Read the book: «Der eingemauerte Mann»
Heidemarie Pläschke
DER
EINGEMAUERTE
MANN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2018
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Handlungen und Personen in diesen Geschichten sind erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Mögen diese Darstellungen eine Hilfestellung für alle Menschen sein, die zerrissen sind zwischen ihren Zwängen und ihren Wünschen.
Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Warum ich diesen Titel gewählt habe?
Tja, wo soll ich anfangen?
Ich sehe ganz viele Männer, die in irgendeiner Weise eingemauert sind:
− eingemauert in ihren Zwängen
− eingemauert in ihren Gefühlen
− eingemauert in ihren Ängsten
− eingemauert in ihrem Beruf
− eingemauert in ihrer Familie
− eingemauert in ihrer Ehe oder Beziehung
− eingemauert in ihren Verpflichtungen
− eingemauert in ihrem Anderssein
− eingemauert in ihrer Partei
− eingemauert in ihrer eigenen Welt
Vorwort
Nein, in meinen Geschichten werden Männer nicht schlechtgemacht, ganz im Gegenteil. Ich habe Mitleid mit ihnen, weil sie oftmals gesellschaftlichen Zwängen unterliegen.
Das kommt auch in dem Song „Männer“ vom Songwriter und Sänger Herbert Grönemeyer zum Ausdruck. Sie erscheinen oft äußerlich hart, sind aber innerlich ganz weich.
„Schon als Kind werden sie auf Mann geeicht.“
In seinem Text wirft Grönemeyer immer wieder die Frage auf: „Wann ist ein Mann ein Mann?“
Ja, früher genossen Männer eine andere Erziehung als Mädchen, die zu Püppchen gemacht wurden, um Männern zu gefallen.
Zum Glück gibt es heute diese Gegenbewegung:
Pinkstinks
Was ist Pinkstinks?
Pinkstinks ist eine junge Protestorganisation, die gegen Produkte, Werbe- und Medieninhalte agiert, die Kindern eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen. Die „Pinkifizierung“ trifft Mädchen und Jungen gleichermaßen – wir wirken diesem Trend entgegen. Mit Theaterarbeit an Schulen, Vorträgen, Kampagnen gegen Germany’s next Topmodel und sexistische Werbung sowie durch Gespräche mit der Politik.
An wen richtet sich Pinkstinks?
Pinkstinks ist organisierter Stunk gegen Gender-Marketing und Sexismus in der Werbung. Unsere Kampagnen richten sich an Eltern, Lehrende und Menschen, denen es stinkt, dass Kindern durch die Wirtschaft starre Geschlechterrollen vorgegeben werden. Adressaten unserer Petitionen und Online-Proteste sind Industrie und Politik. Wir möchten, dass sie – ausgehend vom Gleichstellungsgebot im Grundgesetz – mehr Möglichkeiten für junge Menschen schaffen, sich zu entfalten.
(Auszug aus dem Internet, wo noch mehr darüber zu finden ist.)
Für Männer scheint es so eine Bewegung noch nicht zu geben. Ich möchte mit meinem Buch für Männer eine Lanze brechen. Sie wurden und werden zum größten Teil von Frauen erzogen. Es tut mir leid, liebe Eltern, aber wir leben im zwanzigsten Jahrhundert, da kann es doch unmöglich sein, dass leider immer noch viele Söhne, auch im Ausland, zu Paschas erzogen werden, denen die Frau zu dienen hat.
Ich habe selber zwei Söhne großgezogen, und zwar alleine und so, wie ich mir immer einen Mann gewünscht habe; genauer gesagt, ich habe sie zu Menschen erzogen, die durchaus Gefühle zeigen dürfen, die nicht immer nur stark sein müssen, die auch weinen dürfen, weil es menschlich ganz wichtig und keine Schwäche, sondern eine Stärke ist.
Sie begegnen heute Mädchen und Frauen respektvoll, vernaschen sie nicht reihenweise, sondern schauen genau hin und prüfen ihre Gefühle.
Männer, bei aller Liebe, wer hat euch denn diesen Unsinn beigebracht, dass ihr von der Natur aus so angelegt seid, euch ständig vermehren zu müssen; und das der Grund dafür sei, nicht treu sein zu können?
Ist das etwa eine Lizenz zur Untreue?
Wenn dem so wäre, würde es bedeuten, dass Männer in der Steinzeit stehengeblieben sind. Das kann doch unmöglich sein. Kein Mann wünscht sich eine untreue Frau. Allerdings gibt es auch Frauen, die Seitensprünge machen, wenn sie es wollen, aber sie scheinen oft damit ein Problem zu haben, Sex von Liebe zu trennen.
Wenn Beziehungen oder Ehen defizitär oder gar jeglicher Grundlage entbehren, ist es nicht verwunderlich, dass die Partner untreu werden.
Natürlich kann es auch eine Vereinbarung unter den Partnern sein, dass sie sich die Freiheit des Fremdgehens gegenseitig einräumen, aber niemals hinter seinem Rücken nach dem Motto „Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß“, aber den, der es praktiziert und damit das Vertrauen des Partners missbraucht.
Für alle, die es immer noch nicht lassen können; Männer, verzeiht mir bitte, dass es mir ein Bedürfnis ist, es hier erwähnen zu müssen. Nein, es ist nicht männlich, im Stehen zu urinieren, sondern auf der Toilette eine Schweinerei, weil diese mikroskopisch kleinen Tröpfchen überall hinspritzen, klebrig an Wänden und Fußböden festsitzen und stinken.
Inzwischen setzen sich schon viele Männer grundsätzlich hin, aber es gibt noch Erziehungsbedarf.
Wenn wir wollen, dass es in unserer Welt friedlicher wird, müssen wir auch Jungen so erziehen, dass sie es lernen, Konflikte nicht mit Waffen und Gewalt, sondern mit Diplomatie, Verständnis und Güte zu lösen. Egal, ob Jungen oder Mädchen, sie haben ein Recht gleich erzogen zu werden, wobei es wichtig ist, ihre Begabungen und Neigungen zu entdecken und zu fördern.
Erziehungsberechtigte und Lehrer sollten Schüler nicht mit unnötigem Lehrstoff, den sie wahrscheinlich nie gebrauchen werden, belasten, sondern sie auf das Leben vorbereiten, denn sie müssen in dieser schnelllebigen Zeit, in der Unmengen auf sie niederprasseln, sortieren können und das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden lernen, damit sie später nicht vom Leben überrollt werden und untergehen oder eben psychisch krank werden: Dazu ist ein Umdenken in der Bildungspolitik dringend nötig.
Es ist mir gar nicht möglich, hier alle erwähnten Formen des Eingemauertseins, was natürlich auch Frauen betrifft, in Geschichten zu verpacken, denn es würde medizinische und psychologische Bereiche tangieren, für die ich nicht kompetent bin.
In meinen Erzählungen, die in vielen Punkten aus dem wahren Leben stammen, zeichne ich nur einige hier auf.
Es geht dabei um Verantwortung, Verpflichtungen und natürlich um die Liebe.
Lassen sie sich mitnehmen und überraschen.
Anlass zum Aufschreiben gab mir auch diese Chat-Unterhaltung mit einer guten Bekannten:
Hallo liebe Heidemarie! „smile“-Emoticon
Hast Du Erfahrungen mit Impotenz?
Sorry „wink“-Emoticon
– Es gibt viele Männer, die schon in den Fünfzigern Potenzprobleme haben.
Frauen können nur punkten durch Verständnis, Geduld und ganz viel Liebe, auch wenn es nicht so klappt im Bett.
Ich würde gerne wissen (Google gibt das leider nicht her) ob Mann ohne Erektion einen Orgasmus bekommen kann. Und wenn „ja“, wie macht Frau das? „wink“-Emoticon
– Oft ist es eine Kopfsache, die durch „es muss aber klappen“ erst recht nichts wird, denn Druck erzeugt Gegendruck.
Mir persönlich ist das wurscht.
– Besser ist es zu signalisieren, dass die Liebe davon nicht abhängt und dann könnte es ja doch mal klappen so aus der Entspannung heraus.
Das habe ich auch gelesen. Darum geht es mir nicht. Wenn es seit Jahren nicht klappt und wirklich auf Medikamente zurückzuführen ist, mag Mann dann angefasst werden? – Ich hatte schon den Eindruck.
– Anfassen ist immer okay, denn Mann fühlt doch was, aber inwieweit diese Gefühle einem Orgasmus ähneln, kann der betreffende Mann doch nur selber beantworten.
