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Heinrich Mann

Gesammelte Werke: Romane, Memoiren, Essays und Erzählungen

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2021 OK Publishing

EAN 4066338116147

Inhaltsverzeichnis

Romane

In einer Familie

Im Schlaraffenland

Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy

Die Herzogin – eine Diana in Rom

Die Herzogin – eine Minerva in Venedig

Die Herzogin – eine Venus in Neapel

Die Jagd nach Liebe

Professor Unrat (Der blaue Engel)

Zwischen den Rassen

Die kleine Stadt

Der Untertan

Die Armen

Der Kopf

Mutter Marie

Eugénie oder Die Bürgerzeit

Die große Sache

Ein ernstes Leben

Die Jugend des Königs Henri Quatre

Die Vollendung des Königs Henri Quatre

Der Atem

Novellen & Erzählungen

Flöten und Dolche:

Pippo Spano

Fulvia

Drei-Minuten-Roman

Ein Gang vors Tor

Stürmische Morgen:

Heldin

Der Unbekannte

Jungfrauen

Abdankung

Das Wunderbare

Die Gemme

Contessina

Enttäuschung

Geschichten aus Rocca de' Fichi

Ein Verbrechen

Ist sie's?

Das gestohlene Dokument

Die Branzilla

Die arme Tonietta

Das Herz

Alt

Liebesprobe

Gretchen

Die Rückkehr vom Hades

Auferstehung

Die Ehrgeizige

Ehrenhandel

Liebesspiele

Der Bruder

Die Tote

Die Verjagten

Kobes

Die Verräter

Sterny

Der Jüngling

Der Gläubiger

Szene

Römische Chronik

Das Kind

Suturp

Eine Liebesgeschichte

Mnais

Ginevra degli Amieri

Schauspielerin

Doppelte Heimat

Der Vater

Essays

Vor der Katastrophe

Nachher: Auch eine Revolution

Der Haß

Der große Mann

Im Reich der Verkrachten

Göring zittert und schwitzt

Ihr ordinärer Antisemitismus

Wohin es führt

Die enttäuschten Verräter

Die sittliche Erziehung

Der sichere Krieg

Die erniedrigte Intelligenz

Szenen aus dem Nazileben

Aufgaben der Emigration

Das Gesicht des Dritten Reiches

Kastendeutschland

Flaubert und die Herkunft

Memoiren

Ein Zeitalter wird besichtigt

Romane

Inhaltsverzeichnis

In einer Familie

Inhaltsverzeichnis

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X Schluß

I

Inhaltsverzeichnis

Man hatte im »Seehof« den Kafee genommen und wanderte nun langsam am Ufer auf und nieder, sich immer in der Nähe des Wirtshauses haltend, wo die Pferde bereits zur Rückfahrt nach Kreuth eingespannt wurden. Alle drei hatten seit einigen Minuten die Unterhaltung ruhen lassen, welche nur dann zeitweilig belebt wurde, wenn der Major stehen blieb, um seinem Entzücken über die Schönheiten der Landschaf Worte zu verleihen. Der alte Herr zeigte gern den Kunstbefissenen; indes war das Bild, auf welches er das junge Paar aufmerksam machte, seiner Begeisterung würdig.

Die schon sehr schräg fallenden Sonnenstrahlen riefen auf dem fast bewegungslosen Achensee einen Schimmer hervor, der aus der Tiefe zu steigen schien, als machte eine Schicht Gold das Wasser bis zur Oberfäche erglänzen. Wie in ein Wunderland hinabgetauchte Riesen zeichneten sich in all dem Glanz die schwarzen Spiegelbilder der vielfach mit Nadelholz bestandenen Felsen ab. Diese lagen, die Sonne bereits im Rücken, mit Ausnahme ihrer rotglänzenden Spitzen in völliger Dunkelheit.

»Seht einmal, bitte«, sagte Herr v. Grubeck mit einer Handbewegung auf den See, »sehen Sie, Wellkamp, können Sie sich etwas Vollendeteres vorstellen als das dort, wie die kleinen hellen Streifen sich mit dem Schwarz verbinden? Die Brechung des Lichtes, die dadurch bewirkt wird, ist etwas ausnehmend Feines.«

»Sehr schön«, stimmte der junge Mann seinem künfigen Schwiegervater bei, und er setzte hinzu:

»Der Achensee ist in seiner hellen, freundlichen Art, alle Eindrücke aufzunehmen und wiederzu spiegeln, die ihm seine Umgebung bietet, so recht das Gegenteil von Gewässern, wie etwa der Feldsee eines ist. Ich war bei völlig wolkenlosem Himmel dort, und das ›Seebuk‹, von wo ich steil auf das Wasser hinabsah, trug das allerschönste Grün. Aber der See antwortet auf nichts. Man hätte ihn trotz all des Blau und Grün, das auf ihn einleuchtete, etwa für Torfoden halten können, wenn es nicht geglänzt hätte wie straf gespannter schwarzer Atlas.«

Wellkamp liebte es, bei allen Gelegenheiten irgend eine seiner zahlreichen Reiseerinnerungen zu Vergleichen herbeizuziehen.

Überdies war jeder der beiden Herren, vielleicht halb unbewußt, darauf bedacht, den andern auf möglichst vorteilhafte Weise mit seiner Person bekannt zu machen. Leute, die, ohne sich bisher wesentlich näher gestanden zu haben, in enge Beziehungen zu einander zu treten bestimmt sind, pfegen dieses Bedürfnis zu haben.

Nachdem diese Kreuther Bekanntschaf kaum vier Wochen gepfegt worden, war es auf dem heutigen Ausfuge ganz plötzlich und allen drei Beteiligten unvermutet zur Verlobung gekommen. Der Major hatte die beiden jungen Leute nur für einen Augenblick allein gelassen, als sie auch bereits einig geworden waren.

Anna hörte, während sie nun ihren Arm, ohne sich indes zu stützen, in dem seinen hielt, noch immer seine Stimme, welche seltsam weich geworden war, als er ihr die entscheidende Bitte vorgelegt hatte. Und auf der Fahrt, vor der Ankunf im »Seehof«, waren sie beide so ausgelassen fröhlich gewesen, noch ganz unbekümmert um das Folgende!

Auf dem Gesichte des jungen Mädchens lag ein stilles, etwas träumerisches Glück, das zuweilen, vielleicht bei einem Gedanken an künfiges, zu heller Freudigkeit aufeuchtete. Auch Wellkamps Miene zeigte einen zufriedenen, frohen Ausdruck; der jedenfalls unbeabsichtigte, etwas verdrossene, müde Zug, der Anna mitunter darin aufgefallen, war häufg von einem stillen Lächeln überdeckt. Den Major dagegen hatte das Ereignis in geradezu lustige Stimmung versetzt. Er blinzelte aus den Ecken seiner schmalen, geknifenen Augenspalten fortgesetzt die beiden Menschen an seiner Seite an, welche das Glück nunmehr gänzlich verstummen gemacht hatte.

Vor Glück verstummt! Und doch, so schlicht und gegeben solch Glück als Wirkung der Ursache erscheint, daß zwei Menschen, die an ihre Zusammengehörigkeit glauben gelernt haben, sich hierüber verständigten: wie viele der verschiedensten Empfndungen, Gedanken, Wünsche, Hofnungen, vielleicht mit einem frohen Aufatmen, vielleicht im Gegenteil mit einer unbestimmten Beklommenheit verbunden, wirken zusammen, solch eine scheinbar durchsichtig einfache Stimmung hervorzubringen! So konnten auch hier das junge Paar wie der Vater in ihren Erwägungen und ihren Gefühlen sehr verschieden gestimmt sein, während ihre Mienen das gleiche, schlichte, unzusammengesetzte Glück verkündigten.

Anna Grubeck wußte von ihrem neuen Verlobten im Grunde nicht viel neben dem, was sie selbst in dieser Zeit täglichen Verkehrs an ihm wahrgenommen. Er war wohlhabend, wenn nicht reich, und jedenfalls im stande, ihr eine unabhängige Stellung zu geben. Sie war zu sehr gewohnt, alles mit praktischen Blicken anzusehen, um dies nicht anzuerkennen, auch jetzt, wo ihre Empfndung lauter zu sprechen bemüht war als jede Überlegung. Denn sie liebte ihn und wußte dabei, daß das Gefühl einer gewissen Überlegenheit, welches ihr Verkehr mit ihm sie gelehrt hatte, nicht den unbedeutendsten Anteil daran hatte, wenn sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Die Art ihrer Überlegenheit war ihr unbekannt geblieben, ebenso wie sie die Ursache seines Hanges, sich ihr in jeder Frage mit Ehrerbietung und mit einer merklichen Genugthuung unterzuordnen, nicht zu deuten wußte. Nur hatte ihr der weibliche Instinkt alsbald verraten, daß etwas anderes als einfache Ritterlichkeit in seinem Betragen zu suchen sei.

Bei ihrem Vater herrschte die Freude über die nahe Aussicht vor, den unhaltbaren Zuständen in seiner Familie ein Ende gemacht zu sehen. Zu allem Unglück, welches seine zweite Ehe herbeigeführt, hatte sie begonnen, seine Tochter zu isolieren. Es war gut, daß diese dem Kreise der Frau, mit der ein Zusammenleben auf die Dauer für sie nicht denkbar war, schon jetzt entrückt werden sollte. Mit dem Schwiegersohn war der Major einverstanden. Sein Alter wie seine pekuniäre Freiheit sagten ihm zu, auch war er ein liebenswürdiger und korrekter Mann.

Anders empfand der junge Mann selbst, durch dessen Annäherung an eine Familie so mannigfache Veränderungen hervorgerufen werden sollten.

In dem Augenblick, da Wellkamp an der Tafel des Kurhauses ein Gespräch mit seiner stillen und ernsten Nachbarin angeknüpf, hatte er erkannt, daß ein Verkehr mit ihr im stande sein könnte, ihn aus dem Zwange zu befreien, in dem ihn eine lange Vergangenheit und am unerträglichsten eine letzte Erfahrung hielt.

Denn die Erinnerung an das Berliner Abenteuer, dem er sich kaum entrissen, hatte ihn hierher ins Gebirge verfolgt. Es war ihm gewesen, als hafe an seinen Händen noch immer der entnervende Duf dieses Frauenhaares, in das er sich eingekrallt, wenn zwischen ihm und ihr der Kampf tobte, den diese ganze seltsame Liebe bedeutet hatte. Auch hatte er unauförlich das schrille Lachen des Mädchens zu hören gemeint, wie sie ihm zum Abschied nachrief: »Geh doch! Du kommst ja doch wieder!« Und wie vielmal war er im Begrif gewesen, zu packen, um die Fesseln wieder auf sich zu nehmen, die er nicht mehr entbehren konnte.

Ursprünglich war es eine unbeabsichtigte, füchtige Begegnung. Das Mädchen war ihm gleich anfangs unsympathisch gewesen und sie war es immer geblieben. Aber wie sie ihn am ersten Abend durch eine eigentümliche Frechheit und Sorglosigkeit zu gefallen, zugleich reizte und abstieß, in eben solcher Weise hatte sich das Verhältnis zwischen ihnen fortgesetzt. Stets unleidlicher war es ihm geworden, und stets unmöglicher war ihm gleichwohl ein Bruch erschienen. Der kurze Aufenthalt in Berlin, den er beabsichtigt, war zu mehr als einem halben Jahre verlängert, als es die Szene zwischen ihnen gab, die er sich nie zugetraut hätte. Er hatte sich auf ihm selbst unbegreifiche Weise eine augenblickliche Überlegenheit abgerungen, aber wer war der eigentliche Sieger? Er mußte auf seiner Flucht und später noch ihre Schönheit vor Augen sehen, die ihm nie so triumphierend und dabei so niedrig erschienen war wie zuletzt, als sie ihm nachrief: »Geh doch! Du kommst ja doch wieder!«

Jener Tag, als er mit Anna Grubeck bekannt wurde, machte all diesem Spuk ein Ende. Es war, als breitete sich, von ihr ausgehend, Klarheit und Friede über seine Stimmungen aus. Täglich merkte er deutlicher, daß ihr Einfuß das Leben seiner Gedanken und Gefühle völlig erneuere. Bei dem Klange ihrer ruhigen Altstimme, in der so gut ihr stillheiteres Wesen zum Ausdruck kam, wurde er allmählich ein anderer. Zuweilen überkam ihn, wenn sie sprach, eine träumerische Müdigkeit, während welcher einzelne Worte oder Bilder aus seiner Kinderzeit in seiner Erinnerung emportauchten. Oder er konnte sie in eine harmlose Lufigkeit mit hineinreißen, ebenfalls wie ein Kind.

So genas er und hatte nur den Wunsch, die süße Rekonvaleszentenstimmung lange, lange hinauszudehnen, ohne einen Gedanken an die Zukunf. Trotzdem war es heute, fast wider seinen Willen, zur Aussprache gekommen. In das trauliche Wohlbehagen dieses Nachmittags hatte sich ihm plötzlich die Furcht vor der Möglichkeit gemischt, dem jetzigen Zustande ein Ende gemacht zu sehen, und ohne Zögern hatte er seinem Drange, das Verhältnis für immer zu befestigen, nachgegeben. Sonst langsam und unlustig, einen Entschluß zu fassen, sah er in seinem heutigen schnellen, kräfigen Impuls die beste Bürgschaf dafür, daß er recht gethan.

Als der Major, welcher das längere Schweigen mit eingehender Beobachtung der Beleuchtungsefekte in der Landschaf ausfüllte, wieder einmal stehen blieb, brach Wellkamp eine der Alpenrosen, die in dieser Höhe unmittelbar am Seeufer wuchsen, und überreichte sie seiner Braut. Er hatte ausdrücken wollen, daß er in der Blume ein Symbol für ihre Verbindung erblicke, aber er fürchtete, daß es gesprochen eine Banalität sein könnte.

Anna dankte ihm freudig lächelnd, und damit war die Stille, in der jedes seinen Betrachtungen nachgehangen, gebrochen. Der Major erinnerte an den Aufruch.

Einmal wieder auf der Fahrt, blieb mit der Träumereien erzeugenden abendlichen Uferlandschaf auch die Stimmung der vergangenen Stunde zurück. Alle drei begannen, völlig ermuntert, an die Zukunf, die ihnen winkte, heranzutreten. Es wurden mit Eifer Pläne geschmiedet. Natürlich wünschte das junge Mädchen, um dem Vater nahe zu bleiben, in Dresden Wohnung zu nehmen, und Wellkamp stimmte ihr bei.

»Ich kann mir«, sagte er, »für eine junge Ehe keinen geeigneteren Aufenthalt denken, als diese stille und elegante Stadt. Alles wird uns dort mehr Behagen und Vertraulichkeit bieten, als in dem Getriebe eines regen Verkehrsplatzes zu fnden sein würde – ohne daß wir dabei die Vorzüge eines solchen zu entbehren hätten.«

»Du kennst Dresden?«

Anna sprach das »Du« bereits ruhig und geläufg aus, wie wir wohl jemand laut einen Namen geben, mit dem wir ihn in unsern Gedanken seit langem benannt haben.

»Wenige Wochen, wie überall, habe ich mich auch dort aufgehalten«, entgegnete ihr Verlobter. »Wenn die Plätze, an denen wir vorübergehen, uns verraten wollten, unter welchen Bedingungen wir zu ihnen zurückkehren werden! Ich hätte dann eine deutlichere Erinnerung an die Stadt. Was meinst Du aber zu einer Wohnung am Bismarck-Platz?«

»Nicht wahr? Gerade wollte ich sagen, daß es meine Lieblingsidee ist. Und dabei fast in Papas Nachbarschaf.«

Der Blick des jungen Mädchens machte sich eigentümlich zärtlich, als sie ihn, ohne ihr Plaudern zu unterbrechen, ihrem Vater zuwandte.

Auch darin ward man sogleich einig, einen langen Brautstand entbehrlich zu fnden. Es standen einer baldigen Verbindung durchaus keine Hindernisse entgegen. Vorerst wurde die Abreise auf morgen festgesetzt. Wellkamp erklärte, nur bis München mitzureisen, wo ihn Geschäfe einige Tage zurückhalten würden. Dafür aber sollte der heutige Abend dem festlichen Anlaß entsprechend begangen werden.

Der Major erklärte sich auf die Fragen der jungen Leute mit allem einverstanden, indes war er nach und nach schweigsamer geworden. Er sah häufg scharf in die dunkelnde Gegend hinaus, als studierte er sie. Wenigstens mochte es sein Bemühen sein, dies die andern glauben zu machen. Aber Anna bemerkte, daß sein Blick unruhig abirrte. Sie legte ihm in ihrer kindlichen Sorglichkeit den Mantel um, da es kühler ward, und der Wagen sich Kreuth näherte, wo der kalte Wind eingetreten sein mußte, der hier jeden Morgen und jeden Abend mit der Regelmäßigkeit von Ebbe und Flut wiederkehrte.

Kurz vor der Einfahrt begann der alte Herr lebhaf und mit etwas übertrieben lauter Stimme zu sprechen, und im Laufe des Gesprächs warf er eine Bemerkung hin, deren unsicher fragender Tonfall die Gleichgültigkeit der Redeweise verdächtig machte.

»Nun bleibt uns noch«, sagte er, »morgen mit dem frühesten meiner Frau zu depeschieren, was sich ereignet hat. Sie muß es unbedingt noch vor unserer Ankunf wissen; es wird sie doppelt freuen.«

Wellkamp erwiderte seinem Schwiegervater mit einer stummen Verbeugung. Eine Frage hielt er zurück, sie schien ihm nicht angebracht, da man es bisher vermieden, ihn von einer zweiten Ehe des Majors zu unterrichten. Nur daß ihre Mutter nicht mehr am Leben, hatte er von Anna erfahren.

Inzwischen hielt der Wagen vor dem Kurhause.

Nun der Major sich der ihn lange beschwerenden Mitteilung entledigt, ward seine Munterkeit ungezwungener und lauter als vorher. Im Laufe des Abendessens ward er sogar ausgelassen. Man nahm dieses, da die frühe Abendtafel des Hotels bereits beendet, allein, in einer Fensternische des Speisesaales traulich abgeschlossen.

Zum erstenmale mußte Wellkamp näheres über seine Familienverhältnisse berichten.

»Ach, Deine Mutter auch schon tot!« wiederholte Anna.

»Ja, gleich nach meiner Geburt.«

»Aber Ihr Herr Vater!« rief der Major, rasch ablenkend.

»Hätten wir doch bald vergessen, Ihrem Vater gebührt auch eine Depesche. Mach'n wir gleich morgen früh. Wie lange das wohl bis Hamburg dauert. Is doch 'n ziemliches Endeken.«

Angesichts der Bowle, mit deren Bereitung er Ehre eingelegt, begann der alte Herr in den Jargon seiner Lieutenantstage zu verfallen.

»Dein Vater wird hofentlich nach Dresden kommen?« fragte Anna.

»Ich weiß nicht, aber –« Wellkamp stotterte in augenblicklicher Verlegenheit. »– aber ich glaube kaum. Er ist so stark beschäfigt, es bleibt ihm zu wenig Zeit für andere Dinge.«

Anna schlug die Augen nieder, sie hatte seine Verwirrung wahrgenommen. Es mußte eine verlegene Pause eintreten, doch der Major hatte, von der Bowle in Anspruch genommen, nichts bemerkt. Er begann zu versichern, daß er kein Redner sei, daß man sich schon ohne einen Redner behelfen müsse.

»Aber« – er erhob sein Glas und blinzelte Wellkamp zu – »auf ein glückliches Philisterium!«

Die Müdigkeit seiner Tochter nötigte den alten Herrn schließlich, die Tafel aufzuheben. Er hätte gern den letzten Abend seiner Freiheit länger ausgedehnt, wie Wellkamp ihn im Hinausgehen sagen hörte.

Letzterer fühlte trotz der späten Stunde, daß es für ihn nutzlos sein würde, Ruhe zu suchen. Sein Denken und Empfnden war übermäßig angespannt worden durch die heutigen Ereignisse, welche ihm die Aussicht auf eine gänzlich unvorhergesehene Zukunf eröfneten, während sie zugleich eine schmerzliche Berührung seiner Vergangenheit herbeigeführt hatten. Welche Flut von Erinnerungen auf ihn eindrang, während er in seinem Zimmer aufund niederschritt, hier und da einige Gegenstände ordnend, um sie in die bereitstehenden Kofer zu legen.

Erich Wellkamp stammte aus einer Hamburger Familie, welche erst durch seinen Vater zum Wohlstand gelangt war. Sie war durch nichts mit einem der alten, einfußreichen Häuser verbunden, welche die Träger des Ansehens der mächtigen Handelsstadt sind. Aber in ihnen hatte der junge Wellkamp stets den niederdrückenden Gegensatz zu dem Emporkömmlingsstande vor Augen, dem er selbst angehörte.

Diese Patrizierfamilien schienen ihm Fürstenhäusern zu gleichen, so erhaben waren sie über die von Tag zu Tag stattfndenden sozialen Wandlungen, so gefestet in den vornehmen Traditionen ihrer Häuser. Ihre Mitglieder traten in der Öfentlichkeit schlicht und ohne die Sucht zu glänzen auf, welche die »neuen Leute« kennzeichnete, denen nicht durch die Gewohnheit von Generationen Reichtum und Rang zur Selbstverständlichkeit geworden. Auch konnte sie keiner der Vorwürfe trefen, welche gegen Kapital und Bürgertum geschleudert wurden. Sie verkörperten in einer Zeit der Aufösung und des Niederganges der kaufmännischen Rechtlichkeit die unantastbare Arbeit ihres Standes.

Die Vergleiche, welche er zwischen Leuten dieses Schlages und seinem eigenen Vater anstellte, mußten für den aufgeweckten Knaben bitter genug ausfallen.

Der ältere Wellkamp hatte, aus kleinen Verhältnissen aufgestiegen, ein nicht unbeträchtliches Vermögen erworben, als er die Tochter eines Münchener Geschäfsfreundes heimführte. Die Frau, deren feine sanfe Züge Erich nur aus ihrem Bilde kannte, mochte bei ihren Lebzeiten einen mildernden, verfeinernden Einfuß auf ihren Gatten ausgeübt haben. Jedenfalls waren nach der Geburt des Knaben und ihrem Tode sowohl seine geschäflichen Manipulationen wie sein Privatleben immer zweifelhaferer Natur geworden.

Der heranwachsende Sohn unterließ es nicht, als Entschuldigung für den Vater anzuführen, daß er sich über den Tod der Gattin, die er wahrhaf geliebt zu haben schien, vielleicht auf seine Weise zu trösten versuchte. Überdies lag es nicht in der Natur des jungen Wellkamp, über das Treiben eines andern moralisch abzuurteilen. Was ihn auf eine ihm selbst nur halb begreifiche Weise gegen seinen Vater erbitterte, war, daß er selbst mit dem Hange zu gleichen Ausschweifungen zu kämpfen hatte. Vergebens rang er anfänglich in Stimmungen des Überdrusses mit sich um den Sieg über die Leidenschaf. Langsam erzog ihn dann die Zeit zur Gleichgiltigkeit – bis jene Szene erfolgte, deren er nie gedenken konnte, ohne zugleich Schmerz und Abscheu zu empfnden, und welche einen nie geheilten Bruch zwischen ihm und seinem Vater herbeiführte, um einer Frau willen.

Während des Mittagsmahles, der einzigen Gelegenheit, die sie mitunter zusammenführte, hatte ihm der Vater an jenem Tage den Verkehr mit einer bestimmten Frau untersagt.

»Warum gerade mit ihr nicht?«

Als auf seine wiederholte Frage das Verbot nicht begründet wurde, hatte er in einer Aufwallung seines Blutes, die vielleicht durch beleidigtes Selbstbewußtsein, vielleicht durch Eifersucht verursacht war, seinem Vater die Beschuldigung zugeworfen:

»Weil Du selbst Absichten hast!«

Zwar war er darauf selbst erschrocken, seinem In-

stinkt Recht gegeben zu sehen, als jener in nicht länger zurückgehaltener Wut ihn anherrschte:

»Nun, und was weiter? Ich werde Dich einfach überbieten!«

Wie namenlos brutal und unwürdig ihm später diese und die dann folgenden Repliken erschienen! Konnte er es wirklich sein, hinter dem diese Szene lag, er, der gegen jede Rohheit, gegen jeden leidenschaflichen Aufritt immer eine empfndliche Abneigung besessen hatte?

Nach einem solchen Ende seiner Beziehungen zum Vaterhause war er aufgebrochen, um draußen seine Gewohnheiten, die stärker als er waren, fortzusetzen. Was hatten die Reisen, welche seit seinem zweiundzwanzigsten Jahre, nun zehn Jahre hindurch, sein Leben ausgefüllt hatten, demselben an inneren Gehalt gegeben?

Er legte sich die Frage in dieser Stunde mit einem bittern Lächeln vor. Er ließ einiges von dem, was sich in den Kofern, an denen er beschäfigt war, an Reiseerinnerungen fand, durch seine Hände gleiten: Antiquitäten, Bilder, Andenken, elegantes Gerumpel, das meiste unbedeutend, einiges von Wert.

»Weiter nichts?« fragte er.

Er glaubte sich gestehen zu müssen, daß er immer derselbe geblieben, von jenem Bruch mit seinem Vater bis an den gewaltsamen Abschluß des letzten Berliner Abenteuers, dem er kaum erst entronnen. Das hatte sein Dasein ausgemacht.

Unter dem Druck der Reminiszenzen erschien ihm die Vergangenheit so grell und so mißtönig, daß er zweifeln zu müssen meinte, ob sie selbst von einer tröstenden und befreienden Zukunf völlig überwischt und zum Stimmen gebracht werden könnte.

Wie dem auch sein mochte, er klammerte sich an die Hofnung, hier einen letzten Ausweg aus den bisherigen Irrungen seiner Existenz vor sich zu haben. In hoher, reiner Luf hatte er eine Alpenrose gefunden; in ihre Atmosphäre mußte er sein in dumpfer Niederung erstickendes Leben verpfanzen, um gesunden zu können. In Furcht und Hofnung zugleich feberhaf zitternd, suchte er endlich sein Lager auf, ohne doch bis gegen Morgen einen regelmäßigen Schlaf fnden zu können.

Als Wellkamp beim Frühstück mit den Grubecks wieder zusammentraf, konnte er bemerken, daß auch hinter ihnen eine größtenteils ruheund erholungslose Nacht lag. Der Major schien zudem die Nachwirkung des ungewohnt reichlichen Weingenusses noch nicht überwunden zu haben. Seine kleinen Augen, die er mit Anstrengung geöfnet hielt, erglänzten feucht.

»Ich wußte es ja, daß ich Bowlen nicht mehr vertrage«, beteuerte er. »So ein unnatürliches Gemisch! – Aber was thut man nicht für seine Familie!« fügte er hinzu.

»Übrigens habe ich bereits telegraphiert«, sagte der alte Herr, als man sich zum Tee niederließ, worauf Wellkamp, um weiteren Fragen zu entgehen, füchtig entgegnete, daß auch er seine Depesche aufgegeben habe.

Es erübrigte nur noch kurze Zeit bis zur Abfahrt. Indes stattete man der Molkenhalle noch einen Besuch ab. Aus dem letzten Becher der frischen, herben Kräutermilch trank Anna lächelnd »auf die Zukunf«. Wellkamp fand trotz seiner Niedergeschlagenheit, daß vielleicht etwas ähnliches ihm zugestanden hätte. Aber dann erfrischte und ermutigte es ihn, an seiner Braut die frohe Zuversicht zu bemerken, welche in ihrer Miene lag und zugleich in ihren kräfigen Formen ausgeprägt schien, die der mit dem Glase emporgehobene Arm vorteilhaf zur Geltung brachte.

Auf der Wagenfahrt zur Bahnstation Gmünd begann sich bei allen drei bereits die Abschiedsstimmung bemerkbar zu machen. Der Major mochte überdies durch die nahe Aussicht des Wiedereintritts in seine ungeliebte Häuslichkeit bedrückt werden. Indes kam unter der fortwährenden Berührung des sanfen, frischen Morgenwindes und bei dem regelmäßigen, einwiegenden Geräusch der Pferdehufe nach kurzer Zeit seine Müdigkeit zum Durchbruch.

Wie das Haupt des alten Herrn tiefer auf seine Brust sank, und seine Atemzüge hörbarer wurden, überkam die ihm gegenübersitzenden jungen Leute das ihnen bisher unbekannte Gefühl der engsten Zusammengehörigkeit, das durch ein erstes Alleinsein hervorgerufen wurde. Ohne diese Stimmung durch ein Wort zu stören, wurden sie ihrer erst ausdrücklich inne, als sich ihre Hände auf dem Polster zwischen ihnen unbewußt zusammenfanden. Nach geraumer Zeit endlich that Wellkamp, indem er die schmale Hand, auf welcher er die seine ruhen gelassen, leise streichelte, ohne indes seine Nachbarin anzusehen, eine Frage, für die sich, wenn sie jetzt versäumt wurde, vielleicht nicht sobald eine Gelegenheit wiederfand.

»Du mußt mich nun«, sagte er, indem sich das Bemühen in seiner Stimme aussprach, eine schwierige Angelegenheit leichthin und in vertraulicher Weise zu erledigen, – »Du mußt mich nun ein wenig über eure häuslichen Verhältnisse unterrichten; es geht nicht wohl an, daß ich gar so unwissend in euern Kreis eintrete, man stößt dann leicht an, weißt Du? Also was ist es mit dieser zweiten Ehe, über die der Papa so ungern spricht?«

Die schnelle und fertige Antwort deutete an, daß Anna die Aussprache, welche ihr Verlobter herbeiführte, vorausgesehen hatte.

»Siehst Du, Erich«, erwiderte sie, »wer an den unfreundlichen Zuständen in unserer Familie die Schuld trägt, darüber möchte ich nicht urteilen. Vielleicht hat der arme Papa in allerbester Absicht, bloß aus Besorgnis um mich und meine Bequemlichkeit, einen Fehler begangen. Das kleine Vermögen meiner Mutter hatte Papa in den ersten Jahren nach ihrem Tode« – sie stockte einen Augenblick – »glaube ich verloren. Und als er nun vor drei Jahren auch noch seinen Abschied nehmen mußte, waren seine pekuniären Verhältnisse so schwierig, daß er sich zu einer zweiten Heirat entschloß, nur weil er darauf bestand, mir den Komfort zu bieten, den er für unentbehrlich hielt. Ich hätte ihm darin wohl widersprechen sollen, aber – mein Gott, ich war damals ein dummes Ding! – Es ist erstaunlich, wie rasch entwickelt man sich in meinem Alter fnden kann.«

Nach dieser philosophischen Parenthese, mit der sie eine nachdenkliche Pause ausgefüllt, schien sie eine Zwischenbemerkung des Hörers zu erwarten. Als Wellkamp jedoch schwieg, fuhr sie mit einem leisen Seufzer fort.

»Wie gesagt, ich möchte die Frau nicht anklagen, obwohl sie mich haßt, und ich sie nicht liebe. Papa und sie können einander eben nicht verstehen, das ist alles. Wie soll ich sie Dir beschreiben, Du wirst sie ja kennen lernen. Oder vielmehr«, setzte sie rasch hinzu, »auch Du wirst sie nicht kennen lernen. Sie ist jedem unverständlich, und das genügt doch wohl schon, um kein rechtes Einvernehmen aufommen zu lassen. – Denke doch, könntest Du etwa eine Frau auf die Dauer – lieben, die Du nicht verstehen könntest? – Mich wenigstens hast Du von Anfang an klar und ehrlich vor Dir. – Man muß sich gegenseitig von seiner Natur nichts verheimlichen können. – Und Papa, weißt Du, ist im Gegensatz zu ihr ein so einfacher und ofener Charakter –«

Sie war im Begrif, ihre Auseinandersetzung von vorn zu beginnen, so verlegen war sie durch sein beharrliches Schweigen gemacht. Die letzten Sätze hatte sie bereits zögernd gesprochen und nur, um eine peinliche Pause zu vermeiden. Sie fürchtete, ihn durch irgend eines ihrer Worte verletzt zu haben. Endlich kam seine zerstreut klingende Zustimmung: »Ja, gewiß.« Dann schwiegen beide.

Wellkamp hatte während der schlichten Erzählung seiner Braut an dem vagen Gefühl einer Beklemmung, die sich auf seine Brust legte, das Herannahen einer neuen, noch unbekannten Gefahr zu ahnen gemeint. Er zitterte vor ihr um so mehr, als ihm zu ihrer Überwindung auch der Anschluß an Anna kein Vertrauen einfößte. Denn im Verlaufe ihrer Auseinandersetzung, welche sein Interesse auf unerklärliche Weise erregt hatte, glaubte er zum erstenmale eine Grenze ihrer Fähigkeiten bemerkt zu haben. Sie hatte so zuversichtlich, als sage sie etwas selbstverständliches, davon gesprochen, daß man einander, um das Glück einer Verbindung zu ermöglichen, nichts verheimlichen können dürfe: also mußte sie wohl die Geheimnisse seines eigenen Innenlebens in ihrem Besitze glauben. Sie mußte ihn zu kennen wähnen! Durch diese Beobachtung schien ihm unvermutet eine eigentümliche Ironie ihres Verhältnisses aufgedeckt. Mochte er sie am Ende nur hineinlegen mit dem gewöhnlichen Hochmut der vom Leben Mitgenommenen, an schlimmen Erfahrungen Reichen, die auf unschuldige und vertrauensvolle Menschen, so sehr sie diese beneiden und lieben mögen, im tiefsten Herzen doch immer gewissermaßen herabblicken – jedenfalls war seine jetzige Empfndung nicht geeignet, ihn zuversichtlicher zu stimmen.

Das unausgesprochene Mißbehagen, welches auf diese Weise sich zwischen sie gelegt hatte, wurde auch während der Bahnfahrt von Gmünd bis München nicht beseitigt. Sie redeten nur gleichgiltiges mit einander, während Herr v. Grubeck sich auch im Coupé eine Schlummerecke eingerichtet hatte. Als er kurz vor der Einfahrt in die Halle geweckt wurde, machte der alte Herr sich eifrig mit dem Gepäck zu schafen und umarmte sodann den Schwiegersohn mit verhaltener Rührung, während er sich durch die immer wiederholte Versicherung eines baldigen Wiedersehens Trost zusprach.

Wellkamp geleitete Vater und Tochter an den für Dresden bestimmten Zug, wo man eilig Abschied nehmen mußte. Während die Verlobten sich die Hände reichten, bemerkte eines in des andern Blick das Bedauern über das unbestimmte Hindernis in seinem Gefühl, welches den Abschied nicht so herzlich werden ließ, wie jedes von ihnen es wünschte.

II

Inhaltsverzeichnis

Die Angelegenheiten, welche ihn nach München geführt, hielten Wellkamp dort länger zurück, als er ursprünglich angenommen hatte. Die Verwaltung seines nicht unbeträchtlichen mütterlichen Erbes, um welche es sich auch jetzt handelte, war das einzige Geschäf, das ihm seit seinem Fortgang aus der Heimat oblag, und auch dieses hatte er in einer ihm unter den nunmehrigen Verhältnissen selbst unbegreifichen Weise vernachlässigt.

In den zwei Wochen, die seit ihrer Trennung verstrichen waren, hatten die Verlobten nur einmal briefiche Grüße ausgetauscht. Aus ihrer kurzen Mitteilung hatte Wellkamp, ohne daß sie es ausdrücklich angab, herausgelesen, wie unbedeutend seiner Braut die bei solchen Gelegenheiten übliche, ausführliche Korrespondenz erschien, welche infolge der Unmöglichkeit, das Wesen des Schreibers ohne Einschränkung oder Übertreibung auszudrükken, über den Mangel persönlichen Verkehrs keineswegs hinweghelfen konnte.

Als er nach Ablauf dieser Zeit seine geschäfliche Abhaltung unvermutet beendet sah, gab der junge Mann dem Gelüste nach, unerwartet bei seinen neuen Angehörigen zu erscheinen, und reiste, ohne sie vorher zu benachrichtigen, ab. Er traf am Abend in Dresden ein.

Schon in früher Stunde machte er sich am nächsten Morgen auf, sich der Familie seiner Braut vorzustellen. Das Wiedersehen mit letzterer machte ihm nach so kurzer Trennung mehr freudiges Herzklopfen, als er gehof hätte. Es kam hinzu, daß ihn die Ankunf in der Stadt, welche der Ort seiner erneuerten, glücklicheren Existenz sein sollte, zuversichtlicher und harmonischer stimmte. Er sah jetzt mit aller Bestimmtheit nur den einen Weg vor sich, den er zu gehen entschlossen war, und an dessen Ausgangspunkt er sich bereits befand. So fühlte er sich der Erwägung weiterer Möglichkeiten und der Notwendigkeit, einen Entschluß zu fassen, welche für Naturen seiner Art das stärkste Hindernis ist, das sie auf ihrer Bahn antrefen können, überhoben.

Er legte die wenigen Schritte, welche die Grubecksche Wohnung vom Union-Hotel trennten, rasch zurück, indes er zufriedene und interessierte Blicke die Reichsstraße aufund absandte, deren durch elegante und solide Luxusbauten bestimmte Physiognomie trefich zu seinen Empfndungen und Wünschen stimmte.

So ward er doppelt unangenehm berührt durch einen jener böswilligen Zufälle, welche unsere mutigen und fruchtbaren Stimmungen zu unterbrechen lieben, bevor wir ihnen noch die gewünschte Richtung zu geben, sie zu Handlungen auszunutzen vermocht, und welche uns immer wieder gleich unvorbereitet trefen, obwohl sie so häufg sind. Wellkamp hatte das stattliche, vornehm aussehende Gebäude betreten, das augenscheinlich eines von denen war, in welchen das reisende England sein unentbehrliches boardinghouse fndet. Aus der im Hausfur angebrachten Tafel ersah er, daß sich im ersten Stock die von ihm gewünschte Adresse befand. Als er aber einen vorübergehenden Groom anhielt, erfuhr der junge Mann, daß die Herrschafen, der Herr Major mit dem gnädigen Fräulein, ausgeritten seien; ihre Rückkehr sei unbestimmt, es könne aber bald sein.

Wellkamp hatte in seinem Ärger über diesen unvorhergesehenen Aufenthalt keine Lust, umzukehren, um zu gelegenerer Zeit wiederzukommen. Er beschloß, gleichwohl hinaufzugehen, um seine Braut und ihren Vater zu erwarten. Übrigens hatte er sich schon auf dem Wege, in seiner freudigen Erwartung, ein Bild nach seiner Laune von dem Interieur hergestellt, welches er jetzt betreten wollte, und worin er sich bereits seiner Braut gegenübersah. Auch die Begrüßung hatte er sich zurechtgelegt, die einzelnen Worte in seinem Ohre klingen gehört. So mochte die Unlust, allen diesen Vorstellungen kurzweg den Rücken zu wenden, sein Bleiben hinreichend erklären. Wenn er indes selbst keinen andern Grund dafür wahrnahm, so war es doch sicher, daß er droben bei der Meldung des Dieners, die gnädige Frau sei daheim, leise zusammenschrak, als sei ihm eine heimliche Erwartung bestätigt. Einen Augenblick sah er unschlüssig auf das weiße Schild an der Tür, welches den Namen »v. Grubeck« trug; dann gab er den Aufrag, ihn zu melden.

Während er dem Diener folgte, glaubte er sich wundern zu müssen, weshalb er den ganzen Morgen noch mit keinem Gedanken sich mit der Frau beschäfigt, welcher doch jene letzte Unterredung mit seiner Braut gegolten hatte. Er war noch nicht einmal dazu gelangt, sich eine bestimmte Vorstellung von ihrem Äußern zu bilden, was sonst in Fällen, wo man ihn auf eine neue Bekanntschaf vorbereitet hatte, in seiner Gewohnheit lag. Er wußte nicht, daß gerade die Wahrnehmung des Ungewissen, welches für ihn um diese Frau gebreitet lag, ein stärkeres Interesse bezeugte, als er sich selbst zugab.

Aus einem von der Morgensonne hell und freundlich erfüllten Vorzimmer war er in ein kleines Boudoir getreten, dessen dämmeriges Licht ihn, sobald die schwere Portière hinter ihm zusammengeglitten, in den ersten Augenblicken nichts erkennen ließ. Indes sagte ihm eine Empfndung, welche durch eine nur geahnte, keinesfalls festzustellende körperliche Berührung veranlaßt schien, daß er sich nicht allein im Zimmer befnde. Wirklich entdeckte er, als er sich einigermaßen an die Beleuchtung gewöhnt, daß aus einem Winkel hervor der Blick zweier seltsamen Augen auf ihn gerichtet war. Dieser verschleierte und zugleich durchdringende Blick, der hinter fast geschlossenen Lidern alles aufng, was sich ihm näherte, ohne selbst einer Beobachtung zugänglich zu sein – dieser Blick wanderte wie mit langen, tastenden Spinnenfüßen auf Gesicht und Gestalt des jungen Mannes umher, den seine Berührung in eine nervöse Ungeduld versetzte. Es war ihm, als thäte man ihm Gewalt an und als müßte er sich ihrer erwehren, ohne doch ausdrücklich zu wissen, worin sie bestand. Unter dem unliebsamen und verlegen machenden Einfuß ihres Blickes verneigte er sich weniger leicht und gewandt, als er andernfalls gethan hätte, vor der Dame, welche in einer Ecke des Zimmers und von einer spanischen Wand halb verborgen, hinter ihrem Teetisch saß. In der blitzschnellen Überlegung jedoch, mit der bei einer solchen ersten Begegnung einer den andern zu prüfen und zu messen pfegt, fand er dabei die falsche Ironie, welche im Gegensatz zu der wahren, die ein Ausdruck der Überlegenheit ist, sich in Momenten großer Verlegenheit einstellen kann.

»Das sind Sicherheitszündhölzchen«, sagte er sich, indes ihn die beiden rätselhafen Augen, welche sich an den seinigen festgesogen zu haben schienen, nicht losließen. »Dieses spielende, sinnliche Feuerchen hat die glückliche Besitzerin immer in ihrer Gewalt; es kann kein Unheil anrichten, wenn sie es nicht will.«

Der heimliche Spott, mit dem er sich hatte ermutigen wollen, machte ihn schließlich nur beklommener. Er litt unter der haltlosen Furcht, sie möchte seine Gedanken entzifern können. Auch befremdete ihn sein eigenes Schweigen, während er doch zugleich fühlte, daß diese Frau gewohnt sein müsse, nach ihrem Willen eine Unterhaltung anzuknüpfen oder Schweigen herrschen zu lassen.

So war es für ihn eine Erlösung, als sie ihn endlich mit einer langsamen wagerechten Bewegung ihrer Hand zum Sitzen einlud. Während er sich in einem niedrigen Sessel der Dame gegenüber an dem orientalischen Tischchen niederließ, auf dessen geschmackvoll eingelegter Platte das Teegeschirr stand, begann Frau v. Grubeck zu sprechen. Sie teilte ihm zunächst auch ihrerseits mit, daß ihr Gatte mit seiner Tochter eine Promenade mache; indes würden sie vermutlich bald zurück sein.

»Mein Mann«, so fügte sie hinzu, »hat sich außer diesem täglich eingehaltenen Morgenritt auch andere körperliche Übungen zur Gewohnheit gemacht. Wenn man so früh altert wie er, ist die kleine Eitelkeit, es nicht scheinen zu wollen, ja ganz begreifich, nicht wahr?«

Wellkamp erwiderte auf die füchtig ausgesprochene Frage mit einer Verbeugung, die anders als die frühere, indes nicht sonderlich verbindlich ausfel.

Sobald sie ihn angeredet, war ihm die wunderliche Verlegenheit der letzten Minuten völlig benommen gewesen. Was sie gesagt, war unbedeutend, der Spott und die kaum verhohlene Geringschätzung, mit der sie einem ihr gänzlich Fremden in der ersten Viertelstunde von ihrem Gatten sprach, verletzte sein Empfnden. Auch ihre Stimme, welche hoch, aber verschleiert wie ihr Blick war, und in deren leichte Heiserkeit sich bei jenen spöttischen Worten mehrere Male ein schriller Ton gemengt hatte, war ihm unsympathisch.

Vielleicht war es ihr bewußt geworden, daß sie sich ihrem Gegenüber unvorteilhaf vorgestellt. Jener Instinkt mochte es ihr verraten haben, der manchen Frauen behilfich ist, sich gleich bei einer ersten Begegnung in Ton und Haltung dem Geschmack des Mannes anzupassen.

In jedem Falle war es eine ihrem bisherigen Benehmen widersprechende Bewegung, mit dem sie ihm jetzt die Hand entgegenstreckte, ohne Vorbereitung und scheinbar ein wenig verwirrt.

»Aber ich habe ja ganz vergessen«, sagte sie mit einem diskret abbittenden Ton ihrer Stimme, welche sich nun modulationsfähiger erwies, als ihre ersten Worte vermuten ließen. Und während er sich, unschlüssig, wie er ihre veränderte Haltung zu deuten habe, über die dargereichte Hand neigte, setzte sie hinzu: »Ich bin eine so abscheuliche Egoistin; ich hätte doch an meinen Glückwunsch denken sollen. Aber ich muß Ihnen nun auch eine sorgsame Mutter sein – wie meinen Sie?«

»Ich hofe, mir das Wohlwollen der gnädigen Frau zu erwerben«, entgegnete der junge Mann verbindlich.

Sie bemerkte indes, daß während ihrer letzten, mit leichter Koketterie gesprochenen Worte seine Fingerspitzen, welche noch ihre Hand gefaßt hielten, leise zitterten.

Als er wieder auflickte, sah er ihre Augen mit einem nachdenklichen Ausdruck auf sich gerichtet. –

Die kleine Pause, welche dann folgte, ging beiden fast unbemerkt vorüber, da jeder mit seinen, den andern prüfenden Gedanken beschäfigt war.

Wellkamp seinerseits hatte in diesen Augenblikken die erste Gelegenheit, sich der Einzelheiten in ihrem Gesichte und ihrer Figur, unter deren Gesamteindruck er sich, seitdem er der jungen Frau gegenübersaß, befunden, zu versichern.

Sie machte in ihrem zugleich eleganten und anspruchslosen Morgenkleide von weißen Spitzen, welches in gut geordneten Falten um ihre etwas zu schlanke, in den tiefen Sessel geschmiegte Gestalt lag, ganz den Efekt einer großen Dame. Auf ihren Knien ruhten, zwei Finger ineinander gelegt, ihre Hände, die den jungen Mann seit ihrer ersten Bewegung lebhaf beschäfigt hatten. Sie waren lang und schmal, jedoch von einer nicht vollendeten, etwas harten Form und, ebenso wie das Gesicht der Frau, von einer eigentümlichen, leicht gelblichen Färbung überhaucht, durch die der Betrachtende den darunterliegenden weißen Teint zu sehen meinte. Das Haar der Dame war trotz der frühen Stunde mit aller Kunst geordnet, wobei besondere Sorgfalt auf eine kluge Verteilung der Stirnlöckchen verwendet war. Die Stirn selbst war ziemlich niedrig und von nicht reiner Form. Um so reiner und tadelloser war der Ansatz der sehr leicht gebogenen Nase, deren feine Flügel leise vibrierten. Ebenso waren Kinn und Mund fein gebildet, wenngleich auch sie der Weichheit entbehrten. Die einander fremden Charaktere der beiden Gesichtshälfen ließen in diesem Gesichte die Vermischung verschiedener Racen vermuten.

Dann wurde die Aufmerksamkeit des Beobachtenden wieder von den vielsagenden und doch wieder nichts verratenden Augen angezogen, als die junge Frau aufs neue zu sprechen begann, hastig einsetzend, als werde sie erst jetzt des beiderseitigen Schweigens inne. –

Sie that, zum erstenmal ausführlicher, Annas Erwähnung.

»Damit Sie wissen, welches Glück Sie haben«, sagte sie, »sollte ich Ihnen eigentlich fortwährend von den Vorzügen Ihrer Braut sprechen. Ich darf es wohl, da ich ja an ihrer Bildung keinen Anteil habe?«

»Ein junges Mädchen lernt zuweilen ebensoviel von einer älteren Freundin wie von einer Mutter.«

»Annas Erziehung bewundere ich umsomehr, als sie sie sich nach dem frühen Tode ihrer Mutter offenbar ganz allein gegeben hat. Ihre beneidenswerte Anspruchslosigkeit haben Sie gewiß schon kennen gelernt. Auch muß Ihnen aufgefallen sein, daß sie eine Menge Dinge weiß, von denen wir andern keine Ahnung haben. Besonders für ein junges Mädchen ist ihr Wissen, glaube ich, außerordentlich. Aber darüber habe ich kein Urteil. Mein Gott, ich bin so dumm gegen sie.«

So schloß sie, mit einer nicht ganz zu verbergenden Ungeduld in der Stimme.

Mochte es nun die von ihm geargwohnte Absicht der Sprecherin, sich durch eine günstige Beurteilung seiner Braut seinen Wünschen anzupassen, sein, die ihn verstimmte – Wellkamp konnte nicht anders, als sich in dem nämlichen Gefühl der Gegnerschaf, das ihn unter dem Eindruck ihres ersten Blickes befallen, innerlich gegen jedes ihrer Worte empören. Hinter ihren scheinbar liebenswürdigen Äußerungen witterte er versteckte Bosheiten auf Rechnung seiner Braut. Überhaupt erkannte seine Empfndung dieser Frau völlig das Recht ab, sich über Anna auszusprechen, sei es immer in welcher Weise. Statt der anfänglichen nervösen Antipathie, welche ihn ein rätselhaftes Interesse zu Zeiten vergessen gemacht hatte, ergrif ihn jetzt ofene Feindseligkeit, in der für ihn seltsamerweise etwas erleichterndes lag, gegen die ihm gegenübersitzende Dame. Diese wartete, gelassen mit den an den Seitenlehnen ihres Sessels herabhangenden Quasten spielend, noch immer auf die Erwiderung ihres einsilbigen Gastes, auf den sie unausgesetzt ihren verschleierten Blick gerichtet hielt. Als der junge Mann keine Miene machte, sein Schweigen zu unterbrechen, bot sie ihm mit einem nachlässigen Wink auf das vor ihr stehende Service eine Tasse Tee an. Wellkamp lehnte kurz und wenig höfich ab und war im Begrife, seinen Vorsatz, bis zur Rückkehr der Reiter auszuharren, aufzugeben, als sich im Nebenraume Annas Stimme vernehmen ließ. Gleich darauf traten die Erwarteten ein.

Wellkamp folgte seinem plötzlich aufwallenden Bedürfnis, den Gegensatz zwischen seiner mehr als kühlen Haltung in Gesellschaf Frau v. Grubecks und dem herzlichen Willkomm, welchen er seiner Braut bot, besonders aufällig zu machen. Er wußte selbst nicht, für wen? So beugte er sich mit rascher Bewegung tief auf Annas kleine, kräfige und leicht gebräunte Hand, die noch halb vom Reithandschuh bedeckt war. Das junge Mädchen hatte sie ihm mit einem glücklich überraschten, kleinen Aufschrei entgegengestreckt, während ihr frisches, nach der gehabten Bewegung lebhafer als sonst gefärbtes Gesicht sich noch um einen Ton tiefer rötete.

Der Major, nach der gesunden Anstrengung ein wenig außer Atem, umarmte den Schwiegersohn mit fast jugendlicher Hefigkeit. Er ließ dabei sein gutes, naives Lachen hören, das Wellkamp gleich bei der ersten Begegnung für den alten Herrn eingenommen hatte. Dann wandte er sich zu seiner Gattin, welche der Szene mit bewegungsloser Miene gefolgt war. Wellkamp bemerkte seinen zugleich respektvollen und ritterlichen Handkuß, sowie die behutsam sondierende Weise, in der sich Herr v. Grubeck nach dem Befnden seiner Gattin erkundigte. Diese lohnte ihm mit einem gnädigen und zugleich unmerklich spöttischen Lächeln, während sie Wellkamp, zu dem ihr Blick zögernd, gleichsam auf sammtenen Sohlen hinüberglitt, anredete.

»Ich muß Ihnen dankbar sein«, sagte sie. »Ich habe meinen Mann nie so artig und auch so – jung gefunden wie jetzt, da er im Begrife steht, Schwiegervater zu werden.«

Wellkamp, der nicht anders als mit einer Verbeugung geantwortet hatte, wandte sich zu seiner Braut, welche er nach ihren Erlebnissen und ihrem Zeitvertreib seit sie einander nicht gesehen, fragte. Sie berichtete ihm in ihrer ruhigen, ofenen und von jeder Sentimentalität freien Art von der frohen Erwartung, mit der sie in der verfossenen Zeit an das jetzige Wiedersehen gedacht habe.

Ihr Vater, welcher inzwischen halblaut und in leicht fragendem Tonfall mit seiner Gattin gesprochen – »Also, wenn Du einverstanden bist, liebe Dora, so bleiben wir zum Frühstück alle beieinander«, hatte er schließlich gesagt – trat nun zu den beiden jungen Leuten, um sich an ihrem Gespräche zu beteiligen. Es wurde vor dem mit einer schweren Gardine von gelbem Damast fast völlig verhangenen Fenster geführt. Anna hatte sich dort, an der Frau v. Grubecks Sitz entgegengesetzten Seite des Gemaches, auf einem niedrigen Divan niedergelassen. Ihr Vater, der mit Wellkamp vor ihr stand, begann diesem zu erzählen, daß er in den letztverfossenen zwei Wochen die Gesellschaf seiner Tochter noch einmal aufs angenehmste genossen habe.

»Sie werden mir nun bald genug meinen lieben Begleiter auf meinen Spazierwegen entführen«, sagte er.

»Hofentlich sehr bald«, entgegnete jener lächelnd, und überleitend fuhr er fort: »Es ist nur die Frage, ob das viele, was uns noch erübrigt, in so kurzer Zeit zu erledigen sein wird, wie wir es wünschten. Denn ich glaube wohl« – und er wechselte einen Blick des Einverständnisses mit seiner Braut – »daß ich nicht der einzige bin, dem möglichste Beschleunigung erwünscht wäre.«

»Was Du thun willst, thue bald«, stimmte der Major bei, »wir waren uns darüber ja ganz einig. Nun handelt es sich also vor allem um die nötige Einrichtung, und da werden wir uns besonders auf Deinen guten Geschmack verlassen.«

Die letzten, an Anna gerichteten Worte begleitete Wellkamp mit seiner Zustimmung. Herr v. Grubeck bemerkte indes plötzlich sein Versäumnis, in dieser Frage nicht seine Gattin als erste zugezogen zu haben. Während er nun eilig durch das Zimmer schreitend sich ihr näherte, sagte Wellkamp, in der durch das augenblickliche Alleinbleiben sofort hergestellten größeren Vertraulichkeit dichter an seine Braut herantretend:

»Ich bedauere sehr, meinerseits für unsere Ausstattung außer ein paar nebensächlichen Möbeln und Kunstgegenständen nicht die geringste Grundlage liefern zu können. Findest Du es nicht lächerlich, daß ich, so alt ich geworden bin, mich immer gescheut habe, mir eine eigene Einrichtung aufzubürden? So habe ich in der ganzen Welt, auch wenn ich mich gelegentlich auf ein halbes Jahr – länger hielt ich's ja kaum aus – irgendwo festsetzte, immer in garnierten Mietswohnungen herumgelegen.«

»Nun, dann ist es noch ein besonderer Segen für Dich, daß dies nun bald ein Ende haben wird«, entgegnete Anna mit ihrem stillen Lächeln, das, im Gegensatz zu dem der meisten Frauen, die Wellkamp kennen gelernt, weniger glänzendes und reizendes als beruhigendes und häufg ein weniges nachsichtiges hatte. –

Der Major wandte sich, von der andern Seite des Raumes her, wieder den beiden jungen Leuten zu.

»Aber das ist ja wahr«, rief er mit lauter und fröhlicher Stimme – »da kommt mir erst jetzt die Idee, Kinder, ihr könnt am Ende, bis ihr es bei euch gemütlich habt, hier bei uns unterkommen. Wir haben Platz, und da fällt mir eben noch ein, daß ich von Mr. Bright – das ist nämlich unser Wirt – gehört habe, nebenan werde zum nächsten Ersten die andere Hälfe der Etage frei; zwar ist es die kleinere, aber vielleicht kann sie euch fürs erste genügen.«

Die ungezwungene und rasche Art, wie er diesen Vorschlag machte, ließ vermuten, daß sich der alte Herr mit seiner Gattin im Einverständnis befände. Indes kam keines der beiden Angeredeten auf den Gedanken, daß ihm sein Einfall, jedenfalls ohne daß er selbst es wahrnahm, nahegelegt und untergeschoben sein könnte.

Vielleicht setzte Frau v. Grubeck, als sie nun seine Worte bestätigte, ein wenig hastiger und interessierter ein, als es sonst in ihrer Art lag.

»Natürlich ist hier hinreichend Raum für einen zweiten Haushalt – und außerdem«, fügte sie mit dem Lächeln, dessen rätselhafer Inhalt Wellkamp heute nicht zum erstenmal beschäfigte, hinzu, »– und außerdem werden wir Alten es dann etwas weniger einsam haben.«

Jedenfalls gab die so herbeigeführte Lösung der Frage allen das Bewußtsein, die Situation ein gutes Stück gefördert zu sehen. Außerdem erfüllte sie den Major mit rückhaltloser Befriedigung darüber, einen Aufschub der endgiltigen Trennung von seiner Tochter erreicht zu haben. Letztere selbst begrüßte vor allem die Entfernung des einzigen Hindernisses, welches einer baldigen Verbindung mit dem geliebten Manne entgegengestanden hatte. Auch die Aussicht, ihren Vater auf diese Weise noch eine Zeitlang in unmittelbarer Nähe zu behalten, erfreute sie, obwohl sie andererseits einen schließlichen Wegzug aus dem Hause der Reichsstraße als selbstverständlich ansah und um der ersehnten Entfernung willen aus dem Kreise der ihr unsympathischen Frau ihres Vaters auch wünschte. Wellkamp glaubte seinerseits hierin mit seiner Braut völlig übereinzustimmen, und so fand er keine Erklärung für den leisen, kalten Schauer, der während der Entscheidung, welche die Worte seines Schwiegervaters und Frau v. Grubeck enthielten, durch sein Blut gegangen war und sein Herz berührt hatte. Wenn er zugleich den Wunsch empfunden hatte, die von Herrn v. Grubeck bezeichnete, in der nächsten Nachbarschaf gelegene Wohnung zu seiner ständigen zu machen, so hätte er denselben sicherlich im nächsten Augenblick mit guter Überzeugung ableugnen dürfen, so füchtig und auch in Gedanken unausgesprochen war er gewesen.

Was Frau v. Grubeck betrif, so vermutete bei ihr keiner der andern in dieser Angelegenheit wirkliche Wünsche und Interessen. Auch war die Gleichgiltigkeit, die sie gezeigt hatte, wohl nur zur Hälfe unwahr. Der Impuls, jene Entscheidung herbeizuführen, hatte sie selbst, sobald die fragliche Angelegenheit zur Sprache gekommen war, ebenso unerwartet wie unwiderstehlich erfaßt. Wiewohl sie die Gründe desselben noch nicht kannte, hatte ihr Instinkt sie zu gleicher Zeit gewarnt, sich durch unvorsichtiges Befolgen des ersten Antriebes bloßzustellen. Als sie sodann, dank der Fähigkeit des weiblichen geborenen Diplomaten, andere unvermerkt zum Aussprechen der Gedanken, die man selbst nicht laut werden lassen möchte, zu leiten, ihr Ziel erreicht, hatte ihr dieser Erfolg, während er sie heimlich triumphieren machte, zugleich auch eine unbestimmte Furcht eingefößt. Das Fehlen unmittelbarer, deutlich erkennbarer Gründe für ihre Handlungsweise war dabei kaum zu ihrer Erkenntnis gelangt. Und dies mag wunderbarer klingen als es ist. Denn von wie vielen unserer Handlungen und Äußerungen kennen wir in demselben Augenblicke, wo wir sie thun, in Wahrheit die Gründe? Wir mögen häufg äußerliche Ursachen mit den tieferen Triebfedern verwechseln, und noch öfer mögen wir uns fngierte Gründe statt der thatsächlichen unterschieben, zumal wenn wir, uns letztere zuzugeben, durch unsere Eigenliebe verhindert werden. Es ist gewiß, daß es um unsere Selbsterkenntnis anders stehen müßte, sollten wir in keinem Falle etwas thun, ohne uns zuvor ein Warum aufrichtig beantwortet zu haben. Aber es ist ebenso sicher, daß uns dies nicht zufriedener machen würde.

Hierfür konnte auch diese Frau als Beweis gelten, die mehr als andere gewöhnt war, sich in einsamen Stunden mit sich selbst zu beschäfigen und ihr Innenleben auszuhorchen.

Frau v. Grubeck blieb auch jetzt allein, nachdem ihr Gatte sich mit seinen Kindern in sein »Atelier« begeben, wo Wellkamp in seine Malstudien, die Frucht einer mit Eifer geübten Beschäfigung des alten Herrn, Einsicht nehmen sollte. Als die drei das Zimmer verlassen, erschien der Diener, um das Teeservice abzuräumen. Dann störte niemand mehr die Herrin des kleinen Gemaches, von dessen in dunklen Farben gehaltener und dämmerig beleuchteter Ausstattung sich ihre weißgekleidete Gestalt seltsam abhob, wie sie ohne Bewegung, in unveränderter, graziös-nachlässiger Haltung in ihren Sessel gelehnt, dasaß.

Von der Majolikaplatte der Konsole, aufweiche die junge Frau unverwandt ihren Blick gerichtet hielt, klang das feine, durchdringende Ticken einer Miniatur-Stutzuhr. Ringsumher standen auf Schreibtisch und Etagèren die unzähligen kleinen Zwecklosigkeiten, die scheinbar so nichtssagend sind, während sie in Wahrheit gleichsam den Niederschlag eines feinen und eleganten Frauenlebens bedeuten. Auf das vor der Dame stehende arabische Tabouret hatte der Diener den gelben Romanband gelegt, welcher unter den auf dem größeren Mitteltisch umhergestreuten durch ein Lesezeichen als der zur Zeit im Gebrauch befndliche angedeutet gewesen war. Frau v. Grubeck pfegte die Stunden bis gegen ein Uhr mit Lektüre auszufüllen. Nach dem Frühstück ruhte sie und unternahm zuweilen eine Ausfahrt, um von fünf Uhr ab ihre Zeit der Toilette für das um sieben Uhr stattfndende Diner zu widmen. Der Abend, ein langausgedehnter Abend, sah sie wieder an ihrem gewohnten Platze in ihrem Boudoir, wenn sie nicht, was selten genug geschah, für die letzten Akte in die Oper fuhr. Eine andere Abwechslung brachten ihre Tage kaum mit sich. Und dies war nicht das Leben einer Greisin, sondern dasjenige einer Frau von nicht ganz achtundzwanzig Jahren.

Dora Linter stammte väterlicherseits aus einer deutsch-jüdischen, seit zwei Generationen getaufen Familie. Ihr Vater hatte in Rio de Janeiro, wo er sein Vermögen gemacht, eine gefeierte Dame der dortigen Gesellschaf, eine Kreolin, geheiratet. In früher Kindheit mutterlos geworden, war Dora ohne viel andere Gesellschaf als die ihrer Dienerinnen aufgewachsen. Und während das bei seiner aufallenden lichten Blondheit eigentümlich stille und indiferente Mädchen von frühauf an das unthätige, bloß vegetierende Dasein der südamerikanischen Damen gewöhnt wurde, wuchs zugleich ihre Verschlossenheit und ihr Trotz. Körperlich und geistig schnell entwickelt, wie sie nach Art der dortigen jungen Mädchen war, schien es nicht ausbleiben zu können, daß sich früh das südländische Blut in ihr zu regen begänne. Gleichwohl befand sie sich bis fast an ihr sechzehntes Jahr in einem Zustande der seelischen Unberührtheit und Ahnungslosigkeit, dessen sie sich später, in den Leiden ihrer durch streitende Triebe gebrochenen Natur, häufg mit schmerzlichem Neide erinnerte. Daß das junge Mädchen so lange in ihrem Sinnenleben ein Kind blieb, mochte nicht zum kleinsten Teil der religiösen Erziehung zu danken sein, der einzigen gründlichen, welche sie überhaupt erhielt, und welche zu frühe Wünsche mit sanfer Hand zurückhielt, während sie zugleich dem Gefühlsleben der Heranwachsenden ihre reiche Nahrung zuführte.

So kam es, daß der erste männliche Umgang, der nach einer fast gänzlich abgeschlossen verlebten Kindheit an sie herantrat, eine eigentümliche Wirkung auf Dora übte. Anfangs empfand sie nichts als Schüchternheit und Furcht vor etwas Unbekanntem. Der junge Mann, ein Angestellter ihres Vaters, den dieser, da er aus guter englischer Familie war, häufg in seine Häuslichkeit einlud, wurde dadurch verleitet, sie als kleines Mädchen zu behandeln. Er gestattete sich ihr gegenüber, in scheinbar spielender Weise, von Anfang an mehr, als er ohne ihre verlegene Haltung gethan hätte. Letztere verlor sich nur zu bald. Das junge Mädchen begann zwar nicht zu empfnden, aber zu begreifen. Zugleich stellte sich bei ihr die Lust ein, seine Überlegenheit in ihrem Verkehr zu brechen. So machte sie ihm nun kleine, scheinbar bedeutungslose Zugeständnisse, um sich, sobald er die Miene annahm, dieselben für sich auszunutzen, plötzlich zurückzuziehen. Sie fand in diesem noch halb kindlichen Spiele, außer der Genugtuung, den Gegner – denn so hatte sie ihn von Anfang an im stillen genannt – stets aufs neue nach ihrem Wunsche hofnungsvoll und ernüchtert zu sehen, das aufregende Vergnügen, welches ihr die zusammenschauernde Furcht vor einer Gefahr gewährte, zu der es sie dennoch fortwährend hinzog. Der junge Engländer mochte seinerseits für eine derartige Verkehrsart, für welche bezeichnenderweise seine Sprache das Wort firt gefunden hat, nicht mehr hinreichend empfndlich sein. Es war sicher, daß dem eindringlicher werdenden Sensationsbedürfnisse Doras seine Huldigungen am Ende nicht mehr genügten. Halb unbewußt verlangte sie danach, seine Begierde einmal deutlich und ohne Zurückhaltung hervortreten zu sehen, sei es auch nur, um sie mit desto mehr kühler und spöttischer Überlegenheit abweisen zu können. Und dieses Verlangen wurde schließlich unwiderstehlich genug, um sie zu jener Szene zu verleiten, welche ihr in der späteren Erinnerung als die eigentliche Ursache ihres freudlosen und ungenützten Daseins erschien. Wie häufg vergessen wir in dieser Weise die natürliche Folge unseres Geschickes, um ein einzelnes Begebnis, das uns vielleicht einen besonders starken Eindruck hinterlassen, als die für sich und ohne Zusammenhang bestehende Veranlassung alles Folgenden zu betrachten.

Jene Szene spielte eines Abends auf der Terrasse des Hauses, wo Dora in ihrer Hängematte ruhte, welche von dem Verehrer des jungen Mädchens in Bewegung gehalten wurde, während er mit der andern Hand den unentbehrlichen Fächer führte. Es lag noch viel von der außergewöhnlichen Hitze des Tages in der Luf. Der junge Mann befand sich in einer träumerischen und empfänglichen Stimmung, wie er auf das reizende Mädchen herniederblickte, deren abgerissenes Lachen zeitweilig das einzige vernehmbare Geräusch war in der müden Stille ringsumher. Über ihnen hing eine grotesk bunte Leinenmarquise. Außerhalb dieses Daches sah der wolkenlose Himmel hervor, den die hereinbrechende Dämmerung stahlblau färbte. Zu ihren Füßen breitete sich der Garten aus mit seinen ungeheuren tropischen Gewächsen und der Farbenpracht seiner Blumen. Dies alles und nicht weniger das schöne Mädchen in seiner Gesellschaf erschienen dem jungen Manne unter den Bedingungen einer zeitweiligen Stimmung ungewohnter und märchenhafer als sonst, und zugleich verlockender und begehrenswerter als je zuvor. Als Dora seine unvermutete hefigere Annäherung wahrnahm, konnte sie, wie in einem Rausche des Übermutes und der Neugierde befangen, nicht anders, als ihn durch gesteigerte Herausforderungen ermutigen. Sie hielt damit erst, gewaltsam erschreckt, inne, sobald sie seine körperliche Berührung spürte. Während seine Hände von der Hängematte herab um ihre Schulter und dann um ihren Leib glitten, während seine Bewegungen hefiger und unverhüllt begehrlicher wurden, war ihr Lachen lauter und krampfafer geworden, um schließlich in ein gewaltiges Schreien überzugehen, in dem so viel tiefstes Grauen und zugleich eine solche grausame Härte lag, daß der junge Mann augenblicklich zurückschrak. Sofort sprang sie auf und war mit wenigen Sätzen in ihrem Zimmer, wo sie sich einschloß, unter unauförlichem Geschrei, welches nun das der Wut geworden war, der machtlosen und in ihrem Bewußtsein kaum begründetenWut gegen den Gegner. Am gleichen Abend, mit Hast und ohne Überlegung, als ob sie dem Instinkt der Selbsterhaltung folgte, berichtete sie ihrem Vater über das Vorkommnis. Sie wußte durch ihre sichtliche Aufregung, sowie durch eine zu seinen Ungunsten gehaltene Schilderung des Vorganges die alsbaldige Entfernung des jungen Mannes herbeizuführen. So konnte sie in der nächsten Zeit, welche ihr nach der nervösen Gereiztheit der vergangenen Wochen Ruhe und Erschlafung der Sinne brachte, jene Episode beendet und unschädlich gemacht glauben, um erst langsam der Wirkungen, welche sie in ihrem ferneren Innenleben gezeitigt, gewahr zu werden.

Stärker als das Vergnügen, das ihr in dem Umgange mit dem jungen Engländer das Spielen mit der wohl gekannten Gefahr bereitet hatte, war jetzt in ihr die einfache Furcht vor der letzteren. Nach jenen Erfahrungen fühlte sie sich ihrer selbst nicht mehr mächtig; es stand immer vor ihrer Seele, daß sie im Begrife gewesen, sich zu vergessen. Und während ihr der Gedanke an das Schicksal, dem sie kaum entgangen, bei allem Reizungsbedürfnisse einen körperlichen Widerwillen verursachte, bäumten sich neben ihrem ausgeprägten religiösen Pfichtgefühl auch die sorgsam gepfegten Begrife der gesellschaflichen Sitte in ihr auf. Der Gedanke an die Möglichkeit einer abermaligen Versuchung machte sie scheu und ließ sie sich fortan alsbald zurückziehen, wo sie eine beginnende größere Vertraulichkeit zu bemerken meinte. Es vergingen darüber mehrere Jahre, während welcher ihre immer mehr aufallende Verschlossenheit und ihre Neigung, den gesellschaflichen Verkehr nach Möglichkeit einzuschränken, ihren Vater mit Besorgnis erfüllte. Um durch eine Veränderung ihres Aufenthaltsortes vielleicht eine günstige Einwirkung auf das Wesen seiner Tochter zu gewinnen, und um ihre Zukunf nach seinen Wünschen ordnen zu können, beschloß Herr Linter nunmehr, die auch aus geschäflichen Rücksichten schon geplante Übersiedelung nach New-York auszuführen.

In der Tat durfe sich Dora nach ihrem Eintritt in die dortige Gesellschaf, in welcher sie dank ihrer überlegenen Erscheinung und dem väterlichen Vermögen alsbald eine ausgezeichnete Stellung einnahm, gestehen, daß sich die frühere Gefahr für sie stark verringert habe. Nachdem sie in der Stille ihrer Zurückgezogenheit genug unter den Widersprüchen ihrer Natur gelitten, hatten in dem Kampfe des sinnlichen Verlangens, das jene Episode mächtig aufgeregt, mit ihren kühlen und refektierenden Geistesanlagen die letzteren den Sieg davongetragen. In ihren einsamen Grübeleien war sie dahin gelangt, ihre Beschäfigung mit den Beziehungen der Geschlechter aus ihrem Blute fast völlig in ihr Hirn zu verpfanzen. Sie war in der Stille eine Meisterin in der Kunst des firt geworden, jener unfruchtbaren Abart des Kampfes der Geschlechter, welche zugleich, in ihrem eigentlichen Sinne gehandhabt, die für den Angreifer ungefährlichste ist. Dora Linter war vollkommen in der Fertigkeit, den Grad, bis zu welchem sich der Gegner vorgewagt, zu beaufsichtigen, um ihr Verhalten ihm gegenüber dementsprechend einzurichten. Mochte sie nun im einzelnen Falle ofen angreifen oder sich zu verteidigen scheinen, mochte sie sich ihm etwa als teilnehmende Freundin zeigen oder ihn eine sentimentale Neigung ahnen lassen, immer sah sie am Ende ihre Absicht, den Mann leiden zu machen, erreicht. Vielleicht brauchte man sie im Grunde kaum ungünstiger zu beurteilen als andere Frauen, denen ihre Natur die Befriedigung ihrer, stets selbstsüchtigen, Sinne auf andere Weise vorschrieb. Jedenfalls aber begann nach den ersten Jahren ihres gesellschaflichen Lebens das rätselhafe und grausame Wesen ihres Umganges, die Verehrer von ihr fern zu halten. Dies verstärkte wiederum ihre natürliche Bitterkeit und Unlust, indem es ihr vor Augen führte, daß man ihre Art zu leben unliebsam und unumgänglich fand. Es begann an diesem Zeitpunkte in ihrem Gesicht bereits der den Frauen des Südens früh eigene languide Zug hervorzutreten, der zwar fürs erste ihrer Schönheit einen neuen, wunderlichen Reiz hinzufügte. Ihrem Vater, der in letzter Zeit häufger seine Besorgnis laut werden ließ, auch hier seine Absichten in betref ihrer Zukunf nicht verwirklicht zu sehen, gestand Dora in dem ihr im Verkehr mit ihrem einzigen nahen Verwandten gewohnten eigentümlich spöttisch-gleichgiltigen und ein wenig an Cynismus erinnernden Ton, daß allerdings jetzt weniger als je die Aussicht einer Heirat für sie vorhanden sei. Auch war es nur zum Teil Eitelkeit und viel wirkliche Entschlossenheit, was sie betonen ließ, daß sie kaum noch die Neigung haben könne, einem dieser Männer die Hand zu reichen, die sie in einer fast zehnjährigen gesellschaflichen Laufahn zu deutlich kennen gelernt, um noch die einem Verlobten gegenüber gewiß erforderlichen Illusionen zu besitzen.

Nach einer besonders ausführlichen Besprechung dieser Art ergrif Herr Linter, Geschäfsmann von raschem Entschluß wie er war, das immer noch erübrigende und anerkannt wirksame Mittel, sich seiner Vaterpfichten zu entledigen: eine Reise nach Europa. Nach mehrmonatlichem Umherziehen hatten Vater und Tochter in Berlin Aufenthalt genommen, wo sie in bevorzugten Kreisen ohne Mühe die schmeichelhafeste Aufnahme fanden. Während ihr Vater durch neugeknüpfe, hofnungsvolle Geschäfsverbindungen in rosige Laune versetzt wurde, war auch Doras Stimmung infolge der neuen Unregelmäßigkeit ihres Lebens und durch die ungewohnten Anregungen der Reise von dem bisherigen Druck der Langeweile und Gleichgiltigkeit befreit. So wie sie in ihrem neuen Kreise erschien, den schon bemerkbaren Mangel erster Jugendlichkeit durch den vollendeten Ausdruck der großen Dame ausgeglichen und vergessen gemacht, und auf dem Hintergrunde gedacht, welchen die Millionen ihres Vaters bildeten, stand dem jungen Mädchen alsbald die Wahl unter Männern ofen, von denen mancher auch ihrem verwöhnten und etwas abgestumpfen Geschmack wünschenswert erscheinen konnte. Wenn gleichwohl der bescheidenste Verehrer, der nicht mehr junge Major a. D. v. Grubeck, den Vorzug erhielt, so waren die Gründe, wie in der Mehrzahl der nicht seltenen Verbindungen eines unbedeutenden Mannes mit einer zu hohen Ansprüchen berechtigten Frau in der tieferen Natur der letzteren zu suchen.

In der Tat sah Dora eine Ehe, wie sie sie nun einging, als die ihren Bedürfnissen einzig angemessene an. Sie berechnete, nur durch das moralische Übergewicht über den Gatten auch die Herrschaf über die eigene Natur erlangen zu können. Das ewig unfruchtbare Reizungsbedürfnis, welches bisher fast allein ihr Gefühlsleben ausgemacht hatte, hofe sie auf solche Weise befestigen zu können. Hierfür und für alles andere sollte ihr das Bewußtsein der Überlegenheit über die immer noch kräfige Männlichkeit Grubecks Ersatz bieten. Nebenbei, ob sie es nun eingestand oder nicht, teilte sie ein wenig den Respekt vor Herkunf und Titel, welchen ihr Vater, gleich den meisten Deutsch-Amerikanern, unter den Lebensgewohnheiten der Fremde nicht nur bewahrt, sondern sogar verstärkt hatte. So glaubte Dora damals, in der Ehe, welche nach so vielen Kämpfen doch ein Ziel und einen Friedensschluß bedeutete, jedenfalls Ruhe und vielleicht Befriedigung zu fnden. Aber sehr rasch, sobald man sich in Dresden niedergelassen, und der alte Herr Linter abgereist war, um die 250 000 Dollars, die er seinem Schwiegersohne hinterlegt, mit möglichster Eile wieder einzubringen, mußte die junge Frau bemerken, daß sie sich in einem Punkte verrechnet hatte. Sie hatte nicht vorausgesehen, daß das eheliche Leben das lange still gebliebene Verlangen ihrer Sinne wieder erwecken würde, ohne ihm doch genügen zu können. An der Seite des ungeliebten Gatten begannen alsbald die Kämpfe von neuem, welche jenem ersten Erlebnisse ihrer Mädchenzeit gefolgt waren. Und wie damals, war auch jetzt das Ergebnis, daß sie sich zurückzog und abschloß in einer peinigenden Furcht, in ihrem jetzigen Gefühlszustande einer Versuchung notwendig erliegen zu müssen, zu welcher sie von ihren versteckten Wünschen gedrängt ward. Auch darin wiederholte sich ihr Schicksal, daß sie, wie damals den jugendlichen Verehrer, nun den Gatten für das Unglück ihrer nie befriedigten Natur verantwortlich machte.

Herr v. Grubeck ahnte seinerseits sehr bald den Haß, der aus den zwischen seiner Gattin und ihm liegenden schweigenden Vorwürfen zuweilen in einem schnellen Wort aufeuchtete. Die Folge war, daß er sich, so viel wie es ihm unaufällig thunlich erschien, von Dora zurückzog, während er zugleich in ihrer Gesellschaf seine Aufmerksamkeiten verdoppelte, beides in einem nicht ganz unberechtigten Schuldbewußtsein, das dahin führte, ihn der Frau gegenüber stets gedrückter und willenloser zu machen.

Die Neigungen der Gatten trafen sich darin, an einem bei allen Annehmlichkeiten der großen Stadt dennoch nicht allzu verkehrsreichen Orte wie Dresden ein behagliches und möglichst zurückgezogenes Leben zu führen. Mit dem für ganz nach außen gekehrte, auf Tatkraf gestellte Naturen, wie die seine so melancholischen Gefühl des herannahenden Alters nahm das Bequemlichkeits-Bedürfnis des Majors zu, der sich mehr und mehr gegen die Pfichten einer nicht um ihrer selbst willen geliebten Häuslichkeit abschloß. Dagegen wurde die Zurückgezogenheit Frau v. Grubecks unmittelbar durch die Verhältnisse und die Stimmung ihres Ehelebens bedingt. Immer beunruhigender und aufreibender ward ihr Zustand der nervösen Angst vor der Annäherung irgend einer Versuchung. Sie fürchtete, einer Gelegenheit eines verführerischen Umgangs nicht widerstehen zu können, so sehr hatte der aufs neue entfesselte Streit ihrer Triebe sie des notwendigen Sicherheitsgefühles beraubt. Wie die in unserer Natur begründeten Eigenschafen mit dem zunehmenden Alter stets bestimmtere Züge anzunehmen und schärfer hervorzutreten pfegen, so war jetzt die Scheu Doras vor dem geringsten Verstoß wider die gesellschafliche Moral ins krankhafe gewachsen. Hinund hergezerrt von ihrer leidenden, unbefriedigten Begierde und von der tiefen Angst, die sie sich selbst einfößte, gelangte sie allmählich zu den seltsamsten Widersprüchen. Sie vermochte sich den gefährlichen Träumereien nicht zu entziehen, in welchen sie die intimen Seelenschilderungen der von ihr bevorzugten französischen Romane ausspann, während sie andererseits hefig zusammenschrak, sobald die geringste Anspielung auf die Dinge, mit denen sie sich fortwährend innerlich beschäfigte, vor ihr laut wurde. Es war dies vielleicht die nämliche Regung, die den Verbrecher ergreifen mag, der erfährt, daß ein anderer bei einer Tat ergrifen ist, über welche er selbst seit langem brütet. –

Ihr Gatte, der in der ersten Zeit ihrer Ehe noch einigen Verkehr mit früheren Kameraden und anderen ehemaligen Berliner Bekanntschafen pfegte, glaubte sie zuweilen durch kleine Mitteilungen aus der Lästerchronik erheitern zu sollen. Einmal kündigte er Dora an, daß ein junger Ofzier, mit dem er sich befreundet, ihr vorgestellt zu werden wünschte.

»Es ist ein netter, übrigens sehr verzogener Junge«, sagte er. »Man nennt ihn hier seit kurzem mit der kleinen Frau v. Wirtz zusammen, obwohl er überhaupt erst seit vier Wochen in Dresden ist. Er ist scharf vorgegangen, wie es scheint.«

»Solche Geschichten fnde ich eher traurig als interessant«, fel Dora ungeduldig ein, »und es liegt mir nicht daran, sie zu hören. Auch verlangt mich gar nicht danach, diesen Herrn hier im Hause zu sehen.« –

Herr v. Grubeck ließ unter ihrem unmutigen Blick seinen kurzen Hals ganz zwischen den Schultern verschwinden, und zu der Ratlosigkeit, mit der er die übertriebene Empfndlichkeit seiner Gattin ansah, kam in diesem Falle die Verlegenheit, dem jungen Manne den schon versprochenen Eintritt in sein Haus nachträglich versagen zu müssen.

Zu gleicher Zeit und unter den nämlichen Umständen entwickelte sich Doras Religiosität, welche, durch die ertötende Bitterkeit ihrer seelischen Erfahrungen allerdings der zarten, tröstlichen Verinnerlichung beraubt, Züge des Aberglaubens annahm.

Schließlich trug zu ihrem Bedürfnisse, jede gesellschafliche Bewegung zu vermeiden und ihre Tage durchaus in häuslicher Ruhe zu verbringen, ein unscheinbarer Zug bei, der aber bewies, daß dieser Frau, die unauförlich mit ihrer tiefsten Natur im Kampfe lag, darum die oberfächlichsten Wünsche des weiblichen Herzens nicht fremd waren. Sie konnte nur durch eine sitzende Lebensweise ein kleines Gebrechen, das unbedeutende Lahmen ihres linken Fußes, dem Gatten dauernd verbergen. Vielleicht daß sie sich diesen ihren Wunsch mit der Einsicht erklärt hätte, nur dadurch, daß sie ihren Fehler nicht sichtbar werden ließ, ihre unbeschränkte Überlegenheit über den Mann bewahren zu können. Vielleicht auch, daß diese Erklärung nur zur Hälfe unberechtigt gewesen wäre. Ihr fehlender Teil war aber in der seltsamen Eitelkeit zu suchen, sich auch diesem von Anfang an ungeliebten und auf die Dauer sogar verachteten und gehaßten Manne gegenüber nicht die geringste Vernachlässigung ihrer Haltung zu verzeihen.

