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Titelseite

Herbert Lipsky

Parkour

Kriminalroman

Leykam

Prolog

Lara Bauer nahm ihre Dienstwaffe aus der Schreib­tischlade, lud sie. Sicherte. Wog ihr Gewicht und zielte mehrmals beidhändig auf ein Bild an der Wand. Dann steckte sie die Waffe in ihr Halfter am Gürtel. Würde sie sie heute brauchen? Sie legte ihre kugelsichere Weste über ihrer Uniformjacke an. Fühlte sich durch die Weste beengt. Beim Verlassen ihres Büros warf sie einen prüfenden Blick in den großen Spiegel, den sie über dem Handwaschbecken anbringen hatte lassen. Die kurz geschnittenen blonden Haare waren nur teilweise unter der Kappe verborgen. Sie war mit dem, was sie sah, zufrieden. Ihre Haut war trotz einiger kleiner Fältchen um die Augen noch glatt und ohne Makel. Sie fand, dass sie etwas jünger aussah, als sie es tatsächlich war. Allerdings wirkte ihr Gesichtsausdruck heute angespannt und ernst, zwischen den Augen an der Nasenwurzel war eine tiefe Furche zu sehen. Sie strich sie glatt. Zwang sich zu einem Lächeln. Wie vor jedem Einsatz hatte sie zwar einen beschleunigten Puls, war aber nicht aufgeregt, sondern kalt und konzentriert, so wie sie es früher beim Judo vor den Wettkämpfen gewesen war.

Ort und Zeitpunkt der Razzia waren streng geheim gehalten worden. Nur die engsten Mitarbeiter der Sonderkommission waren eingeweiht. Die Sondereinheit, die man zusätzlich benötigte, die WEGA, hatte man angefordert, ohne den Einsatzort bekannt zu geben. Erst in letzter Minute würden die insgesamt vierzig Polizisten erfahren, wohin es gehen würde. Und während des Einsatzes durfte niemand sein Mobiltelefon benutzen, alle Befehle würden über Sprechfunk kommen. Denn die Leiterin der Kommission, Lara Bauer, hegte den Verdacht, dass die Betroffenen bei einigen Razzien zuvor gewarnt worden waren.

Das Zielobjekt war ein Bordell in der Leopoldstadt. Parksauna stand an der Fassade des Hauses, aber jeder wusste, was hinter seinen Mauern ablief. Doch bisher hatte es nie Schwierigkeiten mit den Behörden gegeben. Die Betreiber bezahlten ihre Steuern, und die beschäftigten Damen ebenso. Sie waren als Tänzerinnen, Masseusen und Bardamen angestellt und registriert, und alle unterzogen sich regelmäßig ärztlichen Untersuchungen. Eine Kontrolle im Vorjahr hatte nichts Verdächtiges ergeben. Das Publikum war zahlungskräftig, bekannte Persönlichkeiten gingen in dem Etablissement ein und aus. Auch ein Escortservice wurde angeboten.

Diesmal ging es jedoch um etwas anderes als Prostitution. Man hatte einen Tipp bekommen. Seit einiger Zeit sollte ein auf der Fahndungsliste stehender Tschetschene, ein gewisser Dimitri Kabakow, dort wohnen. Und Gruppeninspektorin Bauer vermutete, dass dieser Mann der Bande angehörte, zu deren Bekämpfung die Sondereinheit gebildet worden war. Er galt als überaus gefährlich.

Die Polizei hatte den ganzen Häuserblock weiträumig umstellt. Das Bordell selbst war ein lang gestrecktes einstöckiges Gebäude, seitlich gelangte man durch ein Tor in einen Hof, der als Parkplatz diente. Hier konnten die Kunden unauffällig parken, ohne von der Straße aus gesehen zu werden. Ein Schlagbaum schützte vor unerwünschten Besuchern. Der Hof war von den benachbarten Grund­stücken durch eine hohe Mauer abgegrenzt.

Zwei in Zivil gekleidete Beamte steuerten direkt auf den Eingang zu, wo ihnen zwei Türsteher mit Brachialgewalt den Eintritt verwehren wollten. Die beiden Männer wurden in ihre Loge gedrängt, als einer losschlagen wollte, bekam er mit dem Stock einen Hieb über den Kopf. Beiden wurden Handschellen angelegt. Nun schwärmten die uniformierten Polizisten in das Lokal und besetzten alle Ausgänge. Die Musik verstummte jäh, und die zwei Mädchen, die an den Stangen auf der Bühne geturnt hatten, erstarrten in ihren obszönen Posen. Aus dem Saunabereich mit dem Swimmingpool erklangen Schreie. Am Rand des Beckens saßen nackte Mädchen, die ebenso nackte Männer betreuten. Um den Pool verlief im ersten Stock ringförmig eine Galerie, von der zahlreiche Zimmer abgingen. Türen öffneten sich, aus denen weitere Damen und Herren in derangiertem Zustand herausquollen, wohl durch den Lärm und die Schreierei gestört.

„Ruhe bewahren, dies ist nur eine Personen- und Ausweiskontrolle. Kleiden Sie sich in Ruhe an, und kommen Sie in die Halle“, schallte es aus Lautsprechern.

Lara Bauer war mit drei Kollegen sofort in die obere Etage gestürmt, wo auch, wie sie wusste, das Büro der Geschäftsführung und weitere private Räume lagen. Ein bulliger Mann stellte sich ihnen in den Weg, gab aber sofort auf, als er die gezogenen Waffen der Beamten erblickte. Die Polizisten traten ohne anzuklopfen ein. Der Raum war luxuriös eingerichtet. An einer Wand waren zahlreiche Monitore angebracht, auf denen wesentliche Räume des Etablissements zu sehen waren.

In einer Sitzgarnitur saßen zwei Männer. Einer der beiden erhob sich ohne ein Anzeichen von Nervosität.

„Ah, ein unerwarteter Besuch, die Frau Bauer mit ihrer Truppe. Das ist Geschäftsstörung. Sollten wir sie nicht verklagen?“

Bauer hielt ihm ein Schreiben unter die Nase.

„Das ist keine Routinekontrolle, sondern eine Fahndung, wir suchen einen Mörder. Wir dürfen uns diesmal sogar bei Ihnen hier umsehen.“

Mittlerweile war auch der zweite Mann aufgestanden. Er war groß, gut gekleidet und wirkte in seiner Arroganz unnahbar und gefährlich. Sie musterte ihn. Er hielt ihrem Blick stand und sagte etwas in einer fremden Sprache, die Lara Bauer verstand. Es waren Flüche auf Russisch.

Plötzlich krachten draußen Schüsse. Bauer verließ rasch das Zimmer und lief in das Lokal hinunter, in dem Chaos herrschte.

„Im Hof wurde geschossen“, rief man ihr zu.

Sie rannte ins Freie, sah in einer Ecke neben einem Auto eine Gruppe Männer stehen. Einer ihrer Mitarbeiter saß am Boden und hielt sich die Schulter. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor.

„Er ist über die Mauer“, sagte er mit schwacher Stimme. „Er kam aus diesem Fenster.“ Er zeigte hinauf.

Der Gesuchte war vom Fenster auf die Mauer gesprungen und hatte, als er den Polizisten sah, sofort auf ihn geschossen. Ein Notarztwagen fuhr vor, und die Ärzte versorgten den verletzten Beamten, auf den mehrere Schüsse abgegeben worden waren. Nur seine kugelsichere Weste hatte ihn vor dem Tod bewahrt.

Bauer kehrte in das Lokal zurück. In der schummrigen Bar herrschte nun wieder eine gewisse Ordnung. Beamte kontrollierten Ausweise und Identitäten und ließen die registrierten Personen nach Hause gehen. Sie stieg in den ersten Stock. Vor der Tür zum Büro standen zwei Beamte. Sie ging weiter in das Zimmer, aus dessen Fenster Kabakow gesprungen war. Ein nicht gemachtes Bett, ein offener Koffer, ein Anzug und Hemden im Schrank, Toiletteartikel in der Duschnische. Er hatte offenbar hier gewohnt. Bauer ging mit den Kollegen in das Büro zurück, wo die beiden Herren immer noch ruhig warteten. Sie setzte sich zu ihnen.

„Nun ja, diesmal wird es ein wenig schwierig für Sie werden, fürchte ich. Sie haben einen gesuchten Verbrecher bei sich aufgenommen. Und ein Polizist wurde angeschossen.“

„Das ist doch nicht meine Schuld.“

Der zweite Mann war aufgestanden und sagte in perfektem Englisch mit stark amerikanischem Akzent: „I am only a businessman. I want to go.“

„You may go … after you have given your identity to my collegue.“

Gemeinsam mit einem Polizisten verließ er den Raum.

„Nun zu Ihnen, lieber Herr Jaroschka. Wir werden Ihr Haus, im Speziellen ein Zimmer kriminaltechnisch unter die Lupe nehmen und dabei feststellen, dass der geflohene Mann bei Ihnen gewohnt hat. Dann wird es eng für Sie. Sie haben ihm Unterschlupf gewährt. Sagen Sie mir doch lieber gleich die Wahrheit.“

Sie schob ihm ein Foto von Dimitri Kabakow über den Tisch. Auf Jaroschkas Stirn bildeten sich Schweißtropfen.

Er schwieg einige Zeit lang, dann fragte er: „Lassen Sie mich dann in Ruhe?“

„Sie meinen, ob es wieder zu Razzien kommen wird? Während Sie sitzen sicher nicht.“

„Kabakow ist mit einem Schreiben eines Geschäftspartners aus Russland gekommen, der mich gebeten hat, ihn in Wien aufzunehmen und ihm die Stadt zu zeigen. Ich habe keine Ahnung gehabt, dass er polizeilich gesucht wird.“

„Und, haben Sie ihm Wien gezeigt?“

„Natürlich, man will ja freundlich sein. Dieser russische Freund schickt mir viele reiche Kunden. Ich bin ihm verpflichtet.“

„Haben Sie das Empfehlungsschreiben noch?“

„Nein, ich habe es weggeworfen.“

„Was wissen Sie über diesen Herrn Kabakow?“

„Nichts.“

„Wo könnte er sein? Mit wem war er hier zusammen, wen hat er getroffen?“

„Ich habe keine Ahnung. Er kam und ging, wie er wollte. Ich hatte keine Zeit, mich ständig um ihn zu kümmern.“

„Wie lange wohnt er schon bei Ihnen?“

„Einige Wochen.“

„Sie sind ein großzügiger Gastgeber.“

Dabei blieb Jaroschka, mehr war ihm nicht zu entlocken. Man konnte die Angst, die er hatte, förmlich riechen. Die Razzia dauerte bis in die Morgenstunden. Alle Personen waren registriert, alle Mädchen kontrolliert worden.

Es dauerte den ganzen nächsten Tag, um die gewonnenen Daten zu bearbeiten. Trotz des entkommenen Verbrechers war die Razzia nicht unergiebig gewesen: Eine der Damen hatte gefälschte Papiere, drei waren mit Österreichern verheiratet, vermutlich Scheinehen. Ein Mann hatte keine Dokumente bei sich gehabt. Zwei andere wurden wegen Betrugsdelikten gesucht. Allen Mädchen hatte man Kabakows Foto gezeigt, die meisten hatten ihn jedoch angeblich nie gesehen, keine hatte mit ihm Kontakt gehabt.

Lara Bauer lud die drei Frauen, bei denen der Verdacht auf Scheinehe bestand, zu sich ins Kommissariat. Die Mädchen taten ihr eigentlich leid, aber sie wollte von ihnen etwas wissen. Man wollte sie verunsichern, sagte, dass ihre Papiere überprüft werden würden. Ob da wohl alles mit rechten Dingen zugegangen sei? Die Ehen seien, soweit man es beurteilen könne, wahrscheinlich ungültig. Man sah den Armen an, dass sie Angst vor der Ausweisung hatten. Eine von ihnen kam aus Nigeria, eine stammte aus Moldawien und eine aus der Ukraine, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt. Ohne Schminke und Kunstlicht sahen sie alltäglich und unansehnlich aus. Auf der Straße würde man ihnen nicht unbedingt nachschauen. Ihr Deutsch war miserabel.

Zunächst ließ Bauer sie einmal warten, dann nahm sie sich jede einzeln vor. Sie blätterte in ihren Unterlagen, musterte sie eindringlich und fing erst dann an, Fragen zu stellen. Wie lange sie schon da sei, wo sie ihren österreichischen Mann kennengelernt habe, ob sie Kinder habe und ob denn ihr Mann nichts dagegen habe, dass sie in einem Bordell arbeite. Die Inspektorin stellte die gleichen Fragen immer wieder, drohte, sie würde, wenn sie die Unwahrheit sagte, aus Österreich ausgewiesen werden. Die Frau aus Nigeria gab an, ihren Mann in Österreich kennengelernt zu haben, sie sei als Tänzerin eingereist und habe eine Arbeitsbewilligung erhalten. Die Moldawierin war als Pflegehelferin ins Land gekommen, und die Ukrainerin hatte ihren Mann durch das Internet kennengelernt. Soweit die üblichen Geschichten. Kabakow hatte keine der drei jemals gesehen.

