Read the book: «Rebellen gegen Arkon»

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Originalausgabe

© ATLAN-Traversan by Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt sowie für diese Lizenzausgabe bei Hirnkost KG, Lahnstraße 25, 12055 Berlin; prverlag@hirnkost.de; http://www.hirnkost.de/

Alle Rechte vorbehalten

I. Auflage September 2021

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ISBN:

PRINT: 978-3-948675-25-7

PDF: 978-3-948675-27-1

EPUB: 978-3-948675-26-4

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MACH

DIE ZEIT

ZU DEINEM FREUND,

UND ES BESTEHT

HOFFNUNG!

INHALT

Klaus Frick:

Vorwort

Robert Feldhoff:

Admiral der Sterne

Hubert Haensel:

Sturm auf die PADOM

Peter Terrid:

Die Rebellen von Traversan

Rainer Castor:

Der Fürst von Camlo

Hans Kneifel:

Der Jagdplanet

Rainer Castor:

Der letzte Mann der OSA MARIGA

KLAUS FRICK
VORWORT

Betrachtet man die PERRY-RHODAN-Serie und den Serienkosmos über die Jahrzehnte hinweg, stellt man fest, dass es immer wieder Entwicklungen gibt, mit denen niemand so richtig rechnete. Eine davon ist das »Revival« des Heftromans – und stark dazu beigetragen hat sicher die ATLAN-Serie, bei dieser vor allem der »Traversan«-Kurzzyklus. Von den Erfahrungen, die in den späten 90er-Jahren mit »Traversan« gesammelt wurden, zehrten die Redaktion und das Autorenteam noch Jahrzehnte danach.

Dabei sah es in der ersten Hälfte der 90er-Jahre nicht besonders gut aus. Der Heftroman steckte in einer starken Krise, die sich schon in den 80er-Jahren abgezeichnet hatte. Einige Verlage gaben auf, zahlreiche Serien wurden eingestellt. Zu den Serien, die das Zeitliche segneten, zählte bereits in den 80er-Jahren die ATLAN-Serie. In den 90er-Jahren folgten bei PERRY RHODAN die Nachauflagen und die Taschenbücher. Die Verlagsunion Pabel-Moewig schien sich vom Heftroman zu verabschieden: Verschiedene Zeitschriften wurden gegründet, der Buchverlag stärker ausgebaut.

In diese Phase fiel die Entscheidung, mit ATLAN einen Neustart zu wagen. Dieser Neustart sollte nur zwölf Romane umfassen, und wir wollten uns an amerikanischen Comics orientieren: eine sogenannte Miniserie, die neben einer Hauptserie läuft.

Die Miniserie bildete in vielerlei Hinsicht eine Premiere. Es war der erste Handlungsabschnitt des größten Science-Fiction-Universums der Welt, den Robert Feldhoff allein als Exposéautor gestaltete. Zu der Zeit arbeitete er bei PERRY RHODAN noch mit Ernst Vlcek zusammen, der gewissermaßen sein Mentor war. Darüber hinaus war es der erste Zyklus, für den Rainer Castor die Datenrecherche übernahm. Später sollte seine gründliche Arbeit für den gesamten PERRY-RHODAN-Kosmos von größter Bedeutung sein.

Die zwölf Romane waren in sich abgeschlossen, sie boten aber einen Ausweg am Ende; eine Möglichkeit, weitere Geschichten mit Atlan in der spannenden Zeit des großen Arkon-Imperiums zu erzählen. Dies geschah durch den Roman »Fluchtpunkt Schemmenstern« von Frank Borsch.

Darüber hinaus wurde die Welt des Arkon-Imperiums zum ersten Mal so richtig plastisch dargestellt. Dazu zählten höfische Sitten und Gebräuche ebenso wie das Karaketta-Rennen mit seiner Action oder der Philosophie des Dagor. Viele der Grundlagen, die Rainer Castor vor allem erarbeitete, wurden in zahlreichen Romanen der folgenden Jahre und Jahrzehnte verarbeitet.

Blicke ich heute auf die zwölf »Traversan«-Romane und den nachgeschobenen »Schemmenstern«-Einzelband, fällt mir auf, wie sehr sie in ihrer Zeit verhaftet sind. Es sind typische Heftromane mit schneller Action und flotten Dialogen, sie enthalten viele Ideen, wie sie in der Science Fiction üblich sind. Vor allem aber sind sie – so finde ich immer noch – packendes Lesefutter: abenteuerliche Science Fiction eben.

Ich wünsche viel Vergnügen bei diesem ersten Band der neuen »Traversan«-Ausgabe!

ERSTER ROMAN

PROLOG

Mit rasender Geschwindigkeit rückte der Planet näher. Die RICO bewegte sich noch mit mehr als der Hälfte der Lichtgeschwindigkeit. Damit waren wir schnell genug, um im Ernstfall sofort in den Hyperraum wechseln und fliehen zu können.

»Syntron!«, forderte ich halblaut. »Was sagt die Ortung?«

»Das Trav-System ist sicher, Atlan«, antwortete der Bordrechner der RICO nüchtern. »Kein einziges Schlachtschiff des Kristallimperiums operiert im Trav-System.«

Das entsprach den Aussagen, die wir von unseren Informanten erhalten hatten. Trotzdem – der Imperator und seine Hintermänner wollten mich lieber heute als morgen tot. Für sie war ich nicht Atlan, der ehemalige Kristallprinz. Für sie war ich Atlan, der Verräter.

Selbst wenn ein Schiff des Imperiums sich sehen lässt, rief ich mir in Erinnerung, was kann denn schon passieren?

Die RICO war ein Modul des Großraumers GILGAMESCH und als solches schwer anzugreifen. Das Kristallimperium musste schon eine halbe Flotte schicken.

Mein Blick fiel auf die Datumsanzeige. 2. August 1290 NGZ. Nach altem terranischem Kalender entsprach das Jahr 1290 Neuer Galaktischer Zeitrechnung dem Jahr 4877 christlicher Zeitrechnung.

Ich erinnerte mich an die alten Zeiten, als Millionen von Transitionsschiffen den Kugelsternhaufen Thantur-Lok und die Umgebung durchkämmt hatten: damals, zu Arkons Blütezeit.

Narr!, tönte mein Extrasinn. Konzentriere dich auf die Gegenwart. Die alten Zeiten sind vorbei. Du agierst unter Zeitdruck.

Das Kristallimperium musste nur einen Tipp bekommen, und das System würde innerhalb kürzester Frist von Schiffen wimmeln. Man konnte nicht auf die Verschwiegenheit von zwei Milliarden Planetariern bauen.

Damit entstand eine wenig angenehme Situation. Das Trav-System und seine Bewohner, die Traversaner, galten traditionell als schwierig. Obgleich Traversan zum Kristallimperium gehörte, verhielt sich Fürst Ligatem freundlich gegenüber Camelot – ein krasser Widerspruch, denn für das Imperium waren meine Freunde und ich Todfeinde ersten Ranges.

In Perry Rhodans Abwesenheit war ich der ranghöchste Camelot-Vertreter. Zudem hatte ich mehrfach gegen die Interessen des Kristallimperiums gehandelt, einige Male in Undercover-Missionen. Kein Wunder, dass ich in diesem Teil der Milchstraße ein gehasster Mann war – der jedoch in vielen Kolonien einen hohen Stellenwert genoss.

Ich wollte nicht, dass Traversan durch mich in Schwierigkeiten geriet. Die Frage war nur, ob es sich noch verhindern ließ. Am liebsten wäre ich inkognito erschienen, ohne die RICO im Hintergrund. Die Anwesenheit des Schiffs war jedoch eine Notwendigkeit.

Traversan barg einen archäologischen Schatz von höchster Bedeutung. Ich hielt es für denkbar, dass eine militärische Rückendeckung nötig sein würde. Die vergessene Technologie, die ich auf Traversan zu finden hoffte, musste unbedingt Camelot zugutekommen.

»Atlan!«, hörte ich die drängende Stimme des Ersten Piloten. »Soll ich den Landeanflug einleiten?«

»Nein … Warte noch. Ich denke nach.«

Travs Stern war 12.002 Lichtjahre von Arkon entfernt, lag am Rand des Brysch-Sektors und galt als wirtschaftlich unbedeutend. Das Große Imperium der Vergangenheit hatte sich ebenso wenig um Traversan geschert wie das Kristallimperium der Gegenwart.

Die Ortung zeigte mir eine gelbe Durchschnittssonne mit insgesamt elf Planeten und nicht weniger als 155 Monden.

Traversan, der vierte Planet, durchmaß etwas mehr als 14.000 Kilometer und wies eine Schwerkraft von 1,15 Gravos auf. In 25 Stunden rotierte die erdähnliche Welt einmal um ihre Achse. Von den zahlreichen Monden kreiste nur ein einziger um Traversan – Travs Nachtauge. Der Himmelskörper barg schwere Festungsanlagen. Er war ein wichtiges militärisches Zentrum des Systems.

Ich erinnerte mich, dass ich Traversan niemals betreten hatte, auch in den alten Zeiten nicht. Fürst Ligatem, der Herrscher des Planeten, war mir nur aus der Datenbank bekannt.

Das rotierende Hologramm in der Zentrale der RICO zeigte Details der Oberfläche: fünfzig Prozent Ozean, drei Kontinente, die Hauptstadt Erican lag in den klimatisch gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel.

»Zoomt mir diese Stadt heran!«, bat ich.

Statt einer Antwort erhielt ich ein neues Hologramm. Erican erschien nicht als realistische Aufnahme – das war auf die Entfernung unmöglich –, sondern als Ergebnis einer syntronischen Simulation. Rings um die Stadt breitete sich ein Industriegürtel aus. Siebzig Kilometer vom Stadtkern entfernt erstreckte sich ein Raumhafen.

Besonders fiel mir jedoch ein Krater ins Auge, der von den Datenbanken der RICO als sogenannter Himmelskrater bezeichnet wurde. Der Krater musste durch eine furchtbare Explosion vor sehr langer Zeit entstanden sein.

Vergeude nicht deine Zeit, mahnte der Extrasinn, die Stimme in meinem Kopf. Wenn sie da unten wirklich eine uralte Geheimstation der Meister der Insel entdeckt haben, dann ist jede Sekunde kostbar.

Ich erhob mich ruckartig.

»Die RICO bleibt im Orbit«, verkündete ich. »Transmitter bereitmachen! Ich werde auf den Planeten hinunterspringen.«

1.
DER STOLZ VON TRAVERSAN

Vergangenheit 5772 v. Chr. / 12.402 da Ark

Nert Kuriol da Traversan machte sich klar, dass in dieser Stunde das Schicksal seines Volkes entschieden wurde. Er war 89 Arkonjahre alt und damit kein junger Mann mehr. Aber er war jung genug, um Angst vor dem Tod zu empfinden.

Mit Sorgfalt legte er seine Raumrüstung an. Wenn er seinem Feind gegenübertrat, dann wollte er angemessen gekleidet sein, seinem Stand entsprechend. Er war der Baron von Traversan, ein Nert, und er wollte seinem Besucher zeigen, dass er Stolz besaß.

»Einen Spiegel!«, kommandierte er barsch.

Zwei Bedienstete hielten ihm ein Kristallglas vor, das einen hochgewachsenen Mann in blauschwarzem Panzer zeigte, mit weißblondem wallendem Haar und einem kurzgestutzten, silbrigen Vollbart. Der polierte Harnisch zeigte eingeätzte Szenen aus der Mythologie der She‘Huhan-Sternengötter. Ein knielanger Cape-Umhang ergänzte das Bild, hellblau mit da-Traversan-Wappen in Gold und Silber.

»In Ordnung«, entschied er, eine Spur milder gestimmt als noch Sekunden zuvor. »Also! Wo ist Pyrius Bit?«

»Der Sonnenkur wartet nebenan auf der Schattenterrasse, Erhabener.«

»Wie lange schon?«

»Eine halbe Stunde. Er wirkt bereits sehr ungeduldig.«

Ein feines Lächeln stahl sich in Kuriols Gesicht.

»Das scheint mir zwar keineswegs lange genug – aber nun denn.«

Nert Kuriol da Traversan durchschritt die Wandelhalle, die zur sonnenabgewandten Seite des Palastes führte. Er hätte gern seine Tochter dabeigehabt, Prinzessin Tamarena, die jeden Gedanken erahnen konnte, oder Irakhem, den höchsten Kommando-Offizier des Systems. Er wollte jedoch nicht, dass Pyrius Bit ihn für schwach hielt. Alles hing davon ab, ob er eine Stärke vortäuschen konnte, die Traversan in Wahrheit nicht besaß.

Psychologie … eine letzte, kaum reale Möglichkeit.

Kuriol öffnete die Tür. In seinem Blick stand eine kaum verhohlene Verachtung; exakt jenes Maß, von dem er sich einen Vorteil erhoffte.

»Pyrius Bit. Wie schön, Euch zu sehen.«

Seine Stimme troff vor Sarkasmus.

»Ich grüße Euch ebenfalls, Kuriol. Und ich hoffe, Ihr habt die richtige Entscheidung getroffen. Nicht diesen …«, Bit schien nach Worten zu suchen, »… diesen Unsinn, den man mir übermittelt hat.«

Nert Kuriol da Traversan registrierte, dass Pyrius Bit die ihm zustehende Anredeform Erhabener verweigerte. Über Höflichkeit ließ sich streiten; Kuriol entstammte immerhin einem alten Adelsgeschlecht. Dafür war Bit von Imperator Reomir IX. zum Kur, zum Verwalter, des Brysch-Sektors erhoben worden. Und dazu gehörte auch der Planet Traversan. Da er außerdem ein Sonnenträger war, was einem hohen militärischen Rang entsprach, nannte er selbst sich Sonnenkur Pyrius Bit.

Kuriol musterte den fetten, kleinen Mann voller Abscheu. Er war ein degenerierter Adliger der übelsten Sorte, vollgestopft mit Drogen und ungesunder Nahrung, genusssüchtig und ohne Rückgrat. Vor dem Gesetz des Imperators besaß Pyrius Bit jedoch die Befehlsgewalt. Wenn es sein Wille war, Traversan zu ruinieren, dann stand das Recht auf seiner Seite.

Kuriol hätte die Richter des Imperiums anrufen können. Bevor aber auf dem fernen Gerichtsplaneten Celkar ein Urteil gefallen war, würde sein Volk in Hunger leben. Der alte Nert von Traversan hatte viel gesehen; doch er war fest entschlossen, eine solche Katastrophe niemals zuzulassen. Arkonidische Kugelraumer hatten die halbe Milchstraße unterworfen. Es war nicht recht, wenn im Schatten der stählernen Riesen Elend regierte.

»Eure Entscheidung, Kuriol!«, drängte Pyrius Bit. »Ich muss es wissen!«

»Meine Entscheidung steht fest. Ich sehe keinen Grund, meine Aussagen zu korrigieren.«

»Der Imperator fordert zusätzliche dreißig Prozent Steuern. Traversan muss bezahlen. Daran kann niemand etwas ändern.«

»Wir bezahlen dieses Geld nicht. Traversan ist nicht arm. Aber dann werden wir es sein.«

»Nert Kuriol … Ihr wollt Euer Volk doch nicht mit dieser entsetzlichen Naivität in den Tod treiben?«

Traversan verfügte über neunzig militärisch gerüstete Raumschiffe. Pyrius Bit konnte dagegen jederzeit das Doppelte mobilisieren; außerdem brauchte er nur den Imperator um Hilfe zu rufen. Das ferne Arkon pflegte einen rüden Umgang mit seinen Kolonien. Kuriol hatte Widerstand schon oft im Feuer der Impulskanonen ersterben sehen.

Der alte Nert gab sich einen Ruck, dann erklärte er: »Es bleibt dabei. Wir werden unsere Abgaben nicht um diesen Satz erhöhen.«

»Euch sind doch die Konsequenzen klar?«

Pyrius Bit drehte sich wie zufällig um und blickte auf die Trichtertürme und Parklandschaften der Hauptstadt Erican hinaus. Hinter den modern anmutenden Zentrumsvierteln ragten drei Kugelgebirge auf: die 500-Meter-Schlachtkreuzer der Fusufklasse, mit denen Bit gekommen war. Als Demonstration der Macht benutzten sie nicht den siebzig Kilometer entfernten Raumhafen, sondern standen direkt am Stadtrand.

»Natürlich kenne ich die Konsequenzen. Ihr dürft Euch dessen gewiss sein. Und nun geht. Ich werde Euch nicht aufhalten.«

Nert Kuriol hatte einen Moment lang daran gedacht, den Sonnenkur festzusetzen. Mit ihm als Geisel hätte er vielleicht noch einmal verhandeln können.

Doch er war ein Mann von Ehre, ein Traversaner, und er wusste, dass er im Namen seines Volkes handelte.

Pyrius Bit wurde plötzlich wütend.

»Kuriol! Ich befehle Euch …«

Der alte Nert holte aus. Er versetzte dem fetten, unfähigen Kerl, der vor ihm stand, eine schallende Ohrfeige.

Bit verstummte. Sein Gesicht wurde so weiß wie sein Haar. Seine Augen fingen vor Erregung an zu tränen.

»Nert Kuriol«, stammelte er fassungslos. »Das hat Folgen.«

2.
DIE MEISTER DER INSEL

Gegenwart 2. August 1290 NGZ

Endlich!«, empfing mich Fürst Ligatem da Traversan mit unwilliger Stimme. Er war ein Mann mittleren Alters, gewiss von hoher Bildung und gutem Charakter, im Augenblick jedoch sichtbar angespannt. Die Hände hielt er tief in den Taschen seines grünen Mantels vergraben. Es schien mir, als habe er sie zu Fäusten geballt.

Sein Blick fixierte mich.

»Du bist tatsächlich Atlan. Man trifft nicht jeden Tag Berühmtheiten dieser Klasse. Bist du wirklich mehr als dreizehntausend Jahre alt?«

»Natürlich.«

»Dann hast du die Imperatoren des alten Reiches alle noch persönlich kennengelernt?«

»Zumindest einige«, schränkte ich ein.

Das Thema war mir nicht angenehm, und der Fürst schien das zu spüren. Ligatem führte mich durch den Palast bis auf eine Aussichtsplattform. Von hier überblickte ich halb Erican; unter anderem den Himmelskrater im Westen der Stadt, der sich als dicht besiedeltes Gebiet erwies.

»Unser Ziel ist die Yssods-Wüste«, erklärte Ligatem. »Dort wurde die Station entdeckt.«

»Um was für eine Station handelt es sich genau?«

»Du siehst es bald«, blockte Ligatem meine Frage ab. »Allerdings ist eine gewisse Vorsicht nötig. Wir haben bereits siebzehn Tote zu beklagen. Mehr müssen es nicht werden.«

Ein undefinierbarer Seitenblick des Fürsten traf mich.

»Leider haben auch deine Camelot-Wissenschaftler nichts bewirkt. Deswegen haben wir einen Unsterblichen zu Hilfe gerufen. Wir hoffen, dass du uns entscheidende Hinweise liefern kannst. Du hast die Meister der Insel selbst getroffen, Atlan. Wir kennen sie nur aus den Geschichtsbüchern.«

Ligatem winkte einen Gleiter heran, ein komfortables, offenbar gepanzertes Fahrzeug für längere Strecken. Bald rasten wir mit hoher Geschwindigkeit über die Trichtertürme der Stadt, südlich in Richtung Yssods-Wüste.

Er hält dich anscheinend für eine Art Wunderheiler, kommentierte mein Extrasinn.

Soll er, antwortete ich trocken. Ligatem wird das Gegenteil früh genug merken.

Wir überquerten einen unbewohnten Landstrich. Kaum eine Pflanze gedieh, offenes Wasser entdeckte ich nirgendwo. Kein Wunder, dass bis dato niemand die Station entdeckt hatte.

Es dauerte eine knappe Stunde, dann sah ich zwischen den Felsen ein ausgedehntes Lager liegen. Ligatem landete das Fahrzeug am Rand der kleinen Zeltstadt.

»Ich habe ein schlechtes Gefühl«, hörte ich den Fürsten sagen, bevor er ausstieg. »Ich weiß, dass es naiv klingt, aber – wir dürften dies hier nicht tun. Es steht uns nicht zu.«

Ich begrüßte die Archäologen, Historiker und Hochenergie-Techniker, deren Gesichter ich von Camelot kannte. Die Leitung hatte Cinthia Taubenflug übernommen, eine dunkelhaarige Terranerin, die seit etwas mehr als zehn Jahren in den Diensten von Camelot stand.

Gemeinsam mit Ligatem führte mich Cinthia durch die Fundstätte. Die Station bestand aus fünf eiförmigen, vierzig Meter hohen Kuppeln. Die seltsamen Gebilde durchmaßen an der Basis zwanzig Meter. Sie waren gleichschenklig fünfeckig angeordnet und schimmerten rötlich. Sie hatten eine ausgesprochen seltsame, rau scheinende Oberfläche.

Angenommen, die Station war wirklich ein Produkt der Meister der Insel, dann mussten die Gebäude mindestens fünfzigtausend Jahre alt sein.

»Diese Wände«, murmelte ich unbehaglich, »sie sehen aus wie Sandstein.«

»Sandstein?«, fragte Cinthia zurück. Sie schien einen Moment lang ernsthaft nachzudenken. »Ich denke, wir können das guten Gewissens verneinen. Es dürfte sich um ein exotisches Metall handeln. Aber das ist nur eines von mehreren Rätseln. Sämtliche Einrichtungen hier erscheinen beispielsweise energetisch vollkommen inaktiv. Andererseits weisen gewisse Details darauf hin, dass einige Geräte dennoch aktiv sein müssen.«

»Erklärung?«

»Keine. Ich gebe zu, dass wir das noch nicht verstehen. Unser technologisches Niveau steht theoretisch sehr hoch über allem, was hier in der Yssods-Wüste existiert. Auf der anderen Seite kommen wir an den größten Teil der Geräte nicht heran, mit allen Tricks nicht. Die Erbauer der Station haben sie so perfekt isoliert, dass man die Leistung nur bewundern kann.«

»Die Erbauer – das führt uns gleich zum Kern. Was bringt euch auf den Gedanken, es könnten die Meister der Insel gewesen sein?«

Cinthia lächelte.

»Du glaubst doch nicht, wir rufen dich umsonst, Atlan?«

Sie führte mich einmal halb um die Anlage. Der Abstand von Kuppel zu Kuppel betrug fünfzig Meter. Es war ein Fußmarsch von einigen Minuten.

»Wir könnten natürlich auch direkt zwischen den Kuppeln hindurchgehen«, erklärte die Archäologin. »Aber Ligatem hat es vielleicht schon erwähnt, wir hatten hier bereits Todesopfer. Die Anlage war von versteckten Thermokanonen beschützt, als sie gefunden wurde. Wir wissen nicht, ob wir alle entdeckt und ausgeschaltet haben. Deshalb meiden wir überflüssige Wege am Altar entlang und natürlich unnötige energetische Vorgänge.«

Cinthia geleitete mich vor eine Platte, die aussah wie eine altägyptische Schrifttafel. Die Schriftzeichen besaßen einen eigentümlichen, seltsam vertrauten Charakter. Ich musterte die Zeichen sorgfältig.

Andromeda, konstatierte mein Extrasinn unhörbar. Erinnere dich an die Lemurer und die Meister der Insel. Das hier ist alt. Sehr, sehr alt. Cinthia hatte recht.

