Read the book: «Das letzte Mahl»
Harald Schneider
Das letzte Mahl
Palzkis 20. Fall

Zum Buch
Tödliches Gemüse Ausgerechnet in der Vorderpfalz, Deutschlands größtem Gemüsegarten, stirbt eine Landwirtin während eines von ihr zubereiteten Abendessens durch den Verzehr von giftigen Zucchini. Weitere Teilnehmer des Essens überleben schwerverletzt, nur der ebenfalls anwesende Kommissar Palzki, der eine generelle Abneigung gegen Grünzeug aller Art hat, überlebt unbeschadet. Schnell wird ihm klar, dass es zahlreiche Verbindungen zum Pfalzmarkt in Mutterstadt geben muss, der zu den größten Gemüseerzeugern Europas zählt. Die Ermittlungen nehmen eine überraschende Wendung, als vor Palzkis Augen mitten in der Nacht neben einem Erntehelfer-Containerdorf ein Lkw-Fahrer erschossen wird, der eine Gemüselieferung zum Pfalzmarkt bringen wollte. Kurz darauf entdeckt Palzki im Keller der verstorbenen Landwirtin ein Labor, in dem Versuche mit genverändertem Gemüse durchgeführt werden. Und dann taucht an den Tatorten auch noch eine suspekte, seltsam gekleidete Person auf, die heimlich Fotoaufnahmen mit einem Teleobjektiv macht …
Harald Schneider, 1962 in Speyer geboren, wohnt in Schifferstadt und arbeitete 20 Jahre als Betriebswirt in einem Medienkonzern. Seine Schriftstellerkarriere begann während des Studiums mit Kurzkrimis für die Regenbogenpresse. Der Vater von vier Kindern veröffentlichte mehrere Kinderbuchserien. Seit 2008 hat er in der Metropolregion Rhein-Neckar-Pfalz den skurrilen Kommissar Reiner Palzki etabliert, der neben seinem mittlerweile zwanzigsten Fall »Das letzte Mahl« in zahlreichen Ratekrimis in der Tageszeitung Rheinpfalz und verschiedenen Kundenmagazinen ermittelt. Im Jahr 2017 erreichte Schneider bei der Wahl zum Lieblingsautor der Pfälzer den 3. Platz nach Sebastian Fitzek und Rafik Schami.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © katrinshine / photocase.de
ISBN 978-3-8392-6784-4
Inhalt
Zum Buch
Impressum
Personenglossar
Kapitel 1 Palzkis Trauma
Kapitel 2 Fast tödliches Gemüse
Kapitel 3 Vegetarier leben kürzer
Kapitel 4 Der Interims-Chef
Kapitel 5 Organisation ist alles
Kapitel 6 Es lebe der Sport
Kapitel 7 Flucht durchs Fliegengitter
Kapitel 8 Dem Gift auf der Spur
Kapitel 9 Eine spannende Nacht
Kapitel 10 Zwei Tote in einer Nacht
Kapitel 11 Was wusste Steffen Boiselle?
Kapitel 12 Erste Ergebnisse
Kapitel 13 Überraschung
Danksagung
In eigener Sache
Willy Astor und das Palzkiversum
Pfalzkult
Das Live-Streamingprojekt im Congressforum Frankenthal 2020
Ein besonderes Jahr – ein besonderer FESTAKT
Bonus 1 – Palzki und der Abschiedsbrief
Bonus 2 – Palzki und das Elterngespräch
Lesen Sie weiter …
.
Personenglossar
Fiktives Personal
Reiner Palzki: Kriminalhauptkommissar in Schifferstadt
Klaus P. Diefenbach: Dienststellenleiter der Kriminalinspektion Schifferstadt
Gerhard Steinbeißer, Jutta Wagner, Jürgen: Kollegen von Palzki
Stefanie: Palzkis Ehefrau mit den Kindern Melanie, Paul, Lisa, Lars
Frau Ackermann: Die Frau, die schneller spricht als ihr Schatten
Doktor Matthias Metzger: Not-Notarzt ohne Kassenzulassung
Heidelinde Rustik: Landwirtin, Erzeugerin für den Pfalzmarkt
Sonja Kruk: Tochter von Heidelinde Rustik
Dieter Kruk: Ehemann von Sonja und Mitarbeiter des Pfalzmarkts
Pablo Miro: Spanischer Vermittler von Erntehelfern
*
Reales Personal
Hans-Jörg Friedrich: Vorstand des Pfalzmarkts
Reinhard Oerther: Vorstand des Pfalzmarkts
Christian Deyerling: Aufsichtsratsvorsitzender Pfalzmarkt
Günter Wallmen: Doktorand und Gehilfe von Doktor Metzger
Peter Kauert: Mysteriöser Fotograf
Tanja Hauck: Geschäftsführerin Fliegengitter Hauck, Schwester von Heidelinde Rustik
Silke Koch: Zumba-Trainerin
Steffen Boiselle: Karikaturist, Erfinder des 100% PÄLZER, Inhaber Agiro-Verlag
Kapitel 1
Palzkis Trauma
Es hätte so ein schöner Tag werden können.
Eigentlich begann alles verblüffend verheißungsvoll. Ich hatte gut geschlafen, meine Frau Stefanie zauberte ein ansprechendes, wenn auch vegetarisches Frühstück. Die außerordentlich pubertierende Melanie kam nicht mit abstrusen Forderungen, die Frauen für gewöhnlich erst Jahre später entwickelten, und der zehnjährige Paul war brav wie ein Lämmchen, ohne dass ich dafür einen Grund erkennen konnte. Ich fuhr bei bestem Wetter, es war weder windig noch zu kalt oder zu warm, zur Dienststelle der Kriminalpolizei Schifferstadt in den Waldspitzweg. Da zu Hause alles glatt lief, kam ich dort ausnahmsweise pünktlich zum Dienstbeginn an. Die Kollegin in der Zentrale schaute spaßeshalber auf die Uhr und grinste, als ich mich auf den Weg zu Juttas Büro machte. Ich konnte den Kaffee schon riechen, den ich in Kürze zu diesem perfekten Tagesbeginn genießen würde. Alles in allem: Ich erlebte eine friedliche Idylle und fühlte mich rundum wohl. Das Leben hatte auch seine guten Seiten.
»Was machst du hier, Reiner? Und so früh?« Meine Kollegin Jutta Wagner war ebenso überrascht wie Gerhard Steinbeißer, der in der Besprechungsecke lümmelte und ein Sportmagazin für Marathonläufer betrachtete.
»Arbeiten? Atmen? Das Leben genießen?« Ich ließ mich durch Juttas Fragen nicht verwirren.
»Aber, du hast doch …«
»Lust auf einen Kaffee«, ergänzte ich und fläzte mich neben Gerhard an den Besprechungstisch. »Entschuldigt bitte, dass ich so früh auftauche, falls ich euren Tagesplan durcheinandergebracht habe.«
»Wurde der Termin kurzfristig verlegt?«, fragte Gerhard vorsichtig, während er das Magazin auf den Tisch legte. Er sah mich mit zusammengekniffenen Augen an.
Noch immer bemerkte ich nicht, dass etwas faul war. »Ich weiß nichts von einem Termin«, entgegnete ich. »In meinem Kalender steht nichts Wichtiges. Erst nächste Woche darf ich wegen Paul mal wieder zum Lehrergespräch.« Mindestens zweimal im Monat hatte ich solche unerfreulichen Gespräche, die Stefanie stets an mich abdrückte.
»Du hast vor ein paar Tagen die schriftliche Anweisung bekommen«, beharrte Jutta weiter. »Ich habe sie dir selbst auf deinen Schreibtisch gelegt.«
Ich lachte kurz auf. »Du weißt genau, wie selten ich in meinem Büro bin. Und wenn ich mal dort bin, habe ich sicherlich keine Zeit, mich durch Stöße von Anweisungen aller Art zu wühlen.« Nachdem ich meine Tasse gefüllt hatte, schaute ich Jutta an: »Wichtige Dinge sagst du mir immer persönlich.«
»Habe ich auch«, konterte sie und seufzte. »Gestern kurz vor Feierabend zum letzten Mal.«
»Dann kann es nichts von Belang sein, sonst könnte ich mich erinnern. Hat unser Chef Geburtstag?«
»Mein Geburtstag ist erst in zwei Monaten!«
Wir erschraken alle drei. Ich erkannte die autoritär tiefe Stimme sofort. Im Türrahmen stand der Dienststellenleiter Klaus P. Diefenbach, der aufgrund seiner Initialen von uns nur KPD genannt wurde.
Während Gerhard möglichst unauffällig das Sportmagazin unter dem Tisch verschwinden ließ, zog Jutta ihr Genick ein und setzte sich hinter ihren Schreibtisch.
Ich wollte gerade einen lockeren Spruch zur Begrüßung anbringen, da fiel mir die Kleidung meines Chefs auf. Die maßgeschneiderte Uniform war nicht das Auffällige, auch nicht die Vielzahl der Orden und Anstecker an seiner Jacke. Es war die Krawatte. »Haben Sie eine Wette verloren?«, fragte ich KPD, ohne weiter darüber nachzudenken.
»Eine Wette?«, antwortete er irritiert mit einer Gegenfrage.
»Freiwillig haben Sie diese ulkige Krawatte sicherlich nicht angezogen.« Ich grinste breit. Generell trug KPD nur konservative Krawatten, die seine Wichtigkeit unterstreichen sollten. Heute hatte er ein grasgrünes Stück umgebunden, auf dem diverses Gemüse abgedruckt war: Blumenkohl, Radieschen und Kopfsalat kannte ich, der Rest interessierte mich nicht. »Sieht ziemlich geschmacklos aus«, ergänzte ich und bereute es sofort.
Adrenalin in Höchstdosis schoss KPD in den Kopf. Gleich würde sein krebsrotes Gesicht aufplatzen wie in einem billigen Comic. Sein Blutdruck dürfte jedes Messgerät überfordern.
In dem Moment, als KPD mit einem Schreianfall loslegen wollte, klingelte Juttas Telefon. Aus unerfindlichen Gründen lenkte uns das Klingeln von der angespannten Situation ab. Wir blickten zu Jutta, die zögerlich den Hörer abnahm.
»Wagner. Ja bitte? Herr Diefenbach? Ja, der ist bei mir, einen kleinen Augenblick bitte.« Sie reichte den Hörer an KPD weiter, der im Reflex annahm.
Seine Körperhaltung änderte sich. Von einer Sekunde auf die andere stand er stramm vor dem Schreibtisch. »Jawoll!«, schrie er unterwürfig in den Hörer. »Ich bin schon unterwegs mit meinem Untergebenen.« Er beendete das Gespräch und gab Jutta den Hörer zurück, den diese angeekelt mit zwei Fingern auf den Tisch legte. Sie holte aus der Schreibtischschublade ein Päckchen Desinfektionstücher und reinigte den von KPD mit einem Spucknebel kontaminierten Hörer.
»Wir müssen los«, bellte er in meine Richtung. »Genauer gesagt, hätten wir vor einer halben Stunde losfahren müssen. Hoffentlich kommen wir nicht zu spät.« Er drohte mir mit dem Finger. »Wenn das der Fall sein sollte, sind Sie die längste Zeit an dieser Dienststelle gewesen, Palzki.« Er musterte mich von oben herab. »Hatte ich nicht angeordnet, dass Sie heute in akzeptablem Zustand zum Dienst erscheinen sollen? Warum haben Sie keine Uniform an?«
»Die wurde beim letzten Einsatz beschädigt und wird gerade ausgebessert«, nuschelte ich. Um Ausreden war ich meist nicht verlegen.
KPD warf mir einen verächtlichen Blick zu. »Dann kommen Sie eben so mit. Halten Sie aber immer ein paar Meter Abstand zu mir, es muss ja nicht jeder wissen, dass Sie mein Untergebener sind.« Kopfschüttelnd fügte er hinzu: »Ich verstehe sowieso nicht, warum ich ausgerechnet Sie mitnehmen muss.«
»Ich kann gerne hierbleiben, Herr Diefenbach. Mir geht es heute sowieso nicht besonders gut. Wenn Sie etwas Schriftliches brauchen, schreibe ich Ihnen gerne ein paar Zeilen.« Hoffnungsvoll schaute ich meinen Chef an.
»Das kommt nicht in die Tüte«, polterte KPD. »Wenn ich ohne Sie auftauche, heißt es bestimmt, ich habe meinen Laden nicht im Griff. Kommen Sie, Palzki, kommen Sie endlich.«
Er drehte sich um und verließ das Büro. Jutta und Gerhard feixten um die Wette.
»Wo geht es hin?«, fragte ich die beiden misstrauisch.
»Lass dich überraschen, Reiner«, antwortete Jutta und fiel in Gerhards Lachen ein.
Nicht einmal den Kaffee konnte ich trinken. KPD stiefelte schnellen Schrittes durch das Gebäude zum Hinterausgang. Die Sache war eindeutig: Ich musste eine Fahrt in KPDs Dienstwagen überstehen. Die Fahrkünste meines Chefs waren außerordentlich zweifelhaft bis mehr als unbefriedigend. Die Wahrscheinlichkeit, eine Fahrt mit ihm unbeschadet zu überstehen, tendierte gegen null.