Mit der Ukrainerin, die Bauer sich als Letzte vornahm, sprach sie russisch. War es die Vertrautheit, die durch den Gebrauch der bekannten Sprache entstand, oder die zunehmende Furcht, jedenfalls sagte die Frau plötzlich: „Er war mit Sylvia zusammen.“

„Wer ist diese Sylvia?“

„Sie hatte an diesem Abend frei, sie ist Österreicherin und hat ein Kind.“

„Ihr Name und ihre Adresse?“

„Weiß ich nicht.“

„Gut, danke, du kannst gehen. Ich werde niemandem sagen, was ich gehört habe.“

Es würde kein Problem sein, die Adresse von Sylvia herauszufinden.

Parkour 1

Lukas Bernard saß schläfrig im Streifenwagen. Sein Kollege war zu einem Würstelstand gegangen, um etwas Essbares zu holen. Es war kurz nach Mitternacht, und es lagen noch einige Stunden Dienst vor ihnen. Bisher war es ungewöhnlich ruhig gewesen. Als Bucher zurückkam, kauten beide schweigend an ihren Würsten. Nach den Jahren in Paris hatte Lukas einige Zeit gebraucht, um an den Burenwürsten Geschmack zu finden. Und wenn die Wiener von der Käsekrainer als der Eitrigen sprachen, ekelte es ihn immer noch. Eine barbarische Speise und ein noch schrecklicherer Name. Jetzt, nach über einem Jahr Polizeidienst, hatte er sich neben den Burenwürsten auch an vieles anderes gewöhnt. An die Betrunkenen, die Verkehrsunfälle, die Zwiste zwischen den Ehepaaren, zu denen sie geholt wurden und wo sie zum Dank für ihr Einschreiten von den Frauen meist beschimpft wurden. Die jungen Drogensüchtigen, die sie im Rinnstein auflasen, die Beschwerden über die zu lauten Nachbarn. Die vielen Schlägereien, bei denen man immer wieder einmal selbst was abbekam. Eigentlich hatte Lukas genug von der Streife, er wollte sich für die WEGA bewerben, aber es würde noch eine Zeit lang dauern, bis das möglich war. Er hatte die Bedingungen für die Bewerbung durchgelesen. Vor der Aufnahmeprüfung hatte er keine Angst. Er hatte sich im letzten Jahr oft gefragt, ob es die richtige Wahl gewesen war, Polizist zu werden. Er wusste, dass sein Vater von ihm eigentlich erwartet hatte, dass er nach seinem Jusstudium die Anwaltslaufbahn einschlagen würde, aber es waren keine Einwände gekommen, als er ihm seinen Berufswunsch mitgeteilt hatte. Lukas dachte sich, dass er die Erfahrungen, die er hier machte, sehr wohl in einem zukünftigen Rechtsberuf brauchen könne.

Sein Kollege, Inspektor Karl Bucher, war älter als er, über dreißig, und er war dabei, sich zu einem zynischen und abgebrühten Polizisten zu entwickeln, der niemandem mehr vertraute und allen gegenüber misstrauisch war. Seine berufliche Erfahrung war bereits beträchtlich, und Lukas gestand sich ein, viel von ihm gelernt zu haben. Ihr Verhältnis war gut, er sprach mit ihm auch über persönliche Dinge. Überhaupt war die Kameradschaft unter den Kollegen groß. Man traf sich auch außerhalb des Dienstes.

Ein Ruf der Zentrale erreichte sie: „Welche Position habt ihr?“

Lukas gab ihre Koordinaten durch. „Wir fahren gerade los, den Donaukanal entlang.“

„Fahrt Richtung Norden, ein Notfall in der Gartenstraße 52, aber schaltet kein Blaulicht ein. Ihr seid von allen verfügbaren Wagen am nächsten. Vorsicht, höchste Gefahrenstufe, schusssichere Westen anlegen.“

Lukas gab die Adresse in das GPS-System ein, und Bucher, der die Stadt wie seine Westentasche kannte, gab Gas. Wenige Minuten später waren sie am Zielort. Ein Auto parkte quer über die Straße. Eine Frau stand neben dem Fahrzeug und hob ihre Hand. Sie sprangen aus dem Wagen.

„Gruppeninspektorin Bauer, ich glaube, dass wir einen gefährlichen Kunden gestellt haben, im dritten Stock, in der Wohnung seiner Freundin. Er hat sich vor zwei Tagen einer Festnahme entzogen und einen Kollegen angeschossen. Ein gewisser Kabakow, Tschetschene. Er ahnt nicht, dass wir hier sind. Mein Kollege überwacht den Hof. Allein kriegen wir ihn nicht, ich habe schon die WEGA alarmiert, aber die kommen gerade von einem Einsatz zurück, es wird sicher noch fünzehn Minuten dauern.“

Sie zogen sich gerade ihre kugelsicheren Westen an, als ein Streifenwagen mit lautem Folgetonhorn und Blaulicht einbog.

„Diese Idioten“, stieß die Inspektorin hervor.

Im dritten Stockwerk wurde ein Fenster hell, kurz wurde die Gestalt eines Mannes sichtbar, verschwand aber schnell wieder. Er tauchte wieder auf, öffnete das Fenster, neben sich eine Frau, die er am Hals gepackt hatte, in der anderen Hand eine Pistole.

„Wenn ihr mich nicht gehen lässt, dann lege ich sie um, und das Kind auch.“ Er hob ein kleines Mädchen in die Höhe. „Ich verlange freien Abzug.“

Ein weiterer Streifenwagen bog mit Sirenengeheul um die Ecke. Der Mann schien nervös zu werden, gab einen Schuss in die Luft ab.

Bauer verhielt sich ruhig, gab nur Bucher und Lukas die Order, ihren Kollegen an der Rückseite des Gebäudes bei der Absicherung des Hofes zu unterstützen. Lukas holte sich vom Rücksitz des Streifenwagens eine Sporttasche, zog sich Sportschuhe an und setzte sich eine Mütze auf.

„Was soll das?“, fragte die Inspektorin.

„Damit kann ich schneller laufen.“

„Sei vorsichtig und pass auf, dass dein hübsches Gesicht nichts abbekommt. Wie ich schon sagte: Der Bursche ist gefährlich, er hat schon mehrere Menschen auf dem Gewissen. Und er hat meinen Partner angeschossen.“

Die zwei Streifenpolizisten begaben sich durch den Hausflur in den Hof, wo der Kollege sie schon erwartete, die Inspektorin hatte ihn per Mobiltelefon instruiert, dass er Verstärkung bekommen würde. Es war ein typischer Innenhof wie viele in Wien, umgeben von unterschiedlich hohen Häusern mit kleinen Balkonen. Lukas betrachtete alles genau. Die meisten Balkone hatten eine Umrandung aus Beton, die Abstände zwischen den Stockwerken waren beträchtlich. Der Balkon der Wohnung, in der sich der Täter befand, war nicht vom unteren aus zu erreichen. Die entsprechenden Balkone des Nachbarhauses lagen eine Spur höher, dazwischen Stiegenhausfenster. Hier war seiner Meinung nach ein Aufstieg möglich.

„Es wäre ein Kinderspiel, auf den Balkon zu kommen.“

„Du spinnst.“

„Ich brauche dreißig Sekunden dazu.“

„Du bist aber nicht Spiderman.“

„Ja, doch.“

Der Kollege sprach mit der Einsatzleiterin.

„Du kannst es versuchen, aber bleib am Balkon des Nachbarhauses, du darfst nicht allein in die Wohnung. Warte, bis die WEGA kommt.“

Frau Gruppeninspektor Bauer hatte die Bewohner der umliegenden Häuser mittlerweile per Lautsprecher ermahnt, in ihren Wohnungen zu bleiben. Nachdem zunächst hinter vielen Fenstern Licht gebrannt hatte, war jetzt alles finster. Auch der Innenhof lag wieder im Dunkeln. Man sah zwar niemanden, konnte aber annehmen, dass hinter den Fenstern neugierige Augen in die Dunkelheit starrten.

Lukas legte seine Ausrüstung bis auf die Pistole ab, zog sich die Haube ins Gesicht und streifte sich dünne Lederhandschuhe über. Dann nahm er Anlauf, sprang mit einer flüssigen Bewegung die Mauer an, katapultierte sich nach oben und zog sich mit den Händen auf den ersten Balkon. Er sprang erneut, erreichte das Geländer des Balkons am Nebenhaus einen Stock höher, von dort zurück auf den nächsten Balkon im zweiten Geschoß. Es vergingen kaum dreißig Sekunden, bis er im dritten Stock des Nachbarhauses war und sich hinter der Betonumrandung duckte. Nur wenig später öffnete sich die Balkontür der belagerten Wohnung, Kabakow trat heraus und spähte vorsichtig ins Dunkel der Höfe und Gärten. Aus der Wohnung hörte man die hysterische Stimme einer Frau. Der Verbrecher zog sich wieder zurück. Weitere Schreie ertönten, und dann ein dumpfes Geräusch. In der folgenden Stille hörte man nur das leise Weinen eines Kindes. Mit einem mächtigen Satz sprang Lukas auf den niederer gelegenen Balkon der Wohnung und kam geräuschlos wie eine Katze auf. Er griff nach seiner Glock und entsicherte sie. Kabakow hatte die Balkontür offen gelassen. Im Raum dahinter war es finster. Lukas ging vorsichtig hinein, die entsicherte Pistole in der Hand, konnte erkennen, dass er sich in einer Küche befand. Er stieg über eine bewusstlose Frau, hörte sie leise stöhnen, neben ihr am Boden das wimmernde Kind. Lautlos schlich er in den Vorraum, spähte durch eine angelehnte Tür, aus der ein Lichtschein drang. Kabakow stand in der Mitte des Zimmers und telefonierte. In der rechten Hand hielt er eine Pistole.

Ohne zu zögern richtete Lukas seine Waffe auf den rechten Oberschenkel des Mannes und drückte zweimal ab. Die Wucht der Schüsse warf den Verbrecher zu Boden, er blieb bewegungslos liegen. Lukas stürzte ins Zimmer, Kabakow sah ihn mit leeren, verwunderten Augen an. Blitzschnell ergriff Lukas die Pistole, die neben ihm lag, und feuerte damit zwei Schüsse in Richtung Tür ab. Er tastete den Mann nach weiteren Waffen ab und legte ihm Handschellen an. Die Pistole legte er für ihn unerreichbar auf einen Tisch. Dann öffnete er das Fenster und rief hinunter: „Ich hab ihn, ihr könnt kommen. Ich mach euch die Tür auf.“

Danach ging er zu der bewusstlosen Frau, fühlte ihren Halspuls und legte sie in eine seitliche Position. Das schreiende Mädchen nahm er in seine Arme.

Kaum hatte er das Kind aufgenommen, stürmten schreckenerregende vermummte Gestalten mit ihren Waffen im Anschlag in die Wohnung herein. Er kannte eine derartige Situation nur aus diversen Filmen, live hatte er die WEGA noch nie in Aktion gesehen, und war froh, dass seine kugelsichere Weste die Aufschrift Polizei trug. Auch Frau Gruppeninspektor Bauer betrat die Wohnung. Sie nahm ihm das Mädchen ab.

„Na, mein Kindchen, ist dir etwas passiert?“

Zu Lukas gewandt fragte sie barsch: „Was war da los? Erzähl!“

Seine Erklärungen differierten etwas von der Wahrheit. Er sei am Nebenbalkon gewesen, das stimmte, dann habe er Schreie gehört, das stimmte auch noch. Dann sei er hinübergesprungen und habe vom Balkon aus gesehen, wie der Verbrecher die Frau misshandelt habe, er habe ihr mit der Pistole auf den Kopf geschlagen und sei ins Wohnzimmer verschwunden. Er selbst sei durch die Küche gegangen und habe vom Vorraum aus den Kerl im Wohnzimmer stehen gesehen, dann habe er gerufen: „Achtung, Polizei, lassen Sie die Waffe fallen!“ Der Mann habe sofort auf ihn gefeuert, ihn aber wegen der Dunkelheit verfehlt. Erst darauf habe er geschossen und ihn am Oberschenkel erwischt. Die Frau, die bewusstlos war, habe er in Seitenlage gebracht. Dann habe er die Kollegen verständigt.

„Hast du seine Waffe berührt?“

„Selbstverständlich, ich habe sie dort auf den Tisch gelegt.“

Gruppeninspektorin Bauer übergab das Kind einer jungen Polizistin und ging mit Lukas auf den Balkon.

