Read the book: «Die Großen Denker»

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Prof. Dr. Wilhelm Vossenkuhl

Prof. Dr. Harald Lesch

DIE GROSSEN

DENKER

PHILOSOPHIE IM DIALOG

© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH

2011, München/Grünwald

www.der-wissens-verlag.de

Design Cover: Heike Collip, Pfronten

Satz: Pinsker Druck und Medien, Mainburg

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

Vorwort


Vossenkuhl


Lesch

Dieses Buch soll ansteckend sein. Wie ein freundlicher Virus, der seinen Wirt nicht befällt, sondern befruchtet.

Dem weiten Feld der Philosophie – in einem Zeitraum von immerhin 2.500 Jahren – nähern wir uns im Gespräch. Wir tauschen Wissen und Meinungen aus, wohl bewusst, dass unser langjähriges Forschen es uns verbietet, zu behaupten, wir würden viel wissen oder gar klug und weise sein.

Bei einem Glas Rotwein (Castello Brolio oder auch Aglianico) durchstreifen wir gemeinsam die Zeiten, als die Menschen anfingen, nach Gründen zu fragen und sich Erklärungen für das auszudenken, was sie sahen. Seitdem wurde die Welt, die Götter, das Gute, das Sein und das Nichts immer wieder aufs Neue bis in die Gegenwart auf teilweise gegensätzliche Weise philosophisch gedeutet, erklärt und verstanden. Neben der Theologie, welche die Philosophie viele Jahrhunderte begleitete, inspirierten in der Neuzeit besonders die Naturwissenschaften die großen Denker, denen wir an den langen Abenden unserer Gespräche begegnen.

Dieser Dialog soll die Freude an der Philosophie wecken, befördern und zum eigenen Mit- und Nachdenken anregen. Er kann auch Orientierung im Widerstreit der vielen Charaktere und Meinungen sein, die das weite Spektrum des Möglichkeiten in der Philosophie aufzeigen.

Fragen provozieren Antworten und diese wiederum werfen neue Fragen auf. Wer bin ich? Was kann ich wissen, was darf ich tun?

Kant hat mit diesen Fragen das Streben des suchenden, sich selbstbewussten Menschen genau auf den Punkt gebracht.

Begleiten Sie uns und die großen Denker. Seien Sie unser Gast bei unseren Gesprächen.


Wilhelm VossenkuhlHarald Lesch

PS: Unser Dank gilt Herbert Lenz, Initiator und Herausgeber dieses Werkes, der – wie wir höchst erfreut erleben durften – bei der gemeinsamen Erarbeitung zu einem „homo philosophicus“ geworden ist.

Inhaltsverzeichnis

Über Philosophie

Zur Weisheit

Die Naturphilosophen aus Milet

Pythagoras

Heraklit (544 - 484 v. Chr.) & Parmenides (540 - 470 v. Chr.)

Empedokles (492 - 432 v. Chr.) & Philolaos (470- 399 v. Chr.)

Leukipp (5. Jh. v. Chr.) & Demokrit (460/59 - ca. 400/380 v. Chr.)

Anaxagoras (500 - 428 v. Chr.) & Diogenes (499 - 428 v. Chr.)

Die Sophisten

Die Vorsokratiker – eine Bilanz

Sokrates (469 - 399 v. Chr.)

Platon (427 - 347 v. Chr.)

Aristoteles (384 - 322 v. Chr.)

Stoa (3.Jh. v.Chr. – 2. Jh. n. Chr.)

Epikur (341- 270 v. Chr.)

Cicero

Neuplatonismus

Antike Philosophie – ein Rückblick

Augustinus – eine Zeitenwende

Anselm von Canterbury und sein Gottesbeweis

Hochscholastik – Albertus Magnus und Thomas von Aquin

Nominalismus – Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham

Nicolaus Cusanus und die Renaissance

Beginn der Naturwissenschaften – Keppler, Galilei und Bacon

Descartes – Aufbruch in die Moderne

Thomas Hobbes und John Locke – Der englische Empirismus

Die ersten Systeme der Philosophie – Spinoza, Leibniz, Newton

Der Weg zur Aufklärung – Montaigne, Pascal, Voltaire

David Hume – Eine Revolution der Moral

Immanuel Kant – Der Höhepunkt der Aufklärung

Goethe und Schiller

Fichte und Schelling

Hegel und Marx

Feuerbach und Kierkegaard

Arthur Schopenhauer & Friedrich Nietzsche

Fundamente der Moderne - Darwin, Freud, Max Weber

Alfred North Whitehead und Bertrand Russell

Eine Revolution in der Naturphilosophie – Albert Einstein und Niels Bohr

Der Wiener Kreis und Ludwig Wittgenstein

Husserl und Heidegger

Philosophische Hauptströmungen im 20. Jahrhundert

2500 Jahre Philosophie-Geschichte – eine Bilanz

Platon „Der Staat“

…die höchste Ungerechtigkeit ist, daß man gerecht scheine, ohne es zu sein

Augustinus

Es gibt einen Menschenschlag, der sich sorgt, das Leben Anderer auszuspähen, aber zu träge ist, das eigene zu bessern

Kants „Prolegomena“

Daß der Geist des Menschen metaphysische Untersuchungen einmal gänzlich aufgeben werde, ist eben so wenig zu erwarten, als daß wir, um nicht immer unreine Luft zu schöpfen, das Atemholen einmal lieber ganz und gar einstellen würden

Nietzsche

Das Problem der Wissenschaft kann nicht auf dem Boden der Wissenschaft erkannt werden

Wittgenstein

…Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten… ich habe mich damit auch als einen bekannt, der nicht ganz kann, was er zu können wünscht

Horkheimer

Einen unbedingten Sinn zu retten ohne Gott ist eitel

Über Philosophie:

Vossenkuhl:

Wenn wir an die Geschichte Europas oder der Welt denken, dann fallen uns sofort große Politiker und Schlachten ein. Diese Gedanken oder Erinnerungen sind meistens von zwiespältigen Gefühlen begleitet.

Wir vergessen dabei allzu leicht, dass die Geschichte, vor allem die europäische Geschichte, von Männern gestaltet wurde, die nicht geherrscht oder das Schwert geschwungen haben. Sie benutzten einfach nur ihren Kopf. Denker, Philosophen, Wissenschaftler, Physiker oder Theologen. Überlegen wir doch einmal, was diese Menschen uns in den letzten zweieinhalbtausend Jahren zu sagen hatten.

Einen überaus kompetenten Gesprächspartner habe ich in meinem Freund Harald Lesch gefunden – ein gestandener Naturwissenschaftler, genauer Astrophysiker und bekennender Philosoph. Er ist dies alles auf einmal, ein richtiger Naturphilosoph eben.

Lesch:

Ohne Philosophie ist alles nichts. Ich kann nicht ohne sie, Willi, Du weißt es doch. Auch die Physik ist nichts ohne Philosophie. Sie ist eigentlich erst einmal nur eine Ansammlung von Informationen. Die kann ich bewerten. Irgendwann frage ich mich dann: Was mache ich hier eigentlich, was beschreibe ich denn eigentlich?

Du hast mich als Naturwissenschaftler bezeichnet. Ich bin Wissenschaftler und ich beschäftige mich mit der Natur. Wenn Du mich aber fragen würdest, was Natur ist, dann würde ich sagen, dass Du das doch als Philosoph eigentlich viel besser wissen müsstest. Ohne Philosophie kann man nach meinem Dafürhalten keine Physik betreiben, denn Physik ist ein Ergebnis von philosophischer Forschung. Sie war lange Zeit experimentelle Philosophie.

Aber schnell noch dazwischen eine kurze Klärung. Es gibt ja vielerlei Definitionen von Philosophen und was Philosophie ist. So sagt z. B. der berühmte italienische Autor, der „Don Camillo & Peppone“ geschaffen hat, Giovanni Guareschi: Die Philosophen sind wie Zahnärzte, die Löcher bohren, diese aber dann nicht füllen können. Ich meine: Bohrt ihr Philosophen tatsächlich Löcher, um sie dann nicht zu füllen? Geht das so?

Vossenkuhl:

Das ist eine ziemlich zutreffende Beschreibung.

Lesch:

Wirklich? Also, dann liegt der Nerv ja frei?

Vossenkuhl:

Der Nerv liegt frei.

Nehmen wir uns doch gleich einmal einen vor, der genau das gemacht hat. Ich weiß nicht, ob Guareschi an ihn gedacht hat - aber Sokrates hat das gemacht. Der hat Leute einfach auf dem Marktplatz angesprochen. Meistens Politiker, aber auch einfache Leute. Er ist ihnen mit seiner Fragerei so nachhaltig auf die Nerven gegangen, dass sie wirklich dieses Gefühl hatten: Er hat was aufgedeckt, was angebohrt, aber er hat’s nicht gefüllt. Seinen Schülern hat er natürlich schon eine Füllung angeboten.

Bei der Art zu fragen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, sind oft die Löcher einfach offen geblieben. Besonders dann, wenn z.B. die Dialoge, die Platon aufgeschrieben hat, in einer Aporie, also in einem Widerspruch endeten. Weil es einfach keine Lösung gab.

Lesch:

Die hörten einfach auf?

Der kannte kein Happyend oder wollte es auch nicht haben?

Vossenkuhl:

Kein Happyend, nein.

Lesch:

Es gab auch keine Moral von der Geschicht’?

Vossenkuhl:

Nein. Ich glaube, das eigentliche Thema war: Wie geht man überhaupt mit solchen Problemen um?

Dialogisch. Das geht hin und her. Man macht Vorschläge, die wieder zurückgewiesen werden, und am Schluss ist man vielleicht nicht wirklich klüger als zuvor, das wäre also dieses offene Loch. Aber man hat eine Sensibilität für das Problem und weiß wenigstens, was man nicht weiß.

Lesch:

Wir fangen jetzt gleich mit zwei Großtätern der Philosophie an. Damit stehen wir am Anfang des europäischen Denkens.

Deine Einleitung fand ich wunderschön, denn ich glaube, dass wir Europäer es dringend nötig haben, auf unsere Geschichte zurückzuschauen und zu sagen: Hey, das ist ja wirklich gut, was wir da haben.

Vossenkuhl:

Volle Zustimmung.

Lesch:

Die Philosophie ist heutzutage nicht unbedingt mehr in aller Munde. Stell Dir mal vor, Du würdest heute, wie Sokrates damals, auf den Marktplatz gehen und würdest die Leute fragen: Was machen Sie hier eigentlich? Wieso sind Sie so geldgierig oder warum machen Sie so einen gehetzten Eindruck? Seien Sie doch froh, dass Sie leben! Was würden die denn mit Dir machen?

Vossenkuhl:

Die würden mich wahrscheinlich für verrückt halten. Philosophen wurden seit den Anfängen ausgelacht. Es war sogar durchaus so, dass man sich bewusst lächerlich machen musste, um einigermaßen anerkannt zu sein als Philosoph.

Die Lächerlichkeit kommt daher, dass man sich nicht einfach mit dem zufrieden gibt, was z.B. in der Öffentlichkeit Geld bringt, was Ansehen bringt. Was also gewissermaßen normal und bekannt ist. Sondern man geht raus, exponiert sich und stellt mit Fragen alles infrage. Man ist in gewisser Weise nicht normal, also verrückt.

So war auch der mit der Tonne, der Diogenes. Über den großen Aristoteles hat sogar seine eigene Magd gelacht. Da gibt’s bis ins Mittelalter schöne Darstellungen, wie die Magd den Aristoteles auslacht. In einer Darstellung – zu sehen im Freiburger Augustinermuseum – reitet sie sogar auf seinem Rücken und schwingt eine Peitsche, ganz schön frivol. Selbst in den Zeiten, in denen die Philosophen gefragt waren, wurden sie belächelt, weil die meisten Menschen bis heute keinen so großen Sinn dafür haben, das Gewohnte zu hinterfragen, es schräg ins Leben zu stellen. Sie wollen einfach ihren bekannten Stiefel weiter machen. Sie wollen Erfolg haben. Stelle Dir vor, Du als Physiker würdest danach fragen: Was heißt eigentlich Natur? Was würden dann Deine Kollegen sagen?

Lesch:

Mach erst mal was, und dann kannst du immer noch fragen.

Vossenkuhl:

Genau das.

Lesch:

Du hast das Wort „schräg“ benutzt. In der Physik würde man vielleicht sagen, da macht jemand was Orthogonales, der geht einfach senkrecht zum Mainstream. Das scheint mir eine ganz klassische Eigenschaft der antiken Denker gewesen zu sein. Sie sind ihren Mitmenschen mit der Fragerei auf die Nerven gegangen. Aber auch ihre Lebensentwürfe waren sehr unterschiedlich.

Vossenkuhl:

Sie haben auch versucht, für die Probleme der damaligen Zeit eine Antwort zu geben. Die Spätantike war ja voller Irritationen. Eigentlich gibt es kaum eine Zeit, ohne große Irritationen. Die Spätantike war aber noch dazu die Endzeit einer großen Epoche.

Was haben die Philosophen gemacht? Sie versuchten rauszukriegen: Was macht Menschen eigentlich glücklich, wie können sie glücklich leben? Interessanterweise fanden sie heraus: Der Mensch kann eigentlich nur glücklich leben, wenn er möglichst wenig will. Also …

Lesch:

… leichtes Gepäck.

Vossenkuhl:

Es ist ein bisschen so wie, wenn man nicht einschlafen kann. Was macht der Mensch dann? Er versucht, sich zu entspannen. Das führt dazu, dass er gerade nicht einschlafen kann. Das ist exakt das Grundproblem, wenn jemand partout glücklich sein will. Also muss man sich mit seinem zwanghaften Wollen zurücknehmen. Für viele Menschen war das ein wertvoller Hinweis, um ihr Leben neu und besser zu gestalten.

Lesch:

Was ist denn so typisch daran gewesen, dass man heutzutage im Allgemeinen, wenn man von Philosophie spricht, den Beginn in Griechenland annimmt. Es wird gesagt, der erste Philosoph sei Thales (624-546 v.Chr.) gewesen, weil er eine Sonnenfinsternis richtig vorher sagte und die Welt durch ein Prinzip erklären wollte.

Wieso glaubst Du, hat so was in Europa einen völlig anderen Verlauf genommen als z. B. in Indien und in China, wo es ja auch große Denker gegeben hat? Der Sokrates hat seine Fragetechnik schon als „Hebammenkunst“ bezeichnet. Stimmt. Immer wenn die Philosophie Fragen aus der Taufe hebt, fängt sie an, praktisch ganze Wissenschaften zu begründen und damit ins Leben zu setzen.

Die Physik ist ja ein typischer Fall. Auch viele andere Wissenschaften kommen aus der Philosophie. Jedes Mal, wenn die Philosophie dann wieder ein neues Kind auf die Welt gebracht hat, dann zeigen ausgerechnet diejenigen, die gerade frisch auf die Schiene gesetzt wurden, mit dem Finger darauf und sagen pikiert: Was ist denn das für eine Wissenschaft? Die brauchen wir doch gar nicht mehr.

Was glaubst Du, wieso ist das am Anfang so gelaufen?

Vossenkuhl:

Wahrscheinlich gab es da viele Einflüsse, die zusammen kamen. Es existierte schon eine „Schule“, die wohl stark von religiösen Vorstellungen, die in Ägypten beheimatet waren, beeinflusst war, die Pythagoräer. Pythagoras (570-496 v.Chr.) hat ja einen Großteil seines Lebens gar nicht in Athen oder im alten Griechenland verbracht, sondern in Neu-Griechenland, im heutigen Süditalien, in Kroton und Tarent. Da ging es um die Frage: Was ist eigentlich das Wissen, das die Wirklichkeit im Inneren zusammenhält? Das war sehr nahe an dem geheimen Wissen, das Priester für sich beanspruchten mit ihrer Beherrschung der Symbole, mit den religiösen Riten, den Weisheiten und Offenbarungen, über die sie herrschten. Das waren die Wurzeln für so allgemeine Fragen: Wie ist eigentlich die Welt insgesamt zu verstehen, und wer darf das wissen?

Die Schrift hat diese Frage ganz stark verändert. Zunächst mal gab es gar keine Verschriftlichung, es gab nur die Sprache.

Lesch:

Mund-zu-Mund-Propaganda also.

Vossenkuhl:

Ja. Es gab viele Strömungen, die Religion war eine davon. Die Entwicklung der Schrift war ein wesentlicher Anschub. Ohne sie hätten wir ja keine nachvollziehbare Tradition über längere Zeitspannen. Wir wüssten ja gar nicht, was da früher passiert ist. Möglicherweise gab es in anderen Kulturen, etwa in Indien oder im Vorderen Orient, ähnliche Fragestellungen. Nur wissen wir nichts mehr davon. Es ist nicht überliefert worden.

Lesch:

Was allerdings überliefert worden ist, scheint sich aber deutlich von dem zu unterscheiden, was die ersten griechischen Denker, die Vorsokratiker in die Welt gesetzt haben. Da wurde davon gesprochen, das Wasser sei das Element, aus dem sich alles entwickelt. Der berühmte Heraklit meinte: „panta rei“, wie es so schön heißt, „alles fließt“. Wieder ein anderer meinte, es wäre wohl die Luft, ein dritter meinte, es wäre das Feuer.

Die haben damals etwas gemacht, was zumindest für uns Naturwissenschaftler heute noch Programm ist. Sie haben gesucht. Sie wollten wissen, was die Welt zusammenhält, was das Innerste ist, wie es im Faust so schön heißt. Ich finde es erstaunlich, dass dieser Funke in einem Teil der Welt gezündet hat, der sich nicht besonders durch eine Hochkultur auszeichnete. Wie die alten Ägypter am fruchtbaren Nil. Ich bin fest davon überzeugt: Philosophie zu betreiben mit Zahnschmerzen oder mit einem hungrigen Bauch ist etwas ganz anderes als Philosophie in einigermaßen geregelten Verhältnissen.

Vossenkuhl:

In Athen wurde das Geschäft der Philosophie von freien Bürgern betrieben. Vorrangig von Männern. Und die waren alle wohlhabend und hatten Zeit. Muße. Die haben Politik gemacht oder sie haben eben philosophiert. Sie haben teilgenommen an Gesprächen. Das gehörte mit dazu.

Es gab zunächst einen religiösen Hintergrund. Die grobe Einteilung ist: Erst kamen die Mythen und dann die Philosophie. Ob das stimmt, kann ich nicht genau sagen. Mythen waren jedenfalls eine Form der Welterklärung. Und die Philosophie auch. Also wird wohl das eine mit dem anderen ursprünglich verkoppelt gewesen sein.

Die Menschen brauchten Freiheit, also Freizügigkeit, sie mussten Zeit und Muße haben. Dazu dienten die Sklaven. Man zuckt vielleicht heute ein bisschen zusammen, wenn man hört, dass die frühesten Philosophen in Athen eigentlich nur philosophieren konnten, weil es Sklaven gab. Das ist uns nicht mehr so ganz geheuer. Aber Muße, diese Freiheit, diese Ungebundenheit, das ist schon ein wesentlicher Faktor. Man brauchte einen Freiraum der Gedanken. Es gab keine Autoritäten, die bestimmt hätten, was man als freier Bürger denken oder nicht denken darf. Gut, bei Sokrates griffen dann doch Autoritäten ein, die bestimmten, Junge, das kannst du öffentlich so nicht sagen …

Lesch:

… der musste dann den Schierlingsbecher trinken.

Vossenkuhl:

Sie hatten ihm aber die Chance gegeben, zu fliehen.

Aber er wollte nicht. Weil er der Meinung war, auf diese Art und Weise erlangt er endlich die Freiheit, von seinem Dasein, seinem Körper, dem Ärger des Tages, der Gicht oder was immer ihn geplagt hat. Er wollte eigentlich nicht abhauen. Ich glaube, er wollte auch der Willkür des Gesetzes trotzen. Er wollte mutig sein und zu dem stehen, was er gelehrt hatte.

Lesch:

Nach meinem Dafürhalten spielte sich da etwas ganz Bahnbrechendes ab. Du hast eben gesagt: Es gab Mythen, Religionen und parallel dazu die Philosophie. Da hat einer den Mut, sich auf seinen Verstand so verlassen zu wollen, dass er der Meinung ist, man könne tatsächlich was von der Welt verstehen, man könne etwas erklären, etwas erkennen. Das Ganze ohne Zutun von Göttern und Priestern, die einem im Grunde genommen ja sagen: Passt alle mal auf. Wenn ihr daran glaubt, dann wird das alles schon gut werden.

Also richtig hineinzugehen in die Welt. Jetzt gehen einige wenige direkt hinein. Ich will noch nicht sagen ganz selbstbewusst, aber sie wagen durchaus einen Schritt nach vorne.

Wenn ich daran denke, der Odysseus, der ist 20 Jahre lang durch den Mittelmeerraum geschippert und hat sich mit allen möglichen Willfährnissen auseinandersetzen müssen …

Vossenkuhl:

Er hat aber auch ganz schöne Sachen erlebt.

Lesch:

Wunderschöne Frauen. Eigentlich alles prima. Aber er war immer derjenige, der trotz göttlicher Hilfe - die Athene stand ihm ja immer zur Seite – praktisch das Ruder in der Hand behielt. Es kam auf ihn an. Das ist für mich so ein Punkt, wo ich denke, Europa ist in dem Moment erwacht, wo Menschen angefangen haben, nicht hinter jedem Baum und Strauch einen Gott oder einen Kobold zu vermuten. Sie sagten sich vielmehr: O.k. Freunde, wenn wir hier was werden wollen, dann müssen wir was tun.

Vossenkuhl:

So ist es. Das ist eine schöne Brücke zu einer der Hauptideen, die die Philosophie in der Antike propagiert hat: die Erziehung. Die Erziehung des Menschen. Ähnlich wie wir heute in Schulen und Universitäten junge Menschen erziehen, ihnen Wissen vermitteln, hat man damals gemeint, wenn man dem Nachwuchs philosophisches Wissen vermittelt, dann befähigt man ihn dazu, ein gutes Leben zu führen oder auch den Staat gut zu lenken.

Aristoteles war der Lehrer von Alexander dem Großen. Der Vater von Alexander hätte ihn wohl nie als Hauslehrer angestellt, wenn er nicht gedacht hätte: Das ist der Beste, den ich finden kann. Übrigens, gut honoriert – das, was man sich ja heutzutage auch als Philosoph so wünscht.

Lesch:

Sind die Zeiten denn so schlecht?

Vossenkuhl:

Nein, nein – ich bin´s zufrieden.

Lesch:

Dann ist es ja gut.

Es bleibt auch gar nichts anderes übrig. Wie Aristoteles ja mal auf die Frage, ob man philosophieren muss oder nicht, gesagt hat: Philosophieren muss man. Es bleibt gar nichts anderes übrig.

Vossenkuhl:

Selbst wenn man zu dem Schluss käme, dass man das nicht muss, tut man’s schon.

Lesch:

Genau. Schon in dem Moment, in dem man sich fragt, ob man das muss, oder wenn man über die Philosophen spottet, philosophiert man ja schon selbst. Man kommt da gar nicht raus. Das finde ich so irre. Bei Religionen gibt es etwas Trennendes. Da ist alles eine Glaubens- oder Überzeugungssache.

Für mich ist Philosophie so wunderbar, weil sie den Zweifel schon fast zum Prinzip erhebt. Und Zweifel verbinden. Wenn Leute an einem Tisch sitzen und zweifeln, das ist gut. Man muss ja nicht an allem zweifeln. Aber die Zweifel haben etwas unglaublich Beruhigendes und Pazifistisches.

Vossenkuhl:

Natürlich sind für uns jetzt die großen Denker und Geister das Hauptthema. Aber noch mal: Philosophieren, das tut fast jeder.

Man redet gerne etwas despektierlich über den Stammtisch. Aber die Leute dort machen eigentlich genau das, was Philosophie sein kann. Nur nicht ganz so gut, wie sie es vielleicht eigentlich vermögen. Sie versuchen, sich einen Reim zu machen, etwas zu erklären, sich ein Bild zu machen, eine Erklärung zu geben für das, was so passiert oder schon passiert ist. Für sie ist ihre Erklärung oder Meinung zunächst einmal die richtige. Das ist das gleiche Prinzip, wie wenn man – mit sehr viel Hintergrund und Informationen natürlich – philosophiert.

Also Philosophie ist nicht weltabgewandt oder wirklichkeitsfremd. Im Gegenteil. Sie steht mitten im Leben, und deckt die Fragen auf, um die es geht und – wie Du gesagt hast – sie bohrt Löcher. Nicht immer kann sie sie füllen, manchmal schon.

Lesch:

Und sie beschäftigt sich mit Fragen, die - zumindest nach meiner Einschätzung - zu den eindringlichsten gehören, die wir stellen können. Also Fragen, die uns so richtig auf den Solarplexus treffen. Was mache ich hier? Was ist der Sinn des Lebens? Was mache ich hier angesichts der Tatsache, dass ich weiß, dass ich sterben muss?

Es gibt ja so die Vorstellung, dass Philosophen sich aus lauter Todesangst in die Vernunft gerettet haben. Da ist noch etwas, das Ewige, die Wahrheit. Wenn es schon sicher ist, dass es irgendwann zu Ende geht, dann will man wenigstens irgendwo mal in Berührung kommen mit dem, was als das Ewige gilt. Das muss dann wohl die Wahrheit sein. Das muss das Gute, das Schöne und das Wahre sein. Das halte ich für eine der ganz wichtigen Ideen, die europäische Denker in die Welt gesetzt haben.

Vossenkuhl:

Die Glückssuche, die Suche nach Wahrheit, nach dem Höchsten – das hat alles die gleiche Tendenz. Man will sich nicht mit dem Hier und Jetzt zufrieden geben. Will nicht einfach so vor sich hin leben. Man gibt sich nicht mit den Dingen zufrieden, die einfach kaputt gehen können, so wie ein Weinglas oder der Wein selbst. Man will zur Sache kommen, zur Wirklichkeit.

Lesch:

Was mich sehr beeindruckt ist, dass es über diese Unmittelbarkeit hinausgeht. Es geht jetzt nicht mehr nur darum, das zu machen, was man sowieso schon tut. Das Neue ist, dass ein Gedanke auftauchen kann wie: Gibt es etwas hinter der Dingen, das unveränderlich ist?

Um die Menschen herum passiert alles Mögliche: Leute kommen und gehen, Kinder kommen auf die Welt, es wird gestorben, Bäume wachsen und werden gefällt. Eine pausenlose Verwandlung.

Dann wird plötzlich praktisch gegen die eigene Anschauung gedacht. Da wird gegen den Berg angerannt. Wenn sich alles verändert, dann muss doch irgendwo hinter den Dingen etwas sein, was unveränderlich ist. Das ist doch eine irre Geschichte.

Vossenkuhl:

Ja, ja. Ich glaube aber, dass Du als Physiker so was eher noch in Händen halten kannst als wir als Philosophen. In der Philosophie hat man genau diese Überzeugung jahrhundertelang gepflegt. Es gibt Substanzen, es gibt Unveränderliches. Wir können sie zwar nicht direkt greifen, aber wir können sie erkennen, ja, wir können dahinter steigen. Wir kriegen sie nicht zu fassen, aber wir wissen davon. Wir können sie wenigstens logisch begreifen.

Die Substantialität der Dinge ist ins Schlingern geraten. Was ist z. B. eine „Person“? Ist in unserem Menschsein etwas drin, etwas ganz Stabiles, Hartes, Unveränderliches? Oder nicht?

Wenn Du als Physiker gefragt wirst: Was ist denn in der Natur das Stabilste, was würdest Du da sagen?

Lesch:

Elektron, ganz klar. Elektron. Ich vermute, dass auch die Quarks stabil sind. Wir sind nahe dran und guter Dinge.

Vossenkuhl:

Bestimmte Gesetzmäßigkeiten?

Lesch:

Es gibt natürlich Gesetze, die überall und jederzeit im Universum gelten. Die Naturkonstanten. Ich habe Legionen von Kolleginnen und Kollegen, die mit mir an diesem Projekt arbeiten. Dabei gilt das Verfahren: Idee, Theorie, testen. Idee, Theorie, testen. Test positiv – Theorie weiterverfolgen. Test negativ – Theorie wegschmeißen. Da sind wir fein raus.

Vossenkuhl:

Ihr seid eigentlich heute die Substanzvertreter. Ihr habt, ohne dass ihr das so nennt, eigentlich mit diesen Überzeugungen die Philosophie beerbt.

Aber eigentlich bis Du ja ein Naturphilosoph.

Lesch:

Ich bemühe mich. Ich bemühe mich hinreichend.

Vossenkuhl:

Wenn Du aber Naturphilosoph bist, bohrst Du ja wohl auch Löcher. Kommt da wieder was rein?

Lesch:

Sicher kommt da was rein. Vor allen Dingen kommt aber was wieder. Es kommt also!

Bei dem, womit ich mich beschäftige, geht es darum: Wie wäre die Welt, wenn die Theorien, die wir uns über sie ausdenken, wahr wären? Das ist genau das, was Physik macht. Wir haben Theorien, wir testen sie und stellen fest: Mensch, diese Theorien, wenn sie falsch sind, müssen verdammt gut falsch sein. Wir können ja nur falsifizieren, rein gar nichts verifizieren. Und dann bleiben immer Reste übrig, die wir naturwissenschaftlich nicht mehr fassen können.

Also, wie interpretieren wir solche Sachen? Und da sind wir in der Naturphilosophie auf dem besten Wege wieder von der Philosophie getrennt zu werden und systematisch mehr in die Physik rein zu gehen. Weil es für viele Fragen, die früher rein philosophische Fragen waren – wie ist die Welt entstanden? - heute Experimente oder zumindestens Beobachtungen gibt, die es uns erlauben, eine Aussage darüber zu machen, wie das Universum als Ganzes entstanden ist. Vor 2.000 Jahren konnten unsere Altvorderen davon nicht einmal träumen.

Vossenkuhl:

Wahnsinn.

Lesch:

Ist doch irre.

Vossenkuhl:

Ich wollte noch mal auf den Anfang zurückkommen.

Große Denker, Geister. Es ist doch erstaunlich und grenzt schon ans Wunderbare, dass mit bloßem Denken das Leben bewegt wird. Dinge bewegt werden. Vielleicht ist es das Wunder des Denkens, dass man mit bloßen Gedanken Gutes und Schlechtes bewirken kann. Das letzte große Beispiel, das leider nicht so gut war, ist Karl Marx. Da setzt sich einer hin, schreibt „Das Kapital“, macht Politik und was entsteht daraus? Oder geh` zurück: Platon wollte in Syrakus Politik machen. Dreimal ist er angereist und es ist trotzdem schief gegangen.

Was haben eigentlich diese Denker bewirkt?

Lesch:

Mit der Philosophie ist es nicht so wie mit einer Handgranate. Man zieht nicht einfach den Ring raus, wirft und dann macht’s bumm. Es scheint eher so etwas zu sein, was wie ein ganz langsam sich verbreitender Virus wirkt. Da taucht eine Idee auf, und wenn die einmal in der Welt ist, dann kann man nicht mehr hinter sie zurück. Man kann zwar Versuche unternehmen, die Idee einzusperren oder zu unterdrücken, aber das scheint ein bisschen so zu sein wie bei diesem lustigen Gag-Geschenk, einen kleinen Kasten, in dem man eine widerspenstige Feder solange bändigt und zusammen presst, bis sie dann plötzlich mit voller Wucht herausschießt.

Da scheint mir die Philosophie eine ganz interessante Eigenschaft zu haben. Wenn einmal der richtige Gedanke zur richtigen Zeit gedacht wird, dann scheint die Welt zu sagen: Oh, darauf habe ich ja nur gewartet. Da gibt es schnell Leute, die sagen: Mensch, wieso bin ich eigentlich nicht selbst auf den Gedanken gekommen? Wenn das passiert, dann geht es schnell.

Vossenkuhl:

Manchmal geht es geradezu explosionsartig. Dann aber ist es auch wieder so, dass es schlummert, lange, lange schlummert. Da hat z.B. Immanuel Kant mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ 1781 …

Lesch:

Die hat doch kaum jemand gelesen, das ist so … puh!

Vossenkuhl:

Das war erst nur so ein Fürzchen, das verpuffte. Aber Jahre später war es der Hammer.

Lesch:

Ich finde es einfach irrsinnig gut, was manche Menschen am Schreibtisch in ihrem stillen Kämmerchen und damit letztlich ganz alleine für Erfahrungen machen und auf welche Ideen die da kommen. Da werden irgendwelche Kabel angeschlossen, da passieren Manipulationen, da werden Idealisierungen vorgenommen.

Wenn wir in der Physik Experimente machen, dann versuchen wir ja uns als Subjekte so weit wie möglich zurückzunehmen. Wir entmenschlichen das soweit es nur irgendwie geht. Es gibt aber gleichzeitig Menschen, die sich als Subjekt benutzen, um so ein geistiges Experiment an sich selbst durchzuführen. Das finde ich ungeheuerlich. Dass das so verstärkt in den letzten zweieinhalbtausend Jahren aufgetreten ist!

Vossenkuhl:

Es sind alles machtlose Menschen gewesen, die nicht wie ein Bundeskanzler oder ein Präsident irgendwelche Machtmittel in der Hand hatten. Aber ihre Gedanken entfalteten eine unglaubliche Wirkkraft. Das ist doch das Tolle.

Lesch:

Das muss uns natürlich beschäftigen. Vielleicht gelingt es uns sogar hier und da herauszufinden, unter welchen Bedingungen eigentlich Philosophie wirklich durchgreift. Manchmal steht die Situation so auf der Kippe, dass es dann besonders stark wirkt, oder am Ende kommt gar nichts dabei raus.

Immer dann, wenn Gesellschaften in Krisen geraten, dann werden die „Zahnschmerzen“, der Existenzdruck sehr groß. Dann haben die Menschen gar keine Zeit und gar keine Möglichkeit, Philosophie zu betreiben. Dann gibt es Zeiten, in denen Lebensberater in Buchform „Wie werde ich glücklich?“, „Wie finde ich mein Glück?“, „Wegweiser zum glücklichen Leben“ – überhand nehmen. Immer dann, wenn ein Werteverfall beklagt wird, dann heißt es auf einmal: Wo sind denn unsere Philosophen? Wir hatten doch neulich mal welche, die haben doch irgendwann mal … haben die nicht mal irgendetwas Sinnstiftendes von sich gegeben?

Vossenkuhl:

Jetzt sind die irgendwie abgetaucht.

Lesch:

Wo sind denn diese Philosophen?

Vossenkuhl:

Kaum wird’s ernst, tauchen sie ab.

Lesch:

Holt mal die Philosophen raus! Wir haben ein paar Probleme. Wir haben Werte-Probleme.

Vossenkuhl:

Genau. Die müssen die Werte wieder aufbauen. So wie Sandburgen.

Lesch:

Und dann kommt eine Welle: Wusch.

Vossenkuhl:

Dann ist die Werte-Sandburg wieder weg.

Lesch:

Das Thema packen wir mit unserem Dialog über die Denker des Abendlandes einmal von Grund auf an. Wir gehen einmal querab durch die europäische Philosophie. Ja. Einmal quer durch. Ich werde mich bemühen, etwas von den Wissenschaften zu erzählen, die ja alle einmal aus der Philosophie gekommen sind. Und Du, lieber Wilhelm musst aber auch bei nächster Gelegenheit einmal erklären, wieso sich die Philosophie eigentlich so verändert hat. Denn heute sind die Philosophen nicht mehr so berühmt wie früher. Nehmen wir Sokrates oder Aristoteles, oder Nikolaus von Kues. Der ist sogar ein großer Kirchenfürst gewesen.

Vossenkuhl:

Die meisten der Vordenker waren in ihrer Zeit auch keine Prominenten.

Lesch:

Waren die nicht so berühmt wie heute?

Vossenkuhl:

Nein, ganz und gar nicht.

Lesch:

Erst immer im Nachhinein?

Vossenkuhl:

Ich bin sicher, wenn Du damals in Syrakus jemanden auf der Strasse gefragt hättest: Kennen Sie den Herrn Platon? Dann wäre wohl die Antwort gewesen: Platon? Platon? Wer beim Zeus ist dieser Platon?