Oft fehlt diesen Männern Testosteron, aber das hat ja auch Nebenwirkungen, wenn es medikamentös eingenommen wird.
Liebe Heidemarie, da war ich gestern ganz doof.
Der Liebste küsste mich entspannt auf meinem Sofa und sagte dann ganz ritterlich, na ja, mit dem kleinen Freund klappt es seit den Medikamenten nicht mehr so.
Ich im Vollrausch der Gefühle: „unwichtig“. Er: „Aber man muss ja darüber reden.“ Ich: „Später, auweia, der ist ja wieder so was von toll.“ Jetzt kannst du es ihm nicht mehr sagen.
– Natürlich gibt es auch Medikamente, die zur Impotenz führen.
Was wolltest Du ihm denn sagen?
Ich werde ihn wohl selber fragen müssen. Das scheint ein Tabu-Thema zu sein.
Es war mir überhaupt nicht wichtig, da wir besser küssen, als Sex nur sein kann. Ich finde sogar intimer!
Aber alles gut, viele SMSen sind geflogen, leider verheiratet. Aber das weißt du ja.
– Genieß das, was du bekommen kannst, wenn du es schaffst nicht zu leiden.
Leiden? Bedingt! Aber ich verstehe jetzt, warum seine Frau so entspannt ist und der Sohn so unentspannt … ganz schön doof, aber Hauptsache Hermann geht es gut!
Vor einem halben Jahr stand ja sein Leben auf der Kippe. Bis ich kam … schon ein wenig romantisch … „wink“-Emoticon
Der Sohn ist über 30, nicht, dass wir uns falsch verstehen!
Den Erfolg kannst du für dich verbuchen durch deine Liebe zu ihm. Das ist doch was, jemanden bedingungslos zu lieben. Was hat er denn?
Das geht nur beidseitig. Ich wäre nicht verliebt, wenn er mich nicht ein Jahr lang beworben hätte: Mit Blumen, Pralinen, Mais, Heu, etc. … – schon ein Schatz „smile“-Emoticon …
Herzrhythmusstörungen, dreimal per Elektroschock gerichtet.
Hätte jedes Mal auch nach hinten losgehen können …
Also Herz angehalten und wieder neu gestartet.
Was für ein Segen, dass er noch lebt.
– Nimm alles, was du kriegen kannst und sei dankbar dafür.
Jaaa „smile“-Emoticon; und seitdem ich dabei bin sind alle Werte okay
Liebe Heidemarie, dankbar bin ich immer, auch ohne Katastrophen! Herman auch, das schweißt zusammen!
– Sei stolz auf dich; er dankt es dir doch.
Genau, wieder ein eingemauerter Mann.
Er muss aber ja auf seinem Familienbetrieb wohnen …
Genau.
Eingemauert trifft es ziemlich gut! Er erzählt mir zwar nichts, aber ich bin ja auch keine Sexaffaire, sondern ein liebes Knutschwunder. Zuhause scheint es nicht so ganz liebevoll abzugehen …
Hey, er hat mich über ein Jahr umbuhlt „wink“-Emoticon
– Das ist doch toll für euch beide.
Dir noch einen entspannten Abend und lieben Gruß
Heidemarie
Danke, dir auch.
Ende der Chat-Unterhaltung
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Daraufhin habe ich einfach angefangen zu schreiben.
Ob ich eine Sexualberaterin sein würde?
Nein, das nicht, aber mit meinen 66 Lebensjahren habe ich viel erlebt und erfahren.
Es ist für so manchen Mann eine Quälerei, irgendwie eingemauert zu sein, es zu wissen, aber es nicht wirklich ändern zu können.
Ich ziehe meinen Hut vor Männern, die Verantwortung und Verpflichtungen in jeglicher Hinsicht als oberste Priorität ansehen und praktizieren, aber dabei sich nicht selber aufgeben.
Werde in den nachfolgenden Kapiteln Männer in ihrer „Zwangsjacke“ schildern und sie begleiten.
Wenn Sie Zeit und Lust haben, nehme ich Sie, ja gerade Sie und Sie auch, gerne mit:
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Was Liebe wirklich ist, hat er vorher nicht gewusst
Hanno fühlt sich innerlich zerrissen
Was für eine Liebe
Hanno versucht durch Abstand zu Mara sein Leben zu sortieren
Das LoveLetters-Building in Berlin
Mara in der ständigen Warteschleife
Eingemauert in seiner Ehe und seinem Beruf
Anmerkung
Eingemauert in seinem Beruf
Matthias und sein Zuhause
Der Jurastudent Matthias
Zweite Staatsprüfung – Matthias und Nadine
Was macht echte Liebe, wenn beide in einer Ehe eingemauert sind?
Gedanken über die Liebe
Was Liebe wirklich ist, hat er vorher nicht gewusst
Völlig ahnungslos steht die sich mit ihren immerhin achtzig Kilo bei einer Höhe von 168 Zentimetern nicht gerade ansprechend findende Mara splitterfasernackt in der Saunahalle der Ostsee-Therme von Scharbeutz und trocknet ihre halblangen brünetten Haare ab, als sie bemerkt, dass ein gutaussehender dunkelhaariger Mann sie betrachtet und heftigst anlächelt.
„Ups, wer ist denn das?“, überlegt Mara, „kenne ich ihn?“ Nein, sie meint diesen umwerfenden Mann noch nie gesehen zu haben, kann seinem wunderschönen Lächeln nicht widerstehen und lächelt zurück, denn schaden kann es ja nicht.
Wann immer sich ihre Blicke begegnen, trifft sein zauberhaftes Lächeln sie mitten ins Herz. Mara zieht ihren Bademantel an und geht extra einen anderen Weg, um sich ein Glas Wasser zu holen, aber nichts zu machen, seine liebevoll lächelnden Blicke verfolgen sie; und sie lächeln sich wieder und wieder an. Als Mara in den Ruheraum will, muss sie an ihm vorbei und versucht, den Titel des Buches zu erspähen, in das er hin und wieder schaut, wenn er sie nicht gerade anlächelt, und übersetzt bedeutet: „Fatales Siegen“. Dabei denkt sie, dass es anstrengend sein müsste, so etwas in der Sauna zu lesen, aber gut, jedem das Seine.
Der Ruheraum ist überfüllt; Mara sagt im Vorbeigehen zu ihrem Traummann: „Wegen Überfüllung geschlossen.“ Wieder lächeln sie sich intensivst an.
Mara macht es sich auf einem Sessel bequem und schließt die Augen. Als sie nach einer Weile ihre Augen wieder öffnet, ist der Stuhl, wo gerade noch der tolle Mann gesessen hat, leer.
Eine Freundin kommt vorbei und sie schwatzen ein wenig. Ihr gegenüber schwärmt Mara auch gleich von diesem tollen Mann. Monja, blond, schlank und vierzehn Jahre jünger als Mara, bemerkt: „Der ist mir vorhin auch schon aufgefallen, aber mich hat er nicht angelächelt.“
„Monja, der ist total mein Typ mit seinem schönen Körper, dieser bräunlichen Haut und den schwarzen Haaren. Aber ich sage dir, so ein Mann kann nicht mehr frei sein. Bestimmt ist er verheiratet und hat drei Kinder.“ Mara traut ihren Augen nicht, als ihr göttlicher Prinz sie plötzlich durch einen Wasserstrahl hindurch anlächelt und ist überglücklich. Jetzt benutzt er das Tauchbecken vor ihrer Nase und sogar mit dem Kopf unter Wasser. „Baah, dieser Körper“, denkt sie, „den könnte ich auf der Stelle vernaschen.“
Maras leise Hoffnung, er könnte sich zu ihnen gesellen, verfliegt, als sich dieser Supermann wieder auf seinen Stuhl setzt und versucht weiterzulesen, was ihm aber schwerzufallen scheint.
„Bestimmt traut er sich nicht, weil wir hier jetzt zu zweit sind“, denkt Mara laut und will auch nach Hause, denn sie ist schon ein paar Stunden hier.
Auf halbem Weg schießt Mara die Geschichte ihrer Freundin Marion durch den Kopf, die sich als Studentin nicht getraut hatte, dem Mann ihres Herzens ihre Liebe zu gestehen, der damals genauso dachte, weil er meinte, bei ihr keine Chance zu haben. Als sie sich ungefähr zwanzig Jahre später zufällig begegneten, erzählten sie es sich. Beide bedauerten, dass er inzwischen verheiratet war und zwei Kinder hatte. Deswegen wollte Marion jetzt keine weiteren Verabredungen. Damals hatte sie ihre Chance vertan und war nun mit fünfundvierzig Jahren immer noch Single. Natürlich kann niemand sagen, ob es gut gegangen wäre, aber trotzdem ist es traurig, denn so intensiv wie diese Liebe, meistens ist es die erste, werden nachfolgende seltener. Somit geht wohl auch nicht immer die Devise auf, dass der Mann der Jäger ist und in der heutigen Zeit wohl noch weniger.