Ich irrte mich. KPD ging an seinem Wagen vorbei und steuerte auf eine Stretch-Limousine zu, die mitten auf dem Hof hinter unserer Dienststelle parkte. Verblüfft registrierte ich die Aufschrift an der hinteren Tür sowie am Heckfenster: »Hier fährt Klaus P. Diefenbach, der gute Dienststellenleiter der Schifferstadter Kriminalinspektion.«
Pure Angst überkam mich. Wenn KPD dieses Ungetüm fuhr, würde man aufgrund der vielen Unfälle Katastrophenalarm im Kreisgebiet ausrufen müssen. Meine panische Reaktion erwies sich als unbegründet. Ein livrierter Chauffeur stieg aus und kam meinem Chef entgegen, der in der Nähe des Hecks stehengeblieben war. Der Chauffeur öffnete die hinterste Tür der Stretch-Limousine und gab KPD mit einer geschmeidigen Geste zu verstehen, dass er einsteigen könne. Ich beobachtete die Szene kopfschüttelnd. KPD war in meinen Augen schon immer ein eitler Spinner, der übertriebenen Wert auf Etikette legte. Mit dieser Aktion übertraf er alles bisher Dagewesene. Um mir die Peinlichkeit einer vom Chauffeur aufgehaltenen Tür zu ersparen, öffnete ich auf gleicher Höhe des Wagens die Tür auf der anderen Seite. Ich musste zweimal hinschauen, bis ich den exorbitant großen Innenraum überblicken konnte. Luxus, wohin mein Auge traf. Stand neben dem 75-Zoll-Fernseher tatsächlich eine Badewanne? Mehr Zeit, darüber nachzudenken, hatte ich nicht: KPD fuhr mich böse an.
»Was wollen Sie, Palzki? Warum haben Sie die Tür geöffnet?« Die Beinfreiheit vor dem Einzelsessel meines Chefs war gigantisch.
»Einsteigen?«, fragte ich naiv. »Oder darf ich nun doch zu Hause bleiben?«
KPD zog eine Schnute. »Natürlich kommen Sie mit, Palzki. Ihr Platz ist vorne. Beeilen Sie sich jetzt endlich.«
Froh, nicht neben meinem Chef sitzen und gezwungenen Small Talk führen zu müssen, ging ich nach vorne und stieg auf der Beifahrerseite ein. Hier war es nicht ganz so komfortabel wie hinten, an Platz mangelte es dennoch nicht. »Tach, mein Name ist Reiner Palzki.«
Der Chauffeur sagte mir seinen Namen, der so kompliziert klang, dass ich ihn sofort wieder aus meinem Kurzzeitgedächtnis strich.
Ein Motorengeräusch war nicht zu hören. Lautlos rollten wir über die Straße. Die Inneneinrichtung ließ mir keine Ruhe. »Sagen Sie mal, Herr, äh, habe ich da hinten wirklich eine Badewanne gesehen? Ist das nicht zu schwer?«
Der Fahrer grinste spitzbübisch. »Gewichtsmäßig ist der Wagen bis 7,5 Tonnen zugelassen«, erklärte er mir. »Bis zu einem Dutzend Fahrgäste kann ich befördern. Oft sind es ziemliche Schwergewichte, die deutlich mehr wiegen als die statistischen 75 Kilogramm.« Er blickte kurz zu mir rüber. »Die Badewanne ist leer, außerdem gehört sie nicht zur Ausstattung der Limousine. Ich renoviere zu Hause zurzeit mein Bad. Da habe ich die Gelegenheit genutzt, vorhin am Baumarkt vorbeizufahren und die Wanne zu kaufen. Nachher kommt die natürlich wieder raus.«
»Dann hoffen wir mal, dass mein Chef unterwegs nicht baden möchte.«
Der Chauffeur schmunzelte. »Es sind ja nur ein paar Kilometer.«
»Wo geht’s eigentlich hin?«
»Mutterstadt«, antwortete der Fahrer.
»Für die kurze Strecke diesen Aufwand?« Mutterstadt lag nur wenige Kilometer nördlich von Schifferstadt. Mehr als die Hälfte der Strecke hatten wir bereits hinter uns.
Er hob die Schultern kurz hoch. »Das kann mir egal sein. Herr Diefenbach hat mich und den Wagen für einen halben Tag gebucht inklusive aller Kilometer. Während der Wartezeit kann ich mir den Fernseher anmachen. So leicht wie heute verdiene ich selten mein Geld.«
Ich zog meine Schlussfolgerungen. »Wir fahren nach Mutterstadt, und später fahren Sie uns wieder zurück?«
Er nickte. »So wurde es vertraglich vereinbart.«
»Und wo geht’s genau hin?«
»Hat Ihnen das Herr Diefenbach nicht gesagt? Wir sind gleich da.«
Kurz darauf fuhren wir durch das Zentrum von Mutterstadt. Ohne zu rangieren konnte der Chauffeur an der großen Kreuzung im Ortszentrum nach Westen in Richtung Dannstadt auf die Neustadter Straße abbiegen. Ich hatte keine Ahnung, wohin die kurze Reise gehen könnte. Keine Minute später ließen wir die letzten Häuser des Orts hinter uns. »Fahren Sie nicht zu weit? Hier endet Mutterstadt.«
»Nur die Bebauung, Herr Palzki. Wie gesagt, wir sind gleich am Ziel.«
Mir kam die Sache inzwischen spanisch vor. Links und rechts von uns gab es nur Felder. Die Vorderpfalz wurde gerne der Gemüsegarten Deutschlands genannt, was aufgrund der nicht enden wollenden Äcker und Felder nachvollziehbar war. Dabei wusste ich nicht einmal, ob es einen Unterschied zwischen Feld und Acker gab. Ein Gemüsegarten entsprach sowieso nicht meiner Interessenslage. Die Landstraße führte über die A61. Auf der anderen Seite der Brücke begann Dannstadt-Schauernheim.
Unvermittelt bog der Chauffeur rechts ab auf ein Firmengelände mit übergroßen Hallen. Erst als ich das Firmenschild entziffern konnte, wusste ich, wo wir waren: im Pfalzmarkt. Ich kannte zwar ein paar Eckdaten des Unternehmens, das als Genossenschaft jedes Jahr unendlich viel Obst und Gemüse produzierte, doch vor Ort gewesen war ich noch nie. Als Schifferstadter kam man ohne Grund eigentlich nur sehr selten bis nie auf den Gedanken, die Landstraße zwischen Dannstadt und Mutterstadt zu befahren.
Der Wagen hielt auf dem gut gefüllten Firmenparkplatz. »Wir sind am Ziel«, sagte der Chauffeur. In dem Moment polterte KPDs Stimme aus dem Lautsprecher.
»Bitte parken Sie etwas prominenter direkt am Zufahrtsweg. An der Stelle, wo wir im Moment halten, können uns die Gäste nicht sehen.«
Während ich darüber nachdachte, welche Gäste er meinte und warum diese den Wagen sehen sollten, antwortete der Fahrer: »An den Zufahrtswegen gilt überall striktes Halteverbot.«
»Das ist für mich irrelevant«, plusterte sich KPD stimmlich auf. »Ich als VIP habe selbstredend eine Ausnahmegenehmigung. Fahren Sie direkt vor bis zum Eingang.«
Der Chauffeur seufzte und folgte der Aufforderung. Nachdem er die Lautsprecheranlage abgeschaltet hatte, meinte er mit einem Seitenblick zu mir: »Auch wenn der heutige Auftrag für mich leicht verdientes Geld ist, Herr Diefenbach ist einer meiner bisher schwierigsten Kunden. Nein, ich muss mich verbessern, er ist definitiv der schwierigste Kunde.«
»Ich weiß«, bestätigte ich seine treffende Einschätzung. »Steigt hier ein Fest?« Längst waren mir die vielen anderen Wagen aufgefallen und jede Menge Personen, die in festlicher Garderobe in Richtung eines der Hallenkomplexe liefen.
»Der Neubau wird heute eingeweiht. Wussten Sie das nicht?«
Ich hatte keine Ahnung. Was ich wusste, war, dass sich der Pfalzmarkt Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts aus der Fusion von mehreren Vorläufergesellschaften gebildet hatte. Einer dieser Vorläufer befand sich früher in Schifferstadt schräg gegenüber dem Hauptbahnhof. Von meiner Grundschulzeit sind mir glücklicherweise nicht viele Erinnerungen geblieben, doch an den Wandertag zur Versteigerungshalle des Großmarkts konnte ich mich erinnern. Wir Knirpse saßen auf einer steilen Tribüne und schauten fasziniert auf die Versteigerungsuhr, die rückwärtslief. Wer beim höchsten Preis einen Knopf drückte, dem gehörte die Ware.
Der Chauffeur fluchte. »Ich werde direkt neben der Hallenwand parken, dort stört der Wagen hoffentlich nicht zu sehr. Macht es Ihnen etwas aus, über die Fahrerseite auszusteigen?«
Angesicht der blockierten Beifahrertür blieb mir nichts anderes übrig. Die körperliche Anstrengung hielt sich in Grenzen. Währenddessen befreite der Chauffeur KPD, der abwartete, bis ihm die Tür geöffnet wurde.
»Da ist ja das neue Prunkstück«, sagte er in Richtung Hallenwand, die an dieser Stelle wie eine gewöhnliche Hallenwand aussah. Dann blickte er mich scharf an. »Palzki, Sie bleiben, wie vereinbart, stets einige Schritte hinter mir. Falls Ihre Anwesenheit benötigt wird, gebe ich Ihnen ein Zeichen. Und versuchen Sie, mich nicht allzu sehr zu blamieren. Am besten reden Sie nur das Allernötigste.« KPD stiefelte in Richtung Eingang.
»Darf ich bitte Ihre Einladung sehen?«, fragte eine junge Frau am Eingang.
KPD stutzte für einen Moment. »Ja kennen Sie mich denn nicht, junges Fräulein? Ich bin doch der gute Dienststellenleiter der Schifferstadter Kriminalpolizei.«
»Nein«, entgegnete das Fräulein und deutete auf eine dicke Liste in ihrer Hand. »Schließlich kann ich nicht alle der vielen Gäste persönlich kennen. Ich bin nur eine Auszubildende. Sagen Sie mir bitte Ihren Namen, damit ich nachschauen kann, ob Sie reindürfen.«
KPD plusterte sich gefährlich auf. Da seine nächste Reaktion absehbar war, mischte ich mich deeskalierend ein. »Das ist Klaus P. Diefenbach, und ich bin sein Mitarbeiter Reiner Palzki.«
Die Auszubildende vertiefte sich in die Liste, und KPD verbesserte: »Untergebener. Palzki ist mein Untergebener.«
Mit einem Gesichtsausdruck, der ihren Frust deutlich zur Kenntnis brachte, nickte sie. »Sie dürfen rein. Die Eröffnungsansprachen beginnen erst in einer guten halben Stunde, da wir ein paar kleine Verzögerungen im Ablaufplan hatten. Der Weg zur Getränkebar ist ausgeschildert.«
KPD fand es überflüssig, sich zu bedanken. Er wischte sich eine Fussel vom Unterarm und stolzierte derart betont affig in die Halle, dass seine Orden wie ein verstimmtes Glockenspiel klimperten. Um ja nicht mit meinem Chef in Verbindung gebracht zu werden, hielt ich mich wie befohlen im Hintergrund. Alle paar Meter wurde KPD von jemandem begrüßt. Je nach Wichtigkeit der Person nickte er nur kurz oder wechselte ein paar Worte. Ich selbst war sehr darauf gespannt, wer meinem Chef nahegelegt hatte, mich zu dieser Feier mitzunehmen. Ich grübelte, welche Kontakte ich in der Vergangenheit zur Obst- und Gemüseszene hatte, doch mir fiel nichts Brauchbares ein. Ich fühlte mich an diesem Ort sehr fremd, zumal es überall streng nach den unterschiedlichsten vegetarischen Produkten roch. An manchen Stellen waren kleinere Getränkeausgaben installiert. Aufgrund der frühen Uhrzeit organisierte ich mir eine gut gekühlte Cola Zero.
»Das Buffet und die Grillecke werden direkt nach den Ansprachen eröffnet«, sagte mir die männliche Bedienung, als sie mir die Cola reichte. »Kleine Snacks gibt’s jetzt schon nebenan.«
Grillecke, dieses Wort weckte schlagartig meine Lebensgeister, bis mir einfiel, dass es sich in den letzten Jahren immer öfter eingebürgert hatte, zünftige Grillpartys durch das Braten von Gemüse abzuwerten. Dennoch, fand ich, wäre es der Hammer, wenn irgendwo auf dem Gelände das Currymobil der Gebrüder Schmidt stehen würde. Seit ein paar Jahren hatte meine geliebte Currysau aus Speyer einen mobilen Cateringservice. Jäh wurde ich aus meiner paradiesischen Traumkulisse gerissen.
»Palzki, kommen Sie mal zu mir.« KPD, der bei einem Mann mittleren Alters stand, winkte mich zu sich. »Das ist mein Untergebener Palzki«, sagte KPD. Ich gab seinem Gegenüber die Hand.
