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Andreas Hepp
Auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft.
Über die tiefgreifende Mediatisierung der sozialen Welt
Köln: Halem, 2021
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© 2021 für die deutsche Ausgabe Herbert von Halem Verlag, Köln
Übersetzung aus dem Englischen durch den Autor
Originaltitel: Deep Mediatization
All Rights Reserved. Authorised translation from the English language edition published by Routledge, a member of Taylor & Francis Group.
ISBN (Print)978-3-86962-599-7
ISBN (PDF)978-3-86962-595-9
ISBN (ePub)978-3-86962-561-4
Den Herbert von Halem Verlag erreichen Sie auch im
Internet unter http://www.halem-verlag.de
E-Mail: info@halem-verlag.de
SATZ: Herbert von Halem Verlag
LEKTORAT: Volker Manz, Rüdiger Steiner
DRUCK: docupoint GmbH, Magdeburg
UMSCHLAGFOTO: Timon Stadler / Unsplash
GESTALTUNG: Claudia Ott, Düsseldorf
Copyright Lexicon ©1992 by The Enschedé Font Foundry.
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Andreas Hepp
Auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft
Über die tiefgreifende Mediatisierung der sozialen Welt


ANDREAS HEPP (Jg. 1970) ist Professor am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) der Universität Bremen. Aufenthalte als Gastwissenschaftler und Gastprofessor u.a. an der London School of Economics and Political Science, dem Goldsmiths, University of London, der Université Paris II Panthéon ASSAS und der Stanford University (USA).
Forschungsschwerpunkte: Mediatisierung, Datafizierung, Mediennutzung und Medienaneignung. (Foto: Beate C. Koehler)
FÜR LEVI DANIEL HEPP
INHALT
VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE
1.EINLEITUNG
1.1Von der Mediatisierung zur tiefgreifenden Mediatisierung
1.2Traditionen und Perspektiven
1.3Die Kapitel dieses Buches
2.DAS ZUSTANDEKOMMEN DER TIEFGREIFENDEN MEDIATISIERUNG
2.1Eine politische Ökonomie der digitalen Infrastrukturen
2.2Die Rolle von Pioniergemeinschaften
2.3Die quantitativen Trends der tiefgreifenden Mediatisierung
3.MEDIEN ALS PROZESS
3.1Zur Frage der Medienlogiken
3.2Medien als Prozesse denken
3.3Die Mannigfaltigkeit der Medien
4.EIN FIGURATIONSANALYTISCHER ANSATZ
4.1Figurationen, Kommunikation und Medien
4.2Die (digitale) Gesellschaft in figurationsanalytischer Perspektive
4.3Transformation als Refiguration
5.DIE REFIGURATION DER GESELLSCHAFT
5.1Neue Relationalitäten von Figurationen
5.2Die Transformation von bestehenden Figurationen
5.3Das Entstehen neuer Figurationen
6.DAS INDIVIDUUM IN ZEITEN TIEFGREIFENDER MEDIATISIERUNG
6.1Medienrepertoires und die Vielfalt von Figurationen
6.2Die alltagsweltlichen Ambivalenzen von digitalen Daten
6.3Die Neuausrichtung des Selbst
7.DIE DIGITALE GESELLSCHAFT UND DAS GUTE LEBEN
7.1Ein tiefgreifender Generationswandel?
7.2Neue Organisationsformen
7.3Das Bedürfnis nach individueller Autonomie
LITERATUR
REGISTER
VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE
Wir leben nicht in der digitalen Gesellschaft. Wir sind aber auf dem Weg dahin. Diese beiden Sätze mögen zu Beginn eines Buches mit dem Thema ›digitale Gesellschaft‹ überraschen. Sie sollen aber signalisieren, dass wir es bei dem, was unter dem Begriff der digitalen Gesellschaft verhandelt wird, mit einem weitaus komplexeren Zusammenhang zu tun haben, als es gemeinhin den Anschein hat. Was ist die digitale Gesellschaft? Diese Frage ist leicht gestellt. Ungleich schwieriger ist es, sie zu beantworten.
Befasst man sich näher mit dem Begriff ›digitale Gesellschaft‹, so stellt man fest, dass er seit nunmehr mindestens einem Jahrzehnt so etwas wie eine Chiffre zu sein scheint: eine Chiffre für eine Gesellschaft, in der digitale Medien und Infrastrukturen eine herausgehobene Rolle spielen. Betrachtet man alleine die Buchpublikationen im deutschsprachigen Raum, die ›digitale Gesellschaft‹ in ihrem Titel tragen, zeigt sich das Spektrum, mit dem man es zu tun hat: Man findet historische Bände, die die Wege in die digitale Gesellschaft (2018) aufzeigen, Sammelbände, die die Politik in der digitalen Gesellschaft (2019) reflektieren, Bücher zur Netzpolitik (BECKEDAHL/LÜKE 2012), Kommunikationspolitik (2015) und Partizipationskultur (2014) der digitalen Gesellschaft oder ganze Entwürfe einer Theorie der digitalen Gesellschaft (NASSEHI 2019). Die verbindende Linie zwischen so unterschiedlichen Publikationen ist, dass sie unter digitaler Gesellschaft eine Gesellschaft verstehen, die auf digitalen Medien und ihren Infrastrukturen basiert. Unterschiede gibt es dann in den Perspektiven und Zäsuren. Beispielsweise lässt sich argumentieren, dass die moderne Gesellschaft bereits seit ihren Anfängen verschiedene Probleme aufgeworfen hat, deren »Lösung« (NASSEHI 2019: 12) die heutige Digitalisierung ist. Die digitale Gesellschaft ist in einer solchen Perspektive weit älter als die digitalen Medien selbst. Oder man bringt – wesentlich dichter an unserem Alltagsverständnis – die digitale Gesellschaft mit der schrittweisen »Durchdringung« (BÖSCH 2018: 10) der Gesellschaft mit Computertechnologien in Verbindung. Man hat es dann mit einem Prozess zu tun, der in den 1950er- und 1960er-Jahren begann.
Ich möchte in diesem Buch von einem Verständnis der digitalen Gesellschaft als einer auf digitalen Medien und ihren Infrastrukturen beruhenden Gesellschaft ausgehen. Mein Kernargument dabei ist, dass wir – auch wenn es die oben genannten Publikationen suggerieren – noch nicht in einer solchen Gesellschaft leben, uns aber auf dem Weg dorthin befinden. Es geht mir also um ein Prozessargument: Will man wirklich verstehen, was die entstehende digitale Gesellschaft ausmacht, sollte man sich näher mit dem gegenwärtigen Prozess ihres Entstehens befassen. Dies ist nicht unbedingt leicht, befinden wir uns doch inmitten dieses Prozesses. Es handelt sich bei ihm um eine vielschichtige Refiguration der Gesellschaft, die gleichwohl nicht einfach nur auf die jüngsten digitalen Medien verweist, sondern im Zusammenhang der Transformation der Gesellschaft mit und durch Medien insgesamt zu sehen ist.
Die Corona-Pandemie, wie wir sie alle 2020 und 2021 erlebten, ist ein gutes Beispiel für dieses Argument. Zuerst einmal führt uns die Pandemie vor Augen, dass wir gerade nicht bereits in einer digitalen Gesellschaft leben: Egal, ob man an das eigene Arbeiten, die Schule und Universität, die öffentliche Verwaltung oder die Organisation privater Unternehmen denkt – der Druck, unter Pandemie-Bedingungen viel mehr als bisher ›online‹ zu realisieren, hat exemplarisch gezeigt, dass dies trotz der von der Politik immer wieder proklamierten Digitalisierungsstrategien nicht so einfach möglich ist. Wären wir wirklich schon in einer digitalen Gesellschaft, in der digitale Medien und Infrastrukturen wirklich die Basis jeglicher sozialen Praktiken sind, hätten wir mit der Pandemie ganz anders umgehen können als in unseren heutigen Gesellschaften, die sich mitten auf dem Weg dahin befinden. Dennoch waren aber elektronische und digitale Medien zentral für die Art und Weise, wie wir diese Pandemie sozial erfahren haben und wie wir mit ihr umgegangen sind.
Es lassen sich hier zumindest vier Punkte ausmachen. Erstens haben wir die Pandemie von Beginn an auf der Basis von medienvermittelten Erwartungen erfahren. Filme und Serien, die gefährliche Viren, deren rasche Verbreitung und das Kämpfen der Menschheit mit diesen zum Gegenstand haben, sind mindestens seit den 1970er-Jahren populär. Und für diejenigen, die sie noch nicht kannten, waren sie nach Ausbruch von Covid-19 über die verschiedenen digitalen Plattformen leicht verfügbar. Vor diesem Hintergrund haben wir uns der Pandemie von bestehenden medienvermittelten Skripten dazu, was ›passieren kann‹ und ›wie man damit umgehen muss‹, aus angenähert. Zweitens haben wir eine medienvermittelte Erfahrung der Pandemie: Was wir über die Pandemie wissen, wurde uns über die Medien vermittelt, wobei hier der in Teilen automatisierte Datenjournalismus – die fortlaufende visuelle Aufbereitung der letzten Corona-Zahlen (Infektionen, Tote, Impfungen) – phasenweise eine erhebliche Rolle gespielt hat. Drittens haben wir es mit einer fortlaufenden medienvermittelten Analyse des Pandemieverlaufs zu tun. Damit ist gemeint, dass insbesondere digitale Medien und deren Infrastrukturen dazu eingesetzt werden, ›Daten‹ darüber zu gewinnen, wie Menschen mit der Pandemie umgehen. Beispiele dafür sind die Analysen zur Mobilität der Menschen während des Lockdowns anhand von Login-Daten ihrer Mobiltelefone oder verschiedene mathematische Modellierungen möglicher Pandemieverläufe anhand unterschiedlicher anderer digitaler Daten. Viertens schließlich waren wir immer wieder mit der Idee einer medienvermittelten Lösung einzelner Probleme der Pandemie konfrontiert. Insbesondere digitale Medien sind hier zu nennen, wenn beispielsweise zu Beginn der Pandemie die Politik eine Covid-App als zentrale Lösungsstrategie imaginierte, wenn digitale Verkaufs-, Vermittlungs- und Präsentationsplattformen als Lösung gesehen wurden, um einen Zusammenbruch von lokaler Wirtschaft, Kultur- und Veranstaltungsbranche zu verhindern, oder wenn das Homeoffice nur durch spezifische Plattformen und Videokonferenzsysteme möglich war. In all diesen Fällen wurden erhebliche Teile der ›Lösungen‹ aus dem Silicon Valley eingekauft und haben Unternehmen dort um die Faktoren reicher gemacht, wie Menschen durch die Pandemie in Deutschland ärmer wurden. Ungleichheiten der entstehenden digitalen Gesellschaft wurden durch die Pandemie nicht nur für alle ersichtlich, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit weiter verschärft.
Aus Sicht der Kommunikations- und Medienforschung verwundert all dies kaum. Seit Längerem wird zu der Frage geforscht, wie sich Kultur und Gesellschaft mit dem Wandel von Medien und Kommunikation ändern – und digitale Medien und deren Infrastrukturen sind nur Teil der letzten Stufe eines lang anhaltenden Wandels. Dieser Prozess der zunehmenden Durchdringung von Gesellschaft mit technischen Kommunikationsmedien wird als ›Mediatisierung‹ bezeichnet und hat eine lange Geschichte. So können wir uns beispielsweise moderne Nationalstaaten ohne mechanische und elektronische Massenmedien wie Druckmedien und Rundfunk nicht vorstellen. Erst diese machten es möglich, dass sich eine große Zahl von Menschen zu so etwas wie einer Nation ›zugehörig‹ fühlte. Oder anders formuliert: Die Nation wurde mit diesen und durch diese Medien erst »erfunden« (ANDERSON 1996: 1). Und auch unsere heutigen, hochgradig differenzierten Gesellschaften sind ohne die gegenwärtigen Medien – wie sie in Endgeräten wie dem Smartphone, Laptop oder Tablet greifbar werden – nicht vorstellbar. Weil diese digitalen Medien und Infrastrukturen unsere heutigen Gesellschaften umfassend durchdringen, spricht man hier von einer tiefgreifenden Mediatisierung – im Englischen ›deep mediatization‹, ähnlich wie auch ›deep learning‹ oder ›deep analytics‹ für verschiedene computerbasierte Verfahren des maschinellen Lernens oder der automatisierten Datenanalyse.
Das Kernargument dieses im englischen Original unter dem Titel Deep Mediatization erschienenen Buches ist, dass wir uns mit dem Prozess der tiefgreifenden Mediatisierung auf dem Weg zur digitalen Gesellschaft befinden. Wenn wir die digitale Gesellschaft für uns alle auf eine produktive Weise gestalten wollen, ist es zuerst einmal notwendig, diese Transformation – die Refiguration von Gesellschaft mit digitalen Medien und deren Infrastrukturen – zu verstehen. Hierzu möchte ich in diesem Buch das Rüstzeug vermitteln. Bei der Übersetzung des englischen Buches ins Deutsche – die während des zweiten Lockdowns der Corona-Pandemie entstand – habe ich an einigen Stellen zusätzliche Erläuterungen, Beispiele und Literaturhinweise eingefügt, die mir für ein deutschsprachiges Publikum wichtig erschienen. Im Kern ist die deutsche Übersetzung aber identisch mit der englischen Originalausgabe.

Ich möchte dieses Buch meinem Sohn Levi Daniel Hepp widmen, der selbst zum Studium auszog, als ich die letzten Korrekturen am Original in englischer Sprache vornahm. Meine Hoffnung ist, dass zumindest einige der Gedanken, die ich formuliert habe, für ihn anregend sein werden.
Danken möchte ich vor allem meiner Frau Beate C. Koehler für die vielen Ermutigungen und Unterstützungen, die ich erfahren habe, sowie für ihre Begleitung bei Gastprofessuren, Auslandsaufenthalten und diversen Auslandsreisen. Ohne ihre Liebe, Akzeptanz, Unterstützung und Hilfe wäre dieses Buch nicht möglich gewesen.
Dieses Buch ist das Ergebnis einer umfangreichen Forschungsarbeit, die zu einem großen Teil in Zusammenarbeit mit Kolleg:innen durchgeführt wurde, denen ich an dieser Stelle ebenfalls danken möchte. Der Ansatz, der meiner Argumentation zugrunde liegt, wurde in vier wissenschaftlichen Kontexten entwickelt. Dies ist erstens die gemeinsame Arbeit mit Nick Couldry zum Themenfeld der kommunikativen Konstruktion von Wirklichkeit, deren Ergebnis u.a. das Buch The mediated construction of reality ist. Ich möchte Nick für die mehr als zehnjährige Zusammenarbeit und für die Möglichkeit danken, unsere gemeinsamen Ideen weiterzuentwickeln. Der zweite Kontext ist der Forschungsverbund ›Kommunikative Figurationen‹, in dem wir die medienbedingte Refiguration der Gesellschaft empirisch erforschen. Ich danke allen Beteiligten, insbesondere Andreas Breiter, Uwe Hasebrink, Leif Kramp und vor allem Wiebke Loosen für die anregende Arbeit in unseren gemeinsamen Projekten, die mir immer wieder neue Themenfelder erschlossen hat. Wichtig war hier für mich – neben der gemeinsamen theoretischen Arbeit – vor allem die Forschung zu Pioniergemeinschaften und zum Pionierjournalismus. Als dritter Kontext ist das DFG-Schwerpunktprogramm ›Mediatisierte Welten‹ zu nennen, in dem wir sechs Jahre lang die Mediatisierung verschiedener gesellschaftlicher Domänen untersucht haben. Ich möchte mich bei allen Mitgliedern dieses Programms für die gemeinsame Arbeit und die vielen anregenden Diskussionen bedanken, insbesondere bei Ronald Hitzler, Friedrich Krotz, Michaela Pfadenhauer und all den ›jungen Wilden‹, die schon früh Fragen zur Datafizierung aufgeworfen haben. Viertens basiert dieses Buch auf mehr als 15 Jahren empirischer Forschung zur Mediatisierung am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) der Universität Bremen. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Kolleg:innen für die konstruktive und anregende Zusammenarbeit über so viele Jahre hinweg bedanken, insbesondere bei den Mitgliedern meines Labs ›Mediatisierung und Globalisierung‹, mit denen ich auch frühere Versionen dieses Buches diskutiert habe: Alessandro Belli, Susan Benz, Matthias Berg (der inzwischen am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering arbeitet), Julia Gantenberg, Stephan Görland, Andrea Grahl, Katharina Heitmann, Marco Höhn (der mittlerweile leider verstorben ist), Florian Hohmann, Sigrid Kannengießer, Heiko Kirschner, Leif Kramp, Hendrik Kühn, Anke Offerhaus, Cindy Roitsch und Anne Schmitz.
Darüber hinaus habe ich in diesem Buch verschiedene Anregungen aus Forschungsaufenthalten und Konferenzen aufgegriffen, für die ich mich ausdrücklich bedanken möchte. Kapitel 3 dieses Buches ist während einer Gastprofessur an der Université Paris 2 Panthéon-Assas entstanden. In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei meinen dortigen Kolleg:innen bedanken, insbesondere bei Tristan Mattelart, ohne den mein Aufenthalt nicht möglich gewesen wäre und der mir sehr konstruktives Feedback während meiner Zeit dort gab. Die Kapitel 5 und 6 habe ich geschrieben, als ich Gastprofessor am Department of Media and Communications der London School of Economics and Political Science war. Auch hier möchte ich mich bei meinen dortigen Kolleg:innen bedanken, insbesondere bei Bart Cammaerts, Nick Couldry, Sonia Livingstone und Robin Mansell – nicht nur dafür, dass sie mir den Aufenthalt ermöglicht haben, sondern auch für die Anregungen, die sie in vielen Gesprächen gegeben haben (und die vielen schönen Abende in und um London). In die deutsche Übersetzung sind einige Hinweise eingeflossen, die ich während eines Gastaufenthalts am Department of Communication der Stanford University erhalten habe. Hier danke ich insbesondere Fred Turner, dass er den Aufenthalt möglich gemacht hat – sowie für die Anregungen, die er mir gab. Darüber hinaus konnte ich Teile des Manuskripts dieses Buches auf vielen Konferenzen und Workshops vorstellen, teilweise als Keynotes, teilweise als Panel Papers. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die mich großzügig eingeladen haben, bei den Teilnehmer:innen der Tagungen und Workshops für die vielen ausführlichen Diskussionen und bei den anonymen Gutachter:innen für die Hinweise, die ich erhalten habe. Ein großer Dank geht auch an die Sektion Mediatization der European Communication Research and Education Association (ECREA), die seit vielen Jahren eine perfekte Heimat bietet, um Fragen der Mediatisierung zu diskutieren.
Ich möchte mich bei Göran Bolin, Nick Couldry, Knut Lundby, Wiebke Loosen und Kim Schrøder für ihre sehr hilfreichen Kommentare zum ersten Entwurf dieses Buches bedanken. Ihre Hinweise auf Unschärfen in der Argumentation, fehlende Beispiele und Verweise sowie reine Denkfehler ermöglichten es mir, das Manuskript weiter zu verbessern.
Eine wesentliche Hilfe bei der Fertigstellung des englischen Manuskripts waren verschiedene studentische Hilfskräfte. Ich möchte Jeanette Asmuss, Linda Siegel und Kian Reiling für ihre Besuche in der Bibliothek, ihre Visualisierungen der Daten und ihr Korrekturlesen danken. Alle drei haben mich bei meiner Arbeit maßgeblich unterstützt. Ein ganz besonderer Dank geht an Marc Kushin, der mir bei der sprachlichen Überarbeitung meines englischen Manuskripts geholfen hat. Bei der Übersetzung half mir Nicola Peters beim Finden der deutschen Zitate, bei der Korrektur des Literaturverzeichnisses und beim Erstellen des Index. Vor allem danke ich aber Leif Kramp, der mein Manuskript kritisch auf nach wie vor auftretendes ›Denglish‹ durchsah, sowie Heide Pawlik für die finalen Korrekturen.
Dem Verlag Herbert von Halem möchte ich dafür danken, dass er diese deutsche Übersetzung von Deep Mediatization möglich gemacht hat. Danken möchte ich daneben Volker Manz für das sorgfältige Lektorat. Mein Dank geht insbesondere an Rüdiger Steiner für die vortreffliche Betreuung und Begleitung im Prozess des Übersetzens sowie für seine Korrekturen und Hinweise zum eingereichten deutschen Manuskript.
Aber all diese Dankesworte dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich für die verbleibenden Fehler, Unklarheiten oder einfach schlechtes Schreiben selbst verantwortlich bin. Es liegt nun an den Leser:innen, über die Qualität dieses Buches zu entscheiden. Ich hoffe jedenfalls, dass es für viele Menschen anregend sein wird und dass es unser kollektives Nachdenken über die tiefgreifende Mediatisierung und die entstehende digitale Gesellschaft voranbringt.