Mit diesen Gedanken geht Mara nun mutig zu ihrem Lächelprinzen, stellt sich dicht neben ihn und hört sich sagen: „Wollte mich nur verabschieden.“ Wieder strahlen seine hübschen Augen Mara an während seine helle Stimme sagt: „Wie schade.“ Mara wäre fast geschmolzen bei dieser liebevollen Stimme und fragt: „Und jetzt?“
Er antwortet: „Hmm, nächsten Sonntag vielleicht?“
„Da werde ich nicht hier sein, denn wir machen einen Ausflug nach Schwerin.“ Er strahlt Mara an und überlegt bis er sagt: „Ich habe noch eine Visitenkarte von der Firma.“
„Super“, freut sich Mara; und sie gehen gemeinsam zum Umkleideschrank, in dem er in seinem Gepäck kramt und eine schon etwas verschlissene Karte hervorzieht, wobei er wie beiläufig sagt: „Hanno.“
„Mara.“
„Sie können mich gerne anrufen, aber ich muss eben mal überlegen, wie denn unsere neue Telefonnummer ist, denn wir stellen gerade auf ISDN um. Hanno versucht nun die neue Nummer zu rekonstruieren, aber ist sich unsicher. Mara meint, dass er sie doch anrufen könnte. Da kein weiteres Stück Papier zur Verfügung steht, reißt Hanno diesen Rest einer Visitenkarte noch einmal durch, der nun nur noch so ein Streifen ist, und bittet Mara, ihre Telefonnummer aufzuschreiben.
Sie verabschieden sich und wünschen sich einen guten Tag.
Zufrieden mit sich und der Welt fährt Mara an diesem 2. Pfingsttag, den 04. Juni 2001, in ihre Wohnung zurück.
Gespannt wartet Mara am nächsten Tag, ob Hanno sie anruft.
Schon 8.05 Uhr klingelt ihr Telefon und am anderen Ende fragt eine Stimme: „Rate mal, wer hier ist?“
„H’m, weiß nicht“, ist sich Mara unsicher und will nichts Falsches sagen, denn seine Stimme hatte sie schließlich am Telefon noch nie gehört, und bittet: „Nun, sag mal.“
„Wenn ich verspreche, ich rufe an, dann rufe ich auch an.“
Mara mit einem Freudenschrei: „Hanno!“
Hanno entschuldigt sich, dass er so früh anruft, denn die Telefonnummer, die er ihr aufgeschrieben hat, wäre nicht ganz richtig gewesen und er will nicht, dass Mara keinen Anschluss bekommt und dass er jetzt zum Zahnarzt muss. Die ganze Nacht hätte er schlecht geschlafen und möchte Mara wiedersehen. Zwar hat er jetzt Urlaub, aber sein Terminkalender ist schon brechend voll. Trotzdem schaufelt sich Hanno den Mittwoch frei und sie verabreden sich zu 18 Uhr an der Schwimmhalle. Er wollte pünktlich sein und nicht wollen, dass Mara auch nur fünf Minuten warten muss.
Aber etwas brennt Mara noch unter den Nägeln und sie fragt: „Darf ich dir noch eine Frage stellen?“
„Ja.“
„Bist du verheiratet?“
„Ja.“
„S c h e i ß e!“, platzt es aus Mara heraus. „Gar nicht scheiße, ich erkläre es dir morgen. Ich will dich nicht belügen.“
„Und bleibst du verheiratet?“
„Ich muss dich erst noch einmal sehen. Du hast mich gestern, als ich dich sah, total aus der Bahn geworfen. Ich lebe gar nicht mehr auf dieser Welt. Habe dir was geschrieben und möchte dabei sein, wenn du es liest.
Habe sofort meinen Termin am Mittwoch umgestoßen, um Zeit für dich zu haben. Vielleicht rufe ich nachher noch einmal an. Jetzt muss ich zum Zahnarzt. Darf ich dich nachher noch einmal anrufen?“
„Du darfst mich jederzeit anrufen“, taumelt Mara vor Glück.
Noch eine ganze Weile hängt Mara ihren Gedanken nach, bevor sie sich aufraffen kann, ihren Grillkamin weiter abzuspachteln. Natürlich hat sie das Telefon in Hörweite und jedes Klingeln weckt in ihr die Hoffnung, dass er es sein könnte.
Endlich um 18.40 Uhr hört sie Hannos liebe Stimme am anderen Ende der Leitung sagen: „Bin auf dem Heimweg und wollte dir nur sagen, dass ich mich auf morgen freue. Wie war denn dein Tag?“
„Habe Essen gemacht und den Kamin abgespachtelt, aber nicht, dass du denkst, ich wäre zu selbstständig; kann nur nicht immer nach Hilfe schreien und mache das, was ich kann, selber.“ Hanno: „Ich habe zwar nicht zwei linke Hände, aber alles kann ich auch nicht. Freue mich auf morgen.“
„Ich freue mich auch auf morgen und danke für deinen Anruf.“ Mara ist selig.
Am nächsten Tag steht Mara schon früh auf, denn sie hat sich viel vorgenommen: Saugen, Kamin streichen, einkaufen und dann noch einmal den Kamin streichen, duschen und was ziehe ich an, sollte ich mich dekorieren?
Ihr Sohn Julian hat ihr die Gartenpforte gestrichen und den Pfosten gerichtet; nun wünscht er sich ein großes Eis.
Da klingelt das Telefon und Hanno fragt, ob er auch etwas früher kommen könnte. „Ja, natürlich, gerne“, hört sie sich sagen. „Schaffe ich noch das Eis? Ach, da ist noch Dreck an der Pforte. Nun aber dalli.“
„Julian, kannst du mir bitte helfen? Ich habe noch nichts gegessen, nur ein Viertel vom Apfel und Zähne muss ich auch noch putzen. Ja, das Eis mache ich dir sofort.“
Gerade noch so geschafft, da steht Hanno auch schon vor der Haustür und strahlt Mara durch die Scheiben an und Mara strahlt zurück. Sie öffnet die Tür und bittet Hanno hineinzukommen. Hanno überreicht ihr einen wunderschönen Blumenstrauß mit den Worten: „Ich hoffe, du magst so etwas.“
„Aber natürlich, Dankeschön, wie lieb von dir.“ Hanno ist sichtlich unsicher, wie er Mara begrüßen soll, ob Hand geben oder doch umarmen, da nimmt Mara ihm diese Entscheidung ab, indem sie ihn einfach liebevoll umarmt.
Mit beiden Händen hält Hanno einen Brief hoch und sagt: „Und dann habe ich dir noch dieses mitgebracht.“
„Oh, so einen dicken Brief für mich. Gleich werde ich ihn lesen, aber ich denke, ich sollte erst einmal diese wunderschönen Blumen (drei rote Gerbera, drei weiße Rosen und eine Rispe mit weißen Blüten von schönem Blattwerk umgeben) ins Wasser stellen. Mara schaut im Wohnzimmer nach einer passenden Vase und entscheidet sich für einen blauen Krug im Landhausstil, wobei sie überlegt, die blaue Manschette, da sie farblich nicht so gut zum Krug passt, zu entfernen, da bittet Hanno sie: „Du, lass das mit den Blumen erst einmal, lass sie bitte dort stehen. Komm, ich möchte mich auf dich konzentrieren. Bitte lies jetzt den Brief.“
„Okay, mache ich im Wohnzimmer“, und sie gehen hinein. Mara nimmt am Esstisch Platz, weil sie dort besseres Licht hat, und setzt ihre Lesebrille auf.
Hanno möchte lieber auf dem Sofa sitzen und sie beobachten; so fragt Mara ganz aufgeregt: „Bin ich traurig, wenn ich den gelesen habe?“
„Nein, das glaube ich nicht. Habe mal so aufgeschrieben, wie es mir gegangen ist und auch was von mir, damit du mich ein wenig kennenlernst.
Mara holt den Brief aus dem Umschlag und sagt: „Kann mich nicht erinnern, dass ich je einen Liebesbrief bekommen habe. Alles mit Füller geschrieben und sieben Seiten lang. Das Herz schlägt ihr bis zum Hals und sie beginnt zu lesen:
Timmendorfer Strand, Pfingstdienstag,
05. Juni 2001
Teure!
