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Heinrich Lienhard

«Wenn Du absolut nach

Amerika willst, so

gehe in Gottesnamen!»

Erinnerungen an den California Trail, John A. Sutter und den Goldrausch

1846–1849

Herausgegeben von Christa Landert

Mit einem Vorwort von Leo Schelbert


Inhalt

Ein grosses Buch Von Leo Schelbert

Heinrich Lienhards Erinnerungen und ihr geschichtlicher Hintergrund

Das Manuskript

Der geschichtliche Hintergrund

Zu dieser Edition

Frühere Editionen

Heinrich Lienhards Biografie 1822–1846

Kindheit und Jugend auf dem Ussbühl 1822–1843

Reise nach Amerika 1843

Erste Jahre in Amerika: Illinois 1843–1846

Heinrich Lienhard Erinnerungen 1846–1849

California Trail, April bis Oktober 1846

Ankunft im Fort New Helvetia 1846

Monterey, November 1846 bis Februar 1847

Gartenarbeit bei Mimal am Yuba River, Februar bis September 1847

Aufseher im Fort New Helvetia, September bis Dezember 1847

Supercargo auf Sutters Schoner, Dezember 1847 bis Januar 1848

Garten beim Fort, Januar bis August 1848

Goldwaschen, August bis Oktober 1848

In der Schäferei, November 1848 bis April 1849

Handel in den Minen, April bis Mai 1849

Heinrich Lienhards Biografie 1849–1903

Reise in die Schweiz, Juni 1849 bis Januar 1850

Kalifornien, Januar bis Juni 1850

Letzter Aufenthalt in der Schweiz 1851–1854

Madison, Wisconsin, 1854–1856. Nauvoo, Illinois, 1856–1903

Anhang

Gesamtinhaltsverzeichnis der Erinnerungen Heinrich Lienhards

Bibliografie

Die Herausgeberin

Personenregister


Johann Heinrich Lienhard (1822–1903).

Ein grosses Buch

Vor uns liegt ein grosses Buch. Es gibt dem Glarner Auswanderer Heinrich Lienhard eine Stimme, der im Jahr 1843 im Alter von 21 Jahren von Bilten in die Vereinigten Staaten auszog, deren Grenzen damals erst wenig über den Mississippi hinausreichten. Zunächst wurde Heinrich Lienhard in Highland, Illinois – einer Schweizer Siedlung östlich von St. Louis –, heimisch, drei Jahre später folgte er jedoch nochmals dem Ruf der Ferne und begab sich 1846 über Land in das vom neu-europäischen Staat Mexiko beanspruchte Kalifornien, wo die indianischen Einheimischen im Landesinnern dank der Abgeschiedenheit der Regionen von den Folgen weisser Besetzung länger verschont geblieben waren als die meisten Völker auf dem übrigen Kontinent.

Kaum angekommen, nahm Lienhard am amerikanischen Krieg gegen Mexiko teil, in dessen Folge die Vereinigten Staaten alle nördlich des Rio Grande gelegenen mexikanischen Gebiete für sich beanspruchten. Im Jahr 1848 wurde Heinrich Lienhard Zeuge des Goldfundes am Südarm des American River knapp fünfzig Meilen nordöstlich des Forts New Helvetia, der Gründung des Schweizers Johann August Sutter, in dessen Dienst der Glarner Einwanderer verschiedenen Tätigkeiten nachging. Die zunehmend gewalttätige Gesetzlosigkeit der das Land überflutenden weissen Goldsucher und Ansiedler bewogen ihn jedoch, in die Heimat zurückzukehren. Vor der Abreise erwarb er in Philadelphia das amerikanische Bürgerrecht. Nach gut drei Jahren verliess er dann die Schweiz erneut, um sich zwei Jahre später in Nauvoo, Illinois, am Mississippi als Farmer endgültig niederzulassen.

In den 1870er-Jahren entschied sich Heinrich Lienhard, seine Erlebnisse für die Nachkommen niederzuschreiben. Seinem Manuskript, das zu den wichtigen Quellen der angloamerikanischen Frühgeschichte Kaliforniens gehört, war aber anfänglich kein Glück beschieden. Frühe deutsch- und englischsprachige Ausgaben verstümmelten sein Werk.

Nach zwei verlässlichen englischsprachigen Editionen, die 1951 und 1961 Texte zum California Trail vorlegten, erschien im Jahr 2000 Heinrich Lienhards Bericht über seine Jugend und die Jahre in Highland erstmals in textgetreuer englischer Übersetzung in dem von John C. Abbott edierten Buch «New Worlds to Seek», basierend auf der Transkription von Christa Landert. Zu diesem Werk gesellt sich jetzt ihre eigene grosse Leistung, die Transkription und Edition von Lienhards Trail- und Kalifornienbericht für die Jahre 1846 bis 1849.

In dieser Ausgabe umrahmt Christa Landert den Text von Heinrich Lienhard mit einer sachkundigen historischen Einleitung und einer eindrücklichen biografischen Skizze. Heute könnte er sich am Erscheinen seines Berichts uneingeschränkt erfreuen, und er müsste nicht wie damals in seinem Alter verfälschende Eingriffe in sein Werk beklagen. Das vorliegende Buch ist eine Musteredition, die dem umfangreichen Text in jeder Beziehung gerecht wird und ihn historisch, biografisch und erklärend dem Leser nahebringt.

Heinrich Lienhards Erinnerungen spiegeln eine willensstarke, grundehrliche und verlässliche Persönlichkeit. Er beobachtet seine Umwelt mit scharfem Blick, lernt von Jugend auf, Erlebnisse zu verarbeiten und an ihnen zu wachsen, und begegnet Herausforderungen mit Mut und Entschlossenheit. Bei Fehlentscheidungen, etwa sich für den Krieg gegen Mexiko anwerben zu lassen, kommt ihm das Schicksal entgegen, und er entrinnt lebensgefährlichen Situationen, da eine schwere Krankheit seinen Einsatz an der Front verhindert.

Lienhard sucht und geniesst die Schönheit der natürlichen Umwelt und ist auch ein furchtloser Jäger, wobei sein Wagemut ihn gelegentlich in Lebensgefahr bringt. Mitmenschen beurteilt er verlässlich und ohne Selbstgerechtigkeit. Den indianischen Menschen begegnet er zwar nicht ohne selbstverständliche Dominanz, bemüht sich aber, die Einheimischen unter den Umständen der weissen Invasion gerecht zu behandeln.

Wie jedes Leben ist auch das von Heinrich Lienhard von den dreifachen Kräften geformt, die Niccolò Macchiavelli virtù, fortuna und necessità genannt hat. Das vorliegende Werk zeigt eindrücklich, wie Lienhard seine Virtù, seine Tatkraft, unter den verschiedensten Umständen entfaltete, auch wie er Fortunas Spiel von Glück und Unglück sich fügend mitspielte und, endlich, wie er die Necessità, das unausweichlich Gegebene bedacht in sein Handeln und Bemühen einflocht.

Dieses bedeutende Buch bietet nicht nur ein facettenreiches Bild der prägenden Lebensjahre eines jungen Glarner Auswanderers und der komplexen historischen Ereignisse einer Eroberung, es ist zugleich ein bleibendes Zeugnis hervorragenden wissenschaftlichen Könnens.

Leo Schelbert, Prof. em. University of Illinois, Chicago

Heinrich Lienhards Erinnerungen und ihr geschichtlicher Hintergrund

Heinrich Lienhard verfasste seine Erinnerungen an die ersten dreissig Jahre seines Lebens in den 1870er-Jahren. Er war Anfang fünfzig, lebte mit seiner Frau Elsbeth und den Kindern in Nauvoo, Illinois, wo er sich 1856 niedergelassen hatte. Er leitet sein Manuskript mit folgenden Worten ein: «Schon oft ging ich mit dem Gedanken um, meine Vergangenheit, das heisst so weit ich mich derselben noch erinnere, nieder zu schreiben, indem ich annehmen darf, dass eine solche Aufzeichnung meiner Erlebnissen wenigstens für meine Kinder, vielleicht für Kindes Kinder einiges Intressen haben würde. Ich maasse mir nicht an, indem ich dieses unternehme, dass es für das allgemeine Publicum geschehe, da ich [mir] nur zu wohl bewusst bin, dass mir zu einem solchen Unternehmen die dazu nöthige höhere Schulbildung leider nicht zutheil wurde; somit wird man möglicherweise nicht selten Fehler in der Satzbildung sowie orthographische Fehler finden, die eines kurigirens bedürften.»

Lienhards Kinder wuchsen in einer vom Glarnerland sehr verschiedenen Welt auf und kannten ihre schweizerischen Wurzeln nur aus Erzählungen der Eltern. Dies dürfte der Grund gewesen sein, weshalb er seinen Aufzeichnungen die Erinnerungen an die eigene, nicht immer einfache Kindheit und Jugend in Bilten voranstellt. Auf diese ganz frühen Reminiszenzen folgen seine erste Reise nach Amerika im Alter von 21 Jahren, die zweieinhalb Jahre in Illinois und 1846 die Reise über den nordamerikanischen Kontinent nach Kalifornien. Dort wollte es der Zufall, dass während seines Aufenthalts Gold entdeckt wurde und er nicht nur erlebnisreiche Jahre verbrachte, sondern 1850 auch mit einem kleinen Vermögen in die Schweiz zurückkehrte, das ihm die Gründung einer eigenen Existenz ermöglichte. Grosszügiger wirtschaften zu können als seine Eltern, war das Ziel, von dem er seit seiner Kindheit geträumt hatte. Deshalb erfüllte er wohl mit Freude, einer gewissen Genugtuung und nicht zuletzt bewundernswerter Ausdauer den Wunsch seiner Kinder, diesen nicht alltäglichen Weg zur Erreichung seines Ziels in Gedanken nochmals zu beschreiten und die Erinnerungen daran schriftlich festzuhalten.

Das Manuskript

Es ist ein eindrückliches Dokument, das einem im Lesesaal der Bancroft Library in Berkeley, Kalifornien, in einer grossen, blauen Archivschachtel ausgehändigt wird. Das Manuskript umfasst 238 ungebundene, einmal gefaltete Schreibbogen, die aufeinandergelegt einen fünfeinhalb Zentimeter dicken Stapel von dicht mit Lienhards Handschrift beschriebenen Blättern ergeben. Aufgrund unterschiedlicher Wasserzeichen und Linierung sind sechs Serien von Schreibpapier erkennbar, deren Bogen zwischen 30,5 und 32 mal 19,5 Zentimeter messen (letztere Angabe mit einer Ausnahme). Sie sind beidseitig hellblau liniert und weisen zwischen 28 und 43 Zeilen auf. Das Papier ist von guter, je nach Serie jedoch leicht unterschiedlicher Qualität, auch hat die Zeit darauf ihre Spuren hinterlassen. Die Blätter sind vergilbt, viele weisen bräunliche Verfärbungen auf, stellenweise auch Flecken. Bei manchen Bogen ist der Falz teilweise, bei etwa zehn Bogen ganz aufgelöst. Auch die Blattränder sind stellenweise beschädigt, jedoch selten so stark, dass der Text davon betroffen wäre. Einige Bogen weisen kleine Risse auf, Bogen 150 ist beinahe ganz durchgerissen.

Auf den ersten dreissig Bogen mit den meisten Zeilen folgte Lienhard beim Schreiben den Linien, bei allen folgenden Bogen wählte er einen engeren Zeilenabstand als den vorgegebenen. Zusätzlich füllte er den leeren oberen Seitenrand regelmässig mit vier bis sechs Zeilen Text, wodurch er pro Seite 10 bis 15 Zeilen dazugewann, sein Schreibpapier also gut nutzte. Links des Textes liess er einen Rand von ein bis zwei Zentimetern frei. Auf diesem führte er gelegentlich den letzten Satz einer Seite zu Ende, brachte kleine Korrekturen an oder fügte in späterer Zeit, wenn er wieder in seinem Manuskript las, einen kurzen Kommentar hinzu. Rechts schrieb er in der Regel bis an den Blattrand. Er gliederte seinen Text weder durch Zwischentitel noch Paragrafen, nur die erste Zeile einer neuen Seite weist ab und zu einen kurzen Einzug auf. Die Bogen sind auf der Vorderseite in der linken oberen Ecke von 1 bis 238 durchnummeriert. Auf Bogen 103 verwechselte er beim Schreiben zwei Seiten und nummerierte danach als Orientierungshilfe die übrigen drei Seiten von 2 bis 4. Einige Bogen enthalten Spuren der Bearbeitung von fremder Hand, darunter Bemerkungen, Inhaltsangaben, Seitenzahlen sowie verschiedene kleine Zeichen. Folgende Tabelle zeigt eine Übersicht (kursiv gesetzte Kapitel entsprechen dem in diesem Buch edierten Text):


Zeit/Bogennummern Bogen Monate Bogen/Monat
Kindheit und Jugend 1822–1843 (1/1–12/3) 13 260 0,05
Reise nach Amerika 1843 (12/3–20/4) 8 3 2,67
Highland 1843–1846 (20/4–51/1) 30 29 1,03
California Trail 1846 (51/1–83/1) 32 6 5,33
Kalifornien 1846–1849 (83/1–160/1) 77 32 2,41
Reise in die Schweiz 1849–1850 (160/1–196/2) 37 7 5,29
Kalifornien 1850 (196/3-223/3) 27 5 5,4
Rückkehr in die Schweiz 1850 (223/3-238) 14 6 2,33
Total Manuskript 238 348 1,46

Der ganze Text ist in deutscher Schreibschrift verfasst, wie Lienhard sie in der Schule gelernt hatte. Für fremdsprachige Wörter, Orts- und Personennamen verwendete er die lateinische Schrift, wobei Ausnahmen und Mischformen häufig sind. Seine Handschrift ist regelmässig, klar und im Ganzen gut lesbar. Schwierig und an einigen Stellen nicht entzifferbar sind Wörter, die er durch Überschreibung korrigierte, vor allem auf diese Weise korrigierte Einfügungen über der Zeile. Die sehr kleinen, oft auf einen kurzen Strich reduzierten Vokale «a», «e» und «o» sind bei sinngemäss nicht eindeutigen Wörtern oft schwer zu unterscheiden, besonders bei der Arbeit mit Fotokopien. Hilfreich ist dagegen Lienhards konsequente Verwendung von i-Punkten und u-Schleifen.

Im Schriftbild lassen sich zwei Arten von Veränderungen feststellen: Der plötzlich feinere Strich verrät eine neue Feder, die kräftigere Farbe neue Tinte, ein über kurze Zeit leicht veränderter Schriftzug eine längere Unterbrechung. Die zweite Veränderung vollzieht sich langsam und weist voraus auf Lienhards Altersschrift: Der zügige, nach rechts gerichtete Duktus weicht einer grösseren, fast aufrechten und weniger regelmässig wirkenden Schrift mit weit ausholenden Bogen und Schleifen. Die langsam abnehmende Zeilenzahl pro Seite (vier bis fünf Zeilen) gegen Ende des Manuskripts bestätigt den optischen Eindruck.

Zu Beginn der 1890er-Jahre bereitete Lienhard sein Manuskript für die von Caspar Leemann geplante Buchausgabe vor. Wohl um seinem Freund die Übersicht zu erleichtern, notierte Lienhard auf dem linken Rand der Vorderseite jedes Bogens stichwortartige Inhaltsangaben zum betreffenden Bogen. Sie stehen quer zum Haupttext und sind bis Bogen 59 mit hellroter Tinte verfasst. Bogen 60, 63 und 64 enthalten je einen Titel mit Bleistift und einer neuen, roten Tinte; auf den Bogen 65 bis 238 sind ursprüngliche Bleistifttitel mit roter Tinte überschrieben. Bogen 73 enthält zusätzliche Inhaltsangaben auf den Seiten 3 und 4, Bogen 127 auf Seite 4. Diese Zusätze weisen auf besonders wichtige Ereignisse hin: auf dem California Trail das Ende des Hastings Cutoff beziehungsweise die Ankunft am Mary’s River, in Kalifornien die Goldentdeckung.

Während Lienhard zur Formulierung der Inhaltsangaben den Haupttext wieder las oder zumindest überflog, brachte er – alles hier Folgende mit roter Tinte – kleine orthografische und stilistische Korrekturen an. Sie zeigen, dass er sich bemühte, Leemann für die Edition von 1898 einen sprachlich möglichst korrekten Text zur Verfügung zu stellen. Neben Seiten ohne Emendationen gibt es Seiten mit über einem Dutzend davon, wobei diese nicht in jedem Fall eine Verbesserung darstellen. Lienhard war damals über siebzig, sein Deutsch war unsicherer und der Einfluss der englischen Sprache grösser geworden, wie sich beispielsweise dort zeigt, wo er «Schäferei» zu «Schäferey» korrigierte. Längere fremdsprachige Dialoge hob er durch Unterstreichung hervor, vielleicht weil er davon ausging, dass sein Freund diese Stellen übersetzen lassen würde.

Lienhards Altersschrift ist zwar immer noch gut lesbar, wirkt jedoch ungelenker und stellenweise etwas zittrig. Besonders gut zeigt sich dies bei dem separaten Inhaltsverzeichnis, das er durch Übertragen der Inhaltsangaben von den Bogen auf vier Einzelblätter erstellte. Von den 238 Angaben sind 71 praktisch wörtlich übernommen, die anderen enthalten Umformulierungen oder Kürzungen, nur deren zehn einen Zusatz. Dieses separate Inhaltsverzeichnis ist deshalb von besonderem Interesse, weil daraus hervorgeht, dass das Manuskript ursprünglich vier oder fünf Bogen mehr als die überlieferten 238 umfasste. Sie enthielten persönliche Familienerinnerungen, und schon auf dem letzten erhaltenen Bogen drückte Lienhard unmissverständlich den Wunsch aus, dass der noch folgende Text von niemandem ausserhalb seiner Familie gelesen werden solle. Um dies zu betonen, strich er auf Bogen 238 die letzten zweieinhalb Seiten durch, ebenso die entsprechenden Inhaltsangaben im separaten Inhaltsverzeichnis. Sie lauten wie folgt: «Bekannt werden mit meiner zukünftigen Frau/Hochzeitsreise/Heimkehr/Maria Einsiedeln/Kaufe in Kilchberg».

Lienhard war ein gewissenhafter Erzähler und dürfte sein Manuskript nicht ohne einen Hinweis zur Zeit und Dauer der Niederschrift abgeschlossen haben. Durch den Verlust der letzten Bogen bleibt heute nur der Versuch, anhand einiger Angaben im Haupttext sowie Randbemerkungen aus späterer Zeit einen gewissen zeitlichen Rahmen zu finden. Da unbekannt ist, wie regelmässig er schrieb und wie viele Bogen pro Monat er füllte, handelt es sich dabei immer nur um eine Schätzung. Ein erster Hinweis findet sich auf Bogen 20, wo Lienhard sich an den Moment Ende November 1843 erinnert, als er das Wort «California» zum ersten Mal hörte. Er schreibt dort, dass seit jenem Abend «über 30 Jahre» verflossen seien. Da er auf Bogen 24 mit Bezug auf die Monate Februar und März 1844 «30 Jahre» nennt, dürfte er gegen Ende 1873 mit Schreiben begonnen haben. Die letzten beiden Hinweise finden sich auf den Bogen 215 und 216, wo er von Erlebnissen im Juni 1850 erzählt und beide Male erwähnt, dass seither «nahezu 27 Jahre» vergangen seien. Das heisst, er war im ersten Halbjahr 1877 auf Bogen 216 (von 242) angelangt. Angenommen, er verfasste die letzten 26 Bogen ohne grössere Unterbrechung, dürfte er seine Schreibarbeit somit nach rund vierjähriger Dauer gegen Ende 1877 abgeschlossen haben.

Die Frage, inwieweit Lienhard sich beim Schreiben auf Tagebücher stützte, lässt sich nur für die Reise nach Kalifornien mit Sicherheit beantworten, da er dort ein Tagebuch ausdrücklich erwähnt. Korns/Morgan, die anlässlich ihrer Untersuchung zu einem Abschnitt des California Trails nach dem Original-Tagebuch forschten, erfuhren von Lienhards Enkelin, dass ausser dem Manuskript weder das Trail-Tagebuch noch andere Notizen überliefert worden seien.

Lienhards Schreibstil zeigt jedoch einen der Genauigkeit und Verlässlichkeit derart verpflichteten Erzähler, dass für mehrere Abschnitte zumindest von tagebuchartigen Notizen als Vorlage ausgegangen werden muss. Nicht nur halten seine Angaben mit geringfügigen Ausnahmen allen Vergleichen mit anderen zeitgenössischen Quellen stand, sondern sein Text enthält auch Abfahrts- und Ankunftsdaten, Namen von Mitreisenden, Schiffen und Hotels, an die er sich selbst bei überdurchschnittlichem Gedächtnis nach dreissig Jahren kaum hätte erinnern können. Sein Manuskript zeigt jedenfalls, dass er über seine Reise in die Schweiz 1849/50 und die letzten Monate in Kalifornien, als er nicht mehr arbeiten musste, ebenso ausführlich berichtet wie über den Trail, so dass ihm vermutlich Notizen zur Verfügung standen. In den Erinnerungen an die Jahre, in denen er arbeitete, beschränken sich präzise Zeitangaben oft auf Feiertage wie den 4. Juli oder 1. Januar, während ungefähre Angaben wie «eines Tages im Monat August» und Einschränkungen von der Art «wenn ich nicht irre» oder «wenn ich mich recht erinnere» relativ häufig anzutreffen sind.


Heinrich Lienhards Manuskript, das heute in der Bancroft Library in Berkeley aufbewahrt wird.

Einer Randbemerkung aus dem Jahr 1901 ist zu entnehmen, dass Lienhard sein Manuskript bei sich zu Hause in Nauvoo aufbewahrte und auch immer wieder darin las. Nach seinem Tod 1903 ging es in den Besitz seines jüngsten Sohnes Adam H. Lienhard über, der es seiner Tochter Vivian Magnuson-Lienhard weitergab. Mrs. Magnusons Wunsch, das Erinnerungswerk ihres Grossvaters sicher und fachgerecht aufbewahrt zu wissen und es trotzdem öffentlich zugänglich zu machen, veranlasste sie 1949, es der Bancroft Library in Berkeley zu verkaufen.

Der geschichtliche Hintergrund

Kalifornien

Bis zum Jahr 1539 der christlichen Zeitrechnung war die Welt Kaliforniens von Kontinuität geprägt. Seine menschlichen Siedlungen haben eine über zehntausendjährige Geschichte und sind älter als in anderen nördlichen Gebieten der westlichen Hemisphäre. In den archäologischen Überresten tritt eine grosse kulturelle Vielfalt zutage, und über hunderttausend Fundorte von Lagerstellen bis zu komplexen Siedlungen und städtischen Zentren bezeugen die Vergangenheit des Landes vor dem weissen Einfall.

Drei geografische Faktoren waren bestimmend für die Geschichte Kaliforniens. Dies waren seine isolierte Lage, das in vielen Regionen milde Klima und der Reichtum seiner Landschaften. An der Küste sorgt das Meer für kühle Sommer, warme Winter und über das ganze Jahr für feuchte Luft. Im grossen Central Valley und in anderen Inlandtälern dagegen sind die Temperaturschwankungen gross, in Wüstengegenden extrem. Am Fuss der Sierra Nevada ist das Klima nebelfrei und in Berggegenden stellenweise dem Alpenklima ähnlich. Der nach Alaska und Texas drittgrösste Staat der Vereinigten Staaten hat eine 2000 Kilometer lange Küste, und die extremen Höhenunterschiede liegen zwischen 86 Meter unter Meer in Badwater im Death Valley und 4418 Meter auf dem Gipfel von Mount Whitney, wobei die beiden Punkte nur knapp hundert Meilen auseinanderliegen.

Die indianischen Völker

Wie andere menschliche Gemeinschaften entwickelten Kaliforniens einheimische Bewohner Lebensformen, die sich den Möglichkeiten von Klima und Bodenbeschaffenheit anpassten. Die Pflanzenwelt wurde durch gezielten Einsatz von Feuer gepflegt und die Tierwelt in ihrem eigenen Habitat genutzt, also Vielfalt, Produktivität und Schutz der Nahrungsquellen bewusst gefördert. Nur im südlichsten Teil und äussersten Südosten wurde Ackerbau getrieben. Die Menschen lebten vom Fisch- und Muschelfang, jagten Rot- und Kleinwild, ohne seinen Bestand zu gefährden, und nutzten auch Insekten zur Ernährung. Eine Hauptnahrungsquelle war die Eichel. Das mit Mörser und Stössel gewonnene Mehl wurde in einer flachen, sandigen Vertiefung oder in einem Behälter ausgebreitet, um die Gerbsäure, das Tannin, auszuschwemmen. Das Mehl wurde entweder in einem Erdofen zu Brot gebacken, oder häufiger wurde daraus in einem Korb, in dem feuererhitzte Steine das Wasser zum Sieden brachten, ein Brei gekocht, der mit Beeren, Nüssen, Fisch- und Fleischstücken angereichert werden konnte.

Handwerklich waren die kalifornischen Indianer in der Flechtkunst von Körben führend. Frauen gruben mit Stöcken nach Wurzeln, deren Fasern sie zum Korbflechten benötigten, weshalb weisse Siedler die einheimischen Leute verächtlich «Diggers» – Gräber – nannten und irrtümlich meinten, sie suchten so nach Nahrung. Jagdgeräte waren unter anderem kunstvoll verfertigte Pfeile und Bogen, Köcher, Körbe und Netze sowie Wurfspiesse mit beweglichen Spitzen, die nicht abbrechen konnten.

Die autonomen und demokratisch verwalteten Gemeinschaften Kaliforniens waren grösstenteils in lockeren Verbänden von mehreren Dörfern organisiert. Sprachlich waren sie äusserst vielfältig. Man unterschied fünf Hauptsprachen, 21 Sprachfamilien und eine grosse Zahl verschiedener, untereinander nicht verständlicher Dialekte. Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Gemeinschaften stärkten wirtschaftliche, soziale, politische und religiöse Bande. Konflikte, die von Grenzverletzungen, Mord oder Diebstahl herrühren konnten, wurden meistens durch entsprechende Entschädigungen beigelegt, Krieg kannten die kalifornischen Indianer kaum. Menschliche Schwächen wie Wettstreit, Aggression, Neid und Rache lebten sie im Spiel aus, an dem sich Spieler wie Zuschauer leidenschaftlich beteiligten. Religiöse Rituale waren nicht auf Gottheiten orientiert, sondern feierten die Grundkräfte des Lebens und suchten deren stets gefährdetes Gleichgewicht zu bewahren oder wiederherzustellen.

Spanien und Mexiko

Von 1542 bis 1602 erforschten mehrere Expeditionen im Auftrag der Regierung Neuspaniens die Küste Kaliforniens. Danach vergingen 167 Jahre bis zur ersten Siedlungsgründung. Dies zeigt zum einen die ausserordentliche Isolation Kaliforniens, zum anderen die Geringschätzung, mit der die Spanier diese entlegene Region beurteilten: Es gebe dort, glaubten sie, weder Gold noch andere Reichtümer, die Küste hatte sich als abweisend und gefährlich erwiesen, und die Reise über Land schien noch bedrohlicher.

Im Jahre 1769 gründeten spanische Franziskaner San Diego de Alcalä, die erste Mission in Oberkalifornien. Insgesamt wurden in den folgenden fünf Jahrzehnten entlang der Küste 21 Missionsstationen errichtet, vier davon mit einem Presidio, einer Garnison mit einer kleinen Besatzungstruppe. Die Beziehung zwischen den Soldaten und den Padres war nie besonders gut, doch waren sie aufeinander angewiesen. Die Mission bestand nicht nur aus einer Kirche, sondern war auch ein landwirtschaftliches Pueblo, in welchem hunderte oder sogar tausende von Indianern zusammengezogen wurden und sämtliche Arbeiten verrichteten.

Theoretisch waren die Missionen Institutionen auf Zeit. Demgemäss hätte jede Mission zehn Jahre nach ihrer Gründung säkularisiert werden müssen. In Wirklichkeit dauerte es jedoch über sechzig Jahre bis zur Säkularisierung. In der Meinung der Missionare waren die Indianer Kinder, deren Geist nicht fähig sei, sich über dieses Niveau zu entwickeln. Sie machten sie in den Missionen zu hilflosen Abhängigen und behielten sie in diesem Zustand, indem sie jedes Detail streng kontrollierten. Kontakte mit Europäern ausserhalb der Missionen wurden unterbunden, kurz, die Missionare vermieden alles, was die getauften Indianer darauf vorbereitet hätte, die Mission je wieder zu verlassen.

Die Register der Missionen zeigen eine erschreckend hohe Sterberate. Eine grosse Zahl von Indianern starb an Krankheiten, gegen die sie nicht immun waren. Ihr Leben beschränkte sich auf die Räume der Mission, wodurch ihnen ihre traditionelle Gesundheitspflege, die sie in ihren Dörfern befolgt hatten – Schwitzhaus, Bad im Fluss, gelegentliches Abbrennen und Erneuern ihrer Wohnstätte etc. –, verwehrt war. Während der Missionsperiode sank die Zahl der einheimischen Bevölkerung zwischen der Bucht von San Francisco und San Diego von 72 000 auf 18 000, was einer Abnahme von über 75 Prozent entsprach.

Die spanische Besiedlung Oberkaliforniens beschränkte sich auf einen schmalen Küstenstreifen. Nur am Colorado River gab es zwei Missionen, die von den Yuma aber nach kurzer Zeit beseitigt wurden. Die einzigen Expeditionen ins Central Valley galten der Rückschaffung geflohener Missionsindianer oder waren reine Strafexpeditionen oder Versuche, gestohlene Pferde und gestohlenes Vieh zur Mission zurückzutreiben. Die häufigen Streifzüge zu den Viehherden der Küstensiedlungen unternahmen vor allem Indianer, die von dorther stammten, aber ins Landesinnere geflüchtet waren, um der Missionierung zu entgehen.

1812 baute die Russian-American Fur Company nördlich von Bodega Bay ein befestigtes Dorf, das sie Fort Ross nannte. Es belieferte die russische Kolonie Sitka in Alaska mit Nahrungsmitteln und bildete das Hauptquartier für die Seeotterjagd in Nordkalifornien. Es diente auch als Zentrum für den Handel zwischen den Russen und Spaniern, den die Regierung zwar verboten hatte, der aber für beide Seiten nötig war und unter freundschaftlichen Beziehungen stattfand.

Mexiko hatte sich 1821 die Unabhängigkeit von Spanien erkämpft und erhielt 1824 eine liberale Verfassung. Die Regierung in Mexico City bestimmte von nun an einen Gouverneur, der «jefe político superior» und «comandante general militar» in einem war. Es gab auch eine Art Legislative, die gewählte «diputación», die aber nur auf Einberufung durch den Gouverneur tagte und auch dann hauptsächlich in beratender Funktion.

Die Gouverneure waren unter anderem befugt, Land an künftige Rancheros zu vergeben, auch an Ausländer, sofern diese bereit waren, sich nach Ablauf eines Jahres einbürgern zu lassen und zum römisch-katholischen Glauben überzutreten. In der Folge verschob sich die eigentliche Macht in Kalifornien nach und nach von den Gouverneuren und Missionaren auf eine kleine Gruppe von Ranchero-Familien, deren Mitglieder in Kalifornien geboren und die verwandtschaftlich verbunden waren.

Gouverneur José Figueroa verkündete 1834 die allgemeinen Bedingungen für die Säkularisierung der Missionen, die unter anderem festlegten, dass die Hälfte des Missionslandes an die Indianer übergehen müsse. Seine Massnahmen wurden aber nicht wirksam durchgeführt. Einige Indianer versuchten zwar, auf dem ihnen zugeteilten kleinen Stück Land zu bleiben, doch keiner behielt es länger als ein paar Jahre. Viele wussten gar nicht, dass sie Anrecht auf Land hatten, und verliessen die Küstenregion, um Anschluss bei indianischen Gemeinschaften im Innern des Landes zu suchen. Diejenigen, die als Vaqueros geübt waren, fanden Arbeit auf privaten Ranchos, in welche das Missionsland nach und nach unterteilt wurde, andere in Dörfern.

1836 gelang es dem jungen Kalifornier und Präsidenten der Diputación, Juan Bautista Alvarado, die Macht über Monterey zu ergreifen und die meisten mexikanischen Beamten abzuschieben. Die Kalifornier riefen ihr Land zum freien und souveränen Staat aus, und zwar für so lange, bis Mexiko dem Zentralismus abschwören würde. Alvarado wurde provisorischer Gouverneur, sein Onkel Mariano Guadalupe Vallejo Militärkommandant. Nach ein paar Jahren waren beide angesichts der anarchischen Zustände in ihrem Land so desillusioniert, dass sie 1842 dem letzten Gouverneur von Kalifornien, General Manuel Micheltorena, ihr Amt zurückgaben. 1843 kam es zu einem erfolgreichen Aufstand gegen Micheltorena, der daraufhin nach Mexiko zurückkehrte. Es war der letzte Versuch Mexikos gewesen, mehr als nominelle Kontrolle über Kalifornien herzustellen. Letzter Gouverneur wurde der Kalifornier Pío Pico, der sein Amt von März 1845 bis Juli 1846 innehatte.

Unter mexikanischer Herrschaft erhöhte sich die Zahl der Ranchos von 20 auf rund 500. Mexikos liberale Landvergabe-Bestimmungen von 1824 und 1828 erlaubten 11 spanische Quadratmeilen1 für einen Rancho (198 Quadratkilometer). Doch selbst diese grosszügige Limitierung wurde nicht immer eingehalten, da ein Ranchero oft mehrere Landzuweisungen erhielt. Auf den Ranchos arbeiteten zwischen zwanzig und mehrere hundert indianische Arbeiter, entweder ehemalige Missionsindianer oder neu aus den indianischen Dörfern rekrutierte Leute. Sie erhielten als Lohn in der Regel nur Essen, dürftige Kleidung und einen einfachen Platz zum Schlafen. Obwohl theoretisch frei, befanden sie sich in Wirklichkeit in einem Zustand der Leibeigenschaft an den Ranchero gebunden, solange dieser es wünschte.

Amerikanische Unterwanderung

Das amerikanische Interesse an Kalifornien begann im späten 18. Jahrhundert, als Händler der Ostküste entdeckten, dass in China ein grosser Markt für Seeotterfelle bestand. Obwohl Spanien Ausländern die Jagd auf die Tiere verbot, besass es nicht die Mittel, sie zu verhindern. Als die spanische Herrschaft in Kalifornien zu Ende ging, waren die Seeotter und Seehunde entlang der Küste beinahe ausgerottet. Das Hauptinteresse der Neuengländer wandte sich nun dem Export von Rinderhäuten und Talg zu. Zu Beginn der 1820er-Jahre liessen sich die ersten englischen und amerikanischen Händler in Monterey nieder. Trotz hoher Importzölle für Fertigwaren machten sie gute Geschäfte: Eine Rundreise mit Waren aus Neuengland nach Kalifornien und mit Häuten und Talg zurück nach Neuengland brachte bis zu 300 Prozent Gewinn. Neben dem wirtschaftlichen Faktor war der Handel auch deshalb bedeutend, weil er über viele Jahre die einzige Verbindung zwischen den Vereinigten Staaten und Kalifornien bildete.

Zusätzlich zum Seehandel begann in den 1820er-Jahren auch der Handel mit Biberpelzen. Die erste Expedition nach Kalifornien unternahm der junge Biberjäger Jedediah Strong Smith im Jahre 1826 mit 17 Leuten. Sie erreichten im November die Mission San Gabriel, die den Amerikanern über mehrere Wochen Gastfreundschaft gewährte. Als Smith im Jahr darauf nach Kalifornien zurückkehrte, verlor er 16 seiner 18 Begleiter bei Auseinandersetzungen mit Mohave-Indianern am Colorado und mit Umpquas in Oregon. Er selbst wurde drei Jahre später auf dem Santa Fé Trail von Comanche-Kämpfern umgebracht.

Nach und nach stieg die Zahl der Neuengländer in Kalifornen. Zu diesen gehörte auch Thomas O. Larkin, der 1832 ein eigenes Geschäft gründete und erfolgreich mit Mexiko und den Sandwich-Inseln Handel trieb. Von den über Land nach Kalifornien Reisenden siedelten sich die meisten im Landesinnern an. Der Erste war John Marsh aus Massachusetts, der zu Hause wegen Waffenhandels mit Indianern zur Verhaftung ausgeschrieben war und 1836 nach Kalifornien floh. 1839 kam Johann Sutter, wie Marsh ein Siedler, der sein Land auf der Flucht vor dem Gesetz verlassen hatte.

Sutter profitierte bei seiner Ankunft vom Streit zwischen Gouverneur Alvarado und Mariano Vallejo, dessen Machtentfaltung Alvarado mit Misstrauen beobachtete. Als er von Sutters Kolonisierungsplänen erfuhr, sah er deshalb die Möglichkeit, seinem Onkel ein starkes Gegenüber entgegenzusetzen und ihn so besser unter Kontrolle zu halten. Er gewährte Sutter nicht nur die mexikanische Staatsbürgerschaft und 11 spanische Quadratmeilen Land, sondern auch den Status eines regionalen Regierungsbeamten im Sacramento-Tal.

Neben dieser langsamen anglo-amerikanischen Unterwanderung hatten auch die Politiker der Vereinigten Staaten den Besitz der mexikanischen Gebiete nördlich des Rio Grande ins Auge gefasst. Im Jahr 1837 offerierte Präsident Andrew Jackson Mexiko 3,5 Millionen Dollar für Kalifornien. Präsident John Tyler bot Mexiko an, die Vereinigten Staaten würden dessen Schulden im Austausch gegen Kalifornien annullieren. Präsident James Polk machte 1844 die Eroberung Kaliforniens zu einem Hauptziel seiner Regierung, das er durch Kauf, Evozieren einer Unabhängigkeitsbewegung gegen Mexiko oder Krieg zu erreichen entschlossen war.

Manifest Destiny

«Das Jahr der Entscheidung 1846» nannte Bernard de Voto sein Buch über die Emigranten auf dem California Trail. Kaum ein anderes Jahr eigne sich besser, meint er, die persönliche Erfahrung der Menschen als nationale Erfahrung darzustellen. Tatsächlich fiel die endgültige Eroberung des Kontinents durch die Vereinigten Staaten zeitlich mit dem Jahr zusammen, in dem die bis anhin grösste Zahl von Auswanderern aus den USA an die Westküste Nordamerikas zog. Nur einen Tag nach dem Aufbruch der Emigranten bei Independence, Missouri, erklärten die Vereinigten Staaten Mexiko den Krieg mit dem Ziel, die Provinz Oberkalifornien am Pazifik zu erobern. So bewegten sich 1846 auf dem California Trail die Karawanen der Planwagen nach Westen, während parallel dazu im Süden US-amerikanische Truppen marschierten.

Die Vereinigten Staaten waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der Atlantikküste westwärts bis an den Mississippi vorgedrungen. Die einheimischen Völker wurden teils durch erzwungene und für sie wertlose Verträge, teils durch verlustreiche kriegerische Auseinandersetzungen ihres Landes beraubt und die Überlebenden immer weiter nach Westen gedrängt. Anfang 1845 zeigte die Landkarte Nordamerikas bereits drei US-Staaten westlich des Mississippi. Louisiana, Arkansas und Missouri waren als erste aus dem riesigen Gebiet zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains hervorgegangen, das die USA 1803 im sogenannten Louisiana-Handel Napoleon abgekauft hatten. Südwestlich dieser ehemals französischen Kolonie bis zum Pazifik erstreckten sich die drei mexikanischen Provinzen Texas, Neu-Mexiko und Kalifornien.

Obwohl die Prärie und Grosse Ebene zwischen Mississippi und Rocky Mountains lange als unfruchtbar und deshalb ungeeignet für weisse Siedler betrachtet wurde, stand die Politik der Vereinigten Staaten in den 1840er-Jahren ganz im Zeichen der Westexpansion. Mit der 1844 erfolgten Wahl von James K. Polk zum neuen Präsidenten der USA gewannen die Expansionisten in der Regierung die Oberhand und bestimmten die Ereignisse der kommenden Jahre. Polk hatte ehrgeizige Ziele und liess keine Zweifel darüber aufkommen, dass er auch vor Krieg nicht zurückschrecken würde. Das Leitwort für seine Politik lieferte ihm der Herausgeber einer Zeitschrift, John L. O’Sullivan, der im Sommer 1845 seinen berühmten Artikel mit dem Titel «Annexation» veröffentlichte. Es handelte sich dabei um ein angriffiges Plädoyer für die Annexion von Texas durch die USA und die «offenkundige Bestimmung» («Manifest Destiny») des amerikanischen Volkes, sich über den gesamten nordamerikanischen Kontinent auszubreiten. In dieser Formulierung habe der Autor, so De Voto, in «einem der bedeutendsten je geprägten Sätze» die damalige Überzeugung und Stimmung des amerikanischen Volkes treffend zusammengefasst.

Präsident Polk erfüllte seine Versprechungen und die in ihn gesetzten Erwartungen in einer einzigen Amtsperiode wie kaum ein anderer Präsident vor und nach ihm. Ein erstes Ziel war die Aufteilung des «Oregon Country» genannten Gebiets zwischen dem 42. und 54. Breitengrad sowie dem Grat der Rocky Mountains im Osten und dem Pazifik im Westen. Es wurde seit 1818 von England und den USA gemeinsam verwaltet («Joint Occupation»), da die Grenzziehung zwischen den beiden Staaten umstritten war. In den 1820er- und 1830er-Jahren nahm das Interesse an Oregon in den USA zu, denn im fruchtbaren Willamette Valley hatten sich Missionare niedergelassen, die in Briefen und Artikeln über ihre Arbeit mit den einheimischen Indianern, über das milde Klima und den fruchtbaren Boden berichteten. Ihre Schilderungen hatten zur Folge, dass sich ab 1841 jedes Frühjahr Wagenkarawanen von Emigranten, begleitet von grossen Viehherden, über einen zweitausend Meilen langen, schwierigen Trail den Weg nach Oregon bahnten. 1845 lebten fünftausend Amerikaner südlich des Columbia River. Unterstützt von den Anhängern der Manifest-Destiny-Politik in Washington, verlangten sie von Präsident Polk die Annexion Oregons. 1845 einigten sich die USA und Grossbritannien in einem Kompromiss auf den 49. Breitengrad als Grenze, und im Sommer 1846 wurde der Vertrag unterzeichnet.

Ein Hauptgrund für die Kompromissbereitschaft Polks in der Oregon-Frage war seine auf den Südwesten des Landes gerichtete Eroberungspolitik. Die mexikanische Republik hatte nach ihrer Gründung 1824 während einiger Jahre amerikanischen Siedlern grosszügige Landzuweisungen gewährt mit dem Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung der Provinz anzukurbeln und zu fördern. Obwohl diese freizügige Politik 1830 offiziell eingestellt wurde, hatte sie unerwünschte Folgen, denn die Zahl amerikanischer Siedler war bis zum Jahr 1835 auf 35 000 gestiegen. 1836 erklärten diese Texas zur unabhängigen Republik und beantragten die Aufnahme in die Union der Vereinigten Staaten. Das Risiko eines Kriegs mit Mexiko sowie der Widerstand gegen die Ausdehnung der Sklaverei zögerten einen Entscheid der US-Regierung allerdings hinaus, doch ein zweiter Antrag wurde 1845 angenommen. Mexiko hatte die Unabhängigkeit der Republik Texas nie anerkannt und immer gewarnt, eine Annexion durch die USA würde als Kriegserklärung aufgefasst. Deshalb führte der Beschluss der USA zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen, und beide Staaten begannen mit Kriegsvorbereitungen.

Der Verlust der Provinz Texas hatte einen neuen Konflikt zur Folge, indem Texas den Rio Grande als seine West- und Südgrenze bezeichnete, Mexiko hingegen den weiter nördlich fliessenden Nueces River. Zwischen den beiden Flüssen lag dadurch ein umstrittener Streifen Land von hundertzwanzig Meilen Breite. Beide Staaten entsandten im Sommer 1845 Truppen in die Gegend, und in den folgenden Monaten verstärkte Präsident Polk den Druck auf die mexikanische Regierung. Er war jedoch überzeugt, seine Ziele auf dem Verhandlungsweg erreichen zu können.

Nachdem die mexikanische Regierung Verhandlungsbereitschaft signalisiert hatte, schickte Präsident Polk im November 1845 seinen Sonderbevollmächtigten John Slidell nach Mexiko City, um Grenzverhandlungen aufzunehmen. Slidell war ausserdem ermächtigt, der mexikanischen Regierung ein Kaufangebot zu unterbreiten. Wenn Mexiko die Rio-Grande-Grenze anerkennen würde, übernähmen die USA die mexikanischen Schulden gegenüber amerikanischen Gläubigern. Des Weiteren sollte Slidell der Regierung die Summe von fünfundzwanzig Millionen Dollar für die Abtretung von Kalifornien anbieten. Doch als Slidell in Mexiko eintraf, war die Regierung gestürzt worden, und die neuen Machthaber weigerten sich, ihn zu empfangen. Präsident Polk erhielt diese Nachricht am 13. Januar 1846 und liess darauf seine Truppen vom Nueces an den Rio Grande vorrücken. Gleichzeitig bereitete er eine Kriegserklärung vor mit der Begründung, Mexiko weigere sich, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen und Verhandlungen aufzunehmen. Doch die mexikanische Regierung lieferte ihm kurz darauf einen besseren Grund. Am 25. April überschritten mexikanische Truppen den Rio Grande und schlugen einen kleinen Verband amerikanischer Soldaten in die Flucht. Am 13. Mai 1846 erklärte der Kongress den Kriegszustand zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko.

Die Kriegshandlungen dauerten knapp ein Jahr und endeten mit der Wiedereinnahme von Los Angeles durch US-Truppen am 10. Januar 1847. Am 2. Februar 1848 unterzeichneten Vertreter beider Staaten den Vertrag von Guadalupe Hidalgo. Mexiko musste seine Provinzen Kalifornien und Neu-Mexiko an die Vereinigten Staaten abtreten und den Rio Grande als Grenze von Texas anerkennen. Die USA sollten dafür fünfzehn Millionen Dollar bezahlen sowie die Forderungen amerikanischer Gläubiger gegenüber Mexiko erfüllen. Die Vereinigten Staaten erweiterten ihr Gebiet mit dieser Regelung um die heutigen Staaten Kalifornien, Arizona, Nevada, Utah sowie Teile der Staaten Wyoming, Colorado und Neu-Mexiko. Mit Ausnahme von Alaska, Hawaii und einigen später vorgenommenen Grenzberichtigungen hatten die USA damit ihre heutige Ausdehnung erreicht.

Der California Trail

Heinrich Lienhard und seine Freunde waren sich 1845 einig, dass sie die Mississippi-Gegend verlassen wollten, um mehr von der Welt zu sehen, aber ohne sich dabei den Gefahren einer langen Seereise auszusetzen. 1846 war für die jungen Männer der perfekte Zeitpunkt, eine Reise über Land nach Kalifornien anzutreten. Einerseits hatten im vorangehenden Jahr Emigranten erstmals bewiesen, dass dies mit Wagen möglich war, anderseits versprach ein Trail, der erst im Entstehen war, eine abenteuerliche Reise. Über die mexikanische Provinz am Pazifik wussten sie wenigstens so viel, dass der Schweizer Johann Sutter dort ein Fort und viel Land besass. Sie hatten von seinen Berichten gehört, in denen er den fruchtbaren Boden und das angenehme Klima Kaliforniens rühmte und um Siedler warb. Das war zwar nicht viel, aber doch mehr, als die erste Emigrantengesellschaft wusste, die 1841 versuchte, Kalifornien mit ihren Wagen auf direktem Weg nach Westen zu erreichen.2

Diese Auswanderergruppe von 1841 umfasste rund fünfzig Personen und ging, nach ihrem Captain John Bartleson benannt, als «Bartleson Party» in die Geschichte des Trails ein. Die Leute wussten damals über ihr Reiseziel lediglich, dass es im Westen lag und dass sie bis zu den Rocky Mountains zwei Trails folgen konnten: dem Handelstrail nach Santa Fé in Neu-Mexiko oder dem Pelzhändlertrail über Fort Laramie und von dort weiter nach Westen durch das Oregon Territory. Sie hatten aber Glück, denn kurz vor ihrer Abreise trafen sie eine kleine Gruppe von Missionaren, die nach Fort Hall (im heutigen Staat Idaho, damals Teil des Oregon Territory) reisen wollte und der sie sich anschliessen durften. Unter der Führung des bekannten Mountain Man Thomas Fitzpatrick folgten sie den Flüssen Platte, Nord-Platte und Sweetwater, überquerten die Rocky Mountains via South Pass und erreichten am westlichen Fuss des Gebirges den Green River. Hier trafen sie mehrere Trapper, die ihnen erklärten, dass es unmöglich sei, Wagen nach Kalifornien zu bringen, worauf einige der Emigranten umkehrten. In den kommenden Jahren folgten bis auf die Westseite der Rocky Mountains alle Emigranten dieser Route.

Die Bartleson-Gesellschaft und Missionare bahnten sich in den folgenden Tagen mühsam einen Weg durch schwieriges Gelände bis zum Bear River, dem sie mehrere Tage gemeinsam folgten. Bei Soda Springs zweigte Fitzpatrick mit den Missionaren nach Westen ab, während die Emigranten sich südwärts wandten und das Bear Valley hinunterzogen. Ihre Gruppe hatte sich inzwischen auf dreiunddreissig Leute reduziert, denn einige waren den Missionaren nach Fort Hall gefolgt. Die Fortsetzung der Reise erwies sich als äusserst schwierig und kompliziert, da niemand das Gelände kannte und Reiter es erkunden mussten, während die Gruppe wartete. Sie kamen zum Nordufer des Grossen Salzsees und zogen dann zwischen dem westlichen Rand der Grossen Salzwüste (Great Salt Lake Desert) und Pilot Range nach Süden. Am Südende der Gebirgskette passierten sie den später von Frémont benannten Pilot Peak und setzten ihren Weg nach Südwesten fort. Ihre Tiere waren inzwischen so erschöpft, dass sie die Wagen nach und nach zurücklassen mussten, die letzten sechs im Gosiute Valley. Dort fanden die Emigranten von 1846 letzte Überreste davon. Sie überquerten an unbekannter Stelle die Ruby Mountains und erreichten schliesslich den Mary’s River [Humboldt River], dem sie bis zu seiner Senke folgten. Obwohl sie in der Folge zu weit nach Süden gerieten, schafften sie es noch, die Sierra Nevada vor Wintereinbruch zu überqueren.

Die Bartleson-Gesellschaft hatte damit als erste amerikanische Emigrantengruppe auf direktem Weg nach Westen Kalifornien über Land erreicht, allerdings ohne eine günstige Route gefunden zu haben und unter Zurücklassung der Wagen. Unter ihren Mitgliedern befanden sich Leute, deren Namen noch heute bekannt sind. Einer von ihnen war der Deutsche Charles M. Weber, der nach der Goldentdeckung ein Vermögen erwirtschaftete und die Stadt Stockton gründete, ein anderer war der US-Amerikaner John Bidwell (weshalb die Gesellschaft in der Literatur auch «Bidwell-Bartleson-Party» genannt wird), der nach seiner Ankunft mehrere Jahre für Sutter arbeitete. Nach der Goldentdeckung kaufte er im oberen Sacramento-Tal den grossen Rancho Chico und gründete später die gleichnamige Stadt.

1842 waren keine Wagen nach Kalifornien unterwegs, aber rund ein Dutzend Männer der Bartleson-Gesellschaft kehrten in die Vereinigten Staaten zurück. Unter ihnen befand sich Joseph B. Chiles, der einem Freund in Kalifornien versprochen hatte, dessen Familie nachzuholen.

Ende Mai 1843 machte sich Chiles mit einigen Familien und jungen Männern wieder auf den Weg nach Kalifornien. Westlich von Fort Laramie traf er den bekannten Mountain Man Joseph R. Walker, der 1833/34 eine Expedition nach Kalifornien geleitet hatte. In der Hoffnung, gemeinsam einen besseren Weg als 1841 zu finden, engagierte ihn Chiles als Führer für seine Gruppe. Bis zum Green River folgten sie dem Trail von 1841, zogen dann aber, nachdem sie den Fluss durchquert hatten, etwa drei Tagesetappen weiter nach Südwesten. Hier hatte inzwischen James Bridger, ein anderer bekannter Mountain Man, zusammen mit einem Partner einen Handelsposten errichtet. Fort Bridger (im heutigen Staat Wyoming) lag auf halbem Weg zwischen Fort Laramie und Fort Hall und entwickelte sich in den kommenden Jahren zu einer von den Emigrantengruppen geschätzten Zwischenstation. Anders als zwei Jahre vorher ging Chiles diesmal bis nach Fort Hall. Hier teilte sich die Gruppe auf, da nicht genügend Lebensmittel für alle vorhanden waren. Chiles ritt mit dreizehn Männern weit nach Nordosten bis Fort Boise (an der Grenze zwischen den heutigen Staaten Idaho und Oregon), zweigte dort nach Südwesten ab, umging die Sierra Nevada an ihrem Nordende und traf Mitte November in Sutters Fort ein. Der Winter war jedoch bereits zu weit fortgeschritten, um der Wagengruppe, die sich bei Fort Hall nach Südwesten gewandt hatte, entgegenzureiten, wie es mit Walker vereinbart worden war.

Walker folgte wahrscheinlich einem alten Trapper-Trail bis zum Mary’s River, anschliessend dem Fluss bis zur Senke und von dort weiter nach Süden, vermutlich in umgekehrter Richtung der Route folgend, die er 1834 bei seiner Rückkehr in den Osten gewählt hatte. Ende November waren die Zugtiere so erschöpft, dass die Wagen östlich der Sierra Nevada zurückgelassen werden mussten. Im Dezember überquerten er mit den Emigranten die Berge, und nach einem weiteren Monat erreichten sie die ersten Siedlungen in Kalifornien. Walkers Gruppe hatte weitere fünfhundert Meilen des künftigen California Trails zurückgelegt. Es fehlten nun noch die letzten 250 Meilen, das heisst eine Route von der Senke des Mary’s River direkt nach Westen (statt Süden).

Die späte Ankunft der Chiles-Gesellschaft 1843 hatte zur Folge, dass 1844 die Emigranten in den USA ihre Reise nach Kalifornien ohne neue Informationen in Angriff nehmen mussten. Die Stevens-Gesellschaft, benannt nach Elisha Stevens, setzte sich aus mehreren Familien, einer Anzahl junger Männer und etwa fünfzehn Kindern zusammen, die mit elf Wagen reisten. Als Führer hatten sie Caleb Greenwood engagiert, einen alten Mountain Man mit über dreissig Jahren Erfahrung im Westen. Stevens selbst und ein Mitreisender namens Isaac Hitchcock waren ebenfalls ehemalige Trapper; ihre Erfahrungen beschränkten sich allerdings, wie sich später herausstellte, auf das Gebiet der Rocky Mountains, deren Überquerung für Wagen keine besonderen Schwierigkeiten bot.

Gemeinsam mit den Oregon-Emigranten brachen sie bei Council Bluffs im Iowa Territory auf. Diese Route entlang dem Nordufer des Platte River wurde später als «Mormon Trail» bekannt, da sie 1847 auch von den Mormonen gewählt wurde. Nach der Überquerung der Rocky Mountains wagten sich die Leute vor Erreichen des Green River auf eine Abkürzung, von der Hitchcock gehört hatte. Sie verlief vom Little Sandy am westlichen Abhang der Rocky Mountains in gerader Richtung nach Westen zum Bear River und vermied den weiten Bogen nach Südwesten und zurück nach Nordwesten. Gemäss Hitchcock war die Abkürzung 25 Meilen lang, weshalb die Leute keine Wasservorräte mitnahmen. Dies brachte sie in grosse Schwierigkeiten, denn die Strecke war in Wirklichkeit 43 Meilen lang und führte durch wüstenähnliches Land ohne Wasser und Gras. Immerhin erreichten sie, wie geplant, den Bear River und somit den Anschluss an den Oregon Trail. In Zukunft wählten die meisten Emigranten diesen sogenannten Greenwood Cutoff, später auch Sublette’s Cutoff genannt, denn er verkürzte den Trail um etwa 85 Meilen, was fünf bis sechs Tagesetappen entsprach. Lienhards Text wird zeigen, dass 1846 die Entscheidung für oder gegen diese Abkürzung für die Emigranten mit Ziel Kalifornien von grosser Bedeutung war.

Stevens zog weiter bis Fort Hall, drehte dort nach Südwesten ab und folgte dann dem Mary’s River auf Walkers Spuren. Bei der Flusssenke wurde beraten. Hier waren sowohl Bartleson als auch Walker südwärts gegangen, doch gab es da eben auch die Möglicheit, einen direkten Weg nach Westen zu suchen. Schliesslich fanden sie einen Indianer namens Truckee, der ihnen im Sand aufzeichnete, dass fünfzig bis sechzig Meilen weiter westlich ein Fluss mit Bäumen und gutem Gras zu finden sei. Drei ihrer Männer ritten darauf mit Truckee als Geisel bis zur bezeichneten Stelle und fanden seine Angaben bestätigt. Der vierzig Meilen lange Wüstenabschnitt zwischen Flusssenke und Truckee Meadows (bei der heutigen Stadt Reno, Nevada) war künftig eine von allen Emigranten gefürchtete Etappe des Trails. Steven folgte nun den vielen Windungen des Flusses, den sie im Andenken an ihren Führer «Truckee» nannten, bis an den östlichen Fuss der Sierra Nevada. Am 14. November kamen sie zu einer Stelle, wo der Fluss sich verzweigte; sie lag bei der Mündung des heutigen Donner Creek, ungefähr eine Meile westlich der heutigen Stadt Truckee. Wieder ging es um die Frage: nach Westen oder nach Süden? Sie beschlossen, dass eine Reitergruppe von sechs Leuten dem Flusslauf nach Süden folgen sollte, um zu versuchen, unbehindert von Wagen möglichst rasch Sutters Fort zu ereichen. Von dort aus würden sie der Hauptgruppe, die einen direkten westlichen Weg über die Berge suchen wollte, zu Hilfe kommen.

Die Hauptgruppe mit den Wagen kam nach wenigen Meilen zum heutigen Donner Lake, wo sie vor der unüberwindbaren Wand der schneebedeckten Sierra Nevada standen. Als es ihnen nicht gelang, einen Durchgang zu finden, beschlossen sie, sechs ihrer Wagen am See zurückzulassen, wobei drei Männer sich bereit erklärten, diese den Winter über zu bewachen. Unter grössten Anstrengungen und mit Hilfe von langen Ketten – Lienhard wird dasselbe Vorgehen im Detail beschreiben – gelang es den Leuten, die restlichen fünf Wagen über die verschneiten Felsen zu hieven. Stewart bezeichnet diesen Moment als die eigentliche Erschliessung des California Trails.

Der Abstieg über die zerklüfteten Felsen der Westseite der Berge war ein weiteres schwieriges und gefährliches Unterfangen. In der Stevens Party wurde hier das zweite Kind auf dieser Reise geboren, auch fiel zu dieser Zeit rund ein Meter Schnee. Wieder trafen die Leute eine Entscheidung: Ein Teil der Gruppe würde mit den Wagen hier campieren und den Frühling abwarten, während siebzehn Männer den Abstieg wagen wollten. Diese erreichten Sutters Fort eine Woche später und fanden dort auch die Reitergruppe, die wenige Tage vorher im Fort eingetroffen war.

Der tiefe Schnee verunmöglichte vorerst eine Rückkehr in die Berge. Erst am 20. Februar machte sich Dennis Martin, dessen Vater bei den Frauen zurückgeblieben war, mit Schneeschuhen auf den Weg ins Camp. Er fand dort schlechte Bedingungen vor, aber alle hatten überlebt, auch die beiden Babys. Martin vergass auch nicht, den am Donner Lake zurückgebliebenen jungen Moses Schallenberger abzuholen. Dieser war im Dezember allein bei den Wagen zurückgeblieben. Die drei Männer hatten nämlich bald realisiert, dass ihre Lebensmittel nicht für den ganzen Winter ausreichen würden und alles Wild in tiefere Regionen abgewandert war. Sie verfertigten deshalb Schneeschuhe, um weiterzugehen, doch Schallenberger war krank und die Anstrengung für ihn zu gross. Er kehrte allein an den See zurück und verbrachte den ganzen Winter in einer kleinen Hütte bei den Wagen, wo Martin ihn Ende Februar fand. Am 1. März 1845 erreichten die letzten Mitglieder der Stevens Party ihr Ziel.

1845 ritt Caleb Greenwood mit seinen zwei Söhnen von Kalifornien nach Fort Hall in der Absicht, Emigranten nach Kalifornien zu führen. Ganz in seinem Sinn war deshalb auch der Auftrag, den Sutter ihm mitgegeben hatte, nämlich Emigranten mit Ziel Oregon für Kalifornien umzustimmen. Augenzeugen berichteten später, dass Greenwood den Ankommenden eindringlich die Gefahren schwieriger Flussüberquerungen und feindlicher Indianer auf dem Weg nach Oregon geschildert und ebenso überzeugend die Vorteile Kaliforniens wie grosszügige Landvergabe durch Sutter, gutes Klima, Reichtum an Wild und fischreiche Flüsse hervorgehoben habe. Sein grösster Trumpf war wohl die Tatsache, dass 1844 Wagen die Sierra überquert hatten, denn er erreichte, dass etwa 50 Wagen nach Südwesten abbogen. Dies bedeutete, dass 1845 erstmals eine Gruppe von rund 250 Emigranten in Kalifornien eintraf – fünfmal mehr als im Jahr zuvor. Auf der Westseite der Sierra Nevada kam den Leuten von Sutters Fort eine Hilfskolonne mit Lebensmitteln entgegen, wie Greenwood es ihnen versprochen hatte.

Die Entwicklung des Trails war 1845 zwar noch nicht abgeschlossen, doch in den Vereinigten Staaten nahm der Informationsfluss hinsichtlich Kalifornien beträchtlich zu. Lansford W. Hastings’ Führer über Oregon und Kalifornien war erschienen, und der Autor reiste umher in der Absicht, Siedler für Kalifornien zu gewinnen, das seiner Meinung nach ebenso wie Texas von den Vereinigten Staaten annektiert werden sollte. John C. Frémonts grosser Bericht mit Karten über seine zweite Expedition (1844–1845) nach Oregon und Kalifornien wurde veröffentlicht, der ganz der Idee des Manifest Destiny verpflichtet war und auf grosses Interesse stiess. Auch die in der Presse erscheinenden Briefe erfolgreicher Siedler sowie die regelmässigen Berichte des amerikanischen Konsuls in Monterey, Thomas O. Larkin, verfehlten ihre Wirkung nicht.

John D. Unruh nennt für das Jahrzehnt von 1840 bis 1850 folgende Zahlen zur Emigration:3


Jahr Kalifornien Oregon
1840 — 13
1841 34 24
1842 — 125
1843 38 875
1844 53 1475
1845 260 2500
1846 1500 1200
1847 450 4000
1848 400 1300
1849 25 000 450
1850 44 000 6000

Bis 1845 zog Oregon weitaus mehr Siedler an als Kalifornien. Dies änderte sich 1846 zur Zeit des Kriegs gegen Mexiko und der Politik des Manifest Destiny. Der Rückgang in den folgenden beiden Jahren dürfte zumindest teilweise auf das tragische Schicksal der Donner-Gesellschaft zurückzuführen sein, die im Winter 1846/47 in der Sierra Nevada eingeschneit wurde. Ab 1849 reflektieren die Zahlen den Goldrausch in Kalifornien. In dieser Zeit veränderte nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Reisenden die Situation auf dem Trail in dramatischer Weise, besonders für die einheimischen Indianer. Die Massen von Glücksrittern, die ab 1849 den California Trail überfluteten, bestanden zu einem grossen Teil aus schwer bewaffneten, schiessfreudigen Abenteurern. Anders als die Siedlerfamilien der frühen Jahre, die Konflikte mit einheimischen Indianern nach Möglichkeit zu vermeiden suchten, bahnten sich diese Männer ihren Weg hastig und rücksichtslos über den Kontinent nach Westen.

Etwas von der tiefsitzenden Angst der Emigranten vor den Indianern ist auch in Lienhards Text immer wieder spürbar. Besonders die Indianer im Grossen Becken, die keine Pferde besassen, kaum bekleidet waren und oft um Essen baten oder nur versteckt am Wegrand die vorbeiziehenden Wagenkolonnen beobachteten, wurden von vielen Weissen verachtet und bei Begegnungen entsprechend unfreundlich oder sogar aggressiv behandelt. So kam es schon vor dem Goldrausch zu tödlichen Zwischenfällen auf beiden Seiten. Unruh, der sich in seiner Untersuchung auf zahlreiche Trail-Tagebücher stützt, kommt jedoch zum Schluss, dass selbst in späteren, kritischen Jahren die meisten Begegnungen friedlich verliefen, solange die Emigranten den Einheimischen mit Zurückhaltung und Respekt begegneten. Tatsache ist, dass alle Reisenden im Westen, ob Jäger, Trapper, Forscher, Missionare oder Pelzhändler und in den ersten Jahren auch noch Emigranten, einheimischen Indianern ungezählte Hinweise betreffend Route sowie Gras- und Wasserstellen verdankten und über viele Jahre grosszügige Hilfe erhielten, wenn immer sie benötigt wurde.

Viele Leute auf dem Trail waren sich Mitte der 1840er-Jahre der politischen Dimension ihrer Reise bewusst und vertrauten darauf, dass Kalifornien bald Teil der USA würde. Edwin Bryant, Autor eines Buchs über den California Trail, verliess wie Lienhard den Indian Creek in Missouri am 12. Mai 1846 und erfuhr bereits drei Tage später vom Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen den USA und Mexiko. Er notierte dazu, dass diese Nachricht seines Wissens keinen der Mitreisenden zur Umkehr bewogen habe. Dies vermochten damals auch Leute wie James Clyman nicht, die den Emigranten auf dem Trail entgegenkamen und Schauergeschichten über Kalifornien verbreiteten, wie aus Lienhards Aufzeichnungen und aus Tagebüchern anderer Emigranten hervorgeht. 1846 war das Jahr, in dem auf dem California Trail ein gewisser Gegenverkehr einsetzte. Die Rückkehrer, meistens kleine Reitergruppen mit Packtieren, waren entweder enttäuschte Auswanderer auf dem Weg nach Hause oder Männer, die zurückkritten, um sich den Emigranten als Führer anzubieten. Manche kehrten auch in die Staaten zurück, um ihre Familie zu besuchen oder sie nach Kalifornien zu holen.

Stewart schreibt, dass 1846 eine Art Ferienstimmung auf dem Trail geherrscht habe. Die Leute seien voller Hoffnungen und Erwartungen gewesen. Viele waren wohlhabende Farmer mit grosser Familie, nicht selten mit Bediensteten wie Fuhrmann und Dienstmagd unterwegs. Bekannte Namen von Politikern, Künstlern und Autoren verraten, dass der Ruf Kaliforniens als ein wildes, unwirtliches Land sich zu verändern begann. Die böse Unterstellung, wer die Tafel bei der Trail-Verzweigung nach Oregon beziehungsweise Kalifornien lesen könne, biege nach Oregon ab, galt zumindest für das Jahr 1846 nicht. Gemäss Stewart lag «Literatur in der Luft», und tatsächlich war Lienhard 1846 nur einer von vielen Tagebuchschreibern auf dem California Trail.

Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang der Kartograf T. H. Jefferson. Er veröffentlichte 1849 in New York seine vierteilige Karte, zusammen mit einem 11-seitigen Begleittext mit nützlichen Erläuterungen. Über Jefferson ist wenig bekannt, und seinem Rat nach zu schliessen war er auch nicht besonders kontaktfreudig: «Vermeide wenn möglich jede Partnerschaft», schreibt er in seinem Begleittext. «Besorge dir deine eigene Ausrüstung und erwarte, selbst für dich sorgen zu müssen. Das einzige Ziel, das durch einen Zusammenschluss erreicht wird, ist gegenseitiger Schutz vor den Indianern.»

Mehrere Trailabschnitte sind auf Jeffersons Karte zum ersten Mal festgehalten. Er war weniger ein theoretischer als praktischer Kartograf. So sind gewisse Längen- und Breitengrade ungenau, doch in allem anderen war er ein gewissenhafter und minutiöser Zeichner. Neben den üblichen Angaben wie Daten, Tagesetappen, Distanzen und Lagerstellen notierte er Details wie die genaue Anzahl Windungen eines Flusses, Furtstellen, verschiedene Arten von Quellen, Hinweise auf die Bodenbeschaffenheit, Weidestellen, erste und letzte Begegnung mit Bisons, besondere Felsformationen und Gräber am Wegrand. Zusammen mit dem Begleittext führt seine Karte alles auf, was künftigen Emigranten die Reise erleichtern konnte. Einzig in der Region der Grossen Salzwüste weist sie Ungenauigkeiten auf, was verständlich ist, weil die Anstrengungen der Reise keine täglichen Notizen mehr gestatteten und er sich deshalb auf ältere Karten verlassen musste. Da Lienhard und Jefferson über die ganzen zweitausend Meilen nahe beieinander reisten, gelegentlich sogar am gleichen Tag dieselbe Etappe zurücklegten, eignet sich Jeffersons Karte vorzüglich als Beilage zu seinem Text.

Zu dieser Edition

Heinrich Lienhard wünschte in seinen einleitenden Bemerkungen, dass sein Text im Falle einer Veröffentlichung korrigiert würde, da ihm die «zu einem solchen Unternehmen» nötige Schulbildung nicht zuteil geworden sei. Dieser Wunsch konnte ihm leider nicht erfüllt werden, denn die originale Orthografie vermittelt so viel von seiner Persönlichkeit und ist so sehr Teil seines lebhaften Erzählens, dass man sie auf keinen Fall missen möchte. Hinzu kommt, dass es keinen Grund gibt, sein Deutsch zu verbessern. Es war noch immer fliessend und orthografisch so korrekt, dass der Text problemlos lesbar und verständlich ist. Abweichungen vom heutigen Standarddeutsch tragen höchstens zum Charme des sprachlichen Ausdrucks bei und bedürfen nur in seltenen Fällen «eines kurigirens». Die möglichst authentische Wiedergabe des Textes war deshalb ein Hauptanliegen während der Transkriptionsarbeit.

Für eine Publikation gibt es gewisse Kriterien, die der Leserfreundlichkeit dienen und die es deshalb zu beachten gilt, umso mehr, als dies auch dem Anliegen des Autors entgegenkommt. Das Transkribieren ist dabei immer ein Abwägen zwischen den beiden Anliegen «Originaltext» oder «Leserfreundlichkeit». Eine «richtige» Lösung gibt es in Zweifelsfällen oft nicht, das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass man an einem Tag so entscheidet und am anderen Tag in einem ganz ähnlichen Fall wieder anders entscheiden möchte. Lienhards Erinnerungen weisen unzählige Stellen auf, die dieses Abwägen erforderten. Sie können nicht alle aufgelistet werden, doch einige der wichtigsten Leitlinien, die sich daraus im Verlauf der Textbearbeitung ergeben haben, seien nachstehend erwähnt. Sie gelten auch für alle Lienhard-Zitate ausserhalb des Haupttextes.

– Lienhard unterteilt seinen Text weder in Kapitel noch in Abschnitte. Die hier vorgenommene Gliederung in Kapitel, Unterkapitel und Abschnitte stammen von der Herausgeberin.

– Lienhards Interpunktion wird, wo möglich, übernommen, sonst aber – im Hinblick auf Leserfreundlichkeit – ergänzt und berichtigt. Dies gilt vor allem für eine sinnvolle Gliederung durch Kommas, aber auch, wo nötig, für alle anderen Satzzeichen.

– Unterschiedliche Schreibweise gleicher Wörter ist häufig anzutreffen und wird belassen, Ausnahmen werden angemerkt.

– Wörter in in eckigen Klammern sind Ergänzungen der Herausgeberin.

– Abkürzungen werden, sofern sie verständlich sind, übernommen. Das «u» mit Schleife anstelle von «und» wird hingegen durchweg aufgelöst.

– Die Verwendung lateinischer Schrift bei Namen und fremdsprachigem Text wird nicht gekennzeichnet.

– Lienhard verwendet nur das unter die Zeile gezogene «J» für den Buchstaben «I». Die Transkription unterscheidet zwischen «I» und «J».

– Lienhard verwendet für Doppel-s durchweg das Eszett (ß). Im Druck wird Doppel-s geschrieben.

– Hochgestellte Buchstaben wie «c» bei «Mc» oder «r» bei «Mr.» werden auf der Zeile geschrieben. Dies gilt auch für Zahlen und Daten mit hochgestellten Buchstaben.

– Lienhard umschifft die Klippen der Gross- oder Kleinschreibung bei dafür geeigneten Buchstaben oft mit einer Zwischengrösse, zum Beispiel bei «alle». In solchen Fällen wird das betreffende Wort dem gleichen Wort in unmittelbarer Umgebung angepasst; fehlt ein solches oder ist es ebenfalls unklar, wird die heutige Schreibweise gewählt.

– Personen- und Ortsnamen schreibt Lienhard oft nach Gehör. Im gedruckten Text wird die richtige Form beim ersten Vorkommen angemerkt, Lienhards Schreibweise jedoch durchweg beibehalten. Ausnahmen werden angemerkt.

– Deutsch-englische Interferenzen sind zahlreich. Zum Beispiel schreibt Lienhard gelegentlich «weil» anstatt «während», beeinflusst vom englischen «while» (während). Wo die Vermischung eindeutig ist, wird «while» durch «während» in eckigen Klammern ersetzt.

– Eindeutige Flüchtigkeitsfehler werden stillschweigend korrigiert, so beispielsweise «Grobschied» zu «Grobschmied», «Glodgräber» zu «Goldgräber», «gegeglaubt» zu «geglaubt». Dazu gehören auch Versehen wie doppelte Schreibung eines Wortes, irrtümliche Streichung, Versehen infolge Zeilenwechsels und Ähnliches.

– Bei Korrekturen Lienhards durch Überschreibung wird die orthografisch korrekte Variante übernommen. Meistens ist es die ursprüngliche Form.

– Versehentlich unvollständige Korrekturen Lienhards werden stillschweigend angepasst. So wird zum Beispiel im Satz «Ich rieth ihm von dieser Idee Glauben ab» «dieser» zu «diesem» abgeändert. Wenn eine solche Berichtigung nicht nur einzelne Buchstaben, sondern ein ganzes Wort erfordert, steht dieses in eckigen Klammern.

– Syntaktische Versehen des Autors, die den Lesefluss unterbrechen (zum Beispiel ein falsch platziertes Verb), werden berichtigt und mit «Satz (leicht) korrigiert» angemerkt. Diese kleinen Änderungen dienen der Leserfreundlichkeit, und es werden dabei nur Wörter aus Lienhards Originalsatz verwendet. Eine erforderliche Hinzufügung wird immer in eckige Klammern gesetzt.

Frühere Editionen

Zwischen 1898 und 2000 sind fünf Teileditionen basierend auf Lienhards Manuskript erschienen, die erste in der Schweiz, die anderen vier in den Vereinigten Staaten. Es sind dies folgende Werke:

1. Californien unmittelbar vor und nach der Entdeckung des Goldes. Bilder aus dem Leben von Heinrich Lienhard von Bilten, Kanton Glarus, in Nauvoo, Nordamerika. Ein Beitrag zur Jubiläumsfeier der Goldentdeckung und zur Kulturgeschichte Californiens, herausgegeben von Caspar Leemann, 1898.

2. A Pioneer at Sutter’s Fort, 1846–1850. The Adventures of Heinrich Lienhard, übersetzt und herausgegeben von Marguerite Eyer Wilbur, 1941.

3. The Journal of Heinrich Lienhard, July 26–September 8, 1846, in: West from Fort Bridger. The Pioneering of Immigrant Trails Across Utah, 1846–1850, herausgegeben von J. Roderic Korns und Dale L. Morgan, 1951. Revised and Updated by Will Bagley & Harold Schindler, 1994, 113–184.

4. From St. Louis to Sutter’s Fort, 1846, übersetzt und herausgegeben von Erwin G. und Elisabeth K. Gudde, 1961.

5. New Worlds to Seek. Pioneer Heinrich Lienhard in Switzerland and America, herausgegeben von John C. Abbott, 2000.

Californien unmittelbar vor und nach der Entdeckung des Goldes

Caspar Leemann (1824–1899), Lehrer von Beruf, war ein Nachbar und Freund Lienhards, als dieser von 1851 bis 1854 in Kilchberg wohnte. «Californien …» erschien 1898 und erfuhr 1900 einen Neudruck. Das Buch beginnt mit dem California Trail und endet mit Lienhards Abreise aus Kalifornien 1850, ohne die Reise in die Schweiz 1849/50 (ab New York). Leemann war in seinem Bemühen, einen möglichst grossen Teil des Manuskripts zu veröffentlichen, gezwungen, massive Kürzungen vorzunehmen. Er reduzierte Lienhards Text auf rund einen Drittel seines Umfangs, wobei er oft mehrere Manuskriptseiten in wenigen Sätzen zusammenfasste. Aber auch den ausgewählten Text veränderte er in Vokabular, Stil und Inhalt fortlaufend nach seinem eigenen Geschmack, so dass sein Buch über weite Strecken eine Art verkürzte Nacherzählung von Lienhards Manuskript ist.

Leemann schreibt in seinem Vorwort zur Textauswahl, er habe dem Manuskript all das entnommen, «was allgemeines und besonders kulturelles Interesse hat». Auslassungen einzelner Episoden überbrückt er in der Regel im Haupttext mit Bemerkungen folgender Art: «Meine übrigen Erlebnisse in meiner Hütte und dem Garten waren nicht derart, dass die Mitteilung derselben mit allen Details grosses Interesse hätte», oder: «In den folgenden Tagen ereignete sich auf unserer Weiterreise nichts, was allgemeines Interresse für die Leser hätte.» Einen Teil von Lienhards Schilderungen über Sutter lässt er mit folgender Begründung weg: «Leider kamen auch noch andere Unrühmlichkeiten aller Art zum Vorschein, über die ich aus Pietät für sein Andenken und aus Rücksicht auf das sittliche Gefühl des Lesers stillschweigend hinweggehen will.» Er zögert auch nicht, Lienhards Absicht in ihr Gegenteil zu verkehren, beispielsweise dort, wo dieser ausdrücklich darauf hinweist, dass er an dieser Stelle den Ereignissen vorgreift, um die Geschichte seines Freundes und dessen zukünftiger Frau zu Ende zu führen, Leemann aber den Rest der Geschichte übergeht mit der Bemerkung: «Ich verlasse hier die beiden hoffnungsvoll sich Liebenden für einige Zeit, um nicht in der Zeitrechnung beim freundlichen Leser eine Verwirrung in der Reihenfolge der Ereignisse herbeizuführen.»

Leemann streute immer wieder auch eigene Passagen mit Gedanken zum berichteten Geschehen ein, oft belehrende, prahlerische oder religiös gefärbte Zusätze, die weder Lienhards Art noch Überzeugung entsprachen. Alle Ergänzungen sind in der Ichform verfasst, wobei Leemanns oft betont moralisierende Ausdrucksweise Lienhard später viel Kritik einbrachte. Lienhard erzählt wohl viel über die Missstände zur Zeit des beginnenden Goldrausches und äussert auch seine Empörung darüber, allerdings nie in den teils kruden, teils scharf verurteilenden Worten Leemanns. Über die Männer in den Minen schreibt Lienhard: «Die Gesichter eines grossen Theiles der Goldgräber hatten damals so gierige Ausdrücke, und viele ihrer Physiognomien schienen so verdächtig und zweideutig, dass man wohl daran that, immer gut auf seiner Hut zu sein.» Bei Leemann lautet die Stelle: «Einen eigenthümlichen Eindruck machten die Physiognomien der meisten Goldgräber auf mich. In der That hätten ja mit Recht viele dieser Menschen an den Galgen gehört.» Wo Lienhard bei seiner Abreise aus Kalifornien – die ihm nicht leichtfiel – bedauernd feststellt: «Wären nur die Gesetze des Landes und dessen Zustände geregelter, ja, ich könnte mir sagen, dann bliebe ich hier», schreibt Leemann: «[…] wenn nicht durch die Entdeckung des Goldes der Abgott Mammon aus dem paradiesischen Californien für Jahrzehnte eine teuflische Lasterhöhle gemacht hätte.» Es ist zugleich der Schlusssatz seines Buches.

Unerklärlich sind die zahlreichen Transkriptionsfehler von deutlich lesbaren Wörtern, da Leemann als ehemaliger Lehrer Ende 19. Jahrhundert zweifellos sowohl die lateinische als auch die deutsche Schrift beherrschte. Er transkribiert «Coyote» als «Cagota», «Florida Indianer» als «Florian Indianer», «Missions Reben» als «Missoury-Reben» etc., und aus «schreckte der Esel gewaltig» wird «schnarchte der Esel gewaltig». Nicht um Lesefehler kann es sich handeln, wenn beispielsweise aus «French Brandy» «French oder Brandy» wird oder aus einer einstelligen eine zweistellige Zahl. So steht im Buch kurz nacheinander zweimal «60» statt «6», womit gesagt wird, Lienhard beziffere seine Unterhaltskosten im Fort auf 60 (statt 6) Dollar pro Tag.

