Read the book: «Triest»

IMPRESSUM
ISBN: 978-3-9904-0166-8

© 2012 by Styria regional · Carinthia in der
Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG
Wien · Graz · Klagenfurt
Alle Rechte vorbehalten
Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop
Lektorat: Mag. Nicole Richter
Cover und Buchgestaltung:
TACC Media & Production GmbH
1. digitale Auflage:
Zeilenwert GmbH 2014

Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Grenzenlose Grenzstadt
Annäherung an einen Schnittpunkt der Kulturen
Bildung
Daten und Taten
Literatur und Literaten
Caffè, Kunst und Krimi
Die Kaffeemetropole Italiens
Delikat essen: Von überall das Beste
Charaktervoller Wein vom Karst
Auch zur Winterszeit
Stadtspaziergänge und Ausflugsziele
San Giusto und Altstadt
Borgo Teresiano
Borgo Giuseppino
Le Rive
Borgo Franceschino und die moderne Stadt
Triestiner Riviera
Die Barcolana – Lebenslust pur
Die schönste Küstenstraße: die Strada Costiera
Kostbarer Boden: Der Karst
Grotta Gigante: 500 Stufen in die Unterwelt
Osmiza – Gemütlichkeit bei Speis und Trank
Muggia
Allgemeine Informationen
Anreise
Auskunft/Information
Diplomatische Vertretungen/Konsulate
Einkaufen/Märkte
Führungen
Gesundheit
Notruf
Parkplätze und Garagen
Rauchen
Sport
Telefon
Unterkunft
Veranstaltungen
Verkehrsmittel
Register
Der Autor
Weitere Bücher
Klappentext


Annäherung an einen Schnittpunkt der Kulturen
Triest ist eine spröde Schönheit, die nicht jedem gleich um den Hals fällt. Sie will langsam erobert werden. Diese Stadt hat nicht die Einzigartigkeit von Venedig, nicht den großen historischen Hintergrund von Wien, nicht die mediterrane Heiterkeit von Istrien – und doch einen Gutteil von all dem. Wer Triest kennenlernen will, muss empfänglich sein für einen gehörigen Schuss
Nostalgie, darf notfalls kalten Wind und peitschenden Regen nicht scheuen. Die Triestiner können nämlich schlechtes Wetter durchaus genießen. In der heimeligen Atmosphäre eines Kaffeehauses etwa, während draußen die Bora tobt und das Meer die große Piazza scheinbar zu verschlingen droht.

Triest ist von herber Schönheit. Mag man die Stadt, dann erscheint sie wie ein frecher, vorlauter Bengel mit blauen Augen und Händen zu groß, um eine Blume damit zu verschenken; wie eine Liebe voll Eifersucht. So beschreibt der Dichter Umberto Saba sein Triest. Einen Ort am Schnittpunkt von Ost und West, Nord und Süd, lateinischer, slawischer, griechischer und jüdischer Welt, wo Mitteleuropa in den mediterranen Raum einfließt, ein Schmelztiegel an Völkern, Kulturen und Religionen. Hermann Bahr, der österreichische Schriftsteller, der hier seine „Dalmatinische Reise“ auf einem Linienschiff des Llyod Triestino begann, sagte über die Stadt: „Merkwürdig ist Triest. Die schönste Landschaft. Schöner als Neapel. Aber gar keine Stadt. Man hat das Gefühl, hier überhaupt nirgends zu sein. Es kommt einem vor, als bewege man sich im Wesenlosen.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg fast ein halbes Jahrhundert lang ein weltvergessener Winkel am Rande des Balkan, könnte das kosmopolitische Triest nun, da die nur 8 Kilometer vom Zentrum entfernte Grenze zum Nachbarland Slowenien nicht mehr das Ende der westlichen Hemisphäre bedeutet, eine wichtige Brückenfunktion einnehmen. Wenn die Politiker in Rom mitspielen, hat die Stadt alle Chancen, zu einer geistigen wie wirtschaftlichen Drehscheibe, zu einem Knotenpunkt im Herzen Europas zu werden. Erfolgreich konnte sich Triest bereits von dem fatalen Image befreien, nur noch von seiner immer stärker bröckelnden Substanz zu zehren. Viele Jahrzehnte nach dem Zerfall der Donaumonarchie musste k. u. k. Nostalgie als Synonym für Tristesse herhalten. Heute hat man genügend Selbstbewusstsein, um die frisch herausgeputzten Zeugnisse von mehr als fünf Jahrhunderten österreichischer Herrschaft ohne Sentimentalität und mit Stolz als historisches Erbe zu präsentieren, aus dem die Stadt ihre unverwechselbare Identität gewonnen hat. Dazu gehört aber auch, ohne Scheu die dunklen Seiten der Geschichte aufzuzeigen, als zunehmende nationale Spannungen das Pulverfass Triest zu zerreißen drohten.
Ein bisschen Gutes und ein wenig Schlechtes ziehen das Boot gerade, heißt es in einem Triestiner Sprichwort. Wie wahr, hat doch die Stadt zwei Gesichter wie der janusköpfige Brunnen am Beginn der Viale XX Settembre. Nicht nur ein italienisches und ein slawisches, auch ein mitteleuropäisches und ein mediterranes. Fast jeder Triestiner ist zumindest zweisprachig, wobei Italienisch im städtischen Bereich und Slowenisch im umliegenden Karstland vorherrschend sind. Nur eine verschwindende Minderheit kann sich noch auf Deutsch verständigen. Dazu kommt der von der gesamten Bevölkerung gesprochene Triestiner Dialekt, Triestin genannt, der ein kleines Abbild der Sprachen der Donaumonarchie darstellt, enthält er doch zahlreiche Elemente des Venezianischen sowie des Slowenischen, Kroatischen, Deutschen und Griechischen.
Auch historische Figuren und Ereignisse betrachtet man gerne von zwei Seiten. So wird zum Beispiel der Student Guglielmo Oberdan, der eigentlich Wilhelm Oberdank hieß und nach einem missglückten Attentat auf Kaiser Franz Joseph in Triest 1882 hingerichtet wurde, bis heute in Straßennamen und Denkmälern – in ganz Italien – als Märtyrer gefeiert. Gleichzeitig huldigt man nicht nur dem Bruder des Kaisers, Erzherzog Ferdinand Maximilian, auf der Piazza Venezia mit einem mehr als 9 Meter hohen Bronzemonument, das nach 90-jährigem „Exil“ in einem Winkel des Schlossparks von Miramare 2008 wieder seinen ursprünglichen Platz im Stadtzentrum erhielt. Auch das Denkmal von Kaiserin Elisabeth wurde aus der Verbannung geholt. Seit 1997 grüßt „Sisi“ die Triest-Reisenden wieder auf der Piazza della Libertà vor dem Hauptbahnhof.
