Read the book: «Sagenbuch der Stadt Erfurt»
Heinrich Kruspe
Sagenbuch
der Stadt
Erfurt
- Gesamtausgabe -
Nach dem Kruspe-Original
von 1877 in zwei Bänden
Verlag Rockstuhl
Es ist ein Vätergut dir aufgespart,
Was Sagenmund durch mich dir offenbart,
Vertrauend leg ich es in deine Hut:
Veracht’ es nicht und halt’ es treu und gut. (L. Bechstein.)
Impressum
Herausgeber: Harald Rockstuhl, Bad Langensalza
Umschlaggestaltung: Harald Rockstuhl, Bad Langensalza
Titelbild: Alt-Erfurt 1896, Eingang zur Marktstraße. Verlag von Ch. Niedling.
Sammlung Hans-Peter Brachmanski
Umschlagrückseite: Erfurt um 1550 von Münster Sebastian (1488/89 – 1552), bearbeitet von Harald Rockstuhl
Bisherige Auflagen:
Neu gesetzt - unverändert nach dem Original:„Die Sagen der Stadt Erfurt“. Von Heinrich Kruspe, Erfurt. E. Weingart. 1877 (Körner’sche Buchhandlung.) Druck von J. G. Cramer in Erfurt
1. Auflage 2002, 2. Auflage 2004, 3. Auflage 2009 und 4. Auflage 2010 im Verlag Rockstuhl
5. Auflage 2015
ISBN 978-3-936030-85-3, gedruckte Ausgabe
ISBN 978-3-86777-805-3, E-Book [ePub]
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
Innenlayout: Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza
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Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
- Band 1 -
I. Sagenhafte Anklänge aus der germanischen Götterwelt.
II. Zeit- und Personensagen.
1. Von großer Wasserfluth.
2. Von Entstehung der Stadt Erfurt.
3. Deodatus.
4. St. Bonifacius
5. Trommeln auf Walpurgis.
6. St. Severus
7. Von einer großen Armbrust.
8. Wunderbare Kinderphantasie.
9. Vom Grafen von Gleichen.
10. Graf Elger von Hohenstein.
11. Vom hl. Brunn.
12. Johannes Teutonicus.
13. Kaiser Rudolph von Habsburg in Erfurt.
14. Zerstörung des Schlosses Dienstberg.
15. Vom Fischmäuerlein.
16. Von der Gangolfs-Kapelle.
17. Vom Seelenbad.
18. Vom Judensturm.
19. Wahrzeichen einer Hungersnoth.
20. Die Gründung der Karthause.
21. Vom Siechenhaus.
22. Vom Mönchskreuz.
23. Burkardts Raben.
24. Johannes von Hagen.
25. Schülerstreich aus Tüngers Zeit.
26. M. Luther und Alexius.
27. Junker Görg am Sybillenthürmchen.
28. Vom Müller Krebs.
29. Von einem Schinder.
30. Neun Sagen vom Dr. Faust.
31. Der Mönch von Erfurt.
32. Eulenspiegel in Erfurt.
33. Hans Sachs im Schwan zu Erfurt.
34. Gustav Adolph als Riemergesell.
35. Von Peter Isserode.
36. Anzeige von Gustav Adolph's Tod.
37. Eine geheimnisvolle Hinrichtung.
38. Napoleon in Erfurt.
III. Oertliche Sagen und sagenhafte Anklänge.
1. Klostersagen
a. Vom Peter-Kloster
39. Die 12 deutschen Schüler.
40. Von Dagoberts Bildniß.
41. Dagoberts Schatz.
42. Das Grabmal zweier Liebenden.
43. Von einem Alchymisten.
44. Skelette in der Stadtmauer.
b. Vom Prediger-Kloster.
45. Relique des hl. Jakobus von Compostella.
46.Von einem unterirdischen Gange.
c. Sagen aus dem Barfüßer-Kloster
47. Sagen von berühmten Gräbern, einem Marienbilde und einer Maurerkelle.
d. Vom Augustiner-Kloster.
48. Grabsteine. Steinkanzel. Erscheinungen.
e. Vom Schotten-Kloster
49. Gründung des Schotten-Klosters
f. Vom Neuwerks-Kloster
50. Brand einer Scheune. Großer Kuchen. Redendes Cruzifix.
g. Vom Marienknechten-Kloster.
51. Dr. Burchard und Pater Theodor.
h. Vom Weißfrauen-Kloster
52. Nonnensack. Erinnerungen an St. Elisabeth..
53. Vom Götzen Bachroth.
2. Kirchensagen
a. Domsagen
54. Unsere liebe Frau.
55. Von einem Riesen.
56. Die Laterne.
57. Wahrzeichen am Dom.
58. Christushaupt und Chorhaupt.
59. Vom Wolfram.
60. Von einem Chorknaben.
61. Von den vier Gekrönten.
62. Von einem Bild der hl. Wilgefortis.
63. Konrad Klinge.
64. Hund und Kalb.
b. St. Severi-Kirche.
65. Vom Epheu daselbst.
c. Nikolai-Kirche.
66. Die Uhr daselbst.
d. Kaufmanns-Kirche.
67. Die beiden Thürme derselben.
e. Magdalen-Kapelle.
68. Gründung derselben.
f. Ungangbare St. Benedicts-Kirche.
69. Cruzifix an der Krämerbrücke.
3. Ordenshäuser
70. Vom Templerhof.
4. Profane Häuser
a. Vom Rathhaus.
71. Mönchskutte und Kinderhände im Rathhaus-Thurme.
72. Der eiserne Dolch daselbst.
b. Bürgerhäuser.
73. Vom Rebstock.
5. Monumente
74. Das Sybillen-Thürmchen
75. Sybilla von Käfernburg.
76. Die lange Else.
6. Brunnensagen
77. Dreien-Brunnen.
7. Glockensagen
78. Die Sühneglocke.
79. Der Wolf.
80. Die große Glocke.
- Band 2 -
IV. Spuksagen
81. Von einer Höllenkutsche.
82. Von einem Stockmeister.
83. Der herumwandelnde Leichnam.
84. Sage von einer Verstorbenen.
85. Heinrich Kellner.
86. Steinwerfen.
87. Geisterchristmette im Dom.
88. Domspuk.
89. Charfreitag im Domkreuzgange.
90. Domspuk.
91. Geistermesse zu S. Sever.
92. Nächtliche Prozession.
93. Spuk im Marienknechten-Kloster.
94. Vom Komthurhofe.
95. Aus der Dachwiger Chronik.
96. Das stille Kind bei Erfurt.
97. Laterne im Krämpferfeld.
98. Zum grünen Baum.
99. An der Hügelgasse.
100. Wickelkind in der Reglerkirche.
101.Amplonianisches Colleg.
102. Der spukende Castellan.
103. Der gespenstige Pudel.
104. Von einem andern Pudel.
105. Der zärtliche Wolf.
106. Der redende Rabe.
107. Neuste Spukgeschichte.
108. Katze in der Uhr des neuen Rathhauses.
V. Vorboten des Unheils auf der Erde, Zeichen am Himmel. - Missgeburten.
109. Anzeichen der Pest. Kometen. Pestgräber.
110. Blutquellen.
111. Vom bösen Blick.
112. Missgeburten.
113. Von einem Namen mit böser Vorbedeutung.
VI. Wassernixen.
114. Kronburg. Molsdorf.
VII. Schatzgräber-Sagen
115. Erbauung der Lehmannsbrücke.
116. Schäfer Lehmann.
117. Von einer goldenen Kette.
118. Von einer weißen Frau.
119. Dunkels Traum.
120. Schatze in der Georgenbursche.
121. Schatz in der Komthurgasse.
122. Schatz in der Schlösserstraße.
123. Weinbergsschatz.
124. Von einem Bauer und einem Fleischer.
VIII. Teufels-, Zauberei- und Hexensagen.
125. Der gerettete Bauer.
126. In Dacherödens Haus.
127. Der Ritt auf dem Teufel.
128. Von einem Ritt durch die Luft.
129. Vom Kräuterkochen.
130. Vom Abkühlen.
131. Vom Festmachen.
132. Was einem Papiermacher aus Arnstadt begegnete.
133. Vom Krystallsehen.
IX. Vermischte Sagen.
134. Erf. Wappen.
135. Erf. Schutzpatron.
136. Erf. Wirth.
137. Wahrzeichen der Stadt.
138. Sandbarbe.
X. Sagen und sagenhafte Anklänge von Dörfern um Erfurt.
139. Von verwüsteten Dörfern.
140. Von der Marienburg und Krampenburg.
141. Daberstedt.
142. Die Kapelle zu Hochheim.
143. Schwerborn.
144. Der Königstuhl bei Dittelstedt.
145. Neuschmidtstedt.
146. Von einem Förster, der umgeht.
147. Hasserode.
148. Sagen zu Möbisburg.
149. Orphal.
150. Wetterode.
151. Glocke zu Waltersleben.
152. Witterda.
153. Dachwig.
154. Das Wunderblut zu Rehstedt.
155. Brand des Schlosses Gleichen.
156. Der Mordgarten. a. Mühlberg.
157. Von einem Galgenmännchen.
158. Von Groß-Vargula.
159. Riethnordhausen.
160. Nora.
Nachwort
Werkverzeichnis Publikationen sowie Unikate von Heinrich Kruspe
Unikate in der Sondersammlung der Stadt -und Regionalbibliothek der Stadt Erfurt
Vorwort
Es fließt ein Strom daher, der führt mit unaufhaltsamer Wucht seine Wogen uns zu. Sein Andrängen ist gewaltig und sein Rauschen ist wie rollender Donner und Sturmesgetöse. Neben ihm abgezweigt windet sich ein Bächlein. In beider Silberwellen spiegeln sich des Himmels Dom und was am blauen Gewölbe leuchtet, auch die Waldesnacht und das blumendurchwobene Lichtgrün der Wiesen und Felder, Berge und Bäume, Burgen und Klöster, Häuser und Höfe, Gräber und Steine. Pfeilschnell fährt der Strom dahin und das mächtige Getriebe der Wogen verschlingt im wechselnden Lauf die Welle und ihr Abbild. Ehrfurchtsvoll steht der Beschauer und sein Auge fesselt die Massenbewegung, die sich im gewaltigen Elemente kundgiebt. Aber des Bächleins Wellenspiel dringt lispelnd und murmelnd, wie sanftes Geplauder, lieblich und leise wie milder Sang zum Ohre des ihm Lauschenden. Oft unverständlich und schwer zu deuten sind seine Laute; denn schäumend und sprudelnd rauschen seine Wogen am hemmenden Felsgestein; still und oft unerforschliche Tiefe bergend gehen sie in den Gründen. Was ihnen die rauschenden Eichenzweige geflüstert, was ihnen Kuckuck und Eule vertraut und lustiges Vogelgezwitscher ihnen lehrte, das tragen sie hinab in die Ebene und künden es aller Welt. Der Strom ist die Geschichte, das Bächlein die Sage. Es ist der Stoff in beiden „Geschehenes“; aber im Bächlein ist er durch mannichfache Windungen und Fälle geklärt und beruhigt und seine reizende Umgebung läßt seine Färbungen oft viel schöner und anmuthiger erscheinen, als im Strom. Es erquickt sein Anblick und ergötzt, wer sich ihm naht, mit unsagbarem Behagen.
Die Sage zeigt das Leben, Treiben und Thun der Väter und enthüllt uns eine Fülle lieblicher Bilder, die Alt und Jung erfreut. Ihre Sprache ist meist einfach und kindlich. In Einfachheit und Wahrheit giebt sie über Sitte und Brauch, Geistes- und Gemüthsleben unserer Vorfahren Aufschluß und ist eintreues Abbild ihres Charakters. An wirklich Geschehenes knüpft sie an und nur Nebendinge hat die Phantasie bei der Übertragung von Mund zu Mund ausgesponnen. Oft hat der dichtende Volksgeist seinen Helden ein goldig schimmerndes Gewand gegeben und oft sogar einen Beisatz von Wunderbarem. Niemand weiß, wer die alten Sagen zuerst erzählte, wie lange sie schon von einem Geschlechte zum andern sich forterbten und wie sie sich mit den Auswandernden anderen Gauen mittheilten. Ähnlich klingende Sagen treten hier und dort auf und doch haften sie in reinster Ursprünglichkeit am heimischen Boden, ja die immerwährende Wiederkehr bekannter Stoffe ist ein charakteristisches Merkmal der Sage.