Mein photographisches Gedächtnis ließ mich den Sinn jener uralten Schriftzeichen erfassen:

Die Hoffnung geht nicht verloren.

Das Glück kann man zwingen.

Die Zeit muss nicht ein Gegner sein,

wenn du sie zu deinem Freund machen kannst.

»Was bedeutet das?«, wollte ich wissen.

»Eigentlich war das unsere Frage an dich, Atlan!«, meinte Cinthia Taubenflug.

»Zumindest handelt es sich um einen uralten Dialekt. Damals stand das Reich der Lemurer vor der Vernichtung durch die Haluter. Diese Schrifttafel wurde vermutlich zu einem Zeitpunkt geschrieben, als auch die Sonnentransmitter entstanden. Maximal tausend Jahre danach.«

Ich dachte eine Weile über die Zeilen nach. Dann zuckte ich mit den Schultern, eine typisch menschliche Geste, die ich mir im Lauf der Jahrhunderte unter Terranern angewöhnt hatte.

»Ist das der Altar, von dem du gesprochen hast?«, fragte ich.

»Keineswegs«, meinte sie lakonisch. »Der steht weiter hinten.«

»Zeig ihn mir«, forderte ich sie auf.

Cinthia führte mich in die Mitte der Anlage, zwischen den Kuppeln hindurch. Ich registrierte, dass Fürst Ligatem jenseits der Kuppelgrenze zurückblieb.

Er fürchtet sich, wisperte mein Extrasinn. Ligatem da Traversan ist kein Dummkopf und kein Feigling. Du solltest das ernst nehmen.

Soll ich wieder nach Hause fliegen?, fragte ich unwillig.

Vielleicht wäre das klüger. Cinthia hat ausgesagt, dass ihre Geräte die Geheimnisse der Station nicht enträtseln können. Niemand gibt sich eine solche Mühe, wenn es nicht unbedingt notwendig ist; wenn die Geheimhaltung nicht einen wichtigen Sinn macht. Gehe besser davon aus, dass in der Station noch unentdeckte Gefahren lauern.

Versteckte Waffensysteme?

Kaum anzunehmen, dass es so einfach ist.

Cinthia zeigte auf einen schmucklosen, aus blankem Fels gehauenen Stein.

»Der Altar. Wir haben ihn natürlich nur aus einer Laune so genannt. Seine wahre Funktion dürfte mit Religion nichts zu tun haben.«

Die obere Fläche war eine Plattform. Sie durchmaß acht Meter und wirkte im Gegensatz zu den Seiten wie glattpoliert. Ich fühlte mich an ein gigantisch vergrößertes Mikroskop erinnert, und der Altar diente als Objektträger.

»Der Altar befindet sich exakt im geometrischen Zentrum der Anlage«, erläuterte die Archäologin. »Wir haben das nachgeprüft. Und es gibt keine weiteren Schriftzeichen. So etwas wie eine Funktion ist nicht erkennbar.«

Von Westen fegte ein Windstoß durch die Anlage. Die Luft trug den typischen verbrannten Duft der Wüste mit sich. Sandkörner fingen sich in meinem Haar. Unwillkürlich hielt ich einen gewissen Abstand zum Altar ein. Mit den Meistern der Insel hatte ich schlechte Erfahrungen gemacht. Plötzlich wünschte ich mir, ich hätte einen SERUN mitgenommen und nicht diese Standard-Kombination.

»War das jetzt alles, Cinthia?«, fragte ich.

»Natürlich nicht. Dafür hätten wir dich nicht nach Traversan gerufen. Unser Problem sind die fünf Kuppeln. Wir konnten nur eine öffnen. Und das, obwohl wir mit den modernsten Apparaturen graben. Wir können nicht einmal sicher feststellen, ob die Kuppeln hohl oder massiv sind. – Ich meine, wäre es wirklich Sandstein, dann könnten wir das Material bis auf einzelne Moleküle genau abbilden. Aber hier – gar nichts.«

Als wir gegen die Meister der Insel gekämpft hatten, war von deren Technik nichts geblieben. Die kümmerlichen Reste hatten sich andere einverleibt. Mit einem Mal sah es so aus, als bekämen wir hier eine zweite Chance.

Cinthias Auskunft nährte meine geheime Hoffnung. Wenn es sich wirklich um eine Station der Meister handelte, dann bargen die Kuppeln möglicherweise ein wertvolles technologisches Erbe: Multiduplikatoren, um nur ein Beispiel zu nennen.

Camelot hätte damit den letzten Schritt getan, hin zur führenden Techno-Macht der Milchstraße. Umgekehrt konnten die Geheimnisse der Anlage aber auch Imperator Bostich zum mächtigsten Mann der Galaxis erheben.

»Ich will diese eine offene Kuppel sehen.«

»Dahinten ist der Eingang.«

Cinthia führte mich zu einer Art Schott, das man nicht nebeneinander, sondern nur hintereinander passieren konnte.

»Auf welche Weise habt ihr den Zugang entdeckt?«, wollte ich wissen. Cinthia lachte leise; ein Geräusch, das sich in der Wüste dumpf und kraftlos anhörte.

»Ich weiß, dass das schwer zu glauben ist, aber die Tür stand offen. Als wir es merkten, mussten wir zuerst tonnenweise Flugsand beseitigen. – Sieh es dir selbst an, Atlan!«

Die Kuppel war praktisch leer.

Nicht leer, korrigierte mein Logiksektor, sondern ausgeräumt. Das ist ein Unterschied.

Der eiförmig aufragende Innenraum barg eine Fülle von Regalen. Einige zeigten Schrammen, andere wiesen deutlich sichtbar Standspuren sehr schwerer Gegenstände auf.

»Habt ihr irgendwelche Fundstücke von ihrem Platz entfernt?«

»Nein. Es gab keine Fundstücke.«

In der Kuppelmitte gähnte ein Loch im Boden. Es handelte sich um ein Luk, das den Weg nach unten freigab.

»Besitzt deine Kombination einen Antigrav?«, hörte ich Cinthia fragen.

»Natürlich. Antigrav, Funkgerät und Schutzschirmprojektor.« Ich klopfte auf meinen Gürtel. »Aber was ist mit Licht?«

»Keine Sorge. Es sind überall Lampen angebracht.«

Wir ließen uns schwerelos durch das Loch nach unten tragen. Die Archäologin führte mich durch einen Kammerkomplex. Jedes der Gewölbe, die man von hier aus erreichen konnte, erwies sich als leer.

»Wir glauben, dass hier unten alles mit altlemurischer Hightech vollgestopft war. Wo das Zeug hin ist? Keine Ahnung … Warte, Atlan! Dahinten ist ein kleiner Hangar, in dem wohl ein Kleinraumschiff untergebracht war. Wir haben Verbrennungen an den Wänden entdeckt, vermutlich Spuren eines Korpuskulartriebwerks. Natürlich ist auch dieser Hangar leergeräumt. – Und übrigens, von oben lässt sich das Kavernensystem ortungstechnisch nicht nachweisen. Wir können das Phänomen nicht erklären. Normalerweise orten wir Hohlräume wie diesen auf ein halbes Lichtjahr Entfernung.«

Typisch für die Meister, wisperte mein Extrasinn. Uneinheitlich entwickelte Technologie. Auf der einen Seite ein rückständiges Korpuskulartriebwerk, auf der anderen Seite Zeitmaschinen und Sonnentransmitter.

»Tatsache ist, dass uns vier der fünf Kuppeln verschlossen bleiben. Wir hoffen, dass du uns helfen kannst, Atlan. Wir haben nicht ewig Zeit. Traversan ist arkonidisches Territorium. Wir können nur auf den Faktor Geschwindigkeit setzen.«

Cinthia führte mich hinauf ans Tageslicht. Unwillkürlich kniff ich die Augen zusammen. Travs Stern leuchtete so kräftig wie Sol um die Mittagszeit, grell und kaum erträglich.

Mein Blick fiel zum zweiten Mal auf den Altar. Und diesmal ignorierte ich die instinktive Scheu, die mich eben noch bewogen hatte, Abstand zu halten. Wie in Trance bewegte ich mich auf die Plattform zu. Es war, als habe ein suggestiver Einfluss Macht über mein Handeln erlangt; dies war natürlich ausgeschlossen, da ich durch den aktivierten Logiksektor nicht psionisch beeinflusst werden konnte.

»Atlan? – Atlan! Was ist mit dir?«

Ich nahm Cinthias Stimme als ein leises, entferntes Wispern wahr. Dabei stand sie nur wenige Meter hinter mir.

Bleib stehen, Narr!

Ich schenkte dem inneren Aufschrei keine Beachtung. Der Altar konnte nicht gefährlich sein. Die Archäologen hätten es sonst längst herausgefunden.

Halt, Arkonide! Cinthias Leute hätten nicht einmal die Kavernen gefunden, hätte die Tür nicht offengestanden! Du weißt nichts über dieses Objekt!

Kurz vor Erreichen des Altars verzögerte ich meinen Schritt. Einen Meter weiter, das ahnte ich plötzlich, und eine unsichtbare Grenze wäre überschritten.

Travs Stern brannte von hinten in meinen Nacken. Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter – es war Fürst Ligatem! –, die ich jedoch abschüttelte.

Mit einem weiten Satz sprang ich auf die Plattform.

Nichts geschah. Die Bedenken der anderen schienen mir mit einem Mal kindisch, und ich konnte im Nachhinein nicht erklären, weshalb ich anfangs eine solche Scheu empfunden hatte.

Da erscholl eine Stimme:

»Na Maghan! Na Tha‘genem par atha ke!«

Ich erstarrte. Mit allen Sinnen versuchte ich, den Ursprung der Worte festzustellen. Doch die Stimme schien von überall zugleich zu kommen. Ich ahnte, dass der Altar selbst die Schwingungsmembran eines gigantischen Lautsprechers war.

»Na Maghan! Na Tha‘genem par atha ke!«

Die Sprache war Alt-Tefroda, das sich von der alten lemurischen Sprache kaum unterschied. Ich kannte den Dialekt! Gehört hatte ich ihn ausschließlich in Situationen allerhöchster Lebensgefahr.

Fürst Ligatem und Cinthia fingen an zu schreien. Sie stießen Worte aus, deren Sinn ich nicht verstehen konnte. In ihr Geschrei mischte sich ein umfassendes Dröhnen, das aus den Tiefen der Wüste entsprang.

Es dauerte drei, vier weitere Sekunden, dann verstand ich nichts mehr außer dem Satz in Alt-Tefroda:

»Na Maghan! Na Tha‘genem par atha ke!«

Unwillkürlich übersetzte ich:

»Maghan! Schaltung Sternentau wurde soeben aktiviert!«

Die Botschaft wurde endlos wiederholt. Was bei allen Göttern war unter Schaltung Sternentau zu verstehen? Den Ausdruck Maghan kannte ich jedoch sehr gut; die Meister der Insel hatten sich damals so titulieren lassen. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hatte mein Sprung auf den Altar einen uralten Mechanismus aktiviert.

Eben wollte ich wieder auf den Boden zurück, wollte den Mechanismus zum Halten bringen, da sackte Cinthia vor meinen Augen leblos zusammen.

Flieh, Narr!

Es war zu spät. Ich konnte mich nicht mehr bewegen.

3.
SIEG?

Vergangenheit 5772 v. Chr. / 12.402 da Ark

Ein gellender Signalton riss Kommandeur Irakhem aus dem Schlaf. Er war sich darüber im Klaren, dass damit der Anfang vom Ende eingeleitet wurde.

Salziges Tränensekret überströmte seine Wangen; ein Zeichen der übermächtigen Erregung, die ihn erfasste.

Mit einem Satz war er aus dem Bett. Er aktivierte das Visiphon. Dass sein weißes Haar wirr in alle Richtungen hing, nur nicht in den Nacken, kümmerte ihn nicht. Er diente dem Nert und seiner Heimat Traversan. Sein persönliches Erscheinungsbild hatte zurückzustehen, jedenfalls für den Augenblick.

Auf der anderen Seite salutierte ein Orbton. Irakhem kannte ihn als Offizier von niedrigem Rang. Er kannte alle Offiziere in seinem Umfeld, die meisten mit Namen. An der Galaktonautischen Akademie hatte man ihn gelehrt, wie man Untergebene führte: Es war wichtig, durch scheinbare Kleinigkeiten stets Überlegenheit zu dokumentieren.

Mit 23 Jahren war Irakhem viel jünger als der Orbton. Dennoch wurde er als Befehlshaber der Traversan-Flotte von allen anerkannt.

Er war der einzige Kapitän zweiter Klasse des Systems. Kapitäne erster Klasse – oder gar Admiräle! – hatte es auf den Welten von Travs Stern nie gegeben.

»Also! Was ist geschehen, Orbton?«

Du kennst doch die Antwort, Narr!, kritisierte sein aktivierter Logiksektor. Es ist Pyrius Bit!

Irakhem hätte beinahe laut geantwortet. Ärgerlich biss er auf seine Unterlippe. Er musste sich an die Stimme in seinem Inneren, die zu allem und jedem Kommentare abgab, erst noch gewöhnen. Der Logiksektor verschaffte ihm Überlegenheit. Die ARK SUMMIA wirkte wie ein innerer, stets gegenwärtiger Schulmeister.

»Also?«, wiederholte er scharf. »Ich erwarte deine Auskunft, Orbton!«

»Nun, ich … ich dachte … Jawohl!«

Der Mann schien verwirrt, wahrscheinlich über Irakhems Verhalten.

»Ein Verband von Imperiumsschiffen, Erhabener! Sie sind kurz jenseits der zehnten Planetenbahn aus dem Hyperraum gestürzt. Der Transitionsschock hat eine unserer Beobachtungsstationen vernichtet. Zwanzig Männer sind dabei gestorben.«

Kommandeur Irakhem presste die Lippen zusammen. Transitionen innerhalb eines Systems galten als lebensgefährlich und wurden selten vorgenommen. Zum Ethos der Raumfahrer gehörte, grundsätzlich das planetengebundene Leben nicht zu gefährden. Ausnahmen gab es auch im Kriegsfall nicht.

Wer spricht von einem Krieg?, ergänzte sein Logiksektor. Traversan wird nicht mehr sein als eine blutige, bestenfalls tragische Randnotiz der Geschichte.

Irakhem ignorierte die Stimme. Er fragte knapp:

»Welchen Kurs fliegen die Imperiumsschiffe?«

»Sie halten Kurs Traversan, Erhabener!«

»Anzahl?«

»Wir haben noch Orterprobleme durch den Transitionsschock. Unsere Geräte müssen neu kalibriert werden. Die Anzahl der Schiffe werde ich Euch bald nennen können, Pal‘athor. Habt einige Minuten Geduld.«

Pal‘athor – Zweiplanetenträger.

Er lachte bitter. Der militärische Rang, den er in jungen Jahren erreicht hatte, würde ihm nichts mehr nützen. Auf der Prüfungswelt Alassa hatte er die ARK SUMMIA absolviert. Er besaß seinen aktivierten Extrasinn seit diesem Tag, so wie die hochgestellten Adligen und erhabenen Flottenkommandeure.

Irakhem fühlte einen brennenden Ehrgeiz. In wenigen Jahren, so die Planung, hätte er die Weiterbildung zu einer höheren Offizierslaufbahn in Angriff genommen. Das Volk von Traversan hätte voller Stolz auf seinen ersten Admiral geblickt; und den meisten Stolz von allen hätte Nert Kuriol da Traversan empfunden, Irakhems väterlicher Förderer. Und nun war alles vorbei. Bevor es noch richtig begonnen hatte.

»Wann wird der Imperiumsverband eintreffen, Orbton?«

»Unveränderte Sublichtwerte vorausgesetzt, in sieben Stunden.«

»Nehmen wir an, sie beschleunigen maximal?«

»Dann schaffen sie es in fünf Stunden«, bekundete der Mann irritiert. »Aber warum sollten sie das tun, Erhabener? Sie würden doch nur unnötig ihre Triebwerks-Stützmasse verschwenden.«

Irakhem warf dem Mann einen scharfen Blick zu.

»Wenn wir etwas nicht verstehen, so heißt das nicht, dass es nicht geschehen kann.«

Die Gesichtszüge des Offiziers wurden starr.

»Ich verstehe, Kommandeur.«

»Gut. Nachrichten werden bitte unverzüglich an mich weitergereicht. Ich werde mich in spätestens fünfzehn Minuten an Bord meines Flaggschiffs einfinden. Danke.«

Irakhem schaltete das Visiphon ab. Fünf Stunden, das ließ ihm noch etwas Zeit. Er konnte seine Vorbereitungen treffen. Nicht, dass er einen großen Sinn darin gesehen hätte; aber es lag nicht in der Mentalität der Traversaner, aufzugeben. Pyrius Bit konnte sie vernichten. Er würde den Sieg allerdings sehr, sehr teuer erkaufen.

Irakhem erwartete seinen Tod. Ob der Tod heute schon kommen würde oder ob er mit Intelligenz und Kampfmoral das Ende noch einmal verzögern konnte, das war noch unklar.

Der Kommandeur duschte kurz. Er kaute Konzentrate, trank Wasser mit einem belebenden Langzeitaufputscher, dann band er sein Haar mit einer Spange aus Arkonstahl im Nacken zusammen. Zur blaugrauen Standarduniform wählte er einen dunkelroten Umhang.

Einen Moment lang überlegte er, ob er Nert Kuriol von dem nahenden Verband in Kenntnis setzen musste. Dann aber sagte er sich, dass der Fürst von Traversan dieselben Informationen besaß wie er selbst; wenn nicht die besseren. Kuriol war der eigentliche Oberkommandierende der Streitkräfte von Traversan, Irakhem nur sein Stellvertreter.

Irakhem trat ins Freie, hinaus auf eine der Palast-Terrassen. Ein Antigravstrahl erfasste ihn und zog ihn schwerelos in die Luft.

Der Leka-Diskus, ein LE-20-05 für den interplanetarischen Shuttle-Verkehr, katapultierte ihn binnen weniger Minuten zum siebzig Kilometer entfernten Raumhafen.

Irakhem starrte nicht ohne Wehmut durch die Luken hinab. Erican, die Hauptstadt des Planeten … eine Perle des Brysch-Sektors. Würde er jemals zurückkehren? Und wenn er heimkehrte, würde es Erican noch geben?

Auf dem Raumhafen standen sechs Schiffe; sechs von den neunzig, die Traversan besaß. Jedes einzelne stellte ein riesengroßes, unüberwindliches Gebirge aus modernster Technik dar. Sie trugen die stärksten Energiekanonen, die man sich vorstellen konnte, die schnellsten Positroniken, die besten Transitionstriebwerke.

Ihre Kugelzellen bestanden aus beschussverdichtetem Arkonstahl, dem nachweislich stabilsten Baumaterial der Galaxis. Und Irakhem sah die sechs Einheiten nur als ionisierte, auseinanderdriftende Gaswolken vor sich.

Narr! Kannst du deinen Puls noch fühlen? Oder bist du schon tot?

Irakhem antwortete lautlos: Ich habe keine Hoffnung.

Wenn eine Schlacht auf der Kippe steht, dozierte der Extrasinn, wird diejenige Partei gewinnen, die durch positives Denken rechtzeitig ihre mentalen Kräfte gestärkt hat.

Irakhem fand, dass das ein wertvoller Hinweis war. Der Logiksektor hatte recht. In den furchtbaren Schlachten gegen die Methanatmer hatte Irakhem manche aussichtslose Situation überstanden. Solange er lebte, besaß er eine Chance.

Ein zweifellos verrückter Teil seiner selbst machte sich bemerkbar; er hegte mit einem Mal die vollständig irrationale Hoffnung, irgendetwas Unvorhergesehenes möge eintreten.

»Pal‘athor!«

Ein Orbton kam eilig von der Seite heran. Irakhem fixierte den Mann kurz.

»Was gibt es?«

»Pal‘athor, wir sind in wenigen Sekunden wieder vollständig ortungsfähig. Die Kalibrierungen sind abgeschlossen.«

»Danke.«

Irakhem starrte gespannt auf den Orterschirm, der ihm vorerst nicht mehr als ein schematisches Abbild des Trav-Systems zeigte. Dann flackerten der Reihe nach glimmende rote Punkte auf. Jeder der Punkte stand für einen Imperiumsraumer. Es waren insgesamt nicht mehr als zwölf.

Drei sehr helle Reflexe zeigten Schlachtkreuzer der Fusufklasse an, so groß wie die TRAVERSANS EHRE, die anderen neun waren Schwere Kreuzer von je 200 Metern Durchmesser. Ihre Formation wies darauf hin, dass sie den drei Schlachtkreuzern als Flankenschutz dienen sollten. Sie flogen eindeutig in Gefechtsformation.

Nur zwölf, überlegte Irakhem.

Er fragte sich, ob das bereits der unerwartete Umstand war, den er sich erhoffte.

Die Impulstriebwerke erwachten mit einem urwelthaften Gebrüll zum Leben. Die Schiffe konnten noch so riesig sein, ihre Dämpfung noch so aufwändig, es war immer wieder dieselbe Sorte von Weltuntergang.

In diesem Fall handelte es sich um 18 getrennt steuerbare Aggregate. Im freien Raum konnten sie das Schiff mit 500 km/s2 beschleunigen. Am Boden wären jedoch verheerende Schäden die Folge gewesen, was dem Startmanöver natürliche Grenzen setzte. Irakhem nahm seinen Platz in der Mitte der Zentrale ein. Er stand breitbeinig, als wolle er den Imperator grüßen, und starrte auf die Galerie der Panoramaschirme.

Die TRAVERSANS EHRE war ein Kugelraumer von einem halben Kilometer Durchmesser. Die Besatzung bestand aus sechshundert traversanischen Elite-Raumfahrern.

Von hier aus wurde die einheimische Flotte zentral befehligt. Irakhem verfügte über alle Möglichkeiten moderner arkonidischer Kommandotechnik: eine Fülle von Bildschirmen, größenvariabel und von einer Positronik angesteuert, dazu kamen Hologramme zur optimierten räumlichen Darstellung, Flussdiagramme, dreidimensionale Vektorgrafiken.

»Landestützen einfahren!«, kommandierte er laut.

Man konnte seiner Stimme nicht anhören, was er in Wahrheit dachte.

»Antigravs auf einhundert Prozent Schwerkraftkompensierung schalten.«

Es dauerte wenige Augenblicke, dann hörte er die Meldung:

»Landestützen eingefahren. TRAVERSANS EHRE startbereit.«

Einen Moment lang hing das Schiff schwerelos in der Luft. Die scheinbare Stille dauerte nicht lange an: Irakhem gab Befehl, in den Orbit durchzustarten.

Bis zum Eintreffen des Imperiumsverbands würde es eine halbe Stunde dauern. Bislang hatte kein Funkkontakt stattgefunden. Absicht und Identifikation waren strenggenommen also unklar. Geschwindigkeit und Kursvektor ließen jedoch darauf schließen, dass der Verband direkt von BRY 24 stammte, dem 87 Lichtjahre entfernten Stützpunkt der Sektorenflotte. Dort residierte Pyrius Bit.

Die TRAVERSANS EHRE schwenkte in einen weiten Orbit ein. Travs Nachtauge, der Mond ihrer Heimat, befand sich auf der anderen Seite des Planeten, noch einen halben Tag lang außer Reichweite. Für ein eventuelles Gefecht bedeutete das, der Mond konnte nicht als Deckung benutzt werden. Die oberflächengestützten Forts konnten nicht auf Seiten der Traversaner in den Kampf eingreifen.

