Read the book: «13 Wochen»
Harry Voß
13 Wochen
Roman
Für Elisa und Josia
Harry Voß,
man kennt ihn als Autor der Buchreihe »Der Schlunz«, die sogar verfilmt wurde. Eigentlich ist er Referent für die Arbeit mit Kindern beim Bibellesebund und schreibt dort jede Menge Kinderbücher.
Mit »13 Wochen« zeigt Harry Voß, dass er nicht nur auch für die Älteren schreiben, sondern ihnen sogar eine richtige Gänsehaut bereiten kann!
Impressum
© 2014 by Bibellesebund Verlag, Marienheide SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH Holzgerllingen
© 2018 der 6. Auflage
© 2019 der eBook-Ausgabe
Bibellesebund Verlag, Marienheide
https://shop.bibellesebund.de/
Cover: Julia Neudorf, Gummersbach.
ISBN 978-3-95568-309-2
Bei den angegebenen Bibelversen handelt es sich um eine freie Übertragung des Autors.
Hinweise des Verlags
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
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Inhalt
Titel
Impressum
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
Dankeschön
1. Kapitel
Was für ein Gewitter! Simon starrte in das Dunkel der Nacht hinaus. Da, der nächste Blitz! Was für eine Wahnsinns-Naturerscheinung, wenn so ein Blitz wie eine gelbe Flusslandschaft den schwarzen Himmel durchpeitscht. In Gedanken zählte er mit. Einundzwanzig, zweiundzwanzig … der Donner kam so plötzlich und mit solch einer Wucht, dass Simon zusammenzuckte. Zum Glück war niemand außer ihm in seinem Zimmer. Eigentlich war er kein Typ, der zusammenzuckte. Simon war einer, der das Leben fest in der Hand hielt. Ein Siegertyp, vor dem die meisten in der Schule Respekt hatten. Umso ärgerlicher, dass er sich von so einem blöden Gewitter derart einschüchtern ließ. Zugegeben, ein so heftiges hatte er schon lange nicht mehr erlebt. Früher, als er noch ein Kind war, war er schon bei viel kleineren Gewittern zu seinen Eltern gerannt und hatte sich bei ihnen versteckt. Das tat er natürlich jetzt, mit fünfzehn, schon lange nicht mehr. Simon trat auf das Fenster zu und griff nach dem Rollogurt. Normalerweise ließ er das Rollo über Nacht oben. Es gefiel ihm, wenn sich morgens die Dämmerung in seinem Zimmer ausbreitete und man Tag für Tag sehen konnte, wie es heller wurde und der Sommer näher kam. Simon mochte den Sommer und er hasste den Winter. Er hasste auch den Frühling. Dass es wieder grün wurde, war das einzig Gute am Frühling. Aber der Rest war totaler Mist. Alle hatten schlechte Laune: die Lehrer, die Schüler, die Eltern, alle. Jeder hatte die Nase voll von dem dunklen Winter. Jeder wartete nur darauf, endlich wieder im T-Shirt in die Schule gehen zu können. Seit gestern war nun endlich April und alles deutete darauf hin, dass es wieder hell und grün wurde. Und so ein Gewitter wie dieses schien der ganzen Welt mit aller Macht zeigen zu wollen, dass auch das zum April gehörte: schlechtes Wetter.
Simon ließ den Gurt vom Rollo wieder los. Nein. Nur wegen eines blöden Gewitters würde er nicht das Rollo runterlassen. Simon war ein Sieger und er würde sich nicht verstecken. Nicht hinter einem runtergelassenen Rollo, nicht unter seiner Bettdecke, und erst recht nicht bei seiner Mama. Er stand nah am Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Blitze zuckten über den Dächern der Stadt. Der Regen prasselte mit einer Lautstärke gegen die Scheibe und auf sein Fensterbrett, als ginge die Welt unter. Simon kniff die Augen zu einem Spalt zusammen und versuchte, durch die Regenwand hindurch irgendetwas zu erkennen. Sein Zimmer lag im Erdgeschoss. Wenn das Licht in seinem Zimmer aus war, konnte er auch im Dunkeln die Umrisse der Bäume und Büsche im Garten erkennen, auch Teile des kleinen Holzhäuschens mit den Gartengeräten. Wenn allerdings das Licht im Zimmer an und es draußen dunkel war, so wie jetzt, dann erkannte er draußen nichts, es sei denn, irgendetwas würde direkt vor seinem Fenster stehen. Umgekehrt wusste er, wenn jemand draußen stehen würde, könnte der alles erkennen, was Simon hier drinnen tat. Wenn er sich abends vor dem Schlafengehen auszog, stellte er sich manchmal vor, wie Nadja zufällig vorbeikommen und ihn beobachten würde. Allein die Vorstellung daran ließ sein Herz schneller klopfen. Natürlich wusste er, dass das niemals passieren würde. Der Garten war von einer großen Hecke umsäumt. Und die Straße dahinter war weit genug weg. Selbst wenn jemand die Straße entlanggehen würde, könnte der sicher nichts erkennen. Außer natürlich, Simon würde sich direkt vor dem Fenster ausziehen. Aber das tat er selbstverständlich nicht.
Es blitzte wieder. Simon zählte. Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig. Ein Donner. Harmlos. Weit weg. Kein Grund mehr zum Zusammenzucken. Auch der Regen ließ nach. Simon beschloss ins Bett zu gehen. Es war inzwischen nach Mitternacht. Eigentlich schon Montag. Zweiter April. Er hatte am Nachmittag mit Jan so lange am PC gezockt, dass er erst nach 10:00 Uhr abends zu Hause angekommen war. Das hatte ganz schönen Stress mit seinen Eltern gegeben, denn die wollten, dass er um zehn längst im Bett lag. Aber das war ja wohl lächerlich. Simon war immerhin keine zwölf mehr. Meistens ließ er seine Eltern in dem Glauben, er würde ins Bett gehen und chattete dann noch bis nachts um eins oder zwei mit seinen WhatsApp-Freunden oder er zockte Internetspiele. Natürlich mit Kopfhörern. Aber jetzt war er müde. Kurz vor halb eins war ein guter Zeitpunkt, um ins Bett zu gehen. Weiterhin seinen Blick auf das Dunkel des Fensters gerichtet, zog er sein T-Shirt aus.
Ein weiterer Vorteil, wenn das Licht an und es draußen dunkel war, bestand darin, dass er sein Fenster als Spiegel benutzen konnte. Simon hatte keinen Spiegel in seinem Zimmer. Aber manchmal wollte er seinen Körper eben doch auch mal kritisch begutachten. Für seinen Geschmack war Simon viel zu dünn. Dünne Arme, dünner Bauch, Hühnerbrust. Manchmal überkam es ihn und er machte tagelang so viele Situps und Liegestütze, dass er sich vor Muskelkater kaum bewegen konnte. Danach gab er es wieder für mehrere Wochen auf. Aber so was wie ein Sixpack ließ sich auf seinem Bauch nicht blicken. Da gab es manche in seiner Klasse, die sahen jetzt schon aus wie die Jungs aus den Vampirfilmen, die anscheinend schon mit Sixpack auf die Welt gekommen waren. Wie die das hinbekamen, war ihm schleierhaft, aber er fragte natürlich nicht nach. Unfair war es trotzdem. Auch mit seinem Gesicht war Simon nicht wirklich zufrieden. Viel zu weiche Gesichtszüge. Hart und kantig wäre ihm lieber. Irgendwie männlicher. Manche hielten ihn noch für einen Achtklässler, obwohl er schon in der neunten Klasse war. Wenigstens hatte er keine Pickel. Wenn er an Leon dachte − puh, der sah manchmal aus wie ein Streuselkuchen. Furchtbar!
Simon musterte sich weiter von oben bis unten. Mit seinen blaugrauen Augen war er eigentlich ganz zufrieden, obwohl er fand, dass so richtig himmelblaue Augen noch besser bei den Mädchen ankommen würden. Einige Mädchen in seiner Klasse waren trotzdem hinter ihm her, und blaugrau war immer noch besser als so ein langweiliges Braun. Seine Haare waren auch ganz okay. Blond und kurz. Nichts Besonderes, aber auch besser als dieses Kack-Braun, womit manche aus seiner Klasse gestraft waren. Außerdem hatte er es raus, wie man sich die Haare so stylte, dass es richtig gut aussah. Wenn er morgens das Haus verließ, war er mit seinem Gesamtbild meistens recht zufrieden. Ein Siegertyp eben. Simon drehte sich seitlich zum Fenster und spannte die Bauchmuskeln an. Nein, da könnte er wirklich noch an sich arbeiten. Wenn in ein paar Monaten die Freibäder öffneten, musste das anders aussehen.
Plötzlich geschah etwas, das Simon den Atem raubte. Sein Spiegelbild im Fenster teilte sich. Aus seinem Gesicht, das sich eben noch prüfend angeschaut hatte, trat ein zweites Gesicht daneben und gaffte mit großen Augen von außen durch sein Fenster hinein. Mit einem lauten Aufschrei krachte Simon auf den Boden, heftete seinen Blick aber weiterhin auf das Gesicht im Fenster. Kein Zweifel – da stand jemand zehn Zentimeter vor seiner Fensterscheibe und starrte hinein. Und wenn er nicht genau gewusst hätte, dass er hier gerade auf dem Boden saß, würde er sagen, er selbst stünde da draußen vor seinem eigenen Fenster und schaute rein. Sein Spiegelbild war lebendig geworden! Aber es konnte nicht sein Spiegelbild sein, denn der Typ da draußen trug einen Kapuzenpullover – Simons Kapuzenpulli! – und die Haare hingen ihm klatschnass vom Regen ins Gesicht. Obwohl Simon sich zusammenreißen wollte, schrie er noch einmal laut auf, krabbelte auf allen Vieren zur Tür, zog sich am Türgriff hoch und rannte aus seinem Zimmer. O nein, o nein, on nein! Jemand stand im Garten und schaute in sein Zimmer rein! Simon lehnte von außen an seiner Zimmertür und schnaufte wie nach einem 400-Meterlauf. Er fasste sich an sein Herz. Es pochte, als würde er jeden Augenblick ermordet. Wurde er ja vielleicht auch! Simon japste immer noch nach Luft. Ihm wurde schwindelig, so schnell atmete er ein und aus.
Dann zwang er sich zur Ruhe. Erst mal nachdenken. Licht aus. Genau. Ohne sein Zimmer zu betreten, streckte er seine Hand durch den Türschlitz und tastete nach dem Lichtschalter. Klick. Aus. Jetzt war es im Zimmer wieder dunkler als draußen. Wenn jemand reinschauen wollte, würde er nichts mehr sehen. Aber Simon würde draußen jeden sehen können. Vorsichtig setzte Simon sich auf alle Viere und schob langsam die Tür so weit auf, dass er seinen Kopf gerade so eben durchstecken konnte. Er schaute zum Fenster. Niemand. Sofort stand er auf und schaute genauer hin. Niemand zu sehen. Er ging mit zwei Schritten bis direkt ans Fenster und presste die Nase an die Scheibe. Der Garten war leer. Das war doch unmöglich!
Simon griff nach seinem Handy und schrieb an Jan: »Warst du gerade vor dem Fenster?«
Antwort nach wenigen Sekunden: »Alter, ich schlafe!«
In jede WhatsApp-Gruppe: »Ist von euch jemand bei mir und steht vor meinem Zimmer?«
Einige Male: »Nein.«, »Spinnst du?«, »Lass mich schlafen.«
Dann zog er sein Sweatshirt wieder an, schlüpfte in seine Turnschuhe und nahm sein Handy als Taschenlampe mit zur Haustür. »Simon, bist du das?«, rief seine Mutter von oben aus dem Wohnzimmer.
»Alles gut!«, rief Simon nach oben. »Muss nur kurz was nachschauen!«
Er schaltete die Taschenlampe an seinem Handy an. Die Haustür lehnte er an, sonst würde er nachher nicht mehr reinkommen. Dann ging er nach draußen und um das Haus herum. Es regnete immer noch, wenn auch nicht mehr so stark wie vorhin. Er spürte den Regen kaum − seine Gänsehaut unter dem Pullover fühlte sich an wie eine Schutzschicht aus Metall. Obwohl er sich selbst zwingen wollte ruhig zu bleiben, keuchte er wieder wie gerade eben, als er sich vor seinem eigenen Spiegelbild erschreckt hatte. Er bewegte sich langsam an der Hauswand entlang, um mit dem Schein der Lampe jeden Winkel ausleuchten zu können. Überall schien es zu rascheln und zu knacken, aber das war bei dem Regen ja kein Wunder. Bald war er einmal um das Haus herum gegangen, sodass er jetzt auf der Rückseite stand. Im Garten. Direkt vor seinem eigenen Zimmer. Es war niemand zu sehen. Simon ging einmal quer durch den Garten, vorbei an allen Büschen und Bäumen bis zur Hecke am Gartenrand. Da, war da was? Jetzt ärgerte er sich, dass er keine richtige Taschenlampe dabei hatte. Bis in die hintersten Ecken leuchtete sein Handy natürlich nicht. Also fand er niemanden. Er hörte auch niemanden, traute sich aber auch nicht, einmal laut: »Hallo, ist da jemand?«, zu rufen. Wenn da jemand wäre, würde der bestimmt nicht antworten: »Ja, hier hinter dem Busch, komm bitte und töte mich mit deinem messerscharfen Handy!«
Das Gartenhäuschen. Ob der Fremde da hinein geflohen war? Simon näherte sich dem Häuschen und fragte sich gleichzeitig, ob er sich überhaupt trauen würde da reinzugehen. Was, wenn da wirklich einer drinsaß? Ein Einbrecher, ein Mörder oder sonst ein Verbrecher? Der würde ihn doch im Handumdrehen überwältigen. Neben der Tür zum Gartenhaus lag ein Schraubenzieher von seinem Vater. Mit einem schnellen Griff hob er ihn vom Boden auf und hielt ihn in die Luft wie einen Dolch, mit dem man jederzeit zustechen konnte. Sollte hier wirklich jemand sitzen und sich auf ihn stürzen, würde er das gnadenlos tun. Das schwor er sich in dem Augenblick, als er den Riegel an der Tür öffnete.
Der Raum stank nach Holz, altem Stoff und Grillkohle. Aber so sehr Simon auch die Ecken ausleuchtete, hier war niemand. Auf unheimliche Weise erleichtert, verriegelte er das Häuschen von außen, behielt aber den Schraubenzieher in der Hand, während er zurück durch den Garten auf das Haus zuging. Vor seinem Zimmerfenster blieb er stehen und leuchtete hinein. Genau hier hatte jemand gestanden. Hundert Prozent. Oder hatte er vor lauter Gewitterangst schon Gespenster gesehen? Hatte sich nur sein Spiegelbild verschoben? Gab es dafür nicht sogar eine physikalische Erklärung? Während er da stand und die Fensterscheibe seines eigenen Zimmers ausleuchtete, fiel ihm auf, dass er noch nie nachts um diese Uhrzeit allein hier im Garten gestanden hatte. Es war immerhin nach 12:00 Uhr. Geisterstunde. Als Zweites wurde ihm klar, dass er gerade mit dem Rücken zum riesigen Garten stand. Irgendjemand könnte sich ihm von hinten nähern. Er versuchte, sein Spiegelbild im Fenster zu erkennen. Und das, was da gerade hinter ihm vor sich ging. Waren da nicht sogar Schritte im Garten ganz in seiner Nähe? Seine Finger umklammerten den Schraubenzieher. Er biss seine Zähne noch fester zusammen. Schon meinte er zu spüren, wie jemand seinen Atem in Simons Nacken blies. Mit einem Ruck drehte er sich um und stach zu.
Nur Luft. Niemand da. Simon schüttelte den Kopf. Das wurde ihm jetzt doch zu dumm. Er würde sich jetzt nicht noch weiter in alberne Gruselgeschichten hineinsteigern. Wahrscheinlich hatte er sich das vorhin nur eingebildet. Fertig, aus. Mit schnellen, entschlossenen Schritten ging er um das Haus zurück bis nach vorne zur Haustür. Sie war immer noch angelehnt, aber während er sich hineinschlich und die Tür von innen schloss, krochen schon wieder unheimliche Gedanken in ihm hoch. Jemand hätte, während er selber hinten im Garten war, vorne zur Haustür reingehen können. Unweigerlich schaute er sich in seinem eigenen Hausflur um, ob er beobachtet wurde. Er leuchtete jeden Winkel ab.