Ein ungeahnt reiches Feld für Sagenforschung bietet unser Erfurt. Von stattlichen Hügeln schauten sonst majestätisch drei berühmte Münster auf ein Meer von Häusern herab und kündeten den Ruhm vergangener Zeiten. Zahlreiche Kirchen ragen aus dem Gewirr der Dächer, dazu eine sonst außerordentlich große Menge von Thürmen, die der Stadt zu dem Beinamen der „thurmreichen“ verhalfen. Noch gürten die doppelten Zwingmauern die Altstadt, sind auch gegenwärtig die letzten Spuren ihrer Thürme vom Zahn der Zeit beseitigt und nur in der äußeren Umwallung zeigen sie, wenn auch nicht in ihrer ursprünglichen Form und Zahl – es sollen ihrer in Summa 200 gewesen sein – die Macht vergangener Tage.
Noch schwebt über uralten Steinbauten der Geist der Vorzeit und manch übermoostes Wappengebild redet von Heldenkraft und Rittersinn längst erloschener Geschlechter und von allen weiß die geschäftige Sage zu erzählen.
Ihren Lieblingssitz hat sich die Sage auf dem Domberge erkoren. Um die majestätischen Thürme, von denen die Gloriosa wie der Pulsschlag der Zeit sich vernehmen läßt und selbst wie eine in Klänge umgewandelte Sage uns grüßt aus alter, ferner Zeit, um Chor und Schiff rauscht ihr Flügelschlag. – Um die düstern Hallen der Klöster webt sie den Duftschleier der Poesie und legt noch einen Goldschimmer wie letztes Abendroth um die Stätten, in denen einst zu Erfurts Ruhm und Glanz die Hochschule blühte.
In mondbeglänzten Nächten flüstert sie den hochragenden Giebeln der ehemaligen Patricierhäuser Erinnerungen alter Pracht und Herrlichkeit zu, schaut von den uralten Steinbrücken zu den Gewässern hinab, in denen die Wassernixe ihr Wesen treibt, wallt zu den öden Plätzen, wo reiche Schätz verborgen liegen – von Zwergen und Mönchen bewacht – oder von weißen Frauen, die mit Schlüsseln klirren – umgangen werden und nur dem Glücklichen sich erschließen; der die Wunderblume fand. Hinaus aus dem dunklen Thore führt sie zum schaurigen Hochgericht und zu Kreuzen und Malzeichen, die, blutigen Mord zu sühnen, man in der Vorzeit errichtete. Dann lenkt sie die Schritte ihrer Begleiter zu stillen Thälern, versunkenen Klöstern und verheerten Dörfern, wo sie den geheimnisvollen Glockentönen, die aus tiefem Schooße der Erde oder aus verschütteten Brunnen sich vernehmen lassen, lauscht.
Das Kulturgemälde unserer Stadt – im Rahmen der Sage gefaßt – würde gänzlich der Wahrheit entbehren, würden aus Liebe zur Heimath die düstern Schatten, welche unerhörter Aberglaube in den überraschend stark vertretenen Spuk-, Schatzgräberei-, Zauber- und Hexensagen auf das so freundliche Bild der Stadt wirft, ausgeschieden. Sie müssen hier zeigen, wie es mit der guten alten Zeit bestellt war.
Ostern 1877.
Der Verfasser
- Band 1 -
I. Sagenhafte Anklänge aus der altgermanischen Götterwelt.
Die neuere Sagenforschung behauptet, daß aller Sage Urgrund Mythus sei. Bei der Einführung des Christenthums zerbrach man die Runentafeln, auf welchen Barden die Hoheit der Götter und die Heldenkraft der Riesen besungen hatten und suchte alle Erinnerungen an das Alte zu verwischen. Was alsdann in der Stille von Mund zu Mund sich fortpflanzte, entging dem beobachtenden Blicke der Gewaltigen, die die neue Lehre den deutschen Stämmen brachten und so kam es, daß die einst allwaltenden Götter in das Reich der Sage verdrängt wurden.
Im Thale der Gera ward ehemals dem W u o t a n geopfert. Man brachte ihm am Erntefeste Gänse, Eber, Stiere und zündete ihm Fackeln und Lichter an, welche Gebräuche sich noch heut zu Tage in den Kirmeßschmäusen, den Martinsgänsen und den Martinslichtern erhalten haben und er spukt auch hier noch als wilder Jäger, seitdem das Christenthum ihm die Heldengestalt des mächtigen Gottes genommen und ihn in jene grausige Schreckgestalt verwandelt hat.
F r i k a oder H o l d a, die liebliche, das Familienglück spendende Göttin, schrumpfte zu dem hässlichen Gespenst der Frau Holle zusammen, welches in langen Nächten den Menschen zu Qual und Leid erscheint und es mußte die Beherrscherin der Elbe (Elfen), die in Mondnächten mit ihr im Tanze wogten, als Hexe vertrieben, den Blocksberg zu ihrem Tanzplatze nehmen. Nach uraltem Gebrauch wurde in der Walpurgisnacht in Erfurt von den Bürgersoldaten getrommelt, um ein Niederlassen des flüchtigen Hexenvolkes zu hintertreiben und um die Einkehr in die Häuser zu verhindern, wurden die Hausthüren mit drei Kreuzen bezeichnet. Auch die guten Eigenschaften der Göttin sind noch im Gedächtnisse des Volkes, namentlich, wie sie fleißige Spinnerinnen belohnt und ihre Flachsknoten in eitel Gold verwandelt. So lohnte sie in der Erfurter Sage den nie erlahmenden Fleiß einer armen Waschfrau, die, in später Nacht heimgehend, am Sockel der Andreaskirche eine Menge Maikäfer findet und deren eine Hand voll mitnimmt, um sie ihren Kindern zum Spielen zu geben. Als die Frau, die in einem Topfe verwahrten Maikäfer des anderen Tages ansieht, sind sie in Gold verwandelt, die in der Mauer zurückgebliebenen aber verschwunden. Wenn es schneit, sagen die Kinder auch hier: „Frau Holla schüttelt ihr Bett aus“ und man erkennt es an, daß sie aus Fürsorge für den jungen Pflanzenwuchs es thut. Ihr sind auch die „12 Nächte“ geheiligt und es ist hier ein vielverbreiteter Aberglaube, daß die Träume, die man in besagter Zeit hat, in Erfüllung gehen. Auch hütet man sich vor dem Genusse von Hülsenfrüchten, um vor Ausschlag sicher zu sein.
D o n a r, der Sohn der beiden genannten Gottheiten, brachte der Erde Wachsthum und Gedeihen und führte den Segen der Ernte herbei. Da der Donnerstag sein Tag ist, glauben einfältige Leute, daß es am Himmelfahrtstage, an welchem die Erfurter gern nach Molsdorf, Stedten und Rhoda gehen, regnen müsse. Da ihm die Eichenwälder und auch die in ihnen lebenden Thiere geheiligt sind, verfolgt man ungern den Hirschkäfer, weil er sonst brennende Kohlen unter die Dächer der Häuser trägt und diese anzündet. An die Stelle D o n a r s trat C h r i s t u s oder Gott selbst und man hört daher bei Gewittern sagen: „Der Herrgott schmollt oder er schiebt Kegel.“ Bei der Wiederkehr des Frühlings feierte man D o n a r und seiner Schwester Ostara Feste in der Waget, einem heiligen Haine südlich von der Stadt Erfurt, der sich von den jetzigen Orten Stedten bis nach Willroda erstreckte. Dorthin zogen die Bürger im Glanz der Waffen alljährlich am Walpurgistage, um den Frühling einzuholen und schon am Vorabende trug man nach altem Brauch Kuchen und Bier hinauf und Wächter hielten strenge Wacht, daß die Winterriesen nicht etwa zurückkehrten.
S i p p i a, Donars Gemahlin, war die schöne, huldvolle Sonnengöttin, der man in der Zeit der wiedererwachenden Blumen besonders huldigte und zu der man Bittgänge veranstaltete, um Fruchtbarkeit der Erde und Wachsthum der Feldfrüchte zu erflehen. Das christliche Zeitalter behielt jene Bittgänge bei und sie bestehen noch jetzt in den Prozessionen nach Schmidtstedt; aber an Stelle der Sippia trat nun die Jungfrau Maria, die der Germane sich am liebsten in goldigem Haar dachte, das auf den goldigen Getreidesegen jener anspielt. Das Goldhaar der heiligen Jungfrau ward typisch für alle Zeit und wir finden es in ganz besonderer Schöne an Cranach’schen Bildern, deren bestes, die Verlobung der hl. Katharina, eine treffliche Zierde unseres Domchores ist und uns das Haar der Madonna in schimmernden Goldfäden gemalt und mit großer Vorliebe behandelt zeigt.
Der Ostara zu Ehren benannte man das Fest der Auferstehung Christi nicht P a s s a h, wie es bei anderen Nationen heißt, sondern das Osterfest. Man versteckt noch heutigen Tages den Kindern die bunten Ostereier, die man dem Donar zu Ehren roth, der Ostara zum Andenken gelb färbte.
Der böse Gott Loki richtete in seiner Verschlagenheit überall Unheil an. Bosheit und Hinterlist bezeichneten seine Schritte und sein Reich war die Finsterniß. In der christlichen Zeit übernimmt seine Rolle der Teufel, der in einer Menge von Zauberei-, Spuk-, Schatzgräben- und Hexensagen figurirt, sammt Gnomen und Zwergen, die seine Helfer und Diener sind.
II. Zeitsagen.
1. Von großer Wasserfluth.
Von den Erfurter Sagen ist sie vielleicht eine die ältesten deutschen Sagen. Diese gedenkt der Zeit, in welcher noch alles Flachland unter Wasser stand und noch nicht an die Urwälder Germaniens zu denken war. Als die Riesen den Felsendamm an der Schmücke durchstachen, verlief sich das Gewässer und das Land wurde trocken. Die Stelle aber, wo den Wassermassen der Abzug möglich gemacht wurde, ist unter der nachherigen Sachsenburg zu finden.
Auch der Inselsberg soll seinen Namen aus jener Zeit erhalten haben, weil er wie eine Insel aus dem Gewässer hervorragte. Die Namen der Orte Weißensee, Gebesee und Schwansee sprechen für das Vorhandensein von größeren Wassermassen und das Schloß Beichlingen hat noch am Thor einen Eisenring, an welchem – der Sage nach – die Schiffer ihre Fahrzeuge anlegten, aufzuweisen. Und lange noch zeigte man im Peterskloster zu Erfurt als eine Merkwürdigkeit zwei uralte Laternen, die man von einem Thurme herab allen Schiffern zum Wahrzeichen leuchten ließ, denn es gab in der Gegend viel Gewässer.
Nach einer vielverbreitenden Volkssage ist das Innere eines hohen Berges bei Ohrdruf, der Sperrhügel genannt, voll Wasser und eine alte Weissagung spricht davon, daß einstmals der Berg bersten und die Stadt Erfurt und alles Land darum mit einer zweiten furchtbaren Überschwemmung heimsuchen werde. Zur Abwehr dieses Uebels hatten die Mönche von St. Peter gar fleißig gebetet und waren für ihren frommen Sinn mit einem Stücke Wald bei Dietharz und Ohrdruf belohnt worden.
Nach Bechstein und Döring.
2. Von der Entstehung der Stadt Erfurt.
Im Dunkel der Sage verliert sich der Ursprung der Stadt Erfurt. Spangenberg und andere Chronisten sagen vom Anfange der Stadt Folgendes: Der Frankenkönig Merwig erbaute im vierten Jahrhundert an dem Orte, wo jetzt das Dorf Möbisburg liegt eine Burg und nannte sie nach seinem Namen Merwigsburg. Auf einem nordöstlich davon liegenden Berge, dem jetzigen Petersberge, an dessen Fuße damals östlich das Dorf Schilderode lag, baute er einen Saal und legte dadurch den Grund zur Stadt Erfurt.