»Herzlich willkommen, mein Name ist Hans-Jörg Friedrich. Ich bin einer der beiden Vorstände des Pfalzmarkts.« Er sah zu KPD. »Warum haben Sie nicht Ihre Frau Gemahlin mitgebracht, Herr Diefenbach?«
Auf diese Frage war mein Chef nicht vorbereitet. »Weil, äh, ja«, stotterte er herum, bis er den verlorenen Faden wiedergefunden hatte. »Weil, sie ist unpässlich. Ja, leider unpässlich. Deswegen habe ich Palzki dabei.«
Friedrich nickte uns beiden freundlich zu. »Dann wünsche ich Ihnen bei uns einen schönen und informativen Vormittag. Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl.«
Nachdem das Vorstandsmitglied wenige Meter weiter vom nächsten Gast in Beschlag genommen wurde, raunte mir KPD zu: »Ich habe eigentlich erwartet, dass ich etwas wichtiger wahrgenommen werde. Es ist schließlich brüskierend genug, dass ich nachher keine Rede vor allen Besuchern halten darf. Schauen wir mal, wo wir seinen Kollegen finden.«
Um KPDs Meckereien aus dem Weg zu gehen, vergrößerte ich erneut den Abstand zwischen uns. Das nächste Erlebnis entschädigte mich für die Demütigungen meines Chefs. Ein mir unbekannter Mann im Anzug lief an KPD vorbei und grüßte kurz. »Guten Tag.« Dies wäre nicht weiter von Belang gewesen, doch diese Person kam auch mir entgegen. Da wir uns nicht kannten, nickte er mir nur freundlich zu. In diesem Moment konnte ich sein Namensschild entziffern: »Reinhard Oerther, Vorstand«.
Meine Schadenfreude war unübersehbar, als ich KPDs finstere Mimik erblickte. Ich sah schon im Geiste, wie er heute Mittag bei seinem Hausarzt vorsprach und um eine Klinikpackung Antidepressiva bat. Diese Situation galt es auszuweiten. »Na, Herr Diefenbach, Sie sehen so gekränkt aus. Ist Ihnen nicht gut? Hat Sie Herr Oerther genau wie sein Kollege auflaufen lassen? Vielleicht gibt es tatsächlich noch die eine oder andere heute eingeladene Person, die wichtiger ist als Sie?«
»Ausgeschlossen«, schoss KPD zurück. »Ich als Zentralverantwortlicher für die Sicherheit in der Bevölkerung stehe stets an erster Stelle. Wahrscheinlich hat er nur nicht richtig hingeschaut und mich mit einem einfachen Gast verwechselt. Alles andere ist völlig ausgeschlossen. Ich hole mir jetzt ein Glas Sekt, dann gehen wir in die Halle, wo die Reden gehalten werden. Hoffentlich hat man mir in der ersten Reihe einen Platz reserviert.«
Ich versuchte weiter, in KPDs Ego-Wunde zu stochern. »Wer von den beiden Vorständen hat Ihnen eigentlich befohlen, dass ich mitkommen soll?«
KPD antwortete mürrisch: »Das weiß ich doch nicht, außerdem lasse ich mir von niemandem etwas befehlen. Ich bin der Chef. Die Bitte kam zwei Tage nach der schriftlichen Einladung per E-Mail vom Pfalzmarkt. Kann sein, dass sich jemand einen Spaß erlaubt hat, um mich zu ärgern.« Er drohte mir mit einem Finger. »Wenn ich erfahre, dass Sie dahinterstecken, dann können Sie etwas erleben.«
»Warum sollte ich?«, antwortete ich erbost. »Ich habe Ihnen selbst vorgeschlagen, in meinem Büro zu bleiben.«
»Herr Palzki?«
Ich drehte mich um, KPD tat es mir nach.
»Sie sind es tatsächlich«, sagte die mir fremde Person. »Ich wusste gar nicht, dass Sie auf der Gästeliste stehen. In den letzten Jahren habe ich viel Positives über Sie gehört. Meine Mutter hat übrigens sämtliche Kriminalromane von Dietmar Becker gelesen. Die sollen richtig gut sein, meinte sie.«
Ich rollte mit den Augen. Warum wurde ich ständig an diesen unsäglichen Regionalkrimiautor erinnert? Seit fast 15 Jahren schrieb er sogenannte Krimis, die bei den Lesern geteilte Meinungen hervorriefen: Den einen gefielen sie nicht, die anderen fanden sie furchtbar. Dennoch fanden sich regelmäßig jede Menge hartnäckige Leser, die die inzwischen auf 20 Fälle angewachsene Reihe liebten. Mir selbst konnte der Erfolg Beckers egal sein, wenn er mich nicht ständig bei den Recherchen zu seinen Büchern bei meinen polizeilichen Ermittlungen stören würde. Außerdem hatte er den ermittelnden Kommissar auf meinen Namen umbenannt, nachdem ich ihm versehentlich bei einem Einsatz das Leben gerettet hatte.
»Übrigens«, sprach er weiter, »mein Name ist Christian Deyerling, ich bin der Aufsichtsratsvorsitzende des Pfalzmarkts.«
KPD stand unbeachtet mit offenem Mund daneben und schluckte und schluckte. Schließlich mischte er sich ein. »Guten Tag, Herr Aufsichtsratsvorsitzender, ich …«
»Ach, Herr Diefenbach«, unterbrach Deyerling. »Hat Herr Palzki seinen Chef mitgebracht?«
Während sich das Gesicht meines Chefs pfalzmarktkonform in eine Tomate verwandelte, wandte sich der Aufsichtsratsvorsitzende wieder mir zu. »Ich wusste zwar nicht, dass Sie hier sind, Herr Palzki, aber ich weiß, dass Dietmar Becker auf der Gästeliste steht. Er hat angekündigt, einen seiner Krimis bei uns im Pfalzmarkt spielen zu lassen. Meine Mutter freut sich schon sehr auf das Ergebnis. Daher gehe ich davon aus, dass Herr Becker und Sie gemeinsam vor Ort sind, um den Plot des Krimis zu besprechen, oder?«
Ich nickte und musste dabei höllisch aufpassen, nicht vor Lachen laut herauszuplatzen. Körperbeherrschung war das Gebot der Stunde. »Ihr Neubau ist wirklich riesig«, lobte ich ihn, weil mir nichts Besseres einfiel. »Und alles so neu«, ergänzte ich überflüssigerweise.
Deyerling strahlte. »Vor allem haben wir mit dem Neubau die Kühlkapazitäten deutlich ausgeweitet. Unsere Produktpalette mit 140 verschiedenen Gemüse- und Obstsorten wie Radieschen, Bundzwiebeln, Karotten, Salat, Feldsalat, Blumenkohl, Kohlrabi, Äpfeln oder Zwetschgen …«
»So viel verschiedenes Gemüse gibt es?«, unterbrach ich erstaunt.
»Äh, darf ich …«
KPDs Einmischungsversuch wurde völlig ignoriert. Deyerling nickte mir eifrig zu. »Während jeder Freilandsaison ernten unsere 180 aktiven Erzeugerbetriebe auf einer Anbaufläche, die von hier bis an die französische Grenze reicht, etwa 250.000 Tonnen knackfrisches Obst und Gemüse.«
Auch wenn mich die Superlative des Aufsichtsratsvorsitzenden nicht die Bohne interessierten, war ich dennoch über die gigantischen Mengen erstaunt. So viel Gemüse, das konnte mich gut und gerne gleich mehrfach traumatisieren. Ein Glück, dass meine Frau Stefanie das nicht mitbekam. Sie würde nicht aufhören, bis sie alle 140 Sorten Gemüse zu Hause gekocht und probiert hatte, was ich bei meiner Gemüseallergie garantiert nicht überleben würde.
»Kann man die neuen Hallen besichtigen?« KPD versuchte weiterhin hartnäckig, wahrgenommen zu werden. Er machte gerade die Erfahrung seines Lebens. Inzwischen hatte ich bemerkt, dass Christian Deyerling meinen Chef bewusst auflaufen ließ. Wenigstens einer, der wusste, was sich gehörte, und vor KPD nicht den Duckmäuser spielte.
»Ja, Sie können sich einer der Führungen anschließen, die alle paar Minuten vorne am Haupteingang beginnen.« Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm er sofort wieder Augenkontakt zu mir auf. »Wir haben unsere Kühlkapazitäten mit dem Neubau von 23.000 Kubikmeter deutlich aufgestockt. Damit können wir in Zukunft viel flexibler im Markt reagieren. Das Geschäft mit Obst und Gemüse war schon immer knallhart.«
»Ich weiß«, sagte ich, weil ich zu diesem Thema kürzlich einen Artikel in der RHEINPFALZ gelesen hatte. »Der Einzelhandel bestimmt den Markt, habe ich gelesen.«
»Zum Teil stimmt das schon«, bestätigte Deyerling. »Wenige große Abnehmer zeichnen für den größten Teil der Warennachfrage verantwortlich. Das ist für uns aber kein Problem. Mit unserem neuen Workflow werden wir zukünftig einen noch smarteren Ablauf haben, sozusagen das modernste Gemüsehandling Europas. Die Anlieferer bringen die Ware direkt in einen gekühlten Raum. Das ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal, auch wenn alles sehr komplex ist.«
»Da möchte ich nicht mit Ihnen tauschen«, sagte ich ehrlich. »Bei uns ist es einfacher, wir brauchen zur Verbrecherjagd keine Kühlkapazitäten.«
Wir lachten beide über meinen Witz. Deyerling schaute auf die Uhr. »Ich muss leider rüber, weil gleich die Eröffnungszeremonie beginnt. Wir sind sowieso etwas spät dran, weil vorhin ein unbekannter Erzeuger ohne vorherige Absprache seinen beladenen Hänger vor eine der Hallen gestellt hat, was eigentlich nicht zulässig ist.« Er rollte mit den Augen. »Außerdem versperrt der Hänger einen der Fluchtwege. Ich möchte schließlich keinen Ärger mit Ihrem Chef bekommen. Der ist mir sowieso ein bisschen zu penetrant.«
»Um solche Kleinigkeiten wie Fluchtwege kümmert sich KPD nicht«, sagte ich.
»KPD, wer ist KPD?«, fragte Deyerling verwirrt.
Ich zögerte nicht, meinem neuen Freund die Wahrheit zu sagen. »Das ist Diefenbachs Spitzname, wegen seiner Initialen. Das weiß er aber nicht.«
»Von mir erfährt er nichts«, sagte Deyerling verschwörerisch und lächelte. »Ich hoffe, wir sehen uns nachher noch mal.«
Mein Chef hatte längst aufgegeben und war verschwunden. Ich folgte den anderen Gästen in eine riesige bestuhlte Halle. Seitlich kämpfte ich mich vor bis zur Bühne und scannte die erste Reihe ab. Dann die zweite. Alle Stühle waren besetzt, keiner von KPD. Mir ging es so gut wie lange nicht mehr. Dabei merkte ich, dass meine Cola leer war. Trotz der frühen Uhrzeit würde ich mir jetzt zur Feier des Tages ein Bier gönnen. Und zwar explizit kein alkoholfreies. In der angrenzenden Halle hatte ich den Bierstand einer hiesigen Brauerei bereits im Visier, als ich erneut angesprochen wurde.
Kapitel 2
Fast tödliches Gemüse
»Herr Palzki? Da sind Sie ja! Ich habe Sie überall gesucht.«
Eine etwa 45-jährige Frau sah mich vorwurfsvoll an. »Wir waren doch vor einer halben Stunde am Bratwurststand verabredet.«
»Bratwurst?« Meine Magensäure poppte auf. »Hier gibt’s Bratwurst?«
»Natürlich gibt’s hier Bratwurst«, sagte die Frau verärgert. »Denken Sie, an der Eröffnungsfeier gibt’s nur Gemüse? Da kennen Sie uns Landwirte aber schlecht, Herr Palzki. Eine zünftige Schlachtplatte oder zumindest einen Pfälzer Saumagen wissen auch wir nicht zu verachten. Manche der Genossen haben durchaus eine Tierhaltung parallel zum Gemüseanbau.«
»Tut mir leid, ich weiß nichts von unserer Verabredung. Kann es sein, dass Sie mich verwechseln?«
»Garantiert nicht«, wehrte sie ab. »Sie sind Reiner Palzki von der Schifferstadter Polizei. Sie hatten die Ermittlungen bei den Grumbeeren geführt, wissen Sie noch?«
»Das stimmt«, entgegnete ich, »bei Kartoffel-Kuhn in Frankenthal. Die vertreiben die Grumbeeren aber selbst. Ist das so etwas wie ein Konkurrent zum Pfalzmarkt?«
Die Dame legte ihr zorniges Gesicht ab und lächelte. »Sie haben nicht wirklich viel Ahnung von der Branche, stimmt’s? Kartoffeln und Zwiebeln werden schon immer getrennt vermarktet. Im Pfalzmarkt gibt es sonst alles, nur eben keine Grumbeeren und keine Zwiebeln. Das hat irgendwelche historischen Gründe, so genau weiß ich das auch nicht. Ich bin schließlich Landwirtin und keine Historikerin.«
»Und warum waren wir verabredet?« Ich war inzwischen sehr neugierig geworden, außerdem war ich heiß auf ein Bier und eine Bratwurst.
»Sagen Sie mal, haben Sie mein E-Mail tatsächlich nicht gelesen? Kann bei einer so wichtigen Behörde wie bei Ihnen so etwas untergehen?« Sie sah mich zweifelnd an.
