Read the book: «Ich hab so viel um dich geweint»
Hedwig Courths-Mahler
Ich hab so viel um dich geweint
Saga
Ich hab so viel um dich geweint
Coverbild/Illustration: Shutterstock
Copyright © 1928, 2021 SAGA Egmont
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 9788726950274
1. E-Book-Ausgabe
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.
Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.
www.sagaegmont.com
Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com
„Ich liebe Sie, Rita, ich liebe Sie! Sie dürfen mich nicht kaltherzig fortschicken, wieder in die Öde eines liebeleeren Daseins hinaus — Sie dürfen es nicht, nachdem Sie mir einmal den Himmel gezeigt. Lassen Sie mich wiederkommen, ich sehne mich nach Ihrem Anblick wie ein Verdurstender nach einem Trunk frischen Wassers. Seien Sie barmherzig!“
Rita Hardy sah mit ihren schönen Nixenaugen, deren Farbe je nach der Beleuchtung zu wechseln schien vom hellsten Grün bis zum dunkelsten Blau, zu dem schlanken Mann empor, dessen gebräuntes, energisch geschnittenes Gesicht in höchster Erregung zuckte. Ein eigenartiges Funkeln und Glimmen in ihren Augen hätte einen aufmerksamen Beobachter warnen müssen. Aber ihre Stimme klang süss und geschmeidig, als sie nun antwortete:
„Ich muss sie fortschicken, Bernd Ralfner, ich muss. Seien Sie doch froh, dass ich die Kraft dazu noch aufbringe. Sie ahnen nicht, wie schwer es mir fällt. Was sollte aus alledem werden, wenn mich diese Kraft verlassen würde?“
Er atmete auf und fasste beschwörend ihre Hand.
„Ich weiss es nicht, Rita, weiss nur, dass ich Sie liebe, unsagbar, unbeschreiblich liebe und — dass Sie mein werden müssen, um jeden Preis, weil ich sonst von Sinnen komme.“
Rita Hardy sprang auf und machte eine abwehrende Geste.
„Schweigen Sie! Ihre Worte sind schon eine Beleidigung für mich. Sie sind der Gatte einer anderen.“
Er krampfte die Hände zusammen.
„Erinnern Sie mich nicht daran, Rita. Diese Fessel habe ich mir übergestreift in törichter Verblendung, weil ich die Liebe nicht kannte. Sie wissen doch, dass ich meine Frau nicht liebe, nie geliebt habe. Mit kalter Vernunft bin ich in diese Ehe hineingegangen, wähnend, über einen Mann, wie ich es bin, würde die Liebe nie Gewalt bekommen. Mit ruhiger Überlegung hatte ich mir mein Leben gezimmert, hatte alles nur auf Zahlen eingestellt und gewähnt, dass mich immer nur meine Arbeit, meine Tätigkeit ausfüllen und befriedigen würde. Das ging auch alles gut — bis ich Sie sah, Rita. Aber dann ist alles anders geworden. Was mir vorher wertvoll erschien, ist jetzt nichtig geworden. Ich lebe nur noch in den kurzen Stunden, da ich Sie sehe, Ihre Stimme höre. Nur Ihnen gilt all mein Sehnen und Hoffen. Ich muss Sie mir erringen, Rita, wenn ich nicht verzweifeln soll. Noch habe ich immer erreicht in meinem Leben, was ich erreichen wollte, mein Wollen darf diesmal nicht zuschanden werden. Ich will Sie besitzen, ich muss!“
Es zuckte leise in Ritas schönem, lebensprühendem Gesicht. Ein seltsam forschender, lauernder Blick glomm in ihren Augen auf, ohne dass er es merkte. Dann schloss sie, wie im Übermass des Empfindens, die Augen, lehnte sich wie kraftlos an die Wand des Zimmers und presste die Hände auf das Herz.
„Gehen Sie! Ich will und darf das nicht länger anhören. Glauben Sie, weil ich Künstlerin bin und schusslos im Leben stehe, dürfen Sie mir das alles ungestraft sagen? Gerade weil ich in der Öffentlichkeit stehe, habe ich doppelt auf meinen Ruf zu achten. Und wenn mein Herz dabei in Stücke geht — ich darf Sie nicht wiedersehn.“
„Rita — das kann nicht Ihr letztes Wort sein!“
„Es muss. Eine Gemeinschaft kann, darf es nicht zwischen uns geben. Nie, niemals werde ich einem Mann angehören, der mir nicht mit seinem Herzen auch zugleich seinen Namen gibt. Ich darf mich nicht verlieren — wenn auch mein Herz für Sie spricht. Gehen Sie, quälen Sie mich nicht länger.“
Er fasste ihre beiden Hände und sah ihr, glühend vor Leidenschaft, ins Gesicht.
„Rita, Sie lieben mich!“ jauchzte er auf.
Sie schloss die Augen und schlug sie dann langsam wieder zu ihm auf. Ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund.
„Es hat keinen Sinn, wenn ich Sie belüge. — ich kann nicht lügen, wenn Sie mich so ansehen, Bernd Ralfner — ja — ja, ich liebe Sie, liebe Sie mit allen Fasern meines Seins. Aber hören Sie mich an — lieber will ich sterben, als dieser Liebe nachgeben. Ich will mir niemals stehlen und in sündhafter Heimlichkeit nur besitzen, was ich nicht stolz vor aller Welt mein eigen nennen kann. Gehen Sie — geben Sie zu Ihrer Frau, der allein ein Recht auf Ihre Liebe zusteht.“
Er presste ihre Hand an seine Lippen.
„Nein, Rita, nein, sie hat kein Recht auf meine Liebe, ich habe ihr nie ein Hehl daraus gemacht, dass ich sie nicht liebe, weil ich nicht unehrlich gegen sie sein wollte. Sie glaubt wohl, was ich bis vor kurzem selber glaubte, dass ich so kaltherzig bin, wie sie selbst. Und sie ist so kühl und teilnahmlos, dass sie völlig mit dem Stand der Dinge zufrieden ist. Wir leben nebeneinander dahin und haben beide keine Sehnsucht gehabt, dass unser Verhältnis ein anderes werden möge. Aber seit ich Sie kenne, Rita, ist das ganz anders geworden. Ich bin zu einem ganz anderen Leben erwacht, seit ich das erstemal in Ihre Augen sah. Glühende Eifersucht nagt an meinem Herzen, wenn ich Sie auf der Bühne in den Armen eines anderen Mannes sehe, und mein einziger Trost ist, dass ich weiss, dass Sie keinem andern Mann vergönnen, sich Ihnen zu nähern. Mein Leben ist wertlos ohne Sie, Sie müssen die Meine werden um jeden Preis.“
Rita Hardys Gesicht zuckte in heimlicher Erregung. Sie richtete sich auf und sagte langsam, ihm fest in die Augen sehend:
,,Niemals — so lange Sie der Gatte einer anderen sind.“
Er zuckte zusammen, und dann richtete er sich auf wie in einem jähen Entschluss.
„So werde ich die Kette zerreissen, die mich an eine andere bindet. Rita, versprechen Sie mir, meine Frau zu werden, wenn ich frei bin?“
Er sah nicht das triumphierende Aufleuchten ihrer Augen, sah nur, dass sie blass wurde vor Erregung.
„Das — das wollten Sie tun?“ fragte sie mit verhaltener Stimme.
Wieder fasste er ihre Hände und drückte sie an seine Lippen, an seine heissen Augen.
„Alles, alles will ich tun, um Sie mir zu erringen, Rita. Sagen Sie mir nur noch einmal, dass Sie mich lieben, dass Sie mir angehören wollen. Dann will ich alle Hindernisse hinwegräumen, die jetzt noch zwischen uns stehen.“
Wie im träumerischen Zagen sah sie ihn an.
,,Wenn das sein könnte — o mein Gott! Aber — Ihre Frau?“ fragte sie wie erschüttert.
Er machte eine abwehrende Bewegung.
„Glauben Sie nicht, dass sie den geringsten Schmerz empfindet, wenn ich ihr eine Trennung vorschlage. Sie wird keine Schwierigkeiten machen, weil sie rein nichts für mich empfindet. Sie kann wohl überhaupt nicht lieben. Das alles lassen Sie meine Sorge sein, Rita, nur muss ich erst von Ihnen die Gewissheit haben, dass Sie mich lieben und die Meine werden wollen, wenn ich mich freigemacht habe.“
So drängte er in zitternder Erregung.
Da schlug sie, wie überwältigt von einem grossen Gefühl, die Hände vor das Antlitz.
„Kann es denn sein? Kann es so ein grosses Glück für mich geben? Ach, mein Gott, Bernd, ich liebe Sie, liebe Sie, so lange ich Sie kenne, und habe nur diese Liebe fest in mich verschlossen, weil ich nicht schwach werden durfte ...“
Er liess sie nicht weitersprechen, riss sie in seine Arme und presste seine heissen Lippen auf die ihren. Aber mit ungeahnter Kraft drängte sie ihn zurück. Stolz blitzten ihn ihre Augen an.
,,Nein, nein, nicht so — noch sind Sie nicht frei, Bernd, noch haben Sie kein Recht, mich zu küssen. Ich will vor niemand die Augen niederschlagen müssen.“
Abwechselnd küsste er nun ihre beiden Hände, wieder und wieder.
„Aber du wirst mein, mein — Rita. Ich werde jetzt gehen. Du hast recht, meine stolze, schöne Rita soll sich nicht stehlen müssen, was ihr vor aller Welt gehören soll.“
„Und — es muss das erste- und das letztemal sein, dass Sie mich in meiner Wohnung aufgesucht haben. Bevor sie nicht frei sind, will ich Sie nicht wieder empfangen, ich muss auf meinen guten Ruf bedacht sein,“ sagte sie wie in angstvoller Unruhe.
Wieder küsste er ihre Hände.
„So lange soll ich Sie nicht sehen, nicht mit Ihnen sprechen? Das dürfen Sie nicht über mich verhängen. Gut, ich muss mich darein fügen, dass Sie mich nicht wieder in Ihrer Wohnung empfangen, aber — sehen muss ich dich zuweilen, nicht nur auf der Bühne, sonst ertrage ich es nicht, so lange auf dich zu warten. Meine Scheidung wird immerhin einige Zeit in Anspruch nehmen. Irgendwie muss ich dich zuweilen sprechen. Und — morgen abend, Rita, morgen abend musst du zu dem Feste in meinem Hause kommen. Ich mag es nicht ohne dich begehen. Und du bist geladen. Es ist ein grosser Tag für mich, Rita, morgen ist es hundert Jahre her, dass die Firma Ralfner besteht. Und an der Firma hängt mein Herz. Mein Vater und mein Grossvater, noch manche meiner Vorfahren, haben ihr ganzes Leben dem Gedeihen der Firma geweiht, und ich — wahrlich, auch ich habe ihr schon Opfer gebracht, das erzähle ich dir später einmal, wenn du meine Frau bist. Und so ist das Fest morgen ein weihevolles für mich. Du musst dabei sein, sonst fehlt mir etwas. Gleich nach dem Feste spreche ich mit meiner Frau. Erst muss das Fest noch in Ruhe verlaufen, sonst würde ich ihr gleich heute alles sagen. Nicht wahr, du kommst, du musst mir nahe sein an diesem Tage, denn du gehörst nun schon zu mir in meinem Herzen. Die andere — die hat mir nie so nahe gestanden, sie ist mir fremd geblieben. Nicht wahr, du kommst?“
Sie schien mit sich zu kämpfen, richtete sich aber dann entschlossen auf.
„Ich komme, ich kann dir diese Bitte nicht abschlagen, aber du musst mir versprechen, vorsichtig zu sein, du musst dich beherrschen. Kein Mensch darf ahnen, was zwischen uns ist, am wenigsten deine Frau.“
Er war entzückt, dass sie ihm jetzt das traute Du schenkte, und hätte sie am liebsten wieder in seine Arme gerissen, aber sie wehrte angstvoll ab. Da fügte er sich.
„Sei ruhig — ich selbst muss nun für die Reinheit deines Rufes einstehen, da du meine Frau werden sollst. Nur noch einen Kuss, Rita, es ist vielleicht für lange Zeit der letzte — nur, damit ich einen Beweis deiner Liebe habe.“
Mit einer reizend gespielten Befangenheit bot sie ihm, scheinbar im Kampf mit sich selbst, ihre Lippen. Und ein heisser Kuss besiegelte die seltsame Verlobung. Aber dann trat Rita schnell und abwehrend zurück.
,,Nun geh — bitte — geh. Wenn meine Wirtin nach Hause kommt, darf sie dich nicht hier finden. Sie weiss ja nicht, wie kühn du hier bei mir eingedrungen bist, als ich in ihrer Abwesenheit zufällig die Tür selbst auf dein Klingelzeichen öffnete: Du Barbar bist an mir vorbeigestürmt, ehe ich dich hindern konnte. Geh — ich bitte dich!“
In ihren Augen lag ein schmelzendes, rührendes Flehen, das ihn willenlos machte.
„Ich gehe, Rita! Sobald ich mit meiner Frau gesprochen habe, erhältst du Nachricht von mir. Dein Vertrag mit dem Theater läuft ja mit dieser Saison ab, und auch du wirst frei sein, wenn meine Scheidung vollzogen sein wird. Nun leb wohl, meine geliebte Rita. Auf dem Feste morgen verabreden wir, wann ich dich einmal wiedersehen darf. Irgendwo werden wir zusammentreffen können, ohne dass dein Ruf gefährdet wird. Auf Wiedersehn!“
,,Auf Wiedersehn, Bernd — lieber Bernd,“ flüsterte sie, so dass er es kaum verstand.
