Read the book: «Männer trinken keine Fanta»
„Wir sind Männer und trinken keine Fanta.“ Wolf-Dieter Ahlenfelder, Schiedsrichter, nachdem er in einem Spiel Werder Bremen gegen Hannover 96 nach 30 Minuten zur Halbzeit gepfiffen hatte.
In Erinnerung an Hans Schäfer, 1. FC Köln
Hermann Schmidt & Miriam Bernhardt
»Männer trinken keine Fanta«
Eisenfüße, Laufwunder und andere
Originale der Fußball-Bundesliga

Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben, Pressebilderdienst Horst Müller
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Umschlagfoto: Pressebilderdienst Horst Müller
Layout, Satz und Umschlaggestaltung: Composizione Katrin Rampp, Kempten
ISBN 978-3-96423-047-8
eISBN 978-3-96423-048-5
Vorwort
Von Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder stammt der berühmt gewordene Spruch „Wir sind Männer und trinken keine Fanta“. Damit entschuldigte er seinen leicht alkoholisierten Zustand, weil er sich vor dem Bundesligaspiel Werder Bremen gegen Hannover 96 ein paar Bierchen und einen Malteser reingezogen hatte und deshalb versehentlich dreizehn Minuten zu früh zum Pausentee pfiff.
Im Fußball ist alles möglich. Verrückte Episoden, lustige und tragikomische Ereignisse stehen oft nebeneinander, so wie im richtigen Leben. Deshalb sind so viele Menschen rund um den Erdball der „Faszination Fußball“ erlegen.
Der berühmte Dichter und Philosoph Albert Camus, der in seiner Jugend beim Universitätsclub Racing Algier im Tor stand, hat einmal gesagt: „Alles, was ich im Leben über Moral und Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball.“
Camus liebte den Fußball, auch deshalb, weil er Menschen aus unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft zusammenführt, die auf dem Rasen oder den Tribünen ein unvergleichliches Gefühl der Solidarität, der Nähe, der Euphorie bei Siegen und der Trauer über Niederlagen empfinden. Camus: „Unser Verein spielte klassisch, nach dem Lehrbuch, wie man so sagt, und verlor selbst die Spiele, die er nun wirklich hätte gewinnen müssen. Dies soll sich nun ändern, aber ich hoffe nicht zu sehr. Denn genau dafür habe ich schließlich meine Mannschaft so geliebt. Nicht nur wegen des Siegestaumels, der umso herrlicher ist, wenn man die Erschöpfung nach der ganzen Anstrengung spürt, sondern auch wegen dieser Abende nach der Niederlage, wenn einem zum Heulen zumute war.“ (1)
Beim Fußball kann man die Welt vergessen, alle Sorgen und Gedanken an den Alltag hinter sich lassen.
Männer, die keine Fanta trinken, finden wir auf allen Positionen einer Mannschaft. Doch beileibe nicht alle „harten Männer“ im Fußball waren Alkoholiker oder Kettenraucher. Felix Magath bevorzugt Pfefferminztee, Otto Rehhagel sagt von sich, er sei Antialkoholiker, und viele der hier vorgestellten Spieler tranken weder Alkohol noch rauchten sie wie die Schlote.
Die Idee zum vorliegenden Buch war zunächst, an all die glorreichen Abwehrstrategen und „Dauerläufer“ zu erinnern, die im deutschen Fußball und in der Fußball-Literatur nur selten im Rampenlicht standen. Doch beim Schreiben wurde mir bewusst, dass auch unter den Ballzauberern und Torjägern bärenstarke Kämpfer zu finden sind, die sich die Lunge aus dem Leib rennen, die nie aufgeben und grätschen bis zur letzten Minute, weil sie als Sieger vom Platz gehen wollen. Nicht jeder Fußballer kann ein glamouröser Ballzauberer wie Diego Maradona, Franz Beckenbauer oder Wolfgang Overath sein. Beileibe nicht alle „harten Typen“, die der Fußball kennt, haben den heldenhaften und vorbildlichen Charakter eines Wolfgang Weber oder setzen sich für soziale Belange ein, wie z. B. Paul Breitner.
Auch schwarze Schafe, ob als böswillige Treter auf dem Platz oder mit dem Gesetz in Konflikt geratene Zeitgenossen, treten gelegentlich unter den „Männern“ der Bundesliga auf, ohne Helden zu sein.
Im diesem Buch, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, versammeln sich neben den klassischen Kämpfertypen der 1. und 2. Bundesliga zahlreiche Profis, die unter balltechnischen Aspekten höchsten Ansprüchen genügten und auf ihren Positionen das Prädikat Weltklasse verdienen. Ebenso werden einzelne Spieler porträtiert, die infolge unglücklicher Umstände oder durch eigenes Versagen in ihrer Fußballerkarriere scheiterten.
Der Fußball und die Begegnungen mit Menschen, die ihn spielen, gehören zum Besten, was einem im Leben passieren kann.
Hermann Schmidt, Juli 2020
Inhaltsverzeichnis
Wolf-Dieter Ahlenfelder. Ein Bier, ein Malteser.
MÄNNER IM KASTEN
Anton Schumacher. Der Held von Liverpool.
Volkmar Groß. Der Berliner.
Klaus Thomforde. Das Tier im Tor.
Volker Ippig. Der Hausbesetzer.
Harald Schumacher. Der Tünn.
Eike Immel. Der Zocker.
Oliver Kahn. Der Titan.
Tim Wiese. Der Wrestler.
EISENFÜSSE
Josef Piontek. Der Sepp.
Horst-Dieter Höttges. Der Eisenfuß.
Uli Borowka. Die Axt.
Stig Töfting. Der Tätowierte.
Bernd Hollerbach. Ho-ho-Hollerbach.
Sergej Barbarez. Der Barba.
Christian Wörns. Der Waldhof-Schüler.
Maik Franz. Der Klopper.
Nigel de Jong. Der Knochenbrecher.
Carlos Zambrano. Der Peruaner.
MANNDECKER UND MAURER
Willi Schulz. Der Worldcup-Willi.
Werner Biskup. Der Kämpfer.
Karl-Heinz Schnellinger. Il Biondo.
Dieter Kurrat. Der Hoppy.
Wolfgang Weber. Der Bulle.
Klaus Fichtel. Die Tanne.
Michael Lameck. Der Ata.
Bernard Dietz. Der Enatz.
Detlef Pirsig. Der Unüberwindbare.
Karl-Heinz Körbel. Der Treue.
Bernd und Karlheinz Förster. Die Förster-Brüder.
LAUFWUNDER
Herbert Wimmer. Der Hacki.
Harald Konopka. Das Wiesel.
Hans-Peter Briegel. Die Walz aus der Pfalz.
Willi Landgraf. Der Rekordhalter.
STURMTANKS UND BRECHER
Uwe Seeler. „Uns Uwe“.
Bernd Nickel. Dr. Hammer.
Klaus Fischer. Mister Fallrückzieher.
Horst Hrubesch. Das Kopfballungeheuer.
Dieter Hoeneß. Der Schwabenpfeil.
Franz Gerber. Der Schlangen-Franz.
Marcel Rath. Das Kampfschwein.
Morike Sako. Der Kickboxer.
Manuel Schäffler. Der Schäffe.
UNGLÜCKSRABEN
Horst Szymaniak. Der Schimmi.
Rudi Brunnenmeier. Der Torschützenkönig.
Reinhard Libuda. Der Stan.
Erwin Kostedde. Der Pechvogel.
SPASSVÖGEL
Willi Lippens. Die Ente.
Johann Ettmayer. Der Buffy.
Jimmy Hartwig. Der Offebächer.
Anton Polster. Der Wiener.
Mario Basler. Der Talkmaster.
Ansgar Brinkmann. Der weiße Brasilianer.
Torsten Mattuschka. Der eiserne „Tusche“.
DIE UNANGEPASSTEN
„Co“ Prins. Der Tulpenjacob.
Walter Frosch. Der Kettenraucher.
Wolfram Wuttke. Das Schlitzohr.
Stefan Effenberg. Der Tiger.
Kevin-Prince Boateng. Helmut Rahns Großneffe.
Deniz Naki. Der Kurde.
DIE WELTMEISTER
Werner Liebrich. Der Rote.
Hans Schäfer. De Knoll.
Helmut Rahn. Der Boss.
Horst Eckel. Der Windhund.
Hans-Hubert Vogts. Der Berti.
Gerd Müller. Der Hadde.
Hans-Georg Schwarzenbeck. Der Katsche.
Paul Breitner. Der Provokateur.
Uli Hoeneß. Der Macher.
Klaus Augenthaler. Auge.
Andreas Brehme. Der Andy.
Lothar Matthäus. Der Loddar.
Jürgen Kohler. Der Kokser.
Jerome Boateng. Ein Mann für alle Fälle.
TRAINER
Max Merkel. Der Lautsprecher.
Ernst Happel. Der Wödmasda.
Rinus Michels. Der General.
Branko Zebec. Der Mathematiker.
Otto Rehhagel. König Otto.
Werner Lorant. Werner beinhart.
Louis van Gaal. Ritter von Oranien-Nassau.
Felix Magath. Der Quälix.
Anhang
Wolf-Dieter Ahlenfelder. Ein Bier, ein Malteser.
*11.2.1944 Oberhausen; † 2.8.2014 Oberhausen
In der Bundesligasaison 1983/1984 wurde Wolf-Dieter Ahlenfelder vom DFB als bester Schiedsrichter mit der „Goldenen Pfeife“ ausgezeichnet.
Knapp zehn Jahre zuvor hatte der gebürtige Oberhausener im Bundesligaspiel zwischen Werder Bremen und Hannover 96 bereits nach 32 Minuten versehentlich zum Pausentee gepfiffen. Einer seiner Linienrichter wedelte wild mit der Fahne, sodass das Spiel dann regulär fortgeführt werden konnte.
Ahlenfelder, als Mineralölkaufmann beim Konzern BP beschäftigt, gestand nach dem Spiel, beim Mittagessen „getankt“ zu haben: ein Bier und einen Malteser. „Wir sind Männer und trinken keine Fanta“, das war das Motto des neben Walter Eschweiler wohl lustigsten Schiedsrichters in der Bundesliga-Geschichte. Bis heute bekommt ein Kneipengänger in der Umgebung des Bremer Weserstadions bei Bestellung eines „Ahlenfelder“ ein Bier und einen Malteser serviert.
Als Wolf-Dieter Ahlenfelder zum ersten Mal als Unparteiischer antrat, bekam er 24 DM Spesen. Als er aufhörte, betrug der Spesensatz 78 DM.
Von 1975 bis 1988 pfiff Ahlenfelder, genannt „Ahli“, 106 Bundesliga- und 77 Zweitligaspiele. Noch im Alter von 58 Jahren leitete er Spiele in der Kreisliga in Nordrhein-Westfalen. Bis zu seinem Tod lebte der an Diabetes leidende Referee im Oberhausener Ortsteil Holten.
Die Geschichten und Geschichtchen, die sich um den Kult-Schiedsrichter aus dem Pott ranken, sind zahlreich, und nicht immer kann man davon ausgehen, dass sie wahr sind. So wird erzählt, dass Paul Breitner ihn angeraunzt hätte: „Du pfeifst wie ein Arsch!“ und Ahlenfelder angeblich antwortete: „… und Du spielst wie ein Arsch.“
Der Weltmeister der landauf-landab kolportierten Fußball-Anekdoten, Ben Redelings, berichtet gar, dass Breitner Schiri Ahlenfelder „mehrfach mit ,Du Affe‘ angesprochen hätte“, und Ahlenfelder entgegnet haben soll: „Schau mal in den Spiegel, Breitner, dann weißt Du Bescheid.“ (2)
Dass Ahlenfelder im Jahr 1987 den Mannheimer Spieler Dieter Finke vor Rot bewahrte, indem er ihm riet, sich auswechseln zu lassen, sonst werde er von ihm, dem Schiedsrichter, „ausgewechselt“, mag schon eher mit der Realität zu tun haben. (3)
Ob es zutrifft, dass Ahlenfelder einen am Boden liegenden Spieler aufforderte, doch aufzustehen, weil die Rasenheizung nicht an sei, lässt sich bis heute nicht mit Sicherheit klären. Auf den Mund gefallen war der Unparteiische aus dem Ruhrpott ganz gewiss nicht.