Was ihm niemals irgendwie schlimm vorkam, war ihm jetzt plötzlich doch unheimlich: Nicht nur Simons Zimmer lag in der unteren Etage des Hauses. Weil das Haus keinen Keller hatte, befanden sich auch der Heizungsraum und eine große Abstell- und Gerümpelkammer im selben Stockwerk. Wohnzimmer, Küche, Badezimmer – alles lag eine Etage höher. Nur das Schlafzimmer seiner Eltern war noch hier unten, direkt neben Simons Zimmer. Aber seine Eltern saßen oben im Wohnzimmer. Die hatten natürlich nicht mitbekommen, was sich hier unten in den letzten Minuten abgespielt hatte und wer hier rein- oder rausgegangen war. Wieso waren die eigentlich noch so lange auf? Die gingen doch sonst nicht so spät ins Bett.
Einem Impuls folgend flitzte er die Treppe nach oben und betrat das Wohnzimmer. Für einen Augenblick erwartete er schon, seine Eltern dort tot aufzufinden. Aber sie saßen vor dem Fernseher. Irgendein alter Krimi.
»Was ist los?«, fragte seine Mutter in dem Tonfall, als sei ihr kleiner Sohn krank geworden.
»Nichts, alles gut.« Simon versuchte, mit einem Blick alle Ecken des Raumes zu erfassen.
»Hattest du Angst vor dem Gewitter?« Wieder dieser ekelhafte Ich-besorgte-Mama-du-armer-kleiner-Sohn-Tonfall.
»Quatsch!«
»Was hast du denn mit dem Schraubenzieher vor?«
»Nichts!«
Simon verließ das Wohnzimmer wieder. Er hasste diese völlig überflüssigen und kontrollierenden Elternfragen. Das hatte schon wieder was von: »Na, Simon, du hier im Wohnzimmer mit einem Schraubenzieher? Du wirst doch nicht um diese Uhrzeit noch an deinem PC rumschrauben? Du solltest doch schon längst im Bett sein!« Oder irgend so eine Eltern-Kacke. Die sollten mal froh sein, dass er überhaupt nach ihnen geschaut hatte! Er wäre der Erste gewesen, der die Leichen gefunden und der dann die Polizei und den Notarzt gerufen hätte! Obwohl er dann sicher eine gute Erklärung gebraucht hätte, warum die Eltern tot waren und er einen Schraubenzieher in der Hand hielt. Egal. Es war ja niemand tot und der böse Simon trug trotzdem um 1:00 Uhr nachts noch einen Schraubenzieher durch die Wohnung. Klarer Fall fürs Jugendamt.
Schnell, aber ohne Hektik knipste er in allen Räumen im oberen Stock die Lichter an, schaute sich um, löschte sie wieder und ging die Treppe nach unten. Zur Sicherheit noch ein Blick ins Schlafzimmer der Eltern – Licht an, Licht aus – alles in Ordnung. Unter dem Bett der Eltern hatte er nicht nachgeschaut. Man musste es ja nicht übertreiben. Er war ja nicht in einem Horrorfilm. Doch als er das Licht in der Abstellkammer einschaltete, nahm er den Schraubenzieher lieber noch mal in Kampfstellung in die Hand. So viele Kisten, Bretter, Regale und andere Sachen, hinter denen sich jemand verstecken könnte. Aber den Gefallen würde er dem Verbrecher jetzt nicht tun, jede Kiste zu öffnen und so was wie: »Na, wo ist denn der böse, böse Mörder?« zu faseln. Also. Licht aus, Tür zu. Außen steckte ein Schlüssel. Zur Sicherheit drehte er ihn einmal um. Auch die Tür zum Heizungsraum hatte außen einen Schlüssel. Zack – drehte er den Schlüssel um, ohne in den Raum zu schauen. Wenn dort jemand saß, wäre er für ihn zumindest in dieser Nacht ungefährlich.
Zuletzt kam er wieder in sein Zimmer. Licht an – und als Erstes: Rollo runter! Egal, ob er sich selbst damit als feige abstempelte. Für heute Nacht ging Sicherheit vor. Schnell zog er sich aus und den Schlafanzug an. Bevor er ins Bett stieg, warf er doch noch mal einen Blick darunter. Nein, da lag kein Monster mit aufgerissenen Augen, das ihn jetzt mit seinen langen Armen unters Bett ziehen würde. Da lag gar nichts. Nur Staub. Vielleicht war da soeben ein Vampir gestorben. Sollte er doch. Simon würde jetzt schlafen und den ganzen Spuk vergessen. Licht aus.
In der Nacht hatte Simon einen Albtraum: Jemand zog seine Bettdecke weg, riss ihn am Schlafanzug in die Höhe und verpasste ihm einen Kinnhaken, der es in sich hatte. Simon flog in die Ecke neben seinen Schreibtisch und verletzte sich dabei am Hinterkopf.
»Du Dreckskerl!«, hörte er eine vertraute Stimme rufen. »Wer bist du?«
»Was soll das?«, presste Simon hervor und versuchte, seine Augen aufzukriegen. »Ich bin Simon. Simon Köhler. Und wer bist du?«
»Ich!«, brüllte der andere. »Ich bin Simon Köhler! Ich allein! Und ich verlange jetzt eine Erklärung! Was hast du vor? Was ist dein Plan? Warum sollte ich sterben?«
Simon war noch viel zu benommen, um irgendwas zu kapieren: »Was soll das? Was willst du? Niemand muss hier sterben. Verschwinde aus meinem Zimmer!«
»Das ist mein Zimmer!«, schimpfte der andere. »Du schläfst in meinem Bett! Und das findest du auch noch lustig, was? Ich sag dir was. Es kann nicht jeder Simon Köhler sein. Sieh das ein. Versuch, dich zu akzeptieren und du selbst zu werden. Dann musst du nicht andere kopieren wie ein billiger Doppelgänger! Hast du verstanden?«
Simon fasste sich an sein Kinn und an seine Nase. Er hatte das Gefühl, es würde überall bluten. Mit Mühe blinzelte er und versuchte die Augen zu öffnen. Es war viel zu hell im Zimmer. Jemand hatte das Licht angemacht. Er war total geblendet, darum konnte er die Gestalt nicht richtig erkennen, die da vor ihm stand. Aber das, was er sah, sah aus wie er selbst. Sein Spiegelbild. Was war das? War er tot? Konnte er sich jetzt selbst von außen sehen? »Ich bin Simon Köhler«, sagte Simon müde und fragte sich gleichzeitig, warum er überhaupt so eine bescheuerte Diskussion mitten in der Nacht führen musste. »Und ich will ins Bett.«
»Na gut«, sagte der andere wieder mit bedrohlicher Stimme. »Dann schlaf von mir aus diese Nacht in meinem beknackten Bett. Aber morgen verschwindest du ein für alle Mal aus meinem Zimmer, verstanden? Und wenn ich dich morgen oder in den nächsten Tagen noch einmal hier in der Nähe meines Hauses sehe, dann prügel ich dir die Birne weich! Ist das klar?«
Ich träum das alles nur, dachte Simon. Ist doch logisch, dass hier nichts logisch ist. Träume sind nie logisch. Wahrscheinlich kommt gleich noch Oma rein, die schon seit Jahren tot ist. Und wahrscheinlich nimmt die mich gleich mit in den Himmel und dann bin ich eh tot und dann ist es egal, in welchem Bett ich schlafe oder nicht schlafe. »Alles gut«, schloss Simon müde seine wirren Gedanken ab und hatte die Augen längst wieder geschlossen. »Morgen bin ich weg. Versprochen.«
Ohne ein weiteres Wort verschwand die Gestalt.
2. Kapitel
Simon wachte auf, noch bevor sein Wecker klingelte. Er lag noch immer in der Ecke neben dem Schreibtisch. »Was ist denn hier los?«, brummte er verschlafen und stand auf. Da war er heute Nacht ja wirklich aus dem Bett gefallen! Mann o Mann! Früher als Kind hatte er oft unruhig geschlafen, das wusste er von seinen Eltern. Da hatte er sich immer mal den Kopf an der Wand gestoßen oder er war aus dem Bett gefallen. Aber so weit bis zum Schreibtisch? Das war rekordverdächtig. Simon rieb sich den Hinterkopf. Auch sein Kinn und seine Nase schmerzten. Wie war er da heute Nacht bloß gefallen?
Plötzlich fiel ihm sein Traum der vergangenen Nacht wieder ein. Wie er selbst als zweite Gestalt ihn hochgezogen und aus dem Bett geboxt hatte. »Es kann nicht jeder Simon Köhler sein«, hatte er heute Nacht zu sich selbst gesagt. »Versuche dich zu akzeptieren und du selbst zu werden. Dann musst du nicht andere kopieren wie ein billiger Doppelgänger.« Verrückt. Simon schüttelte den Kopf und ging nach oben ins Bad. War dieser Traum eine Vision? Sollte ihm das was sagen? Warum sollte er sich selbst akzeptieren? Das tat er doch! Und soweit er das überblickte, versuchte er auch niemanden zu kopieren. Andere versuchten eher ihn zu kopieren. Eigentlich war er mit sich selbst doch ganz zufrieden. Na ja, abgesehen von seinem fehlenden Muskelpaket, aber das konnte ja noch kommen. Bei einem Blick in den Spiegel fiel ihm auf, dass er getrocknetes Blut unter der Nase hatte. Wie konnte das sein? Hatte er sich heute Nacht selbst geschlagen? Im Traum sozusagen mit sich selbst gekämpft?
Während er unter der Dusche stand, trat dieser Traum immer deutlicher in sein Bewusstsein. Was hatte das alles zu bedeuten? Man müsste mal einen Traumdeuter befragen. Oder einen Psychologen. Der hätte sicher seine wahre Freude an einem solchen Traum. »Akzeptiere dich selbst. Du bist nicht Simon Köhler.« Simon musste lachen. Und mit der heißen Dusche glitten die Angst und das unheimliche Erlebnis von heute Nacht wieder von ihm ab.
Das Brot, das seine Mutter ihm wie jeden Morgen geschmiert und wie seit fast fünfzehn Jahren auf sein »Bob-der-Baumeister«-Brettchen gelegt hatte, schlang er in weniger als einer Minute hinunter. Eigentlich hasste er es, dass er mit diesem Essbrettchen immer noch in die Mein-lieber-kleiner-Junge-Schublade gesteckt wurde. Aber irgendwann hatte er beschlossen, dieses Kindergartenbrettchen gar nicht zu beachten, solange da immer noch ein geschmiertes Brot drauf lag. Er befürchtete, wenn er mal über das Essbrettchen meckern würde, würden auch die geschmierten Brote wegfallen. Auf diesen morgendlichen Luxus wollte er nicht verzichten, und so ließ er seine Mutter in dem Glauben, er freute sich noch über dieses beknackte Brettchen.
Wie jeden Morgen saß seine Mutter am Esstisch mit einer Kaffeetasse in der Hand vor ihren eigenen geschmierten Broten und wartete mit dem Essen, bis Simon in die Küche kam. Dann hatte sie immer den »Willst du denn gar nicht mehr mit mir zusammen frühstücken?«-Blick drauf, sagte aber nie etwas dazu. Und weil sie nichts sagte, brauchte Simon auch nicht zu antworten. Er verzichtete aber darauf, ihr durch einen allzu freundlichen Blick Hoffnung darauf zu machen, dass er jemals wieder wie zu Kindergartenzeiten gemeinsam mit ihr frühstücken würde. Zeitgleich mit Simons erstem Biss in sein Brot biss auch die Mutter in ihr Brot. Das schien ihr das Gefühl zu geben, die beiden würden doch noch zusammen frühstücken. Das müsste echt mal einer erforschen, was da in so einem verdrehten Mutterkopf alles vor sich ging. Für normale Menschen kaum nachvollziehbar. Als die Mutter das zweite Mal in ihr Brot biss, hatte Simon bereits das komplette Frühstück in den Mund geschoben, gekaut und runtergeschluckt.
»Geht’s dir wieder besser?«, fragte sie besorgt.
Simon hatte sich die Schultasche um die Schulter geworfen und war schon bei der Tür. Aber dann drehte er sich doch noch mal um und fragte vorsichtig: »Wieso?«
»Na ja, ich meine nur. Weil du gestern so … so komisch warst. So aufgeregt und durcheinander.«
Woher wusste sie das denn? Hatte sie etwa was mitgekriegt? Nur weil er kurz im Wohnzimmer nachgeschaut hatte, ob sie noch lebten? Hallo? »Es ist alles in Ordnung«, sagte er knapp.
»Ja, das hast du gestern auch gesagt«, sagte die Mutter und hatte ihren besorgten »Du-hast-doch-was-mein-Kind«-Blick aufgelegt.
»Echt? Hab ich das?« Wann sollte er das gesagt haben? Manchmal hörten Mütter auch Sachen, die sie gerne hören wollten, die aber nie jemand gesagt hatte.
»Alles in Ordnung«, sagte er noch mal.
»Und mit wem hast du da so laut geredet?«, fragte sie dann noch.
Jetzt stockte Simon erst recht. »Geredet? Mit wem denn?«
»Das weiß ich ja nicht. Es klang so, als hättest du dich mit jemandem gestritten.«
Simon schluckte. Jetzt wurde die Sache langsam unheimlich und er wollte das hier lieber nicht vertiefen. »Ich glaub, ich hab im Schlaf gesprochen. Nix Schlimmes.« Und damit ging er zur Küche hinaus und ließ die Mutter mit ihrem Brot dort sitzen.
Kurz nachdem er an der Bushaltestelle angekommen war, kam auch sein Kumpel Jan dazu.
»Du hast dich aber beeilt«, sagte Jan zur Begrüßung.
»Beeilt? Wieso?«
»Na ja, dass du so schnell deine Schultasche geholt und was Sauberes angezogen hast.«
Was sollte denn der Mist jetzt? Machte er sich über ihn lustig? War er sonst zu langsam und zu dreckig? Gefielen ihm seine Klamotten nicht?
»Guck dich doch selber mal an«, brummte er nur.
»Halt’s Maul«, gab Jan zurück. Damit war ihre Unterhaltung vorerst beendet.
Der Bus kam. Während Simon einstieg, sah er, dass von weit hinten noch jemand angerannt kam. Der würde den Bus sicher nicht mehr kriegen. So ein Idiot. Früher aufstehen, konnte man da nur sagen. Simon und die anderen wurden im Gang des Busses nach hinten gequetscht. Der Bus rollte an. Durch das Fenster konnte Simon sehen, wie der Typ, der den Bus noch kriegen wollte, wie ein Verrückter rannte. Fast war er auf Höhe des Busses, aber zum Mitfahren war es leider zu spät. Einen kurzen Augenblick schaute er von draußen in den Bus hinein und traf dabei zwischen all den Fahrgästen zielsicher Simons Blick. Im nächsten Moment wurden Simons Knie weich und er musste sich an den benachbarten Sitzen festhalten. Da draußen war der Typ aus seinem Traum gelaufen! Er selbst! Sein Gegenüber, sein anderes Ich!
»Da!«, entfuhr es ihm. »Jan, hast du den gesehen, der da neben dem Bus hergelaufen ist?«
»Nein.«
»Mist!« Simon bekam Schweißausbrüche. Verfolgte ihn etwa sein eigener Schatten?
Jan schien sich über nichts zu wundern oder er war noch sauer wegen der Bemerkung vorhin. Er schaute demonstrativ in eine andere Richtung. Simon hielt sein Handy in die Höhe, um ein Foto von dem Typ da draußen zu machen. Aber dafür war der Bus schon zu weit weg.
In der Schule lief eigentlich alles ganz normal. Hin und wieder blickte sich Simon in alle Richtungen um, ob seine Geistererscheinung noch mal zu sehen war. Aber sie blieb verschwunden. Simon hoffte, dass der Spuk damit ein für alle Mal ein Ende hatte.
Im Bio-Unterricht saß er so, dass er die ganze Stunde über Nadja anschauen konnte. Die war echt der Hammer. Schulterlange, blonde Haare, die ihr, wenn sie den Kopf nach vorne beugte, immer seitlich über das Auge fielen. Wenn sie dann ihren Kopf wieder nach oben richtete und mit einem Finger die Haare aus dem Gesicht strich, hatte sie dabei einen Augenaufschlag unter ihren dunklen, schmalen Augenbrauen, dass Simon jedes Mal fast verrückt wurde. Wenn sie dabei auch noch zufällig in seine Richtung sah und er in ihre dunkelblauen Augen schauen konnte, hatte Simon das Gefühl, beinahe ohnmächtig zu werden.
