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Irrlichter und Spökenkieker

Impressum

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Helga Licher

Irrlichter und Spökenkieker

Roman

XOXO Verlag

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-185-6

E-Book-ISBN: 978-3-96752-669-1

Copyright (2021) XOXO Verlag

Umschlaggestaltung & Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

unter Verwendung der Bilder:

Stockfoto-Nummer: 571299529, 1902593308

von www.shutterstock.com

Hergestellt in Bremen, Germany (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Gröpelinger Heerstr. 149

28237 Bremen

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

1

Pfarrer Harms hatte es eilig.

Die letzte Ölung beim alten Christiansen hatte viel mehr Zeit in Anspruch genommen, als ihm lieb war.

Bereits seit Stunden wurde er auf dem Knudtsenhof erwartet und Harms wusste genau – Ole Knudtsen konnte sehr ungnädig werden, wenn man ihn warten ließ.

Hastig lief der Pfarrer den Feldweg entlang, der zur Hauptstraße führte. Von dort war es nur noch ein kurzer Fußmarsch bis nach Oldsum. Zu allem Überfluss hatte es inzwischen zu regnen begonnen und die halblangen, dünnen Haare des Pfarrers klebten zerzaust an seiner Stirn. Mit einer ungeduldigen Handbewegung strich er eine Haarsträhne zurück und schlug den Kragen seines langen, schwarzen Mantels hoch.

Gewöhnlich war er mit seinem Fahrrad unterwegs, aber irgendjemand hatte ihm in der vergangenen Nacht einen Streich gespielt und die Luft aus den Reifen gelassen. Die Luftpumpe war unauffindbar, und so musste sich der Pfarrer zu Fuß auf den Weg machen.

Einen Augenblick lang blieb er an der Kreuzung stehen und ließ seinen Blick über das weite Deichvorland schweifen.

»Hier hat unser Herrgott sein Meisterstück geschaffen«, murmelte er und schlug die Richtung nach Oldsum ein.

Äußerst misstrauisch waren die Oldsumer ihm gegenübergetreten, als er nach seiner Ordination das Pfarramt in der St. Laurentii Gemeinde übernahm. Doch schon bald hatte er durch seine hilfsbereite und bodenständige Art das Vertrauen der Dorfbewohner gewonnen.

Das 800 Jahre alte Gotteshaus der St. Laurentii Kirchengemeinde, welches fortan seine Wirkungsstätte sein sollte, befand sich inmitten des Friedhofes der Orte Oldsum und Süderende. Das Geläut der bronzenen Kirchenglocken war weit über die Insel zu hören, wenn sie mit ihrem satten Klang zum sonntäglichen Gebet riefen.

Während Oldsum im 17. Jahrhundert von Walfängern und Fischern besiedelt wurde, ist das Ortsbild heute von schmucken, reetgedeckten Bauernhöfen geprägt. Duftende Gärten säumen die schmalen Straßen.

Wenn man die Hauptstraße entlang, etwa bis zur Dorfmitte geht, dort wo die alte Windmühle steht, sieht man schon von weitem den stattlichen Hof der Familie Knudtsen.

Der Knudtsenhof ist bereits seit über hundert Jahren im Besitz der Familie, und selbst die Sturmflut im Jahre 1825 konnte dem prächtigen Bauernhof nichts anhaben. Vielen Oldsumern nahm die Flut damals ihr gesamtes Hab und Gut. Als die Deiche brachen und große Teile des Dorfes überfluteten, rechnete niemand mit dieser Katastrophe. Die Menschen wurden von den Wassermassen regelrecht im Schlaf überrascht. Die Familie Knudtsen zeigte sich damals sehr großzügig und nahm viele obdachlose Föhrer bei sich auf. Als der Jungbauer Ole Knudtsen den Hof von seinem schwerkranken Vater übernahm, hatte dieser es bereits zu bedeutendem Wohlstand gebracht und konnte mit Stolz auf eine lange Ahnenreihe zurückblicken.

Ole Knudtsen gehörte zwar zu den einflussreichsten Bauern der Insel, doch sein Leben war alles andere als leicht. Viele Schicksalsschläge hatte die Familie bereits verkraften müssen. Dabei war der Knudtsenhof vom Krieg nahezu verschont geblieben und die zerstörte Remise war dank der fleißigen Helfer schnell wieder aufgebaut, so dass der Hof bald in altem Glanz erstrahlte.

Die Schwierigkeiten, mit denen die Familie Knudtsen fertig werden musste waren anderer Art. Pfarrer Harms seufzte.

Nun gab es einen neuen Erdenbürger auf dem Hof.

Meta und Ole Knudtsen waren zum ersten Mal Großeltern geworden.

»Sieh dir die Kleine an, sie ist eine echte Knudtsen«, rief Ole, nachdem er seine Enkelin stolz dem Pfarrer präsentiert hatte. Alle Mitglieder der Knudtsen Familie hatten die gleichen dunklen Haare und feingliedrige, schmale Hände. Die braunen Augen gaben dem Mädchen ein besonders apartes Aussehen, und der wache Blick faszinierte jeden Besucher, der sich über die handgeschnitzte Eichenwiege beugte.

»Die geschwungene Mundpartie hat sie eindeutig von ihrem Vater«, sagte Oles Tochter Rieke und schaute ihren Mann Laas liebevoll an. Laas Klassen trug einen rostbraunen Anzug und ein tadellos weißes Hemd. Der leichte Bauchansatz wurde kaschiert von einer dunkelbraunen Weste, die mit drei Knöpfen geschlossen wurde. Die Arbeit in der Spedition erforderte stets seriöse Kleidung. Auch äußerlich war erkennbar, dass Laas kein Bauer war.

»Mein Enkelkind soll Stine heißen, wie meine Mutter«, verkündete der alte Knudtsen, nahm umständlich seine Brille ab und verstaute sie in der Brusttasche seiner Arbeitsjacke.

Lächelnd strich Meta ihrem Enkelkind zart über die rosigen Wangen.

»Ja Ole, Stine ist ein schöner Name«, sagte sie leise und schaute ihren Mann nachdenklich an. Tiefe Falten hatten sich in seine sonnengebräunte Haut gegraben, und an den Schläfen kräuselten sich die ersten grauen Haare. Alt ist er geworden, dachte Meta und seufzte.

Die harte Arbeit auf dem Hof hatte ihre Spuren hinterlassen. Oft plagten den Bauern heftige Rückenschmerzen, die jede Bewegung zur Qual werden ließen.

»Heute Abend gibt es Freibier für alle«, verkündete Ole laut, legte seinen Arm um die Bäuerin und drückte sie an sich.

»Jeder in Oldsum soll auf das Wohl unserer Stine trinken.«

Mit der freien Hand griff er nach seinem Glas und trank es in einem Zug leer. Beschämt trat Meta einen Schritt zur Seite, so dass der Arm des Bauern von ihrer Schulter rutschte. Wenn er doch nicht immer so viel trinken würde, dachte sie, wobei sie die Kömflasche unauffällig vom Tisch nahm, um sie in die Küche zu tragen.

»Als unsere Tochter Rieke geboren wurde, hat niemand auf ihr Wohl getrunken«, die Bäuerin konnte nicht verhindern, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten.

Als Oles Frau Meta damals nach vier Fehlgeburten endlich einer gesunden Tochter das Leben schenkte, sah keiner dem Bauern seine Enttäuschung an, obwohl für ihn eine Welt zusammen brach.

Wie sehr hatte er sich einen Stammhalter für den Knudtsenhof gewünscht. Nächtelang saß er im Wirtshaus und ertränke seinen Kummer im Schnaps.

Meta, die heute zur Großmutter geworden war, fühlte damals, wie sehr der Bauer litt und zog sich immer mehr zurück. Wie gerne hätte sie dem Hof den ersehnten Erben geschenkt, doch das Schicksal wollte es anders. Oft sah man die Bäuerin mit dem Kinderwagen auf dem Friedhof von Süderende. Dort kauerte sie unter dem alten Holzkreuz, in ein Gebet vertieft.

»Sie spricht mit dem Kreuz«, raunte der Pfarrer der St. Laurentii Kirchengemeinde beim Frühschoppen Ole zu und machte ein besorgtes Gesicht. Der Bauer schüttelte lachend den Kopf.

»Komm Pfarrer, trink erst mal einen. Die Meta hat einen kleinen Spleen, das legt sich wieder, alles ganz harmlos…«

Doch Ole ahnte, ganz so harmlos, wie er dem Pfarrer weismachen wollte, waren die Spaziergänge auf dem Friedhof nicht.

»Sag Pfarrer, wann wollen wir unser Enkelkind taufen? Ein großes Fest soll es geben, mit Köm und Rum und Zwetschgenkuchen«

Mit vor Stolz geschwellter Brust schaute Ole in die Runde.

Es stand für ihn außer Frage – die Taufe seines ersten Enkelkindes musste gebührend gefeiert werden.

Der alte Harms besah sich den schlummernden Säugling in der Wiege und runzelte missbilligend die Stirn.

»Bei einer Taufe wird kein Alkohol getrunken, so will es der Brauch«, sagte er mürrisch.

»Ach Pfarrer…«, knurrte Ole, während er mit seinem Taschentuch die Schweißtropfen von seiner Stirn wischte.

In diesem Moment erklang aus der Wiege lautes Geschrei.

»Jetzt hast du Stine aufgeweckt«, sagte Laas vorwurfsvoll zu Ole und beugte sich zu seiner Tochter hinunter. Behutsam legte er seinen Daumen in die winzige Hand und beobachtete, wie Stine nach dem Finger griff und ihn fest umklammerte. Sofort beruhigte sich der Säugling, öffnete die Augen und schaute seinen Vater an.

Dem Knudtsen-Bauern wurde es warm ums Herz. Gerührt sah er zu, wie sein Enkelkind ganz leicht den Mund verzog und eine kleine Grimasse zog.

»Sie hat gelächelt…« sagte Rieke, wobei ihre Augen vor Glück leuchteten. Zart strichen ihre Finger über die blütenweiße Bettwäsche. Ole hätte sich gerne seine Pfeife angezündet, traute sich in Anwesenheit des Säuglings aber nicht. Nachdenklich setzte er sich in den Ohrensessel, der neben dem Ofen stand. Bald wird es wieder lebendig auf dem Hof, dachte er. Dann fiel sein Blick auf Meta, die sich leise mit Rieke unterhielt.

Trotz ihrer fünfzig Jahre war Meta noch immer eine schöne Frau. Aus den kleinen Lachfältchen, die ihr Mann so liebte, waren mittlerweile tiefere Falten geworden. Noch immer blinzelte sie mit den Augen, wenn sie aufgeregt war und biss sich leicht auf die Unterlippe, wenn jemand sie verunsichert hatte. Ihre graumelierten Haare trug sie meistens zu einem Knoten gesteckt. Nur abends, wenn sie ihr bodenlanges Nachtkleid anlegte, hingen die Haare offen bis auf die Schultern hinunter, wobei sie tatsächlich wieder jung aussah, wie in ihren Mädchentagen.

Als junger Bursche war Ole bei den Mädchen auf der Insel sehr beliebt gewesen. So manche Deern im heiratsfähigen Alter warf ihm vielsagende Blicke zu, wenn abends auf der großen Diele getanzt wurde. Er aber hatte nur Augen für die junge Meta Ahrends, die vom Festland gekommen war, um auf Föhr als Lehrerin zu arbeiten. Meta hatte dunkelblonde Haare und lustige Sommersprossen auf der Nase, die Ole besonders gut gefielen. So dauerte es nicht lange, bis der Bauernsohn die hübsche Meta als seine Frau auf den Knudtsenhof holte.

Die ersten Jahre ihrer Ehe verliefen glücklich und harmonisch. Ole liebte seine Frau maßlos und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Zunächst zeigte Meta großes Interesse an der Landwirtschaft, doch immer häufiger ließ sie ihren Mann die Stallarbeit alleine erledigen. In dieser Zeit entstanden die ersten kleinen Gedichte, die sie liebevoll mit kleinen Zeichnungen versah.

Sein Blick ruhte noch immer auf Metas Gesicht. Laas beugte sich zu ihr, sagte etwas und Meta lächelte. Ole hatte sie viel zu selten lächeln sehen …

»Meta hat die Schwermut von ihrer Mutter geerbt«, hatte der Pfarrer einmal gesagt. »Auf dem Festland war die alte Frau Ahrends als Heilerin bekannt, sie hatte einen Pakt mit dem Teufel«, fuhr er flüsternd fort.

Der Bauer reagierte damals sehr verärgert und wies den alten Harms scharf zurecht. Doch seine Gedanken wollten sich einfach nicht mehr beruhigen.

Hatte der Pfarrer Recht?

2

Die kleine Stine entwickelte sich zu einem prachtvollen Kleinkind. Mit ihren dunklen Augen blickte sie neugierig in die Welt. Rieke band ihr oft kleine, rote Schleifchen ins Haar, die Stine gar nicht mochte. Mit einer unendlichen Hartnäckigkeit versuchte sie immer wieder sich von diesen Bändchen zu befreien.

So oft es ging verbrachte Rieke Klassen die Nachmittage auf dem Hof ihrer Eltern. Sie sorgte rührend für ihr Baby, obwohl Meta die innige Verbundenheit einer jungen Mutter zu ihrem Kind vermisste. Stets hielt Rieke eine gewisse Distanz zu ihrem Kind. Meta dachte daran, dass auch sie die körperliche Nähe zu ihrer Tochter nur schwer ertrug. War es den Knudtsen-Frauen nicht gegeben Mutterliebe zu zeigen?

»Die Zeit wird es richten«, sagte Meta sich und schloss ihr Enkelkind in ihr Abendgebet ein.

Die ersten Frühlingsstürme waren in diesem Jahr ausgeblieben. Langsam drangen zaghafte Sonnenstrahlen durch die Nebel, die vom Meer kommend über die Insel zogen. Durch das alte Buchenlaub des vergangenen Jahres, das den Waldboden wie ein Teppich bedeckte, lugten bereits die gelben Spitzen der Osterglocken.

Die kleine Stine Klassen hatte ihren ersten Geburtstag gefeiert. In einem hübschen Kleid aus rosafarbenem Batist saß sie bei ihrer Mutter auf dem Schoß und ließ sich den Geburtstagskuchen schmecken. Meta schaute in Gedanken versunken auf Mutter und Tochter und dachte daran, wie sehr Rieke sich in den letzten Jahren verändert hatte.

Aus einem schüchternen, jungen Mädchen war eine erwachsene Frau geworden. Schade, dass sie so gar nichts aus sich macht, überlegte die Bäuerin. Dabei hat sie ein so hübsches Gesicht.

Ihre zierliche Figur versteckte Rieke oft unter viel zu weiten Kleidern und ihre Hände und Füße machten einen eher ungepflegten Eindruck. Rieke erklärte diese Nachlässigkeit stets mit Zeitmangel.

»Hast du eine Ahnung, wie viel Arbeit ein kleines Kind macht?«, sagte sie oft vorwurfsvoll zu ihrer Mutter.

Meta konnte über diesen Einwand nur lachen.

»Ich habe auch ein Kind großgezogen. Hast du das vergessen?«

Als Kind hatte Rieke selten die Gesellschaft anderer Kinder gesucht. Sie liebte es ihre Zeit in der Kirche zu verbringen. Dort nahm sie an den Gottesdiensten teil und ging dem Küster Rickmers zur Hand.

Der Bauer beobachtete die Entwicklung seiner einzigen Tochter mit Unwillen.

»Das Mädchen soll im Haushalt helfen und nicht ständig in die Kirche rennen. Sie wird einmal diesen Hof erben, ich will keine Betschwester zur Tochter.«

Meta beruhigte ihren Mann und dachte daran, wie sehr auch sie jeden Sonntag die Seelenruhe und absolute Stille in der Kirche genoss.

Rieke beendete die Schule mit einem hervorragenden Zeugnis und äußerte den Wunsch, in einem Krankenhaus auf dem Festland zu arbeiten.

Ole Knudtsen jedoch durchkreuzte die Pläne seiner Tochter, und so erlernte Rieke schließlich in der Schneiderei Ennen den Beruf der Weißnäherin.

»Eine Bäuerin muss nähen können, so kannst du viel Geld sparen, nicht wahr Mutter?«, sagte er selbstgefällig.

Rieke tat das, was ihre Eltern von ihr erwarteten. Schneider Ennen war mit dem Mädchen sehr zufrieden, und seine Kunden mochten Riekes besonnenes, natürliches Wesen. Die Jahre vergingen, und es kam der Tag, an dem Laas Klassen in Oldsum auftauchte.

Er kam vom Festland und hatte die Aussicht, bei einem Fuhrunternehmer im Ort eine Anstellung zu bekommen. Laas war ein fülliger, junger Mann mit einem runden, freundlichen Gesicht. Er war von der Knudtsen-Tochter sehr angetan und umwarb sie nach allen Regeln der Kunst. Rieke zierte sich zunächst ein wenig, doch schließlich fand sie Gefallen an dem Burschen vom Festland.

Während dieser Zeit blühte das Mädchen förmlich auf.

Der Bauer registrierte die Veränderung seiner Tochter argwöhnisch und machte der Bäuerin heftige Vorwürfe.

»Du wirst dafür sorgen, dass sie diese Liebschaft beendet«, befahl er und sah Meta böse an. »Rieke wird einen Bauern heiraten, der unseren Hof übernehmen kann und nicht diesen Tagelöhner. Außerdem dulde ich es nicht, dass meine Tochter in diesem aufreizenden Gewand herumläuft!«

Meta kannte ihren Mann nur zu gut. Ein Gespräch mit Rieke war unumgänglich …

Als aber dann Laas eines Tages auf dem Knudtsenhof erschien und um Riekes Hand anhielt, konnte auch Meta die Katastrophe nicht mehr verhindern.

