet sich ihm und erwartet er das Wirken der Geist Gottes. Ähnlich sieht es der Apostel Paulus1, der ausführlicher als Jesus Christus über die Geist Gottes gehandelt hat. Auch Funktionen, die er der Geist zugeschrieben hat, sind in den nachfolgenden Geschichten zu orten. Wenn wir es ebenso sehen wie Jesus Christus und sein Apostel Paulus, dann ist es mit der verzerrten Sichtweise und Erwartungshaltung im Bezug auf die Geist Gottes endlich aus. Die Gefahr enttäuschter Erwartungen wird reduziert. Die Freude an Gott, an Gottes Geist, ist damit programmiert. Denn wir werden nun vielfältige Ereignungen Gottes in unserem Leben erkennen. Auch wenn unsere Freude dann immer noch nicht vollkommen sein sollte, so wird sie doch spürbar und tragend sein.

4 Vorinformationen zu diesen Geschichten

Von unspektakulären Ereignungen, die sehr wohl Wirkungen der Geist Gottes sein könnten, handeln also die Geschichten dieses Buches. Bei der Mehrheit dieser Geschichten handelt es sich um meine eigenen Erlebnisse. Ein kleinerer Teil gibt Erlebnisse anderer Menschen wieder, die mir diese erzählt haben. Ich weiss dabei im Einzelnen nicht mehr, um wen es sich dabei handelt, kann also die Quelle nicht nennen. Die Geschichten sind mir einfach eindrücklich gewesen und somit im Gedächtnis haften geblieben. Einmal erzähle ich auch eine unter Theologen sehr bekannte und im Umlauf befindliche Anekdote (22, S. 116f). Ich habe die Geschichten in jedem Fall verfremdet, um die Identität der Erzähler und des „Personals“ dieser Geschichten nicht preiszugeben. So habe ich Namen und Schauplätze verändert. Wo ich einen Namen nicht verändert habe, habe ich ihn einem anderen Schauplatz zugeordnet, in einen anderen „Rahmen“ gesteckt (mit zwei Ausnahmen, die ausdrücklich angemerkt sind!). Manchmal habe ich auch verschiedene Charaktere und Ereignisse zu einer einzigen Geschichte verwoben. Und nicht überall, wo, wie man so sagt, „’Ich’ draufsteht“, bin ich selbst drin, während wo ‚Er’ oder sogar ‚Sie’ „draufsteht“, eigentlich ich selbst drin bin. Aber bei all dem gilt doch: Die Figuren meiner Geschichten sind verfremdet, aber nicht verfälscht. Ich habe die Geschichten durchkonstruiert, aber nicht frei erfunden. Die für mein Thema entscheidenden Teile hat immer das Leben selbst geschrieben.

Beim kleinsten Teil meiner Geschichten handelt es sich um solche, die ich mir – den Auffassungen Jesu Christi und des Apostels Paulus über das Wirken der Geist Gottes angepasst und ihnen entsprechend – ausgedacht habe. Dennoch sind auch diese Geschichten nicht einfach frei erfunden. Denn auch sie ranken sich um einen Tatsachenkern herum. Sie sind konstruiert, aber um einen wahren Kern herum konstruiert.

Sie, liebe Leserin, lieber Leser, werden, vermute ich, beim Lesen wahrscheinlich jeder Erzählung denken: „Ja, so etwas könnte tatsächlich so oder ähnlich geschehen sein oder geschehen; das ist absolut vorstellbar“. Und ebenso wahrscheinlich werden Sie bei der einen oder anderen Geschichte erkennen: „Ja, von Solchem oder Ähnlichem habe ich auch schon gehört!“ Oder gar: „Ja, das ist mir selbst so oder ähnlich auch schon passiert.“ Das hiesse dann: Auch Sie haben schon Erlebnisse gehabt, die sehr wohl tatsächlich eine Erfahrung mit der Geist Gottes gewesen sein könnten. Und das, obschon Sie kein Pfarrer sind. Denn dass die Exponenten meiner Geschichten meistens Pfarrer sind, ist ein Zufall bzw. hat mit mir und meinem Umfeld zu tun. Keineswegs ist es so, dass derlei Geschichten nur oder auch nur vorwiegend Pfarrern geschehen würden.

Es könnte sich also in den vorliegenden Erzählungen wirklich sehr wohl um tatsächliche Erfahrungen mit der Geist Gottes handeln. Garantiert ist das freilich nicht. Darum sage ich im Untertitel dieses Buches (siehe S. 3) statt „So ist es. Punkt!“ nur: „könnte“. Allerdings auch „sehr wohl“ und „tatsächlich“, was die Sache schon bestimmter macht; ich bin ziemlich überzeugt davon. Mir ist freilich bewusst, dass Menschen, die in den geschilderten Ereignissen nicht die Geist Gottes am Werke sehen und sie anders deuten, geneigt sein könnten, mir entgegenzuhalten, wenn ich in diesen Geschichten die Geist Gottes orte, dann höre ich nur das Gras wachsen und die Flöhe husten. Müssten jene, die das meinen, dann aber nicht wenigstens redlicherweise einräumen, dass es genauso gut möglich sein könnte, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen? Man kann das, was ich in den folgenden Kapiteln schildere, hirnphysiologisch erklären und deuten – oder schlicht den Zufall als Erklärung anführen. Aber ist das zwingend? Ich denke nicht. Genau so gut, mit gleichem Recht, kann man deuten und erklären wie ich: Heilige Geist könnte sich in den geschilderten Ereignissen manifestiert haben. Eine, wie ich finde, überaus ermutigende Erklärung und Deutung.

So, und nun lesen Sie bitte diese Geschichten. Und entscheiden Sie dann selbst, ob diese „randvoll mit Himmel“ seien und ob es sich bei ihnen jeweils um einen „gewöhnlichen Dornbusch“ handle, in dem „Gott brennt“, oder nicht. Wenn Sie befinden: eher ja als nicht, dann wird es darum gehen, ob Sie „drum herum sitzen und Brombeeren pflücken“ oder aber … Ihre „Schuhe ausziehen“ … Ich denke, Sie wissen, was ich damit meine!