Ich tat erschrocken. »E-Mail? Das muss bestimmt mein Kollege verpennt haben. Sie müssen wissen, dass wir gerade unsere EDV neu aufsetzen, was wegen der Datenschutzbestimmungen alles andere als einfach ist. Außerdem sind wir arbeitsmäßig zurzeit sehr überlastet. Manchmal weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht. Und zu allem Überdruss verlangte mein Chef heute von mir, dass ich ihn auf diese Veranstaltung begleite. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich hier soll.«
»EDV.« Sie schüttelte den Kopf. »Genauso stelle ich mir eine Beamtenstube vor. EDV, diesen Begriff habe ich das letzte Mal in meiner Jugend gehört.«
»Die IT meinte ich«, verbesserte ich und fragte zwecks Ablenkungsmanöver: »Wer sind Sie eigentlich? Sollte ich Sie kennen?«
»Wir sind uns bisher noch nicht begegnet, Herr Palzki. Mein Name ist Heidelinde Rustik. Ich bin Landwirtin und eines der Genossenschaftsmitglieder des Pfalzmarkts. Mir haben Sie es zu verdanken, dass Sie Herr Diefenbach zu der Eröffnungsfeier mitgenommen hat.«
»Ihnen?«, fragte ich erstaunt. »Kennen Sie KPD, äh, Herrn Diefenbach?«
»Ich habe ihn noch nie gesehen. Im Vorstandsbüro von Herrn Friedrich habe ich zufällig mitbekommen, dass der Dienststellenleiter der Schifferstadter Polizei eingeladen wurde. Zu Hause berichtete ich meiner Tochter Sonja davon, und die hatte die entscheidende Idee. Sie liest in ihrer Freizeit gerne Kriminalromane, insbesondere die, die in unserer Region spielen. Daher machte sie den Vorschlag, Sie einzuladen, Herr Palzki.«
»Und warum das Ganze?«
»Weil Sie mir ein fähiger Beamter zu sein scheinen. Anders als Ihr Chef. Ich weiß das natürlich nur von meiner Tochter. Da die Einladungen zu der Feier bereits verschickt waren, suchte ich im Internet die Kontaktdaten von Herrn Diefenbach heraus und ersuchte ihn möglichst förmlich, Sie mitzubringen. Kann sein, dass ich mich dabei ein wenig zu weit aus dem Fenster gelehnt habe, aber der Vorstand des Pfalzmarkts muss ja nicht alles wissen. Ich hoffe, dass Sie mich nicht verraten, Herr Palzki.«
Nun wusste ich zwar, warum mich KPD mitgeschleppt hatte, der eigentliche Grund war immer noch rätselhaft. Ich vermutete, dass es mal wieder war wie so häufig: Ein Leser, in diesem Fall eine Leserin, konnte Fiktion und Realität nicht auseinanderhalten. Zugegeben, seit Dietmar Becker in seinen Pseudokrimis immer mehr lebende reale Personen auftreten ließ und die Handlungsorte überaus realistisch beschrieb, war die Unterscheidung nicht immer ganz einfach. »Sie wollen mich in meiner Eigenschaft als Polizeibeamter sprechen? Warum haben Sie sich nicht einfach direkt gemeldet? Wir haben unsere Dienststelle täglich geöffnet, für dringende Fälle auch am Wochenende.«
Sie druckste ein wenig herum. »Ich will nicht, dass das an die Öffentlichkeit kommt. Vielleicht ist ja nichts an der Geschichte dran, und ich mache mir umsonst diese schrecklichen Gedanken. Ich will ja niemandem unrecht tun.«
»Sie können sich auch jederzeit vertraulich an die Polizei wenden.«
»Das möchte ich aber im Moment nicht. Es ist eine Art Interessenskonflikt, verstehen Sie?«
»Hat es mit dem Pfalzmarkt zu tun?«
Sie hob kurz die Schultern. »Ich weiß nicht, es könnte schon sein.«
»Einen kleinen Moment bitte.« Hinter ihr sah ich, dass niemand am benachbarten Bierstand wartete. Da ich sowieso über die Lage nachdenken musste, nutzte ich die kurze Auszeit, um mir ein Bier zu besorgen.
»Dürfen Sie im Dienst Alkohol trinken?«, fragte Heidelinde Rustik, als ich wieder zu ihr zurückkam.
»Ich hoffe, Sie verraten mich nicht«, entgegnete ich. »Aber jetzt sagen Sie endlich, was Sie konkret von mir wollen.«
»Sie könnten meiner Vermutung nachgehen. Inkognito, meine ich. Ohne dass es Ihr Chef oder sonst wer erfährt.«
»Liebe Frau Rustik, ich bin Polizeibeamter, kein Privatdetektiv.«
Sie ließ nicht locker. »Meine Tochter sagte mir, dass Sie regelmäßig mit dem Autor Dietmar Becker zusammenarbeiten.«
Damit war mein Verdacht endgültig bestätigt. Ich seufzte theatralisch, bevor ich antwortete. »Die Bücher von diesem Becker sind erfunden, gute Frau! Roman, Fiktion, Belletristik oder was weiß ich.«
»Aber Sie spielen doch selbst mit, Herr Palzki. Sonja hat mir ein paar Passagen vorgelesen, das klingt für mich absolut realistisch.«
»Ist es aber nicht«, unterbrach ich sie barsch. »Ich darf behördliche Ermittlungen nur aufnehmen, wenn Sie Ihren Verdacht offiziell zu Protokoll geben. Alles andere sind üble Fantasien eines Möchtegernschriftstellers.«
Sie sah mich herausfordernd an. »Eine andere Möglichkeit gibt es nicht? Ich kann Ihnen als kleines Dankeschön ein paar Kisten unseres leckeren Gemüses anbieten. Oder wie wäre es ein Jahr lang mit einer wöchentlichen Lieferung der saisonalen Kostbarkeiten unserer Felder frei Haus? Bei solch einem Angebot kann niemand widerstehen.«
Während sich meine Stimmbänder schockartig verkrampften und ich nach Luft schnappte, kam unerwartete Rettung.
»Da sind Sie ja, Palzki!«, dröhnte es basslastig von hinten. KPD hatte mich gefunden. »Der Pfalzmarkt ist bei mir unten durch, hier herrscht eine völlig chaotische Organisation. Stellen Sie sich einmal vor, die haben glatt vergessen, mir einen Ehrenplatz in vorderster Reihe zu reservieren. Und dann haben sie mich sogar von der Bühne herunterkomplimentiert. Auf übelste Art und Weise!« KPD steigerte sich in seinen Wahn hinein.
Ich hatte einen Einfall. Mit einer Hand winkte ich Frau Rustik näher, mit der anderen wischte ich vor KPDs Gesicht herum, sodass dieser sichtlich irritiert verstummte.
»Was soll das, Palzki? Sind Sie noch bei Sinnen? Ich werde …«
»Halt!«, schrie ich, bevor er sich weiter hineinsteigern konnte. »Ich habe eine wichtige Information für Sie als wichtige Person.«
So einfach konnte man meinen Chef neugierig machen. Er war ja so berechenbar.
»Eine wichtige Info?« KPD schaute mich scharf an. »Da bin ich aber mal sehr gespannt. Hat Ihnen der Aufsichtsratsvorsitzende informelle Geschäftsgeheimnisse anvertraut? Mich hat er ja abblitzen lassen. Das empfinde ich als Kampfansage, jetzt geht es um die Wurst!«
»Jetzt spielen Sie mal nicht die beleidigte Leberwurst, Herr Diefenbach. Wir befinden uns nicht in einem Fleischgroßhandel. Die wichtige Information stammt nicht von Herrn Deyerling.«
»So?« KPDs debiler Blick müsste man fotografieren und der Nachwelt erhalten.
Ich machte es spannend und ärgerte ihn zusätzlich um eine Nuance. »Oh, meine Flasche ist leer. Soll ich Ihnen ein Bier mitbringen?«
»Haben Sie mich schon jemals Bier trinken sehen, Palzki? In meiner wichtigen Position ist es nicht üblich, Bier zu trinken. Holen Sie mir ein Gläschen Champagner, aber zuerst erzählen Sie mir von dieser wichtigen Sache.«
Mit einer Handbewegung zeigte ich zu der Landwirtin. »Frau Rustik wird Ihnen alles erzählen. Es ist von solcher Wichtigkeit und Brisanz, dass sie die Information nicht einmal mir anvertraut hat. Zum Glück sind Sie gerade rechtzeitig dazugekommen.«
Heidelinde Rustik funkelte mich böse an, doch was sollte sie tun? Nach meiner Absage konnte sie jetzt nur noch bei KPD punkten.
»Also gut«, begann sie. »Die Sache ist deswegen heikel, weil sie mit dem Pfalzmarkt zu tun haben könnte.«
KPD rieb sich die Hände. »Dunkle Machenschaften in diesem Unternehmen? Habe ich es doch gleich gewusst. Erzählen Sie, Frau Rustik, legen Sie los.« Ein boshaftes Grinsen zierte sein Antlitz.
Die Landwirtin trat näher an KPD heran. Da sie mich latent ebenfalls ein klein wenig neugierig gemacht hatte, stellte ich mich möglichst unauffällig hinter sie, um nichts zu verpassen.
»Der landwirtschaftliche Betrieb, den ich von meinen Eltern geerbt habe und gemeinsam mit meinem Mann bewirtschafte, liegt westlich von Dannstadt in Richtung Hochdorf, Luftlinie keine zwei Kilometer von hier. Vor dem Haupthaus führt die Landstraße vorbei. Schräg gegenüber gibt es einen Parkplatz, der häufig von Lkws genutzt wird. Meist nur für ein paar Stunden, maximal über Nacht.«
Da in diesem Moment mehrere Personen vorbeigingen, machte sie eine kurze Pause. »Seit ein paar Wochen beobachte ich, dass dort vermehrt Laster mit ausländischem Kennzeichen parken. Das mag jetzt noch nicht verdächtig klingen, doch sie werden auf dem Parkplatz heimlich umgeladen.«
»Heimlich?«, hakte KPD nach. »Wie soll ich das verstehen, und was hat der Pfalzmarkt damit zu tun?«
»Das weiß ich doch nicht«, sagte Rustik. »Es ist mir nur aufgefallen. Bis vor ein paar Wochen gab es das noch nicht. Jedenfalls nicht auf diesem Parkplatz. Es ist halt seltsam, dass das fast vor den Toren des Pfalzmarkts passiert. Außerdem kann ich mir keinen Grund vorstellen, warum dies getan wird. Die Lkws sind mutmaßlich Tausende von Kilometern unterwegs gewesen und werden dann kurz vor dem Ziel umgeladen.«
»Wenn das Ziel wirklich der Pfalzmarkt sein sollte«, mischte ich mich ein. Dafür kassierte ich von KPD einen optischen Verweis. Jedenfalls interpretierte ich seinen Blick so.
»Konnten Sie erkennen, welche Waren umgeladen wurden?«
Ich staunte. Mein Chef war in der Lage, sinnvolle Fragen zu stellen.
»Ich habe mich nicht näher rangetraut. Auf jeden Fall handelte es sich um Palettenware, die mit Folie umwickelt war. Den Aufschriften auf den Seitenplanen und dem Geruch nach konnte es sich nur um Gemüse handeln.«
KPD ereiferte sich: »Und Sie meinen, dass das Gemüse kurz vor der Anlieferung am Pfalzmarkt umgepackt wird? Da hätten wir ja einen faustdicken Skandal. Ich werde sofort eine förmliche Unter…«
»Ich meine gar nichts«, unterbrach Rustik. »Ich werde einen Teufel tun und den Pfalzmarkt verdächtigen.« Sie schaute kurz zu Boden. »Die Umpackaktionen laufen immer spätabends bei Dunkelheit. Meist stehen die Laster dabei leicht versetzt zueinander, sodass man beim Vorbeifahren nicht sehen kann, was im Detail passiert. Als ich mit meiner Tochter darüber gesprochen habe, kam mein Schwiegersohn dazu. Dieter hat sich am gleichen Abend hinter einem Gebüsch auf die Lauer gelegt, konnte aber ebenfalls nichts in Erfahrung bringen. Am nächsten Tag hat er einen der beteiligten Lkws mit seinem Auto verfolgt. Am Autobahnkreuz Frankenthal hat er die Verfolgung abgebrochen. Der Lastwagen ist auf der A61 weiter in Richtung Norden gefahren, was nicht für einen Zusammenhang mit dem Pfalzmarkt spricht.«
KPD ließ sich davon nicht beirren. Er hatte längst ein großes Verbrechen im Visier. »Das kann genauso gut ein Täuschungsmanöver gewesen sein. Die Gauner haben bestimmt den Verfolger bemerkt. Ihr Schwiegersohn ist ja nicht in der Beschattung von Verbrechern geübt, wir Polizeibeamte dagegen schon. Lassen Sie mich mal machen, Frau Rustik. Ich kümmere mich höchstpersönlich um den Fall.« Er blickte sich um. »Palzki, wo bleibt denn mein Champagner? Alles muss man selbst machen.« Er nahm Frau Rustik am Arm. »Kommen Sie, gehen wir uns unseren Champagner selbst holen. Dann besprechen wir die weitere Vorgehensweise.«
»Ich weiß nicht, ob es Champagner gibt«, meinte die Landwirtin skeptisch. »Eigentlich mag ich keinen Alkohol.«
»Ach was«, konterte KPD und schob Heidelinde Rustik mit sanfter Gewalt zum Durchgang zur nächsten Halle. Ich nutzte die Gelegenheit, meine leere Flasche gegen ein volles Exemplar einzutauschen. Danach folgte ich den beiden, die gerade durch die nächste Kühlhalle liefen. Immerhin wurde dadurch mein Bier nicht warm.
»Da kann man sich ja verlaufen«, beschwerte sich KPD missmutig. »Gehen wir nach draußen, in den Hallen ist es mir zu kühl.« Den Ausgang fanden die beiden schnell, ich folgte ihnen ins Freie. Wir befanden uns auf der Rückseite des Neubaus. Nicht weit entfernt donnerte der Verkehr der A61 an uns vorbei. Auf dem freien Platz neben dem Hallenensemble stand ein einzelner, verloren wirkender offener Lkw-Hänger, vollbeladen mit abenteuerlich gestapeltem Gemüse in den unterschiedlichsten Behältnissen.