Während die Bedeutung der Stadt als Seehafen und Warenumschlagplatz aufgrund der jahrzehntelangen sträflichen Vernachlässigung durch die Zentralregierung in Rom nur langsam wieder steigt, hat sich Triest still und leise zu einem der beliebtesten Handels- und Einkaufsorte Italiens entwickelt. Mehr als 4 000 Geschäfte sowie zahlreiche große Kaufhäuser, Einkaufszentren und lokale Märkte locken nicht nur Einheimische, sondern auch viele Besucher aus der näheren und weiteren Umgebung wie Österreich, Slowenien und Kroatien an.
Was gibt es Reizvolleres, als in Antiquitäten- oder Buchläden zu stöbern, schicke Boutiquen rund um den Corso Italia aufzusuchen, sich kulinarische Souvenirs wie Käse, Honig oder Wein einpacken zu lassen, zwischendurch ein Mußestündchen in einem der alten Kaffeehäuser zu verbringen und dann bei einem Spaziergang auf dem Molo Audace schräg gegenüber der Piazza dell’Unità d’Italia den Sonnenuntergang zu genießen? Um den Tag würdig abzuschließen, wartet die Triestiner Gastronomie mit Spezialitäten auf, deren Ursprünge wiederum aus den verschiedenen Welten der Stadt stammen: italienische Küche, angereichert mit Rezepten aus dem alten Österreich und vom Balkan.


Autofahren ist in Triest allerdings alles andere als ein Vergnügen, hat doch jeder zweite Einwohner einen PKW, von Bussen, Lastwagen, Motorrädern und Mopeds ganz zu schweigen. Wenn es regnet, gerät der Verkehr vollends zum Chaos. Parkplätze und Garagen sind nicht nur im Zentrum rar und dementsprechend teuer. Es lohnt sich daher, den Wagen am Stadtrand – zum Beispiel an der Riviera von Barcola – abzustellen und auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.
Die Busse verkehren pünktlich und in relativ kurzen Intervallen. Als einzige Straßenbahn ist die Linie 2 übrig geblieben, die als ratternde Standseilbahn die Piazza Oberdan im Zentrum mit dem hoch im Karst liegenden Opicina verbindet.
Sämtliche Sehenswürdigkeiten von Triest und Umgebung, inklusive Muggia, Duino und die Ortschaften im Karst, sind mit den „Öffis“ ohne Stress sicher und bequem zu erreichen. Wie wär’s, gönnen Sie doch auch Ihrem Auto einen schönen Triest-Urlaub!
Geografie und Geologie
Triest liegt im Nordosten Italiens am gleichnamigen Golf der Oberen Adria. Die Stadt und ihr Hinterland befinden sich an den Ausläufern des Karsts, einer steinigen, kalkhaltigen und wasserarmen Hochlandschaft, die für ihre Höhlen und Dolinen bekannt ist. Typisch für diese Gegend ist die Terra Rossa, eine aus Kalkstein-Verwitterung entstandene rote Erde, die sich besonders für den Weinanbau eignet.
Steckbrief Triest
| Name: | Trieste,Trst (slowenisch/kroatisch),Triest (deutsch) |
| Staat: | Italien |
| Region: | Autonome Region Friaul-Julisch Venetien (mit Hauptstadt Triest), bestehend aus 4 Provinzen (Pordenone, Udine, Görz, Triest) mit 218 Gemeinden. |
| Provinz: | Triest (TS, 212 km2), bestehend aus 6 Gemeinden (Duino-Aurisina, Monrupino, Muggia, San Dorligo della Valle, Sgonico, Triest/Hauptstadt). |
| Stadt Triest: | Bezirke: 7 Verwaltungsbezirke (circoscrizioni), die jeweils mehrere Stadtteile (rioni) oder Ortschaften (frazioni) umfassen. |
| Koordinaten: | 45°38’ N, 13°48’ O |
| Fläche: | 84,49 km2 |
| Einwohnerzahl (2010): | 205 535 (96 359 männlichen, 109 176 weiblichen Geschlechts), davon 8,4 % Ausländer |
| Bevölkerungsdichte: | 2 433 Einw./km2 |
| Bevölkerungsentwicklung: | 2001 – 2010 Rückgang um 2,5 % |
| Zahl der PKW: | 525 pro 1 000 Einwohner |
| Postleitzahl: | 34121 – 34151 |
| Währung: | Euro |
| Zeit: | Mitteleuropäische Zeit MEZ (inkl. Sommerzeit MESZ) |
| Tel. Vorwahl: | 040 |
| Schutzpatron: | San Giusto (Fest am 3. November) |
Klima und Reisezeit
Triest hat ein submediterranes Klima, das sich durch heiße, trockene Sommer und milde, regenreiche Winter auszeichnet. Die Durchschnittstemperaturen betragen im Sommer 25° C, im Herbst 16° C, im Winter 8° C und im Frühling 15° C, im Jahresmittel 15,6° C. Die Statistik weist pro Jahr nur 8 Frostnächte auf, dafür aber 2 500 Sonnenstunden. Das Wasser der Oberen Adria erreicht im Hochsommer in Küstennähe bis zu 27° C. Der jährliche Niederschlag beläuft sich auf durchschnittlich 940 mm, die relative Luftfeuchtigkeit auf 64 %.
Ob man es glaubt oder nicht: in der „Stadt der Winde“ herrscht an beinahe 200 Tagen im Jahr Windstille, das sind mehr Tage ohne Wind als in den meisten anderen Orten am Mittelmeer. Freilich, die Bora, der plötzlich aufkommende kalte, meist trockene Fallwind aus Nordosten, der im Winter in starken Böen vom Land auf das offene Meer bläst, hat es in sich. Manchmal bringt die Bora Nera sogar Eisregen und Schnee mit. Sie wird durch das Hochplateau kanalisiert, ballt sich in der Bucht von Triest zusammen und fegt mit bis zu 200 Kilometern pro Stunde durch die Stadt. Dann steht fast alles still, die Triestiner bleiben lieber in ihren Häusern. Müllcontainer, die durch die Luft wirbeln, entwurzelte Bäume und ein Tempolimit von 40 km/h auf den Autobahnen sind keine Seltenheit, wenn die Bora Hochsaison hat. Sie bläst zu jeder Jahreszeit, vor allem aber im Winter. Bis zu vierzehn Tage kann das Schauspiel dauern, im Sommer hält die Bora meistens nicht länger als ein paar Stunden an. Ihre Höhepunkte erreicht die Bora fast immer zwischen 7 und 11 Uhr und zwischen 18 und 22 Uhr. Die Menschen haben mit der unkontrollierbaren Kraft zu leben gelernt, obwohl sie schon immer Schrecken und Faszination auslöste. Schon Stendhal berichtet über die Bora, vor der man „Angst haben muss, sich den Arm zu brechen“.