„Da bist du heraufgekommen?“

„Es war kein Problem. Ich bin ein Traceur.“

„Was ist das?“

„Ich betreibe Parkour und bin auch Free Runner. Das sind Sportarten.“

„Das erklärst du mir morgen, wenn wir das Protokoll schreiben. Auf alle Fälle war das sehr kaltblütig. Und wo hast du so schießen gelernt?“

„Ich schieße seit meiner Jugend. Mein Vater hat es mir beigebracht. Zum Parkour bin ich auch durch ihn gekommen. Parkour ist nicht nur eine Sportart, hier geht es um mehr, es gibt auch philosophische Ansätze, wie beim Zen-Buddhismus. Man gelangt dabei zu einer inneren Reife.“

„Du bist ein erstaunlicher junger Mann. Wir treffen uns morgen um vierzehn Uhr hier zu einer genauen Rekonstruktion der Geiselbefreiung. Denk genau nach, was du dann aussagst. Denn auf alle Fälle hast du meinen Befehl missachtet. Ihr könnt jetzt mit eurer Streife weitermachen.“

Lukas saß neben seinem Kollegen im Streifenwagen, es war bereits vier Uhr morgens.

„Lukas, ich bin ganz weg. Wie du da hinaufgeklettert bist, wirklich wie Spiderman.“

„Es war nicht schwer. Wenn du etwas über Parkour wissen willst, geh ins Internet, es gibt viele Filme darüber.“

„Und wie war das in der Wohnung?“

Lukas gab ihm die gleiche Version des Hergangs wie der Gruppeninspektorin.

„Wie geht es dir jetzt?“

„Ich bin müde, und mir zittern die Knie.“

„Dann schlaf ein wenig, ich werde an einer ruhigen Stelle parken.“

Der Rest der Nacht verlief ohne weitere Probleme. Sein Kollege sagte ihm, er werde den Bericht über Nacht schreiben. Lukas fuhr nach Hause, nahm eine Dusche und sank ins Bett.

Die Inspektorin

Sein Wecker riss ihn um zwölf Uhr mittags aus dem Schlaf. Erst nach einem starken Kaffee war er in der Lage, über seine Situation nachzudenken. Er hatte sich über den Befehl der Einsatzleiterin hinweggesetzt und war in die Wohnung eingedrungen. Auch seine weiteren Handlungen waren gegen alle Regeln der Ausbildung gewesen: allein vorgehen, schießen ohne Warnung und eine Verfälschung des Ablaufs durch die Abgabe von zwei Schüssen aus der Pistole des Verbrechers. Wenn das aufkäme, wäre seine Karriere bei der Polizei zu Ende, bevor sie begonnen hatte. Sein Opfer würde natürlich die Wahrheit sagen, es würde Aussage gegen Aussage stehen. Er war selbst erstaunt, wie er gehandelt hatte: eiskalt und abgebrüht. Seine Hand war beim Zielen ruhig gewesen, und die Schüsse aus der Pistole Kabakows hatte er überlegt abgegeben. Dabei hatte er zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Menschen geschossen. Dann fiel ihm das Handy ein. Der Mann hatte telefoniert! Wenn jemand auf die Uhr geschaut hatte, während die ersten Schüsse gefallen waren, und es mit der Zeit des Gesprächs verglich, war er dran. Aber es war alles so schnell gegangen, es konnte ihm nichts passieren. Er hatte eigentlich nicht auf den Balkon springen wollen, aber das hilflose Schreien der Frau hatte seine Reaktion ausgelöst. Verzweifelte Frauen – das war der Grund, weswegen er diesen Beruf gewählt hatte.

Er rief seinen Vater in Paris an und erzählte ihm die ganze Geschichte. Sein Vater war Franzose, Journalist. Er hatte sein ganzes Leben in Ländern verbracht, in denen Unruhen und Kriege Alltag waren, hatte aus erster Hand über Mord und Totschlag berichtet und war mehr als einmal in Gefahr gewesen. Er war in Gefängnissen gesessen, und im Nahen Osten hatte man ihn sogar einmal gefoltert.

Sein Vater riet ihm: „Bleib bei deiner Geschichte, man wird sie dir glauben. Du hast sehr umsichtig gehandelt. Ich finde es in Ordnung, dass du sofort abgedrückt hast. Ich habe neben mir Polizisten sterben gesehen, die Warnschüsse abgegeben haben. Apropos, wie geht es deiner Mutter?“

„Sie hat derzeit eine Gastprofessur in Deutschland. Wir haben vor zwei Tagen telefoniert. Es geht ihr gut.“

Sie plauderten noch ein wenig und verabschiedeten sich dann. Er hatte das Gefühl, sein Vater wollte ihm noch etwas sagen, tat es aber nicht. Lukas fühlte auch jetzt als Erwachsener noch immer das Bedürfnis, seinem Vater Rechenschaft über sein Handeln zu geben. Fast seine ganze Jugend hatte er bei ihm in Paris verbracht, eigentlich bei seiner Haushälterin, die für ihn sorgte, während sein Vater herumreiste. Nie hatte er gegen seinen Vater rebelliert, er war für ihn stets ein Freund gewesen. Seine Mutter, eine Wienerin, hatte er als Kind und Halbwüchsiger nur in den Ferien gesehen, die er mit ihr in Wien und am Attersee verbracht hatte, wo sie ein Haus besaß.

Bei Tageslicht schienen ihm die Ereignisse der letzten Nacht unwirklich. Die Kletterei war für ihn eine sportliche Angelegenheit gewesen, doch das Schreien der Frau hatte bei ihm eine Kette von Reaktionen ausgelöst, über die er keine Herrschaft gehabt hatte, sie waren automatisch abgelaufen. Hätte er den Kriminellen auch erschossen? Er war sich nicht sicher. Er war für ihn ein Ziel gewesen, wie auf dem Schießstand, wo man ihm beigebracht hatte, auf die Beine zu zielen. Nein, erschossen hätte er ihn nicht.

Um Punkt vierzehn Uhr traf er in der Gartenstraße ein. Vor dem Haus standen mehrere Polizeiautos. Er stieg in den dritten Stock hinauf. Außer der Gruppeninspektorin kannte er keine der Personen, die anwesend waren. Ältere Polizisten in Zivil mit ernsten Gesichtern. Er wurde aufgefordert, den Ablauf seiner Aktion zu schildern. Sein Bericht über die Klettertour und den Sprung auf den Balkon rief Erstaunen hervor. Ungläubig blickten alle in die Tiefe.

„Er betreibt die Sportart Parkour, da klettert man auf Gebäude und springt in die Tiefe. Er ist eine Art Fassadenkletterer“, erklärte Frau Gruppeninspektor Bauer.

„Ich habe gegen den Befehl gehandelt, aber als die Frau geschrien hat, war mein Impuls zu helfen so stark, dass ich etwas unternehmen musste. Ich sprang wie in Trance. Alles andere, die Schüsse waren Selbsterhaltung. Es ging alles so schnell.“

Lukas zeigte, wie er gelandet, wie er eingedrungen war, wo die Frau gelegen hatte und wo der Verbrecher gestanden war. Er habe ihn vorschriftsmäßig aufgefordert, die Hände zu heben, aber Kabakow habe sofort zu seiner Waffe gegriffen und geschossen.

„Haben Sie sich danach um den Verbrecher gekümmert?“

„Ich habe gesehen, dass er lebt, und habe ihn nach Waffen abgetastet. Sein Zustand hatte für mich keine Priorität.“

Er musste die Geschichte wiederholen, Fotos wurden gemacht, Winkel ausgemessen, und die Sachverständigen nickten. Er wollte schon gehen, als die Inspektorin zu ihm sagte: „Warten Sie unten auf mich, ich habe mit Ihnen noch eine Kleinigkeit zu besprechen.“

Er musste über zehn Minuten warten, bis sie endlich kam. Erst jetzt sah er, dass sie eine durchaus attraktive Frau war. Sie war etwa gleich groß wie er, hatte kurzes dunkelblondes Haar, ein breites Gesicht, schöne Zähne, volle Lippen und eine sportliche Figur. Gestern hatte sie eine Hose und eine Lederjacke angehabt, heute trug sie ein anliegendes schwarzes Kostüm, dessen Rock nur knapp bis zu den Knien reichte. Die Füße steckten in flachen schwarzen Schuhen, sie bewegte sich mit einer Geschmeidigkeit, wie große Raubkatzen sie haben. Mit hohen Absätzen würde sie ihn überragen. Ihr Alter war schwer einzuschätzen, vielleicht fünfunddreißig.

„Du bist mit dem Auto da?“

Er bejahte und ging mit ihr zu seinem VW Golf.

„Wir müssen uns ein wenig besser kennenlernen. Es sind noch einige Dinge zu klären.“

Lukas schwieg.

„Wo wohnst du?“

„In Grinzing.“

„Das ist gut, glücklicherweise wohne ich in Neustift. Fahren wir zu dir. Du kannst mich nach unserem Gespräch bei mir absetzen.“

Lukas fuhr schweigend in den Norden der Stadt.

„Lukas Bernard, das ist doch kein österreichischer Name?“

„Mein Vater ist Franzose.“

„Ich habe deine Personalakte studiert. Sie ist noch sehr schmal.“

„Ich bin erst seit etwa einem Jahr bei der Polizei.“

„Warum willst du Polizist werden, du hast doch Jus studiert?“

„Darüber möchte ich nicht sprechen.“

„Gut, und warum bist du in Wien?“

„Meine Mutter ist Wienerin, ich habe auch hier studiert, übrigens lebe ich mit ihr zusammen.“

Sie fuhren durch Grinzing, Lukas blieb auf der Straße, die zum Kahlenberg führte, stehen. Er zeigte auf eine Jugendstilvilla, die hundert Meter entfernt in erhöhter Lage stand.

„Hier wohne ich. Kommen Sie mit hinauf?“

„Das ist eine herrliche Villa. Ich kenne sie vom Vorbeifahren, ich habe mich oft gefragt, welchem Millionär sie gehört.“

Er betätigte die Fernbedienung, das schmiedeeiserne Einfahrtstor sprang auf, und sie fuhren eine breite gekieste Auffahrt hinauf. Er sperrte eine große, mit Jugendstilornamenten verzierte Tür auf und betätigte die Knöpfe einer Alarmanlage. Sie befanden sich in einer riesigen Diele. Rechts führte eine Treppe ins Obergeschoß.

„Da oben wohne ich.“

Sie stiegen die breite Treppe hinauf. Er öffnete eine weitere Tür, ging in ein großes Wohnzimmer voraus und bat sie, auf einem großen geblümten Sofa Platz zu nehmen. Neugierig sah Lara sich um. Lukas war in die Küche gegangen und kam mit zwei Espressi zurück. Er stellte sie auf ein Tischchen und setzte sich zu ihr.

„Zunächst möchte ich einiges zum gestrigen Abend sagen. Den ganzen Hergang, so wie du ihn erzählst, den glaube ich dir nicht.“

Lukas sagte kein Wort.

„Ich glaube, dass du Kabakow sofort und ohne Warnung angeschossen hast. Er ist ein gefährlicher Bursche und wahrscheinlich ein so geübter Schütze, dass er dich nicht verfehlt hätte, oder zumindest wären seine Kugeln näher an der Stelle in der Wand eingeschlagen, wo du angeblich gestanden bist. Ich habe ein gutes Gehör, und mir schien, als ob es zwei Doppelschüsse gegeben hätte. Das war kein normaler Schusswechsel. Okay, du hast ihn nur verletzt, also wird es keinen Stunk geben. Er wird natürlich eine andere Version abgeben, und zwar die richtige. Ich werde im Protokoll deine Version unterstützen. Du hast sehr kaltblütig reagiert, auch im Verwischen deiner Spuren, das ist erstaunlich für dein Alter. Wenn du solche Dinge in Zukunft nicht mehr machst, hast du das Zeug, ein guter Polizist zu werden. Denn wir müssen uns immer im Rahmen des Legalen bewegen. Welche Karriere schwebt dir vor?“

„Ich denke daran, mich für die WEGA zu bewerben.“

„Die könnten dich gut gebrauchen. Weißt du etwas von mir?“

„Mein Kollege hat mir gesagt, dass Sie bei der Sitte arbeiten und knallhart sind. Auch dass Sie gute Beziehungen nach oben haben. Sie haben auch einen Spitznamen – die Russin.“

„Ich weiß, was man so alles spricht. Ich mach dir einen Vorschlag, den du dir überlegen solltest: Komm zu mir. Dieses Schwein von einem Zuhälter, das du angeschossen hast, hat vor ein paar Tagen einen Mitarbeiter von mir erwischt. Der fällt nun für längere Zeit aus. Ich könnte dich gut gebrauchen. Dafür werde ich deine Version unterstützen und auch sagen, dass ich dir erlaubt hätte, bei Gefahr in Verzug einzugreifen.“

„Ist das nicht Erpressung?“ Lukas lächelte. Sein Haar war wie immer etwas durcheinander, und eine Locke war ihm in die Stirn gefallen, er sah ein wenig wie ein Unschuldsengel aus.