So schwer es ihm fiel, ging er aber nun doch, um Rita keine Ungelegenheiten zu machen. Bis ins Innerste erregt, stürmte er ins Freie.
Rita Hardy stand eine ganze Weile atemlos, mit auf der Brust verschränkten Händen, und lauschte hinaus. Erst als draussen die Flurtüre zufiel, richtete sie sich mit einer triumphierenden Gebärde hoch auf.
„Gewonnen! Er ist mein, und ich werde Frau Ralfner,“ dachte sie.
Und dann ging sie hinaus auf den schmalen Flur und öffnete am Ende desselben eine Tür.
„Sie können nun wieder ungehindert aus- und eingehen, Frau Wendt,“ sagte sie zu ihrer Wirtin.
Diese sah sie neugierig an.
,,Nun sagen Sie mir bloss, Fräulein Hardy, weshalb Sie dem Herrn unbedingt die Tür selbst aufmachen wollten und mich hier hereinsperrten, als sie ihn von Ihrem Fenster aus kommen sahen?“
Rita Hardy wurde durchaus nicht verlegen.
„Ich hatte meine Gründe, Frau Wendt. Sie wissen, ich empfange sonst keine Herrenbesuche, aber hier stand zu viel für mich auf dem Spiel.“
„Nun, ich bin nicht neugierig, und dass Sie eine anständige junge Dame sind und keine Herrenbesuche empfangen, weiss ich ja. Ich würde so etwas auch nicht dulden und habe es diesmal nur zugelassen, weil Sie mir sagten, es sei nur dies eine Mal und nur auf ein paar Minuten.“
„Sie können auch ganz ruhig sein, dass es nicht wieder vorkommt. Ich hatte wirklich nur eine wichtige, geschäftliche Unterredung mit dem Herrn, es betraf ein Engagement und es soll hier am Theater niemand davon wissen, deshalb wollte er nicht gesehen werden.“
,,Ach, so ist das! Nun, das hätten Sie mir gleich sagen können. Also Sie bleiben nur noch bis zum Ende der Spielzeit hier am Theater? Ich möchte das bloss wissen, damit ich meine Zimmer möglichst bald wieder vermieten kann.“
„Ja, so ist es, Frau Wendt, ich habe soeben ein anderes Engagement angenommen, und zum Ende der Spielzeit können Sie über meine Zimmer weiter verfügen.“
„Dann ist es gut, dass ich das schon weiss.“
Rita ging nun wieder in ihr Zimmer und warf sich auf den Diwan. Mit verschränkten Händen, auf die sie ihren schönen Kopf bettete, lag sie lange unbeweglich und starrte mit ihren seltsam schillernden Augen vor sich hin. Es war ein kaltes, begehrliches Flimmern, das in diesen Augen aufzuckte. Sie war ein kühl berechnendes Geschöpf und hatte immer mit eisernem Willen und kalter Besonnenheit auf ein Ziel zugestrebt. Dieses Ziel gedachte sie nun zu erreichen. Seit sie gemerkt hatte, dass der reiche Kaufherr Bernd Ralfner alle Abende in der Loge sass, wenn sie spielte, und seine Augen nicht von ihr liess, hatte sie mit Bedacht und kluger Berechnung ihre Netze um ihn gesponnen. Und als er sich ihr dann vorstellen liess und sie seine Verhältnisse genau kennen lernte, gab es für sie nur ein Ziel — seine, wie sie wusste, ungeliebte Frau zu verdrängen und sich an ihre Stelle zu leben. Sie kannte die Männer ganz genau, so ablehnend sie sich auch gegen sie zu verhalten pflegte, und wusste, dass Bernd Ralfner, trotzdem er der Liebe noch nie ein grosses Recht über sich eingeräumt hatte, eine uneingestandene Sehnsucht nach einem grossen Gefühl in sich verschloss. Wer dieses Gefühl in ihm auslöste, konnte von ihm alles erreichen. Er war durchaus nicht so gefühlskalt, als er selber wähnte, und war nur an der Seite einer Frau, die ihm nicht gab, wonach er sich uneingestanden sehnte, noch nicht zur Erkenntnis seines innersten Wesens gekommen. Das alles hatte sich die schlaue und geriebene Rita Hardy zunutze gemacht, und nun war sie ihrem Ziele ganz nahe gekommen. Durch ihre berechnende Gefallsucht, durch ihre schwärmerischen Blicke, ihre gut gespielte Verlegenheit, durch ihr Wehren und Begehren hatte sie Bernd Ralfner bald ganz in ihre Netze gezogen, von ihrer Schönheit unterstützt.
Und ohne dass er es ahnte, hatte sie ihn dahin gebracht, dass er von selbst auf den Gedanken kam, sich von seiner Frau scheiden zu lassen.
Immer war es ihr Ehrgeiz und ihre glühende Sehnsucht gewesen, einmal eine reiche Partie zu machen. Sie hatte wohl eine sehr schöne Begabung, die ihr, von ihrer Schönheit unterstützt, sehr annehmbare Erfolge brachte, aber ihre innere Herzenskälte liess sie doch nicht die Höhe der Kunst erklimmen, und sie fühlte sehr wohl, dass sie immer nur einen beschränkten Wirkungskreis am Theater ausfüllen könne. Sie wollte aber höher hinaus, und war im Grunde nur zur Bühne gegangen, um sich einen reichen Mann einzufangen. Zu ihrer Enttäuschung hatten sich ihr aber bisher nur die Männer mit leidenschaftlichen Wünschen, aber nicht mit ernsten Heiratsplänen genähert, wenigstens alle die, welche als gute Partien galten. Nun endlich hatte sie einen Fang getan, wie sie sich immer gewünscht hatte. Dass Bernd Ralfner verbeiratet war, machte ihr keine Gewissensbisse. Durch ihre Kälte und ihre bewusste Gefallsucht hatte sie ihn nun so weit gebracht, dass er sich von seiner Frau scheiden lassen wollte. Freilich, noch war es nur sein Vorsatz, aber sie wollte schon dafür sorgen, dass er auch ausgeführt wurde. Und dann war sie endlich am Ziel, dann war sie die Gattin des Grosskaufmanns Bernd Ralfner, der ihr alle Wünsche erfüllen konnte. Sie brauchte nicht mehr auf der Bühne zu stehen für eine lächerliche Summe, die fast allein für ihre Kleider aufgebraucht wurde. Sie konnte ein grosses Haus machen, die grosse Dame spielen, in einer schönen Villa wohnen, im eigenen Auto fahren und wurde bewundert und geliebt. Dass sie selbst nicht liebte, störte sie nicht. Sie hatte bisher immer nur sich selbst geliebt, hatte die Männer nur als Mittel zum Zweck angesehen und mit ihnen gerechnet. Ihr war immer nur wichtig gewesen, dass sie auf die Männer wirkte. Darüber hatte sie ganz vergessen, dass sie auch von Fleisch und Blut war und ein Herz in der Brust hatte, genau, wie Bernd Ralfner das bisher vergessen hatte — bis ihn die sinnlose Leidenschaft für Rita Hardy wie eine schwere Krankheit befiel, gegen die es keine Rettung gab.
Rita Hardy war jedenfalls heute sehr zufrieden mit ihrem Erfolg.
*
Bernd Ralfners junge Gattin Fredegonda, oder wie sie sich der Kürze halber nannte, Gonda, sass am Fenster ihres kleinen Salons und sah mit grossen Augen hinaus in den winterlich verschneiten Garten, der in grosser Ausdehnung die herrliche Villa umgab, in der sie feit ihrer Verheiratung wohnte. Reichtum und Luxus umgaben die junge Frau — aber sie war nicht glücklich. Wohl liebte sie ihren Gatten — Bernd Ralfner irrte sich, wenn er annahm, dass seine Frau ihn so wenig liebte, als er sie — aber sie hatte diese Liebe stets wie ein Unrecht fest in sich verschlossen, und das hätte sie nicht tun sollen, weil ihr Mann sie für gefühlskalt hielt und für gleichgültig. Sie war zu stolz, ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn liebte, und dass ihr Herz mit aller Inbrunst an ihm hing. Vom ersten Augenblick an, da er in ihr Leben getreten war, flog ihm ihr junges Herz entgegen. Sie hatte nicht anders gekonnt, als ich ihm zu eigen zu geben, als er um ihre Hand anhielt, trotzdem sie wusste, dass er sie nicht aus Liebe heiratete. Er hatte nur um sie, die reiche holländische Erbin, geworben, weil der alten, weltbekannten Firma Ralfner durch die Inflation eine schwere Krise drohte und weil er diese Krise nur abwenden konnte, wenn er ein grosses ausländisches Kapital in die Hände bekam.
Gonda war die Tochter und einzige Erbin des reichen Holländers Mynher Gooden. Ihre Mutter war eine Deutsche gewesen, war aber schon gestorben, als Gonda noch ein Kind war. Ihr Vater hatte mit grosser Zärtlichkeit an seiner einzigen Tochter gehangen.
Gonda hatte Bernd Ralfner kennen gelernt, als dieser eines Tages ihrem Vater in Amsterdam einen geschäftlichen Besuch machte. Gleich beim ersten Sehen hatte der junge deutsche Kaufherr einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Seine bemerkenswerte, fesselnde Erscheinung, seine männlich-schönen Züge, seine ganze Art, sich zu geben, hatte sie bezaubert. Aber er hatte damals kaum auf sie geachtet, trotzdem sie die Pflichten der Hausfrau im Hause ihre Vaters erfüllte, in dem er zu Gaste war. Das alte holländische Patrizierhaus und der charakteristische alte Holländer hatten ihn mehr gefesselt als seine Tochter, die so gar nicht das Gebaren einer reichen Erbin hatte und sich bescheiden im Hintergrunde hielt. Ihre stille Scheu und Zurückhaltung, die um so grösser war, je tiefer der Eindruck wurde, den Bernd auf sie machte, hielt er für Beschränktheit, und sie erschien ihm unbedeutend. Die feinen, stillen Reize ihrer Erscheinung machten keinen Eindruck auf ihn, zumal er sich wenig um die Frauen kümmerte. Er hatte schon grösseren Reizen bei Frauen widerstanden und damals nicht daran gedacht, seine Freiheit aufzugeben. Sein ganzes Sinnen und Denken hatte der Firma gehört, der er damals erst seit einem Jahre als Chef vorstand, da sein Vater bis dahin gelebt hatte.
Gleich seinem Vater war er der geborene Grosskaufmann, der königliche Kaufherr, dessen Geschäfte den Erdball umspannten und der in seinem Reiche mächtig war wie ein Fürst. Und der Firma gehörte seine ganze Kraft, zumal er sie in einer schwierigen Zeitepoche übernahm und sich für ihr Gedeihen verantwortlich fühlte.
Damals war er nach Amsterdam gekommen, um unter anderen geschäftlichen Beziehungen auch die mit der Firma Gooden neu zu befestigen, die durch den Krieg und seine Folgen etwas gelockert waren. Bernd war schon damals sehr in Sorge gewesen um das weitere Gedeihen seiner Firma, wenn er auch noch nicht so dicht vor einer Katastrophe gestanden hatte als später. Damals hatte er noch gehofft, allein, ohne fremde Hilfe, sein Schiff durch die Stürme der Inflation steuern zu können.
Aber nicht ganz ein Jahr später kam die Krise für die Firma Ralfner, und da war ihm durch Zufall ein Gedanke gekommen, wie er die Krise abwenden konnte. Grade in jenen Tagen erhielt er die Nachricht von dem Ableben Mynher Goodens, und plötzlich sah er vor seinem geistigen Auge Gonda Gooden stehen. Die schlanke, stille Gestalt mit ihrem lautlosen Walten in dem alten Patrizierhause wollte ihm nicht mehr aus der Erinnerung kommen. Sie war jetzt die einzige Erbin eines unermesslichen Reichtums. Ihr gehörte nun das grosse holländische Kaufhaus, dazu ein umfangreicher Besitz auf Java in den niederländischen Kolonien, ganz abgesehen von einem sicher sehr grossen Barvermögen, das durch keine Inflation geschmälert war.
Eines Tages musste er doch heiraten, denn die Firma Ralfner sollte einen Erben haben. Wie, wenn er versuchte, sich die junge Erbin zu erringen? Dann war die Rettung für das Haus Ralfner gefunden. Und für die Rettung seiner Firma hätte Bernd damals noch ganz andere Opfer gebracht, als eine ungeliebte Frau heimzuführen. Er reiste also ohne langes Überlegen nach Amsterdam und fand Gonda blass und still, aber anscheinend sehr gefasst und ruhig dem schweren Verlust gegenüber. Sie war eine von den Naturen, die ihre Gefühle fest in sich verschliessen und ihnen nicht so leicht Ausdruck geben können. Was sie um den Verlust ihres Vaters gelitten hatte, das wusste kein Mensch. Sie verwand es in der Stille ihres Zimmers, wo kein Auge ihren Schmerz belauschen konnte.
Bernd aber dachte, als er ihre Ruhe sah: „Sie hat nicht viel Herz.“ Das hatte ihn aber nicht abgehalten von seinem Plane, im Gegenteil, da er selbst keine Liebe zu geben hatte, war es ihm sehr lieb, dass sie anscheinend nicht viel Gefühl hatte.
