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Heike E. Jüngst

Audiovisuelles Übersetzen

Ein Lehr- und Arbeitsbuch

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Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-8233-8231-7 (Print)

ISBN 978-3-8233-0237-7 (ePub)

Inhalt

  Vorwort zur zweiten Auflage

 1 Einführung in das Thema1.1 Gebrauchsanweisung für die 2. Auflage1.2 Definition der audiovisuellen Übersetzung1.3 Der Stand der Dinge1.3.1 Ausbildungsmöglichkeiten und Unterrichtsmaterialien1.3.2 Barrierefreiheit1.3.3 Forschung1.4 Untertitelung versus Synchronisation – der ewige Streit1.5 Exkurs: Filmgestaltung1.5.1 Bildspur1.5.2 Tonspur1.5.3 Texte1.5.4 Der Timecode1.6 Schlussbemerkung

 2 Interlinguale Untertitelung2.1 Definition2.2 Geschichte2.3 Arbeitsablauf2.3.1 Neue Arbeitsbedingungen2.3.2 Spotting und Splitting2.3.3 Zeilenaufteilung2.3.4 Gestaltung2.3.5 Textkürzungen2.4 Einzelprobleme der Untertitelung2.4.1 Dialekte, Soziolekte, Fachsprache2.4.2 Mehrsprachigkeit im Film2.5 Sonderfälle der Untertitelung2.5.1 Trivia Tracks und andere zusätzliche Untertitel2.5.2 Bilinguale Untertitelung2.5.3 Fansubs2.5.4 Kreative Untertitelgestaltung2.5.5 Synchrontext versus Untertitelungstext2.5.6 Übertitelung / Lehnenübersetzung im Theater2.6 Musik und Untertitelung2.6.1 Opern2.6.2 Mehrstimmiger Gesang2.6.3 Musicals und Songs im Film2.7 Forschung und weiterführende Literatur2.8 Anhang: Richtlinien

 3 Synchronisation3.1 Definition3.2 Geschichte3.3 Arbeitsablauf3.4 Einzelaspekte: Formen der Synchronität3.4.1 Verhaltens-, Gesten- und Nukleussynchronität3.4.2 Lippensynchronität3.5 Einzelaspekte: Die Texte3.5.1 Fachsprache im Film3.5.2 Mehrsprachige Filme und Dialekt im Film3.6 Sonderfälle3.6.1 Fandubs3.6.2 Fundubs3.6.3 Schnodder-Synchron3.6.4 Slawische Synchro3.6.5 Erzähler3.6.6 Länderspezifische Synchronfassungen3.6.7 Verfälschungen3.6.8 Europuddings3.6.9 Filmmusik in synchronisierten Filmen3.6.10 Synchronisation als Filmthema3.7 Stimmen3.7.1 Sprecherkontinuität3.7.2 Nachvertonung3.7.3 Umgang mit Filmsongs3.8 Forschung und weiterführende Literatur

 4 Voice-over4.1 Definition4.2 Arbeitsablauf4.3 Einzelaspekte4.3.1 Voice-over als Text4.3.2 Zusatztexte4.4 Sonderfälle4.4.1 Mehrsprachige Vorlagen4.4.2 Voice-over zu laufenden Produktionen4.4.3 Voice-over bei Nachrichtenformaten und TV-Magazinen4.4.4 Fiktionale und halb-fiktionale Formate mit Voice-over4.4.5 Firmenvideos / Video Narrations und aufgezeichnete Fachvorträge4.5 Stimmen4.6 Forschung und weiterführende Literatur

 5 Filmdolmetschen5.1 Definition5.2 Geschichte5.3 Arbeitsablauf5.4 Sonderfälle5.4.1 TV- und Mediendolmetschen allgemein5.4.2 Kinder als Zielgruppe5.4.3 Probleme im Arbeitsablauf5.4.4 Und was ist mit Musik?5.5 Forschung und weiterführende Literatur

 6 Barrierefreiheit 1: Audiodeskription für Blinde und Sehgeschädigte (Hörfilme)6.1 Definition6.2 Geschichte6.3 Zielgruppe der Audiodeskription6.4 Arbeitsablauf6.5 Audiodeskription als Text und intersemiotische Übersetzung: Einzelaspekte6.5.1 Personen6.5.2 Orte6.5.3 Handlungen6.5.4 Geräusche6.5.5 Informations-Überangebot und Informationsauswahl6.5.6 Der Hörfilm als Ganzes6.5.7 Verwandte Textsorten6.6 Sonderfälle6.6.1 Zeitversetzte Audiodeskription6.6.2 Perspektive und Experimente6.6.3 Zielgruppe Kinder6.6.4 Kulturspezifik und doppelte Übersetzung6.6.5 Stimmen6.6.6 Musik und Songs6.6.7 Taststücke, Einleger und anderes Zusatzmaterial6.7 Forschung und weiterführende Literatur6.8 Anhänge: Richtlinien für AudiodeskriptionenAnhang 1: Allgemeine Richtlinien RundfunkanstaltenAnhang 2: Regeln für die Audiodeskription für Kinder

 7 Barrierefreiheit 2: Untertitelung und Verdolmetschung für Gehörlose und Hörgeschädigte7.1 Definition7.2 Geschichte7.3 Zielgruppen für die Untertitelung für Gehörlose und Hörgeschädigte7.4 Das Absehen7.5 DGS – Deutsche Gebärdensprache7.6 Untertitel für Hörgeschädigte als Text: Richtlinien7.6.1 Farben und Ausrichtung7.6.2 Kürzungen und Veränderungen7.6.3 Parasprache7.6.4 Geräusche7.6.5 Musik und Untertitel für Gehörlose und Hörgeschädigte7.7 Live-Untertitelung und Re-Speaking7.8 Gebärdensprachdolmetschen im AV-Bereich / Gebärdenspracheinblendung7.9 Sonderfall Kinder als Zielgruppe7.10 Ein paar kleine Extras … was man sonst noch mit Untertiteln tun kann …7.11 Forschung und weiterführende Literatur7.12 Anhang: Richtlinien

  Anhang 1: Allgemeine Richtlinien Rundfunkanstalten

  Anhang 2: Empfehlungen für die Untertitelung für Kinder

 8 Games8.1 Definition8.2 Geschichte8.3 Arbeitsablauf8.3.1 Kompetenzen des Game-Übersetzers8.3.2 Arbeitsabläufe bei der Game-Lokalisierung8.4 Lokalisierungselemente und -vorgänge8.4.1 Untertitelung und Synchronisation bei Games8.4.2 Games als Text8.4.3 Bilder und Games8.5 Übungsmaterialien entwickeln8.5.1 Analoger Einstieg8.5.2 Selbst einfache Games programmierenBitsyScratchPython8.6 Forschung und weiterführende Literatur

 LösungshilfenKapitel 2: Interlinguale UntertitelungKapitel 3: SynchronisationKapitel 4: Voice-overKapitel 5: FilmdolmetschenKapitel 6: Barrierefreiheit 1: Audiodeskription für Blinde und Sehgeschädigte (Hörfilme)Kapitel 7: Barrierefreiheit 2: Untertitelung und Verdolmetschung für Gehörlose und HörgeschädigteKapitel 8: Games

  Bibliographie Fachzeitschriften Texte (Print und PDF) Sonstige Internetquellen

  Register

Vorwort zur zweiten Auflage

2010 erschien die erste Auflage dieses Buches – zu einem Thema, das man damals getrost als Nischenthema bezeichnen konnte. Wie sehr sich das geändert hat, sieht man sowohl am Umfang als auch am Inhalt der Neuauflage.

Was sich nicht verändert hat: Auch dieses Mal habe ich vielen Menschen zu danken. An erster Stelle kommen meine Mutter, die unendliche Geduld bewiesen hat, und mein Vater, der die Publikation noch gern miterlebt hätte. Einen sehr wichtigen Beitrag haben auch all die Studierenden geleistet, die meine Kurse zum Audiovisuellen Übersetzen besucht, die Übungen ausprobiert und mir Rückmeldung dazu gegeben haben: an der Universität Leipzig, an der Universität Graz und an der FHWS Würzburg. Danke auch an die Teilnehmer meiner Workshops bei Universitas Austria und bei KIKA / mdr. Und natürlich danke an die Praxisvertreter, die uns im Unterricht besucht haben: Marion Peterreins, Christin Friers, Bernd Benecke und Elmar Dosch.

Vielen Kollegen verdanke ich Anregungen und gute Gespräche auf Tagungen. Ich kann nicht alle aufzählen, habe aber im Text auf alles verwiesen, was ich von euch übernommen habe. Stellvertretend nenne ich meine langjährige Team-Dozentin Susann Herold, Alexandra Jantscher-Karlhuber, Klaus Schubert, Katrin Pieper, Anne Ende, Tim Jones, Susanne Jekat, Nathalie Mälzer und Team, Alexander Künzli, Klaus Kaindl, Antonella Nardi, Mary Carroll, Minako O`Hagan, Simone Maier, Ana Díaz und Xiaohun Zhang. Meine Grundschul-Musiklehrerin Brigitte Licht für Einblicke ins Geräuschemachen. Danke auch an Peter Axel Schmitt, der mir einfach so mein erstes Seminar zur AV-Übersetzung anvertraute. Es war eine Katastrophe ... Ich habe dazugelernt. Und natürlich darf das Greenscreen-Team nicht fehlen!

Ein weiterer Dank an diejenigen, die mir Abdruckrechte überlassen haben: Daniel Frei und Daniel Wolf für die Screenshots aus Die Kunst des Spickens, Jan Meuel vom DBSV für die Richtlinien zur Audiodeskription für Kinder,Ursula Heerdegen-Wessel von der Redaktion Barrierefreiheit der ARD, Mary Carroll und Jan Ivarsson für den ESIST Code for Good Subtitling Practice.

Nicht zuletzt danke an das Team vom Narr Verlag: Tillmann Bub, der das Projekt durch die ersten Höhen und Tiefen begleitete. Es waren derer viele. Corina Popp, die dann übernahm, und der geduldigen Herstellungsabteilung, die mit dem Manuskript nicht nur Freude hatte, Tina Kaiser und Arkin Keskin.

Jetzt bleibt mir nur, allen viel Spaß beim Lesen und Ausprobieren zu wünschen!

Mainz, im August 2020 Heike Elisabeth Jüngst

1 Einführung in das Thema
1.1 Gebrauchsanweisung für die 2. Auflage

Dieses Buch stellt eine praxisnahe Einführung in das audiovisuelle Übersetzen (AV-Übersetzen) mit Analyseteilen und Verweisen auf wissenschaftliche Arbeiten dar. In den einzelnen Kapiteln werden die verschiedenen Verfahren mit ihren Eigenheiten vorgestellt, analysiert und ausprobiert.

In der Neuauflage wurde die Menge an Fragen und Übungen deutlich erhöht. Fragen sind mit dem Icon und Übungen mit dem Icon gekennzeichnet. Die meisten Antworten oder Hinweise finden sich in den Lösungshilfen am Ende des Buches. Viele Antworten und Überlegungen führen das Buch jedoch logisch weiter und man muss nur ein bisschen nachdenken, um sie zu beantworten. Man sollte sich vor dem Weiterlesen mit ihnen auseinandersetzen, denn direkt nach diesen Fragen geht es mit den Antworten weiter. Diese Fragen werden mit „Mal kurz nachdenken …“ eingeleitet. Am Ende jedes Kapitels steht ein kurzer Abschnitt zu weiterführender Literatur und Forschung. Die dortigen Angaben sollen eine gewisse Bandbreite der Forschungsfragen vermitteln; im Literaturverzeichnis findet sich eine weit größere Anzahl von passender Literatur.

Der Aufbau der Kapitel wurde, soweit möglich, vereinheitlicht. Zu Beginn steht die Definition des jeweiligen Verfahrens, dann kommt ein geschichtlicher Überblick. Es folgen die typischen Arbeitsabläufe, dann Einzelaspekte und schließlich Sonderfälle. Wo es Richtlinien gibt, die für die Allgemeinheit von Interesse sind, stehen diese in Anhängen zu dem jeweiligen Kapitel.

Das Buch ist für eine heterogene Leserschaft aus Unterrichtenden und Selbstlernern gedacht. Die einzelnen Kapitel können auch in der Neuauflage unabhängig voneinander gelesen und durchgearbeitet werden. Nur die beiden Kapitel zum Thema Untertitelung ergänzen sich. Die Doppelungen aus der ersten Auflage wurden soweit möglich gelöscht und durch Querverweise zu anderen Kapiteln ersetzt. Das Kapitel „Musik und audiovisuelle Übersetzungsverfahren“, das ein bisschen unglücklich quer zu den anderen stand, wurde aufgelöst und die Unterkapitel in die Kapitel zu den einzelnen Verfahren eingefügt. Neu in dieser Auflage ist das Thema Game-LokalisierungGame-Lokalisierung, wenn auch nur als kurze Einführung. Dieses Verfahren ist hybrid; manche Übersetzungsaufgaben dort entsprechen Verfahren aus der AV-Übersetzung, so dass der Aufbau dieses Kapitels von dem der anderen abweicht. Insgesamt wurde das Buch von Grund auf überarbeitet und erweitert. Am wenigsten hat sich das Kapitel zur interlingualen Untertitelung verändert, doch auch dort wird selbstverständlich auf neue Studien und Verfahren hingewiesen.

Ich selbst bin von Haus aus Übersetzerin und Dolmetscherin und kenne daher vor allem die Probleme und Bedürfnisse dieser Zielgruppe. Für sie ist z. B. der hier in der Einführung angebotene Exkurs zur FilmgestaltungFilmgestaltung gedacht; in anderen Medienberufen ist dieses Wissen täglich Brot.

1.2 Definition der audiovisuellen Übersetzung

Unter audiovisueller Übersetzung (im Nachfolgenden AV-Übersetzung) versteht man allgemein das Übersetzen von Medienformaten, die einen sichtbaren und einen hörbaren Teil haben, und zwar primär die typischen Verfahren der Film- und Video-Übersetzung. Bei der audiovisuellen Übersetzung wird das ursprünglich vorliegende Material durch die Übersetzung verändert und meist ergänzt. Anders als bei vielen anderen Formen der Übersetzung bleiben Teile des ursprünglichen Materials erhalten, je nach Übersetzungsverfahren unterschiedliche. Zu Beginn jedes Kapitels wird die Definition des jeweiligen Verfahrens nach der Routledge Encyclopedia of Translation Studies angeführt; hier kommt die Definition zu Audiovisual Translation:

Audiovisual translation is a branch of translation studies concerned with the transfer of multimedial texts into another language and / or culture … Major meaning-making modes in audiovisual texts include language, image, music, colour and perspective. (Pérez González 2011 [2009]: 13)

Wie bei allen in diesem Buch angeführten Definitionen kann man dies natürlich kritisch sehen. Die nachfolgende Definition, obwohl noch keine zwanzig Jahre alt, ist für die heutige Arbeit in der AV-Übersetzung und die dazugehörige Forschung zu eng gefasst: „Die Konzentration auf den Dialogfilm stellte die verbale Sprache und ihre Übertragbarkeit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.“ (Wahl 2003: 9)

Im Anschluss an seine Definition führt Pérez González die Vielfalt an Bezeichnungen auf, die im Englischen für die AV-Übersetzung existieren (siehe Pérez González 2011 [2009]: 13). Im Deutschen wird als Synonym zur AV-Übersetzung MedienübersetzungMedienübersetzung verwendet; sonst werden meist die einzelnen Verfahren genannt.

Die Verfahren, an die man bei dem Begriff audiovisuelle Übersetzung als erstes denkt, werden bei der Übersetzung von Filmen und Fernsehserien eingesetzt: interlingualeUntertitelinterlinguale Untertitel und intralinguale UntertitelUntertitelintralinguale Untertitel, SynchronisationSynchronisation, bei Dokumentationen auch Voice-overVoice-over. Inzwischen kann man auch die AudiodeskriptionAudiodeskription für Blinde als bekanntes Verfahren voraussetzen. Audiovisuelle Übersetzung findet aber auch im Theater statt, als ÜbertitelungÜbertitelung oder als Live-AudiodeskriptionLive-AudiodeskriptionAudiodeskriptionLive-Audiodeskription.

Man darf auch die Einflüsse auf die audiovisuelle Übersetzung nicht übersehen: Es gibt eine Reihe von TextsortenTextsorte, deren Übersetzung eng mit der AV-Übersetzung verwandt ist, die Einfluss auf die AV-Übersetzung hatten und die im Vergleich mit dieser neue Einblicke und Erkenntnisse liefern können:

La traduction audiovisuelle (TAV) relève de la traduction des médias qui inclut aussi les adaptations ou éditions faites pour les journaux, les magazines, les dépêches des agences de presse etc. Elle peut être perçue également dans la perspective de la traduction des multimédias qui touche les produits et services en ligne (Internet) et hors ligne (CD-ROM). Enfin, elle n’est pas sans analogie avec la traduction des BD, du théâtre, de l’opéra, des livres illustrés et de tout autre document qui mêle différents systèmes sémiotiques. (Gambier 2004: 1)

Manchem kommt es befremdlich vor, dass Verfahren wie intralinguale Untertitelung oder Audiodeskription als Übersetzung bezeichnet werden. Der prototypische Übersetzer beschäftigt sich mit interlingualen Übersetzungen. Doch heute sind die Anforderungen an Übersetzer weit vielfältiger.

In der übersetzungswissenschaftlichen Forschung wird in diesem Zusammenhang gern auf Roman Jakobsons Definition der verschiedenen Verfahren der Übersetzung verwiesen (Jakobson 1971: 261). Jakobson spricht von der intralingualen, der interlingualen und der intersemiotischen Übersetzung. Die interlinguale ÜbersetzungÜbersetzunginterlinguale Übersetzung entspricht unserer prototypischen Vorstellung der Übersetzung von einer Sprache in die andere. Die intralinguale ÜbersetzungÜbersetzungintralinguale Übersetzung ist eine Form der Bearbeitung. So wird ein Text z. B. für eine neue Zielgruppe vereinfacht, die Sprache wird jedoch beibehalten. Ein typisches Beispiel außerhalb der AV-Übersetzung sind Bearbeitungen literarischer Werke für Kinder, aber auch die im Zuge der gesellschaftlichen Teilhabegesellschaftliche Teilhabe und BarrierefreiheitBarrierefreiheit immer wichtigere Leichte SpracheLeichte Sprache1 gehört in diesen Bereich. Untertitel für HörgeschädigteUntertitel für Hörgeschädigte stellen eine spezielle Form der intralingualen Übersetzung dar. Bei der auch als Transmutation bezeichneten intersemiotischen ÜbersetzungÜbersetzungintersemiotische Übersetzung schließlich wird das Zeichensystem gewechselt. Ein klassisches Beispiel der intersemiotischen Übersetzung ist die Bildbeschreibung, bei der das bildlich Dargestellte in Sprache wiedergegeben wird. Die AudiodeskriptionAudiodeskription fällt daher in den Bereich der intersemiotischen Übersetzung. Eine noch detailliertere Aufschlüsselung verschiedener Formen der multidimensionalen (nicht nur der audiovisuellen) Übersetzung findet sich in Gottlieb 2005.

Die Verfahren der audiovisuellen Übersetzung kann man unterschiedlich einteilen. Auch die Task Force AV der FIT befasste sich 2019 mit der Einteilung dieser Verfahren, was zeigt, dass diese Diskussion noch lange nicht abgeschlossen ist. Im Handbuch Translation von 2006 (Erstauflage 1999) kommen die selten behandelten Video NarrationsVideo Narration (242-244) („der gesprochene Text zu IndustrievideosIndustrievideo“, 242) im Kapitel zu primär appellativen Texten vor, während im Kapitel „Film und Fernsehen“ Untertitelung / Übertitelung (261-264) und SynchronisationSynchronisation (unter dem selten gebrauchten Eintrag Synchronisierung) (264-266) behandelt werden. Voice-over wird im Abschnitt Synchronisation kurz erwähnt, andere Verfahren der audiovisuellen Übersetzung spielen hier keine Rolle. Das zeigt auch, dass 1999 diese Verfahren in der Praxis vieler Übersetzer noch nicht wichtig waren. In der Routledge Encyclopedia of Translation in der zweiten Auflage von 2009 werden die Verfahren versammelt unter dem Stichwort „Audiovisual Translation“, zunächst Subtitling (14-15), mit Anmerkungen zu interlingualen, bilingualen und intralingualen Untertiteln, RevoicingRevoicing (16-18) mit Voice-over, Audiodeskription, freiem KommentarKommentarfreier Kommentar, FilmdolmetschenFilmdolmetschen und Synchronisation (Pérez González 2011 [2009]). Andere Aufteilungen sind noch weit detaillierter, denn man kann all diese Verfahren weiter unterteilen, wie es auch in diesem Buch in den Unterkapiteln geschieht. Möglich ist auch eine Aufteilung nach Jakobsons Einteilung von Übersetzungen als interlingual, intralingual und intersemiotisch. Dadurch werden aber typische Verfahren und Abläufe in unterschiedliche Bereiche verschoben. Eine Einteilung nach Genres habe ich nirgends gefunden, aber auch das wäre möglich, wobei bei jedem Genre verschiedene typische Verfahren aufgeführt würden. Die Ausnahme hier ist die Game-LokalisierungGame-Lokalisierung, bei der Übersetzungsverfahren und Spieltyp gekoppelt sind.

Ich habe mich bei diesem Buch für eine andere, rein praktisch motivierte Einteilung entschieden und die Verfahren der Barrierefreiheit, Untertitelung für Hörgeschädigte und Audiodeskription für Blinde und Sehgeschädigte, an den Schluss des Buches gestellt. Für diese Verfahren gibt es eine spezielle Gesetzeslage, Richtlinien öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten, den Einfluss von Lobbygruppen, Interessenten aus anderen Fächern wie Sozialpädagogik – und nicht zuletzt bilden bei beiden Verfahren KinderKinder eine eigene Zielgruppe.

1.3 Der Stand der Dinge

In den letzten Jahren hat das Interesse an der audiovisuellen Übersetzung in Ausbildung und Berufspraxis aus mehreren Gründen zugenommen. Es begann mit dem Aufkommen der DVD mit ihrem riesigen Speicherplatz, der für mehrere SynchronspurenSynchronspur und UntertitelspurenUntertitelspur genutzt werden kann (zu diesem Thema ausführlicher Kayahara 2005). Wer früher nie eine Kinovorstellung mit Untertiteln besucht hätte, konnte jetzt einfach ausprobieren, wie so etwas aussieht. Doch wie in vielen anderen Lebensbereichen ist es auch hier das Internet, das das Interesse an der AV-Übersetzung auch bei LaienLaienübersetzung gesteigert hat. Der Zugang zur Originalversion des jeweiligen Films ist einfach, es gibt UntertitelungsprogrammeUntertitelungsprogramm, die man leicht nutzen kann, und so beginnen auch Laien, Originalfassung und Übersetzung parallel anzusehen, zu vergleichen und nicht zuletzt selbst zu übersetzen. Die Bedeutung der Digitalisierung der Untertitelungsprogramme für entsprechende Kurse an Hochschulen darf nicht unterschätzt werden.

Auch für die Forschung sind diese Entwicklungen relevant. Das betrifft zunächst den Zugriff auf das Material. Bis in die 1990er war es ausgesprochen aufwändig, für Forschungen zur audiovisuellen Übersetzung Filmfassungen aus verschiedenen Ländern zu importieren. Im Normalfall bat man Freunde im Ausland, die Videokassetten zu besorgen. So bekam man aber fast nie deutsch untertitelte Filme. Aus Synchronländern kamen synchronisierte Filme, aus Untertitelungsländern untertitelte. Das bedeutete, dass man oft monatelang auf Materialjagd war. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, aber es ist wichtig zu verstehen, welches Engagement die Pioniere der Forschung zur audiovisuellen Übersetzung mitbringen mussten. Was man heute auf einer einzigen DVD oder durch einen Klick ins Internet bekommt, musste man sich mühselig zusammensuchen. Das hielten nur echte Aficionados durch.

Generell lässt sich feststellen, dass die Menge der Aufgaben und Aufträge im Bereich der AV-Übersetzung durch das vielsprachige Internet und die verstärkte internationale Ausrichtung verschiedener Dienste geradezu exponentiell zugenommen hat, meist im Bereich Untertitelung. Zusätzlich wurden und werden maschinelle Verfahren entwickelt wie die automatischen Untertitel bei YouTube. Trotz aller Schwächen, die diese Verfahren aufweisen, muss man anerkennen, dass ihre Entwicklung äußerst schnell erfolgte und dass viele Nutzer die Ergebnisse als völlig ausreichend für ihre Bedürfnisse ansehen.1

Die Entwicklung der AV-Übersetzung im Bereich BarrierefreiheitBarrierefreiheit wird in den betreffenden Kapiteln geschildert. Hier haben sich durch neue Gesetze und Verpflichtungen große Veränderungen ergeben (www.bundesfachstelle-barrierefreiheit.de/DE/Home/home_node.html). Behörden und öffentlich-rechtliche Anstalten sind zur Barrierefreiheit verpflichtet. So hat sich ein neuer Arbeitsbereich eröffnet und neue technische Verfahren wurden entwickelt. Wer in diesem Bereich arbeiten möchte, muss sich immer darüber im Klaren sein, dass Barrierefreiheit keine Einbahnstraße ist. Man tut nicht jemandem „etwas Gutes“, man profitiert selbst davon. Man muss sich nur fragen, ob man in der Lage ist, einfach so mit einem seit Geburt gehörlosen Menschen zu kommunizieren. Oder ob man als Hörender nicht doch einen GebärdensprachdolmetscherGebärdensprachdolmetscher benötigt.

… it would be interesting to see practices improving, by taking advantage of the new products for the benefit of audiences who should not be seen as minorities but as one of the many parts of a fragmented reality. (Neves 2009: 152)

Kurz gesagt: Man sollte sich so für die Zielgruppen dieser Arbeit interessieren, wie man sich für die Kulturen seiner Arbeitssprachen interessiert.

Die audiovisuelle Übersetzung ist in jeder Form arbeitsteilig (dazu auch Gambier 2004). Diese Tatsache muss man sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, denn nicht jeder fühlt sich damit wohl. Die Arbeitsteilung hat einen sehr starken Einfluss auf das endgültige Produkt und darauf, was der Übersetzer darf bzw. tun soll, über welche Kompetenzen er also verfügen muss. Wie überall gilt: Je besser der Informationsaustausch zwischen den Beteiligten funktioniert, desto besser funktioniert auch die Qualitätssicherung für das fertige Produkt.

Schon an der Produktion des Films, der nun in irgendeiner Form übersetzt werden soll, ist eine Vielzahl von Menschen beteiligt. Darauf kann hier nicht weiter eingegangen werden. Es gibt aber sehr gute Handbücher zur Einführung ins Filmemachen und Arbeiten über die Filmindustrie, die entsprechende Informationen bieten. Weitere Informationen findet man auf den Websites der Filmförderungsanstalten der jeweiligen Bundesländer. Schließlich lohnt es sich, einmal nach dem Film auch den gesamten AbspannAbspann anzusehen (falls er im Kino nicht zu schnell läuft; besser geht es mit einer DVD). Bisher haben es nur die Audiodeskriptoren geschafft, sich als den anderen Mitarbeitern gleichwertig zu positionieren.

1.3.1 Ausbildungsmöglichkeiten und Unterrichtsmaterialien

Im deutschsprachigen Raum gibt es inzwischen sowohl Studiengänge, die spezifisch auf die audiovisuelle Übersetzung ausgerichtet sind, als auch Module zur audiovisuellen Übersetzung in translatorischen oder philologischen Studiengängen. Auch Games-Studiengänge gibt es inzwischen, doch diese konzentrieren sich eher auf die Games-Entwicklung als auf die Lokalisierung. Module zur Games-Lokalisierung werden zurzeit an vielen Übersetzerinstituten aufgebaut. Das bedeutet auch, dass entsprechende Übersichten schnell veralten und man besser auf die Internetsuche zurückgreift.

Das europäische Ausland war bei der Einrichtung entsprechender Studiengänge schneller. Besonders an Barcelonas Universitäten hat sich ein Schwerpunkt der AV-Übersetzung etabliert, inklusive der Game-Übersetzung.

Bis Mitte der 1980er Jahre lag die Ausbildung der Untertitler noch ganz in der Hand der Untertitelungsunternehmen (Nagel 2009: 37). Auch heute sind die Praktika bei diesen Unternehmen wie auch die Arbeitsplätze von begrenzter Anzahl und sehr begehrt. Manche Unternehmen bieten auch heute Workshops zu AV-Verfahren an, ebenso Übersetzer-Berufsverbände (dazu Kaindl 2016). Literatur zur Didaktik der audiovisuellen Übersetzung liegt vor mit Brondeel (1994), Díaz Cintas (2008) und Díaz Cintas / Remael (2007) speziell zur Untertitelung. O’Hagan (2013) ist die erste grundlegende Einführung in die Übersetzung von Games. Speziell zu Voice-over bietet das Buch von Franco, Matamala und Orero (2010) eine Vielzahl von Übungen, allerdings sehr stark an den Bedürfnissen des spanischen Marktes ausgerichtet.

Zum Üben benötigt man einen Computer, Filme, Software, wo möglich Filmskripte und die üblichen übersetzerischen Hilfsmittel wie einsprachige und mehrsprachige Wörterbücher, Stilwörterbücher, Synonymwörterbücher. Wer im Unterricht oder im Selbststudium audiovisuelle Übersetzungsverfahren einüben oder analysieren möchte, kann aus einer Fülle an Material wählen, Filmen ebenso wie Software. Heute stellt sich die Frage, ob man sich das technische Equipment leisten kann, nicht mehr. Eine große Menge an guter Untertitelungsfreeware oder an Software zur Filmbearbeitung steht für alle Verfahren zur Verfügung. Entsprechend werden in dieser Auflage keine Screenshots gängiger Software mehr abgebildet. Es ist deutlich einfacher, diese Programme im Internet anzuschauen und auszuprobieren. Das Internet bietet auch eine große Auswahl an Filmen. Man sollte aber der Versuchung der Sparsamkeit widerstehen und nur legale Downloads nutzen.

Sollte die Internet-Verbindung einmal gekappt sein: Die geringsten technischen Voraussetzungen benötigt das Filmdolmetschen. Hier genügen der Film und der Dolmetscher. Auch Audiodeskriptionen für Blinde kann man live einsprechenEinsprechen.

Wenn Filme als Material für die Analyse der verschiedenen Verfahren genutzt werden sollen, ist die DVD noch immer das Medium der Wahl.1 Bei den meisten DVDs lassen sich die Untertitel zu- und wegschalten und man kann die Untertitelung in unterschiedlichen Sprachen vergleichen. Ein großes Problem stellen aber deutsche DVDs von schwedischen Filmen dar, da man dort die Originalfassung nur mit deutschen Untertiteln aufrufen kann.

Wo eine Zusammenarbeit mit Studierenden aus Fächern wie Film- oder Medienwissenschaften, die selbst semi-professionelle Filme drehen, möglich ist, sollte man sie nutzen. Man bekommt in diesem Fall auch Zugang zu Drehbüchern etc., kann den Regisseur bei unklaren Stellen befragen und ist vielleicht bei der Produktion dabei. Die filmschaffenden Studierenden profitieren ebenfalls von der Zusammenarbeit, denn sie bekommen Einblicke in einen Teil der PostproduktionPostproduktion, der oft vergessen wird. Die Übersetzung läuft so vielleicht einmal im Rahmen einer Studenten-Filmwoche und findet tatsächlich ein Publikum.2

Was den Text betrifft, kann man bei Übungen direkt von der TonspurTonspur des Filmmaterials ausgehen. Oft arbeitet man im Unterricht nur mit kurzen Ausschnitten, so dass der hörbare Ton ausreicht. Da dieser nicht immer von bester Qualität ist, und da manche Menschen undeutlich sprechen, kann es hier zu interessanten Missverständnissen kommen.

Wenn man Textbücher, Drehbücher oder DialoglistenDialogliste der Filme zur Verfügung hat, hat man Glück, da man so längere und komplexere Texte bearbeiten und Teamarbeit einüben kann. Man unterscheidet PräproduktionsskriptPräproduktionsskript und PostproduktionsskriptPostproduktionsskript. Das Postproduktionsskript sollte den Textzustand des fertigen Films wiedergeben und kann so ohne dauernde Kontrolle des Films als Basis für eine UntertitelungUntertitelung oder eine Synchronfassung genutzt werden. Postproduktionsskripte bekannter Filme kann man kaufen. Verschiedene Verlage wie Faber & Faber in Großbritannien oder Suhrkamp in Deutschland bieten Texte aktueller oder klassischer Filme an.

Präproduktionsskripte gehören zu einem Arbeitsschritt, den der Film schon hinter sich gelassen hat. Sie stellen eher eine Art Entwurf dar, nach dem der Film gedreht wurde, und sind im Allgemeinen fehlerhaft. Entweder enthalten sie Szenen, die später gestrichen wurden, oder sie enthalten manche Szenen gar nicht oder die Szenenreihenfolge stimmt nicht. Manchmal sind noch Figuren enthalten, die aus dem fertigen Film gestrichen wurden. Entsprechend sind Präproduktionsskripte für Übersetzer zwar interessant, aber wenig hilfreich. Dazu kommt, dass man eher zufällig über Produktionsfirmen an sie herankommt.

Ideal ist es natürlich, wenn die Dozenten Praxiserfahrung haben und die dort bearbeiteten Filme mit ihren Skripten im Unterricht nutzen dürfen. Leider ist dies oft aus rechtlichen Gründen nicht möglich.

Trotz der geäußerten Vorbehalte ist es deutlich einfacher, an Filme zum Bearbeiten zu kommen als an Games. Auch hier empfiehlt sich eine Zusammenarbeit mit einer Hochschule, an der Game-Designer ausgebildet werden, wobei dort leider oft an Games ohne Text gearbeitet wird. Es ist übrigens nicht schwierig, mit Python schlichte Games zu schreiben (siehe Kapitel 8.5.2) – etwas für die Bastler unter den Dozenten oder für die Studierenden, die im Rahmen eines Projekts unterschiedliche Rollen einnehmen können.

Die Konzentration auf das fesselnde Medium Film mit all seinen Eigenheiten und der Umgang mit interessantem technischem Equipment führen oft dazu, dass man nicht mehr so sehr ans übersetzerische Handwerk denkt. Doch alles, was man jemals im Übersetzungsunterricht gelernt hat, kann man bei der audiovisuellen Übersetzung anwenden. Das betrifft den größeren Rahmen aus Zielgruppe, SkoposSkopos (vereinfacht gesagt, der Zweck der Übersetzung), Textsorten und Äquivalenzfragen und den unterschiedlichsten Übersetzungstheorien ebenso wie Detailfragen zu Soziolekten / Dialekten, Stil generell, Satzbau, Wortwahl etc. Auf übersetzungswissenschaftliche Grundbegriffe wird in diesem Buch nicht eingegangen. Auch eine Kurzeinführung ist in diesem Rahmen nicht zu leisten.3 Doch gerade im Unterricht ist eine Analyse vorliegender AV-Übersetzungen mit übersetzungswissenschaftlichen Methoden ein sinnvoller erster Schritt vor praktischen Übungen. Manche Probleme sieht man erst bei einer solchen Analyse klar.