Die halbe Schulzeit über war sie damit beschäftigt, Zeichnungen in ihrem Collegeblock anzufertigen. Meistens mit Bleistift, manchmal mit Buntstiften. Der Blick, den sie beim Zeichnen draufhatte, hatte auch so was Umwerfendes, dass er ihr stundenlang dabei zuschauen könnte. Leider zeigte sie niemals ihre Zeichnungen. Zumindest ihm nicht. Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass er sich darüber lustig machte. Dabei würde er das niemals wagen. Wenn er auch die ganze Klasse durch den Kakao ziehen würde – Nadja niemals. Einmal hatte Nadja wegen irgendwas den Klassenraum verlassen müssen und ihr Block hatte offen dagelegen. Da war Simon einfach mitten im Unterricht aufgestanden, um sich die Zeichnungen anzuschauen, die gerade auf der aufgeschlagenen Seite zu sehen waren. Und durch das, was er da gesehen hatte, wurde ihm so ein warmer Stich in die Magengrube versetzt, dass er sich gleich noch mal doppelt so viel in sie verknallt hatte. Da waren ein Pferdekopf und ein Sonnenuntergang − okay, das war kitschig − aber aus Nadjas Stift einfach traumhaft. Aber das Krasseste war die Zeichnung eines Mädchenportraits. Niemand bestimmtes, einfach ein Gesicht, dessen Augen den Betrachter direkt anschauten. Alles an diesem Gesicht war perfekt, die weichen Züge, die Lippen, die Haare – aber die Augen waren mit der größten Sorgfalt gezeichnet. Diese Augen strahlten so viel Liebe aus, dass Simon beim Anschauen das Gefühl hatte, er könnte diesem Mädchen direkt in die Seele schauen. Und als loderte in dieser Seele ein Feuer, das nach draußen dringen wollte. Wahnsinn.
Seitdem versuchte er alles, um Nadja für sich zu gewinnen. Aber sie schien sich nicht die Bohne für ihn zu interessieren und das ärgerte ihn. Denn in der Klasse gab es mindestens fünf Mädchen, die gern mit Simon zusammen wären, aber die fand er überaus langweilig. Nadja hatte etwas Geheimnisvolles. Im Gegensatz zu allen anderen hielt sie seinem Blick stand, selbst wenn er nicht nach drei Sekunden Augenkontakt wegschaute.
Eines der Geheimnisse, warum Simon ein Sieger war, lag in seiner Disziplin, die er sich selbst beigebracht hatte und in der ihn niemand schlagen konnte: im »Augenfechten«. Wenn jemand ihm frech kam oder eine dumme Bemerkung machte, dann brauchte Simon ihn nur lange, kühl und überlegen anzuschauen und zu grinsen. Nach spätestens drei bis fünf Sekunden schaute der andere woanders hin und Simon hatte die Runde gewonnen. Und der andere muckte danach meistens auch nicht mehr auf. Damit fühlte sich Simon allen in der Klasse überlegen. Auch den Lehrern. Bloß Nadja nicht. Und das machte ihn rasend. Nadja war nicht nur charakterstark und konnte wahnsinnig gut zeichnen, sie war obendrein auch noch wunderschön und schlank, aber sie zeigte ihre weibliche Figur fast nie. Meistens trug sie weite Kapuzenpullover. Die ganze Biostunde stellte er sich vor, wie sie wohl ohne den Pulli aussehen würde.
»Simon!«, ermahnte ihn plötzlich Herr Brandt, der Biolehrer.
Simon schreckte hoch: »Ja?«
»Träum nicht, pass lieber auf.«
»Ich hab aufgepasst.«
»Aha?« Herr Brandt verschränkte siegessicher die Arme vor der Brust und schaute Simon in die Augen: »Was waren noch gleich die Unterschiede von Prokaryoten und Eukaryoten?«
Dieser Schwachmat von einem Lehrer. Dachte wohl, jetzt hätte er ihn drangekriegt. Aber nicht mit Simon. Simon konnte träumen und zuhören gleichzeitig. Zumindest konnte er das, was er in den letzten zwei Minuten gehört hatte, ungefiltert wieder abspulen: »Die Eukaryoten haben einen Zellkern und Zellorganellen, die Prokaryoten nicht. Außerdem sind die Eukaryoten zehnmal größer als die Prokaryoten.«
»Na gut.« Mehr Lob bekam Herr Brandt nicht über die Lippen, sonst hätte er zugeben müssen, dass er mal wieder verloren hatte. 1:0 für Simon. Wie immer. Aber Simon war noch nicht fertig: »Im Gegensatz zu den Prokaryoten gibt es noch die Vollidioten. Und das sind Einzeller wie Leon.«
Die ganze Klasse lag vor Lachen unter den Tischen und kriegte sich kaum mehr ein. Leon, der Volltrottel der ganzen Klasse, lachte natürlich nicht. Er saß in der hintersten Reihe, wurde rot und schaute angestrengt vor sich auf den Tisch. Jetzt war es Simon, der die Arme vor der Brust verschränkte und siegessicher die Augenbrauen nach oben zog. 2:0 für Simon. Und jetzt die letzte Runde: Augenfechten mit dem selbstbewussten Lehrer. Ohne zu blinzeln. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig – Herr Brandt grinste nicht mehr. Simon sah, wie er versuchte, noch mehr Autorität in seinen Blick zu legen. So was wie: »Wart’s nur ab, Junge. Ich sitz hier am längeren Hebel.« Aber je mehr er versuchte, streng zu schauen, umso breiter und lässiger wurde Simons Grinsen. Und das hatte eine ganz eindeutige Botschaft: »Du kannst mich mal!«
Herr Brandt hatte kapiert, dass Simon es auf ein Machtspielchen anlegte. Er hielt dem Blick nach wie vor stand und war dabei langsam bis genau vor Simons Tisch gekommen. Die anderen lachten immer noch. Brandt hob sein Kinn, bemühte sich um etwas Überlegenheit in seinem Blick und zischte leise: »Pass bloß auf, Freund.« Dann drehte er sich um und ging zur Tafel zurück. Damit hielt er sich wohl für den Gewinner. War er aber nicht. Dieses Weichei von einem Lehrer hatte verloren. 3:0 für Simon. Leider immer noch kein Sieg bei Nadja. Die kriegte man mit solchen Sprüchen und kleinen Lehrergefechten leider nicht rum. Als er zu ihr rüberschaute, war sie über ihren Collegeblock gebeugt und zeichnete irgendwas. Die Augen konnte er nicht sehen, weil ihre Haare wie ein Vorhang darüber hingen. Das schwächte den Sieg über Brandt direkt wieder ab.
In der großen Pause musste Simon irgendwas tun, um seinen Sieg über Herrn Brandt noch ein bisschen hervorzuheben. Hauptsächlich, um seinen Ärger über Nadjas Nicht-Lachen zu verdrängen. Die ganze Klasse war gerade dabei, die Räume zu wechseln. Laut grölend schlurfte er zusammen mit seinen Kumpels Benno, Konstantin und Julian von einem Gang zum anderen. Dabei erzählten sie sich Witze oder lästerten über die Lehrer und Schüler ab. Direkt vor Simon ging Leon. Er sah nicht nur aus wie ein Tollpatsch, er lief auch wie einer. Jeder Schritt so, als wären ihm die Schuhe zwei Nummern zu groß. Simon stieß Konstantin beim Gehen an und zeigte auf Leons Gangart. Konsti und die anderen kicherten und äfften Leons Gang nach. Und dann folgte Simons besonderes Kunststück: Er war super geschickt darin, anderen von hinten beim Gehen leicht, aber gezielt seitlich so gegen den Fuß zu treten, dass sie stolpern mussten und manchmal mehrere Schritte brauchten, um sich überhaupt wieder zu fangen und normal weiterlaufen zu können. »Gehfehler«, nannten sie das. Das wollte er beim Volltrottel Leon allen mal vorführen. Zack, ein leichter Tritt – und Leon stolperte so stark, dass er zuerst alles, was er vor sich in der Hand trug, in hohem Bogen von sich warf, dann mit rudernden Armen drei bis vier Stolperschritte torkelte und schließlich mit einem furchtbaren Bauchplatscher voll auf die Nase fiel. Leider hatte Simon von hinten nicht gesehen, dass Leon für Frau Dinkel, eine andere Bio-Lehrerin, ein Goldfischglas samt Fisch in der Hand trug, um es in irgendein Lehrerzimmer oder sonst wohin zu bringen. Jetzt flog das Glas quer durch den Gang, goss das Wasser samt Fisch über Frau Heidemann, die Schulsekretärin aus, die ihnen gerade mit einem Stapel Aktenordner entgegenkam, knallte auf den glatten Kachelboden und schlitterte da noch ungefähr fünfzig Meter, bis es zwischen zwei Sechstklässlern zum Stillstand kam. Zum Glück blieb es ganz. Frau Heidemann ließ vor Schrecken sämtliche Ordner fallen und begann mit hektischen Bewegungen, den Goldfisch aus ihrem überdimensionalen Ausschnitt zu befreien. Leon lag auf der Schnauze und mindestens fünf weitere Schülerinnen waren von dem vorbeizischenden Fischglas so erschrocken, dass sie hinflogen, zur Seite sprangen oder ihre Sachen fallen ließen. Je mehr die Sekretärin von oben in ihrem Ausschnitt herumfingerte, umso tiefer rutschte der Fisch. Die Frau schrie hysterisch, als würde sie gerade unter der Bluse aufgefressen. Ungefähr hundert Schüler kamen von allen Seiten angelaufen, umringten und filmten das Schauspiel, bis endlich der Fisch nach langem Schütteln unten aus der Bluse herausfiel. Einer der Lehrer, der das mitbekam, hatte schon das Fischglas aufgehoben und in irgendeinem Klassenraum mit Wasser gefüllt. Jetzt hob er den Fisch vom Boden auf und warf ihn ins Wasser. Sofort schwamm der Fisch in einem Affentempo in seinem Glas im Kreis herum, als glaubte er, je schneller er im Kreis schwamm, umso mehr würde er vor Frau Heidemann abhauen können. Dämliche Fische.
Wenig später stand Simon vor dem Schuldirektor und musste sich einen endlos langen und lauten Vortrag anhören. Aber Simon behielt die Hände in den Hosentaschen und grinste den Direktor frech und überlegen an. Du kannst mir gar nichts, du Ochse, dachte er nur. Direktoren redeten nur, weil sie sich für wichtig hielten. Aber im Grunde hatten sie keine Ahnung. Am wenigsten von Schülern.
Als Simon zurück zur Klasse kam, stand Leon vor der Tür und schaute ihn ängstlich an. Simon beugte sich beim Betreten des Klassenzimmers langsam bis zu Leons Ohr vor, flüsterte ihm leise, aber deutlich »Opfer« zu, und setzte sich in die letzte Reihe. Heute war er Gewinner auf der ganzen Linie.
Beim Mittagessen schaute seine Mutter ihn an, als käme er vom Mars. Simon wollte frech grinsen, wie ihm das bei allen Lehrern und Schülern gelang. Bei seiner Mutter gelang ihm das jedoch nicht. Wenn sie diesen Mutterblick draufhatte, könnte er einfach nur ausrasten. Da gab es nichts zu grinsen. Eine Weile versuchte er, ihren Blick zu ignorieren. Aber dann platzte es aus ihm heraus: »Was ist?«
»Ich mache mir Sorgen«, sagte sie vorsichtig.
»Es ist alles in Ordnung«, blaffte Simon, starrte auf das Handy neben seinem Essen und überprüfte die letzten Nachrichten. »Ich will einfach meine Ruhe haben. Ist das so schwer?«
»Aber du warst heute Morgen so seltsam. Und dann heute Nacht. Dass du so spät noch so lange draußen warst.«
»Reg dich ab!« Simon war lauter geworden, als er es sich vorgenommen hatte. »Ich war nur ganz kurz draußen, ich hab was nachgeschaut. Hab ich doch gesagt.«
»Ja, aber dann hast du gesagt, wir wollen ein andermal darüber reden.«
Jetzt musste sich Simon etwas mehr konzentrieren. Das hatte er letzte Nacht gesagt? Er hatte doch kaum ein Wort mit seinen Eltern gewechselt. Er fixierte seine Mutter mit einem scharfen Blick. »Wann hab ich das gesagt?«
»Heute Nacht. Als du mich in den Arm genommen hast.«
Jetzt hätte sich Simon fast an seinem Essen verschluckt. »Als ich WAS gemacht hab?!«
»Als du mich in den Arm genommen hast. Gestern Nacht. Als du völlig durchnässt wieder reingekommen bist.«
Die Sache wurde schon wieder unheimlich. »Das hast du geträumt.«
»Nein, ganz bestimmt nicht.«
»Bist du dir sicher, dass du noch ganz gesund bist?«
»Ja. Ganz sicher. Und heute Morgen hast du mich auch in den Arm genommen. Als du noch mal zurückgekommen bist und mich gefragt hast, welcher Tag heute ist.«
Das war zu viel. Simon sprang auf und schob mit lautem Krachen den Teller weg. »Du bist ja völlig krank im Hirn!«, schimpfte er. »Ich hab dich nicht in den Arm genommen! Ich weiß, welcher Tag heute ist! Heute ist der 2. April! Den ganzen Tag! Gestern – da war der 1. April! Da hättest du mich verarschen können! Aber nicht heute! Ich bin doch nicht bescheuert!«
Wütend rannte Simon die Treppe nach unten, nahm seine Jacke und verließ das Haus. »Ich bin bei Jan!«, brüllte er noch, bevor er die Haustür zudonnerte.
Entweder seine Mutter litt wirklich unter Wahnvorstellungen oder er selbst war nicht mehr ganz dicht. Der Traum vergangene Nacht. Dieser Typ im Garten. Derselbe Typ an der Bushaltestelle. Wie sollte das zusammenpassen? War er selbst, Simon Köhler, eine gespaltene Persönlichkeit? Konnte er an zwei Stellen gleichzeitig sein? Im Bus und draußen auf der Straße? Im Haus und im Garten? Konnten das Luftspiegelungen sein? Ein böser Engel, der ihn beobachten sollte? Ein Geist? Oder wollte ihn da jemand gründlich verarschen?
»Ich bin normal, ich bin normal, ich bin normal!«, sagte er laut vor sich hin, während er die Straße zu Jan entlangging.
In Jans Zimmer lag eine Matratze neben dem Bett, darauf eine Wolldecke und ein Sofakissen. So, als hätte er Übernachtungsbesuch gehabt.
»Hattest du Besuch?«, fragte Simon.
Jan musterte Simon, als hätte er sich verhört. »Ja, weißt du doch.«
»Nee. Wen denn?«
Jan runzelte irritiert die Stirn. Dann sagte er: »Einen durchgeknallten Landstreicher, bei dem ein Fremder im Bett lag.«
Simon lachte. So was Bescheuertes. »Ach so«, sagte er und fragte nicht weiter. Offensichtlich wollte Jan nicht darüber reden, wer hier zu Besuch gekommen war. Vielleicht hatte er ja eine Freundin. Egal. Ging ihn ja auch nichts an. Jan lachte auch und damit war das Thema beendet.
Sie zockten eine Weile auf Jans PC, aber dann nahmen sie sich vor, jeweils auf ihren eigenen Laptops gegeneinander zu spielen.
»Ich hol meinen schnell«, sagte Simon und machte sich auf den Weg nach Hause.
»Simon! Was machst du denn hier?«, fragte die Mutter, als sie ihm öffnete. Sie hatte schon wieder einen Blick drauf, als hätte sie einen Geist gesehen.
»Ich hab was vergessen«, sagte er knapp und ging direkt in sein Zimmer.