Zur Weisheit:

Lesch:

Weise zu sein lohnt sich auf lange Sicht. Nicht unmittelbar, aber es lohnt sich. Weisheit ist heutzutage geradezu ein Produkt und wird gerne gekauft. Da stapeln sich Bücher, DVDs, CDs, was immer man will. Nur, es nützt so nichts. So macht es nicht weiser.

„Wir brauchen die Weisheit dann am nötigsten, wenn man am wenigsten an sich glaubt“, sagt Hans Jonas, einer der Weisheitslehrer.

Große Liebhaber der Weisheit sind natürlich die Philosophen. Als Wissenschaftler habe ich mit Weisheit gar nichts am Hut. Ich habe mein Wissen, und das ist es dann schon.

Willi, was ist der Unterschied zwischen Wissen und Weisheit?

Vossenkuhl:

Da gibt es viele Unterschiede. Wissen kann man erweitern und vertiefen. Wissen kann man sich aneignen, und das ganz gezielt. Bei der Weisheit geht das nicht so einfach nach Plan. Um weise zu sein, bedarf es einer Menge Dinge, die mit Wissen im engeren Sinn gar nichts zu tun haben. Zum Beispiel Menschenliebe, Nächstenliebe, Sympathie und Wohlwollen für Andere, Desinteresse an bestimmten materiellen Gütern, menschliche Wärme, Mitgefühl und so fort. Das sind alles Dinge, die mit Wissen gar nichts zu tun haben, die aber zur Weisheit gehören. Der Weise beurteilt die Dinge auch auf der Basis von Wissen. Aber die weise Entscheidung, die ist nicht primär wissensabhängig. Wissen ist zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Weisheit.

Lesch:

Kann man denn herausfinden, ob jemand weise oder ob er eher ein Wissender ist? Kann man erkennen: Das ist ein Weiser und das ist eher so ein Besserwisser?

Vossenkuhl:

Es gab schon leuchtende Beispiele für Weisheit: Salomon, Sokrates, Jesus. Es gibt auch Beispiele für weise Entscheidungen. Kennst Du Brechts Geschichte vom kaukasischen Kreidekreis?

Lesch:

Nein.

Vossenkuhl:

Zwei Frauen, die eine ist mit einem Gouverneur verheiratet, die andere ist eine Magd, behaupten – jede für sich - vor einem Richter, sie seien die leibliche Mutter eines Kindes. Das Kind war in Kriegswirren seiner leiblichen Mutter entrissen worden und von der Magd aufgenommen und liebevoll versorgt worden. Der weise Richter, der früher ein einfacher Dorfschreiber gewesen war, überlegt nun, wie er zwischen diesen Ansprüchen entscheiden soll. Äußere Merkmale gibt es keine. Wie soll er dann herausfinden, wessen Kind es ist? Es gibt keine DNA-Untersuchung, keinen genetischen Fingerprint wie heute. Also, wie kann er gut und richtig entscheiden?

Er schlägt vor - und das ist sehr weise – das Kind in einen weißen, mit Kreide gezogenen Kreis zu stellen und die beiden Frauen an jeweils einem Arm des Kindes ziehen zu lassen. Die rechtmäßige Mutter würde – so die Idee – schon kräftig genug ziehen. Tatsächlich reißt die Gouverneursgattin, die übrigens die wirkliche leibliche Mutter des Kindes ist, das Kind mit Gewalt an sich. Die Magd läßt den Arm los, um dem Kind nicht weh zu tun. Sie bekommt das Kind, obwohl sie nicht die leibliche Mutter ist. Sie zeigt aber, dass sie das Kind liebt.

Das ist eine weise Entscheidung.

Lesch:

Das heißt auch, dass Bertolt Brecht ein Weiser war, weil er sich diese Geschichte hat einfallen lassen?

Vossenkuhl:

Zumindest wusste er, was Weisheit ist.

Lesch:

Was man heute gerne wissen möchte, ist doch: Wie werde ich weise? Es gibt ja alle möglichen Übungen, um in acht Stufen zum Erleuchteten zu werden. Kann man aber Kriterien finden, über die es sich zu sprechen lohnt, an denen man Zeichen von Weisheit fest machen kann? Die Philosophie ist doch die Liebe zur Weisheit. Da fühle auch ich mich angesprochen. Tummeln sich doch die Wissenschaften in der Nähe der Philosophie.

Vossenkuhl:

Ein untrügliches negatives oder indirektes Kennzeichen von Weisheit ist, dass man von sich selbst nicht behaupten kann, ein Weiser zu sein. Also, wenn ich sagen würde, ich bin ein Weiser, dann dürftest Du gerne auf meine Kosten lachen.

Lesch:

Das mache ich immer wieder gerne.

Vossenkuhl:

Ich könnte Dir, wenn Du mich fragst, sagen, wie viel Uhr es ist. Das weiß ich.

Aber man kann von sich selbst nicht wirklich sagen, man sei weise. Das muss sich zeigen. Natürlich gilt das auch für das Wissen. Nehmen wir als Beispiel das eigentliche Thema des kaukasischen Kreidekreises, die Gerechtigkeit.

Ein weiser Richter, der so gerecht wie im Fall des kaukasischen Kreidekreises entscheiden will, muss schon eine Menge über das wissen, worum es geht. Er muss aber auch umsichtig sein, er muss Übersicht haben. Er muss in der Lage sein, nach hinreichender Abwägung zu sagen: Ich weiß vieles nicht, ich kann vieles gar nicht wissen, aber ich muss trotzdem jetzt entscheiden. Und in dem, was er tut, muss sich zeigen, dass er gerecht ist, dass er nicht sich sondern den Menschen und der Sache der Gerechtigkeit dienen will. Das ist Weisheitsliebe am Beispiel der Gerechtigkeit. Sie setzt voraus, dass derjenige, der gerecht entscheidet, nichts für sich selbst will. Das ist ein wichtiges Kennzeichen der Weisheit.

Wenn man nur über Wissen verfügt, neigt man zum Recht Haben Wollen und damit indirekt zum Egoismus. Wenn ich meine, mehr zu wissen als andere, glaube ich auch mehr Recht als andere zu haben. Wir leben in einer Zeit, in der genau dieser Charakterzug des Mehr-Wissens Vorrang vor der Weisheit genießt. Wer heute denkt, dass er mit seinem Wissen etwas gewinnen kann, wird es auch versuchen, egal wie groß das Risiko dabei ist.

Lesch:

Wenn man etwas gewinnen kann, dann versucht man’s auch. Genau.

Vossenkuhl:

Während der Weise sagt: Wozu soll ich gewinnen?

Lesch:

Das klingt so, als ob es Voraussetzungen für Weisheit gibt. Weisheit erfordert zum Beispiel, dass man überhaupt in die Situation kommt, weise sein zu müssen. Man muss z.B. eine Entscheidung treffen. Entweder für andere oder für sich selbst. Es scheint etwas in uns drin zu sein – zumindest dann, wenn wir genügend Erfahrung haben – das wir fühlen können: Ach, das passt so, das ist gut so.

Es scheint mir so zu sein, dass es durchaus bestimmter Voraussetzungen bedarf, um überhaupt nur in die Nähe dieses Anspruchs der Weisheit zu kommen. Ich habe den Eindruck, dass derjenige schon gar nicht weise wird, der ständig versucht, weise zu werden. Nein, das geht nicht zusammen.

Die Weisheit entzieht sich eher, wenn man danach sucht. Warum haben wir eigentlich – Ausnahmen bestätigen die Regel - so einen unglaublich starken Drang dazu, Wissen zu sammeln? Was Weisheit betrifft, da sind wir doch eigentlich eher sehr, … na, wie soll ich es sagen, zögerlich. Es gibt zweifellos weise Personen, die werden aber nicht so gut bezahlt, wie diejenigen, die „nur“ was wissen.

Vossenkuhl:

Das ist richtig, ja.

Lesch:

Wie kommt das?

Vossenkuhl:

Das kann ich Dir auch nicht erklären. Aber ein Unterschied zum Wissen bleibt wichtig. Es gibt sehr viele Arten des Wissens, und es gibt mindestens ebenso viele Arten von Weisheit. Der Unterschied ist, dass das Wissen allein die Weisheit nicht ausmacht.

Es gibt Menschen, die keinerlei Schulbildung haben, also keine sog. „formale Bildung“, die aber trotzdem einfach weise sind, weil sie aus der Lebenserfahrung so viel an Bildung und Wissen mitgenommen haben, dass sie zum Beispiel wissen, wann sie was tun sollen, wann sie sich zurückhalten sollen, wann sie dem anderen seinen Vortritt lassen sollen, wann sie höflich oder hilfsbereit sein sollen, wem sie trauen können und wem nicht.

Das sind Erfahrungsgrößen, zu denen natürlich auch Wissen gehört, Erfahrungswissen, nicht formales Wissen. Und der Einsatz dieses Wissens „wie“, das kann ein Klempner, eine Putzfrau oder ein Schuhputzer genauso einsetzen wie ein Akademiker oder ein Bankdirektor.

Lesch:

Gerade Letzterem könnte ein kräftiger Schuss Grundweisheit nicht schaden. Nun denn.

Das wäre ja durchaus dann ein Begriff aus der heutigen Welt, die sich sehr stark auf Quantifizierbares, also Nachvollziehbares konzentriert. In deinem Lebenslauf muss alles drin stehen, was du kannst, und der Eindruck, den man von dir hat – auch, ob du weise bist – der ist entscheidend. Obwohl du, - sagen wir mal – der Papierform nach nicht unbedingt als Bester unter den Kandidaten erscheinst. Da würde ich mir wünschen, dass die Leute dann sagen: Hm, weise ist er auch noch. Das riskieren wir, wir nehmen ihn.

Weisheit hat so was völlig Unzählbares. Das ist nicht quantifizierbar. Und damit wird es natürlich immer schwieriger. Da muss ich mal ganz kurz einen tiefen Griff in die Kiste machen: Bei den Griechen gab es sieben Weise, mindestens. Thales zählte als einziger Philosoph zu diesem erlauchten Kreis. Die anderen Namen habe ich jetzt nicht parat. Aber es finden sich da so Aussagen wie „Maß halten“, „nicht über die Stränge schlagen“ usw. Das gehörte da wohl dazu.

Vossenkuhl:

Man hat auch versucht, ein Training, so einen Grund-Codex, einen Aufbau-Kurs „Wie wird man Weise“ anzubieten. Da gab es aber keine Abschlussprüfung. Das musste sich einfach zeigen. In der Antike war klar, Tugend, Mut, Dankbarkeit, Gerechtigkeit, das muss man üben. Irgendwann mal hat man’s drauf. Und so ist es eben mit der Weisheit auch. Weisheit, irgendwann hat man sie verinnerlicht.

Das geht aber nicht in jedem Beruf, in jedem Lebenslauf. Ein weiser Fußballer ist nicht leicht vorstellbar. Vielleicht ein weiser Trainer, der im Umgang mit seinem Team weise ist. Der nicht einen gegen den anderen ausspielt, zum Beispiel.

Lesch:

Das sollte er seinen Spielern auf dem Platz überlassen. Aber ein weiser Fußballer könnte doch einer sein, der merkt: Hier fühle ich mich wohl. Ich habe zwar Angebote, die mehr Geld versprechen, aber das ist mir nicht so viel wert, wie andere Dinge, deren Wert ich höher schätze. Familie, Freunde.

Vossenkuhl:

Das wäre ein weiser Entschluss als Privatmann. Aber als Fußballer auf dem Feld?

Lesch:

Eher nicht. Da hat Du schon recht.

Vossenkuhl:

Oder noch extremer, ein weiser Rennfahrer.

Lesch:

Der muss Gas geben. Bleifuss. Aber auch rechtzeitig bremsen. Das ist es dann.

Vossenkuhl:

Oder ein weiser Radfahrer.

Lesch:

Da wo ich bin, ist vorne. Und wenn ich hinten bin, ist hinten vorne. Nö. Geht wohl auch nicht.

Vossenkuhl:

Aber weiser Politiker. Das geht.

Lesch:

Das geht, ja.

Vossenkuhl:

Oder ein weiser Arzt, der nicht einfach Rezepte ausstellen will, sondern sagt: Ich glaube, Sie sind gesund.

Lesch:

Aber das hat ja dann durchaus etwas damit zu tun, dass jemand da ist, für den gehandelt oder Entscheidungen getroffen werden müssen. Also gerade bei Politikern, bei Ärzten, Richtern usw., also immer dann, wenn andere Menschen involviert sind. Bei so einem Rennfahrer, mein Gott, der sitzt in seiner Kiste drin und gibt einfach Gas.

Vossenkuhl:

Richtig.

Lesch:

Der kann ja gar nichts machen.

Vossenkuhl:

Und wenn er nicht als Erster ankommt, dann hat er verloren.

Es ist was Komisches mit der Weisheit. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der der Wert der Weisheit nicht richtig anerkannt wird.

Lesch:

Es glaubt ja auch keiner dran.

Vossenkuhl:

Wie hat Jonas das noch einmal formuliert?

Lesch:

Wir brauchen die Weisheit am nötigsten, wenn man am wenigsten an sie glaubt. Mit Weisheit kannst du doch heute keinen mehr umreißen. Im Gegenteil. Wenn sich jemand Zeit nimmt, um über eine Entscheidung nachzudenken und nicht sofort eine schnelle Antwort parat hat - auch nicht die entsprechenden Floskeln - der wird doch gar nicht mehr ernst genommen.

Ich habe den Eindruck, dass Weisheit etwas mit Langsamkeit zu tun hat.

Vossenkuhl:

Langsamkeit ist ein gutes Wort dafür. Man kann auch sagen: Zurückhaltung oder sich zurücknehmen, also nicht puschen, nicht vordrängeln.

Lesch:

Nicht so leicht, in Zeiten des Wettbewerbs.

Vossenkuhl:

Da wird Zurückhaltung sogar bestraft.

Lesch:

Es gibt ja Unternehmen, bei denen Mitarbeiter, die nicht mehr aufsteigen oder vorwärts wollen, ins Austragshäusel abgeschoben werden. Die Firma möchte unbedingt Leute haben, die motiviert sind, die durchbrechen wollen. Weisheit als Qualifikation? Nein, danke!

Vossenkuhl:

Du siehst schon an der Sprache dieses Milieus, wie unweise das Ganze ist. Wenn Leute entlassen werden, spricht man von „Freisetzen“. Das klingt so nach „Freilandversuch“.

Lesch:

Wie Hühner oder Gen-Mais.

Vossenkuhl:

Das ist doch absurd. Die Sprache verrät den Mangel an Weisheit. Man sollte eher Mitleid oder Mitgefühl für solche Menschen haben. Aber nein. Man redet von Freisetzen.

Langsamkeit ist sicher eine gute Voraussetzung für Weisheit. Nicht übereilen, nicht zu schnell. Aber wer hat denn heute noch Zeit?

Lesch:

Wir sitzen hier ganz entspannt…

Vossenkuhl:

… und trinken ein Gläschen Rotwein.

Und können das in Ruhe angehen.

Lesch:

Wir erzählen anderen Leuten, dass sie weise sein sollen oder dass sie´s langsam angehen lassen sollen. Währenddessen bei denen aber unter Umständen irgendwas unter den Nägeln brennt.

Ich meine, der große Trick scheint mir die Sache mit dem leichten Gepäck zu sein. Da könnte uns die Philosophie ja durchaus einen ganz wichtigen Weg hin zur Weisheit weisen. Wenn man nämlich sagen könnte: Schauen wir uns doch mal unsere Situation an. Je mehr wir uns in Zwänge hinein begeben, umso unfreier werden wir. Und Unfreiheit, unfrei zu sein, das kann doch nicht richtig sein. Man könnte sich auch fragen: Wie würde ich mich eigentlich am wohlsten fühlen?

Sicher nicht unter all den Zwängen, die ich mir möglicherweise selber an den Hals gehängt habe. Da könnte ja Lebensweisheit über eine Art von philosophischer Betrachtung sehr wohl helfen. Ich würde die Philosophie immer noch gerne mit Weisheit in Verbindung bringen und sie nicht nur als reine Wissenschaft behandeln.

Vossenkuhl:

Das würde ich auch gerne. Aber …

Lesch:

Das hört sich nicht gut an, wenn Du das so sagst.

Vossenkuhl:

Ich habe vorhin gesagt: Niemand kann von sich selber sagen, dass er weise ist. Entweder es zeigt sich oder nicht. Man kann auch nicht von sich selber sagen, dass man gut oder ein guter Mensch ist. Entweder man handelt so oder hält ansonsten den Mund. Das passt allerdings so gar nicht in unsere Zeit. Der Spruch, der viel kolportiert wird: „Tue Gutes und sprich darüber“, der ist ja das Unweiseste, was man sich vorstellen kann. Aber es macht Eindruck. Der Weise allerdings will gar keinen besonderen Eindruck machen.

Lesch:

Eindruck machen macht nicht weise.

Vossenkuhl:

Eindruck schinden. Aber wenn du Philosoph sein willst, brauchst du Aufmerksamkeit. Du musst dich bemerkbar machen.

Lesch:

Quak, quak, quak.

Vossenkuhl:

Du musst die Trommel rühren. Das ist natürlich gar nicht weise. Aber du brauchst Aufmerksamkeit. Es kann wiederum weise sein, wenn du dich zeigst. Die Frage ist: Wie? Hinzu kommt erschwerend, dass von den Leuten, die dir zuhören, auch nicht besonders viele weise sein werden. Es ist ein Dilemma.

Man darf aber nicht vergessen, dass in der guten alten Antike die Philosophen, wie man heute sagt, Jobs hatten. Entweder sie waren von Haus aus wohlhabend oder sie haben sich mit dem Wenigen, das sie hatten, zufrieden gegeben.

Heute kannst du als Philosoph nicht überleben. Wie soll der Philosoph leben, wo sind die Nischen? Ich kenne keinen einzigen, der nicht irgendeine formelle Tätigkeit ausübt oder sich mit einer philosophischen Praxis selbstständig gemacht hat. Der also nicht auf eine relativ unweise Art in seine Weisheits-Lehrerrolle gerutscht ist.

Lesch:

Das ist natürlich jammerschade. In dem Moment, wo die Philosophie angefangen hat, sich so zu benehmen wie eine normale Wissenschaft, ist sie dem ganz normalen Trott verfallen. Sie hat offenbar etwas ganz Wichtiges hinter sich gelassen. Immerhin den Kern oder zumindest einen gewichtigen Teil ihres Ursprungs.

Vossenkuhl:

Man könnte eine quasi therapeutische Untersuchung dieses Prozesses machen und überlegen, was da alles schief gegangen ist. Eines ist sicher: Von dem Moment, als die Philosophen nicht mehr daran glaubten, dass sie im gesellschaftlichen Leben eine vernünftige Rolle spielen könnten, von da an haben sie angefangen, nur noch zurückschauen und die Geschichte zu betrachten. Nur noch zu lesen und nachzugrübeln, was andere dachten. Als Training ist das gut. Der Weise muss natürlich auch historisch gebildet sein.

Lesch:

Er muss was wissen, damit er weise werden kann.

Vossenkuhl:

Aber die Geschichtsbetrachtung ist eigentlich mehr oder weniger zu einer Ersatzhandlung geworden. Man flüchtet sich in das, was andere dachten. Damit weicht man dem Druck aus, dem man ausgesetzt ist. Entweder man macht Klamauk oder flüchtet sich in die Geschichte oder man tut so, als wäre man wahnwitzig clever.

Das sind alles Ausweichmanöver. Wenn man nichts weiß, wenn man nichts zu sagen hat, dann sollte man den Mund halten. Der Satz 7 am Ende des „Tractatus“ von Wittgenstein sagt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Aber das wird natürlich heute mehr oder weniger als Spruch fürs Poesiealbum benutzt.

Was der Satz meint, ist natürlich sehr ernst. Wenn du nichts zu sagen hast, Mann, dann halt den Mund. Und das auch zu tun, ist dann eine weise Entscheidung.

Lesch:

Gilt übrigens auch für das weibliche Geschlecht.

Wäre es nicht jetzt geboten, bei den vielen Problemen, die es namentlich in Europa, vor allem aber auch in Deutschland gibt, dass man sich mal überlegt: Unter welchen Bedingungen werden Entscheidungen getroffen? Das ist ja zunächst einmal bis zu einem gewissen Punkt ein rationaler Prozess. Dann allerdings wird es irrational.

Ich habe schon den Eindruck, dass Weisheit nicht etwas ist, das ich so dahin sagen kann: Ach, guck mal hier, das ist die Weisheit. Also so etwas, das ich mit der Ratio erfassen kann. Das ist eher so ein Gemisch. Eine Mixtur aus möglicherweise Herz und Hirn, um es mal so zu sagen.

Vossenkuhl:

Ja, ja, gut.

Lesch:

Es müsste ein Gefühl für etwas Gutes sein. Wäre es nicht schön, wenn es gelänge, eine geistige Strömung in Europa zu entwickeln, bei der eben nicht alles über den Aktienindex abzurechnen ist und nicht alles über den unmittelbaren Nutzen beurteilt wird. Wenn es zum Beispiel gelänge, Manager dazu zu bewegen, sich doch mal zu überlegen, ob ein unmittelbarer Vorteil eher langfristig ein Nachteil ist. Das wäre doch schön, wenn die Freunde der Weisheit sich mal wieder auf ein solches Gebiet hinaus wagen würden. Sie haben doch was zu sagen.

Ich glaube, die Philosophie hat da schon fast einen Minderwertigkeitskomplex, wenn sie einen ihrer wichtigsten Bereiche, nämlich die Weisheit preis gibt. Ich sage das mal - wir sind ja unter uns – dieses hohe Gut sogar noch irgendwelchen dahergelaufenen Lebens-Beratern überlässt, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Die füllen ganze Bücher damit, was Philosophen zum Thema Weisheit gesagt haben. Das wird dann in irgendeinem XYZ-Verlag veröffentlicht. Das ist doch Mist!

Vossenkuhl:

Ja, natürlich. Machen wir einfach ein Gedankenexperiment. Man macht so etwas, was Du vorgeschlagen hast. Da wäre – nehmen wir an – ein Bank-Manager, der vorher noch sagte, wir steigern jetzt die Gewinnmarge von sagen wir mal 20 auf 25 %, für die Inhaber der Bankaktien. Nachdem er erfahren hat, was eigentlich weise wäre, nämlich Menschlichkeit, Mitgefühl und soziale Verantwortung zu pflegen, etwas für die anderen zu tun, Geld für Kultur und Wissenschaft zu stiften, kommt er in seine Bank zurück und sagt: Leute, ich glaube, ich hab einen völlig falschen Weg gewählt. Seinen Aktionären sagt er: Ich empfehle euch, verzichtet auf Gewinne, macht etwas, was den Menschen nützt, einen Akt der Menschenliebe.

Den würde der Aufsichtsrat sofort rausschmeißen, oder? Der würde doch nicht lange auf seinem Stuhl sitzen?

Lesch:

Sagt er nichts, bleibt er sitzen.

Vossenkuhl:

Er macht das, was die Leute wollen. Es wird also der Egoismus bedient. Unweise daran ist, dass aus dem Egoismus, der eine natürliche menschliche Anlage ist, dass daraus ein Recht, ein Anspruch abgeleitet wird, der nicht der Menschlichkeit dient. Das ist unweise.

Lesch:

Ein weiser namhafter Manager, wenn der aus einer solchen Erkenntnis heraus handeln und sich vor seine Aktionäre hinstellen würde - das wäre schon eine beachtliche Verstärkung der Truppen. Mit solchen Leuten könnte man dann weiterarbeiten. Man könnte sagen: Jetzt ist aber Schluss, es gibt grundsätzliche Handlungsanleitungen. Wichtig wäre es dann noch, diese Weisheit zu untermauern.

Wir haben ja heutzutage durchaus solche Begriffe, die meiner Ansicht schon geradezu inflationär benutzt werden und deswegen ihren Wert wieder verlieren. Eines dieser Schlagworte ist „Nachhaltigkeit“.

Es ist ein Irrtum, etwas Gutes kaufen zu wollen, und es auch noch für `nen Appel und ein Ei zu kriegen. Das ist doch irrsinnig, das kann nicht sein. Etwas Gutes kann nicht billig sein.

Vossenkuhl:

Du meinst jetzt dieses „Geiz ist geil“

Lesch:

Ja. Ganz genau.

Vossenkuhl:

Ich erinnere mich. Eine große deutsche Luftfahrtgesellschaft hat mal vor Jahren etwas sehr weises gemacht. Die haben, um diese Nachhaltigkeit zum Thema zu machen, große Anzeigen geschalten. Da stand drin: „Wir fliegen nicht überall hin“.

Lesch:

Ja, schön.

Vossenkuhl:

Und da waren die letzten Reservate der Menschheit auf dem Globus drauf. Das fand ich sehr weise zu sagen, wir wollen nicht überall hin. Ich glaube, das war eine sehr weise Entscheidung, weil es die Glaubwürdigkeit dieses Unternehmens unterstrichen hat.

Lesch:

Ganz genau. Getreu dem Motto: Wir machen nicht alles, was Geld bringt. Wir drucken nicht jeden Blödsinn, wir fliegen nicht weiß Gott wo überall hin. Wir haben heutzutage Billigfluglinien, die zu Preisen zu buchen sind, bei denen man nicht mehr nachvollziehen kann, ob die überhaupt noch Gewinn machen können. Ich habe mir die ganze Zeit schon überlegt, wie ich das eigentlich bezeichnen soll. Es ist dieses „Rolls-Royce-Bewusstsein“. Es geht einfach darum zu wissen, wo die Grenzen sind, bis wohin etwas Sinn macht. Und da ist dann aber auch Schluß.

Vossenkuhl:

Klingt gut.

Lesch:

Ja, Rolls Royce, jedenfalls wie die früher waren. Die haben dir nicht gesagt, wie viel PS die Maschine hat. Schon gar nicht, was sie kostet.

Vossenkuhl:

Genau. Musst man auch nicht wissen, wenn man in der Liga spielt.

Lesch:

Es ist genug. Its enough. Mehr als genug.

Es ist wichtig zu wissen: Es gibt gewisse Dinge, die macht man, und gewisse Dinge, die macht man nicht. Ich habe den starken Eindruck, dass Weisheitsverlust damit zu tun hat, dass ausgerechnet dieser Fundamentalbestand an dem, was man nicht tut, völlig zu verschwinden scheint. Geiz und Maßlosigkeit sind zwei dieser Todsünden.

Vossenkuhl:

Grauenvoll.

Lesch:

Wie kann man so was machen? Das sollte man nicht tun. Eines ist klar: Weise ist das nicht.

Vossenkuhl:

Ganz anders beim Wissen: Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommst du ohne ihr. Das gilt allemal für das Wissen. Wissen ist immer unbescheiden. Um Wissen zu wollen, muss man unbescheiden sein. Man muss immer gegen die Grenzen stoßen – auch darüber hinaus.

Lesch:

Immer nach vorne.

Vossenkuhl:

Weisheit ist bescheiden. Ich neige mein Haupt vor dem Großen, vor den großen Geistern. Der Grund, warum ich die Schriften lese und das Denken der anderen kennen lernen will, ist Bescheidenheit. Es ist weise zu schauen: Was hat ein anderer über Wahrheit, über Freiheit, über das Gute gesagt. Aber man darf sich dann nicht damit begnügen, man darf sich nicht flüchten. Sonst wird es eine Ersatzhandlung, ein Ersatz für die Pflicht, selbst zu denken.

Lesch:

Dann ist natürlich auch klar, warum uns Weisheit heutzutage so wenig bedeutet. Weil viele von uns der Meinung sind, vor ihnen sei nichts gewesen und nach ihnen würde nichts mehr kommen. Sich nicht in einem historischen Prozess zu sehen, dass man letztlich, wie Newton das ausgedrückt hat, dass man als Zwerg auf den Schultern von Riesen steht und nur so ein bisschen zum Ganzen beitragen kann. Wenn dieses historische Bewusstsein nicht da ist, warum auch immer, dann wird natürlich Weisheit auch keinen Stellenwert bekommen.

Vossenkuhl:

Wir sollten also, wenn wir nach Weisheit streben, durchaus in den Rückspiegel schauen, in den Rückspiegel der Geschichte der großen Denker. Aber nicht als Ersatz dafür, auch nach vorne zu schauen. Wenn wir nur den Rückspiegel im Auge haben, dann sind wir Historisten. Dann sind wir nicht weise. Wir müssen schon den Mut haben, uns dem Hier und Jetzt auszusetzen. Egal, wie stark oder schwach wir uns fühlen.

Menschenliebe und Bescheidenheit, das sind die Charakterzüge der Weisheit, auf die wir auch heute nicht verzichten können, auch wenn sie noch so wenig anerkannt werden.

Die Naturphilosophen aus Milet

„Alles ist aus dem Wasser entsprungen, alles wird durch das Wasser erhalten. Ozean gönn‘ uns dein ewiges Walten. Wenn du nicht Wolken sendetest, nicht reiche Bäche spendetest, die Ströme nicht vollendetest, was wären Gebirge, was Eb’nen und Welt? Du bist‘s, der das frischeste Leben erhält.“ – Faust II, Goethe

Lesch:

Am 28. Mai 585 v. Chr. begann die Philosophie mit einer Sonnenfinsternis. Eine Schlacht wurde sogar abgebrochen, weil die verfeindeten Herrschaften aus Lydien und Medien dachten, die Welt ginge unter. Das Ganze ist zurückzuführen auf einen Mann: Thales von Milet.

Milet liegt in Kleinasien, nicht weit von den Stränden entfernt, die heute die Touristen frequentieren. Manche schauen sich sogar die Ruinen von Milet und Ephesus an.

In Kleinasien, der heutigen Türkei, da hat die Philosophie ihr erstes Zentrum gehabt. Ich meine die europäische Philosophie. Man glaubt es kaum, wenn man heute über den Beitritt der Türkei in die Europäische Union nachdenkt. Aber die ersten europäischen Philosophen waren auf der Seite der heutigen Türken.

Vossenkuhl:

Du hast gerade einführend festgestellt, dass die Philosophie 585 begonnen hat. Das ist natürlich ein schönes Datum, eine gute Idee und auch ein guter Einstieg zu Thales. Der hat diese Sonnenfinsternis, die die Schlacht beendete, tatsächlich vorhergesagt.

Lesch:

Hat er sie wirklich berechnet?

Vossenkuhl:

Das wissen wir nicht so genau. Aber ich schätze, Du hast da so Deine Vermutung, wie er zu seinen Kenntnissen kam.

Lesch:

Ja. Es gibt Leute, die meinen, dass Thales wie viele andere in Kleinasien ihr Know-how aus Babylon hatten, also der Stadt im heutigen Irak. Die Herrschaften in Babylon waren so gute Astronomen, dass sie wussten, dass es alle 18 Jahre und ein paar Monate immer mal wieder eine Sonnenfinsternis gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Thales gesagt hat: Also Freunde, im Mai, an dem und dem Tag, da wird’s zappenduster. Er hat wohl eher gesagt: Ungefähr um diese Zeit herum wird es zu einer Sonnenfinsternis kommen.

Was ich erstaunlich an dem Thales finde, dass er so ein wichtiges Ereignis wie eine Sonnenfinsternis versucht hat naturwissenschaftlich zu erklären. Er hat nicht gesagt: Die Götter zürnen uns oder so etwas. Die wurden in dieser Zeit gerne für alles Mögliche verantwortlich gemacht.

Vossenkuhl:

Das war ein ganz praktischer Mann, der Thales.

Lesch:

Er soll Politiker gewesen sein.

Außerdem Ingenieur, Philosoph und Mathematiker. Habe ich noch was vergessen?

Vossenkuhl:

Er war Nautiker. Er war auf der Nautikerschule. Er hat am Fluss Hyla einen Kanal gebaut. Genau da, wo auch die besagte Schlacht statt fand.

Sein Geburtdatum wird so um 625 - 628 v. Chr gelegen sein. Und er wurde sehr alt. Ganze 78 Jahre.

Lesch:

Ich habe gelesen, lieber Willi, dass Philosophen, Astronomen und Friseure sehr alt werden. Offenbar scheint Philosophie etwas zu sein, das lebenserhaltend ist. Astronomie auch. Das kann ich nur bestätigen. Friseur scheint auch ein sehr interessanter Beruf zu sein.

Vossenkuhl:

Wie meinst Du das?

Lesch:

Tja, es muss offenbar stressfrei sein und man erfährt viel von den Menschen. Das scheint die Lebensdauer zu verlängern.

Vossenkuhl:

Zurück zu Thales. Du hast mit gutem Grund gesagt, dass er der erste Philosoph in unserem modernen Sinn war. Davor gab’s – wahrscheinlich – nur Dichter wie Homer, deren Mythen und natürlich die Priester.

Lesch:

Es gibt solche Sätze wie: Wer philosophiert, denkt griechisch.

Mit dem Thales haben wir einen, der in der Handelsstadt Milet den Anfangspunkt gesetzt hat. Er war einer dieser allerersten Denker, die versucht haben, irgendetwas über die Welt zu erfahren, ohne gleich wieder die Götter zu Hilfe zu nehmen. Kann man das als den Beginn der Philosophie bezeichnen oder gibt es da noch etwas?

Vossenkuhl:

Das ist bestimmt ein Markstein. Geht es dabei doch um die von Menschen selber gegebene Erklärung. Die Suche nach den Gründen, also nach den Archae, den Ursprüngen, den Prinzipien.

Diese Suche nach den Prinzipien, nach den Urgründen, das ist wohl der Beginn der Philosophie. So wurde sie aber noch nicht genannt. Ich glaube, dass erst die Pythagoräer darauf gekommen sind, sie so zu nennen. Pythagoras wäre der erste „Philosophos“.

Lesch:

Ah ja. Der Erste …

Vossenkuhl:

… der so genannt wurde.

Lesch:

Der erste Freund der Weisheit.

Vossenkuhl:

Ja. Ich glaube, dass dies das Entscheidende ist. Diese Fragen des Menschen: Was ist das erste Prinzip, was ist die Grundursache dessen, was ist, und wie erklärt man sich das?

Lesch:

Eine Frage, auf die ich bisher keine Antwort gefunden habe.

Warum Milet? Ich meine, Athen wäre doch naheliegender gewesen. Da gab es viele Menschen, die Zeit hatten, über die Dinge nachzudenken, und die sich nicht unmittelbar um ihre Existenz kümmern mussten. Warum so eine Handelsstadt wie Milet? Warum nicht Athen oder irgendein anderer Platz auf der Welt?

Vossenkuhl:

Dafür habe ich auch keine zuverlässige Antwort. Aber sicher ist, dass Kleinasien eine Art „melting pot“ der Kulturen war, also ein Schmelztiegel.

Lesch:

Multikulti.

Vossenkuhl:

Genau. Da gab es die Phönizier. Wir werden ja gleich noch über einen Mann reden, der Thales kannte und so an die 15 Jahre jünger war. Er hieß Anaximander. Seine Mutter soll Phönizierin gewesen sein. Dann lebten hier natürlich die Ionier und Lydier. Die Leute kamen aus allen Ecken zusammen. Die brachten alle ihre Kulturen mit. Ich glaube, dass das ein interessantes, vielleicht auch ein bisschen aufgeheiztes, kulturelles Klima war, in dem kritische Gedanken über das was ist, und warum das so ist, einen guten Nährboden fanden.

Lesch:

Also könnte man durchaus sagen, dass Philosophie in dem Sinne, wie wir sie heute verstehen, dadurch entstanden ist, dass sehr viele Ideen in einer Stadt umgerührt und neu zusammengesetzt wurden. Man ist nicht nur einer Idee hinterher gerannt. Gewisse Dogmen wurden so auch über den Haufen geworfen.

Vossenkuhl:

Ja. Wenn man sich das so im Nachhinein vorstellt. Das ist ja nun auch schon lange her.

Lesch:

Stimmt.

Vossenkuhl:

6. Jahrhundert vor der Zeitenwende.

Lesch:

Mehr als zweieinhalbtausend Jahre.