Wörterbücher jeder Art werden heute bevorzugt über das Internet genutzt. Sofern man sich nicht nur auf LEO stützt, ist das inzwischen allgemein akzeptiert – es gibt eine große Menge im Internet frei zugänglicher klassischer Wörterbücher. Denn Wörterbücher sind wichtig, und zwar jede Art von Wörterbuch (auch in gedruckter Form), darunter Bildwörterbücher (einsprachig und mehrsprachig), Fachwörterbücher und Glossare. Oft merkt man erst beim Übersetzen, dass viele Unterhaltungsfilme einen hohen FachwortanteilFachwortanteil haben. Terminologiedatenbanken sind für geübte Übersetzer, die im Team an einer audiovisuellen Übersetzung arbeiten, eine echte Hilfe, besonders bei Dokumentarfilmen. Dazu kommen Lexika.

1.3.2 Barrierefreiheit

Im Prinzip kann man bei jeder Übersetzung davon sprechen, dass sie Barrieren beseitigt. In der Praxis wird der Begriff jedoch nur dort eingesetzt, wo Menschen mit Behinderungen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erleichtert oder ermöglicht wird.

Der Bereich Barrierefreiheit ist der Bereich, in dem gerade im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren eine große Zahl an Forschungsarbeiten erschienen ist. Es wurden neue Standards gesetzt und neue Technologien entwickelt wie GretaGreta. Dieser Trend entspricht der allgemeinen Entwicklung in unserer Gesellschaft. Niederflurbusse, Rollstuhlrampen, Museumsführungen für Blinde, verbesserter Hörgeräte-Empfang z. B. in Kirchen und das Recht auf eine Verdolmetschung in GebärdenspracheGebärdensprache gehören zum Alltag. Deutschland hatte da durchaus Nachholbedarf. In Großbritannien war es schon in den 1990ern üblich, dass Theaterstücke einmal pro Saison mit GebärdensprachdolmetscherGebärdensprachdolmetscher und einmal mit AudiodeskriptionAudiodeskription (in speziell ausgerüsteten Sitzreihen) aufgeführt wurden.

1.3.3 Forschung

Nicht jeder Übersetzungs- oder Kommunikationswissenschaftler ist an einer praktischen Tätigkeit in der audiovisuellen Übersetzung interessiert; auch Forschungsfragen sind wichtig für die Wahrnehmung des Faches und geben der Praxis neue Impulse. Durch die oben geschilderten technischen Veränderungen ist in den letzten zwanzig Jahren eine deutliche Zunahme an Forschungsarbeiten und eine Diversifizierung der Forschungsfragen zu diesem Thema zu beobachten. Einzelanalysen werden in größere Zusammenhänge gestellt – nicht zuletzt, weil es inzwischen eine große Menge an Einzelanalysen gibt, auf die man zurückgreifen kann. Formate und Verfahren, soziologische Aspekte und Technik, zu allem gibt es eine Fülle an wissenschaftlicher Literatur.FriendsWitzWortspielThe Big Bang Theory1 Bei allen AV-Übersetzungsverfahren gibt es Richtlinien, die in den letzten Jahren zunehmend hinterfragt und empirisch überprüft wurden. Beispiele dazu finden sich in den Kapiteln zu den einzelnen Verfahren. Im deutschsprachigen Raum konzentriert sich die aktuelle Forschung klar auf den Bereich BarrierefreiheitBarrierefreiheit, wo auch ausführliche empirische Untersuchungen durchgeführt wurden und werden. Wie groß die Zunahme an AV-Themen in der Forschung ist, sieht man, wenn man das Inhaltsverzeichnis einer Zeitschrift wie JOSTRANS Jahr für Jahr durchschaut: Von den gelegentlichen AV-Artikeln in den frühen 2000ern gibt es eine Entwicklung hin zur AV-Übersetzung als dominantem Forschungsthema, wobei hier sehr viele Vertreter der AV-Übersetzungsforschung im Board sind.

Vor allem haben sich die Forschungsarbeiten in den übersetzungswissenschaftlichen Raum hinein bewegt, während frühere Arbeiten vorzugsweise in den Kommunikations- und Medienwissenschaften entstanden. Es finden in kurzen Abständen Fachkongresse ausschließlich zur audiovisuellen Übersetzung statt, so dass sich Gelegenheiten zum wissenschaftlichen Austausch bieten. Besonders bekannt sind die alle zwei Jahre an wechselnden Orten stattfindende „Media for All“, die seit 2005 sehr erfolgreich läuft und den besten Überblick über die aktuelle Forschung zu sämtlichen Verfahren der AV-Übersetzung bietet. Sie hat sich zu einer der größten Tagungen überhaupt im übersetzungswissenschaftlichen Bereich entwickelt. Um es anschaulich zu beschreiben: Bei den ersten beiden Kongressen dieser Serie konnten noch alle Teilnehmer abends gemeinsam essen gehen. Inzwischen geht die Teilnehmerzahl in die Hunderte. Stärker praxisorientiert ist die „Languages and the Media“, die ebenfalls alle zwei Jahre stattfindet (in den geraden Jahren); Tagungsort ist Berlin. Dort werden durchaus auch wissenschaftliche Ergebnisse präsentiert, der Fokus liegt aber auf aktueller Software und Veränderungen auf dem Markt. Dafür kann man hier besser Kontakte zur Praxis knüpfen. Auf beiden Tagungen werden Filme und das Internet ebenso behandelt wie Games. In den letzten Jahren entstanden auch Forschungsgruppen auf europäischer Ebene. Dazu kommt, dass zunehmend auch auf nicht speziell orientierten sprach- oder medienwissenschaftlichen Tagungen Beiträge zur audiovisuellen Übersetzung geboten werden. Schließlich gibt es seit 2010 die „Fun for All“, eine spezialisierte Tagung für die Game-Lokalisierung.

Im Zeitschriftenbereich ist das 2018 gegründete Journal of Audiovisual Translation ausschließlich auf diese Übersetzungsformen spezialisiert; allerdings sind noch nicht viele Ausgaben erschienen. Sonst ist besonders die oben erwähnte JOSTRANS empfehlenswert; dort wird eine Vielzahl von Fachartikeln zur audiovisuellen Übersetzung publiziert (www.jostrans.org). Auch die Zeitschrift Meta (www.erudit.org/en/journals/meta/) bietet hin und wieder Sondernummern zur audiovisuellen Übersetzung, ebenso inTRAlinea (Uni Bologna, https://intralinea.org). Ältere Ausgaben von Meta sind auch im Internet frei zugänglich. Trans-kom bietet trotz einer stärkeren Orientierung an fachsprachlicher Übersetzung immer wieder Untersuchungen zu AV-Themen oder Themen aus dem Bereich Barrierefreiheit (www.trans-kom.eu). Dazu kommen die New Voices in Translation Studies (www.iatis.org/index.php/new-voices-in-translation-studies) aus Finnland, die Revista Tradumàtica aus Barcelona (https://revistes.uab.cat/tradumatica/index) und TranscUlturAl – A Journal of Translation and Cultural Studies von der Universität Alberta in Kanada (https://journals.library.ualberta.ca/tc/index.php/TC/issue/view/1941).

Diese Zeitschriften haben alle Peer-Review-Systeme, sind aber im Internet leicht zu finden und erheben keine Zugangskosten (meist auch keine Autorenkosten). Das heißt nicht, dass Print-Zeitschriften wie Target, eine der hervorragendsten Zeitschriften zur Translatologie und eine der ersten, in denen Artikel zur AV-Übersetzung publiziert wurden, keine wichtigen Quellen wären. Zu den Online-Zeitschriften mit kostenpflichtigem Zugriff, die viele Beiträge zur AV-Übersetzung bieten, gehören The Translator (www.tandfonline.com/toc/rtrn20/24/4?nav=tocList), Perspectives: Studies in Translation Theory and Practice (www.tandfonline.com/toc/rmps20/current) und Across Languages and Cultures – A Multidisciplinary Journal for Translation and Interpreting Studies (https://akademiai.com/loi/084). Hier ist man auf einen Zugang über die Hochschule angewiesen; die Abstracts kann man jedoch meist kostenlos ansehen. Es bleibt natürlich immer die Möglichkeit, den jeweiligen Autor um Hilfe zu bitten.

Bei Verlagen wie Benjamins und Frank&Timme erscheinen zudem regelmäßig wissenschaftliche Untersuchungen wie auch didaktisch orientierte Werke zur AV-Übersetzung.

Forschungsliteratur, die sich auf einzelne Verfahren bezieht, wird in den entsprechenden Kapiteln angeführt. Überblickswerke sind selten. Das bisher umfassendste Werk zum Thema AV-Übersetzung, das sowohl die Praxis wie auch die unterschiedlichsten Forschungsansätze beleuchtet, ist Pérez González 2014. Das von Díaz Cintas 2008 herausgegebene The Didactics of Audiovisual Translation ist auch heute noch eine ausgezeichnete Einführung in die unterschiedlichen Verfahren. Gambier gehört zu den Pionieren auf dem Gebiet der AV-Übersetzungsforschung und gibt in seinen diversen Arbeiten einen Überblick über verschiedene Verfahren. Einen sehr ausführlichen und gleichzeitig amüsanten Überblick über den Stand der Dinge bieten Szarkowska / Wasylczyk 2019.

1.4 Untertitelung versus Synchronisation – der ewige Streit

Die Debatte darüber, welches Verfahren das bessere sei, dreht sich seit Jahrzehnten im Kreis. Hier soll zunächst die Verteilung der beiden Verfahren in Europa dargestellt werden, dann folgen die typischen Argumente für und wider.

In manchen Ländern ist es üblich, dass Filme, die in Kino und Fernsehen gezeigt werden, interlinguale UntertitelUntertitelinterlinguale Untertitel erhalten. In anderen Ländern werden Filme synchronisiert, und Deutschland ist auch heute noch ein typisches SynchronisationslandSynchronisationsland (selten auch „SynchronnationSynchronnation“). Bis auf wenige Ausnahmen werden alle Serien und Filme für Fernsehen und Kino synchronisiert. Das Publikum ist an diese Situation gewöhnt, doch mit dem Erfolg der StreamingdiensteStreamingdienst und den überall frei verfügbaren, oft englischsprachigen Inhalten auf YouTube, ändert sich diese Haltung. Jüngere Zuschauer wünschen sich, zumindest für englischsprachige Produktionen, eher Untertitel (siehe auch Media Consulting Group 2011: 11). In den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender kann man bei manchen Serien zwischen untertiteltem Original und Synchronfassung wählen. Untertitelung wird heute auch hierzulande nicht mehr als Ausnahme wahrgenommen und auch nicht mehr mit Ausnahmesituationen verknüpft. Noch vor zehn Jahren konnte man interlinguale Untertitel im Fernsehen höchstens bei OpernaufführungenOpernaufführung oder Filmen in den Kulturprogrammen (3sat3sat, ARTEARTE) erwarten oder außerhalb des Fernsehens bei Filmfestivals. Auch die Abwendung jüngerer Zuschauer vom linearen Fernsehen hat zu dieser Veränderung beigetragen. Was die Untertitelung von Filmen aus kleinen Sprachen betrifft, so findet diese weiterhin statt.

Dennoch bleibt die Synchronisation in Deutschland wichtig; das Publikum besteht nicht nur aus jungen Trendsettern, Gewohnheiten ändern sich nicht so schnell und es gibt noch andere große Ausgangssprachen als Englisch, die nicht eine so weite Verbreitung in der Bevölkerung genießen. Außerdem hängt eine große Industrie von der Synchronisation ab.

Warum ein Land zu einem Synchronisationsland wird, hat unterschiedliche Gründe. Oft leitet man diese Entwicklung aus der Geschichte der betreffenden Länder her. Spanien, Italien und Deutschland, drei typische Synchronisationsländer, haben eine faschistisch-totalitäre Vergangenheit (siehe z. B. Danan 1991). Wenn man einen Film synchronisiert, kann man besser lügen und unliebsame, beispielsweise pazifistische Inhalte verfälschen. Außerdem wird bei der Synchronisation die Nationalsprache eingesetzt. So auch Garncarz:

Es ist so, dass in Deutschland der Nationalsozialismus einen direkten Einfluss hatte auf die Etablierung der Synchronisation. Es gibt eine Studie in einem amerikanischen Fachjournal aus dem Jahr 1950, und diese Studio [sic] listet 60 Länder aus der ganzen Welt auf, darunter 16 europäische Staaten, und von diesen 60 Ländern gibt es nur drei Länder, die ausschließlich Synchron-Fassungen akzeptieren: das sind Italien, Spanien und Deutschland … Und man sieht schnell, dass es die drei Länder des europäischen Faschismus sind. Das bedeutet natürlich keineswegs, dass Synchronisation in irgendeiner Weise faschistisch ist, es bedeutet nur, dass Länder, die einen besonderen Wert auf ihre kulturelle Spezifik legen, die die eigene Sprache und die eigene Kultur höher schätzen als die Sprachen und Kulturen der Nachbarländer, dass diese Länder einen besonderen Wert darauf legen, dass alles Ausländische quasi in die eigene Sprache übersetzt wird. (Garncarz in Metz / Seeßlen 2009)

Doch diese Erklärung greift zu kurz. Auch in Frankreich ist die Synchronisation das häufigste Verfahren der AV-Übersetzung. Die Menge der Zuschauer, die den fertigen Film sehen werden, spielt eine sehr große Rolle dabei, ob ein so teures Verfahren eingesetzt wird (dazu zusammenfassend die Media Consulting Group 2011: 25). Eine Synchronfassung lohnt sich erst, wenn vierzig oder mehr Kopien eines Films in den Kinos laufen (Hinderer 2009: 271).

Ein weiterer Grund, der gegen eine rein geschichtliche Erklärung spricht, ist das kleine Portugal, das schon immer ein UntertitelungslandUntertitelungsland war – und der Beweis dafür, dass in einer Diktatur auch in den Untertiteln verfälscht und gelogen wird (ausführlich dazu Pieper 2009). Abgesehen vom Englischen, das heute viele Menschen einigermaßen gut verstehen, sind die Fremdsprachenkundigen in jeder Kultur weit verstreut und der Großteil des Publikums ist ausschließlich auf die Untertitel oder die synchronisierte Fassung angewiesen. Und drittens wird in Synchronisationen auch unabhängig von Diktaturen gelogen. CasablancaCasablanca (USA 1942) erreichte Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotzdem wurden alle Hinweise auf das Dritte Reich so gut wie möglich getilgt, um den Erfolg des Films auch bei deutschen Zuschauern zu sichern (siehe Kapitel 3.6.7).1

Untertitelungsländer sind, wie zu erwarten, Länder mit einer kleinen Sprachgemeinschaft. Die skandinavischen Länder sind Untertitelungsländer. Gerade bei Ländern mit mehreren LandessprachenLandessprache bietet sich die Untertitelung an, entweder in zwei Fassungen oder in einer Fassung mit doppelten Untertiteln. Eine Synchronisation in beiden Landessprachen wäre schon aus Kostengründen unmöglich; in diesen Ländern werden nur Kindersendungen synchronisiert. Europakarten mit einer Übersicht über die in den jeweiligen Ländern bevorzugten Verfahren im Kino und im Fernsehen finden sich im Rapport Final der Media Consulting Group (2011: 9-10). Großbritannien hat keine wirkliche Tradition der AV-Übersetzung; höchstens in Programmkinos und auf Festivals werden Filme aus fremdsprachlicher Produktion aufgeführt:

Großbritannien blickt auf eine andere Geschichte zurück: Durch die Tatsache, dass die Sprache mit derjenigen der Vereinigten Staaten geteilt wurde, entstand eine Situation, in der erheblich weniger fremdsprachige Filme als Filme in englischer Sprache vertrieben wurden. Ab Anfang der 1930er-Jahre wurden diese zumeist europäischen fremdsprachigen Filme gegenüber Hollywood-Produktionen als Ausnahmeprodukt behandelt. Die nur selten als Mainstream-Produktionen vertriebenen fremdsprachigen Filme wurden innerhalb kürzester Zeit mit der Idee eines Kunstkinos assoziiert, das sich an eine gebildete Mittelschicht wandte. Diese Dichotomie wurde von Filmklubs, Kinomagazinen und Kunst- und Studiokinos entwickelt und befördert. Noch heute stellen fremdsprachige Filme einen sehr geringen Teil des Kinofilmangebots in Großbritannien dar. (Media Consulting Group 2011: 26)

Außerhalb Europas gibt es wiederum andere Präferenzen. In den USA erreichen nur sehr wenige fremdsprachige Filme ein größeres Publikum, auch hier fast ausschließlich auf Festivals; diese werden im Normalfall untertitelt. Um einen erfolgreichen fremdsprachigen Film dem amerikanischen Publikum nahe zu bringen, ist das RemakeRemake nach wie vor das Mittel der Wahl. Die Zuschauer sollen durch ihnen bekannte Schauspieler ins Kino gezogen werden – einer guten Geschichte ohne die vertrauten Gesichter traut man offensichtlich nicht. Vielleicht ändert der Oscar für den koreanischen Film ParasiteParasite (2019) ewas an dieser Situation – zumindest hofft das der Regisseur Bong Joon-ho (Höbel 2020: 115).

Was Osteuropa betrifft, so gibt es heute noch vor allem in Polen, Bulgarien, Litauen und Lettland den Sonderfall der slawischen SynchronisationSynchronisationslawische Synchronisation oder Gavrilov-ÜbersetzungGavrilov translation, die im Prinzip ein Voice-over darstellt, manchmal auch eine Form des Filmdolmetschens (siehe Karte Media Consulting Group 2011: 9 sowie Kapitel 3.6.4 und Kapitel 5.1).

Ein kompletter Umstieg von einem Verfahren auf das andere ist bisher nirgends belegt, doch wie oben angedeutet findet eine Diversifizierung statt. In Deutschland wurden auch schon vor YouTube und Streaming immer wieder Stimmen laut, die Untertitelung statt Synchronisation forderten. Meist geschah dies im Zusammenhang mit der Hoffnung auf eine flächendeckende Verbesserung der FremdsprachenkenntnisseFremdsprachenkenntnisse (womit immer die Verbesserung der Englischkenntnisse gemeint ist; an einer flächendeckenden Verbesserung beispielsweise der Finnischkenntnisse in Deutschland scheint unverständlicherweise kein gesteigertes Interesse zu bestehen). Das Thema „Fremdsprachenlernen und Untertitel“ gilt als so wichtig, dass die EU 2009 eine Ausschreibung zur Untersuchung dieses Phänomens startete:

Am 27. Juli 2003 hat die Kommission den Aktionsplan „Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt: Aktionsplan 2004-2006“ angenommen … Im Aktionsplan wurde die Auffassung vertreten, dass ‚der Einsatz von Untertiteln im Kino und im Fernsehen das Sprachenlernen fördern und erleichtern kann.‘

In diesem Zusammenhang wurde auf die Möglichkeit hingewiesen, den Einfluss der Medien bei der Schaffung eines sprachenfreundlicheren Umfelds nutzbar zu machen, indem die Bürger regelmäßig mit anderen Sprachen und Kulturen in Berührung gebracht werden. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass das

Potenzial eines stärkeren Rückgriffs auf Untertitel zur Förderung des Fremdsprachenerwerbs […] ausgeschöpft werden [könnte]. (Offene Ausschreibung Referenz EACEA/2009/01 „Studie über den Einsatz von Untertiteln“ Das Potenzial von Untertiteln zur Förderung des Fremdsprachenlernens und zur Verbesserung der Fremdsprachenbeherrschung. 9)

2011 war der Rapport Final verfügbar (Media Consulting Group 2011). Zur Kommission gehörten Yves Gambier und Carlo Eugeni, die beide renommierte AV-Forscher sind. Zwar wurden in dieser Studie, wie so häufig, Studierende befragt, aber die Forschergruppe achtete darauf, eine Gruppe von angehenden Übersetzern gegen eine Gruppe Studierender anderer Fakultäten zu setzen (Media Consulting Group 2011: 5). In dieser Studie wird auch das Thema „Einfluss von Untertiteln auf die Integration von MigrantenIntegration von Migranten“ angesprochen; das Ergebnis ist positiv (ebd.: 18 und 29). Es erwies sich auch, dass ein großes Vertrauen in Untertitel als Instrument zum Sprachenlernen besteht (ebd.: 19). Die ästhetisch motivierte Forderung, Untertitel solle man gar nicht wahrnehmen (zum invisibility paradoxinvisibility paradox siehe Foerster 2010: 82), wird hier durch den Wunsch konterkariert, die Untertitel bewusst zu nutzen.

Künstlerische Erwägungen sind ein Minderheitenargument, das aber von einer lauten Minderheit vertreten wird. Auch in Synchronisationsländern gilt es heute als korrekt und gebildet, Untertitel besser zu finden als Synchronfassungen. Mit der Untertitelung sind kulturelle Werte verbunden, die die Synchronisation so nicht hat. So sollen Untertitel den Film weniger verfälschen – und vor allem weist der Genuss einer Untertitelfassung den Zuschauer als kultiviert aus, während die Synchronfassung für die Popcorn kauende breite Masse steht. Wie in Großbritannien haben auch in Deutschland die Untertitel eine Verbindung zum Programmkino.

Gambier wies schon 2004 darauf hin, dass die Einteilung in Synchronisations- und Untertitelungsländer durch die Vielzahl an neuen Sendern ins Wanken geraten ist, und dass für manche Filme sowohl eine untertitelte als auch eine synchronisierte Fassung vorliegen:

Aujourd’hui, l’Europe est trop souvent divisée entre pays du doublage (France, Italie, Allemagne, Espagne, etc.) et pays du sous-titrage (pays scandinaves, Finlande, Grèce, Pays-Bas, Portugal, Pays de Galles, Slovénie, etc.). C’est une division trop simpliste, d’une part parce que le nombre de chaînes, par exemple, est passé de 47 en 1989 à plus de 1500 en 2002, dans l’Europe des 15, et qu’aucun pays n’a un ensemble de directives communes ou un code unique de bonne conduite; d’autre part, parce que les solutions sont désormais multiples et flexibles. Ainsi Malcom XMalcom X (1998) a d’abord été sous-titré pour quelques salles à Paris, mais devant le succès obtenu, les distributeurs ont vite commandé une version doublée pour un public jugé peu familier de l’écoute de l’anglais américain ou de la lecture de deux lignes sur l’écran. (Gambier 2004: 6)

Das mag selbstverständlich klingen, doch noch in den 2000ern gab es bei ernstzunehmenden Wissenschaftlern keinen Zweifel daran, dass das Publikum auf die gewohnte Methode geradezu konditioniert ist:

When viewers are accustomed to one adaptation method they seem not to worry about the disadvantages that go with the method. In addition, they seem to dislike the other method. Dutch viewers will be annoyed by all the shortcomings of dubbingDubbing when they watch dubbed programmes, whereas German viewers will demonstrate the same type of aversion when watching subtitled programmes. The effect of habituation should also be taken into account in the interpretation of the results of studies which explicitly compare subtitling and dubbing. (Koolstra et al. 2003: 347)

Eine konservative Haltung beim Publikum zeigte sich besonders dann, wenn Versuche mit anderen Verfahren der audiovisuellen Übersetzung gemacht werden. Doch auch hier handelt es sich um Untersuchungen älteren Datums:

Quelques enquêtes ont certes confirmé que les publics aiment ce à quoi ils sont habitués. Ainsi les Polonais ont refusé dans les années 1990 la transformation de leur voice over en sous-titrage; en novembre 2001, les chaînes publiques norvégienne et finlandaise ont tenté de doubler une série américaine: devant les protestations des téléspectateurs, elles sont revenues en moins de deux semaines aux sous-titres. (Gambier 2004: 9)

Meist konzentriert sich die Diskussion Synchronisation versus Untertitel jedoch auf ästhetische Belange und auf Fragen der Filmwahrnehmung.

Die Debatte, ob Synchronisation oder Untertitelung per se besser sind, wurde schon 2004 von Gambier in die typischen, immer wiederkehrenden Elemente zerlegt. Für die Untertitelung sprechen demnach folgende Argumente

Les avantages et inconvénients qui reviennent le plus souvent font comme un jeu de miroir: ce qui est perçu comme un plus pour le sous-titrage est un moins pour le doublage, et inversement. Sont donnés ainsi en faveur du sous-titrage: il est bon marché car rapide à faire, peut servir pour tout programme AV, respecte l’intégralité de la bande sonore originale, permet l’accès à deux ou trois langues en même temps, facilite l’apprentissage des langues. Le doublage, au contraire, serait cher car laborieux et lent à réaliser; il serait réservé au cinéma, perdrait l’original et n’offrirait qu’une seule langue; il favorisait la domestication, quand il n’est pas simplement manipulation; en plus, ce sont souvent les mêmes voix qui reviennent d’un film à l’autre …

Doch auch die Synchronisation hat Vorteile, die von ihren Verfechtern ins Feld geführt werden:

A ces aspects, s’ajoutent néanmoins des facteurs positifs: le doublage respecte l‘image sur laquelle peut se concentrer le spectateur; il conserve l’oralité, tout en étant soumis à la synchronie labiale; il donne accès au dialogue pour les personnes qui ont des problèmes de lecture (jeunes enfants; immigrants recents; illettrés; etc.) A l’oppose, le sous-titrage est plutôt génant pour ceux qui ont des problèmes de vision ou de lecture; il absorbe une partie de l’écran; il disperse l’attention entre images, lignes écrites et bande son; il réduit les dialogues dans le passage de l’oral à l’écrit et dans sa subordination à un certain espace-temps. Dans cette querelle récurrente, on asserte plus souvent ses arguments qu’on n’apporte des preuves. (Gambier 2004: 267)

Dieser schon vor 15 Jahren erschienenen Zusammenfassung ist wenig hinzuzufügen; es gibt zwar inzwischen qualitative und quantitative Untersuchungen zur Wahrnehmung beider Verfahren, aber die Debatte hat sich außerhalb der Wissenschaft in präzise dieser Form erhalten.

Hier soll der Vollständigkeit halber noch ein ausgesprochen ungewöhnliches Argument für die Untertitelung angeführt werden2:

In contrast to the advantage of being able to follow dubbed programmes via the soundtrack, there is the disadvantage that the sound of the television may be overwhelmed by other sounds in the room, such as the noise of conversations held by members of the family. In noisy environments, subtitled programmes are of course easier to follow than dubbed television programmes. (Koolstra et al. 2003: 332)

Und ein sehr leidenschaftliches für die Synchronisation:

Doch Untertitel, also die Transponierung vom Phonetischen ins Grafische, sind keine ernsthafte Alternative [zur Synchronisation], denn sie lenken von der visuellen Ebene ab und damit von der elementarsten Komponente des Mediums Film: dem Bild. Sie lösen erst recht die Einheit von Bild und Dialog auf, indem sie die Konzentration auf das Gesprochene (bzw. Geschriebene) zu Lasten des Filmischen erfordern und die BildkompositionBildkomposition durch ein zusätzliches Medium, den schriftlichen Text, verändern oder gar zerstören. Man stelle sich eine absichtlich düster gestaltete Sequenz vor, in der ständig helle Untertitel aufblitzen! (Bräutigam 2009: 28).

Man kann ganz salomonisch sagen, dass beide Verfahren gut sind, wenn sie gut gemacht werden. Koolstra weist auf die Gefahr hin, das Verfahren selbst mit einem schlechten Beispiel des Verfahrens zu verwechseln:

In addition, it must be noted that sometimes dubbing or subtitling is also criticized using ‚false‘ arguments pertaining to the mere fact that the original foreign-language texts are badly translated. (Koolstra et al. 2003: 326)

Untertitel können Zuschauern das Gefühl geben, die Übersetzung besser unter Kontrolle zu haben. Hier schlägt sich das Unbehagen vieler Menschen nieder, dass man im Alltag in vielen Situationen auf Übersetzungen angewiesen ist (dazu Koolstra et al. 2003: 327). Das ist nicht auf die AV-Übersetzung beschränkt; niemand kann jeden interessanten Film im Original verstehen.

1.5 Exkurs: Filmgestaltung

Viele Übersetzer haben sich noch nie mit Fragen der Filmgestaltung und Filmanalyse befasst. Einige grundsätzliche Begriffe sind aber wichtig, wenn man Filme verstehen und entsprechend sinnvoll bearbeiten will.

1.5.1 Bildspur

Die visuelle Seite des Films ist eine wichtige Komponente bei der audiovisuellen Übersetzung. Die Übersetzung darf nie den Film stören; bei Untertiteln kann das schnell passieren, wenn man sich nie mit Filmgestaltung beschäftigt hat. Man kann nur mit entsprechenden Kenntnissen mit den anderen Teammitgliedern oder Forschern präzise über Filme und über manche Probleme der audiovisuellen Übersetzung sprechen. Außerdem wird der Blick auf den Film geschärft, was einer professionellen Übersetzung ebenfalls gut tut.1

Ein wichtiges Element der Bildgestaltung ist die EinstellungsgrößeEinstellungsgröße. Sie definiert, was man im Bildausschnitt sieht. Ist die Kamera nah dran am Geschehen oder ist sie eher weit entfernt? Sehen wir kleine Menschen in einer weiten Landschaft oder ein bildschirmfüllendes Gesicht? Unterschiedliche KameraeinstellungenKameraeinstellung machen unterschiedliche Vorgehensweisen bei den Verfahren der audiovisuellen Übersetzung nötig. Als Beispiel sei nur die Nahaufnahme eines Gesichts genannt. Hier sieht der Zuschauer die LippenLippen in vielfacher Vergrößerung. Die Synchronisation muss also sehr genau sein. Aber auch für die Untertitelung birgt die Nahaufnahme Tücken: Die Untertitel sollen möglichst wenig von einem ausdruckstragenden Gesicht verdecken, schon gar nicht die Mundpartie, und ÜbertitelÜbertitel gehören nicht auf die Augen.

Im Allgemeinen werden im deutschsprachigen Raum acht Einstellungsgrößen genutzt und so auch im DrehbuchDrehbuch markiert. Ein Großteil der Literatur zur audiovisuellen Übersetzung ist jedoch englischsprachig, und die englischen Bezeichnungen werden auch gern im Deutschen verwendet. Daher sollte man sie zumindest passiv kennen, auch wenn man mit anderen Sprachen arbeitet. Die Verwendung von deutschen und englischen Bezeichnungen parallel kann problematisch sein, denn je nach Quelle werden die einzelnen Einstellungen unterschiedlich gegeneinander abgegrenzt:


Beschreibung Englische Bezeichnung
Weit (W) Landschaft im Überblick, Menschen winzig. Eher im Kino anzutreffen als im Fernsehen. extreme long shot oder VLS: very long shot oder manchmal LS: long shot
Totale (T) Auch hier sind die Menschen noch klein, die Umgebung spielt eine wichtige Rolle. Eine gesamte Szene wird im Bild erfasst. LS: long shot
Halbtotale (HT) Menschen erscheinen von Kopf bis Fuß im Bild. Man nimmt sowohl den Menschen als auch sein Umfeld wahr. oft ebenfalls LS: long shot
Amerikanisch (A) Man sieht die obere Hälfte des Menschen einschließlich des Colts. American
Halbnah (HN) obere Hälfte des Menschen bis zur Hüfte MS: mid-shot
Nah (N) Hier sehen die Menschen praktisch aus wie Büsten. Bei der Mitte des Oberkörpers ist Schluss. MDU: medium close-up
Groß (G) … und jetzt ist nur noch der Kopf zu sehen. CU: close-up
Ganz groß oder Detail (D) Bei einem Menschen ist jetzt nicht mehr das vollständige Gesicht zu sehen, vielleicht nur noch die Augen. Auch kleinere Gegenstände können so hervorgehoben werden. BCU: big close-up

Tabelle 1:

Einstellungsgrößen deutsch und englisch. Für die deutschen Bezeichnungen: Hickethier 1993: 58-60; für die englischen Bezeichnungen: teils ebenda, teils Watts 1990: 127-129, teils Monaco 1991, im Glossar.

Die Einstellungsgrößen werden im Folgenden veranschaulicht anhand von Shakespeare, A Winter’s Tale, III.iii.

Abbildung 1:

Totale. Das Kino mit den Zuschauern und dem Shakespeare-Film auf der Leinwand

Abbildung 2:

Halbtotale. Die Szene auf der Leinwand

Abbildung 3:

Amerikanische Einstellung

Abbildung 4:

Halbnah

Abbildung 5:

Nah

Abbildung 6:

Close-up

Abbildung 7:

Detail

Ein zweiter wichtiger Punkt bei der Filmgestaltung sind die KamerabewegungenKamerabewegung. Schwenks und Neigungen der Kamera leiten auch das Auge. Ein lange ruhig stehender Untertitel während einer lebhaften Kamerabewegung kann stören. Auch bei einem ZoomZoom, bei dem die Kamera sich zwar nicht bewegt, aber eine Illusion von Bewegung entsteht, verringert der Untertitel den zoomtypischen Sogeffekt.

Die wesentlichen Kamerabewegungen sind folgende:


Schwenk Die Kamera ändert ihren Standpunkt nicht, bleibt auf ihrem Stativ, wird aber gedreht. Der Schwenk von links nach rechts ist typisch für Fernsehsendungen, bei denen einmal das gesamte Publikum „abgefahren“ wird. Auf der vertikalen Achse manchmal „neigen“. auf der horizontalen Ebene, also der x-Achse: panning; auf der vertikalen Achse, also der y-Achse: tilt
Kamerafahrt Die Kamera wird im Ganzen in unveränderter Haltung geschoben und bleibt dabei normalerweise auf einem Stativ oder einem Wagen (Dolly) fixiert. Bei der Auf- und Abwärtsbewegung wird sie normalerweise auf einem Führungsstab verschoben. Für sehr umfassende Auf- und Abwärtsbewegungen montiert man die Kamera auf einen Kran. allgemein: travelling; vorwärts und rückwärts: tracking; seitwärts: crabbing, oft auch einfach moving; aufwärts und abwärts: elevate / go up und depress / go down

Tabelle 2:

Kamerabewegungen. Für die deutschen Bezeichnungen und Erläuterungen: Hickethier 1993: 63-64, für die englischen Bezeichnungen und Erläuterungen dazu: Watts 1990: 130.

Weitere bildliche Gestaltungsmittel sind die BildkompositionBildkomposition und der BildschnittBildschnitt. Beim Untertiteln ist es wichtig, auf den Bildschnitt zu achten. Wenn vermeidbar, sollten Untertitel nicht über einen Schnitt hinaus stehen bleiben. Untertitel und Schnitt stören sich in vielen Fällen gegenseitig; beim Betrachter entsteht Verwirrung durch das gleichzeitige Auftreten von Bildveränderung und Bildkonstanz. Die Bildkomposition ist dagegen bei der AudiodeskriptionAudiodeskription besonders wichtig. Je üppiger sie ist, je stärker sie bedeutungstragend wirkt, desto schwieriger ist die Entscheidung, was man beschreiben muss und was nicht.

Von Laien wenig beachtet wird das Problem der BeleuchtungBeleuchtung. Die Bildstimmung durch eine bestimmte Lichttemperatur (warmes gelbes oder kaltes blaues Licht) kann für die Audiodeskription wichtig sein; sonst fällt sie aus Zeitgründen meist aus der Beschreibung heraus. Bei der Synchronisation und beim Voice-over spielt die Beleuchtung für übersetzerische Entscheidungen keine Rolle. Siehe aber Bräutigams oben zitiertes leidenschaftliches Plädoyer gegen Untertitel, die die Farbstimmung stören.

1.5.2 Tonspur

Die endgültige Tonspur eines Films wird aus verschiedenen Tonspuren zusammengemischt, wobei man heute, im Zeitalter der Digitalisierung, eigentlich von Tondateien sprechen müsste. Der Begriff „Tonspur“ stammt noch aus den Zeiten des Tonbandes, ist aber sehr anschaulich und wird daher weiterhin benutzt. Wir können uns diese Tonspuren so nebeneinander aufgereiht vorstellen wie Spuren auf einer Autobahn.