Es war dies ein Hervortreten jener aufälligen Erscheinung, welche fast an eine seelische Doppelexistenz mancher Frauen glauben machen könnte. Es ist die Beobachtung, daß auch bei der eigenartig gebildeten, in gewissen Beziehungen von der Allgemeinheit abgesonderten Frau sich unter bestimmten Bedingungen ihrer Lage und ihrer Stimmung Züge der allgemein weiblichen Denkund Empfndungsart zeigen, die ihren alltäglichen seelischen Gewohnheiten zu widersprechen scheinen. Unter der gewöhnlich sichtbaren Natur eines vielleicht höchst originellen Einzelwesens regt sich unter solchen Verhältnissen die andere Natur, das Gattungswesen. So kam es auch, daß das ursprüngliche Weib in Dora einen stillen aber hefigen Haß unterhielt gegen die erste Gattin des Mannes, an dem sie doch ihrer eigenen Meinung nach nicht genügend Interesse nahm, um eifersüchtig auf jene zu sein, die er geliebt. Den der Verstorbenen zugedachten Haß hatte sie alsbald in doppelter Härte auf das überlebende Kind derselben übertragen, wobei es besonders ins Gewicht gefallen, daß dieses ein Mädchen war. Die durchgängige Verschiedenheit der Natur, welche zwischen Mann und Frau zur Ergänzung führen kann, mußte hier ein wechselseitiges Abstoßen bewirken. Doras ganzes Wesen hatte sich von Anfang an feindlich zusammengezogen bei der Berührung mit diesem Mädchencharakter, dessen harmonische Ruhe sie nicht begrif und, vielleicht durch einen geheimen Neid, wie eine persönliche Beleidigung empfand. Trotz der unausgesetzten Rivalität der beiden Frauen war es indes zwischen ihnen nie zur ofenen Aussprache gekommen. Man ging sich meist schweigend aus dem Wege. Anna, die ihrerseits ganz die gleiche instinktive Feindseligkeit seit der ersten Begegnung empfunden hatte, war dabei zu sehr an Überlegung und gerechtes Abwägen gewöhnt, um ihren absprechenden Trieb gegen ein ihr fremdes Geschöpf nicht wenigstens äußerlich zu besiegen. Dagegen fühlte Dora sich unsicher und ratlos vor der überlegenen Ruhe und Ofenheit der Gegnerin, dahinter sie geheime Listen suchen zu müssen glaubte. Nichtsdestoweniger hatte sich in dem stillen und erbitterten Kampfe, der zwischen den beiden Frauen geführt ward, zumal Dora daran gewöhnt, all ihr Tun und Lassen mit Hinsicht auf die Wirkung einzurichten, welche es auf die Rivalin hervorbringen mußte. Es war, als ob ihr die Berechnung, mit der sie durch ihr ganzes Sein und Gebahren die Sympathien des jungen Mädchens verletzte, einen Teil der Befriedigung ersetzen mußte, die ihr sonst das überlegte Spiel zwischen den Geschlechtern gewährt hatte.

So hatte sie denn die Nachricht von Annas Verlobung mit sonderbar zusammengesetzten Empfndungen aufgenommen. Während sie sich einerseits durch die Entfernung eines fortwährenden Anreizes ihrer Kampfust nahezu beraubt vorkam, war es ihr doch angenehm, die Gegnerin zur Ehe bestimmt zu wissen, in welcher sie, die nie über ihre eigene Natur und über ihre persönlichen Erfahrungen hinausdachte, stets nur Leiden und Disharmonie erblickte.

Solche Überlegung war es, auf welche die einsame Frau auch an diesem Morgen zurückkam, als sie in der Stille ihres Zimmers die Bedeutung der vorhergegangenen Unterredung durchdachte. Sie sagte sich, daß die Wirkung ihrer Feindschaf wohl im stande sein werde, die Verhaßte auch in die Ehe zu verfolgen. Und doch mischte sich in das Lächeln des Triumphes, das auf der Miene der noch immer regungslos Dasitzenden erschien, ein Schatten von Zaghafigkeit, als einen Augenblick als klares Bild die Möglichkeit vor ihr aufauchte, wie. Gleich darauf hatte sie den Gedanken von sich geschoben und mit ihm die Ängstlichkeit, die er ihr verursacht, und die sich an das unvermutet mit erschreckender Deutlichkeit vor ihr erscheinende Bild Wellkamps geknüpf hatte. Sie wiederholte sich, daß der Instinkt, der sie in der vergangenen Stunde bei ihrem Eingreifen in die Pläne des jungen Paares geleitet, ausschließlich derjenige der Feindseligkeit gegen Anna gewesen sei. Sie betonte dies mit der Hartnäkkigkeit, mit der wir bei solchen Gelegenheiten uns selbst belügen können, indem wir unser Verhältnis zu den Interessen eines andern in den Vordergrund stellen, um uns zu verschweigen, daß wir uns selbst mit im Spiele befnden, mit unsern eigensten Interessen und Wünschen.

III

Inhaltsverzeichnis

Es war schließlich schwieriger, als man anfangs angenommen hatte, in den vier Wochen, die ursprünglich nur noch für den Brautstand bestimmt waren, alles Erforderliche zu beschafen. Die jungen Leute wurden auf ihren Wegen in der Stadt, denen sie zumeist den ganzen Morgen und nicht selten einen Teil des Nachmittags widmeten, fast immer von dem Major begleitet. Nun war der alte Herr ein recht geschmackvoller Berater bei der Wahl der Einkäufe, nur daß er über seinen Kunstliebhabereien etwas zu sehr die ersten Bedürfnisse des künfigen Haushaltes vernachlässigte. So kam es vor, daß er die luxuriöse Ausschmückung eines Raumes bereits im einzelnen angeordnet, über dessen praktische Bestimmung er sich durchaus noch nicht klar war. Seine beiden Kinder ließen ihn in den meisten Fällen gern gewähren. Es war ihnen beiden ein süßes Gefühl, sich bei jeder Gelegenheit sagen zu lassen: »Das da ist etwas sehr Passendes für euch.« Es hatte etwas davon, als würden sie durch ein Paradies geführt, das Gott für sie geschafen; sie fanden alles fertig vor, und alles war für sie.

Auch waren sie damit einverstanden, als Herr v. Grubeck ihnen eines Tages einen Besuch der Gemäldeausstellung – es war eine soeben eröfnete Aquarellund Pastellausstellung – vorschlug, da doch die Auswahl einiger Bilder unumgänglich nötig sei. Dann war es wie immer, so auch hier staunenswert, wie rasch und mühelos sich das Auge eines jeden in der Menge der ausgestellten Kunstwerke zurechtfand, um nach füchtigem Vorbeigleiten an dem meisten eben auf dem hafen zu bleiben, was den eigentümlichen Bedürfnissen der Seele entsprach. So war nach einem kurzen Rundgang durch die verschiedenen Räume Wellkamp an den Eingang des Hauptsaales zurückgekehrt, wo er sich in ein Gemälde Gabriel Max' vertiefe, dessen vergeistigte und doch so sinnlich wirksame Art in der blassen und zarten Ausführung des Pastells in erhöhtem Maße zur Geltung gelangte.

Inzwischen verweilte Anna vor einigen italienischen Aquarellen, Scenerien vom Canalo grande oder vom genuesischen Golfe. Über den bunten und heiteren Farben schien die geheime Melancholie des bloß vegetierenden Lebens zu liegen, indes nur wie ein ungewisser Duf und jedenfalls mehr gefühlt als gesehen. Dann wurden beide junge Leute von dem Major an den Platz geholt, den er eingenommen hatte, »um seine Studien zu machen«, wie er sagte. Es waren die Dessins von Illustrationen der »Fliegenden Blätter«, und auch die beiden andern mußten die feine und anmutige Koketterie dieser Tuschund Federzeichnungen bewundern. Der Major behauptete, nirgends für seine eigene Kunstübung so viel lernen zu können, wie an diesen scheinbar leicht hingeworfenen Skizzen, die für ihn technische Ofenbarungen enthielten. Wellkamp und Anna gingen lebhaf interessiert auf die Bemerkungen des alten Herrn ein, auch erwähnten sie sodann die Stücke der Ausstellung, welche sie selbst besonders gefesselt. Aber weder er noch sie ließen sich näher über die Art des Genusses, den sie ihnen gewährt, aus. Anna mochte wohl zu der Zahl der feiner gebildeten Beschauer gehören, denen es widerstrebt, ihre Empfndungen vor einem Kunstwerke in die dem großen Publikum geläufgen Urteile und Ausrufe zu kleiden, während ihnen zugleich der echte und persönliche Ausdruck dafür versagt ist. Wellkamp seinerseits hätte sich niemals entschließen können, die tiefen seelischen Erregungen, welche ihm zuweilen ein Kunstgenuß verschafe, durch eine Aussprache, zumal in den Augenblicken wo er sie empfng, preiszugeben. Er hätte dies als eine Entweihung angesehen, so sehr hatte er sich, trotz seines abnutzenden äußeren und inneren Entwicklungsganges – oder aber gerade wegen desselben – in dieser Hinsicht eine empfndliche seelische Keuschheit bewahrt.

Man mußte schließlich, da die Zeit des Diners gekommen war, aufrechen. Während der Major von seinen Lieblingen Abschied nahm, hatte Wellkamp, der sich bereits zum gehen gewandt, unweit jener Skizzen, die ihn bisher von dem übrigen Inhalt des Saales abgehalten, ein Bild entdeckt, das im gleichen Augenblicke seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Dies geschah sogar in der Weise, daß er mit unwillkürlich weiter geöfneten Augen und mit einer seltsamen Spannung seines Empfndens, welche sich nach und nach zu einem förmlichen Grauen steigerte, an das Gemälde herantrat. Diese Wirkung konnte wohl durch den absonderlichen Stof, welcher hier behandelt war, hervorgebracht werden, sie war es aber sicherlich noch weit mehr durch die das in jenem vorhandene Unheimliche noch steigernde Aufassung des Künstlers. Vor einer elenden Bauernkate, deren schmutzig braune Umrisse kaum durch den dichten, alles einhüllenden Nebel hindurchdrangen, stand ein Weib, das mit einer Miene namenlosen Entsetzens vor sich in die dicke graubraune Luf hineinstarrte. In derselben zeigte ihr »das zweite Gesicht« die Gestalt eines Mannes in bäurischer Tracht, jedenfalls ihres Gatten – vielleicht als eine Mahnung des Verstorbenen, vielleicht als Todesahnung. Die Figur hob sich nicht eigentlich in der Art einer Geistererscheinung von dem Nebel ab, sie schien vielmehr ein Gebilde dieser Luf selbst und nicht aus ihr herauszulösen. Es wurde hierdurch beim Beschauer der Eindruck bewirkt, die Luf, sowie die ganze Natur, welche sie ausfüllte, und das ganze Leben in dieser Natur vergespenstigt zu sehen. Das Ganze erschien spirituell und unkörperlich, und es mußte fast unbegreifich dünken, wie dies mit den sinnenfälligen Mitteln der Malerei hatte erreicht werden können: auch dies mochte zu jener ersten starken Wirkung, die das Gemälde auf Wellkamp gemacht, beigetragen haben.

Letzterem blieben zur Betrachtung nur wenige Minuten, aber die seltsame Eindringlichkeit des Geschauten hatte ihn für den Heimweg schweigsam und nachdenklich gemacht. Während man im Boudoir Frau v. Grubecks die Meldung, daß angerichtet sei, erwartete, berichtete der Major seiner Gattin von der Ausstellung. Seine Stimme bekam, wenn er von der von ihm bevorzugten Kunst sprach, jedesmal eine wärmere und fast jugendliche Klangfarbe. Er redete sich auch diesmal so in Feuer, daß er schließlich Dora zu einem Besuch der Ausstellung auforderte, wiewohl er wissen konnte, wie vergeblich es war, sie zu einer Wanderung durch sechs oder acht Säle veranlassen zu wollen. Der Major liebte die Malerei mit einer scheinbar ganz aus seinen übrigen seelischen Dispositionen herausfallenden Inbrunst, mit der alternde und unter der Erkaltung ihres Lebens leidende Menschen sich an die Heiterkeit, die Wärme und Fülle der Kunst klammern können, die ihnen ein neues und letztes Sinnbild gewährt.

Eben als sie in das Speisezimmer – ein dunkel getäfeltes Gemach, in dem ein einfallendes Licht den darunter stehenden Tisch zweckmäßig beleuchtete – hinübergingen, fragte der alte Herr seinen Schwiegersohn nach dem, was diesen in seinen Gedanken noch immer beschäfigte.

»Was war denn das eigentlich, wovor Sie ganz zuletzt stehen geblieben waren, es schien Sie sehr zu interessieren. Ich bin nicht mehr dazu gekommen, es mir anzusehen. – Übrigens müssen wir ja ohnedies noch einmal hin, wenn wir bei unserem Vorsatz bleiben, uns etwas zum Ankauf auszusuchen.«

Während man sich zu Tische niederließ, hatte der Angeredete die Absicht, seine Antwort in der augenblicklichen Gesprächspause verschwinden zu lassen und auf einen andern Gegenstand überzuleiten. Doch verspürte er plötzlich die Lust, zu sehen, welchen Eindruck die Beschreibung jenes eigenartigen Bildes auf Andere hervorbringen würde. Er meinte dabei besonders an Anna zu denken – dennoch glitt sein Blick, wie er nun mit Worten, die ihm durch eine lebendige, greifare Vorstellung eingegeben wurden, die Schilderung jenes »Zweiten Gesichtes« gab, unvermerkt zu Dora hinüber. Und während er noch sprach, konnte er, mit einer seltsam neugierigen und widerwillig freudigen Empfndung, die unendlich nervöse Wirkung, welche er dem Gegenstande seiner Schilderung zuschrieb, auf dem Gesichte der jungen Frau wahrnehmen. Wie noch vor wenig mehr als einer halben Stunde die seinigen, so öfneten sich nun, unvermutet rasch, wie vor einer das ganze Wesen eines Menschen tiefnnerlich berührenden Überraschung, ihre Augen und ließen Wellkamp zum erstenmale eine eigentümlich wasserhelle Iris sehen, unter welcher in diesem Augenblicke aus einer rätselhafen dunkeln Tiefe des Auges hervor winzige goldglänzende Funken zu sprühen schienen. Es war eine Wahrnehmung von wenigen Sekunden, dann sanken die breiten Augenlider wieder herab, und zugleich mußte Wellkamp sich der andern Seite zuwenden, da Anna ihn, zum ersten Male seit ihrer Rückkehr von der Ausstellung, anredete.

»Es mag sehr gut gemacht sein«, sagte das junge Mädchen in aufällig kurzem und entschiedenen Tone, »aber ich meine, daß die Kunst besser daran thäte, sich nicht mit der Pfege derartig romantischer Empfndungen abzugeben, die für unsere Zeit nicht nur überfällig, sondern hinderlich sind.«

»Aber ich denke«, erwiderte Wellkamp, der in der Überraschung bei der energischen Stellungnahme seiner Braut seine eigene, sonst beobachtete Vorsicht in der Äußerung Widerspruch erregender Meinungen vergaß – »aber ich denke, daß die Kunst, wenn sie nämlich überhaupt irgend etwas ›soll‹, es sich zur allerersten Aufgabe machen muß, die übersinnlichen Vorstellungen, die für das Kulturleben unentbehrlich sind und bleiben, zu unterhalten.«

Mochte Anna dadurch, daß sie in jenem kurzen Augenblick die Wirkung der von ihr kritisierten Vorstellungen, durch die Erzählung ihres Verlobten hervorgerufen, in dem Auge der ihr verhaßten Frau gesehen, erregt sein: der Klang ihrer Stimme war in ihrer neuen Antwort noch härter als vorher, und es mischte sich sogar etwas wie Spott hinein.

»Ach! Du bist also Reaktionär?«

»Wenn's nur gut gemalt ist!« Der Major versuchte, durch eine Wiederholung dieses Lenbachschen Wortes das Gespräch, welches in gefährliche Bahnen zu laufen schien, zurückzulenken. Die beiden jungen Leute drohten auf eine unheimliche Weise, politisch zu werden, was Herr v. Grubeck immer für unnütze Aufregung gehalten hatte. Er selbst war immer pfichtgemäßer Christ und Monarchist gewesen, ohne vor einigen dem Liberalismus zu machenden Zugeständnissen, die er seiner Zeit schuldig zu sein glaubte, zurückzuschrecken.

Wellkamp seinerseits war in der Tat »Reaktionär«, und zwar in der besonderen Weise, wie diese Richtung der Gesinnungen neuerdings Leute, welche die mehr verborgenen Zeitströmungen zu fühlen, seelische Organe besitzen, nach sich zieht. Die Reaktionäre dieser Art werden häufger, je mehr in neuer Zeit der Liberalismus seinen ehemaligen Ruf, die Partei der Gebildeten zu sein, verliert. Vor dem Niedergange des Liberalismus nun, seiner Aufösung in die Pöbelherrschaf des Geldes, schrecken jene feiner organisierten und meist auch ästhetisierenden Menschen ebenso hefig zurück, als vor dem Hereinbrechen der ihre Instinkte nicht weniger verletzenden reellen, handgreifichen Pöbelherrschaf. Dabei trif sie, mit ihren Sympathien für eine vornehme, größer gesinnte Zeit, der Fluch der seltsamen Ironie, daß ihre aus eben dem Liberalismus, den sie bekämpfen, hervorgewachsene Bildung ihnen nicht gestattet, an die Möglichkeit zu glauben, als würde sich die Welt heute, mit einer willkürlichen Unterbrechung ihres unvermeidlichen Entwicklungsganges, auf einen einmal überwundenen Kulturstand zurückführen lassen. So sind sie nichts weniger als ursprüngliche, geborene Konservative. Ihr Verhältnis zu diesen letzteren wird vielmehr dadurch bezeichnet, daß sie nicht »noch«, sondern »aufs neue« konservativ sind.

Unter einem ähnlichen inneren Widerspruche leidet ihr Verhältnis zur Religion, da sie, ohne selbst durchaus gläubig zu sein, es für ihre Forderung erklären, daß »dem Volke die Religion erhalten bleibe«. Wenn sie in letzterer allerdings eine erste und am letzten Ende vielleicht die einzige Stütze der bestehenden gesellschaflichen Verhältnisse erblikken, so würden sie es doch andererseits mit Recht leugnen, aus bloßen Nützlichkeitsrücksichten dem Volke eine seelische Nahrung bewahren zu wollen, von der ihnen selbst bekannt wäre, daß sie verfälscht sei. Wohl werden sie, ihrem Bildungsgange entsprechend, mehr oder weniger wissenschaflich unterrichtet und überzeugt sein; aber eben die Wissenschaf muß sie, je ernster sie ihr Bewußtsein ergrifen hat, desto eindringlicher daran erinnern, daß ihr selbst die letzten, entscheidenden Fragen immer unlösbar bleiben werden. Und unter den Vermutungen, mit welchen diese einzig beantwortet werden können, ist die religiöse, zu welcher sie auf solche Weise zurückkehren, eine so schöne und für die Mehrzahl der Menschen befriedigende. Vielleicht auch, daß viele von ihnen es zuerst an sich selbst erfahren, wie sehr das von der Zeit niemals abgeschwächte Bedürfnis der Seele nach den Vorstellungen und Hofnungen verlangt, welche die Religion verleiht.

Wellkamp hatte sich über alles dies niemals ausdrücklich Rechenschaf abgelegt. Er hatte selbst keine Ahnung, wie stark er innerlich an den von Anna berührten Gegenständen interessiert war, und so mußte ihn der Eifer, mit dem er auf ihre herausfordernden Bemerkungen einging, selbst überraschen. Doch vermochte er das junge Mädchen durch ein Andeuten seiner Absichten jetzt nicht zu einer weiteren Darlegung der ihrigen zu veranlassen. Es schien ihm, daß sie ihm eine Erläuterung in Abwesenheit von Zeugen zu geben wünschte. Mit ihren Gedanken beschäfigt, ließen die beiden jungen Leute während des Restes der Tafel den Major fast allein das Gespräch unterhalten. Während er und seine Gattin sich nach Beendigung der Mahlzeit in ihre Zimmer zurückzogen, begaben sich Anna und Wellkamp in stillem Einverständnisse gemeinsam in den, Doras Boudoir gegenüber, auf der andern Seite des Speisezimmers gelegenen kleinen Salon, Annas gewöhnlichen Aufenthalt, wo sie sich ungestört über ihr Verhältnis zu den angeregten Fragen verständigen konnten. Der Major kam noch einmal herüber, um sich zu erkundigen, ob man nicht eine Tasse Tee nähme. Als diese abgelehnt ward, entfernte sich der alte Herr, dem es schließlich bei dem Charakter seiner Tochter unumgänglich dünken mochte, gelegentlich die Geister aufeinanderplatzen zu sehen.

Der Vater besaß, wie in den meisten ähnlichen Fällen, mehr Verständnis für die Art seines Kindes, als dieses selbst ihm zuschrieb. Er ahnte wohl, daß die Ruhe und Abgeschlossenheit, welche das Wesen der Tochter trotz ihrer großen Jugend kennzeichnete, mit den außerordentlich festen Meinungen, die sie sich über gewisse Dinge gebildet, verknüpf war. Wovon er dagegen nicht wußte, waren die schweren, stillen Kämpfe, unter denen jene Ruhe erworben war.

Anna war damals zur Welt gekommen, als die junge Frau, welche ihr Gatte schon jetzt zu vernachlässigen begonnen hatte, still und bitter die ersten Leiden ihrer immer freudloser werdenden Ehe durchlebte. Es war, als sei von jener Stimmung der Mutter etwas in das Wesen des Kindes übergegangen. Es suchte später in dem heranwachsenden Mädchen, das die Krankheit der Mutter sich steigern und steigern sah, ein dumpfes Gefühl nach seinem Ausdruck, welches den Vater beschuldigte – wessen doch? Wenn sich dann das Herz, das den gütigen und frohen Vater liebte, gegen solche Pietätlosigkeit empörte, so ergaben sich aus diesem ersten Widerspruch ihrer Natur die ersten Kämpfe. Dann starb die blasse Frau, an deren Lager Anna fast ein Jahr lang den größten Teil ihrer Tage zugebracht, und zu dem Schmerz über diesen trotz der langsamen Vorbereitung ungeahnt und unbegreifich schrecklichen Verlust gesellte sich der für die Zurückgebliebene nicht weniger empfndliche, die innige religiöse Überzeugung, welche das teuerste Erbteil von der Verstorbenen bildete, den jetzigen Prüfungen nicht standhalten zu fühlen.

Letztere hatten, mit dem schmerzlichen Nachdenken, das sie erregten, zweifellos in hervorragendem Maße auch die seelische Entwickelung des jungen Mädchens begünstigt, welches jetzt kaum erst achtzehn Jahre zahlte. Es war ihr, ohne daß der Vater, den eine Art Scham davon zurückhielt, ihr darüber Erklärungen gegeben hätte, deutlich, daß die schwierigen häuslichen Verhältnisse ihr künfig eigene Arbeit notwendig machen würden, und sie begann sich alsbald auf eine geeignete Tätigkeit in aller Stille vorzubereiten. Ihr Vater ließ sie, erfreut über ihre verständige Schickung in die unvorhergesehene Lage, den Weg betreten, welcher sie schnell weiter und weiter von den Grundbedingungen seiner eigenen Anschauungen entfernen sollte. Von der pädagogischen und philosophischen Litteratur, welche sie anfänglich zu ihrer wissenschaflichen Ausbildung gewählt, geriet sie, infolge textlicher Hinweise, welche sie darauf aufmerksam machten, und durch eine seltsame, ahnungsvolle Neugierde geleitet, an die Lektüre volkswissenschaflicher, sozialistischer Schrifen. Ganz natürlich stießen die Auffassungen, welche sie dort antraf, und welche, mit der Begeisterungsfähigkeit und idealistischen Gerechtigkeitsliebe eines jugendlichen Geistes kennen gelernt, ohne weiteres bereits so viel Verführerisches in sich schließen, in dem Gemüte des jungen Mädchens auf einen besonders günstig vorbereiteten Boden. Gleich unzähligen Mühseligen und Beladenen von heute nahm sie mit allem Vermögen ihres Geistes und ihrer Empfndung die neue, weltliche Religion in sich auf.

Es waren nun zwei Jahre, daß auf solche Weise der seelische Zwiespalt jener Zeit in ihr ausgeglichen war, die sie jetzt selbst als Übergangsjahre ansah, und das junge Mädchen schrieb sich seither in ihrem ganzen Wesen die Abgeschlossenheit zu, die ein unverrückbares inneres Ziel verleiht, dem nachzugehen ein volles Leben befriedigen kann. Je mehr sich dies Ziel in ihr befestigt, desto mehr mußte ihr jetzt daran gelegen sein, es mit der unerwarteten neuen Wendung, die ihr Weg genommen, zu vereinigen, sich mit dem Manne, ohne den sie ihre Zukunf nicht mehr dachte, über einen so wichtigen Bestandteil ihres Denkens und Empfndens zu verständigen.

So hatte sich Anna allerdings auf die nun bevorstehende, für sie so wichtige Unterredung vorbereitet, und die innere Ruhe, die sie ihr entgegenbrachte, war so vollständig, daß sie die kleine Störung, welche ihr die Erwähnung des fatalen Bildes verursacht, jetzt bereits überwunden hatte.

Wellkamp verstand wohl schon so viel in ihrem Gesichte zu lesen, um die Festigkeit, welche daraus sprach, zu erkennen und zu fühlen, wie sie über alles, womit das junge Mädchen in Berührung kam, eine eigentümliche Macht gewann.

Dies erschien ihm auch in der Einrichtung des stillen, von den übrigen, untereinander verbundenen Räumen der Wohnung abgeschlossenen Zimmerchens ausgedrückt zu liegen, in dem sie einander gegenüber saßen, sie auf einem altmodischen geschweifen Sopha, er in einem weiten, mit einer verblichenen Tapisserie bekleideten Korbstuhl. Überall waren zwischen das ursprüngliche moderne Ameublement des Raumes solche ältere Stücke gestellt, welche von der Mutter des jungen Mädchens und aus deren Mädchenzeit stammen mochten, so eine große, mit Perlenstickerei gefertigte Landschaf, die als Schirm vor dem Kamin stand, und das Klavier von einer längst außer Anwendung gekommenen Form. Die hier und da angebrachten Photographien und Stiche wiesen einen besonderen, ein wenig strengen Geschmack auf. Alles dies stimmte gut zu der Erscheinung der jungen Bewohnerin des Raumes. Auch in der schlichten Art, wie sie ihr volles dunkles Haar trug, auch in dem einfachen, wiewohl thatsächlich nicht merklich von der Mode abweichenden Schnitt ihres Kleides schien etwas Fremdes, in gewisser Weise Altmodisches zu liegen, und in ihrem Gesichte prägte sich bei aller frischen Jugendlichkeit ein seltsam ernster, strenger Grundzug aus. Es war der in dieser Umgebung überraschende Typus eines russischen Steppengesichtes mit der nicht breiten, doch reinen, vornehmen Stirn, der feinen und dabei energischen Nasenwurzel, den vollen Lippen des schöngeformten, nicht kleinen Mundes und der aus dem allen redenden Anlage zum Befehlen und der Willensstärke, welche unter Umständen bis zur einseitigen Beschränktheit gehen kann.

Den Eindruck einer eigenen, geschlossenen Persönlichkeit, dem er immer aufs neue im Verkehr mit seiner Braut unterlag, empfand Wellkamp in diesen ersten Augenblicken der schweigenden Beobachtung stark und bis zu einer förmlichen Entmutigung, seine Meinungen jetzt noch den ihrigen entgegenzusetzen. Er hörte ihren Auseinandersetzungen, die sie in ruhiger, gar nicht aufdringlicher und vielleicht darum jeden Widerspruch nahezu ausschließender Weise gab, in der träumerischen, behaglichen Stimmung zu, in die nervöse und nicht willensstarke Menschen in der Gesellschaf ruhiger und überlegener Persönlichkeiten verfallen können.

Gelegentlich nur ward er aus seiner schweigsamen Hingabe herausgerissen durch eine ihrer Fragen, eine der naiven Fragen, die einem weniger beeinfußten, ruhigen Zuhörer ohne weiteres die vollständige Jugendlichkeit der Denkweise der Fragestellerin verraten hätten; denn für sie bedeutete die von ihr besessene Wahrheit und der Irrtum der Andersgläubigen die schrofsten Gegensätze, die sie nicht in der Idee zusammenfaßte. Sie vermochte nicht vermittelnd zu denken und kannte keine Vielheit der Gesichtspunkte.

Einmal wenigstens, als sie ihm seine Beweise für das Dasein eines Gottes, an welches zu glauben er vorgäbe, abverlangte, vermochte er eine abgerundete, gelegentlich einmal zu eigenem Tröste zurückgelegte Antwort vorzubringen.

»Siehst Du«, sagte er, »Du kannst alles, was in unserm Empfnden und in unseren Schicksalen für das Dasein eines persönlichen Gottes zu sprechen scheint, trügerisch nennen. Auch ich empfnde es im Grunde als einen Trug, aber es scheint mir einer in der Art etwa der Fata Morgana zu sein. Hinter der phantastisch schonen Lufspiegelung, welche sie uns vorzaubert, gibt es doch immer, in weiter Ferne, etwas das gespiegelt wird und ohne das keine Spiegelung möglich wäre.«

»Nur daß eben dies Dahinterliegende Dir den Gegenbeweis an die Hand gibt: es ist immer etwas sehr Irdisches und häufg sogar etwas ganz Unansehnliches, was in der Luf – oder in Deinem Empfnden – gespiegelt so große Wirkungen hervorbringt.«

Wie Wellkamp nach diesem leicht und wie selbstverständlich ausgesprochenen Einwände in die vorige passive Stimmung zurücksank, tauchte unvermutet mit seltsamer Deutlichkeit ein Bild vor seinem Geiste auf, worin er sich selbst in einer Situation erblickte, die in eigentümlicher Weise den Vergleich mit der augenblicklichen herausforderte.

Er sah sich als zehnoder elfährigen Knaben im Hause seiner alten Großmutter, in dem sogenannten Sommerzimmer, welches weniger nach seiner Aussicht auf den schattigen alten Garten so benannt war, als nach den die Wände zierenden altmodischen Tapeten, auf denen die wechselnden Scenen des sommerlichen Landlebens dargestellt waren. Der kleine Erich, der auf einem erhöhten Schemel an dem ungeheuer breiten und soliden Tische saß, richtete seine Blicke von dem violetten Abendhimmel nach dem Muster des Claude Lorrain, der in der Reihe der Landschafen immer wiederkehrte, auf die alte Frau ihm gegenüber. Zu ihrem graugestreifen Seidenkleide und der Spitzenhaube, unter der ihr welkes, gütiges Gesicht hervorblickte, saß sie, ohne sich anzulehnen, gerade aufgerichtet in dem steifehnigen Sopha von rotem Damast und kannte keine Ungeduld bei der Menge von Fragen, die der Enkel ihr mit dem Anspruch auf alsbaldige Lösung vorlegte. In einer Pause gewissenhafen Nachdenkens strich sie wohl mit ihrer knochigen und auch wie Knochen weißen Hand über die gleich dem Sopha rotdamastene Tischdecke hin und her, um dann aufs neue den Wissensdurst des Kindes zu befriedigen.

»Wie die Welt einmal untergehen wird, mein Kind«, hörte Wellkamp sie sagen, »das wissen wir sicher, denn die Schrif sagt es uns: es wird durch Feuer vom Himmel geschehen.«

Dann legte sie ihre weiße Hand auf die vor ihr aufgeschlagene dicke, messingverzierte Familienbibel, während ihre ruhigen, niemals fragenden Augen noch zuversichtlicher blickten als vorher. Der Knabe pfegte in den seelischen Nöten eines ersten kindlichen Skeptizismus sich an die alte Frau zu wenden, und wenn die Krankheit dieses frühen Unglaubens trotz ihrer Heilungsversuche in ihm fortwuchs, so kannte er doch in diesen Augenblicken, wenn in der nun eintretenden Stille nur das leise, klingende Tikken der Stutzuhr auf dem Schreibtische der Großmutter hörbar war, schon damals das weiche, süß einschmeichelnde und schläfernde Gefühl der Sicherheit und des Beruhigtseins, das heute den Mann, der soviele Anschauungen und Überzeugungen nacheinander angenommen und als ungenügend wieder von sich abgethan, bei dem Klange der festen, durch keinen Zweifel getrübten Stimme seiner Braut mit seinen Schauern berührte.

Das plötzliche Aufauchen jener seit langen Jahren kaum mehr belebten Erinnerung zeigte, ob er sich nun ausdrücklich darüber klar ward oder nicht, zur Genüge, wie innig seine Empfndung die beiden Situationen, die jetzige und die von damals, mit einander verband. Hier wie dort war er, der auf ofener See von widerstreitenden Winden Umhergetriebene, zur Rast in einen stillen Hafen eingelaufen, wie ihn Seelen wie die in beiden Fällen mit ihm in Berührung gekommenen zu bilden schienen. Die fremden Wellen, welche in das keineswegs stagnierende Wasser hineinfießen, vermögen dennoch an seiner festabgegrenzten, tiefnneren Ruhe nichts zu ändern.

Zugleich aber knüpfe sich für ihn an die soeben wieder durchlebte Kindheitsscene die wie nie vorher sichere und ausgeprägte Erkenntnis der Mittel, mit denen eine solche »Hafenruhe« in einer Seele hergestellt wird. Daß das Leben eines Menschen zu seinem sinnlichen Glück geführt war – und es hatte eine Zeit gegeben, wo Wellkamp allein in dem Mangel eines solchen den Grund für die Disharmonie seines Daseins erblickt hatte – war nicht alles. Ebenso unerbittlich forderte jene unerklärliche Sehnsucht ihre Befriedigung, die man ehemals als die »übersinnliche« zu bezeichnen gewohnt war, und die, mit etwas verändertem Wortsinne, vielleicht thatsächlich etwas Übersinnliches, das heißt den denkbar feinsten und gleichsam über die Sinne hinaus verlangenden Ausdruck des sinnlichen Verlangens darstellte.

Diese Überlegung hatte indes die heimliche, hingegebene Stimmung aufgelöst, in der ihn die Nähe und das Gespräch seiner Braut bisher unterhalten. Der Zauber, den sie auf ihn ausübte, war zuletzt einfach auf ihre Gesundheit und Natürlichkeit zurückzuführen. Davon strömte mit jedem ihrer Worte eine Fülle zu ihm hinüber, der gleichsam in geistiger Krankenluf zu leben gewohnt war. War nicht dies der größte, entscheidende Vorzug, den Anna von Anfang an für ihn gehabt? Durchaus im Widerspruch hiermit fand er nun plötzlich diesen Einfuß unbehaglich und störend und fühlte sich versucht, ihn von sich abzuschütteln. Es war etwas von dem Trotze des Kranken, der sich nur ungern zum erstenmale zum Verlassen des Lagers bewegen läßt und keinen Gefallen mehr an dem Leben der Gesunden fndet, dessen ihn sein Zustand seit so langer Zeit entwöhnt hat. Wellkamp fühlte sich in unbestimmter Weise gedrängt, diesem liebgewonnenen Zustande in irgend etwas nachzugeben und ihn zu unterhalten; es war ihm freilich nicht klar, wodurch? Doch widerstand er nicht dem Triebe, der ihn hinderte, auch nur eine Minute länger diese Unterhaltung fortzusetzen.

Mitten in einer weiteren Bemerkung des jungen Mädchens sprang er, fast wider seinen eigenen Willen, auf und verabschiedete sich eilig, indem er eine ihm plötzlich eingefallene Angelegenheit in der Stadt vorschützte. Wenngleich er mit seinem Benehmen nicht zufrieden war, atmete er doch leichter, als er die Türe des kleinen altmodischen Zimmers hinter sich geschlossen hatte. In Frau v. Grubecks Boudoir, das er passierte, obwohl er einen andern Ausgang vom Speisezimmer aus hätte benutzen können, fand er Dora an ihrem gewohnten Platze. In dem Halbdunkel des Gemaches – von der hohen bronzenen Lampe hing über dem Schirm noch eine seidene Draperie – konnte Wellkamp, der aus der hellen Beleuchtung, welche Anna liebte, herausgetreten war, nur undeutlich die lichtgrau gekleidete Gestalt unterscheiden; doch fühlte er, wie gewöhnlich in ihrer Nähe, ihre Augen auf sich gerichtet. Sie schien heute noch keines der Bücher geöfnet zu haben, die auf dem Tischchen neben ihr lagen; ihre Hände ruhten müßig im Schoße. Um ihm, der nach der Begrüßung einen Augenblick unschlüssig vor ihr stand, ihre Beschäfigungslosigkeit zu erklären – er fragte sich später, ob es nur deswegen geschehen sei –, erzählte sie dem jungen Manne, daß sie sich die verfossene Stunde in ihren einsamen Gedanken noch immer mit dem Inhalt des wunderlichen Bildes beschäfigt, von dem er während des Diners erzählt.

»Ich grübele gern über solchen geheimnisvollen Dingen«, fügte sie auf seine verwunderte Frage hinzu, »und ich glaube auch an sie.«

Und als er noch immer schwieg, – »vielleicht gerade darum, weil man sie niemals zu sehen bekommt.«

»Also wäre es Ihnen etwa angenehm«, fragte Wellkamp, »die Austeilung zu besuchen, um das Gemälde kennen zu lernen?«

»Durchaus nicht«, erwiderte sie rasch und mit einer abwehrenden Bewegung; »wahrscheinlich wäre der ganze Reiz für mich verloren, wenn ich es sehen würde. Möglichenfalls ist die Malerei viel zu – natürlich. Ich könnte gewiß nicht mehr so – so meine Andacht halten, wie heute.«

Obwohl Wellkamp bisher nicht an die Möglichkeit gedacht, vielmehr einen wiederholten Besuch der Ausstellung als selbstverständlich angenommen hatte, regte sich bei Doras Worten ein Gefühl in ihm, das ihr eifrig zustimmte. Auch ihm erschien es nun unbedingt geboten, die tief innerliche Berührung, die er empfangen, nicht durch häufgere Anwendung des äußeren Mittels, das sie ihm verschaf, abzuschwächen und, was in diesem Falle unvermeidlich sein würde, äußerlicher zu machen.

»Sie haben recht«, sagte er mit gesenkter Stimme, »das liegt wohl im Wesen des Geheimnisvollen.«

Während ihn die in dieser besondern Weise erfolgte Erwähnung des letzten Wortes die leichten Schauer empfnden ließ, denen er in nervös angeregter Stimmung wie der dieses Abends häufg unterworfen war, gewahrte er in ihren Augen, zu denen er die seinen eben jetzt wieder erhob, den nämlichen außergewöhnlichen Ausdruck, der ihn das erste Mal während der Tafel betrofen gemacht. Und zugleich fühlte er mit völliger Sicherheit, daß die Mischung von leisem, verhaltenem Grauen und tiefnnerer, suchender und verlangender Hingebung, die er in ihrem Auge gewahrte, genau dasjenige war, was im nämlichen Augenblicke in seinem eigenen ausgedrückt sein mußte.

In der nächsten Minute, während welcher ihre Augen aneinander gehefet blieben, war es, als ob jene suchende Hingebung einen Gegenstand zu fnden auf dem Wege sei. In einer augenblicklichen Willenslähmung bemerkte Wellkamp, ohne es doch hindern zu können, wie die unsicheren Schauer, von denen er berührt war, die bestimmtere Gestalt von Verlangen und sogar Begehrlichkeit annahmen. Der Vorgang war ohne Zweifel bei Dora ohne Unterschied der gleiche; denn als der junge Mann sich endlich von dem seltsamen Banne befreien konnte, nahm er auch bei ihr das plötzliche Erschrecken, wie beim Aufahren aus einem halben Traumzustande, wahr. Auch war die darauf folgende peinliche Verlegenheit bei beiden gleich stark. Sie wechselten, an einander vorübersehend, noch einige wenige Worte, worauf Wellkamp sich verabschiedete.

Im Vorzimmer fel ihm unvermittelt ein, daß der gedankenlos gesprochene Vorwand, mit dem er sich entschuldigt, zufällig der gleiche gewesen, mit dem er kaum eine Viertelstunde zuvor Anna verlassen. In hastiger Gedankenverbindung drängte sich ihm ein Vergleich der beiden hinter ihm liegenden Unterredungen auf. Und die soeben empfundene Verlegenheit wurde zur Scham und zu stillen, hefigen Selbstvorwürfen, als er sich das Ergebnis dieses Abends gestehen mußte, welches darin bestand, daß er das Gespräch mit seiner Braut beendet hatte, weil ihre ruhige und verständige Aufassung der Dinge, wie sehr sie ihn damals angezogen haben mochte, ihn heute erkältet hatte – während er im Gegenteil dasjenige mit Dora abgebrochen, weil sein Interesse allzu stark, sein Blick zu heiß geworden.

IV

Inhaltsverzeichnis

Wie of Wellkamp sich in den nächsten Tagen wiederholte, daß er an jenem Abend durch die Art, wie er die Scene mit Dora beendigt, völlig korrekt gehandelt habe, daß ihre beiderseitigen Empfndungen während jener seltsamen Minuten in sich selbst versunken und ohne wechselweisen Zusammenhang gewesen – so war er doch ohnmächtig gegenüber dem rätselhafen Bewußtsein, das eine seit jener Stunde zwischen ihm und der jungen Frau eingetretene Annäherung feststellte. Er ertappte sich darüber, daß er sie in seinen Gedanken, die sich jetzt häufger um eine Vergleichung von Wesensäußerungen seiner Braut und Frau v. Grubecks zu drehen begannen, mit ihrem Vornamen nannte. Blieben diese seine Gedanken zuweilen an einem Punkte stehen, über den er in Träumereien versank, so bemerkte er später, daß sie, mit der er sich auf diese Weise unbewußt beschäfigt, Dora gewesen.

Noch mehr. Einmal unerwartet ins Zimmer getreten, hatte er seine Braut mit Frau v. Grubeck beim Austausch der halb unterdrückten Feindseligkeiten überrascht, die den Verkehr der beiden Frauen bezeichneten, und von Anna ein ungeduldiges Wort aufgefangen. Er konnte sich in diesem Augenblick nicht entschließen, sie anzureden, aus Furcht, unfreundlich zu sein.

»Warum ist sie so ungerecht? Welch alberne Eifersucht in diesen häuslichen Dingen, über die sie doch sonst hinwegzublicken den Anschein hat!« So dachte er im Vorübergehen.

Er bemerkte nachher selbst, daß seine erste Regung ohne weiteres Anna Unrecht gegen ihre Gegnerin gegeben hatte.

Seine Stellung zu Dora war dadurch eine schwierigere geworden, die ihm Rätsel aufgab und zuweilen sein Benehmen verwirren konnte. In ihrer Gegenwart, welche jedesmal, wie bei ihrer ersten Begegnung, so viele Gegensätze, so viel seine Sympathien Verletzendes zu Tage förderte, war es ihm unbegreifich, wie dennoch seither eine engere Beziehung zwischen ihnen hergestellt sein konnte. Denn es kam, als neues Rätsel, die Bemerkung hinzu, daß sie dieses Bewußtsein mit ihm teilte. Er mochte sich bei einer Gelegenheit, die ihm dies deutlich machte, ungeduldig und zornig fragen, was sie dazu berechtigte – ohne doch zu wagen, ihr Unrecht zu geben.

Unter ihren nächsten Gesprächen war eines, welches darum besonderen Eindruck auf ihn machte, weil er darin den Unterschied ihres Verhältnisses jetzt und früher angedeutet fand. Dora hatte, worauf sie die Unterhaltung mit Vorliebe hinausführte, wieder ihre eigene Lebensweise zur Sprache gebracht, die Zweckund Freudlosigkeit ihrer Tage.

»Zuweilen«, sagte sie, »wenn ich meine Toilette mache, was für uns Frauen, wie Sie wissen, die eigentliche Arbeit des Tages ist, möchte ich alles beiseite schieben, so zwecklos kommt es mir vor. Denn Zweck verleiht uns überhaupt erst die Gesellschaf.«

Und auf eine Bewegung des jungen Mannes:

»O, seien Sie nicht gekränkt! Aber Sie sind Bräutigam und zählen nicht mit.«

»Es hängt doch ganz von Ihnen selbst ab«, schob Wellkamp ein, der ihre letzte Bemerkung zu überhören schien.

»Glauben Sie? – Ich fnde, daß ich etwas von einem Geizhals habe, der mit all seinem Reichtum in seinem einzigen Zimmer wohnen bleibt. Meinen Sie, daß er sich nicht doch zuweilen nach dem Palaste sehnt, den er bewohnen könnte? Das sind widerstreitende Bedürfnisse; die stärkeren halten uns fest.«

Mochten ihre Äußerungen zur Hälfe kokett sein, so war doch wohl auch viel von wirklichem Selbstmitleiden darin enthalten, ihrer Natur eine vertraute Empfndung, in deren besonderen und starken Schauern sie bisweilen augenblickliche nervöse Befriedigung fand. Dem entsprach auch der Ton ihrer Rede, welcher weniger sentimental als spöttisch und ein wenig bitter war. Vielleicht hätte jeder nicht Voreingenommene, der ihr in diesem Augenblick gegenüber gesessen, eine gewisse Rührung verspürt. Es wäre für einen solchen Beschauer ein Bild von Blässe und Wehmut gewesen, die junge Frau in den tiefen, gegen das Licht geschobenen Sessel geschmiegt zu sehen, in ihrer Morgenrobe, deren Farbe hell und matt war wie die der bewegungslos in ihrem Schoße ruhenden Hände; wie ihr Gesicht, dessen Züge ein wenig verwischt erschienen in der geringen Beleuchtung, die aus den halbgeschlossenen Fenstervorhängen darüber zu gelangen vermochte, und wie ihr weiches Haar, dessen aufgenommene Frisur von ein paar leise spielenden Sonnenlichtern gekrönt wurde.

Wellkamp war am allerwenigsten gegen den Zauber einer solchen pastellartigen Erscheinung unempfndlich, aber er fühlte mit einer Art von trotziger Genugthuung, wie es ihm gelang, den Eindruck, den sie auf ihn machte, niederzukämpfen. Seine abwehrende Regung steigerte sich bis zu wirklichem Widerwillen, als Dora nun in Verbindung mit ihren halb ironischen Klagen über ihre eigene Zielund Tatlosigkeit Herrn v. Grubecks Erwähnung that.

»Er hat wenigstens noch das Porzellan bis zu Ihrer Hochzeit auszumalen, lebt also doch zu einem bestimmten Zweck«, sagte sie und gab dadurch seiner lauernden Antipathie Gelegenheit, jene erste Situation, in welcher sie sein Gefühl durch eine spöttische und leicht verächtlich machende Bemerkung auf Kosten ihres Gatten beleidigt hatte, mit der jetzigen zu vergleichen. Damals war der stumme Widerstand, den er der aus ihren Worten herausgefühlten Intimität entgegensetzte, berechtigt, – aber war er es heute noch? Er vermochte hierauf nur auf die eigentümliche Weise zu antworten, daß er sich das Recht, jenen Widerstand nach wie vor leisten zu dürfen, zusprach – ohne doch davon Gebrauch machen zu können. So ofenbarten mehrere durcheinander redende Stimmen die Unklarheit seines Innern und die Schwierigkeit des Charakters, in dem er mittlerweile dieser Frau gegenüberstand.

Das Gespräch fand in der Morgenstunde statt, in welcher Anna mit ihrem Vater ihre Promenade zu machen pfegte, und in der Wellkamp seit der ersten Begegnung mit Frau v. Grubeck nie mehr das Haus betreten hatte. Aber unter den peinigenden Erwägungen, die sich in ihm nach dem Aufritt mit Dora, der jener Unterredung mit seiner Braut gefolgt war, gekreuzt hatten, war auch die Frage aufgetreten, warum er sich jedem vorherzusehenden Alleinsein mit der jungen Frau seither entzogen hatte. Er beargwöhnte sich selbst bereits so sehr, daß er in dieser Zurückhaltung sofort Furcht oder sogar etwas dem Schuldgefühl Ähnliches erblickte. In dem Trotze, sich selbst seine völlige Unbefangenheit beweisen zu wollen, hatte er sodann den Morgenbesuch erneuert.

Er fuhr dennoch unmerklich zusammen, als er nun aus dem Nebenzimmer Annas Stimme kommen hörte. Und es half nichts, daß er sich sogleich aufs neue ausforschte:

»Warum erschrecke ich, da ich mir nichts vorzuwerfen habe?«

Dora begrüßte indessen die Eintretende.

»Da Du Deinen Bräutigam den ganzen Morgen vernachlässigst«, sagte sie, »ist er so liebenswürdig gewesen, mir ein wenig Gesellschaf zu leisten.«

Während Anna, ohne ihren Vater erschienen, antwortete, gehörte schon ein sehr scharfsichtiger Beobachter dazu, um die leise Verdüsterung ihres beim Eintritt so klaren Auges zu gewahren, die Doras Worte hervorriefen. Wellkamp hatte in dieser Minute den außerordentlich klaren Überblick über die Situation mit allen in ihr liegenden Möglichkeiten, welche gleicherweise dem Feldherrn eignet, der eine Entscheidung nahen sieht, und dem armen Sünder, der seine Aburteilung erwartet. So hörte er aus Frau v. Grubecks Anrede diejenige Deutung seines Besuches heraus, welche der von ihm beabsichtigten genau entgegengesetzt war, die Aufassung desselben als eine Annäherung. Zugleich konnte er sich die Bewegung seiner Braut, mit wie schmerzlichem Widerstreben er es auch that, nicht anders denn als das Symptom eines aufgetauchten Verdachtes erklären. Er verstand noch so wenig die vornehme Reinheit ihrer Natur, welche sie zu den hefigsten inneren Kämpfen gezwungen haben würde, bevor sie einen Verdacht auf den Mann, der ihr Verlobter war, werfen konnte. Andererseits wußte er auch nicht, daß das junge Mädchen trotz ihrer großen Seelenrechtlichkeit dazu neigte, hier wie überall ihrer gehaßten Feindin für jede Bewegung wie für jedes Wort, ja für jede kleinste Äußerung ihres Wesens die unedelsten Beweggründe unterzulegen. Was auch Wellkamp, wenn er die ganze Schärfe des Verhältnisses der beiden Frauen geahnt hätte, daraus zu schließen versucht gewesen wäre, so bildete es doch nur eine natürliche Ergänzung der übrigen Charakteräußerungen des jungen Mädchens. Gerade weil sie als jugendliche Ideologin in ihrer geträumten Welt alle Menschen schlicht und ohne bösen Willen erblickte, mußte ihr die erste, ihr selbst ganz und ausschließlich unsympathische Persönlichkeit, welcher sie im wirklichen Leben begegnete, als eine unwahrscheinlich krasse Ausnahme von der Regel erscheinen, der gegenüber sie außer stande war, ihrem Widerwillen irgend einen Zügel anzulegen.

Die scharfen, wenn auch in falscher Richtung abgelenkten Beobachtungen, welche Wellkamp in jener kritischen Sekunde gemacht, gaben ihm ein gewisses Mitleid mit seiner Braut ein. Es war jenes Mitleid mit den Opfern unserer eigenen Fehler, das zumeist wenig Reue, aber gewöhnlich mehrere Gran Pharisäertum enthält. Die unausgesprochene Logik dieses Gefühls geht dahin, daß uns unmöglich eine Schuld an dem Unglück, zu dem wir der Anlaß gewesen sind, trefen könne, da eine böse Absicht unsererseits mit eben dem Mitleid, das wir nun doch mit dem Betrofenen empfnden, im Widerspruch stehen müßte. Die Unehrlichkeit dieses Gefühls wird am besten dadurch bewiesen, daß unsere nächsten Handlungen meist dennoch durch das geleugnete Schuldgefühl diktiert sind.

So gab sich Wellkamp in der folgenden Zeit dem Bemühen hin, seiner Braut mehr als vorher bemerkbar zu machen, in welchem Grade ihn der Verkehr mit ihr von der Pfege anderweitigen Umgangs abhielt. Vor allem schränkte er die mit Dora zu wechselnden Worte auf das notwendigste ein und vermied jedes Alleinsein mit der jungen Frau. Zugleich beruhigte es ihn, daß seine unvermittelt eingetretene Entfremdung von ihrer Seite so gut wie unbeachtet blieb. Er sagte sich, daß, wenn sie ihn in seinem Rückzug nicht störe, keine Ansprüche geltend mache, dadurch alles, was er sich von falschem Benehmen ihr gegenüber vorgeworfen habe, widerlegt sei.

In den nun häufger als vordem herbeigeführten Unterhaltungen mit Anna verfossen ihm halbe Nachmittage in der friedlichen, hellen Stimmung des kleinen Mädchenzimmers. Das erste Mal, daß er es wieder betrat, vertiefe sich plötzlich das zum Teil hypokritische Gefühl, das ihn zunächst zum engeren Anschluß an Anna bestimmt, zu einem echten, warmen und überwallenden Mitleid, darin nun volle Reue enthalten war über das Viele, das er ihr in den vergangenen Wochen schuldig geblieben, und dessen er sich selbst beraubt.

In der Not, die er seine Bewegung zu verbergen hatte, nahm er den kleinen Kopf der Geliebten in seine beiden Hände, um ihre Stirn zu küssen. Sie ergrif eine seiner Hände und streichelte sie mit den ihrigen. Unter dieser schlichten Liebkosung nahm sie unbefangen jene Plaudereien wieder auf, die das erste Mal für Wellkamp einen so verhängnisvollen Abschluß gefunden hatten. Nun befand er sich sogleich wieder unter dem Zauber ihrer Vertraulichkeit, in der, ihr selbst sicherlich unbewußt, immer diese vage aber unbestreitbare Überlegenheit schlummerte, die den jungen Mann in seiner jetzigen Gemütsverfassung von neuem so unsäglich heimlich und erwärmend berührte. Alle voraufgegangenen Störungen dieser einzigen Stimmung waren ihm so gut wie entfallen. In diesen Stunden des schweigenden, wunschlosen, vergessenden Glückes meinte er die Vergangenheit unwiederherstellbar abgeschlossen zu fühlen. Und stand nicht dieser Abschluß auch thatsächlich und sichtbar in nächster Nähe? Die Glücklichen begannen die Tage bis zur Hochzeit zu zählen.

»Es sind noch sechs«, sagte Anna, »wenn wir den heutigen mitrechnen. Das brauchen wir aber nicht mehr; also nur noch fünf.«

Wellkamp hatte einen andern Einfall.

»Weißt Du, was ich mir an unserer Reise am schönsten vorstelle? – die Heimkehr.«

»O«, fuhr er fort, »natürlich werden wir prachtvoll zusammen reisen – bedenke doch, wie mir, der ich immer allein herumgefahren bin, das vorkommen wird – aber ich fnde, man macht sich doch dort draußen nur müde, um sich nachher zu Hause recht behaglich ins eigene Nest zu setzen. Das ist am Ende der Zweck.«

Anna lachte, und ihr Lachen versicherte, daß sie an keine Müdigkeit denke.

»Aber einen Plan, wohin wir gehen, hast Du Dir unterdessen wohl zurechtgelegt?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Und Du hast recht«, sagte das junge Mädchen. »Es ist besser, in der letzten Stunde irgend eine passende Richtung einzuschlagen und sich dann vom Zufall weiterführen zu lassen. An Plan und Einteilung liegt nichts und erst recht nichts an dem Ziel. Nicht wahr? Die Ziele gehören in den Alltag, aber das Glück ist planlos.«

Wellkamp sah sie an, voll der zärtlichen Bewunderung, die wir immer aufs neue für die Liebe besitzen, die wieder einmal genau dasjenige ausgesprochen, was wir selbst gefühlt – oder doch nun gefühlt zu haben meinen.

So vergingen den Verlobten die nächsten Tage halb in träumerischem Erwarten und halb in gegenseitiger Mitteilung kleiner praktischer Bemerkungen und Wünsche, hinter deren unscheinbarem Wortlaut so viel von der Seele hervorblickte, mit ihren Lebensbedürfnissen, ihren Sympathien und ihrer Sehnsucht. Sie waren in ihren Phantasien von »künftig« gleich den Kindern, welche vor Weihnacht über die Geschenke bestimmen, die sie erwarten.

Betrefs der Vermählungsfeierlichkeit hatte der Major den Vorschlag gemacht, völlig unter sich zu bleiben, und er war mit der stillen Zustimmung aufgenommen worden, mit der in dieser kleinen Gesellschaf jeder den Neigungen und Eigentümlichkeiten des Andern begegnete. Während dieser Zug bei Anna einer natürlichen Diskretion der Seele entsprang – wie überhaupt das junge Mädchen ungeachtet ihrer Ahnung einer geistigen Überlegenheit gesellschaflich stets bereit war, sich den Altern unterzuordnen –, mochte bei den übrigen drei eine solche Schonung der Eigenheiten Anderer zum Teil aus dem Bewußtsein hervorgehen, selbst genug und übergenug zu verbergen zu haben. Es stellen sich in jedem Familienkreise, dessen einzelne Mitglieder aus irgendwelchen Gründen die volle Intimität, welcher alles Geschehende selbstverständlich ist, noch nicht oder – nicht mehr besitzen, Momente ein, über die man am klügsten unter Schweigen und mit einem verbindlichen Lächeln hinweggeht. In dieser Weise hatte unter anderm Herr v. Grubeck, der nach der ersten ausweichenden Antwort, die Wellkamp auf die Frage nach seinen Familienbeziehungen gegeben, den Gegenstand ruhen gelassen, die Mitteilung aufgenommen, die der junge Mann kurz vor der Hochzeit ihm nun dennoch über das Verhältnis zu seinem Vater machen zu müssen meinte.

Dann standen die Verlobten, an dem entscheidenden Tage, in Erwartung der feierlichen Handlung neben einander, er etwas nervös, sie völlig ruhig, und nur unmerklich blässer das Gesicht, dessen matter, wie vergoldeter Glanz sich überraschend und reizend von dem schlichten weißen Kleide abhob, welches ebenso wie ihr dufes schwarzes Haar ganz mit dufigen Orangenblüten übersäet war.

Der Major hielt sich, fortwährend bemüht, seine Bewegung unter strafer gesellschaflicher Haltung zu verbergen, zur Seite seiner Gattin, die ihren gewohnten Platz eingenommen hatte. Die junge Frau zeigte ihre eigentümliche Halbdunkel-Schönheit in einer überlegen geschmackvollen Toilette von grauer Seide.

Der Geistliche trat ein, ein älterer Mann, dessen Gesicht, unter seiner stillen Würde, nichts mehr von der halben Verlegenheit verriet, der jüngere Leute seines Standes in solchen Augenblicken unterliegen können, wo sie in eine kleine, feierlich vorbereitete Gesellschaf fremd eintreten, um sogleich eine Handlung vorzunehmen, welche wie keine andere in das Leben dieser Menschen bestimmend eingreifen soll.

Hinter ihm erschien der Hauswirt, Herr Bright, welcher neben Herrn v. Grubeck als Trauzeuge zu fungieren gebeten war.

Während des religiösen Aktes war Anna, ohne Bewegung, in ein stilles, halb nachdenkliches Träumen versunken. War es ihr doch durch ihre seelische Reife mehr als wohl andern an diesem Punkte ermöglicht, durch die Äußerlichkeiten hindurch in die Tiefe dieser Wandlung ihres Lebens zu sehen. Was sie an Möglichkeiten in diesen Minuten erblickte? Ach, es waren für sie – gleichviel ob sie darum bedauernsoder beneidenswert sein mochte – lauter Gewißheiten, glückliche Gewißheiten.

Wellkamp, für den jede Feierlichkeit an sich etwas schwer Erträgliches bedeutete, verfel nach der nervösen Erwartung jetzt stellenweise in eine Art von Betäubung, aus der er alsdann mit irgend einem absonderlichen Einfall wieder aufuhr. Einmal erinnerte er sich unvermittelt einer unbedeutenden Einzelheit an Doras Toilette und spürte zugleich das unbezwingliche Verlangen, seine Augen so weit nach links zu richten, um seine Vermutung bestätigt sehen zu können. Dann wieder glaubte er ihren beobachtenden Blick auf sich gerichtet zu fühlen, ja er meinte zu unterscheiden, wie derselbe zwischen ihm und seiner Braut hin und her wanderte. Dadurch ward plötzlich ein beißender, gifiger Haß gegen Frau v. Grubeck in ihm erregt, der kaum einem Moment anhielt; gleich darauf horchte er mit einer ebenso unvermittelten Rührung auf die Schlußworte des Redners.

Das unruhige Spiel seiner Einfälle und Stimmungen beschränkte sich auf wenige Augenblicke. Der Geistliche besaß die Diskretion, seine Rede abzukürzen.

Unter den Hochzeitsgaben Herrn und Frau v. Grubecks, welche von dem Major mit künstlerischem Geschmack geordnet, nun besichtigt wurden, stach ein kleines hölzernes, einer menschlichen Karikatur ähnliches Götzenbild seltsam hervor, das Dora für Wellkamp bestimmt, und das, wie sie ihm mit ihrem unter der leichten Ironie so manches Rätsel bergenden Lächeln sagte, ein Andenken aus ihrer Heimat, das Geschenk einer alten Negerin war. Während Wellkamp das alberne kleine Monstrum in der Hand hielt, fühlte er von neuem jenes jähe, tieffeindliche Gefühl in sich aufsteigen, das ihn noch soeben während der Trauung berührt. Er empfand in diesem Geschenk wieder etwas Außergewöhliches und, in irgendwelcher Weise, etwas Lästiges. Als er jedoch, dicht davor, das Stückchen Holz hefig aus der Hand zu legen, sich auf die nötigste Höfichkeit besann, schlug seine Stimmung wiederum unvermittelt um. Dora erschien ihm plötzlich so bemitleidenswert, daß ihn der Gedanke wie ein Schauer berührte. Er sah sie auf einmal von der Höhe seines Glückes an; denn er hatte wie nie zuvor das Bewußtsein, sich dort zu befnden und alles Vergangene endgiltig unter sich gelassen zu haben. Wozu sollte er also noch Groll hegen, welcher ihm vergangene Kämpfe und Leiden immer aufs neue ins Gedächtnis rufen mußte. Er fühlte das Bedürfnis, auf jeder Seite in gutem Einvernehmen und ohne irgendwo einen gewaltsamen Bruch zu hinterlassen, abzuschließen, bevor er mit seiner jungen Frau die Hochzeitsreise antrat. Diese friedliche und halb wehmütige Stimmung ergrif ihn soweit, daß es eine ausgesucht verbindliche Bewegung wurde, mit der er Frau v. Grubecks Hand ergrif, um sie zu küssen.

Das Mahl verlief sehr schweigsam, und nur zum Schluß war ein leises Aneinanderklingen der Gläser ein diskreter Ausdruck all des Unausgesprochenen, das jeder in sich trug an Empfndungen oder Gedanken, an Wünschen oder Besorgnissen. Wenn zwei Gläser zusammenklingen, kann es schwieriger sein als man glauben mag, herauszuhören, was jedes von ihnen sagen will.

Der Wagen stand vor der Türe, und der Major mahnte zum Aufruch. Er geleitete seine beiden Kinder zur Bahn.

Dora blickte dem eleganten Gefährt nach, das lautlos über eine ganz leichte, allererste Schneedecke rollte. Sie stand, das Spitzentuch in ihrer blassen Hand ein wenig zusammengedrückt, am Fenster.

V

Inhaltsverzeichnis

Für die Übergangszeit, welche die Reise des jungen Paares bildete, war keine bestimmte Dauer in Aussicht genommen, jedenfalls mußte sie aber verlängert werden, bis Herr und Frau Wellkamp ihre neue, inzwischen unter Oberaufsicht des Majors herzurichtende Wohnung beziehen konnten. Von dem gemächlichen Umherwandern, an welches Anna gedacht, hatte man in Anbetracht der ungünstigen Jahreszeit am Ende doch Abstand genommen und auf Herrn v. Grubecks Vorschlag einen Aufenthalt in Berlin beschlossen. Besonders Wellkamp hatte diesen Plan schnell erfaßt. Die nächste Großstadt erschien ihm das rechte, und in ihrem lautesten und fremdesten Trubel das Leben für zwei Zusammengehörige am ungestörtesten. Und wie viele wechselnde Eindrücke würden sie sich nicht mitzuteilen haben in diesem Berliner Treiben, dem jeder von ihnen, da er es nicht zum erstenmal sah, seine besonderen Neigungen und Neugierden entgegenbrachte. Für Anna, die ihre ganze Kindheit hier verlebt, war es eine wehmütiglockende Aussicht, an den bekannten Plätzen das Andenken ihrer Mutter hervorzurufen, gleichsam der Erinnerung an ihre Kinderfreuden, die dort für sie in der Luf lag, nun ihr Frauenglück vorzuführen – und beide in einem zu genießen.

Wellkamp brachte im Gegenteil der Stadt, die für ihn vor allem der Schauplatz eines starken Leides war, eine Art von Trotz entgegen. Jeder Ort, den er berührt, mochte er ihn im übrigen bisweilen nahezu vergessen haben, pfegte ihm ein deutliches Andenken an die Stimmung zu hinterlassen, mit welcher er an ihm verweilt, so daß er ihn am Ende nur noch durch den Schleier solcher persönlichen Erinnerung sah. So wurde ihm sein jetziger froher und hofnungsreicher Einzug in Berlin gleichsam zu einem Triumph über die traurigen Erfahrungen, die er hier während seines letzten Aufenthaltes durchlebt.

Um so inniger ergrif ihn gerade jetzt der Zauber von Annas Herzensreife, die stets durch die häufg so jugendlich einseitigen Äußerungen ihres Verstandes hindurch fühlbar wurde. Er betrachtete es als ein Glück, keiner ganz naiven Frau das großstädtische Treiben erläutern zu müssen. Es vermehrte ihre Intimität noch um das Gefühl wohliger Kameradschaf, wenn er die Sicherheit bemerkte, mit der sie sich in der fremden, nicht mehr gewohnten Umgebung bewegte. Sie brachte allem Neuen ihre ruhige, in ihrer Selbstsicherheit wurzelnde Urteilskraf entgegen. Sie empfng weniger leicht und weniger fein unterschiedene geistige Eindrücke als er, aber sie durchlebte das einmal Aufgenommene gründlicher und bewahrte es besser. Ihre Betrachtungsweise war, ohne darum innerlich teilnahmslos und fschblütig zu sein, immer weniger auf das Bildliche, Sinnenfällige einer Sache als auf ihren Ideengehalt gerichtet.

Dies zeigte sich besonders im Teater, wo sie mit Vorliebe ihre Abende verbrachten. Verrät sich doch hier, ganz wie auf der Bühne das Leben zusammengezogen und in eine starke Essenz verarbeitet erscheint, auch im Zuschauerraum so viel rascher und stärker als anderswo die Verschiedenheit der Anlagen; der Bildung und des Geschmacks. Sie verriet sich etwa im Zwischenakte eines lustigen Pariser Stückes, während des ungewissen, summenden Geräusches, das aus dem Plaudern und Lachen des ganzen Saales, aus dem Klappen der Sessel, dem Schließen der Logenthüren, dem Gehen und Kommen zusammengesetzt war. Eine kleine nachlässige Bemerkung, über den Fächer hinweg und das Glas auf die gegenüberliegende Loge gerichtet, zeigte sie.

»Sehr unterhaltend«, sagte Wellkamp. »Ein Feuerwerk von guten Worten. Aber ist es nicht doch etwas zu frivol? Man muß nicht egoistisch sein; ich bedauere vielleicht doch, Dich hergeführt zu haben.«

»Aber nein«, erwiderte die junge Frau eifrig; »die Frage, die zu Grunde liegt, interessiert mich aufrichtig. Das hat ja viel größere Bedeutung als man meint.«

Ein anderes Mal war es, als man sich zum Ausgang den engen Wandelgang entlang schob, inmitten des hinund herwehenden charakteristischen Dufes, den so viele aneinandergedrängte Frauenkörper und ihre Toiletten, die parfümierten Barte der Herren und ihre an den Rock gehefeten Blumen ausatmeten.

»Diese laxe Moral«, bemerkte Anna, draußen in der frischen Luf aufatmend, »braucht man wirklich nicht mehr von der Bühne zu predigen. Sie ist ohnedies üblich genug.«

»Wie meinst Du? Ich muß sagen, daß ich mich schrecklich gelangweilt habe. Mir war die Wohlanständigkeit etwas zu groß für ein Stück, das keinen tieferen Reiz besitzt.«

Die Oper besuchten sie selten. Anna verstand es wenig, Musik zu genießen. Sie kannte durchaus nichts von der Hingabe an eine Phantasie und Empfndung anregende und auch wohl aufreizende Musik. So konnte ihr die Mehrzahl der in Opern gehörten Vokalund Orchesterkompositionen nichts sagen. Doch fand sie Geschmack an einer gewissen schwereren Gattung von Konzertmusik; vor allem liebte sie Beethoven. Die Art ihres Musikgenusses bestand vorzugsweise darin, die Tonreihen zu verfolgen, ihre Wiederkehr und ihre Abstufung, gleichsam ihre Logik zu studieren, wodurch auch hier wieder ihr Vergnügen ein mehr geistiges wurde, als man im allgemeinen aus der Musik zu schöpfen pfegt.

Im ganzen war die Art, wie die junge Frau sich zu Leben und Tod stellte, sicherlich sehr verständig und hatte hier und da selbst einen leisen Beigeschmack von Trockenheit. Durch diese ihre Art wurde auch das Verhältnis zu ihrem Gatten mit bestimmt. In ihrer ruhigen, liebevollen Hingabe an ihn, die sich vom ersten Tage an gleich geblieben, war wenig von dem mehr nervösen Verständnis für leisere und unmerklichere Augenblicksempfndungen enthalten, denen er seinerseits so leicht zugänglich war.

Gelegentlich teilte er sie ihr indes mit. Auf ihren häufgen Spaziergängen im Tiergarten waren sie einmal stehen geblieben, um den Schlittschuhläufern zuzusehen. Sie verfolgten mit den Blicken das finke, gleitende Durcheinander der graziösen Gestalten und kleidsamen Sporttrachten und das Lachen auf all den frisch geröteten Gesichtern. Das Bild, in die dünne, klare Winterluf gestellt und in der blendenden Eisfäche gespiegelt, war fast zu scharf für die Augen, die den Atemhauch, der um alle Köpfe wehte, als eine wohlthuende Milderung empfanden.

Wellkamp deutete auf die schneebeladenen Büsche und Bäume ringsumher.

»Die Sonne bricht durch«, sagte er. »Sieh, wie sie auf den Zweigen ganz denselben spitzen, kurzen Glanz hervorbringt wie dort auf den Säbelscheiden der Ofziere.«

»Wirklich!« stimmte Anna bei.

»Sie macht alles nur noch kälter. Aber wenn man in all die Kälte mit unsern Augen hineinsieht – mir wird innerlich nur noch wärmer. Was meinst Du? Zwei Herzen vermögen eine ganze Landschaf zu erwärmen.«

Er hatte die Hand, die Anna unter seinen Arm geschoben, in die seine genommen. Die junge Frau sah bei dieser Berührung auf mit einem Blick, in dem dieselben warmen Schauer erzitterten, wie in dem Ton seiner Worte. Sie gingen, für beide fühlbar, aus seinem Körper in den ihren hinüber.

Wellkamps Liebe hatte während des Berliner Aufenthaltes den Zusatz einer Sentimentalität erhalten, die ihm ehemals unter allen Umständen fremd gewesen war. Diese Erscheinung mochte zum Teil an den Umständen des jetzigen Verhältnisses liegen, die von denen seiner früheren, füchtigen Abenteuer so völlig verschieden waren. Das Gefühl von jetzt konnte seiner Natur nach nichts von jenem übermütigen oder leidenschaflichen, immer aber gedankenlosen Für-den-Augenblick-leben haben. Jedenfalls mußte dies bald hinter die ruhigeren, auf die Zukunf bedachtsamen Bestandteile der ehelichen Empfndungen zurücktreten. Aber es trug zu jener neuen Regelung ebensosehr etwas anderes bei, das von außen her auf den zunächst durch die Art ihrer Beziehungen gestimmten Seelenzustand einwirkte. Es lag in der Luf und war kaum näher zu erklären denn als die Verlockung zu einer weicheren, mehr schwärmerischen Hingabe, die sich dann am ehesten einstellte, wenn das geräuschvolle, gefühllose und auch wohl brutale Straßenleben sie am hefigsten umbrandete. Es war die seltsame Sentimentalität der Großstadtliebe, in welcher so viel von einer süßen Melancholie des Fremdund Alleinseins liegt. Wie sehr fühlte man sich mit den sanfen Geheimnissen seiner Seele verschieden von dem seelenlosen und harten Getriebe ringsumher, und wie ganz nur auf einander angewiesen!

Wellkamp sollte später of einer Stunde gedenken, in welcher er von dieser Stimmung besonders stark und vollständig eingenommen war. Es war an jenem Dezember-Nachmittag eine stille, sonnig-milde Luf, so daß sie für ein paar Minuten auf den schmalen Balkon des Café Bauer hinaustraten. Sie waren seit einigen Augenblicken schweigsam geworden. Nur wie ein unendlicher Schwärm summender und schwärmender Insekten stieg von unten das Geräusch der Stimmen und des Lachens, der Pferdehufe, der knirschenden Räder zu ihnen hinauf. Es war so seltsam ineinander gesponnen und besänfigt unter den weichen Schleiern, die die Träumerei darüberdeckte. Wie gewöhnlich, waren indes Annas Sinne die ersten, die sich wieder schärfen. Sich wie aus Gedanken aufrichtend, erklärte sie, halb unbewußt, die Stimmung des Augenblicks durch einen Hinweis auf ihre Einsamkeit inmitten des sich drängenden Lebens.

»Wenn wir nun Papa bei uns hätten. Er würde sich gewiß freuen, Berlin gerade jetzt wiederzusehen, nun er wieder glücklicher ist als bislang.«

Auf ihre Worte folgte wieder ein kurzes Schweigen, während dessen jedes von ihnen fühlte, daß es das natürliche gewesen wäre, auch Frau v. Grubecks zu gedenken. Anna vermied dies überhaupt so viel als es anging; sie liebte es, sich unangenehmer Erinnerungen und Gedanken möglichst zu entschlagen. Wellkamp seinerseits war durch eine vage Verlegenheit daran verhindert, auszusprechen, woran er dachte. Sie hatten zu verschiedenen Malen bei gleichgiltigen Anlässen und in ganz unbefangener Weise Doras Erwähnung gethan. Heute war es das erste Mal, daß ihr Name zwischen ihnen absichtlich ungenannt blieb. Das Bewußtsein von etwas Unausgesprochenem, das solange in der scheinbar grenzenlosen Intimität dieser ersten Wochen ihrer Ehe untergegangen und nun wieder aufgetaucht war, wuchs in Wellkamp während weniger Sekunden rapid an und verdoppelte seine Befangenheit. Er richtete den Blick gespannt, um zu erfahren, ob sie seine Gedanken erriete, auf Anna, die den ihrigen auf das Straßenbild gesenkt hielt. Dann schauerte sie ein wenig zusammen, als empfände sie erst jetzt die frische Luf. Wellkamp richtete sich vom Geländer, gegen das er sich leicht gestützt, auf, und während sie in den Saal zurücktraten, suchte er ein belangloses Gespräch anzuknüpfen.

Auf rätselhafe Weise hatte so der unruhige und zweifellose Zustand wieder begonnen, der für Wellkamp schon der letzten Zeit vor der Hochzeit einen Teil ihres Dufes und ihres Reizes genommen. Hatte nicht gerade die große Aufrichtigkeit und Schleierlosigkeit ihres Verhältnisses das Glück dieser ersten Berliner Wochen ausgemacht? Dieses konnte sich noch für einzelne Stunden einfnden, und zumal in der Vereinigung ihrer Liebe war es mit ihnen und hatte ein Vergessen alles Störenden mitgebracht. Aber allzu häufg fühlte er von nun an wieder einen an sich ganz bedeutungslosen Gedanken an Dora oder etwas mit ihr im Zusammenhang befndliches wie ein verbotenes Geheimnis auf sich lasten.

Etwas anderes machte bald seinen Zustand noch schwieriger. Nachdem der Bann des glücklichen Vergessens einmal gebrochen war, konnten auch die durch ihn unterdrückten schmerzlichen Erinnerungen, die Wellkamp mit Berlin verbanden, zur Geltung gelangen. Es geschah dies derart, daß sich in seiner Vorstellung zeitweilig die beiden ihn wie Nebelbilder beunruhigenden Figuren gleichsam ineinander schoben. Wenn er, was sich ihm häufg unwiderstehlich aufzwang, Frau v. Grubeck, in einer Unterhaltung begrifen, sich selbst gegenübersah, so kam es vor, daß die Einrichtung des Gemaches der seiner ehemaligen Berliner Geliebten glich. Dann bemerkte er wohl an Doras Toilette Einzelheiten, deren er sich genau von der Andern her erinnerte. Auch waren die Stimmen zuweilen vertauscht, und er hörte deutlich den wohlbekannten, mit seiner Frechheit wehrlos machenden Ton, der ihn damals in der Abschiedsstunde begleitet, nunmehr aus Doras Munde.

Seine nervösen Vorstellungen dieser Art erreichten einen Grad, wo er, mit Anna durch die Straßen schlendernd, fortwährend eine Begegnung mit der früheren Geliebten gewärtigte. Manchmal sah er sie im Gedränge vor sich aufauchen; dann war sie wieder verschwunden, oder diejenige, die er für sie gehalten, war ihm in der Nähe völlig fremd. Einmal erkannte er mit einer zweifellosen Sicherheit, die ihn abwechselnd heiß und kalt werden ließ, das wohlbekannte Gesicht, in dem jeder Zug für ihn ein Leid und eine Leidenschaf bedeutete. Die Dame blieb in geringer Entfernung vor einem Schaufenster stehen. Wellkamp vermochte ein erregtes »Ah!« nicht zu unterdrücken und berührte zugleich mit einer hefigen Bewegung den Arm seiner Gattin. Als er ihren ruhig verwunderten Blick auf sich gerichtet fühlte, setzte er mit möglichster Beherrschung seiner Erregung eine erklärende Bemerkung hinzu:

»Eine merkwürdige Ähnlichkeit –.«

Anna sah der Richtung seiner Augen nach.

»Ach ja!« sagte sie dann mit leichter Ungeduld in der Stimme. Hierdurch aufs neue betrofen, betrachtete Wellkamp im Vorübergehen noch einmal gespannt aufmerksam das Profl der Fremden, um jetzt zu fnden, daß es nicht dem der Berlinerin, sondern den Zügen Doras glich. Dies mußte in der Tat eine wirklich vorhandene Ähnlichkeit sein; auch Annas Zustimmung schien darauf hinzudeuten. Er war überrascht und erschreckt; wie war es möglich, daß er diese beiden Gesichter nicht mehr aus einander zu halten vermochte. Im selben Augenblick ward er von der feberhafen Unruhe erfaßt, seine Frau den Zusammenhang nicht merken lassen. Um unzweifelhaf zu machen, daß er nur an Frau v. Grumbeck erinnert worden sei, und zugleich seine dabei verratene Erregung zu vertuschen, ließ er sich verleiten, die ungeschickteste Äußerung zu thun, die er in diesem Augenblick hätte fnden können.

»Sie hat eben ein Gesicht, das man öfer sieht«, sagte er. »Das Deine wiederholt sich nicht so leicht.«

Als er an der unwilligen Bewegung, mit welcher sie ihre Hand aus seinem Arm halb zurückzog, die Wirkung seiner Phrase wahrnahm, fuhr er, auf unpersönliches Gebiet überleitend, hastig fort zu sprechen.

»Mit Ähnlichkeiten ist es seltsam; man begegnet, scheint mir, den meisten auf der Straße, und ich glaube bemerkt zu haben, daß das am Gange liegt. Er trägt überraschend viel dazu bei, zwei Menschen einander ähnlich zu machen. Und außerdem – hast Du nicht auch beobachtet, daß, was Ähnlichkeiten betrif, Gang und Gesichtsausdruck – nicht die einzelnen Züge natürlich – eng zusammengehören? Wo der Gang der gleiche war, habe ich meist auch Ähnlichkeit der Miene und des Charakters gefunden – häufg auch der Sprache, nicht gerade in der Klangfarbe des Tones, aber im Tonfall und Ausdruck.«

Anna erwiderte auf seine Worte, die er, unter ihrem Schweigen einigermaßen verlegen, zu Ende gesprochen, kaum mit einer füchtigen Zustimmung. Sie blieb während des Restes der Promenade verstummt, und als Wellkamp einmal ihren Blick suchte, fand er nur die tiefe Falte, zu der sich ihre vollen Brauen zusammenzogen. Auch während des Diners und später beschränkte sich das Gespräch auf wortkarge und erzwungene Bemerkungen. Es war das erste Mal, daß ein Mißverständnis zwischen die Gatten getreten war, und diese erste Spannung der ehelichen Beziehungen pfegt ja so viel schmerzhafer empfunden zu werden, als selbst die weit schwereren unter den späteren. Wie damals vor der Hochzeit stand Wellkamp nun ratlos vor der vermeintlichen Eifersucht Annas, die er zu verdienen leugnete, während er sich dennoch bewußt war, sie erregt zu haben. Und wie damals täuschte er sich über die ihm in ihrer Schlichtheit rätselhafe Empfndungsweise seiner Gattin. Für ein reines Vertrauen wie das ihre hatte in der Scene dieses Morgens nichts Falsches mitgespielt als jenes in der Verlegenheit von Wellkamp gesprochene entschuldigende Wort. Anna gehörte zu der nicht überwiegenden Zahl der Frauen, welche eine ungeschickte und gewollte Schmeichelei gleich einer Beleidigung empfnden.

Sie trug an dieser bis zum Abend, wo sie mit ihrem Instinkt der Aufrichtigkeit eine Aussprache herbeiführte, die noch einmal alles zum Frieden beizulegen vermochte. In der Freude, den Anlaß ihrer augenblicklichen Entfremdung sich als so harmlos herausstellen zu sehen, vergaß der bewegliche Wellkamp alsbald den tieferen Grund seiner Beunruhigung. Auch blieb die kurze Störung ihres Glückes während des Restes ihres Berliner Aufenthaltes vergessen. Während dieser unvergleichlichen, nur zu kurzen Wochen schien sich ihre Liebe ganz und gar verjüngt zu haben. Wellkamp fand wie nie vorher eine volle und zarte Hingabe an das ganze Wesen der Geliebten. Bei seiner Feinfühligkeit für die Empfndungsweise anderer, welche ihn ja andererseits leicht beeinfußbar und schwach von Willen machte, erschloß sich ihm in diesem Falle das liebenswürdigste Verständnis für die unausgesprochenen Neigungen und Liebhabereien der jungen Frau.