Der Bauer tobte und warf den Bewerber kurzerhand vom Hof.

»Dieser Erbschleicher wird meine Tochter nie heiraten, er soll verschwinden«, schrie er und rannte wutentbrannt aus dem Haus.

Als er Stunden später zurückkam, hatte sich nicht nur seine Laune, sondern auch seine Einstellung dem Klassen-Sohn gegenüber geändert.

In einem vertrauten Gespräch mit dem Schuster Nansen hatte Ole Knudtsen erfahren, dass Laas Klassen, zwar kein Bauernsohn aber durchaus eine »gute Partie« war. Sein Vater war der Inhaber einer großen Spedition auf dem Festland und Laas sein einziger Erbe. Auf Wunsch des Seniors sollte Laas sich in anderen Unternehmen mal den »Wind um die Nase« wehen lassen und Erfahrungen in seinem Beruf sammeln.

In Oldsum wurde Oles Sinneswandel nur belächelt. Jeder wusste, was den Bauern dazu bewogen hatte.

Die prunkvolle Hochzeit der Knudtsen-Tochter mit dem Spross der Klassen-Dynastie wurde an einem Sonntag im September gefeiert.

Rieke verbrachte zwar immer noch sehr viel Zeit in der Kirche und auf dem Friedhof, aber die Liebe ihres Mannes

tat ihr gut, das spürte Meta.

Nur dem aufmerksamen Beobachter wäre zu diesem Zeitpunkt aufgefallen, dass Riekes Fröhlichkeit allmählich einer tiefen Nachdenklichkeit gewichen war.

3

Auf dem Knudtsenhof begann die Weidesaison.

Das Milchvieh wurde auf die umliegenden Weiden getrieben, und Meta bestellte ihren Gemüsegarten.

Meta und Rieke saßen auf der Bank unter der alten Buche und schauten Stine beim Spielen zu.

Die Bäuerin genoss es, die kleine Stine aufwachsen zu sehen.

»Kinder werden so schnell groß«, stellte sie fest und fuhr fort: »Bald wird sie laufen können, du wirst sehen.«

Vorsichtig versuchte Stine einige bunte Bauklötze zu einem Turm aufzustapeln. Immer wieder griff sie mit ihren winzigen Händen nach den Steinen und jauchzte laut, wenn der Turm zusammenfiel.

»Siehst du die kleine, senkrechte Falte auf ihrer Stirn?«, fragte Meta und schaute ihre Enkelin prüfend an.

»Stine sieht dir sehr ähnlich, besonders wenn sie lacht«, fuhr Meta fort. »Sie ist viel weiter entwickelt als andere Kinder ihres Alters. Es wird nicht mehr lange dauern, dann spricht sie die ersten Worte.«

Die Bäuerin wandte sich lächelnd an ihre Tochter.

Doch Riekes Augen glänzten fiebrig und ihre Hände waren zum Gebet gefaltet.

Als Meta sie noch einmal ansprach, erschrak sie heftig und sprang verwirrt auf. Hastig riss sie die kleine Stine an sich und lief ins Haus.

Meta beobachtete das Verhalten ihrer Tochter mit Entsetzen. Es war ihr nicht entgangen, dass Rieke sehr nervös reagierte, wenn man sie unvermittelt ansprach. Manchmal schien sie mit ihren Gedanken in einer anderen Welt zu sein. Aber da die kleine Stine ein sehr lebhaftes Kind war, und Rieke ihre Mutterpflichten stets gewissenhaft erfüllte, verdrängt Meta ihre Bedenken und erklärte Riekes seltsames Verhalten mit der ganz normalen Überforderung einer jungen Mutter.

Laas Klassen hatte sich in dem kleinen Fuhrbetrieb schnell unentbehrlich gemacht. Er verbrachte immer weniger Zeit zu Hause. Überstunden waren an der Tagesordnung, und so bemerkte er viel zu spät, dass seine Frau immer eigenbrötlerischer wurde und ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter irgendwann nur noch sporadisch nachkam. Rieke begann von Erscheinungen zu sprechen und verschwand manchmal stundenlang, ohne dass jemand wusste, wo sie war. Laas ertrug geduldig das seltsame Verhalten seiner Frau. Pflichtbewusst versorgte er in seiner knapp bemessenen Freizeit seine Tochter Stine. Doch Meta sah mit großer Sorge, wie Rieke sich immer weiter von ihrer Familie entfernte und sich irgendwann kaum noch um ihren Mann und ihr Töchterchen kümmerte. Die Oldsumer beobachteten das sonderbare Verhalten der Rieke Klassen argwöhnisch. Einige lachten, andere zeigten mit dem Finger auf sie.

»Rieke spinnt, das hat sie von ihrer Mutter. So was vererbt sich, würde mich nicht wundern, wenn die lütte Stine auch schon einen Spleen weg hat«, sagte der alte Hinrichsen am Stammtisch hinter vorgehaltener Hand.

»Ich habe sie neulich an der alten Mühle gesehen. Sie hatte keine Schuhe an. Mit bloßen Füßen hüpfte sie in den Wasserpfützen herum.« Die Kellnerin aus dem Krog war entsetzt.

Ole tat zwar so, als ob er die Sticheleien der Oldsumer nicht wahrnahm, aber das Gerede seiner Stammtischbrüder verletzte ihn sehr.

Immer wieder versuchte Meta mit ihrer Tochter zu sprechen, um ihr einen Umzug aufs Festland nahe zu legen, doch Rieke wich stets aus.

»Warum willst du nicht einsehen, dass es für euch das Beste ist? Deine Schwiegereltern wären froh, wenn sie durch euch entlastet würden. Laas kann im Geschäft seiner Eltern arbeiten und du kümmerst dich um Stine«, hatte Meta gefleht. Rieke jedoch hatte trotzig den Kopf geschüttelt und sich jede Einmischung in ihr Leben verbeten.

Vielleicht wäre dieser Umzug eine Lösung gewesen, und die kleine Familie hätte in einer Umgebung, wo niemand Rieke Klassen kannte, endlich Ruhe gefunden. Doch Meta ahnte zu diesem Zeitpunkt bereits innerlich, dass sie das Schicksal nicht mehr aufhalten konnte.

Zunächst versuchte die Bäuerin ihre Sorgen und Befürchtungen vor Ole zu verheimlichen. Doch es dauerte nicht lange, da traf der Bauer seine Tochter Rieke alleine am Dorfteich an. Sie stand mit den Füßen im Wasser und sprach laut vor sich hin. Den wirren Blick ihrer Augen sollte der Bauer sein Leben lang nicht mehr vergessen.

Noch am gleichen Abend holte Ole Knudtsen die kleine Stine auf seinen Hof.

In den ersten Wochen besuchte Laas Klassen seine Tochter regelmäßig, doch mit der Zeit sah man ihn häufiger im Wirtshaus als auf dem Knudtsenhof. Rieke wurde noch einige Male am Dorfteich und auf dem Friedhof in Süderende gesehen, dann verlor sich vorerst ihre Spur. Tagelang suchten Ole und Laas nach der jungen Frau, doch diese blieb verschwunden. Laas kehrte Oldsum schließlich den Rücken und ging zu seiner Familie aufs Festland zurück.

Immer wieder gab es Gerüchte darüber, dass auch Rieke Föhr verlassen hätte und auf der Nachbarinsel Amrum leben würde. Doch Nachforschungen, die Ole zunächst noch anstellte, liefen ins Leere. Als man, an einem düsteren Herbsttag, Rieke Klassens Leiche aus dem Hafenbecken von Wyk zog, war Stine gerade drei Jahre alt geworden. Für Meta brach eine Welt zusammen. Sie fragte sich ununterbrochen, ob sie dieses Unglück, das sie doch vorausahnte, hätte abwenden müssen. Hatte es untrügliche Zeichen gegeben, die sie nicht begriff? Ole begann zu trinken und verbrachte seine Abende kaum noch zu Hause. Auf Fragen und Beileidsbekundungen reagierte er sehr abweisend und aggressiv.

»Jeder kriegt das, was er verdient«, raunte er, als der Wirt vom Krog ihm sein Bedauern aussprach.

Schließlich wusste jeder in Oldsum von dem angespannten Verhältnis des Knudtsen-Bauern zu seiner Tochter. Die Gespräche am abendlichen Stammtisch im Dorfkrug drehten sich in den folgenden Wochen nur um ein Thema.

»Er hat sie in den Tod getrieben!«, behauptete der Apotheker und machte ein bedeutungsvolles Gesicht.

»Na ja, Rieke war ein bisschen wunderlich. Das hat sie von ihrer Mutter. Wir können nur für die kleine Stine beten. Ole hat es schon nicht leicht mit seinen Frauen. Ich kann ihn gut verstehen.«

Der alte Hinrichsen schüttelte bedauernd den Kopf.

»Die Leiche war in einem schrecklichen Zustand. Fast hätten wir sie nicht erkannt. So was möchte ich nicht noch einmal sehen.«

Der Polizist Walter Eggers verzog angewidert sein Gesicht.

»Lieg du mal so lange im Wasser …«, murmelte Hinrichsen.

Tagelang war die Polizei auf dem Knudtsenhof ein- und ausgegangen um nach Antworten auf die vielen Fragen zu suchen, die sich auch die Menschen in Oldsum stellten. Die Leiche war so stark verwest, dass die Todesursache und der Zeitpunkt ihres Sterbens von der Polizei nicht mehr festgestellt werden konnten. Es wurde noch eine Weile in verschiedene Richtungen ermittelt, doch neue Ergebnisse gab es nicht.

Drei Tage nach Weihnachten wurde die Akte »Rieke Klassen« endgültig geschlossen.

4

Stine entwickelte sich zu einem bezaubernden Kleinkind, das ihren Großeltern viel Freude bereitete. Während Meta versuchte den frühen Tod ihrer Tochter zu verarbeiten, ging der Bauer relativ schnell wieder zum Tagesgeschehen über.

Die Besuche im Wirtshaus wurden weniger, dafür kümmerte er sich liebevoll um seine Enkelin. Über Rieke wurde auf dem Knudtsenhof nicht mehr gesprochen, der Bauer ließ es nicht zu. Wenn Meta den Namen ihrer Tochter auch nur erwähnte, nahm Ole die kleine Stine auf den Arm und verließ demonstrativ das Zimmer.

»Ich habe keine Tochter mehr«, sagte er stets, wenn jemand nach Rieke Klassen fragte.

Schon früh übernahm Stine kleine Aufgaben in der Küche und half ihrem Großvater bei der Fütterung der Tiere auf dem Hof. Stine war sehr wissbegierig und verbrachte viele Stunden damit, in ihren bunten Bilderbüchern zu blättern. Abends, wenn auf dem Hof Ruhe einkehrte, erzählte Meta ihr Geschichten, die sie vor vielen Jahren schon ihrer Tochter Rieke erzählte.

Manchmal fragte Stine nach ihrer Mutter, gab sich aber stets mit der Erklärung zufrieden, ihre Mutter sei bei einem Unfall ums Leben gekommen. Laas Klassen besuchte seine Tochter zuerst regelmäßig zum Geburtstag, heiratete dann aber eine Hoferbin vom Festland und begnügte sich damit, ab und zu eine Postkarte zu schreiben.

5

»Großmutter, mein Ball ist weg.«

Stine blickte kurz zu ihrer Großmutter hinüber, hüpfte die Steinstufen der Terrasse hinunter und lief in den Garten.

Nachdenklich ließ Meta Knudtsen ihr Strickzeug sinken und sah ihrer Enkelin nach.

Der frühe Tod der Mutter hatte die Sechsjährige vorzeitig zu einem verantwortungsbewussten Mädchen werden lassen, welches seine Großmutter über alles liebte. Oft, wenn Meta das Kind beim Spielen beobachtete, musste sie unweigerlich an ihre einzige Tochter denken. Stine war ihrer verstorbenen Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie hatte die gleichen dunklen Augen, die neugierig in die Welt blickten, und trug, genau wie ihre Mutter, das dicke, braune Haar zu einem Zopf geflochten.

Schmerzlich erinnerte Meta sich an Riekes Todestag, der sich in einigen Wochen zum dritten Male jährte.

Die alte Bäuerin sah diesem Tag mit Grauen entgegen. Wie in den vorausgegangenen Jahren, würde sie mit ihrer Enkelin zum Grab ihrer Tochter gehen und versuchen Stines Fragen nach der Mutter wahrheitsgemäß zu beantworten. Und wie immer würde sie der Kleinen die Antwort auf die Frage nach dem »Warum« schuldig bleiben. Oft fragte sie sich, ob sie als Mutter versagt hatte? Hätte sie Rieke retten können?

Meta erhob sich seufzend von der Bank und lehnte ihren Rücken müde gegen die von der Sonne erwärmte Hauswand. »Es wird Regen geben«, murmelte sie leise und rieb mit der Hand die schmerzende Schulter. Ihre vom Rheuma geplagten Gelenke registrierten inzwischen jeden Wetterumschwung.

Metas suchte das Kind mit den Augen, aber Stine war längst zwischen den Apfelbäumen verschwunden. Es wird Zeit, nach der Kleinen zu schauen, dachte sie und schlurfte zur Gartentreppe. Während sie haltsuchend nach dem morschen Geländer griff, begannen ihre Hände zu zittern. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken, und ein Gefühl der Panik überkam sie. Um sie herum wurde es still, die Vögel sangen nicht mehr, und selbst das monotone Rascheln der Blätter im leichten Sommerwind war nicht mehr zu hören.

Urplötzlich schien die Welt den Atem anzuhalten …

Wo war das Kind? Irgendetwas war nicht in Ordnung, das spürte Meta ganz genau. Vor ihrem geistigen Auge nahm sie etwas wahr, was sie nicht beschreiben konnte.

Nur sehr zögerlich wurde das Bild klarer und nahm Gestalt an. Sie sah einen schemenhaften Körper, der sie stark an ihre verstorbene Tochter erinnerte.

»Stine, wo bist du?«, wimmerte sie und umklammerte das Treppengeländer. Vergeblich versuchte sie ihre Unruhe in den Griff zu bekommen, aber es gelang ihr nicht.

»Dem Kind darf nichts geschehen«, murmelte sie monoton und schloss die Augen.

Die Minuten verstrichen und kamen Meta wie eine Ewigkeit vor.

Wie aus weiter Ferne hörte sie irgendwann die Stimme des Mädchens, das weinend zwischen den Bäumen der Obstwiese auftauchte und verzweifelt nach der Großmutter rief.

»Großmutter, ich habe die weiße Frau schon wieder gesehen. Sie soll weggehen.«

Meta erwachte aus ihrer Starre und atmete auf, als sie sah, dass Stine nichts geschehen war. Erschöpft ließ sie sich auf die unterste Treppenstufe sinken und zog das vor Angst zitternde Kind auf den Arm. Meta Knudtsen machte sich große Sorgen um Stine. Zu oft war sie nachts weinend zu ihr ins Bett gekrochen und hatte von einer weißen Frau berichtet.

Meta wusste genau, was das bedeutete. Doch was sollte sie dem Kind sagen? Sie könnte sagen: »Du träumst, denk dir nichts dabei …« Oder: »Deine Phantasie geht mit dir durch, denk an etwas anderes.«

Die Bäuerin schüttelte den Kopf. Sie wusste genau, dass Stine nicht träumte, und mit Fantasie hatte das, was das Kind sah, schon gar nichts zu tun. Sie hatte immer geahnt, dass sich alles wiederholen würde. Zuerst sie selbst, dann Rieke und nun Stine.

Doch sie musste ihre Enkeltochter beschützen, mit aller Kraft, die ihr zur Verfügung stand. Sie konnte nicht zulassen, dass …

»Großmutter, du sagst der Frau, dass sie gehen soll, nicht wahr? Sie macht mir Angst, sie soll gehen und nie mehr wiederkommen! Nie mehr.«

Stine krallte sich an der Schürze ihrer Großmutter fest und sah beschwörend zu ihr auf. Die Bäuerin schüttelte den Kopf, tröstend strich sie dem Kind übers Haar.

»Hab keine Angst, sie wird dir nichts tun, das ist gewiss. Du hast geträumt, es war nur ein Traum.«

Meta hielt das Mädchen fest umschlungen und summte beruhigend ein Kinderlied. Stine schluchzte noch einmal auf, kuschelte sich in die Arme ihrer Großmutter und sang leise mit.

Wie eine kleine Katze hatte das Kind sich auf dem Schoß der Großmutter zusammengerollt. Leise, gleichmäßige Atemzüge verrieten ihr, dass die Kleine eingeschlafen war.

Meta schaute lächelnd auf ihre Enkeltochter.

»Bald bist du eine echte Knudtsen«, murmelte sie leise und erhob sich. Behutsam nahm sie das Kind auf den Arm, ging die Treppe hinauf und brachte Stine ins Bett.

»Schlaf schön, mein Liebling«, flüsterte sie und strich ihr eine Locke aus der Stirn.

Meta wusste, in dieser Nacht würde nichts den Schlaf der Kleinen stören. Dennoch hatte dieses Erlebnis ihr Seelenleben wieder einmal völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Es kostete sie eine ungeheuere Kraft, sich nicht anmerken zu lassen, wie aufgewühlt sie war. Würden diese Qualen niemals ein Ende nehmen?