Neben den sprachlichen Veränderungen ging durch das viele Kürzen und Weglassen von Text auch oft der inhaltliche Zusammenhang verloren, und es kam zu sinnstörenden Verwechslungen. Ein bekanntes Beispiel, das gelegentlich noch heute zitiert wird, ist die Stelle im Buch, wo (gemäss Leemann) Heinrich Lienhard von sich behauptet, er habe August Sutter für dessen neu gegründete Stadt den Namen «Sacramento City» (die heutige Hauptstadt Kaliforniens) empfohlen. Der Vergleich mit dem Manuskript zeigt, dass die Stelle dort gekürzt und abgeändert ist, wobei Ortsnamen verwechselt wurden. Leemann lässt der irrtümlichen Stelle auch noch eine dieser Bemerkungen folgen, wie sie bei Lienhard nirgends zu finden sind: «Dafür kann ich mir allerdings […] sagen, dass Sakramento City ihren Namen meiner Wenigkeit verdankt.»

Heinrich Lienhard war sechsundsiebzig Jahre alt, als Leemanns Buch erschien. Es war zweifellos eine schwierige Zeit für ihn, seinen mit grosser Sorgfalt verfassten Text in dieser Weise entstellt vor sich zu sehen und durchzulesen. In seinem persönlichen Exemplar4 finden sich in zittriger Altersschrift viele kleine Korrekturen in der Form von Streichungen und Randbemerkungen wie «Irrthümlich», «Mistake», «Nicht wahr», «nicht richtig erzählt» etc. Er korrigierte auch Namen von Freunden und notierte kurze Erklärungen von der Art «Eine Slough ist kein Jungle» oder «In California gab es keine Buffalos mehr». Auf Seite 11 schrieb er: «Mein Freund Leemann hat zimmlich viele Ihrrthümer gemacht, den schlimsten, dass er schrieb, ich habe mich im Intressen für die Mexikanische Regierung gegen die Vereinigten Staaten anwerben lassen, es ist gerade das Gegentheil davon der Fall.» Sein Fazit auf der letzten Seite drückt Enttäuschung und Resignation aus: «Ich habe die voran gedruckten Zeilen zimmlich durchgelesen und finde leider zimmlich Vieles, was nicht ganz mit dem Manuskript recht übereinstimmt, welches ich bedaure.»

Leemanns Edition erfuhr in den USA mehrere (Teil-)Übersetzungen. Im Jahre 1933 befasste sich Reuben L. Spaeth in seiner Master-Arbeit anhand von «Californien …» mit Heinrich Lienhard.5 Spaeths Arbeit umfasst einen 25-seitigen Kommentar sowie die vollständige englische Übersetzung des Buches, die jedoch unveröffentlicht blieb. 1939 erschien eine kleine Publikation unter dem Titel «I Knew Sutter», eine Arbeit von Germanistik-Studierenden, die einen kurzen Ausschnitt aus «Californien …» übersetzt hatten.6 Ein Jahr später widmete Jean Paul von Grueningen in «The Swiss in the United States» Heinrich Lienhard einen Beitrag unter dem Titel «An Early Migration to New Helvetia».7 Von Grueningen führte darin Leemanns 25 Kapitelüberschriften auf und verfasste einen biografischen Kommentar mit übersetzten Zitaten aus «Californien …», der zum Teil demjenigen von Reuben Spaeths Master-Arbeit entspricht.

A Pioneer at Sutter’s Fort, 1846–1850

Marguerite E. Wilbur stand 1930 kurz vor der Herausgabe ihrer Übersetzung von Leemanns Buch, als sie auf der Suche nach biografischem Material erfuhr, dass sich Lienhards Manuskript in Familienbesitz in den USA befinde. Lienhards Sohn Adam H. Lienhard stellte es ihr daraufhin zur Verfügung, und 1841 erschien ihr Buch «A Pioneer at Sutter’s Fort». Es umfasst Lienhards Aufenthalt in Kalifornien von 1846 bis 1850, ohne die Reise in die Schweiz 1849/50. Obwohl Wilburs Bemerkung auf der Titelseite «From the original German Manuscript» hinsichtlich Textbearbeitung und Übersetzung einige Fragen offenlässt, gilt das Buch bis heute als originalgetreue Wiedergabe von Lienhards Text. Dies ist jedoch nur in beschränktem Mass der Fall.

Wilbur sah sich angesichts von über hundert Manuskriptbogen wie Leemann gezwungen, massive Kürzungen vorzunehmen. Von ihren Auslassungen merkt sie rund 80 an, nennt deren ungefähren Umfang (von einigen Zeilen bis zu 13 Bogen) und gibt kurze Begründungen von der Art: «Unwichtige Details auf den Bogen 122 und 123 über Abecks früheres Leben und seine eigene Krankheit wurden ausgelassen»; «Einige irrelevante Details über Dürrs Aufenthalt in Fort Laramie auf Bogen 149 und 150 wurden ausgelassen»; «Auslassung auf Bogen 157 über die Schwierigkeiten, Gold zu verstecken»; «Bogen 131, 132 und 133 wurden weitgehend ausgelassen. Diese beschreiben das Niederbrennen von Lienhards Hütte [es war die Hütte der Indianer], seine Unterstützung des deutschen Deserteurs, Schwierigkeiten mit seinen indianischen Arbeiterjungen (‹servants›), Dieberei der Indianer, Spiele der Indianer und Beschreibungen der in dieser Umgebung lebenden Tiere».

Der aus dem Manuskript übernommene Text folgt dort dem Original, wo er Wilburs Editionsziel entspricht. Die Übersetzung ist sehr frei und verkürzt den Originaltext im Verlauf des Übersetzens nach Möglichkeit weiter. Dazu gehört unter anderem, dass Sätze, in denen Lienhard sich Gedanken zu einem erzählten Ereignis macht oder seine Meinung darlegt, weggelassen sind. Wilburs eigene Ergänzungen, mit denen sie fehlenden Text überbrückt, sind oft ungenau. Auch bei ihr geht durch die Auslassungen gelegentlich die Übersicht verloren, und die Folgen sind wie bei Leemann Verwechslungen verschiedenster Art. Unzutreffend übersetzte Wörter lassen auf Transkriptionsprobleme schliessen. So wird zum Beispiel Lienhards «Zoffingen» [Zofingen] zu «Zollfinger», und wo er gut lesbar «Sturzenecker» schreibt, korrigiert Wilbur dies aufgrund einer amerikanischen Quelle richtig zu «Sturzenegger», merkt dann aber an: «Lienhard nennt ihn ‹Hurzenwecker›.»

«A Pioneer at Sutter’s Fort» reflektiert den fatalen Umstand, dass Wilburs Editionsziel nicht mit Lienhards Schreibintention übereinstimmte, ja dieser geradezu entgegengesetzt war. Sie erläutert ihre Prioritäten in der Einleitung wie folgt: «Viele Abschnitte erwiesen sich von geringem historischem Wert und wurden in der folgenden Übersetzung weggelassen. […] Langatmige Beschreibungen von Tieren, von Landschaften, von Flora und Fauna, Lienhards persönliche Stimmungen und Gefühle sowie unbedeutende alltägliche Ereignisse, die nichts zum Hauptthema beitrugen, wurden weggelassen. Alle Erwähnungen von Männern und Ereignissen im Zusammenhang mit der kalifornischen Geschichte wurden vollständig beibehalten.»

Lienhard hatte jedoch weder die Absicht, noch erhob er den Anspruch, über die Geschichte Kaliforniens zu berichten, wenigstens nicht in dem Sinn, wie Wilbur dies vorschwebte. So übergeht sie sämtliche 13 Bogen, auf denen Lienhard über seine indianischen Nachbarn im oberen Sacramento-Tal – Nachkommen und Vertreter jahrtausendealter Kulturen Kaliforniens – berichtet, desgleichen die meisten anderen Textstellen, in denen er von seiner Zusammenarbeit mit den indianischen Kindern und Jugendlichen erzählt, die ihm Sutter als Gehilfen zur Verfügung stellte. Lienhard schrieb persönliche Erinnerungen, und es versteht sich, dass sein «Hauptthema», wenn denn überhaupt eines, er selbst, seine Interessen und Erlebnisse waren. Mit anderen Worten, im Zentrum seines Erzählens stand all das, was Wilbur nicht interessierte: Lienhards Freude an der Natur, die reiche Flora und Fauna Kaliforniens, die Indianer und ihre Lebensweise, seine Schweizer Freunde und Bekannten, denen er in einer Reihe von eindrücklichen Porträts ein Denkmal setzt, sein treuer Hund Tiger, sein Pferd Jonny, das wie er selbst die Freiheit über alles liebte, und schliesslich die vielen kleinen alltäglichen Freuden und Leiden bei seiner Arbeit in und um Sutters Fort. All dies aus einem Erinnerungswerk wegzukürzen, ist paradox. Letzteres gilt auch für die Tatsache, dass Wilbur, nachdem alles Persönliche getilgt war, ausführt, ein «besonderer Reiz» von Lienhards Bericht sei seine «merkwürdige Distanz» als Erzähler, indem er «mehr wie ein neugieriger Zuschauer erscheine als wie ein aktiver Teilnehmer am Tun und Treiben der Zeit».

In einer Besprechung von Wilburs Werk machte Erwin E. Gudde8 klar, dass er wenig von Lienhards Kalifornienbericht hielt.9 Der Horizont des Autors sei zu begrenzt, als dass dieser einen signifikanten Beitrag zur Geschichte leisten könnte. Er interessiere sich nur für sich selbst und für seine Kontakte zu anderen Pionieren. Die von Wilbur erwähnte «Distanz» sei nicht mehr als seine Abscheu vor den Frontier-Lastern Alkohol, Frauen («Indian Squaws») und Spielen. Er zeige keine Anzeichen von Objektivität und Fairness, und Männer, die er nicht gemocht habe, so zum Beispiel Frémont und Sutter, habe er mit unerbittlichem Hass verfolgt. Im Zusammenhang mit dem Tod eines von Lienhard erwähnten Indianermädchens schreibt Gudde, Lienhard unterstelle Sutter Vergewaltigung und Körperverletzung mit Todesfolge («manslaughter»). Wenn Gudde zitiert, über welche Wege Lienhard von den Hintergründen dieses Vorfalls vernommen hatte, um ihn als unglaubwürdig, «empfindsam und schwatzhaft» («sensitive and gossipy») darzustellen, spricht die Textstelle immerhin insoweit für die Verlässlichkeit des Autors, als er nicht einfach behauptet, sondern ausdrücklich und genau die Quelle seiner Information offenlegt.

Lienhard wird mancherorts nicht verziehen, dass er in seinen Erinnerungen durchaus nachvollziehbar beschreibt, wie sein Idealbild von Sutter während der Zeit, als er für ihn arbeitete, langsam Risse bekam. Tatsache ist, dass jedermann, der sich länger im Fort aufhielt, und auch bekannte Personen ausserhalb wie Bidwell, Vallejo und Larkin wussten, dass von den Kindern und Jugendlichen, die Sutter sich aus den Bergen zur Arbeit und Weitervermittlung zwecks Schuldentilgung bringen liess, nicht alle jungen Indianerinnen nur nähen und kochen lernten. Bloss wurde darüber nicht offen gesprochen, geschweige denn von einfachen Leuten wie Lienhard darüber geschrieben. Sutters Einfluss war zu gross, als dass man dies gewagt hätte, zumal es sich «nur» um Indianerinnen handelte.

Die Verlässlichkeit von Lienhards Manuskript, so Gudde, sei sogar dort äusserst zweifelhaft, wo der Autor als Augenzeuge berichte. Als Beispiel erwähnt er die Tage nach der Goldentdeckung und dürfte sich dabei auf die bekannte Textstelle beziehen, wo Lienhard erzählt, wie die wichtige Neuigkeit ins Fort gelangte, als nämlich der Schweizer Witmer, Sutters Wagenmeister, vor den Augen der ungläubigen Anwesenden aus einem schmutzigen Lappen eine ganze Anzahl kleiner Goldkörner hervorkramte. Die im Originaltext detailliert erzählte, fröhliche Szene übersetzte Wilbur in der üblich verkürzenden Form, wobei sie mehrere Personen verwechselte, unter anderem Witmer mit Sutter.10 Die Schilderung ist in der Tat ziemlich «verwirrend», nur wünschte man sich, Gudde hätte wenigstens für dieses eine Beispiel einen kurzen Blick ins Manuskript geworfen. Er kritisiert auch Wilbur für die zahlreichen Auslassungen (über deren Inhalt er sich bei Leemann informierte) und Ergänzungen, ebenso bemängelt er die Irrtümer in den Anmerkungen. Doch obwohl Letztere gravierende Transkriptionsprobleme verraten, kommt er zum Schluss, Wilburs Textbearbeitung erscheine ihm als Ganzes gut ausgeführt.

Guddes Buchbesprechung prägte die Rezeption von Lienhards Manuskript besonders in Kalifornien bleibend, umso mehr, als er selbst an seiner Überzeugung festhielt und gewisse Behauptungen in späteren Werken wiederholte. Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, ob einer derart herabsetzenden Beurteilung eines Autors als Mensch und Erzähler nicht schon damals wenigstens ein kurzer Vergleich mit dem Manuskript hätte vorausgehen sollen. Sowohl Leemann als auch Wilbur verfolgten in ihren Editionen spezifische eigene Interessen, rissen dazu den Originaltext auseinander, veränderten diesen massiv und setzten mit selektiver Themenauswahl Schwerpunkte, die ihn nicht nur entstellten, sondern als persönlichen Erinnerungsbericht seiner Essenz beraubten.

Wilbur veröffentlichte acht Jahre nach «A Pioneer at Sutter’s Fort» eine «romantische Biographie» Sutters unter dem Titel «John Sutter, Rascal and Adventurer».11 Sie schöpfte dafür Lienhards Erinnerungen nochmals aus und betonte deren Bedeutung als Quelle zu Sutter, womit sie allerdings nicht zur Rehabilitierung des Manuskripts beitrug. Der englische Historiker John A. Hawgood beurteilte ihren Roman mit folgenden Worten: «This book, though claiming to be based on source material, manuscripts, and letters, is the worst type of fictionised biography, beginning with Sutter’s thoughts at the age of ten. It is full of errors.»12

West from Fort Bridger

J. Roderic Korns und Dale L. Morgan veröffentlichten 1951 ihre Untersuchung «West from Fort Bridger», die 1994 in Buchform erschien. Ihr Hauptinteresse galt dem Hastings Cutoff, einer angeblichen Abkürzung zum Grossen Salzsee und über die Grosse Salzwüste. Lienhard gehörte zu den Emigranten, die 1846 diese Route als Erste ausprobierten, weshalb Korns/Morgan den betreffenden Manuskript-Abschnitt (Bogen 67/1 bis 73/4) übersetzten und in ihre Auswahl von Texten aus Tagebüchern, Briefen und Karten aufnahmen. «West from Fort Bridger» gilt heute als klassisches Werk über die Erschliessung der westlichen Trails und enthält unter anderem auch Aufzeichnungen von James Clyman, Edwin Bryant, James Frazier Reed sowie einen Beitrag über T. H. Jeffersons Karte.

Roderic Korns und Dale Morgan waren die Ersten, die Lienhards gewissenhafte Genauigkeit als solche erkannten und überaus schätzten. Sie betonen den bedeutenden Beitrag, den er mit seinem Bericht zur Rekonstruktion dieses Trail-Abschnitts geleistet hat, und ihre Übersetzung entspricht, wie zu erwarten, dem Originaltext. Lienhards zuverlässige tägliche Aufzeichnungen, so Korns/Morgan, füllten eine wichtige Lücke in der Chronologie der einzelnen Etappen und zeigten auch, wie die Geschichte der Donner-Gesellschaft anders hätte verlaufen können.13 Sein Text kläre zudem Fragen im Zusammenhang mit Jeffersons Karte und gewähre neuen Einblick in Hastings’ Absicht, als er auf dem Trail die Emigranten abfing, um sie auf die neue Route umzulenken. Korns/Morgan legten ihrem Buch eine neue, detaillierte Karte der Region Salzsee und Salzwüste bei. Sie zeigt eine erstmals von Lienhard und seinen Mitreisenden gewählte, in gerader Linie westlich verlaufende Route vom Bear River im südwestlichen Wyoming bis zu den Needles an der Grenze zum heutigen Utah. Sie nennen die Abkürzung «Lienhard-Mormon Cutoff», da diese im folgenden Jahr auch von den Mormonen gewählt wurde.

Ihre biografischen Angaben entnahmen Korns/Morgan der Einleitung von «A Pioneer at Sutter’s Fort», weshalb sie einige Ungenauigkeiten aufweisen. Die Bemerkung, Lienhard schreibe den Namen «Hoppe» in der Form «Hapy» oder «Hapi», trifft nicht zu und stammt aus Leemanns Buch, wo Lienhard diesen in seinem Exemplar denn auch mehrmals korrigierte. Im Manuskript schrieb er immer «Hopy», wie der Name im Englischen wohl ausgesprochen wurde. Jacob D. Hoppe kam aus Maryland, hatte deutsche Vorfahren und sprach gemäss Lienhard auch noch ganz gut Deutsch. Sie reisten bis im September zusammen auf dem Trail, und Hoppe war zeitweise Captain der Gesellschaft. Die Feststellung von Korns/Morgan, Wilburs Übersetzung werde Lienhards Text über seine Zeit in Kalifornien voll und ganz gerecht, ist unzutreffend.

From St. Louis to Sutter’s Fort, 1846

Die Wertschätzung von Lienhards Manuskript durch Korns/Morgan dürfte 1951

Erwin G. Guddes Neugier für Lienhards Bericht über den California Trail geweckt haben. 1961 erschien sein Buch «From St. Louis to Sutter’s Fort», die Übersetzung des California Trails (Bogen 51/1–83/1). Er folgt dabei Lienhards Text, allerdings mit der Tendenz, dessen Ausführlichkeit etwas einzugrenzen. Die Übersetzung enthält kleine Kürzungen und mehrere ungenau übersetzte Stellen, ebenso einige Verwechslungen. Guddes betont einfach gehaltener Sprachduktus hat einen eher distanziert wirkenden Stil zur Folge, zudem scheint ihm Lienhards trockener Humor entgangen zu sein. Es dürfte deshalb eher am Sprachstil des Übersetzers liegen, wenn dem englischen Text «a certain lack of freshness in the narration»14 zugeschrieben wird, und weniger daran, dass es sich um eine Aufzeichnung aus späterer Zeit handelt, wie dies der Rezensent von Guddes Buch vermutet.

Gudde bezeichnet in seiner Einleitung Lienhards Trail-Abschnitt als «einen der drei klassischen Berichte der grossen Westmigration von 1846». Obwohl nach seinen Worten die Versuchung, auch den Rest des Manuskripts zu übersetzen, gross gewesen sei und Freunde ihm dies auch empfohlen hätten, habe er sich nicht dazu entschliessen können. Um dies zu begründen, greift er auf seine Buchbesprechung von 1942 zurück und wiederholt seine dortige Kritik an Lienhard zum Teil wörtlich. Die Reise nach Kalifornien, meint er, sei bei weitem der interessanteste und wertvollste Teil des Manuskripts. Der «über den weiten, offenen Raum des Trails ziehende» Lienhard scheine ein «anderer Mann» zu sein als der Lienhard in Sutters Fort nach der Goldentdeckung.

Es ist bedauerlich, dass sich Gudde nach zwanzig Jahren von neuem auf Wilbur berief und seine Kritik, wiederum ohne Verifizierung, wiederholte. Zwar hatte er bei seiner Übersetzung des Trail-Abschnitts den grossen Unterschied zu «A Pioneer at Sutter’s Fort» erkannt, führte diesen jedoch auf den Autor zurück, der sich in Kalifornien völlig verändert habe. Dabei liess Gudde ausser Acht, dass Lienhard seine Erinnerungen dreissig Jahre später verfasste und es aus dieser zeitlichen Distanz kaum möglich gewesen wäre, in ein und demselben Manuskript zwei qualitativ derart unterschiedliche Texte zu schreiben. Hinzu kommt, dass sich die letzten anderthalb Seiten seines Buches mit den ersten zwei von Wilburs Buch überschneiden und die Texteingriffe, die Letztere von Beginn an vornahm, nicht zu übersehen waren.

New Worlds to Seek

John C. Abbotts Buch «New Worlds to Seek» ist die englische Übersetzung von Lienhards Kindheit und Jugend in der Schweiz, seiner ersten Reise nach Amerika und seines Aufenthalts von 1843–1846 in der Schweizer Siedlung Highland, Illinois (Bogen 1–51/2). Die Zeit in Highland, damals noch unter dem Namen «Neu-Schweizerland» bekannt, schliesst mehrere Abstecher in die benachbarten Staaten und Fahrten auf dem Mississippi ein. Das Buch endet an der Stelle, wo Guddes «From St. Louis to Sutter’s Fort» beginnt.

John Abbott (1921–2005) war während einundzwanzig Jahren Direktor der Lovejoy Library (Southern Illinois University, Edwardsville), wo er später die Leitung der Abteilung «Special Collections» übernahm. Dort widmete er sich vor allem der Erweiterung einer Sammlung von Quellen und Literatur zu Illinois und dem Mississippi-Tal. Daneben beteiligte er sich an mehreren ins Englische übersetzten Editionen von Berichten der Gründer und frühen Siedler Neu-Schweizerlands. Abbott war deshalb ein ausgezeichneter Kenner des geografischen und siedlungsgeschichtlichen Hintergrunds von Lienhards Text über die Jahre in Illinois.

Vertraut im Umgang mit Manuskripten, legte er Wert darauf, den Autor und sein Werk möglichst authentisch zu vermitteln. Er erkannte zu Beginn seiner Arbeit, dass die Transkription, die ihm als Vorlage dienen sollte, über weite Strecken nicht Lienhards Originaltext entsprach. Sein grosses Verdienst ist, dass er sich daraufhin entschloss, die ganze Transkription neu zu bearbeiten. Obwohl seine Deutschkenntnisse begrenzt waren, machte er sich mit der deutschen Schreibschrift vertraut und zog zur Übersetzung eine zweisprachige Mitarbeiterin bei.

Zwei Anmerkungen sollen hier kurz erwähnt werden. Der Name von Lienhards Aargauer Reisekamerad Heinrich Thomann wurde zwar brieflich kommuniziert, dessen Schreibweise in der Anmerkung aber versehentlich als «Thomman» angegeben.15 Die zweite Anmerkung betrifft ein Leseversehen. Lienhard schreibt: «Warte, Kerl, dich werde ich in das Staatskosthaus nach Alton schicken!» Die Übersetzung lautet: «Just you wait fellow, I’ll send you to the government courthouse at Alton!» Lienhard meinte mit «Staatskosthaus» natürlich Gefängnis (penitentiary), was irrtümlich mit «government courthouse» (staatliches Gerichtsgebäude) übersetzt wird. In einer Anmerkung erklärt Abbott dazu: «The Madison County Courthouse was in Edwardsville; Alton was the site of the State Penitentiary.» Lienhard wusste dies offensichtlich und formulierte es dementsprechend korrekt.16

Abbott ist mit «New Worlds to Seek» ein schönes Buch zu verdanken, das Lienhard und seinen Text auf überzeugende Art präsentiert. Es biete, schreibt Lienhards Urenkel John Henry im Vorwort, auch späteren Generationen seiner Familie die willkommene Möglichkeit, nicht nur über die frühe Zeit am Mississippi mehr zu erfahren, sondern auch über die von Fernweh geprägten Jugendjahre seines Urgrossvaters, der in Amerika ein freies, selbstbestimmtes Leben suchte und vom Zufall begünstigt auf unerwartete Weise fand.

1 Die Landzuweisungen erfolgten in der Regel in spanischen Quadratmeilen, wobei 1 Quadratmeile (spanisch «legua») rund 18 Quadratkilometern entsprach.

2 Die folgenden Ausführungen zur Entwicklung des Trails stützen sich vor allem auf George R. Stewart, The California Trail. An Epic with Many Heroes (1962/1971).

3 John D. Unruh, The Plains Across. The Overland Emigrants and the Trans-Mississippi West, 1840–1860 (1982), 84.

4 Es handelt sich dabei um 25 ungebundene Druckbogen mit Bleistiftnotizen von Lienhards Hand. Das Dokument gelangte 1983 aus Familienbesitz an die Bancroft Library in Berkeley, Kalifornien.

5 Reuben Louis Spaeth, Heinrich Lienhard in California, 1846–1850. Master’s Thesis, University of California, Berkeley 1933. Ein Exemplar dieser Arbeit ist in der Bancroft Library vorhanden.

6 Heinrich Lienhard, I knew Sutter. Translated from the Original German by Students of German at C. K. McClatchy Senior High School. Sacramento: The Nugget Press, 1939.

7 John Paul Von Grueningen (Hrsg.), The Swiss in the United States. Madison, Wisconsin: Swiss-American Historical Society 1940; Reprint: San Francisco: R and E Research Associates, 1970.

8 Erwin E. Gudde (1889–1969) war gebürtiger Deutscher, emigrierte als junger Mann in die USA und lehrte von 1923 bis 1956 Germanistik an der University of California in Berkeley.

9 Erwin G. Gudde, Review of Books, in: The Pacific Historical Review, XI, 2 (June 1942), 233.

10 Wilbur, Pioneer at Sutter’s Fort, 116–117; Manuskript 127/3–128/1.

11 Wilbur, Marguerite Eyer. John Sutter, Rascal and Adventurer (A New Romantic Biography). New York: Liveright Publishing Corp., 1949.

12 John A. Hawgood, John Augustus Sutter. A Reappraisal, in: Arizona and the West, IV, 4 (Winter 1962), 345, Anm. 2.

13Vom tragischen Schicksal der Donner-Gesellschaft wird weiter unten im Text ausführlicher die Rede sein (siehe Seite 250ff.).

14 Henry H. Clifford, Buchbesprechung, in: California Historical Society Quarterly, XLI (September 1962), 259f.

15 Abbott, New Worlds to Seek, 232, Anm. 24.

16 Manuskript 31/3/22; New Worlds to Seek, 139 und 236, Anm. 40.

Heinrich Lienhards Biografie 1822–1846

Kindheit und Jugend auf dem Ussbühl 1822–1843

Heinrich Lienhard wurde am 19. Februar 1822 in Bilten, Kanton Glarus, geboren. Er war ein Nachfahre Conrad Leonhardts1 von Urnäsch, der im 17. Jahrhundert aus dem Appenzellerland in die Linthebene gezogen war und sich am Ussbühl niedergelassen hatte, einem zu Bilten gehörenden Weiler. Heinrichs Eltern, Kaspar und Dorothea Lienhard-Becker,2 bewirtschafteten einen einfachen Bauernhof mit einigen Hektar Land und einem bescheidenen Viehbestand. Dorothea Lienhard gebar sieben Kinder, von denen drei im ersten Lebensjahr starben.3 Heinrichs Geschwister waren Peter, geboren 1812, Barbara (1819) und der jüngere Bruder Kaspar (1825).

Lienhards Geburtshaus steht in malerischer Lage hoch über dem Talgrund, nur ein paar Schritte von der Kantonsgrenze entfernt, die den Ussbühl in eine schwyzerische und eine glarnerische Hälfte trennt. Es ist noch heute in Familienbesitz und bietet seinen Bewohnern einen einzigartigen Blick von der March im Westen, über das weite Riedland der Linthebene im Norden bis zu den Vorläufern der Glarner Alpen im Osten. Hinter dem Haus ragt der bewaldete Nordhang des Hirzli in die Höhe, über den ein steiler Fussweg zum ehemaligen Bergland der Familie hinaufführt, wo Heinrich oft Vieh hütete und Holz sammelte. Auf alten Karten ist dort noch die Bezeichnung «Lienhard-Berg» (heute Hämmerliberg) zu finden, dem früheren Brauch entsprechend, eine Alpweide nach ihrem Besitzer zu nennen.

Obwohl seit seiner Jugend auf dem Ussbühl viele Jahre vergangen sind, blickt Heinrich Lienhard beim Schreiben ohne Verklärung auf jene Zeit in der alten Heimat zurück, wenn er gleich zu Beginn seiner Erinnerungen feststellt: «Meine Eltern waren brave und arbeitsame Bauersleute, welche uns, solange ich mich zu erinnern weiss, zu strenger Zucht und zur fleissigen Arbeit hilten.»4 Die unbeschwerten Kinderjahre waren von kurzer Dauer, denn der Vater setzte dem fröhlichen Kritzeln auf dem grossen Schiefertisch in der Wohnstube bald ein Ende. «Schon im sechsten Jahre musste ich Vieh hüten», erzählt Lienhard, «man band einer Kuh, welche im Sommer nicht auf die Alpen getrieben wurde, einen Strick um die Hörner, an diesem musste ich sie auf unserm Grundstück halten.»5 In den folgenden Jahren wurde der Viehbestand auf zehn bis fünfzehn Tiere vergrössert; der Hütedienst erstreckte sich nun im Frühling und Herbst jeweils über die ganze Woche, einschliesslich Sonntag, und er wurde auch schwieriger, besonders auf Wiesen, wo es weder Hecken noch Zäune noch Gräben gab.

So ist es nicht verwunderlich, dass ein kleines Drama während des Viehhütens zu Lienhards ersten und eindrücklichsten Kindheitserinnerungen gehörte. Es ereignete sich im Sommer auf dem Bergland, wo das Hüten besondere Aufmerksamkeit erforderte. Der Tag war schwül, die von Fliegen und Mücken geplagten Tiere wurden unruhig und versuchten, durch Gebüsche und Wald davonzulaufen. Heinrich war auf Geheiss seines älteren Bruders damit beschäftigt, Tannäste einzusammeln, als ein junger Ochse, der sich ein wenig von der Herde entfernt hatte, auf einer Felsplatte ausrutschte und in einen der steilen Lattenzüge fiel, eine Art grosse Rutschbahnen, auf denen Heuballen und Bäumstämme bequem ins Tal befördert werden konnten. Auch der Ochse glitt nun wie ein Stück Holz einem nahezu senkrechten Felsabsatz zu und stürzte über diesen hinaus in die Tiefe. Weinend rief Heinrich zum Elternhaus hinunter um Hilfe, worauf bald der ältere Bruder bei ihm erschien. Er hörte sich die Geschichte an und machte sich dann auf die Suche nach dem Tier, «mich noch versichernd», so Lienhard, «dass ich dafür vom Vater ganz sicher eine recht ordentliche Portion Prügel bekommen werde».6

Der Bemerkung Peters hätte es kaum bedurft, denn Heinrich wusste selbst, was ihn erwartete: «Es war bereits dunkel, als ich unter grossem Bangen unser Haus erreichte, Vater und Bruder waren noch an der Stelle, wo der junge Ochs endlich nicht mehr weiter rollen konnte. Was mir die Mutter vom Vater mich betreffend sagte, war wenig ermunternd für mich. Sie hiess mich in die Wohnstube gehen, wo ich hinter dem Ofen fast mit Todesangst die Ankunft des Vaters erwartete.»7 Dass er an diesem Abend ohne Schläge davonkam und der Vater nur schimpfte, erschien ihm wie ein Wunder; er ahnte wohl, dass er dies der Fürsprache seiner Mutter zu verdanken hatte. Doch auch der scharfe Tadel prägte sich ihm tief ein: «Die Worte des Vaters, er würde mich dem Ochsen nachgeschmissen haben, wenn er dabei gewesen wäre, machten ein unvergesslicher Eindruck auf mein Gemüth, war es mir doch, als ob ich bereits über die Felsen und Abhänge des Lattenzugs hinunter stürze, Hals und Knochen bräche und natürlich mause Tod unten ankomme.»8

Der Zwischenfall hatte ein Jahr später ein Nachspiel, indem sich an derselben Stelle das gleiche Unglück ein zweites Mal anbahnte. Die Worte des Vaters noch deutlich im Gedächtnis, unternahm Heinrich ein riskantes Klettermanöver, um das Tier vor dem Hinunterfallen zu bewahren. Als er später dem Vater davon erzählte und ihm die gefährliche Stelle zeigte, meinte dieser, Heinrich hätte sich wegen des Tieres nicht derart in Gefahr begeben dürfen. Der Knabe erinnerte ihn darauf an seine früheren Worte, «da wurde er noch ernster und besonders still; er sagte mir, dass wier einen Zaun bauen werden, damit dann keine solche Gefahr mehr mir entstehen soll».9 Und mit besonderer Genugtuung erfüllte es Heinrich, als er abends den Vater zur Mutter sagen hörte: «Das war eine rechte Torrheit von mir, dass ich dem Jungen damahls sagte, dass, wenn ich dabei gewesen wäre, als der frühere Stier den Lattenzug hinunter fiel, ich ihn auch mit hinunter geschmissen haben würde. Wäre der arme Junge jetzt tod, so müsste ich mir mein Leben lang Gewissensvorwürfe machen!»10

Für Kaspar Lienhard war es selbstverständlich, dass seine drei Söhne Bauern würden. Für seine Frau und Kinder blieb dies nicht ohne Folgen: «Da mein Vater trotz seinem Zeitunglesen denselben Grundsätzen wie die meisten übrigen Bauersleute huldigte, nämlich: ‹Bleibe im Lande und nähre dich Redlich!›, so meinte er, dass seine Söhne ganz Dasselbe Leben treiben müssten, wie er, sein Vater und sein Grossvater es getrieben, und so glaubte er sich verpflichtet, so viel Land zu kaufen, dass jeder von uns die Bauerei auf ähnliche weise wie er betreiben sollte. Da er aber dieses viele Land nicht alles bezahlen konnte, musste er sich in Schulden einlassen, und nun gab es erst recht alle Hände voll Arbeit.»11 Während der grosse Bruder auf dem Hof zupackte, wie der Vater es von ihm erwartete, entwickelte sich Heinrich schon früh in eine andere Richtung. Er hütete ungern Kühe, liess sich vom älteren Bruder nur widerwillig Befehle erteilen und nahm auch die ihm vom Vater verordneten Arbeiten in Feld und Stall ohne grosse Begeisterung an die Hand. Er war ein neugieriges Kind und ging gerne zur Schule, wo sich schon bald andere Interessen und Begabungen bemerkbar machten. Kaspar Lienhard beobachtete diese frühen Anzeichen von Unabhängigkeit mit Argwohn und war offensichtlich entschlossen, auch Heinrich zum Bauern zu erziehen – wenn möglich durch Arbeit, wenn nötig durch Strafen.

An die harten, oft ungerechten Strafen erinnert sich Lienhard mit bitteren Gefühlen: «Die Jahre vergiengen auf diese weise auf gleichförmige art. Ich hatte bei den gewöhnlichen Arbeiten mitzuhelfen; schon im neunten Jahre musste ich helfen Heu rechen und Grund umgraben, und war ich da nicht so fleissig, wie mein Vater meinte, dass ich sein könnte, so gab es Ohrfeigen in Hülle und Fülle, so dass eines Abends ein Nachbar meinem Vater ordentlich Vorwürfe derwegen machte. Ich erinnere mich noch sehr wohl, dass ich beorfeigt wurde, blos weil ein Nachbar einige (wie mein Vater glaubte) ungerechte Ausdrücke gegen ihn sich erlaubte. Freilich that es ihm gleich nachher wieder recht leid derwegen, aber die Straffe war damit nicht Ungeschehen zu machen, und es war für mich nur ein schlechter Trost, ja ich war schon lange gewöhnt, mich selbst als eine Art Sündenbock zu betrachten, indem ich fast immer nach Vaters Ansicht der allein Schuldige für alles sein musste, wenn etwas nicht gieng, wie er es wünschte.»12

Umso wichtiger war für Heinrich der Einfluss seiner Mutter. Sie versuchte stets zu vermitteln und zu schlichten, und ihre vernünftigen Worte bewirkten oft, dass eine Strafe des Vaters milder ausfiel als befürchtet: «Meine Mutter war eine anständige, brave Frau und gute, sorgsamme Mutter, welche ihre Liebe gleichmässig auf ihre Kinder vertheilte. Sie war viel mehr befähigt, die Eigenschaften ihrer Kinder zu beurtheilen, als der Vater. Wenn sie es für nöthig hielt, konnte sie auch strafen, und ihre Strafe war empfindlich, aber sie versuchte es doch auch mit gütigen Worten und Mahnungen, und diese hatten immer ihre guten Wirkungen.»13

Neben der Mutter fand Heinrich in der Person des Gemeindepfarrers von Bilten einen wichtigen Verbündeten. Rudolf Schuler war ein engagierter Kämpfer für die allgemeine Schulpflicht und ein grosser Förderer des Glarner Schulwesens.14 Dank seinem unermüdlichen Einsatz gab es in Bilten früher als in den meisten anderen Gemeinden des Kantons ein Schulgesetz, das die Eltern verpflichtete, ihre Kinder bis zum 16. Altersjahr zur Schule zu schicken,15 und er sorgte auch dafür, dass es befolgt wurde: «Genaue Absenzenverzeichnisse wurden geführt und die saumseligen Eltern und Kinder erst ermahnt, dann vor Stillstand citirt, und wenn dies nicht fruchtete, gab es auch einzelne Fälle, die der Obrigkeit verzeigt wurden.»16 Während der Pfarrer für die unteren Klassen einen Hilfslehrer einstellte (aber die Aufsicht über alle Klassen vertrat), übernahm er die oberen Klassen der Dreizehn- bis Sechzehnjährigen selbst. Sein Lehrplan umfasste Sprache, Religion, Rechnen, Vaterlandsgeschichte, biblische Geschichte, Geografie sowie Zeichnen und Musik. Rudolf Schuler galt als strenger Lehrer, doch Heinrich verlor seine Angst vor ihm schon am ersten Schultag, als der Pfarrer auf ihn zutrat, ihn nach seinem Namen fragte und für seine ersten Schreibversuche lobte. Er merkte bald, dass der Pfarrer die Schüler, die sich Mühe gaben, freundlich behandelte und nicht überforderte, «er war mehr gegen Nachlässige oder Possenreisser manchmahl etwas scharf, welche es aber auch gewöhnlich wohl verdienten.»17

«Ich machte im Ganzen wenn auch gerade keine riesigen, doch zimmliche Fortschritte in der Schule», meint Lienhard rückblickend, «so dass ich die zwei letzten Jahre meistentheils, das letzte Jahr aber fast Fortwährend der Oberste in der Klasse18 beim Pfarrer war. Geographie, Gegensätze19 und Aufsätze waren mir angenehme Beschäftigungen, und gab es einmal zur Abwechslung Naturhistorische Geschichte, so war ich mit Leib und Seele dabei. Ich gestehe, dass es aber auch Dinge gab, welche ich nicht gern lernte, ja sogar eine art Antipaty dagegen hatte. Eines war Noten lernen, ein sehr langweiliges Geschäft für mich, da ich ja bald jede Melodie nach ein paarmahligem Abhören schon auswendig konnte. Dann war das ortographisch Richtigschreiben mir ganz Wiederwärtig. Ich begreife Heute noch nicht, warum ich mich in diesen zwei Fächern nicht besser befleisste, besonders im Letzten. Gramatikalisch und Ortographisch Richtig schreiben können ist gewiss zu jeder Zeit eine Hauptsache. Dieses wusste ich indessen Recht wohl, aber der Wiederwillen dagegen war leider zu gross, als dass meine Vernunft darüber gesiegt hätte.»20


Pfarrer Johann Rudolf Schuler (1795–1868), Lehrer und Förderer Heinrich Lienhards.

Ungeachtet dieser Abneigung gegen die Orthografie schrieb Heinrich gerne Aufsätze, wobei der Pfarrer ihn nach Kräften unterstützte. Er bedachte die Arbeiten seines Schülers stets mit lobenden Worten und vermittelte ihm dadurch Selbstvertrauen im schriftlichen Ausdruck sowie Freude am Erzählen, Eigenschaften, ohne die später vermutlich weder Reisenotizen noch Manuskript entstanden wären. Zwischen Pfarrer Schuler und Heinrich Lienhard scheint vom ersten Schultag an eine Art stilles Einverständnis bestanden zu haben: Schuler freute sich über den Lerneifer des aufgeweckten Bauernbuben vom Ussbühl, und Heinrich fand beim Pfarrer die Anerkennung und Förderung, die sein Vater ihm nicht geben konnte.

Die folgende Episode zeigt anschaulich, wie viel dem Heranwachsenden die Wertschätzung des Pfarrers bedeutete und wie bestrebt er war, sich diese zu erhalten. Eines Tages beobachtete Heinrich bei einer Schreibübung, dass einige Kameraden in der Reihe vor ihm eine kurze Abwesenheit des Pfarrers dazu benutzten, bei den vor ihnen sitzenden Mädchen abzuschreiben. Als der Pfarrer zurückkam, ging er durch die Bankreihen, korrigierte nacheinander alle Schiefertafeln und strich bei Heinrich sechzehn Fehler an. «Ich hatte allerdings viele erwartet», gesteht dieser, «aber doch soviele nicht, und im Bewusstsein, dass die Untern ihre Aufgaben gar nicht selbst gemacht hätten, machte ich anstatt der 16 nur 14 auf die Tafel, und zwar schnell und im selben Augenblick, als der Pfarrer dem Nächsten nach mir die Tafel abnahm. Als ich diese famose That begangen, zeigte ich die Tafel meinem nächsten Nachbar. Nun war aber auch seine Tafel schon kurigirt; er hatte einige Fehler weniger als ich, drei oder vier der Untern aber noch weniger.

Als alle kurigirt waren, kam der Pfarrer wieder zu mir, um zu fragen, wie viele Schreibfehler ich habe (denn jetzt sollten die Schüler danach die Plätze wechseln), leider gab ich ihm nicht die Sechszehn, sondern nur Vierzehn an. ‹Das ist nicht die Wahrheit›, sagte er, ‹hast du nicht Sechszehn?› – ‹Ich habe Vierzehn, Herr Pfarrer!›, war meine Antwort, denn ich dachte, wenn einer 16 hat, muss er gewiss 14 haben und lügt daher nicht, wenn er so sagt. Aber ein Schlag auf mein Gesicht – es war der Erste und auch der Letzte, den er mir je gab – lehrte mich sogleich, dass der Pfarrer die Sache anders auffasste als ich. Ich war sehr ärgerlich, aber noch mehr beschämt, und bereute sogleich, diesen Betrug versucht zu haben. Doch sagte ich ihm noch, dass mehrere Nachbarn ihre Aufgabe gar nicht selbst gemacht und sie sowohl als ich Strafe verdient hätten; denn ich hatte sie noch lachen sehen und war nicht geneigt, still zu bleiben.»21

Der Pfarrer liess sich dadurch aber nicht beeindrucken, denn er schien entschlossen, dem Knaben eine Lehre zu erteilen, die ihm das Lügen in der Zukunft verleiden würde. Nicht nur liess er die Mitschüler ungestraft, sondern er befahl Heinrich auch, sich an einem gut sichtbaren Ort hinzustellen und sich zu schämen. «Ich fühlte diese Demüthigung nur zu sehr», erinnert sich Lienhard, «auch war ich überzeugt, dass ich sie reichlich verdient habe, und ich nahm mir vor, in Zukunft durch gutes Betragen und tüchtiges Lernen den guten Willen des Pfarrers wieder zu gewinnen.»22 Den Mitschülern zeigte Heinrich seine Verachtung, indem er sich anderntags nicht, wie der Pfarrer es verlangte, neben die «Abschreiber» setzte, sondern freiwillig in die unterste Bank. Der Pfarrer schien ihm die kleine Eigenmächtigkeit nicht übel zu nehmen, sondern behandelte ihn, wie Heinrich erleichtert feststellte, sogar freundlich, «wodurch ich nur noch mehr in meinem Beschluss erstarkte, in Zukunft mir keine derartige Vergehen mehr zu schulden kommen zu lassen».23

Er wusste, dass die beste Gelegenheit, das Vertrauen des Pfarrers zurückzugewinnen, der nächste Aufsatz sein würde. Aufsatzschreiben stand zwar erst in einigen Tagen auf dem Programm, aber möglicherweise bemerkte der Pfarrer die Ungeduld seines Schülers, und vielleicht war er ja auch selbst nicht ganz glücklich über die Ohrfeige vom Vortag – jedenfalls entschied er sich, sein Unterrichtsprogramm zu ändern. «Gegen mein Erwarten und zu meiner grossen Freude erhielten wir am selbigen Tage schon den Auftrag, auf den nächsten Tag Aufsätze zu schreiben, und er gab uns die Wörter auf, über welche wier schreiben sollten, die er dann wie gewöhnlich einigermassen auseinander setzte. Ich konnte meine Freude darüber kaum verbergen, und ich erinnere mich noch sehr wohl, wie mich der Pfarrer lächelnd ansah. Er mochte wohl wissen, was ich empfand, und ich glaube, dass ich das empfand, was er sich vorstellte. Mit besonderm Eifer gab ich mich meiner Aufgabe hin, um das Wort oder die Meinung und Bedeutung dessen womöglich recht und richtig zu erklären, auch gab ich mir Mühe, dass Dieselbe so Fehlerfrei als möglich ausfiel.

Mit Begierde erwartete ich am nächsten Tag den Augenblick, wo er unsere Aufsatzschriften entgegen nahm, und konnte meine Ungeduld kaum mässigen, bis ich die Meinige, von ihm kurigirt und mit seinem geschriebenen Urtheilsspruch darunter, wieder zurück erhielt. Meine Erwartung war nicht nur nicht getäuscht, sondern übertroffen, denn es war das beste Urtheil, welches mir bis dahin zu Theil geworden. Und es war für mich eine besondere Genugthuung, auf diese art und so bald den ersten Platz wieder einzunehmen, und ich konnte ein kleines, frohlockisches Lächeln kaum verbergen, ja sogar der Pfarrer selbst schien mir dadurch ein wenig Vergnügt. Von nun an blieb ich oben, und ich führte mich so auf, dass ich keinen Grund mehr zur Unzufriedenheit gab.»24

Pfarrer Schulers für damalige Zeiten fortschrittliche Ideen stiessen bei vielen Eltern auf Unmut und Ablehnung, so dass er sich zeitweise heftigem Widerstand ausgesetzt sah. Gerade das häufige Aufsatzschreiben entwickelte sich zu einem Stein des Anstosses bei der Dorfbevölkerung, denn «dabei sollen von den Kindern oft 10 bis 20 Seiten lange Aufsätze eingeliefert worden sein, manche bis spät in die Nacht hinein darüber gearbeitet haben. Hatte daran der Hr. Pfarrer seine Freude und spornte er durch Ruhmeserhebung der Fleissigen auch die Andern zu ähnlichen Leistungen an, so erschienen diese Hausaufgaben seinen Leuten von Bilten als etwas Unerhörtes, zu der Väter Zeiten nicht Dagewesenes, als eine all zu überspannte Forderung, und beschloss desshalb die Gemeinde 1835, dass alle und jede Aufsatzarbeit bei Hause untersagt sein solle und erneuerte dieses Verdikt auch 1837, 1839 und noch wieder 1853.»25

Nicht viel besser erging es dem Pfarrer mit seinen Bemühungen, die persönlichen Talente der Schüler zu fördern. Heinrich war unter den Mitschülern als «Zeichenkünstler»26 bekannt, und auch dem Pfarrer war seine Begabung nicht lange verborgen geblieben. Er brachte ihm deshalb zuerst einfache, dann immer anspruchsvollere Vorlagen mit, die der Knabe nach Hause nehmen durfte, um sie abzuzeichnen und die verschiedenen Formen zu üben. Vom Lob des Pfarrers ermutigt, scheint Heinrich dabei jenen Eifer entwickelt zu haben, den sein Vater bei der Arbeit in Feld und Stall vermisste. Die Folgen waren hart für Heinrich: «Gerne wollte ich regnerische Tage zum Zeichnen benützen, aber da hiess es vom Vater: ‹Heraus mit dem faulen Kerl, ich will ihm schon zeichnen mitten im Tage, wenn man so viele nöthige Arbeit zu verrichten hat! Deine Zeichnerei bringt uns doch kein Brod ins Haus, ist auch für Bauersleute ganz unnütz.›

Mein Vater war überhaupt der Ansicht, dass ein Bauer nebst Schreiben, Lesen und Rechnen sonst gar keine weitere Schulkenntnisse bedürfe. Unter diesen Umständen blieb mir daher keine Zeit zum Zeichnen ausser Abends, nach dem Abendessen, beim trüben Schein der Öllampe. Da mag Jeder, der es versucht hat, schon wissen, ob man dabei Vortschritte machen kann und ob dessen Augen eine solche Anstrengung auf längere Zeit aushalten können. Die meinigen entzündeten sich bald, und ich ward verbunden, das Zeichnen für eine Zeitlang ganz zu unterlassen. Unser Pfarrer meinte zwar, meine Eltern bewegen zu können, dass sie mich entweder zum Maler, Musterzeichner oder Bildhauer ausbilden lassen sollten, indem er sagte, dass es eine Sünde sei, ein solch gutes Talent nicht auszubilden, womit ich in Zukunft ein gutes Auskommen finden könnte. Doch war alles umsonst, und mein Vater war darin nicht zu bereden.»27

Am Palmsonntag 1838 wurde Heinrich konfirmiert und damit aus der Schule entlassen. In Bilten gab es zu jener Zeit keine Möglichkeit, eine höhere Schule zu besuchen, und auswärtiger Schulbesuch kam nicht in Frage. Auch später noch merkt er dies mit Bedauern an: «Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie ich Jünglinge meines alters oft um ihr Glück beneidete, deren Eltern befähigt waren, sie auf höhere Lehranstalten zu schicken, und welche dann in den Ferienzeiten mit punten Farben um ihre Kapen oder farbigen Schlingen als sogenannte Studenten fröhlich nach ihren Heimathen zurück kehrten. Nach meines Vaters Wille sollte ich von nun an ganz Bauer werden, denn dass man mich nach meinem Geschmack, Willen oder Talent frage, fiel meinem Vater natürlich nicht ein. Das musste der Vater ja besser wissen als ich, so meinte er, und damit hatte ich mich zu fügen, mochten da meine Gedanken in die weite, liebe Welt hinaus schweifen, so viel sie wollten. Und wie oft schweiften meine Gedanken hinaus, besonders wenn ich oben auf dem Berg beschäftigt war! Die herrliche Aussicht über das weite Thal, in welchem unser Vaterhaus stand, die Berge, Tähler, Flüsse und Seeen von vier sich nahegrenzenden Cantonen, die prachtvolle Aussicht auf den Zürichsee mit seinen zahlreichen prächtigen Ortschaften! Dorthinunter, dorthinaus, war es mir immer, werde, ja müsse ich einst auch gehen. Doch waren dieses vor der Hand nur eitle, sehnsüchtige Träume, und mir schien nur wenig Aussicht vorhanden, dass diese Träume jemahls realisirt werden würden.»28

Ganz so hoffnungslos war seine Lage jedoch nicht, denn ein anderer junger Mann in der Familie hatte dieselbe Idee bereits in die Tat umgesetzt: Heinrich Schindler aus Mollis, ein Cousin zweiten Grades, war Anfang Dreissigerjahre in die USA ausgewandert. Mochten die Umstände, unter denen er seine Heimat verlassen hatte, auch nicht die glücklichsten gewesen sein,29 so las Heinrich dennoch fasziniert seine Briefe und fasste bereits damals heimlich den Entschluss, später ebenfalls nach Amerika zu reisen. Drei Jahre nach Heinrich Schindler erfüllten sich auch zwei Cousins, je ein Sohn zweier Brüder des Vaters, diesen Traum, und es ging ihnen gut in den USA.30 Ihre Nachrichten hielten Heinrichs Fernweh wach und bestärkten ihn in seinem Gefühl, das Leben werde auch ihm mehr zu bieten haben als nur harte Arbeit und eine bescheidene Existenz auf dem Ussbühl.

Lienhards Erinnerungen an die Jahre nach der Konfirmation zeigen, dass er sich sehr wohl mit der Landwirtschaft verbunden fühlte, dass ihm aber die herkömmliche Art und Weise, wie der Vater sie betrieb, wenig Anreiz bot: «Mein Vater […] hielt durchaus nichts auf Neuerungen, sondern liess alles beim Alten, mochte es zweckmässig sein oder nicht. Denn so hatte er eine Sache betrieben, ebenso sein Vater und noch gar viele andere Leute, und diese waren doch auch keine Narren. Diese Neuerungen taugen wenig oder nichts; recht tüchtig drauflos arbeiten, das war die rechte Art, damit kann man nur sein Leben machen. […] Dass der Mensch, der doch von Gott mit gesunder Vernunft erschaffen ist, diese zu seinem und seiner Mitmenschen Vortheil und Verbesserung der Lage nach besten Kräften und Vermögen verwenden sollte, scheint mein Vater nicht recht begriffen zu haben.»31

Heinrich wollte Neues lernen und moderne Methoden ausprobieren. Ein Zeichen in dieser Richtung setzte er im Juli 1841, als er an einem Sonntagmorgen um vier Uhr aufstand und nach Glarus marschierte, um sich dort ein Buch über Landwirtschaft zu kaufen.32 Den Kopf voll neuer Ideen, kehrte er nach Hause zurück, und «Simon Strüf» weckte nicht nur seine lebenslange Leidenschaft für den Obstbau, sondern sollte ihn später auch nach Amerika begleiten und ihm dort gute Dienste leisten: «Ich war jetzt der glückliche Besitzer eines guten und nützlichen Buches, und ich benutzte jeden Moment, um daraus zu lesen und zu lernen, denn es handelte über fast jeden Zweig der Landwirthschaft. Gar viel war über Obstbauzucht daraus zu lernen. Ich lernte daraus Okuliren, auch einige Pfropf- und Kopulirmethoden. Im Herbst gieng ich an das Putzen unserer alten Greise von Fruchtbäumen. Alles Moos und überflüssige alte Rinde musste herunter, und die überflüssigen alten, zum Theil drockenen Äste wurden ebenfalls heruntergesägt. Wenn wier junge Bäume pflantzten, machte ich die Gruben vier Fuss Durchmesser und zwei Tiefe, legte die obere, bessere Erde auf eine und die untere, schlechtere auf die andere Seite der Grube. War der Grund schlecht, so suchte ich diesen durch Bessern theils zu ersetzen, machte mit dem bessern Grund einen Hügel in der Mitte der Grube und setzte den zu pflantzenden Baum auf denselben. Den Wurzeln des jungen Baumes gab ich so viel als möglich die Form eines Rades, füllte die beste und feinste Erde zwischen dieselben, pflanzte um so tiefer, als sie früher gestanden, gab ein gerader Pfahl, füllte auch die schlechtere Erde in die äussern Seiten der Grube, so dass der äussere, schlechtere Grund den innern, bessern um einige Zoll überragte. Waren die Wurzeln dann mit Grund ein wenig bedeckt, goss ich langsam mit einer Giesskanne ringsherum so lange Wasser, bis der feinere und bessere Grund sich zwischen den Wurzeln hinein gesenkt und sich an dieselben angelegt hatte. Kamen einzelne der Wurzeln dadurch wieder zum Vorschein, wurden diese abermahl mit feinem, gutem Grunde gedekt, dann wieder begossen und endlich noch Einmahl mit feiner Erde bedekt. Dann wurde der Baum an den Pfahl gebunden, der Grund während des Sommers locker und rein vom Unkraut gehalten, und ich war stehts sicher, dass gesunde, junge, auf diese Art behandelte Bäume kräftig wuchsen.»33

An abendlichen Freizeitvergnügen für Jugendliche bestand damals nach Lienhards Worten kein grosses Angebot. Die jungen Männer spazierten durch die Dorfgassen, unterhielten sich mit Streichen oder inszenierten Raufereien. Heinrich ging einige Male mit, langweilte sich aber bald und zog es dann vor, zu Hause zu bleiben. Daran vermochte auch der junge Nachbar nichts zu ändern, der ihn eines Tages warnte, er werde auf diese Weise bald als Sonderling angesehen und es heisse bereits jetzt von ihm, er sei «ein Kerl wie ein alter Mann»34. Abwechslung fand er unter anderem beim Musizieren. Der ältere Bruder hatte ein Jahr vor Heinrichs Konfirmation geheiratet,35 und seine junge Frau besass eine Zither. «Dieses Instrument verstand sie ordentlich zu spielen, und bald spielte sie meine Schwester auch, doch beide konnten die Zitter nicht richtig stimmen, welches ich aber für sie that, nachdem sie mir gezeigt, wie es zu thun sei. Natürlich fing ich dann auch bald an selbst zu spielen und überholte damit in kurzer Zeit sowohl meine Schwägerin als meine Schwester; und diese Zitter vertrieb mir denn auch einen grossen Theil von meiner langen Weile.»36

An Sonntagen unternahm er gerne Wanderungen entlang der Linth oder in den Glarner Alpen: «Ich hatte ein besonderes Verlangen, etwas Neues zu sehen, aber neue Landschaftsbilder, von denen es in den heimatlichen Bergen so viele gibt, hatten einen besondern Reiz für mich.»37 Regentage verbrachte er wenn möglich in der Werkstatt, wo er sich am liebsten mit Holzarbeiten beschäftigte. Er reparierte alte Geräte und bastelte Neues, überlegte und tüftelte, bis das Gewünschte – von der Mausefalle über den Hornschlitten bis zum Drechselstuhl – Form annahm und funktionierte. Als eines Tages die Treppe vom Wohnzimmer in den Keller für unsicher erklärt wurde, anerbot er sich, eine neue zu zimmern, wenn der Vater ihm dazu die nötige Zeit in der Werkstatt gebe. Nachdem Heinrich die Arbeit beendet hatte, trugen sie die Treppe gemeinsam in den Keller, «aber Oh weh – sie stand ein klein wenig schief, welches mich so ärgerte, dass ich augenblicklich sie mit der Axt38 in Stücker schlagen wollte. Aber mein Vater gebot mir, dass ich mich dessen nicht unterstehe, denn die Treppe sei ganz gut, und das bisschen Schiefsein hätte nichts zu bedeuten. Zirca 8 bis 10 Jahre späther, als ich wieder einmahl aus Amerika zurück kam, vertrat die Treppe noch immer gute Dienste.»39

Als Heinrich siebzehn Jahre alt war, beteiligte er sich an den freiwilligen Exerzierübungen, die Oberst Schindler für angehende Rekruten in Bilten durchführte. Im Jahr darauf, 1840, nahm er erstmals an den militärischen Vorübungen in Oberurnen teil, die jeder Rekrut zu absolvieren hatte, und zwar während dreier Jahre jeweils eine Woche im April. Er absolvierte diese Ausbildung mit Begeisterung: «Für mich waren diese militärischen Vorübungen ein grosses Vergnügen, und ich glaube kaum, dass irgend einer auf dem Platz zu finden gewesen wäre, der mehr Vergnügen an unsern Übungen empfunden hätte als ich. Ich lernte dabei recht ordentlich, und ich kann dreist sagen, ohne zu prahlen, dass ich im letzten Jahr einer von den am weitesten Vorangeschrittenen war. Ich hatte mehr als Einmahl Schwenkungen komandirt und ausgeführt, welche einer unserer jungen Instrukteure vergebens auszuführen versuchte. Solches konnte natürlich nur geschehen, wenn der Major nicht zugegen war, indem es sonst unserm jungen Instruktör als solchem hätte schaden können. Dieses waren meine glücklichsten Tage in meiner alten Heimath, welche aber leider nur zu schnell vorüber gehend waren.»40

Die Beziehung zum älteren Bruder blieb auch in den Jahren nach der Konfirmation gespannt, umso mehr, als Peter nach dem frühen Tod seiner Frau ins Elternhaus zurückgekehrt war. Zum einen gestaltete der grosse Altersunterschied von gut neun Jahren das Verhältnis zwischen den Brüdern schwierig, zum anderen scheinen sie auch in ihrer Art sehr verschieden gewesen zu sein; dies jedenfalls lassen einige Episoden vermuten, die Lienhard offensichtlich tief gekränkt hatten. Am meisten litt Heinrich, wie schon als Kind, unter der Parteilichkeit des Vaters, der bei Streitigkeiten, ohne nachzufragen, stets dem Älteren Glauben schenkte und die Rivalität der Brüder dadurch noch verstärkte. In dieser ungerechten Behandlung des Vaters liegt wohl auch Lienhards spätere Art begründet, bei einem Streit – ob selbst involviert oder nur um seine Meinung gebeten – den Hergang des Geschehens immer genau zu rekonstruieren beziehungsweise sich erzählen zu lassen, wenn nötig auch zweimal.

Als Erwachsener konnte sich Lienhard das Verhalten seines Vaters mit dessen eigener, besonders harten Jugend erklären. Kaspar Lienhard verlor als Ältester von fünf Geschwistern mit dreizehn Jahren seine Mutter,41 und der Vater, der dem Kartenspiel verfallen war, sorgte mehr schlecht als recht für seine Kinder. «Daher kam es denn wohl auch», glaubt Lienhard, «dass unser Vater, da [er] eine freudlose Jugend durchgemacht,42 selbst keinen richtigen Begriff von einem gutgeordneten Familienleben hatte. Er war hart, ohne es eigentlich zu wollen, er war einseitig, ohne dass er es beabsichtigte.»43 Für den älteren Bruder findet Lienhard keine versöhnlichen Worte dieser Art.

Zukunftsweisend für Heinrich Lienhard waren Erlebnisse wie an jenem Abend, als er von der Feldarbeit nach Hause kam und der grosse Bruder ihn aufforderte, ihm zu helfen, einen grossen Stein wegzuwälzen. Heinrich antwortete ihm, dass er zuerst kurz ins Haus wolle, ihm danach aber helfen werde. Obwohl er sich beeilte, wurde er, als er aus dem Haus trat, von Peter schroff abgewiesen, da diesem inzwischen der jüngere Bruder Kaspar geholfen hatte. Beim Abendessen beklagte sich Peter über Heinrichs mangelnde Hilfsbereitschaft, worauf ein heftiger Streit entbrannte: «Ich antwortete, dass ich ihm doch habe helfen wollen, und erzählte, warum ich nicht sogleich helfen konnte, allein mein Bruder sagte, dass ich lüge, worüber ich sagte, dass er lüge, und nicht ich. Die nächste Antwort war ein Schlag von ihm auf mein Gesicht, welchen ich erwiderte, allein da er natürlich viel stärker war als ich, wurde ich von ihm erfasst und auf die Stubetiele geschmissen. Meine Schwester hörte ich sagen: ‹Das ist Recht!›, meine Mutter mahnte zur Vernunft, aber mein Vater nahm mich nichts weniger als sanft und schmiess mich vor die Hausthüre hinaus! Das war die Behandlung, die mir zu Theil wurde, die Gerechtigkeit, die mir wiederfuhr – weil ich das Herz hatte, eine freche Lüge von meinem Bruder als solche zurück zu weisen und einen Faustschlag mit einem Faustschlag, wenn auch schwächern, zurück zu geben.

Verzweiflung hatte sich meiner nahezu bemächtigt, und ich weiss nicht, was ich gethan haben würde, wenn ich meine liebe, unvergessliche Mutter nicht gehört hätte, wie sie zu Vernunft mahnte, zum unparteiischen Untersuchen der Sache. Ich begab mich in das Gebüsch, von da in das obere, dem Vater gehörende Haus, mich fortwährend mit Gedancken der schlimmsten Art beschäftigend. Bald wollte ich an die Lint eilen, um meinem misserablen Dasein ein Ende zu machen, oder ich wollte doch wenigstens fortlaufen, weit, weit hinaus in die fremde Welt, zu fremden, unbekannten Menschen – schlimmer glaubte ich es nirgends zu bekommen. Längere Zeit wandelte ich umher, aufgeregt und bis ins Innerste gekränkt; dann und wann sah ich empor zu dem herrlichen, vom Monde und den Millionen von Sternen beleuchteten Himmel: Wie herrlich war die Pracht und die Ruhe der Nathur, wie sehr verschieden von meinen Empfindungen!»44 Als seine Mutter ihn endlich fand, erklärte er ihr, dass er die ungerechte Behandlung nicht mehr länger ertragen könne und deshalb fort wolle von zu Hause. «Natürlich beredete die Mutter mich, wieder ins Haus zu kommen, und ihrem mahnenden, vernünftigen Zureden schreibe ich es zu, dass ich mich jene Nacht nicht vom elterlichen Hause trennte.»

Lienhard harrte in jenen Jahren nur seiner Mutter zuliebe auf dem Ussbühl aus. Sie war kränklich, und er wusste, dass auch sie unter der Art des Vaters litt. Deshalb wollte er ihr jetzt, da er bald erwachsen war, zur Seite stehen, wie sie es in seiner Kindheit so oft für ihn getan hatte. «Unsere Mutter besass ein viel klaarerer Verstand [und] richtigeres Begriffsvermögen», urteilt er rückblickend, «und ihr Einfluss und Ansicht waren ein Segen für uns Alle. Leider wollte der Vater ihren überlegenen Ansichten sehr oft nicht beipflichten, indem er sich dadurch seiner vermeinten männlichen Würde abbruch zu thun glaubte. Dadurch geschah es, dass seine Unternehmen manchmahl verkehrt ausfielen, wofür er aber doch lieber nicht die Schuld auf sich nehmen wollte, wenn ihm von der Mutter seine Missgriffe gezeigt wurden. Bei solchen Gelegenheiten gab es dann einigen Zwist zwischen den Eltern, und der Vater konnte sogar Ungerecht und Grob gegen die Mutter werden. Nahmen wir Kinder mehr die Partei mit der Mutter, welches Grösstentheils geschah, weil wir sie auch am meisten im Rechte glaubten, so erbitterte es den Vater dann nur noch mehr, und er wollte selten Gründe annehmen oder hören, bis sein Zorn nachgelassen hatte.»45

Heinrich Lienhards zehn Jahre älterer Bruder Peter (*1812) mit seiner dritten Frau Christina Blumer (*1831) von Nidfurn. Die drei Kinder Christina, Dorothea, und Caspar stammen aus seiner zweiter Ehe mit Dorothea Ackermann von Kerenzen (1821–1848). Peter Lienhard wanderte in den 1850er-Jahren mit seiner Familie nach Brasilien aus.

Heinrich war bereits achtzehn oder neunzehn Jahre alt, als er es einmal wagte, dem Vater energisch ins Gewissen zu reden. Vorausgegangen war ein heftiger Wortwechsel zwischen den Eltern, in dessen Verlauf der Vater die Mutter mit beleidigenden und kränkenden Ausdrücken beschimpft hatte: «Ich frug den Vater, ob er mit seinen ungerechten und unverdienten Zänkereien mit der Mutter uns ein Beispiel geben wolle, wie sich gute Eltern miteinander vertragen sollen. Er bete viel und alle Tage und wolle christlich Handeln, ich könne aber in seinen Zänkereien gegen die Mutter wenig christliches Betragen erblicken. Oder ob er vielleicht lieber hätte, dass die Mutter sterben sollte? Wenn das der Fall sei, so glaube ich, dass er sein Ziel allerdings leicht erreichen werde, denn es habe ihm ja früher schon einmahl ein Arzt gesagt, dass, wenn er seine Frau bald Tod sehen wolle, er sie nur recht zu ärgern brauche, so werde er bald am Ziel sein.»46 Zu seinem Erstaunen hörte ihm der Vater ganz ruhig zu, und seine Worte sollten ihre Wirkung nicht verfehlen: «Ich freue mich jetzt noch, mir sagen zu dürfen, dass mein Vater nachher niemahls mehr Hart und Beleidigend gegen die Mutter war, ja er erzählte mir sogar nach der Mutter Tod einmahl, dass er meine Mahnung sehr zu herzen genommen und beschlossen habe, in Zukunft die Mutter besser zu behandeln. Und er hatte es treulich gehalten.»47

An einem Abend im Dezember 1841 erschien ein Knecht von Barbaras Schwiegervater auf dem Ussbühl und berichtete, Barbara sei recht krank und wünsche sich, dass die Mutter nach Schänis käme.48 Vergeblich versuchten der Vater und die Söhne, die Mutter davon abzuhalten; schon am folgenden Tag begab sie sich zu Barbara, wo sie mehrere Wochen blieb und ihre Tochter gesund pflegte. Nach ihrer Rückkehr auf den Ussbühl geschah, was alle befürchtet hatten: Die Mutter erkrankte ebenfalls am sogenannten Nervenfieber49. Heinrich pflegte sie hingebungsvoll und war untröstlich, mit ansehen zu müssen, wie sie Schmerzen litt und mit jedem Tag schwächer wurde. Auf die drängenden Fragen des Vaters und der Kinder eröffnete ihnen der Arzt schliesslich, dass keine Hoffnung mehr bestehe. Gegen Ende delirierte die Mutter oft, und die Phasen, in denen sie ansprechbar war, wurden immer seltener. Die Schilderung dieser letzten Wochen am Bett der schwer kranken Mutter ist ein sehr persönlicher Abschnitt des Manuskripts; sie bringt die Liebe und grosse Dankbarkeit zum Ausdruck, die Lienhard für die Mutter empfand und sein Leben lang bewahrte.

Am 30. Januar 1842, einem Sonntag, blieb Heinrich, als die Besucher sich für kurze Zeit aus dem Krankenzimmer entfernten, allein bei der Mutter zurück und fragte sie: «‹Liebe Mutter, kennt Ihr mich noch?› Sie öffnete ihre Augen, blickte mich freundlich an und antwortete: ‹Ja, Du bist ja mein lieber Heinrich!› Ich konnte kaum Worte hervorbringen, doch wollte ich sie noch Einiges fragen; aber es waren ihre letzten lieben Worte gewesen, und sie war wieder in Schlummer verfallen, und ihr Puls gieng besonders schnell und laut.»50 Nachdem sich die Familie wieder um das Bett versammelt hatte, starb die Mutter in Heinrichs Armen. «Ich konnte meiner Gefühle kaum Herr werden», beschreibt er diesen Moment, «denn mir war es, als ob sich auch für mich auf dieser Welt alles aufgelöst habe und ich nun nicht mehr existiren könne, und ich glaube, hätte ich auf mein Wort ihr in die Ewigkeit folgen können, ich würde es gethan haben. Nachdem meine erste Aufregung etwas nachgelassen und ich meine Fassung einigermassen wieder erlangt hatte, da war mein Beschluss gefasst: ‹Ich reise nach Amerika›, sagte ich mir, ja ich sagte es offen!»51

Obwohl seine Entscheidung nun feststand, brachte er es nicht übers Herz, den trauernden Vater gegen dessen Willen zu verlassen. Kaspar Lienhard beschloss nach dem Tod seiner Frau, mit dem mütterlichen Erbe sein gesamtes Land den Kindern zu überlassen. Sie teilten es in vier möglichst gleich grosse Teile auf und verlosten diese untereinander. Am begehrtesten war das sogenannte «Heimatgut» mit dem Elternhaus, das lebenslanges Wohnrecht für den Vater und für die unverheirateten Söhne einschloss. Das Los entschied für Peter, und für Heinrich war klar, dass er von seinem Wohnrecht keinen Gebrauch machen würde. Er wollte deshalb die Zeit, bis der Vater seinen Reiseplänen zustimmen würde, für eine Berufslehre nutzen, setzte vorher aber noch ein deutliches Zeichen, indem er im Sommer das ihm zugefallene Land an einer Auktion verkaufte. Dabei spielte ihm der ältere Bruder einen letzten Streich: Obwohl der Vater Peter davor gewarnt hatte, bot dieser mit,52 worauf sich der am Kauf interessierte Nachbar zurückzog. Später liess dieser Heinrich wissen, dass er ihm zweihundert Gulden mehr bezahlt hätte als der Bruder.

Noch im selben Jahr trat Heinrich kurz nacheinander zwei Lehrstellen an, denn er wollte unbedingt einen Beruf erlernen. «Dieses lässt sich leicht sagen», resümiert er seine Erfahrungen, «aber wer in Europa Lehrling sein muss, hat gewiss ein schöner Vorgeschmack von Sklaverei erhalten; mir kam es wenigstens so vor.»53 Zuerst versuchte er es in der grössten Schreinerei von Wädenswil, wo schöne Möbel angefertigt wurden und ein halbes Dutzend Gesellen sowie drei Lehrlinge beschäftigt waren. Er vereinbarte mit dem zukünftigen Meister eine dreiwöchige Probezeit; würde er die Lehre danach definitiv antreten, sollte er sich für drei Jahre verpflichten und vierzig Taler Lehrgeld bezahlen,54 anderenfalls der Familie drei Gulden Kostgeld für die Probezeit vergüten.

Die ungewohnte Arbeit in der Werkstatt war anstrengend, zudem lernte Heinrich schon bald auch alle anderen Pflichten des jüngsten Lehrlings kennen. Sie bestanden darin, «erstens dem Meister zu jedweder Arbeit zu Diensten zu sein, Zweitens das Wasser ins Haus [zu] tragen, Drittens der Frau Meister die Betten für alle Gesellen zu machen und die vielen schnellfüssigen Flöhe zu fangen helfen – ein Geschäft, wobei ich etwas Dumm und Langsamm war. Und endlich sollte ich, wenn der Meister nicht gerade dabei war, auch noch den jungen schwäbischen Lausbuben, welche sich als Gesellen über mich dünkten, allerlei Dienste verrichten und am Sontag auch noch sie Traktiren.»55 Dies alles entsprach nicht seinen Vorstellungen einer Lehrstelle, so dass er nach Ablauf der Probezeit dem Meister die drei Gulden Kostgeld bezahlte und erleichtert auf den Ussbühl zurückkehrte.

Den zweiten Versuch machte er bei Büchsenmacher Pfenninger in Stäfa. «Ich war immer ein Freund vom Schiessen und schöner Schiessgewehre»,56 begründet er seine Wahl, und die dreiwöchige Probezeit verlief denn auch für beide Seiten zufriedenstellend. Das Wohnhaus mit Weinberg befand sich auf einer Anhöhe in schöner Lage, der Meister und seine Frau, die Tochter und die fünf Söhne, von denen der Älteste ebenfalls in der Werkstatt arbeitete, behandelten ihn freundlich, und auch die Kost liess nichts zu wünschen übrig. «Hätte ich da zögern sollen, einen Kontrakt zu schliessen? Ich sollte zwei und dreiviertel Jahre beim Meister bleiben und sollte eilf Dublonen Lehrgeld bezahlen; ich sollte dann aber zu keiner andern Arbeit verpflichtet sein als solche, die zum Erlernen des Büchsenmacher-Geschäft gehörenden. Die erste Hälfte des Lehrgeldes wurde sogleich bezahlt, die zweite Hälfte sollte nach Ablauf der halben Lehrzeit bezahlt werden.»57

In der Werkstatt machte er rasch Fortschritte und war begierig, Neues zu lernen. Der Meister zog aber ein gemächlicheres Tempo vor und fand die wiederholte Bitte seines Lehrlings, er möge ihm mehr zeigen, verfrüht. Heinrich vermutete allerdings, Pfenninger habe wohl eher befürchtet, es könnte ihn dadurch «zu sehr nach baldiger Freiheit gelüsten.»58 So verrichtete er weiterhin die härtesten Arbeiten wie «Züge in neue Büchsenläufe zu ziehen, alte Züge zu erneuen und tiefer zu ziehen, Flintenläufe auszuschneiden und dergleichen, welches bedeutende Anstrengung erforderte, bei welchen Arbeiten ich förmlich dämmpfte.»59

Mit der Zeit stellte Heinrich fest, dass die kleinen Gefälligkeiten, um die er ab und zu ausserhalb der Werkstatt gebeten wurde, sich häuften. Er verstand zwar, dass es für ihn leichter sei als für die Frauen, Wasser aus dem Brunnen ins Haus zu tragen, störte sich aber trotzdem an dem Gedanken, sich für elf Dublonen Lehrgeld zweidreiviertel Jahre «als Wasserträger für die Familie»60 betätigen zu müssen. «Aber ich suchte mich zu trösten und sagte mir, dass ich mir als Lehrjunge eine Kleinigkeit gefallen lassen müsse.»61 Er hackte Holz, half auf dem Feld und im Rebberg, und erst als ihn der Meister einmal aufforderte, Jauche umzuschöpfen, weigerte er sich, dessen Anweisung zu befolgen. «Ich war bereits an meiner Arbeit in der Werkstätte, da kam der Meister. Als er die mir befohlene Arbeit unverrichtet fand, sah er bald nach mir durch das Fenster, bald nach den Jauchen-Behältern und that sehr erzürnt. Um dass das Schlimmste sogleich kommen möge, stellte ich mich an das Fenster hin und sah ihm ruhig durch dasselbe zu. Ich erwartete, ungefähr so Freundlich angesprochen zu werden, als er mich durch seine Brille anschaute; ich hielt sein Blick aber ruhig stehend aus und erwartete ihn im nächsten Moment in der Werckstätte. Aber der Meister gieng ins Haus und hatte kein Wörtchen derwegen zu mir zu sagen.»62

Kurze Zeit später liess man ihn aber wissen, dass er im Frühjahr würde helfen müssen, mit dem Karst den Weinberg umzugraben, Jauche und Mist auszutragen und anderes mehr, worauf Heinrich erwiderte, dass er dies nicht zu tun gedenke. «Meine Lage wurde dadurch nichts besser», erinnert er sich, «weil ich mich weigerte, der gedungene Sklave zu sein, und ich war entschlossen, der Sache sobald als Möglich ein Ende zu machen. Amerika war nun entschieden mein Ziel, doch davon durfte ich einstweilen Niemanden etwas merken lassen.»63

Obwohl er Grund hatte, die Lehre abzubrechen, befürchtete er, der Meister könnte noch die zweite Hälfte des Lehrgeldes von ihm fordern. «Ich war damahls noch Unerfahren», stellt er rückblickend fest, «sonst hätte ich, ohne viele Umstände zu machen, mein Bündel geschnürt und mich dann bestens empfohlen, da der Kontrakt von des Meisters seite verletzt wurde, nicht aber von mir.»64 Er legte sich einen Plan zurecht und schrieb dem Vater einen Brief, in dem er ihm die Situation darlegte und ihn bat, schriftlich von ihm zu verlangen, nach Hause zu kommen, um das von der Mutter geerbte Land zu übernehmen und selbst zu bewirtschaften. Er, der Vater, habe das Land nach dem Tod der Mutter an seine Kinder abgetreten, um davon befreit zu sein, und er könne mit Heinrich keine Ausnahme machen.

Die erste Antwort des Vaters fiel nicht nach Heinrichs Wunsch aus: «Mein Vater war kein Freund der Büchsenmacherei und hatte mir anfangs stark abgerathen, diese Profession zu erlernen, von welcher er ungefähr die selbe Achtung hatte, als wäre sie mit der Kesselflickerei auf einer Stufe. […] In seiner Antwort hiess es, ich hätte mir das Ding besser überlegen sollen, noch befor ich den Kontrakt unterzeichnet und das halbe Lehrgeld, Fünf und eine halbe Dublone, daran bezahlt. Jetzt solle ich womöglich zu bleiben suchen, Zwei und ein Viertel Jahre seien ja doch keine Ewigkeit etc.»65 Heinrich antwortete dem Vater aber postwendend, dass er die Lehrstelle mit oder ohne seine Hilfe verlassen werde, selbst auf die Gefahr hin, die andere Hälfte des Lehrgeldes noch bezahlen zu müssen. Bald darauf traf der gewünschte Brief des Vaters doch noch ein. Heinrich gab ihn dem Meister zu lesen, worauf dieser erklärte, er wolle mit ihm nach Bilten gehen und persönlich mit dem Vater und den Geschwistern reden.

Der Besuch auf dem Ussbühl wurde auf einen Sonntag Anfang 1843 festgesetzt. «Es war noch Finster, als wir den Weg nach Bilten antraten. Es war ein frostiger Februar-Morgen, in den Strassen gab es noch an vielen Stellen Schnee und Eiskrusten. Der Meister lief sehr rasch und war fast immer um ein bis zwei Schritte voraus und stürzte ein paar Mahl nieder, wobei er sich ein wenig Wehe that und welches ich, wäre ich geneigt gewesen, ein Bisschen abergläubig zu sein, als für mich ein gutes Zeichen hätte betrachten sollen.»66 Tatsächlich verlief der Besuch zu Hause ganz nach Heinrichs Wunsch, indem die Familie sich genau an seine Anweisungen hielt und Pfenninger schliesslich einsehen musste, dass die Sache nicht mehr zu ändern war.