Vossenkuhl:

Wir können uns die Mentalität der Menschen nicht mehr so ganz genau vorstellen. Es ist auch nicht gesichert, ob der Thales bei den Milesiern so bekannt war wie jetzt für uns. Aber wahrscheinlich war er doch eine öffentliche Persönlichkeit. Und die Tatsache, dass er wahrgenommen wurde - er hat ja nichts Schriftliches hinterlassen, wir haben keine direkten Zeugnisse von ihm - das zeigt doch schon, dass er einen gewissen Respekt auch als Philosoph genoss. Obwohl damals die Philosophen so quasi mit einem lächelnden und einem weinenden Auge betrachtet wurden.

Lesch:

Komm, nun erzähl´ die Geschichte mit der Magd. Erzähl sie.

Vossenkuhl:

Eigentlich erzählt hat’s der Platon in seinem Dialog „Theätet“. Der zeigt die zwei Seiten des philosophischen Lebens. Er erzählt also, dass eine Magd gesehen hat, wie Thales beim Nachdenken über die ersten Gründe, die „Archae“, dessen was ist, in eine Grube gefallen ist. Sie hat schallend gelacht, und gemeint: Da denkt er nun über den Himmel und über die Unendlichkeit nach und fällt einfach in eine blöde Grube. Sie hat ihn also ausgelacht.

Lesch:

So ist er wohl auch nicht auf seinen Urgrund gekommen, dass nämlich das Wasser der Urgrund aller Dinge ist. Er ist ja nicht in einen Brunnen gefallen.

Vossenkuhl:

Jedenfalls ist das nicht so überliefert. Es ist wohl nur eine profane Grube gewesen.

Lesch:

Ich habe auch noch eine Geschichte zu Thales auf Lager. Man hatte ihm ja vorgeworfen, dass die Philosophie zu nichts nütze sei. Er hatte aber aus astronomischen Informationen - weiß der Zeus wie er das gemacht hat - die Erkenntnis, dass die Olivenernte im nächsten Jahr sehr gut werden würde. Daraufhin hat er offenbar alle Olivenpressen, deren er habhaft werden konnte, zusammengekauft. Die Bauern mussten, als die Oliven geerntet waren, dann bei ihm die Olivenpressen kaufen. Das hat ihn zum reichen Mann gemacht. Er wollte damit eigentlich nur zeigen: Freunde, wenn ich will, kann auch ich Geld verdienen. Merke also: Ein Philosoph kann Geld verdienen, wenn er will. Aber er will nicht.

Vossenkuhl:

Ich bin sicher, dass er auch anderweitig gut Geld verdient hat. Jemand, der Kanäle baut, wird Geld verdient haben. Ich glaube schon, dass der nicht am Hungertuch nagte.

Zurück zum Feuchten, dem Wasser, und dem Prinzip, das den geschäftstüchtigen Thales so bekannt gemacht hat.

Lesch:

Das war ja nur der Beginn einer Sucherei, einer Definiererei von verschiedenen Elementen. Der eine hat das Wasser genommen. Wir werden nachher noch einen treffen, der sich für die Luft entschieden hat und dann noch einige andere. Es gibt ja ganz unterschiedliche Elemente. Der Thales hat nun einmal in einer Hafenstadt gewohnt.

Kann er deswegen das Meer oder das Wasser für etwas Substantielles gehalten haben, oder ist da mehr dahinter gewesen?

Vossenkuhl:

Der erste Gedanke spricht dafür. Er meinte aber auch, dass die Erde, auf der die Menschen leben, auf Wasser schwimmt, so wie ein Stück Holz. Er war der Meinung, dass die Erde ursprünglich nur aus Wasser bestand. Dann ist ein Großteil des Wassers verdunstet.

Der Rest hat sich in den Ozeanen gesammelt. Weiter – wie Du sicher weißt – hat er auch über die Herkunft des Lebens aus dem Wasser nachgedacht. Was mir völlig einleuchtet, weil ich selber gerne Fisch esse.

Lesch:

Du kommst aus dem Wasser und deswegen …

Vossenkuhl:

Ganz richtig. Meine Vorfahren müssen Raubfische gewesen sein.

Lesch:

Ein schlagender Beweis! Meine Vorfahren waren dann wohl Stockfische. Ich bin immer so verstockt.

Vossenkuhl:

Wirklich? Aber nur zuhause.

Lesch:

Der Thales hätte ja damit so etwas wie eine Evolutionstheorie aufgestellt?

Vossenkuhl:

Ja, so eine Art Deszendenz-Theorie, eine Abstammungslehre. Wir Menschen, meinte er, seien aus etwas Primitiverem entstanden, eben aus dem Feuchten, dem Wasser.

Lesch:

Das ist schon enorm. Das ist ja deutlich gegen den, sagen wir mal Trend von Religion, die dazu neigt, alles als ewig und unveränderlich hinzustellen. Jetzt sieht da einer Entwicklungsprozesse, die sich zu einem Weltbild formen. Das ist ja schon erstaunlich.

Vossenkuhl:

In der Zeit damals überhaupt solche Hypothesen aufzustellen! Einfach mal zu fragen: Wo kommen wir eigentlich her? Schon allein auf die Ideen zu kommen, dass nicht alle Menschen vor uns so wie wir ausgesehen haben könnten. Sondern dass es da eine Art Entwicklung vom Einfacheren zum Komplizierteren gegeben haben könnte. Das ist schon eine enorme spekulative Leistung.

Lesch:

Für mich als Astrophysiker ist das naheliegend. Der Wasserstoff hat ja einen Ruf wie Donnerhall bei uns im Weltall. Er ist das häufigste Element. Er ist das erste Element, das überhaupt im Universum entstanden ist und er ist natürlich auch Teil des Wassers – Wasserstoff eben. Und wenn man die Frage stellt, wie kann denn Leben im Universum entstehen, würde man heute sofort sagen: Ohne Wasser geht erst mal gar nichts.

Leben ist keine trockene Angelegenheit, sondern es ist fundamental vom Wasser abhängig. Also kann man sich einen weiten Bogen von Thales bis zur Suche nach außerirdischem Leben gönnen. Denn nach was suchen wir auf dem Mars? Wir suchen nach Wasser.

Vossenkuhl:

H2O. Ohne diesen Lebenssaft geht gar nichts.

Lesch:

Wenn wir irgendwo da draußen flüssiges Wasser finden würden, dann wären das zumindest sechs Richtige im Lotto. Flüssiges Wasser ist nun mal das entscheidene Lösungsmittel für die Transformation der toten Materie zur lebendigen Materie, der Urgrund. Ohne Wasser läuft gar nichts. Also, da muss ich schon sagen, Thales, Hut ab, Hut ab!

Vossenkuhl:

Unser Mann aus Milet war ein richtig dicker Fisch, um mal im nassen Element zu bleiben.

Lesch:

Nun haben wir ja mit dem Thales nur einen der Ingenieure, oder besser der Philosophie-Ingenieure von Milet.

Vossenkuhl:

Der praktischen Philosophen. Dazu zählte auch Anaximander. 15 Jahre jünger als Thales. 6. Jahrhundert.

Lesch:

Anaximander. Der hat ja nun was in die Welt gebracht! Als ich das zum allerersten Mal gelesen habe, dachte ich: Boah, der Mann hatte ja einen unglaublichen Durchblick!

Vossenkuhl:

Da warst du platt.

Lesch:

Wie eine Flunder. Der hatte sich überlegt, das mit dem Wasser von Thales mag ja ganz nett sein. Dass sich aus dem Wasser alles entwickelt. Durch Verdichtung von H2O wird was Festes, durch Verdünnung entsteht die Luft.

Anaximander hat sich aber gefragt: Was steht denn hinter diesem Werden und sich Verändern. Da muss was sein, was schon immer da war und unbegrenzt ist, unendlich.

Der war der Allererste, der das Unendliche gedacht hat. Du weißt, unendlich wird vor allen Dingen gegen Ende hin sehr groß.

Vossenkuhl:

Ewigkeit ist eine sehr lange Zeit, vor allem gegen Ende zu, sagte Woody Allen.

Lesch:

Genau.

Und da hat sich Anaximander dieses Apeiron ausgedacht?

Vossenkuhl:

Das „nicht Bestimmte“.

Lesch:

Wie kommt man auf so eine Idee?

Vossenkuhl:

Vielleicht wenn man sich überlegt: Wie kann man eigentlich die unabsehbare Vielfalt, die unendliche Vielfalt dessen, was man sehen, hören, riechen kann, wie kann man das prinzipiell erklären? Auf welches Grundprinzip kann man das zurückführen?

Dann ist es keine schlechte Idee, sich all diese Einzelheiten weg zu denken und zu überlegen: Was ist eigentlich der gemeinsame Nenner? Dann kann man sagen: Es ist potentiell so. Aristoteles hat einige Zeit später zwischen Akt und Potenz, zwischen Sein und Möglichsein unterschieden.

Aber immerhin hat Anaximander gemeint, dass das Unbestimmtsein, das unendliche Unbestimmtsein eigentlich die Quelle und der Ursprung von allem Bestimmtsein sein muss. Denn das Bestimmtsein ist selber unendlich viel. Also muss es ja irgendwoher kommen. Es muss wohl so eine Art von Ursprung dieser Bestimmbarkeit gegeben haben.

Lesch:

Wenn Du mal irgendein Geschichtsbuch aufschlägst, und nimmst irgendeine der Kulturen vor den Griechen. Die haben sich alle vor dieser Unendlichkeit geschützt, indem sie sagten: Da gibt es Kreisläufe, da gibt es die Götter und die sind Endstation für das Bild von der Welt.

Jetzt kommt einer in Kleinasien daher und bringt diesen neuen Gedanken ein, vor dem man ja auch heute noch erschauert. Ich meine, wenn man das Unendliche wirklich an sich herankommen lässt, da wird einem doch eiskalt! Weil es einfach nicht denkbar ist.

Vossenkuhl:

Es hat aber eine gewisse Plausibilität. Wenn ich davon ausgehe, dass es unendlich viel Bestimmtes gibt, dann muss ja grundsätzlich, prinzipiell die Unendlichkeit schon mal gegeben sein. Bevor das Bestimmte sichtbar wurde, muss es unsichtbar und unbestimmt gewesen sein. Das unendlich Unbestimmte bedeutet: Alles das, was wir wahrnehmen, diese unendlichen Möglichkeiten dessen, was man sehen, hören, riechen, erklären kann, das muss ja der Möglichkeit nach schon im Ursprung als Unendliches angelegt sein.

Lesch:

Der Anaximander, von dem ich übrigens glaube, dass er einer der unterschätztesten Philosophen ist, war ja auch noch Geograph und Meteorologe und hat sich mit vielen verschiedenen Sachen beschäftigt…

Vossenkuhl:

Er hat ja auch eine Erdkarte angefertigt.

Lesch:

Aber noch mal zurück zu seinem „Apeiron“, dieses Unbegrenzte. War das etwas Materielles oder wie muss man sich das vorstellen?

Vossenkuhl:

Nein, das Prinzip, das dem zugrunde liegt, ist nicht materiell. Aber die Erscheinungsweise schon. Vielleicht könnte ich mal den allerersten Satz der Philosophie zitieren.

Lesch:

Höchste Zeit. Ich bin gespannt.

Vossenkuhl:

Von Thales ist nichts Schriftliches überliefert. Aristoteles hat ihn aber erwähnt. Von Anaximander haben wir nur einen einzigen langen Satz. Der hat es allerdings in sich. Hier ist ein Teil davon: „Ursprung und Urgrund der seienden Dinge… ist das Grenzenlos-Unbestimmbare… Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen,…, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen, nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Anordnung.“

Also Ursprung und Ziel: Was mit dem Unrecht gemeint ist, weiß ich nicht so genau. Aber offensichtlich ist da so ein Schuldzusammenhang, eine Schuldigkeit der Dinge einander gegenüber. Wichtig ist, dass Anfang und Ende dasselbe sind. Ursprung und Ziel. Das Unendliche ist am Ausgangspunkt ebenso unbestimmt grenzenlos wie am Ende.

Lesch:

Das ist schon ein Hammer, mit dem Grenzenlosen anzufangen. Ich als Physiker würde natürlich immer das Gleichgewicht der Kräfte im Auge haben. Aber das kann sich ja mal in die eine oder die andere Richtung verschieben: In der Tat könnte man die Vorgänge im Universum und natürlich auch hier auf der Erde – die ist ja ein Teil davon – als ein Geben und Nehmen verstehen. Diese Gegensätze, die da eine Rolle spielen, finde ich schon ganz erstaunlich.

Vossenkuhl:

Thales, Anaximander und der Dritte im Bunde, der Anaximenes – auf den kommen wir noch – waren sehr umtriebige Leute, die mitten im Leben standen. Thales war Navigator und der Anaximander hat griechische Kolonistengruppen von Milet in neue Siedlungsgebiete ans Schwarze Meer geführt.

Lesch:

Die Jungs, wenn ich das mal so sagen darf, standen ja voll im Saft. Die waren mit ganz unterschiedlichen Aufgaben betraut. Und dann geben die solche Sätze von sich! Möglicherweise ist dieses vielseitige, praktische Leben die Voraussetzung dafür, dass man die Scheuklappen aufmacht. Dass man sich nicht abschottet, sondern mitkriegt, was mittendrin und Drumherum so alles läuft.

Vossenkuhl:

Man darf sich diese Leute nicht so vorstellen, dass sie völlig weltabgekehrt irgendwo im stillen Kämmerlein saßen und da so vor sich hin gebrütet hätten. Das Gegenteil ist richtig. Sie standen wirklich mitten im Leben.

Lesch:

Das ist übrigens für mich ein Argument, eine Universität in eine Stadt mitten rein zu setzen und sie nicht draußen in der Pampa anzusiedeln.

Eine intellektuelle Landschaft wie eine Universität gehört mitten unter die Menschen. Das ist doch das, was man von diesen ersten Philosophen lernen kann. Neue Ideen, das ist die Vermischung von verschiedenen Dingen. Und dann sollte Gelegenheit sein, sich mal in Ruhe darüber Gedanken machen zu können.

Vossenkuhl:

Also, jetzt kommen wir zu Anaximenes, der wohl ein Schüler von Anaximander war. Der lebte im 5. Jahrhundert. Es ist schon erstaunlich, dass in einem Jahrhundert drei große Denker in dieser Stadt Milet gelebt haben. München kann ähnliches von sich nun nicht behaupten. Schon gar nicht in jener Zeit. Nicht einmal in jüngerer Zeit.

Anaximenes war die Position seines Lehrers Anaximander nicht so ganz geheuer. Die hat ihm wohl nicht so ganz eingeleuchtet. Allerdings hat auch er daran festgehalten, dass der Ursprung und das Ziel identisch sind, dass aus dem unendlichen Unbestimmten das Bestimmte wieder zu sich zurückkehrt. Aber er hat dann doch gemeint: Der Stoff, so ähnlich wie das bei Thales das Wasser war, der Stoff, aus dem das alles wird und vergeht, das sei die Luft.

Ihm schwebte so eine Art von Äther-Stoff vor.

Lesch:

Oh je. Bei Äther werde ich sehr empfindlich. Der ist tatsächlich hinter seinen Lehrer zurückgegangen? So ein ganz konkreter Urstoff sollte plötzlich wieder das Maß aller Dinge sein?

Vossenkuhl:

Ja ja. Er hat dann noch gemeint, dass alles aus Luft ist.

Lesch:

Ein echter Luftikus. Die Ideen. Sollten die auch nur heiße Luft sein?

Vossenkuhl:

Sind sie ja auch manchmal. Aber im Ernst: Der Luft-Gedanke ließ sich schon mit dem Apeiron seines Lehrers Anaximander verbinden. Anaximenes meinte: Alles was ist, ist entweder verdichtete oder verdünnte Luft. Er hat auch Wärme und Kälte damit in Verbindung gebracht. Nur dummerweise – das widerspricht unserer Anschauung heute – hat er gemeint, die verdichtete Luft ist Kälte, aus der verdünnten entsteht das Feuer.

Lesch:

Es ist genau umgekehrt.

Vossenkuhl:

Ja. Es ist genau das Gegenteil richtig.

Lesch:

Aber er hat sich offenbar dann auch an diese „Denke“, um dieses schöne neuhochdeutsche Wort zu gebrauchen, gehalten, dass es ein Prinzip gibt, das der ganzen Wirklichkeit zu Grunde liegt.

Vossenkuhl:

Ja. Und zwar ein stoffliches.

Bei Anaximander hätte man sagen können: Na ja. Der denkt auch an das Stoffliche. Das ist nicht einfach nur so abstrakt. Aber es ist doch eine Begrifflichkeit da, die so einen Prozess beinhaltet, begrifflich. Das Stoffliche ist zwar zentral, aber doch nicht für die Erklärung so wesentlich. Es ist doch eher das erkennbar, was man später „Metaphysik“ genannt hat, also das Metaphysische, was jenseits alles Stofflichen liegt.

Es ist übrigens so, dass diese erste Schrift von Anaximander und dann alle anderen Schriften, welche die Philosophen vor Sokrates schrieben, immer den Titel tragen „Über die Natur“.

Dabei muss man sich klar machen, was sie unter Natur verstanden.

Lesch:

Mehr als das, was wir heute unter Natur verstehen?

Vossenkuhl:

Wir unterscheiden heute das Belebte und das Unbelebte, organisch, anorganisch. Die antiken Philosophen haben selbst das, was wir heute das Anorganische nennen, als belebt betrachtet. Was ja nicht so ganz unsinnig ist, wenn man an die molekularen Bewegungen denkt.

Zum Beispiel hat Thales geglaubt, dass ein Magnet lebt. Schließlich zieht er Eisen an. Er konnte sich das nur so erklären, dass der Magnet halt eine lebendige Kraft hat.

Lesch:

So was wie eine Seele hat und beseelt ist? Richtig?

Vossenkuhl:

Beseelt. Genau. Unter Natur wurde alles das verstanden, was beseelt ist. Also Gras, Bäume. Alles hat Seele und damit Lebenskraft.

Lesch:

Das ist ganz angenehm. Die haben sich nie in eine Problematik verbissen, so wie wir das heute tun. Heute wird pausenlos die Auseinandersetzung zwischen Religion und Wissenschaft geführt. Gott und Wissenschaft sind in keiner Art und Weise zusammenzubringen. Wissenschaftler, die an Gott glauben, sind für die atheistischen Kollegen suspekt und ebenso umgekehrt. Die Altvorderen haben sich darüber keinen Kopf gemacht. Der Begriff „Seele“ ließ solche Probleme erst gar nicht hochkommen.

Vossenkuhl:

Wir können da auch nicht wirklich zwischen Theologie und Philosophie unterscheiden. Die Milesier, die waren allesamt der Meinung, dass die Götter überall sind.

Lesch:

Ist ja nichts dagegen einzuwenden.

Vossenkuhl:

Überall sind die Götter. Und unter Göttern wurde eben auch das verstanden, was man als Prinzipien erkennen kann. Das Göttliche ist auch das Prinzipielle. Die haben natürlich jetzt nicht im strengen Sinne monotheistisch oder ähnlich gedacht wie wir heute, sondern sie hatten überall göttliche Prinzipien.

Lesch:

Und die schossen üppig ins Kraut.

Vossenkuhl:

Überall waren Götter.

Lesch:

Trotzdem lässt sich feststellen: In dem Moment, als einige Menschen anfingen, sich mit ihrem Gehirn die natürlichen Vorgänge zu erklären, in diesem Moment führte der Weg hinaus aus einer Welt, die nur von den Göttern durchdrungen war.

Damit begann die Emanzipation des Menschen von den Göttern. Das steckt doch eigentlich in unseren drei Denkern aus Milet.

Vossenkuhl:

Das ist eindeutig so.

Lesch:

Das ist der Markstein für das europäische Abendland. Diese drei Herren samt der nachfolgenden griechischen Philosophie schaffen das Fundament. Hier beginnt Europa. Genau da!

Vossenkuhl:

In Kleinasien.

Also die Türkei in die EU. Zumindest philosophisch. Aber ich gebe Dir völlig recht, Du hast es auf den Punkt gebracht.

Dies ist die Loslösung vom Götterhimmel und von den Mythen. Ich glaube, das ist der Anfang dessen, was man die Emanzipation der Menschen nennen kann. Dass diese Philosophen im Vertrauen auf die eigene Vernunft nach Ursprüngen suchen, sich nicht einfach auf das verlassen, was so von oben kommt und was ihnen auf den Kopf fällt. Sie vertrauen auf die eigene Vernunft, auf das eigene Denken.

Lesch:

Vertrauen, genau genommen Selbstvertrauen war der Anfang aller Philosophie.

Pythagoras


Pythagoras

Vossenkuhl:

Pythagoras war nicht nur ein Philosoph. Er war der erste, der „Philosophos“ genannt wurde, also „Liebhaber der Weisheit“. Er ließ sich selbst gerne so bezeichnen. Daher kommt also der Name. Ein faszinierender Mensch. Pythagoras reiste viel in seinem Leben und wurde sehr alt.

Lesch:

Ein schlagender Beweis dafür, dass Philosophie offenbar lebensverlängernd wirkt. Der vielseitige Grieche hat versucht, Mathematik, Religion und Wissenschaft zusammen zu bringen. Er war auch ein richtiger Guru - Goethe weist darauf hin. Beide haben ja versucht, etwas in die Natur hineinzudeuten.

Viele verbinden mit Pythagoras nur die Formel:

a2 + b2 = c2. Das wäre übrigens das, was ich einen Außerirdischen auch fragen würde.

Ich würde ihm ein rechtwinkliges Dreieck zeichnen und ihm die beiden Kathetenquadrate vorgeben. Der Außerirdische muss - wenn er überhaupt irgendetwas von der Welt versteht – dann das Hypothenusenquadrat unten abliefern. Ansonsten würde er die euklidische Geometrie nicht kennen.

Vossenkuhl:

Das wäre dann wohl Deine Aufnahmeprüfung in unsere irdischen Sphären?

Lesch:

Ja, das wäre sozusagen mein „Shalom“ oder mein „Guten Tag“. Eigentlich wäre es das: a2 + b2. Dann muss der Außerirdische c2 sagen. Ich denke, dass das eine universelle Sprache ist. Insofern sind wir Naturwissenschaftler zumindest bis an diesen Punkt Pythagoräer geworden. Er ist für uns auf der naturwissenschaftlichen Seite unglaublich wichtig gewesen.

Aber Willi, sag‘ an: Wer war Pythagoras denn eigentlich?

Vossenkuhl:

Ein Mann aus Samos. Wir waren ja schon ganz nahe bei den Milesiern in Milet. Gar nicht weit vor der Küste liegt die Insel Samos. Sie gehört zu Griechenland.

Pythagoras war schon früh ein unruhiger Geist und viel auf Achse. Vor allem nach Ägypten. Dort hat er wohl auch die Religionen am Nil kennen gelernt. Dann ist er nach Süditalien ausgewandert und hat sich in einem kleinen Städtchen namens Kroton niedergelassen. Das liegt an der Ostküste von Kalabrien an der Stiefelspitze Italiens. Der Ort heißt heute Crotone. Dort hat Pythagoras eine Philosophen-Schule gegündet. Man könnte fast sagen, einen Orden oder Ashram.

Du hast ja ganz zu Recht darauf hingewiesen, dass er auch so etwas wie ein Guru war, ein religiöser Denker und eine Leitfigur. Dann ist er weiter gezogen in die heutige Basilicata, zum Golf von Tarent, nach Metapont. Das ist auch heute noch ein Ort, den man unbedingt besuchen sollte. Die Ausgrabungsfelder zeigen sehr eindrucksvoll, wie groß die Tempel damals waren.

Lesch:

Zu Pythagoras Zeiten.

Wie ist er denn überhaupt Philosoph geworden? Hat er eine Lehre bei irgendjemand gemacht?

Vossenkuhl:

Das ist nicht überliefert. Ich glaube, dass er ein Selfmademan war, der sich früh der Mathematik zuwandte. Bei wem er das gelernt hat, ist nicht überliefert. Er hat sich mit Mathematik nicht um der Mathematik willen beschäftigt. Sie sollte ihm bei der Erklärung der Wirklichkeit helfen.

Er ist nach den Milesiern, die sich mit dem Stofflichen beschäftigt hatten, nun ein ganz anderer Typ Denker. Bei ihm tritt die Zahl in den Vordergrund. Nicht einfach als Zahl: eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, sondern als Formprinzip. Die Form löst das Stoffliche ab. Du bist doch auch ein Freund der Zahlen?

Lesch:

Schon, schon. Für Pythagoras ist das aber ein Einschnitt, der ziemlich dramatisch ist. Dass auf einmal Inhalte nicht mehr so wichtig sind, sondern dass etwas darüber Liegendes anfängt, wichtig zu werden. Kann man Pythagoras schon als Metaphysiker bezeichnen?

Vossenkuhl:

Ja, natürlich. Das waren die anderen aber auch.

Lesch:

Ja?

Vossenkuhl:

Ja, ja.

Lesch:

Die hantierten doch ganz handfest mit Luft und Wasser. Gut, der mit dem Apeiron, der Anaximander, der hatte sicherlich schon etwas Metaphysisches, aber die anderen waren doch noch sehr im Hier und Jetzt.

Vossenkuhl:

Ich würde sagen, jeder ist Metaphysiker, der über Urgründe nachdenkt. Die findet man ja nicht auf der Straße oder unterm Busch oder im Wald, sondern das muss man sich ausdenken. Insofern waren schon die Milesier Metaphysiker. Ganz besonders aber Pythagoras. Er machte den großen Sprung vom Stofflichen zur Form.

Lesch:

Die Mathematik ist aber keine originär griechische Erfindung. Sie kommt aus dem Vorderen Orient. Die Babylonier kannten den Satz von Pythagoras viel früher, als er dann über Pythagoras in unsere Lehrbücher gekommen ist. Der hat ihn offenbar ganz gut „vermarktet“. Hört mal, Freunde, ich habe hier einen Satz, den könnt ihr nehmen, der ist gut.

De facto sind die Ägypter und die Babylonier in der Mathematik sehr weit gewesen. Die Griechen selber haben ja auch zugegeben, dass große Teile ihrer Philosophie zum Beispiel aus Ägypten kommen. Nicht zuletzt die Mathematik als eine unglaubliche Methode, um nicht zu sagen Waffe, um die Welt zu erobern bzw. zu verstehen. Da hat der Grieche Pythagoras ja wirklich fundamentale Beiträge abgeliefert. Nicht so sehr im Einzelnen. Er hat vielmehr herausgearbeitet, dass Zahlen tatsächlich überall in der Welt stecken.

Vossenkuhl:

Dein Kollege Heisenberg hat auch ganz euphorisch über Pythagoras geschrieben. Er sei der Erste gewesen, der die Mathematik als wissenschaftliches Instrument benutzt hat und ähnliches. Aber so war es tatsächlich.

Lesch:

Wie viele Gemeinden, pythagoreische Gemeinden gab es?

Vossenkuhl:

Zwei. Es waren so eine Art Schule oder besser: Ordensgemeinschaft.

Lesch:

Dabei durften auch die Frauen mitmachen. Das war in der damaligen Zeit beileibe nicht der Normalfall. Die Leitfigur Pythagoras muss schon ein Mann gewesen sein, der, in gewisser Weise ziemlich orthogonal zur Gesellschaftsordnung stand, geradezu senkrecht dazu. Beim Denken wurde das andere Geschlecht allerdings nicht mit einbezogen.

Vossenkuhl:

Die Frauen spielten in Metapont natürlich keine andere Rolle als sonst wo in Griechenland. Die gehörten ins Haus und kümmerten sich um den Oikos, die Wirtschaft. Das waren Haus, Familie, Gesinde und Landwirtschaft. Pythagoras war – würden wir heute sagen - ein Humanist . Er glaubte daran, dass alle Menschen sich untereinander mit Sympathie und Freundschaft begegnen sollten. Das hat er auch so gelebt. Das hat sicher zum Erfolg seiner Gemeinden beigetragen.

Lesch:

In dieser Gemeinde gab es ganz merkwürdige Regeln, die philosophisch nicht so besonders ergiebig sind. Sie halfen aber, das Zusammenleben zu koordinieren und zu strukturieren.

Vor allen anderen Dingen aber standen die Zahlen. Sie standen im Mittelpunkt. Die Eins stand für Gott, weil nur einer da ist. Zwei steht für …

Vossenkuhl:

… das Andere.

Lesch:

Für Verschiedenheit. Drei ist die Synthese von eins und zwei. Vier ist eine heilige Zahl. 1 + 2 + 3 + 4 gibt 10, wiederum eine ganz wichtige Zahl. Dann gibt es ein Dreieck, das ist das göttliche Dreieck. Überall Verbindungen von Zahlen mit etwas, was die Zahl zunächst einmal gar nicht hergibt.

Eine Zahl ist eine Zahl. Meine Güte, es ist doch im Grunde genommen völlig schnurzegal. Bei uns gibt es heute ja auch noch so Zahlen. Wir haben zum Beispiel die 13. Freitag, der 13. ist immer noch schicksalsschwanger. Die Sieben ist eine ganz wichtige Zahl, weil die mit den sieben Tagen in der Woche zusammenhängt. Dann hat es auch noch 12 geschlagen. Trotzdem würde kein Mensch heute den Zahlen eine so große Bedeutung zuordnen, wie das damals die Pythagoräer gemacht haben. Für die war das was ganz Wichtiges.

Vossenkuhl:

Das stimmt. Es ist eines der frühesten Zeugnisse der Zahlenmystik, die es natürlich in anderen Kulturen auch gegeben hat. Im Judentum gibt es ähnliche mystische Vorstellungen für Buchstaben und Zahlen – die Kabala. Die Pythagoräer standen dem nicht nach. Sie waren echte Zahlenmystiker.

Lesch:

Die waren Freaks. Die standen auf Zahlen.

Vossenkuhl:

Wir lernen heute in der Schule nicht mehr unbedingt, dass die Eins oder die Zwei etwas Besonderes sind. Wir verstehen die Zahlen als abstrakte Entitäten, nicht als reale Entitäten. Es gibt nicht die Eins. Für den Pythagoräer schon.

In manchen Schulen oder Schulsystemen, zum Beispiel in den Steiner-Schulen, da werden die Kinder zunächst einmal auch mit dieser Art von Zahlenauffassung vertraut gemacht, weil es offenbar sehr viel greifbarer, verständlicher, vorstellbarer ist, dass es die Eins gibt. Also vor der Abstraktion erst einmal das Konkrete, Anschauliche.

Lesch:

Der Weg, wie die zu dieser besonderen Bedeutung von Zahlen gekommen sind, lief lustigerweise über die Musik. Dass sie eben Saitenlängen festgestellt haben. Immer dann, wenn sie eine Saite in einer bestimmten Art und Weise unterteilten, kriegten sie die Oktaven, Quinten, Quarten usw.

Die Entdeckung einer Zahl, die nicht passte, also einer Zahl, die als ein Bruch von zwei ganzen Zahlen nicht darstellbar war, muss unsere Freunde völlig aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Man stelle sich ein Dreieck vor, Seitenlänge 1 + 1 zum Quadrat gibt: 2.

Jetzt will man aber die Seitenlänge wissen, dass a2 + b2 = c2. Also ist c gleich Wurzel aus a2 + b2. Das hieße: Wurzel aus 2. Das ergibt aber keine Zahl mehr, die man als Bruch von zwei ganzen Zahlen darstellen kann.

Vossenkuhl:

Stimmt.

Lesch:

Da taucht etwas ganz Fürchterliches auf. Fast könnte man sagen: Die Götter haben geschlampt. Was sind denn das für Zahlen?

Die passen ja nicht. Das kann nicht sein. Also Verbot! Es gab heftige Auseinandersetzungen. Trotzdem waren die Herrschaften und Pythagoras höchst selbst eben der Meinung, dass die Welt Zahl sei.

Vossenkuhl:

Ja. Genau.

Lesch:

Kann man das in der Philosophie heute nachvollziehen? Warum das damals so lief?

Vossenkuhl:

Man kann es schon nachvollziehen. Aber nur eingeschränkt, weil es sehr stark religiös motiviert war. Wir haben in der Philosophie verlernt, die Wirklichkeit des Kosmos über harmonische Klänge zu verstehen.

Lesch:

Was ich übrigens sehr bedaure. Das Universum ist nicht in allem harmonisch, aber es ist trotzdem eine wunderbar stimmige Angelegenheit.

Vossenkuhl:

Man sollte auch in der Philosophie öfters wieder spielen und singen. Mit Wein und Weib.

Lesch:

Da bin ich dabei.

Vossenkuhl:

Alkohol war übrigens bei den Pythagoräern nicht erlaubt. Wein kam nicht auf den Tisch. Pythagoras war Asket und damit saßen auch seine Jünger auf dem Trockenen.

Lesch:

Ach was!

Vossenkuhl:

Die Askese hatte für Pythagoras eine ganz bestimmte Bedeutung. Für ihn ist die Seele durch den Körper belastet. Ja. Die Seele wird schon dadurch unrein, dass sie in einem Körper angesiedelt ist. Deswegen muss der Körper möglichst rein gehalten werden. Die Ernährung war für die Pythagoräer deshalb ganz wichtig. Kein Fisch, kein Fleisch, keine blähenden Dinge. Alkohol und ähnliches gehörte nicht zum Diätplan.

Lesch:

Das klingt für mich so ein bisschen wie … na ja frustriert, über das eigene Dasein.

Vossenkuhl:

Ich glaube die Idee war, sich zu reinigen. So hat Pythagoras auch Lebensregeln aufgestellt. Eine, die mir völlig plausibel erscheint, postuliert, dass man sich am Ende eines Tages fragen soll: Was habe ich heute falsch gemacht? So eine Art Gewissenserforschung. Also: Ich habe das und das nicht richtig gemacht, ich war nicht freundlich zu dem oder ich habe den und den angelogen oder was auch immer. Also, diese Reinigung der Seele und die Diät, das waren keine getrennten Sachen. Reinheit war die eigentliche Idee – und Geistigkeit. Die Beschäftigung mit Mathematik und Philosophie sollte auch der Vergeistigung dienen. Man hat das nicht um seiner selbst willen gemacht, sondern man wollte damit reiner, lauterer werden.

Lesch:

Das klingt so, als ob die Wirklichkeit um uns herum oder das, was wir mit den Sinnen so aufnehmen, nicht das ist, was wirklich erstrebenswert ist. Da muss es etwas geben, das dahinter steckt. Was reiner ist als das, was uns vordergründig zugänglich ist.

Das erscheint mir wie eine Flucht vor der realen Welt.

Vossenkuhl:

Das ist sicherlich die Tendenz. Aber wenn man das Göttliche als das Höchste anerkennt - und das war eben das, was die Pythagoräer dachten - und wenn das das Ziel und die Bestimmung des eigentlichen Daseins ist, dann ist es nicht so überraschend.

Man will sich dem Göttlichen annähern. Das ist nicht einfach nur so ein Gedankenideal, das man abends kurz vor dem ins-Bettgehen beim Lesen realisiert, sondern das ist Ziel des ganzen Lebens. Und das ist ernst zu nehmen. Das Göttliche, das Ewige, das Unveränderliche, danach strebt man. Die menschliche Seele hat nach Ansicht der Pythagoräer die Tendenz dazu.

Etwas, was für die Pythagoräer und Pythagoras selbst enorm wichtig war, war die Seelenwanderung. Diese Möglichkeit, sich durch die Wiederkehr der Seele noch zu steigern. Pythagoras sagte: Wir werden uns sicherlich wieder begegnen. Ihr werdet mich wiederkommen sehen an meinem Stab.

Ich weiß nicht, woher er diese Lehre hatte. Es klingt sehr fernöstlich. Aber schätzungsweise hat er diese Vorstellung auf irgendeiner seiner Reisen mitbekommen, vielleicht in Ägypten.

Lesch:

Da haben wir aber schon einen ganz erheblichen Unterschied. Diese Männer in Milet waren tätige Männer. Die standen mitten im Leben. Pythagoras hat erst auch für eine Weile politisch gewirkt, bis er dann angefangen hat, sich mit seiner Truppe von der Welt zurückzuziehen. In ein Ashram-Camp. Pythagoras als Guru, als Weiser hat die ganze Sache angeführt.