Sie dachte an die vielen Zeichnungen, die sie kurz nach Riekes Tod in ihrem Zimmer in einer kleinen, hölzernen Schachtel fand. Jedes Blatt war ordentlich mit Datum und Uhrzeit versehen und zeigte immer das gleiche Motiv. Rieke hatte eine weißgekleidete Frau mit dunklen, langen Haaren gemalt. Im Hintergrund des Bildes war der Friedhof von Süderende zu erkennen. Meta war wie gelähmt und konnte zuerst keinen klaren Gedanken fassen. Schlagartig erinnerte sie sich daran, dass es ähnliche Bilder schon einmal gab. Es war sehr lange her …

Schließlich warf sie die Bilder ihrer Tochter in den Kamin und verbrannte damit auch ihre eigenen Erinnerungen, jedenfalls für eine Weile …

Die Bäuerin blickte beunruhigt zum Himmel hinauf. Dunkle Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, leises Grollen kündigte ein Gewitter an.

Ungeduldig stand sie am Fenster und wartete auf ihren Mann. Schon früh am Morgen war er nach Süderende aufgebrochen, um im Rathaus die Vormundschaft für Stine zu beantragen. Nach einigem Zögern hatte Laas Klaasen sich endlich bereit erklärt, sein Einverständnis zu geben. Stine würde einmal den Knudtsenhof erben, und so war es nur plausibel wenn sie auch offiziell den Namen ihrer Großeltern tragen dürfe. Da das Mädchen in einigen Wochen eingeschult wurde, war für diese Namensänderung jetzt genau der richtige Zeitpunkt.

Endlich hörte Meta in der Ferne das gleichmäßige Brummen des alten Mercedes. Sie strich ihre Schürze glatt und eilte durch die Melkkammer in die Diele.

Als Ole in die Einfahrt zum Hof einbog, fielen die ersten Regentropfen. Der Himmel verdunkelte sich zusehends. Schnell parkte der Bauer das Auto vor dem Stallgebäude und stieg aus.

»Wo ist Stine?«, fragte er, als er in die Diele trat. Suchend sah er sich um, denn wenn es regnete, war seine Enkelin meistens auf der großen Diele anzutreffen. Sie spielte dort gerne mit den kleinen Katzen. Meta scheuchte den Hofhund zur Seite, der den Bauern freudig begrüßte und legte mahnend einen Finger auf die Lippen.

»Stine schläft, der Vormittag war ein wenig anstrengend für sie.«

Den wahren Grund für Stines Erschöpfung verschwieg sie. Ole hätte es ohnehin nicht verstanden.

Der Bauer legte seine Jacke über die Stuhllehne und kramte umständlich ein Dokument aus seiner Aktentasche.

»Jetzt haben wir es amtlich, Mutter, Stine ist unsere Pflegetochter und darf den Namen Knudtsen tragen. So, wie wir es wollten.«

Er legte die Urkunde auf den Tisch und strich zärtlich mit seiner Hand darüber.

Meta wusste, wie viel ihrem Mann daran lag, endlich einen Erben für seinen Hof zu haben, der auch seinen Namen trug.

Ihr Herz schlug heftig, als sie den Namen ihrer Enkeltochter in großen Buchstaben auf dem Dokument las.

»Stine Knudtsen«, sagte sie und lächelte. »Das hört sich gut an.«

»Das hört sich verdammt gut an!«

Ole lachte dröhnend und holte die Kornflasche aus der Anrichte.

»Komm Mutter, darauf stoßen wir an.«

Jetzt wird alles gut, dachte Meta und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Vielleicht glaubte sie in diesem Augenblick wirklich, der Himmel habe ein Einsehen.

Eine Zeit lang hatte es auch tatsächlich den Anschein.

6

Die Jahre bis zu ihrem zehnten Geburtstag waren für Stine die unbeschwertesten ihres Lebens. Sie besuchte die Volksschule in Oldsum und war bei ihren Mitschülern sehr beliebt. Mit Begeisterung nahm sie am Musikunterricht teil und schrieb ausgezeichnete Aufsätze.

»Aus dir wird einmal eine berühmte Schriftstellerin«, sagte die Lehrerin zu ihr und schrieb eine Eins unter Stines Hausaufgabe. Meta war stolz auf die schulischen Leistungen ihrer Ziehtochter und dachte an ihre eigenen kleinen Gedichte, die noch immer in der alten Aussteuertruhe ruhten. Schon lange waren keine neuen Texte hinzugekommen, viel zu sehr war die Bäuerin mit der alltäglichen Hausarbeit beschäftigt. Und doch war der Wunsch, Worte und Sätze zu einem Gedicht zu reimen, ungebrochen.

Der Knudtsenhof erwirtschaftete gute Gewinne, sodass die Familie ihren Bestand an Milchvieh erweitern konnte.

Ein weiterer Knecht wurde eingestellt, der dem Bauern bei der Hofarbeit zur Hand ging, und man plante den Kauf einer neuen, elektrischen Melkanlage.

»Das neuste Modell, soll es sein. Das können wir uns jetzt leisten.«

Ole war mächtig stolz auf seinen florierenden Betrieb.

7

Der Herbst kündigte sich an. Die Tage wurden kürzer. Das Laub der alten Buche vor dem Knudtsenhof erstrahlte in bunten Farben. Die Insel wurde vom herbstlichen Morgennebel in ein unwirkliches Licht getaucht. Die Fischer flickten ihre Netze und erzählten Geschichten vom Klabautermann und von riesigen Seeungeheuern. Während die ersten Stürme über die Kniepsandflächen wehten, bereiteten sich die Föhrer auf den Winter vor.

Doch dann geschah etwas, was die heile Welt der Familie Knudtsen zusammenbrechen ließ wie ein Kartenhaus.

Immer wieder fragte Meta sich später, ob sie diese Tragödie hätte verhindern können und wusste doch ganz genau, dass sie den Lauf der Dinge schon längst nicht mehr beeinflussen konnte.

Stine hatte, wie immer am Sonntag, ihre Großmutter nach dem Kirchgang auf den Friedhof der St. Laurentii-Kirche in Süderende begleitet. Sie trug ein neues Kleid, aus himmelblauem Baumwollstoff und eine weiße Schürze aus zartem Batist. Die dunklen Haare betonten ihre sanften Gesichtszüge, ließen sie jedoch ein wenig blass aussehen.

Es war im Laufe der Zeit zu einem schönen Brauch geworden, die viel zu früh verstorbenen Urgroßeltern väterlicherseits nach der Sonntagsmesse auf dem Kirchhof zu besuchen. Und wie jedes Mal machte das Mädchen einen kleinen Abstecher zum Grab ihrer Mutter. Die kleine Stine liebte diesen Ort der Ruhe und genoss, wenigstens für eine kurze Zeit, die ungeteilte Aufmerksamkeit der Großmutter. Unbeschwert lief sie zwischen den Gräbern umher und versuchte, die verwitterten Inschriften der Grabsteine zu entziffern.

Plötzlich blieb das Mädchen wie angewurzelt stehen, den Blick starr auf ein großes, morsches Holzkreuz gerichtet. Keuchend griff Stine sich an den Hals, sie hatte das Gefühl, jeden Moment zu ersticken. Taumelnd machte sie einige Schritte auf das Kreuz zu und riss hilfesuchend ihre Arme zum Himmel empor.

»Großmutter, da schwebt eine Frau«, rief sie röchelnd und zeigte mit dem Finger auf das hölzerne Kreuz.

Doch Meta hörte das Rufen des Mädchens nicht, sie befand sich auf der anderen Seite des Friedhofes und ahnte nichts von den Höllenqualen ihrer Enkelin. Stine war inzwischen am Fuße des Kreuzes auf die Knie gesunken. Mit leiser Stimme sprach sie vor sich hin.

Ihre Bewegungen erstarrten, nur ihre Lippen formten Worte, die vom Wind wie Blütenblätter davon getragen wurden.

Nach einigen Minuten erfasste ein Beben das Mädchen, abrupt sprang es auf und lief weinend den Kiesweg entlang zu ihrer Großmutter.

»Großmutter, Großmutter!«, schrie Stine so laut, dass es auf dem ganzen Friedhof zu hören war.

Meta Knudtsen erschrak, lief ihrer Enkelin entgegen und zog sie in den Arm. Nur mit Mühe verstand sie die Worte, die Stine völlig atemlos von sich gab.

»Großmutter, warum schwebt dort am Kreuz eine Frau? Was macht sie dort? Ich habe solche Angst.«

Das Mädchen klammerte sich schluchzend an ihre Großmutter und vergrub ihr tränenüberströmtes Gesicht in Metas Umhang.

Meta Knudtsen blickte fassungslos auf das Kreuz. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, während sie beruhigend auf Stine einredete. Mit geschlossenen Augen versuchte sie die Gedanken zu verdrängen, die ihr bei den Worten ihrer Enkeltochter ins Bewusstsein traten.

»Es darf nicht sein, nein, es darf nicht sein …«, murmelte sie immer wieder tonlos. Hilflos starrte sie auf das Kreuz, das drohend in den Himmel ragte. Ein Schauer jagte über ihren Rücken, und die aufsteigende Panik raubte ihr den Verstand. Mit letzter Kraft nahm sie Stine an die Hand und zog sie mit sich in die kleine Friedhofskapelle.

Von diesem Tag an weigerte sich Stine beharrlich, den Friedhof zu betreten. Die sonntäglichen Kirchgänge wurden für Großmutter und Enkelin zur Qual. Während Meta Knudtsen dem Grab ihrer Schwiegereltern nach wie vor einen Besuch abstattete, saß Stine still und in sich gekehrt auf den Stufen der alten Kirche und wartete auf die Rückkehr ihrer Großmutter. Wie gebannt war ihr Blick auf das große, eiserne Tor gerichtet, das den Friedhof vom Kirchplatz trennte.

Die schwebende Frau wird es nicht wagen, den Friedhof zu verlassen, dachte Stine mit klopfendem Herzen.

Großmutter hat es versprochen …

Immer wieder schaute sie auf die große Kirchturmuhr. Viel zu lange wartete sie schon auf Metas Rückkehr.

»Auf dem Kirchhof spukt es …«, murmelte Stine leise.

In der Schule hatten die Kinder oft von Geistern gesprochen, die nachts auf dem Friedhof ihr Unwesen trieben.

»Es gibt keine Gespenster«, hatte Großmutter gesagt, als Stine zu Hause davon erzählte.

»Die Kinder wollen dir nur Angst einjagen, hör nicht auf sie.«

Nun hatte sie doch ein Gespenst gesehen. Lautlos, in ein weißes Kleid gehüllt schwebte es am Kreuz entlang. Aber warum hatte ihre Großmutter keine Angst?

Meta vermied es, mit Stine über die schwebende Frau zu sprechen. Wenn das Kind dieses Thema ansprach, wich sie aus. Sie wusste, dass sie dem Mädchen eines Tages Antworten auf viele Fragen geben musste, aber noch war Stine zu jung, sie würde nicht verstehen, warum sie anders war als die Kinder im Dorf.

»Du willst doch nicht, dass man über dich lacht? Stine spinnt, wird man sagen, willst du das?«

Mit eindringlichen Worten sprach Meta auf die Kleine ein.

»Gespenster gibt es nicht«, sagte sie und wechselte rasch das Thema.

»Morgen gehst du zum alten Onkel Feddersen, er hat kleine Kaninchen. Vielleicht schenkt er dir eines.«

Um die Familie nicht ins Gerede zu bringen, forderte Meta von der Kleinen absolutes Stillschweigen, auch dem Großvater gegenüber. Niemand durfte erfahren, was dort auf dem Friedhof geschehen war.

»Wenn du erwachsen bist, wirst du verstehen warum du Dinge siehst, die andere nicht sehen.«

Die Bäuerin wusste, ihre Enkelin musste irgendwann erfahren, welch schweres Erbe sie zu tragen hatte.

Stine hielt sich gehorsam an die Anweisungen ihrer Großmutter, sie konnte sich ja selber nicht erklären, was an diesem verhängnisvollen Sonntag wirklich geschehen war.

Sie hatte eine schwebende Frau gesehen.

Doch offenbar konnten andere Menschen diese Frau nicht sehen. Stine verstand das alles nicht. Folgsam versuchte sie das Ereignis auf dem Friedhof zu vergessen.

Niemand sollte sagen - Stine spinnt …

Dem aufmerksamen Beobachter fiel allerdings auf, dass Stine ihre kindliche Fröhlichkeit verloren hatte. Nur noch sehr selten hörte man ihren ausgelassenen Gesang, sie wurde ihrer Mutter immer ähnlicher. Still und in sich gekehrt saß sie oft unter der alten Buche und sah gedankenverloren über das Moor. So sehr sie sich auch darum bemühte, konnte sie die Erscheinung auf dem Friedhof nicht vergessen.

Immer wieder sah sie das bleiche Gesicht der weißgekleideten Frau vor sich und jedes Mal begann ihr Herz heftig zu klopfen. Doch sie traute sich nicht Großmutter Meta noch einmal auf dieses Erlebnis anzusprechen.

»Warte bis du erwachsen bist …«, hatte sie gesagt und daran hielt Stine sich.

Langsam kehrte der Alltag auf dem Knudtsenhof wieder ein. Am Abend jedoch, wenn alle Lichter gelöscht wurden und die Dunkelheit einen Schleier des Vergessens über den alten Hof ausbreitete, sah man Meta manchmal in ein Gebet vertieft vor dem Hausaltar knien.

8

Die Jahre vergingen, Stine wurde älter und entwickelte sich zu einem pflichtbewussten jungen Mädchen.

Ihre kindlichen Gesichtszüge verschwanden mehr und mehr.

Die hohen Wangenknochen verliehen ihrem Gesicht eine gewisse Kühle, die durch die sanft geschwungenen, vollen Lippen wieder aufgehoben wurde.

Stine war eine gute Schülerin und nahm mit Freude am Konfirmationsunterricht teil.

»Was wünscht ihr euch für euer Leben?«, hatte Pfarrer Harms vor einigen Tagen seine Schülerinnen gefragt. Die Mädchen mussten nicht lange überlegen. Viele sahen den Sinn ihres Lebens darin einen Beruf zu erlernen, eine Familie zu gründen oder glücklich zu sein.

Stine hatte lange nachgedacht, bevor sie schließlich leise sagte:

»Ich wünsche mir Frieden. Es soll nie wieder einen Krieg geben …«, hatte sie geantwortet.

Am liebsten saß sie alleine auf der morschen Bank hinter den Stallungen und las in einem der vielen Bücher, die sie sich in der Kirchenbibliothek auslieh. Sie liebte die Geschichten von Karl May und las begeistert Berichte des berühmten Afrikaforschers David Livingstone.

Ihr Lieblingsbuch jedoch war ein kleines, unscheinbares Büchlein mit dem Titel: »Friesische Sagen und Erzählungen« von Christian Peter Hansen. Sie hatte es eines Tages zufällig in der Sakristei der St. Laurentii Kirche entdeckt, und Pfarrer Harms hatte ihr erlaubt das Buch zu lesen.

Stine war fasziniert von den Geschichten des Kobolds Ekke Nekkepenn, der mit seiner Gemahlin in einem Kristallpalast auf dem Grunde der Nordsee wohnen sollte. Der Sage nach hatte der friesische Meeresgott oft mit den Schiffskapitänen seinen Schabernack getrieben. Für den Salzgehalt der Nordsee war seine Frau Ran verantwortlich. Während Ekke Nekkepenn am Strand hübschen Mädchen nachstellte, saß sie am Meeresgrund und mahlte Salz. Häufig mahlte sie so ungestüm, dass viele Segelschiffe im Meer versanken.

Stine träumte davon auf einem Segelschiff um die Welt zu segeln und all die Geschichten aus ihren Büchern selber zu erleben. Doch sie wusste auch, dass dieser Wunsch immer ein Traum bleiben würde …

Mit der Zeit verblassten die Erinnerungen an die schwebende Frau, und irgendwann hatte Stine den Gedanken daran verdrängt. Nur manchmal, wenn sie ein Kreuz sah, dachte sie flüchtig an das unheimliche Erlebnis auf dem Friedhof.

Dann kam der Tag ihrer Konfirmation. Stine trug das erste Mal die Föhrer Tracht und stand stolz im Kreise ihrer Mitschülerinnen in der kleinen St. Laurentii Kirche von Süderende. Der schwere Stoff des dunkelblauen Rockes und die strahlend weiße Schürze unterstrichen ihre zierliche Figur und ließen sie noch schlanker erscheinen. Nervös zupfte sie an dem schwarzen Kopftuch, dass Meta kunstvoll um Stines Haar geschlungen hatte. Sie konnte nur hoffen, dass das Tuch nicht verrutschen würde.

Ehrfürchtig lauschte sie den Worten des Pfarrers. Er sprach von Pflichtbewusstsein und von der Achtung den Eltern gegenüber. Andächtig faltete das Mädchen ihre Hände, den Blick auf den Altar gerichtet.

Während die Gemeinde das Lied »Großer Gott, wir loben dich«, anstimmte, segnete Pfarrer Harms die Konfirmanden.

Niemand bemerkte, wie Stine plötzlich erstarrte und mit versteinertem Gesichtsausdruck, am Pastor vorbei, in die Ferne starrte. Aus ihrem Gesicht war jede Farbe gewichen, gespenstisch traten die dunklen Augen aus dem bleichen Antlitz hervor. Das Mädchen verstand längst nicht mehr den Sinn der gesprochenen Worte.

Wie in Trance wanderte ihr Blick zu dem bronzenen Kreuz, das seitlich vor dem Altar stand. Ihr Atem ging stoßweise und ihre Schultern verkrampften sich. In ihrem Bewusstsein tauchten Bilder auf, die an ein bestimmtes Ereignis erinnerten. Aber noch bevor Stine diese Bilder in ihrer Erinnerung verankern konnte, verschwanden sie wieder.