Es ist mir entfallen, ob wir uns duzten oder siezten. Wenn ich nun spaßeshalber die zweite Person Plural verwende, so nicht aus Nostalgie, sondern aus Verlegenheit. „Ruf an!“ oder „Rufen Sie an!“ sagtet Ihr gestern, heute morgen leichthin, als wir miteinander sprachen und ich Euch mit der Bemerkung zu halten suchte, ich hätte Euch noch etwas zu sagen. Jetzt schreibe ich. Ihr wisst ja nicht, auf welchen gerade fruchtbaren Boden Eure Aufforderung, etwas zu sagen, fiel. Ihr konntet nicht ahnen, dass ich, der wildeste aller Schreiber, mir gerade bei Euch vorgenommen hatte, nicht zu schreiben.
Alles begann mit Briefen. Aber nicht deshalb wollte ich nicht schreiben, damit keine Liebschaft begänne – ganz im Gegenteil: Ich bin rasend interessiert daran, mit Euch Unmengen von Kaffee und Tee, von Whiskey und Wein zu trinken. Euch dabei glühend anzufunkeln und ständig in größter Unaufdringlichkeit zu beschwören, doch eine wilde Liaison mit mir einzugehen. Aber ich wollte dieses Ziel endlich einmal ohne das Mittel des Briefes erreichen; ich wollte endlich einmal ohne diese Krücke auskommen. Mühelos und elegant gewunden kommen in Briefen die Geständnisse daher, unwidersprochen kann ich die Argumente der Leidenschaft ausbreiten, stammeln, toben, schluchzen – und wonach immer mir zumute ist. Nie wird man unterbrochen, nie heißt es: „Fassen Sie sich!“ Ein-zwei-drei hat man das Herz der Begehrten erobert. – Ihr zweifelt?
Als Ihr gestern den Raum betratet, erloschen augenblicklich all meine anderen Interessen. Gerade war ich im Begriff gewesen, ein besonders schwieriges Kapitel der Schlacht von Agincourt zu verstehen, doch sofort ließ ich meine Bemühungen fahren, um Euch fortan zu beobachten; ich hoffe, möglichst unauffällig. Wie sehr es um mich geschehen war, konnte ich nicht nur an dem Zerfall meiner beruflichen Interessen messen, sondern Eurem Haar wie Körper, erregten schlagartig mein Entrücken. Dazu Eure vorbildliche Nase, Euer prüfender Blick. –
Ich war schwach, bin es noch immer, und wie lange ich es sein werde, hängt von Euch ab.
Das Äußere allein hätte bewirkt, dass mir in den nächsten Tagen und vielleicht auch Wochen die unvermeidlich wollüstigen Gedanken gemacht und Euer Bild hervorgerufen hätte, um mir den Jammer des Alltags zu versüßen. Meine Verknalltheit schlug dann jäh vom Bauch in Kopf und Herz, als ich Euch sprechen hörte. In diesem Augenblick empfand ich eine rasende Solidarität, eine so göttlichgeile Komplizenschaft, eine impertinente Sicherheit, dass wir uns verstehen würden.
Fortan war es um mich geschehen.
Ich liebe Euch, versteht Ihr, und ich sehe nicht ein, wieso ich ein anderes Wort dafür verwenden sollte. Diese Vorsicht mit dem Wort „Liebe“, dieses bedächtige Antasten, ob es auch wahrhaftig Liebe sei, was man da empfindet, dieses ständige Zweifeln und Abwägen hält die Liebe in einer unguten künstlichen Höhe; da mache ich nicht mit.
Eben dies hätte ich Euch so gerne noch gesagt, Ihr hättet gelächelt und mir freundlich zugenickt, dass ich betrunken sei. Ich hätte auf der Nüchternheit meiner Aussage bestanden und versucht eine Verabredung mit Euch festzumachen.
Ihr werdet nun möglicherweise sagen: Was will der denn? So ein Briefchen, ob es nun schmeichelt oder belästigt, ist nicht so übel; besser solche Botschaften per Brief, als wenn er mir mit roten Ohren im Treppenhaus Geständnisse gemacht hätte. –
Aber glaubt mir, ich blicke auf eine 20-jährige Erfahrung als Liebesbriefschreiber zurück. Ich weiß, warum ich Bedenken habe. Lasst mich kurz die Geschichte meiner Liebschaften erzählen, damit Ihr wisst, warum ich Euch einerseits gerne schreibe, andererseits Briefe als Hindernis ansehe.
Mein Mangel bestand immer darin, aus dem Rudel der Bewerber nicht überdeutlich hervorzuragen. Weder war ich ja ein besonders guter Fußballspieler noch ein fantastischer Säufer, nie war ich größer, stärker, intelligenter, gutaussehender, reicher als andere, immer nur guter Durchschnitt, also auch nie so armselig bemitleidenswert, dass ich via Mitleid hätte die Liebe der Frauen erschleichen können. Was also tun zwischen all den Rivalen? Als Verachter des waltenden Darwinismus war mir das drängende Gebuhle zuwider, das in den Dörfern, Kleinstädten, Großstadtvierteln, Schulklassen, Universitäten und auch auf allen Festen von einer Handvoll Männer um die schönste Frau am Platz veranstaltet wird.
Hier entdeckte ich den Brief als segensreiches Mittel mir in aller Ruhe Gehör zu verschaffen und ungestört vom Treiben der Nebenbuhler mein eindeutiges Anliegen möglichst vieldeutig vorzutragen.
So wie jetzt saß ich schon in jungen Jahren am Tisch, tunkte, um mir vollends wie ein Schillerscher Held vorzukommen, eine altertümliche Feder ins Tintenfass, beleckte hastig das Kuvert, eilte zum Postkasten und hatte das wohlige Gefühl, das Menschenmögliche getan zu haben. Mit dem Brief hatte ich ein geheimes Band geknüpft, und kaum eine Frau konnte sich einem entziehen. Jetzt trafen mich zwischen allen Rivalen hindurch schöne Blicke; wir waren Vertraute, noch ohne ein Wort gesprochen zu haben; und schon suchte sie mein Gespräch, und mühelos bahnte sich etwas an.
Ich legte damals mehr Wert auf eine geniale Handschrift als auf den Inhalt und weiß daher nicht mehr so recht, was in diesen Briefen stand. In jedem Fall übertrafen sie die lächerlichen Botschaften meiner Rivalen. Ich schilderte Begegnungen, wie ich sie mir gewünscht hätte, Begegnungen an Waldesrändern mit Abendsonnenbeleuchtung („die Rehe ganz rot vor Romantik“ – an diese Wendung und ihren Erfolg erinnere ich mich gerade mit Schrecken), Begegnungen in fernen Eisenbahnen, auf trägen Schiffen, in London oder Paris.
Natürlich erreichte ich nicht immer mein Ziel, aber meist entwickelten sich aus meinen brieflichen Vorstößen spannende Liebesgeschichten. Warum wurden aus diesen Geschichten kein großer Roman? Liegt es an der Vergänglichkeit der Liebe? An das zwangsläufige schnelle Ende der Liebesflattermägen weigere ich mich zu glauben. Es kann nicht das Wesen der Liebe sein, dass sie so rasch verblüht! Ihr pflichtet mir doch bei?
Nein, es lag wohl daran, dass die Wirklichkeit meinen Briefen nicht standhielt. Ich beschrieb den Geruch von Balkons in der Septembersonne, den Geschmack reifer Tomaten und dazwischen unbeschwert das Liebespaar. In Wirklichkeit saßen wir in miesen Kneipen bis zur Sperrstunde herum und dachten an nichts anderes als die Unerfüllbarkeit unserer Wünsche. Die Qualität meiner Briefe war ihr Erfolg, aber auch ihr Manko.
Lange aber sah ich immer nur den Erfolg und kam mir vor wie ein Zauberkünstler.