Anders berichtet Becherer in seiner thüringischen Chronik, wenn er sagt: Anno 430 ist Pharamundus, der erste König in Frankreich gestorben, und sein Sohn Clodius nach ihm König geworden. Dieser hatte einen Sohn, Merowig, den machten die Thüringer zum König. Er verbesserte das thüringische Königreich mit vielen Gebäuden. Zu seiner Zeit war an der Gera, wo jetzt Erfurt liegt, im Brühl ein Müller Namens Erf oder vielmehr Erfried, von dem wurde die Furt über die Gera genannt Erfsfurt.
Noch andere Chronisten behaupten, Erfurt sei durch die Verbindung folgender drei Orte entstanden: S c h i l d e r o d a im Norden, in der Gegend der heutigen Andreaskirche, S c h m i d t s t e d t, gegen Osten, wovon noch das Schmidtstedter-Thor seinen Namen haben mag und von dem auf dem Petersberge belegenen Schlosse Merwigs (Dr. K. Arnolds, Erfurt).
Von der Furt des Müllers Erf ist noch zu bemerken, daß Einige glauben, sie hätte im Brühl gelegen, während doch die Mühle zwischen der Michaeliskirche und dem Komthurhofe noch heutigen Tages Furtmühle heißt und wohl der Ort der ersten Furt hier zu suchen sein dürfte.
In der Hogelschen Chronik ist von einem namhaften Kriegsmann und Edlen am Hofe des Königs zu Burgscheidungen als dem Erbauer der Stadt die Rede. Dieser hieß Erpo oder Erf. Derselbe ließ sich in dieser Gegend nieder und baute im Brühl eine Mühle (weshalb man ihn einen Müller genannt hat) und spätere Ansiedlungen an der dabei durch die Gera gegrabenen Furt, die man nach jenem die Erpes- oder Erfsfurt nannte, erhielten den Namen Erfurt. Das geschah unter König Hojers Regierung.
Da über Anlage und Ausbau der Stadt gar spärliche Nachrichten auf uns gekommen sind, sollen hier Vermuthungen und sagenhafte Anklänge über einige Straßenbenennungen angeschlossen werden.
Das alte Wort Brühl bedeutet einen sumpfigen, morastigen Ort, welcher ringsum mit Gebüsch bewachsen ist. In alten Chroniken liest man aber, daß das Brühl und Hirschbrühl seinen Namen daher erhalten haben soll, daß in selbiger Gegend, in welcher noch Wald war, Hirsche und andere Thiere brüllten. Andere wollen das Wort vom Brausen und Brüllen des Wassers ableiten. Zwischen den beiden Hauptarmen der Gera zog sich ein breiter mit Gras bewachsener Anger hin, der nach und nach zu einer Straße sich umbildete, die den Namen Anger fortführte. – Gegenüber dem Dorfe Schilderoda, das schon vor Ankunft der Thüringer bestanden haben soll und an der Stelle lag, wo jetzt die Andreaskirche steht, erhob sich ein bewaldeter Hügel, welcher der Hügel- und Waldengasse den Namen gab. Nicht weit davon sollen Weidenbäume und mit Kohl bepflanzte Felder der Weidengasse und Kohlgrube zu ihrem Namen verholfen haben, wie Hogel in seiner Chronik schreibt.
Als unter Karl dem Großen, der Erfurt zu einer Stapelstadt machte, Legat Miam Oberaufseher war, ließen sich daselbst Krämer, Handelsleute, Schilderer, Waffenschmiede u. a. nieder und von diesen erhielt eine Gasse unter dem Petersberge den Namen „unter den Schilderern“, von den Krämern die Krämerbrücke, von den Kramführern die Krämpferstraße nebst Thor den Namen. Der alte kleine Markt wurde der Wenigemarkt benannt und die Kirche des hl. Georg die Kaufmannskirche, weil in ihrer Nähe viele Kaufleute wohnten.
Die Eimergasse, die vor nicht allzu langer Zeit noch Meimergasse hieß, soll ihren Namen von dem vorher erwähnten Miam, der vielleicht in dortiger Gegend wohnte, bekommen haben. Die Kürschner-, Müllers-, Weber-, Hüter-, Pergamentergasse wurden nach den dort wohnenden Handwerkern und eben so die Löberstraße und das gleichnamige Thor von den Löbern oder Lohgerbern so benannt. Das 939 erbaute Löwenthor wurde von dem Löwen im Wappen des Grafen von Gleichen, dem es gehörte, benannt. Derselbe hatte auch seinen geschoßfreien Erbsitz im Hause zum Steinsee, von welchem aus ein Gang in die dabei belegene Bartholomäuskirche führte. Sein Gesinde wohnte in der nach ihm benannten Grafengasse, während seine Hofjunker Häuser auf dem Anger, bei St. Lorenz, in der Johannis- und in der Futterstraße hatten, unter welchen sich besonders der Rebstock, der sogar Gefängnisse erhielt, auszeichnete.
Das H e i d e n t h o r mag da gestanden haben, wo jetzt Neuestraße und Predigerstraße sich vereinigen. Es rührte aus sehr alten Zeiten her, wo es noch Heiden gab, die abgesondert von den Christen wohnten. Später mußten die Juden das von den Heiden bewohnte Viertel beziehen und es begriff den Töpfermarkt, die Milchgasse, Judenschule, den Mühlhof, die Häuser unter der Krämerbrücke, Krautgasse und Theile der Michaelisstraße bis zur Lehmannsbrücke in sich. Zu der Judenschule führten Stufen. Unter diesen lag auf dem Mühlhofe das Judenspital und an der Lehmannsbrücke war der Judenzoll.
Nach Hogel.
3. Deodatus oder Adeodat.
Beim fränkischen Könige Dagbrecht III. meldete sich im Jahre 708 ein frommer Mann, Namens Deodatus, mit dem Begehren, man möchte ihm einen Ort anweisen, woselbst er einsam leben könne. Der König wies ihn zum Bischof Wigbrecht von Mainz und dieser schickte in nach Erfurt. Daselbst war dem hl. Blasius auf dem Marienberge eine Capelle geweiht, in welcher sich Deodatus als Einsiedler niederließ. Als er aber sah, daß die wenigen Priester der Stadt Eheweiber hatten und auf ihren Reisen Waffen trugen, wollte er sich von ihnen das hl. Abendmahl nicht reichenlassen und bat den König, daß noch Einer aus seinem Kloster ihm zugeschickt werden möchte. Der König schickte ihm den Benediktiner-Mönch Drutmann (oder wie etliche alte Schriften lasen: Trincundum) von Salzburg. Der predigte in Erfurt und bekehrte allda viel Heiden. Gar Manche begaben sich in seinen Orden und auch viele Jungfrauen nahmen klösterliche Gelübde an. Der König aber hatte sein Wohlgefallen an der Kapelle und erweiterte sie und baute das Nonnenkloster St. Pauli daran und so ward der Anfang der nachmaligen St. Severikirche gemacht.
Nach Hogels Chronik.
Ein hl. Deodat kommt auch in der Legende des Elsaß vor. Jener kam aus Frankreich nach dem Elsaß und lebte mit der hl. Huna und deren Gemahl in inniger Freundschaft. Die hl. Huna aber war eine reiche Edeldame aus der Gegend von Rappoltsweiler, welche sich in ihrer Demuth herabließ, den Armen und Kranken selbst die Hemden zu waschen. Ein heiliger Quell, der in früherer Zeit selbst Wein gegeben haben soll, ist ihr geweiht.
Nach D. Schwebel.
4. St. Bonifacius
Als Bonifacius auf seiner Reise durch Thüringen nach Erfurt kam, fand er daselbst noch manches ungläubige Volk und Heiden, die auf der Wagede ihren Abgotte (Wage) dienten. Bonifacius begann nun Christum zu predigen und forderte die Leute auf, mit ihm in den Wald zu ziehen. Dort sollten sie die Götterbilder zerstören und die vom Volke verehrten Eichen niederhauen. Da zogen Viele mit ihm hinaus. Als sie aber in die Gegend des heutigen Löberthores kamen, erhob sich ein gräulicher Sturmwind vom Walde her. Alle standen still und befürchteten, der Gott Wage würde ihren Frevel strafen. Aber Bonifacius ermuthigte sie und sie folgten ihm hinauf zum Berg. Dort ließ er die Eichen umhauen und als die Zaghaften den Fall ihrer Götterbilder und der heiligen Bäume sahen, weigerten sie sich nicht länger, sich taufen zu lassen.
(Nach Hogels Chronik)
Nach Binhart hatte Bonifacius, um die Thüringer zum christlichen Glauben zu bekehren ein Heer gesammelt und rückte mit demselben über die Grenze. Da flohen die Thüringer und bargen sich in der Drottenburg an der Unstrut. Doch Bonifacius rückte bescheiden daher, forderte die Vornehmsten des Volkes auf, zu einer Besprechung zu ihm zu kommen und drang dann in sie, das Christenthum anzunehmen, indem er von den großen Thaten Gottes sprach. Als sie das hörten, verlangten sie von Bonifacius, daß er es bei dem geborenen Gotte dahin bringen solle, daß sie des Zehnten, den sie dem König von Ungarn geben mußten, ledig würden. Geschehe das, so wollten sie glauben und sich willig taufen lassen.
Da kam Gottes Stimme in der Nacht zu Bonifacius, getröstete ihn und befahl ihm, bei den Thüringern zu bleiben. Bonifacius hatte damals sein Lager an einem Bruch an der Unstrut, da später das Kloster Nägelstedt gebauet wurde. Als aber die Ungarn vernahmen, daß die Thüringer den Zehnten zu geben sich weigerten, zogen sie mit großer Heereskraft heran, trafen des Bonifacius Heer an dem Bruch und eilten so gewaltig, daß sie die Vorderen in die Unstrut trieben. Bonifacius aber rief den lieben Gott um Hilfe an, welche ihm auch reichlich zu Theil wurde. Sein Heer tödtete so viele Ungarn, daß die Unstrut in Blut verwandelt ward und es erfocht einen vollständigen Sieg über seine Bedränger. Da die Thüringer das sahen, glaubten sie und ließen sich taufen bei zehn Tausend.
Der schöne Eichenforst südlich der Stadt auf wellig gehobenem Muschelkalkboden zählte noch 1636 gegen 10.400 Stämme. Sein Name Wa gd hängt mit dem Gott Wage (waga, wage = Bewegung) zusammen und bedeutet vielleicht die ewige Bewegung seines grünen Heiligthums. Nachdem St. Bonifacius den Wage-Cultus zerstört, fühlte man den Gott noch im Hain wandeln und ließ dem Walde den Namen Wagweide (Wages Wohnung), bis in neuester Zeit der Namen Steiger ihn verdrängte.
Vergl. Kirchhoffs Weisthümer.
5. Das Trommeln auf Walpurgis.
Bekannt ist die alte Sage, daß auf Walpurgis große Hexen-Versammlungen und Bälle auf dem Brocken veranstaltet werden, wozu die sämmtlichen Mitglieder der Hexengilde auf Besen und Ofengabeln mit großem Geschrei, gleich dem wilden Heere, durch die Luft reisen und dort in Gesellschaft des lustigen Steppchens und Konsorten sich eine Nacht belustigen, bis sie dann beim Hahnenschrei am Morgen wieder auf dieser Gabel- und Besenpost in ihre Wohnungen zurückkehren. Da man diese Kavalkade nicht hindern konnte, war man geschäftig, doch wenigstens zu verhüten, daß die galopirenden Hexen nicht etwa ermüdet hier und da sich niederlassen möchten, um Schaden zu thun und so blieb in dieser Nacht Jedermann wach; man trommelte, lärmte, schoß in der Folge und that alles nur mögliche, um die bösen Gäste zu verscheuchen. Der Gebrauch, die Thüren der Wohnhäuser und Ställe mit drei Kreuzen zu versehen, findet sich noch heute. Das Trommeln übertrug man, als beim Sinken des Aberglaubens der Eifer nachließ, Leuten, die für Geld mit Trommeln, Pfeifen und lärmendem Getöse in der Gegend umherschwärmten, um die Hexen zu verscheuchen. So übertrug man in Erfurt vor langen Jahren dieses Geschäft denen, die die Trommeln schlugen und gönnte, indeß hier der Aberglaube längst ausgetrommelt worden ist, den 29 Tambours und 8 Querpfeifern der Bürgerkompagnien mit ihrem Regimentstambour lange noch an diesem Tage den Gewinn, vor den Häusern der wohlhabenden Einwohner durch militärische Musik sich eine Vergütigung zu holen.