»Schon wieder?«, rief die Mutter ihm hinterher. »Ich dachte, du bist im Bad!«
Die Frau war echt krank, dachte Simon. Konnte man die überhaupt noch ernst nehmen? »Warum sollte ich denn im Bad sein?«, knurrte er nur kurz. »Ich hab doch gesagt, dass ich zu Jan wollte.«
Mit einem Griff hatte er seinen Laptop unter den Arm genommen und war schon bei der Zimmertür. Da stutzte er kurz und drehte sich in seinem Zimmer noch einmal um. War hier alles noch wie vorhin? Hatte hier jemand rumgewühlt? Fehlte hier was? Auf Anhieb fiel ihm nichts auf, das fehlen könnte. Trotzdem hatte er irgendwie das Gefühl, dass jemand hier gewesen war. Langsam ging er den Flur entlang bis zur Haustür. Was hatte seine Mutter gesagt? »Ich dachte, du bist im Bad.« Simon warf einen Blick nach oben Richtung Badezimmer und begann plötzlich zu schwitzen. Mist. Saß da etwa sein geheimnisvolles Gegenüber? Sein anderes Ich? Stand die finstere Seite von Simon Köhler vielleicht gerade unter der Dusche, während seine gute Seite ahnungslos durch den unteren Teil des Hauses lief? Langsam schlich er die Treppe nach oben und heftete seinen Blick auf den Türgriff. Einen Schraubenzieher hatte er nicht in der Hand. Aber einen Laptop. Damit konnte man jemandem super den Schädel einschlagen. Er hielt den Laptop wie einen Hammer über sich, während er mit der anderen Hand nach der Türklinke griff. Mit einem heftigen Schrei platzte er ins Badezimmer und war auf alles vorbereitet. Gespenster, Doppelgänger, Blut, Mörder, Psychopathen, Dämonen. Aber das Badezimmer sah aus wie immer. Und es war niemand drin.
Die Alte hat eine Schraube locker, dachte Simon, während er mit dem Laptop im Arm zu Jan zurücklief.
3. Kapitel
Am nächsten Morgen hatte Simon das Gefühl, als fehlte die Hälfte der Sweatshirts in seinem Schrank. Waren die immer noch in der Wäsche? Simon ärgerte sich. Er war sich sicher, dass sie gestern noch da gelegen hatten. Er wusste es: Seine Mutter wühlte in seinen Sachen! Eines Tages würde er sich bitter dafür rächen!
Im Bad fehlten sein Deo, sein Duschzeug, sein Haarspray, seine Zahnbürste und die Zahnpasta. Was war denn jetzt schon wieder los? Als er wütend seine Mutter darauf ansprach, konnte die sich das auch nicht erklären. Aber in einem der Schränke im Bad hatte sie all diese Sachen noch mal vorrätig. Merkwürdig war das trotzdem.
An diesem Morgen war sein Gesichtsdouble nicht an der Bushaltestelle. Wieder redete sich Simon ein, alles wäre in Ordnung. Hin und wieder versuchte er, im Unterricht die Aufmerksamkeit von Nadja auf sich zu ziehen, aber sie beachtete ihn zwei Stunden lang kein einziges Mal.
Als er zur ersten großen Pause aus seiner Klasse heraustrat, stand Herr Hofmann, ein Sportlehrer, mit einem Sechst- oder Siebtklässler im Flur. Die beiden schauten ihn an, als hätten sie auf ihn gewartet. Mit ausgestrecktem Arm zeigte der Junge auf Simon: »Der war’s!«
»Was hab ich denn jetzt schon wieder gemacht?«, fragte Simon verärgert. Manchmal hatten sich die Lehrer auch ganz ohne Grund gegen ihn verschworen.
Ohne ein weiteres Wort ging Herr Hofmann auf Simon zu, packte ihn unsanft am Arm und zog ihn zur Seite. Dafür zeig ich dich an, du Penner, dachte Simon als Erstes. Aber dann überlegte er fieberhaft, um welche seiner letzten Aktionen es wohl gehen könnte. Ausnahmsweise war er sich keiner Schuld bewusst. »Jetzt bist du dran!«, knurrte Herr Hofmann.
»Was hab ich gemacht?«, rief Simon und befreite sich aus dem festen Griff des Lehrers.
»Du bist gesehen worden, wie du in den Umkleideräumen der Klasse 7b warst und die Schultaschen durchwühlt hast!«
»Was?!« Das war ja wohl der größte Witz, den Simon je gehört hatte. »Was soll ich gemacht haben?! Schultaschen durchwühlt? Von wem denn? Von dem da?« Er zeigte mit seinem Kinn verächtlich auf den blöden Pimpf, der wie ein Soldat neben seinem Lehrer stand.
»Von allen aus meiner Klasse!«, meldete der laut.
»Du spinnst ja wohl! Wann bitte soll ich das gemacht haben?«
»Eben gerade!«, quakte der kleine Idiot. »Während wir Sportunterricht hatten!«
»Was? Jetzt? Heute?«
»Ja!«
Na, das wäre ja wohl leicht zu widerlegen. »Benno, Julian! Kommt mal eben!«, rief er seine Kumpels herbei, die noch in der Nähe der Klassenzimmertür standen. Und als sie da waren: »Sagt, wo war ich die letzten zwei Schulstunden?«
Benno und Julian schauten sich verwundert an. »Hier bei uns natürlich. In der Klasse.«
»Wer kann das bezeugen?«, fragte Herr Hofmann.
»Die ganze Klasse«, sagte Simon. Endlich gewann er seine Sicherheit zurück und er konnte beginnen, sein siegessicheres Grinsen aufzulegen.
Herr Hofmann und der Schüler schauten sich kurz an. »Er war’s aber«, sagte der Schüler, »ich schwör’s!«
»Ich war die ganze Zeit in der Klasse und bin kein einziges Mal rausgegangen«, sagte Simon und verschränkte seine Arme, »das muss ich nicht schwören, denn alle aus meiner Klasse und meine Lehrerin können das bezeugen! Kauf dir mal ’ne neue Brille, Kleiner!« Damit ging er mit Benno und Julian auf den Schulhof und ließ seine Ankläger mit großen Augen zurück. Aber so sehr sich Simon auch bemühte, mit den anderen darüber zu lachen – irgendwie bereitete es ihm ein komisches Gefühl im Bauch. Gab sich da jemand als Simon aus und verbreitete in seinem Namen Unruhe? Klaute der auch Zahnbürsten und Duschgel? Verrückt, verrückt.
Als Simon in der nächsten Unterrichtsstunde – Musik – durch die Klasse spazierte, um etwas in den Mülleimer zu werfen, erblickte er im Vorbeigehen ein Kuscheltier in Leons Schulranzen. Einen Frosch aus Stoff, der ein rotes Band um den Hals gebunden hatte. War Leon noch ein kleines Baby? Der Frosch steckte so im Ranzen, dass ihn eigentlich niemand sehen sollte. Aber Simon hatte ihn gesehen. Langsam bewegte er sich auf Leon zu, zog mit einem Griff den Frosch an seinem Halsband heraus und hielt ihn für alle sichtbar in die Luft: »Oh, was haben wir denn da? Einen Frosch, quak, quak!«
Alle drehten sich um und lachten. »Gib ihn her«, bat Leon und hatte schon wieder etwas Weinerliches in der Stimme.
»Sag lieb ›bitte, bitte‹ zu Onkel Simon«, grinste Simon.
Da passierte etwas Merkwürdiges. Leon verlor plötzlich seinen weinerlichen Blick. Er stand von seinem Platz auf, stellte sich direkt vor Simon auf und sagte: »Simon, denk dran. Du willst das Böse nicht tun. Du kannst dich noch bremsen.«
Mit allem hätte Simon gerechnet, aber mit so einem Anflug von Selbstbewusstsein von dem Trottel Leon nicht. Fast hätte er den Frosch fallen lassen, aber er ließ sich nichts anmerken: »Was ist los? Bist du unter die Psychiater gegangen?«
»Simon. Ich weiß, du erinnerst dich nicht. Aber ich erinnere mich. Und ich weiß, dass du das Böse eigentlich nicht tun willst.«
»Was laberst du für einen Müll?« Simon grinste. »Ich bin das Böse! Und natürlich will ich das Böse tun!«
Leon redete leiser, aber eindringlich: »Nein, Simon. Du bist das Opfer.«
Das war zu viel. »Was?«, plärrte Simon durch den ganzen Klassenraum, sodass selbst Frau Lenz, die Musiklehrerin, aufhörte, mit den Schülern der ersten Reihe Unterricht zu machen. »Ich bin das Opfer?! Das wollen wir ja mal sehen!« Er packte den Frosch an einem Bein, ließ ihn wie ein Lasso über seinem Kopf kreisen und schleuderte ihn dann quer durch den Klassenraum, sodass er neben der Tafel im Waschbecken landete. »Hol ihn dir, du Opfer!«
»Simon«, sagte Frau Lenz so streng, wie es einer überforderten Musiklehrerin möglich war, »lass deine Stofftiere zu Hause.«
»Es ist nicht meins«, rief Simon durch die Klasse. »Es ist der Quakfrosch vom Froschgesicht Leon!«
Unter dem Gelächter der halben Klasse trabte Leon nach vorne und fischte seinen Frosch aus dem Waschbecken.
Am Mittag nach der Schule stand Simon mit einer kleinen Gruppe Jungs vor dem Haupteingang und beobachtete die Mädchen, die rauskamen. Einigen, die gut aussahen, pfiffen sie hinterher. Anderen, die nicht gut aussahen, riefen sie Beleidigungen zu. Da kam Nadja mit ihrer Freundin Steffi raus. Konstantin pfiff ihr hinterher, aber Simon brachte keinen Ton raus. Er bemühte sich, nicht rot zu werden, und nahm sich vor, endlich mal einen Vorstoß in Richtung Nadja zu wagen. Er gab sich einen Ruck und ging auf sie zu. »Na, was machst du heute Nachmittag?«, fragte er so lässig wie möglich.
»Lernen«, antwortete Nadja, ohne stehen zu bleiben.
Simon hielt mit ihr Schritt. »Und morgen?«
»Weiß ich noch nicht.«
»Lust, was zu unternehmen?«
Nadja blieb nicht stehen, aber sie drehte ihren Kopf so Simon zu, dass ihre Haare kurz ihren Blick freigaben. Simon musste sich zwingen ruhig zu bleiben, um keine weichen Knie zu bekommen. »Was denn?«, fragte sie.
»Keine Ahnung. Schlag du was vor.«
Nadja ging langsamer. Sie schaute zu Steffi auf der anderen Seite und drückte ihre Schultasche noch etwas fester unter ihren Arm. »Ich glaub nicht, dass das eine gute Idee wäre.«
»Donnerstag?«, versuchte es Simon weiter.
Nadja überlegte kurz, dann lächelte sie auf geheimnisvolle Weise. »Donnerstag kannst du kommen.«
Wieder musste Simon sich zurückhalten, um nicht auf der Stelle in Ohnmacht zu fallen oder einen Purzelbaum zu schlagen. So normal wie möglich sagte er: »Echt? Zu dir?«
»Donnerstagabend bin ich im Teentreff. Da können alle hinkommen.«
Ach so. Seine Aufregung legte sich direkt wieder. Eine Veranstaltung. Aber immerhin. Sie ging hin, also könnte er auch hingehen. »Teentreff? Was ist das?«
»Ein Treffen für Teens. Wir singen, wir reden über die Bibel, wir machen noch andere Sachen. Manchmal gehen wir kegeln, manchmal schauen wir einen Film oder wir sitzen einfach da und unterhalten uns.«
Die zweite Hälfte von dem, was Nadja gerade gesagt hatte, bekam Simon schon gar nicht mehr mit. Er hatte nur »singen« und »Bibel« gehört, da war ihm schon schwarz vor Augen geworden. Singen??? Welcher normale Mensch unter fünfzig traf sich zum Singen??? Und Bibel?? Simon hatte im Reli-Unterricht schon mal in einer Bibel lesen müssen, und zwar unter Aufsicht eines Pfarrers, der zwischen 100 und 200 Jahren alt war. »Die Bibel ist in heutigem Deutsch«, hatte er stolz angekündigt, bevor er sie ausgeteilt hatte. Aber was er dann gelesen hatte, klang trotzdem nicht viel »heutiger« und »deutscher« als Lessing oder Goethe. Alles alt, überzogen, moralisch und vor allem langweilig. So wie der glatzköpfige Pfarrer, der das alles »sehr interessant« fand. War ja auch logisch, denn Pfarrer mussten das ja interessant finden, immerhin war es ihr Beruf. So wie die Klofrau ihre Klos interessant finden musste und die Erzieherin ihre Kindergartenkinder. Aber Nadja??? Wollte sie Pfarrerin werden? Für einen Augenblick wollte er schon stehen bleiben und Nadja ihrem Schicksal überlassen. Aber dann siegte doch der Eroberungsdrang. Simon war ein Eroberer und so schnell wollte er Nadja nicht aufgeben. Vielleicht könnte er sie ja aus den Klauen der Singe-und-Bibel-Teens befreien.
Nadja bemerkte den irritierten Blick von Simon, denn er hatte nun bereits länger als drei Sekunden nichts mehr gesagt. »Schockt dich das?«, fragte sie.
»Nein, nein, ganz und gar nicht«, tönte Simon laut. »Ich meine … ich muss zugeben, dass ich dich nicht so auf Anhieb mit … ähm … Bibel und so … in Verbindung gebracht hätte, aber … ich find’s cool, echt. Bibel kann doch auch … also … sehr interessant sein … besonders, wenn sie … ähm … im heutigen Deutsch ist …«
»Gib dir keine Mühe«, sagte Nadja, grinste und schaute ihn mit ihrem typischen Augenaufschlag an, der ihn zum Zittern brachte, »ich weiß doch, wie du über die Bibel denkst.«
»Ach so. Na ja. Also, nee, ich meine … man kann ja auch dazulernen.«
»Also, wenn du willst, dann komm doch einfach. Ich würde mich freuen.« Nadja und Steffi waren bei ihren Fahrrädern angekommen, öffneten ihre Schlösser und packten die Taschen in den Fahrradkorb.
Nadja würde sich freuen! Simon hatte das Gefühl, einen Kopf wie Erdbeereis zu bekommen. Aber er tat weiterhin gelassen: »Ja, gut. Ich überleg’s mir.«
Nadja lächelte ihn kurz an, und zwar so, dass sich Simon schon beinahe sicher war, Donnerstagabend kämen sie zusammen. Dann schwang sie sich aufs Fahrrad und fuhr mit Steffi davon.
4. Kapitel
Die nächsten Tage waren erstaunlicherweise so normal wie immer. Kein Verfolger, kein Traum, keine falschen Verdächtigungen. Sollte der Spuk endlich vorbei sein?
Am Donnerstagabend warf sich Simon in Schale und machte sich auf den Weg in Richtung Teentreff. Er hatte Jan so lange bequatscht, bis der sich hatte breitschlagen lassen mitzukommen. Allein wäre Simon da nie im Leben hingegangen. Allein unter Bibellesern – das wär ja schon ein super Titel für einen Horrorfilm.
Außer Nadja und Steffi waren noch etwa sechs andere Mädchen da, die Simon höchstens vom Sehen kannte. Brav, unauffällig, belanglos. Manche sogar mit Haarspange, als kämen sie aus einem amerikanischen Fünfziger-Jahre-Film. Außerdem drei Jungs, die Simon noch nie gesehen hatte. Der eine von ihnen hatte jetzt schon – mit höchstens 15 – eine Frisur wie ein Pfarrer: viel zu lange, lockige Haare, die wild in alle Richtungen abstanden, und dazu einen Rollkragenpullover. Die zwei anderen sahen ganz normal aus. Viel zu normal für so einen Bibelkreis. Bestimmt waren sie totale Versager, sonst würden sie doch nicht in so eine Bibellesegruppe gehen!
Alle saßen in einem Raum mit einer drei Meter hohen Zimmerdecke. An den Wänden entlang waren Ikea-Sessel im Kreis aufgestellt, die so tiefe Sitzflächen hatten, dass Simon beim Hinsetzen direkt an seine früheste Kindheit erinnert wurde: Er hatte als Kind mal auf der Toilette das Gleichgewicht verloren und war nach hinten mit dem Po nach unten ins Klo gerutscht. Und zwar so richtig bis unten hin, seine Beine standen senkrecht in die Luft und die Klobrille umrundete seine Brust. So hatte er eine Viertelstunde festgesteckt und geschrien, bis seine Mutter ihn endlich dort gehört und gefunden hatte. Genauso fühlte er sich jetzt, als er sich in diesen Sessel plumpsen ließ. In der Mitte des Raumes waren ein paar kleine Tische, auf denen Knabberzeug stand, an das man aber nicht dran kam, ohne sich mit Schwung aus seinem Sessel zu heben und dadurch Gefahr zu laufen, mit einem Bauchplatscher auf dem Tisch zu landen. Jan steckte in seinem Sessel genauso unbeholfen wie Simon damals auf dem Klo. Als Simon das sah, musste er lachen. Und Jan lachte mit, obwohl er sicher nicht wissen konnte, worüber Simon lachte.