In einem von „Reviersport“ veröffentlichten Interview vom 24.11.2007 mit „Ahli“ äußerte er u. a. über seine Zeit als Schiedsrichter und das aktuelle Fußballgeschehen (Auszug): „Ob Beckenbauer oder Bierhoff, die duze ich alle. Der Ahli ist noch ein Begriff, schließlich bin ich mit Leib und Seele Schiedsrichter … Die Jungs [Anmerkung Autor: hier sind Schiedsrichter gemeint] haben keine Bewegungsfreiheit, sie müssen sich strikt an ihr Regelwerk halten. Ein Beispiel: Geht vom Trikotausziehen beim Torjubel die Welt unter? Da frage ich mich, ob Sepp Blatter noch alle auf dem Ofen hat. Die Leute haben noch nie Fußball gespielt, die müssen auch mal überlegen, was in einem Fußballer vorgeht. Natürlich würde ich das Trikotüberstreifen lieber bei einer Damen-Mannschaft sehen … Durch die Sache in Bremen bin ich zur Legende geworden. Ich habe ja nichts Böses gemacht. Wie es sich für einen Ruhrgebietler gehört, habe ich mir mal einen genommen … Wenn ich sage, dass ich vor Fußballspielen Wasser und Fanta getrunken habe, wäre das eine Lüge. Ich habe mir ein Pilsken reingetan und der Fall war erledigt … Ich war auch noch sieben Jahre Messdiener, wenn ich einmal den Löffel abgebe, mein Platz im Himmel ist gesichert“. (4)
Am 2. August 2014 starb Wolf-Dieter Ahlenfelder in seiner Geburtsstadt Oberhausen.
MÄNNER IM KASTEN
Anton Schumacher. Der Held von Liverpool.
*1.12.1938 Bonn
Der „echte“ Toni Schumacher kommt nicht aus Düren und ist im Gegensatz zu seinem Nachfolger gleichen Namens auch nicht Mitglied des FC-Präsidiums gewesen.
Denn Harald „Toni“ Schumacher, einer seiner Nachfolger im Kasten der Geißböcke, hat seinen Spitznamen nur deshalb bekommen, weil es in den guten, alten Zeiten des 1. FC Köln schon einen anderen Spieler mit Vornamen Harald gab: Harald Konopka, der knüppelharte Verteidiger, landauf, landab gefürchtet ob seiner Bissigkeit – ein Kettenhund am Fuß eines jeden Außenstürmers der Bundesliga. So nannten sie den zweiten Harald einfach „Toni“, und zwar aus zweierlei Gründen: Als zweiten Vornamen hatte Klein-Harald von seinen Eltern auch den seines Großvaters Anton erhalten, und dann gab es ja auch noch den legendären Helden aus dem Spiel gegen Liverpool namens Toni.
Dieses Spiel fand am 17. März 1965 an der Anfield Road in Liverpool statt, der Hafen- und Arbeiterstadt, der nicht nur die legendären Beatles in den „Roaring Sixties“ ihren Stempel aufdrückten, sondern der auch die „Reds“ im europäischen Fußball durch ihr von Dynamik und Tempo gekennzeichnetes Spiel Rang und Namen verliehen.
Im Tor der Geißböcke, die an jenem Tag im Vorfrühling ohne „Weltmeister“ und Regisseur Hans Schäfer, ohne Torjäger Christian Müller und den besten deutschen Mittelläufer der sechziger Jahre, Leo Wilden, antreten mussten, stand Anton Schumacher, der sein Handwerk in der Jugend von Blau-Weiß Hemmerich gelernt hatte.
Im Jahr 1958 war das Torwarttalent aus der Voreifel zu Tura Bonn gewechselt, einem Arbeiterverein, wo ihn im Sommer 1960 Talentspäher, heute „Scouts“ genannt, entdeckten und zum 1. FC Köln lotsten. Dort saß er zunächst als Ersatztormann hinter Fritz Ewert auf der Bank, ehe er unter Trainer Schorsch Knöpfle die Nummer 1 im Kasten der Geißböcke wurde.

In der Saison 1964/65 kam er zu 23 Einsätzen in der Bundesliga; Fritz Ewert machte jetzt nur noch sieben Spiele im Tor der Rot-Weißen, die in dieser Spielzeit lediglich Vizemeister hinter Werder Bremen wurden.
Im „Großen Lexikon der Bundesligatorhüter“ wird konstatiert, dass Anton Schumacher im torlos endenden Match des Jahres 1965 an der Anfield Road „eine der größten Torhüterleistungen der Fußballgeschichte“ ablieferte. (5)
Mitspieler Wolfgang Weber sprach von einer Galavorstellung des „Wunderkeepers namens Schumacher“, und Wolfgang Overath attestierte dem Mann im Kasten „das Spiel seines Lebens“ gemacht zu haben. Der Tormann mit den dunklen Haaren im hellen Baumwollpullover hielt einfach alles, was die Liverpooler Mannschaft in einem Dauer-Sturmlauf aufs Tor brachte. Der Oberbürgermeister der Beatles-Metropole gratulierte ihm nach dem Spiel per Handschlag, und die Zeitung „Daily Post“ schrieb: „Toni Schumacher besiegte FC Liverpool“, obwohl das Spiel doch Unentschieden endete.
Der 1. FC Köln war in Liverpool am 17. März 1965 mit folgender Elf aufgelaufen: Anton Schumacher, Toni Regh, Fritz Pott, Matthias Hemmersbach, Wolfgang Weber, Hansi Sturm, Wolfgang Overath, Zeze, Karl-Heinz Thielen, Hannes Löhr, Heinz Hornig. In den Reihen des FC Liverpool standen mit Ron Yeats, Gordon Milne und Roger Hunt Spitzenspieler des europäischen Fußballs. Ihr Trainer war kein Geringerer als Bill Shankley.
Augenzeugen berichten, dass Anton Schumacher an diesem Tag Übermenschliches leistete. Von gefühlt hundert Schüssen und Kopfbällen der Reds auf seinen Kasten fischte er alles weg, er lag quer in der Luft, faustete, hechtete und drosch die Bälle aus dem 5-m-Raum oder lenkte sie mit den Fingerspitzen über den Querbalken. Die Experten waren sich einig: Anton Schumacher hatte in Liverpool eine Weltklasseleistung gezeigt.
So erzwang er quasi im Alleingang ein Entscheidungsspiel auf neutralem Boden in Rotterdam, wo Anton Schumacher seine Elf einmal mehr durch eine großartige Leistung vor einer Niederlage bewahrte. Auch dieses Spiel ging in die Fußballgeschichte ein. Nach einem 2:2 entschied ein Münzwurf, der wiederholt werden musste, weil die Münze hochkant im nassen Rasen steckengeblieben war. Der 1. FC Köln schied aus.
Karl-Heinz Schnellinger sagt, dass Schumacher ein besonders ruhiger, nervenstarker Torhüter gewesen sei und auf der Linie durch seine schnelle Reaktion und seine artistischen Paraden zu den besten seines Fachs in der Bundesliga gehörte.
Zur Saison 1966/1967 allerdings verpflichtete der Verein aus unerfindlichen Gründen mit dem jugoslawischen Torhüter Milutin Soskic einen weiteren Keeper. Toni Schumacher rückte wieder ins zweite Glied, Gründe dafür kennt er bis heute nicht. Beim 1. FC Köln war man schon vor Jahrzehnten zu allem fähig. Dass ein „Klassemann“ wie Anton Schumacher auf solche Weise mehr oder weniger abserviert wurde, war nicht in Ordnung.
1968 hatte der Held von Liverpool die Faxen der Müngersdorfer Verantwortlichen endgültig dicke und wechselte zum Regionalligisten Viktoria Köln.
Seine Laufbahn beendete er nach einem kurzzeitigen Engagement beim belgischen Erstligisten KV Mechelen und zwei weiteren Jahren bei der Rheydter Spielvereinigung, weil er eine schwere Armverletzung erlitt. Schumacher absolvierte 58 Bundesligaspiele für den 1. FC Köln, wurde einmal Deutscher Meister (1964) und einmal Deutscher Pokalsieger (1968).
Im Alter von 29 Jahren musste Anton Schumacher aufgrund seiner Verletzung die Fußball-Karriere frühzeitig beenden. Er arbeitete anschließend als Chef-Fahrer beim Deutschen Raiffeisenverband. Zum Hobby wurde dem legendären Torhüter sein Interesse an Jagd und Forstwirtschaft. Im Örtchen Weilerswist hegt er ein Waldstück mit 600 Fichten und Tannen. Er pflanzt Bäume und verkauft Christbäume. Ab und zu erhält er Besuch von seinen beiden Töchtern und deren Familien. Und noch immer hält er es mit seinem alten Klub, dem Effzeh, von dem er hofft, dass es wieder einmal bessere Zeiten für ihn gibt.
Dass über ihn noch immer geschrieben wird, dass man nach ihm fragt und ihn an seine großartige Leistung in Liverpool erinnert, berührt ihn nicht sonderlich. Es verwundert ihn eher. Anton Schumacher erweckt den Eindruck, es sei ihm eher unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen.
Der Mann, der kein Held sein will, und der doch einer war, wenn auch nur für einen einzigen Tag seines Lebens, ist alt geworden. Und für viele seiner Generation dennoch unvergessen.
Volkmar Groß. Der Berliner.
*31.1.1948 Berlin; † 3.7.2014 Berlin
Volkmar Groß ist ein Fall für sich. Er war in seiner Glanzzeit für mich der beste Torhüter, den ich je spielen sah, gleichermaßen stark auf der Linie und aufgrund seiner Körpergröße (1,93 m) der Herrscher des Strafraums. Unter der Präsidentschaft des legendären Vereinsvorsitzenden Otto Höhne, dem Rektor einer Zehlendorfer Grundschule, machte Volkmar Groß bei der „kleinen“ Hertha (Hertha 03 Zehlendorf) durch hervorragende Leistungen auf sich aufmerksam. Der Verein aus dem Nobelviertel im Süden Berlins galt jahrelang als Talentschmiede des Berliner Fußballs und darüber hinaus. Otto Höhne besaß ein Auge für Talente und holte sie reihenweise von noch kleineren Berliner Vereinen nach Zehlendorf in das Ernst-Reuter-Stadion in der Onkel-Tom-Straße. Dort erhielten sie den Feinschliff und wanderten anschließend zu den führenden Klubs in der Bundesliga, unter anderen Helmut Faeder, Christian Ziege, Robert und Niko Kovac. Auch Pierre Littbarski, vom VfL Schöneberg gekommen, machte Zwischenstation bei der „kleinen Hertha“ und ging anschließend zum 1. FC Köln.
Von der „kleinen Hertha“ wechselte Volkmar Groß zur „großen Hertha“ an den Gesundbrunnen, mit der er in die Bundesliga aufstieg. Für Hertha BSC trat er in über 100 Spielen an und gehörte zu den Meistern seines Fachs. Ferenc Puskas, der ungarische Weltstar der fünfziger Jahre, sah ihn in einem Spiel und kommentierte dessen Leistung mit „Weltklasse“.
Jäh unterbrochen wurde sein Aufstieg durch die Verwicklung des Klubs in den Bundesligaskandal im Jahr 1971. Über seinen Mitspieler Jürgen Rumor hatten Funktionäre von Arminia Bielefeld Kontakte zum Team der Berliner hergestellt und 250.000 DM geboten, falls Hertha das Spiel gegen die abstiegsbedrohte Elf von der Alm verlieren würde. Dagegen standen 140.000 DM von Kickers Offenbach im Falle eines Sieges gegen die Bielefelder, die der Offenbacher Bananenhändler und Präsident des OFC Horst Gregorio Canellas ins Spiel gebracht hatte. Bei der durch ihn erfolgten Aufdeckung des Skandals deklarierte der OFC-Präsident die in Aussicht gestellte Summe allerdings als „Scheinangebot“.