(Thüringische Vaterlandskunde 1802. Nr. 21.)
6. S. Severus
Neben dem Dom in der schönen Hallenkirche werden die urkundlich als echt beglaubigten Gebeine eines heiligen Mannes aufbewahrt, der unter dem Namen des hl. Severus bekannt und nach dem das Gotteshaus benannt worden ist. S. Severus lebte im 4. Jahrhundert und war ein Weber oder Tuchmacher. Wegen seiner großen Befähigung und musterhaften Frömmigkeit wurde er zum Bischofe von Ravenna erwählt und wirkte als solcher viel Gutes. Noch waren in damaliger Zeit die Priester beweibt und Severus’ Frau, Vincentia, und seine Tochter Inocentia erfreuten sich gleichfalls des Rufes großer Heiligkeit. Beide waren bereits gestorben, als auch an den Bischof Severus der Tod herantrat. Er ging im Bewußtsein baldiger Auflösung in das Grabgewölbe seiner Familie und bat die ihm im Tode Vorangegangenen, ihm eine Ruhestatt zu gönnen. Da sollen die beiden Särge sich geregt und ihm in der Mitte einen freien Raum gemacht haben, auf welchem er unter Gebet sich gebettet und seinen Geist aufgegeben haben soll. Auf einer Reise durch Italien kam 830 der Erzbischof Ottgar von Mainz nach Pavia und erfuhr, daß in dieser Stadt die Gebeine des hl. Severus ruhten. Er wußte sich in den Besitz derselben zu setzen und nahm sie mit sich nach Mainz, woselbst sie in der S. Albankirche beigesetzt wurden. Von da wurden sie im feierlichen Zuge nach Thüringen gebracht, um dem hohen Münster auf dem Marienberg zu Erfurt Glanz und Ansehen zu verschaffen. Als der Zug sich dem Weichbild der Stadt näherte, strömten den Heiligthümern viele fromme Leute entgegen. Unter diesen waren nach der Legende vier Schwestern, von welchen die jüngste vom Teufel besessen war, der sie unablässig quälte und nimmer in Ruhe ließ. Mit tiefer Ehrfurcht naheten sie sich den Ueberresten der berühmten Heiligen und baten Gott, daß er der geplagten Jungfrau helfen möchte. Und siehe, der Teufel verließ die jüngste von den vier Schwestern; aber bald war die nächstfolgende ältere Schwester von ihm besessen und gepeinigt. Inbrünstiges Gebet vermochte wohl den bösen Geist aus ihr zu vertreiben, aber er zog nun bei der dritten und dann eben so bei der vierten ein. Das war aber alles nur geschehen, um die vier Schwestern im Glauben und Vertrauen zu prüfen. Bei der Ankunft der Heilthümer in Erfurt war der böse Feind von den vier Jungfrauen für immer gewichen.
Man setzte die Gebeine in der S. Paulskirche, die nun den Namen S. Severi-Kirche erhielt, nieder und erbaute darin später einen kostbaren Sarkophag, an dessen drei Seitenwänden die Legende des hl. Severus in kunstvollen Reliefbildern dargestellt wurde, während die vierte Seite eine Huldigung der hl. drei Könige zur Anschauung brachte. Wahrscheinlich lag obenauf die Steinplatte, die jetzt den S. Severusaltar schmückt, und aus deren kunstvoll gehauenen statuarischen Bildern S. Severus sammt den hl. Frauen mit dem milden Blicke der Anmuth auf den Beschauer herabschauen. An der schöngegliederten Balustrade eines schwebenden Ganges über genanntem Altare wollen Viele die grausige Teufelsfratze mit ausgestreckter Zunge und feurigen Augen erkennen. Es ist aber ein Wappenschild der Familie Legaten und die Erinnerung an die erzählte Legende hat wohl nur in dem Teufelskopfe ein Wahrzeichen erhalten, welcher sich – von unten kaum zu erkennen – an den mittelsten der drei wunderlichen, sich kratzenden und wüthig grinsenden Hunden, die gleich Wasserspeiern an der Galerie angebracht sind, sich unmittelbar anschließt. Der Kopf ist so angelegt, daß der Schwanz der besagten Bestie zugleich die Nase des Gesichts, die Hinterläufe der Schnurrbart in demselben bilden. Die Steinhauerarbeit dürfte dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts angehören.
7. Von einer großen Armbrust.
Als die Stadt Erfurt im Jahre 954 sich immer mehr erweiterte und man genöthigt war, die alte beengende Stadtmauer weiter hinaus zu verlegen, sollte auch der Galgen aus der Stadt geschafft werden. Die Bürgerschaft bat sich aus, ihn so weit von der Stadt entfernen zu dürfen, als man mit einer riesigen Armbrust, die nur sechs Männer zu spannen vermochten, schießen würde. Die Armbrust wurde nach der Mitte der Stadt, dem langen Stege, geschafft, an den Ort, wo gegenwärtig die Schlösserbrücke steht. Von da aus schoß man einen großen eisernen Pfeil gen Osten ab und siehe da, er fiel auf dem Stollberge, _ Stunden weit von dem genannten Orte nieder. Dort baute man den Galgen.
Nach Falkenstein.
An dem Orte, wo einst dieser Pfeil abgeschossen wurde, und den der Volksglaube als die Mitte der Stadt annimmt war noch bis zum Abbruch des mit drei ziemlich schiefen Giebeln versehenen Hauses an der Schlösserbrücke, hart am Wasser (neben dem Obstverkaufsladen der Frau Opel) ein großer Sandstein aufgerichtet, der auf der einen Seite ein Rad, auf der andern eine in Mönchsschrift ausgeführte Inschrift zeigte.*) Die Letztere war Vielen ein unlösbares Räthsel und es wurde geglaubt, die Schrift lautete also:
„Die Müller sind die beschützer des Wasserlaufes.“
Die Schrift war indessen nur aus dem von Eingeweihten sehr wohl zu entziffernden Minuskeln ausgeführt und enthielt eine Nachricht über die Zeit, in welcher die Steinbrücke erbaut war und die Namen der Baumeister, die sie einstens ausgeführt hatten. Nach Abbruch der obengenannten Häuser wurde der erwähnte Stein nach dem Rathhaushofe geschafft, wo er viele Jahre, an die Wand der Kämmerei gelehnt, gestanden hat.
Die große Armbrust hatte aber bis zum Jahre 1830 den großen Saal des alten Rathhauses geschmückt und ist nach dessen Abbruch in das evangelische Waisenhaus gekommen, woselbst sie – vom Brande unversehrt – noch als das interessanteste Geschoß des Mittelalters in der Waffenkammer aufbewahrt wurde; jetzt ist sie im Archiv des neuen Rathhauses.
8. Wunderbare Kinderphantasie.
Im Jahre 1212 kam eine wunderbare Phantasie unter die Kinder. Ein Knabe zog durch Städte und Dörfer in Sachsen und Thüringen und sang ein Lied vom Kreuze Christi, welches von den Saracenen genommen und vom König Saladin festgehalten wurde. Und er verlockte die unschuldigen Kinder, es wieder zu erstreiten und sollte es, wenn sie mit ihm zögen, wieder den Christen zu eigen werden. Da erfasste die Knaben, die den Fremdling hörten, eine wunderbare Begeisterung. Sie rotteten sich zusammen und wollten gen Syrien ziehen und Jerusalem mit sammt dem heiligen Kreuze den Saracenen entreißen. In großen Schaaren brachen sie auf und konnten weder gute Worte, noch Schläge, noch Banden sie von ihrer gefaßten Idee abwendig machen. Sie wanderten nach Italien und wollten von da übers Meer. Aber schon unterwegs starben die meisten vor Frost und Hunger, denn es nahm sich Niemand ihrer an. Und die Wenigen, die noch aufs Meer gekommen, wurden von dem Ungestüm der Wellen hingerissen und kamen kläglich um.
Nach Falkenst. Chron. v. Erf. P. 75.
Im Jahre 1237 am 15. Juli versammelten sich zu Erfurt tausend Kinder, die zogen tanzend und spielend über die Waget und immer weiter, bis sie nach Arnstadt kamen. Dort blieben sie über Nacht und wars großes Wunder, daß sie den ganzen Weg keinem Menschen begegnet waren. Als aber die Eltern ihre Kinder vermißten, erhob sich großes Klagen und Jammern, bis sie erfuhren, daß sie in Arnstadt angekommen waren. Da richteten sie Wagen und Karren zu, sie wieder heim zu holen, denn gar viele jener Kinder waren sehr klein und des Wanderns ungewohnt. Niemand aber wußte zu sagen, was die Kinder zu solchem Treiben veranlaßt hatte. Ihrer Viele blieben auch nachher bleich und krank und waren hinfällig ihr lebelang.
Nach Linhards: Neue vollkommne thür. Chronik u. Bechstein.
Von einer ähnlichen Phantasie der Kinder, wie auch vieler Jünglinge und Jungfrauen erzählt die Stolle’sche Chronik also: „Anno 1415 begab sich eine wunderbare Geschichte im Thüringer Lande, Franken, Meißen und Hessen, nämlich daß Knaben und Mädchen vom achten bis zum zwanzigsten Jahre zu dem heiligen Blute nach Wilsnack liefen. Ohne Wissen und Wollen ihrer Eltern liefen sie davon und waren zu solch langer Reise weder mit Geld, noch mit Nahrungsmitteln ausgerüstet. Wenn man sie von ihrer Idee abbringen wollte und sie einsperrte, wurden sie unsinnig. Und wenn der wunderbare Drang des Wanderns sie ankam, begannen die Kinder zu weinen und beruhigten sich nicht eher, als bis sie aus ihren Häusern kamen und sich den sich stets zeigenden Wallfahrern anschließen durften. Dabei war es ihnen gleich, ob sie bekleidet oder halbnackt einher gingen. Viele der Kinder waren so klein, daß man sich nicht getraute, eine Meile Weges mit ihnen zu gehen, dennoch gingen sie, einige sogar Tag und Nacht und bei dem schlechtesten Wetter. Aus allen Städten und Dörfern liefen die Kinder und ihre Zahl wurde täglich größer. Da besorgte sich der Rath der Stadt Erfurt über solches Laufen und erließ ein Gebot, daß Niemand ohne Erlaubnis seines Pfarrherrn und ohne Beichte zum Wunderblute gehen sollte. Als aber auch diese Maßregel noch nicht helfen wollte, befahl er den Thorwächtern von Stunde an, fremden Wallern den Durchgang durch die Stadt zu verbieten.“
Auch im vorigen Jahrhundert kam eine seltsame Vereinigung von Kindern vor, die durch keine Macht der Eltern abgewendet werden konnte. Es war im Jahre 1708, während der Religionstractate zwischen den Kaiserlichen und Schweden abgeschlossen wurden, als in Schlesien die Kinder, Knaben wie Mädchen, in mehreren Städten und Dörfern sich täglich dreimal zur Andacht versammelten. Sie bildeten einen großen Kreis, legten sich auf ein Zeichen ihres Vorbeters, den sie sich selbst gewählt hatten und der in der Mitte der Rundung stand, auf das Angesicht und beteten leise das Vaterunser. Dann standen sie wieder auf, sangen geistliche Lieder und beteten dann auf die Zeitverhältnisse passende Gebete. Dieser Kindereifer wurde erst durch die Obrigkeit mit Gewalt unterdrückt, indem man den Kindern befahl, ihre Andachten in den Kirchen und Schulen zu halten.
Nach Berkenmeyer.
Wie in der ersten dieser vier Sagen ein Knabe singend durch Thüringen zieht und die Kinder hinweg führt, so übte in Hameln, einer Stadt an der Weser, ein Mann durch sein Spiel auf einer Pfeife eine wunderbare Anziehungskraft aus. Wir entnehmen der Chronik jener Stadt folgende Erzählung darüber und fügen sie als ein Seitenstück den heimischen Sagen an.
