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Titelseite
Helmut Konrad
Meine Gedanken zur Zeit
2008–2016
Leykam
Gedanken zur Zeit
Historische Gesellschaftsentwicklungen, aktuelle Lebenswelten und individuelle Zukunftskonzepte sind so vielfältig, dass man jede Woche neue Themen, neue Blickwinkel und neue Zugänge für „Gedanken zur Zeit“ finden kann.
Diese Vielfalt unserer Lebenswirklichkeiten darzustellen, Zeitgeist und Strömungen aufzuspüren, Befindlichkeiten wahrzunehmen, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges gegenüberzustellen und für wenige Minuten in dieser Sendung von Radio Steiermark publikumswirksam aufzubereiten, bedarf einer besonderen Begabung.
Helmut Konrad gelingt es in exzellent angenehmer Weise, sein humanistisches Wissen und seine Erfahrung, eingebettet in die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, der Öffentlichkeit als Impuls zum Nach- und Weiterdenken zur Verfügung zu stellen und damit kontinuierlich zu einer im Geiste freien, solidarischen und friedlichen Welt beizutragen.
Gerhard Draxler
Landesdirektor ORF Steiermark
Einleitung
Samstags um sieben Uhr in der Früh, wenn ich meine Einkaufsrunde am Kaiser-Josef-Markt drehe, werde ich fast immer auf meine „Gedanken zur Zeit“, auf deren Inhalte, aber auch auf meine Rundfunkstimme hin angesprochen. Auch außerhalb von Graz, von Bad Aussee bis nach Ratsch an der Weinstraße, stoße ich immer wieder auf Menschen unseres Landes, die mir seit Jahren an den Sonntagen um 8 Uhr zuhören.
Das ist für mich, der ich nicht aus der Medienbranche komme, eine erfreuliche Erfahrung. Schreibe ich nämlich einen fachwissenschaftlichen Beitrag, dann dauert es Monate, bis er erscheint. Und er wird vielleicht von ein paar Dutzend Menschen gelesen. Reaktionen darauf gibt es meist erst, wenn ich längst mit anderen Themen und Fragestellungen befasst bin.
Nach den Sendungen klingelt hingegen oft das Telefon, es treffen Mails oder Briefe ein, und Zustimmung oder, wenn auch durchaus selten, Kritik schaffen sich ganz spontan Raum. Es ist ein lebendiger Dialog, in den man eingebunden ist – spannend, bewegend und manchmal auch belastend. Jedenfalls empfinde ich das alles als sehr bereichernd.
Die Sendungen und der Kontakt zu den Hörerinnen und Hörern sind Teil meines Lebens geworden. Immer wieder, nach etwa 250 Sendungen in den letzten 17 Jahren, neige ich dazu, einen Schlusspunkt setzen und aufhören zu wollen. Ich werde dann aber durch das Echo des Publikums und auch durch meine Freude an der knappen Form und der Zeitnähe meiner Sendungen dazu verführt, weiterzumachen. Und wie die Zeiten sich ändern, sind auch die Gedanken dazu stets (oder zumindest meist, da ich mich bemühe) neu.
Klar, manchmal, wenn der berufliche Druck groß ist, wenn ich im Ausland lebe oder wenn mich die Familie auf Trab hält, ist es mühsam, zeitgerecht einen Text zu schreiben und zur Aufnahme in das Studio des ORF Steiermark zu kommen. Aber die Herzlichkeit, mit der man mich dort seit so vielen Jahren aufnimmt und als Teil des Teams akzeptiert, entschädigt mich auch in Stresssituationen.
Aus Anlass meines 60. Geburtstags im Jänner 2008 haben sich zwei enge Freunde von mir, Elisabeth Fiorioli und Wolfgang Muchitsch, die Mühe gemacht, komplett hinter meinem Rücken in Tateinheit mit meiner Sekretärin Edith Wirthler, eine Auswahl meiner Sendungen bis 2007 herauszugeben. Da ich tatsächlich noch als Fossil in einer durchtechnisierten Gesellschaft mit der Feder schreibe (und nur so denken kann), landen fast alle Sendungen im Sekretariat und werden dort auch archiviert. So war es möglich, den Band als gelungene Überraschung zu präsentieren.
Für die Herausgabe hatten Elisabeth Fiorioli und Wolfgang Muchitsch ein Konzept entwickelt. Sie sortierten jene Sendungen, die aus aktuellen Anlässen wie etwa Wahlkämpfen geschrieben wurden, aus und gruppierten die verbleibenden Texte rund um Themen. Dieses Konzept wurde auch für den nunmehr vorliegenden Band beibehalten, da es meine wichtigsten Bereiche, die ich in den Sendungen bespreche, recht gut spiegelt. In der Rückschau ist das möglich, im aktuellen Schreibprozess hat man solche Zuordnungen nicht vor dem Auge. Heute sehe ich auch in diesem Aufbau eine gute Struktur zu den Fragen, die mich bewegen, die in meinem Leben wichtig sind, und die damit wohl auch einen recht umfassenden Einblick in mein persönliches Werte- und Normensystem geben können.
Ob manches zu persönlich ist, wage ich nicht zu beurteilen. Aber wie in meiner akademischen Lehre, so bin ich auch hier überzeugt davon, dass es kein Nachteil ist, die eigene Lebensgeschichte, die Erfahrungen und die Lebensweichenstellungen in die Darstellung einfließen zu lassen.
Es ist mir in allen Sendungen ein Grundbedürfnis, mein Selbstverständnis und meine gesellschaftspolitische Grundposition nicht zu verleugnen. Meine Prägung aus der Zeit der späten Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, meine Haltung zu Fragen von Humanität und Menschenrechten, meine Erfahrungen in den etlichen Semestern im Ausland und den vielen Reisen, meine Neugier für alles Neue in Kunst, Kultur oder auch Kulinarik, meine Erfahrungen in der Familie und in der Erziehung meiner Kinder, meine Leidenschaft als akademischer Lehrer, all das darf und soll sichtbar werden. „Das Private ist politisch“, das war einst eine politische Losung, die aber meinen ganz klaren Grundpositionen bis heute entspricht. Daher enthalten die Sendungen auch viele private Botschaften. Eine hochrangige Politikerin hat mir einmal gesagt, sie höre meine Sendungen und wisse dann immer auch, was es im Leben meiner Familie so an Neuigkeiten gebe. Das war durchaus nicht als Kritik, sondern wohl als Kompliment formuliert.
Die Frage, ob sich das gesprochene Wort auch für die Herausgabe in Buchform eignet, hätte ich, wäre ich eingebunden gewesen, beim ersten Band sicherlich gestellt. Das Echo auf das Buch hat hier Zweifel ausgeräumt. Das Lesen wird wohl nicht, wie bei einem Roman, von der ersten bis zur letzten Seite erfolgen, sondern selektiv, nach Interessenslage oder aber nach Stimmung. Man kann weiterblättern, es gibt ja keine durchgehende Geschichte, sondern es werden Gedankensplitter ausgestreut, die man individuell zu kleinen Mosaiken zusammensetzen kann. Klar, ein Hörbuch würde dem ursprünglichen Format eher entsprechen, aber meine nicht geschulte Stimme stört wohl eher. Ein Tondokument aller Sendungen würde zudem auch schon über ٢٤ Stunden ergeben, und ein Abspielen würde wohl einer grausamen Folter gleichkommen.
Ich selbst höre die „Gedanken zur Zeit“ relativ regelmäßig, natürlich auch die meiner Kolleginnen und Kollegen, die ich alle sehr schätze. Derzeit sind wir ein besonders starkes Team, und wenn vier Personen sich abwechseln, ist auch der individuelle Zeitaufwand überschaubar.
Dass der nunmehr vorliegende Band zustande gekommen ist, ist mehreren Personen zu danken. Zu allererst ist Frau Magistra Elisabeth Klöckl-Stadler zu nennen, die mir die Bereitschaft zu diesem Buch abgerungen und die Auswahl der Beiträge vorgenommen hat. Ihr ist auch die gefällige Gestaltung zu danken. Der Dank gilt auch dem ORF, namentlich Frau Sylvia Rauter, die das Entstehen der Sendungen in ihren Händen hat und der es zu danken ist, dass alle meine Versprecher und Holperer sorgsam aus der ausgestrahlten Version verschwunden sind. Und zu danken ist meiner Frau, die jede Sendung vor der Aufnahme gelesen und, wo notwendig, inhaltlich korrigiert hat. Besonders aber danke ich allen jenen Menschen, vorwiegend in der Steiermark, die mir zuhören und deren Zuspruch mir immer wieder den Mut gegeben hat, auch in dem mir eigentlich fremden Milieu weiterzumachen.
Helmut Konrad
Oktober 2016
... zum Leben
Katzenbegleitung
Wenn man wie ich auf dem Land aufgewachsen ist, ist das Zusammenleben mit Tieren eine Selbstverständlichkeit. Selbst bei uns im Schulhaus in St. Gertraud gab es einen Hühnerstall, und wir sammelten Jausenbrotreste, um den Tieren eine Freude zu machen. Meine erste Katze, ein Kater namens Murli, hatte ich im Volksschulalter, und als sie sich an einem ausgelegten Rattenköder vergiftete und starb, begruben wir sie feierlich im Wald, was zwar verboten, inzwischen aber ganz sicher schon verjährt ist.
Und seit vier Jahrzehnten umgebe ich mich nun immer wieder mit Katzen. Das hat einerseits damit zu tun, dass hier für mich ein Stück Kindheit erhalten bleibt, andererseits auch damit, dass Katzen ja sehr dominant sind und daher täglich an unsere Toleranz appellieren. Sie erziehen somit nicht nur unsere Kinder, sondern auch uns selbst zu nicht autoritären Problemlösungen. Freunde haben uns eine kleine Tafel geschenkt, auf der steht: ,,Nur Hunde haben Besitzer, Katzen haben Personal“. Das tut zwar vielen Hundebesitzern unrecht, hat aber einen wahren Kern, denn gegen den Willen einer Katze ist sehr wenig durchsetzbar, und jede Spielregel muss ausverhandelt werden.
In diesen Jahrzehnten haben mich alle Arten von Katzen begleitet. Es begann mit einem Siamkätzchen aus der Tierhandlung, das sich zu einer prächtigen Katze auswuchs, die schließlich in mehreren Würfen eine ganze Dynastie von kleinen Siamkatzen begründete. Wenn da fünf ganz junge Kätzchen durch die Wohnung tollen, die Vorhänge hinaufklettern, meine Manuskripte zerreisen, mitten in der Nacht den Spieltrieb bekommen und vieles mehr, dann ist es sicher nie langweilig. Fast 20 Jahre hat mich diese Katze begleitet, und als sie schließlich starb, war für mich ein Kapitel abgeschlossen. Aber die Losung „Nie wieder ein Haustier“ hielt nur ganz kurze Zeit, und zwar so lange, bis ich im Grazer Tierheim zwei ganz junge rot-weiße Kater erblickte, die dann für 17 Jahre unsere Familie begleiteten.
Nach ein paar Wochen ohne Katzen ist nun von einem Bauernhof auf der Teichalpe ein Katzenpärchen zu uns gezogen, schwarz und weiß gefärbt und vorläufig ungeheuer lebhaft und vor allem hungrig. Es ist somit wohl klargestellt, dass unser Leben auch in den nächsten Jahren sich dem Rhythmus der Haustiere anpassen wird.
Solche Geschichten werden viele von Ihnen erzählen können. Wer einmal Haustiere um sich gehabt hat, der wird es immer wieder mit Tieren versuchen oder zumindest eine Sehnsucht danach haben.
Die Gründe für die Haustierhaltung sind mannigfach. Dabei stand historisch der Aspekt des Nutzens im Vordergrund. Angeblich wurden schon 13.000 vor Christus, also 15.000 Jahre vor unserer Zeit, Hunde domestiziert. Es ging natürlich um das Sichern des Überlebens, bei den Hunden also um die Begleitung bei der Jagd oder um die Sicherung der Vorräte. Andere Tiere sollten domestiziert einen umfassenderen und gesicherten Zugriff auf Rohstoffe und Nahrungsprodukte ermöglichen. Das stand hinter der Haltung von Rindern, Schweinen, Schafen oder Ziegen.