Bremen, im Sommer 2021
Andreas Hepp
1.EINLEITUNG
Populäre Medien präsentieren uns gerne fiktive Charaktere wie Mia, eine junge Frau, die im Jahr 2037 lebt: Eines Morgens wird Mia mit freundlichen Worten von Ben, ihrem künstlichen Begleiter, aus ihrem tiefen Schlaf geweckt. Ben ist eine auf künstlicher Intelligenz (KI) basierende Softwareanwendung, die hauptsächlich in der ›Cloud‹ existiert. Mia kann jederzeit über ihre Smartwatch, ihr Mobiltelefon und andere Geräte auf Ben zugreifen. Sie lebt in einem Smart Home: Wenn sie ihr Badezimmer betritt, schaltet sich das Licht automatisch ein. Am Rand des Badspiegels erscheint stets ein kuratierter Fluss von Nachrichten aus ihren Social-Media-Kanälen sowie eine Auswahl von Gesundheitsdaten und persönlichen Metriken wie ihre Herzfrequenz, die Qualität ihres Schlafs in der letzten Nacht und wie viele Kalorien sie am Vortag verbrannt hat. Das Essen in ihrer Küche wird automatisch zubereitet; künstliches Fleisch wird dafür in Bioreaktoren gezüchtet und der Kühlschrank wird automatisch durch Online-Einkäufe aufgefüllt. Mia fährt mit einem Hochgeschwindigkeitszug zur Arbeit. Wenn sie sich individueller durch die Stadt bewegen möchte, kann sie dies in einem autonomen Elektroauto tun. Sie arbeitet in einem Support-Center für autonome Fahrzeuge und es ist ihre Aufgabe, einen Simulator zu steuern, um einen fahrerlosen Lkw durch belebte Innenstädte zu manövrieren, wenn menschliche Unterstützung benötigt wird. Dank der Produktivitätsvorteile, die Robotik und KI-Technologien bieten, muss Mia nur vier Stunden am Tag arbeiten. In ihrer Freizeit genießen Mia und ihre Freunde Virtual-Reality-Erlebnisse und reisen auf diese Weise an weit entfernte Orte, vielleicht zu einem Außenposten auf dem Mars, um über die wogenden Dünen des Roten Planeten zu fahren.
Dieses Szenario wurde ursprünglich als ›Multimedia-Story‹ von Journalist:innen des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel in Zusammenarbeit mit Zukunftsforscher:innen des Ars Electronica Future Lab entwickelt. Der Artikel positioniert sich als »optimistische[r] Blick in die Zukunft, der nicht zwangsläufig der realistischste ist«.1 Trotz der oft beschworenen Risiken und Gefahren, die mit der Digitalisierung verbunden werden, geht es den Autor:innen vor allem um die »Chancen […], die die Zukunft bietet«. Ihr Szenario begreifen sie dabei nicht als »haltlose Fantasie«, sondern als eine »auf dem aktuellen Stand der Forschung« basierende Zukunftsvision, die von den bereits heute verfügbaren medientechnologischen Innovationen ausgeht.
Es gibt mehrere Gründe, warum ich dieses Buch mit der Geschichte von Mia beginne. Zunächst einmal zeigt Mias Alltagswelt, wie ein Leben in der digitalen Gesellschaft aussehen könnte. Einige der im Szenario beschriebenen Möglichkeiten sind bereits heute Teil unserer Alltagswelt: Während Bens Funktionalitäten umfangreicher sind als die der aktuellen Sprachassistenten, haben wir auf ähnliche Artificial Companions bereits jetzt über unsere Smartphones, Smartwatches und andere ›smarten‹ Geräte Zugriff. Beispiele dafür sind Amazons Alexa, Microsofts Cortana oder Apples Siri. Diese sind bereits in der Lage, unsere Termine zu erfassen, wir können Nachrichten und E-Mails diktieren, nach Informationen suchen lassen und mit einfachen Sprachbefehlen Einkäufe tätigen. Und diese Begleiter ›leben‹ bereits jetzt in der ›Cloud‹. Es scheint, dass wir möglicherweise auf dem besten Weg zu einer digitalen Gesellschaft sind, die dem oben beschriebenen Szenario ähnelt.
Interessant ist dieses Szenario aber auch im Hinblick auf das, was es nicht thematisiert – nämlich die potenziell problematischen Aspekte eines durch immer mehr vernetzte digitale Medientechnologien umfassend durchdrungenen Lebens. Zum Beispiel sammeln heutige Sprachassistenten kontinuierlich Daten über uns, während wir sie nutzen. In vielen Fällen ist die automatisierte Analyse dieser Daten das zentrale Geschäftsmodell hinter ihrer Entwicklung. Technologien, bei denen wir mittels Simulation Fahrzeuge und andere Geräte steuern, sind bereits in mehr Berufen verbreitet, als wir denken. Aber auch hier wird in der Zukunftsvision des Spiegel nicht deutlich, in welchen Bereichen die Simulationssteuerung derzeit am weitesten verbreitet ist.2 Wenn wir ihren Einsatz genauer untersuchen würden, könnten wir feststellen, dass ihr vorherrschendes Einsatzgebiet das Militär und dessen Steuerung unbemannter Drohnen ist.
Einerseits unterscheidet sich Mias Geschichte also vielleicht gar nicht so sehr von der heutigen Zeit, in der digitale Medien und Technologien bereits in erheblichem Maße die Alltagswelt durchdringen. In der sozialwissenschaftlichen Medien- und Kommunikationsforschung wird diese zunehmende »Verschränkung« (engl.: »entanglement«, SCOTT/ORLIKOWSKI 2014: 873) unserer sozialen Welt mit allgegenwärtigen Medientechnologien als »tiefgreifende Mediatisierung« bezeichnet. Andererseits projiziert die Erzählung des Spiegel das Fortschreiten einer solchen tiefgreifenden Mediatisierung in die Zukunft der digitalen Gesellschaft ausschließlich als eine durch digitale Technologien besser und effizienter gewordene Alltagswelt. Die Darstellung bleibt kurzsichtig gegenüber den möglichen negativen Seiten eines durch tiefgreifende Mediatisierung geprägten Lebens.
Die utopische Beschreibung des Spiegel stimmt mit vielen anderen Mainstream-Darstellungen des medialen Wandels überein, in denen uns Imaginationen von möglichen Zukünften präsentiert werden. Journalist:innen und Zukunftsforscher:innen versprechen seit Jahrzehnten eine ›schöne neue Welt‹ der digitalen Gesellschaft. Diese Welt ist ›weiß‹, sie ist ›sauber‹ und einfach ›besser‹, weil sie durch ›weiße‹, ›saubere‹ und ›bessere‹ Medientechnologien geschaffen wird. Wir können solche Mythen bis zum Beginn der Digitalisierung zurückverfolgen. Schon in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren wurde von digitalen Medientechnologien erzählt, die eine Fülle von ›positiven‹ Transformationen der Gesellschaft mit sich bringen würden. Wir würden mit ihnen beispielsweise in einer ›neuen Wirtschaft‹ (ALEXANDER 1983) kooperieren und in ›virtuellen Gemeinschaften‹ (RHEINGOLD 1994) zusammenleben.
Solche Erzählungen zeigen, dass die tiefgreifende Mediatisierung nicht einfach von Technologieunternehmen ›produziert‹ und von Nutzer:innen ›angeeignet‹ wird. Sie wird auch von verschiedenen Akteur:innen imaginiert und durch positive Zukunftsszenarien wie die oben beschriebenen vorangetrieben. Wir haben es bei dem Entstehen der digitalen Gesellschaft mit einem hochdynamischen und vielschichtigen Prozess zu tun.
In diesem Buch möchte ich der so entstehenden digitalen Gesellschaft nachspüren. Als digitale Gesellschaft bezeichne ich solche Gesellschaften, deren verschiedene Domänen – Gemeinschaften, Organisationen, Gruppen etc. – auf digitalen Medien und deren Infrastrukturen beruhen. Der Wandlungsprozess, der uns hin zur digitalen Gesellschaft führt, ist die tiefgreifende Mediatisierung. In einem solchen Verständnis ist die digitale Gesellschaft noch nicht vollkommen erreicht. Aber wir sind in vielen Ländern der Erde auf dem besten Weg dahin. Um die sich so eröffnenden Möglichkeiten, aber auch Grenzen und Probleme nachzeichnen zu können, bedarf es allerdings vor allem eines Verständnisses des Wandlungsprozesses ihres Entstehens: der tiefgreifenden Mediatisierung selbst. Mein Ziel mit diesem Buch ist es, zu einem Verständnis dieser tiefgreifenden Mediatisierung beizutragen, um den Blick für die Herausforderungen der Gestaltung einer digitalen Gesellschaft zu eröffnen.
1.1VON DER MEDIATISIERUNG ZUR TIEFGREIFENDEN MEDIATISIERUNG
Der in den Sozial- und Kulturwissenschaften häufig genutzte Begriff der Mediatisierung verweist auf eine Erfahrung, die jede:r aus dem Alltag kennt: Technologisch basierte Kommunikationsmedien durchdringen immer mehr gesellschaftliche Domänen, die sich gleichzeitig drastisch verändern. Allgemein gesagt bezeichnet der Begriff ›Mediatisierung‹ das Wechselverhältnis des Wandels von Medien und Kommunikation auf der einen Seite und des Wandels von Kultur und Gesellschaft auf der anderen Seite (COULDRY/HEPP 2013: 197). Mit Bezug auf diese Alltagserfahrung lässt sich sagen, dass Mediatisierung sowohl quantitative als auch qualitative Merkmale aufweist.
Quantitative Aspekte betreffen die immer stärkere Verbreitung von Medien in der Gesellschaft. Sie lässt sich in dreifacher Hinsicht erfassen (KROTZ 2007a: 96): zeitlich (Medien wie beispielsweise das Fernsehen waren früher nur zu bestimmten Tageszeiten verfügbar; heute ist es rund um die Uhr zugänglich), räumlich (Medien wie das Telefon waren in der Vergangenheit als Festnetztelefon ortsgebunden; heute ist es als Mobiltelefon an nahezu allen Orten und in Bewegung verfügbar) und sozial (unsere sozialen Praktiken werden mit einer Vielzahl von Medien verschränkt und durch sie ergänzt, wenn wir uns beispielsweise über www, YouTube und Bücher über ein und dieselbe Sache informieren). Einige Medienforscher:innen haben argumentiert, dass Medien so allgegenwärtig geworden sind, dass wir von der »medialen Vermittlung von allem« sprechen können, der »mediation of everything« (LIVINGSTONE 2009: 1).
Eine qualitative Analyse der Mediatisierung richtet ihr Augenmerk sowohl empirisch als auch theoretisch darauf, welche spezifischen Folgen diese Durchdringung der sozialen Welt mit Medien hat und inwieweit sich dies auf den sozialen und kulturellen Wandel bezieht.3 Die Mediatisierungsforschung befasst sich aber nicht mit den Wirkungen einzelner Medieninhalte, sondern mit der Art und Weise, wie sich die Gesellschaft und die menschlichen Praktiken als solche durch die Prägkräfte der Medien verändern. Mediatisierung kann daher als »sensibilisierender Begriff« verstanden werden,4 der »einen allgemeinen Bezugsrahmen und eine Orientierung bei der Annäherung an empirische Instanzen« (BLUMER 1954: 7) gibt und so die Aufmerksamkeit auf (aktuelle) Phänomene in Kultur und Gesellschaft lenkt. In diesem Sinne ›sensibilisiert‹ uns Mediatisierung für grundlegende Transformationen, die wir mit der heutigen Medienumgebung erleben, und zwar insbesondere in dreierlei Hinsicht: die historische Tiefe des Prozesses medienbezogener Transformationen, die Vielfalt medienbezogener Transformationen in den unterschiedlichen sozialen Domänen und das Wechselverhältnis von medienbezogenen Transformationen mit weiteren Modernisierungsprozessen (LUNT/LIVINGSTONE 2016: 465).
Ein aktueller Schwerpunkt innerhalb der Mediatisierungsforschung ist der digitale Charakter der gegenwärtigen Medien und die damit verbundene Notwendigkeit, die gesamte Idee der Mediatisierung neu zu überdenken. Während die ersten Beiträge zu diesem Thema eher allgemein gehalten waren (FINNEMANN 2014; MILLER 2014), hat sich die Diskussion in dem Maße intensiviert und konkretisiert, wie die Digitalisierung die Prozesse der Mediatisierung und damit das Entstehen der digitalen Gesellschaft vorangetrieben hat. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Mediatisierungsforscher:innen sind sich bewusst geworden, dass medienbezogener Wandel weniger durch den Einfluss eines dominanten Mediums vorangetrieben wird, sondern vielmehr durch die Differenzierung einer großen Zahl von hochgradig vernetzten digitalen Medien und die damit verbundene Veränderung von Kommunikation. Der Fokus hat sich daher auf den »polymedialen« (MADIANOU 2014: 323) Charakter des Lebens und die »Mannigfaltigkeit« (COULDRY 2012: 16) der heutigen Medienumgebung verlagert. Vor diesem Hintergrund und um zu verstehen, wie Medien die unterschiedlichen sozialen Domänen prägen, ist es notwendig, digitale Medien in ihrer Wechselbeziehung zueinander zu betrachten. Dabei sind digitale Medien nicht mehr nur Mittel der Kommunikation. Sie sind aufgrund ihres digitalen Charakters, während sie für Kommunikation genutzt werden, gleichzeitig Mittel zur Erzeugung von Daten. Diese Daten dienen als Quelle für verschiedene Formen der automatisierten Verarbeitung und sind so zu einem grundlegenden Bestandteil der Konstruktion unserer sozialen Welt geworden.
Hervorzuheben ist, dass wir mit der Digitalisierung in eine neue Stufe der Mediatisierung eingetreten sind, die wir als tiefgreifende Mediatisierung bezeichnen können. Die tiefgreifende Mediatisierung ist ein fortgeschrittenes Stadium dieses Prozesses, bei dem zunehmend alle Elemente unserer sozialen Welt eng mit digitalen Medien und den ihnen zugrunde liegenden Infrastrukturen verbunden sind (COULDRY/HEPP 2017: 7, 34). Wie die bisherige Forschung gezeigt hat, ist die Mediatisierung kein linearer Prozess, sondern vollzieht sich in verschiedenen ›Schüben‹ der grundlegenden Veränderung der Medienumgebung. Wenn wir die letzten Jahrhunderte betrachten, können wir mindestens drei solcher Schübe ausmachen: die Mechanisierung, die Elektrifizierung und die Digitalisierung.
Die Mechanisierung bezieht sich auf die Veränderungen der Medienpraktiken, wie sie durch mechanische Prozesse hervorgerufen werden. Dafür steht insbesondere die Erfindung der Druckerpresse um 1400, dazu zählen müssen wir aber auch die Entwicklung anderer mechanischer Medien wie der Schreibmaschine und der Kamera, die sich im 19. und 20. Jahrhundert verbreiteten. Die Elektrifizierung führt zum Entstehen der elektronischen Medien im Laufe des 20. Jahrhunderts; dabei fallen uns in erster Linie Radio und Fernsehen ein, aber auch Technologien wie der Phonograph und das Telefon sind von Relevanz. Wir können deutlich sehen, dass durch Prozesse der ›Remediation‹ (BOLTER/GRUSIN 2000) ältere Technologien in neue umgewandelt werden; so wie die Bildgestaltung der Malerei in der Fotografie aufging, so erneuerte der elektrisch betriebene Offsetdruck und schließlich der Fotokopierer Gutenbergs mechanische Druckpresse. Die Schreibmaschine wurde zur elektrischen Schreibmaschine und zur Computertastatur. Der Film im Kino wurde zum Fernsehspiel und so weiter. Der aktuellste Schub der Mediatisierung ist die Digitalisierung, von der ein Teil der Trend zur zunehmenden Datafizierung ist.5 Medien werden computerisiert, und Objekte, die vorher nicht als Medien galten, ein Auto z. B., werden durch ihre digitale Konnektivität zu Medien. Da diese digitalen Medien nun softwarebasiert sind und sich durch Algorithmen – in Einzelschritten definierte Abfolgeregeln, wie sie z. B. in Computerprogrammen festgelegt sind – automatisieren lassen, sind sie nicht mehr nur Mittel der Kommunikation, sondern fungieren auch als Generatoren von Daten. Dies zeigt deutlich, wie das fortgeschrittene Stadium der tiefgreifenden Mediatisierung mit dem Entstehen einer digitalen Gesellschaft verbunden ist: einer Gesellschaft, in der soziale Prozesse eng an die automatisierte Verarbeitung von Daten gekoppelt sind.
Die oben beschriebenen Schübe der Mediatisierung sind in sich widersprüchlich und entstanden in verschiedenen Phasen der Geschichte als Folge von Kräften, die über die Medien selbst hinausgehen. Es ist jedoch klar, dass die Allgegenwärtigkeit der Medien in unserer heutigen sozialen Welt sich größtenteils in der Folge ihrer digitalen Umgestaltung ergeben hat. Die softwarebasierten Medien werden in einer Vielzahl von digitalen Endgeräten konkret. Das Medium ›Radio‹ ist z. B. nicht mehr an das Radiogerät gebunden. Mit einer Vielzahl von Softwarelösungen können wir eine ganze Reihe von digitalen Geräten nutzen, um Radio zu hören. Einige sehen immer noch wie Radios aus (das Digitalradio als eigenständiges Endgerät), andere sind Software-Interfaces auf unseren Bildschirmen (eine Radio-App auf einem Smartphone). Das gleiche Prinzip können wir beim Fernsehen, bei der Telefonie und der gesamten Breite der Mediendienste und -geräte, die wir nutzen, ausmachen.
Die tiefgreifende Mediatisierung stellt eine Herausforderung für die Mediatisierungsforschung dar, weil sie nun die Analyse von Algorithmen, Daten und digitalen Infrastrukturen einbeziehen muss. Die Untersuchung von Algorithmen und Daten wird notwendig, da in einem Zustand tiefgreifender Mediatisierung Teile der Konstruktion der sozialen Welt durch automatisierte Datenverarbeitung erfolgen. Die Klassifizierung von Daten z.B. beim Online-Shopping in Bezug auf bestimmte Gruppen von Konsument:innen oder persönliche Empfehlungen auf der Basis von Download-Historien müssen anders analysiert werden als z.B. politische Diskussionen in Talkshows.6 Und ein Teil der Aufmerksamkeit muss dabei auf die Infrastrukturen gerichtet werden, die den heutigen digitalen Medien zugrunde liegen.7
Da es sich bei der Mediatisierung um ein Konzept handelt, das uns für die gegenwärtigen Veränderungen mit den digitalen Medien und ihren Infrastrukturen sensibilisiert, müssen wir die bisherige Diskussion in der Mediatisierungsforschung nochmals überdenken. Die aktuellen Veränderungen zwingen uns, weitere analytische Konzepte in unseren Begriffsapparat zu integrieren – Konzepte, die Fragen von Algorithmen, Daten und digitalen Infrastrukturen adressieren. Vor dem Hintergrund dieser analytischen Anforderung schwingen im Begriff der tiefgreifenden Mediatisierung auch verschiedene andere Verwendungen von ›deep‹ mit, wie etwa ›deep learning‹ (worunter eine neue Art maschineller Lernprozesse auf der Basis algorithmischer Verfahren verstanden wird) oder ›deep analytics‹ (ein anderer Ausdruck für Data Mining). Die Bildung des Begriffs ›tiefgreifende Mediatisierung‹ – im Englischen: ›deep mediatization‹ – ist daher sehr gezielt erfolgt, um deutlich zu machen, dass es sich um die Stufe der Mediatisierung handelt, bei der die Analyse von Algorithmen, Daten und digitalen Infrastrukturen entscheidend wird für unser Verständnis der sozialen Welt. Oder anders formuliert: Wir können das Entstehen der digitalen Gesellschaft nur dann angemessen erfassen, wenn wir deren Verankerung in Prozessen tiefgreifender Mediatisierung verstehen und einen angemessenen Begriffsapparat haben, um diese zu beschreiben.
1.2TRADITIONEN UND PERSPEKTIVEN
Mit meinem Fokus auf tiefgreifende Mediatisierung positioniere ich dieses Buch innerhalb einer bestimmten Perspektive. Grundlegend lassen sich in der Mediatisierungsforschung zwei Denkrichtungen unterscheiden, nämlich die institutionalistische und die sozial-konstruktivistische Tradition.8
Die institutionalistische Tradition ist aus der Massenkommunikations- und Journalismusforschung hervorgegangen. Die Forschung in dieser Tradition konzentriert sich auf den Einfluss von Medien – verstanden als »semi-unabhängige Institution« (HJARVARD 2013: 21) – auf andere, scheinbar unabhängige Bereiche von Kultur und Gesellschaft. Zentral dafür ist die Idee der ›Medienlogik‹. Von David Altheide und Robert Snow (1979) entwickelt, beschrieb das Konzept der Medienlogik ursprünglich den Einfluss bestimmter massenmedialer Formate, insbesondere des Fernsehens: die ›Eigenlogik‹ der Medien bei der Verarbeitung und Darstellung von Inhalten, die – so die Annahme – zunehmend andere Bereich der Gesellschaft wie Politik oder Religion dominiere. In jüngerer Zeit wird das Konzept aber breiter verstanden. Es wird von Medienlogiken im Plural gesprochen, um damit sehr unterschiedliche medienbezogene Dynamiken zu beschreiben (STRÖMBÄCK/ESSER 2014a; 2018). Der Begriff der Medienlogiken fungiert so zunehmend als »eine Metapher bzw. Abkürzung für die verschiedenen modi operandi, die die Funktionsweise der Medien ausmachen« (HJARVARD 2017: 11). Solche Verständnisse von Medienlogiken betreffen den Einfluss medialer Formen (Genres, Rahmungen etc. im Hinblick auf Medieninhalte), den Einfluss organisatorischer Regeln (Arbeitsroutinen, Entscheidungsfindung etc. von Medien als Organisationen) und den Einfluss der technologischen Affordanzen von Medien (die materiellen Eigenschaften von Medien als Endgeräte, Plattformen etc.). Bei all dem wird davon ausgegangen, dass die Logiken von Medien auf gegenläufige Logiken anderer Gesellschaftsbereiche treffen: Nicht-mediale Institutionen (in den Bereichen Politik, Religion etc.) hätten ebenfalls ihre ›Eigenlogiken‹, die wiederum das Potenzial haben, sich gegen die Logiken der Medien zu positionieren, was zu einer gewissen Trägheit und Widerstand in einer sich verändernden Medienumgebung führen kann.