»Hast Du bemerkt«, fragte er sie einmal, »daß es hier für uns manche verlorene Vormittagsstunde gibt, die wir nützlich anwenden könnten? Wie wäre es, wenn wir einmal eine Vorlesung hörten oder ein Hospital, ein Arbeitshaus besuchten? Ich würde mir schon die nötigen Empfehlungen verschafen, und ein wenig ›soziale Studien‹ können nicht schaden – wie?«

An ihrer erfreuten Zustimmung erkannte er, daß er einen Wunsch getrofen, den sie vielleicht nur aus Furcht, ihn zu langweilen, nicht auszusprechen gewagt.

Man mag hart über den moralischen Zustand eines Augenblickscharakters seiner Art urteilen, der mit einer gleichsam halsbrecherischen Behendigkeit von einem seelischen Standpunkt zum genau entgegengesetzten überzuspringen gewohnt ist. Jedenfalls aber belog Wellkamp weder sich selbst noch die Menschen, an die er sich jedesmal in aller Aufrichtigkeit anlehnte, um ein inneres Gleichgewicht zu suchen, das ihm niemals vollständig zu teil geworden war. Er glaubte in Wahrheit stets, wenn er einem neuen Eindruck unterlag, in diesem Falle endlich ein Ziel und einen Ruhepunkt gefunden zu haben. Man hätte glauben sollen, daß der ewig schwankende Dilettantismus, der sich immer neuen Einfüssen mit immer gleicher Ausschließlichkeit hingab, eine Künstlernatur voraussetzte. Indes war Wellkamp das bewußt Spielende der Künstlernatur fremd, die alle möglichen seelischen Lebensarten durchläuf, ohne eine von ihnen für ihre eigene, ursprüngliche zu halten oder etwas anderes in ihr zu sehen als eine Station ihres Studienganges. Es war vielleicht nichts anderes als seine zu große Aufrichtigkeit und der damit verbundene Mangel an Selbstkritik, der seinen Geist für eine seiner Natur entsprechende Kunstübung untauglich machte. Damit war er eines Zweckes beraubt, der, einmal in seiner Existenz vorhanden und wirksam, vermutlich etwas ganz Verschiedenes aus ihr gemacht haben würde.

In diesem Falle indes wäre ohne seine wohl zu fühlende Aufrichtigkeit die volle Herzlichkeit ihres Verhältnisses gar nicht möglich gewesen. Die wohlige Stimmung des auf sich selbst Gelassenseins nahm zu mit dem sie umwogenden und fest aneinander drängenden Leben, das in dieser Zeit noch so viel mächtiger geworden. Denn Weihnacht stand dicht bevor, die Menge der Menschen hatte sich besonders in den Hauptverkehrsstraßen verdreifacht, und die beiden jungen Leute ließen sich gern von ihr treiben. Sie sahen sich zuweilen mit einem Kinderlächeln an, wenn sie einmal nicht viel mehr nötig gehabt, als einen Fuß vor den andern zu setzen, um von ihrer Umgebung den Weg, den sie zurückgelegt, entlang geschoben zu werden. Dazwischen betrachteten sie es jedesmal als eine angenehme Überraschung, vor einem oder dem andern Schaufenster anzuhalten, an das sie der Zufall herangedrängt. Ein willenloses Sichgehenlassen und zufriedenes Abwarten des Kommenden entsprach ganz ihrer doppelten, weil aus der besondern Bedeutung der Zeit und ihrer Liebe hervorgegangenen Feststimmung. Daher waren sie auch sofort übereingekommen, genau nach dem Wunsche des Vaters zu handeln, von dem sie die Mitteilung erhalten, er könne sich wohl denken, daß sie sich zur Zeit dort besonders gut unterhielten, aber ohne drängen zu wollen, möchte er doch bitten, daß sie wenigstens gerade zu Weihnacht heimkehrten.

Demnach brachen sie, nach Voraussendung einer Depesche, am Morgen vor der heiligen Nacht nach Dresden auf. Der Major, der sie am Böhmischen Bahnhof mit seinem fröhlichen guten Lachen empfng und nacheinander in die Arme schloß, führte die jungen Leute in ihre neu eingerichtete Wohnung, welche gleich der daranstoßenden des Grubeckschen Paares geschmackvoll mit Tannen geschmückt war. Die sehr gelungene, größtenteils von Herrn v. Grubeck selbst angeordnete Ausstattung und dazu der festliche Schmuck des kleinen hübschen Appartements war ganz geeignet, die weihnachtliche Illusion der Beiden zu vollenden. Sie kamen sich für die ersten Augenblicke wie Kinder vor, die vor dem Aufau der Bescherung zu einem Spaziergang fortgeschickt sind, um, nun zurückgekehrt, durch die plötzlich weitgeöfnete Tür die Überraschungen anzustaunen, welche die Eltern vorbereitet haben.

In der Tat entsprach der Major aufs beste seiner Rolle als Weihnachtsvater. Er stand stets hinter seinen glücklichen Kindern, um aus nächster Nähe die Äußerungen froher Überraschung zu hören, die immer häufger und herzlicher wurden, während sie die einzelnen Räume musterten. Zugleich befriedigte es den alten Herrn ungemein, bei verschiedenen Einzelheiten die aufrichtige Anerkennung seines künstlerischen Geschmackes zu vernehmen. Er hatte diesen in Wahrheit mit vieler Liebe bethätigt, und besonders der Kaminwinkel in Annas Boudoir, vor dem die kleine Gruppe Halt machte, war ein kleines Meisterstück dekorativer Anordnung, mit der diskreten Abstufung der verschiedenfarbigen japanischen Seidenstofe, welche hier die Wand bekleideten, mit den in originellen Haltern steckenden, darübergesäeten Photographien größeren und kleineren Formats, mit dem Phantasietischchen, das über und über mit eleganten Spielereien beladen war und in dem hier doppelt gebreiteten, weichen Teppich versinken zu wollen schien, und mit der hohen bronzenen und rot beschirmten Salonlampe, deren Gestell sich dahinter vom Boden erhob, endlich mit den kostbaren Kaminaufsätzen, riesigen orientalischen Vasen von ausgezeichneter Arbeit.

»Die habt ihr noch nicht gesehen, was?« fragte Herr v. Grubeck, der seine große Hand gemütlich auf die Schulter seines Schwiegersohnes gelegt hatte.

»Ich habe die Dinger ganz zufällig noch bekommen, nachdem ihr schon fort wäret, und habe mir erlaubt, sie ohne eure Genehmigung anzuschafen; war sicher, daß sie euch als kleine Begrüßungsgabe angenehm sein würden.«

Dann wies der alte Herr rasch auf das hübsche, hell hinter den Messingstäben spielende Kaminfeuer und auf die beiden davorgeschobenen und mit Kissen aller Art beladenen Sessel.

»Auf die Ecke hier«, erklärte er, »mußte ich natürlich besondere Sorgfalt verwenden. Ich weiß, welch eigene Anziehungskraf im ersten Jahr so ein Kaminfeuer übt. Später pfegt man dann zu dem mehr praktischen Ofen überzugehen.«

Durch ähnliche, mit kleinen humoristischen Seufzern gesprochene Bemerkungen hatte der alte Herr seine beiden Begleiter mittlerweile ein wenig aus ihrer anfänglichen Märchenstimmung erweckt. Auch folgte seinen letzten Worten von Seiten Wellkamps ein anerkennendes Lachen, während dessen der Türvorhang, welcher das trauliche kleine Gemach abschloß, zurückgeschlagen wurde, um Frau v. Grubeck eintreten zu lassen. Sie entschuldigte sich, durch ihre Toilette so lange verhindert worden zu sein, und begrüßte zugleich aufs herzlichste die Zurückgekehrten, indem sie mütterlich die Stirn ihrer Stiefochter küßte, während sie die Hand des jungen Mannes in ruhig freundlicher Weise drückte. Aus ihrem Wesen schien etwas Unbestimmtes, Rätselhaftes, das früher bei jeder Begegnung mit ihr befremden und selbst quälen konnte, verschwunden, und ihr Benehmen statt dessen durch eine gewisse Entschlossenheit geleitet zu werden. Dies mochte auch ihre Toilette andeuten, welche, anstatt von der heulen und fast mädchenhafen Art wie ehemals, heute wieder von der dunkleren Farbe war, die sie auch an dem Hochzeitstage des jungen Paares getragen. Von der ersten Minute an prägte sich in ihrem Aufreten unverkennbar etwas Mütterliches aus, das auf Wellkamp, der in den vergangenen Augenblicken ihrem Erscheinen doch mit einer gewissen Bangigkeit entgegengesehen, eine durchaus beruhigende Wirkung übte. Seine Unbefangenheit wurde mehr und mehr wieder hergestellt, als er jetzt auf die beiden Frauen herniederblickte, die in den Sesseln vor dem Kamin Platz genommen hatten. Der Altersunterschied ward noch sichtbarer, wie nun dicht neben Annas von der Winterfrische gerötetem Gesicht sich Doras blasses Profl zeigte. Es war, bei aller weichen Zartheit, ein Leidenszug, vielleicht nur wenn sie lächelte, darin kenntlich. Dazu kam, daß oben auf ihrem vollen Haar, wo Wellkamp so häufg goldene Lichtrefexe hatte spielen sehen, heute ein ganz winziges Arrangement künstlicher Blumen befestigt war, das aber dennoch etwas wie ein Matronenhäubchen anzudeuten schien.

Inzwischen war das Teegeschirr vom Diener auf den Kaminsims gesetzt. Frau v. Grubeck überließ es Anna, ihren Gatten zu bedienen, während sie selbst dem Major seine Schale reichte. Sie blickte dabei zu dem alten Herrn auf und redete ihn mit einem Ton schlichter Vertraulichkeit an, den weder Anna noch Wellkamp früher in dem Verkehr der Eltern gehört hatten.

»Wer weiß, mein Lieber«, sagte sie »ob wir beide nicht auch gelegentlich noch einmal einen Abstecher nach Berlin unternehmen. Man bleibt auf die Dauer doch allzu sehr in der Kultur zurück, wenn man einmal aus dem Centrum heraus ist.«

»Nehmen wir es also in Aussicht«, erwiderte der Major mit einer zuvorkommenden Verbeugung. Er schien sich seinerseits in seiner Haltung nicht verändert zu haben. Er sprach stets wie über ein Respektsgitter hinweg, wenn er das Wort an seine Gattin richtete. Letztere fuhr fort, nunmehr an Anna und halb zu Wellkamp hinüber gewendet.

»Übrigens kann ich nicht behaupten, daß ich für den Berliner Ton schwärme, so freundlich man mich dort aufgenommen hat. Er ist mir zu burschikos und dabei doch zu greisenhaf, wie mir scheint. Das heißt in der Art von blasierten Jungen; es ist, als ob eben diese den Ton angeben. Wenn man dann wirklich in ein vernünfiges Alter kommt, so sagt einem diese Scheinreife nicht mehr zu. – Ihr habt euch jedenfalls um andere Dinge zu kümmern gehabt?«

Wellkamp ward durch ihre Worte aufs lebhafeste an jene früher des öferen von ihr gehörten Äußerungen über ihr Altern und über ihre freudlose Ruhe erinnert. Er vergegenwärtigte sich die kokette Art, wie sie damals ihre Klagen vorgebracht, er sah deutlich die ironisch-sentimentale Neigung ihres feinen Kopfes. Und heute berührte sie plötzlich den gleichen Gegenstand mit fast unpersönlichem und ganz schlichtem Ausdruck, gleichsam als selbstverständliche Voraussetzung hinwerfend, was sie damals als etwas zu stark betonte und zu artigem Widerspruch herausfordernde Behauptung vorgebracht. Der junge Mann machte diese Beobachtung schon nicht mehr in der beruhigten und uninteressierten Weise, wie er noch vor weniger als einer halben Stunde die mit Frau v. Grubeck vorgegangene Veränderung bemerkt. Mit den Erinnerungen an die vor der Reise liegenden Vorgänge stieg wieder eine unbestimmte Unruhe in ihm auf; es war, als ob sich aufs neue eine Frage in ihm bildete. Diese ward ihm noch peinlicher in ihrer Unfaßbarkeit, als er die Erwiderung seiner jungen Frau auf die von Dora an sie gerichteten Worte vernahm.

»Ich habe in Berlin viel lernen können«, sagte Anna in ihrer ruhigen, sinnenden Weise und sie nickte bestätigend, als der Major ihr jovial zurief: »Du kannst das Studieren also immer noch nicht lassen?«

Für Wellkamp wehte aus ihren Worten etwas überraschend Fremdes und Kaltes. Es war ihm, als müsse er sie plötzlich mit veränderten Augen ansehen, nicht nur in diesem Augenblick, wie sie da saß, sondern auch seine Gefährtin in den jüngst vergangenen Wochen. War sie denn nun die Frau, die er an seiner Seite zu haben geglaubt, als er halb träumend und voll von heimlichem süßem Glück mit ihr in einer treibenden Menge durch die langen Gassen geschritten war? Er hatte davon nichts als die sehnsüchtig-schöne Erinnerung an einen begehrenswerten Traum mitgebracht, den sie gemeinsam durchlebt, und jetzt mußte er hören, wie sie von Studien, die sie gemacht, redete in einem Tone, als sähe sie in diesen den Zweck ihrer Reise. Vielleicht hatte sie gar Journal darüber geführt und jedesmal die Stunde herbeigesehnt, wenn er sie allein ließ, um ihre Notizen zu machen!

Er hatte während dieser innerlichen Bemerkungen ein erschreckend kaltes Gefühl des Erwachens, worin er den ganzen herben Unterschied durchkostete zwischen der kurzen Illusion, die er hinter sich gelassen, und der Wirklichkeit, in der er sich nun wiederfand. Aus seinen traurigen Gedanken heraus hatte er auf einige an ihn gerichtete Fragen zerstreute Antwort erteilt, und jetzt hörte er Dora vorschlagen, in die andere Wohnung hinüberzugehen, wo das Abendessen sofort bereit sein werde. Doch kostete es ihr selbst am meisten Mühe, sich von dem reizenden Kaminplätzchen zu trennen, um das sie, wie sie sagte, Anna aufrichtig beneidete.

»Nicht dort!« rief der Major, als seine Tochter die Tür zum Korridor öfnete.

»Ihr habt noch gar nicht bemerkt, daß ihr vom Vorzimmer gleich in unsere Wohnung eintreten könnt. Unser liebenswürdiger Wirt hat mir ohne weiteres erlaubt, die Verbindungswand durchbrechen zu lassen.«

Im Vorzimmer zu Doras Boudoir, das man demgemäß zu passieren hatten, wurde indes die kleine Gesellschaf durch eine Überraschung aufgehalten, in deren Erwartung Herr v. Grubeck sich schon längst vergnügt die Hände gerieben hatte.

»Für uns Kinder!« rief der alte Herr aus, während er die Seinen vor einen zur Decke rankenden Tannenbaum führte, dessen strahlender Lichterglanz nach der schwachen Beleuchtung der Räume, aus denen sie gekommen, besonders Dora und Wellkamp überraschte und blendete. Anna kannte die besondere Weihnachtspassion ihres Vaters, der jedes Jahr mit ihr zusammen selbst seinen Baum zu schmücken liebte. Diesmal hatte er es also ganz ohne Hilfe unternommen und wirklich durch die geschmackvolle Verteilung von Silberfitter und großen weißen Papierlilien mit goldenen Blütenstengeln eine reizende Arbeit ausgeführt. Er betrachtete nun, während er die Glückwünsche dafür empfng, sein Werk mit glänzenden, ganz veränderten Augen. Es war zu merken, wie sehr für ihn Weihnacht ein Ereignis war, das jedesmal wieder alle seine alltäglichen Stimmungen für kurze Tage auseinander zu treiben und mit ein bißchen Kinderglück aufzuklären vermochte. Wie wenig mehr als die gebräuchliche, fast gleichgiltige Anerkennung er sonst der Religion entgegenbringen mochte, so fand er doch stets in dieser einzigen Zeit die wehmütigglückliche Anhänglichkeit an die alten geheiligten Gebräuche, welche das Erbteil der inmitten von Traditionen und Familiensinn Aufgewachsenen bleibt. Auch dauerte es eine Weile, bis er die Veränderungen der Anordnung, die er hie und da am Baum noch vornahm, beendet hatte, um endlich seine Aufmerksamkeit auf das zur Seite stehende Tischchen zu lenken. Anna hatte Sorge getragen, hier das für den Vater in Berlin Ausgewählte im voraus ausbreiten zu lassen. Herr v. Grubeck war entzückt über die verständnisvolle Gabe seiner Kinder, die ihm einige der Kunstblätter widmeten, die unlängst auf der Ausstellung seinen besondern Beifall gefunden und ihm jetzt aufs neue Ausdrücke innerster Befriedigung entlockten.

Es hatte jeder bei Auswahl der kleinen Geschenke, die er dem andern unter den Baum legte, weniger auf die Kostbarkeit oder Originalität des Gegenstandes als auf den Wert einer besonderen persönlichen Aufmerksamkeit gesehen, mit der Familienmitglieder untereinander ihren Geschmack, in den sie sich gegenseitig genügend eingeweiht haben, trefen können. Dabei waren dann doch wieder zum Teil die unerwartetsten Dinge herausgekommen. So war Wellkamp überrascht, für sich ein neues Werk eines seiner Lieblingsautoren zu fnden, für das er Frau v. Grubeck zu danken hatte.

Dora kam ihm entgegen, als er auf sie zuging.

»Ist es recht?« fragte sie mit dem ruhigen Lächeln, das er seit heute an ihr kannte.

»Sie haben es in Ihrer Güte mit Ernst Renan ganz überraschend gut getrofen. Ich habe den ›Priester von Nemi‹ wirklich noch nicht gelesen, habe ja auch in jüngster Zeit kaum ein Buch und besonders keine neuen Erscheinungen in die Hand genommen.«

Sie wollte schon mit leichtem Nicken an ihm vorbei und zu ihrem Gatten hinübertreten, dessen neue Kunstschätze sie noch nicht näher besichtigt. Als sie jedoch den Kopf erhob, streife sie ein Blick Annas, den diese, neben ihrem Vater stehend, über die Bilder hinweg auf sie gerichtet hielt, und der sie unwillkürlich ihren Schritt anhalten ließ. Vielleicht täuschte sie sich, aber sie hatte eine tief feindliche Regung in diesem kurzen Blick bemerkt, und es war gerade infolge dieser Bemerkung, daß sie das Gespräch mit dem jungen Manne wieder aufnahm.

»Ich fürchte, ich habe es viel zu gut getrofen«, sagte sie, »Sie wissen doch, wie gefährlich ich den Einfuß Ihres verehrten Meisters Renan fnde. Er hat mit seinem ›Dilettantismus‹, mit seinem Allesgeltenlassen und seiner geistigen Seiltänzerei schon genug Unheil unter unserer heutigen Generation angerichtet.«

Sie hatte ihr Lächeln nicht verloren während dieser Worte, aus denen ein leiser Tadel klang, wie von einer Mutter, die den geistig über sie hinausgewachsenen Sohn mit halb scherzhafer Überlegenheit maßregelt.

Für Wellkamp hatte indes ihre veränderte Verkehrsart die anfängliche beruhigende Wirkung völlig verloren. Er hatte im Gegenteil begonnen, etwas wie eine Koketterie herauszufühlen, die in ihrer Heimlichkeit dem jungen Mann doppelt unwiderstehlich deuchte. Jetzt unterlag er vollends der Verwirrung, die sich, zugleich peinigend und berükkend, seit Viertelstunden in ihm vorbereitet hatte. War ihm aus dem unschuldigen Glücksrausch der jüngsten Wochen noch ein Rest des Bewußtseins geblieben, als sei eine endgiltige Heilung seines Lebens vor sich gegangen, so hielt er nicht dieser Minute stand, in der er sich aufs neue schuldig werden fühlte.

Von den Blättern des Buches, welche von seinen plötzlich heißen Fingern feucht geworden waren, erhob er in steigender Ratlosigkeit seinen Blick zu dem der Frau, die ihm nun schweigend gegenüberstand. Er meinte auch den ihren verändert, die Ruhe daraus verschwunden, und das Lächeln, das sie noch immer festhielt, willkürlich und starr geworden zu sehen. Seine Augen schweifen augenblicklich weiter zur Seite, um hier Annas Blick auf Doras Gesicht gerichtet zu fnden. Und für seine Empfndlichkeit, die wie immer in Augenblicken, wo sich in uns eine Entscheidung vorbereitet, ungewöhnlich geschärf war, mußte dieser Blick von außerordentlicher Wirkung sein.

Wirklich war der Ausdruck der Antipathie, den Dora in dem Auge ihrer Feindin wahrgenommen, in den einer kaum verhohlenen Verachtung übergegangen. Was ihr Gatte auch darüber denken mochte, so war es doch Tatsache, daß die junge Frau, nicht weniger als er, heimlich gepfegte Illusionen von ihrer Reise heimgebracht. Auch sie hatte in jener Zeit des friedlichen Glückes ihren bisherigen Leidenschafen und Vorurteilen ins Angesicht gesehen und hatte, bei dem Gedanken an Dora, den aufrichtigen Wunsch und eine starke Hofnung empfunden, ihre Natur überwinden zu können. Aber nach der Rückkehr hatte sie sich, ebenso wie der Mann, im Alltag wiedergefunden. Einmal im Gespräch mit Dora, war sie alsbald von neuem und ganz unverändert der Abneigung unterlegen, die ihr gegen diese Frau wie gegen die Angehörige einer feindlichen Rasse innewohnte.

Alles in ihr widersprach der Persönlichkeit Doras, ihrem ganzen Sein und Aufreten und jeder ihrer Äußerungen. Auch zeigte sich bei der jetzigen Gelegenheit nur die fast unvermeidliche Verachtung des überlegenen weiblichen Geistes für die Unselbständigkeit der Frau, von der sie ahnte, daß sie ihren geistigen Unterhalt mit dem bestritt, was ihr etwa von den in ihrem Kreise lebenden Männern überkommen war. Sie war häufg genug dem Verstande Doras begegnet, der ihr niemals in sich selbst vertief und immer nur oberfächlich die Gedanken anderer nachzudenken schien. Mehr als einmal hatte sie ehemals Einwände von Frau v. Grubeck zu hören bekommen, die allzu deutlich im Geiste ihres eigenen Vaters gewesen waren, und in ihrer Voreingenommenheit hatte sie niemals die Entschuldigung zugelassen, daß solche Übertragungen durch die ehelichen Beziehungen, durch die tägliche Gewohnheit des Verkehrs, selbst bei fehlender Sympathie zwischen den Gatten so natürlich herbeigeführt wurden. Noch soeben meinte sie die gleiche Beobachtung bei Doras Äußerung über das Berliner Leben zu machen, die ihr ebenfalls Herrn v. Grubeck entlehnt schien. Nun machte sie sie bei ihren Bemerkungen über das Renansche Buch. Sie hielt dafür, daß Dora in die Fragen, die sie berührt, viel zu wenig eingeweiht sei, um die Kritik abgeben zu können, wie sie es gethan. Sie hatte überdies Ausdrücke gebraucht, welche auch Wellkamp bevorzugte, und zweifellos war es dieser selbst, der ihr die betrefenden Ansichten in gelegentlichem Gespräch, vielleicht ohne daß sie selbst es bemerkt, eingefößt hatte.

Dadurch waren die Gefühle bestimmt, die Annas Blick ausdrückte, in welchem Wellkamp, mit seinem lauernden Schuldbewußtsein, anderes und mehr las.

Jedoch unentschlossen und nicht imstande, auch nur einen Augenblick bestimmt und einseitig zu urteilen, hatte er selbst für seine ehrlichsten, unwillkürlichen Regungen sofort wieder ein »Es ist nicht wahr!« Sobald sein Schuldgefühl eine Bestätigung erhielt, leugnete er es vor sich selbst nur um so eifriger. Er sträubte sich alsbald dagegen, die Berechtigung des Vorwurfes anzuerkennen, den er in Annas Augen ausgesprochen glaubte.

»Zuerst das Hervorkehren der ärgsten Verständnislosigkeit,« so durchblitzte es ihn, »nachdem ich wochenlang ein wahrhaf gemeinsames Leben mit ihr zu führen geglaubt, und jetzt noch ein ofenes Mißtrauen!«

Das abweisende Gefühl gegen Anna, das sich seiner bemächtigt hatte, artete für eine Minute soweit aus, daß er alle Bedenken unterdrückte.

»Und wenn sie recht hat,« sprach eine wilde und verzweifelte Stimme in ihm, »– um so schlimmer für sie, wir sind alle gegen das Schicksal machtlos!«

Aber noch bevor er den Gedanken zu Ende gedacht, biß er sich auf die Lippen, um seine Miene gewaltsam ruhig zu halten in dem wilden Sinnentaumel, den die bloße Vorstellung in ihm hervorbrachte, es könnten seine bisher vor ihm selbst namenlosen, aber von jeder Minute, die er atmete, höher geschwellten Wünsche verwirklicht werden. Die verbrecherische, quälende Süßigkeit dieser Vorstellung, in der er die Unendlichkeit durchkostete, zwang ihn, sich seine Rettungslosigkeit zuzugeben. Er wußte nun, daß das, was er noch soeben in zorniger Ungeduld »Schicksal« genannt, für ihn in Wahrheit die Unerbittlichkeit eines solchen erlangt hatte.

Die jähe Gewißheit machte ihn unfähig, den Blick zu erheben. Er hatte ihn von neuem auf das Buch gesenkt, das er noch immer in der Hand hielt, und in dessen Blättern seine Finger nervös umherstöberten. Nach der angespannten Thätigkeit der letzten Augenblicke waren seine Sinne in eine tiefe Erschöpfung verfallen. Seine apathisch abschweifenden Gedanken gingen sonderbarerweise zu jenem ersten Geschenk zurück, das er von Dora empfangen.

»Das merkwürdige Stück Holz,« dachte er, jedes einzelne Wort im Innern langsam nachsprechend, »– und jetzt dieses Buch. Sie hat unheimliche Einfälle.«

Die Scene, die nun zu Ende gespielt, hatte mit ihrer Schicksalsentscheidung, die keinen Widerspruch mehr zuzulassen schien, auf Wellkamp die Wirkung von langen Stunden seelischer Erregung geübt. Aber sie war, wie so häufg die Entscheidung solcher intimen Dramen, durch nichts anderes als durch einige Blicke und durch Momente des Schweigens vor sich gegangen, und sie hatte nur wenige Minuten in Anspruch genommen. Es wurde dem jungen Manne durch das Erscheinen des aufwartenden Dieners, der das Souper anmeldete, ermöglicht, sich aus seiner Erstarrung aufzurichten. Er bot Dora, welche er noch immer vor sich stehen sah, den Arm, um sie ins Speisezimmer zu führen.

Bei Tische hatte Wellkamp, dessen Gedanken immer aufs neue in der verbotenen, unvermeidlichen Richtung abzuschweifen drohten, Mühe genug, einigermaßen den Ausführungen Herrn v. Grubecks zu folgen, der seine Meinung über die künfige Einrichtung ihres häuslichen Lebens zum besten gab. Der alte Herr sprach in seiner frohen Laune lebhaf den Wunsch aus, daß die jungen Leute sein und seiner Gattin Leben, so wie sie es sich gestaltet, teilen möchten. Es war ja eben geschehen, um die Unbequemlichkeiten eines Haushaltes, mit Doras Gewohnheiten und Neigungen durchaus unvereinbar, zu umgehen, daß man ein boardinghouse bezogen hatte. Dank der Bereitwilligkeit des Vorstehers konnte man unabhängig von der übrigen, ausschließlich englischen Gesellschaf die Mahlzeiten in den eigenen Räumen gereicht erhalten, wie ja auch die Bedienung eine private war. Überdies wurden alle besonderen Wünsche ohne weiteres berücksichtigt.

»Und schließlich,« fuhr der Major, dem der Wunsch, mit der einzig geliebten Tochter in fortwährendem Verkehr zu bleiben, den Gegenstand besonders wichtig machte, fort, »und schließlich müssen wir etwas zu einander halten, damit wir auch wirklich merken, daß unsere Familie jetzt statt aus dreien, aus vier Gliedern besteht – fürs erste,« konnte er sich nicht enthalten, leiser hinzuzusetzen, während er sich vertraulich zu Wellkamp neigte.

Letzterer hatte den Worten seines Schwiegervaters hin und wieder mit höfichem Lächeln zugestimmt. Sie waren fast ausschließlich an ihn gerichtet gewesen. Bei seiner Tochter setzte Herr v. Grubeck, wie er schon früher zuweilen, halb scherzend, angedeutet, die größte Unlust voraus, ihre intellektuellen Beschäfigungen zu gunsten einer selbständigen Wirtschaf zu unterbrechen. Es mußte ihr am Ende der größte Gefallen damit gethan sein, wenn sie, der Sorgen einer eigenen Küche überhoben, samt ihrem Manne die Mahlzeiten gemeinsam mit den Eltern einnahm. Zuweilen schielte der alte Herr indes mit einem etwas ängstlichen Blick, der um Zustimmung bat, zu seiner Tochter hinüber. Diese saß fast ganz schweigsam und in sich selbst versunken da. So verkehrt auch dieses Mal die Deutung war, die ihr Gatte ihrer Haltung gegeben, so litt doch auch sie unter der Nachwirkung jener Scene. Sie bereute es bitter, ihrer Abneigung gegen die Frau ihres Vaters, die sie nun, in ihrer aufrichtigen Selbstverurteilung, ganz und gar aus kleinlichen Beweggründen herleitete, nicht besser die Zügel angelegt zu haben. Dazu war ihr das Bewußtsein, sich ihrem Gatten in einer so schwachen, ganz von dieser Leidenschaf beherrschten Minute gezeigt zu haben, unendlich beschämend. So nickte sie, aus ihren unzufriedenen Grübeleien, nur zuweilen eine nachlässige Antwort dem Vater zu, der nicht auförte, sich um ihren Beifall für seine Pläne zu bemühen.

»Du fndest doch nicht, daß durch diese Ordnung der Dinge Deinen Rechten als Hausfrau zu sehr Abbruch gethan ist?« fragte er, ihre Unaufmerksamkeit bemerkend.

Anna zeigte ein etwas mühsames Lächeln.

»Ich? Nein. – Natürlich muß sich jeder von uns Ausnahmen von der Regel vorbehalten.«

Wellkamp sah den alten Herrn eine kleine Grimasse unterdrücken.

»Ich werde meine Fürbitte für Sie einlegen,« sagte er.

Der Major hatte immer den Wunsch seiner Tochter geteilt, sie möchte von der Berührung mit den falschen Verhältnissen seines eigenen Ehelebens befreit werden. Aber der Wunsch des Vaters wurde beiseite geschoben von der Selbstsucht des alten Mannes, der vor einem gänzlichen und immerwährenden Alleinsein mit der Frau, die ihm sein böses Gewissen verkörperte, zurückschreckte. Die Aussicht darauf war ihm unheimlicher als je geworden mit der eigentümlichen Wendung, die sein Verhältnis zu seiner Gattin und die Stimmung zwischen ihnen beiden in den Wochen der Abwesenheit der jungen Leute genommen.

An jenem Nachmittage war Dora von dem Fenster, aus welchem sie dem Wagen nachgeblickt, darin ihr Gatte seine beiden Kinder an den Bahnhof geleitete, zögernd und in Gedanken versunken zurückgetreten. Sie hatte sich in ihrem gewohnten Winkel niedergelassen, um sich in langen Stunden nicht wieder zu erheben. Die Lampe, welche der Diener auf das Tischchen setzen wollte, worauf ihre blasse Hand, wie versteinert, ruhte, hatte sie zurückgewiesen und war im Dunkel, in das nur der Schnee von draußen einen unbestimmten Schimmer warf, den Rest des Abends sitzen geblieben, um zu träumen, unendlich und ohne das Vermögen, aufzuhören.

Sie hatte damals zum erstenmal eine in ihrer Klarheit erschreckende Vision des Kommenden, wie es sich nach dem, was in der letzten Zeit mit ihr und durch sie vor sich gegangen, vorbereitete. Die ganze durchgreifende Veränderung, die ihr Leben und alles, was seinen Inhalt ausmachte, erfahren, lag in plötzlicher Beleuchtung vor ihr, als sie sich den Mann, mit dem all das Fremde, Aufrührerische in ihren Kreis eingedrungen, vorstellte, wie er mit einer Andern, mit ihrer Feindin, in die weite, freie Welt hinausfuhr, um mit jener zusammen zu genießen, ohne Reue zu genießen. Sie haßte bei diesem Gedanken ihn nicht weniger als die Frau. Er hatte ihr, durch sein bloßes Erscheinen, Leid zugefügt, und ohne es zu teilen, ging er nun davon, um vielmehr ein Glück zu fnden, wie sie es niemals kennen lernen konnte.

Seit ihrer ersten Begegnung mit Erich Wellkamp hatte sich in die verdrossene Resignation, in der sie in der Ehe mit dem schnell alternden Gatten dahinlebte, ein Lichtschein von neuen unvernünfigen, unwiderstehlichen Wünschen, wie der eines Irrlichts, geschlichen. War es nicht natürlich, daß sie es unternahm, sich an dem Störer ihrer Ruhe zu rächen? Es verstand sich ebenso, daß dieses Verlangen immer hefiger wurde, je mehr sie die Stärke des Rückhaltes erkannte, den der Gegner an der gehaßten Andern besaß. Tatsächlich waren so die Plänkeleien, in der sie der Unterwerfung des Mannes vorarbeitete, von einer zur andern immer hefiger geworden. Sie hatte das gefährliche Spiel gewagt, ohne je aufzuhören, vor sich selbst immer wieder das Motiv zu betonen, den Haß gegen ihre beiden Feinde. Ach, sie hatte selbst heute noch versucht, ihr Gefühl auf diese Weise zu täuschen, bevor nun ihre Kraf erschöpf war und das Bewußtsein der Wahrheit sie überwältigte. Jetzt, da sie ihn, ohne ihm kaum je in kurzen Stimmungsmomenten überlegen gewesen zu sein, aus ihrem Machtbereich hatte entlassen müssen, war die Stimme nicht länger niederzuhalten gewesen, welche wahnsinnig laut und mit jeder Minute hefiger in ihr rief: »Ich muß, ich muß ihn demütigen, aber nicht der bloßen Rache wegen, sondern um ihn zu besitzen.«

Sie begrif sich selbst nicht, wenn sie daran dachte, daß für sie der Verkehr mit Männern immer nur darin bestanden, die Stelle auszufnden, wo der Gegner zu trefen war, und sobald die Wunde beigebracht war, sich zurückzuziehen. Niemals hatte sich in das berechnende, grausame Spiel, das für sie die Beziehungen der Geschlechter bedeutet, ein tieferes Empfnden als das der geschlechtlichen Eitelkeit eingeschlichen. Was hatte sich inzwischen verändert? Waren es die langen, einsamen Träumereien der letzten Jahre gewesen, in denen sie sich mit der of in Wonneschauer ausartenden Selbstquälerei, welche Naturen ihrer Art eignet, ein Eheleben ausgemalt, wie vielleicht andere Frauen es führten? Es war zu denken, daß sie, die als Mädchen einen nervösen Widerwillen gegen die körperlichen Beziehungen der Geschlechter besessen, und die ihn in der Ehe mit einem Manne, der sein Recht auf solche hätte geltend machen wollen, nicht abgelegt hätte, daß sie in der ständigen Gesellschaf des alternden und zu jeder Intimität unlustigen Gatten einen paradoxen Widerspruch gegen diese ihre Natur kennen lernte. Es war, durch die Angst vor dem Kommenden nur noch willkürlicher gemacht, ein rasendes Glücksverlangen, was das Blut so feberhaf durch den noch immer mädchenhaf zarten Körper der Frau trieb, die bewegungslos, wie in der Erwartung ihres Schicksals, dasaß.

Tagelang war es die gleiche furchtbare Stimme des Blutes, welche von ihr heischte, diese vielleicht letzte Möglichkeit zu ergreifen, das Zärtlichkeitsbedürfnis zu befriedigen, das, spät genug, nun auch sie zum wahren Weibe gemacht. Inzwischen aber war auch die Angst vor dem Unbekannten, dem sie entgegenging, gewachsen und überfel sie mit der Macht aller ihrer Einwände. Die religiöse Glut, welche als schwacher Funke immer seit ihren Kindertagen in ihr fortgeglüht, fammte plötzlich zwischen ihrem Wunsch und seinem Ziele auf. Vielleicht war sie darum nun noch mächtiger, daß sie nicht aus dem wahren, schlichten Glauben stammte, sondern ein mystischer Rausch war, verbunden mit der Furcht vor Gestalten des Aberglaubens, an die sie in ihrer Heimat glauben gelernt. Zudem aber stellte sich, ebenfalls fast ohne Überlegung und mit der Macht eines Instinktes, die Furcht vor den Folgen ein, die vorauszusehen waren, falls sie ihrem Verlangen folgte. War sie doch von jeher eine der Haupttriebfedern in ihrem Leben gewesen, die Furcht, Aufsehen zu erregen, beobachtet und besprochen zu werden. Ihre nervöse Natur, die sie schon so früh gewöhnt hatte, sich in sich selbst zurückzuziehen, um den Wirkungen ihres eigenen Temperamentes zu entfiehen, ward nun, inmitten ihrer streitenden Begierden, von der Aussicht eines vollständigen Skandales doppelt verstört. Die beängstigend genaue Vorstellung von der Ungeheuerlichkeit des Vorauszusehenden brachte in ihr eine feberhafe Hast hervor, keinen Augenblick mehr unentschieden zu bleiben. Sie glaubte wahnsinnig werden zu müssen, wenn es ihr nicht augenblicklich gelänge, einen bestimmten Entschluß zu fassen. Daß sie dazu die Macht besäße, daß es ihr, und sollte sie darüber zu Grunde gehen, gelingen müsse, ihm, dem Feinde, ihre Wunde zu verbergen und den Ausgang des Zusammentrefens mit ihm ganz nach ihrem Belieben zu lenken, daran zweifelte sie selbst in ihrer jetzigen Verfassung nicht. Sie war zu sehr jedem Manne gegenüber an das Gefühl der Überlegenheit gewöhnt worden. Vielleicht zweifelte sie gerade jetzt weniger als je daran: sie befand sich in einer Ekstase der Furcht, in der die unwahrscheinlichsten Rettungsmittel herbeigezogen werden und durch die Kraf des Glaubens, den man ihnen entgegenbringt, sich zuweilen sogar bewähren können. Die Frau des Mannes, zu dem es sie so unheilvoll hinzog, war die Tochter ihres eigenen Gatten. Dies war der Punkt, der sich inmitten ihres inneren Aufruhrs immer tiefer in ihr Bewußtsein eingebohrt hatte. Das, falls sie unterlag, so unerhörte Verhältnis schien ihr andererseits den einfachsten Ausweg darzubieten. Wenn sie, die seine Stiefmutter war, es durchsetzte, das Verhältnis zu dem jungen Manne fortan ein unbefangen mütterliches werden zu lassen, so war alles in das natürliche Geleise gebracht. Es mußte ihn entwafnen und es konnte niemand befremden. Vorerst war demnach ihre Aufgabe – der jähe, rastlose Trieb zu handeln, zu verhindern und zu ordnen, lenkte ihren Gedankengang sofort in dieser Richtung weiter –, sich hierzu jede mögliche Berechtigung zu erwerben. Sie begrif ohne weiteres, daß sie, um das beabsichtigte Ansehen und die Autorität einer Älteren zu erlangen, ihre Gegensatzstellung zu Herrn v. Grubeck aufgeben müsse. Sie mußte mit ihrem so viel älteren Gatten gleichgestellt sein, mit ihm kameradschaflich Hand in Hand gehen, um ihrerseits als Matrone gelten zu können. Daß die gequälte Frau dieses Ziel, welches eine so grausame Überwindung der natürlichsten Eitelkeit erforderte, so ganz ungestört im Auge behielt, bezeugte noch einmal, wie aufrichtig und wie unwiderstehlich ihr Trieb war, den einzigen, ihr möglich erscheinenden Ausweg aus allen Irrgängen einzuschlagen. War hierfür noch irgend ein Beweis nötig, so wurde er sicherlich auch durch die Rücksichtslosigkeit und Selbstüberwindung erbracht, mit welcher sie eine Annäherung an ihren Gatten einleitete, von dem sie in der Zeit ihres Nebeneinanderlebens durch Alles, durch Temperament, Sympathien und Anschauungen getrennt und mit dem sie durch nichts anderes als durch das rein äußerliche Band ihrer Ehe verbunden gewesen war. Auch wurde sie durch den Mißerfolg ihres Versuches, die Kluf, welche sie von ihrem Gatten trennte, zu überbrücken, kaum überrascht.

Bei der geringen Achtung, welche Dora für den Charakter ihres Mannes hegte, hatte sie bei ihm nicht einmal den Wunsch vorausgesetzt, eine Verbesserung des Verhältnisses herbeigeführt zu sehen. Tatsächlich hatte Herr v. Grubeck indes nie aufgehört, auf das drückendste all das Peinliche zu empfnden in seiner Ehe mit der für ihn unverständlichen und zudem jungen Frau, die ihm, den armen Ofzier, alles, was er jetzt Sein nannte, gebracht, und der er nichts dagegen bieten konnte. Doch war der natürlicherweise in dieser Empfndung ruhende Wunsch, das Falsche, das in sein Leben geraten und es umgewandelt, auszuscheiden, ein höchst platonischer: Herr v. Grubeck war stets einer Überlegung seiner Verwirklichung ausgewichen. Bei derartigen Lebensbedingungen eines Mannes liegt der Vergleich mit der Erscheinung nahe, daß auch die Frau, nachdem sie sich einmal verkauf hat, das Bewußtsein ihrer Unehre nie völlig zu verlieren pfegt, aber dennoch kaum je über ihre gänzliche Unfähigkeit mit sich streitet, jemals eine Rückkehr aus ihrem moralisch verarmten, aber materiell verbesserten Leben anzubahnen. So sehr der Major namentlich in der Zeit, als er den Gegensatz und die häusliche Rivalität seiner Tochter mit seiner zweiten Gattin sich immer mehr verschärfen sah, unter dem Mißverhältnis seiner neuen Häuslichkeit, in der er sich förmlich »gesunken« vorkam, gelitten, hatte er doch immer gefühlt, daß er die Annehmlichkeiten seiner jetzigen Lebenslage nie mehr werde entbehren können. Dabei war es bemerkenswert, daß der Mann, der diese moralisch bedrückte und gekrümmte Existenz führte, nicht eine gewaltsame Umformung des Charakters erfahren hatte, der ehemals den jüngeren Ofzier von so ofener, soldatisch gerader Männlichkeit erscheinen ließ. Sein Charakter hatte nur durch die veränderten Lebensumstände eine neue und mehr verräterische Beleuchtung erhalten. Viele andere sind darin glücklicher, als er es war. Es gibt Menschen, deren Schwäche nie richtig ofenbar wird, weil das Leben sie niemals auf die Probe stellt, wie es andere gibt, welche ehrlich geblieben sind, weil sie niemals Ursache und Gelegenheit zur Unehrlichkeit gehabt haben.

Herrn von Grubecks Ansprüche an das Leben, die Forderungen seiner Natur waren bis zu dem Tode seiner ersten Gattin und in seinem Ofziersleben ganz befriedigt worden. Er hatte nicht nötig gehabt, sie mit Gewalt und unter Verletzung der Interessen anderer durchzusetzen. Mindestens hatte er nie das Bewußtsein, dies zu thun, gehabt, da er seine persönliche Freiheit nicht durch die Ehe gebunden fühlte. Wenn er seine Frau täuschte wie ehemals seine Geliebten, so war dies eine nur zu natürliche, weil alltägliche Fortsetzung des Junggesellenund Kavalierlebens, über die er sich niemals ausdrücklich Rechenschaf ablegte. Zudem war seine Gattin meist kränklich, sie lebte so gut wie getrennt von ihm, ohne seinem Leben irgendwelche Anregung oder einen bestimmten Inhalt zu geben. Hätte er sich jemals nach dem Stande ihres Verhältnisses gefragt, so wäre er für seine Person zu dem Ergebnis gelangt, der Frau nichts schuldig zu sein. Aber damals lagen ihm solche Refexionen fern, und als er sie später anstellte, stand ihr Ergebnis doch nicht mehr ganz fest. Der Tod seiner Gattin hatte sein Gewissen weicher gemacht; er konnte nun zuweilen eine niederschlagend klare Vorstellung haben von all dem, was er der Verstorbenen hätte sein sollen und was er ihr nicht gewesen. Seine Lebensbegierde zwar und die Gewohnheit seines Lebens bäumte sich nur noch hefiger auf bei dem Eindringen dieser ersten, hofnungslosen Melancholie. Damals war es, daß er sich einem letzten, hefigen Anfall von Unregelmäßigkeiten und Ausschweifungen ergab, der die bis dahin noch immer kernhafe Gesundheit des nicht mehr Jugendlichen untergrub. An einem Spielabend setzte er den größten Teil des Vermögens zu, das seine Frau ihm hinterlassen. Und fast zur selben Zeit traf ihn ein anderes Unglück. Grubeck war immer ein forscher Reiter und ein guter Kamerad, aber nicht eben ein hochbefähigter Ofzier und jedenfalls kein Taktiker gewesen. Nach einem unglücklichen Manöver ereilte ihn das Schicksal der Verabschiedung. Sodann war es erstaunlich, wie schnell die veränderten Lebensbedingungen ihm die jugendliche Elastizität nahmen, von der er wenigstens noch den Anschein besessen, so lange er die Uniform trug.

Wie er aber nach dem Tode seiner Gattin entdeckt, daß mit der stillen, meist unsichtbaren Frau dennoch ein Stück seines Lebens dahingeschwunden, daß die Atmosphäre, die ihn umgab, sich verändert hatte, so bemerkte er nun andererseits, einmal aus seinem letzten, schweren Rausche erwacht, daß es ein anderes Stück seines Lebens gab, das ihm bisher so gut wie fremd geblieben: seine Tochter. Wenn er in der stillen, mehr als je vorher nachdenklichen Zeit, die nun für ihn folgte, den Umgang Annas auf sich wirken ließ, so fragte er sich mehr als einmal, wie ihm dieses sein eigenes Fleisch und Blut so grenzenlos fremd hatte bleiben können, wie es ihm jetzt erschien. Woran die Mutter die längste Zeit durch ihren leidenden Zustand verhindert worden war, das hatte er selbst stets vergessen, seine Pficht, die Entwicklung des heranwachsenden Kindes zu führen, ihre Seele und ihren Geist zu formen. Jetzt traf ihn das Ergebnis dieser Entwickelung, das er bei der ruhigen und ernsten, wenig kindlichen Siebenzehnjährigen vorfand, überraschend genug. Wenn sich bei den einsamen Mahlzeiten Vater und Tochter gegenübersaßen, versuchte er nun häufg, die gewöhlich Schweigsame aus sich herausgehen und ihr Inneres aussprechen zu machen. Es gelang ihm leicht; sie antwortete auf alle seine Fragen in ihrer ruhigen, sichern Weise, und er fühlte wohl, daß, was sie redete, nichts Zufälliges war, sondern daß alles in ihrer tiefsten Natur begründet lag, daß aus allem ihr Geist und ihre Seele blickte. Und diese hatten, auch das empfand er deutlich, Bahnen eingeschlagen, die ihm selbst fremd waren, die er nicht einmal zu überblikken vermochte. Er erkannte, daß ihm hier nichts mehr zu thun blieb. Dann war er nicht imstande, die Tochter anzusehen, er blickte schweigend auf seinen Teller nieder und hörte ihren Worten zu, die mit so schlichter Natürlichkeit und wie zu einem Freunde gesprochen wurden, und ganz leise schlich sich so auch in seine Seele, wie später in die Wellkamps, der alles besänfigende Frieden ein, den dies in seiner prunklosen Selbstsicherheit so überlegene Geschöpf um sich verbreitete. In solchen Stunden fühlte er sich besser werden.

Freilich war eine durchgreifende Umwälzung seiner Natur hierdurch so wenig wie durch irgend welche andern Einfüsse ermöglicht. Der schwächliche Egoismus, der durch sein früheres Leben, in dem er keinerlei Hindernisse zu überwinden gehabt und verborgen bleiben konnte, verwöhnt war, wirkte gleichwohl in ihm fort. Die von Anna einst ihrem Verlobten gegebene Erklärung, als habe ihr Vater seine zweite Ehe ihrer selbst wegen geschlossen, war gewiß nicht unberechtigt. Es hatte Herrn v. Grubeck aufrichtig bekümmert, eingeschränkte, fast ärmliche Verhältnisse auf ein ganzes Leben hinaus mit Wahrscheinlichkeit für seine Tochter vorauszusehen. Da die Schuld für ihre Vermögenslage ihn selbst traf, mochte er sich sogar einreden, sie auf diese Weise gut machen zu können. Es war nur die Frage, ob dieser Grund hinreichend gewesen wäre, wenn nicht auch er selbst, blieb alles wie es damals stand, unter den trüben Empfndungen des Alterns einem gegen seine Lebensgewohnheiten herb abstechenden Rest seines Daseins hätte entgegenblicken müssen.

Daß sich seine Wahl auf Fräulein Dora Linter gelenkt, war wohl vor allem der Gelegenheit zuzuschreiben, welche ihm durch die ihm selbst – er war nicht ganz ohne Selbstkritik – unerklärliche Bevorzugung seitens des vielumworbenen jungen Mädchens geboten ward. Außerdem sagte ihm das Alter der Dame zu, in dem er beinahe eine Entschuldigung für sich sah, und ihr noch über dies Alter hinausgehendes, stillvornehmes, allen jugendlichen Aufregungen abgeneigtes Wesen.

In den neuen Verhältnissen nahm dann alles seinen notwendigen Gang. Die Frau, die er nicht liebte, vermochte er ebenso wenig zu verstehen. Nachdem einmal die stetigen Rücksichten, die der halb gesellschafliche Ton der ersten Zeit ihres Zusammenlebens mit sich brachte, ein wenig beiseite geschoben waren, förderte die ofenere Verkehrsart zwischen den Gatten sofort Grundantipathien zu Tage, aus denen die einschneidendsten Konfikte zu erwachsen drohten. Dies hatte zur Folge, daß Herr v. Grubeck zu einem formellen, abgemessenen Wesen zurückkehrte. Ihr ehelicher Verkehr verringerte sich schnell und hörte ganz auf. In dem Maße aber, wie der Major sich von der Gattin zurückzog, vermehrte sich sein Schuldbewußtsein ihr gegenüber. Tatsächlich war dies die durch den veredelnden Verkehr der Tochter mit ihm vorgegangene Veränderung: sein Gewissen war verfeinert worden. Wenn zu gleicher Zeit der Egoismus seiner Lebensführung nur immer noch rücksichtsloser wurde, so zeigte dies, daß auch bei ihm eine Krankheit des Willens zum ofenen Ausbruch gelangt war. Nur außergewöhnliche Charaktere werden in unserer unfruchtbar kritischen und zu schlichten Handlungen unfähigen Zeit ganz frei von dieser seelischen Krankheit sein, welche in ihren Opfern die Empfndsamkeit gegen sich selbst, die Selbstkritik zu immer schwächlicherer Verfeinerung ausarten läßt, während zugleich die Fähigkeit, ihre Handlungen nach ihrer besseren Einsicht zu lenken und zu regeln, in ihnen immer mehr erlahmt. Bei weicheren, von vornherein zur Refexion und zum Empfindungsdilettantismus bestimmten Naturen pfegt die Krankheit des Willens zu einem vollständigen Aufgeben der Initiative zu führen; die Selbstkritik nimmt eine so virtuose Vielseitigkeit an, daß: die einfachste Entscheidung nach einer bestimmten Seite hin dem Betrofenen unmöglich wird und sein Leben sich in einer ewig schwankenden Ratlosigkeit verliert. War dies etwa Wellkamps Fall, so lag der des Majors v. Grubeck anders; denn es war der einer mit starken eigensüchtigen Trieben ausgerüsteten Natur. Die Krankheit war hier viel später zum Ausbruch gelangt, durch Unglücksfälle äußerer Art, welche jäh zur Besinnung brachten und zur Rückschau auforderten, noch mehr, wenn sie wie hier in die Zeit felen, wo die Triebe bereits hinlänglich abgeschlifen waren, um die Genußfähigkeit erlahmen zu lassen. Das beginnende Alter ist mit der sozusagen körperlichen Melancholie der Ernüchterung ganz geeignet, das Schuldbewußtsein zu wecken. Letzteres wächst unaufaltsam, mit seiner Refexion das gegenwärtige Leben nicht weniger als das vergangene angreifend und zersetzend. Aber der eigensüchtige Wille des Triebmenschen ist darum nicht gebrochen. Er wirkt mit der Refexion zugleich fort, gegen die er sich mit immer wachsender Hefigkeit empört. So entsteht der Trotz des mehr oder weniger moralisch Entgleisten dieser Art gegen das, was er selbst als sein besseres Ich empfndet.

In solcher Stimmung des selbstquälerischen Trotzes also war es, daß der gealterte und durch den inneren Unfrieden der letzten Jahre verbitterte Mann die ihm noch einmal dargereichte Hand der Gattin zurückwies. Er zog sich vor ihrer unvermittelten Annäherung mit dem Gefühl des Unbehagens zurück, das ihm die Störung seiner selbstsüchtig abgeschlossenen Bequemlichkeit verursachte, selbst wenn sie thatsächlich zum Besseren führen konnte. Ob dies überhaupt möglich gewesen wäre, ob die tiefen Gegensätze, die in der stummen Feindschaf dieser ganzen Zeit zwischen den Gatten aufgerissen waren, je auszuheilen waren, daran hatte Dora in der Lage, welche ihr jenen Entschluß abnötigte, schwerlich gedacht. Sicher war es jedoch, daß der Widerwille des Gatten, auf ihre Absichten einzugehen, ohne für sie ein Hindernis zu bilden, ihr vielmehr eine gewisse Genugthuung bereitete. Der Mann, auf den sie herabgesehen, obwohl oder weil das Zusammenleben mit ihm genau so ausgefallen, wie sie es von Anfang berechnet, gab ihr bei dieser Gelegenheit das Recht zu noch rücksichtsloserer Verachtung. Auch wurde ihre Absicht durch sein Verhalten am Ende nicht durchkreuzt. Ob er ihr entgegenkam oder nicht, in jedem Falle war es ihr ermöglicht, den vertraulicheren Ton, den sie ihm gegenüber in Abwesenheit der jungen Leute eingeleitet, auch nach deren Rückkehr anzuschlagen.

Ihr Entschluß, den sie unter der treibenden Notwendigkeit, sich vor sich selbst zu retten, gefaßt, war alsbald zur fxen Idee geworden. Auch sagte ihr der Instinkt, welcher uns zuweilen eine Wahrheit über unsere innerste Seelenbeschafenheit verrät, und welcher wohl kein anderer als der der Selbsterhaltung ist, daß diese Idee ganz so, wie sie sich ihr aufgedrängt, bestehen bleiben müsse. Jede Überlegung konnte nur Zweifel, Unsicherheit und somit die allergrößte Gefahr zur Folge haben. Sie vermied daher aufs sorgfältigste die einsamen Träumereien, die so lange ihre liebste, schmerzlich-süße Gewohnheit gewesen waren. Zur Lektüre, die ihr sonst stets den Eingang zu einem Reich geheimnisvoller Empfndungen geöfnet, in welchem sich ihre Träume verirrten, suchte sie jetzt nicht die gefährliche Muße. Dagegen nahm sie Beschäfigungen verschiedener Art, die sie lange vernachlässigt, wieder auf. Lange Zeit liegen gebliebene Korrespondenzen wurden nun plötzlich mit großer Hast erledigt. Auch begann die junge Frau in einer zufälligen Laune sich mit der seit Jahren nicht mehr geübten Musik zu beschäfigen. Sie besaß kein ausgesprochenes Talent und hatte sich auch früher niemals eine nennenswerte Übung erworben. Inzwischen waren ihre Finger für das Klavier ein wenig steif geworden, und um sie aufs neue einzuüben, war sie nun veranlaßt, sich halbe Tage und bis zu einer angenehmen Ermattung mit den einfachsten Exerzitien zu beschäfigen. Allmählich ging sie, ohne eine besondere Auswahl vorzunehmen, zu den schlichten Schubertschen Melodien über, die ihr unter ihren Noten gerade in die Hände felen. In die tiefe und ganz vergeistigte Melancholie des Meisters intim einzudringen, war sie wohl nicht imstande, doch weckte dieselbe etwas wie einen physischen Widerhall in ihr. Bei irgend einem schmerzlichen Mollakkord geschah es, daß sie zusammenschauerte, und Tränen in ihre Augen traten. Es überschlich sie dann ein ganz unbestimmtes, wesenloses, aber aufrichtig gefühltes Selbstbedauern und zugleich eine stille Ergebung in die Notwendigkeiten, unter denen sie lebte. Wenn sie sich nach solchen Stunden vom Flügel erhob, so fühlte sie sich im Innern ruhiger und ernster geworden und der Aufgabe, die sie sich gestellt, besser gewachsen.

Besonders in diesen Augenblicken liebte sie es, hauptsächlich um sich ihre still-pfichtbewußte Stimmung ausdrücklich zu bestätigen, die Geselligkeit ihres Gatten aufzusuchen. So ungelegen dem alten Herrn, den sie meist in seine Sammelmappen vertief oder mit eigener Kunstübung beschäfigt traf, die Störung kommen mochte, war er doch zu sehr Kavalier, dies merken zu lassen. Er erklärte dann der ihm gegenüber Sitzenden einen oder den andern seiner zeichnerischen Versuche und hörte mit vollendeter Aufmerksamkeit zu, wie sie von ihrer Musik sprach oder des Briefes irgend eines gemeinschaflichen Bekannten Erwähnung that, um den sich beide seit Jahr und Tag nicht gekümmert. Rein äußerlich schien es so, als sei das Verhältnis der Gatten von Grund aus umgestaltet, und als sei alles durch die Art dieses Verhältnisses etwa Vorbereitete unmöglich geworden, so ruhig-familiär war die Redeweise der Frau und so höfich besorgt diejenige des Mannes, der allerdings seinerseits derartige Unterredungen niemals herbeiführte und nach ihrer Beendigung ein Unbehagen wie nach einer unnütz verlorenen Stunde zu überwinden hatte.

Bei einer dieser Gelegenheiten hatte Dora ihm, im Anschluß an ihr Musikgespräch, nahegelegt, sie gelegentlich in die Oper zu führen. Auch dieser so außergewöhnliche Wunsch vermochte, neben ihrem auch sonst veränderten Betragen, Herrn v. Grubeck wohl zu überraschen, ohne ihn aber in Verwunderung zu setzen. Einerseits war ihm selbst, seit er die gewohnte Gesellschaf der Tochter entbehrte, das Haus verödet und sein eigenes Leben zuweilen unheimlich still erschienen; und im Zusammenhang damit kam ihm leicht der Gedanke, daß Dora, deren unerträgliches Verhältnis zu Anna ja auch ihn fortwährend bedrückt, jetzt, da sie ihn von dem Einfüsse der Rivalin frei sah, eine Annäherung an ihn suchte. Die männliche Eitelkeit, die auch in einem Verhältnis wie diesem nicht gänzlich außer Wirkung gesetzt war, machte ihm den Gedanken einleuchtend genug. Andererseits war er von jeher gewohnt gewesen, alle aufallenden Äußerungen der Frau auf ihre nervös-launische und, dessen war er zu seinem Unglück gewiß, unbefriedigte Natur zurückzuführen. Ohne ausdrücklich über den neuen Wunsch Doras nachzudenken, kam er ihm nach. Die paar klassischen, ihm aus seiner Jugend in der Erinnerung gebliebenen Opern, in die er sie führte, blieben nun zwar auf sie ohne Eindruck. Indes hatte gleich der erste Abend, den sie so außer Hause zugebracht, einen für sie selbst überraschenden Erfolg. Sie war als eine der Gesellschaf bisher fast unbekannte und ungewöhnliche Erscheinung in ihrer Loge viel beachtet worden. Sie hatte Gelegenheit, wieder die ihr ehemals so geläufge Augenund Fächersprache zu reden und, wie dies in großer Gesellschaf der Fall ist, ohne besonderes Interesse an der einzelnen Person, das große Publikum auf sich wirken zu fühlen, ebenso wie sie den Eindruck verspürte, den sie selbst auf den Saal machte. So war sie nach Jahren einmal wieder zu dem ungestörten Selbstgenuß gekommen, dessen Frauen ihres Schlages sich nicht ungestraf dauernd berauben. Sie begrif nicht, wie sie dies so lange Zeit fast vollständig hatte thun können. Mit dem ersten Ausfuge, den sie gewagt, und den sie nun häufg zu wiederholen beschloß, war viel von dem innern Fieber verschwunden, das nur in der fortwährenden Einsamkeit des Hauses eine so beängstigende Höhe hatte erreichen können.

Nun aber schien alles so gut geregelt, daß sie selbst an dem Tage, als die jungen Eheleute ihre Rückkehr für den Abend anzeigten, eine fast heitere Ruhe bewahrte. Als sie Wellkamp endlich gegenübertrat, hatte sie wirklich die Genugthuung, ganz ungezwungen die Haltung zu fnden, die sie beabsichtigt. Noch mehr hatte es sie befriedigt, die Wirkung davon auf den jungen Mann wahrzunehmen; wie er anfangs erstaunt war, um sich dann schnell und mit einer sichtlichen Beruhigung, in das veränderte Verhältnis zu fnden, und wie es durch seine fernere Unterhaltung wie ein endgiltiges Aufatmen ging. Dies alles zu fühlen, hatte ihr eine süß-melancholische, aber so sichere und zufriedene Stimmung gegeben. Warum mußte diese so schnell und so schrecklich gestört werden? Sie hatte in ihren hastigen, ganz von dem unwiderstehlichen Trieb zur Handlung bestimmten Berechnungen, welche sich ausschließlich mit dem Manne beschäfigten, die Frau überhaupt fehlen lassen. Dies war es, was jetzt das Verhängnis beschleunigte. In all den Wochen, in denen ihre fxe Idee ihr immer von neuem die Vision eines ersten Wiedersehens mit Wellkamp gezeigt, hatte sie sich Annas kaum einoder zweimal in unbedeutender Weise erinnert. So mächtig war die Voreingenommenheit, welche sie der neuen Situation entgegenbrachte, daß sie auch noch in jener halben Stunde vor dem Kamin, während sie jede unmerklichste Äußerung von Wellkamps Stimmung erhaschte, für die junge Frau, selbst wenn sie einige Worte mit ihr wechselte, ohne jede innere Aufmerksamkeit war. Um so schwerer war der Schlag, der sie wenige Augenblicke später traf, während sie ahnungslos dem jungen Manne entgegenschritt, dessen Absicht, ihr seinen Dank abzustatten, sie bemerkte. Als sie bei einer zufälligen Kopfwendung jenem beleidigenden Blick Annas begegnete, war es ihr thatsächlich, wie wenn sie einen hefigen Stoß vor die Stirn erhalten, der sie während einer Sekunde den Schritt anhalten ließ. Auch ihr Blut stockte einen Augenblick, um gleich darauf wie entfesselt seinen Kreislauf fortzusetzen. Sobald der Taumel, der sie ergrif, und in dem sie dennoch die Energie fnden mußte, ihre ruhig-lächelnde Miene zu bewahren, niedergekämpf war, machte sie die Entdeckung, daß sie die letzten Wochen hindurch alles anders gesehen als es war, nun sie die grausame Wirklichkeit wiederfand. Mit völliger Klarheit des Gefühls, welches wenigstens in solchen entscheidenden Momenten keinen der sonst so häufg verwirrenden und trügerischen Sophismen zuläßt, erkannte sie die Bedeutung des tollen Hasses, der sich mit einer nie geahnten Zügellosigkeit in ihr gegen jene Frau, gegen die Besitzerin des Mannes bäumte, dem jeder ihrer armen gequälten Gedanken galt. Die heiße Wallung war sofort der eiskalten Entschlossenheit gewichen, nunmehr mit ganzer Rücksichtslosigkeit gegen alle und gegen alles ihre Macht zu brauchen. Denn nicht die Andere, sondern sie selbst war es, welche die Macht über den Mann besaß, welche sie in der ersten Minute des ersten Zusammenseins mit ihm in jedem ihrer Worte, in jeder Bewegung ihrer Stimme, in der ganzen Berührung ihres Wesens mit dem seinen verspürt hatte. Und nun ließ sie diese geheimnisvollen Kräfe spielen, um mit einer fast wilden Freude die Wirkung zu beobachten, die ihre äußerlich so unbedeutenden Worte auf ihn hervorbrachten. Das nervöse Spiel seiner Stirn, seines Mundes und die namenlose sinnliche Anspannung, mit der sie selbst jeder Bewegung seines geliebten, für sie so durchsichtigen Gesichtes folgte, brachten ihr einen letzten Beweis, wenn ein solcher hier noch von nöten war, daß alles entschieden sei.

Während sich die beiden Menschen nun an dem weihnachtlichen Familientisch gegenübersaßen, streife inmitten der Unterhaltung, die trotz allem aufrecht erhalten werden mußte, zuweilen einer des andern Blick, um sich nur aufs neue zu vergewissern, daß die müde Traurigkeit in diesem schuldigen Blick die gleiche sei, in die ihn selbst diese traurige Leidenschaf versenkt hatte.

VI

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Waren die Vorgänge des Weihnachtsabends Wellkamp von solcher Endgiltigkeit erschienen, daß er unter der Wucht der Entscheidung dem Zusammensinken nahe gewesen war, so sollte er unmittelbar darauf noch einmal den der Seele eingeborenen moralischen Willen kennen lernen, in dem gerade schwache Charaktere zu ihrem instinktiven Fatalismus ein seltsames Gegengewicht zu besitzen pfegen. Das Gewissen weiß sie allemal zur Anerkennung seiner Ansprüche zu zwingen, ehe sie diese dennoch verletzen. Die innere Stimme wird auch noch im lautesten Toben ihrer Leidenschaf hörbar, sei es auch nur, um sich von der Logik ihrer Begierde sogleich widerlegen zu lassen. Ohne sie ihren Wünschen nachzugehen, vermögen sie ebensowenig, wie schließlich ihr zu gehorchen. Nirgends in ihrer Innenwelt gibt es einen geraden Weg, der nicht von irgend einem Sophismus durchkreuzt und umgebogen werden könnte. Ihr Denken und Empfnden bewegt sich in Winkelzügen; man sollte meinen, daß ihr Wesen der Selbstbetrug sei.

Für Wellkamp stellte sich nach dem Vorgefallenen die Gewissenspficht mit völliger Klarheit so dar, daß er sofort mit seiner jungen Frau Haus und Stadt zu verlassen hatte, um in absehbarer Zeit nicht dorthin zurückzukehren. Es war dies ganz offenbar das einzige Mittel, um die thatsächliche Vollendung dessen, was an jenem verhängnisvollen Abend innerlich entschieden war, unmöglich zu machen. Im Vergleich mit dieser Aussicht erschien alles andere als Nebensache und mußte demgemäß kurz behandelt werden. Wie er Anna gegenüber, wie er ihrem Vater seinen schnellen Entschluß begründen sollte, mußte sich fnden, wenn es der Zweck einmal so wollte.

»Ob aber der Zweck der Abreise wirklich erreicht werden würde?« fragte er sich, und er fand leicht eine seinen Wünschen dienende Antwort, wobei in diesem Falle seine vielseitige Betrachtungsweise durch eine nicht unbeträchtliche Belesenheit unterstützt ward. So kam ihm im Augenblick fast wörtlich eine Stelle eines seiner Lieblingsbücher, der Wahlverwandtschafen, ins Gedächtnis.

»Wenn Dein Entschluß«, so wiederholte er innerlich, »so fest und unveränderlich ist, so hüte Dich nur vor der Gefahr des Wiedersehens. In der Entfernung von dem geliebten Gegenstande scheinen wir, je lebhafer unsere Neigung ist, desto mehr Herr von uns selbst zu werden, indem wir die ganze Gewalt der Leidenschaf, wie sie sich nach außen erstreckte, nach innen wenden. Aber wie bald, wie geschwind sind wir aus diesem Irrtum gerissen, wenn dasjenige, was wir entbehren zu können glaubten, auf einmal wieder als unentbehrlich vor unsern Augen steht!«

Es wäre also, folgerte Wellkamp, vor allem eine unwiderrufiche Trennung nötig, die ohne starke Aufälligkeit und vielleicht Verdacht nicht zu erreichen war. Und wäre sie möglich, welches Mittel gab es sodann gegen die Leidenschaf, die nicht anders können würde als wachsen, in demselben Maße wie in der Entfernung ihr Gegenstand von seiner Phantasie gereinigt und idealer werden würde. Wie mußte die Leidenschaf, deren ganze Gewalt sich »nach innen« wenden würde, sein Verhältnis zu Anna gestalten? Es würde langsam und nie ausgesprochen, aber unvermeidlich in gänzlicher Entfremdung enden. Dies Schlimmste aber ließ sich vielleicht, ja sicher, abwenden, wenn er den Dingen ihren notwendigen Lauf ließ. Es würde dann so oder so zu einer befreienden Aussprache zwischen seiner Gattin und ihm kommen. Damit würde zugleich gewonnen sein, daß Anna einen tieferen Einblick in seine Natur erhielte, eine Bedingung, deren Fehlen ja ihm selbst ehedem als ein Hindernis für eine dauernde Befestigung ihres Verhältnisses erschienen war.

Wie leicht wir eine solche Scheinlogik erfnden in Lagen, wo unsere Leidenschaf bereits vorweg die Entscheidung gesprochen hat! Wellkamp hatte niemals das Bewußtsein, diesem seinem Gedankengange, darin er eine Aussprache mit Anna als wünschenswert bezeichnete, geradwegs entgegenzuhandeln, wenn er zu gleicher Zeit begann, seiner Gattin gegenüber weit ängstlicher als früher seine Bewegungen zu überwachen, seine Miene wie seine Worte zu überlegen, und vor allem in seinem ganzen Benehmen auch den leisesten Zusammenhang mit Frau von Grubeck gleichsam schweigend abzuleugnen. Gleichwohl war auch diese Wendung, die er ihrem Verkehr gab, nur zu natürlich. Wie regelmäßig in der Entwickelung von Verhältnissen dieser Art, wuchs in dem Maße, wie der innere Entscheidungskampf jedes einzelnen der beiden Schuldigen ermattete, die Hefigkeit desjenigen, den sie gemeinsam gegen die Gegner in der Außenwelt zu führen hatten, gegen die Gläubiger, die sie schädigen, denen sie sich selbst entziehen mußten, um sich einander darzubringen.

Die Gereiztheit, in welcher Wellkamp in diesen, wie ihm schien, unruhigsten Wochen seines Daseins lebte, wurde vor allem auch dadurch hervorgerufen, daß es für ihn galt, eine Gelegenheit zu dem Schritte abzuwarten, zu dem alles in ihm als zu einer Lebensnotwendigkeit drängte. Denn ihn zu beschleunigen, war er immer noch nicht im stande, ebensowohl von der allgemeinen Unentschlossenheit seiner Natur zurückgehalten, wie von einer tief in seinen Instinkten begründeten Mutlosigkeit gegenüber den erschwerenden familiären Verhältnissen, wie sie hier vorlagen. Da gleichwohl die Begierde, mit der geliebten Frau auf irgendwelche Weise in Berührung zu kommen, überhandnahm, geschah es nunmehr zuweilen, daß er in ihrer Abwesenheit und möglichst unbeobachtet ihr Boudoir aufsuchte, um lange, lange an dem Orte sich ganz seinen Wünschen zu überlassen, wo er sie einst verwirklicht zu sehen hofe. Aus der Luf dieses Raumes, den er hin und her durchmaß, wehte ihm gleichsam ihr Wesen entgegen, an jedem der Gegenstände ringsumher haftete etwas davon. Er konnte dann etwa das Buch öfnen, in dem sie, wie er vermutete, zuletzt gelesen, und die Seiten durchfiegen, die sie noch kürzlich in sich aufgenommen haben mußte, um so Geist von ihrem Geiste einzusaugen. Dann wieder blieb er in der Mitte des Gemaches stehen, um mit ängstlich pochendem Puls, ob niemand ihn belauschte, nach dem Sessel, in dem sie zu ruhen pfegte, den Namen der Geliebten hinüberzufüstern:

»Dora …«

Als das wilder werdende Spiel seiner Phantasie ihn wieder einmal so sich selbst vergessen ließ, sank er vor jenem Sessel nieder und preßte seinen Kopf in die Kissen, in denen er den Duf ihres Kleides, ihres Haares spürte. Dabei hatte er beängstigend deutlich ihre Antwort im Ohr, er hörte ihre geheimnisvolle Stimme »Erich!« rufen, und es klang wie ein Schicksalsruf. Als er in vollständiger Verwirrung lauschte, ob es nicht Wirklichkeit sei, vernahm er seinen Namen von einer andern Stimme ausgesprochen, und er hatte kaum noch Zeit, aufzuspringen, gehabt, als Anna bereits die Portière zurückgeschlagen hatte.

»Nun!?« rief er ihr sofort entgegen, und seine Stimme war, um seine Überraschung zu verbergen, unwillkürlich überlaut und hefig geworden. »Man bleibt nicht einen Augenblick allein. Ich habe Kopfschmerzen.«

»Dann solltest Du Dich nicht dem einnehmenden Parfüm aussetzen, das hier im Zimmer liegt. – Ich habe Dich von Papa zu fragen, ob Du uns statt seiner heute Abend in den ›Tannhäuser‹ begleiten willst. Das heißt, ich bleibe für meinen Teil auch gern zu Hause. Du weißt, ich bin nicht für Wagner.«

»Laß Dich nicht abhalten«, sagte er rauh und während der Ärger in ihm aufstieg, welcher ihn jetzt öfer bei der Berührung mit Anna erfaßte, die er innerlich bereits als Hindernis für seine Wünsche anzusehen gewöhnt war.

»Also Du sagst zu?« fragte sie, während sie den Blick, der ein stilles Erstaunen bei seiner Hefigkeit ausdrückte, auf ihn gehefet hielt.

Natürlich reizte ihn ihre Ruhe noch mehr.

»Jedenfalls. Man hockt hier ohnehin zu viel beieinander. Das macht languid auf die Dauer.«

»Du langweilst Dich, lieber Junge«, sagte sie begütigend. »Ich glaube, Du solltest Dir eine Beschäftigung wählen.«

Sie sah den Grund seiner häufger aufretenden Launen einzig in seiner Beschäfigungslosigkeit, wobei es wahrscheinlich war, daß sie im letzten Grunde Recht behielt. Ihm konnte ihre einmal fxierte Auffassung, die ihre Aufmerksamkeit ablenkte, für seine augenblicklichen Zwecke nur vorteilhaf sein. Doch ward er jetzt bloß erbittert durch dasjenige, was er als »Schulmeisterei« an ihr empfand.

Er wandte sich mit einer so deutlich beleidigenden Bewegung ab, daß sie es bemerken mußte. Anna war besonnen genug, ihn ohne weitere Entgegnung zu verlassen. Sie sah solche kleinen Szenen, die in letzter Zeit nicht selten waren, ruhig an. Es würde ihr morgen ein leichtes sein, dachte sie, alles wieder zu ordnen, wenn er nicht von selbst käme. Er ergab sich leicht genug, wenn ihm Zeit gelassen wurde; auch schien er wirklich etwas gelangweilt, und die Oper würde ihn anregen, sie kannte seine Empfänglichkeit für Musik. Indessen pfegte sie auch ihre eigene Würde in solchem Falle in ihrem Verhalten abzumessen. Nach dem Vorgefallenen mit Wellkamp in die Oper zu gehen, erschien ihr nicht thunlich. So überbrachte sie Herrn v. Grubeck ihre eigene Entschuldigung und die Zusage ihres Gatten.

Der Hauptgrund, weshalb Anna dem Besuch des »Tannhäuser« von vornherein abgeneigt gewesen, lag darin, daß er von Frau v. Grubeck angeregt und ihr zu Gefallen beschlossen war. Dora hatte die Kleinlichkeit in Bezug auf ihre eigene Person, welche die junge Frau niemals verleugnen konnte, richtig berechnet, als sie die Verantwortlichkeit des ersten Schrittes, vor welchem der Mann zurückscheute, auf sich nahm. Sie konnte, während sie ihn that, das Gefühl triumphierender Rache durchkosten bei dem Gedanken an die Frau, die für den Besitz des Mannes von ihr so beleidigend wenig fürchtete. Doch war dies Gefühl nicht die eigentliche Triebfeder ihres Entschlusses gewesen, noch war ihr dieser leicht geworden. Sie hatte all diese Zeit umsomehr gelitten, als sie die Erfüllung ihres Schicksals nunmehr völlig in der Hand des Mannes glauben mußte. Je länger sie ihn unentschlossen sah, desto feberhafer ward der Zustand, der sie zugleich zu einer erschöpfenden Aufmerksamkeit gegen ihren Gatten verdammte. Denn mit welcher Hefigkeit nach der Entbehrung ihres ganzen Lebens der Trotz gegen alles, Personen und Verhältnisse, die sie umgaben, in ihr zum Ausbruch gelangt war, blieb sie doch immer unfähig, sich ihrer Leidenschaf rücksichtslos und ohne Besinnung hinzugeben. Sie hatte sich ängstlich gehütet, die Besuche im Arbeitskabinet Herrn v. Grubecks, welche sie seit der Abwesenheit des jungen Paares zu machen begonnen, seltener werden zu lassen, und es war ihr gelungen, den freundschaflichen Ton im Verkehr mit ihrem Gatten zu erhalten und zu befestigen. Heute nun, da sie ihn stark beschäfigt gefunden und von ihm gehört, daß er den ganzen Tag reichlich zu thun haben werde, hatte sie die Gelegenheit genützt, seine Begleitung in die Oper zu erbitten. Er hatte gefürchtet, sich tagsüber allzusehr zu ermüden, und ihr angeboten, sich von Wellkamp begleiten zu lassen. Der Ablehnung Annas war sie hinreichend sicher gewesen.

Das Ganze hatte sich zufällig und wie absichtslos gemacht; doch hätte sie, falls sich nicht jene Gelegenheit geboten, an diesem Tage irgend eine andere gesucht und gefunden. Es gibt in dieser Weise einen Steigerungsgrad in jedem lange ausgehaltenen und dabei außerordentlichen seelischen Zustande, wo eine plötzliche Abspannung notwendig wird. Sie tritt häufg in einer, bei großer geistiger Ermattung besonders mächtigen Stimmung auf, die uns späterhin als Ursache vieles Geschehenen erscheinen kann. Gleichwohl ist sie meist nicht an sich bedeutend oder verhängnisvoll und hat ihre Bestimmung nur als Ruhepunkt, der zur Vorbereitung auf künfige Stürme notwendig ist. Denn das Fahrwasser, welches wir einschlagen, braucht nicht ruhiger zu sein, als das, welches wir verlassen, nur wissen wir sicher, daß es ein anderes sein muß. Dora erhielt mit jenem Augenblick die Gewißheit, daß die Zeit der Erwartung für sie zu Ende sei.

Der Ruhemoment wurde in diesem Falle geradezu durch körperliche Abspannung herbeigeführt. Frau v. Grubeck hatte die Nacht, ebenso wie manche der voraufgegangenen, fast ganz schlafos verbracht. Aus einem vor Übermüdung unruhigen Schlummer war sie nach Mitternacht unter Schluchzen aufgefahren. Es hatte sich wieder der Weinkrampf eingestellt, dem sie in letzter Zeit öfer unterlag. Die feberhafe Sehnsucht, welche in solchen Stunden bis zur Unerträglichkeit wuchs, wurde durch den bittern Trotz verschlimmert, der die gequälte Frau bei dem Gedanken erfaßte, daß dieser unmenschliche Zustand recht eigentlich die Folge und das Ergebnis ihres bisherigen Lebens sei. Darum hatte sie so lange die Widersprüche ihrer Natur gewaltsam unterdrückt, sich in Abgeschlossenheit und künstlicher Ruhe erhalten, um am Ende dennoch die unbezwinglichen Grundtriebe hervorbrechen zu sehen. Sie hatte bis zu ihrem neunundzwanzigsten Jahre jenes Dasein geführt, um nun die Arme krampfaf nach dem Leben auszustrecken, von dem sie bisher nichts anzunehmen gewagt. – Dazu war, wie eine ausdrückliche Erinnerung an ihr verfossenes Dasein, durch ihr Ankleidezimmer, das die beiden Schlafgemächer verband, das Geräusch, welches ihr Gatte im Schlafe verursachte, zu ihr herübergedrungen.

An diesem Morgen nun hatten sich die Folgen all der seelischen Anstrengungen endlich in einer halben Bewußtlosigkeit geltend gemacht. Dora saß, das kaum berührte Frühstück noch neben sich, fröstelnd am Kamin, in dem ein starkes und schnelles Tannenholzfeuer brannte. Es kam der jungen Frau darauf an, möglichst viel Wärme auf einmal zu erhalten; sie bog sich zuweilen ungeduldig gegen die Glut vor, wenn die kalten Hände, die sie im Schoße ruhen ließ, sich immer noch nicht erwärmen wollten. Dabei schoben sich die weiten Ärmel des Nerz-Jaquets, das sie über dem hellen Morgenkleide trug, zurück und ließen den Feuerschein über ihre feinen, wiewohl etwas zu knochigen Arme, sowie über das Gesicht gleiten, das mit starren Augen und festgeschlossenem Munde in die Glut sah. Dann saß sie aufs neue bewegungslos, die Füße in den schmalen Lackschuhen, an die der schwarzseidene Strumpf über dem Knöchel elegant ansetzte, gegen das Kamingitter gestützt. Ihr Haar, bereits vollständig geordnet, vermochte nicht so wie die meisten Schattierungen des Blond, im Feuerschein Funken zu sprühen. Es bewahrte seinen matten Glanz, gleich der Hautfarbe, die unter der hin und her huschenden Beleuchtung weiß hervorblickte. Das Zimmer erhielt sein Licht nur von dem fackernden Feuer, da die grelle Sonne des Wintermorgens durch doppelte Fenstervorhänge fast vollständig abgewehrt war. –

In der tiefen Dämmerung des übrigen Raumes, die sie noch mehr in ihre wohlthuende Betäubung einlullte, vermochten die Vorstellungen ihres ermüdeten Geistes kaum an etwas anderes anzuknüpfen als an die Flamme, die sie vor ihren Augen abwechselnd heller leuchten, rauchen, zusammenfallen, wieder aufackern sah. Und auch dies würde sie ohne Anregung gelassen haben, wenn es nicht Tatsache wäre, daß wir jede vor uns sich abspielende Erscheinung, zumeist unbewußt, mit bestimmten Vorstellungen und Ideen begleiten, die in dem Vorrate unserer früheren, ähnlichen Eindrücke und Erfahrungen bereit lagen und ihrer Anwendung warteten. Jene, uns häufg genug irgendwie von außen eingegebenen Ideenfragmente sind es ihrerseits erst, die die eigentlichen, uns als solche bewußten Empfndungen in uns hervorrufen. Mögen diese uns später den Vorgang als ein starkes Seelenerlebniß erscheinen lassen, wie wenig naiver und ursprünglicher Art sind sie dennoch nur zu häufg gewesen! Sie lassen den uns lieben Anspruch, unser eigenstes Leben zu leben, unberechtigt genug erscheinen.