Hilterfingen am 11. September 2013

Achtundzwanzig Geschichten zur Heiligen Geist

1 DIE HEILIGE GEIST AUF DEM SPAZIERGANG

Die Namen in dieser Geschichte sind nicht verändert worden. Und der Ich-Erzähler bin wirklich ich selbst.

Es ist mal wieder soweit. Das Schreiben der Predigt will nicht gelingen. Wieder einmal, wie schon so oft, ist es eine mühsame Angelegenheit. Es geht und geht nicht vorwärts. Halbstundenlang passiert nichts als dass ich grübelnd auf das leere Blatt Papier starre, das in meiner kleinen Reiseschreibmaschine steckt. Und wenn es doch einmal vorwärtsgeht und ich unüberzeugt und quälend harzig ein paar Buchstaben auf die jungfräuliche Seite hämmere, so stocke ich bald wieder, wissend: So geht es nicht. So komme ich nicht weiter. Entmutigt reisse ich dann das Papier aus der Maschine, knülle es zusammen und feuere es in den sich mählich füllenden Papierkorb. Ich hänge hoffnungslos fest.

Nicht, dass mir der Predigttext nichts sagen würde. Nicht, dass ich dazu keine Ideen hätte. Er sagt mir schier zuviel. Ich habe einen Haufen Ideen. Ich erkenne auch klare Bezüge des Textes zur Gegenwart. Zahlreiche. Zu zahlreiche. Ich kann meine Gedanken nicht ordnen. Ich finde keine mich befriedigende logische Abfolge. Muss jetzt jenes zuerst gesagt werden und dann eines und dann das andere? Oder erst eines und dann das andere und erst anschliessend jenes? Wie ich es auch probiere – es überzeugt mich nicht. Jede Zuordnung meiner Gedanken zueinander hat ihre Vor- und ihre Nachteile. Zwingend ist keine der möglichen Abfolgen. In jedem Fall sind Wiederholungen, Vorgriffe, Rückgriffe unvermeidlich. Ermüdend für die Menschen, die sich das am Sonntag im Gottesdienst werden anhören müssen. Nein, es geht nicht. Ich bringe, wie ich es nenne, „keinen Chic“ in die Sache. Immer mühsamer und zäher formieren sich die Gedanken in meinem Kopf. Und immer unentschlossener bewegen sich meine Finger, um sie in die Tasten zu tippen. Normalerweise gestatte ich mir maximal eine halbe Stunde für eine A-5-Seite. Inzwischen benötige ich bei dieser Predigt diese Zeit – und mehr! – schon bereits für einen einzigen Satz. Je langsamer und quälender sich die Dinge entwickeln, je krampfiger die Angelegenheit wird, desto mehr verwischt sich mir nun auch der Gesamtzusammenhang. Ich habe den Faden endgültig verloren. Längst sagt mir der Verstand, es sei besser, die Arbeit zu unterbrechen und morgen einen neuen Anfang zu versuchen. Aber der Kopf lässt es nicht zu. Ich bleibe dran. Dickköpfig und stur. Ich will es schaffen! Und zwar heute! Freitag ist mein Predigttag. Beginnend spätestens nach dem Mittagessen. Für morgen habe ich andere Arbeiten eingeplant (die ich zwar auch heute, anstelle der Predigt, machen oder in die nächste Woche verschieben könnte …!). Nein: Ich muss! Ich will! Heute! Ich will! Ich will! Und wenn ich etwas will, so lasse ich nicht locker!

Aber ich verkrampfe mich nur. Nacken und Schultern schmerzen. Die Bauchmuskulatur ist angespannt. Der ganze Körper ein Stein! Und es hilft keine Spur, wenn ich zwischen hinein heisse, ja wütende Stossgebete gen Himmel sende: „Also hör mal zu, lieber Gott, das hier, das mache ich ja nicht zu meinem eigenen Ruhme, sondern für dich! Da könntest du mir eigentlich ruhig mal ein bisschen helfen. Schläfst du eigentlich, Heilige Geist? Wo sind sie nun, die Worte, die uns jeweils rechtzeitig in den Mund zu legen du versprochen hast?“ Aber dieses Stossgebet löst nur Gedanken in mir aus wie: „Nicht zu deinem eigenen Ruhme? Wenn du nicht so ehrgeizig wärest, wenn du nicht so sehr auf ein günstiges Urteil der Gemeindeglieder aus wärest, also darauf, dass sie dich schätzen, mit anderen Worten, wenn du nicht eben doch auf deinen Ruhm bedacht wärest, dann könntest du die Predigten jeweils lockerer angehen und würdest nicht so knorzen!“ Ich kann nicht ausschliessen, dass diese Gedanken Retourkutschen der Heiligen Geist auf meine Vorwürfe, meine wütenden Stossgebete sind. Und das macht mich grämlich. Besonders, weil ich diesen Retourkutschen eine gewisse Berechtigung nicht ganz absprechen kann …

Im Zimmer nebenan, dem Kinderzimmer, regt sich etwas. Im Reich unseres ersten Kindes, der Tochter Judith, dessen Tür zu meinem Zimmer meist offen steht und nur durch ein Scherengitter von meinem Arbeitszimmer getrennt ist, wird es lebendig. An dieses Scherengitter hat sich Judith zuerst herangerollt, später dann ist sie auf Knien an es herangerutscht, um mir ihre sanften Botschaften zuzugurren und zuzublubbern. Inzwischen pflegt sie sich knickebeinig an diesem Scherengitter aufzurichten und erste Kurzsätzchen zu mir herüber zu sprechen.

Meine Frau erscheint am Scherengitter, die Kleine an der Hand.

„Na? Wie läuft’s?“, fragt sie.

„Gar nicht läuft’s!“, antworte ich düster.

„Ich lasse jetzt die Kleine hier.“, sagt sie. „Soll ich in dem Fall die Tür schliessen?“

„Ja“, sagt mein Hirn. „Nein“, sagt mein Mund zu meiner eigenen Überraschung.