Die sozial-konstruktivistische Tradition hat ihre Ursprünge in der Forschung zu Medienpraktiken – also zum Handeln von Menschen mit Medien –, sowohl im Hinblick auf Mediennutzung als auch hinsichtlich der Medienproduktion. Sie betont die Rolle von Medien bei der kommunikativen Konstruktion sozialer und kultureller Wirklichkeit und erforscht Mediatisierung vor allem aus der Perspektive der Alltagswelt (KNOBLAUCH 2013; KROTZ 2014). Forscher:innen in dieser Tradition untersuchen, wie sich soziale Praktiken verändern, wenn sie mit Medien verschränkt werden. Hier wird eine andere Art der Theoretisierung des Medieneinflusses greifbar, die über die Idee der Medienlogik und die direkten Konsequenzen der Materialität von Medien hinausgeht. Medieneinfluss wird als »Institutionalisierung« und »Materialisierung« von sozialen Praktiken verstanden (COULDRY/HEPP 2017: 32). In Bezug auf einzelne Medien bezieht sich die Institutionalisierung auf eine Stabilisierung der Kommunikationsmuster und der damit verbundenen Erwartungen: Wir wissen, wie ein bestimmtes Medium – z.B. Telefon, E-Mail, Fernsehen – typischerweise für die Kommunikation genutzt wird, wir kommunizieren mithilfe dieses Mediums auf diese Weise und erwarten, dass andere das Gleiche tun. Damit geht eine Materialisierung einher, das heißt, dass solche Muster selbst den Medientechnologien und den ihnen zugrunde liegenden (digitalen) Infrastrukturen eingeschrieben sind. Messenger-Software z. B. materialisiert eine bestimmte Art des ›Sprechens‹ durch ihre softwarebasierte Benutzeroberfläche. Institutionalisierung und Materialisierung sind jedoch keine Einbahnstraße. Die für die verschiedenen sozialen Domänen (Gemeinschaften, Organisationen etc.) konstitutiven Alltagspraktiken haben eine eigene Handlungsorientierung, die durch mediale Institutionalisierungs- und Materialisierungsprozesse stabilisiert oder durch sie herausgefordert werden kann. Wir können hier die Familie oder die Schule als Beispiel nehmen: Viele ihrer konstitutiven Praktiken werden heute auch mittels digitaler Medien realisiert und auf diese Weise stabilisiert. Wir können an die bestehende Praxis des Anlegens von Familienalben denken, die in der Programmierung von entsprechender Fotosoftware aufgegriffen wird, oder an digitalisierte Schulverwaltungssysteme, die die Organisationsstruktur der Schule abbilden. Gleichzeitig werden die konstitutiven Praktiken von Familie und Schule durch digitale Medien aber auch herausgefordert, wenn die direkte familiäre Kommunikation am Esstisch mit der parallelen Kommunikation der Kinder über ihre Smartphones konfrontiert wird oder wenn sich die organisatorische Kommunikation der Schule auf Messengerdienste verlagert, die sich der Kontrolle der Schulleitung entziehen. In der sozial-konstruktivistischen Tradition der Mediatisierungsforschung geht es darum, die Dynamik dieser sich verändernden Bedingungen sozialer Konstruktion zu rekonstruieren, ohne von vornherein bestimmte Logiken zu unterstellen.
Vielleicht erleben wir gerade eine Annäherung dieser beiden Traditionen und ihrer Perspektiven. Diese Annäherung könnte ihre Ursache in den jüngsten Veränderungen der Medientechnologien haben, die Implikationen für beide Traditionen haben: Da digitale Medien verschiedene Domänen der Gesellschaft durchdringen und eng mit deren Praktiken verschränkt sind, ist es heute schwierig anzunehmen, dass Medien die ›semi-unabhängige Institution‹ bleiben, als die sie in der institutionalistischen Tradition betrachtet werden. Digitale Medien sind mit den Praktiken, die Institutionen konstituieren, so verschränkt, dass es kaum möglich ist, Medienlogiken und institutionelle Logiken einander gegenüberzustellen. Gleichzeitig müssen wir aber bedenken, dass die Untersuchung digitaler Medien nicht einfach bedeutet, dass wir Alltagspraktiken und die kommunikative Konstruktion der Gesellschaft nur auf der Ebene der Mediennutzung erforschen können, sondern wir sollten auch die Rolle berücksichtigen, die große Konzerne wie Alphabet, Amazon, Apple, Facebook und Microsoft und die von ihnen (und anderen) aufgebauten Infrastrukturen spielen. An dieser Stelle müssen die ursprünglichen sozial-konstruktivistischen Argumente erweitert werden, indem unter anderem stärker die Rolle der Organisation beim ›Zustandekommen‹ der tiefgreifenden Mediatisierung berücksichtigt wird.
Generell wäre es irreführend, den Begriff der Mediatisierung in einer oder beiden Traditionen mit einer geschlossenen Theorie des Medienwandels gleichzusetzen. An dieser Stelle ist es hilfreich, sich noch einmal das Argument ins Gedächtnis zu rufen, dass Mediatisierung ein ›sensibilisierender Begriff‹ ist, der unseren Blick für einen wichtigen Aspekt des aktuellen gesellschaftlichen Wandels schärft. Mit dieser sensibilisierenden Eigenschaft kann der Begriff für sich allein keine eigenständige Theorie bilden, sondern eine andere Sichtweise ist hilfreicher: Mediatisierung ist ein sensibilisierender Begriff, um den sich verschiedene Wissenschaftler:innen versammelt haben, die an einer empirisch fundierten Untersuchung der Bedeutung von Medien und Kommunikation für den Wandel von Kultur und Gesellschaft interessiert sind. Gemeinsam ist diesen Wissenschaftler:innen, dass sie nach Ansätzen suchen, die über einfache Wirkungsmodelle hinausgehen, und versuchen, den aktuellen Wandel in einer längerfristigen, historischen Perspektive sowie medienübergreifend zu beschreiben.9 Aus dieser Sicht verweist der Begriff ›Mediatisierung‹ auf einen offenen, kontinuierlichen Diskurs der Theoretisierung von sozialem und kulturellem Wandel in Bezug auf Medien und Kommunikation.
Innerhalb dieses Diskurses nimmt dieses Buch eine Position ein, die Nick Couldry und ich an anderer Stelle als »materialistische Phänomenologie« (COULDRY/HEPP 2017: 5-8) beschrieben haben. Wie Raymond Williams (1990) mit seiner Idee des ›kulturellen Materialismus‹, betonen wir, dass es für jede Analyse von Medien und Kommunikation grundlegend ist, sowohl das Materielle als auch das Symbolische zu berücksichtigen. In Zeiten tiefgreifender Mediatisierung ist die Berücksichtigung beider wahrscheinlich noch dringlicher, als dies bereits beim Fernsehen der Fall war, auf das sich Williams in seinem Werk bezog: Die ›Materialität‹ der heutigen Medien betrifft nicht nur die verschiedenen Endgeräte, Kabelnetze und Satelliten. Wie ich bereits oben betont habe, ist es, da die heutigen Medien weitgehend softwarebasiert sind, wichtig zu bedenken, dass komplexe Aufgaben an Algorithmen ›ausgelagert‹ werden können und in einer zunehmenden Zahl von Fällen auch werden. Es ist daher notwendig, viel grundlegender über die Materialität von Medien nachzudenken und die Frage zu stellen, welche Art von Handlungsfähigkeit – von Agency, wie es in der wissenschaftlichen Diskussion heißt – digitale Medien wann und wie entwickeln. Dies betrifft insbesondere Formen von automatisierter Kommunikation, wenn also Social Bots, Artificial Companions und andere ›eigenständig‹ kommunizierende Medien Teil menschlicher Kommunikationsbeziehungen werden. Eine materialistische Phänomenologie untersucht die ›Dinghaftigkeit‹ von Medientechnologien und -infrastrukturen anhand der gegenwärtigen Kommunikation.
Trotz der wichtigen Rolle, die Daten und Algorithmen spielen, sind aber Fragen der menschlichen Bedeutung und Sinngebung immer noch ein zentrales Thema für jede Analyse der sozialen Konstruktion. Finanzprodukte, die einen beträchtlichen Teil der an den heutigen globalisierten Börsen gehandelten Produkte ausmachen, basieren beispielsweise oft vollständig auf automatisiert verarbeiteten Daten und sind ohne eine visuelle, computergestützte Repräsentation derselben nicht greifbar.10 Aber die verarbeiteten Daten erhalten erst durch die menschliche Zuschreibung von Bedeutung eine Wertigkeit als Finanzprodukt. Aus diesem Grund ist es wichtig, das Symbolische nicht aus den Augen zu verlieren: die soziale Konstruktion der Wirklichkeit bleibt auch in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung ein Prozess der Zuschreibung von Bedeutung. Der Ansatz der materialistischen Phänomenologie zielt darauf ab zu verstehen, dass die soziale Welt, so komplex und undurchsichtig sie auch erscheinen mag, der Interpretation und des Verständnisses durch menschliche Akteure bedarf. In der Tat ist sie eine Struktur, die zum Teil erst durch diese Interpretationen und Verstehensweisen aufgebaut wird.
Ein zentrales Anliegen der materialistischen Phänomenologie sind deswegen die jeweils beteiligten Akteur:innen, seien es Individuen oder überindividuelle Akteure wie Unternehmen und Kollektive.11 Um diesem Anliegen Rechnung zu tragen, wird in diesem Buch die Mediatisierung aus einer Akteursperspektive untersucht: Mediatisierung ist kein Prozess, der einfach ›passiert‹. Obwohl dieser Prozess eine Vielzahl von Technologien und einige der komplexesten Infrastrukturen der Geschichte umfasst, bleibt er einer, der von Menschen gemacht ist, die ihm Bedeutung verleihen: individuelle Akteur:innen als einzelne Menschen, korporative Akteure als Organisationen, Unternehmen und staatliche Behörden sowie kollektive Akteure als Gemeinschaften oder soziale Bewegungen. Eine Akteursperspektive auf tiefgreifende Mediatisierung einzunehmen bedeutet, zu versuchen, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie der Prozess der Mediatisierung in der Überschneidung der Interessen und Praktiken einer großen Zahl sehr unterschiedlicher Akteure stattfindet.
Die heutige Mediatisierung ist in ihrem tiefgreifenden Charakter durch das Ausmaß gekennzeichnet, mit dem die Praktiken dieser verschiedenen Akteur:innen mit digitalen Medien und deren Infrastrukturen verschränkt sind.12 Da Medien die verschiedenen Domänen der Gesellschaft durchdringen, sind sie Teil der Praktiken geworden, durch die diese sozialen Domänen konstruiert werden. Praktiken, die in der Vergangenheit vielleicht nicht als medienbezogen betrachtet wurden, werden zu Medienpraktiken.13 Im Büro und im Labor, in der Schule und an der Universität, mit der Familie oder unter Freund:innen: Unsere aktuellen Praktiken sind dadurch gekennzeichnet, dass wir sie auch mit und durch Medien realisieren. Damit wird die besondere Situation der tiefgreifenden Mediatisierung deutlich, die die digitale Gesellschaft entstehen lässt, nämlich dass Praktiken des physischen Handelns – Handarbeit, Putzen, Autofahren, Kochen und so weiter – zunehmend eng mit Praktiken der Kommunikation verwoben sind und dass digitale Medien dabei eine zunehmende Rolle spielen. Wenn wir Dinge gemeinsam tun, koordinieren wir unsere Handlungen und orientieren unser Wissen durch Kommunikation, und wir projizieren unsere Ziele durch kommunikative Mittel (REICHERTZ 2009: 118-220). Diese Kommunikation ist heute eine Kommunikation, die auch durch digitale Medien vermittelt geschieht. Mit der Verschränkung allgemeiner sozialer Praktiken mit digitalen Medien verschwimmt die Trennung zwischen kommunikativem Handeln und physischem Handeln weiter. Ein gutes Beispiel dafür ist die automatisierte Selbstvermessung von Laufen, Radfahren und Schlafen mithilfe von Smartwatches: Es geht um körperliche Tätigkeiten, die für uns eine ganz neue Bedeutung bekommen können, wenn wir sie mit Medien verschränken – nicht nur Medien des Sammelns von Daten über diese Tätigkeiten, sondern auch Medien wie Facebook und Instagram, mittels derer wir anderen fortlaufend kommunizieren, was wir gerade getan haben. Die analytisch interessantere Frage ist damit die, wie sich physisches und kommunikatives Handeln aufeinander beziehen – wie physische Praktiken auch zu medialen Praktiken werden.
Wenn wir bei unserer Analyse des Entstehens der digitalen Gesellschaft den Weg der materialistischen Phänomenologie beschreiten, können wir die tiefgreifende Mediatisierung als einen Prozess rekursiver Transformation verstehen (COULDRY/HEPP 2017: 216-218). ›Rekursivität‹ ist ein Begriff, dessen Ursprünge in der Logik und Informatik liegen. Er bedeutet, dass Regeln auf die Entität, die sie generiert hat, erneut angewandt werden (KELTY 2008). Dies ist ein generelles Moment des Sozialen: Wir erhalten eine soziale Entität wie beispielsweise eine Gruppe aufrecht und nehmen notwendige Anpassungen vor, indem wir entlang der Regeln und Normen, auf denen sie basiert, erneut handeln, wenn Probleme auftreten, gegebenenfalls mit einer gewissen Variation.14 Bei der tiefgreifenden Mediatisierung sind wir allerdings mit einer gesteigerten Rekursivität konfrontiert: Da viele heutige Praktiken digitale Medien einbeziehen, die auf Software und den damit verbundenen Algorithmen basieren und fortlaufend Daten generieren, potenziert sich Rekursivität:15 Selbst scheinbar einfache Handlungen, die von sozialen Akteur:innen ausgeführt werden, gestatten als Quelle von Daten das Erschließen möglicherweise versteckter, unsichtbarer oder gar nur unterstellter Regelhaftigkeiten, die dann die Basis weiterer Verarbeitungsschleifen und Datenrepräsentationen werden.16 Ein Beispiel dafür sind die verschiedenen Online-Stores, deren Plattformen fortlaufend automatisiert anhand des Kaufverhaltens von Kund:innen auf ›Regelhaftigkeiten‹ schließen, die dann u.a. als Kaufempfehlungen präsentiert werden, was wiederum mögliche Kaufentscheidungen anderer Kund:innen nach sich zieht, wodurch die computerisierten Annahmen der Regelhaftigkeit ggf. erst zur sozialen Regel werden. Die Transformation der Gesellschaft wird nicht nur zu einer tiefgreifend rekursiven, sondern bezieht in diesen Prozess auch Imaginationen mit ein: Imaginationen davon, wie sich etwas verändern sollte, werden als Regelsetzungen in Datenverarbeitungsalgorithmen eingeschrieben, die auf die sozialen Phänomene, über die sie Daten sammeln, angewendet werden und durch diese rekursiven Schleifen selbst ein einflussreicher Faktor bei der Transformation sozialer Phänomene sein können. Vermittelt durch digitale Medien und deren Infrastrukturen werden die Imaginationen der Regelhaftigkeit zur sozialen Regel selbst.
1.3DIE KAPITEL DIESES BUCHES
Es sind die bisher umrissenen Überlegungen, ausgehend von denen ich in diesem Buch eine Annäherung an die entstehende digitale Gesellschaft wagen möchte. Während dieses einleitende Kapitel eine erste Darstellung des Konzepts der tiefgreifenden Mediatisierung geleistet und es innerhalb der weiteren Mediatisierungsforschung verortet hat, zielen die folgenden Kapitel darauf ab, die soziale und technologische Formierung der tiefgreifenden Mediatisierung genauer herauszuarbeiten sowie empirisch zu erfassen.
Das Kapitel 2 mit dem Titel Das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung beginnt mit einer akteurszentrierten Perspektive auf diesen Prozess und diskutiert dessen Entwicklungsgeschichte. Dabei befasse ich mich sowohl mit korporativen Akteuren (Technologiekonzernen und Regierungen) als auch mit kollektiven Akteuren (den verschiedenen Pioniergemeinschaften, die die medientechnologische Entwicklung imaginiert und befördert haben). Mein Hauptanliegen ist es zu zeigen, dass das ›Zustandekommen‹ der tiefgreifenden Mediatisierung nicht allein auf die Aktivitäten großer Unternehmen und Regierungen reduziert werden kann, wie es oft im Ansatz der Politischen Ökonomie der Medien gemacht wird. Wir haben es vielmehr mit einem rekursiven Zusammenspiel von korporativen und kollektiven Akteuren zu tun und können die Entstehung der tiefgreifenden Mediatisierung nur begreifen, wenn wir diese Dynamik kennen. In ihrem gegenwärtigen Stadium führte diese Dynamik zu fünf quantitativen Trends des Wandels der Medienumgebung: die Ausdifferenzierung einer Vielzahl von medialen Endgeräten, deren zunehmende Konnektivität durch das Internet, die steigende Omnipräsenz dieser Medien durch mobile Kommunikationstechnologien, ein beschleunigtes Innovationstempo und schließlich das Aufkommen der Datafizierung.
In Kapitel 3 Medien als Prozess argumentiere ich, dass es unmöglich ist, die tiefgreifende Mediatisierung ohne einen angemessenen Medienbegriff zu erfassen. Mein Hauptanliegen in diesem Kapitel ist es, Medien als Prozess zu verstehen. Medien sind nicht einfach da, sondern sie entstehen in einem fortlaufenden Prozess der Institutionalisierung und Materialisierung von Kommunikation. Medien auf diese Weise zu betrachten, wirft ein neues Licht auf die Diskussion um die Medienlogik. Es wird deutlich, dass der prozessuale Charakter von Medien in dem Moment am greifbarsten wird, in dem sie digital werden: Basierend auf Algorithmen und digitalen Infrastrukturen werden sie in engen Rekursivitätsschleifen generiert und existieren als ›ständige Beta-Versionen‹ und damit in einer fortlaufenden Veränderung. Während Medien durch ihre Institutionalisierung und Materialisierung die soziale Welt prägen, würden wir uns einer gewissen Verdinglichung hingeben, wenn wir dabei von festen Logiken als inhärenten Eigenschaften von Medien ausgehen würden. Um das Entstehen der digitalen Gesellschaft durch die tiefgreifende Mediatisierung zu erfassen, muss man hingegen den Blick für die Prozesshaftigkeit digitaler Medien schärfen, zumal deren Fähigkeit, die soziale Welt zu formen, nie von einem einzigen Medium ausgeht. Wir haben es mit einer Mannigfaltigkeit der Medien in gesamtgesellschaftlichen Medienumgebungen zu tun, die sich in den Medienensembles verschiedener sozialer Domänen und in den Medienrepertoires der Individuen konkretisiert.
In Kapitel 4 Ein figurationsanalytischer Ansatz wird ein grundlegender Zugang zur entstehenden digitalen Gesellschaft dargestellt. Vereinfacht gesagt, sind Figurationen musterhafte Konstellationen von Menschen, wie sie in Familien, Gemeinschaften, Organisationen oder rund um bestimmte Medien zu finden sind. Mein Hauptargument in diesem Kapitel ist, dass wir, wenn wir die tiefgreifende Mediatisierung verstehen wollen, unsere Analyse nicht bei den Medien selbst beginnen lassen sollten, sondern bei einer vergleichenden Betrachtung der Figurationen verschiedener sozialer Domänen und deren Veränderung mit digitalen Medien und ihren Infrastrukturen. In Bezug auf die Gesellschaft ist das Hauptargument eines solchen Ansatzes, dass ihr Wandel am besten als ein Prozess rekursiver Transformation zu verstehen ist, den wir Refiguration nennen können: ein struktureller Wandel von Figurationen selbst wie auch ihrer Wechselbeziehung untereinander, wobei digitale Medien und Infrastrukturen die Schleifen der Rekursivität intensivieren. Ein solcher Zugang zum Entstehen der digitalen Gesellschaft hat enge Bezüge zu einer ›nicht-medienzentrierten Perspektive‹, die zuerst die menschlichen Praktiken analysiert und dann die Frage stellt, welche Rolle digitale Medien und Infrastrukturen bei der Veränderung dieser Praktiken haben.
