Read the book: «Rachemokka»
Hermann Bauer
Rachemokka
Wiener Kaffeehauskrimi

Zum Buch
Kaffeekännchenduell Durch Zufall finden die Versammlungen der Befürworter und Gegner eines touristischen Projekts, der Romantik-Erlebniswelt am Bisamberg rund um den Dichter Eichendorff, zur selben Zeit im Café Heller statt. Es kommt zu hitzigen Auseinandersetzungen. Nach Mitternacht entdeckt Oberkellner Leopold Marion Kirchner, das Oberhaupt der Gegner des Vorhabens, erschlagen beim Eichendorff-Denkmal. Nicht nur der Streit um das Projekt kommt als Ursache in Frage, sondern auch in Marions privatem Umfeld finden sich mögliche Motive für das Verbrechen. Leopold gerät bald in eine Zwickmühle. Denn eine schöne Unbekannte bittet ihn, nach einem Dokument zu suchen, das Marion angeblich im Heller bei sich hatte. Frau Heller und Erika Haller hoffen auf ihn als Mitstreiter gegen die für sie fatalen Pläne des Unternehmers Ludwig Bergmann. Und immer mehr Spuren führen in Marions frühere Heimat. Zur Lösung des Rätsels versucht Leopold, die Geschehnisse der Mordnacht vor Ort zu rekonstruieren.
Hermann Bauer wurde 1954 in Wien geboren. Dreißig wichtige Jahre seines Lebens verbrachte er im Bezirk Floridsdorf. Bereits während seiner Schulzeit begann er, sich für Billard, Tarock und das nahe gelegene Kaffeehaus, das Café Fichtl zu interessieren, dessen Stammgast Bauer lange blieb. Von 1983 bis Anfang 2019 unterrichtete er Deutsch und Englisch an der BHAK Wien 10. Er wirkte in 13 Aufführungen der Theatergruppe seiner Schule mit. Als Hermann Bauer 1993 seine Frau Andrea heiratete, verließ er ihr zuliebe seinen Heimatbezirk. Im Jahr 2008 erschien sein erster Kriminalroman »Fernwehträume«, dem 13 weitere Krimis um das fiktive Floridsdorfer Café Heller und seinen Oberkellner Leopold folgten. »Rachemokka« ist der 14. Kaffeehauskrimi des Autors.
Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:
Rachemokka (2021)
Grillparzerkomplott (2020)
Mordsmelange (2019)
Mord im Hotel (2018)
Stiftertod (2017)
Kostümball (2016)
Rilkerätsel (2015)
Schnitzlerlust (2014)
Lenauwahn (2013)
Nestroy-Jux (2012)
Philosophenpunsch (2011)
Verschwörungsmelange (2010)
Karambolage (2009)
Fernwehträume (2008)
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Yadid Levy / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6974-9
Kapitel 1
Dienstag, 23. Juni, nachmittags
»Hallo!«
Dieser laute Ruf eines neu eintretenden Gastes zerschnitt die frühnachmittägliche Ruhe im Floridsdorfer Café Heller wie ein Schwerthieb. Oberkellner Leopold W. Hofer, der gerade dabei war, seinem Freund, dem Gymnasiallehrer Thomas Korber, ein Krügerl Bier zu zapfen, wurde sofort in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Betrat man ein Wiener Kaffeehaus und war kein Stammgast, so gehörte diese Art, auf sich aufmerksam zu machen, nicht zum guten Ton.
»Der Herr belieben zu telefonieren?«, fragte Leopold deshalb.
Der Gast schaute Leopold mit verwunderten, hinter einer getönten Brille versteckten Augen an. Er mochte um die 50 Jahre alt sein, war von stattlicher Größe und hatte sein leicht angegrautes, schütteres Haar streng nach hinten gekämmt. »Nee, ich grüße bloß die Leute hier«, rechtfertigte er sich.
Leopold hatte eine leise Ahnung. »Bei uns sagt man Grüß Gott oder Guten Tag, wenn man in ein Lokal kommt«, wies er den Neuankömmling zurecht.
Der setzte sich breitbeinig an einen Tisch unmittelbar vor der Theke, genau in Leopolds Blickfeld. »Mensch, ist das nicht egal, was ich sage, wenn ich reinkomme?«, ereiferte er sich. »Warum seid ihr Österreicher immer so wahnsinnig kompliziert?«
Ihr Österreicher! Leopold fühlte sich in seinem Verdacht bestätigt. Bei dem Gast handelte es sich offenbar um einen Menschen aus Deutschland. Oft verirrte sich diese Spezies ja nicht ins Café Heller. Umso vorsichtiger musste man sein!
Leopold fand es vorerst nicht der Mühe wert, sich zu seinem Tisch zu bemühen. Ohne näher auf seine Äußerung einzugehen, fragte er ihn aus der Distanz: »Was bekommen Sie?«
»Einen Kaffe«, meldete der Gast sofort, das Wort dabei provokant auf der ersten Silbe betonend.
»Und was für einen Kaffee?«, korrigierte Leopold die Aussprache überdeutlich.
»Mit Sahne und Zucker«, antwortete der Gast, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt.
»So einfach ist das nicht, lieber Herr«, teilte Leopold ihm herablassend mit. »Erstens nehmen wir keine Sahne, sondern Milch. Zweitens gibt es die verschiedensten Sorten: kleiner Brauner, großer Brauner, Melange, Verlängerter, Häferlkaffee, Kapuziner – was darf’s denn sein?«
Nun saß der Mann ein wenig ratlos da. »Die sind alle mit Milch und Zucker? Könnten Sie mir vielleicht mal den Unterschied erklären?«
Leopold gab es einen leichten Stich. Er hätte doch nicht so bedenkenlos aufzählen sollen. Nun ging es darum, Souveränität zu bewahren. »Ein Brauner ist ein Espresso mit Milch«, begann er. »Klein und groß versteht sich wohl von selbst. Ein Verlängerter wird zusätzlich noch mit ein wenig Wasser gestreckt. Bei einer Melange handelt es sich um einen Kaffee mit viel heißer Milch und einem Hauberl aus Milchschaum. Ein Häferlkaffee wird mittels einer Filtertüte zubereitet …«
»Das kenn ich! Das ist ein Kännchen Kaffe«, unterbrach der Gast stolz. »Mit Milch und Zucker!«
»Nein, mein Herr! Das ist ein Häferlkaffee«, beharrte Leopold.
»Von mir aus! Ist ohnehin dasselbe!«
Leopold überhörte diese letzte Bemerkung. »Beim Kapuziner handelt es sich schließlich um einen Espresso mit einem Schuss Obers«, schloss er seine Ausführungen ab.
Der Gast verzog ungläubig das Gesicht. »Mit was für ’nem Schuss?«
»Einem Schuss Sahne«, half ihm da Thomas Korber auf die Sprünge und heimste dafür einen giftigen Blick von seinem Freund Leopold ein. »Ein paar Tropfen ergeben die schöne braune Färbung einer Mönchskutte, daher der Name. Sie kennen ihn wahrscheinlich unter der Bezeichnung Cappuccino.«
»Also doch Sahne«, murmelte der Gast. »Nee, so was kann ich nicht brauchen«, wehrte er ab. »Bin schon längere Zeit aus der Kirche ausgetreten. Dann nehme ich eben das Kännchen.«
»Kännchen gibt’s bei uns nicht«, machte Leopold ihn aufmerksam.
»Also dann meinetwegen diesen Filterkaffe. Mit Milch und Zucker. Mensch, seien Sie doch nicht so stur!«
»Warum bist du denn wirklich so komisch?«, wollte Korber wissen, als sich Leopold anschickte, die Filtermaschine anzuwerfen.
»Wenn einer schon mit ›Hallo‹ bei der Tür hereinkommt, ist das eine denkbar schlechte Basis für eine geschäftliche Beziehung«, raunte Leopold ihm kopfschüttelnd zu. »Außerdem hat er es nicht ein einziges Mal der Mühe wert gefunden, ›Häferl‹ zu sagen!«
Nachdem der Deutsche seinen Kaffee bekommen hatte, trank er ihn langsam und mit Genuss. Dabei schaute er sich interessiert im Lokal um, an dem er offensichtlich Gefallen fand. Das eine oder andere Mal hüstelte er auffällig und rümpfte die Nase. Schließlich rief er Leopold zum Zahlen herbei und gab ihm sogar einen Euro Trinkgeld.
»Verbindlichsten Dank, der Herr«, bemühte sich Leopold trotz seines inneren Widerstandes um Höflichkeit. »Und baldige Besserung!«
»Ist gar nichts, bin kerngesund«, winkte der Gast ab. »Das macht nur die Luft herinnen. Wirkt ziemlich verraucht. Dabei habt ihr in eurem schönen Land doch jetzt auch endlich ein Rauchverbot, oder täusche ich mich?«
In eurem schönen Land. Wieder so ein Satz, der Leopolds Nervenkostüm strapazierte. Gott sei Dank würde der Mann aus dem Nachbarland in wenigen Augenblicken aus seinem Leben verschwunden sein. »Vor dem Verbot ist aber geraucht worden«, ließ er ihn wissen. »Ziemlich viel und stark, wie es sich gehört hat. Der Rauch hängt noch herinnen. So etwas hat eine Halbwertszeit von etlichen Jahren. Sie sind der erste Gast, den das stört. Wenn jemand frische Luft haben möchte, geht er ohnehin nicht ins Kaffeehaus.«
»Ihr Wiener seid schon ein komisches Völkchen«, lachte der deutsche Gast da auf. »Daran werde ich mich gewöhnen müssen. Sonst ist es hier ja sehr gemütlich. Also tschüss und bis zum nächsten Mal!«
Leopold hatte sich offenbar zu früh gefreut. Allem Anschein nach war dieser Mann gekommen, um zu bleiben.
*
»Ich weiß nicht, was du hast«, kritisierte Thomas Korber seinen Freund, während er bedächtig weiter an seinem Bier trank. »Es ist doch heutzutage ganz normal, dass in ein Kaffeehaus Gäste aus einem anderen Land kommen, selbst in unserem Floridsdorf nördlich der Donau. Und bei einem Deutschen gibt es wenigstens keine Verständigungsschwierigkeiten.«
»Grad da«, widersprach Leopold. »Du hast es ja selbst gehört! Kännchen! Dass ich nicht lache!«
»Sei nicht so pitzelig. Das war ein bisschen Schattenboxen, nichts weiter. Jeder von euch hat genau gewusst, was der andere meint.«
»Da bin ich mir nicht so sicher!«
»Die Deutschen bilden jedenfalls die größte Migrantengruppe in Österreich«, stellte Korber fest. »Eigentlich ist es seltsam, dass sie im Heller bisher kaum zu sehen waren. Sie müssten hier öfter auftauchen.«
»Gott bewahre«, verzog Leopold gleich das Gesicht. »Die sollen bei ihresgleichen bleiben. Für solche Touristen gibt’s genügend Lokale im innerstädtischen Bereich. Die brauchen nicht extra zu uns zu kommen!«
»Die leben hier, Leopold! Wie du und ich«, bemerkte Korber amüsiert.
»In Floridsdorf?«, wunderte Leopold sich.
»Selbstverständlich! Du wirst das akzeptieren müssen. Europa wächst zusammen«, belehrte Korber ihn. »Aber auch bei den Touristen ist es nicht mehr selbstverständlich, dass sie ihre Aktivitäten auf die Innenstadt, den Prater und Schönbrunn beschränken. Die Stadt Wien überlegt im Gegenteil, wie sie des wachsenden Besucherandrangs Herr wird, indem sie die Massen sinnvoll auf das gesamte Stadtgebiet verteilt.«
»Verteilt? So wie Flüchtlinge?«, fragte Leopold skeptisch.
Korber schüttelte den Kopf. »Nein, hier geht es um Anreize«, fuhr er fort. »Die Beliebtheit Wiens als Reiseziel führt dazu, dass immer mehr Menschen kommen, um sich unsere schöne Stadt anzuschauen. Dadurch staut es sich an den neuralgischen Punkten bereits derart, dass Gegenmaßnahmen erforderlich sind. Und eine Möglichkeit wäre, die Touristen zu neuen Plätzen zu locken, die genauso schön, aber noch nicht so bekannt sind.«
»Den Leuten an diesen Plätzen ist es sicher lieber, wenn die Touristen dort aufeinander picken, wo sie unter sich sind, und sie in Ruhe lassen«, gab Leopold zu bedenken.
»Wie auch immer du darüber denkst, ein großer Flächenbezirk wie Floridsdorf mit über 100.000 Einwohnern wird sich hier nicht ausschließen können und wollen«, machte Korber ihn aufmerksam.
