Read the book: «Vom Wedding verweht»
Heiko Werning
Vom Wedding verweht
Menschliches, Allzumenschliches
FUEGO
Über dieses Buch
Der Wedding – Sehnsuchtsort für alle, die sich nach nichts mehr sehnen, Zuflucht für jeden, der vor sich selbst wegläuft, neue Heimat für jene, die sich vom Makler ernsthaft erzählen lassen, das hier sei Teil von Berlin-Mitte. Hier muss man den Erstklässlern als Erstes erklären, was »Fick dich!« eigentlich bedeutet und was Bienen sind, den Veganern, dass sie ruhig auch Wurst mit Fleisch essen können, solange es halal ist, und Zugezogenen, dass man hier am besten flirtet, indem man einer Taube den Kopf abschlägt.
Dazwischen betrinken sich Hipster am selbst gebrannten Nusslikör, betreiben Clickbaiting mit schimpfenden Ureinwohnern auf Youtube und hängen Zettel auf mit guten Vibes zum Abreißen. Kurz: Ein Stadtteil, der seit Jahrzehnten kommen soll, und doch einfach da bleibt, wo er schon immer war.
»Ohne diesen Westfalen wäre Berlin nichts! Heiko Werning schreibt wie Hemingway, nur witzig.« (Bernd Gieseking)
Leben und Sterben im Wedding
Der dominierende Fixpunkt an der Kreuzung See-/Ecke Müllerstraße ist das Saray-Restaurant, eine Dönerbude mit angeschlossenem türkischen Restaurant, ein beliebter Treffpunkt aller Bewohner des Viertels, gleich welchen Migrations-, Bildungs- oder sonstigen Hintergrundes. Auch die bediensteten Türkischstämmigen dort sind so dermaßen berlinerisch, dass man sich manchmal bei dem Gedanken ertappt, dass sie es mit der Integration ja nun eigentlich auch nicht gleich hätten übertreiben müssen. Als ich eines Nachts noch einen Döner zum Mitnehmen verlangte, stellte ich anschließend erschrocken fest, dass ich praktisch kein Geld mehr im Portmonee hatte. Mühsam klaubte ich die geforderten drei Euro fünfzig aus einer bunten Mischung kleinerer Münzen aller Art zusammen, sehr zum Missfallen des Dönerbereiters.
»Ey, ich bin doch keine Bank!«, wies er mich zurecht, als ich ihm die kleine Altmetallhalde über den Tresen schob, »ich meine, wenn du Döner bestellst, dann gebe ich dir doch auch einen ganzen Döner am Stück und schütte dir nicht einen Haufen Fleischschnipsel in die Hände!« Große Güte, dachte ich, es tut den Menschen einfach nicht gut, wenn sie zu lange in Deutschland leben. Das sieht man ja zuallererst an den Deutschen. Allerdings bin ich ja auch Deutscher und parierte den Anwurf des überassimilierten Migrationshintergründlers also mit dem versöhnlichen Angebot: »Na, wenn Sie unbedingt wollen, kann ich ihnen das Geld auch in eine labberige Brottasche klatschen.«
Woraufhin er tatsächlich kichern musste, bevor er fragte: »Knoblauchkräuterscharf?«, und dann noch anfügte: »Ey, musstu entschuldigen, aber heut Nacht waren hier wieder echt nur Verrückte. Vorhin haben’s hier welche draußen getrieben. Mitten in unserem Garten!« Mit »Garten« meinte er das Stückchen vom Bürgersteig, das das Saray mit großen Pflanzschalen voll hoher Büsche von der Straße abschirmt. Auf das Pflaster wurde Kunstrasen gelegt, auf dem ein paar Stühle und Tische stehen. Da kann man sich zum Essen raussetzen und dabei vom Lärm einer der meistbefahrenen Kreuzungen der Stadt beschallen lassen, was erstaunlich viele Kunden für ein attraktives Angebot halten. Ein lauschiges Plätzchen für ein Schäferstündchen allerdings schien mir das trotz des guten Sichtschutzes und der fehlenden Außenbeleuchtung nicht zu sein.
»Die sind bestimmt aus diesem Puff da oben gekommen«, schimpfte der Dönermann weiter. »Man geht aber doch nicht mit seiner Frau in den Puff«, gab ich zu bedenken und wunderte mich, wo hier bitte schön ein Puff sein sollte, mir war jedenfalls noch keiner aufgefallen. »Na ja, nicht so richtig Puff, musstu Frau schon selbst mitbringen in ’n Puff da. Ist voll angesagt, machen voll viele.«
Ich war erstaunt. »Wo denn?«, fragte ich. »Na, da im Nachbarhaus, wo die Penner immer sitzen. Da ganz oben drin. Über der Wohnung mit dem Weihnachtszeug!« In der Tat, ein Balkon war, jetzt im Mai, immer noch in voller Pracht weihnachtlich geschmückt. Mit einem großen Weihnachtsmann, der wütend vor sich hin blinkte, dazu zwei blau leuchtende Rentiere. »Ist doch ein bisschen spät für Weihnachtsschmuck«, bemerkte ich daher. »Ist bestimmt so ein Verrückter von der AfD«, schimpfte der Dönerwirt, »kämpft da fürs christliche Abendland und lässt den Weihnachtskram deshalb einfach immer weiter leuchten, gegen die Islamisierung. Macht der bestimmt extra, um uns zu ärgern, weil wir Türken sind.« »Aber ihr hängt doch Weihnachten auch immer alles mit Weihnachtsschmuck voll«, gab ich zu bedenken. »Ja, eben. Und jetzt will er’s uns zeigen. Dass er noch viel mehr christliches Abendland ist. Da lässt er das Zeug eben bis zum Sommer blinken.«
Später zu Hause googelte ich aus Neugier dann doch nach dem merkwürdigen Puff, und siehe da: Tatsächlich, in dem Haus ist ein Swingerclub. Und zwar, wie ich der Homepage entnehme, der einzige Swingerclub Berlins mit »Liebespool«, in dem man Sex haben darf, denn eine spezielle Wasserumwälz- und Filteranlage sorge dafür, dass »innerhalb von vier Minuten das gesamte Wasser rückstandslos keimfrei filtriert« wird und »keine unangenehmen Hinterlassenschaften im Wasser herumschwimmen«. Unangenehme Hinterlassenschaften im Wasser? Ich brauchte einen kurzen Moment, bis ich verstand: Wir haben also Berlins größte Sperma-Abschöpfanlage an unserer Kreuzung. Erstaunlich, dass mir diese Top-Sehenswürdigkeit bislang entgangen war.
Vielleicht liegt es daran, dass sich unten vor dem Haus eine Gruppe von Obdachlosen häuslich eingerichtet hat, um die ich immer einen kleinen Bogen mache. Einer der Eingänge in das hässliche Betonhaus scheint stillgelegt, in dem großen Türbogen haben sie ihre Schlafsäcke ausgerollt und halten dort beachtliche Trinkgelage ab. Genau gegenüber, auf der anderen Seite der Seestraße, hat am Urnenfriedhof eine Burger-Bude aufgemacht, so eine moderne Burgerbude, mit frischem Hackfleisch und erstaunlichen Burger-Varianten und vegetarischen Alternativen.
Was für ein Irrsinn, hatte ich erst gedacht, auf dieser toten Friedhofsecke ein Geschäft aufmachen zu wollen, aber ich habe mich geirrt. Längst schon boomt der »Rebel Room«, so heißt das Ding, und nur durch einen Zaun von den Urnengräbern getrennt sitzen die Hipster auf Bierbänken, lassen sich Hirsch-Burger mit Rotweinsauce und Rucola für acht Euro das Stück schmecken und schauen rüber zu den Sternburg verzehrenden Tippelbrüdern auf der anderen Straßenseite.
Als ich unlängst nachts am Saray vorbeilief, wurde ich fast von einem BMW mit OHV-Kennzeichen überfahren, der plötzlich mitten auf den Bürgersteig fuhr. Ein sehr aufgepumpt wirkender, etwa dreißigjähriger Muskelmann mit Bürstenfrisur sprang heraus, während seine Beifahrerin sitzen blieb und damit beschäftigt war, sich im Spiegel des Sonnenschutzes die Augenbrauen nachzuziehen. Der Bürstenkopf rief den Pennern zu: »Ey, hier soll irgendwo ein Swingerclub sein, habt ihr eine Ahnung, wo wir da hinmüssen?«
Ach, guck an, dachte ich. Die zwei Turteltäubchen wollen also in den Spermapool. Irgendwie sieht man die Menschen gleich mit ganz anderen Augen, wenn man über solche Informationen verfügt. Die Penner erwiesen sich aber zunächst mal als echte Deutsche, indem sie als Erstes auf die Straßenverkehrsordnung hinwiesen: »Hier kannste deine Kiste aber nicht stehen lassen!«, raunzte der eine. Der Bürstenkopf rollte mit den Augen und wollte schon zu einer Erwiderung ansetzen, als zwei junge, verschleierte Frauen vorbeikamen und freundlich riefen: »Der Swingerclub ist da im Nachbarhaus, oberster Stock.«
Ich war verblüfft. Wieso wissen die denn, wo hier Swingerclubs sind, dachte es ganz diskriminierend in mir. Dabei wohnen die vermutlich einfach nur hier, und da weiß man halt, was in der Nachbarschaft so abgeht. Der Typ jedenfalls wirkte nicht weiter überrascht und fragte nur sachlich zurück: »Da oben, über dem Balkon mit dem blinkenden Weihnachtszeug?« »Ja, genau«, antwortete eines der Kopftuchmädchen freundlich, »da vorne ist der Eingang, es gibt auch einen Aufzug direkt nach oben.« Dann fügte sie noch streng an: »Den Wagen können Sie hier aber nicht stehen lassen!«
Als ich kürzlich nachts wieder zum Saray kam, fiel mir sofort auf, dass der Weihnachtsschmuck nun doch entfernt worden war. »Na, hat er endlich aufgegeben?«, fragte ich den Dönermann, der sich freute, mich wiederzusehen. »In gewisser Weise wohl schon«, antwortete er, »ist gestorben.« »Oh«, sagte ich. »Ja«, sagte er, »schon im Dezember. Seither lag der da in seiner Wohnung und ist vergammelt. Hat keiner gemerkt.« »Oh«, sagte ich wieder. »Deswegen noch der Weihnachtsschmuck«, erklärte der Diensthabende weiter, dann hielt er einen Moment inne. »Voll krass, oder? Da liegt der da oben monatelang tot in seinem Bett, und jede Nacht blinkt dieser ganze Weihnachtskram wie ein Leuchtfeuer vor sich hin und jeder guckt da hoch und trotzdem merkt keiner was.« »Ja«, sagte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte. »Das ist doch krank«, sagte der Mann vom Saray, »voll krank. Wir sollten mehr aufeinander aufpassen. Wir sollten uns mehr füreinander interessieren. – Knoblauchkräuterscharf?« Noch ehe ich antworten konnte, sagte er: »Knoblauch. Stimmt’s? Du nimmst immer Knoblauch.« Ich nickte. Er lächelte zufrieden. Dann sagte er: »Willst du hier essen? Setz dich doch. Nimmst du ‘n Tee?« Er wird schon bald wieder normal werden, dachte ich.