Mit unendlicher Kraft löste sie ihren Blick von dem Kreuz und schaute zu ihren Großeltern hinüber. Sie sah das Entsetzen in den Augen ihres Großvaters und die Tränen, die ihrer Großmutter unaufhaltsam die Wangen hinunterliefen. Stine schämte sich entsetzlich. Die Konfirmation sollte einer der schönsten Tage in ihrem Leben werden, doch nun wurde dieser Tag zum Albtraum. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt, und jeder wurde Zeuge, wie Stine Knudtsen sich und ihre Großeltern zum Gespött der Leute machte.

Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte weder ihren Körper noch ihre Gedanken kontrollieren.

»Verzeiht mir …« wollte sie sagen, doch aus ihrer Kehle kam nur lautes Gekrächtze. Pfarrer Harms zuckte zusammen, faltete die Hände zum Gebet und ließ seinen Blick hilflos zum Altar wandern. Er stammelte unverständliche Worte und bekreuzigte sich immer wieder.

Inzwischen waren die Menschen in der St. Laurentii Kirche auf das seltsame Verhalten der Stine Knudtsen aufmerksam geworden.

Während Bauer Knudtsen polternd von der Bank aufsprang, flüchteten Stines Mitschüler unter Gekreische in den hinteren Bereich der Kirche. Zusammengedrängt standen sie dort und schauten das Mädchen an, das am ganzen Körper zitterte.

»Sie ist eine Hexe«, wisperte Gerrit Mattes und machte ein bedeutungsvolles Gesicht. Die Mitschüler warfen ihr bewundernde Blicke zu. Viele von ihnen dachten in diesem Augenblick das Gleiche, doch wohl niemand hätte sich getraut diesen Verdacht laut auszusprechen.

»Vielleicht ist ihr schlecht«, wandte Lina leise ein. Einige Mädchen kicherten und ahmten Stines Verhalten nach. Sie zuckten mit den Schultern und verdrehten dabei ihre Augen.

Meta Knudtsen war inzwischen hastig die Stufen zum Altar hinaufgelaufen, doch sie konnte ihrer Enkeltochter nicht mehr helfen. Stine bekam von all dem nichts mehr mit, sie war bewusstlos geworden.

Wochenlang sprach man im Dorf von diesem Ereignis.

Niemand konnte erklären, was an dem Sonntag in der kleinen Dorfkirche von Süderende geschehen war. So kam es, dass nach und nach die wildesten Gerüchte verbreitet wurden.

»Stines Urgroßvater hatte den bösen Blick, das vererbt sich. Er trieb sich manchmal wochenlang im Wald herum und lebte mit wilden Tieren zusammen.«

Der Küster aus Süderende flüsterte hinter vorgehaltener Hand, was er gerade von dem Viehhändler aus Dunsum erfahren hatte. Doch seine Frau schüttelte missbilligend den Kopf.

»Schweig still, wir haben hier auf der Insel gar keine wilden Tiere, du Dösbattel. Oles Mutter konnte Kranke heilen, sie hat meinem Vater oft geholfen, wenn ihn sein Rheumatismus plagte.«

»Die Knudtsen-Frauen sind alle etwas spinnert im Kopf«, mischte sich der Küster Rickmers in das Gespräch ein.

»Das wächst sich irgendwann raus.«

Er schwang sich auf sein Fahrrad und radelte eilig zum Friedhof hinüber.

»Stine tut mir Leid«, murmelte Fenja Nansen, während sie dem Küster hinterher schaute. »Sie kann doch nichts dafür. Das Mädchen hat es nicht leicht.«

»Spökenkiekerei, alles nur Spökenkiekerei …«

Schuster Nansen sah seine Frau missbilligend an, zog seinen Hut tief ins Gesicht und machte sich auf den Weg ins Wirtshaus. »Spinner, alles Spinner …«, brummte er und drängte sich rücksichtslos durch die Menschenmenge.

Während sich die kleine Versammlung auf dem Oldsumer Dorfplatz zögernd auflöste, beschloss die alte Hebamme Trientje noch einen Abstecher zum Knudtsenhof zu machen. Das Thema war zu wichtig, als dass sie sich auf reine Vermutungen verlassen könnte. Sie wollte von niemandem anders als von Meta Knudtsen hören, was sich bei der Konfirmation tatsächlich zugetragen hatte.

Trientje lebte seit Ewigkeiten in Oldsum in einem kleinen Tagelöhner-Haus. Der Bauer Ennen hatte ihr diese Hütte kostenlos zur Verfügung gestellt. Als Gegenleistung versorgte Trientje ihn manchmal mit selbstgebrautem Kräuterschnaps. Die Hebamme soll in jungen Jahren eine bildschöne Frau gewesen sein, erzählte man sich auf der Insel. Heute war allerdings nichts mehr davon zu sehen. In alten, abgewetzten Kleidern und mit ungepflegten, strähnigen Haaren ging sie ihrem Gewerbe nach.

Keiner kannte ihr genaues Alter. Niemand wusste woher sie kam. Sie war einfach da …

Mit ihrem schäbigen Hebammenkoffer marschierte sie von Hof zu Hof und half, mehr oder weniger professionell, kleinen Erdenbürgern auf die Welt.

Nicht immer war sie bei den jungen Bäuerinnen gerne gesehen. Trientje nahm es mit der Hygiene manchmal nicht sehr genau, so kam es durchaus vor, dass das Neugeborene nach der Geburt einfach erst einmal in die wallenden Röcke der Hebamme gewickelt wurde. Noch heute lacht jeder in Oldsum über den Jungbauern Wilko Brons, der die alte Hebamme bei Nacht und Nebel mit der Mistgabel vom Hof jagte. Damit die junge Mutter sich von der Entbindung erholen konnte, hatte Trientje dem neugeborenen Hoferben kurzerhand Alkohol eingeflößt, um ihn auf diese Weise zur Ruhe zu bringen. Trientje ließ sich jedoch von gelegentlichen Unannehmlichkeiten nicht vergraulen, sie wusste genau, dass ihre Dienste immer wieder gebraucht wurden.

HebH

Meta kam gerade aus dem Hühnerstall, als sie die Hebamme über den Hof schlurfen sah. Seufzend ging sie ihr entgegen, sie ahnte was dieser Besuch bedeutete.

»Hallo Trientje«, sagte Meta mit demonstrativer Gleichgültigkeit, während sie den Korb mit den frischen Eiern neben sich auf die Erde stellte.

»Dich treibt wohl die Neugierde her, nicht wahr?«

Trientje wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und ließ sich stöhnend auf einen Holzstapel sinken.

Ohne weiter auf Metas Frage einzugehen, kramte sie ein in Zeitungspapier verpacktes Butterbrot aus ihrer Tasche und biss herzhaft hinein.

»Wenn es nicht bald regnet, gibt es keine gute Ernte. Eure Gerste steht gar nicht gut.«

Meta Knudtsen holte tief Luft und fiel der Alten ungeduldig ins Wort.

»Du hast doch nicht den weiten Weg hierher gemacht, um mit mir über unsere Gerste zu reden?«

Trientje rümpfte die Nase und wickelte die Reste des Brotes wieder in die Zeitung. Erst nachdem sie das Päckchen umständlich zurück in die Tasche gestopft hatte, sah sie Meta aufmerksam an und fragte scheinheilig:

»Wie geht es eigentlich Stine, wird sie die Konfirmation nachholen? Wenn du mich fragst …«

Wütend stampfte Meta mit dem Fuß auf und sagte schneidend:

»Dich fragt aber niemand, schließlich geht dich Stine auch nichts an.«

Doch die Hebamme ließ sich nicht beirren, sie wusste, die Gelegenheit etwas von Meta zu erfahren, würde so schnell nicht wiederkommen. Sie musste die Gunst der Stunde nutzen.

»Mädchen in diesem Alter neigen manchmal zur Hysterie«, meinte Trientje besänftigend, und riet Meta Knudtsen bei der Erziehung ihrer Enkelin strengere Seiten aufzuziehen.

»Du hast das Kind viel zu sehr verwöhnt«, urteilte sie und hob beschwörend die Hände.

»Bring Stine doch mal zum Hinrichsen, sag ihm einen schönen Gruß von mir, er soll sich das Mädchen mal ansehen. Schaden kann es nicht. Er hätte sicher auch deine Tochter Rieke auf den rechten Weg gebracht.«

Meta Knudtsen lief ein Schauer über den Rücken, hasserfüllt sah sie die alte Frau an. Sie wusste sehr genau warum Hinrichsen sich das Mädchen ansehen sollte. Man sagte dem alten Schmied nach, er könne arme Menschenseelen von Dämonen befreien. Doch Meta war ganz sicher, Stine war weder von Dämonen besessen noch war sie hysterisch.

»Das könnte dir so passen«, herrschte sie Trientje an.

»Mit Stine ist alles in Ordnung, verschwinde von meinem Hof, und lass dich hier nie wieder blicken, altes Tratschweib!«

Trientje schaute Meta erschrocken an. So zornig hatte sie die Bäuerin noch nie erlebt.

»Ja ja, bist wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden …«, murmelte sie, griff hastig nach ihrer Tasche und machte sich aus dem Staub.

Verärgert sah Meta der Alten nach. Ständig muss sie ihre Nase in die Angelegenheiten anderer Leute stecken, dachte Meta und schloss geräuschvoll die Tür zum Garten.

Die Bäuerin verabscheute nichts so sehr, wie die Tratscherei der Insulaner. Es gab kaum etwas, was man vor ihnen geheim halten konnte. Dass jede Neuigkeit unverzüglich ihre Runde machte, dafür sorgte schon die Hebamme.

»Gottes Zorn soll dich treffen«, flüsterte die Bäuerin und ging langsam zur Scheune hinüber. Eine innere Stimme sagte ihr, dass Trientje ihrer gerechten Strafe nicht entgehen würde. Meta wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie Recht sie haben sollte.

Nur allmählich beruhigte die Bäuerin sich, die Sorgen um ihre Enkeltochter raubten ihr allmählich den Verstand. Seit Wochen plagte sie das Rheuma, und nachts konnte sie vor Schmerzen kaum schlafen. Die tägliche Arbeit auf dem Hof wurde immer beschwerlicher. Der Bauer dachte bereits darüber nach, eine zusätzliche Magd einzustellen. Meta und Ole hatten das Rentenalter längst erreicht, aber noch war nicht daran zu denken, sich auf das Altenteil zurückzuziehen. Stine war mit ihren siebzehn Jahren noch viel zu jung, um sich um den Knudtsenhof zu kümmern.

Und ein gestandener Bauernsohn, der ihrer Enkelin dabei zur Seite stehen würde, war auch nicht in Sicht.

»Stine steckt ihre Nase immer nur in Bücher«, sagte Ole oft verbittert, wenn er sich mal wieder mit einigen Bauern am Stammtisch im Wirtshaus traf.

»So wird sie nie einen Mann kriegen, jedenfalls keinen, der mal euren Hof bewirtschaften kann.«

Der alte Hinrichsen sprach das aus, was dem Bauern schon seit Wochen durch den Kopf ging.

Meta drehte sich noch einmal nach Trientje um, doch die war längst hinter den Holunderbüschen verschwunden. Seufzend nahm sie den Eierkorb und ging durch die Scheune ins Haus.

Stine stand in der Küche am Tisch und füllte heiße Erdbeerkonfitüre in Gläser, die sie anschließend sorgfältig mit einem Deckel verschloss. Sie trug eine grün karierte Kittelschürze auf der bereits unzählige rote Marmeladenspritzer zu sehen waren.

»Was war das für ein Geschrei im Garten?«, fragte sie, indem sie sich zu ihrer Großmutter umwandte. Meta schüttelte den Kopf und legte die Eier in eine Schale.

»Ach, das war Trientje«, murmelte die Bäuerin und ließ sich stöhnend auf die Ofenbank sinken.

»Was wollte die Hebamme denn von dir? Habt ihr euch gestritten? Ich sah sie mit fliegenden Röcken davon laufen. Was war los?«

»Du kennst Trientje doch. Sie ist und bleibt ein Tratschweib, und ich kann dieses Geschwätz nun mal nicht ab. Das habe ich ihr ganz deutlich gesagt. Daraufhin ist sie wütend geworden und hat das Weite gesucht.«

Meta erhob sich schwerfällig und ging zum Spülstein hinüber.

»Trientje sollte gut auf sich aufpassen, ich habe von ihr geträumt. In meinem Traum trug sie ein schwarzes Gewand und hatte ein Kreuz in der Hand.«

Die letzten Worte hatte das Mädchen sehr leise gesprochen, doch Meta hatte sehr wohl verstanden, was Stine gerade sagte. Erschrocken sah die Bäuerin ihre Enkelin an. Es war das erste Mal, dass Stine von einem solchen Traum erzählte. Noch schien das Mädchen nicht zu ahnen, was dieses Erlebnis bedeuten konnte. Tief in ihrem Inneren spürte Meta, dass die Zeit gekommen war.

Sie musste auf der Hut sein, Stine durfte nicht das gleiche Schicksal erleiden wie Rieke, ihre einzige Tochter.

Meta dachte daran als sie sich vor vielen Jahren verzweifelt ihrer Mutter anvertraute. Die alte Beeke Ahrends hatte sehr abweisend reagiert.

»Ich will davon nichts hören«, hatte sie barsch gesagt.

»Das ist Spökenkiekerei, reiß dich zusammen und denk an deine Familie. Diese Träume werden dich dein Leben lang begleiten. Sei klug und behalte diese Erscheinungen für dich. Wenn du stark genug bist, wirst du damit zurechtkommen. Befolge die Gebote des Herrn und sei deinem Mann eine gute Ehefrau, dann wird alles gut.«

Meta hatte sich stets daran gehalten. Sie tat ihre Pflicht, fragte nicht und sorgte für ihre Familie. Tapfer, wie es sich für eine Knudtsen-Bäuerin gehörte versuchte sie mit diesen seltsamen Träumen und Erscheinungen umzugehen. Nie wieder kam ein Wort der Klage über ihre Lippen.

Stine füllte die restlichen Gläser mit der dampfenden Konfitüre und wandte sich an Meta.

»Pfarrer Harms hat mich gebeten, frische Blumen auf den Altar zu stellen, darf ich einige von den weißen Margeriten pflücken?«

Meta nickte beiläufig, sie war mit ihren Gedanken ganz woanders.

Der Tag der Konfirmation hatte alles verändert, nichts war mehr so, wie es einmal war.

Gnadenlos hatte das Schicksal zugeschlagen und die Ordnung einer angesehenen Familie zerstört. Die Leute im Dorf tuschelten und zeigten mit dem Finger auf Stine.

Sie habe den Satan im Leib, wurde gesagt, und hinter geschlossenen Türen war von Teufelsaustreibung die Rede. Meta versuchte verzweifelt, das Mädchen zu schützen, aber es gelang ihr kaum. Hilflos musste sie mit ansehen wie ihre Familie langsam am Hass der Dorfbewohner zerbrach.

»Was ist mit Stine los? Warum rennt sie schon wieder in die Kirche? Ich sah sie gerade auf dem Weg nach Süderende.«

Der Bauer kam in die Küche, schlüpfte in seine Pantoffeln und sah seine Frau fragend an. Sein Blick verriet Unbehagen, und Meta ahnte, dass er die Antwort eigentlich gar nicht hören wollte.

»Stine bringt Blumen in die Kirche. Pfarrer Harms hat sie darum gebeten. Das Mädchen wird langsam erwachsen, das ist für so eine junge Deern nicht einfach. Aber davon verstehen Mannsleute nichts.«

Meta richtete das Abendbrot und ging nicht näher auf Oles Fragen ein. Wieder einmal blieb der Bauer mit seinen Ängsten und Sorgen allein. Er spürte deutlich, dass sich seine Frau immer weiter von ihm entfernte, doch was sollte er tun? Er hatte nie gelernt sich seinen Problemen zu stellen. Manchmal, wenn die Erinnerungen an jenen grauen Novembertag übermächtig wurden, dachte er daran sein Gewissen zu erleichtern. Aber dann fand er nicht die richtigen Worte und schwieg. Noch ließen sich die Erinnerungen, wenigstens für eine Weile mit Köm verdrängen.

Doch wer weiß wie lange noch …

9

Als an einem Sonntag im August, der Schuster Nansen zum Bürgermeister von Oldsum gewählt wurde, brach für Ole Knudtsen eine Welt zusammen. Seit Jahren hatte er dafür gekämpft, einmal dieses Amt bekleiden zu können. Und die Aussichten waren sehr gut gewesen, jeder im Ort hätte ihm seine Stimme gegeben, wenn …

»Du weißt, wem ich das zu verdanken habe«, sagte er zu Meta und sah sie unglücklich an.

»Bürgermeister von Oldsum zu werden, das war mein Lebenstraum.«

Der Bauer sackte förmlich in sich zusammen. Mit hängenden Schultern hockte er auf der Ofenbank und starrte in die knisternde Glut des Feuers.

»Du kannst doch Stine nicht für deine Niederlage verantwortlich machen. Sicher gibt es auch noch andere Gründe. Du hast dich auch sehr verändert. «

Meta war verzweifelt über den Zustand ihres Mannes. Noch nie hatte sie den Bauern so niedergeschlagen gesehen. Gerade seine Willensstärke und die unendliche Lebenskraft, die er ausstrahlte, hatte sie stets so geliebt. Doch er war in den letzten Jahren ein anderer geworden. Unhöflich und taktlos ging er mit seinen Mitmenschen um. Viele seiner früheren Freunde gingen ihm mittlerweile aus dem Weg.