Am folgenden Tag marschierte Heinrich mit Pfenninger zurück nach Stäfa, wo der Meister ihn noch einen grossen Haufen Holz sägen und hacken hiess. «Um keine Unzufriedenheit durch eine Weigerung hervorzurufen, gieng ich rüstig an die Arbeit, sägte mit verdopelter Kraft drauf los, und der grosse Haufe war Abends zum Erstaunen der ganzen Familie fertig, denn man hätte mir das gar nicht zugemuthet, dass ich soviel in einem Tag fertig bringen könnte. […] An Essen und Trinken wurde ich an diesem Tage behandelt wie während meiner Probewochen. Am nächsten Morgen hatte ich meine Kleider bald zusammen geschnürt und nahm endlich herzlichen Abschied, das heisst, ich verabschiedete mich herzlich Gern. Als ich Stäfa im Rücken hatte, fühlte ich wieder wie der Vogel in der Luft, und ich erreichte mein Vaterhaus bald [am] Nachmittag.»67

Auf dem Ussbühl folgte eine schwierige Zeit, in der, so Lienhard, der Hausfriede nicht der beste war. Immer wieder versuchte er, dem Vater die Erlaubnis für die geplante Amerikareise abzuringen, denn ohne den väterlichen Segen wollte er das Elternhaus nicht verlassen. Aber der enttäuschte Vater, der seinem Sohn beim Abbruch der Lehre geholfen hatte im Glauben, dieser kehre nun endgültig nach Hause zurück, weigerte sich beharrlich, sein Einverständnis zu geben. Die alten Grundsatzdiskussionen nahmen ihren Fortgang, und das Reizwort «Amerika» gab Anlass zu vielen harten Auseinandersetzungen. Warum der Vater ihn nicht ziehen lassen wollte, war für Heinrich schwer zu verstehen: «Obschon ich entschieden der Ansicht war, dass mein Vater unter seinen Kindern mich damahls am wenigsten liebte (und dieser Ansicht bin ich jetzt noch), so glaube ich, dass er mich, gerade weil er mich doch auch lieb hatte, nicht so weit weg von ihm und der Heimath wissen wollte. Der Gedanke, was aus mir werden sollte, wenn ich unter fremden Leuten krank würde, schien ihn sehr zu quälen, und dass ich seinen derartigen Gedanken nicht gehörig Rechnung trug, schien ihm fast Räthselhaft.»68

Auch spontane Einfälle brachten nicht den gewünschten Erfolg: «Unseren fortwährenden desshalbigen Verdriesslichkeiten müde, meinte ich einst, den Vater damit zu erschrecken und vielleicht gefügiger für meine Amerika-Pläne zu machen, als ich drohte, wenn ich nicht nach Amerika könne, so werde ich heirathen. Aber das war dem Vater eben gerade Wasser auf die Mühle, denn sogleich war er damit einverstanden: ‹Thue das›, sagte er, ‹das ist das Gescheidteste, was Du thun kannst!› Ich sah mein Irrthum sogleich ein und erwiederte ihm, dass ich dazu noch viel zu Jung sei.»69

Dann kam ihm eines Tages unerwartet ein Bruder des Vaters zu Hilfe: «Nachdem Unkel Peter sich zu uns gesetzt und er einige Worte mit uns gesprochen hatte, wandte er sich plötzlich zum Vater mit der Bemerkung: ‹Bruder, Du zankst Dich immer mit deinem Jungen, nur weil er nach Amerika will. Lass ihm doch sein Willen, und lass ihn gehen! Wenn etwas Ordentliches aus ihm wirdt, wenn er einmahl Dort ist, so sollst Du darüber Froh sein; sollte er aber ein Daugenichts werden, so sei Du zufrieden, dass er so weit von Dir fort ist! Er hat eine gelehrige Hand, er wird wohl wie andere junge Leute dort auch sein Auskommen finden. Bruder Jakob und ich, wir Beide haben je ein Sohn in Amerika, und wir sind es zufrieden. Warum willst Du es denn deinem Heinrich absolut verwehren?›»70 Die Übermacht von Bruder und Sohn scheint Kaspar Lienhard für einen Moment aus der Fassung gebracht zu haben, denn «halb Drotzig, halb Unwillig» wandte er sich an Heinrich mit den Worten: «Nun, wenn Du absolut nach Amerika willst, so gehe in Gottesnamen! Wenn es Dir dort gut geht, so bin ich auch damit zufrieden!»71

Reise nach Amerika 1843

Nach den erlösenden Worten des Vaters wollte Heinrich Lienhard keine Zeit mehr verlieren. Er wusste, dass sein Nachbar Jakob Aebli schon lange auf einen Begleiter wartete, mit dem er nach Neu-Schweizerland72 in Illinois reisen könnte, wo Verwandte von ihm lebten. Unverzüglich überbrachte ihm Heinrich nun die gute Nachricht, dass sein Reisepartner gefunden sei. Gemeinsam legten sie das Abreisedatum auf den 24. August 1843 fest und begannen mit den Reisevorbereitungen. Aeblis Bruder war in einer Advokatur tätig und organisierte ihre Fahrt bis Le Havre durch die Agentur Rufli in Sisseln, Kanton Aargau. Später sollte sich zeigen, dass dies nicht nötig gewesen wäre: «Ich war damahls wie die meisten Erstlinge oder Grünlinge in solchen Dingen noch sehr Unerfahren. So viel fanden wir indessen spähter heraus, dass wir die Reise von [zu] Hause nach Havre vollkommen so billig und in viel kürzerer Zeit per Post auf viel angenehmere Art hätten machen können.»72

Die bevorstehende Reise von über zwei Monaten erforderte gute Planung, umso mehr, als sie sich bis nach Le Havre selbst verpflegen wollten und dies auf der Atlantik-Überfahrt von Zwischendeck-Passagieren ohnehin erwartet wurde. «Diese Ausrüstung, wenn sie nach damahliger Idee einigermassen für den Schiffsraum und [die] selbst Verköstigung hinreichend sein sollte, verlangte von 30 bis 60 Pfund Käse, dürre Zwetschgen und dito Kirschen von [zu] Hause aus. Der Käse wurde dann an der Französischen Grenze versiegelt (blumbirt); solch versiegelter Käse durfte erst auf dem Meer angeschnitten werden. Für Federbetten auf dem Meere hatte Jeder auch selbst zu sorgen, dann noch eine küpferne Kochpfanne durfte nicht fehlen. Zwei bis vier vollständige Kleideranzüge, ein bis zwei oder Mehr Dutzend Hemden, ein oder zwei Dutzend Nastücher und wo möglich dito baumwollene und wollene Strümpfe nebst einer Flinte und einer Pistole und vielleicht eine Büchse, um sogleich den vielen Hirschen, Bären, Pänter und Büffel nach Ankunft in Amerika den Gar ausmachen74 zu können, waren durchaus als Nöthig angesehen.»75 Für den Transport liessen sie sich jeder einen grossen, mit Metallbeschlägen verstärkten Überseekoffer anfertigen und mit gelber Farbe ihren Namen darauf malen.

Zwei Wochen vor der Abreise begaben sie sich nach Glarus auf die Kanzlei, um ihre Pässe abzuholen. Lienhards «Reise-Pass» datiert vom 10. August 1843, und das «Signalement des Tragers» lautet wie folgt: «Alter: 21 Jahre; Grösse: 5 Fuss 8 Zoll; Haare: dunkelbraun; Augenbrauen: item; Stirne: gewöhnlich; Augen: hellbraun; Nase, Mund: mittler; Kinn: rund; Gesicht: oval; Besondere Kennzeichen: keine.»76 Nachdem sie das lang ersehnte Reisedokument sicher in ihrer Tasche wussten, mischte sich auf dem Nachhauseweg sogar ein wenig Wehmut in ihre Vorfreude: «Auf dem Rückweg von Glarus über Mollis nach Hause besahen wir noch unsere romantischen Glarnerberge. Da erhoben sie sich so Majestätisch, und doch sahen sie so friedlich aus an diesem freundlichen, sonnigen Augusttag. ‹Werden wir diese herrlichen Berge wieder sehen?›, fragten wir uns, ‹es ist halt doch schön hier!›»77

Am 24. August fiel der Abschied vom Vater so versöhnlich aus, wie Heinrich es sich immer gewünscht hatte: «Während meine Brüder Peter und Kaspar meine Reisekuffer hinten auf das Chaisechen78 für mich befestigten, waren mein Vater und ich noch allein im Hause. Wir tranken etwas Wein zusammen und vergaben uns jeden Fehler, welchen wir gegen einander begangen haben mochten. Plötzlich sagte der Vater zu mir: ‹Heinrich, bleibe hier! Ich will Dir gern alle Auslagen ersetzen, wenn Du hier bleibst.› Daran erkannte ich deutlich genug, dass der Vater mich doch noch lieb hatte, woran ich früher so oft zweifelte. Freilich konnte ich seinem Wunsche nicht entsprechen, denn ich sagte ihm, dass, wenn ich auch wirklich wollte, so dürfte ich mich so etwas nicht unterstehen, indem man mich für immer verhönen würde. Jetzt war Unten alles fertig, der Vater wollte mich noch bis Lachen begleiten. Aber aus dem Väterlichen Hause, in welchem ich das Licht der Welt zum Erstenmahl erblickte, in welchem ich meine Kindheit durchlebt und gross geworden durch die gütige Pflege und Vorsorge meiner Eltern, besonders meiner nun modernden, unvergesslichen Mutter, deren Augen ich zudrückte – es that mir doch Wehe, ich mochte mich dagegen wehren, wie ich wollte.»79

In Lachen stiegen die beiden jungen Männer mit ihren Angehörigen zu einem letzten gemeinsamen Mittagessen im Gasthof Zum Bären ab. Später begaben sie sich zum Landungssteg, wo das Botenschiff nach Zürich wartete, und nahmen Abschied. «Der Vater blieb noch längere Zeit an der Landung stehen», erinnert sich Lienhard, «wahrscheinlich glaubte er, mich zum Letztenmahl gesehen zu haben. Ich schwenkte ihm noch manchmahl mein Nastuch, bis auch er endlich den Platz verliess.»80

Nach einer unruhigen Nacht auf Heu und Stroh war Lienhard frühmorgens der Erste, der das unbequeme Lager verliess. Selbst die vielen Flohbisse der vergangenen Nacht vermochten seine frohe Aufbruchstimmung nun nicht mehr zu trüben. In Zürich angekommen, besorgte er sich er sich ein deutsch-englisches Wörterbuch, während sich Aebli auf die Suche nach einem Transportmittel für ihre Weiterfahrt Richtung Basel machte, mit gutem Erfolg: Beim Landeplatz der Frachtkähne erklärte sich einer der Bootsleute bereit, ihn und seinen Reisegefährten – als einzige Passagiere – für wenig Geld bis nach Laufenburg mitzunehmen. Ihr Gepäck sowie «einige schwere Stücker Roheisen und eine Anzahl fetter Kälber für die Bäder in Baden»81 wurden eingeladen, dann ging es auf dem langen, spitzen Kahn in schneller Fahrt via Limmat, Aare und Rhein flussabwärts. Am Abend machte man bei einem Gasthof Halt für die Nacht: «In dem Wirtshaus fanden wir noch ganz unerwartet einen unserer nächsten Nachbarn, Friedolin Streif, welcher mit Schabzieger handelte und am nächsten Tag nach Zurzach wollte, welches unweit von Da zwischen der Aare und dem Rhein liegen soll. Durch Streif sandten wir unsern Verwandten noch einmahl Grüsse heim.»82 Am Nachmittag des 26. August erreichten sie Laufenburg, von wo sie mit einem Fuhrwerk nach Sisseln gelangten.

Hier wartete bereits ein junger Mann von Ruflis Reisegruppe: «Wir fanden bei unserer Ankunft nur ein einziger Passagir von St. Gallen namens Jakob Behler, welcher wie wir Highland83 als das Endziel seiner Reise nach Amerika betrachtete. Behler hatte die selbe Broschüre von Salomon Köpfli über Neu Helvetia84 gelesen wie wir, und seine zwei Brüder und er wurden dadurch ebenso sehr wie Aebli und ich für das neue gelobte Land begeistert, als welches wir Highland dieser Beschreibung gemäss halten mussten. Wir betrachteten uns, als wären wir schon alte Bekannten, und hatten, soviel ich mich erinnere, keine Ursache, späther diese Bekanntschaft bereuen zu müssen.»85

In den folgenden Tagen trafen nach und nach weitere Reisende ein, vor allem Leute aus den Aargauer Gemeinden Küttigen, Erlinsbach und Frick, darunter viele Familien mit Kindern. Als Transportmittel für die Reise nach Le Havre dienten zwei grosse, breite gedeckte Wagen, in denen Bänke angebracht waren und die von je vier bis fünf starken Pferden gezogen wurden. Lienhard und Aebli waren der Ansicht, dass die beiden Wagen überladen seien, besonders nachdem sich ihnen vor Basel noch eine Gruppe von etwa zehn Berner Emigranten angeschlossen hatte.

Am 31. August passierten sie die Grenze bei St. Louis, danach ging die Reise langsam, aber stetig in nordwestlicher Richtung quer durch Frankreich: «Nancy ist eine schöne Stadt in einer herrlichen, mit Wein bebauten Gegend noch im Lotringischen. Wir hielten uns aber nur so lange auf, als nöthig war, das Mittagessen einzunehmen. Chalons ist eine grosse und schöne Stadt, Paris liessen wir zu unserer Linken ligen. Rouen erreichten wir Nachmittags zirca um Vieruhr; es nahm uns zwei volle Stunden, bis wier diese Stadt passiert hatten. Nachher bezogen wir wieder in einem grossen Pferdestall unser Nachtquartier86. Rouen ligt an der Seine, es kommen schon kleinere Seeschiffe bis dahin. Die Landung sieht einem Seehaven ähnlich, und man riecht schon den Teer, sieht grosse Taue, Anker, Matrosen – überhaupt war da viel Leben und geschäftiges Treiben.»87 Lienhard gehörte zu den jungen Leuten, die bei dem fast ausnahmslos schönen Sommerwetter einen guten Teil der Strecke zu Fuss zurücklegten, und wenigstens darin sah er einen Vorteil gegenüber der Beförderung mit der Postkutsche: «Auf diese Art, wie wir reisten, hatten wir natürlich gute Gelegenheit, Frankreich, soweit wir kamen, besser zu besehen, und ich war entzükt über die grössten Theils schönen, gutbebauten, fruchtbaren Gegenden.»88

Nach zweiwöchiger Reise näherten sie sich ihrem ersten grossen Etappenziel: «Sonntag, den 14. Sept. kamen wir plötzlich auf einer Anhöhe an, von wo aus wir zum Erstenmahl das Meer erblickten. Es war eine prächtige Aussicht, die See glänzte wie ein Silberspiegel und erweckte in uns Gefühle eigener Art.»89 Wenig später erreichten sie die Stadt Le Havre. Als sie dort beim letzten Essen mit Rufli in einem Gasthaus sassen, trat ein Mann auf sie zu und erkundigte sich, ob es unter ihnen Glarner gebe. Er stellte sich selbst als Glarner namens Legler vor und anerbot sich, Leuten aus seinem Heimatkanton bis zur Abfahrt des Schiffes zu helfen, da er sich in Le Havre gut auskenne und einige Tage Zeit habe. Aebli und Lienhard nahmen das Angebot dankbar an und trennten sich von der Rufli-Gruppe.

Legler brachte sie zuerst in einem besseren Gasthof unter und begleitete sie in den folgenden Tagen bei ihren Besorgungen. Als Erstes kauften sie sich ihre Schiffspassage auf dem amerikanischen Segelschiff «Narragansett»90. Dann besorgten sie sich das noch fehlende Geschirr und Bettzeug sowie zusätzliche Essensvorräte für die mehrwöchige Seereise. Am 18. September mussten sich die Schiffspassagiere an Bord einfinden, und in Lienhards Pass vermerkte der Commissaire de Police Délégué neben dem Polizeistempel: «Vue pour La Nouvelle Orléans sur Le Navire Le Narraganset. Havre Le 18 Sep. 1843.»

Die Wahl des neuen, dreimastigen Segelschiffes sollte sich als Glücksfall erweisen, strenge Regeln an Bord sorgten für Ordnung und Hygiene und machten den Schiffsalltag auch für die gut achtzig Passagiere des Zwischendecks erträglich. Mehr als fünfzig von ihnen waren Schweizer, denn auch Rufli hatte für seine Gruppe Passage auf der «Narragansett» gebucht. Am 20. September meldete das Journal du Havre, die «Narragansett» habe den Zoll passiert und stehe kurz vor dem Auslaufen. Am folgenden Tag ist das Schiff auf der Liste der «sorties» aufgeführt.91

Auf offener See wurden Aebli und Lienhard wie die meisten Mitreisenden zuerst seekrank. Danach verlief die Reise ohne Zwischenfälle – mit einer Ausnahme, und diese hätte für Heinrich Lienhard ein böses Ende nehmen können. Aebli und er wollten sich eines Tages mittels einer Pumpe, die ausserhalb des Schiffbugs befestigt war, mit Meerwasser waschen. Lienhard stieg als Erster hinunter, stellte sich unter die Pumpenröhre und hielt sich mit der linken Hand an einem Tau fest; dann rief er Aebli zu, langsam mit Pumpen zu beginnen. Da stürzte das Wasser mit solcher Wucht auf ihn nieder, dass er vor Schreck seinen Halt fahren liess und nur noch reflexartig mit der andern Hand das Tau wieder packen konnte. Es stellte sich heraus, dass oben ein irischer Matrose Aebli von der Pumpe weggedrängt hatte, um diese sogleich mit aller Kraft selbst zu betätigen. Der Schock blieb Lienhard zeitlebens in Erinnerung: «Die See war allerdings ganz ruhig und fast spiegelglat, aber da ich nicht Schwimmen konnte, weiss ich doch nicht, wie es mir ergangen, wäre ich hinab gestürzt.»92

Als sie sich nach der Atlantiküberquerung der Karibik näherten, griff der Kapitän immer öfter zum Fernrohr, und eines Tages ertönte endlich der Ruf: «Land in Sicht!» Langsam tauchte am Horizont die östliche Spitze der Insel Hispaniola auf, doch zu Lienhards Bedauern passierten sie diese in grosser Entfernung. Heinrich Lienhard war von der ersten Seereise an ein begeisterter Schiffspassagier. Bei all seinen Schiffsreisen zählte er am Morgen stets zu den Ersten, die an der Reling standen, und abends zu den Letzten, die ihre Schlafstelle aufsuchten. Und wenn der Mond hell genug schien, verbrachte er, in eine Wolldecke gehüllt, oft die ganze Nacht auf Deck, um nichts zu verpassen. Er liebte es, im Vorbeiziehen die Küsten und Inseln zu betrachten, und immer wieder beobachtete er fasziniert die vielen Tiere in Luft und Wasser, die in der Nähe von Land das Schiff lange begleiteten.

Im Golf von Mexiko erwartete sie stürmisches Wetter. Während mehrerer Tage lavierte die «Narragansett» in den Wellen, und der Kapitän bemühte sich, nicht zu weit nach Westen zu geraten, wo nach seinen Worten Gefahr bestand, auf eine Sandbank aufzulaufen. Als sich die See endlich beruhigte und das Wasser seine dunkle Farbe verlor, dauerte es nicht lange, bis sich ihnen ein kleines Lotsendampfboot näherte. Die Besatzung der «Narragansett» zog die Segel ein, befestigte ein dickes Tau an der «Black Star», und diese schleppte nun das grosse, dreimastige Segelschiff zur Mündung des Mississippi River. Dort kam ein Arzt an Bord, der die Gesundheitskontrolle vornahm. Auf der «Narragansett» musste er weder Kranke noch Tote registrieren, sondern konnte sogar einen zusätzlichen Passagier verzeichnen: Während der Umrundung der Ostspitze Kubas (Kap Antonio) war nämlich ein kleiner Antonio zur Welt gekommen, Sohn eines jungen Paares aus dem süddeutschen Baden. Somit hatte die Seereise nach 47 Tagen ein glückliches Ende gefunden, und nach einer weiteren Schleppfahrt mit der «Black Star» erreichten sie zwei Tage später den Hafen von New Orleans.93

Während fast alle Franzosen in New Orleans zurückblieben, hielten sich die Schweizer und Deutschen nur kurz in der Stadt auf, um sich dann an Bord des Dampfers «Meridian» zu begeben. Zehn Tage dauerte die Fahrt flussaufwärts bis nach St. Louis, Missouri. Um von hier nach Neu-Schweizerland zu gelangen, setzte man mit einer Fähre auf die Illinois-Seite des Mississippi über, danach blieben noch knapp dreissig Meilen94 zu Fuss oder mit einem privaten Fuhrwerk landeinwärts zu bewältigen. Reisende nach Highland warteten in St. Louis mit Vorteil im «Switzerland Boarding House», wo Farmer von Highland jeweils vorbeischauten, wenn sie ihre Produkte nach St. Louis brachten. Es dauerte denn auch nicht lange, bis zwei Schweizer aus der Siedlung erschienen und sich bereit erklärten, die neu eingetroffenen Landsleute und ihre schweren Koffer mitzunehmen.

Da sie die Strecke nach Highland in zwei Etappen zurücklegen wollten, machten sie gegen Abend Halt in einem Wäldchen. Sie bereiteten sich auf eine ungemütliche Nacht vor, denn im Wagen gab es keinen Platz zum Schlafen, der Erdboden war feucht, und es fing auch noch zu regnen an. Sie holten ihre Regenschirme hervor und versuchten, sich an einem Feuer zu wärmen, wobei einer der Farmer namens Buchmann einen Krug mit Whisky zirkulieren liess. Dann begann er von den Männern, Frauen und Kindern zu erzählen, die auf ihrer langen Reise über den amerikanischen Kontinent während Monaten noch viel härtere Strapazen auf sich nahmen, um im Fernen Westen eine neue Heimat zu suchen: «Er erzählte mir, wie die Emigranten über die Ebenen und Felsengebirge nach Oregon und Californien fünf bis sechs Monate lang mit Ochsen- und Mauleselfuhrwerken auskampieren müssten, wie sie sich mit Lebensmittel, Zelten, Gewehren und Waffen versahen, wie sie verschiedenen Indianern begegneten, von den Buffalos, Antilopen, Hirschen u.s.f. Er sagte, dass schon seid zwei bis drei Jahren im Frühjahr sich Leute in wo möglich grössern Gesellschaften zusammen fänden, und noch mehr verschiedene Einzelnheiten über jene geheimnissvollen Regionen.»95

Farmer Buchmann hätte sich keinen aufmerksameren Zuhörer wünschen können als Heinrich Lienhard. Das Wort»California» muss diesen wie ein Blitz getroffen haben, denn es liess ihn in den folgenden Jahren nicht mehr los. «Ich war also noch nicht an dem Endziele meiner Reise angekommen», erinnert er sich, «und doch empfand ich bereits Lust, vielleicht bald eben dieselbe Reise zu wagen.»96

Erste Jahre in Amerika: Illinois 1843–1846

Heinrich Lienhard und Jakob Aebli erreichten Neu-Schweizerland um den 20. November 1843 und wurden von Aeblis Verwandten, Familie Schneider, freundlich aufgenommen. Lienhard verbrachte zwei Wochen bei ihnen und benutzte die Zeit, um sich eine Arbeit zu suchen. Seine erste Stelle fand er bei einem Solothurner namens Mollet, der ihm als Lohn für den Anfang zwar nur Kost und Logis anbot, ihm später aber, wenn er sehe, dass Lienhard es verdiene, auch einen Lohn bezahlen wollte.97 Mollet arbeitete neben seinem Beruf als Wagenmacher auch als Zimmermann, und Lienhard freute sich auf die neue Herausforderung, zumal Mollets Frau Amerikanerin war und er deshalb hoffte, rasch mit der englischen Sprache vertraut zu werden.

Die kommenden Wochen erwiesen sich als schwieriger Anfang in der neuen Heimat. Der strenge Arbeitstag begann früh am Morgen, lange vor dem Frühstück, und hätte nach des Meisters Vorstellung bis abends um neun Uhr gedauert. Das Essen war eintönig und ungesund; es bestand aus «stark ausgebratenem und dabei sehr gesalzenem Speck, Kornbrod, ohne Salz und Fett bereitet, und dabei schlechten Weizencaffee mit allerhöchstens zehn Tropfen Milch auf die Tasse, so dass man kaum eine Verenderung der schwarzen Kaffeefarbe zu sehen vermochte.»98 Als Ersatz für Fett und Salz wurde das Maisbrot mit dem «ausgeschmolzenen Fett des verbratenen Specks» begossen.99 Diese Mahlzeit kam dreimal täglich an sieben Tagen pro Woche auf den Tisch, «so Regelmässig, als ob ein strenges Gesetz irgend etwas Anderes verböte».100

Lienhard bekam Magenschmerzen, fühlte sich schlecht behandelt, war unglücklich und enttäuscht. Nach zwei Monaten bei Mollet fand er, dass er nun zwar die «Schattenseite» von Neu-Schweizerland kenne, aber noch nichts von der «Sonnenseite» bemerkt habe.101 Als er den Meister eines Tages bei einer groben Tierquälerei beobachtete und vergeblich versuchte, ihn davon abzuhalten, verliess er dessen Haus für immer.

Die Monate Februar und März 1844 verbrachte Heinrich Lienhard bei Familie Leder102, mit deren Sohn Jacob er sich befreundet hatte. Der Vater, Johann (John) Leder, war als «Rigi-Leder» bekannt, da er am Nordhang eines «Rigi» genannten Hügels eine Farm besass. Hier fühlte sich Lienhard bald heimisch, umso mehr, als Vater Leder Klarinette und Trompete spielte und in seinem Haus am Abend oft musiziert und getanzt wurde.103 Allerdings arbeitete Lienhard auch bei Leders wieder ohne Lohn, und das bescheidene Vermögen, mit dem er nach Amerika aufgebrochen war, nahm langsam, aber stetig ab104: «Ich war jetzt nahe an zwei Monate bei Leders gewesen, und obschon ich mit den Leuten zufrieden war, sagte mir mein gesunder Verstand, dass ich auf diese Art nicht bestehen konnte. Bis dahin war ich Sonntags wie andere meiner Freunde dann und wann in das Wirthshaus gegangen und hatte auch ein paar Bällen beigewohnt, wobei ich immer etwas Geld brauchte, dagegen noch keines verdient hatte. Mit bedauren betrachtete ich da meine 20-Franken-Stücker, wenn ich eines davon aus meinem Gurt trennte, welchen ich immer am Körper trug. Ich kam mir fast als ein Vergeuder vor, und doch war ich eigentlich durchaus kein solcher.»105

Lienhard fand, dass (Salomon) Köpfli die Verhältnisse in der Siedlung «viel zu paradisisch»106 beschrieben habe und dass auch in den Briefen der Familie Schneider an ihre Verwandten zu Hause alles viel vorteilhafter dargestellt worden sei, als es sich in der Realität erweise. Es herrschte zwar kein Mangel an Lebensmitteln, doch zirkulierte sehr wenig Geld, so dass ein einfacher Farmgehilfe im günstigsten Fall mit einem Lohn von sechs bis sieben Dollar pro Monat rechnen konnte – und nicht selten fehlte den Farmern sogar noch diese kleine Summe Bargeld. Lienhard spielte zu dieser Zeit mit dem Gedanken, nach Le Havre zurückzukehren, Französisch zu lernen und dann nach Brasilien auszuwandern. Indessen sollten sich auch in Highland die Dinge bald zum Besseren wenden.

Nachdem er sich entschlossen hatte, nur noch bezahlte Arbeit anzunehmen, blieb ihm die Wahl zwischen den Brüdern Ambühl aus dem Kanton Graubünden107 und dem Berner Jakob Schütz108. Die Ambühls waren als «tüchtige, aber sehr hart arbeitende Farmer» bekannt, «welche viel Land besässen, für damahlige Zeiten gute Löhne bezahlten, aber auch bis in alle Nacht hinein Arbeiteten».109 Jakob Schütz, so hiess es, zahle zwar keinen grossen Lohn, dafür behandle er einen anständigen Arbeiter eher wie einen Sohn als einen Knecht, und «da das Wort ‹Knecht› auf mich ein widerlicher Eindruck machte und da ich in der Farmerei nämlich die Behandlung der Pferde, Pflügen etc. noch erst zu lernen hatte, entschloss ich mich sogleich, zuerst bei Schütz anzufragen.»110

Lienhard hatte Jakob Schütz bald nach seiner Ankunft in Neu-Schweizerland einmal getroffen, als er wie Schütz und andere Siedler zu gemeinnützigen Strassenarbeiten aufgeboten worden war.111 Man hatte ihm einen schweren Zweizollbohrer in die Hand gedrückt, mit dem er über längere Zeit arbeitete, dann aber ermüdete und begann, zwischendurch kurze Verschnaufpausen einzuschalten. Dem Strassenmeister Jacob Durer112, Wirt des Hotels Helvetia in Highland, missfiel dies offensichtlich, denn er forderte ihn jedesmal sogleich zum Weiterarbeiten auf. Dabei unterschätzte er aber das Temperament seines jungen Landsmannes: «Einige Mahl liess ich es mir gefallen», so Lienhard, «doch da ich fand, dass er mich zu seinem besondern Ziele auserlesen zu haben schien, erlaubte ich mir, ihm zu sagen, dass, wenn ihm meine Arbeit nicht genügend sei, werde ich ganz aufhören; dass ich mehr gethan habe als er selbst und so viel als irgend einer der Anwesenden [und] dass es mir vorkomme, man sei sehr hungrig, weil man Leute, welche kein Land besitzen und kaum angekommen seien, sogleich zu Straassenarbeiten auffordere.»113 Lienhards Ton schien Durer und seinem Kollegen Joseph Suppiger, einem Mitbegründer Neu-Schweizerlands, noch weniger zu gefallen; ein Wort gab das andere, und es entbrannte ein heftiger Streit, in dessen Verlauf Lienhard drauf und dran war, den grossen Bohrer hinzuwerfen.

In diesem Moment trat Jakob Schütz dazwischen: «Der kleine Mann, welcher bis dahin zugehört hatte, erhob sich nun ebenfalls, und ich glaubte, am Ende würde er auch noch gegen mich auftretten. Aber ich traute meinen Ohren kaum, als ich ihn sagen hörte, dass es ein rechter Unverstand sei zu verlangen, weil ich ein fetter junger Mann sei, dass ich mich nicht ein wenig ausruhen dürfe, nachdem ich bereits mit dem Zweizollborer so lange im Eichenholz gebohrt habe. Sie sollen es selbst einmal versuchen, damit werden sie bald genug ausfinden, ob sie ruhen möchten oder nicht. Auf die beiden grossmauligen Herren Squire114 Supiger und Helvetia Hotel Wirth Turer wirkten diese wenigen Worte des schlichten Farmers Jakob Schütz eigenthümlich beruhigend, denn sie hielten ihre Schimpfmäuler sogleich ruhig und hatten nachher durchaus nichts mehr gegen meine Arbeit einzuwenden. Was mich anbelangte, hätte ich den Schütz um den Hals fassen und Küssen mögen, weil er der Einzige war, der das Herz hatte, den grossmäuligen Herren die Wahrheit zu sagen. Natürlich fand dieser Mann ein warmer Platz in meinem Herzen. Ich ahnte aber damahls noch nicht, dass ich diesen Mann noch mehr lieb und werth schetzen lernen sollte.»115

Schütz erklärte sich einverstanden, Lienhard auf seiner Farm anzustellen. Als Lohn versprach er ihm viereinhalb Dollar im ersten Monat, danach, wenn er mit ihm zufrieden sei, fünf Dollar pro Monat. Sein Arbeitsbeginn wurde auf den 15. März 1844 festgesetzt, ein Tag, dem Lienhard mit Bangen entgegensah. Er hatte in den vergangenen Monaten ohne Lohn so viel gearbeitet, dass er sich nun fragte, was man künftig wohl für bezahlte Arbeit von ihm verlangen werde. «Am Abend des 14. Tag Merz fuhr mich mein Freund sammt meinem Gepäck hinüber zu Jakob Schütz. Während ich auf dem Wagen sass, regte sich in mir ein Gefühl, gleich als gienge ich nun dirreckt in die Sklaverei, und jedenfalls fühlte ich mich sehr erniedrigt.»116

Als er am nächsten Morgen erwachte, sprang er schnell aus dem Bett, denn obwohl es noch dunkel war, befürchtete er, verschlafen zu haben. Schütz, der im gleichen Raum schlief, erwachte und fragte ihn erstaunt, was er denn so früh anfangen wolle. «Ich antwortete, ich wolle das Vieh und die Pferde füttern, allein Schütz lachte darüber, hiess mich nur wieder zu Bette gehen, es sei Zeit genug zum Aufstehen mit dem Sonnenaufgang. Ich hätte nach dem wohl noch zwei volle Stunden schlafen dürfen, allein ich fürchtete, er möchte dann am Ende aufstehen und an die Arbeit gehen, während ich mich dann verschlafen könnte, daher zog ich vor, wach zu bleiben. Ich hatte mich jedoch in der Zukunft bald so gewöhnt, dass ich fast regelmässig mit Sonnenaufgang erwachte, und ich kann mich nicht erinnern, dass mir Schütz je zum Aufstehen gerufen hatte.»117

Mit Jakob Schütz hatte Heinrich Lienhard in Neu-Schweizerland das grosse Los gezogen. Sein Meister war ein verständnisvoller, freundlicher Mann Mitte fünfzig, der ihn, wie man es ihm vorausgesagt hatte, nicht nur gut, sondern wie ein Familienmitglied behandelte. Schütz war als guter Farmer bekannt und besass einige Meilen südwestlich der Stadt Highland eine eigene grosse Farm mit gutem Waldland. Er hatte diese aber, als Lienhard zu ihm kam, noch verpachtet und bewirtschaftete die sogenannte Ruef-Farm118 eine Meile westlich der Stadt Highland. Schütz fütterte und behandelte seine Tiere gut, weshalb sie zu den besseren der Gegend gehörten. Er kannte sich auch mit Tierkrankheiten aus, wurde oft von Farmern in den Stall gerufen und half immer, wenn es möglich war, obwohl ihn nicht alle dafür bezahlen konnten. «Der Charakter von Schütz war aufrichtig», schreibt Lienhard, «Personen, welche mit Lügen umgiengen, Schmeichler, Wucherer, Betrüger und hochmüthige, falsche Personen überhaupt, verachtete er. Armen, dürftigen Personen half er gern, soviel es seine Mittel ihm erlaubten, und wurde irgend Jemand von Andern Hart oder Ungerecht behandelt, konnte er sicher sein, in Schütz einen Beschützer und Freund zu finden.»119

Karte von «Highland oder Neu Schweizerland» und Umgebung von 1847 (Ausschnitt) mit den Namen der Siedler, unter anderen westlich der Stadt Ruefs Farm («Ruff»), die Jacob Schütz 1843 noch bewirtschaftete,

südwestlich davon dessen eigene Farm und im Südosten Seneca Gales Farm. Nördlich der Stadt die Farmen der Gebrüder Ambühl.

Schütz war seit einigen Jahren mit der verwitweten Tochter eines Schweizer Farmers verheiratet,120 eine Verbindung mit einer besonderen Geschichte. Die Frau hatte vier oder fünf Monate nach der Hochzeit eine Tochter geboren, worauf Schütz, der sich getäuscht und betrogen fühlte, sie aus dem Haus weisen wollte. Erst jetzt erfuhr er von ihr, dass sie vor der Heirat mit einem anderen, mittellosen jungen Mann verlobt gewesen sei und diesen auch habe heiraten wollen. Ihr Vater habe sie aber, obwohl er von ihrer Schwangerschaft gewusst habe, gezwungen, ihren Verlobten aufzugeben und stattdessen den wohlhabenden Schütz zu heiraten. Nachdem seine Frau ihm alles erzählt hatte, gab Schütz ihrem Bitten nach, und sie durfte mit dem Sohn Fritz aus erster Ehe bei ihm bleiben. Lienhard erinnert sich, dass Schütz und seine Frau zwar getrennt, aber doch unter einem Dach und in gutem Einvernehmen lebten. Die kleine Tochter Maria allerdings wurde bei einer anderen Familie untergebracht.

Als Schütz im März 1844 einmal am Haus jener Familie vorbeiritt, sah er das kleine Mädchen spielen. Er ging zu ihm hin, sprach einige Worte mit ihm, worauf Maria so spontan und freundlich reagierte, dass sie sein Herz offenbar im Sturm eroberte und er beschloss, die Kleine in seinem Haus aufzunehmen. Als Lienhard mit Jacob Leder Anfang März bei Schütz um Arbeit nachgefragt hatte, war Maria erst ein oder zwei Tage bei ihm, und das Bild, das sich ihm und Jacob damals bot, blieb ihm unvergesslich: «Wir fanden das Kind fast beständig an der Hand des alten Schütz, der ihre vielen Fragen kaum alle beantworten konnte. Aber er sah Glücklich aus, musste oft lachen und freute sich offenbar, endlich ein Kind gefunden zu haben. Gleich als ob das kleine Mädchen das Unrecht ihrer Mutter an Schütz wieder gutmachen wollte, war es überall bereit und zur Hand, ihrem väterlichen Wohlthäter behülflich zu sein, und zeigte nicht die geringste Scheu oder Furcht vor fremden Menschen, weder vor Pferden oder Vieh, so dass der Anblick dieses kleinen, lebhaften Wesens besonders geeignet war, das Antlitz des Vater Schütz aufzuheitern.»121 Nur den Schwiegervater, bemerkt Lienhard, habe er in Schütz’ Haus nie angetroffen.

Heinrich Lienhard lernte viel auf der Farm, sowohl im Umgang mit Pferden, was ihm später in Kalifornien zugute kam, als auch in der Landwirtschaft. Eine neue Arbeit erklärte ihm Schütz jeweils kurz und überliess ihn dann bald sich selbst. Im April 1844 gingen sie eines Morgens zusammen auf ein grosses Maisfeld, auf dem Lienhard die Maisstengel bereits abgehackt und zerkleinert hatte, und Schütz zeigte ihm nun, wie er mit Pferd und Pflug umzugehen habe, um das Feld noch zu pflügen. Nach ein paar Runden fand Schütz, Lienhard werde jetzt schon allein zurechtkommen, und liess ihn verdutzt allein zurück. Sein erster Impuls war, alles stehen zu lassen und Schütz ins Haus zu folgen; er entschied sich dann aber, vorher wenigstens eine Runde zu versuchen. «Ich lenkte meine Pferde so gut es eben gieng, und es gieng natürlich schlecht genug, da ich meinte, ich könne meine Augen nicht zu gleicher Zeit auf die Pferde und den Pflug halten. Zudem wurde der Pflug anfangs jeden Augenblick durch die vielen sich zusammenstauenden Maisstengel aus der Furche gehoben. Da gab es dann eine schöne Wülerei: Haufen [von] Maisstengeln mit Grund vermischt, der Pflug oft fast bis an den Baum im Grunde oder im nächsten Augenblick ganz aus Demselben, und die Furchen (wenn sie überhaupt diesen Namen verdienten) bald rechts, bald links aus der Richtung. Mit Schweiss förmlich bedekt, hatte ich endlich die erste Runde gemacht, und fast glaubte ich, schon eine geringe Verbesserung wahrzunehmen. Die Zweite Runde folgte, und jetzt war ich überzeugt, dass es bereits besser gieng. Mit jeder Runde wurden die Furchen besser, und mit jeder Besserung wuchs mein Eifer und schwand meine Verzagtheit, und noch ehe man mir mit dem Horn zum Mittagessen blies, war ich zu der Ansicht gekommen, dass ich wahrscheinlich ebenso gut pflügen könne als fast jeder Andere, und das Pflügen war mir bald mehr zum Vergnügen als zu einer anstrengenden Beschäftigung geworden.»122

Dank Schütz fühlte sich Lienhard nach einem halben Jahr richtig wohl in Neu-Schweizerland: «Der Monat April war sehr schön und Angenehm, und ich fühlte mich beim Pflügen mit meinen zwei vortrefflichen Pferden so glücklich, wie ein junger Mensch mit gutem Gewissen [und] voll Hoffnung für die Zukunft nur kann. Ich wetteiferte mit den Lerchen des Feldes im Singen und Pfeifen und pflügte dabei drauflos, dass es eine wahre Freude war. Selbst die Pferde schienen meine Stimmung zu theilen, die ganze Natur war voll fröhlichen Lebens.»123 Schütz erklärte ihm eines Tages, dass er seine Pferde nicht so streng brauchen dürfe und dass die Tiere mittags wenigstens eine Stunde mehr Ruhezeit brauchten. Er solle nachmittags deshalb nicht vor zwei oder drei Uhr an die Arbeit zurückgehen. Erstaunt fragte ihn Lienhard, was er denn in der Zwischenzeit arbeiten solle, worauf Schütz lachend erwiderte, er könne tun, was ihm gefalle, nur zu arbeiten brauche er nicht.

Zu Beginn der Sommermonate begann in Highland regelmässig die gefürchtete Fieberzeit. Das Wechselfieber, eine Art von Malaria, war «eins der grössten Übel, die die Einwanderer zu ertragen hatten»,124 und es forderte Jahr für Jahr zahlreiche Todesopfer. Lienhard lernte das Fieber bereits im ersten Sommer in all seinen Varianten kennen. Über Tage und Wochen wechselten sich heftige Fieberschübe mit nicht minder heftigen Schüttelfrösten ab, und die starken Kopfschmerzen trieben ihn fast zur Verzweiflung. Fühlte er sich zwischendurch etwas besser, liess der nächste Rückfall bestimmt nicht lange auf sich warten. Es dauerte fast drei Monate, bis er wieder ganz gesund war. Schütz und seine Frau pflegten ihn über die ganze Zeit, weshalb er für die Sommermonate keinen Lohn annahm.

Im Spätherbst 1844 zog es Heinrich Lienhard fort von Neu-Schweizerland. Schütz bot ihm zwar an, den Winter als Gast bei ihm und seiner Familie zu verbringen, doch Lienhard wollte versuchen, in St. Louis eine Lehrstelle als Möbelschreiner, Sattler oder Koffermacher zu finden. In der Stadt angekommen, stellte er bald fest, dass viele andere junge Männer ebenfalls Arbeit suchten, darunter mehrere Landsleute, die wie er im Switzerland Boarding House logierten. Alle Stellen waren besetzt, und da wenig Geld im Umlauf war, gab es kaum eine Möglichkeit, zwischendurch etwas zu verdienen. Mit zwei anderen Schweizern unternahm er einmal den Versuch, neu eingetroffenes Treibholz zu Cordholz125 zu verarbeiten. Doch sie gaben bald wieder auf, denn das mit Wasser vollgesaugte Pappelholz liess sich, einmal zu Cordholzlänge verarbeitet, selbst mit ihren neu gekauften Äxten nicht spalten.

Schliesslich nahm Lienhard eine schlecht bezahlte Stelle bei einem schwäbischen Metzger namens Christ an. Dabei tröstete er sich mit dem Gedanken, dass es ihm in Zukunft vielleicht von Nutzen sein könnte, wenn er schlachten lernte. Er merkte aber bald, dass sich seine Erwartungen nicht erfüllen würden, denn Christs Hauptgeschäft bestand darin, in der nahen Schlachterei Abfälle wie Schweinsköpfe, Schweinsfüsse und Innereien abzuholen und daraus Würste herzustellen; diese Ware verkaufte er dann in einem Park. Als er Lienhard zum ersten Mal auf seine Tour mitnahm, um ihm alles zu zeigen, fuhren sie auf dem Rückweg durch ein Wäldchen, wo Christ ihn anwies, hier künftig bei jeder Fahrt Holz aufzuladen und mit dem Fuhrwerk nach Hause zu bringen. Lienhard fragte ihn darauf, ob das Holz ihm gehöre, was Christ verneinte und hinzufügte, die Besitzerin des Wäldchens sei eine reiche Witwe, die den Verlust nicht bemerke. Auf Lienhards Einwand, er werde kein Holz stehlen, befahl es ihm Christ in barschem Ton. Zu Hause angekommen, packte Lienhard entrüstet seine Sachen und zog am folgenden Morgen wieder ins Switzerland Boarding House. Er hatte nun einen Monat in St. Louis verbracht, war um einige unangenehme Erfahrungen reicher und um zehn Dollar ärmer. Er beschloss, die unbefriedigende Situation zu beenden, und fuhr bei der nächsten Gelegenheit nach Highland zurück.

Im Januar 1845 verpflichtete er sich für zwei Monate bei einem Farmer namens Gale, in der Hoffnung, bei einer amerikanischen Familie besser Englisch zu lernen. Seneca Gale offerierte ihm zwar nur zwei Dollar Lohn pro Monat, wollte ihm aber nach dem Abendessen regelmässig Englischunterricht erteilen. Gale hatte früher als Lehrer gearbeitet und war nach Lienhards Worten ein aufgeklärter und belesener Mann. Anfänglich unterrichtete Gale ihn selbst, dann übernahm mehr und mehr seine 23-jährige Tochter Mariet126 diese Aufgabe. Sowohl Mariet als ihr Vater versicherten Lienhard, dass er es, wenn er ein ganzes Jahr bei ihnen bliebe, in der englischen Sprache mit jedem Einwanderer in Neu-Schweizerland würde aufnehmen können.

Trotz strenger Arbeit auf der Farm fühlte sich Heinrich Lienhard bei den Gales so zufrieden, dass es ihn nicht einmal mehr am Sonntag zu seinen Freunden nach Highland zog. Oft erhielt die Familie Besuch von anderen jungen Männern, und es blieb ihm nicht verborgen, wem diese Aufmerksamkeit galt. Er sah es deshalb mit Genugtuung, dass Mariet keinen der Besucher besonders zuvorkommend behandelte: «Sie sagte mir dann auch selbst, was ich wahrgenommen zu haben glaubte, und wenn sie mich dann wegen meiner schöner Feuer lobte und [mir] zudem kleine Gefälligkeiten erwies, empfand ich immer mehr Zuneigung zu ihr, und diese Zuneigung ward, wie mir schien, erwiedert. Aber ich war damahls noch ein armer Kerl, und der Gedancke, mich mit einem Mädchen näher einzulassen, befor ich vollständig im Stande sein würde, eine Frau selbst zu erhalten, hielt mich von jeder zu grossen Zutraulichkeit ab, und ich blieb daher immer ein wenig Zurückhaltend.»127

Mr. Gale wollte Lienhard für den Sommer 1845 verpflichten und ihm pro Monat sechs Dollar bezahlen, ein guter Lohn für damalige Zeiten. Aber ein Berner namens Christian Wenger hatte Lienhard aus Galena128 geschrieben, dass man dort in den Bleiminen zehn bis zwanzig Dollar pro Monat verdienen könne. Gale äusserte sich zwar skeptisch über diese Nachricht und riet ihm von der Reise ab, doch Lienhards Neugier war stärker, auch wenn ihm die Entscheidung nicht leichtfiel: «Die Mariet hatte nicht gern, dass ich weggieng, und schien der Ansicht zu sein, dass ich nicht genug Anhänglichkeit besitze. Und ich gestehe, dass ich wirklich gar nicht gern von da wegging. Mir war es, als ob ich nicht ganz recht handle, von dieser Familie wegzuziehen, wo ich doch so gut behandelt wurde; ich wusste daher kaum, was ich thun sollte. Dachte ich aber wieder an die 10–12 Dollars per Monat anstatt der $ 6.–, so konnte ich doch in sechs Monaten viel mehr verdient haben als bei Highland, zudem konnte ich mehr von der Welt sehen. Obschon ungern, entschloss ich mich doch zum gehen und glaube, dass ich der Familie Gale, besonders der Mariet, damit Wehe gethan habe.»129

Anfang März 1845 fuhr Lienhard nach St. Louis und bestieg ein Dampfschiff nach Galena. Während dieser Fahrt flussaufwärts erblickte er zu seiner Rechten zum ersten Mal die Stadt Nauvoo, wo er sich gut zehn Jahre später, nur wenige Meter vom Ufer entfernt, niederlassen und den Rest seines Lebens verbringen würde. Nauvoo war 1845 der grösste Ort in Illinois und hauptsächlich von Mormonen bewohnt. Ihr neuer Tempel stand kurz vor der Vollendung, und das prächtige Bauwerk erhob sich majestätisch über die Stadt und den Fluss.130


Das obere Mississippital, wo Lienhard 1845 unterwegs war.

In Galena angekommen, fand er zusammen mit Wenger und einem anderen Schweizer, dem Bündner Christian Theus, Arbeit bei zwei Grubenbesitzern, die gemeinsam ein Stück Land gepachtet hatten. Der eine war ein Engländer, der andere ein Schweizer namens Bühler, und ihre Gruben befanden sich einige Meilen ausserhalb der Stadt. Lienhard und Theus arbeiteten mit dem Engländer in einem Schacht, der bereits über zwanzig Meter tief war und in dem ein zweiter Querstollen vorgetrieben wurde. Als Arbeitsgeräte standen eine Winde, Bottich, Hammer, Bohrer und Sprengmaterial zur Verfügung. Während einer der beiden Gehilfen beim Grubeneingang die Winde betätigte, musste der andere unter Tag dem Engländer zur Hand gehen. Lienhard schauderte es, als er in das dunkle Loch hinunterblickte, und er war erleichtert, dass man ihm die Arbeit an der Winde zuwies: «Obwohl das Aufwinden der Unten gesprengten Felsensplitter [und] der arbeitenden Männer aus der 60 Fuss tiefen Grube einige Kraftanwendung verlangte, so hätte ich doch nicht mit dem Teuss tauschen mögen, welcher dem Engländer in der Grube zu helfen hatte.»131

Eines Tages fühlte sich Theus aber nicht wohl, und Lienhard musste für ihn einspringen. «Als ich Unten ankam, war mir Schwindlig, ich fiel gegen die Seite der Höhle, und mir war es, wie einem Betrunkenen sein muss, welcher bei finsterer Nacht gegen eine Steinmauer fällt. Ich wurde jedoch von meiner halben Treumerei durch die Worte des Engländers aufgeweckt, welcher mir zurief, in gebükter Stellung [mich] ihm zu nähern, da ich mir sonst mein Kopf an dem Felsen anschlagen würde. Ich blickte mich erst jetzt recht um und sah endlich der matte Schein eines Lichtes in einiger Entfernung. Halb kauernd näherte ich mich demselben; der Seitenschacht mochte vier bis vier und einhalb Fuss hoch und vielleicht ebenso weit sein. Der Engländer setzte jetzt den gestählten Steinborer an, und ich musste in äusserst unbequämer Stellung mit dem schweren Eisenhammer auf denselben losschlagen. War das geborte Loch tief genug, wurde sogleich geladen, und ich rief in die Höhe hinauf, dass Teuss mich hinauf ziehe. Ich stellte mich in den Zuber, erfasste das Seil und rief dann: ‹Auf!› Alsobald gieng es langsammen Tempos höher. Hatte ich halbwegs oben die alte Seitenhöle erreicht, schwang ich mich in dieselbe, liess Seil und Zuber los, welcher sofort wieder auf den Boden der Grube zurück gelassen wurde. Der Engländer war dann gewöhnlich bis dahin mit laden fertig, zündete die Schwefelschnur an, begab sich ebenfalls in den Bottich, nach Oben das Zeichen zum Aufziehen gebend, und bald befand er sich an meiner Seite. Es dauerte in der Regel nicht lange, so Donnerte es in der Tiefe, oft die Felsen um uns erschütternd, nach welchem für einige Minuten ein dichter Pulverrauch folgte. War dieser im Abnehmen, wurde zuerst der Engländer, dann ich wieder hinunter gelassen. Unten angekommen, räumten wier die losen Felsentrümmer hinweg, und der Mann an der Winde bekam wieder frische Arbeit.»132

Lienhard gefiel weder der Ort noch die Beschäftigung, und er fand auch den Lohn von zehn Dollar pro Monat für diese gefährliche Tätigkeit gering. Nach ein paar Wochen in «dieser einsammen, überall durchlöcherten Gegend»133 teilte er Wenger mit, dass er sich nach einer anderen Beschäftigung umsehen wolle. Wenger schien der Arbeit in der Grube auch überdrüssig zu sein, denn er machte seinen beiden Kameraden jetzt einen neuen Vorschlag. Sie könnten zu dritt, meinte er, in den Fichtenwäldern am Black River, einem weiter nördlich gelegenen Zufluss des Mississippi, Holz schlagen und es nach St. Louis flössen. Dies sei eine einträgliche Tätigkeit und würde bestimmt jedem von ihnen einen Gewinn von mehreren hundert Dollar bringen. Er versicherte, sich über alles genau erkundigt zu haben und gut Bescheid zu wissen, so dass Lienhard und Theus sich mit dem neuen Plan einverstanden erklärten. Der Engländer und Bühler liessen ihre drei Gehilfen bereitwillig ziehen, denn seit Lienhards Ankunft war kein einziges Pfund Blei zu Tage gefördert worden.

In den nächsten Tagen beschafften sich die Männer das nötige Werkzeug, versahen sich mit einem grossen Vorrat an Lebensmitteln und brachten alles auf das kleine Dampfboot «Otter», das damals die Verbindung zwischen Galena und Fort Snelling134 beim Zusammenfluss des Mississippi und Minnesota River aufrechterhielt. Zu Lienhards Erstaunen fuhr die «Otter» dann aber sowohl am Black River als auch an allen weiteren Zuflüssen vorüber, ohne die Fahrt auch nur zu verlangsamen. Auf seine Fragen, weshalb nicht gehalten werde, wie man doch vereinbart habe, nannte man ihm verschiedene Gründe: Einmal hiess es, die Uferwälder seien schon zu sehr abgeholzt, ein andermal sollte das Flössen an der betreffenden Stelle zu schwierig sein, dann wieder warnte sie der Schiffsclerk vor den Indianern, die gerade an diesem Fluss den Weissen besonders feindlich gesinnt seien. Schliesslich erreichten sie die Endstation der «Otter» bei den St.-Croix-Fällen, wo sie erfuhren, dass sich diese Gegend für ihr Vorhaben am wenigsten eigne, indem sie hier mit all den früher genannten Problemen gleichzeitig rechnen müssten. So kam es, dass sie ihr bereits gelandetes Gepäck wieder auf die «Otter» brachten und das Fichtenwald-Projekt endgültig aufgaben.

Auf der Fahrt flussabwärts lernten sie einen Amerikaner namens John Minter kennen. Der Mann erzählte ihnen, dass er sich unterhalb der St.-Croix-Mündung auf zwei Inseln im Mississippi mit Holzfällen beschäftige; er brauche gerade Hilfe und würde ihnen 50 Cents pro Cord bezahlen, wenn sie für ihn arbeiten wollten. Da sie alle drei ohne Arbeit waren und es zudem wenig Sinn machte, die gesamten Lebensmittelvorräte nach St. Louis zurückzubringen, nahmen sie Minters Angebot kurz entschlossen an. Die beiden Inseln befanden sich unterhalb von Prescott135 (im späteren Staat Wisconsin), aber näher beim rechten Ufer (später Minnesota). Sie lagen rund zwei Meilen auseinander, und während Lienhard und Wenger auf der unteren Insel blieben, begaben sich Minter und Theus zur oberen.

Lienhard und Wenger stellten bald fest, dass fast die ganze Insel schon abgeholzt war und ihre Vorgänger nur das besonders harte Holz oder die zum Fällen ungeeigneten Bäume zurückgelassen hatten. Schlimmer aber war, dass es in den folgenden Tagen nicht mehr zu regnen aufhörte und der bereits Hochwasser führende Fluss in einem fort weiter anstieg. Bald trennte sie ein bedeutender Strom von der hohen Uferbank, das Wasser begann die Insel zu überschwemmen und näherte sich nach und nach auch ihrer Hütte. Da weder Lienhard noch Wenger schwimmen konnten, wurde ihre Lage immer bedrohlicher: «Wir versuchten, durch Umhacken von Bäumen eine Art provisorische Brücke bis zur hohen Uferbank zu formiren, allein die kleinen Bäume wurden vom Wasser sogleich weggeschwemt, und da es ausser diesen nur ganz grosse gab, welche uns viele Arbeit gegeben und womit wier unser Zweck wahrscheinlich doch nicht erreicht haben würden, gaben wier diese Idee auf. Ich brobierte, ob unsere Hausthüre ein Mann tragen könnte, allein sie sank mit mir unter. Somit blieb uns nichts übrig, als geduldig zu warten.»136

Als sie am folgenden Morgen erwachten, fanden sie in der Hütte «1–2 Fuss tief Wasser, in welchem unsere Kleiderkoffern und andere Gegenstände herum fluhteten».137 Die Hütte war rundum von rasch fliessendem Wasser umgeben, so dass sie sich aufs Dach flüchteten und inständig hofften, Minter oder Theus kämen noch rechtzeitig zu ihrer Rettung. Nach bangem Warten sahen sie endlich Minter in seinem grossen Kanu sich der Insel nähern. Er fuhr durch die offene Tür in die Hütte hinein, brachte sie und ihre Habseligkeiten auf der Uferbank in Sicherheit und beförderte dann zuerst Lienhard zur oberen Insel.

Diese Kanufahrt auf dem angeschwollenen Mississippi sollte Lienhard nie mehr vergessen: «Minter hiess mich in das Cano steigen, welches sehr schwer be laden war. Es war das Erstemal in meinem Leben, dass ich ein solches Fahrzeug betrat, und ich fand, dass das Cano durch das vermehrte Gewicht von Minter und mir selbst bedenklich tiefer ins Wasser sank und dass kaum 3–4 Zoll Holz noch über dem Wasser war. Das Wasser des Mississippi floss reissend schnell, und indem ich ein völliger Neuling in einer solchen Bootfahrt war, schwankte das Fahrzeug so bedenklich, dass ich jeden Augenblick erwartete, das Cano werde umstürzen. Ich bot Alles auf, um ja recht aufrecht und ruhig zu sein; da ich aber helfen musste, das Cano vorwärts zu rudern, welches ich früher auch noch niemals gethan hatte, blieb das Hin- und Herschwanken, und zwar derart, dass Minter hinter mir jeden Augenblick ausrief: ‹Pass auf – oder wir leeren noch aus!› Ich glaube nicht, dass ich in meinem ganzen Leben je so viel Bange hatte als bei dieser ersten Canofahrt. Der Schweiss floss mir in Ströhmen über das Angesicht herab, und ich getraute mir nicht einmal, denselben abzuwischen, weil ich fürchtete, dadurch eine Unregelmässigkeit hervor zu bringen.»138

Obwohl der Fluss weiter stieg, arbeiteten sie auch auf der oberen Insel während mehrerer Tage weiter. Sie versuchten, das bereits gehackte Holz vor den Fluten zu retten, fällten – bis zur Hüfte im eiskalten Wasser stehend – weiter Bäume und verarbeiteten diese zu Cordholz. Dann kam auch hier der Moment, wo nur noch der höchste Punkt der Insel, auf dem die Hütte stand, aus dem Wasser ragte und sie gezwungen waren, ihre Arbeit zu unterbrechen, um das Ende des Hochwassers abzuwarten. In den folgenden Tagen fand Lienhard reichlich Gelegenheit, den Umgang mit dem Kanu zu lernen, denn sie verbrachten ihre Zeit mit Fischen und der Jagd auf Wasservögel, Fasane und andere Tiere, die sie mit dem Kanu aufspüren konnten.

In diese Zeit auf der Insel fielen Lienhards erste Begegnungen mit Indianern, besonders mit den Dakota der etwas weiter südlich liegenden Ortschaft Red Wing. Wenn Bewohner aus dem Dorf in ihren Kanus an der Insel vorüberfuhren, hielten sie manchmal an und kamen in ihre Hütte, wo sie dann um etwas Mehl, Salz oder andere Kleinigkeiten baten. Alle Begegnungen verliefen friedlich, wenn auch die Waffen immer griffbereit blieben. Die weissen Männer liessen ihre Besucher nie aus den Augen, und als einmal einige Indianer darum baten, ihr Abendessen in der Hütte zubereiten zu dürfen, verfolgten sie deren Aktivitäten mit angespannter Aufmerksamkeit. Näherten sich Einheimische auf dem Fluss in Überzahl, herrschte höchste Alarmstufe: «Es war da keine Zeit zu verlieren, schnell hatte ich meine Büchse Schussfertig gemacht und hinter die Türe gestellt, mein scharfes, grosses Metzgermesser hatte ich an meinem Körper verborgen, um, sollte es nöthig werden, es tüchtig gebrauchen zu können. Teuss hatte leider jetzt noch keine Schiesswaffe, hatte aber wie ich ein Messer zu sich genommen, hatte auch eine Axt fertig gemacht, mit welcher er sich, wenn nöthig, verteidigen wollte. Wier blieben ausserhalb der Hütte, denn ich war der Ansicht, dass wier keine unnöthige Furcht zeigen sollten, obschon etwelche der Indianer ein eigenthümliches Jauchzen vernehmen liessen.»139

Wie schnell eine Situation hätte eskalieren können, erlebte Lienhard am Tag seiner Ankunft auf der oberen Insel. Nachdem Minter nochmals zur unteren Insel gefahren war, um auch Wenger zu holen, erschien Letzterer plötzlich in einem Kanu, das von drei Indianerinnen gerudert wurde. Bei der Insel angekommen, stiegen sowohl Wenger als die Frauen aus: «Wier mussten Jeder fünf Cents und ein Blechbecher voll Mehl geben, weil sie den Wenger mitgebracht hatten, da Minter gefunden hatte, dass unser Canoe schon ohne den Wenger fast zu tief im Wasser gieng. Wenger sagte uns, Minter komme nach und müsse bald da sein; doch noch ehe die Indianerinnen unser Platz verliessen, hörten wier mein Namen rufen und endekten auf der Höhe des östlichen Ufers unsern Minter, welcher mir zurief, die Indianer zu töden, denn sie hätten den Wenger auch getödet. Wenger antwortete, dass er nicht tod und dass Alles in der Ordnung sei.»140

Die Indianer kannten die Gewaltbereitschaft der Weissen und waren in deren Nähe ebenfalls auf der Hut. Lienhard und Theus befanden sich eines Tages in einiger Entfernung ihrer Hütte an der Arbeit, als sie ein Kanu sich nähern sahen: «Die Squaw141 ruderte das Canoe, [während] er ein kleiner Karobiner ladete, wahrscheinlich, um einen Schuss fertig zu haben, wenn es nöthig werden sollte, währenddem er mit den weissen Männer in Berührung zu kommen gedachte. Es war der Häuptling der Sioux-Indianer von Redwing142. Er war an einem Auge blind, mochte etliche vierzig Jahre alt sein und war eher Klein als Gross, aber zimmlich untersetzt.» Lienhard und Theus wussten, dass sich Minter in der Hütte befand, weshalb sie ihre Arbeit nicht unterbrachen; nachher erfuhren sie aber, dass der Dakota in die Hütte gekommen sei und ein Beil mitgenommen habe. «Wier waren unzufrieden mit Minter, weil er uns nicht gerufen hatte, als der Häuptling uns das Hatchet nahm. Wier erwarteten nicht, dass wier es wieder zu sehen bekommen würden. Eines abends, wier waren gerade daran, unser Nachtessen zu nehmen, da trat ein stattlicher und schöner junger Indianer in unsere Hütte mit unserem Hatchet in der einen Hand, welches er bei Seite legte, währenddem er etwas sagte, was wier wieder freilich nicht zu verstehen vermochten, welches wahrscheinlich aber Dankesworte waren.»143

Bereits im Verlauf dieser ersten Kontakte konnte Lienhard auch die oft unfreundliche, herablassende Art beobachten, mit der viele Weisse den Indianern begegneten. Als damals die vielen Kanus ihre Insel passierten, näherte sich eines davon durch einen Seitenarm des Flusses ihrer Blockhütte: «Es enthielt nur einen ausgewachsenen Indianer, eine Frau, ein Knabe von zirca 12 Jahren und ein kleines Knäblein von vielleicht zwei Jahren. Der Indianer schien geglaubt zu haben, er könne zwischen den Baumstämmen hindurch in den Hauptstrohm hinaus, [doch] er landete bei unserer Hütte, und [sie] traten in dieselbe ein. Alle waren für Indianer gut gekleidet, hatten verschiedene Zierarten an sich, besonders das kleine Knäblein, welcher der besondere Liebling Aller zu sein schien. Teuss hatte seine grosse Tabackspfeiffe im Munde. Ich bemerkte, dass der Indianer öfters nach ihm hinblickte, als ob in der Erwartung, dass Teuss diese ihm als Friedenszeichen reichen würde, damit er auch einige Züge daraus rauchen soll. Da Teuss aber keine Anstallten dazu machte, sagte der Indianer dem grossen Knaben etwas, worauf dieser sich entfernte, aber sogleich mit einer langstämmigen Tabackspfeiffe und einem Beutel voll Taback zurück kehrte, die Pfeiffe füllte, sie anzündete, sie dann dem Indianer hinreichte, welcher daraus einige Züge that [und] sie dann mir reichte. Ich that natürlich Dasselbe, denn ich nahm an, dass dieses ein Friedenszeichen sei, und gab sie dann dem Jungen, welcher unserm Beispiel genau folgte und sie dann dem Ältern wieder zurück gab. Teuss war somit von der Friedenspfeiffe ausgeschlossen, wahrscheinlich, weil er seine Pfeiffe nicht zum Zeichen des Friedens und Wohlwollens herum geboten hatte. Vielleicht wollte [der Indianer] damit dem Teuss bessere Manieren lernen.»144

Der Mississippi hatte sich endlich wieder in sein Flussbett zurückgezogen. Wenger war abgereist, Lienhard und Theus wollten auf der oberen Insel noch eine Weile weiterarbeiten. Doch auf die Flut folgte eine Plage anderer Art: Dichte Schwärme von Moskitos fielen über die Männer her, und zwar mit einer solchen Angriffslust, dass es vom Morgengrauen bis weit in die Nacht kein Entrinnen vor ihnen gab. Sie krochen in Mund, Nase, Augen, Ohren und unter die Kleider, ja selbst durch diese hindurch stachen sie zu. Nachts schlüpfte Lienhard in seinen Bettstrohsack und drehte ihn über seinem Kopf zu, um ein wenig Ruhe zu finden, hörte aber Theus und Minter fortwährend heftig gegen die lästigen Angreifer schimpfen.

Die Moskito-Plage wurde so schlimm, dass Lienhard und Theus übereinkamen, die Insel bei der nächsten Gelegenheit zu verlassen. Sie hatten beide gut über 20 Cord Holz gehackt, und Lienhard war entschlossen, ihren Arbeitsort nicht ohne den hart verdienten Lohn zu verlassen: «Die ‹Otter› war endlich angekommen und hatte in der Nähe unserer Hütte angelegt. Unsere Sachen waren zum Einladen bereit am Ufer, aber wier hatten unsere Bezahlung noch nicht, und es schien mir, als ob Minter lieber gesehen haben würde, wenn unser Eigenthum sogleich aufs Boot gebracht worden wäre. Ich erklärte aber entschieden, dass wier unser Gepäck erst, nachdem wier Zahlung erhalten hätten, auf das Boot werden bringen lassen. Minter mochte wohl ahnen, dass, sollten wier verhindert werden, mit der ‹Otter› wegzukommen, er nachher auf unsere Freundschaft nicht gar viel mehr zählen dürfte, worin er sich gewiss nicht geirrt haben würde. Da Minter endlich einzusehen schien, dass er uns nicht so leicht los würde, wie er gehofft zu haben schien, liess er sich vom Clerk des Bootes das nöthige Geld geben und zahlte uns damit aus, wonach alle unsere Sachen auf die ‹Otter› geladen wurden, welche sogleich den Fluss hinab dampfte. Somit hatte unsere Pinnien-Spekulation ihr Ende erreicht, und obschon wier zirca zwei Monate Zeit verloren und wier dabei trotz dem Holzhacken noch Geld eingebüsst hatten, waren wier Beiden froh, den Musquitos, Indianern, Insel und Schlangen Lebewohl sagen zu können.»145

Zurück in Galena – es war inzwischen Ende Juli geworden –, arbeitete Lienhard einige Wochen bei einem württembergischen Schlosser namens Mack, der mit einer Schweizerin verheiratet war. Lienhards eindrücklichstes Erlebnis in dieser Zeit war eine mehrtägige Fussreise von Galena nach Guttenberg146, die er im Auftrag seines Meisters unternahm. Dessen Schwager hatte sich dort eine Parzelle schönes Regierungsland gekauft, und Mack beabsichtigte, es ihm gleichzutun, weshalb er Lienhard beauftragte, sich das noch käufliche Land für ihn anzusehen und ihm dann Bericht zu erstatten. Die Strecke von rund fünfundsechzig Meilen (105 km) nach Guttenberg wollte Lienhard entlang dem linken, den Rückweg nach Galena entlang dem rechten Flussufer zurücklegen. Unterwegs stellte er bald fest, dass keine eindeutige Route nach Guttenberg existierte, und sein Vorankommen wurde in der Folge zu einem sehr beschwerlichen Abenteuer. Über weite Strecken waren weder Weg noch Strasse vorhanden, und wenn es welche gab, fand sich bei Verzweigungen selten jemand in der Nähe, den er hätte um Rat fragen können. Er verirrte sich deshalb mehrmals und machte lange Umwege durch unwirtliche Gegenden, bis er sich endlich daran erinnerte, dass er einen Kompass in der Tasche trug. Zwar konnte er nun einigermassen die Richtung einhalten, doch das tagelange Gehen über Stock und Stein in der Sommerhitze war mit grossen Strapazen verbunden. Die Füsse schmerzten ihn, er zerriss seine Hosen samt Hosenträger, verlor seine Jacke, stürzte einmal beinahe über einen hohen Uferfelsen und erreichte sein Ziel erschöpft und mit völlig verschmutzten Kleidern erst am dritten Tag um die Mittagszeit.

Für den Rückweg, den er drei Tage später antrat, nahm er sich vor, die Distanz von fünfzig Meilen (80 km) zwischen Guttenberg und Dubuque in einem Stück zu bewältigen. Doch nach einem langen Tagesmarsch bei wiederum hochsommerlichen Temperaturen musste er zehn Meilen vor dem Ziel kapitulieren. Selbst Macks sonst munterer Hund, der ihn begleitete, schien gegen Abend am Ende seiner Kräfte: «Mein Hund schien womöglich noch müder als ich, er suchte mir einigen Vorsprung abzugewinnen, legte sich dann hin, liess mich zirca 100 Schritte vorausgehen, dann erhob er sich wieder, und wieder Dasselbe, immer aufs Neue.»147 Zum Glück fand Lienhard bei einem freundlichen Farmer Aufnahme für die Nacht, und nach einem guten Frühstück erreichte er anderntags gegen elf Uhr morgens Dubuque, von wo er mit der Fähre auf das linke Ufer des Mississippi wechselte und nach weiteren fünfzehn Meilen wieder in Galena eintraf.

Im Anschluss an diese «verrückte Fussreise»148 arbeitete Lienhard nur noch kurze Zeit für Mr. Mack. Er wollte nach St. Louis fahren, wo eine kleine Geldsendung aus der Schweiz für ihn eingetroffen sein musste, danach auch Highland besuchen. Er wusste zwar, dass er dort in die schlimmste Fieberzeit geraten würde, doch der Gedanke an das Geld liess ihm keine Ruhe, denn er hatte gehört, dass ein Bekannter versuchen wolle, es in seine Hände zu bekommen. Da Lienhard beabsichtigte, später nach Galena zurückzukehren, liess er sein Gepäck bei Mack und fuhr mit der «War Eagle», «einem der besten Boote von damals»,149 nach St. Louis. Dort konnte er im Geschäft von Kaufmann Böschenstein150 erleichtert sein Geld in Empfang nehmen, wobei dieser ihm erzählte, dass der betreffende Landsmann tatsächlich versucht habe, es an seiner Stelle abzuholen.

In Neu-Schweizerland fand Lienhard wieder Aufnahme und Arbeit bei seinem Freund Schütz. Die vielen bleichen Gesichter, denen er in der Siedlung begegnete, verhiessen nichts Gutes, und wie befürchtet, erkrankte er nur wenige Tage nach seiner Ankunft ebenfalls wieder am Fieber: «Das biliöse151 und nachher das Wechselfieber waren in diesem Jahre 1845 so Allgemein, dass keine Familien davon verschont blieben und in denselben kaum ein einzelnes Glied. Es gab Fälle, wo mehrere Glieder einer Familie dem heftigen Fieber erlagen.»152 Die mangelhafte medizinische Versorgung hatte zur Folge, dass sich die Krankheit wie im vorigen Sommer über viele Wochen hinzog. In besseren Momenten half Lienhard seinem ebenfalls fieberkranken Freund Schütz die nötigsten Arbeiten auf der Farm verrichten.

Auch die Freundschaft mit Familie Gale erneuerte Lienhard nach seiner Rückkehr, und nicht ganz ohne Wehmut erinnert er sich an einen seiner letzten Besuche dort: «Die Mariet und ich ritten per Pferden durch den Sugar Kreek Wald, um irgend einen Auftrag von Mr. Gale an Squire Tomkins zu verrichten, welcher an der anderen Seite des Waldes am Saume der Shoalkreek Prairie wohnte. Wären damals meine Vermögensverhältnisse in solchem Zustande gewesen, dass ich im Stande gewesen wäre, eine Frau und folglich eine Familie zu ernähren, so würde es zwischen uns zu einer sichern Erklärung gekommen sein, und ich bedauerte aufrichtig, dass nur die nöthigen Mittel dazu fehlten. Denn ich liebte dieses Mädchen nicht nur aufrichtig, sondern ich hatte grosse Achtung vor ihrem guten Charakter, vor ihrem angenehmen Wesen und von ihrer Tüchtigkeit, eine Haushaltung zu führen. Dass ich die von mir gewünschten Mittel damals nicht besass, meinte Miss Gale, könnte am Ende kein positiver Grund sein, dass zwei sich liebende Personen [sich] nicht verbinden sollten. Sie gab mir als Beispiel ein junger benachbarter Amerikaner, welcher nicht einmal das Geld hatte, den gesetzlichen Erlaubnissschein zu bezahlen, sondern dieses zu dem Zwecke habe borgen müssen. Durch Fleiss und treues Zusammenhalten könne gar viel verrichtet werden. Ich meinerseits hatte wirklich nicht so viel Selbvertrauen, denn zwei Jahre hintereinander war ich krank mit diesem bösen galligen Fieber, und war ich sicher, ob ich nicht noch viel mehr an Krankheiten zu leiden haben würde? Und wie würde ich da im Stande sein, eine Familie zu erhalten? Der Gedanke, dass ich durch Krankheit in Verhältnisse kommen könnte, wodurch ich nicht nur eine Frau nicht erhalten [könnte], sondern eine Frau mich erhalten müsste, war mir Unausstehlich und auch Entscheidend gegen meine Wünsche. Nur eine schwache Hoffnung hegte ich: dass es mir vielleicht doch bald gelinge, eine gewisse Unabhängigkeit zu erlangen, dann meine alte Liebe zu erneuern, und sollte diese Person noch ledig sein, sie dann um ihre Hand zu fragen.

Wie man spähter finden wird, wurden meine vermögens Verhältnisse allmälig besser. Aber da ich keinen Briefwechsel mit den Gales unterhielt und nur durch andere Personen Erkundigungen über sie einzog ohne ihr Wissen, mag die Miss Gale zu dem Gedanken gekommen sein, dass ich sie schon lange vergessen habe, und so gab sie ihre Hand einem Andern. Diese Nachricht erhielt ich kurze [Zeit] vorher, als ich mein Ziel bald erreicht zu haben glaubte. Es gibt halt auf der Welt kein vollkommenes Glück – diese Erfahrung wurde mir wie jedem Menschen zutheil!»153

Im Oktober fuhr Lienhard nach Galena zurück, um sein Gepäck abzuholen. Er traf sich dort auch wieder mit zwei Schweizern, die er im Sommer kennen gelernt hatte. Beide lebten schon mehrere Jahre in den USA, waren aber, wie er selbst, noch nicht zur Ruhe gekommen. «Der Eine hiess Heinrich Thomen154 [und] war gebürtig aus Biberstein, Canton Aargau. Er war kaum von mittlerer Grösse, hatte röthliche Haare und war in seinem Gesicht ein wenig Sommersprossig. Er war ungefähr acht Jahre älter als ich, aber sein Wesen hatte etwas Ansprechendes für mich. Der Andere war aus Kienberg, Canton Soloturn, mit Namen Jakob Ripstein.155 Er war ein grosser, schlanker und schöner Mann mit dunkeln, ein wenig scharfen Augen [und] dunkeln, etwas lockigen Haaren. Er war rasch in seinen Bewegungen, schien lebhaften, aufgeregten Temperamentes und war ebenfalls um acht Jahre älter als ich.»156

Gemeinsam diskutierten sie die Vor- und Nachteile verschiedener Reiseziele wie Oregon, Kalifornien und Südamerika, wobei Letzteres bald in den Hintergrund rückte, da eine Reise dorthin damals noch mit grossen Schwierigkeiten und Risiken verbunden war. «Mit Oregon oder California war das etwas Anderes. Um dahin zu gelangen, hatte man kein Meer zu kreuzen, keine Wellen, stürmische hoche See zu befürchten; das Schiff, welchem man sich anvertraute, war ein solider, starker Wagen, entweder mit Mauleseln oder Ochsen bespannt, das Steuer waren die Leitseile oder eine gute Ochsenpeitsche. […] Mit diesen zwei Männern sprach ich mehrere Mal über eine Reise dorthin, besonders nach California, denn damals hatte man bereits einige glühende Berichte über Californien gelesen, welche von einem Schweizer Captain Sutter geschrieben waren, und nach diesen Berichten hätte dieses Wunderland ein halbes Paradis sein müssen.»157 Oft erinnerte er sich auch noch an jene regnerische Nacht im November 1843, als er das magische Wort «California» zum ersten Mal gehört hatte und am liebsten sogleich in das geheimnisvolle Land am Pazifik aufgebrochen wäre. Obwohl die Verwirklichung dieser Pläne nun näher zu rücken schien, verliess er Galena ohne konkrete Abmachung mit seinen Freunden.

Lienhard führte das gescheiterte Fichtenwald-Projekt des vergangenen Sommers zu einem guten Teil auf seine noch immer mangelhaften Englischkenntnisse zurück. Zu oft musste er sich bei wichtigen Auskünften auf andere verlassen, und dies wollte er nun endgültig ändern. In den Wintermonaten 1845/46 nahm er deshalb keine feste Arbeit an, sondern besuchte zuerst in Greenville, rund zwanzig Meilen nordöstlich von Highland, den Sprachunterricht der öffentlichen Schule, auch nahm er dort Kost und Logis bei englischsprachigen Familien. Als die Schule schloss, setzte er den Unterricht noch eine Weile in Highland fort. Als er hier wieder am Wechselfieber erkrankte, das jetzt der Jahreszeit entsprechend «Winterfieber» genannt wurde, kam er zur Überzeugung, dass er in dieser Gegend wohl nie mehr ganz gesund würde, und die Ärzte, die er darüber befragte, bestätigten seine Befürchtungen.

Jakob Schütz allerdings wünschte sich, dass sein junger Freund in Neu-Schweizerland bliebe. Er beabsichtigte nämlich, bei seiner Farm158 einen Laden und eine Poststelle einzurichten, deren Leitung er Lienhard als Partner überlassen wollte. Die nötigen Kenntnisse sollte sich dieser in St. Louis erwerben, wozu sich, so Schütz, Kaufmann Böschensteins Geschäft gut eignen würde. Er wollte Lienhard deshalb so bald als möglich nach St. Louis begleiten, um persönlich mit Böschenstein zu reden.

Nun wurde es eng für Lienhards eigene Pläne, und das Angebot von Schütz machte ihm die Sache nicht leichter: «Dieser Idee, obschon insoweit angenehm für mich, pflichtete ich doch nur so halb bei, dazwischen drängte sich bei mir immer der Gedanke an Californien.»159 Von Unruhe getrieben, fuhr er zuerst noch einmal allein nach St. Louis, suchte die verschiedenen Marktplätze auf und erkundigte sich nach Personen, die beabsichtigten, bald die Landreise nach Kalifornien anzutreten. Doch die Reaktion der Leute fiel durchweg enttäuschend aus: «Ich fürchte, dass damals mehr als Einer der Befragten sich einbildete, es müsse mit mir nicht richtig in meinem Hirn sein, denn viele staunten mich an, als ob ich sie um eine Luftbaloonreise nach dem Mond gefragt hätte. ‹Nach Californien reisen? Wo ligt denn solch ein Land?› Auch keine einzige der befragten Personen schien etwas entweder von California oder Oregon, noch von Personen, welche nach jenen Gegenden reisen wollten, zu wissen. Ich war daher gezwungen, mein seit Jahren gehegter Gedanken, selbst dorthin zu reisen, aufzugeben, so ungern ich dieses that.»160

So kam es, dass er im März 1846 bei Böschenstein eintrat, um das Verkaufsgeschäft zu erlernen. Der Kaufmann hatte gerade einen neuen Gehilfen gesucht und Lienhard auf die Empfehlung von Schütz sogleich angestellt. Lohn wollte er ihm allerdings erst später bezahlen, wenn er ihn besser kenne und mit seiner Arbeit zufrieden sei. Immerhin war er bereit, Lienhard die Kost im Switzerland Boarding House zu bezahlen und ihn in seinem Laden schlafen zu lassen. Lienhard hatte sich inzwischen mit der Situation abgefunden und ging guten Mutes an die neue Aufgabe: «Unser Store war ein gemischter oder was man unter Dry goods and Groceries versteht, und wie ich glaube, ist ein solcher für ein junger Mann der Beste, um darin zu lernen. Was mich anbelangte, fand ich es durchaus nicht schwer, zu begreiffen und zu erlernen, was man mir einmal gezeigt hatte. […] Morgends, nachdem ich alles in den gehörigen Stand gesetzt hatte, kam dann Herr Böschenstein schon vom Frühstück, und ich gieng nach meinem Kosthaus, um mein Frühstück einzunehmen. Den Gedanken, dieses Jahr nach California zu gelangen, hatte ich bereits fallen lassen als Unausführbar, denn von Thomen und Ripstein hatte ich nichts mehr erfahren.»161

Nahezu drei Wochen waren vergangen, als Lienhard sich eines Morgens wie gewöhnlich zum Frühstück im Switzerland Boarding House einfand. «Da man noch nicht zum Essen geläutet hatte, setzte ich mich ein wenig in dem Vorzimmer auf einen Stuhl nieder, als plötzlich in der Thüre ein frisch angekommener Mann erschien und ich in demselben einen meiner Bekannten von Galena sogleich wieder erkannte. Es war Heinrich Thomen von Biberstein, der mich ebensobald erkannt hatte und mir sagte, dass Ripstein auch da sei und dass sie sich jetzt zu einer Reise nach California fertig machten. Man kann sich wol kaum vorstellen, welche Gefühle dadurch mit einem Mal wieder in mir wachgerufen wurden.»162 Es waren durchaus gemischte Gefühle, denn einerseits wünschte er sich nichts sehnlicher, als sich seinen zwei Landsleuten anzuschliessen, anderseits fragte er sich, ob und wie er die erst vor kurzem angetretene Stelle werde verlassen können, «ohne dadurch die Gefühle meines Prinzipalen zu verletzen».163 Auch waren seine finanziellen Mittel nahezu erschöpft, so dass er sich ausserstande sah, sich am Kauf von Ochsen und Wagen zu beteiligen. Doch Thomann und Rippstein beschwichtigten seine Bedenken, und mit ihrer Hilfe sowie einer kleinen List, ähnlich wie damals in Stäfa, gelang es ihm, ohne Streit von Böschenstein loszukommen.164 Seinen Beitrag an die Ausrüstung wollten die beiden Kameraden ihm leihen.