Aber für heute nahm ich den Tee dankbar an, setzte mich in den kleinen Garten raus und schaute sinnierend auf die Hipster am Urnenfriedhof, die wiederum auf unsere Seite schauten, auf den Saray und das Haus daneben mit den Obdachlosen davor und dem Swingerclub oben drauf und der dunklen Wohnung darunter, auf deren Balkon nun kein Weihnachtsschmuck mehr blinkte und leuchtete.
Zettelwirtschaft
Die Kommunikation über ausgehängte Zettel hat bei uns im Haus eine lange Tradition. Am Tag meines Einzugs vor anderthalb Jahrzehnten hing ein DIN-A4-Blatt unten im Treppenhaus, auf dem in irritierend sauberer Schönschrift, so eine 14-jährige-Mädchen-Handschrift, zu lesen war: »An die Arschlöcher, die immer ihren Müll aus dem Fenster werfen: Wenn ich Euch erwische, schlage ich Euch die Fresse ein!!!« Orthographisch fehlerfrei, die Anrede regelgerecht mit Großbuchstaben am Wortanfang, das ganze Werk in dickem schwarzen Edding, in scharfem Kontrast dazu »Arschlöcher« und »Fresse« sowie die abschließenden drei Ausrufezeichen mit himmelblauem Filzstift gemalt – eine kleine, kunstvolle Kalligraphie. Was für eine Begrüßung im neuen Heim. So ging Weddinger Willkommenskultur im Jahr 1999.
Ein halbes Jahr später hatte ich dann auch das Problem mit dem Müll verstanden, nachdem ich mehrfach gebrauchte Kondome aus unseren Blumentöpfen gefischt hatte. Ich versuchte es mit einem eigenen Aushang. Weil ich eine schlechte Handschrift habe, wählte ich den Computer für folgende Ermahnung, Times New Roman in Fettdruck und 28 Punkt, in milder Ironie:
»Bewohner in den Stockwerken >1! Es ist erfreulich, dass Sie ein erfülltes Liebesleben pflegen. Es ist noch viel erfreulicher, dass gerade Sie dabei darauf achten, sich nicht zu vermehren, denn sonst sähe es bald in der ganzen Stadt aus wie auf einer Müllkippe. Aber auch zwei von Ihrer Sorte reichen für diesen Hof schon aus. Ficken Sie deshalb doch bitte zukünftig in die Tonne!«
Ich war ganz zufrieden. Die Aufschrift füllte das DIN-A4-Blatt exakt aus, fügte sich in das hiesige Idiom perfekt ein und war doch formvollendet, denn auch ich wählte die groß geschriebene Anrede ebenso gewissenhaft, wie ich auf das Wörtchen »bitte« Wert legte. Um mich in die Tradition der Schönschrift-Ermahnung zu stellen, setze ich ausgesuchte Wörter in Himmelblau ab, um meine Eigenständigkeit zu unterstreichen, wählte ich dafür aber die freundlichen aus, nämlich »erfülltes Liebesleben« sowie »bitte«.
Als ich am nächsten Morgen das Haus verließ, hatte jemand in krakeliger Handschrift dazugesetzt: »Und macht dabei mal das Fenster zu. Oder der Typ soll nicht immer bellen wie ein Hund, wenn er kommt. Das klingt völlig idiotisch.« Idiotisch grün unterstrichen. Ein Freigeist! Als ich abends zurückkehrte, waren zwei weitere Botschaften hinzugekommen: Zuerst ein durchaus gekonnt skizzierter nach oben zeigender Daumen. Und das Anfang des Jahres 2000, Jahre vor Facebook! War Mark Zuckerberg damals zu Besuch im Wedding? Ist ihm hier die Idee für sein soziales Netzwerk gekommen? Das könnte immerhin den Umgangston, der dort heute über weite Strecken herrscht, erklären. Denn die zweite Botschaft lautete: »Ihr seid doch nur neidisch, weil ihr alle nur wichst, ihr Wichser.« Das war zwar deutlich, fiel aber semantisch doch ein bisschen ab im direkten Vergleich.
Am nächsten Morgen fanden sich weitere Ergänzungen: »Selber Wichser!« und: »Du bist doch völlig unterfickt, du frigider Arsch.« Übers Wochenende war ich nicht da, als ich zurückkam, blickte ich staunend auf eine Schlacht von geradezu epischen Ausmaßen. Inzwischen war ein zweites Blatt unter meines gehängt worden, den analogen Diskussionsstrang rekonstruierte ich wie folgt:
»Das nächste Mal ruf ich die Polizei« »Für was denn? Fürs Ficken oder für die Beleidigungen hier?« »Klugscheißer« »Ich zeig Sie an! Wegen der Beleidigung!« »Denkt vielleicht mal jemand daran, dass hier auch Kinder wohnen?« »Die hätte man ja wohl verhüten können. Nehmen Sie sich ein Beispiel an den bellenden Fickern.« »Ich komm dir bald mal nach da oben!« »Ich wohne unten!« »Suche F, 40-50, entsorge meine Kondome auch immer fachgerecht in der Mülltonne.« »Aber bitte trennen! Das ist Bio und Plastik!« »Hat eigentlich jemand die Nummer von der Hausverwaltung?«
Wahrscheinlich hatte sie tatsächlich jemand, denn am nächsten Tag war das Handschriftenkonglomerat verschwunden und ersetzt gegen ein sehr amtlich aussehendes Schreiben mit dem Briefkopf der Verwaltung und der Aufforderung, zukünftig bitte auf Aushänge jeder Art zu verzichten. Was natürlich umgehend zu weiteren handschriftlichen Schimpf-Orgien der Bewohner führte. Immerhin, jetzt waren sich alle untereinander einig und richteten ihren Zorn gemeinsam gegen die Verwaltung. »Kümmert euch mal lieber um die kaputte Klingelanlage!«, »Im Keller sind Ratten!!!«, »Das Flurlicht im 3. OG ist kaputt«, usw. usf. Der Zettel hing noch ein paar Monate da, dann hatte sich die Lage wieder beruhigt.
In den Folgejahren gab es zwar immer wieder mal Aushänge verschiedenster Art, aber ganz schleichend hat sich über die Zeit offensichtlich die Mieterstruktur verändert. Die Ausdrucksweise wurde immer gesitteter, aber auch technischer, Schimpfwörter gerieten völlig aus der Mode, meist ging es nur noch um die ausgefallene Warmwasserversorgung oder kaputte Treppenhausbeleuchtungen, manchmal gab es auch die rituellen »Wir feiern und es könnte lauter werden«-Zettel, nichts Besonderes also.
Bis letzte Woche. Ich fühlte mich fast an meine Anfänge hier zurückversetzt. Denn jetzt hing ein DIN-A4-Blatt im Querformat von innen an der Haustür. In schönster Mädchen-Schreibschrift stand da ein Vierzeiler, für jede Zeile hatte die mutmaßliche Autorin eine eigene Farbe gewählt: »Liebe Nachbarn groß & klein, / darf es auch ein Hallo sein? / Und ein Lächeln noch dazu, / gute Laune haben wir im Nu!«
Gut, da war die Metrik im Abschluss etwas holprig, aber dafür waren »Hallo« und »Lächeln« unterschlängelt, »Nu!« unterstrichen, und daneben prangte ein großer Smiley. Das untere Viertel des Blattes war so zurechtgeschnitten, dass man sich Merk-Fransen abreißen konnte, wie bei den Suche-Wohnung- oder Gitarrenlehrer-bietet-Unterricht-Zetteln, wo immer die Telefonnummer drauf steht. Aber bei uns stand zum Abreißen und Mitnehmen Folgendes: »Love«, »Peace«, »Happiness«, »gute Laune«, »Ruhe«, »guten Schlaf«, ein Smiley, ein Herzchen, ein Friedenszeichen, »Glück«, »gute Noten«, »Gehaltserhöhung«, »neue Liebe«, »Urlaub«, »schöne Träume«, »Gelassenheit«, »gute Vibes«, »positive Ausstrahlung«. Kein Zweifel – wir hatten eine Wahnsinnige im Haus.
Robert aus dem zweiten Stock stand wie vom Donner gerührt vor dem Zettel, als ich hinzu kam. »Was soll das denn?«, fragte er mich fassungslos. Wir bestaunten das Dokument. Erst tippten wir auf eines der Mädchen aus dem Haus, aber das kaufmännische &-Zeichen ließ uns von der Theorie abrücken. So was kennen kleine Mädchen doch gar nicht. Es musste also ein Erwachsener dahin gehängt haben. Aber wer tut so etwas? Und warum? Robert murmelte etwas von »Gentrifzierung«, und dass es nun wohl langsam so weit sei.
Als ich nachts nach Hause kam, waren drei der Zettelchen tatsächlich bereits abgerissen. Hier also die Top-Three der Wünsche meiner Nachbarn: »Ruhe«, »Glück« und »neue Liebe«. Mein Sohn nahm am nächsten Morgen »gute Noten« mit, was immerhin saisonal als Wunsch durchaus angemessen erschien, denn die Halbjahreszeugnisse standen an. Als Nächstes verschwand »Gute Laune«, wie ich feststellte, als ich einkaufen ging. Wieder traf ich dabei auf Robert, der kopfschüttelnd vor dem Aushang stand und den Fortschritt mit seiner Handy-Kamera dokumentierte. »Gute Laune ist weg!«, flüsterte er entsetzt, »irgendjemand hier im Haus wünscht sich allen Ernstes gute Laune. Sie lassen Gehaltserhöhung hängen und nehmen gute Laune mit. Werning, das ist das Ende. Sie werden uns fertig machen!« Er war regelrecht aufgebracht. Ich empfahl ihm, »guten Schlaf« mitzunehmen, aber er zog kopfschüttelnd und fluchend davon. »Man fühlt sich langsam fremd im eigenen Haus«, schimpfte er noch, »die wollen uns zermürben!« Das schien mir etwas übertrieben.
Inzwischen aber bin ich mir nicht mehr so sicher. Erstens: Der Zettel klebt immer noch da, völlig unbeschädigt. Zweitens: Nur noch ein Abschnitt hängt daran, alle anderen haben ihre Abnehmer gefunden. Und drittens: Niemand, wirklich niemand hat handschriftlich etwas dazugeschrieben!
Der Zettel hat mein Bild von den Nachbarn erschüttert. Jeden, den ich treffe, mustere ich misstrauisch. Könnte das jemand sein, der sich nicht zu blöd war, »gute Vibes« mitzunehmen? Wer war es, der sich eine »positive Ausstrahlung« wünschte? Wer sehnte sich nach einer »neuen Liebe«?
Kurz habe ich überlegt, selbst etwas auf den Zettel zu schreiben. Irgendwas Nostalgisches, so in der Art: »Habt Ihr sie noch alle, Ihr Arschlöcher?« Aber ich atme tief durch. Die Zeiten ändern sich eben. Ich reiße den letzten Abschnitt ab. Darauf steht: »Gelassenheit.« Achselzuckend stecke ich ihn mir ins Portmonee.
Packstation
Die Post hat angekündigt, die Einrichtung sogenannter Packstationen in jedem Haus erwägen zu wollen. Deren Sinn soll sein, dass dort vom Paketboten Pakete für die Bewohner hinterlegt werden, die diese dann durch irgendeinen Automatismus ausgehändigt bekommen. Da kann ich nur müde lachen. Eine solche Packstation gibt es bei uns im Haus nämlich schon lange. Sie ist zufällig in unserer Wohnung untergebracht, und der Automatismus, der die Pakete an die Hausbewohner aushändigt, bin ich.