„Du hast es faustdick hinter den Ohren, mein Süßer. Es ist eine große Chance für dich.“

„An die Sitte habe ich zwar nicht gedacht, aber alles ist besser als der normale Dienst in der Polizeiinspektion. Ich muss aber noch einen Monat bleiben. Trotzdem: Ich bedanke mich für Ihr Angebot und komme gerne, wenn es geht.“

„Wenn es klappt, dann kommst du nicht zur Sitte, sondern zu einer Sonderkommission, und das nur vorübergehend. Genaueres wirst du noch erfahren.“

Er stand auf, ging hinaus und kam mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern zurück.

„Du hast die Flasche schon geöffnet, während du den Kaffee gemacht hast.“

„Ich schwöre Ihnen: Nur für mich, denn ich habe noch nichts gegessen und muss mir später noch etwas kochen. Sie wissen, wir Franzosen legen großen Wert auf das Essen und Trinken.“

„Was machen deine Eltern?“

„Vater ist Journalist, er lebt in Paris, und meine Mutter ist Professorin für Soziologie und arbeitet derzeit in Deutschland, ich bin gegenwärtig allein im Haus. Meine Eltern sind übrigens nicht verheiratet. Die Villa hat meine Mutter von ihrem Großvater geerbt.“

Er schenkte ein und hob sein Glas.

„Frau Gruppeninspektor, auf eine gute Zusammen­arbeit.“

Sie nahm einen genießerischen Schluck und leckte sich danach wie eine Katze die Lippen. Dann nahm sie die Flasche und betrachtete das Etikett.

„So viel bin ich dir wert?“

Er lächelte entwaffnend.

„Wenn Sie heute noch nichts vorhaben, koche ich für Sie eine Kleinigkeit mit.“

Sie nahm ihr Telefon, stand auf, ging zu der Tür, die auf eine Terrasse führte, trat hinaus und führte ein längeres Gespräch. Als sie zurückkam, erleuchteten gerade die letzten Sonnenstrahlen das Zimmer und verliehen ihr eine Aura wie einer Sonnengöttin.

„Ich kann eine Zeit lang bleiben.“

Lukas begab sich in die Küche. Sie ging im Wohnzimmer herum, betrachtete die Bilder. Einige konnte sie zuordnen, Wiener Jugendstil, andere schienen aus Frankreich zu stammen. Die Teppiche waren erstklassig, antike Möbel standen neben modernen und funktionellen. Im nebenan liegenden Schlafzimmer sah sie ein großes, nicht gemachtes Bett. Das Badezimmer war blitzsauber. Nirgends gab es ein Anzeichen, dass hier ein weibliches Wesen wohnte.

Der Bursche bewohnt hier allein mehr als hundertzwanzig Quadratmeter, dachte sie sich. Es war die schönste Wohnung, in der sie jemals gewesen war, eine geglückte Mischung aus Alt und Modern. Seine Familie musste wohlhabend sein, auf alle Fälle hatte er einen guten Geschmack.

Sie ging in die Küche, wo der Hausherr sich bemühte. Er hatte zwei mit Pfefferkörnern bestreute Filets in eine Pfanne gelegt. Der große Refektoriumstisch war für zwei Personen gedeckt. Er bereitete gerade ein Dressing für den Salat zu.

„Hast du manchmal weiblichen Besuch, oder bist du schwul?“

„Ich interessiere mich ausschließlich für Frauen, aber es ergibt sich nur selten, dass ich sie zu mir einlade. Sie sind ein Ausnahme.“

„Ich habe mich selbst eingeladen.“

Er öffnete das Backrohr und nahm ein feuerfestes Geschirr heraus.

„Ich habe das Gratin von gestern aufgewärmt.“

Er goss Cognac in die Bratpfanne, flambierte die Filets und legte sie auf einen Teller, den er ins Backrohr schob. Dem verblieben Jus fügte er ein wenig Butter, Crème frâiche und einige Kräuter hinzu. Die Filets kamen auf den Tisch, die Sauce wurde teils darübergegossen, der Rest in eine kleine Sauciere gefüllt. Sie nahmen auch von dem Gratin und begannen zu essen.

„Das Fleisch ist exzellent, die Sauce grandios.“

„Ich habe meine Jugendjahre in Paris verbracht, und da mein Vater dauernd auf Reisen war, habe ich viel Zeit in der Küche bei unserer Haushälterin verbracht. Die ist eine gute Köchin und hat mir einiges beigebracht.“

Marie war Bretonin und als junge Frau von Quimper nach Paris gekommen. Sie hatte an der Sorbonne Sprachen studiert, und Lukas’ Vater hatte sie über Vermittlung von Bekannten in der großen Wohnung, die während seiner Abwesenheit immer leer stand, wohnen lassen. Sie arbeitete nach dem Studium eine Zeit lang für einen Verlag, und dann, als Lukas als Kind immer öfter bei seinem Vater war, machte er ihr den Vorschlag, für ihn zu sorgen. Darauf arbeitete sie nur mehr Teilzeit und wurde zu seiner Hausdame. Schließlich geschah, was geschehen musste. Sie wurde die Geliebte seines Vaters und nahm sich Lukas’ vollständig an, sie wurde zu seiner zweiten Mutter.

Marie hatte ihm nicht nur in der Küche etwas beigebracht. Schon mit sechs Jahren schlüpfte er, wenn er Angst hatte oder nicht einschlafen konnte, zu ihr ins Bett. Sie streichelte ihn und sang ihn in den Schlaf. Als er zehn war, hörte das auf. Aber an seinem fünfzehnten Geburtstag ließ sie ihn machen, was er wollte, und sagte ihm, er sei nun ein Mann. Sie brachte ihm viel über Frauen bei. Er wusste um ihre Sehnsucht nach Zärtlichkeit und über ihr instinktives Bedürfnis, sich manchmal der Gewalt und der körperlichen Stärke eines Mannes zu unterwerfen. Er verstand es, jene Punkte ihrer Körper zu finden, die sensibel waren, und wusste die Worte zu sagen, die sie hören wollten. Er lauschte aufmerksam ihren Atemzügen, die sich beschleunigten, wenn etwas sie erregte, und er hörte auf die zufriedenen Seufzer nach einem Akt.

Er wurde durch Marie zu einem zärtlichen und guten Liebhaber, und als seine Schulfreunde sich mit ihren ersten amourösen Abenteuern brüsteten, beteiligte er sich nicht daran, wurde deswegen sogar gehänselt. Als Marie ihn einmal von der Schule abholte und seine Schulkollegen sie sahen, blieben sie stumm und staunten über ihre Schönheit.

„Ist das deine Mutter?“

„Nein, unsere Hausdame“, sagte er stolz.

„Euer Dienstmädchen?“

„Nein, das ist sie nicht. Da meine Mutter in Wien lebt und weil mein Vater viel reist, braucht er jemanden, der auf mich aufpasst.“

Mehr erzählte er nicht über sie. So etwas kannten seine Freunde nicht, ihre Eltern hatten Dienstboten, die ständig wechselten und über die sie sich beklagten. Weil Lukas aber ein guter Sportler war, wurde er trotz der scheinbar fehlenden Amouren durchaus respektiert. Bei seinen Mitschülerinnen war er beliebt und wurde von ihnen dauernd eingeladen. Nicht nur, weil er ein hübscher Junge war, sondern auch weil sie das Bedürfnis fühlten, ihn zu berühren und zu streicheln. Von der Rüpelhaftigkeit und der Aggressivität junger Männer seines Alters war bei ihm nichts zu bemerken. Im Umgang mit Mädchen war er kameradschaftlich und höflich, und durch das Zusammensein mit Marie hatte er kein Bedürfnis, seine Chancen zu missbrauchen. Er empfand ihnen gegenüber eine Überlegenheit, die er nicht ausnutzen wollte. In seinem letzten Schuljahr hatte er Affären mit zwei Mädchen aus seiner Klasse, die sich seinetwegen miteinander stritten. Beide stammten aus reichen Elternhäusern und waren es gewohnt, ihren Willen durchzusetzen. Er erzählte Marie von dieser Geschichte.

Sie sagt ihm nur: „Unterhalte dich doch mit Mädchen deines Alters. Pass aber auf, dass du dir nichts einfängst.“

So kam es, dass er einige Zeit lang seine Wochenenden in Pariser Großwohnungen oder in kleinen Schlössern auf dem Land verbrachte. Beide Mädchen waren sich selbst überlassen und konnten tun, was sie wollten. Er schlief mit ihnen in Wohnungen, in Pavillons, auf der Wiese und in Pferdeställen. In diesen Häusern begegnete er vielen Menschen, deren Namen und Fotos in Zeitungen und Magazinen abgebildet waren. Manchmal saß er mit ihnen sogar bei Tisch und hörte aufmerksam zu. Immer ging es dabei um Geld und um Firmenbeteiligungen.

Er war abwechselnd mit der einen und der anderen zusammen. Als er an einem Wochenende mit einer der beiden allein im Landhaus ihrer Eltern war, kam die Freundin mit ihrem Auto angebraust und es kam zu einem schrecklichen Eklat zwischen den zwei Mädchen. Bevor es zu Handgreiflichkeiten kommen konnte, ging er dazwischen und machte den Vorschlag, es doch zu dritt zu versuchen. Nach kurzem Zögern waren sie mit dieser Lösung einverstanden, und so ging ihr letztes Schuljahr zur Zufriedenheit aller zu Ende. Die Situation machte ihnen Spaß, und sie dachten, wie alle jungen Menschen, sie würden die Sexualität neu erfinden. Nach der Schule trennten sich ihre Wege, er hatte keine Ahnung, was aus ihnen geworden war.

Marie hatte er alles erzählt, und sie hatte gelacht: „Das hast du gut gemacht, du gerätst nach deinem Vater.“

Er dachte an Marie und sehnte sich nach ihr. Er nahm sich vor, sie morgen anzurufen.

„Woran denkst du gerade?“, fragte ihn Lara Bauer, seine Vorgesetzte.

„An unsere Pariser Haushälterin, Marie, meine zweite Mutter, und ans Kochen.“

Als sie mit dem Essen fertig waren, stand er auf und räumte die Teller in den Geschirrspüler.

„Wenn Sie noch Zeit haben, setzen wir uns ins Wohnzimmer.“

Sie blickte auf ihre Uhr und nickte. Ihr Glas nahm sie mit. Er kam mit der noch halb vollen Flasche nach. Sie saß zurückgelehnt auf dem ausladenden Sofa.

„Komm her, setz dich neben mich.“

Schweigend tranken sie einen Schluck des schweren aromatischen Weins. Er nahm ihre Hand und küsste deren Innenfläche. Sie nahm die Hand und legte sie auf ihren Busen. Langsam näherte er sich ihrem Gesicht und berührte vorsichtig ihre vollen Lippen. Er kostete ihren Geschmack, als ob er von einer reifen Frucht essen würde. Nur langsam drang seine Zunge in den sich öffnenden Mund vor, um ihrer Zunge zu begegnen und ihren geschmeidigen Widerstand zu spüren. Alles geschah langsam und rücksichtsvoll erkundend. Er verspürte, wie sein Blut in die unteren Regionen seines Körpers strömte. Sie ließ ihn mit geschlossenen Augen gewähren, als er ihr die Bluse aufknöpfte und an ihren Nippeln saugte. Bewegungslos und mit einem verträumten Gesichtsausdruck ließ sie sich entkleiden und half ihm gelegentlich durch entgegenkommende Bewegungen. Endlich lag sie, mit einem Lächeln auf den Lippen, nackt vor ihm. Sie hatte einen kräftigen, aber vollkommenen Körper, muskulöse Schultern, nicht zu große Brüste, eine schmale Taille und ein gerade richtig proportioniertes Becken, an dessen Basis das geheimnisvolle dunkle Dreieck lag, das Männer so anzieht.

„Gefalle ich dir?“, fragte sie schelmisch. „Dann komm.“

Sie beobachtete ihn aus halb geöffneten Augen. Er streifte sich sein Hemd über den Kopf und mühte sich mit den Knöpfen seiner Jeans, es konnte ihm nicht rasch genug gehen.

„Komm zu mir, mein junger Freund.“

Er legt sich auf sie, sie öffnete sich und ließ ihn zu ihr. Sie begannen, sich langsam zu bewegen, und erkundeten dabei behutsam die Reaktionen des anderen. Schon bald fanden sie einen gemeinsamen Rhythmus, verloren die Kontrolle, und ihre Bewegungen wurden heftiger, um dem ersten Höhepunkt entgegenzueilen, dem noch weitere folgen sollten. Jedes Mal pressten ihn dabei ihre Schenkel und ihr Becken so fest zusammen, wie er es zuvor kaum erlebt hatte. Endlich hörten sie mit einem Seufzer auf.