Für unsere Arbeit sind nicht alle dieser Tonspuren gleich relevant. Wie bei der Bildgestaltung sollte man aber auch Grundlagenwissen zur Tongestaltung haben. Besonders bei Verfahren des Re-Voicing bzw. RevoicingRevoicing wie AudiodeskriptionAudiodeskription, Voice-overVoice-over und SynchronisationSynchronisation muss man auch die Tonspuren im Blick haben, die man nicht bearbeiten wird oder gar nicht bearbeiten kann.

Bei Filmbearbeitungsprogrammen sieht man diese parallelen Tonspuren untereinander. Bei der Arbeit mit vorproduzierten Filmen im Unterricht sieht man zumindest die Spur für den abgemischten FilmoriginaltonOriginalton und die selbst erzeugte(n) Tonspur(en); bei UntertitelungsprogrammenUntertitelungsprogramm sieht man normalerweise nur eine, bereits abgemischte Tonspur. Im Grunde genommen gibt es bei professionell gemachten Filmen je mindestens eine Tonspur für die Dialoge, für die Begleitmusik und für die HintergrundgeräuscheHintergrundgeräusch. Letztere wird auch als Atmo-SpurAtmo-Spur bezeichnet, von Atmosphäre. Dazu kann eine weitere eingesprochene Tonspur kommen, die KommentarspurKommentarspur, die im Journalismus häufig genutzt wird. Für den Synchronvorgang wichtig ist das ITIT (International TapeInternational Tape, im Deutschen oft verdoppelt IT-BandIT-Band), das internationale Band, auf dem alle Filmtonbestandteile bis auf die Dialoge enthalten sind. Es wird für die internationale Bearbeitung durch Synchronstudios hergestellt. Toningenieure unterscheiden eine größere Zahl von Tonspuren (dazu einführend Beilharz 2008 oder ausführlicher Lensing 2009).

Die ursprünglichen Spuren können unabhängig voneinander bearbeitet werden. Dies geschieht bereits beim Originalfilm, bei dem die Spuren im Studio „abgemischt“ werden. Die FilmmusikMusikFilmmusikFilmmusik wird eingespielt, vielleicht lauter und leiser gedreht, die StimmenStimme werden oft schon in der Originalsprache nachsynchronisiert, wenn die Tonqualität zu schlecht ist. Später wird den Stimmen eventuell noch künstlicher Hall zugesetzt oder andere Veränderungen werden vorgenommen.

Bei der SynchronisationSynchronisation wird die Original-DialogspurDialogspur durch eine neue ersetzt – als bekäme eine Autobahnspur einen neuen Belag. Beim Hörfilm und bei der Voice-over-Übersetzung kommt jeweils eine neue Tonspur dazu. Die Autobahn wird ausgebaut.

1.5.3 Texte

Filme liegen fast immer zunächst als Texte vor; improvisierte Filme sind die Ausnahme, wobei die Wiederholungen und abgebrochenen Sätze der natürlichen Sprache eine besondere Herausforderung darstellen.. Bei „normalen“ Filmen gibt es ein DrehbuchDrehbuch sowie ein DialogbuchDialogbuch oder eine DialoglisteDialogliste.

Drehbücher enthalten sämtliche Angaben, die der Regisseur, die künstlerisch-technischen Mitarbeiter (Kamera, Beleuchtung) und die Schauspieler benötigen. Daher sind sie relativ dick. Jede Bewegung, jede KameraeinstellungKameraeinstellung wird geplant bzw. dokumentiert. Diese Texte erhält der Übersetzer normalerweise nicht. Das Drehbuch gehört zur PräproduktionPräproduktion; oft erhalten Übersetzer ein PräproduktionsskriptPräproduktionsskript, jedoch nur in Form von Dialoglisten ohne ausführliche Produktionsplanung. Das PostproduktionsskriptPostproduktionsskriptpre-production scriptpost-production scriptContinuity1 stellt den Endzustand des Filmtextes dar und hat Dokumentationscharakter. Für die AV-Übersetzung ist es ideal, da beim Filmen veränderte Texte hier dokumentiert sind. Näheres dazu findet sich in diesem Kapitel bei Unterrichtsmaterialien.

Alle Filme entstehen in ihrer endgültigen Form erst im Schneideraum, aber bei DokumentarfilmenDokumentarfilm ist das besonders augenfällig. Sie enthalten authentisches, unbearbeitetes Material, das erst in eine ansprechende Form gebracht werden muss. So können aus zehn Stunden mit Tieren vor der Kamera zwanzig Minuten Film werden. Dazu kommt, dass Dokumentarfilme oft spontan gesprochenen Text enthalten, etwa Interviews. Diese Filmteile müssen nicht nur geschnitten werden – sie liegen als schriftlicher Text überhaupt nicht vor und dieser muss von einem SkriptdienstSkriptdienst erst bei Ansicht des Films erstellt werden, falls der Film in irgendeiner Form übersetzt werden soll.

Wer nicht mit Dokumentarfilmen arbeitet, arbeitet also ausschließlich mit künstlichen Texten (wobei auch Dokumentarfilme nicht ausschließlich natürliche Texte enthalten, sondern auch Moderatorentexte u.ä.). Es sind schriftliche Texte, die für die mündliche Wiedergabe gedacht sind, die aber die Unsauberkeiten authentischer mündlicher Sprache nur in Ausnahmefällen enthalten (dazu ausführlich Remael 2008) und die oft die Handschrift eines Autors tragen. Dies macht einen großen Unterschied bei der Arbeit.

Zur Drehbuchübersetzung gibt es weitere Informationen im Kapitel zur Synchronisation. Drehbücher werden auch für andere Zwecke übersetzt als zur Synchronisation oder Untertitelung, zum Beispiel, um im Rahmen einer internationalen Filmförderung das Drehbuch allen Juroren zugänglich zu machen.

Texte sind nicht einfach nur Rohmaterial; man muss verstehen, welche Erwägungen bei ihrer Gestaltung mitgespielt haben. Es ist für AV-Übersetzer daher sinnvoll, sich mit Fragen der Plot- und Charakterentwicklung zu beschäftigen, denn das Ausgestalten von Figuren und ihren Stimmen ist hilfreich, um auch beim Übersetzen die Besonderheiten einer Stimme zu erhalten und ein Gespür für die passende Sprache zu bekommen. Eine gut lesbare Einführung für Laien ist Benedict 2014.

1.5.4 Der Timecode

Im Kino und im Fernsehen sieht man keinen TimecodeTimecode. Der Timecode zeigt an, an welcher Stelle im Film man sich gerade befindet. Er besteht aus vier zweistelligen Ziffern, die durch Doppelpunkte getrennt werden. Ein typischer Timecode sieht folgendermaßen aus: 01:20:40:14. Das bedeutet, dass der Film eine Stunde, zwanzig Minuten, vierzig Sekunden und 14 EinzelbilderEinzelbild (so genannte FramesFrame) lang gelaufen ist. Also 80 Minuten, vierzig Sekunden und 14 Fünfundzwanzigstelsekunden. Auf Abspielgeräten sieht man die Einzelbildkategorie nur, wenn der Timecode Teil des Films ist. Bei Filmen, die man für eine Voice-overVoice-over-Übersetzung erhält, ist das der Fall. ArbeitskopienArbeitskopie von Filmen haben oft einen groß in das Filmbild integrierten Timecode. Das liest sich gut – und es vermeidet, dass jemand vielleicht der Versuchung doch nicht widerstehen kann und die Filmkopie zum Verkauf anbietet.

Die Anmerkung mag banal wirken, aber man muss immer darauf achten, dass Stunden und Minuten sechzig Einheiten haben, nicht hundert. Hier kommt es gerne mal zu Rechenfehlern. Einzelbilder hat man bei den meisten Filmformaten 25 pro Sekunde, so dass hier schon nach der 24 zur nächsten Sekunde geschaltet wird. Bei Profi-Untertitelungssoftware kann man auch Filme mit anderen Einzelbildzahlen (z. B. 29 Frames pro Sekunde) einspeisen. Das Programm passt die Zählung automatisch an.

Bei den heutigen Untertitelungsprogrammen und bei anderen Filmbearbeitungsprogrammen wird der Timecode automatisch angezeigt. Wenn man ein gutes Filmskript hat, steht bei jedem Texteinsatz, Tonwechsel und jedem Wechsel von EinstellungKameraeinstellung und SchnittSchnitt der Timecode. Man kann über den Timecode gezielt bestimmte Stellen im Film anfahren und bearbeiten. Die UntertitellisteUntertitelliste wird ebenfalls mit Timecodes versehen.

1.6 Schlussbemerkung

Diese Einführung sollte zur Sensibilisierung dafür dienen, wie vielschichtig die Problematik der Filmübersetzung schon unabhängig von den einzelnen Verfahren ist. Nicht angesprochen wurden das gesellschaftliche und politische Interesse an der Übersetzung von Filmen und die Beschäftigung mit dem Film als Kunstwerk. In jedem Werk zur Game-Lokalisierung wird als erstes erwähnt, dass man diese Tätigkeit nur ausüben sollte, wenn man Games mag und mit ihnen vertraut ist. Das gilt für alle Tätigkeiten. Je mehr Filme Sie sich ansehen, gleich welches Genre, gleich mit welchem Übersetzungverfahren oder als pure O-Version: Auge und Ohr werden geschult, und Ihre Übersetzungen werden mit Sicherheit immer besser.

2 Interlinguale Untertitelung
2.1 Definition

Im Übersetzungsunterricht ist die interlinguale UntertitelungUntertitelunginterlinguale Untertitelung die beliebteste Form der AV-Übersetzung. Die heutigen technischen Möglichkeiten erleichtern einen praxisnahen Unterricht; normale PCs genügen, um den typischen Ablauf beim Untertiteln zu simulieren, eine große Anzahl von teils kostenlosen UntertitelungsprogrammenUntertitelungsprogramm macht diese Übungen auch dort möglich, wo die finanziellen Mittel nicht zur Anschaffung einer Profi-Software genügen. Die Oberflächen dieser Programme ähneln sich: Überall kann man mindestens den Film mit Timecode sehen, im Film den gerade laufenden Untertitel, unter oder neben dem Film die nachfolgenden Untertitel. Profi-Programme haben den Vorteil, dass wirklich alle Möglichkeiten der Untertitelung ausgeschöpft werden können und dass man die Untertitel in separaten Dateien speichern kann. Außerdem verfügen sie über Kommentarfunktionen, mit denen man Untertitelungsklausuren sehr gut korrigieren kann. Die Interlingualität fordert die bei anderen Übersetzungsaufgaben trainierten Fertigkeiten, die besonderen Bedingungen der interlingualen Untertitelung bieten eine zusätzliche Herausforderung.

Die Definition der interlingualen Untertitelung aus der Encyclopedia of Translation Studies lautet folgendermaßen:

Subtitling consists of the production of snippets of written text (subtitles, or captionsCaptions in American English) to be superimposed on visual footage – normally near the bottom of the frame – while an audiovisual text is projected, played or broadcast … Interlingual subtitles provide viewers with a written rendition of the source text speech, whether dialogue or narration, in their own language. (Pérez González 2011 [2009]: 14)

Andere Aspekte werden in der Definition von Gottlieb hervorgehoben:

Untertitel als Übersetzungsmittel können definiert werden als Übertragung in eine andere Sprache von verbalen Nachrichten im filmischen Medium in Form eines ein- oder mehrzeiligen Schrifttextes, die auf der Leinwand erscheinen und zwar gleichzeitig mit der originalen gesprochenen Nachricht. (Gottlieb 2002: 187f.)

Normalerweise ist die interlinguale Untertitelung für Hörende gedacht und weist nicht die Besonderheiten der Untertitelung für HörgeschädigteUntertitelung für Hörgeschädigte auf. Trotzdem wird sie natürlich auch von Gehörlosen und Hörgeschädigten genutzt. Viele Regeln der interlingualen und der intralingualen Untertitelung sind identisch.

Der SprachtransferSprachtransfer bei der interlingualen Untertitelung wird auf mehreren Ebenen durchgeführt: „von einer Sprache in die andere, von längeren in kürzereKürzung Einheiten und von gesprochener Sprache in geschriebenen Text“ (Nagel 2009: 52 als Zusammenfassung von Buhr 2003: 44).

Später werden einzelne Aspekte der interlingualen Untertitelung angeführt. Welche Probleme könnten Sie sich vorstellen, wenn Sie diese unterschiedlichen Definitionen lesen? Diskutieren Sie die Problematik in der Gruppe!

Gottlieb spricht auch von einem diagonalen Übersetzungsvorgang, da sowohl der Sprachmodus als auch die Sprache gewechselt werden. Im Gegensatz dazu definiert er intralinguale UntertitelUntertitelintralinguale Untertitel, bei denen die Sprache eben nicht gewechselt wird, als vertikal und die SynchronisationSynchronisation, bei der der Modus nicht gewechselt wird, als horizontal (vgl. Gottlieb 2002: 190).

Wenn Untertitel nach Belieben zu- und weggeschaltet werden können, spricht man von geschlossenen UntertitelnUntertitelgeschlossene Untertitel (Nagel 2009: 45). Offene UntertitelUntertiteloffene Untertitel sind auf dem Filmmaterial fixiert, sie sind immer sichtbar, liegen also immer offen.

Von einer Pivot-UntertitelungPivot-Untertitelung (Pivot: englisch für Dreh- und Angelpunkt) spricht man, wenn ein Film in einer kleinen Sprache für Festivals und ähnliche Aufführungen in einer großen Sprache, fast immer Englisch, untertitelt wird und in dieser Fassung an unterschiedliche Sprachgemeinschaften ausgeliehen wird (Nagel 2009: 45). Dort werden die englischen Untertitel in die Sprache der Zielkultur übersetzt. Das Verfahren ähnelt dem RelaisdolmetschenRelaisdolmetschen.

2.2 Geschichte

Im Allgemeinen wird die Entstehung der Untertitel aus den ZwischentitelnZwischentitel der StummfilmeStummfilm abgeleitet. Allerdings gibt es zwischen beiden Erscheinungen erhebliche Unterschiede. Zwischentitel stehen normalerweise weiß auf schwarz, zwischen einzelnen Filmszenen. Logischerweise können sie im Stummfilm nicht mit einer Tonspur konkurrieren.

Stummfilme mit Zwischentiteln sind hervorragend geeignet für eine internationale Verbreitung. Die Zwischentitel kann man übersetzen, die entsprechenden Filmabschnitte einfach herausschneiden und dann durch die übersetzten Abschnitte ersetzen. Bei Stummfilmen geht man überdies oft davon aus, dass sie global verstanden werden.

Mal kurz nachdenken … das ist nicht ganz korrekt. Wo könnte es Missverständnisse geben?

Viele Elemente der Mimik sind über Grenzen und Kulturen hinweg gleich. Aber schon Gesten können kulturspezifischkulturspezifisch sein, ebenso wie andere Verhaltenselemente. All das kann zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führen.

Mit den Tonfilmen verschwanden die Zwischentitel; sie werden höchstens noch aus künstlerischen Erwägungen eingesetzt wie im StummfilmJuhaJuha von Aki Kaurismäki (Finnland 1999).

Im Stummfilm gab es auch schon Untertitel im Bild selbst, und zwar in Frankreich. Hier wird immer wieder der Film Mireille von 1922 zitiert (z. B. Ivarsson / Carroll 1998: 9), doch wie Nagel nach gründlicher Recherche bemerkt, ist dieser Film nicht aufzufinden (Nagel 2009: 27).

Die Zuschauer waren nicht alle begeistert von Untertiteln:

Die ersten Tonfilme waren natürlich amerikanische Filme: Der erste Film, der in Berlin gezeigt wurde, war The Singing FoolThe Singing Fool und der lief im Original. Man hat dann probiert, Untertitel zu machen, das wurde aber von den Kritikern sehr schnell verworfen: Das sei viel zu anstrengend, gleichzeitig zu hören und zu lesen. (Drößler in Metz / Seeßlen 2009)

Technisch hat sich, wie oben erwähnt, die Erstellung von Untertiteln deutlich vereinfacht. Früher wurden verschiedene Verfahren angewandt, um die Untertitel direkt in den Film zu brennen. Man nutzte Chemikalien oder Hitze.1 Diese Verfahren ließen sich allerdings nicht ohne weiteres auf FernsehsendungenFernsehsendung übertragen, so dass dort nach neuen Wegen gesucht werden musste. In diesem Rahmen wurden auch die ersten Untertitel-Generatoren entwickelt, die allerdings noch sehr kompliziert und teuer waren. Erst die Arbeit mit TimecodesTimecode und mit dem VideotextVideotext-System sowie die Möglichkeit, Untertitelungssysteme auf einem PC zu installieren, führte zu den präzisen Untertiteln, die wir heute kennen (Ivarsson und Carroll 1998: 20-27). Durch das Fernsehen sind wir inzwischen auch an mehrfarbige UntertitelUntertitelmehrfarbige Untertitel für Gehörlose und Hörgeschädigte gewöhnt (siehe dort).

Auch die EinEinstiegszeit- und AusstiegszeitenAusstiegszeit der Untertitel kann man heute digital festlegen. Früher geschah das über das so genannte Pre-timingPre-timing und eine MasterlistMasterlist, auf der das OriginaldrehbuchDrehbuch und die Ein- und Auszeiten angegeben waren (ein Beispiel findet sich in Ivarsson / Carroll 1998: 54-57). Das bedeutete, dass ein Techniker sich den Originalfilm ansah und die Ein- und Auszeiten der Dialoge notierte. Kenntnisse der Originalsprache benötigte er dabei nicht. Alternativ wurde das EinzelbildEinzelbild, bei dem der Untertitel einsetzt oder aufhört, mit einer Markierung auf der Filmrolle versehen (Hinderer 2009: 377). Die Zeit dazwischen wurde berechnet, und nach dieser Zeit wurde festgelegt, wie lang die Untertitel werden durften. Der Untertitler bekam das DialogbuchDialogbuch und diese Zeitliste und musste nun eine für die Untertitelung geeignete Übersetzung anfertigen. Oft bekam er den Film nicht einmal zu sehen. Der Übersetzer übersetzte, und der fertige Text wurde wiederum von einem Techniker oder einer Sekretärin eingegeben (vgl. Nagel 2009: 86 und Ivarsson / Carroll 1998: 11). Die Untertitel wurden dann weiterbearbeitet.

Bevor es digitale UntertitelUntertiteldigitale Untertitel gab, die man nach Belieben ein- und ausblenden kann, gab es auch keine Möglichkeit, die Untertitel einfach mit einer beliebigen DialogspurDialogspur in einer beliebigen anderen Sprache zu kombinieren. Der Film wurde mit einer Tonspur und einer einzigen dazugehörigen Untertitelversion geliefert. Heute kann man auf DVDs und oft auch im Internet im Prinzip jede vorhandene Tonspur mit jeder vorhandenen UntertitelspurUntertitelspur kombinieren. UntertitelungsprogrammeUntertitelungsprogramm speichern die Untertitel als separate Datei, unabhängig vom Film. Das spart auch Speicherplatz.

In den 1990er Jahren veränderte sich das Bild des reinen Synchronisationslandes Deutschland. Dies lag vor allem an wirtschaftlichen Erwägungen. Nagel erwähnt die Problematik von Fördergeldern für Festivals und auch die dort entstehenden Kosten, die dazu führen, dass auf Festivals überdurchschnittlich oft untertitelt wird (Nagel 2009: 35). Schließlich kostet eine SynchronisationSynchronisation deutlich mehr als eine Untertitelung. Mit einer untertitelten Fassung kann man auch im Fernsehen einen Probelauf wagen, bevor man Geld in die Synchronfassung steckt. Die Übersetzer werden aber auch hier schlecht bezahlt:

DVDs mit Untertiteln in zehn Sprachen werden von US-amerikanischen Firmen produziert, die Freiberufler in aller Welt zu Spotthonoraren beauftragen. Lektorat: wozu?, denkt man sich dort. Sauberes Timing, also ein den jeweiligen Sprachstrukturen, Textmengen und Schnitten angepasstes Ein- und Ausblenden der Untertitel, das die Übersetzung erst lesbar macht: Fehlanzeige … Das Ganze einmal in Zahlen ausgedrückt: Statt einer wie früher und bei manchen Auftraggebern immer noch üblichen Preisspanne von zehn bis fünfzehn Euro pro Filmminute bezahlen die großen deutschen Untertitelungsfirmen in der Regel nur noch fünf bis sechs Euro. Und Agenturen aus dem Ausland suchen Übersetzer, die den Job für umgerechnet 1,70 Euro übernehmen. (Püschel 2013)2

Wenn Sie nachher selbst untertiteln, werden Sie sehen, wie viele Untertitel in eine Filmminute passen. Es sind mehr als man erwartet.

Suchen Sie im Internet nach deutschsprachigen Untertitelungsfirmen. Welche Dienstleistungen bieten sie an, wie unterscheiden sie sich? Suchen Sie dann nach Untertitelungsfirmen in den Ländern Ihrer B- und C-Sprache. Wie sieht dort der Markt für Untertitelungen aus?

1. Auf welchen Sendern findet man heute die meisten untertitelten Sendungen? Woran mag das liegen? Welche Ausgangssprachen werden im deutschen Fernsehen untertitelt?

Leider gibt es zum Thema Untertitelung nicht die große Menge an bunten Anekdoten, wie sie zu den Themen Synchronisation und Filmdolmetschen existieren.

2.3 Arbeitsablauf

Ob arbeitsteilig oder nicht: Die grundlegenden Arbeitsschritte wie SpottingSpotting, SplittingSplitting und Textbearbeitung jeder ArtTextbearbeitung gehören zur Untertitelung dazu. Sie alle werden im Lauf dieses Kapitels erläutert und mit Übungen erarbeitet; was fehlt, finden Sie in Kapitel 7. Gottlieb fasst die Fertigkeiten, die man beim Untertiteln benötigt, elegant zusammen. Der Untertitler braucht:

… das musikalische Ohr eines Dolmetschers, die nüchterne Urteilsfähigkeit eines Nachrichtenredakteurs und den Sinn eines Designers für Ästhetik … Um die Untertitel auch synchron mit dem Leinwandgeschehen zu präsentieren, braucht er überdies die sichere Hand eines Chirurgen und das Zeitgefühl eines Schlagzeugers. (Gottlieb 2002: 211)

2.3.1 Neue Arbeitsbedingungen

Unabhängig von den Aufgaben, die Untertitler haben können, haben sich neue Arbeitsfelder und Arbeitsbedingungen aufgetan. Gleichzeitig hat die Geschwindigkeit der automatischen Übersetzungsprogramme den Turnaround für Humanübersetzer beschleunigt. Beispielhaft kann man das an StreamingdienstenStreamingdienst wie Netflix sehen, wo einzelne Serienepisoden manchmal in 24 Stunden untertitelt werden müssen und zu diesem Zweck in Abschnitte unterteilt und an mehrere Übersetzer verteilt werden (Information von Allison Smith von Netflix auf der Languages and the Media 2018). Die betreffenden Firmen geben übrigens keine Informationen zur Bezahlung von Übersetzern heraus. Viele Kunden der Streamingdienste möchten zumindest die englischsprachigen Serien im Original sehen, sei es, um ihre Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern, sei es, um an den unter hohem Zeitdruck entstandenen Untertiteln herumzumeckern. Dabei muss man allerdings anmerken, dass manche Streamingdienste nicht darauf achten, ob sie Profis einstellen, sondern einen seltsamen Sprachtest durchführen, auf dessen Basis man als Übersetzer bei ihnen arbeiten darf. Als Qualitätsmanagement kann man das nicht bezeichnen. Es ist aber schwer vorherzusagen, wie lange die derzeitige Praxis anhält.

Die Verlagerung der Übersetzerarbeit, auch hier meist der Untertitler-Arbeit, in die Cloud, ist ebenfalls eine neue Entwicklung. Untertitler, die für Arbeitgeber mit einem solchen System tätig sind, müssen keine Untertitelungssoftware anschaffen bzw. nicht in Firmenräumen arbeiten, wo eine entsprechende Software zur Verfügung steht.

Durch das Internet haben sich auch CrowdsourcingCrowdsourcing-Dienste wie AmaraAmara entwickelt, die die audiovisuelle Übersetzung von Webinhalten leicht machen und preiswert oder sogar kostenlos genutzt werden können (zur Problematik siehe weiter unten). Die Verführung dieser Angebote ist groß, besonders dann, wenn man nicht über die finanziellen Mittel verfügt, eine Profi-Software anzuschaffen.

Ein großes Thema im Bereich Crowdsourcing und Untertitelung ist die Plattform TEDTED. Auf dieser Plattform findet man eine große Menge an Vorträgen zu den unterschiedlichsten Themen, von Spezialisten des jeweiligen Gebietes. Die Untertitelungen in allen Sprachen werden von Freiwilligen angefertigt, ebenso die Korrekturen. TED hat Richtlinien für die Untertitelung und stellt eine Software zur Verfügung. Es sei jedem unbenommen, TED für den Unterricht einzusetzen. Man hat die Auswahl unter einer großen Menge an Themen. Wenn man direkt für TED im Crowdsourcing untertitelt, bekommt man Feedback vom Korrektor. Man kann bei Bewerbungen auf diese Arbeiten hinweisen. TED ist jedoch janusgesichtig:

Hundreds of amateur subtitlers – including speakers of less-dominant languages – have been empowered by TED to partake in the co-production of media content, but their work is constrained by the organization’s standards of translation accuracy and style guidelines for translators. Through their work, TED subtitlers contribute to the market penetration of dotSUB’s enterprise solutions and, by extension, maximize the spread of crowdsourcing as a business model for the translation of corporate online content. (Ray / Kelly 2011, zitiert nach Pérez González 2014: 68)

Pérez González geht im Weiteren darauf ein, dass TED, wie auch andere Crowdsourcing-Projekte im Bereich Untertitelung, Kreativität nur im Rahmen strenger Regeln zulässt: Die Filme sind bereits ausgewählt, die Software ist ausgewählt. Die Vorträge folgen alle mehr oder minder demselben Muster (es gibt inzwischen Handbücher wie Anderson 2018 und Gallo 2014) und werden sorgfältig geprobt (Anderson 2018: passim). Die Teilnahmegebühren für die TED Conferences sind gesalzen (www.ted.com/attend/conferences/ted-conference#h3-ted-conference-standard-membership). Das verträgt sich nicht gut mit der großen Menge freiwilliger Übersetzer. TED ist dennoch verführerisch: Die Vielzahl der Themen, die Qualität und oft die FachsprachlichkeitFachsprache wie auch die leichte Verfügbarkeit sind durchaus Argumente, um TED im Unterricht einzusetzen. Ich tue es auch gelegentlich.

Der Arbeitsablauf in der professionellen Untertitelungspraxis kann variieren. Eine große Rolle spielen die Projektmanager. Besonders bei Untertitelungsaufträgen, bei denen eine Firma für mehrere Sprachversionen zuständig ist, haben die Projektmanager wichtige Aufgaben. Projektmanager sollen digital-affin sein. Sie haben normalerweise eine Hochschulqualifikation als Medienübersetzer. Die nachfolgenden Abläufe wurden aus Informationen mehrerer Kolleginnen zusammengefasst.

Als Projektmanager muss man das Jobticket für die relevanten Aufträge für das neue Projekt erstellen, das heißt, dass man Aufgaben definieren und einzelnen Abteilungen oder Mitarbeitern zuordnen muss. Zunächst kommt beim Business Manager oder beim Project Manager ein Angebot an. Wenn Machbarkeit, Deadline und benötigtes Material stimmen, wird der Auftrag übernommen. Der Project Manager erstellt dann das Jobticket für alle relevanten Teilaufgaben. Eventuell existieren Leitfäden, in denen z. B. kundenspezifische Anforderungen zusammengefasst werden. Danach werden die Project SettingsProject Settings1 festgelegt und die Arbeitsdatei angefordert (LowRes Video Files). Dazu gehört die Auswertungsart für den Film (Kino, DVD, TV, Streaming), das Format (Exportformate und Textformate für die Zieldokumente, wie images für DVD, stl/srt für Streaming, doc und xls für Produzenten), das Bildformat für das Endprodukt (4:3, 16.9 etc.).

Danach gibt es verschiedene Vorgehensweisen: Eventuell existieren bereits UT, dann kümmert man sich um die Lizenzierung oder kann im Idealfall das Firmenarchiv nutzen. Hier müssen die existierenden UT an die neuen Project Settings angepasst werden.

Für Spotting und Splitting gibt es je nach Vorlage unterschiedliche Vorgehensweisen (siehe weiter unten).

Der fertige Film kommt normalerweise ins Eigenlektorat. Dann wird das Jobticket abgeschlossen. (Diverse Praxisvertreterinnen)

Nach wie vor kann es in der Praxis aber auch vorkommen, dass der außerhäusige Untertitler nur eine Textdatei bekommt, gern als Excel-Tabelle, und den Film nie sieht.

2.3.2 Spotting und Splitting

Vor der Digitalisierung war die Untertitelung ein extrem arbeitsteiliger Prozess. Beinahe jeder Schritt benötigte einen spezialisierten Fachmann, meist einen Techniker. Das hat sich mit der digitalen Untertitelung und den heutigen Untertitelungsprogrammen verändert; zumindest bietet sie Möglichkeiten zu einer solchen Veränderung. Diese Programme werden immer komfortabler und benutzerfreundlicher, man kann sich auch ohne Anleitung schnell in ihre Bedienung einarbeiten, und so ist die Beherrschung eines Untertitelungsprogramms keine Fertigkeit mehr, für die man eigens Techniker ausbildet. Oft führt der Übersetzer alle Arbeitsschritte beim Untertiteln selbst aus. Es gibt aber auch heute noch Formen der Arbeitsteilung beim Untertiteln.

Für die Untertitelung muss der Film zunächst gespottet werden. Unter Spotten oder SpottingSpotting versteht man, dass Anfang und Ende jeglicher Äußerung im Film markiert wird, um festzulegen, wann Untertitel ein- und wieder ausgeblendet werden können. Zur Wiederholung noch einmal kurz ein Timecode-Beispiel: 01:24:57:02. Wenn Sie das nicht mehr aufschlüsseln können, schauen Sie in Kapitel 1.5.4 nach.

Heute nehmen Übersetzer das Spotting in vielen Fällen selbst vor, doch auch hier hat sich eine Form der Arbeitsteilung durchgesetzt, die Arbeit mit sogenannten TemplatesTemplate, manchmal auch als Master SubtitlesMaster Subtitles bezeichnet. Templates stellen ein vorgegebenes Spotting dar; jemand (in manchen Firmen auch ein Übersetzer) spottet den Film auf der Basis der Originalfassung (vgl. auch Nagel 2009: 88). Wenn es schnell gehen muss, werden diese Templates für sämtliche Untertitel-Sprachversionen genutzt, oft bei StreamingdienstenStreamingdienst.

2. Welche Probleme treten hier auf?

Es ist außerdem üblich, dass bei Templates nur mit einer Textdatei gearbeitet wird, nicht mit einer Filmdatei (Nagel 2009: 88). Es kann sich dabei um eine Untertitel-Textdatei handeln (für Untertitel gibt es spezielle Dateiformate), die jetzt von dem Untertitler in einer anderen Zielsprache überschrieben wird.

In seriösen Firmen werden manchmal ebenfalls Templates genutzt, die Filme werden dann aber nachgespottet, problematische Stellen werden optimiert. Einen so idyllischen Arbeitsablauf, wie Nagel ihn noch 2009 beschreibt, hat heute niemand mehr. Damals war es noch möglich, den Film mehrmals anzusehen und später die Untertitel als Ausdruck zu korrigieren (Nagel 2009: 88-89). Dazu fehlt heute meist die Zeit.

Je nachdem, welche Arbeitsaufgaben überhaupt nötig sind, können in größeren Firmen die Aufgaben bei der Untertitelung selbst unterschiedlich aussehen:

Falls ein Skript / LibrettoLibretto vorliegt, kann man die UT direkt daraus erstellen. Entweder verteilt jemand aus dem Team den Skripttext auf xls-Zeilen, die man als einzelne UT in die UT-Software importieren kann. Das Spotting findet erst nach diesem Arbeitsschritt statt. Oft muss man die UT direkt auf Basis der Audiospur erstellen. In diesem Fall spottet man, schreibt den UT, spottet, schreibt den UT … (Diverse Praxisvertreterinnen)

Sehen Sie sich einen untertitelten Film an! Fängt das Spotting immer mit der Lautäußerung an und hört mit ihr auf? Wie sind die Untertitel verteilt? Wenn Sie eine DVD benutzen: Sind die Untertitel mit einem Template erstellt?

Mal kurz nachdenken … Es gibt eine TextsorteTextsorte in Filmen, bei der man sehr gut mit Templates arbeiten kann.

Bei SongsLiedSong ist der RhythmusRhythmus vorgegeben. Die StandzeitenStandzeit sind meist an die einzelnen Zeilen des Songs angepasst und die Untertitel bleiben stehen, bis diese Zeilen gesungen sind.

Nach Reid (angeführt in Gottlieb 2002: 203 und Nagel 2009: 55) gibt es drei Formen der SegmentierungSegmentierung, nach denen Untertitel gestaltet und damit auch gespottet werden können. Zunächst gibt es die grammatische Segmentierunggrammatische SegmentierungSegmentierunggrammatische Segmentierung, die von den semantischen Einheiten des Dialogs abhängt. Probleme mit KürzungenKürzung, wie sie weiter unten angesprochen werden, haben meist mit dieser Form der Segmentierung zu tun. Es geht um den Transfer von Sinneinheiten.

Die zweite Form der Segmentierung, die rhetorische Segmentierungrhetorische SegmentierungSegmentierungrhetorische Segmentierung, bezieht sich auf den Sprachrhythmus. Hier werden die Untertitel den natürlichen Sprechpausen angepasst. Nach Reid ist diese Form der Untertitelung die bevorzugte. Das ergibt auch Sinn, denn der Zuschauer nimmt die rhetorische Segmentierung des Dialogs unweigerlich wahr, während er die Untertitel liest, und ordnet den Lesetext entsprechend dem gesprochenen Text zu.

Die dritte Form der Segmentierung, die visuelle Segmentierungvisuelle SegmentierungSegmentierungvisuelle Segmentierung, wird von BildschnittBildschnitt und KamerabewegungKamerabewegung vorgegeben. Dazu gehört die weiter oben angesprochene Frage, ob Untertitel über einen Schnitt hinaus stehenbleiben dürfen.

Beim SpottingSpotting müssen bestimmte Regeln eingehalten werden. So gab die Firma digim – Digital Images 2010 folgende Richtlinien vor:

3 FramesFrame Pause (mind.) zwischen den UTs. Je nach Filmtempo sind auch 2 oder 4 möglich.

Wenn möglich, UT mit einem SchnittSchnitt ausblenden (TC-out [Timecode-out] beim ersten Frame nach dem Schnitt). Allerdings nicht unnötig in die Länge ziehen.

Wenn Sprechakt bis zu 5 Frames vor dem Schnitt beginnt, erst ab Schnitt einblenden, ansonsten ab dem ersten Sprechton.

Ausblenden: spätestens zum Ende des Sprechakts. Länger stehen lassen: nur wenn nicht genug Zeit zum Lesen war.

Grob kann man sagen, dass ein Wort mindestens 1:10 (sek:frames) steht, eine Zeile ca. zwei Sekunden und zwei Zeilen ca. vier Sekunden.

Viele Firmen legen den Ein- und Ausstieg bei Untertiteln allerdings heute auf den Schnitt, wann auch immer das möglich ist, doch sonst hat sich nichts verändert. Manche Firmen haben nach wie vor ihre eigenen Richtlinien, die Rundfunkanstalten in Deutschland haben gemeinsame Regeln, aber alle unterscheiden sich nicht wesentlich von den hier angeführten. Der ESIST Code of Good Subtitling Practice im Anhang zu diesem Kapitel enthält ebenfalls Informationen zum Spotting. Heute muss man höchstens damit rechnen, dass man im Laufe eines Untertitlerlebens mit einer Vielzahl von Richtlinien konfrontiert wird, die sich nur minimal unterscheiden.