Vergleichweise harmlos erscheinen dagegen die drei anderen Winde, die für das Triestiner Klima charakteristisch sind. Der sommerliche Mistral oder Maestrale ist eine leichte Brise aus Nordwest, die vom Meer Richtung Land weht und heiße Nächte abkühlt. Der Scirocco, ein warmer, feuchter Ost-Südostwind, wird vom Frühjahr bis zum Herbst in der Regel von schweren Wolken und heftigen Regenfällen begleitet. Im Gegensatz zur Bora ist er meist ein konstanter Wind ohne heftige Böen. Der Libeccio kommt aus dem Südwesten, Libyen klingt schon im Namen an.
Triest ist ein Ziel für alle Jahreszeiten, am angenehmsten sind freilich Frühjahr und Herbst, wenn man die Natur der Umgebung ebenso wie Museen, Kaffeehäuser und Shopping genießen kann. In den Hochsommerwochen rund um ferragosto (15. August), wenn die Massen zu den Stränden ziehen, sollte man es den Triestinern gleich machen und erst abends zu einem Stadtbummel aufbrechen.
Wirtschaft
An vollmundigen Versprechungen und kühnen Projekten mangelt es nicht, um den nach Genua zweitgrößten Hafen Italiens aus seinem wirtschaftlichen Tief herauszuholen. Der jüngste Plan sieht einen gigantischen Ausbau der Häfen von Triest und Monfalcone vor, mit dem deren Kapazitäten wesentlich ausgedehnt werden sollen. Mit einem integrierten und vollautomatisierten logistischen System will man den Schiffsverkehr zwischen Asien und Europa hierher verlagern und eine Alternative zum Riesenhafen von Rotterdam bieten. Ob das Milliardenprojekt in nächster Zeit realisiert werden kann, ist angesichts der allgemeinen Sparzwänge mehr als fraglich.
Derzeit beläuft sich der Warenverkehr im Triestiner Hafen auf etwa 50 Mio. Tonnen pro Jahr, davon sind 35 Mio. Tonnen Rohöl, das über die Transalpin-Pipeline nach Österreich (Schwechat), Deutschland (Ingolstadt) und Tschechien weitergeleitet wird. Der Großteil der restlichen Waren besteht aus Holz, Kohle, Mineralstoffen, Getreide und Kaffee. Das umgeschlagene Containervolumen liegt bei jährlich 250 000 (Rotterdam: mehr als 9 Mio.), für knapp 200 000 Passagiere ist Triest Ankunfts- oder Abfahrtshafen.
Größtes Problem ist nicht die Kapazität der 2,3 Mio. Quadratmeter großen Hafenanlagen mit ihren 12 Kais und nahezu 50 Anlegeplätzen, sondern die Anbindung an Straße und Schiene. Dringend erforderlich wäre ein Ausbau der längst zu einem Nadelöhr mit kilometerlangen LKW-Staus gewordenen Autobahn Triest – Venedig sowie der Schienen-Infrastruktur, ist doch die derzeitige Bahnlinie bereits mehr als 150 Jahre alt. Das 2006 mit einem „Letter of Intent“ zwischen Polen, Tschechien, der Slowakei, Österreich und Italien besiegelte Großprojekt „Baltisch-Adriatische Achse“ soll dazu beitragen, die europäischen Verkehrsströme dem Wandel der wirtschaftlichen Gegebenheiten anzupassen.
Auch als Zentrum für Handel und Dienstleistungen braucht Triest dringend verbesserte Verkehrswege zu Land. Immerhin hat Italiens größter Versicherungskonzern, die 1831 hier gegründete Assicurazioni Generali, nach wie vor ihren Hauptsitz in der Hafenstadt, von der aus die weltweiten Aktivitäten der Gruppe koordiniert und gesteuert werden.
Einen wichtigen Schritt in die Zukunft hat man bereits 1982 mit der Errichtung des „AREA Science Park“ in der Karst-Hochebene zwischen Padriciano und Basovizza gewagt. Mit derzeit 88 Unternehmen, Forschungslabors und Beratungseinrichtungen – das Spektrum reicht von der Finanzwelt über Dienstleistungen, Hi-Tech, Physik, Informatik und Umwelt bis hin zu Medizin – sowie 2 600 Beschäftigten gilt die Anlage heute als einer der international renommiertesten Technologieparks (Infos unter www.area.trieste.it).

Bildung
Am Schnittpunkt der Kulturen nimmt das Thema Bildung einen großen Stellenwert ein. Die Universität Triest (Università degli Studi di Trieste) wurde 1924 gegründet und musste zunächst im Spannungsfeld der habsburgischen beziehungsweise italienischen Vorherrschaft während des Ersten und, später, während des Zweiten Weltkriegs einige stürmische Zeiten durchleben.
Begonnen hatte man mit einer juridischen und wirtschaftlichen Fakultät, bald kamen Philosophie und Philologie hinzu. Heute gibt es in Triest 12 Fakultäten und knapp 20 000 Studierende. Müßig zu erwähnen, dass sich unter den Persönlichkeiten aus dem Universitätsbereich nicht nur bekannte Wissenschafter, sondern auch renommierte Schriftsteller befinden, darunter Claudio Magris. In den seit einigen Jahren italien- und weltweit durchgeführten Universitätsrankings schneidet die Universität Triest jedenfalls stets sehr gut ab.
Von kosmopolitischem Zuschnitt ist aber auch die Internationale Schule in Triest, die 1964 gegründet wurde und ihren Sitz hoch oben im luftigen Vorort Opicina hat. Vom Kindergarten bis zur Maturaklasse wird hier von hochqualifizierten muttersprachlichen Lehrern in englischer Sprache unterrichtet, natürlich mit Italienisch als fixem Bestandteil des ambitionierten und innovativen Lehrplans.
Eine weitere Kaderschmiede befindet sich gleich in der Nähe von Triest, nämlich in Duino. Ausgewählte Schüler aus etwa 80 Nationen dürfen hier mittels Leistungsstipendium zwei Jahre lang das „United World College of the Adriatic“ besuchen, das eines von weltweit dreizehn UWCs darstellt. Die Schwerpunkte der hier gebotenen Ausbildung, die mit einem Diplom (und damit einer Universitätszugangsberechtigung) abschließt, liegen nicht nur im sprachlichen, kreativen oder auch naturwissenschaftlichen Bereich, sondern in speziellen Projekten zur Förderung der sozialen Kompetenz.