Domestizierung oder Züchtung zum Vergnügen des Menschen ist natürlich jüngeren Ursprungs. Dazu waren erste städtische Gesellschaften notwendig, in denen dann Tiere eine gewisse Exotik hatten. Wie sich der Ziergarten oder die Topfpflanze von der agrarischen Pflanzennutzung unterscheidet, so unterscheidet sich das Heimtier vom Haustier im breiteren Wortsinn.
Bis heute kann man diese beiden unterschiedlichen Ansätze in der Gesellschaft erkennen, wenn sie sich auch zu mischen beginnen. Auf dem Land hat der Hund meist noch immer Jagd- oder Wachfunktion, und die Katzen am Bauernhof haben diesen mäusefrei zu halten. Wenn auch die Kinder am Hof diese Hunde und Katzen nicht anders behandeln wie es die Altersgenossen in der Stadt tun, so ist doch der funktionale Charakter der Tierhaltung unverkennbar. In der Stadt hingegen verkörpert das Haustier auf der einen Seite den romantischen Wunsch nach einem Stück Natur, eine Sehnsucht, die vor allem die erste Generation von Stadtbewohnern aus der ländlichen Vergangenheit mit ins urbane Leben genommen hat. Auf der anderen Seite sind Haustiere aber auch Zierde, da sie das Erscheinungsbild des Haushaltes bereichern. Sie können aber auch Ersatz für Partnerschaften oder für Kinder sein, und oft sind sie dazu da, Spielgefährten für Kinder zu sein und diesen ein soziales Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln.
In der kleinen Vorortsiedlung, wo ich wohne, gibt es eine Unmenge von Katzen. Die meisten können und dürfen sich frei bewegen, sie gehen durch Klappen in den Haustüren ein und aus. Da es praktisch keinen Straßenverkehr gibt, leben sie ziemlich sicher, und die meisten Bewohner kennen die Tiere und wissen, wohin sie gehören. Sie stellen daher in unserer Siedlung, die langsam überaltert, da wir alle gemeinsam vor etwa 25 Jahren eingezogen sind, ein sozial verbindendes Element dar. Die Kinder sind meist außer Haus, und so halten nun eben die Haustiere die Kontakte aufrecht.
Natürlich bringen zwei kleine Katzen nicht das Land in unser Leben zurück. Aber sie haben zumindest, seit wir ihr Aufwachsen von der Geburt weg auf dem Bauernhof verfolgt haben, uns wieder in engeren Kontakt mit anderen Lebensformen gebracht. Und sie bringen junge Unbekümmertheit ins Haus, zwingen uns auch wieder, genau zu planen, wann wir wegfahren können und welche Bedürfnisse der Tiere es zu befriedigen gibt. Wer kommt wann nach Hause, wer kann Katzenfutter besorgen, wer kann einen Tierarzttermin halten, wer hat Zeit und Lust zu spielen, all das ist nun wieder zu organisieren und zwingt uns in neue, wenn auch altvertraute Muster.
Ein Punkt scheint mir allerdings in der Haustierhaltung besonders wichtig: In unserer hektischen, durchgeplanten, auf Leistung und Geschwindigkeit zielenden modernen Gesellschaft, deren Teil gerade ich durchaus bin, zwingt das Stück Natur in den eigenen vier Wänden zum Brechen des Rhythmus’, zur oftmaligen Zurückstellung der engen Zeitpläne und fremdbestimmten Notwendigkeiten. Es ist ein Stück Widerborstigkeit gegen die allzu glatte Modernisierung, ein Rückgriff und ein Rückhalt, der tief in der Geschichte der Menschheit wurzelt. Und unter diesem Gesichtspunkt ist die Haustierhaltung ein wesentlicher Teil unserer Kulturgeschichte.
Sendung vom 3. August 2008
Gesundheitssysteme
Manchmal reichen im Leben ein paar Zehntelsekunden, um sich plötzlich mit einer völlig geänderten Situation konfrontiert zu sehen und mittelfristige Planungen ganz neu vornehmen zu müssen.
Mir ist es vor gut zwei Wochen so gegangen, als ich am letzten Arbeitstag vor dem geplanten Urlaub mit dem Fahrrad von der Uni nach Hause fuhr. Im Kopf war ich schon weg von der Arbeit, und ich machte gerade Pläne für das Kochen. Da kam mein Rad in die Straßenbahnschienen und ich landete mit voller Wucht auf der Straße. Meine Arbeitsunterlagen lagen verstreut um mich, das Rad war kaputt und mein Körper hatte einiges abbekommen. Vorerst sah ich nur die blutigen Hände, schließlich stellten sich doch Brüche im Handgelenk und an den Rippen heraus. An Urlaub war natürlich nicht mehr zu denken, aber das ist wohl verschmerzbar.
Ich erzähle diese unerfreuliche Geschichte, die von meinem Ungeschick und meiner Unvernunft handelt, aber vor allem deshalb, weil ich an diesem Tag wieder einmal Gelegenheit hatte, unser Gesundheitssystem zu erfahren. Mein Hausarzt schickte mich nach einer Erstversorgung weiter ins Unfallkrankenhaus.
Natürlich war mir diese Institution nicht fremd. Wer Kinder großgezogen hat und in Graz lebt, für den gab es manche Gelegenheit, den einen oder anderen Notfall versorgen zu lassen. Aber nunmehr war ich der Patient.
Im UKH werden pro Tag bis zu 200 Patientinnen und Patienten versorgt, also gut zehn pro Stunde, wohl sehr ungleich über den Tag verteilt. Ich musste mich also in die Schlange der Wartenden eingliedern. Da gab es Schicksale, viel dramatischer als mein kleines Missgeschick. Kinder, Verletzte nach Unfällen, Schlägereien und vieles mehr. Schließlich saß ich einer Ärztin und einer Krankenschwester gegenüber. Obwohl deren Tag schon lang war und obwohl alle zehn Minuten schlimme Dinge und verzweifelte Menschen zu sehen sind, war das Team freundlich, geduldig, ruhig und kompetent. Auch das Röntgen, die Computertomographie und schließlich das Eingipsen wurden mit Routine durchgeführt und mit tröstenden Worten begleitet. Ich verstehe die medizinische Fachsprache nicht, aber sie wurde angemessen übersetzt. Selbst die Ausländerfamilie, die nach mir dran war und deren Kenntnis der deutschen Sprache als eingeschränkt bezeichnet werden kann, wurde mit diesen Informationen gelassener, die Spannung fiel ganz sichtbar von ihnen ab. Dabei stammte die Verletzung des Mannes aus einer gröberen körperlichen Auseinandersetzung.
Es war ein beruhigendes Gefühl, in den Händen des österreichischen medizinischen Systems zu sein. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten unter schweren Bedingungen großartige Arbeit. Wohl dauerte der ganze Ablauf über zwei Stunden, aber alle Wartezeiten wurden erklärt und alle Maßnahmen begründet. Und im UKH sind alle Patientinnen und Patienten gleich. Niemand wird vorgezogen, niemand wegen seiner Herkunft oder seiner sozialen Situation schlechter behandelt. Das war für mich in diesen Stunden ein sehr schönes Beispiel, dass dieses Gesundheitssystem einen großen Wert darstellt, der nicht zum Spielball der Politik werden sollte. Hier ist kein politisches Kleingeld zu wechseln, sondern das System ist mit allen Anstrengungen zu sichern.
Ich kenne durch meine Lebensphasen im Ausland auch andere Gesundheitssysteme. In den USA richtet sich die Anzahl der Stiche, mit denen eine Wunde vernäht wird, nach den finanziellen Möglichkeiten der Patienten. Ein Stich kostete damals 10 Dollar. Ob eine entstellende Narbe bleibt, ist also eine Frage der Einkommenssituation. Viele Eltern, die wir bei den Elternabenden im Kindergarten oder in der Volksschule trafen, waren trotz ihrer jungen Jahre schon fast zahnlos, da die einzige kostenlose Zahnbehandlung das Reißen des schmerzhaften Zahnes war. Soziale Differenz schreibt sich so über die Klassenmedizin in die Gesichter der Menschen ein und stigmatisiert die Schwachen ganz nachhaltig.
Kanada war dann etwas besser, das Gesundheitssystem steht in einer europäischen Tradition. Aber insgesamt geht die weltweite Entwicklung in die US-amerikanische Richtung.
Natürlich wird die Medizin immer technisierter und damit teurer. Noch vor zwei Jahrzehnten wäre ich sicher nicht durch einen Computertomographen geschickt worden, um die Frage, ob im Handgelenk ein operativer Eingriff notwendig ist oder ob ein Gipsverband reicht, schlüssig abzuklären. Und die gestiegene Lebenserwartung macht insgesamt den medizinischen Aufwand pro Person im Lebenszyklus sehr viel größer. Viele Krankheiten werden erst jetzt überhaupt diagnostiziert, und der medizinische Fortschritt ist ja selbst eine wesentliche Ursache für die Verlängerung des Lebens.
Dass dadurch die Kosten explodieren, ist außer Frage, Ursache und Wirkung stehen hier in einem direkten Zusammenhang. Und immer größere Anteile der staatlichen Ausgaben fließen in das Gesundheitssystem.
Fast jede Maßnahme, die diese Kosten senken soll, wirkt aber sozial selektiv. Ab welchem Lebensalter oder ab welcher Steuerleistung hat man keinen Anspruch mehr auf eine künstliche Hilfe oder auf eine Spenderniere? Zwingen hohe Selbstbehalte nicht zur Absage von teuren Eingriffen, wenn die ökonomischen Möglichkeiten überstiegen werden? Ab wann kommt man in den Genuss von Leistungen, wenn man Arbeitsmigrant ist?
Die Gerechtigkeit einer Gesellschaft misst man am Umgang mit den sozial Schwächsten und den Ausgegrenzten. Gerade deshalb hat mich der Nachmittag im Unfallkrankenhaus so positiv berührt. Es ist bei uns noch eine medizinische Versorgung möglich, die nicht nach dem sozialen Status differenziert. Wenn also etwa eine Steuerentlastung, die ich mir wie wohl fast alle Menschen wünsche, dazu führt, die Leistungen der medizinischen Versorgung in der Grundversorgung zurückzufahren, dann sollten die Verantwortlichen noch einmal gründlich nachdenken. Die öffentliche Hand muss funktionsfähig bleiben, nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Altersversorgung, der Bildung oder der Infrastruktur. Ich bin jedenfalls lieber in Österreich krank als in den USA.
Mein kleiner Unfall hat dazu geführt, dass ich zu Hause Urlaub gemacht habe. Die jungen Katzen und viele gute Bücher haben mir einen großen Erholungswert gebracht, stressfrei, wenn auch nicht schmerzfrei. Die gebrochene Rippe lässt kaum ein Lachen oder Husten zu, und eine angenehme Schlafposition zu finden, ist durchaus mühsam. Aber ich habe einen kleinen Einblick in andere Lebenssituationen erhalten und konnte erfahren, dass bei uns die Ärzte, Krankenschwestern und die medizinisch-technischen Angestellten nicht nur fachlich, sondern auch menschlich gut ausgebildet sind. Da weiß man dann, dass Österreich ein gutes Land ist, um hier zu leben.
Sendung vom 24. August 2008
Gestohlene Erinnerungsstücke
Österreich gilt weltweit als ein sicherer Staat. Wir haben eine geringe Kriminalitätsrate und die relativ wenigen Verbrechen werden in einem hohen Maß aufgeklärt. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern der Welt ist man bei uns im Regelfall nicht wirklich bedroht, durch kriminelle Aktionen Leben, Gesundheit oder Eigentum zu verlieren.
Auch ich musste über 60 Jahre alt werden, bis ich mit der schmerzlichen Erfahrung, Opfer eines kriminalistischen Aktes zu werden, konfrontiert wurde. Während meine Frau auf Kur und ich selbst im Kosovo war, um bei der Neugestaltung des Universitätssystems zu helfen, wurde in unser Haus eingebrochen. Dabei liegt unser kleines Reihenhaus in einer ruhigen Wohngegend, wo alle Nachbarn, wie in einem Dorf, einander gut kennen und auch wechselseitig auf die Häuser achten.
Die Einbrecher kamen über den Gartenzaun und hebelten die Terrassentür aus. Leider gab es reiche Beute. Der gesamte Schmuck meiner Frau ist weg, und da waren Erbstücke dabei und Geschenke, die ich ihr zur Geburt der Kinder, zu runden Geburtstagen oder zur Silberhochzeit gemacht habe. Für die Kinder haben schon meine Großeltern eine Münzensammlung begonnen, die nun verloren ist. Mich schmerzt vor allem aber, dass mir die Rektorskette, die Erinnerung an eine der prägenden Epochen meines Lebens, gestohlen wurde, und dazu noch der Ehrenring, den mir Bundespräsident Jonas 1973 anlässlich meiner Promotion unter den Auspicien des Präsidenten überreicht hatte und der den Start meiner wissenschaftlichen Laufbahn symbolisiert.