Irakhem hatte ohnehin nicht vor, es soweit kommen zu lassen. Keiner der Imperiumskreuzer durfte auf Feuerreichweite an Traversan oder Travs Nachtauge heran.

»Hyperkom-Verbindung herstellen«, ordnete er an. »Ich will den Kommandanten dieses Verbandes sprechen.«

Die zwölf Einheiten bremsten ab. Ihr Kurs war so berechnet, dass sie etwa über Traversan zum Stillstand kommen würden.

»Keine Antwort, Pal‘athor!«, meldete der Funkoffizier nach einer Weile.

Irakhem fluchte leise. Er befahl:

»Sperrkordon bilden! Jedem gegnerischen Schlachtkreuzer ordnen sich fünfundzwanzig Einheiten zu. Der Geleitschutz wird damit automatisch gebunden. Fünfzehn Leichte Kreuzer sichern den Rückraum gegen durchgebrochene Einheiten ab! Ich will nicht, dass plötzlich ein verirrtes Imperiumsschiff über Erican auftaucht.«

Rings um die TRAVERSANS EHRE flammten die superschweren Schutzschirme auf; schimmernde Kugeln aus Energie, die mehrere Treffer aus Thermokanonen absorbieren konnten.

»Feindkontakt! Geschützreichweite für schweres Feuer in dreißig Sekunden!«

Irakhem ließ die Schiffe seines Verbandes abbremsen und auf Kurs Richtung Traversan bringen.

Wären sie auf Kollisionskurs geblieben, das Gefecht hätte nur wenige Sekunden gedauert. Das lag nicht in Irakhems Interesse. Um einen Imperiumsraumer abzuschießen – oder ihn wirksam aufzuhalten –, brauchte es mehr als ein paar Sekunden.

»Kurs synchronisiert!«, meldete ein kosmonautischer Offizier. Ein anderer fügte hinzu: »Feuerpositronik klar!«

Irakhem schickte einen letzten Funkspruch los:

»Pal‘athor Irakhem im Namen von Nert Kuriol da Traversan. An nicht identifizierten Verband: Stoppen Sie, oder wir eröffnen das Feuer! Ich wiederhole: Wir eröffnen sonst das Feuer.«

Plötzlich flammte vor ihm ein Bildschirm auf. Irakhem schaute auf ein brutal wirkendes, breites Gesicht mit tief zerfurchter Stirn.

»Mein Leben für Arkon!«, grüßte der Fremde vorschriftsmäßig. »Hier Vere‘athor Tereagh! Geben Sie den Weg frei, Kapitän! Dies ist Territorium des Großen Imperiums und des Imperators Reomir IX. Sonnenkur Pyrius Bit sendet uns, um auf Traversan eine offizielle Strafaktion des Imperiums zu vollstrecken.«

Irakhem wusste, dass ein Vere‘athor im Rang über ihm stand. Dennoch, seine Befehle stammten von Kuriol, und Kuriol hatte sich mehr oder weniger deutlich vom Imperium losgesagt. Der Vere‘athor war damit Irakhem gegenüber nicht mehr weisungsbefugt.

»Wir geben den Weg nicht frei, Vere‘athor Tereagh.«

Der Fremde mit dem Schlägergesicht schien zu lächeln.

»Dann tragen Sie die Konsequenzen, Pal‘athor.«

Der Bildschirm erlosch.

Irakhem gab Befehl, die Pneumosessel aufzusuchen und sich anzuschnallen. Rotalarm gellte durch die TRAVERSANS EHRE. Auf den Projektorflächen der Panoramagalerie erschienen Irakhems neunzig Einheiten grün, Tereaghs Schiffe rot, und die Himmelskörper des Systems wurden als dreidimensionale Körper dargestellt.

Irakhem definierte eine Feuerlinie, zehn Lichtminuten von Traversan entfernt. Es dauerte nur wenige Sekunden. Er nahm Blickkontakt zu seinen wichtigsten Leuten auf. Der Feuerleitoffizier hatte seine Finger schon auf den Kontrollen liegen.

Als die roten Punkte die Linie überschritten, sagte Irakhem laut:

»Schwere Thermogeschütze 1 bis 8, Feuer frei.«

Die Welt schien um ihn herum unterzugehen.

Man wusste auf der anderen Seite, dass die traversanische Flotte nicht über hochrangige Kommando-Offiziere verfügte. Ein einziger Pal‘athor reichte nicht aus, um neunzig Schiffe sinnvoll zu befehligen. Tereagh schien das genau zu wissen, sonst hätte er nicht in so deutlicher Unterzahl den Angriff gewagt.

Die Impulstriebwerke rissen das Schiff vorwärts. Einige Gravos Restbeschleunigung schlugen durch, trotz der aktivierten Andruckabsorber.

Die Thermokanonen nahmen mit furchtbarer, körperlich fühlbarer Gewalt ihre Arbeit auf. Vor dem Schlachtkreuzer, der ihnen am nächsten stand, kreuzten sich die Bahnen aus Energie.

Irakhem war aus irgendeinem Grund sicher, dass sich genau dort Vere‘athor Tereagh an Bord befand.

Die Feueroffiziere korrigierten selbständig die Schussweite. Als sich die Bahnen ein zweites Mal kreuzten, erwartete Irakhem, den Schlachtkreuzer explodieren zu sehen.

Aber nichts dergleichen geschah. Das Schiff war plötzlich fort. Es hatte sich mit einem unerwarteten Manöver nicht von der TRAVERSANS EHRE entfernt, sondern war nahe herangerückt!

Ein donnerndes Geräusch lief durch das Schiff. Irakhem fühlte sich herumgerissen und in die Gurte gepresst. Dann erwiderten sie das Feuer.

»Auf die Nahortung achten!«, brüllte er. »Sie sind an uns dran! Unsere Flankeneinheiten können nicht feuern, ohne dass wir getroffen werden!«

Vor Irakhems Augen platzte ein Bildschirm. Ein Splitterregen ergoss sich über die Zentrale.

»Schirmauslastung 120 Prozent!«, hörte Irakhem einen Offizier schreien. »Steigend! 145 … 150 …!«

Wir müssen aus dem Feuer heraus, kommentierte sein Extrasinn nüchtern. Eigene Treffer sind im Moment zweitrangig.

Irakhem kommandierte:

»Feuer einstellen! Eingesparte Energie auf die Schutzschirme leiten! Triebwerke volle Kraft Gegenschub!«

Noch einmal schien es, als gehe die Welt unter – als die Impulstriebwerke das riesenhafte Kugelschiff auf Gegenkurs rissen.

Irakhem sah den feindlichen Raumer in kurzer Entfernung auf dem Schirm erscheinen.

Und im selben Augenblick eröffnete ihr Flankenschutz das Wirkungsfeuer. Der 500-Meter-Raumer der Fusufklasse, der eben noch um ein Haar ihr Ende herbeigeführt hätte, verging in einer lautlosen, optisch wunderbaren Explosion, die sechshundert Arkoniden der Gegenseite das Leben kostete.

»Pal‘athor? Sind Sie in Ordnung?«

Er spürte, dass zwei Sorten Flüssigkeit seine Wangen hinabrannen. Die erste war das typisch arkonidische Tränensekret der Erregung, und die zweite war Blut. Er hatte eine Schnittwunde an der Stirn, durch die herumfliegenden Splitter des geplatzten Monitors.

»Gefechtsfähig!«, erklärte er knapp. »Machen Sie sich keine Sorgen, Orbton.«

Irakhem versuchte, sich zu beruhigen. Solange er im Kopf nicht klar war …

Den Luxus der Ruhe kannst du dir nicht leisten, Narr! Triff Entscheidungen! Du wirst damit leben müssen, dass du Fehler begehst!

Irakhem kniff die Lippen zusammen. Er versuchte, von nun an auf alles gefasst zu sein. Wenn sie Glück hatten, war mit Vere‘athor Tereagh der intelligenteste Gegner bereits tot.

Die Panoramagalerie zeigte Abschüsse und Opfer an. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hatte der Feind – denn nichts anderes war dieser Verband vom Stützpunkt BRY 24 – zwei Schiffe verloren. Von Irakhems Verband waren dagegen nur noch achtzig Schiffe übrig.

Er verstand mit einem Mal, warum Tereagh sich eine Chance ausgerechnet hatte. Es war eine furchtbare Erkenntnis. Der Mangel an Kommando-Offizieren wirkte sich mit einem brutalen Blutzoll aus.

Irakhem verzichtete dennoch darauf, die Beiboote auszuschleusen. Ihr Einsatz stellte ein potentielles Opfer dar, das er als unnötig ansah; er war sicher, dass sie es noch schaffen würden.

Eine Raumschlacht war ein seltsames, schwer zu durchschauendes Ereignis. Zwei Schiffe gegeneinander antreten zu lassen erforderte bereits Fingerspitzengefühl. Die physikalischen Werte der Ortung in eine konkrete Vorstellung umzusetzen war eine Sache des Abstraktionsvermögens.

Drei Schiffe erforderten das Neunfache, vier Schiffe bereits das Sechzehnfache an Konzentration. So lehrte es die Galaktonautische Akademie – und Irakhem hielt diese Werte für eher untertrieben.

Neunzig Schiffe gegen zwanzig schien auf den ersten Blick ein leichtes Unterfangen zu sein. Aber das war es nicht. Pyrius Bit hatte einen Eliteverband geschickt.

Die Schlacht dauerte zehn Minuten, und am Ende hatte Irakhem zwanzig unersetzliche Einheiten verloren. Von den Raumern der Gegenseite war nichts mehr übrig.

Die TRAVERSANS EHRE ging leicht beschädigt auf dem Raumhafen von Erican nieder. Irakhem betrachtete die Hülle aus beschussverdichtetem Arkonstahl, die ein Dutzend frische Narben davongetragen hatte.

In einem offenen Gleiter wartete am Rand des Landefeldes eine hochgewachsene Gestalt. Nert Kuriol trug seine blauschwarze, mit Protectorschalen verstärkte Raumrüstung.

»Irakhem! Ich beglückwünsche Sie!«, hörte er die sonore Stimme des Nert. »Ihr erster Sieg als Flottenführer!«

Irakhem kam mit hängenden Schultern heran.

»Ihr wisst genau, Nert, dass das nicht der Wahrheit entspricht. Ich habe zwanzig Verluste erlitten.«

Kuriol sagte hart:

»Niemand konnte es anders erwarten. Enttäuschen Sie mich nicht durch unrealistische Erwartungen. Ich erinnere mich, als ich selbst jung war … Sie sind ein junger Heißsporn, Irakhem. Risikofreudig, fachlich kompetent, jedoch zwangsläufig nicht mit der taktischen und strategischen Erfahrung eines altgedienten Kommandanten ausgestattet.«

Die beiden Männer schwiegen eine Weile. Leka-Disken donnerten über sie hinweg; Mannschaftstransporter und Reparaturpersonal wurden zu den gelandeten Einheiten gebracht.

»Was ich nicht verstehe, Nert Kuriol: Was hat Pyrius Bit bewogen, uns nur zwölf Schiffe zu schicken? Musste er nicht wissen, dass wir dieses Scharmützel gewinnen würden?«

»Zweifellos, Pal‘athor … Dem Sonnenkur bedeuten zwölf verlorene Schiffe nichts. Er kann sie verschmerzen. Bit hat die Mannschaften in den Tod geschickt, um vor dem Imperator eine umso bessere Legitimation zu besitzen. Nun muss er Traversan vernichten, er hat gar keine andere Wahl. Wenn es nachher noch Überlebende gibt, die auf dem Gerichtsplaneten Celkar Klage erheben könnten, dann haben sie ab jetzt keine Aussichten mehr auf juristischen Erfolg.«

Wieder herrschte eine Weile Schweigen. Irakhem dachte an die Besatzungen der zwanzig verlorenen Schiffe.

»Die zweite Welle wird bald folgen«, sagte er tonlos.

»Ja, Pal‘athor.«

»Dann werden sie uns vernichten.«

»Zweifellos.«

Nert Kuriol da Traversan blinzelte in die tiefstehende Sonne. Seine schulterlange, wallende Mähne wurde von einem Windstoß aufgewirbelt.

»Ich bin alt. Es ist ohne Belang. Aber vielleicht finden wir noch eine Möglichkeit, wie wir unsere jungen Leute retten können.«

»Ich kann nur …«

»Warten Sie, Pal‘athor!«

Ein durchdringendes Geräusch drang aus Kuriols Cape. Der Fürst zog einen Interkom mit handtellergroßem Display hervor.

»Kuriol«, meldete er sich ungehalten. »Was gibt es?«

Irakhem konnte über Kuriols Schulter das verwirrte Gesicht eines Adjutanten erkennen. »Erhabener, ich habe eine seltsame Ortung zu melden! Wir fangen aus der Yssods-Wüste Signale auf, die für unsere Spezialisten nicht zu deuten sind!«

Kuriols Kopf ruckte herum.

Irakhem fühlte sich von den tiefroten Augen des alten Nert fixiert.

»Kann es sein, dass einem Schiff des Gegners die Landung gelungen ist?«

»O nein!«, entgegnete Irakhem im Brustton der Überzeugung. »Ausgeschlossen. Was immer da los ist, es hat mit unserem Gefecht nichts zu tun!«

Der alte Nert dachte eine Weile konzentriert nach. Irakhem vermutete, dass er mit seinem Extrasinn stumme Zwiesprache hielt. Dann kündigte Kuriol an:

»Ich werde Prinzessin Tamarena schicken. Das Phänomen muss untersucht werden.«

»Ist das nicht zu …«

Irakhem unterbrach sich mitten im Satz.

»Zu gefährlich?«, wollte Kuriol wissen. »Sie enttäuschen mich, Irakhem. Tamarena kann besser auf sich aufpassen als wir alle.«

4.
MAGHAN!

Gegenwart 2. August 1290 NGZ

Mein Blick ruhte auf der Frau, die vor dem Altar zusammengebrochen war. Cinthia schien zu sterben.

Unternimm etwas, Narr!

Ich versuchte, meine Hände zu bewegen. Doch die Lähmung reichte bis in die Fingerspitzen. Dasselbe mit den Füßen, den Nackenmuskeln, nicht einmal die Lippen konnte ich öffnen.

Es war keine typische Paralyse; ansonsten wäre ich zusammengebrochen und hätte möglicherweise das Bewusstsein verloren. Ich vermutete einen unbekannten Einfluss, der auf normale Menschen so wirkte wie auf Cinthia. Für mich sah die Sache anders aus, ich war ein Unsterblicher.

Mein Zellaktivator pochte so stark, dass ich glaubte, die Ströme von Vitalenergie wie dicke Taue fassen zu können. Ohne den Chip in meiner Schulter, so machte ich mir klar, wäre ich innerhalb weniger Sekunden gestorben.

Aus den Augenwinkeln erblickte ich plötzlich eine Gestalt. Ein Arkonide in einem grünen Mantel näherte sich im Zeitlupentempo. Es war Fürst Ligatem! Im ersten Augenblick dachte ich noch, Ligatem wolle mich vom Altar ziehen.

Verschwinde! Du schaffst es nicht!, versuchte ich zu rufen. Aber kein Wort kam über meine Lippen.

Dann bemerkte ich, dass der Blick des Fürsten in eine andere Richtung ging. Ligatem schaffte ein paar Meter. Dann sanken seine Arme hinab. Seine Hände öffneten sich, und er ging in die Hocke.

Als er wieder hochkam, hatte er die Archäologin im Griff. Der Fürst versuchte, die Frau wegzuschleppen. Meter für Meter kämpfte er sich vorwärts – während ich nur untätig zusehen konnte.

Ich bewunderte seine Willenskraft. Ligatem gab nicht auf, auch nicht, als er für Sekunden scheinbar entkräftet zu Boden ging. Die Zeitlupen-Flucht lief zunehmend zügiger ab. Mit jedem Meter Entfernung zum Altar gewann Ligatem an Tempo.

Zum Schluss hob er Cinthia auf seine Schultern. Er trug sie wankend, aber rasch davon.

In meiner Sichtweite befanden sich lediglich noch Maschinen, keine Lebewesen mehr.

Ich war allein. Solange mein Aktivator arbeitete, konnte der lähmende Einfluss mich nicht töten.

Ich erkenne eine Querverbindung, wisperte mein Zellaktivator. Die Stimme gerade eben wandte sich an einen Maghan. Die einzig anwesende Person auf dem Altar bist du, Arkonide. Ich nehme daher an, dass der Urheber der Stimme dich als einen Maghan identifiziert hat – als einen Meister der Insel.

Was für ein Unsinn!, entfuhr es mir lautlos. Die Meister sind seit einigen tausend Jahren tot. Das letzte Mal, dass einer von ihnen diese Anlage betreten hat – wenn überhaupt! –, muss vor 50.000 Jahren gewesen sein!

Der Extrasinn erklärte: Eine wichtige Eigenschaft der Meister war ihre relative Unsterblichkeit. Die Maghane trugen Zellaktivatoren, so wie du! Und heute betrittst du diesen Altar, eine Stimme nennt dich Maghan, und alle anderen Personen außer dir werden in die Flucht geschlagen.

Was willst du andeuten?

Du befindest dich nicht in Lebensgefahr, Arkonide. Diese Station hat dich automatisch als Meister der Insel identifiziert. Etwas Wichtiges wird geschehen. Etwas, das sich Schaltung Sternentau nennt. Aber zuvor wird man mit dir Kontakt aufnehmen. Du darfst dich keinesfalls als Unbefugter zu erkennen geben. Sei ein Meister der Insel, wenn du leben willst.

Die Kuppeln in meinem Sichtfeld glommen plötzlich in einem dunklen, roten Licht. Im selben Moment verblasste die gesamte Umgebung, die ich dahinter erkennen konnte. Die Felsen der Yssods-Wüste, der blaue Himmel von Traversan, das alles verschwand wie hinter einem Deflektorschirm. Die Anlage hatte sich anscheinend in ein Feld unbekannter Natur gehüllt.

Ich ballte die Hände – und es dauerte einige Momente, bis mir klar wurde, dass es eine willentlich gesteuerte Bewegung war. Ließ die Lähmung nach?

Im selben Augenblick spürte ich drei heftige Schläge an meiner Hüfte. Es wurde brennend heiß, wenn auch nur für Sekunden.

Ich versuchte, den Kopf zu neigen. Meine Bewegungsfähigkeit war nicht weit genug wiederhergestellt, um einen Blick auf die Hüftregion zu erhaschen.

Das ist auch unnötig, sprach die Stimme in meinem Inneren sarkastisch. Offensichtlich sind soeben dein Antigrav, das Funkgerät und der Schutzschirmprojektor explodiert. Deine gesamte technische Ausrüstung …

Was immer die Schaltung Sternentau bedeutete, es wirkte sich weder auf Geräte noch auf menschliches Leben ohne Aktivator besonders günstig aus.

Das rote Leuchten der Kuppeln intensivierte sich.

»Maghan?«

Ich neigte den Kopf. Die Bewegung kostete mich alle Kraft.

»Maghan, hörst du mich?«

Es war dieselbe Stimme, die bereits den Satz Na Maghan, na Tha‘genem par atha ke gesprochen hatte.

»Maghan, ich messe unzweifelhaft die Existenz eines Lebensspenders an. Um deine Identität weiß ich also.«

Es war anzunehmen, dass mit dem Ausdruck Lebensspender mein Zellaktivator gemeint war.

Ich fasste den Entschluss, der Stimme zu antworten:

»Ich höre dich gut«, formulierte ich auf Alt-Tefroda.

Die wenigen Worte kosteten mich sehr viel Kraft.

»Du wurdest aufgrund der Emissionen deines Lebensspenders als befugte Person identifiziert. Der Sternentau-Vorgang wurde automatisch eingeleitet.«

»Ich bin selbstverständlich befugt«, bestätigte ich matt, »allerdings bin ich nicht mit den Details der Schaltung Sternentau vertraut. Dieser Besuch diente lediglich der Inspektion. Ich benötige sämtliche Informationen, die du mir geben kannst.«

Einen Moment lang hörte es sich so an, als ertöne eine Art Gelächter.

Du hast es höchstwahrscheinlich mit einem 50.000 Jahre alten Steuergehirn zu tun, behauptete die Stimme in mir. Anzunehmen, dass es nicht mehr vollständig intakt ist.

Eine irre Positronik?

Der Begriff scheint mir nicht sehr präzise, im Kern könnte er jedoch treffend sein.

Unruhig blickte ich mich um. Von der Wüstenumgebung war noch immer nichts zu sehen, und ein Gefühl sagte mir, dass sich dieser Zustand so einfach auch nicht ändern würde. Als die Stimme mir nicht antwortete, schlug ich vor:

»Du könntest zunächst einmal erklären, wer du bist und wo du dich befindest.«

»Ich bin das Gehirn«, lautete die prompte Antwort. »Meine zentrale positronische Prozessoreinheit befindet sich in Kuppel D.«

»Wo ist Kuppel D?«

Eines der Sandsteingebäude schien einen Moment lang zu pulsieren. Doch ich war nicht sicher, ob meine Beobachtung den Tatsachen entsprach.

»Hör zu, Gehirn, es kommt darauf an, unsere unterschiedlichen Informationsstände abzugleichen. Ich will sichergehen, dass meine Anweisungen an dich auch adäquat umgesetzt werden können.«

Kurz entschlossen fügte ich hinzu:

»Ich muss sichergehen, dass meine Informationen über dich den Tatsachen entsprechen und vollständig sind. Der letzte Kontakt zwischen der Station und einem Maghan liegt immerhin sehr lange Zeit zurück.«

»Sehr lange …«

Das Rechenhirn schien nachzudenken, obwohl ich wusste, dass das nicht möglich war. Selbst eine veraltete Positronik erledigte ihre Denkprozesse in einer Geschwindigkeit, bei der ein Arkonide so etwas wie eine Verzögerung nicht wahrnehmen konnte.

»Die Station wurde zum Zweck der Waffenbeschaffung von einem Maghan errichtet, dessen Namen ich nicht kenne. Er ließ sich als Faktor 7 ansprechen. Faktor 7 benötigte Waffenmaterial, das sich speziell gegen extrem resistente Lebensformen einsetzen ließ. Diese Lebensformen wurden als Bestien bezeichnet. Außerdem definierte Faktor 7 die Raumschiffe der Bestien als problematisch, da sie über sogenannte Paratronschirme verfügen.«

»Diese Station ist eindeutig nicht für die Waffenproduktion oder Forschung ausgelegt«, stellte ich fest. »Woher wollte Faktor 7 diese Waffen also nehmen?«

»Die Waffen sollten aus der Vergangenheit beschafft werden.«

Einen Moment lang stockte mir der Atem. Ich wusste genug über alle Experimente mit der Zeit, um mich plötzlich wie ein Mann an einem steilen Abgrund zu fühlen. Ich war noch nicht gefallen – aber es brauchte nur einen winzigen Stoß, einen Lufthauch.

»Wie … wie weit in der Vergangenheit, Gehirn?«

»Als Zielzeit wurde X minus 1,2 Millionen Jahre definiert.«

Verdammt!