Als man schrieb 1284, gab es in Hameln so viele Ratten, daß man sich ihrer nicht erwehren konnte, trotz aller angewendeten Mittel. Da kam eines Tages ein fremder Mann unheimlichen Aussehens und machte sich anheischig, gegen ein gutes Entgelt die Stadt von ihrer Plage zu befreien. Man ging darauf ein. Der Mann durchzog, auf einer Pfeife ein wunderbares Lied spielend, alle Straßen und es zogen ihm, von den Klängen angelockt, alle Ratten und Mäuse in ungeheuren Schaaren nach. Er zog mit ihnen in den Weserstrom, worin sie allesammt elendiglich ertranken. Als die Bürger das sahen, grauete es ihnen vor dem Manne und sie glaubten, er hätte durch Zauberei oder gar mit Hülfe des Teufels sein Werk gethan und standen davon ab, das versprochene Geld ihm zu zahlen. Da ergrimmte aber der Mann und sann auf Rache. Am 26. Juli zog er wieder durch die Stadt und blies so lieblich auf seiner Pfeife, daß ihm die Kinder, groß und klein, Knaben und Mädchen in Schaaren nachliefen und mit ihm durch das Osterthor nach dem Klöpfelberge zogen, der sich auf sein Geheiß öffnete und sämmtliche 130 Kinder aufnahm. Niemand sah von ihnen jemals wieder eine Spur und nur zwei Kinder, die dem wunderbaren Spielmann nicht so schnell folgen konnten, waren umgekehrt und erzählten das Ende des Kinderzuges.
9. Vom Grafen von Gleichen.
Wie oft eine unserer schönsten Sagen, nämlich die von der Doppelehe des Grafen Ernst von Gleichen in den verschiedensten Formen besungen und wiedererzählt worden ist und wie der romantische Stoff unter der Feder unseres begabten Landsmannes Musäus zu einem der anmuthigsten deutschen Volksmärchen sich gestaltete, ist allgemein bekannt. Ebenso offenkundig ist es auch, wie heiß der wissenschaftliche Streit über das historische Factum desselben entbrannt und wie viel für und wider in dieser Angelegenheit bis auf den heutigen Tag geschrieben worden ist. Weniger bekannt dürfte eine der ersten Fassungen der Sage sein, die uns Joh. Becherers „Neue Thüringer Chronik“, zu Mühlhausen im Jahre 1601 gedruckt, P. 267 mittheilt. Dort lautet sie folgendermaßen: „Anno 1227 erhob sich eine gemeine Heerfahrt ins heilige Land wider die Türken. Kaiser Friedrich zog persönlich sammt vielen Fürsten, und Grafen und Herrn, unter welchen auch Landgraf Ludwig. Als sich dieser nun auf die Reise machte, begleiteten ihn seine Brüder, Landgraf Heinrich und Conrad und St. Elisabeth bis gen Schmalkalden. Hier befahl er unter andern abgeredeten Sachen dem Landgrafen Heinrich seine Hausfrau, Kinder und Mutter, Frau Sophie, eine geboren Herzogin von Bayern und schied also von Schmalkalden an St. Johannis des Täufers Tag. Es zogen mit ihm Graf Heinrich von Stollberg, Burghart von Brandenburg, Meinhard von Mühlburg, ein Graf von Gleichen und sechs edle Herrn, Hermann von Heldrungen, Rudolph von Vargula, Heinrich von Erbisburg, Hermann von Schlotheim, Heinrich von Dreffurt und Heinrich von Fahnern. Ferner acht Ritter: Rudolph von Weberstedt, Rudolph von Bülzingsleben, Bernahrd von Elende, Dietrich von Seebach, Sigefried Rode, Ludwig Vied, Rudolph von Heuser, Erhard von Koppel und noch fünf Priester und viel Gesinde, so an seinem Hofe war … ….
In diesem Zuge hat sich ein wunderbarlicher Fall zugetragen; denn der Graf von Gleichen, so mit Landgraf Ludwig fortgezogen war, ist von den Saracenen gefangen worden und hat ihn eines großen Herrn Tochter liebgewonnen, welche ihm zugesagt, wenn er sie ehelichen würde, wollte sie ihm davon helfen. – Der Graf war allbereits ehelich. Jedoch wäre er gern frei gewesen und sagt ihr, daß er schon Weib und Kind habe. Da sich aber hieran das saracenische Mägdlein nicht kehret, verspricht er ihr die Ehe und sie hilft ihm davon. Er zeucht gen Rom, erzählt dem Papst seinen Zustand und erhält Dispens, daß er beide Weiber behalten möge. Als er nun heimkommt in Thüringen, lässt er die Saracenin in der Herberg, geht zu seiner Gräfin, welche ihn fröhlich empfängt und sagt ihr, wie es um ihn stehe und daß er noch ein Weib mit sich bringe, welche nächst Gott seines Lebens und seiner Erlösung Ursache sei, und daß er es gegen Gott nicht verantworten könne, sie in fremden Landen zu verlassen. Da sagt die Gräfin: Mein lieber Herr, sei es Gott gedankt, daß ich euch gesund und frisch wieder habe. Weil sie euch ledig gemacht, soll sie das ihr lebelang von mir genießen. Nahm sie also auf das Schloß und es vertrugen sich die zwei Weiber gar wohl und die Saracenin hatte der Gräfin Kinder nicht weniger lieb, als ob es ihre eigenen wären. Dieser Graf ist mit seinen zwei Weibern nach Aller Ableben in Stein gehauen und wird gezeigt auf dem Petersberge zu Erfurt.“ Gegenwärtig befindet sich besagtes Denkmal im Erfurter Dome, woselbst es unter dem großen Christoph an der Südwand aufgestellt ist. Ebendaselbst sind auch die Gebeine beigesetzt worden.
10. Eligerus.
Man sah im Jahre 1232 ein geschäftliches Treiben in Erfurt an beiden Seiten der Gera. Es wurde gegraben und gebaut und das Volk sammelte sich in hellen Haufen, wenn die hohe edle Gestalt eines Dominikaner-Bruders in der bis zu den Füßen reichenden weißen Kutte und dem wehenden schwarzen Mantel sich zur Predigt erhob und in thüringisch volksthümlichen Worten einen Schatz frommer Gedanken den lauschenden Zuhörern darbot. Das war Elger, ein hochgeborener Graf von Hohnstein, der dem Glanze des Ritterthums entsagt und die Burgen seines Geschlechts mit der armen Holzhütte vertauschte, die sich die eben in Erfurt eingewanderten Predigermönche an der Gera erbaut hatten. Ihn hatte der Wissensdrang nach Paris getrieben und in der hohen Schule der Gottesgelehrsamkeit, der Sarbonne, hatte er mit hingebendem Eifer studirt. Dort lernte er den Orden der Dominikaner kennen und fühlte sich durch die große Frömmigkeit, die er in dem erst 1205 durch Dominicus Guzmann gegründeten Convente fand, so angezogen, daß er bald in denselben eintrat. Der Sage nach soll ihn der Ordensstifter Dominicus selbst seinem Orden einverleibt haben. Der niedrige Betsaal aus Holz, in der Nähe der St. Paulikirche zu Erfurt, in welchem nun Elger, den indessen seine Predigerbrüder zum Prior gewählt hatten, die Geistessaat ausstreute, wurde bald von den höher und höher steigenden Mauern einer umfangreichen Klosterkirche überragt, die man dem Evangelisten Johannes zu weihen gedachte. Aus der kleinen Zahl der Brüder, es waren Tangel, Albert von Meißen und Heinrich von Frankenhausen, Edle, die wahrscheinlich schon in Paris zusammengefunden, wuchs der Erfurter Dominicaner-Convent schnell an Brüdern und mancher Erfurter Bürgersohn mochte in denselben getreten sein. Groß war auch die Betheiligung der Bürger bei dem Bau der Prediger-Kirche. Als man den edlen Graf Elger, die Schürze über der Kutte, die Maurerkelle in der Hand, werkthätig beim Baue sah, strömte Alt und Jung hülfreich herbei und Jeder brachte an Liebesgaben, was er hatte und arbeitete nach Kräften am Bau. Derselbe war aber lange noch nicht vollendet, als Elger, einem neuen Rufe folgend, aus dem Westthor der Stadt Erfurt auszog. Er siedelte nach Eisenach über und richtete bei der vom Landgrafen Heinrich erbauten Johanneskirche ein neues Dominikanerkloster ein, in welchem er bis ans Ende seiner Tage verblieb. Er starb 1248.
Wunderbare Dinge erzählte das Volk von Prior Elger. Einst soll er in seiner Zelle gebetet und einen Monat lang in Verzückung gelegen haben. Als er wieder zu sich gekommen, hatte ihn sein Convent in dieser Zeit nicht vermißt.
(Vaterlandskunde V. 355.)
In den Excerptis ex Monacho Pirnensi heißt es, es habe Christus der Herr in Elgers Abwesenheit in seiner Gestalt sein Amt verwaltet und Gott habe viel Miracul durch ihn gethan.
11. Die Sage von der hl. Brunnenskirche.
Es hatten in der Nacht vor dem Feste Mariä Verkündigung im Jahre 1249 zwei Diebe sich vereinigt, die Kirche St. Martini intra am langen Stege, der Predigerkirche gegenüber (wo jetzt die Neuestraße ist) zu erbrechen und zu berauben. Sie stahlen ein goldenes Ciborium, in welchem sich neun consecrirte Hostien befanden. Auf der Flucht warfen sie diese nicht ohne geheimes Grauen in einen Sumpf, der sich am Roßmarkte ihren Blicken zeigte und schlugen mit ihrem Raube den Weg nach Eisenach ein. Fünf Monate später erkrankte hier einer der beiden Räuber gefährlich und der Gedanke an die Beraubung des Gotteshauses und insbesondere an die Entweihung der consecrirten Hostien ließ ihm Tag und Nacht keine Ruhe. Da ließ er einen Franziskaner an sein Lager kommen und dem eröffnete er sein von Gewissensqualen gefoltertes Herz. Als er sich durch sein reumüthiges Bekenntniß erleichtert fühlte, bat er den Mönch noch, daß er es in Erfurt wegen der Hostien an Anzeige und Nachforschung nicht fehlen lassen sollte und da der Mönch alles zu thun versprach, konnte jener ruhig sterben. – In Erfurt war aber an besagter Stelle von einem dort wohnenden Geistlichen ein Licht gesehen worden und es nahm Wunder, daß der Sumpf auch bei der größten Kälte nicht zufror. Man untersuchte nun im Beisein des Erzbischofs Christian II. den Ort und fischte wirklich die neun Hostien unversehrt aus dem Wasser heraus. Ueber oder neben dem Orte, wo solches geschah, erbaute ein reicher Bürger, Ulrich Vierling, eine Kirche, welche von jener Zeit ab bis auf den heutigen Tag „zum hl. Brunnen“ genannt wird.
In der Kirche und zwar an der Nordwand, an welcher sich äußerlich der mit Steinen gefasste Brunnen befindet, ist ein großes Oelgemälde zu sehen, welches die fünf Hauptmomente der Sage darstellt und wegen der alterthümlichen Ansichten der St. Martinikirche und des Roßmarktes besonders interessant ist.
Im Dom zu Hildesheim ist auch eine Quelle unter dem Hochaltar und von der damit verbundenen Sage giebt noch heute der berühmte Rosenbaum Zeugniß. Auch zu Cobern im Moselthale soll unter dem Hochaltar ein Bächlein geflossen sein, dessen Murmeln die Worte des die Messe lesenden Priesters begleitet haben soll.
Eines Seitenstückes der zuerst erzählten Sage sei hier gedacht. Ein Jude stahl im Jahre 1285 im Dorfe Dechow eine Monstranz und vergrub in seiner Herzensangst die darin befindliche hl. Hostie unter dem Galgen. In Pritzwalk erregt er Verdacht und man wirft ihn ins Gefängniß, wo er nach langem Widerstreben einem als Priester gekleideten Bürger sein Verbrechen gesteht und unter dem Rade sein Leben büßt. Nun untersucht man den Raum unter dem Galgen und findet die Hostie blutend und auch die Erde mit Blut getränkt. Unter großem Gepränge wird nun das hl. Sakrament nach Wilsnack gebracht sammt der blutigen Erde und allda verehrt. Als nun der Bischof von Havelberg von seinem Schlosse zu Wittstock nach Pritzwalk reiste, überfiel ihn in der Nähe des Galgens ein heftiges Unwohlsein, das erst von ihm wich, als er dem in Rede stehendem Sakramente Verehrung gelobte. Als er den Boden unter dem Galgen untersuchte, vermochte ihn eine Vision dazu, an dieser Stelle eine Kapelle zu bauen, die er auch 1287 vollendete und in der Weihe das hl. Grab benannte. Zwei Jahre später baute Markgraf Otto der Lange das Kloster gleichen Namens daran, welches das schönste in der Mark ist.