Mit in der Runde saßen drei Erwachsene – oder solche, die es mal werden wollten. Der eine hieß Bernd und war wohl so was wie der Chef. Auf seinem Schoß hielt er eine Gitarre – das sichtbare Zeichen dafür, dass sie hier gleich wirklich singen würden. Eine hieß Susanne, aber die anderen nannten sie Susi. Allein zu diesem Namen wären Simon mindestens fünf Witze eingefallen. Die Dritte hieß Maja und hatte auch ungefähr eine Figur wie Biene Maja und Willi zusammen. Nur das gelb-schwarze Kostüm und die Flügelchen fehlten. Die Betreuer begrüßten Simon und Jan so freundlich, als hätten die beiden gerade einen Mitgliedsvertrag auf Lebenszeit unterschrieben. »Erst mal ein bisschen gucken«, hatte Simon gesagt und sein alles übertrumpfendes Grinsen aufgelegt.
»Klar«, hatte Susi geantwortet.
Die Runde begann tatsächlich mit Gesang. Die Betreuer hatten Liederhefte ausgeteilt. Bernd begleitete die Lieder, wie schon befürchtet, auf seiner Gitarre, die anderen Betreuerinnen sangen tapfer mit. Die Teilnehmer piepsten und brummten ein paar Töne vor sich hin. Das wirkte aber so, als quälten sie sich nur den Betreuern zuliebe da durch. Simon verstand von den Liedern nichts. Die Texte waren auf Englisch. Simon konnte kein Englisch, zumindest nicht das, was hier gesungen wurde. Manchmal kam »Halleluja« drin vor. Das deutete er als Zeichen dafür, dass man hier kirchliche Lieder sang.
Simon schaute nicht in sein Heft, sondern richtete sein Augenmerk auf die einzelnen Leute in der Runde. Warum um alles in der Welt saßen die hier? Was trieb einen normalen Jugendlichen in so einen Raum, in dem man in solchen Sesseln saß und sich durch biblische Gesänge quälte? Welchen Mehrwert hatte jemand davon, der nicht ausschließlich hinter Nadja her war? Oder waren die Jungs hier alle hinter Nadja her? Dieser Nachwuchspfarrer garantiert nicht. Der wusste mit Sicherheit noch nicht einmal, dass es auf dieser Welt auch Mädchen gab. Die beiden anderen Jungs? Könnte sein. Oder sie hatten andere Mädchen hier im Kreis, auf die sie scharf waren, auch wenn keins von denen wirklich scharf aussah. Und die Mädchen? Warum waren die hier? Sangen die gern? Konnte nicht sein, sonst hätten sie nicht so erbärmlich vor sich hin gepiepst. Waren sie Gefangene einer Sekte? Mussten die hierherkommen, um sich die nächste Haarspange zu verdienen? Schließlich Nadja. Warum war die hier? Sie sah gar nicht so biblisch aus. So kirchlich. So christlich. War das hier so eine Art Selbsthilfegruppe für Leute, die ihr Leben nicht allein auf die Reihe kriegten? Mussten die sich Bibeltexte im »heutigen Deutsch« vorlesen, um sich vor so bösen Menschen wie Simon zu schützen? Simon fand das alles sehr merkwürdig.
Das Tollste aber war: Hier in diesem Saal saß Simon direkt neben Nadja. Nadja sah selbst in diesen Kloplumpser-Sesseln umwerfend aus. Sie war in ihr Liederheft vertieft und hatte ihre linke Hand auf der Armlehne liegen. Simon hätte seine rechte Hand nur ein bisschen nach rechts verschieben müssen, dann hätten sich ihre Hände berührt. Allein diese Vorstellung bereitete ihm Herzklopfen. Zwischendurch, als er sie von der Seite anschaute, blickte sie vorsichtig von ihrem Heft hoch und schielte in seine Richtung. Simon gelang ein charmantes Lächeln, das er selbst für besonders umwerfend hielt. Nadja lächelte auch und schaute wieder in ihr Heft. Simon schloss die Augen und versuchte, sich dieses Bild eines kurzen Lächelns für allezeit abrufbar in sein Herz zu brennen.
Nach der Gesangseinlage las die Biene Maja etwas aus der Bibel vor und hielt eine kleine Predigt dazu. »Gott hat jedem Menschen eine Ahnung für das Ewige ins Herz gelegt«, las sie vor. »Aber es ist dem Menschen unmöglich, das Universum und alles, was Gott gemacht hat, vollständig zu erklären und zu begreifen.« Simon schielte zu Jan rüber. Ob er das alles auch ziemlich fremd und beklemmend fand? Simon fand nicht, dass er eine Ahnung für das Ewige im Herzen hatte. Er hatte Nadja im Herzen. Und so langsam keimte in ihm eine Ahnung auf, dass Nadja ihn auch mögen könnte. Aber alles andere – das Universum begreifen … was sollte das? Simon hatte zu Hause ein Weltraumbuch, das er als Kind schon tausendmal gelesen hatte. So schwer war das gar nicht zu begreifen. Manche Leute machten sich Probleme und Schwierigkeiten, die total überflüssig waren.
Für den Rest des Abends hatte jemand Spiele vorbereitet, bei denen Simon dachte, er wäre im Kindergarten gelandet. Aber alle machten mit, auch die Haarspangenträgerinnen, der Mini-Pfarrer und die unauffälligen Jungs. Sogar Susi und Maja waren sich nicht zu schade dafür, irgendetwas pantomimisch vorzuführen oder aufzumalen. Simon bemühte sich, so zu tun, als würde ihm dieser Kindergeburtstag Spaß machen. In Wirklichkeit hoffte er nur auf Pluspunkte bei Nadja. Und das hier waren echt sauer verdiente Punkte!
Als der Abend zu Ende war und Simon und Jan schon in der Tür standen, sagte Bernd, der Gitarrenspieler: »Schön, dass ihr da wart. Wenn ihr wollt, kommt doch nächste Woche wieder.«
»Ja, ich fand’s auch schön bei euch«, gab Simon zurück. Hauptsächlich wegen Nadja. Aber das musste der Musik-Bernd ja nicht wissen. »Vielleicht kommen wir noch mal.« Er schielte zu Nadja rüber und fragte: »Dürfen wir?«
»Klar«, antwortete Nadja, ohne rot zu werden, aber irgendwas in ihrem kurzen, scheuen Blick verriet, dass sie auch ein bisschen aufgeregt war. Etwa seinetwegen?
Stundenlang lag Simon in dieser Nacht wach im Bett und betrachtete vor seinem inneren Auge all die Bilder von Nadja, die er an diesem Abend gesammelt hatte. Nadja – bald gehörst du mir!
5. Kapitel
Als Simon am Samstagabend nach einem langen Zockertreffen von Jan zurückkam und sein Zimmer betrat, fiel sein Blick als Erstes auf ein großes, weißes Blatt Papier auf seinem Schreibtisch. Jemand hatte mit großen Buchstaben darauf geschrieben: »Simon, du weißt es: Helge Schürmann wird bewusstlos auf dem Fußballplatz zusammenbrechen.« Simon schaute sich unsicher im Zimmer um. Was hatte denn das zu bedeuten? Von wem war das? Helge Schürmann – das war einer der Nationalspieler der deutschen Fußballmannschaft. Wieso sollte der bewusstlos zusammenbrechen? Was sollte der Blödsinn? Sofort zog Simon sein Handy raus und fragte in einer der WhatsApp-Gruppen: »Ist Helge Schürmann krank?«
Gleich vier Antworten auf einmal: »Nö.« – »Wieso?« – »Schürmann ist in Topform.« – »Schürmann spielt morgen gegen Italien.«
Simon googelte Helge Schürmann im Internet. Keine Anzeichen für eine Krankheit. Er rief Jan an und fragte ihn, ob er wüsste, was das zu bedeuten hätte. Jan wusste es auch nicht. Letzter Versuch: seine Eltern. In den letzten Tagen hatte seine Mutter aufgehört, ihn zu löchern, was denn mit ihm los wäre. Das war schon mal gut. Jetzt legte er ihnen den Zettel vor: »Ist der von euch?«
»Das ist doch deine Handschrift«, sagte die Mutter.
»Quatsch.« Simon sah sich den Zettel näher an. Konnte das sein? Er hatte das aber nicht geschrieben. Oder hatte er Bewusstseinsstörungen und tat in Traumphasen Dinge, an die er sich später nicht mehr erinnern konnte?
»Hast du was gegen Schürmann?«, fragte sein Vater, der von seinem Sofa aus nur mal kurz auf den Zettel geschaut hatte.
»Natürlich nicht.«
Simon ging wieder nach unten in sein Zimmer und warf den Zettel in den Papierkorb. Jemand will mich verarschen, dachte er. Aber ich lass das nicht mit mir machen.
Am Sonntagabend im Länderspiel Deutschland gegen Italien passierte es: In der 75. Spielminute brach Helge Schürmann aus unerklärlichen Gründen mitten im Laufen zusammen. Bewusstlos. Das Spiel wurde unterbrochen, alle Welt regte sich auf, Sanitäter versuchten ihn zu Bewusstsein zu bringen. Schließlich wurde er mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht. Für den restlichen Abend gab es im Fernsehen kein anderes Thema.
Simon saß wie versteinert vor dem Fernseher. Er hatte sich das Spiel im Wohnzimmer zusammen mit seinen Eltern angesehen. Aber das jetzt – das überstieg seine Vorstellungskraft.
Sein Vater beugte sich von seinem Sessel zu ihm rüber: »Woher wusstest du das denn gestern?«
»Ich wusste das nicht.« Simon wurde schlecht.
»Stand doch auf deinem Zettel, oder nicht?«
»Ich hab das aber nicht geschrieben.«
»Klar hast du das«, warf seine Mutter ein und setzte sofort wieder ihr besorgtes Gesicht auf. »War doch deine Schrift.«
»Ich hab das nicht geschrieben!«, schimpfte Simon laut, stand auf und verließ das Wohnzimmer.
»Ist das auch die Pubertät?«, fragte seine Mutter noch. Auf diese Frage musste er wohl nicht antworten. Nervige Mütter!
In der WhatsApp-Gruppe brach sofort ein Sturm los: »Simon, du hast doch gestern gefragt, ob Schürmann krank ist!« – »Simon, wusstest du das etwa schon?« – »Simon, welche Informationen hast du, die wir nicht haben?« – »Simon, wann wird Schürmann wieder gesund?«
Simon antwortete nicht darauf. Er schaltete sein Handy auf stumm und beschloss zu schlafen. Vorher kramte er den Zettel mit der Vorhersage noch mal aus dem Müll. Klarer Fall: »Helge Schürmann wird bewusstlos auf dem Fußballplatz zusammenbrechen.« Wer konnte das wissen? Aber dann erbleichte Simon, als er noch mal auf das Blatt schaute. Unter der Vorhersage stand jetzt dick und fett: »Siehste?«
Langsam und verängstigt schaute sich Simon in seinem Zimmer um. Wer war da? Was war hier los? Das ging doch alles nicht mit rechten Dingen zu! Simon ging ins Bett, schaltete das Licht aus und zog sich für den Rest der Nacht die Decke über den Kopf.
Die ganze Woche über ging das in dieser Art weiter. Am Montag kam Simon während einer Fünfminutenpause vom Klo zurück und fand einen Zettel in seiner Schultasche, der vorher garantiert nicht darin gesteckt hatte. Als er ihn auseinanderfaltete, stand da dick drauf: »Helge Schürmann erholt sich nicht mehr. Er bleibt bewusstlos bis zu seinem Tod.«
»Wer hat mir den da reingesteckt?«, fragte er wütend die anderen, die drumherum saßen, und zeigte ihnen, was auf dem Zettel stand. Aber die anderen grinsten frech und geheimnisvoll, zogen die Augenbrauen hoch und sagten: »Pssst! Nichts verraten!«
»Ihr Säcke!«, fuhr Simon sie grob an. »Findet ihr das lustig?«
»Nein, du findest das wohl lustig«, sagte da Konstantin ärgerlich. »Mach deinen Scheiß allein.« Damit drehte er sich wieder seinem Tisch zu und auch die anderen hörten auf, miteinander zu quatschen.
Was sollte denn die Scheiße wieder? Na gut, dass Schürmann sich nicht mehr erholen würde, war jetzt nicht so die Wahnsinns-Vorhersage. Die konnte sich wirklich einer von den anderen ausgedacht haben. Und wenn der Fußballer in den nächsten Tagen und Wochen wieder gesund würde, dann wäre ja klar, dass dieser Tipp nur ausgedacht war. Trotzdem konnte er nicht anders, als während der nächsten Stunde leise Jan zu fragen: »Jan, jetzt sag mal ganz im Ernst: Wer war das? Wer hat mir den Zettel in die Schultasche gesteckt?«
»Ey, was laberst du für eine Scheiße?«, zischte Jan zurück. »Das warst du selber, das weißt du doch! Wieso machst du das und fragst uns nachher, wer das war? Hältst du uns für bescheuert?«
So, wie Jan sich aufregte, schien er das wirklich zu glauben. »Aber ich war das nicht, Mann! Ich war auf’m Klo! Und als ich wiederkam, lag der Zettel in meiner Tasche! Das muss einer von euch gewesen sein!«
»Ey, lass mich in Ruhe, Alter!« Jetzt wurde Jan richtig wütend. »Ist dein Gehirn kaputt oder was? Du bist raus aufs Klo, kamst wieder rein, hast den Zettel in die Tasche getan, hast noch geflüstert: ›Psst, nicht verraten‹, bist wieder raus, dann kamst du wieder rein und hast Stress gemacht. Du bist echt ’ne Flasche, weißt du das?«
Da fragte Simon nicht weiter. Hier ging es nicht mit rechten Dingen zu. So viel stand fest.
Am Dienstag kam die Schulsekretärin Frau Heinemann mit dem Direktor an ihrer Seite auf ihn zu und schimpfte schon, sobald sie überhaupt in Sichtweite war: »Dieser Kerl war es, Herr Direktor! Er hat mir ins Gesicht gerülpst und mich ›Alte‹ genannt!« Wieder musste Simon sich eine Standpauke anhören für etwas, das er nicht getan hatte. Und wieder konnte er sich gerade eben noch aus der Affäre ziehen, indem er nachwies, dass er zur Tatzeit mit seinen Mitschülern zusammen war.
Am Mittwoch beschuldigte man ihn, er wäre über das Schuldach gelaufen.
Am Donnerstagvormittag fand er schon wieder einen Zettel. Diesmal in der Jackentasche. Aufschrift: »Simon, du weißt es: Schürmann stirbt am Sonntag.« Simon wurde heiß und kalt. Er zeigte niemandem diesen Zettel. Wenn sich das bewahrheiten sollte und er hätte diesen Zettel schon vorher jemandem gezeigt, dann wäre am Sonntag die Hölle los. Sonntagabend würde er wissen, ob das, was auf diesem mysteriösen Zettel stand, stimmte oder nicht. Und bis dahin würde er niemandem davon erzählen. Niemandem.
6. Kapitel
Donnerstagabend ging er mit Jan zusammen wieder in den Teentreff. Beat-Bernd mit der Gitarre begrüßte sie schon fröhlich mit Namen: »Hallo Simon, hallo Jan!« Wieder quälten sich alle tapfer durch Gesang, wieder wurde etwas aus der Bibel vorgelesen. »Gott, ich sehe den Himmel, den du gemacht hast. Den Mond, die Sterne, alles hast du gemacht. Wie winzig klein ist der Mensch dagegen. Trotzdem hast du ihn mit Würde gekrönt – beinahe göttlich.« Simon rollte innerlich mit den Augen, während Bernd seine Meinung dazu darlegte. Wieso sollte sich jemand klein fühlen, wenn er sich den Mond und die Sterne anschaute? Damals beim Durchlesen seiner Weltall-Bücher hatte er sich nie klein gefühlt. Na ja. Vielleicht mussten sich Christen selbst kleinreden, damit sie sich anschließend darin bestätigen konnten, dass sie Gott zum Überleben brauchten. Später wurde wieder gebetet. Diesmal betete sogar einer, dass Gott Helge Schürmann gesund machen sollte. Na, da war Simon aber mal gespannt, dachte er sich. Welche Macht war wohl stärker? Die von diesem Gebet oder die des geheimnisvollen Zettelschreibers?
Wieder saß Simon den ganzen Abend neben Nadja. Und je mehr sie im Laufe des Abends miteinander lachten und quatschten, umso lockerer wurde Nadja. Und umso mehr verlor er seine Scheu ihr gegenüber. Und je lockerer es zwischen ihnen beiden wurde, umso mehr verknallte er sich in sie. In ihrer Nähe fühlte er sich einfach glücklich. Bald würde er sie ganz für sich haben.