Beschwingt marschierte Lienhard nun die vierundzwanzig Meilen zur Farm seines Freundes in Neu-Schweizerland zurück. «Als ich bei der Farm ankam, war Schütz westlich vom Hause mit irgend etwas beschäftigt. Wie war er überrascht, als ich so ganz unerwartet zu ihm über die fence hineinstieg! Mit einem halb verlegenen Lächeln sah er mich an, [und] als ich ihn rathen liess, warum ich gekommen sei, meinte er, das könne er nicht sagen. Als ich ihm darauf erzählte, dass ich in Gesellschaft [von] mehrern andern jungen Leute über land nach California wolle, da that es ihm wirklich leid, denn er habe etwas Anderes mit mir vorgehabt.»165 Schütz erzählte ihm, dass er beabsichtigt habe, ihm, wenn er bei ihm geblieben wäre, später seine Farm zu vermachen. «Die gütige Absicht des guten alten Mannes rührte mich»,166 gesteht Lienhard. Doch es gab nun nichts mehr, was ihn noch hätte umstimmen können. Seinem grosszügigen Freund erklärte er, dass er wünsche und hoffe, sich eines Tages auch aus eigener Kraft eine Existenz aufbauen zu können.

Bevor er nach St. Louis zurückfuhr, kaufte sich Lienhard eine gute Doppelflinte und ein Waidmesser, «wie die Schweizerischen Scharfschützen sie tragen»,167 dann verabschiedete er sich von seinen Freunden in der Siedlung und schliesslich auch von Jakob Schütz und seiner Familie: «Schütz hatte mir noch ein paar Dollars in meine Hand gedrückt und bemerkte, dass es ihm recht leid thue, gerade arm an Geld zu sein, da er mir sonst mehr gegeben haben würde. Der Postwagen war jetzt angekommen, worin ich Platz fand und der mich bald von meiner zweiten Heimath und von meinem gutmeinenden zweiten oder amerikanischen Vater hinweg führte.»168

1 Conrad Leonhardt (?–1686) ist in den Quellen mit dem Vermerk «Tagwenmann von Bilten, am Nussbühl» aufgeführt. Er heiratete 1664 die einheimische Verena Leuzinger und erhielt ein Jahr später das Bürgerrecht der Gemeinde Bilten. Kubly-Müller, Genealogie des Kantons Glarus.

2 Kaspar Lienhard (1784–1873) war in zweiter Ehe mit Dorothea Becker (1793–1842) von Bilten verheiratet. Seine erste Frau, Anna Margaretha Stüssi von Niederurnen und Bilten, war 1811, nur wenige Tage nach der Geburt ihres ersten, tot geborenen Kindes gestorben. Kubly-Müller, Genealogie des Landes Glarus.

3 Dies waren Johann Heinrich (19.4.–17.8.1815), Johann Heinrich (1.5.–15.5.1817) und Johann Jacob (15.6.–25.8.1828).

4 Manuskript 1/1.

5 Manuskript 1/2.

6 Manuskript 1/3.

7 Manuskript 1/3.

8 Manuskript 1/4.

9 Manuskript 2/1.

10 Manuskript 2/1.

11 Manuskript 1/2.

12 Manuskript 2/2.

13 Manuskript 2/4.

14 Pfarrer Johann Rudolf Schuler (1795–1868) bekleidete das Pfarramt der Gemeinde Bilten von 1820 bis 1862. Zur Entwicklung des glarnerischen Schulwesens und zu Pfarrer Rudolf Schuler siehe Gottfried Heer, Geschichte des glarnerischen Volksschulwesens, Jahrbuch des historischen Vereins des Kantons Glarus, Heft 18 (1881) und Heft 19 (1882).

15 Die Gemeinde bildete damit noch für viele Jahre eine Ausnahme. So setzte beispielsweise der Nachbarort Niederurnen – eine Fabrikgemeinde – 1832 die Schulpflicht bis zum 12. Altersjahr fest und reduzierte sie ein Jahr später sogar auf das 11. Altersjahr, «theils aus Rücksichtnahme gegen die Herren Fabrikanten, welche bei der rasch aufblühenden Industrie die Kinder brauchten, theils aus dem vorwiegenden Interesse der Eltern selbst an dem Verdienste, den ihnen die Kinder heimbrachten». Heer, Geschichte des glarnerischen Volksschulwesens, Heft 18, 133.

16 Heer, Geschichte des glarnerischen Volksschulwesens, Heft 18, 134.

17 Manuskript 3/2. – Heer beschreibt Pfarrer Schulers grossen Einsatz für die Gemeindeschule mit lobenden Worten, bringt mit Verweis auf Pestalozzi aber auch eine kritische Bemerkung an. Heer, Geschichte des glarnerischen Volksschulwesens, Heft 18, 135, Anm. 1.

18 Die Bankreihen waren offenbar gestuft und die oberste war den besten Schülern vorbehalten.

19 Pfarrer Schuler legte grossen Wert auf die sprachliche Förderung der Kinder. Bei den erwähnten «Gegensätzen» handelte es sich vermutlich um Wortpaar-Übungen.

20 Manuskript 3/3 f.

21 Manuskript 3/4.

22 Manuskript 3/4.

23 Manuskript 4/1.

24 Manuskript 3/4–4/1 f.

25 Heer, Geschichte des glarnerischen Volksschulwesens, Heft 18, 135. – Heer bemerkt zum Widerstand gegen Pfarrer Schuler: «Auch bei andern Anlässen trat die Gemeinde Bilten ihrem Pfarrer Schuler und seinen Bemühungen in den Weg; eine aus andern Gründen herrührende Entzweiung mit einer zahlreichen Partei der Gemeinde, die in den frühern Jahren seiner Wirksamkeit zu einer ganzen Anzahl von Rathsvorständen führte und am Schlusse seiner vieljährigen, eifrigsten Thätigkeit ihn im Streit aus seiner Stelle scheiden liess, erschwerte ihm auch seine Thätigkeit für das Schulwesen, das in ihm einen so eifrigen Förderer besass. Einige Entschädigung für Misskennung in der Nähe mochte ihm die von auswärts werdende Anerkennung bieten; selbst Fellenberg und Wessenberg (Constanz) besuchten seine Schule, die damals als Musterschule galt.» Heer, Geschichte des glarnerischen Volksschulwesens, Heft 18, 135f., Anm. 2.

26 Manuskript 3/3.

27 Manuskript 2/2.

28 Manuskript 4/3.

29 Heinrich Schindler entzog sich 1833 durch seine Auswanderung einer unglücklichen Ehesituation. Schindler und Lienhard trafen sich 1849 in New York (Manuskript 183/3f.).

30 1836 wanderten Peter Lienhards 18-jähriger Sohn Peter und Jakob Lienhards 23-jähriger Sohn, der ebenfalls Peter hiess, in die USA aus. Manuskript 12/3; Kubly-Müller, Genealogie des Landes Glarus.

31 Manuskript 3/1.

32 Es handelte sich um eine Neuauflage des Buches: Johann Evangelist Fürst, Der wohlberatene Bauer Simon Strüf, eine Familiengeschichte. Allen Ständen zum Nutzen und Interesse, besonders aber jedem Bauer und Landwirthe ein Lehr- und Exempel-Buch, 5., verb. Aufl., Augsburg: Kollmann, 1841.

33 Manuskript 6/3f.

34 Manuskript 4/4.

35 Peter Lienhard heiratete am 21. Februar 1837 die achtzehnjährige Elisabeth Speich von Luchsingen. Sie starb am 20. Juli 1838, eine Woche nach der Geburt ihres ersten Kindes, das seine Mutter nur um wenige Tage überlebte. Kubly-Müller, Genealogie des Landes Glarus.

36 Manuskript 4/4.

37 Manuskript 4/4.

38 Lienhards gelegentliche Schreibweise «Achs» für Axt wird hier und im Folgenden korrigiert.

39 Manuskript 7/2.

40 Manuskript 6/2.

41 Heinrich Lienhards Grosseltern väterlicherseits waren Peter Lienhard (1759–1828) und Afra Lienhard-Aebli von Bilten (1764–1797). Von ihren zwölf Kindern starben sieben im ersten Lebensjahr. Afra Lienhard-Aebli starb bei der Geburt ihrer Tochter Afra (1797–1802). Kubly-Müller, Genealogie des Kantons Glarus.

42 Satz korrigiert.

43 Manuskript 8/4.

44 Manuskript 2/3f.

45 Manuskript 8/4.

46 Manuskript 8/4–9/1.

47 Manuskript 9/1.

48 Heinrichs ältere Geschwister Peter und Barbara hatten am 22. Oktober 1839 die in Schänis wohnhaften Geschwister Dorothea und Jakob Ackermann geheiratet. Kubly-Müller, Genealogie des Kantons Glarus.

49 Eine Art von Typhus, bedingt durch die Versumpfung der Linthebene.

50 Manuskript 8/2.

51 Manuskript 8/2.

52 Peter hatte gegen den Willen des Vaters mit dem noch minderjährigen Bruder Kaspar vereinbart, dass dieser ihm sein Heimwesen, das er bei der Heirat erworben hatte, abkaufen würde. Dadurch war Peter in der Lage, Heinrichs Land, das an sein von der Mutter geerbtes «Heimatgut» grenzte, zu kaufen.

53 Manuskript 9/3.

54 Lienhard macht diese Angaben mit der Bemerkung «wenn ich nicht irre». – Manuskript 9/3.

55 Manuskript 9/3f. – Das Verb «traktiren» verwendet Lienhard mehrmals in der heute veralteten Bedeutung von «beschenken», oft im Sinne von «etwas zu trinken spendieren».

56 Manuskript 9/4.

57 Manuskript 9/4–10/1.

58 Manuskript 10/3.

59 Manuskript 10/3.

60 Manuskript 10/1.

61 Manuskript 10/1. – Satzstellung leicht korrigiert.

62 Manuskript 10/4.

63 Manuskript 10/4.

64 Manuskript 11/3.

65 Manuskript 11/3.

66 Manuskript 11/4.

67 Manuskript 12/1f. – Als Lienhard sieben Jahre später zu Hause auf Besuch weilte, traf er in Stäfa zufällig seinen früheren Lehrmeister Pfenninger, der ihn wegen der seinerzeit «etwas harten Behandlung» um Verzeihung bat. Manuskript 178/2.

68 Manuskript 12/2.

69 Manuskript 12/3.

70 Manuskript 12/3.

71 Manuskript 12/3.

72 Die Siedlung Neu-Schweizerland in Illinois, USA, wurde 1831 von der Familie Dr. Kaspar Köpfli aus Sursee, Kanton Luzern, Köpflis Neffen Joseph und Anton Suppiger sowie vier anderen Personen gegründet. Zu Neu-Schweizerland siehe Max Schweizer, Neu-Schweizerland 1831–1880: Genese und Funktion einer schweizerischen Einwanderersiedlung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika (Madison County, Illinois).

73 Manuskript 12/4.

74 Die Wendung «jemandem den Garaus machen» (jemanden töten) ist aus dem Ruf «gar aus!» («vollständig aus!») hervorgegangen, mit dem seit dem 15. Jahrhundert in Süddeutschland die Polizeistunde geboten wurde.

75 Manuskript 12/4.

76 Reise-Pass. Schweizerische Eidgenossenschaft. Kanton Glarus. In Privatbesitz.

77 Manuskript 13/1.

78 Berichtigte Orthografie. Diminutiv von «Chaise» (zweiachsige Kutsche mit halbem Verdeck).

79 Manuskript 13/1.

80 Manuskript 13/1.

81 Manuskript 13/2f.

82 Manuskript 13/3.

83 «Highland war der Name der ersten, 1837 gegründeten Stadt der Siedlung Neu-Schweizerland. Er wurde schon bald auch anstelle von «Neu-Schweizerland» oder «New Switzerland» verwendet und ersetzte diese Bezeichnung später ganz. So schreibt auch Lienhard für die Siedlung meistens «Highland».

84 Salomon Köpfli, Neu-Schweizerland in den Jahren 1831 und 1841. Luzern 1842. Der Autor der «Broschüre» war ein Sohn des Siedlungsgründers Dr. Kaspar Köpfli. Lienhards Bezeichnung «Neu Helvetia» ist etwas verwirrend, weil eines seiner späteren Reiseziele, Sutters Fort in Kalifornien, «New Helvetia» hiess. Die Siedlung in Illinois erscheint in Quellen und Literatur stets unter den Namen «Neu-Schweizerland», «New Switzerland» oder «Highland».

85 Manuskript 13/4.

86 Lienhard schreibt, von der englischen Aussprache beeinflusst, meistens «Quatier» für «Quartier». Das Wort wird im Folgenden durchweg in seiner richtigen Form geschrieben.

87 Manuskript 14/4.

88 Manuskript 15/1.

89 Manuskript 15/1.

90 Das Schiff war nach dem Volk der Narragansett auf Rhode Island benannt, und diese Schreibweise wird, Zitate ausgenommen, im Folgenden verwendet. Der handschriftliche Eintrag auf der Passagierliste lautet «Naragansett». – Heinrich Lienhards Name, der in den amerikanischen Quellen in vielen Varianten zu finden ist, erscheint auf der Passagierliste der «Narragansett» als «Jean Lehnhart».

91 Brief vom 14. Juni 1985 von Philippe Manneville, Centre Havrais de Recherche Historique. Les Amis du Vieux Havre.

92 Manuskript 16/4.

93 Lienhards Angabe von 47 Tagen stimmt mit den Quellen überein, das heisst, die Reise von Le Havre bis zur Mississippi-Mündung dauerte vom 20. September bis zum 5. November 1843. Zwei Tage später, am 7. November 1843, unterzeichnete Kapitän Destebecho in New Orleans, wo die Zollabfertigung stattfand, zuhanden des Schiffskassiers die Passagierliste.

94 Lienhard bezeichnet die Distanz weiter unten mit 24 Meilen.

95 Manuskript 20/3.

96 Manuskript 20/3.

97 Michael Mollet (1818–1888) aus Unteramsern (heute Unterramsern), Kanton Solothurn, verheiratet mit Rebecca Mollet. Abbott, New Worlds to Seek, 252; Schweizer, Neu-Schweizerland, 263.

98 Manuskript 21/2.

99 Manuskript 21/2.

100 Manuskript 21/2.

101 Lienhard spielt hier auf den Titel von Kaspar Köpflis Bericht über seine Siedlungsgründung an: Die Licht- und Schattenseite von New-Switzerland in Nordamerika, Sursee, 1833. Gemäss Max Schweizer wurde der Siedlungsgründer dem im Titel erhobenen Anspruch, beide Seiten aufzuzeigen, jedoch gerecht. Schweizer, Neu-Schweizerland, 89ff. Abbott, Herausgeber von New Worlds to Seek, teilt Schweizers Auffassung. Er ist überzeugt, dass Lienhard sich hier zwar auf den bekannten und eingängigen Titel von Vater Köpflis Bericht beziehe, nicht aber auf den Bericht selbst, sondern auf die «Broschüre» seines Sohnes Salomon, die Lienhard bei der Ankunft in Sisseln erwähnt. Abbott schreibt, dass Lienhards Kritik in diesem Fall berechtigt war: «[Kaspar Köpflis Bericht,] written at the beginning of the settlement, makes an honest and intelligent effort to provide prospective emigrants a realistic picture of life in the new environment. The same cannot be said of Salomon Köpfli’s 1842 work, and Lienhard’s scorn and disillusionment regarding the ‹paradise› that [he] expected and did not find is justified.» Brief von John Abbott vom 8. August 1994.

102 Johann Leder aus Oberflachs oder Schinznach, Kanton Aargau.

103 Jacob Eggen berichtet über diese Zeit vor 1843, als es noch keine Strassen nach Highland gab, dass man sich zur Orientierung in der Umgebung markante Wegzeichen wie beispielsweise bestimmte Hügel merkte, und er fügt hinzu: «Geschah die Rückfahrt bei Nacht, so war man herzlich froh, wenn der alte Vater Leder noch spät auf der Klarinette seine lustigen Weisen, als Richtung in weite Ferne hören liess, der nahe dem Rigi seine Farm hatte, man war dann sicher, die richtige Richtung eingehalten zu haben.» Eggen, Aufzeichnungen aus Highlands Gründungszeit, 11. – Jacob Eggen (1803–1890) kam 1833 nach Neu-Schweizerland und heiratete drei Jahre später Kaspar Köpflis Tochter. In den 1880erJahren verfasste er seine Erinnerungen an die Gründungszeit der Siedlung. Daraus sind zwei gedruckte Berichte hervorgegangen: Jacob Eggen, Aufzeichnungen aus Highlands Gründungszeit zum Fünfzigjährigen Jubiläum 1887. Gedruckt in der Dampfdruckerei der «Highland Union», 1888, und: ders.: Die Schweizer-Kolonie Highland in Illinois, in: Deutsch-Amerikanische Geschichtsblätter, Heft 1–3 (Januar, April, Juli 1905); darin Eggens Erinnerungen: Heft 3, 15–36.

104 Lienhard schreibt an anderer Stelle (Manuskript 107/3), dass er «3 oder 4 hundert Dollars» von zu Hause mitgenommen habe.

105 Manuskript 24/2f.

106 Manuskript 23/1.

107 Paul und Nikolaus Ambühl. Abbott, New Worlds to Seek, 249.

108 Jakob Schütz (1789 –1865) stammte aus Sumiswald, Kanton Bern. – Der Name «Jakob» erscheint in alten deutschsprachigen Texten – Quellen und Literatur – sowohl in der Form «Jacob» wie «Jakob», in amerikanischen in der Regel als «Jacob». Lienhard schreibt den Namen auf beide Arten. Wo möglich wird im Kommentar die von ihm vorwiegend verwendete Form übernommen, ansonsten die Schreibweise in der benutzten Literatur.

109 Manuskript 24/3.

110 Manuskript 24/3.

111 Die Bewohner Highlands wünschten, dass die Postkutsche von und nach St. Louis über Highland (statt Marine) verkehren sollte. Dazu, so die Antwort des Generalpostmeisters, müssten sie für die Errichtung einer durchgehend befahrbaren Strasse zu den von der Post bereits bedienten Ortschaften Pocahontas und Troy sorgen, zwischen denen Highland lag. Diese Strassen wurden 1843 unter grossem Einsatz der Bewohner Highlands gebaut: «Die fünf gesetzlichen Strassenarbeitstage, die jeder zu leisten hatte, genügten jedoch nicht, die Arbeit fertig zu bringen; es musste daher freiwillig noch mehr als die gesetzlichen Tagwerke nachgearbeitet werden.» Eggen, Aufzeichnungen aus Highlands Gründungszeit, 33; Abbott, New Worlds to Seek, 234, Anm. 20. – Lienhard, der im November in Neu-Schweizerland eintraf, wurde für die Abschlussarbeiten an der Strasse aufgeboten.

112 In der amerikanischen Literatur meistens «Durer», gelegentlich «Durrer».

113 Manuskript 23/1.

114 Squire: Person mit lokaler Obrigkeitswürde.

115 Manuskript 23/1.

116 Manuskript 24/4.

117 Manuskript 24/4.

118 Jakob Schütz kam im Mai 1834 mit Familie Ruef aus Burgdorf nach Neu-Schweizerland. (Lienhard schreibt «Ruf», in der amerikanischen Literatur ist meistens die Form «Ruef» zu finden.) Ruef zog noch im gleichen Jahr nach St. Louis und liess Jakob Schütz als Stellvertreter auf seiner Farm zurück. Lienhard beschreibt Schütz als eine ganz besondere Persönlichkeit mit grossen menschlichen Qualitäten. Eggen teilte im Winter 1834/35 eine Blockhütte mit ihm und bezeichnet ihn als «echten Emmenthaler […], der nebst der Landwirthschaft in allen möglichen Holzarbeiten Bescheid wusste, und auch ein vortrefflicher Jäger war. Die Wände unserer Blockhütte waren gut gemacht, das Dach liess den Regen nicht durch […]. Der Feuerherd war ein 6 Fuss breiter und 3 Fuss tiefer Kamin, so dass man Holzblöcke von ähnlicher Grösse hineinbringen und so ein tüchtiges Feuer unterhalten konnte. Mit Tisch und Stühlen waren wir versehen, und Jeder hatte sein eigenes gutes Bett. Und dabei Lebensmittel jeder Art in Hülle und Fülle. An Wildprett hatten wir Überfluss. Truthühner, Hirsche, Hasen, Eichhörnchen schoss Schütz so viel, dass er davon nach St. Louis schicken konnte. Bei uns herrschte Arbeitstheilung. Schütz sorgte für Rohmaterial zum Lebensunterhalt, und mir wurde dessen Zubereitung zu theil […]. Wir führten ein Leben wie die Vögel im Hanfsamen; doch müssig waren wir nie.» Besucher blieben immer gerne zum Essen, «denn einen Extra-Bissen hatte ich stets vorräthig. Das ewige Einerlei der Amerikaner – Speck und Maisbrot – behagte uns nicht; wir waren an bessere Küche gewöhnt, mein Emmenthaler vom Tisch der Familie Ruef, ich von Köpfli’s her.» Eggen, in: Die Schweizer-Kolonie Highland in Illinois, 28f.

119 Manuskript 26/1.

120 Schütz hatte am 8.9.1840 Maria Meyer aus Hilterfingen, Kanton Bern, geheiratet. Abbott, New Worlds to Seek, 235, Anm. 30; Schweizer, Neu-Schweizerland 1838–1880, 262.

121 Manuskript 26/2f.

122 Manuskript 25/3.

123 Manuskript 25/3f.

124 Eggen, in: Die Schweizer-Kolonie Highland in Illinois, 30f.

125 Gehacktes Brennholz, das in cords (Mass für Brennholz, Klafter) verkauft wird. 1 Cord entspricht 3,62 Kubikmetern.

126 Ihr Name war «Marietta». Abbott, New Worlds to Seek, 240, Anm. 35. Lienhards Schreibweise entspricht wohl der mündlichen amerikanischen Form.

127 Manuskript 32/3.

128 Galena liegt 416 Meilen nördlich von St. Louis im Nordwesten von Illinois und verdankt seine Entstehung (1826) den reichen Bleivorkommen jener Region. Die Stadt zählte Mitte der 1840er-Jahre 15000 Einwohner, und die Bleigewinnung im Umkreis von 60 Meilen erreichte 1845, also in ebendiesem Jahr, mit 54500 000 Pfund ihren Höhepunkt. Henry Lewis, Valley of the Mississippi Illustrated, 202, auch Anm. 2.

129 Manuskript 32/3f.

130 Der Aufenthalt der Mormonen im Nauvoo des 19. Jahrhunderts ging zu jenem Zeitpunkt bereits seinem Ende entgegen. Knapp ein Jahr vorher, im Juni 1844, waren der Kirchengründer Joseph Smith und sein Bruder Hyrum ermordet worden. Unruhen zwischen den Mormonen und ihren Gegnern folgten, und im Herbst 1845 wurden Erstere in einem Manifest aufgefordert, Stadt und County zu verlassen. Ihr Auszug aus Nauvoo Richtung Westen begann im folgenden Winter 1845/46 und endete im Sommer 1847 am Grossen Salzsee. Ihr Tempel wurde im April 1846 fertiggestellt, als die meisten von ihnen Nauvoo bereits verlassen hatten. Ida Blum, Nauvoo, An American Heritage (1969), 7f.; Gordon B. Hinckley, Truth Restored (1979), 67, 77ff.

131 Manuskript 33/2f. – Der Bleiabbau bei Galena wurde sehr unprofessionell betrieben. Die Regierung wies jeder Person, die im «land office» einen entsprechenden Antrag stellte, ein Stück Land zu, worauf sogleich mit Graben begonnen werden konnte. Henry Lewis wunderte sich sehr über die Methoden des Bergbaus bei Galena: «The people here lack technical knowledge. If the mining and smelting had been carried on, as it is in Europe, by the application of chemical and geological knowledge, thousands of dollars and thousands of acres of land could have been saved.» Lewis, Valley of the Mississippi Illustrated, 202f.

132 Manuskript 33/3.

133 Manuskript 33/3.

134 Fort Snelling liegt nach modernen Messungen (auf dem Wasserweg) 665 Meilen nördlich von St. Louis. Die amerikanische Regierung kaufte das Land bei der Mündung des Minnesota River (damals noch St. Peter River) 1805 von den Dakota und begann 1819 mit dem Bau eines Forts, der sich über mehrere Jahre hinzog. Fort Snelling war die einzige Militärstation in der Gegend und bis 1849 das nördlichste Fort am oberen Mississippi. Lewis, Valley of the Mississippi Illustrated, 55f., auch Anm. 2 und 4; Abbott, New Worlds to Seek, 236, Anm. 46.

135 Philander Prescott errichtete 1827 bei der Mündung des St. Croix einen Handelsposten, der 1851 zu einem Dorf ausgelegt wurde. Abbott, New Worlds to Seek, 238, Anm. 20.

136 Manuskript 36/2.

137 Manuskript 36/2.

138 Manuskript 36/2.

139 Manuskript 36/3.

140 Manuskript 36/4.

141 Hier und im Folgenden berichtigte Schreibweise (Lienhard schreibt das Wort später richtig). Das Wort «Squaw» für «Frau» stammt aus der Algonkin-Sprache. Es erfuhr bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine negative Bedeutung.

142 Manuskript 39/2. – Der Dakota-Vorsteher von Red Wing besuchte die Männer auf der Insel öfter. – Die Bezeichnung «Sioux» (Abkürzung der französisch-kanadischen Form «Nadouessioux») wird zwar weiterhin verwendet in der Literatur, ist aber nicht unumstritten. Es geht dabei um ein Wort, das von der Proto-Algonkin-Form «*na·towe·wa» abgeleitet in einigen Tochtersprachen als «kleine Schlangen» gedeutet wird und deshalb als abwertend gilt. Das Wort könnte aber auch von «*-a·towe·» abgeleitet sein und «eine fremde Sprache sprechen» bedeuten. Gale Encyclopedia vertritt die Version der abwertenden Bedeutung und bezeichnet «Sioux» als irrtümlichen Namen für die Nationen der Lakota, Dakota und Nakota. – Sämtliche Angaben zu den einzelnen einheimischen Völkern auf dem Gebiet der späteren USA stammen, wo nicht anders vermerkt, aus folgendem Werk: The Gale Encyclopedia of Native American Tribes, 4 Bde., 1898.

143 Manuskript 39/2.

144 Manuskript 36/3.

145 Manuskript 39/4.

146 Guttenberg entstand an der Stelle des früheren Prairie la Porte (im späteren Staat Iowa). In der neu gegründeten Stadt liessen sich vor allem deutschsprachige Einwanderer nieder, weshalb der Ort nach Johannes Gutenberg, dem deutschen Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, benannt werden sollte. Ein Fehler auf der ersten Druckplatte in den County Records hatte zur Folge, dass daraus «Guttenberg» wurde. Abbott, New Worlds to Seek, 237, Anm. 8.

147 Manuskript 44/3.

148 Manuskript 45/1. – Die Erlebnisse dieser Reise entlang dem Mississippi füllen fünfzehn Manuskriptseiten (41/2–44/4).

149 Manuskript 44/1.

150 John Böschenstein kam um 1834 in die Vereinigten Staaten und besuchte auch Neu-Schweizerland: «Um diese Zeit kam auch Herr Böschenstein hierher, sich umzusehen, kehrte jedoch schon am nächsten Tage nach St. Louis zurück, wo er mit Schoch einen Store anfing.» Eggen, in: Die SchweizerKolonie Highland in Illinois, 25.

151 Biliöses Fieber: mit Gelbsucht einhergehende fieberhafte Erkrankung.

152 Manuskript 45/4.

153 Manuskript 45/4. – Marietta Gale heiratete am 11. Oktober 1846 Andrew B. Parker. Aufgrund von Nachlassdokumenten wird vermutet, dass Gale Anfang Oktober 1844 gestorben sei. Abbott, New Worlds to Seek, 240, Anm. 35. Nach Lienhards Angaben ist dies aber nicht möglich, da er im Winter 1844/45 für Gale arbeitete und im Sommer 1845 zusammen mit Mariet diesen Auftrag für ihn ausführte. Lienhard schreibt, Gale sei im Spätherbst 1845 gestorben, und er erzählt, dass er im Winter 1845/46 Mariet und ihre Mutter, die zu jenem Zeitpunkt noch in Highland lebten, besucht habe. Die beiden Frauen hätten die Farm aber nicht allein bewirtschaften können und diese an eine Glarner Familie verkauft. Anschliessend seien sie auf die benachbarte Marine Prairie gezogen. Manuskript 48/3.

154 Heinrich Thomann (1814–1883) von Biberstein, Kanton Aargau. Er wanderte 1836 in die USA aus.

155 Jakob Rippstein von Kienberg, Kanton Solothurn. Er beantragte am 15. März 1841 im Alter von 28 Jahren einen Reisepass für Amerika. Register für deutsche und französische Pässe, Passkontrolle 1822–1848, 117, Nr. 2614, Staatsarchiv des Kantons Solothurn.

156 Manuskript 47/2. – Satz leicht korrigiert.

157 Manuskript 47/2.

158 Schütz lebte seit Frühling 1845 auf seiner eigenen Farm. An der Stelle, wo er sich ein Haus baute, entwickelte sich später der Ort St. Jacob. Abbott, New Worlds to Seek, 235.

159 Manuskript 49/4.

160 Manuskript 50/1.

161 Manuskript 50/1.

162 Manuskript 50/2.

163 Manuskript 50/2.

164 Böschenstein war etwas enttäuscht, da er beabsichtigte, seinen Laden im Mai nach Highland zu verlegen, und gehofft hatte, Lienhard werde ihn dorthin begleiten. Manuskript 50/4. – Eggen erwähnt, dass Böschenstein 1846 nach Highland zog und sich dort ein Haus baute. Eggen, Chronicles of Early Highland, 153.

165 Manuskript 50/4.

166 Manuskript 50/4.

167 Manuskript 51/1.

168 Manuskript 51/1. – Lienhard und Schütz blieben in Freundschaft verbunden. Als Pate von Lienhards erstem Sohn Caspar Arnold (1852–1863) verzeichnet das Taufregister von Kilchberg, Kanton Zürich, einen Friedrich Schütz von Knonau, sesshaft in Zürich Aussersihl, möglicherweise ein Verwandter von Jakob Schütz. Jakob Schütz selbst wurde Pate von Lienhards zweitem, ebenfalls noch in Kilchberg geborenem Sohn John Henry (1853–1933), dessen Taufe am 29. Januar 1854 stattfand, wenige Monate vor der endgültigen Auswanderung der Familie in die USA. Pfarrbuch 1838–1863 von Kilchberg, Kanton Zürich, Nr. 74 und Nr. 84.

Heinrich Lienhard

Erinnerungen 1846–1849


California Trail April bis Oktober 1846

Reisevorbereitungen in St. Louis1

In St. Louis angekommen, waren wier nur mit dem Herbeischaffen der nöthigen Gegenständen beschäftigt, wier mussten vor Allem ein starker Wagen und wenigstens zwei Gespann Ochsen haben. Den Erstern kauften wier ohne Bogen und Blache für $ 50.–, es war ein guter Wagen, der sich im ganzen trefflich bewährte. Mit den Ochsen, zwei Gespanne zu je $ 25.00, welche Ripstein auf der Illinoisseite kaufte, hatte der Irrthum darin bestanden, dass das eine Gespann zu schwerfällig und zu alt für eine so lange und beschwehrliche Reise war; wier waren daher auf allgemeines Rathen genöthigt, in Independence sie gegen ein viel jüngeres, aber auch viel billigeres Gespann auszutauschen. Damit die Wagendeichsel verstärkt würde, liessen wier über dieselbe der ganzen Länge nach eine starke Eisenstange befestigen, welchem Umstande wier zu verdanken hatten, dass die Deichsel noch theilweise aushielt. Natürlich wurde unser Wagen auch mit Bogen und einer geölten, darüber gespannten Blache2 versehen.

Wier waren im ganzen fünf Männer, wovon ich der Jüngste war, welche in demselben Wagen die Reise zusammen machen wollten. Mit Thomen und Ripstein war ein Deutscher Lotringer namens Zins3 von Galena gekommen, welcher hinter Galena, nicht weit von dem früher erwähnten schwäbischen Gemüsegärtner ein Junggesellen-Leben geführt hatte und daher mit verschiedenem Kochgeschirr versehen war, welches er offerirte, zum Gebrauch auf der Reise hergeben zu wollen, wenn wier dieses nach unserer Ankunft in Californien ihm als sein Eigenthum überlassen wollten. Wier waren natürlich damit gern einverstanden, da wier sonst zu diesem Zwecke Kochgeschirr hätten kaufen müssen. Zins war nur klein, aber doch nach Verhältniss seiner Grösse fest4. Sein erstes Erscheinen machte bei mir nicht den besten Eindruck. Sein Gesicht war Gross und überaus roth, die kleinen, blinzelnden Augen waren sehr nahe beieinander, zwischen welchen eine überaus grosse und lange rothe Nase bis über seinen weiten Mund herab reichte. Seine Haare waren dicht und schwarz, ohne Lockig zu sein. Seine Beine5 waren bedeutend nach Aussen gebogen, hingegen stellte er seine Fussspitzen nach einwärts. Seine Sprache war etwas langsam, und sein Wesen zeugte von einem guten Theil Annmassung. Er hatte ein paar sehr verschiedene Seiten. Er konnte recht lustig sein, Spässe machen und sang gern, wobei er aber keine besonders schöne Stimme entwickelte. Er war Gescheit im einrichten zur Bequämlichkeit, und wenn er wollte, konnte er auch Angenehm und Unterhaltend sein. Aber er war leicht Böse über Dinge, die von Andern kaum beachtet wurden, und er liess sich oft von heftigen Anfällen des Jähzorns zu Handlungen hinreissen, welche er vielleicht späther wieder bereute, und solche Menschen können dann Gefährlich werden in ihren Handlungen, und [dies] hätte gerade für ihn und Andere, mit denen er in Berührung kam, böse Folgen haben können.6

Der Fünfte von unserer Gesellschaft hiess Valentin Diel, ein Darmstädter, aber [er] war schon seit ein paar Jahren in America und hatte in St. Louis bis dahin Cigaren gemacht. Er war nur um ein oder zwei Jahre älter als ich und beinahe ebenso gross. Aber er hatte ein gefährlicher Leistenbruch, so dass man hätte glauben sollen, er wäre zu starken körperlichen Anstrengungen nicht fähig, was sich jedoch bei ihm nicht ganz bestähtigte. Diel sah einem Hanoveraner viel ähnlich, darum hiessen wier ihn auch oft spassweise den «Blattdeutschen»7 oder «Weissen Dicken». Er war im Allgemeinen friedfertiger Natur und lachte gern über Alles mit, auch hatte er manchmal recht drollige Einfälle. Doch konnte er auch zur Abwechslung zeigen, dass er der Falschheit nicht ganz fremd war.

Ausflug zum Arsenal

Befor ich hier weiter fortfahre, habe ich noch etwas nachzuholen, welches weiter oben am richtigen Platz gewesen wäre. Als ich das Erstemal in St. Louis war, um zu sehen, ob sich keine Gelegenheit finden liesse, um nach California zu kommen, kam es mir plötzlich in den Sinn, einmal mit einem der Omnibusse nach dem Arsirnal8 hinunter zu fahren, von welchem ich öfters gehört, es aber früher nie besucht hatte. Mein Ziel war bald erreicht, und ich trat durch das Portal in die Landschaftsgarten änlichen Anlagen des die Gebäude umgebenden Lokales. Grosse, regelmässig aufgepeigte Haufen von Kanonenkugeln und ein paar kleine Kanonen zogen meine erste Aufmerksammkeit auf sich, welche ich mir ein wenig ansah. Neben der Einfahrt waren ein oder zwei Mann als Wache aufgestellt, weiter drin standen einige Soldaten, sich miteinander unterhaltend, und jetzt sah ich ein grosser, aufrechter, schon ein wenig grauer Feldweibel oder Wachtmeister auf mich zuschreiten, welcher mich ohne Umstände sogleich auf deutsch anredete: «Wie gefällt es Ihnen hier, junger Freund? Nicht wahr, es ist recht schön hier?» und dergleichen, welches ich, wie es sich versteht, bejahend beantwortete. «Ich stelle mir vor», fuhr er fort, «Sie haben Lust, in den Dienst zu tretten, nicht wahr? Wier können gerade einige kräftigen jungen Männer, wie Sie sind, gebrauchen; Sie gefallen mir recht gut, und da finden Sie gerade die beste Gelegenheit!» Meine Antwort, dass ich nicht gekommen sei, in den Militärdienst9 zu tretten, wollte der stramme Graubart nicht glauben. «Ei was da», meinte er, «warum sollten Sie denn hieher gekommen [sein], als um Dienst zu nehmen! Das ist das Allerbeste, was ein junger Mann thun kann. Hier bekommt man eilf Dollars Lohn per Monat, man hat guten Unterhalt, billige und gute Kleidung, und wenn man krank wird, hat man die beste Pflege nebst Medizin umsonst und bekömmt noch seinen Lohn dessen ungeachtet. Sehen Sie sich einmal recht um», fuhr er dann fort, «ich denke, Sie werden wol ihre Gedanken endern, noch ehe Sie den Platz verlassen. Wier sprechen dann noch Einmal miteinander.»

Da ich nicht in das Innere der Gebäude trat, war ich bald genug mit dem Äussern fertig. Ich schritt daher langsam dem Portal entgegen, durch welches ich gekommen war, denn ich empfand kein Wunsch, mich anwerben zu lassen; darum begehrte ich auch nicht, den strammen alten Feldweibel zu sprechen. Dieser hatte mich aber wieder erblickt und frug mich, indem er auf mich zuschritt: «Nun, junger Freund, nicht wahr, es gefällt Ihnen hier?» Dagegen hatte ich zwar nichts einzuwenden, aber dessenthalben Militärdienst zu nehmen, erschien mir thörricht. Man werde wol keine Leute anwerben, um sie hier faullenzen zu lassen, war meine Ansicht, die Leute würden wahrscheinlich auch nach den Wildnissen geschikt werden. Als der alte Soldat10 mich nicht überaus begierig fand, mich anwerben zu lassen, sprach er davon, als ob er mir eine bessere als nur gewöhnliche Soldatenstelle verschaffen könnte, wodurch ich anstatt nur $ 11.00 per Monat $ 13.00 erhalten würde, kurz, er versuchte alle Überredungskünste: «Sie gefallen mir, ich muss Sie haben, Sie werden es nie bereuen» und Dergleichen. Um den Alten nicht gleich vor den Kopf zu stossen, versprach ich ihm, mir das Ding noch besser zu überlegen, und lasse ich mich dann anwerben, soll es durch ihn geschehen. Wier schieden dann als gute Freunde, aber der alte Krieger hat mich wahrscheinlich seidher niemals wieder gesehen. Ich habe immer junge Leute, welche bei guter Gesundheit und kräftigem Körperbaue in Friedenszeiten Militärdienste nehmen, als eine Art Taugenichtse betrachtet; als solchen hätte ich mich selbst dann auch betrachten müssen. So weit war es denn doch noch nicht mit mir gekommen – nur als allerletztes Mittel, um mich zu erhalten, hätte ich zum Militärdienst Zuflucht nehmen mögen.

Von St. Louis nach Independence, Missouri

Wier hatten endlich der grössere Theil der zu unserer Reise nöthigen Gegenstände zusammengebracht, das noch Fehlende konnten wier in Independence uns dort noch verschaffen. Independence und St. Joseph in Missoury waren die zwei eigentlichen Plätze, wo die Emigranten über die Wildnissen sich noch vollends ausrüsteten. Wier schrieben noch unsere letzten Briefe an Bekannte, Freunde oder Verwandten. Auch ich unterliess es nicht, noch eine Art Abschiedsbrief an mein Vater nach der Schweiz zu schreiben. Wer konnte es wissen – es war ja vielleicht der Letzte, denn eine Reise von sechs Monaten über eine Wildniss gehörte damals nicht zu den Kleinigkeiten und kam einem mit jedem Tag bedenklicher vor.

Am letzten Tag vor unserer Abreise von St. Louis traffen wier noch ein früherer Reisegefährte. Es war der alte, noch ledige und auf jeden, der mit seiner Base Barbara Bircher lachte und einige freundliche Worte wechselte, eifersüchtig werdende Frei. Obschon mich Frei damals nicht ganz am besten [mochte], weil ich mich unterstanden hatte, mit seiner Base ein wenig zu lachen und zu sprechen (wofür er mich eines Morgens mit kaltem Seewasser bespritzte), so war er doch bei dieser Begegnung überaus freundlich. Und er liess es sich nicht nehmen, er wollte mich traktieren, bei welcher Gelegenheit er mir einen Theil seiner amerikanischen Erlebnisse zum Besten gab. Da wier gerade auf unsere frühere Reise und Mitreisenden zu sprechen kamen und er gerade Derjenige war, welcher es mir am meisten gönnen mochte, dass man mir meine Taschenpistole gestohlen hatte11 (welches er einem 16-Jährigen badischen Knaben zur Last legte, welcher sich bei einer Familie befand, mit welcher er und die Birchers oft leicht zankten, worüber ich mein Missfallen an den Tag gab), konnte ich ihm den Namen des richtigen Diebes nun genau angeben, und Dieser war sein Namensvetter, der Schneider Frei, derselbe, den ich damals als den Dieb betrachtete.1112 Ich glaube aber kaum, dass ihm dieses besonders gefallen hat, obschon er nicht viel darüber zu sagen wusste.

Das kleine Dampfboot «John Go Along»13 hatte endlich Uns sowie unsere Siebensachen alle an bord. Es war, glaube ich, den 21. April abends, als wier St. Louis verliessen. Zu gleicher Zeit mit uns fuhr ein anderes, etwas grösseres Boot ab, welches wie das unsrige den Missoury hinauf wollte. Entweder hatte der Engenier nicht genug Dampf auf, oder es fehlte sonst Etwas, denn es schien ihm unsäglich viel zu thun zu geben, den St. Louiser Bootlandungsplatz passieren zu können. Allmälig machten wier ein wenig bessere Fortschritte, doch blieb das Andere Boot für längere Zeit immer scheinbar gleich weit, vielleicht so tausend Schritte vor uns. In mir regte sich eine Art Eifersucht, ich fühlte nicht ganz recht, dass unser Boot, welches doch noch «John go along» hiess, das Andere nicht einholen und passieren sollte. Der Ingenier schien wie ich von demselben Gedanken durchdrungen und that sein Möglichstes, damit unser John schneller voran komme. Er wie ich und vielleicht ausser uns beiden noch Andere auf unserm Boot hatten keine rechte Ruhe, bis wier, lange nach Dunkelwerden, die Diestanz zwischen den beiden Booten veringert fanden und wier dieses zuletzt passierten. Jetzt erst empfand ich eine innere Befriedigung, und der Ingenier bekundigte Dasselbe durch ein freundliches Kopfnicken und Lächeln.

Obschon die Ufer des Missoury keine besondere Verschiedenheit von denen des Mississippi bieten, so ist doch die Verschiedenheit der zwei Flüsse selbst sehr gross. Währenddem die Fluhten des Letztern in der Regel ganz klaar, aber ein wenig Bräunlich sind, sind Diejenigen des Erstern immer ganz trübe und von gelblicher Aschenfarbe. Im Mississippi oberhalb St. Louis findet man wenige der sogenannten Snags14, im Missoury jedoch findet man sie Überall, wodurch die Bootfahrt auch oft stark Gefährdet wird. Die Sandbänke wechseln im Erstern nur langsam, wohingegen diese in Letzterm fast täglich sich verändern. Die Fruchtbarkeit des angeschwemten, flachen Uferlandes ist wol in beiden sehr gross. An Städten zu beiden Seiten des Missoury war der Staat damals noch Arm; mit Ausnahme von Jefferson City war zwischen dem Landungsplatz von St. Louis und dem von Independence noch nicht viel zu sehen. Wol gab es damals schon allerlei Namen, aber einige wenige Gebäude machten in der Regel schon die ganze Stadt aus.

Unter den Zwischendeckpassagieren befanden sich auch zwei Amerikaner, welche die Landreise nach Oregon machen wollten. Wier waren seid dem ersten Abend dem andern Boot immer voran geblieben, ohne ihm jedoch weit voraus gekommen zu sein. Als wier an die Mündung des Ossage15 in den Missoury kamen, fanden wier da ein Boot auf dem Grunde festsitzend. Ausserhalb der Mündung war ein kleines Insel, und unser John versuchte zuerst, ausserhalb diesem Insel an verschiedenen Stellen durch die Untiefen hindurch zu kommen. Alle Anstrengungen waren jedoch vergeblich. Unser John kehrte wieder um und brobierte innerhalb der Insel ganz im Ossage-Wasser eine Durchfahrt zu erzwingen, ganz nahe dem festgesessenen Fahrzeug, aber ohne bessern Erfolg. Der John schien aber entschlossen, sich um jeden Preis eine Passage zu erzwingen. Seine zwei grossen Sparren16 wurden ins Wasser gelassen, und nun gieng die Bootmannschaft allen Ernstes daran, das Boot über die Sandbank hinüber zu schlepen, wobei auch die Zwischendeckpassagiere oft mithalfen. Bald nach uns war das andere Boot auch angelangt, blieb aber ruhig an einer Stelle ligen, ohne ein Versuch zu machen, durchzukommen.

Dasjenige Boot, welches wier zuerst festsitzend fanden, hatte sich während der Nacht losgearbeitet und uns verlassen. Wier waren zwar mit dem Tagesgrauen der Landzunge zwischen den beiden Flüssen ein wenig näher gekommen, sassen aber noch immer auf dem Sande in niedrigem Wasser. Man nahm jetzt mit einem Boot ein langes und starkes Tau, welches man an einem Baume auf der Landspitze mit einem Ende befestigte. Das andere Ende befestigte man an dem Drehkopf (oder wie man dieses Ding heisst)17, setzte dann vier lange Sparren oder Hebel ein, wovon fortwährend die Mannschaft sowohl als Zwischendeckpassagire drehten, währenddem die Dampfmaschine arbeitete und die Räder den Flusssand aufwühlten. Es war heller Tag geworden, und die Sonne war erschienen, als wier noch immer fest blieben, uns jedoch tieferm Wasser näherten. Da kam das hinter uns gelegene Boot ruhig und behutsam ausserhalb dem Insel, scheinbar ganz an derselben [Stelle] herangefaren, an welcher wier es Abends vorher vergeblich versucht hatten – ohne im geringsten auf Grund zu stossen. Ich glaube, dass sich auf unserm John Alles darüber ärgerte.

Dieses Boot legte oberhalb des Zusammenflusses am Ufer an, um Holz einzunehmen, gerade an der Stelle, wo unsere Leute Holz einnehmen wollten; denn wier waren über nacht beinahe ganz daran ausgekommen. Endlich waren wier flot, das Tau ward eingezogen, und wier wollten vorwärts, als das andere Boot von seiner Landungstelle rückwärts fuhr, um in das richtige Fahrwasser zu gelangen oder, wie uns vorkam, um uns ein Wenig in Weg zu kommen. Unser Boot war dem Andern dabei mit seiner Spitze voraus in das Radhaus gerathen, dass die Bretter krachten, und man fing an zu befürchten, dass die Geschichte noch Unannehmlichkeiten mit sich bringen könnte. Augenblicklich schien es, als ob das andere Boot ein gleiches Experiment an unserm versuchen wollte; allein das Unsere blieb zurück, und das Andere fuhr, die Nutzlosigkeit eines solchen Versuches wol einsehend, wieder voran. Wier hatten kaum Feuermaterial genug, kurze Distanz aufwärts zu fahren, wo am rechten Ufer ein Theil aufgepeigtes Cordholz eingenommen wurde.

An dem linken Ufer nahmen wier einst auch Feuerholz ein, als man nicht weit unter uns weit im Flusse draussen einen Hirschen gegen eine Insel schwimmen sah. Sogleich wurde des Schiffes Ruderboot in das Wasser gelassen, und drei Männer in demselben thaten ihr Möglichstes, den Hirschen einzuholen, welcher, dieses gewahrend, ebenfalls seinerseits alles aufbot, seinen Feinden zu entrinnen. Es erfolgte unter den Zuschauern auf dem Dampfboot nicht geringe Aufregung, schon glaubte man, der Hirsch werde seine Freiheit verlieren, denn das Boot war fast dicht an ihn heran gekommen – da hatte der Hirsch eine seichte Stelle erreicht, und mit einigen mächtigen Sprüngen in das nahe Walddickicht war er seinen Häschern entronnen.

Ich glaube, es war am fünften Tage spät Nachmittags, als wier bei dem Landungsplatz für Independence angekommen waren. Es war eine öde Gegend am Fusse eines steilen und hohen Uferabhanges. Ich hatte wenigstens einige Häuser erwartet, fand aber, soviel ich mich erinnere, nichts derart. Unsere ganze Habseligkeit wurde gelandet. Auch die zwei Männer, welche nach Oregon wollten, landeten hier mit ihrem Gepäck. Wier fanden da drei andere jungen, reichlich mit Pistolen und mächtigen Bowy-Messern18 bewaffneten Männer, welche wahrscheinlich von dem uns vorangegangenen Dampfboot hier gelandet wurden und welche bemüht waren, einiges Gepäck wegzuschaffen. Sie alle hatten wahre Mörder-Physiognomien, welchen ich allein und unbewaffnet nicht an einsammer Stelle hätte begegnen mögen. Sie wollten sich denn auch über uns Deutschen lustig machen, wo[bei] sich einer Derselben auszeichnete, indem er verschiedene verächtliche Bemerkungen an mich zu richten begann. Ich wünschte zwar kein Streit mit ihnen, allein ich war der Ansicht, dass, wenn wier ihre schnöden Bemerkungen so hinnehmen würden, ohne sie mit änlichen zu erwidern, sie sich sehr leicht einbilden könnten, uns eingeschüchtert zu haben. Ich nahm daher kein Anstand, ihre Bemerkungen mit ebenso bissigen zu erwiedern, dabei ein wenig lächelnd. Die drei sahen mich ein wenig verdutzt an und maassen mich mit ihren Augen von Oben bis Unten, worüber ich mich aber durchaus nicht erschrocken zeigte. Thomen, welcher noch einige unserer gewechselten Worte vernommen hatte, fürchtete, solche Worte könnten zu unangenehmen Auftritten führen, worin er ein wenig recht hatte. Allein ich betrachtete es als das sicherste Mittel, dadurch fernern Neckereien derart vorzubeugen, und diese Ansicht hatte sich bei mir auch in der Zukunft bewährt.

Nachdem unser Gepäck nebst dem der zwei Männer, welche nach Oregon wollten (die uns ersucht hatten, das ihrige bis nach Independence mitzunehmen), alles eingeladen war, spannten wier zum Erstenmal unsere zwei Gespann Ochsen an den Wagen. Der Weg führte einer langen und steilen Anhöhe entlang hinauf, so dass wier anfangs fürchteten, es möchte zu schwer für die vier Ochsen werden, wesshalben wier uns auf beiden Seiten des Wagens neben dessen Rädern postierten. Wier fanden jedoch bald zu unserer Genugthuung, dass unsere Befürchtungen vergeben waren. Es war eine Freude, zu sehen, wie beständig und ohne scheinbaren19 grossen Anstrengungen sie den Wagen den langen und steilen Weg herauf schlepten. Auf der Anhöhe angelangt, fuhren wier noch kurze Zeit durch den hügeligen Eichenwald, ohne jedoch von Independence etwas zu sehen, und da die Dämmerung nahe war, entschlossen wier uns, an einer geeigneten Stelle neben der Strasse zu kampiren. Der Himmel war ein wenig bewölkt gewesen, es gab jedoch kein Regen.

Letzte Einkäufe für die grosse Reise. Von Independence zum Indian Creek

Frühe am nächsten Morgen brachen wier auf und fanden zu unserer Überraschung, dass wier ganz in der Nähe des Städtchens gelagert hatten.20 Ein wenig zu einer Seite des Städtchens fanden wier einen bequämen Lagerplatz, wo wier unsere Ochsen grasen lassen und uns mit den noch nöthigen Gegenständen versehen konnten. Unsere zwei alten, zu schweren und kurzgliedrigen Ochsen vertauschten wier gegen ein Gespann viel leichtere und jüngere. Das andere, etwas jüngere, langgliedrigere und leichtere Gespann behielten wier aber und hatten uns dessen nicht zu klagen, denn sie thaten uns treffliche Dienste. Wier kauften uns noch ein Gespann junge, leichte Ochsen und ebenfalls zwei junge, aber hochträchtige Kühe, welche wier späther unter das Joch zu bringen und vor den Wagen zu spannen beabsichtigten. Das zur Reise nöthige Mehl kauften wier auch hier, ebenso kauften wier ein Zehn-Gallonen-Fässchen, worin wier späther oft unser Drinkwasser mitschlepten. Am hintern Ende des Wagenbettes befestigten wier eine mit beweglichem Deckel versehene kleine Kiste, worin wier unsere Gabeln, Messer und einige zum Essen benöthigte Geschirre aufbewahrten.

Es hatten sich allmälig immer mehr Leute, welche dieselbe Reise wie wier unternehmen und zu diesem Zweck sich vollends ausrüsten wollten, eingestellt, und unter Andern befand sich auch ein Schweizer namens Kiburz21 mit seiner amerikanischen Frau und zwei Kindern. Er hatte zwei Wagen, wovon der eine von seinem alten, aber noch rüstigen und lebensfrohen Schwiegervater, Mr. Barber22, getrieben wurde. Zwei ledige Söhne des alten Mannes, John und Samuel Barber, hatten ein Fuhrwerck für sich. Wier hatten uns das Nöthige endlich, soviel wier meinten, gekauft und eingepackt und fühlten uns vollkommen ausgerüstet. Mein letztes Stück Silbergeld, ein Picayune23, 6¼ Cents, hatte ich noch für einen Blechbecher (tin cup) ausgegeben, und ich war jetzt mit Ausnahme von drei Kupfercents ganz und gar an Geld aus; dagegen war ich in Schulden gegenüber dem Thomen, Ripstein und dem Diel. Zins, welcher zuerst gethan hatte, als ob er seinen Theil vollkommen bezahlen könne, war aber noch tiefer in deren Schuld gerathen als ich selbst.24

Am dritten Tag unseres Aufenthaltes an diesem Ort, Nachmittags, hatten wier unser Wagen mit unsern sämtlichen Ochsen bespannt, und erst jetzt betrachteten wier uns eigentlich als auf der Reise nach California begriffen. Der Tag war recht Angenehm, die Sonne schien warm, die Prairien25 grünten, die Wiesenlerchen und andere Vögel sangen zu allen Seiten ihre fröhlichen Frühlingslieder – mir kam es vor, als ob die ganze Natur voll frohen Lebens wäre! Zins knallte endlich mit der langen Ochsenpeitsche, denn er war der Erste, welcher unser Fuhrwerck, sozusagen unsere bewegliche Heimath, trieb, und wier sagten unsere aufrichtgen Adieu dem Städtchen Independence und den alten Ansiedlungen.

Nur kurze Distanz hinter Independence führte unsere Strasse durch ein kleines Stück Wald, wo wier sie durch theils stehendes und theils fliessendes Wasser öfter in zimmlich schlechtem Zustand fanden. Auf der sich vor uns öffnenden wellenförmigen Prairie wurde sie indessen bald wieder besser, so dass wier Alle frohenmuthes westwärts fortschritten. Wier näherten uns bald einer wol sechs bis sieben Meilen westlich von Independence auf der hohen Prairie gelegenen Baumgruppe, wo wier in einer alten Einzäunung zwei verlassene Blockhäuser traffen, in deren Nähe ein paar Frischwasserquellen der Erde entquellten. Da die Sonne dem Horizonte nahe war, beschlossen wier, hier unser erstes Nachtlager aufzuschlagen, denn da fanden wier alles, was man verlangen konnte: hinreichend Gras für unser Zugvieh, gutes Wasser und Feuerholz – was wollten wier mehr? Wier Alle hegten den gemeinsammen Wunsch, dass wier jede Nacht bis nach California eine änliche Lagerstätte finden möchten. «Wer mag wol hier gewohnt haben, und warum hat man diesen Platz wieder verlassen?» war jetzt unsere gegenseitige Frage, und keinem kam das Richtige in den Sinn. Erst draussen an dem allgemeinen Versammlungsort an der Indian Creek erfuhren wier, dass dieser unser erster Lagerplatz einst von den Heiligen des Jüngsten Tages als zu einem allgemeinen religiösen Versammlungsplatz benutzt wurde, wo die Mormonen-Proveten, Priester und Ältern ihren andächtigen Gläubigen ihre Orakelsprüche verkündigten, bis sie von den angrenzenden Heiden und Ungläubigen von Missoury gezwungen wurden, diese Gegend zu verlassen, von wo aus sie sich nach Nauvoo in Illinois begaben, um auch von Dort in diesem Jahr 1846 ebenfalls vom Volke der angrenzenden Township oder Counties zu demselben Schritt gezwungen zu werden.26

Wier setzten unser Weg beinahe grade in westlicher Richtung über schöne, hügelige Prairie fort, nachdem wier mit dem Aufjochen der Ochsen und mit unserm Frühstück fertig geworden waren, eine Beschäftigung, welche wier in der Zukunft allmorgendlich zu verrichten hatten, wozu es uns daher keineswegs an Gelegenheit fehlte, es gründlich zu erlernen. Die Farmen um uns herum wurden immer seltener, und nur ein oder zwei Häuser in der Nähe der Strasse hatten wier passiert. Und mit ihnen hatten wier die Grenzen des Staates Missoury hinter uns, und wier befanden uns in dem damaligen Indianergebiet und in der Reservation der Shawnees27, einem kleinen Stamme oder Überreste halb civilisierter Indianer, welche sich mit Landbau und Viehzucht abgaben und in festen, hölzernen Häusern wohnten.

Ein streifen Waldes in der Ferne liess uns unser erstes Reiseziel, die Indian Creek, erkennen, wo sich die ersten Auswanderer so lange aufhalten wollten, bis man sich Zahlreich genug glaubte, um etwaigen Indianer-Angriffen erfolgreichen Wiederstand leisten zu können. Die Sonne hatte sich schon stark dem Horizonte genähert, als wier unser Fuhrwerck von der Hochprairie abwärts gegen das Thal der Indian Creek lenkten. Wier [waren] unterwegs hieher nur einigen braunen mexikanischen Fuhrleuten begegnet, welche mit riesigen, [mit] sechs bis acht Mauleseln bespannten Wagen gegen Independence fuhren.28 Unten am Waldsaume der Indian Creek angelangt, fanden wier die ersten Stellen, welche wier für zimmlich schwierig zu passieren hielten, hatten spähter aber genug Gelegenheit, uns zu überzeugen, solche Stellen als gar nicht übel zu finden.

Besammlung der Emigranten am Indian Creek

Mitten im Walde an den Ufern der Indian Creek fanden wier bereits eine Anzahl Emigranten lagernd, welche uns freundlich aufnahmen. Die zwei Bekannten vom «John Go along», welche nach Oregon wollten, besuchten uns hier wieder. Sie lagerten nicht am Creek, sondern ausserhalb des Waldes auf der Prairie, und warteten auf eine Gesellschaft, welche mehr ausschliesslich nach Oregon wollte. Zu uns stiessen fast täglich mehr Wagen, unter andern auch Kiburz mit Familie, Schwigervater und Schwäger. Für das Vieh fand man auf den reichen Prairien die herrlichsten Weiden, wo es sich nach Herzenslust sattfressen konnte, dennoch war es geneigt, weit vom Lager sich zu entfernen. Wier hatten einer unserer Ochsen eines Abends nicht finden können; durch zahlen eines halben Dollars hatten ihn uns die Shawnees gefunden. Ich glaubte aber beinahe, dass sie uns denselben weggetrieben hatten, um ein wenig Geld von uns zu erpressen.

Da ich eine Scheere, Fingerhut, Nadeln, Knöpfe und Faden in einer extra Schachtel mit mir führte und ich während der Mussestunden meine Kleider, besonders ein Sommerrock29, Regelgerecht flickte und veränderte, wurde ich bald als «The German Tailor» bekannt, was mich indessen durchaus nicht abhielt, auch in der Zukunft die Kleider zu reparieren, wenn ich solches für nöthig fand. Öfter machten wier kleine Jagtausflüge, meistens der Creek entlang auf- oder abwärts; ich weiss mich aber nicht zu erinnern, dass wier je etwas Besseres als Eikörnchen schossen.


California und Oregon Trail (Übersicht).

Einmal hiess es, man habe einen Bienenbaum entdeckt. Einige von uns, ich glaube, es waren unser Fünfe, begaben uns an die bezeichnete Stelle, wo man gesehen haben wollte, aus einem Loche hoch oben in einer Eiche die Bienen aus- und einfliegen. Obschon ich damals noch recht gute Augen zu haben glaubte, war ich nicht im Stande, Bienen zu entdecken, ich empfand daher wenig Lust, mich an dem Umhacken der dicken Eiche zu bethätigen. Da die Übrigen in den einzeln sich dem Loche nähernden und entfernenden Fliegen ganz sicher Bienen gesehen haben wollten und einander ablösend kräftig drauflos hackten, nahm ich auch daran Theil, ob sich in dem Baume Bienen befänden oder nicht. Hätte der Baum Bienen enthalten, würden diese durch unser Hacken gewiss beunruhigt worden und massenhaft aus dem Loche hervor gekommen sein, allein es geschah nichts derart. Endlich begann der Baumstock30 zu wanken, nur noch einige kräftigen Hiebe, und er fiel krachend zur Erde nieder – aber auch jetzt wollten noch keine Bienen zum Vorschein kommen. Man schlug mit dem dickern Axtende in der Nähe des vermeindlichen Ausflugloches an den holen Stamm, aber anstatt des Honigs, welcher uns für die gehabte Arbeit hätte belohnen sollen, erschienen langsam und vorsichtig zwei zimmlich grosse, schwarzen Schlangen, die sich herausschliechen und wahrscheinlich sehr unangenehm berührt waren durch unser unberufenens demoliren ihrer alten Behausung.

Ich hatte eines Nachmittags bei einem Blockhause – einer Indianerfamilie gehörend – eingesprochen und fand das Innere so gut, als ich solches bei den meisten ärmern amerikanischen Familien erwartet haben würde. Alles schien reinlich, ein paar ordentlich aussehende Betten waren darin. Ein oder zwei Frauen, in Calico31 gekleidet, nebst einigen Kindern – Knaben und Mädchen –, alle einfach, aber reinlich angezogen, waren da, die Frauen mit irgend einer Arbeit beschäftigt, ein kleiner Knabe sich im Bogenschiessen übend. Ein Stück schönes Land, 15–20 Ackers enthaltend, war in der Nähe des Hauses eingezeunt und bereits, wie es schien, mit Mais bestellt. Änliche Blockhäuser und kleine Felder konnte man in der Nachbarschaft noch mehrere sehen. Dieses schien zu beweisen, dass, wenn die Indianer wollten, sie ebenso gut als die Weissen von der Landwirtschaft ihr Leben machen könnten.

Bei einem andern Ausfluge an dem Flüsschen entlang aufwärts sah ich bei meiner Rückkehr auf der Prairie, nicht weit vom Waldsaume, den ersten Prairie-Wolf32, den ich gar zu gern geschossen hätte, wäre er nur nicht zu weit ab gewesen. Da gerade auf der andern Seite des Wolfes ein Indianer nahezu ebenso weit als ich von ihm entfernt, aber zu Pferde war, machte ich diesem durch Zeichen bekannt, er möge den Wolf mir entgegen treiben. Der Indianer schien mich vollkommen zu verstehen, denn alsobald sprengte er auf seinem Pony auf den Wolf los. Dieser schien aber nicht geneigt, sich mir zu nähern, und da ich die Nutzlosigkeit der Bemühungen des Indianers einsah, machte ich ihm durch ein anderes Zeichen begreifflich, dass er sich nicht länger damit abmühe.

Richter Morins Gesellschaft

Als ich wieder ein anderes Mal am Saume des Waldes dem Flüsschen entlang hinauf gegangen war und auf der entgegengesetzten Seite unserm Lagerplatz wieder zuschritt, kam ich ganz unerwartet auf ein einzelner Emigrantenwagen, bei welchem [ich] eine schöne junge Frau nebst drei Kindern und einer Dienstmagt fand, ein starkes, hellhariges Mädchen von etlichen zwanzig Jahren. Auf die Frage, wohin sie wollten, erhielt ich zur Antwort: «Nach California.» Auf die nächste Frage, warum sie denn nicht bei den Übrigen, wo auch wier lagerten, sich angeschlossen hätten, schien mir die Antwort ausweichend. Die Frau sagte, dass ihr Mann, Mr. Hopy33, nur gerade Abwesend sei, aber bald zurückkehren werde. Ich wurde gefragt, ob ich auch eine Familie bei mir habe, welches ich verneinte; wier wären unser fünf unverheirathete Männer, von welchen ich der Jüngste sei. Dieses hörend, wurde ich von dem kräftig gebauten Mädchen gefragt, wer [für] uns dann wasche. Natürlich sagte ich ihr, dass wier dieses Geschäft selbst verrichten. Das Mädchen bemerkte mir aber sofort, dass, wenn ich die Seife liefere, sie schon für mich waschen wolle. Die Frau machte aber dieser Bereitwilligkeit damit ein sofortiges Ende, indem sie, sich zum Mächen wendend, erklärte: «Lusinda34, lass Du das nur sein, Du sollst genug Arbeit bekommen, ohne dass du für andere Leute ausser uns noch waschest.» Mich hatte Lusindas schnelle Bereitwilligkeit, mir waschen zu wollen, ein wenig überrascht; ich betrachtete mich durchaus nicht verletzt, dass Frau Hopy ihre Dienstmagt an ihre Pflicht ermahnte. Von der Lusinda wird man spähter noch mehr erfahren, denn sie war eine Person, welche sich auszuzeichnen wusste, wenn auch nicht immer besonders Ehrenvoll.

Warum Mr. Hopy sich nicht zu den Übrigen lagerte, hiess es Gerüchtweis, er habe seine besondern Ursachen, und diese sollen, wie man sich zuflüsterte, folgender Art sein. Er habe in Missoury einen Negersklaven getödet und habe [sich], um sich der folgen sollenden Strafe zu entziehen, noch schnell genug ausserhalb der Grenzen von Missoury gemacht. Er habe sich selbst irgendwo in der Nachbarschaft versteckt und werde erst mit Aufbruch und Abfahrt der ganzen Gesellschaft erscheinen und sich derselben anschliessen, in der Hoffnung, dass man ihn dann ungehindert ziehen lassen werde, sollten allfällig noch Verfolger sich in der Umgebung befinden.

Nebst uns und Kiburz gab es noch zwei deutsche Männer in unserer Reisegesellschaft, nämlich zwei Elsässer, wovon der Eine, der Eigenthümer des von zwei Gespann Ochsen bespannten Wagens, eine ebenfalls deutsche Frau und ein Kind bei sich hatte. Sein Name war Hermann, er mochte wol etliche vierzig Jahre alt sein, war beinahe ebenso breit als hoch, im ganzen ein guter, drolliger Kerl mit einem grossen und breiten Gesicht. Aber er war ein überaus starker Tabackkauer, welches man an dem immerwährenden abfluss einer Tabacksbrühe aus dem einen Mundwinkel sogleich an ihm wahrnehmen konnte. Hermann führte das Gepäck und verköstigte ein Mann namens Henry Hartmann, Zinnschmied von Proffession, welcher ein Maulesel ritt. Hartmann war vielleicht 28 Jahre alt, von kleiner Statur, aber lebhaften Temperamentes. Obschon er sowol als Herrmann deutsche Elsässer waren, sah Hartmann viel mehr einem Franzosen änlich als Herrmann; er sang auch öfters verschiedene französische Melodien und hatte ein entschieden französisches Wesen und Temperament an sich. Er war übrigens kein übler Kerl, um mit ihm auszukommen.

Unter den Amerikanern bildeten ein gewisser Mr. Harlan35 nebst Frau und Kindern und noch sonstigem Anhang ein Haupttheil der Gesellschaft, dann ein Peter Weimer36 nebst Frau und einer Anzahl von Kindern. Weimer war späther nebst Mr. Marshall einer der Entdecker des Goldes, wovon ich übrigens späther einiges zu bemerken haben werde. Endlich waren noch eine Anzahl Wagen von dem 24 Meilen entfernten Independence angelangt, wier zählten mit diesem Zuwachs, wenn ich mich recht erinnere, 26 Wagen. Die Hauptpersohn von den Letztangekommenen war ein grosser Mann, Judge Moore37, von etlichen fünfzig oder sechzig Jahren alt, mit Familie und mit ihm verschiedene Angestellte und noch mehrere andere Familien. Den alten Judge More machte man zum Captain der Gesellschaft,38 dessen Pflicht es sein sollte, Abends den Lagerplatz zu bestimmen und späther, sobald es als Nöthig erachtet werden sollte, die Wachen zu ordnen etc.

Gleich von Anfang an hatte man eine gewisse Regel eingeführt, wo jedem Wagen sein Platz angewiesen wurde, nämlich dasjenige Fuhrwerck, welches heute das Vorderste im Zuge war, musste am nächsten Tage zuhinterst hin, so dass von 26 Wagen in 26 Tagen derselbe Wagen nur Einmal ganz vorn oder ganz hinten zu sein brauchte. Abends, nachdem der Lagerplatz ausgewählt war, wurden die vordern dreizehn Wagen auf der einen, gewöhnlich rechten Seite im Halbkreis aufgefahren, die hintern bildeten dann den andern oder linken Halbkreis, wobei Hinten und Vorn Öffnungen von zirca 10–12 Fuss weite gelassen wurden. Auf diese Art erhielt man ein zimmlich geräumiger Platz inzwischen den Wagen, in welchen jeden Morgen das Vieh getrieben wurde, um Dasselbe darin aufzujochen. Sollte man je mit den Indianern in Unannehmlichkeiten kommen, würde dieser Platz als Sammlungs- und Vertheidigungsort benutzt werden.39

Aufbruch zur Reise über den Kontinent

Da man endlich der Ansicht war, dass man stark genug sei, um sich gegen etwaige Indianerangriffe vertheidigen zu können, gieng am 12. May der Ruf zum Aufbruch durch das Lager. Weil man aber nicht im Sinn hatte, eine grosse Station zu machen, indem es noch zimmlich viel Arbeit gab, alle Sachen in dem kleinen Raum eines Wagens zu verpacken, kam es erst nach Mittag zum wirklichen Aufbruch. Hurrah – wie knallten da plötzlich die Peitschen ringsherum, und Überall hörte man jetzt die Rufe «get up, chee» und «oh haw»40 u.s.w. Aber es gab doch noch einige Schwierigkeiten mit den Ochsen, bald da, bald dort. Unser kurzer, dicker Herrmann gelangte sogleich in eine weiche Stelle, wo seine Wagenräder so thief einschnitten, dass seine vier Ochsen [das Fuhrwerk] absolut nicht heraus ziehen konnten. Da mussten wier, kaum dass unser Wagen von der Lagerstelle weggezogen worden, schon mit ein paar Joch unserer Ochsen, vor die Herrmanns gespannt, ihm diesen helfen aus der weichen Stelle heraus zu schlepen. Herrmann, welcher in seiner ersten Klemme sein Tabackkneuel im Schnellschritt von einem Mundwinkel nach dem Andern hatte passieren lassen, war sogleich wieder guten Muthes, nachdem seine Ochsen auf soliderm Grunde mit ihrer Ladung ohne besondere Mühe voran schritten.

Mit dem ersten Tag hatte ich angefangen, täglich eine Art Journal zu führen. Diesem Umstande habe ich es wol zuzuschreiben, dass ich mich der Lagerplätze nicht mehr so recht erinnere, [denn] von dem Journal ist mir leider gerade vom ersten Theile der Reise ein guter Theil abhanden gekommen. Somit ist es mir Unmöglich, das genaue Datum anzugeben, wo man z. B. an gewissen Stellen angekommen oder sie verlassen habe. Sobald ich im Schreiben in jene Regionen gelange, wo mir noch einige Bogen des Journals darüber geblieben sind, werde ich dann auch wieder besser im Stande sein, genauer schreiben zu können.41

Da wier fünf Männer zu einem Fuhrwerck waren, so hatte Jeder nur jeden fünften Tag Dasselbe zu treiben, ebenso war es mit dem Kochen. Thomen war kein Fuhrmann, er verständigte sich darüber mit Zins, welcher für ihn das Fuhrwerck trieb, dieser dagegen für ihn das Kochen versah. Ripstein, Diel und ich verrichteten Jeder den ihm zukommenden Theil des Fuhrwerckens und Kochens, je nach der Reihe. Den grössten Theil durch Kanzas, damals Indianer-Teritorium42 genannt, hatten wier die drei Joch Ochsen an den Wagen gespannt. Die Kühe, welche mit jedem Tage kalben konnten, trieben wier mit anderm der Reisegesellschaft gehörendem Vieh neben oder hinter dem Wagenzuge her. Da wier weder Pferde noch Maulthiere eigneten, waren wier verbunden, das Treiben zu Fusse zu verrichten, welches zwar bei drockenem und warmen Wetter gerade keine besondere Anstrengung erforderte; war aber übernacht ein starker Thau gefallen, was eine Zeitlang beinahe jede Nacht geschah, oder war es Regnerisch und die Sonne blieb den Tag hindurch verhüllt, wovon wier ebenfalls einige solcher Tage hatten, so lässt sich leicht begreiffen, dass in dem hochen Gras dieser reichen, üpigen Prairie-Länder das Viehtreiben zu Fuss keine der angenehmen Beschäftigungen war. Dann wurden die Glieder oft bis zum Leib hinauf ganz nass, in diesen Kleidern legte man sich dann zum Schlafen nieder, und es gehörte nicht zu den Seltenheiten, dass die Kleider morgens beim Aufstehen noch feucht waren.

Thomen, Ripstein und Diel suchten zu Anfangs der Reise des Nachts innerhalb des Wagens ein Unterkommen über unsern Lebensmittel und verschiedenem Gepäck. Es war leicht zu errathen, dass da von vielem Comfort wol keine Rede sein konnte. Zins und ich machten unsere Betten (?) unter dem Wagen.43 Zins hatte sich von seinem Jungesellenleben her eine kleine Matratze, eine Wattendecke und eine wollene Decke nebst einem Federkissen mitgenommen und war folglich darin am bequämsten von uns allen eingerichtet. Was mich anbelangte, hatte ich als Bettzeug nur einen guten, grossen und warmen Buffalopelz, in welchen ich mich des Nachts einrollte, bei feuchter Witterung mit den Haaren nach Aussen. Um mein Bett zum Schlafen fertig zu haben, erforderte es nur wenig Arbeit, auch fand ich diesen Peltz recht Warm und Angenehm, und bei feuchter Witterung sozusagen auf offenem Boden hätte ich keinenfalls mit Zins tauschen mögen.

Indem aber seid einigen Tagen meine Kleider eigentlich gar nicht mehr drocken wurden, plagte mich bald genug das misserable Zahnweh ungemein, mehrere Tage nacheinander, und fieng erst dann an, ein wenig nachzulassen, als mir mein Gesichtstheil auf der Schmerzhaften Seite stark aufschwoll. Unter den Mitreisenden war ein Mann mit Namen McCutchen44, wenn ich nicht irre, welcher immer ein freundliches Lächeln auf seinem Gesichte zur Schau trug. Dieser gefühlvolle Mann erbot sich, mir den schmerzenden Zahn auszuziehen, wenn ich ihm dafür ½ Dollar zahle. Als ich ihm sagte, dass ich kein Geld mehr eigne, meinte er, ich soll so viel von meinen Kameraden borgen, um ihn damit zu bezahlen. Da ich zu diesem Zweck aber nicht auch noch Geld borgen wollte, behielt ich mein Zahnweh, bis es von selbst vergieng, und unser liebenswürdiger McCutchen verdiente keinen halben Dollar an mir.

Am ersten Tag nach unserer Abfahrt – wobei sich Mr. Hopy [mit] dem Wagen, worin sich seine Frau, Kinder und die famose Lucinda befanden, nebst noch einem grossen, starken jungen Manne45 und einem zweiten Wagen uns angeschlossen hatte46 – machten wier zirca 10 Meilen, dann lagerten wier in dem flachen Uferland eines kleinen Flüsschens. Die Reservation der Shawnee-Indianer war bald durchschritten und dafür Diejenige der ebenfalls halb zivilisirten Delaware-Indianer47 betretten. Die Gegenden blieben sich für eine beträchtliche Distanz im ganzen viel Ähnlich; es war grossentheils stark wellenförmiges, reiches Prairieland, durch welches sich zur Abwechslung irgendein Wasserlauf durch den an seinen Ufern wachsenden Baumwuchs schon von fern unterscheiden liess. Über Mangel an Gras, Wasser und Feuermaterial konnten wier uns Jedenfall nicht beklagen, für unsern Zweck fanden wier davon Überall genugsam.

Nach einigen Tagen hatte Alles eine gewisse Regelmässigkeit erreicht. Das Vieh liess sich besser Handhaben, jedes Stück fieng an, den ihm beigelegten Namen sowie die verschiedenen Komandorufe kennen zu lernen, auch war mit jedem Tag die Gefahr, dass das Eine oder Andere sich von der Hauptherde entferne, geringer. Die erste Beschäftigung allabendlich, nachdem der ausgelesene Lagerplatz erreicht und der Wagenkreis formiert war, bestand darin, das Zugvieh abzujochen. Dann beeilte sich Jedermann, das nöthige Feuermaterial sowie Wasser herbeizuschaffen. Diejenigen, welche Zelte mit sich führten, schlugen diese auf. Feuer wurden rings um den Wagenkreis herum angefacht, und bald hörte man das Knattern bratenden Speckes und roch das Aroma des Kaffees. Da und dort sah man verschiedene Personen an irgend einer Mehlpreparation arbeiten, sei es, um sogenannte bisquits oder um verschiedene Kuchen zu backen. War Jemand so glücklich, irgend ein Wildbret zu erlegen – welches übrigens für längere Zeit ausnehmend selten zu sein schien –, so wurde das Fleisch gewöhnlich sogleich gebraten oder gedämpft.

Sobald das Abendessen vorüber und das Geschirr beseitigt war, unterhielt man sich in verschiedenen Grupen über allerlei Dinge. Da erzählten sich welche Geschichten, dort wurde Gesungen, andere unterhielten sich über die zu passierenden Wege, Holz, Wasser, Gras, Indianer, Wildbret, Zweck der Reise und dergleichen. Die zunehmende Dunkelheit mahnte zur Ruhe, die Stimmen wurden allmälig weniger, die Leute hatten theils in den Zelten, theils in und unter den Wagen sich zum Schlafen hingelegt. Solange man sich im Lande der Shawnees und Delawares wusste, hielt man das Ausstellen von Wachen [für] ganz und gar unnöthig, man liess dieses den einzelnen Hunden über. Kiburz hatte ein kurzbeiniger, starker Hund – so ein halber Bull – mit sich, ein sehr wachsammes Thier, welcher aber nicht schnell Springen konnte. Da aber Andere ein paar Windhunde mit sich hatten, war diesem Fehler durch diese abgeholfen.

Obschon die Wege nicht immer die Besten waren, da Stellenweis kleine Wasserrinnen zu passieren waren, wo bei nassen Zeiten wahrscheinlich Wasser läuft, [die] jetzt aber oft sehr weichen Grund boten und wo die anfänglich grossentheils schwer beladenen Wagen tief einsanken, bei welchen Gelegenheiten man doppelt so viel Joch Ochsen vorspannen und noch mit Hebeln helfen musste, um das tief im weichen Grunde oder Schlamm steckende Fahrzeug wieder heraus zu bringen, so würden wier späther doch Manchmal recht gern diese Art Fuhrwege wieder vorgezogen haben. In solchen Fällen war es jedes Mannes Pflicht, Hand mit anzulegen, und Jeder, der in solche Lagen kam, glaubte sich berechtigt, seine Mitreisenden zur Mithülfe anrufen zu dürfen.

Wier waren endlich im Lande der Kanzas- oder Kah-Indianer48 angelangt, ohne in der Beschaffenheit des Bodens viel Veränderung getroffen zu haben. Wie früher fanden wier Wald nur an Bächen und Flüssen, und gewöhnlich gar nicht breit zu beiden Seiten derselben. Alles war Laubholz, zum grössern Theil aus verschiedenen Eichensorten, Elmen, Hackberry, einigen Cotton und noch wenigen andern Sorten bestehend.49 Die Bäume dieser Wälder waren meistentheils schlank, schön und oft sogar schwer.

Wier hatten eines Tages eine schöne Landschaft durchfahren; zu unserer Linken hatten wier ein oder zwei s.g. Mounds – einzeln stehende Hügel, welche höher als die übrigen schienen – in einiger Entfernung passiert und waren ganz gegen unser Erwarten in der Nähe eines bewaldeten Flüsschens zu einem einzeln stehenden Blockhaus gelangt. Da mehrere von unsern Mitreisenden an der offenen Thüre dieses Hauses stehen blieben, um durch dieselbe in das Innere hinein zu schauen, that ich ebendasselbe und fand eine Halbindianerin von vielleicht etlichen dreissig Jahren, änlich einer weissen Frau in Calico gekleidet. Neben dieser sass ein sehr schönes, schlankes weisses Mädchen, ebenfalls in Calico, aber viel besser gekleidet als die ältere Person, vollkommen so gut als die behäbigen Farmerstöchter damals. Wier alle waren von der grossen Schönheit dieses Mädchens überrascht, sogar die Frauen schienen soviel Schönheit weit draussen in der Wildniss nicht erwartet zu haben. Obschon diese Frauen, besonders die Jüngere, das Englische vollkommen zu sprechen schienen, so waren sie, wie es mich dünkte, schüchtern und gaben meistens nur kurze Antworten auf die an sie gestellten Fragen. Allgemein wunderte man sich, was denn eigentlich diese Schöne hier in der Wildniss suche. Die Antwort konnte man kaum glauben: Sie sei die Tochter der neben ihr anwesenden Indianerfrau, und ihr Vater sei ein Weisser Mann, der hier herum wohne, wahrscheinlich ein Indianerhändler.