Die StandzeitStandzeit der Untertitel, also der Zeitraum, für den ein einzelner Untertitel auf dem Bildschirm erscheint, gilt bei allen Untertitelungsfirmen als wichtig, wird aber auf Kundenwunsch angepasst. Typische Standzeiten kann man so berechnen:

For example, a subtitle containing 32 characters will be shown for three seconds. The presentation rate is therefore 10 characters, or about two words, per second. At an average speech rate, a little more than two words can be spoken per second. In most cases, therefore, the text has to be condensed. (Koolstra et al. 2003: 5)

Mal kurz nachdenken … Was passiert, wenn die Standzeit zu kurz ist? Das ist vermutlich klar. Aber was passiert, wenn die Standzeit zu lang ist?

Wenn die Standzeit zu kurz ist, bekommt man nur den halben Untertitel mit. Wenn Untertitel zu lange stehen bleiben, fängt man an, sie immer wieder zu lesen. Andererseits schaut man bei einem Film nicht nur auf die Untertitel, sondern idealiter auch auf das Filmbild. Daher ist die LesegeschwindigkeitLesegeschwindigkeit langsamer als bei einem normalen Text (Ivarsson und Carroll 1998: 64; zur Leseproblematik insgesamt zusammenfassend Nagel 2009: 60-64). In manchen Untertitelungsländern wird bei der Untertitelung auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen Rücksicht genommen. So gibt es Untertitel mit längerer Standzeit für Programme, die für ältere Zuschauer gedacht sind (Ivarsson 1992: 44). Wichtig ist auch eine ausreichende Pause zwischen zwei Untertiteln, wie oben in den Richtlinien angegeben. Bei einem fortlaufenden Monolog dürfen die Pausen sehr kurz sein (vgl. Nagel 2009: 92), bei anderen Darstellungsformen länger. Künzlis Untersuchung zur Lesbarkeit von Untertiteln zeigt, dass Untertitel keine so lange Standzeit benötigen und auch nicht so stark gekürzt werden müssen. Seine Probanden hatten keine Probleme mit längeren Untertiteln bei relativ kurzer Standzeit; allerdings waren es gebildete Zuschauer mit hoher Lesekompetenz (Künzli 2017: 169).

Beim Spotting muss man, wie gesagt, auch auf die FilmgestaltungFilmgestaltung achten, in den Richtlinien wurden Schnitte erwähnt: Wenn möglich, sollten Untertitel nicht über einen SchnittBildschnittSchnitt hinausgehen. Leider ist das nicht immer möglich. Falls man einen Untertitel über einen Schnitt ziehen muss, muss der Untertitel länger als im Normalfall stehen bleiben, da sich sonst ein Flackereffekt aus der Kombination von Filmschnitt und Untertitelwechsel ergibt. Es ist nicht immer möglich, die Untertitel exakt so auf den BildschnittBildschnitt abzustimmen, wie es die Kunden wünschen.

3. Können Sie sich Schnitttechniken vorstellen, in denen ein Untertitel oft über einen Schnitt hinaus stehen bleiben muss?

Wenn man als Übersetzer einen Film spottet, überlegt man bereits, ob man einen Text in mehrere aufeinanderfolgende Untertitel einteilen muss. Wenn es sich um einen Dialog mit kurzen Sätzen pro Person handelt, ist dies kein Problem. Man spottet den Dialog, fertig.

Oft sind Sätze aber lang und müssen auf mehrere Untertitel verteilt werden. Diesen Vorgang bezeichnet man als SplittingSplitting.

Mal kurz nachdenken … Was könnte man tun, um zu markieren, dass der Satz im nächsten Untertitel fortgesetzt wird? Sie haben sicher schon Beispiele dafür gesehen!

Es gibt mehrere Standard-Möglichkeiten, eine Fortsetzung anzuzeigen: einen Gedankenstrich oder drei Auslassungspunkte. Welches von beiden man nimmt, wird normalerweise vom Auftraggeber vorgegeben. Wenn man einen Satzteil am Untertitelende mit den drei Punkten oder dem Gedankenstrich markiert hat, beginnt man den nächsten Untertitel klein, bei vorhergehenden Auslassungspunkten eventuell auch mit drei Auslassungspunkten. Dass man vielleicht weder Gedankenstriche noch Punkte nimmt, wird in der Fachliteratur der 1990er und 2000er abgelehnt. Ivarsson und Carroll weisen darauf hin, dass jeder Untertitel, der nicht mit einem Punkt, Ausrufezeichen oder Fragezeichen endet, vom Zuschauer als unvollständiger Satz wahrgenommen wird; man muss also immer auf die Interpunktion achten. Doch die Abwesenheit von Zeichen nach einem Satz, der im nächsten Untertitel fortgesetzt wird, setzt sich durch. Vermutlich ist diese Entwicklung durch den Einfluss der Live-UntertitelungLive-UntertitelungUntertitelungLive-Untertitelung entstanden (siehe Kapitel 7.7). Für Filme gilt immer noch, dass ein Untertitel nicht mehr als zwei Zeilen haben sollte (Ivarsson / Carroll 1998: 53). Die maximale ZeichenzahlZeichenzahl pro Zeile ist heute in fast allen UntertitelungsprogrammenUntertitelungsprogramm auf 37 eingestellt, doch, wie bereits gesagt: Die Project SettingsProject Settings kann man ändern.

Die folgenden Untertitel stehen in dem betreffenden Film ungesplittet. Wo würden Sie splitten, wenn genügend Zeit zur Verfügung steht? Die Beispiele stammen aus der deutschen Untertitelung des Spielfilms Zusammen!Zusammen! (Tilsammans!Tilsammans!). Sie können die Beispiele bearbeiten, ohne den Film zu sehen, aber dann fehlt die Vergleichsmöglichkeit mit der SprechgeschwindigkeitSprechgeschwindigkeit.

Was ist mit deiner Hand? Hast du wieder schlecht geschweißt? – Gar nicht wahr! (Zusammen! Schweden / Dänemark / Italien 2000: 10:13:19)

Wenn die Revolution anfängt, dann werden wir ja sehen, wer hier lacht. (Zusammen!Zusammen! Schweden / Dänemark / Italien 2000: 10:15:12)

2.3.3 Zeilenaufteilung

Bei ZweizeilernZweizeiler, also zweizeiligen Untertiteln, ist eine logische Trennung zwischen erster und zweiter Zeile wichtig. Man sollte also nicht einfach die erste Zeile bis zum Anschlag füllen, sondern sich überlegen, wie man einen Satz so trennen kann, dass der Leser nicht verwirrt wird (englische Beispiele in Ivarsson / Carroll 1998: 76-78). Wie würden Sie folgende Sätze trennen? Sie sollen weder gekürzt noch gesplittet werden, nur für einen Untertitel in zwei Zeilen aufgeteilt.

Es ist ziemlich blöd, da Erik einfach kein Schweißer ist. (Zusammen!Zusammen! Schweden / Dänemark / Italien 2000: 10:13:36)

Ich heiße Joyce. Du hast den Marshmallow-Pudding noch nicht probiert … (Edward mit den Scherenhänden, USA 1990: 10:35:45)

Weißt du, sie hat als Beraterin angefangen, genau wie ich. (Edward mit den ScherenhändenEdward mit den Scherenhänden, USA 1990: 10:50:31)

Vermutlich haben Sie klare Vorstellungen, wie das aussehen soll. Wenn Sie nicht wissen, wie Sie anfangen sollen, finden Sie gute Beispiele für eine Verbesserung der Zeilenaufteilung bei Hinderer 2009: 299-304. Außerdem wurden hier bereits die übersetzten Untertitel angeführt. Schauen Sie sich die Filme an – hätten Sie die Untertitel anders gestaltet?

Man sollte ein gutes Gefühl für die Zeilenaufteilung entwickeln, ohne immer das Filmbild anschauen zu müssen. Wenn der Untertitel schon im Bild steht, ist es jedoch einfacher zu entscheiden, ob die Zeilenaufteilung gut ist. Die folgenden Screenshots stammen aus dem Schülerfilm Die Kunst des SpickensDie Kunst des Spickens (Deutschland 2003) von Daniel Wolf und Daniel Frei.

4. Was stört Sie an den einzelnen Beispielen? Oder sind vielleicht gar nicht alle schlecht?

Abbildung 8:

Zeilenumbruch 1 (Die Kunst des Spickens © Daniel Wolf / Daniel Frei)

Abbildung 9:

Zeilenumbruch 2 (Die Kunst des Spickens © Daniel Wolf / Daniel Frei)

Abbildung 10:

Zeilenumbruch 3 (Die Kunst des Spickens© Daniel Wolf / Daniel Frei)

Abbildung 11:

Zeilenumbruch 4 (Die Kunst des Spickens © Daniel Wolf / Daniel Frei)

Am Anfang übt man die Zeilentrennung am besten mit langen Sätzen, die man zu einem beliebigen Film in ein Untertitelungsprogramm eingibt. Das muss nicht der Dialogtext sein. Weitere Übungen zur Zeilenaufteilung finden sich im Kapitel zur Untertitelung für Hörgeschädigte (7.6.1).

2.3.4 Gestaltung

Wenn man für eine Untertitelungsfirma arbeitet, wird die gesamte Gestaltung durch Richtlinien vorgegeben, nicht nur die technischen Parameter. Dasselbe gilt für Rundfunkanstalten. Auf dem freien Markt gibt entweder der Kunde die Regeln vor oder Sie richten sich nach dem im Anhang zu diesem Kapitel abgedruckten ESIST CodeESIST Code – oder Sie sind völlig frei in der Gestaltung.1

Von der technischen Seite her gesehen, ist auch eine individuelle Gestaltung von Untertiteln kein Problem. Die Gestaltungsparameter werden für den jeweiligen Film im Untertitelungsprogramm festgelegt. Das geschieht vor der eigentlichen Untertitelungsarbeit, kann aber währenddessen umgestellt und angepasst werden.

Mal kurz nachdenken … Was kann man da wohl einstellen?

Die Gestaltungsmittel für Untertitel ähneln denen, die man in gängigen Textverarbeitungsprogrammen findet. Das bedeutet, dass man folgende Parameter bearbeiten kann: SchriftartSchriftart, SchriftgrößeSchriftgröße, FarbeFarbe und AusrichtungAusrichtungAusrichtung der Untertitel. Untertitelungsprogramme haben eine Standardeinstellung, mit der man als Anfänger arbeiten sollte und die auch für viele professionelle Aufgaben gut ausreicht

Untertitel sollen ohne Anstrengung lesbar sein und das Filmbild nicht stören – das ist eigentlich selbstverständlich. Man soll gar nicht wahrnehmen, dass man Untertitel liest. Ob man dieses Ziel erreicht hat, sieht man am besten daran, dass die Zuschauer behaupten, sie hätten den Film sicher auch ohne die Untertitel verstanden.

Mal kurz nachdenken … Wie kann man das erreichen?

Zunächst sollte man eine gut lesbare SchriftSchriftart wählen, in passender Größe. Die Untertitel sollen gut zu lesen sein, aber das Bild nicht dominieren. Die einzelnen Wörter müssen klar und deutlich voneinander getrennt sein. Der voreingestellte Farbstandard für die Schrift ist weiß.

Mal kurz nachdenken … Wann ist das problematisch? Was könnte man machen?

Vor einem weißen oder einem anderen sehr hellen Hintergrund kann man keine weiße Schrift verwenden. Man versieht in diesem Fall die Untertitel entweder mit einer Umrandung oder stellt sie in eine schwarze BoxBox.

5. Welches von beiden sollte man verwenden, wenn die übrigen Untertitel nur weiß sind, weil der Hintergrund dunkler ist?

Solche Formatierungen funktionieren in der Untertitelungssoftware genauso wie bei einem Textverarbeitungsprogramm, sind also heute nicht mehr aufwändig.

Diesmal stammen die Bilder aus einem Krazy-Kat-Trickfilm2 von 1916 von George Herriman. Es handelt sich also um einen Stummfilm, die Texte stehen hier in Sprechblasen. Diskutieren Sie, welche Beispiele Sie gut finden, welche weniger gut. Woran liegt das? Könnte man es auf jeden beliebigen Film übertragen?

Abbildung 12:

Arial (serifenlose Schrift), weiß, zentriert, ohne Box / Umrandung (George Herriman: Krazy Kat, USA 1916)

Abbildung 13:

Arial (serifenlose Schrift), schwarz, zentriert, ohne Box / Umrandung (George Herriman: Krazy Kat, USA 1916)

Abbildung 14:

Arial (serifenlose Schrift), weiß, schwarze Box (George Herriman: Krazy Kat, USA 1916)

Abbildung 15:

Arial (serifenlose Schrift), weiß, kursivkursiv, Drop ShadowDrop Shadow (George Herriman: Krazy Kat, USA 1916)

In fast allen untertitelten Filmen im Kino und auf DVD findet man heute Untertitel in einer weißen, serifenlosen Schrift, die an Stellen mit hellem Hintergrund eine Umrandung bekommt. An bestimmten Stellen wird KursivschriftSchriftKursivschrift zur Markierung verwendet; wo genau, hängt von den Richtlinien der Untertitelungsfirmen oder Sender ab.

Mal kurz nachdenken … Haben Sie das schon einmal bemerkt? Wann?

Im Allgemeinen werden mit Kursivschrift Stimmen aus RadioRadio oder FernsehenFernsehen markiert; in manchen Filmen werden LiedtexteLiedtext kursiv gesetzt (Ivarsson / Carroll 1998: 118; Nagel 2009: 96). Manchmal wird Kursivschrift auch benutzt, wenn ein SprecherSprecher nicht im Bild ist, was aber häufiger bei Untertiteln für Gehörlose und Hörgeschädigte vorkommt.

Was die AusrichtungAusrichtung der Untertitel, also ihre Platzierung im Bild, betrifft, so kommt man als Laie zunächst nicht auf den Gedanken, dass es darüber eine Diskussion geben könnte. Bei den meisten Programmen kann man zwischen ÜbertitelnÜbertitel, die allerdings noch im Bild stehen und nicht wie im Theater quasi über dem Bild, Titeln in der Bildmitte und Untertiteln wählen. Zentrierte UntertitelUntertitelzentrierte Untertitel sind der Normalfall. Die Frage, ob Untertitel zentriert sein sollen oder lieber linksbündigUntertitellinksbündige Untertitel, spaltet trotzdem die Gemüter.

Mal kurz nachdenken … Wann ist linksbündig vielleicht besser, wann zentriert?

Bei Dialogzeilen ist die linksbündige Variante besser lesbar, weil dann beide Dialogstimmen auf gleicher Höhe anfangen (Ivarsson / Carroll 1998: 50). In Spielfilmen werden trotzdem zentriert gesetzte Untertitel bevorzugt, da der Weg von der im Zentrum der Leinwand stattfindenden Handlung zu den Untertiteln für die Augen des Zuschauers auf diese Art und Weise am kürzesten ist (vgl. Nagel 2009: 62 und 94-98). Beispiele zur Untertitelung von Dialogen finden Sie in Kapitel 7.6.1.

Nicht alles im Film ist gesprochene Sprache. Manchmal erscheinen Schilder im Bild, Briefe, Tagebücher, Zeitungsschlagzeilen, die Informationen enthalten, die der sprachunkundige Zuschauer ebenfalls benötigt. Diese texthaltigen Elemente bezeichnet man als DisplaysDisplay (Ivarsson / Carroll 1998: 4). 3 Das hier angeführte Beispiel ist besonders textlastig:

Abbildung 16:

Brief aus Dating: Do’s and Don’ts (USA 1949)

Zu diesem Bild benötigen Sie folgende Informationen: Von 10:00:26:24 bis 10:00:37:02 sieht man den Jungen Woody, der den Brief öffnet und den ersten Absatz laut vorliest. Von 10:00:37:03 bis 10:00:48:17 sieht man die oben abgebildete Einstellung.

Es gibt keine Patentlösung. Spätestens hier sollten Sie den Film herunterladen und eine echte Untertitelung versuchen.

Für den völlig sprachunkundigen Zuschauer ist die Untertitelung eines Displays oft hilfreich, wenn nicht gar notwendig. Nicht alle Schriftstücke in Filmen sind so banal und offensichtlich wie das in diesem Beispiel.

Es ist andererseit schade, wenn ein gut sichtbarer Untertitel wie ein Paukenschlag auf einen raffiniert versteckten, aber wichtigen Text im Bild aufmerksam macht. Vielleicht merken ja auch nicht alle Zuschauer der Originalversion, dass der Regisseur dort eine Information untergebracht hat. Doch in der zielsprachlichen Version hat der Zuschauer ohne Hilfe gar keine Chance, die Filmstelle zu verstehen und bekommt vielleicht später Probleme mit dem Handlungsverlauf.

Ein gutes Beispiel für den Einsatz von Untertiteln bei Displays ist Chihiros Reise ins ZauberlandChihiros Reise ins Zauberland (Sen to Chihiro no KamikakushiSen to Chihiro no Kamikakushi, Japan 2001). Viele Zuschauer, gerade jüngere, dürften nicht genug Japanisch können, um zu verstehen, was die Hexe Yubaba mit den Schriftzeichen tut.4 Diejenigen, die Japanisch können, ärgern sich vermutlich über den Untertitel, den sie selbst gern anderen erklärt hätten.

Erläuterungen von Displays werden nicht nur bei der interlingualen Untertitelung eingesetzt.

Mal kurz nachdenken … Bei welchen anderen Verfahren der AV-Übersetzung macht man das auch?

Kurz gesagt: Nur bei der intralingualen UntertitelungUntertitelintralinguale Untertitel für Hörgeschädigte braucht man es nicht. Auch bei der SynchronisationSynchronisation werden Displays entweder untertitelt oder im Dialogtext übersetzt. Beim FilmdolmetschenFilmdolmetschen ist ohnehin nur ein schnelles EinsprechenEinsprechen möglich; gut ist, wenn man noch schnell sagen kann, wo das Display ist. Eine konsequente Untertitelung von Displays ist in allen Fällen sehr selten, auch wenn es Filme gibt, bei denen die Displays eine wichtige Orientierungsfunktion für den Zuschauer haben (Wahl 2003: 87).

EinblendungenEinblendung ähneln den Displays, sind aber ein Zusatz zum Filmbild. BauchbindenBauchbinde (auf Englisch oft CaptionsCaptions) sind ein Spezialfall der Einblendung: kleine Boxen, Streifen oder Spracheinblendungen unten im Bild, in denen zum Beispiel der Name des SprechersSprecher steht. Sie kommen in Dokumentarfilmen und Nachrichtensendungen vor, aber auch in Spielfilmen, wenn dort Nachrichten oder Fernsehinterviews dargestellt werden. Einblendungen können überall im Bild vorgenommen werden, mit der Untertitelungssoftware ebenso wie mit technisch anspruchsvolleren, optisch ansprechenderen Verfahren bei der NachbearbeitungNachbearbeitung..

Mal kurz nachdenken … Wann müssen auch Namen in Bauchbinden bearbeitet werden?

Namen muss man natürlich nicht übersetzen, aber man muss sie unter Umständen transkribierentranskribieren (mit lateinischen Buchstaben wiedergeben). Dies gilt nicht nur dann, wenn die Ausgangssprache ein anderes Alphabet benutzt. Im Englischen, Französischen und in anderen Sprachen werden beispielsweise russische oder hebräische Wörter anders transkribiert als im Deutschen.

Im nachfolgenden Beispiel könnte man sich auch für Untertitel unter der Einblendung entscheiden.

Mal kurz nachdenken … Wäre das besser? Warum?

Ja, ein Untertitel wäre besser! ÜbertitelÜbertitel und Einblendung sind weit auseinander, das Auge hat kaum Zeit für das Filmbild. Auch in Filmen, in denen an manchen Stellen ein Übertitel gewählt wird, wird der restliche Text untertitelt.

Abbildung 17:

Einblendung mit Übertitel (Die Kunst des Spickens © Daniel Wolf / Daniel Frei)

Mal kurz nachdenken … Warum sind Übertitel oft problematisch? Und was ist nicht gut daran?

Übertitel würden viel zu oft das Gesicht des Sprechers verdecken (Ivarsson / Carroll 1998: 51). Der Sprung zwischen einem Übertitel bei einem Bild und einem Untertitel bei dem nächsten ist sehr unangenehm, da der vorhergehende Titel den Blick lenkt.

Abbildung 18:

Tierfilmer mit Eichhörnchen

Mal kurz nachdenken … Was können Sie hier tun? Der Name ist wichtig. Aber der Wissenschaftler hat den Mund geöffnet und spricht offensichtlich gerade über das Eichhörnchen – das ist sicher auch wichtig!

Richtig, im Deutschen muss man hier nichts tun. Wenn Amtsbezeichnungen oder akademische Grade in der Bauchbinde stehen, die in der Zielsprache anders heißen bzw. normalerweise in übersetzter Form genutzt werden, blendet man immer zeitgleich oder leicht versetzt eine Übersetzung ein (Nagel 2009: 94). Im Zweifelsfall lässt man die kürzer stehen als den gesprochenen Text, denn dieser ist wichtiger.

Bei den nachfolgenden Screenshots sind die unterschiedlichen Positionen von Unter- und Übertiteln durch das Bild motiviert:

Abbildung 19:

Übertitel (Arial weiß, schwarze Box, zentriert) (Die Kunst des Spickens © Daniel Wolf / Daniel Frei)

6. Auch wenn Übertitel gerade kritisiert wurden: Warum ist hier ein Übertitel gar nicht schlecht? Welchen Effekt hat er?

Abbildung 20:

Rechtsbündiger Untertitel (Arial weiß) (Die Kunst des Spickens © Daniel Wolf / Daniel Frei)

7. Warum wurde dieser Untertitel rechtsbündig gestaltet?

8. Und bei dem nächsten Beispiel gibt es einen Grund für die Entscheidung, den Untertitel linksbündig zu gestalten:

Abbildung 21:

Linksbündiger Untertitel (Arial weiß, schwarze Box) (Die Kunst des Spickens © Daniel Wolf / Daniel Frei)

Über die Jahre haben die Zuschauer eine Erwartungshaltung entwickelt, wie Untertitel normalerweise aussehen. Sie haben eine TextsortenkompetenzTextsortenkompetenz für Untertitel entwickelt, was bedeutet, dass sie sich nicht besonders anstrengen müssen, um einen Film mit Untertiteln anzuschauen. Manchmal ändern sich Sehgewohnheiten und Richtlinien, aber das geschieht nicht plötzlich und überraschend. Man kann Untertitel auch kreativer gestalten (zur experimentellen Untertitelgestaltung weiter unten). Ausführliche Informationen zum allgemeinen Einsatz von Schrift in Filmen finden Sie in Krautkrämer 2013.

2.3.5 Textkürzungen

Der Übergang von gesprochener in geschriebene Sprache ist nicht immer einfach, auch dann nicht, wenn die gesprochene Sprache geskriptet ist. Dieser Gemeinplatz gilt auch für Untertitel: Gesprochene Sprache ist einfach schneller.

Im Kapitel zur Untertitelung für Hörgeschädigte wird die Debatte wörtliche Wiedergabe des Dialogtexts versus KürzungKürzung (wie auch die damit zusammenhängende Frage der VereinfachungVereinfachung) kurz angesprochen (Kapitel 7.6.2). Es gibt zwar kurze Ausrufe und Einwortsätze, für die man reichlich Zeit zur Verfügung hat, doch im Normalfall sind die Sätze leider zu lang für die StandzeitStandzeit des Untertitels.

Wer sich zunächst ein bisschen im Trockenschwimmen üben möchte, kann einen beliebigen Text in einer beliebigen Fremdsprache nehmen (am besten ein DrehbuchDrehbuch oder ein Theaterstück) und folgende Übungen zur Erstellung von interlingualen Untertiteln ausprobieren:

Stufenweises Kürzen: Schritt für Schritt wird immer mehr weggenommen / durch kürzere Formulierungen ersetzt;

Radikale KürzungKürzungradikale Kürzung „am Text“: Wegstreichen, aber nicht ersetzen;

Umschreibende KürzungKürzungumschreibende Kürzung: Umformulieren oder verkürzte SynonymeSynonym finden, aber keine anderen Kürzungsmethoden einsetzen;

Syntaxübung: Die Syntax für die Untertitel ändern, die Lexik möglichst beibehalten;

So lang wie möglich: Untertitel so ausführlich wie möglich gestalten; den Platz vollständig nutzen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Text für Untertitel zu kürzen. Buhr teilt diese Möglichkeiten ein in die VerdichtungVerdichtung und die AuslassungAuslassung von Textteilen (Buhr 2003: 56). Man kann jedoch eine weit komplexere Aufteilung vornehmen, wie Gottlieb (1992, im Nachfolgenden paraphrasiert nach Schröpf 2008: 56-58), der von CondensationCondensation, DecimationDecimation, DeletionDeletion und ParaphraseParaphrase spricht. Condensation bedeutet, dass Redundanzen reduziert werden, insbesondere Text-Bild-Redundanzen, aber auch nicht zwingend nötige Adjektive etc. Decimation ist ein eher frustrierendes Verfahren, da dabei bei schnellem Sprechtempo große Mengen des Dialogtextes nicht berücksichtigt werden. Deletion bedeutet Löschen und bezieht sich vor allem auf das Löschen von Wiederholungen, Interjektionen etc. – ein typischer Vorgang beim Übersetzen von gesprochener in geschriebene Sprache. Schließlich gibt es die Paraphrase, oft die Folge von Kürzungsvorgängen.

Mal kurz nachdenken … Was muss man nicht untertiteln, wenn es sonst Platzprobleme gäbe?

Marleau (1982) und Ivarsson / Carroll (1998) nennen internationale Begriffe, Höflichkeitsformeln, Ausrufe, EigennamenEigenname (soweit bekannt). Alle Autoren weisen auch darauf hin, dass man nicht untertiteln muss, was man sieht.

Mal kurz nachdenken … Welche Kürzungsmethoden passen auf die Übungen oben?

Typische Ratschläge, die man besonders dem Anfänger mit auf den Weg gibt, finden sich in ausführlicher Form in Ivarsson und Carroll (1998: 85-91) und zusammengefasst bei Nagel (2009: 68). Im Wesentlichen handelt es sich um folgende Vefahren:

 Verkürzung der Syntax

 Passiv wird zu Aktiv

 Indirekte Fragen werden zu direkten Fragen

 Doppelte Verneinung zur positiven Äußerung

 Sinngemäße Zusammenfassung

 Präteritum statt Perfekt

Üben Sie jetzt diese Methoden an den Beispielen! Lesen Sie dafür zunächst nur den englischen Originaltext. Zu Annie HallAnnie Hall (USA 1977) finden Sie weiter unten die betreffenden Textstellen aus dem deutschen SynchronbuchSynchronbuch. Hilft Ihnen das beim Formulieren der Untertitel? Welche Kürzungsmethoden haben Sie eingesetzt? Wo? Aus welchem Grund?

Man in line: We saw the Fellini film last Tuesday. It is not one of his best. It lacks a cohesive structure. You know, you get the feeling that he’s not absolutely sure what it is he wants to say. (Annie Hall. Allen 1983: 14) (drei Untertitel)

Annie: Sadie? Oh, well, Sadie … (Laughing) Sadie met Grammy through, uh, through Grammy’s brother George. Uh, George was real sweet, you know, he had that thing. What is that thing where you, uh, where you, uh, fall asleep in the middle of a sentence, you know – what is it? Uh … (Annie Hall. Allen 1983: 37) (vier Untertitel)

Ed: Now everyone, when he walks on the stage, treat him normal. I know Bela Lugosi is a world-famous star, and you’re all a little excited, but we’re professionals. (Ed Wood. Alexander / Karaszewski 1995:36) (drei Untertitel)

Aunt Em: And what was he doing here in the first place? That’s what I want to know. What’s a man like you messing around with a black boy like Thomas for? Are you some kind of pervert, or what? (SmokeSmoke, Auster 1995: 58) (zwei Untertitel)

Mann in der Schlange: Wir haben letzten Dienstag den Fellini gesehen, der gehört nicht zu seinen besten Filmen, er hat keine kohäsive Struktur. Man hat das Gefühl, er ist sich selbst nicht so sicher, was er sagen will. (Der StadtneurotikerDer Stadtneurotiker, Allen 1981: 23).

Annie: Sadie? Sadie, naja (lacht) also Sadie kam mit Grammy durch äh, den Bruder von Grammy, George, zusammen. Hm, und George, der war ja wirklich niedlich, wissen Sie (gestikuliert), er hatte diese … diese Dings, diese … wie nennt man das, wenn man mitten im Satz einschläft, Sie wissen, diese … äh … (Der Stadtneurotiker, Allen 1981: 57-58).

Hat Ihnen die deutsche Fassung beim Erstellen der Untertitel geholfen? Vielleicht hat sie Sie ja auch nur verwirrt. Schauen Sie sich die Beispiele auf DVD an.

Für den übersetzerischen Anteil der interlingualen Untertitelung muss also das Rad nicht neu erfunden werden. Interlinguale Untertitelung ist eine Sonderform der Übersetzung und das bedeutet, dass man alles, was man von anderen Texten kennt, auch dort anwenden kann. Der Platzmangel führt dazu, dass man mit Untertiteln nicht so freizügig umgehen kann wie mit anderen Texten. Aber prinzipiell kann man sämtliche möglichen Übersetzungsverfahren nutzen (dazu Nagel 2009: 66-67). Bei lexikalischen Übersetzungsverfahren ist dies etwas einfacher, da oft nur die Wortebene betroffen ist. Besonders die im Handbuch Translation unter „Einzelphänomene“ aufgeführten Probleme und Verfahren (ebd. 278-300) spielen auch bei der Untertitelung eine Rolle. Zu den dort angeführten Phänomenen gehören Sprachvarietäten, Metaphern, Wortspiele, Realia, Strategien des geschlechtsneutralen Ausdrucks, Eigennamen und Maßeinheiten. KulturspezifikaKulturspezifika sind ohnehin ein Problem bei der Untertitelung. Siehe dazu Pedersen 2005, Bruti 2006, Ramière 2006.

Fragestellungen zu diesen Einzelphänomenen sind in der Untertitelungsforschung populär. Informieren Sie sich über die Übersetzungsprobleme, die im Zusammenhang mit diesen Phänomenen immer wieder genannt werden! Wo könnten solche Fragen bei der Untertitelung auftreten? Beachten Sie auch, dass man die betreffende Realie vielleicht im Bild sehen kann und dass Wortspiele gern auch im Bild dargestellt werden, besonders in TrickfilmenTrickfilm!

2.4 Einzelprobleme der Untertitelung

Als Anfänger kann man die vielen Probleme, die die Untertitelung mit sich bringt, kaum überblicken. Man ist zunächst schon froh, wenn man einen Dialogtext einigermaßen gekürzt hat und die Standzeiten einigermaßen hinkommen.

Die interlinguale Untertitelung ist jedoch, wie gesagt, im Grunde genommen einfach eine Sonderform der interlingualen ÜbersetzungÜbersetzunginterlinguale Übersetzung. Die nachfolgend dargestellten Probleme kommen bei der interlingualen Untertitelung ebenso vor wie bei der Übersetzung anderer Texte. Durch die Gleichzeitigkeit von Wort und Bild sind manche Übersetzungsstrategien, die man bei rein sprachlich-schriftlichen Texten einsetzen kann, hier aber leider nicht möglich.

Mal kurz nachdenken … Wo könnte das sein?

Auch wenn immer wieder empfohlen wird, nicht oder schlecht übersetzbare WitzeWitz etc. nicht zu übersetzen und an anderer Stelle einen Witz einzuschieben, ist dieses Verfahren bei Filmen problematisch. Generell zu Humor und Untertitelung siehe Chiaro 2006.

Und noch mal kurz nachdenken … Bei Serien mit einem gewissen Extra ist das fast unmöglich.

… nämlich bei Serien mit einem laughing tracklaughing track, also einer Lachspur, oder bei Serien, die vor Live-Publikum gedreht wurden und daher auch Reaktionen auf Witze etc. beinhalten.

2.4.1 Dialekte, Soziolekte, Fachsprache

Auch wenn wir immer wieder davon sprechen, dass bei der Untertitelung gesprochene in geschriebene Sprache umgewandelt wird: Ganz korrekt ist das bei Filmen nicht, denn dort gibt es ein Skript, also geschriebene Sprache, die im Film gesprochen wird und dann in den Untertiteln wieder eine schriftliche Form hat.

Mal kurz nachdenken … Aber wo ist es der Fall?

Mündlich nach schriftlich findet nur dann statt, wenn Live-BeiträgeLive-Beitrag in NachrichtenNachrichten, TalkshowsTalkshow etc. untertitelt werden. In diesen Fällen ist eine interlinguale Untertitelung in Deutschland nicht üblich (siehe Kapitel 4, Voice-over, und Kapitel 5, Filmdolmetschen). Bei Reality-ShowsReality-Show aus den USA kommt sie teilweise vor.

Nur in diesen Fällen haben wir es mit spontan gesprochener Sprache zu tun, mit all ihren Fehlern, Pausen und unvollständigen Sätzen. Wer einmal das TranskriptTranskript eines Gesprächs, also eine schriftliche AufzeichnungAufzeichnung von spontan gesprochener Sprache gesehen hat, weiß, wie unordentlich wir eigentlich sprechen. Die gesprochene Sprache in Spielfilmen existiert zunächst als schriftliche Imitation gesprochener Sprache im DrehbuchDrehbuch (dazu auch Nagel 2009: 58 und ausführlich Remael 2008). Sie kann ausgesprochen künstlich und manieriert sein.

SoziolekteSoziolekt und DialekteDialekt sind typisch für gesprochene Sprache und werden in vielen Formen künstlerischer Texte eingesetzt. Ob man Soziolekt und Dialekt in irgendeiner Form in den Untertiteln wiedergeben soll, darüber streiten sich Theoretiker wie auch Praktiker. Eine Partei vertritt die Ansicht, man solle in Untertiteln nur Standardsprache nutzen, weil sie sich leichter liest.

Schauen Sie sich die entsprechende Praxis bei untertitelten englischsprachigen Reality-Serien an (heute am besten über einen StreamingdienstStreamingdienst). Die Sprecher bieten eine Vielfalt an amerikanischen Dialekten und Soziolekten. Wären Sie bei der Untertitelung ebenso vorgegangen?

Ein leises Unbehagen angesichts der Tatsache, dass der Text verändert wird, wenn soziolektale und dialektale Elemente in standardisierte Schriftsprache übertragen werden, gab es schon immer, und der typische Untertitelungsstil wird wieder und wieder in Frage gestellt (z. B. Bastian im Abstractband Leipzig 2010; Hamaidia 2007, Kaufmann 2004, Elefante 2004). Es stellt sich grundsätzlich auch die Frage, ob Untertitel als Schriftsprache wahrgenommen werden oder ob sie nicht eine eigene Kategorie zwischen gesprochener Sprache und Schriftsprache bilden (dazu auch Guillot 2007).

Dialekte und Soziolekte kommen weder in Filmen noch in Romanen oder Theaterstücken so gehäuft und in so komplexer Form vor, wie die vielen Forschungsarbeiten dazu suggerieren. Das Thema ist einfach nur reizvoll. Die Übersetzung von Dialekten und Soziolekten ist schon in Romanen und Theaterstücken schwierig; die Ergebnisse sind oft unbefriedigend, da nicht alle Konnotationen der ausgangssprachlichen Variante auch in der Zielsprache wiedergegeben werden können. Beim Platzmangel und Zeitdruck in den Untertiteln potenzieren sich diese Probleme.

