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Heike Schwender

Sonne, Mond und Troll

Eine märchenhafte Erzählung überall und nirgends

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Dieses Buch ist…

Ein unerwarteter Besucher

Der Beginn der Reise

Eine unglaubliche Geschichte

Meerwasser

Steinwüste

Baumwald

Trollhöhlen

Moorsumpf

Felsengarten

Grasland

Stadthausen

Flussufer

Burgstein

Das Land zwischen den Zeiten

Meerwasser

Das Ende der Reise

Impressum neobooks

Dieses Buch ist…


Ein unerwarteter Besucher


Das Schicksal stand an seinem Fenster und blickte hinaus aufs Universum. Etwas hatte es geweckt. Etwas Unschönes, Schicksalsträchtiges. Etwas, das eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Doch es war passiert. Und es hatte das Schicksal vieler verändert. Es betraf die Bewohner der Welten, die Gezeiten, die Gestirne.

Das, was hätte vermieden werden sollen, war geschehen. Es ließ sich nicht rückgängig machen. Der Sand der Zeit rann nur in eine Richtung – daran konnte selbst das Schicksal nichts ändern.

Und das, was geschehen war, zog weitere gewaltige Ereignisse nach sich. Einen Streit zwischen Vater und Sohn, den der Vater durch unlautere Methoden für sich entschied. Eine trauernde Tochter, eine trauernde Mutter. Dunkelheit zwischen den Sternen.

Das Schicksal stand an seinem Fenster, blickte hinaus aufs Universum und überlegte.

Eines Abends im Dezember stand ein Troll vor meiner Tür und fragte höflich, ob ich ihn vielleicht begleiten wolle. Er hatte geklingelt, ganz wie es sich gehört, und war gerade dabei, sich die großen nackten Füße auf meiner Fußmatte abzuputzen, als ich die Tür öffnete um nachzusehen, wer mich so spät noch besuchen kam.

Die unerwartete Frage des Trolls brachte mich gehörig aus dem Konzept.

„Begleiten?“, fragte ich irritiert. „Wohin?“

Der uneingeladene Gast schenkte mir ein freundliches Lächeln und hob andeutungsweise die Schultern. „Nach überall“, war die kryptische Antwort, „und nirgends.“

Meine Augenbrauen zogen sich misstrauisch zusammen, als ich mich mit derlei tiefsinniger Philosophie konfrontiert sah. Ein innerer Instinkt riet mir, dem Troll die Tür vor der Nase zuzuschlagen und mich weiter der Zubereitung meines Abendmahls zu widmen. Gerade so, als wäre nichts gewesen. Jedoch ein anderer Teil in mir dachte an das bevorstehende Mahl, welches das gleiche sein würde wie am gestrigen Tag. Er dachte an die darauffolgende Nacht, die ich alleine in meinem Bett verbringen würde. Er dachte an den kommenden Tag, an dem mir wieder der graue Dezember einen guten Morgen wünschen würde, während ich mich auf den Weg in die Arbeit machte. Der andere Teil gewann.

„Möchtest du hereinkommen, während ich meinen Rucksack packe?“, lud ich den Troll ein. Mit einem breiten Grinsen nickte er zustimmend und befasste sich ein weiteres Mal mit meinem Fußabstreifer. Dann betrat er mein Haus. Seine bloßen Füße verursachten auf dem hölzernen Dielenboden ein merkwürdiges Geräusch, eine Mischung aus Stampfen und Klatschen.

Während ich begann, diverse Kleidungsstücke zusammenzusuchen – Was trug man nur überall und nirgends? – hievte sich der Troll auf eine massive Holztruhe und sah mir entspannt beim Packen zu. Er baumelte gelassen mit den Beinen, die etwa zehn Zentimeter über dem Boden hingen und war mir bei meiner Tätigkeit keine allzu große Hilfe.

„Was meinst du – brauche ich einen Regenschirm?“, wollte ich von ihm wissen, während ich das knallrote Objekt unschlüssig in der Hand hielt.

„Der Regen wird nicht unbedingt das sein, wovor du dich abschirmen solltest“, kam die ablehnende Antwort von meinem Gast. „Hast du noch andere Schirme?“

Ich starrte den kleinen Kerl auf meiner Holztruhe verwirrt an. Da er aber auf eine Antwort zu warten schien, schüttelte ich irgendwann den Kopf. Ein ergebenes Schulterzucken war alles, was ich dafür erhielt. Ohne weiter auf dem Thema herumzureiten, legte ich den Regenschirm zur Seite und widmete mich im Stillen der Frage, ob ich denn wohl einen Sonnenhut bräuchte. Da ich aber wohl auch vor der Sonne nicht auf der Hut sein musste – oder, musste ich? – ließ ich auch diese Überlegung schnellstmöglich fallen und packte stattdessen nur Sachen ein, die keinerlei Diskussionsstoff boten: Hosen, Schuhe, Hemden, ein Handtuch. Solche Dinge.

Nachdem ich den grünen Rucksack verschnürt hatte, ließ ich meinen Blick ein letztes Mal durch das Haus gleiten. Mein Haus. Mein Leben. Mein Alltag. Ein kleines Lächeln erschien auf meinem Gesicht.

„Ich bin soweit“, teilte ich dem Troll mit, der mich schweigend bei meinem Tun beobachtet hatte. Der kleine Kerl mit der Knollennase und dem dichten braunen Haar nickte, stemmte sich hoch und ließ sich behäbig von der Holztruhe plumpsen.

„Dann los“, war alles, was er sagte. Wortlos folgte ich ihm durch meinen Hausflur, durch die Eingangstür in den kleinen Vorgarten, für den ich nie Zeit gehabt hatte.

Als ich die Haustür hinter mir schließen wollte, hob mein Begleiter warnend eine Hand.

„Wenn du die Tür hinter dir zumachst, wirst du nicht wieder zurückkommen können“, meinte er ruhig. „Es ist wie mit Brücken, die man nicht hinter sich abreißen sollte.“

Wieder starrte ich den kleinen Kerl einfach nur an. Sprachlos. Ohne zu wissen, wie ich auf diese erneute Enthüllung reagieren sollte. Die Tür offenlassen? Unmöglich. Und ohne weiter darüber nachzudenken, zog ich die Haustür hinter mir ins Schloss. Der Troll schien einen Moment lang überrascht. Dann jedoch erinnerte er sich daran, was sich für einen Troll gehörte, hob kurz die Schultern zum Zeichen dafür, dass ihn das nun wirklich nichts anging, sondern ganz allein meine Entscheidung war und wandte sich um. Der Straße zu. Ich folgte ihm wortlos.

Der Beginn der Reise


Das Schicksal stieß einen schicksalsschweren Seufzer aus und fällte eine Entscheidung. Eine von vielen, die es fortwährend treffen musste. Und doch war diese anders. Hier ging es nicht um das Schicksal einzelner, sondern um das Schicksal der Welten. Und es war nicht so, als würde sich die Handlung des Schicksals auf eine Entscheidung beschränken. Nein, es hatte sich dazu entschlossen, selbst einzugreifen und die Dinge zu verändern. Die Welten ins Ungleichgewicht zu bringen.

Es würde hinausgehen und eigenhändig Schicksal spielen. Möglicherweise konnte es so die Aufmerksamkeit auf das lenken, was geschehen war. Vielleicht würde es dadurch alle Beteiligten zur Vernunft bringen. Auf jeden Fall aber konnte es zur Entstehung einer Geschichte beitragen. Ob diese gut oder schlecht enden würde, sollte noch entschieden werden.

Das Schicksal holte sein gelbes Kleid aus dem Schrank und streifte es über. Dann machte es sich auf den Weg, das Schicksal der Welten zu verändern.

Die Sonne war untergegangen, während ich für die Reise nach überall und nirgends gepackt hatte. Nun war es dunkel und kalt. Nur der verirrte Schein einzeln stehender Straßenlaternen leuchtete uns den Weg. Ich hatte meine Schritte denen des Trolls angepasst und ging neben ihm die einsam liegende Straße entlang. Was für ein wundersames Paar wir doch abgeben mussten! Der kleine Kerl mit den nackten Trollfüßen und ich selbst, ein recht normales Exemplar von Mensch mit unscheinbaren braunen Haaren, der sich nur deshalb von der nächtlichen Umgebung abhob, weil er sich in einen quietschgelben Mantel gezwängt hatte. Trotzig wickelte ich mich bei diesem Gedanken noch fester in meinen Lieblingsmantel. Und wenn schon! Ein wenig Farbe konnte dieser merkwürdigen Geschichte nun wirklich nicht schaden.

Während wir so nebeneinander die nächtlichen Straßen entlangschritten, überkam mich eine merkwürdige Ruhe. Eine innere Gewissheit, das Richtige zu tun. Dieses Gefühl erstaunte mich. Es war lange her, dass ich es zuletzt gespürt hatte. Und nun kam es zurück – gerade als ich die unvernünftigste Entscheidung meines Lebens getroffen hatte. Ein leichtes Lächeln umspielte meine Lippen, als ich diese Gelassenheit willkommen hieß. Wie es schien, brauchte man nicht viel, um mit dem Leben erneut in Einklang zu sein. Nur einen nächtlichen Spaziergang zusammen mit einem Troll. Das würde ich mir für die Zukunft merken.

Mein Begleiter führte mich aus dem kleinen fränkischen Dorf, in dem ich lebte, hinaus und in Richtung der Wälder. Das vereinzelte Licht der Laternen blieb hinter uns zurück, genau wie die geteerten Straßen und die dunklen Schatten der Häuser, die unseren Weg bisher flankiert hatten. Stattdessen trampelten die bloßen Füße meines Begleiters nun auf unbefestigtem Boden, hin und wieder unterbrochen von leichtem Geplätscher, wenn er in eine der zahlreichen Pfützen trat. Der Dezember hatte es bisher allzu gut mit uns gemeint. Schauerartige Regenfälle waren an der Tagesordnung gewesen, genauso wie eine immerhin ertragbare nächtliche Kälte und herbstliche Nebelschwaden jeden Morgen. Im Grunde war ich erstaunt darüber, dass die Nässe seit Verlassen meines Hauses nur unsere Füße begrüßte. Und einen Augenblick später wurde ich daran erinnert, dass man sich nie zu früh freuen sollte. Dann nämlich, als ein leichtes Tröpfeln, das auf unsere Köpfe klopfte, einen weiteren Regenschauer ankündigte. Ich seufzte. Der Troll hingegen schien sich in diesem Wetter pudelwohl zu fühlen. Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen, als die zahlreicher werdenden Regentropfen anfingen, sein Gesicht hinab zu rinnen. Fasziniert beobachtete ich durch den Wasserschleier, der sich in der Luft bildete, wie der kleine Kerl versuchte, die Regentropfen, die von seiner Knollennase abperlten, mit der Zunge zu fangen, bevor sie zu Boden fielen. Das ungewohnte Schauspiel schaffte es beinahe, mich von der Tatsache abzulenken, dass sich das kalte Wasser einen Weg in meinen Nacken bahnte und nun einen gemeinen Anschlag auf meinen Rücken vorbereitete. Ich zitterte und versuchte, meinen Mantelkragen noch höher zu schlagen, während ich sehnsuchtsvoll an meinen roten Regenschirm dachte, dessen Nutzen auf dieser Reise mir jemand ausgeredet hatte.