Die materielle Seite ist wohl von geringerem Interesse als die emotionale. So viele Erinnerungen hängen an den Stücken, die für Ereignisse oder Abschnitte des Lebens stehen. Mit der Entwendung hat man das Gefühl, ein Stück der eigenen Geschichte verloren zu haben. Jemand ist in unser Leben eingedrungen, in unsere Intimsphäre und in unsere Erinnerungen. Das schmerzt viel mehr als die Tatsache, dass der materielle Schaden nur zum Teil durch die Versicherung gedeckt ist. Für die Täter sind die meisten Stücke einfach Wertgegenstände, sie bedeuten nicht mehr. Allein die Vorstellung, dass irgendwer nun die Rektorskette trägt, der die Symbolik nicht kennen kann und will, das lässt mich in der Nacht schweißgebadet hochfahren. So ist das Gefühl der Sicherheit, das mich mein ganzes Leben begleitet hat, derzeit nicht vorhanden.
Aber die Geschichte hat auch ihre positiven Seiten. Da gab es mitten in der Nacht freundliche und kompetente Polizisten des Wachzimmers Andritz, die die materielle und emotionale Seite der Situation gut erfassten. Sie fanden die richtigen Worte und setzten die richtigen Schritte, gaben Unterstützung und vermittelten den Eindruck, die Sache auch zu ihrem Problem zu machen.
Und da gibt es die Nachbarn, die zur Stelle waren, mich am Abend ablenken und nicht allein im Haus sitzen lassen. Sie sind Ansprechpartner und gute Freunde, die wirklich aufmuntern können. Und dann ist da die Universität, die seit einem Jahrhundertviertel mein Bezugspunkt ist, und die ja auch geschädigt ist, ist der Stern an der Kette schließlich ihr Eigentum. Da gab es Zuspruch und sogar den Willen, auf Kosten des Hauses die Replik anfertigen zu lassen. So fühle ich mich eigentlich gut eingebettet, und die täglichen Telefonate mit meiner Frau tragen zur Stabilisierung der Situation bei.
All das zeigt, dass wir noch immer in einem sicheren Land leben. Verbrechen sind nicht Alltag, sondern Sondersituationen. So reagieren die Menschen auch – sie sind nicht abgestumpft durch die Alltäglichkeit von Kriminalität, wie dies in anderen Gegenden der Welt der Fall ist. Wenn man in Los Angeles oder irgendwo in einer Großstadt Europas überfallen wird, ist man weit einsamer als hier bei uns im friedlichen und sicheren Österreich.
Natürlich denke ich darüber nach, wie ich mich und meine Familie in Zukunft besser schützen kann. Eine stabilere Tür, vielleicht ein Bewegungsmelder, eventuell eine Kamera. Und ganz sicher eine Anpassung der Versicherungssumme. Aber ich möchte mir das Gefühl nicht nehmen lassen, dass man in der Regel von freundlichen und wohlmeinenden Menschen umgeben ist. Diese Menschen gehen wie ich davon aus, dass der Mensch nicht des Menschen Wolf ist, sondern dass ein gut organisiertes, friedliches und gewaltfreies Zusammenleben von Nutzen für alle ist. Wir haben im Prozess der Zivilisation die physische Gewalt an den Staat delegiert und lösen Probleme nicht mehr selbst durch den Einsatz von Fäusten oder Pistolen. In den Ritualen unseres Miteinander hat Gewalt keinen Platz, und das ist gut so. Der Staat kann Gewalt einsetzen, aber nur entlang genauer Regeln. Auch ein Polizist greift nicht einfach zur Waffe, sondern nur in definierten Situationen. Wir haben also gelernt, friedlich und innerhalb von Regeln miteinander umzugehen. Verbrecher brechen diese Regeln und bedrohen somit das Konzept des Miteinander. Aber wir dürfen nicht überreagieren, sondern wir sollten auf die von uns mitgetragenen und durch unsere Steuern finanzierten Sicherungssysteme vertrauen. Und mein Vertrauen in die Polizei, mit der ich bisher ja wenig zu tun hatte, wurde durch die geschilderten Ereignisse jedenfalls verstärkt. Dafür habe ich zu danken.
Sendung vom 1. März 2009
Muttertag
Seit einem knappen Jahrhundert wird in großen Teilen der Welt am zweiten Sonntag im Mai der Muttertag gefeiert. Und heute ist es wieder einmal so weit. Kinder haben Gedichte gelernt, Geschenke gebastelt. Sie richten Frühstück oder sie führen, wenn sie schon größer sind, die Mütter heute in die sicherlich übervollen Gasthäuser der Umgebung.
In dem Jahrhundert, das die Zeitspanne der Muttertagsfeiern beschreibt, hat das Mutterbild entscheidende Wandlungen erfahren. War meine Mutter noch voll und ganz Hausfrau und Mutter, um sich den vier Kindern und deren Erziehung zu widmen, was neben der Führung eines Haushaltes, der anfangs weder Waschmaschine noch Kühlschrank kannte, genügend Last war, ist heute oft Mutterschaft anders definiert. Familienstrukturen sind nicht mehr zwangsläufig auf Dauer fixiert, jede zweite Ehe scheitert. Und meist ist es die Mutter, der dann als Alleinerzieherin die Verantwortung für die Kinder zufällt. Da müssen dann Beruf und Kindererziehung vereinbar sein, was ohne familiäres oder gesellschaftliches Netz oft wohl nur sehr schwer möglich ist. Väter sind schließlich großteils nicht da, wenn sie gebraucht werden.
Heute haben die Frauen viel selbstbestimmter als in früheren Jahrzehnten die Möglichkeit, sich für oder gegen die Mutterrolle zu entscheiden. Und selbst die Wahl der Lebensform – Ehe, Partnerschaft oder Singledasein – ist heute meist nicht mehr vom Schicksal oder Zufall aufgezwungen, sondern kann auch selbst eingeschlagener Weg, also die eigene Entscheidung, sein. Aber das ändert nichts daran, dass die Mutterrolle noch immer nicht nur die Gegenwart, sondern besonders auch die Zukunft prägt. Hier wird die nächste Generation geformt, hier werden kulturelle Muster eingeübt, Normen und Werte weitergegeben.
Das formt das ganze Leben. In mir ist meine vor 24 Jahren verstorbene Mutter voll gegenwärtig. Sie war der Mittelpunkt für uns. Früh verwitwet, war sie für meine Geschwister und mich und für die Enkelkinder da. Sie hat uns zusammengehalten, ihre kleine Wohnung im Gemeindebau war unser Fluchtpunkt. Und sie hat die so unterschiedlichen Entwicklungen ihrer Kinder, die verschiedenen Temperamente, die unterschiedlichen Überzeugungen und Lebenswürfe in Harmonie verknüpft. Vielleicht verklärt die Erinnerung, aber meine Mutter hat instinktiv immer gewusst, was richtig ist. Oft will ich sie heute noch etwas fragen oder sie teilhaben lassen an den Erfolgen oder den freudigen Ereignissen. Mein Bruder und ich waren die ,,Buben“, wie sie uns im Gespräch mit anderen auch dann noch bezeichnet hat, als wir längst mitten im Berufsleben standen.
Natürlich, heute haben Mütter auch andere Aufgaben, als nur Mütter zu sein. Sie müssen den Lebensunterhalt verdienen, müssen sich in einer Welt behaupten, die nicht immer Rücksicht nimmt auf die Bedürfnisse einer Frau, deren Lebensrhythmus auch von Bedürfnissen eines oder mehrerer Kinder geprägt ist. Der Weg zum Kindergarten oder zur Schule, zum Zahnarzt, zum Sport, zum Musikunterricht, all das muss organisiert werden. Und hat ein Kind noch spezielle Bedürfnisse durch eine Behinderung, eine Krankheit, eine Allergie, oder hat es Schwierigkeiten in der Pubertät, dann wird der Spagat zwischen der Mutterschaft und den Anforderungen von außen manchmal dramatisch.
Natürlich gibt es zumindest drei ansprechbare Hilfen: erstens den Vater des Kindes, der sich aber nur allzu oft aus der Verantwortung verabschiedet; dann die vorherige Generation, also Eltern, die bei der Betreuung helfen. Und dann gibt es die öffentliche Hand, die langsam lernt, dass nur ausreichende Betreuungseinrichtungen und materielle Sicherungen Beruf und Familie vereinbar machen. Und das ist ja ein großes politisches Ziel.
Mutterrollen haben sich vielfach im Lauf der Zeit gewandelt. Aber ein Kern ist geblieben: Stärker als die Väter sind die Mütter noch immer die wichtigsten Bezugspersonen für die meisten Menschen. Mütter trösten und trocknen die Tränen der Kleinsten, Mütter verteidigen ihre Kinder in den Konflikten von Schule und Alltag, Mütter sind für die Begleitung ins Erwachsenenleben mit all den Ecken und Kanten zuständig, Mütter sind als Großmütter die Stützen in der Bewältigung von Alltag und von Sondersituationen.
Dabei ist es zweitrangig, ob die Mutter in einer traditionellen Ehe lebt, ob sie eine ledige oder eine geschiedene Mutter ist. Sie kann wiederverheiratet sein oder in einer neuen Partnerschaft leben. Von der Patchwork-Familie bis zur gleichgeschlechtlichen Beziehung: eine Mutter ist immer auch und vor allem Mutter, der Schutz für ihre Kinder und die Ursache für Geborgenheit. Das gilt am Land und ebenso in der Stadt, in traditionellen Verhältnissen oder in postmodernen. Und obwohl ich selbst etwa eine partnerschaftliche Beziehung lebe und wir uns die Haushaltspflichten teilen, ist das Verhältnis unserer Kinder zu meiner Frau doch noch durch Elemente gekennzeichnet, die sich mir als Vater verschließen.
Heute aber sollten wohl alle den Tag nutzen, um ihren Müttern zu danken. Meine Generation kann das meist nur mehr im stillen Gedenken tun. Die etwas Jüngeren werden wohl ihre Mütter besuchen, ausführen, mit ihnen feiern. Und die ganz Kleinen sind wohl schon sehr aufgeregt, was denn Mama zum Gedicht, zum Blumenstrauß, zum Billett oder zum Frühstück sagen wird. Aber wir alle sollten nicht nur am heutigen Tag dankbar für das sein, was unsere Mütter für uns getan haben und tun. Ein wenig von dieser Dankbarkeit sollte auch das Jahr über spürbar sein.
Sendung vom 9. Mai 2010
Grundnahrungsmittel Brot
Obwohl unsere Gesellschaft viele arme Menschen kennt, und obwohl das Ausmaß der Armutsgefährdung erschreckend hoch ist, leben wir in einem der reichsten Länder der Welt. Österreich ist im Durchschnitt also Teil der Wohlstandsgesellschaft, wenn das auch nur ein ganz schwacher Trost für jene ist, die sich am unteren Ende der Skala befinden und die ohne fremde Hilfe ganz ernsthafte Probleme haben würden.
Wohlstandsgesellschaften sind Wegwerfgesellschaften. So war vorige Woche in der Kleinen Zeitung zu lesen, dass uns das Ende der Brot-Zeit ins Haus steht. Brot landet zu 20 Prozent im Müll, also einer von fünf Brotlaiben wird nicht gegessen, sondern entsorgt. Mich hat der Artikel ziemlich nachdenklich gemacht. Meine Generation ist überwiegend mit der von den Eltern vermittelten Überzeugung groß geworden, dass man keine Lebensmittel und vor allem kein Brot wegwirft. Wir verarbeiten heute noch altes Weißbrot zu Knödelbrot oder Brösel und heben altes Schwarzbrot für die Pferde einer Freundin auf. Im Müll landet Brot nur dann, wenn es schimmlig geworden ist, was aber selten vorkommt.