„Ich habe es geahnt, dass es mit dir gut gehen würde“, sagte sie genussvoll. Ihm war es, als ob eine Katze schnurren würde. Sie schob ihn von sich, griff zum Tisch, nahm das Glas und trank einen Schluck Wein, kuschelte sich in seine Achselhöhle, streichelte seine Brust und liebkoste seinen Körper bis hinunter, wo der wichtige Teil noch immer nicht ganz seinen Normalzustand erreicht hatte. Auch er fühlte für sie eine Zärtlichkeit, die er bei seinen letzten amourösen Begegnungen nie gehabt hatte. Es war fast so wie bei Marie gewesen. Beide schliefen sie ein. Plötzlich erwachte sie mit einem Zucken der Beine, sah auf die Uhr.

„Leider muss ich dich verlassen, Lukas. Meine häuslichen Pflichten rufen.“

Sie zogen sich an, und er fuhr sie nach Hause. Sie wohnte in einem alten Haus aus der Gründerzeit, dass vor Kurzem restauriert worden war.

Dienst

Am nächsten Morgen rief er Marie an.

„Ca va, mon petit?“

„Tout va bien ici, quoi de neuf à Paris?“

„J’ai des nouvelles.“

Es waren wirklich Neuigkeiten, die sie zu erzählen hatte. Sein Vater und sie wollten heiraten. Vater wollte seine gefährlichen Reportagen im Ausland aufgeben. Man hatte ihm einen guten Posten in der Redaktion sei­ner Zeitung in Paris angeboten. Lukas freute sich un­endlich über diese Nachricht und erfuhr, dass die Hoch­zeit schon in einem Monat stattfinden würde. Des­wegen also hatte sein Vater beim letzten Telefonat so herumgeredet und er das Gefühl gehabt, er wolle noch etwas sagen. Er dachte, was sie doch für eine sonderbare Familie seien. Zumindest hatte er geistigen Inzest be­trieben, denn Marie war ihm Mutter und Geliebte gewesen.

Als er vor seinem Spind in der Polizeiinspektion stand, kamen von allen Seiten die Kollegen und gratulierten ihm. Er musste die Geschichte mit Kabakow mehrmals erzählen. Es war natürlich die verdrehte Wahrheit, die sie zu hören bekamen.

Einer sagte: „Den hätte man gleich ausblasen sollen. Dieses Schwein hat bereits zwei Menschen umgelegt und einen unserer Kollegen angeschossen.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, so etwas zu tun“, sagte Lukas.

„Sei froh, sonst hätte man wahrscheinlich einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss über die Brutalität der Polizei eingesetzt.“

„Ich glaube, ich werde ohnehin noch genug Schwierigkeiten haben.“

Man diskutierte lang über den Gebrauch von Schusswaffen.

„Die haben keine Ahnung, wie es ist, wenn man im Dunkeln jemandem gegenübersteht und nicht weiß, ob der bewaffnet ist.“

„Das Gefährlichste ist, wenn du in einer kleinen Wohnung einen Betrunkenen vor dir hast, mit einem Messer in der Hand. Kein Platz zum Ausweichen und hinter ihm seine Familie. Schießen kann man da auch nicht.“

Alle erzählten von ähnlichen Vorfällen, an denen sie oder andere Kollegen beteiligt gewesen waren. Sie wollten auch etwas über die Sportart Parkour wissen. Er ging zum Computer und zeigte ihnen ein Video auf YouTube.

„Ich habe immer gedacht, das sind Trickaufnahmen“, meinte ein interessierter Kollege.

„Ich habe mit zwölf Jahren damit angefangen, mein Vater hat mich mitgenommen.“

„Kann man in unserem Alter noch damit anfangen?“

„Komm einmal mit mir zum Training und urteile dann selbst.“

Auch der Kommandant rief ihn zu sich, und er musste noch einmal alles erzählen.

„Schau dazu, dass du mit der Russin gut auskommst, die ist sehr tüchtig, aber knallhart. Bei dem Verfahren wird viel von ihrer Beurteilung abhängen. Ihr Vater war ein hohes Tier bei der Truppe, jetzt ist er in Pension. Sie kann dir schaden, aber auch nützen. Ich persönlich mag sie, weil sie eine gute Polizistin ist und immer geradeheraus handelt. Keinesfalls ist sie eine Quotenfrau oder Intrigantin.“

Lukas’ Arbeitsroutine ging weiter, Streife, Innendienst, Streife. Er hasste nichts mehr als den Innendienst mit dem Protokolleschreiben, der Aufnahme von Diebstahls­anzeigen, den Klagen über Nachbarn, den Beschwerden über Verkehrsvergehen. Er wusste, so würde seine Zukunft nicht aussehen. An seinen Kollegen hatte er das ganze Spektrum vor sich, wie man sich dabei entwickeln konnte. Das reichte vom jungen, ambitionierten Polizisten bis hin zum mürrischen, desillusionierten Beamten. Und manchen Älteren war der ständige Alkoholkonsum bereits anzusehen.

Mit den Kolleginnen hatte er ein gutes Verhältnis. Sie waren durchwegs freundlicher und höflicher zu den Klienten als ihre männlichen Kollegen. Im Laufe des Jahres hatte er mit einer auch ein Verhältnis gehabt, das durch ihre Versetzung zu einer anderen Dienststelle beendet worden war.

Das interne Verfahren über den Schusswechsel ließ auf sich warten. In der Zeitung war sein Name beim Bericht über den Vorfall nicht genannt worden, in dem groß aufgemachten Artikel war gestanden, dass es zu einem Schusswechsel gekommen sei, bei dem Dimitri K., ein Berufsverbrecher aus Tschetschenien, verletzt und festgenommen worden sei.

Dann rief Frau Gruppeninspektor Bauer an. Sie teilte ihm mit, dass der Verbrecher auf dem Weg der Genesung sei und ausgesagt habe, dass man ohne Warnung aus der Dunkelheit auf ihn geschossen habe. Ein bekannter Rechtsanwalt habe seine Verteidigung übernommen.

„Wie geht es der verletzten Frau?“

„Sie ist über den Berg, aber noch immer im Spital, sie hat ein Schädelhirntrauma erlitten. Die Ärzte haben eine Fissur am Knochen festgestellt, so heftig hat ihr der Kerl mit dem Pistolenlauf auf den Kopf geschlagen. Ich habe sie gestern besucht, sie ist ansprechbar, aber sie kann sich kaum an etwas erinnern. Wahrscheinlich will sie auch nicht, weil sie Angst hat. Sie ist eben eine Prostituierte, die in Abhängigkeit lebt.“

„Sehen wir uns einmal?“, fragte Lukas. Er wusste noch immer nicht, ob er sie duzen oder siezen sollte.

„Wenn du Zeit hast, komme ich am Samstagnachmittag zu dir.“

„Ich freue mich und werde uns etwas Gutes zubereiten.“

Der Samstag war schön, die Sonne schien, es würde ein warmer Frühsommertag werden. Als er am frühen Vormittag von seinen Einkäufen zurückkam, rief sie ihn erneut an und fragte, ob sie schon zu Mittag kommen könne.

„Kein Problem, aber dann gibt es nichts Besonders zum Essen.“

„Dummkopf, ich esse zwar gern, aber ich komme wegen dir.“

Um Punkt zwölf hupte es unten auf der Straße. Er empfing sie an der Haustür. Sie sah gesund und strahlend jung aus. Heute trug sie ein Kleid, in dem sie sehr feminin wirkte. Sie umarmte ihn fest. Sie setzten sich auf die Terrasse unter einen Sonnenschirm, wo bereits der Tisch gedeckt war. Er stellte ein Glas Weißwein und eine Karaffe Wasser vor sie hin.

„Ich hatte beruflich eine scheußliche Woche und habe mich die ganze Zeit nur auf diesen Nachmittag gefreut.“

„Nur den Nachmittag?“

„Leider, denn um zehn Uhr muss ich zum Flughafen, um meine Tochter abzuholen.“

„Es wird Zeit, dass ich etwas über dich erfahre. Alles, was ich von dir weiß, ist, dass du Lara heißt und tatsächlich ein halbe Russin bist.“

„Aha, du hast schon Erkundigungen eingezogen. Meine Mutter ist tatsächlich Russin. Ihre Lebensgeschichte ist die einer romantischen Liebe aus der Zeit des Eisernen Vorhangs. Sie kam 1969 mit der russischen Judoauswahl in den Westen, genau gesagt zur Europameisterschaft nach Ostende. Damals herrschte in Russland noch der schreckliche Breschnew. Sie errang in Ostende eine Bronzemedaille. Mein Vater war auch dort, aber nicht als Sportler, sondern als Funktionär des österreichischen Judoverbandes. Sie lernten sich kennen, es war Liebe auf den ersten Blick, von damals bis zum heutigen Tag. Sie ging zunächst nach Russland zurück. Mein Vater besuchte sie kurz danach in Moskau. Durch die guten Beziehungen, die Kreisky damals zur Sowjetunion hatte, gelang es meinem Vater, sie in Moskau zu heiraten und mit ihr auszureisen. Die Familie meines Vaters ist sozialistisch, und wie du weißt, haben die Roten in Wien das Sagen. Seine Parteifreunde haben den beiden sehr geholfen. Ich wurde bald nach der Hochzeit geboren. Mein Name Lara, unter dem ich offen gesagt ziemlich leide, stammt aus dem unsäglichen Film Dr. Schiwago.“

„Mir gefällt Lara. Gibst du auch etwas aus deinem eigenen Leben preis?“

Sie trank einen Schluck Wein und dann einen Schluck Wasser.

„Mein Leben ist nicht so glatt und harmonisch verlaufen wie das meiner Eltern. Ich wollte es meiner Mutter gleichtun, also begann ich mit Judo. Sie trainierte mich, und ich wurde immerhin Jugendstaatsmeisterin. Dann kam der erste Freund, und Judo interessierte mich nicht mehr. Nach der Matura studierte ich Slawistik. Meine Mutter hat mich zweisprachig erzogen, und so fiel mir das Studium leicht. Ich war auch immer wieder bei meinen Verwandten in Moskau. Im vierten Semester begann ich ein Verhältnis mit einem meiner Professoren. Ich bewunderte ihn maßlos, und er nützte meine Naivität aus und verführte mich im wahrsten Sinn des Wortes. Er war über fünfzig, verheiratet und hatte zwei Kinder, die bereits älter waren als ich. Mit dem Versprechen, sich von seiner Frau zu trennen, konnte er mich eine Zeit lang hinhalten, dann wurde ich unerwartet schwanger. Sein Interesse an mir ließ plötzlich nach, er wollte von mir, dass ich abtreibe. Er gab mir Adressen und bot mir Geld an. Ich habe ein enges Verhältnis zu meinen Eltern und erzählte ihnen damals alles. Sie redeten mir zu, das Kind zu bekommen, sagten, dass sie sich über ein Enkelkind freuen würden. Es war ein Entschluss, den ich längst gefasst hatte, ich bekam Irina, sie ist ein wunderbares Kind. Für sie würde ich alles tun.“

„Was hat dein Professor dazu gesagt?“

„Während meiner Schwangerschaft versuchte ich mehrmals, ihn zu erreichen. Er hat sich nie mehr gemeldet, wahrscheinlich dachte er, die Schwierigkeiten hätten sich von selbst gelöst. Als Irina ein Jahr alt war, fuhr ich an einem Sonntag mit ihr zu seiner Villa in der Peter-Jordan-Straße, in der ich schon vorher einige Male gewesen war, um mit ihm zu schlafen, und läutete am Gartentor. Irina trug ich auf dem Arm. Eine Frau, einige Jahre älter als ich, kam und fragte mich, was ich wolle. Ich sagte, ich sei eine Studentin des Herrn Professor und müsse ihn dringend sprechen. Sie zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, ließ mich aber ein. Im Garten kletterte ein kleiner Bub auf einem Baum herum. Hinter dem Haus saß unter einer Pergola eine kleine Gesellschaft beim Kaffee, eine bürgerliche Idylle. Als der Professor mich sah, wurde er leichenblass und stand auf.

Ich grüßte, vollständig entspannt, und sagte gut erzogen: ,Entschuldigen Sie, dass ich so unangemeldet hereinplatze, aber ich möchte Ihnen ein neues Familienmitglied vorstellen.‘

Dabei hielt ich Irina in die Höhe. Ich hatte die vollständige Aufmerksamkeit aller. ,Das ist Irina, die Tochter des Herrn Professor, und ich bin Lara, eine ehemalige Studentin von ihm.‘

Er blieb wie erstarrt stehen, der sonst so redegewandte Professor, brachte keinen Laut heraus, rang nach Luft. Die Schuld war ihm anzusehen, nicht nur sein Gesicht, auch sein Körper hatte eine gebrochene Haltung angenommen. Eine elegante Dame, wahrscheinlich seine Frau, sprang auf und rannte schluchzend ins Haus.