Gerade als ich diesen Gedanken mit meinem Begleiter teilen wollte, wurde es auf einmal dunkel um uns herum. Für einen Moment verlor ich die Orientierung, aber dann wurde mir klar, dass wir den Wald erreicht haben mussten und die dichten Bäume das letzte bisschen Licht abhielten, das uns trotz der Regenwolken durch den Mond und die Sterne noch zuteil geworden war. Als mir so plötzlich die Sehfähigkeit geraubt wurde, blieb ich einfach stocksteif stehen und rührte mich nicht mehr.

„Was ist los?“, kam die verwirrte Frage des Trolls durch den Regen und die Dunkelheit. Ich verspürte Erleichterung darüber, dass mein Begleiter noch da war. Sehen konnte ich ihn nicht mehr.

„Es ist zu dunkel“, antwortete ich gereizt und konnte die aufkommende Hilflosigkeit nicht völlig aus meinen Worten verbannen.

Einen Moment lang hörte ich nur das prasselnde Geräusch des Regens, der auf die Blätter der Bäume traf und dort in unzählige kleine Tropfen zerbrach. Dann meinte ich, noch ein anderes Geräusch wahrzunehmen. Einen kehligen Laut, der von dem Troll zu kommen schien und sich in unregelmäßigen Abständen wiederholte. Als mir bewusst wurde, dass der kleine Kerl lachte, wurde ich wütend.

„Was ist so lustig?“, wollte ich von dem amüsierten Troll wissen.

Das Gelächter verstummte und die Stimme meines Begleiters klang überaus ernst, als er meine Frage schließlich beantwortete: „Das hier ist keine echte Dunkelheit. Die Welt um uns herum ist nicht untergegangen.“ Trauer schwang in seinen Worten mit.

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, doch ich verspürte bei seinen Worten eine unerklärliche Furcht in mir aufsteigen, die ich nur mühsam unterdrückte. Stattdessen lenkte ich das Gespräch lieber wieder in eine Richtung, die ich verstand. „Mag sein. Dennoch kann ich nichts mehr sehen. Und ich habe keine Lust darauf, im Dunkeln vor mich hinzustolpern.“

Es blieb einen Moment lang ruhig, dann hörte ich wieder die Stimme meines stämmigen Gefährten. „Ich führe dich. Trollaugen können auch in dieser gewöhnlichen Dunkelheit sehen.“

Eine zu seinem Körper unverhältnismäßig große Hand schob sich in meine Manteltasche und griff nach der meinigen, die ich dort vor dem Regen versteckt hatte. Ich ließ es zu, dass der Troll meine Hand wieder hinaus in die Nässe beförderte und folgte ihm dann vertrauensvoll durch den für Menschenaugen stockdüsteren Wald. Tief in meinem Inneren wusste ich, dass es für eine Umkehr zu spät war.

Wie lange wir so durch den Wald gingen – in meinem Fall war es eher ein rutschen und straucheln – wusste ich nicht. Die Dunkelheit, die keine wirkliche Dunkelheit war, hüllte uns ebenso ein, wie das gleichmäßige Geräusch des prasselnden Regens. Obwohl uns das Blätterdach vor einem Großteil der Nässe bewahrte, spürte ich doch, wie sich der dicke Wollpullover, den ich unter meinem gelben Mantel trug, langsam aber sicher vollsog. Feucht und schwer hing er an meinem Körper und hüllte mich in eine kalte Ungemütlichkeit, die ich nicht mehr lange würde ignorieren können.

Als ich ungefähr zum zweihundertdreiundachtzigsten Mal stolperte, spürte ich, wie der Zug an meiner linken Hand nachließ und schließlich ganz ausblieb. Die Stimme des Trolls erklang neben mir und suchte sich ihren Weg durch das gewaltige Konzert von knatternden Tropfen und berstenden Blättern. „Wir sind da.“

Ich versuchte erfolglos die Finsternis, die uns umgab, mit den Augen zu durchdringen.

„Wir sind wo?“, fragte ich schließlich verwirrt. Hörte ich da etwa ein unterdrücktes Seufzen von meinem Begleiter?

„Am Übergang“, lautete seine unwirsche Antwort. Ich unterdrückte nun selbst einen Seufzer. „Aha.“

Wir schwiegen uns eine Weile an, nicht sicher, ob wir uns gegenseitig verstanden. Der kulturelle Unterschied schien plötzlich unüberbrückbar. Dann spürte ich, wie der kleine Kerl erneut an meiner Hand zog.

„Lass uns durchgehen“, meinte er ungeduldig.

„In Ordnung“, stimmte ich zu und ließ mich widerstandslos weiter durch die Dunkelheit ziehen.

Nasse Farnwedel klatschten mir gegen die Beine, meine rechte Schulter schabte unschön an einem harten Baumstamm vorbei und dann war der Wald plötzlich verschwunden. Oder eigentlich wusste ich nicht, ob der Wald verschwunden war. Tatsache war jedoch, dass ich ihn ganz plötzlich nicht mehr um mich herum wahrnehmen konnte. Der unebene Boden, die drohenden Umrisse der Bäume, die ich nur noch erahnt hatte, der nasse Farn und das prasselnde Geräusch des heftigen Regens – das war alles plötzlich weg. Was blieb, war die Dunkelheit. Sehr zu meinem Verdruss. Und inmitten der Dunkelheit schien sich etwas anderes um uns herum zu bilden. Etwas Weiches, Elastisches. Es war, als hätte man uns in einen riesigen weich gekauten Kaugummi gestoßen, durch den wir uns nun Hand in Hand kämpfen mussten. Das Gefühl dauerte eine Weile an und verging dann genauso plötzlich, wie es gekommen war.

Eine unglaubliche Geschichte


Es hatte getan, was es tun musste. Nun hieß es warten. Daran war es gewöhnt. Abwarten und zusehen entsprach sozusagen seiner Berufsbeschreibung. Damit hatte es sich abgefunden. Es hatte sich damit abfinden müssen. Denn – soweit es wusste – besaß niemand sonst ein Fenster zum Universum. Es war Schicksal, dass es zu dem Haus gehörte, in dem es wohnte. Seit Anbeginn der Zeit.

Das Schicksal zögerte noch, dorthin zurückzukehren. Hatte es tatsächlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft? Es hatte die Welten ins Ungleichgewicht gebracht. Es hatte die trauernde Tochter beobachtet und befriedigt festgestellt, dass sie sich aufmachte, um zu helfen. Es hatte alles getan, um die Geschichte in die richtigen Bahnen zu lenken. Oder, hatte es das …?

Das Schicksal betrachtete noch einmal sein Werk und merkte dann, dass etwas fehlte. Es war nur ein Strohhalm, doch dieser war so unendlich wichtig. Der Geschichte fehlte die Hoffnung. Das Schicksal überlegte und entschied dann, eine Prophezeiung in Umlauf zu bringen. Es wusste aus Erfahrung, dass mit einer Prophezeiung auch Hoffnung in die Welten getragen werden würde.

Als ich mich wieder dazu in der Lage fand, meine Umgebung wahrzunehmen, herrschte immer noch Dunkelheit. Doch dies war eine Dunkelheit, mit der ich etwas anfangen konnte. Der Himmel zeigte sich zu meiner vollkommenen Überraschung klar und wolkenlos. Und in dem Licht, das von unzähligen Sternen aus der Ferne zu uns herabgesandt wurde, erblickte ich zu meinen Füßen einen Ozean, dessen unendliche Weite in erheblichem Gegensatz zu dem Gefühl der Befangenheit stand, das mich vor kurzem noch in dem nächtlichen Wald in Besitz gehabt hatte – auf der anderen Seite des Kaugummis.

Wie vor den Kopf geschlagen stand ich da und ließ den majestätischen Anblick auf mich wirken. Die dunkelblauen Wogen des Ozeans trugen hellgraue Schaumkronen, derer sie sich gewaltsam entledigten, indem sie sie grollend gegen die Felsen zu unseren Füßen schmetterten. Weiter draußen vermittelte das Meer den Eindruck eines brausenden dunklen Spiegels, der das verzagte Licht der Sterne einfing, nur um es ablehnend erneut hinaufzuschicken in die ewigen Weiten des nächtlichen Himmels.

So gefangen war ich von dem unerwarteten Anblick, dass ich nicht bemerkte, wie der Troll meine Hand in die Freiheit entließ und sich auf einen Felsvorsprung setzte. Meine Augen wanderten von dem widerwillig glitzernden Ozean zu den munteren Leuchtgefährten, die über uns glänzten. Erwartungsvoll glitten sie über die blinkenden Punkte auf der Suche nach …

„Wo ist der Mond?“, durchbrach meine Frage die stürmische Weite des nächtlichen Ozeans.

Als keine Antwort erfolgte, blickte ich mich um. Mein Begleiter hatte das Kinn auf seine großen Hände gelegt und sah gedankenverloren hinaus aufs Meer. Der Ausdruck auf seinem Gesicht spiegelte eine tiefempfundene Traurigkeit wider, die ich mir nicht erklären konnte.

„Wo ist der Mond?“, wiederholte ich meine Frage teils aus Sturheit, teils aus einem unbestimmten Gefühl heraus, dass ich darauf eine Antwort benötigte.

Der kleine Kerl wandte sich mir zu und blickte mich an.

„Sie ist in Trauer“, meinte er leise.

Mein verwirrter Gesichtsausdruck musste wohl für sich gesprochen haben, denn ohne dass ich etwas zu sagen brauchte, machte sich der Troll an die Erklärung seiner Antwort.

„Vor drei Monaten ist die Tochter des Mondes spurlos verschwunden. Deshalb kam ich zu dir. Du bist Teil einer Prophezeiung, die besagt, dass niemand aus unserer Welt die Tochter des Mondes finden wird. Nur ein Mensch vermag dies.“ Seine Mundwinkel hoben sich ganz leicht, als er, halb im Scherz, hinzufügte: „Ein Mensch in einem gelben Mantel.“

Sprachlos starrte ich den Troll an. Meine Gedanken kreisten um die Bemerkung mit dem gelben Mantel, bis ich mir der ganzen Tragweite des Gehörten bewusst wurde.