Könnt Ihr verstehen, meine Teure, dass mir der Erfolg meiner Briefe allmählich auf die Nerven ging? Solange ich in den Zwanzigern war, wurden sie offenbar noch als romantische Grußbotschaften eines poetisch veranlagten Helden entgegengenommen, als hervorragendes, aber noch irgendwie normales, Liebeszeichen. Als ich aber die Dreißiger erklommen hatte und mich in einem Alter befand, wo kein Mensch mehr für irgend etwas Zeit hat und am wenigsten für Briefe, wo die Handschriften der Erfolgreichen bereits zu verkümmern beginnen, wo Frauen nicht mehr viel von den Männern erwarten als die Bestätigung dessen, dass sie gefühllose geile Böcke sind, als ich in diesem Alter war und immer noch meine Briefe schrieb, kannte das Entzücken der Frauen kein Halten mehr. Ich hatte das Gefühl, durch meine Briefe zum wandelnden Anachronismus zu werden. Wo kein Mensch mehr schrieb, wo alles nur noch telefonierte, schrieb ich mit leichter Hand seitenlange Briefe. Wie rührend. Wie liebenswert. Ich glaube es war ganz egal, was ich schrieb, Hauptsache es schrieb einer, das war schon toll genug. Diese wunderbaren Briefe! Glaubt mir, ich konnte das Lob nicht mehr hören. Bloß, weil kein Schwein mehr vernünftige Briefe schrieb, hatte ich den großen Erfolg. Ich deckte mit meinen Briefen das poetische Defizit frustrierter Frauen. So war es wohl. Ich will aber nicht wegen meiner Briefe geliebt werden, sondern wegen mir. Bestehe ich nicht aus Fleisch und Blut? Ich hatte das Gefühl, meine Teuerste, dass einigen Frauen meine Briefe wichtiger waren als meine Anwesenheit. Nahm man mich nur in Kauf, um sich den Briefeschreiber zu bewahren? Dieser völlig unüberprüfbare Verdacht ließ mich nicht los. Ich begann auf meine eigenen Briefe eifersüchtig zu werden.
Nachtrag nach unserem Telefongespräch:
Ich möchte der geläufigen Unterstellung trotzen, dass Poeten immer nur ins Papier hineinlieben – alles nur sublimierte Sehnsucht am Schreibtisch und nicht die Hitze der wirklichen Sehnsucht in den Adern. Der hier schreibende rasende Verehrer gehört nicht zur Gattung der Schreibtischtäter. Natürlich drosselt ein so schönes Kapitel wie gestillte Sehnsucht und befriedigtes Verlangen den erotischen Schub des Literaten. –
Erfüllung aber sollte kein Grund sein, sich nur noch den zweifelhaften Wonnen der unrealisierbaren Liebe hinzugeben. Die Liebe und die Liebschaften müssen nur frisch, überraschend und kompliziert genug sein, dann geben sie den Stoff für das Schreiben – und ich hoffe der gute alte Körper kommt auch nicht zu kurz dabei.
Es umschlingt Euch herzlich
Euer treuer Verehrer
P.S.:
Telefonnummer, echter Name des Verfassers und Arbeitgeber klebten auf einem separaten gelben Zettel unten rechts, dessen Inhalt ich aber aus Persönlichkeitsrechten hier nicht näher erwähnen möchte.
Mara ist hingerissen vor Entzücken. Während des Lesens amüsieren sie einige Stellen, andere lassen sie vor Glück fast zerspringen.
Voll konzentriert nimmt Hanno jeden Gesichtsausdruck und jede Betonung seiner Teuersten war.
Nach dem Lesen sagt Mara zu Hanno: „Dankeschön“, steht vom Tisch auf, geht zu ihm, der auf dem Sofa sitzt, und gibt ihm spontan einen dicken Kuss auf den Mund. Hanno sagt noch, dass er Mara dies alles doch im Treppenhaus nicht hätte sagen können.
„Stimmt“, pflichtet Mara ihm bei, „und den Brief kann ich immer wieder lesen.“
Maras jüngerer Sohn Julian (19 J.), der noch im Haus wohnt, kommt während des Lesens ins Wohnzimmer; und Mara macht beide miteinander bekannt. Dann zieht Julian sich in sein Zimmer zurück.
Nun taucht er wieder auf und Mara sagt, dass sie in die Stadt wollen.
Julian folgt ihnen bis vor die Tür.
An der Gartenpforte weist Mara noch auf Schmutz am Pfosten hin und Hanno sagt zu Julian: „Du kannst alles gemacht haben und noch mehr, das sieht keiner, aber das kleine Wenige, was du vergessen hast, das wird bemerkt.“
Wie selbstverständlich gehen sie Hand in Hand zu Hannos Auto, und Julian sieht ihnen scheinbar zufrieden nach.
Hanno bemerkt, dass er zwar nie lügen würde, aber jetzt musste er seiner Frau nicht so ganz die Wahrheit sagen.
Hanno will in Ruhe mit Mara reden.
Er parkt sein Auto, und sie gehen Hand in Hand durch die Innenstadt, aber schon komisch, dass so viele Lokale noch geschlossen haben. Dann entdecken sie eines mit Biergarten und Hanno küsst erfreut Mara auf den Mund.
Das schlechte Gewissen seiner Frau gegenüber nagt schon an ihm und er mag sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn Bekannte ihn in Begleitung einer attraktiven Frau sehen würden und er sagt: „Ja gut, das wäre, was es will, also dich kennenzulernen und das Andere eben, dass ich Gefahr laufen muss, gesehen zu werden.“
Mara will wissen, wie lange Hanno schon verheiratet ist und er sagt: „Seit 1995.“
Das kann Mara kaum glauben und meint erstaunt: „Ich dachte, dass du schon zwanzig Jahre verheiratet bist.“ Er: „So alt bin ich doch noch gar nicht.“ Mara bekommt einen Schreck wegen des Alters und fragt nach: „Wie alt warst du denn, als Ihr geheiratet habt?“
„Siebenundzwanzig, also bin ich dreiunddreißig und meine Tochter ist fast vier. Ich weiß, dass du älter bist, aber das ist mir völlig egal. Ich liebe dich. Da ist doch das Alter egal, und wenn du achtzig wärest. Na ja, vielleicht doch etwas viel, oder sechzig. Ich liebe dich. Dabei hält er Maras Hände und streichelt sie liebevoll. So einen Mann hat sie in ihrem ganzen Leben noch nicht erlebt, so was von lieb. Mara kann sein Alter einfach nicht glauben und er zeigt ihr seinen Personalausweis. „Nein, das darf doch nicht wahr sein; ich habe überhaupt keine Chance. Ich bin schon fünfzig und du dreiunddreißig, verheiratet mit Kind. Das ist doch völlig aussichtslos. Ich kann und will nicht mehr kämpfen, das habe ich mein ganzen Leben lang getan.“
„Du brauchst auch nicht zu kämpfen und du hast sogar große Chancen. Wegen des Alters treffen wir jetzt eine Vereinbarung, sage mir bitte, wenn ich zu jung für dich bin und ich sage dir, wenn du zu alt für mich bist. Ich habe mit deinem Alter keine Probleme und du?“
„Nun ja, eigentlich habe ich mit deinem Alter auch keine Probleme.“
„Schließe jetzt deine Augen.“
Hanno streichelt ihr Gesicht und fragt danach. „Was hast du gefühlt?“
„Wie gut es deine Frau hat; ich beneide sie.“
„Ja, sie hat es so gut. Bis Pfingstmontag war ich der Meinung, dass meine Ehe okay sei, aber von dem Moment an, als ich dich in der Sauna gesehen habe, weiß ich es nicht mehr, denn dich liebe ich.“
Mara steckt ihre Hand in den Ärmel seines Hemdes und streichelt die Haut seiner Arme bis ihre Hand seinen Bauch erreicht.
Hanno: „Du weißt, was jetzt passiert? Ich kann jetzt nicht aufstehen. Verändere dich nicht; bleib so wie du bist; sei einfach nur du selbst. So habe ich dich kennengelernt und so liebe ich dich.“
Hanno stellt Mara Fragen und schreibt ihre Antworten, ohne dass Mara es sehen kann, auf einen Bierdeckel, den er jetzt umdreht.
Nachdem Mara geantwortet hat, dreht Hanno den Bierdeckel wieder auf die andere Seite.
„Komisch“, bemerkt Mara, das sind ja meine Antworten. Wie kann das angehen?“
„Ich kann dich verstehen und habe das Gefühl dich schon sehr ewig zu kennen.“
Eigentlich wollten sie noch etwas essen, aber die ganze Aufregung hat jeglichen Hunger auf Essbares vertrieben.
Hanno: „Ich möchte dich noch einmal so sehen wie in der Sauna.“ Mara hat Bedenken, dass er sie für ein leichtes Mädchen halten könnte und nur seinen Jagdtrieb befriedigen würde wollen.
Das sagt sie zu Hanno, als sie das Lokal verlassen, und er antwortet: „Ich fahre dich jetzt nach Hause, überlege es dir auf dem Weg, aber ich kann auch warten.“
Vor Maras Haus steigt Hanno wie selbstverständlich aus dem Auto aus, und sie gehen ins Haus.