Stärker als die meisten anderen Nahrungsmittel ist Brot symbolisch aufgeladenes Kulturgut. Es spielt seine Rolle im religiösen Ritus, und die wundersame Brotvermehrung ist eine der schönen biblisch überlieferten Legenden. Brot hat zudem starke regionale Zuschreibungen. Wer in Amerika gelebt hat, der weiß, dass man nichts vom alten Kontinent so vermisst wie gutes Brot. Und schon in Wien ist es nicht einfach, ein Brot zu finden, das den Vorstellungen des Auges, der Nase, des Gaumens und manchmal auch des Ohres, wenn es so schön knacken soll, entspricht. Und in der Erinnerung an die Kindheit und Jugend spielt Brot eine größere Rolle als alle Fleischspeisen oder Geburtstagstorten.
Wenn im oberen Lavanttal die Tante auf ihrem kleinen Bauernhof die Laibe aus dem Holzofen holte, war die ganze Umgebung von einem Duft erfüllt, der unbeschreiblich gut war. Noch lange Jahre fuhren wir dort hin, um einen Laib mitnehmen zu können in die großen Städte. Damit war ein Stück von zu Hause bei uns, wurde guten Freunden angeboten, um sie teilhaben zu lassen an der kulinarischen Erinnerung. Mich treibt es zumindest jeden zweiten Samstag auf den Markt am Kaiser-Josef-Platz, wo es Brot zu kaufen gibt, das dieser Erinnerung an alte Zeiten zumindest nahe kommt. Und das wird aufgegessen, es hält auch locker zehn Tage, ohne an Qualität zu verlieren. Und es steht so für mich symbolisch für die ganze Angebotspalette an naturnahen Produkten, die der Markt bietet. Wir essen nur Eier, die wir dort kaufen, das Gemüse der Saison, die prächtigen Hühner und die Beeren, die Früchte und die Pilze. All das wird regional produziert, geerntet und in der Region verkauft. Die Fische kommen aus der Weizbachklamm, die Äpfel aus Eggersdorf, das Brot aus Hitzendorf und das Gemüse aus Hausmannstätten.
Und da schreckt die Nachricht auf, dass wegen der großen Brände in Russland auch bei uns das Brot teurer werden soll. Das wird wieder die Armen besonders treffen. Sicher, es gibt den Weltmarkt, und die Getreidebörsen waren schon historisch Orte der sozialen Konflikte, an denen sich, wie früher vor den Getreidespeichern der Wucherer, die Wut der Hungernden entladen konnte. Und es ist auch verständlich, dass bei allen regionalen Bemühungen manche Rohstoffe nur am Weltmarkt zu erhalten sind. Die Versuche, diesen durch soziale Projekte und spannende Initiativen zu unterlaufen, sehen sich mit ganz anderen Problemen konfrontiert. So droht gerade ein Vorzeigeprojekt, nämlich Kakaobohnen fair zu produzieren und in Lateinamerika Kleinbauern zu helfen, von der Kokainmafia loszukommen und ein gesundes Produkt wie Kakao selbstbestimmt zu erzeugen, an der Gewalt vor Ort zu scheitern. Da ist viel Geld im Spiel und natürlich auch einfach sehr viel Spekulation. Der Weltmarkt ist ja nicht nur ein realer Ort des Austausches von Waren oder Dienstleistungen gegen Geld, er ist Ort von fiktiven Geschäften, künstlich erzeugten Verknappungen, von Umtrieben im Graubereich von Seriosität und Moral. Der Wächter mit dem Schwert vor den Getreidelagern im alten China, der Schieber der Dreißigerjahre, der den Schwarzmarkt bediente, haben längst den anonymen Anzugträgern Platz gemacht, die mit Produkten handeln, die sie nie gesehen haben.
Die Globalisierung ist Realität und das ist auch der Weltmarkt. Aber wir sind nicht gezwungen, uns all den Regeln, die er vorgibt, zu unterwerfen. In vielen Punkten unseres Konsumverhaltens sollten wir einfach regionaler agieren. Man muss nicht das ganze Jahr Paradeiser essen. Aber jetzt wachsen sie in meinen eigenen Töpfen und die Bauern am Markt haben Steigen voller prächtiger Früchte. Man kann die heimischen Erdäpfel im Frühjahr abwarten und der Salat ist bei uns ohnehin besser als überall sonst und nicht vergleichbar mit den in Plastik eingeschlossenen Importwaren. Regionale Lebensmittel zu kaufen ist meist gesünder, ökologisch sinnvoller und nicht teurer, als hier auf das globale Angebot zu setzen. Die Glitzerwelt eines amerikanischen Supermarktes mit Lebensmittelabteilungen, die oft die Gesamtgrößen unserer größten Einkaufsmärkte übertreffen, gaukeln 24 Stunden lang an 365 Tagen im Jahr die Verfügbarkeit aller Produkte vor. Die Ökobilanz ist dann vernichtend, und der Geschmack ist großteils beim Transport entwichen.
Regional zu handeln ist kein Gegensatz zum globalen Denken. Man kann die Weltzusammenhänge sehen, man kann die Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten nutzen und trotzdem nicht nur aus sentimentaler Erinnerung an die eigene Jugend, sondern aus durchdachter Entscheidung regional agieren. Ich freue mich jedenfalls über die wenigen Produkte im eigenen Garten und über die erfreuliche Vielfalt, die es derzeit auf dem Markt gibt. Und ich genieße es, den Jahreszeiten entsprechend die Bandbreite unseres Landes auch auf meinem Teller zu finden.
Sendung vom 29. August 2010
Miteinander leben
Als ich mit meiner Familie vor fast 28 Jahren nach Graz übersiedelt bin, um hier an der Universität zu arbeiten, hatten meine Frau und ich recht klare Vorstellungen von einer optimalen Wohnumgebung. Grün sollte vorhanden sein, die Stadt aber gut erreichbar. Luftqualität, Verkehrsberuhigung und Schulen waren wichtige Entscheidungskriterien.
So landeten wir im Jänner 1985 in einer kleinen Reihenhaussiedlung am nördlichen Stadtrand, ohne jeden Durchzugsverkehr und mit einem riesigen Spielplatz direkt neben den Häusern. Die 28 Häuser waren rasch alle bezogen, fast durchgängig von Jungfamilien wie uns. Und weil die Wohnqualität hoch und das Nachbarschaftsklima gut war, zog auch fast niemand weg, sodass bis heute zumindest drei Viertel zu den Erstbewohnern zu zählen sind.
Aber wir alle sind über ein Vierteljahrhundert älter. Die vielen Kinder, die in den achtziger Jahren die Siedlung belebten, sind ausgezogen, zurück blieben wir, entweder Menschen im Ruhestand oder knapp davor. In ein paar Häuser sind aber Jungfamilien gezogen, die genau das schätzen, was wir so genossen haben: dass die Kinder den Spielplatz haben, dass die Privatstraße eine sichere Erweiterung des eigenen Gartens ist und dass die Kinder daher in einer gesunden und wenig bedrohlichen Umgebung aufwachsen können. Nur: drei Viertel der Bewohner sind 60 und älter und viele sind Kinder nicht mehr gewohnt. Ein ganz seltsamer Generationenkonflikt bahnte sich an: Die Kinder sind zu laut, ihre Dreiräder hindern die Bewohner am Zufahren und vieles mehr. Kurzum: die jungen Familien werden als Kontrapunkt zur eigenen Lebenssituation, zum Rückzug in den gepflegten kleinen Garten empfunden.
Mich stimmt das traurig, denn ich kann dem gemeinschaftlichen Weg in eine Alterswohnsiedlung wenig abgewinnen. Ich mag die Kinder. Klar, oft kann man kaum im Garten lesen, wenn nebenan alle herumtollen, aber ohne unsere drei entzückenden Kinder von nebenan wäre auch unser Garten viel weniger von Zukunftshoffnung und von positiven Gefühlen erfüllt. Jeder Ball, der über den Zaun fliegt, jedes begeisterte Kommentieren der Kletterkünste unserer Katzen aus Kindermund bringt Leben und Freude in unseren Alltag.
Überall in der Welt spricht man davon, dass man Wohnsituationen ethnisch, sozial und altersmäßig durchmischen sollte, um Spannungen abzubauen, Integration zu erleichtern und Toleranz zu lernen. Aber die Realität ist meist eine andere. So auch bei uns: innerhalb weniger Monate zog eine bestimmte Alterskohorte und ein bestimmtes soziales Segment, nämlich der gehobene Mittelstand, in die Siedlung ein und es gab wenig Antrieb, von hier wieder wegzuziehen. Städte wachsen nicht kontinuierlich, sondern schubweise. Wenn etwa auf den Reininghausgründen in Graz ein neuer Stadtteil entstehen sollte, wird dieser zweifellos jüngere Bewohner haben als die übrige Stadt und in drei Jahrzehnten schließlich überaltern. Und schon jetzt kann man die potenziellen Generationenkonflikte am Horizont erkennen.
Ist es zwischen den Generationen schon schwierig genug, so potenziert sich das noch mit ethnischen und sozialen Fragen. Wenn in eine günstige Wohngegend plötzlich größere Gruppen von armen Migrantenfamilien ziehen, wenn Stadtteile sich nicht nur im langsamen Altern ändern, sondern plötzlich mehr als nur laute Kinder neu sind, sondern wenn auch andere Sprachen gesprochen, andere Gerichte gekocht werden. Durchmischung ist nicht immer die Zauberformel.
In den USA und in Kanada kann man sehen, dass Zuwanderer auch in den großen Städten eigene Subeinheiten besetzen: Chinatown, Little Italy kennt man über das Kino oder über touristische Erfahrung, aber auch die Polen, die Burgenländer, die Bayern bilden kleine Inseln mit einer vertrauten Sprache und vertrauten Regeln in den fremden Großstädten. Es dauert zwei bis drei Generationen, bis man wirklich ungeniert hinaustreten kann und Teil der neuen Gemeinschaft geworden ist. Eine zu rasche, vielleicht sogar erzwungene Durchmischung fördert nur Ängste auf der einen, Vorurteile auf der anderen Seite. Behutsamkeit, Neugier, administrative Hilfe und vor allem schulische Kontakte helfen hingegen.
Unsere Kinder waren in den USA etwa in Programmen, die Kinder aus aller Herren Länder Englisch als Zweitsprache vermittelten. Das waren spannende Integrationsschritte und auch Begegnungen zum Abbau von Barrieren. Deutsch als Zweitsprache, ein Hinführen zur Kultur unseres Landes, das könnte auch bei uns helfen und tut es, wo es angeboten wird, ja auch tatsächlich.
Klar – Zusammenleben in unterschiedlichen Sprachen, Religionen, sozialen Situationen, Generationen, Normen und Gewohnheiten ist schwer zu organisieren und in der Tendenz konfliktträchtig. Der eingangs geschilderte kleine Generationenkonflikt in unserer Wohnsiedlung ist angesichts der mancherorts sichtbaren echten Konfliktlagen wohl ein Luxusproblem, das sich mit etwas gutem Willen ganz leicht lösen lassen sollte. Rücksichtnahme und ein wenig Toleranz reichen aus, um die letzten Meter zum eigenen Haus im Schritttempo zu fahren oder aber Kinderstimmen als Bereicherung zu hören. Aber auch die Kinder sollen lernen, mit den Älteren umzugehen.
Neben- und miteinander zu leben bedeutet, Kompromisse zu finden und nicht nur die eigenen Regeln gelten zu lassen, sondern auch Lösungen zu suchen, die für alle Betroffenen nicht nur akzeptabel, sondern auch einsichtig sind. Da bedarf es professioneller Hilfe, da müssen Personen im Einsatz sein, die Mediation, also das Ausgleichen, gelernt haben. Aber vor allem müssen wohl alle Betroffenen einsehen, dass niemand 100 Prozent seiner Vorstellungen durchbringen sollte, denn das bedeutet Gewalt. Und in den großen Metropolen der Welt kann man die Lehrbeispiele beobachten, wie ein verkorkstes Miteinander sich eruptiv und blutig entladen kann. Vorbeugen ist bei uns jedenfalls besser und klüger, als heilen zu müssen.
Sendung vom 28. August 2011
Endlich lesen
Juli und August sind bei uns, zumindest derzeit noch, jene Monate, in denen die meisten Menschen ihre Urlaube unterbringen. Das ist einerseits den Schulferien geschuldet, denn Familien mit Kindern können nur in diesen Wochen gemeinsam verreisen. Andererseits sind das die Monate mit den höchsten Temperaturen, also mit warmen Seen und mit Wetterlagen, die es möglich machen, viel Zeit im Freien zu verbringen.