„Ich bin Teil einer Prophezeiung?“, vergewisserte ich mich ungläubig. „Und ich soll die Tochter des Mondes finden?“

Mein Begleiter nickte wortlos. Sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er mich für schwer von Begriff hielt. Genau das hatte er mir doch soeben mitgeteilt. Ohne etwas darauf zu geben, schwieg ich und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Noch einmal sah ich hinauf zum mondlosen Sternenhimmel. Dann fuhr mein Blick über den Ozean und die Felsen.

„Wo sind wir denn eigentlich?“

Die buschigen Augenbrauen des Trolls gingen nach oben und er warf mir einen misstrauischen Blick zu. „Überall und nirgends“, erinnerte er mich geduldig.

Ich nickte. Natürlich. Wie hatte ich das nur vergessen können.

„Und wenn wir die Tochter des Mondes gefunden haben …“, begann ich erneut. Der kleine Kerl unterbrach mich.

„Nicht wir“, stellte er klar. „Du.“ Diesmal waren es meine Augenbrauen, die sich hoben.

„Wie bitte?“, erkundigte ich mich höflich. „Soll ich diese Aufgabe etwa ganz allein bewältigen? Wo ich doch in überall und nirgends fremd bin?“

Der Troll sah mich ruhig an. „Hilfe wird dir zur rechten Zeit zuteil werden.“

Meine Augenbrauen rutschten höher. Aber ich verspürte wenig Lust, mir weitere kryptische Hinweise einzuhandeln. Also besann ich mich auf meine eigentliche Frage.

„Wenn ich also die Tochter des Mondes gefunden habe“, formulierte ich sie ein wenig um, „wird dann der Mond wieder scheinen?“

Es sah fast so aus, als würde sich mein Begleiter nun auch fragen, ob ich dieser Mission tatsächlich alleine gewachsen war. Sein Blick wanderte langsam über meine ganze Gestalt und erst als er wieder bei meinem Gesicht angekommen war, bequemte er sich zu einer Antwort. Einer Antwort, die er ganz offenbar für überflüssig hielt.

„Die Nachtbewahrerin wird wieder scheinen, sobald sie keinen Grund mehr zur Trauer hat.“

Oha. Konnte ich da tatsächlich einen Hauch von Ungeduld heraushören? Fast freute es mich, dass mir dies gelungen war. Fast. Denn eigentlich war ich in Gedanken immer noch mit dieser weiteren Aussage beschäftigt, dir mir meine Frage nicht wirklich beantwortete.

Dennoch nickte ich ernsthaft und tat so, als würde mir dieser eine Satz nun all das erklären, was zuvor noch unverständlich gewesen war. Ein seltsames Gespräch war es, das ich mit einem Troll unter dem mondlosen Sternenhimmel vor der glitzernden Weite des rauschenden Meeres führte!

Mein Begleiter nahm mein besonnenes Nicken mit einem erleichterten Seufzer zur Kenntnis und erhob sich von dem Felsen, auf dem er bis dahin gesessen hatte.

„Dann wäre ja alles geklärt“, stellte er fest und wandte sich zum Gehen. Ich erschrak.

„Warte!“, rief ich mit nicht mehr ganz so überzeugender Gelassenheit.

Der Troll blieb stehen und sah mich fragend an. Ich hob die regennassen, von einem gelben Mantel bedeckten Schultern und warf ihm einen hilflosen Blick zu.

„Wo fange ich mit der Suche an?“

Der kleine Kerl erlaubte sich ein schiefes Grinsen. Er sah aus, als vermutete er, ich hätte einen Scherz gemacht.

„Na, bestimmt nicht in Meerwasser. Wenn ihre Tochter sich noch hier aufhalten würde, wüsste es die Nachthüterin.“ Er tat so, als würde er kurz nachdenken und schlug dann vor: „Wie wäre es mit Flussufer, Baumwald oder Grasland?“

Er wandte sich um und stapfte auf seinen bloßen Füßen davon. Ich starrte ihm nach, innerlich mit mir ringend, ob ich ihn ein weiteres Mal aufhalten sollte. Da drehte er sich noch einmal um. Ich atmete erleichtert auf.

„Viel Glück!“, rief mir der Troll zu, bevor er einen Satz machte und von einem Augenblick auf den anderen verschwand. Ich war allein – überall und nirgends.

Meerwasser


Wellen schoben sich erwartungsvoll in Richtung der Felseninsel, hüpften ungeduldig vorwärts und wischten sich aufgeregt die widerspenstigen Schaumkronen aus den glitzernden Augen, die ihnen so übermütig die Sicht versperrten. Dort vorne war ihr Ziel, war es immer gewesen. Die einsame Felseninsel, die sich inmitten des endlosen Ozeans erhob. Leichtfüßig sprangen die Wogen voran, näherten sich tänzelnd der felsigen Formation. Die Weite des Meeres wollten sie hinter sich lassen und neue Erkenntnisse gewinnen. Wie fühlte es sich an, einen Stein zu berühren? Welch unbekannte Melodien konnte man erschaffen, indem man sich durch Spalten und Ritzen zwängte? Fühlte man sich einsam, wenn man als Pfütze in einer Senke zurückblieb, in einer Mischung aus Erregung und Furcht vor der Anziehungskraft der Sonne und einer weiteren Reise – hinauf in den Himmel und zurück? Fest stand jedenfalls, dass man viel zu erzählen hatte, wenn man die Freiheit endlich wiedergewann und heimkehrte in die endlose Weite des Ozeans. Wenn man sich erneut in die Wellen mischte und gemeinsam mit den unzähligen anderen Wassertropfen Ausschau hielt nach einem neuen Ziel, einer neuen Erfahrung.

Wasser. Das ganze Land bestand aus Wasser.

Zwar war ich froh, dass die Nässe nicht mehr in Form von Regen herabrieselte – freute ich mich nun wieder zu früh? – aber dennoch irritierte mich die feuchte Nachtluft genauso wie das unaufhörliche Rauschen der Wellen. Ich hatte die Felsformation, auf der ich mich befand, komplett umrundet und wusste nun, dass sie vollständig von Wasser umgeben war.

Wasser, das brodelnd in Kessel floss, die die Zeit aus dem Fels gegraben hatte. Wasser, das sich zischend durch Löcher und Spalten im Stein drängte, um ihn noch weiter auszuhöhlen. Wasser, das sich tobsüchtig gegen die Klippen warf, um der steinernen Barriere die eigene Macht und Stärke zu beweisen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Felseninsel nicht mehr existieren würde. Natürlich dachte ich dabei in Epochen und nicht in Jahren oder Jahrhunderten. Aber irgendwann würde der Ozean den Kampf gewinnen. Das Wasser würde den Stein brechen.

Mutlos war ich nach meiner Inselumrundung zu dem Ort zurückgekehrt, an dem ich mich mit dem Troll vor dessen Verschwinden unterhalten hatte.

Ich setzte mich auf den Felsen, der meinem einstigen Reisebegleiter bereits als Hocker gedient hatte, und stützte mein Kinn in die Hände, um gedankenverloren in die Ferne zu blicken.

Nicht, dass mir das etwas genützt hätte. Auch wenn ich den kleinen Kerl nachahmte, so blieb mir doch sein Wissen verborgen. Was sollte ich also tun?

Die Geschichte, die er mir anvertraut hatte, war unglaublich. Doch ich beschloss, sie dennoch als Wahrheit anzuerkennen. Irgendeinen Grund musste es schließlich dafür geben, dass ich mich mitten im Dezember auf eine Reise nach überall und nirgends gemacht hatte. Warum dann also nicht die Geschichte des Trolls als wahr hinnehmen? So weit, so gut. Aber wie ging ich nun vor?

Auf meine Frage, wo ich mit der Suche nach der Tochter des Mondes beginnen sollte, hatte ich nur eine unzureichende Antwort bekommen. Nicht in Meerwasser. Nun ja, ich hatte auch nicht vorgehabt, in den endlosen Weiten des Ozeans schwimmen und tauchen zu gehen, um dabei nach einem verloren gegangenen Kind Ausschau zu halten. Aber sehr viel mehr als Wasser schien es hier nicht zu geben. Überall und nirgends war eine Enttäuschung. Wasser und eine Felseninsel. Na schön, den Glanz der Sterne in den Wellen widergespiegelt zu sehen, hatte seinen ganz eigenen Reiz. Aber diese Welt war klein. So klein, dass ich nicht wusste, wo ich die Tochter des Mondes überhaupt suchen sollte. Sie würde sich doch nicht in einer der Felsnischen verborgen halten?

Unwillig rappelte ich mich auf und begann mit einer erneuten Umrundung der kleinen wellengepeitschten Insel. Ich wusste einfach nicht, was ich sonst tun sollte. Fels, Stein und Wasser. Weder fand ich ein Flussufer, noch einen Wald aus Bäumen oder irgendein Grasland. Die Antwort, die mir der Troll gegeben hatte, ergab einfach keinen Sinn.

In Gedanken versunken, die mich nicht weiterbrachten, hatte ich mich der Stelle genähert, an der ich meinen einstigen Reisebegleiter zuletzt gesehen hatte. Hier, an diesem kahlen Fleck, war er ganz plötzlich verschwunden. Hatte sich sozusagen in Luft aufgelöst. Ob er wohl wieder in meine Welt zurückgekehrt war? Mit einem kurzen Aufflackern von Sehnsucht dachte ich an mein warmes Bett, die gut gefüllte Speisekammer und ein sinnvolles Leben. War es denn ein sinnvolles Leben?, wagte es eine kleine Stimme in meinem Innern doch tatsächlich nachzuhaken. Die Antwort darauf fiel mir schwer. Vielleicht hatte es doch mehr Sinn, weiter nach der Tochter des Mondes zu suchen. Das Dröhnen der Wellen, die gegen die kleine Felseninsel brandeten und die gischtende Feuchtigkeit, die dieser Welt – überall und nirgends – innewohnte, hatten schon beinahe etwas Heimeliges. Ich gewöhnte mich wirklich erstaunlich schnell daran, auf einer unbewohnten felsigen Insel inmitten eines endlosen Ozeans zu stehen.

Das Licht um mich herum begann, sich zu verändern. Zögernd wichen die Sterne der Morgendämmerung. Das wogende Wasser verlor seinen glitzernden Schmuck und färbte sich stattdessen orange. Ich wartete auf die aufgehende Sonne, darauf, dass sich ein orange-roter Ball am Horizont erhob, dort, wo Meer und Himmel einander umschlangen. Doch nichts geschah. Nur meine Geduld verflüchtigte sich zusehends, als der Ozean, der die kleine Felseninsel umspielte, mir von einer Morgendämmerung erzählte, die wunderschön gewesen wäre – wenn sie denn auch eine aufgehende Sonne beinhaltet hätte. Doch nur das Wasser wechselte von orange zu rot und dann von lila zu blau.