Und ohne langes Zögern war er auf sein Ziel losgegangen. Er hatte Gonda gesagt, dass er von ihrem Verlust gehört habe und gekommen sei, um sie zu fragen, ob sie eines männlichen Schusses bedürfe. Zaghaft hatte sie zu dem heimlich geliebten Manne, um dessenwillen sie im Verlauf dieses Jahres manchen Bewerber ausgeschlagen hatte, aufgesehen.
„Ich muss mich ganz auf die Beamten meines Vaters verlassen, aber sie sind alle treu und zuverlässig,“ hatte sie erwidert. ,,Vor allen Dingen wissen sie in allen Dingen viel besser Bescheid als ich.“
Blass bis in die Lippen war sie dabei gewesen und anscheinend kühl und förmlich, weil sie von einer Todesangst befallen war, dass er merken könne, wie sehr sie ihn liebte und wie sehnsüchtig sie all die Zeit seiner gedacht hatte. Sie sagte ihm auch nicht, dass ihr Vater, der wohl in ihrem Herzen besser zu lesen wusste als andere Menschen, zuweilen mit ihr von Bernd Ralfner gesprochen hatte und seines Lobes voll gewesen war. „Das wäre ein Schwiegersohn für mich, Gonda, dem würde ich dich und alles, was ich habe, gern anvertrauen,“ hatte er noch kurz vor seinem Tode zu ihr gesagt.
Daran musste Goda denken, als sie nun Bernd Ralfner gegenüberstand, und die Angst, etwas von ihrem Fühlen zu verraten, machte sie befangen und ungeschickt, so dass sie ihm herzlich unbedeutend erschien und wenig begehrenswert. Aber die Not seines Hauses zwang ihm doch sehr bald die Werbung auf die Lippen. Er sprach ihr nicht von Liebe, blieb ehrlich auch in dieser Stunde und sagte ihr offen, dass er von ihr die Rettung seines Hauses erhoffte. Belügen wolle er sie nicht, aber er wolle sie stets hochhalten, ihr den Schuss seines Hauses gewähren und versuchen, ihr auch sein Herz zuzuwenden.
Gonda war bei dieser Werbung blass geworden bis in die Lippen. Sie hätte aufjubeln und zugleich schmerzlich weinen mögen, aber sie tat nichts von beiden, erschien ganz ruhig und verschloss auch jetzt alles, was sie bewegte, in ihrem Innern. Und aus allem, was er sagte, hörte sie nur das eine heraus, dass er ihrer bedurfte, um ein schweres Unglück von sich abzuwenden. Da war eine Gelegenheit für sie, ihre Opferfreudigkeit zu betätigen. Sie war eine von den seltenen Naturen, die dazu geschaffen sind, sich für andere aufzuopfern. Und hier galt es, dem Manne ihrer Liebe ein Opfer zu bringen. Sie achtete ihn nur noch höher, dass er ihr trotz seiner Bedrängnis keine Liebe heuchelte. Aber in der Tiefe ihres Herzens hoffte sie, eines Tages seine Liebe zu erringen. Ein liebendes Herz glaubt an die Kraft seiner Liebe. Gonda fühlte sich in ihrer Liebe so stark, dass sie daran glaubte, dass sie eines Tages Bernds Liebe erringen würde. Und vielleicht wäre es ihr auch gelungen, wenn sie nicht in weiblichem Stolz ängstlich jedes Gefühl verborgen und sich kühl und unbewegt gestellt hätte, so dass Bernd wirklich nicht den hohen Wert ihres Charakters ergründen konnte. Diesen Fehler beging sie schon bei seiner Werbung, wenn man eine solche stolze Zurückhaltung für einen Fehler ansehen wollte.
Ohne langes Zögern legte sie ihre Hand in die seine und gab sich dabei so nüchtern, fast geschäftsmässig, dass er seine Meinung über sie sicher nicht ändern konnte. Noch kühler und geschäftsmässiger als er, besprach sie scheinbar ruhig mit ihm, wie sie ihm helfen könne und was geschehen müsse, um die Krise von seiner Firma abzuwenden. Sie musste ihm einen grossen Teil ihres ererbten Barvermögens zu diesem Zweck zur Verfügung stellen, und sie tat das mit einer solchen Vornehmheit, dass er tief bewegt war und ihr mit warmen Worten dankte. Sie wehrte aber seinen Dank, gerade, weil er sie tief bewegte, mit kühler Zurückhaltung ab und sagte nur, es sei doch selbstverständlich, dass sie hier helfe, denn die Ehre der Firma Ralfner gehe sie doch nun auch an, da sie diesen Namen tragen wollte.
So sehr dankbar Bernd seiner Braut nun auch war, dass sie die Krise abgewendet hatte von der väterlichen Firma, fror ihn doch bei den kühlen Worten seiner Braut, und er war froh, dass er hier keine Liebe zu geben hatte. Gondas ganzes Wesen, ihre Vornehmheit, ihre wahrhafte Art in allen Dingen, die nichts von ihrer Liebe verrieten, und ihr ganzes sonstiges Auftreten nötigte ihm die grösste Hochachtung ab, aber ihre kühle Zurückhaltung erkältete ihn immer wieder, so dass er ihr nie näher kam in ihrer nun dreijährigen Ehe.
Gonda war ihm ohne Widerstreben gefolgt in seine schöne Villa an der Alster. Sie schaltete und waltete in mustergültiger Weise als Herrin in diesem Hause, begegnete aber ihrem Gatten immer in derselben stillen, ruhigen Art, die er für Kälte und Gleichgültigkeit hielt, und die doch nur die innige Liebe eines stolzen Frauenherzens verbergen sollte, die sich um keinen Preis zeigen wollte, weil sie nicht erwidert wurde. Dass Gonda es ihrem Gatten durch diese Zurückhaltung unmöglich machte, ihr sein Herz zuzuwenden, das bedachte sie nicht. Sie war nur immer darauf bedacht, sich nicht zu verraten, sich nicht aufzudrängen.
Ach, wenn Bernd nur geahnt hätte, was es seine junge Gattin kostete, diese kühle Ruhe zu bewahren, es wäre wohl alles anders geworden. Aber ihr Stolz zwang sie zu dieser Zurückhaltung, er zwang sie, Bernd zu verheimlichen, was sie im stillen litt, wie oft sie nachts in ihre Kissen weinte, und wie sehr sie sich sehnte nach seiner Liebe.
Sie sprachen fast nur von geschäftlichen Dingen. Er gab ihr Bericht über die Geschäfte der Firma Gooden, die unter der Leitung des langjährigen Prokuristen Swartsemburg geblieben war, besprach mit ihr die Nachrichten, die von ihren javanischen Besitzungen eintrafen und zeigte sich ihr im übrigen sehr ritterlich und aufmerksam.
Aber noch gab sie die Hoffnung nicht auf, seine Liebe zu eringen, trotz der vergangenen drei Jahre. Obwohl er ihr nicht mehr Wärme zeigte wie im ersten Jahre ihrer Ehe, war er doch auch nicht nachlässiger geworden in seiner ritterlichen Aufmerksamkeit für sie. Er suchte ihr noch immer jeden Wunsch zu erfüllen, und sie hatte auch die Überzeugung, dass keiner anderen Frau seine Liebe gehörte.
All sein Denken und Tun ging, wie sie wusste, nur in seiner Tätigkeit für die Firma auf. Und da er ausserdem noch die Oberleitung ihrer Geschäfte in Holland übernommen hatte, schien er auch für nichts anderes Zeit zu haben.
So froh und stolz war Gonda, dass sie mit ihrem Geld die Firma Ralfner vor dem Untergang bewahren konnte. Heute, nach dreijähriger Ehe, war diese wieder im alten Glanz erblüht, und dankbar hatte Bernd seiner jungen Gattin das geliehene Kapital vor kurzem zurückzahlen können. Sie hatte dagegen Einspruch erhoben.
„Behalte doch das Geld in deinem Geschäft, Bernd, ich brauche es ja nicht,“ hatte sie gesagt.
Aber Bernd hatte in diesen Tagen, ohne dass es seine Frau ahnte, sein Herz an Rita Hardy verloren, und er sehnte sich danach, dieser Verpflichtungen gegen seine Gattin ledig zu werden. Es quälte ihn, dass er in ihrer Schuld war. Er hatte ihr artig die Hand geküsst und gesagt:
„Lass es mich nur zurückzahlen, es macht mich frei dir gegenüber. Ich bedarf des Geldes nicht mehr, die Firma ist dank deiner Hilfe über die schlimme Krise hinweg, wofür ich dir immer dankbar sein werde. Es ist nun alles wieder in bester Ordnung.“
Es war ein schmerzliches Gefühl für sie gewesen, dass er nun ihre Hilfe nicht mehr brauchte, und doch liebte sie ihn, seiner stolzen Rechtlichkeit wegen.
Und immer noch ging die Hoffnung mit ihr, dass sie eines Tages sein Herz für sich gewinnen könnte, und ahnte nicht, dass sie mit ihrem scheuen Stolz alle Brücken zwischen ihm und sich abgebrochen hatte. ,,Wenn ich ein Kind haben würde, wenn ich ihm einen Erben für die Firma in die Arme legen könnte, ich glaube, dann könnte er mich lieben,“ hatte sie sich immer gesagt. Und deshalb sehnte sie sich unsagbar nach Mutterfreuden. Ihr schien es ganz zweifellos, dass Bernd die Mutter seines Kindes lieben müsse. Und nun endlich — endlich in diesen Tagen war ihr die Gewissheit geworden, dass der Himmel ihr Flehen erhört hatte. Schon seit Wochen war ein scheues, zagendes Glück in ihr erwacht, und sie hatte in banger Unruhe und Sehnsucht in sich hineingelauscht. So war es ihr entgangen, dass ihr Gatte gerade in diesen Wochen ein seltsam verändertes Wesen zeigte, dass er nervös und unruhig war, er, der Besonnene, Starke, Ruhige, dessen Herrenaugen den ganzen Betrieb beherrschten. Sie merkte es kaum, dass er noch mehr als sonst ausser dem Hause war, sah nicht, dass er einen unruhigen, heissen Blick in den Augen hatte und sie kaum noch beachtete. Sie wartete und wartete nur in höchster Sehnsucht auf die Bestätigung, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war.
Und heute, heute endlich war ihr nun volle Gewissheit geworden, dass sie Mutter werden würde. Eine andachtsvolle, heilige Freude erfüllte ihr ganzes Sein, nun musste ja alles, alles anders werden, nun musste sich ihr doch endlich das Herz ihres Gatten zuwenden, und nun brauchte sie ihr eigenes Fühlen auch nicht so ängstlich zu verstecken. Um ihres Kindes willen wollte sie ihren scheuen Stolz bezwingen, der Mutterstolz würde ihr Kraft geben, den Weibesstolz zu besiegen. Sie in wollte ihrem Gatten zeigen, wie sehr sie ihn liebte, und um des Kindes willen, das sie ihm schenken würde, wandte er ihr sicher auch sein Herz zu.
So voll guten Mutes war sie, so voll gläubigen Vertrauens — und ahnte nicht, dass gerade jetzt das Herz ihres Gatten sich einer anderen Frau zugewendet hatte. Sie wusste nicht, dass schon die Hand erhoben war, die all ihr Hoffen und Wünschen mit einem Schlag vernichten würde. Morgen war das Fest des hundertjährigen Bestehens der Firma Ralfner, ein Fest, das durch seinen Glanz beweisen sollte, dass die Firma Ralfner wieder ganz auf der Höhe war. Vor dem Feste wollte sie ihrem Gatten ihr Geheimnis nicht verraten, das sie so stolz und glücklich machte. Aber wenn das Fest vorüber war und wieder Ruhe im Hause herrschte, dann — dann sollte die erste stille Stunde dazu benutzt werden, um ihr Geheimnis zu verraten.
Ihre braunen Augen weiteten sich strahlend und erschienen fast schwarz. Eine heisse Glückseligkeit wallte in ihr auf. Sie malte sich in den herrlichsten Farben aus, wie er ihr Geständnis aufnehmen würde. Sie presste die Hände auf ihr Herz, weil es ihr zu zerspringen drohte.
„Hilf, Vater im Himmel, hilf, dass ich mir durch mein Kind seine Liebe erringe“, betete sie inbrünstig.
Und inzwischen weilte ihr Gatte bei Rita Hardy, die mit ihrem Wesen Bernd Ralfner so weit gebracht hatte, dass er sich ihretwegen von seiner Gattin trennen wollte.
Gonda sass noch am Fenster, als eine halbe Stunde später ihr Gatte nach Hause kam. Sie sah sein Auto am Alsterufer entlangkommen. Scheu und zaghaft zog sie sich vom Fenster zurück. Er sollte nicht sehen, dass sie sehnsuchtsvoll nach ihm ausgeschaut hatte. Er kam heute später als sonst, und sie nahm an, dass wichtige Geschäfte ihn so lange zurückgehalten hatten.