Ich sagte zur Kleinen: ,Schau, da ist dein Papa‘, und zeigt auf ihn. Sie schenkte ihm tatsächlich ein Lächeln. Dann drehte ich mich um und verließ die illustre Runde. Die junge Frau, die mich hereingelassen hatte, begleitete mich zum Tor. Ich konnte nicht anders, ich musste lachen, und sie lachte mit: ,Das war doch wie in einem Theaterstück von Schnitzler.‘ Sie tätschelte Irinas Wange und sagte: ,Du bist vielleicht eine süße kleine Schwester! Es war nett, dich kennenzulernen.‘ Zu mir sagte sie: ,Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Wenn es Probleme gibt, wenden Sie sich an mich. Hoffentlich schröpfen Sie den alten Gauner ordentlich. Ich würde gerne mit Ihnen in Verbindung bleiben.“

„Und, ist eine Verbindung zustande gekommen?“, fragte Lukas.

„Nein, ich habe mich nie gemeldet. Sie versuchte zwar mehrmals, mit mir Kontakt aufzunehmen, doch ich wollte mit der Familie nichts mehr zu tun haben. Unser Anwalt hat sich mit den legistischen Problemen befasst. Der Herr Professor hat die Vaterschaft bestätigt und zahlt angemessen, bis Irina ihr Studium vollendet hat. Auch ihren Pflichtteil vom Erbe wird sie bekommen.“

Lukas war es, als ob er die ganze Geschichte schon einmal gehört hätte. Unsinn, das konnte nicht sein. Wahrscheinlich hatte er irgendwo eine ähnliche Geschichte gelesen.

„Du bist eine beachtenswerte Frau.“ Er beugte sich vor und küsste sie auf den Mund. „Jetzt gibt es was zu essen, und nach dem Essen erzählst du mir noch etwas von dir.“

Er verschwand in der Küche und kam mit einer Schüssel zurück.

„Es gibt Boeuf Bourgignon mit Knödeln aus dem Tiefkühlschrank, aber alles selbst gemacht. Dazu aber keinen Burgunder, sondern ein Bier.“

Beide aßen die französisch-österreichische Kombination mit großem Appetit. Danach räumte er das Geschirr ab, sie legten sich in die Liegestühle und schlossen behaglich die Augen. Die Sonne schien, und beide reckten ihr die Gesichter entgegen. Sie dösten etwa eine Stunde, dann stand Lukas auf und brachte den Kaffee.

„Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.“

„Meine Lebensbeichte also. Ich weiß nicht, warum ich dir das alles erzähle, aber sei’s drum. Kurzversion: Slawistik fertig studiert, Jobsuche, Arbeit als Übersetzerin bei der Polizei bekommen, Gefallen an der Polizeiarbeit gefunden, Aufnahme. Heuer bin ich vierzig geworden. Ich bin nun seit zwölf Jahren bei der Truppe. Mit meinem Judo habe ich mir unter den Kollegen Respekt verschafft. Anfangs waren die sexistischen Bemerkungen noch sehr zahlreich. Als mir dann ein Vorgesetzter auf den Hintern griff, packte ich ihn mit einem Judogriff und warf in die Ecke des Wachzimmers. Dann ging ich ihm an die Gurgel und fixierte ihn. Ich sagte nichts, zeigte ihn aber auch nicht an. Von da an hatte ich Ruhe.“

„Freunde? Beziehungen?“

„Dafür kennen wir uns nicht gut genug. Erzähl mir lieber etwas von dir.“

„Gern, aber erst nachher.“

„Nach was?“

„Nachdem wir miteinander geschlafen haben.“

Er zog sie aus dem Liegestuhl und führte sie, die eine fürchterliche Müdigkeit vortäuschte und sich auf seine Schulter hängte, in sein Schlafzimmer.

„Du hast heute das Bett gemacht?“

„Du elende Schnüfflerin, du hast das letzte Mal nachgeschaut.“

Er gab ihr einen Stoß, der sie auf das Bett warf. Sie führten Schaukämpfe auf und balgten sich wie Kinder. Plötzlich schrie sie auf.

„Mein Kleid.“

„Weg damit.“ Er riss es ihr förmlich vom Körper. Sein Hemd und sein Hose waren rasch abgestreift. Sie hörten auf, sich herumzubalgen, denn sie verspürten die Glätte ihrer Körper, die Sanftheit der Haut. Sie berührten sich zart, und er verfolgte mit seinen Fingern die geschwungenen Kurven ihres Körpers, sie glitt mit ihren Händen von den Schultern über seinen Rücken bis zu seinem Gesäß. Aus der Zärtlichkeit wuchs Leidenschaft. Sie kannten sich nun schon ein wenig, und so verlief ihre Vereinigung noch harmonischer als beim ersten Mal. Es waren die noch ungestillte Neugier, die zu Beginn einer sexuellen Beziehung besteht, und die Erfahrung, die beide mitbrachten, die ihre Begegnung perfekt machten. Das gelingt wohl nur dann, wenn man den Akt nicht allein als Selbstbefriedung, sondern als Befriedigung des Partners ansieht. Die Lust, die man selbst dabei erfährt, wenn man die Lust wahrnimmt, die man dem Partner bereitet.

„So jung und schon so erfahren. Mit einem Mann wie dir zu schlafen tut einer Frau gut. Manchmal brausen die Männer über eine Frau wie ein Expresszug drüber und wollen danach auch noch als gute Liebhaber gelobt werden.“

„Von Marie in Paris habe ich nicht nur Kochen gelernt.“

„Was hat dein Vater dazu gesagt?“

„Er hat es geahnt. Wir haben nie darüber gesprochen. Übrigens, er und Marie werden demnächst heiraten.“

„Ihr habt euch Marie geteilt?“

„Umgekehrt, sie hat uns beide erhört. Es war ein Vorzug, den sie uns gewährt hat.“

„Da denk ich mir, ich habe merkwürdige Familienverhältnisse, aber das ist gar nichts gegen deine. Eine Frau, die Mutterersatz, Erzieherin und Geliebte ist. Wie lange ging das so?“

„Bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr, dann machte sie Schluss.“

„Wo hast du studiert?“

„Ich habe in Frankreich mit dem Studium der Rechte begonnen, bin aber dann nach Wien gegangen.“

„Warum?“

„Das ist eine Geschichte, über die ich noch nicht mit dir sprechen möchte, vielleicht später einmal.“

Sie sah auf die Uhr, es war Zeit für sie, zum Flughafen zu fahren. Sie sprachen nicht mehr viel. Er begleitete sie zum Auto und gab ihr einen zärtlichen Kuss. Sie winkte ihm beim Wegfahren durch das offene Fenster zu.

Eine ernst zu nehmende Drohung

Die interne Untersuchung war abgeschlossen. Da Lara für ihn ausgesagt hatte, wurde sein Verhalten als korrekt befunden, er wurde sogar belobigt. Aber da war noch etwas anderes. Dimitri Kabakow hatte die Polizei klagen wollen, weil er aus dem Hinterhalt angeschossen worden sei. Er war damit beim Staatsanwalt abgeblitzt, denn der hatte sich auf den Bericht der Untersuchungskommission berufen. Kabakow hatte einen Tobsuchtsanfall bekommen und Rache geschworen. Lara sprach mit Lukas darüber.

„Beim letzten Verhör sagte er mir unter vier Augen, dass dieser heimtückische Polizist, der ihn angeschossen habe, bei seinen Streifen aufpassen solle. Er könne leicht stürzen. Ich habe dieses Gespräch sofort protokolliert.“

„Ist das ernst gemeint?“

„Ja schon, aber noch weiß er nicht, wer du bist.“

„Ich gehe davon aus, dass er das bald erfährt.“

„Sieh dich vor. Er selbst wird sicher für mindestens fünfzehn Jahre hinter Gefängnismauern verschwinden, aber er hat viele Freunde. Und nach der Verbüßung seiner Strafe besteht für ihn die Gefahr, nach Russland ausgeliefert zu werden, denn er hat auch dort Menschen getötet.“

„Was wird ihm eigentlich in Österreich alles vorgeworfen?“

„Als der Boden ihm in Russland zu heiß wurde, flüchtete er nach Wien und stellte einen Asylantrag. Und er bekam Asyl – aus politischen Gründen, er ist ja Tschetschene. Hier verkehrte er in Zuhälterkreisen. Wir vermuten, dass er einer großen Organisation angehört, die Menschenhandel und Prostitution betreibt, ihren Sitz hier in Wien hat und seit ein paar Jahren die Szene beherrscht. Äußerst gefährliche Leute. Sie beseitigen ihre Konkurrenz mit unglaublicher Brutalität. Wir nehmen an, dass es eine oder zwei Personen gibt, die man als Köpfe der Bande bezeichnen kann, die zu finden wir uns seit zwei Jahren aber vergeblich bemühen. Nach unserem Ermittlungsstand ist Kabakow einer ihrer wichtigsten Lieferanten für russische und ukrainische Mädchen. Bisher haben wir nur kleine Zuhälter greifen können, Kabakow ist bislang der größte Fisch, den wir an Land gezogen haben. Er ist der Mann fürs Grobe, schüchtert Konkurrenten und säumige Zahler ein, verprügelt und verstümmelt unwillige Mädchen. Dazu kommen die verbrannten Körper zweier Frauen, die auf Äckern in Niederösterreich und in der Steiermark gefunden wurden. Wir konnten sie erst vor Kurzem identifizieren. Beide waren registrierte Prostituierte aus der Ukraine, die in Bordellen in Wien arbeiteten, die vermutlich zu dieser Organisation gehören. Wir sind sicher, dass er bei diesen zwei Morden seine Hände im Spiel hatte, was er aber abstreitet.“

„Das ist also deine Haupttätigkeit.“

„Ja, deswegen wurde die SOKO gegründet, die ich leite und bei der ich dich dabeihaben möchte. Ich muss aber erst darum ansuchen.“

„Das wäre sicher etwas für mich, aber ich bin schon für die nächsten Dienste eingeteilt.“

„Ich werde meinen Vater bitten, seinen Einfluss geltend zu machen. Er hat noch viele Freunde bei der Polizei. So ist es nun einmal in Österreich.“

„Ich werde jedenfalls einen Versetzungsantrag stellen.“

„Mach das. Sehen wir uns wieder einmal?“

„Heute Abend?“

„Gut, warum nicht einmal unter der Woche? Es geht aber nur bei dir, meine Tochter ist wieder daheim, und sie muss nicht wissen, dass ich mit so einem Jüngling ein Verhältnis habe.“

„Der Jüngling wird demnächst fünfundzwanzig Jahre alt.“

„Ja, aber seine mütterliche Freundin ist bereits vierzig.“

Einige Tage später meldete sich Lara mit unangenehmen Neuigkeiten.

„Ich habe einen Informanten in der Rotlichtszene. Der hat mir mitgeteilt, es gäbe ein Gerücht, dass ein heikler Auftrag zu vergeben sei. Man suche jemanden, habe aber noch niemanden gefunden, der dafür bereit sei.“

„Meinst du, dass ich damit gemeint bin? Und wenn sich hier keiner findet, könnte man dafür auch jemanden aus dem Ausland anheuern?“

„Kann sein. Ich hoffe zwar, dass es nicht so ist, denn ich möchte dich nicht verlieren, aber ich fürchte, man muss es in Betracht ziehen. Vielleicht wollen sie dir nur einen Denkzettel verpassen. Dich anschießen oder verprügeln.“

„Was soll ich machen?“

„Einfach aufpassen, jede Situation prüfen, keine Unüberlegtheiten. Immer daran denken, dass eine Falle lauern könnte. Trag bei Einsätzen im Außendienst eine schusssichere Weste, auch wenn es zurzeit sehr warm ist.“

„Und wie lange?“

„Kann ich dir nicht sagen, vielleicht beruhigt sich Kabakow. Sollte es wirklich zu einem Angriff auf dich kommen, werden wir ihn massiv unter Druck setzen. Einzelhaft, verschärfte allgemeine Haftbedingungen und eine Erhöhung des Strafausmaßes. Jedenfalls: Geh nur mit erfahrenen Partnern auf Streife. Besprich das auch mit deinem Kommandanten.“

„Ich fahre in zwei Wochen nach Paris, mein Vater und Marie heiraten.“

„Wunderbar, sei aber vorsichtig bis dahin. Wenn du zurückkommst, ist die Gefahr vielleicht schon vorbei. Vielleicht kommt Kabakow zur Besinnung.“

Die Hochzeit

Die zwei Wochen vergingen ohne Zwischenfälle. Paris empfing Lukas mit herrlichem Wetter, die Bäume blühten, die Boulevards waren voller Menschen, und er genoss es, wieder hier zu sein. Er rannte die Treppen zur Wohnung seines Vaters hinauf und läutete stürmisch. Marie öffnete ihm. Sie umarmte ihn, und ihr kamen die Tränen.