Die Sonne hätte nun über mir am Himmel stehen müssen, doch da war sie nicht. Ich dachte an den fehlenden Mond während der vergangenen Nacht und grübelte darüber nach, ob denn auch die Sonne in Trauer war und deshalb ihr Erscheinen verweigert hatte. Leider kam ich zu keinem Ergebnis. Dazu wusste ich einfach zu wenig über diese Welt. Ich begann tatsächlich, mich nach dem grummeligen Troll zu sehnen, dessen Antworten zwar keine große Hilfe gewesen waren, der aber zumindest mit mir geredet hatte. Einsamkeit überkam mich in dieser mond- und sonnenlosen Welt. So wie ich das sah, gab es nur noch eine einzige Möglichkeit. Ich würde überall und nirgends verlassen, um in meine Welt zurückzukehren. Vielleicht konnte ich dort irgendwo den Troll auftreiben, der mich hierhergebracht hatte und mit ein bisschen Glück bekam ich endlich ein paar Antworten, die mir tatsächlich weiterhalfen.

Gedacht, getan. Ich befand mich noch immer an eben jener Stelle, die dem Troll als Übergang gedient hatte. Wenn mich nicht alles täuschte, waren wir hier auch in diese Welt gelangt. Also brachte mich das Kaugummitor hoffentlich genauso zuverlässig wieder zurück.

Mit ausgestreckten Armen bewegte ich mich über den Felsen und ertastete bald das, was ich gesucht hatte. Ein zähes, klebriges Etwas, das die Luft um sich herum ganz leicht zum Flimmern brachte. Gerade so, als würde man die Umgebung durch eine Glasscheibe wahrnehmen, die seltsamerweise auf einer Felseninsel inmitten des Ozeans stand. Ohne Rahmen. Ohne erkennbaren Nutzen. Und doch so wichtig, wenn es sich hierbei tatsächlich um den Übergang handelte, der mich zurück in meine Heimat, in meine Welt, bringen würde.

Ich hielt die Arme weiterhin ausgestreckt – mein gelber Mantel flatterte im Wind – und trat in das kaugummiartige Gebilde. Die Durchquerung war anstrengend. Ohne die Hand des Trolls, der mich durch das erste Tor mehr oder weniger gezogen hatte, kostete mich das Durchdringen der zähen Masse mehr Kraft, als ich gedacht hatte. Aber es gelang mir. Meine Hände und Arme stießen zuerst aus der elastischen Substanz heraus. Ein Luftzug strich über sie. Gleichzeitig begannen sie sich zu erhitzen. Was war dort draußen los? So schnell wie möglich kämpfte ich mich weiter und schob schließlich meinen kompletten Körper aus dem Tor.

Sengende Hitze erwartete mich. Eine riesige gelbe Sonne stand an einem Himmel, der von einem solch grellen Blau war, dass es in den Augen brannte. Unter meinen Schuhen tummelten sich unzählige Kieselsteine. Kleine Steinchen bedeckten auch bereits meinen Mantel und wurden mir von den Windböen schmerzhaft ins Gesicht geschleudert. Entsetzt blickte ich mich um. Doch es gab nichts zu sehen. Zumindest nichts außer Steinen. Steine, so weit das Auge reichte. Ich war nicht zu Hause. Das Tor hatte mich in die Wüste geschickt.

Steinwüste


Er verließ das kleine Häuschen, das er sich aus unzähligen Steinen zusammengeschustert hatte und kniff die Augen zusammen, als ihn das grelle Licht der Sonne blendete. Nicht etwa deshalb, weil er überrascht gewesen wäre. Die Ungastlichkeit der Welt konnte ihn schon lange nicht mehr schockieren. Eher geschah es als unbestimmte Auflehnung gegen die Widrigkeiten seines Lebens. Allen Lebens in dieser endlosen Steinwüste.

Der Riese hob die rechte Hand und kratzte sich ausführlich den zottigen Bart, der unsanft sein Gesicht bedeckte. Er konnte froh sein, dass Riesen keinen allzu schnellen Haarwuchs hatten. Sonst würde ihm der Bart vermutlich schon bis an die Brust reichen. Und das trotz seiner Körpergröße. Aber wie, zum Teufel, sollte er sich einen Bart rasieren, wenn es in dieser seiner Welt nicht einmal genug Wasser gab, um regelmäßig etwas trinken zu können?

Mit schlurfenden Schritten setzte sich der Riese in Bewegung und durchquerte das kleine Tal, das zwischen zwei Steinbergen eingepfercht lag. Es war ein guter Ort. Die beiden Berge sorgten dafür, dass sein Haus zumindest einen halben Tag lang im Schatten lag und nicht der sengenden Sonne ausgesetzt war.

Als der Riese das Tal verließ, führten seine Schritte ihn durch eine gewaltige Kuhle. Auf der einen Seite hinunter und auf der anderen Seite hinauf. Der selbe Weg wie an jedem Tag. Hinter dem großen Krater lag die Steinwüste. Es war lange her, dass der Riese versucht hatte, dieses Gebiet zu erkunden. Trostlos war es und trocken. Und außer Steinen hatte er dort nichts gefunden. Rein gar nichts.

Der Riese wandte sich nach links und ging am Rand der Kuhle entlang bis er zu einem weiteren Berg kam. Dort, am unteren Ende des Berges, befand sich ein Relikt aus grauer Vorzeit. Etwas, das bis vor einigen Monaten höchst zuverlässig das Überleben auf dieser Welt gesichert hatte. Etwas, das nicht mehr funktionierte.

Langsam näherte sich der Riese dem stählernen Konstrukt, das dort aus dem Berg ragte und wie ein riesiger Wasserzufluss aussah. Vor dem Gebilde fiel er erschöpft auf die Knie und streckte seine zittrigen Hände aus. Er hielt sie direkt unter die Öffnung des Rohres, rieb sie gegeneinander und hoffte. Nichts geschah.

Der Riese blieb dennoch, wo er war. Er knetete seine Hände, fuhr sich über die rissigen Handflächen und die großen trockenen Finger. Wieder und wieder. Im Geiste waren seine Hände nass, doch in Wirklichkeit verrieb er nur die kleinen Steinchen, die der Wind ihm zwischen die ineinander verknoteten Finger blies, zu bröckelndem Sand.

Schützend hob ich meinen Arm und legte ihn über mein Gesicht. Die kleinen Steinchen, die der Wind durch die Luft wirbelte, verursachten auf meinem gelben Mantel leise prasselnde Geräusche.

Eines war nun klar. Das Tor funktionierte nicht nur zwischen meiner Welt und der Felseninsel, von der ich gerade kam. Wie es aussah, führte es noch zu anderen Welten. Wie viele Welten?, hörte ich eine eindringliche Frage aus meinem Kopf, die ich lieber auf später verschob. Das war gesünder.

Erst einmal musste ich mich mit dieser Wüste auseinandersetzen, die ganz und gar aus Steinen zu bestehen schien. Ich lugte unter dem Ärmel meines Mantels hervor und drehte mich einmal im Kreis. Erleichtert atmete ich auf. Vor mir erstreckte sich eine endlose steinige Weite, aber hinter mir – und hinter dem leichten Flimmern des Übergangs – erhoben sich Berge. Berge, die sich – wie konnte es auch anders sein – aus unzähligen Steinen aufgetürmt hatten.

Ich setzte meinen Rucksack ab und zog das Handtuch hervor, das ich eingepackt hatte. Wie einen Turban schlang ich es mir um den Kopf und bedeckte auch einen Großteil meines Gesichts damit, um mich vor dem Steinhagel zu schützen, der auf dieser Welt zur natürlichen Wetterlage zu gehören schien.

Um die Stelle wiederzufinden, an der sich die gläserne Pforte befand, schichtete ich die größten Steine, die ich finden und auch bewegen konnte, zu einer Pyramide auf. Dann wandte ich mich nach einem letzten zufriedenen Blick auf mein steinernes Symbol in Richtung der Berge. Vielleicht wartete dort irgendwo die Tochter des Mondes auf ihre Rettung.

Der Weg war mühsam. Als ich den ersten Berg erreichte und begann, ihn zu erklimmen, machten mir nicht nur die sengende Hitze und die ratternden Steinangriffe zu schaffen, sondern auch der bewegliche Untergrund. Für jeden Schritt, den ich nach oben tat, rutschte ich einen halben zurück nach unten. Meine Schuhe fanden auf den Kieselsteinen einfach keinen richtigen Halt.

Als ich etwa auf halber Höhe angekommen war, begann ich, den Berg zu umrunden. Lieber wollte ich mich erst auf der anderen Seite umsehen, als einen möglicherweise überflüssigen Aufstieg zum Gipfel zu absolvieren. Von einem Gipfelbuch hatten die hier sicher auch noch nichts gehört.

Die Umrundung des Berges erwies sich als ebenso heikel, aber weniger frustrierend. Auf der anderen Seite angekommen, erkannte ich am Fuß des Berges ein schmales Tal, das sich erfolgreich zwischen mehrere Steinhügel gezwängt hatte. Und in diesem Tal – befand sich dort etwa eine Hütte? Wenn ja, dann war sie nicht nur gut versteckt – aus dem einfachen Grund, weil sie genau wie ihre Umgebung aus Steinen zu bestehen schien – sondern besaß auch riesige Ausmaße. Auf jeden Fall war es ein Ziel. Und so lenkte ich meine Schritte in Richtung der merkwürdigen Behausung.

Je näher ich kam, desto unglaublichere Ausmaße nahm die Steinhütte an. Wenn hier jemand wohnte, musste derjenige groß sein. Sehr groß. Diese Überlegung machte mir Angst. Ich verlangsamte meine Schritte und überdachte mein Ziel. Aber mangels einer echten Alternative beschloss ich, meinen Weg dennoch fortzusetzen. Der Entschluss überraschte mich. In meinem bisherigen Leben war ich nicht unbedingt der risikofreudigste Mensch gewesen. Aber vielleicht veränderte man sich ja, wenn man von einem Troll auf eine merkwürdige Reise mitgenommen wurde.

Langsam pirschte ich mich an die riesige Behausung heran. Ich achtete darauf, dass man mich von innen durch die großen Löcher, die wohl Fenster darstellen sollten, nicht sehen konnte. Als ich die größte Öffnung erreichte, stellte ich mich dicht an die steinerne Mauer und lugte vorsichtig hinein.