»Man hätte doch nicht so viele Brücken über die Donau bauen sollen«, ätzte Leopold. »Andererseits: Was soll sich ein Urlauber, der von was weiß ich wo herkommt, bei uns schon anschauen? Den Wasserpark? Die Donaufelder Kirche?«
»Es gibt bereits Überlegungen den Bisamberg betreffend«, eröffnete Korber seinem Freund. »Die Lage dort ist ideal: die Natur, der herrliche Blick auf Wien, die gemütlichen Heurigen in Stammersdorf und Hagenbrunn. Es fehlt nur noch ein knalliger Aufhänger, um die Leute in Scharen anzulocken.«
»Und was soll das sein?«, wollte Leopold wissen.
»Die Sache klingt interessant, ruft aber genügend Gegner auf den Plan«, antwortete Korber. »Joseph von Eichendorff, einer der berühmtesten Vertreter der deutschen Romantik, ist während seiner Studienzeit in Wien oft am Bisamberg und um ihn herum spazieren gegangen. Er hat eine besondere Affinität zu diesem Ort entwickelt. In Erinnerung daran wurde im Jahr 1957 auf der sogenannten Eichendorff-Höhe ein Denkmal des Dichters errichtet.«
»Die Donau blitzt aus tiefem Grund. Der Stephansdom auch von ganz fern guckt übern Berg und säh mich gern«, deklamierte Leopold. »So steht’s auf dem Stein. Erika und ich sind erst unlängst bei einem Spaziergang dort vorbeigekommen. Hat er nett gedichtet, der Herr von Eichendorff. Aber wie soll dieses schlichte Denkmal, das eher unscheinbar am Wegesrand steht, Touristen anziehen? Da ist doch nichts Knalliges dran.«
»Wenn du mir nicht dreingeredet hättest, wüsstest du’s schon«, ärgerte sich Korber und bedeutete Leopold gleichzeitig, dass er eine erneute Füllung seines Bierglases wünschte.
»Kommt’s mir nur so vor, oder trinkst du wieder mehr?«, fragte Leopold.
»Kann dir egal sein«, entgegnete Korber schnippisch. »Darf ich fortfahren? Das Denkmal wird zu einem entsprechenden Blickfang ausgebaut. Es soll zum Ausgangspunkt für ein touristisches Projekt werden. Man bedient sich der allgemeinen Ansicht, dass Teile von Eichendorffs berühmter Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts hier angesiedelt sind. Der Bisamberg wird somit als Landschaft der Romantik präsentiert, und der Name Eichendorff soll vor allem deine deutschen Freunde anlocken.«
»Und du glaubst, die kommen dann alle?« Mit diesen Worten stellte Leopold ein frisch gezapftes Krügel vor Korber hin.
»Dafür muss zwar noch einiges geschehen, aber es gibt bereits intensive Beratungen zwischen Wien und den niederösterreichischen Gemeinden rund um den Bisamberg«, schilderte Korber. »Ich weiß es von einer Kollegin, die in Hagenbrunn wohnt. Der große Spielplatz unterhalb der Eichendorff-Höhe soll zu einem Erlebnisbereich umgestaltet werden. Da wird man wohl auch gastronomisch ein Schäuferl drauflegen. Von einem Eichendorff-Romantik-Feriendorf oberhalb der Stammersdorfer Kellergasse ist ebenfalls die Rede.«
Leopold kratzte sich am Kopf. »Das klingt bedrohlich«, stellte er fest. »Hat man den Bisamberg nicht zum Landschaftsschutzgebiet erklärt?«
»Von den Befürwortern des Projekts wird wohl sehr trickreich argumentiert werden«, setzte Korber ihm auseinander. »Man wird behaupten, dass, wenn überhaupt, nur ganz geringfügig in die Landschaft eingegriffen wird. Die große Wiese, die zum Festgelände werden soll, gibt’s ja bereits, auch Parkmöglichkeiten in der näheren Umgebung. Man wird die Senderstraße verbreitern und noch einen zentralen Parkplatz schaffen. Angeblich muss dabei kein einziger Baum dran glauben. Und das Feriendorf entsteht sowieso außerhalb der sensiblen Zone. Also wird es gemacht, weil es für alle ein Riesengeschäft ist.«
»Dann wird’s da oben laut und ungemütlich«, dämmerte es Leopold. »Und man kann wegen des Lärms und der vielen Leute nicht mehr in Ruhe spazieren gehen. Ich befürchte das Schlimmste! Überall trifft man nur mehr auf Piefke, Schlitzaugen, Katzelmacher …«
»Schön sprechen, Leopold«, wurde er da unsanft von Frau Heller unterbrochen, die durch ihre kleine Küche das Lokal betreten und den letzten Teil der Unterhaltung mitverfolgt hatte. »Das ist ja furchtbar, was Sie da von sich geben! Da verschlägt es sogar einer gestandenen Floridsdorferin wie mir die Sprache. Ihre Phobie gegenüber allem, was nicht unserem Bezirk entstammt, nimmt beängstigende Formen an. Ich bitte mir ein bisschen mehr Unvoreingenommenheit aus!«
»Aber Frau Sidonie«, bemühte sich der überraschte Leopold um Schadensbegrenzung, »es geht mir um unsere schöne Natur am Bisamberg und den Umweltschutz im Allgemeinen. Das ist heutzutage ein wichtiges Thema! Da habe ich nicht umhin können, auf die Gefahren hinzuweisen, die durch einen überzogenen Tourismus entstehen können.«
»Sie haben das auf eine sehr unflätige Art getan. Das müssen Sie sich schleunigst abgewöhnen!«
»Dann gewöhn ich mir’s halt ab«, bemerkte Leopold leichthin. »Eigentlich spielt sich alles ohnehin dort oben ab und kann uns egal sein.«
»Es kann uns nicht egal sein«, beeilte Frau Heller sich zu sagen. »Wenn es tatsächlich, wie ich hoffe, zu den geplanten Maßnahmen am Bisamberg kommt, bedeutet das auch für das Zentrum Floridsdorfs ein gesteigertes Interesse aus aller Welt. Schließlich kommen die Leute auf ihrem Weg dorthin direkt bei uns vorbei. Wir müssen nur darauf achten, dass sie uns nicht links liegen lassen. Ich werde die neue Situation demnächst mit anderen Geschäftsleuten des Bezirkes diskutieren, damit wir die geeigneten Akzente setzen. Da ist übrigens auch Ihre Freundin Erika dabei.«
Erika Haller hatte vor Kurzem den Standort ihrer Papeterie im neunten Bezirk aufgegeben und war in ein Floridsdorfer Geschäftslokal in der Nähe des Bahnhofs und des Café Heller gezogen. »So habe ich mir das vorgestellt«, stöhnte Leopold. »Wenn sie diese Invasion unterstützt, sehe ich schöne Zeiten auf unsere Beziehung zukommen.«
»Stellen Sie sich nicht so an«, munterte ihn Frau Heller auf. »Es ist höchste Zeit, dass Floridsdorf aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Endlich tut sich etwas, das dem Bezirk jene Bedeutung verleiht, die er auch verdient. Auch wir werden uns ein wenig herausputzen müssen. Unser Schanigarten wird in neuem Glanz erstrahlen. Außerdem schwebt mir ein neues Schild über dem Eingang vor: ›Café Heller – Das romantische Wiener Traditionscafé mit dem internationalen Flair‹. Na, wie klingt das?«
»Furchtbar«, war das Einzige, was Leopold dazu einfiel. »Was ist an unserem Kaffeehaus denn romantisch?«
»Fragen Sie nicht, passen Sie lieber auf, dass Ihnen in nächster Zeit keine fremdenfeindlichen Äußerungen mehr herausrutschen«, nahm ihn Frau Heller ins Gebet. »Wer zahlt, schafft an! Der Kunde ist König, egal, woher er kommt! Merken Sie sich das!«
»Ich bin immer höflich, wenn der Gast einigermaßen in der Lage ist zu sagen, was er will«, merkte Leopold an.
»Dann haben wir uns ja verstanden. Ich möchte in dieser Hinsicht in nächster Zeit keine Beschwerden hören, sonst lernen Sie mich von einer anderen Seite kennen.« Mit diesen mahnenden Worten verschwand Frau Heller wieder durch die kleine Küche.
»Das klingt überhaupt nicht gut«, maulte Leopold in Richtung Korber. »Du kennst ja unsere Chefin, wenn sie sich für eine Idee begeistert. Ich fürchte, wir werden demnächst von lauter Fremden überrannt. Ich rechne mit dem Schlimmsten!«
»Du darfst das nicht so dramatisch sehen«, versuchte Korber, ihn zu beruhigen. »Dir fehlt eine gewisse Weltoffenheit. Das kommt daher, dass du nirgendwo hinfährst. Würdest du etwa einmal nach Deutschland reisen, könntest du feststellen, wie freundlich die Menschen dort sind.«
»Ich war noch nie in Deutschland und ich werde dort auch nie hinfahren, das kann ich dir jetzt schon versprechen«, brummte Leopold.
»Ich habe zwei Semester in Heidelberg studiert«, geriet Korber ins Schwärmen. »Es waren einige der schönsten Monate meines Lebens.«
»Und warum bist du dann nicht dortgeblieben?«
»Wenn es einem wo gefällt, heißt das noch lange nicht, dass man niemals mehr von dort zurückmöchte«, beeilte Korber sich zu sagen. »Im Gegenteil, zu Hause ist es ja dann auch wieder schön. Aber man hat eine Abwechslung gehabt und neue Menschen kennengelernt. So etwas kannst du nicht verstehen.«
Leopold murrte nur etwas Unverständliches. Danach war es eine Zeit lang still zwischen den beiden. Korber widmete sich seinem Bier und Leopold seiner Arbeit. Schließlich fragte Leopold seinen Freund doch noch: »Findest du das, was für den Bisamberg geplant ist, wirklich in Ordnung?«
»Man muss abwarten, was letzten Endes herauskommt«, gab sich Korber bedeckt. »Aber eines ist klar: Es wird, fürchte ich, diesbezüglich in naher Zukunft einiges an Unruhe geben. Es gefällt nicht jedem, dass es Veränderungen an diesem schönen Fleckchen Erde geben soll.«
»Einer, dem das sicher nicht gefällt, wird, wenn ich mich nicht sehr täusche, heute noch im Kaffeehaus vorbeischauen«, kündigte Leopold an. »Da bin ich schon sehr gespannt darauf, was er sagt.«
*
Thomas Korber hatte sich auf einen Platz beim Fenster zurückgezogen, um kurz vor Notenschluss noch ein paar Deutschhefte durchzusehen. Er hatte bei Leopold ein weiteres Krügel Bier bestellt. In letzter Zeit verspürte er wieder mehr Verlangen nach Alkohol. Es schmerzte ihn, dass Leopolds uneheliche Tochter Sabine Patzak nicht mehr bei ihm wohnte.
Korber und Sabine waren einander ohne Leopolds Wissen nähergekommen. Als die Burgenländerin ein Studium in Wien beginnen wollte, hatte Korber ihr deshalb eine Wohngemeinschaft mit ihm angeboten, bis sie eine eigene Bleibe hatte. Das Zusammenleben hatte gut funktioniert. Obwohl ihm Sabine klargemacht hatte, dass es sich dabei um ein Arrangement auf Zeit handelte, hatte Korber bis zum Schluss gehofft, dass sich daraus etwas Dauerhaftes entwickeln würde. Deshalb war nun die Enttäuschung groß, weil sie, wie angekündigt, ausgezogen war.
Er suchte die Schuld bei sich, fragte sich, welche Fehler er gemacht hatte. Er grübelte, ob er, jenseits der 40, zu alt für die Beziehung mit einer 22-Jährigen war. Aber so sehr er auch nachdachte, es nützte nichts. Derzeit waren ihm die Hände gebunden. Das Semester neigte sich, ebenso wie das Schuljahr, dem Ende zu. Sabine würde zu ihrer Mutter nach Halbturn fahren und dort den Großteil des Sommers verbringen. Zwischendurch würde sie sicher noch die eine oder andere Reise unternehmen. Es würde Wochen, vielleicht Monate dauern, bis er sie wieder zu Gesicht bekam. Ob er dann wieder den geeigneten Draht zu ihr finden würde, stand in den Sternen.
Korber trank während des Verbesserns schneller. Wie es aussah, würde er sich in der nächsten Zeit und in den Sommerferien treiben lassen, und das war gefährlich. Nicht erst einmal hatte ihn das Trinken in unliebsame Situationen gebracht. Zunächst jedoch dachte er nicht darüber nach und übte sich in Selbstmitleid.
Seine Arbeit erforderte keine allzu große Konzentration. Deshalb blickte Korber ab und zu auf und schaute, wer zur Tür hereinkam. Gerade bemerkte er eine Frau seines Alters, die ihr dunkelblondes schulterlanges Haar aus der Stirn streifte und einen hilfesuchenden Eindruck machte. Er vermeinte, ihr Gesicht bereits einmal irgendwo gesehen zu haben. Aber wo? Daran konnte er sich nicht erinnern. Sie kam ihm jedenfalls bekannt vor. Da rief sie schon: »Thomas? Was machst du denn hier?«
Jetzt dämmerte ihm, wen er vor sich hatte. »Marion! Was für eine Überraschung«, grüßte er sie. »Eigentlich sollte ich dich fragen, was du hier tust. Wien ist meine Heimat, und du kommst immerhin aus Deutschland. Zumindest haben wir einander dort das letzte Mal gesehen.« Korber kannte Marion Kirchner von seiner Studienzeit in Heidelberg. Das war allerdings schon eine Weile her.