»So, an diesem Ort sind wir ungestört«, meinte KPD zu der Landwirtin. »Hier draußen kann uns niemand belauschen.«
Heidelinde Rustik wollte gerade zu sprechen beginnen, da unterbrach sie mein Chef abrupt. »Lassen Sie uns doch besser in den Schatten des Hängers gehen, die Sonne blendet mich zu sehr.«
»Ja was jetzt?«, motzte die Landwirtin. »Zuerst in der Halle, dann doch lieber draußen, und jetzt jammern Sie wegen des bisschen Sonnenlichts. Wissen Sie, was es heißt, den ganzen Tag im Freien zu arbeiten?«
KPD grummelte vor sich hin und ging unbeirrt zu dem Hänger, Rustik folgte ihm sichtlich genervt.
Während ich hinter den beiden hertrottete und aufpasste, kein Bier zu verschütten, passierten zwei Dinge gleichzeitig: Die Landwirtin sagte etwas zu meinem Chef, das ich nicht verstand. Mein Chef blieb stehen und starrte sie zornig an. War ein Streit zwischen den beiden ausgebrochen? Ich konnte nur kurz darüber nachdenken, denn ich sah, wie sich plötzlich mehrere volle Gemüsekisten selbstständig machten und aus mehreren Metern Höhe herabzustürzen drohten. In der direkten Falllinie stand KPD.
»Achtung!«, schrie ich, so laut ich konnte. Da ich gerade einen Schluck Bier im Mund hatte, schoss das Getränk fontänenmäßig aus demselben. KPD reagierte kaum. Er drehte sich zwar zu mir um, verließ dabei aber seinen Platz nicht. Seinem Blick nach deutete er den Schrei falsch. Frau Rustik reagierte ebenfalls anders, als erwartet. Sie ging nicht aus der Falllinie, sondern direkt auf sie zu, genau in dem Moment, als das Gemüse den Kampf um das Gleichgewicht verlor und sich der Gravitation geschlagen gab.
Nur meiner unermesslich fixen Reaktion war es zu verdanken, dass ich die beiden rechtzeitig erreichte und seitlich zu Boden stoßen konnte. Dass dabei die Flasche Bier auf dem Beton zerschellte, war das geringste Problem.
Irrsinnige Mengen Gemüse nebst Verpackungen knallten mit lautem Getöse auf den Boden und verteilten sich dort in einem größeren Radius. Es sah aus wie auf einem Miniaturschlachtfeld. KPD verdeckte mit seinem Oberkörper zur Hälfte die Landwirtin. Sein Hinterkopf war mit zwei oder drei Kisten Radieschen bedeckt. Ein längliches Stück Gemüse mit mir unbekanntem Namen lag zerbrochen quer über seiner Nase. Ich selbst hatte ebenfalls mein Fett abbekommen: Es musste eine Gemüsesorte geben, die sehr wasserhaltig war. Aus mehreren gestapelten Holzkisten, die deformiert neben mir lagen, tropfte eine eklige Pampe direkt in mein Gesicht sowie meinen Rücken hinunter.
Mehrere Personen kamen angerannt und halfen uns aus der Misere. Meinem Einsatz war es zu verdanken, dass alle Beteiligten mit kleineren Verletzungen davonkamen. KPD beschwerte sich zwar bei mir lautstark, wie ich es wagen könnte, ihn umzustoßen, doch ich ignorierte ihn einfach. Zwei Pfalzmarktmitarbeiter sperrten den Bereich großzügig ab. »Wir wissen immer noch nicht, welchem Idioten dieser Hänger gehört«, meinte der eine zu dem anderen. »Jetzt müssen wir das ganze Zeug aufwendig entsorgen.« Der andere Mitarbeiter, wahrscheinlich der Vorgesetzte des zweiten, fragte uns, ob wir ärztliche Hilfe benötigten. Heidelinde Rustik, die nur ein paar Kratzer am Arm hatte, verneinte genauso wie mein Chef. Seiner Mimik nach hatte er ein paar schmerzhafte blaue Flecken davongetragen. Auch mir ging es einigermaßen gut, wenn man von der übelriechenden Brühe absah, mit der ich getränkt war.
»Ich habe jemanden gesehen«, flüsterte die Landwirtin mir und KPD zu, nachdem die neugierigen Menschen verschwunden waren. Da KPD in seinem Zustand, seine Uniform hatte den einen oder anderen Fleck abbekommen, nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen wollte, standen wir im Freien etwas abseits. »Ich meine, ich habe jemanden auf dem Hänger stehen sehen. Diese Person war äußerst seltsam gekleidet, in Decken oder Tücher, so genau konnte ich das nicht erkennen.«
Wir schauten sie neugierig an, und Rustik präzisierte. »Als das Zeug auf uns stürzte, fiel ich mit Blickrichtung zu dem Hänger auf den Boden. Dabei konnte ich schemenhaft eine Gestalt erkennen, die sich da oben versteckt haben musste.«
»Dann wurde das Zeug mit Absicht auf uns geworfen, ein klassischer Sabotageakt«, stellte KPD fest. »Ich dachte im ersten Augenblick, Palzkis abscheulicher Schrei sei dafür verantwortlich gewesen.«
Die Landwirtin machte ein finsteres Gesicht. »Ich bin endgültig davon überzeugt, dass ich etwas überaus Heikles entdeckt habe und man mich deswegen beseitigen will. Das war eindeutig ein Attentat auf mich, Herr Diefenbach. Ich möchte Polizeischutz haben, und zwar sofort.«
KPD überlegte. »Nun habe ich wegen des feigen Attentats einen Grund, Ermittlungen aufzunehmen. Immerhin wäre ich selbst fast zum Opfer geworden, das ist ungeheuerlich. Palzki und ich werden sofort zur Dienststelle fahren, damit ich mich umziehen kann. Und dann werde ich den Täter ermitteln, und zwar schnellstmöglich.«
»Wissen Sie was, Herr Diefenbach? Kommen Sie doch gegen 17 Uhr zum Abendessen bei uns auf dem Hof vorbei. Dann können wir die weiteren Schritte besprechen, wie Polizeischutz und so weiter.«
KPD war von der Idee begeistert. »Dann kann ich den Parkplatz und die ausländischen Laster höchstpersönlich in Augenschein nehmen. So machen wir es, Frau Rustik. Ich bringe Palzki mit, der kann das Protokoll schreiben.«
»Ich kann heute Abend nicht«, flehte ich. Mit diesem Plan hatte ich nicht gerechnet.
»Keine Chance, Palzki. Ich kann schließlich nicht alles alleine machen. Warum habe ich denn Untergebene? Sie fahren mit mir zum Dinner bei Frau Rustik. Wir werden sogar etwas früher losfahren, damit ich mir vor Ort ein Bild machen kann.«
Heidelinde Rustik verabschiedete sich. Ängstlich sah sie sich um, als sie in Richtung Parkplatz ging.
»Ich bin mir mit dieser Frau noch nicht im Klaren, Palzki. Zuerst fängt sie mit mir Streit an, dann dieses Attentat auf mich, das ist schon sonderbar.«
»Attentat auf Sie, Herr Diefenbach?«
KPD seufzte. »Das ist mir klar, dass Sie das nicht bemerkt haben. Warum sollte jemand die Landwirtin umbringen wollen, bloß weil sie Lastwagen beobachtet hat, die heimlich umgeladen werden? Nein, das Attentat galt eindeutig mir. Irgendetwas ist faul im Pfalzmarkt. Das habe ich sofort bemerkt, als die Vorstände und der Aufsichtsratsvorsitzende meine Wichtigkeit ignoriert haben. Dass kein Sitzplatz auf meinen Namen reserviert war, ist ein weiteres eindeutiges Indiz, dass man mich in eine Falle locken wollte. Aber nicht mit mir!«
»Welche Falle?«, hakte ich nach. KPDs Paranoia war legendär, doch das setzte allem die Krone auf.
»Heidelinde Rustik handelt meiner Meinung nach im Auftrag des Vorstands. Sie ist doch Genossin in dem Unternehmen, nicht? Ihre Aufgabe war es, mich in eine Falle zu locken. Dieser beladene Lkw-Hänger stand nur mit dem Ziel im Hof herum, um mich zu beseitigen. Durch die Ablenkung mit ihrem Schrei hat sie sich unbeabsichtigt selbst gefährdet. Den Streit mit mir hat sie nämlich nur deshalb begonnen, damit ich alleine an der Stelle stehe, wo das Gemüse herabstürzen sollte.« KPD nickte selbstbestätigend wie ein Wackeldackel. »Und deshalb müssen wir unbedingt die Einladung wahrnehmen. Ich werde sie entlarven, die falsche Schlange.«
Da wir in der prallen Sonne standen, begann die Substanz, mit der ich getränkt war, übel zu riechen. Die ersten Schmeißfliegen schwirrten um mich herum.
KPD wedelte sich mit der Hand frische Luft zu und trat einen Schritt zurück. »Das ist mit Ihnen nicht auszuhalten, Palzki. Warum haben Sie nicht besser aufgepasst?«
»Sie haben ja selbst genug abgekriegt. Tut es schön weh?«
»Natürlich spüre ich meine blauen Flecken«, konterte KPD ungewohnt schlagfertig. »Aber ich lasse mich deswegen nicht gehen. Nur wegen des desolaten Zustands meiner Uniform müssen wir jetzt schleunigst unauffällig zu unserem Wagen. Bleiben Sie ein paar Schritte hinter mir, damit mir von dem Gestank nicht übel wird.«
Meiner jahrelangen Erfahrung als psychologisch geschulter Kriminalbeamter hatte ich es zu verdanken, dass ich es förmlich roch, wenn in meiner direkten Umgebung irgendetwas nicht stimmte. Das Riechen war in diesem Fall zwar nicht wörtlich zu nehmen, trotzdem erkannte ich das Besondere: Einige Meter von uns entfernt stand ein Mann in auffälliger Bekleidung verdeckt hinter einem Container und fotografierte mit einem Mordstrumm an Teleobjektiv die Personen, die vor dem Eingangsbereich standen. Der Beschreibung seiner Kleidung nach konnte das der Kerl gewesen sein, den Rustik auf dem Hänger gesehen hatte. Nur wegen unserer momentanen Position konnte ich ihn sehen. Ich wusste sofort, dass dies kein offiziell für dieses Fest bestellter Fotograf war, viel zu heimlich war sein Tun. Um die Person länger beobachten zu können, verlangsamte ich meinen Schritt. Dafür erhielt ich von KPD umgehend einen Rüffel und die Aufforderung, mich zu beeilen. Ich entschied mich dafür, meinem Chef Folge zu leisten, da der heimliche Fotograf Sache des Pfalzmarkts war. Eine kriminelle Tat konnte ich mit dem Fotografieren der Gäste nicht in Verbindung bringen. Um den Rest wollte sich ja mein Chef kümmern. Umgehend strich ich meine Beobachtung aus dem Kurzzeitgedächtnis.
Der Chauffeur rechnete zu dieser frühen Stunde nicht mit uns. Er lag in der Stretch-Limousine und gönnte sich einen älteren Zombiefilm, der in einem Einkaufszentrum spielte, als mein Chef die Tür mit den abgedunkelten Scheiben aufriss.
»Da sind Sie ja!«, schrie er.
Der Chauffeur sprang erschrocken und mit rotem Kopf aus dem Wagen. Dann sah beziehungsweise roch er unseren Zustand. »Was ist mit Ihnen passiert?«
»Nichts«, entgegnete KPD. »Halten Sie mir jetzt endlich die Tür auf, damit ich einsteigen kann? In Schifferstadt fahren Sie bitte direkt in den Hof und halten neben meinem Dienstwagen an. So, wie ich aussehe, darf mich niemand sehen, verstanden?«
Der Chauffeur nickte. Nachdem KPD in der Limousine saß, wandte er sich mir zu. »So kann ich Sie leider unmöglich mitnehmen. Den Wagen kriege ich nie mehr sauber, wenn sich das Zeug in den Polstern festsetzt.«
»Soll ich heimlaufen?«
»Ich könnte Ihnen ein Taxi bestellen, kann aber nicht garantieren, dass Sie mitgenommen werden.«
»Und die Badewanne?«, fragte ich dreist.
Nach kurzem Überlegen nickte der Chauffeur. »Sie bleiben aber in der Wanne liegen und fassen nichts an, einverstanden?«
So kam es, dass ich das erste Mal in meinem Leben in einer Badewanne liegend in einem Auto fuhr. Der Chauffeur war so nett, mich nach meinem Chef zu Hause vor der Haustür abzusetzen. Ich achtete beim Ausstieg peinlich genau darauf, nicht von meiner Nachbarin erwischt zu werden, die bestimmt hinter einem Fenster lauerte. Doch dieses Mal war ich schneller. In Riesenschritten sprang ich zu unserem Hauseingang und schloss die Tür auf. Im Flur stand zufällig Stefanie.