Wenn ich es mir recht überlege, wenn sich so eine Philosophie wirklich durchsetzten würde und sich Menschen zurückzögen, voreinander und voneinander, das wäre doch eine Katastrophe?!

Vossenkuhl:

Ja, das wäre fatal.

Lesch:

Kann man sich eine Zivilisation als eine Summe von sich voneinander isolierenden sozialen Gemeinschaften vorstellen, die alle ihre eigenen Regeln haben? Also, für mich ist das eine Sackgasse.

Vossenkuhl:

Ich glaube, dass es damals keine war. Als Pythagoras sich in Kroton niedergelassen hatte, versammelte er als erstes eine Gruppe um sich. Erst später gab es noch eine zweite. Die eine Gruppe hat wohl diese Askese, so wie Du das befürchtest, als Rückzug aus der sinnlichen Wirklichkeit stark übertrieben. Die sollen sich sogar nicht einmal gewaschen haben.

Lesch:

Das stinkt ja zum Himmel!

Vossenkuhl:

Aber gut. Es gibt oft, wenn ein Guru wirkt, gewisse Übertreibungen. Die andere Gruppe hat aber mehr die Lehre oder das Intellektuelle in den Vordergrund gestellt. Die siedelte sich in Tarent an, nicht weit von Metapont, an diesem schönen Golf in der Basilicata.

Lesch:

Ja, dort ist es sehr schön. Ich meine, da fließt einem ja fast schon Milch und Honig direkt … ja, da ist es wunderbar.

Vossenkuhl:

Eine malerische Landschaft. Ich glaube, dass Pythagoras selbst noch da war, als diese Gruppe in Tarent schon im öffentlichen Leben verankert war. Was er in Metapont gemacht hat, ist nicht überliefert. Ich bin hingefahren und habe mir das einmal angeschaut. Es ist sehr beeindruckend. Ich stelle mir an solchen Orten bestimmte Bilder vor, die sich nicht geändert haben können. Wenn man z.B. aufs Meer schaut, dann hat man so ein Bild.

Lesch:

Genau. Das ist seit 2.000 Jahren immer noch gut erhalten. Zumindest an der Oberfläche.

Vossenkuhl:

Auch wenn man die Küstenlinien betrachtet. Da hat sich auch nicht viel geändert. Wenn man dann auf dem Ausgrabungs-Gelände ist, wo jetzt noch die Mauerreste der Tempel zu sehen sind, dann kann man sich noch ungefähr die Dimensionen dieser Stadt vorstellen.

Es gibt übrigens ein wunderbares Museum in Metapont. Da kann man schon gut zwei, drei Stunden verbringen.

Lesch:

Wenn Du so von der Mittelmeer-Antike schwärmst, dann bekomme ich das Gefühl, dass Philosophie sehr viel mit dem Wetter zu tun hat. Um Philosophie betreiben zu können, muss man etwas Zeit haben, und einen warmen schönen Platz, damit die Gedanken über das Alltägliche hinaus fliegen können. In Friesland, wo die kalten Stürme die Küste peitschen, da konnte wohl eine Philosophie nicht recht entstehen. Da war man wohl eher mit dem Überleben beschäftigt.

Wenn ich mir weiter überlege: Die Askese, die kann man doch nur dann fordern, wenn man so viel hat, um zu sagen: Freunde, nun beschränkt euch mal! Leute, die ständig nichts zu futtern haben, denen kann man nicht erzählen: Das ist prima, dass du nichts zu futtern hast. Das ist der Weg zur Reinheit.

Ich würde gerne noch einmal zurück kommen zum Thema Zahlen und Mathematik im Allgemeinen.

Gab es wirklich vor Pythagoras nichts in der Philosophie, was darauf hindeutet, dass es eine Methode wie die Mathematik gab, die Vorgänge in der Natur so beschreibt, dass man sie von Mensch zu Mensch tragen kann? Dass man so eine Währung hat, so eine Naturwährung, wenn ich das mal so sagen darf. War er wirklich der Erste, der das so intensiv betrieb?

Vossenkuhl:

Nach allem was wir wissen, ja. Es gibt keine anderen Zeugnisse.

Lesch:

Wir kennen von diesen sogenannten Vorsokratikern immer nur Fragmente, wenn überhaupt. Und dann haben Platon und Aristoteles etwas aufgeschrieben. Aber ansonsten wissen wir nichts.

Vossenkuhl:

Es wurde viel mündlich überliefert. Wahrscheinlich gab es auch Schriftliches, das aber nicht erhalten ist. Einzelne Sätze kennen wir als Zitate anderer, späterer Philosophen.

Vielleicht sind viele Texte der ganz frühen Philosophen in der großen Bibliothek in Alexandria verbrannt.

Lesch:

Zusammengefasst war es eine der ganz einschneidenden Veränderungen. Wenn man sich anschaut, wann Naturwissenschaften, namentlich die Physik, stark geworden sind, dann vor allem in dem Moment, wo sie sich reduziert haben. Als sie angefangen haben, die ganz großen Fragen zurück zu stellen. So Fragen wie: Wie können wir etwas formulieren, so dass jeder Mann, jede Frau auf der Welt das versteht?

Auch heute ist es immer wieder interessant, wenn zu einer Konferenz Menschen aus allen Kontinenten mit völlig unterschiedlichen Sprachen kommen. Selbst wenn das Englisch der Einzelnen noch so schlecht ist, eine Gleichung ist überall gleich.

Vossenkuhl:

Ich verstehe Deine Begeisterung.

Lesch:

Das ist doch ungeheuerlich.

Vossenkuhl:

Es war lange nach der Pythagoräer-Schule - viel später dann in Athen - eine bleibende Übung, dass man die Harmonie der Sphären über Mathematik und Musik - Musik als eine Art hörbarer Ausdruck der Mathematik - begreifen konnte. In dieser puren, hörbaren Form hat sich die Mathematik nicht lange gehalten. Sie ist dann in der Philosophie erst in der Neuzeit wieder auferstanden. Descartes hat wieder Mathematik getrieben. Auch vor ihm haben sich einige Leute daran verzückt. Später dann Leibniz. Leibniz war ein genialer Mathematiker.

Kant war schon wieder weniger genial als Mathematiker, obwohl er Mathematik-Vorlesungen gehalten hat.

Die Mathematik hatte nicht immer eine gleich bleibende hohe Bedeutung innerhalb der Philosophie. Aber Pythagoras war sicherlich der erste Mathematik-Philosoph.

Man darf jetzt aber nicht nur auf die uns heute geläufige Vorstellung von Mathematik schauen. Mit den Zahlen waren Formvorstellungen verbunden, d. h. es hat sich in der Entwicklung des Instrumentariums des Nachdenkens über die Wirklichkeit etwas Wichtiges ereignet.

Man hat nun nicht mehr einfach über die Stoffe nachgedacht, die Verdünnung und Verdickung der Luft oder des Wassers. Nun ist plötzlich das in den Vordergrund getreten, was man einfach „Begriffe“ nennt. Also Begriffe als Formen für Dinge, für Gegenstände.

Lesch:

Die Philosophie wurde abstrakt.

Vossenkuhl:

Abstrakt, ja. Und plötzlich hatte man ein neues Instrument. Man sprach nun eine neue Sprache, die Formensprache. Man hatte plötzlich die Möglichkeit, über diese Formensprache die Wirklichkeit sehr viel präziser zu fassen als durch das Nachdenken über die stofflichen Veränderungen. Da gibt es ja keinen Anfang und kein Ende. Das ist auch irgendwie mit dem Apeiron so – kein Anfang und kein Ende.

Man hat natürlich schon überlegt: Es muss einen Anfang und ein Ende geben. Aber man sieht’s nicht, man hat’s nicht. Mit den Begriffen hat man Formen, die dem Ganzen eine Architektur, eine Struktur geben, die mit dem Kopf beherrschbar ist.

Lesch:

Aber macht das Philosophie nicht kälter? Wenn Philosophie der Versuch des Menschen ist, etwas über das Urgründliche zu erfahren, über Alles, über das Wichtigste. Bei aller Liebe zur Mathematik, da sind doch keine Subjekte mehr im Spiel. Der Einzelne hört auf und wird nur noch zu einer Ansammlung von Zahlen. Ein Prinzip wird zu einem Gott gemacht.

Wenn Mathematik zu einem Gott wird, dann werde ich unruhig.

Vossenkuhl:

Das war es eigentlich nicht, sondern es war eher im Dienste der Gottheit. Also es war nicht Mathematik um ihrer selbst willen, sondern man wollte sich dem Göttlichen nähern, dem Göttlichen angleichen. Weil die Formen, also die Formensprache, das Formenverständnis dem Göttlichen näher schien als die bloße Aufzählung und Beschreibung des Materiellen.

Lesch:

Das ist schon schwierig. Ich fand es leichter, sich über Thales, Anaximander und Anaximenes zu unterhalten als jetzt über diesen unglaublich abstrakten Pythagoras, der möglicherweise etwas in die Welt gebracht hat, was zu dem Tiefsten gehört, was wir über Natur überhaupt sagen können, die mathematischen Naturgesetze. Aber wenn es zu kalt wird, dann ist mir seine Musik eigentlich … die passt mir dann nicht.

Vossenkuhl:

Wahrscheinlich ist es denen aufgrund ihrer Askese sowieso etwas kalt gewesen. Obwohl es in Kroton meistens schön warm war.

Lesch:

Also Pythagoras, ein Mann des Maßes, der Zahl und der Musik.

Vossenkuhl:

Und ein Mann, der dem Göttlichen sicherlich um ein gehöriges Stück Philosophie näher gekommen ist als seine Vorgänger. Wir wissen natürlich jetzt nicht so genau, wer seine Vorgänger waren. Wir haben bei den Milesiern über diesen „melting pot“ in Kleinasien geredet. Ich glaube, Pythagoras war selber so ein „melting pot“.

Er hat so viele Kulturen kennen gelernt und in sich zusammengemischt. Warum er sich nun in Süditalien niedergelassen hat, das ist uns nicht klar. Wahrscheinlich hat er sich dort freier und ungebundener gefühlt als an anderen Orten. Es gab ja dort keine großen Ansiedlungen. Es gab Siracusa, die größte Stadt der griechischen Antike, aber die lag weitab übers Meer auf Sizilien.

Ich glaube, er suchte die Unabhängigkeit. Vielleicht auch das, was Du vorher sagtest, dieses weg von den großen Mengen, Ablenkungen und Umtriebigkeiten, um zur Meditation, zum Nachdenken zu kommen.

Aber vielleicht ist das tatsächlich richtig, wenn Du sagst, dass der Mensch bei ihm als konkrete Person aus dem Zentrum des Interesses eher herausrückt. Aber das sind Spekulationen.

Heraklit (544-484 v.Chr.) & Parmenides (540-470 v.Chr.)


Heraklit


Parmenides

Vossenkuhl:

„Es ist nicht möglich, zweimal in denselben

Fluss zu steigen. Immer ist alles im Flusse. Es fließe das All nach Flusses Art.“

Das ist ein Zitat aus dem kargen Nachlass, der uns von Heraklit erhalten ist. Er wird auch „Der Dunkle“ genannt.

Lesch:

Der Rätselhafte.

Vossenkuhl:

Geboren in Ephesus, neben Milet eine der größeren Städte Kleinasien an der Küste. Man kann heute noch sehen, wo der große Artemis-Tempel stand. Er fiel einem Brandstifter zum Opfer.

Heraklit war also wieder ein Kleinasiate und noch dazu aus bestem Hause. Antiker Adel und mit der Priesterkaste familiär eng verbundenen.

Lesch:

Das scheint mir ganz wichtig zu sein. Er hat sich nicht wie viele andere seiner Vorgänger mit den Dingen in der Natur beschäftigt. Er war eher ein Metaphysiker. Er hat sich das alles angeschaut und dann hat er gesagt: Das Werden und Vergehen, das ist das Prinzip, von dem alles herrührt. Die Veränderung.

Das ist in gewisser Weise genau mein Mann, auch wenn er dunkel und rätselhaft erschien.

Ich weiß, dass er ein ziemlich schwieriger Mensch war. Wenn die Fragmente stimmen, die wir von ihm haben, dann hat er den Satz: Wer keine Feinde hat, hat keinen Charakter, überaus ernst genommen. Er hat sich ja offenbar nur Feinde gemacht. Seine Umwelt hat er gnadenlos verachtet. Über viele seiner Mitbürger ist er hergezogen. Am liebsten hätte er sie alle einen Kopf kürzer gemacht. Ein unfreundlicher Zeitgenosse.

Vossenkuhl:

Er war felsenfest davon überzeugt, dass die meisten Menschen nicht verstehen, worum es eigentlich geht. Da könnte er vielleicht gar nicht mal so sehr daneben gelegen haben - natürlich nur auf seine Zeit bezogen.

Lesch:

So rigorose Denker gibt es ja heute auch noch. Hoffen wir, dass die sich wenigstens etwas irren.

Vossenkuhl:

Wir zwei sind doch schon einmal ein Hoffnungsschimmer, oder? (Hust hust!)

Heraklit würde gut in unsere Zeit passen. Er hat viel von Elite gehalten, adlige Herkunft eben. Die Dinge, für die er sich interessierte, sind ja auch nicht so leicht zugänglich.

Lesch:

Aber das, was ich anfangs zitiert habe, das klingt doch nach einigem Nachdenken so, dass man sagen kann: Ja, der Mann hat recht.

Vossenkuhl:

Da hast auch Du wiederum recht, mein lieber Harald.

Lesch:

Ich bin halt ein alter Rechthaber, verändere mich aber ständig dabei. Du übrigens auch. Wir beide verändern uns ständig. Selbst wenn nur eine Sekunde vergangen ist, könnte man das ganz wörtlich nehmen und schauen, was von dem Willi vor einer Sekunde noch übrig ist. Mensch, da hat sich ja schon wieder dieses und jenes getan. Das kann man doch mal so festmachen.

Die Veränderung ist was ganz Grundsätzliches. Das merken wir an uns selbst von einem Tag zum anderen. Der Fluss fließt, wobei erstmal das Flussbett bleibt. Obwohl sich das ja auch im Laufe der Zeit verändert. Das Wasser des Flusses allerdings verändert sich ständig. Es sind immer andere Teilchen, mit denen der Schwimmer, wenn ich das mal physikalisch ausdrücken darf, wechselwirkt.

Insofern hatte unser Mann schon einen tiefen Einblick und ziemlich recht. Warum dann diese Ablehnung? Hat er noch andere Dinge gedacht, die für seine Mitmenschen so verstörend und absurd waren?

Vossenkuhl:

Ich glaube, das Schwierige bei Heraklit ist, dass er als „Archae“, also als Urgrund und Grundprinzip eben das Werden annimmt. Und das ist natürlich schwer greif- und begreifbar. Man kann sich zwar vorstellen, dass sich alles in Veränderung befindet. Aber jedes Ding hat zumindest in den Phasen der Veränderung seine Identität. Selbst wenn man sich manchmal morgens beim Rasieren – was bei Dir offensichtlich nicht so häufig der Fall ist – frägt: Ist das da im Spiegel noch derselbe von gestern? Trotzdem zweifelt man nicht daran, dass man einen guten, alten Bekannten rasiert.

Lesch:

Es gibt gewisse Formen, die nur kleineren Abweichungen in langen Zeitintervallen unterworfen sind. Trotzdem ist das Prinzip der Veränderung um mich herum überall ständig im Gange.

Früher hatte man gedacht, der Himmel, die Dinge am Himmel seien ewig. Da sprach man von Fixsternen. Das ist heute längst erledigt. Wir wissen, dass Sterne entstehen und irgendwann auch vergehen, abhängig von ihrer Masse. Wir wissen sogar, dass das Universum einen Anfang hatte. Wir wissen allerdings nicht, was davor war. Es ist uns aber glasklar, dass Entwicklungsprozesse für unser Universum der Normalfall sind. Da bleibt nichts so wie es ist.

Vossenkuhl:

Das müsste Dich ja eigentlich ganz stark interessieren. Der Heraklit hatte diese Idee, dass es Weltenjahre gibt. Ein Weltenjahr sollte acht Millionen Sonnenjahre umfassen.

Lesch:

Da weiß man nicht so genau, woher das kommt.

Unsere Weltenjahre sind … na ja gut, unsere Sonne braucht 220 Millionen Jahre, um einmal um das Zentrum der Milchstraße herum zu kreisen.

Die Milchstraße ist hunderttausend Lichtjahre im Durchmesser. Unsere Sonne bewegt sich mit der gesamten galaktischen Scheibe – eine Spiralgalaxie - um das Zentrum der Milchstraße.

Vossenkuhl:

Wie oft noch?

Lesch:

Ach, das macht die schon noch ein paar Mal. Die hat ja noch viereinhalb Milliarden Jahre Zeit. Wenn da zwischendurch nichts passiert, dann wird sie das auch weiterhin tun.

Vossenkuhl:

Aber wir gehen doch davon aus, dass alle Sterne und Planeten solcher Galaxien wie der unseren jeweils von einem Schwarzen Loch verschluckt werden?

Lesch:

O nein, o nein. Unsere Milchstraße endet nicht so schnell. Mensch, Du hast vom Schwarzen Loch im galaktischen Zentrum gehört? Ich will jetzt nicht von Heraklit ablenken. Aber jetzt bin ich überrascht! Ein Philosoph und das Schwarze Loch!

Du hast auch noch recht. Da ist eines im galaktischen Zentrum! Mit zwei Millionen Sonnenmassen auch ein recht großes, ein ordentliches Schwarzes Loch. Sein unmittelbarer Einflussbereich reicht allerdings nicht bis zu unserem Sonnensystem. Da brauchen wir uns für die nächsten Jahre keine Gedanken zu machen.

Vossenkuhl:

Dann können wir also beruhigt weiter philosophieren. Sag aber an, Sternendeuter: Warum dreht sich das Ganze um ein Schwarzes Loch?

Lesch:

Zusammen mit der galaktischen Scheibe hat die Sonne eine bestimmte Rotationsenergie. Diese Kraft hält sie davon ab, in das Zentrum der Milchstraße hinein zu stürzen. Das ist ein bisschen so wie bei den Planeten, die um die Sonne kreisen. Die tun das auch nur, weil die Gegensätze - die eine Kraft zieht nach außen, die Schwerkraft zieht nach innen - hier wirksam sind.

Interessant ist, dass Heraklit die Gegensätze ganz stark in sein Denken einbezogen hat. Da hat er ein weiteres Mal auf das richtige Pferd gesetzt.

Vossenkuhl:

Das ist erstaunlich. Der wusste natürlich nichts von Schwarzen Löchern. Aber diese Attraktion und Repulsion, das Anziehen und Abstoßen, das war ihm klar. Dass sich Gegensätze nicht einfach ergänzen, sondern sich gegenseitig hervorrufen und erhalten.

Das ist schon ein tiefer Gedanke. Heraklit hat ja noch einige andere Kernsätze formuliert. Einer, der heute ein bisschen missverständlich ist:

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Aber Polemos kann nicht einfach mit Krieg übersetzt werden. Es ist vielmehr die Auseinandersetzung, der Kampf. Eigentlich muss man besser sagen: Der Kampf, die Auseinandersetzung ist der Grund oder Auslöser aller Dinge.

Lesch:

Es reicht ja oft schon eine gehaltvolle Diskussion.

Vossenkuhl:

Ein gutes Gespräch, das gerne kontrovers verlaufen kann.

Lesch:

Im Grunde genommen ist ja das Heraklit’sche Denken sehr demokratisch. Man tauscht Argumente aus. Nicht einer entscheidet, was zu passieren hat. Es geht immer darum, mit der Umgebung in Wechselwirkung zu treten.

Vossenkuhl:

Ja gut. Den Gedanken kannst Du hier natürlich anfügen. Aber faktisch hat unser Mann den zu seinen Lebzeiten herrschenden Demokraten abgesägt, wie man heute sagen würde.

Lesch:

Abgesetzt? Der passte ihm wohl auch nicht?

Vossenkuhl:

Ganz und gar nicht. Der musste verschwinden. Er hat einen anderen eingesetzt. Heraklit war ein ganz mächtiger Mann. Er hatte in Ephesos schon einiges zu sagen.

Lesch:

Ich finde es erstaunlich, dass jemand in einer solchen, sagen wir mal privilegierten Position sich Gedanken über das Ganze in der Welt macht.

Wir haben ja schon über andere Vorsokratiker gesprochen, also die Philosophen vor Sokrates. Und hier ist wieder so einer, der nach der Einheit strebt. Ich habe das Gefühl, dass diese griechischen Philosophen immer nach etwas gesucht haben, was sie nehmen können, in die Tasche stecken und sagen: So, und jetzt marschiere ich los und erzähle allen anderen: Es ist Wasser, es ist Luft, es ist irgendwas. Bei Pythagoras sind es die Zahlen. Bei Heraklit haben wir jetzt wieder so ein Abstraktes:

Alles ist im Flusse.

Vossenkuhl:

Aber anders, als wir es heute verstehen, wenn wir in den Kosmos schauen und uns sagen: Alles bewegt sich mit zunehmender Geschwindigkeit auseinander, in alle Richtungen. Er war der Meinung, dass alles wieder zurück fließt. Also eine ewige Wiederkehr. Die Weltenjahre sind das Maß für Anfang und Ende. Das hat gerade im 19. Jahrhundert sehr viele kluge Köpfe fasziniert. Diese ewige Wiederkehr. Für Nietzsche war das eine Steilvorlage.

Lesch:

Dieses Thema ist dann im 21. Jahrhundert allerdings durch. Das Universum wird nicht wieder in sich zusammenfallen. Im Gegenteil. Man hat eher das Gefühl, dass der Zeitpfeil, der im Universum auftritt, der durch die Expansion zustande kommt, eben nur in eine Richtung zeigt.

Vossenkuhl:

Der lässt sich nicht zurückbiegen.

Lesch:

Nix da. Der ist unbeugsam.

Vossenkuhl:

Aber es gibt trotzdem sehr viele zyklische Überlegungen. Wir haben ja den Jahreszyklus, wir haben den Wachstumszyklus, Verfall, Wiedererwachen usw. Es gibt schon viele Analogien.

Für Heraklit war die Natur - auch er hat natürlich wie alle über die Natur nachgedacht - das Ausgangs-Modell. Dass etwas entsteht und vergeht und dass das immer eine Art von Wiederkehr in den Ursprung ist oder Rückkehr in den Ursprung. Dafür gibt es sehr viel Anschauungsunterricht in der Natur.

Lesch:

Das stimmt. Aber trotzdem würde man doch heute eher von Rhythmen sprechen. Die verändern sich ganz leicht, da ist immer so ein kleiner Unterschied.

Im Großen und Ganzen kommt man schon wieder an einen Punkt zurück, aber trotzdem gibt es winzige Veränderungen. Wenn man sich zum Beispiel mit der Evolutionstheorie beschäftigt, zeigt sich, dass oft kleinste Veränderungen im Laufe der Zeit Neues auf den Weg bringen.

Und dann passiert noch mal etwas Neues, eine winzig kleine Veränderung der ersten Veränderung. Dass also eine Veränderung sich verändert. Diese Gedanken liegen mir als Naturwissenschaftler natürlich sehr nah. Die schmecken mir.

Vossenkuhl:

Das verstehe ich voll und ganz. Du liebst die Veränderung.

Lesch:

Ich kann das nicht immer festmachen, aber es erscheint mir auf jeden Fall der bessere Weg als alles andere. Zu fordern, dass die Dinge immer gleich bleiben, das kann es nicht sein.

Es wundert mich aber, dass Heraklit, der so stark auf Veränderung setzt und das zur Grundlage seiner Philosophie macht, dass der zum Menschenverächter wird. Der hätte doch eigentlich auch die Hoffnung haben können: Na ja, das wird schon noch, das wird schon noch werden. Weil er ja ein Freund des Werdens war. Warum hat er dann die Welt, die um ihn herum war, so verachtet? Er hat sich dann ja auch noch zurückgezogen und ist Eremit geworden.

Vossenkuhl:

Na ja, Eremit ist übertrieben. Er hat sich in den Artemis-Tempel zurückgezogen. Den Priestern übergab er dort seine Schriften. Er hat dann nur noch im Tempel gelebt. Ganz zurückgezogen.

Lesch:

Er wollte nichts mehr mit dem öffentlichen Leben zu tun haben?

Vossenkuhl:

Nein. Das war nicht mehr sein Ding. Totale Verweigerung.

Lesch:

Das finde ich schon erschütternd.

Vossenkuhl:

Dabei hatte er lange Zeit in der Öffentlichkeit eine ziemlich wichtige Rolle gespielt. Ich meine, diesen Politiker abzusägen, das ging wahrscheinlich nicht einfach durch ein Telefonat.

Lesch:

Wie ist das damals gelaufen?

Vossenkuhl:

Er hat das mit den richtigen Leuten eingefädelt. Er war wahrscheinlich ein ausgefuchster Netzwerker.

Lesch:

Also, da stand einer – noch dazu als Machtmensch – voll im Leben. Er hat der Erfahrung der Sinne zugesprochen. Aus diesen Sinneserfahrungen hat er abgeleitet: Es gibt ein Prinzip, mit dem man die Welt verstehen kann. Ohne dass ich gleich Naturwissenschaften betreibe. Ich schaue einfach nur, was da ist. Für Heraklit war der Logos das Prinzip der Veränderung. Kann man das so sagen?

Vossenkuhl:

Das ist das richtige Stichwort: Logos. Logos als Wortursprung, auch Gottheit. Logos ist ein wunderbares Wort. Weil es genau diese metaphysische Komplexität, diese Vielfalt enthält, die man sich nur wünschen kann. Da ist alles drin. Deswegen haben natürlich dann auch die Christen dieses Wort übernommen, vor allem der Evangelist Johannes.

Lesch:

Im Anfang war das Wort.

Vossenkuhl:

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ So heißt es bei Johannes. Im Grunde genau heraklitisches Denken. Obwohl es bis zum Beginn des Christentums noch einige Jahrhunderte dauerte.

Für Dich als Astrophysiker hat Heraklit noch so einige Schmankerl parat. Er ging von der Kugelgestalt der Erde aus. Er hat gewusst, dass der Mond das Sonnenlicht reflektiert. Er war ein Mann, der auch im wissenschaftlichen Sinne einiges zu bieten hatte.

Lesch:

Hat eigentlich irgendjemand im Altertum tatsächlich geglaubt, dass die Erde eine Scheibe ist? Ah doch! Einer von den Vorsokratikern hat doch tatsächlich die Erde als eine Scheibe gedacht. Ich meine, es war der Anaximenes.

Vossenkuhl:

Thales hat gemeint, dass die Erde schwimmt.

Lesch:

Ja. Eine ziemlich verschwommene Angelegenheit. Als Kugel oder Scheibe?

Vossenkuhl:

Scheibenartig vielleicht? Jedenfalls war die Sonne für Heraklit eine Scheibe.

Lesch:

Ach was?

Vossenkuhl:

Die Sonne war für ihn eine Scheibe, die Licht produziert. Für diese Theorie haben wir noch einen zweiten Kandidaten.

Lesch:

Bevor wir auf den Zweiten kommen, lass´ mich kurz zusammen fassen: Es gibt mehrere Elemente. Wir hatten Wasser, wir hatten schon Luft und wir werden noch die Erde etwas später mitkriegen.

Heraklit war der Mann, der das Feuer zum Prinzip erhob. Er war ein dunkler, feuriger, rätselhafter, sich verändernder Philosoph, und als Mensch ein sehr streitbarer Zeitgenosse.

So, das musste noch gesagt werden, bevor wir zum Nächsten kommen.

Vossenkuhl:

Du erzählst immer in Deinen Vorträgen, dass wir aus Staub, aus Sternenstaub bestehen.

Lesch:

Aus Sternenstaub entstanden sind.

Vossenkuhl:

In großer Hitze erbrütet, ja?

Lesch:

Ganz genau. Eine Höllenhitze. Mehrere Millionen Grad Celsius.

Vossenkuhl:

Kürzlich habe ich mal gelesen, dass jedes Atom in unserem Körper bei mindestens drei Supernova-Explosionen mit dabei gewesen ist.

Lesch:

Ja. Mittendrin. 1. Reihe.

Vossenkuhl:

Ist ja auch interessant, oder?

Lesch:

Wem sagst Du das!

Vossenkuhl:

Das Feuer ist so gesehen natürlich eine wichtige Sache.

Lesch:

Dass man immer wieder auf diese ursprünglichen, von den alten Griechen gedachten Prinzipien zurückkommt. Ich wundere mich stets von Neuem. Ob es nun das Wasser als Urstoff des Lebens ist, oder die Luft, ohne die wir keinesfalls leben könnten. Und das Feuer? Ich glaube, das muss man übersetzen.

Feuer zerstört eigentlich eher etwas. Aber wenn man Feuer als etwas nimmt, was die Sterne antreibt, das Verschmelzen von Atomkernen, die Fusionsenergie, dann ist Heraklit jemand, der nach meinem Dafürhalten die Energie, also die Potenz, dass sich etwas verändert, erkannt hat. Die Fähigkeit, Arbeit zu leisten - damit meine ich jetzt nicht industrielle Arbeit - sondern, dass ein System mechanische Arbeit leisten kann. Das war für ihn das A und das O, dass sich da was tut.

Vossenkuhl:

Genau. Er war ein philosophischer Feuerwerker.

Lesch:

Der Nächste bitte.

Vossenkuhl:

Nun kommen wir zu einem ganz anders gearteten Kopf, aber von ähnlichem Gewicht. Parmenides. Geboren in Süditalien, in einem kleinen Städtchen namens Elea. Dort hat er philosophischen Unterricht genossen, Xenophanes war sein Lehrer, ein Dichter und Denker. Er war der wichtige, erste Mann in Elea. Man kann da heute noch hinfahren, Velia heißt dieses kleine Städtchen südlich von Salerno, am Meer gelegen, selbst heute nicht leicht zugänglich.

Lesch:

Von nichts kommt nichts.

Parmenides war einer, der nach etwas gesucht hat, das sich dem Werden von Heraklit, der Veränderung entzieht.

Vossenkuhl:

Man kann sich eigentlich keinen größeren Gegensatz zu Heraklit denken: Parmenides’ völlige Ablehnung des Werdens. Das Werden, sagt Parmenides, gibt es nicht.

Lesch:

Ist alles Illusion.

Vossenkuhl:

Ja. Es ist einfach nicht. Aristoteles hat diesen Gedanken übernommen, und variiert. Nur das, was ist, von dem kann man sagen, dass es ist. Und von dem, was nicht ist, kann man nur sagen: Es ist nicht. Aber nichts, was nicht ist, ist und nicht was ist, ist nicht. Dieses Prinzip der Seinslehre herrschte dann fast zweitausend Jahre.

Lesch:

Hallo lieber Leser. Sind Sie noch da? Also, Sie sind da, wir sind da. Sie sind, wir sind.

Wenn unsere Leser nicht sind, dann können sie ja von dem Buch nichts mitkriegen.

Ist das so eine saubere Übersetzung?

Vossenkuhl:

Läuft ungefähr darauf hinaus.

Lesch:

O.k. Nur … das war jetzt doch ein bisschen gedankliche Spaghetti-Arbeit.

Vossenkuhl:

Zugegeben. Das war ein bisschen zu abrupt.

Lesch:

Also, Parmenides hat sich mit dem Sein beschäftigt.

Er gilt als der Vater der Ontologie. On heißt Sein.

Und die Ontologie ist die Lehre des Seins. Keine Bange, es wird gleich wieder normal.

Vossenkuhl:

Es ist eigentlich ganz simpel. Zum Beispiel: Dieses Buch ist, Du bist, ich bin. Immer sagen wir: „Es ist“.

Was ist nun all diesen Dingen gemeinsam, die sind? Das ist das Sein. Das ist der gemeinsame Nenner. Es ist eigentlich ganz einfach.

Lesch:

Ja. Aber es wurde dann doch etwas schwieriger. Bei Parmenides war das Sein etwas, das sich selbst nicht verändert.

Das ist praktisch wie eine starre Schablone oder wie ….

Vossenkuhl:

Nein. Fangen wir noch mal bei dem gemeinsamen Nenner an.

Lesch:

O.k. Wir einigen uns jetzt da drauf.

Vossenkuhl:

Es ist doch völlig klar. Wenn wir so etwas haben wie einen gemeinsamen Nenner für alles, was ist, dann kann man sagen: Im Hinblick auf die Tatsache, dass die Dinge sind, kommen sie alle überein. Sie haben also eine Gemeinsamkeit: Sie sind.

Lesch:

Sie sind. Jawohl. So sei es.

Vossenkuhl:

Und dieses Sein, das kann sich ja nicht verändern. Die Dinge verändern sich. Sie entstehen und vergehen. Sie sind und sind nicht. Diese Gemeinsamkeit aber, ihr Sein, das ist der Grundstock. Das kann nicht vergehen. Das ist. Basta.

Lesch:

Das hat also mit meinen Sinnen nichts zu tun.

Vossenkuhl:

Nein.

Lesch:

Worüber wir jetzt reden, das ist begrifflich. Im Gegensatz zur Induktion, bei der wir aus Erfahrung etwas über die Welt mitkriegen, machen wir jetzt eine Deduktion. Wir arbeiten mit Begriffen, um über die Welt mit Hilfe der Logik etwas herauszufinden. Ist es das, was wir tun?

Vossenkuhl:

Ja. Wir können aber auch durch die Induktion über das viele, was ist, zu dieser Deduktion kommen. Denn wir haben nur die Wahrnehmung des Vielen.

Dann können wir sagen: Aha, das ist, das ist, das ist, und das auch. Was ist jetzt das Gemeinsame? Wir reden von allem als seiend.

Wir benutzen überall das gleiche Wort. Es muss dann ja wohl etwas Gemeinsames geben. Das heißt, wir kommen zu dem Punkt, an dem wir dann deduktiv weiterdenken.

Lesch:

Für Parmenides, wenn ich das richtig verstanden habe, war die Deduktion wichtiger als alles andere. Dass er durch logisches Denken etwas über das Sein des Seins erfahren konnte.

Vossenkuhl:

Wir sollten das nicht zu oft sagen, damit unsere Leserinnen und Leser nicht kirre werden. Für Parmenides war wichtig, dass die Wirklichkeit tatsächlich eine ist.

Lesch:

Gut. Also, die Wirklichkeit soll sein.

Vossenkuhl:

Dieses Wort „Sein“ steht für eine Wirklichkeit. Ganz genau. Wir haben übrigens wieder, wie bei Heraklit, einen ganz starken theologischen Hintergrund. Denn das Göttliche ist identisch mit diesem Alles, mit diesem Gesamten. Und das Eine ebenfalls. Das heißt, wir haben hier austauschbare, identische Ausdrücke, die allesamt immer das Eine meinen. Das Sein. Das Sein hat naheliegender weise Kugelgestalt … weil das der Idealkörper ist. Das ist quasi die Seins-Kugel.

Lesch:

Die rollt und rollt.

Vossenkuhl:

Nein, rollen darf sie nicht.

Lesch:

Verstehe. Denn dann gäbe es ja außerhalb der Kugel noch etwas, auf dem die Kugel rollt. Das Sein muss wirklich alles umfassen, was ist.

Vossenkuhl:

Das klingt außergewöhnlich abstrakt und unanschaulich. Dabei war dieser Parmenides ein Mann, der mitten im Leben stand. Er gab seinem Heimatort sogar eine Verfassung. Ein praktischer Kopf.

Lesch:

Obwohl er sich mit „On“ beschäftigt hat. Aber eine Verfassung hat ja wohl auch was mit dem Sein zu tun.

Vossenkuhl:

Das Ganze geschah weit entfernt von Ephesus und Kleinasien. Nicht ganz so weit war es nach Athen. In Süditalien geschah das, fernab von Syrakus, einem der großen Zentren. Syrakus auf Sizilien war ja damals die größte Stadt der Welt. Sie soll 900.000 Einwohner gehabt haben. Wenn man sich überlegt, was das alles im Hinblick auf die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln bis zum Abwasser mit sich brachte. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Elea war eine ganz kleine Gemeinschaft, nicht weit weg von Paestum, wo bis heute diese wunderbaren Tempel zu sehen sind. In Elea hat sich die Schule gebildet, die dann Die Eleaten genannt wurde. Nach dem Ort Elea eben.