Welche Probleme treten auf, wenn man Dialekte und Soziolekte übersetzen möchte? Welche typischen Versuche, diese Probleme zu lösen, gibt es? Informieren Sie sich in der übersetzungswissenschaftlichen Fachliteratur über Probleme und häufige Lösungen. Als Einstieg eignet sich Kolbs Beitrag im Handbuch Translation (1998: 278-280).

Angenommen, Sie möchten einen Dialekt in irgendeiner Form im Untertitel darstellen, weil er für die Charakterisierung der betreffenden Figur sehr wichtig ist. Welchen Weg wählen Sie? Hängt Ihre Entscheidung mit dem Filmgenre zusammen? Mögliche Lösungen können Sie in den Untertiteln zu dem französischen Film Willkommen bei den Sch’tisWillkommen bei den Sch’tis (Bienvenue chez les Ch’tisBienvenue chez les Ch’tis, Frankreich 2008) finden; weiter unten sind aus diesem Film Vergleichsbeispiele von Untertiteln und Synchrontext abgedruckt. Für Soziolekte eignen sich Filme des italienischen Neorealismo (Neoverismo) und der französischen Nouvelle vague. Ein Film, der die französische Jugendsprache nutzt, darunter insbesondere das Verlan, ist L’esquiveL’esquive (Frankreich 2003, in Deutschland im Fernsehen 2005 Nicht ja, nicht neinNicht ja, nicht nein); Varianten französischer Jugendsprache findet man auch in Entre les mursEntre les murs (Die KlasseDie Klasse, Frankreich 2008). Sie sehen die Erscheinungsjahre: Die Filme spiegeln keinen aktuellen Sprachstand wider.

Oft werden auch in den Originalfilmen und in den Synchronfassungen nur sehr leichte dialektale Einfärbungen verwendet, die kaum ins Gewicht fallen. In solchen Fällen sollte man auf eine Markierung verzichten.

9. Es gibt Fälle, in denen der Dialekt nicht unwichtig ist, ein Übersetzungsversuch aber übertrieben wäre. Was würden Sie da tun?

Eine Sprachvarietät, auf die bei der audiovisuellen Übersetzung sehr selten eingegangen wird, ist die FachspracheFachsprache, die doch sonst in der übersetzungswissenschaftlichen Literatur eine so große Rolle spielt. In DokumentarfilmenDokumentarfilm erwarten wir ohnehin fachsprachliche Elemente und geben sie ohne große Nachdenkensanstrengung als solche wieder, allerdings meist als Voice-over. Doch auch in Spielfilmen und Serien ist Fachsprache extrem häufig.

Darüber denken wir zwar auch bei der Synchronisation nach … Welche Fachsprachen erwarten Sie?

Hier einfach ein paar andere Beispiele als im Kapitel über Synchronisation: In den populären Weltuntergangsfilmen wird über Klimawandel und meteorologische und geologische Erscheinungen gesprochen, in anderen Katastrophenfilmen geht es um Viren und Genetik.

10. Die handelnden Figuren benutzen Ausdrücke, die Sie selbst nicht kennen. Sie können getrost annehmen, dass das vielen Zuschauern genauso geht. Was machen Sie in den Untertiteln?

11. Was können Sie tun, wenn lateinisch-griechische Fachtermini vorkommen, die lang sind und die Untertitel füllen? Denken Sie dabei an Dinosauriernamen wie Procompsognathus oder Rhamphorhynchus.

Viele dieser Spielfilme haben den Vorteil, dass zwischen Experten und Zuschauern eine Vermittlerfigur steht, zum Beispiel ein Reporter. Diese Vermittlerfigur hat dann die Aufgabe, den Experten zu einer Erklärung der Fachbegriffe zu bewegen. Falls es eine solche Figur nicht gibt, sollte der Untertitler diese Aufgabe nicht übernehmen, auch wenn es verlockend ist, sein Wissen weiterzugeben.

2.4.2 Mehrsprachigkeit im Film

Diese Erscheinung wird in Kapitel 3.5.2 anhand der Synchronisationspraxis ausführlich diskutiert, da sie dort ein weit größeres Problem darstellt. Doch auch bei der Untertitelung stellen sich Fragen, wie man damit umgeht, wenn mitten in einem englischsprachigen Film plötzlich Deutsch gesprochen wird.

Was könnte man in den Untertiteln tun, wenn in einem fremdsprachigen Film plötzlich deutschsprachige Passagen auftauchen? Überlegen Sie erst, lesen Sie dann Kapitel 3.5.2. Kommen Ihnen jetzt noch andere Ideen?

Es werden zwar stets dieselben Filme zitiert (wie es auch im vorliegenden Buch geschieht), doch mit trafilm.net existiert eine Forschungsgruppe zu diesem Thema. Zur Untertitelung mehrsprachigermehrsprachig Filme siehe auch Bartoll (2006). Auch hier sollten Sie sich mit den Inglourious BasterdsInglourious Basterds beschäftigen (USA 2009) – nachdem Sie die Aufgabe im Kapitel Synchronisation bearbeitet haben.

Es gibt bei der interlingualen Untertitelung hier ähnliche Traditionen wie bei der Synchronisation, die man durchaus hinterfragen kann:

A special case requiring the use of quotation marks is when a ‚second foreign language‘ is used in the film or programme. Such cases call for judgment. Does the original audience understand, more or less, what is being said? Elementary Spanish in an American film or Italian in a French TV programme should normally be translated into e.g. Dutch, and quotation marks (or italics) used to indicate that another language is being spoken, but the audience is certainly not supposed to understand two foreigners conversing in Japanese in a Norwegian film. Even the most ambitious subtitlers should refrain from translating such conversations. (Ivarsson / Carroll 1998: 114f.)

Aber nur der hörende Zuschauer hört die Tonspur. Interlinguale Untertitel für das Kino sollten auch für hörgeschädigte Zuschauer geeignet sein. Und übrigens gab es Versuche mit der Mehrsprachigkeit schon bei ZwischentitelnZwischentitel für StummfilmeStummfilm:

Abel Gance thematisierte die Sprachübertragungsmethoden bereits in seinem ohnehin verblüffend originellen Film Napoléon – vu par Abel Gance (Napoleon, 1925-1927), in dem es einen Zwischentitel gibt, der durch Sätze in 4 verschiedenen Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch) das Sprachenwirrwarr im Lager des Feindes bei der Eroberung Toulons darstellen soll. Die Sätze flimmern gleichzeitig und hintereinander, horizontal und diagonal über die Leinwand und verbildlichen damit nicht nur das Durcheinander an Sprachen, sondern auch die sprichwörtliche Hitze der Diskussion. Ein paar Zwischentitel vorher heißt es denn auch: ‚Beim Kriegsrat der Feinde ging es zu wie beim Turmbau zu Babel‘. (Wahl 2003: 88)

Auch wenn in diesem Buch immer wieder Vorschläge gemacht oder Richtlinien bemüht werden: Treffen Sie Ihre eigenen Entscheidungen. Oft sind die besser, weil sie sich auf einen konkreten Fall beziehen.

2.5 Sonderfälle der Untertitelung
2.5.1 Trivia Tracks und andere zusätzliche Untertitel

Schon Ivarsson und Carroll machen eine Reihe von Vorschlägen für die kreative Nutzung von UntertitelnUntertitelkreative Untertitel (Ivarsson / Carroll 1998: 30). Von diesen Vorschlägen haben sich nur die so genannten Trivia TracksTrivia Track durchgesetzt, und auch die nur begrenzt. In den letzten Jahren kommen sie zunehmend seltener vor, aber vielleicht erleben sie ja eine Renaissance. Eine DVD mit Trivia Tracks gibt es z.B. zu Dirty DancingDirty Dancing (USA 1987).

In Trivia Tracks bekommt der Filmzuschauer Hintergrundinformationen zum Film sowie Klatsch und Tratsch zu den Schauspielern geliefert.

12. Trivia Tracks sind eine nette Idee, haben sich aber nicht verbreitet durchgesetzt. Können Sie sich vorstellen, warum?

Mal kurz nachdenken … Welche Art von zusätzlichen Informationen könnten Untertitel noch enthalten?

Es gibt auf DVDs auch andere Extra-Texte als Trivia Tracks, z. B. informative EinblendungenEinblendunginformative Einblendung (zum Beispiel bei Good-bye Lenin, Deutschland 2003) und die Untertitelung zum RegisseurkommentarKommentarRegisseurkommentar in Filmlänge. Auf einer DVD wird also weit mehr untertitelt und übersetzt als der eigentliche Film. Die Regeln für die Untertitelung sind dabei die gleichen wie beim Film selbst.

Schauen Sie sich die informativen Einblendungen bei Good-bye Lenin an (wenn Sie auch das Kapitel zur AudiodeskriptionAudiodeskription bearbeiten möchten, sollten Sie diese Aufgabe allerdings erst danach angehen)! Was würden Sie an diesen Einblendungen verändern / ergänzen, wenn Sie eine fremdsprachliche Fassung erstellen sollten? Denken Sie an KulturspezifikaKulturspezifika!

Schwierig wird es, wenn Untertitel ein künstlerisches Element des Originalfilms sind. So gibt es zu Monty Python’s The Holy GrailMonty Python’s The Holy Grail (Die Ritter der Kokosnuß[sic], Großbritannien 1975) eine Untertitelspur „Subtitles for People Who Don’t Like the Film“. Die Untertitel bestehen aus Shakespeare-Zitaten (aus Henry IV). Immer wieder zitiert wird auch Annie HallAnnie Hall (Der Stadtneurotiker, USA 1977) von Woody Allen, in dem ein Paar um den heißen Brei herumredet, während in den Untertiteln die wahren Gedanken zu sehen sind.

Mal kurz nachdenken … Was kann der Untertitler tun?

Das ist eine schwierige Aufgabe. Wirklich befriedigend kann man sie nicht lösen. Probieren Sie sich daran, schauen Sie sich dann die offizielle Version auf der DVD an.

2.5.2 Bilinguale Untertitelung

Manche Länder haben mehrere offizielle LandessprachenLandessprache, so zum Beispiel Belgien (Französisch und Flämisch) oder Finnland (Finnisch und Schwedisch). In diesen Ländern werden Filme für das Kino tatsächlich oft in zwei Sprachen gleichzeitig untertitelt (im Fernsehen kann man meist zwischen den zwei Varianten wählen; sie stehen auf unterschiedlichen Videotextseiten, Ivarsson / Carroll 1998: 28-29). Noch extremer ist der Fall in Hongkong, wo drei Untertitel untereinanderstehen: Englisch, vereinfachte chinesische Schriftzeichen und traditionelle chinesische Schriftzeichen (Mok in MuTra 2006). Wenn in solchen Ländern zweizeilige UntertitelZweizeiler für jede Sprache verwendet werden (was im Chinesischen auf Grund der kompakten Schriftzeichen nicht notwendig ist), ist vom Film nicht mehr sehr viel zu sehen.

Probieren Sie es aus, am besten im Team: Erstellen Sie zu einem Filmausschnitt zweisprachige Untertitel! Welche Möglichkeiten zur Optimierung fallen Ihnen ein?

Das nachfolgende Bildbeispiel stammt aus Finnland. Es handelt sich um eine Nachrichtensendung, die in beiden Landessprachen live untertitelt wird. Die oberen Untertitel sind schwedisch, die unteren finnisch.

Abbildung 22:

Bilinguale Untertitelung (Obs. Sendung vom 10.6.2010, Redakteur: Juri von Bonsdorff, Bild: Nina Svahn. Mit freundlicher Genehmigung von YLE [Yleisradio] Finnland)1

ARTEARTE nutzt zwar keine bilingualen Untertitel, doch grundsätzlich werden die Sprachen Deutsch und Französisch dort gleich behandelt. Das gilt auch für Schriftelemente im Film, also für DisplaysDisplay und EinblendungenEinblendung.

Mal kurz nachdenken … Welche könnten das sein?

Ein typisches Beispiel sind Landkarten in Dokumentationen. Für viele Länder, Städte und Gegenden gibt es im Deutschen und im Französischen unterschiedliche Bezeichnungen. Bei ARTE wird erst die eine eingeblendet, dann kommt ein sehr kurzes Fade-out / Fade-in, wobei die Bezeichnung in der anderen Sprache erscheint. Dasselbe gilt für BauchbindenBauchbinde mit Funktionsbezeichnungen oder Institutionsbezeichnungen.

2.5.3 Fansubs

LaienübersetzungenLaienübersetzung gab es schon immer – man denke nur an die „Liebhaberübersetzung“. Bei Filmen gibt es diese Erscheinung ebenfalls schon seit längerer Zeit, sie hat aber wie so vieles andere durch das Internet einen größeren Bekanntheitsgrad gewonnen und ist durch die Möglichkeiten der digitalen Untertitelung einem größeren Kreis zugänglich geworden. Wenn Filme von Laien untertitelt werden, spricht man von FansubsFansub (von Laien synchronisierte Filme sind FandubsFandub).

Die Erscheinung der Fansubs hängt eng mit der Popularität von AnimeAnime, japanischen TrickfilmenTrickfilm und -serien, zusammen. Anime haben ein eingefleischtes Fanpublikum. Viele Fans wurden durch ihr Interesse an diesen Serien dazu motiviert, die japanische Sprache zu erlernen. Durch diese Sprachkenntnisse hatten sie wiederum Zugang zu Serien, die nur auf Japanisch vorlagen.

Fansubber folgen, zumindest theoretisch, einem Kodex: Gesubbt werden dürfen nur Filme, von denen noch keine Fassung in der Zielsprache vorliegt. Mit den Fansubs sollen Fans für die Serie gewonnen werden, die kein Japanisch können, die jetzt aber öffentlich dafür plädieren sollen, dass die Serie legal übersetzt und von einem Fernsehsender ausgestrahlt oder auf DVD veröffentlicht wird. Sobald das geschieht, hat die Fansub ihren Zweck erreicht und wird eingestellt und aus dem Internet genommen. Zumindest theoretisch; nicht alle Fansubber sind so fair.

Fansubber empfinden dieses Verfahren als sinnvoll und regelgerecht, da sie so die Verbreitung der Serien zum Nutzen aller fördern wollen. Legal ist es trotzdem nicht; einmal ganz davon abgesehen, dass man etwas, was einmal im Internet ist, nicht wirklich gut wieder herausnehmen kann. Die Rechte für Übersetzungen (besonders für veröffentlichte Übersetzungen) liegen bei den Urhebern des Originals. Meist wird das Fansubbing allerdings geduldet. Gegen Fansubber vorzugehen hieße, eventuell gute Kunden zu verlieren.

Auch wenn Fansubs nicht legal sind, sind sie im Internet doch leicht zu finden. Suchen Sie einfach danach. Oft werden auf den Seiten Screenshots angeboten, so dass man sich rasch ein Bild von dem jeweiligen Fansub-Stil machen kann. Was fällt Ihnen auf?

Fansubs sind ein gutes Beispiel dafür, wie der technische Fortschritt es auch Laien möglich macht, professionell wirkende Untertitel zu erstellen. Früher schickten die Fansubber einander die Filme auf Videokassetten per Post, und sie benötigten einen hochgerüsteten Arbeitsplatz, um die Untertitel zu erstellen.

Heute genügt ein PC, und die Ergebnisse sind optisch bei fast allen Fansubgruppen sehr gut. Allerdings haben Fansubs ausgesprochen oft sprachliche Mängel in der Zielsprache. Besonders Rechtschreibfehler und misslungene syntaktische Konstruktionen sind bei einigen Fansub-Gruppen extrem häufig (zu typischen Fehlern bei Amateur-Untertitlern siehe auch Bogucki 2009: 55).

Weiter oben war bereits von Sonderfällen der Untertitelung die Rede. Fansubs enthalten häufig zusätzlich zu den Untertiteln ÜbertitelÜbertitel, in denen den Zuschauern Sachinformationen vermittelt werden. Bei Fansubs kann man diese Übertitel genauso wenig wegschalten wie die Untertitel.

Mal kurz nachdenken … So etwas hatten wir hier doch schon einmal! Welche Art von Informationen standen bei den Fansubs, die Sie sich angesehen haben, in den Übertiteln? Fanden Sie das hilfreich oder überflüssig?

Die Übertitel enthalten vor allem Informationen über die japanische Kultur. Bei Science Fiction findet man auch Übertitel zu serienspezifischem Vokabular. Fansubber halten also mit ihrem Spezialwissen nicht hinter dem Berg. Für Neulinge ist die eine oder andere Information sicher interessant. Die meisten Anime-Fans haben diese Kenntnisse aber selbst und beherrschen nur die japanische Sprache nicht ausreichend, um sich die Originalfassung ohne Untertitel anzusehen. Professionelle Untertitler würden versuchen, unerlässlich notwendige Informationen in die Untertitel zu integrieren. Auch hier gilt: Beim zweiten Ansehen sind diese Zusatzinfos oft lästig.Kulturspezifika1

Amateure untertiteln heute auch andere Filme. So weist Bogucki (2009) darauf hin, dass Amateur-Untertitel zu Filmen, die gerade erst im Kino anlaufen, bereits als Textdateien im Internet stehen können (51). Sie basieren also auf einer illegalen Filmkopie:

Amateur subtitle producers … typically work with a recording of the original, but thy have no access to the post-production script … The quality of their product is thus conditioned by how much they understand of the original. (Bogucki 2009: 49)

Was die Gestaltung der Untertitel selbst angeht, so gehört vieles davon in den Themenbereich des nächsten Teilkapitels, der kreativen und experimentellen Untertitelgestaltung. Zur Schrift in Anime-Fansubs siehe Josephy-Hernández 2017.

2.5.4 Kreative Untertitelgestaltung

Bei den bisher in diesem Kapitel abgedruckten Screenshots wurde die serifenlose Schrift Arial verwendet. Schon diese SchriftSchrift wirkt unterschiedlich, je nachdem, ob sie mit oder ohne BoxBox und mit oder ohne Drop ShadowDrop Shadow steht.

Man kann aber, wie bereits erwähnt, bei UntertitelungsprogrammenUntertitelungsprogramm unterschiedliche SchriftartenSchriftart nutzen. Auszeichnungen wie KursivschriftSchriftKursivschriftKursivschrift und FettdruckSchriftFettdruckFettdruck können ebenfalls verwendet werden, wobei Fettdruck in Unter- oder Übertiteln nicht üblich ist.

Hin und wieder findet man Zeilen ganz in Großbuchstaben, zum Beispiel wenn ein Warnschild in Großbuchstaben im Bild zu sehen ist und der Inhalt im Untertitel wiedergegeben wird. Von der Möglichkeit, durchgehende Groß- und Kleinschreibung einzusetzen, sollte man aber nur sehr sparsam Gebrauch machen – wenn überhaupt.

13. Grundsätzlich gilt, dass man Groß- und Kleinschreibung so verwenden sollte wie üblich. Wie empfinden Sie die Lesbarkeit, wenn nur Groß- oder nur Kleinbuchstaben verwendet werden wie in den beiden folgenden Sätzen? Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass man diese Beispiele unterschiedlich gut lesen kann?

GRUNDSÄTZLICH GILT, DASS MAN GROSS- UND KLEINSCHREIBUNG SO VERWENDEN SOLLTE WIE ÜBLICH.

grundsätzlich gilt, dass man groß- und kleinschreibung so verwenden sollte wie üblich.

In Bereichen wie Typografie, Textgestaltung und Kommunikationsdesign, aber auch in der Lesbarkeitsforschung und im Bereich Wissensvermittlung sind die Charakteristika einzelner Schriften ein wichtiges Forschungsthema. Nicht jede Schrift liest sich gleich gut. Jede Schrift hat einen anderen Charakter und führt beim Leser zu anderen Assoziationen. Gut lesbare Einführungen in das Thema Typografie bieten Bergner (1990) und Willberg / Forssman (1999).

Haben Sie sich schon einmal mit Schriftarten befasst? Wenn nicht: Gehen Sie in die Stadtbücherei. Schauen Sie sich Kinderbücher, Romane, Sachbücher, Zeitungen und Zeitschriften an. Welche Schriften finden Sie gut lesbar? Welche gefallen Ihnen (das müssen nicht die gut lesbaren sein)?

Dass im Kino immer eine serifenlose SchriftSchriftserifenlose Schrift verwendet wird, also eine Schrift ohne die kleinen Häkchen an den Enden, hat sich durch die technischen Gegebenheiten entwickelt. Die kleinen Serifen sehen schnell unsauber und ausgefranst aus, wenn die technische Qualität der Untertitel nicht sehr gut ist, so dass der Einsatz einer SerifenschriftSchriftSerifenschrift mit früheren Verfahren nicht zu leisten war. Auch im Fernsehen werden aus technischen Gründen serifenlose Schriften für die Untertitel eingesetzt. Der alte VideotextVideotext besteht aus sichtbaren Pixeln. Es handelt sich dabei stets um ProportionalschriftenSchriftProportionalschriftProportionalschrift. Das bedeutet, dass ein „i“ sehr viel weniger Platz benötigt als ein „m“. Bei der klassischen Schreibmaschinenschrift, einer Monospace-Schrift, brauchen alle Buchstaben gleich viel Platz.

Serifenlose Schriften lassen sich nicht nur gut auf Filmen fixieren, sie gelten auch als besonders gut lesbar. Allerdings darf man hier nicht verallgemeinern. Es gibt serifenlose Schriften, bei denen das kleine „l“ und das große „I“ kaum zu unterscheiden sind; bei manchen verschwimmen „r“ und „n“ hintereinander leicht zu einem „m“ (Willberg / Forssman 1999: 21, 28 und 76). Selten gebrauchte serifenlose Schriften wirken auf den ersten Blick fremd und ziehen die Aufmerksamkeit stärker auf sich, als es vermutlich gewollt ist (und ohne dass sich der Leser so richtig darüber im Klaren ist, was ihm seltsam vorkommt).

14. Das nachfolgende Beispiel in Serifenschrift ist aus unterschiedlichen Gründen problematisch. Warum?

Abbildung 23:

Garamond (Serifenschrift), schwarz, zentrierter Übertitel (Die Kunst des Spickens © Daniel Wolf / Daniel Frei)

Im Internet und auf DVDs herrscht eine größere Schriftvielfalt als im Kino. Man könnte überspitzt sagen, dass alles, was die Untertitelungsprogramme möglich machen, irgendwann und von irgendwem auch gemacht wird. Bei der Aufführung des Films The Pillow BookThe Pillow Book (Die BettlektüreDie Bettlektüre, Großbritannien etc. 1996) von Peter Greenaway auf ARTEARTE wurde für die Untertitel bewusst eine kalligraphische SchriftSchriftkalligraphische Schriftkalligraphische Schrift verwendet, die das Thema des Films reflektierte (vgl. Wahl 2003: 88). Foerster (2010) analysiert die Untertitelung von Night WatchNight Watch (die englisch untertitelte Version von Nochnoi Dozor, Russland 2004), bei der ungewöhnliche Platzierungen und Schriftarten genutzt werden, um die Wirkung des Films zu verstärken.

Wie wir eine Schrift wahrnehmen, hängt auch stark davon ab, wo wir ihr normalerweise begegnen; das haben Sie in der Bücherei sicher bemerkt. Es gibt typische Schriften für Zeitungen (also für Fließtext in schmalen Spalten), für Romane (für Fließtext, der über die Seitenbreite läuft), für Comics (handschriftliche Druckbuchstaben – oder Imitationen davon). Mit den heutigen Untertitelungsprogrammen kann man solche Schriften auch für Untertitel benutzen.

Für welches Filmgenre würden Sie die nachfolgenden Schriften benutzen?

Diese im Internet und für Privatbriefe sehr beliebte SchriftSchrift, nämlich Comic Sans?

Oder diese liebliche Handschriftenimitation, Lucida Handwriting?

Oder ziehen Sie die frühere Standardeinstellung in Word vor, die Serifenschrift Times New Roman, die nur ein paar Jahre nach Einführung einer neuen Standardeinstellung fast schon historisch wirkt?

Und dann gibt es noch die fast vergessene Schreibmaschinenschrift, eine Monospace-Schrift, bei der jeder Buchstabe gleich viel Platz hat.

Krazy KatKrazy Kat (USA 1916) kennen Sie bereits. Sie können noch einmal zu Kapitel 2.3.4 zurückblättern, um Beispiele für Untertitel zu sehen. Hier kommen noch zwei neue. Gefällt Ihnen diese Lösung?

Abbildung 24:

Comic sans schwarz

Abbildung 25:

Comic sans weiß, schwarze Box

Am besten probieren Sie die unterschiedlichen Schriftarten an einem ganzen Stück Film aus, wenn Sie etwas Übung im Untertiteln haben. Auf Einzelbildern wirken sie anders als auf einem längeren Film.

Mal kurz nachdenken … Haben Sie nicht gerade erst Filme mit Untertiteln in solchen Schriften gesehen?

Wenn Sie Kapitel 2.5.4 bearbeitet haben, dann haben Sie in FansubsFansub gesehen, wie eine Vielzahl von Schriften und FarbenFarbe eingesetzt wird. Manchmal passt die Gestaltung ästhetisch zum Film, manchmal ist sie einfach nur schrill.

Die Frage, ob man beim Untertiteln besondere SchriftartenSchriftart verwenden will, muss jeder für sich selbst beantworten – oder der Auftraggeber wird entsprechende Richtlinien vorgeben.

Mal kurz nachdenken … Können Sie sich vorstellen, warum manche Untertitler die Untertitel gern etwas ausgefallener gestalten (abgesehen von dem Versuch, genre-gerechte Schriftarten für die Untertitelung zu verwenden)? Bzw.: Würden Sie es gern tun und warum?

Manche Untertitler möchten sich durch diese Gestaltungsmöglichkeiten stärker am kreativen, künstlerischen Prozess des Filmschaffens beteiligen und nicht einfach nur den Standardregeln folgen. Hier treffen zwei grundsätzliche Haltungen aufeinander: Die eine besagt, dass der beste Untertitel der ist, den man nicht bewusst wahrnimmt. Die andere besagt, dass der Untertitel zum Film passen und eine künstlerische Ergänzung darstellen soll.

Mal kurz nachdenken … Nicht nur in Night Watch gibt es bewegte Untertitel. Wo könnten Sie sich diese sonst noch vorstellen?

Karaoke-UntertitelKaraoke-Untertitel können auch in Form bewegter Untertitel dargestellt werden. Zu dieser Form der Untertitelung siehe Kapitel 7.6.5 (die Einordnung wird dort begründet).

2.5.5 Synchrontext versus Untertitelungstext

15. Erinnern Sie sich an Fernsehserien, die zunächst mit Untertiteln im deutschen Fernsehen liefen, später aber nachsynchronisiert und dann als Synchronfassung gesendet wurden? Um welche Art Serien handelt es sich? Welches Publikum wurde ursprünglich angesprochen, welches mit der neuen Fassung?

Synchronfassungen und interlinguale UntertitelUntertitelinterlinguale Untertitel werden oft unabhängig voneinander erstellt. Als Grundlage dient für beide der Originalfilm. Das kann bedeuten, dass sowohl die Synchronfassung als auch die interlingualen Untertitel der Originalfassung gerecht werden – dass sich beide aber nicht kombinieren lassen. Die Untertitel passen in diesem Fall nur zum Originalfilm, nicht zur Synchronfassung. Abweichungen zwischen Untertitelung und Synchronfassung können nie völlig vermieden werden. Das Gros der Nutzer interlingualer Untertitel möchte diese zum OriginaltonOriginalton zuschalten. Probleme treten aber dort auf, wo interlinguale Untertitel als intralinguale Untertitel genutzt werden, also bei nicht völlig gehörlosen Hörgeschädigten, die sich die DVD in der Synchronfassung mit Untertiteln ansehen möchten, oder bei FremdsprachenlernernFremdsprachenlernen, die die Sprache der Synchronfassung lernen möchten. Die folgenden Beispiele stammen aus Willkommen bei den Sch’tisWillkommen bei den Sch’tis (Bienvenue chez les Ch’tisBienvenue chez les Ch’tis, Frankreich 2008). Sowohl die Synchronfassung als auch die Untertitel sind für sich gesehen gut.


Timecode Synchrontext Untertitelung
10:26:16 Sie ham doch nix angefasst im Zimmer von meim Bübschen? Ham Schie nix angerührt im Zimmer von meim Bübschen?
10:26:34 Das is Muckefuck, das schmeckt viel bescher als Kaffee. Tschikorie, das kommt bei uns in den Kaffee.

Tabelle 3:

Sch’tis Synchron und untertitelt

Worin liegen bei diesen beiden Beispielen die Hauptprobleme bei der Vergleichbarkeit? Bedenken Sie auch die Unterschiede, die zwischen den beiden Verfahren Synchron und Untertitelung grundsätzlich bestehen.

2.5.6 Übertitelung / Lehnenübersetzung im Theater

Die interlingualen Untertitel im Film unterscheiden sich von der inhaltlichen Herausforderung her nicht von den Übertiteln (engl. surtitlessurtitles, seltener supertitlessupertitles) zu Theaterstücken.

Mal kurz nachdenken … Worin denn sonst?

Keine Theateraufführung ist vollkommen identisch mit der anderen. Mal ist alles etwas langsamer, mal ist alles etwas schneller. Mal vergisst jemand seinen Text und es muss ein bisschen improvisiert werden. Die Problematik ist durch Inszenierung und Aufführungsablauf bedingt. Das bedeutet auch, dass ÜbertitelÜbertitel im Theater meist live zugeschaltet werden.

Mal kurz nachdenken … Theaterstücke werden nur in einer besonderen Situation interlingual übertitelt. Wo?

Theaterstücke werden normalerweise nicht in Fremdsprachen aufgeführt. Die Ausnahme sind Theaterfestivals, so dass nur dort eine interlinguale Übertitelung oder eine Verdolmetschung notwendig sind.

Mal kurz nachdenken … Haben Sie im Theater schon einmal Übertitel gesehen? Wo waren die? Wie fanden Sie es, dass das Theaterstück oder die OperOper übertitelt waren?

Als die ersten Übertitel in den Theatern eingeführt wurden, wurden sie immer auf die Wand über der Bühne projiziert. Oft waren sie ästhetisch sehr fragwürdig gestaltet. Man kann diese Übertitel außerdem nicht abschalten, auch wenn man es gern tun würde. Gerade wenn man in den höheren Rängen sitzt, schiebt sich diese Übertitelung aufdringlich ins Blickfeld. Später wurde die Projektion durch LED-Leisten ersetzt, ebenfalls über der Bühne (siehe Burton 2009: 59).

Renommierte Theater haben oft kleine Bildschirme in den Rückenlehnen der Sitze. Burton nennt für 2009 nur ein paar sehr berühmte Opernhäuser mit einer solchen Ausstattung, doch inzwischen findet sie sich auch in eher im eigenen Lande bekannten großen Opernhäusern. Diese Bildschirme kann man ausschalten. Man sieht aber über den gesamten Zuschauerraum verteilt kleine Lichter von den angeschalteten Bildschirmen. Auch das kann stören, besonders wenn die Bildschirme sich direkt in der Reihe vor dem eigenen Sitz befinden. Wenn man sie selbst nutzt, muss der Blick ständig zwischen Bildschirm und Bühne hin und her wandern, was ebenfalls nicht optimal ist.

Für Übertitel über der Bühne gelten andere Richtlinien als für Untertitel: Die Situation des Zuschauers ist eine andere; der Blickwinkel ist anders, und auch die Buchstaben sehen je nach technischer Ausstattung des Theaters anders aus als bei Untertiteln. Ausführliche Informationen zur Übertitelung im Theater finden sich bei Griesel (2007). Zum Thema Oper in Film und Theater siehe Kapitel 2.6.

2.6 Musik und Untertitelung

MusikMusik hält bei jedem Verfahren der audiovisuellen Übersetzung eigene Herausforderungen bereit. Das gilt für die Übertitelung im Theater ebenso wie für die Untertitelung in Filmen und auf DVDs. Opern haben dabei eine andere Problematik als Songs mitten in einem ansonsten gesprochenen Film. Technisch ist die Übertitelung im Theater nicht anders als bei Theaterstücken.

2.6.1 Opern

OpernOper auf DVDs haben intralinguale und interlinguale Untertitel, die man wegschalten kann. Das gilt auch für Sender wie ARTEARTE oder 3sat3sat, die Operninszenierungen zeigen. Für Opern im Theater gilt, dass auch sie heute meist in der Originalsprache aufgeführt werden. Mehr dazu weiter unten.

Das heißt, dass auch deutschsprachige Opern für deutsche Zuhörer untertitelt sind. Hören Sie sich einen Ausschnitt aus einer Wagner-Oper an. Notieren Sie dabei das, was Sie vom Text zu verstehen glauben. Schalten Sie jetzt die Untertitel zu und hören Sie sich das Ganze noch einmal an.

Die Sprache der Opernlibretti ist oft eigenartig, und das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Tätigkeit des Übersetzers:

… opera libretti tend towards the flowery, archaic and poetic in their vocabulary and grammatical formulations. This is particularly a problem in the operas of Richard Wagner, with their long and convoluted German sentence structures. The titler should try to reduce subordinate clauses keeping to clear, modern vernacular unless there are exceptional circumstances. (Burton 2009: 65)

As far as content is concerned, there rarely seems to be a happy medium in opera. Texts tend to be either oversimplistic or repetitive or based on fiendlishly complicated historical plots. (Desblache 2009: 72)

Opern werden grundsätzlich nicht synchronisiert, weder im Fernsehen noch auf DVD.

Mal kurz nachdenken … Wäre das nicht eine wunderbare bzw. lustige Lösung?

Opern mit SynchronisationSynchronisation oder gar mit Voice-overVoice-over wären sicher sehr lustig. Man sucht sich eine DVD aber nach den Interpreten aus. Außerdem hören viele Opernliebhaber gern die Originalsprache, an die der Komponist den Klang der Musik angepasst hat. Bei klassischen Opern dominieren bestimmte Sprachen, vor allem natürlich das Italienische. Ab dem 19. Jahrhundert kommen aber auch viele russische, französische und deutsche Werke dazu, und im 20. Jahrhundert erweitert sich der Sprachradius beträchtlich. Für Englisch empfiehlt sich die Arbeit mit den Opern von Benjamin Britten, die nicht nur schöne Musik, sondern auch anspruchsvolle Texte bieten.

Jedes Opernhaus macht seine eigenen Übertitel – es existieren also viele konkurrierende Fassungen. Das liegt auch daran, dass Opern oft an irgendeiner Stelle gekürztKürzung werden müssen, und dass die Dramaturgen dabei unterschiedliche Entscheidungen treffen. Auch auf DVDs sind unterschiedliche Inszenierungen einzelner Opern erhältlich. Das bedeutet, dass man es auch dort mit unterschiedlichen Untertitelfassungen zu tun hat. Zu unterschiedlichen Aspekten der Opernübertitelung siehe Rędzioch-Korkus (2016, 2018).

Mal kurz nachdenken … Wie wurden Opern in Deutschland vor Einführung der Übertitel normalerweise dargeboten? Diese Praxis ist mit der Übertitelung nicht verschwunden.