Durch die vielen Löcher drang genug Licht ins Innere der Behausung, um mir einen Blick auf das Mobiliar zu ermöglichen, das komplett aus Steinen zusammengeschustert war. Ich erkannte ein Steinbett, das für meine Begriffe überaus ungemütlich zu sein schien. Es stand direkt neben einer steinernen Truhe, deren steinernen Deckel ich niemals hätte anheben können. Eine große Steinplatte auf unzähligen übereinander gehäuften Steinen diente wohl als Tisch und eine kleinere Version davon als Stuhl. Ich zählte einen einzigen Stuhl. Also gab es hier nur einen Bewohner? Da dieser im Augenblick jedoch nirgends zu sehen war, wagte ich mich ins Innere der Behausung. Fasziniert sah ich mich dort weiter um. Da gab es Teller aus Stein, ausgehöhlte steinerne Schüsseln und scharfkantige Steinmesser.

Ich war gerade dabei, ein paar Bilder zu betrachten, die Sonne, Mond und Sterne darstellten und mit einer Art Kohle auf dünne Steinplatten gemalt waren, als sich auf einmal der Eingang verdunkelte.

Hastig wandte ich mich um, aber mein entsetzter Schrei blieb mir im Halse stecken. In der Türöffnung stand ein bärtiger Riese, dessen dunkle Augen zornig funkelten. Instinktiv wich ich zurück, bis ich mit dem Rücken an die Steinwand stieß.

Ein beißender Geruch nach ungewaschenem Körper kam mir von dem riesenhaften Geschöpf entgegen, als es sich nun bückte, um seine große Gestalt durch den Eingang ins Innere der Hütte zu quetschen. Panisch sah ich mich nach einem Fluchtweg um. Mein Blick fiel auf eine der Fensteröffnungen, die nicht allzu weit von mir entfernt war. Ich schloss kurz die Augen, sprach mir selbst Mut zu und rannte dann genau in dem Moment los, in dem sich der Riese wieder aus seiner gebückten Haltung erhob und sich suchend nach mir umschaute.

Wie von Furien – oder Riesen – gehetzt, eilte ich zu dem Loch in der Wand, stützte mich auf dem Rahmen ab und zog mich dann hoch. Mehr fiel ich durch die Öffnung, als dass ich elegant hindurchsprang, aber das war mir egal. Ohne mich nach dem zornigen Riesen umzusehen, rappelte ich mich auf der anderen Seite des Fensters wieder hoch und hastete davon.

Nun verfluchte ich den steinigen Untergrund, der es mir unmöglich machte, so schnell zu fliehen, wie ich es gerne getan hätte. Zwei Schritte vor, einen zurück. Zwei Schritte vor, einen zurück. Dann noch mit der Schuhspitze an einem hervorstehenden Stein hängengeblieben und ins Straucheln gekommen … ich begann mich darüber zu wundern, dass mich der Riese mit seinen viel längeren Beinen noch nicht eingeholt hatte.

Am Ende des Tals angekommen, sah ich zurück. Der Anblick, der sich mir bot, war beinahe traurig. Da stand der Riese vor dem Eingang zu seiner Steinhütte und schaute mir nach. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war aus dieser Entfernung nicht mehr zu erkennen, aber das ganze Bild vermittelte eine solch unfassbare Einsamkeit, dass ich mich tatsächlich bei dem Gedanken ertappte, umzukehren und dem riesenhaften Geschöpf meine Freundschaft anzubieten.

Dann erinnerte ich mich an den Zorn in seinen Augen und beschloss, dass ich doch besser anderswo weiter nach der Tochter des Mondes suchen sollte.

Also verließ ich das ungastliche steinerne Tal und schritt – oder rutschte – einen Abhang hinab in eine riesige Senke, die ich durchquerte. Auf der anderen Seite angekommen krabbelte ich mühsam wieder aus ihr heraus und blickte mich unentschlossen um. Was ich nun brauchte, war ein neues Ziel. Aber was gab es hier schon außer unzähligen Steinen und einer sengenden Sonne, die den Aufenthalt in diesem Land nahezu unerträglich machte?

Auf einmal verspürte ich einen Durst, wie ich ihn bis zu diesem Augenblick noch nicht gekannt hatte. Die Hitze zusammen mit meiner Flucht vor dem Riesen hatte mich regelrecht ausgedörrt. Zum Glück hatte ich eine Flasche mit Wasser in meinem Rucksack.

Gerade als ich nach hinten greifen und mein Gepäck absetzen wollte, sah ich es. Es war ein kurzes Aufleuchten im Licht der Sonne und kam vom Fuß des Berges, der ein Stück weiter am Rand der Senke lag.

Neugierig geworden verschob ich mein Vorhaben auf später. Zuerst wollte ich wissen, was dort drüben in einer Welt, die nur aus Stein zu bestehen schien, im Sonnenlicht funkelte.

Anfangs vermochte ich es nicht auszumachen. Doch als ich näher kam, entdeckte ich eine Art steinernen Trog, der dort am Fuß des Berges stand. Er sah aus wie eine Pferdetränke. Aber was für einen Sinn hätte eine Pferdetränke in dieser Einöde? Das stählerne Rohr, das darüber aus dem Berg ragte, irritierte mich zutiefst. Stahl in einer Steinwüste? Und wozu war das Rohr gut? Erst in diesem Moment fiel mein Blick auf den kleinen Wasserhahn, der seitlich am Rohr angebracht war. Verwirrt beugte ich mich nach vorne und streckte meine Hand aus. Einen kurzen Augenblick lang zögerte ich, den Hahn zu drehen. Schließlich war nicht gesagt, dass da irgendetwas Gutes herauskommen würde. Was wusste ich schon von den Gesetzen dieser fremden Welt!

Doch dann siegte meine Neugier und ich drehte das kleine stählerne Rad. Ich musste all meine Kraft aufwenden, um es überhaupt voranzubringen. Fast kam es mir so vor, als wäre der Hahn lange nicht mehr in Gebrauch gewesen. Sehr lange. Aber mit einem durchdringenden Kreischen setzte er sich schließlich in Bewegung und ließ sich einige Male um sich selbst drehen.

Zuerst geschah gar nichts. Ich stand vor dem Rohr und war mir nicht sicher, ob es nicht vielleicht klüger gewesen wäre, irgendwo in Deckung zu gehen. Hinter einem Stein zum Beispiel? Aber ganz plötzlich hörte ich es. Ein leises Gluckern im Berg, das langsam lauter wurde. Es war, als würde etwas näherkommen. Etwas, das lebhaft vor sich hinplätscherte und so gar nicht in diese sonnengepeinigte steinhagelnde Wüste passte. Wasser …!

Ich wusste es, noch bevor es munter vor sich hin trällernd aus dem stählernen Rohr schoss. Und als es das tat, konnte ich nicht anders, als freudig zu lachen. Noch immer ein wenig ungläubig fasste ich mit beiden Händen in das lebenspendende Nass, spielte mit dem nicht enden wollenden Fluss, der so plötzlich zum Leben erwacht war und wischte ein paar Schmutzflecken von meinem gelben Mantel.

Ich war so damit beschäftigt, mich über das klare Bergwasser zu freuen, dass ich gar nicht bemerkte, dass ich beobachtet wurde.

Schon wandelte sich die Luft um den steinernen Trog, der sich stetig füllte. Wasser, das von der Sonne angezogen wurde, erhob sich in die Lüfte und schenkte der Welt eine Feuchtigkeit, die noch vor kurzem undenkbar gewesen war.

Wieder tauchte ich meine Hände in das kalte Nass und nahm einen kräftigen Zug von dem klaren Wasser. Es schmeckte wunderbar! Ich füllte meine Hände gerade ein zweites Mal, als sich plötzlich eine riesige Pranke auf meine Schulter legte. Das ungewohnte Gewicht ließ mich widerstandslos in die Knie gehen.

Furchtsam blickte ich mich um, doch was ich da hinter mir sah, war nicht angsteinflößend. Na ja, oder nicht so sehr wie ich befürchtet hatte.

Hinter mir stand der Riese, der mich in seiner Hütte überrascht hatte. Seine Hand lag auf meiner Schulter, aber seine Augen sahen mich nicht an. Sie waren fest auf das sprudelnde Wasser gerichtet, das da auf einmal aus dem Berg geschossen kam und den Trog nun schon beinahe komplett gefüllt hatte.

Am Wegrennen gehindert stand ich ganz still und wartete darauf, dass mich der Riese vielleicht doch noch irgendwann bemerkte. Doch stattdessen bemerkte ich etwas. Eine riesengroße Träne, die der hünenhaften Gestalt über die bärtige Wange rann und dann von seinem Kinn tropfte.

Als mich der Riese aus seiner Umklammerung entließ, hätte ich zwar fliehen können, aber irgendetwas sagte mir, dass dies gar nicht nötig war.

Stattdessen beobachtete ich ergriffen, wie das große Geschöpf neben mir auf die Knie sank und seine beiden riesigen Hände unter den Wasserstrahl hielt. Er rieb sie gegeneinander, knetete sie und fuhr sich über die Handflächen, in denen sich bereits das Wasser staute, und über die großen nassen Finger. Wieder und wieder. Es war, als hätte er diese Bewegungen unzählige Male zuvor gemacht. Als wären sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen.

Mir wurde bewusst, dass bereits weniger Steinchen gegen das Handtuch geschleudert wurden, das ich immer noch um den Kopf gewickelt trug. Wahrscheinlich hinderte sie die zunehmende Luftfeuchtigkeit an ihren kecken Flügen.

Der steinerne Trog hatte sich nun endgültig gefüllt. Ich überlegte, ob ich den Wasserhahn wieder abstellen sollte und bewegte meine Hand in die entsprechende Richtung, als mich der Riese am Arm packte und von meinem Vorhaben abbrachte.

Er hielt mich fest, während wir beide beobachteten, wie das Wasser über den Rand des Troges lief und als Rinnsal weiter in die Senke plätscherte, die sich genau daneben befand. Es dauerte eine Zeitlang, bis es seinen Weg zum Grund der Senke gefunden hatte. Und es dauerte noch länger, bis es anfing, sich dort unten in einer Pfütze zu sammeln. Aber dies war der Moment, in dem ich es begriff.

Nicht nur der Trog war ein Wasserbehälter. Auch diese seltsame Senke war es. Wenn das Wasser so weiterfloss, würde sich dort unten zu gegebener Zeit ein See bilden. Und einen See konnte diese Welt nun wahrlich gebrauchen!

„Danke“, flüsterte der Riese und erschreckte mich durch diesen plötzlichen Beginn einer Kommunikation.

„Keine Ursache“, antwortete ich perplex. Was sollte man einem Riesen auch sonst antworten?