Das Kapitel 5 Die Refiguration der Gesellschaft konzentriert sich auf den gesellschaftlichen Wandel hin zur digitalen Gesellschaft. Die Schwerpunkte liegen dabei auf den sich verändernden Relationalitäten von Figurationen durch Mythen, Daten und Infrastrukturen, auf der Transformation bestehender Figurationen von Organisationen (am Beispiel der öffentlichen Debatte und der journalistischen Nachrichtenproduktion) und von Gemeinschaften (am Beispiel lokaler und transnationaler Familien) sowie auf der Entstehung neuer Figurationen (am Beispiel von Plattformkollektivitäten, konnektiver Praxis und globalen Finanzmärkten). Bei all diesen Beispielen geht es auch um das, was man als ›Akti vierung‹ des Medienensembles der einzelnen Figurationen bezeichnen kann, oder konkreter gesprochen darum, wie die Automatisierung von Kommunikation und das Aufkommen kommunikativer Roboter die soziale Konstruktion der Gesellschaft verändern. Insgesamt möchte ich mit diesem Kapitel zeigen, dass tiefgreifende Mediatisierung ein Transformationsprozess ist, der figurationsübergreifend erfolgt, gleichzeitig aber in Bezug auf einzelne Arten von menschlichen Figurationen Besonderheiten aufweist.
Im Kapitel 6 Das Individuum in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung kehre ich die Perspektive um: Im Fokus stehen nicht mehr Figurationen als solche, sondern der Einbezug des Individuums in diese. Hier diskutiere ich, welche Folgen es für den einzelnen Menschen hat, dass sie bzw. er in eine Vielzahl von Figurationen eingebunden ist, wie dies seine bzw. ihre Medienrepertoires und Medienpraktiken prägt. Eine besondere Veränderung, die auf der Ebene des Individuums stattfindet, besteht darin, dass die digitalen Spuren, die es über verschiedene Figurationen hinterlässt, in Form von ›Datendoubles‹ akkumuliert werden. Solche Datendouble sind höchst ambivalent, da sie einerseits die Möglichkeiten der Überwachung eines Individuums durch Unternehmen und staatliche Akteure bieten bzw. die gegenseitige Überwachung in Partnerschaften, Gruppen oder Gemeinschaften. Andererseits können Datendoubles aber auch eine Ressource bei der Veränderung der eigenen Lebensführung sein, wie das Beispiel der Selbstvermessung zeigt. All dies rückt die Ambivalenzen der tiefgreifenden Mediatisierung für das Individuum in den Vordergrund und wirft die Frage auf, ob wir in der digitalen Gesellschaft mit einem sich verändernden Sozialcharakter oder Habitus konfrontiert sind.
Das Schlusskapitel dieses Buches trägt den Titel Die digitale Gesellschaft und das gute Leben. In diesem Kapitel diskutiere ich die tiefgreifende Mediatisierung aus einem normativen Blickwinkel. Während das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung eng mit der Idee verbunden war, eine Generation von Digital Natives zu formen, die die Welt zum Besseren verändern würde, hat die Analyse innerhalb dieses Buches gezeigt, dass es sich um einen höchst widersprüchlichen Metaprozess des Wandels handelt. Aber trotz dieser Probleme wäre es ein Fehler anzunehmen, dass die tiefgreifende Mediatisierung einfach ›abgestellt‹ werden könnte. Ähnlich wie bei der Globalisierung, Individualisierung und anderen Metaprozessen des Wandels ist dies nicht möglich. Entscheidend wird damit die Frage, welche Form die tiefgreifende Mediatisierung annehmen sollte, um unter den von ihr produzierten Bedingungen ein gutes Leben zu ermöglichen. Im Kern geht es damit um die normativen Bedingungen der Gestaltung der tiefgreifenden Mediatisierung und damit der digitalen Gesellschaft.
Meine Hoffnung ist es, mit diesem kompakten Band einen allgemeinen Einblick in die Diskussion um die entstehende digitale Gesellschaft aus Sicht der Mediatisierungsforschung geben zu können. Mein Ziel dabei ist es, die Ambivalenz der tiefgreifenden Mediatisierung zu erklären, mit der wir alle, wenn auch auf unterschiedliche Weise, konfrontiert sind. Diesen Veränderungsprozess produktiv zu gestalten, ist nur möglich, wenn man sich analytisch präzise mit ihm auseinandersetzt. Das vorliegende Buch will dazu eine Anregung geben.
Ich sehe dieses Buch nicht als eine Standardeinführung in ein wissenschaftliches Gebiet. Das wäre schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, da die Forschung zur tiefgreifenden Mediatisierung und digitalen Gesellschaft gerade erst beginnt. Mein Ziel mit diesem Buch ist es, die Leser:innen zu einer entstehenden Diskussion einzuladen. In diesem Sinne mag es hilfreich sein, dieses Buch neben einer Reihe anderer Veröffentlichungen zu lesen: Wer sich für Mediatisierung im Allgemeinen interessiert, findet Zugang zu dieser Diskussion durch einführende Publikationen wie die Monografie von Stig Hjarvard (2013), ein von Knut Lundby (2014) herausgegebenes Handbuch, einen Sammelband von Frank Esser und Jesper Strömbäck (2014), ein von mir selbst verfasstes Buch (HEPP 2013) und die Publikationen der Mediatization Section der European Communication Research and Education Association (DRIESSENS et al. 2017; THIMM/ANASTASIADIS/EINSPÄNNER-PFLOCK 2018). Diese Titel sind wichtige Ergänzungen zu diesem Buch, um einen übersichtlichen und dennoch gründlichen Einstieg in die allgemeine Diskussion über Mediatisierung zu finden.
Wie bereits erwähnt, hat dieses Buch aber den Anspruch, viel spezifischer und zugleich breiter zu sein, indem es einen Zugang zur Idee der tiefgreifenden Mediatisierung im Hinblick auf die digitale Gesellschaft bietet. Da es in dieser Diskussion um ein fortgeschrittenes Stadium der Mediatisierung geht, bei dem Fragen von Algorithmen, Daten und digitalen Infrastrukturen relevant sind, werden neue interdisziplinäre Beziehungen wichtig. Ich versuche deshalb, die Medien- und Kommunikationswissenschaft mit einer Reihe von weiteren Feldern und Teildisziplinen wie Software Studies, Medien- und Techniksoziologie sowie Science and Technology Studies in Dialog zu bringen. Dieser Dialog ist jedoch kein Selbstzweck, sondern er zielt darauf, das für ein besseres Verständnis der entstehenden digitalen Gesellschaft notwendige Wissen zusammenzutragen. Wenn eines durch die tiefgreifende Mediatisierung und die Verschränkung der digitalen Medien mit so vielen Facetten der sozialen Welt deutlich wird, dann ist es die Dringlichkeit, dass die Kommunikations- und Medienwissenschaft die Kluft zwischen ihren eigenen Traditionen und einer immer größer werdenden Anzahl akademischer Disziplinen, die sich ebenfalls mit digitalen Medien befassen, überbrücken sollte.
Im Kern sind meine Argumente eng mit einer Reihe anderer Publikationen verbunden, die ich mit verschiedenen Kollegen verfasst habe. In The Mediated Construction of Reality (COULDRY/HEPP 2017) entwickelten Nick Couldry und ich das Konzept der tiefgreifenden Mediatisierung und die Grundlage für einen figurationsanalytischen Ansatz zu deren Analyse. Aus dem Forschungsverbund ›Kommunikative Figurationen‹ sind eine Reihe weiterer Publikationen hervorgegangen, die weitere Bausteine für einen figurationsanalytischen Zugang sind, namentlich der Sammelband Communicative Figurations: Transforming Communications in Times of Deep Mediatization (HEPP/BREITER/HASEBRINK 2018), ein Themenheft zu digitalen Spuren im Kontext (HEPP/BREITER/FRIEMEL 2018), ein weiteres Themenheft zum sozialen Konstruktivismus in der Kommunikationswissenschaft (HEPP et al. 2017) sowie jüngst ein Themenheft zu Forschungssoftware und einer Medien- und Kommunikationsforschung jenseits des Computational Turn (HEPP/LOOSEN/HASEBRINK 2021). Unser Ziel in diesen Publikationen ist es, die Forschung zur tiefgreifenden Mediatisierung zu operationalisieren, und ich werde mich häufig auf sie beziehen.
1Siehe https://www.spiegel.de/wirtschaft/deutschland-in-der-zukunft-wie-wir-2037-lebenwerden-a-1183331.html [01.05.2019].
2Eine anschauliche fiktionale Darstellung dieser Art von Arbeitsumgebung bietet der Film Eye on Juliet (2018), in dem die Hauptfigur Gordon als Supervisor einer Ölpipeline im Nahen Osten Überwachungsdrohnen steuert, die wie Krabben über den Wüstenboden krabbeln. Siehe http://eyeonjuliet-themovie.ca [01.05.2019].
3Siehe hierzu die verschiedenen Beiträge in Lundby (2014).
4Zu diesem Argument siehe Jensen (2013: 206).
5In unserem Buch The Mediated Construction of Reality diskutierten Nick Couldry und ich die Frage, ob ein »neuer Schub der Datafizierung innerhalb des Schubs der Digitalisierung« (COULDRY/HEPP 2017: 41) entsteht. In Erweiterung unserer ursprünglichen Überlegungen ist mein folgendes Argument, dass wir Datafizierung am besten als einen der aktuellen Trends der tiefgreifenden Mediatisierung verstehen, deren Ausbildung wiederum mit der der Digitalisierung verbunden ist.
6Siehe z.B. Beer (2016) und Gillespie, Boczowski und Foot (2014).
7Das zeigen eindrücklich die Arbeiten von Bowker et al. (2010), Parks und Starosielski (2015), Karasti und Baker (2004) sowie Mosco (2017).
8Göran Bolin (2014; 2017: 19-24) und Knut Lundby (2014) unterscheiden drei Traditionen der Mediatisierungsforschung: neben den oben erwähnten, institutionalistischen und der sozial-konstruktivistischen, zudem eine technologische. Allerdings teile ich mit André Jansson (2018: 2-3) die Ansicht, dass man zwar grundsätzlich eine technologische Perspektive in der Mediatisierungsforschung ausmachen kann, diese sich aber nicht zu einer eigenständigen Tradition entwickelt hat.
9Siehe u. a. die Diskussion zum Mediatisierungsansatz in der Zeitschrift Media, Culture & Society: Deacon und Stanyer (2014), Hepp, Hjarvad und Lundby (2015), Lunt und Livingstone (2016) sowie Ekström et al. (2016).
10Dies wird von Karin Knorr Cetina unter dem Begriff der ›skopischen Medien‹ diskutiert, den sie verwendet, um die ›fließende Repräsentation‹ solcher Informationen zu betonen; siehe Knorr Cetina (2014). Zur weiteren Diskussion dieses Zusammenhangs siehe meine Darlegungen in Kapitel 5.3.
11Zur Unterscheidung von ›individuellen Akteuren‹ und ›überindividuellen Akteuren‹ siehe Schimank (2010: 327-341).
12Im Weiteren benutze ich den deutschen Ausdruck ›verschränkt‹ für das Englische ›entanglement‹. Siehe zu Letzterem als wissenschaftlichem Konzept die Arbeit von Scott und Orlikowski (2014: 873).
13Für einen allgemeinen Ansatz, ›Medien als soziale Praxis‹ zu verstehen, siehe Couldry (2004, 2012). Für eine Diskussion über die Beziehung zwischen kommunikativem Handeln und anderen Formen des menschlichen Handelns siehe Reichertz (2008, 2011).
14Dies wurde in der Soziologie von der Ethnomethodologie (GARFINKEL 1967) erforscht, auf die sich auch Anthony Giddens (1984) in seiner Theorie der Strukturierung bezieht.
15Für einen Überblick siehe z.B. Beer (2017), Gillespie (2014), Manovich (2013) und Striphas (2015).
16Im Kern ist dies die Idee des Buches Muster von Armin Nassehi, der argumentiert, dass Digitalisierung so »die Komplexität und vor allem die Regelmäßigkeit der Gesellschaft« (NASSEHI 2019: 28) erstmals für die Gesellschaft selbst zugänglich macht.
2.DAS ZUSTANDEKOMMEN DER TIEFGREIFENDEN MEDIATISIERUNG
Wie in der Einleitung in dieses Buches dargelegt, besteht eines meiner Hauptziele darin, die tiefgreifende Mediatisierung aus der Sicht der Akteur:innen zu betrachten, um besser zu verstehen, wie unser Weg hin zur digitalen Gesellschaft in menschlichen Praktiken verwurzelt ist, die zunehmend mit digitalen Medien und den damit verbundenen Infrastrukturen verschränkt sind. Diese Perspektive einzunehmen bedeutet zu reflektieren, dass tiefgreifende Mediatisierung nicht einfach ein eigenständig ablaufender, ›natürlicher‹ Prozess ist. Die tiefgreifende Mediatisierung ist im Gegenteil ein gesellschaftlich verorteter »Metaprozess« (KROTZ 2007b: 256). Ähnlich wie die Individualisierung, Kommerzialisierung und Globalisierung ist sie eine übergreifende soziale Transformation, die sich in zahlreichen anderen Teilprozessen konkretisiert. Als Metaprozess bleibt die tiefgreifende Mediatisierung jedoch – unter Berücksichtigung ihrer Eigendynamiken – in menschlichen Praktiken verankert und sollte entsprechend analysiert werden. Ein erster Schritt in einer solchen Analyse ist es, das ›Zustandekommen‹ der tiefgreifenden Mediatisierung zu betrachten. Ich verwende den Begriff ›Zustandekommen‹ in einem weitergehenden Sinne,17 als ›Herstellung‹ und zugleich auch ›Entstehung‹ der tiefgreifenden Mediatisierung, als Dynamik des ›Aufbaus‹ der digitalen Medien und ihrer Infrastrukturen, die die technologische Seite der tiefgreifenden Mediatisierung bilden.
Bei der Betrachtung des Zustandekommens der tiefgreifenden Mediatisierung aus Akteurssicht müssen wir verschiedene Arten von »überindividuellen Akteuren« (SCHIMANK 2010: 327-341) im Blick haben. Überindividuelle Akteure sind Figurationen von Individuen mit eigener Handlungsfähigkeit. Dazu gehören – wie bereits in der Einleitung gesagt – ›korporative Akteure‹ wie Unternehmen und staatliche Behörden sowie ›kollektive Akteure‹ wie soziale Bewegungen und Pioniergemeinschaften.
In Bezug auf das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung sind korporative Akteure wie Medien- und Technologieunternehmen vielleicht die ersten überindividuellen Akteure, die einem in den Sinn kommen. Wenn wir die westliche Welt betrachten, können wir uns eine tiefgreifende Mediatisierung nur schwer vorstellen, ohne die Aktivitäten von Unternehmen wie Alphabet (Google), Amazon, Apple, Facebook und anderen im Blick zu haben. Erweitern wir den Blick auf den Rest der Welt, so spielen weitere große Unternehmen wie die Alibaba Group in China und ihre Tochterunternehmen wie Taobao (ein Online-Auktionshaus) oder Alipay (ein Online-Bezahlsystem) eine ebenso wichtige Rolle beim Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung wie ihre westlichen Pendants. Und es gibt Unternehmen, die bestimmte sektoriale Dienstleistungsplattformen anbieten, wie Airbnb für Unterkünfte oder Didi Chuxing und Uber für den Transport. Darüber hinaus können wir den Erfolg von Medien- und Technologieunternehmen wie diese nicht verstehen, ohne andere korporative Akteure zu berücksichtigen: Regierungen und staatliche Stellen, die bestimmte Märkte und wirtschaftliche Aktivitäten unterstützen (oder behindern). All dies bringt uns an einen Punkt, an dem wir über die Rolle der politischen Ökonomie nachdenken müssen, um die gegenwärtigen Dynamiken und Teilprozesse der tiefgreifenden Mediatisierung umfassend zu verstehen.
Sich ausschließlich auf die politische Ökonomie zu konzentrieren, hätte aber einen eindimensionalen Blick auf das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung zur Folge. Neben korporativen Akteuren müssen wir nämlich kollektive Akteure berücksichtigen. Die wichtigsten Akteure in diesem Zusammenhang sind das, was ich als Pioniergemeinschaften bezeichne. Dies sind Gruppen von Vorreiter:innen, die versuchen, medien- und technologiebezogene Entwicklungen in der Gesellschaft voranzutreiben. Eine historische Betrachtung zeigt, dass diese Pioniergemeinschaften eine bedeutende Rolle bei dem Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung gespielt haben – und weiterhin spielen. Ein weiter zurückliegendes Beispiel ist das Whole Earth Network, während in der Gegenwart Pioniergemeinschaften wie die Quantified-Self-, Maker- und Hacks/Hackers-Bewegung dieses Erbe fortsetzen. Viele heutige soziale Bewegungen »agieren in Bezug auf Medien« (KANNENGIESSER/KUBITSCHKO 2017: 1), das heißt, sie verstehen Medien nicht nur als ›Werkzeug‹, um ihre politischen Botschaften an ein breites Publikum zu kommunizieren oder sich selbst zu organisieren, sondern sie halten Medien für so zentral in unserer entstehenden digitalen Gesellschaft, dass sie sich als soziale Bewegung für bestimmte Formen von Medienorganisationen, Medieninfrastrukturen und Medientechnologien einsetzen. Dabei geht es ihnen eher darum, sich für Mediengerechtigkeit und eine angemessene Regulierung von (digitalen) Medien und Infrastrukturen zu engagieren, und weniger darum, den Prozess der tiefgreifenden Mediatisierung selbst voranzutreiben. Nichtsdestotrotz sind sie durch solche Aktivitäten entscheidend für das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung: Indem gerade auch solche Bewegungen Medientechnologien zu ihrem Fokus machen, treiben sie die Imagination einer tiefgreifend mediatisierten und damit digitalen Gesellschaft voran.
Was korporative und kollektive Akteure unterscheidet, ist der Charakter ihrer überindividuellen Handlungsfähigkeit: Die Handlungsfähigkeit von korporativen Akteuren wie Technologieunternehmen und staatlichen Behörden stützt sich auf verbindliche Vereinbarungen, die in laufenden Praktiken (re-)artikuliert werden. Die Handlungsfähigkeit kollektiver Akteure wie Pioniergemeinschaften oder sozialer Bewegungen wurzelt in gemeinsamen Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Vorstellungsmustern, die von ihren Mitgliedern in ähnlich dauerhaften Praktiken zum Ausdruck gebracht werden. Kollektive Akteure sind viel fluider als korporative Akteure.
In den ersten beiden Abschnitten dieses Kapitels möchte ich mich mit den überindividuellen Akteuren beschäftigen, die die Entstehung der tiefgreifenden Mediatisierung am stärksten vorangetrieben haben: auf der einen Seite korporative Akteure und staatliche Behörden sowie ihre Einbindung in eine entstehende politische Ökonomie digitaler Infrastrukturen, auf der anderen Seite Pioniergemeinschaften und ihre experimentellen Praktiken und Imaginationen. Während Unternehmen und staatliche Behörden auf den ersten Blick sicherlich die größere Macht haben, werden wir sehen, dass die experimentellen Praktiken und Imaginationen der Pioniergemeinschaften eine nicht zu unterschätzende treibende Kraft auf dem Weg hin zur digitalen Gesellschaft darstellen. Dennoch wäre es zu vereinfachend, die tiefgreifende Mediatisierung allein als das direkte Ergebnis der Strategien dieser überindividuellen Akteure zu verstehen. Vielmehr sollten wir uns bewusst sein, dass sich das Engagement dieser Akteure in bestimmten allgemeineren, quantitativen Trends kumuliert. Diese Trends manifestieren sich aktuell insbesondere im Wandel der Medienumgebung des Globalen Nordens, verbreiten sich aber zunehmend auch in anderen Teilen der Welt.
2.1EINE POLITISCHE ÖKONOMIE DER DIGITALEN INFRASTRUKTUREN
Der Mediatisierungsforschung wird oft vorgeworfen, dass sie die politische Ökonomie der aktuellen medienbezogenen Veränderungen ignoriert. Das Hauptargument dieser Kritik ist, dass »die Mediatisierungsforschung bisher keine umfassende Analyse entwickelt hat, um zu erfassen, welche zentrale Rolle das Wiederaufleben marktfundamentalistischer Modelle des Kapitalismus bei der Reorganisation der Beziehungen zwischen Medien und sozialem und kulturellem Leben spielt« (MURDOCK 2017: 119). Kern dieses Arguments ist, dass viele der mit der Mediatisierung verbundenen Transformationen ihren Ursprung im Vordringen von Marktmodellen in Bezug auf Medien und Kommunikation haben, wodurch Medienprodukte verstärkt ausschließlich als Waren verstanden werden. Solche Prozesse der Kommerzialisierung sind sicherlich eng mit der tiefgreifenden Mediatisierung verwoben, ebenso wie mit der Individualisierung und Globalisierung. Gleichzeitig muss man sich aber vor Augen führen, dass die tiefgreifende Mediatisierung nicht auf Fragen der Ökonomie und des Marktes reduziert werden kann. Die Dynamiken, mit denen wir es zu tun haben, sind wesentlich vielfältiger.