»Entscheidend ist nicht, wo man herkommt, sondern wo man sich im Augenblick befindet«, gab Marion zurück und ging dabei lächelnd auf ihn zu. Sie umarmten und drückten sich fest. »Immer beim Verbessern, was?«, bemerkte sie mit einem Kennerblick auf die Aufgabenhefte.
»Ob du’s glaubst oder nicht, ich bin Lehrer geworden«, gab ihr Korber Bescheid. »Und du?«
»Ich doch auch«, ließ Marion ihn wissen. »Und wie es der Zufall will, unterrichte ich seit zwei Jahren in eurem schönen Österreich, in Korneuburg.«
Korber schüttelte lachend den Kopf. »Wie klein die Welt ist. Magst du etwas mit mir trinken? Das ist mein Stammlokal, quasi mein zweites Wohnzimmer, und Leopold, der Oberkellner, ist mein Freund. Er hat nur gerade hinten bei den Kartentischen zu tun.«
Marion wehrte gleich ab. »Ich habe nicht viel Zeit«, erklärte sie. »Darum wäre es gut, wenn der Ober schnell käme. Ich bin nur da, um einen Tisch für übermorgen Abend zu reservieren.«
»Das kann ich doch machen«, bot ihr Korber an. »Übermorgen bin ich sicher auch hier. Vielleicht kommen wir da zum Plaudern.«
Marion lächelte verlegen. »Ich glaube nicht, dass das geht. Wir sind eine größere Gruppe und haben etwas Wichtiges zu besprechen.« Sie beugte ihren Kopf nun vertraulich zu ihm herab. »Es geht um das Eichendorff-Projekt am Bisamberg«, sagte sie merklich leiser. »Ich weiß nicht, ob du schon davon gehört hast.«
»Klar«, nickte Korber. »So etwas spricht sich schnell herum.«
»Die machen Ernst«, teilte Marion ihm flüsternd mit. »Wir sind der Meinung, dass man die Zerstörung dieses Naherholungsgebietes nicht widerspruchslos hinnehmen kann. Deshalb tun wir uns zusammen.«
»Und warum trefft ihr euch hier und nicht in Korneuburg?«, wollte Korber wissen.
»Die Politiker dort sind Feuer und Flamme für das Projekt«, weihte Marion ihn ein. »Wir wären zu nahe am Feind. Was wir brauchen, ist ein ruhiger Ort, wo wir uns stressfrei unsere Vorgangsweise überlegen können. Das Heller ist für alle Teilnehmer gut erreichbar, und hier vermutet uns keiner.« Sie warf Korber einen besorgten Blick zu. »Du wirst uns doch nicht verraten!«
»Wo denkst du hin?«, wehrte Korber sofort ab. »Ich habe ja auch meine Zweifel, ob da alles mit rechten Dingen zugeht.«
»Dann bin ich beruhigt«, seufzte sie. Marion wirkte aber gar nicht ruhig, sondern ziemlich nervös. Besorgt warf sie einen Blick auf die Uhr. Sie schien wirklich in Eile zu sein.
»Du musst nicht auf Leopold warten«, versicherte Korber ihr. »Wenn du mir vertraust, übernehme ich die Reservierung.«
Marion überlegte. »Das würdest du wirklich tun?«, fragte sie.
»Selbstverständlich! Das ist mein Stammcafé, Leopold ist, wie gesagt, mein Freund, und die Chefin kenne ich auch. Wir machen es auf meinen Namen, da kann nichts schiefgehen«, setzte Korber ihr auseinander. »Sag mir nur, für wann und für wie viele Personen.«
»Wir sind zu zehnt und treffen uns übermorgen um 19.30 Uhr«, gab Marion an.
»Also Donnerstag um 19.30 Uhr, zehn Personen«, notierte Korber sich. »Da wird man euch nach hinten zu den Kartentischen setzen. Um diese Zeit habt ihr dort genügend Platz.«
»Danke«, atmete Marion kräftig durch. »Bitte zu niemandem ein Wort über den Zweck unseres Treffens, das ist sehr wichtig! So, jetzt muss ich aber!«
Korber versprach, dass er alles zu Marions vollster Zufriedenheit erledigen würde. Sie verabschiedeten sich mit einer weiteren Umarmung, ehe sie nach draußen flüchtete. Korber schaute ihr gedankenverloren nach. Selbstverständlich würde er am Donnerstagabend auch da sein. Er hoffte, dass sich trotz der Versammlung eine Gelegenheit ergeben würde, mit ihr ein wenig über vergangene Zeiten zu plaudern. Er erinnerte sich daran, mit ihr in Heidelberg viel Spaß gehabt zu haben. Jetzt wirkte sie ernster und ein wenig gezeichnet von den Spuren vergangener Jahre.
Korber hatte Marion damals sehr gemocht, war aber nie richtig in sie verliebt gewesen. Nun schloss er die Anbahnung einer intensiveren Beziehung nicht aus. Dabei fiel ihm ein, dass sie wahrscheinlich schon vergeben war. Ob sie wohl noch, wie ehedem, den Familiennamen Kirchner trug? Egal. Er speicherte sie vorerst so in seinem Gedächtnis ab. In seiner augenblicklichen Situation suchte er weibliche Nähe, das war das Wichtigste. Er hoffte deshalb, dass sich am Donnerstag etwas ergeben würde.
Als Leopold wieder nach vorne kam, zahlte er und tätigte ohne jeden weiteren Kommentar die Reservierung bei seinem erstaunten Freund. Dann verließ auch er das Café Heller.
Kapitel 2
Dienstag, 29. Juni, abends
Leopolds Lebensgefährtin Erika Haller konnte zufrieden sein. Ihr neues Buch- und Papiergeschäft, das sie vor kurzer Zeit von Herrn Lederer übernommen hatte, lief besser, als sie es erwartet hatte. Thomas Korber hatte sie zu dem Wechsel überredet, und seine Einschätzung der Lage hatte sich als richtig erwiesen. Sie profitierte von der Nähe des Gymnasiums, des Bahnhofs und dem großen Einzugsgebiet, und wenn sie die Ärmel aufkrempelte, konnte sie hier noch viel erreichen.
Natürlich gab es gerade am Anfang viel Stress und Überstunden, aber die Gewissheit, dass sie auf dem richtigen Weg war, beflügelte Erika. Ständig kamen ihr neue Ideen, wie sie das Geschäftslokal attraktiv gestalten und einen zufriedenstellenden Umsatz erzielen konnte. Nach getaner Arbeit machte sie dann einen Sprung ins Café Heller, das in unmittelbarer Nähe lag. Anfangs freute sich Leopold noch über ihre Besuche, doch als er merkte, dass sie zur ständigen Einrichtung werden sollten, schwand seine Begeisterung rasch. Das Kaffeehaus war seine Arbeitsstätte, wo er seine Ruhe haben wollte, für das Familienleben gab es die gemeinsame Wohnung im Bezirksteil Jedlesee. Er hatte aber keine Chance. Erika und Frau Heller waren dicke Freundinnen geworden, duzten einander, hatten sich für gewöhnlich eine Menge zu erzählen und ließen sich durch seinen Grant nicht dabei stören.
Auch jetzt kam Erika wieder aufgekratzt zur Tür herein und drückte Leopold mit einem herzlichen »Guten Abend, Schnucki!« einen Kuss auf die Wange.
»Bist du heute wieder gut drauf«, bemerkte er irritiert.
»Sogar außergewöhnlich gut«, teilte sie ihm mit. »Die Geschäfte gehen hervorragend, Schnucki! Die Leute werden auf mich aufmerksam. Es gibt richtig viel zu tun. Ich denke, ich werde das mit einem Glas Prosecco feiern. Trinkst du auch eines, Sidonie?«
»Aber selbstverständlich«, antwortete Frau Heller gut gelaunt. »Es freut mich, dass dein neuer Laden so wunderbar anläuft.« Leopold füllte zwei Gläser mit der prickelnden Flüssigkeit. Indessen wandte sich die Chefin vertraulich an Erika Haller: »Wer weiß, vielleicht wird alles bald noch besser, wenn es mit dem Eichendorff-Projekt ernst wird.«
»Ich habe mir dazu schon einiges überlegt«, erwähnte Erika. »Mit der Hilfe von Thomas werde ich mein Sortiment in Richtung Eichendorff und die literarische Romantik erweitern. Aber das ist nur der Anfang. Mit einiger Fantasie lässt sich mit dem Begriff Romantik noch einiges machen. Ich denke zum Beispiel an eine Romantik-Ecke mit Liebesromanen für jugendliche Leserinnen und Leser, an romantische Postkarten, Aufkleber, Briefpapier und so weiter!«
»Oh la la«, schnalzte Frau Heller mit der Zunge. »Das klingt verdammt gut! Dann lass uns auf die vielversprechenden Entwicklungen in unserem Bezirk anstoßen. Prost, Erika!«
»Prost, Sidonie!« Sie ließen die Gläser klingen. »Magst du auch einen Schluck, Schnucki?«, fragte Erika, nachdem sie getrunken hatte.
»Bedaure, bin im Dienst«, lehnte Leopold dankend ab. »Außerdem weiß ich nicht, was es da zu feiern gibt.«
»Freust du dich denn gar nicht mit mir?«, wollte Erika wissen, und es klang enttäuscht.
»Ich kann mich nicht freuen, wenn alles nur mehr darauf aufgebaut ist, möglichst viele Fremde in unseren Bezirk zu karren, die unsere letzten Grünoasen verwüsten«, setzte Leopold ihr auseinander. »Leider ist das so, auch wenn du davon profitierst.«
»Wir werden alle davon profitieren«, schwärmte Frau Heller. »Das ist ja der Sinn der Sache! Darum werden wir als Floridsdorfer Geschäftsleute uns gewissenhaft auf die Zukunft vorbereiten. Du bist doch übermorgen auch dabei, Erika?«
»Wobei?«, erkundigte sich Erika gut gelaunt. Der Alkohol hatte sie rasch in Stimmung gebracht.
»Bei unserer Versammlung«, erklärte Frau Heller. »Wir besprechen, wie wir als Unternehmer das Maximum aus der sich anbahnenden Entwicklung herausholen können. Ich habe dazu eingeladen. Das Ganze findet am Donnerstagabend in aller Ruhe statt. Wir sind sozusagen unter uns.«
Leopold spitzte seine Ohren. »Was, hier im Kaffeehaus?«, rutschte es ihm heraus.
»Natürlich«, beeilte Frau Heller sich zu sagen. »Wo denn, glauben Sie? Auf der Straße? Die überlassen wir den Demonstranten. Es soll ja auch Menschen geben, die gegen das Projekt sind. Die sollen dort von mir aus einen Wirbel machen. Wir hingegen werden uns hier gemütlich zusammensetzen und konstruktiv Ideen sammeln, wie wir diese einmalige Chance nutzen können. Ich denke, dass dieses Treffen auf reges Interesse stoßen wird.«
»Hoffentlich geht sich das aus«, gab Leopold zu bedenken. »Es gibt für übermorgen bereits eine Reservierung für zehn Personen bei den Kartentischen. Die möchten auch ungestört sein.«
»In meinem eigenen Haus werde ich hoffentlich noch tun und lassen können, was ich will, ohne auf andere Rücksicht zu nehmen«, reagierte Frau Heller unwirsch. »Wenn es jemandem nicht passt, soll er woanders hingehen. Wer hat denn reserviert?«
»Unser Thomas Korber«, informierte Leopold seine Chefin.
»Korber? Komisch! Der kommt doch sonst immer allein«, grummelte Frau Heller.
»Den Thomas dürfen wir nicht vergrämen«, meldete sich Erika Haller zu Wort. »Er steht mir jetzt ständig mit seinen guten Ratschlägen zur Seite.«
»Das wird überhaupt kein Problem«, lenkte Frau Heller beschwichtigend ein. »Es ist genug Platz da, um uns ein wenig auseinander zu setzen. Herr Korber kommt mit seiner Gruppe in die Ecke hinter den Billardtischen, wir nehmen schräg gegenüber Platz. So hat jeder ein bisschen Luft, und auf den Tischen dazwischen kann man sogar noch Karten spielen. Den vorderen Teil überlassen wir den anderen Gästen. Mein Heinrich wird Sie mit vollen Kräften unterstützen, und alles ist in bester Ordnung!«
Leopold glaubte nicht so recht daran. Er sah schwere Zeiten auf sich zukommen. Zwei Gesellschaften, und als Hilfe nur der Chef höchstpersönlich, der die Anstrengung mied wie der Teufel das Weihwasser. Zudem saßen auf der einen Seite Erika und Frau Heller, auf der anderen sein Freund Thomas, von dem er noch dazu gar nicht wusste, mit welcher Gruppe er plötzlich angetanzt kommen würde. Bei seiner derzeitigen Stimmungslage war alles möglich. Also beschloss Leopold, nicht viel nachzudenken und diesen Abend einfach auf sich zukommen zu lassen.