Im Wohnzimmer nimmt Hanno auf dem Sofa Platz, Mara setzt sich auf sein Bein und Hanno sagt: „Mir ist, als ob ich dich schon ewig kenne.“
„Mir geht es genauso. Du, sag mal, weißt du noch, was du gestern gegen 11 Uhr gemacht hast?“
„Ich hatte mich eine Viertelstunde ins Klo eingeschlossen, weil ich Angst hatte, dass man es mir ansehen würde und Fragen stellen könnte.“
Mara: „Zur gleichen Zeit habe ich ganz stark an dich gedacht und total intensiv.
Ist das Telepathie?“
„Muss wohl so sein.“
Sie schmusen inniglich und können es vor Sehnsucht kaum noch aushalten. Wie von Geisterhand getrieben landen sie im Schlafzimmer, ziehen sich gegenseitig küssend aus. Nackt nebeneinander liegend stellt Hanno fest: „Es ist schon schön, nur neben dir zu liegen. Mir ist, als ob ich dich schon ewig kenne.“
Voller Zärtlichkeit streichelt Hanno Mara, die ihn ebenfalls streichelt bis sie es beide nicht mehr aushalten und Mara ihn endlich spüren möchte. Immer wieder fragt Hanno: „Liebst du mich auch wirklich, denn ich liebe dich so sehr.“
Mara: „Ja, ich will dich mit Haut und Haaren.“
Er: „Ich bin kein Mann der schnellen Entschlüsse, aber ich bin süchtig nach dir. Du schmeckst so gut und riechst so gut, deine Haare, deine Haut, deine ganze Art. Ich liebe dich.“
„Ich will dich aber deiner Familie nicht wegnehmen.“
Hanno: „Ich stehe jetzt neben mir. Wenn ich es schaffe, komme ich am Freitag wieder, aber ich habe eine Menge Termine.“
Im Weggehen will er noch einmal von Mara hören, dass sie ihn liebt.
„Ich liebe dich, mein Herzblatt, komm gut nachhause.“
Dann schließt sich die Haustür.
Mara steht jetzt alleine im Hausflur, friert, fühlt sich leer, ist glücklich und traurig zugleich. Sie bleibt ganz still im Wohnzimmer sitzen und trinkt ein Bier.
Dann geht sie schlafen und weint, weil alles so aussichtslos ist, sie will keine Ehe zerstören und spricht mit sich selber: „Ich will trotzdem hoffen, aber auf was? Wunder geschehen, was für Wunder? Egal, nein, nicht egal. Ich liebe ihn und würde ihn gerne für mich alleine haben, weiß aber, dass das nicht geht.“
Mit langen Selbstgesprächen und von Tränen gestreichelt schläft Mara irgendwann ein.
Hanno fühlt sich innerlich zerrissen
Während der Nacht und den ganzen nächsten Tag spürt Mara in sich und überall Hanno. Sie kann das Geschehene gar nicht fassen und ist überwältigt. Sie denkt laut: „Könnte es doch unser Leben lang so bleiben. Ich würde alles dafür tun.“
Mittags 13.30 Uhr steckt sie immer noch taumelig vor Glück in ihrem Schlafanzug. Sie ist froh, dass sie Urlaub hat. So kann Mara dem dringenden Bedürfnis ihres Innern nachgeben und noch einmal jede gewesene Sekunde mit ihrer großen Liebe gedanklich durchleben, um das Erlebte etwas zu verarbeiten.
So langsam macht Mara sich doch noch tageslichttauglich und versucht sich mit Arbeit abzulenken, indem sie ihre weiße Pforte und die Pfosten noch einmal streicht.
Natürlich sind ihre Ohren so was von gespitzt, um ja nicht Hannos Anruf zu verpassen, denn es könnte ja sein, dass seine vielen Termine ihm doch noch Raum für einen kurzen Anruf lassen, aber ihr Telefon will und will nicht klingeln.
„Na gut“, denkt Mara, „vielleicht ist ein Tag Ruhe auch nicht schlecht, damit sich alles erst einmal auf beiden Seiten etwas setzen kann.“
Als am nächsten Tag Hanno immer noch kein Lebenszeichen sendet, macht sich Mara Sorgen, dass ihm oder seiner kleinen Tochter etwas passiert sein könnte. Möglich sogar, dass der Krieg schon ausgebrochen ist, aber keiner hingeht … haha, aber in seiner Position ist doch viel möglich.
Nur mit erzwungener Konzentration schafft es Mara, ihre Tasche für den Wochenendausflug mit Freunden nach Schwerin zu packen. Maras Nerven liegen blank, aber sie versucht alles, um in den nötigen Schlaf zu kommen.
Immer wieder redet sie sich ein, dass sie kein Recht auf ihn hat und ihn nicht begehren darf, weil er verheiratet ist und zu seiner Familie gehört.
Trotz allem fühlt sie in sich drin, dass er sie liebt und für sein Schweigen Gründe haben wird. Mara will stark sein.
Die fast durchwachte Nacht ist schnell vorüber und 6.15 Uhr klingelt ihr Wecker. Nun zack, zack und fertigmachen, denn gleich wird sie abgeholt.
Mara begreift diese Fahrt nach Schwerin als eine Art Flucht vor ihren Gefühlen, denn es wird sie ablenken. Andererseits würde sie auch gerne beginnen, einen Roman über Hanno und sich zu schreiben, denn sie fühlt gerade ihre schon voll aufgeplatzte Schreibader. Auf verschiedenen Zetteln schreibt sie quasi beim Hin- und Herlaufen alles auf, was ihr gerade in den Sinn kommt.
Vom Frühstück bekommt sie nur einen Bissen herunter und packt das restliche Butterbrot ein.
Nun sieht sie das Auto des Kollegen vor der Tür und sputet sich herauszukommen.
Im Autoradio hört sie: „Good night my love, it’s hart to die … The stars we could reach, were just starfish on the beach.“ Von wem ist denn dieses Lied? Dann fällt ihr ein, dass dieser Lyrik-Song-Text von Terry Jacks ist mit dem Titel „Seasons in the sun“. Dieser etwas traurige und melancholische Text passt heute gut zur Stimmung, in der sich Mara gerade befindet. Sie inhaliert die Worte, denkt an Hanno und lebt ihren Schmerz aus, indem sie beim Treffpunkt bittet, doch noch bis zum Ende des Liedes im Auto zu bleiben und das bei voller Lautstärke.
Auf der gesamten Wegstrecke scheint es ihr gerade, dass der NDR lauter Songs spielt, die ihre Seele berühren. Dabei singt Mara mit und gestikuliert mit ihrem ganzen Körper bis sie plötzlich in Tränen ausbricht, weil sie nicht mehr kann und sagt: „Verzeiht, es geht mir heute nicht gut, habe wohl ’nen Kaffeeschock vom vielen Kaffee heute, der mir offensichtlich auf den Magen geschlagen ist.“ Während der ganzen Fahrt lösen sich in Mara Trauer- und Glücksgefühle ab. Als sich der Himmel mit Wolken wie Wattebüschel zuzieht, bekommt Mara das Gefühl, als würden diese sie mit ihrer Zartheit streicheln; und ihre Seele beruhigt sich.
Plötzlich scheint aller Kummer verflogen, Mara fühlt sich wieder geliebt und ist glücklich. Sie steuern einen Parkplatz an, als sich gerade eine Regenwolke über sie entleert. Mara geht raus in den Regen, singt was ihr gerade so einfällt und tanzt mit sich selbst dazu. Das tut ihr so was von gut; und sie tanzt und singt und singt und tanzt glücklich im Regen. Dabei ist es ihr völlig egal, was andere denken könnten; sollen sie doch alle mit ihren verkniffenen Gesichtern und ihren unterdrückten Gefühlen auf der Strecke bleiben. Mara genießt diese Minuten und merkt wie gut es ihr tut. Sie will so sein, wie sie ist und so bleiben; nein eine angepasste Langweilerin, das ist nichts für sie.
Schwerin entpuppt sich als hübscher Ort. Mara versüßt sich den Aufenthalt durch diverse Frustkäufe, damit sie das Gefühl hat, sich Gutes zu tun und von Hanno ablenkt. Am Abend stellt sie sich vor, dass es Hanno sicher viel schlechter gehen würde als ihr und bestimmt eines Tages alles gut werden würde.
Das Wochenende nimmt mit vielen Schönen und auch unschönen Dingen seinen Lauf.