»Du bist ja ganz außer Atem«, rief sie überrascht. Ihre Nase benötigte nur eine Sekunde länger als die Augen. »Boah, hast du in einer Biotonne gesteckt? Das ist ja nicht auszuhalten. Und wie du wieder aussiehst! Geh gleich durch auf die Terrasse und zieh dich aus.«
»Danke der Nachfrage«, sagte ich im Vorbeigehen. »Übrigens, ich bin nicht verletzt, und mir geht es gut, falls du danach fragen wolltest.«
Mit dieser Spitze hatte ich die Vorwurfsattacke meiner Frau pariert. Ihr nächster Satz klang deutlich milder. »Sag schon, was ist passiert? Warum bist du so früh zu Hause?«
Ich lächelte sie an. Meinem Lächeln konnte sie nur selten etwas entgegensetzen. Der kurze Kuss, den ich ihr geben wollte, ging ihr aber wegen der Geruchsbelästigung zu weit. Geschickt wich sie aus. »Ich hole dir frische Klamotten, du wirst bestimmt duschen wollen. Was darf ich dir zu essen machen?«
Ich nickte, ohne ihr zunächst eine konkrete Antwort zu geben. Ich hatte zwar einen Bärenhunger, aber keinerlei Appetit. Das Geruchsensemble, das an mir hing, war für mich mit einer Nahrungsaufnahme nicht in Einklang zu bringen. »Ich war mit KPD auf einer Eröffnungsfeier des Pfalzmarkts. Leider ist da ein bisschen was schief gegangen.«
»Jetzt verstehe ich«, sagte Stefanie. »Dieser penetrante Geruch erinnerte mich sofort an mehrere Gemüsesorten, was bei dir eigentlich auszuschließen ist. Was ist konkret passiert?«
»Es sind ein paar Gemüsekisten auf KPD und mich gestürzt. Es muss auch irgendeine Flüssigkeit dabei gewesen sein. Genauer kann ich es dir nicht sagen, weil es mich nicht interessiert hat. Jedenfalls muss ich nach dem Duschen wieder weg.« Um den fragenden Blick Stefanies zu beantworten, fügte ich an: »KPD und ich müssen zu einer verdächtigen Landwirtin bei Hochdorf fahren.« Die Sache mit dem Abendessen behielt ich für mich. »Mein Chef meint wieder einmal, es habe ein Attentat auf ihn gegeben.« Ich machte mit der Hand eine Wischbewegung vor meinem Gesicht. »Er vermutet, dass diese Landwirtin im Auftrag des Vorstands des Pfalzmarkts das Gemüse auf uns stürzen ließ.«
»Ist Herr Diefenbach verletzt?«
»Nicht die Bohne«, antwortete ich, »ein paar blaue Flecken, sonst nichts. Auch sonst wurde niemand verletzt. Und Tote gab es auch keine.«
Stefanie verdrehte die Augen. »Und deswegen macht Diefenbach solch einen Aufstand?«
»Du kennst ihn ja«, bestätigte ich. »Blöd, dass er mich mitnehmen will. Du weißt, wie ich zu dem ganzen Gemüsegedöns stehe.«
»Ich würde mir den Pfalzmarkt gerne mal anschauen. Bestimmt könnte ich mir da die eine oder andere Anregung für unsere Küche holen. Was gibt es dort für Sorten, Reiner?«
»Alle«, antwortete ich. »Eher noch mehr.«
Sie seufzte. »Vermutlich hättest du nicht einmal Kartoffeln erkannt.«
»Die gibt’s dort nicht. Das weiß ich 100-prozentig.« Bevor meine Frau ins Detail gehen konnte, verschwand ich in Richtung Bad.
Nachdem ich mich wenig später geruchsneutral fühlte, spielte ich ein paar Minuten mit den zweijährigen Zwillingen Lisa und Lars, die sich inzwischen zu permanenten Stressfaktoren entwickelt hatten. Ich war mir sicher, dass die beiden mittels Gedankenübertragung kommunizierten. Mit schöner Regelmäßigkeit lenkte einer der beiden Zwillinge uns Eltern ab, während der andere irgendetwas Saublödes anstellte, was man bisher eigentlich für ausgeschlossen hielt. Was mich besonders beunruhigte, war, dass die Ergebnisse der Zwillingsaktionen um ein Vielfaches fieser waren als die Dinge, die mein Sohn Paul tat, als er in deren Alter war. Dass man Pauls Heldentaten steigern konnte, hätte ich bis vor Kurzem noch für unmöglich gehalten.
»Kannst du mich mit deinem Wagen zur Dienststelle fahren, Stefanie?«, säuselte ich.
»Erst in einer halben Stunde, wenn Melanie und Paul von der Schule da sind. Paul bekommt heute übrigens eine versetzungsrelevante Mathearbeit zurück. Und nächste Woche steht der Elternabend an.«
Da ich wenig erpicht auf die Ausreden meines Sohnes war, zog ich es vor, den brutal weiten Weg von fast einem Kilometer zu Fuß zurückzulegen.
»Wieso bist du nicht verletzt?«, fragte Jutta, als ich deren Büro betrat. Kollege Gerhard saß wie heute früh am Besprechungstisch und las seine Zeitschrift. »KPD hat vor ein paar Minuten von seinem Büro aus angerufen und gesagt, dass ihr schwerverletzt einem Attentat entkommen seid.«
»Der spinnt wie immer. Ein bisschen Gemüse ist auf uns gefallen«, spielte ich die Sache herunter »Zufall, Unfall, keine Ahnung. KPD wurde vorher in seiner angeblichen Wichtigkeit gedemütigt, daher geht er davon aus, dass man ihm nach dem Leben trachtete. Ihr kennt das ja, es ist jedes Mal dasselbe.«
»Gedemütigt?« Gerhard wurde hellhörig und legte das Heft weg. »Lass mal hören, Reiner.«
Zur Freude und zur Unterhaltung meiner Kollegen erzählte ich die Begegnung unseres Chefs mit dem Führungspersonal des Pfalzmarkts. »Und im Saal war kein Platz für ihn reserviert«, schloss ich den ein wenig ausgeschmückten Bericht. »Das gab ihm den Rest.«
»Kein Wunder, dass er so kurz angebunden war«, sagte Jutta. »Normalerweise wäre er sofort zu mir ins Büro gekommen. Ich habe mich gewundert, warum er nur angerufen hat.«
»Wahrscheinlich hat er ein kleines Bewegungsdefizit«, erklärte ich. »Ein paar blaue Flecken hat er abbekommen.«
»Du auch?«, wollte Gerhard wissen.
»Sportlich wie ich bin, konnte ich geschickt ausweichen und musste nur wegen des Geruchs unter die Dusche. In den riesigen Hallen gibt es nichts außer Gemüse. Das kann man sich als normaler Mensch gar nicht vorstellen.«
Ich erhielt schallendes Gelächter zur Antwort. »Du und sportlich«, meinte Gerhard. »Zwei Welten prallen aufeinander.«
»Wer ist diese Heidelinde Rustik?«, fragte Jutta, nachdem sie sich beruhigt hatte. »KPD sagte, dass wir alles über diese Frau in Erfahrung bringen sollen. Und alles über die Führungsriege des Pfalzmarkts.«
»Warum macht das nicht Jürgen?« Unser Jungkollege Jürgen war der Vierte in unserem Team und unter anderem für Recherchen zuständig. Was er nicht herausfand, das gab es nicht. Manchmal schoss er bei der Tiefe seiner Untersuchungen über das Ziel hinaus, doch seine Ergebnisse hatten stets Hand und Fuß.
»Der ist auf IT-Lehrgang beim LKA«, sagte Gerhard. »Das weißt du aber seit Wochen.«
»Hab’s vergessen«, knurrte ich.
»Was ist jetzt mit dieser Rustik?«, hakte Jutta nach.
»Eine Landwirtin, nichts weiter. Sie hat einen Aussiedlerhof zwischen Dannstadt und Hochdorf und war zufälligerweise dabei, als der Unfall mit dem Gemüse passierte. Kurz zuvor berichtete sie von Lastwagen, die in der Nähe ihres Hofes nachts angeblich umgeladen werden.«
»Und deswegen gehört sie zu den Tätern?«
»Täter? Wie kommst du auf den Schwachsinn?«
»Weil KPD es gesagt hat.«
»Ach was«, sagte ich leicht verärgert, »KPD spinnt, habe ich das vorhin nicht schon einmal gesagt? Leider hat die gute Frau KPD und mich für heute Abend zum Essen eingeladen.«
»Zum Essen?«
Mist, das mit dem Abendessen wollte ich meinen Kollegen eigentlich verheimlichen, um nicht noch mehr Häme zu kassieren. »Nur ein Imbiss«, verharmloste ich. »KPD will sich die Situation vor Ort anschauen, vor allem dort, wo die Lkws umgeladen werden.«
»Und Argumente für ihre Täterschaft suchen«, ergänzte Gerhard.
»Das auch«, bejahte ich. »Da kann er aber lange suchen. Das Ganze ist ein absolut überflüssiger Abendtermin. Für mich schon der zweite oder dritte in diesem Jahr. Kein Wunder, dass mein Überstundenkonto bis zum Anschlag gefüllt ist. Wenn mir KPD das auszahlen würde, könnte ich bis zur Pension zu Hause bleiben.«
Meine Kollegen lachten erneut. »Jetzt übertreib mal nicht, Reiner. Unser Chef hat dich in letzter Zeit in Ruhe gelassen. Eine kurze Fahrt nach Dannstadt gemeinsam mit ihm wird dich nicht umbringen.«
»Hoffen wir’s. So sicher bin ich mir da nämlich nicht. Ich werde euch morgen berichten. Jetzt mache ich aber erstmal Pause, bis KPD sich meldet.«
Ich schaffte es, zwei Tassen Kaffee zu genießen. Währenddessen fachsimpelte ich mit Gerhard über unsere sportlichen Erfolge. Als Marathonläufer war er natürlich ein wenig fitter aufgestellt. Als ich ihm erzählte, dass ich vorhin den ganzen Weg zur Dienststelle zu Fuß zurückgelegt hatte, pfiff er erstaunt durch die Zähne. »Und das in deinem Alter ohne Pause? Oder hast du dir unterwegs eine Verpflegungsstation eingerichtet?«
In das allgemeine Gelächter klingelte das Telefon. Schon am Schrillen war mir klar, dass der Anrufer KPD sein musste.
»Haben Sie sich gut vorbereitet?«, fragte KPD, als ich in sein gigantisches Büro kam, das mehr als zwei Drittel des Obergeschosses einnahm. An der Wand hingen Baupläne, die mich neugierig machten. Als ich erkannte, was ich sah, musste ich hart schlucken, dann böse lächeln. Wenn KPD diese Pläne tatsächlich umsetzen würde, wäre er die längste Zeit Dienststellenleiter gewesen. Und vermutlich auch Beamter. Kein Polizeipräsident, kein Innenminister würde es zulassen, dass er die Außenfassade unserer zugegebenermaßen baulich sehr schlichten Dienststelle in ein zweites Schloss Neuschwanstein verwandelte. Sogar die diversen Turmbauten waren dem Original nachempfunden.
»Tolle Sache«, lästerte ich mit Blick auf die Pläne. »Dann haben wir endlich keine Raumnot mehr.«
KPD fühlte sich geschmeichelt. »Das ist aber alles noch streng geheim, Palzki. Ich habe die Baupläne gerade eben aufgehängt, um mir ein Gesamtbild verschaffen zu können. Außer Ihnen weiß noch niemand davon.«
»Nur der Architekt.«
»Welcher Architekt?«, fragte KPD sofort. »Mit meiner allumfassenden Kompetenz benötige ich keinen Fachmann.« Er ging zur Wand und hängte die Pläne ab. Während er sie vorsichtig in Papprollen verstaute, fragte er nach: »Was ist jetzt? Was haben Sie über diese dubiose Landwirtin herausbekommen?«
»Unsere Fachkraft für Recherchen ist zurzeit auf Fortbildung, und Frau Wagner ist überlastet. Auf die Schnelle konnten wir nichts Beunruhigendes finden, das für eine Untersuchungshaft reicht.«
»Die sind schlau, die Leute vom Pfalzmarkt«, sagte KPD mehr zu sich selbst. »Es hätte mich gewundert, wenn wir sofort das Motiv durchschauen könnten. Ich gehe davon aus, dass es äußerst verzwickte Ermittlungen werden, Palzki. Deswegen kann ich Sie nicht alleine losschicken. Ohne meine Erfahrung, mein Wissen und meine Kompetenz würden Sie hoffnungslos untergehen.«
»Keine Angst, Herr Diefenbach, ich werde mich im Hintergrund halten und Ihnen die Ermittlungshoheit überlassen. Ab morgen werden Sie ja bestimmt ohne mich auskommen.«
KPD hatte andere Pläne mit mir. »Im Prinzip stimmt das, was Sie sagen, Palzki. Ich komme immer bestens ohne Sie aus. Generell sind Sie sowieso ein unablässiger Störfaktor in der von mir sehr gut geführten Dienststelle. Aber dieses Mal brauche ich Sie, und das leider nicht nur heute.«
»Sie … Sie … äh … Sie brauchen mich?«, stotterte ich. Nie hätte ich gedacht, dass solche Worte über KPDs Lippen kommen könnten.
»Ich wollte, es wäre anders«, meinte KPD. »Aber da Sie offensichtlich diesen Aufsichtsratsvorsitzenden persönlich kennen, muss ich über meinen Schatten springen.«
Jetzt wusste ich, was los war. Mein Chef dachte, dass ich Christian Deyerling kennen würde, weil er sich mit mir, aber nicht mit ihm unterhalten hatte. Ich beschloss, diesen Joker zunächst für mich zu behalten, auch wenn mir KPD deswegen bestimmt einen unangenehmen Job aufbürden würde. »Ich kenne viele prominente Bürger und bin fast überall beliebt«, sagte ich allgemein gehalten.