*
Nach ihrem Glas Prosecco hatte Erika noch ein zweites getrunken und war dann in blendender Stimmung nach Hause gegangen. Draußen regnete es mittlerweile intensiv und anhaltend. Das Heller leerte sich rasch, was eine zeitige Sperrstunde vermuten ließ. Es war nicht anzunehmen, dass jetzt noch jemand bei der Tür hereinschneien würde. Leopold begann mit dem Abkassieren. Aber wie so oft, wenn man nicht damit rechnete, kam noch ein später Gast daher.
»Othmar! Welche Überraschung«, rief Leopold aus.
Ein großer, durchtrainierter Mann mit Dreitagesbart, Regenjacke und Filzhut stellte sich an die Theke. »Es ist zum Heulen! Nichts lässt sich anfangen bei dem Sauwetter«, klagte er. »Aber irgendwo muss der Mensch ja hin! Hast du für mich noch ein Bier auf die Schnelle?«
Leopold nickte. Mit einem Besucher wie Othmar Demmer blieb er gern noch ein wenig stehen, um über dieses oder jenes zu plaudern. Wobei man mit Othmar nur über ein Thema reden konnte: die erotisierende Wirkung der Natur auf Mann und Frau. Wollte man ihm glauben, so funktionierten seine Verführungskünste im Freien am besten. Böse Zungen behaupteten, dass er in einem geschlossenen Raum nichts zusammenbrachte. Er brauchte den Himmel über sich und einen angenehmen lauen Wind, der seine Lenden streichelte. Dann konnte ihn keiner bremsen. Bei einer solch regnerischen Witterung aber waren seine Libido und damit auch seine Laune beim Teufel.
Demmer steckte seine Lippen beim ersten Schluck andächtig in den Bierschaum. »Der Sommer beginnt schlecht«, sinnierte er. »Kühl und feucht. Wie soll ich da in Form kommen?«
»Vielleicht beschränkst du dich vorläufig auf das herkömmliche Umfeld: ein Bett in einem Zimmer«, schlug Leopold vor.
»Unmöglich«, wehrte Demmer gleich ab und umarmte dabei sein Bierglas wie einen zarten Frauenkörper. »Wo bleibt da die Sinnlichkeit? Freie Liebe, freie Natur. Glaube mir, ich könnte mir überall eine Frau aufreißen, sogar in eurem Kaffeehaus, und sie dann in meine Wohnung abschleppen. Aber ein wirklicher Hochgenuss ist es nur, in weinseliger Stimmung bei einem Heurigen in der Stammersdorfer Kellergasse eine Frau kennenzulernen, mit ihr ein Glas Wein zu trinken und sie dann bei einem abendlichen Spaziergang am Bisamberg zu verführen. Gerade hat man noch den Sonnenuntergang bewundert, jetzt geht man fest aneinandergedrückt durch die einbrechende Dunkelheit auf den Wald zu. Du spürst die Unsicherheit deiner charmanten Begleiterin, wohin sie ihre Schritte setzen soll, und gleichzeitig ihr Bedürfnis nach Zweisamkeit. Du tust so, als ob alles Schicksal oder Zufall wäre, während du genau auf den Platz zusteuerst, den du für den prickelnden Abschluss des Abends auserkoren hast. Und rein zufällig hast du in einer umweltfreundlichen Tasche über der Schulter eine Decke mit, die du sonst immer unterlegst, wenn du des Nachts von einem Bankerl zur Donau hinunterschaust – sagst du ihr zumindest …«
Leopold hatte amüsiert zugehört. »Und dass in der Nacht alle Katzen grau sind, stört dich dabei gar nicht?«, wollte er wissen.
»Was bist du nur für ein fantasieloser Mensch«, rügte Othmar Demmer ihn. »Wichtig sind nicht die Details der weiblichen Rundungen, obwohl die natürlich auch sehr schön sind. Aber an so etwas sieht man sich heutzutage im Internet satt. Wichtig ist der ehrfürchtige Schauer, der einen inmitten der Natur ergreift und die urtümlichen Triebe in dir auslöst. Du fühlst dich frei und bereit zu genießen, was früher nur der Fortpflanzung diente.«
»Redest du aber heute geschwollenes Zeug daher, Othmar«, befand Leopold.
»Es hat mit Inspiration zu tun, und der Bisamberg inspiriert mich eben«, erklärte Demmer. »Der Bisamberg und natürlich auch sein bekanntester Bewohner, Florian Berndl: Pionier der Naturheilkunde und Naturbursch, Begründer des berühmten Gänsehäufels und schon um die Wende zum 20. Jahrhundert entschiedener Befürworter des gemeinsamen Badens von Mann und Frau. Später spärlich bekleideter Sonderling, der einsam am Bisamberg hauste, und dessen Anblick wohl manches keusche Mädchenauge erschreckte. Sein Geist schwebt immer noch über diesen Höhen.«
»Er ist aber schon eine ganze Weile tot«, erinnerte Leopold seinen späten Gast.
»1934 gestorben. Tot, aber nicht vergessen«, beeilte Demmer sich zu erwähnen. »Immerhin gibt es ein schönes nach ihm benanntes Bad am Fuß des Berges.«
»Ein anderer, der noch länger tot ist, macht ihm derzeit gehörig Konkurrenz«, machte Leopold ihn aufmerksam. »Joseph von Eichendorff. Der ist am Bisamberg nur ein paarmal auf und ab gewandert. Nichtsdestotrotz hat man ihm vor etlichen Jahren ein Denkmal gesetzt und möchte es jetzt zum Zentrum eines Tourismusprojektes machen.«
»Eichendorff war ein großer Dichter, der wohl ähnlich wie ich empfand«, geriet Demmer ins Schwelgen. »Kennst du sein Gedicht Mondnacht?
Es war, als hätt’ der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.
Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis’ die Wälder,
so sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.
Kaum jemals wurden die Gefühle eines Menschen beim nächtlichen Stelldichein unter freiem Himmel treffender beschrieben. Wer den Autor dieser romantischen Zeilen allerdings für die Umgestaltung des Bisambergs zu einem Vergnügungspark missbrauchen will, ist eine traurige Gestalt, die ihre vier Wände noch nie für ein Liebesabenteuer verlassen hat.«
»Ich fürchte, du wirst umdenken müssen. Deine Platzerl sind dadurch doch in höchster Gefahr, oder?«, reizte Leopold ihn.
»Man weiß noch nichts Genaues«, relativierte Demmer. »Aber wenn es dort auf einmal Kiosks, beschriebene Wege, allerlei Attraktionen und jede Menge Leute gibt, ist es mit der Romantik vorbei. Dann wird ein natürlicher Paarungsraum vernichtet. Das muss auf jeden Fall verhindert werden. Aber wie?« Seine Hände verkrampften sich bei dieser Frage um das Bierglas.
»Ich sag dir jetzt was, aber das hast du nicht von mir«, wurde Leopold vertraulich. »Übermorgen am Abend treffen sich bei uns einige Geschäftsleute und besprechen, wie sie den neuen Hotspot für sich ausnutzen können. Da erfährt man vielleicht, wie die Sache steht.«
»Interessant«, nickte Demmer. »Andererseits muss ich natürlich meinen Gefühlen freien Lauf lassen, solange es noch geht. Wenn das ein lauschiger Frühsommerabend wird …« Er schaute fragend hinaus in die Dunkelheit.
»Immerhin geht es um deine Liebesnester«, gab Leopold zu bedenken.
Demmer kniff vertraulich ein Auge zu. »Kannst du nicht ein bisserl für mich aufpassen, was da geredet wird?«, drang er in Leopold.
»Ich muss arbeiten«, wehrte Leopold ab. »Wenn es dir wichtig ist, solltest du selber da sein. Ich könnte dir einen Platz freihalten, wo du mithören kannst. Deine Gefühle hast du nach der Unterredung auch noch.«
»Na gut, ich überleg’s mir«, zwinkerte Demmer ihm zu. Nachdem er gegangen war, erinnerte sich Leopold daran, dass seine Erika auch an der Versammlung teilnahm. Sie brauchte das Projekt für ihr neues Geschäft. Ihre Beziehung stand also wieder einmal vor einer großen Herausforderung.
Kapitel 3
Mittwoch, 24. Juni
Thomas Korber erwachte mit einem heftigen Brummen im Schädel. Mit halb geöffneten Augen riskierte er einen Blick auf die Uhr. Es war bereits nach 7 Uhr. Er musste den Wecker überhört haben. Jetzt hieß es flott auf die Beine kommen, damit er es bis 8 Uhr in die Schule schaffte.
Gott sei Dank hatte er in der ersten Stunde nur eine zweite Klasse, wo ihn der Unterricht nicht so anstrengen würde. Aber pünktlich sein musste er, um keine Abmahnung durch Direktor Marksteiner zu riskieren. Zu Unterrichtsbeginn wieselte dessen Sekretärin, Frau Pohanka, immer am Gang vor der Eingangstür auf und ab, um zu spät kommende Lehrer und Schüler zu ertappen.
Korber tastete sich ins Bad, hoffend, dass der kalte Strahl der Dusche seine Geister wiederbeleben würde. So ganz klappte es nicht, aber er fühlte sich allmählich frischer. Was war gestern bloß noch gewesen? Er war am Nachmittag aus dem Heller nach Hause gegangen, hatte dort seine Tasche mit den Schulsachen abgestellt und war wieder los, erst zum Heurigenlokal Fuhrmann gleich ums Eck, und dann …
Er war in die Innenstadt gefahren, in sein Lieblingslokal Botafogo, wo eine Mischung aus räumlicher Enge, Livemusik und Alkohol bei ihm meist zu jener unseligen Stimmung führte, in welcher er sich zu unkontrollierten Handlungen hinreißen ließ, an die er sich nachher kaum erinnern konnte. Häufig war dabei eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts im Spiel, deren Gestalt und Gesicht im Dämmerlicht appetitlicher wirkten, als sie es tatsächlich waren.
Vielleicht fand sich in seiner Jacke etwas, das als Hinweis dienen konnte. Korber kramte in den Taschen, wobei ihm immer noch scharfer Schweißgeruch entgegenschlug, den das Kleidungsstück als Gedächtnisstütze aufbewahrt hatte. Tatsächlich fand er einen zerknitterten Zettel, auf dem mit Lippenstift »Auf bald, Schmusekönig« geschrieben stand. Mehr wollte er gar nicht wissen. Wahrscheinlich hatte ihn sein ramponierter Zustand davor gerettet, neben dem Faltengesicht einer überholten Lady aufzuwachen, die sich so in ihn verliebt hatte, dass er sie nur unter großen Anstrengungen wieder loswerden würde. Es hatte den Anschein, als sei er mit einer überhöhten Taxirechnung davongekommen.
Ein weiterer Blick auf die Uhr zeigte Korber, dass er keine Gedanken mehr an die feuchtfröhliche Nacht verschwenden durfte. In Windeseile trank er eine Tasse schwarzen Kaffee und würgte dazu ein halbes Butterbrot hinunter. Dann eilte er aus der Wohnung. Zum Glück erwischte er sofort eine Straßenbahn und war sogar um 7.55 Uhr an seinem Arbeitsplatz. Deshalb wunderte es ihn, dass Frau Pohanka vor dem Lehrerzimmer ungeduldig auf ihn wartete und ihn mit einem nervösen »Da sind Sie endlich« empfing.
»Rechtzeitig zum Unterricht, wie ich hoffe«, verteidigte sich Korber. Dabei drehte sich ihm vom Hinaufgehen in den ersten Stock leicht der Kopf.
»Haben Sie vergessen, dass Sie für heute um 7.45 Uhr zu Direktor Marksteiner bestellt waren?«, klang ihm Frau Pohankas Stimme unbarmherzig im Ohr.
Langsam dämmerte es Korber. Gäste waren da, die er betreuen sollte. Gäste aus Deutschland. Er räusperte sich. »Nein, aber der Verkehr …«, war aber das Einzige, was ihm als Entschuldigung einfiel.