Auch zu Konradsburg kam ein ähnlicher Kirchenraub vor. Der Dieb begiebt sich mit dem gestohlenen Ciborium, in welchem sich zwei consecrirte Hostien befanden, nach Marienburg und geht daselbst in das Muhmenhaus. Zwei über ihm schwebende Lichter bringen dort den Raub an den Tag. Der Verbrecher wird geständig und schon andern Tages gerichtet. Ueber den Besitz der wiedergefundenen Hostien aber erhob sich ein Streit zwischen dem Hochmeister Conrad v. Junginger und dem Pfarrherrn zu Konradsburg, der sich in die Länge zog und eine Appellation an den Papst zur Folge hatte.
Nach Grässe Pr. S.
1593 am 3. September geschah es, daß Einer, der des Ortes Gelegenheit wohl kannte, diejenige Büchse in der Kapelle der Heiligen Adolar und Eoban im Stifte Mariä zu Erfurt, in welcher man das hl. Blut beigelegt, ergriff und stahl. Das Heiligthum selbst hatte der Dieb aber nicht mitnehmen wollen, sondern auf einem Stuhl liegen lassen, damit es der Clerisei nicht daran mangeln möchte.
Hogel 250.
12. Johannes Teutonicus.
Unter der sogenannten Laterne am Dom steht nach Norden gewendet die Statue des hl. Bonifazius. Die Bischöfe neben ihm sind die HH. Adolarius und Eobanus, welche seine Begleiter und Gehülfen waren und mit ihm von den Friesen ermordet wurden. Das Consol, auf welchem die Hauptfigur steht, läßt noch, trotzdem der Zahn der Zeit es vernagt hat, einen Ziegenbock mit langen Hörnern und Bart erkennen. Auf dem Thiere reitet ein Mann in langem Gewande. Er hält in der linken Hand ein musikalisches Instrument, welches einer Geige ähnelt. Die mittelalterliche Symbolik stellt in dieser Figur die niedere Weltlust dar und thut damit kund, daß Bonifazius sie stets beherrscht und – wie hier im Bilde – sie unter seine Füße getreten habe. Jedoch weiß die Friese’sche Chronik von einer andern Deutung des Bildes zu berichten und lautet die diesbezügliche Stelle also: „Der Teufel hatte in Gestalt eines Bockes Johann Teutonicum, der ein Priester und großer Zauberer zu Halberstadt war, so hurtig von einem Orte zum andern geführt, daß er zu Erfurt, Mainz und Köln die Christmetten hat halten können, wie er denn auf dem Bocke sitzend neben der großen Pforte in Stein gehauen noch zu sehen ist“. An einem andern Orte (Dr. Faust, von Platz) lesen wir von Johannes Teutonicus folgende Sage:
Anno 1271 war zu Halberstadt ein Domherr, ein Ausbund aller Schwarzkünstler. Mit diesem hatten gute Zechbrüder wacker gezecht und es wurde einer davon so betrunken, daß man ihn zu Bette bringen mußte. Bald darauf sagte Teutonicus: Ich muß einmal hinaufgehen und sehen was unser Cumpan im Bette macht. Er nahm ein breites Beil mit und ließ sich von Zweien leuchten. Teutonicus rüttelte den Trunkenen, aber dieser wachte nicht auf. Da sprach der Zauberer: Wart, ich will dir den ewigen Schlaf geben, zog den Kopf des Schlafenden über das Bettbrett und schlug ihn mit einem starken Hiebe ab. Das Haupt brachte er in einer Schüssel den Gästen und sprach: Ihr Herren, hier versucht diesen Kalbskopf. Die Gäste sahen sogleich, wessen Kopf es war und eilten hierauf zur Kammer, um den Mord zu sehen und fanden den kopflosen Rumpf und die Kammer voll Blut. Da rief Teutonicus hinauf, sie sollten den Todten nur liegen lassen, er würde vielleicht mehr Wein austrinken, als sie. Als nun jene herabkamen, fanden sie den Zauberer und den Enthaupteten am Tische gar wacker zechend und also zechten alle fröhlich weiter bis an den Morgen.
13. Kaiser Rudolph von Habsburg in Erfurt.
Kaiser Rudolph, der einst im Peterskloster zu Erfurt Hof hielt, wurde gemeldet, daß in der Mark Brandenburg ein gelehrter Mann sei, der vorhersagen könne, wann eine Sonnen- oder Mondfinsterniß einträte und wurde dem Kaiser dessen zum Wahrzeichen ein Abriß einer Finsterniß, welchen dieser Astronom verfertigt, vorgelegt. Darüber wunderte sich der Herr sammt seinen Fürsten sehr, da solch treffliche Kunst derzeit nur Wenigen im römischen Reiche bekannt war. Einer, der die Kunst Sterne zu deuten verstand, war allerdings einstmals an den Hof seines kaiserlichen Vorgängers Friedrich gekommen und hatte sich gegen den Grafen Rudolph von Habsburg, der damals noch jung und im Dienste des Kaisers war, sehr freundlich und wohlwollend bewiesen. Dem Kaiser war die Gunst des Sternsehers aufgefallen und als er ihn nach dem Grunde derselben frug, sagte er: Wenn der Kaiser dermaleinst ohne Leibeserben abgehen würde, sollte ihm der arme Graf auf dem Throne nachfolgen. Die Prophezeiung war wahr geworden und der Kaiser Rudolph verehrte wohl seit jener Zeit die Sternseherkunst als ein Wunderding, doch gaben ihm die Welthändel wenig Muße, sich um den Lauf der Gestirne zu kümmern.
Während seines einjährigen Aufenthaltes in Erfurt begab es sich, daß der Kaiser, der bekanntlich ein fröhlicher und meist wohlgelaunter Mann war, drunten in der Stadt durch den Bierrufer nach Gewohnheit und Gebrauch das Bier ausrufen hörte. Der Kaiser nahm alsbald ein Glas Bier, das man wegen seiner Fettigkeit und Güte den „dicken Schlunz“ nannte und rief wie der Bierrufer: „Ein gut erfurtisch Bier hat Herr Seifert von Butstedt aufgethan!“
Nach einer andern Lesart soll der Kaiser Rudolph das Bier nicht droben im Peterskloster, sondern auf der Brücke, die man vom Rathhause nach dem Patrizierhause „zu den Wolfen“ gebaut hatte, vor allem Volke, das den Fischmarkt erfüllte, ausgerufen haben.
Nach Hogels geschr. Chronik S. 70.
14. Die Zerstörung des Schlosses Dienstberg.
Auf der Kuhweide, inmitten des Weges zwischen Erfurt und Rhoda, lag vor Alters ein festes Schloß namens Dienstberg, in dem sich Räuber aufhielten, die Bürger und Bauern überfielen und sie beraubten. Nun war damals ein Fleischer aus der Stadt verwiesen, den nahmen die Raubritter gefangen, führten ihn in ihr Schloß und machten ihn zu ihrem Koch. Die Räuber hatten aber verborgene Wege unter der Erde und ihre Pforten waren immer wohl verwahrt. Als nun eines Tages die Ritter ihrer Gewohnheit nach auf w e i ß e n Pferden ausgeritten waren und den Schlüssel zum Hauptthor einer alten Schloßverwalterin übergeben hatten, trat der Koch zu ihr heran und bat sie, ihm das Thor zu öffnen, damit er sich ein wenig im Walde ergehen könnte. Die alte Frau erfüllte seine Bitte und in Eile lief er nach Erfurt. Da er aber die Stadt nicht betreten durfte, schickte er Jemanden auf das Rathhaus und ließ bitten, daß man einen Ratsherrn zu ihm herausschicken möchte, dem wollte er eine große Heimlichkeit offenbaren. Als man ihm die Bitte erfüllte, erklärte er dem Abgesandten des Rathes, daß man mit seiner Hilfe leichtlich das Schloß Dienstberg gewinnen könnte, und daß er es ihnen überantworten wollte, wenn sie ihn wieder als einen ehrlichen Bürger in die Stadt aufnehmen wollten. Das wurde ihm zugesagt und nun verabredeten sie, daß die Erfurter an einem bestimmten Tage auf weißen Pferden vor das Schloß kommen sollten, damit die Knechte, welche nicht mit auf Raub ausgezogen, glauben möchten, ihre Kameraden kämen wieder. Dann wollte er sich des Schlüssels bemächtigen und ihnen das Thor aufschließen. Das wurde alles der Verabredung gemäß ausgeführt, das Schloß kam durch diesen Streich in die Hände der Erfurter und die Räuber in der Burg wie auch die heimkehrenden wurden entwaffnet, gebunden zur Stadt geführt und enthauptet. Das Schloß aber wurde von Grund aus zerstört.
In einer andern Chronik wird die Zerstörung des Schlosses so erzählt: Da die Edelleute noch nicht die Leute beraubten und Frieden hielten, gingen die Bürger zum Bier nach dem Schloß Dienstberg. Da die Ritter aber zu Räubern wurden, ward ihnen die Stadt feind. Bald fand sich eine Gelegenheit, ihrem Unwesen zu steuern. Im Jahre 1289 kam Kaiser Rudolph von Habsburg nach Erfurt und bot die Bürger, die den Hammer in ihrem Gewerbe führen, auf, mit ihm die Raubburgen zu brechen. Da zogen Alle freudig zur Wagd hinauf, schlugen die Ritter, brachen die Burg und streuten Waidsamen in die Trümmer, aller Welt anzuzeigen, daß die Erfurter hier gesiegt hätten. Das geschah am 13. Mai. Die Edelfrau hatte zwei junge Söhne, die behing sie mit allerlei Geschmeide, führte sie vor den Kaiser, fiel ihm zu Füßen und bat um der Kinder Leben. Der Kaiser begnadigte die Frau und die Knaben, alle Andern mußten sterben. Beim Einzuge in die Stadt mußten jene Drei mit im Zuge reiten und beim Walperzuge durften seit dieser Zeit die mit goldenen Ketten geputzten Knaben niemals fehlen. Die Erfurter machten aber damals ein Lied, das hieß: Eichen ohne Gerten. Wir kamen an ein Thälelein, Thälelein, rothe Rosenblätterlein! Steht still, steht still auf dieser Statt. Wir wollen aber singen: gebt was ihr habt, Prügel her. Das sangen die Kinder später noch auf den Johannisabend.
Nach Falkenstein.
15. Vom Fischmäuerlein.
Während seines Aufenthaltes in Erfurt setzte sich Kaiser Rudolph öffentlich zu Gericht, citirte den Rath und die Gemeine, hörte beide Theile und vertrug sie gütlich. Auf einer vor dem Rathhaus errichteten Bühne, die durch eine Brücke mit dem Rathhaussaale in Verbindung stand, ließ er acht der vornehmsten Meutemacher und deren Köpfe auf eiserne Nägel stecken, vier oben über der Kämmerei und vier nach dem „Stötzel“ oder „Wölfen“ zu. Die Körper aber wurden auf dem Fischmarkt begraben und die Grabstätte mit einer Mauer umgeben, welche man das „Fischmäuerlein“ nannte. Auch wurde daselbst eine Erztafel, auf welcher die Namen der Hingerichteten verzeichnet waren, mit vergraben. Die Mauer ist 1662 abgebrochen worden, die Thür, die damals in den Rathssaal gebrochen wurde, war noch im Jahre 1830 zu sehen, aber von der erwähnten Tafel fand man bei Fundamentirung des neuen Rathhauses nichts.
Nach Falkenstein.