Wie of mochte dieser Frau der Vergleich des sich aufäumenden, spielenden, kämpfenden und ersterbenden Feuers mit den analogen Vorgängen im menschlichen Leben begegnet sein, ehe ihr innerer unbewußter Sinn ihn hier auf die Leidenschafen anwenden konnte, die sie selbst durchlebte. Wie of hatte sie ihn in sich aufgenommen als Gesprächsphrase, als Scherz, vielleicht als Dichtung. In ihrer Träumerei fanden sich Bruchstücke von Versen zusammen, die ihr in ihrer New-Yorker Zeit ein junger Mann, der eine Weile in ihrem engeren Kreise gelebt, in einer Gesellschaf, auf ein Zettelchen geschrieben zugesteckt hatte. Der junge Dichter spielte darin mit einer Stimmung, die so, wie er sie ausdrückte, niemals zwischen ihnen bestanden. Da sie jedoch nicht ungeschickt wiedergegeben war, hatte Dora sich, ihrerseits mit dem Dichter spielend, gern in sie hineingeträumt. Sie hatte das Gedicht damals häufg genug gelesen, um es auch jetzt noch, ohne sich des Wort-

lauts bewußt zu werden, gleichsam mit der Seele zu überschauen.

»Du aber streutest die welken Zweige Gedankenlos lässig in den Kamin … Der warme Winter ging zur Neige, Ein kühler Frühling ließ weiter mich ziehn.

Wir saßen einander genüber am Feuer, Wie ofmals, in unsere Sessel geschmiegt; Nur daß es zuletzt war, es wärmt uns kein neuer Glutwirbel nach dem, der dort verfiegt.

Ich dachte, indes wir Beide verstummten,

Wie hofnungslos so in Asche sank,

Was die Flammen – wie of! – ins Ohr uns summten

Das Glück ein ganzes Leben lang.

Ich dachte, es wäre wieder zu bringen Nicht mehr von dem Leben, das hier entschwand, Als von dem der welken, zu frühen Syringen, Die zerknickt Deine schmale, blasse Hand.

Du aber streutest die welken Zweige

Gedankenlos lässig in den Kamin –

Und es war, wie wenn aus der Asche steige,

Was für uns Beide gestorben schien.

Wir sahen uns an und wußten, die Flammen, Die Sträuße, die ihre sinkende Nacht Noch einmal erhellten, sie hatten zusammen Uns Beiden den nämlichen Wunsch entfacht.

Sie hießen uns, unsere Abschiedswehen

Vereint zu letztem Glück zu weihn;

Es sollte das Auseinandergehen

Eine letzte Liebeserfüllung sein.«

So vage und unausgesprochen dies Alles blieb, so verdichtete sich doch die dadurch genährte, scheinbar gegenstandslose Stimmung so weit, bis am Ende eine ganz bestimmte Tendenz sich in der seelischen Verfassung der jungen Frau klargestellt hatte. Sicher würden wir erschrecken, wenn unser Bewußtsein nach Beendigung eines solchen inneren Vorganges noch die unsicheren, wenig bedeutenden Elemente festzustellen vermöchte, die häufg den Grund bilden, aus welchem unsere wichtigsten, verhängnisvollen Schlüsse hervorwachsen. Wahrscheinlich würden wir uns nur noch inniger an den Glauben klammern, daß es eine Schicksalsmacht ist, die mit zufälligen oder doch für uns nicht zu unterscheidenden Mitteln uns hier wie überall zu dem von ihr vorherbestimmten Ziele leitet.

Tatsächlich war der Entschluß, der Dora, als sie endlich aus ihren Träumereien aufgestört wurde, als Ergebnis derselben vor Augen stand, und den sie noch am selben Tage zur Ausführung brachte, ähnlich bedeutend dem, in welchen jenes Gedicht ausklang.

Da der Beginn der Oper in die tägliche Dinerstunde fel, so pfegte man an Teaterabenden frühzeitig etwas zu sich zu nehmen und die Mahlzeit nach der Vorstellung durch einen Imbiß zu vervollständigen. Indes hatte heute nur Wellkamp auf seinem Zimmer füchtig gespeist. Dora fühlte sich trotz der großen Schlafeit, die ihr noch immer die Glieder lähmte und den Kopf einnahm, nicht im stande, auch nur das Glas mit rotem Wein zu leeren, das sie auf den niedrigen Spiegeltisch ihres Toilettezimmers hatte setzen lassen. Sie hatte früher als gewöhnlich und ohne Hilfe der Jungfer begonnen, sich anzukleiden. Es war dies die einzige Beschäfigung, die sie ablenken und voll in Anspruch nehmen konnte. Dieser Raum, in dem sie sich zwischen Spiegeln und Tischen von verschiedenen Formen bewegte, welch letztere mit den zahllosen unscheinbaren und notwendigen Toilettegeräten bedeckt waren, besaß für sie etwas von der ruhigen Abgeschlossenheit und der Fähigkeit anzuregen eines Arbeitskabinetts. Sie verwandte heute auf jede Einzelheit eine so ängstliche Aufmerksamkeit, daß es sie, wenn sie es gelegentlich wahrnahm, selbst unwillig machte. Dann warf sie sich wohl auf das breite, bequeme Ruhepolster, welches eine Seite des kleinen Gemaches einnahm, um Beunruhigung zu suchen, bis hinter ihren geschlossenen Lidern von neuem die Vision des dicht Bevorstehenden, Unvermeidlichen aufauchte, auf das sie geradeswegs zuging, und das sie dennoch bis zum letzten Augenblicke nicht zu sehen wagte. Sie sprang auf und setzte ihre Toilette fort. Endlich war nur mehr eine weiße Rose als einziger Schmuck in dem mit kunstvoller Schlichtheit geordneten Haare zu befestigen. Hatte sie die Blume ungeschickt berührt? Aus der Knospe, die kaum begonnen, sich zu öfnen, hatte sich bereits eines der zarten Blätter gelöst und fatterte langsam zuerst auf die Schulter der jungen Frau, dann zu Boden. Es mußte eine von den Rosen sein, die sich unnatürlich lange nicht zu erschließen vermögen, um endlich, ohne ein äußeres Verdorren, in voller Schönheit und noch als halbe Knospe alle ihre Blätter zu verlieren. Dora wollte nach einer anderen Blume greifen, doch sie ließ es; ihre Geduld war erschöpf, und es wurde Zeit, bereit zu sein. Zwischen den hohen Spiegeln, die schräg einander gegenüberstanden, musterte sie sich noch einmal von Kopf bis Fuß. Über die fast durchsichtig lichtgraue Robe legte sich harmonisch der weiße Atlas der Sortie mit seinem leise wogenden Schwanenfederbesatz. Als Frau von Grubeck mit Hilfe des Handspiegels noch einmal aufmerksam ihr Gesicht betrachtete, das sie bisher genauer zu prüfen vermieden, erstaunte sie selbst über den fast feberhafen Glanz ihrer Augen, der dem sonst matten Ausdruck ihrer Züge widersprach. Ein schlafer Zug um die Nasenfügel schien ihr allzu scharf ausgeprägt, die bläulichen Adern unter den Augen allzu deutlich sichtbar. Sie hielt bereits den Puderquast in der Hand, legte ihn aber wieder beiseite. Wozu die Wirklichkeit jetzt noch verleugnen? Mochte er sehen, was sie um ihn gelitten. In der Stunde, bevor sie sich auf Gnade und Ungnade ergeben sollte, ward sie von der eigentlichen weiblichen Weichheit und Passivität ergrifen. Sie fühlte sich zu müde und abgehetzt, um noch zu trotzen und sich gegen irgend etwas oder irgend Jemand zu empören. Und was das Schuldgefühl betrif, so gibt es Augenblicke, wo es notwendig tödlich wirken müßte, wenn es Einfuß gewänne.

Sie betrat mit Wellkamp, der ihr, ohne sie anzusehen, die Tür öfnete, zusammen das Speisezimmer, um sich von ihrem Gatten zu verabschieden, der mit Anna bei der Mahlzeit saß. Noch an ihren langen Handschuhen nestelnd, war sie mit ihrem Begleiter mehrere Schritte vor dem breiten Speisetisch stehen geblieben. Auf Herrn v. Grubecks Anordnung, der tagsüber seine Augen angestrengt, war die Beleuchtung auf eine kleine japanische Lampe beschränkt, die ausschließlich dem Tische ihr Licht gab. Die beiden hohen Figuren, die Dame ganz hell gekleidet, der Mann in schwarzem Gesellschafsanzug, konnten, wie sie dort im Schatten neben einander standen, so daß für die Andern, im Licht Sitzenden die Konturen ihrer modernen Toiletten verschwammen, den Eindruck machen, als seien sie aus einem alten Gemälde hervorgetreten. Die dunkle Holztäfelung des Speisesaales bildete den charakteristischen Hintergrund. Der Major machte eine dahingehende Bemerkung.

»Findest Du es nicht auch?« fragte er seine Tochter.

Anna stimmte schweigend zu. Sie hatte beim Anblick der Beiden eine blitzschnelle Regung wie von Angst und Abneigung zugleich gehabt. Es zitterte noch in ihr nach, ohne daß sie ahnte, was es sei. Wie viel später und nach wie vielem das sich inzwischen ereignet, sollte ihr die Vermutung kommen, daß dies die Eifersucht gewesen. Das unwürdige Gefühl hatte ihre vornehme Natur dieses einzige Mal, wie mit einem gehässigen Biß, angefallen. Die junge Frau glaubte nicht anders, als infolge der heutigen Szene mit ihrem Gatten nachträglich von einer unedlen Regung überrascht worden zu sein. Die im Zimmer herrschende Dämmerung begann ihr unheimlich zu werden. Unwillkürlich erhob sie sich und entzündete mit einer Handbewegung den elektrischen Draht in der Krone über dem Tische.

»Wie bleich Du bist«, sagte ihr Vater, als ihr Gesicht unter dem auflitzenden Lichte erschien.

»Es ist gut«, fügte er hinzu, »daß Du Dich rechtzeitig entschlossen hast, zu Hause zu bleiben.«

»Du gehst hofentlich früh zur Ruhe«, riet Well-

kamp, der es gut fand, noch den leicht verletzten und verletzenden Ton von heute morgen beizubehalten.

»Bleib nur nicht auf, uns zu erwarten. Es könnte zu spät werden.«

Dora schauerte zusammen. Sie meinte in seinen Worten eine Absicht zu bemerken, die sie zu verdekken suchte.

»Wir werden wohl vor Schluß nach Hause kommen«, sagte sie. »Ich bin ziemlich müde.«

Selbst dieses kurze Lebewohl hatte sie nur durch eine äußerste Anstrengung ermöglicht. Einen Augenblick glaubte sie sich von ihren Kräfen verlassen, die erst während der Fahrt langsam zurückkehrten. Sie fühlte sich freier, je mehr sie sich vom Hause und von den dort Zurückgebliebenen entfernte, deren sie bedrückende Existenz sie wenigstens für diesen Abend vergessen wollte an der Seite des Mannes, auf den zur Zeit ihr ganzes Leben gestellt war. Wie durch die Wagenfenster nur ein dichter Abendnebel zu ihnen hereinblickte, so hatte ihr Gefühl um sie her etwas wie einen Dunstkreis gelegt, durch den alles Fremde nur verschleiert und wesenlos bis zu ihnen Beiden zu dringen vermochte. Auch ward die Einsamkeit, die sie umgab, nur noch empfndlicher, als sie von der dunkeln Loge auf die Menschenmenge hinunterblickte, aus der keiner sie kannte, niemand etwas von ihr wußte, noch sie beobachtete, während die Vorgänge auf der Bühne, die bereits begonnen, nur den Eindruck von etwas Traumhaftem, weit Herüberkommenden auf sie machten. Es waren nichts als wirre Begleiterscheinungen einer Musik, welche sie nach und nach in einen Rausch versetzte, der vielleicht der erste und letzte ihres Lebens war. Die Augenblicke, in denen sich ein Leben wie das dieser Frau einmal zu solcher Hohe und Rücksichtslosigkeit des Gefühls erheben darf, sind durch Bedrückungen und Tiefen, die ihnen vorausgingen und nachfolgen, durch Kämpfe und Leiden kostbar gemacht. Vielleicht, daß jemand, der ihr Entstehen und ihren Verlauf zu überblicken vermöchte, sich der Wehmut bei diesem traurigen Glück nicht enthalten könnte.

Wellkamp empfand unbestimmt etwas ähnliches, wenn sie, die seinen Hauch an ihren Nacken wehen gefühlt, sich wendete und die Bemerkung, die er ihr zuzufüstern hatte, von seinem Munde mit Augen absah, deren Größe und Glanz ihm feberhaf erschien. Sie lächelte ihm zu mit einem Ausdruck, als verstehe sie nichts, als er sagte: »Es ist fast zu viel.« Tatsächlich brachte die Musik auf ihn eine förmlich entnervende Wirkung hervor. In der Begleitung der Venusbergszene mit den aus dem Brausen des Orchesters sich losringenden, tollen Violinwirbeln, die durch einfallende Trompetenmotive immer maßloser gesteigert wurden, erreichte am Ende die Leidenschaf einen Grad, wo sie für ihn in seltsamer Weise unerträglich wurde. Er mußte sich in dem Augenblicke, wo er selbst im Begrife stand, ein neues Glück an sich zu reißen, machtlos fühlen vor der Gewalt der Empfndung und der ungeheuren Lebensenergie, die hier auf ihn eindrang. Er kam sich dem gegenüber fast alt und jedenfalls zu wenig naiv vor, um sich noch immer mit solch voller Überzeugung einer Leidenschaf hinzugeben. Es war das erste Mal, daß er eine neue Verbindung gleichsam mit der leisen Bitterkeit auf der Zunge einging, die der Vorgeschmack des Endes ist. Und wer ein Ende absieht, ist nicht mehr jung. Wie wenig das ehemals seine Art gewesen war! Er hatte in jeder neuen Liebe zugleich einen Halt, eine Gewißheit und etwas Dauerndes erblickt, stets wieder enttäuscht und aufs neue vertrauend. Jetzt erschien es ihm in tieferem Sinne kaum noch die Mühe lohnend, zu beginnen, so unmöglich er andererseits einen Rückzug gefunden hätte. Alles in ihm drängte und rief danach, die geliebte Gestalt dort vor ihm an sich zu reißen und festzuhalten – aber er fand es nutzlos und nahezu albern, als ihm einmal der Einfall kam, auch nur mit seinem Finger ihre feine, biegsame Taille zu berühren, die von der herabgeglittenen Sortie anmutig umrahmt wurde.

Es war dies genau die Wirkung, welche die Musik auf ihn übte: das höchste Glücksverlangen verband sich mit der Entmutigung, die der Anblick einer solchen unerreichbaren Erfüllung, wie des hier Dargestellten, in ihm hervorrief. Dies machte zusammen eine ungeduldige, unfruchtbar gereizte Stimmung aus. Es drückte ihn wie eine geheime Ratlosigkeit, die erst aufgehoben wurde, als nach des Tannhäusers erlösendem Schrei mit dem Szenenwechsel der Charakter der Musik von der empörtesten, dämonischen Leidenschaf sich in die keusche Lieblichkeit des Hirtenliedes verwandelte. Wie sich dieses mit dem langsam näher tönenden Pilgerchor untermischte, berührte diese Verbindung den noch soeben unter dem hefigsten Widerstreit der Gefühle Leidenden wie ein Balsam von heiliger Einfalt, dergestalt, daß er sich nur mit Mühe der Tränen zu enthalten vermochte. Die sanfe Romantik, die damit in ihm erwacht war, zog ihn nun wieder auf besondere Weise zu Dora. Wie schon früher, fühlte er jetzt von neuem, wie die mystische Empfänglichkeit als ein wechselseitig empfundenes Band zwischen ihnen Beiden bestand. Er war sicher, daß die Schauer, die ihn in diesem Augenblick berührten, auch durch ihr Blut gingen. Mit gleich instinktiver Sicherheit aber verschwiegen sie sich Beide diese Gewißheit, da sie ahnten, daß sie nur unausgesprochen den gemeinsamen Wert haben konnte, ihr Gefühl zu befruchten.

So saßen sie auch nach Beendigung des Aktes im dunkeln Hintergrund der Loge, von niemand beobachtet, schweigend bei einander. Er hatte sich, einen Arm aufs Knie gestützt, auf ihre Hand niedergebeugt, die er wieder und wieder küßte, nicht stürmisch, sondern mit leichter Selbstverständlichkeit oder mit träumerischer Ruhe. Es war dies bei dem stillen Einverständnisse, das von Anfang geheim und jetzt mit ihrem vollen Bewußtsein und rücksichtslosen Willen zwischen ihnen bestand, die einzige Erklärung, welche Zweck und Bedeutung besaß. Dora nahm sie ohne eine Antwort entgegen, den schlanken Körper steif, wie um sich Haltung zu geben, in dem gradlehnigen Sessel emporgereckt, während die Augen, gleich unsichern Sternen in dem ganz beschatteten Gesicht, mit Mühe einen Punkt des Vorhangs fxierten, und die Muskeln ihres Gesichtes sich gewaltsam zur Ruhe zwingen mußten unter dem fast unwiderstehlichen Drängen der im Leben dieser Frau so lange unbekannten großen Leidenschaf.

Der zweite Akt gab ihnen nicht den vorhergegangenen gleichwertige Anregungen, doch vermochte sich Wellkamp bei seinem gerade jetzt wieder belebten romantischen Hange mit starker Empfndung in die Schönheiten der mittelalterlichen Welt zu versenken, aus welcher der Empfang auf der Wartburg einen so reizend anmutenden Ausschnitt gab. Er genoß den Anblick jener feinen und stolzen Kultur mit ihren vornehmen und freien Rangabstufungen, wie sie sich in den verständnisvoll inszenierten Einzelheiten dieses Empfanges zeigte, in mehr oder weniger bewußtem Gegensatze zu Geist und Formen der modernen Zeit. Gehörte er doch zu der wachsenden Zahl derer, die ihr verletztes und unbefriedigtes Gefühl in der heutigen Welt ihren Platz einzunehmen, unlustig oder auch wohl untauglich macht. Dieses Gefühl leitete am Ende ebenso wohl seine künstlerische Empfndung und sein religiöses Bedürfnis, wie es andererseits seine Lebensaufassung, ja seine politische Parteinahme bestimmte. Bei desinteressierten Existenzen, deren geistige Persönlichkeit, so wenig wie dies überhaupt möglich ist, von zwangsweise geduldeten Schranken und Einfüssen durchkreuzt und behindert wird, läßt sich dieselbe thatsächlich zuweilen mit allen ihren Äußerungen auf eine solche Grundtendenz zurückführen.

Indes ward die Aufmerksamkeit des jungen Mannes abgelenkt, als er Dora sich wiederholt ermüdet zurücklehnen sah. Die Musik habe sie doch noch stärker angegrifen als sie gemeint, sagte sie. Er zog die Uhr. »Es ist kaum zehn.« Ihr Blicke trafen sich, sie schlug den ihren nieder. Jedes hatte den Gedanken des Andern verstanden, daß man nicht heimkehren dürfe, bevor man nicht sicher wäre, die Zurückgelassenen nicht mehr vorzufnden. Dann wandten sie wieder eine scheinbare Aufmerksamkeit den Vorgängen auf der Bühne zu.

Sie verweilten auch noch in der Pause, während welcher sie mit gezwungener, zuweilen leicht zitternder Stimme gleichgiltige Bemerkungen über die Vorstellung austauschten, und den größten Teil des letzten Aufzuges. Gegen elf und kurz vor der abermaligen Verwandlung zur Venusbergszene, die Beide in diesem Augenblick scheuten, brachen sie auf. Die Bewegung, mit der Wellkamp die Geliebte in den Wagen hob und sich an ihrer Seite niederließ, war die erste, durch welche er gleichsam von ihr Besitz ergrif, durch welche er sie und sich selbst fühlen ließ, daß sie voll und ohne Störung zu einander gehörten.

In der Dunkelheit des Wagens glaubte er einmal einen tiefen Atemzug zu hören, der in ein leises, leises Schluchzen ausklang. Er ergrif mit zärtlicher Bewegung ihre beiden Hände, welche ängstlich kalt waren und bei seiner Berührung erzitterten.

»Du hast Furcht?« fragte er, und keines von ihnen beachtete dieses erste Du.

»Warum?«

»Weil ich Dich lieb habe.«

Ihre Stimmung ward erst wieder heimlicher, als sie, in den Flur des Hauses eintretend, alles bereits dunkel fanden. Wellkamp geleitete die junge Frau, die dennoch, obschon nur aus körperlicher Müdigkeit, zuweilen den Schritt verzögerte, mit zärtlicher Sorgfalt die Treppe hinan. Auch droben waren, außer einer weit heruntergeschrobenen, alle Flammen ausgelöscht. Er machte Licht, sodann war er Dora behilfich, ihre Toilette zu ordnen. Sie waren zusammen vor den Pfeilerspiegel der Vorhalle getreten, in dem ihre Blicke einander suchten. Er sah ihr mit einem leise fragenden Lächeln in die Augen, in denen jener traurige Fieberglanz einer leichten zärtlichen Koketterie Platz zu machen begann. Dankbar streife er mit seinen Lippen ihre Schulter. Dann tasteten sie sich zusammen durch das ganz düstere Speisezimmer, in welchem sie aus einem Winkel von einer winzigen blauen Flamme her das Summen des Teekessels begrüßte. Als Wellkamp hier sowie nebenan in Doras Boudoir das Licht entzündet hatte, setzte er sich still auf seinen Platz am Speisetisch, um der Geliebten zuzusehen, die den Tee herrichtete. Den Kopf in die Hand gestützt, folgte er ihren Bewegungen, wie sie ging und kam. Als sie endlich mit seiner Tasse auf der silbernen Platte vor ihm stand, grif er nicht sogleich zu. Er sah zu ihr auf; ihr Gesicht hatte durch die langen Wimpern, welche über ihre zu ihm gesenkten Augen hingen, einen Ausdruck wie das einer Schlafwandelnden erhalten. Als er ihren Blick gefunden, sagte er ihr, daß sich ihr Haar, wohl beim Hutabnehmen, ein wenig gelöst habe. Er war entzückt, einen wie reizend intimen Ausdruck es so ihrer Gestalt gäbe. Sie wollte es wieder ordnen, dabei erfaßte sie die Rose, die nur noch locker darin hing, und nun vor ihn hin auf das Tischtuch fel. Sie hatte noch mehr Blätter verloren; er bog die, welche sie noch besaß, auseinander und küßte sie einzeln. Dann nahm er auf gleiche Weise Doras schlanke Finger in seine Hand, um jeden zu küssen, wie wenn er nochmals eine Rose entblätterte. Sie bat ihn, sie loszulassen; sie fürchtete, das Teegeschirr fallen zu lassen, das sie noch immer mit einer Hand hielt. Als er ihr nicht gleich willfahrte, berührte sie schnell, mit reizender, halb mädchenhafer Bewegung, mit den Lippen seine Stirn. Darauf gab er sie frei.

Sie saßen lange, während der Mahlzeit und nachher, einander gegenüber. Allmählich begann er ihr von seinem früheren Leben zu erzählen, harmlose Kleinigkeiten, denen sie mit stiller Aufmerksamkeit zuhörte. Zuweilen anknüpfend, teilte auch sie ihm Erlebnisse und Eindrücke aus ihrer Heimat und aus vergangenen Tagen mit. Keines von ihnen gedachte der jetzigen Verhältnisse; es war, als hätten sie alles vergessen, was sie trennte, und seien sich nur dessen bewußt, was sie zusammenhielt, ihrer Liebe.

Viel später sollte Wellkamp, und niemals ohne Herzklopfen, sich dieser friedlichen Augenblicke als des einzigen, wehmütigen Glückes erinnern, das ihm diese traurige Verbindung geschenkt. Er fragte sich dann wohl, ob jene Liebe nicht doch von der Art gewesen sein müsse, die ein, wenn noch so winziges Korn des Heiligen in sich trägt; nur daß dieses, unter der unfreundlichen Hand des Schicksals, nicht hatte sprießen dürfen. Er hätte es sonst als ein Rätsel empfunden, wie aus dem Untergrunde von Schuld und Leiden, auf dem jene Verbindung ruhte, ein Idyll, wie dieses, hatte erblühen können.

VII

Inhaltsverzeichnis

Am nächsten Morgen hatte Dora sich zeitiger erhoben, als es seit Jahren ihre Gewohnheit war. Sobald sie Herrn von Grunbeck in seinem Zimmer wußte, war auch sie in ihr Boudoir hinübergegangen, und ihr Frühstück, bei dem sie sonst eine lange, träumerische Stunde verweilte, war beendet, als drunten die aufschlagenden Hufe ihr den Ausritt ihres Gatten und Annas ankündigten.

Das Zimmer, das sie nun sofort aufsuchte, pfegte sie bis vor kurzem wenig genug zu betreten, obwohl es bei der Einrichtung, die sie von Anfang an ganz dem Major überlassen, recht eigentlich für sie beabsichtigt worden. Herr v. Grubeck hatte, da Dora damals in ihrer Brautzeit noch zuweilen vor ihm musizierte, eben das Musikzimmer gewählt, um einen Raum besonders ganz nach dem Wesen und der Eigentümlichkeit der Bewohnerin abzustimmen. Dora, welche wenig von seinem rein künstlerischen Geschmack besaß, hatte das hübsche Ergebnis, das ihr Gatte hierin erzielt, kaum zu würdigen gewußt. Der feine Geschmack, der für sie mit der Lust am Gefallen abund zunahm, hatte in ihren Interessen erst dann wieder eine über das Gewöhnliche hinausgehende Rolle zu spielen begonnen, als das Erscheinen Wellkamps der Gleichgiltigkeit und Müdigkeit ihres Daseins ein Ende gemacht. Mit dem Aufauchen des Zweckes hatte auch der kokette Schönheitssinn von neuem seine feinen Blüten getrieben. Die junge Frau lächelte, während sie sich langsam am Flügel niederließ, bei dem Gedanken an die vielen Morgenstunden, in denen, so füchtig sie vielleicht den Geliebten gesehen, jedesmal ein neuer kleiner Kunstgrif in ihrer Toilette ein wenig dazu beigetragen haben mochte, sie dem jetzt erreichten Ziele naher zu bringen. Sie erinnerte sich, wie ihre frühere zeitweilige Neigung, durch Umgehung einer eigentlichen Morgentoilette das spätere lästige Umkleiden zu vermeiden, seit der ersten Begegnung mit Wellkamp sogleich verschwunden war. War sie nicht erst seitdem recht des Vorzuges inne geworden, den für ihre schlanke und diskrete Schönheit ein anspruchsloses, wenngleich überlegtes Negligé bedeutete? Für heute indes, für den Augenblick, da ihr Glück sich endlich erfüllt, hatte sie die Ausführung eines ganz neuen, eigenartigen Einfalles bestimmt. Schon seit sie in letzter Zeit ihre lange vernachlässigten musikalischen Übungen wieder aufgenommen, hatte sie bemerkt, wie harmonisch alles in diesem Räume sich gleichsam um sie her legte wie die Falten eines auf ihre Gestalt zugeschnittenen Gewandes. An diesem Morgen nun trug sie das Gewand, dessen Komposition ihr auf solche Weise eingegeben war. Gleich dem Gemache war es im Empire-Styl ausgeführt, der mit seiner vornehmen Gradlinigkeit zur Umrahmung schlanker Glieder erdacht zu sein scheint. Dabei wurde eine etwaige Steifeit durch kleine, vom modernen Geschmack hinzugethane Extravaganzen sofort wieder aufgehoben, ebenso wie aus den feierlichen Formen ringsumher hier und da eine Rokoko-Spielerei hervorsprang in der Art einiger hübsch ausgeführten Fresken, musizierende Amoretten darstellend. Die Nüance des Kleides stimmte völlig mit der hell-lila Seide überein, in der alles, Wandund Möbelbezüge wie Portièren und Teppiche, gleichmäßig gehalten war. Dora war, als sie sich umwendend ihr Bild in dem Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern begrüßte, selbst erstaunt, wie unübertrefich die matte und dabei helle Farbe mit ihrem durchsichtigen und doch auch im vollen Licht immer wie beschatteten Teint harmonierte. In ihrem halb unbewußten Bedürfnis nach Dämmerung schlug sie die Fenstervorhänge übereinander, so daß sie nur oben, wo sie auseinanderfelen, etwas volles Licht hindurchließen, das, vom Spiegel refektiert, über den leichten Nackenfaum der am Flügel Sitzenden huschte. Sie hatte leise mit einer Hand zu präludieren begonnen, wobei ihre träumenden Sinne weniger den abgerissenen, wie zufälligen Tönen als den Bewegungen ihrer biegsamen Finger folgten. Während einiger Augenblicke blieb sie in die naive Bewunderung der eigenen Reize versunken, die auch wohl rafnierten Frauen nach der Erlangung eines Glückes, so groß, daß es fast unbegreifich erscheint natürlich ist.

Von dem triumphierenden Glücksgefühl, mit welchem Dora heute Morgen nach ruhig durchschlafener Nacht erwacht war, und das diese ersten Stunden – auf wie lange? – ohne Verbitterung blieb, war in dem Liede, das sie dann nach den vor ihr stehenden Noten anschlug, kaum etwas zu spüren. Dora aber sang es mit jener Melancholie des Glücks, die, vermöge der seltsamen Macht des Gegensatzes, uns das Lustgefühl doppelt durchkosten läßt. Übrigens konnte allen ihren Dispositionen nichts besser angepaßt sein als diese, von einem jungen Komponisten, den sie bevorzugte, herrührende Komposition des Geibelschen »Die stille Wasserrose«. Sie war ganz geeignet, diese weniger in die Tiefe gehende und aufwühlende, als mit sicherem Geschmack eine komplizierte Empfndlichkeit berührende Musik zu verstehen. Das Charakeristische der Melodie war eine auch in augenblicklichen Steigerungen gleichsam resignierte Weichheit und die unmerklich fesselnde Monotonie ihrer wellenförmigen Gangart. Gleich den wechselnden und sich wieder erneuernden Klangfguren, die in immer neuen Tönen stets den selben Gedanken ausdrückten, futeten die eigenen Gedanken der Spielerin, in vagen Wellen, fort ins Unendliche, um stets zu dem einen festen Punkt zurückzukehren.

Während sie nach Beendigung des Liedes, die Lippen leicht geöfnet und die Hände lässig auf die Tasten gelehnt, die wachgerufene Bewegung in sich ausklingen ließ, meinte sie, mehr vielleicht durch sympathische Ahnung als durch eigentliche Sinneswahrnehmung, die äußere Tür des Zimmers hinter den davorgelegten Portièren sich öfnen zu hören. Unter einer süßen Spannung, abzuwarten, sich belauschen und überraschen zu lassen, begann sie wiederum, und es war abermals Melancholie, aber eine sozusagen wirklichere, mehr greifare, die der Komponist in dem »Lied der Ghawâze« des Prinzen Schönaich-Carolath behandelt hatte. Statt der unsichern Traumstimmung, die im vorhergehenden Stücke geherrscht, fand sich hier das tiefe Aufschluchzen eines Menschenlebens ausgedrückt. Die Sängerin war selbst von der wunderlichen Situation mehr und mehr hingerissen, so daß die kurzen, abgerissenen Verse in ihrem Munde eine überraschende Wiedergabe erfuhren.

»… Falsch meine Liebe, Echt nur mein Leid …«

Sie war selbst erstaunt, einen so ganz von der wahren Stimmung durchtränkten Ausdruck zu fnden. Wirklich war während des Gesanges sogar ihre Stimme weicher geworden; sie schien ihre gewöhnliche Härte zugleich mit dem Zwange abgelegt zu haben, der ihr im alltäglichen Verkehr gewohnt war, und dessen sie in diesem Augenblicke und unter dem Deckmantel, den ihr die fremden Worte verliehen, nicht bedurfe.

Der Lauscher hinter dem Vorhange wurde von dem intimen Einblick, der ihm so unvermutet in die Seele der geliebten Frau eröfnet schien, seltsam und tief berührt. Er dachte nicht daran, zu unterscheiden, was in dieser Stimmung Wesentliches und Bedeutendes, was nur Augenblickliches und paradoxe Selbsttäuschung darin sein mochte. Er wurde vollends überwältigt durch ihre ausdrucksvolle und dabei so schlichte Klage

»Keiner hat lieb mich Auf dieser Welt –«

dergestalt, daß er mit ziemlich hefiger Bewegung hervortrat und den fast schmerzlichen Vorwurf nicht zurückhielt:

»Wie magst Du das aussprechen!«

Er erstickte den kleinen Schrei, den sie bei seinem plötzlichen Erscheinen ausstieß, mit seinen Lippen. Da durch den leichten Schreck die eigentümliche Spannung der letzten Augenblicke gelöst war, gab Dora sich seinen Liebkosungen mit zärtlicher Zufriedenheit hin.

»Du hast mir mutwillig eine ganze Viertelstunde unseres kostbaren Zusammenseins geraubt, Du Horcher an der Tür,« sagte sie. »Was Du gehört hast, war nur Deine gerechte Strafe.«

Sie richtete sich, wie er über sie geneigt stand, an seinen Schultern auf, um lässig an ihn gelehnt den Raum zu durchschreiten. Dabei gab sie sich kaum die sonst stets gewohnte Mühe, das leichte Nachziehen ihres linken Fußes zu verbergen. Es war, als sollte in solchen ersten, seltenen Stunden ihrer Verbindung, recht im Gegensatz zu all ihrem früheren Leben, die Intimität ihrer Liebe keine Grenzen kennen.

Die Begrüßung war zärtlich und still gewesen; erst allmählich kam wieder die ungestüme Leidenschaf des vergangenen Abends über sie. Sie wiederholten sich die Liebesworte, die sie für einander gefunden, und belebten mit halben Worten die süßen, erst so frischen Erinnerungen. Ein weiter, vor den Kamin geschobener Sessel hatte sie Beide aufgenommen. Zu dem engen Beisammensein teilten sich ihre Körper die Wärme gegenseitig mit, die sie von dem zu ihren Füßen fackernden Feuer erhielten. Zugleich schien diese Flamme sie wecken und beleben zu wollen mit ihren über sie hinhuschenden, spielenden und lokkenden Refexen, die Wellkamp mit seinem Finger liebkosend auf den Händen der Geliebten verfolgte. Dann riß er sie wieder mit sich in einem jener plötzlichen, wilden Anfälle, die sie in seiner nervösen, springenden Natur vorausgeahnt, und die sie dennoch in dieser ersten Nacht so unbeschreiblich süß erschreckt hatten. Bevor sie sich jedoch seinem Drängen ganz überließ, fand sie einen Augenblick zu einer von dem leidenschaflich Erregten kaum bemerkten, wunderlichen Bewegung. Sie hatte kurz das Haupt erhoben, den Blick nach oben gerichtet, und zwischen ihren wie inbrünstig halb geöfneten Lippen hervor drang ein kaum hörbarer Ausruf, ein »O Gott!«, das als ein Dankgebet und als ein Flehen um Verzeihung gedeutet werden konnte, und das vielleicht beides in einem war.

Als er sie endlich frei gelassen, entfuhr diesen selben Lippen ein seltsam klirrendes Lachen, wie wenn zwei Messer in schneller Wiederholung leise aufeinander stießen. Sie hatte solche überraschende Umschläge ihrer Stimmung, die vielleicht ihr Instinkt nach der seinigen zu richten wußte. Jedenfalls fand sie genau den rechten Ton und Ausdruck wie eben jetzt den, womit sie ihr Gesicht, das ein wenig Farbe bekommen, dem seinen ganz nahe brachte. So hatte sie die Genugthuung, den schlafen Zug, der augenblicklich darin lag, und die kleinen, seine Augenlider zusammenziehenden Falten, welche den Blick plötzlich so nüchtern erscheinen ließen, sogleich wieder verschwinden zu sehen. Sie lachte noch einmal, und wie zuerst ihren Schreckensausruf, so nahmen jetzt seine Lippen dieses Lachen von den ihren fort. Er liebte an Dora diese Unberechenbarkeit der Stimmungen, die ihn nie von einem Zustand, in den sie ihn versetzt, sich völlig erholen, nie ganz zur Besinnung kommen ließ. Sein Durst nach wechselnden, füchtigen und doch starken Eindrücken hatte im Verkehr mit ihr Nahrung erhalten, und es ließ ihn mit einer Art nachsichtigen Mitleids lächeln, als ihm jene Frage Annas, die sie während der ersten, vertrauten Aussprache an ihn richtete, einfel, ob er denn eine Frau lieben könnte, die er nicht verstände? War doch eben das Fremde, Unbegreifiche in dieser Frau ein Bestandteil der großen Anziehungskraf, die sie auf ihn ausübte. Unter diesem Eindruck schien ihm der Grund, weshalb die Intimität mit seiner Gattin ihn auf die Dauer nicht befriedigt hatte, vorwiegend in der übergroßen Einfachheit ihrer Natur zu liegen. Es blieb in Annas Seele zu wenig Unausgesprochenes, nicht Ofenkundiges zurück, und wenn es Verborgenes darin gab – und welche Frau hätte nicht den, vielleicht ihr selbst unbekannten Instinkt, von dem Reize des Rätselhafen auch für den vertrautesten Geliebten stets etwas zurückzuhalten! – So war es doch nicht der Art, seine Phantasie dauernd zu beschäfigen.

Jenes seltsame Mitleid, das sich hier zuerst deutlich geregt, überwog während der ersten Zeit seines neuen Glücks in Wellkamps Gefühlen für Anna. Es kam ordentlich warm über ihn, als er sie beim Frühstück so still ihres Hausfrauenamtes walten sah. Die Erinnerung, wie inbrünstig er gestern Abend jene andere Hand geküßt, die ihm den Tee gereicht, schien ihm etwas wie einen traurigen Schatten über die Gestalt der ernsten jungen Frau zu legen. Er hätte sie gern sein Glück teilen sehen: es war unbegreifich, wie der Egoismus der glücklichen Liebe für jetzt jedes Schuldgefühl von ihm ausschloß. Dora, welche der Major wegen ihres frischen Aussehens belobte – »Du solltest noch viel feißiger Musik treiben, nun Du weißt, wie gut sie Dir thut«, sagte er –, triumphierte heimlich über die ahnungslose Feindin, in deren Täuschung ihr Geliebter, wie ihr schien, sehr viel Geschicklichkeit setzte. Doch war die Unterhaltung Wellkamps, welche sie so auslegte, durchaus aufrichtig. Auch sah Anna in den Aufmerksamkeiten, die ihr Gatte ihr seit langem nicht so in alter Weise gewidmet hatte, nicht anderes als das Bestreben, den unfreundlichen Vorfall des gestrigen Tages vergessen zu machen, das sie ihrerseits von Herzen erwiderte. Ihr Gespräch ward mehr und mehr vertraulich, zuweilen selbst von einer scherzenden Vertraulichkeit.

»Magst Du mich heute Nachmittag auf einem Ausgange begleiten?« fragte Anna.

Er nahm eifrig an.

»Es kommt mir sehr gelegen, feurige Kohlen auf Dein Haupt sammeln zu können, nachdem Du uns gestern Deine Begleitung in die Oper abgeschlagen hast. Aber es ist wahr, daß für meine ernsthafe Frau die Musik von gestern Abend nicht gemacht worden ist.«

Dora, die die letzten Worte für eine leichte, frivole Anspielung nahm, blickte unter einem kleinen boshafen Vergnügen errötend vor sich nieder, während Anna ruhig fortfuhr:

»Es handelt sich nämlich um die Gründung eines Mädchengymnasiums, nach Schweizer Muster, weißt Du. Eine ehemalige Bekannte hat mich zur ersten Zusammenkunf des Komitees aufgefordert, dem ihr Mann angehört. Es ist natürlich ein Privatunternehmen. Der Staat kümmert sich ja nicht um uns«, setzte sie mit naiver Geringschätzung hinzu. Wellkamp wurde dadurch belustigt.

»Das mag interessant genug werden,« sagte er, »euch Emanzipierte einmal unter euch zu sehen.«

Zur bestimmten Zeit stellte er sich bei ihr ein und fand sie mit der Beendigung ihrer Toilette beschäftigt. Er prüfe letztere, während er im Rücken der jungen Frau, auf dem Divan sitzend, seine Handschuhe glättete. Sie fragte über den Sitz des schlichten dunkeln Rockes um seinen Rat, und indes er seine Meinung ausprach, war ihm zu Mute, wie wenn er zu einer vertrauten Schwester redete, von der ihn kein Geheimnis trennte. Er mußte, als sie zusammen das Zimmer verließen, sich besinnen, um nicht von seinem Glücke zur ihr zu reden, so groß war die moralische Verwirrung seines neuen Zustandes. Der Traum seiner Liebe vereinigte alles ringsumher für ihn zu einem harmonischen Ganzen, in welchem Freundschaf und Vertrauen an seinem Glücke freundlich teilnahmen, und worin Täuschung, Mißtrauen und Schuld sich nicht fanden. Diese seine Gefühle sollten sich nur allzu schnell ändern. Man hätte sogar meinen sollen, es sei für den Stand seines Verhältnisses zu Dora bezeichnend, wie Wellkamp sich in seinem Benehmen und seinen Gesinnungen zu seiner Gattin verhalte. Sicherlich hätte daher die schnelle und traurige Entwicklung jenes Verhältnisses ihn noch ungleich mehr niedergeschlagen, wenn er bei der Art, wie er bald darauf Anna gegenüberstand, sich der Freundlichkeit erinnert hätte, die noch vor wenig Wochen zwischen ihnen geherrscht. Er gab frühzeitig der Neigung nach, die in den Beziehungen mit seiner Geliebten aufgetauchten Schatten dadurch auszugleichen, daß er sich in ofenen Gegensatz zu ihrer Feindin stellte. In dem Maße, wie die Bande zwischen ihnen sich lockerten, suchten und fanden die beiden Schuldigen eine neue und vielleicht letzte Zusammengehörigkeit in der gemeinsamen Abneigung gegen die von ihnen betrogene Frau. Das beifällige Aufeuchten von Doras Blick machte Wellkamp Mut zu den Demütigungen und selbst Gehässigkeiten, zu denen sich seine üble Laune gegen Anna allmählich steigerte.

Einmal in eine solche Feindseligkeit eingelebt, wobei ihn seine gewohnten sophistischen Auslegungen nur zu wohl unterstützten, war es ihm ein Leichtes, sie auch auf den Vater seiner Gattin auszudehnen, der zugleich der Mann seiner Geliebten war. Die bisher in ihm niedergehaltene, wilde und paradoxe Eifersucht des Liebhabers auf den Gatten ward jetzt erregt, wie er sie auch immer vor sich selbst verleugnen mochte. Sie war da und blieb da mit der ganzen Unlogik einer Leidenschaf, und sie ward nicht dadurch erträglicher, daß er ihr bei den besonderen Umständen, die in der Ehe geherrscht, die Berechtigung bestritt. Indes war die Erklärung, die er seiner nunmehrigen Gegnerschaf mit dem Major gab, gleichfalls wohl einzusehen. Tatsächlich trat bei dem jetzigen Stande der Dinge der tiefe Gegensatz in den Naturen der beiden Männer, der ehemals durch günstigere Umstände so wenig wie möglich fühlbar gemacht war, in seiner ganzen Schärfe hervor. Was war aus der ofenen Sympathie geworden, die in der guten Zeit ihres Verkehrs zwischen den Männern geherrscht, was aus der gefälligen Rücksichtnahme, die Wellkamp diesem bescheideneren Geiste gegenüber, der für ihn gleichwohl etwas von väterlicher Autorität besaß, immer beobachtet hatte. Nun war es eben die Einfachheit der Natur Herrn v. Grubecks, die den komplizierten, weniger durchsichtigen Menschen in Wellkamp abstieß, ja beleidigte. Die Rückhaltlosigkeit und innere Freiheit des Wesens, die trotz der seelischen Krisen, die auch sie zu überstehen gehabt, diese Soldatennatur nie ganz verloren hatte, kamen ihm wie ein schweigender Vorwurf für alles das vor, was von seinem eigenen Leben verborgen und schuldig war. Sehr bald begann er sich zu fragen, ob Herr v. Grubeck in Wahrheit so ahnungslos sei, wie es den Anschein habe, und seiner wachsenden Empfndlichkeit ward es nicht schwer, in den gleichgiltigsten Gesprächen Anspielungen zu entdecken, die ihn zittern machten. In der Scham, die ihm diese Furcht verursachte, beschäfigte er sich ernstlich mit dem Gedanken an eine Explosion und eine Aussprache. Endlich gelangte er in Reizbarkeit und Trotz dahin, eine Gelegenheit hierzu zu suchen, wenn der Andere nicht den Mut besaß, sie herbeizuführen. Dennoch dauerte es eine geraume Weile, ehe der Wunsch, der unerträglichen Unsicherheit seiner Lage ein Ende zu machen, die Oberhand über den natürlichen Widerwillen gegen einen derartigen Schritt behielt. Noch dazu bedurfe es einer Gelegenheit, wo seine üble Laune rein zufällig die Sache auf die Spitze trieb, ohne daß er eigentlich beabsichtigt hätte, den entscheidenen Schlag zu führen. Der Anlaß war von jener Kleinlichkeit, bei der nur die Streitsucht in einer Familie nicht scheut, sich aufzuhalten. Es ist, als würde hier die Wichtigkeit, welche gerade die unscheinbarsten Bande und Einverständnisse für eine glückliche Vertraulichkeit besitzen, dadurch bewiesen, daß andererseits auch kleine Diferenzen unter den nahe bei einander Lebenden von größerer Wirkung sind als unter Entfernteren.

Wellkamp fand eines Tages seinen Schwiegervater damit beschäfigt, eigenhändig den Vorhang herabzunehmen, welcher die Verbindungsthür zwischen den beiden zu einem Haushalt vereinigten Wohnungen verdeckte. Die kleinen Sorgen um das Interieur seiner Kinder, welche der alte Herr von jeher zu seinen Beschäfigungen gezählt hatte, das Vertauschen einer Dekoration, das gelegentliche Umstellen einiger Möbel, hatten neuerdings ebenfalls Wellkamps Mißfallen erregt. Er trat ungeduldig hinzu. »Darf man wissen, was Sie vorhaben?« fragte er. Der Major, ganz vertief, beachtete kaum den gereizten Ton, in dem die Frage gestellt war und an den er übrigens in letzter Zeit durch den jungen Mann gewöhnt war.

»Sehen Sie sich nur den Stof an, dort auf dem Stuhle«, rief er von seiner Trittleiter herab. »Er hat den Vorzug, mit der Bekleidung der beiden Räume gleichmäßig zu harmonieren. Ich komme heute endlich dazu, ihn statt dieses häßlichen Fetzens anzubringen, der mir damals bei unsern Einkäufen auf dem Halse geblieben ist, und für den ich keine andere Verwendung hatte als diese.«

Der Andere wurde durch den ruhigen Ton der kleinen Auseinandersetzung noch mehr gereizt. »Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich erwartet hätte, Sie würden mir von Anschafungen, die meinen Haushalt so gut betrefen wie Ihren eigenen, vorher Mitteilung machen.«

»Aber meine Tochter hat mich ja gerade erst darauf aufmerksam gemacht. Ich dachte, Sie wüßten –« Betrofen durch die unerklärliche Hefigkeit war Herr v. Grubeck die Stufen der Leiter herabgeklettert und wies auf Anna, die, durch die laute Stimme ihres Gatten aufmerksam gemacht, soeben eintrat.

»Ich bin nicht benachrichtigt«, fuhr Wellkamp von neuem auf, froh, seinen Unmut auf Anna ausdehnen zu können, »und ich bedauere die Übereilung meiner Frau. Ich meinerseits würde von der Ausgabe abgeraten haben.«

Herr v. Grubeck wechselte abermals einen erstaunten Blick mit seiner Tochter, die berechtigten Grund hatte, im allgemeinen sich selbst für den sparsameren und unnötige Ausgaben unterdrückenden Teil des Wellkampschen Haushaltes zu halten.

»Die Ausgabe ist ja minimal, und –«

Wellkamp unterbrach seinen Schwiegervater mit einer hefigen Bewegung und nahm, ohne nur die Unschicklichkeit und Lächerlichkeit seines Gebahrens zu fühlen, einen neuen Anlauf. Es war ihm plötzlich die Idee gekommen, die Situation für seinen längst gehegten Vorsatz auszunutzen. Er konnte jetzt endlich erfahren, ob dieser versteckte alte Mann etwas wußte oder nicht.

»Wenn die Ausgabe«, sagte er mit absichtlich beleidigendem Tone, »durchaus gemacht werden mußte, so konnte man vielleicht, statt den Vorhang anzubringen, noch summarischer gleich das Loch vermauern. Das Spionieren, das diese bequeme Verbindung mit sich zu bringen scheint, würde dann wohl vermieden werden.«

Seine Erregung war nur noch künstlich während dieser Worte, deren Wirkung er, innerlich ganz ernüchtert, beobachtete.

Indes schienen die Worte selbst ohne besonderen Eindruck zu bleiben. Es war mehr die Art, wie sie gesprochen, die den Major irritierte.

»Ich fnde, daß Sie da einen Ton –«

Anna legte dem nun seinerseits sich erhitzenden alten Herrn von hinten sanf die Hand auf die Schulter und zog ihn bei Seite, während sie ihrem Gatten ein bittendes, wiewohl energisches Zeichen gab, den unerquicklichen Aufritt durch seine Entfernung zu beendigen.

Wellkamp fand es gut, dem Winke nachzugeben, worin er seiner, durch jene seltsame nervöse Anspannung in zugespitzten Situationen bewirkten Geistesgegenwart folgte. Mit wenigen raschen und lauten Schritten eilte er durch den ersten Raum seiner eigenen Wohnung, wie wenn er ihn durch den jenseitigen Ausgang sogleich wieder verließe, um dann plötzlich, mit höchster Vorsicht und alle Sinne angestrengt, an die nur angelehnte Tür zurückzuschleichen, hinter der er den Major leise reden hörte.

»Was mag er nur haben? Seine Stimmung wird immer unerträglicher.«

Anna suchte ihren noch ziemlich erregten Vater zu beruhigen.

»Er ist so nervös, weißt Du; man muß ihm einiges nachsehen«, sagte sie und setzte hastig, wie um den Alten nicht zu Worte kommen zu lassen, hinzu:

»Ich glaube nämlich schon seit einiger Zeit, daß er zu sehr an Aufenthaltsveränderungen gewöhnt ist, um ununterbrochen hier bleiben zu mögen. Die Aussicht, auf Jahre hinaus hier still zu liegen, macht ihn ungeduldig, und er scheut sich, besonders Deinetwegen, es einzugestehen. Du sollst einmal sehen, daß sich das ändern wird, wenn ich ihm gelegentlich eine längere Reise vorschlage; wir könnten sie vielleicht gleich mit Beginn der bessern Jahreszeit antreten. Bis dahin«, wiederholte sie in leise bittendem Tone, »müssen wir ihm schon noch einiges nachsehen.«

»Das thun wir seit langem« brummte der alte Herr, »aber sein Betragen sieht ja jetzt bald nach Verfolgungswahnsinn aus. Was meinte er von spionieren? Sprach er nicht davon?«

»Alter Narr!« dachte Wellkamp, während er die Beiden sich drüben entfernen hörte.

Das Erhorchte hatte natürlicherweise seiner Unruhe ein entschiedenes Ende gemacht. Die Gereiztheit der letzten Zeit war vorläufg an ihm gänzlich verschwunden. Statt dessen nahm er als Verkehrston mit seinem Schwiegervater eine überlegte, kühle Höfichkeit an, während er seine Gattin so viel wie möglich unbeachtet ließ, wie um ihr seine Unzufriedenheit zu bezeigen. Es ist wahr, daß ihm das teils Lächerliche, teils Empörende seines Verhaltens nicht völlig entging. Nur gelang es fürs erste noch, sich über seine innere Demütigung mit der selbstsüchtigen Kraf seiner Leidenschaf hinwegzusetzen. Wenn von einer glücklichen Folge jenes beschämenden Aufrittes geredet werden konnte, so war es die, daß wenigstens für eine geringe Frist der schmerzliche Verfall, dem Doras und Wellkamps Verhältnis entgegenging, aufgehalten ward. Während dieses Stillstandes schien äußerlich ihre erste Intimität unbeschränkt wiederhergestellt. Wodurch nur war sie zuerst angegrifen worden? Wenn schon der Keim der Aufösung, der unausrottbar allen diesen Verbindungen innewohnt, irgendwo zum Ausbruch kommen mußte, wo zeigten sich seine toten Blüten zuerst? –

Dora war vielleicht nicht mehr jung genug und jedenfalls durch die Prüfungen und Krisen ihres Lebens zu sehr in ihrer so unglücklichen Eigenart befestigt, um selbst durch die große Leidenschaf noch von Grund aus umgestaltet werden zu können. Die Bildung, die das Unglück gibt, ist so grausam unverwischlich! Was sie ehemals, während ihre widerstrebende Natur und hindernde Umstände ihr jedes Glück verweigerten, als armseligen Ersatz zu nehmen gewöhnt war, nämlich im Verkehr mit jedem Manne, der sich ihr näherte, die Herrschaf zu führen und, solange er sich in ihrem Kreise befand, sein Schicksal zu sein – das war ihr zum Bedürfnisse geworden, das sie auch jetzt nicht verleugnen konnte. Hat sich einmal solch eine »zweite Natur« im Menschen gebildet, so pfegt sie stärker zu sein als jeder ursprüngliche Instinkt.

Kaum war daher der erste, glühende Rausch der Leidenschaf, in der endlich das so lange verleugnete und kasteite Weib in ihr sein Recht erhalten, verfogen, als sie bereits die Gewalt, die sie über den geliebten Mann besaß, zu prüfen und nachzufragen begann, ob sie in Wahrheit seine ganze Existenz uneingeschränkt leite und ausfülle. Einmal ihrem alten, mächtigen Bedürfnisse verfallen, ward es ihr nicht schwer, einen Vorwand für die Qualen zu fnden, die sie von jeher nicht weniger sich selbst als dem Manne auferlegt hatte. An dem freundschaflichen Verkehr Wellkamps mit seiner Gattin, den sie anfangs für ein Mittel, die Feindin irrezuleiten, gehalten hatte, begann sie nun Anstoß zu nehmen, indem sie sich sagte, daß das bewegliche und unberechenbare Naturell Wellkamps es ihm vielleicht möglich gemacht habe, sich Anna zu gleicher Zeit wieder zu nähern, wo er endlich ihr selbst anzugehören begann. Und gehörte er denn überhaupt ihr? Während ihr Leben sich ganz auf ihn zusammengezogen und gestützt hatte, mit allen ihren letzten Hofnungen und Ansprüchen auf ein Glück, das sie so of getäuscht, schien es ihr vielmehr, daß von dem seinen nur ein Teil auf sie käme, nur dasjenige, was die verhaßte Andere ihr übrig ließ. Das Schlimmste für sie war, daß in diesen eifersüchtigen Zweifeln eine Ahnung von den wirklichen Bedürfnissen ihres Geliebten lag, die, ganz verschiedener Art, so wenig durch sie wie durch ihre Rivalin ausschließlich befriedigt werden konnten.

Die Arme überließ sich ohne Widerstand ihrem immer schwieriger werdenden Zustande. Sie zögerte anfangs, zu Wellkamp von ihren Zweifeln zu reden, dann verlor sie die Lust dazu in dem Maße, wie sie ihre Qual und den ebenfalls wieder sie selbst peinigenden Haß gegen den, der sie ihr verursachte, lieb gewann. Es gibt unglückliche Naturen, für welche die Liebe gleichsam nur die Folie für den Haß ist, den sie alsbald unter irgend einem Vorwande auf die geliebte Person werfen. Er wird dadurch bedeutender und gleichsam schmackhafer.

So wäre vielleicht, langsam und traurig, ohne ein lautes Wort und unter unüberwindlichen innern Kämpfen, wie sie es errungen, das seltsame Glück der beiden Menschen erstickt, wenn nicht Wellkamp selbst mit dem Instinkt seiner Leidenschaf das letzte Mittel ergrifen hätte, durch welches es noch ein kurze Zeit erleichtert und erhalten werden konnte. Nach jenem einerseits so verstimmenden Vorfall erlebte ihr Verhältnis eine der späten und gewaltsamen Erneuerungen und Wiederbelebungen, welche die Natur kennt, und auf die bald ein um so schnelleres, unerbittliches Verblühen und Erkalten zu folgen pfegt.

In der Tat zeigte es sich, daß während dieses scheinbaren Stillstandes der Zerstörungsprozeß, dem ihr Bund kraf seines innersten Wesens, wie der ihn erdrückenden Umstände unterworfen war, erschreckende Fortschritte gemacht hatte. Aus dem zweiten, noch kürzeren und vielleicht, unter der Angst vor dem Ende, noch hefigeren Rausche erwacht, fand sich Dora mehr als je allen den zerstörenden und selbstquälerischen Neigungen unterworfen, welche ihr Temperament zeitigte, und welche übrigens gewöhnlich durch die Tatsache selbst eines unerlaubten und erniedrigenden Verhältnisses dieser Art notwendig gemacht sind. Es war jenes Mißtrauen der gefallenen Frau, die sich kaum mehr darum kümmert, daß sie in dem gegenwärtigen Leben ihres Geliebten, ja seit dem Augenblick, wo sie auf ihn zu wirken begonnen, ohne gleichen und vielleicht unersetzlich dasteht. Was sie peinigt, ist der Zweifel, ob nicht Andere vor ihr ihm ganz das gleiche gewesen, sein Leben genau so ausgefüllt haben, wie sie es jetzt thut. Sie leidet unter dem »zu spät«, da sie dem Manne nicht früh genug begegnet, um ihm die Erste und Einzige zu sein. In dem Maße, wie dieses Ideal, »die Einzige zu sein«, welches allein das ungeheure Opfer, das sie gebracht, in ihren Augen rechtfertigen könnte, ihr zu verblassen scheint, nehmen Reue und Skrupel zu, die im natürlichen Gefolge ihrer Tat sind. Dora war zu lange eine anständige Frau gewesen, um nicht in ihrem jetzigen Zustande die volle Gewalt ihrer momentan von der Leidenschaf betäubten bürgerlichen und religiösen Instinkte empfnden zu müssen. Die besonderen Umstände, welche ihre Schuld erschweren konnten, kamen hinzu. Sie hatte nicht nur gesündigt wie eine Andere, sie hatte es im eigenen Hause gethan und in der Familie. Ihre Schmach erschien ihr so ungeheuerlich, daß sie der Verachtung ihres Mitschuldigen gewiß war, über den es sie zu herrschen verlangte. Und wie es stets in diesen traurigen Verhältnissen zu gehen pfegt, beantwortete sie seine vorausgesetzte Verachtung mit ihrem Hasse. Alles mündete für sie in diesen schlimmen Haß aus, der mehr als das, dem er gilt, das Herz verwundet, von welchem er ausgeht, weil neben ihm noch immer die nie völlig besiegte Liebe darin schlägt.

Das nächste war, daß die überhand nehmenden Bedenken und Wirrungen ihres Gefühls sie nun wirklich die Sicherheit verlieren ließen, mit der sie den Geliebten bisher zu leiten, seine Instinkte zu trefen und zu herrschen verstanden. Dieses Gefühl hatte ihr bisher verraten, was so viele Frauen verkennen, daß es in der Liebe einen geheimen Ressort giebt, aus welchem sie ihre beste Nahrung zieht, und der verschiedener Art, aber stets unantastbar, unaussprechlich ist, weil er zu zart, vielleicht zu übersinnlich, um durch eine menschliche Geste, ein menschliches Wort unvergröbert oder unvernichtet zu bleiben. Jene Frauen wissen nicht, daß es Stellen in dem Drama, das zwei Liebende zusammen auführen, gibt, an denen Schweigen die einzig gestattete Sprache ist. Dora wußte es nicht; sie hatte es nur gefühlt, und keine Spekulation vermag das einmal verlorene Gefühl zu ersetzen. Dies sollte sich gelegentlich eines äußerlich unscheinbaren Vorfalles zeigen, der beiden Beteiligten in schmerzlichster Weise die Erkenntnis der Veränderungen aufdrängte, denen ihre Verbindung während ihrer so kurzen Dauer ausgesetzt gewesen, indes sie Beide mit der Einseitigkeit der Leidenschaf den wahren und unwandelbaren Sinn ihres Daseins darin gefunden zu haben geglaubt.

Eines Morgens, als er zur gewohnten Zeit Dora in ihrem Boudoir aufsuchte, ward Wellkamp durch den Empfang überrascht, den er kaum noch so günstig zu fnden gewohnt war. Sie hatten sich während der letzten Tage mehr als je in der ohne sichtbaren Grund gereizten Stimmung befunden, die sich dadurch maßlos verschlimmert hatte, daß Jeder von ihnen bemüht war, sie dem Andern zu verheimlichen. So fand Wellkamp sich schwer in diese Herzlichkeit, welche an ihr allererstes Glück erinnerte und noch durch eine Weichheit und Hingebung verschönt ward, die er selbst damals selten genug an Dora wahrgenommen. Sie küßte ihm die Falten von der Stirne, während seine Schläfen das zärtliche Schmeicheln ihres weichen Haares empfanden. Warum konnte er dennoch ein Gefühl des Unbehagens, beinahe der ungewissen Furcht nicht unterdrücken? Er war versucht, sich ihrer Liebkosungen zu erwehren, doch wagte er es nicht, bis er sie plötzlich mit einer Stimme, die tiefer als gewöhnlich und zugleich wie bedeutend und geheimnisvoll klang, fragen hörte:

»Sag' mir, hast Du das Stückchen Holz, das kleine bunte Götzenbild, das ich Dir damals gab, Du weißt, an Deinem Hochzeitstage – gut aufgehoben?«

Er besann sich einen Augenblick unter dem, er wußte nicht warum, peinlichen Eindruck, den ihre Worte auf ihn machten.

»Ja, gewiß – wie Alles, was von Dir kommt, mein Kind,« sagte er endlich, um den ihm unerklärlichen Unwillen, den er nicht ganz verbergen konnte, vergessen zu machen.

»Das ist gut«, fuhr sie hastig fort, unter einer innern Erregung, die auf ihren blassen Wangen zwei rote Flecke hervortreten ließ.

»Es liegt mir so viel daran, weil – weil –« Sie wühlte in den Falten ihres Kleides, aus welchem sie ein grotesk bemaltes Stück Holz hervorzog, das Wellkamp ähnlich dem in seinem Besitz befndlichen erkannte. »– weil ich selbst ein ebensolches bewahre«, vollendete sie dann. »Es ist ein Talisman, der uns zusammenhält, so lange Jeder von uns sein Teil besitzt. Eine alte Negerin, drüben bei uns, hat ihn mir gegeben. Ach, Du glaubst nicht, wie kindisch abergläubisch ich bin.«

Auf diese letzten, in hefigem Flüstertone sich überstürzenden Worte folgte wieder jenes leis klirrende Lachen, das Wellkamp so gut kannte. Vielleicht erwartete sie, daß er ihr wie früher mit einem Kusse die Lippen schließen würde. Er aber vermochte plötzlich ihren Atem, welcher sein Gesicht, dem sie ihren Mund so nahe gebracht, umspielte, nicht mehr zu ertragen. Die Berührung ihrer feberheißen Hände war ihm unleidlich. Unfähig, seinen Widerwillen zu verbergen, erhob er sich. Es gab zwischen ihnen ein langes Schweigen, während dessen ihr verwirrter Blick, in dem sich wie eine kleine Schlange ein feindliches Aufeuchten zeigte, nicht von seiner Gestalt wich. Er warf kaum noch einige gleichgiltige Bemerkungen hin, die sie unbeantwortet ließ. Dann sah sie ihm, nun mit einem Ausdruck wahren, tiefen Schmerzes nach, bis der Türvorhang hinter ihm zusammenfel.

Was sie auch von dem Unglück, das für den Mann wie für sie selbst das soeben Vorgefallene bedeutete, ahnen mochte, so stellte sie sich doch kaum vor, wie tief Wellkamp in Wirklichkeit davon berührt war. Es kann nur ein ausnahmsweise starker Eindruck sein, der Naturen wie die seine, wenig naiv und gewohnt, Erlebnisse und Gefühle unmittelbar zu zergliedern, in dem Grade betäubt, daß sie für Augenblicke ohne die gewohnte Rechenschaf von sich selbst bleiben. In der Tat war Wellkamp, ohne einen Gedanken zu fassen, in sein Zimmer gegangen, wo er zufällig vor den Spiegel getreten, zum erstenmal sein mattes, von Zimmerluf, Mangel an körperlicher Bewegung, zu viel innerer Unruhe und Leidenschaf gebleichtes Gesicht aufmerksam betrachtete. Es fel ihm ein, daß er seit Wochen kaum anders als zu den nötigsten Ausgängen den Fuß vors Haus gesetzt, und sogleich erfaßte ihn ein jäher Abscheu vor der eingeschlossenen, unfreien, von ungesunden und verbrecherischen Leidenschafen durchseuchten Existenz, die er schon so lange führte. Eine dieser plötzlichen Visionen, in denen unser Schicksal sich uns grausamerweise zumeist erst dann zu ofenbaren pfegt, wenn wir bereits zu fest gekettet sind, um noch eine freie Bewegung zu haben, zeigte ihm mit aller Deutlichkeit die Einfüsse, die der enge Kreis, in welchem er sich bewegte, auf die Gestaltung seines Geschicks gewonnen, und die er bisher höchstens unklar geahnt. In diesem Augenblicke schrieb er ohne Bedenken den vier Wänden, in die er mit den drei, immer den drei selben Menschen zusammen eingeschlossen gewesen, die Verantwortung für alles Geschehene zu. Er hatte eine bestimmte Idee davon, daß das Problematische, das Unsichere und Zerstörende seiner Natur, das ehemals auf seinem füchtigen Wanderleben nur hier und da zerstreute Spuren zurückgelassen hatte, in der nunmehrigen engen und unvergänglichen Begrenzung seiner Existenz ganz andere, furchtbare Wirkungen hatte hervorbringen müssen. Der Zerstreuungen und Ablenkungen seiner früheren weiten und wechselnden Beziehungen beraubt, hatte seine Natur, ohne Ausweg aus dem geschlossenen Kreise einer Familie, gleich Sprengstof zu wirken begonnen. Nun stand er vor der Katastrophe.

Diese Vorstellung vollendete es, ihm den Aufenthalt in den verhaßten vier Wänden unerträglich zu machen. In seiner Lage schien es ihm, als ob freie Luf und Bewegung da draußen ein Heilmittel für Alles sein müßten. Vor der Türe stand er eine Zeitlang, ohne den Pelz zu schließen, um den frischen Wind besser gegen seine so lange nur mit eingeschlossener Luf gespeiste Brust wehen zu lassen. Die Straße hinab in die innere Stadt zu gehen, scheute er sich. Es sollte recht weit, recht frei um ihn her sein, damit in der Größe und Allgemeinheit der Natur sein Einzelleid und seine Einzelschuld unbemerkt untergehen konnten. So schlug er den Weg ein, der ihn von der Stadt entfernte und bald auf die Straße nach Räcknitz führte. Erst hier mäßigte er seinen Schritt. Auf der hochgelegenen Straße, von der er einen ofenen Überblick über die Stadt auf die dahinter sich entlang ziehenden Höhen gewann, fand er die Luf freier. Der Schnee, der ringsumher in der ruhig heitern Wintersonne erglänzte, war seinem so lange an Halbdunkel gewöhnten Auge Ofenbarung und Erlösung. Die Flocken, welche in der windstillen Luf langsam und weich gegen sein Gesicht felen, bereiteten ihm Liebkosungen, die er angenehmer fand als jene Schuldigen, denen er sich soeben entzogen. Und die Kälte, die seine Haut leise und erfrischend brannte, ließ eine leichte Röte in sein Gesicht steigen, die er fühlte, und die ihm eine Idee von Gesundheit gab. Wirklich besserte sich hier sein Zustand; er ward ruhiger, und statt jener halb feberhafen Vision zeigten ihm jetzt ordentlich einander folgende Überlegungen seine Lage.

Der Fatalismus, den er, wie die schwachen Naturen in ihren innern Krisen pfegen, noch soeben als Stütze gebraucht, hätte ein Schuldgefühl ausschließen müssen. Es ließ sich dennoch nur gewaltsam unterdrücken und drang umso tiefer in das unterhalb des Bewußtseins liegende, geheimnisvolle Reich ein, um von hier aus die Bewegungen seiner Seele zu leiten. Durch die Sympathie eben dieses Gefühles blickte er nunmehr klarer in Doras Zustand, der während der vergangenen Wochen für sie Beide so tief unglücklich gewesen war. Er sagte sich nun, daß sie durch ihre Erziehung, wie durch die vom Geschick erhaltene Bildung, besonders aber durch die trostlosen, gleichsam toten Verhältnisse, in denen ihr Leben endigen zu wollen schien, zu sehr auf völlige Ruhe und Gesetzmäßigkeit angewiesen war, daß sie weniger als irgend eine Andere im stande sein konnte, die Aufregungen, die Verantwortung, die Furcht, die Gefahr, die ein außergewöhnlicher Schritt mit sich brachte, zu ertragen. Aber wenn sie nun gar eine Verantwortung unter den besonderen Umständen, wie sie es in Wirklichkeit gethan, auf sich nahm: mußte sie nicht unter der Größe der Last zu Boden gedrückt und vernichtet werden? Indem Wellkamp der Schauer von Furcht, Abscheu und Scham gedachte, die ihn selbst noch soeben bei dem Gedanken an die geschändete Häuslichkeit, an die zerstörte und nur noch auf der Grundlage von Schuld und Täuschung fortlebende Familie geschüttelt, konnte er nichts anderes als das tiefste, rein sympathische Mitleid für seine unglückliche Geliebte fühlen. War sie nicht, von der Schwierigkeit ihrer Natur abgesehen, schon als Weib weniger als er den Anforderungen gewachsen, die auf diese Weise an ihre Willensstärke gestellt wurden? Trotz jener tiefen und rätselhafen Feindlichkeit, welche die Grundlage aller ihrer Beziehungen zu sein schien, welche bei der ersten Begrüßung vorhanden, in letzter Zeit mehr als je zu spüren und höchstens durch den Rausch der Leidenschaf eine Zeitlang unwirksam gemacht worden war, trotz jener Feindlichkeit kleidete sich in diesem Augenblick, wo er sich den Trümmern ihres gemeinsamen Glücks zuwandte, sein Gedanke an Dora in kein anderes Wort als das »Arme Frau! Arme Frau!«, das er bald leise, bald lauter vor sich hin sprach. Was dabei aus ihm redete, war ohne Zweifel der Instinkt der Ritterlichkeit, in einer schwachen und lenksamen Natur wie der seinen vielleicht der einzige, letzte Zug der Überlegenheit des Mannes über die Frauen, deren Einfuß er unterliegt. Wie würde Dora ihn selbst für diesen Zug gehaßt haben, sie, die nicht sein Mitleid, sondern seine Unterwerfung begehrte!

Er war, von diesem Gedanken festgehalten und ganz darin verloren, fortgeschritten, ohne darauf zu achten, daß der immer tiefer liegende Schnee ihm das Gehen mehr und mehr erschwerte. Erst der dichtere Flockenwirbel, der sein Gesicht durchnäßte und ihm allmählich die Aussicht benahm, bewog ihn, umzukehren. Mit seinem Blick ward sodann auch seine Überlegung wieder frei.

»Ja, aber für all dies Elend, diese unfreie Heimlichkeit und diese Gewissensangst sollte doch ihre Liebe reichen Ersatz bieten, sie, deretwegen sie Beide das alles auf sich genommen, und die einzig durch das, was sie gab, wettzumachen vermochte, was sie an Opfern erforderte!«

Da schrie es in ihm auf bei der so erneuten Vorstellung von dem Vorfall, der ihn heute morgen von der Geliebten fortgetrieben, und der ein so verzweifeltes Anzeichen für ihre unaufaltsame, gänzliche Entfernung war. Es war, als ob der Schmerz, der ihn durchzuckte, die letzten Schleier von seinem Bewußtsein risse, das nunmehr die so lange nur gefühlte Bedeutung des Geschehenen ausdrücklich zu erfassen begann. Heute war es zuerst, daß der Zerstörungsprozeß, der, seit er und Dora ihre schuldigen Beziehungen geknüpf, ihre ganze Existenz bedrohte, einen toten Punkt an ihrer Liebe, an ihrer so teuer erkaufen Liebe selbst gezeitigt hatte. Alles, was sie bisher bestürmt, war dem gegenüber nichts: das angstvolle, gejagte Dasein, das sie geführt, alle die Umstände, die mit ihrem feindlichen Drängen sie nur noch enger verbunden, und selbst der Haß, unter dem sie ihr beiderseitiges Schuldgefühl verborgen, war noch nichts; gibt es doch eine Liebe, von der der Haß unzertrennlich ist. Wellkamp faßte kaum den Zusammenhang zwischen diesen früheren Leidensstationen ihres Verhältnisses und der heute erreichten; er wußte nur, daß seit heute ihre Intimität, so wie sie bisher bestanden, vernichtet und unmöglich gemacht war. Und nun, da er sie zerstört wußte, stand es ihm klar vor Augen, worin sie bestanden und was es gewesen war, wodurch ihre Liebe über eine bloß sinnliche Leidenschaf hinausgehoben war.

Was ihn, unwiderstehlicher als irgend ein körperlicher Reiz oder Begehren, zu Dora gezogen, war etwas wie der Kultus einer heimlichen Schönheit gewesen, die etwas im Alltagsleben Verbotenes ist, auch wenn dieses sich in so gütiger und lieber Gestalt zeigt, wie Anna ihm trotz allem im Innern stets erschienen war. In Dora hatte er etwas wie das Innewerden seines eigenen tiefsten Wesens gesucht und zugleich über sich selbst hinauszugreifen gedacht in das übersinnliche Leben. Das übersinnliche Bedürfnis, das in seinem Gefühl eine Art Neugierde nach den tiefsten Schauern, den letzten Geheimnissen und den intimsten Grausamkeiten des Lebens war, hatte von Anfang an gleichsam die Saite gebildet, die aus ihrer Seele in die seine hinübergeleitet hatte. Er erinnerte sich nach der Reihe aller Anlässe, bei denen sie berührt worden war und sein ganzes Innere erzittern gemacht hatte; so an jenem Tage, als von dem in der Austeilung gesehenen, wunderbaren Gemälde die Rede gewesen, oder während jenes »Tannhäuser«-Abends. Immer aber waren sie den Schauern, die das Vibrieren der Saite in ihnen weckte, schweigend unterworfen gewesen. Nichts schien ihm jetzt so bedeutend als dieses Schweigen, das in allen sehr erhobenen wie in den sehr versunkenen Augenblicken ihrer Intimität zwischen ihnen geherrscht. Es war so recht eine stumme Liebe gewesen, die sie verbunden hatte! Darum war auch mit dem Schweigen zugleich der Zauber gebrochen. Bei der Erinnerung an die ungeschickte Urheberin der Zerstörung ergrif ihn nun plötzlich heller Zorn. »So war dasjenige, womit sie in Wirklichkeit seinem so unbestimmbar zarten und heimlichen Verlangen begegnet war, nichts als ein gemeiner, plumper Aberglaube gewesen, den sie bei der ersten Gelegenheit, wo sie sich von ihm für ihren sinnlichen Kitzel Vorteil versprochen, verraten hatte.«

Er fällte dies ungerechte, einseitige Urteil in gutem Glauben, mit der unbewußten, innerlichen Pose des nervösen, verweichlichten Mannes, der sich an seelischer Kompliziertheit und Empfndlichkeit gerade den Frauen überlegen fnden möchte. Ohne weiteres warf er nun der Frau, die doch, eine wie kurze Zeit auch immer, der Wunsch und das Glück seines Lebens gewesen, vor, ihn von Anfang an über sich selbst getäuscht zu haben. Sie hatte ihn mit treuloser Benutzung seiner seelischen Bedürfnisse, denen sie innerlich fern stand und in Wahrheit nichts entgegenzubringen hatte, überlistet und gefangen. Und er – dies verfehlte er nicht, dieser für ihn selbst nicht schmeichelhafen Behauptung hinzuzufügen – er hatte sie benutzt als das »banale Instrument unter seinem siegreichen Bogen«, wie ein von ihm bevorzugter Dichter es ausgedrückt.

»Und wie ein Lufhauch, der auf dem hohlen Holze einer Guitarre den Klang weckt, so hab' ich meinen Traum auf Deinem leeren Herzen singen lassen.« –

Es fehlte nicht viel, daß er kraf dieser Überlegung die ganze Sache auf die leichte Achsel nahm. Er hatte eine Enttäuschung mehr zu verzeichnen: was war da weiter zu bedenken? Seine Überhebung war begreiflich in dieser Stunde, wo sich, von seinem Stolze unterstützt, seine ganze Natur aufäumte gegen das in mehr als einer Hinsicht unglückliche Joch dieser Leidenschaf. Wahrhafig, unter dem Einfüsse der reinen Winterluf, die seinen Körper erfrischt, seine Sinne abgekühlt hatte, war es wie der Rausch einer neuen Kraf über ihn gekommen, die ihn stark genug machen sollte, alles Vergangene zu verleugnen und abzuschütteln und unmittelbar von vorn zu beginnen.

Ach! dieser mutige Rausch war sogleich verfogen, als er das Haus wieder betrat, das sein ganzes Drama enthielt, und dessen gleichmäßig laue Luf ihm schwerer auf der Brust lastete, als wenn sie eine Mitwisserin und Verräterin seiner schuldigen Geheimnisse gewesen wäre. Es war nicht der Schritt eines Siegers, mit welchem er die Stufen hinanschlich, so langsam wie an jenem Abend, der plötzlich vor seiner Erinnerung stand, als sie Beide, zum erstenmale ganz einander gehörig, sich auf der dunkeln Treppe aneinander drängten. Es ward nicht besser, als er oben die Räume durchschritt, die alle unauslöschlich durchtränkt schienen mit dem Atem seiner Leidenschaf. Wo war ein Winkel, in welchem er nicht einen verbotenen Gedanken gedacht, einen schuldigen Blick, eine geheime Liebkosung ausgetauscht. Alles ringsumher war lange, so lange zum Zeugen und zum bösen Gewissen geworden; es war zu spät, in diesem Kreise, der sich so erstickend fest um ihn geschlossen, vergessen und erneuern zu wollen.

Von Anna, welche in ihrem gemeinsamen Salon vor dem Kaminfeuer in einem der beiden Sessel saß, von denen der andere, sein eigener, ihn zu erwarten schien, drang ein Blick, so mitleidig-still und beruhigend durch den Nebel von Trostlosigkeit, der ihn umgab, hindurch, daß seine Seele, wie ein tiefes Aufschluchzen, einen Augenblick den heißen Wunsch fand:

»Wenn es sein könnte!«

Aber er ging vorüber, denn er wußte, »es konnte nicht sein«.

Auf den soeben erlebten jähen Willensaufschwung war unmittelbar die tiefste Niedergeschlagenheit und Ergebung gefolgt. Er wagte von der Zukunf nichts mehr zu hofen und suchte einen verzweifelten Trost darin, Alles gehen zu lassen, wie es mochte. Als er sich am Abend von Dora verabschiedete, that er es, ohne selbst zu wissen, warum? mit dem Blicke, in dem ihr gewohntes Einverständnis ausgesprochen war: »Auf morgen!«

Beim Fortgehen aus der Zusammenkunf am nächsten Morgen faßte er dennoch den Vorsatz, nicht dahin zurückzukehren; bis zu dem Grade hatte ihn der Zustand, in den das Verhältnis jetzt eingetreten, mit Widerstreben und Abscheu erfüllt. Er ahnte nicht, daß sich Dora zur gleichen Zeit dasselbe Versprechen gab. Aber tags darauf fanden sie sich wieder einander gegenüber.

Was war aber auch aus ihrer Liebe geworden! Die Hofnung und sogar jeder Anspruch auf ein seelisches Einverständnis, die kostbare Illusion, welche ihre Vereinigung über das niedere Gebiet der Sinne hinauszuheben vermocht, einmal ausgeschieden, blieb nichts als die rein körperliche Anziehung. Der Fall war so jäh und so tief, daß sie ihn zu Zeiten noch immer nicht begrifen. Doch bestand der Vorgang am Ende bloß in einer ziemlich gewöhnlichen Enttäuschung. Beide litten sie unter dem exaltierten Bedürfnisse, zu lieben, während es Einem wie dem Andern an der Fähigkeit dazu gebrach; ebenso wie Jeder von ihnen Fragmente von religiösem Gefühl in sich trug, ohne die stete Innigkeit des Glaubens zu besitzen. Da sie sich also nicht zu ergänzen vermochten, hatten sie sich zu zerstören begonnen.

Zuweilen unterbrachen sie sich Beide zugleich in einem der wortlos knirschenden Ausbrüche ihrer Begierde, und ihre Blicke, die sich suchten, befragten sich gegenseitig mit einer langen, übermäßig traurigen Frage, worauf die Antwort: Nichts, immer nichts. Von der schrecklichen Furcht vor dem Leeren rasend gemacht, ließen sie sich dann von neuem wie in einem Wirbel von ihrer Begierde fortreißen, die, je mehr sie sie zu befriedigen suchten, nur desto unersättlicher wurde. Es dauerte nicht lange, bis sie zu ihrer Stillung zu jenen Mitteln grifen, welche eine feischliche Liebe bis zum Äußersten erniedrigen. Wellkamp mußte in die wildeste Zeit seiner unruhigen Existenz zurückdenken, um ihresgleichen zu fnden für die Sprache der unkeuschen Gesten und der verderbten Liebkosungen, in der sich jetzt diese Leidenschaf ausdrückte, die sie Beide einst – wie lange war es doch her? – als das unverdiente Glück, als den endlichen Inhalt ihres Lebens begrüßt hatten.

Und da in diesen unwürdigen Verhältnissen, in dem Grade, wie die gegenseitige Achtung sich verliert, Alles der Brutalität und der Maßlosigkeit verfällt, so war es bald auch der Haß, der sich zu erschreckenden Ausschweifungen steigerte. Sie trachteten danach, sich gegenseitig wehe zu thun, mit Worten, wie körperlich; sie schienen von der Gier beherrscht zu sein, als solle keine Stelle an ihrem Leibe und an ihrer Seele unverletzt bleiben. Das Schlimmste war vielleicht, daß diese Überanstrengung ihrer Leidenschafen sie nahezu unfähig machte, sie in Gegenwart der Andern zurückzuhalten. Sie waren manchmal nahe daran, jede Verstellung aufzugeben, ja, sich letztere gegenseitig als Verbrechen anzurechnen. Es kam vor, daß Eines von ihnen, während es an der Familientafel ein gleichgiltiges Wort mit Anna oder Herrn v. Grubeck wechselte, einen Blick des Andern aufng, in dem mit aller Deutlichkeit einer verzweifelten Wut ausgesprochen lag:

»Du kannst heucheln? Bist Du es nicht, der mich mißhandelt und zerstört hat?«

Wellkamp kämpfe bei solcher Gelegenheit mit dem Bedürfnisse, ihr irgend eine unfätige Beleidigung ins Gesicht zu schleudern, die sie vor aller Welt bloßstellen sollte, diese »Dirne«. Er nannte sie nicht mehr anders, laut ihr ins Gesicht, wie leise bei sich selbst. Und in den Stunden der Selbstbetrachtung, welche trotz allem nicht ausblieben, mußte er sich gestehen, daß er selbst dieser »Dirnenliebe« würdig sei.

Sie waren die allergrausamsten, diese Stunden der nüchternen Besinnung, weil sie ihn zwangen, das Ergebnis, das er im Taumel des Augenblicks nur zu gern vergaß, zu ziehen aus dem, was seine Seele ausgefüllt und sein Leben ausgemacht seit langer, langer Zeit, wie es ihm vorkam: in Wirklichkeit aber seit kaum einem halben Jahre.