Sie setzte sich an den Kamin und nahm ein Buch zur Hand, sich den Anschein gebend, als sei sie in das Lesen vertieft. Dabei lauschte sie aber atemlos auf den Klang seiner Schritte. Sie wusste, jetzt legte er im Vorraum Hut und Pelz ab, und nun stieg er die Marmortreppe hinauf, um sich in seinem Zimmer umzukleiden. An sorgsamen Rücksichten ihr gegenüber liess er es nie fehlen. Keine Nachlässigkeit liess er sich zuschulden kommen. Sobald er sich angekleidet hatte, würde er sie aufsuchen, um sie zu begrüssen. Und dann würde er sie in das Speisezimmer führen und mit ihr plaudern, über Alltägliches, über Geschäfte, über irgendein Thema, das in der Luft lag. Sie würde darauf eingehen in ihrer stillen, verhaltenen Weise, würde noch mit keinem Blick, mit keinem Wort verraten, was sie so selig machte. Oh, bald sollte er sie von einer ganz andern Seite kennen lernen, dann sollte er sich mit ihr freuen über die bevorstehende Geburt seines Kindes.
Alles, alles sollte anders werden, des war sie gewiss. Arme Gonda! Sie ahnte nicht, welch eine Änderung ihr bevorstand, anderer Art, als sie erhoffte.
Ihre Augen huschten erwartungsvoll über die Seiten ihres Buches hinweg. Jetzt kam er. Das Herz drohte ihr stillzustehen. Sie zwang sich zu der alten Maske kühler Ruhe. Ganz deutlich vernahm sie den festen, federnden Schritt, den sie unter vielen anderen erkannt hätte. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und gab sich den Anschein, zu lesen.
Und dann trat er ein.
Mit einem unsicheren, erregten Blick sah er zu ihr hinüber und trat zu ihr heran.
,,Verzeihe, wenn ich dich warten liess, Gonda, ich hatte Abhaltung.“
Sie reichte ihm mit ihrem stillen Lächeln die Hand, die er artig an seine Lippen führte.
„Ich habe gar nicht bemerkt, dass du länger ausgeblieben bist, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Deine Geschäfte gehen vor,“ sagte sie ruhig.
Und sie ahnte nicht, dass all solche kleine Bemühungen ihrerseits, ihn niemals einen Zwang spüren zu lassen, ihm für ein Zeichen ihrer Gemütskälte galten. — Ein leises Rot war in seine Stirn getreten, als sie so selbstverständlich annahm, dass ihn Geschäfte abgehalten hatten. Aber so unangenehm es ihm war, sie zu betrügen, sagte er doch:
„Allerdings, Geschäfte hielten mich ab. Es ist mir lieb, dass du nicht gewartest hast. Wir können nun wohl gleich zu Tisch gehen.“
Dabei führte er ihre Hand an die Lippen.
Sie erhob sich sofort.
„Gewiss, es ist alles bereit,“ sagte sie freundlich.
Ja, der Haushalt war tadellos in Ordnung unter ihrer Leitung. Nie fiel ihm irgendeine Störung auf. Und überall standen Blumen, alles atmete Behagen und Sorglichkeit der Hausfrau. Das hatte er bisher als selbstverständlich hingenommen, heute fiel es ihm besonders auf, trotzdem er doch andere Dinge im Kopf hatte. Wenn Rita hier als Herrin schalten und walten würde, dann würde vielleicht im Anfang nicht alles so am Schnürchen gehen, aber das fand sich mit der Zeit, und jedenfalls würde Rita eine reizende Hausherrin sein und mit viel Anmut ihres Amtes walten.
Der Gedanke an Rita schlug ihm wie eine warme Welle über dem Kopf zusammen.
Er reichte Gonda den Arm und führte sie in das Speisezimmer hinüber. Sie legte ihre kleine Hand in seinen Arm. Wie gern, oh, wie gern hätte sie sich an seine Brust geworfen und ihm ihr Geheimnis anvertraut. Aber nein, heute sollte es noch nicht sein, heute lenkte ihn so vieles ab. Erst musste der Festtrubel zu Ende sein, dessen Vorzeichen man schon im ganzen Hause merkte. Sie betraten das grosse, schöne Speisezimmer. Wie alle Räume des Hauses war es mit gediegener, vornehmer Pracht ausgestattet. Schwere, reich geschnitzte Eichenmöbel standen an den Wänden, hochlehnige Sessel reihten sich um die gewaltige Mitteltafel und standen an der einen Wand aufgereiht.
In der Kaminecke war eine kleine runde Tafel gedeckt, nur für zwei Personen. Hier speisten die Gatten, wenn sie allein waren. Aber auch diese kleine Tafel zierte kostbares Silbergerät, Kristall und schönes altes Porzellan. Auf den mächtigen Anrichten ringsum waren auch kostbare Geräte aller Art aufgestellt und sprachen von dem Reichtum des Hauses.
Bernd Ralfner streifte diese Zeugen des gesicherten Wohlstandes, und es kam ihm in den Sinn, dass er es Gonda zu danken hatte, wenn dieser Wohlstand nicht aus seinem Hause gewichen war. Ihr Reichtum hatte die Krise bekämpft, die sein Haus bedroht hatte. Unwillkürlich zog er Gondas Hand an die Lippen, als er sie zu ihrem Platz geführt hatte. Es stieg in ihm auf wie die Erkenntnis eines Unrechts, das er an dieser Frau begehen wollte. Aber dann sah er in das ruhige, stille Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen und atmete auf. Nein, er tat kein Unrecht an ihr, wenn er sich von ihr löste. Sie würde nicht darunter leiden. Vielleicht würde sie ein wenig verärgert sein, ein wenig in ihrer Fraueneitelkeit gekränkt und ein wenig ungehalten wegen der Störung in ihrem Behagen. Aber tief würde ihr nichts gehen, ihr ging ja nie etwas tief. Nach einer kleinen Weile würde sie, wenn er sie um seine Freiheit gebeten hatte, hochmütig die Lider über die Augen fallen lassen und sagen: ,,Wie du willst, ich halte dich nicht.“
Ja, ihm war, als höre er diese Worte schon. Und er war froh, dass er ihrem Herzen nicht näher stand, damit er ihr nicht wehe zu tun brauchte, denn das wäre ihm sehr leid gewesen. Denn auf Rita Hardys Besitz zu verzichten, das erschien ihm unmöglich, nun sie ihm gestanden hatte, dass sie ihn liebte. Er musste Rita besitzen, alle seine durch ihre Gefallsucht aufgestörten Sinne schrien nach ihr. Sie musste sein eigen werden, und da es auf andere Weise nicht sein konnte, so musste die stille, blasse Frau an seiner Seite für sie den Platz räumen.
Während der Mahlzeit sah er einige Male forschend in Gondas Gesicht. Es fiel ihm heute auf, dass es schmal geworden war in der Ehe mit ihm und dass sie sehr blass und müde aussah. Anscheinend bekam ihr die Hamburger Luft nicht. Eine andere Erklärung fand er nicht dafür. Es war vielleicht sehr gut für sie, wenn sie wieder nach Amsterdam zurückkehren konnte. Das würde sie sicher tun, wenn sie sich von einander lösten. Es war ja auch das beste für sie. Und er wollte ihr natürlich gern weiter mit Rat und Tat helfen, das hatte sie um ihn verdient. Überhaupt, sie konnten doch gute Freunde werden, als Freundin war sie sicher sehr gut zu leiden. Das wollte er ihr vorschlagen, wollte ganz ruhig und verständig mit ihr reden. Es war gewiss nicht nötig, dass man im Groll voneinander schied. Und wer weiss, bald fand auch sie einen anderen Gatten, mit dem sie sicher glücklicher wurde als mit ihm. Es würde ihr nicht an Bewerbern fehlen bei ihrem Reichtum.
So suchte er sich alles ganz leicht zu machen, um sein Unbehagen fortzuscheuchen.
Nicht einen Augenblick bedauerte er, dass er mit Gonda auch ihr reiches Erbe aus seinen Händen gleiten liess. Für ihn hatte immer nur das Wert gehabt, was er sich selbst schaffen konnte. Auch die vom Vater ererbte Firma hatte nur dadurch vollen Wert, dass er täglich seine Arbeit, seinen Geist hineinstecken konnte und damit immer neues Werden und Gedeihen schaffte. Er war ein Mann der Tat, ein Mann, dem nur Selbstgeschaffenes Glück bedeutete. Gondas Erbe hatte nur soweit Bedeutung für ihn gehabt, als er dadurch die Krise von seinem Hause abwenden konnte. Und nun hatte er Gonda seine Schuld zurückgezahlt, durch eigene Kraft hatte er die Firma wieder zur alten Blüte gebracht, und er fühlte sich dadurch reich und glücklich wie ein König.
Alles dies sollte nun gekrönt werden durch den Besitz der Frau, die er liebte, die zum ersten Male ein so heisses, starkes Gefühl in ihm ausgelöst hatte. Ihr Besitz würde ihn zu ungeahnter Kraft und Freudigkeit anspannen, und ihre Schönheit würde in seinem Hause erst den richtigen Rahmen bekommen. Seine Augen strahlten auf, und in diese aufstrahlenden Augen hinein traf zufällig Gondas Blick. Sie zuckte heimlich zusammen unter diesem strahlenden Blick, wie sie ihn noch nie in seinen Augen gesehen hatte. Ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf. Es erschien ihr wie ein gutes Vorzeichen, dass er so glücklich aussah.
„Du freust dich wohl sehr auf das Fest morgen, Bernd,“ sagte sie leise mit bebender Stimme.
Er bezwang sich und neigte das Haupt mit einem Lächeln.
„Ja, ich freue mich sehr, das kannst du dir denken. Es sind doch alle nötigen Vorbereitungen getroffen worden, Gonda?“
Sie wäre ihm am liebsten jubelnd um den Hals gefallen. Heiss wallte die Liebe zu diesem Manne in ihrem Herzen auf, der ihr der liebste, beste und vortrefflichste auf dieser Welt war. Aber sie bezwang sich und sagte ruhig lächelnd:
,,Sei unbesorgt, es ist alles in vollem Gange. Die Leute tun ihre Schuldigkeit, es ist, als seien sie alle durchdrungen von der Weihe des morgenden Tages. Es geht alles wie von selbst.“
Er sah sie sinnend an. Wie seltsam es war, dass sie immer von den Leuten verlangen konnte, was sie wollte. Alle waren ihr ergeben. Und nie war Ärger im Hause, seit sie darin weilte. Früher hatte er so oft Unannehmlichkeiten mit den Dienstboten und den Haushälterinnen gehabt, die ihm mit allerlei Kleinkram lästig fielen. Jetzt war das nie mehr der Fall. Nun ja, es war eben eine Frau im Hause, da war das nicht zu verwundern.
,,Es freut mich, dass alles gut gehen wird. Hoffentlich hast du nicht so viel Mühe.“
Sie freute sich in ihrer Anspruchslosigkeit, dass er danach fragte.
„Es sind ja Leute genug im Hause. Ich habe noch einige Aushilfsdiener angestellt. Bei einer solchen Gelegenheit hielt ich das für nötig zum Gelingen des Ganzen. So ein seltenes Fest muss gebührend gefeiert werden. Hundert Jahre! Das ist eine lange Zeit.“
Er sah sie erstaunt an. Sie sprach selten so viel. Und trotzdem sie auch jetzt kühl blieb, schwang doch etwas wie Wärme und ehrliche Teilnahme in ihrer Stimme. Nun ja, da sprach wohl die Kaufmannstochter mit, die aus einer alten Patrizierfamilie stammte und solch eine Geschäftsvergangenheit zu würdigen wusste. Er musste sie aber doch forschend ansehen. Sie kam ihm heute irgendwie verändert vor. Natürlich, das bevorstehende Fest machte sie etwas lebhafter. Alle Frauen feiern gern Feste. Das war es wohl, was sie ein wenig aus ihrer Ruhe herausriss. Lau genug war sie noch immer. Wie ganz anders hätte wohl Rita solche Festvorbereitungen getroffen. Ach — Rita, Rita.
Wieder schlugen die Wogen der Leidenschaft über ihm zusammen, und vorüber war das flüchtige Interesse, das ihm Gonda abgenötigt hatte. Dafür beglückte ihn der Gedanke, dass Rita morgen das Fest mit ihm feiern würde. Schön wie ein Traum würde sie an seiner Seite schreiten, und Gonda würde dagegen wie ein wesenloser Schatten wirken. Nur aus Ritas Augen würde er Seligkeit trinken.
„Ja, eine sehr lange Zeit,“ erwiderte er in höflicher Artigkeit. ,,Du hast doch auch nicht vergessen, dass das grosse Transparent mit der Zahl Hundert im Vorraum aufgestellt wird?“
„Nein, nein, ich habe mir gleich alle deine Wünsche aufgeschrieben, es wird bestimmt nichts vergessen.“
Er verneigte sich vor ihr, wie sich ein fremder Herr wohl vor der Dame des Hauses verneigt haben würde. Es tat ihr aber heute nicht weh, sie war ja so voll gläubigen Vertrauens, dass alles anders werden würde.
„Ich danke dir,“ sagte er artig, „ich kann dir leider gar nicht helfen. Gerade jetzt habe ich im Geschäft viel zu tun. Einige der Geschäftsfreunde, die morgen mit uns das Fest begehen, sind schon heute eingetroffen und wollen noch Geschäfte mit mir abschliessen.“
„Es ist selbstverständlich, dass du dich ihnen widmest. Ich bedarf deiner Hilfe gar nicht. Wie gesagt, die Leute sind alle auf ihren Posten. Ich habe nur über dem Ganzen zu stehen.“
Er musste wieder denken, ob Rita Hardy bei einer gleichen Gelegenheit auch so geduldig und fügsam gewesen wäre, ob sie auch solche Lasten geduldig auf ihre Schultern nehmen würde. Aber er ärgerte sich über diesen Vergleich. Das war nicht Geduld, sondern beinahe Stumpfsinn, und Rita war natürlich viel zu temperamentvoll, um im gleichen Falle so ruhig und bedächtig bleiben zu können. Aber entzückend würde sie immer sein und sie würde ihn glücklich, unsagbar glücklich machen, das war gewiss.