Die Berliner verloren das Heimspiel mit 0:1. Volkmar Groß wurde von der Presse dennoch eine gute Leistung bescheinigt. Nach dem Spiel trafen sich die Herthaner Spieler in der Gaststätte Waldhaus an der Havelchaussee auf ein Bier. Dort tauchte auch der Abwehrrecke Jürgen Rumor auf, um etwas Wichtiges mit seinen Kameraden zu besprechen. Das Treffen wurde in der Wohnung von Volkmar Groß fortgesetzt. Das in einem Aktenkoffer enthaltene Geld aus Bielefeld wurde unter den Spielern verteilt. Jeder Beteiligte bekam 15.000 DM. Volkmar Groß hat bis zuletzt behauptet, nicht absichtlich verloren zu haben. Kurze Zeit später ließ „Bananen-Canellas“ auf seiner legendären Geburtstagsparty im Sommer 1971 in Anwesenheit von Bundestrainer Helmut Schön die Katze aus dem Sack. Zunächst wurden nur die Hertha-Spieler Tasso Wild und Bernd Patzke vom DFB für vier Jahre gesperrt. Anschließend erwischte es auch die anderen Beteiligten, darunter Volkmar Groß, der zu den besten deutschen Torhütern gehörte, bereits ein Länderspiel in der A-Nationalmannschaft absolviert hatte und dem noch eine große Karriere bevorgestanden hätte. Volkmar Groß hat sich für sein unehrenhaftes Verhalten zeit seines Lebens geschämt.
Infolge der Sperre ging er für zwei Jahre nach Südafrika, spielte beim FC Hellenic Kapstadt und kehrte über eine weitere Zwischenstation bei Twente Enschede in Holland zurück nach Berlin. 1977 trat er in der Bundesliga-Rückrunde für die Tennis Borussen an. Es folgte ein zweijähriges Gastspiel bei Schalke 04, und der Abschluss der Karriere vollzog sich von 1979 bis 1983 in der North American Soccer League. Anschließend blieb Volkmar Groß noch weitere Jahre in den Vereinigten Staaten und arbeitete dort als Torwarttrainer und Autoverkäufer.
2003 eröffnete er in der Naumannstraße in Berlin-Schöneberg eine „Sportsbar“ (Volkmars Tor/HFC Sporteck), in der er bis zu seiner Krebserkrankung (2008) hinter dem Tresen stand. Hinzu kam eine Lungenerkrankung (COPD), die ihm erhebliche Atembeschwerden bereitete.
Volkmar Groß starb im Alter von 66 Jahren am 3. Juli 2014.
Klaus Thomforde. Das Tier im Tor.
*1.12.1962 Bremervörde-Milstedt
„In der ersten Liga Bälle zu halten finde ich total geil. Da geht mir voll einer ab!“ (Zitat Klaus Thomforde). Wer den Mann im Tor gesehen hat, der will das gerne glauben. Wer ihn persönlich kennt, hat zunächst einmal den Eindruck, dass es sich bei dem Kult-Keeper des FC St. Pauli um einen zurückhaltenden, bescheidenen und freundlichen Menschen handelt. Freundlich ist er ohne jeden Zweifel – und alles andere als ein Selbstdarsteller.
Der Ort Milstedt, in dem das „Tier im Tor“ geboren wurde, zählt gerade einmal 297 Einwohner und liegt in der Elbmarsch. Das Dörfchen zwischen Hamburg und Bremen wurde 1974 in die Stadt Bremervörde eingemeindet. Und der gelernte Finanzbeamte ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der berühmteste Sohn seines Geburtsortes.
Thomforde war bereits Beamter auf Lebenszeit, bevor er sich entschloss, in den Profifußball zu wechseln. Er spielte in der Jugend beim Bremervördener SC und dann, von 1983 bis 1992, insgesamt 359-mal im Tor des FC St. Pauli.
Hansi Bargfrede, sein Kumpel, hatte ihn mit zum Training ans Millerntor genommen, und der damalige Trainer der Paulianer, Michael Lorkowski, war von seinem Torwartspiel so begeistert, dass er ihm versprach, er werde ihn zum Bundesligatorwart machen.
Seine Ehefrau Manuela hat Klaus Thomforde im Clubheim kennengelernt. Sie war Fan des FC St. Pauli und wurde Fan von Klaus Thomforde. Das Ehepaar hat drei Söhne, zwei davon tragen den Vornamen Klaus: Malcolm-Klaus und Mortimer Klaus.
Klaus Thomforde erzählt, dass seine Frau ihn in der aktiven Zeit, wenn er auf dem Platz über das Ziel hinausgeschossen sei, ermahnt habe, stets mit dem Hinweis, wie sich sein Verhalten auf die Erziehung der Kinder auswirken könne. Das habe ihm zu denken gegeben. Doch ist der Mann aus der Elbniederung keiner, der sich außerhalb des Strafraums leicht aus der Ruhe bringen ließe.
Als Tormann hingegen wirkte „Klauuuuus“, wie ihn die Fans oft minutenlang feierten, manchmal so, als sei er auf „Droge“. Seinen Rufen und Gesten war zu entnehmen, dass er 90 Minuten lang brannte und fieberte. Todesmutig warf er sich ins Getümmel, und manchmal hielt er Sachen, die für einen Normalsterblichen nicht zu fassen waren. Wenn er dann wieder einen Ball in unverwechselbarer Manier gehalten hatte, rieb er sich die Hände, schüttelte die Fäuste wie in Ekstase und machte die „Säge“. „Das Tier im Tor“ ist bis heute der größte „Pusher“, den man je im Kasten des FC St. Pauli gesehen hat.
Dem Fußball-Magazin „11 Freunde“ erzählte Klaus Thomforde, er habe sich seine Art Torwart zu sein, bei zwei englischen Torhütern des FC Southampton abgekuckt, als man gemeinsam mit dem englischen Klub in einem Trainingslager in Spanien gewesen sei. Die Torhüter Tim Flowers und John Burridge hätten ständig geschimpft wie die Rohrspatzen. Doch anders als seine englischen Vorbilder lebte Klaus Thomforde auf dem Platz vor allem seine Freude aus. Das gab ihm Selbstvertrauen und motivierte ihn zu Höchstleistungen auf der Linie.
In wenigen, schwachen Momenten unterliefen ihm auch Fehler. Wahrscheinlich waren sie seiner Aufregung geschuldet. So hatten einige Zuschauer manchmal das Gefühl, der Keeper der Braunweißen wisse nicht, ob er den Ball im Sechzehner mit der Hand aufnehmen durfte oder mit dem Fuß spielen musste.
Nach seiner langen Karriere als Tormann beim FC St. Pauli, die er wegen eines Kreuzbandrisses beenden musste, machte der gutmütige Mann vom Millerntor als Torwart-Trainer auf sich aufmerksam. Er arbeitete bei Holstein Kiel, in Litauen und ist nunmehr seit vielen Jahren als erfolgreicher Torwart-Trainer der deutschen U-21 Auswahl tätig.
Volker Ippig. Der Hausbesetzer.
*28.1.1963 Eutin
Vor gut zehn Jahren, im kalten Spätherbst, konnten Besucher eines Kreisligaspiels im holsteinischen Wakendorf-Götzberg ein Aufwärmen der Gastmannschaft des TSV Lensahn beobachten.
Der auffälligste Mann bei der Vorbereitung war ein Spieler mit Zipfelmütze, der die Bälle mit Wucht aufs Tor drosch und bereits vor dem Anpfiff lautstark Anweisungen an seine Mitspieler gab. Als das Spiel begann, führte er den Anstoß aus und fungierte im weiteren Spielverlauf als Mittelstürmer, der unermüdlich ackerte und seine Mitspieler immer wieder aufs Neue antrieb. Der hochaufgeschossene Schlaks, bester Mann auf den Platz, war niemand anderes als der ehemalige Torhüter des FC St. Pauli, Volker Ippig. Damals hatte der Lensahner die Vierzig bereits deutlich überschritten.
Volker Ippig ist als Kämpfer für Gerechtigkeit und Sozialismus einerseits und mit seinem außergewöhnlichen und bedingungslosen Torwartspiel andererseits, ganz eindeutig eine wesentliche Figur unter den Gestaltern des FC St. Pauli Images als „linker“ Fußballclub. Er bestritt 144 Pflichtspiele für die „Boys in Brown“.
Als Sechzehnjähriger wechselte Ippig im Jahr 1979 vom Amateurverein TSV Lensahn im Ostholsteinischen zum über 100 km entfernten FC St. Pauli in Hamburg. Im Jahr 1981 stand der junge, großgewachsene Blonde zum ersten Mal im Tor der Ligaelf.
Der Weg zur Nummer 1, den er dann von 1987-1991 im Tor des FC St. Pauli machte, war von einigen Zwischenstationen und Umwegen gekennzeichnet. Ippig arbeitete vorübergehend in einem Heim für behinderte Kinder, nahm sich anschließend eine Auszeit und ging als Aufbauhelfer für ein Jahr nach Nicaragua, um dort am Bau eines Krankenhauses mitzuarbeiten. In der Saison 1986/1987 schaffte Volker Ippig den Durchbruch bei den Braun-Weißen und wurde Stammtorwart.
Nebenbei machte der große Blonde aus der holsteinischen Provinz durch seine Lebensart auf sich aufmerksam. Er entsprach in keiner Weise dem damals üblichen Klischee eines Fußballprofis, sympathisierte mit den Hausbesetzern am Hamburger Hafen, fuhr mit dem Fahrrad statt mit einem teuren BMW zum Training und machte aus seiner antiautoritären, linkspolitischen Einstellung keinen Hehl. Bei einem Interview im ZDF-Sportstudio trug die Galionsfigur aller fußballbegeisterten Linken in Deutschland Bauarbeiterschuhe. Bei den kurzen und knackigen Antworten des Interviewten blieb kein Auge trocken, und für die Fußballwelt im Lande war Volker Ippig fortan ein linker Revoluzzer im Torwarttrikot.
Dennoch wurde er zu einer Art Ziehsohn des damaligen FC St. Pauli-Präsidenten und Unternehmers Otto Paulick. Ippig zahlte seinem Förderer und dem Verein dessen Fürsorge durch gute Leistungen zurück.
Wieder einmal als Ablösung von Klaus Thomforde im Tor stehend, gelang es ihm, bei einem Auswärtsspiel gegen den haushohen Favoriten Bayern München durch Glanzparaden den eigenen Kasten sauber zu halten: Der FC St. Pauli, sich wieder einmal im Abstiegskampf befindend, schaffte durch diesen großen Tag seines Torhüters den einzigen Auswärtssieg der Braun-Weißen gegen die auf Meisterschaften und Pokalsiege abonnierten Bayern.
Infolge einer Rückenverletzung beendete Volker Ippig, der erste und überzeugteste Sozialist unter den Bundesligaspielern des 20. Jahrhunderts, im Jahr 1992 seine Karriere als Profi. Bei einem Training auf gefrorenem Boden hatte sich Ippig einen Knochen an der Wirbelsäule gebrochen. Das brachte ihn allerdings nicht dazu, dem Fußball auf Dauer „Adé“ zu sagen. Einige Jahre später lief er wieder als Mittelfeldspieler und Stürmer beim TSV Lensahn auf.
Auch sonst blieb die Torwartlegende aus Lensahn nicht untätig. Er schloss eine Ausbildung als Physiotherapeut ab, betrieb vorübergehend eine mobile Torwartschule und arbeitete zeitweilig als Torwarttrainer u. a. für den VfL Wolfsburg.
Noch als 55-Jähriger war Volker Ippig im Kader des TSV Lensahn gelistet, und da er Sonntag für Sonntag zum Fußball ging, nahm er seine Sporttasche immer mit. Er hätte im Notfall ja noch einmal einspringen können.
Der Vater von zwei Töchtern ist seit vielen Jahren als Lascher im Hamburger Hafen tätig und fährt täglich von Lensahn nach Hamburg und zurück. Seit 2011 wurde aus einer Tätigkeit auf Abruf eine Festanstellung.