In der Einsamkeit seines Zimmers strich er sich in solchen Gedanken mit der Hand über die Stirn, mit einer Bewegung, als fürchtete er, verrückt zu werden.

»Wie hatte es sein können? Wie war das Alles in der Schnelligkeit über ihn gekommen?«

Er kam dann wieder auf die unheimliche, dumpfe Ahnung zurück, die ihn wirr und erschreckt die Wände ringsumher anstarren machte. Es war das Haus, der geschlossene Kreis der Familie, in dem, wie in einem Treibhause, alles unnatürlich früh reif geworden war, schneller als unter andern Umständen, und ehe er zur Besinnung zu gelangen vermochte. Das Ergebnis, das er nun hielt, war jener Kampf, der immer die äußerste Entwickelung eines Verhältnisses dieser Art bezeichnet, ein Vernichtungskampf voll Haß und Verachtung, der den beiden Unglücklichen jede Entschädigung im Genuß versagte; in dem es nicht einmal die endliche Erschöpfung zu geben schien, und noch weniger das, was jedem Kampfe Schönheit und Größe verleihen kann, einen Sieger.

Trotz der Schrecklichkeit dieser Vorstellung hielt er sie fest, klammerte er sich an sie, da sie immer noch leidlicher war als das Zurückgehen in die erste Zeit seiner Annäherung an Dora. Was war es denn im Grunde gewesen, was dem jetzigen tollen Kampfe vorausgegangen war und mit ihm zusammen die ganze Dauer dieser »Liebe« ausgefüllt hatte, so daß einige arme Stunden eines nur der Täuschung verdankten Glückes dazwischen verschwanden, erdrückt wurden. Er war in seiner wütenden Scham über die so unverhofe und vollständige Enttäuschung seines idealen Verlangens dahin gelangt, die ursprünglichen höheren und edleren Motive seiner Liebe zu Dora ganz zu leugnen. Was war's gewesen? Die zweieinhalb Monate seines Verlobtenstandes hatte er bereits so gut wie völlig im Kreise der Familie verbracht. Die ständige Gesellschaf seiner Braut hatte ihn in Flammen versetzt. Aber vor der natürlichen, keuschen Strenge des jungen Mädchens zurückweichend, hatte er sein Feuer dorthin getragen, wo er fühlte, daß es einen bessern Empfang fnden werde.

Diese brutale und grausame Erklärung hatte das Gute, ein Gefühl zum Ausbruch zu treiben, das er bislang meistens nur zu gut von allen seinen Selbstbetrachtungen ausgeschlossen. Hatte er so seine Handlungsweise noch unendlich erniedrigt und jede Entschuldigung vor sich selbst unmöglich gemacht, so war endlich der Weg für das Schuldgefühl frei.

Die jähe Regung desselben warf ihn auf die Ottomane nieder. Seine Züge zogen sich zusammen unter der furchtbaren Anstrengung, welche sein gequältes Hirn machte, diesen unerträglichen Gedanken zu bezwingen. In seiner Geistesabwesenheit hatte er ein wiederholtes Klopfen an der Tür überhört, auch den Eintritt Annas nicht bemerkt und ward ihre Gegenwart erst gewahr, als die junge Frau dicht herangetreten war. Er fühlte einen innern Stoß, als müsse er aufspringen. Da stand sie vor ihm, unerwartet und wie eine Mahnerin, die Frau, der er Alles schuldete, die er betrogen, so lange er sie kannte! Es war, als sähe er sie mit völlig veränderten Augen: wie hatte er jemals in ihrer Gegenwart ruhig bleiben können! In der letzten Zeit hatte er sie, seinen wirren Stimmungen folgend, bald als Feindin angesehen, bald sich bei dem Gedanken an ihre getäuschte Ahnungslosigkeit erweicht und war selbst zärtlich geworden, als er zum Beispiel ihrer Güte und Nachsicht während jener unleidlichen Szene gedachte, die er ihrem Vater gemacht, und der liebreichen Erklärung, die er sie damals für sein Betragen hatte geben hören. – In diesem Augenblicke nun zeigte ein plötzlicher Eindruck sie ihm als Richterin, und wie in einer Stunde des Urteils steigerte sein erwachtes Gewissen alle seine Sinne, welche wie in fortwährenden Blitzen diesen Augenblick mit allem Geschehenen in Zusammenhang brachten, Alles das, wovon seine Erinnerung voll war, auf ihn bezogen.

Anna hinderte ihn, als sie seine Bewegung bemerkte, am Aufstehen, indem sie leise ihre Hand auf seine heiße Stirn legte. Er hätte ihr zurufen mögen: »Nimm sie weg!«, eine so beängstigende Vorstellung hatte er sogleich davon, daß seine Stirn, wie sein ganzer Leib durch so viele verbrecherische Zärtlichkeiten entweiht und unwürdig gemacht sei, die keusche Liebkosung dieser Hand zu empfangen, die so kühl wie die eines jungen Mädchens war.

»Du bist noch blässer, als Du in letzter Zeit warst«, sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme. »Was fehlt Dir?«

Er zuckte zusammen. Noch blässer als sonst, noch blässer als ihn seine Schuld und die Ausschweifungen seiner Leidenschaf gemacht hatten! Er blieb wie geschlagen vor Scham und Abscheu.

»Was fehlt Dir? Sag es mir!« wiederholte sie, wie wenn sie in ein krankes Kind drängte.

Und es fand sich, daß dies der rechte Ton war. Wie sie sich tiefer über ihn neigte, empfand er eine große Abspannung, als ob sich seine Glieder lösten.

»Jetzt nichts mehr,« sagte er, »nun Du bei mir bist«.

Er verbarg das Zucken seines Gesichtes in ihrer Hand, die er mit seinen Tränen benetzte.

Seine Hingebung war in diesem Augenblick vollkommen. Es gab für ihn schon kein Hindernis mehr zwischen ihm und Anna; es gab kaum noch ein Geheimnis. Mußte sie nicht bereits Alles wissen? Wie es ihn damals ihr von seinem Glück wie zu einer Vertrauten zu sprechen drängte, so konnte ihr jetzt sein tiefstes Unglück unmöglich verborgen sein. Sie war seine natürliche Trösterin, sein Halt; vielleicht war dies das bedeutendste Band, das ihn für alle Zeit an sie fesselte.

Er küßte die Hand, die sie nicht zurückgezogen, und war im Begrife, ihr sein ganzes Herz zu öfnen. Indes hatte sie die Exaltation seiner Hingebung beschäfigt. Diese Nervenkrisis ließ ihr seinen Zustand schlimmer erscheinen, als sie ihn sich vorgestellt. Sie suchte nach einer Beruhigung und sagte mit einem plötzlichen Einfall:

»Das Leben hier ist nichts mehr für Dich. Warte, es wird besser werden, wenn wir reisen. Wann willst Du? Ich dächte, wir brächen auf, sobald es Frühling wird. Wir fnden einen schönen Fleck in der Schweiz oder in Ober-Italien, wo ich Dich pfege, mein Lieber.«

Er blickte auf, erst verwundert, dann mit jähem Begreifen. Es war, als höbe sich eine Wolke auf, die über sie Beide gefallen, und er sah nun wieder, daß zwischen ihnen etwas lag, das er einen Augenblick lang vergessen: sein schuldiges Geheimnis. Aber zugleich öfneten ihre Worte einen unverhofen Ausweg für seine, sofort mit der Besinnung zurückgekehrte, feige Unentschlossenheit.

Wenn sie reisten, so änderte sich Alles. Dies aber sollte ihn kein Eingreifen kosten, dessen er in seinem Zustande nicht fähig gewesen wäre, sondern sie selbst war es, die alle Hindernisse aus dem Wege räumte. Einmal fort aus dem erstickenden Kreise, konnten aus der Ferne die Beziehungen leicht vollständig abgebrochen werden. Selbst wenn man sich später einmal wiedersehen müßte – die Zeit und das Vergessen würden dazwischen kommen. So konnte er dieser geliebten, gütigen Frau den Schmerz seines Geständnisses ersparen.

Er sagte sich dies mit aufrichtiger Zärtlichkeit, indem er nach seiner gewöhnlichen Art die Sophismen seines Verstandes mit der Ehrlichkeit seines Gefühls für ihn selbst unentwirrbar verkettete.

Noch einen Kuß auf ihre Hand drückend, sprach er einfach: »Ich danke Dir«, während er innerlich aufatmete:

»So kann dennoch Alles gut werden.«

VIII

Inhaltsverzeichnis

Er irrte, und seine Hofnung, es werde nun alles gut werden, war in dem Sinne wie er sie hegte, nicht erfüllbar. Wie mochte er glauben, seine so sehr gelokkerten Beziehungen zu seiner Gattin ohne weiteres an dem Punkte wieder anknüpfen zu können, wo sie sich befanden, ehe sie durch das Erscheinen Doras geändert und verwirrt wurden. Dies mußte schon dadurch vereitelt werden, daß Anna, sobald sie ihre Intimität zu erneuern versuchen würden, in ihm nicht mehr den erkennen würde, der damals zuerst seine Hand in ihre bräutliche gelegt. Es war unvermeidlich, daß sie aus den mit ihm vorgegangenen Veränderungen auf geheime Erfahrungen schließen würde, die ihn ihr innerlich noch unendlich weiter entfremdet als im äußeren Verkehr. Denn wir durchleben kein Ereignis, begehen keine Handlung, ja machen kaum eine banale Bekanntschaf, ohne von ihr in irgend einer Hinsicht gebildet zu werden. Wir werden wir selbst erst durch das, was mit uns geschieht oder was wir thun, und unser Selbst befndet sich in fortwährendem Wechsel. Unsere geringste Tat wird sofort ein Stück von uns und unserm Leben, durch sich selbst und durch das, was sie hinterläßt; durch ihre Folgen und Einfüsse: wie hätte eine Reihe so bedeutender Handlungen und Erlebnisse, wie die in Wellkamps Leben durch sein Verhältnis zu Dora hervorgerufenen, jemals ihre Bestimmung verfehlen können. Man geht nicht durch das Feuer einer Leidenschaf, ohne in irgend einem Sinne von ihm ungeschmiedet zu werden.

Sei es aber auch, daß Anna durch eine, vielleicht nicht unedle, Eigentümlichkeit ihres Charakters und ihrer innern Lebensweise daran verhindert worden wäre, Ahnung und Einsicht in das ihr Verheimlichte zu erlangen, so wäre jenes Beginnen darum nicht weniger umsonst gewesen. Er selbst hätte sich gegen all sein Bemühen immer an einem Glücke gehindert, das auf einem Grunde von Täuschungen und Schuld hätte ruhen müssen. Das Vertrauen und die Liebkosungen seiner reinen Gattin hätte er niemals ohne Bangen und Widerstreben zugleich ertragen, da er sie nicht verdiente, und da sie nicht dem galten, der er war. Um sie froh genießen zu können, hätte er die beschränkte und glückliche Brutalität der Männer haben müssen, die, in zeitweiligem Überdruß, ihre Frau zu betrugen, zu ihr zurückgekehrt, schon zufrieden sind, wenn sie ihrer Ahnungslosigkeit versichert sind. Dagegen hätte seine gern sich ausdehnende und mitteilende Natur eben an ihrer Ahnungslosigkeit Anstoß genommen, und er wäre niemals über seinen Wunsch hinweggekommen, nicht so von seiner Gattin geliebt zu werden, wie sie ihn sich vorstellte, sondern so, wie er war, mit seinen Fehlern und mit seiner Vergangenheit. So wäre eine dauernde Zufriedenheit gerade durch das Feinere und darum auch Bessere in seiner Natur ausgeschlossen worden. Sind es nicht in solcher Weise häufg eben unsere Tugenden, welche die Folgen unserer Fehler erst recht grausam machen?

Wenn daher die entschiedene Abrechung über alles Geschehene, die er so gern vermieden gesehen hätte, auf alle Fälle bevorstand, so wäre sie doch sicherlich durch eine sofortige Entfernung um unbestimmte Zeit verzögert worden. Da indes teils der noch recht rauhen Witterung wegen, teils aus Rücksicht auf den Major, der sich nur schwer an den Gedanken einer Trennung von seiner Tochter gewöhnen würde, ihre Abreise von Anna auf vier Wochen hinausgeschoben worden, so blieb es wahr, daß der enge Kreis, der sich nach wie vor um ihn, seine Mitschuldige und die von ihnen Hintergangenen schloß, seine treibende, beschleunigende Wirkung auf die notwendige Entwickelung der Ereignisse ausübte. Durch die Reibungen des alltäglichen Verkehrs, durch die tausend Kleinlichkeiten des engen Zusammenlebens wurden bei seinem nervösen, noch mehr als sonst empfänglichen Zustande seine Empfndungen erhitzt und, ehe er sich dessen versah, zu Gewaltsamkeiten gereizt.

Eine von vornherein unnatürliche Ruhe war über die nächsten Tage gebreitet, nachdem Wellkamp aus jener bewegten Unterredung mit seiner Gattin hervorgegangen. Durch jene halbe, erfolglose Aussprache meinte er nun wirklich von dem so lange erlittenen Druck befreit, allem bisher für ihn Verhängnisvollen bereits entrückt und unzugänglich gemacht zu sein, und suchte sich dies auf jede Art zu beweisen. Er blieb jetzt häufg, besonders in den Abendstunden, die er in letzter Zeit, durch seine Nervosität entschuldigt, meist allein auf seinem Zimmer verbracht, mit den beiden Frauen in Unterhaltung zusammen; Herr v. Grubeck, der neuerdings wieder über rheumatische Schmerzen klagte, pfegte sich früh zurückzuziehen, nachdem er tagsüber meist einsilbig gewesen. Mit dem durch Trotz und Selbsttäuschung unterhaltenen Anspruch, seine Beziehungen zu Dora unmittelbar als nichtig zu betrachten, sie am liebsten völlig zu verleugnen, richtete er nun zuweilen das Wort an seine bisherige Geliebte mit einer Gleichgiltigkeit und Sicherheit, mit welcher etwa der Schlafwandelnde über die gefährlichsten Stellen schreitet, als befände er sich auf ebenem Wege, und durch welche die junge Frau selbst anfänglich getäuscht werden mußte. Bei der Zunahme dieser Neigung zog er bald auch die bevorstehende Reise ins Gespräch, über die er bisher mit Anna sich wenig unterhalten, und die er vor Dora instinktiv noch unerwähnt gelassen. Sie waren eines Abends im Speisezimmer, das der Major bereits verlassen, eine Weile schweigend sitzen geblieben, als Wellkamp ohne Übergang begann:

»Es ist doch sonderbar, daß wir noch gar nicht das Ziel unserer Reise überlegt haben. Man sollte glauben, wir wollten so planlos in der Welt herumfahren. Wenn wir aber einen dauernden Aufenthalt beabsichtigen, muß er mit allem Bedacht ausgewählt werden. Es gibt dabei für Zwei noch mehr zu überlegen, als für Einen.«

»Ich überlasse Dir gern die Wahl; ich werde mich überall einleben,« bemerkte Anna.

»Dann würde ich es für einen passenden Einfall halten, nach Kreuth zurückzugehen. Man sollte auf die Orte, an denen man liebe Erinnerungen hat, immer aufs neue zurückkommen. Sie geben einem gleichsam Mut und guten Zuspruch wie ein lieber Bekannter.«

Er hatte während dieser Worte, um sich besser der Versuchung, dabei nach Dora hinüberzusehen, zu erwehren, den Kopf leicht in die Hand gestützt und völlig zu Anna hinübergewendet. Diese senkte unter seinem Blick mädchenhaf errötend die Stirn. Ein unbestimmtes, ihr selbst nicht erklärliches Schamgefühl verbot ihr, die Zärtlichkeit, welche die Worte des Gatten in ihr erregten, in Gegenwart dieser Frau merken zu lassen. So blieb es einen Augenblick still, bis sich unerwartet die ganz ruhige Stimme Doras hören ließ.

»Wenn ich einen Vorschlag machen dürfe, so wüßte ich nichts besseres zu empfehlen, als den Genfer See. Ich war mit meinem Vater einmal gerade in jetziger Jahreszeit dort und vergesse nie diesen entzückenden Frühling.«

»Aber daß ich daran nicht gedacht habe!« fel Wellkamp, sich umwendend, hastig ein.

»Es gibt ja keine so ideale Frühlingslandschaf als das schöne Land von Waadt, besonders die Gegend von Montreux und dann das unvergleichliche kleine Ouchy mit seinen zackigen Quais am Fuße der Weinhügel.«

Er erging sich in einer Beschreibung der Gegend und erreichte wirklich damit, das Gespräch in Fluß zu bringen und seine augenblickliche Verlegenheit zu verdecken. Als man sich trennte, meinte er, ohne nachhaltigen Eindruck von dieser Scene geblieben zu sein. Sie hatte aber dennoch ihren Stachel in ihm zurückgelassen, den er bald genug fühlen sollte. Seine unangenehme, fast peinliche Überraschung, als er Dora auf die unvermutete Ankündigung seiner baldigen Abreise so unbewegt hatte erwidern hören, wiederholte sich bei anderen Gelegenheiten sehr verstärkt. Der instinktiven Regung gegenüber war er machtlos; er mißgönnte ihr diese innere Ruhe, wiewohl sie ihn in der seinigen, falls diese aufrichtig war, hätte bestärken müssen. Es war kein Zweifel, daß seine Eitelkeit verletzt war, die Eitelkeit des Liebhabers, der nicht dulden mag, daß die von ihm verlassene Frau sich allzu schnell über ihn tröste. Wenn er schon sich selbst auch innerlich von ihr losgesagt haben wollte, so hätte er doch gewünscht, sie gekränkter, leidender zu sehen. Noch verletzender für seine Eigenliebe war der Gedanke daran, mit wessen Hilfe sie seinen Verlust zu verschmerzen gedachte. So galt also er ihr nicht mehr als dieser alte, von ihm kaum je beachtete Mann! Denn er glaubte zu bemerken, daß sich Dora mehr als je früher mit ihrem Gatten beschäfigte. Es war, als bereitete sie sich schon darauf vor, für die Zukunf, die sie allein in seiner Gesellschaf leben sollte, eine größere Intimität zwischen ihnen herzustellen. Sie schien ihm dabei nahezu aufdringlich vorzugehen, so daß sich Herr v. Grubeck mit einer an ihm längst nicht mehr wahrgenommenen Regung von Selbständigkeit ihrer Annäherung entzog. Auch kam Wellkamp einmal über einen Wortwechsel hinzu, in dem seine Gattin gegen Frau v. Grubeck das Recht verteidigte, in ihres Vaters Zimmer aufzuräumen, den Schreibtisch von Staub zu befreien und die übrigen dort stets von ihr geübten Geschäfe zu verrichten, welche nun plötzlich von Dora in Anspruch genommen wurden. Solche Vorfälle versetzten ihn in eine gehässige, zu eigener und anderer Schädigung und Verwundung treibende Aufregung. Im Sturm war er abermals von der Eifersucht auf den Gatten erobert, die er während seines Lebens trotz aller Refexion noch niemals in dem Falle, verleugnen zu können gewesen war. Sie mußte ihm eingeboren sein, wenn er sich auch hier, bei der ihr unter den vorhandenen Umständen innewohnenden Lächerlichkeit, von ihr überwältigen ließ; zugleich aber war sie jetzt gefährlicher, zerstörerischer als gewöhnlich, da es Eifersucht ohne Liebe war, einem Feuer vergleichbar, das unter einem leeren Kessel entzündet ist. So bedurfe es nur noch eines geringen Vorfalls für seinen Zustand, um einen gewaltsamen Ausbruch herbeizuführen.

Es war an einem Abend, als man, zu früh mit der Mahlzeit fertig, um sich schon zurückzuziehen, noch in Doras Boudoir hinübergegangen war. Indes wollte keine rechte Unterhaltung zustande kommen, hauptsächlich durch Schuld des Majors, der bereits bei Tische in gereiztem, merklich störendem Schweigen verharrt hatte. Wellkamp begann den alten Mann, der mit seinen greisenhafen Leiden seine Umgebung nervös machte, vollends unleidlich zu fnden. Endlich jedoch, als zufällig mit ein paar Worten von Musik die Rede gewesen war, machte Herr v. Grubeck, vielleicht nur, um seine üble Stimmung nicht zu aufällig werden zu lassen, ein Vorschlag.

»Du könntest uns etwas Musik machen,« sagte er zu Dora gewendet.

Wellkamps immer auf der Lauer befndliche Leidenschaf erhielt neue Nahrung, als er die junge Frau ohne weiteres annehmen sah. Sie hatte bisher in den seltensten Fällen, selbst wenn er zur Zeit ihres glücklichsten Verhältnisses darum gebeten, eingewilligt, in Gesellschaf zu spielen. Sie hatte ihm gesagt, sie könne nur in Gegenwart eines einzigen, nur in der Gegenwart dessen spielen, dem sie etwas zu sagen habe. Sie fühle dann, wie er ihr im Herzen erwidere, und so sei die Musik für sie ein Liebesaustausch wie ein anderer.

Es traf sich, daß Dora an diesem Abend, der Bequemlichkeit halber, wie sie sagte, jenes hell-violette Gewand angelegt, das mit dem Ton des Musikzimmers harmonierte und das sie an jenem ersten Morgen ihrer Intimität getragen. Schon dies erschien dem Eifersüchtigen als Entweihung, ja Beleidigung, und er überlegte, während er als der Letzte hinüberging, ob es würdiger wäre, der Schamlosen, wie er sie nannte, dadurch seine Nichtachtung zu bezeigen, daß er sich sogleich verabschiedete. Aber er brachte es, mit der schrecklichen Neugierde des Leidens, nicht über sich, seine Pein abzukürzen, und blieb. Er saß in sich versunken an Annas Seite, ohne zu fühlen, wie die junge Frau ihn berührte, um ihn näher an sich zu ziehen, als fürchtete sie von der Musik und zumal von derjenigen, welche Dora wählte, einen schlimmen Einfuß auf seine Erregbarkeit. Und so hörte er Dora nun dieselben Lieder singen, die sie ehemals für ihn gehabt, »mit denen sie ihn besser bethört«, sagte er sich mit Bitterkeit. Nach jedem Stücke sah er sie dankbar ihrem Gatten zulächeln, der ihr, da die beiden Andern schwiegen, als der, welcher aufgefordert, wohl einige Artigkeiten sagen mußte: jetzt war das alles für ihn berechnet, dachte Wellkamp. Das letzte war jenes »Lied der Ghawâze,« in dessen Vortrag er diesmal, vielleicht nur von seiner eigenen Stimmung hinzugefügt, noch mehr Ausdruck zu fnden meinte, als damals. Aufblickend gewahrte er wieder wie damals über ihr mattblondes Haar die Lichtrefexe spielen, die er so of mit seinen Lippen verfolgt hatte, und auf ihren Wangen sah er dieselbe leichte, wie angehauchte Röte liegen wie einst, als sie ihm, nur ihm allein ihre Liebe sang.

»Komödiantin!«

Er fuhr erschreckt zusammen, in Zweifel, ob das Wort etwa gehört sei. Aber es war ihm nur wie ein Seufzer entfahren. Er war sehr blaß geworden und es schwindelte ihm, so daß er sich ohne Weigerung von Anna, die seinen Arm fest in dem ihren hielt, hinausgeleiten ließ. Es war nur Dora da, um zu bemerken, wie Herr v. Grubeck den Beiden mit einem Ausdruck nachsah, in welchem Bitterkeit und Mitleid mit einer tiefen, peinigenden Ratlosigkeit gemischt erschienen.

Die Nacht brachte Wellkamp unter dem inneren Aufruhr zu, den diese für sein Gefühl abscheuliche, frevelhafe Scene hervorgerufen. Durch lange Stunden fand er immer nur den einen, verzweifelt wiederholten Ausruf, den er in den Kissen erstickte: »Es ist unerträglich! Es ist unerträglich!« Was? und warum? hätte er entweder nicht zu sagen gewußt oder er mochte es sich nicht gestehen. Und eben wegen ihrer Unvernünfigkeit war er gegen die Forderungen seines Instinkts um so ohnmächtiger. Was ihm einst als großes und unvergängliches Glück erschienen und was in jedem Falle eine starke Leidenschaf gewesen, nun mit so dumpfer Ruhe ersticken, von Heuchelei und Gleichgiltigkeit langsam, langsam zugedeckt werden zu sehen, war ihm in Wahrheit das Unerträglichste. Und in langen Stunden befestigte sich seine Sehnsucht nach einem hefigen Ausbruch aller Feindseligkeit und Eifersucht, nach einer großer Abrechnung.

Als er am Morgen, noch immer mit starr gegen die Decke gerichteten Augen auf dem Rücken liegend, die Tür leise öfnen hörte, wandte er sich unwillkürlich und schnell ab, um sich schlafend zu stellen. Kaum wußte er Anna wieder aus dem Gemache entfernt, als er sich im Bette emporwarf, angestrengt horchend, ob seine Gattin mit ihrem Vater das Haus verlasse. Nun hörte er ihre Schritte, die sich abwärts entfernten, und war auch schon aufgesprungen, sich eilig in seine Kleider zu werfen. Zwei Minuten später stand er in ihrem kleinen Gemache seiner bisherigen Geliebten gegenüber.

Dora war selbst kaum eingetreten, sie war im Begrife, fröstelnd sich vor dem Kamin zurechtzurükken. Als sie ihn in einer Verfassung, welche die Kämpfe der vergangenen Nacht bezeugte, bleich, der Blick starr, Haar und Kleider in Unordnung, auf sich zu stürzen sah, hatte sie jenen in hochmütigem Triumph abweisenden Blick der Frau, die ihre innere Erregung bei der Rückkehr eines treulosen Geliebten verbergen will. Von einem spöttischen Lächeln halb verdeckt, war dennoch eine kleine leidenschafliche Bewegung ihrer Lippen bemerkbar, als hielte sie den Ausruf zurück: »Du liebst mich noch!«

Nein, er liebte sie nicht mehr, er dachte in diesem Augenblick an nichts weniger als daran, daß er sie jemals geliebt. Ihr Empfang hatte, indem er ihm noch einmal ihre heuchlerische Ableugnung aller ihrer gemeinsamen Beziehungen zu bekunden schien, seine Wut erhöht. Er empfand nichts mehr, als das Bedürfnis, sie, bevor er sie verließe, zu erniedrigen, wie noch nie eine Frau erniedrigt wäre. Sein Taumel ging bis zur Selbstvernichtungslust, er hatte Alles vergessen, was ihn von dieser Frau trennen mußte, was ihm die Zukunf lieb und wünschenswert machte, Anna selbst. Sie sollte sehen, daß er nach wie vor die rücksichtsloseste Gewalt über sie besaß, und er warf sich auf sie, die durch seine verzerrte Miene, seinen abwesenden Blick erschreckt und vorbereitet, ihn mit aller Krafanstrengung von sich stieß. Durch den erlittenen Stoß halb ernüchtert, begann er nun, ihr einen Haufen entwürdigender Ausdrücke in Gesicht zu werfen.

»Du – Du widerstehst mir, Du wagst mir zu widerstehen?« brachte er dann mühsam hervor.

»Aber ich will Dir zeigen, wer Du bist und was ich aus Dir machen kann, sobald ich will. Dein Mann wird Alles erfahren!«

Er hatte die unsinnige Drohung, die er niemals hätte verwirklichen können, ausgestoßen, so wie er einem Feinde einen ungeladenen Revolver entgegengehalten hätte. Er verweilte jedoch sogleich dabei, als er die Wirkung bemerkte, die seine Worte auf die bisher bewegungslos Gebliebene ausübten. Dora war womöglich noch bleicher als er geworden; einen Arm, welcher bebte, streckte sie wie fehend gegen ihn aus, um ihn sofort wieder zurückzuziehen, entmutigt unter der Furchtbarkeit seiner Worte. Jedes von ihnen verursachte ihr eiskalte Fieberschauer der Furcht, der unsäglichen Furcht vor den Folgen eines Schrittes, wie er ihn in Aussicht stellte.

Und er fuhr fort, doch nun ohne erregte Zufälligkeiten, mit kalter Bosheit seine Sätze überlegend und immer dasselbe wiederholend, wie wenn er in einer glücklich entdeckten wunden Stelle immer aufs neue das Geschoß herumwendete. Er sagte alles, was der seine Stellung mißbrauchende, umbarmherzige Mann zu sagen hat und was stets darauf hinauslief, sie als Frau wisse am besten, daß sie allein die Folgen zu tragen haben werde.

»Für mich ist dies ein Abenteuer wie ein anderes gewesen, für Dich dagegen ist es das Ende.«

Er wußte nicht, wie sehr er wenigstens mit diesen letzten Worten recht hatte.

Sie hörte ihn an, je nachdem sie der Klang seiner Stimme in einem wilden Flüstern oder in lautem, rücksichtslosem Schreien traf, entsetzt und furchtsam aufahrend oder ganz in ihren Sessel zusammensinkend, während ihre Lippen nichts hervorbrachten als ein tonloses, ganz leises: »Ich bitte Dich, ich bitte Dich –«

Die Grausamkeit des Aufritts wäre nicht vollständig gewesen, wenn nicht in ihnen Beiden, während sie sich so, Opfer und Peiniger, in die Augen sahen, das namenlose Bewußtsein sich geregt hätte, daß sie hier das Nachspiel zu dem auführten, was einstmals ihre Liebe gewesen.

Aber diese unschönen Todesschreie eines Verhältnisses, das nie hätte leben sollen, trafen das Ohr einer Frau, welche nicht die Erfahrung besaß, die berechtigt hätte sie zu hören, und welche, an das Leben in hoher reiner Luf gewöhnt, hier unvermutet in einen Abgrund blickte, dessen dumpfer, verpesteter Hauch sie zu ersticken drohte. Anna hielt sich schwindelnd an dem Pfosten der nur füchtig zugeworfenen Tür, unfähig einen Schritt voroder rückwärts zu thun. Sie hatte sich nicht, wie Wellkamp in seiner Ungeduld angenommen, schon in Begleitung ihres Vaters zum Ausritt entfernt. Sie war nur, um nach den Pferden zu sehen, hinabgestiegen, während Herr v. Grubeck seine Toilette vollendete. Zurückgekehrt, hatte sie ihren Gatten einen Dienstboten schelten zu hören gemeint, wobei sie zwar überrascht war, daß seine laute angestrengte Stimme aus Doras Boudoir hervorging. Ihre Hand, welche schon auf dem Türgrif lag, war plötzlich, wie bei der Berührung eines glühenden Gegenstandes, wieder zurückgefahren, als ihr einige der gesprochenen Worte verständlich wurden. Im selben Augenblick war schon keine Kombination, keine Vermutung mehr nötig und kein Zweifel, keine Hofnung möglich: was sie vernahm, war zu nackt, zu hart, zu vernichtend. Da sie eine Minute lang nur das Flehen Doras hörte, das nicht mehr von Wellkamps Stimme verdeckt wurde, nahm sie, von wilder Furcht, überrascht zu werden, erfaßt, ihre letzen Kräfe zusammen, um zu füchten. Ohne Überlegung, ohne bestimmte Absicht, nur um dem fürchterlichen Tonfall der Worte, der ihr noch immer, nun sie die Worte selbst nicht mehr vernahm, gleich Schlägen aufs Haupt fel, zu entgehen, eilte sie in das Zimmer ihres Vaters. In dieser Stunde, da sie die jugendliche, frühreife Überlegenheit ihres Geistes so jäh beschämt und getäuscht fühlte, und da so unbekannte, ungeheuerliche Erfahrungen über ihr Herz hereinbrachen, ward sie wieder Kind, ohne Herrschaf über Andere, noch weniger über sich selbst, und mit dem unsäglichen, Alles überfutenden Bedürfnisse, in die Arme genommen und getröstet zu werden.

Sie war im Unglück glücklich genug, die Arme, die sie suchte, sogleich voll Verständnis geöfnet zu fnden. Es war abermals eine Demütigung, aber eine süße, ihre Hingebung vervollständigende, wie sie ihren stillen alten Vater, den sie stets ein wenig auf sich gestützt zu fühlen gewohnt gewesen, und für den sie Liebkosungen gehabt, welche denen einer Mutter ähnlicher als denjenigen eines Kindes waren, nun überlegen und gefaßt fand, wo sie selbst überrascht und ratlos war. In ihrer unbewußten Selbstsucht eines verwundeten Kindes, das seine Umgebung mit nichts anderem als mit seinem eigenen Schmerz beschäfigt glauben kann, kam ihr keinen Augenblick der Gedanke, was ihr Vater selbst gelitten haben müsse, wenn er alles Vorgefallene, das ihn selbst am schwersten kränkte, und das er vor ihr, seinem Kinde verheimlichen mußte, gekannt. Erst später, mehr gereif und imstande, das Zurückliegende mit Ruhe zu übersehen, sollte sie erkennen, mit einem wie glücklichen Temperament sie diese kritischen Zeiten durchschritten, da sie niemals dasjenige, dessen Fehlen eben das Problematische, die Angst und die Verzweifung aller an solchem Zustande Beteiligten ausmacht, nämlich die Gewißheit verloren. Wie hart und grausam der Schlag, den sie soeben erhalten, sein mochte, so war doch durch ihn die positive, innere Gewißheit, die die junge Frau bisher von der Treue ihres Gatten, von der Reinheit ihres ehelichen Verhältnisses und der Familie bewahrt, einfach in ihr Gegenteil verwandelt; und der unvermittelte Übergang von einer Gewißheit zur andern hatte auf alle Fälle das Gute, ihr die langsam aufsteigenden Zweifel, den beschämenden Verdacht, kurz jene Leiden zu ersparen, welche der langwierige Todeskampf des Glaubens mit sich bringt. Dieser letztere aber war es, welchen der alte Mann erlitten, der vor ihr neben dem Sopha kniete und ihre kalten Hände streichelte, mit denen sie ihr Gesicht bedeckt hatte, während sie leise weinte.

Herr v. Grubeck hatte unmöglich wie seine Tochter ohne Ahnung bleiben können von dem, was um ihn her vorging, von der Heimlichkeit und dem Verrat, die ihn Tag und Nacht umgaben, die ihm ins Auge sahen und ihm die Hand drückten. Zwar hatte er die Täuschung dadurch erleichtert, daß er, so vollständig getrennt wie er von ihr zu leben gewohnt war, seiner Gattin nicht mehr als die unbedingt nötige Aufmerksamkeit widmete. Er kannte nicht ihre Beschäfigungen, kümmerte sich nicht um ihre Tageseinteilung, ihre Ausgänge und er sah sie kaum anders denn als einen Tischgast an, wenn er sie vor der Tafel wie nachher höfich begrüßte. So lange als die Schuldigen sich in seiner Gegenwart noch den Zwang wie in der ersten Zeit ihres Verhältnisses auferlegt, hatten sie von ihm nichts zu befürchten gehabt. Die größere Vertraulichkeit Wellkamps mit Anna, durch die er während der Mahlzeiten zuweilen überrascht ward, sowie Doras besseres, lebhaferes Aussehen nahm er für Zeichen eines beginnenden glücklicheren Verhältnisses im Leben der Familie. Er glaubte endlich den von ihm so lange erhoften Erfolg der Heirat seiner Tochter, den Einfuß, welchen der junge Haushalt auch auf die Stimmung seiner eigenen Ehe ausüben sollte, zu bemerken. Seltsame Ironie, die ihn zu jener Zeit zufriedener und verhältnismäßig glücklicher sein ließ als voroder nachher.

Indes traten jene Krisen ein, da die beiden von ihrer Leidenschaf in Anspruch Genommenen zu sehr damit beschäfigt waren, sich gegenseitig leiden zu machen, um noch in Gegenwart des Gatten und Vaters viel an Vorsicht und Selbstüberwindung zu denken oder sie auch nur für notwendig zu erachten. Damals war es, daß Herr v. Grubeck zum erstenmale aus einzelnen, zwischen seiner Gattin und seinem Schwiegersohn ausgetauschten, plötzlichen und heftigen Blicken und Gesten schloß, daß ein näheres Verhältnis unter ihnen bestehen müsse, als sie öffentlich zugaben. Immerhin war er weit entfernt, das Schlimmste zu befürchten. Wie sich ihm Dora von jeher gezeigt, mußte er sie allerdings für unfähig halten, ihn zu betrügen. Er kannte nur nicht den Hintergrund ihrer Persönlichkeit, wußte nicht, unter welchen Prüfungen und Versuchungen sie die auf ihre Ruhe bedachte, zurückgezogen, fast strenge lebende Frau geworden war, als die er sie kannte. Er ahnte nichts von der Größe der Leidenschaflichkeit, welche sie von Hause aus in sich zu unterdrücken gehabt, und noch weniger kannte er die Macht, welche noch dicht vor jenem verhängnisvollen Übergang zum Matronenalter alles so lange Bezwungene und Verleugnete an Lebenswillen und -begierde beim ersten Anlaß hervorbrechen ließ.

Natürlich war es dem Gatten dennoch unmöglich, sich bei seiner vermeintlichen Erkenntnis ihres Charakters zu beruhigen. Der Zweifel, der scheinbar eine bewußte Arbeit unserer Seele darstellt, senkt sich vielmehr so heimlich in ihren Grund, daß er gerade in den Augenblicken, wo wir ihn am aufrichtigsten leugnen, sein schlimmstes Werk thut. Wenn Herr v. Grubeck sich heute für sein ihn selbst beschämendes Mißtrauen gescholten, so war er morgen um so scharfsichtiger geworden. Denn es waren nicht leere Vermutungen, mit denen er dem, was sich vor seinen Augen entwickelte, zusah. Einmal aufmerksam geworden, erhielt er überraschend schnell die Eigenschafen zurück, welche nach dem Austritt aus seinem ehemaligen Lebenskreise aus Mangel an Verwendung in ihm eingeschlafen waren. Es erwachte in ihm der alte Kavalier, der, an Medisance und gesellschaflicher Beobachtung geübt, den Kampf der Geschlechter instinktiv für das Feld nimmt, auf dem sich alles um ihn her Vorgehende abspielt, und auf das er alle Lebensäußerungen ohne weiteres zurückführt. In dem Maße, wie diese Neigung nun wieder in ihm erstarkte, erschien es ihm unnatürlicher und thörichter, die Schuld der beiden jungen Leute noch in Zweifel zu stellen, und um so weniger vermochte er dem Triebe, sich völlige Gewißheit zu verschafen, zu widerstehen.

Die hefigsten inneren Kämpfe waren für ihn diejenigen gewesen, in denen er die Skrupel zu unterdrücken hatte, welche ihn von der Spionage zurückhielten. Wie viel er unter den traurigen Umständen seiner Ehe von seinen ritterlichen Ehrbegrifen geopfert haben mochte, so waren sie in diesem Punkte bisher unangetastet geblieben. Noch mehr dieserhalb als aus Furcht vor dem Erfolge hatte er den endlich beschlossenen entscheidenden Schritt mit dem Herzklopfen eines Jünglings gethan. Eines Morgens hatte er Unwohlsein vorgegeben, um sich der Begleitung seiner Tochter auf ihrem Spazierritte zu entziehen. Ihrer Sorglichkeit war er verdrießlich und selbst schrof genug begegnet, um sie für den Augenblick von sich abzustoßen. Sie hatte sich allein entfernt, und er hatte ihre Abwesenheit benutzt, um seine Vermutung der morgendlichen Zusammenkünfe endlich zu bestätigen. Nach den ersten Worten, die er vernommen, war die Scham, mit der er hinter die Tür getreten, vernichtet von der jähen, maßlosen Wut, in die eine mit einer gewissen Grundlage von Ungestüm ausgestattete Natur auch nach der längsten Vorbereitung durch solche Gewißheit versetzt werden wird. Er hatte eine Bewegung von solcher Hefigkeit gemacht, daß die beiden im Zimmer Befndlichen sie bei einer weniger erregten Unterhaltung hätten bemerken müssen. Doch ließ er den Türgrif sofort wieder fahren; in sein wütendes, rücksichtsloses Begehren nach Rache, das sich bereits nicht anders als in einer äußersten Gewaltsamkeit befriedigen zu können schien, war unvermutet der Gedanke an seine Tochter geglitten. Was sollte aus Anna werden, wenn sie dieser Schlag traf, so fragte er sich in einer tiefen Ratlosigkeit. Sollte er, ihr Vater, es sein, der ihr die Illusionen entrisse, in denen sie zweifellos befangen war? Galt es nicht viel besser, sie in ihnen fortleben zu lassen, so lange wie möglich? Vielleicht nahm ohnehin Alles bald ein Ende, ohne daß sie jemals nötig haben würde, etwas davon zu erfahren. Er erinnerte sich ähnlicher Fälle aus seinem ehemaligen Bekanntenkreise. Zwar war andererseits die Möglichkeit vorhanden, an die er nur mit Grauen dachte, daß sie das langsame Großwerden des Verdachtes, noch unsäglich schmerzvoller als er selbst, an sich erführe. Aber wenigstens konnte Alles ein gutes Ende nehmen.

Es ist wahr, daß er in diese Berechnung, der im Augenblicke ihres Entstehens nur die zärtliche Rücksicht auf seine Tochter zu Grunde lag, bald auch sein eigenes Interesse einschob. Einmal wieder in der Einsamkeit seines Zimmers, wurde ihm die soeben empfundene Regung seines Willens zum persönlichen Eingreifen mit jeder Minute unbegreiflicher. Er schrak bei dem Gedanken zusammen, daß er jenem ersten Antrieb hätte folgen können. Dann hätte er jetzt vor seiner Gattin gestanden, deren Blick, den er fremd und hochmütig auf sich gerichtet fühlte, er nicht hätte ertragen können. Was war denn er ihr, und welche Pfichten hatte sie gegen ihn? War er ihr nicht von jeher Alles schuldig geblieben, was er ihr verdankte? Die besonderen unglücklichen Umstände, unter denen sich ihr Eheleben entwikkelt, hatten in Herrn v. Grubeck ein für allemal ein Schuldbewußtsein befestigt, das ihm jedes Gefühl seiner Autorität, ja nahezu jeden Glauben an seine Rechte benahm. Wie hätte er wagen dürfen, seine Gattin zur Verantwortung zu ziehen, da vielmehr sie von ihm Rechenschaf fordern konnte!

Diese Idee, daß einzig durch die Verhältnisse, für die er sich selbst alle Schuld beimaß, Dora aus der rechten, alltäglichen Bahn fortgedrängt, ließ ihm in natürlicher Folge auch die Schuld Wellkamps geringer erscheinen. In seiner qualvollen Mutlosigkeit, die durch jahrelanges Verbleiben in einer falschen, sein ritterliches Gewissen bedrückenden Lage genährt war, fand er eine traurige Befriedigung darin, den Verführer seiner Gattin zu entschuldigen. Die Aussicht ward ihm immer unwahrscheinlicher, vor den Beleidiger seiner Hausehre, so wie es seine Vergangenheit erfordert hätte, hinzutreten. Gab es für ihn eine Hausehre wie für einen Andern, und durfe er Richter über sie sein?

In solchen Gedanken fühlte er sich in seinem Hause weniger als jemals heimisch. Die gereizte Stimmung, die man an ihm wahrgenommen, verbarg seine vollständige Mutlosigkeit, die in einen endgiltigen Verfall seines Willens überzugehen schien. Von der schmachvollen Gewohnheit des Spionierens hatte er sich nicht mehr loszumachen vermocht. Sobald er sich ungestört wußte, verbrachte er als Lauscher an den Türen Stunden der schmerzlichsten Selbsterniedrigung. Er ward gehetzt, vielleicht nicht weniger als die Schuldigen selbst es in jener Zeit waren, von der Angst, es könne das Verhältnis eine unerwartete, noch gefährlichere Wendung nehmen. Und es war nochmals die seltsame und grausame Ironie, die ihn, den Betrogenen und Geschädigten, gleichsam zum Mitschuldigen gemacht, daß er am Ende die gleiche Erleichterung wie Wellkamp in jener scheinbaren Lösung der furchtbaren Situation fand, die Annas Entschluß, abzureisen, brachte. Er zählte bis dahin die Tage, fortwährend davor zitternd, daß der ruhige Verlauf der Dinge dennoch zuletzt durch irgend ein gewaltsames Ereignis unterbrochen werden könnte. Indes hatte er die größte Gefahr, eine endliche Entdeckung des Geheimnisses durch Anna, kaum vorgesehen. Die harten Kämpfe um seinen eigenen innern Frieden hatten eine Zeit lang das Interesse für die unschuldige Ruhe seiner Tochter verdrängt. Um so unumwundener trat dagegen dieses letztere in den Vordergrund, als er am heutigen Morgen Anna ins Zimmer stürzen und auf sich zueilen sah, mit einem Gesicht, dessen Züge von einer plötzlichen schweren Erfahrung gespannt und beinahe großer geworden erschienen, und mit Augen, denen ein neues, furchtbares Wissen einen unbekannten Ausdruck gab.

Alles was es in Herrn v. Grubecks Natur an natür-

lich väterlichen und an edel männlichen Instinkten gab, ward beim Anblick seiner Tochter aufs lebhafteste erregt. Er hatte in dieser Minute sämtliche Skrupel, Zweifel, Widersprüche, die ihn seit langen Wochen zu jeglicher Willensäußerung untauglich gemacht, besiegt, und all sein Denken und Empfnden war einzig auf die Verteidigung seines Kindes gerichtet. Er war ihr natürlicher Beschützer, und man hatte sie zu kränken gewagt; dadurch hatte sich unvermutet Alles gelöst. Seine nunmehr auf ein festes Ziel gerichtete, innerliche Energie verlieh ihm eine kaum jemals besessene Macht über die so eigenmächtige Natur Annas. Er vermochte sie mit wenigen Worten und Liebkosungen zur Besinnung zu rufen, und sie gehorchte seiner Ermahnung, ihn ruhig zu erwarten, während er ihre Sache in Ordnung brächte. Sein Entschluß war gefaßt; dies verlieh seinem Aufreten eine gewisse Kürze und Entschiedenheit, die Wellkamp dennoch ein wenig stutzig machte. Im übrigen fragte dieser nach der stattgehabten Szene mit Dora kaum noch nach einer Aussprache mit ihrem Gatten; die Überreizung, in der er sich befand, war unmöglich noch zu steigern. Aus Doras Zimmer, wo er sie in völliger Vernichtung, vom Sessel auf die Kniee niedergesunken, zurückgelassen, ins Vorzimmer getreten, traf er hier mit dem Major zusammen, dem er auf ein kurzes Wort hin mechanisch folgte, als handelte es sich um die gleichgültigste Angelegenheit. Tatsache war, daß er, so schmerzlich es ihm stets gewesen, seine Frau zu hintergehen, des Gatten seiner Geliebten in dieser Beziehung niemals besonders gedacht. Er war auch jetzt weit entfernt, seine Schuld ihm gegenüber drückend zu empfnden. Es lag dem nichts anderes als das stumme Achselzucken zu Grunde, mit dem der Geliebte jedesmal dem Gatten gegenübersteht: »Warum hast Du Dein Eigentum nicht besser bewahrt?« Auch hier verleugnete sich nicht die, dort wo es unter Männern zur Entscheidung kommt, stets zu Tage tretende, brutale Aufassung des Weibes als Beute, die man sich gegenseitig abjagt. Das ist ehrlicher Kampf, und die Forderung, welche in den günstigeren Fällen folgt, setzt diesen Kampf nur von der anderen Seite fort.

Diese instinktive Aufassung der Sachlage mochte es sein, in der Wellkamp, als sie im Speisezimmer, wohin ihn der Major, um möglichst unbelauscht zu bleiben, geführt hatte, einander gegenüberstanden, sogleich das Wort nahm: »Natürlich bin ich zu jeder Genugthuung bereit«, sagte er einfach.

»Genugthuung?« fragte Herr v. Grubeck mit einer füchtigen Betonung, als handelte es sich um etwas, daran er bisher nicht gedacht und das er sogleich zurückzuweisen gedenke.

»Genugthuung?« wiederholte er. »Was verstehen Sie darunter? – Ist Ihnen die Lage der Angelegenheit so wenig gegenwärtig, daß Sie meinen, Alles, was Sie bisher zerstört haben, mit ein paar Pistolenschüssen wieder herstellen zu können? Das Duell ist geschaffen für Leute, die eine gute Sache zu verteidigen glauben. Von alle dem, was ich während der ganzen Zeit, da ich von dem Geschehenen unterrichtet war, von meiner Gewissensruhe geopfert habe, würde ich nichts zurückerhalten, wenn ich Sie jetzt nachträglich über den Haufen schösse. Oder sollte ich mein Kind, das ich dort drüben so zurückgelassen habe, daß Sie es nicht wiedererkennen würden, von Ihnen, der ihr Alles genommen hat, auch noch der letzten Stütze, des Vaters, berauben lassen? Und wünschen Sie, der an dem Unglück schuld – aber vielleicht sind weder Sie noch Ihre Mitschuldige allein schuld daran – doch gleichviel, wünschen Sie unsere Schande zu ofenbaren, Zeugen zu suchen, die Öfentlichkeit dafür zu interessieren? Nein, mein Lieber, die Angelegenheit hat ja ganz unter uns gespielt, in der Familie; machen wir also auch die Abrechnung unter uns ab …«

Der Major holte tief Atem. Seine Brust erschien nichts weniger als eingefallen, er hatte sich straf aufgerichtet und blickte auf Wellkamp wie auf einen Untergebenen herab. Seine Sprache war gleichfalls von einer längst verlorenen Festigkeit. Er hatte harte und zum Schlusse ironische Töne gefunden, und nur einmal, als er seine eigene Mitschuld andeutete, war seine Stimme leiser und stockender geworden.

Wellkamp war von Aufreten und Sprache seines Schwiegervaters anfangs überrascht, dann beunruhigt und endlich besiegt. Er ward plötzlich gewahr, daß er alles geschehene Unglück stets nur unter dem Gesichtswinkel seines eigenen Leidens betrachtet. Es hatte ihn gepeinigt, in einer durchseuchten Atmosphäre zu leben, in der er von seinen Leidenschafen mehr und mehr beschmutzt und erniedrigt ward, darum hatte er sich aufgebäumt. Der Gedanke, daß er an Andern Unrecht verübte, hatte ihm Gewissensbisse verursacht, und auf eben diese seine eigenen Schmerzen beschränkte sich sein Gefühl. Er hatte sich das Leid der Andern vorgeworfen, aber niemals hatte er es sich so wie jetzt während der Anrede des alten Mannes, so nahe, so körperlich wirklich vorgestellt. Wann thäten wir übrigens dies jemals?

Mehr als alles andere hatte den Schuldigen die Erwähnung Annas tief erschreckt. Der Gedanke, daß sie nun wirklich Alles wisse, war ihm von einer seltsamen Unbegreifichkeit, wie uns wohl Ereignisse ganz unvorbereitet trefen, die wir längst hätten voraussehen können. Es konnte nicht wahr sein, denn es wäre zu furchtbar gewesen. So groß seine Schuld sein mochte, die Strafe, sie zu verlieren, war dennoch übermäßig schwer. Angesichts dieses Gedankens war er nahe daran, alles Geschehene als ein leichtsinniges Spiel zu betrachten, das er kaum ernstgenommen, und das er jedenfalls unterlassen, wenn er des Einsatzes gedacht hätte, dessen er nun verlustig gehen sollte. Hatte er denn wirklich um Leben und Tod gespielt? In Wahrheit kam bei dieser Frage Todesangst über ihn, und diese war der Boden, aus dem sich zum erstenmale eine große, von allen sie umringenden Umständen losgelöst mächtige Liebe zu seiner Gattin in ihm erhob.

Indessen stand er, den Kopf wie unter Nackenschlägen geneigt, ohne zu wagen, den Blick, den er bei den ersten Worten seines Schwiegervaters gesenkt, wieder zu erheben. Während kalter Schweiß auf seine Stirn trat, hörte er den Andern mit hartem, nun trocken und wie geschäfsmäßig gewordenen Tone die Bestätigung dessen aussprechen, was er am meisten fürchtete.

»Ich denke«, fuhr der Major fort, »daß eine sofortige Trennung Ihnen jetzt ebenso erwünscht sein wird, wie mir. Ich glaube leider, daß meine Tochter sich nur dann beruhigen wird, wenn Ihre Abwesenheit eine defnitive ist. Um sie also beschleunigen zu können, werden wir von einer plötzlichen Krisis in Ihrem Befnden sprechen. Unsere Angelegenheiten dürfen sich briefich am besten ordnen lassen. Wenn Sie in eine Scheidung willigen, so stimmen wir hoffentlich darin überein, sie wenigstens ein halbes Jahr hinauszuschieben. Es kommt darauf an, Alles möglichst unaufällig einzuleiten. – Also Sie reisen?«

»Ich werde reisen«, sagte Wellkamp ganz leise, doch noch immer mit der schwachen, gleichsam eine letzte Bestätigung erwartenden Frage im Ton seiner Stimme. Wie eine Antwort hörte er im gleichen Augenblick Anna, welche unbemerkt die Tür geöfnet, sagen:

»Du wirst reisen, aber nicht ohne mich.«

Die beiden Männer starrten sie an wie eine Erscheinung. Den Einen von ihnen enttäuschte sie über seine ganze Aufassung der Dinge, brachte seine Festigkeit zugleich mit dem Ziele ins Wanken, auf das sie gerichtet gewesen; dem Andern kam sie unverhof zurück, nachdem er sie in diesen bangen Minuten schon lange, so lange verloren zu haben gemeint.

Während Herr v. Grubeck, ohne ein Wort des Widerspruchs, mit unmerklich schwankender Haltung ans Fenster trat, an das er sich, dem Zimmer den Rükken gewandt, lehnte, war Wellkamp ohne einen Gedanken, wie unter der Gewalt des Schicksals, auf die Kniee gesunken. Er verstand nichts mehr. Jenes erste Mal, als er, wie jetzt wieder, ihre Hand mit seinen Tränen benetzte, hatte er, im Spiel seiner Phantasie, sie mit seiner halben Hingebung zurückzugewinnen geglaubt. Heute fand er für das, was geschah, keine Erklärung in sich selbst. Damals hatte Anna ihn nicht begreifen können, da er sie täuschte; er dagegen begrif sie heute nicht, weil sie ganz aufrichtig war.

»Nicht ohne mich!« wiederholte sie fast bittend.

»Du hast mir viel, viel Leid zugefügt. Aber ich fürchte, Dir selbst fast noch mehr. Ich glaube – heute Morgen gehört zu haben, daß Du unglücklich bist. Wenn wir es also Beide sind, könnten wir dann nicht zusammen auch wieder glücklich werden?«

Wie der Klang ihrer Worte, so war das Gesicht der jungen Frau sehr ruhig, vielleicht noch klarer, in irgend welcher Weise freier. Es schien etwas wie der Schatten eines kleinen, geistigen Hochmuts von ihrer Stirn genommen. Die letzten Erfahrungen, die sie in ihrem Stolze ebensosehr enttäuscht, wie sie ihr Herz verwundet hatten, schienen sie sanfer, ihre Empfndung weicher gemacht und ihr ein schönes Verständnis für menschliche Schuld und menschliches Leid geschenkt zu haben.

Wie hätte sie früher Verständnis für die Schuld Anderer besitzen sollen, da sie Niemandens Schuld kannte. Sie hatte noch wie ein Kind Alles mit den Augen ihrer Sympathien und Antipathien angesehen, und so hatte sie von dem, was ihren Gatten seit so langer Zeit von ihr trennte, nichts ahnen können. Es gibt solche Naturen, die nicht überragend groß – denn zur Größe gehört auch das Verständnis der Schuld und vielleicht die Schuld selbst – aber rein genug sind, eine noch so geheime Verdächtigung des geliebten Gegenstandes als eine Beschimpfung ihres innersten Heiligtumes und ihrer selbst zu empfnden. Man führe sie dicht an das vor ihnen, in ihrem intimsten Kreise aufgerollte Problem der Schuld heran, so werden sie es übersehen. Man öfne ihnen mit Gewalt die Augen, so werden sie mehr ihrem Gefühl als ihren Augen glauben. Das Geständnis endlich des Schuldigen selbst wird sie nur dazu vermögen, im eigenen Herzen Buße zu thun und ihm seine Schuld tragen zu helfen. Dabei können sie im Alltagsleben nüchtern erscheinen, und nichts liegt ihnen ferner, als der tägliche Kultus des Gefühls, seine Anbetung mit Gesten und Empfndsamkeiten. Aber der Glaube an das Gefühl selbst ist in ihnen unzerstörbar; er ist der Grund, in den ihr Sein gesenkt ist. Es sind sozusagen protestantische Naturen.

Dem Manne zu ihren Füßen fehlte die Erklärung. Er kniete jetzt noch vor ihr, wie wohl ein Beter vor einer Madonna, die ein Wunder gethan. Aber er hatte ein Leben vor sich, um sich aufzurichten an der Stärke eines Frauenherzens, welches liebt und vergibt.

IX

Inhaltsverzeichnis

Nach der furchtbaren Auseinandersetzung mit ihrem bisherigen Geliebten hatte Doras Zustand anfänglich eine nicht ungefährliche Wendung genommen. Der Angrif auf die Widerstandsfähigkeit ihrer Nerven war ein solcher gewesen, daß eine ursprünglich gesundere, an Ruhe und Ausgeglichenheit gewöhnte Natur ihm zweifellos unterlegen wäre. Die ihre, welche an seelischen Kämpfen und Krisen des Temperamentes reich erfahren war, überstand auch noch dies. Indes erholte sie sich langsam. Etwa zwei Wochen lang kam sie wenig zur Besinnung. Als ihr matter Geist sich wieder zu sammeln begann, war es mit der gewöhnlichen, tiefen Gleichgültigkeit des Rekonvaleszenten für alles andere als für sein animalisches Befnden. Während sie sich zum erstenmale erhob, zauderte sie wohl kurz, das Zimmer zu verlassen, mehr aus Widerwillen, irgend Jemand außer ihrer Pfegerin zu begegnen, als in ausdrücklicher Erinnerung an das ihrer Krankheit Voraufgegangene. Aber sogleich fel sie von neuem in die natürliche Neigung, Alles gehen zu lassen, zurück. Warum irgend etwas bedenken, und auf wen Rücksicht nehmen? Sie hatte erfahren, daß Wellkamp mit seiner Gattin wenige Tage nach der Katastrophe abgereist sei. Ihres eigenen Gatten gedachte sie kaum, er bedeutete in diesem Augenblicke nichts mehr in ihrem Leben. So seltsam hatte sich die namenlose Angst, die ihr damals Wellkamps Drohung, sie an den Mann zu verraten, eingefößt, jetzt in die äußerste Fremdheit und Nichtachtung gegenüber der vollendeten Tatsache verwandelt.

Auch beachtete sie es nicht weiter, als sie sich während ihrer Mahlzeit im Speisezimmer allein fand. Herr v. Grubeck hatte sich seinerseits entschuldigen lassen. Er fand es zur Zeit unmöglich, Dora zu sehen und mit ihr ohne einen Rückhalt, wie er ihn bisher in seiner Tochter gehabt, zusammen zu bleiben. Er zögerte noch, als habe er einen Entschluß zu fassen, und gestand sich nicht, daß dieser Entschluß im Stillen bereits feststehe. Seine Schwäche hatte denselben für ihn gefaßt. Nachdem der plötzliche Aufschwung seines Willens, der ihm in jener bedeutenden Stunde zu Allem Kraf verliehen hätte, durch Annas Dazwischenkunf gleichsam unnötig gemacht und erfolglos geblieben war, hatte der alte Herr sich sofort in um so tieferer Energielosigkeit befunden. An eine Scheidung seiner Ehe, die ihm während jener Unterredung mit seinem Schwiegersohne als durchaus selbstverständlich vorgestanden, wagte er sich nicht mehr zu erinnern, so wohl fühlte er, daß er sie für alle Zeit vermieden zu sehen wünschte. Es hätte das den Verzicht auf alle Bequemlichkeiten erfordert, die, so unbedeutend sie im einzelnen sein mochten, einem Manne von seiner Erziehung und seinen Gewohnheiten wie die Luf des Lebens selbst erschienen, und die ihm das Vermögen seiner Gattin verschafe. Lieber als die Entbehrung ertrug er auch ferner die täglichen geheimen Demütigungen, welche ihm seine Verhältnisse als unvermeidliche Begleitung der Bequemlichkeiten auferlegten. Einen Augenblick hatte er sein Haupt hoch erhoben aus dem trägen Strom, in dem sein Leben forttrieb; nun ging es von neuem über ihn hin. Je länger er indes unschlüssig blieb, wie er von jetzt an seine Stellung aufzufassen, und in welcher Weise er Dora zu begegnen habe, desto mehr gefel er sich in seiner Neutralität und wich um so sorgfältiger jedem Zusammensein mit seiner Gattin aus. Ein füchtiger Gruß und eine Frage nach ihrem Befnden gelegentlich einer zufälligen Begegnung machten ungefähr ihren ganzen Verkehr aus. Im übrigen vermied der Major seine Wohnung, die ihm nicht nur durch die Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit seiner Gattin verleidet wurde. Sobald mit Annas Fortgang die Aufsicht und Sorgfalt verschwunden, war natürlicherweise die Bedienung nachlässiger geworden. Doras Indolenz ließ die Räume selbst bald unwohnlich werden. In dem Zimmer ihres Vaters war Anna gewohnt gewesen, persönlich Ordnung zu halten; nur so konnte die Unordnung des alten Herrn korrigiert werden, und jetzt fand sich hierfür keine Hand. Die langen Nachmittage, die der Major sonst hier auf seine künstlerischen Lieblingsbeschäfigungen verwandt hatte, brachte er nun meist außer Hause zu. Er, der seit seiner Verheiratung kaum irgendwelche Verbindungen unterhalten, knüpfe jetzt die Beziehungen zu verschiedenen am Platze lebenden, ehemaligen Kameraden wieder an. In einen Klub eingeführt, gewöhnte er sich bald, hier auch seine Mahlzeiten einzunehmen. Bloß um die Kommentare der Bekannten zu vermeiden, speiste er von Zeit zu Zeit zu Hause, dann jedoch zu anderer Stunde als seine Gattin.

Die gänzliche Einsamkeit, in der sie so gelassen war, mußte für Dora verhängnisvoll werden, denn sie bewirkte, daß ihre noch immer wie niedergeschmetterten und betäubten Gedanken, sobald sie sich sammelten und klärten, genau an dem Punkte ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten, wo sie sie liegen gelassen, da nichts sie durchkreuzte und ihnen eine andere Richtung gab. Zwar war es fürs erste nicht so weit, und die junge Frau that selbst unbewußt alles mögliche, um das Erwachen zu verzögern. Das wiederholte Anraten des Arztes von Bewegung in freier Luf lehnte sie jedesmal entschieden ab. Sie war nicht einmal zu einer Ausfahrt zu bewegen. Sie blieb vor ihrem Kamin sitzen, in welchem trotz des herrlichsten Frühlingswetters das gewohnte Feuer brannte, und wenn sie ihre ausgestreckte Hand betrachtete, so sah sie die Flamme hindurchscheinen. Unterdessen mühte sich hinter ihrer wachsbleichen Stirn ein Gehirn, das zu wenig Blutnahrung erhielt, an der langsamen und beschwerlichen Arbeit des Erinnerns ab. Viele Wochen war es nichts als eine gegenstandslose Unruhe, die sie bisweilen ohne Absicht aufstehen ließ, um mit kurzen und unsicheren Schritten, als suchte sie etwas, durch das Zimmer hin und wieder zu gehen. Die dumpfe Stille um sie her und in ihrem Innern begann sie zu quälen. Es regte sich bereits wieder der ihr so natürliche Trieb, sich und andere mit den Irrungen und Launen ihres Gefühls leiden zu machen, dieses Bedürfnis nach Aufregungen, zu denen gleichwohl ihre kaum genesende Natur noch unfähig war. Mit der Bewegung und mit der vermehrten Anstrengung ihres Geistes schienen indes ihre nervösen Kräfe zu wachsen. Ihr Schritt wurde hastiger, während sie von Zimmer zu Zimmer ging, hier und da stehen bleibend, um irgend etwas gedankenlos zu berühren, eine beliebige Kleinigkeit in ihren füchtigen, leis zitternden Fingern zu zerbrechen. Einmal verirrte sie sich so, ohne zu wissen warum, in das Zimmer ihres Gatten, in welchem sie anfänglich fremd und gleichgiltig umhersah. Dann glitten ihre Hände mechanisch über die Haufen von bestaubten Papieren, die den Schreibtisch bedeckten, Skizzenblätter, Briefe, Rechnungen. Sie berührte sie vielleicht zum erstenmale, und niemals hatte sie absichtlich einen Blick hineingethan. Der Stolz, den Jeder sich den Bedürfnissen seiner Natur entsprechend bildet, war in ihr derart, daß er sie stets von allem zurückgehalten hatte, was an Spionage erinnerte. Es ist wahr, daß ihr dies durch die Gleichgiltigkeit, welche sie allen Angelegenheiten ihres Gatten entgegenbrachte, erleichtert worden war. Auch jetzt dachte sie nicht an den Inhalt dessen was sie sah. Sie ward erst aufmerksam, als sie auf einem der Bögen die Schrif Annas zu bemerken meinte. Im ersten Augenblick beachtete sie nichts als das große und starke Papier, von einer Art, wie nur Männer es zu benutzen pfegen. Dann riß sie das Blatt mit einer hefigen Bewegung an sich und foh damit wie mit einer heimlichen Beute, halb von einer unbestimmten Ahnung, halb von Scham getrieben. Einmal wieder auf ihrem Platze, röteten sich ihre Wangen mit einer ungesunden Röte, weit weniger durch die Hitze des Feuers, dem sie sie, in die Hand gestützt, ganz nahe gebracht hatte, als infolge der Lektüre des Briefes, über dessen feste, gleichmäßige Züge ihr Blick, ohne ein einziges Mal anzuhalten, hinjagte. So mag Jemand, den man seiner zerstörenden Leidenschaf eine kurze Weile entrissen hatte, das Glas, dessen er sich zum erstenmale wieder bemächtigt, auf einen Zug leeren. Mit solcher krampfafen Wollust durchtränkte sie sich endlich wieder mit ihrem so lange entbehrten Leiden.

Anna schrieb:

»Mein lieber Vater! Es ist entschieden, daß wir zurückkehren; in etwa acht Tagen hofen wir Dich wiederzusehen. Es würde mich zu traurig machen, Dich länger in der Einsamkeit zu wissen, in der Du jetzt leben mußt. Du sollst sehen, wie ich Dir Dein Zimmer wieder heimisch machen werde, und dann kommst so of wie es angeht, zu uns heraus. Mit der Villa in der Schillerstraße, die Du uns vorschlägst, sind wir ganz einverstanden. Ich erinnere mich ihrer sehr genau, nachdem ich sie einmal, während sie zum Verkauf stand, zufällig besichtigt habe. Die Zimmer sind geräumig und lufig, und erhalten ein volles Licht durch hohe Scheiben; das ist, wie Du weißt, meine besondere Liebhaberei. Am meisten reizt mich aber der große, terrassierte Garten, der bis gerad an den Fluß hinabsteigt. Wir bleiben so, wenn wir den herrlichen Genfer See verlassen, dennoch so viel wie möglich in der freien Natur. Es wird ein sehr schöner Sommer werden. Ich habe nur ein Bedenken, nämlich was den Kauf des Grundstückes betrif. Wenn es anders nicht möglich sein sollte, mache den Vertrag auf jeden Fall fertig; lieber wäre uns eine nach wenig Jahren zu erneuernde Miete. Wir wären unvorsichtig, uns auf allzu lange Zeit zu binden, da wir die Unruhe meines lieben Erich kennen, der nun einmal keine seßhafe Natur ist. Ich sehe wohl ein, daß, wie er sagt, die häufge Ortsveränderung etwas wie ein Betäubungsmittel ist, an das man sich auf die Dauer gewöhnt wie an ein anderes. Bei unseren heutigen, leichten und bequemen Reiseverbindungen ist es vielleicht wirklich das hauptsächliche Narkotikum vieler, und zumal solcher Existenzen geworden, die der regelmäßigen, fesselnden Arbeit entbunden sind. Ich nehme es ohne Widerspruch für ihn an, ist es doch so viel unschuldiger als manches andere, vor dem es ihn bewahren kann.

Du wunderst Dich, wie ich ihn zu verstehen und in seine Bedürfnisse einzudringen trachte. Es ist wahr, daß ich es vormals nur zu wenig gethan habe, und ich bin mir dessen bewußt, was ich so zu dem, was geschehen, beigetragen habe. Doch hofe ich jetzt so viel wie irgend möglich, davon nachzuholen. In der sehr angenehmen Gesellschaf, der wir in unserer kleinen Pension angehören, fnde ich meinen Mann recht in seinem Element. Während der Unterhaltungen, die man allabendlich in dem hübschen, altmodischen Gartensaal führt, der auf den See hinausblickt, habe ich of Gelegenheit, die Reichhaltigkeit seines Wissens zu bewundern, und noch mehr die Leichtigkeit, mit der er es behandelt. Im Gespräch mit den Angehörigen verschiedener Nationalitäten und Lebenskreise versetzt er sich ohne Schwierigkeit in das Interessengebiet eines Jeden, um dessen Gesichtspunkt zu dem seinigen zu machen. Neben ihm komme ich mir mit der Einseitigkeit meiner Aufassung und mit meinem mehr systematischen Wissen of recht schwerfällig vor. Wenn ich bei solchen Gelegenheiten ein wenig stolz auf ihn bin, so komme ich ihm doch erst ganz nahe in den Zwiegesprächen, die wir lieber als sonst irgendwo, auf den Spazierfahrten führen, welche wir fast täglich auf dem See unternehmen. Wenn er mir die Geschichte und den Gang seines geistigen Lebens erzählt, so bin ich fast erschrocken, wie viele Überzeugungen er nach und nach erworben und später wieder zu glauben verlernt hat. Es macht mich wehmütig, zu merken, daß er Wahrheit und Irrtum kaum noch als Gegensätze betrachtet, und sich damit bescheidet, Alles gelten zu lassen. Zugleich aber belehrt mich dies über mich selbst, die ich mich, wie Dir nicht verborgen sein kann, für ungläubig gehalten habe. Und doch habe ich seit meiner Kindheit meinen Glauben höchstens verändert. In ihm erkenne ich erst, was eine wahrhaf ungläubige Natur ist.

Dies alles wird Dir herzlich unbedeutend erscheinen, aber ganz sicher würdest Du unsere Stimmung teilen, wenn wir so in den weißen Sonnendunst hineinrudern, der über den See gebreitet ist, während auf den Rudern, die langsam und wie schmeichelnd über das glatte Wasser zurückschleifen, die Tropfen im Lichte funkeln. Ich weiß nicht, ob es die Luf ist oder die gleitende Bewegung des Kahnes, aber es ist Alles wie mit einer stillen Innigkeit durchtränkt, aus der ohne unser Zuthun auch das, was wir uns sagen, herauszufießen scheint. Es ist wohl vor allem der See, der etwas Beschwichtigendes, zuweilen selbst Feierliches in sich trägt. Man sucht ihn, auf welchem Punkte der Landschaf man sich auch befnde, wie mit der Seele, so mit den Blicken, und wenn wir ihn abends nicht mehr sehen, so regeln sich vorm Einschlafen unbemerkt unsere Atemzüge nach dem leisen, leisen Geräusch seiner Strandwellen.

Als Erich kürzlich abends allein von einem Ausgange heimkehrte, gab er mir ein Gedicht, das ich Dir mitteilen möchte. Ich fnde es nicht schlecht, doch bin ich ja nicht unparteiisch. Denke Dir aber, daß ich jetzt an Musik und Poesie mehr Geschmack gewonnen habe, als je zuvor. Du siehst, daß große Ursachen neben den bedeutenden auch kleine Wirkungen haben.

Ich grüße Dich, mein guter Vater, in Liebe

Deine Tochter Anna.«

Hier das Gedicht:

Still lag der See im weißlich-blauen Duf, Aus dem die Berge gleich Phantomen ragten. Weich abgestimmt war jede schwarze Kluf, Darüber hin sonst Wetterwolken jagten, Von dieser jungen, schmeichlerischen Luf, In der die Möwenschreie leis nur klagten. Nur selten Böte durch den stillen Raum Mit lautlos eingetauchten Rudern glitten, Dem Abendschein entgegen, wie im Traum Bin ich den lieb vertrauten Weg geschritten. Als ich mich wiederfand, am grünen Saum Des Weingeländes, hab' ich's gern gelitten.

Der Pfad schleicht aufwärts durch das Kreuz und Quer Von weißen laubwerküberhangnen Mauern. Der leise Wind trägt Blütenduf mir her: Aus unserm Garten schon? wie lang wird's dauern, Bis unter'm Tor, das in den Angeln schwer Sich dreht, des Ahorns Grüße mich umschauern.

Nun winkt herab vom grauen Gartensaal Weiß die Gestalt im Josephinenmieder. »Ich bin's.« – Es dufen süßer am Portal Als je zuvor im Mai, Jasmin und Flieder; – Und daß das Schicksal uns einander anbefahl, Wir fühlen's und wir sagen es uns wieder.

Am Ende des Blattes angelangt, vermochte Dora die Augen nicht mehr von den letzten Zeilen zu erheben.

»Und daß das Schicksal uns einander anbefahl« –

Sie las dies immer aufs neue, als begrife sie es nicht oder als hofe sie, dennoch einen andern, weniger schrecklichen Sinn aus dem Verse herauszudeuten. Ach, die Worte waren nur zu klar, und er selbst hatte sie schreiben können! Jeder Zweifel an der Aufrichtigkeit und Endgiltigkeit der ausgesprochenen Gesinnungen ward unmöglich, wenn sie die Ähnlichkeit in Ton und Stimmung der beiden Gatten verglich. Es lag etwas darin, was ihr die Überzeugung auferlegte, daß Alles für sie verloren sei, mit jener Unwiderrufichkeit, für welche es keine Gründe gibt. Es mußte wohl die stille Innigkeit sein, von der Anna schrieb, und die gleichmäßig aus jeder Zeile sprach, ob Wellkamp den Heimweg zur Geliebten schilderte, oder ob die junge Frau ihre naive Bewunderung für die Eigenschafen ihres Mannes äußerte. Dora mußte nun sehen, daß Alles, was geschehen, daß ihr kurzes Glück und ihr langes Leiden endlich nur vermocht hatten, die Bande zwischen dem geliebten Manne und der verhaßten Andern fester zu knüpfen, ihnen eine wahre, unzerstörbare Intimität zu geben, die sie vorher nicht besessen. Und war nicht auch das Verhältnis von Vater und Tochter ein engeres geworden? In ihrer geistigen Abgeschlossenheit hatte Anna vormals in ihrem Vater keinen Vertrauten erblickt; sie hätte ihm nie die Geständnisse gemacht wie sie es jetzt gethan. Vielleicht war, so fel es der einsamen Frau ein, ihr Gatte eben in diesem Augenblick bei seinen Kindern in ihrem neuen Heim. Der Brief war vom 20. Mai datiert, und man befand sich in den ersten Tagen des Juni; das Paar mußte zurückgekehrt sein. So war sie von diesen drei Menschen gewaltsam entfernt, welche sich darauf einander genähert hatten. Die Wahrnehmung, wie ein schädliches Element in schweigender Übereinkunf ausgeschlossen worden zu sein, vollendete ihre Trostlosigkeit. Auch er hatte sich dazu verstehen können! Diese Entdeckung mit Allem was ihr der Brief verriet, hatte in ihr eine letzte, äußerste Hofnung vernichtet, die trotz Allem, selbst während jenes furchtbaren Abschieds, ja in den Fieberdelirien und später während der halben Betäubung, in der sie gelebt, noch unversehrt geblieben war, die Hofnung, daß er mit der Andern dennoch sein Glück nicht fnden, und daß er zurückkehren werde. Vielleicht war es nichts anderes, was bisher die fiehenden Kräfe beisammen gehalten, was den bleibenden Lebenswillen ausgemacht hatte, als diese Hofnung. Sie war wohl schwach gewesen wie der Atem der Kranken, doch nichts anderes als die heutige grausame Auflärung hatte sie ganz stocken lassen können. Nun aber dieser tiefverborgene Ressort, aus dem das ganze System der seelischen und nervösen Tätigkeit einzig noch unterhalten worden, aufgehoben war, ward das Auseinanderverlangende durch nichts länger verbunden.

Die junge Frau warf achtlos Scheite über Scheite in den Kamin, um dann mit unbeweglichen Augen in die übergroße Flamme zu starren. Erst als ihre Stirnhaare versengt wurden und ihr Gesicht unerträglich glühte, zog sie den Kopf zurück. So blieb sie sitzen und blickte mit denselben Augen die erkaltete Asche an, mit denen sie in die Lohe gesehen. So fand sie jeder Tag einer langen Reihe. Sie beschäfigte sich nicht mehr; ihre Bücher blieben geschlossen, sie machte keine Tagestoilette. Kleidete man sie des Morgens an, so war ihre einzige Sorge, daß man ihr jenes hellviolette Gewand überwarf, welches ihr unseliges Brautkleid gewesen. Der Stumpfsinn, der über die in ihrer Einsamkeit ihm Hingegebene hereinbrach, nahm ihr die Erinnerung an das verhängnisvolle Jahr, welches hinter ihr lag. So trat sie eines Tages ins Speisezimmer, wo sich soeben ihr Gatte bedienen ließ, und bestellte, ohne letzteren zu beachten, unbefangen gleichfalls ihr Gedeck. Dann Herrn v. Grubecks gewahr geworden, redete sie ihn nachlässig und gleichgiltig an:

»Guten Tag, mein Lieber, etwas neues?«

Der Mann glaubte darin eine schneidende Ironie zu hören, mit der sie auf die ihr gefissentlich verheimlichte Rückkehr des jungen Paares anspielte, die sie irgendwie in Erfahrung gebracht haben mußte. Er zitterte und erbleichte. Dora aber hatte sorglos zu speisen begonnen und erwartete keinerlei Antwort. Was sie gesagt, war nur die gewohnheitsmäßige Anrede gewesen, mit welcher sie den Gatten in der ersten Zeit ihrer Ehe, als sie gleichgiltig, aber doch in ungestörtem Frieden neben einander lebten, empfng, wenn er nach Hause kam: »Etwas Neues?«

Den Brief hatte sie indes bewahrt und entfaltete

ihn häufg, ohne selbst noch zu wissen, warum? War es ein letztes, ihr nicht mehr deutlich fühlbares Bedürfnis, mit dem Verlorenen wenigstens durch dieses Blatt Papier in einer gewissen fernen, fernen Beziehung zu stehen? Einmal geschah es, daß ihr sonst darüber hinschweifender, verständnisloser Blick auf der Schilderung verharrte, welche Wellkamp vom Genfer See und der ihn umgebenden Landschaf gab; diese Landschaf, in welcher sich sein friedliches Glück befestigt hatte, und die Dora selbst ihm zuerst genannt! Mit der Fähigkeit, sich auf sich selbst zurückzuwenden, die einem versiegenden Leben bis zuletzt erhalten bleibt, rief sie plötzlich ihre eigene Gestalt wach, wie sie sich damals, noch in ihrer Mädchenzeit, an jenem herrlichen Ufer bewegte. Es war vor wenig mehr als fünf Jahren gewesen, und doch wie weit lag es in ihrer kurzen Existenz zurück, in der sich die Erfahrungen mehr als in einer andern gedrängt hatten. Ihr inneres Gesicht zeigte ihr den Schmuck jener Natur in leuchtenderen Farben, in magischerem Duf, als ihn die armen Worte beschrieben. Und sie selbst, so müde sie schon damals nach Europa herübergekommen war, um in der Ehe mehr auszuruhen als zu beginnen – nun erblickte sie ihre Mädchengestalt dennoch in dem Glanze der Jugend, denn die Luf war damals gleichwohl noch voll Hofnungen gewesen, und an jeder Wegbiegung konnte das Glück zu ihr treten. Das Glück! Verkörperte es sich nicht in dem jungen blonden Manne, mit dem sie geheimnisvoll zusammengeführt war, und der seine schlanke Gestalt zu ihr neigte, um ihr ein Wort zuzufüstern, das sie wie einen Kuß im Nacken fühlte. Dann aber bewegte sich ein Schatten in das Bild, und die Zurückschauende mußte sehen, wie sich eine fremde Gestalt über ihre eigene schob, um an der Seite des Mannes weiterzugehen. Und war dies nicht ein Symbol ihrer Geschichte? Sie fand ihn in der idealen Landschaf ihrer Jugend, und er war ihr bestimmt. Warum hatte sie ihn zu spät ihm Leben trefen müssen, so daß nun Schuld geworden war, was in Ehren hätte stehen sollen. Hatte sie gesündigt, da er doch der einzige Mann gewesen war, den sie geliebt? Alle Andern waren ihr nichts als eine Machtprobe gewesen; sie hatte sie zu nehmen getrachtet, und sobald sie sich ihr ergeben wollten, mit Ekel fortgeworfen. Diesem Einen aber hatte sie sich gegeben, und gerade er war es, der sie nach füchtiger Laune verschmähte. Sie fühlte die Rache der Natur plötzlich wieder mit ungeahnter Stärke. Sie sprang auf, es war ihr, als müsse sie schreien. Sie stampfe mit den Füßen, dann gellte eine Stimme, die so schrecklich klang, daß die Unglückliche selbst sich die Ohren hielt, und die von den dicken Vorhängen und Teppichen ringsherum ruhig angehalten und erstickt ward:

»Ich liebe ihn noch!«

Diese Frau, die mit unfruchtbarer, falscher Leidenschaflichkeit ihr ganzes Leben zersetzt hatte, um es dann mit bitterer Langeweile abbröckeln zu sehen, konnte nicht friedlicher enden als sie gelebt. Sollte sie sterben, so durfe ihr letzter Atem nicht sanf entfiehn, er mußte in Stößen von ihr gehen. Es war, als geböte ihr Temperament an einer Stelle den fiehenden Kräfen Halt, und zwänge sie, die danach verlangten, still und unbemerkt, eines nach dem andern dahinzuschwinden, sich zusammenzunehmen zu einem gewaltsamen letzten Ausbruch.

Doras Eifersucht war in der Zeit des schnellen Verfalls des Verhältnisses unbedeutender und weniger gefährlich erschienen als diejenige Wellkamps. In Wahrheit war sie nur zurückgehalten durch die tiefe Angst, mit der die junge Frau das Wachsen dieser Leidenschaf bei sich wie bei dem Geliebten bemerkte. Da sie sich an ihre einzige große Liebe wie an das Leben selbst klammerte, schauderte sie vor der Eifersucht als vor der natürlichen Mörderin des Gefühls zurück. Dieser erhaltende Instinkt war erst langsam durch die Unfähigkeit, die Leidenschaf länger zu bemeistern, abgetötet, und Dora hatte sehen müssen, wie ihre zeitweilige Annäherung an ihren Gatten, die sie, wie um sich einen Halt zu geben, versucht hatte, die notwendige Katastrophe nur beschleunigte. Bei diesen sich bekämpfenden Gefühlen war sie ruhiger erschienen als der Mann, sei es durch einen Rest von der weiblichen Zurückhaltung gegenüber der beobachtenden Umgebung, sei es nur in der Art, wie der Zustand eines wirklichen Kranken zuweilen weniger gefährlich erscheint, als der eines eingebildeten. Was war denn Wellkamps Eifersucht im Vergleich mit der ihrigen? Nichts als diejenige eines Kindes, das ein Spielzeug zwar fortgeworfen hat, aber nicht dulden will, daß ein Anderer die Hand darauf lege. Die Frau, die er nicht mehr für sich begehrte, mißgönnte er dennoch ihrer Ruhe und ihrem Gatten. Sie aber liebte ihn, die Unglückliche, und während die Wunden, die ihm seine männliche Eitelkeit geschlagen, ihn vielleicht bereits nicht mehr schmerzten, hatten die ihren, die in Stille und Verheimlichung in Eiter übergegangen waren, das Blut vergifet und nun ein äußerstes Fieberdelirium herbeigeführt, dem die Aufösung folgen mußte.