Es war vor nicht allzu kurzer Zeit noch absolut üblich, Opern in einer übersetzten Fassung aufzuführen. Zu den Herausforderungen, die eine Opernübersetzung bietet, siehe Kaindl (1995). Die Sprachenwahl bei der Aufführungspraxis hängt bzw. hing auch vom Aufführungsort ab:

World-class opera houses, such as the New York Metropolitan Opera, always performed works in their original language, whereas provincial and less prestigious houses adapted original pieces. (Desblache 2009: 73)

Schließlich spielt auch der Operntyp eine Rolle. Mit einer Opera buffaOpera buffa, also einer komischen Oper, oder einer OperetteOperette kann man anders umgehen als mit einer Opera seriaOpera seria, einer ernsten Oper:

For example, in some ways, the idea of setting a performance of AidaAida in English is old-fashioned whereas an adaptation of a French operetta such as Orpheus in the Underworld, especially if peppered with contemporary references and completely reset in a British context can be very attractive to the public. (Desblache 2009: 74)1

Es ist nicht mehr genau festzustellen, wann die erste Oper in einem Theater übertitelt wurde. Burton erwähnt eine Opernaufführung Anfang der 1980er in Hongkong, wobei die Titel jedoch chinesisch waren und daher seitlich neben der Bühne liefen, nicht über ihr (Burton 2009: 58). Im Verlauf der 1980er wurden Übertitel z. B. in Großbritannien zunehmend populär (Burton 2009: 59).

Die Frage, ob Opern überhaupt übertitelt werden sollen, spaltet das Publikum. Bei nicht allen Opern sind es die Texte, die Begeisterung auslösen. Oft versteht man die Texte auch in der Muttersprache in gesungener Form nicht (siehe die Wagner-Aufgabe zu Beginn). Viele Zuschauer mögen die Übertitelung daher nicht und empfinden sie als störend. Nach Burton wünschen sich Zuschauer die Übertitelung, während eher Regisseure und Kritiker dagegen seien (Burton 2009: 60). Vermutlich hat die Einstellung zu Untertiteln mit dem Alter und der Opernkenntnis der Zuschauer zu tun. Für viele Opernliebhaber gilt die Regel: „Prima la musica, poi le parole.“ (Die Musik kommt zuerst, dann erst die Worte.)

Das heißt nicht, dass Opernliebhaber sich nie mit den Texten beschäftigen. Viele lesen in Opernführern zumindest die Handlung nach, bevor sie ins Theater gehen, oder kaufen sich ein Programmheft. Burton weist darauf hin, dass es in früheren Zeiten üblich war, dass wohlhabende Theaterbesucher während der Vorstellung das LibrettoLibretto mitlasen (Burton 2009: 60). Das ist bei der heutigen Aufführungspraxis nur bei konzertanten Aufführungen möglich, sonst ist es zu dunkel. Außerdem findet zu geräuschvolles Blättern oft nicht den Beifall der Nachbarn.Klavierauszug2

16. Noch eine ganz andere Frage: Wie ist es denn mit Opernübertragungen im RadioRadio? Auch diese erfreuen sich bei Opernliebhabern großer Beliebtheit.

Für Opernuntertitelungen auf DVD gelten andere Richtlinien als für die Untertitelung von gesprochenem Dialog. So heißt es in den Richtlinien der Firma digim – Digital Images für OpernuntertitelungUntertitelungOpernuntertitelung (von 2010):

UT solange stehen lassen, bis der Satz gesungen wurde (kann auch 15-17 Sek. stehen gelassen werden, länger nur in Ausnahmefällen).

Ruhiger RhythmusRhythmus, reimende ZeilenReim können zusammenstehen.

Bei Wiederholungen von Strophen und Zeilen keinen neuen UT (es sei denn, das erste Auftreten der Strophe / Zeile liegt weit zurück).

Mal kurz nachdenken … Warum gelten diese Regeln nicht allgemein und werden immer wieder abgeändert?

Diese Regeln werden nicht von jedem Zuschauer als angenehm empfunden. So kann es passieren, dass man den Untertitel wieder und wieder liest, wenn er lange stehen bleibt, und sich nicht mehr auf die Musik konzentriert. OpernverfilmungenOpernverfilmung haben ebenso SchnitteSchnittBildschnitt wie andere Filme, und auch hier sollten Untertitel möglichst nicht über einen Schnitt stehen.

Auch die Abwesenheit von Untertiteln bei Wiederholungen kann für Verwirrung sorgen. Manche Zuschauer fürchten in diesem Fall, die Untertitel seien ausgefallen. Hier muss man für einen Kompromiss sorgen. Bei Opern bietet man normalerweise keine Überbrückungsuntertitel für Wiederholungen an, aber das wäre eine Möglichkeit. Außerdem kennen viele Musikliebhaber die in Noten üblichen Wiederholungszeichen |: zwischen denen zu wiederholende Phrasen stehen :| Virkkunen (2004) schildert unterschiedliche Möglichkeiten der Untertitelungspraxis abhängig davon, ob die Struktur des Ausgangstextes, die Inszenierung oder das ursprüngliche Libretto im Fokus stehen. Sie weist darauf hin, dass ein größerer Umfang an Untertiteln die Aufmerksamkeit des Zuschauers auch von dem künstlerischen Ereignis wegzieht, um das es eigentlich geht: die Opernaufführung (Virkkunen 2004: 93).

The use of repetition in surtitles clarifies the difference between symbolic modes: if the phrase ‚I love you‘ is repeated in written form five to six times, it loses its uniqueness; it is not supported and varied by the singer’s expression and the emotionality of the music since the title cannot be interpreted synchronously with the verbal-musical text. (Virkkunen 2004: 95)

Even if s/he wants to choose the seemingly easy ‚verbal-into-verbal‘ translation method and concentrate on the libretto, s/he has to alter the verbal text in the case of props, for example, if they have been changed or removed. And, most significantly, s/he has to time the surtitles according to the tempo and rhythm of the performance. This means reducing the number of words and rewriting the libretto … A surtitled opera performance cannot equal a karaoke tape, in which each sung word is written in the subtitles. (Virkkunen 2004: 95)

Es ist letztendlich also die Aufführung, die die Gestaltung der Übertitel im Theater bestimmt. In gewissem Umfang gilt das auch für die Untertitel auf DVDs.

2.6.2 Mehrstimmiger Gesang

Es sind meist Opern, in denen nicht nur mehrstimmigmehrstimmig gesungen wird, sondern in denen die einzelnen StimmenStimme unterschiedliche Texte haben, gern auch zeitlich gegeneinander versetzt. Das kann man als Zuhörer auf keinen Fall auseinanderhalten. Man versteht Textstellen höchstens dann, wenn einer der Sänger während des Stücks solistisch hervortritt. Untertitel sind nun aber dazu da, dass man den Text versteht.1

Bei DVD-Untertiteln bietet sich eine größere Variationsbreite an Lösungen an als bei Theater-Übertiteln. Probieren Sie aus, was Ihnen dazu einfällt, zum Beispiel an II. Akt, 1. Bild aus Peter Grimes von Benjamin Britten. Sie hören eine Solistin im Vordergrund und einen Kirchenchor im Hintergrund. Leider müssen Sie sich den Text selbst besorgen – die Abdruckrechte sind heikel, der Klavierauszug ist nicht billig22. Libretti haben den Klavierauszügen gegenüber den Vorteil, dass der Text übersichtlich in Zeilen angeordnet ist und einen besseren ersten Überblick ermöglicht (Desblache 2009: 75). Klavierauszüge haben den Vorteil, dass man sieht, welche Textstellen genau parallel zueinander laufen.

Zur folgenden Aufgabe stehen die Texte weiter unten; ein Klavierauszug Deutsch / Italienisch erleichtert aber die Arbeit. Nehmen Sie sich den II. Akt, 2. Szene, Nr. 15 (unten ein Ausschnitt) aus Mozarts Don GiovanniDon Giovanni vor, bei dem die drei Sänger parallel unterschiedliche Texte singen. Es handelt sich um das Terzett Don Giovanni, Leporello, Donna Elvira, wobei Leporello sich als Don Giovanni verkleidet hat und Donna Elvira irreführen soll. Hören Sie sich die Musik erst an, wenn Sie Entscheidungen über den Text getroffen haben. Passen die Entscheidungen auch zur Musik?


DONNA ELVIRA DON GIOVANNI LEPORELLO
Dei, che cimento è questo Spero che cada presto Già quel mendace labbro
Gott schenke jetzt mir Gnade Dank dir, o Serenade Sie glaubt der Maskerade
Non so s’io vado, o resto; ah, proteggeto voi la mia credulità. Che bel colpetto è questo più fertile talento del mio, no, non si dà Torna sedur costei deh proteggete oh Dei la sua credulità.
Er lenke meine Pfade; wie rührt mich, ach, sein Flehen; kaum kann ich widerstehn Hilf du nun, Maskerade dass ich es recht verstehe das muss ein jeder sehn Nun schenke Gott ihr Gnade schützt er sie nicht vor dem Unheil dann ist’s um sie geschehn

Tabelle 4 :

Don Giovanni II.2, no. 15. Text nach Klavierauszug Edition Peters (o.J.)

II. Akt, 14. Szene. Das Problem hier ist etwas anders gelagert: Hier setzen die Stimmen gegeneinander versetzt ein und die Texte werden wiederholt.


DONNA ELVIRA LEPORELLO DON GIOVANNI
Restati, barbaro, Nel lezzo immondo. Esempio orribile d’iniquità. Se non si muove Del suo dolore, Di sasso ha il core, O cor non ha ! Vivan le femmine, Viva il buon vino, Sostegno e gloria D’ummanità !
Nun so versinke denn im Pfuhl der Hölle die ew’ge Mahnung an Gottes Gericht Wenn ihre Klagen ihn nicht mehr rühren dann ist sein Herz so hart wie Stein. Mädchen und Rebenwein würzen das Leben Sie sind das Herrlichste auf dieser Welt.

Tabelle 5:

Don Giovanni II.14. Text aus Klavierauszug Edition Peters (o.J.)

Klavierauszüge und Libretti sind also eine sinnvolle Hilfe bei der Untertitelung, wobei, wie oben erwähnt, die Kürzungen der jeweiligen Inszenierung beachtet werden müssen. Bei interlingualen Opernuntertitelungen kommt jedoch noch ein Problem hinzu: Viele bekannte Opern haben eine deutsche Standardübersetzung. Ähnlich wie sich die Schlegel-Tieck-Übersetzung von Shakespeare durch Zitate und geflügelte Worte im Bewusstsein der Sprachgemeinschaft eingebürgert hat (vgl. dazu Herbst 1994), sind bestimmte Phrasen aus Opern Allgemeingut geworden.La BohèmeAddams Family2

Mal kurz nachdenken … Zu welchen Problemen kann das wiederum bei der interlingualen Untertitelung führen?

Hier ergibt sich ein Konflikt, der vermutlich zu der Abneigung des operngewohnten Publikums Untertiteln gegenüber beiträgt. Wer in seinem Leben schon oft die deutschen Standardfassungen gehört hat, kann sie auswendig. Ein gutes Beispiel ist das Duett Don Giovanni – Zerbinetta aus dem ersten Akt der Oper Don Giovanni. Der italienische Originaltext beginnt mit dem Satz „La ci darem la mano“. Im Untertitel würde man sagen: „Gib mir deine Hand.“ Der Opernfreund kennt diese Textstelle jedoch als „Reich mir die Hand, mein Leben“. Und so kann es kommen, dass ein eigentlich guter Untertitel von einem erbitterten Publikum als „falsch“ und „ungebildet“ wahrgenommen wird.

Mal kurz nachdenken … Wie ist der Übersetzer denn auf so eine Idee gekommen?

Nicht jeder Untertitler ist ein Opernliebhaber. Außerdem ist die Übersetzung im Untertitel gut und inhaltlich vollständig – vielleicht war der Untertitler doch ein Opernliebhaber, der für die Untertitelung bewusst diese Entscheidung getroffen hat. Die oben erwähnte Problematik der Opernübersetzung: Sanglichkeit, Silbenzahl, Rhythmus ‒ all das muss bei der Opernübersetzung berücksichtigt werden, aber nicht unbedingt bei der Untertitelung. Man muss hier bei den Übersetzungen abwägen, was wichtig ist.

Mal kurz nachdenken … Wie kann man alle Zuschauer halbwegs glücklich machen?

Oft bietet sich bei der Opernuntertitelung ein Kompromiss an: Die ganz bekannten Zitate werden aus der übersetzten Bühnenfassung übernommen; die weniger bekannten werden untertitelgerecht neu geschrieben.

2.6.3 Musicals und Songs im Film

Die besondere Problematik von SongsSong bzw. LiedernLied im Film wird ausführlicher im Kapitel zur Synchronisation angesprochen. In Deutschland werden Songs heutzutage meist nur untertitelt, wenn der Kunde das wünscht; der Untertitler kann allerdings vorschlagen, Untertitel hinzuzufügen (Nagel 2009: 96). Man kann dabei vage Regeln erkennen: Je wichtiger der SongtextLiedtextSongtext für das Handlungsverständnis ist, desto eher wird er dem Publikum in irgendeiner Form in der Zielsprache angeboten. Bei Musicals ist die Untertitelung der Songs selbstverständlich, da sie wichtige Handlungselemente darstellen. Bei anderen Filmen wird je nach Situation entschieden, ob der Songtext wichtig genug für eine Untertitelung ist:

Weiterhin werden Songtexte z. T. übersetzt, wenn sie essenziell für das Verständnis sind. So wurden bspw. im Film Public EnemiesPublic Enemies in einer Anfangsszene die ersten Verse eines Liedes untertitelt, da am Ende des Films noch einmal darauf eingegangen wird und sie so zum Rahmen der Handlung gehören. (Leisnering 2014: 225).

Mal kurz nachdenken … Warum macht man das nicht einfach immer?

Leisnering schildert eine Reihe von Situationen, in denen Songs in Filmen eingesetzt werden, und stellt fest, dass eine Untertitelung nicht in jedem Fall sinnvoll ist. Wenn Songs als HintergrundmusikMusikHintergrundmusikHintergrundmusik, zumal überlagert von Dialogen, dienen, ist eine Untertitelung nicht üblich. So würde die Bedeutung des Songs übertrieben.

Noch ein schönes Zitat zum Abschluss: Ivarsson / Carroll fordern: „It should be possible to sing a translation of a song to the music and the rhythm is therefore more important than the rhymes.“ (Ivarsson / Carroll 1998: 122). Das spricht nun wiederum für eine Opernuntertitelung genau nach LibrettoLibretto.

2.7 Forschung und weiterführende Literatur

Der ganz große Boom der Forschung zu interlingualen Untertiteln war in den 2000ern. Auf den ersten Tagungen zur AV-Übersetzung ging es in den meisten Vorträgen um Untertitelung. Das hat sich geändert; das Feld wirkt ein wenig abgegrast und die Forscher haben sich saftigeren Weiden zugewandt. Das heißt aber nicht, dass sämtliche Forschungsfragen beantwortet wären. Fragestellungen, die mit Kulturspezifika zu tun haben oder mit sprachspezifischen Anforderungen, sind immer noch beliebt. Interessant sind auch Rezeptionsstudien und die Frage, wie weit man Erkenntisse aus der sehr lebendigen Forschung zur intralingualen Untertitelung auf die interlinguale Untertitelung übertragen kann. Eine herausragende und aktuelle Arbeit zur Untertitelungsforschung mit einer Vielzahl von Aspekten ist Künzli 2017. Auch seine Aufstellung von Forschungsfragen, gegliedert nach der Lasswell-Formel, bietet Anregungen (Künzli 2017: 19). Díaz Cintas / Remael 2007 ist nach wie vor die ausführlichste Einführung in die Didaktik der Untertitelung. Díaz Cintas 2004 zeigt, wie schwer es für die Pioniere der AV-Forschung war, Anerkennung in der Welt der Wissenschaft zu erlangen. Capitani (2016) befasst sich mit den Anforderungen an professionelle Untertitler. Mevel (2014) befasst sich mit der Frage, wie man Sprachvarianten interlingual untertiteln kann. Ganz aktuell ist der Aufsatz von Pedersen zu der Frage, welche Normen bei Streamingdiensten verwendet werden (2018).

Schließlich soll die Problematik nicht verschwiegen werden, die durch die Kombination aus vorgelesenen Untertiteln und Audiodeskription entsteht (zum Audio Subtitling siehe Benecke 2012).

2.8 Anhang: Richtlinien

Es war schon mehrfach von Richtlinien für die Untertitelung die Rede. Bei Rundfunkanstalten handelt es sich fast immer um Richtlinien zur Untertitelung für Hörgeschädigte. Diese finden Sie entsprechend im Anhang zu Kapitel 7. Untertitelungsfirmen haben Richtlinien für die interlinguale Untertitelung. Auch Forscher und Berufsverbände beschäftigen sich mit diesem Thema und entwerfen Richtlinien. Existierende Richtlinien sind nicht in Stein gemeißelt. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und veränderte Sehgewohnheiten des Publikums haben einen Einfluss auf die Gestaltung von Richtlinien.

Die ESIST (European Association for Studies in Screen Translation) hat einen Kodex für ihre Mitglieder aufgestellt, den „Code of Good Subtitling Practice“. Diese Richtlinien gehören zu den bekanntesten überhaupt. Im ESIST-Code wird nicht zwischen interlingualer und intralingualer Untertitelung unterschieden.

1 Subtitlers must always work with a (video, DVD, etc.) copy of the production and, if possible, a copy of the dialogue list.

2 It is the subtitler’s job to spot the production and translate and write the subtitles in the (foreign) language reputed.

3 Translation quality must be high with due consideration of all idiomatic and cultural nuances.

4 Straightforward semantic units must be used.

5 Where compression of dialogue is necessary, the result must be coherent.

6 Subtitle text must be distributed from line to line and page to page in sense blocks and/or grammatical units.

7 As far as possible, each subtitle must be semantically self-contained.

8 The language register must be appropriate and correspond with the spoken word.

9 The language should be (grammatically) ‘correct’ since subtitles serve as a model for literacy.

10 All important written information in the images (signs, notices, etc.) should be translated and incorporated wherever possible.

11 Given the fact that many television viewers are hearing-impaired, ‘superfluous’ information, such as names, interjections from the off, etc., should also be subtitled.

12 Songs might be subtitled where relevant.

13 Obvious repetition of names and common comprehensible phrases need not always be subtitled.

14 The in- and out-time of subtitles must follow the speech rhythm of the film dialogue, taking cuts and sound bridges into consideration.

15 Language distribution within and over subtitles must consider cuts and sound bridges; the subtitles must underline surprise or suspense and in no way undermine it.

16 The duration of all subtitles within a production must adhere to a regular viewer reading rhythm.

17 Spotting must reflect the rhythm of the film.

18 No subtitle should appear for less than one second or, with the exception of songs, stay on the screen for longer than seven seconds.

19 The number of lines in any subtitle must be limited to two.

20 Wherever two lines of unequal length are used, the upper line should preferably be shorter to keep as much of the image free as possible and in left-justified subtitles in order to reduce unnecessary eye movement.

21 There must be a close correlation between film dialogue and subtitle content; source language and target language should be synchronised as far as possible.

22 There must be a close correlation between film dialogue and the presence of subtitles.

23 Each production should be edited by a reviser / editor.

24 The (main) subtitler should be acknowledged at the end of the film (or if the credits are at the beginning, then close to the credit for the script writer).

25 The year of subtitle production and the copyright for the version should be displayed at the end of the film.

TECHNICAL ASPECTS

1 Subtitles should be highly legible with clear lettering and a font which is easy to read. The characters should have sharp contours and be stable on the screen.

2 The position of subtitles should be consistent, e.g.

centred for film applications;

left-justified or centred for TV and video applications²;

two-person dialogue in one subtitle should be indicated by a dash at the beginning of each line.

1 In video applications, character clarity can be enhanced by a drop shadow or semi-transparent or black box behind the subtitles.

2 In laser subtitling, sharp contours and removal of residual emulsion can be achieved by precise alignment of laser beam focus and accurate adjustment of power output.

3 In laser subtitling, the base line must be set accurately for the projection format of the film.

4 The number of characters per line must be compatible with the subtitling system and visible on any screen.

Due to the different viewer reading times and the different length of lines for TV/video and film subtitles, TV/video subtitles should be adapted for film application and vice versa. (January, 1998) (www.esist.org/Code.pdf)

Mit freundlicher Genehmigung von Jan Ivarsson und Mary Carroll, die den Code in seiner ursprünglichen Form erstellt haben (Ivarsson / Carroll 1998).

Ordnen Sie diese Richtlinien den einzelnen Aspekten des Untertitelns zu. Welche könnte man auch für andere Formen der audiovisuellen Übersetzung übernehmen?

Bei einer solchen Liste ergeben sich Überschneidungen mit einem generellen berufsethischen Kodex für Übersetzer (wie z. B. beim BDÜ, dem Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer).

3 Synchronisation
3.1 Definition

Unter SynchronisationSynchronisation versteht man, dass die gesamte ausgangssprachliche DialogspurDialogspur (auch Dialogtonspur) durch eine zielsprachliche Dialogspur ersetzt wird. Es bleiben keinerlei Geräuschreste von der ausgangssprachlichen Dialogspur erhalten. Der Zuschauer kann sich so der Illusion hingeben, die Schauspieler wirklich sprechen zu hören.

Die Definition in der Encyclopedia of Translation Studies findet man unter lip-synchronized dubbingLippensynchronitätlip-sychronized dubbing, um diese Form der audiovisuellen Übersetzung vom Voice-overVoice-over abzusetzen; Pérez González zitiert die allgemein anerkannte Definition von Luyken:

In the field of audiovisual translation, dubbing denotes the re-recording of the original voice track in the target language using dubbing actors’ voices; the dubbed dialogue aims to recreate the dynamics of the original, particularly in terms of delivery pace and lip movements (Luyken et al. 1991) (Pérez González 2011 [2009]: 17)

Pérez González geht im weiteren Verlauf der Definition auf den Synchronisationsprozess und die Vor- und Nachteile des Verfahrens ein.

Im Handbuch Translation findet sich zwar ein Eintrag zum Thema Synchronisation, aber keine Definition des Verfahrens. Vielmehr handelt es sich um eine recht bittere Abrechnung mit der Situation der Übersetzer in der SynchronisationsindustrieSynchronisationsindustrie (Manhart 1999 [2006]: 264-266).

Es gibt einen kulturbedingten fließenden Übergang der Definition von Synchronisation, Voice-overVoice-over und FilmdolmetschenFilmdolmetschen. Dieses Phänomen wird im Unterkapitel zu Sonderfällen der Synchronisation angesprochen sowie bei der Definition des Voice-over-Verfahrens.

Im Unterkapitel zum Arbeitsablauf wird erläutert, wie die typische Arbeitsverteilung bei der Synchronisation aussieht. Diese ist für Übersetzer ziemlich enttäuschend und macht Manharts Einlassungen verständlich.

Forschungsfragen gibt es jedoch zu allen Aspekten der Filmsynchronisation. So haben auch Übungen zu Teilaspekten der Synchronisation, an denen man als Übersetzer nie beteiligt sein wird, ihren Sinn. Sie tragen dazu bei, dass man die Abläufe und Restriktionen bei diesem Verfahren erkennt und versteht und sich eine fundierte Meinung bilden kann.

Im Gegensatz zu allen anderen Verfahren der AV-Übersetzung, mit Ausnahme des Filmdolmetschens, gibt es zum Thema Synchronisation eine große Menge an Anekdoten und Einblicke in den Ablauf der Synchronaufnahmen. Viele DVDs bieten Bonus-Tracks an, in denen man die SynchronsprecherSprecherSynchronsprecherSynchronsprecher im Studio sehen kann. Leider gibt es bisher keine Bonus-Tracks, bei denen man die Übersetzer beim Spotten und Splitten bzw. bei der Übersetzung eines Synchronbuches schwitzen sieht.

3.2 Geschichte

Deutschland ist ein SynchronisationslandSynchronisationsland, d.h. Filme und TV-Serien werden, wie in den anderen deutschsprachigen Ländern, in der Regel synchronisiert. Noch in den 1990ern war es in Deutschland schwierig, an untertitelte Filme heranzukommen; fremdsprachige Videokassetten „bestellte“ man bei Freunden im Ausland. Nur Programmkinos oder Filmfestivals boten den Zuschauern OmUs, also den Film im „Original mit Untertiteln“. „Nur die hartgesottensten Enthusiasten genießen Filme in Sprachen, von denen sie kein Wort verstehen.“, wie Metz und Seeßlen zu Recht bemerken (Metz / Seeßlen 2009). Und Pruys merkt an: „Schlecht gemachte lippensynchrone Fassungen dürfen nicht als Argument für Untertitel gelten.“ Und:

Eine nachlässige Synchronisation, bei der nicht lippensynchron gesprochen wird, die Dialoge unverständlich bleiben, hölzern klingen oder die Untertitel unangemessen erscheinen, kann zwar von jedem Zuschauer direkt wahrgenommen werden. Ohne genaue Kenntnis der Ursprungsfassung bzw. der Ausgangssprache bleibt aber die Unsicherheit, ob die Originaldialoge nicht noch unverständlicher oder hölzerner sind. (Pruys 2009 [1997]: 20 und 11)

Das heißt nicht, dass Kritik am Synchronisationsverfahren eine völlig neue Erscheinung ist. Auch als die ersten synchronisierten Filme auf die Leinwand kamen, waren viele Zuschauer alles andere als begeistert:

Die Schauspieler mit fremden, ,eingeschmuggelten‘ StimmenStimme sprechen zu lassen, kollidierte mit den tradierten Seh- und Hörgewohnheiten. Die zeitgenössische Kritik beschrieb die Synchronisation als ‚Hexerei‘, ‚Homunculus‘, als ‚Amputation‘, bei der auf den ‚blutigen Stumpf‘ eine ,künstliche Stimm-Prothese‘ aufgeschraubt würde. (Bräutigam 2017)

Näheres dazu, warum ein Land zu einem Synchronisationsland wird, steht in Kapitel 1.4.

Auf dem Weg zum Synchronisationsland wurden ab der Entstehung des Tonfilms verschiedene Wege gegangen. Zunächst waren weder Synchronisation noch Untertitelung dem stummfilmgewohnten Publikum zu vermitteln:

Man hat auch eine Synchronisation versucht, die war aber technisch so unzulänglich und das wurde auch überhaupt nicht akzeptiert. Man muss sich ja vorstellen: Es war schon ein Schock, seinen StummfilmstarStummfilmstar plötzlich mit Stimme zu hören. Das lag, wie immer kolportiert wird, nicht zuletzt wegen Singinʼ in the RainSinging in the Rain, weniger daran, dass die Stummfilmstars keine vernünftigen Stimmen hatten. Die hatten zum Teil halt andere Stimmen als man erwartete. Die Stummfilmstars waren irgendwie von der Realität entrückt, und jetzt wurden sie plötzlich ganz konkret mit ihrer Stimme. Ich glaube, das war es, was die Leute gewaltig irritiert hat. (Drößler in Metz/Seeßlen 2009).

Neben Synchronisation und Untertitelung gibt es die Möglichkeit, einen Film gleich in mehreren Sprachfassungen zu drehen (die so genannte VersionVersion, Bräutigam 2009: 12, Wahl 2003, Berry 2018). Das Verfahren wird heute zwar nicht mehr eingesetzt, macht als Laienprojekt aber Spaß. Bei der Version wird nicht die gleiche Bildspur mit unterschiedlichen Tonspuren kombiniert, sondern es gibt für jede Sprachversion auch eine neue Bildspur. Das heißt, der Film wird mehrmals gedreht.

Mal kurz nachdenken … Ist es dann noch derselbe Film?

Selbst der beste Schauspieler kann eine Rolle nicht ganz exakt noch einmal spielen, so dass sich die Versionen unterscheiden, eben wirklich Versionen eines Ausgangsfilms sind. Zusätzlich gab es Versionen, bei denen andere Schauspieler eingesetzt wurden, nämlich Muttersprachler der betreffenden Versionssprache (ausführliche Analysen zu einer Reihe von Filmen in Berry 2018).

In Deutschland wurden Filme für den Export als Versionen gedreht, bis sich etwa 1932 die Synchronisation durchsetzte (Pahlke 2009: 28, Wahl 2003: 31). Versionen wurden aber auch für den deutschen Markt produziert (siehe unten). Für uns klingt das Verfahren heute wie ein höchst absurdes Unternehmen. 1930/31 wurden aber mehr als ein Drittel von 137 deutschen Tonfilmen in Versionen in mehreren Sprachen produziert (Kreimeier 1992: 231, zitiert nach Bräutigam 2009: 12; eine Statistik findet sich in Wahl 2003: 20-22, wo auch Filme in unterschiedlichen Versionen diskutiert werden). Versionen konnten in allen Sprachen durchgehend mit denselben Schauspielern besetzt werden; oft setzte man jedoch für die unterschiedlichen Sprachversionen beliebte Schauspieler aus dem jeweiligen Zielland ein:

Allerdings markierte dies gleichzeitig den größten Schwachpunkt der Filme, denn für 5 verschiedene Sprachversionen von einem Film mussten auch 5 komplette Schauspielerensembles bezahlt werden, ganz zu schweigen von dem benötigten Filmmaterial, den Mieten usw. Dieses extrem hohe Maß an Aufwand wird allgemein als der Hauptgrund für die Aufgabe der Versionenproduktion angesehen. (Wahl 2003: 19)

Der Hauptgrund für das Drehen von Versionen, nämlich durch eine Verteilung des Films in unterschiedlichen Sprachräumen finanziellen Gewinn zu machen, wurde also nicht erreicht. Als Variante der Version kann man das noch heute übliche Hollywood RemakeRemake definieren, bei dem in anderen Ländern erfolgreiche Filme mit beliebten US-Schauspielern neu gedreht werden.

Auch NamensänderungenNamensänderung bei den Rollen, KürzungenKürzung und inhaltliche Veränderungeninhaltliche Veränderung waren bei Versionen üblich. Die Filme konnten sich also deutlich unterscheiden, während bei untertitelten und synchronisierten Filmen die Bildspur zumindest theoretisch identisch mit dem Original ist (vgl. Wahl 2003: 16 und Berry 2018 passim).

Bekannt bei Fans sind die Laurel and HardyLaurel and Hardy (Dick und DoofDick und Doof)-Filme in deutscher Sprache, bei denen die beiden Stars auch in der deutschen Version auftreten und sprechen. Ein schönes Beispiel dafür ist die DVD Dick und Doof sprechen deutsch – Spuk um MitternachtDick und Doof sprechen deutsch – Spuk um Mitternacht. Beide konnten allerdings gar kein Deutsch. Gerade das macht die Filme heute so beliebt bei Fans; bei der Produktion sah man das anders:

Ein Problem konnte nun bei Filmen entstehen, deren Hauptdarsteller nicht zu ersetzen waren, aber keine einzige Fremdsprache beherrschten. Dies trifft beispielsweise auf die international beliebten Komiker Laurel und Hardy zu. Mit ihnen wurden ‚phonetische Versionen‘ erstellt, in denen sie die Sätze nur ihrem Dialoglehrer nachsprachen, ohne etwas zu verstehen. (Wahl 2003: 20)

Nehmen Sie sich einen kurzen Sketch vor und übersetzen Sie ihn in Ihre Arbeitssprachen. Es genügt einer der typischen Schultheater-Sketche von drei Minuten Dauer. Spielen Sie ihn mit demselben Team in allen Sprachvarianten durch und filmen Sie das Ergebnis. Was passiert? Wo hat es überall Veränderungen gegeben? Haben Sie Anpassungen vorgenommen? Schreiben Sie nun eine phonetische Fassung in einer Sprache, die Sie beherrschen, aber andere Teammitglieder nicht. Und drehen Sie gleich noch eine Version.

Die Synchronisation kommt den meisten Quellen zufolge ursprünglich aus den USA, breitete sich ab 1932 in Europa aus und verdrängte die Version vollständig (vgl. Bräutigam 2009: 12). Allerdings wurde All Quiet on the Western FrontAll Quiet on the Western Front (Im Westen nichts NeuesIm Westen nichts Neues, USA 1930) bereits 1930 in einer deutschen Synchronfassung in Berlin aufgeführt (Bräutigam 2009: 11) und für 1929 existieren Belege für eine deutsche Synchronfassung des amerikanischen Filmes BroadwayBroadway (Pahlke 2009: 27). Die Argumente gegen die Synchronisation, die in den Feuilletons der damaligen Zeit vorgebracht wurden, sind genau die, die man auch heute hört (Beispiele in Bräutigam 2009: 13-14). Allerdings wird heute niemand mehr sagen, wer die deutsche Sprache im Kino hören will, solle sich eben deutsche Filme ansehen.

Die Synchronisation setzte sich dann, wie oben erwähnt, in den 1940er Jahren unter dem totalitären Nazi-Regime durch. Noch bis 1940 waren Hollywood-Filme in synchronisierter Form in Deutschland ausgesprochen erfolgreich (Bräutigam 2009: 15). Ab 1940 gab es dann jedoch ein Einfuhrverbot für amerikanische Filme (Pahlke 2009: 28, Bräutigam 2009: 15). Die Synchronisationsindustrie blieb nicht unbeschäftigt: „Die Synchron-Branche stellte stattdessen fremdsprachige Fassungen deutscher PropagandafilmePropagandafilme für die besetzten Länder her.“ (Bräutigam 2009: 16)

Der Aufholbedarf nach dem Zweiten Weltkrieg war enorm. Eine gewaltige SynchronisationsindustrieSynchronisationsindustrie entwickelte sich (vgl. Nagel 2009: 29 und Pahlke 2009: 28). Teilweise lag dies auch daran, dass die USA ein großes Interesse daran hatten, dass sich in Deutschland keine Konkurrenzindustrie zur amerikanischen Filmproduktion entwickelte. So öffneten zwar die ersten Kinos 1945 wieder ihre Pforten, die ersten Genehmigungen für deutsche Filmproduktionen wurden in den westlichen Besatzungszonen jedoch erst 1947 vergeben (Kolloquium 2004). Teilweise war die Motivation der Alliierten, Filme zu zeigen und zwar so, dass das Publikum sie verstand und auch anschaute, pädagogisch orientiert – die Deutschen sollten schließlich umerzogen werden (vgl. Bräutigam 2017).

Und auch zu jener Zeit stand nicht jeder der Synchronisation uneingeschränkt wohlwollend gegenüber. „‚Synchronisation ist die Rache der Deutschen an den Alliierten‛ lautete ein brancheninterner Spruch.“ (Bräutigam 2009: 16). Man muss aber auch die gesellschaftlichen Bedingungen in Betracht ziehen, wenn man sich kritisch über die Geschichte der Synchronisation äußert: In den Anfängen des Tonfilms waren nicht nur Fremdsprachenkenntnisse weniger verbreitet als heute, sondern auch die Zahl der AnalphabetenAnalphabet war höher. Untertitel zu lesen kam also nicht für alle in Frage. Für diese Zielgruppe war die Synchronisation eine wunderbare Erfindung. Wer die Diskussion zum Bildungsnutzen von Untertiteln verfolgt, wird sehr schnell feststellen, dass es dort immer nur um die Verbesserung von Englischkenntnissen geht (siehe dazu das Kapitel zur Interlingualen Untertitelung). Andere Sprachen interessieren in dieser Diskussion nicht. Und wir als Sprachkundige und Fremdsprachenliebhaber sollten Verständnis dafür haben, dass nicht jeder einen Film im Original mit Untertiteln wirklich genießt, sondern darunter leidet, dass seine Aufmerksamkeit hin und her gerissen wird. Wie Bräutigam sagt:

Der intellektuelle Cineast, der wohl Dostojewskij oder García Marquez in der Übersetzung liest, ohne damit Probleme zu haben, ignoriert die ‚Übersetzung‘ von Filmen, weil er diese als Verfälschung und Verrat am Original missachtet. (Bräutigam 2009: 8)

17. Hat er damit völlig Recht? Oder gibt es nicht doch einen Unterschied bei der Rezeption von fremdsprachigen Filmen und fremdsprachigen Büchern?