„Mon chou, mon petit chou. Maintenant tu es devenu un homme.“

Auch Lukas bekam feuchte Augen. Diese Frau war seine eigentliche Mutter, sie hatte ihn in seiner Kindheit getröstet, seine aufgeschlagenen Knie versorgt, ihm aus Büchern vorgelesen und ihm Wärme und Geborgenheit gegeben. Die vielen Geschichten, die sie ihm erzählt hatte, hatte er bewahrt und würde sie seinen Kindern weitergeben. Bei aller Wertschätzung und Liebe, die er heute seiner leiblichen Mutter gegenüber hegte, war ihm Marie mehr, sie war ihm näher, vertrauter. Zwischen seiner Mutter und ihm herrschte immer eine kleine, aber unüberbrückbare Distanz. Auch wenn sie sich umarmten. Sie war durchaus keine kaltherzige Frau oder Egoistin, das wusste er jetzt, wo er mit ihr unter einem Dach wohnte. Aber sie lebten beide ein getrenntes Leben, obwohl sie mindesten einmal pro Woche zusammen speisten, wenn sie in Wien war. Sie stellte ihm ihre Freunde vor, und er nahm an ihren, wie er es nannte, intellektuellen Abenden teil. Er hatte ihr viel zu verdanken. Sie hatte dafür gesorgt, dass er die richtigen Bücher in die Hand bekommen hatte, ins Theater ging und Konzerte besuchte. Er verdankte ihr seine österreichische Identität.

Sein Vater kam ihm mit offenen Armen entgegen, sie hatten sich seit mehr als einem Jahr nicht gesehen. Er war kaum älter geworden, sein Haar vielleicht eine Spur grauer, aber sein Gang und seine Bewegungen zeigten, dass er noch immer fit war. Auch in seinen Augen schimmerten Tränen.

Den folgenden Tag verbrachte er mit seinem Vater. Sie gingen am Montmartre spazieren, saßen in kleinen Bistros in St. Germain des Prés. Sie erzählten sich, was in der Zwischenzeit passiert war und was sie in Zukunft machen wollten. Ihr Verhältnis war immer sehr eng gewesen, eher wie zwei Freunde als Vater und Sohn.

Am nächsten Tag fuhren sie in den Westen der Stadt, in den Bois de Boulogne, der mit einer Größe von fast neun Quadratkilometern einer der größten Stadtparks der Welt ist. Sie wollten ein wenig Parkour trainieren. Sie begannen mit Dehnungsübungen. Liefen eine lockere Runde, bis sie ausreichend aufgewärmt waren. Balancierten auf Mauern und Stangen, um ihr Gleichgewichtsgefühl zu trainieren. Übten nach höheren Sprüngen verschiedene Landetechniken und die Roulade, die Rolle über die Schulter, eine der wichtigsten Bewegungen beim Parkour. Dann folgten Passe muraille, die Überwindung einer Mauer, Armsprünge und Tic-Tacs. Sie stießen sich zwischen eng stehenden Mauern abwechselnd links und rechts ab, um an Höhe zu gewinnen, und landeten mit einem Präzisionssprung wieder auf dem Boden.

Lukas war erstaunt, wie beweglich sein Vater noch war. Nur bei Fallübungen hielt er sich zurück, meinte, er wolle seine Kniegelenke schonen. Zum Abschluss liefen sie noch eine Runde und beendeten das Training mit Stretching. Lukas machte seinem Vater über seinen physischen Zustand Komplimente. Dieser gab ihm die Komplimente zurück und ließ sich von ihm detailliert erzählen, wie er bei dem Einsatz in Wien die Hausfassade überwunden hatte.

Die Hochzeit fand in einem kleinen Schloss in Fontainebleau statt. Viele Freunde des Paares waren gekommen. Auch jüngere Leute in Lukas’ Alter waren dabei. Es machte ihm Spaß, wieder in sein französisches Leben einzutauchen, er unterhielt sich blendend und erneuerte halb vergessene Bekanntschaften. Alle waren erstaunt, als sie hörten, dass er ein Flic geworden war.

An der Hochzeitstafel saß Lukas neben Marie, an seiner anderen Seite eine arrogant wirkende, sehr schöne Dame, die die Runde mit überlegen wirkenden Blicken bedachte. Sie wurde ihm als eine entfernte Verwandte von Marie vorgestellt und erinnerte ihn ein wenig an Catherine Deneuve. Höflich wandte er sich ihr zu und versuchte, Konversation zu machen, wurde aber mit einigen glatten Redewendungen abgespeist. So sprach er mit den ihm gegenübersitzenden Gästen, einem gut genährten, lustigen Ehepaar, das ebenfalls mit Marie verwandt zu sein schien. Man trank sich eifrig zu. Lukas war der Alkohol bereits ein wenig in den Kopf gestiegen. Plötzlich ritt ihn der Teufel, er ging auf die Bühne, nahm ein Mikrofon in die Hand und begann mit einer Rede. Er beschrieb das Leben seines Vaters, der als junger Student eine Studentenzeitung herausgegeben hatte, sein Rechtsstudium zwar erfolgreich beendet hatte, aber nie ein reicher Rechtsanwalt geworden war, weil er schon bei seinen ersten Klienten mit den Nöten seiner Mitmenschen in Berührung gekommen war. Der dann für ein Journal arbeitete und am Schreiben so Gefallen fand, dass er die Juristerei sein ließ. Der sich mit dem Chef seiner Zeitung zerstritt und als selbstständiger Journalist weitermachte und sein Leben in den Krisenregionen der Welt verbrachte. Diese Lebensbeschreibung wurde für sehr amüsant befunden, und die ganze Gesellschaft lachte mehrere Male.

„Glücklicherweise kam er dabei auch einmal nach Wien, wo er meine Mutter kennenlernte. Sie war eine junge Frau aus bürgerlichem Hause, die bereits damals mit ihrer akademischen Karriere beschäftigt war und mit meinem Vater ein Verhältnis begann. Da beide von Verhütung offenbar noch nie etwas gehört hatten, geschah das Malheur, ich war plötzlich unterwegs. Quoi faire? Gott sei Dank ist Mutter katholisch, und mein Vater fand an der Vorstellung, ein Ebenbild zu haben, Gefallen, also freute man sich und bekam mich. Sie zeigten schon damals, was für moderne Menschen sie waren, denn sie zogen es vor, nicht zu heirateten. Was aber sollte man mit mir machen? Vater musste dringend immer wieder zu einem neuen Kriegsschauplatz, und Mutter wollte mich nicht in die Vorlesungen mitnehmen, so blieb ich zunächst bei meiner Wiener Großmutter. Vater erschien periodisch und hatte, wie man mir berichtete, große Freude mit mir. Er wollte mich aber unbedingt in Paris haben, und so suchte er eine Kinderfrau für mich, der inzwischen schon sechs Jahre alt geworden war. Er fand Marie, die wie Becassine aus der Bretagne gekommen war und mich wie ein eigenes Kind annahm. Sie war aber nicht so naiv wie Becassine und arrangierte sich bald mit den Lebensverhältnissen in La Capital. So kam es zu dem Arrangement, dass ich im Sommer zu Mutter nach Österreich fuhr, aber die ganze Schulzeit in Paris verbrachte. Marie verdanke ich unendlich viel, ich kann und will es an dieser Stelle nicht aufzählen. Ich freue mich wie keiner hier, dass die beiden mir am nahestehendsten Menschen zusammengefunden haben. Ich wünsche ihnen eine lange und glückliche Lebensgemeinschaft.“

Lauter Applaus folgte, die beiden frischgebackenen Eheleute waren von seiner Ansprache gerührt und dankten ihm. Nach dem Essen wurde getanzt, und die Stimmung begann ausgelassen zu werden. Lukas trat auf die Terrasse und blickte in den Garten des Schlosses.

„Sie sind ein Flic?“

Er drehte sich um. Neben ihm stand eine elegante junge Frau mit aristokratischen Zügen. Sie hatte schwarzes Haar und dunkelblaue Augen.

„Ich bin Charlotte, eine Nichte der Braut, auch eine Becassine. Ihre Ansprache hat mir gut gefallen. Wie lebt es sich in Wien?“

„Wien ist so anders als Paris, es ist im Vergleich dazu eine Kleinstadt, die aber das hat, was vielen heutigen Großstädten fehlt – gewachsene Kultur und Identität. Wien hat sich einigermaßen erfolgreich gegen die gesichtslose Modernisierung gewehrt, die in anderen Met­ropolen erfolgt ist. Auf eine liebenswerte Art ist man borniert, damit meine ich, dass die Wiener glauben, dass alles, was sie brauchen, ohnehin innerhalb ihrer Stadtgrenzen zu finden sei. Damit gibt man sich zufrieden. Deswegen gilt der Wiener im übrigen Österreich als etwas überheblich, aber im Ausland ist er ein wenig unsicher, hat fast Komplexe, denn dort ist er gezwungen, sich mit anderen Umständen abzufinden, und muss feststellen, dass es auch anderswo schön ist und vielleicht sogar mehr los ist. Um sein Selbstbewusstsein zu erhalten, versucht der Wiener unentwegt, die Einrichtungen und Lebensbedingungen des Auslands mit denen in Wien zu vergleichen, und kommt dabei unweigerlich zu dem Schluss, dass in seiner Stadt ohnehin alles besser ist. Man hinkt den raschen Änderungen der Welt etwas hinterher, vermeidet dadurch aber auch Fehler, die andere machen. Aber Wien ist auf alle Fälle eine Stadt, in der man gut leben kann. Ich bin gern dort.“

„Ich will im Sommer nach Wien, können Sie mir einige Sehenswürdigkeiten empfehlen?“

„Sie müssen mich unbedingt vorher anrufen, es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen Wien zu zeigen.“

Er gab ihr seine Karte mit Telefonnummer und E-Mail-Adresse.

„Sind Sie Tänzer?“

„Ich bin in Wien in die Tanzschule gegangen, beim berühmten Elmayer.“

„Dann kommen Sie und zeigen Sie mir Ihre österreichischen Tanzkünste.“

Die beiden gingen in den Salon, er nahm sie in die Arme, und sie begannen sich zu den Rhythmen zu bewegen, natürlich mit gebührendem Abstand. Lukas hielt ihre warme und trockene Hand mit gleichmäßigem Druck und fühlte mit seiner anderen Hand durch das Seidenkleid ihren Körper. Ein angenehmes, unaufdringliches Parfüm umgab sie wie ein unsichtbarer Schleier. Er widerstand der Versuchung, einen engeren Kontakt herbeizuführen, obwohl er es gern getan hätte. Nach einigen Tänzen wurde sie ihm entrissen, und er ging zum Tisch zurück, um seine Stiefmutter aufzufordern.

Marie flüsterte ihm ins Ohr: „Ich bin heute unvorstellbar glücklich.“

Er scherzte: „Vielleicht bekomme ich noch einen kleinen Bruder.“

„Du Narr, ich bin schon fast fünfzig.“

Lukas tanzte noch mit anderen Frauen, trank mit Bekannten auf das Wohl des Brautpaars, und dann nahm ihn die Frau eines Freundes seines Vaters, der die Gesellschaft aus geschäftlichen Gründen früher verlassen hatte müssen, in Beschlag. Als er zu seinem Tisch zurückkehrte, saß seine schöne, arrogante Nachbarin immer noch dort, neben ihr ein älterer Herr. Er setzte sich dazu und trank einen Espresso. Als der Fremde aufstand und sich verabschiedete, drehte sich Lukas zu seiner Tischnachbarin und sah ihr in die Augen.

„Ich tanze nicht“, sagte sie unaufgefordert.

„Ich will nicht tanzen“, antwortete er.

Er wendete sich ihr zu, legte seine rechte Hand auf die Lehne ihres Stuhls, und mit seiner linken griff er unter dem Tisch auf ihr Knie. Ihre Augen weiteten sich erschrocken, aber anstelle der erwarteten Abwehr wurde sie zuerst blass und dann rot. Sie hielt den Atem an, um dann mit kurzen raschen Zügen weiterzuatmen. Niemand schien die beiden zu beachten. Er fuhr mit seiner Hand rasch die Innenseite ihres Oberschenkels hinauf und umfasste ihn fest, sie packte seine Hand, aber nicht, um sie zurückzustoßen, sondern um sie festzuhalten. Er begann, sie sanft zu streicheln. Sie blieb wie erstarrt sitzen, ihr Gesicht zeigte keine Arroganz mehr, sondern schien sich in Leidenschaft aufzulösen. Langsam zog er seine Hand zurück und nahm auch seinen Arm von der Sessellehne. Sie stieß den Sessel zurück, stand abrupt auf, und ohne ihn eines Blickes zu würdigen verließ sie den Saal. Niemand schien dieses Intermezzo bemerkt zu haben. Er wusste nicht, was ihn dazu getrieben hatte, sich so unentschuldbar zu benehmen. Es war wahrscheinlich ihre Überheblichkeit gewesen, die ihn herausgefordert hatte.

Er stand auf, wanderte herum, tanzte zwischendurch mit vielen Damen und musste immer wieder mit irgendwem anstoßen. Nach Mitternacht stieg er einigermaßen betrunken zu seinem Apartment hinauf. Zu seinem Erstaunen war die Zimmertür nicht verschlossen, im Vorraum brannte Licht. Er zog sein Jackett aus, ging in den Schlafraum und merkte an dem ihm unbekannten Duft eines Parfüms, dass er nicht allein war. Eine Frau war im Zimmer.