„Gut“, sagt sie. „Also dann: Ich wünsche dir gutes Gelingen.“

Worauf sie geht. Judith bleibt am Scherengitter stehen.

„Prelich?“, fragt Judith.

„Ja. Ich schreibe eine Predigt“, antworte ich.

Darauf trollt sie sich und wendet sich ihrem Spiel zu. Aber nach qualvollen Minuten, in denen ich auch weiterhin mit der Predigt nicht vorwärtskomme und mich infolgedessen von ihren Spielgeräuschen ablenken lasse, wird es im Nebenzimmer still. Ich wende mich zum Scherengitter um. Da steht das Töchterchen und schaut mir aufmerksam zu.

„Na, du?“, mache ich, „willst du ein bisschen auf meinen Schoss kommen? Wollen wir eine Runde schmusen?“ Gleichzeitig denke ich: „Oh, nein, Hermann, was machst du da?! Herrschaftszeiten, bist du ein Idiot! Zeitverluste kannst du dir nun wirklich nicht leisten!“ Aber ich denke auch: „Hör auf! Eine Runde mit ihr schmusen hat dich doch schon manches Mal so aufgestellt, dass es nachher etwas besser gelaufen und dir leichter von der Hand gegangen ist!“

„Hm-hm“, nickt Judith am Scherengitter eifrig.

So hebe ich sie zu mir herüber und nehme sie auf den Schoss. Und sie zeigt auf die Schreibmaschine: „Das?“ Und ich gebe ihr das Wort: „Schreibmaschine“. Sie weiss an sich, dass das eine Schreibmaschine ist. Sie will nur überprüfen, ob der Gegenstand noch immer so heisst wie ich ihn gestern schon – und vorgestern und manchen Tag davor auch – genannt habe. Dieses Spiel spielen wir noch mit anderen Gegenständen. Dabei entspanne ich mich zusehends. Schliesslich denke ich, dass ich ja in dieser Woche schon fast fünfzig Stunden gearbeitet habe (der Montag, der Pfarrersonntag, ist mal wieder kein solcher gewesen). Ich kann mir also schon einmal ein paar Stunden für meine Tochter frei nehmen. Ich höre jetzt auf mit der aussichtslosen Arbeit an meiner Predigt. Morgen ist auch noch ein Tag. Vielleicht läuft morgen alles etwas besser. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

„Was meinst du, Judith, wollen wir ein bisschen spazieren gehen?“

„Hm-hm“, wieder begeistertes Nicken.

So packe ich, sehr zum Erstaunen meiner Frau, mitten an einem Predigtfreitag meine Tochter in die Kinderkarre und wir marschieren los. Aus dem Dorf hinaus führt unser Weg vorbei an feuchten Weiden. Was es hier nicht alles zu sehen und zu hören gibt! Hinter einer Hecke ein sanftes Schnaufen, begleitet von einem rupfenden Geräusch. Judith stellt den Zeigefinger der Rechten auf: „Esemuh“, erklärt sie mir mit bedeutsamer Miene, was heisst: Das ist eine Kuh. Und „Miau“ lauert auf der Wiese vor dem Mausloch. „Esegook“ scharrt Würmer aus der Erde oder macht ein Mordgeschrei um das eben gelegte Ei – „Hoich“ (Horch), sagt Judith mit aufgestelltem Zeigefinger. „Vööle“ fliegt in vielfacher Ausfertigung über Weiden und Büsche, zwitschert in den Bäumen: „Hoich, Vööle!“. Ein tiefes Brummen in der Nähe wird als „Wesseps“ (Wespe) identifiziert. Als das Insekt sichtbar wird, ist es eine Hummel und wird von Judith als Biene bezeichnet. „Hummel“, sage ich. „Aha“, sagt Judith. Und hat schon wieder etwas anderes erhorcht und bald einmal auch mit dem Blick erfasst: „Foschla“ (Flugzeug), das hoch über uns seine Bahn zieht. Ich wundere mich darüber, was mein kleines Töchterchen alles so sieht und zwar meist bevor ich es wahrnehme. Das kleine Adlerauge sieht einfach alles überall gleichzeitig. Da muss ich mich voll konzentrieren, wenn ich ihr, ihrem Interesse an allem und ihrem Mitteilungsbedürfnis gerecht werden will. Bei all dem entspanne ich mich. Schultern und Nacken werden wieder geschmeidiger. Der Schmerz lässt nach. Ich geniesse den Spaziergang, der erheblich länger wird als vorgesehen. Jeder Gedanke an meine Predigt ist längst aus meinem Hirn herausgefiltert, hat sich wie Nebel verflüchtigt. Wie schön und frei ist doch das Leben!

Dann taucht ein befreundeter Kirchgemeinderat (Kirchenvorsteher) auf. Er freut sich, uns Zwei so zufrieden zu sehen. Auf eine Zigarettenlänge (damals habe ich noch geraucht, das ist, Gott sei Dank, lange her) stehen wir beieinander und reden lustvoll über Gott und die Welt und freuen uns gemeinsam über die „Gesprächsbeteiligungen“ der Kleinen, die immer wieder unsere Aufmerksamkeit beanspruchen und erhalten. Dann begegnen wir der Küsterin, einer Berlinerin, die Herz und Mund am rechten Fleck hat. Man kann sehr ernsthaft mit ihr reden. Sie steht mit beiden Beinen mitten drin im Leben. Man kann aber auch sehr viel Spass mit ihr haben, denn sie weiss immer zu allem irgendeinen Spruch, irgendeine träfe (treffende) Bemerkung. Mit Kindern weiss sie trefflich umzugehen. Mein Töchterchen geniesst es und kugelt sich vor Lachen über „Mutter Hochs“ kindgemässe Scherze. Judiths Lachen steckt an. Man muss mitlachen, ob man nun will oder nicht.

Andere Begegnungen folgen.