Die Paketboten steigen nämlich nicht so gerne Treppen. Erst recht nicht mit den oft ja auch sehr schweren Paketen. Da trifft es sich gut, dass ich im Erdgeschoss wohne. Und ich bin ja sowieso immer den ganzen Tag zu Hause. Diese beiden Vorzüge scheinen sich inzwischen zuverlässig herumgesprochen zu haben in der Paketzustellerszene.
Ich will aber nicht klagen. Ich treibe ja ohnehin keinen Sport, da sind die mehrmals am Tag klingelnden Paketboten und Nachbarn ein willkommener Anlass, mal vom Schreibtisch aufzustehen. Und man lernt auf diese Weise die anderen Hausbewohner kennen.
Die Menschen in der Seestraße 606 sind nämlich stark gesellschaftlich engagiert. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die lästigen Einzelhändler, die immer noch hartnäckig einige Ladenlokale hier im Wedding sinnlos besetzt halten, endlich loszuwerden. Deshalb bestellen sie eifrig bei Amazon, Zalando oder sogar Manufactum und treiben die immer noch ausharrenden Aktivisten der Occupy-Ladenlokal-Bewegung endgültig in den Ruin. Auf diese Weise sorgen sie für den dringend benötigten Platz für weitere Spielautomaten-Casinos, Shisha-Bars, Ein-Euro-Shops, Nagelstudios, Spätkaufs und Christenläden.
Was hat es nur mit den Christenläden bei uns in der Gegend auf sich? Jetzt hat schon wieder ein neuer aufgemacht. Nach der evangelischen Kirche bei uns gegenüber, dem Palmblatt-Café der Pfingstcharimastiker bei uns im Haus und dem Batik-Laden für »Stofffärben und Begegnungen mit Gott« quer gegenüber hängen nun im ehemaligen Katerstüberl die roten Aushänge mit der zunächst frohe Kunde versprechenden Aufschrift: »neue Bewirtschaftung«. Was mich zu einer hoffnungsvollen Inaugenscheinnahme verführte, denn mit dem Katerstüberl konnte ich nichts anfangen, und ein brauchbares neues Geschäft wäre in unserem Block dagegen durchaus mal wieder angezeigt. Aber dann diese Enttäuschung, als ich den weißen Zettel darunter las: »Abendmahl. Treffpunkt für christlichen Austausch und spirituelle Filmabende.« Was soll der Scheiß? Da faseln alle von der Islamisierung des Abendlandes, und die verdammten Moslems lassen sich ausgerechnet im Wedding reihenweise die Butter vom Brot nehmen? Hier und da ein Falafel-Laden, das kann doch nicht alles sein! Der Einzige, der ernsthaft gegenzuhalten scheint, ist der finstere Obst- und Gemüsehändler in der Togostraße, der eifrig Spendengelder für die Hamas sammelt und »Tod den zionistischen Imperialisten«-Flyer in die Obsttüten legt.
Wie dem auch sei, tagsüber nehme ich also die Pakete für den ganzen Häuserblock an, und ab dem späten Nachmittag kommen die Nachbarn vorbei, um sie wieder auszulösen. Letzte Woche stand der Mann von einem Zustelldienst wie üblich vor der Tür und fragte, ob ich ein Paket für die Künstlerin im vierten OG annehmen würde. Leicht erstaunt war ich, weil er augenscheinlich gar kein Paket dabei hatte. Aber na klar, natürlich nehme ich was an. »Fein«, sagte der Zustell-Mann, »dann hol ich das Päckchen mal eben.« Drei Minuten später rollte er mit einer Art Gabelstapler in den Innenhof, mit einer Euro-Palette und darauf einem zwei Meter hohen Trumm. Ich staunte nicht schlecht. Wir wuchteten das Teil in den Hausflur, wo es zwischenlagern musste, weil es gar nicht durch meine Tür passte. »Fein«, sagte der Zusteller wieder, »jetzt brauch ich nur noch die Euro-Palette zurück.« Ich sah ihn irritiert an. »Aber da ist doch dieses Monstrum drauf?« »Ja, aber hilft nichts, die Palette muss ich wieder mitnehmen. Das müssen Sie da bitte irgendwie runternehmen.« »Ich?« »Na, ist doch Ihr Päckchen!« Ich schnappte nach Luft. »Na gut, ich helfe«, beschwichtigte der Zusteller. Wir begutachteten das vollständig in dicke Folien umwickelte und dergestalt fest mit der Palette verbundene Irgendwas fachmännisch von allen Seiten.
»Ähm, ja«, gab ich mich geschlagen, »dann müssen wir es da wohl irgendwie losmachen. Haben Sie ein Messer?« »Nein«, sagte der Zusteller, »so was darf ich im Wedding nicht dabei haben.« Ich sah ihn verblüfft an und dachte erst, er macht einen Scherz. Da konnte ich noch nicht ahnen, dass einige Monate später DHL offiziell die Belieferung von Teilen des Weddings einstellen würde, wegen zu großer Überfallgefahr. »Im Ernst?«, fragte ich also ungläubig. »Ja«, sagte der Zusteller, »Weisung vom Chef. Keine Messer, keine Scheren, keine Waffen. Könnte bei einem Überfall gegen uns verwendet werden. In Treptow kann ich sogar ne Machete dabei haben, kein Problem. Aber nicht hier.« Immerhin, dachte ich. Der unheilvolle Hang zu irgendwelchen Bürgerwehren wäre damit ja schon mal wirkungsvoll im Ansatz erstickt. Also ging ich im Dienst der guten Sache zurück in die Wohnung und suchte nach einem scharfen Messer, um die Palette aus ihrem Plaste-Sarkophag zu befreien.
Immerhin, die Folien-Mumie war mal eine Abwechslung zu den ewigen Amazon-Paketen. Amazon, Amazon, Amazon, immer wieder Amazon. Egal, wie mies die ihre Angestellten behandeln, egal, wie sehr die den gesamten Kulturmarkt austrocknen mit ihrem Monopolisten-Gebaren, egal, ob die Buchhändler um die Ecke verrecken – die Leute kaufen wie blöd bei Amazon. Kein Wunder, dass die inzwischen über eigene Zustelllösungen nachdenken und deswegen jetzt schon damit experimentieren, ihre Päckchen demnächst durch Drohnen ausliefern zu lassen. Da bin ich ja schon mal gespannt, wie das dann wird, wenn die Dinger hier dauernd im Innenhof landen. Und die sind im Unterschied zu den Zustellern auch garantiert bewaffnet. Schon weil das da vermutlich serienmäßig eingebaut ist. Angesichts der Drohnenbegeisterung bei Militär und Terrorabwehr dürfte es bald im Luftraum ziemlich eng werden. Wobei es natürlich auch schöne Synergie-Effekte geben könnte. Da kann dann so eine patente Mehrzweckdrohne erst die nächste anstehende Exekution eines islamistischen Extremisten, sagen wir, meines Obst- und Gemüsehändlers in der Togostraße, erledigen, und dann anschließend noch ein paar Amazon-Pakete hier im Block ausliefern. Wenn es da mal nicht zu Missverständnissen kommt und am Ende die Amazon-Kunden abgeknallt werden. Obwohl: Vielleicht wäre das realistisch betrachtet der einzige Weg, den Drecksladen doch noch wieder loszuwerden. Mit klassischen Argumenten sind die Leute ja nicht davon abzuhalten, dort zu bestellen, da muss man vielleicht mal etwas handfester werden.
Es klingelte. Die Künstlerin stand vor der Tür und wedelte mit ihrem Paketschein vor meinem Gesicht herum. »Hier wurde ein Päckchen für mich abgegeben?« »Allerdings!«, sagte ich und zeigte anklagend auf das kleiderschrankartige Teil im Hausflur. »Oh«, sagte die Künstlerin, »und ich hatte mich schon gewundert, was das ist. Aber ich habe doch gar nichts Großes bestellt?« Hatte sie aber doch, wie sich herausstellte. In dem Schrankteil waren so eine Art Käseglocken, die brauchte sie für ihre Kunst. Und damit die Dinger nicht beschädigt werden, hat der Absender sie, nun ja, sehr sicher verpackt. Mit Kubikmetern voller Schaumstoffschnipsel drumherum, die nun knöcheltief den ganzen Hausflur bedeckten. Ich half ihr noch kurz, die Glasglocken nach oben zu tragen.
Als ich wieder zurück nach unten kam, klebte an meiner Tür ein Zettel von DHL. Mein Paket sei angekommen, verkündete der Text darauf fröhlich, aber leider habe man mich nicht zu Hause angetroffen. Verdammt.
Am nächsten Tag ging ich zu der angegebenen Adresse, um mein Päckchen abzuholen. Na, mal sehen, wer außer mir hier in der Gegend noch so als Packstation herhalten muss, dachte ich. Es war, wie ich bald darauf feststellte, die Buchhandlung um die Ecke. Die Buchhändlerin warf mir einen eisigen Blick zu, als sie mir mein Päckchen aushändigte. Ich schluckte. Meine Amazon-Bestellung war angekommen.
Warum müssen eigentlich ausgerechnet Tauben das Symbol für den Frieden sein?
Es klingelte am frühen Montagabend. Eine Nachbarin aus dem Vorderhaus stand vor der Tür. Ich überflog die kleine Armada der in unserem Flur lagernden Pakete, konnte aber ihren Namen nirgendwo entdecken. »Tut mir leid, ich glaube, wir haben nichts für dich«, wollte ich sie gerade enttäuschen, aber sie kam mir überraschend zuvor und meinte, sie wolle diesmal gar kein Päckchen abholen, sondern vielmehr mich. Ich schaute überrascht auf. Sie war wirklich nett und sah gut aus, wir hatten ein paar Mal nett geplaudert, aber diese stürmische Entwicklung überraschte mich nun doch ein wenig. Bei ihr im Vorderhaus säße im Flur eine Taube, erklärte sie mir. »Damit habe ich nichts zu tun!«, wehrte ich schnell ab. Weil ich mich mit Reptilien beschäftige, glaubt immer jeder Nachbar, ich sei für jedwedes tierische Leben im Umkreis von einem Kilometer persönlich verantwortlich. Ich sollte schon einmal eine Ratte aus einem Badezimmer treiben, eine gerade flügge gewordene Amsel aufziehen, die bei ihren ersten Flugversuchen über die Straße getorkelt war, ich musste eine Katze vom Balkon einer unbewohnten Wohnung locken und ein vermeintlich ekliges Rieseninsekt aus einer Küche bergen. Gut, da war mir wohl tatsächlich eine meiner Madagassischen Riesenfauchschaben entkommen, aber natürlich wies ich empört jede Verantwortung von mir. Kurzum: Ich bin der Professor Grzimek des Wedding.
Jetzt also eine Taube. Da hatte ich nun allerdings wirklich keine Lust drauf. »Ach, die findet schon von allein wieder raus«, versuchte ich, die Nachbarin abzuwimmeln. Doch die war hartnäckig. Die Taube säße so merkwürdig da, ich solle doch mal gucken. Meine Söhne, die inzwischen hinzugeeilt waren, drängten mich nun ebenfalls: »Geh doch gucken, Papa, und wenn die Taube nicht mehr fliegen kann, dann mach sie schnell wieder heile.« Dabei gibt es doch ohnehin viel zu viele Tauben, aber was soll’s.