»Stine bringt nur Unglück über unsere Familie, denkst du, ich weiß nicht, was die Leute über uns reden. Es ist allein ihre Schuld.«

Oles Stimme überschlug sich, er stieß seine Frau zur Seite und stürmte aus dem Haus.

»Sie ist doch noch ein Kind«, flüsterte Meta.

Die Bäuerin fand in dieser Nacht keine Ruhe. Stundenlang kniete sie vor dem Altar in der Wohnstube und murmelte unverständliche Worte vor sich hin.

Stine nahm die Veränderung, die in dem Bauern vorging wahr, und zog sich immer tiefer in sich selbst zurück. Der Gedanke, ihrem Großvater seinen Lebenstraum zerstört zu haben, war unerträglich für sie. Würde Ole ihr das je verzeihen?

Doch was sollte sie tun? Stine spürte, die »weiße Frau« nahm immer mehr Raum in ihrem Leben ein. Seit diesem verheerenden Zwischenfall während der Konfirmation mied Stine den Anblick eines Kreuzes. Aber sie spürte instinktiv, dass nicht das Kreuz der Auslöser für ihre nächtlichen Träume war.

Eine unbändige Wut stieg in ihr auf. Wer war diese »weiße Frau«, die offenbar ihr Leben zerstören wollte?

Aber sie war sicher, mit aller Kraft würde sie sich dagegen zu wehren wissen …

Nach wie vor ging Stine zur Schule und half ihrer Großmutter im Haushalt. Sie ging den Knechten bei der Heuernte zur Hand und kümmerte sich um den Gemüsegarten. Doch ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit fand sie nicht wieder.

Aus einem heiteren, aufgeschlossenen Mädchen war eine in sich gekehrte, junge Frau geworden, die den Menschen aus dem Wege ging. Die Schuldgefühle ihrem Großvater gegenüber ließen sie nicht zur Ruhe kommen.

Es brach Meta das Herz, mit ansehen zu müssen, wie ihre Enkelin immer schwermütiger wurde.

»Stine sollte von hier weggehen«, sagte der Pfarrer eines Tages zu Ole Knudtsen, als die Männer sich im Wirtshaus trafen.

»Wenn du einverstanden bist, höre ich mich einmal um. Stine ist ein fleißiges Mädchen, eine Anstellung für sie zu finden, dürfte nicht schwierig sein.«

Ole sah den Pfarrer nachdenklich an, dann nickte er.

»Du hast wohl recht«, sagte er einsilbig und trank sein Glas in einem Zug leer. Zögernd stand er von seinem Stuhl auf und stützte sich schwankend mit den Händen auf der Tischplatte ab. Mit glasigen Augen starrte er den Pfarrer an.

»Bring Stine weg von hier, damit in Oldsum endlich wieder Ruhe einkehrt«, sagte er mit brüchiger Stimme und griff nach seiner Jacke. Unsicher, mit schlurfenden Schritten, ging er zur Tür und verließ das Wirtshaus, ohne sich von dem Pfarrer zu verabschieden.

10

Es regnete in Strömen, und ein frischer Wind fegte die letzten Blätter von den Zweigen der knorrigen Eichen am Rande des Dorfteiches. Nach dem heißen, trockenen Sommer setzten die Herbststürme bereits in den letzten Oktobertagen ein. Die Zuckerrüben waren gerade geerntet, als bereits der erste Schnee fiel. Die Menschen auf Föhr bereiteten sich auf einen langen, harten Winter vor.

Stine Knudtsen vergrub ihre Hände tief in die Taschen ihrer Wolljacke. Es war leichtsinnig, keine Handschuhe anzuziehen, dachte sie und beschleunigte ihre Schritte. Sie wollte unbedingt noch vor dem Dunkelwerden zu Hause sein, da heute auf dem Knudtsenhof Schlachtfest war und sie ihrer Großmutter bei den Vorbereitungen helfen musste. Stine liebte die Arbeit in der Küche, doch der Gedanke an die vielen Gäste, die sich zum Essen angesagt hatten, bereitete ihr Unbehagen. Meistens löste sie das Problem auf ihre Weise. Sie half ihrer Großmutter die Speisen zu servieren, nahm aber an der anschließenden Mahlzeit nicht teil. Genau so werde ich es heute machen, dachte sie und beschleunigte ihre Schritte.

»Warum so eilig? Warte doch mal …«

Stine drehte sich überrascht um. Sie war tief in Gedanken versunken und hatte gar nicht bemerkt, dass ihr jemand folgte. Jan Nansen, der Sohn des Bürgermeisters, blieb ganz in ihrer Nähe stehen und klopfte den Schnee von seinem Mantel. In seinen blonden, vom Wind zerzausten Haaren schimmerten die Schneeflocken wie kleine Kristalle.

Stine war ebenfalls stehen geblieben und sah fasziniert in seine Augen. Ihr Herz begann ungestüm zu klopfen - ein Gefühl, das Stine nicht kannte.

Sie hatte den jungen Mann schon einige Male in Oldsum gesehen, doch er war ihr nie besonders aufgefallen.

Stine war es gewohnt, von den Jungen des Dorfes beschimpft und verhöhnt zu werden, aber Jan verhielt sich anders. Sein Blick war offen und freundlich. Schüchtern schaute er sie mit warmen, braunen Augen an.

»Was willst du, ich habe es eilig«, sagte Stine und wollte schon ihren Heimweg fortsetzen. Sie war sehr vorsichtig geworden, denn schon zu oft hatte sie sich in einem Menschen getäuscht.

Jan legte seine Hand auf ihren Arm.

»Bleib doch mal stehen, ich will dich etwas fragen«, sagte er und lächelte.

»Am nächsten Sonntag ist das Feuerwehrfest, hast du Lust mit mir dorthin zu gehen?«

Stine sah den Burschen entgeistert an, einen Augenblick dachte sie, nicht richtig gehört zu haben.

»Du willst mit mir zum Feuerwehrfest gehen?«

Jan drehte verlegen seine Handschuhe in den Händen und nickte. Offensichtlich hatte es ihn sehr viel Überwindung gekostet, Stine anzusprechen.

»Warum sollten wir nicht zum Fest gehen?«, fragte er verunsichert.

»Oder gehst du schon mit einem anderen?«

Stine lächelte und schüttelte den Kopf. Die Idee mit irgendjemandem auf ein Fest zu gehen, kam ihr so absurd vor, dass sie lachen musste.

»Du glaubst doch nicht, dass dein Vater damit einverstanden ist. Weißt du, was man im Dorf über mich erzählt? Anscheinend weißt du es nicht, sonst hättest du mich nicht gefragt. Nein, nein schlag dir das aus dem Kopf, und such dir eine andere.«

Stine schlug fröstelnd den Mantelkragen hoch und wandte sich ab. Es wurde bereits dämmerig, ihre Großmutter würde längst auf sie warten. Sie ließ den jungen Mann einfach stehen und stapfte mit großen Schritten auf den Knudtsenhof zu.

Die meisten Gäste saßen schon an der langen Tafel in der guten Stube, als Stine über die Diele in die Vorratskammer ging. Sie zog den Mantel aus und hing ihn zum Trocknen an den Räucherofen. Mit einigen Griffen richtete sie ihr Haar und zog trockene Schuhe an. Unbemerkt schlich sie an der Stubentür vorbei in die Küche. Mit hochrotem Kopf stand Meta Knudtsen am Kohlenherd und rührte in einem Kessel mit Wurstsuppe. Der Schweiß rann ihr in Strömen von der Stirn. Die Temperaturen in der Küche waren unerträglich.

Sie warf Stine einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Jetzt bin ich mit der Arbeit fast fertig, warum kommst du so spät? Das Essen muss serviert werde. Bitte beeil dich.«

Stine dachte an Jan Nansen, immerhin war er der Grund für ihre Verspätung. Doch ihre Unterhaltung mit dem jungen Nansen, und die Einladung zum Feuerwehrfest erwähnte sie nicht.

»Ich bin aufgehalten worden, tut mir Leid, Großmutter.«

Stine griff nach einer Wurstplatte und verschwand durch die Tür.

Ein verlegenes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie die Platte in der Stube auf den Tisch stellte. Sie fühlte sich in Gesellschaft einfach nicht wohl und wartete sehnsüchtig darauf, wieder in die Küche flüchten zu können. Aber sie wusste auch, was man von einer Knudtsen-Enkelin erwartete und kam ihren Pflichten als Gastgeberin aufmerksam nach.

Schließlich war ein Schlachtfest bei einem der reichsten Bauern von Oldsum immer ein besonderer Anlass, gut zu essen und auch zu trinken. Der Tisch war beladen mit Köstlichkeiten, die von Meta und den benachbarten Bäuerinnen hervorragend zubereitet worden waren. Dem Brauch gemäß, floss Bier und Schnaps in Strömen.

»Guten Tag Stine, lass die Arbeit mal einen Moment ruhen. Ich möchte mit dir etwas besprechen.«

Pfarrer Harms erhob sich umständlich von seinem Stuhl und winkte das Mädchen zu sich heran. Stine schaute beunruhigt zuerst auf den Pfarrer und dann zu ihrem Großvater hinüber, der aufmerksam den Kopf hob und den Pfarrer durchdringend ansah. Doch dieser nickte nur beschwichtigend, während er Stine ins angrenzende Zimmer schob.

»Stine, ich mache es kurz. In einigen Wochen wirst du die Schule beenden und dich auf ein Leben als Bäuerin vorbereiten. Schließlich willst du ja einmal den Hof deines Großvaters übernehmen. Kurz und gut - ich habe eine Anstellung in Utersum für dich gefunden. Dem Bauern Clausen ist vor einiger Zeit die Frau gestorben, und nun sucht er jemanden, der ihm den Haushalt führt. Dort wirst du lernen wie man einen Hof bewirtschaftet. Kochen und Backen kannst du ja schon recht gut, sagt deine Großmutter. Du wirst es bestimmt gut bei Marten Clausen haben und solltest diesen Schritt als eine Möglichkeit annehmen, etwas dazuzulernen.«

Stine stand wie angewurzelt am Kamin und starrte den Pfarrer an.

»Ich soll weg …«, stotterte sie fassungslos.

Pfarrer Harms legte tröstend einen Arm um Stines Schulter.

»Du fühlst dich doch hier nicht wohl, die Leute in Oldsum werden dich nie in Ruhe lassen. Es ist das Beste für dich, glaube mir. In einigen Jahren, wenn du alt genug bist den Hof zu übernehmen, kommst du zurück.«

Stine war blass geworden, ihr Blick wanderte zum Fenster hinaus über das grüne Marschland. Hier war sie zu Hause, nur hier kannte sie jeden Baum und jeden Strauch. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, jemals von hier wegzugehen.

Sie erinnerte sich daran, wie sie ihren Großvater einmal nach Dunsum begleitet hatte. Er hatte Ersatzteile für den alten Lanz besorgen müssen. Das Dorf lag nur wenige Kilometer von Oldsum entfernt, doch für Stine hatte die Fahrt dorthin eine kleine Weltreise bedeutet.

»Utersum ist so weit, den Weg schaffe ich mit dem Fahrrad nie.«

Das Mädchen blickte den Pfarrer verzweifelt an, in ihren Augen schimmerten Tränen.

»Stine, Utersum ist nicht aus der Welt. Du kannst den Bus nehmen, dann bist du in einer Stunde in Oldsum. Bauer Clausen hat sicher nichts dagegen, wenn du sonntags nach Hause fährst.«

Seine Stimme klang warm und behutsam, offensichtlich hatte er Mitleid mit dem Mädchen. Leise sprach er weiter:

»Schau, der Clausenhof ist ein moderner Betrieb, du wirst dort keine schwere Arbeit verrichten müssen. Und eine Menge Knechte und Mägde gibt es auch. Sie werden dir zur Hand gehen.«

Doch Stine hörte ihm nicht zu. Stumm stand sie am Fenster und starrte auf die endlosen Wiesen und Felder ihres Großvaters. Das alles würde irgendwann einmal ihr gehören.

Ihr Großvater war einer der reichsten Bauern auf der Insel, und wenn sie sein Erbe antreten würde, wäre sie die begehrteste Jungbäuerin auf Föhr.

Aber taugte sie überhaupt zur Bäuerin?

Sie kümmerte sich zwar gerne um die Tiere des Hofes und konnte hervorragend kochen, doch ihre große Leidenschaft war das Schreiben.

»Aus dir wird einmal eine berühmte Schriftstellerin«, hatte ihre Lehrerin einmal gesagt.

Stine lächelte und dachte an die vielen kleinen Geschichten und Gedichte, die sie in ihrem Nachtkästchen versteckt hielt. Die Geschichten erzählten von Zwergen und Prinzessinnen und von ihrer Sehnsucht in fremde Länder zu reisen.

Stine drehte sich um und schaute zur Tür, die sich plötzlich öffnete. Meta kam ins Zimmer, sah fragend von einem zum anderen und wandte sich schließlich an den Pfarrer.

»Ole sagt, du willst meine Ziehtochter nach Utersum bringen?«

Pfarrer Harms blickte zuerst die Bäuerin an und sah sich dann nach Stine um, die immer noch stumm am Fenster stand.

»Ole meinte …«, stotterte er hilflos.

Meta räusperte sich und machte einen Schritt auf ihre Enkelin zu. Der Pfarrer ahnte, dass sich Unheil ankündigte. Er wäre einer Auseinandersetzung mit der Bäuerin gerne aus dem Weg gegangen, aber dafür war es nun zu spät.

»Wann Stine den Knudtsenhof verlässt, bestimme immer noch ich«, sagte Meta schneidend. Ihre Stimme duldete offenbar keinen Widerspruch.

»Das sind Familienangelegenheiten und gehen niemanden etwas an. Auch dich nicht, Pfarrer. Ich werde das mit Ole besprechen.«

Die Augen der Bäuerin funkelten böse, unwillkürlich ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Der alte Harms nutzte die Gelegenheit um hastig den Raum zu verlassen. Er kannte Meta, sie war ein gutmütiger Mensch, aber wenn sie zornig wurde, ging man ihr am besten aus dem Weg.

Meta nahm ihre Enkelin in den Arm und strich ihr beruhigend über das Haar.

»Kannst du dir vorstellen nach Utersum zu gehen, Stine?«, fragte Meta. Behutsam nahm sie Stines Gesicht in beide Hände und fuhr fort:

»Ich kenne den alten Clausen, er ist ein anständiger Kerl, und sein Hof ist ordentlich und sauber. Dort wirst du zur Hauswirtschafterin ausgebildet. Eine vernünftige Ausbildung ist notwendig, wenn man einen Bauernhof leiten will. Und das wirst du doch einmal.«

Stine schaute ihre Großmutter traurig an. Sie spürte einen quälenden Stich in ihrem Herzen. Nie hätte sie daran gedacht einmal eine solche Entscheidung treffen zu müssen.

Sie dachte an ihren Großvater, er hatte sich in letzter Zeit sehr abweisend ihr gegenüber verhalten. An manchen Tagen sprach er kaum ein Wort mit ihr. Oft musste sie mit anhören wie er der Großmutter heftige Vorwürfe machte und immer wieder von einem Fluch sprach, der über dem Knudtsenhof liegen solle. Sie wusste, wie gerne er Bürgermeister geworden wäre. Stine fühlte, dass ihr Großvater sie für dieses Unglück verantwortlich machte, obwohl er seinen Vorwurf nie öffentlich aussprach. Trotz allem liebte Stine ihre Großeltern über alles, und der Gedanke an eine Trennung schmerzte sie.

»Großmutter, ich kann mir einfach nicht

vorstellen, woanders zu leben. Hier ist mein Zuhause. Aber wenn es denn sein soll. Du denkst auch, ich sollte nach Utersum gehen, nicht wahr?«

Stine griff nach Metas Hand, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Insgeheim hoffte sie ihre Großmutter würde einfach nur sagen: »Bleib hier …«

Doch Meta seufzte, und während sie in ihrer Schürze nach einem Taschentuch suchte, entgegnete sie kleinlaut:

»Pfarrer Harms hat wohl Recht, Ruhe wirst du hier in Oldsum nicht finden. Wäre deine Mutter damals rechtzeitig gegangen, vielleicht …«, Meta biss sich auf die Lippen und blickte ihre Enkelin erschrocken an. Seit Jahren wurde über Rieke Knudtsen kein Wort verloren. Alle Familienmitglieder hielten sich an diese unausgesprochene Regel.

Der Bauer hatte seine einzige Tochter an dem verhängnisvollen Tag ihres Unfalls aus seinem Leben und damit auch aus seinem Gedächtnis gestrichen. Hasserfüllt vernichtete er alles, was in seinem Haus an Rieke erinnerte. Meta konnte sich lange nicht erklären, warum Ole so verbittert war. Riekes Spinnereien konnten alleine nicht der Grund dafür sein. Inzwischen aber ahnte sie, welch große Schuld der Bauer mit sich herumtrug.

Stine beobachtete ihre Großmutter und sah, wie aufgewühlt sie war.

»Erzähl mir von meiner Mutter«, bat sie.

Meta schluckte und holte tief Luft.

»Ach, deine Mutter verhielt sich manchmal auch ein wenig sonderbar. Großvater konnte das einfach nicht verstehen, das weißt du ja. Es wäre besser gewesen, deine Mutter wäre mit dir und deinem Vater aufs Festland gezogen. Weg von der Insel und diesen üblen Anfeindungen. Aber sie wollte nicht. Na ja, dann hatte sie kurz darauf diesen schrecklichen Unfall.«

Stine horchte auf. Es war das erste Mal, dass Großmutter von ihrer Tochter Rieke erzählte. Stine hatte sich häufig gewundert, dass es keine Erinnerungsstücke von ihrer Mutter im Haus gab.