Da die Sonne sich dem westlichen Horizont stark näherte, wollte man Heute die Durchfahrt durch das Flüsschen und den niedrigen Uferwald nicht mehr wagen; wier trieben daher unsere Wagen an dem Rande des niedrigen bottom Landes50 nahezu eine halbe Meile Flussaufwärts, um da zu lagern. Nach dem Nachtessen, als es schon stark dämmerte, giengen einige von uns, um nach dem Vieh zu schauen, wobei ein dicker, fester Blattdeutscher, den wier nur unter dem Namen Fritz kannten, uns begleitete, als auf Einmal von einem zimmlich hochen Hügel auf der andern Seite des Flüsschens ein Geschrei ertönte, viel änlich demjenigen, welches zahlreiche Kinder machen, wenn sie plötzlich aus der Schule entlassen werden – alle Tonarten schienen darin vertretten, von Hoch bis Tief. Für uns war dieses jubelnde Gehaul51 noch etwas Neu; es bildete den Anfang von dem, was wier späther bald Allabentlich, sogar oft die ganzen Nächte hindurch, zu hören bekommen sollten. Fritz wollte wissen, von was dieses Gehaul herrühre. «Nun, von was sonst als von einem Rudel Wölfen!», war die Antwort. Diese Antwort hatte eine unerwartete Wirkung auf den Fritz, welcher jetzt keine Lust mehr verspürte, länger vom Lager fernzubleiben.

Am nächsten Tag brachen wier unser Lager Zeitig auf. Wier mussten das Blockhaus passieren, dann führte die Strasse zum Flüsschen hinunter, welches seichtes, aber klares Wasser enthielt, dann durch den zimmlich breiten bottom Wald, welchen wier ohne Schwierigkeit durchfuhren. In dem Blockhause nahen Waldbäumen zogen eine Anzahl sehr laut schreiender grüner Vögel unsere Aufmerksammkeit auf sich; es waren grüne Papageien, die Ersten wilden derart, welche ich gesehen, und die Einzigen, welche ich je in den Vereinigten Staaten getroffen habe. Wier begegneten heute zum Erstenmal einer Anzahl Kah-Indianer, welche am frühen Morgen in unseres Lagers nähe erschienen waren, ohne jedoch uns im geringsten zu belästigen. Es waren grosse, halbnackte, aber schmuzig aussehende Burschen, die noch wenig im Wesen von ihrer ursprünglichen Natürlichkeit verloren zu haben schienen. Je weiter wier voran kamen, desto mehr fuselte52 man von oder über verschiedene Indianergefahren etc., dennoch hatte man es bis jetzt noch unterlassen, des Nachts Wachen auszustellen. Unsere Gesellschaft war durch Anschluss einiger Wagen mehr zu etlichen in die Dreissig angewachsen. Uns schien das Verhältniss durch diesen Zuwuchs nicht viel sich gebessert zu haben, auch [begann] sich bei einigen wahrscheinlich sich über andere erhabenen Familien eine art aristokratischen Geistes zu zeigen, den ersten Anfang zu Unzufriedenheit unter anderen veranlassend; zu besondern Ruhestörungen kam es indessen nicht.

Zins und Lucinda

An den Abenden, welche fast ohne Ausnahme meistens lieblich waren, wollten die vielen jungen Leute, aus welchen die Gesellschaft grossentheils bestand, irgend eine aufregende Unterhaltung haben. Einen der ersten Anlässe der Art vernahmen wier fünf Kameraden – oder doch Viere von uns – eines Abends nach dem Nachtessen zu unserer Überraschung. Wier fanden die Leute der verschiedenen andern Wagen sich bei unserm Wagen versammeln; neugierig zu wissen, warum gerade unser Wagen der Sammelplatz der vielen Personen sein sollte, erfuhren wier, dass man gekommen sei, um der Hochzeit beizuwohnen – einer von uns, so heisse es, wolle sich diesen Abend verheirathen. Wier hielten es anfangs als irgend ein Spass, den man uns bereiten wolle; da jedoch die Meisten darauf bestanden, es sei kein Spass, sondern voller Ernst, richteten wier gegenseitig darüber Fragen aneinander, wobei Jeder es positiv abläugnete, irgend etwas davon zu wissen. Da aber einige von uns den Zins mit der zuvorkommenden Waschjungfer Lucinda am Arm laufen gesehen hatten, fiel unser Verdacht auf ihn. Zins leugnete jedoch ebenso viel als wier Andern. Ein junger Mann namens Benjamin Gordon53 sollte das Amt eines Justice of the Peace übernehmen, um die Brautleute aus Zweien Eins zu machen, ebenso erschien Fräulein Lucinda in einem etwas bessern Anzug als dem Gewöhnlichen.

Die Geschichte sollte natürlich aufgeklärt werden, uns wurde das allgemeine Angaffen doch etwas dick. Ich wandte mich daher an Ben54 Gordon mit der Frage, er wolle denn doch Denjenigen nennen oder ihn uns zeigen, welcher durch ihn mit der heirathsbedürftigen Lucinda verbunden werden sollte. Wie wier erwartet hatten, zeigte er auf unser Kollege Zins als der Mann, der ihn selbst bestellt habe, die Kopulation mit Lucinda zu übernehmen. Aber Zins rührte sich nicht von der Stelle; er suchte zu erklären, dass er zum heirathen zu arm wäre und dass er nur so ein wenig Spass hätte haben wollen. Unter allgemeinem Lachen hatte die Geschichte damit geendet, und Lucinda war wieder nach dem Wagen zurück gekehrt, in welchem sich ihre wenigen armseligen Kleidungsstücke befanden, und Zins betrachtete sich für diesen Abend [als] der Hauptspassmacher.

Lucinda hatte Mr. Hopy späther verlassen und hatte by der Familie Harlan Aufnahme gefunden, by welchem auch ein armer, aber schöner, gutmüthiger Junge von 18 Jahren zum Treiben eines der Ochsenfuhrwercke angestellt war. Alfred, so nannte man den Jüngling, hatte sich plötzlich entschlossen, Lucinda zur Frau zu nehmen, und wurde von irgend einem Manne unserer Gesellschaft nach Squire-Manier, aber ohne Licence (Erlaubnisschein) zusammen gekopelt, wonach die Beiden als Mann und Frau für die erste Nacht in ein und denselben Wagen hinein verpackt wurden. Die goldene Nacht, meint man doch, sollte allen frisch verheiratheten Eheleuten besonders Angenehm sein; es war daher Sonderbar, dass der arme Alfred und Lucinda sich wahrscheinlich übereinander dermassen ärgerten, dass sie am nächsten Morgen absolut nichts mehr miteinander zu schaffen haben wollten. Die Ursache, warum sie uneinig wurden und ihr soeben feierlich gegebenes Eheversprechen (nicht vor einem Altar, sondern vor einem gewöhnlichen Emigranten-Wagen) so bald beiderseitig als gelöst betrachteten, wurde zwar nicht laut ausgesprochen, sondern sich nur so unterm gewöhnlichen Tone gegenseitig zugeflüstert.

Schwieriges Viehtreiben

Mit unsern Kühen hatten wier in letzter Zeit viel Mühe und Arbeit, denn beide hatten gekalbt, deren Kälber wier bereits am zweiten Tage schlachteten und das Fleisch theils frisch, theils gesalzen mit uns nahmen. Man wird daher kaum sagen können, dass wier die Kälber zum Schlachten hätten zu alt werden lassen, allein unsere Verhältnisse waren derart, dass man kaum Anders hätte handeln können. Verliessen wier dann am nächsten Tag den Lagerplatz, wo die Kuh zuletzt ihr Kalb noch gesehen hatte, konnte man sie nur mit der grössten Mühe mit dem übrigen Vieh voran treiben, indem sie jede Gelegenheit benutzen wollte, um wieder nach dem verlassenen Lagerplatz zurück zu kehren.

Wier waren, nachdem wier der ersten Kuh ihr Kalb genommen, von dem Platz wol zwei Meilen entfernt, bis wohin wier sie nur mit vieler Mühe gebracht hatten, da benutzte sie die erste Gelegenheit und war uns entronnen, ohne dass einer von uns schnell genug gewesen wäre, sie wieder einzuholen, wobei ich wenigstens mein Bestes versucht hatte. Ein zirca 12 Jahre alter Knabe sass auf einer Stute, auf deren Rücken ein Damensattel geschnallt war;55 diesen Knaben ersuchte ich, mir das Thier zu überlassen, um die Kuh zurück zu holen, wozu mir der Knabe gern willfahrte. Da der eine Steigbügel des Sattels viel zu kurz für mich war, konnte ich diesen natürlich nicht gebrauchen, und indem die Kuh in ihrem schnellsten Gallop zurück rannte und ein bedeutender Vorsprung vor mir erhielt, bis ich auf dem Sattel sass, hatte ich keine leichte Aufgabe, sie einzuholen. Es war eine abschüssige Ebene nach dem verlassenen Lagerplatz zu, wobei die Stute, obwol klein, ihr Bestes that und die Kuh auch bald eingeholt hatte. Diese aber machte Jedesmal plötzlich Halt, wenn ich vor sie hinritt, und war ich dann an ihr vorüber gerannt, setzte sie nur ihr Lauf um so viel schneller wieder fort. Ich war aber entschlossen, nicht ohne Kuh umzukehren, und setzte die wilde Jagt immer wieder aufs Neue fort. Wier waren aber dabei unserm Lagerplatz ganz nahe gekommen, da schien die Kuh mit Einemmal zufrieden zu sein, indem sie sich plötzlich willig treiben liess.

Als ich zurück kam, war der Vater von dem Knaben, welcher mir die Stute geliehen hatte, zimmlich Mürisch und verbot seinem Sohne in meiner Gegenwart, in der Zukunft die Stute Niemanden mehr zu leihen ohne seine Erlaubniss. Es scheint, dass man mir allgemein nachgeschaut hatte und der Ansicht war, ich werde noch vom Pferd stürzen und dabei mein Hals brechen. Da nichts von dem geschah, hatte man keine üble Idee von meiner Reitkunst, obschon ich eigentlich damals noch kein Reiter war. Um die Kuh am fernern Zurücklaufen zu verhindern, mussten wier sie hinten am Wagen anbinden, wobei sie anfangs sich überaus eigensinnig benahm und dabei ihre Hörner jeden Augenblick in Gefahr kamen, abgebrochen zu werden.

Die nächsten Tage nachher kalbte die andere, eine weisse Kuh, wier thaten mit ihrem Kalb Dasselbe. Ich war an diesem Tage unser Fuhrmann, und meine Kameraden liessen die Kuh Nachmittags wirklich zurück rennen. Da uns Niemand [seine] Pferde anvertrauen wollte, um die Kuh zu holen, nahmen wier gern das Anerbieten von zwei Amerikanern an, diese für uns zu holen; wier mussten aber jedem für sein Dienst einen Dollar geben, was eigentlich als Mitreisende nicht fair von ihnen war. Von dieser Zeit an hatten wier Morgends und Abends viel mit dem Melken der Kühe zu schaffen, wobei Diejenige, welche zuletzt gekalbt hatte, sich dabei sehr Wiederspenstig benahm. Aber auch dieses wurde überwunden, wobei ich der Hauptbezwinger war. Um nicht länger mit dem Treiben der Kühe uns extra Mühe zu machen, setzten wier ihnen eines Morgens ein leichtes Joch auf und spannten sie vor die Teichselochsen hinter die zwei vordern Joche, wo ihnen all ihr anfängliches Streuben nichts half und sie, wahrscheinlich die Nutzlosigkeit einsehend, alles Wehren bald aufgaben und uns als Zugthiere nützlich wurden.

Inmans Hauptmannschaft56

Eines Tages rief mich ein junger, lustiger Mann namens Sherman zu sich in den von ihm getriebenen Wagen. «Wier müssen auf den Abend einen kleinen Spass haben, es ist dazu schon Alles verabredet, und Sie können es Ihren Kameraden auch mittheilen, damit sie es auch wissen. Nur müssen sie bei der Sache stille sein, damit uns der Spass nicht verdorben wird.» Er erzählte mir, dass in unserer Gesellschaft ein Mann namens Inman57 sei, welcher gar so gern Captain von unserer Gesellschaft werden möchte. Er habe schon zu wiederholten Malen erklärt, dass der alte Richter Moore nicht die nöthige Energie als Captain habe; wenn er Captain wäre, wollte er Da und Dort und Überall besser thun. Man habe beschlossen, Mr. Inman zum Captain zu machen, ohne den Richter Moore von seinem Amt abzusetzen. Dabei werde Alles einverstanden sein; nur Einer, der grosse Halbindianer in Richter Moores Begleitung, werde Scheinbar sehr gegen die Anstellung des Inman auftretten, welcher dann im Laufe des folgenden Tages allerlei gegen die Verordnungen von Inman auszusetzen haben werde, worin bis am Abend noch Mehrere ihm beipflichten würden und man dann Inman wieder werde absetzen. Inman war ein Mann in den Dreissigen, hatte ein Wagen mit zwei Joch Ochsen bespannt, hatte eine Kuh nebst Kalb bei sich und ritt eine schöne Stute. Er war natürlich Familienvater, hatte eine Frau und drei Kinder mit sich, wovon der älteste, ein Knabe von vielleicht 12 Jahren, ihm schon zimmlich behüflich war. Inman war zimmlich schlank, drükte beim Sprechen beinahe immer das eine Auge ein wenig zu, war im ganzen recht Nasenweis und Vorwizig, dabei ein wenig eitel, aber sonst kein übler Kerl.

Als man an diesem Abend mit dem Nachtessen fertig war, hörte man plötzlich die Passtöne von Mr. Harlans grossem, blechenen Mittagshorn und das Zusammenrufen zu einer allgemeinen Versammlung. Unter Lachen und Scherzen versammelten sich die meisten Männer der Reisegesellschaft, wobei Peter Inman natürlich nicht fehlen durfte. Er schien sogar einer der Fröhlichsten zu sein, denn er hatte bereits einen Wink erhalten, zu welchem Zweck die Versammlung berufen wurde. Unser kleiner Sherman spielte, wie es mir schien, eine Hauptrolle bei der Geschichte, denn durch ihn wurde die Versammlung eröffnet und deren Zweck durch eine kleine Rede erklärt. Sherman unterliess nicht zu bemerken, dass man gegen Richter Moore weiters nichts einzuwenden habe, als dass er für dieses wichtige Amt schon zu alt sei und daher auch nicht die gehörige Energie entfalte. Wier bedürften ein unternehmender, jüngerer Mann, welcher Willig, Einsichtsvoll und imstande sei, etwas Ordentliches zum Wohl und der besseren Beförderung der gesammten Gesellschaft zu leisten. Man glaube, in Peter Inman, Esqr., den zu diesem Zwecke ganz passenden Mann gefunden zu haben. Sherman bemerkte ferner noch, dass Derjenige, der dieses Ehrenamt zum allgemeinen Wohle der Gesellschaft bis nach California zur Zufriedenheit derselben erfülle, auch dort auf die Dankbarkeit rechnen dürfe, und dass es Jeder als eine art schuldiger Pflicht zu erachten habe, dem Betreffenden in dem neuen Lande unserer Hoffnungen zu einem höhern und womöglich einträglichen Amte zu verhelfen. Es sprachen nach dem noch Einige mit änlichen Worten, aber man rief stürmisch nach Mr. Inman, um sich selbst vor allen offen zu erklären, ob er denke, er würde das hohe Amt zur allgemeinen Zufriedenheit ausführen können.

Mr. Inman trat in den für ihn offen gelassenen Kreis, wobei er das eine Auge beinahe ganz, das Andere wol halb geschlossen hatte. Er versprach natürlich alles oder sogar mehr, als was man von ihm verlangte. Schon wollte man ihn mit Aclamation zum Captain machen, als eine Passstimme von hinten aus dem dicken Kreis der Männer ums Wort baht, den man hervor tretten liess und welchen man als den grossen Halblutindianer erkannte. Der Mann hatte gar viel gegen Inman einzuwenden: Inman sei ein halber Narr, ein ungebildeter, überspannter Kerl, der gern andere Leute kujoniren möchte, so eine art Negertreiber sei er, und wenn man diesen zum Captain mache, werde man bald genug, vielleicht schon Morgen ausfinden, welche Dumheit man begangen habe, einem solchen Menschen ein so hohes Amt anzuvertrauen. Worüber Mr. Inman nochmals eine Rede zu halten versuchte, welche ungefähr lautete wie folgt: «Gentlemen, I tell you, don’t believe a word what that fellow there says. I am go’n to do all I can for you, I’ll be hang’d if I don’t. He don’t know me, what’s the use to listen to such nonsence!» Wieder erscholl jetzt der Ruf, Mr. Inman mit Acclamation zum Captain zu wählen, wozu man ohne weiteres schritt. Sherman rief laut: «All those who are in favor that Mr. Inman should be our future Captain of the Company will signifigh it by saying ‹I›» – und ein donnerndes «I» war die Antwort. Sherman liess sich jetzt wieder hören: «Those who are opposed to Mr. Inman that he should be our Captain will signifigh it by saying ‹No›» – und nur eine einzige [Stimme] liess sich mit «No» vernehmen, aber eine tiefe, kräftige Passstimme war es: die des grossen Halblutindianers, welcher, scheinbar sehr entrüstet über Inmans Erwählung, sich entfernte.

Unter grossem und begeistertem Jubel wurde Inman von mehreren jungen Männern auf die Schultern gehoben, und die Hurrahs für Capt. Inman sowie das Hüte in die Lüfte schmeissen wollte kein Ende nehmen, währenddem man den Neuerwählten innerhalb des Wagenkreis herumtrug. Inman war natürlich über dieses unerwartet für ihn günstige Resultat mehr als entzükt, seine Hurrahs waren womöglich noch die Lautesten, wobei er seine Augen oft ungewöhnlich weit öffnete, dann sie wieder beinahe ganz schloss. «I tell you boys, I am go’n to treat you all», liess der neue Captain sich jetzt hören. «Where can I buy a gallon of whisky? Oh, I know – the German boys got some, they owe me a Dollar for hunting and bringing up their white cow. Say, someone of you German boys, can’t you let me have a gallon o’ whisky for that there dollar you owe me?» Aber die German boys wollten dem glücklichen Captain Inman kein Whisky verkaufen, weil sie keinen hatten; wol gab man ihm, der noch immer auf den Schultern herum getragen wurde, seinen dollar. «Who can let me have a gallon of Whisky, say?», war des Captains Fragen, aber es hiess, dass Niemand welchen habe. «Well, Captain, can’t we get anything to drink now? That’s too bad in deed», und einige Groans58 liessen sich augenblicklich vernehmen. «You promised us a treat, Captain, let’s have it! ‘Tis no use promising, when you can’t stick to it», und ein häufiges «that’s too bad» nebst neuer Groans liess sich von allen Seiten vernehmen. Man hatte den soeben noch überglücklichen Captain wieder auf den Grund gestellt, welcher in seiner grossen Verlegenheit, sein unbedachtes Versprechen nicht erfüllen zu können, sein ohnehin schon stark mitgenommenen Hut jetzt erbarmungslos von einer Seite seines Hauptes nach der Andern schob. Da aber auch dadurch absolut kein Whisky zu verschaffen war, gieng er, etwas still geworden, zu seinem Wagen zurück. Es war jetzt ganz finster geworden, und Jedermann suchte seine Schlafstelle auf, und bald war Alles in tiefem Schlafe. Nur Inman mag wol voll freudiger Aufregung und dem Bewusstsein der schweren Pflichten, welche er übernommen hatte, nicht ganz zur Ruhe gekommen sein.

Viele meinten, soeben erst eingeschlafen zu sein – denn es war noch finster, und nur ein geringes Grau im Osten schien zu bezeugen, dass der neue Tag im Anbrechen sei, mit welchem Mr. Inman seine Amtspflichten anzutretten hatte –, da liessen sich plötzlich und wiederholt die tiefen Passtöne von Mr. Harlans Blechhorn vernehmen: «Tuht – tuht – tuht», und dazwischen vernahm man Captain Inmans befehlende Stimme: «Get up, get up, all hands, let’s get ready for an early start!» Da und dort vernahm man ein mürrisches Grunzen aus den verschiedenen Zellten und Wagen, zur Abwechslung den Aufschrei eines von dem ungewöhnlichen «tuht – tuht» aufgeweckten und erschreckten Kindes, das ärgerliche Gezänck irgend einer nervösen Frau, vermischt mit dem Lachen oder Brummen der Männer. Captain Inman gab sein begonnenes gutes Vorhaben nicht auf, er achtete weder [auf] das Weinen der Kinder, das Gezäncke der Frauen noch das Brummen oder Lachen der Männer, bis er sie zum grössten Theile nacheinander aus den Wagen und Zellten heraus kommen und welche die Feuer hatte scheuern59 gesehen. Die jungen Männer hatten ihre grosse Freude daran, zu finden, dass ihr Spass ihnen vollständig gelingen werde, und es war daher mehr als Einer, der dem neuen Captain zu seiner Energie gratulierte, welcher dadurch nur noch mehr zum Eifer angetrieben wurde.60

Wier waren Heute allerwenigstens eine Stunde früher unterwegs als sonst, und unser neuer Captain, um zu zeigen, dass er ein solcher zu sein verstehe, hatte sich von Mr. Kiburz sein Schweizerscharfschützen-Waidmesser nebst dessen Alens-Revolver um seinen Leib geschnallt und sass hoch zu Pferde oder auf seiner Stute. Bald rannte er vorwärts, um die Strasse zu besehen, dann kam er wieder zurück gallopiert, ertheilte verschiedene Befehle und gab anweisungen. Nach seiner Kuh und deren Kalb zu sehen, war Heute nicht seines Amtes, war überhaupt weit unter seiner Würde, die mochten selbst sehen, wie sie mitkamen. Da sein Sohn das Fuhrwerck zu treiben hatte und die Frau im Wagen zu den kleinern Kindern aufpassen musste, so blieben sich sowol Kuh wie das schon zimmlich grosse Kalb selbst überlassen. Erstere folgte indessen, da sie um ihr abgewöhntes Kalb nichts mehr gab, aus bloser Gewohnheit dem übrigen Vieh; das Kalb hingegen, welchem wahrscheinlich schon die frühern Tagesmärsche kein grosses Vergnügen geboten, hatte an dem heutigen, viel schnellern Marsche wol ganz den Geschmack verloren und die günstige ausserordentliche Gelegenheit dazu benutzt, ganz zurück zu bleiben. Während des Tages konnte man bereits mehrere Mal beobachten, wie Cpt. Inman etwas saumselige Fuhrleute beorderte, sich schneller anzuschliessen, und dadurch mehrere ärgerliche Wortwechsel entstanden. Mr. Inman bekümmerte sich aber Heute spottwenig darum, ob man seine Befehle willig oder unwillig aufnahm; ein Captain musste handeln, wie er es am Besten fand, und das war er ja Heute, das wollte er denn auch Jedem beweisen.

Am Abend erreichte man den Big blue River, dessen Uferbänke sehr hoch und steil waren, und da auch das Wasser im Flusse tief war, wollte unser Captain nicht, dass die Wagen zu rasch in denselben hinabfahren sollten. Er beorderte daher die Fuhrleute zu halten, mit Pickel und Spatten in der Hand an die Arbeit zu gehen, um eine bessere Fahrstrasse die Uferbank hinab zu bereiten, wobei er so laut und so viel als möglich kommandirte und nebst dem Captain auch der Engineer61 spielte. Es gab dabei welche nachlässigen Männer, welche entweder nicht recht oder nur gleichgültig arbeiten wollten. Es war natürlich des Captains Pflicht, solchen zu zeigen, wer Meister sei, und Inman that es, obwol es dabei viele hizigen und heftigen Wortwechsel veranlasste. Die vordersten Fuhrwercke wurden jetzt in den Fluss hinein getrieben, es stellte sich jedoch heraus, dass das Wasser etwas tief war und einigen in die Wagenbetten hineinfloss. Dieses gab natürlich wieder neuen Anlass zu Unzufriedenheit, um eine Scheinursache zu haben, Inman schon diesen Abend wieder abzusetzen, und dieser Umstand wurde auch von vielen jungen Männern als ein Hauptvergehen gegen Inman als Captain laut besprochen. Die Ausdrücke «Inman ist ein Tirran», «er ist ein Narr», «er versteht nichts» konnte man von allen Seiten her vernehmen, und Inmans Familie, deren Wagen unweit von dem unsrigen war, musste solche Redensarten gewiss ebensowol als wier gehört haben.

Als das Nachtessen vorüber war, liess sich plötzlich Harlans Blechhorn hören, ebenfalls ein Aufruf zu einer neuen Versammlung. Inman stutzte und öffnete nicht blos seine Ohren, sondern auch seine Augen, er wollte wissen, was dieses zu bedeuten habe; wenn irgendeine Versammlung zu berufen sei, wäre er der Mann, dem solches zukomme, nicht jeder Erste Beste. Er erhob sich von seinem niedrigen Siz und gieng gemessenen Schrittes dem Hornblaser und Ausrufer entgegen, diesen fragend, was er da für Unsinn treibe, welcher aber seine Fragen nicht beachtete, sondern mit Blasen und Rufen fortfuhr, bis sich die Männer mitten im Wagenkreise versammelt hatten. Die Versammlung wurde zur Ordnung gerufen, und da regnete es denn so viele Anklagen gegen den armen eintägigen Captain Inman, dass dieser anfangs ganz verblüft darüber war; denn er hatte ja doch nach seiner Ansicht den ganzen Tag hindurch Alles gethan, was zur Wohlfahrt der ganzen Gesellschaft hätte beitragen sollen – und jetzt diesen Danck! Er hatte während des Tages seine arme Stute fast zusammen geritten, hatte sein Kalb verloren, konnte nicht einmal seiner Frau und Kindern die schuldige Aufmerksamkeit widmen, und er war selbst überaus ermüdet von seinen Anstrengungen, da er oft selbst Hand anlegte, und von dem fortwährenden Hin- und Herrennen – und jetzt gar noch diese Beschuldigung!

Obschon ich auch einen Antheil an dieser Comödie genommen, so empfand ich mit dem armen Peter jetzt aufrichtiges Mitleiden. Er dauerte mich, denn wenn er in seinem blinden Eifer als Captain ein wenig zu weit gegangen, so hatte er meiner Ansicht nach doch nicht das Geringste gethan, welches eine Absetzung hätte rechtfertigen können. Unter den Anklägern war der Halbindianer der Vorderste, er wusste eine ganze Anzahl von Beschuldigungen auf Inman zu häufen. Er behauptete, Richter Moore sei der einzige legale Captain, dieser habe sein Amt weder niedergelegt, noch sei er dessen enthoben worden. Ob dieser Halbnarr sich wol einbilde, dass wier, ein freies Volk, sich auf diese Art von ihm sollten kujoniren lassen? Da nebst diesem Manne noch mehrere Andern änliche Klagen vorbrachten, so hiess es, man müsse darüber abstimmen, ob man Mr. Inman absetzen soll oder nicht.

Befor man die Sache zum Abstimmen kommen liess, wurden doch auch noch Stimmen zugunsten Inmans laut. Der kleine Sherman hob scheinbar alle Tugenden Inmans hervor und suchte so,62 dessen begangene Fehler zu entschuldigen. Inman, der jetzt sich vollends überzeugt hatte, dass die Versammlung nur allein zum Zweck seiner Absetzung berufen wurde, und zwar über Klagen, von denen er sich mit recht unschuldig glaubte, ergriff selbst das Wort. Er wies darauf hin, welche Opfer er bereits am ersten Tage seines Amtes gebracht habe, nur um sich desto besser zum Nutzen der Gesellschaft widmen zu können.

Die ungestümen Forderungen zu einer neuen Abstimmung veranlassten Sherman endlich, diese vorzunehmen, und zwar auf folgende Art: Diejenigen, welche wünschen, dass Inman unser Captain bleiben soll, sollen sich zur rechten Seite, auf welcher er selbst stand, aufstellen. Diejenigen, welche aber wünschten, dass Richter Moore unser Captain bleiben soll, mögen sich auf der andern Seite aufstellen. Diese Motion wurde gutgeheissen, und sofort begannen sich die zwei Reihen zu formieren. Anfangs blieben mit Ausnahme der Kläger beinahe Alle auf Inmans Seite, worüber Dieser, die schlechte Aussicht seiner Gegner sogleich begreiffend, selbst Lächeln musste. Mehrere forderten den Sherman auf, die Männer zu zählen, dann könne man eigentlich erst sagen, Wer die meisten Männer für sich habe. Diesem allgemeinen Wunsche entsprechend, wollte Sherman an einem Ende der andern Reihe anfangen, als sich Einer nach dem Andern auf jene Seite hinstellte, um sich dort zählen zu lassen. Der Plan war, dass Alle hinüber sollten; der arme Teufel dauerte mich aber doch gar zu sehr, und ich veranlasste Thomen, Ripstein und Diel, zu bleiben. Sherman war gleichfalls geblieben, im ganzen fünf oder sechs, so dass Inman nicht zu dem Glauben gelange, er habe gar keine Freunde mehr.

Als Inman beim Zählen gewahrte, dass seine viel grössere Reihe zu verschwinden anfieng, um sich auf der andern zählen zu lassen, wollte er noch schnell eine herzerweichende Rede halten, womit er vielleicht dem weitern Desertieren ein Ende zu machen hoffte. Seine Rede lautete ungefähr wie folgt. Zuerst nannte er, was er am heutigen Tage alles gethan habe. Habe er laut gesprochen, so wäre das nicht so böse gemeint gewesen, denn «well, look here, Gentlemen, I meant to do what was just and right till we got to California – my life is your life, and your life is my life.» Da aber mit dem Ende seiner herzenrührenden Rede von Sherman das Resultat der Zählung laut ausgerufen wurde, blinzelte Inman unsere bis auf Fünf oder Sechs herunter geschmolzene Reihe mit einer art Wehmuth an, dann, die grosse feindliche Reihe anschauend, von wo allerlei Spötteleien ihn traffen, wandte er sich um mit den kräftigen Endausdrücken seiner Rede: «Sh…t, go to h…l, d…m fools, you!» Armer eintägiger Captain Inman, das waren aber noch nicht genug der bittern Erfahrungen für den Tag. Seine bessere Hälfte, von welcher er in diesem demüthigenden Augenblick hätte Trost finden sollen, überhäufte ihn erst noch laut mit vielen bittern und überaus bissigen Vorwürfen: «Didn’t I tell you, you fool? It serves you presisely right! But you wouldn’t listen to what I told you, now you got it, after losing our nice calfe, and running down our poor mare», und so gieng es noch eine Zeitlang fort, ohne dass man die geringste Erwiederung von seiner Seite vernahm. – Ob wohl Inman sich noch jenes Abends erinnert?63

Begegnungen im Indianerterritorium

Mit Inmans eintägiger Hauptmanschaft bin ich eigentlich meinen Erlebnissen und Reisebeschreibung vorangeschritten, welches ich erst gewahrte, als ich einen Theil geschrieben hatte. Ich bin daher genöhtigt, wieder um einiges zurück zu kehren. – Wier waren öfters mit Kanzas-Indianern zusammengetroffen, welche meistentheils kleine Gaben von uns forderten, weil man uns erlaube, durch ihr Land zu ziehen, wo unsere Zugthiere ihr Gras frässen und wier von ihrem Holz Feuer machten. Sie hätten wahrscheinlich auch gegen grössere Geschenke keine Einwendungen gemacht, wenn man besondere Neigung dazu empfunden hätte, ihnen solche zu machen. Eines Abends kamen nach dem Aufschlagen unseres Lagers auf offener Prairie mehrere dieser Kerls zu uns. Einer oder Zwei hatten auf ihren borstigen, kurzgeschorenen Schädeln Hörner von sechs bis acht Zoll länge, an welchen ein Geflitter von Federn und Bändelchen hingen.64 Das waren vielleicht Krieger oder Häuptlinge, etwa ein Lonebull65 und Bigelk. Einer von ihnen hatte eine lange Narbe auf dem Kopfe, er zeigte aber wenig Freude darüber, als ich ihn durch Zeichen fragte, ob er dahin ein Hieb mit einem Tomahack66 erhalten habe. Als es stark zu dunkeln begann, machten wier ihnen begreifflich, dass sie unser Lager verlassen müssten, welchem Wunsche sie sofort Folge leisteten.

Ein anderes Mal führte uns der Weg durch einen Bottomwald, in welchem wier einige tiefe, morastigen Gräben passieren sollten. Da man allgemein fürchtete, dass unsere Wagen in einer dieser Vertiefungen zu tief in den weichen Grund versinken könnten, hatte Zins sich schnell mit einer Axt in der Hand auf eine nahebei stehende Eiche begeben, um von derselben einige grossen Äste herunter zu hacken, welche man in den Graben legen wollte, damit die darüber fahrenden Räder nicht so tief versinken sollten. Die Indianer, deren mehrere da waren, hatten kaum die Absicht erkannt, als sie ganz entschieden dagegen protestirten. Zuerst müsse der Häuptling darüber befragt werden, und sofort lief einer von ihnen hinweg, um dem Häuptlinge entweder Nachricht darüber zu geben oder ihn mitzubringen. Zins hatte sich darüber geärgert und war vom Baume herunter geklettert. Bald war aber der Indianer nebst dem Häuptling zurück gekehrt, die Anwesenden zeigten ihm die Äste, welche Zins habe herunter hacken wollen, und ohne Umstände gab dieser dazu seine Erlaubniss. Da aber Zins jetzt nicht mehr hinauf wollte, schienen die Indianer kaum zu begreiffen, wesshalb man die Äste, da man jetzt dazu die Erlaubniss hatte, nicht mehr haben wollte.

Nachdem man die vielen bettelhaften Indianer mit allerlei Kleinigkeiten als eine Art Tribut losgeworden war und die offene, schöne Prärie wieder erreicht hatte, fuhren wier noch einige Meilen weiter und lagerten uns dann, obschon es noch nicht späht war, in der Nähe guten Wassers. An diesem Abend kam ein junger [Indianer] mit vielen grellen Farbenstrichen über seinem Gesicht und in den kurzgeschnittenen Haaren, mit Ausnahme einer Art Helm über seinem Scheitel, [wo sie] wohl vier Zoll hoch belassen worden, alles mit hellroten Federn67 gefüllt, in unser Lager. Der Kerl war zimmlich gut gekleidet, sprach ein wenig englisch und schien sehr viel von sich selbst zu halten. Er war so eine Art Dandy oder Jewell, auf Deutsch ein aufgeputzter Windbeutel. Er sang viel in tiefen, melankolischen Tönen, von welchen die ganze Melodie aus drei bis vier verschiedenen Lauten bestand. Er machte manchmal eine kurze Pause, nur um sich und sein Gesang zu loben: «Me Inshun68, sing very good, sing very nice, me Inshun. Me Inshun good feller, yes, me nice feller.» Sein Streben oder Hauptzweck schien aber, etwas zu erbetteln; er war aber nicht Pretenziös, sondern nahm, was man ihm gab. Am nächsten Morgen Frühe war unser guter Inshun wieder da, sang wieder einige tiefe melancholische Töne und lobte sich ebenfalls wieder. Er hatte uns besonders begreifflich zu machen versucht, dass wier good, poor Inshun zu vielem Dank verpflichtet wären, weil man uns durch ihr Land passiren lasse. Einige Dinge zum Essen wies er nicht ab, und als wier endlich von der Stelle hinweg trieben, gieng er in andere Richtung, wahrscheinlich seinem Lager zu.

An einem schönen Nachmittage hatten wier die Überfahrtstelle des Kanzas-Flusses erreicht,69 dessen Gewässer, obwol dieselben die trübe Farbe des Missoury haben, jezt niedrig waren. Wier fanden wieder einige Indianer, wovon einer uns gar gern ein verkrümter Tragonersäbel hätte verkaufen mögen, aber unzufrieden mit uns zu sein schien, weil Niemand seinen Säbel, welcher doch eines Weissenmannes Kriegwaffe war, nicht kaufen wollte. Wier wollten an diesem Tage den Fluss nicht mehr passieren, weil es dazu für heute schon zu späth war, wier lagerten daher dicht am Ufer, welches nicht steil war.

Wier fanden hier eine kleine Färe, bestehend aus einem Flachboote, gross genug, um darin auf Einmal ein beladener Wagen aufnehmen zu können. Dieses Flachboot wurde dann an einem starken, langen Seil über den Fluss zum jenseitigen Ufer gezogen. Dort wurde der Wagen sogleich davon entfernt, das Boot zurück gebracht, um ein anderer Wagen aufzunehmen, bis alle hinüber gebracht waren. Das Vieh nebst Pferden trieb man in den Fluss hinein und zwang es, hinüber zu schwimmen, wobei Alles vortrefflich und ohne den geringsten Unfall vonstatten gieng und man damit noch [am] Vormittag fertig wurde. Da das Wasser im Flusse nicht kalt war, hatte ich den törrichten Einfall, mich mit den Kleidern am Leib darin ein wenig im Schwimmen zu üben, um nachher die Kleider am Körper drocknen zu lassen. Indem der Tag angenehm und warm war, hatte es indessen keine direkten üblen Folgen.

An Wildbret hatten wier noch immer kein grosser Reichtum gefunden, Hirschen waren sellten zu sehen, dagegen sah man dann und wann eine Antilope. Ich hatte oft gehört, wie man es anzustellen habe, um die Antilopen einem auf nahe Schiessdistanz herbei zu locken; diesen Versuch wollte ich bei der ersten sich mir bietenden Gelegenheit versuchen. Als Büchse, um Kugeln zu schiessen, hatte ich in St. Louis vor meiner Abreise meine Kentuky-Büchse, welche kleine Kugeln schoss, für ein sogenannter Florida yager (ein Regierungs-Karobiner) vertauscht, welcher eine halbunzige Kugel schoss. Dieser Karobiner war eine sichere Büchse, nur ein grosser Fehler hatte er, den man mit dazu passenden Instrumenten gar leicht hätte ändern können. Dieser war, dass das Zündloch70 im Pistum71 ein wenig zu klein war, sich daher gar leicht mit abgebranntem Pulversatz verstopfte, wodurch das sichere Feuer oft verhindert wurde. Dieser Fehler hatte mich späther einmal in grosse Verlegenheit gebracht, wobei ich zuletzt noch sehr froh sein musste, dass mir dabei weiter glücklicherweise nichts Schlimmeres passierte. Doch zurück zu meiner ersten Gelegenheit, eine Antilope zu schiessen.

Ich war mit meinem Karobiner bewaffnet eines Vormittags unserm Wagenzuge wohl nahezu eine Meile voraus, als ich plötzlich einen Bockantilope nicht weit von der Strasse ab zu meiner Rechten erblikte. Sofort machte ich anstallten, mich ihm zu nähern, welcher, meine Absicht bemerkend, sich bald noch weiter von mir entfernte. Mich der Jagtlist erinnernd, von welcher ich gelesen und erzählen gehört hatte, machte ich augenblicklich davon Gebrauch. Ich legte mich flach auf den Grund in das Gras, zog den Ladstock heraus und band an dessen dünneres Ende mein buntfarbiges Nastuch; dieses liess ich dann über mir im Winde sich bewegen, wobei ich mich sonst ganz ruhig verhielt. Nachdem der Bock sich eine kleine Strecke entfernt hatte, machte er Halt, um sich umzuschauen, aber anstatt meiner selbst sah er das sich bewegende Nastuch. Darüber Neugirig werdend, fieng er an, sich zu nähern, stand dann still, biss einige Gräser ab und kam allmälig in einer Kreisform immer ein wenig näher, wobei er aber, wenn das Nastuch vom Winde plötzlich sich ein wenig stärcker als gewöhnlich bewegte, erschreckt schnell zurück retirierte, aber sich umsehend findend, dass das sonderbare rothe Ding noch immer an derselben Stelle blieb, wieder frischen Muth fasste und mir auf diese Art allmälig bis auf etliche dreissig Schritte nahe gekommen war. Da ich jetzt das Herannahen der Wagen bemerkte und eine gewisse Unruhe des Bockes sah, durfte ich nicht mehr länger mit Schiessen warten. Ich war aber vor Begierde, den schönen Bock zu schiessen, so aufgeregt, dass ich meinen Karobiner absolut nicht ruhig zu halten vermochte, ich schoss aber dennoch. Da die Distanz ja so klein war, schien es mir Unmöglich, dass ich fehlen sollte, und – krach! Da war aber kein Hinfallen des Bockes, sondern – oh weh! – derselbe lief, nicht im geringsten beschädigt, wohl aber ein wenig erschreckt von dannen!

Wie ich nachher fühlte, genau zu sagen, ist mir kaum möglich. So viel weiss ich, dass ich mit mir selbst verdriesslich war. Dem Karobiner konnte ich keine Schuld geben, es war mehr meine zu grosse Freude und Aufregung, dass ich eine Antilope bekommen werde, welche mich die Büchse nicht ruhig halten liess. Wäre die Antilope nur ein Häschen gewesen, würde ich ihn sehr wahrscheinlich getroffen haben – ich habe in California oft auf grössere Entfernung von den Grundeikörnchen geschossen, natürlich war ich dabei ganz ruhigen Blutes. Nebst Antilopen schossen wier oft verschiedene Schnepfensorten, welche aber auch nicht sehr häufig vorkamen, bis wier den Blattfluss erreichten. Die Flüsse, fast ohne Ausnahme, waren mehr oder weniger trübe, wovon alle dirreckt oder indirrekt sich in den Missoury ergiessen.

Anschluss an die Dickenson-Gesellschaft. Im Gebiet der Pawnee

Unsere Company war durch den Anschluss noch mehrerer Wagen zu 32 oder 33 derselben gewachsen. Es war nicht sellten, dass unter einem Theil der Gesellschaft ein Geist der Unzufriedenheit zu entstehen schien, und erinnere ich mich recht, so war es, weil einige sich in gewissen Beziehungen gegenüber Anderer benachtheiligt glaubten. Man hatte eines Abends in der Nähe einer andern, nur aus 14 Wagen bestehenden Gesellschaft gelagert, deren Captain Dikisen72 hiess. Da wurde von mehreren unserer Gesellschaft berathen, ob man nicht besser thun würde, sich dieser anzuschliessen; man kam indessen zu keinem rechten Entschluss. Wier fünf Männer hatten uns darüber verständigt, und ohne viel darüber zu sagen, schlossen wier uns am nächsten Morgen Dikisons Companie an, welche froh waren, einen Zuwuchs von fünf Männern zu erhalten;73 denn wier näherten uns jetzt stark dem Pawnee-Indianer-Gebiet, welche damals den Namen als böse Wilden hatten.74 An diesem oder am nächsten Tage schlossen sich von Richter Moores Gesellschaft noch dreizehn Wagen Dikisen an, so dass diese Gesellschaft plötzlich die Grössere von den beiden wurde. Unter den sich Frischanschliessenden befanden sich Kiburz, dessen Schwiegervater Mr. Barber nebst dessen zwei Söhnen John und Samuel, Mr. Hopy mit seinen zwei Wagen, zwei Brüder Kellog, Gordon und noch Andere.75

Diese Zersplitterung erregte eine art Neid gegen uns von Seiten Mr. Moores Gesellschaft, jede wollte die besten Fuhrwercke haben und glaubte sich fähig, grössere Tagesreisen machen zu können. Es war bis dahin Regel gewesen, Mittags, währenddem man ein wenig ein Imbiss nahm, die Ochsen von dem Wagen unabgejocht ein wenig grasen zu lassen, dieses thaten wier denn auch. Die Moore-Gesellschaft war uns eine kleine strecke Weges voraus und hatten nicht eher den Mittagshalt gemacht, als bis sie uns dasselbe thun sahen. Sobald sie bemerkten, dass wier mit unserer Rast fertig geworden, beeilten sie sich, um uns vorzubleiben. Am Abend lagerten die zwei, ich möchte sagen, beinahe feindlichen Gesellschaften nicht weit voneinander und hofften, wie es schien, am nächsten Morgen einander mit Frühaufstehen und Reisefertigwerden zu übertreffen, kamen sich jedoch darin zimmlich gleich. In unserer Gesellschaft war man jetzt darüber einig geworden, da Moores Gesellschaft die vordere war, den Halt derselben zum Mittagmachen zu benutzen, bei ihnen vorüber zu passieren und noch vielleicht eine viertel oder halbe Meile voran zu treiben, ehe wier auch halten wollten. Sobald wier aber sähen, dass sie aufbrechen wollten, wier ebenfalls aufbrechen sollten, um ihnen voraus zu bleiben. Dieses hatten die Mooreleute nicht erwartet, und so gelang unsere List, wenn man es so heissen kann, und nachher war man bei uns nicht lässig, um Voraus zu bleiben, obschon die Mooreleute für einige Tage noch versuchten, uns wieder Voran zu kommen.

Als die Mooreleute aufhörten, uns überholen zu wollen, waren wier vollends in das Pawnee-Gebiet gekommen, und es wurde für Nöthig gefunden, Allabendlich regelmässige Wachen aufzustellen, zwei Männer für je zwei Stunden von 9 Uhr Abends bis zum Aufstehen des nächsten Morgens. Alle Männer sollten der Reihe nach je zwei Stunden wachen, mit Ausnahme des Captains oder Kranker. Captain Dikinson bestimmte, wer zuerst auf die Wache sollte, wer die Nächsten und so weiters. Da sich in unserer Companie mehr Männer befanden, als dass man sie Alle in derselben Nacht brauchte, mussten diese natürlich der Reihe nach am nächsten Abend auf die Wache. Zwei meiner Kameraden, Ripstein und Zins, waren die zwei Ersten, welche Wachdienst von 9 bis 11 Uhr leisten sollten, wohingegen Thomen und Diel nach Mitternacht denselben Dienst leisten sollten. Mich hatte man für die erste Nacht gar nicht zum Wachtdienst berufen. Dass ich von uns Fünfen der Einzige war, den man die erste Nacht in Ruhe liess, hatte unter meinen Kameraden den Neid gegen mich erregt, obschon sie wissen mussten, dass ich ja nicht bei der Eintheilung zugegen war.

Der Himmel überwölkte sich, es sah stark nach Regen aus, und ich hatte mein Lager noch nicht lange aufgesucht und mich in mein Buffalopelts – die Haare nach aussen – gelegt, da fieng es bereits an, ein wenig zu regnen. Ich konnte nicht schlafen, da die Regentropfen, vom Südwind getrieben, mich in mein Gesicht traffen, denn ich hatte mein Platz auf der südlicheren Seite, wohingegen Zins die nördlichere unter dem Wagen einnehmen sollte. Um diesem fortwährenden kühlen Tropfbade ein wenig zu entrinnen, rückte ich, was wol Jeder unter diesen Umständen gethan haben würde, mehr under dem Wagen der nördlichern Seite zu, wo der Bündel Bettzeug, dem Zins gehörend, lag. Ich betastete mich mit meiner rechten Hand und fand dabei, dass die Haare meines Buffalopelts bereits stark genässt waren. Ich tastete dann nach Rechts, wo Zinses Bettbündel lag, und fand, dass diese vollkommen drocken waren, nach welchem ich diese ein wenig mehr gegen die rechte Seite hinüber schob, um dadurch dem freien Zutritt des Regens ein wenig zu entgehen, ohne dadurch Zinses Bettsachen an den Regen schieben zu wollen – wobei leider doch ein kleiner Theil am äussern Ende des Bündels ein wenig nass wurde.

Ein böser Streit

Als Ripstein und Zins um 11 Uhr von ihrer Wache abgelöst wurden, hatte ich noch nicht geschlafen. Ripstein wollte in den Wagen hinein krabeln und Zins unter denselben, da kamen seine Hände mit dem äussern Theil des nass gewordenen Bettbündels in Berührung, worauf er, ohne sich zuerst zu erkundigen, ob ich Nass oder Drocken sei, ganz tüchtig auf mich loszuschimpfen anfieng. Aus seinen Schimpfereien konnte man leicht merken, dass er glaube, ich habe ihm seinen Bündel nur aus Bosheit an den Regen hinaus geschoben. In dem Glauben, dass der Bündel nicht oder nur wenig nass sein könne, frug ich ihn, wo denn dieser so nass sei, worauf Zins meine rechte Hand packte und sie an der feuchten Stelle des Bündels derart hin und her zu reiben anfing, als ob ich ein ungezogener, boshafter Junge oder noch etwas schlimmeres sei. Ich liess mir dieses natürlich nicht lange gefallen, sondern entriss ihm die Hand sofort; Zins aber in seinem unbedachten Jähzorn zog den Hahn seiner geladenen Büchse und hielt diese zum Abdrücken fertig auf meine Brust, mich dabei fragend: «Was, bist noch nicht zufrieden?» Als Antwort erhielt er einen Schlag von meiner rechten Hand an die Büchse, dass diese ihm aus den Händen und zwischen den hintern Wagenrädern hinausflog, worauf er mich sofort bei meinen langen Haaren pakte. Wie ich unter dem Wagen hervor gelangte und Zins auf den Grund hinschmiss, ist mir noch Heute nicht ganz klaar geworden. Aber so viel erinnere ich mich noch – dass ich ihn ordentlich züchtigen wollte, als ich von Ripstein mich von hinten ganz Umschlungen fühlte, wobei er mir meine beiden Oberarmen fest an mein Leib hielt. Noch ehe Ripstein mich dieser art ganz fest hielt, hatte auch ich den Zins mit der einen Hand bei seinen ebenfalls zimmlich langen Haaren gefast, welche ich auch jetzt noch festhielt. Zins’ Bemühungen waren vergebens, diese von meiner Hand zu befreien, wobei er seine beiden Füsse gegen meine Brust stemmte und mit beiden Händen meine Finger zu lösen versuchte. Der dicke Herrmann war jetzt erschienen und suchte, Frieden zwischen uns zu machen. Ripstein liess mich jetzt frei, und ich that Dasselbe mit Zins, allein ein kleines Büschel Haare hatten doch losgelassen und blieben an meinen Fingern hängen.

Zins war jetzt still geworden. Bei mir war das ein wenig Anders, besonders da ich aus den laut geführten Reden zwischen Thomen und Diel zu vernehmen glaubte, dass man mir ganz Unrecht, Zins aber Recht gab; denn sie schienen zu glauben, dass ich Zinses Bettstoffe absichtlich an den Regen hinaus geschoben habe, damit ich ganz drocken bleibe. Dieses zu vernehmen, machte mich nicht wenig aufgebracht, ich glaube, ich hätte mich in jenem Augenblick mit Allen schlagen mögen; doch fand ich es für nöthig, meinen Kameraden den wahren Sachverhalt zu erzählen. Hätte Zins mich ganz über betastet, würde er gefunden haben, dass ich ganz über nass gewesen, nicht nur ein kleiner Theil wie an seinem Bettbündel. Dass er mich ohne weiteres wie ein boshafter Knabe behandeln wollte, liess und lasse ich mir auch in der Zukunft weder von Zins noch sonst Jemanden gefallen, und dass er mir, weil ich es mir nicht gefallen gelassen, die geladene, gespannte Büchse sogleich auf die Brust gehalten, dafür verdiente er allerwenigstens eine recht gute Züchtigung. Dem Ripstein sagte ich, dass er für Zins so viel als Partei genommen habe, ohne sich zuerst zu überzeugen, welcher von uns Recht oder Unrecht habe, und würde er in der Zukunft wieder änliches versuchen, werde ich die Sache der ganzen Gesellschaft vorlegen. Den Zins forderte ich auf, sich mit mir zu schlagen, auf welche Art er wünsche, selbst mit dem Dolch, womit er sich doch immer gross mache. Als meine Kameraden fanden, wie sich die Geschichte verhielt, hatte es natürlich ihre ersten, einseitigen Ansichten umgekehrt, und Zins erfuhr jetzt, dass er nicht mehr wie Anfangs Recht fand. Mit unserm Streit hatte auch der Regen aufgehört, ich schlüpfte wieder in mein Buffalopeltz, und Zins hatte sein Bett diesen Abend an einer andern Stelle aufgeschlagen.

Die Witterung war am nächsten Morgen wieder schön und sonnig, unser Frühstück war auf dem Grunde ausgespreitet, und wier setzten uns zum essen dazu nieder. Eine Zeitlang wurde zwischen uns Allen wenig gesprochen, bis wier nach und nach, unser Stillsein etwas komisch findend, ein wenig Lachen nicht verbergen konnten. Diese heitern Blicke mögen Zinses Galle ein wenig aufgerührt haben, denn jetzt wandte er sich mit folgender Frage an mich: «Nun, Lienhard, wie stehen wier jetzt zueinander? Hast Du die Ursache unseres Streites unsern Kameraden gestern Abend richtig erzählt, oder wie ist es?» Meine Antwort war, dass ich die volle Wahrheit gesagt habe. Damit aber die Kameraden dessen sicher seien, wolle ich den Verlauf von Anfang bis zu Ende noch Einmal erzählen; fänden dann die Kameraden, dass ich es anders erzähle, oder er selbst, dass ich nicht die Wahrheit sage, so mögen sie oder er nur sprechen. Ich erzählte den ganzen Hergang unseres Streites von Anfang bis zum Ende noch Einmal, wobei ich öfters pausierte, um die Kameraden zu fragen, ob ich anders erzählt, oder Zins selbst, ob es nicht wahr sei. Obschon er nicht immer gern meine Fragen bestähtigte, so war es ihm doch unmöglich, die Tatsachen abzuleugnen. Nur dass er seine Büchse aufgezogen und mir auf die Brust gehalten habe, hätte er Anfänglich lieber läugnen mögen. Da ich ihn aber auch darin ein wenig heftig anfuhr, sogleich zu sagen, ob ich auch darin die Wahrheit gesagt habe oder nicht, getraute er sich nicht länger, es abzuleugnen. «Nun», fragte ich, «welcher von uns hatte Recht oder Unrecht?», indem ich unsere Kameraden sowol als Zins offen anschaute, welche erstern mit ihrem gemeinsamen Lachen und Zins zugleich ansehend so zimmlich deutlich und verständlich genug Kund gaben, welcher Ansicht sie waren.

Zins hatte sein Gesicht nicht recht zu erheben gewagt und war ein wenig kleinlaut geworden. Ihn ärgerte es nicht wenig, sich als der Schuldige dargestellt zu wissen, und er suchte sich damit ein wenig zu rächen, dass er bemerkte: «Lienhard, ich habe Kochgeschirr, Du hast keines; kommt deine Zeit zum Kochen, so sage ich Dir – lass mein Kochgeschirr sein!», worauf Diel aber der Ansicht war, wenn Zins sein Geschirr nicht zum Gebrauch hergeben wolle, man Dasselbe aus dem Wagen schmeissen werde; denn wier hätten in St. Louis gemeinsam Geschirr kaufen wollen, Zins habe uns das Seinige zum Gebrauch angeboten, darum werden es wier auch gebrauchen bis nach California, wie wenn es uns Allen gehörte, und erst am Ende der Reise gehöre es wieder Zins allein. So endete ein unprovozierter Streit zwischen Zins – durch dessen Jährzorn – und mir, welcher leicht sehr üble Folgen besonders für mich hätte haben können! Da wier eine so grosse Distanz miteinander in ein und demselben Wagen noch zu machen hatten, bemühte man sich in der Zukunft so viel als möglich, den Frieden zu halten, obschon es nicht immer am besten gelang; denn es gab bald da, bald dort Manchmal wegen geringfügigen Dingen Wortwechsel.

Je weiter wier vorrückten, desto mehr ahnte man Indianergefahren, daher wurden unsere Wachen auch strenge und genau gehalten. Jeder hatte seine Schusswaffen immer scharf geladen und in Bereitschaft. Wier hatten eines Abends unser Lager am Fusse eines steilen, zimmlich hochen Hügels aufgeschlagen, und da Viele gar zu sehr Bange der Indianer wegen waren, benutzten Andere deren Furcht, um Spass darüber zu machen. Unter dieser Gesellschaft befand sich auch ein Mr. Young nebst Frau, Kindern, zwei Schwiegersöhnen etc.76, welche zusammen fünf Wagen führten. Unter diesen Schwiegersöhnen war der Eine ein schlanker Jüngling sozusagen von vielleicht 20–22 Jahren. Dieser und noch ein jüngerer Bursche hatten diesen Abend die erste Wache. Da sie in beinahe jedem dunkeln Gegenstande ausserhalb des Lagers Indianer witterten, sich aber sehr hüteten, den vermeintlichen Indianern nahe zu kommen, hatte Zins an einem Stock etliche 50 Yards oberhalb des Lagers an der Hügelseite sein dunkler Rock aufgehängt, welcher von der leichten Abendluft sich von Zeit zu Zeit ein wenig bewegte.

Zins hatte einige jungen Leute ins Vertrauen gezogen, welche denn sogleich unsere Wache davon benachrichtigten, dass man oberhalb des Lagers sich etwas bewegen sehe, das wie ein Mann aussehe, und Youngs Tochtermann konnte den muthmasslichen Indianer durch die Schatten der Nacht jetzt wirklich selbst sehen. Man meinte, es sei seine Pflicht als Wache, den Gegenstand näher zu untersuchen, allein dazu war dieser um keinen Preis zu bewegen. Man flüsterte im Unterton, was denn das Ding eigentlich sei, welches sich bewegte, aber doch nicht von der Stelle wich. Da Alles Zureden die Wache nicht bewegen konnte, den muthmasslichen Indianer näher kennen zu lernen, erbot sich endlich Zins, und zwar ohne Schusswaffe, nur mit seinem blosen Dolch, das Wagniss zu unternehmen, wovor der Wache förmlich graute. Langsam und bedächtig schritt er den Hügel hinan, bis man ihn selbst in der Dunkelheit nicht mehr recht von dem andern Schatten unterscheiden konnte. Jetzt hörte man plötzlich ein starkes Schnaufen, man sah die beiden Schatten sich heftig bewegen und endlich auf den Grund fallen, während welchem wier die Wachen vergeblich zu veranlassen suchten, als Hülfe hinzugehen, welche nicht wenig über die nahe Gefahr verduzt zu sein schienen. «Da kömmt er wieder!» Richtig, man sah deutlich, wie Zins irgend ein dunkler Gegenstand hinter sich herschlepte. «Wahrscheinlich ein Indianer», bemerkten welche der Vertrauten. Jetzt war er da, und anstatt eines getödeten Indianers entdekte man nur ein dunkler Rock, das Eigenthum von Zins selbst. Unsere zwei Wachen machten überaus lange Gesichter, blieben aber nicht lange unter uns, von welchen sie recht herzlich über ihr feiges Benehmen ausgelacht wurden.

Wier hatten den Littleblue77 jetzt bereits überschritten und näherten uns immer mehr dem Platt river. Das Land hatte den üpigen Graswuchs von den Kanzas-Gegenden allmälig verloren, die Gräser wurden kürzer und waren von den Frühern verschieden. Letzte Nacht hatte man unfern des Littleblue gelagert und hoffte, vielleicht in einem oder früh des folgenden Tages den Blatt zu erreichen. Ripstein schulderte seine Büchse und erklärte, er wolle in der Nachbarschaft des Littleblue aufwärts gehen, vielleicht gelinge es ihm, irgend ein Hirsch oder Antilop zu schiessen, er werde uns unterwegs schon wieder treffen. Wier hatten ihn wegen den Indianern gewarnt, denn es hatte geheissen, dass irgendwo am Littleblue ein grosses Lager von Pawnee-Indianern sein soll, deren Feindseligkeit gegen die Weissen man allgemein fürchtete. Ripstein war Gross, Nervig und Starck und ein ausgezeichneter Läufer, er schien gar nicht zu ermüden.

Wier setzten zu gewöhnlicher Stunde unsere Reise fort über offene Prairie und fanden uns von der Dämmerung überholt, ohne jedoch irgend ein Zeichen vom Platt river zu entdecken. Da wier einiges Holz mitführten, lagerten wier uns in der Nähe einiger Wasserlöcher voll von Musquitos-Brut, welches wier nach Durchseiehen78 durch ein reines Taschentuch dennoch zu Kaffee oder Thee benutzen konnten. Von Ripstein hatten wier, seit er uns diesen Morgen verlassen hatte, nichts mehr gesehen; wier hatten bange, er könnte feindlichen Indianern in die Hände gelaufen, gefangen genommen oder vielleicht gar getödet worden sein. Hätte man gewusst, wo man ihn zu finden vermöchte, würde man ein Versuch gewagt haben, ihm zu Hülfe zu kommen. Jetzt war aber die Nacht bereits da, und man hoffte, wenn er am Leben geblieben, würde er während des Abends von selbst nach uns suchen.

Am Morgen war er noch nicht erschienen, und man berathschlagte, was anzufangen sei, allein Niemand schien Lust zu haben, Ripstein aufzusuchen, weil man immer mehr zu fürchten anfieng, er sei in die Hände feindlicher Wilder gerathen. Nach resultatsloser Berathschlagung hob man am Morgen das Lager auf und setzte in nordwestlicher Richtung über die offene, Baumlose Ebene unsere Reise fort. Gegen 11 Uhr sahen wier die vordersten Wagen auf einer Erhöhung der Prairie halten, wobei die Nachkommenden eben dasselbe thaten. Wier fürchteten, es möchte eine üble Nachricht von Ripstein sein, fanden diesen aber selbst ganz gesund und ohne dass ihm etwas schlimmeres passierte, als dass er allein ohne Nachtessen auf der offenen Prairie hatte übernachten müssen. Er hatte von uns voran gehenden Emigranten ein wenig zu Essen bekommen und war durch diese versichert worden, dass wier noch hinter ihnen sein müssen, wo er dann den Rückweg angetretten hatte und uns an dieser Stelle begegnete.

Ankunft am Platte River. Der erste Bison

Nachmittags frühe hatten wier die Ufer des sehr breiten, seichten, aber trübwässrigen Platt river79 erreicht. Die Landschaft hatte sich entschieden verändert, die hoch liegenden Länder enthielten kein reiches Land, und nur spärliches, kurzes Gras wuchs an diesen Stellen. Die s.g. Bottom-Länder waren besser, gewöhnlich dunklerer Grund, oft ein wenig Sandvermischt; aber auch in diesen Flachthälern war das Gras lange nicht so gut, als wier es zwischen der Indian Kreek und dem Bigblue gefunden. Zum Erstenmal lagerten wier, den überaus trüben Blatt zu unserer Rechten, also an dessen [rechtem]80 Ufer, in der Nähe eines kleinen Insels, auf welchem nebst hochen Grase auch noch eine Anzahl armsdicke, theils drockene, theils noch grüne Weiden gestanden. Eine Anzahl Kraniche, deren Geschnatter wier schon seid einiger Zeit vorher vernommen hatten, wurde durch uns, da wier unser Brennholzbedarf von dort herholen mussten, aufgeschreckt. Obschon der Blatt im Allgemeinen überaus seicht ist,81 hat es in demselben doch auch tiefe Stellen. Eine solche Stelle fanden wier auf dem Rückweg von dem Insel an das Land, währenddem wier mit drockenem Weidenholz beladen waren. Mein langes, scharfes Messer, welches ich in einer Scheide am Gürtel trug, entfiel mir in das Wasser, welches an der Stelle, wo dieses geschehen, zwischen 3–4 [Fuss] Tief sein mochte. Ich dachte, das schnellfliessende Wasser könne es ein wenig Strohmabwärts genommen haben; bei versuchen, es wieder zu finden, fand ich plötzlich tiefes Wasser, nach welchem ich das fernere Suchen aufgab, obschon es mir um das noch aus der Schweiz mitgebrachte Messer recht leid that, besonders da ich es mit keinem andern ersetzen konnte.

Am nächsten Tage bekamen wier zum Erstenmal alte, gebleichte Buffaloschädel zu gesicht, welche, je weiter wier vorankamen, desto häufiger wurden. Antilopen fanden wier wieder öfter als Früher, doch konnte man sich ihnen sellten auf Schussweite nähern. Unsere Durchschnitstagesmärsche betrugen zirca 15 engl. Meilen, welche wier je nach Umständen verlängerten oder abkürzten; am Blatt hieng viel – oder das Meiste – vom Brennmaterial ab, womit wier unser Abend- und Morgendessen bereiten konnten. An Wasser hatten wier dem Blatt entlang sicher keinen Mangel, und wenn Dasselbe auch überaus trüb war, so war es doch von keinem übeln Geschmack und schien Niemandem etwas zu schaden. Am dritten Tage wurden die Zeichen, dass man im Lande der Buffalos sei, häuffiger; man fand mehr und frischere Schädel – an welchen oft die Hörner noch waren –, gegen Abend sogar noch nicht sehr alter Mist.82

Ich war vielleicht der Begierigste, einen Buffalo zu sehen, ich spähte daher auch Fortwährend nach allen Seiten, ob ich nicht irgendwelche sehe. Mit ein paar meiner Kameraden der Gesellschaft vorausgehend, entdeckte ich über dem breiten Blatt uns gegenüber zwei schwarze, dicke Gegenstände, welche sich bewegten. «Hurrah – Buffalos, dort, über dem Fluss!», rief ich, was man mir anfänglich kaum glauben wollte, sich jedoch bald überzeugte, dass die schwarzen Klumpen sich wirklich bewegten. Als die Gesellschaft heran gekommen, machten wier sie auf die zwei schwarzen Gegenstände am jenseitigen Ufer aufmerksam. «Ja, das müssen wirklich Buffalos sein», hiess es allgemein, worauf man die Wagen halten liess. Sogleich waren 5 oder 6 Männer bereit, sich zu Pferde über den Fluss zu wagen, um wenn möglich einen der beiden Buffalos zu erlegen, Kiburz war einer, Hopy ein anderer der Partei. Wier hielten noch einige Zeit; da sie sich aber immer mehr dem jenseitigen Ufer näherten, ohne dass ihnen einen besondern Zufall passierte, wurden die Fuhrwerke wieder langsam in Bewegung gesetzt.

All unsere Blicke waren jetzt natürlich mit grossem Intressen nach unsern Jägern und den Buffalos gerichtet; letztere schienen nichts von Gefahr zu wittern, bis unsere Leute das Ufer bereits erreicht hatten. Nun gieng die Jagt los. Die Buffalos wandten sich sofort den Hügeln zu, von den Jägern zu Pferde hizig verfolgt. Wier vernahmen das Knallen verschiedener Schüsse, aber sowohl Jäger als Buffalos hatten sich bald unsern Blicken entzogen. Längere Zeit vergieng, ohne dass wier von unsern Jägern weder etwas sahen noch hörten. Um die Rückkehr unserer Leute abzuwarten, lagerten wier etwas früher als sonst. Unsere Aufmerksamkeit war fortwährend dem jenseitigen Ufer zugewandt, und endlich, nachdem bereits Einige zu fürchten anfiengen, es könnte ihnen irgend ein Unfall zugestossen sein, kamen sie plötzlich alle zwischen den Hügeln zum Vorschein, ritten die Pferde sofort in den Fluss hinein, kamen glücklich herüber und waren bald in unserer Mitte, Jeder mit einem tüchtigen stück Buffalofleisch beladen, wovon man jeder Partie ein Stück gab und welches man bald genug zu kosten bekam; denn unsere Lagerfeuer waren gerade im besten gange, und wier waren in bester Stimmung über die Jagt und fanden das Fleisch von recht gutem Geschmack.

Am nächsten Tage sahen wier wieder mehrere Buffalos am linken Ufer. Da man aber die gestrige Jagt zimmlich anstrengend gefunden hatte, empfand Niemand ein grosses Verlangen, den breiten Blatt desshalben zu durchreiten. Zudem konnten ja jeden augenblick auch auf unserer Seite Buffalos zum Vorschein kommen, wo dann eine Jagt auf sie Jedenfall viel bequämer sein musste.

Missglückte Jagdversuche

Am nächsten Tag war unser Thomen und ein anderer deutscher Mann, welchen man nur den Peter nannte und [der] ein hochrothes Flanellhemd trug – ersterer mit seiner Doppelflinte, Letzterer mit einer Büchse bewaffnet –, der Gesellschaft um eine gute Strecke voraus gegangen. Ich war unserm Wagen nicht weit voraus, als ich vielleicht eine halbe Meile gerade vor uns eine sich gegen die bluffs83 erstreckende, dichte Linie entweder Indianer oder Buffalos direckt auf uns zukommen sah, wovon ich die Leute der Gesellschaft sogleich unterrichtete. Von den ein wenig erhöhten Stellen der vordersten Wagen glaubte man zu erkennen, dass es eine grosse Anzahl Buffalos seien. Sofort wurde Halt gemacht, und Jeder bereitete sich vor, seine Schusswaffen in gehöriger Bereitschaft zu halten, und man hoffte schon, man werde endlich eine Anzahl von dieser wilden Viehheerde erlegen. Da man sie bereits uns nahe glaubte und jetzt, nachdem die Gewehre in Ordnung waren, sie zu empfangen bereit war, konnten wier plötzlich nichts mehr von ihnen sehen, so dass wier beinahe glaubten, nur so eine Illusion gehabt zu haben. Eine solche Illusion wäre uns jedoch Allen ein wenig Sonderbar vorgekommen, wier schauten daher nach allen Richtungen hin und entdeckten endlich gerade noch zeitig genug, wie die Heerde Buffalo sich zwischen den Hügeln der Bluffs unsern Blicken gänzlich entzogen.

Die Fuhrwercke wurden jetzt wieder angetrieben. Nachdem wier zirca eine halbe Meile weit getrieben hatten, fanden wier Thomen und den Peter nahe bei der Strasse in erschöpftem Zustande im Grase ligen. Man richtete natürlich allgemein die Frage an sie, ob sie nichts von der grossen Buffaloheerde gesehen und warum sie keinen geschossen hätten. Da erzählten sie uns folgende Geschichte: «Wier giengen miteinander der Strasse entlang, als wier plötzlich links neben derselben eine grosse Heerde Buffalos ruhig im Grase ligen sahen. Da wier eine so günstige Gelegenheit recht zu benutzen gedachten, wollten wier uns Jeder eine schöne, fette Kuh aussuchen, da wier dachten, dass diese zarteres Fleisch haben müssen als die Bullen. Es lagen Alle wie eine Heerde zahmen Viehes – Kälber, Kühe und Bullen – durcheinander und zeigten Anfangs gar keine Furcht vor uns. Wier waren auf diese Art zimmlich links von der Strasse ab vor die Fronte der ruhig ligenden Heerde gekommen, als auf einmal die ganze Heerde aufgesprungen war und in einer einzigen breiten, dicht geschlossenen Linie auf uns losgesprungen kam.» Peter war weiter vor die Fronte gegangen als Thomen: «Wier suchten mit Anstrengung unserer äussersten Kräfte, bei dem linken Flügel vorbei die Strasse zu gewinnen, was aber dem Peter nicht gelang. Da die Buffalos die Köpfe nahe dem Grunde hielten, erwartete Peter jeden Augenblick, von diesen in die Luft geschmissen, um nachher unter deren Hufen zu Tode getretten zu werden.» – «Ich fühlte, dass ich nicht mehr, wie Thomen mit kurzer Noth gethan, entrinnen konnte. Da wandte ich mich plötzlich um und feuerte meine Büchse auf Gerathewol zwischen die dicht geschlossene Reihe der beinahe dicht an mich heran gekommenen Buffalos. Der Knall hatte glücklicherweise die gute Wirkung, dass die Fronte sich spaltete und unter mächtigem, donnerartigem Getrampel – wobei sich der Staub zu allen Seiten erhob – zu beiden Seiten an mir vorüberbrauste, ohne mich im geringsten beschädigt zu haben.» So sehr waren die Beiden erschöpft, dass sie sich kaum erheben konnten, und das Buffaloschiessen hatte bei ihnen einen guten Theil des Reizes verloren!

Wier sahen jetzt beinahe alle Tage Buffalos, mehr jedoch auf der entgegengesetzten Seite als auf unserer, da sie dort von den Emigranten weniger beunruhigt wurden. Gar zu gern hätte ich auch einen dieser bärtigen Prairiefürsten erlegen mögen, obschon das Abentheuer von Thomen und Peter uns zur Vorsicht mahnte. In der Hoffnung, es möchte sich mir eine Gelegenheit bieten, wenn gerade kein Buffalo, so doch vielleicht eine Antilope zu schiessen, nahm ich eines Nachmittags meine Doppelflinte, deren beiden Läufe mit Bockschroth geladen waren, womit ich, sollte ich auch wieder aufgeregt werden, doch sicherer zu treffen hoffte als mit einer einzigen Kugel. Zur Vorsicht hatte ich noch einige Kugeln mitgenommen, welche zwar für die Flintenläufe viel zu klein waren, [die ich] aber, wenn ich sie gebrauchen sollte, mit Papier umwickeln wollte. Ich hatte, da das Wetter warm war, kein Rock an, und als Kopfbedeckung trug ich einen Strohhut. Ich war, um der Gesellschaft bald etwas weit voraus zu kommen, eine Zeitlang rasch gelauffen und mochte vielleicht einen Vorsprung von 4 Meilen gewonnen haben, da sah ich drei grosse Buffalos zur rechten Hand von der Strasse nahe bei dem Ufer des Blatt ruhig grasen. Zwischen mir und den Buffalos mochte die Distanz der offenen Grasfläche vielleicht eine halbe Meile betragen, und indem ich absolut kein Gegenstand fand, hinter welchem ich mich von ihnen unbeachtet hätte nähern können, wollte ich doch lieber warten, bis Männer zu Pferde ihnen auf den Leib rücken könnten, anstatt sie nutzlos fortzuscheuchen.

Ich gieng langsam meines Weges, die Strasse führte am Fusse der Hügel entlang, welche da und dort durch eine Vertiefung Gelegenheit boten, dass man zwischen hinauf kleinere Überblicke erlangte. Ich war bei einer solchen Runse oder Vertiefung angelangt und betrachtete mir die drei ruhig grasenden Buffalo zu meiner Rechten. Jetzt schaute ich auch wie Zufällig durch die Vertiefung zwischen den Hügeln hinauf, und – Oh, wie zitterte ich bereits schon wieder vor Begierde – da oben lagen auf einer erhöhten, grasigen Fläche, kaum 600 Schritte von der Strasse ab, sechs Buffalos, wie anderes Vieh ihr bereits einmal gekautes Futter wiederkauend, ruhig im Grase. Obschon mir das Abentheuer von Thomen und Peter wol in Sinn kam, war doch das Verlangen, einen Buffalo zu schiessen, wodurch ich die ganze Gesellschaft mit seinem Fleische zu tracktieren hoffte, zu mächtig, um mich abwendig machen zu lassen. In gebükter Stellung gieng ich durch die Vertieffung hinauf und fand, dass diese sich, je weiter oben, immer mehr ausflächte. Ich sah mich nach irgend einer Stelle um, wohin ich mich flüchten könnte, im Falle mich vielleicht ein angeschossener Buffalo zu verfolgen suchen sollte, fand aber durchaus nichts. Wäre ich nicht so gar Voreilig gewesen, so hätte ich die für Antilopen wol stark genug erachteten Ladungen aus der Flinte heraus gezogen und dafür viel stärkere Ladungen Pulver hinein gethan und dann von den mitgeführten Kugeln anstatt der Schrote hinein gethan. Ich hatte aber dazu, wie ich meinte, durchaus keine Zeit, sondern schob eine in ein wenig Papier gewickelte Kugel oben auf die Schrote in jeden Lauf; dadurch wurde dem verhältnissmässig wenigen Pulver seine Kraft nur noch mehr genommen.

Ich hatte natürlich meine Blicke so viel als möglich den Buffalos zugewandt, die ersten, welche ich bis dahin in der Nähe gesehen hatte. Jetzt erhob und strekte sich ein riesiger, bärtiger Bull – er sah aus wie ein riesenmässiger Löwe. Ich muss gestehen, dass ich einen Augenblick erschrocken war und beinahe wünschte, dass ich lieber an einer bessern Stelle wäre als da, denn der Bull kam langsamen schrittes nicht tirrekt auf mich zu, aber doch gegen meine Nachbarschaft. Ich legte mein Strohhut auf den Grund und schliech mich nach Kazenmanier auf dem Grunde gegen ein Büschel drockener, grosser Grashalme, hinter welchen ich mich flach auf den Grund legte. Der Buffalo war jetzt in gerader Schusslinie vor mich hingekommen, wol etliche sechzig Schritte entfernt, was für eine gute Ladung nahe genug gewesen wäre. Da ich fand, er würde durch sein Vorangehen die Distanz zwischen uns wieder vergrössern, zielte ich behutsam hinter das vordere linke Bein und zitterte auch nicht im geringsten. Der Schuss krachte und ich meinte, ein Aufschlagen der Kugel und Schrote vernommen zu haben. Auf den Schuss machte der Buffalo ein heftiger Sprung nach Vorwärts, dann blieb er stehen, blickte sich um, entdeckte endlich mein Strohhut, welcher eine kurze Distanz von mir abwärts auf dem Grunde lag, doch schaute er auch nach andern Richtungen, und sein Blick blieb kurze Zeit auf dem Graspüschel, hinter welchem ich so flach als möglich auf dem Grunde lag. Ich hatte nach dem Losdrücken gewagt, nach rechts zu blicken, wo die übrigen Buffalos gelegen, und sah dort eine kleine Staubwolke aufsteigen, ein Zeichen, dass sie davongerannt waren.

Der angeschossene, wol nur wenig verwundete Bull schien zu der Ansicht gelangt zu sein, dass an dieser Stelle nicht alles mit rechten Dingen umgehe. Er entfernte sich in gerader Richtung zirca 40 Schritte, stand still und schaute wieder nach dem Hut und [mehr] als ein Mal nach mir. Jetzt kehrte er sich gegen wo er vorher gekommen, schaute noch Einmal nach dem Hut, wobei er mir seine rechte Seite bot, und ich feuerte mein zweiter Schuss darauf ab. Und wieder machte er ein langen Sprung, schaute nach dem Hut zurück und fieng nun an, langsam seinen Rückweg anzutretten. Schnell hatte ich in jeden Lauf der Flinte eine starke Ladung Pulver gethan und darauf eine in Papier gehüllte Kugel nachgeschoben und die Zündhütchen84 auf die Bistume gesetzt, und jetzt erst erhob ich mich und gieng ohne Hut dem Buffalo nach, welcher alle paar Minuten stille stand, um sich umzusehen. Er war mir wol zweihundert Yards vorausgekommen, und da er lange Schritte zu nehmen schien, glaubte ich, mich ihm nicht schnell genug zu nähern, wenn ich, wie bis jetzt gethan, mich Jedesmal auf den Grund niederliess, wenn er, um hinter sich zu sehen, stehen blieb. Ich erinnerte mich zugleich eines Gerüchtes vom vorigen Abend, dass einige Emigranten, nicht sehr weit von dieser Stelle, auf der Buffalojagt eine kleine Distanz zurück von der Strasse von einer Partie Pawnees überrascht worden sein sollten, wobei man sie aller ihrer Kleider und Waffen beraubte und sie noch dazu tüchtig durchgepeitscht haben soll. Um nicht am Ende in eine änliche Lage zu gerathen, dachte ich jetzt, das mich auf den Grundlegen ganz zu unterlassen; komme der Bull dann auf mich los, so sei ich für ihn Diessmal schon fertig. Es währte auch gar nicht lange, als sich der alte Bursche wieder umschaute. Als er mich aber Aufrecht tirrekt auf ihn zueilen sah, da kam er durchaus nicht auf mich los, sondern rannte in einem so schnellen Gallop von dannen, dessen ich ihn, ein so plumpes Thier, für ganz Unfähig gehalten hätte. Da ich die Erfolglosigkeit, ihn einzufangen, sogleich einsah, wandte ich meine Schritte zuerst zu meinem Strohhut und dann [den] Holweg hinab der Strasse zu.

Die Buffalos waren unten noch alle beinahe auf derselben Stelle geblieben, wo ich sie zuerst gesehen hatte. Ich wartete ruhig die Ankunft der Gesellschaft ab, welche nach Verlauf zirca einer Viertelstunde endlich kam, wo ich sie sogleich auf die Buffalos aufmerksam machte. Sofort machten fünf Männer zu Pferde jagt auf sie, ohne jedoch den Wind der Thiere gegen sich zu haben, kurz, ohne eine Regelmässigkeit oder System zu beobachten. Schon das nahende Getrampel der Pferde machte die Büffel aufmerksam, und kaum hatten sie die herannahenden Jäger erblickt, da rannten sie mit einer solchen Schnelligkeit gegen die Hügel hin, dass die meisten Reiter zurück blieben. Zweien der Jäger waren ihre Pferde [in] tiefe Höhlen – wol Wolfshölen – getretten und hatten dabei ihre Reiter weit über ihre Köpfe hinweggeschmiessen, wobei der Eine sich an einem Beine Wehe that und sein Büchsenschaft noch brach. Der Andere kam mit einem ordentlichen Burzelbaum ohne weitere Beschädigung davon.