»Wie kommt dieser Wert zustande?«

»Faktor 7 verfügte über Anhaltspunkte, dass vor 1,2 Millionen Jahren in diesem Sektor der Galaxis ein schwerer Krieg stattgefunden hat. Nach Informationen des Maghans prallten zwei Parteien aufeinander, deren technologischer Standard sehr weit über dem heute üblichen Niveau gelegen haben muss. Mit den Waffen von damals, so Faktor 7, wäre die Vernichtung eines Paratronschirms entschieden leichter möglich als heute. Auch eine einzelne Bestie wäre dann leichter zu besiegen.«

Ich fragte mich, ob ich der Station reinen Wein einschenken sollte.

Die Wahrheit war, dass die Meister der Insel längst nicht mehr existierten. Der Krieg gegen die Bestien, wie die Meister der Insel die Haluter genannt hatten, war längst zu Ende. Und die Lemurer, die diesen Krieg damals geführt hatten, waren aus der Milchstraße nach Andromeda ausgewandert, um den Halutern zu entkommen. Dort hatten die Meister der Insel die Macht übernommen.

Anzunehmen, dass eine ganze Weile nach der Machtübernahme in Andromeda ein Meister in die Milchstraße zurückgekehrt ist, erklärte der Extrasinn. Diesen Krieg vor 1,2 Millionen Jahren gab es tatsächlich. Auch wir verfügen über einige rudimentäre Hinweise darauf. Der Meister ließ diese Station erbauen – und dann gab es offenbar Gründe, den Plan nicht weiterzuverfolgen. Versuche, diese Gründe herauszufinden, Arkonide!

Ich fragte mich, ob ich wirklich alles richtig verstanden hatte. Doch meine Kenntnisse des Alt-Tefroda waren gut genug, um einen Irrtum auszuschließen.

»1,2 Millionen Jahre …«, wiederholte ich fassungslos. »Das ist doch nicht möglich …«

Das Stationsgehirn stimmte bei:

»Du hast vollkommen recht – unmöglich. Allerdings befinden wir uns direkt auf dem Weg dahin. Unsere relative temporale Position liegt bei X minus 1440 Jahre. Der kritische Punkt wird bald erreicht sein.«

»Was für ein kritischer Punkt?«

»Der Punkt, an dem es gewöhnlich zur Katastrophe kommt. Die Fehlversuche Nummer 1 bis Nummer 37 haben das belegt.«

»Wie viele Versuche haben bisher funktioniert?«

»Keiner«, bekundete das Gehirn.

Da hörst du es. Hier sind schon die guten Gründe, die Faktor 7 hatte.

»Sofort alle Maschinen anhalten!«, kommandierte ich. Nur um mich sofort zu verbessern: »Nicht anhalten, sondern umkehren. Wir müssen sofort zurück in die Gegenwart.«

»Das ist leider nicht möglich, Maghan«, antwortete das Gehirn mit einer hörbaren Spur von Bedauern.

»Aus welchem Grund nicht?«

»Seit meiner letzten Aktivierung sind 47.002 Jahre verstrichen. Aufgrund der langen Inaktivität haben Teile meiner Programmierung Schaden genommen. Darüber hinaus existieren einige maschinelle Schäden, die ich aus eigener Kraft nicht beheben kann.«

Ich versuchte, Punkt für Punkt vorzugehen.

»Was bedeutet Schaden in der Programmierung?«

»Wir werden Fehlversuch Nummer 38 vor dem Erreichen der Zielzeit nicht mehr beenden können. Ich kann keinen Programmabbruch herbeiführen.«

»Das heißt, eine Rückkehr ist erst möglich, wenn das Programm komplett ausgeführt wurde?«

»Oder wenn ein Programmabbruch von außen stattfindet. Allerdings handelt es sich dabei lediglich um eine theoretische Möglichkeit. Die Energiereserven reichen leider nicht bis zum Eintritt in die Zielzeit aus.«

Einen Moment lang weigerte ich mich, die Konsequenzen der maschinellen Logik zu durchdenken. Dann konnte ich mich nicht mehr wehren. Ich stieß einen erstickten Laut aus. Gern wäre ich nach vorn gesprungen, hätte mir Einlass in die Kuppeln verschafft und den Programmabbruch selbst herbeigeführt. Das einzige, was ich zustande brachte, war ein kurzer Schritt nach vorne. Entkräftet holte ich Atem.

»Wir werden demnach in die Vergangenheit reisen, bis uns die Energie ausgeht?«, vermutete ich.

»Das ist korrekt.«

»Und anschließend können die Anlagen der Station aus Mangel an Energie nicht mehr betrieben werden.«

»Ebenfalls korrekt.«

»Befindet sich eine Apparatur zur Produktion von Energie unter den Anlagen?«

»Nein. Aus emissionstechnischen Gründen konnte lediglich ein leistungsfähiges Speichersystem integriert werden.«

»Bedeutet das, wir werden in der Vergangenheit stranden?«

»Ja, Maghan. Fehlversuch Nummer 38 kehrt nicht mehr in die Gegenwart zurück. – Ich hoffe, du hattest eine komfortable Reise. Der Austritt aus dem Zeitsprung steht in wenigen Sekunden bevor.«

»Warte!«, rief ich verzweifelt.

»Das geht leider nicht.«

Ich hatte selbst eine Expedition mit einem terranischen Nullzeitdeformator mitgemacht. Wir hatten die Technologie niemals wieder ausgegraben, nachdem sie einmal in der Versenkung verschwunden war. Und das aus gutem Grund: Jede Manipulation in der Vergangenheit konnte furchtbare Folgen für die Gegenwart nach sich ziehen.

Im Extremfall verhinderte eine scheinbar nebensächliche, in Wahrheit jedoch katastrophale Handlung die eigene Geburt. Die Wissenschaftler nannten solche Gedankenspiele ein Zeitparadoxon.

Niemand konnte wirklich vorhersagen, wie ein Aufenthalt in der Vergangenheit sich auswirken würde. Ein gängiges mathematisches Modell der Zeit ging von unendlich vielen parallelen Zeitströmen aus. Jede Manipulation erzeugte neue Zeitströme, neue Kausalitäten, neue Alternativen.

In diesem Fall kam ein spezielles Problem hinzu. Ich war nicht in der Lage, dieses Problem logisch zu lösen. Wahrscheinlich deshalb, weil es keine auch nur ansatzweise logisch klingende Lösung gab: Die Station stand seit etwa 50.000 Jahren mitten in der Yssods-Wüste. Was passierte, wenn der Zeitsprung über weniger als 50.000 Jahre in die Vergangenheit führte?

Wo ein Körper war, konnte kein zweiter sein – so lautete eine Grundregel der Physik. Banal, in meinem Fall unter Umständen jedoch tödlich. Wenn der Sprung beendet war, prallten die beiden Zeitmaschinen vielleicht aufeinander. Vielleicht wurde dieser ganze Zeitstrom auch ausgelöscht und mit ihm Perry Rhodan, die Terraner, dieser ganze Planet Traversan und überhaupt das ganze Universum.

Sieh nicht zu schwarz, Arkonide. Vielleicht passiert auch gar nichts. Vielleicht verdrängt eine Zeitmaschine die andere in den Hyperraum, bis normale Verhältnisse wiederhergestellt sind. Oder es entsteht tatsächlich ein paralleler Zeitstrom, der nach einigen hundert Jahren in den alten Strom zurückmündet.

Ich versetzte lautlos: Von einem Logiksektor erwarte ich eine nüchterne Analyse. Keine Durchhalteparolen.

Du wirst begreifen müssen, dass die Gesetze der Logik hier nur beschränkt anzuwenden sind.

Ärgerlich presste ich die Lippen zusammen.

Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich wissen wollte, was sich über meinem Kopf zusammenbraute. Wie es auch kam, ich konnte offensichtlich nichts am Ergebnis ändern.

Schwelge nicht in Selbstmitleid, Arkonide!, kritisierte der Logiksektor hart. Bereite dich lieber auf den Fall deines Überlebens vor.

Noch einmal versuchte ich, einen Schritt zu tun. Aber auch diesmal kam ich nicht weit. Der Logiksektor hatte recht. Ich musste Informationen sammeln, für den Fall, dass es am Ende von Fehlversuch Nummer 38 noch einmal weiterging.

»Gehirn, hörst du mich?«, erhob ich die Stimme.

»Ja.«

»Dann beantworte mir noch eine Frage: In welcher Zeit werden wir stranden?«

»Das ist leicht. Es handelt sich voraussichtlich um das Jahr …«

Die Stimme des Gehirns verstummte.

Die Kuppeln hörten zu leuchten auf.

Der Hintergrund, den ich die ganze Zeit vermisst hatte, tauchte wie aus einem sich hebenden Dunstschleier wieder auf. Es war immer noch die Yssods-Wüste. Einige Felsbrocken schienen anders zu liegen, als ich es in Erinnerung hatte. Aber das war auch schon alles.

In mir erwachte der Verdacht, dass ich auf eine noch unbekannte Weise hereingelegt worden war. Ich hatte den Eindruck, dass eine tödliche Gefahr drohte. Nur wusste ich nicht, welche.

Vergangenheit 5772 v. Chr. / 12.402 da Ark

»Seid ihr bereit?«, schrie Prinzessin Tamarena.

»Jawohl, Erlauchte!«, schrien die Soldaten zurück.

Ein kurzes Kommando nur, und sie würden in die Gleiter springen und die Galaxis für sie auseinandernehmen.

Ihre mandelförmigen, hellroten Augen erfassten jede Kleinigkeit. Es schien unmöglich zu sein, dass ihr etwas entging, nicht einmal Ereignisse in ihrem Rücken. Die Prinzessin hatte das oft gezeigt. Ihre Auffassungsgabe galt als übernatürlich entwickelt.

Die einsam zugebrachten Jahre in einer Dagor-Abtei befähigten sie zu erstaunlichen Dingen. Im Zentralmassiv von Masskyr hatte sie gelernt, wie man die ungenutzten Ressourcen des Körpers und des Geistes zugänglich machte. Den Rest hatte ihr Vater sie gelehrt; Nert Kuriol verdankte sie kosmonautische Ausbildung und Kenntnisse in Truppenführung. Den meisten Arkoniden war sie weit überlegen, auch wenn sie es selten zeigte.

Ihr platinblondes Haar trug sie im halblangen Pagenschnitt. Sie hatte eine schlanke, hochgewachsene Figur, und sie wusste genau, dass sie eine attraktive Frau war.

In diesem Augenblick zählten jedoch andere Dinge: Nert Kuriol hatte sie nicht umsonst in die Wüste geschickt.

Tamarena trug klobige Kampfausrüstung. Dazu gehörten Protectorschalen aus Arkonstahl, die die Gelenke schützten, Energieschirm, Thermostrahler, Flugaggregat und Funkgerät.

Sie musterte die schwer bewaffneten Männer ihres Greiftrupps: eine bestens ausgebildete, schlagkräftige kleine Einheit. Keiner von ihnen erlaubte sich bedeutungsvolle Seitenblicke. Die Männer dachten nicht einmal an sie, jedenfalls nicht in dieser Weise. Tamarena wusste das genau.

Traversaner wie sie waren daran gewöhnt, erst zu schießen und dann zu fragen; aber auch das lag diesmal in ihrem Interesse. Was immer sich in der Yssods-Wüste abspielte, es geschah zu einer ausgesprochen ungünstigen, für alle Beteiligten höchst gefährlichen Zeit.

Von einer erhöhten Position aus starrten sie auf die fünf seltsamen Kuppeln hinab, die sich mitten in der Yssods-Wüste erhoben.

Diese Kuppeln hätten eigentlich nicht existieren dürfen. Ihre Existenz stellte ein Rätsel dar. Wer hatte sie erbaut?

Sie waren nicht groß genug, um eine ernsthafte Gefahr für den Planeten Traversan bereitzuhalten. Was, wenn sich im Inneren Truppen des Stützpunktes BRY 24 befanden? Es konnten niemals genug sein, um damit Erican zu gefährden.

Tamarena glaubte nicht, dass sie es wirklich mit einem Hinterhalt des Sonnenkurs zu tun hatte. Eine Station dieser Art taugte nicht als Geheimdienstbasis. Was hätte Bit auf Traversan ausspionieren sollen, das er nicht bereits wusste?

Außerdem pflegten Einrichtungen der Geheimdienste sich nicht durch seltsame Wellenfronten zu verraten. Geheime Stationen blieben gewöhnlich auch geheim. Diese hier hatte dagegen ein wahres Leuchtfeuer abgestrahlt – ein Leuchtfeuer aus Energie, das allerdings seit wenigen Minuten erloschen war.

Die Messgeräte, die sie mitführten, zeigten keine Ausschläge mehr. Es war, als habe die Station sämtliche energetischen Vorräte verbraucht. Dort unten lief nicht einmal mehr eine Batterie.

Tamarena besaß einen Spezialorter, der auf Mikrowellenbasis die Umgebung scannte. Künstliche Strukturen verrieten sich durch grade Linien, verdächtig plane Flächen, mathematisch berechenbare Krümmungen. Und obwohl sie die Station mit eigenen Augen vor sich sah, sprach der Orter nicht an. Auf eine nicht nachvollziehbare Weise wurde das Gerät getäuscht. Der Orter schien die Anlagen für eine normale Felsenformation zu halten.

Tamarena wollte soeben das Signal zum Angriff geben – da ließ ein seltsamer Eindruck sie innehalten. Sie kniff misstrauisch die Augen zusammen. Da man sich auf die Geräte anscheinend nicht verlassen konnte, kam dem optischen Eindruck eine erhöhte Bedeutung zu.

»Was habt Ihr, Erlauchte?«, fragte ein Mannschaftsdienstgrad des Greiftrupps, ein Arbtan. »Wir sollten so schnell wie möglich …«

Tamarena schnitt ihm mit einer kurzen Bewegung das Wort ab. Der Arbtan verstummte.

»Da unten«, verkündete sie, »da unten ist ein Mann. Er hat soeben die erhöhte Fläche in der Mitte der Anlage verlassen.«

Die Mitglieder des Greiftrupps wandten sich tuschelnd um. Sie zeigten keine Überraschung. Dass die Tochter des Nert ihnen hoch überlegen war, wussten sie, auch wenn sie natürlich den wahren Grund nicht kennen konnten.

»Was nun?«, fragte jemand in ihrem Rücken.

Tamarena entschied: »Wir beobachten ihn eine Weile. Dann holen wir ihn uns. Er bewegt sich ohne jede Vorsicht, er sucht keine Deckung. Anscheinend glaubt er sich völlig unbeobachtet, obwohl Traversan ein dicht besiedelter Planet ist. Ich will sehen, was er da unten treibt.«

»Es wäre sicherer, ihn gleich zu töten.«

»Zweifellos.«

Prinzessin Tamarena starrte scheinbar ausdruckslos die weit entfernte Gestalt an, und in ihren Blick mischte sich jene fast schon übermenschliche Komponente, die alles und jedes zu durchdringen schien.

5.
DER FREMDE VON TRAVERSAN

Vergangenheit 5772 v. Chr. / 12.402 da Ark

Ich konnte mich wieder bewegen. Vorsichtig winkelte ich die Arme an. Ich hatte wieder Gefühl in den Fingerspitzen.

Mein Gürtel war tatsächlich an drei Stellen zerfetzt. Meine technische Ausrüstung, schon vorher nicht besonders üppig, hatte ich vollständig eingebüßt. Dafür funktionierte der Aktivatorchip in meiner Schulter einwandfrei.

Meine Ohren nahmen kaum etwas wahr als das allgegenwärtige, nicht besonders laute Windgeräusch der Wüste. Es gab keine Stimmen, keine Maschinengeräusche. Nur meinen eigenen Atem – und den zu hören war mir immerhin eine große Beruhigung.

Ich zweifelte mittlerweile daran, dass tatsächlich ein Zeitexperiment stattgefunden hatte. Es gab nicht den geringsten Hinweis darauf, sah man von den Behauptungen der verrückten Positronik ab. Die Tatsache, dass ich noch am Leben war, schien eher das Gegenteil zu stützen.

Langsam drehte ich mich einmal um die eigene Achse. Mein photographisches Gedächtnis hatte ein genaues Abbild der Wüste aufgezeichnet. Im Detail ergaben sich zahlreiche Unterschiede; hier ein verlagerter Stein, dort eine neue Senke, außerdem war die Umgebung merklich rauer, urwüchsiger anzusehen als vorher.

All diese Details konnten auch auf einen völlig anderen Vorgang zurückzuführen sein als ausgerechnet auf eine Zeitreise. Ich wusste nur nicht, auf welchen.

Ich hatte den Eindruck, dass ein verbrannter Geruch in der Luft lag. Der Wind trug sämtliche aerosolen Brandrückstände schnell davon. Wenn es einen Brand gegeben hatte, musste er sofort wieder erloschen sein.

Mein zweiter Impuls war, davonzurennen und mich in Deckung zu begeben. Doch ich zwang mich, weiterhin mit sparsamen Bewegungen zu agieren.

Ob dies eine ferne Vergangenheit war oder nicht, blieb dahingestellt – dass es sich um eine höchst eigenartige, wahrscheinlich gefährliche Lage handelte, in der ich mich befand, stand außer Zweifel.

Vorsichtig vollendete ich eine komplette Drehung um meine Achse. Nichts war zu sehen. In meine Glieder kehrte das Gefühl vollständig wieder zurück. Von nun an hielt ich mich für handlungsfähig. Ich kletterte vom Altar herab.

»Gehirn?«, fragte ich mit halblauter Stimme.

Keine Antwort.

Wenn es stimmte, was die Positronik zuvor behauptet hatte, dann fehlte ihr die Energie. In dem Fall konnte sie keine Antwort mehr geben.

Ich näherte mich einer Kuppel. Es war eines der Gebäude, die Cinthia für verschlossen erklärt hatte. Nun aber stand der Eingang offen.

Der Extrasinn erklärte: Es ist denkbar, dass sich ohne funktionierende Energieversorgung sämtliche Türen automatisch geöffnet haben. Und zwar dann, wenn die Verriegelung auf energetischen Feldern beruht.

Ich lugte vorsichtig ins Innere. Falls es automatische Geschütze gab, so waren sie ebenso lahmgelegt wie das Stationsgehirn und die Türverriegelung.

Nach wenigen Sekunden gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Ich besaß keine Lampe, also musste ich mit dem spärlichen Licht auskommen, das durch den Türspalt fiel.

Mein Blick fiel auf bullig wirkende, absolut unverständliche Gerätebatterien. Polierte Oberflächen wechselten sich mit fein gerasterten Strukturflächen ab. Armdicke Leitungen oder Rohre verbanden die Aggregate miteinander. Einige der Blöcke reichten bis zur Kuppeldecke, also vierzig Meter hoch, andere türmten sich wie wacklige Kartons übereinander.

Ich unternahm einen Rundgang.

Mit den geeigneten Messgeräten hätte ich zweifellos Stunden in der Kuppel zugebracht; mit nichts als den bloßen Händen schien mir ein weiterer Aufenthalt wenig sinnvoll.

Die nächste Kuppel unterschied sich kaum von der ersten, nur dass die Dichte der Aggregate weitaus höher lag. Dasselbe beim dritten Versuch – und Kuppel Nummer vier war jene, die ich bereits in Begleitung von Cinthia inspiziert hatte.

Die fünfte und letzte Kuppel brachte mir endlich so etwas wie einen Erfolg. Ich erkannte auf Anhieb die typischen Bauformen einer Positronik, und auch die wenigen Bedienungselemente schienen mir vertraut. Es handelte sich um Technik, wie die Meister der Insel sie verwendet hatten.

Hast du daran noch gezweifelt, Narr?

Die Positronik erwies sich als inaktiv. Keine der Schaltungen, die ich probeweise vornahm, bewirkte eine Veränderung. Die Kontrollen blieben dunkel. Ohne Energie war kein Zugriff auf die Systemsteuerung möglich.

Im hinteren Teil der Kuppel war die Orientierung besonders schwer; hierher gelangte kaum noch ein Lichtstrahl. Dennoch gelang es mir, die Speicherbatterien der Energieversorgung zu identifizieren.

»Da liegt also das Problem …«, murmelte ich.

Angenommen, hier hat tatsächlich ein Zeitexperiment stattgefunden, begann der Logiksektor, dann wirst du eine Möglichkeit suchen müssen, die Speicher wieder aufzufüllen. Sonst kannst du nicht in die Gegenwart zurückkehren.

Ich fand, dass mein Extrasinn in seinen Folgerungen zu weit vorauseilte. Noch war die Theorie eines Zeitsprungs nicht bewiesen.

Wo sind dann Cinthia und die Archäologen?

Ich ignorierte die Stimme in meinem Inneren. Stattdessen vollendete ich den kleinen Rundgang. In einem besser einsehbaren Bereich der Kuppel stockte ich plötzlich; meine Nase nahm wieder den verbrannten Geruch wahr, wenn auch nur in Spuren.

Mir fiel eine Art Schnittstelle zwischen Positronik und Energieversorgung ins Auge. Ich bemerkte eine deutlich geschwärzte, rußige Stelle.

»Da hat irgendwas geschmort!«, erklärte ich triumphierend. »Na also!«

Narr! Das ist nichts, worüber du dich freuen solltest. Eine Beschädigung wäre ein schwerer Nachteil für dich.

Ich nahm mir eine halbe Stunde Zeit, mich im Gewirr der Schaltungen und positronischen Verknüpfungen zurechtzufinden. Ohne Energie war es schwer, den Sinn der Konstruktion zu durchschauen, und es gelang mir auch nur in bescheidenem Maß.

Am Ende der halben Stunden förderte ich jedoch ein Bauteil zutage, das deutlich beschädigt war. Es ließ sich von Hand aus seiner Halterung lösen. Wenn ich das Schaltmuster richtig durchschaute, dann wurde von hier aus die Energie in den Rest der Kuppelanlage geschleust.

Im Augenblick der vollständigen Speicherentleerung musste sich ein energetischer Überschlag ereignet haben.

Mit zusammengekniffenen Augen drehte ich das Objekt: Es schien sich um eine Art Brillant zu handeln, jedenfalls legte der Facettenschliff den Gedanken nahe. Trotz des Zwielichts erkannte ich ein rauchig-transparentes Violett mit schwärzlichen Einschlüssen. Die Einschlüsse deuteten auf beschädigte Stellen hin.

Es handelte sich um ein zentrales Bauteil. Ob es irgendwo in der Station so etwas wie ein Ersatzteillager gab, wagte ich zu bezweifeln. Vielleicht in den unterirdischen Bereichen; doch wie sollte ich die untersuchen, solange ich nicht über Licht, Werkzeug und Ortergerät verfügte?

Ich fand mich damit ab, dass die Angelegenheit kompliziert werden würde.

In der Kuppel gab es für mich nichts mehr zu tun. Es schien mir logisch, zunächst die restlichen Umstände zu klären.

Nachdenklich bewegte ich mich in Richtung Ausgang. Das von Abermilliarden Sandkörnern gestreute Licht der Yssods-Wüste war blendend grell. Ich blickte in die Richtung, die ich für Norden hielt, und überlegte, ob es eine Möglichkeit gab, zu Fuß nach Erican zurückzugelangen.

Mein Extrasinn beurteilte den Plan als aussichtslos. Andererseits würde ich allein in der Wüste in kurzer Zeit verdursten, Zellaktivator oder nicht. Vielleicht gab es irgendeine andere Siedlung, die ich erreichen konnte?

Narr! Pass auf!

Ich stand sofort still. Mit allen Sinnen lauschte ich in die Wüste hinaus. Etwas war falsch, ich wusste nur nicht, was.