Weil in den nächsten vierzehn Tagen Osterferien waren, fand an den kommenden Donnerstagen kein Teentreff statt. Deshalb lud Bernd am Ende des Abends die Teilnehmer zu den Gottesdiensten an Ostersonntag und Karfreitag ein. Der Gottesdienst am Karfreitag sollte was Besonderes sein, weil er nicht in der Kirche gefeiert wurde, sondern nebenan in einem alten, ausgegrabenen unterirdischen Gewölbe. Das klang ganz interessant. Aber der Gottesdienst sollte schon um 10:00 Uhr beginnen. Spätestens nach dieser Ankündigung war für Simon dieser Termin abgehakt. Wer könnte wohl so bescheuert sein und in den Ferien vor 11:00 Uhr aufstehen? Aber wie er die Leute hier in der Runde einschätzte, waren sie alle bescheuert genug. Diesen Gedanken behielt er aber für sich. Er durfte es nicht riskieren, es sich mit Nadja zu verscherzen.
»Bis morgen«, rief er ihr fröhlich zu, als sie sich verabschiedeten. Und wieder schenkte sie ihm ein Bild des Lächelns zum Abschied, das er die ganze Nacht vor Augen hatte.
Umso schockierter war Simon, als Nadja am nächsten Tag wie ausgewechselt war. Es war der letzte Schultag vor den Osterferien. An der Klassenzimmertür hatte er schon auf sie gewartet und wollte sie locker und fröhlich mit einem »Hallo« begrüßen. Aber sie warf ihm einen so hasserfüllten Blick zu, dass Simon vor Schreck sein Lachen verlor.
»Wie bist du so schnell hier hochgekommen?«, fragte sie barsch und zischte an ihm vorbei in die Klasse.
»Über die Treppe«, versuchte Simon fröhlich zu bleiben. Aber irgendwas stimmte hier schon wieder nicht. Und diesmal war es Nadja, die ihm gerade durch die Lappen ging. Er ging ihr hinterher: »Was ist denn los?«
»Fass mich nicht an!«, brüllte sie durch das ganze Klassenzimmer, sodass alle Schüler ihre Gespräche unterbrachen und die beiden anschauten. »Oder soll ich noch mal?«
»Noch mal was?«, fragte Simon, aber er ahnte schon, dass wieder irgendjemand irgendwas gemacht hatte.
»Du weißt genau, was ich meine! Und ich warne dich. Ich kann noch fester!«
»Ich schwöre dir, ich hab nichts gemacht!«, verteidigte sich Simon, aber er hatte keine Chance.
»Das stimmt!«, schimpfte Nadja. »Und das ist ganz bestimmt nicht dein Verdienst! Und jetzt lass mich bloß in Ruhe und sprich mich nie wieder an, oder ich ruf die Polizei! Verstanden?«
»Verstanden«, antwortete Simon. Viel zu kleinlaut für seinen Geschmack. Alle starrten ihn an. Grinste da etwa jemand? Dem würde er es aber so was von heimzahlen!
Simon setzte sich ohne ein weiteres Wort auf seinen Platz. Das war zu viel. Irgendwas stimmte hier nicht. Irgendjemand, der ihn kannte, mobbte ihn. Jemand sah ihm ähnlich oder kam aus einer anderen Welt, um ihn zu quälen. War das ein himmlisches Strafgericht? Oder ein teuflisches? Hatte er einen Doppelgänger? Einen Zwillingsbruder, von dem er nichts wusste? Wer auch immer das war – er hatte ihn die ganze Woche über drangekriegt. Simon hatte sich alles gefallen lassen. Aber jetzt war ihm Nadja genommen worden. Und das würde übelste Rache geben. Aber wirklich allerübelste. In diesem Moment schwor sich Simon, diesen Kerl ausfindig zu machen und ihm eine Abreibung zu verpassen, die sich gewaschen hatte. Und wenn es das Letzte wäre, das er tun würde.
Am Sonntag verbreitete sich über Internet die Nachricht, dass Helge Schürmann an inneren Blutungen gestorben wäre. Simon kramte den Zettel mit der geheimnisvollen Vorhersage aus der Tasche und zerknüllte ihn in seiner Faust. Sein feindliches Gegenüber musste ein überirdisches Wesen sein, das Dinge aus der Zukunft vorhersagen konnte. Ein Engel oder ein Dämon. Das würde die Jagd nicht einfacher machen. Aber Simon würde den Kampf auf sich nehmen. Koste es, was es wolle.
In der nächsten Woche fühlte sich Simon müde, leer und ausgelaugt. Dass Nadja ihm am Donnerstagabend so zugelächelt hatte, das hatte ihm so viel Energie gegeben. Er hatte sich wie im siebten Himmel gefühlt. Und dann diese kalte Dusche am Freitagmorgen. Und seitdem Funkstille. Nadja war aus allen WhatsApp-Gruppen ausgetreten, in denen Simon drin war. Sie hatte seine Nummer blockiert, antwortete auf keine Nachricht und meldete sich nicht, wenn er anrief. Schöne Scheiße.
An den Vormittagen schlief Simon bis kurz vor Mittag. Und wenn er wach war, fühlte er sich immer noch zu müde und erschöpft, um überhaupt aufzustehen. Irgendwann tat er es dann doch, schob sich oben in der Küche irgendeine Müslipampe zwischen die Zähne und ging entweder zu Jan, um mit ihm sinnlos zu zocken, oder er verkroch sich in seinem Zimmer, um am PC in sämtlichen Spielen, die er draufhatte, seine Level zu steigern und Rekorde zu brechen. Nur nicht nachdenken.
Zwischendurch ging er immer mal kurz raus, um nach dem geheimnisvollen Fremden zu schauen. Aber es war niemand Auffälliges zu sehen. Er ging die Straße auf und ab. Nichts Verdächtiges. Manchmal versteckte sich Simon im Garten hinter einem Busch und hoffte, so seinem Doppelgänger auflauern zu können. Nichts. Einmal schwang er sich sogar auf sein altes Fahrrad und fuhr suchend und sich umschauend bis zum Haus von Nadja. Dort stand er mindestens eine halbe Stunde an sein Fahrrad gelehnt und starrte auf ihre Hauswand in der Hoffnung, sie würde sich blicken lassen oder sogar zur Haustür rauskommen. Aber nichts davon geschah. Zu klingeln traute er sich nicht. Noch nicht.
Wenigstens erlebte er in diesen Tagen auch keine übersinnlichen Geschichten. Niemand, der ihn beschuldigte, etwas Merkwürdiges getan zu haben oder so was Ähnliches. Sollte der Spuk damit ein Ende haben? Ging es der geheimnisvollen Macht nur darum, ihn von Nadja zu entfernen? Und jetzt, wo das gelungen war, hatte sie sich in ihr Machtzentrum zurückgezogen und quälte von dort aus andere Erdenbürger? Nein, Simon würde sich nicht geschlagen geben. Er würde für Nadja kämpfen. Und er würde seinen überirdischen Foltermeister ausschalten, falls der es noch mal wagen sollte, in seinem Leben aufzutauchen.
Am Donnerstagabend um halb acht musste Simon, ohne dass er es sich vorgenommen hatte, an den Teentreff denken. Wären jetzt keine Ferien, hätte er hingehen können. Vielleicht hatte sich Nadja inzwischen wieder beruhigt. Immerhin war sie im Teentreff wesentlich zugänglicher als in der Schule. Aber in den Ferien fand diese Veranstaltung nun mal nicht statt, das wurde ja ausdrücklich angekündigt.
Aber hey! Am Freitag! Freitag war Feiertag, Karfreitag! Hatte nicht Bernd zu einem Gottesdienst in das unterirdische Gewölbe neben der Kirche eingeladen? Das war ja wohl eine öffentliche Veranstaltung. Da würden sicher mehr kommen als nur die Leute aus dem Teentreff. Und Nadja würde mit Sicherheit auch kommen. Ja, das war eine gute Idee. Über WhatsApp fand er niemanden, der sich bereit erklärte, sich am Karfreitag vor 10:00 Uhr aus dem Bett zu schälen. Auch Jan nicht, so sehr er ihn auch bedrängte. Na ja. War eigentlich auch verständlich. Hätte er sich nicht in den Kopf gesetzt, wieder bei Nadja landen zu wollen, wäre es ihm niemals in den Sinn gekommen, freiwillig einen Gottesdienst zu besuchen.
7. Kapitel
Am Freitag um halb zehn machte sich Simon auf den Weg, auch wenn sich seine Eltern über die Maßen wunderten. Simon war das egal. Er war ein Kämpfer und wollte nicht aufgeben. Er ging zur Bushaltestelle, nahm den Bus und stieg nach vier Stationen wieder aus. Kurz vor zehn kam er bei der alten Stadtkirche an. Er brauchte nicht lange zu überlegen, wo der Gottesdienst wohl stattfand. Er schloss sich einfach den Leuten an, die um die Kirche herum gingen und den kleinen Eingang in eine alte, unterirdische Gebetsstätte aus dem Mittelalter betraten. Simon war nicht zum ersten Mal hier. Mit der Grundschulklasse hatte er hier schon mal eine Besichtigungstour unternommen. Die Gebetsstätte bestand aus einem recht großen Raum mit einer hohen, gewölbten Decke. Er war damals unterirdisch gegraben worden und teilweise mit Mauersteinen und Säulen befestigt und gestützt. Das sah schon bombastisch aus, besonders an diesem Morgen, an dem der ganze Saal nur mit einigen Kerzen an den Seitenwänden ausgeleuchtet war. Im vorderen Bereich stand ein Tisch mit einem schwarzen Tuch darauf. Dahinter ein mindestens zweieinhalb Meter hohes Holzkreuz, das von unten mit zwei roten Strahlern angeleuchtet wurde. Das sah schon irgendwie unheimlich aus. Passte aber gut zu diesem ohnehin etwas mystischen Ort.
Etwa hundert Leute befanden sich hier unten. Die meisten von ihnen um die vierzig Jahre oder älter. Vier oder fünf Kinder, höchstens eine Handvoll Jugendlicher. Und keine Stühle! Alle standen in diesem Kellergewölbe, als würden sie auf den Bus warten. Mit Blick nach vorne zum Holzkreuz. Simon stellte sich im hinteren Bereich so hin, dass er von den wenigsten gesehen wurde, aber seinerseits die meisten sehen konnte. Er reckte angestrengt den Hals und versuchte, an den Köpfen, Hüten und Mänteln vorbeizuschauen, um Nadja ausfindig zu machen. Er konnte sie aber nicht sehen. Sollte er umsonst gekommen sein? Simon steckte seine Hände in die Jackentasche und seufzte. Konnte er es wagen, jetzt einfach wieder zu gehen? Er schaute zum Eingang und beobachtete, wer noch alles hereinkam. Die wenigsten davon kannte er. Aber alle schienen ein grimmiges, zerknirschtes oder zumindest unausgeschlafenes Gesicht zu machen. Musste man so aussehen, wenn man hierherkam? War das etwa das unterirdische Höhlengesicht? Oder das allgemeine Gottesdienstgesicht? Oder kamen einfach nur Leute mit solchen Gesichtern in einen Gottesdienst? Simon konnte sich nur an wenige Male erinnern, an denen er jemals in einem Gottesdienst gewesen war. Aber auch da hatten alle Anwesenden Gesichter gemacht, als säßen sie auf ihrer eigenen Beerdigung. Schon ein merkwürdiges Volk von Menschen, die sich offensichtlich dazu entschieden hatten, ein saures, düsteres und unspaßiges Leben zu führen, das man sich obendrein noch mit sauren, düsteren und unspaßigen Gottesdiensten vollends vermieste. Wobei Simon zugeben musste, dass er heute in seiner Ecke gut in diese Gesellschaft passte: sauer, düster und unspaßig. Genau so, wie sich sein Leben seit einer Woche anfühlte.
Plötzlich wurde sein Blick magisch auf den Eingangsbereich gelenkt: Nadja kam herein. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder. Zügig, aber ohne Hektik. Obwohl sie fast die Letzten in diesem Gottesdienst waren, schienen sie nicht hinten stehen bleiben zu wollen. Zielsicher bahnten sie sich einen Weg durch die herumstehenden Trauergäste und gingen nach vorne. Kurz bevor Nadja zwischen zwei schwarzen Mantelträgern verschwand, schaute sie zufällig in seine Richtung. Ihre Blicke begegneten sich sofort. Nur eine Sekunde. Aber das reichte schon, um ihren Gesichtsausdruck augenblicklich gefrieren zu lassen. Eiseskälte blitzte aus ihren Augen, dann ging sie weiter und drehte sich kein einziges Mal mehr zu ihm um. Simon hatte noch nicht einmal die Zeit gehabt, ihren Blick mit einem Lächeln zu erwidern. Ihre kalten Augen hatten seine Mundwinkel erstarren lassen.
Nachdem Nadja und ihre Familie im vorderen Bereich ihren Platz gefunden hatten, an dem sie anscheinend für den Rest des Gottesdienstes stehen bleiben wollten, bewegte sich Simon langsam von seinem Platz aus so weit zur Seite, bis er ungehinderte Sicht auf Nadja bekam. Und so blieb er stehen. Seine Augen immer auf Nadja geheftet, in der Hoffnung, seine Blicke würden sich so fest und warm in ihren Hinterkopf bohren, dass Nadja sich umdrehen und ihn anschauen musste. Aber das geschah nicht.
Der Ablauf des Gottesdienstes kam ihm wie ein Strafgericht vor. Zu Beginn spielten vier Personen mit unterschiedlich großen Streichinstrumenten irgendeine Todesmusik, die zwar gut in dieses unterirdische Gemäuer passte, aber sonst nur in einem Psycho-Thriller eine Daseinsberechtigung hatte.
Der Pfarrer, oder wer auch immer das war, begrüßte die Versammelten. Er hatte dabei eine Grabesstimme, als wollte er diejenigen, die nicht wirklich fest entschlossen waren zu bleiben, davon überzeugen, dass sie in der nächsten Stunde an jedem Ort dieser Welt besser aufgehoben wären als in dieser Einschläferungs-Veranstaltung. Doch Simon war entschlossen zu bleiben.
»Wir sind hier zusammengekommen, um an das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus zu denken«, begann er. Simon schossen automatisch tausend Pfarrerwitze in den Kopf. Wie konnte irgendjemand ernsthaft so einem Menschen zuhören, wenn der sich alle Mühe gab, seiner Tonlage alles an Meditativem und Einschläferndem zu geben, das er aus seinem Innersten rausholen konnte? Bestimmt war der Pfarrer nebenberuflich Sprecher für Meditations-CDs, auf denen er zu sphärischen Klängen unentwegt murmelte: »Du wirst müde, ganz müde. Deine Augen werden schwer, ganz schwer. Du musst schlafen, nur noch schlafen.« Und in diesem Tonfall brauchte er in solchen Gottesdiensten einfach nur die Worte auszutauschen: »Wir sind hier zusammengekommen, um nachzudenken. Und wir neigen uns. Und wir werden stille. Ganz stille.«
Ein Lied wurde gesungen, begleitet von dem Streichquartett. Eine Lesung aus der Bibel. Noch ein Lied, ein Gebet, ein Vortrag der Geigenspieler. Puh, die gaben sich hier echt alle Mühe, um einem den Gottesdienst gründlich zu vermiesen. Alles, was man an Foltereinlagen aus dem Musikunterricht, von Geschichtslehrern und Laber-Vorlesestunden im Reli-Unterricht kannte, wurde hier in eine einzige Stunde gepresst. Damit es noch langweiliger wurde, ließ man sich für jeden einzelnen Programmpunkt so lange Zeit, dass einem alle zehn Minuten die Füße einschliefen und wieder aufwachten. Simon blieb tapfer. Er wollte in Nadjas Nähe sein. Und ihr nachher vielleicht noch ein Lächeln schenken. Und wenn alles gut ging, noch etwas Nettes sagen. Dazu musste er diese Gruselveranstaltung aber durchhalten. Kurz entschlossen zog er sein Handy aus der Tasche und vertiefte sich in eines der Online-Spiele. So würde er die Zeit schon rumkriegen.