Die letzte: Eine Frau aus der Gemeinde, die sehr traurig ist, mir den Grund ihrer Traurigkeit mit Rücksicht auf mein Töchterchen nur mal eben ganz kurz umreisst und dann ihren Anruf ankündigt, um mit mir einen Termin für ein seelsorgliches Gespräch abzumachen. Wir verabschieden uns voneinander. Ich kann anschliessend nicht anders, ich muss dem Problem dieser Frau nachstudieren.

Und plötzlich, während ich dies tue, macht es Klick! Umschaltung. Übergangslos das Gefühl einer Erleichterung und etwas in meinem Hirn wie eine Lichterscheinung. Ich weiss jetzt, wie meine Predigt weitergehen und gestaltet werden muss. Nun habe ich es, zu Judiths grossem Erstaunen, plötzlich sehr eilig heimzukommen. Unterwegs klärt sich das Konzept der Predigt immer mehr. Ich weiss: So wird es gehen!

Wir kommen heim. Ich übergebe meiner Frau in Windeseile meine Tochter.

„Nimm du sie“, rufe ich ihr zu, „Ich weiss jetzt, wie die Predigt weitergehen muss. Ich muss jetzt ganz rasch an die Schreibmaschine, bevor ich es wieder vergesse.“

Meine Frau wundert sich nicht über mein Verhalten. Sie kennt solche Momente.

Mit innerlichem Jauchzen, an dem die Geist Gottes gewiss ihre Freude hat, vielleicht sogar beteiligt ist, mit einem Lächeln übers ganze Gesicht hetze ich die Treppe zu meinem Arbeitszimmer hinauf, jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend. Ich decke die Schreibmaschine ab, reibe mir die Hände, ein verhaltenes „Juhui!“ ausstossend. Dann haue ich in die Tasten, überwinde mühelos die vorhin noch so unüberwindlich scheinende Klippe, die Stelle, an der ich nicht weiter wusste. Und vollende danach die Predigt innert kürzester Zeit.

Meine Hochstimmung hält danach noch an. Mit Frau und Kind herze und scherze ich an diesem Abend, als ob sie schuld daran wären, dass die Predigt nun steht. Und am Sonntag, angesichts der anerkennenden und dankbaren Rückmeldungen vieler Gemeindeglieder, steigt meine Hochstimmung noch einmal. Es ist ein grosses Lachen und eine grosse Freude in mir.

Jetzt wird vielleicht manch aufgeklärter und informierter Mensch den Drang verspüren, mir auszureden, dass es sich bei diesem wie bei manchem ähnlichen Ereignis in meinem Leben um eine Erwirkung der Heiligen Geist gehandelt habe. Das sei natürlich unzutreffend! Vielmehr verhalte es sich so, dass mir mein Gehirn einfach sozusagen zuvor gekommen sei. Es habe sich nämlich unentwegt weiter mit der Predigt beschäftigt und so unter Umgehung meines Bewusstseins die Lösung gefunden.

Tja, ich weiss nicht. War es nicht vielmehr so, dass mein Hirn im oben geschilderten Falle voll und ganz mit einer ganz anderen seiner Funktionen beschäftigt gewesen ist, der vielleicht wichtigsten? Nämlich mit der Funktion, mich vor Irrsinn zu bewahren?! Im Klartext: Mit der Funktion, alle überflüssigen Reize wegzufiltern, die ich auf meinem Spaziergang mit Töchterchen Judith nicht gebrauchen konnte und die mich nur abgelenkt und verwirrt hätten?! Nichts wäre ja auf jenem Spaziergang so störend und überflüssig gewesen wie Gedanken an meine Predigt. Nichts hat also mein Gehirn so dringend wegfiltern müssen wie solche Gedanken. Zumal mein Töchterchen meine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog und ich ihm diese auch widmen wollte, nicht zuletzt, weil diese „Fesselung“ meiner Aufmerksamkeit mir wohl tat und somit hochwillkommen war! Also doch die Heilige Geist auf diesem Spaziergang?

Meine Antwort lautet: Ja.

Das lasse ich mal so stehen.

2 VERTAUSCHTE ROLLEN

Es hat den jungen Pfarrer unglaublich viel Überwindung gekostet, sich aufzuraffen und sich auf den Weg zu dem am äussersten Rande des Dorfes, schon bereits ein Stück weit im Wald gelegenen Haus der alten Frau Trummer zu machen. Er hat sich sozusagen selbst am Hemdskragen nehmen und sich dorthin zerren müssen. Dies nicht etwa des langen Weges wegen (er ist ein passionierter Velofahrer, dem eine Strecke von dieser Länge nicht imponieren kann) und schon gar nicht, weil ihm die alte Frau etwa unsympathisch oder gar zuwider wäre. Im Gegenteil, er besucht sie an sich sehr gern. Er mag sie.

Nein, eine heftige Depression, die ihn seit Monaten bis fast an den Boden niederdrückt, lähmt ihn und verursacht sein Unvermögen, seiner Arbeit so nachzugehen, wie er es gern täte. Er muss für alles, was er zu tun hat, die letzten Willensreserven aufbieten, was ihn unsäglich viel Kraft kostet.

Aber nun ist er da und Frau Trummer sitzt ihm in ihrem etwas altväterlich möblierten, etwas überstellten Wohnzimmer gegenüber. Sie ist eine schlanke, fast hagere, etwas herbe Altersschönheit, eine kühl und emotionslos wirkende, nüchtern denkende Person, die der Pfarrer aber sehr schätzt, weil sie gerade heraus ist ohne zu verletzen – und weil sie unverstellt die ist, die sie ist.