Für die Fans vom Millerntor bleibt der Mann im gelben Pullover eine Symbolfigur ihres Vereins.
Harald Schumacher. Der Tünn.
*6.3.1954 Düren
„Toni“ Schumacher Zwo, der unter jüngeren Fußballfans gelegentlich als der einzig wahre Schumacher gilt, wurde am 6. März 1954 als Sohn einer Arbeiterfamilie in Düren geboren. Sein Vorbild war der aus Köln stammende Torhüter von Rot-Weiss Essen Fritz Herkenrath, der bei der WM 1958 in Schweden den Kasten der deutschen Nationalmannschaft sauber hielt, von Beruf Lehrer war und später als Professor für Sport an der Technischen Universität Aachen und der Universität Düsseldorf lehrte. Schon die Mutter Schumachers war eine glühende Verehrerin des Volksschullehrers gewesen und forderte ihren Knaben Harald, wenn Besuch kam, auf, „den Herkenrath zu machen“. Der hechtete dann wie ein Irrwisch über die Sofakissen im Wohnzimmer.
Im Alter von acht Jahren begann Harald Schumacher bei Schwarz-Weiß Düren zunächst als Feldspieler. In den Schülermannschaften wurde er auf allen Positionen eingesetzt, bis er auf Empfehlung seiner Mutter zwischen die Pfosten beordert wurde. Von nun an ging’s bergauf.
Nach Nominierungen in der DFB-Jugendnationalelf und beendeter Lehre als Kupferschmied schaffte Schumacher den Sprung in den Bundesligakader des 1. FC Köln. Jupp Röhrig, eine der Geißbock-Legenden in den fünfziger Jahren, hatte ihn empfohlen.
Seinen bis heute unter Fußballfans üblichen Vornamen Toni bekam Harald Schumacher nicht in Erinnerung an den Torwarthelden von Liverpool gleichen Namens. Mit dem Verteidiger Konopka gab es bereits einen „Harald“ in den Reihen der Geißböcke, der diesen Vornamen trug. Und da in Harald Schumachers Geburtsurkunde als zweiter Vorname der seines Großvaters Anton verzeichnet ist, nannten ihn Mitspieler und Freunde nun Toni oder „Tünn“.
Beim einst so großen Effzeh war aller Anfang schwer für den unbekümmerten und schmächtigen jungen Mann aus Düren, der in seinen ersten Auftritten zuweilen hypernervös agierte. Der „Tünn“ brauchte Zeit, um an einem Klasse-Keeper wie Gerd Welz vorbeizuziehen. Unübersehbar war seine Klasse in der Beherrschung des Strafraums und sein Können auf der Linie. Immer ging er auch dahin, wo es weh tat. Sein Aufstieg zu einem der herausragenden Nationaltorhüter war das Ergebnis eines unbezähmbaren Willens und einer unvergleichlichen Leidenschaft, mit der er seine Aufgaben erledigte. Er agierte angstfrei im Strafraum und warf sich ins Getümmel gegnerischer und eigener Spieler, wo immer er es für geboten hielt. Nicht lange und Harald Schumacher hielt sich selbst für den besten Mann seines Fachs im deutschen Fußball. Alsbald hatte auch die Fachwelt keinen Zweifel mehr an der herausragenden Qualität des Kölner Keepers.
Mit dem 1. FC Köln schaffte er im Jahr 1978 das Double: die Deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokalsieg. Im Jahr 1980 war er einer der herausragenden Spieler der in Italien stattfindenden Europameisterschaft, die die DFB-Nationalelf gewann. Im Endspiel um die Europameisterschaft spielte Schumacher mit einem gebrochenen Finger. Die Verletzung hatte er vor dem Spiel verheimlicht.
Bereits vor der WM 1982 in Spanien galt Harald Schumacher als einer der weltbesten Torhüter. Sein Image wurde jedoch durch ein Foul in der Halbfinalbegegnung des Turniers gegen die französische Nationalmannschaft geschmälert, das er beim Herauslaufen an dem gegnerischen Spieler Patrick Battiston beging, indem er den in hohem Tempo herannahenden Franzosen außerhalb des 5-m-Raums ansprang und verletzte. Battiston erlitt einen Kieferbruch und verlor zwei Zähne. Nach dem gewonnenen Elfmeterschießen zog die DFB-Nationalelf ins Endspiel ein und verlor den Kampf um die WM gegen Italien in Madrid mit 3:1.
Harald Schumacher, der das in die Fußballgeschichte eingegangene Foul so gewiss nicht beabsichtigte, durchlebte in der Folge dieses Auftritts eine schwere Zeit und wurde von Kritikern im Ausland als „Rambo“ und „Nazi“ geschmäht.
Überragend agierte der Kölner dann wieder als Nationaltorhüter bei der WM 1986 in Mexiko. Im mit 2:0 gewonnenen Halbfinale gegen die Franzosen war Schumacher der beste Mann auf dem Platz. Das Endspiel gegen Argentinien ging mit 2:3 verloren. Schumacher wurde zum besten Torhüter des Turniers gewählt und erhielt anschließend zum zweiten Mal die Auszeichnung „Deutschlands Fußballer des Jahres“.
Ein Jahr später avancierte Harald Schumacher mit der Veröffentlichung des Buches „Anpfiff“ auch noch zum Erfolgsautor. Das Buch wurde in 13 Sprachen übersetzt und hatte die Trennung des Klassemanns von Verein und DFB-Nationalelf zur Folge, weil die Veröffentlichung zahlreiche interne und brisante Informationen um das Fußballgeschehen in Deutschland beinhaltete. Schumacher, der seinen Nachfolger im Tor der Nationalelf, Eike Immel, im Buch sinngemäß als spielsüchtig bezeichnete hatte, wechselte zum FC Schalke 04, mit dem er 1988 aus der Bundesliga abstieg.

Mit dem türkischen Eliteklub Fenerbahçe Istanbul wurde er Meister und galt von nun auch in der Türkei als Held des Strafraums. In der Saison 1991/1992 kam es zu einem kurzen Engagement bei Bayern München (8 Spiele); es folgte ein weiterer Auftritt in der Saison 1995/1996 für Borussia Dortmund.
Harald Schumacher blieb auch nach der Karriere als Aktiver dem Fußball verbunden, arbeitete als Torwarttrainer für Schalke 04, Bayern München, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und als Chefcoach bei Fortuna Köln. Dort wurde er nach einem Streit mit dem unvergessenen Präsidenten Jean Löring als erster und wohl einziger Trainer des deutschen Profi-Fußballs in der Halbzeitpause entlassen.
Von 2012 bis 2019 amtierte Harald Schumacher als Vizepräsident des 1. FC Köln. Bis heute zählt die Legende im Tor der Geißböcke zu den beliebtesten Akteuren im deutschen Fußball, auch wenn die Sympathie für diesen Vertreter des offenen Wortes nicht allerorten geteilt wird.
Eike Immel. Der Zocker.
*27.11.1960 Stadtallendorf
Der Ausnahmetorhüter der achtziger und neunziger Jahre ist gebürtiger Oberhesse. Er wuchs in Erksdorf bei Marburg auf dem Bauernhof seiner Eltern auf und machte seine ersten Schritte als Fußballer beim späteren Hessenligisten Eintracht Stadtallendorf als Feldspieler in der Jugendmannschaft.
Sein großes Talent zeigte sich erst, nachdem er von den dortigen Jugendbetreuern im Tor aufgestellt wurde. Er wurde in verschiedene Auswahlteams des Kreises Marburg-Biedenkopf und des hessischen Fußballverbandes berufen, und so geriet er ins Blickfeld von Beobachtern einiger Bundesligavereine.
Im Alter von 15 Jahren wechselte er zu Borussia Dortmund, lebte dort in einer Pflegefamilie und schloss eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ab. Bereits im ersten Spiel als Bundesligaprofi gegen Bayern München glänzte er mit einer Klasseleistung, die er als seinerzeit jüngster Bundesligatorwart von nun an immer wieder bestätigte.
Schon jetzt gab es Gerüchte über Discobesuche und übermäßigen Alkoholkonsum des Jungstars. Doch im Kasten der Borussen gab es keinen besseren als ihn, und nicht nur dort: Bei der Europameisterschaft 1980 in Italien gehörte er zum Kader der DFB-Nationalelf. Nebenbei fuhr er den einen oder anderen Sportwagen zu Schrott und machte nach seinem Wechsel zum VfB Stuttgart im Jahr 1986 Schlagzeilen in der Boulevardpresse, weil er hohe Summen beim Kartenspiel einsetzte – und dabei oft verlor.
Auch aufgrund beständig guter Leistungen der Nummer 1 im Kasten des VfB errang er mit seinem Verein in der Saison 1991/1992 die Deutsche Meisterschaft. Vom VfB Stuttgart wechselte er zum Premier-League Club Manchester City, mit dem er abstieg und bei dem er in der Folgesaison wegen einer Rückenverletzung nicht mehr zum Zuge kam. Anschließend arbeitete Immel als Torwarttrainer, u. a. bei Besiktas Istanbul und Austria Wien.
Eike Immel setzte auf ein ihm empfohlenes Steuersparmodell und investierte in sechs Luxus-Wohnungen im Hagener Stadtteil Haspe. Da die Wohnungen in einem sozialen Brennpunkt der Stadt gelegen waren, entpuppte sich der Kauf als ein äußerst verlustreiches Geschäft.
Im Sommer 2012 musste sich Immel vor einem Dortmunder Gericht wegen angeblichen Kokainankaufs und nicht gezahlter Unterhaltsleistungen verantworten. Im Falle des Kokainkaufs wurde Eike Immel freigesprochen, nachdem die Hauptbelastungszeugin ihre Aussage widerrief. Der Vorwurf, er habe in einem Bordell in Schwerte in 78 Fällen Kokain zum Eigenbedarf erworben, hatte sich als haltlos erwiesen. In Presse und Medien, die über den Freispruch wegen Drogenbesitzes deutlich verhaltener berichteten als über die Anklage, blieb dennoch – wie in so vielen vergleichbaren Fällen – etwas hängen, und das machte die Zukunft des Nationaltorhüters nicht leichter, auch wenn Eike Immel versicherte, dass er weder drogenabhängig noch ein Puffgänger sei.
Sein andauerndes Rückenleiden machte ihm eine ständige Beschäftigung als Torwarttrainer im Profibereich unmöglich, und infolge finanzieller Schwierigkeiten trat er nun in Talkshows und in der RTL-Dschungel-Show auf. Zeitweilig musste Eike Immel Hartz IV beantragen. Im Universitätsklinikum Gießen ließ er sich im Jahr 2016 operieren und bekam eine neue Hüfte.
Die Kinder Daniel und Desiree standen ihm in der Folgezeit bei und unterstützten ihn. Aus Stadtallendorf erreichte ihn ein Anruf des Unternehmers Wolfgang Schratz. Der holte ihn als Torwarttrainer zurück in seine Heimat.
Heute lebt der Mann, der 19-mal in der DFB-Nationalmannschaft auflief und über 500 Spiele in der Bundesliga absolvierte, wieder in Stadtallendorf. Seit 2017 ist er als Berater des dortigen Eintracht-Vorstandes tätig und trainiert jetzt die Reserve des TSV Eintracht, die in der Kreisliga spielt.
Im Frühjahr 2019 berichtete die Marburger Lokalpresse, dass Eike Immel eine Autobiographie geschrieben habe, für die er nach einem Verlag sucht.
Oliver Kahn. Der Titan.
*15.6.1969 Karlsruhe
Wie seine Vorgänger in der Nationalmannschaft begann auch Oliver Kahn in den Schülermannschaften seiner badischen Heimat als Feldspieler. Der Fußball war ihm in die Wiege gelegt, denn schon sein Vater Rolf Kahn hatte als Mittelfeldspieler beim KSC in den ersten Bundesligajahren von sich reden gemacht. Oliver Kahns Großmutter väterlicherseits war Lettin.