„Wirst du mich in mein Haus begleiten und mir beim Essen Gesellschaft leisten?“, lud mich der bärtige Hüne ein. Ich nickte nur.

Etwa eine Stunde später wünschte ich mir, ich hätte die Einladung abgelehnt. Dann nämlich, als mir der Riese zermahlene Steinsuppe und gebackene Bratsteine servierte. Aber da war es schon zu spät, die steinerne Mahlzeit knirschte mir zwischen den Zähnen und ich hoffte, meinen Gastgeber nicht allzu sehr zu brüskieren, wenn ich von den angebotenen Speisen nur wenig zu mir nahm. Vielleicht konnte ich mich mit meinem winzigen Magen herausreden.

„Was wird jetzt mit dem Wasser geschehen?“, versuchte ich den Riesen von unserer gemeinsamen Mahlzeit abzulenken.

Das große Geschöpf, das mir zuliebe auf dem Boden Platz genommen und mir den einzigen Stuhl überlassen hatte, sah mich an. „Es wird die Senke füllen und den See bilden, der dort zu sein hat. Dann ist diese Welt wieder im Gleichgewicht. Es wird immer genau so viel Wasser von der Sonne entführt werden, wie aus dem Berg fließt.“

Ich nickte nachdenklich. Das enthielt durchaus einen tieferen Sinn. Aber etwas verstand ich noch nicht.

„Wieso hast du den Wasserhahn nicht aufgedreht?“, wollte ich wissen.

Das Gesicht des Riesen nahm einen verdutzten Ausdruck an. „Welchen Wasserhahn?“

Verwirrt blickte ich ihn an. „Den, der sich an der Seite des Rohres befindet.“

Der bärtige Hüne schüttelte den Kopf. „Er muss so klein sein, dass ich ihn nicht wahrnehmen kann“, meinte er bedauernd.

Ich starrte meinen Gastgeber an. So einfach war sie also, die Erklärung. Und auch – so schwer.

Auf der Suche nach Worten, die dem Riesen mein Mitleid kundtun würden, öffnete ich den Mund. Doch irgendetwas an der Arglosigkeit des Anderen ließ mich keine Worte finden. Es schien, als würde der Riese seine eingeschränkte Perspektive einfach so hinnehmen. Es war, als würde er nicht einmal auf die Idee kommen, sie ändern oder erweitern zu wollen. Also hielt ich mich ebenfalls zurück.

„Warum bist du gekommen?“, fragte mich mein Gastgeber plötzlich. Der Gedankensprung irritierte mich, erinnerte mich aber gleichzeitig wieder an den eigentlichen Grund meines Hierseins.

„Ich bin auf der Suche nach der Tochter des Mondes.“

Sofort wurde der Blick des Riesen misstrauisch. „Warum?“, wollte er wissen.

Ich überlegte einen Augenblick lang. „Weil ihre Mutter in Trauer ist und ich sie gerne daraus befreien würde“, antwortete ich dann langsam. Und in dem Moment, in dem ich die Worte aussprach, wusste ich, dass sie der Wahrheit entsprachen. Das war der Grund für meine Suche. Nicht mein langweiliger Alltag zu Hause. Nicht der Besuch oder Auftrag eines Trolls. Sondern das Gefühl, jemandem helfen zu müssen, der sich in so tiefer Trauer vergraben hatte, dass ihm der Sinn seines Lebens abhandengekommen war.

Der Riese sah mich eindringlich an und nickte dann zustimmend. Sein Blick glitt von mir zu den Bildern, die seine Wand schmückten und die ich bereits bei meinem unerlaubten Eindringen bewundert hatte.

„Sie war hier“, meinte er ruhig.

Ich erstarrte. Tatsächlich? Das war meine erste richtige Spur!

„Sie war entsetzt, als sie das Ungleichgewicht sah, das in dieser Welt bis zum heutigen Tag herrschte. Sie versuchte, die Dinge in Ordnung zu bringen, doch es gelang ihr nicht.“

Der Blick des Riesen hing immer noch wie gebannt an den Bildern.

„Als sie feststellen musste, dass es nicht ihr Schicksal war, diese Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, überkam sie Verzweiflung. Als sie dann ging …“ Die Stimme des bärtigen Hünen wurde leiser und bekam einen traurigen Klang, „ … als sie dann ging, geschah es in der Hoffnung, anderen Welten ihre natürliche Ordnung zurückzubringen. Woanders zu versuchen, was ihr hier nicht gelungen war.“

Ich war erleichtert, endlich eine Spur zu haben. Eine Spur, der ich weiter folgen konnte. Die Tochter des Mondes war irgendwo dort draußen und wartete darauf, gefunden zu werden.

Dennoch mischte sich auch Verwirrung in meine Erleichterung. So ganz war mir noch nicht klar, was hier eigentlich passierte.

Nachdenklich blickte ich dem Riesen in dessen bärtiges Gesicht. „Warum sind denn die Welten im Ungleichgewicht?“, stellte ich ihm die Frage, die mir am Herzen lag.

Mit der Reaktion des Hünen hatte ich allerdings nicht gerechnet. Er sah sich auf einmal beinahe ängstlich um und schüttelte den Kopf. Ob er mir damit bedeuten wollte, dass er es nicht wüsste oder dass er nicht darüber reden könnte, war mir nicht klar.

„Ich bin dir wirklich überaus dankbar für deine Hilfe“, versicherte mir der Riese, während er sich aus seiner sitzenden Position erhob. „Aber besser, du gehst jetzt.“

Sprachlos starrte ich ihn an. Das war wirklich ein sehr durchschaubarer Rausschmiss. Aber wie es schien, würde ich nichts mehr von dem Bewohner dieser Welt erfahren.

Schweigend erhob ich mich ebenfalls und streckte verabschiedend eine Hand aus. Hätte ich das nur gelassen! Bereits als meine Hand völlig in der riesenhaften Pranke verschwand, wusste ich, was nun folgen würde.

Ein stechender Schmerz durchzuckte mich, als mir der bärtige Hüne zum Abschied die Hand drückte. Dabei war ich mir sicher, dass der Kerl sogar noch behutsam zu sein versuchte.

Als ich meine Hand wieder hatte, sagte ich meinem großen Gastgeber Lebewohl und wandte mich zum Gehen. Ich hatte nicht für alles eine Erklärung erhalten, aber nach dem undurchsichtigen Troll war ich mit den Antworten des Riesen eigentlich doch recht glücklich.

Als ich aus dem Tal zurück in die Ebene kam, war die Pfütze in der Senke bereits größer geworden. Ohne Zweifel würde sich hier in den nächsten Tagen – oder Wochen – erneut ein See bilden.

In der Ferne konnte ich undeutliche Bewegungen ausmachen. Waren das Tiere, die das Wasser rochen und nun näherkamen, um zu trinken? Die dunklen Schemen hatten entfernt Ähnlichkeit mit Antilopen.

Ich wandte mich in die Richtung, in der ich den Übergang wusste. Mein Steinmännchen, das ich dort gebaut hatte, versicherte mir, dass ich mich auf dem richtigen Weg befand.

Nachdenklich betrachtete ich die flimmernde Luft, die das Portal umgab. Was mich wohl auf der anderen Seite erwartete? Eine neue Welt? Oder würde ich zurück auf die kleine Insel kommen, die umgeben war von Meerwasser?

Gerade als ich mich anschickte, den Schritt in den Übergang zu wagen, hörte ich hinter mir lautes Keuchen und das Bersten von Stein.

Erschrocken drehte ich mich um. Durch die Steinwüste rannte ein rotbärtiger Riese.

„Verfolgst du mich?“, fragte ich grinsend. Zu meiner Überraschung nickte der Hüne.

„Ich komme mit dir“, stellte er mich vor vollendete Tatsachen. Und erklärend fügte er hinzu: „Ich möchte der Tochter des Mondes ebenfalls helfen.“

Ich nickte verdattert. Dann wandte ich mich wieder dem flimmernden Gebilde zu, hinter dem uns eine andere Welt erwartete. Dann würden wir nun also zu zweit nach dem verschwundenen Kind suchen. Damit hatte der so wortkarge Troll am Ende doch Recht behalten. Hilfe würde mir zur rechten Zeit zuteil werden. Ich grinste. Mit solch riesenhafter Hilfe hatte ich aber wahrlich nicht gerechnet.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, holte ich tief Luft und setzte meinen Fuß durch das Portal in eine andere Welt. Oder zumindest in den zähen Kaugummi, der uns dorthin bringen würde.

Baumwald


Die kleine Meerkatze mit dem weißen buschigen Bart hangelte sich aufgeregt von Ast zu Ast. Nichts war mehr so, wie es sein sollte. In einer Backentasche versteckt trug sie die leckere Frucht, die sie eigentlich in aller Ruhe hatte verzehren wollen. Aber dann war sie auf andere Tiere gestoßen, die ihr die Nahrung streitig machen wollten. Schlimmer noch – sie war auf Tiere gestoßen, die sie selbst liebend gern zur Beute gemacht hätten.

Todesmutig überwand die kleine Meerkatze einen besonders großen Abstand zwischen zwei Ästen und turnte einen anderen Baum hinunter. So weit, dass sie mit den Pfoten bereits das Wasser berühren konnte, das den Stamm umschloss. Was sie da tat, war gefährlich. Mit dem Wasser waren auch zahlreiche Feinde in den Wald gekommen. Krokodile, Schlangen, Fische. Sie alle freuten sich über die gut bestückte Speisekarte, die sich ihnen neuerdings bot.

Die kleine Meerkatze eilte weiter. Ein Satz, eine Drehung, ein Sprung. Ihr Körper war dazu geschaffen, das Geäst zu beherrschen. In ihm zu leben. Früher war sie auch manchmal auf den Boden geklettert und hatte sich die Welt angesehen, die es dort gegeben hatte. Aber diese Welt war nun verschwunden. Eines Tages hatte das Wasser sie einfach überrollt. Die Ankunft des Wassers war zuerst nicht verwunderlich gewesen. Nach der Regenzeit stieg der Pegel der zahlreichen Flüsse in jedem Jahr so stark an, dass der Wald teilweise überschwemmt war. Teilweise, dachte die kleine Meerkatze, während sie elegant auf einen anderen Baum wechselte. Und für gewöhnlich verschwand das Wasser nach einiger Zeit wieder.

Nicht so dieses Mal. Das Wasser bedeckte den gesamten Waldboden und blieb wo es war. Hungrig. Lauernd.

Und lauernd verhielten sich auch die Tiere, die vor dem Hochwasser in die Bäume geflüchtet waren. Tiere, die dort eigentlich nichts zu suchen hatten. Tiere, denen die kleine Meerkatze nun auf ihrem Weg ausweichen musste.