Die Sehnsucht nach der Geliebten überfiel ihn wieder wie ein Fieber, und er achtete kaum noch auf Gonda, obwohl er scheinbar aufmerksam ihren Ausführungen über allerlei Dinge folgte, die das morgende Fest betrafen. Gonda musste sich gleich nach der Tafel zurückziehen, sie fühlte sich sehr matt und angegriffen und wollte doch am nächsten Tage frisch und leistungsfähig sein. Bernd verabschiedete sich mit einem Handkuss von ihr und atmete auf, als er allein war. Nun brauchte er doch keine Komödie mehr zu spielen, konnte ungestört an die Frau denken, die er mit der ganzen, bisher brach gelegenen Leidenschaftlichkeit seiner Natur begehrte. Das, was er für sie empfand, war freilich nur ein Begehren, eine wilde, brennende Leidenschaft, ein Sinnenrausch. Wie eine Krankheit hatte ihn das befallen. Aber das gestand er sich selbst nicht ein, weil er es nicht mit klaren Augen ansah. Ihm schien es eine wahre, allgewaltige Liebe zu sein, was ihn so machtvoll und unwiderstehlich zu Rita zog, die echte Liebe, die er nun endlich kennen gelernt hatte und die ihn selig machte, nun ihr Erfüllung werden sollte.
Alles vergass er über dieser Leidenschaft, nicht zuletzt die blasse, stille Frau, der er doch so viel zu danken hatte. Wie hätte er darauf Rücksicht nehmen sollen, dass er sie vielleicht kränken musste, gleichviel, ob sie ihn liebte oder nicht. Wenn sie ihn nur freigab, das war das einzige, was ihn kümmerte. Natürlich wollte er ihr gern jede Rücksicht angedeihen lassen, wollte alle Schonung walten lassen. Sie konnte seiner Ergebenheit sicher sein — nur sollte sie ihn nicht hindern, mit Rita glücklich zu werden.
Er starrte vor sich hin. War es möglich, dass Gonda ihm Schwierigkeiten machte?
Aber er schob diese Möglichkeit wie etwas Unerträgliches von sich, wehrte sich dagegen. Nein, nein, sie war sicher einverstanden. Auch sie konnte doch nur gewinnen bei einer Scheidung ihrer Ehe, denn glücklich, nein — glücklich hatte er sie auch nicht zu machen verstanden in der dreijährigen Ehe, das gestand er sich offen ein — heute freilich zum ersten Male. Denn heute war es ihm bequem, das einzugestehen, um sich nicht Vorwürfe machen zu müssen, dass er sie jetzt um einer anderen willen aufgeben wollte.
Ganz tief im Herzen schämte er sich freilich dieser Denkungsart, sie lag ja nicht in seinem Charakter begründet. Er gestand sich freilich nicht ein, dass er sich schämte, er suchte nur nach Gründen, die ihn vor dieser Scham retten sollten. Er wollte sich so gern vor sich selbst rechtfertigen, denn er war stets ein anständiger, vornehm denkender Mensch gewesen, und irgend etwas erfüllte ihn mit Unzufriedenheit mit sich selbst. Aber das half ja alles nichts — er fand nicht Ruhe und Rast, bis Rita Hardy sein eigen war. Dieses Fieber löschte alles in ihm aus, was er bisher für Recht und Unrecht gehalten hatte. Und mit der wilden Willenskraft seines Wesens stürmte er nun der Erfüllung seiner Wünsche entgegen. Er konnte nicht anders, er war der Sklave seiner Leidenschaft, er, der Herrenmensch, der sich sonst alles untertan machte, weil er auch Herr über sich selbst war.
Und er glaubte sich geliebt von Rita, war überzeugt, dass sie sich nur seinen Wünschen gefügt hatte, weil auch sie ihr Herz dazu zwang. Die kaltherzige, berechnende Schauspielerin hatte es verstanden, ihn ganz nach ihren Wünschen zu leiten, ohne dass er das Gefühl hatte, durch anderes als ihre Liebe beeinflusst zu sein. Nicht für ein willenloses Werkzeug ihrer Pläne hielt er sich, sondern für den Herrn seines und ihres Schicksals. Er glaubte an ihre Liebe, weil er diese Liebe begehrte mit der ganzen Kraft seiner starken Männlichkeit. Er teilte damit das Schicksal so vieler starker Männer, die sich durch die selbstsüchtigen Wünsche eines berechnenden Weibes am Narrenseil führen lassen, ohne es zu merken. Und wenige Zimmer von ihm entfernt lag sein junges Weib und träumte von einem süssen, geheimnisvollen Glück, das von nun an ihr ganzes Leben mit Licht und Sonne füllen sollte. Wie auf ein seliges Wunder hoffte sie auf ihr Kind. Es musste ihr ja das Herz ihres Gatten zuwenden.
Und friedlich schlummerte Gonda ein. Sie wollte morgen stark und frisch sein, weil der morgende Tag ein Ehrentag für den geliebten Mann war, dessen Glück ihr noch viel, viel mehr galt als das eigene.
Bis in ihre Träume hinein nahm sie das starke Glücksgefühl, das heute nichts aus ihrem Herzen bannen konnte. Keine Ahnung warnte sie, dass ihr Glück bereits in Scherben lag, von ruchloser Frauenhand zerstört.
*
Villa Ralfner erstrahlte im hellsten Lichterglanz. Ein leichtes Schneegestöber hatte am Abend eingesetzt. Dessen ungeachtet stand eine neugierige Menge draussen am Gartentor, um etwas von all dem Glanze zu erhaschen. Unaufhörlich rollten die Autos und Kutschen durch das offene Gartentor, über den bereiten Fahrweg, bis zum Portal des Hauses, von dem ein rotleuchtendes Zeltdach ausgespannt war, bis zu den anfahrenden Wagen, damit die ankommenden Gäste vor dem Schneegestöber geschützt waren.
Das Portal stand weit offen. Zahlreiche Diener in der vornehm schlichten Dienertracht des Hauses standen bereit, die ankommenden Gäste zu empfangen und ihnen behilflich zu sein. Ein breiter roter Teppich lag über dem Weg und auf der breiten Treppe bis zu dem Portal. Im Vorraum versanken die Füsse der Ankommenden in weichen, kostbaren Teppichen. Wahrlich, niemand, der diese vornehm abgemessene Pracht sah, konnte daran zweifeln, dass Haus Ralfner in jeder Beziehung gut gefestigt war.
In dem grossen Empfangszimmer stand der Hausherr, eine achtunggebietende Erscheinung, und neben ihm an seiner Seite seine Gattin, in einem überaus kostbaren Gewand, durch dessen silbrigen Seidenglanz ein zartes, erdbeerfarbiges Muster schillerte. Gonda liebte stets eine vornehme Einfachheit in der Kleidung. Ganz schlicht fiel der kostbare Stoff an ihrer schlanken Gestalt hernieder. Als einzigen Schmuck trug sie eine lange, sehr wertvolle Perlenschnur um den Hals, und an der linken Hand wurde der Goldfinger durch einen Ring von seltener Schönheit und Kostbarkeit geschmückt. Eine grosse Perle war von Brillanten umgeben, und der Schmelz der Perle wetteiferte mit dem Glanz der Brillanten. Gonda war sehr blass, ebenso farblos wie ihre Perlen, aber es lag doch ein eigener, feiner Reiz über ihrer Erscheinung. Die samtbraunen Augen leuchteten in einem goldigen Glanze, und über ihr reiches, kastanienbraunes Haar streute das Licht metallische Funken. Ein mässiger Ausschnitt liess den schlanken Hals und den edelgeformten Nacken frei. Auch die schlanken, feingeformten Arme waren unbekleidet. Es widerstrebte ihr, der herrschenden Mode folgend, ihre Reize schamlos zu enthüllen, wie das fast alle anwesenden Damen taten, eben weil es grosse Mode war, tiefe Ausschnitte zu zeigen. Auch sonst sehr spröde Frauen machten diese Mode mit. Obwohl die meisten Damen einen Bubikopf hatten, trug Gonda ihr reiches Haar glatt aus der schönen klaren Stirn zurückgestrichen, und es fiel im Nacken in einem grossen weichen Knoten auf die weisse Haut, was einen sehr reizvollen Gegensatz bot.
Aber trotz all dieser feinen Reize, die nicht gleich blendend ins Auge fielen, wurde Gonda von mancher der anwesenden Damen überstrahlt, eben, weil sie etwas blass und farblos wirkte. Sie hatte auch nicht die Gabe, ihre Reize zur Schau zu stellen. Man musste sich Mühe geben, sich in diese Züge zu vertiefen, wenn sie wirken sollten.
Vollständig in den Schatten gestellt wurde Gonda aber erst, als Rita Hardy eintraf. Sie trug ein ausgesucht feines Kleid aus Silberspitzen über einem Unterkleid von rosigem Brokat, das mit Straussenfedern in der Farbe des Unterkleides besetzt war. Ein riesiger Fächer aus gleichfarbigen Straussenfedern gab ihr Gelegenheit zu allerlei koketten Künsten. Mit feucht schmachtenden Augen und verführerisch lächelnden Lippen trat sie an die Gastgeber heran, die sie begrüssten. In dem Augenblick, als Bernds Augen in die der schönen Schauspielerin trafen, verspürte Gonda einen kaum wahrnehmbaren Ruck, der durch die Gestalt ihres Mannes ging wie ein magnetischer Strom. Er küsste ihr, wie all den Damen, die er begrüsste, artig die Hand. Aber als er sich aufrichtete, war seine Stirn gerötet, und Gonda sah, dass die Augen Bernds mit denen der Schauspielerin in einem durchdringenden Aufstrahlen zu sammentrafen. Da war ihr plötzlich, als griffe eine erbarmungslose Hand würgend an ihren Hals. Sie stand wie gelähmt und starrte auf die beiden Menschen, die sich in scheinbar herkömmlicher Weise begrüssten, und hörte doch, dass in ihres Mannes Stimme ein Beben war, als verberge er eine heftige Erregung.
Bisher hatte Gonda nie eine andere Rivalin gefürchtet als die Arbeit ihres Mannes, und die Eifersucht war ein unbekannter Begriff für sie. Jetzt zum ersten Male fühlte sie eine fremde, jähe Qual in sich aufsteigen, die nichts anderes war, als eine unbewusste Eifersucht auf Rita Hardy. Das Bewusstsein der betrogenen Frau war erwacht, ganz jäh und unvermittelt, aber mit einer Dringlichkeit, die Gonda fast die Besinnung nahm. Und sie wurde sich auch bald darüber klar, dass dies schmerzhafte Gefühl in ihrer Brust nur Eifersucht sein konnte.
Gonda wusste, so wie diese Frau hafte Bernd noch nie ein weibliches Wesen angesehen. Und nun musste sie auch an seinen aufstrahlenden Blick denken, der ihr gestern an ihm aufgefallen war und den sie als ein glückliches Zeichen angesehen hatte. Eine wahnsinnige, unbeschreibliche Angst stieg in ihr auf. Sie hätte aufschreien mögen wie ein Kind, das sich im Dunkel fürchtet. Aber sie brachte es doch fertig, Rita Hardy zu begrüssen wie die anderen Gäste.
Im Verlauf des Abends musste sie aber immer wieder, wie magnetisch angezogen, zu Rita Hardy hinübersehen. Einmal, während sie mit blassen Lippen und dieser immer noch in ihr wühlenden Angst mit einem Geschäftsfreund ihres Gatten sprach, sah sie, dass am anderen Ende des Zimmers Bernd mit Rita Hardy zusammengetroffen war. Sie sprachen scheinbar gleichgültig miteinander, aber Gonda sah, wie der Blick ihres Mannes in unverhüllter Leidenschaft auf Rita Hardys Zügen ruhte und wie sie diesen Blick mit schmachtendem Augenaufschlag erwiderte. Heiss loderte es danach in Bernds Augen auf. Es schien, als hätten diese beiden Menschen nur noch Augen für einander.
Gonda kämpfte mit einer Ohnmacht und riss sich zusammen. Um Gottes willen, nur nicht ohnmächtig werden und das Fest stören, auf das sich Bernd so gefreut hatte. Aber ihr war, als müsse sie hinübereilen zu den beiden Menschen und sie auseinanderreissen. Ein ohnmächtiges Stöhnen brach aus ihrer Brust. Sie hätte vor ihrem Mann in die Knie sinken und ihn anflehen mögen: Tue mir nicht so namenlos weh, das ertrage ich nicht. Und ihr Blick musste doch eine heimliche Macht über Bernd ausüben. Er wandte sich um und sah in Gondas Augen. Sie waren verschleiert, blicklos vor Entsetzen, aber eine Blutwelle jagte doch über seine Stirn. Nein, hier in seinem Hause durfte er sich nicht zu Unbesonnenheiten durch seine Leidenschaft hinreissen lassen. Noch war Gonda die Herrin dieses Hauses, und er war ihr Hochachtung schuldig und durfte sie nicht beleidigen. Offen und wahr musste er ihr erst alles gesagt haben. Hintergehen wollte er sie nicht. Er hätte schon gesprochen, wenn er nicht diese Feier seines Hauses ungestört hätte vorübergehen lassen wollen. Und er führte Rita, ihr hastig einge Worte zuflüsternd, zu einer Gruppe von Herren und Damen. Dann trat er an die Seite seiner Gattin, die jetzt allein mitten im Saal stand und mit einem blassen, versteinerten Gesicht ihm entgegenblickte.