Vor etwas mehr als anderthalb Jahren sind sie an diesem Tisch, in diesem Raum noch zu Dritt gesessen. Der nicht immer ganz einfach zu nehmende Herr Trummer ist noch dabei gewesen, ein Original, der sich dem Pfarrer bei dessen erstem Besuch, einem Routinebesuch, um Trummers kennen zu lernen, als „Agnostiker, wenn nicht gar Atheist und auf alle Fälle Kirchenkritiker“ vorgestellt, dann aber, als der Pfarrer sich nach dem Besuch mit einem „Adjö“ hatte verabschieden wollen, heftig insistiert und einen „geistlichen Schluss“ verlangt hatte – mit Gebet und Lesung eines „hoffentlich gut gewählten Bibelspruches“. Dies mit der Begründung, wenn denn der Pfarrer schon einen Besuch machen komme, solle er seine Arbeit auch „anständig“ und „so, wie es sich gehört“ machen, denn das dürfe man doch wohl von ihm erwarten und verlangen, auch wenn man Atheist sei, dafür bezahle man „Pfärrer“ schliesslich – und wenn dies nicht mehr gewährleistet sei, dann wisse er vollends nicht mehr, warum er noch nicht zur Kirche ausgetreten sei. Nach dieser ersten Begegnung hatte sich dann nach und nach eine von gegenseitigem Respekt getragene Beziehung zwischen den beiden so verschiedenen Männern entwickelt, dem Pfarrer und dem Glaubensfernen, der sich immer auf den Besuch des Pfarrers und die sich dabei ergebenden interessanten Gespräche und Auseinandersetzungen trotz ihrer unterschiedlichen Auffassungen gefreut, und bezüglich der Schlussgestaltung der Besuche stets darauf bestanden hatte, dass der Pfarrer seine Arbeit „anständig und wie es sich gehört“ mache.

Vor diesen etwas mehr als anderthalb Jahren ist Herr Trummer noch einer gewesen, von dem es in Bayern, wo man kräftig gebaute, wuchtig wirkende Menschen ein „Trumm“ nennt, geheissen hätte, er mache seinem Namen alle Ehre. Kein Mensch hätte ahnen können, dass eine kurze Zeit später (und zu spät) erkanntes Krebsleiden diesen Baum innerhalb eines halben Jahres würde fällen können.

Heute ist sein erster Todestag. Darum ist der Pfarrer zu seiner Witwe gekommen. Frau Trummer sagt dem Pfarrer, der sie nun schon seit einem halben Jahr nicht mehr aufgesucht hat, auf dessen Anfrage hin in ihrer emotionslosen Art, dass sie ihren Mann vermisse, obschon ja dieser, wie der Pfarrer ja wisse, nicht immer ganz einfach gewesen sei. Aber sie sei es ja auch nicht. Und viel gefühlsmässige Liebe habe ihr Mann ja von ihr auch nicht gerade bekommen. Der Pfarrer wisse ja auch das, dass sie ihre Gefühle nicht gut zeigen könne, auch nicht gern darüber rede. Aber sie habe ihn eben doch gemocht, ihren „Lexu“ (Koseform von Alexander). Dessen schnelles Sterben, das gehe ihr doch immer noch sehr nahe; das habe er auch nicht verdient gehabt, so schnell gehen zu müssen auf Nimmerwiedersehen. Man habe es eigentlich – „nehmt alles nur in allem“ –. noch recht gut gehabt miteinander. Man habe zueinander geschaut. Man habe einander ergänzt. Man habe sich aneinander gerieben, sei aber dabei immer miteinander auf dem Weg geblieben. Man habe sich miteinander auseinander gesetzt und immer wieder zueinander gefunden. Man sei recht gegensätzlich gewesen, aber dennoch unzertrennlich. Das alles fehle ihr jetzt. Obschon sie im Übrigen ganz gut zurecht komme ohne den Mann. Und, nein, einsam fühle sie sich nicht, sie habe ja liebe Kinder, treue Freundinnen, die alle recht gut zu ihr schauen, auch singe sie, wie der Pfarrer ja wisse, im Frauenchor mit, sei in die Gemeinschaft dieser „Sing-Kameradinnen“ eingebunden. Aber irgendwie sei sie gleichwohl „nur noch halb“, wenn er wisse, was sie damit sagen wolle. Und dieser Tag heute, der erste Todestag, der sei schon noch irgendwie belastend; sie empfinde so eine eigenartige Leere, obschon sie doch sonst, wie gesagt, ihre Tage zu füllen und ihr Leben zu leben wisse.

Nun macht Frau Trummer eine abwehrende Handbewegung, als wolle sie jene trüben Gedanken wegwischen, um zu verhindern, dass diese sie am Ende doch noch zu Gefühlsausbrüchen bewegen. Was ihr peinlich wäre.

Sie bietet dem Pfarrer Kaffee und „Güetzi“ (Kekse) an. Den Kaffee nimmt dieser gern, die „Güetzi“ nicht, denn Essen ist ihm zuwider; wie alles, im Moment; die Depression raubt ihm neben der Lebenslust auch den Appetit.

„Genug von mir geredet, Herr Pfarrer!“, befindet Frau Trummer.

„Wie geht es eigentlich Ihnen?“

„Och, eigentlich ja gut, wenn nur die liebe Seele nicht manchmal so spinnen würde“, versucht der Pfarrer zu scherzen. Und merkt im gleichen Moment, wie lahm dieser Scherz ist und wie kraft- und witzlos. Aber er ist schliesslich als Seelsorger gekommen und will nicht Frau Trummer mit seinen Problemen belasten. Er kann doch nicht sich selbst und seine gegenwärtige Situation zum Thema machen. Das wäre ja unprofessionell und hiesse ja, Frau Trummer geradezu zu missbrauchen.

Aber er kann nicht verhindern, dass Frau Trummer ihn behutsam in ein Gespräch hineinzieht, in dem zunehmend sie die Seelsorgerin ist und ihn bewegt, seine Probleme auszusprechen.

Zunächst bemerkt er gar nicht, was da abläuft, so getrübt ist sein Blick und so zuvorderst sind ihm seine Gedanken zu seinem Gemütszustand. Als er es aber dann doch bemerkt, blockt er ab. Er entschuldigt sich bei Frau Trummer. Das sei jetzt nicht recht, sie auch noch mit seinen Problemen zu belasten, schliesslich habe sie selber deren genug, erklärt er tieftraurig. Er fühlt sich als fertiger Versager.

„Das ist schon in Ordnung“, sagt Frau Trummer nach kurzem Überlegen, er müsse sich nicht entschuldigen, „schliesslich habe ja ich verursacht, dass unser Gespräch in diese Richtung gelaufen ist!“

„Ja, aber ich bin doch der Seelsorger“, sagt der Pfarrer matt.