»Sie sehen ein wenig schlampig aus«, unterbrach ihn Frau Pohanka. »Frisieren Sie sich und spülen Sie bitte hiermit Ihren Mund aus«, raunte sie ihm zu, sodass es niemand hörte, und steckte ihm ein kleines Fläschchen zu. »Frau Aberle und Herr Bader von unserer Partnerschule in Heidelberg warten bereits ungeduldig auf Sie. Ich gehe schon einmal vor und kündige Sie an.«
»Danke«, murmelte Korber verschämt. Im Spiegel der Toilette sah er dann, dass sich die Exzesse der vorigen Nacht tief in sein Gesicht gekerbt hatten. Er erfrischte sich, so gut es ging, und betrat das Sekretariat, wo die Tür zur Direktion bereits offen stand.
Direktor Marksteiner wirkte angespannt, bemühte sich jedoch um Souveränität. »Ah, Korber. Sie hatten Probleme mit dem Verkehr, wie ich höre. Nun sind Sie ja, Gott sei Dank, da. Darf ich Ihnen unsere Kollegen vom Eichendorff-Gymnasium in Heidelberg vorstellen, die uns diese Woche besuchen? Das ist der dortige Administrator, Professor Erwin Bader, mit dem ich Möglichkeiten der Kooperation in der Schulorganisation erwägen werde, und hier ist Ihre Kollegin in Deutsch, Frau Professor Monika Aberle, mit der Sie Ideen für ein gemeinsames kulturelles Projekt im Herbst austauschen werden.«
»Guada Morga«, tönte es Korber aus beiden Kehlen im schwäbischen Akzent entgegen.
»Einen schönen guten Morgen«, grüßte er zurück und musterte die beiden Gäste, während er ihnen die Hand schüttelte. Bader wirkte wie der typische in Ehren ergraute Lehrer, dem es für einen Schulleiter am nötigen Ehrgeiz gemangelt haben mochte, dem aber die nüchterne Arbeit mit Zahlen und Systemen Freude bereitete. Vorderhand reserviert, vielleicht zugänglicher in den nächsten Tagen. Hohe Stirn, dünne Lippen, das eine oder andere Kilogramm um die Hüften zu viel. Keine Besonderheiten.
Monika Aberle sah fröhlicher aus, war aber ebenfalls nicht mehr die Jüngste. Blond gelocktes Haar, bereits die eine oder andere Falte im freundlichen Gesicht, sportlich, Kumpeltyp. Sympathisch, aber nicht die Frau, die Korber über die derzeitige Misere in seinem Liebesleben hinweghelfen konnte. Zumindest war das sein erster Eindruck.
»Nehmen Sie Frau Aberle bitte gleich in Ihren Unterricht mit, damit sie sich ein Bild machen kann, wie es bei uns so zugeht«, hörte Korber Marksteiner in seine Richtung sagen.
»Natürlich«, bekräftigte Korber und wagte ein Zwinkern in Richtung Monika Aberle. Zu seiner Erleichterung zwinkerte sie zurück.
Auf dem Weg in die Klasse machte er ihr ein Geständnis. »Ich hatte heute große Mühe, aus dem Bett zu kommen, weil wir gestern eine Feier hatten«, beichtete er. »Ich kann Sie nur bitten, mein spätes Kommen zu entschuldigen.«
»Deesch nedd schlemm«, beruhigte ihn Monika Aberle. »’s isch bloß bleed, dass ma am näggschdn Daag so frieh ähfanga muass. Ach, verzeihen Sie! Ich plappere Sie da auf Schwäbisch an! Ich meinte, das sei gar nicht schlimm. Es ist halt dumm, dass man am nächsten Tag gleich wieder zeitig mit der Arbeit beginnen muss. Kenne ich von mir selbst.«
»Scho rächd«, lächelte Korber sie an. »Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert. Ein bisschen was bekomme ich von der Sprache schon noch mit.«
»Vielleicht reden wir zur Sicherheit doch lieber in unserem Lehrerhochdeutsch miteinander, damit es keine Verständigungsschwierigkeiten gibt«, schlug Monika vor. »Und jetzt freue ich mich schon auf Ihren Unterricht!«
Nett ist sie auf jeden Fall, die Besucherin aus Heidelberg, dachte Korber. Ausgesprochen nett!
*
»Hier trinkst du also immer deinen Kaffee?«, wollte Monika Aberle wissen, als Korber mittags mit ihr auf einen Imbiss im Café Heller saß.
Korber nickte. »Das ist stark untertrieben. Ich gehe hier sozusagen ein und aus. Die Nähe zum Gymnasium ist dabei recht praktisch.« Beide duzten sich bereits und ließen sich einen Salat mit Hühnerstreifen schmecken. Korber hätte das Essen am liebsten mit einem Glas Bier hinuntergespült, begnügte sich aber mit Apfelsaft, um bei Monika, die am Mineralwasser nippte, keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen.
»Ein schönes Kaffeehaus! Genial schlampig und unkompliziert. Wie ist es denn hier so am Abend?«, fragte seine Begleiterin.
»Wir können uns das gerne zusammen ansehen«, stellte Korber in den Raum.
»Oh fein«, war Monika hocherfreut. »Erwin, mein Kollege, ist leider etwas langweilig. Ich hatte schon Angst, dass ich mir niemanden zum Ausgehen finde. Und zu besprechen hätten wir wegen unseres gemeinsamen Projekts ja eine ganze Menge. Wie schaut’s morgen aus? Heute werde ich wohl ein wenig müde sein, denke ich.«
»Morgen passt ausgezeichnet«, freute Korber sich über Monikas Angebot. »Da wirst du auch meinen besten Freund, den Oberkellner Leopold, näher kennenlernen, der im Augenblick so geschäftig herumläuft.«
Leopold, der die letzten Worte gehört hatte, eilte herbei, um abzuservieren. »Darf ich dir meine Kollegin Aberle aus Heidelberg vorstellen? Ich habe ihr gerade von dir erzählt«, teilte Korber ihm mit. »Vergiss morgen Abend bitte deine Vorbehalte gegen alles, was Deutsch spricht und nicht aus Österreich kommt. Da möchte ich mit ihr hier nämlich ein paar unbeschwerte Stunden verbringen.
»Und was ist mit den anderen acht?«, fragte Leopold erstaunt.
»Was meinst du?«
»Du hast morgen um 19.30 Uhr für zehn Leute reserviert«, erinnerte Leopold seinen Freund.
Einmal mehr verfluchte Korber seine gestrigen Exzesse. Wie hatte er bloß vergessen können, dass ihn Marion um diese Gefälligkeit gebeten hatte? »Dann nimmst du eben zwei Plätze dazu«, trug er Leopold auf.
»Also insgesamt zwölf.«
»Nein! Einmal zehn und einmal zwei!«
Jetzt schaute Leopold Korber ganz verständnislos an.
»Du reservierst uns einen schönen Tisch für zwei Personen und setzt uns in einen kleinen Abstand zu den restlichen zehn«, erläuterte Korber ihm seine Absicht. »Ist das denn so schwer?«
»Nein, aber ungewöhnlich. Und schön langsam gehen mir die Plätze bei den Kartentischen aus«, informierte Leopold ihn. »Die Chefin hat dort nämlich selbst eine Besprechung. Sie möchte deshalb, dass es kein Gedränge gibt. Und möglichst ruhig soll es auch zugehen.«
»Glaubst du etwa, dass wir beide randalieren?«, fragte Korber. »Das ist ja lächerlich!«
Leopold ging darauf nicht weiter ein und entfernte sich mit der Gewissheit, dass sein Freund im Augenblick eine schwierige Phase durchmachte, wo man ihn besser in Ruhe ließ.
»Wir können es auch bleiben lassen, wenn es unangenehm für dich ist«, sagte Monika Aberle, die keine Ahnung hatte, worum es ging, höflich lächelnd.
»Auf keinen Fall«, lehnte Korber ihr Angebot entschieden ab. »Die andere Reservierung ist für eine Bekannte aus meiner Studienzeit. Sie kommt zufälligerweise auch aus Heidelberg und ist jetzt in Wien … Das heißt, das weiß ich nicht so genau, sie unterrichtet jedenfalls in Korneuburg, das ist gleich die nächste Stadt an der Donau nach Westen zu. Sie kommt mit einer größeren Gruppe, und der Einfachheit halber habe ich für sie auf meinen Namen reserviert«, setzte er Monika Aberle daraufhin umständlich auseinander.
Die wirkte so, als verstünde sie immer noch Bahnhof. »Ach so«, nickte sie andächtig.
»Es wird dich wahrscheinlich nicht interessieren, aber es geht ihnen darum, einen touristischen Ausbau der Eichendorff-Höhe auf unserem Hausberg, dem Bisamberg, zu verhindern«, fuhr Korber ungeniert fort. Er merkte jedoch gleich, dass er das besser nicht gesagt hätte.
Monika Aberle war sofort ganz Ohr. »Eichendorff? Meinst du etwa den Eichendorff, nach dem unser Gymnasium benannt ist?«, fragte sie.
»Ich meine den Romantiker Eichendorff«, antwortete Korber ausweichend. »Der war wohl in erster Linie Schlesier, hat aber Teile seiner Studienzeit in Heidelberg und Wien verbracht.« Er ließ dabei unerwähnt, dass der Dichter sein Jurastudium in Wien abgeschlossen hatte.
»Des isch doch klasse«, platzte es aus Monika heraus. »Und er war bei euch auf dem Bisamberg?«
»Pssst«, bat Korber sie, etwas leiser zu sein. »Er ging dort während seines Wien-Aufenthaltes öfters spazieren. Deshalb hat man ihm nach dem Zweiten Weltkrieg ein Denkmal gesetzt. Im Augenblick wird allerdings an eine kommerzielle Nutzung des Platzes gedacht, und das ist zum Streitpunkt geworden. Es geht hin und her, verstehst du? Vorderhand soll niemand wissen, dass diesbezüglich morgen hier ein Treffen geplant ist. Darum läuft die Reservierung auch über mich.«
»Alles klar«, versicherte Monika.
»Ich habe mit der Besprechung nichts zu tun«, erklärte Korber. »Wir können uns also entspannt daneben hinsetzen, plaudern und vielleicht sogar ein wenig zuhören.«
»Klingt spannend«, freute Monika sich. »Wir werden uns einfach in Ruhe über unser Projekt unterhalten. Eichendorff ist doch schon einmal ein blendender Ansatz, oder? Sicher fällt uns rasch etwas dazu ein, was die Direktoren beider Schulen glücklich macht. Ich brauche das dann nur entsprechend auszuformulieren. Das kann ich, glaube ich, recht gut. Du brauchst dir also keine Sorgen machen, dass allzu viel Arbeit auf dich zukommt.«
Ausgezeichnet, befand Korber. Seine neue Kollegin wurde ihm immer sympathischer. Sicher würde er mit ihr morgen nicht nur über Eichendorff und die Schule sprechen.
*
Leopold hatte sich angewöhnt, an seinen freien Abenden ein kleines Nachtmahl für Erika und sich zuzubereiten. So stand bereits etwas Köstliches auf dem Tisch, wenn sie müde von der Arbeit nach Hause kam. Dafür war sie ihrem Schnucki dankbar. Beide genossen daraufhin eine entspannte Stunde mit einem guten Glas Wein, kleinen Neckereien und Gesprächen über belanglose Dinge. Diesmal schnitt Erika allerdings ein ernstes Thema an. »Ich möchte, dass wir morgen bei unserer Besprechung wirklich ungestört sind«, stellte sie dezidiert fest.
»Warum betonst du das so?«, wollte Leopold wissen. »Und vor allem, warum in meine Richtung?«
»Weil ich genau weiß, wie du zu dem Projekt stehst«, machte sie ihm klar. »Dir stoßen die neuen Entwicklungen gewaltig auf, du gibst es nur nicht zu. Aber denk bitte ausnahmsweise auch einmal an mich. Das ist eine ideale Möglichkeit, meinen Umsatz sprunghaft zu verbessern.«
Obwohl Leopold daran lag, einen Disput vor dem Schlafengehen zu vermeiden, konnte er Erikas Behauptungen nicht gelten lassen. »Inwiefern?«, fragte er vorsichtig.
»Da sieht man, dass du keine Ahnung vom Unternehmertum hast, Schnucki. So eine neue Sehenswürdigkeit schafft Kaufanreize«, belehrte Erika ihn. »Eichendorff am Bisamberg, Eichendorff in Floridsdorf, Eichendorff überall und in aller Munde. Die Leute werden mehr über ihn wissen wollen, sind neugierig, was er geschrieben hat. Wer ›in‹ sein will, muss sein Buch Aus dem Leben eines Taugenichts gelesen haben, in dem die Reise des Helden nach Wien und seine Tätigkeit als Gärtner im Schloss Seebarn beim Bisamberg genau beschrieben wird.«
»Diese Menschen kommen dann in Scharen ausgerechnet zu dir und kaufen dieses kleine Büchlein«, konnte sich Leopold eines gewissen Sarkasmus nicht enthalten.