»Okay, Fremder!«, ertönte plötzlich eine Stimme. »Das reicht jetzt!«

Am Rand meines Gesichtsfeldes gewahrte ich einen Schatten. Besser gesagt, eine Phalanx von Schatten, die sich alle leicht bewegten.

»Drehen Sie sich ganz langsam um! Besser, wenn Sie keinen Fehler machen!«

Die Stimme – sie sprach altertümliches Arkonidisch!

Nach dem Alt-Tefroda der Station immerhin eine nette Abwechslung, kommentierte der Extrasinn ironisch.

Dass auf einem Planeten des Kristallimperiums arkonidisch gesprochen wurde, war noch keine Sensation. Nur die alte Version alarmierte mich.

Es war eine weibliche Stimme, rauchig und dunkel. Sie gehörte keinesfalls Cinthia Taubenflug, sondern einer mir fremden Sprecherin.

Die Stimme war von einem befehlsgewohnten, arroganten Ton geprägt, und ein nervöses Vibrieren verriet mir, dass mit der Sprecherin nicht zu spaßen war.

Einen Moment lang überlegte ich, mich mit einem raschen Sprung in Sicherheit zu bringen. Allerdings, eine andere Deckung als das Innere der Kuppel gab es nicht. Und dass ich mich ohne Lampe drinnen kaum zurechtfinden konnte, hatte ich eben bereits festgestellt. Es wäre dumm gewesen, in meiner Lage Kunststücke zu versuchen, deren Folgen ich nicht berechnen konnte.

So folgte ich der Anweisung. Ich drehte mich langsam um.

Vor mir standen zwölf abenteuerlich ausstaffierte Gestalten. Es schien sich um Arkoniden zu handeln, den langen weißen Haaren und den roten Augen nach zu urteilen. Sie trugen arkonidische Raumrüstungen, deren Alter ich auf etwa zehntausend Jahre taxierte. Ich hatte lange nichts mehr gesehen, was so primitiv aussah. Auf mich wirkten sie wie dreidimensional animierte Museumskrieger.

Der Trupp starrte vor Waffen. Sie alle trugen Handstrahler in den Holstern an ihren Hüften.

Jeder einzelne der Arkoniden hielt einen Thermostrahler auf meinen Kopf gerichtet. Das war der Nachteil an der Sache. Der Vorteil war, dass ich mir um den Wassermangel keine Gedanken mehr zu machen brauchte.

Nur eine einzige Gestalt präsentierte sich waffenlos: eine Frau, die in scheinbar entspannter Haltung einen Meter vor der Gruppe stand. Das Wappen auf ihrer Kleidung wies sie als Angehörige des Da-Traversan-Adels aus. Es war dasselbe Wappen, das auch Fürst Ligatem getragen hatte.

Sie war hochgewachsen und sehr schlank, soviel erkannte ich trotz ihres Kampfanzugs. Dass sie keine Waffe trug, besagte übrigens überhaupt nichts. Ich identifizierte die scheinbar entspannte Haltung als Dagor-Grundstellung. Mit anderen Worten, die Frau hatte keine Waffe nötig. Sie konnte sich auch so verteidigen.

Wenngleich sie einem Dagor-Meister meiner Erfahrung vermutlich nicht gewachsen gewesen wäre; aber davon konnte die Frau nichts wissen.

Ihre selbstbewusste Haltung verriet mir, dass sie die Anführerin der Gruppe war. Nicht ohne Faszination musterte ich ihre mandelförmigen Augen, das reglose Gesicht, die überaus stolze Haltung, den platinblonden Pagenschnitt.

Narr! Sie ist eine Feindin!

»Ich begrüße Eure Erhabenheit in Demut«, erklärte ich, mit einem ironischen Seitenblick auf die gezückten Waffen.

Die Frau antwortete nicht.

Die bewaffneten Kerle starrten mich ausdruckslos an, sie waren schussbereit.

»Mein Name ist Atlan. Und mit wem habe ich das Vergnügen?«

Die Frau musterte mich plötzlich mit einem durchdringenden Blick, wie ich ihn selten zuvor gesehen hatte. Sie schien jedes Molekül meines Körpers durchleuchten, jeden Gedanken in meinem Kopf scannen zu wollen.

Der Blick wurde wieder klar, anschließend zornig, zum Schluss sah sie mich an wie einen widerspenstigen Kriminellen.

»Bei den She‘Huhan-Sternengöttern! Dieser Kerl ist nicht …«

Sie verstummte. Dann hob sie eine Hand.

Ich konnte sehen, wie eine der Gestalten den Finger krümmte. Den Strahl aus seiner Waffe sah ich nicht mehr kommen.

Gegenwart 2. August 1290 NGZ

Ligatem konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben einer solchen Qual ausgesetzt gewesen zu sein. Der Altar, auf dem Atlan stand, schien sich in das Zentrum eines peingefüllten Universums zu verwandeln.

Weg von hier!, forderte der Extrasinn des Fürsten. Du wirst die Schmerzen sonst nicht überleben!

Auf dem Altar stand immer noch Atlan, der Mann von Camelot, so aufrecht wie zuvor. Ligatem begriff nicht, warum der Unsterbliche im Zentrum der Schmerzen immer noch am Leben war.

Der Fürst wusste, dass man es ihm nicht ansah, doch er war ein sportlich gestählter Mann. Was Atlan ertragen konnte, das musste auch ihm möglich sein.

Und er sah die Archäologin Cinthia ohne Bewusstsein vor dem Altar liegen. Ligatem war ein Mann von Ehre. Er allein hatte noch die Macht, ihr Leben zu retten.

Auch wenn er hinterher nicht hätte sagen können, wie es ihm gelungen war – er floh nicht vor der Strahlung, sondern im Gegenteil, er näherte sich. Als er Cinthia erreicht hatte, hob er ihren Körper auf und trug die Archäologin aus dem Bannkreis des Altars, in Richtung offene Wüste.

Je größer der Abstand zum Altar wurde, desto besser setzte er seine Kräfte ein. Am Ende rannte er fast, obwohl die Terranerin auf seinen Schultern lag.

Er schaffte es im letzten Moment.

Als er die Grenze passiert hatte, die den Kuppelkreis von der Wüste trennte, geschah eine Katastrophe. Jedenfalls wurde der Vorfall im Nachhinein so bewertet; obwohl ihm niemand hätte erklären können, was sich wirklich ereignete.

Die gesamte Anlage verschwand. Sie löste sich so spurlos auf, als habe sie sich in Luft verwandelt oder als sei sie mit unbekanntem Ziel fortteleportiert.

Ligatem und die Frau wurden von Helfern auf die Beine gestellt. Camelot-Wissenschaftler in Schutzkleidung musterten den Fürsten mit wirren Blicken.

Einer der Archäologen sagte:

»Fürst, wir hatten Funkkontakt mit Atlans Raumschiff. Die Wissenschaftler der RICO behaupten, sie haben ein seltsames energetisches Phänomen angemessen. Sie sagen, die Wellenfronten aus der Yssods-Wüste hätten Ähnlichkeit mit dem, was vor sehr langer Zeit die terranischen Nullzeitdeformatoren produziert haben.«

Ligatem räusperte sich, damit seine Stimme nicht zu belegt klang.

»Was habe ich unter einem Nullzeitdeformator zu verstehen?«

»Soweit ich weiß«, erläuterte der Archäologe, »handelt es sich um eine vergessene oder nicht mehr praktizierte Technologie der Terraner. Eine Art Zeitmaschine.«

Ligatem drehte sich ruckartig um. Er starrte auf den leeren Platz, an dem eben noch die fünf Kuppeln gestanden hatten. Sie waren immer noch verschwunden. Der Fürst ahnte, dass es auch so bleiben würde.

»Wir werden Atlan suchen«, kündigte er an.

»Wo, Fürst?«

Ärgerlich versetzte er: »Überall.«

6.
DIE PRINZESSIN

Vergangenheit 5772 v. Chr. / 12.402 da Ark

Ich erwachte mit heftigen Kopfschmerzen. Ringsum herrschte entweder finstere Nacht, was angesichts von Travs Nachtauge unwahrscheinlich schien, oder mein Gesichtssinn funktionierte nicht. Außerdem hatte ich Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Meine Körperposition war mir unklar, ich hatte keine Ahnung ob ich stand oder lag.

In meinem Kopf lachte der Extrasinn sarkastisch.

Narr! Stehen kommt wohl kaum in Frage.

Im ersten Moment glaubte ich, mich immer noch in der Zeitmaschine zu befinden. Die Unbeweglichkeit, die ich nun erlitt, schien mir von derselben Sorte zu sein. Dann machte ich mir klar, dass ich einen Treffer aus einer Strahlwaffe erhalten hatte. Mit der Zeitmaschine hatte mein Zustand nicht das Geringste zu tun.

Diese Frau fiel mir ein, die beeindruckend selbstbewusste Arkonidin an der Spitze des Kampfkommandos. Hatte sie auf mich schießen lassen? Es sah fast so aus. Ich war entweder verwundet und lag im Sand der Yssods-Wüste, sterbend, oder aber …

Es handelt sich lediglich um die Folgen einer Paralyse, behauptete mein Extrasinn. Du solltest zusehen, dass du schnell auf die Beine kommst.

Ein greller Lichtstrahl drang in meinen Kopf.

Ich hatte unwillkürlich die Augen einen Spaltbreit geöffnet. Auch wenn ich die Muskulatur nicht kontrollierte, die wiederkehrende Sehfähigkeit stellte ein gutes Zeichen dar. Ich kannte diesen Zustand gut. Die Arkoniden hatten mich mit einer schweren Dosis vollgepumpt.

Ein normales humanoides Wesen wäre längst nicht wieder bei Bewusstsein. Der Durchschnittsarkonide wäre unter 24 Stunden Ohnmacht und Lähmung nicht davongekommen. Ich dagegen besaß den Zellaktivator. Binnen weniger Stunden würde ich meine volle Bewegungsfähigkeit zurückerlangt haben.

Meine Finger kribbelten. Ich versuchte, nicht zu zucken und jede sichtbare Bewegung zu vermeiden.

Wenn ich paralysiert war, so bedeutete das, dass ich mich in Gefangenschaft befand. Andernfalls hätte die schöne Arkonidin wohl meinen Tod befohlen, oder sie hätte mit mir gesprochen und mich gehen lassen.

Es war anzunehmen, dass irgendwer ein Auge auf mich hatte. Wenn es mir gelang, diese Person über meinen Zustand zu täuschen, konnte ich möglicherweise fliehen – oder etwas anderes tun, was mir sinnvoller erschien.

Die Frau trug das Da-Traversan-Wappen, erinnerte der Logiksektor mich. Finde heraus, was das zu bedeuten hat.

Du meinst … Fürst Ligatem hat eine Tochter?

Nein! Nicht Ligatem! Warum hätte Ligatem eine Verwandte geheim halten sollen? Warum hätte sie sich wohl mit diesen antiken Waffen und dem altertümlichen Schutzanzug verkleidet?

Ich konnte darauf keine Antwort geben.

Also, was willst du andeuten?, fragte ich unschlüssig.

Die Zeitmaschine war echt. Du versuchst, dich einer einfältigen Selbsttäuschung hinzugeben. Das hier ist nicht mehr die Gegenwart.

Ich hätte beinahe einen wütenden Laut ausgestoßen, so abfällig klang die mentale Stimme des Extrasinns. Doch ich erinnerte mich rechtzeitig daran, den Anschein von Paralyse zu wahren.

Meine Augen standen nur wenige Millimeter offen, gerade ausreichend für ein beschränktes Bild.

Ich lag nicht in der Wüste, sondern offensichtlich in einer geschlossenen Räumlichkeit. Wo sich dieser Ort befand, darüber konnte ich nichts aussagen. Die Kuppeln kamen nicht in Frage, es sei denn, dass es dort weitere verborgene Räume gab. Wahrscheinlich hatte man mich aus der Wüste heraustransportiert, vielleicht zurück nach Erican.

Das Kunstlicht war sehr grell. Innerhalb meines beschränkten Gesichtsfeldes befanden sich ein Stuhl und ein Teil einer geschlossenen Tür. Aus meiner Sichthöhe ließ sich schließen, dass ich auf dem Boden lag.

Über einer Stuhllehne hing meine Kleidung, eine beigefarbene Kombination. Die Schuhe standen davor. Ich schloss daraus, dass ich nackt war. Die Arkoniden hatten mich ausgezogen.

Das verschlechterte meine Lage, denn bevor ich ernsthaft aktiv werden konnte, musste ich mich ankleiden. Nicht allein aus Schutzgründen, sondern auch, um in einer mir unbekannten Umgebung nicht unnötig aufzufallen.

Ich hörte keine Geräusche. Mit erzwungener Ruhe ließ ich die Zeit verstreichen. Gymnastik hätte zweifellos die Regeneration beschleunigt, schon ein paar Schritte hätten sehr geholfen … Nein! Es war schwer, die kribbelnden Glieder ruhig zu halten. Jene Körperpartien, aus denen die Lähmung gerade wich, zuckten manchmal unwillkürlich; es handelte sich um Reflexe des Nervensystems, die ich nicht unterdrücken konnte.

Nach zwei Stunden hatte ich das Gefühl, fit zu sein. Ich war mir sicher, dass ich aufstehen und gehen konnte.

Keine Minute zu früh – von jenseits der Tür hörte ich Schritte, schwere Stiefel auf Metallfußboden. Es waren mehrere Personen.

Die Tür sprang auf.

Liege still!

Jemand rüttelte an meiner Schulter. Ich schaffte es, meine Muskulatur absolut entspannt zu halten. Ein zweites Rütteln, diesmal heftiger, und ich hatte Mühe, mich nicht durch eine ausgleichende Bewegung zu verraten.

»Bewusstlos«, konstatierte ein Mann in bestem altarkonidischem Dialekt, wahrscheinlich ein Wächter. »Ich sagte doch, ich hab‘ den Kerl beobachtet. Über die Kameras! Voller Paralysetreffer, der liegt morgen noch so da wie jetzt!«

Eine Weile herrschte Schweigen.

Und dann erklang ausgerechnet jene rauchig-dunkle Stimme, die mich schon beim ersten Mal so beeindruckt hatte:

»Von bewusstlos kann keine Rede sein. Dieser Mann ist zweifellos wach.«

»Wie könnte er nach einer vollen Dosis aus einem Paralysator jetzt schon wach sein, Erhabene?«

»Das weiß ich auch nicht.«

»Es ist nicht möglich!«, beharrte der Wächter.

»Dennoch trifft meine Aussage zu.«

Ich sah die Arkonidin aus der Yssods-Wüste vor mir, die schlanke, durchtrainierte Gestalt, die mandelförmigen roten Augen und das ausdrucksvolle Gesicht. Sie hatte zuletzt mit schneidender Schärfe gesprochen, ihr Ton duldete keinen Widerspruch.

Still, Narr! Sie blufft! Es gibt nichts, wodurch du dich verraten hättest.

»Stehen Sie auf!«

Ich reagierte nicht.

»Sie stehen entweder auf, oder ich werde Sie dazu zwingen lassen.«

Durch die kaum geöffneten Augen sah ich einen Stiefel kommen. Ein scharfer Tritt traf mich in den Unterleib.

Ich krümmte mich vor Schmerzen. Meine Tarnung war aufgeflogen.

Instinktiv nutzte ich die Bewegung, meine Rückenmuskulatur und die Beine unter Spannung zu setzen. Mit einem ansatzlosen Sprung kam ich hoch. Trotz Zellaktivator war ich bei nicht mehr als vierzig Prozent meiner Leistungskraft. Für den ersten Arkoniden reichte es noch; der, dem ich den Tritt verdankte. Der Kerl lag am Boden, bevor er begriff, was geschah. Den zweiten Mann besiegte ich ebenfalls mit einer schnellen Dagor-Trittkombination.

Person Nummer drei stand jedoch an der Tür. Es war die Arkonidin. Und sie machte keine Anstalten zu fliehen.

Stattdessen wartete sie auf mich in der Grundhaltung der Dagor-Schule. Sie schien nicht erschrocken zu sein. Ihre hautenge Kombination in hellblauer Farbe erlaubte geschmeidige Bewegungen. Die Stiefel reichten bis zu den Knien hoch, sie liefen spitz zu und konnten zweifellos als wirksame Waffe eingesetzt werden.

Ich begriff, dass ich in meinem Zustand gegen sie keine Chance besaß. Mein Blick fiel auf den Thermostrahler, der neben einem der Männer zu Boden gefallen war.

»Versuchen Sie es, und ich breche Ihnen die Arme«, kündigte die Frau gelassen an.

Ich kalkulierte die Möglichkeiten durch, die mir zur Verfügung standen. Die Dagor-Angriffstechnik war mir wohl vertraut, wahrscheinlich besser als ihr. Der Verlauf eines Gefechtes ließ sich bis zu einem gewissen Grad vorausplanen. Egal, was ich tat, das Resultat würde immer ein gebrochener Arm sein, bei großem Widerstand auch zwei. Ihre vermeintliche Drohung erwies sich als realistische Ankündigung.

Einige Sekunden lang starrten wir uns an. Die Männer am Boden regten sich bereits wieder. Am Ende sagte ich:

»Ich gebe auf.«

»Gut. Wir werden ein Verhör durchführen.«

»Zuerst habe ich eine Frage!«, sagte ich schnell.

Die Arkonidin hob die Augenbrauen, nicht ohne eine gewisse Belustigung.

»Nur zu.«

»Welches Datum schreiben wir heute?«

Die Arkonidin sah mich sehr seltsam an. Dann antwortete sie:

»Heute ist der 14. Prago des Tedar 12.402 da Ark.«

Ich fühlte mich wie vor den Kopf geschlagen. Das Datum war zwar noch lange kein Beweis; schließlich hätte die Frau sich irgendein Datum ausdenken können. Die Hinweise, dass tatsächlich eine Zeitreise stattgefunden hatte, mehrten sich jedoch.

Ich begann, daran zu glauben. Das genannte Datum stimmte mit der Ausrüstung überein, die der bewaffnete Trupp in der Wüste getragen hatte. Auch der Dialekt schien zu passen.

Der terranische und der arkonidische Kalender unterschieden sich sehr stark voneinander. Es war nicht leicht, ohne Computer die Daten des einen Systems in das andere umzurechnen. Verschiedene Termine, das Datum meiner Geburt beispielsweise, konnte ich jedoch in beiden Kalendern ausdrücken. Das verschaffte mir einen Anhaltspunkt.

Der 14. Prago des Tedar 12.402 da Ark entsprach grob gerechnet einem Tag im März des Jahres 5772 vor Christi Geburt. Schaltung Sternentau hatte mich demnach zwischen zehn- und elftausend Jahre in die Vergangenheit geschleudert.

Ich machte mir klar, dass ich zu diesem Zeitpunkt zweimal existierte. Der eine Atlan hockte in einer Gefängniszelle auf dem Planeten Traversan – der andere schlief auf der Erde in seiner Tiefseekuppel.

Ich beschloss, die Zeitreise als Realität hinzunehmen. Eine andere Wahl blieb mir nicht. Es sei denn, ich wollte fest die Augen schließen, mich kneifen und hoffen, dass ich aus einem Traum erwachte.

Ich lachte leise.

Die beiden Wachen, deren Thermostrahler auf meinen Kopf gerichtet waren, blickten mich finster an. Einer strich über das geronnene Blut in seinem Mundwinkel, Andenken an den Dagor-Tritt, mit dem ich ihn niedergestreckt hatte.

»Du da! Setz dich hin und halt dein Maul!«

Ich wollte ihn darauf hinweisen, dass ich bereits saß und kein Wort von mir gab. Es schien mir jedoch unnötig, mich auf einen Streit mit Gefängniswärtern einzulassen.

Stattdessen ließ ich die Vergangenheit Revue passieren. Mit arkonidischer Geschichte hatte ich mich häufig befasst. Mein photographisches Gedächtnis hielt über das Jahr 12.402 da Ark zahlreiche Informationen bereit.

Damals hatten Millionen von Transitionsschiffen den Kugelsternhaufen Thantur-Lok durchflogen; das heutige M 13. Kugelraumer über 800 Meter Durchmesser waren unbekannt, die fünfdimensionale Technik steckte noch in den Kinderschuhen.

Als die Menschheit noch in Einbäumen über das Wasser gerudert war, hatten die alten Arkoniden bereits die halbe Milchstraße unterworfen. Man bekriegte sich mit den Methanatmern, den furchtbaren Maahks, gegen die ich selbst noch als Admiral gekämpft hatte. Geschossen wurde mit Thermokanonen. Syntronische Rechner waren unbekannt, primitive Positroniken galten als die höchste technische Errungenschaft.

Die großen Maahk-Kriege waren im Jahr 12.402 noch nicht ganz beendet, allerdings herrschte eine Phase relativer Ruhe ohne wirklich große Schlachten.

Von der großen Expansion früherer Tage konnte keine Rede mehr sein. Der Hang zu Prunksucht und Dekadenz, der sich in Adelskreisen breitmachte, führte bereits in Riesenschritten auf den bevorstehenden Untergang zu. Der Niedergang, der das arkonidische Volk in eine tagträumende Herde Vieh verwandeln würde, hatte noch nicht begonnen, stand allerdings kurz bevor.

Als Imperator jener Zeit kannte ich Reomir IX., einen wenig brillanten Mann ohne sonderliche Bedeutung in der arkonidischen Ahnentafel. Meine Erinnerung sagte mir, dass Reomir IX. in wenigen Jahren einem Giftanschlag seiner Gattin Siamanth zum Opfer fallen würde. Siamanth würde dafür hingerichtet werden, ein Kristallprinz namens Laschotsch die Macht übernehmen.

Über den Planeten Traversan in dieser Zeit wusste ich nichts. Dem Großen Imperium gehörten aktuell etwa 50.000 Kolonial- und Fremdvölkerwelten an. Niemand wusste über alle Arkonidenvölker Bescheid, auch ich nicht.

Mir war jedoch klar, dass im Jahr 12.402 das Große Imperium zunehmend von Degeneration durchzogen wurde. In den Randgebieten war dies noch nicht sehr deutlich sichtbar. Dafür waren Korruption, Verselbständigungstendenzen und kleinere Kolonialkriege bereits an der Tagesordnung. Anzunehmen, dass auch das Traversan des 12. Jahrtausends da Ark davon nicht verschont geblieben war.

Die Traversaner hatten immer schon als stolzer, separatistischer Teil des Imperiums gegolten. Dies traf für das aktuelle Kristallimperium ebenso zu wie für das Große Imperium der Vergangenheit.

Ein Geräusch riss mich plötzlich aus der Versunkenheit. Die Tür sprang auf, und diesmal kamen vier Personen herein. Ihre finsteren Mienen verhießen nicht viel Gutes.

Beide Wachen salutierten.

»Für Traversans Ehre, Erhabener!«, riefen sie.

Drei der Gestalten waren Leibwächter, martialisch ausstaffierte Typen mit wilden Gesichtern. Der Gruß der Gefängniswachen schien jedoch Person Nummer vier zu gelten. Es handelte sich um einen betagten, breitschultrigen Mann von beeindruckender Körpergröße und natürlicher Autorität. Seine schulterlang wallende Mähne fiel auf einen knielangen Cape-Umhang, der mit Bildern aus der She‘HuhanMythologie verziert war.

Die Wachen hatten ihn als einen Erhabenen bezeichnet, also als einen Mann von hohem Stand. Mir fiel ein, dass auch die Frau aus der Wüste so bezeichnet worden war. Gehörten die beiden möglicherweise zusammen? Waren sie verwandt?