Ohne zu zögern, geistesgegenwärtig, erwidert Frau Trummer: „Ja. Und? Jetzt haben wir halt für einmal die Rollen getauscht. Wo ist das Problem? Sind wir nicht Brüder und Schwestern, die sich umeinander kümmern sollen? So heisst es doch immer, oder? So fromme Sprüche gehen mir zwar nur schwer über die Lippen. Aber wenn wir das mit dem Christsein auch nur ein bisschen ernst nehmen, dann müssen wir doch so handeln. Muss denn immer nur der Pfarrer der Gemeinde etwas geben? Wäre das christlich? Darf es nicht auch umgekehrt sein? Jetzt bin halt einmal ich Ihre Seelsorgerin gewesen. Beim nächsten Besuch sind dann vielleicht wieder Sie so gut „z’wäg“ (zu Wege = gut drauf), dass wieder Sie mein Seelsorger sein können. Oder dass wir einfach sonst miteinander reden. Auf Augenhöhe. Partnerschaftlich. Gefällt mir übrigens besser als das fromme ‚als Bruder und Schwester’.“

Leidenschaftslos und sachlich tönt das. Typisch Frau Trummer. Und ist doch nicht ohne Wärme gesagt.

„Aber ig by haut glych zaut derfür.“ (Aber ich werde halt gleichwohl dafür bezahlt), bewegt sein schlechtes Gewissen, sein Gefühl, hier versagt zu haben, den Pfarrer kraftlos zu erwidern, und darum müsse er doch …

„Herr Pfarrer, gäuitt, daisch jitz aber nid Öich gsy, wo das gseet het?! (Herr Pfarrer, nicht wahr, das sind aber jetzt nicht Sie gewesen, der das gesagt hat?!)“, tadelt Frau Trummer ihn leise, eine solch materialistische Äusserung sei doch sonst nicht sein Ding; das sei ihr fremd an ihm.

Nun muss der Pfarrer doch auch ein bisschen, wenn auch matt, lächeln, trotz der Betrübnis, die ihn ausfüllt.

„Naja, vielleicht sollte ich mich irgendwie für Ihren Dienst an mir erkenntlich zeigen“, druckst er.

Plötzlich ist ein ganz ungewohntes lausbübisches, verschmitztes Lächeln in Frau Trummers herbschönem Gesicht. Und wie aus der Pistole geschossen kommt ihre Replik: Sie setzt ganz bewusst einen Satz ein, um quasi den Pfarrer zu „entwaffnen“, einen Satz, der ihr gerade spontan in den Sinn gekommen ist, einen Satz, den sie aus des Pfarrers Mund etwa einmal gehört hat, wenn sie ihn gefragt hat, ob sie ihm nicht für seine treue Begleitung während des Krankenlagers ihres Mannes einmal etwas „z’lieb“ (zuliebe) tun könne, den Satz nämlich: „Tun Sie’s in die Kollekte!“

Unwillkürlich entfährt dem Pfarrer ein spontaner, kurzer, verhaltener Lacher. Und als Frau Trummer daraufhin in lautes Lachen ausbricht (so hat sie der Pfarrer noch nie erlebt!), lacht auch er kräftiger, befreiter.

Für den Moment fühlt er sich leicht und geborgen. Nicht mehr von Gott und dessen guter, heiliger Geist verlassen.

Freilich: Dieser Zustand hält nicht an. Schon kurz nach dem Abschied von Frau Trummer, bei seiner Heimkehr, als auch die Heimfahrt mit dem Velo ihre therapeutische Wirkung langsam wieder verliert, beginnt das trübe Gewölk der Depression, zäh und giftfarben, den Pfarrer wieder auszufüllen. Erst Monate später wird er, plötzlich, unversehens, aus seiner Depression auftauchen in die grosse Erleichterung wie in ein heimeliges, wärmendes Licht, und seine Depression wird so unvermittelt gegangen sein, wie sie vor Monaten gekommen war.

Er wird sich immer dessen bewusst bleiben, dass nicht zuletzt der „Rollentausch“ mit Menschen, in denen die Geist Gottes gegenwärtig war, ihm in seinem Pfarrerleben oft geholfen hat: Der „Rollentausch“ mit Menschen wie Frau Trummer.

3 NEIN!

Sie ist eine tüchtige Kraft. Ihre Kollegen schätzen ihren Teamgeist, ihren Humor, ihre Menschlichkeit, ihre Zuverlässigkeit: Was sie zusagt, führt sie aus und hält sie ein; man schätzt auch ihre Hilfsbereitschaft. Niemand denkt daran, dass diese in einer Selbstunsicherheit begründet sein könnte. Dass sie etwa meinen könnte, Anerkennung und Liebe gewinne man nur, wenn man jederzeit als „Chummerz’hiuf“ (Komm-mir-zu-Hilfe) zur Verfügung stehe. Jedermann lobt ihre Hilfsbereitschaft und verlässt sich auf sie – und niemand fragt sich, ob er damit, dass er sich in „schöner Selbstverständlichkeit“ auf sie verlasse, sie nicht in Tat und Wahrheit ausnütze. Und damit dazu beitrage, dass sie sich irgendwann an ihrer Hilfsbereitschaft übernehmen, „überlüpfen“ werde.

Manchmal ärgert sie sich über die eigene Kollegialität und Hilfsbereitschaft. Warum immer ich? Warum fragen alle immer nur mich um Hilfe? Manchmal fühlt sie sich eingeengt, gefangen in all den ihr auf diese Weise zugewachsenen Aufgaben, die sie ja eigentlich gar nicht übernehmen müsste. Manchmal sehnt sie sich nach mehr weitem Raum um sich her, nach Luft zum Atmen. Aber dann lässt sie sich doch wieder auf Hilfsbegehren ein, lässt sich belasten. Es „geht“ ja dann doch auch immer wieder.

Es muss ja gehen. Also geht es.