Nachdem ihm der Großvater eine Torhüterausrüstung besorgt hatte, verlegte der kleine Oliver sein fußballerisches Aktionsfeld zwischen die Pfosten und begann, besessen von seiner neuen Mission, eine Karriere, die ihn über die badischen Jugend-Auswahlmannschaften bis in die Nationalelf führte und zu einem der weltbesten Torhüter werden ließ.
Bundes-Berti hielt ihn zunächst aufgrund seiner Körperstatur nicht unbedingt prädestiniert für internationale Aufgaben. Doch Oliver Kahn ging unbeirrt seinen Weg und absolvierte ein ums andere Mal Sondertrainingseinheiten im Kraftraum, um an Muskulatur und Sprungkraft zuzulegen. Nach bestandenem Abitur konzentrierte sich Kahn auf den Fußball und schaffte den Sprung in die erste Elf des KSC. Nebenbei nahm er ein Fernstudium der Betriebswirtschaftslehre auf.
Unter Trainer Winfried Schäfer reifte er zu einem Keeper der Extraklasse, der in einem Atemzug mit Bodo Illgner genannt wurde, obwohl er bis zu diesem Zeitpunkt nicht für die DFB-Nationalelf nominiert war. Auf der Linie zeigte er Reaktionsschnelligkeit und glänzte durch artistische Paraden. Im Strafraum griff er mutig ins Geschehen ein, sodass er im Jahr 1993 zum „Torhüter des Jahres“ gewählt wurde. Zur Saison 1994/1995 wechselte Kahn zu Bayern München. 1995 kam Kahn zu seinem ersten Einsatz in der Nationalmannschaft. Bei den Bayern rief er seinen Mitspieler Andreas Herzog wegen dessen mangelndem Defensivverhalten auf ungewöhnliche Weise zur Ordnung und unterstrich dadurch seine Kämpfermentalität. Kahn schnappte den Österreicher am Oberkörper und schüttelte ihn kräftig durch – ein Bild, das in die Geschichte der Bundesliga eingegangen ist. Unter Torwarttrainer Sepp Maier trug er entscheidend zu den Erfolgen der Bayern bei. In der Saison 1998/1999 blieb er 735 Minuten ohne Gegentor und wurde im Jahr 1999 zum „Welttorhüter des Jahres“ gewählt.
Sein Siegeswille machte ihn zu einem von Feind und Freund gefürchteten Löwen im Strafraum. Er brüllte Gegenspieler Andy Möller im Wortgefecht derart aggressiv ins Ohr, dass der Dortmunder einen Hörsturz befürchten musste, und Heiko Herrlich ging er in einer Weise an den Hals, dass die Zuschauer meinten, Dracula sei wiederauferstanden. Oliver Kahn, inzwischen wieder abgekühlt, kommentierte ironisch: „Der Trainer hat gesagt, wir sollen uns am Gegner festbeißen. Das habe ich versucht zu beherzigen.“ Unter solch unbeherrschten Aktionen litt sein Ansehen aber, vor allem bei den gegnerischen Fans.
Den endgültigen Heldenstatus erlangte Oliver Kahn dann beim im Jahr 2002 in Japan ausgetragenen WM-Turnier, in dem die deutsche Nationalmannschaft ins Endspiel vordrang und gegen Brasilien verlor. Allein ihm war infolge seiner überragenden Leistungen der Einzug der Deutschen ins Finale zu verdanken. Von Journalisten wurde ihm der Titel „Bester Spieler der WM 2002“ verliehen. Die Fachzeitschrift „Kicker“ gab ihm zum sechsten Mal das Prädikat „Weltklasse“ und er wurde mit der „Lew-Jaschin-Trophäe“ ausgezeichnet. Im Januar 2003 wählten ihn Sport-Journalisten zum dritten Mal zum „Welt-Torhüter des Jahres“.
Zum 1. Januar 2020 wurde Oliver Kahn in den Vorstand des FC Bayern München berufen.
Tim Wiese. Der Wrestler.
*17.12.1981 Bergisch Gladbach
Tim Wiese ist gebürtiger Rheinländer. Er wurde in Bergisch Gladbach geboren und in seinem ersten Fußballjahr in der E-Jugend des DJK Dürscheid als Stürmer eingesetzt. Über die Jugendmannschaften von Bayer 04 Leverkusen wechselte er zum damaligen Regionalligisten Fortuna Köln.
Gerry Ehrmann, langjähriger Torwarttrainer des 1. FC Kaiserslautern, entdeckte ihn für die roten Teufel vom Betzenberg. Nach 80 Spielen für die Lauterer wechselte er zu Werder Bremen. Hier hatte er seine Glanzzeit und wurde 6-mal in die Nationalmannschaft berufen. Allerdings gewann die DFB-Elf keines dieser Spiele. Während der WM 2010 gehörte er zum Kader der DFB-Nationalelf, wurde aber nicht eingesetzt.
Wiese galt als Elfmetertöter und war sowohl auf der Linie als auch im Strafraum ein herausragender Tormann. Die Fans von Werder Bremen feierten Wiese für drei im Pokalhalbfinale 2009 gegen den Erzfeind HSV gehaltene Elfmeter. Danach war ein Wechsel zu Real Madrid im Gespräch, aus dem jedoch nichts wurde.
In Erinnerung blieben auch zwei spektakuläre Fouls, die er gegen den HSV-Stürmer Olic und den Bayern-Star Thomas Müller beging. Sein Engagement bei der TSG Hoffenheim endete in der „Trainingsgruppe 2“ und mit einer Auflösung des Vertrages.
Zuvor hatte sich Wiese mit Bundestrainer Löw angelegt: Er kritisierte seine Nichtnominierung und gleichzeitig seine Konkurrenten auf der Torhüterposition. „Ich werde weiterkämpfen, bis mir das Blut aus den Ohren tropft“, gab er zu Protokoll.
Zuletzt kam er noch einmal als Schlussmann des SSV Dillingen, einem Kreisligaverein in Schwaben, zum Einsatz.
Auch nach der aktiven Fußballerzeit machte Tim Wiese immer wieder von sich reden.
Unter dem Namen „Tim The Machine“ nahm er im Herbst 2016 erstmals an einem Wrestling Turnier in der Münchner Olympiahalle teil.
Ende 2017 wurde in Hamburg sein Wagen, ein 300.000 Euro-Auto der Marke Lamborghini Aventador einkassiert, weil das Fahrzeug die zulässigen Dezibel-Werte überschritt.
Im November 2019 verhörte man Tim Wiese als Zeuge, weil er anlässlich einer Schießerei in der Nähe des Berliner Kudamms auf einem zufällig aufgenommenen Video eines Taxifahrers zu sehen war. In diese Auseinandersetzung zweier Großfamilien, bei der es um die Ablösesumme für eine Prostituierte gegangen sein soll, war Wiese jedoch nicht verwickelt. Seine Befragung durch die Polizei blieb unergiebig. Dem Image des einst so großartigen Torhüters war der Vorgang dennoch nicht dienlich.
EISENFÜSSE
Josef Piontek. Der Sepp.
*5.3.1940 Breslau
In einer Umfrage der Autoren dieses Buches bei früheren Mittelfeldspielern und Stürmern, wer denn in den Anfangsjahren der Bundesliga der gefürchtetste Abwehrspieler gewesen sei, nimmt Sepp Piontek noch vor seinem Mannschaftskameraden Horst-Dieter Höttges überraschenderweise Platz 1 ein. Diese beiden Spieler bildeten zusammen mit Max Lorenz und Helmut Jagielski eine Defensivabteilung beim SV Werder Bremen, die von allen Stürmerstars der Bundesliga gefürchtet wurde.
Der Vater von Sepp Piontek, Leo Piontek, hatte als Regisseur der schlesischen Mannschaft Germania Königshütte geglänzt und vor dem Krieg an der Gaumeisterschaft Oberschlesien teilgenommen.
Sohn Josef Emanuel Hubertus Piontek musste seine Heimat im Alter von fünf Jahren, als der Krieg zu Ende war, verlassen und zog mit seinen Eltern nach Leer in Ostfriesland. Dort spielte er in der Schülermannschaft von Germania Leer als Mittelstürmer. Als er zwanzig Jahre alt war, wechselte Piontek zu Werder Bremen in die Oberliga Nord. Auch hier begann er auf der zentralen Stürmerposition, begleitet und gefüttert mit den Flanken von Willi Schütz und Gerd Zebrowski.
Noch vor Beginn der Bundesliga übernahm er die Position des rechten Verteidigers, zuweilen spielte er auch als Mittelläufer, um den gegnerischen Mittelstürmer auszuschalten. Piontek ließ seinen Gegenspielern keinen Raum. Er stand ihnen auf dem Fuß und war ein Zerstörer, der immer einen Schritt schneller am Ball war als der Spieler, den er auszuschalten hatte. Schnelligkeit, perfektes Tackling und Laufbereitschaft kennzeichneten seine Auftritte. „Bei Sepp Piontek war man gut beraten, ihm aus dem Weg zu gehen, wenn man den Ball führte“, äußerte Kölns Stürmerstar Hannes Löhr im Gespräch, „mit dem war nicht gut Kirschen essen. Aber ein Treter war er nicht.“
In den sechziger Jahren hat Sepp Piontek einen kleinen Jungen, der im Eis eingebrochen war, durch einen Sprung ins eiskalte Wasser vor dem Ertrinken gerettet.
Den Höhepunkt seiner Popularität erreichte der sechsmalige Nationalspieler allerdings nicht auf, sondern neben dem Platz. Den Trainerlehrgang an der Sporthochschule in Köln hatte der einstige Student Sepp Piontek als Lehrgangsbester mit der Note 1 bestanden. Nachdem er zu Beginn der siebziger Jahre für ein gutes halbes Jahr das Traineramt bei Werder Bremen wahrgenommen hatte und auch bei Fortuna Düsseldorf unter Vertrag gewesen war, betreute er die Nationalmannschaft von Haiti. Die an Zitaten reiche Fußball-Literatur dokumentiert einen Spruch von Sepp Piontek, in dem er zum Besten gibt, dass er die Aufstellung und Taktik des Haiti-Teams zuvor mit dem dortigen Landes-Diktator habe besprechen müssen, und dass die Scheine seines Honorars im Keller der Villa des Herrschers gedruckt wurden und bei der Aushändigung noch feucht gewesen seien. Aber er habe damit überall und alles bezahlen können.
In der Saison 1978/1979 trainierte er den FC St. Pauli. Da war das Geld wahrscheinlich knapper als in Haiti. Im Sommer 1979 wechselte er nach Dänemark und übernahm das Training der dänischen Nationalmannschaft, die bis dahin im europäischen Fußball keine besondere Rolle gespielt hatte. Die dänische Sprache erlernte er innerhalb weniger Wochen, sodass er die Mannschaftsbesprechung vor dem ersten von ihm als Trainer verantworteten Länderspiel in der Landessprache abhalten konnte. Mit ihm begann die bis dahin erfolgreichste Epoche im dänischen Fußball. Im September 1983 besiegten die Dänen die hochfavorisierte englische Nationalmannschaft mit 1:0 im Wembley-Stadion. Während der EM 1984 erreichte das Team das Halbfinale, schied dann jedoch im Elfmeterschießen gegen Spanien aus. Auch bei der WM 1986 in Mexiko zeigte die Dänen-Elf den von ihrem Trainer präferierten herzerfrischenden Offensivfußball. Elf Jahre lang, von 1979 bis 1990, war Piontek Trainer der dänischen Nationalmannschaft.
Von 1990 bis 1993 arbeitete Sepp Piontek als Trainer der türkischen Nationalmannschaft, betreute parallel dazu kurzfristig den Erstligisten Bursaspor und nach der Rückkehr nach Dänemark den Erstligisten Aalborg BK. Es folgten zwei weitere Engagements: bei Silkeborg IF (Midtjylland) und als Trainer der Nationalmannschaft von Grönland.