Als unser Hopy sah, dass die Büffel unserm Haltepunkt nahe in die Hügel hinein kommen würden, borgte er sich schnell Hermanns grosse geladene Tragonerpistole; mit dieser und mit seiner Büchse hoffte er, gerade beim Eingang zwischen die Hügel einem der Büffel ein Ende zu machen. Hopies Reitpferd war eine junge Stute, welche früher auch noch nie einen Büffel in unmittelbarer Nähe gesehen hatte. Als sie plötzlich diese riesigen wolligen Thiere [sah], die tief schnaufend gerade auf die Stelle zugerannt kamen, wo Hopy ihrer wartete, erschrekte sie ganz entsetzlich und versuchte wegzurennen, und es gelang ihr zuletzt, Hopy mitsammt dem Sattel, der sich umdrehte – wobei er in einem der Steigbügel hängen blieb und derart noch eine kurze Strecke am grunde mitgeschlept wurde – loszuwerden, wonach die Stute sammt dem losen Sattel und mit Herrmanns Pistole hinter und zwischen den Hügeln verschwand.

Unsere heutigen Büffeljagten waren also sammt und sonders verfehlt: Ich hatte vielleicht einen verwundet, aber er lief weg; von den fünf Männern zu Pferd hatten zwei sammt ihren Pferden Burzelbäume gemacht, wovon sich der eine noch Wehe that; Mr. Hopy, welcher glaubte, er würde ganz sicher Glück haben, kam aber noch am schlimsten weg – er verlor sein Pferd, Zaum, Sattel, Herrmanns Pistole und hatte, da er auf dem Grund geschleift wurde, sich noch theilweise verschunden. Aber Alles war nur so gekommen, weil wier eigentlich nichts von dieser Jagt verstanden hatten.

Präriehunde. Durch den Süd-Platte

Nach dieser aufregenden, erfolglosen Jagt setzten wier unsere Reise wieder fort, und da die Strasse über eine höcher gelegene Fläche führte, kamen wier jetzt zu einem s.g. Prairie-dog85 setlement (einer Kolonie von Prairiehunden). Die Kolonie schien uns zwar gross, und doch muss sie im Verhältniss, wie man solche anderwärts oft treffen kann, klein gewesen sein. Auf einem schönen, flachen Stück Wiesengrunde befanden sich eine grosse Anzahl kleiner Erhöhungen, zwischen welchen herum das Gras mehr als sonst zu grünen schien. Zwischen und auf diesen Erhöhungen waren viele Murmelthierartige Geschöpfe, welche, als wier uns ihnen näherten, sich in ihren Höhlen verschlupften, dann vorsichtig wieder langsam zum Vorschein kamen, um zu sehen, ob wier uns entfernten oder nicht. Die Meisten sassen auf ihren hintern Füssen und liessen einen lauten, durchdringenden Pfiff hören, wobei sie ihre kurzen Schwänzchen wie ärgerlich schnell hin und her bewegten.

Mit Hunden hatten sie sehr wenig Ähnlichkeit, und ihr Geschrei oder Gepfeiffe ähnelte noch weniger dem Gebell eines Hundes. Sie sind meiner Ansicht nach nur eine Amerikanische Art Murmelthiere, denn ihre Form sowie ihre Lebensart sind beinahe ganz Dasselbe. Mit ihnen scheinen kleine Eulen sowie verschiedene Schlangen auf gutem Fusse zu leben, wenn sie am Ende nicht vielleicht sich dort befinden, um von den Jungen oder Gebrächlichen der Gesellschaft sich zu ernähren. Es gelang uns nicht, irgendeines der Thierchen zu schiessen. Selbst wenn man sie auch treffe – wenn sie nicht durch den Kopf geschossen würden, hatten uns erfahrene Jäger gesagt, gelänge es ihnen immer, zu entschlüpfen, noch ehe man ihrer habhaftig würde. Ihr Fleisch soll ahngenehm schmecken und zart sein.

Wier setzten unsere Reise dem westlichen Ufer entlang in nordwestlicher Richtung fort und kamen dadurch dem Zusammenfluss des Süd- und Nordblatt immer Näher. Büffel bekamen wier wol wieder zu Gesicht, geschossen hatten wier aber keine mehr. Man wollte wissen, die Indianer seien hierherum sehr feindlich gesinnt, hielt des Nachts scharfe Wache und fühlte sich zufrieden, wenn des Morgens keine unserer Zugthiere fehlten. Wier passierten den Zusammenfluss der beiden Gabeln des Blatt, und zirca 6 Meilen oberhalb hatten wier die Stelle erreicht, wo wier die Durchfahrt durch den Südarm wagen wollten. Da es aber beinahe Abend war, lagerten wier nahe bei der Fuhrt86. Einige der Emigranten ziehen noch ein bis zwei kurze Tagereisen weiter auf dieser Seite des Südarms hinauf, ehe sie die [Fahrt] durch ihn wagen.

Nachdem am nächsten Morgen einige der Gesellschaft zuerst per Pferde und Maulesel die Tiefe des Wassers sondiert hatten an der Stelle, wo wier hindurch wollten, dabei aber gefunden hatten, dass das Wasser, wenn überhaupt, nur an wenigen Stellen zu den Wagenbetten hinaufreichen würde, wurde die Durchfahrt sofort unternommen, wobei es zuerst allerdingst ein guttheil Rufen, Schreien und Peitschenhiebe erforderte. Die Meisten Männer oder Diejenigen, welche nicht auf Pferden oder Mauleseln sassen, liefen mit oder neben ihren Wagen durch das Wasser, welches aber angenehm war. Auf der Nordostseite des Flusses angelangt, setzten wier Heute unser Weg nur kurze Diestanz, vielleicht eine halbe Meile, Weiter fort, machten dort für den Tag Halt und liessen unser Vieh, damit es sich gütlich thun könne, sogleich los. Man beabsichtigte, am nächsten Tag eine gute Strecke weges zurück zu legen, und wollte deshalb bei Zeiten aufstehen.

Thomen gehörte zu der letzten Wache, und um der Abrede nachzukommen, that er sein Möglichstes, uns Alle aufzuwecken. Ich war gerade im Begriff, aus unserm Wagen hinaus zu steigen, als ich in östlicher Richtung am Fusse der Hügel fünf Büffel im vollen Gallop daher rennen sah, wobei sie sich unsern Wagen theilweise nähern mussten, ohne dicht an uns heran kommen zu müssen. Vielleicht 100 Schritte hinter ihnen her kamen sieben zur Gesellschaft gehörenden Ochsen in ebenso schnellem Laufe wie die Büffel. Waren die Büffel 100–150 Yards gesprungen, machten sie plötzlich Halt, wandten sich um und betrachteten die ihnen nach Rennenden Ochsen, welche dann in ihrem Lauffe ebenfalls anhielten, und die Büffel sowie die Ochsen besahen sich dann aufmerksam. Den Büffeln schienen ihre sonderbaren Stammverwandten nicht ganz recht zu gefallen – wer weiss, vielleicht hielten sie die Ochsen als die Geister ihrer verstorbenen Brüder. Die Ochsen ihrerseits mochten die Büffel als eine art Rindviehungeheuer angesehen haben, worin sie ein wenig Recht haben mochten. Wier sahen sie zwei oder drei Mal springen, halten und sich gegenseitig anstaunen.

Der grosse Mike, welcher mit Hopy fuhr, wollte bedauern, dass er nicht eine gute Büchse habe, um einen der Büffel zu schiessen. Ich reichte ihm zu diesem Zweck mein Karobiner; er meinte anfangs, er werde wol damit keinem Büffel viel schaden, nahm ihn jedoch und gieng in der Richtung, wo die Büffel in ihrem Laufe bald ankommen mussten und welche ihn auch gar nicht zu beobachten schienen, obschon er gerade aufrecht nicht mehr weit vor ihnen stand – ihre Gedanken waren wahrscheinlich mit den muthmaasslichen sie verfolgenden Geister eingenommen. Jetzt kamen die Vordersten in Mikes Nähe, dieser zielte und gab Feuer. Einer wandte sich um und lief, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, zurück, wobei Mr. Young ihm mit einem seiner Maulesel nachsetzen wollte, die Jagt jedoch augenblicklich aufgab,87 als er sah, dass der Büffel bei jedem Sprung wenigstens noch einmal so viel grund hinter sich liess als sein langsamer Maulesel. Die Übrigen vier rannten sofort den nahen Hügel hinan, wo ihnen der Angeschossene mit gebrochenen linken Schulterblatt zu folgen suchte, dabei aber nur schlechte Fortschritte machte und gar bald von mehreren berittenen Schützen eingefangen und gethödet wurde. Das Lager wurde heute nicht aufgebrochen, denn es vergieng geraume Zeit, befor das Büffelfleisch eingebracht wurde, von welchem auf jede Partie ein gutes Stück zugetheilt wurde. Anstatt nun aufzubrechen, beschloss [man], für den Tag zu bleiben, wo man war, und viele benuzten diese Rast, das Büffelfleisch in Riemen zu schneiden und an der Sonne ein wenig antrocknen zu lassen.88

Begegnung mit Pawnee-Indianern

Vor ich hier weiter fortfahre, habe ich eine Begegnung mit den Pawnee-Indianern zu erwähnen, welche mehrere Tage vorher stattfand und früher ihren Platz auf dem Papier hätte finden sollen. Ein paar Tage nach dem Abenteuer, welches Thomen und Peter mit der Büffelheerde hatten, waren unsere Leute soeben im Begriff, unser Vieh von der Weide zu holen, um Dieselben aufzujochen. Unser Wagen war der vorderste von dem rechten Halbkreis. Die Strasse führte gerade durch die Mitte unseres Wagenkreises, die Deichsel unseres Wagens reichte theilweise über Dieselbe hinüber. Ich war gerade eben beschäftigt, mein Karobiner zu laden, war vorn in unserm Wagen und dadurch ein paar Fuss über dem Grund erhaben, da sah ich in gerader Richtung zirca ½ Meile vor uns in und neben der Strasse eine dunkle Masse lebendiger Wesen, welche ich zuerst für eine Heerde Büffel hielt. Ich rief augenblicklich: «Büffel kommen!», wodurch Andere, von ihren Wagen aus schauend, auch derselben Ansicht waren. Obschon die dunkle Masse sich uns näherte, schien sie nicht in schnellem Laufe zu sein. Je mehr ich aber nach ihr ausschaute, desto weniger konnte ich einzelne Büffel unterscheiden, dagegen erkannte ich plötzlich verschiedene menschlichen Gestallten zu Fuss. Das waren Indianer – und laut erschallte mein Ruff: «Indianer in grosser Anzahl!» Der erste Ruf «Büffel!» hatte Alle froh aufgeregt, der Ruf «Indianer!» hatte eine ganz verschiedene Wirkung hervorgebracht. Alles wollte sie kommen sehen – und sie kamen. Nun gab es einiges fertig zu machen, um im Nothfall sich zu vertheidigen, und die ängstlichen Gesichter liessen deutlich erkennen, mit welchen Sorgen man die Ankunft so vieler feindlicher Indianer erwartete. Ich meinerseits hatte genug Zeit gehabt, um in beide Läufe meiner Doppelflinte schwere Ladungen Pulver mit je 16 Bockschroten zu laden, sie mit Zündhütchen zu versehen und mein schweizerisches Weidmesser an mein Leib zu schnallen.

Die Ersten waren ein Mann von nur mittlerer Grösse und mittlerm Alter mit zwei schlanken Jünglingen, sie wollten ohne Umstände mitten zwischen dem Wagenkreis über die Strasse hindurch. Ich hatte mich jedoch mit meiner Doppelflinte vor die Öffnung gestellt und machte mit meiner linken Hand eine Bewegung nach links, ihnen damit zu verstehen gebend, dass sie zur Linken des Wagenkreises vorbei müssten. Die Jünglinge leisteten sofort Folge, der Ältere resonierte einige für mich unverständlichen Worte, deutete auf die Strasse zwischen den Wagen und war, noch ehe ich es verhüten konnte, innerhalb des Kreises. Da aber die folgenden Indianer noch eine kleine strecke Weges zurück waren, folgte ich dem Alten, meine Flinte zum Schiessen fertig haltend, bis er hinten den Kreis wieder verlassen hatte.

Unsere Leute, so schien es mir, zeigten wenig muth, denn Anfangs hätte man beinahe glauben sollen, als ob es nur wenige Männer bei uns gäbe; vielleicht waren die Meisten mit dem Laden ihrer Gewehre noch nicht fertig. Der Erste, welcher mit seiner Büchse kam, war Ben Gordon. Ich war, um zu verhüten, dass die nachfolgende Masse der Indianer nicht wie der Erste in den Wagenkreis hineinkomme, schnell wieder neben unsern Wagen nach der vordern Öffnung zurück gekehrt, noch Zeitig genug, um das Eindringen zu verhüten. Thomen hatte sich auch da postirt. Wier hatten übrigens keine fernere Schwierigkeit, und die Indianer waren endlich Alle, die Wagen zu ihrer Linken lassend, an ihnen vorüber gegangen und hatten am hintern Ende aber Halt gemacht. Nur Wenige von ihnen waren mit Gewehren bewaffnet, fast Alle hatten Bogen und Pfeile mit eisernen Spitzen. Beinahe Alle waren zu Fusse, ihre Maulesel und Pferde hatten sie mit grossen Bündeln gedrockneten Büffelfleisch beladen, denn sie waren auf ihrem Rückweg von einem Jagtzuge. Hätten die Indianer wirklich feindliche Absichten gehabt und das Morden sogleich begonnen, fürchte ich, dass von unserer Seite nur schwache Gegenwehr geleistet worden wäre, da es mir vorkam, als ob mehr als nur Einer ein guter Theil von seiner Geistesgegenwart verloren hätte.

Ich war, nachdem die Indianer am hintern Ende sich versammelt hatten, den Thomen bei unserm Wagen lassend, ebenfalls nach hinten gegangen. Ben Gordon hatte gesehen, wie ein Indianer aus Hopys Wagen eine Weste im Busen seines Hemdes verschwinden liess, welches wier ihm sagten, dessen Wagen der hinterste vom rechten Halbzirkel war. Mit mehr Kühnheit, als ich dem Hopy zugedraut, griff er dem ihm von Ben bezeichneten Indianer zwischen dessen Hemdbusen und entriss diesem die Weste sogleich wieder, dann gab er demselben einen heftigen [Schub]89, welcher den Indianer beinahe taumeln machte. Es hatten sich allmälig mehr unserer Leute wolbewaffnet eingefunden, und unser Vieh war, noch während die Indianer da waren, an der vordern Öffnung zwischen die Wagen hingetrieben worden. Da wier aber noch immer nicht wussten, ob doch am Ende die Feindseligkeiten begonnen werden sollten, gab sich vorläufig Niemand mit Aufjochen der Ochsen ab, sondern [wir] warteten, die Waffen in der Hand, das Ende unserer Begegnung ab.

Unter uns war ein junger Mann, welchen man nur unter dem Namen John kannte; dieser Mann war imstande, etwas von der Pawnee-Sprache zu verstehen und sprechen. John erklärte ihnen, dass wier nicht wünschten, mit ihnen in Streit zu kommen, dass wier auch nicht hier bleiben, sondern weiterziehen wollten. Er drükte sich, wie er uns nachher sagte, über den Versuch, einiges uns stehlen zu wollen, unzufrieden aus. Die Indianer gaben nur kurze Antworten und redeten nur so halblaut unter sich. Die Zahl der Indianer muss die unserer Männer um das Vierfache überwogen haben und muss wenigstens 150 Köpfe gezählt haben. Endlich giengen sie, zur nicht geringen Erleichterung von uns Allen. Unsere Ochsen waren bald gejocht und an die Wagen gespannt, und man setzte den Weg fort, froh, dass es zu keinem Massaker gekommen war. Aber hatte man anfangs geglaubt, sie hätten uns auch gar nichts gestohlen, so fand man doch bald, dass auf unbegreiffliche Art zwei Pferdenzäume abhanden gekommen waren.

Neue Hochzeitsvorbereitungen

Auf dieser Seite des Platt spielte sich noch einmal eine Hochzeit ab – oder sollte sich abspielen –, wovon unser Zins wieder die Hauptrolle spielte. Es war in der Gesellschaft eine magere Witwe mit zwei Kindern. Sie war die Eigenthümerin eines kleinen, von einem Joch leichten Ochsen gezogenen Wagens, welcher zu Anfang der Reise von einem Mann, welcher nahe an 40 Jahre alt sein mochte, getrieben wurde und welchen wier als Gatten der Frau betrachteten. Die Wachthuenden jungen Leute hatten oft, wenn die meisten andern Personen im ersten Schlummer lagen, aus dem Wagen der Witwe90 ein eigenthümliches Geräusch bemerkt, welches sie einander mittheilten und sich dann leise an den Wagen schlichen. Der Mann, welchen wier als der Gatte der Frau hielten, hatte sich eines Abends ganz und gar aus unserer Gesellschaft entfernt, und nur einige wollten die Ursache, warum er dieses gethan, genau kennen. Er soll sich zu einigen seiner Vertrauten ausgesprochen haben, dass er es bei dieser Persohn nicht mehr länger aushalten könne, [dass,] wenn er den Tag hindurch das Fuhrwerck getrieben habe und dabei grösstentheils gelauffen sei, er des Nachts doch auch gern einige Ruhe haben möchte. Diese werde ihm nur sellten zutheil, und daher habe er sich entschlossen, nicht nur die Wittwe, sondern, um fernerer Veranlassung zu entgehen, auch die Gesellschaft zu verlassen.

Diese Frau musste daher ihr Fuhrwerck selbst treiben. Da es aber als Hart für eine Frau angesehen wurde, gab dieses zu Allerlei Rathschlägen Anlass. Da wier unserer fünf jungen Männer zu einem Wagen waren, hörten wier oft von Amerikanern, dass wier oder doch einer von uns sich der Frau annehmen sollte, bei welcher Gelegenheit wier mit der Gegenfrage antworteten, dass es unter etwelchen Familien der Gesellschaft genug junge Männer gebe, warum denn nicht einer von diesen Dasselbe für die Wittwe thue, wozu man uns zu bewegen suche. Man fühlte allgemein, dass es nicht Recht sei, die Wittwe sich selbst zu überlassen, allein da es ebenfalls bekannt war, dass der Charakter der Persohn sehr zweideutiger Natur sei, war [keiner] geneigt, seiner eigenen Reputation zu schaden, welches, wenn er sich ihrer annähme, folgen würde. Die Wittwe schien aber ihr Augenmerk hauptsächlich auf uns five german boys gerichtet zu haben, denn ich hörte sie einst ganz in meiner Nähe laut die Worte – fast wie zu sich selbst – sprechen: «Ich sollte denken, da Ihr doch euer Fünf zu einem Wagen seid, dass Einer von Euch entpehrt werden und dafür mir, einer hülfelosen, verlassenen Frau, helfen würde.» Natürlich that ich, als ob ich kein Wort von Allem gehört hätte. Den Kameraden erzählte ich aber, was ich vernommen, und es mag vielleicht sein, dass Zins heimlich Lust verspürte, sich ihrer anzunehmen, und behufs dessen mit ihr gesprochen hatte.

Wie früher mit der Lucinda, so kam eines Abends für uns ganz unerwartet der grössere Theil der Gesellschaft an unser Wagen heran, welches wenigstens Vieren von uns nicht wenig auffiel. Auf meine Frage, was denn bei uns Sonderbares zu finden sei, dass sich so Viele hierher begäben, erhielt ich zur Anwort, man wolle der Hochzeit beiwohnen. «Was, einer Hochzeit beiwohnen? Soll denn schon wieder Einer von uns heirathen?» Die Antwort war Ja – einer von uns heurathe die Wittwe, Ben Gordon werde die Brautleute copulieren. Und richtig, da erschien der unvermeidliche Benjamin und die Wittwe in ihren Sonntagskleidern ebenfalls. Wie das Erstemal, so richteten wier jetzt wieder die Frage unter uns Aneinander, welcher denn der Wittwe versprochen habe, sie zu heurathen, wovon aber Keiner etwas wissen wollte. Endlich wurde die Wittwe selbst gefragt, welcher ihr versprochen habe, sie zu heurathen. Sie zeigte sogleich auf Zins, dieser sei der Mann! Zins wollte anfangs nicht recht eingestehen, dass er der Wittwe ein solches Versprechen gegeben habe, allein diese bestand auf ihrer Aussage, und man glaubte der Frau nur zu sehr, weil Zins ja bereits früher ein änliches Heirathsabentheuer veranlasst hatte. Ben Gordon war fertig, die Kopulation zu vollziehen, allein dazu war Zins jetzt wieder nicht. Zins wurde nun gefragt, was er denn eigentlich mit seinen heuraths Geschichten bezwecken wolle, worauf er in sehr schlechtem Deutschenglisch antwortete: «You see, I ish a poor feller, when me gets to California, me gets only one ox, then, when I got no more money, I yokes my wife under the other end of the yoke.» Auf diese famose Erklärung folgte ein allgemeines lautes Gelächter, wobei Zins mitlachte. Ein anständiges Frauenzimmer würde über eine solche Erklärung empört worden sein und sich sehr geschämt haben, bei der Wittwe schienen derartige Gefühle keinen Platz gefunden zu haben. Anstatt dessen sagte sie, sobald das laute Lachen vorüber war: «Never mind, laugh as much as you please, so I only get a husband!»

Wäre die Frau eine respektable Person gewesen, möchte Zins dieses Mal doch ausgefunden haben, dass man selbst in der Wildniss nicht so ganz ungestraft die Frauen zum Narren halten dürfe. Ben Gordon, welcher schon zweimal zum Copulieren gerufen worden und sich wol selbst als zum Narren gehalten betrachten mochte, und mit ihm noch Andere fingen jetzt an, auf Zins hin ein wenig Spass zu machen. Und Zins, der mit seinem Kauderwelschenglisch keine entsprechende Erwiderung zu geben vermochte, wurde, da man über die vielen gesalzenen spöttischen Bemerkungen auf ihn allgemein herzlich lachte (und wobei wier, seine eigenen Kameraden, sogar recht mitlachten), plötzlich überaus roth vor Zorn, stand auf und entfernte sich, dabei bemerkend: «Die treiben es zu toll.» Wier Übrigen gönnten ihm sein Ärger, denn wier waren um seinetwillen ein paar Mal in Verlegenheit gerathen, weil er sich so gescheite Spässe erlaubte. Wier waren unter uns einig, dass derartige Spässe aufhören müssten.

Am Süd-Platte

Ich komme wieder zu dem Lager, wo wier den Büffel geschossen. – Am nächsten Tag brachen wier auf und setzten unser Weg dem linken Ufer des südlichen Arms des Blatt hinauf [fort], wo wier die Strasse eben und vortrefflich fanden. Wier machten Mittag wie gewöhnlich, um kurze Rast zu halten, Halt, dann gieng es wieder vorwärts. Ripstein machte mir den Vorschlag, wier (er und ich) wollten, währenddem die Wagen dem Fluss entlang aufwärts fuhren, über den Rücken einer langen Hügelkette (welche östlich an das Thal grenzte) laufen, dabei können wier vielleicht einen Büffel schiessen. Auf meine Bemerkung, dass ich es mit ihm im Laufen nicht aufnehmen könnte, weil ich durch das Hügel auf und ab Laufen leicht ermüdet werde, was bei ihm nie der Fall zu sein scheine, antwortete er, dass wier ja den Wagenzug zu Jederzeit unter uns sehen, daher wier ja auch bald bei diesen sein könnten, wenn wier oben keine Büffel oder anderes Wild fänden oder wenn es uns nicht mehr gefalle.

Von dieser Hügelkette zweigten sich kleine Ausläufer gegen das Thal ab und bildeten eine Anzahl kleiner Thälchen, in deren Tiefen man oft schönes, grünes Gras finden konnte, wenn Dasselbe oben auf den Hügeln beinahe drocken und gebräunt schien. In der Hoffnung, wier könnten einigen Büffeln begegnen, nahm ich anstatt meiner Doppelflinte mein Karobiner mit. Ausser diesem hatte ich keine Schusswaffe bei mir und nur ein kurzes, dabei stumpfes Messer im Gürtel. Wie ich früher schon bemerkte, hatte diese Büchse den Fehler, dass sie oft nicht abfeuern wollte, weil die Öffnung im Bistum sich mit Staub so verstopfte, dass das Feuer des Zündhütchens die Ladung nicht zu treffen vermochte. Aber der letzte Büffel war doch damit so verwundet worden, dass man ihn leicht einholen konnte, die Büchse war somit gut geeignet, um Büffel damit zu schiessen. Dass [sie], wenn ich es am nöthigsten haben würde, nicht losgehen könnte, daran dachte ich leider nicht.

Wier hatten bald den mit kurzem, halb verdrocknetem Buffalogras bewachsenen Hügelrücken unter unsern Füssen und liefen eine Zeitlang über denselben in gleicher Richtung wie unsere Wagen unten im Thale. Von frischen Buffalospuren war nichts zu entdecken, wiewohl wier einmal etliche auf einem entfernten Hügel zu sehen meinten, hatten uns aber nicht wenig getäuscht, als die vermeintlichen Büffel aufflogen und sich als eine Anzahl brauner Aasgeier erwiesen hatten. Auf dem kurzen, halbglänzenden Büffelgras wurden die Sohlen unserer Stiefel ganz glatt, wie halbpoliert, so dass ich öfter im gehen darauf schlipfte, wodurch ich mich bald ermüdete. Wier waren jetzt an einer der höchsten Stelle des Hügelrücken angekommen, von wo aus wier eine gute Fernsicht genossen, aber wohin wier auch blicken mochten, war nirgends ein Wildbrett zu entdecken. Ich machte den Vorschlag, wier wollen uns gegen unsere Wagen wenden, welche wier gut sehen konnten, allein davon wollte Ripstein nichts wissen. «Lass uns noch einige Meilen weiter hier oben laufen, vielleicht finden wier doch am Ende noch Etwas», war seine Antwort, allein ich fühlte wirklich zu sehr ermüdet, um seinem Rath zu folgen. Den Ripstein seines Weges gehen lassend, welcher ein wenig nach Osten von dem Rücken hinweg schritt, gieng ich der westlichen Abdachung des Hügels zu, wodurch der Hügelrücken uns bald derart voneinander trennte, dass wier voneinander weder etwas sehen noch hören konnten.

Ich hatte bald eine Stelle erreicht, wo ein plötzlicher Abfall von 60–80 Fuss am Hügel vorkam, wie man ähnliche Abfälle anderwärts über die Ebenen91 sehr häufig findet. Der Grund schien da wie auf Einmal abgeschnitten und bildete eine senkrechte Wand. Ich blieb, als ich am Rande dieser Schlucht hinunter gieng, öfters stehen, um in den Abgrund hinunter zu schauen. Oben war es sonnig und drocken, Unten war tiefer Schaten, und es sah feucht aus.92 Dem Rande dieser Schlucht entlang gehend, war ich beinahe ganz in das kleine Thälchen zwischen den zwei vom Haupthügel gegen das Blattthal auslaufenden, hochen Hügelrücken hinunter gelangt und hatte dabei Jedesmal, wenn ich in die Schlucht schaute, den Gedanken, dass dieses ein prächtiger Platz zum Verstecken für Wölfe sein müsste.

Selltsamerweise waren meine Gedanken zu sehr mit dem Abgrund beschäftigt, als dass ich mich sonst gehörig umsah. Plötzlich sprang einer der grossen, schwarzschwänzigen Hasen keine 25 Schritte vor mir auf, hielt wieder still und half sich eifrig von dem saftig-grünen Grase, setzte sich zur Abwechslung auf seine hintern Füsse, wobei er seine abgebissenen Gräser kaute, und dieses oft wiederholte. Ich dachte bei mir: «Habe ich keine Büffel geschossen, so schiesse ich jetzt doch einen Hasen, was immerhin besser ist als gar nichts.» Ich zielte jetzt mit dem Karobiner auf den Hasen, drückte los, aber der Schuss war nicht losgegangen. Mit einer Stecknadel, von welchen ich immer zu diesem Zweck einige in meiner Weste stecken hatte, suchte ich Luft im Bistum zu machen. Der Hase war auch trotz dem Knall, welchen das Abbrennen des Kapsel gemacht hatte, kaum ein paar Schritte weiter gehüpft und [hatte] sich dann wie vorher an dem Grase gütlich gethan. Wieder knallte das neu aufgesetzte Kapsel, ohne den Schuss zu entzünden, aber der Hase war desshalben nur wenig erschrocken und wäre noch immer in naher Schussweite gewesen. Ich bemühte mich jetzt, nachdem ich mit der Stecknadel ein wenig Luft gemacht hatte, ein wenig Pulver in die Öffnung des Pistums hinein zu reiben, da sah ich, wie der Hase auf einmal unruhig wurde, sich ein paar Mal auf seine hintern Füsse setzte und sich aufrichtete, dann einige Mal vorwärts hüpfte und endlich schleunig die Stelle verliess.

Furchtlose Wölfe

Das Abbrennen der zwei oder drei Kapsel gegen den Hasen war an dem stillen Ort laut Vernehmbar. Als ich wieder Pulver in das Pistum und ein frisches Kapsel darauf gethan hatte, meinte ich, etwas zu meiner linken Seite sich bewegen zu sehen. Ich wandte jetzt meine Augen nach der Richtung und erblickte dort zwei Wölfe, welche ich anfänglich für Prairie-Wölfe hielt, doch kamen sie mir als solche etwas gross vor. Die Wölfe mochten etliche 40, vielleicht 50 Yards von mir entfernt sein, standen still und blinzelten zu mir herüber. Ich hielt diese Diestanz als nahe genug, um, wenn die Büchse losgienge, einem von ihnen das Lebenslicht auszublasen, zielte gemüthlich auf den einen und drückte los, aber wieder ohne Resultat. Noch Einmal probierte ich Alles, um Pulver in das Pistum hinein zu bringen und dasselbe mit einem frischen Zündhütchen zu versehen, zielte und drückte wieder ab, ohne bessern Erfolg. Jetzt geselten sich noch zwei Wölfe wie die erstern zu diesen, nur kamen sie mir etwas grösser und wolliger vor. Ich versah mein Karobiner zwar wieder mit einem Kapsel, ohne jedoch zu glauben, dass ich damit den Schuss abfeuren könne. Die Wölfe waren um einige Schritte mir näher gekommen, mich fortwährend anblinzelnd und ihre langen, spizigen Ohren sonderbar bewegend. Ich hob einige der herum ligenden, beinahe Faustgrossen Steine vom Grunde auf und schmiess mit diesen nach ihnen. Die Steine waren nahe bei ihnen auf den Grund gefallen, und beim Abprallen war einer der Wölfe fast getroffen [worden], wäre dieser nicht geschikt und schnell ausgewichen. Nach drei- oder vier-Maligem Schmeissen gab ich diesen Versuch auf, da ich gewahrte, dass die Wölfe Jedesmal sich mir ein wenig mehr näherten.

Meine Lage gefiel mir nicht, es gab da absolut keine Stelle, wo ich hätte Schuz gegen die Wölfe finden können, weder Fels noch Baum, und jetzt gesellten sich gar noch zwei Wölfe – entschieden grosse, graue, zottige Burschen – zu den Übrigen, es waren wahrscheinlich die Herren Papas der Andern. Ich gestehe, dass ich viel lieber an einem ganz andern Orte hätte sein mögen als da, wo ich war. Ich meinte, es giengen mehrere Mal leichte Frostschauer durch mich, und wenn meine Haare nicht aufrecht gestanden sind, war sicher nur der Strohhut daran schuld, weil er sie nieder hielt, aber eine art kalten Kribelns auf meinem Kopfe meinte ich doch zu empfinden. Ich bog mich zum Grunde nieder und füllte meine Taschen mit den nahen herumligenden Kieselsteinen, dann sprang ich plötzlich in die Höhe, um sie zu erschrecken, und schrie so laut und tief, als ob ich ein riesiger Bär wäre, der sie alle auf Einmal auffressen könnte. Aber ich gewahrte nur zu bald, dass mein Lärmen, Schreien und Gestickulieren keine andere Wirkung hervorbrachte, als dass sie einige kleine Schritte mir näher kamen.

Ich begriff nun vollkommen, dass es besser für mich sei, wenn ich mich von diesem Platze entferne. Ich fürchtete aber, dass, sobald sie sehen würden, dass ich mich entfernen wolle, sie über mich herfallen würden, allein es musste einmal risgiert werden. Ich gieng jetzt langsam der Stelle zu, wo der Hase vorher sich davon gemacht hatte, liess aber meine Blicke währenddessen immer über die Wölfe schweifen und war entschlossen, im Fall sie sich mir nähern wollten, sie zuerst mit den mitgenommenen Steinen zu begrüssen und im äussersten Fall meinen Karobiner als Knüttel zu gebrauchen. Oh, wie hätte ich da gewünscht, dass ich anstatt des verwünschten Karobiners meine Doppelflinte bei mir hätte! Denn ich glaube, wenn ich eine oder zwei dieser Pestien niedergestrekt hätte, würden die Übrigen bald genug das Weite gesucht haben. Allein so war ich ganz Machtlos, ihnen auch nur das geringste Leid anzuthun, ja ich musste jeden Augenblick gewärtigen, von ihnen angefallen und zerrissen zu werden.

Mit einiger Befriedigung bemerkte ich bald, dass diese Pestien mir nicht zu folgen versuchten. Ich fing an, den andern Hügel hinauf zu gehen und sah, dass die Wölfe an der Anhöhe hinauf giengen, von welcher ich kurz vorher herunter gekommen war, und sie waren an demselben nicht schneller hinauf gegangen als ich an diesem. Ich machte noch einmal Halt, schrie und pfiff, so laut ich konnte, an den Fingern, sprang in die Höhe, kurz, ich versuchte sie zu erschrecken. Aber das Resultat war, dass sie Miene machten, als ob sie zurück kommen wollten, wodurch ich mich vollkommen überzeugte, dass ich ihnen nicht im Geringsten Furcht eingeflösst hatte. Sie wussten sich zu sicher mir gegenüber, und sie gaben es mir deutlich zu verstehen. Man spricht vom Instinkt des Thieres und beim Menschen vom Verstand, ich fürchte aber, dass der wölfische Instinkt den s.g. Verstand vieler Menschen weit übertrifft. Mit ihrem Instinkt scheinen die Wölfe die Fähigkeit zu besitzen, um über irgend eine Sache zu reflektieren, zu berechnen – bei welchem viele sogenannten Verstandsmenschen es ihnen vielleicht nicht nachthun könnten.

Bei dem Hügelaufsteigen kam ich halbwegs oben an einer Stelle vorüber, wo das Gras niedergetretten und niedergerollt war. Da lagen auch zerstreut die Frisch benagten Knochen eines Prairie-Wolfes, den sie wahrscheinlich zusammen gefressen hatten. Ich hatte die hier speisende Gesellschaft, gerade als sie mit ihrem Diner fertig waren, mit dem Abschiessen der Kapsel nach dem Hasen neugierig gemacht. Sie waren wahrscheinlich zimmlich satt, wollten aber doch sehen, was denn die Ursache sei, was da drunten in der Tiefe einen so unbekannten Laut von sich gab. Wären die Thiere hungrig gewesen anstatt, wie es schien, nicht, so hätte mein Abentheuer mit ihnen einen lange nicht so günstigen Verlauf nehmen mögen.

Als ich oben auf dem Hügel angelangt war, waren die Wölfe oben auf dem Andern angekommen. Sie schienen mich während ihrem Aufsteigen fortwährend beobachtet zu haben. Um noch einmal zu sehen, welche Wirkung es bei ihnen machen würde, pfiff ich ein paar Mal recht laut an meinen Fingern und sprang einige Schritte den Hügel hinab, als ob ich nach ihnen kommen wollte. Dieses wirkte, dass einige sich absetzten, ein paar Andere sich wirklich umwandten und ebenfalls gegen mich zurück zu kommen schienen. Dieses war mir genügend, es bedurfte mir keinen weitern Beweis mehr; ich wusste jetzt, dass diese Burschen nicht die geringste Furcht vor mir gehabt hatten, und ich war wirklich froh, dass ich, ohne den geringsten Schaden erlitten [zu haben], davon kam.

Am nächsten Tag fuhren wier noch immer am Linken Ufer des Südblatt hinauf. Auf dem gegenüber ligenden Ufer sahen wier ebenfalls eine Gesellschaft Emigranten aufwärts ziehen, auf deren vordersten Wagen eine amerikanische Fahne von einer langen Stange wehte. Von den Leuten jener Gesellschaft waren mehrere mit Pferden versehen, aber Niemand ritt voraus. Ein Vorsprung des hohen Ufers schien ihnen die Aussicht nach vorn zu hemmen, dieses war vermutlich die Ursache, dass sie eine Heerde Büffel erst dann gewahrten, als der vorderste Wagen auf dem Landvorsprung angekommen war. Die Büffel schienen ebenfalls nicht das Geringste zu verspüren, dass Jemand in ihrer unmittelbaren Nähe sei, sie grasten ruhig weiter. Bald waren fünf Reiter fertig, und im vollen Gallop sprengten sie zwischen die erschrekte Büffelheerde hinein, welche ihrerseits zwischen die Hügel hinein zu entkommen suchten. Schon waren sowol Büffel sowie ihre Verfolger in den Hügeln verschwunden, und wier glaubten bereits, dass ihnen die Jagt missglückt sei, da erschien plötzlich hinter einem der Hügel hervor einer der Büffel im vollsten Laufe, welcher gerade auf die vordersten der Wagen zurannte, gefolgt von mehrern Reitern. Ganz nahe vor den Ochsen des vordersten Wagens vorüber rennend, sprang er ohne zögern in den Blatt und verschwand für ein Augenblick unter dem Wasser, das dort tief war, kam aber sofort wieder an die Oberfläche und hatte bald eine seichte Stelle gefunden, nicht weit vom Ufer, wo er ganz ruhig stehen blieb. Eilf Schüsse wurden auf ihn abgeschossen, vor er fiel, da peitschte er das Wasser kurze Zeit, das ordentlich schäumte. Die Gesellschaft machte natürlich auch Halt, es war aber für die doch ein wenig Unbequäm, den grossen Burschen draussen im Wasser des Flusses zu enthäuten und zu verschneiden.

Dicht an der Stelle, wo wier den Südblatt verlassen wollten, wurde unser Lager aufgeschlagen. Am nächsten Tag wollten wier hinüber an den Nordarm des Blattfluss, an dessen Ufern wier unsere Route noch hunderte von Meilen fortzusetzen hatten. An dieser Stelle trennte sich eine Abtheilung von fünf Wagen, einem Mr. Young und dessen zwei Schwiegersöhnen gehörend, von unserer Gesellschaft ab; warum sie sich von uns trennten, ist mir niemals recht klar geworden.93

Zum Nord-Platte. Ash Hollow. Trennung von der Dickenson-Gesellschaft

Am nächsten Tag verliessen wier den Südblatt. Die Strasse führte eine Anhöhe hinauf, von deren höchstem Punkte wier dem Südblattthal Adieu sagten. Vor uns zu unsern Füssen lag ein tiefes, enges Thälchen, allgemein als Ash Hollow94 bekannt, durch welches unsere Straasse zu den Ufern des Nordblatt führte. Von der Anhöhe war die Strasse sehr steil dahinunter, unten angelangt hatte man keine besondere Hinternisse. Hier sollen einst eine grosse Anzahl Sioux-Indianer von Oberst Harney mit einer Abtheilung V. St.95 Dragoner eine schwere Schlape erlitten haben, indem sie ganz und gar unvorbereitet überfallen wurden. Dieses enge Thal soll von den Büffelheerden oft aufgesucht werden, wahrscheinlich weil es im Sommer hier Wasser und Gras gibt und im Winter die eisigen Nordwestwinde in der Thaltiefe nicht stark empfunden werden. Man kann wol an keinem andern Platz so viele Knochenüberreste als hier von Büffel etc. finden. Hier im Thale war auch einiger Wald, welches für die Blattfluss-Gegenden eine Seltenheit ist. Man ist genöthigt, da das Holz so sellten ist, sich des drockenen Büffeldüngers als Feuermaterial zu bedienen, welcher übrigens ein recht gutes Feuer gibt.96 Am Abend hatten wier das rechte Ufer des Nordblatt erreicht. Als Feuermaterial schlepten wier aus den verklüfteten Hügeln einige verdorten Cedern-Bäumchen.

An diesem Abend hielt unsere Seite des Wagenkreises eine Versammlung. Man wolle vor uns den Vortheil haben, und dieser Vortheil wäre nach Mr. Hopy, dass der linke Wagenkreis, wo die Wagen Captain Dikisen, der Gordons, Diky und anderer waren, allabendlich die nähere Flussseite einzunehmen gedächten, und derartiges Zeug. Dikisens Seite wäre auf der Nordseite des Südblatt näher am Flussufer gewesen; muthe man uns zu, die bis dahin innegehabte rechte Seite mit der andern vertauschen zu sollen, so sei dieses eine Anmassung, welche wier uns nicht sollten gefallen lassen. Hopy war der Ansicht, das Beste wäre, wenn wier uns von ihnen trennten und selbst unter uns einen Captain wählten und dass wier versuchten, am Morgen recht früh aufzustehen, um den andern Vorzukommen. Obwohl die Dikisen, Gordon etc. sich zimmlich viel einzubilden schienen, war mir sonst doch nicht bekannt, dass wier gründliche Ursache gehabt hätten, um uns desshalben von ihnen zu trennen. Unser Wagen befand sich aber einmal auf der rechten Seite, und ohne viel darüber nachzufragen, ob die angegebenen Gründe sich auf Wahrheit stützten, hatten wier Fünfe nichts dagegen, mitzugehen, wenn unsere ganze Seite es so wünsche. Da die ganze Seite damit einverstanden zu sein schien, wählten wier auch sogleich einen neuen Captain und übertrugen dieses Amt dem Mr. Hopy. Mr. Hopy war von Geburt aus dem Staate Virginia, von deutscher Abkunft und konnte die deutsche Sprache auch noch ganz gut sprechen; in allem Übrigen war er vollkommener Amerikaner. Es war zimmlich gut mit ihm auszukommen.

Unsere Verhandlungen waren dem linken Kreise kein Geheimniss geblieben. Um uns zu zeigen, dass sie auch frühe aufstehen konnten, hatten sie uns überflügelt, so dass ihr Theil der Gesellschaft den Lagerplatz verlassen hatte, noch ehe wier dazu vollkommen fertig waren.97 Mittags machten wier von unsern frühern Kniffen Gebrauch: Als sie Mittag machen wollten, passierten wier an ihnen vorüber. Allein wier bezogen am Abend zuerst einen Lagerplatz, und unsere Rivalen zogen eine kleine strecke Weges an uns vorüber, befor sie zum Lagern anhielten. Als wier am nächsten Morgen von unserm Lager wegzogen, thaten sie Dasselbe gleichzeitig und blieben uns daher wieder bis Mittag vor; aber da sie wieder Mittagrast machten, passierten wier sie wie Tags vorher. «Heute Abend sollen sie uns nicht wieder Vorkommen», war jetzt der allgemeine Entschluss, «wier werden bis in die Nacht hinein fahren, wenn es sein muss. Erst dann wollen wier lagern, wenn wier sehen, dass die Andern dasselbe gethan haben.» Wier hatten den ganzen Tag zimmlich scharf getrieben, so dass wier unsern Rivalen nahezu um zwei Meilen voraus waren. Wier sahen, dass sie uns am Abend wieder überholen wollten, allein wier lagerten nicht eher, als bis wier sie das Lager beziehen sahen, dann thaten wier dasselbe, denn an den Ufern des Blatt konnte man beinahe Überall günstige Lagerplätze finden.

Am nächsten Tage waren beide Parteien frühe Marschfertig, aber sie konnten uns nicht mehr einholen, im Gegentheil, wier vergrösserten die Distanz zwischen uns. Und da sie auch die nächstfolgenden Tage einsehen mussten, dass wier allen Ernstes vorzubleiben beabsichtigten, schienen sie die Idee, uns zu überholen, ganz aufgegeben zu haben.

Entlang dem Nord-Platte. Chimney Rock, Scott’s Bluff

Die Bluffs, wie die plötzlich vom Thale sich erhebenden Hügel oder Abfälle des Hochlandes gegen das Flussthal heissen, haben hier oft die teuschensten Änlichkeiten mit verfallenen Fortifikationen, Burgruinen, alten Schlösser und Paläste.98 Es war, wenn ich mich recht erinnere, an unserm vierten Tagesmarsch durch dieses Thal, als wier Nachmittags an dem sogenannten Chimney Rock (Kamin-Felsen), diesen vielleicht eine viertel Meile zu unserer Linken lassend, vorüberzogen.99 Dieser Fels schien von dem Hochland abgeschnitten und muss mit dem hinter ihm ligenden Hochland einst verbunden gewesen sein. Ich fand nicht Zeit, ihn selbst zu besuchen; von Denjenigen, welche bei ihm waren, habe ich erfahren, dass seine Steinart gräulich und weich sei, so dass man sie mit einem Messer leicht schneiden könne. Er sah viel einem riesigen Heuschober oder auch einem ganz kleinen Vulkan ähnlich, auf dessen Spitzen man einen dicken Kamin, wol zehn bis fünfzehn Fuss hoch, aufzubauen begonnen, dann plötzlich unvollendet so bleiben liess. Wenn die Abbildungen, welche ich davon gesehen habe, naturgetreu waren, so müsste der Theil seines Kamins früher bedeutend höcher gewesen sein, als er mir vorkam, welches aber leicht möglich ist, da starker Frost, Regen, Luft und Sonne auf das weiche Gestein stark einwirken und ihn mit jedem Jahre um einige Zoll verkleinern müssen.

«Approaching Chimney Rock» von William Henry Jackson, 1931. Emigranten-Gesellschaften beenden ihre Tagesetappe und lagern in der Nähe des Chimney Rock.

William Henry Jackson (1843–1943) stützte sich in seinen Gemälden auf die Erfahrungen, die er als junger Mann in den Jahren 1866/67 auf dem Oregon und California Trail gesammelt hatte. Obwohl er nichts über Zugtiere und Warentransporte wusste, heuerte er als Fahrer eines Frachtwagens an und lernte auf der Reise nach Montana, mit Jochochsen und Wagen umzugehen. Diesen Erlebnissen ist es zweifellos zu verdanken, dass auf Jacksons Bildern im Gegensatz zu denjenigen anderer Maler keine Pferde-, sondern – weitgehend der Realität entsprechend – Ochsengespanne zu sehen sind. Nach Jacksons an schlies sender langer und erfolgreicher Karriere als Fotograf wandte er sich wieder der Malerei zu, kehrte an viele Plätze der von ihm dargestellten Landschaften den Trail entlang zurück und befragte für Szenen der frühen Jahre, die er nicht aus persönlicher Erfahrung kannte, noch lebende Zeitzeugen.

Der Himmel hatte sich allmälig grau überzogen und sah nach Regen aus; wier hatten, seid wier das jetztige Kansas verlassen hatten, sehr sellten Regen gehabt. Unsere Strasse führte uns von dem Flussufer ab, da ein Theil der felsigen Hügel sich bis dicht an das Flussufer gedrängt [hatte], dadurch das bis dahin breite und flache Stück Thalland am Rechten Ufer des Nordblatt plötzlich unterbrechend.100 Dieser vorgeschobene Felsenhügel öffnete zwischen sich und den weiter zurück gelegenen, sonderbar gestallteten, Kastelartigen, hoch empor ragenden Felsenwänden eine Art Thalgrund, wo eine Quelle guten Wassers hervorsprudelte und einiges Gras zu finden war, wo wier uns lagerten, indem wier nicht wussten, wie weit es zu einem guten Lagerplatz sein möchte.

Am nächsten Morgen fiel ein feiner, staubartiger Regen, dabei war es oft ein wenig neblig. Da wier die letzte Zeit unser Vieh etwas stark gebraucht hatten, beschlossen wier, es hier einen Tag ausruhen zu lassen. Diese Zeit wurde benutzt theils mit repariren der Kleider oder zu verschiedenen andern Dingen. Ich meinerseits war beschäftigt, ein grosses Pulverhorn herzurichten aus einem Horn, welches ich in der Ash Hollow gefunden und bis hieher mitgenommen hatte, und meine Arbeit gelang mir vortrefflich. Dieses Pulverhorn hatte ich behalten, bis ich California spähter verlassen hatte. Ich hatte damals, als die vielen Pawnees gegen unser Lager kamen, schnell meine neue, in St. Louis gekaufte Kupferpulverflasche gefüllt und umgehängt und [sie], als die Indianer nachher von uns weggezogen waren, an einem der Bögen über den Wagen gebunden. Die Schnur muss durch das Hin- und herrütteln der Flasche sich zerschnitten haben, und die Flasche sammt dem Pulver gieng mir dadurch verloren. Nebst diesem und dem erwähnten Verluste meines grossen, scharfen Messers im Blatt an unserm ersten Lagerplatz an demselben hatte ich schon am zweiten oder dritten Tag, nachdem wier die Indian Creek verlassen hatten, das Futteral oder Scheide von meinem Waidmesser verloren, dadurch wurde mir das Tragen Desselben recht Unbequäm.

Seid wier den Südblatt verlassen, hatten wier noch einmal bis dahin Gelegenheit gehabt, Büffel zu treffen. Es war bekannt, dass nur ungefähr eine halbe Meile vom Fluss zurück eine Heerde dieses wilden Viehes weide; sogleich waren Einige von uns bereit, ihnen einen Besuch abzustatten. Wier schritten, auf dem Hochlande angekommen, dem bezeichneten Hügel zu und fanden am Wege dahin ein liegenden Antilopen, welcher sich durch unser herannahen gar nicht besonders genierte, so dass man ihn leicht hätte schiessen können, welches wier aber unterliessen, weil wier durch den Schall der Schüsse die Büffelheerde zu erschrecken fürchteten. Wier schliechen uns leise den Abhang des Hügels hinauf und schauten auf der andern Seite in eine Ebene hinab, wo wol fünfzig bis sechzig Büffel, kleine sowie grosse, versammelt waren, die einten ruhig auf dem Grund ligend und wiederkauend, die andern grasend. Zu unserm Leidwesen fanden wier, dass es für uns nicht möglich war, an sie heran zu schleichen, ohne von ihnen dabei entdekt zu werden; zudem blies die Luft von uns gegen sie hin, wodurch sie ohnehin bald erschrekt fliehen würden. Wier schauten ihnen eine Zeitlang zu, einige schienen bereits Wind von uns zu riechen, denn sie zeigten Unruhe. Als wier uns aber gar aufrichteten, da war sogleich die ganze Heerde auf den Füssen und war bald zwischen den Hügeln hindurch unsern Blicken entschwunden; nur der aufwirbelnde Staub liess noch erkennen, wohin sich die Heerde wandte.

An unserm Rasttage kam ein kleiner Wagenzug an unserm Lager vorüber, es waren die Dickinson-Leute,101 [sie] schienen aber nicht besonders freundlich gegen uns. Als wier am nächsten Tage unser letztes Lager schon weit hinter uns hatten, begegneten wier einem einzelnen Reiter, er ritt nach der Richtung, von wo wier gekommen waren. Der Mann verrichtete einen Auftrag an uns von den uns voran fahrenden Kameraden, nämlich, sie wären uns jetzt voraus und sie beabsichtigten, es auch zu bleiben. An diesem Tage fanden wier zwei riesigen weissen Wölfe an der Strasse, tod, welche von den uns voran gezogenen Emigranten geschossen worden sein mussten. Es waren die ersten Exemplare von dieser art Wölfe, welche ich so nahe zu sehen bekam. Viele sollen behaupten, dass dieses und die grossen grauen Wölfe ganz dieselbe art seien, denn man habe noch keine weissen Jungen gesehen, nur durch höheres Alter würden sie weiss. Darüber lässt sich nicht gut streiten, doch kann man, soviel ich weiss, sellten oder nie die grossen grauen Wölfe mit den Weissen in Gesellschaft zusammen finden, sondern Weisse mit Weissen und dasselbe mit den Grauen. Die zwei getödeten weissen Wölfe, obschon so gross oder grösser als die grossen Grauen, hatten beide ausnehmend scharfe und lange, helle Zähne, welches kein Zeichen zu sein schien, dass sie Alt sein müssten. Die Zähne alter Thiere werden immer braun, stumpf und schadhaft, was bei diesen durchaus nicht der Fall war.

Fort Laramie. Begegnung mit den Clyman-Leuten

Als wier uns dem Fort Laramie näherten, fanden wier in dem flachen Lande neben dem Blatt endlich wieder einiges Holz, jedoch meistens Weiden und Baumwollen-Papeln (Cotton), immerhin genug, um kochen zu können. Heute war ich unser Fuhrmann, dieses war eine Beschäftigung, welche ich nicht ungern verrichtete, wenn die Strassen nicht gar zu schlecht waren. Heute mussten wier aber durch die klaaren, schnellen und kühlen Gewässer der Laramie-Gabel des Mittelblatt. Das Wasser war tief und reichte beinahe an die Wagenbetten hinauf, zudem war dieser Arm noch breiter, als ich anfangs meinte. Ich musste, den Wagen zu meiner Rechten, natürlich auf der oberen Seite des Wagens laufen und fand dabei bald, dass man doppelt aufzupassen hatte, nämlich, dass man richtig trieb und dass man stark sich gegen den Lauf des Wassers stemmen musste, um nicht unter die Wagenräder zu gerathen. Zudem war dieses von allen bisher passierten Flüssen bei weitem der Kälteste und das Wasser zum Drinken das Beste. Wier hatten jedoch das andere Ufer und dabei Fort Laramie ohne Unfall um 11 Uhr Vormittags erreicht. Die Laramyfork102 entspringt irgendwo in den Black hills am Fusse des zimmlich hohen Laramy Peak, wo er von den vielen kühlen Quellen gebildet wirdt, und da sein Lauf bis zu seinem Zusammenfluss mit dem Nordblatt verhältnissmässig kurz ist, hat das schnellfliessende Wasser nicht Zeit gefunden, sich zu erwärmen.

Fort Laramy103 war früher nur eine Handelsstation einer französischen Peltzkompanie, wo man [mit] den Indianern und weissen Jägern gegen Thierfelle verschiedene Gegenstände austauschte. Laramie bildete ein Hauptposten, von hier aus versah man die verschiedenen kleinern Posten. Die Kompagnie hielt sich zu diesem Zweck immer eine Anzahl rüstiger, noch junger Leute, welche gewöhnlich auch gute Schützen sein sollten und denen es an Muth nicht fehlen durfte. Am meisten liessen sich Canadesische Franzosen zu diesem Zwecke anwerben, dann Schotländer, einige Schweizer, Franzosen und Deutsche. Hatte man nach irgend einer Station eine Nachricht zu schicken, so wurde irgend einer der Angestellten mit ein wenig Lebensmittel versehen, und nebst einer oder zwei wollenen Decken und seiner Schiesswaffe bei sich musste Derselbe sehen, wie er die bezeichnete Station erreichte, um sein Auftrag zu verrichten, mochte der Weg noch so weit und schwierig, die Witterung noch so schlecht sein. Kam er diesen Pflichten nicht gehörig nach, oder er desertierte und wurde wieder eingehollt oder von den Indianern gegen Bezahlung eingebracht, dann war diesem eine schwere Strafe sicher.

«Fort Laramie» von William Henry Jackson, 1933. Das Gemälde zeigt die 1836 errichtete Pelzhandel-Station «Fort John on the Laramie», besser bekannt unter der Kurzform «Fort Laramie». Im Vordergrund ankommende Emigranten, die den Laramie River durchqueren, rechts ein Indianerlager. In der Ferne erhebt sich Laramie Peak, der höchste Gipfel (3133 m) der Laramie Range.

Bei unserer Ankunft befanden sich im Fort bereits V. St. Trupen. Ob nebstdem noch mit den Indianern wie früher gehandelt wurde, ist mir unbekannt. Das Fort ist ein längliches Viereck mit 16–20 Fuss hohen104 Backsteinmauern. Im Innern sind die verschiedenen Räumlichkeiten angebracht. Das Fort war aber als Militärstation jedenfall sehr unbequäm und hatte, soviel ich mich erinnere, nur ein Grosses [Tor], sonst gar keine Thüren. Beim Fort und in der nahen Umgebung lagerten verschiedene grupen Indianer. Sie waren von den grossen, Wolfähnlichen und Jedenfall mit diesen nahe verwanten Hunden umgeben, welche sie bei ihren verschiedenen Streifzügen zum Theil als Lastthiere verwenden. Das Geheul dieser Hunde ist dem der Wölfe sehr änlich, so dass ich kaum ein Unterschied wahrnehmen konnte. Die Körperform, die lange spitze Nase, dieselben falschen Augen, dieselben langen, spitzigen Ohren, der lange, zottige Schweif ist beinahe ganz wie die der Wölfe, nur in der Farbe ihrer Haare sind sie bald gelblich, schwärzlich oder schekig. Wollte man sich den Indianern nähern, so waren diese Pestien sogleich bereit, über einen herzufallen. Das Fort ist ganz im Gebiet eines Sioux-Indianerstammes. Diejenigen, welche wier sahen, waren reichlich mit Hirschledernen, reinlichen Kleidern angethan, es waren schlanke, schöne Leute.

Wier blieben beim Fort nur wenig über eine Stunde. Befor wier uns aber von da entfernten, erklärte die berüchtigte Witwe, dass, wenn sich ihrer kein Mann annehme, sie sich entschlossen habe, im Fort zu bleiben. Ein Mr. Wright, welcher zu unserer Gesellschaft gehörte, selbst eine Frau und Kinder bei sich hatte, versuchte, uns fünf German boys wieder zu bewegen, uns der Frau anzunehmen. Da er mit uns nichts ausrichtete, versuchte er, Andere dazu zu bereden. Als er aber nur abschlägige Antworten erhielt, erklärte er, dass, obschon er bereits Frau und Kinder bei sich habe, er sich doch der Frau annehmen wolle. Da trat aber die Frau Wright auf und sagte in Gegenwart Aller: «Mr. Wright, wenn Sie diese Person mitnehmen, so bleibe ich hier, denn neben ihr werde ich nicht mit Ihnen ziehen!» Mr. Wright war übrigens ein ganz respektabler Mann, und wenn er der Witwe mithelfen wollte, geschah es sicher nur aus edlen Beweggründen. Da aber seine brave Frau plötzlich so entschiedener Einwand erhob, sah er sie ganz überrascht eine Zeitlang an, ohne zu sprechen, und bemerkte endlich: «Ich habe es ehrlich gemeint; ich sehe aber ein, dass ich nichts für die Frau thun kann.» Und die Frau blieb.105 Ob sie spähter nach California kam, habe ich nie erfahren.

Links von der Strasse, unweit vom Fort, ist der Todtenplatz – nicht Begräbnissplatz – der Indianer. Es waren da eine Anzahl Gerüster, vielleicht 4–5 Fuss über dem Grunde, auf welchen mehrere todten Körper ganz in Thierfellen eingewickelt lagen. Da mich derartige Kurjositäten niemals sehr interessieren, blieb ich auch davon fern und behielt nur im Gedächtniss, was mir Andere erzählten. Wier fuhren heute noch zirka 7 Meilen und lagerten uns dann an den Ufern des nördlichsten Arms vom Blattflusse an einer grasreichen Stelle.

Am nächsten Tage, dem 27. Juni,106 erreichten wier ungefähr vier Meilen von unserm letzten Lagerplatz die ersten Ausläufer der Blackhills und fanden da zu unserer Rechten eine schöne Quelle dem steinigen Grunde entspringen.107 Die Black hills (jetzt Laramy hills108) waren die ersten wirklichen Berge, welche wier bis jetzt getroffen, und hatten mit dem badischen Schwarzwald einige Änlichkeit. Sie schienen von fern mit dichten Tannen, Fichten oder Föhrenwäldern bedeckt zu sein und machten einen heimathlichen Eindruck auf mich.

Am nächsten Tage, also am 28. Juni, setzten wier unser Weg über hohe, steile und steinige Hügel fort, wobei man die Peitschen nicht ganz müssig schwingen durfte, wenn man voran kommen wollte. Bald nach unserer Mittagsrast begegneten wier, oben auf einem steinigen Hügel angekommen, mehreren Männern und zwei Frauen, alle zu Pferde, welche auf unsere Fragen uns erzählten, dass sie von California kämen und nach den Staaten zurück reisen wollten.109 Von California? Das war ja das Land unseres Zieles! Es war natürlich, dass wier diese Leute um allerlei Auskunft fragten, aber oh – welche Auskunft erhielten wier von ihnen! Nach ihren Angaben hätte man leicht glauben können, dass das Land unserer Hoffnung eine unwirthliche Wüste wäre, von Herden dunkler, nakten Wilden bewohnt, für weisse Leute aber durchaus kein Land zum darin wohnen. Über Captain Sutter zogen sie besonders los, er sei weiters nichts als ein alter Spizbube. (Derselbe, der dieses uns sagte, hatte dieselben Pferde, welche er und vielleicht einige Mehr der Übrigen Personen [ritten], von Sutters gestohlen, welches ich späther in California erfahren hatte.) Aber die Männer waren in ihren Schimpfreden auf California nicht schlimmer als die Frauen, so dass sie dadurch einige der Frauen in unserer Gesellschaft derart erschrekten, dass diese sogleich anfiengen, in ihre Männer zu dringen, sie sollen doch lieber gleich wieder mit ihnen umkehren und nach den Staaten zurück fahren, so dass die derart bedrängten Gatten in grosse Verlegenheit geriethen und eine Zeitlang kaum wussten, was anzufangen.

Eine der schlimmsten, derart ihren Mann zur Umkehr zu bestimmen, war eine grosse Frau Bryant110, welche sich mit ihrem Mann kurze Zeit vor der Abfahrt von Independence erst verheiratet hatte. Sie weinte und drang unaufhörlich in ihren Mann, und die Frau Kiburz versuchte Dasselbe mit ihrem Gatten. Da schien dem Mr. Bryant eine glückliche Idee einzufallen. Er wandte sich mitten während des Weinens und Lamentierens seiner Frau plötzlich [an] die zurückkehrende California-Gesellschaft mit denWorten: «Sagt mir, wie viel müsste [ich] Euch bezahlen, um meine Frau nach Independence zurück zu nehmen?» Die Leute sahen sich überrascht an; sie hatten ein derartiges Resultat wahrscheinlich gar nicht erwartet und wollten nicht recht mit der Sprache herausrücken. Man konnte sehen, dass, wenn Mr. Bryant auf diesem Beschluss beharren sollte, man seine Bitte abschlägig beantworten würde. Mr. Bryants Frage hatte aber eine überaus ernüchternde Wirkung, nicht allein auf seine Frau, welche plötzlich mit Weinen, Bitten und Lamentiren aufhörte, sondern auch auf die andern Kleinmüthigen.

Die berittene zurückkehrende California-Gesellschaft hatte diese Windstille schnell benutzt und uns Good bye gesagt, und wier setzten unsere holperige Strasse wieder fort. Mehrere der jungen Männer aus unserer Gesellschaft waren zu mir gekommen und hatten mich gefragt, was ich von den Aussagen dieser Leute halte. Meine Ansicht war, dass diese Leute gar zu sehr über California und Alles, was dort sei, gescholten hätten, als dass ich ihnen Glauben schenken könnte. Was mich selbst anbeträffe, verspürte ich wenig Sorge, selbst wenn ein grosser Theil ihrer Angaben Wahr sein sollten; fände ich, dass jenes Land mir nicht gefallen sollte, liesse es sich gewiss auch wieder daraus entfernen.111

Wier machten an diesem Tage vielleicht an 20 Meilen und Kampierten an einem klarwässerigen Bache, der, aus den Black hills kommend, sich unweit dieser Stelle in den Blatt ergoss, an Gras und Holz hatten wier ebenfalls zur Hülle und Fülle. Am 29. führte unsere Strasse noch immer über felsige oder steinige Hügel und zwischen diesen durch sandige Tiefen. Und wie die vorige Nacht lagerten wier nach Zurücklegung von etwa 22 Meilen abermals an einem Klarwasserflüsschen, welches ebenfalls sein Ursprung in den Blackhills hatte und sein Ende im nahen Nordblatt fand. Die Witterung war, seid wier Laramy verlassen, immer hell und angenehm gewesen. Am nächsten Tag sah es nach Regen aus, denn der Himmel war überwölkt. Wier legten nur ungefähr 4 Meilen zurück, dann lagerten wier an einem andern klaren Bache, wo wier genug Gras und Holz fanden. Das Wetter hatte sich wieder schön aufgeklärt, und das warme, sonnige Wetter war für Wäsche sehr förderlich, denn zu diesem Zwecke hatte man so früh gelagert.

Am ersten Tag des Monats Juli brachen wier um 7 Uhr Morgens auf. Obschon die Strasse uns oft zwischen verschiedene Tiefen und felsige Hügel führte, war sie doch bedeutend besser als die vorigen drei Tage. Die Steinarten waren röthlich und etwas weich, an den Bächen fand man gewöhnlich Papeln und Weiden. Wild sah man hier wenig, mit Ausnahme einiger Antilopen. Eine Kolonie der Prairie-Hunde wurde passiert, und verschidene grosse Elksgeweihe gaben Beweis, dass diese Gegend auch von diesem Wilde zu Zeiten besucht wird. An Wölfen fehlte es nicht, wier hatten Gelegenheit genug, sie bei Tage zu sehen, und noch viel mehr, ihr unheimliches Geheul des Nachts in unserer Nähe zu hören. Wier mochten heute an 14 Meilen zurück gelegt haben.112 Wier begegneten heute wieder einer Partie Männer zu Pferde auf ihrem Rückwege von Oregon nach den Staaten. Sie wurden von unserer Seite mit Fragen überhäuft, was Oregon für ein Land sei, ob sie auch von California etwas gehört hätten und ob es wirklich ein so schlechtes Land sei etc. Über Oregon sprachen sie sich vollkommen befriedigt aus, und auch über California hätten sie nie so schlimme Nachricht gehabt, wie uns von der frühern Partie erzählt worden.

Am 2. Juli unsere Reise fortsetzend, überschritten wier wol 4 Meilen von unserm letzten Lagerplatz ein Bach mit klarem, kühlen Wasser, eine Meile weiters wieder einen änlichen und nach weitern 5 Meilen eine grössere Creek oder kleines Flüsschen, alle klares, kühles Wasser enthaltend und aus den Blackhill-Gebirgen hervorkommend. Nachdem wier von hier noch zirca 6 Meilen weiter gefaren, waren wier wieder an die Ufer des Nordblatt gekommen und lagerten an einem schönen, sich hier mündenden Flüsschen, welches als Deer Creek bekannt war. Wier hatten somit an diesem Tage zirca 16 Meilen zurück gelegt.113 Am Nachmittag hatten wier starken Wind, welcher den Strassenstaub fortwährend aufblies und das Reisen einigermassen Unangenehm machte. Am 3. Juli morgens hatten wier leichten Frost, das Wetter war hell, aber windig. Die Strasse war gut gewesen, wier hatten ungefähr 18 Meilen zurückgelegt, als wier abermals am Nordblatt uns lagerten.

Zwischenhalt am Nord-Platte. Jäger Philander Kellogg

Am 4. Juli machten wier zirka 6 Meilen und hatten unser Lager eine Strecke weit oberhalb der Fuhrt durch den Fluss aufgeschlagen.114 Unser Lager war zwischen den Bäumen des Bottomwaldes. Hier beabsichtigten wier, einige Tage zu verbleiben, um Jagt auf Büffel zu machen; denn es war bekannt, dass dieses die letzte günstige Stelle sei, wo sich viele Thiere dieser Art aufhielten, und um fünf gesunde Magen wie die unsrigen noch für so lange zu sättigen, erforderte [es] zimmlich starke Verproviantierung. Mit Ausnahme von unserm Wagen und demjenigen Herrmanns, bei welchem auch Hartmann noch war, setzte der übrige Theil unserer Gesellschaft die Reise am nächsten Tage fort, mit dem Übereinkommen, dass sie nur kurze Tagesmärsche machen wollten, damit wier späther sie einholen könnten. Da dieser der Tag der Unabhängigkeitserklärung war, feuerten wier diesem zu Ehren alle unsere Gewehre ab.

Wier hatten nahe bei der Fuhrt zwei sogenannte Mountainiers (Yäger und Fallensteller) getroffen und dabei erfahren, dass der Einte ein Bruder zu den zwei Brüdern namens Kellog sei,115 welche in einem der Wagenzüge lange mit uns gefahren waren und welche jetzt nicht weit von uns in dem Walde lagerten. Es war bekannt, dass die Büffelheerden von den uns voran ziehenden Emigranten stark gelichtet, schüchtern gemacht und weit vom Flusse ab zurück getrieben worden wären. Unserer eigenen Unkenntniss im Erlegen dieser Thiere bewusst, hielten wier es für das Beste, wenn wier den Yäger Kellog zu diesem Zweck anstellen könnten, es zu thun, da wier annahmen, dass er als alter, erfahrener Jäger das Wesen dieser Thiere besser kenne als wier und dass es ihm nicht schwer falle, ein paar gute Büffel für uns zu schiessen. Für acht Pfund Kaffee erbot er sich, zwei Büffel am folgenden Tage für uns zu schiessen. Es war allerdings ein grosser Preis, allein wier konnten so viel leicht entpehren, und Lebensmittel mussten wier haben, da wier den grössern und weit schwierigern Theil der Reise noch vor uns hatten.

Diel schoss, nachdem der grössere Theil unserer Gesellschafter unser Lager verlassen hatten, am zweiten Tage unseres Aufenthaltes an dieser Stelle in den nahen, mit Tannen und Fichten bewaldeten Bergen einen schwarzschwänzigen Hirschen, dessen Fleisch vortrefflich schmekte. Wier lagerten hier, wie man sagte, auf sogenanntem neutralem Grunde zwischen den Crows (Krähenindianer)116 und Sioux. Solche neutrale Gegenden werden von den weissen Jägern gern aufgesucht, da es auf ihnen das meiste Wild aller Art gibt und sie zugleich am wenigsten an solchen Stellen von den Indianern belästigt werden. Diese Gebirge gehörten noch zu der Blackhillkette, und da es viel des besten Wassers, auf den Bergen Wald und in den Thälern gute Weiden gibt, soll es Wildbrett in Hülle und Fülle geben, solche wie verschiedene Hirschsorten, Elk, Antilopen, Bergschafe, Biber, Bären und Büffel. Kellog hatte gesagt, dass man in den nahen Bergen leicht kleine Heerden der grossen Bergschafe treffen könne, und etwelche waren auch so glücklich gewesen, solche zu schiessen, deren Fleisch sehr Wohlschmeckend sein soll. Kellog und sein Gesellschafter oder Theilhaber hatten zwei dicke Bündel gedrockneter Biberfelle, worin ein bedeutender Werth lag.117

Unsere Abrede mit Kellog und unter uns selbst in Bezug auf die beforstehende Büffeljagt war wie folgt. Am 5. sollten wier, nämlich Kellog, Ripstein, Hartmann, Thomen und ich, uns auf das linke Ufer des Nordblatt hinüber [begeben], auf welcher Seite die Büffel zu treffen seien. Kellog war der Ansicht, dass wier vielleicht 10 Meilen weit zu gehen haben könnten, ehe wier zu den Heerden der Büffel stössten. Zins sollte im Lager warten, bis Thomen ihm von dem entgegengesetzten Flussufer rufen und mit ihm nach der Stelle zurückfahren werde, wo die Buffalos geschossen worden. Diel sollte im Lager bleiben und das Kochen versehen, [während] wier Übrigen die von Kellog erlegten Thiere ausschleizen und das Fleisch fertig zum Aufladen haben sollten.

Kellog, welcher von seinem jüngern Bruder begleitet wurde, ritten jeder ein Maulthier, Hartmann ebenfalls, wier Übrigen waren zu Fusse. Die beiden Kellogs, Ripstein und Hartmann waren uns Voraus. Thomen und ich verfolgten dieselbe Richtung tirrekt vom Fluss hinweg hinaus über sandige Hügel, an einem kleinen Sumpfe vorüber, welchen wier vielleicht fünf Meilen vom Flusse fanden und wo ein einzelner Büffel weidete. Wo die Kellogs, Ripstein und Hartmann waren, konnten wier nicht sagen, da wier sie schon seit einiger Zeit aus unserm Gesichtskreise verloren hatten. Dem einsammen Büffel uns zu nähern, unterliessen wier, weil wier ihn nicht hinweg scheuchen wollten, sondern beabsichtigten, den Kellog davon zu benachrichtigen, sollte dieser keine andern für uns geschossen haben.

Unsern Weg in östlicher Richtung über die immer noch höher steigenden Hügel fortsetzend, mochten wier den einsamen Büffel am Sumpfe vielleicht zwei Meilen hinter uns haben; da wier von den Übrigen aber nichts mehr sehen konnten, wandten wier uns ein wenig nach südlicher Richtung und sahen jetzt die beiden Kellog bereits auf ihrem Rückwege dem Flusse zu reiten.118 Wier wollten jetzt ihnen entgegen gehen, um zu erfahren, ob es ihnen gelungen sei, zwei Büffel zu schiessen, und wenn so, Wo wier diese finden könnten. Im Falle sie keine geschossen, wollten wier ihnen den einsamen Burschen am Sumpfe weisen. Die Kellog kamen theilweise in unserer Richtung. Jetzt sahen wier den Büffel vom Sumpfe herkommend in gerader Richtung den zwei Brüdern entgegen gehen. Er liess ein eigenthümlich Grunzen hören, als er bei der Fortsetzung seines Weges nicht weit von uns vorüber gieng; er hatte die zwei Maulesel wahrscheinlich für Seinesgleichen gehalten, denn wier gewarten, dass er sie im Auge behielt und sein Grunzen oft wiederholte. Die Kellog hatten jetzt den Büffel auch entdeckt. Der Jäger stieg ab und liess sein Bruder sein Maulthier halten, gieng darauf dem Büffel entgegen, welcher, immer noch Grunzend und sein dicker, wolliger Kopf erhebend, der Stelle sich näherte, wo die Maulthiere standen. Der Jäger hatte sich in einer kleinen Vertiefung des Grundes niedergebükt und schien vom Büffel gar nicht beobachtet zu werden, denn der Wind führte ihm sein Geruch nicht entgegen. Als der Büffel vielleicht auf 60 Schritte über eine kleine Bodenerhöhung an ihm vorüber wollte, schoss Kellog, worauf der Büffel mit seinen beiden Hinterfüssen wie ein Pferd hoch ausschlug, aber nach nur wenigen Sprüngen noch einige Schritte langsamer lief und sich dann, wie um zu ruhen, auf den Grund niederlegte. Kellog war augenblicklich aufgestanden und gieng geraden Weges auf den Büffel zu und schnitt diesem die Kehle ab. Als Thomen und ich ihn sich dem Büffel nähern sahen, hatten wier bange, der grosse Kerl möchte aufspringen und sich zu rächen suchen. Als wier solches dem Kellog nachher bemerkten, lachte er über unsere unnöthigen Befürchtungen. Wier erfuhren von ihm, dass er bereits zwei Büffel zirca zwei Meilen von uns weiter zwischen den Hügeln geschossen habe, welche von Ripstein und Hartmann abgezogen würden. Kellog nahm von beiden Seiten des Höckers zwei Riemen Fleisch dieses Thieres mit sich, das Andere durften wier nehmen.

[Während] Thomen jetzt der Abrede gemäs dem Lager entgegen gieng, arbeitete ich nach Leibeskräften, um dem Büffel sein Fell abzuziehen. Es war ein prächtiger, fetter, vollgewachsener, aber keineswegs alter Bull. Sowol Thomen als ich waren bereits von dem hin und her, auf und ab Laufen in dieser sandigen Gegend nicht nur Müde, sondern auch noch Durstig geworden. Der Tag war warm und sonnig geworden, nachdem das nebelartige Gewölk sich verzogen hatte. Es gab da kein Strauch oder Gebüsch noch Fels, wo man einigen Schatten hätte finden können, um sich da ein wenig zu erholen. Um den gewaltigen dicken Burschen von einer Seite auf die Andere zu wälzen, bedurfte es meiner äussersten Kraftanwendung, ich war aber damals kräftig und konnte im nöthigen Fall etwas leisten. Ich hatte keinen Stahl, an welchem ich mein oft stumpf werdendes Messer hätte wezen können, ich hatte mich zu diesem Zwecke mit einem kleinen Stück eines Wezsteins versehen und war oft genug genöthigt, davon Gebrauch zu machen. Ich hatte gute Fortschritte gemacht, die Haut des Büffel hatte ich ausgebreitet, und ein grosser Haufen saftigen Fleisches und ein kleinerer des Fettes hatte ich zum Aufladen bereit, sobald Zins, nach welchem ich schon mehr als eine Stunde vergebens ausschaute, mit dem Wagen kommen würde.

Durch das viele auf den Wezstein spucken war ich nur noch viel Durstiger geworden, und dieser wurde mit jeder Minute heftiger. Ein grosser Prairie-Wolf hatte mir von einigen hundert Schritten Entfernung zugeschaut und, wie ich öfters Gelegenheit hatte zu sehen, die Gerüche des frischen Fleisches gierig aufgenommen. Meine Anwesenheit war ihm ohnzweifel recht unangenehm, und mir war seine mir oder dem Haufen Fleisches geschenkte grosse Aufmerksamkeit auch nicht besonders lieb. Mein Durst hatte allmälig so sehr bei mir zugenommen, und meine Zunge war so drocken geworden, dass sie beinahe brennend und hart fühlte. Nach keiner Richtung hin liess ein heran nahender Wagen sich unterscheiden, obschon man Meilen weit auf dieser Baumlosen Gegend und bei dieser klaren Luft sehen konnte. Schon seid wol drei Stunden hatte die Sonne vom Zenith sich entfernt und dem westlichen Horizonte genähert – und noch immer kein Erscheinen eines Fuhrwercks.

Da konnte ich es nicht mehr länger ertragen. Ich wusste wol, dass, sobald ich mich entfernte, mein gieriger Nachbar, der Prairie-Wolf, sich an meinem fertigen Büffelfleisch sogleich nach Herzenslust gütlich thun würde; aus dieser Ursache hatte ich noch so lange gewartet, nachdem ich mit dem Aufschneiden fertig geworden. Jetzt aber konnte ich unmöglich mehr länger warten, denn mir war es, als ob meine Zunge und mein Schlund Feuer gefangen hätten. Meine Kleider und mein Karobiner aufgreiffend, wandte ich meine Schritte dem Blatt entgegen, gieng über eine sich langsam senkende Ebene und mochte bereits nahezu eine halbe Meile zurück gelegt haben, als ich zu meinem Grossen Leidwesen fand, dass ich mein grosses, gefülltes Pulverhorn nebst Kugeltasche zurück gelassen hatte. Dieser Verlust durfte ich nicht dulden. Ich legte da meine Büchse auf den Grund, wo ich mich befand, und gieng, so schnell ich es konnte, jener Stelle zu, wo mein Fleisch sich befand. Der Prairie-Wolf hatte sich während meiner kurzen Abwesenheit bereits recht gütlich gethan. Als ich zurückkam, entfernte er sich zwar, seine Lipen leckend,119 gegen die Stelle hin, von wo aus er mir vorher bei meiner Arbeit zugeschaut hatte. Noch einmal schaute ich in der Richtung, von wo unser Wagen kommen sollte, aber es wollte sich absolut nichts zeigen, und so gieng ich denn wieder nach der Stelle, wo mein Karobiner am Boden ligen sollte; aber da ich den genauen Platz nicht mehr recht wusste, nahm es mir einige Zeit, diesen wieder zu finden.

Als ich noch einmal mich umsah, konnte ich sehen, wie sich mein gefrässiger Nachbar an dem Büffelfleische gütlich that, mein ganzes Sinnen und Trachten war aber jetzt Wasser – Wasser! Ich wusste wol, dass ich von 4–6 Meilen zu gehen haben würde, ehe ich den Fluss erreichen konnte. Es bewegte sich kaum ein Lüftchen, und die Sonne brandte ganz Unbarmherzig darnieder. Hatte ich die höchste Stelle eines Sandhügels erreicht, suchte ich da Luft zu schöpfen, aber mein erbarmungsloser Durst trieb mich sogleich wieder voran, und ich musste eine sandige Vertiefung zwischen den sie überall umgebenden Anhöhen durchschreiten, wo die Luft wie in einem erhitzten Ofen glühend schien. Ich weiss kaum, wie viele derartige sandigen Hügel und Kesselartigen Tiefen ich nacheinander überschritten hatte. So viel weiss ich, dass sie mir gar kein Ende nehmen wollten; denn schon lange hatte ich gehofft, ich werde von der nächsten Anhöhe aus den Fluss sehen können – um nur aufs Neue mich getäuscht zu finden. Vor Müdigkeit und Erschöpfung konnte ich meine Glieder kaum erheben, und doch musste ich voran. Mit vieler Anstrengung waren wieder einige Tiefen und Höhen überschritten, und im Westen näherte sich die Sonne dem Horizonte – da erblickte ich endlich nahe am Fusse des Hügels, auf welchem ich soeben angelangt, der Fluss. Trotz aller Müdigkeit war ich bald neben seinem Ufer, wo ich Alles auf den Grund warf, und ohne Zögerung sprang ich hinein in das bräunlich aussehende Wasser und trank, trank und trank in langen Zügen. Aber wenn ich aufhörte, war es mir, als ob mir noch immer Innwendig alles branndte, und erst nachdem ich zwei bis drei Mal mit anhaltend langen Zügen getrunken hatte, meinte ich, eine Erleichterung zu empfinden. Als ich aber kaum oben neben meinen Sachen auf drockenem Grunde war, empfand ich noch immer grossen Durst, und noch einmal sprang ich hinein, um viel zu trinken.