Daten und Taten
| 104 v. Chr.: | Erste urkundliche Erwähnung der Siedlung Tergeste (= Markt) auf dem heutigen Stadthügel San Giusto durch den griechischen Geografen Artemidor von Ephesos. |
| 46 v. Chr.: | Tergeste wird eine befestigte römische Kolonialstadt und zwei Jahrzehnte später dem Römischen Reich angegliedert. |
| 476 n. Chr.: | Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches dient die Stadt den Byzantinern als Grenzbefestigung. |
| 568: | Einfall der Langobarden in Italien, Triest wird verwüstet. |
| 788: | Die Stadt wird dem Frankenreich als ein Teil der Mark Friaul einverleibt. |
| 948: | Die Bischöfe von Triest üben fast drei Jahrhunderte lang die weltliche Hoheit über die Stadt aus. |
| 1202: | Triest muss dem mächtigen Venedig einen Treueschwur leisten. |
| 1382: | Die Stadt stellt sich unter den Schutz der Habsburger, die mehr als fünf Jahrhunderte lang mit wechselndem Erfolg deren Geschicke bestimmen sollten. |
| 1508: | Letzter einer Reihe verheerender Feldzüge Venedigs gegen Triest. |
| 1521: | Im Frieden von Worms wird die Zugehörigkeit Triests zu Österreich bestätigt. |
| 1719: | Mit der Erhebung der Stadt zum Freihafen durch Kaiser Karl VI. beginnt der Aufstieg Triests in der Donaumonarchie. |
| 1768: | Auch Karls Nachfolgerin Maria Theresia unterstützt nach ihrer Thronbesteigung den wirtschaftlichen Aufschwung durch weitere Privilegien und die Anlage eines neuen Stadtviertels („Borgo Teresiano“). |
| 1797 – 1813: | Drei Mal wird Triest von Truppen Napoleons besetzt. |
| 1814: | Österreich übernimmt wieder die Herrschaft über Triest, der Status als Freihafen bleibt, doch wird die Autonomie der Stadtverwaltung eingeschränkt. Erstmals machen sich nationalistische Tendenzen und ethnische Konflikte bemerkbar. |
| 1829: | Josef Ressel führt mit dem in Triest erbauten Schiff „Civetta“ die erste erfolgreiche Testfahrt mit der von ihm entwickelten Schiffsschraube durch. |
| 1830 – 1840: | Gründung von Versicherungen (Assicurazioni Generali), Schifffahrtsgesellschaften (Adriatischer Lloyd) und Werften (San Marco) in Triest. |
| 1857: | Die Eisenbahnlinie Wien – Triest (Südbahn über den Semmering, Graz, Marburg, Laibach) wird eröffnet. |
| 1866: | Österreich verliert nach der Lombardei auch Venedig an Italien. Triest bleibt den Habsburgern treu und wird mit dem Titel „Città Fedelissima“ (Treueste Stadt) belohnt. |
| 1882: | Kaiser Franz Joseph entgeht in Triest während antiösterreichischer Demonstrationen nur knapp einem Bombenanschlag, der Attentäter Guglielmo Oberdan wird hingerichtet. Der Nationalitätenkonflikt spitzt sich immer mehr zu. |
| Um 1900: | Die wirtschaftlich blühende Stadt stellt ihren Reichtum durch zahlreiche Prachtbauten nach dem Muster der Wiener Ringstraße zur Schau. |
| 1915 – 1918: | Im Zuge des Ersten Weltkriegs erklärt Italien Österreich den Krieg. Die schwersten Kämpfe finden am unteren Isonzo statt. Am 28. Oktober 1918 bricht die österreichische Front an der Piave zusammen. |
| 1919: | Im Frieden von Saint Germain gelangt das Küstenland mit Istrien und Triest zu Italien. |
| 1922: | Nach der Machtübernahme durch die Faschisten Mussolinis kommt es zu einer brutalen Italianisierung von Triest und dem vorwiegend slowenischen Umland. |
| 1924: | Gründung der Universität |
| 1938: | Mussolini verkündet auf der Piazza dell’Unità d’Italia die italienischen Rassengesetze. |
| 1940: | Italien tritt an der Seite Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg ein und besetzt das dalmatinische Küstenland. |
| 1943: | Nach dem Zusammenbruch des Faschismus wird Triest von deutschen Truppen besetzt. Der SS-Führer Odilo Globocnik, ein gebürtiger Triestiner, lässt in der Risiera di San Sabba das einzige Nazi-KZ auf italienischem Boden errichten. |
| 1945: | Ende des Zweiten Weltkriegs. Triest wird von jugoslawischen Partisanentruppen besetzt, nach 40 Tagen auf Druck der Alliierten wieder geräumt. Ehe anglo-amerikanische Streitkräfte eintreffen, werden ungezählte Menschen, Italiener wie Slowenen, Opfer von Massakern. |
| 1947: | Im Pariser Friedensvertrag wird Triest zum „Freien Territorium“ erklärt, mit der Zone A, der Stadt und ihrer nächsten Umgebung, unter britisch-amerikanischer und der Zone B (Hinterland von Triest und der Nordwesten Istriens) unter jugoslawischer Militärhoheit. |
| 1954: | Im Abkommen von London wird die Zone A endgültig Italien, die Zone B Jugoslawien zugeschlagen, Triest somit Grenzstadt am Eisernen Vorhang. |
| 1963: | Schaffung der autonomen Region Friaul-Julisch Venetien mit Triest als Hauptstadt. |
| 2004: | Mit dem EU-Beitritt und der drei Jahre später erfolgten Unterzeichnung des Schengen-Abkommens durch Slowenien verliert Triest seine jahrzehntelange Randposition und wird zur Grenzstadt ohne Grenzen. |
| 2011: | Roberto Casolini vom Partito Democratico löst im Bürgermeisteramt Roberto Dipiazza von der Berlusconi-Partei ab, deren auf Rom konzentrierte Politik Triest – nicht zuletzt im Konkurrenzkampf mit den nahen Häfen von Koper (Slowenien) und Rijeka (Kroatien) – um wichtige wirtschaftliche Wachstumschancen brachte. |
Literatur und Literaten
Es kann nicht nur das magische Kreativzentrum Kaffeehaus gewesen sein, weshalb sich Triest in seiner kurzen Glanzzeit zu einer der literarischen Hauptstädte Mitteleuropas entwickelte. Die Multinationalität dieser Stadt, die kulturelle Strömungen aus allen Himmelsrichtungen aufsaugte, schuf ein geistiges Klima, in dem etwa in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nicht weniger als 560 Zeitungen und Zeitschriften in verschiedenen Sprachen gedeihen konnten.