KAPITALISMUS UND DAS AUFKOMMEN DES INTERNETS
Die Auffassung, dass Medieninhalte reproduzierbare Waren sind, wird spätestens seit der Frankfurter Schule und den Arbeiten von Walter Benjamin (1991, orig. 1936) diskutiert. Mit der Deregulierung der 1980er-Jahre haben solche Argumente jedoch eine neue Bedeutung erlangt. Die Ansicht, dass Medien als reine Waren zu betrachten sind, wurde in dieser Ära zur verbreiteten Standardposition (HALL 1997: 229-230): Radio, (Satelliten-) Fernsehen und Telekommunikation wurden privatisiert und mehr und mehr nach Marktmodellen statt nach öffentlich-rechtlichen Modellen organisiert. Das Aufkommen des Internets und der digitalen Medien fiel in diese Zeit, in der die Perspektive dominierte, dass Medien als kommerzielle Ware anzusehen seien. Nach einer frühen Phase als Militär- und Forschungsnetzwerk wurde die weltweite Etablierung des Internets zu einem kommerziellen Unterfangen. Die Idee, etwa einzelne Plattformen oder die Infrastruktur des Internets öffentlich-rechtlich zu organisieren, wurde jenseits kleiner Expertenkreise gar nicht erst in Erwägung gezogen.18
Dies ist nicht nur für den Globalen Norden der Fall. Überall auf der Welt sind Medien- und Kommunikationsdienste mehr oder weniger nach den Prinzipien des ›Marktkapitalismus‹ und des ›digitalen Kapitalismus‹ organisiert (MCCHESNEY 2013; HERMAN/MCCHESNEY 1997), insbesondere im Fall der bereits erwähnten Medien- und Technologie-Unternehmen wie Alibaba, Apple und Facebook. Diese Unternehmen und die von ihnen angebotenen Dienstleistungen stellen einige der Hauptkräfte dar, die das Entstehen der digitalen Gesellschaft prägen, indem sie datenbasierte Wertschöpfungsmodelle vorantreiben. Anknüpfend an diesen Gedanken ist aus Sicht der politischen Ökonomie die primäre Herausforderung der Medien- und Kommunikationsforschung weniger eine Auseinandersetzung mit der tiefgreifenden Mediatisierung, als vielmehr die Auseinandersetzung mit einem »tiefgreifenden Kapitalismus« (MURDOCK 2017: 130). Mit digitalen Medien und ihren Infrastrukturen ist – so die Überlegung – eine viel ›tiefere‹ Durchdringung der sozialen Welt mit kapitalistischen Praktiken und Werten möglich denn je zuvor. Digitale Plattformen wie Foodora, Amazons Mechanical Turk oder Uber ermöglichen z. B. die genaue Überwachung derjenigen, die ihre Arbeitskraft anbieten. In der Folge ist der Druck auf die Menschen, die auf solchen Plattformen ihre Arbeit anbieten, sich kapitalistischen Prinzipien unterzuordnen, wesentlich umfassender als bei Arbeiter:innen in klassischen Arbeitsverhältnissen. Darüber hinaus kann jede Alltagspraxis zu einer Ressource der Wertschöpfung werden, so sie digitale Spuren hinterlässt: Die Verarbeitung von Online-Aktivitäten beispielsweise ermöglicht es einer Reihe von korporativen Akteuren, personalisierte Profile von Menschen zu erstellen, sodass deren Daten zu einer relevanten Einnahmequelle für hochgradig personalisierte Werbung werden können. Nick Couldry und Ulises Mejias (2019a) haben eine solche Nutzbarmachung der digitalen Spuren der Nutzer:innen als eine Art von ›Datenkolonialismus‹ beschrieben. Der Begriff des Kolonialismus bezieht sich dabei sowohl auf die von Staaten und Unternehmen praktizierten globalen Ausbeutungsverhältnisse als auch auf die »Kolonisierung der Lebenswelt« (HABERMAS 1988b: 471), also die zunehmende Durchdringung der Lebenswelt durch das kapitalistische Wirtschaftssystem.19
Es ist für unser Verständnis des Zustandekommens der tiefgreifenden Mediatisierung wichtig, solche Entwicklungen im Blick zu haben. Aus Sicht der Akteure war für dieses Zustandekommen großer Medien- und Technologieunternehmen das Zusammenspiel mit breiteren politischen Kräften und staatlichen Behörden entscheidend. Besonders grundlegend für die tiefgreifende Mediatisierung ist die Kommerzialisierung des Internets: Es war die Bereitstellung großer Mengen an privatem und öffentlichem Kapital notwendig, um das Internet und die wichtigsten Infrastrukturen der tiefgreifenden Mediatisierung zu schaffen.
Gleichzeitig ist allerdings ein breiterer Blick auf digitale Infrastrukturen notwendig, um die Transformation hin zur digitalen Gesellschaft zu verstehen – ein Blick, der diese Transformation nicht auf Fragen der politischen Ökonomie reduziert, sondern detaillierter auch die Praktiken und Dynamiken verschiedener sozialer und kultureller Kontexte einschließt. Während in historischen Studien eine solche holistischere Sichtweise bereits verbreitet ist und dort ihre Notwendigkeit für ein umfassenderes Verständnis von Wandlungsprozessen betont wird,20 ist sie in jüngerer Zeit auch zu einem entscheidenden Punkt für die Untersuchung aktueller Entwicklungen digitaler Infrastrukturen geworden, insbesondere bei der Analyse der Zunahme einer globalen Konnektivität.21 Terminologisch gesehen ist ›Infrastruktur‹ ein ›kaleidoskopischer‹ Begriff mit vielen Implikationen. Das hat damit zu tun, dass jede Definition von Infrastruktur von der Perspektive des Betrachtenden abhängt. Eisenbahnnetzwerke z. B., die für den Reisenden eine Infrastruktur seiner Mobilität darstellen, sind für Eisenbahningenieur:innen der Fokus und das Ergebnis der eigenen Arbeit, für die wiederum eine ganz andere Infrastruktur vonnöten ist. Wir können aus solchen Beispielen folgern, dass »Infrastruktur analytisch nur als relationale Eigenschaft greifbar wird« (STAR/RUHLEDER 1996: 113) und nicht ein feststehendes Ding ist. Wir sollten also eher danach fragen, »wann« etwas als eine Infrastruktur gilt, nicht, »was« eine Infrastruktur ist. Dies berücksichtigend und die Definition von Lisa Parks und Nicole Starosielski (2015: 4) erweiternd, können wir digitale Infrastrukturen als situierte soziotechnische Anordnungen begreifen, die entworfen und aufgebaut werden, um eine digitale Datenübertragung und Distribution zu ermöglichen.
Blickt man auf die Geschichte des Internets zurück, wird deutlich, in welchem Ausmaß Regierungen und staatliche Behörden eine Rolle bei der Entwicklung dieser digitalen Infrastruktur gespielt haben. In der Phase vor seiner Kommerzialisierung wurde das Internet vom »militärisch-wissenschaftlichen Komplex« (CURRAN 2016: 50) der USA getragen. Das ARPANET, der Vorläufer des Internets, wurde von der Advanced Research Projects Agency (ARPA) des Pentagons entwickelt und später durch verschiedene Programme der National Science Foundation (NSF) unterstützt (GREENSTEIN 2015: 27-30). In Europa waren in dieser Zeit öffentliche Einrichtungen für die Etablierung des Internets zentral, wie beispielsweise die Europäische Organisation für Kernforschung (CERN), in der das bis heute prägende World Wide Web – das über das Internet abrufbare System von auf HTML basierenden Webseiten – entwickelt wurde.22 Im Jahr 1993 tauchte der endgültige Plan der NSF für die Privatisierung des Internets auf, und dieser Moment kann als Wendepunkt hin zur Umwandlung des Internets in eine kommerzielle digitale Infrastruktur angesehen werden. In diesem Prozess dominierte ein wechselndes Oligopol von Unternehmen die Entwicklung des Internets: In der ersten Phase seiner Kommerzialisierung beeinflussten vor allem WorldCom und AOL die Geschehnisse, während in jüngerer Zeit Alphabet (Google), Amazon, Apple, Facebook und Microsoft im Globalen Norden die wichtigsten Akteure sind. In anderen Regionen der Welt haben Unternehmen wie Alibaba, Baidu und Tencent aus China eine dominante Position in Bezug auf Internetdienste inne. Die sich ständig verändernde Dominanz einzelner überindividueller Akteure – ihr Auf- und Abstieg – steht für den sich wandelnden Charakter des Internets.
An dieser Stelle ist es entscheidend zu betonen, dass die Transformation des Internets in eine kommerzielle Infrastruktur nicht zufällig geschah, sondern größtenteils durch politische Strategien und Regierungspolitik angetrieben wurde. Es war eine politische Strategie der US-Regierung, die ARPA mit der Idee aufzubauen, interdisziplinäre Forschung zu fördern, um so die Position der USA während des Kalten Krieges zu stärken. Es war auch eine politische Entscheidung – im Falle der Clinton-Administration –, die Aufsichtsinstitutionen des Internets, nämlich die Internet Assigned Number Authority (IANA), zu privatisieren. Die IANA wurde zu einer Abteilung der Internet Corporation for Assigned Names (ICAN), die bis heute für die globale Verwaltung von Domänennamen, die Vergabe von IP-Adressen und die Koordination des Root-Server-Systems zuständig ist. Dies sind nur einige Beispiele dafür, dass hinter den einzelnen Entscheidungen der Entwicklungsgeschichte des Internets – einschließlich seiner Privatisierung und Kommerzialisierung – umfassendere politische Überlegungen standen und dass es sich keineswegs um einen ›natürlichen‹ Prozess handelte. Es war, wie Mariana Mazzucato (2013) es formuliert, ein »unternehmerischer Staat«, der an der Schnittstelle von Militär, akademischer Forschung und Wirtschaftsinstitutionen ein »Innovationssystem« aufbaute, das die Entwicklung der Computerindustrien und des Internets ermöglichte. Solche weitreichenden staatlichen Interventionen sind nur vordergründig ein Widerspruch zur kommerziellen Geschichte des Internets, in der das Narrativ der Leistung von Unternehmungsgeist und Start-ups betont wird: Einerseits werden vom »unternehmerischen Staat« an den Rändern »freie Märkte und Innovationen« gefördert, andererseits wird gleichzeitig von ihm das Entstehen großer (und global dominierender) Medien- und Technologieunternehmen unterstützt.
Es ist also offensichtlich, dass der Zugang der politischen Ökonomie als eine Teilperspektive wichtig ist, wenn wir das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung verstehen wollen. Aber aufgrund der weitreichenden Veränderungen, die mit ihr verbunden sind, müssen wir uns von einer politischen Ökonomie der Medieninhalte hin zu einer politischen Ökonomie der digitalen Infrastrukturen bewegen, die als globales Phänomen wiederum lokal, regional und national kontextualisiert werden muss. Wenn wir uns genauer mit der klassischen politisch-ökonomischen Sichtweise auf Medien auseinandersetzen, fällt auf, dass sie um das Argument herum entwickelt wurde, dass Massenmedien aus ökonomischen und ideologischen Gründen grundlegende Organisationen der Gesellschaft sind. Strukturiert durch die Ökonomie einer Gesellschaft (Basis), produzieren diese Medienorganisationen nach einer klassischen politisch-ökonomischen Perspektive Inhalte zur kommunikativen Selbstverständigung in der Gesellschaft (Überbau). Fragen des Eigentums spielen deshalb eine Rolle, weil es mit dem Zugang zu Medien auch um die Möglichkeiten der Beeinflussung von gesellschaftlicher Kommunikation geht. Große Medienorganisationen verfügen über weitreichende Möglichkeiten, über gesamte Gesellschaften hinweg zu kommunizieren, was bedeutet, dass über sie ein großer Einfluss auf den öffentlichen Diskurs und die herrschenden Ideologien besteht. Die Kritik der politischen Ökonomie an der Veränderung von Besitzverhältnissen über Medien – also der Verschiebung des öffentlichen Eigentums an Medien hin zu privaten Eigentumsverhältnissen –, die mit der globalen Durchsetzung der Idee privater Märkte und der Kommerzialisierung einherging, war so eigentlich eine Kritik daran, wer in welcher Gesellschaft welche Ideologie kommunizieren konnte.
Mit der Digitalisierung hat sich dieses Szenario in vielerlei Hinsicht verändert, wofür es vier Gründe gibt (vgl. zum Folgenden WITTEL 2012: 317f.): Erstens hat sich die Zahl der Medienproduzent:innen drastisch erhöht. Durch die Nutzung digitaler Medien – Internetplattformen, Webseiten, in Mobiltelefone integrierte Kameras etc. – wurden viele Menschen zumindest prinzipiell in die Lage versetzt, als Produzent:innen von Medieninhalten zu agieren.23 Zweitens bieten digitale Medien neue soziale Distributionsformen, die das Monopol großer Medienorganisationen auf die Verbreitung von Medieninhalten bis zu einem gewissen Grad geschwächt haben. Auch kleinere Organisationen und sogar Einzelpersonen sind nun in der Lage, bestimmte Publika zu erreichen, miteinander zu kollaborieren und Teil einer neuen Praxis des ›Sharing‹ (JOHN 2017) zu werden. Drittens gewannen mit der Durchdringung des Alltags mit digitalen Medien neue Formen der Produktion und Distribution an Bedeutung. Viertens schließlich sind digitale Technologien nicht nur Medientechnologien, sie sind nun in alle produktiven Prozesse eingebaut. Angesichts der tiefgreifenden Mediatisierung ist die digitale Ökonomie damit keine abgegrenzte Sphäre, wie es einst die Ökonomie der Massenmedien war, sondern umfasst faktisch die gesamte Wirtschaft. Immer mehr Geschäftsmodelle der Produktion, des Vertriebs und des Verkaufs von ›Dingen‹ stützen sich in der einen oder anderen Weise auf digitale Medien und deren Infrastrukturen.
Aufgrund dieser Transformationen gewinnt statt einer politischen Ökonomie der Medien eine politische Ökonomie der digitalen Infrastrukturen an Bedeutung. Im Kern handelt es sich dabei um eine politische Ökonomie, die sich damit beschäftigt, wie große Medien- und Technologieunternehmen »globale Netzwerke und digitale Informationsflüsse sowie deren Konsum« (MANSELL 2004: 99) strukturieren und wie staatliche Behörden in diese Prozesse eingebunden sind. Eigentum, Kommerzialisierung und Marktmodelle der Distribution bleiben wichtig, aber nicht nur in Bezug auf Medieninhalte (FREEDMAN 2009). Sie gewinnen sogar an Bedeutung, weil digitale Infrastrukturen zur gleichen Zeit der Produktion, Distribution und Aneignung von Medieninhalten wie auch von anderen Produkten dienen. Dies erklärt die sich erweiternde Perspektive der politischen Ökonomie der Medien, in deren gegenwärtigen Diskussion es beispielsweise auch um die generelle Frage geht, wie sich Arbeit insgesamt mit den digitalen Infrastrukturen des 21. Jahrhunderts verändert.24
Darüber hinaus sind Fragen von Eigentumsverhältnissen, Kommerzialisierung und Marktmodellen von Bedeutung, weil neue, auf automatisierter Datenanalyse basierende Geschäftsmodelle entstanden sind. Große Technologie-Unternehmen haben durch den Zugang zu und den Verkauf von Daten ihrer Nutzer:innen engmaschige Modelle der datenbasierten Kommerzialisierung entwickelt. Infolgedessen können sie hochgradig individualisierte Online-Werbung schalten und damit hohe Einnahmen erzielen.25 Die Folgen dieses einzigartigen Zugangs zu Daten gehen allerdings wiederum über die Medien hinaus, wenn diese Daten zu einer Quelle für Entscheidungen innerhalb von Gesellschaften werden.26 In einem solchen Szenario befasst sich eine politische Ökonomie digitaler Infrastrukturen »nicht mehr nur mit der Ideologie und Manipulation von Nachrichten (also Fragen von Basis und Überbau), sondern auch mit dem Eigentum an Infrastrukturen, an Netzwerken und Plattformen, die es Nutzer:innen ermöglichen, sich zu vergemeinschaften, zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten« (WITTEL 2012: 318).
DIGITALE INFRASTRUKTUREN HEUTE
Wir können die heutigen digitalen Medien also nur verstehen, wenn wir sie in Bezug auf ihre digitalen Infrastrukturen betrachten, wobei Letztere eine besondere Materialität aufweisen. Deutlich wird dies anhand der mobilen Kommunikationstechnologien wie Mobiltelefonen, Tablets, Smartwatches und vieler anderer Geräte, die das sogenannte »Internet der Dinge« (BUNZ/MEIKLE 2018; GREENGARD 2015) ausmachen. Um die Materialität dieser Medien angemessen zu erfassen, sind es nicht nur die in Städten und auf dem Land installierten Mobilfunkmasten, die wir berücksichtigen müssen, sondern auch die transatlantischen (Unterwasser-)Kabelnetze, die die wichtigsten ›Trassen‹ der digitalen Kommunikationsflüsse darstellen.27
Als ein Teil dieser Materialität sind die technischen Protokolle zu verstehen, die dem Internet zugrunde liegen (GALLOWAY 2004; MUELLER 2010). Während wir uns typischerweise auf ›das Internet‹ als ein einheitliches Ganzes beziehen, basiert es auf einer Vielzahl verschiedener Protokolle, die den Datentransfer technisch regeln.28 Hinzu kommen Rechenzentren, die die Grundlage der ›Cloud‹ bilden, der Infrastruktur zur »Speicherung, Verarbeitung und Verteilung von Daten, Anwendungen und Diensten für Einzelpersonen und Organisationen« (MOSCO 2014: 17). Wir können hier den grundlegenden Einfluss sehen, den Infrastrukturen auf die Art und Weise haben, wie medienvermittelte Kommunikation stattfindet.
Wie sieht dann das Gesamtbild aus, mit dem wir heute konfrontiert sind? Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die bereits erwähnten Technologieunternehmen zu werfen. Dabei wird deutlich, dass es sich bei diesen Unternehmen nicht einfach um Content-Anbieter handelt, wie man sie in der Tradition der politischen Ökonomie typischerweise mit dem Begriff ›Medienunternehmen‹ assoziiert. Vielmehr sind diese Unternehmen Anbieter digitaler Infrastruktur für Medieninhalte sowie andere Dienstleistungen und Produkte (siehe Tabelle 1).29
TABELLE1
Westliche Technologiekonglomerate als Anbieter von digitaler Infrastruktur

Quellen: Websites der Unternehmen, Forbes Global 2000 (Stand: 10.7.2019).
Diese führenden Technologieunternehmen – typischerweise die Big Five genannt – ergänzen sich in dem Sinne, dass sich ihre Hauptgeschäftsfelder weitgehend unterscheiden. Während wir in Bereichen wie Betriebssystemen, Online-Werbung und Cloud-Diensten Überschneidungen sehen, ist der Wettbewerb in anderen Bereichen begrenzt. Dies erklärt zum Teil, warum wir es eher mit oligopolistischen als mit wettbewerblichen Strukturen zu tun haben. Viele Kund:innen dieser Dienste haben nur sehr wenige Anbieter zur Auswahl, und da die angebotenen Güter nur bedingt substituierbar sind, haben wir es mit einem heterogenen Oligopol zu tun. Im Großen und Ganzen ist der ›oligopolistische Medienkapitalismus‹ also trotz wiederholter Krisen der ›New Digital Economy‹ zwischen 2001 und 2004 heute relativ stabil. Unter diesen Umständen erscheint es nur logisch, dass Medien- und Technologieunternehmen »gemeinsam gewinnbringende Märkte […] erschließen, teils konkurrierend, teils koalierend« (PROKOP 2001: 421). Wettbewerb gibt es eher zwischen dem westlichen Oligopol der Big Five und dem asiatischen Oligopol, angeführt von der Alibaba-Gruppe. Letztere hat einen Marktwert von 499,4 Mrd. Dollar und ihre wichtigsten Produkte und Dienstleistungen sind Handels- und Kommunikationsplattformen für Business to Business und Business to Customer, ein Online-Auktionshaus, Finanzdienstleistungen und Zahlungssysteme, Cloud Computing und Datenmanagement, Online-Shopping und Filmproduktion.