16. Von der St. Gangolfs-Kapelle.
Eins der ersten Gotteshäuser in Erfurt war die St. Gangolfs-Kapelle. Sie lag in der Nähe des Augustthores und soll schon im Jahre 636 (nach Anderen wohl 1352) erbaut worden sein. Längst ungangbar als Gotteshaus wurde sie als Schullokal benutzt und war bis zu dem im Jahre 1875 erfolgten Abbruche unter dem Namen der alten Reglerschule bekannt. Höchst schlicht und einfach war ihr Aeußeres, denn längst hatte sie durch mancherlei bauliche Veränderungen den ursprünglichen Charakter einer Kirche verloren. Ihr Giebel lag nach der Bahnhofs-, ihre Langseite mit dem Eingange nach der Schmidtstedterstraße zu. An der Ecke ragte eine Console mit einem ziemlich roh behandelten Kopfe hervor und über demselben war die Kante des Gebäudes zu einer Nische abgeschlagen. Von einer Statue in derselben war indessen keine Spur mehr vorhanden und mag dieselbe im Bauernkriege von den hier versammelten und Einlaß begehrenden Rotten zerstört worden sein. Neben der Console war eine gotische geschlossene Nische in der Wand zu sehen, die wohl auch ein zugemauertes Fenster gewesen sein kann. Merkwürdig war ein nicht lange vor dem Abbruch entdeckter Stein im Kranzgesims, der eine in deutscher Sprache abgefaßte Inschrift aus sehr alter Zeit enthielt.
Die Sage erzählt von der Gründung der Kapelle, daß ein Bürger Namens Gangolf einstens auf dem Felde von einem wilden Eber bis an diese Stelle verfolgt und erst dann aus seiner großen Noth befreit wurde, als ein herbeieilender Waidmann den wüthenden Thier seinen Jagdspieß in den Nachen rannte und es tödtete. Zum Danke für diese unvermuthete Rettung ließ er auf derselben Stelle eine Kapelle bauen, die nach ihm die Gangolfskapelle genannt wurde. Nach Anderer Meinung war sie dem hl. Gangolf geweiht und hatte von diesem ihren Namen erhalten.
17. Vom Seelenbad.
Da im Jahre 1348 ein großes Sterben unter Menschen und Vieh war und der S. Laurentiustag allein 1500 Opfer forderte, geschah es, daß die Jugend eine solche Sterbenslust überkam, daß sie mit Lachen und Händeklatschen dahinstarben. Ein Mägdlein von 12 Jahren, das mit dem Tode rang, sah lachend und freudenvoll zum Himmel auf und als es von seinen Eltern nach dem Grunde seiner Freudigkeit gefragt wurde, da sprach das Kind: „Ei, seht ihr nicht den Himmel offen und so unzählig viele, schöne Lichter hinauffahren? Es sind die Seelen der selig Sterbenden und damit ihr sehet, daß ich wahr rede, so werde ich diese Nacht sterben und meine liebe Mutter wird mir in dreien Tagen nachfolgen!“ Nun nannte das Kind noch mehrere Personen und sagte auch die Zeit, in der diese sterben würden und es geschah. Nach Ziegler.
In Erfurt dauerte die Pest vier Jahre und da von der großen Zahl der Gestorbenen alle Kirchen und Kirchhöfe erfüllt waren, so begrub man nun die Leichen zu Neuses auf dem Dionysius-Kirchhof und es wurden daselbst in elf Gruben 12.000 Menschen begraben.
Dem Elende zu steuern, veranstalteten die Donherren das S e e l e n b a d. Es standen nämlich unter dem Dom vor der Badestube hinter dem Berge (vor dem ehemaligen Leihhaus) drei Würztröge. In diese schütteten die Domherren Wein und brockten Semmeln hinein, daß alle Elenden kommen und sich stärken möchten. Da strömten nun die armen Leute in großen Schaaren mit allerlei Gefäßen herzu und reichten sie den Geistlichen. Die Domherren aber standen mit Kellen in den Händen bei den Trögen und gaben Jeglichem eine Kelle voll in sein Gefäß. Dies nannte man das Seelenbad.
Nach Falkensteins Chr. S. 226.
18. Vom Judensturm.
Tausend, dreihundert achtundvierzig, als die Pest wüthete, begab es sich, daß verhältnismäßig weniger Juden als Christen starben. Daher viel auf die Kinder Israels ein furchtbarer Verdacht, der ihnen Wehe und Noth brachte. Längst waren sie der allgemeinen Verachtung Preis gegeben, in alle Welttheile und Erdenwinkel zerstreut und der Wucher, womit sie sich oft an den Gütern der Christen bereichert haben sollten, hatte ihnen viele Feinde erweckt. Schon unter des Thüringer Landgrafen Albrechts Herrschaft waren sie in der Stadt Weißensee der Ermordung eines Knaben beschuldigt worden, den sie mit allen Martern der Kreuzigung geschlachtet haben sollten. Jetzt wurden sie angeklagt, aus Rache gegen die Christen, die Brunnen und Quellen vergiftet zu haben. Daher sollte nun, wie man behauptete, die furchtbare Seuche gekommen sein, die sich von Stadt zu Stadt fortwälzte. Dies Gerücht war das Losungszeichen zu einer allgemeinen Judenverfolgung, die noch grausamer, als sie im Jahre 1147 im Rheingau, und in den Jahren 1237, 1298, 1338 in mehreren anderen Gegenden Deutschlands wüthete. Als man in den Brunnen wirklich Wahrzeichen und Säcklein mit Gift fand, ward den Juden das Geständniß einer schwarzen That durch Folterqual erpreßt, an der sie wohl unschuldig sein mochten, und im ganzen Thüringer Lande ein Blutbad unter ihnen angerichtet. In Erfurt allein büßten 9000 ihr Leben ein. Es geschah aber dort und in andern Städten Thüringens, daß gar viele Juden, um dem Tode von Christenhänden zu entgehen, sich in ihre Häuser einschlossen, diese anzündeten, und sich mit den Ihrigen sammt allen Schätzen verbrannten, wodurch manchen Städten großer Brandschaden geschah, andere aber sich von ihren Oberherrn harte Bestrafung zuzogen. Wenige von dem Volke Israels blieben verschont von der Pest und der Wuth der Menschen.
Nach Döring.
Kurze Zeit darnach trug sich folgende Begebenheit zu, welche Avigdor Caro, ein berühmter jüdischer Dichter, so beschreibt: Ich habe vernommen von meinem Vater, meinem heiligen Lehrer, daß im Jahre 112 (1351 n. Chr.) einige Jahre nach dem Verhängniß, in der Nähe Erfurts ein Dorf übrig geblieben (entweder Alach oder Bindersleben, in welchen bedeutende jüdische Gemeinden waren, oder Capellendorf, wohin sie der Erzbischof von Mainz verwiesen), in welchem die Feinde nicht gewüthet.
In diesem Dorfe wohnte ein frommer und gelehrter Greis, der in hohem Alter starb. Dreißig Tage nach seinem Tode kam derselbe zu einem ausgezeichneten Erfurter Weisen und es dünkte dem Letzteren, als wenn der Verstorbene in Sterbegewändern vor ihm stände und ein kleines Buch im Arme hielt. Da sprach der Fromme zu ihm: „Bist du nicht der Mann, den wir kürzlich begraben haben?“ Der Gefragte antwortete: „Du hast recht gesprochen, ich bin es!“ „Und was für ein Buch hast du in der Hand?“ Dieser: „Es ist der Psalter. Ich bin gekommen, um dich alles Ernstes zu bewegen, daß du die Bewohner meines Ortes ermahnst, diesen zu verlassen und ihr Leben zu retten; denn das Unglück ist über sie verhängt und darum mögen sie flüchten in die Gemeinden! So lange ich lebte, habe ich viele Jahre hindurch in jeder Woche den ganzen Psalter ausgebetet. Kraft dieses Gebetes lebten sie bis jetzt in Frieden und sind errettet worden. Jetzt aber haben sie ihren Schatten verloren.“ – Als der Morgen anbrach, war das Gemüth des Erfurter Weisen unruhig und er schickte einen Boten mit einem Warnungsschreiben an jenen Ort. Einige fürchteten die Worte des Frommen, flohen und waren gerettet. Andere, die an dem Eintreffen des Unglücks zweifelten und dort blieben, traf die Hand Gottes und sein Verhängniß schwer. Als das mein Vater vernahm, unterließ er nicht, in jeder Woche den Psalter auszubeten.
Aus dem Buche Emek hamalch S. 15, übersetzt und mitgetheilt von Herrn Dr. Jarascewsky.
19. Wahrzeichen einer Hungersnoth.
Zur Zeit einer Hungersnoth waren an der Kirche zu Neuschmidtstedt, so wie an der Moritzkirche zu Erfurt, wie alte Chroniken berichten, Wahrzeichen zu sehen. Die Groschenbrote waren damals so klein, wie heutigen Tages die Pfeffernüsse; sie hatten nur einen Zoll im Durchmesser und jedes gab nur einen einzigen Bissen. In dieser Größe waren an den genannten Kirchen diese Brötchen zu ewigem Gedächtniß in Stein gehauen worden.
Zur Erinnerung einer anderen Hungersnoth wurden am S. Markustage Brötchen, so groß wie ein Taubenei gebacken, die man Markusbrötchen nennt. Sie sollen an die große Theuerung erinnern, die im Jahre 1369 Erfurt und ganz Thüringen heimsuchte. Damals kostete ein gothaischer Malter Korn eine und eine halbe Mark fein Silber.
Nach Falkenstein.
20. Die Sage von der Gründung der Karthause.
Südlich von der alten (innern) Stadt Erfurt, außerhalb der Zwingerbefestigung, gegenüber der Hamsterburg, dehnte sich ein flaches berastes Land aus, welches die W o l f s w e i d e genannt wurde. Diesem Platz hatte sich ein Baumeister im Auftrage des frommen Priesters Orthinus genähert, um zu erforschen, ob hier wohl gute Gelegenheit sei, ein Kloster zu bauen. Der Baumeister überlegte lange und konnte nicht zu einem Entschlusse kommen. Als er so sinnend saß, überkam ihn eine große Müdigkeit und er schlief ein. Da geschah es nun, daß ein schöner Jüngling an seine Seite trat, ihn freundlich anschaute und auf den Platz wies, den er bebauen sollte. Als der Baumeister erwachte, war die Erscheinung verschwunden. Er wußte nun, wo er das Kloster bauen sollte und sagte oftmals: „Ein Auge wollte ich missen, wenn mir die Lichtgestalt zu sehen noch einmal vergönnt wäre! Vom h. Bonifazius weiß die Sage Aehnliches zu berichten. Als derselbe die Kirche zu Ohrdruf zu bauen sich entschlossen hatte, wurde ihm durch eine Erscheinung der Ort dazu bezeichnet. Und weil der Erzengel Michael ihm selbst erschien, nannte er das Gotteshaus auch nach ihm die S. Michaeliskirche. Die Karthause führte den Namen Mons S. salvatoris und war dieser Name wohl von dem Gründer des Klosters mit Bezug auf einen Berg auf dem Eichsfelde, der nahe an der hessischen Grenze liegt, gewählt worden. Der Berg aber heißt der Hülfensberg*) und wurde so genannt, weil Gott daselbst in allerlei Nöthen der Menschheit um Hülfe angerufen wird. Noch jetzt ist der Berg ein viel besuchter Wallfahrtsort, der namentlich in der Pfingstzeit fromme Beter aus nah und fern heranlockt. Schon den heidnischen Vorfahren war der Berg heilig gewesen und Bonifazius hatte hier viel zu schaffen, Göttereichen zu fällen und Altäre zu zerstören. Noch heute erinnern die Bonifaziuskapelle, die der Apostel den Deutschen an der Stelle, auf welcher vordem der Götze Ruffo verehrt worden war, erbaut haben soll und der Bonifaziusbrunnen an jene Zeit. Immer war es frommer Pilger Sitte, an den Gnadenorten milde Gaben nieder zu legen und so ergab sich derselbe zu beträchtlichem Besitzthum. Ein Drittel aller Spenden ward dem Geistlichen, der droben den Gottesdienst besorgte, überlassen. So kam einer dieser Pfarrherren zu großem Gut und beschloß, als es mit seinem Leben zu Ende gehen wollte, seinen ganzen Besitz zu Ehre Gottes und seiner Seele zum Besten zur Erbauung einer Karthause zu verwenden. Der Vollstrecker des bezüglichen Testamentes war der obenerwähnte Orthinus, ein Propst zu Dorla.
Nach Hogel.