»Das und noch viel mehr«, ereiferte sich Erika. »Was glaubst du, welche Möglichkeiten sich erst eröffnen, wenn ich den Begriff ›Romantik‹ gezielt einsetze? Mein Geschäft zur Spezialbuchhandlung für Romantik nördlich der Donau wird? Das sind Dinge, die über dein Begriffsvermögen hinausgehen.«
»Und wie willst du das alles anstellen?«
»Durch gezielte Werbung, durch Vernetzung mit anderen Floridsdorfer Geschäftsleuten. Darum ist unsere Besprechung so wichtig, Schnucki! Wir müssen Synergien schaffen. Dann ergibt sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit automatisch. Vielleicht kommt mich auch eines Tages das Fernsehen besuchen und macht ein Interview mit mir …«
»Ich möchte dir deine Illusionen nicht nehmen«, schnitt ihr Leopold das Wort ab, »ich möchte mir auch nicht deinen Kopf über die Realisierung dieser Träume zerbrechen. Sag mir nur eines: Warum nimmst du an, ich hätte vor, euer Treffen zu sabotieren? Noch dazu, wo meine Chefin höchstpersönlich daran teilnimmt?«
»Leider weiß ich nur zu gut, dass du dich gerne einmischst, wenn es darum geht, dem, was du für Gerechtigkeit hältst, zum Sieg zu verhelfen«, setzte Erika ihm auseinander. »Da ist es dir dann auch egal, ob du dir mit deiner Chefin in die Haare gerätst. Also denk bitte nicht einmal im Traum daran, Spione auszuschicken, die uns belauschen, unsere Diskussion durch kleine Bosheiten zu stören oder sonst etwas in dieser Richtung zu unternehmen. Wir brauchen unsere Ruhe! Es reicht, dass eine zweite Gruppe in unserer Nähe sitzt. Aber die gehört ja Gott sei Dank zu unserem Thomas Korber. Auf den kann man sich verlassen. Stifte ihn mir nur nicht an, Schnucki!«
»Das ist wieder einmal typisch, dass du Thomas mehr vertraust als mir«, schüttelte Leopold beleidigt den Kopf. »Dabei ist er gerade wieder in einer schwierigen Phase.«
»Schwierig, aber harmlos«, ging Erika darüber hinweg. Im Gegensatz zu Leopold wusste sie über Korbers Avancen bei seiner Tochter Sabine und deren wechselnden Erfolg Bescheid.
»Harmlos? Hast du eine Ahnung«, redete Leopold sofort auf sie ein. »Er will sich mit einer großen Partie amüsieren und nebenbei auf einem Zweiertisch seine neue Flamme vernaschen. Keine unbedingte Schönheit, aber das ist ja egal, wenn man wie er nur auf einen bestimmten Punkt fixiert ist, der bei jeder von euch Frauen an derselben Stelle liegt.«
»Da sind sie schon wieder, deine Verdächtigungen!«
»Verdächtigungen? Tatsachen! Eine Deutsche ist sie obendrein!«
»Jetzt mach aber mal einen Punkt mit deinen Vorurteilen!«
»Ich könnte dir über deinen lieben Thomas noch viel mehr erzählen. Er trinkt unmäßig, und in der Schule scheint er auch Schwierigkeiten zu haben. Seine Verbesserungsarbeiten macht er bei uns oder beim Heurigen – mit einem Glas Bier oder Wein neben sich. Er vergnügt sich sicher wieder in diversen Spelunken, aus denen ich ihn früher hinausgezerrt habe. Dort müsstest du ihn einmal sehen, wenn er sich ein Pupperl anlacht … Erika?«
Leopold hatte sich so in seine Tirade hineingesteigert, dass er Erikas Abwesenheit gar nicht bemerkt hatte. Sie war einfach aufgestanden und ins Bad gegangen, um sich abzuschminken. Jetzt gab es nur zwei Möglichkeiten: Kampf bis aufs Messer oder klein beigeben. Leopold entschloss sich für die friedliche Variante. Der morgige Abend würde schwer genug werden.
»Ich pass schon auf, dass ihr bei der Besprechung euren Frieden habt«, sagte er kleinlaut durch die offene Badezimmertür.
»Das will ich dir auch geraten haben«, kam es zurück, und es klang sanfter, als der Wortlaut vermuten ließ.
*
Der restliche Arbeitstag war für Thomas Korber angenehm verlaufen; kurz gesagt, er hatte Monika Aberles Gegenwart genossen. Erwin Bader hatte einen regen Gedankenaustausch mit Walter Kohut, dem hiesigen Administrator, gepflegt und war den beiden nicht weiter in die Quere gekommen. Monika hatte zwar noch die Deutschstunden von zwei seiner Kolleginnen besucht, danach aber ein Schwätzchen mit ihm geführt, bei dem sie ihrer Freude auf den morgigen Abend noch einmal Ausdruck gegeben hatte.
Auf dem Nachhauseweg hatte er noch zwei weiße Spritzer beim Heurigen Fuhrmann gleich bei ihm ums Eck getrunken, dann war Korber aber brav hinauf in seine Wohnung gegangen. Er war zufrieden, beinahe glücklich, und morgen, das fühlte er, musste er seinen Mann stehen. Also begnügte er sich mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher, um am nächsten Tag in Form zu sein.
Kaum hatte er sich gemütlich eingerichtet, läutete sein Handy. Auf dem Display leuchtete der Name »Rita« auf. Im ersten Augenblick konnte Korber nichts damit anfangen. Er glaubte, niemanden zu kennen, der so hieß. Aber aus irgendeinem Grund musste er die Frau ja abgespeichert haben.
»Hallo, Schmusekönig«, hörte er eine sanfte, heisere Stimme, als er das Gespräch entgegennahm.
Oh nein! Rita war also die Unbekannte aus dem Botafogo. »Ja?«, war alles, was er herausbrachte.
»Warum hast du dich nicht gemeldet? Du hast doch versprochen, mich anzurufen!« Rita klang enttäuscht.
»Ich hatte einen schweren Tag … Besuch aus Deutschland …«, stammelte Korber.
»Ich erinnere mich. Du hast gestern etwas in der Richtung erwähnt. Und es als Anlass genommen, dich im entscheidenden Moment zu verdrücken«, warf Rita ihm vor.
Ihr Gedächtnis funktionierte also perfekt. Damit war auch ihr Alkoholisierungsgrad geringer als der seine gewesen. Schlecht für ihn. »Ich musste weg, sonst wäre ich in der Früh nicht rechtzeitig aufgekommen«, druckste Korber herum.
»Dabei war ich schon sooo kribbelig«, geriet Rita ins Schwärmen. »Das ist mir auch noch nie passiert, dass mir einer inmitten so vieler anderer Menschen seelenruhig einen Knopf meiner Bluse öffnet und mir auf den nackten Busen greift. Und mit so viel Gefühl! Und dann das schummrige Licht und die Musik! Und deine Zunge in meinem Mund! Ich kann gar nicht beschreiben, was ich alles gespürt habe. Und plötzlich bist du abgehauen und hast mich ganz aufgewühlt allein gelassen. Das war echt fies.«
Korber versuchte krampfhaft, ein Bild zu Namen und Stimme zu bekommen. Wie sah Rita aus? War sie in seinem Alter, jünger oder älter? Sein Hirn war leer. Er hatte nur blasse, unzusammenhängende Eindrücke, die ihm nicht weiterhalfen. »Es war ein schöner Abend. Aber das war gestern, und …« Noch immer faselte Korber verworrenes Zeug daher, weil ihm nichts Besseres einfiel.
»Wir können es doch jetzt nicht dabei bewenden lassen«, fiel ihm Rita ins Wort. »Das schreit nach einer Fortsetzung, bei der wir uns den weiter unten liegenden Gebieten unseres Körpers widmen sollten. Den besonders empfindlichen Punkten. Du wirst staunen, wie zärtlich ich da sein kann.«
»Im Augenblick habe ich wirklich viel um die Ohren mit dem Besuch«, versuchte Korber, sich herauszureden. Dabei wurde ihm abwechselnd heiß und kalt.
»Du bist einmal vor mir davongelaufen, ein zweites Mal gelingt dir das nicht«, ließ Rita ihn wissen. »Wir müssen zu Ende bringen, was wir begonnen haben, um mich von meinem Kribbeln zu erlösen. Vorher gebe ich keine Ruhe!«
»Es wäre besser, wenn … Ich meine, wie und wo stellst du dir das überhaupt vor?«, erkundigte sich Kober vorsichtig.
»In deiner Wohnung natürlich! Das hast du gestern selbst vorgeschlagen«, erinnerte Rita ihn unbarmherzig. »Kneif jetzt nicht, sonst werde ich ernstlich böse! Ich lasse niemanden nur zum Spaß an meinem Körper herumfummeln. Wenn ich es recht bedenke, ist das eine ausgemachte Sauerei, die man bei der Polizei anzeigen kann.«
Das wollte Korber nun auch wieder nicht. »Gib mir ein wenig Zeit! Ich melde mich wieder«, vertröstete er sie.
»Ich weiß, wo ich dich finden kann«, warnte Rita ihn. »Also überlege es dir nicht zu lange. Du brauchst es doch auch, oder?«, fuhr sie sanfter fort. »Willst du dich nicht von mir verwöhnen lassen? Ich zeige dir Dinge, die du in deinem Leben noch nicht ausprobiert hast.«
»Ich melde mich«, wiederholte Kober. Erneut wurde ihm erst heiß, dann wieder kalt.
»Dann tschüss, Schmusekönig«, verabschiedete Rita sich. »Vergiss nicht auf mich! Sonst wirst du eine böse Überraschung erleben.«
»Tschüss«, murmelte Korber kraftlos in sein Handy. Anschließend versuchte er noch einmal, die Ereignisse des gestrigen Abends zu rekonstruieren. Erfolglos. Geblieben waren sprunghafte, unscharfe Erinnerungen ohne Aussagekraft. Es gab kein verlässliches Bild zu Rita. Dabei hätte er zu gern gewusst, wen er da befummelt hatte.
Wenn er es recht bedachte, gab es nun plötzlich mehrere Frauen, die in seiner nahen Zukunft eine Rolle spielen konnten:
Da war einmal Leopolds uneheliche Tochter Sabine Patzak. Mit ihr hatte er einige Zeit zusammengelebt, doch seit sie bei ihm ausgezogen war, genoss sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Dabei war sie mit ihren Gefühlen zu ihm auf Distanz gegangen. Das hatte seine seelische Krise verursacht.
Dann hatte es die Wiederbegegnung mit Marion Kirchner gegeben. Sie war eine ehemalige Kollegin aus seiner Studienzeit in Heidelberg. Damals hatten sie ein unbeschwertes Verhältnis zueinander gehabt. Das war nun aber schon etliche Jahre her. Außerdem war sie wahrscheinlich gebunden. Er würde sie bei der Besprechung im Heller wiedersehen, doch musste er seine Chancen bei ihr als äußerst gering betrachten.
Eine neue Bekanntschaft hatte er mit Monika Aberle, ebenfalls aus Heidelberg, geschlossen. Seine kumpelhafte Deutsch-Kollegin hegte zweifellos Sympathien für ihn. Vielleicht ergab sich da etwas. Die Sache hatte ihren Reiz. Doch wenn, dann nur für kurze Zeit.
Somit war Rita zur aussichtsreichsten Kandidatin für ein sexuelles Abenteuer avanciert. Ihre Andeutungen am Telefon hatten Korbers Blut in Wallung gebracht. Allerdings war völlig ungewiss, wer die Frau war, wie sie aussah und ob er sie auch wieder loswerden würde.
Also beschloss Korber, zunächst einmal den kommenden Abend mit Monika Aberle im Café Heller abzuwarten. Mit Rita konnte er jederzeit in Kontakt treten, wenn sich da nichts ergab.
Kapitel 4
Donnerstag, 25. Juni, abends
Am zweiten Tag ihres Besuches im Floridsdorfer Gymnasium hörte sich Monika Aberle wieder eine Reihe von Deutschstunden an. Anschließend wurden in einer Fachgruppensitzung am Nachmittag Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Unterricht an beiden Schulen erörtert. Ferner wurde ein gemeinschaftliches Projekt zum romantischen Dichter Joseph von Eichendorff mit seinem Bezug zu Heidelberg und Wien, besonders zum Bisamberg in der Nähe Floridsdorfs, beschlossen. Man betraute Thomas Korber und Monika Aberle mit der Erstellung eines Konzepts. Schließlich lud Direktor Marksteiner Frau Aberle und Herrn Bader noch zu einer Besprechung und einem kleinen Umtrunk in seine Kanzlei.
»Bis heute Abend«, verabschiedete Monika sich von Korber. Sie richtete ihm aus, dass sie sich nach der kleinen Konferenz im Hotel noch ein wenig frischmachen und dann erneut zum Gymnasium kommen würde, um sich dort mit ihm zu treffen. Deshalb wartete Korber vor dem Eingang zur Schule mit gespannter Vorfreude auf seine Heidelberger Kollegin. Die kräftigen Strahlen der Abendsonne, die einen schönen, warmen Frühsommertag beendeten, versetzten ihn dabei in eine gute Stimmung.