In diesen Oligopolen haben insbesondere digitale Plattformen eine zentrale Position inne (GILLESPIE 2010: 352). Diese bringen Anbieter:innen, Werbetreibende und Kund:innen zusammen, um entweder bestehende Infrastrukturen zu ersetzen oder ihre eigenen Plattformen mit diesen derart zu verzahnen, dass sie selbst wirtschaftliche Vorteile erlangen (PLANTIN/PUNATHAMBEKAR 2019: 164). Man spricht an dieser Stelle auch von einem Plattform-Ökosystem (VAN DIJCK/POELL/DE WAAL 2018: 11). In Amerika bzw. Europa wird dieses Plattform-Ökosystem von den fünf oben genannten Technologieunternehmen dominiert: Alphabet (Google), Amazon, Apple, Facebook und Microsoft. Sie stellen »infrastrukturelle Plattformen« (VAN DIJCK/POELL/DE WAAL 2018: 11) wie die App-Stores von Google und Apple und die Login-API oder den Messenger von Facebook zur Verfügung,30 auf deren Basis dann weitere digitale Medien entwickelt und verbreitet werden können. »Sektorale Plattformen« (VAN DIJCK/POELL/DE WAAL 2018: 12) bedienen auf der Basis dieser infrastrukturellen Plattformen einen bestimmten Bereich wie Nachrichten, Transport, Essen, Unterkunft und so weiter. Hier sind Unternehmen wie Airbnb, Lieferando oder Uber tätig.
Während dieses Ökosystem prinzipiell jedem die Möglichkeit bietet, eigene Entwicklungen einzubringen, liegt seine Dynamik darin, dass durch die Einführung zusätzlicher Apps und Dienste die das Ökosystem tragende infrastrukturelle Plattform weiter gestärkt wird: Je mehr Angebote auf einer infrastrukturellen Plattform verfügbar sind, desto wichtiger wird sie. Auch sogenannte ›disruptive Innovatoren‹ wie Netflix oder Spotify bleiben auf die Infrastruktur der Big Five angewiesen, wobei die Spotify-Dienste auf die Cloud-Server von Google zugreifen und Netflix die Amazon Web Services nutzt (vgl. VAN DIJCK/POELL/DE WAAL 2018: 12).
Wir müssen uns jedoch davor hüten, eine zu eingeschränkte Sicht auf die politische Ökonomie digitaler Infrastrukturen zu entwickeln. Zum Beispiel können wir das, was wir digitale Infrastruktur nennen, nicht mit den Produkten und Dienstleistungen gleichsetzen, die diese Unternehmen anbieten. Digitale Infrastrukturen sind wesentlich umfassender. Sie schließen Satellitennetze, Unterwasserkabel und Mobilfunkmasten ein, ohne die ein (mobiler) Internetzugang nicht möglich wäre. Hier spielen ganz andere Unternehmen eine Rolle, z.B. wenn es um Netzwerk-Router geht, wo Unternehmen wie Cisco wichtig sind, oder wenn es um den Besitz von (Unterwasser-)Kommunikationskabeln geht, wo nationale Telekommunikationsanbieter immer noch eine große Bedeutung haben (DAVENPORT 2012: 202f.). Während also Unternehmen wie Alphabet, Amazon, Facebook und Microsoft wichtige Investoren in neue Kabel sind, basiert die bestehende Infrastruktur immer noch auf der Arbeit anderer Unternehmen und Institutionen. Darüber hinaus sollten wir neben den bekannteren infrastrukturellen Plattformen auch andere Arten von Software im Blick haben, wenn wir Fragen der Infrastruktur diskutieren. Ein Beispiel dafür sind Softwaresysteme, die in der Data-Analytics-Branche eingesetzt werden. In dieser wurde das Softwareprojekt Hadoop zur Grundlage vieler Datenanalyselösungen und damit zu mehr als nur einer einfachen Anwendung. Heute ist im Bereich der Datenanalyse Hadoop ein wichtiges Infrastruktursystem, das beispielsweise die gemeinsame Nutzung von Daten und Rechenressourcen gestattet (BEER 2019: 57). Die gegenwärtigen digitalen Infrastrukturen sind also ein hochkomplexes, vielschichtiges Phänomen.
Aus globaler Sicht ist es wichtig, nicht aus dem Blick zu verlieren, dass nicht alle Infrastrukturen von großen Unternehmen unterhalten werden. Insbesondere wenn wir an die Sicherung der digitalen Infrastrukturen im Globalen Süden denken, spielen kleine lokale Anbieter, Start-ups oder soziale Bewegungen als überindividuelle Akteure oft eine zentrale Rolle.31 Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es hierfür einige bemerkenswerte Beispiele: kleine lokale Unternehmen und Start-ups in städtischen Gebieten wie Kigali in Ruanda, Kumasi in Ghana und in der kenianischen Hauptstadt Nairobi, die sich mit dem Aufbau digitaler Infrastrukturen im ländlichen Afrika beschäftigen und sich der Bereitstellung von Dienstleistungen für Stadtbewohner widmen.32 In Kigali wurde ARED 2013 gegründet, das Ladekioske für mobile Endgeräte und Internetzugang über WLAN anbietet. Diese Kioske wurden speziell für die ländlichen Gebiete Afrikas entwickelt, weswegen sie robust sind und mit Solarenergie betrieben werden. Da Elektrizität eine der grundlegenden Voraussetzungen für die Nutzung von Mobiltelefonen in ländlichen Gebieten ist, wurden die Kioske zu einem wichtigen Bestandteil der gesamten digitalen Infrastruktur in der Region. BRCK in Nairobi ist ein anderes Beispiel. Dieses Unternehmen ist darauf spezialisiert, Hardware (Tische, Computer, WLAN-Router etc.) zu liefern, die robust genug ist, um den Bedingungen in ländlichen Gebieten standzuhalten.
Diese Beispiele zeigen, dass die Big Five in der westlichen Welt zwar oligopolistische Strukturen etabliert haben und in Asien mit chinesischen Unternehmen um Alibaba vergleichbare Muster zu finden sind, die digitalen Infrastrukturen insgesamt aber von vielfältigeren korporativen und kollektiven Akteuren getragen werden. Wir müssen also aufpassen, dass wir unseren Blick nicht auf die großen Medien- und Technologie-Unternehmen im Globalen Norden beschränken.
Es wird damit deutlich, dass ein multiperspektivischer Blick auf die korporativen Akteure, die die heutigen digitalen Infrastrukturen bereitstellen, nicht nur wichtig, sondern unerlässlich ist. Einerseits geht es darum, das Oligopol einflussreicher Medien- und Technologiekonzerne im Auge zu behalten, die viele der Produkte und Dienstleistungen anbieten, die unsere heutigen digitalen Infrastrukturen ausmachen. Diese Unternehmen verfügen über eine beträchtliche globale Macht, da viele Einzelpersonen, Organisationen und Gemeinschaften bereits auf die von ihnen angebotenen Dienste und Einrichtungen angewiesen sind, wenn sie in einer tiefgreifend mediatisierten Welt produktiv arbeiten wollen. Darüber hinaus haben diese Konzerne die Finanzkraft, kleinere Technologieunternehmen zu übernehmen und zu integrieren, die Möglichkeit, umfangreiche eigene Forschung und Entwicklung zu betreiben, sowie die Chance, mit ihrer vorhandenen Marktmacht eigene Produkte und Dienstleistungen einzuführen und womöglich durchzusetzen. Andererseits ist es ebenso wichtig, weitere Akteure in die Betrachtung einzubeziehen. Das sind staatliche Akteure und ihre ambivalente Rolle als Regulierer und Förderer neuer Technologien, kleinere lokale Unternehmen, Start-ups, soziale Bewegungen und ihre Bemühungen zur Sicherung digitaler Infrastrukturen für benachteiligte Regionen. Es gilt demnach, einen ökonomischen Reduktionismus bei der Analyse digitaler Infrastrukturen zu vermeiden, wenn man das Entstehen der digitalen Gesellschaft in ihrer Komplexität erfassen möchte.
2.2DIE ROLLE VON PIONIERGEMEINSCHAFTEN
Wie ich zu Beginn dieses Kapitels betont habe, ist es für eine Betrachtung des Zustandekommens der tiefgreifenden Mediatisierung unerlässlich, neben korporativen Akteuren eine zweite Art von überindividuellen Akteuren zu berücksichtigen, die vor allem bei der Einführung neuer Technologien eine Rolle spielen: die kollektiven Akteure der sogenannten ›Pioniergemeinschaften‹.33 Im Folgenden möchte ich mich weiter mit diesen auseinandersetzen. Dieser Fokus heißt nicht, dass ich andere kollektive Akteure wie beispielsweise soziale Bewegungen als weniger relevant für die tiefgreifende Mediatisierung ansehen würde, weswegen diese auch im weiteren Verlauf des Buches immer wieder Gegenstand der Betrachtung sind. Aber wenn es um das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung geht, sind Pioniergemeinschaften aufgrund ihrer Orientierung auf zukünftige, technologiebezogene Entwicklungen von besonderer Relevanz.
VON FRÜHEN PIONIER:INNEN ZU PIONIERGEMEINSCHAFTEN
Inwieweit Vordenker:innen und Pionier:innen eine besondere Rolle bei der Entstehung der tiefgreifenden Mediatisierung spielen, belegen historische Studien. Wie Fred Turner gezeigt hat, können wir die Entwicklung des Internets und der daraus entstandenen ›New Economy‹ nicht verstehen, ohne das Whole Earth Network als eine »außerordentlich einflussreiche Gruppe von Journalist:innen und Unternehmer:innen aus der San Francisco Bay Area« zu berücksichtigen (TURNER 2006a: 3). Dieses Netzwerk stellte sich eine Welt vor, die von Computern und Computernetzwerken geprägt ist, lange bevor dies für andere zur Normalität wurde. Der Name dieses Netzwerks bezieht sich auf den Whole Earth Catalog, eine buchartige Publikation, die zwischen 1968 und 1972 von Stewart Brand herausgegeben wurde. Ursprüngliches Ziel des Katalogs war es, den Aussteiger:innen34 der US-Gegenkultur in den 1960er- und 1970er-Jahren die ›Werkzeuge‹ an die Hand zu geben, die hilfreich für das Leben in einer ländlichen Gemeinschaft sein konnten. Im Laufe der Jahre wurde der Katalog zu einer immer umfangreicheren Publikation, die das Lebensgefühl der Gegenkultur breiteren Publika nahebrachte. Der Katalog präsentierte wissenschaftliche Forschung, Hippie-Produkte, militärische Überlebensausrüstung, Ökologie und Mainstream-Konsumkultur und schuf so etwas wie ein »Netzwerkforum« (TURNER 2006a: 5) des Austauschs und der Begegnung.
Mit dem schrittweisen Zusammenbruch der gegenkulturellen Kommunen in den frühen 1970er-Jahren wandte sich das Whole Earth Network dann der Computertechnologie als einer weiteren Möglichkeit zu, Vorstellungen von einer neuen Gemeinschaft zu verwirklichen. Es gibt beispielsweise Verbindungen zum Homebrew Computer Club, in dem Mitte der 1970er-Jahre Visionen des Personal Computers entwickelt wurden,35 zur Hacker-Bewegung36 und später zum MIT Media Lab als idealisierter Institution einer Veränderung der Gesellschaft durch Medientechnologien37. In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde dann nach der Einstellung des Whole Earth Catalogs das WELL (Whole Earth ’Lectronic Link), ein Online-Netzwerk mit Sitz in der San Francisco Bay Area,38 zu einer der ältesten Online-Communitys – und damit ein wichtiges Medium des Netzwerks. Später kam das 1993 gestartete Wired-Magazin hinzu, in dem die Vorstellung eines deregulierten, sich selbst organisierenden Internets dominierte und das mit ungebremstem Enthusiasmus Visionen einer digitalen ›New Economy‹ voranbrachte.39 Schließlich wurden aus dem Umfeld des Netzwerks fortlaufend Konferenzen zu verschiedenen Themen von neuen und möglicherweise ›disruptiven‹ Technologien abgehalten. Teil dieser enthusiastischen Atmosphäre war auch eine enge Beziehung zu Politik und politischer Beratung.
An dieser Stelle müssen wir uns davor hüten, die Entwicklung der Technologie im Silicon Valley allein dem Erfolg der »kalifornischen Ideologie« (BARBROOK/CAMERON 1996) zuzuschreiben, in der amerikanische Gegenkultur und marktradikales Unternehmertum zusammenfanden. Wie ich bereits oben argumentiert habe, ist es wichtig, andere Akteure zu berücksichtigen, einschließlich des Staates und seiner (militärischen) Investitionen in Hochtechnologie. Gleichwohl müssen wir die sich schnell verbreitenden Ideen des Whole Earth Network als einen wichtigen Teil der Geschichte der digitalen Medien und ihrer Infrastrukturen im Blick haben. Die Einzigartigkeit dieses Netzwerks liegt einerseits in dem Glauben seiner Pionier:innen an die Veränderbarkeit der Gesellschaft durch Technologie und andererseits in ihrer Position als Vermittler:innen zwischen verschiedenen Welten der Technologieentwicklung, der Politik, der Wirtschaft, der Gegenkultur und der alltäglichen Mediennutzung. Wie Manuel Castells (2001b) betont hat, kamen in einer besonderen historischen Situation Wissenschaft, Kommunitarismus, Hacker- und Unternehmertum in der Kultur derjenigen, die das Internet schufen, zusammen.40
Ein interessanter Aspekt dieser Dynamik ist, dass die neuen Gemeinschaften, über die Mitglieder des Whole Earth Network ›berichteten‹, nicht einfach ›da‹ waren und daher nicht Gegenstand einer ›investigativen‹ journalistischen Berichterstattung sein konnten. Immer wieder entstanden sie erst als Produkt der ›Berichterstattung‹ über sie, aber auch durch die Konferenzen, die ihre imaginären Mitglieder versammelten. Insofern handelt es sich beim Engagement des Whole Earth Network nicht einfach um Technologiejournalismus im klassischen Sinne des Wortes. Vielmehr ging es bereits hier um ein Kuratieren von technologieorientierten Gemeinschaften: um die ›Definition‹ der Relevanzrahmen dieser Gemeinschaften, um die ›Auswahl‹ potenzieller Mitglieder als Teil ihrer Akteurskonstellationen, um das ›Arrangieren‹ einzelner Statements und deren ›Präsentation‹ gegenüber verschiedenen Publika (sowie der entstehenden Pioniergemeinschaft selbst).
Welchen Einfluss diese Pioniergemeinschaften auf das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung hatten, wird an den expliziten Verweisen von Vertreter:innen führender Technologieunternehmen etwa auf den Whole Earth Catalog oder die Homebrew Computer Club-Treffen deutlich.41 Aber auch heute gibt es derartige Pioniergemeinschaften. Dazu gehören z.B. die Maker-Bewegung (eine Gemeinschaft, deren Mitglieder auf die Herstellung neuer und das Basteln mit bestehenden (Medien-)Technologien orientiert sind), die Quantified-Self-Bewegung (eine Gemeinschaft, deren Mitglieder auf die technologiebasierte Selbstvermessung und Selbstoptimierung orientiert sind) oder die Hacks/Hackers-Bewegung (eine Gemeinschaft, deren Mitglieder auf öffentliche Kommunikation und innovativen Journalismus orientiert sind). Es lässt sich eine Entwicklungslinie zwischen diesen und anderen heutigen Pioniergemeinschaften zurück zum Whole Earth Network ausmachen.42
Pionier:innen sind in dieser Hinsicht weniger außergewöhnliche Erfinder:innen bestimmter Technologien, die in Innovationsdiskursen als ›disruptiv‹ verhandelt werden, sondern bewegen sich eher auf einer alltagsweltlichen Ebene des technologischen Wandels.43 Ebenso wichtig ist es, dass wir uns diesen Akteur:innen reflexiv und kritisch annähern und es vermeiden, ihre Transformationsvorstellungen und Ideologien einfach zu akzeptieren und zu übernehmen. Pionier:innen in dem hier umrissenen Sinne können Professionelle sein (z.B. Journalist:innen, die in einer bestimmten beruflichen Sparte arbeiten) oder Amateur:innen (Menschen, die z.B. als Maker in ihrer Freizeit basteln).44 Eine solche Unterscheidung von ›Professionellen‹ und ›Amateur:innen‹ ist insofern relativ, als ›amateurhafte Pionier:innen‹ in ihrer jeweiligen Domäne ein solches Wissen und solche Kompetenzen erwerben können, dass diese zum Bereich ihres beruflichen Engagements wird. Ein Beispiel hierfür wäre ein Maker, der sich so ›professionalisiert‹, dass er mit seinen Pionierideen seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Darüber hinaus sind ›amateurhafte Pionier:innen‹ nicht unbedingt Amateur:innen im Hinblick auf ihre Ausbildung: Sie sind oft als Ingenieur:innen, Programmierer:innen oder in anderen verwandten Bereichen professionell ausgebildet. Aber wenn sie als Teil der Pioniergemeinschaft agieren, geschieht dies nicht ausgehend von ihrer beruflichen Rolle und sie sind nicht auf eine entsprechende Wertschöpfung ausgerichtet. Im hier verwendeten Sinne können wir den Begriff ›Pionier:in‹ anhand von folgenden vier Punkten festmachen:
1. Pionier:innen konstruieren ihre Identität auf der Basis der Idee, dass sie eine Vorreiterrolle innerhalb einer bestimmten Domäne einnehmen und in dieser von anderen Mitgliedern der Domäne (aber nicht unbedingt von allen) akzeptiert werden.
2. Innerhalb ihrer Domäne agieren Pionier:innen als Intermediäre (BOURDIEU 2010: 151),45 die in ihren Praktiken verschiedene Handlungsfelder (Technologientwicklung, alltagsweltliche Mediennutzung, Politik etc.) miteinander verbinden – und dabei oft explizit für die Notwendigkeit plädieren, über das eigene Feld hinauszugehen.
3. Pionier:innen spielen aufgrund ihrer experimentellen Praktiken eine besondere Rolle für die Entwicklung ihrer Domäne (z.B. in dem Sinne, dass sie auch als Trainer:in oder Berater:in fungieren).
4. Pionier:innen verfügen über Vorstellungen möglicher Zukünfte, die sich als »soziotechnische Imaginationen« (JASANOFF/SANG-HYUN 2015) medienbezogener Entwicklungen beschreiben lassen. Im Hinblick auf ihre Imaginationen werden diese Pionier:innen oft zu einem Thema des allgemeineren Mediendiskurses über den medien- und technologiebezogenen Wandel.
Solche Pionier:innen sind typischerweise in Pioniergemeinschaften als »communities of practice« (WENGER 1999) engagiert. Diese Gemeinschaften sind auf die Zukunft und den Wandel ausgerichtet und konstituieren sich typischerweise um bestimmte experimentelle Praktiken. Im Hinblick auf diese Gemeinschaften teilen ihre Mitglieder ein »Wir-Gefühl« und haben »Strukturen« (KNOBLAUCH 2008: 75-77) jenseits situativer Zusammenkünfte etabliert. Innerhalb von Pioniergemeinschaften nehmen professionelle Pionier:innen oft die Rolle einer »organisatorischen Elite« (HITZLER/NIEDERBACHER 2010: 22) ein: Sie sind umfassend in diesen Gemeinschaften engagiert, haben ein detailliertes Wissen über den thematischen Kern dieser Gemeinschaften ausgebildet und sind typischerweise verantwortlich für die Organisation der Aktivitäten dieser Gemeinschaften.
DIE PIONIERGEMEINSCHAFTEN VON HEUTE
Wie oben erwähnt, können wir heute drei bedeutende Pioniergemeinschaften ausmachen, die für das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung von Relevanz sind: die Quantified-Self-Bewegung, die Maker-Bewegung und die Hacks/Hackers-Bewegung (siehe Tabelle 2). Während es verschiedene Bezüge zwischen diesen verschiedenen Pioniergemeinschaften gibt, unterscheiden sie sich durch die Orientierung ihrer Praktiken (auf das Selbst, die Herstellung, die Veröffentlichung), ihre Visionen von medienbezogener Kollektivität und gesellschaftlicher Transformation, ihre Events und die Art und Reichweite ihrer Publikationen (z.B. Websites, Zeitschriften, Berichte).
Die Quantified-Self-Bewegung (QS) hat in der akademischen Forschung viel Aufmerksamkeit erregt,46 vor allem im Hinblick auf individuelle Praktiken der Selbstvermessung.47 Was heute allgemein als ›Self-Tracking‹ bekannt ist, wurde früher ›Life-Logging‹ genannt,48 ein Protokollieren verschiedener Aspekte des alltäglichen Lebens, das als künstlerische und selbstexperimentelle Praxis begann. Der Begriff des ›quantifizierten Selbst‹ bezieht sich jedoch auf eine spezifische und klar definierte Gemeinschaft. Im Anschluss an ein persönliches Treffen von etwa fünfzig interessierten Personen im Jahr 2007 gründeten Gary Wolf und Kevin Kelly – die beiden bereits erwähnten Wired-Journalisten, die dem Whole Earth Network nahestehen – quantifiedself.com. Ihre Website bringt sowohl Produzent:innen als auch Nutzer:innen der entsprechenden Technologien zusammen. Ausgehend von dieser Webseite organisierten sie Konferenzen und Treffen, die sich mit den Möglichkeiten der Selbstvermessung und Erfahrungen mit den verschiedenen damit verbundenen Technologien beschäftigen. Lokale Gruppen sind hauptsächlich als Meet-ups (meetup.com) organisiert, verbunden durch QS-(Online-)Publikationen, die den Diskurs über die Identität dieser Pioniergemeinschaft kuratieren. Seit 2011 hat sich die QS-Bewegung auf Europa ausgeweitet und zunehmend Kontakte zur technologiebasierten Gesundheitsbranche aufgebaut.49 Parallel zu diesen Aktivitäten haben verschiedene Industrien Endgeräte entwickelt, produziert und vermarktet, die sich speziell auf das gesundheitsbezogene Self-Tracking beziehen.