21. Vom Siechenhaus.
Getrieben von der mächtigen Liebe, entführte einst ein Reiter, der am Hofe des Grafen von Gleichen in Remde diente, eine Jungfrau aus dem gräflichen Zimmer der Frauen. Er setzte sie hinter sich auf sein Pferd und kam in der Nacht vor dem Löberthor an. Da man ihm aber nicht öffnen wollte, sah er sich genöthigt, im nahe gelegenen Siechenhause ein Unterkommen zu suchen. Hier ward er aufgenommen. Er band sein Pferd an einen Zaun und trat mit seiner Geliebten in das Zimmer der Siechen. Diese entbrannten in wilder Leidenschaft, als sie sahen, daß das Mädchen schön war, tödteten den Reiter und vor großer Bedrängniß gab auch das Mädchen den Geist auf. Darauf verscharrten sie beide im losen Boden. Als aber am Morgen gleichische Dienstmannen, von Remde entsendet, die Entflohenen suchten und vom Thorwart hörten, daß sie wohl am T h o r gewesen aber nicht eingelassen worden wären, ritten sie vor das Siechenhaus. Hier erhielten sie auf ihre Anfrage verneinende Antwort. Doch während die Siechen die Ankunft der Flüchtigen leugneten, wieherte das Pferd, das noch am Zaune stand. Man erkannte es, drang in das Haus, nahm die Uebelthäter gefangen, holte Rathsherren herbei und untersuchte in aller Strenge den Sachverhalt, und die böse That wurde offenbar.
Hierauf ließ man den erschlagenen Reiter sammt seiner Braut ehrlich auf dem Kirchhofe bei S. Thomä bestatten; das Siechenhaus aber mit Holz umlegen und es sammt den Siechen, die sich dieser gottlosen That schuldig gemacht hatten, zu Asche verbrennen. An der Stätte, wo dieses geschehen, wurde ein Steinkreuz errichtet, welches auf einer Seite einen Reiter, auf der andern eine knieende Jungfrau zeigte, wie solches noch auf alten Prospecten der Stadt Erfurt zu ersehen ist. Die Unthat trug sich, wie die Falkenstein’sche Chronik meldet, im Jahre 1388 zu.
22. Vom Mönchskreuz.
Unweit des Waldschlößchens auf dem alten Steiger – auf der Wagd, wie man sonst sagte, steht ein alterthümliches Steinkreuz von schöner gothischer Form. Vor Zeiten war die arnstädter Straße sehr breit und das Kreuz stand mitten in derselben. Die 1838 gebaute, schmale Kunststraße führt östlich am Kreuz vorbei, der Chausseegraben trennt es von derselben und das aufgeschossene Gebüsch verbirgt es zum Theil dem Auge des Wanderers. Auf der der Straße abgewendeten Seite des Kreuzes sieht man in vertieften Umrissen die Gestalt eines mit einer Kutte bekleideten Geistlichen in knieender Stellung und eine vielen Beschauern unlesliche Schrift. Aus Beiden mag nun die Sage, die hier mitgetheilt werden soll, entstanden sein.
Als im Jahre 1472 am 19. Juni die Stadt Erfurt von dem schrecklichen „großen Brande“ heimgesucht wurde und Niemand wußte, aus welchen Ursachen das Unheil gekommen, glaubten Viele, es wären als ein Strafgericht Gottes die Flammen aus der Erde geschlagen. Andere maßen die Schuld derselben der Geistlichkeit bei, die zur Strafe für die Ermordung eines Priesters den Gottesdienst niedergelegt hatte und machten Miene, dieselbe zu erwürgen. Noch Andere dachten an der Stadt Feinde und bald wollte man einen verdächtig aussehenden, verkommenen Mönch gesehen haben, der durch das Löberthor flüchtend, das Weite suchte. Man eilte ihm nach und sah ihn auf der Höhe des alten Steigers, wie er da saß und sich an dem gewaltigen Flammenmeere weidete. Bei Annäherung der Leute floh er, wurde aber an der obenbezeichneten Stelle gefangen genommen und zur Stadt gebracht, wo er später seiner geistlichen Würden entkleidet, und dem Feuertode überliefert wurde. Die Hinrichtung erfolgte derselben Sage nach auf dem Platze, wo man ihn ergriff und so habe man zum immerwährenden Gedächtniß daselbst besagtes Kreuz errichtet. Der Mönch war der aus dem Kloster Schulpforte entlaufene Cisterzienser Dietrich Becker oder Burkardi, der von der Stadt Feinde Apel Vitzthum um Geld gedungen war, Erfurt zu verderben. Er wurde nach verbürgten Nachrichten nicht hier, sondern in Sachsen gefangen genommen und das Kreuz verdankt einer ganz andern Begebenheit seine Entstehung, wie die Majuskelinschrift: Hic est occisus magister henricus de Sybeleiben sacerdos (Hier wurde getödtet Magister Heinrich von Siebeleben, der Priester) es beweist. Nach den neuesten Forschungen tödtete Graf Heinrich von Schwarzburg im Jahre 1313 den Canonicus der Severikirche Henr. de Siebeleben an dieser Stelle. Aus welchen Gründen und unter welchen Umständen es geschah, ist nicht zu ermitteln gewesen, doch scheint das Kreuz zur Sühne des Mordes errichtet worden zu sein.
23. Burkardts Raben.
Nachdem der Mönch Burkardt dem Henker übergeben war, führte ihn dieser vor den Graden vor Gericht und sprach über ihn sein Urtheil. Dann führte er ihn in den Fahrweg, band ihn an eine Säule und riß ihn 21mal mit glühenden Zangen, so daß man ihn in den Leib sehen konnte und fragte ihn und sprach: Herr, erbarmet es euch nicht, daß ihr die zwei Stifter sammt andern Gotteshäusern so erbärmlich verderbt habt? Nein, antwortete der Schelm, sondern es jammert mich, daß nicht vollends das Peterskloster auch in Grund abgebrannt ist. Wann das geschehen wäre, wollte ich desto lieber sterben. So ward er vor die Stadt geführt und mit noch zweien andern, die ihm geholfen hatten, auf einen Holzstoß gesetzt. Derselben einer war ein Schneider. Dem hatte der Mönch nicht mehr, denn einmal zu essen gegeben, da er ihm Wache hielt, als er bei S. Veit das Feuer selbst angelegt. Als man den Mordbrenner aber angebunden hatte, kamen viel großer, schwarzer Raben herzugeflogen. Die sahe der Mönch und sprach: „Da kommen meine lieben Engel, die wollen mich holen.“ Also stand er, und ward mit den zweien lebendig verbrannt. Darnach bekam man seiner Gesellen noch vier, die mußten auch ins Feuer und soll einer von dieser Rotte in einen Gasthof zu Naumburg gekommen sein und des Nachts im Schlafe geschrieen haben: Ach du armes Erfurt! Woraus man gemuthmaßet, er möchte das Feuer selbst angelegt haben, und hat er’s, da man ihn ergriffen, bald bekannt. Zwei aber kamen davon.
Hogel S. 64.
24. Johannes von Hagen. (Ab Indagine.)
In den Jahren 1440 – 75 lebte ein Mönch in der Karthause zu Erfurt, der wegen seines außerordentlichen Fleißes und seiner großen Gelehrsamkeit großen Ruhm erlangt hatte. Sein Name war Johannes von Hagen auch de Indagine. In seinem 25. Lebensjahre wurde er Karthäuser. Im Kloster setzte er die auf hiesiger Universität begonnenen Studien mit unermüdlichem Eifer fort. Die Sage erzählt von ihm, daß er, da ihm nach der Regel seines strengen Ordens kein Licht in die Zelle verabfolgt wurde, die Butter und das Fett, welches man ihm zur Speise reichte, sammelte und es in einer kleinen Lampe verbrannte. So war es ihm möglich, bis tief in die Nacht hinein zu schreiben und zu studiren. Die Zahl der von ihm verfaßten Werke soll sich auf 500 belaufen.
(Th. Vaterlandskunde VI. 848 Falkensteins Chr.)
25. Schülerstreich aus Tüngers Zeit.
Von Augustin Tünger aus Endingen, welcher in Erfurt studirte und am 17. November 1467 unter dem Rectorate des Juristen Stein von Jena immatriculrt wurde, sind viele lustige Geschichten aufgezeichnet worden, aus welchen wir hier eine mittheilen wollen.
Meister Hans von Coburg, ein Meister der hohen Schule zu Erfurt, hatte im Keller ein ausgezeichnetes Faß edlen Weines, an welchem er alle Zapfen abbauen ließ, damit ihm Niemand darüber gehen möchte. Oben an das Faß schrieb er: „Hie ist nit Zapf!“ Die Schüler aber, als sie das gewahr wurden, schlichen sich in den Keller und zapften das Faß an dem hintern Boden an. Sie schrieben: „Hie ist Zapf!“ an das Faß und tranken es nach und nach aus. Als nun der Meister Besuch seiner Freunde bekam, schickte er den Knecht zum Keller, Wein zu holen. Aber der Knecht versuchte sich umsonst an dem leeren Faß und als der Herr nun selbst zum Fasse ging und es genauer in Augenschein nahm, fand er den Zapfen mit der Schrift, die anzeigte, wo man an dem Fasse den Wein lassen sollte.
26. Martin Luther und Alexius.
Freundlich war der Himmel im Juli 1503, so erzählt die Sage, und der auf der Universität zu Erfurt studirende junge Martin Luther wandelte mit seinem Freunde Alexius nach Stotternheim, als er plötzlich in dessen Nähe von einem schweren Gewitter übereilt wurde. Der Blitz streckte den Freund an seiner Seite todt nieder und vom Schrecken des Todes umgeben, faßte Luther den Entschluß, Mönch zu werden und in das Augustiner-Kloster zu gehen.
(Andreä’s Geschichte des Dorfes Stotternheim, Linkes Reisegeschichte II. Aus einer alten Handschrift. Cod. chart. bibl. doc. gothae 4. Pag. 239.)
Nach einer anderen Lesart soll Luther mit seinem Freunde über die Cyriaksburg hinaus gelustwandelt sein und im Brühler-Felde sei der Letztere vom Wetter erschlagen worden.
Den Entschluß Luthers, ins Kloster zu gehen, wollen Andere in der ebenso unverbürgten Nachricht finden, daß er eines Tages seinen Freund, den er besuchen wollte, erschlagen im Bette liegend gefunden habe.
27. Junker Gorg am Sybillenthürmchen.
Richtet man den Blick unweit des Brühler-Thores nach der Heerstraße von Gotha, so sieht man eine mittelalterliche Betsäule, die das Sybillenthürmchen genannt wird. Ein frischer grüner Rasen breitet sich bei demselben aus, schattige Bäume laden zur Ruhe ein, und der Wanderer weilt hier gern, um sich zu erfrischen und zu säubern, bevor er das Stadtthor durchschreitet.
Einstens ruhte hier ein Trupp reisiger Reiter, die eben die Landstraße herab kamen, um sich für den Einzug in die Stadt zu rüsten. Sie kamen weit her. Auf dem Wege zwischen Eisenach und Erfurt hatte sich ein junger Rittersmann zu ihnen gesellt und war mit ihnen bis nach Erfurt geritten. Am Sybillenthürmchen drehte dieser sein Pferd und gab ihm die Sporen, indem er ausrief: Lebt wohl ihr Herrn, ich bin der Dr. Luther!
(Mündlich mitgetheilt von Herrn Molsdorf.)
Ein anderes Mal war Luther in der Verkleidung als Junker Görg aus seinem Verstecke wieder nach Erfurt geritten und wagte es in der Stadt, um zu Mittag zu speisen, im Gasthause zur hohen Lilie einzukehren. Er hatte einen Lanzenknecht bei sich, der ihm immer zur Seite war. Als Luther während der Mahlzeit gelegentlich seine Tischnachbarn nach der neuen Lehre frug und darüber nicht eben erwünschte Auskunft erhielt, konnte er sich nicht enthalten, hitzig zu disputiren. Sein Knappe erschrak darüber und aus Furcht, er möchte verrathen werden, nahm er ihn eiligst auf die Seite, brachte ihn aufs Pferd und bald darauf glücklich wieder zum Thore hinaus.
Möllers alte Geschichten.
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