Auch aus Grönland wusste Sepp Piontek Anekdoten zu berichten, die mehr seinem Humor als der Realität geschuldet waren: In Grönland, so Piontek, sei er mit Sachwerten bezahlt worden, durfte Eisbären und Rentiere jagen und wurde ständig mit frischem Fisch und Krabben versorgt. Seine Spieler seien unglaublich ehrgeizig gewesen, mit der Technik habe es etwas gehapert. Und wenn auf dem nahe dem Meer gelegenen Trainingsplatz ein Wal in den Wellen gesichtet worden sei, dann wären alle Spieler im Nu zu den Booten gerannt, um den Wal zu erlegen.
Wie auch immer: Seppl Piontek hat einiges erlebt auf seinen Reisen durch die Welt des Fußballs. Und vieles bewegt!
Sepp Piontek lebt mit seiner dänischen Frau Gitte auf der Insel Fünen in der Nähe von Odense. Das Ehepaar hat eine Tochter. Im März 2020 feierte Sepp Piontek seinen 80. Geburtstag.
Horst-Dieter Höttges. Der Eisenfuß.
*10.9.1943 Mönchengladbach
Horst-Dieter Höttges, genannt Eisenfuß, absolvierte 420 Bundesligaspiele. Er wurde mit Werder Bremen Deutscher Meister und mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister 1972 und Weltmeister im Jahr 1974 (stand allerdings nicht in der DFB-Endspielelf) und nahm insgesamt an drei Weltmeisterschaften (1966, 1970, 1974) teil.
Höttges, der einmal gesagt hat, „solange ich spiele, steigt Werder nicht ab“, beendete seine Karriere im Jahr 1978. Ein Jahr später landete Werder Bremen in der 2. Liga.
Der Mann, der 1943 in München-Gladbach (damaliger Ortsname von Mönchengladbach) geboren wurde, lief von 1960 bis 1964 für die Gladbacher Borussen auf. Mit einer Größe von 1,76 m war er auf sämtlichen Defensivpositionen einsetzbar: als Außenverteidiger ebenso wie als Vorstopper oder Libero.
Nur Experten werden sich daran erinnern, dass er in seiner Bundesligazeit 55 Tore schoss, davon 39 Elfmeter und 5 Freistoßtore (DFB-Pokalspiele eingerechnet). Immerhin brachte es der zuverlässige Abwehrmann auf 66 Länderspiele, und beim 12:0-Sieg der DFB-Auswahl gegen Zypern im Mai 1969 erzielte er sein einziges Länderspieltor. Fachleute unter seinen Zeitgenossen und ehemalige Mitspieler äußern sich ausnahmslos anerkennend über den einstigen Abwehrstrategen.
Uwe Seeler sagt: „Er war für mich stets ein guter Kamerad. Auf dem Feld hat er bis zum letzten Tropfen immer alles gegeben. Das gemeinsame Wembley-Finale von 1966 wird uns auf ewig verbinden.“ (6)
Wer gegen Höttges antreten musste, hatte meistens nichts zu lachen. In der Wahl der Mittel, einen Gegenspieler zu stoppen, war er nicht kleinlich. Wolfgang Overath, nach seinen härtesten Kontrahenten befragt, nennt an erster Stelle Horst-Dieter Höttges: „Der hat keinen Gegner geschont, von ihm hielt ich lieber Abstand. Auch wenn er am Ball nicht der Stärkste war, konnte er einen Stürmer zur Verzweiflung bringen. Gegen ihn hat keiner gern gespielt.“ (7)
Höttges war nicht nur zweikampfstark, sondern auch schnell und laufstark. Fußball war für ihn kein Zuckerschlecken, sondern harte Arbeit, bei der es nichts zu lachen gab. Fotos, auf denen er fröhlich und gelöst wirkt, gibt es so gut wie nicht. Wer ihm beim Fußballspiel begegnete, konnte nicht umhin, in Horst-Dieter Höttges einen bierernsten Vertreter seines Fachs zu sehen.
Wolfgang Weber vom 1. FC Köln, der beste Vorstopper der Welt in den sechziger Jahren, der nach seiner aktiven Karriere als Trainer bei Werder Bremen arbeitete, attestierte seinem Kollegen „ein erstklassiger Fußballer“ gewesen zu sein, und „einer, den niemand als Gegenspieler haben wollte.“ (8)
Max Lorenz, selbst eine Werder-Legende, sagt: „Wenn er selbst mal gefoult wurde, ist Horst schnell aufgestanden und hat die Sache auf dem Platz geregelt.“ (9)
Den Weltfußballer Pelé brachte er bei einem Länderspiel in Rio de Janeiro so in Rage, dass der ihn mit einem Revanche-Foul zum Verlassen des Platzes veranlasste. Über sich selbst hat Höttges einmal gesagt, er sei kein überragender Fußballer gewesen.
In einem Artikel des Fußballmagazins „11 Freunde“ ist Horst-Dieter Höttges auf Platz Nummer 5 unter den „härtesten Hunden aller Zeiten“ mit der Headline „Ein Tritt für alle Fälle“ aufgeführt. Anerkennend wird berichtet, dass der „Eisenfuß“ „trotz seines martialischen Spitznamens nur magere 16 gelbe Kartons“ in 420 Spielen gezeigt bekam. (10). Das muss dem Mann erst mal einer nachmachen.
Als Stammspieler nahm Höttges im Alter von 23 Jahren an der Weltmeisterschaft in England teil. Unvergesslich eingeprägt hat sich bei ihm, dem Mann, der auf dem Platz nichts anbrennen ließ, der Tag des Weltmeisterschafts-Endspiels der DFB-Nationalmannschaft gegen England im Jahr 1966, das die Deutschen unglücklich durch das „Wembley-Tor“ mit 4:2 verloren.
Der Mann, den er zu bewachen hatte, Geoffrey Hurst, erzielte drei Tore. „Ein wahrer Alptraum“ (11), so blickt Horst-Dieter Höttges auf jenen denkwürdigen Tag zurück, der für ihn einer der schwärzesten in seiner Karriere war. Kritiker des Trainers Helmut Schön schreiben die Niederlage gegen die Engländer der Nominierung des Werderaners zu, der angeblich leicht verletzt ins Spiel gegangen sein soll.
Nach all den Jahren an der Weser wurde Horst-Dieter Höttges, der geborene Rheinländer, ein Norddeutscher mit Leib und Seele. Auch nach der aktiven Zeit hat er als Trainer und Betreuer für Werder gearbeitet und lebte in Achim bei Bremen.
Dort hatte er neben seinem fußballerischen Wirken bereits im Jahr 1972 Aufmerksamkeit erregt, als es um eine Kandidatur bei einer Kommunalwahl ging. Die Achimer CDU wollte den Freund der Christdemokraten, der zumindest damals nicht Mitglied der Partei war, auf die Liste setzen, doch der zauderte. Der „Spiegel“ wusste zu berichten: „Bislang hatte sich Höttges in seiner Heimatgemeinde, wo er mit Ehefrau Inga und den Söhnen Andre und René einen Acht-Zimmer-Bungalow samt Bar im Keller und Farbfernseher im Schlafgemach bewohnt, lediglich als Mitglied eines ‚Vereins zur Erhaltung der Windmühle‘ hervorgetan, die neben dem Höttges-Haus weiterklappern soll.“ (12).
Wie das Endspiel im Londoner Wembley-Stadion ausgegangen wäre, wenn die deutsche Elf statt der zahlreichen CDU/CSU-Sympathisanten (Vogts, Beckenbauer, Höttges, Overath, Willi Schulz) noch mehr sozialdemokratische Parteigänger (zu ihnen gehörten aus der Wembley-Elf 1966 Hans Tilkowski, Paul Breitner und Lothar Emmerich) in ihren Reihen gehabt hätte, ist indessen offen. Doch viel mehr als die Genannten gab es wahrscheinlich im Kader von Helmut Schön gar nicht.
Zeitungsmeldungen zufolge soll Höttges in seinen späteren Lebensjahren alkoholabhängig gewesen sein. Im Jahr 2016 wurde ihm der Führerschein entzogen. Im Herbst 2019 meldete die BILD-Zeitung, Horst-Dieter Höttges, inzwischen 76 Jahre alt, habe einen Alkoholentzug in einer Suchtklinik erfolgreich durchstanden.
Inzwischen lebt Höttges, der an Demenz leidet, in einem Pflegeheim bei Bremen.
Uli Borowka. Die Axt.
*19.5.1962 Menden/Sauerland
Uli Borowka, wegen seiner harten Gangart „Die Axt“ genannt, wurde in Menden im Sauerland geboren.
Nach verschiedenen Stationen im Jugendfußball bei Vereinen im Ruhrgebiet, begann Borowkas Karriere im Alter von 18 Jahren bei den Amateuren von Borussia Mönchengladbach. Er brachte es auf 388 Bundesligaspiele bei Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen. Je zweimal wurde er mit den Bremern Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger. 1992 gewann er mit Werder Bremen der Europapokal der Pokalsieger. Sechs Spiele absolvierte Borowka für die DFB-Nationalmannschaft.
In der Bundesliga galt der 1,77 m große Borowka als einer der härtesten Abwehrspieler und Manndecker aller Zeiten. Er langte zu, wenn er es für geboten hielt, und seine Gegner waren gut beraten, ihm aus dem Weg zu gehen.
Schon bei Werder Bremen wurde Borowkas Alkoholabhängigkeit offenkundig. Nachdem er Anfang 1996 mit 1,3 Promille im Blut seinen Porsche gegen einen Baum setzte, kündigten ihm die Verantwortlichen an der Weser den Vertrag.
Borowka erzählt von sich, dass er nie, wie andere seiner Zunft, nach zwei Bier habe Schluss machen können mit dem Trinken. Am bitteren Ende seiner Alkoholkrankheit war es dann eine ganze Kiste, die er trank. Wenn Uli Borowka getrunken hatte, neigte er zu Gewaltausbrüchen und verlor völlig die Kontrolle über sich. Seine Ehe ging in die Brüche, und als alles Geld aufgebraucht war, musste er sein Haus verkaufen.
Borowka beendete seine Karriere unter schwierigsten Bedingungen im Jahr 1998 bei Widzew Lodz in der ersten polnischen Liga. Infolge seiner anhaltenden Krankheit kam er in Polen nur achtmal zum Einsatz. Sein Vertrag wurde nicht verlängert.
Im Jahr 2000 unterzog sich der ehemalige Nationalspieler einer viermonatigen stationären Entziehungskur und ist seither abstinent. Er schrieb eine Biografie unter dem Titel „Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker“, die ein Bestseller wurde. Bis heute engagiert sich Borowka in einem Verein für Suchtprävention, den er gegründet hat. Es gibt keinen ehemaligen Profi der Bundesliga, der sich so ausdauernd und vehement mit den Problemen und der Bekämpfung des Alkoholismus auseinandersetzt wie Uli Borowka.
Zugleich engagiert er sich in den sozialen Netzwerken, nicht nur gegen die Alkoholkrankheit. Auch die Sorge um die Zukunft des SV Werder Bremen lässt ihn nicht ruhen. Mit Kritik an den Verantwortlichen für die gegenwärtig schwierige Situation des traditionsreichen Vereins von der Weser hält er sich nicht zurück.
Heute ist Uli Borowka wieder verheiratet. Er hat drei Kinder, eines davon aus seiner zweiten Ehe. Er lebt in Niedersachsen, arbeitet im Sportmarketing und organisiert Fußball-Camps für Kinder und Jugendliche. (13)
Stig Töfting. Der Tätowierte.
*14.8.1969 Aarhus/Dänemark
Im Alter von 13 Jahren ereilte den späteren Fußballprofi ein schweres Schicksal, das für lange Zeit in der Medienwelt geheim bleiben sollte. Stig Töftings Eltern kamen bei einer Familientragödie ums Leben. Erst viele Jahre später wurde berichtet, dass der kleine Stig, in Dänemark „Töffe“ genannt, am Tag nach dem Tod der Eltern bei einem Jugendturnier Fußball spielte und nach einem Lob seines Trainers wortlos davongerannt sei. (14)
Die Profikarriere des Dänen begann im Jahr 1989 bei Aarhus GE Von dort wechselte er nach 5 Jahren zum Hamburger SV. Während seines ersten Gastspiels an der Elbe kam Töfting nur sporadisch zum Einsatz und spielte zeitweilig auf Leihbasis für Odense BK, den dänischen Erstligisten auf der Insel Fünen. 1997 kehrte Töfting über eine Zwischenstation beim MSV Duisburg, wo er Stammspieler war, zum HSV zurück. Vom Volkspark wechselte er zu den Bolton Wanderers in England.