Anhand lebensgroßer Statuen von Nino Spagnoli kann man in Triest auf den Spuren der berühmtesten Dichter und Schriftsteller wandeln, die hier geboren wurden, eine Zeit lang gelebt oder die Stadt zum Schauplatz ihrer Werke gemacht hatten. Am Ponte Rosso über dem Canal Grande begegnet man dem großen Iren James Joyce (1882 – 1941). In Bronze gegossen, mit einem Hut auf dem Kopf, die linke Hand lässig in der Hosentasche – in der Pose eines in Gedanken versunkenen Spaziergängers steht der Autor auf der Brücke.
An der Piazza Ponterosso Nr. 3 befand sich eine der insgesamt neun Triestiner Wohnungen des freiwilligen Exilanten, der zwischen 1905 und 1915 mit mehreren kurzen Unterbrechungen in Triest lebte und sich seinen kargen Lebensunterhalt als Englischlehrer an der damaligen Berlitz-School in der nahen Via San Nicolò verdienen musste. Die städtische Bibliothek und die Universität Triest zeichnen verantwortlich für das Museo James Joyce (Via Madonna del Mare 13, 2. Stock, Mo – Sa 9 – 13, Do auch 15 – 19 Uhr, Eintritt frei, www.museojoycetrieste.it, Bus Linie 30), ein Studien- und Dokumentationszentrum, das auch „Itinerari Joyciani“, Spaziergänge zu den von Joyce bevorzugten Plätzen und Lokalen der Stadt, veranstaltet.
Nachdem er in Triest zunächst Gedichte und Kurzgeschichten verfasst hatte, begann der Schriftsteller noch mit den ersten Skizzen seines weltberühmten, zum Kult gewordenen Romans „Ulysses“, ehe er im Ersten Weltkrieg als „feindlicher Ausländer“ das Land verlassen musste. Auch wenn er mit diesem monumentalen Werk seiner Geburtsstadt Dublin ein grandioses literarisches Denkmal gesetzt hat, so vermeinen namhafte Literaturwissenschafter in vielen Merkmalen des Textes Triest zu erkennen.

Joyce, der gerne und in großen Mengen dem Alkohol zusprach, ließ sich nicht nur von der Atmosphäre in den Kaffeehäusern, Kneipen und Bordellen der Adria-Stadt inspirieren, es heißt auch, dass er in seinem Englischschüler und Freund Italo Svevo das Vorbild für den Protagonisten des Romans, Leopold Bloom, gefunden habe.
Dem Bronze-Standbild von Italo Svevo (1861 – 1928), der einer deutsch-jüdisch-italienischen Familie entstammte und eigentlich Ettore Schmitz hieß, begegnet man auf der schattigen Piazza Hortis: einen Hut in der linken, ein Buch in der rechten Hand, die Miene eher skeptisch. Die Figuren seiner Romane sind keine stolzen Helden, sondern dem Leben kaum gewachsene Grübler, wenn nicht gar Versager. Svevo, längst als großer Erneuerer des italienischen Romans anerkannt, hatte als eingeheirateter Besitzer einer Lackfabrik im Gegensatz zu Joyce, der ständig unter Geldnot litt, keine materiellen Sorgen. Er war jedoch über die Erfolglosigkeit seiner ersten Romane „Una Vita“ („Ein Leben“, 1892) und „Senilità“ („Ein Mann wird älter“, 1898) so frustriert, dass er sich ernsthaft überlegte, seine schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben. Ohne seinen Englischlehrer Joyce, der ihn zum Weiterschreiben ermutigte, hätte er wohl sein Meisterwerk „La coscienza di Zeno“ („Zeno Cosini“, veröffentlicht 1923) niemals geschaffen. Der Ire war es auch, der die Romane seines Schülers nach dem Ersten Weltkrieg international bekannt machte.
Schauplatz von Svevos Werken ist in erster Linie Triest. Dies wird im Museo Sveviano (Via Madonna del Mare 13, 2. Stock neben Joyce-Museum, Mo – Sa 9 – 13, Do auch 15 – 19 Uhr, Eintritt frei, www.museosveviano.it, Bus Linie 30) anschaulich dokumentiert.
In Zusammenarbeit mit dem Teatro La Contrada werden im Sommer auf der Piazza Hortis Serate Sveviane, Svevo gewidmete Szenenfolgen gezeigt. In der Via San Nicolò steht die Bronzefigur des Dichters Umberto Saba (1883 – 1957): In einem langen Mantel, auf einen Stock gestützt schreitet er, der Kaffeehäuser und Kneipen mied, zu seinem Tempel, der Libreria Antiquaria Umberto Saba (Via San Nicolò 30, Di – So 9 – 12.30, 16 – 19.30 Uhr, Mo geschl.). Hier vergrub er sich in einem Hinterzimmer und feilte an seinen Gedichten wie dem Zyklus der „Canzoniere“, in denen Triest in all seiner Widersprüchlichkeit besungen wird. Sein Geburtshaus im ehemaligen Ghetto wurde 1937 zerstört, er selbst musste wegen seiner mütterlicherseits jüdischen Abstammung 1943 seine Heimatstadt für drei Jahre verlassen. Im Antiquariat wacht Mario Cerne, dessen Vater Carletto ein halbes Jahrhundert mit dem dichtenden Buchhändler zusammengearbeitet hatte, über kostbare alte Bücher in verschiedenen Sprachen, eine wahre Fundgrube für alle, die Gedrucktes zwischen Buchdeckeln zu schätzen wissen.
Ein typisches Kind der Stadt mit slowenischem Vater und italienischer Mutter war der Journalist und Schriftsteller Scipio Slataper (1888 – 1915), der sich für die Anbindung von Triest an Italien einsetzte. Seine einzige Buchveröffentlichung, das autobiografische Werk „Il mio Carso“ („Mein Karst“), trägt die Jahreszahl 1912. Auch wenn er sich langweilte, wie er schrieb, mochte er die Stadt auf ihre Weise: „Mir gefällt das Treiben, der Lärm, das Sich-zu-schaffen-machen, die Arbeit. Niemand verliert Zeit, denn alle müssen schnell an irgendeinen Ort gelangen und sind besorgt.“ Drei Jahre später ereilte ihn ein Triestiner Schicksal, er fiel in der Vierten Isonzoschlacht bei Görz.
Zu den bekanntesten Triestiner Autoren unserer Zeit, der auch deutschsprachigen Lesern ein Begriff ist, gehört der Essayist, Romancier und Germanistik-Professor Claudio Magris (geb. 1939), der sich in seinen Werken vielfach mit den Problemen des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen, also im Grunde jenen seiner Heimatstadt, beschäftigt. Die Bandbreite der Themen des 2009 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichneten Schriftstellers reicht aber von einem literaturwissenschaftlichen Werk über den habsburgischen Mythos über eine Biografie der Donau bis zu einer kritischen Würdigung der Triestiner Literatur.