Mit der Geschichte der Synchronisation, an ein breiteres Publium gerichtet, befassen sich Bräutigam (2017) und Metz / Seeßlen (2009).

3.3 Arbeitsablauf

Der Arbeitsablauf bei der Synchronisation und der Teil der Arbeit, den der Übersetzer tatsächlich verrichtet, unterscheiden sich von Auftraggeber zu Auftraggeber eher wenig. Meist betrifft es nur die Zahl der beteiligten Personen. Die in der Encyclopedia of Translation Studies geschilderte Arbeitsteilung kann variieren, was aber nur in einem engen Rahmen geschieht. Da das Thema zentral für das Kapitel ist, wird hier ausführlich zitiert:

The translation of a source language dialogue list is one of the earliest stages in the dubbing process. Although access to a working copy of the film is crucial for translators to verify non-visual information and make appropriate decisions on aspects such as register or pragmatic intention, this is not always made available to them (Hensel 1987). The translators’ participation in the dubbing process often ends with the production of a dialogue list in the target language; in practice, translators do not concern themselves with lip movements as they usually lack experience in dialogue adaptation and adjustment techniques (Luyken et al. 1991). A ‚dubbing writer‘ who is adept at lip reading (Myers 1973) but not always familiar with the source language takes over at this point to ‚detect‘ the text. This involves identifying those sounds delivered by screen actors and marking their presence on the relevant frame of the film strip (Paquin 2001). Once the adaptation is ready, the film dialogue is divided into passages of dialogue, called ‚loops‘ (Myers 1973) or ‚takes‘ (Whitman-Linsen 1992), whose length depends on the country where the dubbed version is produced. These takes become the working units during the revoicing of the dialogue track, which is carried out under the supervision of a dubbing director and a sound engineer. The involvement of so many professionals in the dubbing process explains why this form of audiovisual translation is up to fifteen times more expensive than subtitling (Luyken et al. 1991). The actual translation and adaptation of the dialogue amounts to only 10 per cent of the overall cost (Dries 1995), although this depends on the genre – with action and humour films being the cheapest and most expensive, respectively (Muntefering 2002). (Pérez González 2009: 17)

Heute spricht man nicht mehr von LoopsLoop, die tatsächlich aus zu Ringen geklebten Filmstreifen bestanden und so Wiederholungen vereinfachten, sondern nur noch von TakesTake.1

Verallgemeinernd kann man sagen, dass der Übersetzer nur in sehr kleinen Firmen wirklich Einfluss auf das endgültige SynchronbuchSynchronbuch hat. Nur dort werden Übersetzer in jeder Phase des Übersetzungs- und Bearbeitungsprozesses eingebunden. In größeren Firmen haben sich die oben geschilderten Strukturen herausgebildet, in denen professionell ausgebildete Übersetzer mehr oder minder ausgegrenzt sind. Eine Wandlung der Arbeitsteilung zeigt sich in manchen Firmen, ist aber noch immer nicht allgemein üblich. Hier wird daher der bisher übliche Arbeitsablauf dargestellt.

Das Handbuch Synchronisation (Pahlke 2009), das die Tätigkeitsfelder der Branche umreißt, verschweigt die Existenz von Übersetzern weitestgehend und ermutigt kein einziges Mal professionell ausgebildete Übersetzer, im Tätigkeitsfeld Synchronisation tätig zu werden. Zu Recht weist Herbst darauf hin, dass das Verfahren der RohübersetzungRohübersetzung (ausführlicher weiter unten) für kompetente Übersetzer frustrierend ist. Diese Meinung teilen auch die Firmen. Matthias Müntefering von der Deutschen Synchro äußerte Seifferth gegenüber im Interview, Diplom-Übersetzer seien „mit Recht zu teuer für das Durchgangsprodukt Rohübersetzung.“ (Seifferth 2009: 9) Außerdem sind die dafür zur Verfügung gestellten Unterlagen so spärlich, dass es bei der Rohübersetzung schnell zu Fehlern kommen kann (Herbst 1994: 199). Für die Abwesenheit von „normalen“ Übersetzern im Synchronprozess werden manchmal historische Gründe bemüht: In den 1950er Jahren wurden die deutschsprachigen Dialogbücher bei einigen erfolgreichen Filmen von herausragenden und bekannten Autoren verfasst. So stammt die deutsche Fassung von All About EveAll About Eve (Alles über EvaAlles über Eva, USA 1950) von Erich Kästner, die von Judgement at NurembergJudgement at Nuremberg (Urteil von NürnbergUrteil von Nürnberg, USA 1950) von Erich Maria Remarque und die von Decision before DawnDecision before Dawn (Entscheidung vor MorgengrauenEntscheidung vor Morgengrauen, USA 1951) von Carl Zuckmayer (Kolloquium 2004). Welchen Einfluss dies auf eine Entscheidung gegen Übersetzer gehabt haben soll, ist jedoch unklar.

Was die Praxis in deutschen Synchronisationsfirmen betrifft, enthält Seifferth (2009) Informationen zu mehreren Firmen (ebd. 5-12) sowie Fragebögen an ebendiese Firmen und an Privatpersonen (ebd. 149-171).

Suchen Sie im Internet nach Synchronstudios und anderen wirtschaftlichen Angeboten, die in einem Zusammenhang mit der Synchronisation stehen. Suchen Sie auch in den Ländern Ihrer Studiensprachen wie Spanisch, Französisch oder Italienisch. Vergleichen Sie die Angebote!

Im üblichen Verfahren wird die Rohübersetzung an den DialogbuchautorDialogbuchautor / SynchronbuchautorSynchronbuchautor / SynchronregisseurSynchronregisseur weitergereicht, der dann das SynchronbuchSynchronbuch erstellt. Oft ist es auch der Synchronregisseur, der das DialogbuchDialogbuch schreibt, aber auch das ist nicht immer der Fall. Schon hier wird die auffallende Fragmentarisierung des Synchronisationsprozesses deutlich:

Auch Synchronregisseure sind meist so ausgelastet, dass sie oft den Film, den sie bearbeiten, nicht einmal richtig kennen, es sei denn, sie haben auch das deutsche Dialogbuch geschrieben. (Leinert 2017: 49).

In diesem Arbeitsgang kann der Synchrontext noch verändert werden – manchmal merkt man erst in der Praxis, dass sich ein Text doch nicht so gut spricht wie erwartet. Das kann einen sehr großen Teil des Synchronbuchs betreffen, nach der Untersuchung von Herbst bis zu 61 % (Herbst 1994: 209). Außerdem wird nicht jeder kleine Versprecher korrigiert, wenn er nicht weiter stört und der Text gut in den Film passt (Herbst 1994: 210).

Hier wird der Text nicht nur an die Lippenbewegungen angepasst, d.h. lippensynchronSynchronitätlippensynchronLippensynchronitätlippensynchron gemacht (mit gewissen Einschränkungen). Er wird auch in eine gut sprechbare Form gebracht. Der Synchronregisseur führt beim EinsprechenEinsprechen des Filmes Regie.

Unter anderem [braucht man für den Beruf des Synchronregisseurs und -autors] ein Interesse für Sprachen und Kultur. Dabei muss man die Originalsprache, aus der heraus man synchronisiert, nicht notwendigerweise verstehen. Es hilft natürlich sehr, man begreift Feinheiten besser, kennt vielleicht auch die jeweilige Landeskultur. Wenn man die nicht kennt – was oft der Fall ist --, braucht man eine sehr gute Rohübersetzung, die auch Bedeutungsnuancen, kulturelle und politische Hintergründe einbezieht. (Cierpka 2017)

Oft enthalten Rohübersetzungen tatsächlich falsche oder ungelenke Formulierungen, was an den immer wieder erwähnten Arbeitsbedingungen und der dadurch oft mangelhaften Qualifikation der damit befassten Übersetzer liegt, doch manchmal wird der Text beim Erstellen des Synchronbuchs auch verschlimmbessert (Beispiele in Herbst 1994: 206). Wichtig scheint bei der Umarbeitung der Rohübersetzung zu einem Synchronbuch aber zu sein, dass die Satzlänge von Original und Synchronfassung einigermaßen übereinstimmt (Herbst 1994: 207-208).

In vielen Fällen wird die Synchronarbeit von einem SupervisorSupervisor begleitet, der auch den fertigen Film abnimmt. Die Supervisoren werden normalerweise von Verleihfirmen beauftragt, haben aber auch die Wünsche der Regisseure des Originalfilms zu beachten.

Bei wichtigen Filmen ist es mittlerweile üblich, einen ‚Supervisor‘ aus Hollywood nach Europa zu schicken, der die Synchronisation überwacht und sowohl bei den Dialogtexten als auch bei der Stimmenauswahl mitentscheidet. Dass sich auch Filmregisseure selbst um die Synchronfassungen kümmern, war lange Zeit eine Seltenheit. Die große Ausnahme war Stanley Kubrick, dessen berüchtigter Perfektionismus sich auch auf die Synchronisationen erstreckte. Für die deutschen Fassungen bestand er auf Wolfgang Staudte als Regisseur, dessen von einer legendenhaften Aura umrankte Bearbeitung von ShiningShining mehr als eine Million Mark gekostet haben soll! (Bräutigam 2009: 35)

Ausführliche Informationen dazu bietet der Bericht der Synchronsupervisorin Leinert (2015). Eine Textkontrolle durch einen Übersetzer findet bei der Endproduktion nicht statt. Während heute in allen anderen Übersetzungsbereichen ein Translationsmanagement mit Qualitätskontrolle eine wichtige Rolle spielt, existieren hier nicht einmal Überlegungen in diese Richtung.

Gerade dort, wo keine nennenswerte Absprache zwischen den an der zielsprachlichen Fassung Beteiligten stattfindet, erscheint der Einsatz eines solchen Supervisors ausgesprochen sinnvoll. Mehr Zusammenarbeit fordert auch Seifferth:

Es wäre dabei auch wichtig, dass der Auftraggeber die jeweiligen Synchronsprecher und die Übersetzer vor dem Beginn der Arbeit an einen Tisch bringt, denn dies würde auch dazu beitragen, dass der Übersetzer die handelnden Personen besser versteht, zumal die ausgewählte Stimme wesentlich zur späteren Sympathie und Popularität einer handelnden Person beiträgt. Der Auftraggeber sollte des Weiteren für eine Rückmeldung zur Qualität der Übersetzung sorgen, ein Qualitätsmanagement einführen, um im ständigen engen Dialog mit dem Übersetzer, dem Dialogbuchautor und dem Synchronregisseur die bestmögliche Synchronübersetzung zu schaffen. (Seifferth 2009: 128)

Bei Seifferth wird auch der eigentliche SynchronisationsprozessSynchronisationsprozess, das EinsprechenEinsprechen des übersetzten und bearbeiteten Texts, beschrieben. Das Einsprechen selbst erfolgt im Synchronstudio durch Profisprecher, oft Schauspieler. Seifferth schildert ihren Besuch bei der Studio Hamburg Synchron folgendermaßen:

Dieser Aufenthalt im Aufnahmestudio war aufschlussreich, um Rückschlüsse ziehen zu können auf Fehlerquellen, wie sie während des Synchronisationsprozesses, also bei der Aufnahme entstehen: Die Qualität hängt nur von einer beziehungsweise noch einer weiteren beisitzenden Person, die für die Technik zuständig ist, ab. Das bedeutet, dass Aussprachefehler überhört werden, eine Anlehnung an einen bestimmten DialektDialekt, hier Norddeutsch, eine Rolle spielt und somit immer wieder unidiomatisches Deutsch verwendet wird, insbesondere Grammatikfehler und Kollokationsverstöße. Auch bedeutet dies, dass das Skript in Teilen verändert wird. Bei der Serie The SopranosThe Sopranos, die hier synchronisiert wird, fiel auf, dass, beispielsweise abfällige ‚lustige‘ Bemerkungen über Juden, wie sie im mafiaähnlichen Milieu, besonders unter den Italo-Amerikanern, üblich sind, nicht ins Deutsche übertragen wurden, also die NulllösungNulllösung gewählt wurde – ein Beispiel dafür, dass … im Synchronisationsprozess regelrechte Zensierungen stattfinden. (Seifferth 2009: 5)

Der Arbeitsablauf während der Synchronisation selbst ist nicht chronologisch. Früher teilte man die Szenen so ein, dass man die Arbeitstage der einzelnen SprecherSynchronsprecherSprecherSynchronsprecher ideal danach ausrichten konnte. So kamen zuerst die Szenen mit A, B und C; dann konnte C nach Hause gehen und die Szenen, in denen nur A und B auftreten, wurden synchronisiert. Es herrschte also ein ähnliches Arbeitsprinzip wie bei Filmen, wo man ebenfalls nicht chronologisch von Anfang bis Ende dreht, sondern den Arbeitsablauf nach Drehorten und eingesetzten Schauspielern aufteilt. Heute stehen die Sprecher allein im Studio; der Vorgang ist nun komplett fragmentarisiert und entfremdet.

Auch spontane Entscheidungen, die sich nur im Zusammenspiel mehrerer Sprecher ergeben, gibt es nicht mehr. Bei der Synchronisation werden die Texte in sehr kurze TakesTake von ein bis zwei Sätzen aufgeteilt und die Sprecher stehen in einem nüchternen Tonstudio. Das gab es schon früher und das muss nicht einmal kostensparend sein:

Häufig werden Takes ge-ixtge-ixte Takes, das heißt, in einem Take mit zwei Sprechern wird erst nur der eine und an einem anderen Tag der andere aufgenommen, wenn beide zusammen wegen Terminschwierigkeiten nicht im Studio sein können. Auch wenn Texte sich überlappen, wird von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, damit die Cutterin die Aufnahme exakter bearbeiten kann … Das Ixen treibt natürlich die Anzahl der Takes schnell in die Höhe, was sich wieder auf die Kosten auswirkt … Kalkuliert werden etwa 170 bis 200 Takes am Tag, das heißt, ein 90 Minuten langer Film ist in vier bis fünf Tagen ‚über die Bühne‘. (Blunck 1998: 285)

Der SynchronregisseurSynchronregisseur muss dafür sorgen, dass die Schauspieler immer eine Vorstellung davon haben, in welchem Handlungszusammenhang das jeweilige Take steht (vgl. Bräutigam 2009: 38). Auch unter Sprechern gibt es Bedauern dieser Situation gegenüber:

… wie lustig muss es zugegangen sein, als er [Synchronsprecher Norbert Gastell] sich hier noch gemeinsam mit anderen SimpsonsDie Simpsons-Sprechern wie der Münchnerin Sabine Bohlmann duellierte: von Vater Homer zu Tochter Lisa. Vor ein paar Jahren kam irgendwer darauf, es sei effektiver, jede Stimme einzeln aufzunehmen. Track by Track. „Wir trauern den alten Zeiten nach. Heute sind wir allein in unser Kabuff eingesperrt“, sagt Gastell, „wenn mich jemand fragt: ‚Hey, Homer, wie geht es Marge?‘ Dann sage ich: Keine Ahnung, ich habe meine Frau noch nie gesehen.‘“ Anke Engelke spricht Mrs. Simpson in Köln ein. (Zirnstein 2012: 56)

Profis können in einer solchen Situation trotzdem arbeiten, und die Anmerkung von Herbst, die deutschen Synchronfassungen wirkten im Vergleich zu den Originalen fade (in Blum 1994), ist bei den meisten Filmen nicht gerechtfertigt.

Viele Informationen über den Synchronisationsprozess haben eher Anekdotencharakter und richten sich an ein interessiertes Laienpublikum. Denn viele finden die Arbeit von Synchronsprechern faszinierend. Auf manchen DVDs findet man daher als Extra einen kurzen Bericht von der Synchronarbeit, bei dem man die Schauspieler beim Einsprechen sieht. Von den in diesem Buch angeführten Filmen ist das Willkommen bei den Sch’tisWillkommen bei den Sch’tis, aber auch Die Biene Maja – Die HonigspieleDie Biene Maja – Die Honigspiele.

Typisch ist ein Interview, das Link und Nassif mit dem Schauspieler Christoph Maria Herbst im Morgenmagazin (Moma) vom 29.05.2019 führten. Herbst schildert, wie er eine Rolle im Trickfilm Mr. Link – Ein fellig verrücktes AbenteuerMr. Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer eingesprochen hat (Transkription Jüngst):

Link: Aber du stehst da alleine. Du hast keinen zum Anspielen so richtig.

Herbst: Du sagst es. Und, erm, das ist schon hart. Du musst dann da für Stimmung sorgen und ich hab, ich glaub, ich war drei, vier Tage im Studio, und da musst du schon gegen dich ansprechen, auch gegen dich anspielen.

Nassif: Und das geht wirklich so Fitzelchen für Fitzelchen durch 90 Minuten (Herbst: Genau) Spielfilm?

Herbst: Also der Film wird dann für den Synchron in so Bits und Bytes irgendwie aufgedröselt, und die Premiere des Films war jetzt letzten Sonntag in Berlin, und da haben wir alle, Kollegen … diesen Film zum allerersten Mal gesehen, weil, du hast das Endprodukt, hast du nie gesehen, sondern eigentlich nur deine eigene Tonspur.

In diesem Interview sieht man auch Ausschnitte aus der Arbeit im Synchronstudio:

2:43 Herbst: Ich glaub‘ der Schrei am Ende ist zu offen, ne, wenn der mit dem Gesicht auf dieses Eis klatscht, dann müsste das eigentlich so’n bisschen …

2:49 Regie: So’n bisschen abgedeckt sein.

2:50 Herbst: Ma nomma eine.

Die neue DialogspurDialogspur wird mit dem IT-BandIT-Band abgemischt; eventuell muss der Tonmeister noch Stimmen an die Klangeffekte bestimmter Räume (Kirchenhall etc.) anpassen (vgl. Seifferth 2009: 23). Bei diesen Abmischungen gibt es kulturspezifischekulturspezifisch Unterschiede und Präferenzen:

Wenn man amerikanische Filme in der Originalfassung im Kino sieht, ist das beinahe so wie in der Oper: ich habe mich gewundert, dass ich alles Mögliche nicht verstehe und dachte, meine Sprachkompetenz ist zu eingeschränkt. Aber als ich die Filme zusammen mit Amerikanern gesehen habe, ging es denen nicht anders. Das heißt, in der amerikanischen Synchronisation kommt es gar nicht darauf an, dass man immer alles versteht, was gesagt wird. Die Musik schiebt sich manchmal in den Vordergrund und verunmöglicht die Verständlichkeit der Sprache. Wenn man sich diese Filme in der deutschen Synchronisation ansieht, wird immer Wert darauf gelegt, dass alles verständlich bleibt. Die Filme sind so gemischt, dass die Musik leiser wird, wenn gesprochen wird. Diese Dominanz der Sprache, das Primat der Verständlichkeit scheint besonders charakteristisch zu sein für die Synchronisation amerikanischer Filme in Deutschland, und zwar bereits immer. (Garncarz in Metz / Seeßlen 2009; dazu auch Petzold 2019: 109)

Die mangelnde Qualität vieler Synchronfassungen soll nicht geleugnet werden, auch wenn es mindestens ebenso viele gelungene Synchronisationen gibt:

Eine gute Synchronisation ist also eine Synchronisation, die sowohl die Nähe zum Original zu erhalten sucht, Tonfall und Eigenheit der eigenen Sprache nutzt als auch technisch so angepasst ist, dass man zumindest nicht über das Auseinanderklaffen von Ton und Bild verzweifelt. Schlechte Synchronisation dagegen ist eine Synchronisation ohne Gespür für Sprache, Handlung und Charakter. Und die Schere zwischen beidem, zwischen Glanz und Elend der Synchronisation, scheint sich weiter zu öffnen. (Metz / Seeßlen 2009)

Wie gesagt ist der Synchronisationsprozess inzwischen komplett digitalisiert und es gibt verschiedene Softwareprodukte, die man dafür einsetzen kann. Darunter befinden sich auch günstige Produkte für den Laien-Synchronisator. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass man als Laie kaum jemals an Filme herankommt, bei denen sich die Dialogspur von der Atmo-SpurAtmo-Spur trennen lässt. Man muss bei Synchronisationsexperimenten also auch Geräusche produzieren.

Zur Synchronisation von Filmen gehört auch die Synchronisation der TeaserTeaser und der TrailerTrailer, mit denen im Kino für den Film geworben wird. Teaser sind kürzer als Trailer und enthalten entsprechend weniger Informationen

Der Bearbeitung des Spielfilms gehen in der Regel Teaser und Trailer voraus, die bis zu einem halben Jahr vor dem Kinostart veröffentlicht werden. Dabei muss in der Regel improvisiert werden, da etwa ein Casting für so kurze Spots keinen Sinn macht bzw. zu teuer ist. Das bedeutet, dass Besetzungen im Trailer oft nicht mit denen des Spielfilms identisch sind. (Leinert 2015: 50)

3.4 Einzelaspekte: Formen der Synchronität

„Synchronisation“ kommt von „synchron“, also „gleichzeitig“ – das erscheint uns selbstverständlich. Doch in der Forschung werden verschiedene Formen der SynchronitätSynchronität beschrieben; überhaupt sind Synchronitätsanalysen mit der entsprechenden Kritik an einzelnen Synchronfassungen beliebt. Zwischen der Beliebtheit, mit der solche Fragen diskutiert und die Definition dieser SynchronitätsformenSynchronitätsform weiter und weiter verfeinert werden, und der tatsächlichen Wichtigkeit der Synchronitäten für Produzenten und Publikum gibt es Unterschiede. Außerdem ist der Teil des Publikums, der keinen Blog zu den Schrecken der Synchronisation führt, weit weniger kritisch als man denken könnte:

Jeder synchronisierte Film enthält Asynchronien, d.h. Verstöße gegen die Synchronität, die bemerkbar sind. Aus psycholinguistischer Sicht ist das insofern interessant, als diese Asynchronien die Rezeption eines Films wohl nicht beeinträchtigen. (Herbst 1994: 53)

Ein Film besteht schließlich auch aus Bildern wie Landschaft, Bewegung etc., die keine mündlich-sprachlichen Elemente enthalten. Auch die erhalten die Aufmerksamkeit des Zuschauers.

Mal kurz nachdenken … Welche Formen der Synchronität kennen Sie?

Den meisten fällt hier nur die Lippensynchronität ein. Doch auch andere Synchronitäten sind grundlegend für die Filmgestaltung und nehmen Einfluss auf den Synchrontext. In diesem Unterkapitel werden folgende Formen der Synchronität angesprochen: VerhaltenssynchronitätSynchronitätVerhaltenssynchronität (nach Manhart 2000), GestensynchronitätSynchronitätGestensynchronität und NukleussynchronitätSynchronitätNukleussynchronität (nach Herbst 2017: 99). Die vielbeschworene Lippensynchronität (Quantitative und Qualitative Lippensynchronität nach Herbst 2017: 99) wird selbstverständlich auch behandelt.

3.4.1 Verhaltens-, Gesten- und Nukleussynchronität

Die Verhaltenssynchronität ist eine Kategorie, die sich mit den anderen Kategorien überschneidet, da sie sprachliche Elemente ebenso wie Handlungselemente enthält. Sie bezieht sich auf unterschiedliche Verhaltensweisen in unterschiedlichen Kulturen und bleibt im visuellen Teil des Films immer erhalten.

18. Was kann der Übersetzer hier tun?

Wer interkulturell auch nur ein wenig sensibilisiert ist, ist mit solchen Verhaltensunterschieden vertraut. Manhart (2000) analysiert dieses Problem in Bezug auf die Filmübersetzung in detaillierter Weise. Im Handbuch Translation stellt sie fest:

Die Annahme, dass durch die Übertragung des FilmdialogsFilmdialog in eine andere Sprache ein kompletter Transfer aller am Film beteiligten Zeichen (SpracheSprache, MusikMusik, GeräuscheGeräusch, Bilder, nonverbale Kommunikation) vollzogen werde, ist unrichtig. Der Dialog stellt lediglich einen kleinen Teil des filmischen Ganzen dar. Die Problematik bei der Synchronisation von Filmen liegt vielmehr in der kulturellen Asynchronität, d.h. in der Visualisierung kultureller Verhaltensweisen, die im BildteilBildteil unveränderbar vorgegeben sind und im Synchrondialog nicht reflektiert werden können. (Manhart 2006 [1999]: 264)

Ebenso bei Cierpka:

Jeder Film hat einen bestimmten Kontext – politisch, sozial, kulturell. Und bei der Synchronisation wird nicht nur eine Originalversion in die deutsche Sprache übersetzt, sondern es geht uns auch darum, kulturelle Hintergründe, sprachliche Nuancen zu übertragen. (Cierpka 2017)

Es gibt zwischen eng verwandten Kulturen jedoch auch ganz erhebliche Übereinstimmungen im Verhalten. Mehr noch: Wir konsumieren Filme aus bestimmten Kulturen in einem solchen Ausmaß, dass wir die dort vertretenen Verhaltensweisen soweit verinnerlicht haben, dass sie unsere Erwartungshaltung in erheblicher Weise prägen. Wer sehr viele amerikanische Teenie-Schulserien sieht, hat ein Wissensrepertoire über bestimmte Sitten und Regeln, wie sie an amerikanischen High Schools herrschen – zumindest im Film. Ähnlich sieht es bei Fans von AnimeAnime aus, die an japanischen Schulen und bei japanischen Familien spielen. Man spricht hier auch von erlernten SchemataSchemata (siehe auch Kapitel 6.5.5). Kussmaul (2007) nutzt für ein ähnliches Konzept die Scenes-and-Frames-TheorieScenes-and-Frames-Semantik von Fillmore und geht darauf ein, dass viele der scenes and frames, der Vorstellungen, die unsere Weltkenntnis widerspiegeln, und den damit verbundenen sprachlichen Ausdrücken, aus Filmen übernommen werden und nicht aus dem wirklichen Leben. Das heißt, dass wir für bestimmte Situationen bestimmte Abläufe und Verhaltensweisen erwarten, die wir teilweise eben aus Filmen kennen. Und ganz besonders erwarten wir diese Abläufe wiederum in Filmen.

Machen Sie die Probe aufs Exempel: Was fällt Ihnen und Ihren Kommilitonen dazu ein? Aus welchem Film- bzw. Seriengenre stammt dieses Wissen? Haben Sie es je in der Wirklichkeit überprüft? Schließlich können Genres selbst Klischees erzeugen, die es in der wirklichen Welt gar nicht gibt.

Diese Abläufe und Verhaltensweisen bleiben in der zielsprachlichen Fassung eines Films erhalten. Unsere Erwartungshaltung erleichtert es uns, den Film zu verstehen.

Probieren Sie es selbst aus: Wenn Sie einen Film in einer Fremdsprache sehen, die Sie nicht gut beherrschen, haben Sie mit einem sprachlich und von der Handlung her standardisierten Genre weniger Probleme als mit kreativer gestalteten Filmen.

Die einzelnen Synchronien sind verzahnt, denn diese Erwartungshaltung schließt auch eine große Anzahl sprachlicher Elemente ein.

Mal kurz nachdenken …Welche dieser Elemente beherrschen auch Fremdsprachen-Anfänger und erkennen sie daher?

Wir wissen zum Beispiel, wie man in einem Supermarkt bezahlt, welche Fragen gestellt werden (wenn überhaupt) und mit welchen Floskeln sich die Kassiererin verabschiedet. Solche Floskeln kennen wir oft auch in der Fremdsprache – sie gehören zum Anfängerrepertoire. Entsprechend sehen wir hier die Lippenbewegungen „besser“ als bei unerwarteten Äußerungen und stehen in diesen Fällen einer nicht perfekten LippensynchronitätLippensynchronitätSynchronitätLippensynchronität kritischer gegenüber. Und entsprechend erwarten wir auch in der Zielfassung verhaltenskonforme Äußerungen (zu diesem Thema auch Taylor 2006).

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Behandlung der Atmo-SpurAtmo-Spur mit ihren HintergrundgeräuschenHintergrundgeräusch:

Die Vorspiegelung falscher Tatsachen besteht darin, dass wir einen fremdsprachlichen Film nehmen, dessen Schauplatz nicht Deutschland ist, was auch ganz eindeutig an ausländischen Schauspielern, Ortsangaben, Straßennamen etc. zu erkennen ist, und den ausländischen Darstellern unsere Sprache, also für sie eine Fremdsprache, in den Mund legen … Selbst die Hintergründe werden ‚eingedeutscht‘, um diese Illusion zu unterstreichen, obgleich es keinen logischen Grund dafür gibt, dass etwa an einer amerikanischen Highschool, einem US-Bahnhof oder -Flughafen im Hintergrund deutsches Stimmenwalla zu hören sein sollte. Aber dies ist eines der ungeschriebenen Gesetze beim Synchron: Alles muss deutsch sein, was auch nur im Entfernstesten verständlich ist. Es dürfen demnach auch im Hintergrund keine ausländischen Stimmen wie Lautsprecherdurchsagen u.ä. hörbar sein. (Leinert 2015: 52)

Mal kurz nachdenken …Wann würde man das selbst bei deutschen Synchronisationen nicht machen?

Sieht man sich heute im Ausland gedrehte deutsche TV-Filme an, so sind die AtmosAtmo, also die Hintergründe, ganz selbstverständlich in der jeweiligen LandesspracheLandessprache. Befinden sich etwa die Darsteller vom Traumschiff auf einer indonesischen Trauminsel, so hören wir auf dem Markt im Hintergund den [sic] Lokalkolorit. Ich denke, es ist also an der Zeit, die oben genannten Synchronregeln zu überdenken. (Leinert 2015: 52)

Mal kurz nachdenken …Ist das nicht doch ein bisschen anders als im ersten Fall?

Beim TraumschiffTraumschiff geht es gerade um die Entführung in fremde Welten; auf Reisen erwartet man Fremdheit und genießt sie. Aber auch bei Dokus würde man niemals die Atmo-Spur verändern. Bei Radio-FeaturesRadio-Feature spielt die Atmo eine noch wichtigere Rolle. Oft ist von Klanglandschaften die Rede (Zindel / Rein 2007: 115). Track 22 auf der Zindel / Rein beiliegenden CD ist eine reine Klanglandschaft, zu der sich (individuelle) Bildvorstellungen wie von selbst ergeben.

Kritik wird auch gern daran festgemacht, dass sich in manchen Filmen Ausdrücke finden, die auf „SynchronesischSynchronesisch“ zurückzuführen sind. „Synchronesisch“, auf Englisch „DubbeseDubbese“, ist dabei keine rein deutsche Erscheinung (vgl. dazu Romero Fresco 2006). Auch die synchronesischen Ausdrücke gehören in den Randbereich der Verhaltenssynchronität,SynchronitätVerhaltenssynchronität vor allem als erwartbare sprachliche Elemente:

… kann auch das … unmotivierte Auftreten von Anglizismen etc. darauf zurückgeführt werden, dass sich eine Art Synchronsprache herausgebildet hat, in der sich Interferenzerscheinungen in der Weise verselbständigt haben, dass sie in die Sprachkompetenz der Synchronübersetzer als akzeptabel eingegangen sind. (Herbst 1994: 196)

So entstand etwa das berüchtigte Synchron-Deutsch: mit seinen typischen unlogischen Pausen, mit seinen Anleihen bei der Ursprungssprache, mit seinen wörtlichen Übersetzungen von Sprachwendungen, die zuerst noch befremdlich klingen und beim dritten oder vierten Mal schon selber Sprachfloskeln, sind. Menschen aus fremden Cinematografien sprechen in unseren Kinos weder ihre noch unsere Sprache. (Metz / Seeßlen 2009)

19. Kennen Sie Beispiele?

Eine große Anzahl an Beispielen findet man in Herbst (2017: 102-113). Auch sein Lieblingsbeispiel „Der frühe Vogel frisst den Wurm“ ist dabei (Herbst 2017: 107, dort auch Sekundärliteratur zu diesem Beispiel).1

20. Wie könnte man „The early bird catches the worm“ besser ins Deutsche übersetzen?

Auch die GestensynchronitätSynchronitätGestensynchronität und die NukleussynchronitätSynchronitätNukleussynchronität sind interessant für Übersetzer. Gestensynchronität bedeutet, dass bedeutungstragende Gesten semantisch zum Text passen sollen (vgl. Herbst 2017: 99), Nukleussynchronität, dass es wichtig ist, Betonungen durch Gesten, Mimik und parasprachlicheparasprachlich Elementeparalinguistische Elemente mit entsprechenden Silbenbetonungen bei der Synchronisation zu erhalten (vgl. Herbst 2017: 99). Plack (2010: 16-17) verweist auf den Ausdruck „AugensynchronitätSynchronitätAugensynchronität“, der im Studio Hamburg verwendet wird und von Hilke Flickenschildt stammt.

Mal kurz nachdenken … Kann die Gestensynchronität immer gelingen?

Gesten unterstreichen, was man sagt, sind aber oft kulturspezifischkulturspezifisch, womit wir wieder bei der Verzahnung mit der Verhaltenssynchronität wären. Im Originalfilm passen Worte und Gesten zusammen. Wenn das in der Zielkultur nicht der Fall ist, muss man auf einen Lerneffekt und ein ausreichendes Interesse an der Ausgangskultur hoffen.

21. Wieso hat der Rohübersetzer hier praktisch keine Chance, eine gute Lösung anzubieten?

Die Nukleussynchronität hat auch inhaltliche Elemente, die nicht kulturspezifisch sind. Wenn Namen vorkommen, so versucht man, sie im Synchrontext an der gleichen Stelle im TimecodeTimecode zu platzieren wie im Originaltext (vgl. Herbst 1994: 47).

22. Was machen Sie bei Gesten und Mimik, die vollkommen fremdartig wirken und die der Zuschauer nicht oder falsch erschließen könnte?

Schließlich finden sich in Filmen oft Hinweise auf Gegenstände, die man im Bild sehen kann. Auch hier sollte die Synchronität erhalten bleiben. Herbst bezeichnet „die Korrelation von Text und Bild (Schriften etc.)“ als ReferenzsynchronitätSynchronitätReferenzsynchronität (Herbst 2017: 99). Baumgarten (2008) zeigt, dass deutsche Synchrontexte in diesem Fall oft expliziter sind als die englischen Ausgangstexte und stärker auf diese visuellen Elemente hinweisen. Das Problem der Verbindung von visuellen und verbalen Elementen ist bei der Voice-over-Übersetzung allerdings noch problematischer, da dort eine leichte zeitliche Verzerrung hinzukommt (siehe dort).

Ein weiteres Element der Synchronität ist die StimmqualitätStimmqualität (vgl. Herbst 1994: 78ff.). Dieses Thema wird im Unterkapitel „Stimmen“ angesprochen.

Die Frage der Synchronität von Bedeutung wird hier nicht behandelt. In der übersetzungswissenschaftlichen Literatur würde man von BedeutungsäquivalenzenBedeutungsäquivalenz sprechen; selbstverständlich kann man dazu Forschungen durchführen. Wer sich hauptsächlich mit diesem Thema befassen will, findet in der Fachliteratur eine Fülle von Aufsätzen und Anregungen. Für die Nicht-Translatologen: Die Autoren, die auf dieses Gebiet spezialisiert waren / sind, heißen Kade und Koller.

3.4.2 LippensynchronitätLippensynchronität

Es ist sehr aufwändig, ein perfekt lippensynchrones Produkt herzustellen. Daher wird im Deutschen zwischen einem fast hundertprozentig lippensynchronen Synchronbuch und einem DubDub (eigentlich der englischen Bezeichnung für Synchronisation) unterschieden. Bei einem Dub wird hauptsächlich auf die Synchronität bei den Vokalen geachtet (Beyer mündlich). Tatsächlich sind Synchronisationen nie vollständig lippensynchron. Die Lippensynchronität ist heute in der Praxis generell nicht mehr so wichtig wie früher (vgl. Bräutigam 2009: 36); die Diskussionen unter Gegnern und Befürwortern, bei denen gern extreme Fälle angeführt werden, gehen an den praktischen Gepflogenheiten oft vorbei.