Seit die Kinder ihre eigenen Reisepläne zu machen begannen und sie bis heute in abenteuerlicher Weise ausleben, sind meine Frau und ich wieder zu den Wurzeln zurückgekehrt. Reisen, das ist heute Teil des Berufs, die freie Zeit wird in der Nähe verbracht. Seit ein paar Jahren beginnt der Sommer mit einigen Tagen im Ausseer Land, mit der sogenannten intellektuellen Sommerfrische der „Ausseer Gespräche“, und dann geht es in die Südsteiermark zu unseren befreundeten Weinbauern, wo wir eine Woche Wandern, Lesen, Essen, den Wein und die Landschaft genießen. Urlaub bei Freunden, das ist heute der Inbegriff der Erholung.
Unsere Steiermark ist ein großartiges Urlaubsland. Von den Bergen in der Obersteiermark über die Kultur der Städte mit den wunderbaren Museen bis hinunter ins Weinland hat unser Bundesland alles zu bieten: Landschaftliche Schönheit, kulturelle und kulinarische Vielfalt und vor allem freundliche Menschen, die uns das Gefühl vermitteln, willkommene Gäste zu sein. Mit einem schönen Buch und einem guten Glas Wein in die zauberhaften Weinberge zu schauen, die Augen vom Text zu heben und das ganz besondere Grün zu sehen, das hat schon was und gibt Kraft für das nächste Arbeitsjahr.
Urlaub im eigenen Land, das ist nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern auch ökologisch verantwortungsbewusst. Die Reisen sind kurz, das Gemüse wächst vor der Haustür, das Fleisch kommt aus artgerechter Haltung und der Wein ist im letzten Jahr vor unseren Augen gewachsen und gereift. Wanderschuhe ersetzen das Flugzeug. Und wenn wir, wie auch letzte Woche wieder, durch die Heiliggeistklamm nach Sveti Duh gehen, dann ist das zwar nicht unanstrengend, aber doch Erholung im allerbesten Sinn. Man erfährt die Grenzlandschaft am eigenen Leib, überschreitet den ehemaligen Eisernen Vorhang und steht unter den großen Linden vor der Kirche mit dem Gefühl, dass unsere Welt in den letzten Jahrzehnten tatsächlich ein Stück besser und menschlicher geworden ist. Meine traditionelle Wallfahrt nach Mariazell erlauben mir zwar meine Knie nicht mehr, aber ich träume davon, den Weg noch einmal zu gehen, auch als Zeichen der Dankbarkeit dafür, dieses Leben leben zu dürfen. Das hat bei mir keinen institutionell gebundenen religiösen Zusammenhang, sondern ist ein Stück Tradition, das einem alten religiösen Beispiel folgt, aber in weltlicher Sicht gelebt wird.
Wichtig ist aber auch, die Zeit zum Lesen zu nützen.Viele Menschen lesen nicht mehr wirklich, die Zeitung schon, aber selten ein Buch. Dabei sind Bücher geradezu die ideale Ergänzung zu einem entspannenden und erholsamen Urlaub. Mein Vorsatz – vor über vier Jahrzehnten gefasst – lautet, jede Woche ein Buch zu lesen, das nicht zu meinem Beruf gehört, sondern der sogenannten guten Literatur zuzurechnen ist. Unter dem Jahr bleibe ich hier meist zurück, und in der 25. Woche des Jahres kann es schon sein, dass es erst 15 bis 20 Bücher waren. Da packt mich dann im Sommer der Ehrgeiz, aufzuschließen.
Dabei bin ich diesmal allerdings gescheitert. Das Buch der letzten Woche, die Parallelgeschichten des Ungarn Nadas, hat weit über 1.700 Seiten, und das war in einer Woche nur knapp zur Hälfte zu schaffen, so faszinierend der Text auch ist. Aber es ist wohl so, dass mein quantitativer Ehrgeiz der Lesemengen der falsche Ansatz ist und dass ein sehr gutes oder eben sehr gutes und gleichzeitig sehr dickes Buch auch mehr Zeit in Anspruch nehmen darf.
Es ist traurig, wenn man sieht, dass Bücher im Leben vieler Menschen, darunter besonders vieler jungen Menschen, keine wirkliche Rolle mehr spielen. Der Computer, die Mobiltelefone, das rasche Schauen und die kurze Form der Kommunikation verdrängen mehr und mehr das Einlassen auf lange Geschichten, das Nachdenken über schöne Sprachformen, das Lernen von Gedichten. Das macht die Sprache flapsiger, flacher, undifferenzierter und wohl auch hässlicher. Ich bin zwar prinzipiell skeptisch, wenn Kulturverlust beklagt wird oder wenn jemand behauptet, früher sei alles besser gewesen. Ich sehe das Abendland nicht untergehen. Aber die Sprache als wichtigstes Mittel unserer Kommunikation, als Mittler des kulturellen Erbes und als Verzauberer, als Entführer in andere Welten und Wahrnehmungen, verliert in der Welt der Abkürzungen und Codierungen schon sehr viel von ihrem Reiz. Hier würde ich mir wünschen, dass in der Ausbildung der nächsten Generation mehr Wert auf die Vielfalt des sprachlichen Ausdrucks gelegt wird. Fragen Sie einmal die Jugendlichen, welche Gedichte sie aufsagen können, welche klassischen Stoffe der Antike oder der christlichen Tradition sie abrufbar in ihrem Gedächtnis haben, und sie werden sehen, dass sich hier große Lücken auftun.
Gerade ein gemütlicher Urlaub, ruhige Tage in der Sommerfrische oder aber ein Nachmittag im Garten oder auf dem Balkon bieten die Gelegenheit, wieder einmal zu einem Buch zu greifen. Kein eBook, sondern ein richtiges Buch, das schwer in der Hand wird, das aber eben sich von Buch zu Buch verschieden anfühlt, unterschiedlich riecht, sich in den Schrifttypen unterscheidet und das einem manchmal fremd bleibt, oft aber direkt unter die Haut geht, sodass man mit dem Lesen fast gar nicht aufhören kann oder will. Ein gutes Buch macht einen Urlaubstag erst richtig rund und perfekt.
Versuchen Sie es einfach!
Sendung vom 22. Juli 2012
Gesund altern
Vor etwa einem halben Jahr hat mich eine Einladung erreicht, der ich gerne Folge geleistet habe. Meine alten Mitschülerinnen und Mitschüler aus der Hauptschule St. Gertraud im Lavanttal feierten 50 Jahre Schulabschluss. Ich war nur in der ersten Klasse bei ihnen gewesen, weil ich dann ins Gymnasium wechseln konnte. Aber mit den meisten von ihnen hatte ich doch vier Jahre die Volksschulbank gedrückt, zwei Jahre davon mit meinem eigenen Vater als Lehrer. Als der Lehrerbub hatte ich eine gewisse Sonderstellung: Ich wohnte im Schulhaus, ich hatte Zugang zu Büchern und ich war reichlich unsportlich. Aber die Gemeinschaft war gut, es gibt kaum schmerzliche Erinnerungen an diese Schulzeit.
Das Treffen verlief dann auch sehr herzlich. Natürlich fiel es mir nicht leicht, Namen und Gesichter zu verbinden. Die anderen waren alle bis zum 15. Lebensjahr zusammengeblieben, ich hatte die Gruppe mit elf Jahren verlassen. Rasch war aber Vertrautheit da, wir erzählten uns alle vom Beruf, von den Familien, von Schicksalsschlägen und von glücklichen Momenten.
Dennoch bin ich ganz traurig, ja sogar verstört, wieder nach Hause gefahren. 17 meiner damaligen Mitschüler waren schon verstorben, was immerhin etwa ein Drittel aus der großen Klasse von damals war. Und von den anderen war nur noch ein Selbstständiger aktiv, alle anderen waren Pensionistinnen und Pensionisten.
Subjektiv ist es wohl immer so: Wenn man Personen eine lange Zeit nicht gesehen hat, bemerkt man bei ihnen, dass sie alt geworden sind. Den eigenen schleichenden Veränderungsprozess sieht man nicht, denn der tägliche Blick in den Spiegel bildet trügerisch jeweils ein unverändertes Antlitz ab. Nur auf Fotos im Abstand von Jahrzehnten realisiert man auch die eigene Alterung.
Altern ist also eine sehr persönliche Kategorie. Dennoch: Es gibt auch objektive Faktoren. Die Leute aus meiner Klasse haben ihr Leben im Industrieort Frantschach St. Gertraud verbracht, mit der Luft der großen Papierfabrik, mit der wenigen Sonne im engen Tal und mit harter körperlicher Arbeit in der Fabrik oder beim Bau des eigenen kleinen Hauses. Der Schlapper-Kogel, wo wir als Kinder spielten, wurde parzelliert und hieß bei meinen Mitschülern lange Jahre der Schulden-Kogel, denn der Hausbau brachte große materielle Sorgen. All das hat sich nicht nur in die Gesichter eingeschrieben, sondern wohl auch manches Leben verkürzt. Wie man altert, ja wie man überhaupt alt werden kann, ist ganz entscheidend auch eine soziale Kategorie.
Natürlich werden Arme und Reiche ohne Unterschied von unheilbaren Krankheiten heimgesucht, natürlich kann auch ein Leben in materieller Sicherheit durch Alkohol, Rauchen oder ungesunde Ernährung zu einem frühen Ende kommen. Statistisch gibt es aber einen klaren Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist damit auch der aussagekräftigste Indikator für das Wohlergehen von Gesellschaften. Österreich hat hier in den letzten Jahrzehnten einen guten Platz im Vorderfeld erreicht. Aber die Chancen, in guter körperlicher und geistiger Verfassung alt zu werden, sind ungleich verteilt. Da liegt ein großes Aufgabenfeld für die Gesundheits- und Sozialpolitik der nächsten Jahre vor uns. Gerade der Zugang zur Medizin darf keinesfalls vom Einkommen abhängen. Das muss bei allen Diskussionen um die Schließung von Krankenhäusern und um die Reduktion der Bettenzahl in den Spitälern Richtschnur sein.
Für mich persönlich steht in diesen Tagen in meinem Alterungsprozess eine Grenzüberschreitung bevor. Mein Institut an der Universität richtet mir zum 65. Geburtstag ein Fest aus, das ich wohl auch als Signal interpretiere, dass man langsam ans Abschiednehmen denken sollte. Dabei habe ich ja Glück: die Universität erlaubt mir das Arbeiten noch für einige Jahre. Dennoch, man muss den Tatsachen ins Auge sehen: Nach allen gesellschaftlichen Messlatten gehöre ich jetzt zu den Alten. Ich fahre mit Seniorenkarte im Zug, ich habe in Museen reduzierten Eintritt und es erschreckt mich nicht mehr, wenn in der Straßenbahn jemand aufsteht, um mir den Sitzplatz anzubieten.
Noch halte ich mich für leistungsfähig. Aber die Gespräche mit Gleichaltrigen drehen sich mehr und mehr um körperliche Beschwerden und erste Vergesslichkeiten. Ich laufe in die Küche und weiß dort nicht mehr, was ich eigentlich wollte. Ich brauche die Kinder, wenn es um das Erfassen von technischen Änderungen am Computer geht. Und mir fallen Namen oft nicht ein. Das Bücken wird beschwerlich, ich greife zum Schuhlöffel und beobachte mich auch sonst beim Vermeiden von körperlichen Anstrengungen. Vieles ist noch ein kokettes Spiel. Aber es wird ernst, wenn ich daran denke, dass meine Eltern beide nicht mein derzeitiges Alter erreichen konnten, da auch sie durch die Rahmenbedingungen des Lebens im Industrieort in den Lebenschancen beeinträchtigt waren. Klar, sie hatten auch den Krieg und die schweren Jahre davor und danach zu verarbeiten, und die durchschnittliche Lebenserwartung ist im Generationswechsel gewaltig angestiegen, aber sie hatten schlechtere Rahmenbedingungen als ich. Es ist seltsam: Ich möchte nicht jünger sein, aber ich möchte, wenn ich es mir aussuchen dürfte, auch nicht altern. Die Lebensverhältnisse sind also für mich individuell im Lot. Und ich wünsche Ihnen, dass auch Sie gesund und optimistisch Ihre derzeitige Lebenssituation begreifen können.
Sendung vom 27. Jänner 2013
Auf der Flucht
Es fällt schwer, in Tagen wie diesen nicht von den Millionen Menschen zu sprechen, die sich in der Welt auf der Flucht vor Krieg, Terror und Vernichtung befinden. Da sterben jetzt nicht nur im Mittelmeer, sondern direkt bei uns Menschen in unmenschlichen Tansportsystemen. Dramatische Bilder erschüttern uns alle.