Seine elegante Tischnachbarin saß mit übereinandergeschlagenen Beinen in einem Fauteuil und sah ihn wütend an. Er setzte sich ihr gegenüber aufs Bett.

„Sind Sie noch nüchtern genug, um mich zu verstehen?“, fragte sie.

Er nickte.

„Ich erwarte von Ihnen eine Entschuldigung für Ihr unmögliches Verhalten.“

„Madame, Sie sind schön, arrogant und begehrenswert. Sie haben mich herausgefordert, es tut mir leid, aber ich konnte nicht anders. Aber ich weiß, mein Benehmen war unmöglich. Ich entschuldige mich dafür.“

Sie stand auf und blickte auf ihn hinunter.

„Sie sind wie ein Tier, das seinen niedrigen Instinkten folgt. Mich in so eine Situation zu bringen! Wenn uns jemand gesehen hätte. Ich bin eine verheiratete Frau.“

Er stand ebenfalls auf. Sie standen sich gegenüber, ihre Augen funkelten ihn voll Empörung an. Er merkte, dass sie sich ihre Lippen nachgezogen hatte, dass ihr Haar sorgfältig frisiert und ihr Parfüm erst vor kurzer Zeit benützt worden war. Er spürte, sie war für ihn bereit. Ohne ein Wort zu sagen, nahm er sie in die Arme und küsste sie. Sie ließ es mit herunterhängenden Armen geschehen, ihr Mund war voll und weich, und sie öffnete ihn bereitwillig. Sie sanken auf das Bett, und ihre Körper pressten sich aneinander. Er öffnete die Verschlüsse ihres Seidenkleids am Rücken, und es glitt bis zu ihrer Hüfte. Mit einem Griff öffnete er ihren BH und nahm ihre Brüste in die Hand. Er saugte an ihren Brustwarzen, was sie zum Aufstöhnen brachte.

„Tun Sie das nicht, ich will das nicht, ich bin meinem Mann immer treu gewesen.“

Sie fasste seine Hand und hielt sie, während er mit seinem Daumen zärtlich ihre Nippel rieb.

„Nein, nein, ich darf das alles nicht tun.“

Er ließ von ihrem Busen ab und schälte sie aus dem Kleid. Nur schwach wehrte sie sich, was ihn ungeheuer erregte. Er nahm ihre Hand und führte sie zu seinem Glied, dann öffnete er seinen Gürtel und einige Knöpfe und ließ es von ihr berühren.

„Ich habe so etwas noch nie getan“, stöhnte sie.

Er sprach nicht, küsste sie, griff unter ihrem Slip an ihr Gesäß und fasste sie zwischen den Beinen.

„Bitte tun Sie das nicht, das ist eine Sünde.“

Sie hatte Lukas mit ihrem vorgeblichen Widerstand und ihrer unglaubwürdigen Gegenwehr so erregt, dass er beinahe die Kontrolle verlor. Als er in sie eindrang, tat er es mit einer solchen Heftigkeit, wie er es nie zuvor getan hatte.

„Sie töten mich, Sie sind so brutal“, rief sie.

Sie stöhnte immer lauter.

„Hören Sie auf, Sie tun mir weh“, schrie sie, während sie ihren ersten Orgasmus hatte. Er hielt kurz inne.

„Bitte weiter, weiter, hören Sie nicht auf.“

„Hören Sie auf, bitte weiter“, so ging es dahin. Durch den Alkohol, den er getrunken hatte, brauchte er länger, bis er zur Erfüllung kam. Sie aber hatte noch nicht genug, bewegte sich weiter, und als er von ihr glitt, blieb ihre Hand zwischen ihren Beinen und rieb ihr Geschlecht. Endlich hörte sie damit auf. Der Kampf, es war mehr ein Kampf als ein Liebesakt gewesen, hatte aufgehört, trunken und ermattet fiel er in die Kissen zurück und schlief ein.

Als er am nächsten Tag erwachte, war es zwölf Uhr mittags. Er war allein. Sein Zustand war ziemlich übel, aber er hatte zumindest keine Kopfschmerzen. In seinem Gehirn bestand eine gewisse Leere, die die Mediziner als retrograde Amnesie bezeichnen. Er versuchte, den Verlauf des Abends zu rekonstruieren. Er hatte getanzt und getrunken, aber mit wem? Er hatte doch etwas geträumt? War er allein ins Bett gegangen, oder doch nicht? Und wenn jemand da gewesen war ... Wer?

Er saß am Bettrand und dachte intensiv nach, da sah er neben sich im Bett ein kleines Seidengespinst liegen, einen Slip. Ein unwiderlegbarer Beweis, dass es kein Traum gewesen war. Er hob das zarte Gebilde in die Höhe und dachte nach. Die Gesichter der Frauen, mit denen er getanzt hatte, zogen an ihm vorbei. Die junge Bretonin konnte es nicht gewesen sein, aber da waren noch zwei andere, an die er sich erinnerte. Dann fiel ihm Catherine Deneuve ein. Ihre harten Nippel, die Raserei ...

Nach einer ausgiebigen heißen Dusche betrachtete er sich eingehend im Spiegel. Die Nacht hatte Spuren hinterlassen, die Kratzer auf seinem Rücken sprachen Bände.

Mit einer Sonnenbrille bewaffnet betrat er vorsichtig die sonnenüberflutete Terrasse des Hotels, auf der seine Eltern und etwa zwanzig andere Gäste einen Brunch einnahmen. Marie und seinem Vater gab er einen Kuss. Marie musterte ihn kritisch. Dann begrüßte er vage einige Leute, holte sich Kaffee, nahm sich ein Croissant und setzte sich allein an einen Tisch.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Die bretonische Jungfrau stand vor ihm, und wie er hatte sie einen Kaffee und ein Croissant in der Hand.

„Es ist mir ein Vergnügen, Madame.“ Er rückte ihr den Sessel zurecht.

Schweigend tunkte er sein Croissant in den Kaffee und blickte in den Park hinaus.

Nach einer Weile sagte Charlotte: „Sind Sie am Morgen immer so gesprächig?“

„Meistens bin ich am Morgen allein, und mit mir selbst spreche ich noch nicht.“

„Diese Einsamkeit muss furchtbar sein.“

Er blickte auf, sie saß mit einem unschuldigen Lächeln vor ihm, ihr frischer bretonischer Teint ließ sie heute eher wie einen Teenager denn als eine Aristokratin aussehen.

„Ich bin eben ein einsamer Wolf.“

„Gestern Abend hatte ich diesen Eindruck aber nicht. Sie scheinen Geselligkeit zu lieben, Sie gingen förmlich von einer Hand zur anderen. Sie schienen mir wie ein Fisch im Wasser zu sein. Ist das in Wien auch der Fall?“

Er stand auf, um sich einen zweiten Kaffee zu holen, trank stehend ein Glas Mineralwasser und kam zum Tisch zurück. Diese junge Dame setzte ihm zu.

„Bevor ich Ihnen auf Ihre kritischen Fragen über mein Privatleben eine Antwort geben kann, muss mein Kopf etwas klarer werden. Derzeit bin ich Ihnen noch nicht gewachsen.“

Er zog ein Taschentuch heraus und wischte sich die Stirn ab.

„Diese Spitzentaschentücher, bekommt man die in Wien zu kaufen?“

Er griff nochmals in die Hosentasche und zog das Taschentuch wieder heraus. Entsetzt betrachtete er es, er hatte in seinem benommenen Zustand den spitzenbesetzten Slip eingesteckt, den er im Bett gefunden hatte. Er wurde rot, brachte kein Wort heraus.

„Also ich kann Sie beruhigen, mir gehört er nicht“, meinte sie begütigend. „Wir Bretoninnen tragen nur weiße Baumwollunterwäsche.“

Verzweifelt sagte er: „Ich habe keine Ahnung, wie er in mein Bett gekommen ist.“

„Dann haben Sie auch keine Erinnerung, was passiert ist und ob es überhaupt ein Vergnügen war?“

„Doch, ich erinnere mich, einen erotischen Traum gehabt zu haben.“

„Das ist doch wenigstens etwas. Also ich tippe auf die Dame, die dort im Schatten sitzt. Die macht ein so zufriedenes Gesicht. Der könnten Sie das Corpus Delicti anbieten.“

„Von der habe ich nicht geträumt.“

„Aber Sie haben mit ihr eng umschlungen getanzt.“

Zu seiner Erleichterung war Catherine Deneuve nicht auf der Terrasse zu sehen. Er hatte keine Ahnung, wie er sich ihr gegenüber verhalten hätte sollen.

„Was machen Sie jetzt mit dem interessanten Taschentuch?“

„Ich behalte es als Souvenir.“

Der Kaffee schien seine Wirkung zu entfalten, sein Verstand begann wieder zu arbeiten.

„Ich wäre noch gern geblieben, vor allem, um Ihnen Rede und Antwort über mein Privatleben zu stehen, aber mein Flug geht heute am Nachmittag, und morgen sitze ich wieder im Streifenwagen und halte Verkehrssünder an.“

„Ich fahre heute noch nach Paris, wenn Sie vom Char­les de Gaulle abfliegen, kann ich Sie vor der Oper absetzen, von dort können Sie den Bus nehmen ...“

„Womit verdiene ich so ein Angebot?“

„Mit gar nichts. Betrachten Sie es als Samariterdienst. Aber wir sind jetzt immerhin verwandt, Cousins, da Marie meine Tante ist. Und ich werde doch meinen Cousin mitnehmen. Abfahrt in zwei Stunden.“

Sie stand auf und verließ den Tisch, er tat desgleichen, setzte sich aber zu seinen Eltern, um noch ein wenig mit ihnen zu plaudern.

„Charlotte ist ein hübsches Mädchen, aber sie hat eine lose Zunge“, meinte Marie.

„Damit habe ich bereits Bekanntschaft gemacht. Hat sie einen Freund?“

„Was höre ich da, bist du an ihr interessiert? Frag sie doch selbst!“ Sie lächelte. „Von mir erfährst du nichts.“

Er verabschiedete sich von allen. Die Dame, die ihn in der Nacht besucht hatte, bekam er nicht zu Gesicht.

Um drei Uhr nachmittags fuhr Charlotte in einem kleinen Peugeot vor dem Hotel vor. Er stellte seinen Koffer auf den Rücksitz und nahm neben ihr Platz. Zu seiner Erleichterung fuhr sie gleichmäßig und angenehm, so blieb er während der Fahrt entspannt, und sie konnten sich unterhalten. Ihre Mutter war die Schwester von Marie und hatte tatsächlich einen Aristokraten geheiratet. Zunächst sprachen sie über die beiden Frischvermählten, dann erzählte er ein wenig von seinem Leben als Polizist.

Dann fragte er sie: „Wohnen Sie in einem richtigen Schloss?“

„Schloss ja, aber es ist nicht Amboise. Es ist eher ein Landhaus, aber es kostet uns mehr als genug.“

„Was studieren Sie?“

„Ich werde nächstes Jahr mit Medizin fertig.“

„Dazu sind Sie noch zu jung.“

„Ich bin vierundzwanzig.“

„Haben Ihre Eltern schon einen standesgemäßen Mann für Sie ausgesucht?“

„Sie sind gerade dabei, es zu tun, aber unter einem Herzog geht gar nichts.“

„Sie haben recht, wenn schon, denn schon. Was würden Ihre Eltern sagen, wenn Sie etwa einen Flic heiraten würden?“

„Ich habe nicht die Absicht, das zu tun. Das war aber jetzt nicht ein Heiratsantrag?“

„Nein, nein, nur ein rhetorische Frage.“

„Also, meine Eltern würden unter der Bedingung zu­stimmen, dass derjenige ein lieber, treuer Ehemann wäre, aufopfernd für mich sorgen und mich nie verlassen würde.“

„Sie Arme. Diesen Mann gibt es nicht mehr, dann werden Sie eine alte Jungfrau bleiben.“

„Alt werde ich sicher, aber Jungfrau bleibe ich nicht. Aber ich merke, Sie haben bereits wieder zu Ihrer Form zurückgefunden, der Kopf ist klar.“

Inzwischen hatten sie die Oper erreicht und sie hielt an. Er blieb kurz sitzen.

„Charlotte, vielen Dank, und wenn Sie nach Wien kommen, werde ich mich für Ihre Freundlichkeit revanchieren. Entschuldigen Sie, wenn ich etwas keck gesprochen habe. Es war für mich eine Freude und ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben. Ganz abgesehen davon, dass Sie mir als Frau gut gefallen.“

Sie hielt ihm ihre Wangen huldvoll zum Kuss hin. Er kam der Aufforderung dreimal nach, stieg aus, holte seinen Koffer vom Rücksitz. Sie fuhr mit quietschenden Reifen los, er winkte ihr etwas traurig nach und bestieg den Roissybus, der ihn zum Flughafen Charles de Gaulle brachte.

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320 p. 1 illustration
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9783701179893
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