Nach der Endlos-Predigt des Pfarrers vermutete Simon, jetzt könnte es nicht mehr allzu lange dauern. Die Geigenspieler quälten noch einmal Simons Ohren. Während er sein Handy einsteckte, schaute er sich vorsichtig in dieser Versammlung um. Konnte es wirklich sein, dass all diesen Menschen hier diese Kammer-des-Schreckens-Musik gefiel? Die Hut- und Mantelträger schauten alle träge und verschlafen vor sich auf den Boden oder lustlos zu dem Musikquartett. Einige standen in der Nähe des Ausgangs, als warteten sie nur auf das Ende der Veranstaltung, damit sie dann als Erste wieder ins Freie rennen konnten.
Plötzlich erstarrte Simon. Ganz in der Nähe der Ausgangstür stand ein Typ in der gleichen Jacke, wie Simon sie hatte. Eine Mütze tief ins Gesicht gezogen, aber nicht tief genug, um unerkannt zu bleiben. Die Hände in die Jackentasche gesteckt, insgesamt etwas ungepflegt – aber kein Zweifel: Das war der Typ, der ihn schon seit drei Wochen verfolgte! Und als hätte Simons Blick magische Kräfte, drehte der andere genau in diesem Augenblick seinen Kopf zu Simon und starrte ihm mitten ins Gesicht. Simon wurde kreidebleich. Ihm war es, als würde er in einen Spiegel blicken. Als stünde da gerade sein lebendig gewordenes Spiegelbild. Unfassbar! Am liebsten wäre Simon sofort auf diesen geheimnisvollen Menschen zugestürzt und hätte ihn hier vor all den Leuten verprügelt. Aber dieser elektrisierende Blickkontakt ließ ihn in seiner Bewegung gefrieren und Simon konnte mehrere Sekunden nichts anderes tun als dastehen und sein magisches Gegenüber anglotzen.
Dann drehte sich der andere um, bewegte sich rasch auf die Ausgangstür zu und ging nach draußen. Eigentlich hatte Simon vorgehabt, auf Nadja zu warten. Aber noch mehr hatte er sich vorgenommen, diesen überirdischen Fremden zu jagen und ein für alle Mal auszuschalten. Er spürte, wie Wut und Hass in ihm zu kochen begannen. Und ohne zu zögern, quetschte er sich an den Umherstehenden vorbei und verließ ebenfalls die Kirchengrotte. Zuerst musste er blinzeln, um seine Augen wieder an das helle Tageslicht zu gewöhnen. Aber dann schaute er sich schnell nach allen Seiten um. Und dann erkannte er diesen Typen, wie er gerade die Straße entlangging und sich, kurz bevor er hinter einer Häuserwand verschwand, noch einmal umdrehte und wieder direkt in Simons Augen schaute. Dieser Kerl wusste also, dass Simon nach ihm Ausschau halten würde. Er wusste, dass er etwas Verbotenes tat. Ihm war klar, dass er einen unschuldigen Menschen wochenlang tyrannisiert hatte. Aber jetzt war die Gelegenheit da. Jetzt würde Simon diesem Spuk ein Ende setzen. »Bleib stehen!«, rief er laut. Von wildem Kampfgeist angespornt rannte er los. Als er auf der Straße angekommen war, sah er, wie der andere gerade um eine Häuserecke rannte. Aha. Er ergriff die Flucht. Na schön. Sollte er doch. Simon würde ihn schon einholen. Er rannte schneller. »Bleib sofort stehen!«, brüllte er aus voller Kehle, aber der andere hörte nicht auf ihn. Nach jeder Ecke war er kurz zu erkennen, bevor er hinter einer weiteren Häuserecke verschwand. Simon rannte wie verrückt. Er hatte sich geschworen, diesen Kerl zu kriegen. Und er würde alles daransetzen, um ihn einzuholen und ihm sein Gehirn aus der Birne zu prügeln. Aber so was von! Dummerweise war der andere auch recht schnell. Der Abstand zwischen den beiden verringerte sich kein bisschen. Im Gegenteil. Der andere wurde noch ein bisschen schneller. Simon kam kaum noch hinterher. Aber er wollte nicht aufgeben. Nicht jetzt. Nicht hier. Wer weiß, wann er das nächste Mal die Gelegenheit bekommen würde, diesen Kerl zu erwischen!
Am Stadtrand rannte der Fremde immer weiter. An den letzten Häusern vorbei, über eine kleine Wiese bis in den Wald. Plötzlich überfiel Simon ein gewisses Unbehagen. Er war noch nie in diesem Wald gewesen. Während seiner Kindheit war er ohnehin nur selten im Wald gewesen. Und wenn, dann nicht auf dieser Seite der Stadt. Wo rannte der Kerl hin? Lockte er ihn etwa in eine Falle? Was, wenn dort im Wald eine ganze Meute voller Doppelgänger, Zauberer, Gnome und Außerirdischer hauste? Oder zumindest Landstreicher, Gauner, Verbrecher, die zu allem bereit waren? Simon war allein. Und wie viele dort zusammen im Wald hausten, wusste er nicht. Dass der Fremde einfach nur so in den Wald flüchtete, konnte Simon sich kaum vorstellen. Sicher hatte er dort eine Behausung. Eine Höhle, eine Räuberhütte, einen Unterschlupf. Ganz automatisch wurde Simon langsamer. Sein Wunsch, den Fremden zu verfolgen, wich der Angst, von einer ganzen Räuberbande vermöbelt zu werden. Und Simon wurde unschlüssig. Der andere drehte sich noch einmal um und bemerkte wohl, dass der Abstand größer geworden war. Er rannte weiter, ohne das Tempo zu verlangsamen. Endlich blieb Simon stehen. Er stützte seine Hände auf seine Knie ab und schnaufte wie ein Marathonläufer. Er hatte versagt. Der andere war ihm entkommen. Aber zumindest hatte er ihn endlich mal länger als nur eine Sekunde gesehen. Und jetzt war ihm klar, dass er sich das alles nicht bloß einbildete. Da gab es tatsächlich jemanden, der irgendetwas im Schilde führte. Und der eine Behausung im Wald haben musste. Das war zumindest schon mal ein Hinweis. Simon schaute sich um und betrachtete die Bäume, deren grüne Blätter schon frühlingshaft hervorsprossen. Trotzdem, fand er, hatten diese hohen Bäume an diesem Ende der Stadt etwas Unheimliches. Ging es hier wirklich mit rechten Dingen zu? Während er noch völlig außer Atem den Rückzug antrat, beschloss er, sich nicht von mystischen Gedanken verrückt machen zu lassen. Er würde diesem geheimnisvollen Waldbewohner in den nächsten Tagen einmal genauer nachgehen.
8. Kapitel
Am Ostersonntag schien die Sonne so warm, dass die Eltern vorschlugen, einen Sonntagsspaziergang zu machen. »Wie früher«, schwärmte die Mutter. Normalerweise hätte Simon ihr dafür einen Vogel gezeigt und sich für den Rest des Tages in seinem Zimmer eingeschlossen. An diesem Tag witterte er aber eine Chance. »Sollen wir mal durch den Wald am anderen Ende der Stadt gehen?«, fragte er und legte etwas kindliche Begeisterung in seine Stimme.
»Von mir aus«, antwortete der Vater. Offensichtlich waren beide froh, dass Simon sich so schnell zu einem Spaziergang hatte überreden lassen.
An den Gesprächen der Eltern beteiligte er sich nicht. Und wenn die Mutter versuchte, Simon mit einer dummen Frage ein Gespräch aufzuzwingen, brummelte er nur eine kurze Antwort vor sich hin. Er war nicht hier, um soziale Familienkontakte zu pflegen, sondern um zu ergründen, was es mit seinem Schatten auf sich hatte. Bald schon waren sie an genau der Stelle angekommen, an der er vor zwei Tagen seinen Verfolger verloren hatte. Ab jetzt wurde es interessant. Zu dritt gingen sie den Weg weiter. Die Eltern schlenderten wie zwei Spaziergänger aus dem Seniorenheim. Simon schlich diesen Waldweg geradezu wie ein Panther entlang, der jederzeit bereit war, mit einem Sprung seine Beute hinter einem der Büsche zu ergreifen und in Stücke zu reißen.
Hier und da begegneten sie auch anderen Spaziergängern, die aber alle ganz harmlos aussahen und die auch keinem Räuber in die Hände gefallen zu sein schienen. An einer Stelle machte der Weg eine Abzweigung nach links. Durch die Bäume hindurch konnte Simon sehen, dass geradeaus eine große Waldlichtung lag. Auf einer großen Wiese stand ganz hinten ein altes, verfallenes Haus. Ein Hexenhaus?
»Was ist das für ein Haus?«, fragte Simon so beiläufig wie möglich.
»Die alte Mühle«, erklärte der Vater. »Mit einem Wassermühlrad. Da wurde früher Getreide zu Korn gemahlen.«
»Wie viel früher?«
»Keine Ahnung. Vor fünfzig oder hundert Jahren vielleicht. Als ich noch Kind war, da war die Mühle schon nicht mehr in Betrieb. Solange ich mich erinnern kann, ist sie bloß ein altes, halb eingestürztes Haus.«
»Und was ist da drin?«
»Nichts.«
»Nichts? Irgendwas muss doch da drin sein.«
Der Vater schaute sich im Weitergehen kurz nach der Mühle um, die man in der Ferne durch die Bäume hindurch schimmern sehen konnte. »Wie gesagt, das ist schon lange ein altes, verfallenes Haus. Ich glaube nicht, dass man es überhaupt betreten kann. Da kracht doch alles zusammen, wenn man dort reingeht.«
»Außerdem ist das auch verboten«, schloss sich die Mutter an. »Ich glaube, vor ein paar Jahren wurde mal überlegt, ob man die Mühle noch mal restaurieren und unter Denkmalschutz stellen sollte. Aber das war der Stadt zu teuer. Jetzt lässt man sie dort einfach verwittern, weil es der Stadt sogar zu teuer ist, sie abzureißen.«
Simon gab sich immer noch nicht zufrieden. »Kann es denn sein, dass da doch jemand wohnt? Ein Penner vielleicht? Oder ein Räuber?«
Vater lachte leise. »Sicher. Da wohnen die Räuber von den Bremer Stadtmusikanten und warten darauf, dass sie von den Tieren vertrieben werden.«
»Gibt es vielleicht Geschichten darüber, dass es dort spukt?«, fragte Simon vorsichtig, auch wenn die Gefahr bestand, dass er sich lächerlich machte.
»Hab ich nie gehört«, sagte der Vater knapp.
»Ich hab gehört, dass vor drei Wochen bei dem starken Gewitter ein Blitz genau in die Mühle eingeschlagen ist«, sagte die Mutter. »Wenn dir das als Spukgeschichte genügt? Vielleicht hat bei der Gelegenheit Doktor Frankenstein in der Mühle ein Monster aus zusammengenähten Leichenteilen zum Leben erweckt.«
Die Mutter grinste dabei, aber Simon wurde im selben Augenblick schlecht. Ein Monster zum Leben erweckt … Leichenteile … jemand, der so aussah wie Simon … Wald … Mühle … Sein Herz raste und fühlte sich an, als würde es gerade von einer eiskalten Hand umschlossen. Während er laut keuchend nach Luft schnappte, spürte er, wie sein Blickfeld enger wurde und schwarze Schleierwolken sich vor seinen Augen zusammenbrauten. Das Letzte, was er sah, war seine Mutter, die besorgt ihre Hände vor der Brust faltete. Dann brach er bewusstlos zusammen.
Natürlich war Simon kurz nach seinem Ohnmachtsanfall wieder zu sich gekommen. Seine Eltern hatten ihn auf den Rücken gelegt, seine Beine nach oben gehalten und ihn auf dem Nachhauseweg von beiden Seiten gestützt. Zu Hause musste er viel essen und trinken und sich in seinem Zimmer gut ausruhen. Simon ärgerte sich über diese Bemutterung, und ihm ging es auch schnell wieder besser. Trotzdem befiel ihn eine unbeschreibliche Angst. Was hatte dieser Typ, der ihn verfolgte und der die Zukunft kannte, mit dieser Mühle zu tun? Simon glaubte nicht an Geister und Gespenster. Aber dieser Fall war doch schon sehr mysteriös. Und neben dem Wunsch, diesen anderen Kerl, dieses Monster, zu schnappen, wuchs in ihm allmählich die Angst.
In den nächsten Tagen versuchte er Jan zu überreden, mit ihm nach draußen zu gehen und die alte Mühle einmal näher zu untersuchen. Aber Jan ließ sich nicht breitschlagen. Lieber wollte er mit Simon weiter PC zocken. Das taten sie dann auch. Trotzdem schaute sich Simon jedes Mal, wenn er auf den Straßen zwischen Jan und seinem eigenen Haus unterwegs war, nach geheimnisvollen Schatten um. Es blieb aber alles normal.
Bis auf eine Nacht gegen Ende der Osterferien. Simon war noch wach, obwohl es schon nach Mitternacht war. Seine Mutter hatte ihn bereits darum gebeten, die Musik leiser zu stellen, weil die Eltern direkt nebenan schlafen wollten. Gerade hatte er nach seinem Schlafanzug gegriffen, da hörte er im Haus ein Knacken, das ihn zusammenzucken ließ. Jemand schlich durch den Flur, das war klar. Waren das seine Eltern? Könnte ja sein, dass einer der beiden noch mal aufs Klo musste, dazu mussten sie ja die Treppe nach oben gehen. Simon stellte die Musik aus und lauschte. Eine Tür hier unten im Flur wurde geöffnet. Die Abstellkammer. Sofort trat kalter Schweiß auf Simons Stirn. Das Monster war da. In seinem Haus. Direkt neben seinem Zimmer. Was hatte es vor? So leise wie möglich suchte Simon nach einem Gegenstand, den er als Waffe benutzen konnte. Er fand aber nichts Geeignetes. Schließlich griff er nach der Schere, die in der Stiftebox auf seinem Schreibtisch steckte. Er umschloss sie mit seiner Faust wie einen Dolch, mit dem man jederzeit zustechen konnte. Dann löschte er das Licht im Zimmer, stellte sich direkt an seine Tür und lauschte. Kein Zweifel, da kramte jemand in der Abstellkammer in den Sachen herum. Kurz darauf wurde die Abstellkammertür geschlossen. Stille. Jetzt stand das Monster also außen direkt vor seiner Zimmertür. Was hatte es vor? Wollte es zu ihm kommen? In sein Zimmer? Ihn umbringen? Wenn es jetzt tatsächlich in sein Zimmer käme, würde Simon kurzen Prozess machen. Er würde sich zuerst hinter der Zimmertür verstecken und das Monster langsam eintreten lassen. Und wenn es dann mitten im Zimmer stünde, würde er es von hinten anfallen und mit der Schere so lange darauf einstechen, bis es sich nicht mehr bewegte.
Der Schweiß drang bereits aus sämtlichen Poren seines Körpers. Sein aufgeregtes Keuchen konnte er kaum unterdrücken. Doch niemand betrat sein Zimmer. Stattdessen hörte er, wie die Haustür leise geöffnet und wieder zugezogen wurde. War das eine Falle? Sollte Simon denken, die Bestie wäre draußen? Stand sie hingegen noch im Flur und wartete nur darauf, dass Simon herauskam? Oder war sie wirklich abgehauen? Einen kleinen Spalt breit öffnete Simon seine Tür und erwartete schon, dass ein Messer, eine Faust oder gleich ein ganzer Mensch hereinstürmen würde. Aber es blieb still. Langsam öffnete er die Tür noch mehr und spähte in den dunklen Flur hinaus. Niemand da. Vorsichtig tastete er sich bis zur Haustür vor und öffnete sie. Er brauchte eine Weile, um draußen die umliegenden Straßen zu erkennen. Doch dann sah er in einiger Entfernung eine Gestalt mit einem Rucksack auf dem Rücken die Straße entlanggehen. Sein Doppelgänger. Das konnte er selbst in dieser Dunkelheit erkennen. Seine Finger umschlossen den Griff der Schere fester, als er sich einen Ruck gab und so schnell er konnte die Straße entlangrannte. Kurz bevor die dunkle Gestalt um die nächste Häuserecke bog, drehte sie sich kurz um und erkannte Simon. Mit übermenschlicher Geschwindigkeit raste sie los, als würde sie schon die Stiche der Schere spüren. Der Hass beschleunigte Simon, allerdings schien die Verfolgungsangst auch den anderen anzutreiben. Und so blieb der Abstand schon wieder derselbe, obwohl der andere einen Rucksack trug. Der Kerl lief wieder zur Stadt hinaus in Richtung Wald. Richtung Mühle. Als Simon das klar wurde, blieb er stehen und musste erst mal verschnaufen. Jetzt, mitten in der Nacht würde er garantiert nicht durch diesen unheimlichen Wald gehen. Aber morgen, dachte Simon. Morgen bist du dran!