Bertold Brecht hat einmal im Gedicht „An die Nachgeborenen“ geschrieben:
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?
Leben wir wirklich schon wieder in solchen finsteren Zeiten? Ich denke eher nicht, denn ich sehe eine breite Welle von Hilfsbereitschaft, von zivilgesellschaftlichem Engagement und von couragiertem Auftreten gegen Hetze und Hass. So gab es am Montag eine beeindruckende Menschenkette vor dem Landhaus in Graz. Aber das ist nicht nur in meinem Lebensumfeld so, sondern erfasst auch Städte und Dörfer, und zwar überall dort, wo konkret Begegnungen mit Flüchtlingen stattfinden.
Auf der Flucht zu sein, das bedeutet Dinge hinter sich zu lassen, die man persönlich für wichtig empfunden hat, die Orientierung geben konnten und die das Leben strukturierten.
Das kann man „Heimat“ nennen, ein Begriff, den ich selbst nur im Plural verwende, denn Geborgenheit kann man, wenn man Glück hat, auch an mehr als einem Ort im Lebenszyklus finden. Es ist aber jedenfalls das Gefühl, das wir jenen Flüchtlingen, die längerfristig bei uns bleiben, langsam vermitteln müssen, das Gefühl des Angenommenseins, der Sicherheit und der Akzeptanz.
Neue Orientierungspunkte zu finden, ist nicht ganz leicht. Dazu braucht man Menschen, die mit Ratschlägen helfen, die Kontakte aufmachen und die die Neuankömmlinge einfach mitnehmen zu Orten und Plätzen, an denen man ein solches Gefühl der Geborgenheit entwickeln kann. Das ist eine Herausforderung, selbst wenn Ortswechsel freiwillig erfolgen.
Selbst ich war fremd, als ich vor 32 Jahren nach Graz gezogen bin, vorerst allein, wenig später mit der ganzen Familie. Hätte man mich nicht in die Südsteiermark mitgenommen, hätte man mich nicht mit dem Kaiser-Josef-Markt vertraut gemacht, dann wären mir Stadt und Umland viel länger fremd geblieben. So aber war es nicht schwer, ein Netz aufzubauen, in dem wir uns nunmehr seit Jahrzehnten gut aufgehoben fühlen können. Das sind Orte, wo man wirklich vertraut agieren kann. Wenn wir in die Weinberge schauen und die Nebel aufsteigen sehen, wenn am Markt der Bärlauch den Frühling ankündigt oder gerade jetzt den reichen Herbst mit allem, was man sich wünschen kann, dann wissen wir, dass wir von hier nicht mehr dauerhaft weg wollen, so spannend und so schön Urlaube in anderen Weltgegenden auch sein können.
Natürlich, wir hatten kaum sprachliche Verständigungsprobleme, obwohl manch steirische Dialektform für uns seltsam klang und sich nicht immer voll erschloss. Und wir waren und sind beruflich und ökonomisch privilegiert. All das machte die Verankerung leicht. Da haben es die Flüchtlinge von heute ungleich schwerer. Sie können sich kaum verständigen und es fehlt auch an den nötigsten Mitteln für das Überleben. Aber etliche von ihnen werden jene Menschen sein, auf die wir in ein paar Jahren stolz sein werden, so wie derzeit auf unser großartiges Fußball-Nationalteam, das fast zur Hälfte aus Spielern mit Migrationshintergrund besteht. Wie etwa Zlatko Junuzović, der es als kleines Kind aus dem Balkankrieg nach Kühnsdorf in Kärnten geschafft hat.
Die Welle der Hilfsbereitschaft, mit der den Flüchtlingen jetzt begegnet wird, kann uns aber stolz machen. Wenn in Ratsch Flüchtlinge bei der Arbeit im Weingarten helfen dürfen, wenn Oberzeiring ein Willkommensfest für die über 100 Flüchtlinge organisiert, die den kleinen Ort bevölkern, wenn in Etmißl beim Grillabend meines Lieblingsgasthofs eine kurdische Gruppe Musik macht, wenn Kirchen- und Dorfgemeinschaften Deutschkurse organisieren, wenn gemeinsam gekocht wird und wenn in diesen Tagen die Kinder der Flüchtlinge in den Schulen willkommen geheißen werden, dann sind das wirklich erfreuliche Signale. Sicher, es wird dauern, bis aus den interkulturellen Begegnungen richtige Integration wird, aber der eingeschlagene Weg macht Mut.
Helfen kann praktisch jeder. Meine Frau, seit zwei Wochen in Pension, sortiert Kleider und Geschirr durch, was als Starthilfe und dann vor allem in den kalten Monaten helfen wird. Wir werden auch eine Familie bei den Amtswegen oder Einkäufen begleiten, um die Sprachbarrieren und Ängste zu reduzieren. Die Universitäten Österreichs entwickeln Programme, um ihre Tore jenen zu öffnen, die im Herkunftsland studiert haben. Nicht alle, aber viele werden so einen Weg in eine neue Normalität finden.
Klar, vieles läuft nicht gut. Die europäische Ebene braucht schrecklich lang, um politische Gesamtlösungen zu erarbeiten. Ungarn baut einen Stacheldrahtzaun, und die Verletzungen zeigen sich an den Händen und Füßen jener verzweifelten Menschen, die den Zaun überwunden haben. Die Logistik für eine vernünftige Verteilung der Flüchtlinge läuft langsam und mühselig an. Und es gibt noch immer Personen und Gruppen, die ihre Ängste hinter Hassparolen verstecken. All das stimmt traurig, aber ich denke doch, dass die positiven Stimmen überwiegen.
Wenn die furchtbaren Kriege in Syrien oder am afrikanischen Kontinent hoffentlich einmal vorbei sein werden, werden viele in ihr Land zurückkehren. Sie sollten sich dann positiv an unser Land erinnern, sollten die Orte, die ihnen temporär Heimat gewesen sind, als Teil ihrer Familiengeschichte bewahren. Und jene, die auf Dauer hier bleiben, sollten, wenn sie es geschafft haben, möglichst viel Positives aus den Wochen und Monaten, die auf die verzweifelte Flucht folgten, bewahren. Sie alle sollten jene Orientierungspunkte finden, unter Menschen und unter unserer Landschaft, die Vertrautheit geschaffen und Sicherheit vermittelt haben. Gemeinsam, die Flüchtlinge und wir, können beide Seiten das schaffen.
Sendung vom 13. September 2015
Grenzen(los)
Immer, wenn Freunde oder Bekannte aus Übersee zu uns nach Graz kommen, planen wir einen Ausflug in die Südsteiermark ein. Wir sitzen dann in Ratsch bei unserem Weinbauern, schauen in die Hügel und sehen am Horizont die Kirche von Sveti Duh, Heiligengeist. Sie liegt jenseits der Grenze zu Slowenien, aber selbst in der Zeit des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs wurden dort gemeinsame Kirchweihfeste gefeiert, wo auch die Menschen aus Leutschach und Umgebung zum Feiern auftauchen konnten. Und wir gehen manchmal durch die romantische Heiligengeistklamm selbst hinauf zur Kirche, überschreiten die Grenze und rasten unter der mächtigen Linde im Kirchhof. Der Blick auf das Grenzland ist atemberaubend.
Auf der Fahrt nach Ratsch nehme ich mit den Gästen den kleinen Umweg über die Weinstraße. Sie staunen über den Verlauf der Grenze, die ja an manchen Stellen sogar mitten in der Straße verläuft. Und einer unserer Spazierwege führt genau der Grenze entlang, hin zum Haus von Pinky Wall, wo die Grenzmarkierung weniger als einen Meter vom Hauseck entfernt ist.
Die Grenze in der Südsteiermark war natürlich vor drei Jahrzehnten gesichert und bewacht. Ein Überschreiten vom Süden nach Norden wurde meist schon im Vorfeld verhindert. Aber symbolisch war der Strich am Straßenrand nie eine Mauer oder ein Zaun, sondern bloß eine Orientierungsmarke zwischen Nachbarn.
Europa ist seither zusammengewachsen. Wir fahren zum Essen nach Kungota und trinken dann Wein in Ratsch. Die Winzer an der Weinstraße haben Weingärten auch südlich der Grenze, die Kulturlandschaft unterscheidet sich kaum. Bei den Arbeiten in den Weinbergen parken Autos mit slowenischen Kennzeichen, die Saisonarbeitskräfte zu den österreichischen Winzern transportieren. Man ist nicht in der Fremde, wenn man die Grenze überschreitet. WoZwarhl hat die erzwungene Grenzziehung von 1919 emotionale Spuren hinterlassen, und sehr wohl gab und gibt es die imaginäre, aber umkämpfte Sprachgrenze. Aber das Jahrhundert hat hier vieles abgemildert.
Und nun wird plötzlich die Errichtung eines Zaunes thematisiert. Ein „Türl mit Seitenteilen“ hat es der Bundeskanzler genannt, von einem grenzsichernden Zaun sprechen andere. Wie soll das gehen? Geht der Zaun über die Geleise der Bahnlinie hinweg, soll er mitten in der Mur verlaufen und mitten auf der Weinstraße? Und welche Funktion soll er haben?
Es ist zuzugestehen, dass es bei jedem Popkonzert und jedem Fußballspiel Sperrgitter gibt, die den Menschenmassen einen geordneten Weg zum Eingangstor weisen, wo man nach Vorlage des Dokumentes, also der Eintrittskarte, Einlass erhält. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wenn Hunderte von hinten nachdrängen, kann es vorne schon eng werden. Ein geordneter Eintritt in unser Land und die Vorlage vorhandener Dokumente sollte die Regel sein, das entspricht den rechtlichen Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft. Aber ein Zaun animiert höchstens Schlepper, um viel Geld um das Hindernis herum Routen anzubieten. Das ist kontraproduktiv. Und ein Zaun kann Menschen, die in Schlauchbooten über das Mittelmeer gekommen sind, die Hunderte Kilometer meist zu Fuß am Balkan hinter sich haben und die mehr als eine Grenze schon überwunden haben, wohl nicht ernsthaft aufhalten.
Die Menschen aus den Kriegsgebieten sind nun einmal da. Etwa jeder Zehnte will in Österreich bleiben, die meisten wollen nach Deutschland. Diese Verteilung entspricht etwa den Größenverhältnissen der beiden Länder, ist also zwischenstaatlich gerecht, obwohl die Last leichter zu schultern wäre, würden sich die anderen Staaten der Europäischen Union an der Aufnahme beteiligen.
Sicher, es wird unter den Menschen, die jetzt zu uns strömen, einige geben, die keinen echten Asylgrund haben. Aber die meisten sind wohl real physisch bedroht, wenn man sie zurückschickt. Wenn man sich, wie bei der von uns betreuten Flüchtlingsfamilie vorstellt, dass der Mann aus der syrischen Armee desertiert ist, weil er nicht auf Landsleute schießen konnte und wollte, wenn man sich seine Frau und sein neugeborenes Kind mitten in der Schlacht um Homs vorstellt, dann ist klar: diese Menschen können derzeit keinesfalls zurück, es wäre ihr sicherer Tod.
Alle jene Österreicherinnen und Österreicher, die Angst vor den Flüchtlingen haben, sollten sich eines Einzelschicksals annehmen, dem Massenleid ein ganz persönliches Gesicht geben. Sie sollten sich von der Flucht erzählen lassen, von den Schockerlebnissen, von dem Zurechtfinden in einer ganz anderen Umwelt. Dann würde man sich plötzlich einem Schicksal gegenübersehen, könnte Empathie entwickeln und helfen. Klar, zur Integration ist es noch ein weiter Weg. Unsere Familie sitzt seit einer Woche in einem Deutschkurs, und das kleine Mädchen, das ja noch gar keine Sprache spricht, wird wohl rasch mit anderen Kindern spielerisch zur Verständigung kommen. Arbeits- und Berufschancen sind noch weit weg, aber es ist wichtig, erste Schritte zu setzen. Daher bitte ich Sie um Mitgefühl und um die Bereitschaft, helfend tätig zu werden.
Sendung vom 8. November 2015
Verklärend erinnern
Es ist gerade eine Woche her, dass wir bei uns zu Hause die Oleanderbüsche in ihren großen, schweren Töpfen in die Garage verfrachtet haben. Sogar der empfindliche Zitronenbaum durfte die ersten drei Novemberwochen noch im Garten verbringen, ehe er sein Winterquartier beziehen musste, so ungewöhnlich warm und sonnig war diese Zeitspanne.