Seit den 1990er-Jahren lebt der deutsche Schriftsteller Veit Heinichen (geb. 1957) in Triest, Schauplatz seiner bisher mehr als ein halbes Dutzend spannenden Kriminalromane rund um Commissario Proteo Laurenti. Den ausgewiesenen Gourmet Heinichen, dessen Krimis in sieben Sprachen übersetzt wurden, unter ihnen Italienisch und Slowenisch, kann man, wenn man Glück hat, in einem der Kaffeehäuser – siehe nachfolgendes Kapitel –, in einer der urigen Buschenschänken im Karst, einer Osmiza, oder auf einem Weingut beim Verkosten antreffen. Am allerehesten jedoch im Ristorante Scabar (Erta di Sant’Anna 63, Tel. 040 810 368, www.scabar.it, Mo Ruhetag, Bus Linie 34 ab Largo Barriera Vecchia bis Endstation), für das er in seinen Romanen unverhohlen Werbung betreibt. Aus gutem Grund: Denn die Spitzengastronomin Ami Scabar ist nicht nur seine Lebensgefährtin, mit der gemeinsam er das schöne kulturgeschichtlich-kulinarische Reisebuch „Triest – Stadt der Winde“ verfasst hat. Hoch über der Stadt mit Traumaussicht genießt man auch exquisite Fisch- und Fleischgerichte.

Caffè, Kunst und Krimi
So wie die Literatur und die Literaten in Triest einen besonderen Stellenwert aufweisen, so ist auch das Image der Stadt als „Kaffeemetropole“ verfestigt. Wie sehr diese beiden Tatsachen miteinander verknüpft sind und einander bedingen, sei dahingestellt. Erwiesen ist nur, dass die ungezählten Kaffeehäuser der Stadt das „Wohn- und Arbeitszimmer“ vieler Literaten waren und sind. Italo Svevo, James Joyce, Rainer Maria Rilke, Umberto Saba, Hermann Bahr und noch viele andere, sie alle besuchten gerne die Konditoreien und Cafés, besonders das San Marco. Milchige Lichtströme fließen durch die hohen Fenster, die Sessel sind abgewetzt, über den Köpfen feixende Masken und Stuck. Jegliche Modernisierungswut ging am San Marco vorüber, seitdem es 1914 eröffnet wurde. Auf der Karte stehen neben den üblichen Kaffeefixpunkten auch caffè viennese und strudel di mele, Apfelstrudel. Der berühmte Schriftsteller Claudio Magris ist hier Stammgast. Er liebt den „liberalen Pluralismus“ der Besucher und verfasst an seinem Stammtisch Essays und Romane. „Das San Marco ist eine Arche Noah, die für alle Platz hat, ohne Vorrang und ohne Ausschluss“, schreibt er. Das bunte Publikum beschreibt er in seinem Werk „Die Welt en gros und en détail“: „Alte Kapitäne von Überseedampfern, Studenten, die sich aufs Examen vorbereiten und amouröse Taktiken austüfteln, Schachspieler, unempfänglich gegen alles, was um sie herum geschieht, deutsche Touristen, neugierig gemacht durch die kleinen und großen literarischen Berühmtheiten, die ehemals diese Tische frequentierten, schweigsame Zeitungsleser, angeheiterte Gruppen, die sich dem bayerischen Bier oder dem Verduzzo hingeben, mürrische alte Leute, die über die Niedertracht der modernen Zeiten schimpfen, siebengescheite Demonstranten, unverstandene Genies, ein paar alberne Yuppies, Korken, die wie Ehrensalven knallen, vor allem, wenn der Dr. Bradaschia – vom Gericht wegen Hochstapelei (darunter auch das unberechtigte Führen eines Doktortitels) entmündigt – den, der in seiner Nähe sitzt oder an ihm vorbeigeht, unbeirrt zum Trinken einlädt und dabei den Kellner in einem Ton, der keine Widerrede zuläßt, auffordert, es ihm auf die Rechnung zu setzen.“


Jüngstes Beispiel eines Kaffeehausliteraten ist Krimistar Veit Heinichen. Mit seinem Commissario verbindet den Deutschen einiges. Gerechtigkeitssinn, beide sind Zugewanderte, lieben die Vielfalt der Weine und Küche, natürlich trinken auch beide gerne Kaffee. Nicht immer in den gleichen Cafés – „je nach Laune und Laufweg“. Das San Marco meidet er eher. „Ein Schriftsteller pro Café ist genug.“ Der Deutsche betreibt Recherche für seine Romane in anderen Cafés, am liebsten in der Gran Malabar, Kompetenzzentrum für eine verwirrende Fülle an Weinschätzen, über die sogar die New York Times berichtet.
Das Verbrechen ist seine Welt. Veit Heinichen legt seine Finger in die gesellschaftlichen Wunden unserer Zeit. Bestechung, Menschenschmuggel, historische Spannungen, Organhandel, Industriespionage, illegale Mülltransporte, Grundstücksspekulationen, verbotene Hundekämpfe, Drogenhandel, Wirtschaftskrise – sehr globale Themen, die Veit Heinichen und seine Bücher antreiben. In seinem neuesten Werk „Keine Frage des Geschmacks“, richtet er den Blick auf Korruption, Manipulation und Ausbeutung. „Diese Art von Roman ist Spiegel eines Raumes und einer Epoche. Das kann kein Sachbuch und keine Reportage in dieser Klarheit leisten“, sagt er. Obwohl es mit Kriminalität in Triest nicht weit her ist. Kaum eine gestohlene Handtasche wird gemeldet, mit Morden kann die Hafenstadt noch viel weniger dienen. „Triest hatte eine andere Funktion, war riesengroße Geldwaschanlage für die internationalen Geheimdienste, als die Welt noch in zwei Blöcke geteilt war. Wir haben neun Stasi-Agenten hier gehabt. Das ist irre, das weiß kein Triestiner.“ Genauso fein verlaufen die Linien des Verbrechens auch heute. „Die Balkanmafia vereint sich mit der italienischen, deutschen und österreichischen in Triest, einem Kreuzungspunkt, der direkt nach Klagenfurt führt“, diktierte er bereits vor sechs Jahren in das Aufnahmegerät. Wie recht er schon damals hatte, wir sehen es heute alle.