Als er so erwartungsvoll dastand, war auf einmal Sabine Patzak bei ihm und küsste ihn leicht auf die Wange. »Wo kommst du denn her?«, fragte er erstaunt.
»Vom Papa«, teilte sie ihm mit und deutete in Richtung Kaffeehaus. »Ab und zu muss ich ihn ja besuchen.« Früher hatte sie manchmal sogar im Heller gearbeitet, um Leopold zu entlasten, in letzter Zeit war sie allerdings kaum mehr dort gewesen.
»Was treibst du so?«, erkundigte Korber sich.
»Studieren, fortgehen, Spaß haben«, antwortete Sabine ihm. »Das Leben genießen. Jetzt schau mich nicht gleich wieder böse an. Ich möchte frei sein. Und das kann man nun einmal nicht, wenn man mit jemandem zusammenlebt, auch wenn man es sich noch so einredet.«
»Ich bin dir also im Weg! Schon gut«, bemerkte Korber trotzig.
»Ich habe dir immer gesagt, dass ich mich derzeit nicht binden will«, setzte Sabine ihm auseinander. »Am Anfang hattest du dafür auch volles Verständnis. Du hast sogar von deinen eigenen Freiheiten gesprochen, die du nicht aufgeben möchtest. Jetzt bist du eingeschnappt und willst nicht einsehen, dass ich von dir wegmusste. Dabei war es immer so abgemacht.«
»Habe ich denn gar keine Chance mehr?«
»Frag nicht so viel, das macht die Sache nur schwieriger. Wir stehen miteinander in Kontakt und werden uns wiedersehen. Das muss vorläufig genügen.«
In diesem Augenblick kam Monika Aberle vom Bahnhof her auf die beiden zu getrippelt. Sie winkte Korber schon von Weitem. Da machte er ein paar Schritte in ihre Richtung, umarmte sie demonstrativ und drückte ihr einen Schmatz auf den Mund.
»Du bisch ganz schee schdürmisch«, rutschte es Monika Aberle in ihrer Mundart heraus, während sie Korber den Kuss zurückgab. Sie war immer noch heiter vom Umtrunk in der Direktion. »Aber heute ist schon alles egal. Ich habe geglaubt, die Trinkerei hört nie auf. Euer Direktor verträgt ganz schön viel. Er wollte uns wohin verschleppen, ich bin gerade noch entkommen. Jetzt muss ihm der arme Erwin Gesellschaft leisten.« Sie bemerkte Sabine Patzak, die ungeduldig mit der Fußspitze auf den Asphalt klopfte und fragte: »Störe ich?«
»Überhaupt nicht«, erwiderte Sabine mürrisch. »Eigentlich bin ich schon weg. »Wie ich sehe, nimmst du dir gerade wieder ein paar Freiheiten«, schnauzte sie Korber an. »Ich finde es nur unfair, dass du den Armen spielst und mich anjammerst. Das solltest du dir gefälligst sparen!«
Sie wandte sich zum Gehen, hielt aber kurz inne. »Papa wartet schon auf dich«, teilte sie ihm noch mit. »Du hast, glaube ich, einen Tisch reserviert. Da geht es ziemlich zu.« Dann entfernte sie sich grußlos.
»Wer war das?«, wollte Monika Aberle wissen.
»Diese junge Frau? Ach, das war bloß die Tochter von Leopold, dem Oberkellner«, stellte Korber die Situation möglichst harmlos dar.
»Den ich heute noch näher kennenlernen werde?«, erkundigte sich Monika neugierig.
»Genau«, bestätigte Korber.
»Er wartet offenbar schon ungeduldig auf dich. Ich weiß zwar nicht, was du angestellt hast, aber wir sollten uns beeilen«, drängte ihn Monika daraufhin in Richtung Café Heller.
*
Als sie dort ankamen, standen Leopold die Schweißperlen auf der Stirn. Wie ein Gehetzter lief er hin und her. Dabei erhielt er immer wieder aufgeregte Anweisungen von Frau Heller. »Endlich bist du da«, begrüßte er Korber sichtlich mitgenommen. »Sag einmal, wie viele Leute hast du eingeladen?«
»Das habe ich doch bei der Reservierung angegeben. Ungefähr zehn, vielleicht ein, zwei mehr …« Korber fühlte, dass sich etwas Unangenehmes über ihm zusammenbraute.
»Da hinten tummeln sich mittlerweile mindestens doppelt so viele!« Leopolds Zeigefinger wies auf das Eck im Anschluss an die Billardtische, wo eine Traube von Menschen zusammengekommen war. »Darunter eine Menge Damen. Ob du es wohl schaffst, sie alle gleichzeitig zu vernaschen?«
Korber wurde rot im Gesicht und genierte sich vor seiner Begleiterin. »Lass bitte diese unqualifizierten Bemerkungen«, fuhr er Leopold an.
Monika Aberle gab ihm einen leichten Stoß. »Deesch do luschdig«, gluckste sie auf Schwäbisch.
»Dann erklär mir endlich, was los ist«, forderte Leopold. »Wer sind diese Leute? Ich kenne kein einziges Gesicht.«
»Warte bitte kurz, ich rede einmal mit Marion«, ersuchte Korber seinen Freund. Er hatte sie in dem Gedränge erblickt und machte sie auf sich aufmerksam. Beide gingen aufeinander zu. »Warum seid ihr so viele?«, fragte er sie.
Marion strahlte übers ganze Gesicht. »Das ist doch ein gutes Zeichen«, befand sie. »Unsere Sache interessiert eine große Anzahl von Menschen, und täglich werden es mehr. Ich finde das toll, du nicht?«
»Es ist aber hier herinnen nicht für alle Platz«, wandte Korber ein.
»Warum nicht? Das ist ein großes Kaffeehaus«, hielt Marion arglos dagegen.
»Ihr seid nicht die Einzigen hier«, machte ihr Korber klar. »Dieser Bereich gehört in erster Linie den Kartenspielern, Schachspielern …«
»Und eine zweite Gesellschaft ist ebenfalls vorgemerkt«, betonte Leopold, der ihm nachgeeilt war und auf eine Gruppe von Tischen in der anderen Ecke zeigte. »Eine geschäftliche Besprechung. Da muss Ruhe herrschen.«
Bei Marions Anhängern zeigte sich Unmut. Die Stimmen gingen durcheinander. »Was gibt es für Schwierigkeiten?« – »Will man uns etwa hinauswerfen?« – »Welcher Armleuchter hat den Mist mit der Reservierung gebaut?« Schließlich kam von vielen Seiten der Vorschlag, das Lokal zu wechseln.
Marion Kirchner musste aufpassen, dass sie die Kontrolle behielt. Sie überlegte. »Ich glaube nicht, dass wir woanders um diese Uhrzeit Platz für so viele Personen bekommen«, schlussfolgerte sie. »Ich freue mich irrsinnig über die große Beteiligung, aber wir werden einen Kompromiss eingehen müssen. Alle können nicht dableiben, also werden wir uns aufteilen. Am besten scheint es mir, wenn du, Frankie, dir ein paar Leute schnappst und mit ihnen weiter vorne beim Bahnhof oder im Bezirkszentrum beim Floridsdorfer Spitz ein Lokal suchst. Dort besprecht ihr ausführlich die Punkte drei und vier unserer Tagesordnung.«
Der Angesprochene, ein Mann etwa Mitte 30 mit schwarzem, gewelltem schulterlangem Haar, zeigte sich überhaupt nicht einverstanden. »Mich schickst du also weg. Ist das der Dank dafür, dass ich mich so für unsere Sache einsetze?«, redete er Marion aufgebracht an.
»Das ist keine Herabwürdigung deiner Leistungen, im Gegenteil«, versuchte sie, ihn zu beruhigen. »Euer Gespräch in der kleinen Gruppe kann äußerst fruchtbringend sein. Vielleicht kommen dabei Dinge zur Sprache, für die in der großen Runde kein Platz ist.«
»Trotzdem würde ich gern wissen, warum ausgerechnet ich es bin, der gehen muss!«
»Gegenfrage: Wer außer dir ist in der Lage, eine solche Diskussion zu leiten? Dafür brauche ich jetzt meinen besten Mann.« Indem Marion Frankie so langsam friedlicher stimmte, nahm sie ihn zur Seite und raunte ihm zu: »Im Augenblick geht es nicht anders, versteh das doch. Tu bitte, was ich dir sage, damit es kein Aufsehen gibt. Wir verständigen uns über das Handy und treffen uns später unter vier Augen, okay?« Zur Bekräftigung ihres Angebots berührte sie Frankie kurz sanft an der Schulter.
»Na schön«, grummelte er und tat murrend, wie ihm geheißen. Nach ein paar Minuten hatte er seine Leute beisammen.
Monika Aberle erkannte darunter ein bekanntes Gesicht. »Schau, der Kohut«, machte sie Korber mit gedämpfter Stimme aufmerksam.
»Der ist auch dabei? Nicht schlecht!« Korber pfiff durch die Zähne. »Ich hoffe, dir ist das Ganze nicht unangenehm.«
»Des isch doch klasse«, zerstreute Monika seine Bedenken. Sie war weiterhin ausnehmend guter Laune.
Der Rest der Gruppe rückte inzwischen so dicht zusammen, dass mit ein paar zusätzlichen Stühlen im Nu alles seine Ordnung hatte. Korber nahm mit Monika Aberle am Tisch daneben Platz. Da zitierte ihn Leopold nochmals zu sich. »Eine Erklärung bist du mir noch schuldig«, forderte er von ihm. »Wie kommst du dazu, mit deiner Reservierung ein derartiges Durcheinander anzurichten? Diese Leute gehören doch nicht zu dir. Normalerweise werfe ich die alle hinaus. Kein Benehmen, keine Disziplin. Und in der anderen Gesellschaft sitzt die Chefin höchstpersönlich!«
»Ich wollte einzig und allein Marion helfen«, verriet ihm Korber. »Ich habe sie damals während meines Studiums in Heidelberg kennengelernt. Auf einmal taucht sie hier auf und bittet mich um diesen Gefallen. Da konnte ich nicht nein sagen. Ich hatte doch keine Ahnung, dass es so kompliziert wird.«
»Und was wollen sie? Dass das keine Feier ist, sieht ja ein Blinder. Die haben etwas vor«, drang Leopold weiter in ihn.
Korber zögerte. Schließlich rückte er doch mit der Wahrheit heraus: »Du erinnerst dich sicher noch, wie wir uns unlängst über das Eichendorff-Projekt unterhalten haben. Deswegen sind sie da. Weil’s ihnen nicht passt! Sie bereden, was sie dagegen tun können.«
»Deswegen?« Leopold erhob seine Stimme und sah seinen Freund streng an.
»Ja, deswegen«, gab Korber kleinlaut zu.
»Großartig«, zischte Leopold und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. »Das hast du ausnahmsweise sehr gut gemacht. Zuerst dachte ich, du wolltest nur deinem Laster mit den Weibern frönen.«
Korber betrachtete seinen Freund argwöhnisch. Diesen Sinneswandel hatte er nicht vermutet. »Du bist also gar nicht gegen dieses Treffen?«, fragte er.
»Überhaupt nicht! Ich war nur dagegen, wie diese Leute sich benommen haben. Das war eines Kaffeehauses nicht würdig«, belehrte Leopold ihn. »Jetzt sitzen alle brav und friedfertig da, in überschaubarer Zahl. Was will man mehr?«
»Da stimmt doch etwas nicht«, rätselte Korber. Dann ging ihm ein Licht auf: »Moment einmal! In der anderen Partie sitzt die Chefin? Geht es da etwa auch um das Eichendorff-Projekt? Nur mit der völlig gegensätzlichen Interessenslage?«
»Du hast es erraten! Diese Sitzung stößt mir sauer auf«, redete sich Leopold seinen Frust von der Seele. »Alle denken nur an ihren Profit und nicht an den Schaden, der der Landschaft wahrscheinlich zugefügt wird. Aber ich bin machtlos. Erika ist auch dabei. Jedes kritische Wort wurde mir von ihr untersagt. Dafür sind heute Gott sei Dank andere da, die mich vertreten. Sehr engagiert, sehr sympathisch! Das lob ich mir.«
Korber wollte noch etwas anmerken, aber Leopold ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ich muss wieder arbeiten«, beendete er das Gespräch. »Geh zu deinem neuen Schatzi, sie macht im Augenblick einen einsamen Eindruck. Und sag meinen Freunden, ich bin gleich da, ihre Bestellung aufnehmen.«
Korber schüttelte den Kopf. Jetzt bezeichnete Leopold diejenigen Leute, die er vorhin hinauswerfen hatte wollen, bereits als seine Freunde. Da sollte sich wer auskennen.