Und heute zünden wir bereits die erste Kerze auf unserem Adventkranz an. Der Übergang von einem fast spätsommerlichen Herbst in die Vorweihnachtszeit kam also heuer besonders abrupt, es war fast ein Sprung und kein langsames Hinübergleiten.
Erinnerungen an die Kindheit mögen wohl manchmal trügerisch sein, verklärt durch die Jahrzehnte und durch das liebevolle Gedenken an die längst verstorbenen Eltern und Großeltern. Aber der Advent ist für mich mit Winter verbunden, mit Schlittenfahren und mit dem Bauen von Schneeburgen, hinter deren Wällen wir Schneebälle sammelten, um bedrohliche Krampusse oder andere Schreckgestalten dieser Jahreszeit abzuwehren. Advent, das waren Eisblumen an den Fensterscheiben und Bratäpfel im Ofen.
Gerade als Historiker, der sich mit einer Epoche beschäftigt, für die es noch Menschen gibt, die die Zeit selbst erlebt haben, weiß ich, wie kompliziert die Sache mit der persönlichen Erinnerung ist. Tatsächlich Erlebtes mischt sich mit dem, was man gehört, gelesen, in Fotoalben gesehen oder mit Freunden diskutiert hat. Erinnern ist ein gesellschaftlicher Vorgang, er vollzieht sich in einem familiären oder breiter sozialen Umfeld.
Lassen Sie mich das mit einem persönlichen Beispiel erläutern. Als meine Familie vor ein paar Jahren bei einer Amerikareise wieder einmal in die kleine Stadt Ithaca im Staat New York kam, wo wir 1990 ein gutes halbes Jahr lebten, antwortete meine Tochter, die 1990 drei Jahre alt war, auf die Frage nach dem Wiedererkennen, sie erinnere sich an fast alles, weiß aber nicht, ob es ihr individuelles Gedächtnis ist, oder nur das gespiegelte Bild der Fotos und Erzählungen, die in der Familiengeschichte ihren großen Platz haben. Sie hat ein Bild der Jahre 1990 und 1991 im Kopf, aber es ist nur zum Teil ihr eigenes Gedächtnis an konkrete Ereignisse und Orte, es wurde von uns Eltern, vom großen Bruder, von Freunden mitgeformt.
Selbst meine Erinnerung an diese nun gerade ein Jahrhundertviertel zurückliegende Adventzeit in den USA ist schon von Nostalgie überformt und durch die eigenen Erzählungen zumindest leicht schräg in meinem Kopf fixiert. Da ist vorerst der Winter in Upstate New York, ein Winter, wie wir ihn hier nicht kennen. Da legen Schneestürme die Stadt schon mal zwei Tage lahm, und wir kämpften uns von unserem Hügel hinab in ein Einkaufszentrum, um einen Flug nach Florida zu buchen, um ein paar Tage der Eiseskälte entfliehen zu können, was wir dann alle mit einem furchtbaren Sonnenbrand bitter bereuten.
Da gibt es aber auch, um die Brücke zum heutigen Tag zu schlagen, die Geschichte unseres Adventkranzes, den meine Frau in einem Bastelkurs mit Freundinnen gebunden hatte. Groß wie ein Wagenrad und schief, so hing er dann in unserer kleinen Wohnung von der Decke, ohne Kerzen, denn die waren und sind dort streng verboten, und wir wollten ihn nicht elektrisch beleuchten. Und es gibt die Geschichte vom Weihnachtsbaum-Schneiden im verschneiten Wald, wo jeder Baum 25 Dollar kostete und unsere Kinder daher auf einen großen Baum bestanden, dessen Transport schon eine einzige Katastrophe war und der schließlich gut einen Meter höher war als unsere Decke im Wohnzimmer.
Erinnerungen verklären. Wir verdrängen den Gutteil der belastenden Erfahrungen und runden die schönen Erlebnisse zur Erinnerung ab. Selbst im Erinnern an Schmerzliches findet sich dann Trost, wie wir das etwa in den Gesprächen mit Menschen, die das Kriegsende erlebt haben und darüber zu reden bereit waren, erfahren konnten. ,,Erzählt, was ihr erlebt habt“ nennt sich die Serie, die samstags in „Steiermark Heute“ ausgestrahlt wurde, und die uns Menschen in ihren Verarbeitungsstrategien beim Erinnern an Schweres und Schreckliches zeigt. Erinnern wird hier zur Botschaft an die nächsten Generationen, zur Warnung vor Aggressionen und Vorurteilen und zum Aufruf zum menschlichen Umgang miteinander.
Wie werden wohl in 20, 50 oder 70 Jahren die Familienerzählungen jener Menschen aussehen, die derzeit jene Schrecken durchmachen, die unsere Generationen der Eltern oder Großeltern erfahren mussten? Wird es ein Bild ergeben, das neben Ängsten und Verlusten auch Platz hat für Hoffnungen, positive Erfahrungen oder gar für Dankbarkeit? Werden schöne Momente verankert sein? Wird man Erleben in die eigene Lebensgeschichte so einordnen können, dass nachkommende Generationen daran teilhaben können, dass sie also Teil des kommunikativen Gedächtnisses werden? Werden diese Menschen einst über Fotoalben sitzen, die sie auf den Fluchtrouten, vor den Zäunen, in den Lagern zeigen? Wie werden dann wir Steirer vorkommen? Als freundliche Helfer oder hartherzige Herbergsverweigerer?
Gerade im derzeitigen Reden von Werten, die Zuwanderer nun von und bei uns lernen sollten, könnten wir uns selbst in der Geschichte der Herbergssuche einer hochschwangeren Frau, die ein Notquartier im Stall zwischen Ochs und Esel findet, recht gut spiegeln.
Sendung vom 29. November 2015
Optimismus und ein Lächeln
Zehn Tage nach dem Jahreswechsel wird wohl bei vielen Menschen ein Teil der guten Vorsätze schon über Bord gegangen sein. Manche werden schon wieder zur Zigarette gegriffen haben, der man strikt abgeschworen hat, andere haben vielleicht den geplanten Morgensport schon wieder eingestellt. Das sind Zeichen von Willensschwäche, aber in zwölf Monaten kann man es ja erneut versuchen.
Wichtig aber wäre es, zwei gute Vorsätze nicht aufzugeben: Der erste ist der Versuch, seiner Umwelt freundlich zu begegnen, den Mitmenschen mit einem Lächeln in die Augen zu blicken. Das macht für alle, nicht zuletzt für mich selbst, den Tag leichter. Und der zweite ist, auch in den schwierigen Zeiten den Optimismus nicht zu verlieren. Sicher, es gibt genügend Gründe, besorgt oder gar verzagt in die Zukunft zu blicken, aber ganz ohne Optimismus, ohne den Willen, die Dinge zum Guten zu wenden, ist der halbe Weg nach unten schon angetreten.
Unsere Eltern und Großeltern können ein Lied davon singen, wie man mit Optimismus und mit dem Glauben an eine gestaltbare Zukunft über Krisen hinwegkommen kann. Es ist heute gerade 70 Jahre her, dass die erste Generalversammlung der Vereinten Nationen tagte, nach einem Krieg, der 60 Millionen Menschenleben gefordert hatte und der mit dem Holocaust das schlimmste Verbrechen der Menschheit in das Geschichtsbuch des blutigen 20. Jahrhunderts eingetragen hatte. Und die UNO führte die Staatengemeinschaft zusammen und verpflichtete alle, drei Jahre nach dem Ende des blutigen Ringens, auf die Erklärung der Menschenrechte.
Sicher, das hat die Welt nicht in allen Teilen friedlicher gemacht. Stellvertreterkriege wie etwa in Korea, blutige Unabhängigkeitskämpfe und Bürgerkriege in Afrika, Errichtung von Diktaturen in Lateinamerika kosteten Millionen Menschen auch seither das Leben. Der Weltfriede war nicht eingetreten. Aber es gab ein Verhandlungsforum und eine Weltöffentlichkeit, die zumindest moralisch einschreiten konnte.
Bei uns im Land selbst packte man an, um aus Trümmern eine neue Existenz zu bauen. Bundeskanzler Figl konnte zu Weihnachten 1945 den Menschen noch gar nichts versprechen, nicht einmal Fensterkitt zum Einpassen der Glasscheiben, aber schon fünf Jahre später startete das österreichische Wirtschaftswunder, das mit Kühlschränken, Waschmaschinen, Autos und Fernsehapparaten ein neues Lebensgefühl einläutete. Klar, dahinter stand auch Hilfe von außen, aber ohne den Optimismus der Wiederaufbaugeneration wäre dieser Weg nicht gangbar gewesen.
Da gab es natürlich auch Verdrängung und Verleugnung der Mitschuld an den grausamen Ereignissen der Jahrzehnte zuvor. Aber man hatte erfasst, dass der Nachbar nicht der Feind ist, dass man sich zusammensetzen und über die Differenzen reden kann, dass die zivilisierte Diskussion sinnvoller ist als jede Gewalt. Man hatte sich zu einem Miteinander für eine gemeinsame Zukunft entschieden.
Wir haben fast vergessen, dass sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zehn Millionen Menschen auf der Flucht befanden und außerhalb ihrer Heimatländer lebten. Dazu kamen jene, die die Alliierten aus den Konzentrationslagern befreit hatten. Die Million, die damals in Österreich Zuflucht suchte, wurde in großen Lagern untergebracht und mit der Hilfe von internationalen Organisationen ernährt. Viele dieser Menschen oder deren Nachkommen zählen heute zur Elite in unserem Land. Sie haben den Integrationsprozess geschafft und in Österreich eine neue Heimat gefunden.
Es ist wirklich bewundernswert, woher die Menschen damals ihren Optimismus und ihre Zukunftsgläubigkeit nahmen. Sie stellten sich den ungeheuren Problemen, packten an und schafften es. Vor allem aber bereiteten sie meiner Generation, die in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg geboren wurde, eine Startrampe in eine Zukunft, von der die Generationen vorher wohl nicht einmal zu träumen wagten. Materielle Sicherheit, Bildungschancen, Aufstiegswege, Mobilität, Fremdsprachen, all das lag vor uns und wurde durch den Optimismus der Vorgängergeneration bereitgestellt.
Verglichen mit der damaligen Zeit sind die Herausforderungen der Gegenwart wohl eher bescheiden. Sicher, die Wirtschaftskrise hat uns im Griff, die Zahl der Arbeitslosen steigt und der Flüchtlingsstrom, der an unsere Grenzen und durch unser Land fließt, wird nicht geringer. Wir sehen zudem einen europäischen Desintegrationsprozess, der Menschen wie mich, für die Europa das große Friedensprojekt war und ist, erschreckt. Wir wissen heute auch nicht, ob unsere Kinder ein vergleichbares Ausmaß an materieller Sicherheit erreichen können, wie es für uns Selbstverständlichkeit war. Und wir sehen eine Politikergeneration, der wir die Lösungskompetenz für die Zukunftsfragen nicht wirklich zutrauen. Das macht auch Töne stark, die wir schon für Vergangenheit hielten, die ganz sicher aber keine zukunftsweisenden Signale für Österreich, für Frankreich, für Polen oder Ungarn sind. Das ist alles nicht erfreulich, aber es sollte und darf kein Grund zu Resignation und Pessimismus sein. Die Wirtschaft kennt das Gesetz der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wenn wir also eine düstere Zukunft erwarten, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich düster wird, sehr viel größer, als wenn wir positive Signale und Hoffnung ausstrahlen.
Gehen wir daher das neue Jahr mit Schwung und Optimismus an. Packen wir an, seien wir solidarisch, hilfsbereit und freundlich. Strecken wir die Hand aus, wenn wir Menschen in Not sehen, und schenken wir unserer Umwelt ein Lächeln. Das kostet gar nichts, macht aber für alle den Tag schöner und das Leben ein ganz klein wenig leichter.
Sendung vom 10. Jänner 2016
... zur Bildung
Schulschluss
An den Universitäten ist in diesen Tagen das Studienjahr zu Ende gegangen. Die meisten Prüfungen sind absolviert und unsere Studierenden, die ja großteils auf Zusatzeinkommen angewiesen sind, haben schon ihre Ferialarbeit begonnen, sofern sie eine ergattern konnten. Nur wenige können in den Ferien ihr Studium vorantreiben oder einfach die freie Zeit genießen, zu groß ist der ökonomische Druck geworden, der auf der studierenden Jugend lastet.