»Das verstehe, wer will«, brummte KPD mürrisch. »Jedenfalls werde ich Sie undercover im Pfalzmarkt einschleusen. Dann kann ich Sie nach Gutdünken lenken, und Sie berichten mir täglich, was passiert.«
»Das ist eine ganz schlechte Idee, Herr Diefenbach. Christian Deyerling kennt mich gut und weiß, dass ich ein erfolgreicher Kriminalhauptkommissar bin. Er wird sofort Lunte riechen.«
KPD lachte kurz auf. »Erfolgreich, da habe ich andere Vorstellungen. Der Chefclan des Pfalzmarkts kann gerne wissen, dass ich ihm auf der Spur bin. Irgendwann werden die sich verraten. Und Sie werden mir das dann brühwarm weiterleiten. Aber so weit sind wir noch nicht. Heute will ich mir zunächst ein Bild von dieser Landwirtin machen. Ich gehe davon aus, dass sie nicht nur eine Genossin des Pfalzmarkts ist. Es muss eine weitere Verflechtung zum Großmarkt geben.«
»Die Sache mit den Lastwagen?«
KPD winkte ab. »Das ist bestimmt nur eine falsche Spur, um von dem Attentatsversuch auf mich abzulenken. Können wir fahren, Palzki?«
Kapitel 3
Vegetarier leben kürzer
Leider hatten wir keinen Chauffeur zur Verfügung. KPD verzichtete darauf, seinen Dienstwagen selbst zu fahren. »Ich muss mein rechtes Bein schonen, das heute früh etwas ramponiert wurde. Außerdem sieht es besser aus, wenn ich nicht selbst am Steuer sitze, wenn wir auf dem Hof ankommen. Kennen Sie den Weg?«
»Halbwegs«, antwortete ich korrekt. Äußerst gefühlsvoll fuhr ich den nagelneuen Dienstwagen meines Chefs im Schneckentempo vom Hof hinter der Dienststelle vor zur Straße. Auf dem Waldspitzweg angekommen, tippte ich das Gaspedal eine Nuance fester an. Das Resultat war, dass wir brutal in die Sitze gedrückt wurden und den Bruchteil einer Sekunde später am Verkehrskreisel der Salierstraße standen. Das allerdings nur, weil ich im Reflex die Bremse bis zum Anschlag durchgetreten hatte. Eine Autofahrerin, die an der Ausfahrt des Lidl-Supermarkts stand und in den Kreisel fahren wollte, fuhr panisch rückwärts auf den Parkplatz. Auf der anderen Seite des Kreisels waren zwei Radfahrer gerade noch rechtzeitig abgesprungen.
»Passen Sie doch auf«, motzte KPD aus dem Fond.
Ich tat mein Möglichstes. Auf der Rehhofstraße, keine 200 Meter vom Kreisel entfernt, gab es eine Warntafel. Unter 50 Stundenkilometern leuchtete ein grünes Smiley auf, darüber ein roter. Seit dieser Fahrt wusste ich, was das zweistellige Display bei dreistelligen Geschwindigkeiten anzeigte.
Erstaunlich schnell kamen wir bis Dannstadt. Da ich nach der Ortsdurchfahrt auf der rechten Seite den von Heidelinde Rustik erwähnten Parkplatz entdeckte, konnte ich direkt auf der gegenüberliegenden Seite in den Aussiedlerhof einfahren.
Das mächtige Haupthaus stand ein gutes Stück weiter hinten im Feld, ringsherum befanden sich diverse Scheunen und Nebengebäude. Der einzige Zufahrtsweg war durch einen Kleinbus blockiert. Er parkte in Straßennähe neben einem belebt wirkenden Containerdorf. Bestückte Wäscheleinen verbanden die Wohncontainer, überall sah ich Tische mit großen Töpfen und anderen Küchenutensilien. Rund ein Dutzend Personen stand beisammen und gestikulierte wild herum.
Ich hielt hinter dem Kleinbus an und stieg aus. Die Erntehelfer kümmerten sich nicht um mich. Sie diskutierten lautstark in einer mir unbekannten Sprache. Aufgrund der Situation und dem Aussehen der Leute vermutete ich eine osteuropäische.
»Hallo, Herr Palzki!«
Im ersten Moment erschrak ich, doch dann erkannte ich Heidelinde Rustik, die ich zuvor in dem Menschenpulk nicht gesehen hatte.
»Sie sind aber früh dran«, meinte sie. »Ich bin noch gar nicht so weit.«
»Kein Problem«, beruhigte ich sie. »KPD, äh, Herr Diefenbach wollte so früh fahren. Vielleicht dürfen wir uns ein wenig auf Ihrem Hof umsehen. Wir sind beide landwirtschaftlich sehr interessiert«, log ich.
»Na klar«, freute sich Frau Rustik. »Bei uns gibt es keine Geheimnisse. Gehen Sie gerne in alle Gebäude rein. Nur bei Barbie müssen Sie ein wenig aufpassen.«
»Barbie? Ist das Ihre Tochter?«
Sie schüttelte sich vor Lachen. »Barbie ist unser verspielter Rottweiler. Solange man keine Angst zeigt, ist sie harmlos. Man muss ihr nur energisch entgegentreten, sonst schnappt sie zu, leider manchmal richtig heftig. Bedauernswerterweise weiß ich nicht, wo sie gerade rumrennt. Also passen Sie einfach ein bisschen auf.«
Ich glaubte, nicht recht zu hören. Auf dem Gelände, das zudem nicht eingezäunt war, rannte eine Mörderbestie herum. Das war ein weiteres Argument, KPD bei der Begehung den Vortritt zu überlassen.
»Wo ist übrigens Herr Diefenbach?«, fragte Rustik.
Diese Frage stellte ich mir auch. Saß er im Wagen und führte ein vertrauliches Telefonat? Ich ging zum Auto und öffnete schwungvoll die Tür zum Fond. »Wollen Sie nicht aussteigen, Herr Diefenbach?«
»Na endlich«, motzte KPD vorwurfsvoll. »Warum haben Sie mir nicht gleich die Tür geöffnet?« Er stieg aus und blinzelte gegen die Sonne.
»Der Wagen hat auch auf der Innenseite Türgriffe«, konterte ich.
»Wollen Sie mich gleich bei der Ankunft blamieren?«, pflaumte er mich aggressiv an. Dann winkte er mit einer debil aussehenden Armbewegung ab: »Über Etikette zu sprechen, hat bei Ihnen sowieso keinen Sinn.«
»Hallo, Herr Diefenbach.« Heidelinde Rustik war zu uns getreten. In der Hand trug sie eine Steige mit Gemüse, das ich zwar von der Form her kannte, mir namentlich aber unbekannt war. »Pablo hat gerade neue Erntehelfer aus Rumänien gebracht.«
»Mit dem Bus?«, fragte KPD, obwohl das auch für einen Außenstehenden offensichtlich war.
Rustik bestätigte. »Pablo Miro ist Spanier und arbeitet bei einer Vermittlungsagentur für Erntehelfer. Je nach Saison bringt er alle ein oder zwei Wochen neue Erntehelfer vorbei und nimmt andere wieder mit zurück. Im Moment beschäftigen wir vorrangig Rumänen, doch das wechselt immer mal wieder.« Sie schaute in Richtung der Erntehelfer und rief: »Pablo, fährst du bitte deinen Bus zur Seite? Du kannst gerne bei uns übernachten, wenn du erst morgen früh fahren willst.«
Der Angesprochene kam fröhlich pfeifend zu uns. »Hallo«, begrüßte er uns nahezu akzentfrei. »Ich muss heute Abend los, Heidi«, sagte er zur Landwirtin. »Die Leute wollen nur noch zu Abend essen und sich verabschieden. Du weißt ja, wegen der Touränderung bin ich bereits übermorgen wieder bei euch.« Fröhlich pfeifend stieg er in den Kleinbus und fuhr ihn neben dem Zufahrtsweg auf die Grasnarbe.
»Das müssen wir so machen«, erklärte Rustik. »Die Erntehelfer dürfen immer nur eine gewisse Zeit in Deutschland im gleichen Betrieb arbeiten. Das hat mit dem Arbeitsrecht, aber auch mit den diversen Sozialversicherungsbestimmungen zu tun. Jedes Jahr wird das komplizierter, zum Glück ist meine Steuerberaterin fit.«
»Kommen jedes Jahr die gleichen Helfer zu Ihnen?«, fragte ich neugierig.
»Zum Teil«, antwortete die Landwirtin. »Genau kann Ihnen das meine Tochter erklären, die kommt allerdings erst morgen von einem Messebesuch zurück.« Der Spanier winkte uns zu, der Weg war frei. »Sie können vor zum Haupthaus fahren. In einer guten Stunde ist das Essen fertig. Wir erwarten übrigens einen Überraschungsgast.«
Da ich Überraschungen wie die Pest hasste, stieg ich wortlos und ohne groß nachzudenken in KPDs Dienstwagen und fuhr vorsichtig die letzten Meter bis zu einem Parkplatz neben der größten Scheune. Im Rückspiegel sah ich meinen Chef toben.
»Wo bleiben Sie denn?«, fragte ich höflich, als KPD zu Fuß bei mir ankam. Frau Rustik verschwand im Haus.
»Das wird Konsequenzen haben!«, motzte KPD. »Sie können doch nicht einfach Ihren guten Chef zu Fuß laufen lassen. Was hat das jetzt für einen Eindruck bei Frau Rustik gemacht!«
»Ich habe streng nach Ihren Anweisungen gehandelt, Herr Diefenbach.« Ich wartete einen Moment ab, währenddessen er mich anstierte, als käme ich vom Mond. »Sie selbst haben auf der Dienststelle gesagt, dass wir früher losfahren, damit wir uns diesen verdächtigen Hof genau anschauen können. Hoffentlich haben Sie auf dem Weg alles ganz genau untersucht? Ich bin nur vorgefahren, weil ich hinter der Scheune etwas Rätselhaftes entdeckt habe. Es hat sich leider nur als ausrangierter Traktor herausgestellt, völlig harmlos.«
KPD brummelte unzufrieden und unverständlich vor sich hin. Ich nutzte die Gelegenheit, meine Überlebenschance zu vergrößern. »Da Sie von uns beiden nachweislich über den wesentlich größeren Erfahrungsschatz verfügen, Herr Diefenbach, schlage ich vor, dass ich hier vor dem Haupthaus die Stellung halte und alles genau protokolliere, während Sie mit Ihren geübten Adleraugen die Umgebung absuchen. Ihnen bleibt bestimmt nicht die geringste Spur verborgen. Wenn es an diesem potenziell kriminellen Ort nicht mit rechten Dingen zugeht, dann sind Sie der Einzige, der in der Lage ist, dies herauszufinden. Ich bin ja so stolz darauf, meinen guten Chef dabei zu haben.« Ups, hoffentlich hatte ich mit dem letzten Satz nicht übertrieben. Solch einen überzogenen Schwachsinn zu erzählen, fiel mir alles andere als leicht. In KPDs Mimik erkannte ich, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Es hätte mich gewundert, wenn er gegen meine Lobhudelei aufbegehrt hätte.
»Genauso, wie ich es gerade vorschlagen wollte, Palzki«, bestätigte Naivling KPD. »Ich werde mich alleine umschauen. Die Container mit den Erntehelfern schauen wir uns nach dem Abendessen gemeinsam an, damit Sie von meinem Erfahrungsschatz auch mal profitieren können.«
Während KPD die Gegend unsicher machte und teilweise wie ein Indianer zwischen den landwirtschaftlichen Maschinen umherschlich, machte ich es mir im Schatten auf einem Holzstapel bequem. Ein kühles Weizenbier wäre jetzt okay. Ab und zu hörte ich ein energisches Hundegebell, das mir aufgrund der Entfernung keine Sorgen bereitete. Vielleicht kam es heute Abend zum Finale Barbie gegen KPD.
Ein etwa 60-jähriger Mann im Blaumann und mit auffällig wettergegerbtem Gesicht trat aus dem Haus heraus. »Sinn Sie Herr Palzki?«, fragte er. Nachdem ich nickte, drückte er mir einen voluminösen Karton in die Hand. »Dess soll ich Ihne vun meiner Fraa Heidelinde gewwe: Ä kleeni Zusammestellung vun unsere Produkte, die mer zurzeit im Agebot hawwen.«
Im Reflex nahm ich den oben offenen Karton. Was ich sah, schockte mich. »Das kann ich nicht annehmen, ich bin im Dienst.«
»Ach was«, wehrte Herr Rustik ab. »Des hot doch nix mit Bestechung zu due. Ihr Fra freet sich bestimmt iwwer des Gemise-Potpourri. Sie sinn doch verheirat, oder?«
Um dieses unschöne Thema zu beenden, bedankte ich mich artig und wuchtete den Karton in KPDs Kofferraum. Da ich nicht davon ausging, dass mein Chef dort jemals hineinschaute, würde er sich in ein paar Tagen über einen eigenwilligen Geruch freuen können.