23. Man kann auch mit einem DrehbuchDrehbuch lippensynchron arbeiten, wenn man auf die Laute im Ausgangstext achtet. Warum ist der Film für den Übersetzer trotzdem so wichtig?

24. Warum kann man eine perfekte Lippensynchronität nicht erreichen? Anders gefragt: Was müsste man mit dem Text tun, um eine perfekte Lippensynchronität zu erzielen?

Die Lippensynchronität gilt Laien oft als erstrebenswertes Ideal, fast als wäre sie so etwas wie eine „heilige Kuh“ der Synchronisation. In der Praxis ist die quantitative LippensynchronitätSynchronitätquantitative LippensynchronitätSynchronitätLippensynchronitätLippensynchronitätquantitative Lippensynchronität interessanter als die qualitativeLippensynchronitätqualitative LippensynchronitätSynchronitätqualitative Lippensynchronität, da sie sehr viel großzügiger ist. Qualitativ bedeutet:

Vermeidung einer Diskrepanz zwischen sichtbarer Lippenstellung und hörbarem Laut … Korrelation von SprechgeschwindigkeitSprechgeschwindigkeit mit Lippenbewegungen … Korrelation von Artikulationsdeutlichkeit und Ausgeprägtheit der Lippenbewegungen. (Herbst 2015: 99)

Die quantitative Lippensynchronität enthält nicht so viele Parameter:

Korrelation von hörbarer Sprache mit Bewegung der Lippen (bzw. geöffneten Lippen). (Herbst 2015: 99)

Das bedeutet einfach, dass der Synchrontext zeitgleich mit der Lautäußerung im Film einsetzt und endet. Eine solche Form der Synchronität lässt sich weit besser verwirklichen als die qualitative Synchronität, die mehr oder minder der Lippensynchronität entspricht.

Auch wenn immer von „Lippensynchronität“ gesprochen wird, geht es doch um eine Synchronität der MundbilderMundbild bzw. VisemeVisem. Diese Begriffe werden in der Gehörlosenpädagogik genutzt und sind weit präziser als „Lippensynchronität“. Man sieht bei einem Visem nicht nur die Lippen, sondern auch Bewegungen im Mund- und Kieferbereich sowie manchmal die Zunge. Kurz gesagt: Alles, was man beim Sprechen sehen kann, gehört zum Visem. In Kapitel 7 werden diese Fachbegriffe nochmals eingeführt; hier wird „Lippensynchronität“ verwendet, weil es im Bereich Synchronisation üblich ist.

Je nach Sprachkombination stellen sich bei der Erstellung einer lippensynchronen Fassung unterschiedliche Probleme. Bei einer englischen Originalfassung kann ein /th/ in Nahaufnahme bei der Synchronisation ins Deutsche stören; ein großer Vorteil sind aber die ausgeprägt schwachen Lippenbewegungen vieler amerikanischer Darsteller. Eine extrem weite MundöffnungMundöffnung wird ebenfalls als störend empfunden, wenn die Synchronisation nicht passt (vgl. Herbst 1994: 38). Allerdings weist Herbst auch darauf hin, dass sich die Mundbewegungen von SprecherSprecher zu Sprecher unterscheiden – manche Schauspieler haben einen großen Mund und ausgeprägte Lippenbewegungen (Herbst 1994: 31, Hüffer 2001: 47). Und kulturunabhängige Merkmale wie ein Bart bei Männern (Lippenstellung oft überdeckt) oder Lippenstift bei Frauen (betont die Lippenbewegung) spielen oft eine ebenso große Rolle wie die verwendete Sprache (Herbst 1994: 31).

Zur qualitativen Synchronität ist über das bereits Gesagte hinaus anzumerken, dass man sehr viele Laute nicht wirklich gut von den Lippen ablesen kann. Ausführliche Informationen dazu finden sich im Unterkapitel 7.4. Hörende konzentrieren sich noch weit weniger auf das VisemVisem. Wie Blum es formuliert:

Wer Fallons Lippen genau verfolgt, merkt den Unterschied. Den meisten Fernsehzuschauern entgeht er jedoch. Schließlich gucken sie nicht in die Röhre, um unstimmige Mundbewegungen aufzuspüren. (Blum 1994)

Es gibt zwar durchaus Zuschauer, die genau das tun, und die normalerweise einen Blog darüber führen. Die meisten Zuschauer sind trotzdem keine Phonetik-Experten und wissen überhaupt nicht, welches Mundbild zu welchem Laut gehört (vgl. dazu auch das Experiment in Herbst 1994: 57) – abgesehen eben vom /th/, das sie im Englischunterricht üben mussten und das jeder Englischlehrer der Klasse mit übertriebenem Mundbild vorspricht.Sie küssten und sie schlugen ihnLes Quatre Cents Coups1

25. Ist Ihnen in letzter Zeit spontan bei einem Film aufgefallen, dass er nicht lippensynchron synchronisiert war? Erinnern Sie sich noch an die Textstelle?

Für Großaufnahmen und damit den Ersatz eines Lautes durch einen anderen mit einem nicht zu stark abweichenden Mundbild helfen Darstellungen aus der Phonetik, auf denen man den jeweiligen Sprecher von vorne sieht. Wenn Sie sich noch nie mit Phonetik und Lauterzeugung befasst haben, sollten Sie sich in der Bibliothek die entsprechende Fachliteratur ansehen. Gut eignen sich Phonetikbücher für Fremdsprachenlehrer.

Hier kommen ein paar typische Beispiele. Obwohl sie sich an den Standards orientieren, sind sie nicht völlig eindeutig. Welchen Laut bzw. welche Laute würden Sie welchem Bild zuordnen?

Abbildung 26:

Weite Mundöffnung

Abbildung 27:

Breite Mundöffnung

Abbildung 28:

Geschlossene Lippen

Abbildung 29:

Enge, runde Mundöffnung

Probieren Sie es vor einem Spiegel aus: Wie weit können Sie den Mund schließen und trotzdem noch „a“ sagen? Wie breit muss der Mund für das „i“ sein, bevor es nach „ü“ klingt?

Für die frühe Phase der Filmsynchronisation gilt ganz besonders, dass der qualitativen LippensynchronitätSynchronitätqualitative LippensynchronitätLippensynchronitätqualitative Lippensynchronität große Bedeutung beigemessen wurde, was nicht zu besonders guten Ergebnissen führte. Bräutigam (2017) spricht von der damaligen „dogmatisch-peniblen Lippensynchronität“ und resümiert: „Der Zwang, den Text exakt an die Lippenbewegungen anzupassen, führte zu einer starken Abweichung vom Original und einem hölzernen Deutsch.“ (Bräutigam 2017) Herbst weist darauf hin, dass der Einsatz von Lippensynchronität oft nicht einmal erforderlich ist:

Die Zahl der Passagen, bei denen Lippensynchronität von großer Bedeutung ist, ist also beschränkt. Genaue Angaben lassen sich diesbezüglich nur schwer machen; für eine Folge der Serie Yes MinisterYes Minister ergab sich, dass nur bei etwa einem Viertel des Textes sehr auf Lippensynchronität geachtet werden muss, während bei etwa einem Drittel die Lippenbewegungen weitestgehend vernachlässigt werden können. (Herbst 1994: 30)

Bei der angeführten Analyse stellte sich heraus, dass nur 6 % aller Lippenbewegungen sehr deutlich zu erkennen waren, weitere 17 % deutlich. 40 % der Lippenbewegungen waren zu erkennen, 16 % undeutlich zu erkennen und 11 % äußerst undeutlich. Bei den restlichen EinstellungenKameraeinstellungEinstellung waren die Sprecher von der Seite zu sehen, von hinten im Bild oder die StimmeStimme kam aus dem Off (Herbst 1994: 30).

Sagen Sie „Ich liebe dich!“, „I love you!“ etc. in allen Sprachen, die Sie beherrschen. Filmen Sie sich dabei. Ein Kollege schaut sich die Aufnahmen ohne Ton an, errät die Sprache und synchronisiert in eine andere Sprache. Wie synchron wird das? Wie störend sind die Unterschiede?

Filmen Sie sich, während Sie etwas erzählen. Spielen Sie die Filme ohne Ton für Ihre Kommilitonen ab. Was können Sie sehen? Diese Aufgabe passt auch in den Bereich der Untertitelung für Gehörlose und Hörgeschädigte.

Neben Großaufnahmen kann die Betonung dazu führen, dass man einen Laut deutlich sieht:

Als wesentlich erweist sich auch der Faktor der Betonung von Silben, weil Vokale überhaupt nur in betonten Silben mit deutlich wahrnehmbaren Lippen- und Kieferbewegungen artikuliert werden. Unter Umständen ist die Tatsache, dass eine ausgeprägte Lippen- oder Kieferartikulation vorliegt, sogar bedeutender als ihre Qualität … (Herbst 1994: 49)

Je weiter die Ausgangssprache in ProsodieProsodie, phonetischem System und durchschnittlicher WortlängeWortlänge von der Zielsprache entfernt ist, desto schwieriger wird es, eine für das kritische Auge angenehme Synchronfassung zu erstellen. Andererseits erschweren bestimmte kulturspezifischekulturspezifisch Bewegungen, also Elemente der Verhaltens- und Gestensynchronität, wie rhythmisches sprachbegleitendes Nicken das Synchronisieren mehr als Lippenbewegungen.

Sicher besitzt auch in diesem Kurs jemand eine Sammlung von AnimeAnime (japanischen Zeichentrickfilmen) oder von chinesischen Kung-Fu-Filmen. Hören Sie sich die Originale an! Welche Probleme könnten Prosodie und Wortlänge bei einer Synchronisation erzeugen? Wie wurden die Probleme in der deutschen Synchronfassung gelöst? Welche Synchronitätstypen sind hier relevant und wie wurden sie behandelt?

26. Warum ist die Sprechgeschwindigkeit bei Synchronfassungen oft nicht absolut synchron?

Verstöße gegen die SprechgeschwindigkeitSprechgeschwindigkeit des Originals scheinen den Zuschauern aber nicht besonders ins Auge zu fallen:

Der Spielraum in dieser Richtung ist jedoch insgesamt als sehr groß anzusetzen. Steigerungen der Phonem- oder Silbenzahl um bis zu 50 % scheinen praktisch kaum feststellbar zu sein [durch den Zuschauer, Anm. der Autorin], aber auch weitaus höhere Steigerungen … führen keineswegs immer zu besonders auffälligen Verstößen. (Herbst 1994: 38)

27. Hier wird von einer Steigerung der Silbenzahl gesprochen. Glauben Sie, das Ergebnis wäre ebenso ausgefallen, wenn die Silbenzahl in der Synchronisation verringert worden wäre?

Es stört sehr, wenn ein Schauspieler noch den Mund bewegt, in der Synchronisation aber kein Text mehr zu hören ist. Als Zuschauer hat man das Gefühl, dass etwas fehlt, dass man Informationen vorenthalten bekommt. Umgekehrt ist es gar nicht so schlimm, wenn bei geschlossenem Mund noch Text kommt. Man hat so sehr das Bedürfnis, einen vollständigen Text zu hören, dass man gar nicht wahrnimmt, wenn niemand mehr den Mund öffnet. Beispiele dazu in Kapitel 3.6.3.

3.5 Einzelaspekte: Die Texte

Die Rolle der Texte im Arbeitsablauf und die Rolle des Übersetzers bei der Zieltextproduktion wurden bereits erwähnt. Zunächst wird daher nochmals die RohübersetzungRohübersetzung angesprochen. Eine typische Begründung für die Rohübersetzung als Teil des Arbeitsablaufs ist diese:

Die Arbeitsteilung zwischen Erstellung einer Rohübersetzung und Verfertigen von Synchrondialogen geht auf die Überlegung zurück, dass es sich dabei um zwei sehr verschiedenartige Fertigkeiten handelt. Von ‚normalen‘ Übersetzern kann nicht erwartet werden, dass sie in der Lage sind, Dialoge zu schreiben, die lippensynchron sind. Auf der anderen Seite kann von den Synchronregisseuren nicht erwartet werden, dass sie die Fremdsprache so gut beherrschen, dass sie in der Lage wären, das Drehbuch selbst zu übersetzen. Das ist insbesondere unter dem Gesichtspunkt wesentlich, dass Synchronregisseure in der Regel nicht nur Filme aus einer Sprache synchronisieren. (Herbst 1994: 198)

Mal kurz nachdenken … Welche Kritik kann man an dieser Begründung üben?

Was professionelle Übersetzer leisten können (nämlich selbstverständlich auch lippensynchron übersetzen, falls das gewünscht wird), ist in der Öffentlichkeit eher unbekannt bzw. es wird ignoriert. Tatsächlich werden Übersetzer in der Regel nur bei der Rohübersetzung eingesetzt. Für die Rohübersetzung erhält der Übersetzer keinen Film, sondern lediglich ein DrehbuchDrehbuch oder eine DialoglisteDialogliste (vgl. Manhart 2006 [1999]: 264).

28. Was kann man mit einer reinen Dialogliste als Übersetzer nicht machen?

Von daher lässt sich konstatieren, dass die schlechte Qualität vieler Synchrontexte unweigerlich durch folgende Faktoren bedingt ist: das dreiphasige Textverarbeitungsverfahren, bei dem der Text nie als Text übersetzt wird, die Überzeugung, die Rohübersetzung könne unverbindlich und provisorisch sein, die in deutlicher Diskrepanz steht zu der Verarbeitung der Rohübersetzung durch den Synchronautor … bei der eine Abweichung vom Wortlaut der Rohübersetzung über die Satzebene hinaus praktisch nicht stattfindet. (Herbst 1994: 217)

Der Übersetzer soll sich bei der Rohübersetzung auf Bedeutungs- und Formulierungsgenauigkeit konzentrieren, wobei beide Kategorien äußerst vage sind. Oft wird verlangt, dass die Übersetzung „so wörtlich wie möglich“ sein soll, der Übersetzer dann aber in Fußnoten Anmerkungen zum tatsächlichen Sinn machen muss. Für professionell ausgebildete Übersetzer ist das eine sehr unbefriedigende Tätigkeit (siehe Arbeitsablauf). Üblich ist es auch, in Rohübersetzungen Übersetzungsvarianten anzubieten. Zu den Punkten „Wörtlichkeit“, „Anmerkungen“ und „Varianten“ gibt es eine große Anzahl von Beispielen in Herbst (2009: 201ff.).

Nehmen Sie sich einen beliebigen Text vor und übersetzen Sie ihn mit Varianten, die Sie jeweils begründen können.

Die „normale“ Rohübersetzung ist unter übersetzungswissenschaftlichen Aspekten also eine Sonderform der Übersetzung:

Die Rohübersetzung ist eine wörtliche Übersetzung, die im Prinzip auch die einfachsten Anforderungen an ÜbersetzungsäquivalenzÜbersetzungsäquivalenz nicht erfüllt. Sie enthält krasse Verstöße gegen die Äquivalenz der verschiedenen Ebenen, also etwa – im Modell von Koller (1983: 187) – gegen die denotative, konnotative, textnormative, pragmatische und formale Äquivalenz. Darüber hinaus enthält sie gravierende Verstöße gegen die syntaktischen und textuellen Normen der Zielsprache … Die Rohübersetzung wirkt sich entscheidend auf den Synchrontext aus. Die Tatsache, dass der Rohübersetzer den Film in der Regel weder gesehen noch gehört hat, schlägt sich entsprechend negativ im endgültigen Synchrontext nieder … Es liegt nahe, dass die Rohübersetzer keine Perfektion anstreben, nachdem sie davon ausgehen müssen, dass der Text entscheidende Veränderungen erfährt. (Herbst 1994: 216)

So lässt sich das SynchronesischSynchronesisch mit seinen Anglizismen laut Herbst auch auf die Praxis der Rohübersetzung mit ihrer Wörtlichkeit zurückführen (Herbst 1994: 204-205). Bräutigam widerspricht dieser Ansicht:

Sie [die Rohübersetzung] muss eine zuverlässige, professionelle Übersetzung sein, die vor allem auch großen Wert auf die adäquate Wiedergabe von Slang und Fachausdrücken legen muss. Fehler in der Rohübersetzung fließen meist in den endgültigen Text mit ein. (Bräutigam 2009: 35)

Stellen Sie die Aussagen tabellarisch nebeneinander. Diskutieren Sie die Widersprüche.

Vermutlich stimmt beides; es kommt auf die Arbeitsanweisung für den Übersetzer an, aber auch auf seine übersetzerische Kompetenz. Diese Rohübersetzung wird vom DialogbuchautorDialogbuchautor / Dialogbuchautor-SynchronregisseurSynchronregisseur bearbeitet.

In einem Interview spricht Tobias Meister, der als Dialogbuchautor, Schauspieler und Synchronregisseur tätig ist, den Stellenwert der Rohübersetzung zumindest an, geht aber nicht so weit wie Bräutigam (die beiden Veröffentlichungen erschienen zeitgleich):

Obwohl es angesichts seiner Sprachkenntnisse nicht nötig wäre, nutzt Tobias Meister auch bei englischsprachigen Projekten als Grundlage für seine Synchronbücher immer die Rohübersetzung. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist das Erstellen der Rohübersetzung einer der Arbeitsschritte, der, wie das Texten überhaupt, im gesamten Synchronisationsprozess besonders schlecht bezahlt wird. Und er wolle nicht dazu beitragen, dass ‚dieser Berufsstand noch weiter ausgehungert wird.‘ Zum anderen sieht er in der Rohübersetzung für sich auch eine wichtige Kontrollinstanz. ‚Denn wenn alles in einer Hand liegt, besteht immer die Gefahr, dass man Einzelheiten übersieht.‘ (Pahlke 2009: 74)

Ob bei der Rohübersetzung wirklich eine professionelle Übersetzung erwartet wird, ist trotzdem fraglich. Herbst vermutet: „Im allgemeinen wird die Rohübersetzung wohl nicht von professionellen Übersetzern angefertigt, sondern von Leuten, die mit dieser Arbeit einen gewissen Nebenverdienst erzielen wollen.“ (2009: 217) Dem entsprechen die aktuelleren Angaben der Deutschen Synchro (in Seifferth 2009: 9), dass man für Rohübersetzungen Studierende heranziehe.

Von den DialogbuchautorenDialogbuchautor werden dann aber genau die Fertigkeiten gefordert, die sich Übersetzer in ihrer Ausbildung angeeignet haben: Sie sollen in der Lage sein, textsortengerecht, zielgruppengerecht und der Rolle angemessen zu formulieren und über eine ausgezeichnete Sprach- und Kulturkenntnis verfügen. Wenn Rainer Brandt das formuliert, klingt es wie eine Variante der SkopostheorieSkopostheorie: „Dann muss man sich eben hinsetzen und überlegen: Was wollte der Drehbuchautor und der Regisseur im Original erreichen?“ (Thiele 2006). In dieser Phase werden sprachliche Fehler laut Herbst oft verbessert (1994: 205; siehe aber das Zitat von Herbst weiter oben 1994: 216), während Bräutigam sagt, sie würden oft in das Dialogbuch mitgeschleppt (siehe oben). Fragen zum Ziel der Übersetzung und zu den Zielgruppen sind professionellen Übersetzern mehr als vertraut. Man kann vermuten, dass sich die bestehenden Arbeitsabläufe schlichtweg eingebürgert haben.

Herbst zweifelt im Endeffekt den Sinn der Rohübersetzung überhaupt an und schlägt eine neue pragmatische Übersetzungsstrategie für Synchrontexte vor, die die Kompetenzen professioneller Übersetzer würdigt:

Dabei erscheint es für viele Filme, die synchronisiert werden, äußerst zweifelhaft, ob eine Rohübersetzung überhaupt sinnvoll bzw. ob sie angesichts des starken Einflusses, den die Rohübersetzung nachweislich auf den endgültigen Synchrontext hat, nicht eher hinderlich ist … Es erscheint durchaus möglich, zumindest in den Bereichen, in denen es aufgrund der Menge der synchronisierten Filme finanziell durchführbar ist, auf die Rohübersetzer ganz zu verzichten. Die Synchronübersetzungen sollten von ausgebildeten Übersetzern mit einer Zusatzausbildung zur Synchronisation angefertigt werden. (Herbst 1994: 260).

Man kann es auch undiplomatisch und direkt formulieren: „Der Übersetzer soll den vielfältigen Spezialanforderungen der Synchronübersetzung nicht gerecht werden und der Synchronautor tut dies ganz offensichtlich nicht immer im erforderlichen Maße.“ (Reinart 2004: 106)

Nehmen Sie sich trotzdem einen Drehbuchausschnitt für eine Rohübersetzung vor (1-2 Seiten reichen). Wie viele Anmerkungen haben Sie im fertigen Text? Wie viel Zeit haben Sie benötigt? Man kann diese Aufgabe auch im Gruppenvergleich durchführen: Die eine Gruppe macht eine Rohübersetzung, die andere eine Übersetzung, die direkt als Synchronbuch genutzt werden könnte.

3.5.1 Fachsprache im Film

In Unterhaltungsfilmen erwartet man zunächst keine FachspracheFachsprache. Sie haben aber alle schon Filme und Serien gesehen, in denen die Fachsprachlichkeit eine große Rolle spielt. Denn je nachdem, in welcher Zeit und in welchem beruflichen Milieu ein Film spielt, kann man mit einer Vielzahl von Fachbegriffen konfrontiert werden.

Mal kurz nachdenken … Welche Fachsprachen / Themengebiete fallen Ihnen ein? Was bedeutet das für die Übersetzer?

Am typischsten sind Ärzteserien. Seifferth urteilt über Emergency RoomEmergency Room:

… wie das Beispiel der Serie Emergency RoomEmergency Room zeigt, können sie in Teilen sogar als fachlich hochwertig, fast schon lehrreich eingestuft werden … hebt sich Emergency Room aus dem Spektrum thematisch verwandter Serien hervor als eine der wenigen fachsprachlichen Serien, die an die Übersetzung den Anspruch stellen, die medizinische Terminologie korrekt zu übertragen und Unterschiede in den Gesundheitssystemen sowie in der Pharmakologie umzusetzen. (Seifferth 2009: 1)

Auch andere Themen verlangen fachsprachliche Korrektheit. Es gibt immer Fachleute, gleich zu welchem Thema, die Fehler brandmarken. Im Fall der FachspracheFachsprache ist eine solche Kritik berechtigt. Der Zuschauer darf erwarten, dass die Übersetzungen in diesen Bereichen korrekt sind. Unser Wissen über viele Fachgebiete stammt aus Filmen und Serien, auch wenn man so etwas nicht gern zugibt.

29. Welche Fachgebiete fallen Ihnen noch ein?

Fachsprache muss nicht immer realistisch sein. Es gibt auch halb fachliche, halb erfundene TerminologienTerminologie.

30. In welchem Genre erwarten Sie solche Terminologien?

Zu den Themen Fachsprache und Übersetzung sowie zur Terminologieverwaltung liegt eine große Menge an übersetzungswissenschaftlicher Literatur vor. Für Serien ist eine solche Terminologieverwaltung wichtig, auch wenn es sich um erfundene Terminologien handelt (siehe dazu auch Kapitel 8, Games).

3.5.2 Mehrsprachige Filme und Dialekt im Film

Nicht alle Filme sind einsprachig. In vielen Filmen werden zwei oder mehr Sprachen gesprochen oder es kommen zumindest DialekteDialekt vor, die den Film für Unkundige mehrsprachigmehrsprachig machen können.

Mal kurz nachdenken … Sicher haben Sie schon solche Filme gesehen! Welche fallen Ihnen ein? Weiter unten kommt ein Spoiler.

Mehrsprachige Filme sind für die Forschung im Bereich Synchronisation und Untertitelung so interessant, dass es einen eigenen großen internationalen Forscherzusammenschluss zu diesem Thema gibt, trafilm.net. Mit der Forschung zu diesem Thema ist besonders der Name Zabalbeascoa verbunden, wie auch die der anderen Mitglieder von TrafilmTrafilm.1 Dort werden verschiedene Formen der Mehrsprachigkeit in Filmen und den dazugehörigen Synchronisationen in unterschiedliche Sprachen untersucht.

Auch bei der Untertitelung ergeben sich Probleme, wenn in einem Film mehrere Sprachen gesprochen werden. Welche könnten das sein? Bitte im Kapitel Interlinguale Untertitelung nachschauen! Zur Untertitelung mehrsprachiger Filme siehe Bartoll 2006.

Bei der Verwendung mehrerer Sprachen im Originalfilm (also von mehreren Ausgangssprachen) können zwei grundlegende Fälle auftreten. Erstens kann zur Ausgangssprache 1 eine Ausgangssprache 2 (und weitere) kommen, die alle nicht identisch mit der Zielsprache sind. Im zweiten Fall kommt zur Ausgangsprache 1 eine Ausgangssprache 2, die identisch mit der Zielsprache ist.

Das sieht beispielsweise so aus: Im ersten Fall ist die dominante Ausgangssprache 1 Englisch, an manchen Stellen des Films wird als Ausgangssprache 2 Spanisch eingesetzt; in der Synchronfassung wird Deutsch (Zielsprache) statt Englisch (Ausgangssprache 1) gesprochen.

Im zweiten Fall wird mitten in einem englischsprachigen Film (Ausgangssprache 1) Deutsch (Ausgangssprache 2) gesprochen. Auch hier wird in der Synchronfassung Deutsch (Zielsprache) statt Englisch gesprochen.

Mal kurz nachdenken … In beiden Fällen gibt es mehrere grundlegende Lösungsmöglichkeiten für die Ausgangssprache 2, die alle ihre Fürsprecher haben. Welche könnten das sein? Wovon könnte die Entscheidung abhängen?

Wenn die Ausgangssprache 2 nicht identisch mit der Zielsprache ist, kann man die betreffenden Textstellen so belassen wie im Original. Oft dient der Einsatz von Fremdsprachen im Film nur dem Lokalkolorit.

Mal kurz nachdenken … Was sagen die Personen denn so, wenn sie diese Fremdsprache benutzen?

Oft werden Figuren dadurch charakterisiert, dass sie die Hauptsprache des Films als Fremdsprache sprechen, gern mit einem charmanten Akzent, und nur Einsprengsel ihrer Muttersprache verwenden. Interessanterweise sind das immer nur Ausdrücke, die die Kinozuschauer verstehen.

Falls die Ausgangssprache 2 aber durchgehend und natürlich gesprochen wird, gibt es mehrere Möglichkeiten. Man kann die Ausgangssprache 2 belassen und untertiteln, wenn man davon ausgeht, dass das Publikum der Zielsprachenfassung schlechtere Kenntnisse dieser Sprache hat als das Publikum der Originalfassung. Diese Möglichkeit wird man auch dann wählen, wenn die Ausgangssprache 2 bereits im Originalfilm untertitelt wird. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Ausgangssprache 2 in einer deutsch synchronisierten Fassung anzubieten, aber mit dem Akzent der Ausgangssprache 2. Schließlich kann man auch alles einebnen und den gesamten Film deutsch synchronisieren, ohne auf die MehrsprachigkeitMehrsprachigkeit des Originals einzugehenMadame Mallory und der Duft von Curry100 Foot Journey2. Wenn es sich um eine seltene Sprache handelt oder wenn Nicht-Verstehen gar das Thema der Szene ist, wird man die Sprache nicht ersetzen und auch nicht untertiteln.

Eine ungewöhnliche Entscheidung wurde für die deutsche Fassung der Serie Heroes getroffen, in der in der Originalfassung Englisch und Japanisch gesprochen wird (ausführlich dazu Kasper 2009). Wenn Sie diese Analyse nachvollziehen möchten, sollten Sie allerdings Zeit mitbringen.

Wenn die Ausgangssprache 2 identisch mit der Zielsprache ist, sind die Probleme weit komplexer. Wenn man diese Stellen so belässt wie im Original, erhält man einen Einebnungseffekt. Sie fallen nicht mehr auf und die intendierte Wirkung geht in jedem Fall verloren. Man muss hier allerdings erwähnen, dass man die intendierte Wirkung auch dann nicht immer erhalten kann, wenn man die ursprüngliche Fremdsprache belässt.

Unterschiedliche Kulturgemeinschaften reagieren unterschiedlich auf Fremdsprachen. So hat für Zuschauer in den USA Spanisch andere Konnotationen als für Zuschauer in Europa.

31. Ein unerwartetes Beispiel für den Einebnungseffekt durch eine Synchronisation findet sich in Waltz with BashirWaltz with Bashir (Israel / Frankreich / Deutschland 2008). Sehen Sie sich die DVD zunächst in der deutschen Synchronfassung an. Wo wird wohl auch im Original Deutsch gesprochen? Ein kleiner Tipp: Das Bild gibt einen Hinweis. Sehen Sie sich dann den Film in der hebräischen Originalfassung an. Und: Wie wirkt der Einsatz der deutschen Sprache in diesem Zusammenhang wohl auf israelische Zuschauer?

Ein Film, der von interkulturellen Zusammentreffen und dem Einsatz unterschiedlicher Sprachen lebt, ist L’Auberge Espagnole – Barcelona für ein JahrL’Auberge Espagnole – Barcelona für ein Jahr (Frankreich / Spanien 2002). Neben mehreren anderen Sprachen kommt hier auch Deutsch vor. Dazu kommen verschiedene deutsche Synchronfassungen für das Kino und für die DVD.

Vergleichen Sie das Original und die deutschen Fassungen!

Die Ausgangssprache 2 kann auch ein DialektDialekt oder ein SoziolektSoziolekt sein. Beide sind ausgesprochen schwer für eine Synchronisation zu übersetzen.

Mal kurz nachdenken … Warum denn?

Dialekte werden in den Ländern mit der gleichen Hochsprache sehr stark mit kulturspezifischenkulturspezifisch Verhaltensweisen oder Kleidung verknüpft.

32. Stellen Sie sich jemanden vor, der Bayerisch spricht. Jemanden, der Plattdeutsch spricht. Welches Temperament ordnen Sie diesen Personen zu? Wenn Sie nicht in Bayern leben: Könnten Sie unterschiedliche bayerische Dialekte unterscheiden? Zu dialektbezogenen Stereotypen und der Behandlung von Dialekten bei der Synchronisation siehe auch Herbst (1994: 50ff.)

33. Wie sieht es mit Soziolekten aus? Falls Sie Französisch können: Verstehen Sie Verlan? Falls sie Englisch können: Wie sieht es mit Cockney Rhyming Slang aus?

Ein Beispiel, das als gelungen gilt, ist Willkommen bei den Schʼtis (Bienvenue chez les Ch’tisBienvenue chez les Ch’tis, Frankreich 2008).

34. Wie finden Sie die Synchronversion? Sie können sie auch mit dem Original vergleichen, wenn Sie kein Französisch verstehen und nur einen Klangeindruck haben. Und: Haben Sie eine ähnliche Lösung vielleicht schon einmal an anderer Stelle gelesen?

35. Nehmen Sie einen Text in einem Ihnen geläufigen Dialekt („regionale Literatur“ gibt es in jedem Dialekt), passen Sie ihn so ans Hochdeutsche an, dass er verständlich für alle erscheint, dass aber klar ist, woher der Sprecher kommt. Wie haben Sie das gemacht?

Dialekte waren in den 1950er / 1960er Jahren ein Gestaltungsmittel in deutschen Synchronisationen, das nicht immer überzeugend eingesetzt wurde:

Es mag angehen, dass Eliza Doolittle in My Fair LadyMy Fair Lady vom Cockney-Englisch zur Berliner Schnauze wechselt.3 Wenn Klaus Kinski in Billy Wilders Buddy, BuddyBuddy, Buddy als Psychiater in New York sächselt, lacht heute niemand mehr. Kinski hätte diese Ermordung seiner Rolle durch Synchronisation niemals selber ausgeführt. In der B-Klasse freilich galt es damals als ausgemacht, dass ein deutscher Dialekt in möglichst exotischem Ambiente das Publikum zu Lachstürmen hinreißt. Da mußte [sic] ein koreanischer General im Kampf gegen ein Riesenmonster bayrisch sprechen oder ein chinesischer Piratenführer in einem Historienfilm aus Hongkong wie der Charge aus dem Hamburger Ohnsorg-Theater. (Metz / Seeßlen 2009)

36. Schauen Sie ins Inhaltsverzeichnis zu diesem Kapitel! Zu welchen beiden Sonderfällen passt dieses Zitat auch?

Die verschiedenen Sprachfärbungen vom Englischen ins Deutsche zu übertragen ist ein Riesenproblem. Ich habe 2012 Django UnchainedDjango Unchained von Quentin Tarantino synchronisiert. Das Englisch in den Dialogen der Sklaven weicht zum Teil auch grammatikalisch von der Standardsprache ab. Dieses ‚Black American‘ haben wir in ein einfaches Deutsch übersetzt. Schwierig wurde es aber bei dem Plantagenbesitzer Calvin Candie. Leonardo DiCaprio spricht in der Rolle ein ‚Southern American‘, ein eigentümlicher Singsang, der Teile des ‚Black American‘ aufgreift. Dafür gibt es kein sprachliches Adäquat im Deutschen. In solchen Situationen orientiere ich mich stärker an der Figurencharakterisierung. Gerade in dem Spiel DiCaprios gibt es viele Charaktereigenschaften – Verschlagenheit, Trunksucht – mit denen wir arbeiten konnten, damit die Figur in der Synchronfassung glaubhaft bleibt. Dabei ist natürlich auch die Besetzung wichtig, einen deutschen Schauspieler zu haben, der die Persönlichkeit des Originals trifft – auch wenn seine Stimme ein ganz anderes Timbre hat. Man fragt sich: Kommt diese Stimme aus dem Gesicht (Cierpka 2017)

UntertitelUntertitel wie „Im Original deutsch“ stören, sogar bei Arthouse-Filmen. Sie kommen aber durchaus vor, wenn die Sprachen handlungstragend sind. In solchen Fällen wird die Ausgangssprache 2 Deutsch daher gern durch eine Zielsprache 2 ersetzt. Besonders gern wird das bei Dolmetschszenen gemacht, denn diese sind oft bedeutungstragend und sollen in irgendeiner Form erhalten bleiben. Natürlich ist das nur eine Notlösung. Die intendierte Wirkung geht allein schon dadurch verloren, dass die unterschiedlichen Sprachen unterschiedliche Konnotationen haben. Trotzdem gibt es Traditionen, welche Sprache durch welche andere Sprache ersetzt wird. Diese Traditionen finden sich auch bei der Untertitelung (Ivarsson / Carroll 1998: 114ff., hier zitiert in Kapitel 2.4.2). Ein typisches Ersatz-Sprachpaar findet sich im Beispiel zur nachfolgenden Aufgabe:

37. In der Krankenhausserie Scrubs – Die AnfängerScrubs – Die Anfänger wird in der Folge „My interpretation“ (Staffel 2, Folge 20) im Original ein deutscher Patient behandelt. Sehen Sie sich die englische und die deutsche Fassung („Meine Interpretation“) dieser Folge an. Wo genau liegen die Probleme? Welcher Lösungsversuch wurde unternommen?

Vermutlich kennen Sie die Dolmetschszene aus Tarantinos Inglourious BasterdsInglourious Basterds (USA 2009). Wenn nicht: Schauen Sie sich das Original an und versuchen Sie dann Ihr Glück beim Übersetzen. Schauen Sie sich danach die deutsche Synchronfassung an. Großartig, oder? Die Übersetzung ist ein gelungener Fall von Transkreation. Das DialogbuchDialogbuch stammt von Alexander Löwe, die Dialogregie führte Norman Matt. Fachliches dazu in Mingant (2010).

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