Töfting nahm für die dänische Nationalmannschaft an den Weltmeisterschaften in Frankreich (1998) und Japan (2002) teil. Nach dem Ende der aktiven Laufbahn arbeitete er als Co-Trainer von Randers FC und bei Aarhus GF.
Ein Ballzauberer war Stig Töfting zu keiner Zeit, dafür umso erbarmungsloser, wenn es um die Verhinderung von Angriffen seiner Gegner ging. Da kannte der kahlköpfige Defensiv-Mittelfeldspieler kein Pardon. Das tätowierte Kraftpaket mit dem Körper eines Bodybuilders pflegte einen Stil, der jedem gegnerischen Spieler Angst und Schrecken einflößte, bevor das Spiel überhaupt angepfiffen wurde. Einem Mann wie ihm ging man besser aus dem Weg.
Das galt auch jenseits des Platzes, aber nicht jeder, der ihm im Laufe seines ereignisreichen und manchmal tragischen Lebens begegnete, wusste davon. Weggefährten in jenen Jahren bezeichneten den 41-maligen dänischen Nationalspieler im alltäglichen Umgang als netten Kerl, auf den man sich verlassen könne.
Bereits im Jahr 1999 wurde gegen Stig Töfting eine mehrtätige Haftstrafe verhängt, weil er in alkoholisiertem Zustand einen Mann in einem Schnellimbiss in Aarhus tätlich angegriffen hatte. Zeugen sagten aus, der Mann habe ihn provoziert und als „Verräter“ und „Deutschenschwein“ bezeichnet. Zu seinem engeren Bekanntenkreis soll damals auch der Chef einer „Hells-Angels“-Gruppe gehört haben.
Drei Jahre später kam es noch schlimmer. Bei einer Abschiedsfeier der dänischen Nationalmannschaft im Juni 2002 versetzte Töfting dem Barkeeper des „Cafe Ketchup“, einem beliebten Restaurant in Kopenhagen einen Kopfstoß, und dem, seinem Kollegen zur Hilfe eilenden Koch, einen Faustschlag. Dafür wurde er zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte vier Jahre gefordert. Auslöser des Streits war, dass Töfting die Musik im Restaurant zu laut fand, weil er und seine Mitspieler singen wollten. Der Restaurant-Manager hingegen hatte Töfting und die Spieler gebeten, das Singen einzustellen.
Diesen erneuten Ausraster erklärte Töfting mit dem Hinweis, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Wegen des Vorfalls und der folgenden Haftstrafe, die er im Frühjahr 2003 im Gefängnis Mögelkaer in Dänemark antrat, trennten sich die Bolton Wanderers von ihrem Spieler Töfting.
Nach seiner Entlassung kickte er in China und kehrte anschließend in sein Heimatland zurück, um erneut für seinen Stammverein Aarhus GF anzutreten. Dort feuerte man ihn wegen einer erneuten Prügelei, in die er verwickelt war.
Sein nächster Verein wurde der schwedische Erstligaklub BK Häcken, bevor „Töffe“ vom dänischen Zweitligisten Randers FC verpflichtet wurde. Mit diesem Team stieg er in die erste Liga auf. Dreimal wurde Stig Töfting dänischer Pokalsieger: 1992 und 1996 mit Aarhus GF, 2006 mit Randers FC. Ein Mitspieler in Reihen von Bolton Wanderers wunderte sich indessen nicht über den „Körpereinsatz“ seines Kollegen. Der sei eben sehr temperamentvoll und flippe schon mal aus, wenn man ihn provoziere.
Stig Töfting ist verheiratet und hat drei Kinder.
Bernd Hollerbach. Ho-ho-Hollerbach.
*8.12.1969 Würzburg
In der Bundesliga hat Bernd Hollerbach für den FC St. Pauli, den 1. FC Kaiserslautern und den HSV gespielt.
Geboren wurde er in Rimpar, einem Ort bei Würzburg. In Rimpar betrieben seine Eltern eine der besten Metzgereien im fränkischen Raum, die bis heute in Familienbesitz ist.
Nachdem Bernd Hollerbach das Abitur bestanden hatte, überlegte er nicht lange und entschied sich zunächst für eine Ausbildung als Metzger im soliden Handwerksbetrieb der Eltern. Er schloss seine Lehre mit der Note 1 ab. Handwerkskammer und Metzgerinnung zeichneten Bernd Hollerbach als „Deutschlands besten Metzgergesellen“ aus.
Bernd Hollerbach ist bis heute im deutschen Fußball als knüppelharter Verteidiger und Mann ohne jegliche Allüren bekannt und beliebt. Fans verliehen ihm den Spitznamen „Holleraxt“. Das Image eines Raubeins haftet dem freundlichen Menschen aus der fränkischen Provinz bis heute an.
Weggefährten berichten, dass Bernd Hollerbach privat ein liebenswerter, zuvorkommender und hilfsbereiter Mensch ist, der gut zuhören kann und unter Freunden als Familienmensch gilt.
Von den Würzburger Kickers ans Hamburger Millerntor gelotst, skandierten die FC St. Pauli Fans dort zu Beginn der neunziger Jahre bei jeder gelungenen Abwehraktion des Franken „Ho-ho-Hollerbach“-Rufe. Er gehörte wegen seiner robusten Art zu den beliebtesten Spielern des FC St. Pauli. Da konnte sich kein Mensch vorstellen, dass die zuverlässige Kampfmaschine wenige Jahre später einmal beim von den St. Pauli-Zuschauern verschmähten Rivalen Hamburger SV auflaufen würde. Schlimmer noch: Beim HSV sollte der einstige Publikumsliebling der Braun-Weißen noch mehr Spiele (197) als am Heiligengeistfeld (143) absolvieren, wobei der Löwenanteil der Spiele für den FC St. Pauli in den Niederungen der zweiten Liga stattfand.
Typisch für den meist als Linksverteidiger aufgebotenen Defensivkünstler war sein zupackendes Zweikampfverhalten, das er nach erfolgreichem Ballgewinn mit stürmischen Attacken auf der Außenbahn ins gegnerische Spielfeld hinein fortsetzte und durch gefährliche Flankenbälle krönte.
In der Bundesliga brachte es „Holler“ auf 98 gelbe und drei rote Karten, was die weiteren Qualitäten des wackeren Mannes aus dem Frankenland eindeutig unter Beweis stellt.
Als Trainer arbeitete Bernd Hollerbach bei verschiedenen Vereinen im Amateur- und Profibereich, zunächst beim VfB Lübeck an der Lohmühle und anschließend als Co-Trainer von Felix Magath beim VfL Wolfsburg, der unter Magath und Hollerbach 2009 Deutscher Meister wurde.
Von 2014 bis 2017 war er Cheftrainer der Würzburger Kickers, mit denen er zunächst in die dritte und dann in die zweite Liga aufstieg. Als Bundesligatrainer des HSV, zu dem er nach dem Engagement in Würzburg wechselte, war ihm weniger Erfolg beschieden, was aber gewiss nicht auf seine mangelnde Befähigung als Trainer zurückzuführen war. Es folgte zur Saison 2019/2020 eine Berufung als Trainer beim belgischen Erstligaklub Royal Excel Mouscron. Aufgrund einer Lungenerkrankung ließ Hollerbach seine Trainertätigkeit zu Beginn des Jahres 2020 zeitweilig ruhen, nahm seine Arbeit in Belgien aber im Frühjahr 2020 wieder auf. Infolge der Corona-Epidemie geriet der belgische Erstligist, der ohnehin den niedrigsten Etat aller belgischen Erstligisten aufwies, in finanzielle Schwierigkeiten, sodass der bis 2021 laufende Vertrag aufgelöst wurde.
Die Presse meldete im Juni 2020, Bernd Hollerbach sei wieder nach Würzburg zurückgekehrt und werde sich, seine berufliche Laufbahn betreffend, neu orientieren. Auch beim FC St. Pauli soll er laut Presseberichten Anfang Juli 2020 als Nachfolger des entlassenen Trainers Jos Luhukay im Gespräch gewesen sein.
Sergej Barbarez. Der Barba.
*17.9.1971 Mostar (Bosnien-Herzegowina)
Barbarez wurde in der schönen Stadt Mostar, im ehemaligen Jugoslawien, heute Bosnien-Herzegowina, geboren. Sieben Jahre lang spielte er in den Jugend- und Herrenmannschaften seines Stammvereins FK Velez Mostar und wurde – nebenbei – auch als Spieler der Basketball-Mannschaft des Klubs eingesetzt.
Überhaupt war der großgewachsene Sportler ein Allroundtalent, vor allem ein hochbegabter 400 m-Läufer. Er konzentrierte sich dann aber rasch auf den Fußball, unter anderem nach eigenem Bekunden deshalb, weil es in seiner Kindheit und Jugend in Bosnien kaum gute Sportschuhe für leichtathletische Disziplinen gab.
Aufgrund des Krieges in seinem Heimatland kehrte Sergej Barbarez, nach einem Ferienaufenthalt bei Verwandten in Niedersachsen nicht nach Bosnien-Herzegowina zurück. Zunächst spielte er bei Hannover 96 in der zweiten Bundesliga im offensiven Mittelfeld oder im Sturm.
Er folgte seinem Trainer und Förderer Frank Pagelsdorf über die Zwischenstation Union Berlin zu Hansa Rostock, etablierte sich hier als Stammspieler und machte durch harten körperlichen Einsatz zahlreiche andere Vereine auf sich aufmerksam.
Die erfolgreichste Zeit als Fußballer verzeichnete der robuste Allrounder beim HSV, für den er in 174 Spielen 65 Tore erzielte. „Barba“, wie ihn Mitspieler und Fans gerne nannten, vertrat im Laufe seiner Karriere auch die Farben von Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen. In Leverkusen klang die Karriere des 47-maligen Nationalspielers von Bosnien-Herzegowina aus.
Das Angebot, Trainer der Nationalelf seines Heimatlandes zu werden, schlug er aus. In Bosnien-Herzegowina erhielt Sergej Barabarez folgende Auszeichnungen: Fußballer des Jahres 2001 und 2003, Mann des Jahres 2005, Sportler des Jahres 2005.
Berichtet wird, dass sich Barbarez, der verheiratet und Vater von zwei Kindern ist, gelegentlich als Pokerspieler in Szene setzt und hin und wieder bei Benefizspielen der „Hamburg Allstars“ antritt. Er gründete eine Stiftung für elternlose Kinder. (15)
Als Fußballer wurde er von seinen Gegnern aufgrund seiner harten Spielweise gefürchtet. Das galt nicht nur für die Einsätze als Libero oder Verteidiger in der Nationalmannschaft seines Landes und beim HSV. Zumeist als Stürmer aufgeboten, befleißigte er sich auch in der Offensive und im gegnerischen Strafraum eines manchmal rüden Körpereinsatzes. Allein in der Bundesliga erhielt er 87 gelbe und 7 rote Karten.
In seiner Geburtsstadt Mostar wurde eine Straße nach ihm benannt.
Christian Wörns. Der Waldhof-Schüler.
*10.5.1972 Mannheim
Christian Wörns wurde im Sommer 2019 zum Trainer der DFB U-18 Mannschaft berufen, nachdem er zuvor 8 Monate als U-19 Trainer beim TSV 1860 München gearbeitet hatte.
Der einst so erfolgreiche Innenverteidiger von Waldhof Mannheim, Bayer Leverkusen, Paris Saint-Germain und Borussia Dortmund weiß, was er will. Er setzt seinen Zöglingen Ziele und erwartet ein diszipliniertes, mannschaftsorientiertes Auftreten. Anforderungen dieser Art hat er als Spieler stets eingehalten, und wenn junge Spieler heutzutage mit Handys und Kopfhörer in die unmittelbare Spielvorbereitung gehen, dann scheut er sich nicht, das zu rügen. Einsatz und unbedingter Wille, das Beste zu geben waren seine Maxime, und deren Einhaltung verlangt er auch von seinen Spielern.