Ich folgte also der Nachbarin ins Vorderhaus und ließ mir den Pechvogel zeigen. Er saß auf dem Boden und sah eigentlich ganz normal aus. Wenn man mal davon absah, dass sein Kopf um etwa 90 Grad nach links gedreht war, der Hals dafür aber um 180 Grad nach unten, sodass die Schädeldecke des Tiers auf dem Holzboden auflag. Und bis auf den ausgerenkten Flügel, der schlaff und leblos nach unten baumelte. Aber sonst sah die Taube ganz OK aus.
Ich betrachtete sie nochmal eingehend, dann teilte ich der Nachbarin meine fachliche Expertise mit: »Die ist völlig in Ordnung. Die muss sich nur mal kurz ein bisschen ausruhen. Spätestens morgen früh ist sie wieder weg.« Ich hoffte insgeheim auf die Katze aus dem vierten Stock. Die würde das Problem schon lösen.
Die Nachbarin wirkte nicht überzeugt. Sie beugte sich zu dem Vogel hinunter, der sich erschreckte, drei Schritte nach links hüpfte, dabei ins Wanken geriet, umfiel und auf dem Rücken landete. »Siehst du«, sagte ich, »die will sich einfach nur ein bisschen hinlegen. Wir lassen sie am besten rasch in Ruhe.« Nun begann die Taube, wild mit den Beinchen zu strampeln und mit dem rechten, offenbar noch fest im Rumpf verankerten Flügel herumzuschlagen. Dabei gab sie jämmerliche, kehlige Laute von sich. Die Nachbarin sah mich vorwurfsvoll an. Verdammt, dabei fand ich sie wirklich nett. Was sollte ich jetzt machen? »Die schafft es nicht mehr«, stellte die Nachbarin völlig zutreffend fest, »wir müssen sie erlösen.« »Na gut, dann erlösen wir sie mal«, gab ich ihr zähneknirschend Recht. Wir schauten uns beide ratlos an. »Ich fürchte, ein Tierarzt hat nicht mehr auf«, gab sie schließlich zu bedenken. »Vielleicht sollten wir sie einfach in einen Karton setzen und bis morgen ein paar Brotstückchen anbieten?«, überlegte ich. Die Taube riss derweil den Schnabel auf, würgte und gurgelte heftig, schlug wie wild mit dem noch funktionstüchtigen Flügel und bollerte wie ein frisch losgelassener Kreisel von einer Hauswand vor die nächste. Wir seufzten. »Soll ich ihr einfach auf den Kopf treten?«, fragte die Nachbarin. Das wäre zweifellos das Beste, dachte ich. Aber erst, wenn ich wieder weg bin.
Der Blick der Nachbarin verriet mir allerdings, dass diese Variante auch nicht ihrer Erwartungshaltung entsprach. Dann sagte sie: »Du bist doch so was wie ein Biologe, oder?« Verdammt, jetzt hatte sie mich. Ich ergab mich in mein Schicksal. »Ich glaube, Kopfzertreten ist nicht ganz state of the art«, sagte ich also. »Ich geh mal kurz in mein Büro und schaue, wie man das machen muss, OK?« Sie sah mich zweifelnd an und fragte: »Und wie schaut man so was nach? Einfach googlen nach: Wie mache ich eine Taube tot?« »Ach was«, wehrte ich ab, »das steht im Tierschutzgesetz, das ist sogar für jede Tiergruppe einzeln vorgeschrieben, wie man das machen muss. Ich bin mir nur nicht mehr ganz sicher, ob bei Vögeln durch Genickschlag oder durch Kopfabtrennen.« »Klingt ja beides ganz gut«, sagte die Nachbarin, »ich passe dann mal solange auf die Taube auf.« »Ja, pass gut auf, dass sie nicht abhaut.« Die Taube lag weiter auf dem Rücken und zuckte mit den Beinen.
Ich schlich mich in die Wohnung, setzte mich an den Computer und googelte: Wie mache ich eine Taube tot? Kurz darauf war es traurige Gewissheit: Wenn keine Betäubung zur Verfügung steht, muss man dem Geflügel den Kopf mit einem gezielten Schlag abtrennen. Ich seufzte erneut, schnappte mir eine Plastiktüte und ging zurück ins Vorderhaus. »Und?«, fragte die Nachbarin. »Kopf ab«, sagte ich. »Oh«, sagte die Nachbarin.
Ich griff die Taube entschlossen mit der Tüte. »Ich gehe dann mal kurz in den Keller.« Sie nickte und flüsterte: »Ich warte hier.« Im Keller schnappte ich mir ein scharfes Messer, legte die Taube auf die Arbeitsplatte und schlug zu. Einen Moment später war das Drama beendet. Man hört ja immer so Geschichten, dass Hühner mit abgeschlagenem Kopf noch weiter durch die Gegend laufen. Das kann ich für Tauben nicht bestätigen. Dafür allerdings wollte sie den Schnabel immer noch nicht halten. Immerhin hatte er aufgehört, die merkwürdigen Laute zwischen Gurgeln und Gurren von sich zu geben, ohne Kehlkopf geht das vielleicht aber auch einfach nicht mehr so gut. Lautlos öffnete sich der Schnabel noch ein paarmal, bis endlich Ruhe war.
Ach was, Professor Grzimek – ich war der Dennis Cuspert der Seestraße. Immerhin, die Taube hatte es hinter sich, sie war den Märtyrertod gestorben. Mögen im Himmel 72 jungfräuliche Weißbrote auf sie warten. Ich räumte sie in die Tüte, nahm mein blutbeflecktes Werkzeug mit, um es oben in der Wohnung zu säubern, und ging wieder raus in den Innenhof. Die Nachbarin schaute mich mit großen Augen an, ich nickte ihr beruhigend zu. Es war geschafft. Wir gingen zu den Mülltonnen, und ich wollte schon den großen Container öffnen, aber sie schüttelte den Kopf und hob den Deckel der Bio-Tonne an. »Das sind wir ihr schuldig«, flüsterte sie.
Wir verabschiedeten die Taube und sahen uns an. Ich stand vor der Nachbarin, in der Hand das blutverschmierte Messer. Sie hauchte: »Vielen Dank. Das war sehr männlich von dir.« Ich schluckte. Männlich! Sie hatte wirklich männlich gesagt. Verdammt! Wenn ich das doch nur früher gewusst hätte! All diese mühevollen vergeblichen Jahre, und jetzt, wo ich es gar nicht mehr brauchte, endlich die Lösung: So also flirtet man im Wedding!
Als ich zurück in die Wohnung kam, hörten die Kinder mich und fragten, was mit der Taube denn nun gewesen sei. »Ach«, sagte ich, »keine Sorge. Die ist schon wieder weg.« Na ja. Richtig gelogen war das ja immerhin nicht.
Fotoshooting
Als vor einigen Jahren das erste Mal eine Zeitung einen Artikel über mich schreiben wollte, fand die Redakteurin, dass es eine originelle Idee sei, mich beim Essen einer Portion Pommes vor dem Imbiss zur Mittelpromenade zu fotografieren. Der kommt in einigen meiner Geschichten vor, außerdem sei der »im Wedding total authentisch«. Als einige Zeit später eine andere Zeitung einen Artikel über mich schreiben wollte, fand die diesmal zuständige Redakteurin, dass es eine besonders originelle Idee sei, mich beim Essen einer Portion Pommes vor dem Imbiss zur Mittelpromenade zu fotografieren. Pommes wirkten einfach »total authentisch, zumal im Wedding!« Als der lokale Fernsehsender wiederum einige Zeit später einen Beitrag über mich für sein Kulturmagazin drehen wollte, fand die Filmautorin, dass es geradezu zwingend sei, mich beim Essen einer Portion Pommes zu filmen, weil Pommes nun einmal für Weddinger Authentizität stünden. »Gut, gehen wir zum Imbiss zur Mittelpromenade«, ergab ich mich in mein Schicksal. »Nee, bloß nicht, das ist nicht originell genug«, sagte die Frau zu meiner Überraschung, »Sie nehmen die Portion Pommes und stellen sich damit an eine Zapfsäule bei Aral.« »Was?« »Sie haben doch mal über die Aral-Tankstelle geschrieben, oder?« »Ja, schon ...« »Na also, das passt doch super.« »Aber bei Aral gibt’s doch gar keine Pommes.« »Genau. Wir brechen die Erwartungshaltung der Zuschauer. Wir sind schließlich ein Kulturmagazin! Weddinger Authentizität wird gespiegelt durch ein Symbol der Moderne!«
Was folgte, war einer der unwürdigsten Auftritte meines Lebens. Ich stand mit einem Papptablett voller Pommes vor einer Zapfsäule von Aral und sollte so tun, als würde ich auf eine aufgespießte Fritte starren und dabei nachdenken. »Ich soll was?« »Na, nachdenken. Auf die Pommes gucken und nachdenken. Du bist doch Schriftsteller.« Das war natürlich ein schlagendes Argument. Also spießte ich eine Pommes mit meinem grün-transparenten Plastikpieker auf, drehte sie nachdenklich nach links, drehte sie nachdenklich nach rechts und dachte darüber nach, was zum Teufel ich falsch gemacht hatte in meinem Leben.
Ich war also nicht besonders überrascht, als der Fotograf der Zeitung, die eine Geschichte aus meinem letzten Buch »Im wilden Wedding« abdrucken wollte, der Meinung war, dass es zur Illustration ein besonders gutes Motiv sei, mich mit einer Portion Pommes in der Hand zu zeigen. »Gut«, sagte ich resignierend, »wo machen wir’s? Tankstelle, U-Bahnhof, City-Toilette?« »Nee, ich dachte eher an eine Pommesbude.« Gute Idee! Ich war erfreut.
Der Diensthabende vom Imbiss zur Mittelpromenade ist Routinier. Klar, Foto beim Bestellen, gerne doch. Foto beim Rausfischen der Boulette aus dem Sud, selbstverständlich. Wir sind nicht die ersten Mediengestalten, die irgendwas über den Wedding »machen«. Ghettoisierung, der kommende In-Bezirk, sozialer Brennpunkt, Gentrifizierung – irgendwas ist ja immer. Und wir sind auch ganz offensichtlich nicht die Ersten, die finden, nichts sei dazu passender zur Versinnbildlichung als der Imbiss zur Mittelpromenade. Den Mann bringt nichts aus der Ruhe.
Nicht einmal seine eigene Kundschaft: An einem der Stehtische steht ein älteres Paar, das uns argwöhnisch mustert. Am zweiten Tisch steht eine Dreiergruppe, von der einer laut ruft: »Fotze! Fotze! Arschloch! Tourette-Syndrom, vastehste?« Mir erschließt sich zunächst nicht, ob er daran leidet oder seinen Begleitern nur sehr lebhaft zu erklären versucht, was das ist.