Ferialarbeit ist aber auch meist eine große Chance. Es geht nicht nur um das Geld, sondern auch um das Kennenlernen der Arbeitswelt, um das Eintauchen in normalerweise fremde Denkmuster und Kulturen. Ich habe mein Geld damals als Student im Gastgewerbe verdient, aber viele meiner Freunde waren mutiger und sind in ganz fremde Welten eingetaucht. Da wurde in einer schwedischen Papierfabrik gejobbt, und einige Kollegen waren angeblich sogar in Skandinavien, um Leichen zu waschen. Mein Sohn war mehrere Sommer bei der Müllabfuhr und meine Tochter wird heuer in der japanischen Landwirtschaft arbeiten. All das sind Lebenserfahrungen, die sich einprägen und die der sozialen Sensibilisierung dienen. Und diese scheint mir wichtig, denn Studieren ist bei uns noch immer ein Privileg. Obwohl am Ende meist nicht mehr das große Geld oder die sichere Stellung winken, ist es doch so, dass die Höhe der Qualifikation die Chancen im Beruf entscheidend beeinflusst. Daher sollten die Begabten jedenfalls studieren.
Bei der Studienwahl sollten aber Interesse und Begabung entscheiden und nicht die vermeintlichen Chancen im Beruf. Die kann langfristig niemand garantieren. Hat man aber nach seinen Neigungen studiert, so sollte man zumindest nicht in frustrierenden Tätigkeiten enden.
Berufswünsche und -möglichkeiten ändern sich zudem rasch. Ich habe etwa Lehramt Deutsch und Geschichte studiert und sah mich abwechselnd entweder als Schriftsteller oder aber als Lehrer, etwa in Hermagor, wohin ich ein konkretes Angebot hatte, noch bevor ich mein Studium abgeschlossen hatte. Gekommen ist es dann anders, durch das Unerwartete
Um aber überhaupt studieren zu können, muss man erst durch mindestens zwölf Jahre im Bildungssystem. Und da ist jeder Jahresabschluss eine Zeit voller Hoffen und Bangen. Jetzt ist es zu spät, die Entscheidungen für heuer sind gefallen und das Zeugnis, das es in wenigen Tagen gibt, ist nun nicht mehr beeinflussbar. Jetzt kommen gute Vorsätze zumindest für dieses Schuljahr nicht mehr zeitgerecht.
Allen Schülerinnen und Schülern, aber auch allen Eltern sei gesagt, dass die Aufregungen dieser Tage zu jedem Leben gehören. Auch ich habe gezittert, hatte meine Angstfächer und meine Albträume. Und mein Bildungsweg stand durchaus an Scheidewegen. Mit 13, schon zwei Jahre von zu Hause weg und den ersten Stürmen der Pubertät hilflos ausgesetzt in einem Mittelschülerheim, in dem ich der mit Abstand Jüngste war, da war nicht nur ich, sondern wohl auch meine Familie verunsichert, ob das Gymnasium die richtige Entscheidung war. Viel hat nicht gefehlt, und ich wäre ein Jahr später in einer anderen Ausbildungsform gelandet. Und bei der Matura hätte ich zumindest in Latein durchaus scheitern können.
Wenn ich darauf zurückschaue, dann weiß ich, wie viel im Leben vom Zufall und vom Glück abhängt. Auch das lange Begleiten meiner Kinder durch das Schulsystem macht demütig. Die kurvenfreie Autobahn hin zur Universität gibt es wohl für fast niemanden in unserer Gesellschaft. Und es gibt die Beispiele, dass das Scheitern in der Schule durchaus noch höchst erfolgreiche Lebensläufe zulässt. Viele in unserem Land, die dieses politisch, ökonomisch oder kulturell gestalten, waren keine Helden der Schulzeit. Da stehen Wiederholungen, Schulwechsel, Nachhilfe oder Scheitern in den Biographien.
Wenn ich meinen „Sub auspiciis präsidentis“-Ring betrachte, der mir beim Einbruch in unser Haus gestohlen wurde, den mir aber meine Universität als Replik besorgt hat, so lasse ich oft die Zufälle und glücklichen Fügungen Revue passieren, die mich durch die Oberstufe der Mittelschule und das Studium geführt haben. Erfolg und Scheitern liegen oft ganz nahe beisammen.
Wichtig scheint mir zu sein, dass schulische Leistung fair gemessen wird. Ich hatte meine Konflikte, die sich auf die Noten auswirkten, ich hatte aber auch Menschen, die mir mit zu positiven Vorurteilen gegenüberstanden. An der Universität anonymisieren wir wichtige Prüfungen, um diese Faktoren auszuschalten. Im Schulwesen scheint mir die Zentralmatura ein richtiger Weg zu sein, um die Urteile unabhängig von persönlichen Befindlichkeiten treffen zu können.
Noch wichtiger ist allerdings, dass die jungen Menschen, die jetzt schwere Tage durchmachen, emotional aufgefangen werden. Jetzt zu schimpfen oder zu strafen, nutzt wenig. Jetzt braucht es das verständnisvolle Gespräch und die Entwicklung von Strategien zur Verbesserung in der Zukunft. Nachhilfe ist keine Schande, auch andere Formen der Hilfe stigmatisieren nicht und sollten bei Bedarf in Anspruch genommen werden. Auch wir haben im Erziehungsprozess einmal professionelle Hilfe in Anspruch nehmen müssen, und es hat wirklich geholfen.
Jetzt steht unser Sohn im Beruf und unsere Tochter hat ihr Studium gut im Griff. Wir können uns erst einmal, nach dem eigenen Zittern und dem Mitzittern mit den Kindern, zurücklehnen und milde über die Sorgen von Freunden, Nachbarn oder Kollegen lächeln. Aber wenn es dann eine nächste Generation geben wird, werden wir wohl als Großeltern bei Schulschluss vor dem Schultor stehen, Enkelkinder in die Arme schließen und Tränen trocknen.
Machen Sie aus dem Zeugnis, sollte es Ihren Erwartungen nicht entsprechen, kein Drama. Gehen Sie so damit um, dass positive Energien freigesetzt werden können, damit es nächstes Mal besser wird.
Sendung vom 5. Juli 2009
Schulsysteme
Nun sind sie also wieder vorbei, die Sommerferien dieses Jahres. Die Schultaschen für das kommende Schuljahr sind gepackt und ein Großteil der jungen Leute geht wohl mit froher Erwartung in die kommenden Wochen und Monate.
Es gibt viel berechtigte Kritik an unserem Schulsystem. Man kann vorrechnen, dass es eines der teuersten Schulsysteme der Welt ist und dass trotzdem die Leistungen der Schülerinnen und Schüler nicht berauschend sind. Das signalisiert zumindest der regelmäßig durchgeführte Pisa-Test, der die Kenntnisse der Kinder international vergleicht. Und es gibt zu viel Bürokratie in unsinnig abgestuften Formen. Besonders aber wird kritisch angemerkt, dass viel zu früh ein Auslesesystem greift und soziale oder regionale Ungerechtigkeiten nicht wirkungsvoll genug ausgeglichen werden.
Hier gibt es ein breites Feld von notwendigen Verbesserungen. Vor allem kann es sich kein Land der Welt leisten, Begabungsreserven zu vergeuden. Und nur allzu oft bestimmt noch die Herkunft über die Chancen im Bildungssystem.
Ich bin im Lavanttal aufgewachsen. Von allen meinen Mitschülern aus der Volksschule ging niemand in ein Gymnasium. Die Begabteren saßen in St. Gertraud im ersten Klassenzug der Hauptschule, die anderen im zweiten. Und wären mein Bruder und ich nicht Lehrerkinder gewesen, hätte das Experiment, uns von der Hauptschule ins Gymnasium wechseln zu lassen, wohl niemand gewagt. Mein Bruder hatte es deutlich schwerer, nach der dritten Klasse Hauptschule die Aufnahmeprüfung in die vierte Klasse Gymnasium zu wagen, Latein nachzulernen und vieles mehr. Ich wechselte nach einem Jahr Hauptschule in die zweite Klasse des Gymnasiums, 60 km von zu Hause, damals eine Weltreise.
Während auch schon damals in den Städten etwa jedes dritte oder vierte Kind ins Gymnasium ging, waren wir aus St. Gertraud zwei aus zweihundert. Hier gab es die große regionale und soziale Barriere.
Natürlich ist hier Österreich keine Ausnahme. Auch in anderen Ländern wird mit den größeren oder bescheideneren Möglichkeiten, eine Schulform zu wählen, selektiert. In den letzten Tagen, die meine Frau und ich in England verbrachten, sahen wir im Fernsehen eine Dokumentation über die Freundin von Prinz William. Die Eltern der jungen Dame haben ein Vermögen in Privatschulen investiert, um die Tochter in die vermeintlich besseren Kreise zu bringen. Und in den USA startet dieser Prozess mit der privaten, damit teuren, aber meist besseren (oder zumindest prestigeträchtigeren) Volksschule. An der Eliteuniversität zahlt man dann bis zu 30.000 Euro pro Jahr Studiengebühren. Ein Studium kostet also, ohne Wohnung, Ernährung, Kleidung, Transport und ähnlichem zumindest 150.000 Euro, das ist eine Summe, die das Zehnfache eines Jahreseinkommens von Durchschnittsverdienern beschreibt.
Aber es gibt auch Länder, in denen die Ausnützung der Begabungsreserven besser funktioniert. Finnland ist ein solches Beispiel, und nicht umsonst liegt dieses Land nicht nur in den Pisa-Tests voran, sondern hat rund um die Bildungseinrichtungen modernste Industriebetriebe, etwa in der Telekommunikation, aufgebaut.
Das entscheidende Merkmal des finnischen Bildungssystems ist die relativ späte Richtungsentscheidung der jungen Menschen. Sie bleiben sehr lange in einem einheitlichen System, das nebenbei auch Ganztagesarbeit von Alleinerzieherinnen möglich macht, und erst dann die Entscheidung herbeiführt, wenn soziale Benachteiligungen ausgeglichen und die Begabungsrichtungen erkennbar sind.
Natürlich ist unser Bildungssystem vielfachem Druck ausgesetzt. Die Migrationsströme haben die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern nicht einfacher gemacht, und das meint nicht nur das Problem der Sprache, sondern auch die kulturellen Codes. Hier ist viel zu investieren, vor allem in die Vorschulpädagogik. Man braucht gerade für die Kleinsten im Bildungssystem die besten Lehrerinnen und Lehrer, vor allem solche, die sich soziale Kompetenzen aneignen konnten.
Jene Lehrer müssen keine Mathematiker, Physiker, Musiker, Sportler oder Historiker sein, sondern in erster Linie Pädagogen, mit Gespür für die Kinder.
Und dann, nach Kindergarten und Volksschule, scheint mir die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen eine sinnvolle Weiterführung, die noch ohne gröbere ideologische Kämpfe ins Blickfeld genommen werden könnte. Meine Hauptschule in St. Gertraud hat mich jedenfalls mit den engagierten Lehrkräften nicht schlechter unterrichtet wie dies dann die Professorinnen und Professoren im Gymnasium getan haben. Aber es gab natürlich kein Latein und es gab die Defizite in den lebenden Fremdsprachen. Ein Ausgleichen der Fächer und der Inhalte könnte die Bildungsumstiege erleichtern und damit spätere Richtungsentscheidungen noch möglich machen.
Gewisse Ungleichheiten bleiben natürlich in allen Ländern bestehen. Wer in Haushalten mit vielen Büchern und frühen kulturellen Erfahrungen aufwachsen kann, der ist im Vorteil. Wer mit mehr als einer Sprache schon als Kind umzugehen gelernt hat, also über breitere Kommunikationstechniken verfügt, hat es leichter. Und ein städtisches Umfeld bietet mehr an Möglichkeiten und Herausforderungen. Gebildete und begüterte Eltern sind sicher kein Nachteil.
Im Wissen darum muss die Bildungspolitik Angleichungen anstreben, Hilfestellungen geben und nicht zu früh Türen schließen. Einiges ist ja derzeit in Bewegung, aber jedes Jahr Reformverzögerung schließt immer einen ganzen Jahrgang von den neuen Möglichkeiten aus. Daher ist Eile geboten.
Sendung vom 6. September 2009
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