Juniorentrainer Wörns verweist in seiner jetzigen Rolle auf die enorme Belastung heutiger Jugendlicher angesichts der Parallelität von Schule und fußballerischer Ausbildung. In aktuellen Interviews stellt Wörns pädagogisches Geschick unter Beweis, macht aber deutlich, dass er als Trainer Respekt erwartet und seine Anweisungen befolgt werden müssen.
In seiner Karriere als Spieler zeigte er immer wieder bedingungslosen Einsatz. Das hatte er schon in jungen Jahren in seiner Mannheimer Zeit gelernt und praktiziert.
Nach fünf Jahren, zu Beginn der Achtziger in den Jugendteams bei Phönix Mannheim, erhielt er den Feinschliff als Defensivmann in der Kaderschmiede des für robusten und kämpferisch orientierten Fußball bekannten SV Waldhof Mannheim. Im Alter von 17 Jahren debütierte er erstmalig für den Arbeiterverein in der Bundesliga, anschließend ackerte er acht Jahre für Bayer 04 Leverkusen und eine Saison beim französischen Spitzenclub Paris Saint-Germain, bevor er bei den Schwarz-Gelben in Dortmund zu einem der Publikumslieblinge avancierte.
Bei den Borussen stand er von 1999 bis 2008 seinen Mann. Wörns war immer Vorbild, und trug bei Borussia Dortmund viele Jahre die Kapitänsbinde. Nach einem Spiel auf Schalke kommentierte er trocken: „Als die Zuschauer mir den Mittelfinger zeigten, wusste ich, es ist wie immer.“
Von der U-17 bis zur U-21 durchlief er alle Auswahlteams des DFB und trat anschließend 66-mal in der A-Nationalmannschaft an. Bei der WM 1998 in Frankreich beging er ein grobes Foul an Davor Sukur, dem kroatischen Nationalspieler und Stürmerstar in Diensten von Real Madrid. Dafür kassierte er die rote Karte. Die Berechtigung des Platzverweises ist bis heute umstritten. Mit Borussia Dortmund gewann Wörns die Deutsche Meisterschaft und mit Bayer Leverkusen den DFB-Pokal. In 469 Bundesligaspielen verwiesen ihn die Schiedsrichter sechsmal des Feldes, 88-mal wurde gelb gegen ihn gezückt.
Im Privatleben blieb Wörns stets ein Mann ohne Skandale. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in München. Beide Söhne spielen ebenfalls Fußball.
Maik Franz. Der Klopper.
*5.8.1981 Merseburg
Maik Franz wurde während seiner Karriere auch „Iron Maik“ genannt. Auf gut Deutsch in freier und dem guten Mann angemessener Interpretation: ein Klopper. Das war der Mann dann auf dem Platz zeitweilig auch.
Wer in 23 Spielen einer einzigen Saison 13 gelbe Karten einsammelt, der kann nicht als Unschuldslamm in die Bundesliga-Geschichte eingehen. Hinzu kamen in seiner gesamten Bundesligazeit 6 Platzverweise. Auf den Plätzen der deutschen Eliteliga, und wo immer er sonst auftrat, lehrte er seine Gegenspieler das Fürchten.
Die Bundesligakarriere begann er in den Reihen des VfL Wolfsburg. Dort sei er ein kleines Licht gewesen, erzählt Maik Franz. Sein Aufstieg habe erst beim Karlsruher SC begonnen, wo er unter Trainer „Ede“ Becker zum Führungsspieler reifte. Vom KSC wechselte der Anhaltiner Sachse im Sommer 2009 zur Frankfurter Eintracht.
15 Jahre lang war er als Innen- und Außenverteidiger in deutschen Stadien unterwegs, immer wieder einmal rotverdächtig, bis er im Jahr 2014 wegen eines Knorpelschadens dem bezahlten Fußball ade sagen musste. Einen Titel hat er nie gewonnen. Zweimal stieg er ab, mit Hertha BSC und mit der Frankfurter Eintracht, in die Nationalmannschaft schaffte er es nicht. Seit Anfang 2016 war er als Assistent der sportlichen Geschäftsführung beim 1. FC Magdeburg angestellt. Von Mai 2018 bis Juli 2020 übernahm er die Leitung der Lizenzspielerabteilung.
Einige seiner Weggefährten und Gegenspieler waren nicht gut auf „Iron-Mike“ zu sprechen. Mario Gomez hat ihn nach einem Spiel des Karlsruher SC gegen den VfB Stuttgart als „Arschloch“ bezeichnet, was er anschließend in der Wortwahl zurücknahm, in der Sache selbst aber wohl genau so gemeint hatte. Nach dem Vorfall äußerte sich auch der damalige VfB-Trainer Armin Veh kritisch über die Kinderstube des Karlsruher Spielers. Maik Franz erwiderte: „Es ist eine Unverschämtheit. Herr Veh kann meine fußballerischen Qualitäten beurteilen. Aber das, was er gemacht hat, ist anmaßend meinen Eltern gegenüber.“ (16)
BILD gestattete sich die Schlagzeile: „Der meistgehasste Spieler der Liga“, und Ionnis Amantatidis, Kapitän der Frankfurter Eintracht, soll vor dem Wechsel seines zukünftigen Mitspielers an den Main gesagt haben: „Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vor sich geht. Aber viel kann es nicht sein.“
Maik Franz, Sohn einer Berufsschullehrerin und gebürtig aus Merseburg in Sachsen-Anhalt, gestand gegenüber dem Fußballmagazin ,11 Freunde“ sinngemäß ein, es habe ihm Spaß gemacht, die gegnerischen Fans in den Stadien zu provozieren. Wenn er bereits in den Anfangsminuten die Sense auspackte und die Zuschauer pfiffen und ihm üble Flüche hinterherschickten, dann war der Mann erst so richtig in seinem Element und ging ab wie Schmidts Katze.
Im Spiel müsse man mit allen Mitteln arbeiten, so Franz zur Art und Weise seines Vorgehens, und manchmal auch mit unerlaubten. Schließlich räumte er ein, sich im Kampf um Punkte auch kommunikativ entsprechend rüde zu verhalten und Gegenspieler durch „Trash-Talk“ zu provozieren. In den Annalen der Bundesliga wird Maik Franz zukünftig wohl unter der Rubrik „böse Buben“ geführt werden.
Dabei sei er doch im Privatleben, so Maik Franz über sich selbst, ganz anders. Und er fügt hinzu: „Ja, ich bin immer an die Grenzen des Erlaubten gegangen. Manchmal auch darüber hinaus. Und ja, mich haben auf dem Platz nur meine Mitspieler gemocht – und auch hier nicht alle. Doch mal ehrlich: Warum haben mich Vereine wie der Karlsruher SC, Eintracht Frankfurt und Hertha BSC geholt? Weil sie alle wussten, dass ich immer alles gebe, dass ich alles dem Erfolg unterordne und dass ich Mannschaften dank meiner Willenskraft mitreiße und voranbringe. Und nur darum geht es im Profifußball.“ (17)
Lars Stindl, Mitspieler beim KSC über Franz: „Maik war als Spieler immer sehr ehrgeizig und fleißig … Er wusste ein Team zusammenzuhalten und hat zahlreiche Mannschaftsevents organisiert. Er spricht auch unangenehme Dinge an, dabei immer sachlich und humorvoll. Deswegen springe ich auch sofort in die Bresche, wenn Maik falsch dargestellt wird.“ (18)
Auf der Startseite seiner eigenen Website zitiert Maik Franz den Musiker Kurt Cobain: „Es ist besser, für den gehasst zu werden, der man ist, als für die Person geliebt zu werden, die man nicht ist.“ (19)
Nigel de Jong. Der Knochenbrecher.
*30.11.1984 Amsterdam
Im Vergleich zu den per Fuß getätigten Verletzungen gegnerischer Akteure, die der niederländische Nationalspieler Nigel de Jong auf dem Kerbholz hat, dürfte jeder der in diesem Buch vorgestellten Kicker ein absoluter Waisenknabe sein.
Im März 2010 brach der Niederländer in einem Freundschaftsspiel der holländischen Mannschaft gegen die USA dem Spieler Stuart Holden das Bein. (20)
Bekannt geworden und in Erinnerung geblieben ist der ehemalige Abwehrspieler vom HSV und Mainz 05 vor allem wegen seines Auftritts im WM-Endspiel 2010 (Südafrika) zwischen den Niederlanden und Spanien, als er den spanischen Star Xabi Alonso mit einem Kung-Fu-Tritt übelster Art außer Gefecht setzte. In der 28. Minute des Spiels sprang der Niederländer seinen Gegenspieler brutal an und trat ihm gegen den Brustkorb. Zum weltweiten Erstaunen des Publikums wurde die Attacke lediglich mit einer gelben Karte bestraft.
In der Folge wusste wohl jeder seiner zukünftigen Gegenspieler, was ihm drohte, wenn er gegen diesen Mann anzutreten hatte. Nigel de Jong war leider meist das Gegenteil von allem, was der einzigartige holländische „Voetbal total“ dem Fußballsport in seiner besten Zeit geboten hat.
Bereits wenige Monate nach dem Vorfall in Südafrika strich Bert van Marwijk, Bondscoach der „Elftal“, Nigel de Jong aus der Nationalmannschaft. Es gab einen neuen Vorfall. De Jong hatte als Abwehrspieler von Manchester United in einem Premier League Spiel seines Vereins gegen Newcastle United im Oktober 2010 den Gegenspieler Hatem Ben Arfa nach vier Minuten brutal gefoult. Der 23-jährige französische Nationalspieler brach sich Waden- und Schienbein. Der Verein Olympique Marseille, der Ben Arfa an Newcastle United ausgeliehen hatte, beabsichtigte Strafantrag gegen de Jong zu stellen. Im Spiel selbst blieb die Tat in diesem Fall gänzlich ungeahndet, es wurde nicht einmal die gelbe Karte gezeigt. Allein der Bondscoach handelte: Bert van Marwijk begründete die von ihm angeordnete Suspendierung mit der rüden Spielweise de Jongs. (21)
Seine ersten Tritte auf dem Rasen machte der 1984 geborene Abwehrspieler bei Ajax Amsterdam, in seiner Geburtsstadt. Dort spielte er auch bis 2006, um anschließend zum Hamburger SV zu wechseln.
Weitere Stationen waren Manchester City, AC Mailand und Galatasaray Istanbul, bevor er in die Bundesliga zum FSV Mainz 05 zurückkehrte, weil er in der Saison 2017/2018 bei den Gelb-Roten vom Bosporus keine Berücksichtigung gefunden hatte. Von Juli 2018 bis 2019 spielte Nigel de Jong für den Al Ahli SC in Katar und wechselte anschließend zum Al Shahania Sports Club (Katar). Bei seinem bislang letzten Klub kam er zu 17 Einsätzen.
Für die Niederlande trat er bis zum Jahr 2015 in 81 Spielen an. Mit Ajax Amsterdam und Manchester City wurde er Landesmeister. Der 18-Millionen-Euro-Wechsel de Jongs vom HSV zu Manchester City war der lukrativste Transfer aller Zeiten, den die oft in der Kritik stehenden Manager der Rothosen je tätigten.
Bei Teilen der HSV-Fans hat de Jongs Art Fußball zu spielen eher Anerkennung als Ablehnung gefunden. In der Stadt an der Elbe gründete er im Jahr 2008 gemeinsam mit Hamid Mossadegh in Hamburg-Lokstedt ein Autohaus für edle Karossen. Paolo Guerrero, Dennis Aogo, Jerome Boateng und andere Stars kauften hier ihre Fahrzeuge.
Ende März 2019 schloss der Nobelladen für Bentleys, Ferraris und andere Fahrzeuge entsprechender Preisklasse, wie die Hamburger Morgenpost meldete. Es sei zu Unstimmigkeiten gekommen, hieß es von Seite eines der Beteiligten.
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