Bis zum letzten mußte sie jetzt die Rache der Natur über sich ergehen lassen, die uns unerbittlich mit dem straf, womit wir uns an ihr vergangen haben. So ward ihr die Leichtigkeit, mit welcher schon die frühreife Phantasie des jungen Mädchens mit Bildern spielte, die sie abwechselnd reizten und abschreckten, nun zur rafnierten Qual. Der Traumzustand, in dem sie soeben ihre Jugend erblickt, war beendigt. Die erwachten und schmerzhaf angestrengten Sinne zeigten ihr Alles in nackten, harten Formen. Sie sah den Geliebten, jener Andern gehörig, und sein Lächeln, seine Bewegungen waren die gleichen, die sie an ihm kannte, die er für sie selbst gehabt. Dann wechselte das Gesicht, und in ihrer kranken Phantasie tauchten unreine Bilder auf. All das tief Unwürdige, womit sie und ihr Mitschuldiger ihre in sich selbst schon beendigten Beziehungen zu verlängern gesucht hatten, ging noch einmal an ihr vorüber und erregte in ihren irren Sinnen eine aufreizende, verzweifelte Sehnsucht. Unter ihren Augen, die, wie um in das Unsichtbare einzudringen, gewaltsam aufgerissen waren, schwollen die blauen Adern, während ihre Hände mit einem krachenden Geräusch der Knochen sich krampfen, als wollten sie das furchtbare Bild auseinanderreißen. Es war dicht vor ihr, sie sprang mit einem Schrei einen Schritt vor, wild in die Luf greifend. In die Schleppe ihres Gewandes verwickelt, stürzte sie vornüber und verharrte eine Minute knieend. Als sie sich mit leeren Händen aufgeraf und Alles verschwunden fand, starrte sie irr um sich her, und plötzlich wußte sie, daß sie allein sei, wie sie es niemals vorher gewußt. Aus dem Zimmer wich, was den Raum füllte, die dicht stehenden Möbel und die Etagèren, auf denen hundert Kleinigkeiten sich drängten, die Albums und Bilder, die Teppiche und Vorhänge waren wie von einem Abgrund verschlungen. Die Wände waren kahl, der Raum weit und immer weiter. Es gab nichts mehr als etwas Ungeheures, das in graue Schatten wie in die Unendlichkeit auslief. Rings um sie her fühlte die Unglückliche die Einsamkeit liegen, gleich einem wilden, ausgehungerten Tiere, das sie mit leeren, übergroßen Augen ansah. Das Tier sog die Luf ein, ihre Lebensluf: sie meinte, nicht mehr atmen zu können, und wie ein Erstickender mit den Gliedern um sich schlägt, fühlte sie sich in ihrer Lebensnot zu einer Gewaltsamkeit gedrängt, sie wußte nicht, zu welcher? Sie rannte umher und begann zu suchen, sie wußte nicht was? Sie dachte nicht mehr, wenigstens nicht in dem Sinne, wie man von menschlichem Denken spricht. Der Rest ihres Lebenswillens gab sich aus, das war Alles, und er that es auf eine Weise, die Bewußtsein und Verantwortlichkeit ausschloß. Im Zimmer ihres Gatten zögerte sie, wie in Erinnerung an den Fund, den sie hier bereits einmal gethan. Was ist in solchem Augenblick Erinnerung? Ein schwacher Hauch, der einen dichten, dichten Schleier heben möchte. Man hat ihn eine Sekunde gespürt, der Schleier bleibt liegen. Wenn sie nicht wußte, was sie suchte, so begrif sie vielleicht ebensowenig, was sie gefunden hatte. Sie betrachtete die zierliche, silberbeschlagene Pistole, die ihre hastigen Finger unter einem Haufen von Papieren hervorgewühlt, ganz ratlos, mit der Hand über die glühende Stirn fahrend. Es erschien dennoch kein Gedanke, und was sie in der Folge that, war nichts anderes als die Bewegung des in den Abgrund Stürzenden, der mit ausgespreizten Armen den am Rande Stehenden mit sich reißt. Kein Impuls kann hefiger sein als dieser; der Moment ist einzig, es gibt weder Für noch Wider.

Sie prüfe nicht, ob das Spielzeug geladen, sie

hatte schon den Mantel umgeworfen, das Spitzentuch hing lose von ihrem Haupte, sie war schon die Treppe hinab. Einige Schritte weiter hielt sie einen Einspänner an. Draußen an der Schillerstraße stieg sie aus, um das Haus zu erfragen.

Wellkamp und Anna schritten soeben von der kleinen Landungsbrücke, wo ihr Boot angelegt, die Terrassen ihres Gartens hinan, aufeinander gestützt, langsam, mit der süßen Mattigkeit, welche die leichte Anstrengung des Ruderns in der weichen Frühlingsluf ihnen gegeben hatte. Sie hatten von unten das Herankommen Doras nicht bemerken können; nun sahen sie plötzlich auf der Höhe des Gartens, von der sie noch einige Stufen trennten, die dunkle Gestalt stehen, die sich gegen den lichten Himmel vergrößert abhob. Beide machten bei dieser unvorhergesehenen Erscheinung eine Bewegung des Schrekkens. Wellkamp blieb halb abgewandt stehen, ohne sich über eine Aufassung der Lage schlüssig werden zu können. Dagegen hatte Anna sofort ihre Fassung wiedergewonnen. Es war ihr keine Selbstüberwindung anzumerken, während sie der ehemaligen Feindin, der Frau, die ihr den größten Schmerz ihres Lebens zugefügt, die Hand entgegenstreckte.

»Ich weiß wohl«, sagte sie, »daß wir Unrecht haben, Dir nicht sofort von unserer Rückkehr Anzeige gemacht zu haben. Aber sei gewiß, daß ich es nicht unterlassen hätte. Es muß unter uns allen Frieden geschlossen sein, ehe uns ganz wohl werden kann.«

Sie erwartete, daß Dora ihr einen Schritt entgegenkäme. Als nichts davon geschah, erhob sie zum erstenmal aufmerksam den Blick zu dem Gesicht der Obenstehenden und ließ nun selbst den Arm sinken, bestürzt durch die gleichsam verschlossene, jedes Ausdrucks beraubte Miene, mit den zwischen ihr und ihrem Gatten ins Leere starrenden Augen. Nur auf der Stirn schien sich etwas zu bewegen, etwas wie eine Falte, die über der Nasenwurzel kam und verschwand, als sei es eine Idee, die nicht zum Durchbruch gelangen könne. Dann öfnete sich langsam der Mantel, eine Hand bewegte sich daraus hervor, die ein winziges Geschoß emporhob, um es tastend auf Wellkamp zu richten. Mit dem selben Augenblicke, der sie diese Bewegung erkennen ließ, war Anna bereits zum Schutze vor den Geliebten gesprungen, den sie mit aller Stärke ihrer rückwärts gebreiteten Arme umklammerte. Der Mann vermochte sich nicht zu rühren, Anna erwartete den Schuß, und es hatte noch Niemand den nächsten Atemzug gethan, als sich die Mündung der Pistole wendete, um eine Sekunde lang gegen Doras eigene Schläfe gerichtet zu bleiben. Indes sollte ihr die Tat erspart bleiben. Noch rechtzeitig genug hörte ihr müdes Herz zu schlagen auf, daß ihre schlanke Gestalt ohne die Verunstaltung des Selbstmordes in die Kniee sinken konnte.

Was sie die Wafe gegen sich selbst richten ließ, konnte gewiß ein Instinkt sein, so dunkel und unerklärlich, wie derjenige, der sie hergeführt. Es wäre so viel menschlicher und tröstlicher, wenn es ein letztes Aufeuchten ihrer verlöschenden Seele war, das ihr in einer deutlichen Vision die Größe und Unwiderstehlichkeit jener Liebe ofenbarte, die dort opferbereit den Geliebten mit dem Leibe deckte, und gegen die diese Wafe so unwirksam blieb wie alle andern. Wenn sie so als letzte Erkenntnis eben das mit hinüber nahm, was so recht den Widerspruch gegen Alles, woran ihr Leben gehangen, bedeutete, so mochte dieses verfehlte Leben wohl in einem höhern Sinne als gesühnt erscheinen, und die schöne Idee von einer Vergebung der Sünden brauchte ihrem Ende nicht fern zu bleiben.

Als Wellkamp aus einer längeren Betäubung zu sich kam, fand er sich allein an dem Lager der einst Geliebten. Er war mechanisch gefolgt, als man sie hinaufgetragen und gebettet hatte. Der Gatte war herbeigeholt, dann war der Arzt erschienen. Es war Alles zu Ende, und nun erst hatte man sich seiner erinnert, der teilnahmslos daneben stand, und hatte ihn da gelassen, in stiller Nachsicht mit den Beziehungen, die ihn mit Dora verbunden, und die der Tod plötzlich fast erlaubt erscheinen machte. Denn der Triumph des Todes über alle Rechte der Lebenden ist so vollständig, daß angesichts seiner sogar die Schuld das Ausgeschlossene, Heimliche, das ihr anhafet, abzulegen wagt. Kaum allein, war er ohne Besinnung nieder gesunken, mit dem Körper gegen den Bettrand, und als er nun zu sich kam, fühlte er in seiner Hand eine andere, die er beim Falle ergrifen, und ohne deren Stütze er zu Boden geschlagen wäre. Anfangs mochte er dieser Hand seine eigene Wärme mitgeteilt haben, nun aber hatte sie gesiegt und die seinige bis in den Arm hinauf erkältet. Er ließ sie dennoch nicht los; es that ihm wohl, etwas von ihrem Tode in seinem Blute zu spüren. Er drückte sie fester, während er in der schon hereinbrechenden Dämmerung ihre Züge erspähte, seine febernden Blicke immer tiefer darein versenkte und nun seinerseits die Wiederbelebung ihrer gemeinsamen Vergangenheit anstellte, der sie sich in ihren letzten Nöten hingegeben hatte. Er sah Alles wieder vor sich, erkannte Alles wieder bis auf längst vergessene Kleinigkeiten, Unterschiede in der Entwickelung seines Gefühls, auf die er kaum Gewicht gelegt, und die ihm nun bedeutend deuchten. Der Grund war, daß stets erst das Ende der Dinge ihnen einen Sinn gibt. Wer nach dem Untergange der Welt noch da wäre, würde sie begreifen. Wellkamp ging nun sicheren Schrittes durch das Labyrinth seiner Leidenschafen, dem er früher zögernd, eine Beute seiner Begierde, nachgegangen. War doch jetzt der Ausgang da, vor seinen Augen. »Es hat Alles so sein müssen.« Dies war der schmerzliche und doch so wohlthuend resignierte Gedanke, der jede seiner Erinnerungen begleitete. Er erbebte unter den tiefnnern Schauern jenes nachträglichen Fatalismus, den wir Alle kennen. Wiederholt nicht dieses wunderliche Gefühl in begrenzteren Formen jene unsere Unfähigkeit, in der Vorstellung, die wir uns von unserem Gotte machen, über unsere menschlichen Begrife hinaus zu greifen? Wie wir ihn nach unserem Bilde denken, so vermögen wir auch uns selbst nicht anders zu sehen, als wir uns kennen. Wir wären uns entfremdet, wenn wir uns anders dächten als wir sind. Wellkamp erkannte nun die Vorherbestimmung, die ihn genau auf dem Wege geleitet hatte, den er genommen, da er auf keinem andern das Ziel hätte erreichen, der Mensch werden können, der er heute war oder der er werden sollte. Er fragte sich mit einer mystischen Angst: wie, wenn er zum Beispiel an jenem Punkte, als das schuldige Einverständnis bereits vorhanden, und die thatsächliche Ausführung nur noch die Frage von Tagen war, das Werdende abgebrochen hätte? Wenn er in der Folge jenes Weihnachtsabends zu dem Vorsatze, ohne Zögern abzureisen, die Kraf gefunden hätte? Und er antwortete, daß dies ebenso unmöglich gewesen sei, wie ein Zusammentrefen mit Dora überhaupt zu verhindern, die ihm vom Schicksal in den Weg geführt war. Er hatte alle Stationen dieser Leidenschaf durchwandeln müssen, von höchster Extase zu tiefster Erniedrigung, weil er nur so von seiner Jugend erlöst werden konnte. Wie hatte er, als er in der Ehe von neuem zu beginnen trachtete, glauben können, daß diese Jugend ihn ohne Buße loslassen werde, mit Allem, was eine Jugend, wie die seine, hinterläßt an schlecht geheilten Wunden, nicht verschmerzten Enttäuschungen und nachwirkender Verbitterung, an zu kürzlichen Erfahrungen, die auf das neue Leben ihre Schatten werfen. Es gab in seinem Leben so unendlich viele Trümmer, die ihm den Weg versperrten und fortgeräumt werden mußten, ehe er von neuem zu bauen beginnen konnte. Und dies war es, was hier geschehen war, mit einem Schlage, der Alles in der Vergangenheit ihn Belastende mit seiner Wucht in unerkennbare Fernen zurückschob und beinahe unwirklich machte. Alles ward unansehnlich und verlor seine Wirkung in der Erinnerung angesichts dieses Opfers, welches sein Dasein erfordert hatte, und durch welches fortan sein Fühlen reiner, sein Denken größer gemacht werden sollte. Der Gedanke aber, daß sie für ihn, für sein Lebensglück geopfert sei, ergrif ihn von neuem mit aller Gewalt. Seltsam, er fuhr fort zu bedenken, daß die Natur, welche kein Gefühl für das einzelne Geschöpf besitzt und im Großen plant, häufg so wie hier, ein Leben zerstört, um ein anderes dadurch erhalten und verbessern zu können, während er sich doch gleichzeitig unter lautem Aufschluchzen über den stillen Körper warf, dem er wie ein Geständnis zurief:

»Ich habe Dich getötet!«

Aber, ist es nicht eben dieser Widerspruch eines sich ohnmächtig fühlenden Fatalismus mit dem unüberwindlichen Gefühle der Verantwortlichkeit, der das Tragische eines jeden Menschenlebens ausmacht, des einfachsten wie des bedeutendsten?

Die Dunkelheit ließ nur mehr wenig unterscheiden, als der regungslos über die Tote Geneigte seiner schmerzlichen Hingabe durch das Öfnen der Tür entrissen wurde. Er erkannte in dem Eingetretenen einen Geistlichen. Anna war durch das lange Verbleiben ihres Gatten bei der Toten beunruhigt worden. Um nun seinen Schmerz mit einer sanfen und verständnisvollen Hand zu berühren, hatte ihr Herz, dem ihr freidenkerischer Geist nie etwas von seiner Pietät genommen, das rechte Mittel gefunden. Der Geistliche, welchen sie holen ließ, gehörte der katholischen Religion an, welche die der Verstorbenen gewesen, und für die Anna die Vorliebe ihres Gatten kannte. Es war ein Mann von Jahren, der die Wissenschaf des Beichtstuhls, die reiche Erfahrung, die in seinem Berufe so feine Seelenkenner bildet, wohl zu nutzen verstand. Er war gewohnt, dort den Trost, der trotz Allem der beste bleibt, anzuwenden, wo es gab, was er in seinen Gebeten von der Kanzel »Sünden« nannte, und worunter er »Leiden« begrif. So hatte er sich auch jetzt bereits bei der Begrüßung durch Anna durch leise, kluge Erkundigungen über die Lage der Verhältnisse aufgeklärt, die er völlig überschaute, wie er nun an das Totenbett trat. Als er den fassungslos davor Knieenden bewogen, sich zu erheben, und ihn an der Hand einige Schritte ins Zimmer hinein geführt hatte, sagte er, still in den Schatten deutend, in dem Dora schlummerte: »Unsere Toten wünschen, daß wir schon im Leben den Frieden haben mögen, den sie leider of erst im Tode gefunden haben.«

X Schluß

Inhaltsverzeichnis

In die Vorbereitung zum Leichenbegängnis setzten sowohl Anna wie Wellkamp viel Eifer, der nicht ganz frei von einer gewissen Verlegenheit war. Gewöhnlich dienen die äußerlichen Pfichten, die aus einem Sterbefalle den Hinterbliebenen erwachsen, zu einer gesunden Ableitung des Schmerzes, der dadurch ins alltägliche Leben herabgezogen, etwas von seiner Schrecklichkeit einbüßt. Schließlich ist man es beinahe zufrieden, durch diese handwerksmäßigen Beschäfigungen eines Austausches seiner Empfndungen überhoben zu sein, durch den man bisher wechselseitig seine Erregung erhöht hat. Hier aber machten die Beteiligten es sich eher zum Vorwurf, durch Nebensächlichkeiten die innere Bedeutung der Lage zu verdunkeln. Wenn Anna die Liste, welche sie für die Mitteilungskarten aufgestellt, geschäfsmäßig mit ihrem Gatten durchging, war es ihnen, als buchstabierten sie in einem Buche umher, über dessen Inhalt und Sinn sie sich vielmehr zu verständigen hatten.

Indirekt geschah letzteres dennoch einmal schon während der Tage, die sich die Leiche noch im Hause befand. Da Herr von Grubeck sich tief niedergeschlagen und keiner der an ihn herantretenden Aufgaben gewachsen zeigte, hatte seine Tochter ihm insbesondere die schwierigste abgenommen, die Anzeige des traurigen Ereignisses an Doras Vater abzufassen. Wellkamp, dem sie den fertigen Brief unterbreitete, wurde tief berührt von dem wahren, bewegenden Ton, den er selbst, wie es ihm schien, nie so hervorgebracht hätte, auch wenn er ruhiger und weniger unter dem unmittelbaren Eindruck des Erlebten gewesen wäre. Er fühlte wohl, daß ebenso sehr wie das ausgezeichnete Herz seiner Gattin hier jener weibliche Zusammengehörigkeitssinn sprach, der Frauen unter einander ihr Leid so gut begreifen läßt, wie sehr sie auch of im Glücke sich hart und hinderlich sein mögen. Zuweilen aber drang durch die diskrete, sich mehr an Doras, durch ihr unglückliches Naturell bedingte Lage als an das eigentlich Geschehene haltende Darstellung jene eigentümliche, mehr nervöse Erregung hindurch, die das Zeichen ist, daß man sich anders als nur danebenstehend und mitleidend, daß man sich in gewisser Weise thätig beteiligt glaubt. Es war zweifellos nur Wellkamp möglich, diese eigentümliche Ahnung einer Schuld wahrzunehmen, die für ein zartes Gewissen fast beruhigender sein kann, als eine völlige Gewißheit der Verantwortlichkeit. Er aber war um so sicherer, diese Skrupel zu verstehen, und als er Anna das Schreiben zurückgab, vermied er ihren Blick, der gleichzeitig dem seinen auswich. Erst auf der Rückfahrt von der Beerdigung, die,

stets für die Trauernden, ohne daß sie selbst es ahnen, etwas Befreiendes hat, da nun, vielleicht wider ihren eigenen Willen, das Leben endgültig wieder in seine Rechte tritt, fanden sie die Stimmung zu einer gegenseitigen Beichte. Anna hüllte mit einem zärtlich besorgten Blick ihren Vater ein, der stark gealtert erschien, und dessen von so vielen ungewohnten Aufregungen schwere Augenlieder gleich nach dem Besteigen des Wagens zugefallen waren. Seltsamer Weise war hierdurch die gleiche Situation hergestellt wie damals, als die Verlobten auf der Herreise von Kreuth ihre erste vertraute Unterredung hielten, deren Gegenstand genau wie heute Dora war. War nicht auch dieses Zusammentrefen bezeichnend dafür, daß sich hier einer der Ringe an der Kette ihres Lebens, und ein wie bedeutender, für immer schloß?

»Es hätte ja nicht immer so bleiben können« sagte Wellkamp unvermittelt, und es fand sich, daß Beide denselben Gedanken gehabt.

»Sie mußte früher oder später unsere Rückkehr erfahren« fuhr Anna fort »und wir hätten uns irgendwie zu einander stellen und wenn keinen Verkehr, so doch ein Verhältnis schafen müssen.«

Beide fühlten seit langem, daß das Fernhalten Doras etwas Vorläufges gewesen, daß sie Unrecht gehabt, selbst noch nach ihrer Wiederansiedelung in Dresden fortdauern zu lassen, das jedoch der Egoismus ihres Glückes sie zu unterbrechen gehindert hatte.

»Ich weiß wohl,« nahm Anna nach einem Schweigen das Gespräch wieder auf, »daß Du mich vor unserer Herkunf an die Schwierigkeit unserer Lage erinnert hast. Vielmehr als Du hab ich zum Aufruch gedrängt, weil ich so unwiderstehlich gern ein Nest bauen wollte, das endlich einmal ganz uns gehören sollte, und dann des armen Vaters wegen. An sie, mit ihrem viel schwereren Unglück, mochte ich nicht einmal denken. Da liegt meine Schuld, die ich mir nicht vergebe.«

Wellkamp machte eine abwehrende Bewegung.

»Du hast es zu leicht gehabt mich zu überreden. Und dann, wer in Vergessenheit und Leichtsinn Wunden geschlagen hat, ist selbst der Allernächste dazu, sie zu verbinden – wenn er nicht eintretenden Falles Mörder heißen will.«

Die letzten, hart und grausam gesprochenen Worte machten die junge Frau zusammenfahren, die sich dichter an den Mann schmiegte, als drängte sie ihn ängstlich, diese Selbstanklage zurückzunehmen. Als er sich aber zu ihr wandte, schlug sie dennoch den Blick nieder und bot ihm so die Hand zu einem Druck voll Verständnis und Zärtlichkeit.

So war die anfängliche Stimmung, die alsbald der Bearbeitung des Lebens unterworfen wurde. Dieses aber verfährt so seltsam eigenmächtig mit allen unsern Eindrücken und Erlebnissen, von denen es die kleinsten in der Erinnerung wachsen und an Reiz oder Schrecken gewinnen lassen kann, während es den großen stets etwas von ihrer Macht nimmt und sie zuweilen fast unwirksam macht. Unter der fortwährenden Reibung des Alltagslebens zog sich die Erinnerung der Schuld aus den Gedanken und dem täglichen Bewußtsein zurück, um auf dem Seelengrunde liegen zu bleiben, von dem sie endlich selbst nur noch einen Teil ausmachte. Und da es kein Glück ohne Reue geben kann, so diente dieser leise, leise Zusatz von Bitternis dazu, ihre Liebe vor dem faden Geschmack der Gewohnheit zu bewahren, sie zu befestigen: Doras Opfer war nicht unfruchtbar geblieben.

Der Sommer ist voll raschen, vollen Lebens verstrichen. Auf häufgen Ausfügen, auf's Land und in den Wald, am liebsten auf Ruderfahrten, haben die Glücklichen jedem Element, jeder Landschaf die eigentümliche Stimmung abgelauscht, welche sie für Liebende bereit halten, froh, der ganzen Natur ihre Liebe mitzuteilen und das Echo von ihr zurückzuerhalten. Nun sitzen sie gern an schönen Herbstabenden auf der Terrasse ihres Hauses, wenn beim Untergange der Sonne, die von dem Wasser drunten am Abhange des Gartens mit einem bezaubernden Glanz von vergoldetem Violett Abschied nimmt, tausend Blumen dem Licht und der Wärme, die sie belebt haben, dufende Grüße nachsenden. Dann und wann ein leises Rauschen in den Zweigen, von denen sich ein paar gebräunte Blätter lösen, um langsam zu Boden zu rascheln, macht die Luf nur noch stiller, den Abend friedlicher. Die beiden Menschen lieben mehr als je diesen Frieden, da sie seit wenigen Tagen wissen, daß sie nicht mehr allein sind in ihrem Bunde. Es ist, als habe dieser erst jetzt, da er gereinigt und erneuert ist, gesegnet werden sollen. Wenn sie es wagen, die große Stille zu unterbrechen, so thun sie es, um von ihrem Kinde zu sprechen, »von unserm Jungen«, denn sie wünschen Beide, Anna fast inniger als ihr Gatte, daß es ein Knabe sein möge. Mit dem zuversichtlichen Blick auf die Zukunf, der außer Verliebten nur jungen Eltern eignet, setzen sie sich bereits über ihre Erziehungsgrundsätze auseinander.

»Ich überlasse ihn ganz Dir« sagt Wellkamp. »An dem, was Du aus ihm machst, werde ich mich auf alle Fälle erfreuen können. Das wird der beste Dienst sein, den ich unserm Jungen erweisen kann.«

»Du willst ihn zum Muttersöhnchen machen?« wendet Anna lächelnd ein.

»Du brauchst es nicht eben so zu nennen. Der weibliche Einfuß, der mir gefehlt hat, ist ganz allein im stande, in der ersten Jugend das Gewissen zarter, die Ehrfurcht größer, den Geschmack feiner zu machen. Ich meine, daß gegen solche Wirkungen alle etwaigen Nachteile unbedeutend erscheinen müssen.«

»Weißt Du, was ich einleuchtend fände? Wenn es Dir gleicht, so habe ich seine hauptsächliche Leitung zu übernehmen; ist er dagegen mir ähnlich, so liefere ich ihn ohne Umstände Dir aus. So erreichen wir vielleicht eine natürliche Ergänzung seiner Anlagen.«

Wellkamp hat indes seinen Gedanken festgehalten.

»Hältst Du es für möglich« fragte er nachdenklich, »daß nach uns eine Generation von Männern käme, die wieder einfacher, lebensfreudiger und in einem Glauben besser gegründet wären als wir heutigen?«

Anna nickte ihm zu.

»Du sagst mir, daß ihr Alle die Sehnsucht nach dem Glauben kennt. Das ist augenscheinlich die letzte Spur von dem, was schon eure Großväter zu verlieren begannen. Aber sollte es nicht zugleich die beste Vorbereitung sein, daß eure Söhne und Enkel es wiederfnden? Denn die geistige Bewegung ist eine Wiederholung ohne Ende. So wie wir's erleben, hat es sich unzähligemal zugetragen. Im geistigen und moralischen Leben gibt es nur darum ein »Hinab«, damit sofort ein »Herauf« darauf folgen kann.«

»Und Du glaubst, daß wir an dem »Hinauf« angelangt sind?« fragt Wellkamp fast freudig und erwidert Annas zustimmendes Lächeln.

Sie haben Beide die Hofnung, weil sie die Liebe haben.

Dann geht die junge Frau ihrem Vater entgegen, der auf die Terrasse heraustretend die Tochter auf die Stirne küßt, um dann dem Schwiegersohne kräfig die Hand zu schütteln. Die Verheerungen, welche die grausamen Erfahrungen des letzten Winters an ihm angerichtet, sind so vollständig wie möglich geheilt. Anfangs hat auch er sich gesträubt, vom Schicksal die Lösung anzunehmen, welche es durch den Tod seiner Gattin allen Schwierigkeiten seiner Familienverhältnisse erfunden. Er hat Doras Opfer mit derselben Notwendigkeit wie Wellkamp als, wenn nicht für ihn, so doch zu seinen Gunsten gebracht, ansehen müssen. Indes hat er das weit drückendere Vermächtnis zu übernehmen gehabt, das seine Lebensführung in der Abhängigkeit der Toten beließ, wie sie solange aus der Hand der Lebenden unterhalten war. Und um sein Alter in der Nähe der geliebten Tochter zubringen zu können, hat er seinen Widerwillen und seinen Stolz gegenüber dem Manne, den seine Gattin geliebt, zum Schweigen bringen müssen. Sein Verhältnis zu seinem Schwiegersohn ist in letzter Zeit selbst herzlicher geworden als es je früher gewesen. Mit Hilfe des ihn immer leichter gefügig machenden Alters hat er bald in jedem Punkte die Wafen gestreckt. Wann thäten dies die Menschen nicht, die von Hause aus Ansprüche an das Leben zu stellen gelernt haben, denen dieses in der Folge nur gegen tausend Demütigungen und Opfer an ihrem Gewissen gerecht wird. Vergessen sie doch am Ende, daß sie diesen Preis tagtäglich zahlen. An Herrn von Grubeck verrät nichts, daß er ein vom Leben Gedemütigter ist. Er fühlt sich behaglich im Hause seiner Kinder, in dessen oberem Stockwerk ihm die schönsten Zimmer hergerichtet sind. Den Verkehr im Klub, der ihm liebgeworden ist, hat er beibehalten. Während er eine dort gehörte Anekdote erzählt oder die Einladung einer der Familien überbringt, mit denen man seit kurzem den lange Zeit unterbrochenen Verkehr wieder angeknüpf, hat er sein gutes, lautes Lachen von ehemals. Jede seiner Bewegungen, sein ganzes, schon etwas großväterliches Gehabe spricht aus, wie zufrieden der alte Herr ist, noch einmal wieder gefunden zu haben, was er seit seiner Kindheit verloren: Das echte, stetig geordnete, einträchtige und in seinem unscheinbaren Frieden so inhaltsreiche Leben in einer Familie.

In Augenblicken des Schweigens sehen die drei Menschen, nun alle in jene »Hafenruhe« eingelaufen, von der Wellkamp von jeher unter dem Blick von Annas Augen geträumt, in den Garten hinaus, wo schon dichte Schatten über der Stelle liegen, an welcher Dora gestorben, und über welche die Blicke bereits ohne eine unausgesetzte Erinnerung hinweggleiten. Der nun regelmäßiger durch die Wege streifende Abendwind treibt die im Dunkeln geheimnisvoll raschelnden Blätter vor sich her. Sie fattern, eines ums andere, langsam und still, aber nicht eben traurig, wenn man es nicht mit traurigen Augen ansieht, die Terrassenstufen hinab, und von der letzten ins Wasser, auf dessen mondbeglänzter Fläche sie kurze Zeit aufeuchten, um dann stromabwärts in den Schatten zu verschwinden, gleichwie unsere Jahre, eines ums andere, von uns fort in die Unendlichkeit treiben, oder wie uns das Andenken einer Toten entgleitet.

Lausanne, September 1892 – Riva Oktober 1893.

Im Schlaraffenland

Inhaltsverzeichnis

I. Der Gumplacher Schulmeister

II. Das »Cafe Hurra«

III . Die deutsche Geisteskultur

IV. Türkheimers

V. Ein demokratischer Adel

VI. Die Mittel, mit denen man was wird

VII. Eine Marotte

VIII. »Rache!«

IX. Politik und Volkswirtschaft im Schlaraffenland

X. Das Vergnügen, die Menschen zu durchschauen

XI. Die kleine Matzke

XII. Die leben, die genießen!

XIII. Die hohe Korruption

XIV. Familienrat

XV. Liebling

XVI. Das Bedürfnis nach Reinheit

I.
Der Gumplacher Schulmeister

Inhaltsverzeichnis

Im Winter 1893 arbeitete Andreas. Er war fleißig wie ein armer Student, der nicht in alle Ewigkeit auf den Wechsel von zu Hause rechnen kann. Als es aber Frühling ward, ging eine Veränderung mit ihm vor. Während der Osterferien, die er aus Mangel an Reisegeld in Berlin verbrachte, mußte er immerfort an die Freunde denken und an die Fahrten, den Rhein zu Berge. Ein ausgiebiger Vorrat von des Vaters prickelndem Federweißen befand sich im Boot.

Das Heimweh veranlaßte den jungen Mann zum Nachdenken. Er überlegte sich die große Zahl der Geschwister und die schlechte Ernte des vorigen Jahres. Nun, mit dem Weinberg, der nur noch alle sieben Jahre einmal ordentlich trug, würde er nichts mehr zu tun haben. Sein zukünftiges Erbteil ging bei seinem Studium im voraus drauf. Merkwürdigerweise schloß Andreas hieraus nicht, daß er um so schneller auf das Examen loszuarbeiten habe, sondern daß seine Anstrengungen gar zu wenig lohnend seien. Als mittelloser Schulamtskandidat war alles, was er tun konnte: nach Gumplach zurückkehren und auf eine Anstellung am Progymnasium warten. War das eine Zukunft für ihn, Andreas Zumsee, dessen Talent, nach Ansicht aller, zu großen Hoffnungen berechtigt hatte? Mit achtzehn Jahren hatte er Gedichte gemacht, mit denen seine Freunde und sogar er selbst vollkommen zufrieden gewesen waren. Seitdem hatte der »Gumplacher Anzeiger« eine Novelle von ihm gebracht, die ihm die Gunst des Mäzens von Gumplach eingetragen hatte. Es war der alte Herr, den es in jeder kleinen Stadt gibt, und der bei seinen Mitbürgern als harmloser Sonderling gilt, weil er sich mit Literatur befaßt.

Am Ostersonntag besuchte Andreas das Königliche Schauspielhaus, um den ersten Teil des Faust zu sehen. Auf der Galerie zog er sich hinter einen Pfeiler zurück. Er hatte keinen Bekannten in Berlin, schämte sich aber seines billigen Platzes. Seine Eitelkeit legte ihm Opfer auf. Im Zwischenakt stieg er, nicht weil es ihm Freude machte, sondern weil die Selbstachtung es ihm gebot, ins Parkett hinab und drängte sich auf dem Korridor in der guten Gesellschaft umher.

Einmal staute sich der Zug der Wandelnden, weil viele gaffend und horchend zwei bedeutend aussehende Herren umdrängten. Den größeren von ihnen erkannte Andreas sofort wieder; es war der Professor Schwenke, ein Akademiker, der sich eine Ausnahmestellung verschafft hatte dadurch, daß er alles Moderne protegierte. Er trug eine Künstlerlocke auf der Stirn, hielt die Hände in den Taschen seines hellen Jacketts und hatte so große Furcht, pedantisch zu erscheinen, daß er beim Sprechen den Oberkörper stets in einem burschikosen Schwunge erhielt. Sein Gegenüber war einen Kopf kleiner, bartlos, und sein borstiges schwarzes Haar hing über einem Halskragen von zweifelhafter Weiße. Er hatte eine Adlernase und gelblederne Gesichtshaut, und sein zu weiter Gehrock reichte bis unter die Knie hinab. Andreas war sehr begierig zu wissen, wer diese Persönlichkeit sei, die äußerlich zwischen Clergyman und Konzertvirtuosen ungefähr die Mitte hielt. Ein Herr, der von fern dem Kleinen winkte, rief:

»Herr Doktor Abell!«

»Sollte das Abell sein?« dachte Andreas, »der Kritiker des ›Nachtkurier‹?«

Er konnte es kaum fassen, daß man die großen Männer, die im Reich der Begriffe lebten, hier in der Wirklichkeit wiederfand. Sein Herz schlug höher, und er schaute sich argwöhnisch um, ob man ihm etwas anmerke. Denn er wollte um keinen Preis naiv aussehen.

Von seinem Galerieplatz suchte er die beiden Herren wieder auf; sie saßen dicht hinter dem Orchester. Andreas schielte mehrmals hastig nach seinem Nachbarn, einem blonden jungen Manne in bescheidenem schwarzem Röckchen. Endlich hielt er es nicht mehr aus:

»Entschuldigen Sie«, sagte er, »ich bin kurzsichtig. Ich meine dort vorn den Doktor Abell zu erkennen?«

Er bemühte sich, ganz dialektfrei zu sprechen. Der junge Mann erwiderte höflich:

»Gewiß. Das ist Doktor Abell. Er sitzt neben Doktor Wacheles vom ›Kabel‹. Zwei Reihen hinter den Herren sehen Sie auch Doktor Bär von der ›Abendzeitung‹ und Doktor Thunichgut von der ›Kleinen Börse‹.«

Neben ihnen machte man »Pst!«, und der Vorhang ging auf. Andreas sah nichts anderes mehr als die Rücken der Kritiker. Sie nahmen Plätze ein, denen auch er sich gewachsen fühlte. Mit sanguinischer Phantasie malte er sich schon seinen Eintritt in den Saal aus. Er schritt gelassen, im Gefühl seiner Unentbehrlichkeit, auf den ihm reservierten Sessel zu. Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und lauschte nachlässig mit mildem Lächeln den Künstlern, die mehr für ihn als für tausend andere sprachen. Einige Zeilen in der Redaktion, wohin er nach der Vorstellung fuhr, flüchtig auf das Papier geworfen, sicherten ihm Macht, Einfluß, ein gutes Einkommen und eine angesehene gesellschaftliche Stellung in Berlin. Der Gumplacher Schulmeister durfte diese Zukunft nicht durchkreuzen. Das berufene Talent brach sich Bahn.

Um sich selbst in seinen Hoffnungen zu bestärken, hätte er sie gern laut ausgesprochen. Er sah mehrmals schnell um sich und schnappte vor Erregung nach Luft. Sein Nachbar, der ihn durch einen schwarzumrandeten Kneifer still anblinzelte, sagte verbindlich:

»Wir sind wohl Kollegen?«

Andreas stutzte und besann sich.

»Sie sind auch Schriftsteller?« fragte er.

Der andere verbeugte sich.

»Friedrich Köpf, Schriftsteller.«

Er sprach mit gespitzten Lippen, als sei es ihm eher peinlich, dies einzugestehen. Andreas wurde im Gegenteil rot vor Vergnügen, während er sich vorstellte. Es war das erstemal, daß er sich als Literat bezeichnete. Er meinte seine Laufbahn hiermit in aller Form zu beginnen.

»Ich mache allerdings gerade die ersten Schritte in meinem Beruf«, setzte er hinzu.

»Oh, das berufene Talent bricht sich Bahn«, versicherte der junge Mann.

Andreas richtete sich auf und sah ihn drohend an; aber er überzeugte sich, daß der andere ganz harmlos lächelte. Er versetzte darauf:

»Ich bin bisher bloß Mitarbeiter eines Provinzblattes gewesen.«

»Ah, Sie sind bereits journalistisch tätig?«

»Ich habe am Feuilleton mitgearbeitet.«

Andreas vermied es, das unberühmte Blättchen zu nennen, das seine junge Kraft gewonnen hatte, und sein neuer Bekannter war diskret genug, nicht danach zu fragen. Er sagte überhaupt nichts mehr, sondern hörte voll Teilnahme zu, wie Andreas die Gedichte zusammenrechnete, die der »Gumplacher Anzeiger« gebracht hatte, und von dem ermutigenden Erfolge seiner Novelle erzählte.

Das Gespräch ward unterbrochen. Nach Schluß des Aktes begann Andreas wieder:

»Aber in Berlin bin ich bisher ganz fremd.«

»Wirklich?« sagte Köpf zweifelnd.

»Ich würde mich ja gern hier journalistisch betätigen, aber es ist so schwer, Anschluß zu finden.«

»Oh, was das anbelangt, man wird überall mit offenen Armen aufgenommen.«

»Wirklich?« fragte Andreas seinerseits.

Merkwürdig, er wußte niemals, was er aus den Worten des Kollegen machen sollte, obwohl alles, was dieser sagte, ungemein gutmütig klang. Köpf schien das Mißtrauen des jungen Mannes zu bemerken und es beseitigen zu wollen. Er versetzte:

»Ich kann Sie zum Beispiel in das ›Café Hurra‹ einführen, wenn Ihnen daran liegt.«

»›Café Hurra‹?« fragte Andreas.

»Eigentlich Café Kühlemann, Potsdamer Straße. Sie treffen dort verschiedene Mitarbeiter angesehener Zeitungen.«

»Ah!« rief Andreas dankbar und voll Hoffnung. »Das wäre ja außerordentlich freundlich von Ihnen.«

»Also kommen Sie nächsten Donnerstag. Dann finden Sie mich wahrscheinlich dort.«

Köpf empfahl sich gleich nach beendeter Vorstellung. Andreas suchte, höchst zufrieden und den Schlagring kampfesmutig in der Faust, seine Wohnung in der Linienstraße auf. Der Gumplacher Schulmeister lag weit hinter ihm, es begann ein neues Leben.

II.
Das »Cafe Hurra«

Inhaltsverzeichnis

»Herr ...?« fragte Köpf zögernd.

»Andreas Zumsee.«

Köpf stellte der Tafelrunde im »Cafe Hurra« den neuen Kollegen vor. Dieser ward mit Wärme aufgenommen. Der angesehenste der Herren ließ ihn an seiner Seite sitzen und zog ihn in die Unterhaltung. Als er den jungen Mann nach Studien und Absichten befragt hatte, sagte Doktor Libbenow mit einem vielleicht bescheidenen, vielleicht auch stolzen Seufzer:

»Ach ja, ich habe eigentlich seit zehn Jahren kein Buch gelesen.«

Man schien dies als eine beachtenswerte Leistung anzusehen, und auch Andreas empfand, er wußte nicht warum, Bewunderung für Doktor Libbenow.

Es war die Rede von den mißlichen finanziellen Verhältnissen des Schauspielerpaares Beckenberger. Der Mann war in der Gunst des Publikums rapide gesunken, von seinem Direktor bekam er nur noch ein Taschengeld, und er verschwendete dasjenige, was sich die Frau in arbeitsamen Nächten, gleichfalls ohne Zutun des Bühnenleiters, verdiente. Vor sechs Jahren hatten sie jeder zehntausend Mark gehabt.

»I wo«, sagte Doktor Pohlatz.

»Sie glauben das doch nicht?« fragte er Andreas.

Dieser lächelte verbindlich.

Pohlatz erläuterte:

»Die Weiber bekommen nämlich überhaupt nie was, darauf gebe ich Ihnen mein kleines Ehrenwort.«

»Warum denn nicht?« riefen die anderen.

»Lizzi Laffé hat noch heute ihre zehntausend, und sie geht auf fünfzig.«

»Reden Sie doch keine Makulatur!« versetzte Pohlatz schroff. »Was Lizzi hat, hat sie von Türkheimer.«

Die Namen, die Andreas hörte, prägten sich ihm ein, alles, was gesprochen wurde, schien ihm bedeutend, am bedeutendsten aber Doktor Pohlatz. Er wußte alles, er widersprach allen, er kannte die Einnahmen jedes Schauspielers besser als dieser selbst. Aber als er endlich fortging, ward es noch gemütlicher. Andreas erlaubte sich die Frage:

»Welcher Zeitung gehört Herr Doktor Pohlatz an?«

»Doktor?« sagte jemand, »der Kerl ist ja zum Sterben zu dämlich.«

»Einen Kognak und das Adreßbuch!« rief Doktor Libbenow.

»Das ist untrüglich«, sagte er, indem er den Finger auf Pohlatz' Namen legte. »Hier sind dem Doktor seine Grenzen gesetzt.«

»Wer ist denn überhaupt noch Doktor?« bemerkte ein dicker, schäbig aussehender Herr mit wolligem schwarzem Vollbart. »Wenn man nur sonst gesund ist«, fügte er hinzu.

»Doktor Buhl? Doktor Rebbiner?«

Ein Doktor nach dem anderen ward im Adreßbuch aufgeschlagen, und keiner vertrug die Stichprobe. Nur Doktor Libbenow verschonte man aus Höflichkeit.

Daß auch Doktor Wacheles vom »Kabel« und der große Abell ihren Titel nur der Gefälligkeit der Kollegen verdankten, machte auf Andreas immerhin Eindruck, aber gewissermaßen brachte der Umstand sie ihm menschlich näher, indem er ihn mit ihrer Größe aussöhnte.

Köpf war bereits verschwunden, als die anderen aufbrachen. Doktor Libbenow sagte zu Andreas, der sich von ihm verabschiedete:

»Nehmen Sie sich vor Golem in acht; er will Sie anpumpen.«

Andreas bemerkte, wie der dicke Schäbige mit dem wolligen schwarzen Vollbart sich eilig nach der anderen Seite entfernte.

Zwei Tage später erschien der junge Mann wieder im »Café Hurra«, und von da an kam er regelmäßig. Es schmeichelte ihm, seine Abende in der Gesellschaft von Mitarbeitern angesehener Zeitungen zu verbringen, und das Urteil seiner neuen Freunde über ihn lautete günstig. Wie er einmal unbemerkt in die Tür trat, hörte er Doktor Libbenow sagen:

»Der junge Zumsee? Das ist so'n Bengel, der Talent zum Glückmachen hat.«

Er zeigte gerade genug Naivität, um der Eitelkeit der anderen zu schmeicheln, und gerade genug Scharlatanismus, um nicht durch Einfalt zu beleidigen. Er sagte: »Och, han ich'n Freud gehabt«, wenn er froh war, nannte »Knatsch geck« jedermann, der ihm mißfiel, und nahm es nicht übel, wenn man seinen Dialekt belächelte. Zum Lohn dafür durfte er Meinungen, die er nicht einmal hatte, sogar dem strengen Doktor Pohlatz gegenüber vertreten. Einmal ließ er es sich einfallen, den Sozialismus, der ihm durchaus gleichgültig war, nur darum herauszustreichen, weil er dies für etwas Besonderes hielt. Er irrte sich, aber Pohlatz, der jeden andern unsanft zurechtgewiesen hätte, begnügte sich damit, ihm zu erwidern:

»Das verstehen Sie nicht, junger Mann, das verstehe ich ja kaum, und ich habe studiert.«

Bei dieser Gelegenheit erfuhr Andreas den Grund, weshalb das »Cafe Hurra« diesen Namen führte. Die Herren von der Tafelrunde hatten früher staatsumwälzenden Grundsätzen gehuldigt, bis im März 1890 sich die Sozialdemokratie als nicht mehr zeitgemäß herausstellte. Damals hatten alle einem Bedürfnis der Epoche nachgegeben, sie waren ihren freisinnigen Prinzipalen ein Stückchen Weges nach rechts gefolgt und bekannten sich seither zum Regierungsliberalismus und Hurrapatriotismus. Der Name des Lokals bewahrte die Erinnerung an diese Evolution.

Andreas bewegte sich den ganzen Sommer in diesem Kreise, voll des heiteren Bewußtseins, nunmehr der Berliner Literaturwelt anzugehören. Seitdem er sein Studium aufgegeben hatte, wartete er die Ereignisse ab, um eine neue Arbeit zu beginnen. Bei seinen jetzigen Verbindungen konnte es ihm auf die Dauer gar nicht fehlen. In Vertretung des dicken Golem, der unmäßig faul war, hatte er bereits mehrmals im Gerichtssaal als Berichterstatter fungiert. Wenn er spät abends nach dem Genusse von zwei Tassen schwarzem Kaffee und zwei Kognaks heimging, blickte er in eine glänzende Zukunft gerade hinein. Früher hatte er »geochst«, ohne an etwas zu denken, jetzt tat er nichts und war dabei von hohem Ehrgeiz beseelt.

Wohl blieben auch trübere, weniger zuversichtliche Stunden nicht aus. Andreas konnte manchmal ein Gefühl der Leere nicht verleugnen, wenn er den Tisch verließ, an dem von zehn bis zwölf Schauspielergehältern und schlecht zahlenden Verlegern gesprochen worden war. Golem verschwand einmal auf acht Tage, und bei seiner Rückkehr erzählte er den erstaunten Kollegen, daß er sein erstes Feuilleton geschrieben habe. Seit zehn Jahren machte er nur Gerichtsberichte, jetzt aber hatte ihn seine Zeitung nach Bayreuth geschickt. Dies hatte nichts Auffälliges an sich, über Wagner schrieb nachgerade jeder. Aber Andreas meinte, im »Gumplacher Anzeiger« zuweilen weniger schlechte Artikel gelesen zu haben.

Dieser Golem erfüllte ihn überhaupt mit Besorgnis. Doktor Libbenows Voraussicht, daß der Dicke ihn anpumpen werde, war nicht unerfüllt geblieben, und Andreas wagte bisher keine abschlägige Antwort zu geben. Er fürchtete noch zu sehr, das Wohlwollen der Kollegen zu verscherzen. Vielleicht war er nicht kräftig genug der öffentlichen Meinung entgegengetreten, die ihn für einen begüterten Dilettanten zu halten schien. Vorläufig erhielt nun Golem bald fünf bald zehn Mark. Und in letzter Zeit ging der Unglückliche, den der Gerichtsvollzieher überallhin verfolgte, mit dem Plane um, ein Zimmer zu beziehen, das in Andreas Wohnung freistand.

Auch in anderer Beziehung stellte sich das neue Leben als kostspieliger heraus, als Andreas vorausgesehen hatte. Die Gesellschaft aus dem »Cafe Hurra« speiste häufig zusammen zu Abend, hier und da ließ sich jemand, der seine Börse vergessen hatte, von dem jungen Freunde bewirten. Im Theater wäre Andreas jetzt um keinen Preis mehr auf die Galerie gegangen. Aber alle diese Verpflichtungen, die ihm seine gesellschaftliche Stellung auferlegte, überstiegen die Kräfte eines armen Studentenwechsels. So kam es, daß Andreas sich um die Mitte des Monats gewöhnlich in ein vegetarisches Restaurant schlich. Einige Tage später bildete dann der schwarze Kaffee sein hauptsächliches Ernährungsmittel. Das Mittagessen mußte nur zu häufig, wie Pohlatz sich ausdrückte, durch stramme Haltung ersetzt werden.

Andreas schuldete seit geraumer Zeit die Zimmermiete, und es war ein Glück für ihn, daß es auch mit der Entlohnung der Wäscherin nicht eilte. Er hatte Kredit erlangt dadurch, daß das junge Mädchen, das ihm seine frischen Hemden brachte, sich durch seine Liebe bestechen ließ. Sie bat nur um Freibilletts für das Theater, die ein Schriftsteller wie Andreas ihr doch wohl verschaffen könne. Andreas erklärte, daß nichts leichter sei, aber Libbenow sowohl wie Golem, der ihm doch vielfach verpflichtet war, vertrösteten ihn. Als nach vierzehn Tagen noch keine Freikarte zur Stelle war, verließ ihn die junge Wäscherin mit dem Ausdruck ihrer Geringschätzung und nicht, ohne die Rechnung auf seinen Tisch zu legen.

Im Oktober machte Andreas, entgegen seiner Gewohnheit, einsame Spaziergänge im Tiergarten, wo die Blätter fielen. Das »Café Hurra« vernachlässigte er. Mochten sie doch merken, daß er sie verachtete! Denn nachgerade fühlte er sich hierzu versucht. Waren sie denn eigentlich ein würdiger Verkehr für ihn, diese Leute, die meistens nicht einmal richtig Deutsch schrieben – soweit sie überhaupt etwas schrieben. Es ward ihm immer klarer: ihre Blasiertheit, die ihm anfangs als Überlegenheit gegolten hatte, war im Grunde nur der Ausdruck von Unwissenheit und Impotenz. Aber der ganze Berliner Ton kam schließlich bloß von Mangel an Tiefe. Sie ulkten, weil sie zu faul waren, auf die Dinge einzugehen. Er hatte genug davon. Das »Café Hurra« war für ihn eine Sackgasse, die niemals zu irgendeinem Ziele führen konnte. Keiner der dort kennengelernten Herren schien genug Einfluß zu besitzen, um ihn journalistisch zu fördern. Am Ende fehlte auch der gute Wille. Außer Golem, dessen schlechter Ruf seine Empfehlungen gefährlich machte, ließ keiner einen Neuling an seine Zeitung herankommen. In sechs Monaten hatte Andreas genau vierzehn Mark und fünfundsechzig Pfennig verdient, was ihm nicht hinreichend zur Begründung einer Zukunft deuchte. Das erste Studienjahr war darüber hingegangen, sein Wechsel lief jetzt noch zwei Jahre. Innerhalb des gegebenen Zeitraumes mußte er es zu etwas bringen. Von dieser Notwendigkeit herausgestört, tauchte das Gespenst des Gumplacher Schulmeisters noch einmal vor ihm auf. Er wehrte es entrüstet ab. Aber was dann? Andreas vermochte auf diese Frage nur mit einem Seufzer zu antworten, und er hätte sich zweifellos seiner leichtsinnigen Untätigkeit aufs neue überlassen, wenn nicht eine kränkende Erfahrung ihn vollends aufgerüttelt hätte.

Er betrat am selben Abend das »Café Hurra« früher als die anderen und das Haupt um so höher erhoben, je tiefer ihm der Mut stand. Er machte die Runde um das fast leere Lokal und begrüßte das Fräulein am Büfett. Es war eine fade Blondine, Andreas hatte noch nie das Bedürfnis gefühlt, einen Angriff auf sie auszuüben. Heute aber glaubte er, dies seiner Würde schuldig zu sein. Kurz entschlossen legte er ihr den Arm um die Hüften. Das Mädchen, das sich hierdurch nicht angesprochen fühlen mochte, verzog den Mundwinkel in böse, scharfe Falten, sie versetzte dem jungen Mann einen heftigen Stoß gegen die Schulter und sagte mit Nachdruck:

»Jüngling, wie kommen Sie mir vor?«

Andreas sah sie eine Sekunde lang an, er war außerordentlich blaß geworden. Darauf pfiff er durch die Zähne, drehte sich auf den Absätzen um und verließ gemessenen Schrittes den Raum.

Gleich den folgenden Morgen ging er zu Köpf, um sich mit ihm über seine nächsten Schritte zu beraten. Das »Café Hurra« war ebenso abgetan wie der Gumplacher Schulmeister. Wenn selbst jenes Mädchen, das ein halbes Jahr lang Zeuge seines vertrauten Umganges mit den Mitarbeitern der angesehensten Zeitungen gewesen war, ihm mit solcher empörenden Nichtachtung begegnen konnte, dann mußte seine gesellschaftliche Stellung weniger glänzend sein, als er gewähnt hatte. Dies aber war dasjenige Bewußtsein, das er am wenigsten zu ertragen vermochte.

Er mußte in Köpfs Zimmer, in der unteren Dorotheenstraße, einige Zeit warten und bemerkte darin eine gewisse Wohlhabenheit. Der breite Schreibtisch von Mahagoni und der bequeme, mit rotem Maroquin überzogene Lehnsessel wäre in keinem möblierten Zimmer anzutreffen gewesen. Die Wände wurden von hohen Büchergestellen verdeckt, angefüllt mit einem unglaublichen Plunder, vor dem Andreas staunend stand. Zerfetzte Pappbände und angefressene Lederrücken verbreiteten den Duft aller möglichen Trödlerbudiken. Eine alte Geschichte Ludwigs XIII. von Le Vassor füllte mit den Denkwürdigkeiten von Saint-Simon ein ganzes Fach. Weiterhin standen sogar die Kirchenväter. Andreas begriff nicht, welchen Zweck diese Dinge für jemand haben konnten, der Romane schrieb. Köpf beschäftigte sich, wie Libbenow wissen wollte, mit der Anfertigung von Romanen, die jedoch kein Mensch zu sehen bekam. Weiter wußte man von ihm schlechterdings nichts. Er erschien wöchentlich kaum einmal im »Café Hurra«, und dieser Umstand flößte Andreas in seiner jetzigen Lage Vertrauen ein, obwohl er es in letzter Zeit Köpf stark verdachte, daß er ihn überhaupt in jenen Kreis eingeführt hatte.

Es fragte sich jetzt nur, was er eigentlich von Köpf wollte. Andreas, den das Warten nervös machte, baute im voraus einige schöne Sätze.

›Sie haben an der Entwickelung eines Ihnen völlig Unbekannten gleich anfangs so freundlichen Anteil genommen, daß ich, von neuen Zweifeln bedrängt, es nochmals wage, Sie um Ihren Rat und Ihre Hilfe zu bitten.‹

Als die Periode fertig war, fand er sie albern. So sprach man nicht, besonders nicht in Berlin. Außerdem klang es falsch; er wollte Köpf doch nicht anpumpen.

Dieser erschien plötzlich in der Tür und begrüßte den Gast sehr erfreut.

»Ah, lieber Kollege!«

Andreas hatte einen Einfall:

»Wissen Sie, von dem ›Kollegen‹ hab' ich schon bald genug«, sagte er und drehte sich halb um.

Köpf lächelte.

»Sie haben im ›Café Hurra‹ wohl ein Haar gefunden?«

»Mehrere.«

»Ich hätte Ihnen das voraussagen können. Aber es freut mich, daß Sie selbst dahintergekommen sind.«

Köpf blinzelte unschuldig. Andreas fand trotzdem, daß es eine Dreistigkeit sei, ihn in dieser Weise auf die Probe gestellt zu haben und es ihm jetzt ganz offen zu sagen. Der andere suchte seinen Unmut sofort zu beschwichtigen.

»Sie brauchen es nicht zu bereuen, diese scherzhafte Seite des Lebens unter Kollegen kennengelernt zu haben. Man muß dies tun, bevor man zu ernsteren Dingen übergeht. Nun wollen Sie aber Ernst machen?«

»Aber wie?« fragte Andreas ohne große Zuversicht.

»Oh, da gibt es verschiedene Wege, nämlich die Presse, das Theater und die Gesellschaft.«

»Sie vergessen die Literatur.«

»Durchaus nicht. Ich habe gesagt: das Theater, und eine andere Literatur gibt es bei uns nicht.«

Andreas nahm eine überlegene Miene an, denn er ertappte Köpf auf dem Ärger eines, der keinen Erfolg hat.

»Sie selbst schreiben doch wohl Romane?«

»Oh!« machte der andere mit gespitzten Lippen. »Ich schreibe für meinen Privatbedarf, es fällt mir nicht ein, das Unglück eines armen Verlegers herbeiführen zu wollen, der mir nie etwas zuleide getan hat und der etwa auf meine Werke hineinfiele.«

›Atem holen!‹ dachte Andreas, dem es Spaß machte, Kopfs Schwäche zu beobachten.

»Inmitten eines Volkes«, fuhr dieser fort, »das durch alle Prügel der Welt nicht dazu bewogen werden könnte, ein Buch in die Hand zu nehmen, werden Sie also am besten tun, sich an das Theater zu halten.«

»Aber ich habe noch kein einziges Stück geschrieben!«

»Ist auch gar nicht nötig«, versicherte Köpf leichthin. »Das Theater hat zweifellos auch eine literarische Seite, aber die gesellige ist wichtiger. Beim Theater hat man es stets mit Menschen zu tun, in der eigentlichen Literatur doch schließlich nur mit Büchern. In der eigentlichen Literatur braucht man eine Menge Ernst, Abgeschlossenheit und Rücksichtslosigkeit; alles Eigenschaften, die beim Theater nur schaden können. Hier kommt es vor allem auf die gesellschaftlichen Verbindungen an. Sie aber, mein Lieber, sind ein Gesellschaftsmensch. – Soll ich Ihnen sagen, welches sichere Zeichen ich hierfür habe?«

»Bitte!«

»Man hat Sie im ›Café Hurra‹ nicht ernst genommen.«

Köpf sah mit seinem harmlosen Lächeln zu, wie Andreas zusammenzuckte.

»Seien Sie nicht böse!« bat er darauf. »Ich werde Ihnen dafür noch manches Schmeichelhafte zu sagen haben. Was Ihre Freunde im ›Café Hurra‹ betrifft: hat Pohlatz Ihnen jemals Grobheiten gesagt?«

»Nein, warum denn?«

»Nun, sehen Sie wohl. Wenn er sie ernst genommen hätte, würden Sie alle Tage etwas an den Kopf bekommen haben. Sie glauben nicht, wie fein die Witterung dieser Leute ist, sobald sich ein Konkurrent blicken läßt. Sie, mein Lieber, sind keiner. Man hat gleich erkannt, daß sie eine viel zu heitere, offene Natur sind, um sich mit Ingrimm und Püffen durch Literatur und Presse hindurchzuschlagen.«

»Ich glaube beinahe selbst«, bemerkte Andreas, der sich bemühte, blasiert auszusehen.

»Sie haben so etwas Glückliches an sich, das Sie beim Theater, das heißt in der Gesellschaft ungemein rasch fördern wird. Man braucht dort nämlich nur glücklich zu erscheinen, um es sehr bald wirklich zu werden. Auch Ihre Harmlosigkeit, oder sagen wir, wenn Sie es lieber hören, Ihre scheinbare Harmlosigkeit wird Ihnen dort gut zustatten kommen. Man wird Sie in den reichen Salons ebensowenig ernst nehmen wie im ›Café Hurra‹, und es ist für Ihren Erfolg besonders wichtig, daß die Frauen Sie nicht ernst nehmen! Diese werden alles mögliche, was sie andern nicht bewilligen würden, bei Ihnen für harmlos und ungefährlich halten. Sie sind dafür geschaffen, viel Glück bei den Frauen zu haben, mein Lieber!«

Diesmal blickte Andreas den andern mit offenem Argwohn an. Aber aus Kopfs freundlichem Gesicht, das allerdings eine verdächtig spitze Nase zierte, war niemals klug zu werden. Für alle Fälle zeigte Andreas sich übellaunig, um nur nicht zuzugeben, daß er sich geschmeichelt fühle. Sein Glück bei Frauen, das er sich übrigens zutraute, schien ihm doch noch bewiesen werden zu müssen. Er gedachte der herben Enttäuschungen, die er dem Wäschermädchen und dem Büfettfräulein verdankte.

»Sie sagen mir eine Menge angenehme Dinge«, bemerkte er ziemlich trocken, »aber ich weiß noch immer nicht, wie Sie sich meine Karriere nun eigentlich denken. Was habe ich zu tun, wohin soll ich mich wenden?«

»Nehmen wir hinzu«, fuhr Köpf ohne zu antworten fort, »daß sie als Rheinländer eine mehr heitere und ungezwungene Geselligkeit gewohnt sind. Inmitten der Furcht, sich lächerlich zu machen, die in Berlin Ursache aller Dummheit und Langeweile ist, werden Sie zunächst wohlwollend belächelt werden. Die Hauptsache ist, daß Sie auffallen.«

»Was habe ich zu tun, wohin soll ich mich wenden?« wiederholte Andreas ungeduldig.

»Wie? Das habe ich Ihnen noch nicht gesagt? Nun, ganz einfach: Sie gehen zum ›Nachtkurier‹, verlangen den Chefredakteur Doktor Bediener zu sprechen, und läßt er sie vor, so gehen sie nicht früher wieder weg, als bis er Ihnen unaufgefordert eine Empfehlung an Türkheimers gegeben hat.«

»Ah, Türkheimer! Das ist doch der mit Lizzi Laffé.«

»Sie kennen bereits die Verhältnisse?«

»Natürlich«, sagte Andreas stolz.

»Also Sie wissen Bescheid?« fragte Köpf, indem er dem jungen Manne zum Abschied die Hand schüttelte. »Unterrichten Sie mich doch vom Erfolge!«

Andreas versprach dies, fragte sich aber im geheimen, warum er alle die zweifelhaften Komplimente eigentlich angehört habe. Es konnte wohl sein, daß Köpf sich seit dem Augenblick, wo er ihn kennengelernt hatte, fortwährend über ihn lustig machte. Es war Andreas unmöglich, dies zu erfahren. Übrigens war es ja gleichgültig, sobald nur auch sonst niemand davon wußte. In seiner Lage, bei seinen mannigfachen inneren Zweifeln und der geringen Aussicht, es auf eine andere Weise zu etwas zu bringen, war es nun wohl das beste, Köpfs Rat blindlings zu befolgen. Er ging schon am nächsten Morgen, mit einem kalten Gefühl im Unterleibe, doch hocherhobenen Hauptes, zum Doktor Bediener.

III .
Die deutsche Geisteskultur

Inhaltsverzeichnis

Auf der Treppe, die er zur Redaktion des »Berliner Nachtkurier« hinaufstieg, blendete den jungen Mann der ganz neue und doch bereits arg besudelte Teppich. Alles im Hause war reich und durch den regen Geschäftsbetrieb mitgenommen. Jünglinge mit kotbespritzten Beinkleidern, sonst sehr elegant, hasteten an dem Besucher vorüber. Droben in dem großen Wartezimmer schob sich eine beträchtliche Menschenmenge durcheinander. Andreas, der gegen die Wand gedrängt wurde, blickte durch eine Glasscheibe in einen langen, kahlen Saal hinein, wo ungefähr dreißig junge Leute an Pulten saßen. Einige lasen Zeitungen, andere plauderten, indes sie Bleistifte spitzten oder ihre Nägel pflegten.

Eine Flügeltür ward aufgestoßen, und ein reich aussehender Herr mit rasierter Oberlippe und rotblonden Koteletten, den Hut in der Stirn, rief ins Vorzimmer hinein:

»Kommt denn der Chefredakteur nicht?«

Der herbeieilende Redaktionsdiener verbeugte sich:

»Muß sofort da sein, Herr Generalkonsul!«

»Endlich, mein lieber Doktor!« rief der Herr und streckte die Hand mit matter Anmut einem großen, eleganten Manne entgegen, der von der Treppe her eintrat und dem Diener Hut und Paletot zuwarf. Bevor die beiden hinter der Flügeltür verschwanden, hörte man den Generalkonsul fragen:

»Sie waren im Auswärtigen Amt? Nun, was sagt unser Minister?«

Andreas erschauerte vor Ehrfurcht, während er bedachte, welche Unendlichkeit von Macht und Ansehen diese Worte ahnen ließen. Wer hier im Vorzimmer des »Nachtkurier« stand, war gewissermaßen in den Bereich einer Organisation eingetreten, die es an Ausdehnung und Festigkeit selbst mit der des Staates aufnahm. Doktor Bediener ging im Palais der Wilhelmstraße aus und ein wie der Staatssekretär selbst. Sein Kollege war ein Minister des Innern, dem kein Wille im Lande leichtfertig zuwiderhandelte. Die Ämter waren verteilt genau nach dem Vorbilde des Staates, von den Botschaftern in allen Hauptstädten der Welt bis hinab zu jener Schar von überschüssigen kleinen Beamten, unbezahlten Referendaren, die ihre Bleistifte spitzten und sich die Nägel pflegten. Hoch über dieser unpersönlichen Verwaltungsmaschine aber, hinter dem Gehege der Gesetze und gedeckt durch die Verantwortlichkeit seiner Minister, die er berief und entließ, thronte der große Jekuser, der Besitzer des »Nachtkurier«, ein konstitutioneller Monarch. Von den Tagesmeinungen unabhängig wie andere gekrönte Häupter, bewahrte er dennoch einen unbeschränkteren Einfluß als diese, da er sogar die Volksvertreter vermöge seines »parlamentarischen Büros« zu zensieren und zu maßregeln vermochte. Und er war reicher als sie, denn von den Abgaben seines Volkes, von den fünfzehn Pfennigen, die Hunderttausende von Lesern täglich erlegten, blieb der größere Teil in seiner Tasche zurück.

Die Flügeltür öffnete sich halb, ohne daß jemand sichtbar wurde. Aber in der wartenden Menge pflanzte sich sogleich ein Stoß fort, den schließlich der gegen die Wand gedrückte Andreas vor die Brust erhielt. Er griff hastig in die Tasche, die seine Papiere enthielt. Glücklicherweise fand sich der Brief des Herrn Schmücke noch vor. Seit einem Jahre hatte der junge Mann nicht mehr des Empfehlungsschreibens gedacht, das ihm der alte Herr in Gumplach, der sich mit Literatur befaßte, an den Doktor Bediener mitgegeben hatte. Andreas kam mit zu großer Ehrfurcht vor den Mächtigen der Erde nach Berlin, um sich gleich anfangs bis zu einem von ihnen vordrängen zu wollen. Herr Schmücke war gewiß ein braver liberaler Bürger, aber ob der Chefredakteur des »Nachtkurier« auf seine Empfehlung großes Gewicht legen würde, war mehr als zweifelhaft. Um den Brief nicht unbenutzt zu lassen, übergab Andreas ihn einem vorübergehenden Diener, der mit einer Handvoll Depeschen das Erscheinen des Chefs erwartete. Gleich darauf verabschiedete sich der Generalkonsul, den Doktor Bediener bis zur Treppe begleitete. Andreas verfolgte mit scheuem Blick jede Bewegung des Mannes, von dem sein Schicksal abhing. Er sah ihn mit einigen jungen Leuten, die zunächst an seinem Wege standen, leise Worte wechseln und nachdenklich, die Hand, auf der ein großer Brillant blitzte, an seinem grauen Spitzbart, in seinem Kabinett verschwinden. Welche betäubende Fülle von Geschäften und wie wenig Hoffnung für einen bescheidenen Neuling, hier ans Ziel zu gelangen! Doch schon nach wenigen Minuten trat ganz unerwarteterweise derselbe Diener, dem Andreas seine Empfehlung anvertraut hatte, auf den jungen Mann zu, um ihn zum Eintritt in das Büro des Herrn Chefredakteurs aufzufordern. Andreas durchschritt blutübergossen die Reihen der Wartenden. Er meinte, die Bevorzugung, die ihm zuteil ward, müsse jedermann auffallen.

Und dann führte er eine möglichst korrekte Verbeugung vor Doktor Bediener aus, der ihm lächelnd die Hand mit dem Brillanten entgegenstreckte.

»Sie sind mir als ein sehr aussichtsreiches Talent empfohlen, Herr – re ...«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Herr Zumsee«, wiederholte Doktor Bediener.

Er wies auf einen Sessel, und Andreas, der dem Leiter des »Nachtkurier« gegenüber Platz nahm, sagte sich, daß der Empfang gar nicht günstiger hätte sein können. Doktor Bediener begann wieder:

»Die Empfehlung, die Sie geltend machen, ist mir besonders wertvoll, weil sie von einem langjährigen, lieben Freunde kommt. Ich hoffe, es geht meinem alten Schmücke gut?«

Andreas erteilte befriedigende Auskunft über die Gesundheit des alten Herrn. Aber er erfuhr mit Erstaunen die nahen Beziehungen des Chefredakteurs zu Schmücke, der sich deren nie gerühmt hatte.

»Ich meine sogar, Ihren Namen schon irgendwo gefunden zu haben, Herr, Herr – re ...«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Herr Zumsee«, wiederholte Doktor Bediener, und er strich mit zwei gespreizten Fingern suchend über seine hohe Stirn. Dachte er an den »Gumplacher Anzeiger«? Andreas hätte gern von seinen Erfolgen und Hoffnungen, von den Gedichten, der Novelle, Köpf, dem »Cafe Hurra« und Türkheimer des längeren gesprochen. Aber durch die ungeahnte Liebenswürdigkeit des mächtigen Mannes ward in ihm ein solches Entzücken erregt, daß er, minutenlang stumm und rot vor heftiger Schwärmerei, den Doktor Bediener ansah.

Nie im Leben hatte Andreas solche ausgesuchten Manieren kennengelernt, solche weltmännische Haltung, solche natürliche Glätte in jeder Bewegung, jedem Blick und jedem Worte. Doktor Bediener saß ein wenig seitwärts über die Lehne geneigt, auf die er einen Arm stützte. Mit dem andern beschrieb er zuweilen eine flüchtige, doch unnachahmlich runde Geste, die alles zu erklären schien, was er andeuten wollte. Sein Lächeln war offenbar so ganz für sein Gegenüber bestimmt, daß dieses sich nicht denken konnte, er werde je einem andern soviel Aufmerksamkeit schenken. Er sprach zögernd, mit leicht verschleierter Stimme und ließ das »R« weit hinten im Halse verschwinden, was distinguiert klang. Er mochte mit einem armen jungen Manne noch so familiär tun, ohne es zu wollen, bewahrte Doktor Bediener in seinem ganzen Wesen stets eine so vornehme Zurückhaltung, daß es Andreas vorkam, als steige er aus einer höheren Diplomatensphäre hernieder, wohin er jeden Augenblick entrückt zu werden drohte.

Er ließ die Frage, wo er Andreas' Namen schon gefunden haben mochte, auf sich beruhen, um sich zu erkundigen:

»Haben Sie schon literarischen Anschluß gefunden?«

»Es ist mir als ganz unbekanntem Anfänger sehr schwer gefallen«, erwiderte Andreas bescheiden.

»Ich kenne ein paar Redakteure, zum Beispiel Doktor Pohlatz.«

»Oh, Pohlatz«, sagte Doktor Bediener mit einer Handbewegung, die nicht viel Hochachtung auszudrücken schien. Doch setzte er hinzu:

»Ich schätze Pohlatz persönlich hoch, ich kann sogar sagen, daß wir recht gute Freunde sind.«

›Schon wieder jemand, mit dem ich verkehrt habe, ohne zu wissen, daß er mit dem Chefredakteur des »Nachtkurier« befreundet ist,‹ dachte Andreas.

»Nur möchte ich Ihnen davon abraten«, fuhr Doktor Bediener fort, »an seinem Blatte mitzuarbeiten. Es würde für Sie wenig Wert haben – dies unter uns.«

Andreas verbeugte sich, voll Vergnügen über die vertrauliche Mitteilung, deren er gewürdigt wurde. Wie gut, das Pohlatz gar nicht daran gedacht hatte, ihn beim »Kabel« einzuführen! Er lauschte atemlos auf Doktor Bedieners Belehrung.

»Alle diese Blätter mit strenger Parteirichtung taugen nichts für ein aussichtsreiches Talent«, sagte der Chefredakteur. »Sie würden sich dort kompromittieren, ohne für den Verlust Ihrer Selbständigkeit entschädigt zu werden. Bei uns dagegen, wissen Sie wohl, behält jeder Mitarbeiter seine Eigenart. Der ›Nachtkurier‹ hat vor allen anderen erkannt, daß die Parteipresse sich überlebt hat. Daß man eine gesunde liberale Wirtschaftspolitik vertritt, versteht sich von selbst; wir wären verrückt, wenn wir es nicht täten. (Hier vollführte Doktor Bediener eine Armbewegung, die einer längeren Parenthese gleichkam.) Im übrigen betrachten wir uns als ein Organ der deutschen Geisteskultur.«

Doktor Bediener hielt an; er war beinahe warm geworden. Aber er erlangte sofort sein vornehmes Gleichgewicht wieder, dessen augenblickliches Abhandenkommen Andreas in seiner Hingerissenheit gar nicht bemerkt hatte. Der Chefredakteur betrachtete den Eindruck, den er auf den jungen Mann machte, mit Wohlwollen. Er lächelte sogar, denn er hatte die Bemerkung gemacht, daß Andreas' Blick, der zwischen dichten und langen Wimpern hervorkam, in seiner Treuherzigkeit merkwürdig einschmeichelnd sei, und daß die bedingungslose Verehrung, die er ausdrückte, einer Dame überaus angenehm sein müsse. Flüchtig dachte er sogar an Frau Türkheimer. Er zögerte noch, denn der mißlungene schwarze Rock, der dem gut gewachsenen Jüngling etwas Ungeschicktes gab, forderte zur Vorsicht auf. Das Haar war erbärmlich geschnitten, doch trug Andreas den Kopf recht gut. Dann entschloß sich Doktor Bediener.

»Sie sollten sich vor allem beim Theater einführen, ich meine in den Kreisen, die dem Theater nahestehen.«

›Schon wieder das Theater,‹ dachte Andreas. ›Es muß doch etwas damit los sein.‹

Er öffnete den Mund, aber Bediener schnitt seinen Einwand ab.

»Sie werden noch nichts für die Bühne geschrieben haben, das tut nichts zur Sache. Man erobert die Welt nicht mehr von der Schreibstube aus. Auch der Schriftsteller muß heutzutage mit seiner Person eintreten. Sie werden sich in der Gesellschaft umsehen müssen.«

›Kommen jetzt Türkheimers?‹ fragte sich Andreas.

Aber der Chefredakteur zögerte wieder.

»Halten Sie sich vorläufig an uns«, sagte er. »Unsere Sonntagsbeilage ›Die Neuzeit‹ steht den jungen Talenten offen. Schicken Sie uns etwas, und nach zwei, drei Versuchen rechnen wir Sie zu unseren Hausdichtern, die bei den Bühnen natürlich einen Vorsprung haben. Das ist das, was ich Ihnen versprechen kann.«

Die letzten Worte sprach er langsamer, er schien auf etwas zu warten. Aber Andreas sah schon die Spalten des »Nachtkurier« zu seinem Empfange weit geöffnet. Seine sanguinischen Hoffnungen wurden alle wieder wach. Es ward ihm ganz heiß, und ohne sich zu bedanken, versetzte er:

»Herr Doktor, ohne die große unverdiente Güte, die Sie mir entgegenbringen, würde ich nie gewagt haben, Sie darum zu bitten, verzeihen Sie, daß ich es jetzt wage: würden Sie mich als Volontär aufnehmen?«

Doktor Bedieners Miene drückte plötzlich tiefe Besorgnis aus.

»Sie irren sich«, sagte er. »Ich meine es mit den jungen Leuten, die mir empfohlen sind, zu gut, um sie auf die von Ihnen bezeichnete Art kaltzustellen. Haben Sie die dreißig Unglücklichen gesehen, die dort drüben die Zeit totschlagen?«

Andreas begriff, daß das Fenster im Wartezimmer zu seiner und seinesgleichen Abschreckung angebracht sei.

»Wen Herr Jekuser dort hinsetzt, das geht mich nichts an«, fuhr Doktor Bediener fort. »Aber ich sehe, daß man dort durch das viele Herumlungern faul und unbrauchbar wird. Wer es am längsten ausgehalten hat, bringt es schließlich zu einer kleinen Anstellung bei einem Provinzblatt. Beschränken sich Ihre Träume darauf? – Nein, mein Lieber«, so schloß der Chefredakteur, »wir haben es besser mit Ihnen im Sinn. Was wir Ihnen versprechen können, habe ich schon gesagt. Sie wissen ja, welcher wirksamen Empfehlung Sie unser Wohlwollen verdanken.«

Bei jedem der vom Doktor Bediener gebrauchten, geschäftsmäßig kühlen »wir« überrieselte es Andreas kalt. Er ward sich bewußt, daß seine persönliche Unterredung mit einem hohen Gönner beendet sei, und daß er sich nur noch als namenloser Bittsteller einem Mächtigen gegenüber befinde. Und dies bloß infolge seiner plumpen Ungeschicklichkeit; weil er durch eine dumme Bitte den ganzen schönen Erfolg des bisherigen Gespräches zerstört hatte! Nun fühlte er Doktor Bedieners Blick mit der deutlichen Ankündigung auf sich ruhen, daß die Audienz beendet sei. Und nun wandte sich der Chefredakteur ganz unverhohlen der Stutzuhr auf dem breiten Schreibtische zu. Der arme junge Mann biß sich auf die Lippen. Er war bleich und verwirrt, doch fest entschlossen, sich lieber vom Redaktionsdiener hinaussetzen zu lassen, als unverrichteterdinge freiwillig zu gehen.

›Ich habe nichts mehr zu riskieren‹, sagte sich Andreas. ›Gehe ich jetzt, so hinterlasse ich den denkbar schlechtesten Eindruck.‹ – ›Ich muß die Empfehlung an Türkheimer haben‹, wiederholte er sich hartnäckig und starrte auf den hellgeblümten englischen Teppich, der den Boden des Zimmers bedeckte. Er wollte ein niedrig hängendes Ölgemälde betrachten, doch versagte ihm der Mut. Sein Blick wagte sich nicht höher als bis zu Doktor Bedieners Lackschuhen und den weißen Gamaschen, über die das graue Beinkleid mit unsäglicher Eleganz herabfiel. Wäre der Chefredakteur nur ein beliebiges großes Tier gewesen, vor dem ein armer junger Mann wie Andreas im Staube kriechen mußte! Aber er gebot ihm Achtung als Persönlichkeit: darin lag das Demütigende. Vor Erregung ward Andreas von Ohrensausen befallen. Dazwischen hörte er Doktor Bediener auf den Rand des Schreibtisches trommeln. Er warf einen ängstlichen Blick von unten herauf, die Situation war nicht länger haltbar. Aber zu seiner Verwunderung drehte der Chefredakteur Herrn Schmuckes Brief in der Hand. Er sah sogar mit einem halben Lächeln darüber hinweg auf den jungen Mann, dessen Standhaftigkeit ihm schließlich vielleicht Achtung abgewann. Der schwarze Rock mußte allerdings mit in den Kauf genommen werden. Dennoch überwog das Empfehlende in Andreas' Erscheinung. Auch war Herr Schmücke Gumplachs gewichtigster liberaler Wähler.

»Die gesellschaftlichen Verbindungen«, sagte Doktor Bediener, »betrachte ich, wie gesagt, als eine Hauptsache. Ich bin auch gern bereit, Ihnen den Anfang zu erleichtern. Warten Sie, ich werde Sie an ein Haus empfehlen, wo die aussichtsreichen Talente stets mit Wohlwollen aufgenommen werden. Die Hausfrau sammelt die Blüte unserer kunstsinnigen Gesellschaft um sich, Sie werden einflußreichen Leuten begegnen. Profitieren Sie von dem Ton, der bei Türkheimers herrscht, lieber Freund!«

Damit übergab er Andreas die Visitenkarte, die er während des Sprechens mit ein paar Zeilen beschrieben hatte. Der junge Mann sprang auf. In dem Stolz, den er über die Erreichung seines Zieles empfand, steckte er den kostbaren Umschlag so flüchtig in die Brusttasche, als käme es ihm gar nicht darauf an. Dieser Zug mochte den Beifall des Chefredakteurs finden, der die Hand auf Andreas' Schulter legte und ihn sehr freundlich zur Tür geleitete. Im Vorzimmer konnte jedermann hören, wie Doktor Bediener zu dem sich Verabschiedenden sagte:

»Auf Wiedersehen, lieber Freund!«

›Merkwürdig‹, dachte Andreas, der blind vor Glück die Treppe hinabeilte, ›ich meinte schon, es ganz mit ihm verdorben zu haben, und jetzt bin ich gar sein lieber Freund, wie Schmücke und Pohlatz. Nur nicht ängstlich!‹ sagte er sich triumphierend, aber auf dem Treppenabsatz rannte er mit einem heraufstürmenden Menschen so heftig zusammen, daß beide sich aneinanderklammern mußten, um nicht umzufallen.

»Warum sagen Sie das nicht gleich?« versetzte der Fremde, während sich umarmt hielten. Dann hob er die Blume auf, die seinem Knopfloch entglitten war.

Trotz ihrer stürmischen Begegnung empfing Andreas einen günstigen Eindruck von dem andern. Es war ein mittelgroßer, untersetzter junger Mann, der einen Zylinder trug. Seine Kleidung war ziemlich elegant, von einer Allerweltseleganz, die nirgends auffallen konnte. Sein Gesicht zeigte ebenfalls nichts Hervorstechendes, er konnte einen mit seinem forschenden Hundeblick ansehen und einem gerade unter der Nase umherschnüffeln, ohne daß man dies unverschämt fand. Er hatte etwas so Heiteres und Gutmütiges an sich, daß man ihn gewiß anstandslos überall einließ, ihm alles mögliche anvertraute und dabei gar nicht auf ihn achtete. Was wäre für einen Reporter wünschenswerter? Schon wie er Andreas liebenswürdig beiseite schob, um sich Platz zu machen, war es deutlich, daß er überall durchkommen und alles erfahren mußte, was er wollte, ohne auf Hindernisse zu treffen. So unpersönlich wie er aussah, war ein Zusammenstoß mit ihm eigentlich gar keiner.

Er stieg zwei Stufen höher, kam aber eilig zurück und sagte:

»Ach, Pardon, hörensemal! Da wir nun doch Bekanntschaft gemacht haben, können Sie mir vielleicht sagen, ob der Chef guter Laune ist. Sie kommen doch vom Chef.«

»Ich war beim Doktor Bediener«, bestätigte Andreas.

»Können Sie mir sagen, was Sie da gemacht haben?« fragte der andere, und er schlug dabei einen so freundschaftlich zusprechenden Ton an, daß Andreas sofort die Überzeugung gewann, er könne im eigenen Interesse nichts Besseres tun, als dem Fremden sagen, was er beim Doktor Bediener gemacht habe.

»Nun, ich war an den Chefredakteur empfohlen«, versetzte er.