Ich schaue zum Imbisswirt. Die Boulette, das erkenne ich sofort, ist immer noch genau so eklig wie vor Jahren, als ich meine erste Geschichte darüber geschrieben habe. Sehr gut, ich bin erleichtert. Unsere Bastion gegen die Gentrifizierung steht. Selbst wenn die Hipster jeden noch so absurden Quatsch plötzlich Kult finden: Ein Gang zum Imbiss zur Mittelpromenade bringt die Dinge wieder ins Lot. So angesagt retro können die gar nicht sein, als dass nach einer der hiesigen Bouletten nicht rasch wieder klare Verhältnisse herrschen würden: Die Trend-Deppen sind mit Darmverstimmung rasch wieder verschwunden, während die wahren Weddinger die schleimig-homogene Masse, die mit Fleisch so viel zu tun hat wie ein Tofu-Bratling mit einem T-Bone-Steak, widerspruchslos mit ungerührter Miene abschlucken. Wer hier mit dem Mundwinkel zuckt oder sonst eine menschliche Regung zeigt, ist draußen. »Arschkrampe! Wichser! Fotze!«, grölt es vom hinteren Tisch. Es klingt geradezu enthusiastisch. Jetzt bin ich sicher, dass der Typ Tourette nur spielt, um es seinen Begleitern zu demonstrieren. Das gibt es ja immer mal wieder, dass Leute glauben, irgendjemand habe davon noch nichts gehört. Dann können sie endlich mal ohne schlechtes Gewissen all die schlimmen Wörter sagen, die sonst streng geächtet sind. Das habe ich schon oft erlebt und ich frage mich, ob dieses Verhalten nicht vielleicht schon längst als Meta-Tourette-Syndrom in der Fachliteratur beschrieben ist.
»Tablett oder Teller?«, fragt der Imbisswirt. Ich schaue ihn verwundert an. »Hä?« »Na, hier: Papptablett oder«, er zeigt auf einen Geschirrstapel hinter sich, »Porzellanteller.« Ich bin verblüfft. »Seit wann habt ihr denn Geschirr?« »Tja«, strahlt er, »ist neu. Gut, oder?« »Papptablett, bitte«, sagt der Fotograf, »soll ja authentisch nach Wedding aussehen.«
»Was wird denn das, machste mit bei Deutschland sucht den Superstar, oder was?«, fragt der Mann vom Stehtischchen neben uns. »Nee, wir sind von der Zeitung«, erläutert der Fotograf. »Von der Zeitung? Na, dann schreibense in Ihre Zeitung mal rin, dass wir von Ausländern überrollt werden!« »Genau«, sekundiert seine Begleiterin, »das müssense da mal rinschreiben! Aber das trauta euch ja nich. Das dürfta ja nich. Befehl von janz oben, wa?« Dann dreht sie sich zum Imbisswirt und ruft ihm zu: »Nicht wahr, Turgut? Das dürfen se nich!« Der Imbisswirt nickt ruhig. Ihr Begleiter bekräftigt noch einmal: »Geht doch alles den Bach runter hier. Nur noch Ausländer! Bald sind wa alle Islam. Und dann noch die Sache mit dem Euro!« »Allerdings!«, ruft die Frau, »die Sache mit dem Euro ooch noch. Der wird uns noch alle ruinieren, nicht wahr, Turgut?« Turgut steht ungerührt in seiner Bude und spritzt Mayonnaise auf die Pommes. »Ich hab die Schnauze voll«, tut der Mann jetzt kund, »ich hau hier ab. Ein Jahr und zwee Monate noch, dann bin ich durch, dann mach ich die Biege. Majorka, schön. Da hab ich ’n Häuschen. Da isset schön. Schreibense das ma inne Zeitung: Dass hier bald alle abhauen, wenn das so weitergeht mit die Ausländer und dem Euro.« »Arschficken! Fotze, Fotze!« Der Typ einen Tisch weiter kriegt sich gar nicht wieder ein vor Begeisterung. »Nach Mallorca«, sagt Turgut ruhig und mit nur leicht spöttischem Unterton, »wegen den Ausländern und dem Euro.« Es ist keine Frage, es ist eine Feststellung. Der Mann antwortet trotzdem: »Ja, schreibt das mal inne Zeitung. Aber das trauta euch ja wieda nich. Lügenpresse!«
Ich nehme unser Tablett entgegen, der Fotograf blitzt, Turgut fragt: »Brauchen Sie eine Quittung?« Ich schaue ihn überrascht an. »Na, die anderen Pressetypen wollen immer eine Quittung.« Wahrhaftig: ein echter Profi. »Nee, schon gut«, sagt der Fotograf. »Arschlecken!«, brüllt es vom Tisch hinten.
Dann wechseln wir die Bahnsteigseite, weil der Fotograf den Imbiss in der Komplett-Ansicht im Hintergrund haben möchte und deshalb einen größeren Abstand braucht. Außerdem will er eine einfahrende Straßenbahn mit einfangen. Ich soll mich also auf den Straßenbahn-Bahnsteig stellen, in der einen Hand das Papptablett und in der anderen eine Pommes aufgepiekt in die Luft halten und sie wie ein richtiger Schriftsteller nachdenklich anschauen. Der Fotograf fährt dazu großes Gerät auf, Spiegelreflexkamera, Stativ, externer Blitz. Schon blitzt es los. Unzufrieden guckt er auf das Display. Wir brauchen noch einen Aufhellblitz. Der besteht aus einer großen weißen Leinwand, die auf einem etwa anderthalb Meter hohen Metallgerüst installiert und über irgendeinen Kasten mit roten und grünen Leuchtdioden mit dem Blitzgerät synchronisiert ist und dann noch zusätzlich ein bisschen mitblitzt.
Das alles ist, vorsichtig gesagt, nicht gerade diskret. Wir haben mitten auf dem Tram-Bahnsteig ein komplettes Fotostudio aufgebaut, es ist 18 Uhr, ein großes Gewimmel an Leuten steigt hier ein und aus, ich stehe natürlich allen im Weg. Die Leute drücken sich vor und hinter mir vorbei, leise fluchend, ärgerlich äugend, kopfschüttelnd, während Blitz und Aufhellblitz stroboskopartig durch die weit fortgeschrittene Dämmerung blitzen. Ich versuche, so ungerührt wie möglich inmitten des Tumults zu stehen, halte mein Tablett tapfer fest, starre extrem nachdenklich auf meine Pommes und schelte mich selbst einen Idioten, weil ich selbst jetzt den inneren Drang nicht abstellen kann, möglichst unauffällig wirken zu wollen.
Bald hat sich eine Gruppe migrantischer Teenager um uns versammelt, die kichern und uns mit ihren Handys filmen. Sie wollen wissen, was wir hier machen. Der Fotograf erklärt es. »Zeitung? Ich will auch in die Zeitung!«, ruft einer. Dann hüpfen sie giggelnd immer mal wieder ins Bild. Ich konzentriere alle meine Sinne auf das Pommesstäbchen auf meinem Pieker, das ich anschaue, als versuchte ich, es zu hypnotisieren. »Möselecken! Arschficken!«, schallt es vom anderen Bahnsteig begeistert zu uns herüber. Einer der Adolszenten ruft: »Ey, ich hab voll Starpotenzial, bring mich in die Zeitung.« »Dann musst du aber die Boulette hier essen«, versuche ich ihn abzuwimmeln. »Ist da Schwein drin?« »Ich glaub nicht mal, dass da überhaupt Tier drin ist«, mutmaße ich. »Da ist bestimmt Schwein drin!« »Wenn du in eine deutsche Zeitung willst, musst du auch Schwein essen.« »Verarsch mich nicht. Du isst das Ding doch selber nicht«, zeigt er sich jetzt als guter Beobachter, »du guckst nur nachdenklich auf deine Pommes, als wärst du so was wie ein Schriftsteller.« »Arschlecken!«, hallt ein fernes Echo.
Dann ist plötzlich Schluss mit dem Geblitze, verwirrt löse ich mich aus meiner Trance, die Menge um uns herum murrt leise und enttäuscht. Eine Straßenbahn fährt ein, zwei Minuten später stehen wir fast wieder allein auf dem Bahnsteig. Der Fotograf packt seine Ausrüstung ein.
Eine ältere Frau tritt an uns heran und zeigt auf mein Tablett: »Essen Sie das noch?« »Äh, also eigentlich ... eher nicht.« »Darf ich?«, fragt sie. »Ist aber schon kalt«, sage ich, als ich ihr das Tablett gebe. Sie erwidert nichts und beginnt umstandslos, das Zeug in sich hineinzuschlingen, während sie wortlos weiterzieht.
»Und?«, fragt der Fotograf mich, als er alles verstaut hat, »was meinen Sie? Geht es hier jetzt als Nächstes los mit der Gentrifizierung?« »Ich weiß nicht so recht«, sage ich, »immerhin hat der Imbiss zur Mittelpromenade jetzt richtiges Geschirr.«
Um die Breite einer Nuss
Man wird ja immer nervöser allmählich. Freie Wohnungen gibt es auch im Wedding schon lange nicht mehr, die Mieten steigen unaufhaltsam, und jetzt hat auch noch die Bio Company eine Filiale in der Müllerstraße eröffnet. Bei uns gegenüber hat eine von amerikanischen Hipstern via Crowd Funding gegründete Micro Brewery namens Vagabund aufgemacht, direkt daneben laden langbärtelige, behornbrillte Zottelhipster in eine neue Kulturkneipe namens »Nussbreite«, die von donnerstags bis sonntags geöffnet hat und deswegen ihr Donnerstagsprogramm das »Nuss-Montagsprogramm« nennt, weil der Montag schließlich der erste Tag der normalen Woche ist und eben der Donnerstag der erste Tag der Nussbreiten-Woche, wie ich dem »Nussletter« entnehme, für den ich mich offenbar eingetragen habe, als ich da neulich nachts mal einen Nusslikör zu viel getrunken hatte.
Solche langbärteligen, behornbrillten Zottelhipster sind das also. Aber ich muss zugeben, dass es dort sehr schön ist. Wahnsinnig nette, junge Menschen, über die man natürlich leicht lästern könnte, weil sie erstens so jung und zweitens so nett sind und drittens auch noch anders aussehen als wir damals, als wir noch jung und nett waren. Mit dem Alter wächst allerdings die Einsicht in die wiederkehrenden Kreisläufe des Lebens, und man ahnt allmählich, warum wir in unserer Jugend fanden, dass die Älteren so seltsame Sachen sagen: dass die jungen Leute ja auch immer bescheuerter werden und so. Und jetzt ertappt man sich zunehmend dabei, wie man selbst genau solche seltsamen Sachen denkt wie die Älteren damals, aber mir bleibt noch ein Rest von Erinnerung an das, was ich damals zu so etwas gedacht habe, und der lässt mich vermuten, dass wir damals einfach Recht hatten und es tatsächlich scheiße war, was die Älteren gesagt haben und was ich heute fast gedacht hätte. Deswegen verbiete ich mir jeden lästerlichen Gedanken über das Aussehen der jungen, wahnsinnig netten Leute und rufe vielmehr generationenübergreifend dazu auf, alle Menschen zu ächten, die meinen, sich zum Aussehen anderer abfällig äußern zu müssen.