Platon hat einen wunderbaren Dialog geschrieben mit dem Titel „Parmenides“, in dem es um das Eine geht. Wunderbar analytisch. Es ist erstaunlich, mit welch´ spekulativer Kraft Parmenides seinen Gedanken entwickelt hat. Dass die ganze Wirklichkeit … alle Dinge, die sind, in einer Einheit zusammengefasst sind.

Lesch:

Jetzt muss ich aber mal dagegen halten. Das kann so nicht sein. Naturwissenschaftler sind Vertreter einer Spezies, die sehr stark auf der Sinneserfahrung besteht. Auch wenn wir heutzutage mit Detektoren arbeiten und mit unseren Sinnen natürlich kaum noch Wissenschaft betreiben können. Aber es geht doch schon darum, dass da etwas ist, an dem wir Veränderungen – womit ich dann wieder bei Heraklit bin – wahrnehmen. In irgendeiner Art und Weise.

Mit einer wissenschaftlichen Grundlage à la Parmenides könnten wir doch überhaupt keine Wissenschaft betreiben. Für uns ist es ja sonnenklar, dass alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen, nur Illusion sein kann. Das lässt sich dann komplett ignorieren. Wir sollten uns um das Sein kümmern.

Vossenkuhl:

Parmenides hat ein großes Lehrgedicht geschrieben. Die eine Hälfte haben wir noch so gut wie ganz … der „Weg zur Wahrheit“. Da geht’s eben auch um das Sein.

Dann hat er - davon haben wir leider nicht mehr alles - über die „Meinung“, über die Doxa geschrieben. Das betrifft dann das tägliche Leben. Er ist nicht der Meinung gewesen, dass die sinnliche Wahrnehmung Humbug ist oder Illusion. Nein, er glaubte schon daran.

Lesch:

Aber sie hat nicht das letzte Wort.

Vossenkuhl:

Ja. Sie ist nicht das Zuverlässigste. Es ist nicht die Wahrheit. Also, die sinnliche Wahrnehmung ist nicht Träger der Wahrheit. Wir können uns nicht darauf verlassen.

Lesch:

Ist der Parmenides denn als Philosoph wahrgenommen worden? War er erfolgreich?

Vossenkuhl:

Und wie! Er hatte eine ganze Menge Schüler. Der Zenon z.B., der war einer seiner berühmtesten Schüler.

Lesch:

Ach. Das ist doch der mit der Schildkröte.

Vossenkuhl:

Ja, richtig. Erzähl´ doch mal kurz die schöne Geschichte.

Lesch:

Ja, wie war denn das? Das ist doch eine dieser Paradoxien. Also. Wenn die Schildkröte ein bisschen Vorsprung hat … Also, erst mal, es geht um ein Wettrennen zwischen diesem Tier und Achilles. Achill, ein großer Krieger mit verletzbarer Sehne. Wenn die Schildkröte ein bisschen Vorsprung hat, dann kann Achilles diese Schildkröte niemals einholen, weil nämlich jedes Mal dann, wenn Achilles dahin kommt, wo die Schildkröte gerade war, ist das Panzertier schon wieder ein Stück weiter geschlurft.

Vossenkuhl:

Wie so ein Pfeil, nicht? Jedes Stück, das der Pfeil zurücklegt, kann man unendlich halbieren. Immer weiter, immer weiter. Aber nichts Endliches kann unendliche Strecken zurücklegen. Ergo, der Pfeil kommt eigentlich gar nicht weiter, kann nicht irgendwo hin fliegen.

Lesch:

All diese Nüsse lassen sich natürlich knacken, oder?

Vossenkuhl:

Natürlich. Aber man braucht dazu ein anderes Instrumentarium.

Dem Parmenides ging’s in seinem Lehrgedicht einfach darum, das herauszustreichen, was wirklich zuverlässig ist. Ich meine, das ist grundsätzlich ein großes Anliegen von uns Menschen. Worauf kann man sich nun wirklich verlassen?

Parmenides wollte nicht das Andere ignorieren. Er wollte nur das festmachen, was man wirklich wissen kann. Also ein anspruchsvoller Wissensbegriff.

Lesch:

Wir haben jetzt mit Heraklit und Parmenides zwei Positionen: Der eine ist derjenige, der ganz klar checkt: Was ist der Fall? Dann leitet er daraus ein allgemeines Prinzip ab. Und Parmenides sagt: Das kann es noch nicht sein. Das reicht nicht, es muss etwas darüber hinaus geben.

Vossenkuhl:

Wissen kann doch nicht allein darin bestehen, dass ich sage: Es wird alles. Bei Wissen muss ich sagen: Das ist! Das kann sich doch nicht ständig ändern.

Lesch:

Man kann die Veränderungen nicht zum Prinzip erheben, wenn man wissen will, was gerade ist.

Vossenkuhl:

Wenn ich sage: Das ist ein Glas, dann möchte ich mich doch darauf verlassen können, dass das so ist. Das ist ein Glas. Das ist zwar ein blödes Beispiel. Aber wenn es um Aussagen über die Wirklichkeit geht, über den Kosmos, dann möchte man doch schon etwas haben, bei dem man nicht nur einfach darauf verwiesen wird, dass sich das wieder ändert.

Lesch:

Bei einem Rotweinglas stimme ich Dir sofort zu. Es wäre ja auch jammerschade um den guten Chianti, wenn sich während des Einschenkens das Gefäß verändern würde und der edle Tropfen daneben ginge.

Vossenkuhl:

Das würde ja nach Relativismus klingen.

Lesch:

Auch. Es spiegelt aber besonders die Sorgen eines Genussmenschen wieder.

Vossenkuhl:

Das war ja auch der Vorwurf gegen die Heraklitäer: Relativismus. Dagegen bietet Parmenides nun wirklich etwas, was nicht relativistisch ist.

Lesch:

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.

Vossenkuhl:

Möglicherweise.

Lesch:

Wir werden ja sehen.

Empedokles (492-432 v.Chr.) & Philolaos (470-399 v.Chr.)


Empedokles


Philolaos

Vossenkuhl:

Jener göttliche Aspekt schwingt bei unserem nächsten Denker-Freund noch immer mit. Empedokles hat schon über die Dinge, die man sieht, über das Stoffliche nachgedacht. Das hat bei ihm aber auch einen dämonischen Hintergrund.

Lesch:

Also war er noch so einer, der diese Mythos-Logos-Trennung nicht vollzogen hat. Hinter jedem vernünftigen Gedanken stand immer noch die Götterwelt.

Vossenkuhl:

Die Trennung Mythos – Logos war in seiner Zeit schon passiert. Aber es ist immer noch dieser mythische, göttliche Hintergrund da. Du hast ja die Kräfte beschrieben: Liebe und Hass – das sind die Kräfte, die die Elemente in Bewegung bringen und die gleichzeitig deren Verbindung und Trennung bewirken. Empedokles hatte die Vorstellung, dass nicht nur die Objekte, die man sieht, wie Steine oder Feuer sich nach diesen Kräften richten, sondern dass sich damit die gesamte Menschheitsgeschichte erklären lässt.

Lesch:

Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Vossenkuhl:

Die erste Phase, in der die Liebe herrschte, kannte nur Einheit und Harmonie. Geradezu paradiesisch. So ganz nach dem alten pythagoräischen Harmoniegedanken.

Dann fängt irgendwann der Streit an, die Ordnung aufzubrechen. In der dritten Phase herrscht nur noch Streit, es gibt keine Ordnung mehr. Langsam setzt sich dann die Liebe erneut durch und die Ordnung kehrt wieder. Das Ganze wiederholt sich ständig. Es ist also immer ein Werden und Vergehen.

Lesch:

Da ist eine Krise, und aus dieser Krise erwächst eine Chance. Dann geht’s wieder von vorne los.

Empedokles hat offenbar als Mediziner aus diesem Gegensatz zwischen Liebe und Hass die Vorstellung gewonnen, dass zwei konkurrierende Prinzipien dafür verantwortlich sind, dass überhaupt etwas passiert.

Das scheint sich in der Medizin noch weit bis ins 19. Jahrhundert fortgesetzt zu haben. Das hat den Prozess erschwert, aus der Medizin das zu machen, was ich sowieso nicht möchte, dass sie es wird. Nämlich eine Naturwissenschaft, die nach sogenannten objektiven Kriterien ein Subjekt behandelt. Ich möchte lieber von Medizinern behandelt werden, die mich noch als Mensch sehen und nicht als Biomasse mit ein bisschen Wasser oder Kohlenstoffeinheiten.

Empedokles hatte dadurch, dass er dieses Gegensatzdenken so stark gemacht hat, eine ungeheure Wirkung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Dabei steht er unter den griechischen Philosophien nicht einmal in der ersten Reihe. Eigentlich spielt er in der zweiten Liga. Trotzdem ist er aber ein starker Denker, würde ich einmal sagen.

Vossenkuhl:

Dass er bis ins 19. Jahrhundert eine große Rolle spielte, hat bei Empedokles erkenntnistheoretisch einen guten Grund. Er meinte, der Mensch kann nur durch Gleiches Gleiches erkennen. Also: Das Fleischliche an uns erkennt das Fleischliche. Das Luftige an uns erkennt das Luftige. Das Feurige an uns das Feurige.

Man hat daraus dann später etwas verfeinerte, begriffliche Prinzipien entwickelt. Man hat nicht mehr vom Fleischlichen gesprochen, sondern hat das in der Erklärung von Ursachen und Wirkungen neu aufgelegt, wissenstheoretisch. Man postulierte: Die Ursache muss der Wirkung entsprechen, also der Art nach müssen Ursachen und Wirkungen nicht nur eng miteinander verbunden, sondern wesenverwandt und aus demselben Stoff sein. Dieses Prinzip herrschte bis ins 18. Jahrhundert vor.

Lesch:

Sogar der Begründer der Homöopathie, der Herr Hahnemann, hat ja auch gesagt: Gleiches muss mit Gleichem behandelt werden. Das ist schon sehr merkwürdig, dass sich so ein Gedanke so lange hält.

Vossenkuhl:

Ja, unglaublich.

Lesch:

Da musste es eine ziemlich positive Rückkopplung aus der Erfahrung gegeben haben. Ich meine, Erfolge sind auch in der Geschichte mit den Kräften und den Elementen vorzuweisen. Ich will das jetzt nicht übertreiben, aber das muss mal gesagt werden.

Wir kennen in der Physik heute Elementarteilchen. Das sind die Teilchen, aus denen die Welt besteht. Dazu kommen vier Kräfte. Die Schwerkraft, also die Gravitation, dann die Kraft, die die Atomkerne zusammenhält, dann eine Wechselwirkung, die dafür sorgt, dass einige der Atomkerne wieder zerfallen, die schwache Wechselwirkung und der Elektromagnetismus. Diese Kräfte wirken zwischen den Teilchen. Genau das, was Empedokles in die Welt gebracht hat: Da gibt es Elemente und dazwischen wirken Kräfte. Das ist eigentlich das Arbeitsprogramm für die moderne theoretische Physik geworden. Und gleichzeitig dieser Evolutionsgedanke, dass eben tatsächlich Dinge entstehen, im Begriffe sind zu werden, und dabei auch immer was …

Vossenkuhl:

… vergeht.

Wie findest Du eigentlich diesen Gedanken, den wir schon einmal angeschnitten haben, dass nichts wirklich vergeht und neu entsteht. Jedes Atom in unserem Körper – ich wiederhole das – wurde schon in mehreren Supernovas geröstet. Ist das nicht ein ähnlicher Gedanke, dass eigentlich nichts wirklich verschwindet?

Lesch:

Es ist schon lange her, dass in diesem Universum wirklich etwas Nennenswertes verschwunden ist. Es gibt ab und zu mal Materie, die in Schwarzen Löchern komplett für immer und ewig verschwindet. Aber das ist verschwindend gering im Vergleich zu dem, was tatsächlich da ist.

Vossenkuhl:

Verschwindet es dort wirklich?

Lesch:

Man weiß es nicht. Es kommt ja nichts mehr raus. Da können wir nur spekulieren. Es gab eine Zeit im Universum – kurz nach dem Urknall -, da sind Dinge tatsächlich komplett verschwunden. In den ganz frühen Phasen, als es sehr heiß war, haben sich Teilchen und Antiteilchen gegenseitig vernichtet. Umso erstaunlicher ist es, dass überhaupt etwas übrig geblieben ist. Seitdem ist das Universum sozusagen materiell komplett ausgerüstet.

Was natürlich passieren kann, ist, wie zum Beispiel im Innern von Sternen, dass materielle Teilchen miteinander verschmelzen und daraus etwas Neues entsteht.

Unser Empedokles ist jemand gewesen, der dieses Werden und Vergehen zum Prinzip erhoben hat. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, hat der sogar eine Evolutionstheorie entwickelt. Tierische Geschöpfe zum Beispiel sollen teilweise durch zufällige Veränderungen gewisse Verbesserungen erfahren haben. Dadurch sollen sich gewisse neue Entwicklungen breit gemacht haben. Seine Vorstellung über die belebte Welt war ja eine ganz besondere.

Vossenkuhl:

In dem Punkt war er Pythagoräer. Er hat auch an die Wiedergeburt geglaubt. Ich denke, er war der einzige Pythagoräer, von dem wir das heute sicher wissen.

Er war auch - und das ist wirklich erstaunlich - sehr kritisch gegenüber dem religiös motivierten Töten von Tieren in den Tempeln.

Lesch:

Also gegen Blutopfer?

Vossenkuhl:

Da gibt’s eine schöne Passage aus seinem großen Lehrgedicht über die Physik: „Wollt Ihr nicht aufhören“, schreibt er, „mit dem Morden, dem böses Leid bringenden, seht Ihr denn nicht, wie Ihr einander zerfleischt in Unbedachtheit des Sinnes.“

Was er hier meint: Wenn wir Tiere töten, dann töten wir unsere eigenen Verwandten. Denn es sind, schreibt er später, unsere Söhne und Töchter.

Es ist schon interessant, dass jemand in dieser Zeit, 5. Jahrhundert v. Chr. - in dem das rituelle Töten von Tieren praktiziert wurde, eigentlich bis in die christliche Zeit hinein - dieses Töten kritisiert. Es wundert mich, dass er keine Probleme mit den Religionshütern bekam.

Lesch:

Es scheint ein durchgängiges Thema zu sein, dass Philosophen leicht neben der Spur waren. Durch die Reflektion über die Dinge, dem schrittweisen Kennenlernen von dem, was sich möglicherweise hinter der Welt verbirgt, machen Philosophen Aussagen, wo alle anderen nur den Kopf schütteln und meinen: Jetzt hat der aber wirklich einen Sprung in der Schüssel.

Empedokles scheint auch so ein klassischer Fall gewesen zu sein. Er muss aber außergewöhnliche intellektuelle Fähigkeiten gehabt haben. Er macht Aussagen, die deutlich gegen alles sind, was die braven Bürger für gut und richtig hielten. Mainstream eben.

Vossenkuhl:

Dieses Recht, neben der Spur zu sein wurde - neben den wirklich Verrückten - auch den Philosophen zugestanden.

Lesch:

Das ist ja überhaupt ein Grundproblem von Philosophie, dass Menschen auf einmal anfangen, sich mit Fragen zu beschäftigen, die so völlig weg sind von den normalen, alltäglichen Verrichtungen und Gewohnheiten. Wenn Menschen aus dem Fluss heraustreten, um sich mal umzuschauen. So nach dem Motto: Was machen wir hier eigentlich?

Das ist immer ein Problem für die etablierte Umwelt, für den träge dahinfließenden Strom. Der rechtsschaffende Bürger fragt sich dann gerne: Wovon spricht denn der eigentlich?

Vossenkuhl:

Man muss sich natürlich immer bewusst machen, was das dann letztlich für eine Wirkung hatte.

Lesch:

Wir haben noch einen Schüler von Empedokles, Philolaos heißt der.

Vossenkuhl:

Der stammt aus dem heutigen Kalabrien, aus Kroton, da, wo auch Pythagoras gelebt hatte. Von dort musste er schleunigst weg, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls hat er nun wieder ganz stark die pythagoreische Seite bei Empedokles betont. Das Stichwort ist bei ihm: Viele Welten und ein Zentrum.

Für Philolaos war das Zentrum das Feuer, das von den Planeten umkreist wird. Ich finde es interessant, dass der Philolaos einen Gedankenstrang von Empedokles radikalisiert hat. Da sieht man schön, wie sich ein Gedanke weiterentwickelt und fortsetzt.

Lesch:

Was mich besonders an Philolaos begeistert, ist, dass der versucht hat zu argumentieren. Pythagoras hat nicht argumentiert. Er hat einfach gesagt, was Sache ist. Philolaos hat versucht, das pythagoreische Denken in eine Philosophie zu gießen und daraus wirklich was zu machen. Auf ein Argument folgte ein Gegenargument. Er setzte sich nicht in Positur und manifestierte: Hugh, ich habe gesprochen!

Rückblickend war Pythagoras in diesem Sinne ein Religionsstifter. Für den hatte Wissen etwas mit der Erlösung der Seele zu tun. Bei Philolaos ging es mehr in Richtung Mensch. Es gab bei Pythagoras schon ganz wichtige Gedanken, wie die Sache mit der Harmonie und der so wichtigen Zahl. Er hat das zur Philosophie gemacht.

Es gibt aber auch in den Naturwissenschaften immer wieder Entdeckungen, vor allen Dingen in der Theorie, die einzig und allein von dem Gedanken an die Harmonie und die Mathematisierbarkeit der Welt getragen sind.

Das geschieht völlig ohne Phänomen, ohne dass es einen Anlass dafür gibt. Da setzt sich jemand hin und sagt: Also, wenn dieses Prinzip trägt, dann muss es so und so sein.

Und das Erstaunliche ist, dass dann aus diesen Theorien Experimente abgeleitet worden sind - was soll ich Dir sagen - man hat es gefunden! Nehmen wir die Geschichte mit Materie und Antimaterie. Nicht weil man jetzt ein Phänomen vor sich hatte, auf das sich das zurückführen lässt, sondern im Gegenteil. Alle haben gesagt: Das kann doch nicht sein!

Es wurde aber dann im Experiment bestätigt. Dieser Harmoniegedanke ist ein unheimlich tragfähiger. Und Philolaos war sicherlich derjenige, der diesen pythagoreischen Gedanken von der Harmonie und der Zahl, der Mathematisierbarkeit, als allererster richtig sauber bis zum Ende durchdacht hat.

Vossenkuhl:

Ich finde es gut, dass Du diese direkte Verbindung von heute zu diesen allerersten Prinzipienforschungen herstellst. Da sieht man überdeutlich, wie diese Denker die Gestalt Europas geprägt haben.

Lesch:

Es gibt da einen netten Aphorismus: Genial! Das ist, einen einfachen Gedanken als allererster gedacht zu haben. Wenn er dann mal gedacht ist, dann kommt man nicht wieder dahinter zurück. Wenn er einmal in die Welt gesetzt worden ist, dann kann man sich nicht mehr dagegen wehren.

Gerade in der Entwicklung von Wissenschaften in den letzten 500 Jahren ist dieser Rückgriff auf die Wurzeln aus Griechenland so wichtig. Das ist wirklich eine lange, eine zweieinhalbtausend Jahre lange Karawane. Man kann immer wieder vergleichen: Was haben die denn damals so gedacht? Ist das noch tragfähig? Das ist für mich ein ganz wichtiger Beweggrund gewesen, mich mit Philosophie zu beschäftigen. Die Naturwissenschaften, so wie sie sich heute darstellen, gehen auf dieses Wurzelwerk zurück, das uns wirklich durchdringt.

Vossenkuhl:

Vor allem kann man diese Wurzeln verfolgen. Sie sind nicht einfach abgeschnitten.

Aber ich will noch einmal zu Empedokles zurückkommen.

Es gilt oder galt lange der sogenannte Satz der

„Erhaltung der Substanz“.

Also, Substanzen sind unzerstörbar, unvergänglich. Dieser Gedanke spielte in der Philosophie eine ebenso große Rolle wie in der Physik. Empedokles war zwar noch kein Materialist im Sinne der Atomisten, über die wir ja auch noch sprechen werden, also Leukipp, Demokrit – aber er hat mit den vier Elementen natürlich materielle Grundelemente angenommen, und deren Substantialität war in seinen Augen ewig und unvergänglich.

Lesch:

Ja. Stimmt so.

Vossenkuhl:

Und dieser Determinismus, also dieses Prinzip, dieses metaphysische Prinzip, dass alles kausal determiniert und gesetzmäßig bestimmt ist, wird immer durch den Gedanken ergänzt, dass die Substanzen und ihr Gesamtbestand sich nicht verändern.

Also die Menge der Teilchen in der Welt ist immer dieselbe.

Lesch:

Genau. Du hast weiterhin so Recht.

Vossenkuhl:

Und deswegen gibt es viele, die sagen: Wenn das so ist, kann es auch keine Freiheit geben, und so fort.

Lesch:

Es gibt nichts Neues unter der Sonne, oder was?

Vossenkuhl:

Und jetzt die Frage: Was ist aus Deiner physikalischen Sicht heute noch anzufangen mit diesen Gedanken der Konstanz, der Substantialität, der Unvergänglichkeit der Substanzen?

Lesch:

Es mag ja sein, dass die Substanz unvergänglich ist. Entscheidend scheint mir aber zu sein, dass sich im Laufe der Jahrmilliarden zum Beispiel auf unserem Planeten die Substanzen in völlig unterschiedlicher Form miteinander verbunden haben.

Ich sage gerne: Ist es nicht ein Wunder, dass das Atom fast völlig leer ist. Es gibt dieses schöne Bild: Wenn das Wasserstoffatom ein Fußballstadion wäre, und das Elektron saust auf dem äußersten Tribünenrang ganz oben rum, dann ist ein Atomkern gerade einmal ein Reiskorn am Anstoßpunkt. Dazwischen ist nichts.

Warum werde ich dann besoffen, wenn ich eine Flasche Cognac trinke? Wenn da im Wesentlichen nichts drin ist? Es hat offenbar etwas damit zu tun, wie die Dinge sich miteinander verbinden. Also die Gewichtungen, die Relationen zwischen den Elementen. Damit sind wir wieder bei Empedokles’ Vorstellung von Kräften. Die spielen eine ganz entscheidende Rolle.

Es mag sein, dass die Bausteine in der Welt mehr oder weniger erhalten bleiben. Mögen ein paar verschwinden, aber im Großen und Ganzen bleibt es so, wie es war. Entscheidend ist, wie sich im Laufe der Zeit Dinge miteinander verbinden.

Ob es ein Karpfen wird oder eine Kiefer oder gar ein Mensch, das ist im Prinzip keine Frage der Anzahl der Kohlenstoffatome, sondern es ist eine Frage, wie die Verbindungen stattfinden. In dieser Welt ist etwas zwischen den Dingen.

Es gibt den Satz: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Bestandteile. Ich glaube, da liegt der Hund begraben. Man sollte nicht vergessen, dass es da noch mehr gibt als nur die Substanz.

Eine Diskussion über menschliche Freiheit ist ja keine Diskussion für einen Naturwissenschaftler. Freiheit ist kein naturwissenschaftlicher Begriff. Ein Atom hat keine Freiheit, ein Atom unterliegt gewissen Gesetzen, basta. Aber die Verbindung von Atomen kann durchaus Eigenschaften haben, die weit über die Eigenschaften eines einzelnen Atoms hinausgehen.

Und die Verbindungen zwischen den Atomen sind lernfähig. Die können sich etwas aneignen, die haben Potentialitäten.

Vossenkuhl:

Genau. Potentialitäten sind Möglichkeiten, die vorher nicht da waren.

Das darf man nicht vergessen. Denn in dem Moment, wo man einem System sozusagen die „Freiheit“ lässt, sich zu entwickeln, wird es das auch tun.

Ob aus einer Möglichkeit etwas wird, das weiß man allerdings vorher nie. Es müssen die richtigen Bedingungen herrschen.

Und in diesem Sinne ist das, was Empedokles da angestoßen hat, im Grunde genommen nur ein erster Schritt.

Lesch:

Du würdest aber jetzt nicht so weit gehen, Liebe und Hass in so quasi Anziehungs- und Abstoßungskräfte direkt zu übersetzen.

Vossenkuhl:

Auf keinen Fall. Ich glaube, an der Stelle zeigt sich, dass die Möglichkeiten eines Mannes wie Empedokles eben nur durch das Denken etwas über die Welt zu erfahren, deutlich begrenzt sind. Wenn man wirklich etwas über die Welt erfahren will, reicht das reine Denken nicht aus. Man muss mit der Welt in irgendeiner Art und Weise wechselwirken. Sich nur in sein Kämmerlein zu verziehen und zu sagen, ja, die Welt ist so und so, das wird nicht ausreichen. Die Wechselwirkung ist das entscheidende. Man muss dem Phänomen auf die Spur kommen. Man muss etwas darüber wissen.

Übrigens, der Empedokles hat ja auch festgestellt, dass Luft ein Stoff ist und nicht nur ein Element. Der hatte glatt durch ein Experiment festgestellt: Wenn man ein Glas umgekehrt in Wasser hineinsteckt, dann dringt das Wasser nicht in diesen Luftraum ein. Offensichtlich drückt die Luft gegen das Wasser.

So wurde aus dem Element Luft, als einem der Prinzipien, plötzlich etwas ganz Stoffliches.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Man merkt tatsächlich: Das ist nicht nur irgendein Gedanke, den ich diesem Element da unterschiebe. Das geht ja gar nicht.

Lesch:

Diese Geschichte hat der Philolaos auch noch mal vertieft. Er hat dem Feuer eine Kugelgestalt zugeschrieben und hat den Inhalt und die Oberfläche als Äther bezeichnet, also er meinte, das sei so quasi ein Luftäquivalent.

Vossenkuhl:

Hat der Philolaos nicht auch die Erde und die Sonne gemeinsam um dieses Feuer laufen lassen?

Lesch:

Ja, ja.

Vossenkuhl:

Es drehte sich also nicht alles um die Erde, sondern die Erde war eine von vielen anderen Himmelskörpern, die da rund um das Feuer unterwegs waren.

Das ist natürlich ein Gedanke, der doch eine ganze Weile zur Reifung gebraucht hat. Wir wissen heute, dass sich nichts mehr um ein zentrales Feuer dreht und dass die Erde eben nicht das Zentrum der Welt ist. Es gibt überhaupt kein Zentrum.

Lesch:

Schön, was Du gerade mit der Luft beschrieben hast.

Der Empedokles war nicht einer, der mal kurz beim Kaffee oder beim Ouzo nachdachte, sondern der hat beobachtet, was so passiert. Also, er hatte diesen Gedanken der Gleichheit des Erkennens, also quasi das Weinhafte in mir…

Vossenkuhl:

Ach, das Weinhafte in Dir erkennt den Wein?

Lesch:

Erkennt den Wein, ja. Nach Empedokles. Ganz philosophisch.

Vossenkuhl:

Aha.

Lesch:

Meldet sich das Weinhafte nicht auch so in Dir?

Vossenkuhl:

Hm.

Lesch:

Wahrscheinlich haben manche Leute nichts Weinhaftes in sich.

Vossenkuhl:

Die haben dann vielleicht das Bierhafte?

Und manche haben das Zwanghafte. Gut, dieses Spielchen sollte man nicht zu weit treiben. Aber Empedokles ist tatsächlich darauf aus, dass es in uns Teile gibt, die das jeweils ähnlich geartete erkennen.

Lesch:

Wir sind ja auch aus Erde, Wasser, Feuer und Luft zusammengesetzt.

Wir haben, wie Du das gerade beschrieben hast, eine besondere Art der Zusammensetzung, und zwar über die Atome.

Die besondere Synthese ist im Hinblick auf den Erkenntnisprozess immer wieder so zu verstehen, dass jedes Element immer das Element des zu Erkennenden identifiziert. Also das Stoffliche.

Vossenkuhl:

Wie soll es auch sonst gehen? Ich meine, dass wir ohne Sinne etwas über die Welt erfahren, das geht wohl nicht.

Aber was sind die Sinne? Empedokles hat die Sinne eigentlich ganz klug aufgelöst. Er hat da nicht was Zusätzliches in die Welt gesetzt. Die Sinne drücken sich – wie er meinte - eben in dieser Vergleichbarkeit der Stoffe, im Erkenntnisprozess aus.

Lesch:

Wann lebte der Empedokles eigentlich? Das haben wir noch gar nicht gesagt.

Vossenkuhl:

Ungefähr 492 bis 432. Auch Aristoteles erwähnte ihn mit einem Lebensalter um die 60 Jahre.

Lesch:

Für die damalige Zeit ein langes Leben.

Vossenkuhl:

Sicher, ein hohes Alter. Bei einem Durchschnittsalter von 30 Jahren.

Lesch:

Ein weiterer Grund, um Philosophie zu betreiben. Es hält jung und man bleibt am Leben.

Vossenkuhl:

Man muss halt das Stoffliche erkennen können.

Lesch:

Man muss das Weinhafte in sich haben.

Vossenkuhl:

Bier war noch nicht so angesagt.

Lesch:

Hat man denn zu dieser Zeit so was wie medizinische Forschung gemacht? Hat man sich den menschlichen Organismus einmal genauer von Innen angeschaut?

Vossenkuhl:

Nein.

Lesch:

Man konnte also praktisch nur von außen etwas über eine Krankheit erfahren?

Vossenkuhl:

Ja. Es gab zwar schon Mediziner, die sich auch die Toten genau angesehen haben.

Aber man hat nicht wirklich gewusst, wie das, was im Körper zu finden ist, funktioniert. Der Blick in den Körper hinein, der ist wahrscheinlich erst im 17. Jahrhundert besser verstanden worden.

Lesch:

Wenn Empedokles ein Wunder-Mediziner gewesen ist, muss er einen unheimlich guten Blick für den lebenden Patienten gehabt haben.

Vossenkuhl:

Das Stoffliche muss sich entsprechen. Entscheidend sind die Mischverhältnisse – das war bei ihm die Grundidee. Da fällt mir Dein Vergleich mit der Homöopathie von Hahnemann wieder ein. Vielleicht war das schon bei Empedokles das Erfolgsrezept.

Lesch:

Es ist schwierig, mit dieser Philosophie wirklich in die Naturwissenschaften zu gehen. Man kann das schon machen. Man kann diese Dinge übernehmen. Das haben wir ja vorhin auch gemacht.

Empedokles lebt aber immer noch von einer Vorstellung, die eher, na ja, mystisch ist. Da ist noch etwas dahinter, was sich dem gestandenen Naturwissenschaftler nicht so ohne weiteres erschließt.

Vossenkuhl:

Da hast Du glasklar Recht.

Leukipp (5. Jh. v. Chr.) & Demokrit (460/59 - ca. 400/380 v. Chr.)


Leukipp


Demokrit

Vossenkuhl:

Das Wahrnehmen und das Denken entstehe, wenn Bilder (aus Atomen) von außen heran kämen; denn keins von beiden widerfahre einem ohne das einfallende Atombild. Lieber Harald, was will uns dieses sagen?

Lesch:

Hier versucht jemand, die Sinneswahrnehmung auf etwas Materielles zurückzuführen. Damit der Mensch etwas erfährt, also mit den Augen sieht oder mit den Ohren hört, muss etwas Konkretes, Fassbares ausgetauscht werden.

Noch genauer: Wir reden über Demokrit und Leukipp. Die zwei, die den Materialismus in die Welt gebracht haben. Die zwei, die die Atome, die Unteilbaren, ins Spiel brachten.

Vossenkuhl:

Vielleicht sage ich erst einmal was zu Leukipp, weil man von dem wenig weiß. Das ist relativ schnell abgehandelt.

Leukipp ist höchstwahrscheinlich in Elea in Süditalien geboren, da wo schon Parmenides gelehrt und gelebt hat. Es gibt aber auch Leute, die behaupten, er sei aus Milet in Kleinasien.

Demokrit kommt aus einer völlig anderen Gegend. Er stammt aus Abdera in Thrakien. Das würde man heute in der Gegend von Makedonien suchen. Also zwei Philosophen, die sehr viel miteinander zu tun hatten, obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Ecken kamen.

Lesch:

Demokrit gilt immerhin als einer der größten Wissenschaftler seiner Zeit, wenn nicht der Größte.

Ich habe nachgelesen. Wenn die früher von den großen Philosophen sprachen, dann waren natürlich immer Platon und Aristoteles dabei. Aber davor kam Demokrit. Er muss ein bemerkenswerter Mann gewesen sein.

Ein echter Durchblicker.

Zusammen mit Leukipp hat er praktisch einen vollständigen Gegenentwurf zu Parmenides und Xenophanes präsentiert. Wenn ich das richtig recherchiert habe, dann ist die Idee, dass es etwas Unteilbares gibt, in der Tat zunächst einmal von Leukipp gedacht worden.

Vossenkuhl:

Etwas Unteilbares, also atomos, nicht weiter teilbar. Was natürlich ein ganz wichtiger Gedanke ist, denn in Elea … ich tippe deshalb darauf, dass er aus Elea kam, weil es dort den Zenon gab - auch ein Schüler von Parmenides. Dieser Zenon hat Paradoxien entwickelt, die auf dem Gedanken basierten, dass etwas - eine Entfernung, ein Gegenstand - unendlich teilbar ist.

Wenn man nämlich etwas unendlich oft teilen kann, irgendeine Entfernung und sei sie noch so klein, dann kann man sie auch nie überwinden.

Lesch:

Erzähl doch. Ich bin sicher, dass Dir sofort ein Beispiel dafür einfällt.

Vossenkuhl:

Das mit dem Achilles und der Schildkröte eben.

Lesch:

Bestens. Schneller Hirsch gegen lahme Ente.

Vossenkuhl:

Jetzt kommt dieser Leukipp und sagt: Es gibt ein Ende dieser Teilung und das ist das Unteilbare. Die Paradoxien lösen sich auf einen Schlag auf, wenn man davon ausgeht, dass es stoffliche, substantielle Grundlagen gibt. Die sind so beschaffen, dass es irgendwo ein Ende für diese unendliche Teilbarkeit gibt. Schon hast Du mit dem Unteilbaren die Paradoxie aufgelöst.

Lesch:

Du kannst Dir jetzt sicher gut vorstellen, wie ich mit den Hufen scharre. Ich brenne darauf, die gesamte moderne Physik über Dich auszugießen. Aber das mache ich nicht. Noch nicht. Das kommt später.

Vossenkuhl:

Ich bereite mich zumindest innerlich darauf vor.

Lesch:

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das Gedankenexperiment von Zenon, dieses Paradoxon, das sich in den Gedanken ergibt, durch die Wirklichkeit doch völlig konterkariert wird. Siehe Läufer gegen Schildkröte.

Vossenkuhl:

Natürlich. Das leuchtet sofort ein.

Lesch:

Also konnte doch diese Vorstellung der beliebigen Teilbarkeit nicht stimmen. Insofern ist es naheliegend, dass da umgehend Kontra gegeben wurde. Moment mal, das hat doch wohl mit der Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun!

Weiß man sonst noch etwas über Leukipp, außer dass er der Begründer dieser Atomlehre war?

Vossenkuhl:

Es sind ein paar Sätze von ihm überliefert.

Lesch:

Das ist alles?

Wilhelm Vossenkuhl:

Aristoteles hat ihn erwähnt, aber sehr viel mehr über Demokrit geschrieben. Wahrscheinlich, weil Aristoteles in Demokrit sein eigenes Grundmodell erkannte. Er hat über den Demokrit berichtet, dass der über alles nachgedacht hätte. Über das Lebendige ebenso wie über das scheinbar Unbelebte. Über Pflanzen und Tiere, darüber wie der Kosmos entsteht und wie man ihn erkennt. Wir haben sogar viele Textstücke von ihm. Vor allem aber auch Berichte über das, was er gedacht hat. Er ist schon eine gut dokumentierte, historische Person.