»Warum war meine Mutter sonderbar? Sah sie auch diese weiße Frau? Bitte, Großmutter sag es mir.«

Stine bebte am ganzen Körper. Konnte es sein, dass es noch jemanden gab, der diese seltsamen Erscheinungen hatte? War es möglich, dass auch ihre Mutter von Träumen geplagt wurde?

»Ja, deine Mutter erzählte häufig von einer Frau in einem weißen Kleid. Ich habe ihr oft gesagt, dass diese Frau ihr Schutzengel sei und ihr nichts Böses will, aber Rieke dachte, sie sei krank. Wir Knudtsen-Frauen haben eine besondere Gabe.«, fuhr die Großmutter fort. »Wir träumen manchmal Dinge, die wir nicht sofort verstehen. Du solltest diesen Träumen nicht zu viel Bedeutung geben, dann wirst du gut damit leben können.«

Stine schaute bedrückt aus dem Fenster. Sie war völlig durcheinander. Die weiße Frau, die wirren Träume, die ihr den Schlaf raubten, all das nannte Großmutter »eine besondere Gabe«.

Sie wollte diese besondere Gabe nicht … Sie wollte einfach so leben, wie viele andere Mädchen …

Stine dachte an die schlaflosen Nächte, die sie frierend in ihrem dünnen Nachthemd auf dem Schemel am Fenster verbrachte. Ununterbrochen spielte ihr kleines Transistorradio Schlager von Lale Andersen und Peter Alexander. Immer wieder, die ganze Nacht …

Die Angst einzuschlafen und von wilden Träumen geplagt zu werden, war übergroß.

Doch Stine musste schon bald erkennen, dass die »weiße Frau« sich durch diese Aktivitäten nicht vertreiben ließ.

Irgendwann war sie wieder da …

Die Sonne war inzwischen hinter den Dächern des alten Kapitänshauses verschwunden, und die Lindenbäume an der Hauptstraße warfen lange Schatten auf das Kopfsteinpflaster. In der kleinen Stube war es längst dämmerig geworden. Nur schemenhaft konnte Stine ihre Großmutter erkennen, die in dem alten Lehnstuhl am Ofen saß. Es war völlig still im Raum, nur ab und zu hörte man von draußen das laute Gelächter der Gäste. Das Festmahl hatte seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Ein Schlachtfest auf dem Knudtsenhof war selten vor Anbruch des neuen Tages zu Ende. Stine dachte an ihre Mutter. Ob sie diese Veranstaltungen wohl auch so verabscheut hatte? Sie konnte sich kaum an ihre Mutter erinnern, und dennoch fühlte sie gerade jetzt eine tiefe Verbundenheit.

»Nun, wie hast du dich entschieden? Wirst du nach Utersum gehen?«

Metas Stimme klang müde, sie erhob sich schwerfällig und wärmte ihre Hände an den heißen Ofenplatten.

»Aber eines solltest du wissen, Stine. Egal wie du dich entscheiden wirst, gegen deinen Willen wird dich niemand wegschicken, auch der Bauer nicht.«

Stine ging langsam auf ihre Großmutter zu und strich ihr zärtlich über die runzeligen Wangen. Leise flüsterte sie:

»Ich werde dich sehr vermissen.«

11

Die ersten Tulpen und Narzissen öffneten ihre Blütenkelche, und die goldgelben Rapsfelder leuchteten mit der Frühlingssonne um die Wette. Das Milchvieh wurde von den Knechten auf die Weiden getrieben, und im Gemüsegarten erntete die Küchenhilfe die ersten Salatköpfe.

Stine stand am Fenster ihrer kleinen Kammer und sah zum Deich herüber. Wenn sie die Küchenarbeit erledigt hatte, würde sie einen langen Spaziergang machen. Nach den endlos scheinenden, düsteren Wintermonaten brauchte sie unbedingt frische Luft. Rasch schüttelte sie ihr Bettzeug auf und räumte ihre Kleider in den alten Wandschrank. Sie sah sich um. Groß war ihre Stube nicht, aber zweckmäßig und ordentlich eingerichtet. Die geblümten Tapeten an den Wänden gaben dem Raum etwas Behagliches. Mit einigen Grünpflanzen und hübschen Bildern hatte Stine sich ein gemütliches kleines Reich geschaffen. Seit fünf Monate war sie nun auf dem Clausenhof und fühlte sich inzwischen sehr wohl. Ihre anfängliche Scheu und Zurückhaltung hatte sie längst abgelegt, der Bauer war höflich und behandelte sie sehr zuvorkommend.

»Stine, komm doch einmal her …«

Stine erschrak, die Stimme des Bauern klang erregt und ungeduldig. So schnell sie konnte, lief sie die schmale Holzstiege hinunter durch die Milchkammer nach draußen. Vor dem Schweinestall standen der Bauer und zwei seiner Knechte und unterhielten sich lebhaft.

»Was ist denn los?«, fragte sie und sah die Männer neugierig an.

»Unsere beste Zuchtsau hat heute Nacht zwölf Ferkel geworfen. Was sagst du nun?«

Bauer Clausen strahlte übers ganze Gesicht und klopfte sich vor Freude auf die Schenkel.

»Stine, koch uns heute mal etwas Feines, das haben wir uns redlich verdient«, schlug er vor. Die beiden Knechte nickten zustimmend, bevor sie wieder an die Stallarbeit gingen.

»Die Ferkelpreise sind so gut wie schon lange nicht mehr, das wird ein gutes Jahr«, sagte Clausen und führte das Mädchen in den Schweinestall. Grunzend und zufrieden lag die Sau im Stroh und beobachtete wachsam jeden Schritt ihrer neugeborenen Ferkel. Stine betrachtete lächelnd die rosafarbenen, quiekenden Ferkelchen. Ihr Großvater nahm sie selten mit in den Stall. Er war der Meinung, sie sei in der Küche besser aufgehoben.

»Eine Bäuerin gehört an den Herd«, hatte er stets zu seiner Frau gesagt, und Meta war es nur Recht gewesen. Sie zeigte wenig Interesse an der Viehwirtschaft und beschäftigte sich lieber im Haus oder im Garten. Stine jedoch liebte Tiere über alles, oft unternahm sie mit dem Hofhund endlose Spaziergänge.

»In der nächsten Woche wird es noch weitere Ferkel geben.«

Marten Clausen zeigte auf eine Sau, die ihre mächtige Leibesfülle gerade schwerfällig zum Futtertrog schob.

Stine besprach mit dem Bauern noch kurz seine Termine für diesen Tag, dann ging sie zurück in die Küche. Während sie Kartoffeln schälte und die Hühner in den Backofen schob, war sie in Gedanken beim Knudtsenhof. Ihr Großvater hatte nach ihrem Umzug eine Küchenhilfe einstellen müssen. Der Großmutter fiel es immer schwerer, die alltägliche Arbeit in der Küche und im Garten zu erledigen. Ihre Gelenke hatten sich durch das Rheuma teilweise stark verformt, und an manchen Tagen war es ihr nicht möglich auch nur einen Finger zu bewegen. Doch niemand hörte die alte Bäuerin je klagen.

Stine war völlig in Gedanken versunken, erst als es laut an der Küchentür klopfte, hob sie den Kopf und lauschte.

»Herein! Wer ist denn da?«

Die Tür öffnete sich einen Spalt und ein junger Mann betrat schüchtern die Küche.

»Jan, was machst du denn hier?«

Überrascht ließ Stine das Messer in den Ausguss fallen und trat einen Schritt auf den Burschen zu.

»Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin?«

Jan Nansen stieg eine leichte Röte ins Gesicht, als er Stine die Hand gab.

»Die Hebamme Trientje hat es mir erzählt, und da dachte ich, du würdest dich über einen Besuch sicher freuen.«

Stine musste lachen, es gab eben nichts, was die alte Trientje nicht wusste.

»Ja, ich freue mich auch. Wenn du zum Mittagessen bleibst, können wir später einen Spaziergang machen. Was hältst du davon?«

Jan nickte, und die leichte Röte auf seinen Wangen verwandelte sich in ein zartes Purpurrot.

Stine tat es inzwischen längst Leid, dass sie damals so unwirsch reagiert hatte, als der junge Mann sie zum Feuerwehrfest eingeladen hatte. Sie konnte sich zwar immer noch nicht vorstellen an einem öffentlichen Fest teilzunehmen, aber trotzdem hätte sie freundlicher zu Jan sein können. Sie mochte den Jungen, der anders war als die jungen Burschen im Dorf. Seine zurückhaltende Art berührte ihr Herz auf eine seltsame Art und Weise.

Verstohlen blickte Stine zur Seite, als sie einige Zeit später zusammen mit dem Jungen den Weg zum Deich hinauf schritt. Jan hatte seine Mütze tief ins Gesicht gezogen und den Blick auf den Boden gerichtet.

»Gibt es Neuigkeiten in Oldsum?«, wollte Stine wissen.

Sie blieb stehen, um ein wenig auszuruhen. Der Weg zum Deich hinauf war steil. Kräftig blies ihr der frische Wind ins Gesicht und nahm ihr den Atem.

»Ich mache in Wyk eine Ausbildung zum Bäcker. Wusstest du das?«

Aufmerksam beobachtete Jan die Wirkung seiner Worte. Stine war überrascht, hob ruckartig den Kopf und schaute ihn verblüfft an. Jeder in Oldsum rechnete damit, dass Jan einmal das Schusterhandwerk erlernen würde, um dann irgendwann den Betrieb seines Vaters zu übernehmen. Es musste schon einen triftigen Grund dafür geben, dass er sich nun anders entschieden hatte.

»Du willst Bäcker werden? Wie kommt das denn?«, fragte Stine neugierig. »Wer übernimmt dann euren Schusterbetrieb?«

Verlegen schaute Jan das Mädchen an und ließ anschließend den Blick über die grasende Schafherde schweifen. Schließlich antwortete er stockend.

»Du kennst doch meinen Vater, mit ihm werde ich nicht zusammenarbeiten. Das würde niemals gut gehen.«

Stine nickte bekümmert, Jan tat ihr Leid. Es war ein offenes Geheimnis, dass der alte Nansen nicht gerade ein liebevoller Vater war. Körperliche Züchtigung gehörte zum Alltag in der Familie des Schusters. Das musste auch seine Frau erfahren, als sie einmal nach einem Einkaufstag den Bus verpasste und erst zwei Stunden später als gewöhnlich nach Hause kam. Tagelang konnte man den Handabdruck des Schusters auf ihrer rechten Wange erkennen. Stine seufzte, es war sicher nicht einfach, einen Tyrannen zum Vater zu haben.

»Gibt es noch mehr Neuigkeiten in Oldsum?«

Jan runzelte nachdenklich die Stirn. Doch dann schien ihm noch etwas einzufallen.

»Ich kümmere mich nicht so sehr um das Getratsche im Dorf, aber der alte Rickmers ist tot, habe ich gehört.«

»Der Küster von Süderende? War er krank?«

Kurz vor ihrer Abreise nach Utersum, hatte Stine Rickmers noch in Oldsum getroffen. Sie hatte sich von ihm verabschiedet, dass es ihm nicht gut ging, hatte sie nicht bemerkt.

Jan schüttelte den Kopf.

»Mein Vater sagt, er habe sich zu Tode gesoffen.«

Stine zuckte mit den Schultern und drehte sich um. Mit ausgestreckter Hand deutete sie auf das Dorf unterhalb des Deiches. Die verwinkelten, reetgedeckten Häuser waren ausnahmslos in Ost-West Richtung gebaut worden, das gab dem Ort den Anschein einer gewissen Ordnung.

»Sieht hübsch aus, nicht? Weiß du, warum die Häuser so gebaut wurden?«, fragte Stine und sah Jan an. Als dieser den Kopf schüttelte, fuhr sie fort:

»Ich glaube, die Häuser wurden früher in Windrichtung gebaut, damit sie den Stürmen keine Angriffsfläche bieten. Darum sind auch alle Bäume auf der Insel irgendwie schief.«

Stine musste lachen, sie genoss den Nachmittag in vollen Zügen. Noch vor einigen Monaten hatte sie gedacht, ihre kleine Welt würde einstürzen. Jetzt wusste sie, es war genau die richtige Entscheidung gewesen Oldsum zu verlassen und hier in Utersum einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Bauer Clausen war ein angenehmer Zeitgenosse. Er behandelte sie fast wie eine Tochter. Dafür war sie sehr dankbar und vergalt ihm seine Fürsorge mit Fleiß und Zuverlässigkeit. Manchmal, wenn sie wieder einmal nachts nicht schlafen konnte, dachte sie an ihre Großeltern. Besonders das schroffe Verhalten ihres Großvaters machte sie unendlich traurig. Bei ihrer Abreise nach Utersum hatte er nicht ein Wort mit ihr gesprochen. Es schien ihn auch jetzt nicht zu interessieren, wie es ihr ging oder wie sie mit der Arbeit auf dem Clausenhof zurechtkam.

»Es ist ganz schön kalt hier«, unterbrach Jan ihre Gedanken und zog seine Mütze noch tiefer über die Ohren.

Inzwischen waren sie auf der Deichkrone angekommen. Der Sturm peitschte ihnen die salzige Meeresluft ins Gesicht. Stine breitete ihre Arme aus und ließ ihren Blick über die unendliche Weite des Meeres schweifen. Das Sonnenlicht spiegelte sich tausendfach im Wasser. Aufgepeitscht durch den Wind rollten die Wellen mit ihren weißen Gischtkronen an den Strand. In der Ferne glitt ein Segelschiff hinaus in die offene See. Stine sah es kleiner und kleiner werden, bis es genau dort, wo Wasser und Himmel sich vereinten ganz plötzlich verschwand.

»Ich kann mir einfach nicht vorstellen woanders zu leben, als hier auf der Insel«, murmelte sie. »Geht es dir auch so?«

Das Rauschen und Tosen der Nordseewellen machten es Jan fast unmöglich Stines Worte zu verstehen.

»Als ich noch zur Schule ging, wollte ich unbedingt auf dem Festland leben, aber jetzt …«

Er beendete den Satz nicht, doch Stine wusste genau, was er meinte. Sie ergriff die Hand des Jungen und stand ganz still an seiner Seite. Beider Augen wanderten über die Dünenlandschaft. Stine genoss mit allen Sinnen den Wind, der ihre Haut zum Prickeln brachte.

Erst Stunden später, als die Sonne im Meer versank und so den Abend ankündigte, machten die Beiden sich auf den Heimweg.

Der wunderschöne Nachmittag am Meer ging Stine nicht aus dem Kopf. Sie kuschelte sich in die weichen Daunenkissen und schloss die Augen.

Jan würde sie bald wieder besuchen, sie freute sich schon heute darauf.

Und dennoch machte sie sich große Sorgen. Jan wusste, was die Oldsumer ihr vorwarfen. Er hatte dieses Thema zwar nicht zur Sprache gebracht, aber es konnte ihm nicht verborgen geblieben sein, welche Abneigung ihr von den Dorfbewohnern entgegen gebracht wurde. Noch war es ihm vielleicht egal, aber irgendwann würde es ihn stören, und er würde sich zurückziehen. Stine fürchtete, dass ihre Freundschaft zu Jan beendet sein würde, noch ehe sie wirklich angefangen hatte.

Kurz vor Mitternacht fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Es ist kühl im Zimmer. Durch das offene Fenster höre ich das

Rascheln der Baumkronen im Wind. Im Haus ist es still und friedlich.

Jetzt höre ich eine Stimme. Nur ganz leise …

»Geh zu deiner Großmutter und frage sie nach dem Tagebuch«,

sagt diese Stimme.

»Du musst Trientje suchen, such nach der Hebamme …«

Es regnete in Strömen, als Stine am nächsten Morgen die Eier aus dem Hühnerstall holte. In der Küche duftete es nach frisch aufgebrühtem Kaffee, und auf dem offenen Feuer brutzelte der Speck in der Pfanne. Bauer Clausen stellte seine Gummistiefel in der Melkkammer ab und setzte sich fluchend an den Tisch.

»Himmel noch einmal, muss es unbedingt heute regnen. Die Weide am Godel braucht dringend einen neuen Zaun. Gestern sind drei Schafe ausgebrochen. Der alte Mattes brachte sie mir heute Morgen zurück. Das eine Schaf blutet stark. Ich muss mir das später mal genau anschauen. Aber erst wird gefrühstückt.«

Stine hörte nicht zu. Während sie dem Bauern Kaffee einschenkte, dachte sie an die vergangene Nacht. Wieder einmal war ihr die weißgekleidete Frau erschienen. Sie hatte mit ihr gesprochen, doch an ihre Worte konnte Stine sich nur noch vage erinnern.

Von einem Tagebuch hatte sie gesprochen. Und von Trientje …

Stine wusste nichts von einem Tagebuch und konnte sich nicht erklären, warum sie ihre Großmutter danach fragen sollte. Sie schüttelte den Kopf und schob die wirren Gedanken beiseite. Sie verstand das alles nicht, sicher hatte der Traum keine Bedeutung für die Wirklichkeit. Sie beschloss, die vergangene Nacht so schnell wie möglich zu vergessen.

Das Mädchen konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, wie wichtig diese Botschaft einmal für die Knudtsen-Familie sein sollte.

12

Meta sah in ihrer weißen Bluse um Jahre jünger aus. Die grauen Haare hatte sie zu einem kunstvollen Knoten aufgesteckt, und es umgab sie ein lieblicher Veilchenduft.

Die Bäuerin bewahrte stets ein kleines Fläschchen dieses Veilchenparfüms in ihrem Nachtschränkchen auf. Nur wenn ein besonderer Anlass ins Haus stand, tupfte sie sich einige Tropfen des Duftwassers hinters Ohr.