Der Chef schätzt ihre Kompetenz, ihren Einsatz, ihre Teamfähigkeit. Immer „liegt sie im Strick“ (setzt sich voll ein). Immer ist sie bereit, Zusatzaufgaben zu übernehmen, auch Ehren- und Nebenämter im Betrieb. Wenn niemand es machen will, sie macht es. Nicht immer begeistert, gewiss, meist traut sie sich’s ja auch nicht zu, aber einer müsse es ja schliesslich machen, pflegt sie sich zu sagen. Also macht sie es. Das anerkennt der Chef. Sehr! Manchmal ist er aber auch besorgt deswegen. Betreibt sie nicht Raubbau mit ihrer körperlichen und seelischen Kraft? Müsste sie sich nicht mehr Ruhe und Entspannung gönnen? Aber ein wenig denkt er dabei auch an sich und seinen Betrieb! Denn: Wird nicht auf Dauer ihre Leistung abnehmen, werden nicht auf Dauer ihre Arbeitsergebnisse schlechter werden, wenn sie sich immer so verausgabt? Aber das sagt er ihr nicht. Es ist für ihn bequemer, wenn er es nicht sagt. Wenn sich seine Befürchtungen erfüllen würden, wenn ihre Leistung abnähme, ihre Arbeitsergebnisse schlechter würden, dann würde er es ihr wohl sagen. Aber vorerst nicht. Er profitiert ja von ihrem Einsatz. Ihr gegenüber nennt er ihn „unermüdlich“. Oft nennt er sie „unermüdlich“. Manchmal freilich – was er ihr nicht gesagt, was man ihr aber überbracht hat – argwöhnt er hingegen auch, dass sie möglicherweise doch weniger kompetent sein könnte als es den Anschein hat, dass sie vielleicht mit Hilfe ihres Einsatzes über Kompetenzdefizite hinwegtäusche.

Unermüdlich, manchmal gesteht sie es sich ein, ist falsch! Sie ist nicht unermüdlich. Sie fühlt sich oft müde und ausgebrannt. Aber sie beisst sich durch. Es muss ja gehen. Also geht es.

Daheim schaut sie zu ihrer Mutter. Diese nennt sie „eine gute Tochter“. Manchmal betont sie sogar, dass sie „besser herausgekommen“ (besser geraten) sei als die anderen Kinder, die leider oft egoistisch seien und leider auch vergessen hätten, was sie, die Mutter, für sie geleistet habe. Diese Tochter sei eben vom Geist der Eltern, genauer: von Jesu Christi Geist, dem Geist der Liebe und der Opferbereitschaft, erfasst. Sie sei eine liebe Tochter, wie Gott sie haben wolle. Eine von der Sorte, die Gott besonders liebe.

Das hat die Tochter von ihren Eltern oft zu hören bekommen: Gott liebt die lieben Kinder; die Bösen aber straft er. Mindestens mit Nichtbeachtung. Also Liebesentzug.

Die Tochter hat im Elternhaus auch Demut gelernt. Nur ja nicht hochmütig werden! Nur ja nicht zu früh mit sich zufrieden sein! Sich immer bewusst sein, dass es gewiss andere gibt, die besser sind als man selbst, deren Können und Leistungen besser sind als die eigene. Sich immer bewusst sein, dass auch man selber, wenn man sich nur genügend Mühe gibt, immer besser werden kann. Und muss! Sich nur ja nicht über eine schöne eigene Leistung freuen. Denn das macht hochmütig. Das macht bequem. Und träge. Und – eben! – nur ja nicht vor lauter Freude vergessen, dass es keine Leistung gibt, die so gut ist, dass man sie nicht noch verbessern, übertreffen könnte.

Ja, das hat diese Tochter begriffen. Darum ist sie eine gute Tochter. Eine von Gott und der Mutter geliebte Tochter. Sie hat den rechten Geist. Man kann stolz sein auf sie.

Die Tochter wäre oft gern allein, am Abend, wenn sie todmüde heimkommt. Nach Überstunden. Von Sitzungen, an denen sie ehrenamtlich teilgenommen hat. Manchmal sehnt sie sich schon danach, zusammen mit Freundinnen in den Ausgang zu gehen. Aber sie hat keine Freundinnen. Sie hat nur Arbeitskolleginnen. Die sie sehr schätzen! Was man sich erhalten muss! Da muss man sich anstrengen! Sie hätte gern einen Freund. Sie war schon oft verliebt. Aber gestanden hat sie es keinem. Sie läge gern abends in den Armen eines Mannes. Sie würde sich gern liebkosen lassen, sich gern liebe Worte sagen lassen. Sie sehnt sich sehr nach Sex. Nach ihren anerzogenen Massstäben geradezu unanständig! Sie ist mit Masturbation nicht zufrieden; sie ist mit sich selbst nicht zufrieden, wenn sie es tut; sie findet sich dann unbeherrscht und unsauber. „Es“ wäre von ihr aus gesehen besser mit einem Mann, einem Ehemann natürlich. Aber da ist die Mutter. Um die muss sie sich kümmern. Es wäre nicht recht vor Gott und würde diesen traurig oder gar zornig machen, wenn sie es nicht täte. Es muss ja nun einmal sein, dass sie das macht. Wer denn sonst täte es? Die Geschwister haben Kinder und schliesslich auch viel zu tun, leben weit entfernt. Also macht sie es. Die Mutter, die Geschwister, sie lieben sie dafür. Es geht schon.

Es muss ja gehen. Also geht es.