»Aha, Sie sind wohl ein neuer Kollege. Sehr erfreut!«

Er schüttelte Andreas die Hand, verbeugte sich und sagte:

»Kaflisch, vom ›Nachtkurier‹.«

»Andreas Zumsee.«

»Volontär, was?«

»Doch nicht«, sagte Andreas stolz ablehnend, als habe er nie den Wunsch gehegt, als Hilfsarbeiter in die Redaktion einzutreten.

»Dann hat er Ihnen wohl die Mitarbeit an der ›Neuzeit‹ angeboten?«

Andreas sah den schlau lächelnden Journalisten an. Kaflisch nahm die Überraschung des Neulings für eine Antwort und fragte weiter:

»Sagensemal, hat er Sie auch an Türkheimers empfohlen?«

»Na, herzlichen Glückwunsch!« sagte er, als Andreas bejahte. »Ein feines Haus und 'ne schöne Frau.«

Er schmatzte dabei so stimmungsvoll, daß Andreas plötzlich allerlei dunkle Begierden empfand.

»Und besten Dank, sehr geehrter Herr. Wenn der Alte einen zu Türkheimers schickt, dann ist er unfehlbar guter Laune. Dann kann ich ihm mit meinen Geschichten kommen. Es ist ja 'n Elend, nie mehr als zehn Pfennige für die Zeile und dabei noch den Staat erhalten! Jetzt will ich vor den Gerichtsvollziehern nach Breslau flüchten, wissense, wo jetzt der Lustmordprozeß anfängt. Bediener gibt mir die Berichterstattung, passense mal auf. Wenn er zu Ihnen so nett ist und Sie zu Türkheimers schickt, dann tut er mir auch 'ne Liebe. Na, Mahlzeit, und viel Vergnügen! Auf Wiedersehen!«

Er war schon droben im Vorzimmer verschwunden, als Andreas ihm noch nachschaute. Dieser Kaflisch befremdete ihn zwar etwas, aber sein Wesen war nicht gerade abstoßend. Er versöhnte mit seiner zudringlichen Neugier dadurch, daß er auch in seinen eigenen Angelegenheiten keine Diskretion, kannte.

Auf der Straße wandte sich Andreas um und sah zur Fassade des Hauses empor, über die die Inschrift »Berliner Nachtkurier« in mächtigen Relieflettern quer hinüberlief. Der Augenblick schien ihm feierlich, er fühlte, daß hier die ihm vorgeschriebene Laufbahn begann.

Zu Hause ging er sofort an die Sichtung seiner Garderobe. Es hatte seine Schwierigkeit, einen passenden Visitenanzug zusammenzustellen, da jedes der hellen Beinkleider den einen oder anderen Mangel aufwies. Seufzend entschloß sich der arme junge Mann zu der Frackhose, die zusammen mit dem verunglückten schwarzen Rock schon dem Doktor Bediener unvorteilhaft aufgefallen war. Andreas hatte dies wohl bemerkt. Er besaß ein angeborenes Verständnis für gute Kleidung, das sich in Berlin rasch ausgebildet hatte. Sooft er über die Friedrichstraße ging, fing er den wohlwollenden Blick irgendeines hübschen Mädchens auf, den sie aber eilig zurückzog, sobald sie den Rock des jungen Mannes abgeschätzt hatte. Diese schlanken, blonden Mädchen, die am Arm kleiner geschniegelter Herren mit blanken Zylindern auf schwarzgelockten Häuptern dahinwandelten, ahnten nicht, wie tief sie Andreas verwundeten. Heute, wie schon oft, studierte er lange in seinem Rasierspiegel, und er sah besser als jeder andere, warum der Anzug, der doch wenig getragen war, ihm so etwas traurig Ungeschicktes verlieh. Der Gedanke, daß in ganz Berlin kein Schneider auf sein Glück und Talent vertrauen und ihm Kredit geben würde, drückte ihn tief danieder und hielt ihn zwei Tage von dem Besuche bei Frau Türkheimer ab.

Mit dem Mute der Verzweiflung schlug er endlich den Weg in die Potsdamer Straße ein. Er ging die Königin-Augusta-Straße entlang und bog entschlossen in die Hildebrandt-Privatstraße ein, eine stille mit Sand bestreute Allee, die an beiden Enden durch ein Gitter abgeschlossen war. Das Palais Türkheimer fiel als das großartigste unter den Gebäuden jedem Passanten auf. Es war in einem deutschen Renaissancestil erbaut, den man auf seine Echtheit nicht näher ansehen durfte. Andreas schellte an dem reichen bronzenen Gartentor, und es öffnete sich ohne das Erscheinen eines Menschen. Einsam wie der Märchenprinz, der ein verwunschenes Schloß erobert, schritt der junge Mann über eine Art von Burghof, betrat eine majestätische Freitreppe und stand vor der eleganten Glastür, die in die Wölbung des kunstvoll gemeißelten Portals von profanen Händen eingefügt schien.

Die Tür ging auf, doch der grün-silberne Lakai, der Andreas entgegentrat, besaß die Macht, den mutigen Eroberer von der Schwelle seines Paradieses zurückzuscheuchen. Er sagte, daß die gnädige Frau nicht zu Hause sei. Unter dem ersten Eindruck dieser Nachricht übergab ihm der junge Mann seine Karte und das Billett des Doktor Bediener. Gleich darauf fiel ihm ein, daß er dies nicht hätte tun sollen. Er blickte bleich vor Wut dem Diener in das unverschämte Gesicht und stand im Begriffe, einen Schlag hineinzuversetzen. ›Wenn es nicht meinem Interesse zuwiderliefe‹, sagte er sich, ›würde ich es tun. Übrigens kann ich ihm seine Unverschämtheit nicht nachweisen, sie ist versteckt wie immer bei solchen Menschen.‹

Er ging mit der Last seiner vernichteten Hoffnung auf der Brust die Straße zu Ende und befand sich am Tiergarten. Zwei Stunden lang trieb ihn sein enttäuschter Ehrgeiz in den entlaubten Wegen umher. Er fühlte sich so leer und wie an dem Tage, als er mit dem »Café Hurra« zu brechen beschloß. Aber inzwischen hatte er Schritte getan, die nicht so leicht zu wiederholen waren. Wenn nun der freche Lakai, der ihn wie einen stellungsuchenden Kandidaten gemustert hatte, die Karte des Chefredakteurs nicht abgab?

Aber schon am folgenden Morgen erhielt Andreas mit der Post eine Einladung zum Abend des zehnten November von Frau Adelheid Türkheimer

IV.
Türkheimers

Inhaltsverzeichnis

Andreas Zumsee erschien, weil er dies für vornehmer hielt, sehr spät auf der Soiree in der Hildebrandtstraße. An dem bronzenen Gatter, das diesmal weit aufstand, stieß ein majestätischer Portier seinen Stab auf den Boden. Andreas blickte ihm ins Gesicht, er drückte aber nur imposante Kälte aus. Der Lakai, der ihm seinen Mantel abnahm, war zufällig derselbe, den er kannte. Andreas sah ihn nicht einmal an. ›Du hast mich nicht hindern können, herzukommen‹, dachte er.

Das Selbstbewußtsein, mit dem er seinen Eintritt vollführte, erstickte seine geheime Verlegenheit, machte ihn aber auch unvorsichtig. Alsbald stieß ihm ein kleines Unglück zu. Neben der Garderobe lag ein Vorzimmer, das Andreas auf den ersten Blick für leer hielt. Er betrat es, ohne sich anzukündigen, aber schon nach zwei Schritten stand er auf der Schleppe eines Abendmantels. Es war ein Mantel aus gelber Seide mit Brokatstickerei, gefüttert mit Satin-Duchesse. Und Andreas konnte sich nicht schnell genug zurückziehen, um nicht mehr zu bemerken, daß die Besitzerin des Mantels von dem jungen Manne, der ihn ihr abnahm, einen Kuß empfing. Es war eine große starke Blondine, und das wütende Gesicht mit der aufgestülpten Nase, das sie Andreas zuwandte, erfüllte ihn mit solchem Schrecken, daß er unter gestammelten Entschuldigungen recht kläglich beiseite schlich.

Gleich darauf, wie er die Treppe zum ersten Stock hinanstieg, fielen ihm die geistreichsten Wendungen ein, mit denen er sein Ungeschick hätte gutmachen können. Ganz zerschlagen von dem Bewußtsein, der Lage nicht gewachsen gewesen zu sein, ließ er sich durch zwei Säle von einem Strom von Gästen fortziehen, der ihn an das Büfett führte. Im Gedränge stieß er einem distinguiert aussehenden alten Herrn heftig gegen die Schulter und brachte nicht einmal mehr ein Wort der Abbitte hervor, ganz entsetzt über sein neues Mißgeschick. Indes sagte der alte Herr verbindlich »Pardon« und reichte Andreas Teller und Besteck. Der arme junge Mann gewahrte jetzt die seidenen Strümpfe des Haushofmeisters und wandte sich mit blutrotem Gesicht hinweg.

Vor ihm standen Kübel mit Sektflaschen. Ein Diener wartete auf seinen Wink, um ihm einzuschenken. Aber Andreas befürchtete, man möchte ihm ansehen, daß er noch niemals Champagner genossen habe. Er wollte einen Wein wählen, als man hinter ihm lachte. Die verschiedenen Demütigungen, die er in so kurzer Zeit erlitten hatte, brachten ihn außer sich, er war im Begriffe, seine Zukunft durch einen Skandal zu verderben. Sehr bleich, drehte er sich nach zwei Herren in seiner Nachbarschaft um; er war entschlossen, den ersten, der ihn schief anzusehen wagte, zu ohrfeigen. Als die beiden jedoch sein Gesicht bemerkten, schienen sie es gar nicht gewesen zu sein. Der eine von ihnen sprach Andreas an, und auch das stärkste Mißtrauen konnte in seiner Stimme nur ruhige Höflichkeit entdecken.

»Ich rate Ihnen zu dem Chablis dort«, sagte er. »Es ist das Feinste, was hier zu haben ist.«

Andreas dankte und trank mit wiedergewonnener Fassung mehrere Gläser. Da der Wein in einen nüchternen Magen gelangte, brachte er bald die freundlichste Wirkung hervor. Als Andreas den letzten Tropfen getrunken hatte, triumphierte er. ›Die beiden Jobber haben vor meinem Gesicht Furcht gehabt‹, sagte er sich.

Er empfand das Bedürfnis, zu sprechen; man schien sich hier ja unbekannterweise anzureden.

»Da ist ja Kaflisch!« rief er plötzlich, als begrüßte er einen lange vermißten Freund. Der Journalist zeigte sich am Arm eines korpulenten Herrn mit kurzem schwarzem Spitzbart, schweren Lidern und von dem Aussehen einer bedeutenden Persönlichkeit. Andreas meinte ihn zu erkennen.

Kaflisch musterte den Fremdling. Als er ihn in seinem Gedächtnis untergebracht hatte, schüttelte er ihm die Hand.

»Freut mich, Sie wiederzusehen. Nu sehnsewoll, wie 'ne Empfehlung von unserm Alten hier wirkt?«

»Famos!« sagte Andreas. Er fühlte sich unternehmungslustig. Er erkundigte sich:

»Wissen Sie nicht, wo die Hausfrau ist?«

»Kommen Sie von Ratibohr?« fragte der korpulente Herr. Der junge Mann stutzte.

»Nein, von Gumplach«, erwiderte er.

Der Herr lächelte ihn wohlwollend an. Kaflisch brach in Gelächter aus.

»Goldherz meint, ob Sie der Hausfrau von Herrn Ratibohr was zu sagen haben. Sie wollen sich ihr wohl nur vorstellen? Hat ja gar keinen Zweck.«

Der korpulente Herr folgte gelangweilt dem Ruf eines Bekannten. Kaflisch nahm Andreas' Arm wie den eines Jugendfreundes.

»War das der berühmte Verteidiger?« fragte der junge Mann.

»Ihn selbst haben Ihre sterblichen Augen gesehen. Wissense, den müssen Sie kennenlernen.«

Im Mentorton setzte Kaflisch hinzu:

»Von denen, die hier sind, kann keiner sagen, daß er ihn nicht eines Tages nötig haben wird.«

»Wie geht es Ihnen sonst?« fragte er gleich darauf. »Ist Bediener nett zu Ihnen?«

»Sehr«, sagte Andreas. »Vorigen Sonntag ist was von mir erschienen.«

»Aha, das Gedicht in der ›Neuzeit‹.«

»Haben Sie es gelesen?«

»Das können Sie nicht verlangen. Aber von jedem aussichtsreichen Talent, das an den Alten empfohlen ist, bringt die ›Neuzeit‹ ein Gedicht. Auf das zweite können Sie lange warten. – Da haben Sie Asta«, setzte er schnell hinzu, stieß Andreas an und wandte sich unverfroren nach einer vorübergehenden Dame um.

»Wer, Asta?« fragte Andreas, der Kaflischs Beispiel folgte. Aber seine weinselige Aufgeräumtheit rächte sich sofort, er trat der Dame auf die Schleppe, und sie zeigte ihm ein Gesicht voller Verachtung.

»Nu haben Sie sie doch mal angesehen«, sagte Kaflisch freundlich. Die Dame ging weiter, einem langen, blonden Herrn mit schütterm Bart entgegen, der ihr über den Köpfen der Menge, hinten an der Tür, zuwinkte.

Andreas war jetzt nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen. Er fragte, übermütig lachend:

»Sagen Sie doch, wer ist denn die Asta?«

»Die Tochter vom Hause, mein junger Freund. Und wenn die hier spazierengeht, so können Sie glauben, daß die Mutter ganz wo anders ist.«

»Warum?« fragte Andreas. Er war doch leicht erschrocken.

»Warum? Die liebe Unschuld! Asta ist 'n Mädchen mit Grundsätzen, das heißt, sie geht à la Ibsen frisiert, modernes Weib, mehr intellektuell als Geschlechtswesen, verstehnse mich, sehr geehrter Herr?«

Kaflisch sprach mit der Nase dicht an Andreas' Mund und sehr laut. Es lag ihm offenbar nichts daran, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Um sie her fing man an zu lachen. Andreas fühlte die Aufmerksamkeit auf sich gerichtet, was ihm schmeichelte.

»Und die Mutter?« fragte er mit erhobener Stimme, während sie weiterschlenderten.

»Die ist 'ne gute Frau«, erklärte Kaflisch leichthin. »Sogar zu gut gegen uns junge Leute.«

»Ich verstehe«, sagte Andreas mit einer Betonung, die er für vielsagend hielt.

»Kommt dort nicht Lizzi Laffé?« fragte er. Der Name jener Dame, die er schon im Vorzimmer durch seine Indiskretion beleidigt hatte, war ihm zu seinem Schrecken eingefallen. Er kannte sie von der Bühne her, der sie angehörte, und Lizzis Beziehungen zu Türkheimer waren im »Café Hurra« des öfteren erörtert.

»Abend, Lizzi«, sagte Kaflisch, der ihr im Vorübergehen die Hand schüttelte. Sie bemerkte Andreas gar nicht, der voll Ehrfurcht feststellte, daß ihre Toilette, seit sie den gelbseidenen Mantel abgelegt, an Prunk noch nichts verloren hatte. Er schaute ihr vorsichtig nach, wie sie in ihrer alle einschüchternden Üppigkeit, mit Brillanten übersät, am Arm desselben Herrn dahinschritt, mit dem er sie überrascht hatte. Es war .ein geschniegelter junger Mann, mit bartlosem, doch herausforderndem Gesicht, breitschultrig, beleibt und von der Haltung eines Korpsstudenten.

»Also Lizzi ist auch da!«

Andreas bemühte sich, recht harmlos zu sprechen. Die Begegnung mit dieser Frau, die einer beleidigten Herzogin glich, hatte ihn völlig ernüchtert. Auch sah ihr Begleiter gefährlich aus.

»Na, sie gehört hier ja zum Inventar«, setzte Andreas hinzu. Kaflisch grinste.

»Solange es dauert, heißt das. Türkheimer soll sie satt haben. Komisch, gerade jetzt, wo seine Frau den Edelberg los ist, wissense?«

»Hab ich auch gehört«, log Andreas, der sich vornahm, ohne weiteres alles zu begreifen.

»Es ist aber nicht schön von Lizzi«, sagte er vertraulich, »was ich vorhin zwischen ihr und dem jungen Mann gesehen habe, mit dem sie eben vorbeikam.«

Kaflisch horchte auf.

»Mit dem, der so staatserhaltend aussieht?« fragte er. »Nun, was machten sie denn?«

»Sie küßten sich.«

»Mehr nicht?«

Kaflisch war enttäuscht. Andreas suchte sich zu entschuldigen.

»Na, hier im Hause –« meinte er.

»Unsinn. Diederich Klempner ist ja ihr Schoßhündchen. So 'n Posten sollten Sie sich auch suchen, mein Lieber. Klempner ist ein Streber, aber ohne Lizzi wäre er nichts geworden.«

»Was ist er denn?« fragte Andreas.

»Das wissen Sie nicht? Dramatiker doch!«

»Klempner? Ich habe ihn nie auf dem Theaterzettel gesehen.«

»Die liebe Unschuld! Ist ja gar nicht nötig, er schreibt nie was, aber Dramatiker ist er doch.«

»Wieso?« fragte Andreas ziemlich kurz. Er fand den Ausdruck »Die liebe Unschuld« etwas zu herablassend. Kaflisch erläuterte:

»Wenn er was schreiben würde, dann würde es vielleicht ein Drama werden. Verstehnse mich?«

Sie betraten jetzt den ersten der drei großen Salons, in deren Tiefe man hineinsah. Er war blaßgrün, der zweite purpurrot und der dritte bleu mourant und Rokoko. Eine erstaunliche Menschenmenge erschwerte das Weiterkommen, aber Kaflisch besaß das Talent, überall Platz zu finden. Andreas wunderte sich über die Menge von Händedrücken, die er rechts und links austeilte. Er schob die Leute mit einem freundschaftlichen Scherz beiseite und wand sich hindurch.

Man hörte schon von weitem eine Gruppe von Herren streiten, die Börsenbesucher sein mußten, denn sie sprachen von einem Herrn Schmeerbauch, der die Gewohnheit hatte, jeden Tag mit einer neuen Hose zur Börse zu kommen. Heute hatte er eine schon bekannte angehabt, was allerlei Zweifel erregte. Man rief einen untersetzten, behäbigen Herrn an, der mit einer schlanken jungen Blondine vorüberging.

»Blosch! Wissen Sie was über Schmeerbauch?«

»Ist ja alles nicht wahr!« sagte Blosch phlegmatisch.

»Das mit der Hose?« fragte jemand.

»Ein Anfall von Melancholie«, versetzte Blosch. »Schmeerbauch hat eine unglückliche Liebe.«

Schmeerbauchs Kredit war wiederhergestellt.

»Der Glückliche!« seufzte ein schlanker junger Mann mit feinem schwarzem Schnurrbart und mandelförmigen dunklen Sammetaugen, denen gewiß noch keine widerstanden hatte.

»Duschnitzki, wenn Sie renommieren, möchte man Sie prügeln, so dumm sehen Sie aus«, sagte ein anderer. Duschnitzki entgegnete sanft:

»Süß! Die liebe Unschuld!«

»Schon wieder die liebe Unschuld«, bemerkte Andreas für sich.

»Da ist ja Kaflisch!« riefen die anderen.

»Kaflisch, wissen Sie was von ›Rache!‹?«

»Durch!« antwortete der Journalist. »Türkheimer hat es durch seinen Schwiegersohn in spe beim Polizeipräsidenten durchgesetzt.«

»Ja, wenn man einen Schwiegersohn im Ministerium hat. Hochstetten ist doch Geheimer Rat?«

»Und nicht zu seinem Vergnügen. Vorläufig muß er Türkheimer einen Orden verschaffen. Man weiß nicht welchen, aber irgendeiner soll im Heiratskontrakt inbegriffen sein. Der Sonnenorden von Puerto Vergogna tut es nicht mehr. Und dann muß er ›Rache!‹ aufführen lassen.«

»Ganz und gar?«

»Mit lumpigen Änderungen«, erklärte Kaflisch. »Der Barrikadenkampf, die Ermordung des Verwaltungsrats durch die empörten Proletarier, die Auspeitschung der Bankiersfrau auf offener Straße, alles darf bleiben. Bloß das bißchen Kirchenschändung und die Benutzung der geweihten Gefäße zu unsauberen Zwecken muß weg.«

»Zustand!«

»Frechheit!«

Man rief durcheinander.

»Darf man nur uns auf der Bühne vergewaltigen und die Pfaffen nicht? Was haben die vor uns voraus?«

»Die Religion ist doch eine Sache für sich«, sagte die schlanke junge Frau, die mit Blosch gekommen war. Einer der Herren bemerkte:

»Die liebe Unschuld!«

Andreas wunderte sich nicht mehr, daß man ihn selbst mit dem Ausdruck anredete, da er auch einer Dame an den Kopf geworfen wurde. Übrigens kehrte das Wort immer wieder. Jeder, der nur zwei Sätze sprach, war es sich schuldig, es zu gebrauchen. Indes fühlte Andreas die Verpflichtung, für die junge Frau Partei zu nehmen. Auch fürchtete er albern dazustehen, wenn er noch länger schwieg.

»Die gnädige Frau hat recht«, sagte er mit Entschiedenheit. »Die Religion muß aus dem Spiel bleiben.«

»Kann sein«, meinte einer zögernd, aber Duschnitzki ergriff eifrig die umschlagende Stimmung.

»So ist es. Sie haben recht, gnädige Frau, und Sie, Herr, Herr –«

»Andreas Zumsee«, sagte Andreas.

»Schriftsteller«, setzte Kaflisch hinzu. Duschnitzki fuhr fort:

»Heutzutage, bei den Zuständen kann man alles verulken und mit Füßen treten, die Ehre des Bürgertums –«

»Und unser ruhmreiches Heer!« rief Süß.

»Die allerhöchsten Personen!« meinte ein anderer.

»Den Ruf einer Frau!« der nächste.

»Sogar die Börse«, schlug leise einer vor.

»Aber den lieben Gott!« sagte Duschnitzki nachdrücklich. »Das geht nicht!«

»Das muß die Polizei verbieten!« schrie Süß. »Es erregt Ärgernis!«

»Und es ist geschmacklos«, setzte Duschnitzki geringschätzig hinzu.

»Stimmt!« versetzte Kaflisch unter allgemeinem Beifall. »Wir haben das überwunden! Man muß schon 'n bißchen veralterter Würdengreis sein wie der große Mann da hinten.«

Die Gesellschaft begann zu lachen. Andreas, der den Blicken der anderen folgte, bemerkte am Eingang zum zweiten Salon einen langen Greis mit kleinem, lächelndem Vogelkopf. Ein wenig Flaum tanzte auf seinem kahlen Schädel. Er redete emphatisch auf einen großen Kreis von Damen und Herren ein, aus dem er hoch aufragte. Andreas erhaschte abgerissene Worte: »Dunkle Gestalten erheben heute wieder ihr Haupt ...« Er meinte, den Greis schon gesehen zu haben.

»Ist das nicht Waldemar Wennichen?« fragte er Kaflisch.

»Natürlich! Sie kennen doch unseren großen Dichter. Wollen wir uns dem Kreise seiner Verehrer anschließen?«

Kaflisch suchte Andreas loszuwerden. Er hatte gehofft, der junge Mann werde zu lachen geben, was für ihn, seinen Mentor, schmeichelhaft gewesen wäre. Da Andreas augenblicklich sogar Beifall geerntet hatte, langweilte er Kaflisch.

Der Neuling, aufmerksam und beflissen, nach Doktor Bedieners Weisung von dem hier herrschenden guten Ton zu profitieren, merkte sich, daß man mit Aufklärung nicht prahlen durfte. Während sie ihren Weg fortsetzten, erkundigte er sich bei dem Journalisten, wer jene schlanke junge Frau gewesen sei. Kaflisch erklärte sogleich:

»Die wird nicht gereicht. Es ist Frau Blosch. Lassen Sie sich ihre Geschichte mal erzählen, zum Beispiel von Diederich Klempner, der versteht es als Dramatiker.«

Sie traten an die Wennichensche Gruppe heran.

»Seien Sie mir gegrüßt, mein Liebling!« redete Kaflisch einen. ersten Herrn mit tadellosem Frack und schwarzem Vollbart an.

»Darf ich die Herren bekannt machen?« setzte er hastig hinzu. »Herr Schriftsteller Andreas Zumsee, Herr Liebling, Zionist.«

Indes Andreas sich verbeugte, war Kaflisch schon verschwunden. Andreas stand Herrn Liebling gegenüber, der ihn ernst ansah, ihm kräftig die Hand schüttelte und, ohne etwas zu sagen, sich Wennichen wieder zuwandte.

Da der Dichter in der Fistel sprach, verstand man bei der im Zimmer herrschenden Unruhe nur die Schlagwörter, die er mit einem eigentümlichen Ruck seines langen, sehnigen Halses hervorbrachte: »Ehre des Handelsstandes – freche Übergriffe von gewisser Seite – arbeitsame Kaufleute – Abwehr – Errungenschaften der bürgerlichen Revolution ...«

Andreas verbarg ein überlegenes Lächeln. Er hatte im »Café Hurra« allerlei über das Privatleben des berühmten Dichters erfahren. Wennichen bezog nur noch halbe Honorare, da er seit fünfzig Jahren immer dieselben Romane verfaßte, die niemand mehr las. Er hatte Unglück mit seinen Kindern gehabt, seine Frau war ihm nach unzähligen Liebschaften endlich ganz und gar durchgegangen. Er hatte das alles kaum bemerkt. Er sah nichts von den Veränderungen der Zeit seit achtundvierzig, als er sein erstes Buch schrieb von dem braven jungen Kaufmann, der sich Eintritt in die gänzlich verrottete Adelsfamilie erzwingt, deren Tochter er merkwürdigerweise heiratet. Auch heute noch lebte Wennichen unter braven freisinnigen Kaufleuten, die mit übermütigen Junkern und pfäffischen Finsterlingen in edlem, uneigennützigem Kampfe lagen. Der arme Greis dauerte Andreas, dem es Genugtuung bereitete, einen Dichter aus der Nähe beurteilen zu können, den er früher in Gumplach als einen Stern der Literaturgeschichte angestaunt hatte.

Wennichens Ausfall gegen die Feinde des Lichtes erntete einige Beifallsrufe, doch neben Andreas begann plötzlich Liebling mit wohltönender, kräftiger Baritonstimme zu sprechen. Er sagte:

»Wollen wir die Freiheit, ich meine die wohlverstandene Freiheit erhalten, so müssen wir das Volk zu regieren wissen. Das Volk ist in seiner Wehr- und Urteilslosigkeit leider stets bereit, sich den verführerischen Werbungen der Reaktionäre zu ergeben. Wir müssen es gegen sich selbst verteidigen, und dies kann nur geschehen mittelst forca, farina e feste!«

»Aha! Aus dem Effeff!« bemerkte ein witziger Herr.

Man rief lachend durcheinander.

»Ist das Ihre neue Erfindung, Liebling?«

»Sie Scherzbold!«

»Er hat aber recht«, erklärte jemand, der offenbar italienisch verstand. Geben wir dem Volke nicht Brot und Feste, so kommen wir selbst früher oder später an den Galgen.«

»Meine Herren!« fuhr Liebling fort. »Die eben ausgesprochene Überzeugung ist längst fest in mir begründet. In ernster Überlegung habe ich sie an demjenigen Volke erprobt, das meinem Herzen am nächsten steht. Wenn es mir und Gleichgesinnten je gelingen sollte, dieses Volk in das ihm zugehörige und ihm noch immer gelobte Land heimzuführen, glauben Sie, daß wir es durch Parlamente und Presse unglücklich machen würden? Die europäische Korruption soll von unserem Boden verbannt sein!«

»Bravo!« erscholl es einstimmig unter Lachen.

Man schüttelte dem Redner die Hände. Andreas kam es so vor, als würde Lieblings »Zionismus« nicht recht ernst genommen, während er ihm doch eine besondere Stellung verschaffte. ›Es könnte also nichts schaden, ebenfalls irgendeine Marotte zu haben‹, sagte sich Andreas.

Indes hob sich ganz hinten ein nachlässig gekleideter Herr auf die Zehenspitzen. An dem stupiden Bullenbeißergesicht und dem nicht ganz reinlichen Klappkragen erkannte Andreas den Abgeordneten Tulpe.

»Unsinn!« rief murrend dieser Politiker. »Wenn das Bürgertum die Prinzipien von achtundvierzig aufgibt, so gibt es sich selbst auf!«

Liebling schickte sich zu einer Erwiderung an, aber ein jeder bemühte sich, seine Meinung zur Geltung zu bringen, die Damen am lautesten. Nur Wennichen stand lächelnd und kopfschüttelnd dabei. Liebling hätte seine ausschweifenden Überzeugungen auf chinesisch äußern können und er wäre für Wennichen nicht unverständlicher geblieben.

»Aber ich bitte Sie, meine Herrschaften«, sagte plötzlich mit schriller Stimme ein herzutretender Herr.

»Ratibohr ist da«, raunte man sich zu. »Er setzt heute abend den Fuß hier herein? Doch mal einer, der nicht an Schüchternheit leidet!«

Unwillkürlich machten die Nächststehenden ihm Platz, man schien Ratibohr zu fürchten. Er war hager, mit nervöser Kraft in den Bewegungen und von galliger Gesichtsfarbe. Seine Habichtsnase und sein scharfer Blick forderten jeden heraus, der irgend etwas gegen ihn einzuwenden haben sollte. Seine Eleganz erinnerte an Börse und Fechtsaal. Ratibohr hatte gleichviel vom Duellanten und vom Jobber und machte einen um so gefährlicheren Eindruck. Auch ließ er achtunggebietende Geheimnisse hinter seinem Namen ahnen. Er sagte:

»Vertragen wir uns doch, meine Herrschaften! Es ist ja Nebensache, wie regiert wird. Die Geschichte wird schon noch 'n bißchen zusammenhalten.«

Er vollführte eine rasche, alles entscheidende Handbewegung, wobei sein silbernes Armband um das Gelenk klirrte. Seine Meinung fand den größten Beifall. Andreas blickte auf Ratibohr voll Neid und Bewunderung. Den Leuten schon durch sein Erscheinen Respekt einflößen wie er, welch ein Traum! Doch setzten diese Leute ihn in Erstaunen. Seit er auf dem Berliner Pflaster spazierenging, sah er sie als die herrschende Klasse an, und nun fand er sie so wenig einig über die Grundlagen ihrer Herrschaft. Der bürgerliche Absolutismus, den Liebling vorschlug, lag wohl in ihrem Interesse. Gleichzeitig mochte ihr Vorteil erfordern, so zu tun, als teilten sie noch die fünfzig Jahre alten Ansichten Wennichens. Ihre innere Neigung dagegen schien Ratibohr ausgesprochen zu haben: es war Nebensache, wie regiert wurde. Andreas beschloß, sich diese Überzeugung anzueignen, die ihm eines Weltmannes würdig erschien, und der Entschluß ward ihm nicht schwer.

Indes begann der junge Mann nach dem langen Umherdrängen und Stillstehen seine Müdigkeit zu fühlen. Das unnütze Gerede, das ihn in seinen Absichten nicht vorwärtsbrachte, ward ihm auch zu viel. Er suchte erfolglos nach einem passenden Sitz. Es standen dort breite Stühle aus braunlackiertem Holz mit zart bemalten Seidenpolstern, aber ihre Lehnen waren steif und schmal wie Leitern. Andere Sessel hatten einen dreieckigen Rücken, oder es fehlten ihnen die Armstützen. Noch andere waren so niedrig, daß er seine Beine nicht ohne Verlegenheit unterbringen konnte. Kein Sitz gewährte Andreas die Möglichkeit, sich eine zwanglose und der persönlichen Würde angemessene Haltung zu geben.

Höchst unzufrieden irrte er umher, unter dem Vorwande, die Einrichtung zu betrachten. Der dritte Salon, in bleu mourant und Rokoko, zog ihn an. Vor den üppigen Plauderecken, in denen sich Damen aufhielten, standen niedrige spanische Wände, mit buntbesticktem Atlas bespannt und mit geschliffenen Glasscheiben in verschnörkelten Rahmen. Sie sahen aus wie die herausgebrochenen Wände einer alten Staatskutsche. Der Vortrag einer Sängerin, die sich nebenan hören ließ, ging unter in den lauten Gesprächen. Als man nach einiger Zeit merkte, daß sie fertig war, ertönte frenetischer Beifall. Drüben auf dem Kamin aus rosigem Porzellan schlug die Stutzuhr, Schildpatt mit eingelegtem Kupfer, halb zwölf.

Andreas setzte sich endlich, er lehnte den Kopf zurück und versuchte sich betäuben zu lassen von der funkelnden Decke, deren vergoldete Kassetten elektrische Birnen bargen. Dies hinderte ihn nicht, von neuem in eine verzweifelte Mutlosigkeit zu verfallen. Was hatte er bisher erreicht? Kein ernsthafter Bekannter stand ihm bei, es war zu klar, daß die Leute, die er kennenlernte, ihn nur daraufhin ansahen, ob sich ihm eine heitere Seite abgewinnen lasse. Gelang es ihm heute abend nicht, ein Lächeln von der Hausfrau zu erhalten, so war es aus mit seinem Eintritt in diese Welt. Und jetzt, da er einen Blick hier herein getan hatte, fanden seine Begierden erst ihren Gegenstand. Er sandte seine schüchternen Eroberungsblicke im Kreise der geschmückten Frauen umher. Manche waren üppig, schwer und weich wie Odalisken. Andere, hagere, hoben langgestielte Lorgnons vor die umränderten, pervers blickenden Augen. Wer von einer von ihnen in Gnaden aufgenommen wurde, so als Schoßhündchen wie Diederich Klempner bei Lizzi Laffé, der war sein Lebtag versorgt. Das Geld rollte hier unter den Möbeln umher. Gewiß tat keiner etwas anderes, als sich die Taschen zu füllen. Welch ein Wohlleben in diesem Schlaraffenland!

Eine häßliche Falte seines Fracks, die ihm noch nie so aufgefallen war wie in dieser Beleuchtung, entriß den armen jungen Mann seinen Träumen. Er verglich seine dürftige Kleidung mit den tadellosen Anzügen, die an ihm vorüberwandelten, und bei jedem Vergleiche stieg seine Wut. Endlich befand er sich in der erforderlichen Stimmung, um mit sich selbst va banque zu spielen. Wenn er in einer halben Stunde noch keinen Schritt auf seiner Laufbahn vorwärts getan haben würde, so schwur er sich zu, wegzugehen und nie wiederzukommen.

Er wollte sich erheben, als zwei junge Leute dicht vor ihm stehenblieben. Sie sahen hinüber nach der Palmengruppe, vor der in einer Pompadour-Bergere eine große, starke Dame saß. Sie war nicht gerade jung, aber ihr weißer Teint hatte nichts verloren, und so prachtvolle Schultern konnte sie nach Andreas' Meinung in ihrer Jugend kaum besessen haben. Ihre zu starken Gesichtszüge erhielten etwas Charakteristisches durch den hohen schwarzen Helm von Haaren über der engen Stirn. Sie war in weiße Seide gekleidet, mit tief über die Büste fallenden Spitzen, worauf Brillantagraffen blitzten.

Der eine der jungen Leute bemerkte:

»Sie ist doch noch immer schön.«

»Die Hausfrau?« sagte der andere. »Selbstredend. Zwar 'n bißchen schwere Nahrung, aber es tut nichts. Je mehr, desto besser, nach der Taxe der Wüstenstämme.«

»Welche Taxe?«

»Als Schönste gilt diejenige, die nur auf einem Kamel fortbewegt werden kann. Nach ihr kommt die, die sich auf zwei Sklavinnen stützen muß. – Aber warum macht sie denn so 'n leidendes Gesicht?«

»Frau Türkheimer? Das wissen Sie nicht? Wo kommen Sie denn her? Ratibohr hat ja mit ihr gebrochen.«

»Der Esel! Und warum?«

»Wegen des Gatten, sagt man.«

»Türkheimer? Der wird sich doch nicht lächerlich machen? Er läßt doch seit bald einem Menschenalter seine Frau tun, was sie will. Was hat er denn gegen Ratibohr?«

»Ja, Ratibohr soll kein dankbarer Kunde sein. Durch die Vertraulichkeit mit Frau Adelheid ist er hinter allerlei Geheimnisse gekommen. Türkheimer hat gemerkt, daß ihm, seit seine Frau mit Ratibohr zusammensteckt, öfter was vor der Nase weggeschnappt ist. Das hat ihn entrüstet.«

»Wirklich?«

»Türkheimer ist ja ein sehr verständiger Mann, um die Privatangelegenheiten seiner Frau kümmert er sich nicht. Aber wenn die Geschäfte ins Spiel kommen, dann wird er strenge.«

»Und da hat er dem Ratibohr Krach gemacht?«

»Sie kennen ihn nicht. Er hat ihm die Beteiligung an einem Coup angeboten, mit der Bedingung, seine Frau aufzugeben.«

»Und Ratibohr hat eingeschlagen?«

»Was dachten Sie denn?«

In diesem Augenblick sah Andreas den eleganten Doktor Bediener, das Glas im Auge, in der Tür erscheinen. Der junge Mann stürzte jäh auf den Chefredakteur los.

»Herr Doktor!« sagte er hastig. »Gestatten Sie mir eine Bitte, würden Sie die Güte haben, mich der Dame des Hauses vorzustellen?«

»Comment donc, mon cher!« rief Doktor Bediener, der früher Korrespondent in Paris gewesen war. Er sah Andreas starr an und setzte hinzu:

»Ich suche Sie seit zwei Stunden, mein lieber Herr, Herr-re ...«

»Andreas Zumsee«, ergänzte Andreas.

Der Chefredakteur ergriff seinen Schützling leicht am Arm, trat mit ihm vor Frau Türkheimer und sprach:

»Schöne Frau, ich mache mir das Vergnügen, Ihnen einen talentvollen jungen Mann zuzuführen, Herrn Andreas Zumsee, den ich der kunstsinnigen Güte der gnädigen Frau empfehle.«

Alsbald war Doktor Bediener verschwunden.

Andreas verlängerte seine Verbeugung so sehr, als hypnotisierten ihn seine eigenen, nicht sehr blanken Stiefelspitzen. Ein mitleidiges Lächeln hatte Frau Türkheimer schon wieder unterdrückt, als der junge Mann aufsah. Sie redete ihn sehr freundlich an.

»Unsere jungen Dichter finden hier stets ein offenes Haus, und die von Doktor Bediener empfohlenen Talente sind uns besonders willkommen, Herr Zumsee.«

Andreas verbeugte sich abermals. Er nahm das Taburett ein, auf das Frau Türkheimer deutete.

»Widmen Sie sich schon lange der Literatur?« fragte sie.

»Erst seit ganz kurzer Zeit«, erklärte Andreas, »und ich durfte nicht hoffen, seitens der gnädigen Frau einen so wohlwollenden Empfang zu finden, der mich unendlich glücklich macht. Das Interesse an der Literatur ist im Lande so gering, daß wir jungen Anfänger von vornherein eine tiefe Dankbarkeit den wenigen Häusern entgegenbringen, in denen ein modern verfeinerter Geschmack gepflegt wird.«

Ein junger Mann, der schon etwas mehr als Andreas den Ernst seiner Provinz abgeschüttelt hätte, würde anders gesprochen haben. Jedenfalls hatte Frau Türkheimer etwas anderes erwartet, sie wurde erst jetzt auf den jungen Mann aufmerksam. Seine zu Hause ersonnene Rede schien sie nicht übel zu finden. Sie lehnte sich in die Bergere zurück, einen Augenblick lächelte sie sogar geschmeichelt. Andreas, der die Lorgnons der rechts und links sitzenden Damen fürchtete, sah Frau Türkheimer unverwandt in die Augen, und sein Blick, den dichte, vorn aufwärts gebogene Wimpern beschatteten, machte den von Doktor Bediener vorausgesehenen Eindruck. Sie fand ihn angenehm, ganz frei von Dreistigkeit und voll jugendlicher Hingebung. Da Andreas sich geprüft fühlte, errötete er, was seinem knabenhaften Blondkopf mit dem leichten Flaum auf der Oberlippe sehr gut stand. Sie fuhr fort, ihn zu betrachten. Der geheime Schmerz, der über ihr Gesicht einen Schleier geworfen hatte, geriet in Vergessenheit. Es blieb nur eine sanfte Schwermut übrig, genährt durch den Anblick des jungen Menschen, der auch des Anteils einer mitleidigen Seele zu bedürfen schien. Andreas ahnte etwas Ähnliches. Er fand sich in seiner Ungeschicklichkeit selbst bedauernswert, aber es kränkte ihn, sich von einer schönen Frau bemitleiden lassen zu müssen. Er ward noch röter. Sie erkundigte sich:

»Und wie befinden Sie sich in Berlin? Denn Sie haben doch wohl erst kürzlich Ihre Heimat verlassen?«

»Ich komme vom Rhein, gnädige Frau.«

»Ich glaubte es an Ihrer Aussprache zu hören. Ah! Der Rhein!« hauchte Frau Türkheimer. Sie sann einen Augenblick, ließ sich indes auf eine Beschreibung der Stimmungen, die ihr der Rhein eingeflößt hatte, nicht ein.

»Sie müssen sich hier wohl recht wie in der Fremde fühlen?« fragte sie unwillkürlich leiser. Schwermut, Mitleid und Träumerei zogen eine Hecke um sie und diesen jungen Mann, sie wußte selbst nicht wie.

»Kommt Ihnen hier das Leben nicht viel kälter vor als in Ihrer Provinz? Bei Ihnen kennt man Fröhlichkeit, glaube ich, hier aber nur Spottlust. Und dann das Geld! Merken Sie sich für Ihren hiesigen Aufenthalt: es gibt hier nichts, was man nicht um eines guten Geschäftes willen verraten würde!«

Andreas meinte, bei den ruhig gesprochenen Worten der Dame doch dem Schrei einer wunden Seele zu lauschen. Er fühlte sich geschmeichelt durch die Andeutung, die sie selbst ihm von ihrem Unglück machte. Sie setzte nachlässig hinzu:

»Haben Sie schon einen Schneider, Herr Zumsee?«

Andreas glaubte mißverstanden zu haben.

»Sie brauchen Freunde, die Sie anleiten. Warum sollte ich es nicht tun?«

Andreas verbeugte sich.

»Gehen Sie doch zu Behrendt in der Mohrenstraße. Ich erlaube Ihnen, sich auf mich zu berufen, dann wird man Ihnen eine tadellose Ausstattung besorgen. Ich schicke Ihnen meine Karte.«

Sie reichte ihm ihre wohlgeformte Hand, die sich unter dem Handschuh ein wenig fett, aber nicht zu fett, anfühlte.

»Übrigens vergessen Sie uns nicht, ich bin jeden Freitag zu Hause.«

Andreas sprang auf, küßte die Hand und entfernte sich langsam, mit verhaltenem Atem. Infolge des Erlebten waren seine Sinne förmlich erstarrt. Als sie wieder frei wurden, hörte er hinter sich jemand sagen:

»Donnerwetter! Dem gibt er's im Schlaf! Sie kennen doch den Trick mit dem Schneider? Wenn der Frau Türkheimers Karte sieht, so liefert er den jungen Leuten Anzüge für fünfzig Mark, die uns dreihundert kosten.«

Ein wenig weiter bemerkte Andreas jenen Generalkonsul mit kleinem Spitzbauch und rötlich gefärbten Koteletten, den er im Vorzimmer des »Nachtkurier« getroffen hatte. Dieser Herr lächelte, wie der junge Mann vorüberging, so freundlich, und er schien so bereit zu einer Begrüßung zu sein, daß Andreas sich vor ihm verneigte. Der Generalkonsul erwiderte eifrig seinen Gruß.

Ein Unbekannter trat auf Andreas zu und schüttelte ihm ohne Umstände kräftig die Hand.

»Sind Sie schon lange in Berlin, mein Herr?« fragte er.

»Dreizehn Monate«, sagte Andreas.

»Nun sehnsemal«, bemerkte jener. »Ich bin schon dreizehn Jahre in Berlin, und Frau Türkheimer hat mir noch keinen Schneider empfohlen.«

Damit entfernte der Unbekannte sich wieder.

Unter der Tür des zweiten Salons, in den Andreas zurückkehrte, holte ihn Diederich Klempner ein, der ihm eine formelle Korpsstudentenverbeugung machte.

»Diederich Klempner mein Name«, sagte er kurz und schneidig.

»Andreas Zumsee.«

»Wir sind ja wohl Kollegen«, bemerkte Klempner. »Donnerwetter, Sie haben aber Glück!« setzte er sofort hinzu. »Das muß man übrigens haben, sonst ist in unserer Branche nichts zu wollen.«

Andreas drehte sich um und zeigte Klempner den Herrn mit den gefärbten Favoris.

»Entschuldigen Sie, wer ist der Herr dort drüben?«

»Der? Na, das ist doch Türkheimer!«

Andreas versank in Sinnen. In seiner Überraschung war ihm zunächst nur eine Kleinigkeit eingefallen. Generalkonsul war ein so vornehmer Titel, und auf der Einladungskarte hatte nur »Frau Adelheid Türkheimer« gestanden! Diederich Klempner grinste.

»Es kommt Ihnen wohl komisch vor, daß er Sie so auffordernd angelächelt hat? Na, natürlich, Sie haben doch seinen Konkurrenten Ratibohr bei seiner Frau ausgestochen!«

V.
Ein demokratischer Adel

Inhaltsverzeichnis

»Warten Sie mal, ich glaube, es wird gegessen«, sagte Diederich Klempner.

Der alte feine Herr, dem Andreas bald nach seinem ersten Erscheinen in diesen Räumen gegen die Schulter gestoßen hatte, schritt würdevoll mitten durch die gefüllten Salons. Man machte Platz, und er näherte sich der Hausfrau. Gleich darauf begann die Menge der Gäste ihren Durchzug durch das getäfelte Zimmer mit den Gobelins, wo das Büfett stand. Andreas, der mit Klempner neben der Tür stehenblieb, um dem Vorbeimarsch zuzusehen, ging nicht mehr unbeachtet im Strome unter. Er hatte im Verlauf der letzten Viertelstunde Namen und Geltung erlangt. Mit Stolz hielt er die prüfenden Frauenblicke aus, und jedesmal, wenn einer der Herren auf ihn zutrat, sich verbeugte und einen Namen nannte, schlug ihm das Herz höher. Es war ein Triumph, und Andreas fand, daß er ihn verdient habe. Die Laune einer mächtigen Herrin zog eine allen sichtbare Glorie um sein Haupt. War es nur eine Laune? Er mußte sich wohl so betragen haben, daß sie ihn treffen konnte!

Einer der ersten, die vorüberkamen, war ein ungewöhnlich starker Herr mit schwarzer Perücke und einem glattrasierten Gesicht, das aussah wie das eines abgeschminkten Schauspielers. Er führte Lizzi Laffé am Arm. Klempner merkte, wie Andreas in Erregung geriet.

»Gefällt sie Ihnen?« fragte er mit merklicher Genugtuung.

Andreas hatte Lizzi gar nicht beachtet. Er erkundigte sich:

»Ist das nicht Herr Jekuser?«

»Wer denn sonst?« sagte Klempner. »Sie kennen wohl Ihren Verleger noch nicht?«

Beinahe überwältigt sah Andreas dem Besitzer des »Nachtkurier« nach, einem Despoten der Literatur, einem der Beherrscher der öffentlichen Meinung, einem Mächtigen, gegen den der große Chefredakteur Doktor Bediener nur ein Sklave war, und der nun gleich der Masse der anderen Sterblichen über die Galerie des Treppenhauses den Weg zum Speisesaal wanderte.

Türkheimer kam mit der jungen Frau Blosch, Herr Liebling führte die russische Weltreisende Fürstin Bouboukoff, auf die Klempner Andreas aufmerksam machte. Die Dame hatte Schlitzaugen, die wie zwei Kohlenstriche aussahen, und sie hielt eine Zigarette im Munde, auf die Liebling mit leicht mißbilligender Nachsicht herabblickte. Hinterher schlürfte der wie immer entzückt lächelnde Wennichen, mit Frau Adelheid am Arm.

Die Paare folgten endlos einander, untermischt mit jungen Leuten, Börsenbesuchern, Journalisten oder Herren von unbekannter Beschäftigung, die sich ohne Dame zu Tisch zu setzen dachten.

»Das sind unsere Leute«, sagte Diederich Klempner.

»Wir sind natürlich übriggebliebene Herren. Türkheimers sorgen dafür, daß man seine Bequemlichkeit hat. Aber Süß hat vielleicht – Sie bleiben doch an unserm Tisch?« fragte er.

»Mit Vergnügen!'' erklärte Andreas.

»Sehn Sie mal, Süß hat die kleine Bieratz. Das gibt 'nen Hauptspaß.«

Süß näherte sich mit einem wunderbar schlanken und zarten jungen Mädchen, das in seinem lichtblauen, schmucklosen und durchsichtigen Kleidchen aussah wie eine Sylphe. Das schmale, feine Gesicht wurde von schwerem aschblondem Haar madonnenhaft eingerahmt, und die großen blauen Augen blickten voll Unschuld geradeaus. Aber da kam Ratibohr, glatzköpfig und nervös, an ihr vorüber. Er wandte sich um und lächelte der kleinen Fee auffordernd zu. Und sogleich, mit einer Bewegung, die Andreas entzückend harmlos und kindlich fand, ließ sie den Arm ihres Begleiters los und ergriff den Ratibohrs.

»Nanu, das war doch früher nicht!« rief Klempner halblaut.

Einen Augenblick stand Süß mit merkwürdig blödem Gesicht da, dann schien er den beiden nachstürzen zu wollen. Aber Duschnitzki, der herbeieilte, legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Keine Dummheiten, Süß!« sagte er.

Er trat mit seinem noch ziemlich verstörten Freunde auf Klempner und Andreas zu, und die vier Herren begaben sich ihrerseits über die Galerie, inmitten einer Doppelreihe von Lakaien, in den Speisesaal.

Andreas blickte erstaunt durch den ungeheuren kahlen Raum, den Dutzende von Tischen füllten, und den er mit den übergroßen Räumen eines Monstre-Restaurants verglich. Die Wände waren glattweiß, nur hier und da mit Goldrosetten verziert. Die Decke, mit dunkelrotem Stoff ausgeschlagen, trug einen sehr hoch angebrachten Kronleuchter. Im übrigen war das elektrische Licht verpönt, es standen Kerzen, mit roten Schirmen versehen, auf allen Tischen.

Teller und Gabeln klapperten bereits, auf allen Seiten wurde laut gesprochen, aber Andreas' Tischgenossen schwiegen noch. Es lag etwas in der Luft. Plötzlich brach Süß los:

»So' ne Kanaille!« rief er laut. Andreas sah sich um, aber im wachsenden Lärm hatte niemand es gehört.

»So 'ne Kanaille! So 'ne –« Süß gebrauchte ein noch härteres Wort, so daß Andreas vor Schreck auf seinem Sitz aufhüpfte. Klempner lachte.

»Wen meinen Sie denn?« fragte er.

»Frage!« schrie Süß. »Die Bieratz doch!«

Andreas fand im stillen, daß die Ungezogenheit, die Süß so sehr aufbrachte, weniger der Kleinen als Ratibohr zuzuschreiben sei.

»Fräulein Bieratz hatte sich wohl Herrn Ratibohr schon früher verpflichtet?« vermutete er bescheiden.

Süß kicherte giftig, Duschnitzki schlug sein weiches melodisches Lachen an, bei dem seine mandelförmigen Sammetaugen mitlachten. Klempner belehrte freundlich den jungen Mann.

»Ratibohr hat acht Millionen.«

Andreas zuckte zusammen.

»Hier liegen wohl mehr Millionen auf dem Fußboden umher, als ich Markstücke in der Tasche habe?« fragte er, und er glaubte zu scherzen.

»Hier sind wir Millionäre oder Schubbejacks«, erklärte Duschnitzki, und Klempner setzte hinzu:

»So ist es. Der Mittelstand stirbt aus.«

Andreas fand die von Duschnitzki beliebte Unterscheidung nicht sehr schmeichelhaft, denn er traute seinen Tischgenossen gerade so viele Millionen zu wie sich selbst. Da der gute Ton es aber zu erfordern schien, lachte er herzlich. Klempner suchte Süß zu trösten.

»Die Bieratz ist doch schließlich nur ein schlechter Abklatsch der Pariser falschen Engel mit den falschen Haar-Bandeaus«, bemerkte er.

»Wem sagen Sie das?« erwiderte Süß, der sich aufheiterte.

»Ist egal«, wandte Duschnitzki ein. »Für 'ne junge Schauspielerin ist doch Tugend das Modernste.«

»Gegen die gepumpte Tugend will ich nichts sagen«, versetzte Klempner. »Das Widerliche ist für mich die falsche Anspruchslosigkeit. Haben Sie wohl bemerkt, daß Werda Bieratz auf ihrem billigen Kleidchen kein einziges Schmuckstück trägt? Nicht mal in den Ohren hat sie Brillanten nötig, sie ist so schlau, die Ohren unterm Haar zu verstecken.«

»Sagen Sie mal«, so unterbrach ihn Süß, »ist es wahr, daß Lizzi Brillanten an ihren Strumpfbändern hat?«

»Warum denn nicht?« entgegnete Klempner nicht ohne Genugtuung. »Sie können sich noch mehr Stellen ausdenken, wo Lizzi Brillanten trägt, und es wird immer stimmen.«

»'s ist aber 'ne abgelegte Mode«, sagte Duschnitzki. »Auf totes Kapital, wie Brillanten, gibt keiner mehr was, und für ein junges Mädchen, wie Werda Bieratz, ist es der höchste Schick, Geld auf der Bank zu haben.«

»Werda soll 'ne halbe Million besitzen«, bemerkte Süß voll Achtung.

»Das ist ja, was ich meine!« rief Klempner und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Es macht Ihnen Spaß, meine Herren, mir zu verstehen zu geben, daß Lizzi älteres Genre ist. Meinetwegen, ich habe nichts dagegen. Aber ich will Ihnen sagen, worin der Unterschied der Generationen eigentlich besteht.«

»Kennen wir«, bemerkte Duschnitzki. »Lizzi hat lange Zeit einen Grafen gehabt, bis der unter die Notleidenden ging.«

»Und als Lizzi zur Bühne kam«, fuhr Klempner fort, »war es Sitte, nicht zu rechnen. Lizzi hat von den Millionen, die ihr durch die Hände gegangen sind, nichts übrigbehalten als ihre Brillanten.«

»Und jeder einzelne ist ein Verdienstzeichen!« rief Süß begeistert.

»Die neue Generation dagegen«, sagte Klempner, »hat das fröhliche Ausgeben nicht gelernt, weil sie es immer nur mit Jobbern zu tun hat, denen die armen Mädchen jeden lumpigen Tausendmarkschein mühsam abkämpfen müssen.«

Andreas ward rot und sah auf seinen Teller. Er meinte, Klempner müsse das Standesbewußtsein seiner beiden Nachbarn beleidigt haben. Aber Süß und Duschnitzki lachten höchst belustigt.

»Die armen Mädchen!« wiederholten sie.

»Eine glückliche sozial-psychologische Hypothese!« sagte Duschnitzki. »Prost!«

»Und so gibt es in der Generation der kleinen Bieratz eine Menge schmutziger Geizhälse und Wucherer. Ich habe gehört, der Engel leiht zu zwanzig Prozent an arme Beamte!« so schloß Klempner triumphierend.

Andreas fand Klempners Prahlerei mit Lizzi Laffé indiskret und wenig ruhmvoll. Lizzi war ja noch ganz passabel, etwas schwer zwar, und ihre blonde Korpulenz machte sich nicht so gut wie bei Frau Türkheimer die brünette. Aber unter dem Puder zeigten sich doch schon rote Flecken in Lizzis Gesicht, und was für einen tadellosen Teint hatte Adelheid!

Er begann, sie in der Menge aufzusuchen, doch der Nachbartisch stand ihm im Wege. Dort saß Rechtsanwalt Goldherz mit der Fürstin Bouboukoff, Liebling, einer anderen, sehr tief ausgeschnittenen Dame und einem jungen Manne, der ein merkwürdig bewegliches Clowngesicht hatte. Süß erzählte Andreas ins Ohr eine äußerst schmutzige Geschichte über die ausgeschnittene Dame, die Fürstin und den jungen Mann, der der Sohn der Fürstin sein sollte. Augenblicklich führte die Bouboukoff mit den beiden anderen einen Prozeß, bei dem der große Goldherz als Vertreter der Fürstin mitwirkte. Die Parteien schienen, da sie miteinander soupierten, einen fröhlichen Waffenstillstand abgeschlossen zu haben.

Andreas hörte unaufmerksam zu. Er blickte zwischen dem korrekten Rücken Lieblings und dem bloßen Nacken der ausgeschnittenen Dame hindurch. Dort hinten saß Jekuser, breit in seinen Stuhl zurückgelehnt, daß die wuchtige Wölbung seiner weißen Weste weithin glänzte. Die schwarze Perücke des mächtigen Mannes war ein wenig in den Nacken geschoben, er goß still und heiter ein Glas Wein nach dem andern hinab. Sein Gesicht – war es das eines Schauspielers oder eines Cäsaren? – lachte voll breiten Behagens, aber die beweglichen kleinen Augen straften, wie Andreas meinte, seine Harmlosigkeit Lügen. »Das ist einer, für den es hier keine Geheimnisse gibt«, dachte der junge Mann voll Bewunderung. Duschnitzki, der sanft seinen Arm berührte, redete ihn an.

»Sie irren sich. Die schöne Hausfrau sitzt auf der anderen Seite.«

»Ist doch 'n großartiger Kopf!« sagte Andreas.

»Wer?«

»Jekuser.«

Anfangs schwiegen die anderen. Dann äußerte Süß kurz und abweisend:

»Wer ist denn schließlich der Jekuser?«

»Ist doch auch nur 'n ganz gewöhnlicher Hausierer«, erklärte Klempner. Duschnitzki setzte mit liebenswürdigem Lächeln hinzu:

»Er sammelt Annoncen, wie andere Lumpen sammeln.«

Andreas wurde sich bewußt, eine gewisse peinliche Stimmung erregt zu haben. Was hatten seine drei Nachbarn gegen Jekuser? Offenbar gar nichts. Aber es war schlechter Ton, irgend jemand oder irgend etwas offen zu bewundern. Andreas nahm sich vor, dieses Gesetz nicht wieder zu verletzen, in Gesellschaft wenigstens niemals. Frau Türkheimer gegenüber war es vielleicht etwas anderes? Da, wo er einen ungewöhnlichen Eindruck machen wollte, durfte er doch nicht den Allerweltsgeschmack nachahmen. Dort war es vielleicht hohe Politik, sich so zu zeigen, wie er wirklich war?

Das frugale Abendessen bestand aus einem Hummersalat und einer kalten Kalbsschnitte. »Nur gerade der gesunde Nährwert, das ist das Feinste«, erklärte Duschnitzki. Aber am Hummersalat war ungeheuer viel Senf, der Andreas zum Weinen brachte, während ihm die scharfe Kräutersoße, die man zum Kalbsbraten aß, die Eingeweide verbrannte. Er mußte deshalb mehr trinken, als ihm eigentlich lieb war, denn es stand ihm als Schreckbild vor Augen, was daraus werden würde, wenn er sich in betrunkenem Zustande kompromittierte. Er beneidete die andern, die sich ihrem Leichtsinn hingeben durften, falls sie welchen hatten, denn sie befanden sich hier gewissermaßen in gesicherter Stellung. Er, Andreas, aber wagte gerade seine ersten, tastenden Schritte.

Während ein paar geeiste Ananasscheiben herumgereicht wurden, schlug drüben jemand ans Glas. Gleich darauf erhob sich Waldemar Wennichens kleines lächelndes Haupt mit dem tanzenden weißen Flaum auf der kahlen Stirn, hoch über seine Umgebung. Der berühmte Dichter sprach jetzt nach dem Essen mit noch mehr erstickter Fistelstimme als vorher, auch war die Stille im Saal nicht mustergültig. Man verstand soviel, daß es sich um die Verbindung zweier Patrizierhäuser, um einen demokratischen Adel und um ähnliche Dinge handelte. Als Wennichen in die Menge zurückgetaucht war, sprach es sich herum, daß dieses Fest eigentlich eine Art Vorfeier sein sollte für die Hochzeit der Tochter des Hauses, Fräulein Asta Türkheimer, mit dem Freiherrn von Hochstetten.

Alsbald suchten viele Blicke das Brautpaar auf. Andreas bemerkte, daß Fräulein Asta ein recht unzufriedenes Gesicht machte. Wennichens Rede mußte ihr gar nicht gefallen haben. Asta war hübsch, litt aber für Andreas keinen Vergleich mit ihrer Mutter. Ihre Figur, in der sich die Fülle auch schon anzeigte, schien doch mehr zur Untersetztheit zu neigen, ihr brünetter Teint war nicht so rein, die zusammengewachsenen Brauen verfinsterten das Gesicht, und der große Mund hatte etwas Willkürliches, das Andreas bange machte.

Der Bräutigam, der Asta gegenübersaß, war eben der Herr mit spärlichem Haar und schütterm weißblondem Spitzbart, dem Fräulein Türkheimer entgegenging, als Andreas ihr bald nach seinem Erscheinen auf die Schleppe getreten hatte. Hochstetten hielt eine schmale, unendlich lange und bleiche Hand an die Schläfe gelegt. Er saß schläfrig über den Tisch geneigt und sprach mit seiner Braut, ohne daß sein Gesicht sich bewegte. Lange, hängende Kiefer und eine feine, gebogene Nase gaben ihm ein durchaus edles Pferdeprofil. Seine großen mattblauen Augen träumten, man mochte Hochstetten beobachten, wann man wollte, immer nur vor sich hin, woran wahrscheinlich bloß Blutleere schuld war. Andreas ward dies klar, als am Nebentisch, wo Rechtsanwalt Goldherz saß, die laute Bemerkung fiel:

»Müde Rasse!«

Der junge Mann bewunderte im stillen den großen Verteidiger. »Müde Rasse!« In einem solchen Worte lag die abgeschlossene wissenschaftliche Weltanschauung, für die Goldherz so häufig praktisch Verwendung fand, und die vor Gericht seine Überlegenheit über den Staatsanwalt begründete.

Andreas hatte inzwischen mehr Sekt getrunken, als ihm lieb war. Etwas anderes kam nicht auf den Tisch, denn Klempner hatte erklärt, daß es bei dieser rapiden Abfütterung nicht der Mühe wert sei, sich in einen Wein zu vertiefen, der Verständnis und Sorgfalt erfordere. Die Gedanken des jungen Mannes begannen zu vagabundieren. Von Asta, Hochstetten und Rechtsanwalt Goldherz kehrten sie, ehe er es sich versah, zu Frau Türkheimer zurück. Der leichte Champagnerrausch half seinem sanguinischen Temperament, die Schüchternheit des Neulings zu besiegen, und plötzlich, zu seiner eigenen Überraschung, sagte er sich rundheraus, daß er Adelheid besitzen wolle. Er erblickte augenblicklich gar kein Hindernis. Denn er stellte sich mit stiller Genugtuung eine lange Reihe von Liebhabern vor, die sie vor ihm gehabt haben mußte. War es nicht ganz natürlich, daß jetzt auch er an die Reihe kam? Eben noch hatten alle durch ihre plötzliche Beachtung ihn merken lassen, daß die Königin ihm, dem armen Pagen, das Taschentuch zugeworfen habe. Auch fand er sich ja im denkbar günstigsten Augenblick ein, gerade als Ratibohr die vierzigjährige Dame in einsamer Trauer zurückgelassen hatte. Wie viele Tröster würde sie wohl noch finden? Sich von ihr in Gnaden auf nehmen zu lassen, war eigentlich eine zu leichte Aufgabe und nicht besonders ruhmvoll. Aber als erste Stufe zum ferneren Emporkommen mochte man es mitnehmen. Denn dies war kein Idyll, und es handelte sich nicht darum, Frau Generalkonsul Türkheimer auf eine Liebesinsel zu entführen. Es hieß ein moderner junger Mann sein, wie zum Beispiel Asta ein modernes junges Mädchen war. Ja, auch Asta war bei der Sache zu bedenken und daneben Türkheimer, der Schwiegersohn, wer weiß, vielleicht die Eifersucht anderer Bewerber, das Übelwollen vieler, die Meinung einer ganzen Gesellschaft. Asta vor allem flößte ihm eine unbestimmte Furcht ein. Ohne es zu wissen, hatte Andreas sich mehrmals nach ihr umgesehen.

»Der sollten Sie den Hof machen«, sagte plötzlich Duschnitzki, der ihn teilnahmsvoll prüfend betrachtete.

»Dem Fräulein Asta? Warum denn?« fragte Andreas.

»Um ihre wohlwollende Neutralität zu erlangen.«

»Sehr richtig«, bemerkte Klempner. »Sie wissen wohl nicht, daß Asta die Liebhaber ihrer Mutter als ihre persönlichen Feinde betrachtet? Dem Ratibohr hat sie einen Streich gespielt.«

»Ein bösartiger Charakter, sage ich Ihnen!« rief Süß mit Tränen in der Stimme. Der reichliche Sektgenuß machte ihn weich und melancholisch. Andreas erkundigte sich:

»Ist Asta eifersüchtig auf ihre Mutter?«

»I wo! Sie verachtet die Mama!«

»So moralisch?«

»Moralisch aus Snobismus«, erklärte Klempner. »Asta fühlt das Bedürfnis, ihre soziale Stellung zu verbessern. Ihre Mutter könnte drei alte Grafen auf einmal haben, und sie würde sie ihr nicht übelnehmen. Aber gegen die jungen Talente hat sie nun einmal ein Vorurteil.«

Andreas dachte an Kaflisch und sagte mit Betonung:

»Sie ist eben ein modernes Weib, mehr intellektuell als Geschlechtswesen.«

»Modern besonders im Geldausgeben«, versetzte Duschnitzki. »Sie kostet Türkheimer soviel wie seine Maitressen.«

»Und das sollte eine Tochter doch nicht!« fügte Süß aufs höchste bekümmert hinzu. Duschnitzki fuhr fort:

»Und dabei verachtet sie auch Türkheimer mitsamt seinen Geschäften, und sie sagt es jedem, der es hören will!«

»Die Unglückliche! Sie ist aus der Art geschlagen!« jammerte Süß.

»Sie kauft sich einen Namen! Was ist denn so 'n abgetragener Name heute wert?«

»Kunststück!« meinte Klempner. »So 'nen Baron und gar 'nen Geheimrat vom neuen Kurs kann sich doch jetzt schon der gute Mittelstand leisten, seit der Adel sich den Liberalismus anschafft, den wir abgelegt haben!«

Es wurden Schalen mit Zigarren und Zigaretten auf den Tisch gestellt. Andreas, der Feuer brauchte, ließ sich den silbernen Kandelaber herüberschieben. Dieser bestand aus einer fein ziselierten Säule, an der Kolombine lehnte, die sich von einem Herrn küssen ließ. Pulcinello stand dabei und hielt den Leuchter, den er auf den Rand der Säule schob. Andreas sah die Welt rosenfarbig und verspürte Lust, sich für irgend etwas zu begeistern, erinnerte sich aber noch rechtzeitig, daß dies für unpassend galt. Er sagte daher einfach:

»Eine recht nette Arbeit!«

Duschnitzki bestätigte dies:

»Nichts dagegen einzuwenden!«

Klempner begann sogleich seine weinselige Beredsamkeit über die Bedeutung zu verbreiten, die der Pulcinellofigur in der Geschichte der Menschheit zukam. Er sah in ihr den komisch aufgefaßten Typus des reinen Naturkindes, das ohne moralisches Vorurteil an die Dinge herantritt, zu Niederträchtigkeiten in seiner Unschuld ebenso geneigt wie zu Heldentaten, und er verglich sie mit Parsifal und Siegfried, die denselben Charakter von der tragischen Seite darstellten. Sein Blick glitt verschleiert und unsicher zu Andreas hinüber, er schien plötzlich eine Entdeckung zu machen und rief aus:

»Sie, mein Lieber, haben eigentlich was davon!«

Andreas war zu versöhnlich gestimmt, um auf die Anzüglichkeit einzugehen. Er fragte: »Wer ist der Künstler?«

Süß belehrte ihn mit rührseliger Entrüstung.

»Menschenskind, Sie kommen aus Gegenden, wo man Claudius Mertens nicht kennt? Blicken Sie mal dorthin, und Ihr Auge wird einem großen Manne begegnen!«

In der bezeichneten Richtung entdeckte Andreas einen breitschultrigen Herrn mit gutmütigem Gesicht, blondem Vollbart und nachlässig gebundener Krawatte. Er hielt das Bein übergeschlagen und eine Hand daraufgelegt, die ungewöhnlich kräftig aussah und so breite, gedrungene Finger hatte, daß Andreas zweifelnd das zerbrechliche Kunstwerk vor sich auf dem Tische betrachtete.

›Wie hat er das gemacht?‹ fragte er sich. Er äußerte:

»Claudius Mertens? Ich habe den Namen nie gehört.«

»Sie sind entschuldigt«, erklärte Duschnitzki. »Claudius ist über einen gewissen Kreis hinaus fast unbekannt, und das ist sein Ruhm. Er stellt nichts aus und arbeitet nur für ein paar Häuser wie Türkheimers, die ihn kolossal dafür bezahlen, daß er die Modelle seiner Werke vernichtet.«

»Merkwürdig!« meinte Andreas.

»Das ist das Feinste!« jammerte Süß. »Was für 'n großer Mann!«

»Wollen Sie das Claudius-Kabinett sehen?« wurde Andreas von Klempner gefragt.

VI.
Die Mittel, mit denen man was wird

Inhaltsverzeichnis

Man stand vom Tische auf, der Tabakrauch fing an, sich im Saale zu verbreiten. Alle Welt rauchte, am Nebentisch hatte die Fürstin Bouboukoff zwischen den Gerichten ihre Zigarette wieder angezündet.

Duschnitzki und Süß verloren sich inmitten der Gäste, die über die Treppengalerie in die Salons zurückkehrten. Klempner führte Andreas seitwärts in ein kleines Spiegelkabinett. Durch eine Glastür betrat man von dort das geräumige Gewächshaus. Die fortwährend springende Beleuchtung setzte Andreas in Erstaunen, er beobachtete die Damen und Herren, die, mit transportablen Drähten in der Hand, von einer Pflanzengruppe zur anderen gingen und hier und da das elektrische Licht aufblitzen ließen. Auf schlanken Sockeln, unter duftlosen Blumen halb versteckt, standen Bronzen, Terrakotten und silberne Statuetten, die alle einer Familie angehörten, einer Familie hagerer Faune und mondsüchtiger Sylphen, begehrlicher Ziegenböcke und rätselhaft lächelnder Knaben.

Auf den Diwans unter den Palmen verdaute eine Anzahl älterer Herren, die Wandelgänge waren voll lorgnettierender Damen. Die beiden jungen Leute, die am Eingang lehnten, konnten die Kunstwerke in den überall angebrachten Spiegeln betrachten. Eine zerbrechliche kleine Nymphe, die eine entfernte Ähnlichkeit mit Werda Bieratz hatte, neigte sich über die Quelle, die am Fuß einer Palme in ein gemeißeltes Becken floß. Sie hatte sich der burlesken Angriffe eines marmornen Silens zu erwehren, dessen Bauch und dessen feistes Lächeln Andreas heute abend ebenfalls schon gesehen zu haben meinte. Zwei Knaben, süß und zart wie die Grazie, die nicht leben darf, scherzten unschuldig miteinander, indem sie bei einer privaten Verrichtung über den Wandelgang hinüber einander bewässerten.

»Das ist Claudius Mertens' Kunst!« rief Klempner mit düsterer Feierlichkeit aus.

Andreas nahm sich zusammen, um die Befangenheit zu verbergen, die ihm weniger Claudius Mertens' Schöpfungen einflößten als die Damen, die sie mit so vorurteilsloser Kennerschaft betrachteten.

»Und was anderes macht der Künstler nicht?« fragte er.

Klempner lächelte schmerzlich.

»Verurteilen Sie Claudius nicht, er ist auch einer, den die Welt erzogen hat!« versetzte er, sich an die Brust schlagend.

»Ich kann Ihnen sagen, daß Claudius in seinen jungen Jahren Marmorblöcke unter den Händen gehabt hat, mit denen sich Michelangelo begnügt hätte, als er nach ausreichendem Material für das Grabmal seines Herrn suchte. Was fängt aber die moderne Gesellschaft mit solchen Schwärmern an? Als Claudius noch der großen Kunst frönte, lebte er in einer Steinmetzbaracke von trocknem Brot. Seit er aber entdeckt hat, was die zahlenden Kunstfreunde verlangen, hat er wöchentlich zehn Einladungen, man reicht ihn sich herum, beim Essen empfängt er Bestellungen und verdient, während er verdaut.«

Klempner war in Emphase geraten.

»Wir Künstler sollten allen voran die Revolution einläuten!« rief er so laut, daß zwei glatzköpfige Bankiers, die nebenan auf dem Diwan gähnten, aufblickten und die jungen Leute erheitert anblinzten.

Andreas waren diese Ansichten nicht fremd, aber Klempner, der es gewiß nicht böse meinte, schrie zu laut für die feierliche Stille des Kunstkabinetts. Er kehrte mit seinem Begleiter in den Saal zurück, der sich langsam wieder füllte. Die Tische waren entfernt, eine ganz neue und reine Luft ließ alle aufatmen. Türkheimer, der eben eintrat, näherte sich einem Kreis von Leuten, die mit erhobenen Nasen schnupperten.

»Gebirgsluft, was?« sagte er. »Noch ein bißchen zu dünn, aber es wird schnell besser werden.«

Und er erklärte, daß er hier, wie schon früher in den Salons, einige Schläuche mit Oxygen habe leeren lassen.

»Ein ganz neues technisches Verfahren, die Wissenschaft macht doch kolossale Fortschritte. Für kaum tausend Mark hat man den ganzen Abend die reinste klimatische Höhenkur im Hause.«

»Für tausend Mark Luft!« rief Lizzi Laffé entzückt.

»Tausend Mark sind für mich Luft, wenn es sich um das Behagen meiner Gäste handelt«, versetzte Türkheimer mit einer galanten Verbeugung.

Die Gäste kehrten jetzt zahlreicher zurück, und als der Saal sich so weit angefüllt hatte, daß man sich nur in geschickten Wendungen fortbewegen konnte, entstand das Gerücht, man wolle tanzen. Ein kleiner, rundlicher Herr, der jetzt plötzlich bemerkt ward, schwänzelte lächelnd und sich die Hände reibend bis zu dem Klavier, das in einer Ecke des weiten Raumes aufgestellt war, und begann sofort energisch einen Walzer zu spielen.

Vier oder fünf Paare fingen an, sich unter dem Kronleuchter zu drehen, wo sie dadurch, daß sie den Umstehenden auf die Füße traten, allmählich einen mäßigen freien Raum gewannen. Andreas fand im allgemeinen, daß man auf der Kirchweih in den Dörfern bei Gumplach besser tanze. Doch fielen ihm die anmutigen Bewegungen der jungen Frau auf, die Kaflisch vom »Nachtkurier« ihm als die Gattin des Herrn Blosch bezeichnet hatte. Er sah sie mit ihrem Manne tanzen und erstaunte darüber, wie sie es fertigbringe, den Plumpsack im Takt zu erhalten. Aber er hatte was Gutmütiges, er freute sich gewiß, ihr gefällig zu sein. Sie sah wahrhaftig aus, als ob sie hier bloß ihn gekannt hätte, so fremd und schüchtern, mit ihrem schlichten graublonden Haar und ihrem zwei Finger breit ausgeschnittenen Kleidchen!

Andreas erinnerte sich, daß Kaflisch ihm geraten habe, er solle sich von Klempner etwas über Frau Blosch erzählen lassen. Klempner fuhr noch immer fort, im Anschluß an Claudius Mertens' Werke über Kunst und Gesellschaft zu perorieren. Andreas unterbrach ihn mit der Frage:

»Herr und Frau Blosch sind wohl jungverheiratet?«

Klempners Redseligkeit warf sich eifrig auf das neue Kapitel.

»Weil sie zusammen tanzen? Oh, die können unter vier Augen achtzig Jahre alt werden und sind doch nie länger als vier Wochen verheiratet gewesen. Die Ehe Blosch, soll ich Ihnen sagen, was die ist? Nun wohl, sie ist ein Veilchen unter Klatschrosen und ein Idyll im Schwurgerichtssaal. Wissen Sie, wer Blosch ist?«

Andreas verneinte.

»Ihnen gehen die Grundbegriffe ab, nehmen Sie's nicht übel. Blosch ist einer der verrufensten Spekulanten an der ganzen Börse, er ist Türkheimers verdammte Seele. Er nimmt die Praktiken auf sich, die das alte und vornehme Haus Türkheimer nicht ohne Skandal auf eigene Rechnung ausführen kann. Türkheimer weiß seine Diskretion so gut zu schätzen, daß er dem Blosch durchschnittlich fünfzigtausend Mark im Jahr zu verdienen gibt. Trauen Sie jetzt einem Manne wie Blosch so 'n Ding zu, das man ein frommes Gemüt nennt? Nun hören Sie mal!

Vor beiläufig fünf Jahren will Türkheimer mit einem seiner Opfer, irgendwo in der Provinz, liquidieren und schickt Blosch hin. Es handelte sich um einen kleinen Industriellen, der sich kindisch gefreut hatte, sich mit dem berühmten Bankhaus Türkheimer an einer Terrainspekulation beteiligen zu dürfen. Um die feine Gelegenheit nicht zu verpassen, hatte der Mann seine Fabrik mit Hypotheken über und über belastet, seinen Anteil an den Terrains halb bezahlt und den Rest von Türkheimer kreditiert bekommen. Die Terrains waren gestiegen, und Türkheimer hatte sich beeilt, seinem Partner den Kredit zu kündigen. Er brauchte bloß noch die Liquidation abzuwarten und dem Manne seinen Anteil an den Terrains für ein Butterbrot abzunehmen. Das Geschäft war so klar, daß man es in aller Freundschaft abmachen konnte. Blosch kommt also mit den besten Absichten angereist, macht sich auf eine Gläubigerversammlung gefaßt und hat nichts gegen einen gütlichen Ausgleich, vorausgesetzt, daß Türkheimer die Terrains zufallen. Statt dessen erfährt er, daß der Mann wirklich einfach Pleite macht, aber ich sage Ihnen, eine Pleite, so ehrlich, wie kein Mensch es für möglich hält. Es war rührend, er hatte sogar die Schmucksachen seiner Tochter mit zur Masse geschlagen.

Ob Blosch nun aus der Unterredung mit dem Manne irgendeine innere Erschütterung davongetragen hatte? Wer weiß es? Ich kenne aber den unheimlichen Elan der Geschäftsleute länger als Sie, und ich versichere Sie, die Gutmütigkeit dieser Leute ist mit ihren Raubtierinstinkten gerade so verquickt wie ihre allgemein menschliche Dummheit mit ihrer geschäftlichen Schlauheit. Einmal im Leben kann ein Blosch einen sentimentalen Streich begehen, und da ein Blosch immer Glück hat, so bekommt ihm auch der recht gut.

Genug, als Blosch sein Opfer nach der ihn durchaus verblüffenden Unterredung verläßt, sieht er im Vorzimmer, wo kaum noch Möbel stehen, die Tochter am Fenster sitzen. Gleich darauf tritt er wieder bei dem Bankrottierer ein, zupft sich den Schnurrbart und sagt leicht verlegen:

›Herr Müller, es tut mir leid, wenn ich Ihnen lästig falle, aber ich muß Ihnen etwas sagen, daß Sie mich nämlich glücklich machen könnten, wenn Sie mir die Hand Ihrer Tochter geben wollen.‹

Der ruinierte Mann, der plötzlich für seine Tochter einen Millionär vom Himmel fallen sieht, greift sich an die Stirn, dann kommen ihm die Tränen, und dann fällt er vor seinem Retter auf die Knie. Stellen Sie sich die Szene auf der Bühne vor! Ein Leckerbissen, was?«

»Erstaunlich!« sagte Andreas.

»Und Sie müssen wissen, daß es Türkheimers ausgesprochene Absicht war, Blosch mit Asta zu verheiraten und ihn in die Firma aufzunehmen!«

»Erstaunlich!« wiederholte Andreas. »Und Blosch ist glücklich mit seiner Frau?« fragte er.

»Noch besser!« sagte Klempner, »er hat sie noch nie betrogen. Eine Musterehe sage ich Ihnen, wie sie nur in Kreisen vorkommen kann, wo die Ehe eigentlich als vorsintflutliche Einrichtung gilt!«

Andreas hätte Klempner gern noch lange so fortreden lassen. Er blickte von der Schwelle, wo sie standen, mit einem unbestimmten Bangen in den Tanzsaal hinein. Es kam ihm vor, als ob hier eine Gefahr lauere, die den ganzen Erfolg seines Abends in Frage stellen könne.

›Wenn man mich zwänge, eines von diesen vielen tanzlustigen jungen Mädchen aufzufordern‹, so sagte er sich, ›was sollte ich mit ihr anfangen, was würde dann passieren?‹

Die mageren unter den jungen Mädchen waren nur wenig ausgeschnitten, die dickeren beträchtlich weiter. Ihre Gesichter waren meistens keck, ihr Lächeln nicht immer anmutig, aber ausnahmslos recht aufgeweckt. Sie schienen Andreas prätentiös wie Prinzessinnen und kritisch wie Gassenjungen. Wie das kleine unscheinbare Wesen dort dem gewichtigen, reich aussehenden Herrn mit den X-Beinen doch so rücksichtslos ins Gesicht lachte!

Andreas hatte das sichere Gefühl, daß er bei den jungen Mädchen gar nichts zu suchen habe. Er betrachtete sie, wie sie in einer regenbogenfarbenen Reihe beieinander saßen und sich ganz unverhohlen über die Männer lustig machten, und er nannte sie »Puten«. Aber es waren ihm unheimliche Wesen. Wenn er hier jemals sein Glück machte, so konnte es nur mit Hilfe jener reifen Frauen geschehen, die durch eine reifere Erfahrung gütig und nachsichtig gemacht waren und die vertrauensvolle Hingebung eines jungen Mannes zu schätzen wußten. »Für ein junges Mädchen bin ich zu naiv«, so überlegte Andreas ausdrücklich.

Er stellte sich Adelheids teilnehmendes Lächeln vor, wie sie ihn gefragt hatte, er müsse sich in Berlin wohl recht wie in der Fremde fühlen.

Türkheimer, der hier und da einen jungen Mann, der sich unvorsichtig vorwagte, einer Tänzerin zuschleppte, erfüllte ihn mit Besorgnis. Glücklicherweise verschwand er mit mehreren anderen Herren in einem Nebenzimmer. Andreas dachte schon daran, allen möglichen Unglücksfällen aus dem Wege zu gehen und still die Gesellschaft zu verlassen, aber da kam die Hausfrau, von ein paar älteren Damen herbeigewinkt, dicht an ihm vorüber. Ihr stolzer, wiegender Gang gefiel Andreas noch besser als ihre müde Ruhe in dem Sessel, wo er sie zuerst gesehen hatte. Ihre Büste und die vollkommen runde Taille kam so besser zur Geltung, dazu fand er die Haltung ihres Kopfes, mit dem schweren Helm schwarzer Haare über der engen Stirn, geradezu faszinierend, ungeachtet des zu kurzen Halses. Er verbeugte sich ehrfurchtsvoll.