Narr! Siehst du nicht das Wappen?

Jetzt erst drang die kunstvolle Zeichnung eines aufgerichteten Traversan-Büffels an mein Bewusstsein. Es war das Da-Traversan-Wappen, dasselbe, das Fürst Ligatem getragen hatte, ebenfalls die Frau in der Wüste.

Der alte Mann setzte sich vor mir auf den Stuhl. Einige Sekunden lang fühlte ich mich von ihm gemustert. Ich erwiderte den Blick mit derselben Aufmerksamkeit, allerdings nicht unverschämt, sondern höflich.

Seine tiefen Krähenfüße fielen mir ins Auge. Die faltige Augenpartie zeugte von tiefer Sorge, die ihn oft erfüllen musste. Der Mann hatte eine schmale, lange Nase und trug einen kurzen Vollbart. Seine Augen waren tiefrot, dunkler als die des Durchschnittsarkoniden.

»Mein Name ist Nert Kuriol da Traversan«, sprach der Mann plötzlich. »Wer sind Sie?«

Ich antwortete respektvoll:

»Mein Name ist Atlan, Erhabener.«

Ein Nert, überlegte ich, eine Art Baron. Dieser Mann war der Herrscher des Planeten. Es musste sich um einen Vorgänger des Fürsten Ligatem handeln.

»Wie sind Sie in die Yssods-Wüste gekommen? Was wollten Sie dort?«

Einen Moment lang überlegte ich, mir eine Geschichte einfallen zu lassen, die plausibler klang als die Wahrheit. Irgendetwas von einem Absturz, genauso gut schien mir eine Entführungsstory. Aber auch Lügen konnte eine knifflige Sache sein, wenn man nicht genügend über die wahre Lage wusste.

»Ich habe eine Geschichte zu erzählen, die schwer zu glauben ist …«

Nert Kuriol da Traversan lächelte, und die Krähenfußfältchen gruben sich tief in seine Augenwinkel.

»Wir haben nicht sehr viel Zeit. Aber wir hören dir zu.«

Die Blicke der Arkoniden ruhten auf mir, in einer Mischung aus Neugierde und vorweggenommener Skepsis. Speziell die Augen der Frau fielen mir auf. Sie schaute beinahe glasig durch mich hindurch, ließ sich dennoch kein Detail entgehen.

»Ich komme aus der Zukunft. Genauer gesagt, aus einer Zukunft, die von dieser Zeit gut zehntausend Jahre entfernt liegt.«

Es wurde plötzlich still im Raum. Niemand atmete mehr.

Der Nert sah mich ausdruckslos an. Ob er schockiert war oder nicht, ob er die Auskunft für dummes Geschwätz hielt, ließ sich schwer erkennen. Ich an seiner Stelle hätte so reagiert.

»Weiter«, forderte er mich nach einer Weile auf.

»In der Zukunft bin ich eine Person von einiger öffentlicher Bedeutung. Meine Wissenschaftler riefen mich und mein Raumschiff RICO nach Traversan. Sie führten mich zu einer uralten Hinterlassenschaft, zu einer Anlage eines längst ausgestorbenen Volkes. Anfangs schienen alle Geräte, die wir entdeckten, ausgeschaltet zu sein – aber das erwies sich bald als Irrtum. Wir müssen irgendwie einen Fehler begangen haben. Jedenfalls wurde gegen meinen Willen ein technischer Vorgang ausgelöst, der mir bis jetzt noch nicht ganz erklärlich ist. Die fremdartigen Anlagen, von denen ich spreche, erwiesen sich als eine Zeitmaschine. Jedenfalls, wenn dies hier wirklich das Jahr 12.402 da Ark ist – wie man mir berichtet hat.«

Die Frau, die hinter dem Nert stand, versetzte feindselig:

»Es ist nicht angebracht, meine Worte anzuzweifeln.«

Ich erwiderte:

»Muss ich das nicht? Diese Zeitreisegeschichte ist für mich ebenso schwer zu glauben wie für Sie!«

Nert Kuriol hob die Hand.

»Still! Ich will keinen Streit hören! Mich interessiert, wie die Sache weiterging.«

»Nun, die Anlage transportierte mich also in die Vergangenheit. Der Sturz durch die Zeit endete erst, als sämtliche Energiereserven zu Ende gingen. Ich durchsuchte die Station, und als ich gerade aufgeben wollte, da nahmen mich Eure Leute fest, Erhabener. Und Eure Helferin hier«, ich deutete auf die hochgewachsene Arkonidin hinter Kuriol, »… Eure Helferin ließ mich betäuben, bevor ich noch etwas sagen konnte.«

Die Augen der Arkonidin blitzten vor Zorn. Sie erklärte stolz:

»Ich bin Prinzessin Tamarena da Traversan, Nert Kuriols Tochter! Bestimmt keine Helferin.«

Ich schwieg. Meine Geschichte war zu Ende.

Der alte Nert schien minutenlang über meine Worte nachzudenken.

»Wir haben die Station durchsucht. Es gab dort keine Energie, keine Nahrung, kein Wasser, kein Fahrzeug. Ist Ihnen klar, dass Sie innerhalb kürzester Zeit dort verdurstet wären?«

»Ich fürchtete bereits Ähnliches.«

»Sie verdanken dem Eingreifen meiner Tochter also Ihr Leben.«

»Das ist wahr.«

Die Stimme des Nert wurde plötzlich laut:

»Also gut. Für die Rettung Ihres Lebens will ich nicht auch noch belogen werden. Die Wahrheit, Fremder, oder ich werde Sie exekutieren lassen!«

»Was ich sagte, ist die Wahrheit.«

»Wenn Sie nicht sprechen wollen: Auf dem Gerichtsplaneten Celkar haben sie eine besondere Technik entwickelt, die infinite Todesstrafe. Ich versichere Ihnen, man quält sich nirgendwo mehr beim Sterben.«

»Erhabener, ich habe nichts zu korrigieren und nichts zu bereuen.«

Die Fragen kamen nun wie aus der Pistole geschossen:

»Warum hat Pyrius Bit Sie hierhergeschickt?«

Unbeeindruckt gab ich Antwort:

»Ich kenne den Namen Pyrius Bit nicht.«

»Sollten Sie unsere Raumschiffe sabotieren? Die Forschungsstätten von Erican, den Palast?«

»Nichts dergleichen, Erhabener. Ich schwöre es bei Arkon.«

Kuriol verzog abschätzig die Mundwinkel.

»Auf das Imperium sollten Sie lieber nicht schwören, Atlan! Arkon im Munde zu führen bringt Ihnen keinen Vorteil ein. Außerdem sollten Sie nicht glauben, dass Sie hier lebendig herausgeholt werden. Wenn die Hauptstadt fällt, dann geht auch dieses Gefängnis unter. Bevor Ihre sauberen Vorgesetzten Sie noch bergen können.«

Der alte Nert und ich, wir starrten uns eine Weile an. Ich war hilflos, er unversöhnlich.

Unter anderen Umständen wäre der Mann mir sympathisch gewesen. Er besaß Charisma und anscheinend einen messerscharfen Verstand. Ich musste jedoch zugeben, dass die Wahrscheinlichkeit gegen mich stand. Ein Unfall der Art, wie ich ihn erlebt hatte, konnte einfach nicht passieren.

Kuriol nannte einige interessante Details, meinte der Extrasinn. Traversan scheint sich im Krieg zu befinden. Der Name Pyrius Bit dürfte von Bedeutung sein. Außerdem fällt auf, dass der Nert schlecht über das Imperium spricht. Es ist davon auszugehen, dass derzeit gewisse Streitigkeiten ausgetragen werden.

Ich dachte darüber nach. Der Hinweis des Logiksektors schien mir wertvoll. Welchen Ausgang Streitigkeiten zwischen dem Imperium und einer Kolonie zu nehmen pflegten, wusste ich genau. Und der Nert schien es ebenfalls zu wissen, wobei er mich mit den Streitigkeiten offensichtlich in Zusammenhang brachte.

Nert Kuriol schaute mich ratlos an.

»Ich werde Sie nicht exekutieren lassen. Jedenfalls noch nicht gleich. Meine Militärärzte behandeln Sie zunächst mit Medikamenten, die die Wahrheit aus Ihnen herauspressen werden. Nur werden Sie hinterher nicht mehr bei Verstand sein, Atlan; und ich gebe zu, dass ich das bedauere.«

Kuriol schaute sich um und winkte den Wachen.

Doch die Frau aus der Wüste – Prinzessin Tamarena! – legte ihm schnell eine Hand auf die Schulter.

»Nicht, Vater!«, bat sie. Ihre Miene wirkte plötzlich so entgeistert, als habe sie ein Gespenst gesehen.

»Warte noch! Es ist nicht leicht zu glauben – aber der Fremde vom fernen Camelot spricht die Wahrheit.«

Ich schwieg wie vom Donner gerührt.

Es war nicht die Tatsache, dass sie für mich sprach. Damit hatte ich insgeheim gerechnet, weil ich ihre Arroganz als Maske durchschaute. Vielmehr lag es daran, dass ich den Ausdruck Camelot niemals erwähnt hatte. Prinzessin Tamarena gab eine Information preis, die sie eigentlich nicht besitzen konnte.

7.
DER STOLZ VON TRAVERSAN

Vergangenheit 5772 v. Chr. / 12.402 da Ark

Nert Kuriol da Traversan musterte den Fremden lange und gründlich. Er hoffte, dass sein aktivierter Extrasinn ihm Hinweise gab. Kuriol gewann unwillkürlich den Eindruck, dass der andere ihm überlegen war. Einen solchen Gedanken hatte er in seinem Leben nicht sehr oft gehegt.

Atlan war ein sehr beeindruckender Mann. Obwohl er sich in einer wenig beneidenswerten Lage befand, machte er einen gelassenen, stets überlegten Eindruck. Diese Qualitäten besaßen nur ausgesuchte Leute.

Auf sein Gefühl konnte er sich verlassen; hätte er die Möglichkeit besessen, er hätte Atlan sofort in seine Dienste genommen. Und wäre es nur für die wenigen Stunden, maximal Tage gewesen, die bis zum Eintreffen der Strafexpedition übrigblieben. Dann musste mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Atlan sterben.

Ein zweites Mal ließen sie den Fremden seine Geschichte erzählen. Und diesmal, mit dem Wissen um die Wahrheit, klang der Bericht erstaunlich plausibel.

Kuriol fielen die Blicke auf, die Atlan mit seiner Tochter tauschte. Dass Tamarena einen Mann dieser Sorte offensichtlich interessant fand, schien dem Fürsten nicht ungewöhnlich.

Tamarena war daran gewöhnt, mit fähigen, teils auch charismatischen Männern umzugehen; doch Männer von Atlans Sorte waren nicht oft darunter.

Kuriol bemerkte ihre Maske aus Überheblichkeit sehr genau. Aber auch Atlan reagierte auf sie; der Fremde schien irgendetwas an Tamarena höchst interessant zu finden.

Ist es nicht tragisch, kommentierte sein Extrasinn, dass diesen beiden keine Zeit mehr bleiben wird?

Kuriol hob die Hand. Er vermerkte mit einem Lächeln, dass die Blicke der zwei sich wieder ihm zuwandten.

»Ich habe eine Entscheidung getroffen«, sprach der Nert. »Atlan, Sie werden ab sofort freigelassen. Nach allem, was ich weiß, stellen Sie keine Bedrohung für uns dar. Sie können sich frei auf diesem Planeten bewegen.«

»Danke, Nert.«

Der hochgewachsene Fremde richtete sich aus seiner hockenden Position an der Wand langsam auf. Man musste bedenken, dass er vor knapp sechs Stunden von einer Paralysatorsalve erwischt worden war. Kuriol konnte nicht verstehen, weshalb er schon wieder auf seinen Beinen stand. Normalerweise hätte er bis zum kommenden Sonnenaufgang reglos auf dem Boden liegen sollen.

Atlan sagte:

»Ich habe jedoch einige Bitten an Euch zu richten, Nert. Die Zeitmaschine, mit der ich gekommen bin, ist ohne Energie. Ich benötige Hilfe, um diese Energiereserven wieder aufzufüllen. Außerdem ist der Steuerchip beschädigt, mit dem die Energiezufuhr der Station geregelt wird. Ohne eine gut ausgerüstete Forschungswerkstatt kann der Chip höchstwahrscheinlich nicht wieder repariert werden.«

Kuriol zeigte bedauernd seine leeren Handflächen.

»Traversan wäre gewiss bereit, Sie bei dem Problem zu unterstützen. Aber das ist nicht möglich. Ich muss Ihnen leider die Mitteilung machen, Atlan, dass wir alle sterben werden. Wir erwarten stündlich eine Strafexpedition des Sonnenkurs Pyrius Bit, vom nahe gelegenen Flottenstützpunkt BRY 24 aus. Bit wird Traversan vermutlich vernichten lassen.«

Atlan ließ sich nicht anmerken, ob er schockiert oder verstört war.

»Aus welchem Grund, Nert Kuriol?«

Er schien daran gewöhnt zu sein, selbst in der verfahrensten Lage noch einen Ausweg zu suchen.

»Ich möchte es als eine Frage der Ehre bezeichnen. Und eine finanzielle Frage, nicht zu vergessen. Die ganze Geschichte wäre jetzt zu lang. In diesen Stunden lasse ich den Planeten Traversan gegen einen Angriff aus dem All befestigen. Meine Anwesenheit ist an anderen Orten dringender erforderlich.«

»Wartet, Nert!«

Kuriol hatte sich bereits vom Stuhl erhoben. Der drängende Tonfall, in dem Atlan sprach, ließ ihn jedoch innehalten.

»Worauf, Atlan?«

»Ihr sagt, Traversan steht die Vernichtung bevor. Ich bin allerdings vollkommen sicher, dass das nicht geschehen wird.«

Der alte Nert machte eine wegwerfende, müde Geste.

»Was für eine naive Vorstellung. Pyrius Bit wird unsere Provokationen niemals hinnehmen. Er hat vor einem halben Tag im Orbit von Traversan zwölf Schlachtschiffe eingebüßt.«

»Trotzdem!«, beharrte der Fremde. »Ihr vergesst wahrscheinlich, dass ich aus der Zukunft stamme. Oder Ihr habt den Gedanken noch nicht konsequent verarbeitet.«

»Vater!«, rief Tamarena plötzlich.

Sie fasste Kuriol aufgeregt an der Schulter. Ihre Augen fingen zu tränen an, Zeichen einer heftigen Erregung.

»Begreifst du, Vater, was er uns sagen will? Er kommt aus der Zukunft – das bedeutet, dass er die Vergangenheit kennt! Er weiß, wie die Schlacht um Traversan ausgegangen ist!«

Nert Kuriol sah dem Fremden aus der Zeitmaschine gerade ins Gesicht.

»Stimmt das?«

»Bedauerlicherweise nein«, erklärte Atlan. »Ich konnte nicht wissen, in welche Lage ich geraten würde. Vor der Katastrophe habe ich mich mit der traversanischen Geschichte nicht beschäftigt. Allerdings habe ich Erican und die Yssods-Wüste gesehen, wie sie in zehntausend Jahren aussehen.«

»Nämlich wie?«, fragte Kuriol scharf.

»Ich sah einen blühenden Planeten. Das Große Imperium wird in den kommenden Jahrtausenden untergehen; es wird aufgehen im Vereinten Imperium, sich zeitweise auflösen und dann als Kristallimperium wiederauferstehen. Aber Traversan existiert immer noch. Hätte es einen verheerenden Krieg an der Oberfläche des Planeten gegeben, die Narben wären auch in zehntausend Jahren nicht verheilt.«

Nert Kuriol da Traversan empfand eine alles beherrschende Verwirrung. Das Große Imperium konnte nicht untergehen; in einer Million Jahren nicht.

Auf der anderen Seite hatte Prinzessin Tamarena die Echtheit des Zeitreisenden Atlan bestätigt. Und was Tamarena sagte, das musste zwangsläufig die Wahrheit sein.

»Traversan … geht nicht unter?«

»Keineswegs, Nert.«

»Wie sollen wir dann …« Den Rest ließ er offen.

»Ich weiß nicht, wie die Krise aussieht, die Traversan erfasst hat. Ihr sagt, Pyrius Bit ist ein Sonnenkur. Das bedeutet, dass das Imperium hinter ihm steht. Aber selbst wenn Bit mit hunderttausend Schlachtkreuzern des Imperiums kommt, er kann Traversan nicht vernichten. Die Geschichte beweist es.«

Nert Kuriol ließ sich auf den Stuhl sinken. Er hatte es nicht mehr eilig.

»Ich benötige Ihre Hilfe, Atlan«, bekundete er. »Ich halte es für möglich, dass Sie der unvorhergesehene Faktor sind, der uns noch einmal rettet. Sie kommen aus der Zukunft. Mit Ihnen konnte niemand rechnen.«

Atlan dachte ein paar Sekunden lang angestrengt nach. Er schien auf eine innere Stimme zu horchen. Kuriol hätte sich keineswegs gewundert, hätte der Fremde ebenso wie er oder Kapitän Irakhem einen aktivierten Logiksektor besessen.

»Ich würde gern helfen, Nert. Aus Gründen der Kausalität ist jedoch kein Eingreifen von meiner Seite möglich. Wie Ihr bereits sagtet, meine Anwesenheit ist nicht vorgesehen.«

»Erklären Sie das!«

»In dem Augenblick, da meine Handlungsweise die Vergangenheit ändert, könnte sich auch die Zukunft verändern. Im Klartext bedeutet das: Solange ich mich still verhalte, ist Traversan vor der Vernichtung sicher – weil die Geschichte immer ihren Gang geht. Wenn ich aber beginne, die Vergangenheit zu verändern, dann könnte das Traversan der Zukunft durchaus ein toter Planet sein. – Versteht Ihr mich? Ich muss mich nur still verhalten. Dann bin ich Eure Lebensversicherung, Nert.«

Kuriol versuchte, die Argumente des Fremden nachzuvollziehen.

Er hat recht!, kommentierte sein Logiksektor. Allerdings ist es nicht immer möglich, die Gesetze der Zeit in arkonidische Logik zu zwingen. Außerdem sagt Atlan lediglich aus, dass die Oberfläche dieser Welt intakt bleibt. Er sagt nichts über die Bevölkerung und unsere Raumschiffe.

Kuriol gab sich einen Ruck. Seine Entscheidung fiel nicht aufgrund logischer Erwägungen, sondern durch einen zutiefst unlogischen, emotionalen Impuls.

»Ich bin nicht bereit, auf Ihre Hilfe zu verzichten, Atlan!«, sprach er. »Sie werden mich als Berater in den Palast von Erican begleiten. Prinzessin Tamarena wird Ihnen als Adjutantin zur Verfügung stehen.«

Er drehte sich um und wollte die Zelle verlassen – da stoppte ihn ein Ausruf seiner Tochter.

»Vater!«, protestierte sie.

Tamarena hatte sich hoch aufgerichtet, sie war blass geworden und starrte mit blitzenden Augen den Fremden an.

»Ich werde nicht die Adjutantin dieses Mannes sein! Ich bin doch keine … keine …«

Sie schien nach Worten zu suchen.

»O doch, mein Kind! Ausnahmsweise wirst du tun, was dein Vater dir befiehlt. Atlan ist möglicherweise von entscheidendem Wert für uns. Und du bist die beste Helferin auf diesem Planeten, die ich ihm zur Seite stellen kann.«

Die Prinzessin wartete mit verschlossenem Gesicht ab, bis alle anderen die Zelle verlassen hatten. Ich konnte ihren mühsam beherrschten Zorn dennoch sehen. Sie war stolz, und es passte nicht in ihr Weltbild, einem hergelaufenen Fremden als Helferin zu dienen.

Ich musterte sie voller Bewunderung. Sie war die beeindruckendste Frau, der ich seit einer sehr langen Zeit begegnet war.

Narr! Verliebe dich nicht in eine Prinzessin, die seit zehntausend Jahren tot ist!

»Also, Atlan«, brachte sie voller Verachtung hervor, »was willst du nun tun? Was sind deine ersten Wundertaten?«

Mir war klar, dass ich sie als Erhabene anzusprechen hatte. Als Tochter eines Nert besaß sie Anspruch auf einen ganzen Satz höflicher Ausdrucksformeln, die ich samt und sonders ignorierte. Schließlich hatte sie selbst mit dem Duzen angefangen, das im alten Arkon-Imperium alles andere als üblich war.

»Zuerst möchte ich mit dir reden, Tamarena.«

Ob sie den Mangel an verbalem Respekt registrierte oder nicht, war schwer zu erkennen.

»Reden?«, fragte sie heftig. »Würde es ein klarer Befehl nicht auch tun?«

»Nein! Keine Befehle. Ich kann nichts für die Entscheidung deines Vaters. Ich erteile dir keine Befehle, sondern ich bitte dich um deine Unterstützung.«

Ich verschwieg ihr mit voller Absicht, dass ich ein Unsterblicher war und dass ich so etwas wie eine Fremdenführerin durch die Vergangenheit eigentlich nicht benötigte.

»Unterstützung – bei was?«, wollte sie wissen. In ihre Stimme legte sie einen kräftigen Schuss Verachtung.

»Wenn ich das selbst wüsste! Mir ist die Lage auf Traversan völlig unbekannt. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass ich euch durch Untätigkeit am besten helfe.«

»Dann bleibe untätig«, erwiderte sie ungerührt.

»Ja. Aber zuerst möchte ich dir eine Frage stellen.«

»Welche?«

Sie tat, als wolle sie meine Zelle verlassen und auf den Korridor hinaustreten.

»Du hast mich als Fremden von Camelot bezeichnet.«

Tamarena blieb plötzlich stehen. Sie drehte sich um und fixierte mich aufmerksam. Ich glaubte, in ihrem Blick wieder jenen alles durchdringenden Ausdruck zu sehen, der mir zuvor bereits aufgefallen war.

»Und?«

»Camelot wird erst in zehntausend Jahren entstehen«, setzte ich sie nüchtern in Kenntnis. »Du kannst von Camelot also nichts wissen. Ich habe den Ausdruck nicht genannt, aber du kanntest ihn. Woher?«

»Du wirst dich getäuscht haben«, wich die Prinzessin mir unbehaglich aus.

»Nein. Tamarena, bist du eine Telepathin?«

Ich hörte ihr lange zu. Die Prinzessin sprach von einer abgelegenen Dagor-Abtei in der Masskyr-Hochebene, von Jahren der Isolation, ohne Kontakt zur Außenwelt, von schonungslosen Lektionen für Körper und Geist. Bei einer Meditations-Schulung hatte sie ihr telepathisches Talent entdeckt. Die Gabe war im geheimen ausgebildet und gefördert worden.

Ich erinnerte mich, dass parapsychische Fähigkeiten im Großen Imperium nicht so selten vorgekommen waren; jedenfalls nicht wie in der Gegenwart, die kaum einmal Mutanten hervorbrachte.

Tamarenas Geschichte schien mir nachvollziehbar. Die extremen Anforderungen der Dagor-Schule forderten alle Reserven, die ein Wesen besaß. So auch die Telepathie – sofern sie vorhanden war.