Triest ist nicht nur eine Guckkastenbühne in Heinichens Fantasie, sondern Protagonist mit seiner eigenen Biografie. Realität und Fiktion verschmelzen. Mit fast enzyklopädischem Wissen und viel lokaler Atmosphäre werden die Leichen in Heinichens Romanen fast schon wieder lebendig. Die beschriebenen Orte gibt es wirklich, genauso wie die Wirte oder Galeriebesitzer. „Warum sollte ich sie umbenennen, Insider würden sie ja doch erkennen.“ Das ist auch eine der Qualitäten von Heinichens Literatur. Die Fakten stimmen. Man lernt die Stadt von innen kennen, vom Polizeihauptquartier bis zu den Restaurants. „Ich habe eine Verantwortung gegenüber dem Leser, er muss sich auf die Inhalte verlassen können.“ Auch Proteo Laurenti verkehrt in den gleichen Osterien und Bars. „Wenn ich hereinkomme, geht er allerdings gerade hinaus.“
Nahliegend, dass auch in Heinichens „Keine Frage des Geschmacks“ – wie im echten Triest – Bohnen eine wichtige Rolle spielen. Im Zentrum stehen die braunen Bohnen, aber auch blaue Bohnen schwirren durch die Luft, wenn es verbrecherischen Elementen darum geht, sich den größten Teil des Kuchens auf dem Kaffeemarkt zu sichern. Kaffee trägt laut Heinichen, wie andere Rohstoffe auch, immer eine Sozialgeschichte in sich. „Wir westlichen Staaten rühmen uns zwar des Demokratieexports, gleichzeitig stützen wir Tyrannen aus ökonomischen Gründen.“ Wie sehr demokratisches Engagement und Wirtschaft zusammenhängen, zeige Ex-Jugoslawien. „Der Balkankrieg hat den Westen nie interessiert. Der Grund ist klar, es gab dort kein Rohöl.“ In die Handlung verwoben wird viel Wissenswertes über den Kaffee. So erfährt der Leser nebenbei über den teuersten Kaffee, den von Schleichkatzen fermentierten Kopi Luwak, aber auch über die Hundert verschiedenen Arten, einen anständigen Kaffee in den Bars zuzubereiten. Commissario Proteo Laurenti kennt sie alle, er ist genauso leidenschaftlicher Kaffeegenießer wie sein Schöpfer. „Das Schöne an den Bars und Cafés ist ja, dass sie hierarchiefrei sind, sowohl, was das Alter und die Schichte betrifft. Alle werden gleich behandelt.“

Die Kaffeemetropole Italiens
Triest darf sich konkurrenzlos als Italiens Kaffeehauptstadt bezeichnen, die Zahlen sprechen für sich. Rund 25 Prozent des italienischen Rohkaffees werden hier umgeschlagen, Friauls Hauptstadt liegt damit gleichauf mit Savona, dahinter Genua mit 11 Prozent. Friauls Hauptstadt ist aber nicht nur Handelsplatz. „Triest hat als einzige italienische Stadt alle Bereiche der Kaffeeproduktion, vom Rohimporteur über den Röster bis zu den Kaffeelabors. Das zeigt die Bedeutung der Stadt“, sagt Vincenzo Sandalj, Inhaber von Triests größtem Kaffee-Veredelungsbetrieb. Auch beim Kaffeekonsum ist Triest klar numero uno. Zehn Kilo oder 1 500 Tassen Espresso pro Person und Jahr werden hier geschlürft, doppelt so viel wie im italienischen Schnitt. Die Weltmeister sind zwar die Finnen mit 11,8 kg Kaffee – vielleicht, weil die nordischen Kommissare die regenverhangene Tristesse ständig mit Kaffee hinunterspülen. Was die Kaffeekultur betrifft, leben die Nordlichter aber Lichtjahre entfernt von der italienischen. Triest ist außerdem Sitz des größten Kaffeeverbandes der Nation und die Heimat von Illycaffè.
Konsumiert wird das Getränk natürlich immer auch zu Hause, vorwiegend aber zu jeder Tages- und Nachtzeit in den unzähligen Kaffeehäusern und Bars, die man in Triest an allen Ecken und Enden findet. Die Rohware läuft im Containerterminal Molo VII im Hafen von Triest ein, über dem oft eine verführerische Kaffee-Duftwolke schwebt. Jährlich werden bis zu 2,5 Mio. Säcke zu je 60 Kilogramm Kaffeebohnen aus Brasilien, Vietnam, Indien, Kolumbien, Indonesien und anderen Ländern importiert und zu einem nicht geringen Teil gleich verarbeitet.
Mit dem Kaffee ist ein ganzer Wirtschaftszweig verbunden. Bevor die Bohnen zu den Röstern gehen, werden sie von den Logistikunternehmen im Molo VII gesäubert, sortiert und getestet. Händisch wird die Qualität überprüft, mit einem speziellen Gerät sticht man in die Säcke, um die Feuchtigkeit zu messen. „Maximal 13 Prozent dürfen die Bohnen haben“, erklärt Importeur Bruno Pregara. Manche Betriebe lagern ihre Ware in 30 Meter hohen Silos. Der Kaffee kann so schneller bereitgestellt werden, um auf den Handel zu reagieren. In einem anderen Sektor arbeitet die Firma Sandalj. Der Kaffee-Veredler importiert Bohnen aus über 40 Ländern und kreiert daraus in seinem Labor am Triestiner Canal Grande wie ein Parfümeur die besten Mischungen für 800 Kunden in 53 Ländern. Das Labor ist überraschend schmucklos, nur die Konzentration auf den Geschmack zählt. 30 000 Tassen testen Bohnenversteher Vincenzo Sandalj und sein Team pro Jahr, bis sie für jeden Kunden exklusive Mischungen gefunden haben. Was Sandalj vom sündteuren „Kopi Luwak“ hält? „Nichts.“

Die Suche nach dem perfekten Kaffee ist mühsam, erst die Mischung aus bis zu sieben Sorten ergibt ein rundes Geschmacksbild. Bei der Verkostung wird Luft mit eingesogen, um den Geschmack intensiver zu spüren. Wie bei einer Weinverkostung stehen Spucknäpfe bereit, probiert wird aus schmalen Tassen. „Darin konzentriert sich das Aroma besser als in breiten.“ Die regionalen Trinkgewohnheiten spielen bei der Kreation einer Mischung eine große Rolle. „In Süditalien wird fast nur Espresso aus der Robusta-Bohne mit dunkler Röstung und mehr Crema als Flüssigkeit getrunken“, erklärt der Kaffee-Doyen. Und der typische Triestiner Kaffee? „Reine Arabica-Mischung, mehr als 50 Prozent aus Brasilien, nicht zu viel Säure und Aromen von Mandeln, Nüssen und Schokolade.“ Wie viele Varianten der Zubereitung es in Triest gibt, ist ungewiss. Veit Heinichen versuchte sie zu zählen, bei 5184 hat er aufgehört.