Lesch:

Am Rande sei erwähnt, dass er auf Raffaels Bild „Die Schule von Athen“ – zu sehen im Vatikanischen Museum in Rom - als Lachender … ne ne, stimmt gar nicht …

Vossenkuhl:

Vielleicht doch!

Lesch:

Ist er der Lachende auf dem Bild?

Vossenkuhl:

Da bin ich nicht sicher, aber der eine, der rechts neben Sokrates steht und mit verschränkten Armen und zweiteiligem Bart still und wissend in sich hineinlächelt, das könnte er sein.

Lesch:

Weil er über die Torheit der Menschen lacht?

Vossenkuhl:

So könnte man das interpretieren. Er nahm diese Einsicht wohl etwas lockerer als Heraklit, der unten am Boden sitzt. Aber auch der scheint zu lachen.

Lesch:

Demokrit ist wohl ein sehr positiver Typ gewesen.

Vossenkuhl:

Er hat nicht nur über die Torheit der Menschen gelacht, sondern er hat die Wohlgemutheit als den eigentlichen Kern des Ethischen verstanden.

Lesch:

Ein schönes Wort.

Vossenkuhl:

Was? Die Wohlgemutheit? Ja. Das hört sich doch wunderbar an.

Lesch:

Liest sich sicher auch so. Wohlgemut. Sind Sie liebe Leser noch wohlgemut, wenn Sie uns hier so nachlesen? Ich hoffe es. Ich hoffe es sehr.

Vossenkuhl:

Euthymia, die Wohlgemutheit. Man dreht das heute gerne in Richtung Hedonismus, also hin zur Lust. Aber das war gar nicht die Idee.

Lesch:

Vielleicht ist es mehr Wellness?

Vossenkuhl:

Nein.

Es ist das „sittlich gut gestimmt Sein und das Gute genießen“ gemeint. Keine automatische Wünscherfüllung, sondern mehr, dass der Mensch im Maß bleibt. Der Gerechte tut, was er ethisch tun soll. Der Ungerechte, was er nicht soll.

Diese Wohlgemutheit, hat Demokrit so fröhlich gemacht. Er hat keinen Grund gesehen, mehr zu wollen, als das, was er zum Leben braucht.

Lesch:

Demokrit war einfach gut drauf, wie man heute so sagt.

Vossenkuhl:

Rundum zufrieden, ein feiner Kerl und guten Mutes.

Lesch:

Ist auch kein Wunder. Er hat ja nun ein Weltbild entwickelt, bei dem ich einfach nur sagen kann: Junge, Hut ab, das geht in die richtige Richtung.

Wir können knapp 2.500 Jahre nach Demokrit sagen: Der Mann war auf dem richtigen Weg. Er hatte mit seinen Atomen das Richtige gedacht.

Wie hat er sich denn das vorgestellt, wie die Atome miteinander in Wechselwirkung treten? Hatte er schon eine Ahnung von den Kräften, die wir heute zwischen den Atomen ausgemacht haben?

Vossenkuhl:

Er hatte die Idee, dass sich die Atome im leeren Raum bewegen, dass sie alle von gleicher Art, nur unterschiedlich in ihren Formen, Größen und Lagen sind. Da gibt es kugel-, sichel- und hakenförmige Atome. Qualitativ sind sie also gleich, nur quantitativ verschieden. Die Qualität bezieht sich auf Ausdehnung, Form, Masse, Schwere, Härte, aber auch auf die Süße, das Bittere, Warme, Kalte, Farbige. Also all das, was die britischen Empiristen später auch unter den Qualitäten verstanden. Das Grundprinzip ist aber, dass die Atome unteilbar sind, unzerstörbar, ewig.

Und dass sie den Raum ausfüllen. Sie verändern lediglich ihren Ort. Letztlich lässt sich alles, was sich verändert - Entstehung, Vergehen - nur auf die Ortsveränderungen der Atome zurückführen. Und dazu kommen natürlich noch die eben erwähnten Qualitäten.

Lesch:

Also kommen immer mehr Atome dazu.

Vossenkuhl:

Genau.

Alles ist nur eine Frage der Anordnung der Atome. Es gibt da noch so eine Idee, die eigentlich schon der Empedokles hatte: die „Wirbeltheorie“.

Das hat nichts mit unseren Nackenwirbeln oder Rückenmark zu tun. Er meinte - und das hat Demokrit wohl wieder aufgegriffen - dass die Anordnung der Atome in Wirbeln vor sich geht. Wie ein Luftwirbel, der die Blätter zusammenkehrt. Bei Empedokles war das wohl so, dass, als er am Strand in Agrigent saß und beobachtet hat, dass bestimme Kieselsteinchen, die runden und die flachen, immer zusammen lagen. Deswegen ging er davon aus, dass die Ursache dafür so eine Art Verwirbelung sei.

Der Empedokles meinte, dass auch die ganzen Weltkörper so entstanden sind. Demokrit hat diesen Gedanken aufgegriffen und postuliert: Die Atome wirbeln sich zusammen. Zu etwas Größerem.

Lesch:

Über die Brücke, die Du mir da baust, gehe ich nicht. Im Nachhinein gibt es ja immer wieder verschiedene Wirbeltheorien. Immer ist diese Balance von zwei Kräften am Werk. Da zieht etwas nach innen und gleichzeitig - durch die Verwirbelung - auch nach außen. Das ist praktisch. Wenn sich da etwas die Waage hält, dann mag es zu irgendeiner Art von „Strukturentstehung“ kommen.

Das geht später sogar so weit, dass Kant und Laplace gemeinsam diese Entstehungstheorie des Sonnensystems entwickeln. Das geht nämlich auch aus so einem Gaswirbel hervor und wird eine Scheibe. Will ich gar nicht bestreiten.

Vossenkuhl:

Aber immerhin wird etwas herumgewirbelt.

Lesch:

Wirbel ist nicht schlecht. Man merkt, diese griechischen Philosophen haben alles getan, was in ihrer Macht stand, um Erklärungen zu liefern, die sich eben nicht mehr auf die Götter berufen. Sie wollen sagen: Da ist ein Phänomen und das geht offenbar sogar mit rechten Dingen zu. Also muss es dafür auch eine vernünftige Begründung geben. Wenn ich nur lange genug hingucke, werde ich das schon rausfinden.

Nur, was natürlich nach meiner Einschätzung bei Demokrit entscheidend ist: Hier wird etwas fürchterlich anderes gemacht als bei Empedokles. Bei Empedokles gab es immer noch ein Subjekt mit seiner Geschichte. Weil Empedokles ein Mediziner war, steht der Mensch mit seiner Körperlichkeit im Vordergrund. Bei Demokrit gibt’s nur noch Atome. Mir sitzt hier kein Willi Vossenkuhl gegenüber, sondern eben eine Anzahl von Atomen, die irgendwie ineinander verhakt sind. Glücklicherweise so, dass ich Dich gut erkennen kann.

Das hat so etwas - was den heutigen Naturwissenschaften gerne vorgeworfen wird - das hat so etwas Kaltes. Das Subjekt wird völlig ausgeklammert. Aus dem Phänomen wird eine objektive, aus Bausteinen zusammen gesetzte Wirklichkeit gemacht. Wünsche, Hoffnungen, Träume, Visionen, das gibt es alles nicht. Alles hat nur mit den Atomen zu tun.

Das ist natürlich auf der einen Seite eine außerordentlich coole Angelegenheit, auf der anderen Seite ist es aber Programm geworden. Dass man nämlich weggeht von der Einzelperson mit ihrem ganzen „Mensch, das wäre doch toll“, hin zu einer Wirklichkeit, die sich von jedermann, jederfrau messen lässt. Zu jeder Zeit, an jedem Ort in der Welt liefert es reproduzierbare Ergebnisse, damit man endlich weiß, worüber man eigentlich spricht.

An der Stelle haben Demokrit und Leukipp mit ihrer rein materialistischen Erklärung der Welt einen echten Durchbruch geschafft.

Vossenkuhl:

Es gibt eine schöne Stelle bei Aristoteles, an der er den Demokrit mit dem Parmenides vergleicht. Er zeigt, dass der Demokrit in die ganz entgegengesetzte Richtung marschiert. Bei Parmenides wird alles zu einer Einheit zusammengedacht, und bei Demokrit zerfällt alles in lauter Atome. Der Zerfall wird allerdings durch die Unteilbarkeit der Atome gestoppt.

Auch interessant ist, dass der Demokrit eine Raumtheorie hatte. Er war der Meinung, dass die Atome im Raum sind. Sie füllen den Raum. Aber der Raum ist leer. Starker Tobak, nicht? Das ist heute schwer zu denken.

Lesch:

Tja. Raum ist ohnehin schwer zu denken. Raum ohne Dinge lässt sich eigentlich nicht denken. Selbst wenn wir elektromagnetische Felder reinsetzen, es bleibt doch immer irgendetwas, in dem was drin ist. Ich glaube nicht, dass wir denken können, es gibt leeren Raum, so einen unendlichen leeren Raum. Es erscheint mir als eines der Experimente, die sich aus dem Vorschlag Demokrits, es gibt etwas Unteilbares, ergeben hat.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wissen wir: Es gibt die Atome und sie sind teilbar. Da gibt es die Elektronen, da gibt es die Atomkerne. Die Atomkerne sind wiederum aus Teilchen aufgebaut, nämlich Neutronen und Protonen. Die Neutronen und Protonen sind wiederum aus Teilchen aufgebaut, den Quarks – für die Experten: aus up- and down-Quarks. Bei denen haben wir den Eindruck, dass sie wirklich elementar sind. Quarks sind elementar und Elektronen sind elementar.

Es ist ja ganz lustig, dass ein Elektron nicht mehr genau geortet werden kann. Wir wissen auch nicht genau, wie klein ein Elektron ist. Sobald wir dem Elektron zu nahe kommen - und da komme ich zum Raum - passiert etwas im Raum. Die Energie, die wir reinstecken müssen, um diesem Elektron nahe zu kommen, ist so hoch, dass um das Elektron herum - gemäß der Relativitätstheorie - Paare aus Teilchen und Antiteilchen stehen. Das heißt der Raum, in dem es eben nur das Elektron gab, ist jetzt angefüllt mit Elektronen-Positronen-Paaren. Ein Positron ist das Antiteilchen vom Elektron. Es ist also positiv geladen, aber genauso schwer wie das Elektron. Wir sehen also gar nicht das wirkliche Elektron, sondern nur ein von dieser Wolke umgebenes Elektron.

Vossenkuhl:

Noli me tangere – fass mich nicht an.

Lesch:

Ja, genau, don’t touch me. Das ist ganz schlimm. Das passiert uns aber jetzt schon seit längerer Zeit, dass wir bei den Experimenten inzwischen so hohe Energien aufwenden müssen, dass wir kaum noch eine Chance haben, das Phänomen, dem wir irgendwie erkenntnistheoretisch und physikalisch nahetreten wollen, zu fassen zu kriegen. Wir sind da scheinbar völlig hilflos.

Wir denken natürlich heute Raum und Zeit auch nicht mehr getrennt.

Vossenkuhl:

Eben.

Lesch:

Aber immerhin kann man sagen: Bis zu Newton und ins 19. Jahrhundert war der Raum da.

Und Newton hat auch gemeint, dass der Raum zunächst einmal leer sei.

Und die Dinge sind da drin. Natürlich. Viele Vorstellungen sind zu Beginn der Neuzeit mit den Naturwissenschaften, die ja damals noch experimentelle Philosophie hieß, aufgetaucht. Man denke sich nur Newtons Buch als eine Sammlung von mathematischen Prinzipien der Naturphilosophie. Newton hat nie ein Physikbuch geschrieben, sondern immer nur naturphilosophische Bücher.

In diesem Sinne ist Demokrit natürlich der perfekte Vorläufer, der ein wesentlich stärkeres naturphilosophisches als naturwissenschaftliches Bild über die Welt abgeliefert hat.

Wenn er die Atome hat, brauchte er natürlich irgendein Gefäß, in dem sich diese aufhalten. Da liegt eine Raumtheorie nahe. Ich meine, man kann von keinem Menschen verlangen, dass er ohne Experimente über den Raum so nachdenkt, wie dann 2000 Jahre später Albert Einstein das getan hat.

Ich finde es höchst bemerkenswert, dass jemand so unglaublich stringent darüber nachdenken kann und das auch entsprechend formuliert: Da muss was sein. Dabei nimmt er auch noch einen erheblichen Verlust in Kauf. Er verliert ja alles, er verliert die Menschlichkeit, die Eigenschaften, die zum Subjekt gehören. Nur noch Atome, Atome, Atome.

Ich merke, dass Du mich unterbrechen willst. Aber das muss ich noch sagen: Die Atome sind quantenmechanisch tatsächlich nicht unterscheidbar.

Vossenkuhl:

Aha.

Lesch:

Also bei Atomen von einem Element, kann es sein, dass das eine mal ein Neutron mehr oder weniger hat. Aber wenn man diese Elementarteilchen nimmt, da kann man nichts machen, gar nichts.

Vossenkuhl:

Keine Identität? Nicht auseinander zu halten?

Lesch:

Nein, im Gegenteil. Wir Beide atmen im Moment Stickstoff und vor allem Sauerstoff ein. Diese Sauerstoff-Moleküle, die sich in uns mit dem Hämoglobin verbinden, sind austauschbar. Man stelle sich einmal vor, die wären so etwas wie schlecht oder gut gelaunt. Gott sei Dank sind sie das nicht. Sondern es gibt einen langen, ruhigen Ablauf an Atomphysik, der sich ständig in uns abspielt, auch jetzt.

Vossenkuhl:

Das ist sehr beruhigend. Während Du tief Luft holst, nutze ich meine Chance und gebe Dir Recht.

‘Kalt’ ist das Stichwort. Demokrit hat im Vorgriff oder besser vorausschauend etwas getan, was eigentlich erst im 17. Jahrhundert dann im Detail entwickelt wurde. Er hat nämlich unterschieden zwischen objektiven und subjektiven Merkmalen dessen, was wir erkennen können. Farben, süß, sauer, warm, kalt, das war für ihn subjektiv.

Das entsprach unseren sinnlichen Fähigkeiten. Für ihn war das nicht Natur, sondern das war nur unsere subjektive Wahrnehmung. Größe, Gestalt, Gewicht usw., das war objektiv. Insofern hat er schon noch gesehen, was subjektiv in unserer Wahrnehmung ist. Es war aber für ihn nicht materiell in irgendeiner Weise relevant. Es war eben unsere besondere Art und Weise, die Dinge wahrzunehmen. Bis im 17. Jahrhundert die britischen Empiristen ähnlich dachten, konnte man mit diesem Gedanken nicht so recht was anfangen.

Lesch:

Ja, wahrscheinlich nicht. Das lässt sich auch schwer der Welt der Klassik zuordnen. Wir werden ja etwas später über solche Leute sprechen wie Protagoras. „Das Maß aller Dinge ist der Mensch“.

Für Demokrit ist das offenbar nicht so. Sondern das Maß aller Dinge ist „atomos“, das Unteilbare. Und dann auch noch so weit zu gehen, sauber zu trennen, also im Grunde genommen eine genaue Analyse vorzunehmen, was eigentlich von dem, was ich aufnehme, in mir ist. Also, wie interpretiere ich eine Farbe? Ist der Wein rot und ist das Rot, was Du siehst, das gleiche Rot, was ich sehe? Da könnten wir uns nie darauf einigen.

Aber wir können gewisse Merkmale dieser Strahlung genau messen. Dann sind wir praktisch auf dem demokritschen Weg, wenn wir sagen: Diese Farbe Rot, die hat eine bestimmte Wellenlänge. Dann ist es ganz unerheblich wie Du das Rot siehst oder wie ich das Rot sehe. Sobald wir dieses Licht messen können, wissen wir, es handelt sich um die Wellenlänge XYZ.

Vossenkuhl:

Ja. Da kann uns keiner ein X für ein Z vormachen.

Lesch:

Das ist natürlich der große Vorteil.

Dieser argumentativen Stärke, dass man Dinge versucht zu objektivieren, der kann man sich kaum entziehen.

Vossenkuhl:

Ein schöner Nebeneffekt ist weiter: Wenn man das so objektiv fest machen kann, dann kann man sich ganz entspannen. Demokrit war wahrscheinlich der erste total Coole im neuzeitlichen Sinn. Ein cooler Denker. Der war ganz relaxed im Hier und Jetzt.

Das hat sich dann auch in seiner Ethik gezeigt, diese Wohlgemutheit. Sich zurücklehnen. So wie wir Beide gerade hier auf dem Sofa sitzen, so war seine ganze Grundhaltung. Was wollen wir uns denn groß aufregen? Das hat doch gar keinen Sinn. Die Dinge laufen so. Ja. Und so laufen sie eben.

Lesch:

Da kann ich natürlich ergänzend hinzufügen: Auch Physik entspannt. Wenn man sich lange genug mit Physik beschäftigt, dann wird man ganz ruhig. Man hält den Ball flach und denkt sich: Was soll der Quatsch?

Ich glaube schon, dass daraus ein enormes Vertrauen erwachsen kann. Aber das reicht eben nicht ganz. Materialismus oder dieser starke materialistische Teil seines Weltbildes kann nicht das Wesentliche für seine Freude am Dasein gewesen sein. Ich glaube, das war auch das gute Gefühl: Mensch, ich verstehe ein bisschen was von der Welt. Nicht die ganze Welt, aber so ein bisschen kann ich doch erklären. Damit kommt doch schon Freude auf.

Vossenkuhl:

Dass er so cool drauf war, drückte sich natürlich auch darin aus, dass er der Meinung war: In der Moral geht es im Wesentlichen darum, dass man das Seine tut. Er war nicht so unmenschlich, wie sich das vielleicht aus der Atomlehre ableiten lässt. Er hatte vielmehr ein klares Bild des Menschen. Der soll eben das tun, was sich gehört. Der Gerechte tut, was er soll, und der Ungerechte, was er nicht soll. So einfach stellten sich für ihn die Dinge dar.

Eine enge Verwandtschaft im Denken wird ihm zu Recht mit dem späteren Epikur nachgesagt. Aber er war kein Hedonist, kein Lusttheoretiker. Es ist sicher falsch, wenn man meint, dass dieser wohlgemute Mensch einfach nur auf Lust aus gewesen sei. Für ihn bedeutete Lust, das zu tun, was einem sittlich aufgetragen ist.

Lesch:

Jetzt benutzen wir die „Golden Gate“-Brücke: Wir nehmen den Materialismus von Demokrit und besetzen ihn durchaus positiv. Dann hat der Materialismus oder eine materialistische Weltsicht offenbar den riesengroßen Vorteil, dass man weiß, dass es in der Welt mit rechten Dingen zu geht. Man braucht nicht auf Wunder zu hoffen – auch nicht auf Götter. Es läuft alles so, wie es nur funktionieren kann. Ab und zu mag es mal einen Ausreißer geben, aber selbst das ist noch mit den Naturgesetzen in Einklang zu bringen. Mit diesem Rüstzeug führt kein Weg an einer gewissen Gelassenheit vorbei.

Vossenkuhl:

Einer großen Gelassenheit.

Lesch:

Ich habe aber nicht den Eindruck, dass wir bei unserer ganzen materialistischen Weltsicht heutzutage gelassener wären als das vor 500 Jahren der Fall gewesen ist. Eher im Gegenteil. Ich glaube, wir haben einen großen Teil von Vertrauen verloren. Wir stehen geradezu unter Kontrollzwang. Wir wissen zwar immer mehr von der Welt um uns herum, aber irgendwie kriegen wir es nicht mehr auf die Reihe, den Dingen zu vertrauen. Immer dieser Lenin mit seinem Spruch: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist viel besser“. Der Materialismus alleine scheint es nicht zu sein, der uns zum Glücke führt.

Vossenkuhl:

Aber wir werden ja bald sehen - und das war auch die Kritik von Aristoteles an Demokrit - dass es andere Sachen geben muss, die man so, wie er das tat, nicht erklären kann. Im Materialismus steckt ja auch drin, dass das Denken nur materialistisch erklärt werden kann.

Selbst die Denkvorgänge im Hirn sind atomare Prozesse, die für Demokrit so zu erklären sind, dass wir Atombildchen, also atomar zusammengestellte Bildchen im Kopf haben, die wir quasi durch die Bilder bilden, die wir sehen. Das ist ein Prozess. Was wir im Kopf haben, das bleibt dann da drin. So wissen wir, aha, Baum, Mensch usw. Das ist etwas, was in dieser Radikalität eigentlich erst wieder im 20. Jahrhundert so gedacht wurde.

Lesch:

Natürlich auch deshalb, weil es da gemessen worden ist. Diese griechischen Naturphilosophen hatten die richtigen Gedanken ohne diesen experimentellen Spiegel. Es ist unglaublich, aber es scheint immer wieder durch: Mensch, die haben die richtige Richtung.

Wie hängt das zusammen, dass 2000 Jahre später durch die technologische Entwicklung auf einmal diese Sätze fast gleichlautend wieder in der Literatur erscheinen? Geholfen hat sicher, dass man meinte, man könne das Denken messen. Ich muss aber klarstellen: Das, was man da misst, sind Bewusstseinszustände. Das ist nicht das Bewusstsein.

Vossenkuhl:

Das ist völlig richtig. Das ist ganz wesentlich, und das war natürlich auch dann die Kritik von Aristoteles und von vielen anderen an Demokrit. Er hat zu gewissen Phänomenen mit der Atomtheorie gar keinen Zugang. Oder wie hätte er wohl „das Schöne“ erklärt? Was ist schön?

Lesch:

Ja, was jetzt?

Vossenkuhl:

Oder „das Gute“. Was ist gut? Woher haben wir das? Was verbinden wir damit? In der Moderne hat man sich dann damit beholfen, es als Illusion einfach weg zu diskutieren. Die Antike hat sich das aber nicht gefallen lassen.

Lesch:

Daran hat sie auch recht getan. Denn das Schöne und das Gute, das sollte man sich doch nicht weglabern lassen. Auf keinen Fall. Und schon gar nicht weg argumentieren.

Vossenkuhl:

Offensichtich haben wir mit Demokrit einen Freund von Dir gefunden.

Lesch:

Unbedingt. Ein lachender Philosoph. Das muss ein Freund sein.

Vossenkuhl:

Also diese Wohlgemutheit, gelassen, cool, zurückgelehnt und wissenschaftlich auch ganz schön ausgeschlafen.

Vielleicht sollten wir noch einen kurzen Gedanken an seine Moral verschwenden. Er war schon der Meinung, dass die Moral eine Ordnung hat. Er war auch der Meinung, dass diese Verwirbelung der Atome eine Ordnung aufweist. Aber woher diese Ordnung in der Moral kommt …

Lesch:

Das konnte er auch nicht sagen.

Aber das kann man ihm nicht vorwerfen. Für einen Atomisten stellen sich gewisse Fragen nicht mehr. Da gibt es einen Anfang, über den man nichts sagen kann, weil man von vorneherein davon ausgeht, der sei schon da gewesen. Insofern ist man hier wieder an einem Punkt angelangt, an dem noch etwas dazukommen muss. In diesem Sinne hat der Demokrit wichtige Schritte in die richtige Richtung gemacht. Ich ziehe meinen Hut.

Vossenkuhl:

Es ist paradox: Gerade weil er so wichtige Schritte gemacht hat, ist er über Jahrhunderte mehr oder weniger ignoriert worden. Platon schweigt.

Aristoteles hat ihn zwar oft erwähnt, weil er viel von ihm übernommen hat. Ansonsten wurde Demokrit einfach ignoriert. Das kann wohl auch einem großen Denker passieren.

Unser Freund hätte diesen Sündenfall der Philosophiegeschichte mit Gelassenheit weggesteckt. Wohlgemut hätte er weiter seiner Lust gefrönt und getan, was zu tun war.

Anaxagoras (500 – 428 v. Chr.) & Diogenes (499 – 428 v. Chr.)


Anaxagoras


Diogenes

Vossenkuhl:

Von Anaxagoras sagt man, er habe das geistige Schauen und die aus ihm entspringende Freiheit als das Lebensziel bezeichnet. Anaxagoras, ein Mann aus Kleinasien, ähnlich wie die Leute aus Milet. Er stammte aus Klazomenä. Später, wahrscheinlich 462, zog er nach Athen und wurde der erste Philosoph dieser Stadt.

Lesch:

Er brachte die Philosophie nach Athen und er war, unter anderem, der Lehrer von Perikles, einer der wichtigsten Athener Politiker und des Dichters Euripides.

Platon schreibt über Anaxagoras: „Perikles machte, wie es scheint, die Bekanntschaft des Anaxagoras, der ein Mann der Wissenschaft war, und indem er sich mit der Theorie der Dinge über der Erde sättigte und zur Kenntnis des wahren Wesens des Verstandes und der Torheit gelangt war, schöpfte er aus dieser Quelle alles, was geeignet war, ihn in der Kunst der Rede zu fördern.“

Der Mann scheint den Durchblick gehabt zu haben.

Vossenkuhl:

Wir müssen uns mal kurz überlegen, in welche Epoche er eigentlich gehört. Wir haben schon etwas über Leukipp und Demokrit gehört. Die waren nun beide jünger als Anaxagoras.

Lesch:

Das heißt, die waren uns näher.

Vossenkuhl:

Die lebten schon oder starben im 3. Jahrhundert, während Anaxagoras schon oder noch im 4. Jahrhundert starb. Geboren wurde er so um 500, und war deutlich älter, sagen wir mal so an die 50 Jahre.

Diese Verschiebung ist deswegen wichtig, weil der Fortschritt, den wir bei Demokrit gesehen haben, hier noch nicht erreicht bzw. wieder zurückgenommen wird. Das ist natürlich etwas unfair, weil wir die Zeit künstlich zurückgedreht haben. Bevor der Fortschritt durch Demokrit Fuß fassen konnte, wurde er lang genug davor fast unmöglich gemacht. Denn mit Anaxagoras kommt ein völlig neues Prinzip in die Diskussion: Der Geist, „Nous“.

Man sagt etwas salopp, dass Anaxagoras der erste Dualist gewesen sei. Neben dem Geist stand als Zweites die Materie.

Lesch:

Also, diese Zwei, das Gegensätzliche.

Vossenkuhl:

Ja, Geist und Materie. Wir werden gleich noch sehen, wie die miteinander harmonieren können. Kein Gegensatz, eine Einheit, aber doch verschieden.

Du hast auf Euripides hingewiesen, einen der größten griechischen Dichter. Es ist interessant, dass ein Philosoph einen Dichter unterrichtet hat. Das, was der Euripides machte, hätte Demokrit mit seiner Theorie nicht erklären können. Aber der Anaxagoras konnte das. Denn das Geistige in der Kunst, das Wesentliche, das Unsichtbare, das die Worte zu schönen, gut gesetzten, wohlklingenden und richtigen macht, das kann man nur mit dem Nous erklären.

Lesch:

Das zutiefst Menschliche. Das, was uns Menschen ausmacht.

Was würde man denn einem Außerirdischen sagen, der fragt: Was habt ihr Menschen denn ins Universum eingebracht? Wir würden mit ihm nicht über die Naturgesetze reden. Bei denen sind wir ja der Meinung, dass sie überall im Universum die gleichen sind. Nein - wir würden ihm unsere Gedichte vorlesen, unsere Musik vorspielen, ihm unsere Bilder zeigen. Über Physik würde ich mit dem Außerirdischen nicht sprechen. Obwohl es bei mir so nahe liegt.

Vossenkuhl:

Welche Bilder würdest Du ihm denn zeigen?

Lesch:

Eigentlich Chagall. Ich würde jemandem von da draußen gerne ein Bild von Chagall zeigen. Und natürlich Feininger vom Feinsten.

Aber zurück zu Anaxagoras. Ich weiß von Anaxagoras aus meiner Schulzeit eigentlich nur, dass das einer der Philosophen gewesen ist, die sich nie um irgendwas anderes gekümmert haben als um Philosophie. Obwohl er Perikles ausgebildet hat, war er sozusagen der erste hauptamtliche Philosoph. Der hat nur das gemacht und sonst Feierabend.

Vossenkuhl:

Das stimmt. Ich habe mich oft gefragt, wovon der eigentlich lebte. Für Philosophen war Athen wohl kein so freundliches Pflaster. Wir werden das noch bei Sokrates sehen. Der Anaxagoras hat schon Probleme gekriegt, weil er sagte, dass die Sonne ein feuerglühender Metallklumpen sei. Damit hat er der Sonne die göttliche Bedeutung abgesprochen.

Daraufhin wurde er angeklagt. Anders als Sokrates, der den Schierlingsbecher getrunken hat, konnte Anaxagoras – unter dem Schutz von Perikles - einfach gehen, und zwar nach Lampsakos, dem heutigen Lapseki; das ist an den Dardanellen, also zwischen dem Marmara Meer und der Ägäis, gegenüber von Gallipoli. Wovon er dort gelebt hat, ist leider nicht überliefert.

Ich frage mich immer wieder, wie die Leute damals so rumgereist sind. Wie die ihr täglich Brot verdient haben. Da gab es ja keine Banken und keinen Automaten, in dem man seine Scheckkarte reinstecken konnte.

Lesch:

Ein etwas böses Bild von griechischen Philosophen ist ja, dass da einer, der nichts arbeiten muss, einhergeht mit einer Horde von Jünglingen, die auch die Söhne von irgendwelchen reichen Vätern und Müttern sind, die das Geld beigebracht haben.

Philosophie - so ein gängiges Klischee - entsteht erst dann, wenn die Leute Zeit haben, sich über Dinge Gedanken zu machen, die nicht unmittelbar zu ihrer Existenz beitragen.

Insofern könnte man sich vorstellen, dass Anaxagoras, wie viele andere Philosophen auch, als Hauslehrer vor Ort gearbeitet hat und sich so über Wasser hielt. Ich meine, das geht so durch bis Hölderlin. Der hat auch als Hauslehrer arbeiten müssen.

Vossenkuhl:

Anaxagoras muss noch eine Familie gehabt haben. Es ist überliefert, dass einer seiner Söhne starb. Das ist deswegen überliefert, weil er einen für sein Denken symptomatischen Satz geschrieben hat. Jemand hat ihm erzählt, dass sein Sohn gestorben sei. Darauf sagte er: „Ich weiß, dass ich einen Sterblichen gezeugt habe.“ Das ist ein cooler Satz, nicht wahr?

Oder noch ein anderer abgeklärter Satz von ihm. Als er gefragt wurde: Ist es für Dich nicht schrecklich, in fremder Erde begraben zu werden? Darauf sagte er: „Von überall ist der Hinabweg in die Unterwelt gleich weit.“ Das halte ich für eine gute Sicht der Dinge.

Lesch:

Da hat einer offenbar über viele Sachen nachgedacht. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass die Nachricht, dass der Sohn tot ist, sich nur in einem solchen Satz erschöpft hat. Da wird sicherlich noch mehr gewesen sein.

Vossenkuhl:

Immerhin hatte er Familie.

Und mit der Familie ist er wohl aus Athen weggegangen. Über die weiteren Lebensumstände an den Dardanellen weiß man nichts.

Lesch:

Mein Eindruck aus der Literatur ist, dass Anaxagoras als echter Theoretiker, als theoretischer Philosoph gearbeitet hat. Für ihn war Wissenschaft jetzt nicht - wie bei Pythagoras oder Empedokles - immer auch Philosophie oder gar etwas Heilsbringerisches. Philosophie wird hier zur wertfreien Wissenschaft. Wir versuchen einmal sein Weltbild zusammen nachzubauen.

Anaxagoras hat eine Forderung an die Theorie gestellt, also an die Gottesschau oder an die Schau der Phänomene: Natürlich sei es wichtig, Erfahrungen zu sammeln. Also auch mit den Sinnen. Aber das ist nur sekundär. Entscheidend ist, dass man aus den Phänomenen eine Theorie ableitet, die mehr erklärt als nur die Phänomene, die man schon gekannt hat.

Das ist tendenziell ein Schritt in Richtung Neuland. Da wird zum ersten Mal zu dem, was schon da ist, etwas hinausgedacht. Da macht einer das Scheunentor auf für einen Blick in die Zukunft.

Vossenkuhl:

Das bringt uns auch gleich zum Kern dieser neuen Theorie.

Alles, was mit dem Geist zusammenhängt, ist eine neue Theorie. Deren Erklärungskraft machte er an ganz simplen Beispielen fest. Er sagte zum Beispiel: Betrachte einmal ein Haar. Das, was das Haar zum Haar macht, kann nicht ein Nicht-Haar sein.

Lesch:

Stimmt klar und deutlich. Keine Haarspalterei.

Vossenkuhl:

Oder was das Fleisch zum Fleisch macht, kann nicht ein Nicht-Fleisch sein.

Lesch:

Es muss ein Teil davon sein. Leuchtet ein.

Vossenkuhl:

Also, das was das Tier gefressen oder der Mensch gegessen hat, muss stofflich da schon drin sein, was zum Fleisch geworden ist. Solche Stoffe nannte er spermata, Baustoffe. Sperma heißt – wie fast jeder weiß – Same oder Keim.

Die Baustoffe des Fleisches sind im Futter oder in den Nahrungsmitteln schon drin. Die bilden dann das Fleisch. Das ist nun ganz anders als bei Demokrit. Kein Atomismus, um die Dinge zu erklären. Anaxagoras postulierte: In allem, was entsteht, steckt ursprünglich das Keimhafte drin. Und der Geist, der „Nous“, der dirigiert das Ganze zu seinem richtigen Ort. Das ist dann das Ordnungsprinzip im Stofflichen.

Lesch:

Das ist ein theoretisches Postulat. Auf Kosten der Atome, die er kannte. Erklärt er, was Nous ist oder wird das nur in einem Axiom angenommen?

Vossenkuhl:

Der Geist ist eine Kraft, eine Ordnungskraft, eine Gesetzeskraft. Die ganze Weltordnung wird durch diese Kraft hergestellt. Geist ist nicht nur das Denken, sondern es ist eine Kraft, die in der Natur herrscht. Natürlich ist die Annahme, wie Du vermutest, axiomatisch, wird also von nirgendwo her abgeleitet.

Lesch:

Ende des 19. Jahrhunderts gab es auch den Versuch, biologische Vorgänge durch einen „élan vital“ zu erklären, Bergson mit seiner Vitalismusgeschichte.

Da gibt es eine Kraft, die nicht zu den berühmten Vier der physikalischen Kräfte zählt. Da kommt etwas dazu, was aus toter eine lebendige Materie macht. Würde man das so in diese Richtung interpretieren können?

Vossenkuhl:

Ja, das ist genau die Richtung.

Lesch:

Das ist dann schon ein Nicht-Materialismus. Der Geist ist also nicht materialistisch.

Vossenkuhl:

Anaxagoras war - das haben wir vorhin schon gesagt - Dualist. Das heißt, er hat Geist und Materie als zwei, na ja „Stoffe“ kann man schon sagen, angenommen oder zwei Aspekte der Stoffe. Er hat diese aber nicht völlig getrennt.

Nicht so wie später dann Descartes. Bei dem hatte das eine mit dem anderen gar nichts zu tun. Es waren zwei unabhängige Substanzen.

Unser Grieche sah das anders. Er hat nur den Geist mit dem Stofflichen so verbunden, dass das Stoffliche nach dem Geistigen kommt. Die Seele, sagt er, ist früher als der Körper. Das Geistige ist vor dem Körperlichen.

Dann sah er sich natürlich mit der Frage konfrontiert: Ja, aber woher weißt du das? Das sieht man doch gar nicht.

Da beginnt eine besondere Entwicklung, die später in den Gottesbeweisen eine wichtige Rolle gespielt hat. Anaxagoras erkennt: Man sieht natürlich das Geistige nicht, auch nicht die Seele. Aber man erkennt ihre Wirkungen.

Dafür hatte er auch wieder ein Prinzip. Er sagte: Etwas, was ist, entsteht nicht nur aus anderem, was ist, sondern auch aus Nichtseiendem. Ein Gedanke, zum Beispiel, der ja selbst nicht sichtbar ist, hat trotzdem eine Wirkung. Du hast – in Gedanken - das Ziel, irgendwohin zu gehen, also gehst du dahin. Man sieht zwar den Gedanken oder jenes Ziel nicht, aber man sieht, dass der Mensch dahin geht.