Ich war hier nahe bei der Fuhrt des Flusses, welchen ich jetzt durchschritt und dabei jeden Augenblick wieder trank. Die Sonne war bereits untergegangen, als ich in unserm Lager ein Stück weiter oben ankam, wo ich zu meiner Überraschung den Thomen fand. Ich wollte natürlich wissen, warum er denn nicht mit dem Zins gegangen sei, da erzählte er, dass er von Zins nichts gesehen habe und auch gar nicht wisse, wo derselbe sei. Er sei der Abrede gemäs unserm Lager gegenüber an das Ufer gegangen, um Zins zu rufen, da habe man ihm zugerufen, dass Zins schon lange mit dem Wagen und zwei Joch Ochsen über den Fluss gesetzt sei, um uns entgegen zu fahren. Er wäre zu sehr ermüdet und zu durstig gewesen, als dass er es unternommen haben würde, den Zins zu suchen. Er habe ja seine Pflicht erfüllt, und alles sei einzig und allein die Schuld, dass Zins nicht, wie wier verabredet, im Lager seine Ankunft abgewartet hätte. Dieses war freilich wahr – aber wo war Zins hingetrieben? Wie sollten wier das Fleisch unserer Büffel herschaffen, wenn Zins den richtigen Weg verfehlte? Und was musste Ripstein an Durst leiden, wenn der Wagen nicht kam, um sie abzuholen? Dem unverantwortlichen Eigensinn von Zins hatte man all diese Leiden und Befürchtungen jetzt zu verdanken; hätte er nach Abrede gehandelt, hätten wier das Fleisch von drei Büffel sehr wahrscheinlich seid Stunden im Lager. Ich fürchte fast, dass, wenn ich Zins diesen Augenblick unter meine Hände bekommen hätte, es ohne Ohrfeigen nicht abgelaufen wäre.

Ich war um eine Stunde im Lager, als endlich auch Hartmann auf seinem Maulesel erschien. Nach seinem Berichte sei er sowol als Ripstein beinahe verschmachtet. Sie hätten vergeblich sich nach dem Wagen umgesehen, dann kamen sie überein, er solle sich auf den Weg machen, weil das Fuhrwerk den richtigen Weg verfehlt haben könne. Auf seinem Rückwege sei er dem Flusse schon zimmlich nahe gekommen, ohne etwas vom Wagen zu sehen; da habe er endlich geglaubt, weit vom richtigen Wege ab gegen Norden hin etwas zu sehen, welches einem Fuhrwerk änlich gesehen. Er sei darauf hingeritten, und es wäre wirklich der Zins gewesen, welcher nicht wusste, wohin er treiben solle, um die richtige Stelle zu finden. Er habe Zins die Direktion gezeigt, wo Ripstein mit dem Fleisch seiner warte und halb verdurstet sei, habe ihm auch gesagt, wie weit es ungefähr sei, dann sei er schnell dem Flusse zugeritten, um sein brennender Durst zu löschen.

Wie viele Leute leichtsinnig sein können, davon hatte Zins ein Beispiel abgelegt. Aber auch Diel kam mir diesen Abend so vor, denn ihn schien die ganze Geschichte blutwenig zu bekümmern – wie wenn unser ferneres Wohl und Fortkommen nicht ein guter Theil davon abhienge, ob wier genug Lebensmittel hätten oder nicht. Zudem antwortete er mir auf die Frage, ob er das Nachtessen für die Abwesenden in Bereitschaft habe, so dass, wenn sie kämen, sie nicht lange darauf zu warten brauchten: «Nein, ich habe es nicht in Bereitschaft, werde auch nichts kochen, vor sie kommen. Wer mag wissen, ob Die kommen oder nicht.» Sogar der sonst so Väterliche, besorgte Thomen kam mir lange nicht so besorgt vor, als ich es an ihm erwartete, denn er sowol als Diel legten sich bald nach unserm Nachtessen [hin] und schliefen nach kurzer Zeit ganz ruhig, sanft und zufrieden.

Was mich selbst anbetraff, der doch als der Jüngste der Gleichgültigste hätte sein dürfen, ängstigte mich die ganze verkehrte Geschichte gar sehr, um so mehr, als Stund um Stunde vergieng, ohne dass unsere Leute mit dem Fuhrwerk und dem Fleische anlangten. Obwol ich in meine Büffelhaut gewickelt am Boden lag, empfand ich keinen Schlaf. Ich erhob mich, um ein helles Feuer zu bereiten, damit unsere Kameraden schon von ferne unser Lager ausspüren könnten. Die Flammen schlugen hoch empor, so dass die umstehenden Bäume hellerleuchtet wurden, aber nichts liess sich vernehmen, woraus man das Herannahen eines Wagens hätte schliessen können. Von Zeit zu Zeit legte ich frisches Holz an das Feuer, um dadurch ein helles Flammenlicht zu unterhalten. Ich legte mich dann wieder nieder und horchte auf jeden Laut, vergeblich hoffend, dass es unsere Leute sein möchten. Mitternacht musste bereits vorüber sein, und meine Unruhe stieg immer mehr – da glaubte ich plötzlich, ein fernes «Oh hah!» zu vernehmen, aber es kam von der unrechten Seite her. Wie der Blitz schoss der Gedanke durch mein Kopf, sie hätten unser Lagerplatz trotz des hellen Feuers, welches in dem tiefen Bottom war, vermisst und uns sehr wahrscheinlich passiert. Mit der einen Hand mein Karobiner, in der Andern ein Feuerbrand haltend, eilte ich auf die höcher gelegene Prairie, schoss die Ladung ab und schwenkte mit dem Feuerbrand hin und her. Dieses hatte zwar meine zwei sorglosen, schlafenden Kameraden aufgeschrekt, aber damit hatte ich doch den gewünschten Erfolg erzielt: Den Knall des Schusses hatten die in der Dunkelheit unser Lager passiert [habenden] Kameraden sogleich vernommen,120 und durch das Schwingen des Feuerbrandes wussten sie, welche Richtung zu nehmen, und hatten unser Lager um 1 Uhr Morgends endlich doch erreicht.

Ripstein, welcher seid dem frühen Morgen nichts mehr gegessen hatte, verlangte jetzt schnell sein Abendessen. Als aber noch gar nichts gekocht war, wurde er sehr unwillig über den Diel, es hätte da gar leicht Schläge absetzen können, wenn Diel nicht schnell entsprochen haben würde. Ripstein war auch über Zins sehr aufgebracht; den ganzen Tag habe er vor Durst schmachten müssen, und es sei beinahe finster geworden, als Zins in seiner Nähe gehalten [habe] und fast wieder umkehren wollte. Er habe ihm dann zugerufen, schnell zu kommen, er müsse Wasser haben. Da aber Zins keines mit sich geführt, sei er zuerst so aufgebracht gewesen, dass er gemeint habe, er wolle das Fleisch bleiben lassen und dem Flusse zueilen. Aber ein zweiter, vernünftigerer Gedanken hätte sich in ihm geltend gemacht; schnell hätten sie das Fleisch aufgeladen und die Richtung nach dem Fluss eingeschlagen. Die Ochsen wären von dem Geruch der vielen von frühern Emigranten getödeten und nun verwesenden Büffel und wahrscheinlich auch von den vielen herum schleichenden Wölfen bange gewesen, so dass es ihnen viel Mühe gekostet habe, sie vor einem Wegrennen abzuhalten. Es sei zwölf Uhr geworden, als sie die Durchfahrt erreicht hätten.

Am 6. Juli schnitten wier unser saftiges Büffelfleisch in dünne Riemen und hängten es an den Ästen und Zweigen der Gebüsche zum Drocknen auf. Um es vollkommen zu drocknen, erforderte es zwei volle Tage Zeit. Am nächsten Tage wandten wier das Untere nach Oben, und am 8. blieben wier bis Nachmittag, dann verpackten wier es im hintern Theile des Wagens. Das Fleisch war vollkommen gedroknet, so dass wier nicht zu befürchten brauchten, es werde uns verderben. Der vielen uns quälenden Mücken wegen brachen wier unser Lager, obschon es bereits zimmlich späth geworden, auf, hatten nach der Durchfahrt des Flusses und durch Dieselbe getrieben, wo wier eine grosse, wol ausgestattete Reisegesellschaft gelagert fanden. Wier trieben unsere Wagen wol drei starke Meilen den Fluss entlang aufwärts, machten eine grosse Wendung nach links von der Strasse ab dem Flusse folgend nach einer grasigen Fläche am Flussufer, wo wier für diese Nacht lagerten.121

Noch befor wier den Lagerplatz erreichten, sahen wier einen grossen, schwarzen Ochsen allein in der Nähe dieses platzes Grasen. Mehrere von uns wollten gehen, ihn zu holen. Ripstein sagte, dieses sei nicht nöthig, das könne er schon allein thun, und wier liessen ihn gewähren. Dieser Fund war uns sehr zustatten gekommen, er bildete neben einem ähnlichen Ochsen, wie er war, unser Hauptjoch. Diese zwei Ochsen waren wahrscheinlich von wenigen Ochsen, welche die Ebenen überschritten, an Ausdauer, Kraft und Folgsamkeit übertroffen. In California reklamierte Ripstein ihn als sein ausschliessliches Eigenthum: Er habe ihn allein getrieben, somit gefunden. Wier waren sehr verschiedener Ansicht, denn was sein alleiniges Treiben anbelangte, wollten wier so wie er auch treiben; nur weil er es positiv allein thun wollte, liessen wier ihn gewähren. Seine Behauptung war schmutzig und absurd, allein um eines Ochses willen wollten wier doch nicht zu guter Letzt noch in besondere Streitigkeiten gerathen. Wier liessen ihn ihm daher.

Unruhige Nächte. Vom Platte zum Sweetwater River

Schon in der Nacht am 6. fieng mein linker Daumen an, mich heftig zu schmerzen. Es entwickelte sich am untern Ende des Nagels ein Geschwür, ich konnte desshalben fast gar keinen Schlaf finden. Der Daumen schwoll beinahe zu seiner dopelten Grösse an und bekam eine bläulich rothe Färbung. In der Nacht vom 7. auf den 8. wurde der Schmerz noch heftiger, die Pulsschläge wurden überaus Schmerzhaft empfunden, und von Schlafen war gar kein Gedanken. Zu diesem hatte ich während des Tages sehr viel von den Stichen winzig kleiner Fliegen oder Sandmücken auszuhalten, welche uns – aber besonders mir – in Nasen, Ohren und Augen krochen und uns fortwährend peinigten. Mein Gesicht war von den vielen Stichen stark aufgeschwollen, und in Gemeinschaft des Schmerzes am Daumen fühlte ich recht fiebrisch, mat und angegriffen. Diese Nacht jedoch, vom 8. auf den 9. Juli in unserm neuen Lager, erreichte der Schmerz im Daumen seinen höchsten Grad, jeder Pulsschlag empfand ich nicht allein im Daumen überaus heftig, sondern meine ganze linke Seite vom Kopf bis zu meinen Füssen lit mit.

Meine Kameraden schliefen schon seid längerer Zeit in einem dem Kiburz gehörenden Zellte, wohingegen ich allein in unserm Wagen mein Nachtlager fand. Wahrscheinlich durch den Geruch des vielen gedrockneten Büffelfleisches angezogen, schien es, als ob sich diese Nacht alle Wölfe, Füchse und andere Raubthiere aus einem grossen Umkreise um unsern Wagen versammelt hätten. Es hatte uns schon früher, und zwar beinahe keine Nacht, an Wolfskonzerten gefehlt, allein das Geheul dieser Thiere übertraff in dieser Nacht das der schlimmsten von früher wol noch um das Zehnfache. Meine Nerven waren endlich so sehr aufgeregt, dass sie förmlich durch das fortwährende entsetzliche Gehäul zu vibrieren schienen. Ich entschloss mich, aufzustehen, obschon sie dicht neben den Wagen heulten und ein grosser Theil derselben, nach dem Geheul zu urtheilen, der grossen Race angehören mussten. Als ich das glimmende Feuer wieder zu hellen Flammen anfachte, konnte ich ein grosser Kreis langschschnauziger, spitzohriger Prairieteufel sehen. Sie schwiegen oft plötzlich, um mit doppelter Kraft ihr markdurchdringendes Höllenconzert zu erneuern – mir war es oft, als ob sich alle wilden, reissenden Thiere versammelt hätten zu dem einzigen Zwecke, um mich recht zu quälen. Ich war verbunden, das Feuer immer wieder frisch zu scheuern, denn sobald die Flammen nur ein wenig nachliessen, ertönte das Geheul beinahe dicht hinter und neben mir. Schwang ich dann plötzlich ein Feuerbrand, konnte ich deutlich sehen, wie der ganze Kreis dieser Räuberbande zurückwich. Endlich, als der Tag zu grauen begann, nahm auch das Geheul ab, bis es nach dem Hellwerden ganz aufhörte.

Am 9. Juli verliessen wier den Blattefluss zum Letztenmal. Die Strasse führte uns beinahe ganz nördlich,122 und wier stiegen fast den Ganzen Tag über sanfte Anhöhen und kleine Ebenen. Mittags passierten wier eine Quelle, welche gutes Wasser enthielt, aber unser Nachtlager schlugen wier an einer Stelle auf, deren Quellwasser einen unangenehmen, salzigen Beigeschmack hatte. Wier fanden aber hinreichend Gras für unser Vieh, doch mit Brennmaterial war der Platz schlecht versehen, mit Ausnahme der wilden s.g. Salbeistöcke, deren holzige Gesträucher nebst Büffeldünger das Feuermaterial zu liefern hatten. Schon den Grösstentheil an den beiden Gabeln des Blattes entlang, besonders des Südarms, hatten wier uns grossentheils unsere Feuer mit gedroknetem Büffelmist bereitet, welcher zwar keine grosse Flamme, aber doch ein gutes Feuer gab und uns das Feuerholz nicht übel ersetzte. Von Hier aus hatten wier uns am meisten mit den Stämmen der starken wilden Salbeisträucher als Feuermaterial zu behelfen, welche zu einer Höhe von 2–4 Fuss wachsen und oft einen Stamm von über drei Zoll Durchmesser haben. Diese Pflantzen, welche die Wildnissen der Ebenen und Felsengebirge viele hunderte von Meilen oft fast Ausschliesslich bedecken, sind allerdings mit dem Rosmarin, Lawendel, Salbei und derartigen Pflantzen verwandt, jedoch wieder von ihnen verschieden. Ihr Geruch ist überaus stark und verursachte mir anfänglich viel Kopfschmerz; das Vieh mag sie nicht fressen und würde lieber verhungern. Als Feuermaterial für uns ersetzten sie das Holz zimmlich gut; wenn jedoch von Letzterem zu bekommen war, zogen wier vor, sich dessen zu bedienen.

Unser heutabige Lagerplatz war unter dem Namen «Mud Springs» (Dreckquellen) bekannt, weil es unweit der Quelle, an welcher wier lagerten, mehrere tiefe, mit weichem Schlam gefüllte Löcher gab. Unser Herrmann hatte sehr bald nach unserer Ankunft mit diesen Dreckquellen für ihn auf recht unangenehme Art Bekanntschaft gemacht. Er hatte sich nämlich von unserm Lager allein entfernt und war kurze Distanz durch das kleine Thälchen aufwärts gegangen, als er plötzlich zu einem vielleicht drei Fuss Durchmesser breiten Schlamhaufen kam, dessen obere Kruste drocken zu sein schien und im Ganzen einem zusammen gekratzten Haufen Strassenkoht ganz ähnlich sah. Neugierig, wie dieser (wie er meinte) Strassenkohthaufe hieher gekommen sein möge, wollte er auf die scheinbar harte Kruste tretten, als diese sogleich unter seinem Gewicht nachgab und ihn im Augenblick bis dicht unter seinen Armen in dem ganz weichen, gelblich grauen Schlam versinken liess. Als Herrmann die Kruste unter seinen Füssen plötzlich nachgeben fühlte, hatte er instinktgemäs mit seinen beiden Armen blitzschnell nach beiden Seiten ausgereicht und glücklicherweise soliden Grund gefunden, wohingegen seine Füsse drunten im Schlamme keinen soliden Gegenstand verspürten. Wäre es ihm nicht gelungen, mit seinen beiden Händen die glücklicherweise soliden Ränder des Schlammloches zu erreichen, würde er im nächsten Augenblick ganz im Schlamme versunken sein, und uns wäre sein plötzliches Verschwinden vielleicht ein unlösbares Räthsel geblieben.

Von dem Blatte-Fluss hieher war ich im Wagen gefahren, da ich durch [die] letzten drei schlaflosen Nächte und durch das Wolfsgeheul noch vermehrten Schmerz und Aufregung so erschöpft war, dass ich nicht daran denken durfte, wie sonst den Weg zu Fusse zurück zu legen. Als ich nach unserer Ankunft den Verband vom Daumen löste, vermeinte ich, in der grossen, bläulich rothen Blase wirklich einen hellrothen Wurm zu sehen. Über Diesem war die Haut ein wenig verletzt, welche nach sanftem Druck nachgab, und eine grosse Masse blutigen Eiters entquoll der Öffnung, und der bis dahin übergrosse Schmerz machte einem viel Gelindern platz. Das Pflaster, welches ich nun anwandte, bestand aus Harzseife und feinem Zucker, und es leistete vortreffliche Dienste, indem es das wilde, faule Fleisch äzte und den Eiter von dem Gliede allmälig entfernte. Aber ich konnte eigentlich erst nach unserer Ankunft in California den Daumen als vollständig geheilt betrachten.

Die Witterung war heute sehr Windig gewesen, bald war der Himmel von Wolken überzogen, dann kam die Sonne zur Abwechslung wieder zum Vorschein. Einer meiner Kameraden hatte ein einem Prairiehuhn ähnlicher Vogel in das Lager gebracht. Es war zwischen ihm und einem Prairiehuhn kaum einen anderen Unterschied bemerkbar, als dass dieses das Grössere war. Sein Geschmack war entschieden nach dem wilden Salbei, wovon es sich wahrscheinlich nährt, desshalben nicht gut geniessbar. Wier hatten an diesem Tage zirka 20 Meilen Weges zurück gelegt.

Da ich letzte Nacht vortrefflich geschlafen hatte, fühlte ich mit dem neu erwachenden Tage mich wieder viel besser. Als ich mich durch das enge, zu beiden Seiten mit hohen Felsen begrenzte Thälchen hinauf begab,123 fand ich noch mehrere ähnliche Schlammquellen, wie Diejenige war, wo Herrmann beinahe bei lebendigem Leibe sich vergraben hätte. Der Grund zwischen diesen Quellen schien zu schwanken. Mehrere unserer Ochsen schienen die Bekanntschaft wie Herrmann mit diesen Schlammlöchern gemacht zu haben, da sie zum grössern Theil mit diesem Schlamme überdeckt waren; es war nur zu verwundern, dass dabei Keiner verloren gieng. Der Grund schwankte hin und her und senkte sich unter der Ochsenlast, als sie vor mir hin zwischen diesen gefährlichen Stellen hindurch giengen. Ich blieb eine kleine Distanz zurück, weil ich jeden Augenblick fürchtete, dass die Rasendecke sich öffnen könnte. Die Ochsen schienen jedoch die Gefährlichsten Stellen zu meiden, ihre Schlambäder schienen ihnen auch nicht behagt zu haben.

Unsere Strasse führte uns Heute noch immer mehr aufwärts an mehreren Quellen mit gutem Wasser vorüber. Mittags hielten wier, um unserem Vieh eine wenig Ruhe, Gras und Wasser zu gönnen, an den sogenannten Weidenquellen124 und setzten unser Weg nachher noch ein paar Stunden, allmälig höcher kommend, fort, bis wier gegen zwei oder drei Uhr nachmittags auf einer höher gelegenen Ebene anlangten. Links neben der Strasse war eine grasige, sumpfige, nach Norden sich senkende Fläche, deren Untere Erdschichte wahrscheinlich auch nur aus einer Schlammasse bestand, denn die Oberfläche hob und senkte sich, wenn man darüber lief, noch fast mehr als bei den Schlamquellen. Von hier bis zu dem wilden Salbeibach (Sage Kreek) führte der Weg ein wenig Abwärts und war leicht zu begehen. An dem Salbeibach schlugen wier unser Lager auf, wo wier zeitig ankamen, denn wier hatten Heute nur zirka 16 Meilen zurück gelegt. Dieser Bach enthielt klares und gutes Drinkwasser, welches schnell in seinem engen Bette an uns vorüberfloss.125 Das Gras war leider von dem Vieh früher hier lagernden Emigranten schon rein weggefressen, so dass für das Unsere wenig mehr zu finden war. Der Name «Salbei» hatte der Bach jedenfall von den überaus vielen und grossen wilden Pflantzen dieser Gattung, welche auf den sandigen Anhöhen vortrefflich zu gedeihen schien.

Kurze Zeit nachdem unser Vieh von den Jochen entledigt worden, wollte Thomen von einem salbeibewachsenen Sandhügel nach Demselben ausschauen, da Dasselbe sich plötzlich entfernt hatte. Da die höchsten Punkte auf der andern Seite der Creek waren, hatte Thomen von dem Bach zwischen den nahe beisammenstehenden Salbeistöcken sich empor gearbeitet. Da machte er aber ein grosser Sprung nach Rückwärts und rief: «Eine Schlange hat mich beinahe gebissen!», worauf er mit drockenem Büffelmist und abgerissenen Salbeizweigen tüchtig auf sie Einhob und sie auch bald tödete. Es war eine grosse und schöne Klapperschlange, welche vierzehn der hornigen Klappern am Schwanze hatte. Sie war um 4 Fusse lang, zimmlich dick und hatte punte, regelmässige Farbenzeichnungen auf ihrem Rücken. Sie war im ganzen von heller Färbung, mit einem bräunlich gelben Grunde, dann mit röthlichen, hellgelblichen und andern Farben vermischt. Sie war viel schöner als ihre Vettern in California und in Illinois, welche ein aschfarbig schmutziges Braun bekleidet. Thomen hatte seine Schlange kaum abgethan, als der Ruf erscholl: «Unser Vieh ist Alles auf dem Wege zurück!», und sogleich liefen fünf oder sechs der Männer ihnen nach. Die Ochsen waren aber zwei starke Meilen zurück gelaufen gewesen, welche wier nach ihrer Ankunft sogleich wieder Jochten und mit ihren Zugketten an den Wagen festbanden.

Ankunft am Sweetwater. Independence Rock und Devil’s Gate

Die Nacht war prachtvoll, Mondhell, aber ein wenig Kühl. [Am] 11. Juli, morgens um Halbzweiuhr, hatten wier unsere Ochsen wieder angespannt und fuhren auf einer etwas sandigen, guten Strasse dem Süsswasserflusse (Sweetwater River)126 entgegen, bei welchem wier Morgens 7 Uhr ankamen. Unterwegs waren wier an einigen salzigen Flächen vorüber gekommen. Der Süsswasser ist nur ein kleines Flüsschen mit klarem, gutschmekendem Wasser, welcher sich in den Blatte ergiesst. Wier hatten an der Stelle, wo wier zuerst an ihn kamen, unsere Zugthiere ihrer Joche entledigt, damit sie sich in dem ein wenig knapen Grase selbst helfen könnten, und hatten dann unser Frühstück gekocht und beseitigt und setzten nach zirka 2½ stündiger Ruhe unser Weg wieder fort und waren bald neben dem Allen Emigranten bekannten Unabhängigkeitsfelsen (Independence Rock)127 angekommen, über welchen ich aus Docktor Wislizenus’ Reisebeschreibung (über die Felsengebirge) gelesen hatte.128 Ich habe den Felsen damals nicht gemessen, er mochte aber vielleicht an 100 Fuss Länge bei 40 Breite und etwa 30 Höhe haben und bildet eine art längliches Oval mit abgerundetem Rücken. Seine Seiten sind ringsum [von] den hier vorüber kommenden Emigranten und Jägern bis zu einer solchen Höhe mit Namen bedekt, dass es mir ein Räzel schien, wie man diese so hochoben habe anbringen können.129 Die meisten Namen waren mit schwarzen oder rothen Farben auf dem bräunlichen Granitfelsen mit grossen Buchstaben gemahlt, nur wenige waren in den Fels eingehauen. Der Unabhängigkeitsfelsen schien mir am Eingang eines riesigen, uralten vulkanischen Kraters Wache zu halten.

Von hier aus fuhren wier über eine, wie es schien, ausgebrandte Gegend von gelblichem Sande, welche von einem Kranze von sehr zerrissenen, scharfkantigen Granitblöcke von vielleicht über 100 Fuss Höhe und von röthlichbrauner Färbung umgeben ist. Nur wenige zwergartige Cedern und einige Fören fristen hier ihr kümmerliches Dasein. Je mehr ich mich hier umschaute, desto mehr meinte ich überzeugt zu sein, dass einst hier vielleicht Jahrtausende früher der Ausgang Unterirdischer Feuer gewesen sein musste. Es mochte zwischen 12 und 1 Uhr sein, als wier am obern Eingange dieser Vulkankratergegend ankamen, wo der Süsswasser sich durch zu beiden Seiten beinahe sich senkrecht 60–80 Fuss erhebenden Felsen sein Weg gebahnt hatte und mit einigem Getöse sich bemerkbar machte. Diese Stelle ist als das Teufelsthor (Devils Gate) bekannt, und wie an dem Unabhängigkeitsfelsen, so waren auch hier die Angrenzenden Felsen mit einer grossen Zahl Namen bedekt, und wie Dort, so schrieb ich auch den Meinigen, aber mit nicht sehr grossen Buchstaben hinzu, welche aber sehr Wahrscheinlich schon lange nicht mehr zu finden sein würden.

Nachdem wier diese Devils Gate im Rücken hatten, trieben wier an dem rechten Ufer des da klaren und ruhig fliessenden Süsswasser etwa eine Meile weiter bis zu einer schönen, grasigen Stelle, wo wier um zwei Uhr oder vorher schon hielten, um unserm Vieh die Gelegenheit zum üpigen Grase zu gönnen und um zu lagern.130 Wier mochten, seid wier den Salbeibach verlassen hatten, wol 20 Meilen bis hieher zurück gelegt haben. Das offene Thal, in welchem wier uns jetzt befanden, ist das eigentliche Süsswasserthal; es ist breit, zimmlich flach und mehrere Tagesreisen lang. Zu unsern Rechten, anfänglich dicht an das Ufer des Süsswasser reichend, befanden sich dieselben zerklüfteten Granitfelsengebilde wie zwischen dem Unabhängigkeitsfelsen und dem Teufelsthore, auch zu unserer Linken sah es ebenso aus. An diesem Abende erkletterten welche von uns einige der hochen Felsblöcke, [während] ich vorzog, mit in dem von der Sonne erwärmten Wasser des ruhig dahin fliessenden Flüsschen mich zu baden und waschen, dabei aber die frischen Fussspuren eines Bären entdekte. Wier wurden übrigens von keinen Natives dieser Art aus unserer Ruhe gestört.

Am 12. unsere Strasse dem Flüsschen aufwärts entlang fortsetzend, fanden wier sie oft des tiefen Sandes wegen zimmlich schlecht, auch passierten wier eine Stelle, wo ein weissliches Salz die Oberfläche des Grundes bedekte, [so] dass es einer schneebedekten Fläche änlich schien. Die Felsenformation zur Rechten war noch ähnlich wie früher, links jedoch und weiter entfernt schienen die Hügel theils mit Gras und einigen Nadelholzbäumen bewachsen zu sein. Die Witterung war klar während des Tages und wie am vorgehenden Tage heiss gewesen. Nach ungefähr 20-meiliger Reise lagerten wier in einer grasigen Fläche in der Nähe zwei anderer kleinen Reisegesellschaften. An diesem Tage hatten wier zum Erstenmal den sogenannten Freemonts peak131, der höchste Gipfel der Windriver Mountains, zu Gesichte bekommen. Wier hatten Heute abend erfahren, dass der uns voranziehende Theil unserer Gesellschaft kaum 6 Meilen vor uns lagere.

Um unsere Leute bald einzuholen, verliessen wier diesen Lagerplatz bereits Morgen Halbsechsuhr, und um ein Uhr mittags hatten wier sie bereits eingeholt und bereits zirka 13 Meilen zurück gelegt. Sie hatten da Halt gemacht, um dem Zugvieh eine Gelegenheit zu geben, sich an dem Grase gütlich zu thun. Dann wurde wieder angespannt und 5 Meilen weiter gefahren, wo man leidlich Wasser, Gras und viele Salbeipflanzen als Feuermaterial fand. In der Umgebung unseres heutigen Lagerplatzes hatten wier zwei grosse Salbeihühner geschossen, und obschon sie nach den Pflanzen, wovon sie leben, schmekten, wiederte uns dieser Geschmack schon lange nicht mehr so an wie das Erstemal.

Der letzte Bison

Am 14., bald nach Sonnenaufgang, verliessen wier unser Lagerplatz. Da kam ganz unerwartet ein einzelner Büffel gerade auf uns [zu], ganz lebhaft grunzend. Sam132 Barber und ich mit unseren Büchsen in den Händen waren ihm entgegen gegangen. Da es aber ganz Nutzlos ist, einen Büffel auf den Kopf zu schiessen, weil keine Kugel durch den dicht beharten, dickknochigen Schädel dringt, wollten wier die Gelegenheit benutzen, um ihm bei seiner Wendung unsere Ladungen in die Seite zu schicken. Man hatte die Wagen bei seinem Erscheinen sogleich angehalten, und der Dunkelbraune wollige, grosse, dicke Kerl war uns ganz Nahe gekommen. Da hielt er auch in seinem Lauf an, hob sein dicker, wolliger Kopf in die Höhe, grunzte und wandte sich mit solcher Schnelligkeit, dass wier keine Gelegenheit fanden, ihm unsere Kugeln in die Seite zu schicken. Sam sandte ihm eine Kugel nach, und ich wollte Dasselbe thun, da knallte mein Zündhütchen wieder vergebens, denn das Loch im Pistum war wieder verstopft. Kiburz und Hopy gallopierten ihm zwar mit ihren Pferden nach, gaben ihm zwei Schüsse, ohne ihn getödet zu haben. Dieser war der letzte Büffel und den Einzigen, den wier gesehen hatten seid unserer Jagt am Blatte. Nur am Morgen, als wier den Sweetwater erreicht hatten, hörten wier nördlich von uns hinter einigen Anhöhen hervor das häufige Grunzen von wahrscheinlich einer grossen Zahl dieser Thiere.

«Wind River Mountains» von William Henry Jackson (undatiert).

Nach ungefähr 14-Meiligem Tagesmarsch lagerten wier wieder an den Ufern des Sweetwater. Die Witterung war seid einigen Tagen dieselbe geblieben, die Berge zu unsern Seiten [waren] nicht mehr zu sehen, desto mehr erhoben sich in gerader Richtung vor uns die Windflussgebirge (Wind River Mountains).133 Zum Erstenmal traffen wier eine Elstern art; ihr Geschrei war jedoch ein wenig von dem ihrer europäischen Brüdern verschieden, und ihre Schnäbel und Füsse waren gelblich anstatt schwarz.

Begegnung mit der Dickenson-Gesellschaft. Die «Five German Boys»

Am 15. Juli brachen wier wieder mit Sonnenaufgang von unserer Lagerstätte auf und fanden nach zirca 4½ Meilen in der Nähe des Sweetwater eine schöne Quelle mit schönem Gras, weitere 4 Meilen brachten noch eine Quelle. Eine weitere Meile brachte uns wieder an den Sweetwater; hier bezogen wier schon wieder unser Lager, und zwar zum Letztenmal an diesem Flusse, denn von hier lässt man dieses Flüsschen links ligen. Wier hatten, noch befor wier uns lagerten, einen Theil von Dikisons Reisegesellschaft ebenfalls am Flüsschen im Lager gefunden; es kam uns aber vor, als ob ihre Gesellschaft wieder bedeutend kleiner geworden wäre.134 Wier erfuhren ein paar Tage nachher, dass die Gordons und noch einige andere Partien sich kürzlich von Dikison getrennt hätten, ich habe aber ganz vergessen, warum.

Diese Nacht fiel einiger Regen, und der Morgen am 16. war kühl und der Himmel theils bewölkt. Wier meinten, ganz frühe zu sein; als wier aber unser Vieh zum Jochen zusammen trieben, [war] Dikisons Gesellschaft bereits unterwegs und fuhr an uns vorüber die Strasse den Bergabhang hinauf, welcher uns bald zum Fusse der Windriver-Gebirge bringen sollte.135 Unser Wagen war der Vorderste unserer Gesellschaft, und Ripstein war der Fuhrmann. Die Anhöhe war noch kaum erreicht, als unser Wagen dicht hinter dem Hintersten von demjenigen [von] Dikinsons Gesellschaft herfuhr. Aber uns gieng dieses zu langsam, die Strasse gestattete aber nicht, an den Andern vorüber zu fahren. Oben angekommen, fanden wier die Strasse wieder ebener, folglich auch leichter. Um die Mittagszeit machte Dikinsons Gesellschaft an einer flachen Stelle neben einem quellen Bächlein Halt, Ripstein trieb sogleich unser Fuhrwerk nach Rechts seitwärts, und seinem Beispiel folgten unsere Übrigen alle. Unser Wagen war bereits neben den ersten und zweiten Wagen der andern Gesellschaft gerathen, da trieben die Leute der andern Gesellschaft ihre Zugthiere auch an, und da die Strasse hier gerade eine starke Biegung nach Links über die Wasserrinne machte, gerieth unser Wagen zwischen den Ersten und Zweiten der andern Gesellschaft, unser Zweiter zwischen den Zweiten und Dritten, und dieser Art vermischten sich alle in eine Reihe.

Der vorderste Wagen der andern Gesellschaft gehörte zufälligerweise dem dicken, kräftigen Deaky, ein brutalisch aussehender Kerl. Eine kurze Distanz waren wier derart vermischt zuammen gefahren, und wier Alle lachten über unsere unbeabsichtigte Vermischung; wahrscheinlich glaubten die Dikison-Leute, wier hätten vielleicht nichts dagegen, wieder mit ihnen in einer Gesellschaft zu fahren. Deaky hielt seine Ochsen zum halten an, allein Ripstein trieb unsere Ochsen sofort nach Rechts und war im Augenblick vor Deakys Fuhrwerck gelangt. Der zweite Wagen unserer Gesellschaft, einer Amerikanischen Wittwe gehörend, welche zwei Söhne von 18 und 20 Jahren und noch zwei jüngere Töchter bei sich hatte, war ebenfalls nach Rechts ausgewichen und wollte nun schnell nach Links hinter unserm Wagen dem Ripstein nachfahren, als Deaky seine Ochsen auch wieder angetrieben hatte und das hintere linke Wagenrad der Wittwe Wagen gegen das rechte vordere Bein des vordersten rechten Ochsen von Deakys Fuhrwerck fuhr und diesem die Haut ein wenig verletzte. Deaky hielt jetzt augenblicklich an, kam auf den 20-Jährigen Knaben los, pakte [ihn], schmiss ihn auf den Grund und schien ihn schlagen zu wollen. Allein Ripstein und wier Übrigen waren sogleich bei der Hand, und Deaky fand für gut, loszulassen. Währenddem die Dikison-Leute jetzt alle anhielten, passierten unsere Wagen an ihnen vorüber, und wier pfiffen sie noch recht tüchtig aus, wodurch die Dikinsonleute nur sich noch mehr über uns ärgerten.

Wier waren mehrere Meilen weiter gefahren und hatten an einer grasigen Stelle, wo wieder eine Frischwasserquelle war, Halt gemacht, um unserm Vieh eine kleine Erholung zu gönnen. Da erschienen plötzlich von Dickisons Leuten sechs Mann – bewaffnet, zu Pferde, unter ihnen Dicky – und forderten von uns einen gesunden Ochsen oder Bezahlung für den beschädigten Ochsen. Da Keiner von uns gesehen hatte, dass der Ochse an Dikys Wagen irgendwie stark beschädigt worden war, wodurch er Unbrauchbar hätte werden sollen, so hielten wier das Ganze als eine Demonstration, nur um uns einzuschüchtern – wahrscheinlich aus Rache, weil wier uns unterstanden hatten, sie zu passieren und gar noch sie auszupfeiffen. Waren auch einige der verheuratheten Männer (wovon Mr. Bryand mit seiner grossen Frau der Schlimmste war) eingeschüchtert, so hatte man durch diese Drohung bei uns Fünfen nur Öl in das Feuer gegossen. Wier machten unsere Schusswaffen augenblicklich fertig und forderten sie auf, ihre Drohung sogleich zu versuchen auszuführen, es werde sich dann zeigen, ob sie dabei etwas provitiren würden.

Diese entschlossene Haltung hatten sie gewiss gar und ganz nicht erwartet. Sie hatten ihr anfänglich herausforderndes Wesen schnell gemässigt, da sie uns bereit fanden, augenblicklich der Gewalt mit Gewalt zu begegnen; ihre anfangs hochmüthigen, fordernden Worte hatten sich mehr zu bittenden verändert. Kiburz, welcher seid einiger Zeit unser Captain war, Frau und Kinder hatte und von Ersterer gebeten wurde, es doch ja zu keinem Kampfe kommen zu lassen, hatte ein 20-Frankenstück hervorgenommen und unter der Condition dem Dicky als dem Beschädigten eingehändigt, sollte der Ochse wirklich ganz Unbrauchbar werden, dieses Geld als theilweisen Schadenersatz zu behalten. Er hoffe, die Wittwe werde ihn dann dafür wieder zu vergüten versuchen. Sollte der Ochse aber bald wieder Brauchbar werden, so verlange er, dass man ihm das Stück Gold136 sobald als möglich wieder zurück erstatte. Die Dickison-Leute erklärten sich mit dieser für einen Ochsen und an einer solchen Stelle, wie uns dünkte, sehr niedrigen Summe zufrieden und versprachen, das Geld sicher zurückzuerstatten, wenn der Ochs wieder Brauchbar werde.

Mr. Bryand hatte mit seinem Wagen, in welchem seine grosse, bittende Frau sich befand, schnell ein wenig voraus getrieben, für uns ein Zeichen, dass er sich an einem allfäligen Kampfe nicht betheiligen wolle, und wier gaben ihm deutlich zu verstehen, dass er nur gehen möge, wenn er sich fürchte. Da es doch nicht zum Kampfe kam, war Mr. Bryand doch ein wenig Verlegen, wie wier sein ferneres Bleiben in unserer Gesellschaft aufnehmen würden, und wirklich fühlten einige von uns anfangs Neigung, ihn sammt seiner Grossen Hälfte auszuschliessen. Da er übrigens kein übler Mann war, liess man die Sache auf sich beruhen. Wäre es zu einem Kampfe gekommen, hätten die five german Boys wahrscheinlich auf unserer Seite die Hauptarbeit verrichtet. Ich war wirklich überrascht und sogar ordentlich erfreut zu sehen, mit welchem Eifer Diel und sogar der sonst so friedliche Thomen sich Kampfbereit machten, um diesen arroganten Forderungen würdig zu begegnen. War es auch nicht zum Kampfe gekommen, so hatte doch, wie mir vorkam, die kühne Haltung of the five german Boys einen Eindruck auf die Mitreisenden gemacht, den man vielleicht nicht erwartet hatte und wodurch man sich überzeugte, dass im Falle der Noth die five german Boys nicht müssig bleiben würden.

Über den South Pass nach Fort Bridger

Wier hatten im Laufe des Tages mehrere kleinere und grössere Bäche passiert, welche theils am westlichen Abhange der Windriver-Gebirge entspringen und, wie ich vermuthe, alle dem Süsswasser zufliessen, wenn nicht einer sogar die Hauptquelle des Sweetwater selbst bildet. Wier mochten Heute wol an 19 Meilen gemacht haben, als wier unser Lager an einem zimmlich grossen Bache (vielleicht die Hauptquelle des Sweetwater) aufschlugen.137 Die Windriver-Gebirge erschienen mir von hier aus gesehen gar nicht sehr hoch; von Schnee und Eisfeldern war nichts weiter etwas zu entdecken, als dass in den tiefen Schluchten einige zusammen gewehten Schneemassen noch übrig zu sein schienen. Die Gegend, auf welcher wier uns befanden, war aber selbst mehrere tausend Fusse über dem Meere, darum mochte der Freemonts peak doch hoch sein, obschon er uns von unserm Standpunkte aus nicht so vorkam. Diese Berge waren nur spärlich mit Nadelholz bewaldet, sie hatten ein überaus Vegedationsarmes Aussehen. Von üpigen, saftiggrünen Waldungen, wie man sie in der Schweiz beinahe Überal sieht, war da nichts zu finden; sogar die Blackhills boten in dieser Beziehung ein viel freundlicheres Bild dar.

Am nächsten Tag, dem 17. Juli unsere Reise fortsetzend, erblickten wier zu unserer Linken nur [einige] sandigen, mit wenig und kümmerlichen Cedern bewachsenen Hügel,138 zu unserer Rechten die Windriver-Gebirge, deren höchsten Gipfel wier immer näher kamen. Zirka 13 Meilen vom letzten Lagerplatz waren wier zu dem ersten Bächlein gekommen, dessen Wasser gegen den stillen Ocean fliesst.139 Wier machten da eine zweistündige Rast, damit unser Vieh an dem schönen Grase und guten Wasser sich gütlich thue, dann fuhren wier noch drei Meilen voran und lagerten links neben der Strasse, wo es genug Wasser und Gras für das Vieh gab. Am 18. Juli überschritten wier nach zirca 6 Meilen ein kleines Bächlein140 mit wenig Gras, 10 Meilen weiter erreichten wier den Little Sandy, in dessen Nähe wier noch an 5 Meilen weiterfuhren, um dann daran unser Lager an einer Stelle aufzuschlagen, wo wier genug Gras für unser Vieh fanden. Schon Gestern war von Dicky dem Kyburz das 20-Franken-Goldstück wieder zurück erstattet worden, da der verwundete Ochse sich wieder vollkommen erhollt habe. Gar schlimm kann es wol nie gewesen sein.

Der Boden, über welchen wier die letzten paar Tage gefahren, war – mit Ausnahme dicht neben den Quellen oder Bächen – überaus schlecht und Sandig, nur einiges zwergartiges, halb dorniges, niedriges Gestrüp fand ein armseliges Fortkommen. Die Witterung war abwechselnd bald bewölkt, dann wieder Sonnig, dabei aber Windig gewesen. An Wildbret sahen wier täglich Antilopen, grosse Hasen und einige von den Salbeihünern. Zwischen den Windriver-Gebirgen soll es aber viele Elks (Riesenhirsche), Hirsche, Bergschafe und auch von dem grauen Bären geben. Wier waren schon seid einiger Zeit in dem Gebiet der Krähenindianer (Crow Indians), und wie man sagte, sollten nicht weit ab rechts von unserer Strasse, irgendwo zu Füssen der Windriver-Gebirge, eine grosse Zahl dieser Indianer sich gelagert haben, uns kamen aber Keine zu Gesicht. Wenn die Berichte Wahr sind, wären diese Indianer einer der schönsten Menschenschlag unter allen Indianern, mit ungemein reichem Haarwuchse. Man zählte sie zu den friedfertigern wilden Stämmen. Wier hätten, als wier den Little Sandy erreichten, einen nähern Abschnitt machen können, wenn es uns nichts ausgemacht haben würde, 40–50 Meilen zurück zu legen, ohne weder Gras noch Wasser zu finden. Wier zogen aber der Längere, wo man schneller die beiden Bedürfnisse haben konnte, vor und nahmen daher die linke Route.141

Am 19. Juli erreichten wier nach 5 Meilen langen Marsche den Big Sandy nahe bei der Vereinigung der beiden Sandies und verliessen sie sofort wieder, unsern Weg über felsige und kieselige, oft niedrigen, oft zimmlich hohe Hügel fortsetzend, den Sandy in einiger Entfernung zu unserer Linken habend, und lagerten endlich wieder an den Ufern dieses Flüsschens. Die Distantz, wo wier den Big Sandy überschritten hatten, bis hieher hielt man für 19 Meilen.142 Von den Windriver-Gebirgen hatten wier uns Heute wieder bedeutend entfernt, dagegen erschienen rechts von uns wieder andere, aber niedrige Berge, und zu unserer Linken in noch grösserer Entfernung erblickte man durch den bläulichen Dunst ein sehr hoches Gebirge; es waren die sogenannten Uintagebirge143, auf deren flachem Rücken noch eine weisse Schneedecke zu ligen schien.

Am 20. Juli erreichten wier nach 8-meiliger Fahrt das linke Ufer des Greenriver, dieses ist der Hauptzufluss des Rio Colorado. Sein Flussthal ist nicht sehr breit, aber das bottom oder eigentliche Thalland scheint von guter Qualität. Man findet da von den schönsten und grössten Baumwollenpapeln (Coton Trees), Weiden und einige wenige andern Laubholzarten. Wier blieben an diesem Tag hier, denn es gab für uns Alle genug Arbeit, unsere Hemden zu waschen, Kleider zu flicken und etc. Am Abend erschien auf dem entgegen gesetzten Ufer ein Antilopenbock, welcher uns neugierig betrachtete; ich sandte ihm aus meinem Karobiner eine Kugel entgegen – und fehlte.

Am 21. durchfuhren wier den Greenriver, er muss an seiner Durchfahrt zwischen 200 bis 300 Fuss breit sein. Sein Wasser war überaus klar und kühl, von vortrefflichem Geschmack und hatte eine grünliche Färbung, welchem Umstande er sein Namen wahrscheinlich verdankt. Obschon die Wassermasse ruhig dahin zu fliessen schien, floss er doch recht schnell, welches man erst dann recht gewahrte, wenn man ihn durchschreiten musste. Das Wasser reichte beinahe in die Wagenbetter hinein; wäre sein Wasserstand nur wenig Zoll höher gewesen, würde seine Durchfahrt mit vielen Schwierigkeiten verbunden gewesen sein. Einige früher hier vorüber gekommenen Reisegesellschaften sollen sogar mehrere Personen, auch Vieh verloren haben, welche von den Wellen erfasst und fortgeschwemt wurden.

Nachdem wier das rechte Ufer erreicht hatten, folgten wier dem Flusse wol 8 Meilen das schöne, flache, mit grossen Cotton-Bäumen bewachsene Thal abwärts.144 Der Tag war so warm, die klaren, frischen Fluhten des Flusses machten einen so angenehmen Eindruk auf mich, dass ich beinahe da eine Zeitlang hätte bleiben mögen, um aus einem der langen, dickstämmigen Bäume ein Cano zu bauen, um mit demselben den Fluss hinab zu treiben. Aber keiner meiner Kameraden schien zu einer solchen Reise auf Gerathewol und gut Glück hin nach unbekannten Regionen Lust zu verspüren, und für mich war es wahrscheinlich gut, dass Keiner sich an meinem abentheuerlichen Unternehmen betheiligen wollte.145

Wier hatten den Green river links ligen lassen und fuhren abermals durch eine drockene, Öde Gegend der sogenannten Hamsfork146 zu, welche wier nach zurück gelegten 15 Meilen vom Greenriver-Thal erreichten. Das Wasser dieses Flüsschens war gut, floss nach südlicher Richtung, aber Gras fanden wier wenig für unser Vieh. Die Witterung war diesen Morgen klar, aber kühl und windig. Am 22. überschritten wier die Hamsfork, nachdem wier ihr zirka 7 Meilen gefolgt waren, und unsere Strasse in derselben Direktion wie Gestern fortsetzend, erreichten wier nach 9 Meilen mehr wieder ein kleines, raschfliessendes, klares Flüsschen, dessen Namen ich vergessen habe.147 Dieses Flüsschen scheint seinen Ursprung in dem hochen, noch zum Theil mit Schnee bedekten Uinta-Gebirge, welches uns schon seid mehrern Tagen zu Gesichte kam, zu haben. An Gras fehlte es hier nicht.

Am 23. überschritten wier dasselbe Flüsschen vier Mal, folgten einige Zeit seinem Laufe, nahmen unser Mittagessen an seinem Ufer ein [und] durchschritten ihn wieder, wobei Henry Hartmanns Maulthier diesem den Possen spielte, sich mitten in demselben hinzulegen, so dass der gute Henry dadurch verbunden wurde, wie wier in das zirca 2 Fuss tiefe, kühle Wasser zu tretten. Die ganze Sache kam uns lustig vor, so dass wier lachen mussten, welches uns aber von Hartmann übel aufgenommen wurde. Dieses wahrnehmend lachten Alle, welche ihm und seinem Maulthiere zugeschaut hatten, nur noch mehr, bis er endlich, im Wasser stehend, den Zaum und Sattel gelöst und an das Ufer gebracht hatte und das Thier sich selbst überliess. Dieses Maulthier wurde an demselbigen Tage von einem Bergjäger (Mountainier), welchen wier getroffen und ihm davon erzählten, nachgeholt; er behielt es aber natürlich für sich. Von dieser Stelle fuhren wier noch zirka 10 Meilen weiter hinauf, das Flüsschen zu unserer Rechten habend, und lagerten an dessen Ufer, 2 Meilen unterhalb dem Fort Britcher.148

Fort Bridger

Neben uns waren in ein paar Zellten mehrere Mountainiers, mit welchen wier verschiedene Artickel gegen weichgegerbte Hirsch-, Antilopen- und Bergschaffeller vertauschten, Artickel, aus welchen viele von uns späther ihre eigenen Indianerschuhe zu verfertigen hatten. In dem grössern Zellte sassen diese Jäger in einem Kreise auf Indianermanier und beschäftigten sich mit der gemüthlichen Arbeit des Trinkens und Sprechens. Der Erste unter ihnen schien ein grosser Mann mit schönen Gesichtszügen, von wol etlichen 40 Jahren alt, namens Walker149 zu sein. Da ich fürchtete, sie durch meine Gegenwart vielleicht an einer für sie wichtigen Rathsversammlung zu stören, entfernte ich mich sofort wieder, trotz der freundlichen Einladung des Mr. Walker, mich zu setzen.150

Fortwährend kamen und entfernten sich Indianer Männlichen und weiblichen Geschlechtes zu Pferde so schnell, als die armen Thiere zu rennen vermochten, so dass wier oft fürchteten, sie werden sich noch die Hälse brechen. Indianer wie Halbindianer, von denen es hier mehrere gab, waren zimmlich gut gekleidet. Als ich Abends mein Tagesjournal schrieb, richtete ein rothariger Mountainier151 die Frage an mich, ob ich ein Journal schreibe. Dieses bejahend, bemerkte er: «Dann ist es vielleicht von einigem Intressen für Sie, zu erfahren, dass auf dieser Stelle, dort in dem dichten Weidengebüsche, vor 17 Jahren ein Mann namens Black von einer Bande von 50 Blackfeet-Indianer getödet worden ist.» Er habe sich lange Zeit tapfer verteidigt und mehrere von ihnen getödet und verwundet, befor es ihnen gelungen sei, ihn Unschädlich zu machen.152

In diesen kühlen Bergflüssen gibt es eine menge Fische, Thomen fing einige der wohlschmeckenden Lachsforellen mit röthlichem Fleisch. Der rotharige Mountainier wohnte unweit dem Fort, hatte eine schöne Indianerin zur Frau genommen, welche gerade mit Waschen beschäftigt war.153 Er war Vater eines vielleicht drei Jahre alten Knaben, welcher mit einem kleinen Bogen und Pfeil sich im Schiessen übte. Dieser Mann schien sich hier fest niedergelassen zu haben. Er war Eigenthümer einer kleinen Schafherde, unter welchen auch zwei Zicklein der gezähmten Bergschafe sich befanden. Sie hatten ganz glatte, gräulich blaue Haare, waren noch ohne Hörner und erst seid diesem Frühjahr geboren, trotzdem waren sie bereits die Schlanksten in seiner Heerde. Aber nicht allein Schafe, sondern auch eine kleine Viehheerde besass er, und wier vertauschten mit ihm unsere zwei Kühe gegen zwei jungen Ochsen, und wier hatten beide Parteien bei diesem Tausch provitiert; denn die Kühe hatten des wenigen und drockenen Grases wegen uns wenig Milch mehr gegeben, und Ochsen waren uns daher lieber.154 Für ihn passten die Kühe besser, von ihnen konnte er hoffen, bei Ruhe und gutem Grase wieder Milch zu bekommen und in der Zukunft auch Kälber zu ziehen.

Am 25. hatten wier unser Lager aufgebrochen, aber in der Nähe vom Fort noch einmal angehalten, um dem Vieh noch eine neue Gelegenheit zu geben, sich an dem Grase zu helfen. Wier tauschten noch mehr Felle und Indianerschuhe gegen Alkohol, Zucker, Blei und Pulver mit Indianern und Jägern. Fort Britcher besteht aus zwei Blockhütten, welche mit einem vielleicht zehn Fuss hochen Palissadenwerck umgeben sind. Gegen einen harten Angriff würde es sich kaum lange halten können, es wird von Britcher wahrscheinlich mehr zu Handelszwecken als zu sonst etwas benutzt werden. Die Luft war am Morgend kühl gewesen, den Tag hindurch wechselten bewölkter Himmel mit Sonnenschein.

Wier hatten bis dahin nebst den bereits oft erwähnten Thieren eine Menge verschiedener kleiner, im Grunde wohnender Thierchen gefunden, wovon die Meisten mit den Californischen Grundeikörnchen viele Ähnlichkeit hatten, jedoch wichen sie mehr oder weniger in ihrer Form sowohl als ihrer Grösse voneinander ab. Ihre Höhlen hatten sie in kleinen Anhöhen und Hügelchen, ihre Lebensweise schien mit derjenigen der Prairiehunde viel Ähnlichkeit zu haben. Und wie diese liefen sie bei unserer Annäherung so schnell als möglich ihren Wohnungen zu, um sich darin zu verbergen, und wieder herauskommend, erhoben [sie] sich auf ihre hinteren Füsse, um uns Neugierig nachzuschauen.155 Die meiste Verschiedenheit unter ihnen war ihre Grösse; [während] einige so gross wie ein grosses Eikörnchen, waren andere kaum so dick als eine fette Hausmaus, dagegen mit länglichem Körper. Ein anderer Unterschied bestand in der Verschiedenheit der Schwänze, indem einige nur kurze [hatten], andere mit langen versehen waren.

Der sogenannte gehörnte Frosch ist gar kein solcher, sondern eine eigene Art Eidechse von heller Aschfarbe mit dunkleren Schattierungen. Das Thierchen scheint Unbehülflich und Langsam zu sein. Es war im Verhältniss zu seiner Länge breit, die sogenannten Hörner bestanden aus harten, Hornartigen, spitzen Ecken aus seiner Seite. Sie schienen beinahe eine Panzerhaut zu haben, und wie andere Eidechsen hatten sie einen Schwanz. Vom Hüpfen, was doch Froschart ist, schienen sie nichts zu verstehen. Es gab noch eine andere Eidechsenart, von 6–8 Zoll Länge, mit röthlichgrauer Färbung und mit einigen dunklern Schattierungen, sie waren viel flinker als die Gepanzerte, kleinere Art. Mit Ausnahme der von Thomen am Sage Creek getödeten Klapperschlange erinnere ich mich noch einer änlichen von 12 Klappern, von welcher ich neben der Strasse am Sweetwater beinahe gebissen wurde, währenddem ich über sie hinschreiten wollte. Sie hatte sich erhoben und nach mir gebissen, und nur mit knaper Noth [war] ich, einen Sprung machend, ihrem Biss ausgewichen, wofür ich sie sogleich tödete und ihre 12 Klappern vom langen Schwanz abschnitt und als Siegeszeichen mitnahm.

Beginn des Hastings Cutoff. Von Fort Bridger zum Weber River

Von Fort Britcher gab es zwei Strassen: eine alte über die sogenannten Sodaquellen und Fort Hall und eine Neue unter dem Namen Captain Hastings’ Cutoff, welches eine viel Nähere sein sollte und an dem grossen Salzsee vorüberführte. Viele Gesellschaften vor uns hatten bereits Hastings’ Cutoff als ihre Route gewählt, und da sie doch so viel näher sein sollte, gaben auch wier ihr den Vorzug.156 Am 26. Juli brachen wier endlich wieder auf und betraten hinter dem Fort die neue Strasse, die Forthallstrasse zu unserer Rechten ligen lassend.157 Nachdem wier, der Strasse folgend, durch ein schnellsteigendes, drockenes Thälchen gekommen und die Anhöhe passiert hatten, gieng es wieder ein wenig abwärts. Wier fanden Rechts neben der Strasse, kaum 6 Meilen vom Fort, eine eiskalte Quelle neben einem Gebüsche aus dem Grunde fliessen.158 Wier passierten noch eine Quelle rechts neben der Strasse, kampierten aber an einem Bache [Big Muddy]159 ungefähr 6 weitere Meilen von der ersten Quelle oder 12 Meilen vom Fort. Der Bach enthielt nur wenig Wasser, dagegen fanden wier genug Gras für die Zugthiere.

Am 27. führte unsere Strasse viel durch Tiefen zwischen felsigen Anhöhen hindurch, wobei wier mehrere Wasserquellen passierten, von welchen einige ein unangenehmer Mineralsalzgeschmak hatten. Um eine dieser Quellen hatte die Grundoberfläche eine rechte Rostfarbe, wahrscheinlich führte das Wasser eisenartige Bestandtheile mit sich.160 In dem engen, tiefen Thälchen, durch welches sich die Strasse wand, gab es Überall da, wo sich Wasser zeigte, Gras, doch war dieses Stellenweise grob Pinsenartig161. Am Abend dieses Tages, bereits nach Sonnenuntergang, nachdem wier zirka 18 Meilen zurück gelegt hatten, erreichten wier den Bearriver (Bärenfluss), wo wier lagerten. Captain Hastings war uns diesen Nachmittag begegnet, kehrte aber wieder mit uns um und blieb die Nacht über in unserm Lager.162 Die Witterung blieb sich seid mehrern Tage beinahe gleich, die Morgende waren kühl, den Tag über hatten wier Sonnenschein, aber es war Windig.

Am 28., Morgens, als ich unser Vieh gegen die Wagen treiben wollte, schreckte ich zwischen den Gebüschen des Flussthälchen ein niederbeiniges Thier auf, welches ich Anfangs für einen jungen grauen Bären hielt. Ich hatte keine andere Waffe als mein gewöhnlicher Spazierstock bei mir, doch wollte ich das Thierchen nicht entfliehen lassen. Ich war ihm sogleich gefolgt und versetzte ihm während des Rennens einige kräftigen Hiebe mit dem Stock. Da wandte es sich plötzlich um, setzte sich zur Wehr und zeigte mir dabei ein Maul voll prächtiger, scharfer Zähne, mit welchen es sein Möglichstes versuchte, mir an meine Beine zu gerathen. So heftig wurden jetzt sein Angriffe, dass ich für kurze Zeit glaubte, es werde ihm schon noch gelingen, mich zu packen. Ich schlug so schnell als möglich auf den Kopf des Thieres ein, welches ein kleines Loch im Grunde beobachtet haben musste, rückwärz nach diesem zu entkommen suchte und [es] auch erreichte; aber das Loch war gerade nur tief genug, dass der Kopf noch ausserhalb desselben blieb. Dieses gab mir eine bessere Gelegenheit; mit zwei, drei kräftigen Schlägen über die Augen war es sogleich tod, und ein Auge hatte ich ihm ganz ausgeschlagen. Das Thier erwies sich aber als einen schönen fetten Dachse anstatt eines jungen Grauen Bären, sein Fleisch ähnelte viel Demjenigen eines Bären und war uns Allen recht Willkommen.


Erster Abschnitt des Hastings Cutoff: Von Fort Bridger zum Grossen Salzsee. Der Karten-Ausschnitt zeigt den «Lienhard-Mormon Cutoff» zwischen Bear River und den Needles (Etappe vom 28. Juli 1846), den die

Mormonen ein Jahr nach Heinrich Lienhard auf dem Weg zum Grossen Salzsee ebenfalls benutzten, sowie den «Lienhard Cutoff» südöstlich des Grossen Salzsees (Etappe vom 8. August 1846).

Zu unserer Linken sahen wier noch immer die Uintagebirge, an deren Seiten Nadelholzwälder sich zu befinden schienen. Im Thale dieses Flusses, dessen Wasser klar und gut war, befinden sich etliche den Rothtannen ähnliche Bäume, doch bildeten die Cotton Bäume und Weidengebüsche den Hauptholzgehalt des Bärenflussthales da, wo wier ihn durchfuhren. Der Bärenfluss ist nicht ganz Unbedeutend, er liefert die grösste Wassermasse für den Salzsee. Er soll aber in seinem Laufe zum See ein grosser Bogen machen und durch den Zufluss einiger Bäche sich noch bedeutend vergrössern. Rechts und vor uns befanden sich eigentlich keine Berge, sondern nur felsige Hügel, welche da und dort mit kümmerlichen Cedern spärlich bewachsen sind. Wier waren Gestern durch ein Stück der grössten Salbeistöcke gekommen, welche oft über 4 Fuss Höhe erreichten und so dicht beisammen standen, dass man kaum zwischen ihnen hindurch gehen konnte. Heute hatten die Salbeifelder über die Hügel einer spärlichen Grasart theilweise Platz gemacht. Nachdem wier ungefähr 7 Meilen zurück gelegt hatten, lagerten wier neben dem Bette eines beinahe drockenen Baches, wo wier jedoch eine Quelle vortrefflichen Wassers sowie hinreichend Gras für unser Vieh fanden.163 Die 52 uns voran fahrenden Fuhrwercke164 hatten hier zwei verschiedene Wege genommen, und Hastings zeigte uns noch einen andern, wie er glaubte bessern Weg, welchen wier zu versuchen gedachten. Hastings hatte uns am Abend verlassen, um eine uns voran fahrende Gesellschaft einzuholen.165

Am 29. blieben wier auf demselben Lagerplatze, weil einige Wagen der Reparatur bedurften und wobei andere theils ihr Schuhwerck oder Kleider flickten und noch andere waschten. Die beiden letzten Nächte war das stille Wasser mit einer dünnen Eiskruste überzogen, die Tage waren aber hell und warm. Man hatte Gestern Morgens beschlossen gehabt, die Reise aufzunehmen.166 Ripstein hatte [sich], seine Büchse und sein Dolch mit sich nehmend, auf den Weg gemacht, oder vielmehr er war in der Direktion, wo unsere Strasse uns führen sollte, voraus gegangen in der Hoffnung, vielleicht einen Antilopen schiessen zu können. Erst nachdem er fort war, hatte man gefunden, dass an einem Wagen Reparatur durchaus nöthig war, bevor man die Reise weiter fortsetzen durfte. Wier fürchteten, dass dieses für Ripstein einige Unannehmlichkeiten absetzen möchte, da er natürlich glauben musste, dass er uns unterwegs treffen würde, und nicht, dass wier auf dem gestrigen Lagerplatz geblieben seien. Der Abend kam, aber Ripstein war nicht zurück gekehrt. Wo er war, wusste von uns Niemand.

Nach Aufbruch unseres Lagers am 30. führte unser Weg eine lange, zimmlich steile Anhöhe hinauf, von dort gieng es schnell hinab in eine Vertiefung zwischen den Hügeln hindurch, an einer wol 3 Meilen vom letzten Lagerplatze entfernten Quelle vorüber, um bald nachher zu dem drockenen Bette eines Baches zu gelangen, welchem wier folgten, bis wier zirka 14 Meilen vom letzten Lagerplatze anhielten, um zu lagern, da man wieder Wasser und Gras, unsere zwei Hauptbedürfnisse, vorfand.167 Ripstein war noch nicht zurück gekehrt, und wier fingen an, ernstlich um ihn besorgt zu werden.

Am nächsten Tag, 31. Juli, folgten wier diesem Bachbette und seinen Windungen. Zu unserer Rechten hoben sich mehrere 3 bis 4 hundert Fuss hoche Nagelfluhfelsen (Conglomerate) von röthlicher Färbung in die Höhe. Zu unserer Linken waren verschiedene Höhen und Hügel, bald recht Felsig, dann wieder mit spärlichem Grase und niedrigem Gestrüp bewachsen. Das enge Tobel168 führte uns oft beinahe ganz südlich [südwestlich] und wurde dabei immer enger, so dass wier gezwungen wurden, das Bachbett sehr oft zu kreuzen. Wier mussten uns endlich durch dichtes Weidengebüsch den Weg bahnen, dann fanden wier eine Menge rother, schwarzer und gelber Johannesbeeren, an welchen wier uns gütlich thaten, denn wier fanden nicht jeden Tag geniessbare Früchte. In diesem Thälchen fanden wier auch wieder seid langem die ersten, wenn auch nur niedrigen Eichen.

Diesen Abend, gerade als wier dicht neben dem Bachbett zum Lagern hielten an einer Stelle, wo wier Gras und Wasser fanden, kam uns der bereits als ganz verloren geglaubte Ripstein entgegen, nachdem er drei Tage und zwei Nächte abwesend gewesen war. Er war anfänglich sehr über uns aufgebracht, dass wier nicht, wie man doch, als er noch im Lager gewesen, beabsichtigt habe, unser Lager aufgebrochen hätten. Er hatte eine Antilope geschossen und eine gute strecke Weges getragen, wo er gehofft hatte, uns zu treffen. Als er uns aber nicht fand, lief er bald schnell voran. In dem Glauben, wier müssten wahrscheinlich schon weit voran gefahren sein, liess er den Antilopen ligen und eilte schnell vorwärts, bis er mit Gesellschaften zusammen traff, welche uns weit voraus waren. Durch diese erhielt er die Gewissheit, dass wier noch zurück sein müssten. Nach dieser Nachricht kam er wieder viele Meilen weit des Weges zurück. In der ersten Nacht wollte er unter einem vorspringenden Felsen übernachten, aber die Prairiewölfe liessen ihn nicht zum schlafen kommen. Fortwährend hatte ein kleines Rudel dieser Thiere ihn bewacht, und sei er dann aufgestanden und wäre von der Stelle weggegangen, seien sie ihm wie eine Heerde Hunde nur wenige Schritte hinter ihm gefolgt. Er hatte sich einen Dachsen geschossen, aber sein Messer hatte er verloren, als er sich mit dem Antilopen beschäftigt hatte; es war ihm daher nicht möglich, sich von diesem ein Stück abzuschneiden, wodurch er sich etwas davon hätte braten können. Er hatte daher fasten müssen, bis er mit andern Gesellschaften zusammen traff, wo er sich sein Hunger stillen konnte.169

«Echo Canyon» von William Henry Jackson, 1934.

Am 1. August setzten wier unsere Reise noch immer durch diese Thalschlucht fort, welcher man den Namen «Willow Cañon»170 gegeben hatte. Wier hatten dem ganzen Bache entlang viele Wasserquellen gefunden, so dass das Bachbett nicht mehr wie weiter oben drocken blieb. Die Strasse war aber womöglich noch schlechter als am vorgehenden Tage, sie machte dieselben Schlangenwindungen, und oft war man verbunden, mit der Axt sich Bahn zu brechen durch dichtes, niedriges Gehölz. An einer Stelle fanden wier mehrere 8–12 Fuss hoche Gebüsche des Juneberrybaumes (Junibeeren)171, ausserordentlich voll der süssen, traubenartigen blauen Beeren, wo man, um von ihnen zu pflücken, kurze Zeit anhielt, und Alle halfen sich mit ihnen nach Herzenslust, denn sie waren vollkommen reif und schmekten ausserordentlich gut. Wier fanden, dass auch Meister Bär an ihnen Wohlgefallen finden musste, dafür sprachen die vielen breiten Spuren in dem hier feuchten und theils weichen Grunde und die gebrochenen, jedoch hängen gelassenen Zweige.

Begegnung mit Hastings und sein Rat. Abenteuer Weber Canyon

Nach Zurücklegung von vielleicht 12 Meilen172 durch [die] verschiedenen Windungen der Schlucht öffnete sich plötzlich ein Thal vor uns, und ein schönes, klarwässriges Flüsschen floss an uns vorüber. Dieser Fluss war als der Weberfluss bekannt. Er floss durch ein zimmlich schönes, kleines Thal in nordöstlicher [nordwestlicher] Richtung am südöstlichen Fusse der hohen Wahsatchgebirge, welche dieses Thal von dem Salzsee trennen. Wier folgten den Windungen des Flüsschens Abwärts um hohe, oft wie Burgruinen aussehende Hügelvorsprünge. Thomen meinte, Vater Noa müsse mit seiner Arche hier durchgekommen sein und Theile derselben sitzen gelassen haben.173 Ungefähr nach 5-Meiliger Fahrt an den Ufern des Weberflusses lagerten wier an einer hochen Uferstelle neben dem Flusse. Einige von uns hatten lust, sich in dem klaren Wasser zu baden; da machten sie die Entdeckung, dass es an seichten Stellen viele Krebsen gebe, und sofort begaben wier uns mit Essgabeln bewaffnet hinab in seine Gewässer, und bald hatten wier eine genügende Zahl Krebse, um den grössern Theil von unserm Abendessen auszufüllen.

An dem äussern Abhange des uns gegenüberligenden Wasatchgebirges wuchsen einige Tannen, einige buschigen Cedern und verschiedene Gebüsche. Im Thale hingegen bildeten Weiden und Cotton Bäume den Hauptholzwuchs. Einige Ahorn, etliche Eichen und Erlen fanden wier ebenfalls, letztere sellten über 20 Fuss hoch. Im Thal hatte es einige engen Plätze, welche uns gezwungen hatten, oft von einer Seite des Flüsschens zu der Andern hinüber zu setzen.

Am 2. Tag August setzten wier unsere Reise durch das sich jetzt wieder ein wenig erweiternde Thal fort, ohne jedoch die Strasse174 viel besser als am vorgehenden Tage zu finden. Es gieng durch Gebüsch, durch das Flussbett und durch Wald wol 5½ Meilen weit. Da öffnete das Thal sich endlich wieder mehr, wo wier uns etwas mehr nach Rechts wandten, den Fluss zu unserer Linken, wo er zwei kleine Bäche aufnahm. Wier fuhren von dieser Stelle noch 1½ Meile weiter thalabwärts, dann lagerten wier.175 Die Bergen an beiden Seiten neben uns hatten ein schönes Aussehen. Infolge des schon lange anhaltenden drockenen Wetters waren die Grasarten in dem kieseligen Grunde alle beinahe drocken. Die grossen Rauchwolken zeugten von den Grasbränden, welche wahrscheinlich durch die Nachlässigkeit leichtsinniger Reisender entstanden sein mochten.

Als wier am 3. August auf unserm Wege dem Fluss entlang hinab in nördlicher [nordwestlicher] Richtung zirka 5 Meilen zurück gelegt hatten, war uns Captain Hastings entgegen gekommen.176 Auf sein Rath hin hielten wier an, er war der Ansicht, dass wier wie alle uns voranziehenden Gesellschaften den unrechten Weg verfolgten. Er hatte den ersten Gesellschaften den Rath gegeben, dass sie nach Ankunft am Weberflusse nach linker Hand sich wenden sollten, wo er sie auf einem nähern Wege an den Salzsee bringen wollte. Seinem Rathe hatten [sie] keine Folge geleistet, sondern hatten ihren Weg auf gut Glück hin dem Flusse hinab folgend genommen. Wier wendeten unsere Fuhrwercke wieder um und trieben zirka zwei Meilen zurück, wo wier uns lagerten.177 Wier hatten an diesem Tage bald bedekten Himmel mit ein wenig Regen, dann wieder warmen Sonnenschein. Am 4. blieben wier im Lager.178 Einige von der Gesellschaft hatten versucht, einen bessern Weg aufzufinden, kehrten aber unverrichteten Sache ins Lager zurück.179

Am 5. August brachen wier wieder auf, fuhren aber nicht Thalauf-, sondern Thalabwärts den sogenannten bösen Stellen des Weberbaches entgegen. Kiburz, die Barber und wier hielten, um zu lagern, [während] der Übrige Theil unserer Gesellschaft den gefürchteten Plätzen entgegen fuhr und diese ohne besondere Schwierigkeit passierte.180 Der Weberfluss hatte, anstatt wie bisher nach Norden [Nordwesten] zu fliessen, hier eine westliche Richtung genommen. Die eigentliche schlimmste Stelle war 5 Meilen lang – der Weberfluss hatte sich seinen Weg zwischen den steilen, hohen Wassatchgebirgen durchbrochen –, es war ein tiefer Durchschnitt, durch welchen die Gewässer über Felsen schäumten und dobten.

Am 6. August wagten auch wier die wilde Fahrt, bis dahin entschieden die Wildeste, wenn auch gerade nicht sehr Gefahrvolle.181 Um unsere vier Wagen durchzubringen, verwendeten wier den ganzen Vormittag und bis voll Einuhr Nachmittags. Es gab Stellen, wo man alle Ochsen mit Ausnahme derer an der Teichsel losliess, dann spannte man beide hintern Räder, Einer trieb an, die Übrigen hielten den Wagen aufrecht, dann glitt man schnell zu dem schäumenden Wasser hinab, spannte die losgelassenen Ochsen wieder an die Wagen, und nun gieng es durch das schäumende Flussbett voll grosser Felsblöcke, wobei die Wagen bald auf die Eine, dann auf die andere Seite umzufallen drohten. Hier musste man die Räder an den Speichen aufdrehen, dann wieder mit aller Kraft halten, dass [das Fuhrwerk] nicht zu schnell von diesem auf einen tiefer ligenden Fels falle, um sich an diesem zu zerschlagen. Bei Jedesmaligem Rückwege, [um] ein anderer Wagen nachzuholen, hatte man vorsichtig zu sein, dass man auf den glatten Felsen unter Wasser nicht ausglitt, damit [einen] nicht die schnellen, schäumenden Wellen mit sich nahmen. Ich hatte, als ich die Reise betrat, drei Pare Stiefel und ein paar Schuhe; heute hatte mein einziges bis dahin übrig gebliebenes Paar Stiefel mir seine letzten Dienste erwiesen – die Absätze hatten sich neben den Füssen seitwärts in die Höhe gehoben, das Untere nach Oben. In der Zukunft musste ich schauen, wie ich mir selbst mein Schuhwerck verfertigte. Als die ersten Gesellschaften hier ankamen, fanden sie natürlich gar keine Strasse. Es gab da viele Arbeit, um es zu ermöglichen, durchzukommen, wier hatten daher verhältnissmässig wenig Mühe gehabt.182

Am Grossen Salzsee. Rast für die Zugtiere und Vorbereitung auf die Wüste

Nachdem wier den Weberfluss zu unserer Rechten verliessen, welcher nicht weit von dieser Stelle in den Salzsee mündet, fuhren wier über guten, wilden Wiesengründen noch zirca 3 Meilen südlich, die Wasatchgebirge jetzt zu unserer Linken, und lagerten uns dann in einem kleinen, grasigen Thälchen mit hinreichendem, guten Wasser. Die Witterung war sehr warm gewesen. Am 7. erreichten wier die flachen Ufer des herrlichen Salzsees, dessen Wasser klar wie Kristall, aber so salzig wie die stärkste Salzlacke ist. Er ist eine grosse Wasserfläche und bietet dem Auge in nordöstlicher [nordwestlicher] Richtung nichts als Himmel und Wasser. In ihm sind ein paar vegetationslose Inseln, welche aussehen, als ob sie ganz überbrannt worden wären. Das Land dehnt sich von den Bergen in einer herrlichen schiefen Ebene nach dem See hinab und wirdt nur durch die Wasserrinnen [von] mehrern oberhalb entspringenden Quellen des frischesten Wasser durchschnitten. Der Grund ist ein reicher, tiefer, schwarzer, sandvermischter und muss ohne Zweifel im Stande sein, gute Produkte liefern [zu] können.

Der klare himmelblaue Seespiegel, die warme sonnige Luft, die nahen hochen Berge mit dem schönen Gelände zu [ihren] Füssen, über welches wier auf einer schönen Strasse dahin zogen, machten auf mein Gemüth ein ungemein freundlichen Eindruck – den ganzen Tag hätte ich Singen und Pfeifen mögen. Wäre nur eine einzige Familie weisser Menschen hier zu finden Gewesen, so glaube ich, dass ich dageblieben wäre. Oh wie schade, dass diese herrliche Landschaft unbewohnt war! Ich ahnte damals nicht, dass vielleicht kaum zwei bis drei Wochen nach unserem Durchzug diese Gegend schon Hunderte zivilisierter Menschen, welche bald zu Tausenden anschwollen, beleben sollten, und doch war es so. Die Mormonen folgten uns auf den Füssen in ihrer irrthümlichen Hoffnung, hier in dieser Wildniss für immer ganz nach eigenem Wohlgefallen schalten und wallten zu können.183 Seidher sind noch keine 29 Jahre verflossen, und die Mormonen haben gewiss schon längst einsehen gelernt, dass es mit ihrer geträumten Unabhängigkeit zu Ende geht.184

Unsere Strasse hatte uns oft durch das nahe an dem Seeufer wachsende Schilf gebracht. Nachdem wier an einem Flüsschen, dem Uta, angekommen, dessen Wasser ein wenig wärmlich, sonst aber von gutem Geschmack war, bis wohin wier 20 Meilen zurückgelegt zu haben glaubten, schlugen wier wieder unser Lager auf.185 Das Gras war da aber schlecht, und an Feuermaterial war auch kein Überfluss. Die Wassatch-Gebirge sind hoch, in seinen Schluchten konnten wier einiges Nadelholz sehen, dessen Bäume von schlanken Wuchse zu sein schienen, doch war die Gegend im ganzen Holzarm.

Am 8. August liessen wier die Wassatchgebirge zu unserer Linken ligen186 und richteten unser Kurs in südwestlicher Direktion einem andern, röthlichbraunen Gebirge [Oquirrh Mountains] zu, welches uns bei der überaus klaren, durchsichtigen Morgenluft kaum 6 Meilen entfernt zu sein schien. Wier konnten uns heute überzeugen, dass wier [uns] vollkommen um das Doppelte geirrt hatten. Zehn Meilen weit über eine Ebene brachte uns in eine sumpfige Gegend, wo Schilf und einige saure Sumpfgräser gediehen, durch welche uns die Strasse nun führte. Das Wasser war salzig und ungeniessbar, selbst das Vieh mochte es nicht.187 Nach 2 weitern Meilen hatten wier den Fuss des Berges erreicht, wo eine grosse, kristallhelle, etwas wärmliche und wenig gesalzene Quelle dem Grunde entquoll. Hier hielten wier kurze Zeit, um uns sowie unserm Vieh einige Ruhe zu gönnen. Wo die Quelle aus dem Grunde kam, bildete sie ein schönes Basin, worin mehrere von uns sammt den Kleider an sich badeten.188 In der Nähe dieser Quelle war ein einzeln stehender, grosser, abgerundeter Fels, unter dem sich eine Höhle befand und worin Diejenigen, welche hineingiengen, ein menschliches Gerippe fanden.189 Wier hatten im Laufe dieses Vormittages den uns vorangegangene Theil unserer Gesellschaft wieder eingeholt und setzten nun die Weiterreise wieder gemeinschaftlich fort. Wier kamen noch einige Mal an das schilfige Ufer [an] dem südlichen Ende des Salzsees und lagerten endlich an einer grossen Quelle am Fusse des Gebirges, dessen Wasser aber auch ein wenig salzig schmekte. Ein stück sumpfiges Wiesenland trennte uns hier vom See.190 Wier mochten diesen Nachmittag zirka 6 Meilen gemacht haben.

Am 9. August setzten wier unsere Reise am südlichen Rande des Sees in westlicher Richtung fort.191 Ripstein, ein Amerikaner namens Buntsel192 und ich waren unsern Wagen zimmlich weit voraus gegangen und hatten eine Stelle erreicht, wo der See fast dicht an die Strasse herankam. Der Morgen war so lieblich warm und das Thierlose, klare Wasser so einladend, dass wier uns schnell hier ein Salzwasserbad zu nehmen entschlossen. Der Grund des Wassers193 schien mit weisslich grauem Sande bedeckt, an dem Ufer konnte man die noch frischen Spuren eines Bären sehen. Dessenohngeachtet hatten wier uns bald entkleidet und waren in das salzige Gewässer hinein gegangen. Wier mussten aber nicht viel weniger als eine halbe Meile hinaus gegangen sein, bis uns das Wasser an unsere Hüfte reichte. Hier war es aber noch immer so durchsichtig, dass man den Grund so sehen konnte, als ob gar kein Wasser darüber wäre, aber es war so schwer, dass wier den Grund kaum recht mit den Füssen betretten konnten. Es war hier durchaus keine Kunst, auf den Zehen – sogar auf Einem – zu stehen. Ich glaube zuversichtlich, dass man über den 70 Meilen langen See hinüber schwimmen könnte, ohne die geringste Gefahr zu ertrinken, selbst Personen, welche vom Schwimmen nur wenig verstehen. Ich war ein schlechter Schwimmer, Ripstein war gar keiner, und [doch] konnte er sich auf den Rücken legen, wobei sein voller halber Körper über der klaren Salzlacke hervor stand. Hätte ich nicht gewusst, dass ich in gewöhnlichem Wasser leicht untersänke, würde ich geglaubt haben, ein ganz vortrefflicher Schwimmer zu sein. Ich konnte alle erdenklichen Stellungen probieren ohne die Geringste Gefahr; ich konnte sitzend, seitwärts, auf dem Rücken schwimmen, und ich glaube, man hätte ein gehöriger Burzelbaum machen können ohne besondere Anstrengung, denn wenn man nur mit einer Zehe dem Grund einen kleinen Stoss gab, konnte man hoch aufhüpfen. Da meine Haare damals dick und bis auf die Schultern hinab hingen, musste ich schon ein grosser Theil meines Körpers, wenn ich auf dem Rücken lag, hinten194 in die Höhe halten, befor ich mit meinem Kopf unter Wasser kam.