TABELLE2
Beispiele für heutige Pioniergemeinschaften

Die QS-Bewegung ist eine Pioniergemeinschaft, deren Mitglieder ein Interesse an (Medien-)Technologien für Praktiken des Selbst teilen. Wenn es um ihre Imaginationen von gesellschaftlicher Transformation geht, rückt eine datenbasierte Herstellung des Selbst in den Vordergrund – eines Selbst, das sich einem »neuen Individualismus« verschrieben hat, in dessen Zentrum eine dominante Ausrichtung auf das eigene Ich steht (LUPTON 2015: 183). Wir sind hier mit einem Paradoxon konfrontiert: Einerseits ist die QS-Bewegung auf das Individuum fokussiert. Dies kommt in dem schillernden Begriff des »n = 1« (GREENFIELD 2016: 123) zum Ausdruck, dem Sammeln großer Mengen quantifizierter Daten mit Bezug auf eine Person, um deren Leben zu verbessern. Andererseits geht es dieser Pioniergemeinschaft darum, die Kollektivitätsbildung und Gesellschaft insgesamt durch die Etablierung individueller Selbstvermessung zu verändern. Als solche war diese Pioniergemeinschaft insofern ›erfolgreich‹, als sie dazu beigetragen hat, dass in vielen Ländern des Globalen Nordens die Vorstellung einer kontinuierlichen Selbstvermessung – des fortlaufenden Sammelns von Daten über sich selbst, um das eigene Ich zu ›verbessern‹ – zu einem allgemein akzeptierten Diskurs und einer weit verbreiteten Alltagspraxis geworden ist.
Es ist keine einfache Aufgabe, die Anfänge der Pioniergemeinschaft der Maker zu erfassen. Wenn wir Hack Spaces und Fab Labs50 – und nicht nur Maker Spaces – als wichtige Orte betrachten, an denen sich deren Mitglieder zum Austausch von Ideen und zum (technologiebasierten) ›Basteln‹ und ›Machen‹ treffen, sind die Hackerkulturen und ihre Hacker Spaces wichtige Vorläufer der Maker.51 Eine Verbindung zwischen der Hacker- und der Open-Source-Bewegung besteht bis heute.52 Darüber hinaus ist die Do-It-Yourself-Bewegung (DIY) mit ihrer langen Tradition als Community of Practice in Europa und den USA ein wichtiger Kontextfaktor der Geschichte der Maker.53 Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass die Maker einen besonderen Fokus auf die Veränderung durch technologische Entwicklungen legen. Im engeren Sinne entstanden die Maker als Pioniergemeinschaft um 2005, als Neil Gershenfelds (2005) Buch über Fab Labs und 3D-Druck veröffentlicht wurde, von Dale Dougherty bei O’Reilly Media das Make: Magazine herausgegeben wurde und die ersten Maker Faires im Silicon Valley stattfanden. Entscheidend für die weitere Ausbreitung dieser Gemeinschaft war die Einführung des Arduino-Boards im Jahr 2005, des RepRap-Open-Source-3D-Druckers im Jahr 2007, des ersten MakerBot-3D-Druckers im Jahr 2009, die Verfügbarkeit des Mikrocomputers Raspberry Pi im Jahr 2012 und – als rahmender Diskurs – die Veröffentlichung des Buches Makers: The New Industrial Revolution, verfasst vom ehemaligen Wired-Chefredakteur Chris Anderson (2012).
Andersons Buch bot eine verdichtete Ideologie für die Pioniergemeinschaft der Maker und ihre Imaginationen von Kollektivität und Veränderung. Von ihm wurden sie als eine »Gemeinschaft Gleichgesinnter aus aller Welt« (ANDERSON 2012: 15, 73-77, 92-95; siehe auch HATCH 2014) dargestellt, deren Mitglieder die Imagination teilen, dass das Internet der Dinge und die damit verbundenen Produktionstechnologien eine ›neue industrielle Revolution‹ herbeiführen würden, die DIY, Handwerk und selbstgemachte technologische Innovationen zusammenführt. Ein wesentlicher Faktor für die Ausbreitung der Maker-Bewegung war das in San Francisco ansässige Unternehmen Maker Media, das von Dale Dougherty gegründet wurde und 2012 von O’Reilly Media das Make: Magazine und die Maker Faire übernahm (DOUGHERTY/CONRAD 2016). Kern der Verbreitung der Maker-Bewegung ist eine Art ›Franchise-Modell‹ (HEPP 2020b) für das Kuratieren des Diskurses um diese Pioniergemeinschaft, wobei das Make: Magazine und insbesondere die Marke Maker Faire von Maker Media global verbreitet wurden, was zusammenkam mit einem (semi-)professionellen Engagement in und für Hacker- und Maker-Spaces, das von einer breiteren Gruppe von Menschen getragen wurde (DAVIES 2017). Im Juni 2019 stellte Maker Media jedoch aufgrund finanzieller Probleme den Betrieb ein und Dale Dougherty gründete die Make: Community zum Kuratieren der Pioniergemeinschaft.
In einer Phase des radikalen Wandels von Journalismus hat die Hacks/Hackers-Bewegung als ein Netzwerk von Journalist:innen und Tech-Enthusiast:innen bei der globalen Verbreitung von Vorstellungen des Datenjournalismus eine nicht unerhebliche Bedeutung. Diese Pioniergemeinschaft hat ihre Wurzeln in einer Vielzahl von Bewegungen, unter denen technologieorientierte Imaginationen von der Zukunft der journalistischen Arbeit verbreitet sind (USHER 2016: 71-100). Einer ihrer Ursprünge liegt in der Open-Data-Bewegung, die enge Verbindungen zur eher computerorientierten Open-Source-Bewegung hat.54 Die Open-Data-Bewegung ist wiederum mit Imaginationen einer neuen Form von offenem Datenjournalismus verbunden, um den es im Kern auch bei der Hacks/Hacker-Bewegung geht. Letztere wurde 2009 in der San Francisco Bay Area als Netzwerk von Journalist:innen (›Hacks‹) und Progammierer:innen (›Hackers‹) gegründet mit dem Ziel, neue Konzepte der Zukunft von Nachrichtenproduktion und Journalismus zu entwickeln.55 Die Pioniergemeinschaft wuchs in den USA schnell und breitete sich international aus, indem lokale Gruppen (›Chapters‹) zuerst in Lateinamerika, dann in Europa und in Australien gegründet wurden. Bis Mai 2019 gab es weltweit 116 lokale Gruppen, die auf der Website der Bewegung präsentiert sowie über eine Mailingliste und Social-Media-Plattformen kuratiert werden. Damit haben sich die Hacks/Hackers schnell »zur größten Organisation ihrer Art entwickelt« (LEWIS/USHER 2014: 384). Die Pioniergemeinschaft hat eine gewisse Nähe zur digitalen Medien- und Technologieindustrie, was sich nicht zuletzt im Mai 2015 mit der Einführung einer Veranstaltungsreihe des Namens ›Connect‹ in Partnerschaft mit Google zeigte.
In einem weiteren Sinne können wir die Hacks/Hackers als eine wichtige Gemeinschaft im weiterreichenden Feld des »Pionierjournalismus« (HEPP/LOOSEN 2021: 577) verstehen. Einerseits ist sie eine Reaktion auf die neuen Möglichkeiten von Journalismus, die der aktuelle Medienwandel eröffnet.56 Andererseits hat der Pionierjournalismus entsprechende Veränderungen durch seine Imaginationen möglicher Zukünfte des Journalismus selbst mit hervorgebracht. Beispiele dafür sind der Datenjournalismus (der digitale Spuren als Nachrichtenquelle nutzt), ein Journalismus datenbasierter Geschäftsmodelle (der auf neue Formen der Wertschöpfung durch Daten setzt), der Non-Profit-Journalismus (der auf Spenden für investigative Berichterstattung basiert), der Chatbot-Journalismus (bei dem ein Chatbot journalistische Inhalte präsentiert) und der Sensorjournalismus (eine automatisierte Form des Journalismus, die auf Sensordaten basiert).57
Unabhängig davon, ob Ideen wie diese zu nachhaltigen Modellen von Journalismus führen werden oder nicht, treibt die Hacks/Hackers-Bewegung aktuelle Veränderungen voran, indem sie neue Medientechnologien als Möglichkeiten für einen produktiveren öffentlichen Diskurs sieht. Die Ermöglichung neuer Arten eines öffentlichen Diskurses durch frei zugängliche Daten ist beispielsweise eine der Imaginationen, die in lokalen Hacks/Hackers-Gruppen als »informelle Handelszonen« zwischen Journalist:innen und Hacker:innen diskutiert werden (LEWIS/USHER 2014: 388). Dies wird vielleicht am besten durch den Begriff ›Hacker-Journalist:in‹ ausgedrückt: Von ihrem eigenen subjektiven Standpunkt aus helfen die ›Hacker-Journalist:innen‹ den Menschen, etwas über ihre Welt zu lernen, und engagieren sich, damit Bürgermedien zu einer besser funktionierenden Demokratie und Gesellschaft beitragen und so die Welt insgesamt zu einem besseren Ort machen.58 Damit verbunden ist die Vorstellung, dass die experimentelle Nutzung von Daten eine neue Art von öffentlichem Engagement unterstützt und als Ergebnis neue Wege beim Aufbau und bei der Aufrechterhaltung von Kollektiven fördern kann.
Anhand einer Betrachtung von Pioniergemeinschaften wie den oben beschriebenen wird deutlich, inwieweit diese als kollektive Akteure eine wichtige Antriebskraft für das Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung sind. In ihrer Selbstwahrnehmung sind die Mitglieder dieser Pioniergemeinschaften Vorreiter:innen in ihren jeweiligen Feldern und treiben aktuelle medienbezogene Entwicklungen voran, indem sie ständig auf der Suche nach den neuesten technologischen Innovationen sind. Typischerweise sind ihre Imaginationen zukünftiger Möglichkeiten ihrer Zeit voraus, was oft dazu führt, dass ihre Ideen nicht verwirklicht werden, im Einzelfall aber zu radikalen Lösungen führen können. Wichtiger als die Frage, ob sich eine bestimmte Idee durchsetzt, ist allerdings, dass solche Pioniergemeinschaften durch ihre Imaginationen Möglichkeitsräume für technologiebasierte Veränderungen eröffnen. Die Relevanz von Pioniergemeinschaften ergibt sich dabei insbesondere indirekt: Indem diese Imaginationen in der allgemeinen Medienberichterstattung aufgegriffen werden, entwickeln Pioniergemeinschaften Einfluss in ihren jeweiligen Domänen. Die QS-Bewegung z.B. experimentierte mit Praktiken der Selbstvermessung und entsprechenden Technologien, lange bevor diese im Mainstream Einzug hielten. Die ›Übersetzung‹ dieser experimentellen Praktiken in die allgemeine Medienberichterstattung über Self-Tracking und Selbstvermessung war oft kritisch und abwertend als Dystopie einer ›Überwachungsgesellschaft‹, besonders in linken und bürgerlichen Medien (HEPP/ALPEN/SIMON 2021). Auf einer tieferen Ebene wurde jedoch die Annahme der Pioniergemeinschaft von der einfachen Veränderbarkeit der Gesellschaft durch solche Technologien im öffentlichen Diskurs übernommen. In ähnlicher Weise entwickeln viele Mitglieder der Maker-Bewegung neuartige Produkte, die vielleicht nie einen Markt finden werden, aber sie spielen und experimentieren trotzdem weiter mit ihren Ideen. Auch hier ist es die Medienberichterstattung über diese neuen Formen des Machens, das Engagement in lokalen Maker-Spaces und ihre Integration in Bildungsnetzwerke, durch die sich die Imaginationen der Maker-Bewegung verbreiten (HEPP/BENZ/SIMON 2021). Gleichermaßen haben Pionierjournalist:innen die Grenzen verschoben. Zum Beispiel ist der Sensorjournalismus – der Sensoren zur Generierung von Daten für einen automatisierten Journalismus verwendet – zwar keine weit verbreitete journalistische Praxis, gleichwohl durch Publikationen wie das Buch Journalismus der Dinge (VICARI 2019) und durch Tagungen in der Lage, Räume für die Reflexion über die Zukunft des Journalismus zu eröffnen. Mit diesen Beispielen im Hinterkopf können wir Pioniergemeinschaften als Laboratorien des Zustandekommens der tiefgreifenden Mediatisierung verstehen: Oft scheitern ihre Versuche, gelegentlich entwickeln sie erfolgreiche Lösungen und Produkte. Entscheidend ist jedoch, dass sie mit Möglichkeiten experimentieren und so Vorstellungen einer tiefgreifend mediatisierten Zukunft und damit entstehenden digitalen Gesellschaft entwickeln.
Auf diese Weise agieren Pioniergemeinschaften als Intermediäre. Sie sind eine Mischung aus sozialer Bewegung und Thinktank und bringen typischerweise Produzent:innen und Entwickler:innen mit Nutzer:innen zusammen, verbinden Forschung, Politik, Journalismus und Industrie. Sie stellen eine ›verbindende Schicht‹ zwischen verschiedenen korporativen Akteuren wie etablierten Medien- und Technologieunternehmen und staatlichen Behörden dar. Dies zeigt sich im Fall der QS-Bewegung (in der Gründer:innen von Start-ups ebenso aktiv und engagiert sind wie reguläre Nutzer:innen und bei der Veranstaltungen sowohl im akademischen als auch im politischen Kontext stattfinden), der Maker-Bewegung (deren offenes Konzept der Maker-Spaces zu einem weit verbreiteten Ansatz in privaten Unternehmen, Bibliotheken und Schulen geworden ist) und der Hacks/Hackers-Bewegung (die Pionier:innen aus etablierten Medien- und Tech-Unternehmen, Startups und Journalismus zusammenbringt). Als Intermediäre sind Pioniergemeinschaften grundlegend für das laufende Kuratieren von Ideen für heutige digitale Medientechnologien und Infrastrukturen, oft lange bevor sie als etablierte Produkte oder Dienstleistungen verfügbar sind.
Gerade wegen ihrer verbreiteten Selbstdarstellung, ›eine Bewegung von unten‹ zu sein, sollten wir uns jedoch davor hüten, diese kollektiven Akteure nicht auch kritisch zu sehen. Dies hat verschiedene Gründe. So haben Pioniergemeinschaften in den von ihnen imaginierten technologischen Zukünften eine nur geringe Skepsis gegenüber möglichen negativen Folgen des Einsatzes von Technologie. Die typische Lösung für ein medienbezogenes Problem wie Datenverlust oder -missbrauch besteht darin, eine technische Lösung zu finden, die gegenüber der aktuellen ›überlegen‹ ist. Der unerschütterliche Glaube der Pioniergemeinschaften an die Technologie ist tendenziell kurzsichtig, was deren nichtintendierte Nebenfolgen angeht. Hier sehen wir wiederum Anklänge der »kalifornischen Ideologie« (BARBROOK/CAMERON 1996: 44), die den freiheitlichen Geist der Gegenkultur und den unternehmerischen Eifer der Medien- und Technologie-Industrien zu einer Imagination technologischer Machbarkeit und zu einer »Rhetorik der Disruption« (DAUB 2020: 129) verbindet. Als kollektive Akteure sind Pioniergemeinschaften in ihrer Zusammensetzung sehr fluide und es fehlt ihnen weitgehend an demokratischen Strukturen. Typischerweise bleibt ihre Beratungstätigkeit für staatliche Behörden von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt und es ist meist ein hohes Maß an Insiderwissen notwendig, um ihren Einfluss zu erfassen. Pioniergemeinschaften sind entsprechend kollektive Akteure, die die tiefgreifende Mediatisierung eher verdeckt vorantreiben.
2.3DIE QUANTITATIVEN TRENDS DER TIEFGREIFENDEN MEDIATISIERUNG
Die beiden vorangegangenen Abschnitte sollten deutlich gemacht haben, welche Rolle korporative und kollektive Akteure beim Zustandekommen der tiefgreifenden Mediatisierung spielen. Das Verständnis dieses Entstehungsprozesses ist jedoch etwas viel Komplexeres als die einfache Analyse der politischen Ökonomie mächtiger Unternehmen und staatlicher Behörden oder des Einflusses von Pioniergemeinschaften. Um die unterschiedlichen Ausprägungen der tiefgreifenden Mediatisierung wirklich zu begreifen, ist es wichtig zu verstehen, wie die verschiedenen Strategien und Praktiken korporativer und kollektiver Akteure in diesem Metaprozess kumulierten. In einer ersten Annäherung können wir hier mindestens fünf quantitative Trends ausmachen (HEPP/HASEBRINK 2018): erstens die Differenzierung einer großen Zahl digitaler Medien; zweitens eine zunehmende Konnektivität von und durch diese Medien, was die Möglichkeit bietet, sich individuell und kollektiv über Raum und Zeit hinweg zu ›verbinden‹; drittens eine zunehmende Omnipräsenz dieser Medien, wodurch Menschen permanent und an verschiedenen Orten kommunikativ in Beziehung stehen können; viertens ein zunehmendes Innovationstempo, d.h. das Aufkommen ›neuer‹ Medien und Dienste in immer kürzeren Zeiträumen; und fünftens die Datafizierung, also die Repräsentation des sozialen Lebens in computerisierten Daten.
Diese Trends lassen sich weder auf das Handeln eines einzelnen korporativen oder kollektiven Akteurs reduzieren, noch können sie ausschließlich als eigenständige, mediale Phänomene gedacht werden. Vielmehr konstituieren sich diese Trends im Handeln der verschiedenen Akteure und konkretisieren sich über die verschiedenen Medien hinweg. Sie sind insgesamt charakteristisch für die quantitativen Verschiebungen der tiefgreifenden Mediatisierung. Wir müssen uns ebenfalls darüber im Klaren sein, dass diese Trends nicht linear verlaufen und es keineswegs sicher ist, ob sie sich fortsetzen. Auch ist offen, welche anderen Trends sich abzeichnen werden. Trotz dieser Vorläufigkeit ihrer Bestimmung gibt uns die Unterscheidung dieser Trends insgesamt ein erstes Verständnis für die medienbedingten Veränderungen, mit denen wir in verschiedenen gesellschaftlichen Domänen konfrontiert sind.
EINIGE DATEN
Die Ausdifferenzierung der Medien hat in den letzten Jahrzehnten sowohl in ihrer Vielfalt als auch in ihren unterschiedlichen Funktionalitäten stetig zugenommen. In den Anfängen der Digitalisierung drehte sich eine der Hauptdiskussionen um eine entstehende ›Konvergenz‹. Mit diesem Begriff wurde die Vorstellung des ›Zusammengehens‹ verschiedener Medien in einem Endgerät verbunden: dem ›Multimedia-Computer‹. Der Diskurs um Konvergenz weitete sich bald aus. Henry Jenkins (2006) z. B. verwendet den Begriff ›Konvergenzkultur‹, um die von ihm ausgemachten medienbezogenen Veränderungen zu beschreiben. In seiner Definition bezieht sich Konvergenz nicht auf die ursprüngliche lateinische Bedeutung im Sinne von ›sich annähern‹ oder ›zusammenlaufen‹ – wie es die Verschmelzung verschiedener Technologien, Industrien oder Endgeräte in dem einheitlichen Gerät des Personal Computers als einer Art »Hybridmedium« (HÖFLICH 2003: 65) impliziert. Vielmehr versteht Jenkins unter Konvergenz »den Fluss von Inhalten über mehrere Medienplattformen, die Zusammenarbeit von mehreren Medienindustrien und das Wanderungsverhalten des Medienpublikums, das auf der Suche nach der Art von Unterhaltung und Erfahrungen, die es haben möchte, fast überall hingeht« (JENKINS 2006: 2). Die Bedeutung von ›Konvergenz‹ ist bei ihm also weniger eine Verschmelzung aller Mediengeräte zu einer Art Supergerät, sondern eher eine Konvergenz auf der Ebene der Inhalte, die, da sie digital sind, über mehrere Endgeräte kommunizierbar werden, manche neuer, manche älter.59
Die Digitalisierung brachte eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Medien mit sich, Medien, die ausnahmslos auf Software basieren und in der Art und Weise, wie sie die Kommunikation verschiedener Arten von Inhalten über sie alle hinweg ermöglichen, grundlegend digital sind (MANOVICH 2013). Diese Idee verweist auf die frühen Imaginationen von Pioniergemeinschaften, die sich das Leben als etwas vollständig digital Durchdrungenes vorstellten.60 »Digital zu sein«, so die Zukunftsvision des Mitbegründers des MIT Media Lab, Nicholas Negroponte, beinhaltete bereits im Jahr 1995 die Idee, alle Dinge »digital aktiv« (NEGROPONTE 1995: 209) zu machen. Er sprach davon, dass Teetassen, Kleidung, Spielzeug und Autos in die digitale Welt übergehen würden, viele Jahre bevor die Vorstellung des Internets der Dinge in aller Munde, geschweige denn realisierbar war. Dies schwingt heute in den Strategien der großen Technologiekonzerne mit, die versuchen, die Felder, in denen sie Geschäfte machen, zu erweitern. Entweder erweitern sie ihre Produktpalette um zusätzliche ›smarte‹ digitale Endgeräte oder sie bieten die Infrastruktur und Software an, die notwendig ist, um die verschiedenen Endgeräte des entstehenden Internets der Dinge zu verbinden.