»Ah, da findet man Sie wieder, Herr Zumsee!« sagte sie; flüchtig und wie zufällig blieb sie vor ihm stehen.

Klempner, der noch immer sprach, hörte plötzlich mitten im Wort auf. Er redete einen vorübergehenden jungen Mann an und entfernte sich mit einer Diskretion, die er sich Mühe gab merken zu lassen.

Andreas beachtete, daß Frau Türkheimer seinen Namen behalten habe.

»Sie haben noch nicht getanzt?« fragte sie ihn.

»Noch nicht, gnädige Frau.«

»Nein, diese jungen Leute! Aber warum denn nicht?«

Andreas fuhr fort, ihr in die Augen zu sehen, aber er wurde rot. Wie dumm, eine Lüge zu erfinden, die sie schon hundertmal von anderen gehört haben mußte. Würde es nicht einen viel günstigeren Eindruck machen, wenn er einfach zugab: ›Ich bin schüchtern?‹

»Gnädige Frau werden mich auslachen«, begann er.

»Nun?« Frau Türkheimer lächelte auffordernd.

»Ich habe nämlich in Berlin noch nie getanzt«, sagte Andreas mit blinder Entschlossenheit, »und gnädige Frau müssen wissen, daß ich noch nicht zwei Worte mit einem Berliner jungen Mädchen gewechselt habe.«

Er bekam einen leichten Fächerschlag auf den Arm.

»Sie fürchten sich, gestehen Sie es nur!« sagte Adelheid.

»Was ist da zu gestehen?« erklärte er seufzend. »Können gnädige Frau sich vorstellen, was ich einer von diesen jungen Damen noch zu sagen hätte, nachdem ich das große Glück gehabt habe, von Ihnen, gnädige Frau, so gütiger Worte gewürdigt zu werden?«

Sie lächelte wieder, ein wenig nachdenklich. Seine kleine Rede, die diesmal improvisiert war, schien sie abermals etwas ungewöhnlich und nicht ganz übel zu finden. Ihr Fächer war schon zu einem neuen Schlage erhoben, senkte sich jedoch wieder. Sie nickte dem jungen Manne schnell und freundlich zu und sagte im Weitergehen:

»Also unterhalten Sie sich gut! Auf Wiedersehen!«

Kaflisch vom »Nachtkurier«, der plötzlich neben Andreas stand und ihm die in elegantem Bogen erhobene Hand reichte, mußte der Szene zugesehen haben. Er schob sein schlau grinsendes Gesicht dicht unter Andreas' Nase, um zu bemerken:

»Sie Schäker!«

»Es warten übrigens noch mehr schöne Augen auf Sie«, setzte er hinzu, indem er den Arm des jungen Mannes ergriff. »Der Frau Mohr muß ich Sie vorstellen, Sie hat nach Ihnen gefragt.«

Ehe Andreas sich zu sträuben vermochte, befand er sich einer hübschen Frau gegenüber, die zwischen Ballmüttern in einem niedrigen Sofa lehnte. Sie trug eine dunkelviolette Seide, die auch einer älteren Dame angestanden hätte. Ihr volles braunes Haar war sehr schlicht geordnet. Sie hielt kein Lorgnon in der Hand, was Andreas beruhigte, und sie erwiderte seine Verbeugung mit einem reizend gütigen, fast mütterlichen Lächeln. Ihr Wesen hatte etwas ungemein Friedliches, von Eitelkeiten und Leidenschaften Unberührtes. Sie bot das Bild einer anständigen Frau, die gerade in ein gewisses Alter eintritt.

»Ah, Herr Zumsee«, sagte sie, »ich muß Ihnen danken, Sie haben mir eine sehr freundliche Stunde bereitet. Ihr Beitrag in der ›Neuzeit‹ ...«

Andreas traute seinen Ohren nicht, Frau Mohr hatte sein Gedicht im Beiblatt des »Nachtkurier« gelesen. Oder hatte nur Kaflisch, der so abscheulich grinste, sie davon unterrichtet? Man wußte hier ja nie, was man glauben durfte. Er stammelte einige Dankesworte. Neben ihnen begannen mehrere Paare zu walzen. Andreas fühlte sich verpflichtet, Frau Mohr zu bitten.

»Ich tanze eigentlich nicht«, versetzte sie, indem sie sich erhob.

Andreas glaubte, ein recht guter Tänzer zu sein, aber er befand sich auf fremdem Terrain. Das Parkett war zu glatt und die Schleppe zu lang. Als er seine Dame auf ihren Platz zurückgeleitete, sah er sich beschämt. Bei zwei Runden unter dem Kronleuchter war er dreimal aus dem Takt gekommen. Frau Mohr blieb dennoch ganz erstaunlich liebenswürdig, Andreas konnte sich nicht früher von ihr verabschieden, als bis eine Dame sie in die Unterhaltung zog.

Kaflisch, der ihn erwartet hatte, ergriff sogleich wieder von ihm Besitz. Da Andreas plötzlich eine Art von Berühmtheit erlangt hatte, benutzte Kaflisch gern ihre alte Freundschaft, um sich mit ihm zu zeigen.

»Was wollte denn die Frau Mohr?« fragte Andreas unwillkürlich. Das einschmeichelnde Benehmen der hübschen Frau beunruhigte ihn tief. Er fühlte sich umworben und glaubte, mit seiner Gunst sparsam sein zu müssen. Frau Türkheimer mußte der Überzeugung bleiben, daß sie die einzige sei, der er zu huldigen wünschte.

Kaflisch grinste.

»Glauben Sie, daß das Ihnen gilt? Nur nicht ängstlich, mein Bester. Die Mohr macht nur der schönen Hausfrau den Hof. Sie sind der neue Günstling, also muß Frau Mohr Ihre Freundin sein.«

»Warum denn?« fragte Andreas, nun doch ein wenig enttäuscht.

»Sie ist 'ne nachsichtige Frau, wissense. Sie nimmt Adelheid ihre Schwächen nicht übel. Unter Frauen, von denen jede ihre Schwächen hat, ist das manchmal so. Man gründet ein Konsortium behufs gegenseitiger Versicherung des guten Rufes. Verstehnse mich, sehr geehrter Herr?«

»Frau Mohr macht so 'nen anständigen Eindruck«, bemerkte Andreas. Kaflisch erklärte:

»Tut sie auch. Und sie hat auch 'ne förmliche Leidenschaft für Anständigkeit, wenn sie nur nicht Geld brauchte! Sehn Sie mal, unter allen denen, die hier herumwimmeln, kann ihr kein einziger was zu seinem eigenen Vorteil nachsagen. Was sie braucht, holt sie sich aus anderen Kreisen, noble Fremde oder Herren vom Hof, wissense. Kommt sie dann hierher, so ist sie in 'ner ganz anderen Welt. Hier kramt sie so viel gute Sitte aus, daß sie uns allen noch was davon abgeben könnte.«

»Komische Passion«, meinte Andreas.

»Gar nicht so übel«, versicherte Kaflisch. »Sie hält sich an Adelheid, weil die natürlich zu reich ist, als daß man sie belächeln könnte.«

Andreas zweifelte.

»Das scheint mir eine ganz unnötige Anstrengung zu sein«, bemerkte er.

»Junger Mann!« rief Kaflisch feierlich, »Sie kennen nicht die Willensstärke gewisser Frauen! Diese hier will nun mal für anständig gelten, und sie weiß es durchzusetzen, daß jeder, der ihre Lebensweise ganz genau kennt, sie so behandelt, als glaubte er an ihre Tugend, 's ist eigentlich 'ne ungeheure Leistung von so 'ner Frau, wissense, und ganz ohne Profit, bloß der Ehre wegen. Sie mimt die Tugend, wie andere das Laster mimen.«

»So was gibt es auch?« fragte Andreas.

»Und ob! Sie werden hier im Hause die Frau Pimbusch kennenlernen.«

»Die Frau des großen Branntweinfabrikanten?«

»Dem Schnapsfeudalen seine Frau. Da werden Sie sehen, wie das Laster aussieht. Aber verbrennen Sie sich nicht die Finger, rate ich Ihnen! Sie ist unschuldig, nicht mal von Pimbusch hat sie sich ihre Unschuld rauben lassen. Er soll übrigens gar nicht dazu imstande sein.«

»Eine Frau muß sich doch recht sehr langweilen, wenn sie auf solche Dinge verfällt«, meinte Andreas. Kaflisch zuckte die Achseln.

»Was wollen Sie? Wir haben Nerven. Müde Rasse! wie Goldherz sagt. Alte Kultur! Gott, wie sind wir müde!«

Kaflisch versuchte, die Schultern tief zu senken. Er ließ die Mundwinkel herabhängen und begann mit mattem Blick vor sich hinzuträumen. Andreas befürchtete, man möchte die Nachahmung des Freiherrn von Hochstetten erkennen. Er suchte Kaflisch fortzuziehen, doch dieser blieb stehen. Sie befanden sich bei der Tür, hinter der früher der Hausherr mit einigen Gästen verschwunden war. Kaflisch machte eine Armbewegung, als setzte er eine eifrige Unterhaltung fort.

»Wissense was?« sagte er leise. »Nebenan wird gejeut. Sehnse sich das mal an!«

Er schob Andreas hastig vor sich her über die Schwelle und beeilte sich, den Vorhang hinter ihnen zufallen zu lassen.

Sie durchschritten ein Spiegelkabinett, ganz ähnlich dem, das als Vorzimmer des Claudius-Museums diente. Dann betraten sie ein weites Gemach, das zu zwei Dritteln leerstand. Auf den Diwans an den Wänden nickten zwei oder drei alte Herren, eine große Anzahl Gäste umdrängte dagegen das kreisrunde Geländer, das in geringem Abstände den gleichfalls runden Spieltisch umgab. Andreas bemerkte auf dem Tische ein äußerst sinnreiches horizontales Rad, dessen sieben Sprossen durch elfenbeinerne Pferdchen bezeichnet wurden. Es saßen kleine Reiterinnen, aus Silber, mit Perlmutter eingelegt, in meistens durchaus intimen Stellungen darauf. Nur Claudius Mertens konnte sie geschaffen haben.

»Haben Sie schon mal gespielt?« fragte Kaflisch.

Andreas hatte Lust zu lügen, fürchtete aber, darauf ertappt zu werden.

»Nein«, sagte er.

Kaflisch erhob plötzlich die Stimme, er rief schrill und triumphierend in die stille Versammlung hinein:

»Meine Herren, Sie ahnen es nicht! Hier ist ein Herr, der noch nie gespielt hat!«

Ein Gemurmel, das Andreas nicht verstand, ging durch die Reihen der Gäste. Ein langer, hagerer Mensch trat sofort auf ihn zu und berührte mit einer Hand, die leicht zitterte, Andreas' Arm.

»Wenn ich mir die Frage erlauben darf, wie alt sind Sie, mein Herr?« fragte er höflich.

»Dreiundzwanzig«, antwortete Andreas ebenso höflich.

»Ich bitte um fünf!« rief der Hagere, ohne Andreas auch nur zu danken, einem Dicken mit weißen Haaren auf dem blassen fetten Gesichte zu, der hinter dem Geländer stand, das Geld des Hageren in Empfang nahm und ihm mehrere Papierstreifen überreichte.

Die Menge der Spieler begann zu murren. Es sei keine Kunst zu gewinnen, wenn man einen Neuling für sich habe. Das Spiel sei ungültig, sie verlangten ihre Einsätze zurück. Aber der blasse, dicke Herr protestierte lebhaft. »Fertig!« rief er und schickte sich an, das Rad zu drehen. Man wollte ihn daran hindern, Türkheimer, der unter die Aufgeregten trat, suchte sie liebenswürdig zu beschwichtigen.

»Ordnung vor allem, meine Herren!«

»Voyons, messieurs!« versetzte auch der Chefredakteur Doktor Bediener, der sich an den Herrn hinter dem Geländer wandte.

»Einen Augenblick, bitte, Herr Stibitz!«

»Wollen Sie nicht setzen?« fragte er Andreas.

»Natürlich! Setzen Sie doch!« sagte Türkheimer, der dem jungen Manne wohlwollend zunickte.

»Setzen Sie doch, Herr, Herr – re ...«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Fünf!« verlangte er sodann mit lauter Stimme, wie er es von dem Hageren gehört hatte.

»Wieviel?« fragte Herr Stiebitz.

Andreas sah auf dem grünen Bezug des Geländers ganze Goldhaufen vor den Spielern aufgebaut, es ward ihm ein wenig unheimlich zumute. Er fürchtete schon, gezögert zu haben und griff schnell, aber so ruhig wie es ihm möglich war, in die Tasche. Er öffnete das Portemonnaie, ohne es hervorzuziehen, weil er dies für eleganter hielt, und warf nachlässig die beiden Zwanzigmarkstücke, die darin gewesen waren, auf das grüne Tuch.

Stiebitz gab ihm zwei Nummern, dann schnurrte das Rad inmitten der allgemeinen Stille. Andreas ließ sich von dem kreisenden Ring hypnotisieren, in dem anfangs alles zusammengeflossen war. Allmählich waren die einzelnen Pferdchen wieder zu unterscheiden. Es deuchte ihm eine Ewigkeit, bis das Rad stand. Die Spieler neigten sich über das Geländer und riefen durcheinander.

»Fünf gewinnt!« sagte Stiebitz ruhig.

Er begann die Gewinne auszuzahlen und legte vor Andreas zweihundertundachtzig Mark hin.

Andreas sah das Geld flüchtig an und ließ es liegen. Er fürchtete, vor Freude rot zu werden, und blickte möglichst gleichmütig nach dem fünften Pferdchen hin, das am Ziel stehengeblieben war. Die silberne Dame, die darauf saß und die durch ihre Haltung den Anstand mehr verletzte als sie wußte, schien ihm aufmunternd zuzulächeln. Er hörte einen Spieler, der gewonnen hatte, ausrufen:

»Na, warum geht's denn nu?«

»Pst! Nichts verderben!« mahnte der hagere Herr, dem Andreas Dank zu schulden meinte, weil er die Fünf zuerst genannt hatte.

Man hörte nur das Geld klappern, in dem Herr Stiebitz herumrührte. Dieser wandte sich an den zunächststehenden Spieler.

»Ich passe!« rief man ihm entgegen, scharf und kurz nacheinander, wie ein Schnellgewehrfeuer.

Als Stiebitz bei Andreas angelangt war, fühlte dieser alle Blicke auf sich gerichtet.

›Die Leute sind abergläubisch‹, sagte Andreas sich, während er ruhig Stiebitz anblickte.

›Das Rad kann stehenbleiben, wo es will. Welchen Zweck hat es, eine Nummer besonders auszuwählen. Mit Fünf habe ich Glück gehabt.‹

»Fünf!« sagte er und schob Stiebitz die zweihundertachtzig Mark zu, die vor ihm lagen.

Eine kurze, zögernde Bewegung ging durch die Versammlung, dann rief alles durcheinander:

»Fünf!«

Als Stiebitz alle Einsätze eingesammelt hatte, verlangte Türkheimer ruhig lächelnd:

»Sieben!«

»Fünf!« sagte gleich darauf noch ein herzutretender Herr mit schönem schwarzem Vollbart. Andreas erkannte den Zionisten Liebling.

Wieder der kreisende Ring, aus dem langsam die Pferdchen auftauchten. Als das Rad stand, neigten sich abermals alle gierig über das Geländer.

»Fünf gewinnt!«

Diesmal war es unbestritten, alle außer Türkheimer gewannen, Stiebitz zahlte aus. Er legte vor Andreas einen Tausendmarkschein, neun Hundertmarkscheine und drei Zwanzigmarkstücke hin. Andreas kam es vor, als ob das blasse Fett in Stiebitz' Gesicht mit den weißen Haaren darauf sichtlich zitterte.

Türkheimer trat auf den jungen Mann zu und reichte ihm eine Hand, während er sich mit der anderen wohlgefällig über die gefärbten rötlichen Koteletten strich.

»Ist mir ein wahres Vergnügen, mein Geld an Sie zu verlieren«, sagte er. »Ich halte schon den ganzen Abend die Sieben, mal muß sie doch herauskommen.«

Andreas konnte ihm nur kurz danken. Er blickte verstohlen und mit heimlicher Besorgnis von Stiebitz auf sein gewonnenes Geld, das er zählte: neunzehnhundertundsechzig Mark, und dann wieder auf Stiebitz, der diesmal gleich an ihn herantrat.

Was sollte er ihm sagen? Zum drittenmal gewinnt man nicht, dachte er, während der Besitz von so viel Geld und die Angst, es zu verlieren, ihm Herzklopfen verursachte. Er hielt den Atem an und erhob die Hand zu einer möglichst kühlen, langsamen Bewegung, um Stiebitz abermals die ganze Summe zuzuschieben. Aber in der Sekunde, während seine Hand sich dem Geländer näherte, arbeitete sein Gehirn mit unerhörter Schnelligkeit.

Mußte es denn sein? Offenbar war es wenig vornehm, den Gewinn sogleich in die Tasche zu schieben und davonzugehen. Es konnte ihn hier unmöglich machen oder doch sein Ansehen vernichten. Alle würden darauf aufmerksam werden. Es mußte also wohl sein.

Aber das Ganze? Unsinn! Plötzlich kam eine große Nüchternheit über ihn, seine Familiennüchternheit gewann rechtzeitig die Oberhand, die Nüchternheit seines Vaters, des Weinbauern, der jeden Groschen dreimal umgewendet hatte, bevor er ihn ausgab, und der froh gewesen war, wenn die Reben, die er gepflegt hatte wie Säuglinge, alle sieben Jahre einmal gut trugen. Zweitausend Mark gutes erworbenes Geld auf eine Nummer setzen, das heißt es zum Fenster hinauswerfen! So dumm mochten die Berliner sein. Da hörte jede gesellschaftliche Rücksicht auf. Ehe Andreas seine ruhige Bewegung vollendet und die Banknoten berührt hatte, war er entschlossen, nur fünf Hundertmarkscheine zu opfern. Er ergriff aber bloß drei Hundertmarkscheine und reichte sie Stiebitz.

Er hatte doch nicht gezögert? Nein, es machte niemand ein spöttisches Gesicht, aber alle sahen gespannt aus.

»Sie spielen?« fragte Stiebitz.

»Fünf«, sagte Andreas, ohne nachzudenken. Das Spiel kümmerte ihn nicht mehr, die dreihundert Mark waren verloren, ein Ehrenopfer, das nur dazu dienen sollte, ihm einen guten Abgang zu verschaffen.

Diesmal empörten sich die Spieler gegen den Neuling, sie fanden seine Waghalsigkeit zu stark. Es äußerten sich sarkastische Zweifel. Jemand sagte:

»Mit die Beene will er angeln gehn?«

Der lange, hagere Herr zuckte geheimnisvoll die Achseln und verlangte dennoch Fünf. Aber es folgten ihm nur wenige.

Die Sieben lief ins Ziel. Andreas schob ruhig den ihm verbleibenden Gewinn in die Hosentasche, richtete den Kopf auf und blickte kurz um sich, mit dem Entschluß, demjenigen recht fest ins Auge zu sehen, der zu lächeln wagte. Aber sein Benehmen schien im Gegenteil etwas wie Bewunderung hervorzurufen. Als er vom Geländer zurücktrat, blinzelte ihm der Hagere, der verloren hatte und weiterspielte, neidisch nach.

»Bravo!« hörte er hinter sich jemand sagen. Er gewahrte Türkheimer, der endlich gewonnen hatte, und der ihn wieder, wie am Beginn des Abends, zu einer Begrüßung aufzufordern schien. Sie wechselten eine höfliche Verbeugung.

Als Andreas schon die Portiere ergriffen hatte, fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Herr Liebling sah ihm ernst und feierlich in das Auge, sein schwarzer Bart zitterte ein wenig, bevor er sagte:

»Halten Sie mich nicht für aufdringlich, mein lieber Herr, Herr – re ...«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Halten Sie mich nicht für aufdringlich, wenn ich Ihnen sage: Spielen Sie niemals wieder! Diese Mahnung hätte manchen vor Schaden bewahrt, wenn sie ihm rechtzeitig zuteil geworden wäre. Sie haben vielleicht bemerkt, daß dem Neuling besonderes Glück zugeschrieben wird. Welch alberner Aberglaube!«

›Du hast doch auch ein bißchen davon profitiert‹, dachte Andreas.

»Ich gebe zu, daß man einmal gespielt haben muß«, sagte Liebling milde. »Aber nie zum zweitenmal. Hier fängt die Sünde an«, setzte er eindringlich hinzu, indem er dem jungen Manne warm und kräftig die Hand schüttelte.

Bevor Andreas den Türvorhang hinter sich fallen ließ, hörte er ein paar Stimmen.

»Alle Achtung, der kann so bleiben!«

»So 'n Bengel, der hat die Mittel, mit denen man was wird!«

›Warum sollte ich mir das Spielen angewöhnen?‹ sagte sich Andreas, während er durch den Ballsaal schlenderte. ›Halten sie das Spiel für eine Leidenschaft? Ich sehe nicht ein, warum ich mein Geld wagen sollte, solange ich genug habe. Wenn es auf die Neige geht, dann – sage ich nichts.‹

Er ließ den Blick über die Menge der Damen gleiten, ohne Frau Türkheimer zu finden. Dann trat er auf die Galerie hinaus und zog heimlich, ganz heimlich seine silberne Uhr. Es war kurz nach drei.

Langsam stieg er ins Vestibül hinab. Er brauchte jetzt nicht um seine Haltung zu sorgen, wie damals, vor fünf Stunden, als er diese Stufen emporstieg. Seine Sinne waren frei, er prüfte in den wandhohen, geschliffenen Spiegeln seine Miene und stellte fest, daß es diejenige eines Triumphators sei. Er vermochte jetzt den Duft und die Augenweide der hohen Heliotropsträucher, der Orchideen und der purpurnen Kaktusarten zu genießen, die an dem Geländer, aus durchbrochenem Schmiedeeisen entlang von Stufe zu Stufe sich türmten und die breite Treppe in einen hängenden Garten verwandelten. Auf dem Stiegenabsatz standen Ruhebänke, die in gepunztem Leder das Wappen des Hauses trugen: einen Türken, der den Säbel schwang. Andreas nahm hier einen Augenblick Platz und sah zwei Damen, die den Ball verließen, vorüberhuschen. Er verfolgte das Blitzen ihrer Brillanten und die gleißenden Reflexe des durch das Blättergeflecht fallenden Lichtes auf dem Atlas ihrer Kostüme, und er sprach leise vor sich hin: »Ich habe euch!« Er wußte übrigens nicht genau, was er sich bei diesem großen Worte dachte.

Im Weitergehen gab er sich vernünftigeren Erwägungen hin. In so einem Berliner Hause ließ sich an einem einzigen Abend eine Menge erleben. Er entfernte sich anders, als er gekommen war, um viele Erfahrungen und Kenntnisse bereichert, die er doch nicht allzu teuer bezahlt hatte. Er war mit Lizzi Laffé in einer unpassenden Situation zusammengerannt, und er hatte Asta Türkheimer auf die Schleppe getreten. Merkwürdig, sie kamen ihm wie zwei Feindinnen vor. Er hatte ferner im Gespräch mit den jungen Leuten hier und da ein peinliches Schweigen hervorgebracht, und er hatte vor den jungen Mädchen Furcht gehabt. Dies war der negative Teil seiner Erfolge. Der positive bestand darin, daß er von Frau Türkheimer gnädig behandelt worden war, so gnädig, daß es vielen zu denken gegeben hatte und daß man nicht wissen konnte, was daraus werden würde.

›Ich habe wohl Glück gehabt‹, sagte sich Andreas, ›aber wenn ich nicht auch Vorsicht und Überlegung besäße, und wenn ich nicht wüßte, was ich will, hätte ich dann wohl das da in der Tasche?‹

Und er tastete nach dem Tausendmarkschein.

Drunten in der Garderobe sprangen mehrere verschlafene Lakaien auf. Andreas konnte sich irren, aber er meinte zu bemerken, daß sie ihn diesmal mit einem gewissen Respekt behandelten. Vielleicht besaßen sie Übung darin, den Gewinner zu erkennen?

Nachlässig überreichte er dem, der ihm seinen Kragenmantel aus Loden umlegte, eine Doppelkrone, indem er heimlich bedauerte, kein Fünfmarkstück zu besitzen.

Als er unter dem Portal stand, rief ihm jemand nach:

»Sie! Sehr geehrter Herr, hörensemal!«

Kaflisch, vom »Nachtkurier«, kam im Laufschritt, lächelnd und winkend herbei. Er schob seinen Arm unter den des jungen Mannes.

»Gehen Sie schon nach Hause?« rief er. »Ich auch, das trifft sich ja reizend. Köstliche Sommernacht, was? Höchstens zwanzig Grad. Nehmen wir 'nen Wagen?«

In der ganzen Hildebrandtstraße erglänzte der Schnee von den Lichtern der Wagen, die in einer Doppelreihe von einem Gitter zum andern standen. Es waren meistens herrschaftliche Fuhrwerke. Als sie ganz hinten eine freie Droschke erster Klasse gefunden hatten, fragte Kaflisch:

»Wo wohnen Sie denn?«

Andreas rief seine bescheidene Adresse, die ihm jetzt mit seiner sozialen Stellung in schreiendem Widerspruch zu stehen schien, voll Ingrimm dem Kutscher zu. Der Journalist bat sich eine Zigarette von Andreas aus. Während er sie anbrannte, erkundigte er sich:

»Nun, wie gefallen Ihnen Türkheimers?«

»Ein recht nettes Haus«, meinte Andreas.

»Nicht wahr? Man ißt, spielt und mopst sich nicht mehr als unbedingt nötig. Ungeniert, mit freiem Eingang vom Flur, das ist die Hauptsache. Das übrige kann uns doch gleich sein.«

›Wieso‹?' wollte Andreas fragen, doch besann er sich. Es fiel ihm wieder ein, was er über sein Verhältnis zu Adelheid mit sich ausgemacht hatte. Frau Türkheimer war nicht auf eine Liebesinsel zu entführen. Sie würde aus der Umgebung des Tiergartens schwerlich herauszuheben sein, man mußte durchaus das Terrain kennen. Andreas machte sogar schon auf eine Stellung im Hause Anspruch, die ihm gewisse Pflichten und Rechte auferlegte. Dabei wußte er aber noch kaum, was das für ein Haus war.

»Türkheimer muß schauderhaft viel Geld haben«, bemerkte er. Kaflisch hüllte sich in Rauchwolken.

»Na, es geht«, sagte er. »Was er der Regierung von Puerto Vergogna nicht abgegeben hat, das hat er selbst behalten.«

»Puerto Vergogna?« fragte Andreas.

»Die liebe Unschuld! Soll ich Ihnen was zu Gefallen tun? Ich will Türkheimer bei nächster Gelegenheit erzählen, Sie hätten sein Geschäft mit Puerto Vergogna nicht gekannt. Das wird ihm unendlich wohltun, denn so einem ist er noch nicht begegnet.«

»Natürlich«, log Andreas, »habe ich davon gehört. Aber die Einzelheiten habe ich nicht ganz begriffen.«

»Ist auch nicht so leicht, wie Sie glauben. Mancher begreift's nie. Türkheimer ist eben ein großer Mann, das ist alles. Stellen Sie sich mal vor, daß Türkheimer mit dem Präsidenten oder Diktator der Republik Puerto Vergogna, der übrigens ein ausgebrochener Sträfling sein soll, dahin übereinkommt, das schöne warme Ländchen mit Eisenbahnen zu beglücken. Der Präsident macht Türkheimer zu seinem Generalkonsul und erteilt ihm die Konzession, Lose auszugeben. Diese wurden an der Berliner Börse nicht zur Quotierung zugelassen. (Türkheimer hatte damals noch keinen Hochstetten zum Schwiegersohn. Merkwürdig, wie weit wir es im Schutz der Dummen gebracht haben!) Aber in Wien ließ die Regierung mit sich reden. Na, Deutschland war doch der Hauptabnehmer der Stradas ferradas de Puerto Vergogna. Das deutsche Publikum hat nun mal 'ne rührende Vorliebe für wohlklingende Wertpapiere. Die ersten Prämien und Treffer sollen von der tropischen Republik sogar ausbezahlt worden sein. Aber als der Präsident von dem Ertrag der Emission, der auf siebzig Millionen geschätzt wurde, keinen Pfennig zu sehen bekam, merkte er, daß Türkheimer auch erfahrenen Sträflingen über sei, und sagte die Partie ab. Er fand die Eisenbahnen zum sittlichen und wirtschaftlichen Fortschritt seines Landes nicht mehr nötig, Puerto Vergogna stellte sich überdies als gänzlich pleite heraus, wofür Türkheimer doch offenbar nichts konnte, und das Deutsche Reich macht seitdem Vorstellungen bei der Republik. Es soll nächstens wieder mal ein Kreuzer hingeschickt werden, der deutschen Gläubiger wegen, und um der Welt zu zeigen, wie weit Deutschlands starker Arm reicht. Verstehnsemich, sehr geehrter Herr?«

»Also siebzig Millionen«, sagte Andreas nachdenklich.

»Nicht wahr?« rief Kaflisch begeistert. »Was für'n großer Mann! Ich sagte es ja immer, für uns moderne Literaten geht nichts über das Genie der Tat. Napoleon, Bismarck, Türkheimer!«

Er bat um eine zweite Zigarette und verfiel in Schweigen. Andreas' Gedanken blieben, ein wenig müde, bei Kaflischs letztem Wort stehen. Der Mann entdeckte also gelegentlich auch etwas wie ein literarisches Ideal in sich. Nun ja, das hatten die von der Tafelrunde im »Café Hurra« auch besessen, bevor sie sich irgendeinem Jekuser verdungen hatten, und gelegentlich des Nachts um drei, wenn sie gratis zu trinken erhalten hatten, kam es wieder zum Vorschein. Andreas ruhte nach allen Aufregungen des Abends wohlgefällig in der Überlegenheit des freien Dichters über den schreibenden Tagelöhner aus.

Kaflisch wischte die Scheiben ab; der Wagen bog in die Linienstraße ein.

»Ich muß wieder umkehren«, bemerkte er, »ich wohne Albrechtstraße.«

»Fabelhaft«, so begann er wieder, »was für'n Glück Sie heute abend gehabt haben! Sie haben wohl 'nen hübschen Batzen eingesackt, und ich bin doch nett zu Ihnen gewesen, daß ich Ihnen das Spiellokal gezeigt habe. Bitte, gern geschehen. Unter Kollegen tut man sich so was zuliebe, ohne Prozente zu verlangen. A propos, können Sie mir bis zum Ersten hundert Mark pumpen? Wenn Sie wüßten, wie schäbig der Jekuser zahlt. Es ist nicht zu sagen, daß ich seit sechs Jahren, daß ich mir bei ihm die Nägel kurz schreibe, immer bloß zehn Pfennig für die kleine Zeile bekomme. Und die weißen halben Zeilen zieht er ab!«

Andreas griff in die Tasche, bevor Kaflisch zu Ende war. Er reichte den Schein seinem Nachbar, der einen Augenblick verstreichen ließ, bevor er sich bedankte. Vielleicht hatte er nur zwanzig Mark erwartet.

Der Wagen hielt, und Andreas verabschiedete sich. Als er den Schlag hinter sich geschlossen hatte, ließ Kaflisch das Fenster herunter und rief ihm nach:

»Sie! Einen Moment! Mein kleines Geld langt nicht, Sie bezahlen wohl den Kutscher!«

VII.
Eine Marotte

Inhaltsverzeichnis

Der Gedanke, mit dem Andreas gegen Mittag erwachte, galt dem Schneider Behrendt in der Mohrenstraße. Sollte er hingehen? In diesem Falle nahm er ein Geschenk von einer Dame an, mit dem erschwerenden Umstande, daß er diese Dame als seine zukünftige Geliebte ansah. Besonders schlimm war es, daß alle Adelheids Trick mit dem Schneider zu kennen schienen. Brauchte die Geschichte denn aber wahr zu sein? Er war fast berechtigt, nicht daran zu glauben. Und wenn er den Betrag seiner Rechnung bezahlte, war er keineswegs verpflichtet, sich darum zu bekümmern, ob sein Schneider von anderer Seite, etwa von Frau Generalkonsul Türkheimer, noch mehr Geld erhielt. Übrigens ließ sich gar nicht darüber streiten, es handelte sich um einen notwendigen Schritt auf seiner Laufbahn. Wer den Zweck wollte, mußte die Mittel wollen.

Erst als diese Betrachtungen erledigt waren, zog er den gestrigen Gewinn aus der Tasche seiner Frackhose. Er glättete die Banknoten auf dem Tische und ließ die Goldstücke klingeln. Aber er packte bald alles wieder zusammen und schob es nachlässig in den Rock. Denn er sagte sich, daß der Besitz dieses Geldes etwas durchaus Natürliches, ihm schon längst Zukommendes sei, über das er sich nicht aufregen dürfe. Das Leben, für das er geboren war, fing jetzt erst an.

Wie er ausgehen wollte, brachte ihm ein Lakai Frau Türkheimers Karte. Sie war an Herrn Behrendt, Mohrenstraße, adressiert. ›Schon?‹ dachte Andreas. ›Flotter könnte es gar nicht gehen!‹ Er stieg pfeifend die vier Treppen hinab, winkte einer Droschke erster Klasse und verließ sie Unter den Linden. An der Ecke der Friedrichstraße kaufte er für sieben Mark eine Krawatte, die er sofort anlegte, ein Paar gelbe Handschuhe, einen Hut und ein Batisttaschentuch. Diese vorläufigen Erwerbungen machten ihm Mut, bei Aimé zu frühstücken. Er bestellte Austern und eine Flasche Chablis, zur Erinnerung an das Büfett bei Türkheimers.

Mit einer Zigarre schlenderte er sodann in die Dorotheenstraße. Köpf empfing ihn neugierig.

»Nun? Sind Sie zufrieden?«

»Es geht«, versetzte Andreas mit stolzer Bescheidenheit. »Ich habe zweitausend Mark gewonnen, und nächstens hoffe ich Ihnen aus eigener Anschauung sagen zu können, was für Hemden Frau Türkheimer trägt.«

»Sie gehen aber forsch vor«, bemerkte Köpf mit seinem zweideutigen Zwinkern.

»Wollen Sie Beweise?« fragte Andreas. Er war pikiert und griff schon nach der Brusttasche. Schließlich hielt er die an den Schneider gerichtete Visitenkarte doch für ein nicht hinreichend schmeichelhaftes Dokument und ließ sie stecken.

»Im Ernst, Sie können mir glauben, daß ich Glück gehabt habe. Von meinem Verdienst will ich Ihnen nicht reden.«

»Tun Sie es nur!« bat Köpf.

»Es ist übrigens nicht schwer, in solch einem Hause Erfolg zu haben, bei dem angenehmen freien Ton, der dort herrscht. Man kommt wildfremd hin und verkehrt doch gleich wie mit alten Bekannten. Die Weiber sehen sich sehnsüchtig um und warten bloß, wer sich von ihnen glücklich machen lassen will. Dann bekommt man auch noch Geld, ohne zu wissen, woher. Ja, woher stammt überhaupt all das Geld, das in dem Hause unter den Möbeln umherrollt?«

»Rollt es wirklich?« fragte der andere belustigt.

»Nun, mir kommt es vor, als brauchte ich mich bloß danach zu bücken. Die Leute dort tun sicher den ganzen Tag gar nichts. Was die Geschäfte machen nennen, weiß ich nicht, aber es nimmt gewiß nicht viel Zeit in Anspruch. Die einen haben schauderhaft viel Geld, die anderen gar nichts. Aber was macht das? Gutes Essen, feine Weine, Weiber, Witze, Kunst und Vergnügen, es ist alles da. Man langt eben zu, wie im Schlaraffenland.«

»Bravo! Das ist doch mal ehrliche Begeisterung«, versetzte Köpf. Andreas stutzte, er fürchtete zu weit gegangen zu sein, und sagte: »Wenn unsereiner hinkommt, so legt er natürlich einen literarischen Maßstab an. Wir wissen diese feine Gesellschaft zu beurteilen.«

»Oh!« machte Köpf mit gespitzten Lippen. »Sie nehmen sich ganz gut aus, so wie Sie sind, mein Lieber. Machen Sie nur nicht aus Ehrgeiz den grämlichen Beurteiler! Wie ich Ihnen schon sagte, Sie haben so was Glückliches an sich, das gefällt.«

Andreas dachte an Klempners Definition des Pulcinello mit seiner glücklichen Naivität. »Sie haben was davon«, hatte Klempner gesagt, und Köpf schien dasselbe zu meinen. Warum auch nicht? Er begann wieder:

»Was mir wirklich imponiert, ist die Vorurteilslosigkeit der Weiber. Kaum ist man vorgestellt, so behandeln sie einen so, als ob sie Arm in Arm mit einem nach Hause gehen wollten. Es ist eigentlich zu wenig Ruhm dabei.«

Köpf wiegte bedenklich das Haupt.

»Stellen Sie sich das lieber nicht zu einfach vor. Ich habe zwar nur bescheidene Erfahrungen, aber die Damen bei Türkheimers sind doch wohl keine Marquisen aus dem vorigen Jahrhundert. Sie geben sich nicht leichten Herzens einem jungen Abbé hin, sie folgen niemals einer Laune, die zu nichts verpflichtet. Man muß ihnen mit Gründen kommen.«

»Wieso?«

»Vergessen Sie nicht das Moralische! Bei Türkheimers steckt man, so viel Zynismus der gute Ton auch vorschreibt, im Grunde doch voll moralischer Bedenken. Es sind schließlich nur Bürgersfrauen.«

»Das habe ich auch schon bemerkt«, sagte Andreas, der an Frau Mohr und ihren Fanatismus für gute Sitte dachte.

Köpf nickte und sah seinen jungen Freund von unten blinzelnd an. Er nahm ehrlichen Anteil an Andreas' Schicksal, es hatte für ihn den Reiz eines interessanten Experimentes, den Jüngling auf seiner schlüpfrigen Bahn zu leiten und mit Verhaltungsmaßregeln zu versehen. Was würde dabei herauskommen? Wie würde dieser unschuldige Streber und Genießer, dieser unbewußte Spekulant, wie sein skeptischer Freund ihn nannte, sich in dem fetten Boden entwickeln, wohin er nun verpflanzt war? Hierauf war Köpf ungemein neugierig. Er wiederholte langsam und nachdenklich:

»Man muß Ihnen mit Gründen kommen. Das heißt, Sie haben die Frau, mit deren Liebe Sie zum Zweck Ihres Fortkommens rechnen, davon zu überzeugen, daß ein Verhältnis mit Ihnen ein besonders gutes Werk oder etwas Neues und Interessantes, auch etwas Schmeichelhaftes wäre. Sie muß sich zu Ihnen herablassen oder von Ihnen emporgezogen werden, am besten beides abwechselnd. Sie machen einen doppelten Eindruck, wenn Sie sich voll Hingebung und Demut zeigen und dabei eine heimliche Überlegenheit ahnen lassen.«

»Das meine ich auch«, sagte Andreas, dem es indes schwer fiel, sich Frau Türkheimer überlegen zu fühlen.

»Die schöne Frau, an die wir denken, steigt zu dem armen Dichter hinab, sie bringt ein verborgenes Talent durch das Licht und die Wärme ihrer Liebe zur Blüte.«

»Tut sie auch!« rief Andreas lachend. Er war doch unangenehm berührt von Kopfs Ausdrucksweise. Dieser fuhr fort:

»Nach dieser Seite ist das Verhältnis klar. Ihre Überlegenheit können Sie mit Leichtigkeit darin finden, daß Sie Rheinländer sind.«

»Wirklich?« fragte Andreas überrascht.

»Bedenken Sie nur Ihre ältere Kultur! Jeder seßhafte Bauer bei Ihnen zu Hause ist ein Aristokrat gegen die Landstreicher aus dem wilden Osten, die hier in Palästen wohnen.«

Andreas schlug sich auf die Knie vor Vergnügen. Er sprang auf, drehte sich zweimal um sich selbst und begann mit langen Schritten hin und her zu wandern.

»Selbstverständlich!« rief er. »Daran hätte ich doch denken müssen. Türkheimers sind natürlich auch aus Posen oder Galizien eingewandert. Was die Leute unter ihrer allgemeinen Wurstigkeit verbergen, das sind bloß ihre Dummheit und ihre schlechten Manieren. Von Kaflisch will ich nicht reden, Sie kennen ihn wohl? Dann ist da einer, der immer mit solchen Beinen herumgeht. Er heißt Süß.«

Und Andreas watschelte mit einwärts gestellten Füßen quer durch das Zimmer.

»Die Weiber sind eigentlich lächerlich, besonders so eine fette Matrone wie Adelheid. Es scheint bei den Leuten so zu sein, wie bei den Wüstenstämmen. Die Schönste kann nur auf einem Kamel weiterbefördert werden, nach ihr kommt eine, die sich auf zwei Sklavinnen stützt.«

Triumphierend sah er Köpf an, der mit sich selbst wettete, Andreas habe diese Wissenschaft erst in der vergangenen Nacht erworben. Der junge Mann lachte ausgelassen, er hatte einen Einfall.

»Der Allerkomischste ist aber Türkheimer selbst. Er muß eine Hautkrankheit haben. Passen Sie mal auf!«

Und Andreas begann durch fingierte Koteletten zu streichen und sich am Kinn zu scheuern. Er setzte sich einen Klemmer, den er vom Tisch nahm, vorn auf die Nase und ging mit kleinen, unsicheren Schritten, den Bauch vorgeschoben, auf Köpf zu.

»Mein Name ist Ausspuckseles«, sagte er mit Türkheimers schleppender, leicht näselnder Stimme, »Generalkonsul Ausspuckseles, und hier ist meine Frau, geborene Rinnsteiner.«

Er stand atemlos, rot im Gesicht, und hielt sich die Seiten. Köpf kicherte leise, er blinzelte so verräterisch, daß Andreas bei näherer Betrachtung nicht gewußt hätte, ob der andere über seinen Scherz oder über ihn selbst lachte. Der junge Mann ging schon zur Tür, kehrte aber eilig zurück.

»Ach, ehe ich's vergesse! Hier in der Wohnung ist doch ein Zimmer frei. Bitte, belegen Sie es für mich, ich ziehe nächsten Ersten ein. Dies ist wenigstens eine Gegend, wo eine Dame sich nicht gleich kompromittiert. Wenn sie schon arme Dichter glücklich machen wollen, darf man ihnen doch nicht zumuten, es in der Linienstraße zu tun.«

»Sehr richtig!« bestätigte Köpf. »Solche weise Voraussicht ehrt Sie. Sie scheinen wirklich die Mittel zu besitzen ....«

»Mit denen man was wird! Das sagt mir jeder!« rief Andreas, schnalzte mit den Fingern und verließ, sehr zufrieden mit sich, das Haus. Er hatte sich gehütet, Köpf etwas von Ratibohr zu erzählen und von Türkheimers Neigung, seine Frau mit einem harmlosen jungen Mann glücklich werden zu lassen. Auch die Geschichte mit dem Schneider hatte er für sich behalten. Doch war er mittlerweile in der richtigen Stimmung, um sich in die Mohrenstraße zu begeben.

Der Angestellte, dem Andreas Frau Adelheids Karte übergab, holte sogleich Herrn Behrendt herbei. Der Inhaber des Ateliers für feine Herrenbekleidung sah aus wie ein Botschafter. Er führte den jungen Mann in einen mit vornehmem Geschmack möblierten Salon, nötigte ihn, auf einem seidenen Puff Platz zu nehmen und bat Andreas, ihm zu sagen, womit er sich ihm gefällig erweisen könne. Andreas glaubte schon, er werde hinzusetzen: »Unter Ehrenmännern verpflichtet man einander gern.«

Der Neuling fürchtete sich eine Blöße zu geben, wenn es an die Wahl der Stoffe und an die Äußerung seiner Wünsche in betreff des Schnittes ging. Doch war nicht die Rede davon, Herr Behrendt unterbrach ihn nach den ersten Worten:

»Ich verstehe, mein Herr, es handelt sich um eine vollständige Ausstattung, die dem Geschmack der allervornehmsten Häuser adäquat sein und zugleich Ihre individuelle Eigenart berücksichtigen muß. Ich meine, es darf nichts nach der Seite des rein modischen Schicks übertrieben, dagegen soll ein diskreter künstlerischer Schwung hinzugefügt werden.«

Andreas bewunderte höchlich den Scharfblick des Mannes. Herr Behrendt setzte hinzu:

»Gestatten Sie mir, Ihr Genre näher zu studieren.«

»Wie?« fragte Andreas.

Aber Herr Behrendt war schon in sein Studium vertieft. Er kniff ein Auge zu und umschritt in weitem Kreise den seidenen Puff.

»Machen Sie mir das Vergnügen, bis zu jenem Spiegel zu gehen!« bat er sodann.

Als Andreas zurückkehrte, äußerte Herr Behrendt:

»Ich bin befriedigt, mein Herr.«

Er schellte, worauf der Zuschneider mit seinen Maßen erschien. Sogleich empfahl sich Herr Behrendt mit einer Verbeugung, da das profane Geschäft des Anmessens seine Gegenwart nicht erforderte.

Andreas verließ das Atelier mit dem erhöhten Gefühl der eigenen Würde. Er hatte noch mehr Geschäfte, und er bestellte zwei Dutzend feiner Hemden, nach Maß anzufertigen, außerdem eine Menge anderer Leibwäsche. Auch hielt er die Anschaffung einiger koketter Nachthemden für sehr wichtig, mit Stickerei am Kragen und mit seidenen Schnüren. Dann begab er sich in ein Fußbekleidungsatelier, und er drang überall auf Eile.

Am Freitag, dem ihm von Frau Türkheimer bezeichneten Empfangstage, hatte er die Genugtuung, seine neuen Herrlichkeiten vor sich auf dem Sofa ausgebreitet zu sehen. Herrn Behrendts vollständige Ausstattung bedeckte alle übrigen Möbel des Zimmers, die, so alt sie waren, solche Pracht sicher noch nie gesehen hatten. Die aus dem Atelier der Mohrenstraße hervorgegangenen Werke erwiesen sich für den lernbegierigen Neuling als eine illustrierte Anleitung zum feinen Auftreten, so sorgfältig waren sie auf sämtliche Lagen des gesellschaftlichen Lebens abgestimmt. Jedem Anzuge war ein Schild mit einer Inschrift angeheftet: »Visitenkostüm« oder »Soireekostüm« (petit comité), »Promenadenkostüm«, »smoking-dress« (Herrengesellschaft) und manche andere Erläuterung, die Andreas vor Irrtümern bewahrte. Er dankte dem großen Schneider diese Vorsicht wie einen zartfühlenden Freundschaftsdienst. Er sah sich nun im Besitz von zwei Gehröcken ungleicher Länge, zwei Fräcken, einem Frackjackett, drei Schwalbenschwänzen von verschiedenen nuanciertem Grau, drei kurzen Sakkojacketts, einem Abendmantel und zwei Paletots. Es waren fünf zartgemusterte Extrabeinkleider vorhanden, und der Schnitt der Westen legte von einer künstlerisch geschulten Phantasie Zeugnis ab.

Andreas wählte den Gesellschaftsrock aus, den Herr Behrendt mit der Empfehlung »five o' clock« versehen hatte. Als er nach Beendigung seiner Toilette vor den Spiegel trat, begrüßte ihn dasjenige Bild, das er seit einem Jahre als traumhaftes Ideal im Kopfe trug. Der schwarze Tuchrock reichte bis über das Knie. Sein leicht aufgeschlagenes Atlasfutter legte sich harmonisch auf die lichtbraune, diskret geblümte Weste. Die perlgraue Hose fiel in weichem Fluß über die Lackschuhe. Andreas probierte mehrmals, sich in der Weise hinzusetzen, daß die Hose unauffällig hinaufgezogen ward und die schwarzseidenen Strümpfe sehen ließ. Als ihm dies zu seiner Zufriedenheit gelungen war, erfreute er sich an dem milchigen Schimmer des plissierten Hemdes. Er zog die Handschuhe an, indes er nachlässig verschiedene Stellungen übte.

In einer Tasche seines neuen Paletots fand er Herrn Behrendts Rechnung. Sie belief sich für elf Kostüme nebst vielen Extrastücken auf rund vierhundert Mark, was für den kompletten Anzug kaum dreißig Mark ausmachte, beträchtlich weniger, als der Gumplacher Schneider für seine Leistungen beanspruchte. Im Fortgehen warf Andreas einen verächtlichen Blick seinen abgelegten Kleidungsstücken zu, die als elendes Häuflein in einem Winkel trauerten. Es war eigentlich sein alter Mensch, der dort in sich zusammengesunken lag. Er mußte laut ausrufen:

»Zu denken, daß ich je so ausgesehen habe!«

Der Rock saß gut unter den Achseln, die Hose bequem im Schritt, und das Bewußtsein, daß ihm niemand einen Fehler oder eine Ärmlichkeit vorwerfen könne, machte den Gang des glücklichen Jünglings elastisch. Da ein klarer Frost herrschte, begab er sich zu Fuß in die Mohrenstraße, wo er mit überlegener Miene seine Schuld beglich. Dann fuhr er zu Türkheimers.

Diesmal schritt er in ruhigem Selbstvertrauen auf die Tür zu, die ihm der Diener öffnete. Es gab, wie er meinte, in diesem Hause, unter diesen Menschen kaum noch Überraschungen für ihn. So beraubte es ihn beinahe seiner Fassung, als er einen ganz fremden Raum betrat. Die Wände des Zimmers waren mit gelbem Satin ausgeschlagen. Bizarr verteilt hingen daran nur wenige kleine Gemälde, die einen kostbaren Eindruck machten, vielleicht wegen der breiten, schwarzen, mit Perlmutter eingelegten Rahmen. Schwarze Lackmöbel mit winzigen goldenen Figuren und von zierlichen exzentrischen Formen, standen zu zweien oder dreien launisch weit voneinander entfernt. Zwischen ihnen dehnte sich die grünliche Fläche des gewirkten Teppichs, durch die sich weiße Wasserrosen schlangen.

Es war einen Augenblick still geworden, als Andreas eintrat. Er fühlte die Lorgnons auf sich gerichtet. Nur Fräulein Asta, die mit ihrem Verlobten sich in einer Fensternische aufhielt, fuhr fort, laut zu sprechen. Die Hausfrau begrüßte den jungen Mann sehr gütig, sie schien seine allzu neue Kleidung nicht zu beachten. Sie führte ihn zu den Damen Mohr und Pimbusch, die mit Herrn Liebling plauderten, worauf sie zu Herrn Pimbusch zurückkehrte. Dieser erkundigte sich, ohne seine Stimme zu mäßigen, nach der Herkunft des Fremdlings. Nachdem Frau Türkheimer ihn bedeutet hatte, Herr Zumsee sei Schriftsteller, erklärte er:

»Ich begreife nicht, wie'n Mensch jetzt noch Bücher schreiben kann« – ohne eine Begründung seines Ausspruches für nötig zu halten.

Frau Mohr sah Andreas mit reizender Vertraulichkeit an. ›Ich bin vom ersten Augenblick an Ihre Freundin gewesen,‹ schien sie zu sagen. Sie bemerkte:

»Ich habe gehört, daß Sie neulich viel Glück im Spiel gehabt haben?«

»Hüten Sie sich, daß Ihnen das bei uns nicht schadet«, sagte Frau Pimbusch mit ihrer hohen, gebrochenen Stimme und mit einer Betonung, daß es Andreas fast unheimlich ward. Ihr grünlicher Blick schoß glitzernd auf ihn zu.

Herr Liebling protestierte gegen den Aberglauben, und die sittliche Würde, mit der er es tat, stand ihm gut. Andreas verglich Lieblings Gehrock mit seinem eigenen und bewunderte im stillen die feinsinnige Unterscheidungsgabe, die Herr Behrendt an den Tag gelegt hatte. Lieblings Eigenart erforderte einfache Korrektheit, ein Hervortreten des Moralischen sogar im Schnitt der Weste. Sein eigener Anzug trug dagegen ein nicht näher zu bestimmendes künstlerisches Gepräge, das mit dem Charakter seines Kopfes übereinstimmte. Andreas trug das Haar ein wenig länger im Nacken als üblich. Der Schnitt seines Rockes, leicht ausgebuchtet, erinnerte wohl an 1830, aber wie Herr Behrendt vorausgesagt hatte, war nichts nach der Seite des rein modischen Schicks übertrieben. Dies war jedoch dasjenige, was das Äußere des Herrn Pimbusch bemerkenswert machte.

Andreas, der Lieblings Diatribe gegen den Aberglauben ein zerstreutes Gehör schenkte, betrachtete aufmerksam Pimbuschs vor Altertümlichkeit übermoderne Tracht und die Art, wie er sie zur Geltung brachte. Pimbusch vollführte keine noch so unbedeutende Bewegung, die ihm nicht durch ein Gesetz der Mode vorgeschrieben war. Wie er die Rockschöße aufhob, um sich zu setzen, wie er seinen Hut auf die Etagere stellte, den Kopf wandte, seinen Schnurrbart drehte und die Zigarette zwischen die Finger nahm, so mußte es im Jahre 1894 jeder machen, der auf guten Ton Anspruch erhob, und so würde es zwei Jahre später niemand mehr tun. Die Gemessenheit, mit der er die Riten der Eleganz beobachtete, gab ihm etwas Sakramentalisches, wie wenigstens Kaflisch behauptete, nach dessen Ansicht übrigens ein Mystiker in Pimbusch steckte. Denn er hätte sich als verloren angesehen, wenn sein Zylinder nicht sieben Glanzreflexe und die Tuberose in seinem Knopfloch nicht dreizehn Blätter besessen hätte.

Pimbusch trat als ein vollendeter Bewohner jenes Schlaraffenlandes auf, wie Andreas es sich vorstellte. Doch stand er, wie dem jungen Manne nicht unbekannt war, tätig mitten im öffentlichen Leben. Er war der Sohn und Nachfolger jenes großen Pimbusch, der dem durch ihn eingeführten Spezialkartoffelfusel seinen, vom Berliner Volke verehrten Namen gegeben hatte. Heute ging das Geschäft von selbst, der Sohn hatte sich nicht um den Betrieb zu bemühen. Doch arbeitete er auch dann noch, wenn er seine Nägel betrachtete oder den neuesten Börsenwitz wiederholte. Sooft nachts die Destillationen ihren Schein auf die Straßen hinauswarfen, war Pimbusch an der Arbeit. Der träge Zug der Proletarier quoll durch die weit offenen Tore der Kneipen aus und ein. Sechs Gläser des Spezialfusels genügten, um den Stumpfesten in das Reich seiner Ideale zu versetzen. Die Seligsten träumten in den Rinnsteinen. Ein giftiger Duft zog durch die Stadt, die in einem Meer von Schnaps zu ertrinken trachtete. Dann war Pimbusch, der in einem Salon das Problem der neuesten Kragenhöhe erörterte, an der Arbeit.

Begreiflicherweise verachtete Pimbusch das Volk, das seinen Schnaps trank. Aber auch von Geschäften sprach er nur mit fremder Miene, wie jemand, der nicht dazu gehört. Kaflisch nannte ihn den Schnapsfeudalen und begriff ihn unter der größeren Familie der Feudaljobber. Denn es war Pimbuschs zehrender Ehrgeiz, als letzter einer an Überfeinerung zugrunde gehenden Gesellschaft zu gelten. Den Baron Hochstetten hatte er sich, seit er ihm bei Türkheimers begegnete, zum Vorbild genommen zwecks Einübung einer feudalen Physiognomie. Seine Anstrengungen wurden erleichtert durch einen flachen Schädel, über den dreißig erfreuliche Jahre verheerend dahingegangen waren, durch die glasige Blässe seiner Augen und durch eine Haut, fahl und durchlöchert wie Pergament. Nur seine mächtigen Kiefer, die beim Sprechen gefräßig auf- und zuklappten und eine Art großer spitzer Raubfischzähne sehen ließen, erzählten noch von den starken Erwerbsinstinkten seiner Väter. Aber indem er sie kraftlos auf die Brust herabhängen ließ, wußte er auch sie seinen Absichten dienstbar zu machen. Und obwohl er von der Herkunft seines Großvaters durchaus nichts wußte, kam dieser Sproß des kräftigen Bürgertums dem Ideal des vollkommenen Kretinismus mindestens ebenso nahe wie der Freiherr von Hochstetten, dessen Vorfahr mit dem Burggrafen von Nürnberg in Brandenburg eingezogen war.

Die Persönlichkeit, der Andreas so viel Aufmerksamkeit schenkte, stieß unvermutet einen Entsetzensschrei aus. Pimbusch starrte schreckensbleich der Hausfrau ins Gesicht und stotterte: »Was sagen Gnädigste? Das Haus für ›Rache!‹ ist ausverkauft? Unmöglich, Gnädigste, es würde mich zur Verzweiflung treiben!

»Ciaire!« rief er, »hörst du es nicht? ›Rache!‹ ist ausverkauft, und wir haben keine Loge!«

Er erhob sich, schob die Schultern weit vor und machte zwei müde Schritte über den Teppich. Seine Frau richtete das Lorgnon auf ihn.

»Dann mußt du eben darauf verzichten«, bemerkte sie herablassend. Er sah sie fassungslos an.

»Aber das ist doch unmöglich! Wie kannst du so etwas sagen?«

»Warum hast du also nicht früher daran gedacht, uns Plätze zu besorgen, mein armer Freund?«

Frau Mohr legte sich ins Mittel.

»Liebste Claire, du weißt doch, daß man ›Rache!‹ sehen muß! Alle Welt geht hin, es ist ein Ereignis!«

»Man bringt die Revolution auf die Bühne, alles wird kurz und klein geschlagen!« rief Asta höhnisch herüber.

»Welch eine Abgeschmacktheit!« äußerte Liebling.

»Der Verfasser ist unbekannt?« fragte Andreas. Pimbusch rang die Hände.

»Es soll jemand aus unseren Kreisen sein! Bei der Premiere erfährt man vielleicht den Namen. Und wer bei der Premiere nicht dabei ist, zählt überhaupt nicht mehr mit. Bedenke es doch, Claire!«

Seine Gattin zuckte ungeduldig die Achseln. Sie wandte sich an Frau Türkheimer.

»Haben Sie eine Loge, gnädige Frau?«

Die Hausfrau sprach mit Hochstetten, sie schien dem wichtigen Tagesereignisse wenig Interesse entgegenzubringen. Sie erwiderte ausweichend:

»Ich weiß noch nichts Bestimmtes, liebe Claire. Ich habe selbst nicht geglaubt, daß alles so rasch weg sein würde. Doktor Bediener will an uns denken. Behalten wir einen Platz, so gehört er natürlich Ihnen.«

»Gnädigste mögen meines unauslöschlichen Dankes gewiß sein!« rief Pimbusch.

»Aber ich kann nichts versprechen«, sagte Frau Türkheimer lächelnd.

Pimbusch war also noch nicht aller Zweifel überhoben. Er zog die Uhr, blickte unruhig nach der Tür, aber es war ihm unmöglich, ohne Hochstetten wegzugehen. Er pflegte sich mit dem Freiherrn überall zu zeigen, wo man ihn sehen konnte, und ihn bis ins Ministerium zu begleiten. Denn Pimbusch hegte den wahnwitzigen Ehrgeiz, durch Vermittelung von Türkheimers Schwiegersohn in den hocharistokratischen Jeuklub aufgenommen zu werden.

»Sie müssen doch wissen, wer der Verfasser ist?« wurde Andreas von Frau Claire Pimbusch gefragt.

»Warum?« erwiderte er naiv.

»Nun, weil Sie Schriftsteller sind.«

Frau Mohr setzte hinzu:

»Sie stecken natürlich alle zusammen und wollen uns nur neugierig machen dadurch, daß sie den Namen geheimhalten!«

»Ich weiß nichts«, beteuerte Andreas.

»Und Sie können uns auch nichts Näheres über das Stück erzählen?«

»Ich bedaure es unendlich.«

Frau Pimbusch sah ihm in die Augen, als wollte sie ihn hypnotisieren.

»Aber Sie gehen doch hin?« fragte sie.

»Nein«, sagte Andreas ganz verwirrt.

»Warum nicht?«

Er wußte es selbst nicht. Irgendein Stehplatz fand sich wohl immer noch für ihn. Warum sollte er nicht hingehen. Er hatte aufs Geratewohl nein gesagt. Nun machte er ein verlegenes Gesicht, dem er, um nicht albern dazustehen, etwas Geheimnisvolles zu geben suchte.

»Sie können sich trösten, Herr Pimbusch«, sagte Frau Mohr. »Herr Zumsee geht auch nicht hin.«

Frau Türkheimer sah sich flüchtig nach Andreas um.

»Ach, lassen wir doch endlich das alberne Stück! Was liegt denn daran?« meinte Frau Pimbusch.

»Nehmen Sie doch wieder Platz, Herr Zumsee!«

Mit ihrem Fuße, den sie unter dem Kleide hervorstreckte, zog sie Andreas' Stuhl näher heran. Er saß nun zwischen den Kleidern der Damen Mohr und Pimbusch. Die Gattin des Schnapsfabrikanten streifte zuweilen mit ihrem rätselhaften Blick sein Gesicht, doch es war ihm zumute, als verließe dieser Blick ihn nie. Er schien ihm, wohin Andreas sich auch wandte, immer zu folgen wie die Augen eines alten Bildes. Frau Pimbusch kam ihm unmenschlich vor wie ein Symbol. Sie war geradezu das verkörperte Laster, er meinte von ihr träumen zu müssen.

Claire Pimbusch trug auf dem Gipfel ihrer kunstvollen Frisur einen großen Amethyst, und der violette Stein schrie grell inmitten ihres karminroten Haares. Die blauschwarzen Wölbungen der Augenbrauen bildeten zwei Wulste, in deren Mitte, über der Nasenwurzel, eine tiefe Einsenkung, umgeben von kleinen senkrechten Fältchen, die Stirn durchquerte. Diese niedrige Stirn sah aus wie zerarbeitet von unzüchtigen Gedanken. Es lag über ihr ein künstlicher grüner Schimmer, wie über der schlecht aufgeklebten Stirnhaut einer Theaterperücke. Ein roter Kreis zog von den oberen Lidern bis an die Backenknochen um die grünlichen, verquollenen Augen. Das Gesicht schien aufgeblasen, ohne daß Fettpolster zu entdecken waren, und an seine rosige Farbe war schwer zu glauben, weil die lange scharfe Nase mit ihren weit offenen, gierigen Nüstern und das spitze Kinn kreideweiß, gleich der Maske eines Clowns, daraus hervorragten. Die blutroten Mundwinkel krümmten sich mit merkwürdiger Beweglichkeit. Die zu kurze Oberlippe legte die weißen spitzigen Zähne frei, zwischen denen ein wenig Flüssigkeit glitzerte. Eine scharfe Falte schloß die knochige Ecke des Kinnes ein, und darunter bauschte sich die schlaffe Haut des Doppelkinns über dem engen, langen Halskragen. Der Kopf saß wie eine farbenprächtige, gedunsene Giftblume auf einem zu dünnen Stengel.

Der aufmerksame Andreas fand alle Einzelheiten dieses Kopfes häßlich, nicht aber Frau Pimbusch selbst. Es war ihm, als habe er, zum erstenmal in seinem Leben, die Ehre, einer großen, sehr teuren Kokotte gegenüberzusitzen, nach deren Loge die jungen Leute auf ihren Parkettplätzen sich erblassend umwenden. Man sah bei näherer Prüfung, daß ihr Gewerbe jedem ihrer Züge seine Häßlichkeit aufgeprägt hatte, und doch peitschte ein Blick in ihr freches Gesicht das Fleisch aus seiner Ruhe.

Als die Dame ihn unvermutet ansah, erschrak Andreas. Er mußte sich erst daran erinnern, daß er sich im Salon Frau Türkheimers befand. Welch eigentümliche Phantasie war es aber auch von einer Bürgersfrau, durchaus einer Hetäre gleichen zu wollen! Frau Pimbuschs Arme kamen mädchenhaft mager aus den großen, mit Fischbein gesteiften Ärmeln hervor. Ihre Finger, mit kleinen rosigen Nägeln, legten sich weiß wie Lilien um das Lorgnon. Sie hatte die Taille einer Jungfrau, und war sie nicht eine? Kaflisch behauptete es. Andreas sandte Herrn Pimbusch einen mitleidigen Blick zu. Vielleicht hatte sie ihm angemerkt, wofür er sie einen Augenblick hielt? Aber es war ja ihr Ehrgeiz, dafür zu gelten!

Liebling berichtete Einzelheiten über den Zusammenbruch des jungen Jessel, dem es gelungen war, das ererbte väterliche Vermögen, drei Millionen, in anderthalb Jahren durchzubringen, und der Zionist sprach sich mißbilligend über den sittlichen Verfall der modernen Jugend aus.

»Ah bah! Nur wenige machen es wie der junge Jessel!« meinte Frau Pimbusch.

»Verschwendung und Ausschweifung, wohin man sieht!« erklärte Liebling feierlich. Frau Pimbusch wandte dagegen ein:

»Die meisten sind zu schwächlich, um ihre Bequemlichkeit zu riskieren, irgendeiner Leidenschaft zuliebe. Und wie wird man sonst zum Verschwender?«

»Und die Ausschweifungen?« fragte Andreas, dem es Vergnügen machte, eine Dame über solchen Gegenstand reden zu hören.

»Oh, sie fürchten alle für ihre liebe Gesundheit. Wir Frauen sind sicher vor diesen jungen Leuten«, erwiderte sie.

Frau Mohr stieß ein gutturales, gutmütiges Lachen aus, wie eine ehrbare Matrone, die ein gewagtes Wort einer jüngeren Frau nachsichtig vertuscht.

›Und dabei bist du beinahe das, was sie sein möchte,‹ sagte sich Andreas, stolz auf seine Menschenkenntnis. Er beschloß durch die Subtilität seiner Ansichten zu verblüffen und bemerkte:

»Gnädige Frau müssen bedenken, daß unsere Generation, die übrigens von überarbeiteten Vätern stammt, allen Grund zur Vorsicht hat. Alles Bestehende ist heutzutage unsicher, und kein Mensch weiß, ob er nicht eines Tages wird arbeiten müssen.«

»Oh!« machte Frau Mohr, und Frau Pimbuschs Miene sah angewidert aus. Liebling sprach laut seine Überzeugung aus, daß nichts so sehr zur Moralisierung der Menschheit beitragen werde, wie das fortwährende Fallen des Zinsfußes. Hier erschließe sich eine bessere Zukunft. Andreas fuhr fort:

»Wir sind durch die Verhältnisse vielleicht vor der Zeit weise gemacht. Ein moderner junger Mann kennt den Wert des Geldes, und er spart seine Kräfte. Abenteuer aufzusuchen, ist er meistens zu skeptisch oder zu vorsichtig. Er nimmt wohl meistens nur diejenigen an, die sich ihm mühelos darbieten.«

Frau Pimbuschs Mundwinkel krümmten sich verächtlich.

»Er nimmt allerdings, was er kann, aber ich will Ihnen sagen, wie einer Ihrer Skeptiker das erst neulich gemacht hat!«

»Dein neuestes Abenteuer, Claire?« fragte Frau Mohr mit milden Lächeln. »Bitte, geniere dich nicht!«

»Eine Freundin hat es mir erzählt, die ich natürlich nicht nennen kann.«

Sie zwinkerte den beiden Herren zu, so ausdrucksvoll, als sagte sie jedem ins Ohr: »Ich bin es nämlich selbst!« Dann berichtete sie:

»Meine Freundin merkt also, wie sie durch die Behrenstraße geht, daß ein Herr ihr fast auf die Absätze tritt. Sie geht langsamer, er auch. Sie bleibt vor der Kunsthandlung stehen und betrachtet ihn in der Spiegelscheibe: ein sehr hübscher Mann, mit schwarzem Schnurrbart, breiten Schultern, sehr brünett und kräftig.«

Bei diesen Worten verfiel Frau Pimbusch in ein kurzes Sinnen. Sie fuhr fort:

»Er gefällt ihr sehr, und in solchen Fällen ist meine Freundin kurz entschlossen. Er steht zwei Schritte hinter ihr und rührt sich nicht. Da läßt sie ihr Armband fallen, weißt du, meine Liebe, gerade so eine goldene Schlange mit einem Türkis und fünf Perlen, wie ich noch kürzlich eins trug.«

»Du hast es wohl nicht mehr?« fragte Frau Mohr.

»Das tut nichts zur Sache. Also, sie läßt es hinfallen und biegt schnell um die Straßenecke. Nun muß er sie doch wohl anreden. Als sie zehn Schritte gemacht hat, hört sie ihn noch nicht kommen. Sie bleibt stehen, aber er zeigt sich nicht. Da laufe ich zurück, nein, da läuft sie zurück an die Ecke. Der Herr ist verschwunden, das Armband auch. Was sagen Sie zu der Geschichte?«

»Bravo!« bemerkte Liebling sarkastisch.

Frau Mohr zuckte die Achseln.

»Sie sieht dir ähnlich, Claire. Du hast Talent.«

›Talent?‹ dachte Andreas. Frau Pimbusch hatte ihre Geschichte so überzeugend vorgetragen, daß er sie ihr beinahe glaubte. Übrigens war ihr Kopf, dieser ausdrucksvolle Kopf, eine so glaubwürdige Illustration zu allen anstößigen Neuigkeiten, die sie erzählen mochte. Er sagte voll Bewunderung:

»Warum schicken Sie so etwas nicht an die Blätter, gnädige Frau?«

»Ah bah!« machte sie. »Die schönsten Erlebnisse werden niemals aufgeschrieben, mein Lieber.«

»Das ist wahr! Was hätte sonst ein Mann wie Herr Türkheimer alles zu verraten!«

»Lassen Sie sich von ihm etwas erzählen!« sagte Frau Mohr.

»Und benutzen Sie's!« setzte Frau Pimbusch hinzu.

»Wozu?« fragte Andreas.

Sie lächelte boshaft.

»Zu einem Festspiel für die Hochzeit seiner Tochter.«

»Ach ja!« rief Andreas harmlos begeistert, »die muß doch gefeiert werden! Gibt es denn noch kein Programm?«

Er saß so eng zwischen den Kleidern der beiden Damen, daß die Falten um seine Beine raschelten. Die Gattin des Schnapsfabrikanten hatte ihren Fuß dicht neben den seinigen gestellt, durch den Schuh hindurch fühlte er ihre Wärme. Frau Mohr lullte ihn mit der zärtlichen Freundschaft ihres Blickes ein, indes aus Frau Pimbuschs grünlichen Augen ein magischer Bann über ihn hinzog. Ein Odem von Weiblichkeit, wie der Duft von Eisenkraut und Veilchen, umhüllte ihn ganz.

Wenn dies alles noch nicht hingereicht hätte, um den Jüngling zu berücken, so genügte das Bewußtsein, im Reiche seiner Wünsche nun schon fast heimisch geworden zu sein. Heute verlor er sich nicht in einem namenlosen Strom von Gästen, sondern er gehörte einem halben Dutzend Auserwählter an, die sich nicht scheuten, ihn etwas von ihrem Leben, von ihrer Eigenliebe und ihren kleinen Bosheiten merken zu lassen. War das wirklich er selbst, der, umgeben von aller Üppigkeit eines reichen Lebens, mit pikanten, geistreichen Frauen vertraulich plauderte? Seine Erfolge berauschten ihn leichter als Wein. Er empfand eine weichherzige Sympathie für alle Anwesenden. Es waren offene, liebe Menschen, deren jedem er gern etwas Angenehmes gesagt hätte.

Die Stutzuhr auf dem größten der schwarzen Lacktischchen schlug fünf, wobei der goldgrüne Drache, der sie bewachte, fünfmal den Rachen aufsperrte. Sogleich ward die Flügeltür geöffnet, und zwei Lakaien trugen den fertig hergerichteten Teetisch herein. Die Hausfrau füllte die Tassen, und Fräulein Asta reichte sie den Gästen dar. Pimbusch belegte sich mit studierter Anmut einen ganzen Teller voll petits fours und Pistazienkuchen, während Liebling diese Leckereien kühl verschmähte.

Als Asta zu ihm trat, wiederholte Andreas freundlich lächelnd:

»Gewiß, die Hochzeit des gnädigen Fräuleins muß doch mit etwas Außergewöhnlichem begangen werden. Wollen wir sie nicht durch ein Festspiel feiern?«

Eine dicke Falte erschien über Astas zusammengewachsenen Brauen, die ziemlich hohen Schultern zuckten verächtlich.

»Mit wem wollen denn Sie feiern?« sagte sie nachlässig, ohne Andreas anzusehen.

Dem armen jungen Mann, der die stumme Feindseligkeit der Tochter des Hauses endlich zu besiegen gehofft hatte, erstarb das Lächeln auf den Lippen. Er fühlte, wie er blaß ward. Der Zorn dieser untersetzten Brünette rief plötzlich das Bild jener faden Blondine in ihm wach, die ihn übellaunig angefahren hatte: »Jüngling, wie kommen Sie mir vor?« Es war ihm klar, daß Asta ganz dasselbe gemeint hatte, und er fühlte sich so völlig erdrückt durch ihre Verachtung, daß er nicht wußte, wohin den Blick wenden. Frau Pimbusch lächelte ihm boshaft zu, aber Frau Mohr, die eine Hand auf seinen Arm legte, flüsterte voll aufrichtigen Bedauerns:

»Ich hätte Ihnen vorher sagen sollen, daß Fräulein Türkheimer von einer Feier nichts wissen will.«

Sie wandte sich an das junge Mädchen.

»Liebe Asta, es ist eigentlich gar nicht hübsch von Ihnen, daß Sie an Ihrem schönsten Fest niemand von Ihren Freunden teilnehmen lassen.«

»Oh, eine stille Hochzeit ist das modernste«, erklärte Pimbusch, der herzutrat. Asta wandte hochmütig den Kopf.

»Wozu soll man alle Welt mit seinen Privatangelegenheiten behelligen?« versetzte sie. »Solche Massenfreuden haben sich überlebt.«

Liebling, dessen schwarzer Bart merklich zitterte, ließ ein leises Murren vernehmen, doch wagte selbst er dem entschlossenen jungen Mädchen nicht laut zu widersprechen. Andreas meinte etwas sagen zu müssen, ohne zu wissen, was. In seiner Angst flüsterte er vor sich hin:

»Fräulein Asta empfindet eben als modernes Weib.«

Fast hätte er hinzugesetzt: »Mehr intellektuell als Geschlechtswesen.«

»Überlebt?« wiederholte endlich Frau Pimbusch, auf deren lasterhafter Stirn die Fältchen sich bewegten. »Ich finde sogar, daß eine Hochzeit etwas Unpassendes an sich hat.

Beinahe etwas Unanständiges«, setzte sie nach kurzem Nachdenken hinzu, und sie blickte im Kreise umher, daß allen peinlich zumute ward.

Asta, blutrot im Gesicht, starrte einen Augenblick finster vor sich hin. Dann drehte sie sich plötzlich um und ging zur Tür, ohne sich von jemand zu verabschieden oder auch nur ihren Verlobten anzusehen. Frau Pimbusch und Frau Mohr tauschten ein schnell unterdrücktes, verständnisvolles Lächeln aus.

Hochstetten folgte halb im Schlaf, aber dennoch ein wenig verwundert, seiner Braut, und sofort schloß sich Pimbusch dem Freiherrn an. Er nahm seinen Hut von der Etagere und ließ die spiegelnde Fläche eines seiner Fingernägel behutsam darübergleiten. Dieser Nagel, am kleinen Finger der linken Hand, war ungewöhnlich lang, sein Schliff und seine Erhaltung hatte Pimbusch die Arbeit eines halben Jahres gekostet. Bevor er der Hausfrau die Hand küßte, drehte er beim Schein der Spiritusflamme, über der das Teewasser kochte, seinen Zylinder einmal um die Achse, um das Vorhandensein der sieben Reflexe festzustellen. Dies alles vollführte Pimbusch mit genau abgezirkelten Bewegungen, die Ellenbogen weit vom Leibe entfernt.

Andreas war sich der Verpflichtung bewußt, hinter den anderen das Zimmer zu verlassen. Nach der ihm von der Tochter des Hauses zugefügten Beleidigung hätte seine persönliche Würde dies erfordert. Aber sollte er seine Zukunft aufs Spiel setzen? Er blieb, von seiner Feigheit tief gedemütigt, sitzen. Niemand schien ihn mehr zu beachten. Die Damen sprachen mit Liebling, Andreas schwieg und zerbiß sich die Lippen.

Es war ein Glück für ihn, daß eine neue Besucherin eintraf, eine kleine elegante Dame, die wie ein Vögelchen zur Tür hereinflatterte. Die Federn nickten auf ihrem Hute, ihre lockere Frisur wippte um das Köpfchen. Wie sie sich hinsetzte, wehte eine Spitzenwolke unter ihrem seidenen Kleide hervor. Sie sprang sofort wieder auf und flog im Zimmer umher, mit ununterbrochenem Gezwitscher. Auch sie war in höchster Unruhe wegen »Rache!«. Man fand entschieden keine Plätze mehr.

»Ich habe selbst noch keine«, wiederholte Frau Türkheimer. »Ich muß mich auf Doktor Bediener verlassen.«

Sie goß Tee ein und sah sich nach Asta um, deren Verschwinden sie erst jetzt zu bemerken schien.

»Meine Tochter ist fortgegangen? Ach, dann muß ich Sie in Anspruch nehmen, Herr Zumsee!«

Andreas eilte herbei, und er befleißigte sich, während er den Damen die Tassen reichte, eines so ausgesuchten Anstandes, daß die neu ankommende Kleine ihn durch ihr Glas mit sichtlicher Anerkennung musterte. Sofort fühlte er sich moralisch gehoben.

»Sie vergessen Fräulein von Hochstetten«, bemerkte Frau Türkheimer.

»Wo?« fragte er erstaunt.

Sie wies lächelnd nach der Fensternische, wo Asta und ihr Bräutigam sich aufgehalten hatten. Dort saß das Fräulein, hinter dem gelbseidenen Vorhang fast versteckt. Wenn ihr Bruder vor lauter Blutarmut nur wenig sprach, so schwieg sie ihrerseits aus Stolz. Sie geriet in dem Winkel, wo sie Platz nahm, alsbald in Vergessenheit und blieb bis zuletzt da, die feinen kritischen Augen hinter den Gläsern ihres Lorgnons verborgen. Die Hochstettensche Nase erlaubte ihr keinen Anspruch auf Schönheit zu machen. Mit dreißig Jahren stand der endgültige Verzicht in ihrem mageren, vornehm umrissenen Gesicht. Der Mund, schmal und gepreßt, ließ Spöttereien befürchten, die die Frauen von ihr fernhielten. Sie schien zu sagen:

›Ich mißbillige die Heirat meines Bruders, aber da er euch die Ehre erweist, euer Geld anzunehmen, will ich an dem Pakte beteiligt sein. Ich bin verkümmert, weil der Geheime Rat unsere kleinen Einkünfte zu seiner Repräsentation verbrauchte. Jetzt lasse ich es zu, daß ihr mir das meinige zurückgebt. Zu dem Zwecke muß ich allerdings euch selbst hin und wieder ertragen. Ich nippe manchmal von eurem Sekt, aber nur so mit gespitzten Lippen, wie hier an der Teetasse. Ich finde, daß in euren Salons ein unauslöschlicher Duft von alten Kleidern, Trödelläden und Hinterhäusern liegt. Was hieran erinnert, die falschen Töne und die Niedrigkeiten, die ihr euch entschlüpfen laßt, seid nur gewiß, daß mir nichts davon entgeht. Eure Männer mögen nach Geschäftsschluß sich vor mir spreizen und radschlagen, so entdecke ich doch mühelos die Spuren, die ihre unfeinen Beschäftigungen, das Feilschen und Geldzählen, in ihrer Figur, ihrem Gang und ihrer Miene hinterlassen haben. Eure Frauen mögen sich abmühen, große Damen oder Kokotten zu äffen, so bleiben sie für mich doch gerade das, was sie beileibe nicht sein möchten: kleine Puten aus dem Bürgerstande. Ihr hängt eure Zimmer voll echte Gobelins und verrostete Waffen, ihr speist von altem Meißner Porzellan, kleidet euch in moire antique und prahlt mit diesen und anderen historischen Erinnerungen, als ob ihr Erinnerungen haben könntet, und als ob in den Zeiten, als jene Herrlichkeiten erfunden wurden, euresgleichen existiert hätte!‹

Fräulein von Hochstettens impertinenter Blick, der ihn von Kopf bis Fuß maß, schüchterte Andreas beträchtlich ein. Er ärgerte sich über seine linkische Verbeugung, errötete und zog sich schleunigst in den Bereich des Teetisches zurück.

Die kleine flatternde Dame empfahl sich bereits wieder. Unter der Tür stieß sie einen niedlichen Vogelschrei aus, denn sie war gegen den Bauch des Rechtsanwalts Goldherz angelaufen, den dieser atemlos hereinschob. Die Damen betrachteten den berühmten Verteidiger mit spöttischem Mitleid. Der Ärmste hatte sich durch die Launen seiner kleinen Frau niemals sein seelisches Gleichgewicht beeinträchtigen lassen, solange, bis nach gütlicher Übereinkunft ihre Ehe geschieden worden war. Jetzt war Goldherz von einer postumen Eifersucht befallen. Er verdarb sich langsam seinen Ruf und konnte bald nicht mehr ernst genommen werden. Das winzige Geschöpf flog wie ein Bündel Spitzen und Federn an ihm vorbei, die Treppe hinab, er hastete korpulent und keuchend hinterher, und das Paar verschwand, um in dem nächsten Salon, wo die Kleine ihr Gezwitscher hören zu lassen wünschte, wieder in der gleichen Weise aufzutreten.

»Sie haben Ihre Pflicht erfüllt«, sagte Frau Türkheimer zu Andreas. »Jetzt sorgen Sie für sich selbst. Chartreuse oder Benediktiner?«

Sie wies auf einen Stuhl, legte Gebäck auf seinen Teller und reichte ihm die Tasse. Er schob die Kuchen, die ihre Hände berührt hatten, mit Befriedigung in den Mund. Die Damen Mohr und Pimbusch wandten ihnen den Rücken zu, Liebling war von zu hoher Gesinnung, um etwas zu sehen. So befand sich Andreas mit Adelheid, die an der anderen Seite des Teetischchens Platz nahm, endlich allein. Er hatte diesen Augenblick, seit er sich heute in der Nähe seiner künftigen Geliebten befand, noch gar nicht ersehnt, sondern mit Ruhe die Entwicklung der Dinge abgewartet, was er als eine Probe seiner diplomatischen Kaltblütigkeit gelten ließ. Er wollte sich doch nicht etwa in sie verlieben, in eine fünfundvierzigjährige beleibte Bankiersgattin! Sobald er merkte, daß sie ihn ansah, schlug er seine mädchenhaft klaren Augen mit den langen, vorn zurückgebogenen Wimpern schwärmerisch zu ihr auf, und sie vermochte dieser Verführung, die nur von Hingebung sprach, nicht zu widerstehen. Allmählich stieg über ihr Doppelkinn in ihr Gesicht eine schwache Röte, die Andreas mit Siegesfreude erfüllte. Er bemerkte, wie ihre Brust unter den blauseidenen Plisseefalten ihres tea-gown sich stärker hob, und er seufzte leise.

»Sie sind melancholisch?« fragte sie voll Teilnahme.

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Release date on Litres:
11 October 2024
Volume:
5252 p. 4 illustrations
ISBN:
4066338116147
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Bookwire
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