Sie war ihm nie so reizlos erschienen wie an diesem Abend, und ihre angstvolle Starrheit hielt er wieder für Unempfindlichkeit. Sein Blick fiel kalt und musternd auf sie. Ihre Lider lagen schwer über den Augen, sie musste ihm ja ihr Entsetzen verbergen, das sie befallen hatte. Nur mit Aufbietung aller Kraft zwang sie sich einige Worte ab, die nichtssagend waren und seelenlos klangen.
„Sie ist unausstehlich langweilig,“ dachte Bernd mit der Mitleidslosigkeit seiner Leidenschaft für eine andere. Die Gäste waren nun vollzählig erschienen. Gonda wurde von Senator Tillesen zu Tisch geführt, und dessen Gattin, eine schöne, weisshaarige Greisin, war dem Hausherrn zur Tischdame bestimmt. Gonda hatte selbst die Tischordnung gemacht. Als sie sich nun mit ihrem Tischherrn auf ihren Platz niederliess, zuckte sie betroffen zusammen. Wenn auch ihr Gatte, wie es bestimmt war, die greise Senatorin führte, so sah sie doch erstaunt, dass an seiner anderen Seite Rita Hardy Platz genommen hatte, die von einem Freunde ihres Gatten geführt worden war. Gonda wusste aber ganz genau, dass sie Fräulein Hardy und den Freund ihres Mannes weiter unten an der Tafel untergebracht hatte. Bernd musste also die Karten vertauscht haben, damit Rita Hardy an seine Seite kam. Ja, richtig, auf den Plätzen, die sie für Fräulein Hardy und ihren Herrn bestimmt hatte, sass ein Geschäftsfreund Bernds mit seiner Dame, für die eigentlich die Plätze neben Bernd von ihr bestimmt worden waren. Ihr Herzschlag setzte aus, wieder musste sie mit einer Ohnmacht ringen, die sie jetzt so oft schon bei kleinen Anlässen befiel bei ihrem Zustand, von dem noch kein Mensch, als nur ein fremder Arzt eine Ahnung hatte. Die Tafel schien sich in einem wilden Reigen um sie zu drehen, krampfhaft hielt sie sich fest an der Tischkante und schloss einen Augenblick die Augen. Alle Willenskraft aufbietend, besiegte sie die Schwäche, und der wilde Reigen um sie her kam wieder zum Stillstand. Sie trank hastig einen Schluck Wein und biss dann die Zähne fest aufeinander, um sich beherrschen zu können. Aber die lange Tafel mit den endlosen Toasten wurde ihr zu einer Qual ohnegleichen, und niemand merkte das stille Dulden dieser Frau. Kein Wort von all den mehr oder minder witzigen und geistreichen Toasten fand den Weg zu ihrem Bewusstsein, und Bernd hatte wiederholt Veranlassung, festzustellen, dass seine Frau mehr als unbeteiligt dasass und kaum die Lippen zu einem starren Lächeln verzog. Er ahnte nicht, was für Folterqualen sie erduldete, sonst hätte er sich ihrer wohl erbarmt.
Nicht er allein fand heute seine Frau langweilig und steif, auch ihre Umgebung bei Tisch fand diese junge blasse Frau reichlich langweilig. Sie quälte sich nur mühsam einige Worte ab, liess mit einem maskenhaften Lächeln ihr Glas an das der andern klingen und verbarg all ihr Leid unter einer starren Miene. Was dabei in ihr vorging, wusste nur sie allein. Immer wieder sah sie den Blick ihres Gatten aufleuchtend in den Rita Hardys treffen, wofür diese mit einem sinnverwirrenden Lächeln dankte. Und Bernd sprühte heute vor Geist und Witz, sein ganzes Wesen schien ihr verändert, so feurig und belebt wie nie zuvor. Und Rita Hardy reckte sich stolz an seiner Seite. Ihre kalten Nixenaugen streiften zuweilen die blasse Hausfrau mit einem triumphierenden Aufleuchten. Gonda war, als trage sie den Tod im Herzen, und sie hatte immer nur den einen Wunsch, dass dieses Fest, auf das sie sich Bernds wegen so gefreut hatte, ein Ende nehmen möge, damit sie sich in der Einsamkeit verkriechen konnte.
Endlich konnte sie wenigstens die Tafel aufheben, und nun strömten die Gäste in gehobener Stimmung in die Nebenräume, um dort den Mokka zu nehmen und zu plaudern, bis der Ball begann. Alles war in fröhlichster Laune, nur die Hausfrau war seltsam still und bleich, man machte sich ein wenig lustig über die langweilige Holländerin und bedauerte wohl den geist- und witzsprühenden Hausherrn, der eine so langweilige Lebensgefährtin an seine Seite gestellt hatte. Gonda hatte all die Jahre, seit sie in Hamburg weilte, wenig Verkehr gehabt und sich immer nur auf die nötigste Geselligkeit beschränkt. Niemand war sie in ihrer scheuen Verschlossenheit nähergetreten. Sie stand wohl mit einer Jugendfreundin, Doritje van der Straaten, in regem Briefwechsel, und Bernd hätte wahrscheinlich ungläubig gestaunt, wenn er die geistvollen und liebenswürdigen Briefe seiner Frau an ihre Freundin hätte lesen können. Und da niemand in das reiche Seelenleben Gondas eingedrungen war, das sie ja auch ihrem Gatten nicht aufgeschlossen hatte, so urteilte man im ganzen ziemlich lieb- und verständnislos über sie und erwies ihr auch heute nur so viel Aufmerksamkeit, als man der Dame des Hauses unbedingt schuldig zu sein glaubte.
Gonda war es auch sehr zufrieden; es wäre ihr noch lieber gewesen, wenn man sie gar nicht beachtet hätte. Bernd kümmerte sich sehr wenig um seine Frau. Einesteils war er von Repräsentationspflichten und von seinen Geschäftsfreunden in Anspruch genommen, und andernteils galt seine Aufmerksamkeit Rita Hardy, die es klug verstand, ihn vollends vor Leidenschaft sinnlos zu machen.
Als der Tanz begann, musste sich auch Gonda den üblichen Pflichttänzen unterziehen, aber wo es nur anging, entschuldigte sie sich mit einem verstauchten Fusse. Ein Unwohlsein wagte sie nicht einzugestehen, weil sie fürchtete, das Fest dadurch zu stören. Bernd tanzte aber unaufhörlich, und so oft er konnte, ohne Aufsehen zu erregen, tanzte er natürlich mit Rita. Dabei konnte er ihr wenigstens zuflüstern, wie sehr er sie liebe und wie sehr er sich danach sehne, sie zu besitzen.
„Morgen, morgen mache ich mich frei für dich, Geliebte,“ flüsterte er ihr während eines Tanzes zu.
Sie schmiegte sich in seine Arme und sah mit einem bezaubernden Blick zu ihm auf. Die arme Gonda sah auf die beiden strahlenden Menschen und erzitterte vor Qual und Herzeleid. Eine tiefe Trostlosigkeit hatte sie befallen. Sie fühlte, dass sie nicht imstande war, eine so schöne und fesselnde Rivalin aus dem Felde zu schlagen. So lange Bernd nichts geliebt hatte wie seine Arbeit, hatte sie immer noch Hoffnung gehabt, seine Liebe zu erringen. Heute abend aber starb diese Hoffnung unter tausend Schmerzen. Sie konnte sich nicht täuschen, Bernd liebte Rita Hardy. Ach, sie kannte jeden Zug seines Gesichtes, wusste, dass er heute, in Ritas Gegenwart ein anderer war und dass ein heisses, starkes Fühlen aus seinen Augen brannte, wenn er Rita ansah.
Ach, nur einmal einen solchen Blick aus seinen Augen auf sich selbst ruhen fühlen — ihre Seligkeit hätte sie darum gegeben. Sie beneidete die junge Künstlerin und hätte ihr freudig ihren ganzen Reichtum gegeben, wenn sie dafür Bernds Liebe hätte eintauschen können. Der Abend wurde ihr endlos lang. Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie sich hätte unbemerkt zurückziehen können, zumal ihr Zustand sie ohnehin schonungsbedürftig machte. Aber sie musste bleiben, bis das Fest zu Ende war und der letzte Gast das Haus verlassen haben würde.
Aber auch dieser Abend hatte ein Ende, und endlich war Gonda erlöst. Als die letzten Gäste das Haus verlassen hatten, stand sie Bernd einen Augenblick schweigend gegenüber. Sie waren nun ganz allein. Gonda hatte noch den Abschiedsblick aufgefangen, den Bernd Rita Hardy nachgesandt hatte, und sie hatte die Zähne aufeinanderbeissen müssen, um nicht in ein haltloses Weinen auszubrechen. Und nun stand er vor ihr in seiner ganzen sieghaften Männlichkeit, noch den heissen Blick in den Augen, mit dem er der Schauspielerin nachgesehen hatte. Aber sie merkte, dass sein Blick sogleich kalt und ruhig wurde, als er auf ihrem blassen Gesicht ruhte.
„Du bist gewiss sehr müde, Gonda. Das Fest war sehr anstrengend für dich, zumal du die ganzen Vorbereitungen zu bewältigen hattest,“ sagte er artig.
Sie nahm alle Kraft zusammen. Ein armes, blasses Lächeln irrte um ihren Mund.
„Wenn nur alles nach Wunsch ausgefallen ist, Bernd — ich bin wirklich sehr müde,“ sagte sie tonlos.
Er merkte nun doch, dass sie am Ende ihrer Kraft war, und sofort brach das Ritterliche seines Wesens durch. Am liebsten hätte er gleich heute nacht noch mit ihr über das gesprochen, was ihm am Herzen lag, aber der erschöpfte Ausdruck ihres Gesichts erschreckte ihn.
„Es war alles herrlich gelungen, Gonda, aber nun sehe ich, dass du dich überanstrengt hast. Das tut mir aufrichtig leid. Komm, lass dich nach deinem Zimmer führen, du musst Ruhe haben,“ sagte er wärmer und herzlicher als sonst, weil Hilflosigkeit bei Frauen immer auf seine ritterlichen Gefühle wirkte.
Sie erbebte leise unter dem ungewohnten Klang und legte ihre Hand auf seinen Arm. Und als sie so, sorglich von ihm gestützt, an seiner Seite dahinschritt, wollte noch einmal etwas wie ein scheues Hoffen in ihr lebendig werden. Warum war sie so verzagt? Morgen würde sie ihm sagen, dass sie ihm ein Kind schenken würde — dann würde er alles andere, auch die schöne Rita Hardy, vergessen. Ganz gewiss würde er das — sie war eine Törin, dass sie nicht siegessicher gewesen war heute abend. Ein leichter Rausch, ein leichtes Wohlgefallen an der schönen Künstlerin hatte ihn wohl befallen, das war doch so verständlich, aber das reichte doch nicht über diesen Festabend hinaus, und ganz gewiss nicht, wenn er erfuhr, dass sie Mutter werden würde. Ach, dann würde er noch viel sorglicher und zartfühlender mit ihr umgehen als jetzt, da er sie nur ein wenig überangestrengt hielt. Nein, nein, sie wollte sich aller Ängste entschlagen und fest darauf bauen, dass von morgen an alles besser werden würde.
Wie ein heisses Gebet stieg es aus ihrer Seele empor, dass ihr Kind das heilige Wunder bewirken möge, auf das sie so inbrünstig hoffte.
Und als Bernd sich an der Tür ihres Schlafzimmers mit einem Handkuss von ihr verabschiedete und sich wieder aufrichtete, sah er plötzlich ihre Augen mit einem Leuchten zu ihm emporstrahlen, wie er es noch nie in ihren Augen gesehen hatte. Er stutzte, aber schon war dies Leuchten wieder verschwunden.
„Schlafe gut, Gonda, und lass dich morgen früh nicht stören. Ich muss zeitig fort, habe noch einige geschäftliche Besprechungen mit auswärtigen Geschäftsfreunden. Aber ich komme dann eine Stunde zeitiger als sonst nach Hause, weil ich allerlei mit dir zu besprechen habe, ich treffe dich hoffentlich dann zu Hause an. Oder hast du um diese Zeit etwas vor?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, ich habe nichts vor und werde dich erwarten,“ sagte sie leise.
Sie konnte sich kaum noch aufrecht halten.
Er öffnete ihr die Tür, liess sie eintreten und ging davon, um sein Zimmer aufzusuchen.
Gonda aber fiel drinnen in ihrem Schlafzimmer ihrer Jungfer, die sie erwartet hatte, ohnmächtig in die Arme.