Sie setzte zu einem neuen Satz an, nutzte ihren langen Schwanz dazu, das Gleichgewicht zu halten, und sprang.

Als ich das Portal verließ, stand ich in Wasser. Keine Pfütze. Auch kein leise vor sich hin plätschernder Bach. Nein, das Wasser, in dem ich stand, war blaugrün, lauwarm, verströmte einen modrigen Geruch und – und das war das Schlimmste an der Sache – es ging mir bis zur Hüfte.

Erschrocken über die plötzliche Nässe, die durch meine Hose und meinen gelben Mantel drang, sah ich mich hastig nach einem Ufer um. Doch es gab keines. Stattdessen erhoben sich aus dem Wasser Baumstämme, die dicht beisammen standen und bis weit in den Himmel ragten.

Grün. Es war alles so grün. Zwischen den Baumstämmen, inmitten der Sträucher und Gräser, die man kaum noch über das blaugrüne Wasser hinausragen sah, stand weit ausladend Farn, dessen mit Wassertropfen besprenkelte Blätter sich schwungvoll aufwärts bogen und es so schafften, dem hüfthohen Wasser zu entrinnen. Und auf dem Farn, auf den Sträuchern und Bäumen, krabbelte und kletterte Moos von solch intensivem Grün, dass selbst das Tageslicht sich davon beeinflussen ließ. Es spiegelte sich in dem hohen Nass wider und entfachte so einen Kampf der Farben. Blau gegen grün, grün gegen blau. Das Wasser stand still. Doch der Wind, der durch die Äste und den Farn strich, brachte deren tanzende Bewegung auch in das wässrige Spiegelbild. Blau gegen grün, grün gegen blau. Je nachdem, welches Bild das Wasser gezwungen war, wiederzugeben, änderten sich auch die Farben.

Kleine braune Pilze, Zeugen der Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit des Waldes, tummelten sich auf den bemoosten Baumstämmen.

Ich blickte nach oben, aber durch die grünen Baumwipfel war nicht ein winziges Fleckchen Himmel zu sehen. Wie ein gewaltiges Zelt dehnte sich der Wald über dieser Welt aus.

Der grüne Anblick überwältigte mich schier. Die Einfarbigkeit hatte etwas Unangenehmes, war aber gleichzeitig höchst willkommen, versprach sie doch pures Leben.

Nach meinem Aufenthalt in der Steinwüste erschien mir dieser Wald, dieser grüne Flecken Erde, wie der Inbegriff der Wiedergeburt. Also ignorierte ich das seltsam nagende Gefühl, das begann, sich in der Gegend auszubreiten, wo ich aus früheren Erfahrungen meinen Instinkt vermutete. Instinkt, Unbewusstes, Feuermelder – so etwas eben. Ich hätte es nicht ignorieren sollen.

Um diesen ersten Eindruck von der Welt, in der ich gelandet war, zu gewinnen, genügten Sekunden. Und mehr Zeit hatte ich auch nicht.

Das weit aufgerissene Maul mit den spitzen Zähnen, das ganz plötzlich auf mich zugeschossen kam, gehörte zu einem gigantischen Krokodil, das in dem türkisfarbenen dunklen Wasser erst in mein Sichtfeld kam, als es schon zu spät war.

Na ja, es wäre zu spät gewesen. Wäre in diesem Moment nicht ein Riese hinter mir durch das gläserne Portal gekommen, der recht unsanft gegen mich stieß – was stand ich auch immer noch träumend im Weg herum! – und mich dadurch versehentlich aus dem Gefahrenbereich der Krokodilszähne beförderte.

Der darauffolgende Zusammenstoß war gewaltig. Das Krokodil, das sich so plötzlich um seine Beute betrogen fand, war nicht mehr in der Lage, seinen Angriff der veränderten Sachlage anzupassen und rammte den Riesen mit voller Wucht. Doch der schwankte nicht einmal. Verwundert blickte er nach unten und betrachtete eher erstaunt denn verängstigt das Wasser, das ihm fast bis zu den Knien reichte und das gefährliche Reptil, das ein Gesicht zog, als hätte es sich bei dem Zusammenstoß mit dem Riesen gleich mehrere Zähne ausgebissen. Und vielleicht war dem auch so.

Jedenfalls machte es genauso schnell kehrt, wie es gekommen war und verschwand mit einem letzten, traurig anmutenden Schlag seines schuppigen Schwanzes im modrig riechenden Wasser zwischen den Bäumen.

„Das war super!“, erklang eine aufgeregte Stimme aus der Höhe. Ich zuckte zusammen und erwartete den nächsten bösartigen Angriff von oben. Was mochte wohl auf das Krokodil noch folgen? Ein Greifvogel? Ein Panther? Ein Flugsaurier? Wer wusste schon, was in diesem so ursprünglichen Wald einer anderen Welt wieder zum Leben erwacht war! Überall und nirgends konnte sicher so einiges existieren, das man sich in meiner Welt nicht einmal mehr vorstellen konnte.

Angestrengt versuchte ich, mit meinen Blicken die grün bemoosten Äste zu durchdringen, jedoch ohne Erfolg. Es war kein Flugsaurier zu entdecken. Also probierte ich mein Glück auf andere Art und Weise.

„Wer bist du?“, fragte ich den grünen Wald.

„Ich bin ich“, schallte es sofort zurück. Irrte ich mich, oder versuchte da jemand angestrengt, ein Kichern zu unterdrücken?

Etwas hilflos wandte ich mich zu dem großen Gefährten an meiner Seite. Doch der betrachtete nur neugierig die Bäume, aus denen die hohe Stimme zu uns drang, und scherte sich ganz offenbar nicht um die Sinnlosigkeit einer Unterhaltung, die bereits zu Beginn am fehlenden Inhalt scheiterte.

Na toll, dachte ich insgeheim. Ein wortkarger Troll, ein argloser Riese und eine freche, kleine Stimme, die sich nicht zu erkennen geben will. Die Gesellschaft auf dieser wundersamen Reise ließ meines Erachtens nach sehr zu wünschen übrig.

In diesem Augenblick ertönte die Stimme wieder, genau neben meinem linken Ohr. „Und wer bist du?“

Vor Schreck stolperte ich und fiel mitsamt meinem gelben Mantel in das blaugrüne Wasser, in dem wir immer noch standen. Der Mantel sog sich sofort voll und auch mein Wollpullover machte mich abermals darauf aufmerksam, dass ich bei der Wahl meiner Kleidung für dieses Abenteuer möglicherweise ein oder zwei Fehler gemacht hatte.

Ich strampelte wie verrückt mit den Beinen, um wieder einen festen Halt unter meinen Füßen zu finden. Leider erwies sich das als nicht so einfach. Der Waldboden war durch das stehende Wasser aufgeweicht und rutschig geworden. Herabfallende Blätter hatten das ihre dazu beigetragen, dass der Untergrund eigentlich kein richtiger Untergrund mehr war. Ich schaffte es nur, den lehmigen, blättrigen Boden unter mir weiter aufzuwühlen, so dass er das Wasser um mich herum verdunkelte und mir jegliche Orientierung raubte. Vor meinen Augen vermischten sich Wasser und Schmutz. Einen Moment lang glaubte ich, in der Dunkelheit etwas ausmachen zu können. Eine Art Seil oder Kette? Aber einen festen Halt unter meinen Füßen fand ich nicht. Die Luft wurde mir knapp. Die Schwere meiner Kleidung hielt mich unter Wasser, während ich verzweifelt versuchte, wieder an die Oberfläche zu gelangen. Hastig fuhr ich mit meinen Fingern zu der Knopfreihe, die meinen gelben Mantel zusammenhielt. Ich musste aus diesen schweren Klamotten heraus, sofort! Du willst dich deines gelben Mantels entledigen?, kreuzte ein kleiner, wahrlich unwichtiger Gedanke mein Gehirn. Was wird dann aus der Prophezeiung? Ich schob diese Verdrehung der Prioritäten auf den Sauerstoffmangel und begann, an dem obersten Knopf einer allzu langen Reihe von Knöpfen zu zerren.

In diesem Moment packten mich zwei riesige Hände um die Hüfte und hoben mich mühelos aus meiner misslichen Lage zurück an die Wasseroberfläche.

Einige lange Augenblicke vergingen, in denen ich nichts anderes tun konnte, als heftig nach der Luft zu schnappen, die mir unter Wasser so außerordentlich gefehlt hatte.

„Entschuldige bitte, das wollte ich nicht“, ertönte eine etwas kleinlaute Stimme direkt neben mir. Hastig drehte ich mich um. Auf einem der zahlreichen grünen Äste saß ein kleines Tier, dessen braunes Fell ebenfalls grünlich wirkte und dessen traurig dreinblickende Augen über einem buschigen weißen Bart saßen.

„Wer bist du?“, fragte ich verdattert, ohne zu bemerken, dass ich dabei war, mich zu wiederholen.

Das kleine schlanke Tierchen war klug genug, mir dieses Versehen nicht unter die Nase zu reiben, obwohl es so aussah, als würden sich seine Augenbrauen leicht anheben.

„Ich bin Meerkatze“, war die plötzlich äußerst hilfsbereite Antwort, die ich mir wohl durch mein Beinahe-Ertrinken verdient hatte.

Ich nickte wortlos, als wäre damit alles geklärt und wandte mich dann an den Riesen, der unserer kleinen Unterhaltung lauschte. Es war nur ein Wort, das ich ihm sagte, aber dieses Wort kam aus meinem tiefsten Herzen, neben dem eine Lunge lag, die immer noch zeitweise nach Luft rang. „Danke.“

Der Riese sah mich beinahe erstaunt an, aber dann zog ein Lächeln über sein bärtiges Gesicht. „Jederzeit gerne“, versprach seine Antwort zukünftige Abenteuer, die mir einen leichten Schauder über den Rücken schickten.

Als ich mich wieder der kleinen Meerkatze zuwandte, hatte ich plötzlich eine schwarze fellige Nase im Gesicht, die sich gegen meine Nase drückte. Erneut blieb mir für einen kurzen Moment die Luft weg.

„Was sollte das denn?“, fragte ich leicht gereizt, als die Nase endlich wieder aus meinem Gesicht verschwunden war.

„Was meinst du?“, fragte ein unschuldiger Blick aus großen braunen Augen. „Bist du denn noch nie von einer Meerkatze begrüßt worden?“

Während ich noch den Kopf schüttelte, sprang der pelzige Waldbewohner bereits auf einen anderen Ast und hangelte sich von dort aus erstaunlich elegant den Arm des Riesen entlang nach oben, um ihm ebenfalls seine Nase in das bärtige Gesicht zu drücken. Das war ein solch wundersamer Anblick, dass ich mir ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen konnte.