Ihre Leistungen schätzt sie nicht sehr hoch ein. Mit diesen Leistungen genügt sie nicht, dessen ist sie sicher. Sie ist auch nie sicher, ob sie die Leistung, die man von ihr erwartet, wird erbringen können. Versagensängste sind zwar nicht ihr tägliches, aber doch ein ihr wohlbekanntes „Brot“. Und hat sie eine Leistung erbracht, für die der Chef sie lobt, die Kolleginnen und Kollegen sie bewundern („Mein Gott, wie peinlich mir das ist!“, ist dann meist ihr Gedanke), so kann sie sich nicht daran freuen. Denn wenn man sich zu sehr daran freut, dann hebt man ab und bringt beim nächsten Mal die Leistung nicht! Oder dann wird man hochmütig und dafür von Gott mit Scheitern bestraft. Und vielleicht geht ohnehin beim nächsten Mal alles schief, was bis jetzt unerwarteter und wundersamer Weise gut gegangen ist. Und wenn man die Leistung nicht erbringt, dann verliert man die Anerkennung. Die des Chefs. Die der Kolleginnen und Kollegen. Und wohl auch die Gottes. Und wenn man nicht jederzeit einsatz- und hilfsbereit ist, dann muss man mit Liebesentzug rechnen. Liebesentzug des Chefs, der Kolleginnen, der Kollegen – und sicher auch Gottes. Davor fürchtet sie sich. Trotz dieser Furcht, jenu: Es geht schon.

Es muss ja gehen. Also geht es.

An diesem Tag lässt der Chef sie nicht zu sich bestellen, sondern sucht sie an ihrem Arbeitsplatz auf. Es gebe da eine relativ heikle Sache zu erledigen. Er erklärt diese kurz. Da müsse ein Mitarbeiter hin. Unbedingt. Und ihm komme wieder einmal niemand sonst in den Sinn als sie.

„Oh“, sagt sie, „das kann ich doch nicht! Da wäre ich überfordert.“

„Ach“, erwidert der Chef lächelnd, „das sagen Sie jedes Mal. Sie betreiben understatement. Oder trauen sich tatsächlich zu wenig zu. Das müssen Sie nicht. Sie sind eine gute Kraft!“

Da hört sie sich fragen: „Warum fragen Sie eigentlich immer mich?“ Sie erschrickt über ihre eigenen Worte. „Unbotmässigkeit!“, dieses Wort geht ihr geradezu schneidend durch den Kopf. Der Chef lächelt und dann kommt ihm ein Satz über die Lippen, den er eigentlich gar nicht hat sagen wollen: „Man muss halt immer die Dummen fragen, die nicht Nein sagen können.“ Kaum sind die Worte heraus, erschrickt er über sie und bedauert er sie. „Entschuldigung“, schiebt er rasch nach, „das sollte ein Scherz sein. Ein Witz! Es war ein sehr schlechter Witz.“

Sie lächelt und sagt ohne die geringste Hemmung und ohne verlegen zu werden – sein Bekenntnis, es sei ein schlechter Witz gewesen und seine Entschuldigung dafür geben ihr die Kraft dazu – sagt sie: „Das von wegen, man müsse immer die Dummen fragen, habe ich dann jetzt sehr gut gehört, Herr Doktor G. Und darum: Nein!“ Sie fühlt sich merkwürdig erleichtert.

„Liebe Frau …“, versucht der Chef noch einmal.

Aber „Nein“, sagt sie, „es bleibt beim Nein!“

Der Chef lacht kurz laut auf.

„Gut gekontert!“, grinst er dann. Und lacht nochmals laut vor sich hin. Dann sagt er: „Also gut. Muss ich mir halt jemand anderen suchen. Sie haben ja Recht, mein Gott!“ Er berührt leicht ihre Schulter und begibt sich wieder in sein Büro zurück. An der Tür dreht er sich nochmals um, hebt grüssend die Hand, schüttelt lachend den Kopf: „Einen schönen Feierabend wünsche ich Ihnen“, sagt er, lacht nochmals auf und verschwindet in seinem Büro.

Sie ist ungeheuer erleichtert. Dass sie sich eine Zusatzaufgabe hat vom Leibe halten können, das ist eine befreiende Erfahrung und tut ihr gut. Dass sie nicht mit Anerkennungs- und Liebesentzug bestraft wurde, freut sie. Und sie weiss, dass sie richtig geantwortet hat, endlich einmal richtig, so, wie es ihren Empfindungen und Bedürfnissen entspricht. Wenn sie mit Liebesentzug bestraft worden wäre, hätte sie dann jetzt wohl Angst? Sie vermutet eher nicht, sie wäre dennoch erleichtert. Dass sie nicht mit Liebes- und Anerkennungsentzug bestraft wurde, sagt ihr, dass der Chef sie wirklich schätzt. Vielleicht, weil sie beruflich besser ist als sie selbst glaubt? Sie summt eine Melodie vor sich hin, als sie am Abend ihre Wohnung betritt. Und merkt es nicht einmal. Die Mutter spricht sie darauf an. Und sie berichtet der Mutter das Vorgefallene.

Die Mutter fällt aus allen Wolken: „Kind, wie konntest du das tun? Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“

„Nein“, sagt die Tochter, „ich habe eher das Gefühl, die bösen Geister haben mich verlassen, hoffentlich für immer. Und jetzt erst – erst jetzt! –, Mutter, bin ich wirklich auf der Wellenlänge der Geist Gottes, die Menschen nicht schindet und treibt, sondern die eine Geist der Freiheit ist. Und des Lachens!“

Die Mutter staunt mit offenem Mund.

„Hoffentlich ist das nicht bloss ein kurzes euphorisches Strohfeuer, was ich jetzt erlebe“, denkt die Tochter, „die Welt sieht auf einmal so heiter aus, hoffentlich folgt dem nicht etwas Dunkles, ein Absturz, auf dem Fusse.“

Aber trotzig sagt sie dagegen an: „Stopp!“ Das nennt man Gedankenstopp, ein autosuggestives Gegenmittel gegen negative Gedanken. Das hat sie in einem Buch gelesen. Es ging darin um Biblisch-Therapeutische Seelsorgeausbildung.

„Ich sollte einmal etwas für mich tun“, denkt sie und nimmt sich vor, sich einmal einen Kurs zu gönnen, der ihr gut tun wird, dessen Besuch keinen anderen Zweck haben soll als eben diesen.

Als sie sich wieder ihrer Mutter zuwendet, lacht sie ein, wie ihr scheint, Geistes gegenwärtiges Lachen, das sogar auf die überraschte Mutter ansteckend wirkt.

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Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
160 p. 1 illustration
ISBN:
9783957449948
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