Es war nicht das erstemal, und Gonda hatte ihr befohlen, nicht darüber zu sprechen, es sei nicht. von Bedeutung, nur eine Folge von Blutarmut. So mühte sich die Jungfer verständig um ihre ohnmächtige Herrin, ohne Hilfe herbeizurufen. Und als Gonda wieder zu sich gekommen war, sagte die Jungfer bescheiden, aber dringend:
„Gnädige Frau sollten aber doch einmal einen Arzt befragen. Gnädige Frau sind anscheinend sehr blutarm, und dagegen muss doch etwas getan werden.“
Mit einem müden Lächeln winkte Gonda ab.
„Es hat wirklich nicht viel auf sich, Erna. Nur habe ich mich bei den Vorbereitungen zum Fest und heute abend bei dem Feste selbst ein wenig überanstrengt. Nun werde ich mich ausruhen, und bald ist alles wieder gut. Sie sprechen auf keinen Fall darüber, denn das wäre mir unangenehm.“
„Gnädige Frau können ganz unbesorgt sein, ich sage es niemand, da Sie es befehlen.“
Und Erna kleidete ihre Herrin aus. Sie war ihr sehr ergeben, wie alle Dienstboten im Hause, denn sie liess jeden zu seinem Recht kommen und hielt die Leute gut.
Gonda atmete auf wie erlöst, als sie auf ihrem Lager ruhte und nun endlich allein war. Schlafen konnte sie trotz aller Müdigkeit nicht gleich. Sie sah mit grossen Augen ins Dunkel der Nacht.
Was würde der morgige Tag bringen? Wie würde ihr Geständnis auf ihren Gatten wirken? Würde es siegreich ihre schöne Rivalin aus dem Felde schlagen?
Sie betete inbrünstig darum und schlief endlich erschöpft ein.
*
Am nächsten Vormittag ging Gonda ruhelos im Hause hin und her. Die gut geschulte Dienerschaft hatte schon alle Spuren des gestrigen Festes beseitigt. Das ganze Haus atmete eine behagliche, vornehme Ruhe.
Die Hausfrau merkte aber nichts von diesem Behagen. Als sie am Morgen aufgestanden war, hatte Bernd das Haus schon verlassen. Er war immer ein Frühaufsteher, unternahm jeden Morgen sehr zeitig einen Ritt oder trieb sonstwelchen Sport, und er litt es nicht, dass Gonda seinetwegen früher aufstand, als es ihr gut war. So trafen sie überhaupt meist erst beim Mittagessen zusammen. Heute nun hatte sich Bernd eine Stunde früher angesagt. Sie war sehr froh darüber, denn wenn er ihr gesagt hatte, was er mit ihr zu besprechen haben würde, dann wollte sie diese Gelegenheit benützen, um ihm ihr Geheimnis anzuvertrauen. Es war nun doch wieder ein leises Hoffen in ihrer Seele, dass noch alles gut werden könne. Sie schalt sich aus, dass sie gestern abend in einem Anfall törichter Eifersucht wahrscheinlich mehr gesehen hatte, als in Wirklichkeit geschehen war. Bernd hatte sich sicher nur gut unterhalten mit der jungen Künstlerin. Warum sollte er das auch nicht tun? Sie war sicher sehr unterhaltend und geistvoll und hatte ihn angeregt. Und Gonda nahm sich ganz fest vor, in Zukunft ihre Scheu zu besiegen und Bernd merken zu lassen, dass er auch mit ihr über alle Dinge plaudern konnte, die einen gebildeten Menschen beschäftigen. Sie hatte das bisher nur nicht gewagt, weil sie immer glaubte, er sei mit seinen Gedanken nur beim Geschäft. Das war vielleicht ein Fehler gewesen, den sie nun gutmachen wollte.
Sie fragte sich im stillen, was ihm wohl bei Rita Hardy so besonders gut gefallen hatte. Gonda war mit ihrem Gatten oft im Theater gewesen und hatte Rita Hardy schon oft spielen sehen. Aber immer hatte ihr nur die Schönheit der jungen Künstlerin Gefallen abgenötigt, eine grosse Begabung sprach sie ihr ab, wenigstens fehlte ihrem Spiel die Seele. Aber das hatte Bernd wohl kaum gemerkt, das spürte wohl nur eine Frau. Ihn hatte gewiss nur die grosse Schönheit der jungen Dame gefesselt, und die war bezaubernd genug. Hatte sie Gonda doch selbst so bezaubert, dass sie gern die Bekanntschaft der jungen Künstlerin gemacht hatte. Das war allerdings auf Bernds Wunsch vor einigen Wochen geschehen, aber dabei hatte Gonda gar nichts gefunden, hatte sie doch selbst eines Tages den Wunsch geäussert, einen jungen Sänger in ihrem Hause zu empfangen, dessen Kunst sie begeistert hatte. Und was ihr recht war, das war. Bernd billig. War es nicht kleinlich von ihr, auf die Schauspielerin eifersüchtig zu sein, nur weil Bernd sich gut mit ihr unterhalten hatte und von ihr angeregt worden war?
So redete sie sich selbst zu. Weshalb sollte sie überhaupt noch zagen? Was sie Bernd heute sagen würde, das würde alle Rivalinnen siegreich aus dem Felde schlagen. So kam sie mehr und mehr in eine hoffnungsvolle Stimmung.
Aber langsam, sehr langsam für ihre liebevolle Ungeduld verging der Vormittag. Immer wieder sah sie sehnsuchtsvoll hinaus, bis endlich das Auto ihres Gatten auf das Haus zukam. Sie trat schnell noch einmal vor den Spiegel und betrachtete sich kritisch. Nein — gut sah sie heute nicht aus mit dem blassen Gesicht und den dunklen Ringen um die Augen.
Auch das dunkelblaue Kleid stand Gonda nicht gut, es liess sie noch blasser erscheinen. Das war jedoch nun nicht mehr zu ändern, Bernd war schon im Hause und musste jeden Augenblick bei ihr eintreten. Eine launenhafte Frau hätte ihn ruhig warten lassen, bis sie sich vorteilhafter zurechtgemacht hätte, aber solche kleinen Manöver waren ihr fremd. Und so stand sie und sah ihm erwartungsvoll entgegen.
Er begrüsste sie artig und höflich wie immer, aber er musste dabei eine leichte Befangenheit unterdrücken. Leicht wurde ihm nun doch nicht, was er ihr zu sagen hatte. Er sah sie forschend an und bemerkte sehr wohl, dass sie noch etwas matt und abgespannt aussah. Das schob er natürlich nur auf das gestrige Fest. Und jedenfalls erschien sie ihm reizloser denn je. Trotzdem kostete es ihn einige Anstrengung, die nötige Ruhe zu seiner Eröffnung zu finden. Immerhin war es nicht leicht, einer Frau sagen zu müssen, dass man sich von ihr scheiden lassen wolle, wenn sie einem auch noch so gleichgültig war. Sein ritterliches Empfinden sträubte sich dagegen, und er suchte noch einen kurzen Aufschub, indem er mit ihr über das gestrige Fest redete.
Gonda war aber in einer so grossen inneren Aufregung, dass sie dieses belanglose Gespräch als Marter empfand. Und ganz gegen ihre Gewohnheit tat sie schliesslich den ersten Schritt und sagte hastig:
„Du sagtest mir gestern abend, dass du eine Stunde früher nach Hause kommen wolltest, um etwas mit mir zu besprechen. Was hast du mir zu sagen?“
Sie sassen einander gegenüber und hatten nur einen kleinen runden Tisch zwischen sich. Bernd biss sich auf die Lippen. Er war es so gar nicht gewöhnt, dass Gonda einmal selbst an eine Sache heranging. Nun war die Entscheidung da, und einen Augenblick verliess ihn seine sonstige zielsichere Entschlossenheit. Er hätte jetzt die Entscheidung gern noch ein wenig hinausgeschoben, um erst einen passenden Übergang zu haben, aber nun half kein Zögern mehr. Er gab sich einen Ruck, um die nötigen Worte zu finden, und begann etwas unsicher:
„Ganz recht, Gonda, ich habe dir etwas von grosser Wichtigkeit zu sagen und bitte dich, mir zu verzeihen, wenn ich es dabei an der nötigen Ritterlichkeit fehlen lasse. Die Angelegenheit lässt sich aber nicht ohne einige Rücksichtslosigkeit ordnen. Ich muss mich jedenfalls an deine Grossherzigkeit wenden.“
Sie sah schnell, fast freudig zu ihm auf.
„Du brauchst Geld, Bernd,“ suchte sie ihm zu helfen.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, diesmal geht es um mehr, Gonda. Und es wird mir sehr schwer, dir meine Bitte vorzutragen. Ich wage es nur, weil ich gewiss weiss, dass du mir sehr gleichgültig gegenüberstehst und weil ich weiss, dass ich dir daher nicht wehe tun werde.“
Ihr war plötzlich, als wenn ein heftiger Frost sie befiel. Ihre Hände wurden eiskalt, und ein Zittern lief über sie dahin. Eine grauenhafte, unbestimmte Angst befiel sie plötzlich, und sie brachte nur mit allergrösster Anstrengung einige heisere Worte hervor:
„Was also — um was willst du mich bitten?“
Da sie wieder die Augen gesenkt hielt, merkte er nicht, was in ihr vorging. Er war auch viel zu viel mit seinem eigenen Unbehagen beschäftigt, um viel auf sie zu achten. Ein tiefer Atemzug hob seine Brust. Und nur beherrscht von dem Wunsche, schnell zu sagen, was gesagt werden musste, richtete er sich entschlossen auf und sagte ein wenig heiser vor Erregung:
„Lass es mich kurz fassen und sieh das nicht als Schonungslosigkeit an. Ich bin jetzt nicht in der Lage, viel vorbereitende Worte zu machen. Sei gut und grossherzig, Gonda, — gib mir meine Freiheit wieder!“
Gonda sass wie gelähmt. Dieser Schlag traf sie wie ein Todesurteil. Es gehörte all ihr weiblicher Stolz dazu, nicht mit einem Aufschrei zu seinen Füssen niederzustürzen und ihn anzuflehen: „Töte mich, aber verlange das nicht von mir.“ — Sie brachte es fertig, mit versteinertem Gesicht, wie leblos dazusitzen, während alles in ihr in einem wilden, furchtbaren Aufruhr war.
Er blickte sie mit brennenden Augen an und sah eine blasse, leblose Frau mit bewegungslosem Gesicht und niedergeschlagenen Augen. Was hinter diesen gesenkten Augen, was in dem Herzen dieser Frau vorging, das ahnte er nicht, er wartete nur mit erregter Spannung auf ihre Antwort, ihre Entscheidung. Und da sie so gar kein Zeichen einer Empfindung gab, hielt er ihr Verhalten jetzt wieder für Gefühlsmangel.
So sassen sie eine Weile stumm einander gegenüber, Gonda mit dem Tod im Herzen und mühevoll ringend mit dem Wunsche, jetzt tot zu seinen Füssen niederfallen zu können. Diese kurze Minute dünkte Gonda eine schmerzvolle Ewigkeit, während sie für Bernd nur eine peinliche Erwartung war. Endlich vermochte es Gonda, mit Aufbietung ihrer ganzen, so oft geübten Selbstbeherrschung, einige Worte zu sprechen.
„Du — versteh ich dich recht — du willst dich von mir scheiden lassen?“
Diese Worte klangen in der furchtbaren Not ihres Herzens steif und hölzern, wie auswendig gelernt. Sie verrieten ihm nichts von der Marter, die sie fühlte, und erschienen ihm nur für den Ausdruck eines unangenehmen Staunens.
Er atmete wieder tief auf.
„Ja, Gonda. Du weisst, wir haben uns im Herzen nicht zusammenfinden können, wie ich einst geglaubt und gehofft habe. Ich habe nie geglaubt, dass ich eine Frau anders, heisser lieben könnte als dich, habe gemeint, immer so ruhig neben dir dahinleben zu können. Aber nun ist eine Frau in mein Leben getreten, die mich gelehrt hat, anders zu empfinden. Mein ganzes Sehnen gehört dieser Frau, die auch mich in gleicher Weise liebt. Ich muss sie besitzen, wenn ich nicht für mein ganzes ferneres Leben unglücklich werden soll. Und da ich weiss, dass du nicht mehr für mich empfindest als freundschaftliche Zuneigung und dass ich dir also mit meinem Wunsche nicht wehe tue, wage ich es, mich an deine Grossmut zu wenden. Auch für dich wird es noch ein schöneres, besseres Glück geben, als ich dir habe bieten können. Lass uns den Irrtum unserer Ehe gutmachen, Gonda, gib mich frei und gestatte mir, unsere Scheidung so schonungsvoll wie möglich für dich einzuleiten. Alles soll geschehen, was dir den Wechsel in der äusseren Lebensführung leicht macht. Du brauchst nur zu bestimmen. Lass mich dir ein ergebener Freund bleiben, ich stehe dir gern auch in Zukunft in jeder Weise, wenn du mich brauchst, zur Verfügung. Ich will dir von ganzem Herzen dankbar sein. Es wird dir ja nicht schwer werden, von mir zu gehen. Und Kinder, die uns aneinander fesseln könnten, haben wir ja gottlob nicht.“
Sie senkte das Haupt noch tiefer und krampfte die Hände zusammen.