Noch während ich damit beschäftigt war, den Karton zu verstauen, wurde ich durch ein lautes und aggressives Hundebellen in meiner nächsten Nähe überrascht. Intuitiv sprang ich in den Kofferraum, dabei schrammte eines meiner Schienbeine über die Ladekante. Aus meiner Deckung heraus beobachtete ich ein bizarres Schauspiel: Nicht der Hausherr bändigte den Rottweiler Barbie, sondern zwei niedlich wirkende schwarz-weiß gestreifte Katzen, die zeitgleich aus der Scheune gerannt kamen. Knurrend und mit hochgestellten Schwänzen bauten sie sich vor dem mörderischen Hund auf. Barbies Bellen wurde immer leiser, bis es komplett verstummte. Mit eingezogenem Schwanz trottete sie von dannen. Ich weiß nicht, ob mir meine Fantasie einen Streich spielte: Aus meinem Blickwinkel sah es so aus, als würden sich die beiden Siegertiere mit den Tatzen abklatschen.
»Nanu, was machen Sie denn im Kofferraum des Wagens?«, rief eine Stimme aus der anderen Richtung. Ich kannte diese Stimme leider nur zu gut. Mies gelaunt stieg ich aus dem Kofferraum und rieb mir das lädierte Schienbein.
»Sind Sie auch eingeladen?«, fragte ich, obwohl ich mir die Frage selbst beantworten konnte.
»Frau Rustik ist eine sehr gute Köchin«, erklärte Dietmar Becker. »Ich bin bereits zum dritten Mal zum Essen eingeladen. Immer wieder finde ich einen Weg, eingeladen zu werden. Als sie mir beiläufig erzählte, dass Sie und Herr Diefenbach kommen, war es klar, dass ich selbst ebenfalls dabei sein muss. Leider habe ich Sie bei der Eröffnungsfeier im Pfalzmarkt verpasst, Herr Palzki. Frau Rustik sagte mir, dass es einen kleinen Unfall gab.«
»Kein Unfall«, widersprach ich. »Ein Attentat auf KPD.«
Der Krimi schreibende Student schaute doof aus der Wäsche. »Ich verstehe nicht ganz. Was hat Herr Diefenbach damit zu tun?«
»Nichts«, erklärte ich. »Für KPD war es ein Mordversuch, für alle anderen ein Unfall. So wie es in der Vergangenheit schon öfter der Fall war.«
»Ich verstehe«, meinte Becker, sah aber dabei aus, als verstehe er rein gar nichts. »Ich bin auch nicht wegen des Unfalls hier, sondern weil ich einen Krimi über den Pfalzmarkt schreiben darf. Ist das nicht der Hammer, Herr Palzki?«
»Ja«, antwortete ich knapp. Jede Geschichte, die Becker schrieb, war der Hammer. Nur dass ich unter Hammer etwas anderes verstand als er.
»Mal schauen, ob ich den Unfall mit Ihnen und Frau Rustik in meinem neuen Krimi einbaue. Vielleicht bausche ich das tatsächlich als Mordversuch an Ihrem Chef auf. Damit hätte ich den Bogen zu den Protagonisten gespannt. So wird’s noch glaubwürdiger.«
»Ob das Ihre Leser aushalten?«
»Da muss ich Ihnen recht geben, Herr Palzki. Für einige meiner Stammleser ist es schwierig, Realität und Fiktion auseinanderzuhalten. Wegen der vielen Realpersonen, die mittlerweile in meinen Romanen auftreten und der authentischen Handlungsorte wird es tatsächlich immer schwieriger, das eine von dem anderen zu unterscheiden.«
»Dann lassen Sie es doch einfach«, schlug ich vor. »Bevor Sie Ihre Fans noch mehr verwirren, lassen Sie einfach Ihre Hauptpersonen sterben. Wie wäre es mit einer bestialischen Ermordung von KPD? Zerfleischt von einer Bestie von Hund. Hier direkt auf dem Hof von Rustiks. Ein Riesenköter lebt hier ja.«
Becker lachte kurz auf. »Sie meinen Barbie, nicht wahr? Eine absolut harmlose Hündin. Das würde keiner meiner Leser glauben, wenn KPD durch Barbie zu Tode käme. Außerdem ist fest eingeplant, dass diese Krimireihe noch einige Jahre fortgesetzt wird. Ideen habe ich mehr als genug.«
Ich seufzte deprimiert. Ob mich Becker bis zu meiner Pension verfolgen würde?
»Herr Palzki, hat Ihnen Frau Rustik von den Lastwagen erzählt, die nachts heimlich umgeladen werden? Ich bin zweimal auf der Lauer gelegen, habe aber nichts Verdächtiges entdeckt. Mal schauen, ob ich aus dieser Geschichte den Nebenplot der Kriminalhandlung stricken kann. In der ersten Exposé-Version wollte ich Frau Rustik ermorden lassen, weil Sie diese Entdeckung machte und an die Polizei weitergab. Aber irgendwie erschien mir das bisher nicht logisch genug.«
»Seit wann haben Ihre kruden Geschichten etwas mit Logik zu tun?«, ärgerte ich ihn.
Becker wollte gerade antworten, doch noch vor der ersten Silbe brach er ab. »Hallo, Herr Diefenbach«, rief er über meine Schulter hinweg, »es freut mich, dass Sie ebenfalls eingeladen sind.«
KPD begrüßte Becker mit Handschlag. »Ich muss noch ein Hühnchen mit Ihnen rupfen«, begann er streng. »In Ihrem letzten Werk sind meine Vorzüge und positiven Charaktereigenschaften als guter Chef nicht richtig zur Geltung gekommen, obwohl ich Ihnen die wichtigsten Adjektive diktiert habe.«
»Da muss im Lektorat des Verlags etwas schiefgegangen sein«, entschuldigte sich Becker. »Ich werde das überprüfen, damit Sie in den Folgeauflagen korrekt beschrieben werden.«
»Das habe ich längst getan«, sagte KPD. »Nachdem ich mit meinen Anwälten gedroht habe, hat der Verlag eingelenkt. Ansonsten hätte ich eine einstweilige Verfügung erwirkt, und der Verlag hätte die komplette Auflage einstampfen müssen.«
»Ach, die paar Bücher«, mischte ich mich ein. »In China fällt jeden Tag ein Sack Reis um.« Beide warfen mir wütende Blicke zu.
Der Archäologiestudent nutzte die Gelegenheit, das Thema zu wechseln. »Riechen Sie auch schon das Essen von Frau Rustik? Vielleicht sollten wir langsam mal reingehen.«
Wir folgten Becker in das Haupthaus. Die Eingangstür stand weit offen und wurde von den beiden Katzen bewacht. Uns ließen sie ungehindert eintreten.
»Sie kommen gerade rechtzeitig«, rief Heidelinde Rustik aus dem Hintergrund. »Ist Herr Becker schon da?«
»Ja«, rief Becker, »ich bin vor ein paar Minuten gekommen. Kann ich Ihnen etwas helfen?«
»Passt alles«, kam die Antwort. »Mein Mann hat den Tisch gedeckt. Gehen Sie bitte durch ins Esszimmer.«
Das Esszimmer nahm die komplette vordere Hälfte des Erdgeschosses ein. Die großen Panoramascheiben wirkten untypisch für einen landwirtschaftlichen Hof, ließen dafür aber jede Menge Tageslicht herein. Am Tisch, an dem man locker zwei Dutzend Gäste unterbringen konnte, war für fünf Personen eingedeckt. Der Hausherr saß bereits an seinem Platz und trank ein Bier aus der Flasche. »Unsre Tochter Sonja un de Schwiechersohn kumme erscht morje zurick. Mei zwee Brieder und derre Fraue sinn in Urlaub. Sunscht däden die heit a do hocke zum Esse.« Er machte eine großzügige Geste. »Setzen eich. Will jemand ä Bier?«
Ich war der Einzige, der die Frage bejahte.
»Heidi, bringscht ämol ä Bier, hä?«
Kurz darauf brachte Heidelinde Rustik das gewünschte Bier nebst einem Glas. Wortlos stellte sie es auf den Tisch. Mit vorwurfsvollem Blick wandte sie sich an ihren Mann. »Kümmerst du dich bitte um den Wein?«
»Eijo«, erwiderte er. »Weißer oder Roter?«, fragte er in die Runde.
»Welche Qualitäten aus welchen Anbaugebieten haben Sie denn?«, fragte KPD vorsichtig.
»Kä Ahnung«, kam zur Antwort. »Mir sinn jo kä Woitrinker, mei Fraa unn ich. Am beschte hol ich mol alles, was mer in de Speiskammer stehe hawwen. Dort sammeln mer des Zeich, wu ma zum Geburtstag unn annere Gelecheheite gschenkt bekumme hawwen.«
Ich begann, mich innerlich zu amüsieren. Allein die Weinfrage würde meinen Abend retten.
KPDs Kinnlade fiel nach unten, als der Hausherr fünf verstaubte Flaschen auf den Tisch knallte. »Suchen Se sich was aus«, sagte er. »De Korkezieher liegt do vorne newer dem Flascheöffner. Gläser hab ich schunn uff de Disch gstellt.«
Während Becker und ich stumm die Szene beobachteten, holte KPD ein Taschentuch aus seinem Sakko und wischte halbherzig über eine der Flaschen. »Ich denke, ich lege einen alkoholfreien Tag ein und begnüge mich mit Mineralwasser.«
»Heidi, bringscht a noch ä Flasch sauer Wasser?«, brüllte Rustik in Richtung Küche.
Heidelinde Rustik brachte das Gewünschte. In ihrer zweiten Hand trug sie eine Pfanne, in der mehrere Koteletts lagen. Meine Magensaftproduktion legte einen Blitzstart hin. »Bitte entschuldigen Sie, dass ich das Essen heute ausnahmsweise etwas lieblos präsentiere. Leider bin ich alleine in der Küche.«
»Das ist doch kein Problem«, sagte Becker. »Ich rieche schon, wie gut es schmecken wird.«
Frau Rustik schenkte ihm ein Lächeln. »Ich hole die Beilagen, dann können wir loslegen.« Sie blickte ihren Mann an. »Soll ich dir noch ein Bier mitbringen?«
»Eijo«, kam zur Antwort.
Die diversen Beilagen, die Heidelinde Rustik auftischte, waren wenig geeignet, meine Stimmung zu heben. Manches kannte ich sogar namentlich.
»Mann, was sinn des fer Mordsapparate«, rief Herr Rustik. »Sinn die vun uns?«
Seine Frau antwortete nicht, stattdessen fragte sie KPD: »Möchten Sie auch von den Zucchini?«
KPD nickte. »Sehr gerne, aber bitte nicht so viel. Das sind wirklich große Portionen.«
Auch Dietmar Becker und ihr Mann wurden mit dem Gemüsepotpourri versorgt. »Herr Palzki, was darf ich Ihnen auf den Teller legen?«
»Mir bitte nur ein Kotelett und zwei, drei kleine Kartöffelchen«, antwortete ich. »Ich habe leider diverse Allergien, da muss ich in der Auswahl der Lebensmittel sehr vorsichtig sein. Meine Frau weiß auch nie, was sie für mich kochen kann.«
Niemand am Tisch ging auf meine offensichtliche Lüge ein. Jeder war mit seinem Essen beschäftigt. KPD ebenfalls, aber anders als der Rest redete er hauptsächlich, statt zu essen. Ausschweifend klärte er uns über die verschiedenen Gemüsesorten auf, die vor uns auf den Tellern beziehungsweise in den Schüsseln lagen. Nur ab und zu wanderte eine Gabel mit Gemüse in seinen Mund, während er das Fleisch nicht anrührte. Frau Rustik rollte aufgrund der Diefenbachschen Aufklärung mit den Augen, während sie sich über ihr selbstgekochtes Gemüse hermachte. Ihr Mann hatte sein Kotelett bereits bis auf den Knochen abgenagt und begann, die diversen Beilagen zu verschlingen. Mein eigenes Kotelett hatte ich ebenso schnell wie der Hausherr gegessen. Heidelinde Rustik legte mir wortlos lächelnd ein zweites auf den Teller.
Dietmar Beckers Verhalten fand ich sonderbar. Trotz seines Lobes über Rustiks Kochkünste stocherte er mit der Gabel eher lustlos im Essen herum, während er wie hypnotisiert aus dem Fenster blickte.
»Ist es draußen interessanter als bei uns?«, fragte ich mit sarkastischem Unterton. »Hat Barbie jemanden gerissen?«
»Ach was«, winkte der Student ab. »Ich dachte, dass ich jemanden gesehen habe, den ich kenne.«
»Einer von den Erntehelfern?«, fragte Heidelinde Rustik.
»Nein«, antwortete Becker. »Kennen ist auch nicht der richtige Ausdruck, ich habe den Kerl dabei …« Er verstummte für einen Moment. »Das ist er ja tatsächlich.« Becker spritzte von seinem Platz auf und rannte aus dem Zimmer.
»Ihm hat’s bestimmt nicht geschmeckt«, sagte ich in die Runde. »Herr Becker handelt manchmal wenig rational.«
»Was ist denn mit ihm los?«, fragte KPD. Da er die ganze Zeit in einer Art Selbstgespräch über das Gemüse referierte, hatte er nichts von dem Geschehen mitbekommen.
»Er hat einen Geist gesehen«, beruhigte ich ihn. »Sie müssen wegen ihm nicht ins Schwitzen kommen.« KPD standen mehrere Schweißperlen auf der Stirn.
»Ich habe wohl zu schnell gegessen«, meinte er entschuldigend. »Mir ist irgendwie komisch.«
In meinen Augen war mein Chef immer komisch. Mein Blick schweifte zu Heidelinde Rustik. Sie hatte sich auf ihrem Stuhl nach hinten gelehnt und atmete schwer. Auch ihre Stirn war feucht. »Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte ich besorgt.
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