9. Kapitel
Am nächsten Tag durchsuchte Simon zuallererst die Abstellkammer, ob irgendetwas fehlte. Da er sich in dem Gerümpel seiner Eltern nicht auskannte, konnte er das nicht feststellen. Er fragte seine Mutter, ob sie was Wichtiges aus der Abstellkammer oder sonst irgendwo im Haus vermisse. »Ein Glas Gurken, ein eingeschweißter Kuchen und ein Glas Fleischwürstchen«, stellte sie mit Blick auf den Vorratsschrank fest.
»Na toll«, stöhnte Simon. »Ich meinte eigentlich mehr, ob wirkliche Wertgegenstände fehlen. Gold, Schmuck, Handys oder so was.«
Die Mutter schaute sich in mehreren Zimmern um, aber das Einzige, was sie sonst noch vermisste, waren zwei Päckchen Kekse aus der Küche. »Hast du die weggenommen, Simon?«
»Nein!« Und sicher würde hier kein Einbrecher ins Haus kommen, um Kekse und Gurken zu klauen. Das war ja lächerlich!
Am Nachmittag fand Simon im Gartenhäuschen ein abgebrochenes Bein aus Metall von einem Gartenstuhl. Damit bewaffnet ging er geradewegs zur Stadt hinaus in den geheimnisvollen Wald. Per Handy versuchte er noch, Jan oder einen der anderen Kumpels zum Mitkommen zu überreden. Aber keiner hatte Lust. Und den Freunden was von seinem rätselhaften Doppelgänger erzählen wollte er auch nicht. Das Ganze wurde doch immer unglaubwürdiger. Außerdem hatte er Angst, die anderen könnten ihn für verrückt halten. Sobald er den ganzen Fall aufgeklärt hatte, dann könnte er nachträglich all die verdrehten Ereignisse erzählen. Oder ein Buch darüber schreiben. Aber jetzt musste er erst mal heil aus der Nummer rauskommen.
Der Weg durch den Wald zog sich ziemlich lang. Wieder schaute er zu den riesigen Bäumen nach oben. Durch den Wind beugten sie sich leicht vor und zurück, als wollten sie ihm irgendwas mitteilen. Ihn warnen. Je weiter er allerdings in den Wald hinein gelangte, umso weniger Geräusche kamen von den Bäumen. Als hielte der Wald den Atem an. Gleich passiert hier etwas, dachte Simon und verlangsamte automatisch sein Tempo. Immer wieder schaute er sich nach allen Seiten um, während er weiterging. Dann endlich erreichte er die Weggabelung, an der er mit seinen Eltern links abgebogen war. Jetzt lief er vorsichtig geradeaus weiter, an den letzten Bäumen vorbei bis zu der Waldlichtung. Nach ein paar Schritten über die Wiese blieb er an einem alten, halb verfallenen Zaun stehen, der ein großes ungemähtes Wiesengelände von dem vorderen Wiesenstück abgrenzte. Ein morscher Torflügel hing müde in den Angeln eines ebenso alten Torpfostens. Der andere Torflügel lag auf dem Boden und war von Moos und kleinem Gestrüpp schon halb überwuchert. Simon atmete einmal tief ein und wieder aus, dann überwand er sein flaues Gefühl im Bauch und ging los. Langsam und sich immer noch nach allen Seiten umschauend durchschritt er das Tor und betrat das Gelände. Still und unheimlich lag das alte, vergammelte Häuschen am Ende der Wiese. Die Wände bestanden an manchen Stellen aus Fachwerkbalken, in deren Zwischenräumen Ziegelsteine gemauert waren. Teilweise waren die Wände aber auch nur aus Holz gezimmert. Zumindest sah das für Simon so aus. Das Dach war von der Witterung völlig aus der Form geraten. Schief und krumm wand sich der Dachgiebel von einem Ende des Gebäudes bis zum anderen. Erstaunlich große Teile der Dachdeckung waren noch in Ordnung. An etlichen Stellen fehlten aber bereits Dachziegel, sodass sowohl Regen und Wind als auch Vögel, Ratten und andere Tiere eindringen, ihre Nester bauen und damit den Verfall der Mühle noch vorantreiben konnten. Hinter dem Haus plätscherte ein kleiner Bach. Dort faulte ein morsches Mühlrad im Wasser vor sich hin. Insgesamt lag die Mühle da wie ein alter Drache, der es sich am Bach gemütlich gemacht und damit beschlossen hatte, dort seinen Lebensabend zu verbringen. Und trotzdem strahlte das Ganze eine merkwürdige Atmosphäre, ja fast einen Zauber aus. Oder bildete Simon sich das nur ein? Die kleine Tür an der schmalen Vorderseite und die beiden Fenster rechts und links darüber bildeten zusammen so etwas wie ein Gesicht: zwei Augen, eine Nase. Fehlte nur noch der Mund. Das Maul. Simon schüttelte den Kopf. Jetzt bloß nicht kindisch werden! Einen Augenblick musste er tief durchatmen, bevor er die alte Holztür aufdrückte. Sie quietschte, als würde man einer alten Hexe auf den Fuß treten.
»Hallo?« Simon musste sich leicht ducken, um durch die Tür nach innen zu gelangen. »Hallo, ist da jemand?«
Der Raum hinter der Tür war groß, aber mit niedriger Decke. Simon konnte gerade eben aufrecht stehen. Es stank nach altem, verfaultem Holz, vermoderten Tierleichen und Katzenpisse. Ein bisschen auch nach Kerzenqualm. Der größte Teil des Raumes wurde von einem riesigen Zahnrad aus Holz eingenommen, das durch ein dickes Rundholz durch die hintere Außenwand hindurch mit dem alten Mühlrad draußen im Bach verbunden war. Riesige Stützpfeiler und Querbalken versuchten mit letzter Kraft, die morsche Zimmerdecke oben zu halten. An den Wänden lehnten alte Regale, von denen zum Teil nur noch ein oder zwei Regalböden übrig geblieben waren. An einem Tisch standen zwei Stühle. Einige Kerzen auf dem Tisch. Mehrere Kisten und Truhen in dem Raum. Werkzeuge, Hammer, Sägen und Geräte, die Simon noch nie gesehen hatte. Obwohl alles alt und morsch war, wirkte es doch irgendwie aufgeräumt. Als würde hier doch jemand wohnen.
»Hallo?« Die Stille in diesem Raum war beängstigend. Simon versuchte weiterhin, alle Ecken des Raumes gleichzeitig im Blick zu behalten. Dann entdeckte er eine Matratze auf dem Boden. Sie war mit einem modernen Spannbettlaken bezogen. Darauf lag ein Schlafsack, daneben ein Kissen. Der geheimnisvolle Eindringling, der gestern in seinem Haus gewesen war, hatte hier wohl sein Lager aufgeschlagen. Der Rucksack, den er in der Nacht noch getragen hatte, lag aber nicht dabei. Trotzdem. Nun war Simon dem Geheimnis schon sehr, sehr nahe gekommen. Wenn sein fremdes Gegenüber jetzt auch hier in der Mühle war, dann saß es in der Falle. »Komm raus!«, rief Simon und drehte sich dabei in verschiedene Richtungen. »Ich weiß, dass du da bist! Verstecken ist zwecklos!«
Im hinteren Bereich der Mühle befand sich eine Treppe nach oben. Jede einzelne der Stufen sah aus, als würde sie bei der nächsten Berührung mit einem Menschen endgültig zusammenbrechen. »Bist du da oben?«
Vorsichtig setzte er einen Fuß auf die unterste Stufe. Es knarrte bedrohlich. »Ich komm jetzt hoch! Und ich hab eine Waffe in der Hand! Du hast jetzt noch eine letzte Chance, dich zu ergeben!«
Die nächste Stufe. Knarz! Simon ging weiter. Bei jedem Schritt ächzte die Treppe, als wollte sie ihn warnen, bloß nicht weiterzugehen, oder er würde von den Geistern dieses Holzgebälks verschlungen. Je höher er kam, umso mehr hatte er das Bedürfnis, sich an dem schmalen Treppengeländer festzuhalten. Aber das sah so morsch aus, dass er sich noch nicht einmal traute es anzufassen. Um nicht seitlich von der schmalen Treppe zu fallen, stützte er sich mit den Händen auf den Stufen vor ihm ab und tastete sich so nach oben. Wenn ihn die anderen in seiner Klasse so gesehen hätten, hätten sie sich totgelacht. Aber hier sah ihn niemand. Und jetzt musste er dem Geheimnis auf den Grund gehen.
»Wo bist du? Komm raus!«
Im oberen Stockwerk war es noch enger. Im Grunde konnte er nur hier, am Ende der Treppe, direkt unter dem Dachgiebel, aufrecht stehen. Rechts und links davon fiel die Dachschräge steil ab. Mehrere riesige Zahnräder griffen hier ineinander. Dicke Lederbänder verbanden quer durch den Raum weitere Holzräder, die ihrerseits wiederum Balken und Zahnräder bewegen sollten. Große Holztische und Holzwannen, die dazwischen herumstanden, machten es ihm fast unmöglich, sich überhaupt auf dem Dachboden fortzubewegen. Aber schon der erste Schritt nach der Treppe in Richtung Zahnrad war zu viel. Der Lehmboden unter seinem Fuß krachte, Holz und Putz splitterten und Simon fiel schreiend nach vorne auf den Bauch.
Glück gehabt! Er war nicht ganz durch die Decke gebrochen. Nur sein Fuß war an einer morschen Stelle eingekracht und steckte nun in einem Loch im Boden. Simon setzte sich aufrecht hin und zog den Fuß vorsichtig aus dem Loch heraus. Puh, das war ja gerade noch mal gut gegangen. Vorsichtig rutschte er auf seinem Hintern auf dem Dachboden zurück bis zum oberen Ende der Treppe.
»Ich seh dich!«, rief er laut, obwohl das überhaupt nicht stimmte. Aber er hoffte, seinen Gegner dadurch zu verunsichern. Es blieb still. Kein Geräusch, außer seinem eigenen Schnaufen. Und dem Krächzen der Holzbalken, während er jetzt, immer noch auf dem Hintern Stufe für Stufe nach unten rutschte wie ein Kleinkind, das noch keine Treppen steigen konnte. Peinlich!
Unten angekommen, ging er noch einmal um das große Zahnrad in der Mitte herum. Seine Schritte klangen in seinen eigenen Ohren wie die eines Offiziers, der prüfend einen Raum inspizierte, ob er auch richtig sauber geputzt war. Er stellte sich vor, wie sein Gegner jetzt irgendwo hier in einem Versteck saß und sich tierisch vor diesen unheimlichen Schritten fürchtete. Ja, sollte er ruhig Angst bekommen, sofern Dämonen oder Frankensteinmonster überhaupt so etwas wie Angst empfinden konnten. Als er wieder bei der Tür angekommen war, blieb er noch eine Weile stehen und lauschte, ob noch ein Geräusch zu vernehmen war. Aber er hörte nichts. Vielleicht war dieses Wesen ja heute außer Haus. Auf Menschenjagd. Oder auf Simonjagd. Oder es wurde nur nachts sichtbar. Oder es war auf sonst irgendeiner verbrecherischen Beutetour. Wie auch immer – hier war jedenfalls niemand. Ein letztes Mal brüllte er bedrohlich: »Ich komme wieder! Verlass dich drauf!« Dann ging er nach draußen ins Freie.
Er nahm sich vor, an einem anderen Tag noch einmal wiederzukommen. Jetzt wusste er ja genau, wo der Widersacher sein Lager aufgeschlagen hatte. Jetzt konnte er jederzeit zurückkommen und nachschauen. Sein Selbstbewusstsein steigerte sich wieder, als er die Wiese durch das Tor verließ und wieder den Waldweg betrat.
Nach ein paar Metern zu Fuß durch den Wald sah er, wie ihm jemand auf dem Fahrrad entgegengefahren kam. Simon war auf dem Weg in die Stadt und der Radfahrer kam aus der Stadt und fuhr Richtung Waldmitte. Als das Fahrrad näherkam, erkannte er, dass es Nadja war. Sofort spürte Simon, wie heiße und kalte Wellen gleichzeitig in seinem Bauch Achterbahn fuhren. Wenn er überhaupt noch mal eine Chance bei ihr haben wollte, dann müsste er jetzt und hier aktiv werden. Nicht zu frech, aber auch nicht zu eingeschüchtert. Als sie nah genug herangekommen war, ging er an den Rand des Waldwegs, ließ eine Hand in der Hosentasche und hob die andere zum Gruß.
»Hallo«, grüßte er so normal, fröhlich und lässig wie möglich.
Das Lachen verschwand aus Nadjas Gesicht. »Mistkerl«, grüßte sie zurück und trat in die Pedale, um möglichst schnell an ihm vorbeizukommen. Simon zwang sich ruhig zu bleiben. Er bewegte sich dabei leicht auf das Fahrrad zu. »Nadja! Lass uns reden!«
Nadja wich mit dem Fahrrad aus. »Worüber denn?«
»Über … über den Teentreff!« Das war das Einzige, das ihm einfiel.
Nadja bremste scharf und blieb mit einem Bein auf dem Boden stehen. Der andere Fuß stand abfahrbereit auf dem Pedal. »Wie bitte? Über den Teentreff? Du hast die Frechheit, nach dem, was du mir angetan hast, über den Teentreff zu reden?«
»Ja, weil …« Simon kam sich wie ein kleiner Schuljunge vor, aber gab sich alle Mühe, nicht so auszusehen, »weil es so schön war, als wir zwei … also, ich meine … als wir alle zusammen im Teentreff waren. Das war so … zwanglos … und du hast so … süß gelächelt …« Dabei lächelte er selbst so süß wie möglich. Andere Mädchen wären bei diesem Lächeln schon längst schwach geworden.
Nicht aber Nadja. »Ach ja. Das tut mir leid. So ein Lächeln werde ich bestimmt nicht mehr aufsetzen, wenn du meinst, du kannst nach zwei Abenden im Teentreff über mich herfallen wie über ein Flittchen!«
»Was? Was meinst du damit? Das war ich gar nicht! Ich schwöre!«
»Hör auf zu schwören! Davon werden deine Angriffe auch nicht besser!«
»Ich hab nichts gemacht! Ehrenwort!«
»Auf dein Ehrenwort könnt ich kotzen!« Nadja trat wieder in die Pedale und wollte losfahren.
Etwas wie Hilflosigkeit gewann in Simon die Oberhand. Er hielt ihr Fahrrad am Gepäckträger fest. »Bitte, Nadja! Was auch immer ich gemacht haben soll – ich war das nicht! Wirklich!«
Nadjas Ton wurde immer schärfer: »Lass sofort mein Fahrrad los, du Arsch, oder du kannst was erleben!«
Simon erschrak über ihre Wut und ließ das Fahrrad los. »Ich war das wirklich nicht. Das war irgendein Doppelgänger von mir. Ich weiß selbst nicht, wer das ist.«
»Hör mal«, zischte Nadja leise, aber ebenso hart wie eben, »wenn du wenigstens so viel Mumm hättest zu dem zu stehen, was du da gemacht hast, dann könnte man ja noch darüber reden. Aber wenn du das nur abstreitest und mir dann auch noch was von einem Doppelgänger erzählen willst, seh ich nur, wie feige du bist. Und das ist einfach nur beschämend, weißt du das?« Sie setzte noch mal neu an, um das demütigendste Wort noch mal mit Nachdruck zu wiederholen: »Beschämend.« Damit drehte sie sich um, stieg auf ihr Fahrrad und fuhr in den Wald hinein. Ironischerweise lag in dieser Richtung auch die Mühle. Wenn da sein Doppelgänger jetzt drin gesessen hätte, dann könnte Simon sie direkt dorthin führen und eine Gegenüberstellung machen. Dann hätte er diesem Feigling ins Angesicht sagen können: »Gib zu, was du Nadja angetan hast, und bestätige, dass du es warst und nicht ich!« Aber die Hütte war ja leer. Zu dumm aber auch. Trotzdem brüllte er Nadja noch hinterher: »Schau in der alten Mühle nach! Da findest du die Auflösung der ganzen Scheiße!«
Dann ging er frustriert nach Hause. Weder diesen Mistkerl hatte er gefunden, noch hatte er Nadja besänftigen können. Es wurde Zeit, dass die Schule wieder begann. Er musste dringend wieder ein paar Lehrer und Leon, den Schwachmaten, in die Knie zwingen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass er noch der alte Simon war.
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