Folgt mir auf die Barrikaden gegen die Modediktate und Trendvorstellungen der Bescheidwisser, gegen die »Geht gar nicht«- und »Must have«-Sager! Und dabei ist es scheißegal, ob die »Geht gar nicht«- und »Must have«-Sager »geht gar nicht« und »must have« in den Kicherkolumnen neofeministischer Topcheckerinnen-Blätter oder im bieder-bräsigem Klassenbewusstsein irgendwelcher Mode-Blogs von Brigitte oder Welt-online sagen. Es ist doch ganz einfach: Wer meint, sich darüber mokieren zu müssen, wie andere sich anziehen oder welche Frisur sie tragen, ist ein spießiges Arschloch, ganz egal, ob er nun grün oder links wählt oder bei Pegida mitmarschiert. Und wo, wenn nicht im Wedding, sollte die Revolution gegen diese Modefaschisten beginnen. Sie darf nicht eher ruhen, bis sie alle am Kleiderhaken baumeln, die Stil-Kolumnistinnen und -Kolumnisten, ganz egal ob vom Missy Magazin, von Men’s Health, von der Gala oder der Bunten!
So sinnierte ich beim Nusslikör in der Nussbreite vor mich hin, während um mich herum junge, hübsche Frauen und Männer in fremdartigen Körperkluften und mit interessanten Hüten auf dem Kopf lachten, tranken und parlierten, auffallend oft auf Englisch.
Wie es überhaupt sehr rätselhaft ist, wo plötzlich all die englischsprachigen Menschen herkommen. Ich wohne seit 1991 im Wedding, und ich bin mir sicher, dass ich dort bis etwa 2010 nicht ein einziges Mal einen englischsprachigen Menschen irgendwo auf freier Wildbahn angetroffen hätte, so etwas gab es hier einfach nicht. Und jetzt hat mich neulich der türkische Dönermann beim weit-nach-mitternächtlichen Imbiss müde angesprochen mit: »Do you want Döner? Which sauce, Knoblauchkräuterscharf?« Ich habe ihn fassungslos angestarrt und vorsichtig »Aber ich bin es doch!« gewispert. Da hat er die Augen noch mal aufgemacht und gemurmelt: »Tschuldigung, Großer. Sind so viele mit Englisch hier jetzt. Überall Englisch. Hab ich vorhin ganz normal zu Kunde gesagt: willstu Döner?, hat der mich so voll komisch angeguckt, weißtu, und hat er gesagt: Do you have an English menu?« Er schüttelte empört den Kopf.
Neben der neuen Nussbreite hat jetzt ein noch neueres Café aufgemacht. Es heißt »Lichtsauger«. Im Schaufenster steht ein uralter Computer mit grünem Bildschirm, der den Schriftzug »Lichtsauger« zeigt. Es gibt biologisch zusammengeschraubten Käse aus ausgesuchten italienischen Gebirgsstöcken und vegane Sonntagsbrunches. Ob der Wedding dafür schon bereit ist?
Bei der Bio Company bin ich mir da ja auch nicht so sicher. Der Öko-Supermarkt wirkt jedenfalls bislang noch weitgehend verwaist, die Weddinger eilen hastig an ihm vorbei auf ihrem Weg zum Netto oder zum Lidl. Ich bin ebenfalls skeptisch. Vor allem gegenüber meiner eigenen Kaufmotivation. Bislang war ich aus Bequemlichkeitsgründen meist beim Kaiser’s oder Reichelt einkaufen gegangen. Das ist nicht ganz so schäbig wie Aldi oder Lidl, aber doch halbwegs bodenständig. Und: Irgendwie habe ich mich dort sehr gut dabei gefühlt, nach Möglichkeit die Bioprodukte aus dem Regal zu fischen. Ja, ich war ein bewusster Konsument, ich griff nicht einfach zur billigsten Nudeltüte, sondern auch schon mal direkt daneben zur ökologisch korrekten, und ich konnte mich fortwährend darüber wundern, warum es überall Bio-Milch gibt, aber nirgendwo Bio-Butter, obwohl das doch vom Ausgangsprodukt dasselbe ist, oder kriegt man Bio-Milch nicht so gut zu Butter geschlagen? Egal, ich fühlte mich jedenfalls gut beim Einkauf, und ja, es ist ein niederes Motiv, aber ich kam mir wie ein besserer Mensch vor, als ich die Bio-Milch in den Einkaufswagen gelegt habe.
Aber jetzt in der Bio Company? Wo alles voll ist mit den absonderlichsten Vollwert-Produkten? Wo es nicht nur ganz selbstverständlich Bio-Butter gibt, sondern auch Bio-Müsli, Mango-Macadema-Likör, Bio-Meersalz-Peperoni-Schokolade und vegane Kondome? Und mal unter uns: Diese Bio-Müslis schmecken einfach nicht, ich hab’s probiert. Da lobe ich mir Kellog’s Frosties. Mit Original Industriezuckerguss. Und sofort bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich zwischen den Regalen herumschleiche, mit diesem albernen Handkorb, mit dem dort alle herumlaufen, weil ein ordentlicher Einkaufswagen vermutlich ein schlechtes Karma bringt, wegen zu viel Konsum und so, selbst im Öko-Discount-Supermarkt muss man schließlich gegen zu viel Konsum sein, und ich komme mir vor wie der letzte Wedding-Proll, wenn ich die wenigen anderen Gestalten im Geschäft sehe, die mit heiligem Ernst die Inhaltsstoffe veganer Brotaufstriche vergleichen oder merkwürdige Vollkornbratlinge kaufen.
Es ist nicht zu leugnen: Sobald ich die Bio Company betrete, werde ich umgehend wieder zu dem schlechten Menschen, der ich immer schon war, da hilft es gar nichts, dass ich jahrelang beim Kaiser’s Bio-Milch gekauft habe. Ich glaube, ich geh beim nächsten Mal gleich zu Aldi.
Ich bin jedenfalls skeptisch, was den neuen Wind hier angeht. Zugegeben, die Gegend war insgesamt in den letzten Jahren ganz schön heruntergekommen. Da freute man sich durchaus, wenn mal ein brauchbarer neuer Laden eröffnete. Trotzdem: Bio Company, Vagabund, Nussbreite, Lichtsauger – alles schön und gut, aber jetzt könnte auch mal wieder ein richtig schönes Nagelstudio aufmachen, ein neuer 1-Euro-Shop oder ein ordentlicher Spielautomatenladen!
Als ich neulich nachts noch auf einen Absacker in die Nussbreite einkehrte, lief dort Tocotronic. Die ganz alten Sachen, von »Digital ist besser«. Dann die Sterne, Huah! und Die Regierung. Meine Musik! Erst war ich ganz begeistert, dann beunruhigt. »Sag mal«, fragte ich den jungen Mann mit dem eindrucksvollen Bartwuchs hinter dem Tresen, »ist das jetzt etwa schon retro?« Ich fühlte mich alt und schwach. Er sah mich überrascht durch seine monströse Hornbrille an: »Nein, wieso retro? Das ist einfach nur meine Lieblingsmusik!«
Ach, das ist ja schön, dachte ich. Und in das große Steakhaus an der Kreuzung Müllerstraße zieht jetzt ein brandneues Wettbüro ein. »Hattrick – Sportwetten und Spielautomaten«, verspricht das Schild im Schaufenster. Vielleicht ist der Kampf ja noch nicht verloren.
Veganer Erstkontakt
Es ist nicht zu leugnen: Veränderungen sind jetzt auch bei uns im Kiez überall zu bemerken. Hörte man früher draußen auf der Seestraße ausschließlich Sprachen jenseits des Schulbildungskanons wie Türkisch, Arabisch oder Berlinerisch, spricht jetzt plötzlich jeder zweite hier Englisch oder Spanisch.
Wie aus dem Nichts entstanden plötzlich nette Kneipen, in die auch unsereins gerne reingehen mag. Nette Kneipen, wie man sie aus Stadtteilen wie Kreuzberg, Mitte oder Friedrichshain kennt. Ganz ohne Spielautomaten und Leuchtstofflampen. Dafür mit selbst gebrautem Bier. »Das wird doch nie was«, dachte ich, als die Micro Brewery gegenüber aufmachte, »schnell mal hingehen, ehe die wieder zumachen«. Aber es wurde nicht nur was, es wurde sogar ein großer Erfolg. Endlich konnte ich mich mal guten Gewissens bei uns in der Nähe mit Freunden verabreden. Nicht, dass man früher im Wedding nichts zu trinken bekommen hätte. Aber wenn man Unbeteiligte, also Nicht-Weddinger, hierher lotste, benahmen die sich immer so, als wären sie frühe Forschungsreisende, die auf einer Südsee-Insel anlandeten, die gemeinhin für Kannibalismus bekannt ist.
Aber jetzt gibt es das Vagabund und das Frederick und die Nussbreite, und man kann einfach so reingehen. Vielmehr: könnte einfach so reingehen. Wenn man denn reinkäme. Als ich neulich mit einem alten Freund an einem Freitagabend verabredet war, um ihm zu zeigen, dass man jetzt auch im Wedding ausgehen kann, war alles voll. Wenn überhaupt, dann nur Stehplätze mitten im Raum. »Da hätten wir ja gleich nach Kreuzberg gehen können«, knurrte der Freund. Es ist wirklich ein Witz: Jahrelang kann man nirgends hingehen, weil es nichts gibt, und kaum gibt es was, kann man nicht hingehen, weil alle da hingehen.
Wir beschlossen, erst mal was zu essen. Ich schlug die Dönerbude meines Vertrauens vor, mein Freund fragte, ob die denn auch vegan hätten. Ich dachte, er scherzt. Er ist schließlich mein Freund. »Nein«, sagte ich, »keine Sorge, so schlimm ist es dann doch noch nicht. Die Kneipen mögen überfüllt sein mit hipsterigem Jungvolk, aber die Dönerbuden sind noch Dönerbuden.« »Dann lieber nicht«, sagte der Freund. Ich staunte. Ich staunte sogar gleich doppelt. Erstens, weil mein Freund offenbar zum Veganer mutiert war. Und zweitens darüber, dass ich ohne mit der Wimper zu zucken sagen konnte: »Gut, dann gehen wir eben in den Lichtsauger bei mir um die Ecke, der hat vegan.« »Lichtsauger?«, fragte mein Freund irritiert. »Du wolltest doch vegan!«, sage ich vorwurfsvoll, »die heißen nun mal so.«
Der Freund, so erfuhr ich im Lichtsauger, macht einen Selbstversuch. Drei Monate lang will er vegan leben. Zur Selbsterfahrung. Um mal wirklich mitreden zu können. Und um ein Buch drüber zu schreiben, dass sich angesichts des Vegan-Hypes anschließend gefälligst wie geschnitten Wurst verkaufen würde, freute er sich. Aber es sei nicht leicht. Immerhin vier Wochen habe er schon überstanden, aber dauernd werde er von seinem Umfeld gedisst und mit Unverständnis verfolgt. »Ach, soll doch jeder machen, wie er will«, sagte ich nur, »mir ist das ganz egal. Du brauchst dich für nichts zu rechtfertigen. Wir müssen auch gar nicht drüber reden.« Mussten wir aber doch. Der Freund hatte Redebedarf. Detailliert berichtete er von seinem exakt 26-tägigen Martyrium, während wir als einzige Gäste im Lichtsauger an unserem Tischlein hocken. »Tischlein« deswegen, weil die winzigen Stühlchen und Tischchen korrespondierten mit den lustig kleinen Portionen veganen Irgendwas’, die uns die Bedienung als Gnocchi angepriesen hatte. Die Bedienung, die so dermaßen klischeehaft nach einer lust- und lebensfeindlichen Veganerin aussah, dass ich mir auf der Stelle wünschte, sie möge doch bitte übergewichtig und gutgelaunt sein, nur um mal das Klischee zu brechen. Aber so war sie nicht, und die Chronistenpflicht zwingt mich festzuhalten, dass sie nun einmal aussah, wie sehr bösartige Carnivore eine Bedienung in einem veganen Restaurant aussehen lassen würden, wenn sie darüber berichteten. Immerhin, dafür sahen die veganen Gnocchi auf unseren Tellern ganz und gar nicht wie Gnocchi aus, sondern eher wie aufgequollene Pfannkuchen. Wie sehr, sehr kleine aufgequollene Pfannkuchen. Allerdings schön dekoriert, das sei lobend erwähnt, mit winzigen Blättchen und undefinierbaren, aber ganz nett darübergestreußelten Unkraut-Krümeln.