Der Beginn des Aufstiegs zur Kaffee-Hauptstadt reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück, als Kaiser Karl VI. 1719 Triest zum Freihafen erklärte, von dem aus bald nahezu sämtliche Kaffeehäuser der Monarchie beliefert wurden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden auch die ersten größeren Röstereien, die ihren Kunden individuelle Mischungen anboten, um der Ware – je nach Vorliebe – eine persönliche Note zu verleihen und Qualität wie Preis über eine längere Zeit konstant zu halten.
Zwei der bekanntesten Triestiner Kaffee-Marken wurzeln noch in der Donaumonarchie. 1892 ließ sich der Kapitän der k. u. k. Marine Hermann Hausbrandt in der Hafenstadt nieder, um sich dem Kaffee-Handwerk und dessen Weiterentwicklung zu widmen. Die im Laufe der Jahrzehnte erreichte hohe Qualität hat die Edelmarke Hausbrandt bis heute gehalten.
Zum weltweiten Synonym für italienischen Spitzenkaffee wurde Illy. „Dabei kommt unser Name aus Ungarn“, sagt der heutige Firmenchef Andrea Illy, „die Familiengeschichte ist so multikulturell wie Triest selbst.“ Großvater Francesco Illy, der den Betrieb 1933 gründete, war Ungar, seine Mutter Schwäbin, seine Frau Österreicherin. „Meine Mutter ist die erste Italienerin in der Familie“, sagt Andrea. Francesco erfand mit luftdichten Blechdosen, deren Sauerstoff im Inneren durch Stickstoff ersetzt wird, ein einfaches, aber höchst wirksames Verfahren, um Kaffee länger frisch zu halten. Sein Sohn Ernesto Illy legte als promovierter Chemiker den Grundstein für die wissenschaftliche Erforschung des Kaffees und seines Aromas. Seit 2003 ist mit dem Brüderpaar Andrea und Riccardo Illy die dritte Generation am Ruder. Riccardo machte als Bürgermeister von Triest und als Regionspräsident von Friaul-Julisch Venetien auch in der Politik Karriere.
In den Labors von Illycaffè werden pro Jahr an die 1300 Kaffeeproben chemisch analysiert, als Rohware degustiert, dann geröstet, in verschiedenen Maschinen zubereitet und schließlich verkostet, wobei nur 20 Prozent davon die Qualitätstests bestehen. Erst nach diesem Prozedere können die Kaffeebohnen in den jeweiligen Lieferländern bestellt werden. Doch damit nicht genug: da die bis zu 1500 verschiedenen Aromen von Kaffee immer gleich gut schmecken sollen, durchläuft die angelieferte Ware weitere 110 Kontrollen. Der Erfolg spricht jedenfalls für sich – heute werden von Triest aus 140 Länder auf allen Kontinenten mit Illy-Kaffee versorgt.
Ein guter Espresso hat 7 Gramm Kaffee, das sind 50 Bohnen. „Ist da nur eine schadhafte dabei, spürt man das“, erklärt Veit Heinichen. Illy verarbeitet nur Arabica-Sorten. „Sie sind besser im Geschmack und haben nur die Hälfte des Koffeins von Robusta-Sorten“, ist Seniorchefin Anna Illy überzeugt. Die grünen Bohnen werden getrocknet und schonend geröstet, nur mit 220 Grad und schön langsam.
Um den Ruf von Illy als Produzent absoluter Spitzenprodukte zu festigen, werden auch international Kaffee-Kurse veranstaltet, die sich natürlich in erster Linie an Mitarbeiter in der Gastronomie wenden. Dabei kann man u. a. das Diplom eines „Maestro dell’Espresso“ erwerben.
Viele weitere Röstereien tragen mit hervorragendem Kaffee zum Ruf Triests als Kaffeemetropole bei: Amigos, Planet Coffee, Excelsior, Guatemala. Die meisten beliefern Großkunden, sind für Normalverbraucher daher nicht zugänglich.
Wer ein Stück Triest mit nach Hause nehmen will, wird dennoch fündig. Man geht auf der Piazza Cavana einfach der Nase nach und lässt sich vom Kaffeeduft in die Torrefazione La Triestina in der Via Cavana 2 im Zentrum locken. Die kleinste Rösterei der Stadt produziert maximal 1 000 Kilogramm Kaffee pro Monat, dessen unvergleichliches Aroma seit der Gründung des Unternehmens 1948 unverändert geblieben ist. Verkosten kann man sieben Kaffeesorten und elf Zubereitungsarten. Auch Cremcaffè an der Piazza Goldoni ist ein Paradies für Kaffee-Liebhaber, die Traditionsrösterei eröffnete vor einigen Jahren neu: in Form einer Kaffee-Degustationsbar. Lässig gestaltet mit Teak-Holz und bunten Vitrinen, in denen sich Kuchen, Kekse und köstliche Brote präsentieren. Im Café Torinese und in der Konditorei Eppin- ger in der Via Dante 2/b gibt es ebenfalls hausgerösteten Kaffee. Die klassischen Kaffeehäuser werden im Einzelnen bei den nachfolgenden Spaziergängen angeführt. Ehe man aber ahnungslos einfach caffè bestellt, sollte man wissen, dass Triest auf diesem Gebiet ein bisschen anders tickt als der Rest von Italien. So ist zum Beispiel ein Cappuccino in der Adria-Stadt ein Kaffee mit Milchschaum, serviert in einer kleinen Tasse, anderswo bekannt als Macchiato. Dieser wiederum wird in Triest capo genannt. Wer jedoch einen „echten“ italienischen Cappuccino trinken möchte, muss einen caffelatte ordern – und wem dann der Gusto eigentlich nach genau diesem steht, einen Latte macchiato.

Hier nun eine kleine Auswahl an Triestiner Kaffee-Fachausdrücken:
| • nero: | einfacher Espresso in der Tasse, stark, aromatisch und mit Schaumhäubchen |
| • nero in bi: | Espresso im Glas |
| • deca: | koffeinfreier Kaffee in der Tasse |
| • deca in bi: | koffeinfreier Kaffee im Glas |
| • capo: | Espresso in der Tasse mit einem kleinen Schuss Milch |
| • capo in bi: | Espresso im Glas mit einem kleinen Schuss Milch |
| • capo deca: | koffeinfreier Kaffee in der Tasse mit einem Schuss Milch |
| • capo deca in bi: | koffeinfreier Kaffee im Glas mit einem Schuss Milch |
| • goccia: | Kaffee mit einem Milchschaum-Klecks in der Mitte |
Diese Liste ließe sich mit allen möglichen Variationen noch lange fortführen. Einen schlichten Kaffee? Gibt’s nicht mehr.
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