Der Kaffeetisch war liebevoll mit dem besten Porzellan gedeckt, und in der Küche stand ein köstlicher Apfelkuchen für die Gäste bereit. Doch Metas Freude über das Wiedersehen mit ihrer Enkelin war getrübt. Nachdenklich stand die Bäuerin am Fenster und blickte zum Stall hinüber.

Immer wieder hatte sie den Bauern gebeten, wenigstens für kurze Zeit an der Kaffeerunde teilzunehmen, doch alle Mühe war vergeblich.

»Sag Stine, ich habe keine Zeit. Die Arbeit wartet nicht.«

Schroff hatte der Bauer sich abgewandt und war zum Kuhstall hinübergegangen.

»Lass mir meine Ruhe«, herrschte Ole seine Frau an, die ihm gefolgt war um ihn umzustimmen.

»Ich will niemanden sehen …«, knurrte er und warf die Stalltür endgültig ins Schloss.

Für Meta war diese Reaktion unbegreiflich. Ole war stur wie ein Ochse, nichts konnte ihn dazu bringen, Stine und Jan zu begrüßen. Dabei war es das erste Mal, dass ihre Enkeltochter einen Freund mit nach Hause brachte.

Stine war immer eine Einzelgängerin gewesen. Ihr eigenartiges Verhalten und ihre reservierte Art wirkte auf die Menschen in ihrer Umgebung abschreckend.

Umso mehr freute Meta sich, als sie hörte ihre Enkelin habe sich mit Jan Nansen angefreundet. Der Bauer jedoch war alles andere als begeistert, er konnte es dem alten Nansen immer noch nicht verzeihen, dass er ihm im letzten Jahr den Bürgermeisterposten vor der Nase weggeschnappt hatte.

»Der Nansen ist ein Halunke«, schimpfte er, als seine Frau ihm von dem bevorstehenden Besuch erzählte.

»Und sein Sprössling wird nicht besser sein. So was holst du in unser Haus?«

Meta wusste nicht mehr weiter, seit Riekes Tod benahm sich der Bauer immer merkwürdiger. Zunächst konnte man glauben, der Tod seiner einzigen Tochter habe ihn derart aus der Bahn geworfen, aber inzwischen zweifelte Meta daran, dass Riekes Unfall den Bauern so verändert hatte. Manchmal in der Nacht, wenn sie vor dem Altar in der Wohnstube ein Gebet sprach, sah sie Bilder vor ihrem inneren Auge, die sie zutiefst erschreckten. Dann ergriff sie wieder ihre große Sorge um Stine und die Angst, dem Mädchen könnte ein ähnliches Schicksal widerfahren wie ihrer Tochter Rieke.

Meta dachte an Jan Nansen. Sie kannte den jungen Mann nur flüchtig, aber im Dorf hörte man nichts Nachteiliges über ihn. Er war ein netter Junge, wohlerzogen und höflich, was sicherlich seiner Mutter zu verdanken war. Jans Vater hatte in Oldsum einen zweifelhaften Ruf.

Als Bürgermeister ging er korrekt und untadelig seinen Geschäften nach, aber privat machten die meisten Oldsumer am liebsten einen großen Bogen um ihn. Aufbrausend und jähzornig sollte er sein, erzählte man sich. So war es auch keine Seltenheit, dass ihm im Suff schon mal die Hand ausrutschte.

»Großmutter!«

Die Küchentür wurde mit Schwung geöffnet, Stine lief ihrer Großmutter entgegen und fiel ihr um den Hals.

»Mein Mädchen, ich bin so froh, dich zu sehen.«

Metas Augen füllten sich mit Tränen, so gerührt war sie. Genau fünf Monate waren vergangen, es war ein grauer Herbsttag, als Stine mit einem kleinen Koffer den Knudtsenhof verließ.

»Dünn bist du geworden. Kind, du musst viel mehr essen.«

Prüfend schaute die Bäuerin ihre Enkelin an. Durch den dünnen Stoff des bunten Sommerkleides erahnte man die schlanke Figur des Mädchens. Stine war schon als Kind sehr zart gebaut, und es fiel Meta oft schwer, gut sitzende Kleider für sie zu bekommen. Stine lachte, die Fürsorge ihrer Großmutter tat ihr gut.

»Großmutter, mach dir keine Sorgen, ich werde schon nicht verhungern. Schau mal, wen ich mitgebracht habe. Das ist Jan!«

Lachend nahm sie den jungen Mann an die Hand und sah ihre Großmutter strahlend an.

Es ist lange her, dass sie so glücklich aussah, dachte Meta, während sie Jan Nansen die Hand reichte.

Es wurde ein entspannter Nachmittag. Stine erzählte von ihrem Leben auf dem Clausenhof und betonte, wie viel Freude ihr die Arbeit in der Küche bereitete. Sie tauschte mit Meta Kochrezepte aus und berichtete über die Geburt der Ferkel.

Stine registrierte sehr wohl, dass der Platz ihres Großvaters am Kaffeetisch unbesetzt blieb, aber sie erwähnte es mit keinem Wort. Durchs Fenster sah sie ihn auf dem Hof mit den Knechten reden. Mit düsterer Mine gab er seine Anweisungen. Kein Lächeln, kein freundliches Wort hatte er für seine Leute übrig. Was kann einen Menschen nur so verändern, dachte das Mädchen. Er war einmal der liebevollste Großvater, den ein Kind sich wünschen konnte. Immer war er für seine Enkeltochter da. Wie glücklich war Ole, als die kleine Stine endlich seinen Namen tragen durfte. War er heute immer noch glücklich darüber? Stine wusste es nicht …

Der Nachmittag verflog viel zu schnell, es wurde bereits dämmerig, als Stine und Jan mit ihren Fahrrädern nach Utersum aufbrachen. Es lag noch ein gutes Stück Weg vor ihnen, und sie wollten auf keinen Fall zu spät auf dem Clausenhof ankommen, da Jan anschließend ja wieder zurück nach Oldsum musste. Aber er hatte Meta versprochen, Stine zuerst wohlbehalten in Utersum abzuliefern. Die jungen Leute waren guter Dinge, und Meta nahm ihnen das Versprechen ab, bald wiederzukommen.

13

Jan trat kräftig in die Pedale. Stine hatte große Mühe das Tempo zu halten.

»Mensch Jan, ich kann nicht mehr«, rief sie ihm lachend zu. »Können wir eine Pause machen?«

Sie sprang vom Rad und ließ sich atemlos ins Gras fallen. Sekunden später war Jan neben ihr und beugte sich lächelnd über das Mädchen.

»Du hast wohl keine Puste mehr? Das müssen wir aber noch üben«, sagte er mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Stine sah in seine braunen Augen, sein Mund war ganz nah. Ihr Herz klopfte, was sollte sie tun, wenn Jan sie jetzt küsste? Sollte sie schreien, ihn wegstoßen, oder sollte sie einfach nur stillhalten?

»Du musst dich für einen Mann interessant machen«, hatte die Großmutter zu ihr gesagt.

»Wenn du dich jedem Kerl an den Hals wirfst, nimmt dich später keiner mehr.«

Das wollte Stine auf keinen Fall riskieren, aber wie macht man sich für einen Mann interessant? Sollte sie sich doch besser wehren und weglaufen? Würde Jan das interessant finden? All diese Gedanken schossen Stine durch den Kopf, während sie ihr Spiegelbild in seinen Augen betrachtete. Eine Weile lag sie ganz ruhig neben ihm im Gras, dann hob sie langsam ihre Hand und strich zart über seine Stirn und die Wangen. Zum Schreien hatte sie keine Lust, und zum Weglaufen schon gar nicht, aber zum Küssen …

Unvermittelt richtete Jan sich auf und reichte ihr die Hand. Er fuhr mit den Händen durch seine Haare und zupfte einige Grashalme von seiner braunen Cordhose.

»Komm, wir müssen uns beeilen, es ist schon dunkel, ich habe kein Licht an meinem Fahrrad.«

Stine sah enttäuscht zu, wie Jan hastig auf sein Fahrrad stieg. Warum hatte er es plötzlich so eilig? Hatte sie falsch reagiert? Hätte sie doch weglaufen sollen? Sicher fand Jan sie gar nicht interessant, sonst hätte er sie bestimmt geküsst. Sie stieg auf ihr Rad und fuhr rasch, ohne sich nach dem Jungen umzusehen, den sandigen Feldweg entlang. Sie wollte so schnell wie möglich zurück nach Utersum. Erst, als in der Ferne die ersten Lichter des Dorfes zu sehen waren, verlangsamte sie ihre Fahrt. Es war kühl geworden, und ein eisiger Wind trieb Stine Tränen in die Augen.

Ob es wirklich der Wind war, das wusste wohl nur das Mädchen.

Obwohl sie seit den Ereignissen des vergangenen Abends völlig durcheinander war, wenn sie an Jan dachte, schlief sie tief und traumlos.

Irgendetwas war mit ihr geschehen.

War das Liebe, was sie empfand, wenn sie an Jan Nansen dachte? Liebte Jan sie auch? Aber warum hatte er sie nicht geküsst? Ihre Großmutter hatte ihr erklärt, dass man zwar aus Liebe heiraten könne, aber manchmal auch solche Dinge wie »Sicherheit, Vernunft oder Verpflichtung« für eine Ehe wichtig wären.

»Die Liebe macht halt nicht satt«, sagte Meta oft bedrückt.

Stine war ganz sicher, wenn sie einmal heiraten würde, dann nur aus Liebe.

Ob ihre Großmutter ihr erklären konnte, wie man wahre Liebe erkennt?

Großmutter mit ihrer Lebenserfahrung wird das wissen, Stine war ganz sicher.

14

Es war ein Morgen wie aus dem Bilderbuch. Die Luft war erfüllt von Vogelgezwitscher, die Fliederbüsche standen in voller Blüte, und der Frühling zeigte sich von seiner schönsten Seite.

Stine hatte das schöne Wetter genutzt und alle Fenster des Hofes einer gründlichen Reinigung unterzogen. Nun stand sie auf dem Hof und betrachtete stolz ihr Werk.

»Jetzt mach mal eine Pause, wie wäre es mit einem Tee? Ich habe in der Küche Gebäck gesehen.«

Bauer Clausen kraulte dem Hofhund das Fell und gesellte sich zu Stine. In letzter Zeit machte ihm sein Rücken oft zu schaffen. Ein altes Ischias-Leiden quälte ihn und ließ die Feldarbeit zur Last werden. So nutzte er gerne die kleinen Pausen, um sich auszuruhen und seinen Rücken für kurze Zeit zu entlasten.

»Morgen nimmst du dir einen Tag frei. Die Hausarbeit kann ruhig mal warten. Sie läuft nicht weg.«

Der alte Marten Clausen wusste Stines Arbeit auf seinem Hof zu schätzen. Das Mädchen war fleißig, und er bewunderte ihre Kochkunst. Aus wenigen Zutaten zauberte sie die köstlichsten Gerichte. Den Clausenhof hatte sie in kurzer Zeit in ein wahres Schmuckstück verwandelt.

Bunte Vorhänge und Tischtücher gaben der großen Wohnküche eine gemütliche Ausstrahlung. Handtücher und Bettzeug wurden stets gebügelt, und zu den Mahlzeiten standen frische Blumen auf dem Tisch.

»Ach Bauer was soll ich denn mit einem freien Tag anfangen? Meine Großeltern habe ich gerade erst besucht«, Stine strich eine Haarsträhne aus der Stirn und fuhr fort:

»Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich lieber hier. Morgen werde ich ein neues Kuchenrezept ausprobieren, mit Zuckerstreuseln, das wird dir gefallen.«

Bei ihrem Einkaufsbummel vor einigen Tagen hatte Stine in der Gemeindebücherei ein Sachbuch über Traumdeutung entdeckt und nun brannte sie darauf dieses Buch baldmöglichst zu lesen. Es war schon eine Weile her, dass die »weiße Frau« ihr im Traum erschienen war und Stine hoffte mit aller Kraft, dass es so bleiben möge. Wenn sie nachts träumte, dann meistens von Jan, der ihr Leben momentan ganz schön durcheinander brachte. Vielleicht hatte die Liebe, mit ihrer unendlichen Kraft einen bösen Zauber gebrochen? Stine seufzte, so etwas gab es wohl nur im Märchen.

Clausen schüttelte den Kopf. So ein junges Ding wusste nichts mit einem freien Tag anzufangen? In seiner Jugend war das anders. Jede freie Minute hatte er als junger Bursche auf dem Fußballplatz verbracht. Ein berühmter Fußballspieler wollte er werden, doch dann war sein Vater gestorben und er hatte den Hof übernehmen müssen. So zerplatzen Träume …

»Ja, wie du willst«, sagte Marten und begleitete Stine in die Küche. Während das Mädchen einen großen Kessel Wasser auf die Herdplatte stellte, machte Clausen es sich im Sessel bequem und stopfte seine Pfeife. Gerade als der Nachrichtensprecher im Radio berichtete, dass Winston Churchill aus gesundheitlichen Gründen als Premierminister zurückgetreten war, schlug der Hofhund an. Wütend riss er an der Kette. Die Gänse, die gerade noch friedlich auf der Wiese nach Futter suchten, stoben laut schnatternd auseinander und suchten das Weite.

»Was ist denn da draußen los?«

Der Bauer legte die Zeitung zur Seite und eilte auf den Hof. Mit lautem Getöse und großer Geschwindigkeit näherte sich ein Motorrad und kam erst kurz vor dem Dielentor zum Stehen. Eine hochgewachsene Gestalt in schwarzer Lederkluft stieg von dem Gefährt und reichte dem Bauern die Hand.

»Da staunst du was? Das ist eine Hercules, die Maschine habe ich gerade gekauft. Sieh sie dir nur genau an, ist das nicht ein Schmuckstück? Willst du vielleicht mal eine Probefahrt machen?«

Mit dröhnender Stimme begrüßte der Mann Marten Clausen. Dann drehte er sich um und sah überrascht zu dem Mädchen hinüber, das dem Bauern nach draußen gefolgt war. Das anzügliche Grinsen im sonnengebräunten Gesicht des Viehhändlers ließ seine Gedanken erahnen. In seinen Augen glitzerte es verdächtig. Er konnte kaum den Blick von Stine lassen.

Clausen betrachtete neugierig das Motorrad und brummte:

»Du musst ja viel Geld haben, dass du dir so was leisten kannst, Kruskopp.«

Missmutig runzelte der Bauer die Stirn. Er hatte Zeit seines Lebens sparen müssen, um über die Runden zu kommen, für solche Spielereien hatte er absolut nichts übrig.

»Dein Viehtransporter reicht dir wohl nicht mehr, oder? Jetzt muss auch noch ein Motorrad her. Damit kommt man bei den Deerns bestimmt gut an, stimmt`s?«

Der Viehhändler hatte indessen sein Motorrad abgestellt und ging lächelnd auf Stine zu. Ohne auf Clausens Bemerkung einzugehen griff er ihr unter das Kinn und hob ihren Kopf ein wenig an. Sein Blick wanderte an ihr hinunter und blieb schließlich an ihren nackten Füßen hängen.

»Was haben wir denn da? So etwas Hübsches hatte der alte Clausen aber schon lange nicht mehr auf dem Hof«, sagte er leise, während er ausgiebig ihre Beine musterte.

»Wie heißt du denn, Süße?«

Ärgerlich schüttelte Stine die Hand des Viehhändlers ab, trat einen Schritt zurück und murmelte:

»Stine Knudtsen heiße ich.«

»Ach, du bist eine Knudtsen. Die Enkelin von Ole, habe ich Recht? Was machst du denn hier auf dem Clausenhof?«

Kruskopp steckte sich eine Zigarette an und setzte sich breitbeinig auf die Bank, während er Stine nicht aus den Augen ließ. Marten Clausen beobachtete ihn misstrauisch. Kruskopp war ein Schürzenjäger, kein Mädel war vor ihm sicher. Stine musste sich vorsehen, Marten wollte keinen Ärger mit ihrem Großvater riskieren.

»Was Stine auf meinem Hof macht, geht dich nichts an. Was willst du eigentlich hier? Du bist doch sicher nicht gekommen, um mir dein neues Motorrad vorzuführen.«

Roluf Kruskopp streckte seine langen Beine weit von sich und zog an seiner Zigarette. Genüsslich blies er den Rauch durch seine gelblich verfärbten Zähne.

»Ich wollte dich fragen, ob du Ferkel abzugeben hast. Die Schweinepreise sind im Augenblick gut, wenn du willst, können wir ins Geschäft kommen.«

Clausen dachte einen Augenblick nach, bevor er antwortete.

»In einer Woche sind unsere Ferkel soweit, dann kannst du sie haben. Jetzt noch nicht.«

Zustimmend nickte Kruskopp und schwang sich wieder auf sein Motorrad.

»Ich komme dann in einer Woche mit dem Viehtransporter vorbei. Über den Preis unterhalten wir uns noch. Ach …«, Kruskopp war noch etwas eingefallen.

»Habt ihr schon gehört, dass die alte Trientje vermisst wird? Sie ist schon seit Wochen nicht mehr gesehen worden. Wenn du mich fragst - ist nicht schade drum, soll der Teufel sie holen! In Oldsum gibt es jetzt eine junge Hebamme, ein süßes Mädchen. Ich glaube sie heißt Lina und ist mit dem Schmied Hinrichsen verwandt. Eine Zuckerschnecke, sag ich dir.«

Stine horchte auf. Lina Hinrichsen war ihr gut bekannt. Lange Jahre war sie mit ihr in die gleiche Schule gegangen und konnte sich sehr gut an das blonde, zurückhaltende Mädchen erinnern. Lina war die Klassenbeste ihres Jahrgangs und sehr ehrgeizig. Stine war immer davon ausgegangen dass Lina einmal Lehrerin werden würde. Darum war sie jetzt überrascht zu hören, dass Lina den Beruf der Hebamme gewählt hatte.