Ich kam mir deplatziert vor. Ich traute mich kaum, mich auf meinem Stuhl zu bewegen, weil ich Angst hatte, er bräche unter mir zusammen. Mich auf den Tisch aufzustützen, wagte ich aus demselben Grund erst recht nicht. Immerhin, die Last unserer beiden Teller trug er aber souverän. Denn auf den Tellern war ja praktisch nichts drauf.
Ich war mir nicht sicher, wie man so etwas richtig isst. Es war so wenig, dass man es im Grunde mit einem beherzten Gabelhieb hätte verschwinden lassen können. Das schien mir aber irgendwie unangemessen bei einem Gericht, das immerhin neun Euro fünfzig kostete. Ich kam mir sofort sehr ungehobelt, barbarisch geradezu vor. Ich stellte mir vor, wie die verkniffene Bedienung hinterm Tresen lauerte: »Aha! Der Fleischfresser stopft unsere von Kinderhänden in Südostasien aus handverlesenen Sojabohnenspitzen sorgsam zusammengespeichelten Vegan-Gnocchi einfach so achtlos in sich hinein, als wären sie ein blutiges Leichenteil. Bestimmt wird er nachher
lästern, dass es nichts Anständiges zu essen gab, und sich irgendwo eine Wurst holen!«
So einfach aber wollte ich es der Frau nicht machen. Also filetierte ich vorsichtig an meinen Pfannküchlein herum, mit der Sorgfalt eines Chirurgen, der versucht, bei der Krebsoperation das böse Gewebe von dem guten zu trennen. Der Veganer auf Probe mir gegenüber seufzte auf und griff zu seinem Handy. Er wischte ein paarmal darüber, dann gluckste er glücklich: »Pulled-Pork-Sandwiches!«, sagte er nur. Ich verstand nicht. »Ich habe neulich dermaßen Lust auf Pulled-Pork-Sandwiches bekommen, da habe ich mir einfach einen Schwung Bilder aus dem Netz runtergeladen. So habe ich sie immer ganz nah bei mir. Das hilft.« Mit träumerischem Blick strich er durch eine Galerie voller vor saftigem Fleisch überlaufenden Brötchen- und Brothälften. »Hier, sieht das nicht toll aus?« Er hielt mir eines vor die Nase. Traurig blickten wir anschließend auf unsere Teller. Ach, was soll’s, dachte ich, nahm die Gabel entschlossen in die Hand, und der vegane Gnocchi-Quatsch war verschwunden.
Sogleich eilte die Bedienung zu unserem Tisch: »Darf’s noch etwas sein?«, fragte sie hinterhältig. Eine Falle! Aber so leicht ließ ich mich nicht vorführen: »Nein, danke, ich bin restlos satt«, sagte ich ganz ernst, während der Freund versuchte, ein hysterisches Kichern zu unterdrücken. Dann zahlten wir und gingen. Vielleicht war ja jetzt in der Micro Brewery ein Plätzchen frei für uns.
Die Spanier, die kürzlich bei uns im Haus eingezogen sind, kamen uns auf der Seestraße entgegen und begrüßten mich fröhlich mit den Worten: »Ey, wart ihr wirklich in dem Veganerschuppen? Ihr seid ja krass!« Ich wies entschuldigend auf meinen Freund, der mich böse anguckte. Aber diesmal passten wir in die Micro Brewery, und nach ein paar vorzüglichen IPAs war jeder Groll vergessen.
Als wir wieder herauskamen, es war nach zwei, wurden wir von Rauchschwaden umhüllt, die uns das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Es roch nach Grill. Ich war verwundert. Aber tatsächlich: unser Spätkauf! Yusuf, der Chef dort, hatte in dieser lauen Frühlings-Wochenendnacht einfach so einen Elektro-Grill mitten auf den Bürgersteig gestellt und verkaufte nun Bratwürste und Nackensteaks an die trunkenen nächtlichen Flaneure. Ich stellte mich fröhlich an, mein Freund strich derweil traurig über das Display seines Telefons.
Vor mir in der Schlange stand eine hagere Frau. Sie kam mir bekannt vor, ich guckte noch einmal hin: tatsächlich. Es war die Bedienung vom Lichtsauger, die sich gerade ein wunderbar duftendes Nackensteak vom Grill reichen ließ und sogleich beherzt hinein biss. Sie sah sehr vergnügt dabei aus. Ich war es auch sogleich. Sie grüßte mich freundlich kichernd, als sie an mir vorbeiging. Und eigentlich, das sei an dieser Stelle dann doch zugegeben, waren die Gnocchis vom Lichtsauger wirklich verdammt lecker.
Miteltern
Der Unheil verkündende Zettel in der Postmappe des Sohnes drohte an, dass über die kommende Klassenfahrt zu sprechen sei. Deswegen werde ein Elternabend einberufen. Herrjeh, dachte ich da, was soll das denn? Wenn Klassenfahrt ist, würde doch ein Zettel, auf dem alles draufsteht, völlig reichen: wann geht’s los, wann müssen wir sie wo wieder abholen hinterher, und gut is’. Aber nein, wir werden einen ganzen Abend lang gründlich durchinformiert. Und müssen alle möglichen Entscheidungen treffen.
Schon geht es los. Taschengeld. Die Kinder sollen ihr Taschengeld in einem Briefumschlag mit Namen drauf mitbringen. Der wird dann bei den Lehrern abgegeben. Wenn sie sich am Kiosk in dem Schullandheim etwas kaufen wollen, können sie sich das Geld wieder abholen. So ist gewährleistet, dass es nicht verloren geht. Und natürlich, wir sind schließlich eine Weddinger Grundschule, dass die lieben Kleinen sich nicht gegenseitig überfallen, um an die Kohle der anderen zu kommen. Eine zweifellos sinnvolle Einrichtung.
Doch die Miteltern schauen sich ratlos an. »Aber wieviel?«, flüstern sie verunsichert. »Wie, wieviel?«, werfe ich irritiert ein, »einen Umschlag halt.« »Aber wir müssen doch wissen, wieviel Geld da rein soll!« Ach, es ginge ja nur darum, am Kiosk mal ein paar Süßigkeiten zu kaufen, fünf oder zehn Euro würden für die fünf Tage völlig ausreichen, erklärt der Lehrer. Die Miteltern gucken nun noch verunsicherter, es zischelt und tuschelt gar ärgerlich bis erregt: »Aber dann hat ja ein Kind fünf Euro dabei und das andere zehn!«, faucht eine Mutter. In der Tat. So wird es am Ende kommen, denke ich. Man könnte sagen: wie es halt so ist im Leben. Und in der Schule. Da haben auch einige Kinder Taschengeld dabei und kaufen sich nach Schulschluss im Spätkauf gegenüber Sammelkarten, und die anderen nicht. Die einen haben Handys, die anderen nicht. Die einen haben Väter, die anderen nicht. So geht es eben zu da draußen.
Aber nicht auf der Klassenfahrt. Erregte Debatten folgen. Ich seufze. Schnell bilden sich zwei Lager: Die Budgetisten gegen die Kapitalliberalen, scharfe Wortgefechte folgen. Ich schaue fassungslos auf die Uhr. Seit einer halben Stunde diskutieren hier dreißig erwachsene Menschen miteinander, ob die Kinder nun alle gleich viel Taschengeld mitnehmen sollen oder nicht. Die Stimmung wird zunehmend gereizt, in einer Kampfabstimmung setzen sich die Budgetisten knapp durch. Auch gut, Hauptsache, wir müssen über den Quatsch nicht weiter reden, denke ich.
Aber zu früh gefreut. »Gut, also: Alle nehmen gleich viel Taschengeld mit. Aber: wieviel denn nun?«, fragt eine Mitmutter, und sofort brechen erneute Tumulte aus. Fünf oder zehn Euro, das ist hier die Frage. Mit offenem Mund verfolge ich staunend, dass man sich dazu eine engagierte Meinung bilden kann: »Fünf Euro sind ein Euro pro Tag, das ist doch eine sehr logische Einheit, damit können die Kinder gut umgehen.« »Zehn Euro sind zwei Euro am Tag, da lernen sie gleich viel besser, auch mal mit ›geteilt durch‹ zu rechnen.« »Zehn Euro ist viel zu viel. Dann kaufen sie sich dafür nur Gummibärchen und kriegen Bauchweh.« »Fünf Euro ist viel zu wenig, ist doch klar, dass sie sich dann nur Gummibärchen kaufen, was anderes kriegt man dafür ja gar nicht.« Die Hilfspaketverhandlungen mit Griechenland waren ein Dreck dagegen. Hier werden gerade Feindschaften fürs Leben geschlossen. Ich schaue auf die Uhr: sechzig Minuten. Am Ende einigen wir uns auf sieben Euro fünfzig. Das kann zwar kein Mensch auf fünf Tage verteilen, aber die Kinder sollen ja auch lernen, insgesamt mit ihrem Budget umzugehen.
Womit allerdings die nächste Front sofort eröffnet ist: »Dürfen die Kinder denn Süßigkeiten von zu Hause mitbringen?«, fragt ein Vater, der bei mir schon als notorischer Querulant unter verschärfter Beobachtung steht. Ich muss unbedingt herausfinden, zu welchem Kind der gehört, damit ich meines davor warnen kann, sich ja nicht mit dem Blag von diesem Vollidioten anzufreunden. Einige Eltern heulen auf, als habe sich gerade ein stadtbekannter Kinderschänder als Aufsichtsperson für die Fahrt vorgestellt. Süßigkeiten mitgeben? Womöglich schon für die Busfahrt? »Dann haben einige Kinder total viel dabei und die anderen gar nichts, das ist ungerecht«, quiekt es, und: »Dann beschmieren die die Sitze im Bus, und wir müssen am Ende die Reinigung bezahlen«, aber auch: »Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was ich meinem Kind in die Frühstücksdose packe, so weit kommt das noch.«
Neunzig Minuten. Und da haben wir noch nicht darüber gesprochen, inwieweit die Kinder sich allein auf dem Gelände der Unterkunft frei bewegen dürfen, wie die Aufteilung der Schlafsäle zu gestalten ist, und, für mich der bizarre Höhepunkt des Abends, wieviele Unterhosen sie mitnehmen sollen. Ich breche innerlich schluchzend zusammen.