Das Internet der Dinge veranschaulicht die fortschreitende Differenzierung der digitalen Medien sehr gut. Im Kern ist das Internet der Dinge ein Überbegriff für Technologien der heutigen digitalen Infrastrukturen, die physische und virtuelle Objekte vernetzen und deren Zusammenwirken durch Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglichen.61 Wir haben es hier mit einer Vielzahl von vernetzten ›Dingen‹ zu tun, die von Kommunikationsmedien im engeren Sinne bis hin zu Endgeräten reichen, die wir bisher nicht als Kommunikationsmedien verstanden haben, die aber so in internetbasierte Kommunikationsprozesse eingebunden werden. Letztere können z.B. Sensoren sein, die automatisch Wetterdaten übermitteln, oder die Sensoren in unseren vernetzten Autos. Als ›smarte Autos‹ lassen sie sich anders steuern als bisher, und die Datensätze ihrer Bewegung können – wie andere Daten auch – in viele andere Prozesse der datenbasierten Kommunikation integriert werden.62 Des Weiteren können industrielle Produktionsanlagen über Technologien des Internets der Dinge gesteuert und überwacht werden, wie es mit Bezug auf die ›Industrie 4.0‹ diskutiert wird. In diesem Sinne steht das Internet der Dinge exemplarisch dafür, dass die Grenzen dessen, was wir als digitale Medien bezeichnen, infolge ihrer Differenzierung verschwimmen.
Das Ausmaß dieser Entwicklung ist schwer zu messen, da es keine verlässlichen Zahlen zum Internet der Dinge gibt. Während IBM für 2015 eine Billion vernetzter Endgeräte prognostizierte, gehen konservativere Industriequellen von deutlich niedrigeren Zahlen aus. Diese schwanken 2016 zwischen der Schätzung von Gartner von 6,4 Milliarden (eine Zahl, die Smartphones, Tablets und Computer nicht einschließt), der Schätzung der International Data Corporation von neun Milliarden (die diese Geräte ebenfalls ausschließt) und der Schätzung des Technologiemarktanalysten IHS Markit von 17,6 Milliarden (die gängige Endgeräte einschließt).63 Diese Zahlen sind jedoch nicht so entscheidend, wenn man den Trend zur Differenzierung verstehen will. Wichtiger ist, dass das Internet der Dinge zeigt, dass die Digitalisierung nicht mit der Konvergenz aller digitalen Medien zu einem Endgerät verbunden war. Die entscheidende Veränderung ist, dass immer mehr Endgeräte auch zu digitalen Medien – sprich: Mitteln der Kommunikation und Generierung von Daten – werden, sobald sie in die digitale Infrastruktur des Internets eingebunden sind.
Statistisch gesehen können wir den quantitativen Trend der Differenzierung mit der Vergabe von Internetprotokolladressen (IP) veranschaulichen. Die eindeutigen IPv4-Adressen stiegen kontinuierlich von 329,1 Millionen Adressen weltweit im Jahr 2008 auf 814,4 Millionen im Jahr 2017, was einem Wachstum von rund 247 Prozent entspricht (siehe Abbildung 1). Da diese Adressen typischerweise dynamisch vergeben werden, können wir davon ausgehen, dass das Wachstum auf der Ebene der digitalen Endgeräte noch größer war. Eine viel größere Verschiebung ist jedoch die Umstellung des Internetprotokolls von IPv4, das 4,3 Milliarden eindeutige Adressen zuwies, auf IPv6, das statisch 3,4x1038 Adressen bereitstellen konnte, also 340.282.366.920.938.463.463.374.6 07.431.768.211.456 eindeutige IPs (siehe GREENFIELD 2010: These 27).64 Betrachtet man das tatsächliche und prognostizierte Wachstum der angeschlossenen IPv6-fähigen Endgeräte (siehe Abbildung 1), so sind die Zahlen bemerkenswert: 2014 waren 2,01 Milliarden Endgeräte weltweit angeschlossen, 2017 hat sich diese Zahl auf 4,32 Milliarden mehr als verdoppelt und für 2021 wird eine Zahl von 8,4 Milliarden Endgeräten prognostiziert. Alles in allem zeigt dies gut, was mit dem Trend der Differenzierung der digitalen Medien gemeint ist.
ABBILDUNG1
Anzahl der eindeutigen IPv4-Adressen und IPv6-fähigen Endgeräte
Quelle: Cisco Visual Networking Index: Global Mobile 2017, S. 34 und https://www.akamai.com/de/de/resources/our-thinking/state-of-the-internet-report/archives/state-of-the-internet-connectivity-reports-2012.jsp [10.07.2019]
Ein zweiter quantitativer Trend ist der der zunehmenden Konnektivität. Mit Konnektivität beziehe ich mich auf die Vernetzung verschiedener Medien als Folge ihrer Digitalisierung sowie der Infrastruktur des Internets. Dies gilt für ›alte‹ Medien wie das Fernsehen und die Presse, deren Digitalisierung später einsetzte, ist aber doppelt relevant für eine ›neue‹ Generation von persönlichen Kommunikationstechnologien, digitalen Plattformen und mobilen Apps. Die heutige umfassende Konnektivität wiederum bezieht sich auf pionierhafte Imaginationen der Vernetzung allen menschlichen Wissens durch technische Systeme. Bekannte Beispiele sind das Memex (Memory Extender), ein einfach zu bedienendes System zur Wissenserschließung und -verwertung, das von Vannevar Bush (1945) hypothetisch erdacht wurde, oder Ted Nelsons Hypertext-Projekt Xanadu, das 1960 gegründet worden ist und die Schaffung einer Universalbibliothek mit unzähligen miteinander verbundenen Dokumenten zum Ziel hatte. Wie wir gesehen haben, geht es bei der heutigen Internet-Konnektivität nicht mehr nur um das World Wide Web (www), also um Hyperlinkstrukturen zwischen einzelnen Webseiten. Konnektivität findet auf vielen Ebenen statt, nicht zuletzt im Hinblick auf die fortlaufende Verarbeitung von Daten.
Wenn man bedenkt, dass das Internet die Hauptinfrastruktur dieser mehrschichtigen Konnektivität ist, können wir seine Unterwasserkabelverbindungen als Ausdruck dafür verstehen, wie sich die Konnektivität in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Die unten stehende Karte visualisiert, welche Regionen der Welt durch Unterwasserkabel in die Internet-Infrastruktur eingebunden sind (siehe Abbildung 2). Mittlerweile sind diese Unterwasserkabel nicht mehr nur die primären Verbindungen zwischen Nordamerika und Europa, sondern erstrecken sich über die ganze Welt. Afrika und Südamerika sind heute wesentlich besser eingebunden als noch vor wenigen Jahren. Allerdings sind diese materiellen Kabelnetze immer noch nicht gleichmäßig über die Welt verteilt, sondern privilegieren einen Teil des Globus mit schnellerer transatlantischer Online-Kommunikation gegenüber anderen (STAROSIELSKI 2015: 65-66). Während Menschen, die im Globalen Norden leben, durch ihren Zugang zu einer Breitband-Infrastruktur sofortige Konnektivität erhalten, führt dieselbe Infrastruktur bei Menschen in Afrika oder Asien zu einer in der Übertragungsrate und -geschwindigkeit beschränkten Kommunikation über Kontinente hinweg.
Dem Aufbau dieser Unterwasserkabelinfrastruktur entspricht der Anstieg der Zahl der Internetnutzer:innen weltweit von 2010 bis 2016: Folgt man den Statistiken der International Telecommunications Union (ITU), so stieg die weltweite Zahl der Internetnutzer:innen von 1,991 Milliarden im Jahr 2010 auf 3,896 Milliarden im Jahr 2018.65 Im Jahr 2005 lag der Anteil der Weltbevölkerung, der auf das Internet zugriff, bei 15,8 Prozent, wobei eine klare Abgrenzung zwischen der Nutzung im Globalen Norden mit 51,3 Prozent und im Globalen Süden mit 7,7 Prozent zu erkennen war. Im Jahr 2018 sind diese Zahlen auf 51,2 Prozent der Weltbevölkerung gestiegen, wobei es im Globalen Norden 80,9 Prozent und im Globalen Süden 48,3 Prozent sind. Das Problem bei diesen Zahlen ist sicherlich, dass sie sehr allgemein gehalten sind und im Grunde genommen abstrakt bleiben. Unterschiede und Ungleichheiten in der Konnektivität gibt es hingegen vor allem auf lokaler Ebene, nicht nur beim weltweiten Vergleich verschiedener Regionen, sondern insbesondere bei der Betrachtung des Unterschieds zwischen städtischen und ländlichen Gebieten auch innerhalb eines Landes bzw. einer Region. Nichtsdestotrotz zeigen solche Zahlen insgesamt, inwieweit die Konnektivität der Medien weltweit in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat.66
ABBILDUNG2
Transkontinentale Internet-Unterwasserkabelverbindungen
Quelle: Open Street Map Abbildung, basierend auf https://www.submarinecablemap.com [01.05.2019]
Neben ihrer Differenzierung und Konnektivität ist die zunehmende Omnipräsenz der Medien ein klarer Ausdruck der quantitativen Veränderungen der Medienumgebung. Bei Face-to-Face-Treffen, Gesprächen und Vorträgen, Spaziergängen und anderen sozialen Situationen, die lange Zeit unabhängig von Medien bestanden, greifen wir nun in der einen oder anderen Weise auf Medien zurück. Ein besonderes Momentum hat diese Entwicklung durch die Verbreitung mobiler Kommunikationstechnologien erfahren.67 In Weltregionen mit entsprechender Infrastruktur ist es nun möglich, »always on« (CHEN 2011: 63) und »constantly in touch« (AGAR 2003: 22), also zu jedem Zeitpunkt erreichbar zu sein.
ABBILDUNG3
Mobilfunkteilnehmer pro 100 Einwohner im Jahr 2017
Quelle: International Telecommunication Union (ITU) (2017): Measuring the Information Society Report (2017). Volume 2. ICT country profiles. Genf: International Telecommunication Union 68
So wie das Internet für die steigende globale Konnektivität steht, repräsentiert die Mobilkommunikation demnach die zunehmende Omnipräsenz der Medien. Letztlich manifestiert sich diese in der Möglichkeit, zumindest prinzipiell in den unterschiedlichsten Situationen und an den unterschiedlichsten Orten auf Medien zugreifen zu können. Die Etablierung der Mobilkommunikation vollzog sich dabei wiederum nicht nur exklusiv im Globalen Norden. Vielmehr zeigt sie sich auch im Globalen Süden. Dies wird an einer aktuellen Weltkarte der Mobilfunkteilnehmer:innen pro 100 Einwohner deutlich (siehe Abbildung 3).
Die Karte basiert auf Zahlen der International Telecommunication Union (ITU), wobei zwei Dinge auffallen: Erstens ist die Verbreitung von Mobiltelefonen nicht nur ein Phänomen im Globalen Norden. In kaum einem Land lag der Anteil der Mobilfunkanschlüsse 2017 unter 40 Prozent. Zweitens gibt es dennoch auch hier deutliche Ungleichheiten: Während die Abdeckung im Globalen Norden über 100 Prozent liegt – d.h., auf 100 Besitzer:innen kommen mehr als 100 Verträge, einzelne Menschen haben also mehr als einen Mobiltelefonvertrag –, erreichen beispielsweise afrikanische Länder etwa 40 Prozent. Diese niedrigeren Zahlen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch dort die Verbreitung der Mobilkommunikation mit einer deutlichen Veränderung einhergeht. In der Alltagspraxis betrifft dies neue Möglichkeiten, mit der Familie in Kontakt zu bleiben. In Afrika sind insbesondere auf Mobiltelefonie basierende Bezahldienste und Content-Angebote verbreitet (NWANKWO/OGBU 2018: 6-8). Gerade in afrikanischen Gesellschaften nimmt die Omnipräsenz von Medien durch mobile Kommunikation zu.
Ein weiterer quantitativer Trend ist das zunehmende Innovationstempo. Damit ist gemeint, dass sich die zeitliche Abfolge grundlegender Medieninnovationen – zumindest in der Wahrnehmung vieler Mediennutzer:innen – in den letzten Jahrzehnten deutlich verkürzt hat (ROSA 2005: 124-129). Diese Innovationszyklen werden sowohl durch die Imaginationen getrieben, die sich innerhalb von Pioniergemeinschaften entwickeln und zu neuartigen Start-ups führen können, als auch durch die breiten Investitionen von großen Technologieunternehmen und staatlichen Institutionen in die Entwicklung bestimmter Technologien.
Auch hier können wir statistische Daten verwenden, um diesen Trend zu untermauern. Abbildung 4 visualisiert den Anteil der Smartphone-Betriebssysteme weltweit (für jedes Jahr in seinem ersten Quartal) und deren grundlegende Systemupdates. Wenn es um das Innovationstempo geht, ist diese Abbildung in mindestens dreierlei Hinsicht von Interesse: Erstens verdeutlicht sie die wichtige Rolle, die die Entwicklung des Touchscreen-basierten Smartphones spielt. Im Zeitraum zwischen 2009 und 2012 verdrängte der Touchscreen die damals führenden Endgeräte und deren Betriebssysteme BlackBerry und Symbian, was zu einer Marktdominanz von iOS und Android führte.
ABBILDUNG4
Anteile und Updates von Smartphone-Betriebssystemen weltweit
Anmerkungen: Anteile der Smartphone-Betriebssysteme weltweit bis 2017 (in Prozent des Einzelhandelsumsatzes). Die Daten für 2011 wurden auf der Basis von Berichten von Gartner (Q1 für das jeweilige Jahr) berechnet (www.gartner.com).
Zweitens visualisiert die Grafik die Tatsache, dass weder Android noch iOS statisch geblieben sind. Diese Betriebssysteme werden regelmäßig aktualisiert, sodass die Endgeräte alle zwei bis vier Jahre veraltet erscheinen. Die Benutzer:innen müssen sich entweder mit weniger leistungsfähigen und weniger sicheren Endgeräten abfinden oder sie sind gezwungen, auf die nächste Generation von Endgeräten und die dazugehörige Version des Betriebssystems ›upzugraden‹. Drittens sind Smartphone-Betriebssysteme außergewöhnliche Beispiele für Produkte, die sich in einem »ständigen Wandel« (CHENEY-LIPPOLD 2017: 90) befinden: Daten, die Menschen durch ihre Nutzung von Smartphones generieren, werden kontinuierlich zur Weiterentwicklung der verschiedenen Betriebssysteme und Apps verwendet, zur Erweiterung der Funktionalität von Anwendungen (wie bei Karten-Apps oder plattformbasierten Apps) sowie zur Weiterentwicklung der Endgeräte selbst. Gerade der letzte Punkt zeigt, wie die Datenanalytik generell zur Beschleunigung der technologischen Entwicklung beigetragen hat. Damit verbunden ist die mit der automatisierten Datenverarbeitung einhergehende »Vorstellung der Beschleunigung menschlicher Praxis« (BEER 2019: 46) insgesamt, die letztlich zu einem kontinuierlichen Anpassungsdruck auf softwarebasierte Medien führt.
Der fünfte und letzte bedeutende Trend, den wir im Blick haben müssen, ist die Datafizierung. Datafizierung entsteht dadurch, dass immer mehr unserer Medien softwarebasiert sind, wodurch wir als Menschen exponentiell immer größere Mengen an »digitalen Spuren« (KARANASIOS et al. 2013) hinterlassen – Daten, die, wenn sie algorithmisch verarbeitet werden, aggregiert werden können. Solche Daten entstehen insbesondere in den verschiedenen Plattform-Medien.69 Im dominanten öffentlichen Diskurs wird dies vor allem unter dem Begriff Big Data verhandelt, also den Möglichkeiten der automatisierten Verarbeitung großer Datenmengen aus digitalen Spuren.70 Die allgemeine Verbreitung von Vorstellungen, gesellschaftliche Probleme durch große Datenmengen besser lösen zu können, steht dafür, dass die Repräsentation sozialer Phänomene durch quantifizierte Daten eine immer prominentere Rolle im gesellschaftlichen Selbstverständnis und Selbstbild spielt.
Aus der Perspektive der digitalen Infrastruktur bezieht sich Datafizierung in erster Linie auf das Vorhandensein entsprechender Rechenzentren, die die zentrale Sammlung und Verarbeitung von Daten ›in der Cloud‹ ermöglichen. Beispiele hierfür sind die Rechenzentren der großen Akteure des Internets: Alphabet (Google), Amazon, Apple und Facebook. Betrachtet man die Lokalisierung dieser Rechenzentren auf globaler Ebene (siehe Abbildung 5), so fallen zwei Dinge auf: Zum einen hat sich eine breite digitale Infrastruktur für Cloud-Speicher etabliert. Zum anderen sind die westlichen Unternehmen hauptsächlich auf den Globalen Norden ausgerichtet. Selbst wenn man bedenkt, dass andere Unternehmen wie Alibaba in Asien entscheidend sind, wird deutlich, dass das Ausmaß der Datafizierung, wie wir es im Globalen Norden wahrnehmen, in anderen Regionen wie Südamerika oder Afrika weniger dominant sein dürfte. Die Investitionen in diesem Bereich lassen jedoch vermuten, dass sich dieser Trend global weiter ausbreiten wird.
Eine weitere Möglichkeit, den Trend der Datafizierung zu beschreiben, ist die Betrachtung des ›Cloud-Traffics‹ (MOSCO 2014: 15-76). Dieser Begriff bezieht sich auf die Exabytes an Daten, die zu und von Cloud-Servern übertragen werden. Nach den vorliegenden statistischen Daten gab es zwischen 2014 und 2015 einen massiven Anstieg des Cloud-Verkehrs in Nordamerika und Europa, also in einem Zeitraum, in dem cloudbasierte Online-Systeme in großem Umfang zu boomen begannen. Cisco Systems, ein Unternehmen, das Router und Switches herstellt und von der weit verbreiteten Nutzung von Cloud Computing profitiert, hat interessante Statistiken zu diesem Wachstum veröffentlicht.71 Der Cloud-Verkehr in Nordamerika betrug 2015 1.891 Exabyte pro Jahr, im asiatisch-pazifischen Raum 908 Exabyte pro Jahr, in Westeuropa 718 Exabyte pro Jahr, in Mittel- und Osteuropa 124 Exabyte pro Jahr, in Lateinamerika 140 Exabyte pro Jahr und im Nahen Osten und Afrika 69 Exabyte pro Jahr. Das geschätzte Wachstum in ihren Prognosen für 2020 war enorm: Der nordamerikanische Cloud-Verkehr sollte im Jahr 2020 6.844 Exabyte pro Jahr erreichen, im asiatisch-pazifischen Raum 3.469 Exabyte pro Jahr, in Westeuropa 2.528 Exabyte pro Jahr, in Mittel- und Osteuropa 485 Exabyte pro Jahr, in Lateinamerika 448 Exabyte pro Jahr und im Nahen Osten und Afrika 304 Exabyte pro Jahr.
ABBILDUNG5
Rechenzentrumsstandorte der großen Technologieunternehmen (2018)
Quelle: Webseiten der Unternehmen (Zugriff August 2018) 72
Wir sollten mit solchen Prognosen vorsichtig sein, da sie Teil eines Prozesses sind, der die Notwendigkeit von Investitionen in diesen Bereich kommunikativ konstruiert. Trotz der Eigeninteressen von Unternehmen, die in solchen Zahlen zum Ausdruck kommen, wird allerdings anhand der Datenspeicherung in der Cloud der Trend der Datafizierung sowohl in seiner gegenwärtigen Ausprägung als auch in den Projektionen seiner Zukunft deutlich: Auf der einen Seite können wir ein bemerkenswertes, aber dennoch geringeres Maß an tatsächlicher Zunahme des Datenverkehrs feststellen; auf der anderen Seite werden insbesondere von den Unternehmen hohe Erwartungen an ein zukünftiges Wachstum geäußert. Datafizierung hat also einen doppelten Charakter – eine Dualität, die wir auch bei den anderen in diesem Abschnitt besprochenen Trends ausmachen können: Der Begriff erfasst nicht nur einen Trend im Sinne von bereits eingetretenen Veränderungen, sondern er fasst auch die Erwartungen an dessen Stabilität und Wachstum. Solche zukünftigen Erwartungen sind ein entscheidender Faktor im öffentlichen Diskurs um alle fünf Trends. Dies erinnert uns daran, dass die tiefgreifende Mediatisierung auch von Vorstellungen einer möglichen Zukunft getragen wird – geboren in den Imaginationen nicht nur von Pioniergemeinschaften und korporativen Akteuren, sondern auch in der Medienberichterstattung, die solche Imaginationen unter den Normalbürger:innen verbreitet.
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