Während sich Leopold, dessen Laune sich deutlich gebessert hatte, auf den Weg zu Marion Kirchners Gruppe machte, sah er Othmar Demmer zur Tür hereinkommen. Er winkte ihn freudig zu sich. »Setz dich gleich dort auf den Tisch neben dem reservierten Bereich«, trug er ihm auf. »Der ideale Platz zum Mithören!«
*
»Leopold! Kommen Sie bitte an unseren Tisch, wir sind durstig«, rief Frau Heller ihren Oberkellner herbei. Sie hatte mit ihren Gästen noch einen Begrüßungstrunk an der Theke eingenommen, ehe nun alle auf den für sie vorgesehenen Plätzen saßen.
»Bitte sehr, bitte gleich«, meldete sich Leopold zur Stelle, nachdem er Marion Kirchners Gruppe versorgt hatte. »Ich habe nur gewartet, bis die Gesellschaft vollzählig ist.«
»Sie haben unseren Tisch bevorzugt zu behandeln«, mahnte ihn Frau Heller. »Noch dazu, wo heute Herr Bezirksrat Mandl unter uns weilt. Was soll der sich denn denken?«
»Lassen Sie nur, Frau Heller«, gab sich Mandl bescheiden. »Zu warten, bis alle beisammen sind, gilt als Akt der Höflichkeit. Wir sind tatsächlich noch nicht komplett. Ein Freund von mir … ah, da ist er ja!«
Mandl, der selbst etwa 40 Jahre alt war, begrüßte einen eilig hereinstürmenden, sehr großen, sportlichen, jünger wirkenden Mann. »Entschuldige mein Zuspätkommen, Mathias! Ich habe im Augenblick viel zu tun«, setzte der Neuankömmling ihm auseinander, ohne die anderen eines Blickes zu würdigen.
Eine neugierige Unruhe entstand, da niemand den Mann zu kennen schien. Mandl hielt es deshalb für das Beste, ihn kurz vorzustellen: »Das ist Herr Ludwig Bergmann, eine neue, aufstrebende Persönlichkeit unter den Floridsdorfer Geschäftsleuten, die ihren Weg machen wird, jung, innovativ und dynamisch. Er bildet eine wichtige Schaltstelle in dem Projekt, das wir gleich näher erörtern werden.«
Frau Heller konnte ihre Wissbegierde nicht im Zaum halten und hakte nach: »In welcher Branche arbeiten Sie denn, Herr Bergmann?«
»Ich bin Buchhändler«, kam es herablassend von weit oben. Bergmann stand nach wie vor, er hatte noch nicht Platz genommen.
Leopold, der die Getränkebestellungen notierte, merkte, wie die Farbe aus dem Gesicht seiner Erika wich. Doch nach einer kurzen Schrecksekunde hatte sie sich wieder gefangen und ergriff sogleich das Wort: »Verzeihen Sie, aber das interessiert mich jetzt schon sehr. Was verstehen Sie unter Schaltstelle?«
»Dass alles, was Bücher und verwandte Produkte zu Eichendorff betrifft, in erster Linie über mich laufen wird«, kündigte Bergmann an. »Meine Buchhandlung, die ich demnächst eröffne, wird in Strebersdorf, also in unmittelbarer Nähe des Bisambergs, liegen. Zusätzlich werde ich auf der Erlebniswiese ebenso einen Kiosk betreiben wie in dem geplanten Feriendorf. Buch, Kultur, Eichendorff und Floridsdorf werden mit dem Namen Bergmann eng verbunden sein. Aber warum fragen Sie so ungeduldig? Ich werde das später ohnehin detailliert erörtern.«
»Weil ich auch Buchhändlerin bin«, kam es grimmig von Erika. »Mir gehört die Buchhandlung Lederer hier im Zentrum. Die existiert übrigens bereits im Gegensatz zu der Ihrigen. Sie erobern also absolut kein Neuland. Eichendorff und die Romantik haben in Floridsdorf einen festen Platz gefunden, und zwar bei mir!«
»Sie behaupten also, etwas von Eichendorff zu verstehen?« Verächtlich blickte Bergmann auf Erika hinunter.
»Ganz gewiss«, beteuerte Erika kämpferisch.
»Dann sagen Sie mir doch etwa bitte, wie der einzige Roman heißt, den Eichendorff verfasste.«
»Ahnung und Gegenwart«, antwortete Leopold, der gerade mit der Entgegennahme der Bestellungen fertig war, zur Überraschung aller wie aus der Pistole geschossen. »Das ist Allgemeinwissen, nichts Besonderes. Damit können Sie niemanden beeindrucken!«
»Vielleicht überzeugt es die lieben Anwesenden, dass ich sämtliche Spaziergänge Eichendorffs in der Gegend des Bisambergs nachvollzogen habe und hier wahrscheinlich öfter unterwegs war als er selbst; dass ich auf den Pfaden des Taugenichts durch Deutschland und Österreich nach Wien gewandelt bin; dass ich, aufgrund meines Studiums der Romantik, nachempfunden habe, welche Blumen der Taugenichts in seinem Gärtlein pflanzte, und auf dieser Basis den Entwurf für einen Schaugarten erstellt habe …« Giftig und irritiert warf Bergmann mit derlei Aussagen um sich.
»Beruhigen Sie sich doch beide bitte, damit wir endlich mit unserem Gedankenaustausch beginnen können«, ersuchte Mandl. »Wir werden alles zu gegebener Zeit besprechen. Zuerst müssen wir sehen, dass der Kuchen gebacken wird, dann können wir uns um eine gerechte Verteilung bemühen. Eines muss ich Ihnen allerdings schon sagen, liebe Frau …«
»Haller«, erwiderte Erika tonlos.
»Frau Haller, ja! Wir haben strategische Vorüberlegungen getroffen. Herr Bergmann und seine neue Buchhandlung werden nicht ohne Grund eine wesentliche Bedeutung bei der Umsetzung unserer Pläne haben. Ich sage das jetzt wertfrei und ohne die Qualität Ihres Geschäftes herabmindern zu wollen. Das ist so, weil …«
»Das ist so, weil er Ihr Freund ist«, unterbrach ihn Leopold, der immer noch dabeistand und zuhörte.
»Wie meinen Sie das?«, entgegnete Bezirksrat Mandl konsterniert.
»Ich meine das so, wie Sie es vorhin gesagt haben«, erklärte Leopold. »Sie haben diesen Buchhändler selbst als Ihren Freund bezeichnet.«
»Ein Mann wie ich, der viele Feinde besitzt, hat Gott sei Dank auch einige Freunde«, reagierte Mandl nervös. »Das sind private Angelegenheiten, die nichts mit politischen Entscheidungen zu tun haben. Ich hoffe, ich habe das hiermit klargestellt.«
»Bringen Sie uns sofort unsere Getränke, Leopold, und unterlassen Sie Ihre geschmacklosen Bemerkungen«, ereiferte sich Frau Heller. »Es ist eine Schande, was Sie sich gegenüber unserem Ehrengast herausnehmen. An die Arbeit, husch, husch!«
Mandl hatte sich schnell wieder im Griff. »Lassen Sie ihn nur«, bat er seine Gastgeberin. »Es ist immer gut, die Meinung des einfachen Volkes zu hören. Leute wie Ihr Oberkellner schnappen Dinge auf und geben sie unreflektiert wieder. Das ist nun einmal so, und ich empfinde es auch nicht weiter tragisch. Lassen Sie uns aber endlich zu unserer eigentlichen Besprechung kommen!«
Während die Debatte begann, ging Leopold erhobenen Herzens nach vorn. Erika hatte ihm kurz wohlwollend zugezwinkert. Das hieß, dass sie sein Eingreifen geschätzt hatte und ihm vielleicht gar nicht mehr so böse war, wenn er sich dem Eichendorff-Projekt gegenüber kritisch äußerte. Wer konnte schon sagen, wie lange sie selbst die Sache guthieß, wenn sie einmal merkte, dass Freunderlwirtschaft und Gegengeschäfte darüber entschieden, wer bei einer solchen Unternehmung das Sagen hatte und den Rahm abschöpfte.
Bei der Theke erwartete ihn Herr Heller bereits sehnsüchtig. »Gut, dass Sie kommen«, teilte er Leopold mit. »Da sitzt ein Gast, den ich einfach nicht verstehe. Vielleicht können Sie mir beim Übersetzen helfen. In den Fremdsprachen sind Sie bewanderter als ich.«
»Haben Sie eine Ahnung, wo er herkommt?«, erkundigte sich Leopold beiläufig. Er musste sich in erster Linie um die rasche Lieferung der Getränke zu den Geschäftsleuten um Frau Heller kümmern.
»Aus Deutschland. Zumindest klingt es so«, gab ihm Herr Heller unbeholfen zur Antwort.
Leopolds Blick erfasste sofort ein wohlbekanntes Gesicht. Der Mann winkte ihm zu und rief provokant »Hallo«.
Leopold hatte keine Zeit für eine Kulturdebatte. »Kännchen Kaffe?«, schnauzte er den Gast an.
Der nickte erfreut. »Oder wie heißt das schnell bei euch? Häferl…«
Leopold überging ihn einfach. »Einen Häferlkaffee aus der Filtertüte«, machte er Herrn Heller begreiflich. »Das kann aber warten. Vorher bekomme ich noch jede Menge Erfrischungen für die Chefin und ihre Gäste. Sehr heikel!«
»Dass Sie so schnell gewusst haben, was der Mann wollte«, staunte Herr Heller. »Man kann über Sie sagen, was man will, aber in Fremdsprachen kennen Sie sich aus!«
*
»Ich glaube, Leopold wirst du heute doch nicht näher kennenlernen«, vertraute Thomas Korber Monika Aberle an. »Er hat einfach zu viel zu tun.«
»Des isch do koi Problem«, beruhigte ihn Monika, der in ihrem heiteren Zustand immer wieder ein paar Brocken auf Schwäbisch herausrutschten. »Wir sind doch in erster Linie hier, um uns näher kennenzulernen. Oder ned?«
Sie legte dabei ihre Hand kurz auf die von Korber. Beide tranken gemeinsam von einer Flasche Rotwein. Während Monika sich dabei keine Zurückhaltung auferlegte, blieb Korber vorsichtig. Die Dinge entwickelten sich günstig, seine Kollegin war in der richtigen Stimmung, um bei ihr einen Schritt nach vorn zu wagen. Aber er durfte sich, ermuntert vom Alkohol, nicht gehen lassen. Das war keine Zufallsbekanntschaft in einem schummrigen Nachtlokal. Das war eine Lehrerin aus Heidelberg auf offiziellem Besuch in Wien. Jede gewagte Berührung, jedes Angebot, das zu weit ging, konnte für ihn fatale Folgen haben.
»Natürlich«, pflichtete er ihr bei. »Ich hoffe nur, wir haben dabei unsere Ruhe. Wenn die einmal merken, dass ihnen der Feind direkt gegenübersitzt, kann es hier schnell drunter und drüber gehen. Vorhin dachte ich schon einmal, es sei so weit, aber es ist noch einmal gut gegangen. Was nicht heißt, dass es so friedlich bleiben muss.«
»Denk nicht zu viel darüber nach«, riet Monika ihm. »Einstweilen ist es doch saugemütlich da. Und wenns uns ned bassd, dann genga mr äba woandersch hin!«
»Das wollte ich auch vorschlagen«, stimmte Korber zu. »Du kannst ja förmlich in meinen Gedanken lesen.«
»Siehste«, grinste Monika ihn an.
Das Unwetter, das Korber fürchtete, braute sich allerdings nicht in seiner unmittelbaren Nähe, sondern beim Eingang des Café Heller zusammen. Eine kleine, resolute Frau mit schwarzem Haar, schwarzem Blouson, schwarzem Rock und hochhackigen schwarzen Stiefeln wechselte ein paar Worte mit Leopold, der sie sofort mit der ausgestreckten Hand als Wegweiser zu ihm schickte. Daraufhin stapfte sie zügig drauflos, bis sie vor seinem Tisch zu stehen kam.
Korber hatte einen Verdacht. »Wenn es das ist, was ich vermute, wird es jetzt ein bisschen unangenehm«, raunte er Monika zu.
»Ich weiß nicht, was du hast«, schüttelte sie amüsiert den Kopf und machte einen Schluck vom Wein. »Ich unterhalte mich blendend.«
»Hallo, Schmusekönig«, rief die Gewitterwolke Korber indes zu.
Das also war Rita. Auffällige Kleidung, aber unscheinbares Gesicht. Schwarzes Haar, kleine, funkelnde Augen, schmale Lippen. Zierliche Gestalt mit eher flachem Brustkorb. Sie sah jünger aus, als sie es vermutlich war. Korber schätzte sie in seinem Alter, Ende 30. Jedenfalls blieb seine Erinnerung nebulos. Der springende Punkt war jedoch, dass er sich mit ihr auf etwas eingelassen hatte. »Hallo, Rita«, grüßte er sie.
The free sample has ended.