Sollte sie ihm jetzt sagen: „Aber wir werden ein Kind haben — ich trage es unter dem Herzen?“
Sie wusste, damit würde sie ihn halten können, auch jetzt noch, damit beschnitt sie ihm auf alle Zeit seine Freiheitsgelüste. Aber sie war nicht die Frau, die solche Mittel anwandte, um einen Mann zu fesseln, der sich nach einer anderen sehnte. Sein Ausspruch, dass er für sein ganzes ferneres Leben unglücklich sein würde, wenn er die Frau, die er liebte, nicht besitzen konnte, verschloss ihr den Mund. Sie liebte ihn zu sehr, auch jetzt noch, um sein Unglück zu wollen. Um keinen Preis hätte sie ihm nun jetzt noch ihr Geheimnis, von dem sie so viel gehofft hatte, anvertraut. Er durfte jetzt nicht wissen, dass sie ein Kind erwartete, denn dann würde er sie halten wollen, auf sein Glück verzichtend, dafür kannte sie ihn zu genau. Und um keinen Preis der Welt hätte sie sich jetzt noch von ihm zurückhalten lassen, nachdem er ihr seine Liebe zu einer anderen gestanden hatte. Der Boden brannte ihr plötzlich unter den Füssen, ihr war, als erdrückten sie die Mauern dieses Hauses, in dem sie sich nur ungern geduldet wusste — in das eine andere Frau als Herrin einziehen würde.
Ihr Stolz half ihr, auch jetzt in dieser furchtbarsten Stunde ihres Lebens Haltung zu wahren. Sie rang alles in sich nieder und fragte nur tonlos:
„Du — du liebst Rita Hardy?“
Er hörte nur eine kalte Gleichgültigkeit aus dieser Frage.
„Ja, Gonda, sie ist es, die mein Herz gewonnen hat. Und sie liebt mich wieder, trotzdem sie mich erst hart zurückwies, weil sie wusste, dass ich verbeiratet bin. Erst, als ich ihr sagte, dass wir nur eine Vernunftehe geschlossen haben und ich dir nicht wehe tun würde, gestand sie mir ihre Liebe und willigte ein, meine Frau zu werden, wenn ich erst frei bin. Ich sage dir das alles offen und ehrlich, denn ich will dich nicht betrügen. Dazu achte ich dich zu hoch und bin dir zu viel Dank schuldig. Ich lege nun mein Schicksal in deine Hände und bitte dich noch einmal um meine Freiheit, die allein mir das Leben wieder lebenswert machen kann. Wirst du grossmütig sein?“
In Gondas Herz war neben der Liebe zu Bernd ein bitteres Gefühl des Neides und der Eifersucht für Rita Hardy erwacht. Aber ihre opferfreudige Liebe siegte. Sie wusste jedoch, dass sie sich nicht lange mehr beherrschen konnte und dass sie ihm ihr ganzes Elend enthüllen würde, wenn sie nicht so schnell als möglich dieser Unterredung ein Ende machte. Sie erhob sich mit Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft, und obwohl ihr die Knie zitterten, mühte sie sich, Haltung zu wahren.
„Du bist frei! Ordne alles, wie du es für gut hältst und gestatte mir, dass ich mich jetzt zurückziehe, ich fühle mich schon den ganzen Morgen nicht recht wohl,“ sagte sie tonlos.
Auch er erhob sich und wollte dankbar ihre Hand fassen, aber sie sah es nicht und ging an ihm vorüber nach der Tür. Sie hatte nur den einen heissen Wunsch jetzt, mit ihrer Qual allein zu sein, und das eine Bestreben, ihren Stolz so lange zu behaupten, bis sie aus seinen Augen war.
Wenn ich jetzt nur um Gottes willen nicht ohnmächtig werde, dachte sie angstvoll, und schritt wankend zur Tür. Aber noch ehe sie dieselbe erreichte, fiel sie plötzlich lautlos zu Boden. Eine tiefe Ohnmacht enthob sie für kurze Zeit ihrer Schmerzen.
Erschrocken neigte sich Bernd über Gonda und sprang dann auf, um Dienerschaft herbeizuklingeln. Mit einem Diener trug er Gonda in ihr Schlafzimmer. Die Zofe kam herbei.
„Helfen Sie mir, meine Frau ist ohnmächtig geworden,“ sagte Bernd noch ganz fassungslos.
Die Zofe beugte sich über ihre Herrin.
„Sie brauchen nicht zu erschrecken, gnädiger Herr. Die gnädige Frau hat in letzter Zeit oft Ohnmachten gehabt. Sie ist sehr blutarm. Aber sie wollte nie, dass ich davon reden sollte. Auch einen Arzt wollte sie nicht haben. Die Ohnmachten gehen ja auch immer schnell wieder vorüber. Erst gestern nacht, nach dem Feste, hatte sie wieder eine.“
Bernd war zumute, als falle eine schwere Last von seiner Seele. Er hatte gefürchtet, dass seine Bitte um Freiheit Gonda doch zu sehr erregt haben könne, und war nun froh, zu vernehmen, dass diese Ohnmacht nichts Aussergewöhnliches war.
Er mühte sich mit Erna, Gonda wieder zu sich zu bringen, und bald schlug diese die Augen wieder auf und sah zunächst etwas verwirrt um sich. Sie sah Bernds blasses, unruhiges Gesicht, und versuchte zu lächeln.
„Habe ich dich erschreckt? Es ist nichts, ich fühlte es schon kommen und brach deshalb die Unterredung mit dir so schnell ab. Meine Blutarmut verursacht zuweilen solche Anfälle. Sie haben nichts auf sich. Aber bitte lass mich jetzt allein.“
„Kann ich nichts für dich tun?“ fragte Bernd, mit einem bedrückten Gefühl in ihr bleiches Gesicht sehend.
,,Nein — nein — nur lass mich allein!“ stiess sie heiser hervor.
Da ging er hinaus.
Gonda lag mit geschlossenen Augen und liess willenlos mit sich geschehen, was die Zofe für nötig hielt. Aber dann winkte sie dieser ab.
„Gehen Sie, ich brauche nichts als Ruhe! Lassen Sie mich allein, bis ich Sie rufen werde;“ sagte sie tonlos.
Die Zofe verliess das Zimmer, und Gonda war nun endlich allein mit ihrer Qual und Not. Sie war eine hilflose Beute ihrer furchtbaren Verzweiflung. Alles in ihr war zerbrochen. Was sie gehofft und ersehnt hatte, war vernichtet. Nun, da ihr ein Kind geschenkt werden sollte, das ihr das Herz ihres Gatten gewinnen sollte, war dieses Herz von einer andern Frau in Besitz genommen worden. Es blieb ihr nun nichts mehr übrig, als still aus seinem Leben zu verschwinden, damit er sie wenigstens nicht hassen lernte als lästige Fessel, die ihn von seinem Glück schied. Nein, sie wollte ihm jetzt nicht sagen, dass sie ein Kind von ihm unter dem Herzen trug. Sie wollte ihn damit nicht fesseln und unglücklich machen. Es war genug, wenn sie allein unglücklich wurde. Er sollte frei sein — ganz frei. Was aus ihr wurde — das war ja nach alledem so gleichgültig. Am liebsten hätte sie das Leben von sich geworfen, aber der Gedanke an das Kind bannte sie ins Leben, sonst nichts. Sie war nur froh, dass sie Bernd gegenüber die Täuschung hatte aufrecht erhalten können, dass er ihr gleichgültig sei. Auch dieses Opfer hatte sie ihm gebracht, um sein Gewissen nicht zu beschweren.
Was sie dieses Opfer kostete? Niemand konnte das ermessen, als sie selbst. Und niemand sollte das wissen, am wenigsten Bernd selbst.
Nachdem ihr einige Stunden so in namenloser Qual vergangen waren, trat ihre Zofe ein, ohne dass sie dieselbe gerufen hatte.
,,Gnädige Frau verzeihen, aber ich sorgte mich so um gnädige Frau. Bedürfen gnädige Frau meiner wirklich nicht?“
Das Mitleid, das ihr aus den Worten dieses einfachen Mädchens entgegenklang, zeigte ihr so recht deutlich, wie vereinsamt und verlassen sie war. Niemand kümmerte sich um sie, als eine Dienerin. Sie richtete sich mühsam empor.
„Ich fühle mich schon wieder ganz wohl,“ sagte sie.
Gnädige Frau sehen aber entsetzlich bleich aus. Soll ich nicht einen Arzt rufen? Der gnädige Herr bat, ehe er ins Geschäft fuhr, mir aufgetragen, unbedingt einen Arzt zu rufen, aber ich wagte es nicht ohne die Erlaubnis der gnädigen Frau.“
Gonda war erschrocken, um Gottes willen jetzt nicht den Hausarzt, der Bernd ihr Geheimnis verraten konnte.
„Sie haben sehr recht getan, Erna, den Arzt nicht zu rufen, er kann mir auch nicht helfen, alles, was mir jetzt helfen kann, ist Luftveränderung. Das ist bei Blutarmut immer das beste. Ich habe auch schon mit meinem Mann darüber gesprochen, dass ich einige Wochen verreisen werde. Ich muss ohnedies einmal wieder nach Amsterdam reisen und wollte nur erst das Fest vorüber lassen. Wollen Sie mich begleiten, Erna?“
„Aber sehr gern, gnädige Frau. Wann gedenken gnädige Frau zu reisen?“
Gonda hatte sich das alles in ihrer qualvollen Einsamkeit überlegt und sagte nach kurzem Zögern:
„Heute noch. Packen Sie schnell meine Sachen, was ich für eine Reise von vier Wochen brauche. Wir können noch den Abendzug erreichen. Ich telephoniere inzwischen mit meinem Mann und bespreche das mit ihm.“
„Werden gnädige Frau heute nicht zu matt sein?“
„Nein, nein, ich bin schon wieder ganz wohl, und je eher ich fortkomme, desto schneller werde ich mich erholen. Ich muss wirklich etwas für mich tun. Mein holländischer Arzt kennt meine Natur am besten. Also packen Sie sogleich meinen Koffer, Erna.“
Gonda hatte es über sich vermocht, das alles ganz gefasst und ruhig zu sagen. Sie wollte tunlichst jedes Aufsehen vermeiden. Natürlich hatte sie durchaus nicht die Absicht, mit ihrem Gatten zu telephonieren.
Eins war ihr klar geworden in diesen Stunden der Qual, sie konnte Bernd nicht noch einmal ins Antlitz sehen. Ein Zusammentreffen mit ihm musste jetzt für sie eine unerträgliche Marter sein, der sie sich nicht noch einmal aussetzen konnte, ohne das Schlimmste zu befürchten. Und so hatte sie den kurzen Entschluss gefasst, abzureisen, ehe er wieder nach Hause kam. Es würde ja auch für ihn das Angenehmste sein, wenn er nicht noch einmal mit ihr zusammentreffen musste.
Und so zag und hilflos sie auch sonst in ihrem Wesen war, ihr. Stolz gab ihr Kraft, Entschlüsse zu fassen und zu handeln.
Sie traf also in Eile ihre Reisevorbereitungen, nachdem sie sich zu einem Entschluss durchgerungen hatte. Gegen acht Uhr pflegte Bernd nach Hause zu kommen. Bis dahin musste sie sein Haus verlassen haben. Er durfte sie nicht mehr hier finden. Zu sagen hatten sie sich nichts mehr, einiges, was Äusserlichkeiten anbetraf, konnte sie ihm schriftlich hinterlassen.
Als sie das bedachte, fasste sie doch wieder ein brennender Schmerz. Sie wusste, dass sie es nie verwinden würde, ihn verloren zu haben. Und einen Augenblick stieg es doch wieder verlockend in ihr auf: Sag es ihm, dass du dich Mutter fühlst, dann wird er dich halten, wird dich nicht gehen lassen. Aber sie biss die Zähne zusammen. Nein, sie konnte fernerhin nicht an seiner Seite leben, mit dem Bewusstsein, dass er eine andere Frau liebte, dass sie ihm eine Fessel sein würde, die ihn von seinem Glücke trennte. Lieber einsam dahinsiechen in ungestillter Sehnsucht nach ihm.
Dass er Rita Hardy so namenlos liebte, wunderte sie nicht. Hatte sie doch selbst ihre Schönheit, ihre Anmut, ihren Geist bewundert. Dass Rita nur zu blenden verstand und durchaus nicht so geistvoll war, als sie den Anschein erwecken wollte, ahnte Gonda nicht. Was wusste sie in ihrer schlichten, ehrlichen und vornehmen Art von den Künsten einer so durchtriebenen Künstlerin, die im Leben noch eine viel bessere Schauspielerin war, als auf der Bühne. Sie war auch viel zu unerfahren, um zu begreifen, dass Rita Bernd nur aus Berechnung in ihre Netze gezogen hatte. Sie glaubte ganz bestimmt, dass sie Bernd liebte. Wie konnte es auch anders sein? Einem Mann wie Bernd mussten doch alle Frauenherzen zufliegen. Und Rita Hardy würde viel besser als sie in den Rahmen dieses Hauses passen, das sie nun als eine Verstossene verlassen musste. Die Eifersucht, die in ihrem Herzen brannte auf ihre glückliche Rivalin, war nicht imstande, Gonda zu Ungerechtigkeiten zu verleiten, dazu war sie viel zu vornehm in ihrem Denken und Empfinden. Und ihre Ansicht über sich selbst war eine viel zu bescheidene. Sie war keines niedrigen Gefühls fähig. Nur durfte sie sich nicht dem Gedanken hingeben, dass Bernd nun diese andere Frau mit all der Liebe überschüttete, nach der sie sich selbst so namenlos gesehnt hatte, sonst war es vorbei mit ihrer Fassung.
The free sample has ended.