Um darin schwimmen zu lernen, kann es in der ganzen Welt kein Gewässer geben, welches sich dazu besser eignete als der Salzsee, da man bei den Mündungen der in ihn hinein fliessenden Süsswasserflüsse sich allmälig leichteres Wasser wählen könnte, sobald man sich als vollkommener Schwimmer sicher weiss. Ich schwam beinahe die ganze Distanz zurück, ja man konnte im Wasser, welches kaum mehr 1½ Fuss tief, noch leicht schwimmen. Ein einziger Umstand mochte das Schwimmen in diesem See haben, welcher nicht Jedem gefiel, dieser bestand darin, dass, wenn einem nur wenig Wasser in die Augen kam, es ein stark brennender Schmerz verursachte. Und gieng man an das Land und kleidete sich an, ohne sich vorher in ungesalzenem gewaschen zu haben, so verspürte man bald ein beinahe unerträgliches Beissen oder Jucken am ganzen Körper, da das Salzwasser alle Poren der Haut ausgefüllt [und] dadurch überall seine Salztheile abgesetzt hat.

Beinahe den ganzen Tag führte die Strasse am Fusse des Gebirges dicht an dem Seeufer in westlicher Richtung, wobei wier mehrere Grosse Wasserquellen passirten, wovon jedoch die Meisten salzig waren. An einer dieser Quellen, welche ein wenig süsser war und wo wier auch Gras für unser Vieh fanden, hatten wier uns gelagert. Der See hatte sich jedoch von der Strasse zurück gezogen, ein Stück Schilfland trennte sie.

Morgens am 10. August fand man einen alten Ochsen, dem Mr. Hopy gehörend, in einem der tiefen Wasserquellöcher beinahe erschöpft. Er musste in der Nacht hinein gefallen sein, und es war ihm nicht möglich gewesen, sich daraus hervor zu arbeiten. Als man ihm daraus half, starb er bald nachher. Wier hatten eine tiefe Thalbucht erreicht, wo sich einige sehr tiefe, aber vollkommen Salzfreien Quellen befanden, ebenso fanden wier noch viel gutes Gras, auch an Holz war da kein Mangel.195 Drei andere Gesellschaften waren hier im Lager ausser uns, und da es bekannt war, dass wier bald schwere Arbeit für unser Zugvieh bekommen würden, war es nöthig, das sehr stark mitgenommene Vieh sich hier gehörig erholen zu lassen. Hastings war zurück geritten, um zurück gebliebenen Gesellschaften, wenn es nöthig sein sollte, den Weg zu zeigen. Einige wollten seine Rückkehr abwarten, befor sie die Reise weiters fortsetzen wollten. Die die weite Bucht umgebenden, zimmlich hohen Gebirge waren nur spärlich bewaldet; nur ein kleines Bächlein führte oben aus einigen kleinen Quellen dem Thale etwas Wasser entgegen, welches aber, nachdem es das Thal erreicht hatte, bald in dem sandigen, sogar kieseligen Grunde wol eine halbe Meile oberhalb unseres Lagers versiegte, um nachher da, wo die Gesellschaften sich gelagert hatten, als tiefe Quellen wieder zu erscheinen.

Seid wier Fort Britcher verlassen, wo noch, soviel ich glaube, Indianer der Sioux-Stämme sich befanden, hatten wier bis Gestern keine mehr gesehen;196 diese Letztern waren dunkle, ärmlich gekleidete, nicht schlanke, [sondern] untersetzte Burschen und sollen dem Utastamme angehören.197 Wo wier uns jetzt befanden, sollen die sogenannten Digger-Indianer bereits zu hause sein, ein Stamm, welche im Veruf waren, falsch und Hinterlistig zu sein, und sich nichts daraus machen würden, einen weissen Menschen zu morden, wenn sie solches thun könnten, ohne dass sie dafür Strafe zu befürchten hätten. «Digger» heisst auf Deutsch «Gräber», und dieser Namen wird beinahe allen Stämmen von Hier bis in die Ansiedlungen von California beigelegt, weil sie Alle von vielen Wurzeln leben, nach welchen sie mit spitzen Stöcken graben. Die Indianer, mit welchen wier von hier aus zusammen traffen, hiessen sich immer Shoshanee oder Schoschanie,198 unter welchem Namen man sie eigentlich allein benennen sollte.

Von Wildbrett hatten wier schon längere Zeit ausser einzelnen Spuren nichts mehr gesehen; die Spuren zeugten aber von dem Dasein von Bären, Elke und Hirsche, und grosse Bergschafhörner bewiesen, dass auch sie hier herum zu Zeiten sich aufzuhalten pflegten.

Am 11. August blieben wier ligen. Zwei der neben uns lagernden Gesellschaften verliessen aber den Platz, um ihr Weg fortzusetzen. In der andern noch neben uns lagernden Gesellschaft starb ein Mann, welcher nur kurze Zeit krank war.199 Am 12. August blieben wier noch auf derselben Stelle, wier hatten zu waschen, unsere Schuhe und Kleider zu reparieren. Mr. Hastings war zurück gekehrt,200 er war der Ansicht, dass wier Wohl daran thun, unserm Vieh noch mehr Gelegenheit zur Ruhe zu geben. Der Gestern gestorbene Mann in der neben uns lagernden Gesellschaft wurde Heute beerdigt, nachher verliessen sie uns, um die Reise ebenfalls fortzusetzen.

Wier blieben am 13. noch immer in demselben Lagerplatze. Unser Vieh, welches bei unserer Ankunft stark mitgenommen war, hatte bereits angefangen, sich gut zu erholen. Heute schien es, als ob sie einen Tanz unter sich ausführen wollten, sie machten allerlei komische Sprünge, welche passender für junge Ziegen gewesen wären als für alte, grosse Ochsen. Wier hatten ihnen indessen nichts dagegen, dass sie sich Lustig machten, sondern wier freuten uns noch sogar über ihre Lustbarkeit. Die Witterung war die letzten Tage nicht Unangenehm gewesen, obschon der Himmel oft bewölkt war.

Am 14. August endlich verliessen auch wier wieder diesen Platz. An keinem andern Platze – mit Ausnahme am Blatte, wo wier des Büffelfleisches wegen einige Tage bleiben mussten – waren wier sonst so lange geblieben. Hier blieben wier hauptsächlich so lange, [damit] sich unser Vieh auf die bald beforstehende lange Reise ohne Gras und Wasser erkräftigen und stärcken könne. Unsere Strasse führte anfangs dem Fusse des Berges entlang in nördlicher Richtung 10 bis 11 Meilen weit, dann bogen wier wieder nach links um des Berges vorsprung herum, wobei wier den Salzsee zu unserer Rechten ligen liessen und uns allmälig immer mehr von ihm entfernten.201 Unterwegs kamen wier an mehrern Quellen vorüber, deren Wasser aber grossentheils sehr Salzig war. Das Innere Dieses südlich an den See grenzenden Gebirges muss sehr wahrscheinlich aus unermesslichen Lagern von Salzfelsen bestehen und bildet Jedenfall die Hauptursache des ausserordentlichen Salzgehaltes des Sees. Da der See kein bekannter Abfluss hat, so muss das viele in ihn hinein fliessende Wasser des zimmlich bedeutenden Bärenflusses, des grossen Weber- und des vielleicht ebenso grossen Uta-Baches während der Sommerzeit verdunsten. Der Salzgehalt der vielentheils grossen Salzquellen muss womöglich mit jedem Jahre grösser werden, da das Salz sich nicht verdunsten lässt.

Wier hatten in einer andern Bucht dieser Gebirge späht Nachmittags endlich wieder eine Quelle gefunden, [deren] Wasser man trinken konnte, auch war da noch Gras genug, um unser Vieh theilweise zu sättigen. John Barber brachte uns einen zirca 2½ Zoll langer Scorpion, ohne jedoch zu wissen, dass es ein solcher sei.202 Das Insekt war tod – wäre es lebend gewesen, würde er sein Irrthum wahrscheinlich bald genug erfahren haben. John hatte geglaubt, es sei eine neue Art eines Krebsen, denn er hatte ihn aus einer Quelle genommen. Als ich ihm aber sagte, dass es ein Skorpion gewesen, den er sehr bald würde gehen lassen haben, wenn er lebendig gewesen wäre, da schien ihm das Fangen neuer Krebsen für die Zukunft verleidet zu sein.

Am 15. August gelangten wier zeitig an die letzten süssen Wasserquellen. Es gab Dieser hier mehrere, und glücklicherweise war ein Überfluss an grossem Gras ebenfalls vorhanden.203 Wier traffen hier wieder die letzte uns vorangezogene Emigrantengesellschaft, unter welchen die Harlans und Weimer waren, mit welchen wier von der Indian Creek die Reise begonnen hatten.

Am nächsten Tag, 16. August, war diese Gesellschaft wieder aufgebrochen. Die vordern Wagen waren bereits angetrieben, da wurde aus einem der hintersten Wagen ein Bündel mit Kleidern geschmissen, er gehörte der dicken, hellhaarigen Fräulein Lucinda. Die Eigenthümerin dieses Bündels wollte man ebensowenig oder wahrscheinlich noch weniger im Wagen behalten als den Bündel selbst. Der Bündel war aus einem von Mr. Harlans Wagen geflogen, bei welchem Miss Lucinda schon Zweimal Aufnahme gefunden hatte. Sie waren sie aber wieder Überdrüssig geworden und hatten wahrscheinlich das Hinausschmeissen des Kleiderbündels als das beste Mittel betrachtet, um damit die immer heirathslustige Lucinda loszuwerden. Hätte man den Charakter dieser famosen Persöhnlichkeit nicht gar zu wohl gekannt, so würde man diesen Akt der Harlans als überaus Herzlos angesehen haben; auch jetzt betrachteten ihn einige von uns so. Mr. Hopy hatte sie von den Ansiedlungen mitgenommen, sie hatte ihn aber auch bereits Zweimal verlassen; er wollte sich daher nicht bewegen lassen, die nun – wenigstens Scheinbar – weinende, im Grase neben ihrem Bündel stehende Lucinda wieder in den Einen seiner Wagen zu nehmen. Es gab da viel hin und her Redens, wobei jede Partei sie der andern aufbürden wollte, bis man zuletzt zimmlich Allgemein zu der Ansicht kam, dass man dieses stück Menschenfleisch doch nicht so allein in der Wildniss bleiben lassen könne und dass trotz Alledem Mr. Hopys Familie sie wieder nehmen müsse, welcher Ansicht Hopy unwillig Folge leistete.

Wier blieben am 16. August noch hier, das viele frische Gras that dem Vieh ebenso gut als das ausgezeichnete Wasser. Wier benutzten unsere Zeit, um uns so gut als möglich auf die am Morgigen Tage zu beginnende lange Distanz – zwischen 70 bis 90 Meilen ohne Gras und Wasser – vorzubereiten. Wier schnitten mit unsern Taschenmessern so viel Gras als wier konnten, welches wier in Bündel banden, um es mitzunehmen. Jedes Gefäss, welches Wasser halten konnte, wurde in Bereitschaft gehalten, um diese noch vor unserer Abfahrt mit dieser unentpehrlichen Flüssigkeit zu füllen – und wie Froh wären wier gewesen, wenn wier wenigstens 4 Mal so viel hätten mitnehmen können!

Durch die Grosse Salzwüste

Der 17. August war angebrochen, und unser Vieh lag zufrieden Wiederkäuend im Grase herum. Nachdem das Frühstück vorüber, war Jederman beschäftigt, das bereit behaltene Gras und alle soeben mit dem frischen Wasser gefüllten Gefässe (kleine Fässer, Kannen etc.) in die Wagen zu verpacken, und zwar mit aller Vorsicht, damit man wo immer Möglich keines verliere. Die Ochsen führte man noch einmal zum Wasser, damit sie noch Drinken sollten, die Meisten verlangten aber nicht darnach. Es mochte bereits 9 Uhr geworden sein, als wier aufbrachen. Vor uns lag eine breite Salzebene oder Thal [Skull Valley], wo man nur sehr wenige, dornige, verkümmerte Vegetation, dagegen oft Salzkrusten auf dem Grunde fand. Unsere Richtung war nordwestlich, in gerader Linie dem gegenüberligenden Berge [Cedar Mountains] zu. Die Strasse fing an, über die anfangs mässigen Hügel hinauf zu führen, und um zirka Halbzweiuhr hatten wier zimlich hoch oben an der Hügelseite eine Quelle erreicht, wo wier Halt machten, um unser Vieh zu dränken. Allein das Wasser – obschon schön anzusehen – war doch zu salzig, und das Vieh war noch nicht Durstig genug, so dass es kaum davon kostete. Von dem wenigen grobhalmigen Grase machte es ebenfalls keinen besondern Gebrauch, dazu hatten sie wieder nicht Hunger genug.204

Nach einem Gerücht sollten etwelche der uns voran ziehenden Emigranten auf der Westseite dieser Hügel, 15–20 Meilen von hier, einen Brunnen neben der Strasse gegraben haben. Wier waren unter uns einig geworden, dass Viere von uns den Wagen vorausgehen sollen, bis wier zu dem muthmasslichen Brunnen gekommen, wo wier dann die Ankunft unserer Wagen abwarten sollten. Der grosse Bunzel, Zins, Thomen und ich wollten den Brunnen aufsuchen, selbst wenn es Nacht werden sollte, ehe wier ihn erreichten. Die Wagen sollten ihren Weg so lange als möglich fortsetzen, [nur] wenn grosse Hinternisse sie daran hintern, sollten sie den nächsten Tag abwarten.

Nach 1½ stündiger Ruhe nahmen wier unsere Reise wieder auf, wie oben erwähnt voraus, aber ohne irgendwelche Schiesswaffen mit uns zu nehmen. Jeder hatte nur sein Spazierstock bei sich. Wier waren anfangs mehrere Meilen am Fusse der höchsten Hügelkette [Cedar Mountains] über dessen untern Abhange entlang in [nördlicher]205 Richtung gegangen und waren endlich an die Stelle gekommen, wo die Strasse über höchst steile Hügel [Hastings Pass] hinauf führte.206 Wier waren sicher, dass unsere Wagen hier diesen Abend lagern würden, denn um die Hügel zu übersteigen, mussten die Fuhrwercke wenigstens verdoppelt, wenn nicht verdreifacht werden.207 Als wier diese Hügel erstiegen hatten und unsere Schritte gegen das weite, wüste Thal hinunter lenkten, neigte sich vor uns die grosse, dunkelrothe Sonnenscheibe schon ganz nahe zum nordwestlichen Horizont nach der unabsehbaren Ebene.208 Es war eine draurige Einöde, alles stille wie das Grab. Der Grund war sandvermischter Kiesel, wo nur niedrige, vielleicht 1½ Fuss hohe, holzartige, stachelige Gestrüpe209 eine kümmerliche Existenz fanden. Weder Wolf noch Antilope noch irgendein anderes Thier liess sich weder blicken noch hören, jedoch lagen da zerstreut über dem Grund die Knochen und die riesigen Hörner hier gefallener Bergschafe und einiger Elke. Je weiter wier durch die staubige, sandige Strasse in die wüste Ebene hinunter gelangten, je finsterer wurde es. Kein Laut war Vernehmbar ausser unser eigenes, dumpfes auftretten in dem von den Wagen und von den Hufen der Zugthiere aufgewühlten losen Sande in dem Fahrwege, über welchen wier ohne miteinander zu sprechen dahin schritten, einer hinter dem Andern, wie ebenso viele Rekruten, welche hintereinander das Marschieren lernen.

Es mochte vielleicht Zehnuhr sein, da meinte endlich Bunzel, wier sollten uns zur Seite des Weges hinlegen, einen Brunnen würden wier wol doch keinen finden; wier antworteten ihm aber kaum, sondern schritten wie Vorher voran, immer Weiter. Bunzel war ein grosser, starker Mann, aber wier hielten ihn alle für Faul. Allein blieb er dann doch auch nicht gern zurück, er drabte desshalben wieder hinter uns her. Nachdem wier wieder wol eine halbe Stunde derart weiter marschiert waren, unterbrach Bunzel die Lautlosigkeit der Nacht abermal und meinte, wier sollen doch Halt machen, wier fänden doch kein Wasser und er sei Müde und Schläfrig. Aber wie das Erstemal hatten seine Worte kein Gehör bei uns gefunden. Da blieb er endlich wirklich zurück. Wier drei Übrigen hatten unser Weg wie vorher fortgesetzt bis wol nach Mitternacht, und da sich bis jetzt gar nichts von dem ewigen Einerlei in der Dunkelheit hatte unterscheiden lassen, fingen auch wier an, Müdigkeit und Schlaf zu empfinden. Einige Schritte Linkerhand neben der Strasse legten wier uns auf den kieseligen Grund. Aber die Nacht war sehr kühl, und da wier uns vorher beinahe in den Schweiss gelaufen hatten, empfanden wier die kühle Nachtluft nicht wenig. Thomen hatte Zündhölzchen bei sich, wier versuchten, eine Anzahl dieser halbverdrockneten, dornigen Gesträucher (Greasewood) zusammen zu bringen, wobei unsere Hände durch die Dornen nicht wenig zu leiden hatten. Wier hatten keine grosse Mühe, ein Feuer anzuzünden, aber ein solches zu unterhalten, wäre weit Mühsammer gewesen, denn zu einem lange anhaltenden Feuer waren diese Pflantzen wieder nicht holzig genug. Wier kratzten uns Höhlen aus dem Sande und suchten uns darin theilweise gegen die kühle Nachtluft zu schützen, welches uns jedoch kaum halb gelang. Dann machten wier wieder Feuer, legten uns Abermal [hin], bis der Tag [18. August] zu grauen anfing und Bunzel sich uns wieder angeschlossen hatte.

Wier hatten weder etwas zum Essen noch zum Drinken bei uns, doch das Essen quälte uns nicht besonders. Sobald aber die Sonne anfing, sich dem Zenithe zu nähern, wurde ihre Wirkung immer empfindlicher. Es war da gar nichts, welches Schatten gab; setzte man sich auf den Grund, empfand man die Hize nur noch umso mehr – es war gerade umgekehrt von der Nacht. Vielleicht zwei Meilen vor uns konnten wier ein felsiger Hügel [Grayback Mountain] sehen, welcher sich wol 40 Fuss über die Fläche erhob und über welchen die Strasse führte. Thomen, Zins und Bunzel hatten sich entschlossen, bis Dorthin zu gehen, um dort die Ankunft unserer Wagen abzuwarten, allein ich wollte lieber warten, wo ich war, denn soviel schneller konnte ich Wasser erhalten, sobald die Wagen kamen. Immer empfindlicher wurde mein Durst, und ich wandte meine Blicke kaum von der Stelle, wo ich erwartete, dass die Wagen zwischen den fernen Hügeln, über welche wier Gestern Abend herab gekommen, erscheinen müssten. Endlich sah ich, dass sich ein wenig Staub erhob, aber bald erwies es sich, dass es nur ein einzelner Reiter war, welcher daher kam. Als dieser zu mir kam, fand ich in ihm ein kleiner, alter Badenser (Müller)210, welcher beim Hopy war und auf dessen Pferd er zwei kleine Fässchen hatte, mit welchen er voraus reiten sollte, bis er zu frischem Wasser käme, um sie dann zu füllen und wieder damit zurück zu kommen. Müller erzählte mir, dass die Gesellschaft am Fusse der steilen Hügel übernachtet und Dieselben erst diesen Morgen mit einiger Schwierigkeit überschritten hätte. Er meinte, dass man sie bald müsste zwischen den Hügeln herunter kommen sehen, und richtig: Da, wo ich früher zuerst den Staub aufsteigen gesehen, stieg er jetzt wieder in die Höhe, und wie eine Schlange wanden sich die Wagen nacheinander nach der Ebene herunter. Ihr Kommen kam mir langsam vor – doch sie kamen, und ich hatte mein Durst gelöscht, schon befor wier den felsigen Hügel vor uns erreichten.

Auf dem Hügel hielten wier, um Mittag zu machen und eine Stunde auszuruhen. Wier gaben jedem Stück Vieh vielleicht eine Gallone Wasser, auch ein wenig von dem mitgenommenen Gras, wovon sie zwar frassen, doch hätten sie gar so gern noch mehr Wasser genommen. Es mochte stark auf Dreiuhr gehen, als wier, unsere Reise fortsetzend, von dem Hügel wieder in die Ebene hinab fuhren [und] bald nachher durch eine kleine Saharasandwüste kamen.211 Der Wind wehte heftig von Nordosten her und trieb den weisslich gelben Sand zu allen Seiten vor sich her. Unsere Wagen wanden sich zwischen den vielen 10–12 Fuss hohen Sandhügeln hindurch, die Luft war verfinstert, von der Sonne konnte man nichts mehr entdecken – man glaubte, es sei bereits Abenddämmerung, obschon es dazu noch zu früh war. Ein recht dichtes, feines Schneegestöber hat mit diesem fliegenden Sande vielleicht am meisten Änlichkeit.212 Diese Sahara war glücklicherweise nicht so gross wie die Afrikas, sie konnte nicht mehr als 4–5 Meilen Durchmesser haben da, wo wier durch sie hinzogen.

Als wier sie hinter uns hatten, [hatte] der Wind fast ganz aufgehört zu wehen. Wier waren in einer total Vegetationslosen Ebene angekommen, wo nicht das geringste Pflantzenleben mehr existierte. Es fing an finster zu werden, aber soviel man in dieser starken Dämmerung unterscheiden konnte, war der Grund, auf welchem wier nun waren, ein sandvermischter, salzdurchschwängerter, grauer Läte oder Lehm, welcher sehr viel Änlichkeit mit dem Grund vom Salzsee selbst hatte. Entweder steht diese Gegend zu Zeiten unter Salzwasser – vielleicht in recht regnerischen Zeiten –, oder dann hat diese dotale Fläche früher selbst zum Salzsee gehört oder war mit [ihm] irgendwo verbunden.213

Als wier auf dieser Fläche angekommen waren, ruhten wier, gaben jedem Stück Vieh wieder ein wenig Wasser und Gras, nahmen selbst etwas zu uns und setzten dann unsere Reise fort, hoffend, dass wier am nächsten Morgen die lange ersehnten Süsswasserquellen nebst gutem Grase erreicht haben würden. Zins und ich blieben beim Wagen, [während] Ripstein, Diel und Thomen voraus giengen, die erstern Beiden mit der Absicht, zu gehen, bis sie die süssen Quellen erreicht haben würden. Schritt für Schritt gieng es beständig über diese graue Fläche in der noch graueren Dunkelheit der Nacht. Der Grund war Stellenweis ein wenig weich, ein neuer Beweis, dass vor nicht sehr langer Zeit hier Wasser gestanden haben musste. Wier waren ohne anzuhalten gefahren bis gegen Einuhr Morgens, als plötzlich unsere drei Kameraden zu uns sprachen. Sie hatten kurze Distanz von da einen Mann getroffen,214 welcher bei mehrern Wagen zurück geblieben war; von diesem Manne hatten sie erfahren, dass die Distanz zu den nächsten Süsswasserquellen und Gras noch wenigstens 24 Meilen betragen sollte. Wier waren bald neben dem Wagen, worin der Mann war, angekommen, und von ihm erfuhren wier, dass vor uns bereits viele Wagen zurück gelassen worden seien und dass man das Vieh voraus nach den Quellen getrieben habe, um sich dort zu erholen. Nachher wolle man die Wagen wieder abholen. Bis dahin war unser Vieh noch in passablem Zustande. Die Nacht war kühl, die Ebene zum fahren ausgezeichnet, mit Ausnahme einiger etwas weichen Stellen.215

Im fernen Osten fing es allmälig an, lichter zu werden. Fern zu unserer Rechten konnte man im dimmern Morgenlicht eine hohe, steile Bergkette unterscheiden; ein wenig zu unserer Linken, fast ganz vor uns, erblickte man einige Andere, sich beinahe senkrecht aus der grauen, toden Ebene erhebende Berggipfel [Silver Island], und dort herum hofften wier jetzt, das ersehnte Wasser zu finden. Mit Sonnenaufgang, welche als eine grosse, runde, rothe Scheibe aus der unendlich scheinenden Fläche sich langsam erhob, waren wier diesem hohen Berge in gerader Richtung vor uns bis auf einige Meilen nahe gekommen.216 Wier hatten bis dahin 24 zurück gelassene Wagen passiert, jetzt machten wier Halt. Unsere Ochsen schienen Alle zu leiden, das Ganze Eingeweide schien bei ihnen in Aufruhr. Es war ein fortwährendes Kollern und entweichen von Gas, sie wurden Hohläugig, und es that einem recht leid, die armen Thiere so leiden zu sehen. Wasser konnten wier ihnen keines mehr geben, wier hatten nur noch wenig für uns selbst, und von dem Grase, welches wier ihnen reichten, berührten sie kaum. Doch konnten wier da nicht bleiben, wier mussten vorwärts, das arme Vieh musste die Wagen hinter sich herschlepen. Bald fanden wier zurückgelassenes Vieh, einige bereits tod, Andere bewegten noch ihre Ohren, wieder andere würde man wol mit Wasser allein haben retten können. Die hohen, sich steil aus der Fläche erhebenden Gebirge [Silver Island] waren jetzt ganz nahe zu unserer Linken, um welche wier nach Norden bogen.217 Aber an ihnen wuchs keine Vegetation, sie sahen röthlich braun – wie verbrant – aus; an dem Fusse dieser Berge war alles Dürr, kein Zeichen von Feuchtigkeit. Vor uns neben diesen Bergen erhob sich eine kieselige Anhöhe. Sicher müssen wier jetzt nahe beim Wasser sein, so hoffte man, aber Oh weh – auf der Höhe angelangt, sahen wier über ein 10 Meilen breites Thal durch den bläulichen Dunst ein anderes hoches Gebirge [Pilot Peak]218 jenseits, und nun wussten wier, dass wier auch dieses zu durchziehen hatten, befor wier das unentpehrliche Element erreichen würden.

Das Thal zwischen uns und den fernen, nebelhaften Bergen sah aus, als ob es ein breiter, grosser See wäre, denn die Berge und Hügel spiegelten sich in dem scheinbaren Wasser Stellenweise trügerisch ähnlich ab; doch wier wussten bereits zu wol, dass es nur eine Luftspiegelung war, deren ähnliche wier bereits früher Mehrere gesehen hatten.219 Mitten durch den scheinbaren Wasserspiegel schien von dem jenseitigen Ufer sich uns ein schwarzes Ungethüm zu nähern, gleich einer furchtbar riesigen Schlange in langen Windungen. Wier alle staunten eine Zeitlang über diese unerklärliche Erscheinung; einzelne Glieder trennten sich, nun glaubte man, eine Schaar Indianer auf sich kommen zu sehen. Wier fuhren ihnen jedoch langsam die Anhöhe hinab entgegen, da erkannten wier sie: Es war weder ein Schlangen-Ungeheuer, noch waren es feindliche Indianer, es waren eine bedeutende Anzahl Männer mit Ochsen, einigen Mauleseln und Pferden, welche nach der Pflanzenlosen Wüste zurück kehrten, um die dort gelassenen Wagen herüber zu holen. Wier hatten seid Sonnenaufgang nur Einmal eine Kurze Rast gemacht, als wier unser letzter Rest des wenigen, warm gewordenen Wasser tranken. Nicht blos unser Vieh lit jetzt an Durst, sondern alle zur Gesellschaft gehörigen Persohnen. Wier fanden die Zurückkehrenden mit Wasser versehen, welches theils Ochsen oder Maulesel auf ihren Rücken in kleinen Fässchen trugen. Auf unsere Bitten reichten sie uns willig Jedem ein Trunk; für unser Vieh konnten sie aber Keines Entpehren,220 welches wier von ihnen aber auch nicht verlangten.

Die Sonne schien brennend heiss wie jeden Tag, wenn sie nicht durch Wolken verdeckt war. Wier wurden ernstlich Bange, dass unser Vieh dieses breite Thal nicht mehr werde durchschreiten können, denn es schien fürchterlich zu leiden. Unser Wagen war der Zweitvorderste, aber unser vorderstes Joch Ochsen kamen jeden Augenblick in Gefahr, sich ihre Hörner in den Rädern des uns voran fahrenden Wagens zu brechen, indem sie mit ihren Köpfen immer auf dessen Schattenseite zu bleiben suchten und dabei fortwährend zwischen die Räder geriethen. Um dieses zu verhüten, trieb Zins voraus, und ich gieng ihnen dann voran. Ich erhielt aber dabei nicht wenige Stösse von den Hörnern, da jeder der beiden vordern Ochsen das Bisschen Schatten von mir zu provitieren suchte und dabei einander wegstemmten. Wie gern ich den armen Teufeln jede mögliche Erleichterung gegeben hätte, so verleideten sie mir mein Vorangehen gar bald. In diesem Thal gab es eine grosse Masse des feinsten Salzes, oft in 2 Zoll dicken Krusten. Stellenweise floss einige Zolltief kristallhelles Wasser, aber alles war so salzig wie das Salz selbst, und das arme Vieh, vom fürchterlichen Durste gequält, versuchte immer, davon zu Drinken, nur um sich wieder darob zu schütteln.

Ankunft bei den Quellen

Wier waren langsam dem grossen, gemeinsammen Lagerplatze näher gekommen, wo ein kleines Dorf von Wagen aufgestellt war. Noch war kein einziges Stück von unserm Zugvieh gefallen, und immer näher kamen wier dem grünen Rasen – da plötzlich fielen zuerst der eine, dann der andere Ochse des vordersten Joches, kaum eine Viertelmeile vom rasigen Grunde entfernt. Zins und ich hatten viele Mühe, bis wier sie wieder auf die Füsse gebracht hatten; nachdem dieses jedoch geschehen, gieng es langsam vorwärts. Doch jetzt hatten wier rasenbedekten Grund erreicht, und kaum hatten die Ochsen diesen betretten, da liefen sie so schnell, als ob sie gar nicht Müde wären. Am untern Ende dieses Wagendorfes angelangt, machten wier Halt und befreiten die armen Thiere von ihren Jochen. Zum Glück war die Quelle [Pilot Spring]221 so mit Wagen umstellt, dass das Vieh nicht freien Zutritt fand; es war daher genöthigt, sein Durst sich durch das langsame Einschlürfen des an der Oberfläche des Grundes fliessenden Wassers zu löschen. Vollkommen zwei Stunden verflossen, ehe sie ganz genug davon bekommen zu haben schienen, dann schien ihr erstes Bedürfniss die Ruhe zu sein. Die Quelle bestand aus einem prächtigen Loche von zirka 4 bei 6 Fuss und 4 bis 5 Fuss Tiefe, das Wasser war frisch und schien vollkommen frei von irgend einem salzigen oder mineralischen Beigeschmack. Die Brüder Kellog hatten ein schöner, grosser schwarzer Hund bis hieher gebracht, er war wahrscheinlich auch beinahe verdurstet, als er hier angekommen. Er sei in die Quelle hinein Gesprungen und habe darin sich gebadet und getrunken. Als er aber wieder daraus auf den Grund gekommen, sei er plötzlich umgefallen und sei sogleich gestorben.222

Obschon Mr. Hopy nicht immer unser Captain war, so hiess unsere Gesellschaft doch «Hopies Company». Man sagte uns, dass die uns voranziehenden Gesellschaften allgemein der Ansicht gewesen seien, dass unsere Gesellschaft auf dieser langen Wüste am meisten leiden, wenn nicht vielleicht gar sammt und sonders zu Grunde gehen würde. Da wier aber die einzige Gesellschaft waren, welche weder ein Wagen noch ein Thier zurück gelassen hatten, hatte man sich darüber nicht wenig gewundert. Die Reise vom letzten guten Gras und Wasser bis Hierher hatte von 9 Uhr Vormittags vom 17. bis etwas nach 4 Uhr Nachmittags am 19. August gedauert, und unterwährend dieser Zeit hatte das Vieh nur die erste Nacht wirklich Ruhe geniessen können, ohne jedoch von ihren Jochen befreit geworden zu sein.223 Alle sonst gemachten Halte zusammen können kaum mehr als 4 Stunden betragen haben, sonst wurde es fortwährend getrieben bis zu unserer Ankunft an dieser Quelle. Alles Wasser, welches wier auf ein stück Vieh unter dieser Zeit geben konnten, kann kaum mehr als 1½ Gallone betragen haben. Wier hatten freilich unser Vieh so viel geschont, als wier unter diesen Umständen konnten, aber wier schätzten uns doch alle Glücklich und hatten dazu Ursache, dass wier, ohne den geringsten Schaden zu erleiden, durchgekommen waren.

Trotz den soeben überstandenen Strapatzen war Alles Munter und Fröhlich. Die jungen Mädchen sammelten sich, sangen, die jungen Americaner tantzten nach den kratzenden Tönen, welche ein Mann namens Roedies224 seiner alten Violin entlokte, dass der Staub sich erhob, kurz, man hätte fast glauben sollen, dass die ganze Reise bereits vollends überstanden sei.

Am 20. blieben wier natürlich hier, es gab wieder zu Waschen und zu Flicken, und das Vieh war der Ruhe und Erholung so bedürftig. Es schien auch sich recht gut zu erholen, nur war das Gras des vielen Viehes und langen Aufenthaltes wegen knap geworden. Heute befanden sich zwei Jäger in unserm Lager, es waren, soviel ich glaube, Franzosen. Zwei oder drei Shoshawnee-Indianer kamen ebenfalls in unser Lager, die Jäger konnten sich mit ihnen dürftig unterhalten. Als Proviant trugen sie eine bräunliche Masse in ledernen Beuteln bei sich; diese [sei] aus einer Essbaren Wurzel zubereitet, sagten die Jäger, welche die Indianer graben, weshalben man sie die «Gräber» (Diggers) heisse.

Der Eine dieser Jäger hatte auf einem von ihnen kürzlich verlassenen Lagerplatze einen Revolver verloren, dieser wurde von einem Shoshawnee gefunden. Nicht wissend, ob die Waffe geladen war und wie sie zu handhaben, habe er damit herum gespielt, bis sich plötzlich und ganz gegen Erwarten des Indianers ein Schuss entlud und ihn dabei noch ein wenig verletzt habe. Die Indianer haben darauf den Revolver als ein geheimnissvolles Ding angesehen und sich beinahe davor gefürchtet. Sie hielten das selbst Losschiessen als ein Beweis des Manito (hohen Geistes), dass das Ding nur Schaden bringen würde, wollten sie es behalten. Sehr vorsichtig hätten sie es dann wieder vom Grunde aufgehoben, und da sie gesehen, nach welcher Richtung die Jäger sich gewandt, hätten sie beschlossen, ihnen diese unheimliche Waffe nachzutragen und zu überliefern, damit nicht am Ende Manito sich noch auf andere Art an ihnen räche. Die Jäger hatten nicht versucht, den Indianern ihr Aberglaube auszureden, sondern sie suchten sie sogar noch darin zu erstärken, denn diesem Umstande hatten sie es zu verdanken, dass sie den Revolver wieder erhielten. Eine solche Schiesswaffe in der Wildniss zu verlieren, ist ein Verlust, den man nicht sogleich wieder ersetzen konnte.225

Lucindas Geschichte

Heute wurden die meisten zurück gelassenen Wagen eingebracht. Im Lager war Alles frohen Muthes, Geschichtchen wurden erzählt, [es wurde] Gesungen und Getantzt. An einer Stelle hatten sich die jungen Mädchen versammelt, unter ihnen – wie der Teufel unter Engeln – hatte Fräulein Lucinda auch Platz genommen, zwar ohne von ihnen dazu eingeladen zu sein. Man konnte leicht genug sehen, dass Lucinda ihnen durchaus nicht sehr Angenehm war, solches sah oder wollte sie nicht bemerken. Die jungen Männer standen in einem Kreise um die singenden Mädchen herum. Alfried, der zehnstündige frühere Gatte Lucindas, stand zu meiner Linken dicht neben mir und hörte wie wol die meisten Übrigen auch die Lieder. Da erhob sich Lucinda und schmiess mit einem kurzen Stück Holz nach ihm, doch traff sie ihn nicht. Das Stück Holz berührte unser beider Haare; hätte es den Alfried ins Gesicht getroffen, würde er vielleicht dadurch ordentlich verletzt worden sein, denn Lucinda war ein starkes Stück zweibeinigen Thieres. Diese neue Heldenthat Lucindas war doch den Leuten zu viel. Der ältere Kellog wandte sich zu Alfried mit der Frage: «Lässt Du dir eine solche Behandlung gefallen?» Der Jüngling meinte, was er denn machen könne – er sei arm und wisse nicht einmal, ob er Freunde habe. Kellog sagte ihm, dass wier Alle seine Freunde seien, und er würde, wäre er an seiner (Alfrieds) Stelle, sich diese schmäliche Behandlung durchaus nicht länger von dieser Person gefallen lassen. Obschon die Mädchen sich von ihr abwandten und Alle sie mit verächtlichen Blicken betrachteten, fühlte sich Lucinda dadurch keineswegs veranlasst, den Platz zu verlassen.

Um mit dieser Person einmal fertig zu werden, ist es am besten, wenn ich das Übrige, was mir noch von ihr bekannt ist, hier erzähle. Lucinda hatte die Reise mit Hopys Familie angetretten, suchte und fand bei den Harlans Aufnahme, hatte bei diesen den Jüngling Alfried geheirathet, nachdem aus der Heirath mit Zins nichts wurde, sich aber mit ihm, Alfried, während der Nacht gezankt, so dass sie am nächsten Morgen voneinander absolut nichts mehr wissen wollten. Sie kehrte wieder zu Hopys zurück und schien ein Auge – wo nicht Zwei – auf den grossen, schönen Mann Mike, welcher das andere Fuhrwerck trieb, gehabt zu haben. Dieser aber hatte, wahrscheinlich um der zu grossen Verliebtheit ein Ende zu machen, Hopys verlassen am nächsten Tag, nachdem er mit meinem Karobiner jenen Buffalo geschossen. Hopy hatte damals ein Brief geschrieben, welcher von Mike an Lucinda gerichtet war226 und den man an der Strasse gefunden haben wollte. Da Lucinda den Brief nicht selbst lesen konnte, hatte Mr. Hopy selbst die Gefälligkeit, ihn ihr in Gegenwart vieler zur Gesellschaft Gehörenden laut zu verlesen. Der Brief strotzte von Lauter Liebeserklärungen, so dass die Zuhörer, Lucinda ausgenommen, am hellen Lachen erhalten blieben. Lucinda aber drükte der überschwängliche Liebesbrief unter vielen Seufzern an ihre Brust, nachdem ihn Hopy übergeben hatte, unter den Ausdrücken «Oh, my dear Mike, I wish you was here» etc. Miss Lucinda war dann wieder bald zu den Harlans gegangen, bei welchen sie blieb bis zum Anfang der langen Wüste, bekannt unter dem Namen «the long trip». Hier hatte man ihr, wie oben angegeben, ihr Kleiderbündel aus dem Wagen geschmiessen, war von ihr weggefahren, und nur sehr ungern – nur fast durch drohen – liess sich endlich Hopy bewegen, sie noch einmal in sein Wagen aufzunehmen. Kaum waren wier übrigens an dieser Stelle angelangt, wo wier die Harlans und der grösste Theil aller Gesellschaften versammelt fanden, siedelte sie wieder zu Harlans über.

Kaum sei Lucinda in der ersten Ansiedlung in California angekommen, hätte sie dort sogleich einen kräftigen jungen Mann geheirathet;227 dieser habe aber bald angefangen zu kränkeln und sei gestorben. Im Herbst 1847, als ich in Sutters Fort [die] Aufseherstelle vertrat, hatte ich Gelegenheit, die schon wieder ledig gewordene Lucinda wieder zu sehen,228 denn kurz vorher war ihr dear, dear Husband gestorben und vergraben [worden]. Im Fort liess sie sich damit am besten trösten, wenn die Leute ihr sagten: «Lucinda, Sie sind ja noch jung, Sie werden gewiss bald wieder einen andern Mann bekommen!», worauf ihre Antwort gewöhnlich mit «do you think so?» lautete. Da die Leute im Fort damals doch nicht recht ihren Liebesbedürfnissen entsprachen – denn mit Ausnahme eines ältern, zimmlich dürren Irrländers namens Bray229 wollte sich Niemand recht mir ihr abgeben, und Bray schien bald selbst mit sich im Zweifel, ob er denn auch, im Falle er sie als seine Frau nehmen würde, seine Pflichten als Eheherr hinreichend erfüllen könnte. In Anbetracht dieser Zweifel schienen ihm seine ersten Heirathsgelüste plötzlich zu erkühlen, so dass er vorzog, sein Hagestolzenleben230 noch eine Weile länger zu versuchen.

Indem Lucinda sich endlich vollends überzeugt zu haben schien, dass es im Fort nichts für sie zu fischen gebe, verliess sie diese Gegend und erfreute mit ihrer Gegenwart Pueblo de San Jose (das Dorf des heiligen St. Joseph), unweit dem südlichen Ende der Bay von San Franzisco gelegen. Da angekommen, habe sie ihrer Witwenschaft dadurch ein Ende gemacht, dass sie einen Matrosen geheirathet habe. Dieses Experiment soll sie, wie Personen [erzählten], welche sie gekannt und gesehen hatten, innerhalb sechs Wochen Dreimal wiederholt haben. – Es ist gut, dass ich keine weitern Lucinda-Geschichten mehr zu erzählen habe, da es mir Mühe gekostet hat, diese Eine abzuschliessen!

Von Pilot Peak zu den Ruby Mountains

Am 21. August Nachmittags gegen Abend verliessen wier diesen Lagerplatz, weil das Gras zu knap wurde, und zogen 2 Meilen südlich, wo ebenfalls gutes Wasser und Jedenfalls besseres Gras – obschon auch nicht viel – zu finden war.231 Am 22. blieben wier da im Lager, denn unser Vieh war noch mehr Ruhe bedürftig, zudem da ein langes stück Strasse vor uns ligen sollte, wo man weder Gras noch Wasser finden könne. An diesem Tag fand ich zwei kleine Skorpione. Es gab um uns herum viele Quellen, und soweit deren Wasser den Grund befeuchtete, war die Vegetation grün und schön. Das Wasser versickerte aber bald in dem sandigen Grunde, und Ausserhalb blieb alles das ewige drockene Einerlei. Auch am 23. blieben wier noch hier, sehnten uns jedoch, von hier fortzukommen. Das Wetter war hell und recht warm, gegen Abend erhob sich ein warmer Westwind.

Am 24. August brachen wier five german Boys auf, die Übrigen von der Gesellschaft zurück lassend. Es schien uns, als ob der richtige Eifer in unserer Gesellschaft, um voran zu kommen, nachgelassen habe. Wier hatten noch eine weite und harte Reise vor uns, und da das Vieh sich wieder erholt hatte, durfte man keine Zeit mehr unnöthig vorbei gehen lassen. Unser Weg führte anfangs in südwestlicher Richtung durch die Salzebene an mehrern theils salzigen, theils süssen Quellen vorüber, wo aber nur wenig Gras wuchs.232 Nach den ersten zurück gelegten 6 Meilen stiegen wier allmälig durch eine Schlucht [Silver Zone Pass] immer mehr einer Vertiefung, einer sogenannten Gap zu, wobei unser Kurs immer mehr nach Westen lenkte. Auf beiden Seiten der Schlucht waren hohe, felsige Absätze. In dieser Schlucht, so hatte es geheissen, sollen zwei Jahre früher hier durchgezogene Emigranten einen Brunnen gegraben haben,233 und diesen Brunnen bemühten wier uns noch diesen Abend zu erreichen. Obschon ein Paar von uns dem langsam die Schlucht herauf kommenden Wagen voran gegangen waren, war die Dunkelheit der Nacht doch zu schnell über uns gekommen, noch vor es uns möglich geworden, etwas von einem Brunnen zu entdecken. Die Ochsen waren Müde und folgten dem Komando des Fuhrmann nur noch ungern, da entschlossen wier uns, den Tag abzuwarten, wo wier uns gerade befanden. Wier ketteten unser Vieh Jochweis an je ein Wagenrad, nahmen ein wenig zu essen und legten uns zum schlafen, mit der Abrede, am nächsten Morgen recht früh aufstehen zu wollen. Ripstein war Heute recht Unwohl gewesen, er war im Wagen gefahren, hatte Fieber und keine Esslust.

Als am nächsten Morgen, am 25., der Tag kaum zu grauen begann, wollte Vater Thomen seine verschlafenen Kameraden nach Übereinkunft aufwecken, aber die kühle Morgenluft fühlte so angenehm, und wier hätten doch noch gar zu gern eine Weile geschlafen. Doch Vater Thomen war gerade diesen Morgen gar so freigebig mit seinen kräftigen Donner und Wetter, dass ich mich wenigstens auf unsern Kisten im Wagen zu regen begann und mir meine verschlafenen Augen rieb. Das Krachen der Kisten im Wagen wird wol dem Thomen als Beweis gedient haben, dass ich ihn gehört haben müsse. Thomen liess aber wieder seine Batterie Donnerwetter los, welches zur Folge hatte, dass Zins tüchtig zu schimpfen anfieng und meinte, es wäre ja doch nicht nöthig, dass man da ein solcher Lärm mache. Bei mir hatte es aber bewirkt, dass ich meine Füsse vorn zum Wagen hinaus hängte und mich Wach zu gähnen versuchte. Nur noch ein einziges Donnerwetter von ihm, und ich war auf dem Grund neben der Teichsel und unterstützte Vater Thomen in seinen Bemühungen. Und da Zins jetzt fand, dass er in der Minderheit sei, war er sowol als Diel endlich frisch und munter. Wier fanden in unserer Umgebung einiges Bunschgras234, welches wier abschnitten und unsern Ochsen vorlegten, welche es gierig auffrassen. Mit unserm Frühstück waren wier bald genug fertig, dann wurde angespannt, und nun gieng es wieder langsam durch die Schlucht hinauf.

Wier waren kaum 100 Yards weiter gegangen, als wier wirklich ein vielleicht 12 Fuss tiefes Brunnenloch neben der Strasse fanden. Wier hielten natürlich an, und ich begab mich mit einem bucket235 und einem kleinen Gefäss über die wenigen eingehauenen Stufen zum Wasser hinunter. Das Wasser war klar, kühl und von gutem Geschmak, und wier löschten natürlich zuerst unser eigener Durst und nahmen ein Wenig mit für Unterwegs. Für unsere Ochsen gab es noch so 2 Gallonen auf das Stück; wenn es auch nicht Hinreichend war, so verschaffte es den Thieren doch eine kleine Erleichterung. Wären letzte Nacht feindliche Indianer uns nahe gekommen, hätten sie wol kaum eine bessere Gegend finden können, um uns zu überfallen und zu Massakeriren. Von hinter den verschiedenen um unser Lager emporstehenden Felsen wäre es ihnen nicht schwergefallen, uns wie in einem Sack zusammen zu schiessen.

Wier hatten endlich das Ende der Schlucht und damit die Hochebene erreicht. Obschon dieses Thal keine Salzlacken aufwies, war im Übrigen die Bodenbeschaffenheit dieselbe Kieseligsandige. Auf unserer rechten Seite fanden wier durch aneinander auf den Grund gelegten Cedernäste ein grosser Kreis gebildet, welcher nur eine weite Öffnung hatte. Da der Grund dieselbe drockene Beschaffenheit hatte wie aller Übrige, blieb der Zweck dieses Kreises uns zuerst ein Räthzel. Spähter habe ich jedoch von alten Jägern erfahren, dass die Indianer in diesen Kreisen die schnellfüssigen Antilopen fangen, und dieses werde auf folgende Art angefangen. Sind einige Indianer beisammen und eine Antilope wird unfern dieses Kreises sichtbar, so versuchen sie durch allmäliges sich dem Thiere nähern, dieses dem Eingange des Kreises näher zu bringen. Je mehr sich das Thier der Öffnung des Kreises nähert, desto mehr nehmen sich die Indianer in Acht, dass es ihnen weder Seitwärts noch Rückwärts entrinne. Die Antilope, welche die Indianer zu Seiten und Rücken ihr immer näher kommen sieht, findet sich zuletzt gezwungen, in die weite Öffnung vor ihr hinein zu flüchten, lieber, als ein Versuch zu wagen, durch schnelles Springen an einem Feinde vorüber zu entspringen. Sobald die Antilope innerhalb dieses Kreises gegangen, betrachten die Indianer ihre Jagt als Gelungen. Die besten Bogenschützen nehmen zu beiden Seiten neben der Öffnung hinder den Cedernzweigen Platz, Andere stellen sich ringsum theils in, theils ausserhalb des Kreises auf, und nun beginnt die eigentliche Jagt. Die Antilope sieht zu Allen Seiten die Feinde sich ihr nähern, sie hat Bange vor dem Cedernkreis, aber sie sieht die weite Öffnung – dahinein war sie gekommen, dahinaus hofft sie sich zu flüchten. Aber kaum ist sie diesem nahe gekommen, so hissen236 ihr von beiden Seiten die Pfeile in den Leib, und zwar so, dass, wenn sie nicht augenblicklich fällt, sie doch nicht mehr weit entfliehen kann und bald von den sie verfolgenden Indianern eingeholt wirdt.

Auf viel ähnliche Art sollen die grossen grauen Wölfe sich die Antilopen fangen, vielleicht haben die Indianer ihre listige Fangweise gar von den Wölfen gelernt. Jedenfall zeugt ihre Fangart von viel Berechnung und Verstand – wenn dieses letzte Wort erlaubt ist. Um eine gesunde Antilope zu fangen, müssen wenigstens vier Wölfe beisammen sein; nicht, dass sich ein einzelner Wolf fürchtete, sondern weil sie zu wol wissen, dass die Antilope viel zu schnell für ihn wäre. Ist nun eine solche Ehrenwerthe Gesellschaft von vier oder mehr grosser Wölfe beisammen, so verkriechen sie sich derart, dass sie die Antilope Anfänglich in einem weiten Kreis zwischen sich in der Mitte haben. Natürlich versuchen sie, die Antilope auf eine offene Ebene zu bringen. Nun kommen sie ihr allmälig näher, sie wird einen von ihnen gewahr, sie sucht sich nach entgegen gesetzter Richtung zu wenden, da gewahrt sie hier auch einen. Nun will sie Vorwärts oder Rückwärts, gewahrt aber plötzlich zu ihrem Schrecken, dass, wohin sie sich wendet, ihr die schrecklichen Feinde immer näher kommen. In ihrer Angst verliert sie ihr Bisschen Überlegung; sie sucht nun, wo möglich den Wolfskreis zu durchbrechen, aber diese kommen Alle behutsamm und schnell immer näher. Die Antilope wird vor Schrecken fast blind und wird plötzlich von einem der Wölfe gepackt, und bald nachher ist die noch vor kurzem so Schnellfüssige beinahe ganz Aufgezehrt.

Unser neuer Lagerplatz fanden wier ungefähr um Eilfuhr Vormittags, wo bereits eine Gesellschaft lagerte.237 An dieser Stelle hatte zwei Jahre vor uns eine Auswanderergesellschaft gelagert; sie sahen sich aber wegen Verlust eines grossen Theiles ihres Viehes veranlasst, ihre Wagen hier stehen zu lassen und [alles], was sie nicht mitnehmen konnten, in dem Grunde zu vergraben. Die Wagen wurden, als sie weggezogen waren, von den Indianern verbrandt; die ersten kürzlich hier angekommenen Reisenden sollen noch Überreste von den Wagen gefunden haben.238 Ripstein war Heute recht krank, er hatte die wahren Masern, welche sich auf der Haut zu zeigen anfingen. Von unserm letztnächtlichen Lager hatten wier bis hieher zirca 14 Meilen zurück gelegt. Hatten wier gerade kein Überfluss an Gras hier gefunden, so ging es doch leidlich. Das Wasser war auch Gut, und so beschlossen wier, auch am nächsten Tag, 26. August, hier zu bleiben und die Ankunft unserer Gesellschaft abzuwarten. Obschon uns keine Indianer zu Gesichte kamen, so konnten wier doch des Nachts ihre Feuer auf den Nahen Bergen und Hügeln sehen. Wier erlitten übrigens keinerlei Belästigung.

Da unsere Gesellschaft Gestern [26. August] wieder sich uns angeschlossen hatte, verliessen wier Heute [27. August] unser Lager wieder Zusammen. Unsere Strasse führte uns beinahe in gerader Richtung südlich. Nach zurückgelegten 14 Meilen hatten wier eine Stelle erreicht, wo wier genug Gras und Wasser [Flowery Lake] fanden; hingegen war kein Überfluss an Brennmaterial, doch behalfen wier uns mit den vorhandenen wilden Salbeistöcken. Die Beschaffenheit des Thalgrundes war Dieselbe wie früher. August 27.239 verliessen wier diesen Lagerplatz und fuhren zirka 14 Meilen durch den Thalgrund beinahe tireckt südlich, wo wier wieder bei einer Quelle guten Wassers, in deren Umgebung auch hinreichend Gras war, halt machten. Wildbret wurde häufiger angetroffen, ich hatte Heute wol wenigstens an 40 Antilopen gesehen.

Am 28. führte unsere Strasse beinahe ganz westlich durch eine Vertiefung des Berges (Gap) [Jasper Pass], und wier gelangten in ein ganz ähnliches Thal [Independence Valley] wie das soeben verlassene, welches wier durchschritten und am Fusse eines gegenüber ligenden Gebirges bei einer Frischwasserquelle [Mound Springs], in deren Umgebung wieder einiges Gras wuchs, uns nach zurück gelegten 14-Meiliger Distantz abermal lagerten. Die nahen Berge [nördlicher Ausläufer von Spruce Mountain] waren niedriger als die Heute überschrittenen [Pequop Mountains]. Die Witterung hell, des Nachts warmer Südwind. In diesem Thal sahen wier Heute mehrere Sandsäulen von 150 bis 300 Fuss Höhe sich sehr schnell um sich drehen oder wirbeln, wobei sie jedoch verhältnissmässig langsam sich vom Süden nach dem Norden des Thales bewegten.

Am 29. setzten wier unsere Reise sogleich den Bergabhang in westlicher Richtung hinauf [fort] und fuhren wieder über eine von Wasser befeuchtete, von spärlichem Grase und einigen niedrigen Cedern [bewachsene] Bergvertiefung zwischen vielen Weisserlen-Bäumchen hindurch in ein anderes drockenes Thal [Clover Valley] hinüber, durch welches die Strasse uns zu dem gegenüber ligenden Gebirge [East Humboldt Mountains] führte.240 Wier fanden am Fusse dieser Berge eine Quelle, und soweit deren Wasser den Grund befeuchtete, auch spärlich Gras, und an Salbei war kein Mangel.241 Unser heutiger Marsch mochte wieder zirka 14 Meilen betragen [haben]. Unweit von unserm Lager, rechts, stieg an mehrern Stellen Rauch auf, ein Beweis, dass Indianer in unserer Nachbarschaft sich aufhielten. Witterung Dieselbe wie Gestern.

Ankunft im Ruby Valley. Shoshoni-Besuch

August den 30. nahmen wier unsere Reise wieder auf, anfangs in südwestlicher Richtung. Die Vertiefung, wo wier den Berg überschritten, war eine zimmlich starke. Das vor uns ligende Thal [Ruby Valley] war wieder Breit und den früher durchschrittenen in jeder Beziehung viel ähnlich. Unser Weg führte heute in südwestlicher Richtung durch Dasselbe. Die Berge [Ruby Mountains], deren Füssen wier uns näherten, stiegen schroff und hoch neben dem flachen Thal empor. Eine grosse Zahl herrlich kühler Süsswasserquellen entspringen dem Fusse dieses Gebirges. Schon von weitem konnten wier den in der Nähe dieser Quellen gedeihenden, spärlichen Baumwuchs sehen, dessen sowie des hier vorhandenen Grases grün unsern Augen gut that.242

An einer dieser Quellen lagerten wier. Wier fanden da eine uns voran ziehende Gesellschaft lagernd. Die Indianer waren hier nicht so schüchtern, wie die frühern, in deren Nachbarschaft [wir] gelagert hatten, zu sein schienen, denn zirca 30 Persohnen dieser Shoshanee – mit Ausnahme zweier alten, überaus hässlichen Squaws243 lauter erwachsene Männer im Alter von vielleicht 18 bis etlichen 50 Jahren – waren neben dem Lagerplatz erschienen.244 Die Zwei ältesten Indianer waren dickbäuchige, alte Burschen, der Eine ein vollkommen Rothhariger, der einzig rothhaarige Indianer, welchen ich je gesehen habe. Seine Haare waren übrigens grob, und in seinem ganzen Wesen und Körperbau war er wie die übrigen seiner Begleiter. Ein sauertölpischer Engländer rauchte sein Gibspfeifchen, [und] die Indianer gaben durch Zeichen ihm zu verstehen, er möchte so gut sein, sie auch einige Züge daraus rauchen [zu] lassen. Der Engländer schnurrte sie aber überaus unfreundlich ab. «Diese dreckigen Indianer sollen nicht aus meiner Pfeife rauchen», meinte er. Hatten die Indianer seine Worte auch nicht verstanden, so begriffen sie doch sein abstossendes Wesen als ihnen nicht freundlich [gesinnt], und man konnte den unangenehmen Eindruck auf ihren dunkeln Gesichtern sofort erkennen.

Das unfreundliche Benehmen des Engländers wurde ihm aber auch von seinen Mitreisenden nicht gut aufgenommen, man hielt sein Benehmen als Roh und unter den Umständen als recht Unklug. Wier befanden uns in dem Lande dieser Indianer, so lag es in dem Intressen eines Jeden von uns, sie freundlich zu behandeln. Denn durch eine rohe, feindliche Behandlung hätten wier diese Naturmenschen bald zu bittern, hinterlistigen Feinden verwandeln können, wonach sie uns auf gar manigfaltige Art hätten Schaden können, wenn sie es gewollt hätten. Eine ältere Amerikanerin, Mutter von fünf erwachsenen Kindern, welche – sowie ihr Mann – sich unter der neben uns lagernden Gesellschaft befand, hatte, um das ärgerliche Gefühl der Indianer wieder zu versöhnen, schnell ihr eigenes Pfeifchen mit Tabak gefüllt, angezündet und dem einen der ältern indianischen Dickbäuchen hingereicht. Dieser nahm sie unter allen Zeichen grosser Zufriedenheit in Empfang, that 10–20 grosse Züge daraus, wobei er den Rauch durch die Nase entweichen liess und dabei alle Zeichen grossen Behagens zeigte. Dann gab er sie seinem ebenso dickbäuchigen Kameraden an seiner Seite, dieser sie dem Nächsten neben ihm, nachdem er sich auf änliche Art befriedigt hatte, und Dasselbe wiederholte sich bei Jedem aufs Neue, bis auf den Letzten. Alle waren höchlich erfreut über die grosse Gefälligkeit, welche ihnen Allen durch des weissen Mannes Squaw erwiesen wurde; denn währenddem sie fortfuhren, den ungefälligen, rohen Engländer mit giftigen, rachsüchtigen Blicken zu verfolgen, blickten sie die Frau alle ohne Ausnahme freundlich und lächelnd an. Wäre diese amerikanische Frau hier zurück geblieben, würde der rothhaarige Häuptling sie vielleicht aus purer Dankbarkeit zur Frau Häuptling erhoben haben.

Die zwei alten Squaws waren abschreklich hässlich. Nur um ihre Lenden hatten sie ein kleines Stück Thierfell, wodurch ihr Körper sehr nothdürftig bedekt wurde. Mit ihren grossen, faltigen, dreckigen Bäuchen sahen sie alten Säuen, welche sich kurz vorher in irgend einem Schlamloch gewälzt hatten, viel gleich, nur glaube ich, dass eine halbwegs ordentlich aussehende Sau sie doch noch an Schönheit übertroffen haben würde. Diese Indianerinnen staunten über die zarten, glatten, beinahe weissgelben Haare eines schönen 6-Jährigen Knaben, ihr lautes Lachen glich einem überaus hoch und vielseitig tönenden Kreischen, wobei sie ihre Gesichter auf abschrekende Art verzogen. Sie konnten sich an dem Knaben kaum satt sehen, sie mussten immer nach ihm zeigen, und ihr Geschwäz, welches sie miteinander führten, hatte viel Verwandtes mit dem von einer Anzahl Elstern, wenn diesen irgend eine Katze oder ein Fuchs sich nähert. Diese Squaws sassen nicht bei den Männern, sondern von ihnen abgesondert.

Junge Indianerinnen liessen sich keine blicken. Es hiess, die Männer hätten Bange, dass die weissen Männer sie ihnen entführen könnten, und [damit] man dieses so leicht nicht ausführen könne, müssten sie hoch oben in einigen Verstecken des hohen, felsigen Berges neben uns sich während der Anwesenheit der Weissen versteckt halten. Wahrscheinlich würden die Männer nichts dagegen einzuwenden gehabt haben, wenn die weissen Männer die zwei alten Squaws mitgenommen hätten, denen man erlaubt hatte, das Lager der Weissen zu besuchen. Als Verzierung hatten einige der Männer ein Halsband von grossen Bärenklauen, sonst waren sie beinahe ganz nakend. Ihre gesichtsfarbe war dunkler als diejenige der Sioux, auch waren sie nicht so gross und statlich als Jene. Sie sahen schon mehr den Californischen Indianern ähnlich.

Um die Ruby Mountains. Jeffersons «Tal der Quellen»

Am 1. September245 blieben wier da im Lager. Am 2. Sept. fuhren wier südwärts dieses Thal hinunter, machten aber keine lange Tagesreise. Der Weg führte einen grossen Theil über eine schöne, grasige, sich langsam abflächende Ebene, da die vielen und grossen Quellen ein bedeutender Theil des Landes befruchteten. Doch auch hier versiegten die grössern Quellen bald gänzlich, sobald sie das flache Thal erreicht hatten, so dass man dicht nebeneinander Wüstengrund und fruchtbare Erden sehen konnte. Am 3. Sept. setzten wier unsere Reise südwärts fort und hielten zum lagern nahe bei einem felsigen Vorsprung am südlichen Ende des Berges sozusagen, in Mitten mehrerer grossen und prachtvollen Quellen des besten, frischesten Wassers. Wären alle diese die letzten zwei Tage passierten Quellen beisammen, so müssten sie ein nicht unbedeutenden Fluss bilden, aber hier verlor sich das Wasser schon wieder nach einem kaum halb Meilen langen Laufe. Mehrere dieser Quellen würden Wasser genug geliefert haben, um grosse Mühlenwerke zu treiben.

Eine dieser Quellen unweit unseres Lagerplatzes zog Aller Aufmerksamkeit besonders auf sich. Sie bildete ein Basin von 12 bis 14 Fuss Durchmesser und vielleicht nahezu von dieser Tiefe. Sie hatte die regelmässige Form eines riesigen, bauchigen Trichters, das Wasser war kristallhell, die Seiten waren von aschengrauer Färbung. Vielleicht 5–6 Fuss unter der Oberfläche befand sich ein dunkelfarbiger Ring von ¾–1 Zoll Breite um das ganze Loch herum. Ganz unten in der Mitte des Loches quoll die helle Flüssigkeit empor, dabei kleine Stückchen Erde oder Steinchen einige Fuss in die Höhe treibend, welche aber seitwärts sofort wieder zurück sanken. Das Basin war ringsum flachvoll, nur vorn war eine kleine Öffnung, durch welche das Wasser abfloss. Was aber dieser Quelle noch mehr Intressen verschaffte, waren vielleicht ein halbes Dutzend kleiner, 4–5 Zoll langer Fischchen, welche in diesem natürlichen Aquarium spielten.246

Nirgends auf der ganzen Reise zwischen Missoury und Californien gab es so viele schöne Quellen und besseres Wasser als hier. Am Abend beim Finsterwerden kamen einige jungen Shoshanees zu uns ins Lager, denen wier ein wenig zu Essen gaben und ihnen dann bedeuteten, dass sie unser Lager verlassen müssten, welchem sie bereitwillig entsprachen.

Am 4. Sept. führte unser Weg um den oben erwähnten Felsenvorsprung herum nach südwestlicher Richtung, wobei wier allmälig etwas höher hinauf kamen. Da war wieder derselbe, von dornigem, niedrigen Gestrüp und Salbei bewachsene, sandig-kieselige Wüstengrund. Späth Nachmittags gelangten wier zu einem kleinen Quellen-Bächlein mit gutem Wasser, auch war da etwas Gras. Wier beschlossen, da zu lagern. Nachdem wier uns gelagert hatten, gieng ich kurze Distanz dem Bächlein entlang abwärts, da fand ich in demselben einen Menschlichen Schädel. Ob dieser Schädel von einem Weissen oder einem Indianer herrühre, liess sich da schlecht247 bestimmen. Ich hatte ihn mit zum Lager genommen, aber da Niemand über mein Fund besonders erfreut zu sein schien, trug ich ihn wieder dahin, wo ich denselben gefunden hatte. Einer aus der Gesellschaft hatte ein grosser, stark nach Aas riechender Aasgeier geschossen und mit nach dem Lager gebracht (ein s.g. Turkey Bussard248); seines wiederlichen Gestankes wegen hatte man ihn aber wieder weggeschmissen. Bald nachher stellten sich wieder einige Indianerjünglinge ein. Da sie den Vogel unbenützt ligen sahen, holte ihn einer von ihnen herbei und fragte durch zeichen, ob sie ihn mitnehmen dürften, da sie denselben Essen wollten. Wier willfahrten ihnen natürlich recht gern.

Am 5. Sept. fuhren wier anfangs noch in gleicher Richtung wie Tags vorher auf unserm Wege voran, je höher hinauf wier aber kamen, desto mehr wandte sich die Strasse nach Rechts herum. Auf dem Rücken der Bergvertiefung [Hastings Pass249] etwas nach Mittag angelangt, machte man Mittag, da es daherum verschiedene Quellen gab. Nach Fortsetzung unseres Weges kamen wier durch ein loses Wäldchen von Weisserlen und auch, wenn ich nicht irre, an einigen Cedern vorüber. Die Strasse wandte sich zuerst nach Nordwesten und endlich ganz nach Norden, dabei gieng es jetzt immer mehr Thalabwärts [Huntington Valley]. Als wier späht Nachmittags eine Stelle erreichten, wo wier genug Gras und Wasser fanden, lagerten wier wieder. Der hohe Berg, an welchem wier die letzten Tage nach Süden gefolgt und ihn dann umgangen und endlich überstiegen hatten, war an seiner westlichen Seite lange nicht so steil und felsig als auf seiner Östlichen und muss leicht zu Ersteigen sein, wohingegen die Ostseite oft nahezu Senkrecht sich erhebt. Diese wie die drei oder vier früher überstiegenen Bergketten mit den breiten, flachen, grossentheils unfruchtbaren [da]zwischen ligenden Thälern erstrecken sich beinahe paralell nebeneinander von Norden nach Süden. Das letzte Gebirge ist, soviel ich glaube, das Humbold-Gebirge.250

Sept. 6. – Letzte Nacht war die Kälteste, welche wier bis dahin gehabt hatten, diesen Morgend war sogar der Grund ein wenig gefroren. Nach Fortsetzung unserer Reise kamen wier beständig tiefer in das Thal hinunter, ganz in nördlicher Richtung. Unten im Thale begegneten wier einigen Indianern. Einer von ihnen erhob bei meinem Herannahen die eine Hand hoch über sein Haupt, schüttelte dieselbe wie ein begeisterter Prediger und fieng zugleich an, etwas in feierlichem Tone zu sprechen oder Predigen. Da ich davon keine Silbe verstehen konnte, liess ich ihn neben seinen Gefährten stehen und gieng an ihnen vorüber.251

Weiter unten im Thal kamen wier zu einem schönen, kleinen Flüsschen, welches auf der Westseite dieses hohen, theils umgangenen, theils überstiegenen Gebirges (Humbold?) entsprungen sein musste. Da dieses [ein] in einer hohen Gegend gelegenes hoches Gebirge ist, ist es Wahrscheinlich, dass der Schnee auf seinem Rücken erst im Spähtsommer ganz verschmiltzt. Diesem Umstande allein mögen die vielen grossen, kühlen Quellen ihr Ursprung verdanken. Wald scheint nur spärlich auch an seinem westlichen Abhange vorzukommen. Am Nachmittag folgte ich der Strasse, welche unweit des rechten Ufers wieder eine nordwestliche Richtung genommen, um ein paar Meilen unserer Gesellschaft voraus. Zu unserer beiden Seiten erhob sich niedrigeres Gebirge, auf welches zu die Strasse und das Flüsschen direkt führten, wobei sich das Thälchen immer mehr verengerte. In der Strasse fand ich oft die frischen Spuren von Indianern, dessen ungeachtet trug ich keine Schusswaffe mit mir. Die Wärme in diesem Thälchen war gross, da kein Lüftchen sich bewegte, dagegen die Sonne mit voller Macht hinein schien.

Als ich dem voraus ligenden Gebirge mich näherte, konnte ich einen tiefen Einschnitt mit senkrecht sich erhebenden Felsen zu beiden Seiten erkennen, und dorthinein wandte sich des Flüsschens Lauf und zugleich unsere Strasse.252 Links neben der Strasse, am Ufer des ruhig dahin fliessenden, klaren Flüsschens, sass unweit von einem Emigranten ein dunkler Indianer. Ich setzte mich dicht an seine linke Seite und patschte ihm dabei Einigemal auf seinen sammetigen Rücken und drückte ihn an meine Seite, währenddem ich ihm freundlich in sein Gesicht schaute und ihm zunikte. Der Indianer schien weder erschrekt noch Böse darüber zu werden, im Gegentheil nickte und lachte auch er über mein Zutrauliches Wesen. Mit sprechen versuchten wier nicht, einander zu unterhalten, dagegen durch allerlei Zeichen und Bewegungen.

Ich erinnerte mich jetzt der Essbaren Wurzeln. Mein Stock so in die Hände nehmend und ein Zeichen damit machend, als ob ich etwas aus dem Grunde zu graben wünsche, dann meine Blicke über den Grund schweifen lassend, dann auf einen kleinen Finger und zulezt auf den Mund zeigend [und] meine Kinladen bewegend, als ob ich etwas esse, gab ich meinem dunkeln Freunde mein Spazierstock in die Hände. Der Indianer hatte mich vollkommen verstanden, er wusste, dass ich ihn ersuchte, für mich einige Wurzeln zu graben. Er war sogleich von seinem Sitz aufgesprungen, suchte neben der Strasse auf dem Grunde herum, grabte an einigen Stellen etwas aus dem Grunde und kam nach wenigen Minuten mit ein paar kleiner, gelblicher Wurzeln zurück. Ich deutete, dass er zuerst davon esse, welchem er sofort entsprach. Dann biss ich auch ein kleines Stück ab und kostete es vorsichtig – der Geschmack war dem einer Pastinake viel ähnlich, er gefiel mir, und ich ass die übrigen Stückchen mit Vergnügen.

Dem Indianer schien mein Zutrauen zu ihm zu gefallen, gar da mir seine gegrabenen Würzelchen zu munden schienen. Mein Stock mir aus den Händen nehmend, war er schnell wieder weggegangen und grub eifrig noch mehr Wurzeln. Sobald er davon eine kleine Anzahl hatte, sprang er hurtig einigen grossen Heuschrecken nach, von welchen er einige mit zurück brachte. Einer der Grössten drükte er mit seinen langen Springbeinen gegen ein Wurzelstück, offnete seinen Mund und machte mit seinem Kinladen eine Bewegung, als ob er essen wollte, ohne jedoch zu essen, dann wollte er mir den Grashüpfer sammt Wurzel überreichen, ungefähr so, wie man einem Kinde ein Butterbrod reichen würde. Der Indianer schien überrascht, dass ich Diessmal das Dargereichte nicht annehmen wollte. Um mich zu überzeugen, dass er durchaus nichts Absonderliches mir zumuthe, biss er jetzt selbst dem zabelnden Grashüpfer ein Theil von dessen Vorderkörper sammt Kopf nebst einem Stück Wurzel ab und kaute dieses Fleisch nebst Zugemüse lebhaft, dabei mir Zeichen machend, wie überaus Gut es so schmecke. Nachdem er dieser Art vollkommen mich überzeugt zu haben glaubte, offerirte er mir dieses famose Gericht noch einmal, ich war aber trotz seinen überredungs Künsten ohne zu Reden durchaus nicht zu bewegen, seinem guten Beispiele zu folgen. Er machte dabei ein Gesicht, als ob er halb Mittleiden mit mir hätte, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er bei sich dachte, dass diese Weissen recht dumme Leute seien, die gar nicht wüssten, was Gut wäre. Die übrigen Wurzeln liess ich mir übrigens schmecken, und da der Thomen, welcher jetzt auch herbei gekommen, sie auch gern ass, war der Indianer noch Einmal hinweg gegangen und hatte uns eine zimmliche Anzahl davon zurück gebracht.

Da man diesen Abend nicht mehr durch diese Schlucht hindurch wollte, beschloss man, auf dieser Stelle zu lagern. Wier five German Boys hatten auf Jeden von uns drei Kuchen aus Brodteig in Fett gebacken, nebst diesem ein Wenig Büffelfleisch nebst Thee oder Kaffee, ein Gericht, welches wier auf der Reise täglich zwei bis drei Mal wiederholten. Wier hatten unser Super in unserm Zelt einnehmen wollen und hatten uns dazu auf den Grund gesetzt, als das Zelt sich wieder öffnete und unser Indianerfreund zu mir und Thomen sich, ohne Komplimente zu machen, niedersetzte und uns dabei deutete, dass er jetzt auch Essen wolle. Die Sache war allerdings zum Lachen, und doch – wier gaben ihm Jeder ein halber Kuchen, etwas Fleisch und Kaffee, und unsere Kameraden gaben ihm auch ein Jeder ein Stück von ihren Kuchen. Unser Nachtessen wurde uns dadurch allerdings ein wenig Verschmälert, Allein es gieng doch noch, und der Indianer schien mit seinem neuen Nachtessen jedenfall recht zufrieden und gieng vergnügt von Dannen. Der Genuss roher, unbekannter Vegetabilien machte [sich] bei Thomen und besonders bei mir Bemerkbar; starke Leibschmerzen und Abweichen waren die Folgen, so dass ich oft während der Nacht wünschte, dass ich diese Indianische Pastinake nie Gesehen hätte. Gegen Morgen wurde jedoch Alles wieder besser.

Am 7. Sept. hatten sich 6 bis 8 Indianer bei unserm Lager eingefunden, unter ihnen befand sich auch mein Freund vom vorigen Abend, sie waren gerade gekommen, als wier den Lagerplatz verlassen wollten. Mein Wurzelfreund hatte seine beiden Hände ganz voll von Wurzeln, welche er mir noch schenken wollte, allein der Schmerz und die Läuferei, welche diese mir die letzte Nacht verursacht, hatten sie mir vollkommen verleidet. Der braune Kerl schien nicht recht begreiffen zu wollen, warum ich die Wurzeln nicht mehr haben wollte, da ich sie Gestern Abend doch so gern gegessen hatte. Da ich mich nur durch Zeichen mit ihm verständlich machen konnte, so bog ich mich nach Vorn, hielt mit beiden Händen mein Leib und stöhnte dabei, als ob ich starke Leibschmerzen hätte. Dann machte ich mit dem Munde einen gewissen Laut nach, der zu Zeiten einem ganz andern menschlichen Organe entweichen kann, und machte dabei mit den Händen rasch ein Zeichen nach Hinten. Die Indianer hatten mich vollkommen verstanden – ein wahrer Lachsturm ertönte aus jeder ihrer Kehlen, mein Freund lachte womöglich noch am meisten und schmiess seine Wurzeln dabei mir auf den Rücken. Wier lachten natürlich mit und schieden dessenungeachtet als gute Freunde.

Durch den den wilden South Fork Canyon

Kaum 200 Schritte vom Lagerplatze betraten wier die tiefe Schlucht, durch welche sich das Flüsschen seine Bahn gebrochen und wohindurch unsere Strasse führte. Die Felsenmassen erhoben sich an vielen Stellen beinahe senkrecht in die Höhe, dabei machte das Flüsschen viele grosse Windungen, bald Rechts, bald Links, dann verengte sich die Schlucht. Oft glaubte man, dass jede Öffnung aufhöre, bis man fast dicht daran hinkam. Stellenweis wuchs dichtes Gebüsch, wobei Weisserlen und Weiden der Hauptbestandtheil des Gebüsches ausmachten. Wenn ich mich recht erinnere, war die Durchfahrt durch diese Schlucht (Ecko Cannon?)253 sechs Meilen lang. Das Flüsschen hatten wier jeden Augenblick zu durchfahren, wobei das Wasser oft nahezu in die Wagenbetter hineinfloss, oder es gieng 3, 4 oder 5 Fuss beinahe gerade von der Uferbanck in das Flussbett hinab, um auf dessen anderer Seite wieder ebenso steil hinauf zu gehen.

Auf diese Art hatten wier bereits 13 Mal den Fluss hin und her durchfahren und befanden uns späth Nachmittags endlich an der letzten Durchfahrt. Ripstein und Diel waren voran gegangen, ohne sich im geringsten um den Wagen und Fuhrwerk zu bekümmern, trotzdem sie gesehen hatten, wie schlecht die Strasse war. Hier an der 14. und letzten Durchfahrt war die Strasse auf der rechten Seite bedeutend höher als auf der linken. Das Flüsschen war da breit, und es sah aus, als ob das Wasser zu unserer Linken tief wäre. Der rechte Ochs des vordersten Joches hiess Ben, er war ein grosser, schlanker Kerl mit sehr langen Hörnern, schielte mit dem einen Auge ein wenig, war übrigens in der Regel ein recht gutes, folgsammes Thier. Doch gab es Zeiten, wo er sein eigener Weg haben wollte, und dabei zeigte er so recht seine eigensinnige Ochsennatur. Als wier uns dieser letzten Durchfahrt näherten, schien unserm Ben das breite, tiefaussehende Wasser zu unserer Linken durchaus nicht zu gefallen, er schielte und blinzelte es an, als ob er dabei dächte: «Mit diesem Bache ist nicht Alles richtig, dahinein geh ich nicht.» Mehr rechts war das Wasser nicht tief, es floss über eine kieselige Stelle, und man konnte den Grund leicht sehen. Bens Ochsenverstand sagte ihm wahrscheinlich, dass ein Ochs von seiner Grösse da keine Gefahr laufe, in dem kaum 1½ Fuss tiefen Wasser zu ersaufen.

Als wier an dieser Durchfahrt angelangt waren, hatten wier sogleich entdekt, dass Mr. Ben nicht gerade hinaus in das Wasser hinein wollte, er wandte sich besonders nach rechts (Chee), doch Zins, welcher heute Fuhrmann war, hielt noch rechtzeitig an. Thomen blieb hinten beim Wagen, um ihn zu halten, dass er nicht umstürze, denn derselbe machte eine starke Neigung nach Links. Ich hatte ein kleiner Strick254 an Bens rechtem Horn befestigt und suchte durch hartes Ziehen den eigensinnigen alten Burschen nach Links zu ziehen, und Zins knallte mit seiner Peitsche und komandirte «Oh haw!», aber Ben wollte Chee, und unsere rechten Wagenräder kamen dabei noch höcher, wodurch sich unser Wagen oben noch mehr nach der linken Seite neigte. Mit knaper Noth gelang es, die Ochsen noch einmal anzuhalten. Ich wandte mich jetzt auf die rechte Seite des Ochsen Ben, kommandirte «Oh haw!», während ich ihn mit beiden Händen an seinem rechten Horn hielt und ihn mit Leibeskräften nach der linken Seite zu schieben suchte. Aber als alle Ochsen zusammenhaft anzogen, wurde ich von dem schielenden Kerl so leicht nach der rechten Seite gehoben, als ob ich nur ein Kind wäre. Thomen und Zins schrieen zusammen – und hinüber gieng unser Wagen, in 4 Fuss tiefes Wasser hinein, die Bogen sammt Bedeckung unten, und die Räder erschienen da, wo die Bogen hätten bleiben sollen.

Die Bogen mussten natürlich gebrochen sein, alle unsere Sachen lagen im Wasser. Ich dachte: «Nun wird wol meine schöne Doppelflinte auch noch gebrochen sein, und meine Bücher werden verderben», allein ich sagte nichts dabei. Zins war auch still, aber ärgerlich; Thomen aber liess eine ungeheure Anzahl Donner und Wetter g…d d…m, g…d d…m vom Stapel, es war eine wahre riesen Lawine der kräftigsten Ärgerausdrücke, denen er zur Abwechslung die Frage folgen liess: «Was fangen wier nun an?», welche er mehrere Mal nacheinander repetirte. Unser Stillschweigen konnte Thomen gar nicht recht begreiffen, und immer wiederholte er obige Frage. An diesem Platze konnten wier nicht lange bleiben, und wenn wier alle miteinander geschimpft hätten wie die Rorspatzen oder wie Thomen, würde es uns kein Nutzen gebracht haben. So antwortete ich dem Letztern auf sein «Was fangen wir nun an?»: «Ich weiss, was wier anzufangen haben. Wier spannen die Ochsen ab, treiben sie auf jenes kleine Inselchen, kommen zurück und schlepen unsere Sachen ebendorthin, stellen den Wagen auf, ziehen ihn neben unsere Sachen, laden diese ein, spannen die Ochsen wieder an und treiben wieder weiter.» Thomen wurde über diese Worte gar arg aufgebracht, seine Donnerwetter folgten Hageldicht aufeinander, mit einer ganzen Reihe von G…d d…ms. Zins brach endlich in ein helles Lachen aus, womit aber Thomen nicht stiller wurde. Zins sagte: «Gerade wie der Lienhard es sagt, so müssen wier es machen. Wenn alle drei von uns nur so dastehen, schimpfen und schellten würden wie Du, würde unsere Lage nicht verendert.» Thomen, welcher noch immer nicht zur Ruhe kommen wollte, meinte, es seien nicht gerade meine Worte, welche ihn ärgerten, sondern weil ich bei der ganzen fatalen Lage diese Worte mit solcher Kaltblütigkeit gesprochen hätte, wie wenn das fast gar nichts wäre.

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1522 p. 37 illustrations
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9783857919183
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