»Ich weiß genau, Atlan, dass dein Extrasinn durch die ARK SUMMIA aktiviert ist«, berichtete sie. »In einem solchen Fall sind die Gedanken einer Person für Telepathen nicht erreichbar. Allerdings hast du zweimal für wenige Augenblicke deinen Monoschirm vernachlässigt. Ich hatte jeweils einen kurzen Einblick. Daher weiß ich, dass du wirklich aus der Zukunft kommst – oder dass du es zumindest selbst glaubst! – und dass du dich selbst als einen Cameloter bezeichnest.«

»Was noch?«

»Sonst nichts.«

Die Prinzessin machte plötzlich einen schuldbewussten Eindruck. Es schien ihr peinlich zu sein, dass sie in meinen Gedanken geschnüffelt hatte.

Mein Logiksektor behauptete lautlos: Sie lügt.

Der Meinung bin ich auch, erwiderte ich unschlüssig. Aber was kann sie sonst noch wissen? Und warum gibt sie es nicht zu?

Offensichtlich deshalb, weil ihr Wissen auf einen noch unbekannten Aspekt der Lage einen wichtigen Einfluss hätte. Vielleicht will sie noch abwarten, ob sich für sie ein Vorteil ergibt.

Das wunderschöne Gesicht der Prinzessin riss mich aus der Versunkenheit. Sie war näher an mich herangerückt.

»Ich könnte dir Erican zeigen«, bot sie an. »Willst du unsere Hauptstadt sehen? Manche sagen, es ist die Perle des ganzen Raumsektors.«

»Ich bin höchst interessiert. Aber zuerst habe ich Durst und Hunger. Exakt in dieser Reihenfolge, beides nicht zu knapp.«

Sie führte mich hinaus in den Korridor, dann meinte sie schnippisch:

»Ich weiß wirklich nicht, ob das Servieren einer Mahlzeit in meiner Adjutantentätigkeit eingeschlossen ist …«

Über Erican ging soeben die Sonne auf. Es war ein wunderbares Schauspiel aus gleißendem, beinahe überirdisch scheinendem Licht. Die Tautropfen, die sich im Lauf der Nacht auf den Dächern und in den Gewächsen abgesetzt hatten, streuten millionenfach Reflexionen ins Halbdunkel der Stadt.

Erican befand sich in einer gemäßigten Klimazone des nördlichen Kontinents, 1300 Kilometer von der weiter südlich gelegenen Yssods-Wüste entfernt. Trichterbauten und Parklandschaften bestimmten die Landschaft. Im Gegensatz zum fernen Arkon, das ich sehr gut kannte, fanden sich hier jedoch dicht besiedelte Wohngebiete, die beinahe an ihre terranischen Gegenstücke erinnerten.

»Einen Rundflug gefällig?«, fragte Prinzessin Tamarena.

»Gern!«

Sie ließ den Gleiter hoch in den blauen Himmel über dem Palast steigen. Es handelte sich um ein offenes Modell ohne Kanzel, nur mit einer Panzertroplonscheibe gegen den Zug, und der Flugwind ließ meine Haare in alle Richtungen flattern.

Tamarena steuerte den Gleiter auf eine Flughöhe von etwa einem halben Kilometer. In einem weiten Bogen umkreiste sie den Palast, dann hielt sie westwärts Richtung Stadtrand.

Zu einem beachtlichen Teil stimmte das Erscheinungsbild der Stadt mit dem überein, was ich zehntausend Jahre später gesehen hatte; gemeinsam mit Fürst Ligatem, von einer Terrasse des Palastes aus.

Mein Blick fiel auf die Stelle, an der sich der Himmelskrater hätte befinden sollen.

Statt der zwanzig Kilometer durchmessenden Senke, an die ich mich gut erinnerte, erblickte ich einen Park. Und statt der dichten Besiedelung zählte ich nicht mehr als ein Dutzend Trichterbauten. Der Park schien eine Art Erholungszentrum zu sein. Im Mittelpunkt des Geländes ragte ein Gebäudekomplex auf, den ich anhand eines charakteristischen Parabolspiegels als ein Observatorium identifizierte.

Tamarena wies mich mit lauter Stimme auf verschiedene Sehenswürdigkeiten hin. Die zentrale Energiestation, weit hinter dem Park gelegen, einige Kilometer östlich das Viertel der Adligen, daneben eine Ausbildungsakademie für Wissenschaftler.

An mehreren Stellen der Stadt flammten halbkugelförmige Kraftfeldkuppeln auf. Erican wurde auf einen Angriff aus dem Orbit vorbereitet. Die Glocken aus Energie wurden durchgemessen, justiert und wieder abgeschaltet. Im Ernstfall boten sie Schutz gegen Angriffe aus der Luft. Sie konnten binnen zehn Sekunden hochgefahren werden.

Aus der Höhe waren die Anstrengungen, die am Boden unternommen wurden, schwer zu bewerten. Ich wusste jedoch, wie die Arkoniden des Großen Imperiums sich zu sichern pflegten: Die Maahk-Kriege hatten mehr als einen Planeten verwüstet, eine Erfahrung, die aus dem Gedächtnis des Volkes nicht so leicht zu tilgen war.

Tamarena steuerte in einem weiten Bogen westlich.

Am Stadtrand waren kaum noch Trichterbauten und Parks zu sehen. Stattdessen erblickte ich weitläufige Gebäudekomplexe. An manchen Stellen reichten Transportschächte tief in die Erde.

»Das sind unsere Industriegebiete!«, erklärte sie mit lauter Stimme gegen den Flugwind. Ich hörte deutlich ihren Stolz heraus. »Du wirst nirgendwo im Brysch-Sektor einen Planeten finden, der ähnlich hoch entwickelt ist.«

»Ich dachte, Traversan lebt hauptsächlich von seiner Landwirtschaft?«

»Das ist auch richtig. Aber als reichste Welt des Sektors ist Traversan praktisch Selbstversorger, industriell und agrartechnisch. Traversan besitzt sogar eine eigene Raumflotte! Sie wird von Kapitän Irakhem geführt. Du wirst Irakhem möglicherweise noch kennenlernen. Er ist ein sehr fähiger junger Offizier. Der ranghöchste des Systems.«

»Kommandeur der Flotte?«, fragte ich. »Ein Admiral?«

»Kein Admiral«, erklärte sie tonlos. »Ein Pal‘athor, Kapitän zweiter Klasse.«

»Das scheint mir nicht sehr viel zu sein.«

»Bis heute hat es immer ausgereicht. Irakhem ist sehr jung. Er steht noch am Anfang seiner Karriere.«

Ich machte mir klar, dass jener Mann namens Irakhem für die Rettung des Planeten zuständig sein würde. Wie ein junger Kerl das anstellen sollte, wusste ich nicht, doch die Geschichte bewies, dass er es irgendwie geschafft haben musste.

Nicht sein Rang war ausschlaggebend, sondern sein Talent. Auf der anderen Seite wusste niemand besser als ich, dass bestimmte Fähigkeiten mit einer bestimmten Ausbildung verbunden waren. Ich erinnerte mich sehr genau, wie schwer es war, den Sprung zum Admiral zu schaffen. Ein Pal‘athor konnte im Grunde keine Flotte führen.

Die Prinzessin zwang den Gleiter in eine enge Kurve, deren Wucht mir beinahe den Atem raubte.

Sie will dich nur beeindrucken, Arkonide.

Und das gelingt ihr auch vorzüglich, antwortete ich dem Logiksektor, innerlich lachend.

Sie deutete auf einen mächtigen Kugelraumer, eine 500 Meter durchmessende Einheit, die auf dem siebzig Kilometer entfernten Raumhafen gelandet war.

»Das ist die TRAVERSANS EHRE, Irakhems Flaggschiff. Sobald die Strafexpedition von BRY 24 angekommen ist, wird das Schiff starten. Und dann werden wir es niemals wiedersehen. Es sei denn …«

»Vergiss es!«, antwortete ich barsch. »Ich weiß genau, was du andeuten willst. Aber diese Art Hilfe kann ich euch nicht geben. Ich besitze keine Raumflotte, und ich bringe keine Wunderwaffen mit!«

»Du denkst nicht einmal nach, wie du uns helfen kannst!«

»Völlig richtig. Weil es nichts nachzudenken gibt!«

Ich warf einen Seitenblick auf die Prinzessin. Ihr platinblondes Haar war wesentlich kürzer geschnitten als meines, so dass ich ihr Gesicht gut erkennen konnte. Die Lippen waren zusammengepresst.

»Das reicht!«, rief ich ärgerlich. »Ende des Rundflugs.«

Die Prinzessin drehte den Gleiter in der Luft, gab Gegenschub und hielt mit hoher Geschwindigkeit auf den Palast zu.

»Tamarena!«

»Was?«

Ich deutete auf den Park westlich des Stadtkerns, an dem sich in zehntausend Jahren der Himmelskrater befinden würde. Vor meinem inneren Auge sah ich einen Moment lang den Himmel über Traversan erglühen; ich sah eine feindliche Flotte über Erican; und ich sah eine Bombe, die zu Boden fiel.

»Gibt es für diesen Park einen Namen?«

»Wir nennen ihn den Garten der Sonne. Mein Vater hat darin das größte Observatorium des Brysch-Sektors errichten lassen. Die Forscher reisen zum Teil mehr als hundert Lichtjahre weit, um hier zu arbeiten.«

»Dieses Gebiet muss evakuiert werden«, hörte ich mich sagen. »Sieh zu, dass vor dem großen Gefecht niemand im Garten der Sonne zurückbleibt.«

Tamarena sah mich merkwürdig an, so als habe sie ein seltenes Tier vor sich. Sie sagte nichts, sondern steuerte den Gleiter wortlos zum Palast zurück.

Mein Extrasinn kommentierte sarkastisch:

Der erste wirklich schwere Fehler, Arkonide! In diesem Moment hast du zum ersten Mal in größerem Ausmaß die Vergangenheit verändert.

Den ganzen Tag lang blieb es ruhig. Im Palast des Nert wurde stündlich mit dem Eintreffen eines schlagkräftigen Verbandes gerechnet.

Fürst Kuriol erklärte mir die Lage. Demnach verfügte Arkons Statthalter, der Sonnenkur Pyrius Bit, über zweihundert Kriegsschiffe. Für einen Sektor mit 212 besiedelten Planeten war das keine hohe Zahl. In einem Zeitalter zunehmender Unruhe ließ sich mit weniger als einem Schiff pro besiedelten Planeten kein sicherer Friede garantieren.

Imperator Reomir IX. erhielt aus dem Brysch-Sektor allerdings vergleichsweise geringe Steuerabgaben, so dass eine größere Flottenpräsenz nicht lohnend war.

Schon Arkons alte Ökonomen haben mit spitzer Feder gerechnet, bemerkte mein Logiksektor. Dies könnte sich zu deinem Vorteil auswirken.

Man musste außerdem bedenken, dass die Flotte der Traversaner offiziell zum Imperium gehörte. Traversan verfügte über arkonidische Technik; die Kapitäne waren auf der Galaktonautischen Akademie von Arkon III ausgebildet; der Pal‘athor namens Irakhem unterstand im Normalfall nicht nur Kuriol, sondern dem Flottenzentralkommando.

Reomirs Strategen hatten nicht damit kalkuliert, dass sich Traversan gegen den Statthalter von BRY 24 wenden würde. Das, was man auf der Erde den menschlichen Faktor nannte, hatte man offensichtlich vergessen.

Kein Wunder bei einem Imperium, das 50.000 Kolonial- und Fremdvölker in sich vereint.

Niemand hatte mit einem Statthalter namens Pyrius Bit gerechnet, den ich zwar nicht kannte, der aber keinerlei diplomatisches Geschick zu besitzen schien. Und niemand hatte geglaubt, dass der Stolz von Traversan größer war als die Angst vor imperialen Truppen.

Die halbe Nacht verstrich ereignislos. Ich legte mich schlafen, und ich konnte nichts dagegen tun, dass in meinen Träumen Prinzessin Tamarena eine erhebliche Rolle spielte. Die Berührung ihrer Hände elektrisierte mich. Sie trug ein weißes Gewand, das mehr entblößte als verhüllte, und sie bewegte sich an meiner Seite durch einen dunklen Wald, der nicht enden wollte.

Mit ihren Augen berührte sie meine Seele. Die Kraft ihrer Gedanken flößte mir eine umfassende Ruhe ein. Jede ihrer Bewegungen präsentierte Eleganz. Sie besaß den Stolz des arkonidischen Adels, doch sie trat nicht als degenerierte Schlange auf, sondern als eine fähige Frau, die mir gewachsen war.

Kurz vor Einbruch des Morgengrauens gellte eine Alarmsirene.

Die Traumbilder platzten wie Seifenblasen. Der Wald existierte nicht, und die Prinzessin war nicht bei mir, sondern weilte irgendwo im Palast.

Ich war sofort wach.

Der Bildschirm neben meinem Lager flammte auf. Am anderen Ende erkannte ich das Gesicht des Nert: Kuriol musste die Nacht hindurch gewacht haben.

»Atlan! Es ist soweit!«

Kuriols Gesicht war blass, und seine Stimme zitterte gerade so sehr, dass ein Mann wie ich es heraushören konnte.

»Pyrius Bit hat eine Flotte geschickt. Ich erwarte Sie im Kommandosaal. Prinzessin Tamarena wird Sie in wenigen Minuten abholen.«

Kuriols Gesicht verblasste, der Nert hatte abgeschaltet.

Die Strategen der anderen Seite mussten sich ausgerechnet haben, wann Erican im Schlummer lag. Danach hatten sie ihren Zeitplan ausgerichtet. Der Schockeffekt war auf diese Weise größer, auch wenn es zu einem echten Überraschungsangriff natürlich nicht kommen konnte. Zwischen der Ankunft und dem Erreichen des Ziels mit Unterlichtgeschwindigkeit verstrichen in der Regel einige Stunden. Der Gegner hatte immer noch Zeit, sich zu formieren.

Stellte sich nur die Frage nach dem Kräfteverhältnis. Es konnte zwei zu eins sein oder tausend zu eins, abhängig davon, ob Pyrius Bit Hilfe von Arkon angefordert hatte.

Irakhem war gerade eingeschlafen, als der Alarm ertönte. Es war das durchdringendste Geräusch, das die billige Bauart der Flottenlautsprecher erlaubte; buchstäblich geeignet, um Tote zu wecken und Schlafende aus einem noch so tiefen Traum zu reißen.

Seine Kabine an Bord der TRAVERSANS EHRE schien ihm plötzlich wie eine dunkle, muffige Gefängniszelle. Er streifte seine Uniform über und stürmte auf den Korridor hinaus. Endlich! Irakhem hatte die Spannung kaum noch ausgehalten.

Das Laufband auf dem Hauptkorridor trug ihn zum zentralen Antigravschacht.

Eine Gruppe von Arbtanen blockierte seinen Sprint. Er stieß sie beiseite und katapultierte sich förmlich in die abwärts führende Röhre. Flüche und Verwünschungen folgten ihm – bis die Arbtane erkannten, wem sie da soeben begegnet waren, und abrupt verstummten.

An ihrer Bestrafung besaß er kein Interesse. Die Männer hatten nichts falsch gemacht, sondern lediglich im Weg gestanden. Irakhem war sich darüber im Klaren, dass er seinem Ruf als ungeduldiger Heißsporn auf diese Weise Nahrung gab. Aber besser das, als am Ende zu viel Zeit zu verlieren.

Der Schacht trug ihn wenige Stockwerke weit. Eines der Privilegien, die er genoss, war die relative Nähe seiner Unterkunft zur Zentrale. Kommandanten mussten rasch an Ort und Stelle sein.

»Pal‘athor! Hier!«

Irakhem wandte sich direkt zum Ortungsstand. Der leitende Orbton winkte ihm aufgeregt.

»Nun?«, fragte er knapp.

Der Ortungsoffizier ließ ein großformatiges Display erscheinen. Irakhem erkannte eine unüberschaubare Anzahl roter Punktreflexe am Rand des Trav-Systems.

Er spürte, wie einen Moment lang die Farbe aus seinem Gesicht wich. Seine Augen fingen zu tränen an; bei Arkoniden ein sicheres Indiz übermäßiger Erregung.

»Wie viele sind es?«

»Nicht so viele, wie es scheint, Pal‘athor! Wir haben exakt hundert Einheiten gezählt.«

»Schlachtschiffe der Imperiumsklasse?«

»Keine«, behauptete der Orbton. »Dafür orten wir dreißig 500-Meter-Schlachtkreuzer der Fusufklasse. Der Rest entfällt auf vierzig Schwere Kreuzer und nochmals dreißig Leichte Kreuzer.«

Irakhem fühlte sich auf der einen Seite erleichtert; Pyrius Bit hatte nicht seine ganze Streitmacht geschickt, sondern nur etwas mehr als die Hälfte. Auf der anderen Seite wusste er, dass die Erleichterung völlig irrational war. Denn sie würden diesen hundert Einheiten zweifellos unterliegen.

Er vergaß nicht eine Sekunde lang, dass er mit neunzig Schiffen gegen nur zwölf Einheiten von Pyrius Bit angetreten war. Trotz der Unterlegenheit hatte der Verband des Sonnenkurs zwanzig Raumer von für Traversan mit in den Untergang genommen.

Diesmal sah das Verhältnis anders aus: siebzig Schiffe für Traversan, hundert für den Sonnenkur.

Nach allem, was er über Pyrius Bit wusste, saß der aufgeschwemmte Fettsack sicher in seinem Stützpunkt auf BRY 24. Die Kastanien ließ er von anderen aus dem Feuer holen.

Irakhem trat in die Mitte der Zentrale. Er blickte die Männer an, die seine Besatzung bildeten, vom Feuerleitstand bis zu den Spezialisten an der Positronik. Aus zahlreichen Augen las er Entschlossenheit, aber auch Furcht. Beides konnte er gut verstehen. Im Gefecht würde nur noch die Entschlossenheit übrigbleiben.

»Kraftwerke hochfahren!«, ordnete er an.

Ein Vibrieren im Infraschallbereich schüttelte den Raumer durch. Irakhem spürte es bis in seine Schädelknochen.

»Impulstriebwerke in den Leerlauf schalten!«

Irakhem schwang sich in den Kommandantensessel auf der Empore in der Mitte der Zentrale. Er überlegte, weshalb Bit wieder nicht seine ganze Streitmacht geschickt hatte, sondern nur die Hälfte.

Nicht, dass die hundert Schiffe nicht genug gewesen wären; doch der Sonnenkur hätte leicht tausend Schiffe zusätzlich vom Imperator erhalten können.

Pyrius Bit stand möglicherweise unter Druck. Vielleicht wollte er nicht zugeben, dass er mit seinen Schwierigkeiten im Brysch-Sektor nicht allein fertig wurde. Oder er wollte nicht riskieren, dass das Flottenzentralkommando einen zusätzlichen Admiral schickte. Dann wäre Bit seine Befehlsgewalt los gewesen. Grund genug, dachte Irakhem, die Sache allein zu regeln.

Hinzu kam eine weitere Überlegung. Pyrius Bit konnte nicht sicher sein, dass die Flotte von Traversan sich offen zum Kampf stellen würde.

Bit rechnet offenbar mit einem Gegenangriff, bestätigte sein Logiksektor. Wenn er BRY 24 vollständig entblößt, ist er bei einem Racheakt ein toter Mann. Deshalb behält er die Hälfte seiner Flotte zurück.

Irakhem kommandierte:

»Startmanöver durchführen! Position im Orbit ansteuern!«

In der TRAVERSANS EHRE brach höllischer Lärm los. Das Schiff erhob sich auf den Strahlen seiner Impulstriebwerke.

Irakhems Blick wanderte zur Panoramagalerie, die wie durch ein Fischaugenobjektiv die abtauchende Hauptstadt Erican zeigte. Er machte sich klar, dass er nicht wiederkehren würde. Sie alle würden innerhalb der nächsten zwanzig Stunden ihr Leben verlieren.

Und dann kam Traversan an die Reihe. Irakhem hoffte, dass die Flotte des Sonnenkurs es bei der Vernichtung der aufständischen Einheiten belassen würde; vielleicht noch ergänzt durch die Vernichtung des Palastes, durch die Auslöschung des Da-Traversan-Adels und seiner Familienmitglieder.

Der Planet selbst würde vielleicht noch einmal davonkommen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür nicht sehr groß schien.

Irakhem formierte seine Kräfte eine Lichtstunde jenseits der Planetenbahn.

Kurz darauf kam ein Funkspruch herein. Irakhem sah auf dem Schirm das Bild eines unscheinbaren, kahlköpfigen Mannes mit verkniffenen Augen erscheinen. Er trug die Uniform der Imperiumsflotte. Seine albinotisch roten Augen zeigten, dass er ein reinrassiger Arkonide war, trotz des fehlenden Haupthaars.

»Vere‘athor Troimus ruft unbekannten Befehlshaber. – Vere‘athor Troimus ruft …«

»Hier Pal‘athor Irakhem. Traversanische Raumflotte.«

Der Kahlköpfige setzte einen väterlichen Blick auf.

»Pal‘athor, ich überbringe den Kapitulationsbefehl von BRY 24. Sobald sich die Familie des Nert und die Kommando-Offiziere in Pyrius Bits Hand befinden, wird der Sonnenkur seine neuen Bedingungen nennen.«

Irakhem antwortete höflich:

»Es tut mir leid, Vere‘athor, Ihr Ersuchen ablehnen zu müssen. Wir ziehen es vor, zu kämpfen.«

Der väterliche Ausdruck in Troimus‘ Gesicht verschwand, stattdessen erblickte Irakhem nur noch Zorn.

»So sei es denn, Pal‘athor! Welch eine Verschwendung!«

Die Flotte von BRY 24 näherte sich mit fünfzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit. Damit verbuchte Troimus bereits den ersten strategischen Vorteil; denn Irakhem musste nicht nur seine eigene Flotte schützen, sondern in erster Linie den Planeten Traversan gegen durchgebrochene Einheiten sichern.

Bewegten sich zwei Schiffe mit halber Lichtgeschwindigkeit aufeinander zu, dann betrug die heiße Gefechtsphase nur drei oder vier Sekunden. Davor und danach waren die Kontrahenten außer Schussreichweite. Irakhem konnte sich ausrechnen, dass drei oder vier Sekunden zu wenig waren. In dieser Zeit konnte er die Flotte von BRY 24 nicht aufhalten. Troimus würde mit seinen Einheiten unbehelligt Traversan erreichen – und konnte nach Vernichtung des Planeten in aller Ruhe die Verteidigerflotte auslöschen.

Irakhems Schiffe nahmen Fahrt auf.

Sie beschleunigten auf knapp dieselbe Geschwindigkeit wie Troimus‘ Verband und achteten darauf, zusätzlich dieselben Kursvektoren zu halten. Der Abstand zwischen beiden Flotten zehrte sich zusehends auf.

»Zeit bis Feuerreichweite?«, fragte er laut.

Der Orbton an der Positronik antwortete:

»Neunzig Sekunden, Pal‘athor!«

Zehn seiner Schiffe sandte er einige Millionen Kilometer weit voraus, allesamt Leichte Kreuzer. In die eigentliche Schlacht konnten sie damit nicht eingreifen. Ihre Aufgabe bestand darin, eventuell durchgebrochene Einheiten aufzuhalten, bevor sie Traversan erreichten.

Irakhem konnte sich den Verlust im Grunde nicht leisten. Seine Streitmacht reduzierte sich so von siebzig auf sechzig Einheiten. Auf der anderen Seite konnte er Traversan nicht preisgeben – Vorteil Nummer zwei für Troimus.

Zwanzig Lichtminuten vor Erreichen der Planetenbahn kam es zum Zusammenstoß.