Lesch:

Donnerwetter!

Vossenkuhl:

Ein brandneues Prinzip, das dann später vom griechischen Wort, Telos abgeleitet, als „Teleologie“, also die „Erklärung vom Ziel her“ bezeichnet wurde. Das ist eben nur mit dem Nous möglich.

Es wäre interessant gewesen zu erfahren, was er gedacht oder geschrieben hätte, wenn er Demokrit schon gekannt hätte.

Für Dich ist das ein Rückschritt. Gut, es war ja auch schon früher.

Lesch:

Es hätte ihn sicher inspiriert, wenn er die Atomisten schon gekannt hätte.

Vossenkuhl:

Hat er aber nicht. Empedokles kannte er wohl auch nicht. Aber immerhin … Teleologie, das ist das Neue. Und die Idee ist: Nicht alles, was man nicht sieht, ist wirkungslos. Das, was noch nicht sichtbar ist, kann eine Wirkung haben.

Das ist ein hoch interessanter, neuer Gedanke, dass das Nochnichtseiende eine Wirkung haben kann.

Bei Demokrit gibt es übrigens später ähnliche Gedanken, aber die hatten eine ganz andere theoretische Ausformulierung. Da ist es nicht so, dass man sagen kann: Gedanken, also Dinge, die man nicht sieht, oder seelische Bewegungen, die man nicht äußerlich erkennen kann, haben doch eine Wirkung.

Lesch:

Es ist ganz sicher so, dass sie eine Wirkung haben. Aber haben sie diese Wirkung, weil sie von jemandem gedacht worden sind, oder haben sie die Wirkung, weil jemand über diese Gedanken gesprochen hat?

Es nutzt ja nichts, wenn jemand einen Zweck denkt und diesem Zweck nicht nachgeht und den anderen nicht mitteilt, was er sich unter diesem Zweck jetzt nun vorstellt oder wie er den erreichen will.

Diese Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, die kommen doch erst dann ins Spiel, wenn durch die Kommunikation mit der Außenwelt tatsächlich eine Informationsübertragung passiert ist. Dass dann eine Wirkung auftritt, ist ja quasi geschenkt.

In dem Moment, in dem Du mir sagst: Junge, Du bist aber … ich weiß nicht, was auch immer … dann passiert da natürlich etwas. In dem Moment in dem das Wort ausgesprochen ist, sind natürlich auch die Wirkungen da.

Es zeigt sich heute noch, dass es zwei verschiedene Arten von Denkrichtungen über die Welt gibt.

Die Einen machen Experimente und stellen im Grunde genommen nur fest, was da ist. Die Anderen versuchen darüber hinaus zu erklären, wie das alles miteinander zusammenhängt. Sie müssen immer wieder, ob sie wollen oder nicht, auf irgendeine Art von … meine Güte, heute spricht man dann vom schöpferischen Prinzip und dass der Kosmos evolviert, also sich entwickelt.

Immer dann, wenn wir versuchen, in das Kreuzworträtsel der Wirklichkeit ganze Wörter hinzuschreiben – obwohl wir wissen, dass wir nur einzelne Buchstaben haben – müssen wir extrapolieren. Zu dem, was sich da zeigt, müssen wir irgendwie sagen: OK, dann gehören eben diese drei Stücke dazwischen. Anders geht es nicht. Wir kommen nicht ohne Füllhypothesen aus. Von Wissenschaftlichkeit kann beileibe nicht die Rede sein, wenn heute davon gesprochen wird, dass der Kosmos evolviere.

Das Einzige, was wir im Grunde sagen können ist: Da hat eine Entwicklung stattgefunden. Ich würde den Anaxagoras heute fragen: Hör mal, das mit dem Geist klingt ja prima. Aber wo war der Geist, als es noch nichts gab?

Vossenkuhl:

Du meinst also, bei diesem Kreuzworträtsel kann man leicht die falschen Wörter einsetzen?

Lesch:

Ja, die passen zwar rein, aber unter Umständen sind es halt die falschen.

Vossenkuhl:

Da gibt es eine Geschichte von Emil, dem Schweizer Kabarettisten.

Der machte ein Kreuzworträtsel, in dem nach einem Wort für „Grautier“ mit vier Buchstaben gefragt wurde. Er hatte schon drei Buchstaben; es fehlte ihm ein Buchstabe zwischen denen, die er schon hatte. Natürlich war nicht klar ob er schon die richtigen hatte. So wurde das Grautier bei Emil leider zu einem „Egel“.

So etwas kann natürlich vorkommen, wenn man nicht weiß, wonach man sucht und schon etwas hat, was gar nicht passt.

Aber wenn du die Teleologie, die zielorientierte Erklärung oder die zielorientierte Bewegung zusammen mit dem Spermata-Gedanken nimmst, mit diesem Baustoff- oder Keim-Gedanken, dann passt das doch gut zusammen.

Lesch:

Ja klar. Das ist eine sehr biologische Weltsicht. Wenn sich die Teleologie irgendwo durchgesetzt hat, dann doch sicherlich in der Biologie. Hier wird jeder Organismus im Grunde genommen von seinem Zweck her gedacht. Das ist in der Physik nicht der Fall.

Da haben wir - wie wir noch sehen werden - den Aristoteles mit seiner „causa finalis“, mit der Begründung vom Ziel her. Was ist der Zweck von allem? Das haben wir in den Naturwissenschaften völlig rausgenommen. Bei den anderen sind wir hinreichend zufrieden, da ist alles ganz ordentlich.

Anaxagoras ging es aber offenbar um mehr. Er wollte darüber hinaus schauen und mehr erklären als das, was man sieht. Für ihn musste eben noch ein Prinzip dahinter stehen. Was ich allerdings an der Stelle etwas unbefriedigend finde ist, dass man eben nichts darüber weiß, woher dieses Prinzip kommt. Es ist offenbar kein Gott.

Vossenkuhl:

Noch nicht. Den Gott gibt es dann bei seinem Schüler Diogenes von Apollonia. Da wird der Geist dann zum Gott.

Lesch:

Ach!

Vossenkuhl:

Ja. Das ist das Interessante. Den haben wir ja auch noch zu besprechen. Dieser Diogenes - nicht zu verwechseln mit dem noch jüngeren, damals noch nicht lebenden Sokratiker Diogenes im Fass. Unser jetziger Diogenes stammte aus Apollonia Pontiké am Schwarzen Meer, einem Ort im heutigen Bulgarien. Sein Lehrer Anaxagoras hat ihn nach Athen gebracht.

Dieser Diogenes hat nun den Geist zu einem Gott gemacht. Er hat jenes unwandelbare Prinzip vergöttlicht. Eigentlich eine ganz monotheistische Vorstellung. Sie hatte mit den antiken Göttern Griechenlands direkt gar nichts zu tun.

Lesch:

Ist aber verständlich. Wenn man über das Größte nachdenkt, was sein kann, wenn man über etwas nachdenkt, was hinter den Dingen steckt, was auch noch ein Ziel verfolgt, dann hat man doch eigentlich schon sämtliche Eigenschaften einer Gottheit zusammen. Da fehlt fast nichts mehr.

Vossenkuhl:

Du brauchst eben nur die Allheits-Bedingungen allwissend, allmächtig, allgegenwärtig, dann hast Du schon alles für einen Gott zusammen. Der Keim dafür war schon angelegt. Wenn der Geist das Prinzip der Bewegung, der Ordnung ist, dann steckt das Göttliche da schon drin. Bei Anaxagoras war das aber so, dass der Geist, wenn er bei ihm als Gott zu interpretieren wäre - was nicht klar ist - nicht der Weltschöpfer, sondern nur der Dirigent oder Baumeister der Welt sein könnte.

Lesch:

Dirigent hört sich gut an. Es gab also noch einen Komponisten.

Vossenkuhl:

Den Stoff hat der Gott nicht gemacht. Ich glaube, dass bei Diogenes der Stoff nicht von Gott stammt. Also Gott ist nicht der Schöpfer, sondern eben nur der Baumeister.

Lesch:

Da gibt’s also noch mehr.

Der Stoff ist da. Es wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass die Welt schon ewig da war. Solche Philosophen wie die beiden sind im Grunde genommen in einem Weltbild mit einem echten Anfang gar nicht mehr denkbar. Da ist überhaupt nichts zu holen. Wir haben es hier mit Theoretikern zu tun, für die die Welt schon immer da war.

Wie ist es mit Entwicklungsprozessen? Ich meine mich zu erinnern: Anaxagoras zumindest hat die Unendlichkeit durchaus als eine Denknotwendigkeit festgestellt. Unendlichkeit ist nichts Paradoxes. Das muss so sein und ist anerkannt. Praktisch ist es ein Teil unseres Denkapparates. Hat er aber Entwicklungen zugelassen? Oder war alles schon da?

Vossenkuhl:

Das Unendliche bei Anaxagoras ist nicht so unendlich wie bei Empedokles. Die Entwicklung ist bei Anaxagoras ein ständiges Werden und Vergehen, eine Entwicklung vom Keim zum Ganzen und wieder von einem neuen Keim zu einem neuen Ganzen. Es ist also eine Art von Kreislauf-Entwicklung. Die konnte man immer schon beobachten: Der Keim in der Ähre einer Pflanze bildet eine neue Pflanze, die hat wieder eine Ähre, aus der erneut eine Pflanze entsteht usw. Das ist das Modell. Das Ganze läuft teleologisch. Der Zweck der Pflanze ist es, neuen Samen zu bilden und natürlich die Menschen zu ernähren.

Lesch:

Diesen Philosophien kann man eigentlich keinen Vorwurf machen. Im Grunde genommen ist das die einzige Möglichkeit, die Welt so wie sie zu denken, wenn man nicht die technischen Mittel hat, um die Natur unter kontrollierten Bedingungen genauer zu befragen. Wenn du darauf angewiesen bist, nur mit natürlichen Erscheinungen zu arbeiten und nichts anderes machen kannst als schauen, einfach nur das aufnehmen, was da ist, dann ist doch eine Weltsicht, wie sie der Anaxagoras entwickelt hat, wahrscheinlich das Einzige, was sich anbietet.

Vossenkuhl:

Das hat auch theoretisch eine große Plausibilität. Wir haben ja schon öfters festgestellt, dass bestimmte Erklärungen, z.B. Erklärungen mit Hilfe des Gesetzes der Erhaltung der Substanz, eine Jahrhunderte lange Wirkungsgeschichte hatten. Dasselbe gilt für das Gesetz, dass Ähnliches nur aus Ähnlichem entstehen und Ähnliches nur von Ähnlichem erkannt werden kann.

Bei Anaxagoras haben wir ebenfalls ein interessantes Grundmodell, das sich über Jahrhunderte gehalten hat: Der Geist ist das Schaffende, das Aktive und die Materie das Passive.

Das führt uns bis zu Kants Unterscheidung zwischen Sinnlichkeit und Verstand. Die Sinnlichkeit ist dabei das Passive, das, was uns über die Sinne zufließt, während der Verstand, der Geist, das Aktive ist, das aus uns selbst kommt. Das sind Beispiele für Grundanschauungen, die sich Jahrhunderte lang gehalten haben und plausibel erschienen.

Lesch:

Zumal die Natur auch schon da ist. Wenn wir heute über einen Entwicklungsgedanken reden - ob es nun der Kosmos oder die Entwicklung des Lebens auf der Erde ist - dann reden wir doch im Grunde genommen wie der Affe von der Seife.

Wir haben nicht mitgekriegt, wie der Kosmos oder das Leben entstanden sind. Aber wir versuchen, uns das mit Puzzle-Steinchen zusammenzubauen. Dadurch, dass es gelungen ist, Experimente über Zustände zu machen, die weit weg von allem Menschlichen sind, haben wir gewisse Informationen, die man aber nur dann kriegt, wenn man die Natur, wie Werner Heisenberg einmal gesagt hat, „erpresst“. Wenn man so harte Fragen an sie stellt, dass sie nur eine bestimmte Art von Antworten geben kann.

Bei Naturbeobachtungen ist das ja etwas völlig anderes. Vor allen Dingen dann, wenn du praktisch nur das beobachtest, was zu dir passt. Was passt zu uns Menschen? Die Dinge, die im Meta-Bereich sind, die sich nicht zu schnell abspielen.

Ich glaube, die Griechen würden sich kaputt lachen, wenn sie mitkriegen würden, dass wir inzwischen in der Lage sind, eine Sekunde auf 15 Stellen hinter dem Komma genau zu messen. Die hatten keine Uhren damals. Sie haben rhythmisch gelebt. Die Sonne ist untergegangen, es wurde dunkel. Da hatte man noch die Fackeln. Im Wesentlichen hat man sich an die Jahreszeiten gehalten.

Diese Einteilung in Takt, in Maschinen, alles das, was eine normierte Uhr ausmacht, das kannten die ja nicht. Insofern ist eine organische Weltsicht eigentlich das Normalste für Menschen, für die die Natur vorgegeben ist. Die sehen zwar gewisse Entwicklungsprozesse, erkennen aber nicht, was dahinter steckt. Abgesehen davon, dass sie sagen: Das ist ein Wunder!

Vossenkuhl:

Darauf trinken wir jetzt mal ein kleines Schlückchen: Aufs Organische und die „veritas“.

Lesch:

Zum Wohlsein. Ein guter Roter erweckt sofort das Weinhafte in mir.

Vossenkuhl:

Auch unseren gewogenen Lesern sei eine kleine Denk- und Trinkpause empfohlen. Salute!

Lesch:

Jetzt noch einmal zu Diogenes von Apollonia. Da muss ich wirklich aufpassen. Ich hätte beinahe gedacht, dass das tatsächlich der Mann in der Tonne ist, der dann später zu Alexander dem Großen sagt: „Geh mir aus der Sonne.“

Unser Diogenes von Apollonia hat aus dem Geist eine Gottheit gemacht. Das muss dann ja jemand gewesen sein, der später von den Kirchenvätern hoch geschätzt worden ist, oder?

Vossenkuhl:

So war es auch. Es gibt augenfällige Parallelen zwischen dem, was der Diogenes schrieb oder das, was von ihm berichtet wurde und dem, was zum Beispiel im „Römerbrief“ über Gott steht. Das ist verblüffend. Man darf das aber nicht nur im Hinblick auf das Christentum erstaunlich finden. Ähnliche Stellen gibt es schon im „Alten Testament“. Es hat da wohl nicht eine Art Einbahn-Entwicklung gegeben.

Genau lässt sich nicht festmachen, wie diese göttlichen, diese theologischen Gedanken dann zu den Christen kamen, ob die wirklich aus dieser Quelle stammten. Aber immerhin kann festgehalten werden, dass dieser Diogenes über das göttliche Prinzip Dinge sagte, die sich im Christentum später wiederfinden.

Lesch:

Eine klare Hinwendung zum Monotheismus. Diogenes hat tatsächlich seine ganze griechische Götterfamilie, die so gut im Tagesgeschäft war, komplett weggelassen?

Vossenkuhl:

Ja. Er hat sich in Athen ebenso unbeliebt gemacht wie Anaxagoras und ist wohl auch mit ihm aus Athen abgehauen. Diogenes stand wegen Gotteslästerung auf der schwarzen Liste. Er hat sich seine Freiheit, die wie für seinen Lehrer Anaxagoras mit dem Geist verbunden war, erhalten wollen.

Lesch:

Die Freiheit des wissenschaftlichen Tuns. Sich der Wissenschaft zuzuwenden und daraus Freiheit zu gewinnen, das ist schon eine ganz tolle Angelegenheit. Dass sich aus dem, was theoretisch oder experimentell über die Welt erfahrbar ist, ein freierer Blick und möglicherweise eine Erkenntnis über Alternativen gewinnen lässt. Das finde ich schon sehr beeindruckend.

Vossenkuhl:

Die Freiheit bezog sich natürlich nicht nur auf das, was man denkt. Diese Freiheit bezog sich auch auf die Unabhängigkeit vom Stofflichen, vom Materiellen. Also die Möglichkeit, über die Zwänge des Körpers und der Gesellschaft hinaus zu denken und Abstand zu gewinnen von den Nöten des Alltags.

Diese Freiheit war wesentlich größer und wichtiger als die, um von Athen aus zu den Dardanellen oder auf irgendeine Insel zu flüchten. Der Geist als Ort, an dem man nicht mehr verfolgt wurde, diese geistige Freiheit war wohl das eigentliche Ziel unseres griechischen Denkers.

Die Sophisten

Lesch:

Es geht jetzt um Leute, die vor 2.400 Jahren in Griechenland ihr Wesen, oder Unwesen – da scheiden sich die Geister – getrieben haben. Zumindest waren sie bekannt wie bunte Hunde. In die heutige Zeit übersetzt wäre es ungefähr so vergleichbar: Sie schalten das Radio an, erfahren, ein Philosoph ist in die Stadt gekommen und Sie rennen sofort auf die Straße, auf der bereits Hunderte andere Menschen eiligst unterwegs sind. Alle rufen: Der große Philosoph ist gekommen! Ein Superstar, ein Meister des Wortes. Einer der berühmten Sophisten!

Willi, was sind oder waren die Sophisten?

Vossenkuhl:

Die Sophisten waren kluge Leute. Eine der Bedeutungen von „sophistes“ ist: Jemand, der weise, aber auch kunstverständig ist. Ein Künstler eben. Dann gibt es allerdings auch noch die Bedeutungen Scheinphilosoph und Betrüger. Mixt man das alles wie einen Cocktail zusammen, dann ahnen wir schon etwas von dem Ruf, den die Sophisten in ihrer Zeit, in Athen vor allem, hatten. Es war kein besonders Guter. Wir wollen hier und jetzt etwas zu ihrer Ehrenrettung tun.

Lesch:

Das haben die auch dringend nötig. Es klingt geradezu wie ein Schimpfwort: Du bist ja ein richtiger Sophist! Gemeint ist: Spiegelfechter, Wortverdreher. Diese Leute können das Opfer vor Gericht genauso vertreten wie den Täter.

Aber sind die Sophisten nicht eigentlich Sprachphilosophen? Sie beschäftigen sich doch als allererstes mit der Sprache.

Vossenkuhl:

Und wie. Die waren geradezu Sprachkünstler. Die Sprachphilosophen gehen theoretisch mit der Sprache um und fragen z.B.: Wie kann eine Sprache Trägerin von Bedeutungen sein, enthält sie selbst die Bedeutungen oder bildet sie Bedeutungen nur ab? Wie verstehen wir diese Bedeutungen? Was sind die Grundeinheiten, die Bedeutungen enthalten können? Sind es die Wörter oder die Sätze? Bedeuten Sätze, die in verschiedenen Sprachen denselben Sachverhalt ausdrücken, auch wirklich dasselbe oder nicht? So fragen die Sprachphilosophen. Die Sophisten dagegen interessierte vor allem, was man mit der Sprache machen kann.

Protagoras (490-411 v. Chr.) oder Gorgias (ca.480-380 v. Chr.), über die beiden reden wir vor allem. Sie glaubten, dass Sprache ein Mittel zum Zweck, so ähnlich wie Gift, sein kann. Manchmal kann man Gifte benutzen, um jemanden zu heilen, dann aber auch, um jemanden zu schädigen.

Lesch:

Vor allem dann, wenn die Dosis erhöht wird. Dann kann die Sprache wie ein zerstörerisches Gift wirken. Wenn das Wort zur Waffe wird, dann ist die Rhetorik sozusagen der Gebrauch dieser Waffe. Die Dialektik ist die Benutzung der Waffe in Form eines Sports. Die Politik ist dann die Wirkung dieser Waffe. Und die Grammatik…

Vossenkuhl:

… das Instrument.

Lesch:

Das Instrument, genau. Die Sophisten waren echte Wortpragmatiker. Die haben ihren Opfern die Worte einfach im Munde herumgedreht.

Vossenkuhl:

Das geschah aber nicht immer in böser Absicht. Nehmen wir den bereits eben schon erwähnten Protagoras. Der stammte aus dem gleichen Kaff wie Demokrit, aus Abdera in Thrakien.

Er war der Meinung, dass man jede Sache oder jeden Sachverhalt einmal so, aber auch andersherum, also als Gegenteil darstellen kann, also einmal als wahr und dann als unwahr.

Lesch:

Also, jede Medaille hat zwei Seiten. Könnte man das so verstehen?

Vossenkuhl:

Das trifft des Pudels Kern. Für Protagoras lässt sich jede Sache auf zweierlei Wahrheiten zurück führen, die sich widersprechen. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass das eine Betrügerei sein könnte. Er war vielmehr der Meinung, dass es immer auf die Perspektive ankommt.

Da gibt es diesen Satz des Protagoras: „Aller Dinge Maß ist der Mensch“. Es ist nicht vom Menschen im Allgemeinen die Rede, sondern von Dir und mir. Jeder Mensch ist ein Maß. Und dann heißt es weiter: „Wie alles einzelne mir erscheint, so ist es für mich, wie Dir, so ist es wieder für Dich.“

Das heißt: Wie die Dinge wirklich sind, unabhängig, wie jeder sie für sich sieht, davon wissen wir gar nichts. Wir wissen nur, wie sie uns erscheinen. Deren Erklärung ist dann die Sache des Sophisten. Er vermittelt uns die Dinge, weiß aber auch nicht, wie sie in Wahrheit sind. Sie könnten ganz anders sein, als sie uns erscheinen.

Lesch:

Bevor sich uns die Sinne vollends verwirren, ein kleiner historischer Exkurs. Wir haben ja schon die berühmten Vorsokratiker abgearbeitet. Die Sophisten gehören teilweise ebenfalls zu den Vorsokratikern, obwohl einige von ihnen bereits auf Erden wandelten als Sokrates noch lebte. Er hat die wohl auch gekannt.

Ich werde einmal die These vertreten, dass ohne die Sophisten Sokrates gar nicht hätte so wirken können, wie er es dann getan hat. Wir sind in der Zeit 400 …

Vossenkuhl:

4. und 3. Jahrhundert vor Christus.

Lesch:

Wir sind also noch nicht wirklich im klassischen Athen angekommen, oder?

Vossenkuhl:

Doch, doch. Das ist schon klassisches Athen.

Die lebten eben gleichzeitig mit anderen Kollegen. Platon lebte da auch schon, wirkte, und schrieb. Gorgias war für ihn ein Zeitgenosse.

Lesch:

Der wurde über 100 Jahre alt. Kann man sich das in der damaligen Zeit vorstellen? Ohne Herzschrittmacher und Vitamin C aus der Dose? Vor immerhin 2.500 Jahren wurde ein Mann, der als der berühmteste Redner seiner Zeit galt, über 100 Jahre alt. Daran merkt man mal wieder, wie gesund es ist, sich mit Philosophie zu beschäftigen.

Vossenkuhl:

Der hat wahrscheinlich so einen ähnlichen Wein getrunken wie wir gerade.

Gorgias stammte nämlich aus Sizilien, aus Leontinoi, und der hat dort sicher – solange er überhaupt dort war – den guten sizilianischen Wein getrunken, nehme ich mal an.

Heute heißt der Wein z.B. „Nero d’Avola“. Allerdings ging Gorgias bald nach Griechenland. Wie der Wein dort war, ist schwer zu beurteilen.

Lesch:

In Vino veritas und ein langes Leben. Das ideale Philosophen-Getränk.

Mir ist aufgefallen: Es gab ja einige hundert Jahre griechische Philosophie. Da hat man sich mit Fragen beschäftigt wie: Was ist das Sein? Was steckt in den Dingen? Was ist deren Natur? Mit naturphilosophischen Konzepten versuchte man, dem nahe zu kommen. Gibt es Veränderungen oder eben keine? Fließt alles oder gibt es überhaupt nichts? Und dann kommen die Sophisten.

Die Sophisten scheinen mir geradezu eine Gegenbewegung zu sein. So etwas wie eine reinigende Aufklärung. Jetzt haben wir diesen ganzen ontologischen Kram über das Sein, die Existenz von dem, was hinter den Dingen steckt. Aber das hilft uns doch im alltäglichen Leben überhaupt nicht! Wir brauchen jetzt endlich einmal auf neuhochdeutsch eine „down to the earth“-Philosophie, also das Runterholen der Philosophie vom Himmel auf die real existierende Erde.

Damit hat die Philosophie aber auch gleichzeitig einen austauschbaren Inhalt bekommen. Denn wenn der Mensch das Maß aller Dinge ist und somit jeder Mensch das Maß aller Dinge, dann sind natürlich Deine und meine Vorstellungen von der Welt mindestens genauso wichtig und richtig wie die Vorstellung von jedem anderen.

Vossenkuhl:

Deshalb nannte man diese ganze Haltung relativistisch, skeptisch. Insofern waren diese Sophisten, da hast Du ganz Recht, Aufklärer. Man kann das sogar ganz konkret mit dem in Verbindung bringen, was bei uns in Europa im 18. Jahrhundert – also im Zeitalter der Aufklärung - im Hinblick auf die Gottesvorstellung passierte.

Die Sophisten, gerade Protagoras, waren die Ersten, die sagten: Über die Götter können wir nichts wissen. Was immer wir Menschen unter den Göttern verstehen, ist das Produkt der eigenen Fantasie und Vorstellung. Es gab sogar Sophisten, die meinten, dass der ganze Glaube an die Götter von einem klugen Menschen erfunden worden sei. Der wollte damit nur bewerkstelligen, dass die Menschen besser zu disziplinieren wären, wenn sie sich von den Göttern quasi ständig beobachtet fühlen. Das ist schon sehr aufklärerisch.

Protagoras sagte: „Über die Götter allerdings habe ich keine Möglichkeit zu wissen, weder dass sie sind, noch dass sie nicht sind, noch wie sie etwa an Gestalt sind; denn vieles gibt es, was das Wissen hindert: die Nichtwahrnehmbarkeit und dass das Leben des Menschen kurz ist.“ Ist das nicht auch aufklärerisch?

Lesch:

Also, die Herren … wieder sind es nur Männer! Bis zu einem gewissen Zeitpunkt reden wir eigentlich nur über Männer in der Philosophie.

Vossenkuhl:

Das stimmt. Obwohl einige Sophisten zumindest meinten, die Menschen sind alle gleich, Frauen und Männer. Das hat übrigens Platon dann interessant gefunden.

Lesch:

Also, diese Männer haben sich dann mit viel weniger zufrieden gegeben als diejenigen, die vorher versucht hatten, einen Gesamtzusammenhang zu entdecken. Die beschränkten sich auf das, womit man auch unmittelbar etwas anfangen konnte. Nicht zuletzt deshalb, weil die auf Honorar-Basis gearbeitet haben.

Den Ratschlag eines Thales oder eines Anaximander oder Anaximenes, den gab es höchstwahrscheinlich umsonst. Zumindest ist nichts davon bekannt, dass sie damit ihren Lebensunterhalt bestritten haben.

Die Sophisten waren dann die Vorläufer der Profis, also eigentlich der Lehrer. Derjenigen, die Geld dafür erwarteten, dass sie andere in einer Kunst wie zum Beispiel der Rhetorik oder der Philosophie unterrichteten.

Vossenkuhl:

Heute ist das schwer vorstellbar, weil es so was nicht mehr gibt. Es war eine Mischung aus Rechtsanwalt, Philosophie-Lehrer und Politiker. Junge Menschen wurden in der Kunst, ein Argument möglichst erfolgreich über die Rampe zu bringen unterrichtet. Da gehörten alle möglichen Dinge dazu. Wenn heute einer als Pianist Erfolg haben will, dann muss er nicht unbedingt Grimassen schneiden. Der Liszt hat das gemacht. Ich nehme an, die Sophisten hatten auch eine Menge Mimik und Gestik drauf.

Die Sophisten haben sich mit den aktuellen Tagesthemen beschäftigt. An den großen Fragen waren die nicht interessiert. Aber pfiffig wie sie waren, haben sie eine geschliffene Dialektik entwickelt, um nachzuweisen, dass es eigentlich gar nichts Wirkliches gibt.

Lesch:

Da steckt dieser Gorgias dahinter.

Vossenkuhl:

Genau dieser Methusalem Gorgias aus Sizilien. Der sagte also: Es gibt nichts. Nichts ist da. Sollte überhaupt etwas sein, dann können wir es nicht fassen. Sollten wir es aber trotzdem fassen können, dann können wir es nicht mitteilen. Und damit ist Ende der Fahnenstange.

Lesch:

Wie ist der 100 Jahre alt geworden? Der muss sich ja jeden Tag dem Trunke hingegeben haben, nach dem Motto: Ob ich was trinke oder nicht, spielt keine Rolle. Es kann ja sowieso nichts sein. Und wenn was ist … Am Ende konnte er wohl berauscht tatsächlich nichts mehr mitteilen, das stimmt.

Aber das ist Skepsis in Reinkultur. Da bleibt ja überhaupt nichts mehr zu tun übrig.

Vossenkuhl:

Man kann sich gut vorstellen, dass so eine geistige Haltung nicht von großer Dauer ist. Für diese Art von Aufklärung war das Ende absehbar. Das konnte nicht lange anhalten. Es brachte aber frischen Wind in die intellektuelle Kultur. Vor allem in Athen. Und das war wichtig in der damaligen, etwas erstarrten Zeit.

Lesch:

Was mir gut daran gefällt, weil ich auch ein Vertreter der These bin, dass die Wissenschaft und die Philosophie unter die Menschen müssen, ist, dass die ganze Bewegung der Sophistik etwas ganz Pragmatisches an sich hatte.

Diese Leute sind aus dem Umfeld heraus zu verstehen. Es gibt demokratische Bewegungen, die Polis kommt in Schwung. Es gibt mehr und mehr Gerichtsverhandlungen. Die Philosophie ist nicht mehr nur das Werk von Einzelnen, von Leuten, die etwas „neben der Spur gehen“, die sich mit irgendwas beschäftigen, was den Otto Normalverbraucher nicht besonders berührt.

Jetzt wird die Philosophie ganz schnell ganz praktisch. Die Sophisten gehen zur Sache. Wenn man sich überlegt, wie viele Politiker in einer Stadt wie Athen zugange waren. Ständig gab es Gerichtsverhandlungen. Die Archonten haben sich getroffen, um die Stadt zu regieren. Es gab Auseinandersetzungen auf der Wortebene. Ein idealer Nährboden.

Die Sophisten taten genau das, was die Gemeinschaft von Lehrern erwartete. Nämlich genau diejenigen auszubilden, die diese Stadt regieren sollten. Auf der einen Seite gab es die Ehrgeizlinge, die als einfache Bürger in der Demokratie nach oben wollten, auf der anderen Seite die Verlustängste der Aristokratie. Beide mussten quasi „gecoached“ werden. Die Sophisten brauchten nur die Hände aufzuhalten: Give me ten piaster, please.

Vossenkuhl:

Du hast das vorher sehr schön mit dem Beispiel geschildert: Ein Philosoph kommt an. Alle rennen zum Bahnhof.

Man erwartete von diesen Männern Wunderdinge allein durch die Rede. Man hat sich völlig dem, was die sagten, hingegeben und ließ sich bewegen. Das war wie in der Tragödie, wie im Theater.

Der Protagoras war der Meinung, die Kunst bestehe darin, etwas, was schwach erscheint, stark zu machen.

Denk doch mal, was heute los ist! Diese Art von Sophismus ist wieder enorm gefragt! Wir sollen in den Universitäten etwas, was schwach erscheint, stark machen. Der Chef der Deutschen Bank will etwas, was schwach erscheinen könnte, schon vorab, bevor es so erscheint, stark machen. Man will doch ständig etwas anders erscheinen lassen, als es möglicherweise ist. Das ist doch eine hochmoderne Haltung!

Dass diese Männer vor 2.500 Jahren es verstanden, durch ihre Redekunst die Menschen so zu beeindrucken, das deutet darauf hin, dass sie richtige Superstars gewesen sein mussten. Das gibt es heute nicht mehr.

Übrigens habe ich vorher vorschnell gesagt, dass die Wortkünstler keine Zukunft hatten. Die Sophistik, die Kunst der Rede, hat noch in römischer Zeit, einige Jahrhunderte später gut funktioniert. In Rom wäre sogar einmal ein Grieche fast gesteinigt worden, weil er an einem Nachmittag eine These vehement vertreten hatte und am anderen Tag die gegenteilige ebenso überzeugend. Diese Art von Humor verstanden die Römer nicht. Oder besser: Sie wussten diese hohe Kunst nicht zu schätzen.

Lesch:

Schade eigentlich.

Vossenkuhl:

Die Griechen hatten da mehr Humor. Sie waren da lockerer – oder vielleicht auch klüger.

Lesch:

Das kann aber auch ausarten. Dieses: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Wie oft haben wir schon erlebt, dass jemand gesagt hat: Hier stehe ich und kann nicht anders. Tags darauf konnte er dann doch ganz anders. Das sah sehr nach einem 180 Grad-Schwenk aus.

So gesehen haben die Sophisten ganz gut durchgehalten. In 2.500 Jahren haben sie sich offenbar noch vermehrt. Die Politik scheint ja weltweit zu einer gepflegten Sophistik geworden zu sein.

Vossenkuhl:

Einspruch, Euer Ehren! Ein guter Sophist hätte die Vorzüge der Magnetschwebebahn zwischen dem Münchner Hauptbahnhof und dem Flughafen sicher etwas überzeugender rüberbringen können als ein unfreiwillig als Komiker dilettierender bayerischer Spitzen-Politiker. Das gilt sicher für den Bahnhof in Stuttgart 21, das Atomendlager-Problem und einiges Deutschland-Bewegendes auch.

Lesch:

Einspruch stattgegeben. Nach dem Studium der Sophisten würde ich sogar sagen, man hätte sie dringender nötig als bisher. Die Leute, die Meinungsbildner und Entscheider darin ausbilden könnten, ein Wort so zu führen, dass es auch tatsächlich etwas aussagt und verstanden wird. Dass es nicht so ein Sprachbrei wird, in dem du am Ende nicht weißt, was er jetzt eigentlich sagen wollte.

Die Sophisten haben in dieser Hinsicht etwas geleistet.

Vossenkuhl:

In jedem Fall. Wir sollten noch fragen: Worin unterscheiden sie sich eigentlich von dem, was gleichzeitig und davor war? Dieser Blick auf den Menschen. Kann man sich eigentlich Sokrates ohne die Sophisten vorstellen? Nein. Weil Sokrates etwas ganz Wesentliches von den Sophisten übernommen hat. Übrigens wurde er von manchen auch noch als Sophist gehandelt.

Es ist die Hinwendung zum Menschen. Nicht mehr der Kosmos, nicht mehr die Urgründe und die Urelemente zählen, sondern das, was der Mensch ist, und wie der Mensch die Welt sieht, das zählt. Das ist schon eine gewaltige Wendung. Weg vom metaphysisch Abstrakten, hin zum konkreten Menschen.

Lesch:

Ist das damals ein Thema gewesen? Hingen solche naturphilosophischen Großkonzeptionen nach einer Weile wirklich zum Halse heraus? Musste dann wieder einer kommen, der ein anderes Element zu etwas ganz Wichtigem erhob?

Vossenkuhl:

Seit es Menschheitskulturen gibt, war es immer wieder – in Sinuskurven schwingenden Intervallen – so, dass sich bestimmte Ideen verbrauchten. Ich glaube, wenn man eine Idee einmal verstanden hat, dann ist eine gewisse Spannung weg. Man gewöhnt sich an sie, zerlegt und verfeinert sie. Dann gibt’s Widerlegungen, dann Alternativen. Irgendwann verflüchtigten sich diese Verästelungen der Entwicklung, diese Diversifikationen oder diese Vervielfältigungen einer Idee so, dass man die Übersicht verliert. Dann wendet man sich wieder dem Klaren, Einfachen, Simplen zu. Das hat eine gewisse Eigendynamik.

Die Hinwendung zum Menschen hatte sicherlich auch zeitgeschichtliche Gründe. Man wollte einfach in der Zeit denken, in der man lebte. Und das war ja eine hochproblematische Zeit.