Anschließend kam die Meerkatze wieder nach unten gesprungen und klammerte sich an einem Ast fest, der sich höhenmäßig etwa zwischen Riese und mir befand.

„Genug der Höflichkeiten“, erklärte das pelzige Geschöpf und richtete sich auf. Ich fragte mich, ob sich die Höflichkeiten auf den felligen Nasenkuss bezogen oder darauf, dass ich nur fast Bekanntschaft mit dem Tod gemacht hatte. „Was tut ihr hier in Baumwald?“

Baumwald? Die Bezeichnung irritierte mich. Gab es denn auch Wälder, die aus etwas anderem als Bäumen bestanden? Oder wollte ich das lieber gar nicht wissen? Und hatte ich mich nicht schon einmal über diesen merkwürdigen Namen gewundert? Wann war das noch gleich gewesen …?

„Wir sind auf der Suche nach der Tochter des Mondes“, antwortete Riese an meiner Stelle.

„Vielleicht können wir irgendwohin gehen, wo mir das Wasser nicht bis zur Hüfte reicht und uns dort unterhalten?“ Meine Stimme klang leicht frustriert. Und wieso auch nicht. Schließlich war ich schon wieder nass bis auf die Knochen und hatte weder das Glück, dass mir das modrige Wasser nur bis unter die Knie ging noch dass mir ein Ast als wunderbar trockener Sitzplatz dienen konnte. Und das Handtuch, das mir jetzt endlich in dem Metier hätte weiterhelfen können, für das es eigentlich gedacht war, befand sich in meinem nassen grünen Rucksack und hatte höchstwahrscheinlich bereits eine tief gehende Freundschaft mit dem modrigen Waldwasser geschlossen.

Die Meerkatze sah mich mit hoch gezogenen Augenbrauen an.

„Es gibt keinen solchen Ort“, meinte sie dann geduldig, als spräche sie zu einem kleinen Kind. Wo hatte ich diesen Tonfall nur vor kurzem schon des Öfteren gehört?

„Du meinst, der ganze Wald ist überflutet?“

Meerkatze nickte. Das hatte sie doch soeben gesagt. Dann besann sie sich ganz offensichtlich auf unser eigentliches Gespräch. „Sie war hier“, meinte Meerkatze recht übergangslos. „Ich habe sie gesehen.“

„Sie war hier, in diesem Wasser?“ Ich stellte mir ein kleines Kind vor, das bis zum Hals in dem modrigen blau-grünen Gewässer steckte. „Aber hier gibt es Krokodile! Ihr ist doch nichts zugestoßen?“

Der buschige weiße Bart bewegte sich von Seite zu Seite. Ein Kopfschütteln?

„Keines der hier lebenden Tiere würde es wagen, ihr etwas anzutun.“ Meerkatze tat, als spräche sie nur das Selbstverständliche noch einmal aus. Extra für mich. Den Fremden. Wie es schien, musste ich mich wohl überall und nirgends an einen herablassenden Tonfall gewöhnen.

„Wo ist sie jetzt?“, wollte ich wissen. Je schneller ich das verlorene Kind fand, desto schneller würde ich auch wieder an warme Klamotten kommen. Doch ganz so einfach war es anscheinend nicht.

„Sie hat Baumwald wieder verlassen.“ Die Stimme der kleinen Meerkatze klang traurig. „Sie konnte es nicht länger ertragen, die Welt so im Ungleichgewicht zu sehen.“ Der Blick des pelzigen Wesens wanderte in die Ferne. „Sie versuchte, uns zu helfen, doch es gelang ihr nicht.“

Irgendetwas stieß an meine Füße und erinnerte mich daran, dass ich immer noch bis zur Hüfte in Wasser stand. Krokodile waren vielleicht nicht einmal das Gefährlichste, das diese Welt zu bieten hatte. Und in diesem Moment erinnerte ich mich wieder an das, was ich dort unten, während der langen Augenblicke, in denen mir die Luft zum Atmen ausgegangen war, gesehen hatte. Ein Seil … oder eine Kette … das konnte doch wohl nicht stimmen, oder?

Ohne irgendeine Erklärung abzugeben, atmete ich einmal tief ein, hielt dann die Luft an und ließ mich erneut in das grün-blaue Wasser plumpsen. Sofort schalt ich mich einen Narren, weil ich mich zuvor nicht wenigstens meines Mantels und Pullovers entledigt hatte. Aber es gelang mir tatsächlich, die Angst vor einer weiteren traumatischen Erfahrung zumindest zeitweise zu ignorieren und mich auf die Suche nach dem Gegenstand zu machen, den ich zu sehen geglaubt hatte.

Glücklicherweise stellte sich dieser Glaube als überaus real heraus. Es dauerte nicht lange, dann stießen meine Finger an die harten, eisernen Glieder einer gewaltigen Kette. Ich umschloss sie mit beiden Händen und zerrte daran. Nichts rührte sich. Stattdessen überkam mich wieder das bereits bekannte Gefühl der knapp werdenden Atemluft. Schon begann ich zu überlegen, ob ich nicht doch besser wieder versuchen sollte, aufzutauchen, als sich abermals zwei große Pranken um meine Hüfte schlangen und mich problemlos aus dem Wasser hievten. Ich schnappte nach Luft.

„So war das mit dem jederzeit aber nicht gemeint“, brummte Riese argwöhnisch und nahm seine Hände von mir, sobald ich wieder festen Boden unter meinen Füßen hatte. Ich grinste. Dann hob ich mühsam die eiserne Kette aus dem modrigen Wasser, das in dicken Tropfen von ihren Gliedern rann und zurück in sein gewohntes türkisfarbenes Element fiel. Ich drückte Riese die Kette in die Hände und sah ihn fragend an.

„Wärst du vielleicht so freundlich und würdest daran ziehen?“

Meinem Reisebegleiter war anzusehen, dass er nicht so recht verstand, was hier vorging. Dennoch machte er sich daran, meiner Bitte nachzukommen. Gemeinsam zogen und zerrten wir an der eisernen Kette, während uns eine Meerkatze beobachtete, die nicht nur die Augenbrauen hochgezogen hatte, sondern sich auch noch verwirrt den buschigen weißen Bart kratzte.

Die bis zum Zerreißen gespannte Kette knarzte und ächzte leise. Dann ließ der Zug ganz plötzlich nach und aus dem Wasser ertönte ein Geräusch, das verdächtig nach einem überdimensionalen Plopp klang. Beinahe hätten wir das Gleichgewicht verloren und wären – diesmal alle beide – in dem modrigen Wasser gelandet. Da mich dann niemand mehr hätte herausziehen können, war ich sehr froh, dass wir diese Erfahrung gerade so vermeiden konnten.

Stattdessen standen wir im Wasser und verspürten einen leichten Sog, der zuvor nicht dagewesen war. Er spielte um unsere Füße und erzählte von einer Strömung, die es bis zu diesem Moment in dem so überaus unbewegten Wasser nicht gegeben hatte. Wieder schlich sich ein Grinsen in mein Gesicht. Meerkatze blickte mich aufgeregt an.

„Was ist passiert?“, wollte sie wissen. Endlich einmal hatte ich das Gefühl, in dieser seltsamen Geschichte anderen gegenüber einen Vorsprung zu haben. Das wurde ja auch Zeit!

„Wir haben den Stöpsel herausgezogen“, erklärte ich dem pelzigen Bewohner mit einer Gelassenheit, die auch ich erst seit wenigen Augenblicken besaß. Seit dem Moment, in dem mir die entstandene Strömung bewiesen hatte, dass meine seltsame Ahnung sich bewahrheitet hatte.

Meerkatze starrte mich ungläubig an. „Den Stöpsel?“ Ihre Stimme wanderte bei diesem letzten Wort um fast eine Oktave nach oben. Ich nickte. Das hatte ich doch soeben gesagt.

Das modrige Wasser, das zwischen den grün bemoosten Bäumen stand, begann, sich sehr langsam zu senken. Erleichtert bemerkte ich, dass es mir schon nicht mehr ganz bis zur Hüfte ging. Und dort – war dieser Farn nicht bis vor kurzem noch völlig von Wasser bedeckt gewesen? Der Ast an dem Baum daneben, der noch so feucht glänzte und von dem kurioserweise Wasserschlingpflanzen hingen, die sich in einem ihnen unbekannten Wind bewegten, den hatte man doch zuvor auch noch nicht sehen können?

„Den Stöpsel …“ Jetzt war es eher ein Flüstern, das von einer Meerkatze kam, die verträumt dem langsamen Verschwinden des Wassers zusah.

Ein anerkennendes Schulterklopfen des Riesen hätte mich beinahe ein weiteres Mal unter Wasser geschickt. Beinahe. Diese Welt war für meinen Geschmack wirklich zu nass. Es wurde Zeit, dass wir von hier verschwanden und weiter nach der Tochter des Mondes suchten.

„Ich schätze, damit bleibt uns hier nichts mehr zu tun“, meinte ich also und wandte mich in die Richtung, in der ich das gläserne Portal wusste. Das Wasser reichte mir noch bis zum Oberschenkel.

„Warte!“, hielt mich ein Ruf der Meerkatze zurück. Fragend drehte ich mich um. Das grünbraun bepelzte Geschöpf war dabei, mir über verschiedene Äste nachzueilen und sprang dann auf meine Schulter.

Ich taumelte – schon wieder – und erwartete einen erneuten Nasenkuss. Stattdessen aber krallte sich Meerkatze in meiner Schulter fest und erklärte nur: "Ich komme mit."

Verwirrt blickte ich in braune Augen.

„Weshalb?“, wollte ich wissen.

Wieder hoben sich zwei weiße Brauen. Der buschige Bart kitzelte mich am Hals.

„Weil ich der Tochter des Mondes helfen will, natürlich“, antwortete die kleine Meerkatze, als erkläre sich das doch von selbst. „Meine Familie wird sicher eine Weile ohne mich auskommen, jetzt, wo das Wasser sinkt und die Welt wieder im Gleichgewicht ist.“

Ich warf Riese einen fragenden Blick zu, aber der zuckte nur mit den gewaltigen Achseln. Wie es aussah, hatte er nichts gegen einen weiteren Reisegefährten einzuwenden. Nun ja, dieser krallte sich ja auch nicht in seine Schultern. Aber weil ich kein Spielverderber sein wollte, drehte ich mich einfach um und trat, ohne ein weiteres Wort zu verlieren – oder eine weitere überflüssige Frage zu stellen – durch das gläserne Portal, um der Tochter des Mondes zu folgen.

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251 p. 19 illustrations
ISBN:
9783753181981
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