»Was hast du gesagt, Trientje ist verschwunden? Ach, die war schon öfter für eine Weile weg. Vielleicht ist sie auf dem Festland, sie soll dort einen Bruder haben.«

Marten klopfte die Tabakreste aus der Pfeife und steckte sie in die Jackentasche.

Auch in Utersum kannte man die alte Hebamme, und schon oft hatte sie Clausen mit ihrer selbstgebrauten Medizin wieder auf die Füße geholfen. Jeder wusste, dass Trientje auf der ganzen Insel zu Hause war. Niemand machte sich Gedanken, wenn sie mal eine Zeit lang nicht gesehen wurde.

Mit ohrenbetäubendem Geknatter startete Roluf Kruskopp seine Maschine.

»Wahrscheinlich ist sie an ihren eigenen Pillen krepiert, wer weiß das schon«, schrie er gegen den Lärm an, bevor er in einer rasanten Kurve mit dröhnendem Gelächter vom Hof fuhr.

15

»Ich fahre jetzt zur Post, in etwa zwei Stunden bin ich wieder zurück. Hoffentlich bleibt es trocken, da oben sieht`s nach Regen aus.«

Stine schwang sich auf ihr Fahrrad, winkte dem Bauern Clausen noch einmal zu und fuhr über den schmalen Kiesweg zur Hauptstraße hinüber. Sie freute sich auf den Nachmittag und hatte sich viel vorgenommen. Beim Schneider Ennen wollte sie hereinschauen um nach neuen Stoffen zu sehen, und beim Schuster Wiemers standen ihre Sonntagsschuhe zur Abholung bereit. Der kräftige Westwind hatte die leichten Morgennebel fast vertrieben, die ersten Regenwolken zogen über die Marsch. Wenn sie noch trocken ins Dorf kommen wollte, musste sie sich beeilen. Ich werde die Abkürzung durch die Kieferschonung nehmen, dachte Stine und bog in den schmalen Feldweg ein. Wie eine zweite Haut legte sich die Feuchtigkeit der letzten Nebelschwaden auf ihre Kleider und behinderte sie beim Vorwärtskommen.

Zu allem Überfluss kam der Wind jetzt von vorne. Sie musste kräftig in die Pedale treten. Ich hätte besser bis morgen gewartet, dachte Stine, als sie plötzlich hörte, wie jemand leise ihren Namen rief.

»Stine, so warte doch.«

Stine horchte auf und wandte sich um. In rasantem Tempo kam ein junger Mann hinter ihr her geradelt, der ihr sehr gut bekannt war.

»Jan!«

Sie verlangsamte ihre Fahrt und wartete, bis der Freund sie eingeholt hatte.

»Ich bin auf dem Weg nach Süderende, um mit dem Pfarrer zu sprechen«, sagte Jan atemlos.

»Meine Eltern feiern in einigen Wochen ihre Silberhochzeit. Ich wollte eine Messe bestellen.«

»Dann gibt es wohl ein großes Fest. Wenn der Bürgermeister seine Silberhochzeit feiert, wird sicher das ganze Dorf eingeladen, oder?«

Stine stieg vom Rad und knöpfte ihre Jacke zu. Der Wind frischte auf, die ersten Regentropfen fielen und zeichneten ein bizarres Muster auf den Asphalt. Zusehends verdunkelte sich der Himmel. In der Ferne vernahm man ein leichtes Grollen, das stetig näher kam.

»Jan, es gibt ein Gewitter! Wir werden es nicht mehr bis ins Dorf schaffen.«

Hastig zog Stine ihre Jacke über den Kopf, um sich ein wenig vor dem Regen zu schützen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis das dünne Kleid des Mädchens völlig durchnässt war.

»Komm, hier in der Nähe ist ein Unterstand, da können wir warten, bis das Unwetter vorbei ist.«

Jan schwang sich auf sein Rad und fuhr los. Vorsichtig umfuhr er die knöcheltiefen Pfützen, die sich inzwischen auf dem Feldweg gebildet hatten.

Stine versuchte, es ihm gleich zu tun, doch es gelang ihr nicht. Die Jacke war ihr längst vom Kopf gerutscht und flatterte nun wie eine Fahne im Wind. Das Kleid klebte an ihren Beinen, und die Schuhe waren vom Wasser durchtränkt. Den Einkaufsbummel würde sie nachholen müssen. In den nassen Kleidern konnte sie sich nirgendwo sehen lassen. Hoffentlich machte der Bauer sich keine Sorgen, wenn sie zum verabredeten Zeitpunkt nicht zurück war.

Völlig durchnässt erreichten sie schließlich den Unterstand. Prüfend rüttelte Jan an den morschen Wänden des Schuppens. Die Holzbretter ächzten und stöhnten bei jedem Windstoß, doch sie hielten dem Unwetter stand. Die Strohunterlage auf dem Boden der Hütte war trotz der großen Lücken im Dach einigermaßen trocken. Kurzerhand zog Jan Jacke und Hose aus und hängte die Kleidungsstücke über einen Balken.

Mit gemischten Gefühlen schaute Stine auf den Jungen, der mit bloßen Beinen vor ihr im Stroh saß. Befangen setzte sie sich ebenfalls auf den Boden, nicht ohne einen anständigen Sicherheitsabstand zu wahren.

»Was denkst du, wie lange wird das Gewitter dauern?«

Stine fand die Idee, hier in diesem Schuppen auf besseres Wetter zu warten, inzwischen äußerst töricht. Sie wäre viel lieber sofort zurück zum Clausenhof gefahren. Dann hätte sie längst trockene Kleider an und könnte mit dem Bauern ihren Nachmittagstee genießen. Stattdessen saß sie hier in diesem zugigen Stall mit einem halbnackten Jungen an ihrer Seite. Wenn das Großmutter wüsste, dachte Stine nicht ohne Belustigung und stellte sich das entsetzte Gesicht der alten Dame vor.

»Was denkst du gerade? Warum lachst du?«

Jan rutschte ein wenig näher und strich mit einem Strohhalm zart über ihre nackten Beine. Stine zuckte zusammen und zog das Bein ein wenig zur Seite.

»Hm, ich denke nichts.«

Sie schaute durch einen Spalt der Bretterwand nach draußen. Es regnete noch immer. Grelle Blitze zuckten über den wolkenverhangenen Himmel. Wieder war der Junge ein Stück näher gerückt, und der Strohhalm berührte behutsam ihr Bein. Was sollte sie tun? Sie saß bereits unmittelbar mit dem Rücken an der Wand. Noch weiter wegrücken konnte sie nicht. Würde Jan sie jetzt küssen? Schreien oder Weglaufen kam wohl nicht in Frage und erschien ihr in diesem Moment auch ziemlich albern. Aber sollte sie sich einfach so küssen lassen?

Stine drehte ihren Kopf zur Seite und sah Jan an. Sein Gesicht war in der Dämmerung des Schuppens kaum zu erkennen, aber den warmen Glanz in seinen Augen sah Stine ganz deutlich. Wie schön musste es sein, ganz allmählich in diesem Glanz zu versinken, dachte sie. Jan legte seinen Arm um sie und drückte sie an sich. Stine lief ein Schauer über den Rücken, sie konnte an nichts mehr denken. All ihre Fragen wurden in diesem Augenblick beantwortet.

16

Am nächsten Tag meldete sich Besuch an.

Gesa Clausen, eine Schwester der verstorbenen Bäuerin, teilte dem Bauern auf einer bunten Postkarte mit, dass sie am Mittwoch mit der Fähre vom Festland in Wyk ankäme und bat darum, abgeholt zu werden. Der Bauer war zunächst gar nicht begeistert.

»Gesa ist ein unruhiger Geist, sie bringt hier alles durcheinander. Sie wird den ganzen Hof auf den Kopf stellen, und mit unserer Ruhe ist es aus und vorbei«, sagte er mürrisch zu Stine und verkroch sich hinter seiner Zeitung. Er ahnte, dass der Besuch sein Wohlbefinden ganz erheblich stören würde. Nur ungern erinnerte er sich an frühere Aufenthalte der Witwe in seinem Haus. Gesa verstand es meisterhaft, die Menschen zu beeinflussen. Ihre charmante Art und ihre lebensfrohe Ausstrahlung zog vor allem die Männer magisch an. Aber mittlerweile waren viele Jahre vergangen und Gesa war kein junges Ding mehr. Marten rechnete zurück, sie musste inzwischen um die fünfzig sein - eine Frau im besten Alter. Er seufzte, er würde die Aktivitäten seiner Schwägerin im Auge behalten.

»Absagen kannst du jetzt nicht mehr, morgen ist bereits Mittwoch. Das wäre zu unhöflich. Warum freust du dich nicht, wir haben so selten Besuch.«

Stine hatte Recht. Sie lebte jetzt fast ein Jahr auf dem Clausenhof, und noch nie hatte der Bauer Gäste empfangen. Dabei war er durchaus ein unterhaltsamer Mann. Sie erinnerte sich an die einsamen Winterabende, an denen sie sich häufig mit Kartenspielen die Zeit vertrieben. Immer gab es viel zu lachen, und oft leisteten die Knechte und Mägde ihnen Gesellschaft.

»Wenn du meinst, dann soll sie kommen. Für eine Absage ist es wohl wirklich schon zu spät. Schlafen kann Gesa in der alten Gesindekammer, die wird ja nicht mehr gebraucht«, brummte der Bauer.

»Lange wird sie es sowieso auf der Insel nicht aushalten«, fuhr er mit einem Augenzwinkern fort.

»Bei Gesa muss immer etwas los sein, das war schon früher so. Nun gut, dann bereite alles vor, was nötig ist.«

Das ließ Stine sich nicht zweimal sagen. Sie putzte und wienerte, bis die Kammer vor Sauberkeit strahlte. Und als es Abend wurde, war aus dem alten Verschlag ein gemütliches, behagliches Gästezimmer geworden. Das Mädchen freute sich auf den Besuch von Gesa Clausen. Brachte sie doch ein wenig Abwechselung ins Haus.

Manchmal vermisste Stine ein nettes Gespräch mit einer Freundin sehr.

Aber das war nicht immer so gewesen. Sie konnte sich noch gut erinnern, wie misstrauisch und ablehnend sie noch vor einem Jahr auf Gäste reagierte. Jeder Fremde bedeutete für sie zunächst erst mal eine Bedrohung. Da Stine kaum Menschenkenntnis besaß, konnte sie auch nur sehr schwer einschätzen, ob ihr Gegenüber ihr wohlgesonnen war oder ob sie lieber einen großen Bogen um ihn machen sollte. So blieb es nicht aus, dass das Mädchen sehr oft enttäuscht wurde und kaum noch Kontakt zu den Menschen suchte. Meta hatte oft erzählt, dass auch Rieke trotz aller Bemühungen nie eine echte Freundin fand. Ihr Großvater war ganz anders, er war sehr gastfreundlich, und oft wurde auf dem Knudtsenhof ausschweifend gefeiert.

An diesen Tagen hatte Stine sich immer völlig zurückgezogen.

Heute lag diese Zeit weit hinter ihr. Sie dachte lange über diese für sie so neue Situation nach. Sie konnte sich einfach nicht erklären, was diese Verwandlung herbeigeführte. Sicher hatte es etwas mit dem Umzug nach Utersum zu tun, aber auch die tiefe Liebe zu Jan trug ohne Zweifel dazu bei. Veränderungen, die sie früher in Panik versetzten nahm sie heute gelassen hin. An die »weiße Frau« dachte sie nur noch sehr selten.

»Ich fahre jetzt nach Wyk und hole Gesa ab. Ich denke, wir werden in zwei Stunden zurück sein.«

Bauer Clausen hatte seinen Sonntagsanzug aus dem Kleiderschrank geholt und ein frisches, blaues Hemd angezogen. Seine Haare, die sonst immer ein wenig wirr vom Kopf standen, waren heute mit viel Pomade straff an den Schädel geklebt worden.

Stine musste lachen, so hatte sie den Bauern noch nie gesehen. Sein Gesicht drückte Unbehagen aus, als er sich schwerfällig in den alten Benz setzte.

»Ich warte mit dem Kaffee, bis ihr zurück seid«, rief Stine ihm nach, während der Bauer mit aufheulendem Motor vom Hof fuhr.

Der Tag versprach sonnig zu werden, darum beschloss sie, den Kaffeetisch draußen unter der alten Buche zu decken.

Sie trug eine neue gelbe Bluse und einen weiten, blauen Faltenrock. Die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz hochgebunden - eine neue Frisur, die seit einiger Zeit auf der Insel modern war.

Es gab auf dem Clausenhof nicht viele Gelegenheiten sich hübsch zurechtzumachen, umso mehr freute Stine sich auf den Nachmittag.

Auf dem Weg in die Küche fiel ihr Blick auf den Briefkasten. Ein großer Umschlag, auf dem mit schwarzer Tinte ihr Name stand, erregte ihre Aufmerksamkeit.

Die Schrift glich der ihrer Großmutter, aber warum sollte Meta ihr schreiben? Stine hatte während ihres Aufenthaltes bei Bauer Clausen noch nie einen Brief vom Knudtsenhof bekommen, darum öffnete sie neugierig das Kuvert.

»Liebe Stine.« stand in zittrigen Buchstaben auf dem Briefbogen,

»Du wirst sicher verwundert sein, von mir Post zu bekommen. Aber das, was ich Dir zu sagen habe, duldet keinen Aufschub. Ich habe vor einigen Tagen mit unserer Magd den alten Heuboden entrümpelt. Du weißt schon, den Boden, wo wir alte Möbel und Dein Spielzeug aufbewahren. Dabei habe ich in einem Schrank ein altes Tagebuch gefunden, das wohl Deiner Mutter gehörte. Ich habe keine Ahnung, wie das Buch dort in den alten Schrank gekommen ist. Ich glaube, Du solltest dieses Tagebuch lesen. Mein Gefühl sagt mir, dass es der Wunsch deiner Mutter war.

Wenn Du uns mal wieder besuchen kommst, kannst Du das Buch mitnehmen. Ich hebe es so lange für dich auf.

Wie geht es Dir, meine Kleine? Bist Du gesund und munter? Hier auf dem Knudtsenhof ist alles in Ordnung. Nur mein Rheuma plagt mich manchmal sehr.

Liebe Grüße,

Deine Großmutter«

Stine ließ den Brief nachdenklich sinken. Die Erscheinung in ihrem Traum hatte von einem Tagebuch gesprochen. Gab es einen Zusammenhang? Hatte die »weiße Frau« dieses Tagebuch gemeint?

Die Vorstellung, ein Tagebuch ihrer Mutter zu lesen, löste in ihr Beklemmungen aus. Sie hatte inzwischen durch die Erzählungen ihrer Großmutter ein ganz bestimmtes Bild von ihrer Mutter gewonnen. Möglicherweise würden die Aufzeichnungen im Tagebuch dieses Bild mit einem Schlag zerstören?

Vielleicht handelte es sich um Eintragungen, die in Zeiten der Not und Verzweiflung geschrieben wurden?

Durften diese Hilfeschreie einer gequälten Seele einfach so an die Öffentlichkeit gezerrt werden? Ihre Mutter war Zeit ihres Lebens eine unglückliche Frau, das wusste Stine von ihrer Großmutter.

Sie empfand tiefes Mitleid mit ihrer Mutter und wünschte sich manchmal, es gäbe noch eine Gelegenheit ihr zu zeigen, wie viel Liebe sie für sie empfand. Sie beschloss, beim nächsten Besuch auf dem Knudtsenhof das Tagebuch an sich zu nehmen. Ob sie es jemals lesen würde, wusste Stine noch nicht.

Der Hofhund schlug an, ein untrügliches Zeichen, dass Besuch eingetroffen war.

Stine ließ den Brief rasch in ihrer Rocktasche verschwinden und trat durch das Dielentor ins Freie.

»Herzlich Willkommen, Frau Clausen!«

Beeindruckt von der eleganten Erscheinung der Gesa Clausen streckte sie ihr die Hand entgegen.

Martens Schwägerin trug ein gutsitzendes, graues Kostüm, darunter eine weiße Rüschenbluse und hochhackige, schwarze Schuhe. Ihre graumelierten Locken bändigte sie mit Hilfe eines signalroten Hutes. Sie war durch und durch eine Dame von Welt, das musste Stine neidlos eingestehen. Bauer Clausen dagegen machte eine eher traurige Figur. Mit zerknitterter Jacke und vom Wind zerzausten Haaren stieg er mürrisch aus dem Auto. Ohne sich um seinen illustren Gast zu kümmern, stellte er die drei riesigen Koffer kurzer Hand auf dem Hof ab und fuhr anschließend den Benz in den Schuppen. Die Tatsache, dass die Koffer unmittelbar neben einer großen Pfütze standen, quittierte Gesa Clausen mit einem leichten Kopfschütteln. Doch sie fing sich relativ rasch und ging wohlwollend auf Stine zu.

»Du bist also Stine Knudtsen, ich freue mich, dich kennen zu lernen«, sagte sie liebenswürdig.

»Ich denke, wir werden gut miteinander auskommen.«

Stine konnte sich dieser Meinung nur anschließen. Gesa machte einen freundlichen Eindruck und würde sicher für frischen Wind auf dem Clausenhof sorgen.

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Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
320 p. 1 illustration
ISBN:
9783967526691
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