Kriege und sonstige Auf’s und Ab’s. Ich glaube, die Zeit verlangte nach etwas Menschennahem. Nicht mehr diese doch sehr abstrakten Theorien, ob nun das Sein Werden ist oder welche Grundelemente es gibt, also diese „Archai“. Ich glaube, dass das Bedürfnis nach etwas Konkretem immer stärker geworden ist.

Lesch:

Aber ist es wirklich das Einfachere, zu dem man sich da hingewandt hat? Ich behaupte ja immer, Physik sei relativ einfach, vor allen Dingen die Kosmologie. Das Universum ist halt groß, leer, alt und kalt und es lässt sich berechnen. Das kann man in Differentialgleichungen hinschreiben. Über Menschen geht das nun mal nicht.

Man vergleiche nur das, was die Sophisten gemacht haben mit den naturphilosophischen Vorstellungen von dem, was hinter dem sichtbaren Sein ist, also mit der Seinslehre von Parmenides. Der war ja gewissermaßen der Urvater der Ontologie. Verglichen damit ist doch das, was die Sophisten versucht haben, wahnsinnig viel schwieriger.

Dieser Satz: „Aller Dinge Maß ist der Mensch, der Seienden, dass sie sind, der Nichtseienden, dass sie nicht sind“. Wenn man diesen Satz ganz falsch versteht, dann könnte man sagen, der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Er bestimmt alles das, was um ihn herum ist. Das wäre ein ganz starker Subjektivismus. Die Welt ist so wie sie ist, weil ich sie so empfinde, oder so wahrnehme, wie ich sie wahrnehme, und damit ist die Sache erledigt. Es gibt gar keinen objektiven Grund, über den wir beide uns einigen könnten. Noch nicht einmal über Farben oder sonst irgendwas.

Daraus erwächst eine Methode, eine Kunst, die es sich zur Aufgabe macht, das Instrumentarium des Menschen bei der Kommunikation mit der Welt zu schärfen: die Sprache.

Dass die Sophisten das gewagt haben, finde ich enorm. Das müssen sehr selbstbewusste Männer gewesen sein.

Vossenkuhl:

Es ist ihnen auch nicht immer so gut bekommen. Wegen seiner Infragestellung des Wissens von den Göttern bekam Protagoras große Schwierigkeiten. Das passte den damaligen Autoritäten gar nicht ins Konzept. Protagoras hat dann auch die Stadt verlassen. Gorgias hat solch heiße Eisen erst gar nicht angepackt. Auch deswegen ist er wohl so lange friedlich auf Erden gewandelt.

Es gab aber andere Sophisten, die vor allem in den „Platonischen Dialogen“ zu Wort kommen. Mit denen hat sich Platon sehr intensiv beschäftigt. Das ist ein Zeichen dafür, dass die ernst genommen wurden. Auch die Gefahren, die von ihnen ausgingen.

Heute ist man daran gewöhnt, dass ein Unterschied gemacht wird zwischen den Gesetzen der Menschen und den Naturgesetzen. Das war damals so noch nicht in den Köpfen.

Lesch:

Aber es gab schon Gesetze, die von Menschen gemacht wurden. Von so jemand wie dem Gesetzgeber von Athen, dem Solon.

Vossenkuhl:

Das schon. Gerade Solon war einer der ganz großen Gesetzgeber. Theoretisch haben die Sophisten aber versucht zu erklären: Wann begann das denn mit den Gesetzen? Zumindest einer von ihnen dachte: Vorher gab’s einen Urzustand. So wie später bei Thomas Hobbes. Alle kämpften gegen alle. Da waren die Menschen sehr tiernah, sehr tierisch. Dann kamen die Gesetze und alles wurde besser.

Die Sophisten haben auch überlegt: Was ist nun der wirkliche Unterschied zwischen den Gesetzen, die die Menschen machen, die durch Übereinkunft zustande kommen, und denen der Natur. Da ist ein großer Unterschied!

Den merkt man vor allem - und das ist eine sehr interessante sophistische Einsicht - an den Folgen des Verstoßes gegen Gesetze. Wenn man gegen menschliche Gesetze verstößt, dann muss nicht unbedingt etwas passieren, vor allem dann nicht, wenn es keiner sieht. Sich nicht erwischen lassen. Es war eine sophistische Einsicht, dass das möglich ist.

Wenn du aber gegen Naturgesetze verstößt, da fällt dir einfach etwas auf den Kopf – im Zweifelsfall das Dach oder gleich der ganze Himmel.

Lesch:

Keine Chance. Gesetze, die von Menschen gemacht oder von Menschen und Göttern geschrieben werden, sind ja immer „du sollst nicht Gesetze“, die auch die menschliche Freiheit zum Thema haben. Du kannst dich zwar so verhalten, aber eigentlich solltest du dich anders verhalten.

Naturgesetze sind „du kannst nicht Aussagen“. Da gibt es keine Alternativen.

Während es bei Menschen oder eventuell auch bei Göttern einen Gerichtshof gibt, falls doch jemand mitkriegt, wie das Gesetz gebrochen wurde, so gibt es bei Naturgesetzen weder einen Gerichtshof, noch ein in „dubio pro reo“. Man kann nicht um Gnade winseln, es hilft alles nichts.

Vossenkuhl:

Die Einsicht, dass es da einen großen Unterschied gibt, hat zu viel Verwirrung geführt. Dieser Schwung der Aufklärung hat die Ordnung, die Denkordnung, so verändert, dass damit auch die politische Ordnung ins Wanken geriet.

Lesch:

Ach was.

Vossenkuhl:

Ja. Denn wenn die menschlichen Gesetze nicht mehr als ehern gelten, und nicht mehr für so stabil gehalten werden wie die Naturgesetze, also wie die Gesetze der Kosmologie, dann fragt der Mensch sich: Warum muss ich mich denn daran halten? Warum muss ich bei Rot an der Ampel stehen bleiben? Warum kann ich nicht weiter fahren?

Lesch:

Würde man heute sagen, dass die Sophisten nicht nur Wortkünstler und –Lehrer waren, sondern so eine Art „think tank“, also eher strategische Berater? Es waren ja sogar einige Sprach-Kämpfer dabei, die versucht haben in der Politik mit zu mischen.

Vossenkuhl:

Natürlich. Die waren zum Teil Politiker. Die haben mit vollem Risiko politisch agiert. Das waren nicht die selbstzufriedenen Bachus-Jünger in ihrem schattigen Gedanken-Hain. Die Pragmatiker haben sich richtig ins Getümmel geworfen.

Lesch:

Würdest Du heute sagen, dass dieser Zweig etwas ganz Besonderes, Einmaliges in der Philosophie gewesen ist? Können wir darauf hoffen, dass so was wieder passiert? Oder hat sich die Philosophie für immer in den kühlen Schatten ihrer Gedanken zurückgezogen?

Vossenkuhl:

Ich glaube, die Professionalisierung der Philosophie als Hochschulfach ist für ihre Rückkehr ins Getümmel des täglichen politischen Lebens eher ein Hindernis. Das waren ja damals keine verbeamteten Hochschullehrer. Es gab zwar Schulen. Die wurden aber erst in jener Zeit gegründet. Die Sophisten gehörten zu keiner Schule. Die waren auch nicht organisiert, hatten keine Gewerkschaft.

Lesch:

Das waren Einzelkämpfer. Also freischaffende Redner, die man engagieren konnte.

Vossenkuhl:

Das war immer eine „one man show“.

Lesch:

Die Guten waren auch im breiten Volk bekannt. Stars, die bei ihrem Erscheinen für Massenauflauf sorgten. Wenn ein Sophist in die Stadt kam, dann rannten wirklich alle hin und wollten ihn sehen und hören.

Vossenkuhl:

Ja, das war so wie heute „Bayern München“ gegen „Borussia Dortmund“.

Lesch:

Man muss sich das noch einmal vor Augen führen, was für einen Schritt die Philosophie da eigentlich getan hatte. Auf einmal schlagartig weg vom Universum und dem, was hinter den Dingen steht. Auf einmal steht da einer auf dem Marktplatz und sagt: Es ist nichts. Wenn etwas ist, dann können wir es nicht erkennen. Und wenn wir es erkennen können, dann können wir es nicht wiedergeben. Die Leute müssen doch gedacht haben: Jetzt ist es aber gut. Jetzt schlägt es dem Fass den Boden raus.

Vossenkuhl:

Um mit einer netten Dame irgendwo ins Gespräch zu kommen, ist das auch nicht die richtige Einleitung.

Trotzdem: Die Sophisten als Meister des Wortes und dessen Verdrehung schafften es – zumindest einige Zeit – die antike Welt in Atem zu halten.

Die Vorsokratiker – eine Bilanz

Vossenkuhl:

Wir haben uns beide redlich bemüht, die Ehre der Sophisten zu retten. Jetzt müssen wir wieder ein bisschen zurückrudern, leider. Die Sophisten waren zweifellos große Redner und haben viel geleistet für die Aufklärung in der Antike, also vom großen Ganzen hin zum einzelnen Menschen. Soweit wir Platon und seinen Berichten vertrauen können, haben aber einige übertrieben. Sie haben bei der Bedeutung des Menschen etwas überzeichnet. Darüber müssen wir noch einmal sprechen.

Harald, was meinst Du, wo haben die Sophisten daneben gelegen?

Lesch:

Ich denke da sofort an „der Mensch ist das Maß aller Dinge“. Dann tauchen umgehend die Gesetze auf, die der Mensch in die Welt einbringt. Damit wäre er auch das Maß aller Gesetze, einschließlich der Gesetze der Natur, zumindest der Gesetze, die sich in der Natur ablesen lassen. Die werden dann sehr stark relativiert.

Wenn jeder Mensch seine eigenen Gesetze hervorbringen kann, dann kann er auch sagen, was Recht und was Unrecht ist. Ich denke mit Schaudern an das Recht des Stärkeren.

Der kann dann machen, was er will. Zu was das geführt hat, kann man hinreichend in der Menschheitsgeschichte ablesen. Man könnte natürlich auch sagen: Nein, im Gegenteil. Der Schwächere hat das Recht, weil er eben der Schwächere ist. Damit er nicht von den Stärkeren gleich niedergemacht wird, hat er eben das besondere Recht des Schwächeren. Das ist ein großes Problem.

Wir stehen heute, namentlich in Europa, wieder vor dieser Frage: Wie gehen wir mit Schwachen, Kranken, Alten, also schlicht und ergreifend mit Menschen um, die nicht an der Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft, dem „Konsumfluss“ oder an dem allgemeinen, wohlversorgten, gehobenen Dasein teilnehmen können? Was haben die für Rechte, was für Pflichten? Eine so subjektive Haltung, wie sie die Sophisten eingenommen haben, diese Wortverdreher, Spiegelfechter, Künstler, Superstars, … das konnte so nicht gut gehen.

Vossenkuhl:

Wenn man aus heutiger Sicht überlegt, wo die Sophisten überzeichnet haben, kann man das ganz gut an den kleinen Schritten erkennen. Wenn einer heute sagt: Der Stärkere soll mehr Erfolg als der Schwächere haben, würden dem heute nur wenige widersprechen. Das steht zwischen den Zeilen im Wirtschaftsteil jeder guten Zeitung. Der Stärkere soll mehr Erfolg haben und sich durchsetzen. Das haben die Sophisten auch so gesehen.

Kallikles (Sophist, Ende des 5.Jh. v. Chr., Schüler des Gorgias), war einer über den Platon – im Dialog „Gorgias“ – Kritisches geschrieben hat. Dieser Kallikles war nicht nur der Meinung, der Stärkere solle mehr Erfolg haben. Er war darüber hinaus der Meinung: Der Stärkere ist von Natur aus stark und der, der von Natur aus stark ist, soll genau das machen, was er von Natur aus am Allerliebsten täte.

Lesch:

Da verzieht sich aber alles bei mir.

Vossenkuhl:

Ja, Du siehst, es geht scheibchenweise und plötzlich ist man bei einer ziemlich übergriffigen Weltanschauung.

Lesch:

Das ist doch eine Diktatur des Stärkeren in Reinkultur. Da sind wir ganz schnell beim Übermenschen.

Vossenkuhl:

Nietzsche hat das nicht erfunden…

Lesch:

Aber es hat ihm gut gefallen.

Vossenkuhl:

Das hat ihm sehr gut gefallen. Dieser Kallikles soll, wenn wir Platon vertrauen können, gemeint haben: Jemand, der seine Freiheit, seine Lüste auslebt, der hat eigentlich recht. So zu leben, ist gerecht. Da dreht sich dann der Aufklärungsgedanke der Sophisten in sein Gegenteil um. Ursprünglich hat die Sache verheißungsvoll angefangen, und jetzt steht sie plötzlich auf dem Kopf.

Lesch:

Das ist ja zutiefst unnatürlich. So was würde sich letztlich auch im Darwinismus niederschlagen. Survival of the Fittest – derjenige, der am besten ist, der überlebt. Das ist natürlich völlig falsch verstandener Darwinismus. Im Gegenteil. In der Natur werden ganz darwinistisch überall Nischen besetzt. Man könnte es auch systemtheoretisch so formulieren: Das Spiel würde schnell zu Ende sein, wenn es tatsächlich so abliefe, wie es dieser Kallikles niedergeschrieben hat.

Vossenkuhl:

Der Darwinismus ist nicht so krude wie die Weltanschauung des Kallikles. Denn der Darwinismus erklärt ja auch, zumindest als eine der Varianten der Veränderung von Arten, dass sich Einzelne für das Überleben der ganzen Art opfern. Einzelne Lebewesen werfen sich für ihre Artgenossen in die Bresche, setzen ihr Leben aufs Spiel, nur damit die anderen überleben können. So kann die Art insgesamt erhalten bleiben. Der Kallikles war eben ein eingefleischter Individualist und Egoist.

Lesch:

Dann ist er ein Philosoph der Moderne. Das ist doch genau das, was dem kapitalistischen Wirtschaftssystem inhärent ist. Es wohnt ihm inne.

Vossenkuhl:

So ist es.

Lesch:

Der Starke kann machen, was er will. Die anderen müssen halt zusehen, wie sie ihm aus dem Weg gehen und selber klar kommen. Die Angebot-Nachfrage-Situation ist im Grunde genommen auch nichts anderes. Wer das Beste anbietet, der, bei dem nachgefragt wird, hat – wenn die Nachfrage steigt - das Recht, die Preise beliebig nach oben zu schrauben. Aber das kann doch nicht das erstrebte Ziel sein!

Vossenkuhl:

Das hat folgerichtig später heftige Kritik ausgelöst Es kam das erste kritische Zeitalter, das vor allem mit Sokrates und Platon anfing. Sie stellten sich gegen diese Auflösung von Ordnungen.

Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, der wie in einem Kreislauf zeigt, dass und warum es nicht mehr weitergeht. Natürlich kann man in einem Rad wie ein Hamster immer in die gleiche Richtung rennen und doch nicht vom Fleck kommen.

Wir haben bei der Suche nach Gründen, nach den allerersten Gründen angefangen, und sind von kosmologischen Themen zum Menschen gekommen. Nachdem diese Frage nach dem Menschen gestellt worden war, tat sich plötzlich dieser merkwürdige Abgrund auf, gegen den dann Sokrates und Platon gekämpft haben. Sie haben gesehen, dass keine menschliche Ordnung existieren kann, wenn nur das Recht des Stärkeren gilt.

Lesch:

Da ist erst diese Hinwendung zum Kosmos und am Ende wird der Mensch auf sich selbst und seinen Egoismus zurückgeworfen.

Eine reine Nabelschau. Lass uns mal bilanzieren. Wir haben jetzt einen richtigen schönen, sauberen Schnitt. Den findet man in jedem ordentlichen Philosophie-Geschichtsbuch.

Vossenkuhl:

Ich würde gerne kurz darauf hinweisen, wie Karl Jaspers das in seiner Einführung in die Philosophie beschrieben hat: Der Beginn der griechischen Philosophie, mit Thales, 6. Jahrhundert v. Chr., gehört zu der von Jaspers so genannten „Achsenzeit“.

In China gab es Laotse und Konfuzius. In Indien trat Buddha auf, in Persien Zarathustra. In Israel finden wir die Propheten. Im Abendland war es die griechische Philosophie. Wie Jaspers sagt, war das der tiefste Einschnitt in die Geschichte, dieser Befreiungsschlag der Vernunft. Warum ist das ausgerechnet in Griechenland passiert und nicht irgendwo anders? Woran kann man das festmachen?

Lesch:

Da ist viel spekuliert worden. Meine eigene Spekulation ist, dass die Entwicklung zu einem Vernunftbegriff im modernen Sinn da am weitesten gediehen war. Die Griechen waren schon ganz weit weg von mythischen Erklärungen. Sie haben sehr viel mehr an methodisch saubere Analysen von Begriffen gedacht. Sie haben versucht, den Zusammenhang zwischen Wort und Welt heraus zu arbeiten. Das war eine ganz solide Basis. Das findet man eigentlich bei allen, die Du gerade genannt hast, so nicht, oder?

Vossenkuhl:

Nein. Ich senke die Stimme ein bisschen und denke an Homer und Hesiod. Jacob Burckhardt nannte das einmal den merkwürdigen griechischen Pessimismus. Überall Unheil. Man war den Göttern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Was immer einem passierte, man konnte nichts dagegen machen.

Odysseus war der erste, der versucht hat, ein bisschen gegenzusteuern. Er war schon ein ganz Pfiffiger.

Lesch:

Er war der erste moderne Mensch.

Vossenkuhl:

Er war zumindest einer, der versucht hat, den Göttern auf die Schliche zu kommen, sie ein bisschen auszutricksen. Ansonsten herrschte dieses Schicksals ergebene griechische Denken. Zumindest ersehen wir das aus dem, was uns überliefert ist. Das griechische Denken war zutiefst fatalistisch und pessimistisch. Es sei besser, erst gar nicht geboren zu werden, meinten einige. Und wenn man schon geboren wird, dann sei es das Beste, ganz früh zu sterben. Das ist zumindest eine uns überlieferte Haltung aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.

Dann ist da etwas passiert, was ich nicht so richtig verstehe.

Lesch:

Ich will ja auch nicht behaupten, dass ich’s verstehe. Ich versuche nur eine Spekulation. Eine unter vielen. Wichtig ist, dass diese Gründe-Suche begann. Ich weiß nicht alles über fernöstliche und sonstige Versuche dieser Art, aber das Gründe-Suchen mit dem eigenen Kopf und Verstand, das, glaube ich, gab es nirgendwo sonst.

Vossenkuhl:

Stimmt.

Lesch:

Noch dazu in der Zeit. Das ist eine Befreiung von Mythen, von Kräften, die der Mensch nicht beherrschen kann. Wir reden ja nicht über Dinge, die nur vor zweieinhalbtausend Jahren passiert sind. Das passiert ja heute noch. Überall, wo Menschen sich ihre eigenen Gedanken machen, passiert das gleiche. Es gibt immer noch von Mythen bestimmte Denkweisen und Vorstellungen. Selbst in der Wissenschaft ist das so.

Vossenkuhl:

Ja klar.

Lesch:

Dieser oft durchglühte Glaube an merkwürdige Phänomene. Heute klammern sich mehr Menschen denn je an den größten Humbug, den man sich vorstellen kann. So weit sind wir noch immer nicht von diesem schwurbeligen Mythischen entfernt. Ich bekomme Briefe an: Prof. Dr. Harald Lesch, Institut für Astrologie der Universität München.

Vossenkuhl:

Siehste. Die wollen dann ihr Horoskop von Dir.

Aber im Ernst. Man muss das einfach mal in die Jetzt-Zeit projizieren. Wenn man erkennt, was es für einen Vorteil bringt, selbst nach Gründen zu suchen, kann man das gut nachvollziehen. Und ich glaube, dass es in der Retrospektive historisch nicht anders zugegangen sein kann. Der Erfolg liegt einfach in der selbständigen Suche nach Erklärungen.

Lesch:

Genau.

Vossenkuhl:

Wie gut oder schlecht die Ergebnisse waren, gut, das wird sich dann zeigen.

Lesch:

Im Nachhinein ist man immer ungerecht oder gescheiter. Zurückblickend kann man natürlich sagen: Mensch, was haben die damals für einen Unsinn geredet! Dass die Erde eine Scheibe sei, oder wie Erdbeben zustande kommen oder Nilüberflutungen. Da kursierten ja die tollsten Geschichten. Ich glaube, dass in dem griechischen Zeitfenster dieser Phase der Vorsokratiker das helle Licht des Anfangs aufleuchtete. Sie waren die Ersten, die mit ihren Füßen in dem Sand, der sich über die Jahrhunderttausende abgelagert hatte, die ersten Abdrücke hinterlassen haben.

Vossenkuhl:

Sehr bildhaft. Da bricht wieder Dein Freund Goethe in Dir durch.

Lesch:

Natürlich sind andere dann irgendwann hinterher gelatscht, aber die Vorsokratiker waren eben die Ersten. Ihnen gebührt das Neil-Armstrong-Gefühl: Der war schließlich auch der Erste – allerdings auf dem Mond.

Für mich ist das Magische, dass dieses Unternehmen Philosophie von allen anderen Umtriebigkeiten des Menschen unterscheidet, dieser Versuch, Ordnung zu schaffen. Auf der einen Seite steht der Mythos. Da sind die Götter, die machen, was sie wollen und das Schicksal. Das heißt nichts anderes, als der Willkür hilflos ausgeliefert sein. Man kann sich zwar was unter diesen Göttern vorstellen. Es hat etwas sehr Persönliches. Man könnte mit denen vielleicht sogar ins Geschäft kommen. Aber im Grunde genommen ist man ihnen völlig ausgeliefert. Das steht schlichtweg für Chaos. Mythos und Chaos stehen in ganz enger Wechselbeziehung. Und dann sind selbst die Götter noch dem Schicksal unterworfen, also doppelte Ungewissheit!

Auf der anderen Seite die Philosophie. Die versucht nun, mit Hilfe der Vernunft Ordnung zu schaffen, Gesetze zu erlassen oder welche in der Natur erst einmal zu finden. Daraus ergibt sich ein Kosmos. Das ist Ordnung. Die Philosophie schafft einen Kosmos, der Mythos beschreibt ein Chaos.

Der Mythos liefert immer nur eine Antwort. Sobald Du eine weitere Frage stellst, fällt ihm nichts mehr ein. Die Philosophie ist dieses wunderbare Spiel, aus einer Frage und einer Antwort die nächste Frage zu entwickeln. Praktisch wie ein gutes Tennismatch: Ab und an schaltet sich ein Schiedsrichter ein, wenn man Experimente machen kann wie in den Naturwissenschaften. Aber ansonsten ist es eben dieser Ballwechsel. Hin und her. Beim Mythos wird der Ball einmal aufgeschlagen – und das war´s dann auch.

Vossenkuhl:

Das ist sehr gut beschrieben. Aber Du wolltest noch was zu dieser Achsenzeit sagen.

Lesch:

Die Achsenzeit scheint ja durchaus etwas Besonderes gewesen zu sein. An verschiedenen Stellen auf der Erde hat sich ein Homo Sapiens aufgemacht, die Welt und ihre Erscheinungen zu hinterfragen. Es tauchten Denksysteme auf, die mathematisch gesprochen, orthogonal zu dem waren, was bis dahin bestand hatte.

Vossenkuhl:

Und dann hat sich das Blatt gewendet.

Lesch:

Dann entfaltete sich die Philosophie wie eine Blüte. Die Vorsokratiker waren der Nährboden für die Gedanken und das Wirken der drei ganz Großen: Sokrates, Platon und Aristoteles.

Vossenkuhl:

Wir denken heute ja, dass die Sonne der Erkenntnis nur in den wirtschaftlich erfolgreichen Regionen der Welt aufgeht. Es scheint irgendwie wie ein Naturgesetz zu sein, dass wir Europäer, die Amerikaner, die Japaner und inzwischen auch die Chinesen meinen, dass in ihren Ländern die interessantesten geistigen Entwicklungen stattfinden. Da stapelt sich das Geld, da gibt es Kultur. Wenn man sich aber die enormen Fortschritte in der Vernunftentwicklung der griechischen Klassik vor das geistige Auge ruft, dann muss man feststellen, dass – zumindest anfangs – die interessantesten Figuren gar nicht in den Machtzentralen jener Zeit saßen, sondern an der Peripherie. Milet war – verglichen mit Athen – Peripherie, Elea war weit weg im Südwesten des heutigen Süditalien, von Griechen damals nur dünn besiedelt.

Daneben gab es noch eine Menge anderer interessanter Orte. Auf Sizilien zum Beispiel, eine immer schon heftig umkämpfte Insel, nie wirklich politisch konsolidiert. Bevor in Athen die klassische Periode begann, waren die großen, ersten Schritte der Gründesuche bereits ganz wo anders und ziemlich abgelegen getan worden. Wenn Du das jetzt in unsere Zeit projizierst, ist doch die Frage, wo…..

Lesch:

… wo tut sich heute was Neues?

Vossenkuhl:

Bei uns etwa? Wenn es analog zur Antike läuft, dann wohl weniger. Wir müssten vielleicht ein bisschen die Ohren spitzen und die Augen aufmachen und schauen, wo heute die Eleaten oder die Milesier sind. Wir müssten herausfinden, wo sich am Rande unserer doch recht behäbig gewordenen Kultur etwas Neues tut. In Afrika? Südamerika?

Lesch:

Da läuft mir natürlich rhetorisch das Wasser im Munde zusammen bei dem, was Du da sagst. Ich bin mir sicher, dass diese Entwicklung damals vor 2500 Jahren sehr viel damit zu tun hatte, dass die Griechen aus Griechenland raus gegangen sind und dabei festgestellt haben: Oh, es gibt ja noch eine Welt außerhalb von Griechenland. Die Auseinandersetzung mit dem Neuen, mit dem Anderen, hat dazu geführt, dass einer auf die Idee kam: Jetzt habe ich die ganze Zeit die Gabel rechts gehalten, ich könnt´ sie doch auch mal links nehmen. Und siehe da, unter Umständen erweist sich das als viel günstiger beim Essen.

Die ganz schlichte und einfache Erfahrung war sicherlich das eine. Der andere Aspekt: Die Auswanderer stellten fest, dass sie durch ihrer eigenen Hände Arbeit zu einem gewissen Erfolg kommen konnten. Das war in den heimischen, strengen Hierarchien gar nicht möglich gewesen. Die sind aus Städten ausgewandert. Was war wohl der Grund? Sicher nicht, weil es ihnen da so gut gegangen ist, sondern weil sie – auf deutsch gesagt – die Schnauze voll hatten.

Auch die Länder der kultivierten, so genannten „Ersten Welt“, sind von Verwaltung, von Regeln geknebelt. Ich denke, das Neue wird auch heute da zu finden sein, wo Menschen noch genügend Freiheit haben, etwas auszuprobieren. Wo sie nicht ständig eingeengt werden durch Regularien und Konventionen, eingespannt in irgendwelche Prozesse, die von Leuten entschieden werden, die von der Wirklichkeit, über die sie entscheiden, überhaupt nichts wissen.

Vossenkuhl:

Da kommt noch etwas hinzu, genau in der Weise, wie Du es beschrieben hast. Nur dort, wo Menschen noch staunen können, passiert etwas Neues. Stell Dir vor, der Parmenides wäre in Athen auf die Agora, den Marktplatz gegangen, da wo die wichtigen Sachen besprochen wurden, und hätte seine Vorstellungen vom Sein erklärt. Die Leute hätten doch nur gelacht und gedacht: Was ist denn das für ein Komiker?

Wir leben heute kulturell auch in so einer Art Athen. Du kannst eigentlich kaum mehr etwas sagen, was ernst gemeint ist, weil schon das Ernstgemeinte eigentlich ein Lacher ist. Jemand, der etwas ernst meint und ernst nimmt, wirkt schon komisch. Dem hört keiner zu. Das heißt, es fehlt die Bereitschaft, zu staunen und sich in Staunen versetzen zu lassen.

Das ist etwas, was unsere Zeit genauso kennzeichnet wie das damalige Athen. Man war und ist der Meinung, man sei der Nabel der Welt. Das verstopft das Gehirn. Erst als es für die Athener knüppeldick kam und ihnen die Sophisten mehr oder weniger die Hosen ausgezogen haben, ja, da sind sie aufgewacht. Dann war das Thema des kritischen Denkens plötzlich mitten in der Stadt.

Lesch:

Das ist schon eine tolle Vorstellung. Da führt uns eine zweieinhalbtausend Jahre alte Sache mitten in das Heute, ganz unabhängig von den Details, die mit den einzelnen Philosophen verbunden sind. Man müsste einmal überprüfen, ob das der normale Verlauf einer Kultur ist. Dass sie wieder eine kräftige Ohrfeige links und rechts braucht, um sich zu berappeln und zu fragen: Was ist uns eigentlich noch wichtig? Vegetieren wir nur noch vor uns hin? Haben wir etwas zum Prinzip erhoben, das es im Grunde genommen gar nicht wert ist ein Prinzip zu sein?

Und dann gibt es noch die Geschichte mit den Fischhändlern. Die geht so: Es gibt 20 Fischhändler, die verkaufen sich gegenseitig Fisch, allerdings in geschlossenen Dosen. Solange keiner da reinguckt, läuft alles gut. Dann kommt aber ein neuer Fischhändler hinzu. Der macht die Dose auf und schreit: Iiiihhh, der Fisch ist ja faul! Der stinkt zum Himmel! Von dem guten Mann hat man nie wieder etwas gehört.

Oder die Geschichte mit dem König, der ja tatsächlich keine Kleider anhatte. Es müsste sich nur einer trauen, ihm das zu sagen. Kurzum: Mutige, geistige Menschen braucht das Land.

Vossenkuhl:

Die die Dose aufmachen.

Lesch:

Die einfach klar sagen, dass der Fisch zum Himmel stinkt, ohne an irgendwelche Nachteile, Rufschädigung oder Bedrohlichkeiten zu denken. Ich glaube, dass es inzwischen wirklich so weit gekommen ist, dass uns jeder originelle, ernstzunehmende Mensch so wertvoll sein muss, dass man ihn fast schon beschützen muss. Freigeistiger Artenschutz, quasi: Zumindest pflegen und zuhören.

Vossenkuhl:

Es gibt noch einen interessanten Punkt, der für unsere selbstkritische Betrachtung unserer Gegenwart interessant ist. Nehmen wir irgendeinen der Denker, die wir besprochen haben, Empedokles, Anaximander, wen auch immer. Jeder von denen war völlig unangepasst und hat quasi mit vollem Risiko gedacht. Das heißt, mit dem Risiko, dass man sich über ihn lustig machte oder ihn gar nicht wahrgenommen hat. Sogar das belächelt und verlacht Werden, haben diese Denker einkalkuliert, wenn Du Dich erinnerst.

Die Milesier sagten: Wenn wir ausgelacht werden, dann gehört das bei uns eben dazu. Wer hat bei uns heute noch den Mut, sich auslachen zu lassen?

Ich glaube, dass Respekt vor ernstzunehmenden Gedanken angebracht ist. Der Mangel an Mut, ausgelacht zu werden, führt notgedrungen zur Anpasserei, einem schlimmen Feind des selbständigen Denkens. So gesehen leben wir eigentlich in einer sehr, sehr angepassten Zeit.

Lesch:

An allen Ecken und Enden.

Vossenkuhl:

Eine Erneuerung des Denkens kann es gar nicht geben, wenn es nur Angepasstsein gibt.

Lesch:

Wobei es natürlich auch die Situation gibt, dass sich ein Königshof seine Narren hält. Die sagen ständig Dinge, die komplett senkrecht zu dem stehen, was sonst so angesagt ist. Und alle freuen sich darüber. Es gibt die Geschichte von dem Kabarettisten, dem nach seiner Vorstellung gesagt wird: Wissen Sie, wir hatten eigentlich mehr von Ihnen erwartet. Wir haben schließlich Eintritt bezahlt. Wir hätten ein bisschen mehr Kritik erwartet, ein bisschen schärfer hätte es schon sein dürfen. Der gute Mann hätte sich am liebsten hinterher umgebracht. Er dachte: Wieso tue ich mir das an, ich blöder Hund. Er hat sich ins Bett gelegt und ist vier Wochen nicht aufgetreten.

Auch das System, das heutzutage Wissenschaft zulässt und finanziert, ist nicht besonders daran interessiert, dass man ihm den Spiegel vorhält und auch noch den Teppich wegzieht. Das System verlangt einen gewissen Grad an Anpassung. In diesem Rahmen ist es gestattet, laut zu rufen: So geht das aber nicht! Wohl wissend, dass das „so geht das aber nicht“ sowieso verhallt. Damit hat sich dann die Sache.

Vossenkuhl:

Das ist aber bei den Philosophen damals nicht passiert. Natürlich wurden sie schief angeschaut, aber der Virus des Neuen war in die Welt gesetzt. Diese Ehre gebührt ihnen. Sie waren diejenigen, die den Virus hatten: „Benutze deinen Kopf, setze deine Vernunft ein und lass dir nicht von irgendjemand erzählen, was du zu glauben hast, was du zu wissen hast. Versuche selber heraus zu finden, was eigentlich ist und was die Welt ist“. Diese Ehre gebührt diesen Herrschaften.

Darauf wollen wir jetzt mal kurz das Glas heben. Sie lieber Leser, dürfen gerne mit uns darauf anstoßen. Ich finde, dass diese Männer - bisher ja noch Männer, später kommen dann auch noch Frauen dazu - dass die wirklich nicht nur ein Prost verdient haben, sondern größten Respekt.

Lesch:

Das Weingeistige in mir lässt mich schnell zum Glase greifen. Diesmal „Castello Brolio“, ein guter Tropfen aus dem sonnen verwöhnten Chianti.

Etwas übertrieben gesagt, würde man heute ein gönnerisches Schulterklopfen bekommen, wenn man sagt: Die Erde ist rund. Da würden die Leute sagen: Junge, du hast recht, völlig richtig. Du kriegst unsere Unterstützung. Du gehörst zu uns.

Wenn aber einer sagt: Es scheint nur so, dass die Erde rund ist, dann würde er zu hören bekommen: Jetzt studiere noch ein bisschen, lies noch ein paar gute Bücher. Vielleicht wird dann aus dir doch noch ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft.

Vossenkuhl:

Wenn einer wie Heraklit daherkommt und sagt: Sein ist eigentlich Werden. Da würden die Leute sagen: Ja so ein Spinner!

Ich glaube, dass wir Menschen heute wieder bereit sein sollten, so etwas zu hören und nicht gleich abzuwinken. Dieser ständige Ruf, man sollte die Geisteswissenschaften respektieren, ist nur ein Lippenbekenntnis des Bildungsbürgertums oder der so genannten Intellektuellen. Man lügt sich selbst in die Tasche, wenn man die Voraussetzungen dafür gar nicht hören will. Die wirkliche Offenheit für das noch nicht oder nicht mehr Gehörte ist nicht gefragt. Man will nicht etwas hören, was einem zunächst einmal rätselhaft erscheint. Man will nur das hören - was stimmt, das heißt, von dem man zu wissen glaubt, dass es stimmt.

Die Erde ist rund. Eigentlich will man nur das hören, was man bereits kennt. Die Erde ist rund und damit basta.

Lesch:

Das hat sich also schon bis zu Euch Philosophen rum gesprochen. Das freut den Astrophysiker.

Vossenkuhl:

Die Welt ist unser Zuhause.

Lesch:

Im Grunde genommen ist das, was wir hier gerade machen, ein Plädoyer für den Wagemut des menschlichen Denkens. Vor zweieinhalbtausend Jahren haben in Griechenland Männer angefangen, Fragen zu stellen. Sie haben auch Antworten geliefert, Antworten, die manchem gepasst haben, anderen überhaupt nicht.

Vor allen Dingen haben sie das Tor geöffnet – nicht das Himmelstor, im Gegenteil: Das Tor zur Welt mit ihren fassbaren Phänomenen.

„Aufklärung“, sagt später (1784) ein großer deutscher Philosoph, „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“.

Vossenkuhl:

Und dann sagt er weiter: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Das galt damals und gilt auch heute.

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
30 July 2025
Volume:
675 p. 59 illustrations
ISBN:
9783831257133
Copyright Holder::
Bookwire
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