Etwas entspannt, aber völlig kaputt, kommt Mara wieder in Niendorf an der Ostsee an und ist froh, in ihrer Wohnung und alleine zu sein.
Hanno hat sich leider nicht gemeldet und ist auf seinem Handy auch nicht zu erreichen.
Mara hängt zwar durch, aber tröstet sich immer wieder mit seinem Liebesbrief und dass es das ja nicht gewesen sein kann.
Endlich, am Montagnachmittag, eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter: „Ich hasse Anrufbeantworter, spreche nur drauf, weil ich beweisen will, dass ich angerufen habe.“
Zunächst einmal macht es Mara glücklich, denn nun weiß sie, dass er noch lebt, aber mehr auch nicht. Sie zermartert sich den Kopf, ob er wohl seiner Frau alles erzählt hat und sie jetzt einen Abschiedsbrief bekommen würde? Ja, den würde sie doch wohl erhalten und er nicht einfach so aus ihrem Leben verschwinden. Dann hört sie im Radio: „Erst sprichst du von Liebe, dann machst du ‘ne Fliege.“
„Irgendwie alles schei…“, sagt Mara zu sich und „morgen rufe ich ihn an.“
Immer wieder zermartert sich Mara ihren Kopf, was der Grund sein könnte, warum sie schon eine Woche nichts von Hanno gehört hat. Sie versucht ihn anzurufen, aber erfolglos. Am Abend gegen 20 Uhr klingelt endlich das Telefon und eine Stimme sagt: „Na, du Unerreichbare!“
Mara: „Hanno, endlich.“
„Habe es nicht mehr ausgehalten; rufe von zuhause aus an, kann nicht lange sprechen, werde noch verrückt.“
„Ja, ich werde auch schon wahnsinnig“, hört Mara sich reden. „Mach bloß kein Scheiß oder so ähnlich und rufe nicht bei mir zuhause an. Liebst du mich noch?“
„Ja, es ist alles so schrecklich ohne dich. Würde dich so gerne verwöhnen und glücklich machen. Schon fast zwei Jahrzehnte bin ich Single, aber so ein Mann wie du ist mir noch nicht begegnet. Wenn ich dich nicht bekomme, bleibe ich alleine, weil es so einen Mann wie dich nur einmal gibt und ich alle mit dir vergleichen würde. Ich glaube einfach nicht, dass dir jemand ebenbürtig sein könnte.“ Hanno ist total begeistert. „Gleich kommt meine Frau, ich lehne hier am Fenster und schaue auf die Tür. Leg du auf, ich kann es nicht.“ Sie beteuern ihre Sehnsucht und Liebe und Hanno fragt: „Wann kann ich dich morgen erreichen?“
„Kannst mich am Vormittag in der Praxis anrufen“, sagt Mara und gibt ihm diese Telefonnummer. „Oh, ich muss schnell den Speicher am Telefon löschen, damit meine Frau nichts merkt. Du weißt schon, was du tun sollst und dabei an mich denken?“
„Liebe dich, liebe dich über alles.“
„Freu dich auf morgen und auf meinen Anruf. Ich liebe dich so sehr.“
Mara schäumt über vor Glück und nicht zu bremsender Sehnsucht nach Hanno. Mit einem großen Badetuch liegt sie auf dem Sofa und ruft ständig: „Hanno, Hanno, ich bekomme nicht genug von dir.“ Es will einfach kein Ende nehmen. Alles ist klitschnass. Mara trinkt ein Glas Rotwein um runterzukommen und geht ins Bett. Immer wieder spürt sie dieses unersättliche Verlangen nach Hanno und es gibt kein Halten mehr. Irgendwann schläft Mara ein und erwacht mit nassem Schlafanzug und nassem Handtuch. „Oh, Hanno, wie soll das nur weitergehen.“
Um 10 Uhr ruft Hanno in der Praxis an und erklärt Mara alles. Um 14 Uhr ruft er noch einmal an, als Mara zuhause ist und sagt ihr, dass seine Tochter krank sei; und sie würden am Wochenende zu den Eltern nach Itzehoe fahren. Sein Vater wohnt um die Ecke und bei dem würde er auch schlafen. „Zur Zeit kann ich nicht mit meiner Frau schlafen, dazu liebe ich dich zu sehr. Ich werde mir Ausreden einfallen lassen. Noch habe ich die Kopfschmerzkarte nicht ziehen müssen, weil meine Frau noch nicht nachgefragt hat.“ Hanno sagt, dass er seine Frau und Mara liebt und zwischen zwei Stühlen mit seinen Gefühlen sitzt. Er weiß noch nicht, für wen er sich entscheiden wird. Mara will keine Ehe zerstören und tröstet sich damit, dass Hanno sich gar nicht in sie verliebt haben könnte, wenn er in seiner Ehe glücklich wäre, denn die Gefühle, die er plötzlich und völlig unerwartet wie aus heiterem Himmel für Mara empfunden hat bei ihrem Anblick, waren ihm bis dahin fremd, denn das steht ja in seinem Liebesbrief.
Mara sagt sich, dass sie Hanno auf keinen Fall bedrängen wird, aber er soll und will ja auch ihre Gefühle wissen. Ja, auch sie hat ein Recht darauf glücklich zu sein.
Am nächsten Tag ruft Hanno aus der Telefonzelle an und sagt: „Ich hatte solche Angst, dass du es dir am Wochenende anders überlegt haben könntest. Hast du Sehnsucht? Ich gebe dir so viel ich kann, mehr geht zur Zeit nicht. Da sind nur noch vierzig Pfennig auf der Karte, die ich mit dir vertelefonieren will. Sag mir noch einmal, dass du mich liebst. Das war jetzt unsere erste Karte. Wie arbeitest du morgen?“ Dann ist die Leitung still und Hanno weg, weil die Karte leer ist.
Seit dem Kennenlernen sind nun zwei Wochen vergangen, in denen es Tage ohne Anruf von Hanno gab und dann wieder Telefonate voller Liebe und Glückseligkeit. Es ist eben nicht so einfach mit einem verheirateten Mann, aber dann dieser Anruf am Montag, den 18. Juni um 9.30 Uhr, in der Praxis und Hanno sagt:“ Ich kann es nicht mehr aushalten und muss dich unbedingt heute Abend sehen. Ich bin auch nur ein Mensch. Lass uns irgendwo treffen, auch wenn es nur für eine halbe Stunde ist. Ich liebe dich und liebst du mich auch wirklich? Mit dir verstehe ich mich auf einer anderen Ebene. Mit dir ist alles anders als zuhause, auch anders als mit allen anderen Frauen. Könnte 18.30 Uhr bei dir sein, ist das okay?“
Mara schwelgt nur so im Glück.
Um 13.40 Uhr noch ein Anruf von Hanno: „Es ist nicht der Sex, der mich zu dir zieht, den kann ich woanders schneller bekommen und bräuchte nicht all dieses auf mich zu nehmen. Es ist das Verstehen.
Nein, zuhause habe ich keinen Mangel, meine Frau will ja, aber ich kann zur Zeit nicht mit ihr schlafen, weil ich nicht will, denn ich liebe dich und fühle mich zu dir hingezogen. Ist es dir denn auch wirklich ernst mit mir oder habe ich nur die Funktion eines Callboys?“
„Nein, natürlich nicht, denn ich kann keinen Sex ohne Liebe, was wohl bei vielen Männers anders sein soll, da sie besser Liebe vom Sex trennen könnten.“
„Ich möchte dich streicheln, deinen Nacken massieren und mit dir schlafen, denn ich bin auch nur ein Mann und habe seit unserem ersten Date am 6. Juni enthaltsam gelebt.“
„Ich will aber nicht das Sahnehäubchen für deine Ehe sein.“
„Nein, das bist du auf keinen Fall, denn ich liebe dich total. Muss jetzt zum Chef und freue mich auf heute Abend.“
Schnell vergeht der Nachmittag und Mara eilt in ihre Wohnung, duscht, macht sich bereit, und schon klingelt es an der Haustür.
Da steht Hanno vor ihr und strahlt sie wieder an wie am allerersten Tag ihrer Begegnung in der Sauna und Mara sagt: „Lass dich ansehen. Schön, dass es dich gibt.“
„Schön, dass es dich gibt.“
„Freue mich, dass du da bist.“
„Und ich erst mal.“
Sie umarmen und küssen sich liebevoll.