Nach über drei Stunden guckt der Hausmeister in den Klassenraum und fordert uns auf, endlich abzuhauen. Guter Mann, ich bin ihm sehr dankbar. Die Miteltern aber knurren verärgert. So viele Fragen bleiben noch offen. Beim Rausgehen raunt mir eine Mutter zu, dass es eigentlich ein großes Ärgernis sei, wie wenig wir einbezogen würden. Das hätte man ja alles auch schon ein paar Monate eher angehen können, nicht erst so knapp vor der Fahrt, dann hätte man sich auch mehrfach treffen können, bis alles geklärt ist. Ich antworte ihr, dass ich es begrüßen würde, wenn demnächst alle Entscheidungen von den Lehrern alleine getroffen und wir in einem Schreiben einfach abschließend darüber informiert würden. Sie guckt mich ganz seltsam an, dann fragt sie unauffällig, wie mein Kind doch noch gleich heiße?
Am Ende aber bin ich ein bisschen stolz auf die Menschheit. Eigentlich erstaunlich, was sie alles hinbekommen hat: Pyramiden, Hochhäuser, Autobahnen, die Internationale Raumstation und immerhin wichtige Teile des Flughafens BER. Logistische Meisterleistungen, wenn man es genau bedenkt. Vermutlich, die Erkenntnis überfällt mich schlagartig, verdanken wir das alles im Wesentlichen nur Kinderlosen. Während wir den Miteltern vor allem absurde Debatten verdanken. Und nicht zu vergessen natürlich: die Masern.
Vielleicht sollte man darüber nachdenken, ob es wirklich eine so gute Idee ist, dass Leute, die Kinder haben, überall mitreden und sogar wählen dürfen. Vielleicht haben die auch einfach zu viel anderes um die Ohren, als dass sie zu gesellschaftlichen Fragen noch Sinnvolles beitragen könnten.
Ich jedenfalls fange flugs an, die Unterhosen meines Sohnes abzuzählen.
Davor warnt einen ja auch niemand, bevor man Kinder kriegt
»Wir müssen noch die Ziegen füttern!«, höre ich mich sagen. Aber die Kinder wollen nicht. »Papa, wir wollen ein Pferd!«, quengeln sie stattdessen wiederholt, »los, lass uns ein Pferd kaufen.« »Seid doch vernünftig«, rede ich eindringlich auf sie ein, »ein Pferd ist viel zu teuer. Und wir haben doch gar keinen Platz dafür!« »Doch!«, entgegnen sie entschlossen. Ich appelliere an ihre Einsicht: »Aber wir wollten doch auf einen Komodowaran sparen!« »Och nö«, quengeln sie, »wir wollen lieber ein Pferd.« Meine Kinder wollen lieber ein Pferd als einen Komodowaran? Ich fürchte, meine Erziehung ist gescheitert. Ich resigniere. Na gut, dann kaufen wir eben ein Pferd. Sie werden schon sehen, was sie davon haben.
Manchmal wundere ich mich ja selbst ein wenig, was wir da eigentlich machen. Aber seit die Kinder »My super cute Zoo« im Internet entdeckt haben, gibt es kein Halten mehr. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Brauseboys-Kollege Robert Rescue einen Text darüber geschrieben hatte, wie er einen virtuellen Ponyhof betreute. Wochenlang hat er, angeblich nur zu Recherchezwecken für eine Geschichte, seine virtuellen Pferde täglich mehrfach beritten und gefüttert, hat mit ihnen für Rennen trainiert und den Tierarzt gerufen. Mit der Taste F5. Ungläubig und kopfschüttelnd hatte ich seinen Schilderungen aus den Tiefen des Netzes gelauscht. Ich meine: Klavierpedalfetischisten, Spermaspiele, Jazzplatten-Datensammler, Fans von Bayern München – das Netz ist voll mit Wahnsinnigen aller Art, die ihren abwegigen Obsessionen nachgehen, und ich habe ein großes Herz für sie alle. Soll doch jeder machen, wie er will. Aber als dann noch die hochgeschätzte »Jungle World«-Redakteurin Elke Wittich in einem Text verriet, dass sie ebenfalls auf dem virtuellen Ponyhof ein Gestüt unterhielt, auf dem sie unter anderem das »Lügenpferd Pegida« durchfütterte, wurde mir die Sache allmählich unheimlich. Dementsprechend erleichtert atmete ich auf, als Rescue nach ein paar Wochen seine Pferde endlich alle elendig verrecken ließ. Er schien wieder normal zu werden.
Und nun also kaufe ich selbst ein Pferd, aber nicht für einen lausigen Ponyhof, sondern für unseren superniedlichen Zoo. Dort tummeln sich bereits Braunbären und Gürteltiere, Ameisenigel und Erdmännchen. Mit einem Wort: Wir haben Level 22 erreicht! Morgens vor der Schule, nachmittags nach dem Hort und abends vor dem Schlafengehen loggen wir uns ein, um unsere Tiere zu füttern, sie zu pflegen und mit ihnen zu spielen. Was so geht: Man fährt mit der Maus über den Bildschirm, auf dem all unsere Tiere in adretten Gehegen lustig animiert herumhüpfen, und klickt dann drei Mal auf jedes Exemplar. Klick, klick, klick. Einmal auf den Napf, für Futter, einmal auf die Bürste, für Pflegearbeiten, einmal auf den Ball, für Spielen. Immerhin, Enrichment hat es also selbst schon in den virtuellen Zoo geschafft. Bei den Papageien ist das mit dem Anklicken übrigens gar nicht so einfach, weil die immer so herumflattern. Bei jedem Klick machen die Tiere dann superniedliche Geräusche, also »ehe-ehe« die Flamingos oder »och-och« das Flusspferd, und wir bekommen Erfahrungspunkte dafür. Hat man genug davon zusammen, steigt man einen Level auf und kann noch mehr supersüße Tiere kaufen. In Level 23 etwa locken das Rüsselschwein und eben der verdammte Komodowaran. Angesichts dessen ist es natürlich vollkommen irre, jetzt ein triviales Pferd zu kaufen. Ein Komodowaran würde viel mehr Punkte bringen und außerdem ordentlich Publikum anziehen. Mit einem Pferd dagegen lockt man keinen müden Besucher aus dem Glasfaserkabel heraus.
Was macht man nicht alles für die Kinder. Anfangs habe ich mich noch strikt geweigert, diesen Quatsch mit ihnen zu spielen. Aber sie waren so fasziniert davon, alle anderen in der Schule spielen es auch, und alleine will ich sie auf gar keinen Fall an den Computer lassen. Also mache ich halt mit. Außerdem ist das ja allemal besser, als wenn sie irgendwelche Zombies abschießen würden. Obwohl – ist es das wirklich?, grübele ich, während ich stumpf drei Mal auf jeden unserer 53 Hasen klicke, die dann dreimal supersüß vor sich hinmümmeln. Die gibt es nämlich dauernd im sogenannten Booster-Pack als Belohnung dafür, dass man wieder darauf verzichtet hat, einen Tag verstreichen lassen, ohne »My super cute Zoo« aufzurufen.
Deswegen leidet unser Zoo inzwischen unter einer veritablen Hasenplage. Leider fehlt die Option, die einen Zootiere an die anderen zu verfüttern. Dabei haben wir sogar einen Jaguar, der da sicher Interesse hätte. Aber das wäre wohl nicht mehr supersüß genug. Ganz wie im echten Zoo also, wo es auch immer großes Geschrei in der Öffentlichkeit gibt, wenn mal eine Bio-Giraffe aus eigener Nachzucht nach schöner Kindheit an die Löwen verfüttert wird, weshalb eben reichlich Rinder und Schweine aus der Massentierhaltung, die vorher ordentlich gelitten haben, dran glauben müssen. Abgesehen davon bringt die Vollversorgung von so einem schedderigen Hasen gerade drei mal acht Erfahrungspunkte. Ärgerlich.
»Los Kinder, wir gucken nach dem Zoo!«, rufe ich abends fröhlich ins Wohnzimmer, als ich nach Hause komme. »Och, mach du mal«, sagen sie, »im Fernsehen kommt Spongebob!« Na, soweit kommt das noch, dass ich für die Herren Söhne die virtuellen Hasen füttere! Man kennt das ja von echten Haustieren. Erst wollen die Kinder unbedingt welche haben und schwören hoch und heilig, sich gewissenhaft um sie zu kümmern, und dann müssen doch die Eltern die Viecher vor dem Hungertod bewahren. Aber jetzt drei Mal am Tag ihre Internet-Tiere füttern, das geht dann doch zu weit. »Aber nur ausnahmsweise«, sage ich bestimmt, während ich den Rechner hochfahre.
Alles geht also seinen Gang. Neue Tiere wollen die Kinder schon noch kaufen, aber vor der täglichen Drecksarbeit drücken sie sich. Das soll ich für sie erledigen. Und ihnen Bescheid geben, wenn genug Geld da ist, um was zu kaufen. Die spinnen ja wohl. Andererseits habe ich jetzt Abertausende von Mausklicks darauf verwendet, dass alles so schön geworden ist. Genau genommen: Drei mal 47.718 Mausklicks, wie das Statistikmodul mir mitteilt. Verdammt, das heißt nur noch knapp über 2.000 Mal Tiere füttern, dann könnte ich endlich den Komodowaran kaufen. Das wenigstens will ich noch schaffen, bevor ich den Quatsch hier ein für allemal lösche.
Es ist ein großer Triumph, als ich mich eines Nachmittags, als sie von der Schule kommen, vor den Kindern aufbaue: »Jungs, wollt ihr mal in unseren Zoo gucken? Wir haben jetzt Komodowaran-Babys!« »Och nö«, sagen sie, »wir wollen lieber Clash of Clans spielen!« »Clash of Clans?«, frage ich irritiert. »Ja, das ist so ein Spiel im Internet, da baut man ein Dorf auf und muss das gegen Feinde verteidigen, mit Zauberern und Barbaren, und dann gewinnt man Gold und kann damit Drachen kaufen, und wenn man total gut ist und ganz viel dunkles Elixier gesammelt hat, gibt es sogar Lavahunde.« »Lavahunde?! Was soll das denn? Mensch, wir haben Komodowaran-Nachwuchs in unserem Zoo!« »Ach, der Zoo ist doch langweilig.«
Nachts, bevor ich ins Bett gehe, rufe ich »My super cute zoo« noch einmal auf. Die Komodowaran-Babys sind wirklich superniedlich. Wenn man sie anklickt, zischen sie ganz süß. Ich bin ein kleines bisschen stolz auf mich. Das habe ich ganz allein geschafft. Dann scrolle ich durch meinen Zoo, der inzwischen drei Bildschirme einnimmt. Über 200 hungrige Mäuler gilt es zu stopfen. 25 Besuchertoiletten müssen via Mausklick gereinigt, über 100 Pflanzen gegossen werden. Den nächsten Level erreiche ich in 348.000 Erfahrungspunkten. Da kann man dann Mammuts zurückzüchten. Und Dodos. Ausgestorbene Tiere also! Was für ein Quatsch! »Der Zoo ist doch langweilig!« – das Verdikt meiner Söhne lastet schwer über Level 25. Ich fürchte, sie haben völlig Recht. Irgendwie macht es mir jetzt auch keinen Spaß mehr.
Ein letztes Mal füttere ich die Nashörner, Warzenschweine, Polarfüchse und Hasen. Ich wünsche ihnen alles Gute. Dann schließe ich das Programm. Für immer. Ab morgen bauen wir Goldminen, Elixiersammler und Heereslager. Wäre doch gelacht, wenn wir diesen Lavahund nicht kriegen würden.
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