Mara: „Will jetzt ein Foto von dir machen.“
„Ich sehe heute nicht gut aus.“
„Du siehst immer gut aus; und ich würde dich auch lieben, wenn du voll Matsch wärest.“ Hanno: „Du hast mich noch nicht mit Matsch gesehen.“
„Okay, ein Foto.“
„Ich will mehr.“
„Nein später, komm jetzt. Ich liebe dich.“ Voller Sehnsucht umarmen sie sich liebevoll und landen wie selbstverständlich im Schlafzimmer, wo sie sich gegenseitig voller Begierde ausziehen.
Dann bittet Mara, dass Hanno sich auf ihre Seite des Bettes legt, damit sie später noch seinen Geruch hat. Hanno: „Ich habe dich nur einmal betrogen mit mir selber und dabei an dich gedacht. Ich habe mich für dich aufgehoben und die ganze Zeit nicht mit meiner Frau geschlafen, was mir ganz schön schwergefallen ist, aber ich wollte es so, weil es dir doch beim letzten Mal so wichtig war, dass du mir vertraust. Diese Entbehrungen bringe ich dir heute als Geschenk mit, was doch viel mehr wert ist als Blumen oder andere Geschenke, weil es mir echt schwergefallen ist.“
Mara fehlen vor Überraschung die Worte, aber sie ist überglücklich und beide beteuern sich ihre Liebe. Was für ein Mann! Er deckt ihre Füße zu, damit ihr nicht kalt wird während er sie streichelt und sie hingebungsvoll verwöhnt.
Hanno trinkt genüsslich das für ihn köstlichste Getränk aus seiner Traumfrau heraus. Mara genießt ihn ebenfalls und sagt, dass das eine Mahlzeit wäre, denn sie hätte bislang nur zwei Äpfel gegessen, wobei er meint: „Dann hast du mehr als ich gegessen, denn ich habe noch gar nichts gegessen. Mittags habe ich durchgearbeitet, um früher Feierabend machen zu können, weil ich zu dir wollte.“ Unheimlich glücklich liegen sie nebeneinander bis Hanno den großen Wecker entdeckt und fragt: „Geht der richtig?“
„Ja.“
„Dann habe ich noch fünf Minuten, fünfundvierzig wären besser. Nun aber schnell anziehen“, sagt er während Mara ihm seinen verschwitzen Rücken mit ihrem Nachthemd trocknet.
Eben noch ein Schluck Wasser und los. „Stopp“, sagt Hanno, „da sind doch noch die beiden Briefe von dir, die ich mitnehmen will. Nach dem Lesen kommen sie zu meinen Unterlagen.“
„Ich liebe dich“, sind seine letzten Worte, dann fällt die Tür ins Schloss.
Bei Mara bleibt sagenhafte Glückseligkeit gepaart mit einer merkwürdigen Leere, weil der Mann, den sie über alles liebt und für den sie seine Traumfrau ist, wieder weg ist.
Als sie am nächsten Tag telefonieren, beichtet Mara ihm, dass sie mit einer Freundin telefoniert hat und ihr gesagt hat, dass sie für ihn ihr Reihenhaus verkaufen würde und das schon nach effektiv insgesamt sechs Stunden des Kennens. Jetzt ist Hanno sprachlos.
Noch am nachfolgenden Tag zehrt Hanno von vorgestern.
Hanno hat immer wenig Zeit; und so kommt es, dass sie sich ein paar Tage nicht persönlich am Telefon erwischen und nur Liebesbotschaften hinterlassen können.
Am 25. Juni, dem 22. Tag ihrer heimlichen Beziehung, können sie endlich wieder ausgiebig telefonieren und bestätigen sich die Ernsthaftigkeit ihrer Liebe und Beziehung. Hanno will versuchen noch in dieser Woche zu kommen.
Gleich einen Tag später ruft Hanno an und sagt, dass er solche Sehnsucht hat und am nächsten Tag kommen möchte.
Aber jetzt führt Mara Regie und verwöhnt ihren Hanno nach Strich und Faden.
Sie lieben sich wieder zwei Stunden lang, in denen Hanno immer wieder wissen will, ob Mara ihn auch wirklich liebt und es nicht nur ein Verliebt- oder Verknalltsein ist und Mara sagt: „Ich liebe dich mit Haut und Haar, bis zum Mond und wieder zurück“, worauf Hanno bestätigt, dass er sie mindestens genauso sehr liebt, wie sie ihn und feststellt: „Ich stehe neben mir.“
Er bittet Mara um ein Nacktfoto und ihren Duft in einem Taschentuch.
„Wo willst du das denn lassen?“
„Mir fällt schon etwas ein.“
Dann muss er wieder zu seiner Familie; und Mara empfindet diese plötzliche Leere und dass Hanno der Mann ihres Lebens ist.
Am nächsten Tag wartet Mara vergeblich auf einen Anruf von Hanno. Da geht ihr dieser Satz, den Hanno gestern auch noch sagte, durch ihren Kopf: „Ich werde dich nie vergessen.“ Zwar ahnt sie, warum er es sagte, aber wie hat er es wirklich gemeint?
In der Nacht träumt sie von Hanno, dass er mit dem Auto seiner Frau an ihrem Haus vorbeifährt ohne zu wenden und weg ist er.
Sie hofft nur, dass das kein schlechtes Zeichen war, aber eine Traurigkeit macht sich in ihr breit. Als sie ihn am nächsten Tag anruft, hat er keine Zeit. Na ja, er arbeitet eben viel.
Sie ist aber froh, dass sie kurz seine Stimme hören kann und ihn der Blitz doch nicht getroffen hat.
Dann kommt das Wochenende ohne einen Mucks von Hanno; na ja, ist eben Familie angesagt.
Endlich am Montag 11.09 Uhr eine Nachricht auf Band: „Hallo, ich bin es. Ich probiere es zumindest, dich zu erreichen. Wenn du kannst, ruf mich doch heute ab 13 Uhr an, aber von 15 bis 17 Uhr bin ich vermutlich nicht am Arbeitsplatz.
Als Mara ihn um 13.15 Uhr anruft, hört sie, dass er Arbeit über Arbeit hat, die diese Woche fertig werden muss. Auch am Wochenende hat er sich Arbeit mit nach Hause genommen und bis nachts gearbeitet.
Am Freitag war gerade der Chef da, als Mara anrief.
Vom Wochenende hat er quasi nichts gehabt. Während er mit seiner Tochter Brötchen holte, mal eben aus dem Auto steigen und anrufen, das läge ihm nicht.
Mara sagt ihm, dass sie sich aber darüber gefreut hätte.
Hanno meint, dass er, wenn er wieder zu Mara käme, nur mit ihr reden wollte und was unternehmen, denn das sei in der Vergangenheit zu kurz gekommen. Er will wissen, ob es Mara recht sei: „Ja, sonst ist es ja nur eine Bettgeschichte; trotz meiner großen Sehnsucht nach dir, habe auch schon daran gedacht.“
„Aber ich habe es ausgesprochen; das verbuche bitte auf mein Konto.“
Als Mara am nächsten Tag Hanno um 16.30 Uhr anruft, freut er sich total, auch darüber, dass sie ihn vermisst. Sie telefonieren lange und als Mara sagt, dass ihre Batterie leer sei, versuchen sie es mit Telefonsex. Er bittet Mara, für eine halbe Stunde ihre Unterhose auszuziehen und an ihn zu denken, um ihre Batterie etwas aufzuladen. Mara ist erstaunt, auf was für Ideen Hanno kommt.
Er selbst würde jeden Morgen eine Viertelstunde früher aufstehen als sonst, um mit sich und seinen Gedanken an Mara alleine sein zu können und ganz viel an Mara denken. Auf der Arbeit hat er den Gedichtband von Echtermeyer, worin er liest, wenn es ihm schlecht geht. Das Gedicht über die Liebe liest er Mara vor und will es ihr kopieren. Er will Bilder für Mara zusammenstellen, und sie soll sich überraschen lassen.
Mara ist davon angetan, dass Hanno so sensibel und lieb ist. Sie bestätigen sich gegenseitig ihre Liebe, aber dann ruft die Pflicht.
Natürlich ist sich Mara bewusst, dass Hanno sehr genau alles abwägen wird und dass es schwer ist, gegen die jahrelange Liebe zu seiner Frau anzukommen oder eben gar nicht.
Hanno hat ihr aber immer wieder gesagt, dass die Liebe und das Verstehen zu Mara anders gelagert sind. Sie hat sich Tarot-Karten gelegt, die ihr dieses zwar bestätigt haben, aber auch, dass sie es schaffen würden. So greift Mara nach jedem Strohhalm.
The free sample has ended.