Troimus hatte seine Flotte in dreißig kleine Gruppen gegliedert. Jeweils ein Schwerer und ein Leichter Kreuzer flankierten einen 500-Meter-Schlachtkreuzer der Fusufklasse. Ein Verband von zehn Schweren Kreuzern hielt sich abseits vom Kampfgeschehen in sicherer Entfernung.

Anzunehmen, dass Troimus von dort das Kommando führt, behauptete sein Extrasinn.

Damit hatten beide Seiten gleich viele Einheiten aus der Schlacht herausgelöst. Vor- und Nachteile waren egalisiert.

Irakhem befahl:

»Sperrkordon halten! An alle Einheiten: Bei Kernschuss-Reichweite der schweren Impulskanonen automatisch Feuer eröffnen! Erste Raketensalve mit selbstlenkenden Köpfen ausschleusen!«

Es dauerte zehn Sekunden. Irakhem prüfte, ob er an seinen Kontursessel geschnallt war.

»Kanonen 1 bis 8 – feuerklar!«

Er nickte den Männern am Feuerleitstand zu.

In der TRAVERSANS EHRE brach ein Inferno los. Innerhalb eines Atemzuges sah er die Schutzschirmauslastung auf den Rekordwert von 190 Prozent klettern. Die Zahl, so irreal sie schien, bedeutete eine sehr konkrete Lebensgefahr. Es konnte jeden Augenblick zu Ende sein.

Ein Blitz schlug von der einen Seite der Zentrale zur anderen. Aggregate fingen zu kohlen an. Am Rand seines Blickfeldes schrien Techniker unverständliche Wortfetzen.

»Gegenschub!«, brüllte er. »Schirme verstärken!«

Irakhem erinnerte sich an die erste Schlacht um Traversan, als er gehofft hatte, dass irgendein wie auch immer gearteter Zufall sich zu ihren Gunsten auswirken würde.

Es wird allmählich Zeit für das Wunder, dachte er.

Sein Logiksektor stimmte zu: Der Meinung bin ich ebenfalls.

Im Kommandosaal des Palastes von Erican versammelten sich zwei Dutzend Personen. Die Blicke aller waren an die Wand gerichtet, auf eine rotierende Holographie, die in komfortabler 3-D-Sicht das Kampfgeschehen abbildete. Allerdings waren keine Fachleute dabei; die Raumfahrer des Systems befanden sich oben, jenseits des Orbits, in einer zum Untergang verurteilten Abwehrflotte.

Ich schaute in gefasste Gesichter. Meiner Versicherung, dass den Personen am Boden nichts geschehen konnte, wurde kein Glauben geschenkt. Selbst Nert Kuriol schien mit dem Leben abgeschlossen zu haben. Ich empfand Verständnis für die Leute; an ihrer Stelle hätte ich kaum anders reagiert.

In diesem Augenblick wurde das Feuer eröffnet.

Das Hologramm explodierte in einer Orgie aus fehlerhaft dargestellten Strahlschüssen und Schiffsbewegungen. Für die Abbildung eines komplexen Kampfgeschehens war es nicht geeignet. Von hier konnten lediglich sehr grobe strategische Entscheidungen getroffen werden.

Ich war sicher, dass der Kapitän zweiter Klasse Irakhem über eine sehr viel differenziertere Sicht der Dinge verfügte. Schließlich hatte ich oft genug selbst in einer Schlacht das Kommando geführt.

Meine Augen fingen zu tränen an. Am Boden waren wir machtlos, wir konnten nichts tun außer zusehen.

Kapitän Irakhem beging seinen ersten Fehler, als er die Raketenwaffen gleich zu Anfang einsetzte. Im Feuersturm der ersten Sekunden erreichte kaum ein Viertel sein Ziel. Damit hatte er sich einer wichtigen taktischen Waffe beraubt, ohne einen Vorteil daraus zu ziehen.

»Atlan!«

»Ich höre«, sagte ich tonlos.

Neben mir stand plötzlich Tamarena. Die Prinzessin trat hilflos von einem Fuß auf den anderen, und sie starrte mit einer Spannung auf das Hologramm, als wolle sie jede Sekunde persönlich in die Kämpfe eingreifen.

»Du darfst das nicht zulassen«, drängte sie mich. »Da oben sterben mit jedem explodierenden Schiff Hunderte von Menschen!«

»Ich kann nichts daran ändern, Tamarena.«

Sie ballte die Hände und starrte mich an, als sei die Schlacht jenseits des Orbits meine Schuld. Mit hilflosem Zorn drehte sie sich um.

Fürst Kuriol trat an meine Seite, und er legte eine Hand auf meine Schulter.

»Nehmen Sie es ihr nicht übel«, sagte er. »Sie kennt Irakhem sehr gut. Ihn und noch einige andere Traversaner in der Flotte.«

Ich versuchte zu erklären:

»Erhabener, ich habe niemals für die Sicherheit der Raumschiffe garantiert. Ich habe nur gesagt, Traversan wird unversehrt bleiben!«

»Das weiß ich.«

»Man hätte die Schiffe in ein anderes System verlegen sollen!«

»Und Traversan ohne Schutz lassen?«

»Es existiert auch so kein Schutz!«, platzte es aus mir heraus. »Die Schiffe da oben sind Kanonenfutter, Nert!«

Kuriol entgegnete nichts darauf. Er winkte seine Tochter heran und versuchte, sie zu beruhigen.

Sie denkt gar nicht daran, behauptete mein Extrasinn. Pass auf diese Frau auf. Sie ist zu jeder Kurzschlussreaktion imstande.

Nebenbei behielt ich Tamarena im Sichtfeld. Der Hauptteil meiner Aufmerksamkeit galt allerdings der Schlacht.

Ich erkannte, dass Irakhem sich nicht ungeschickt anstellte – gemessen an seiner Qualifikation als Pal‘athor. Die vielen kleinen Fehler fielen mir jedoch ins Auge, selbst angesichts des schlecht auflösenden Hologramms.

Dies war das Jahr 12.402 da Ark. Zehntausend Jahre vor der Gegenwart, in die ich gehörte. In dieser Zeit war ich ein Fremdkörper, und ich machte mir immer wieder klar, dass jede Handlung meinerseits für die Gegenwart eine Katastrophe bedeuten konnte. Jeder Fehler konnte dazu führen, dass der Zeitstrom gespalten wurde. In meine Zeit konnte ich dann niemals wieder zurückkehren.

Tamarena riss sich von Kuriol los. Sie baute sich so nahe vor mir auf, dass ich ihren Atem auf meiner Haut spürte:

»Atlan! Ich bitte dich noch einmal um Hilfe! Wir dürfen die Flotte von Traversan nicht untergehen lassen!«

»Für mich ist es längst Vergangenheit!«, erwiderte ich rau. »Ich darf kein Zeitparadoxon auslösen!«

»Du bist ein Feigling!«, warf sie mir vor.

Ihr Gesicht hatte jede Farbe verloren.

»Was stellst du dir vor? Was soll ich konkret tun?«, fragte ich sie. »Ich bin nur ein einzelner Mann! Ich habe keinen schwarzen Zylinder und keine Zaubertricks. Ich kenne nur die Zukunft, das ist alles. Und ich sage euch: Traversan überlebt! Solange ich mich still verhalte! Solange die Kausalität gewahrt bleibt.«

»Bitte!«, drängte sie.

»Wenn ich die Nerven verliere, dann ist alles in Frage gestellt. Dann kann es sein, dass eure Heimat untergeht. Wenn ich eingreife, ist alle Sicherheit dahin, weil man sich auf den Lauf der Geschichte nicht mehr verlassen kann.«

»Du kannst das nicht ernst meinen, Atlan!«

»Stehe ich etwa selbst nicht hier unten? Ich weiß, was passiert, wenn die imperiale Flotte über Traversan erscheint. Dann sterbe auch ich.«

Ich blickte in ihre Augen – von denen ich eine Stunde zuvor noch so intensiv geträumt hatte. In ihren Zügen erkannte ich blanke Ablehnung.

»Diese Männer sterben!«

»Ich … ich kann nichts daran ändern!«

Etwas in ihren Zügen veränderte sich mit einem Mal.

»Du bist wirklich nur ein Schwätzer«, sagte sie abfällig. »Und ich, ich dachte schon …«

Kuriol griff nach ihrem Arm.

»Tamarena.«

Doch die Prinzessin riss sich los, mit einem heftigen Ruck, der den weitaus größeren Nert beinahe ins Straucheln gebracht hätte. Anklagend streckte sie die Hand aus.

»Vater! Ich habe seine Gedanken gelesen! Da ist noch etwas, das ich bis jetzt nicht preisgegeben habe. Dieser Mann …«, ihr Finger zeigte direkt auf mich wie auf einen Angeklagten, »dieser Mann ist ein Admiral! Er ist ein erfahrener Flottenkommandant! Er könnte Irakhem und die anderen jederzeit retten!«

Von einer Sekunde zur anderen trat Stille ein. Das war es also, flüsterte mein Extrasinn. Irgendetwas hat sie verheimlicht, und jetzt ist es heraus. Sie wollte dir wohl Gelegenheit geben, dich selbst zu offenbaren.

Ich blickte in betretene Mienen. Kuriol fragte:

»Ist das wahr, Atlan?«

»Ja, Erhabener. Aber ich versichere Euch, dass es nichts an den Gegebenheiten ändert.«

Der alte Nert schwieg eine Weile. Dann ließ er die Schultern hängen und sprach:

»Ich verstehe Sie.«

Tamarena stieß einen wütenden Schrei aus.

»Du hörst dies, Vater – und du tust nichts?«

»So ist es.«

Die Prinzessin presste die Lippen zusammen. Ich konnte sehen, dass sie in diesem Augenblick einen Entschluss fasste. Aber ich hatte nicht den Schimmer einer Ahnung, um was es sich handelte.

Bevor jemand reagieren konnte, war sie bereits auf dem Weg zum Ausgang. Tamarena stürmte auf den Korridor hinaus. Wir anderen blieben im Kommandosaal zurück. Ich tauschte einen hilflosen Blick mit Nert Kuriol.

Das Hologramm präsentierte immer neue Szenen der Schlacht im Weltraum. Irakhems Fehler wirkten sich langsam, aber sicher aus. Traversan besaß nur noch eine kurze Gnadenfrist.

Aus den Augenwinkeln sah ich eine Ordonnanz. Der Mann eilte herbei und flüsterte etwas in Kuriols Ohr. Ich ahnte, dass es etwas mit der Prinzessin zu tun hatte.

»Tamarena?«, fragte ich den Nert ahnungsvoll.

»Ja. Im Dachhangar des Palastes stehen einige schnelle Leka-Disken. Sie hat einen davon bestiegen.«

Ich spürte, wie mein Mund trocken wurde.

»Hat sie irgendetwas gesagt, wo sie hinfliegen wollte?«

Der alte Nert deutete wortlos nach oben. Ich wusste es auch so. Prinzessin Tamarena war auf dem Weg zur Schlacht.

8.
DER ADMIRAL VON DEN STERNEN

Vergangenheit 5772 v. Chr. / 12.402 da Ark

Narr! Behalte die Nerven!

Die Stimme meines Extrasinns war mir völlig egal.

»Was wirst du nun tun, Atlan?«

»Ich folge ihr. Wo stehen diese Leka-Disken?«

Kuriol ließ mich von demselben Adjutanten, der die Nachricht überbracht hatte, nach oben geleiten. Es dauerte viel zu lange. Der Mann war langsam wie eine Schnecke, aber ohne Führung konnte ich nicht zu den Hangars kommen.

Der Adjutant öffnete eine Tür. Vor mir standen hochkant vier jener Diskusschiffe, aus denen die Terraner in späteren Jahrtausenden die legendären Space-Jets entwickelt hatten. Sie alle trugen die blauen Da-Traversan-Wappen.

Eines der Startgeschirre war leer – Tamarenas Maschine.

»Benötigen Sie einen Piloten?«

Ich stieß ihn unfreundlich beiseite.

»Ganz sicher nicht. Sehen Sie zu, dass Sie aus dem Hangar kommen.«

Ich legte einen Alarmstart hin, wie ihn der ehrwürdige Palast des Nert nie zuvor erlebt hatte. Der Gedanke, Tamarena könnte im Orbit sterben, brachte mich um den Verstand. Der Lauf der Vergangenheit und der Zukunft kümmerte mich nicht mehr. Ich wollte nur noch, dass die Schlacht endete und dass ich hinterher aus einer Schleuse ihre Gestalt auftauchen sah.

Narr.

Du wiederholst dich.

Irakhem sah die Schiffe untergehen, eines nach dem anderen, und er konnte nichts daran ändern. Viele Gesichter, die er kannte, und so viele Namen, die er nie mehr hören würde. Nicht einmal bei der Trauerfeier; denn innerhalb der nächsten Stunde würde er zweifellos bei den Toten sein.

Einer der Schweren Kreuzer wollte die Flucht ergreifen. Irakhem konnte es verstehen. Im entscheidenden Moment kehrte das Schiff jedoch in die Reihen zurück. Einen Moment lang beobachtete Irakhem seinen Kurs: Es geriet zwischen die Fronten und wurde von feindlichem Kreuzfeuer erwischt. Mit versteinertem Gesicht sah der Pal‘athor die Vernichtung an.

Und dann geschah etwas, womit niemand hatte rechnen können. Aus dem Chaos, das niemand außer Irakhem und seinem Feind Troimus überschaute, tauchte ein Leka-Diskus auf. Das Ziel der kleinen Einheit war die TRAVERSANS EHRE.

Irakhem sah bereits den Glutball einer Detonation vor sich. Doch dann kam alles anders. Der Leka-Diskus schaffte es bis in den Hangar – und zum Vorschein kam eine Person, die er niemals an diesem Ort hätte sehen wollen: Prinzessin Tamarena.

Irakhem war viel zu sehr Stratege, als dass er die Gunst des Augenblicks nicht erkannt hätte.

»Verbreitet die Nachricht an alle Schiffe der Traversan-Flotte«, wies er seine Funkoffiziere an.

Die Ankunft der Prinzessin, so hoffte er, würde einen Ruck durch die Truppen gehen lassen. Wenn der Nert seine Tochter schickte, dann musste es Hoffnung geben.

Diese Hoffnung ist eine Lüge, erklärte sein Extrasinn trocken.

Irakhem starrte die schöne Prinzessin in einer Mischung aus Ärger und Freude an.

Das weiß ich, sagte er lautlos. Aber diese Lüge verschafft uns vielleicht eine halbe Stunde.

Ich ließ den Palast in einem verrückten Manöver unter mir zurück. Die Kontrollen schienen mir so vertraut, als hätte ich gestern erst am Steuer eines solchen Fluggefährtes gesessen. Dabei war es mehr als zehntausend Jahre her.

Ich flog den Diskus allein – ohne Syntron, mit minimaler Hilfe der Positronik.

Binnen weniger Sekunden erreichte ich die höheren Schichten der Atmosphäre. Auf dem Orterschirm sah ich einen Kugelraumer auftauchen. Es war ein feindliches Schiff, ein Leichter Kreuzer von 100 Metern Durchmesser. Auf eine noch unbekannte Weise musste es dem Abwehrriegel entgangen sein, der Traversan umgab.

Ich wusste ziemlich genau, was das bedeutete. Wenn es dem Kreuzer gelang, zum Palast durchzustoßen, waren Kuriol und die anderen tot. Die Kraftfeldkuppel würde ihnen gegen schiffsgestützte Thermowaffen wenig nützen.

Da stießen zwei weitere Kreuzer aus den Wolken hervor. Sie nahmen das durchgebrochene Schiff aufs Korn.

Bevor ich Gelegenheit fand, etwas zu unternehmen, war das Gefecht bereits vorbei. Der Leichte Kreuzer erhielt mitten im Landeanflug auf Erican zwei verheerende Treffer. Sein Schutzschirm brach zusammen, ein Fangschuss verwandelte die gesamte rechte Flanke in schmelzenden Arkonstahl. Über der Region, die als Garten der Sonne bekannt war, stürzte der Kreuzer ab.

Die hundert Meter durchmessende Kugel entwickelte eine kinetische und energetische Wucht, die sich mit dem Einschlag diverser Atombomben vergleichen ließ. In der Kompressionsphase wurde das Gestein, das unter dem Garten lag, auf ein Drittel seines gewöhnlichen Volumens gestaucht. Der Druck erreichte millionenfache Atmosphärewerte. In der Phase darauf, der physikalischen Druckentlastung, wurden Schmelz- und Trümmergesteine aus einem sich bildenden Hohlraum ausgeworfen.

Vom Observatorium blieb nichts übrig. Ein Inferno kam über die Stadt. Über Erican brachen mehrere Kraftfeldkuppeln zur gleichen Zeit zusammen.

Ich war sicher, dass die Trichterbauten von furchtbaren Erdbeben heimgesucht wurden. Wahrscheinlich verlor jedes freistehende Gewächs im Stadtgebiet seine Blätter.

Der Orterschirm zeigte einen Krater von zwanzig Kilometern Durchmesser an. Ich hoffte, dass Tamarena auf meinen Hinweis das Areal hatte evakuieren lassen.

Vor meinem inneren Auge sah ich den dicht besiedelten Himmelskrater, zehntausend Jahre in der Zukunft; und ich fragte mich, ob mein Eingreifen in die Schlacht um Traversan nicht letzten Endes doch vorgesehen war.

Mittlerweile hatte ich mehrfach in den Zeitstrom eingegriffen, wenn auch nur in Details. Vielleicht existierte eine Schicksalsmacht, die mich dazu ausersehen hatte, den Lauf der Geschichte in die richtige Richtung zu lenken.

Aufmerksam horchte ich in mein Inneres. Der Extrasinn zog es vor, meine Gedanken ohne Kommentar verhallen zu lassen. Wie rücksichtsvoll von ihm …

Der Leka-Diskus schoss durch die oberen Atmosphäreschichten in den freien Weltraum. Mit bloßem Auge war nichts von der Schlacht zu erkennen. Nur die Ortergeräte verrieten dem geübten Auge, was sich an welchem Ort ereignete.

Ich forderte Peilimpulse an. Es dauerte keine zehn Minuten, dann erblickte ich vor mir ein scheinbar antriebslos treibendes, von einem starken Schutzschirm umgebenes Raumschiff. Es war die TRAVERSANS EHRE.

Ein Blick auf die Außenhülle zeigte, dass die 500-Meter-Einheit der Fusufklasse unter schwerem Feuer gelegen hatte. Die Panzerung aus Arkonstahl hatte jedoch dem Überfall standgehalten.

»Leka-Diskus mit Pilot Atlan bittet um Aufnahme!«

Vor mir öffnete sich eine Strukturlücke im Schirm. Ein Traktorstrahl zog mich mit brutaler Wucht ins Innere, in einen halb zerstörten Hangar.

Alarm gellte durch das Schiff. Ich schnallte mich los. Durch den Hangar stürmte ich Richtung Ausgang.

Im letzten möglichen Augenblick erreichte ich den Korridor, dann schleuderte ein mittleres Beben mich an die Decke und zum Boden zurück. Ich konnte froh sein, dass ich keine Knochenbrüche davontrug.

Bis zur Zentrale dauerte es fünf Minuten. Aus dem Antigravschacht rollte ich mitten in den Saal. Ich war der Einzige, der nicht angeschnallt war, und brach deshalb als Einziger zusammen, als einige Gravos Beschleunigung von den Andruckabsorbern nicht abgefangen wurden.

Auf dem Kommandostand sah ich Prinzessin Tamarena sitzen. Ich war erleichtert, sie gesund zu sehen. Mein Herz fing zu klopfen an, und allein ihr Anblick ließ mich glauben, dass ich ein berechtigtes Risiko einging.

»Atlan!«, rief sie. »Ich dachte nicht mehr, dass du kommen würdest!«

»Das dachte ich selbst nicht.«

Wir schauten uns in die Augen. Aber der Moment dauerte nicht lange.

Die Prinzessin wandte sich dem hochgewachsenen jungen Mann zu, der in der Uniform eines Pal‘athor neben ihr hockte, im Kommandantensessel.

»Das ist er, von dem ich dir erzählt habe, Irakhem! Das ist Atlan. Der Mann aus der Zukunft.«

Der junge Mann starrte mich an, als wolle er mein Innerstes bloßlegen. Er umklammerte so fest die Lehnen seines Sessels, dass die Knöchel weiß hervortraten.

»Was wollen Sie hier, Atlan?«, fragte er scheinbar kalt.

»Ich habe die Absicht, das Kommando über Traversans Flotte zu übernehmen.«

Irakhem kämpfte mit sich. Hilflos schaute er auf mich, dann wieder zurück auf die Panoramagalerie, die ein furchtbares Bild des Untergangs zeichnete.

»Also gut. Admiral – wir warten auf Ihre Befehle.«

Ich atmete auf.

»Verlieren wir keine Zeit. Irakhem, Sie waren auf der Galaktonautischen Akademie?«

»So ist es!«

»Dann verlassen Sie nun den Kommandositz. Begeben Sie sich nach vorn und übernehmen Sie den Pilotenstand. Dort werden Sie dringender gebraucht.«

»Das werde ich ganz bestimmt nicht tun …«

Tamarena versetzte ihm einen heftigen Stoß.

Pal‘athor Irakhem presste die Lippen zusammen. Er sprang vom Podest und erreichte mit wenigen Sprüngen die Reihe der Pilotensitze.

Die Methoden der Akademie waren mir bekannt. Mit ihm an der Steuerung fühlte ich mich erheblich wohler.

Die Prinzessin schenkte mir einen unergründlichen Blick. Ich hatte keine Zeit, mich ihr zu widmen, auch wenn sie mir einen Moment lang als der wichtigste Mensch im Universum erschien. Ich hatte eine Schlacht zu gewinnen. Und das, so verriet mir der erste flüchtige Blick, war ein Ding der Unmöglichkeit. Irakhem hatte zu viele Fehler gemacht.

»Hologramme und Schirmflächen vergrößern!«, ordnete ich an. »Abbildungen auf höchste Detailstufe.«

Die Orter der TRAVERSANS EHRE stellten eine Fülle von Informationen zur Verfügung. Zu den Flussdiagrammen und dreidimensionalen Vektorgrafiken kam ein Verfahren, das den wahrscheinlichen Zustand meiner Einheiten ermittelte. Intakte Einheiten wurden grün eingefärbt, beschädigte blau, manövrierunfähige Schiffe erhielten die Farbe Gelb zugeordnet. Grün war kaum zu sehen, Blau dagegen sehr häufig.

Die Schiffe des Feindes behielten ihre rote Kennfarbe. Allerdings hatte die Positronik eine Vielzahl von Treffern aufgezeichnet, auch auf Seiten des Gegners. Ich ließ die Summe der Treffer als Index unterhalb der roten Reflexe einblenden. Vor meinen Augen entwickelte sich ein komplexes Bild.

»Kein Arkonide kann das mehr überschauen!«, flüsterte Tamarena.

»Ein Admiral muss es können. Die Summe der Details gibt stets den Ausschlag.«

Unsere Streitmacht bestand nicht mehr aus siebzig Schiffen wie zu Anfang, sondern war auf 45 Einheiten geschrumpft.

Zehn meiner Schiffe hatten nichts anderes zu tun, als Traversan gegen durchgebrochene Feinde zu schützen. In den eigentlichen Kampf griffen sie zu keiner Zeit ein. Die Geschichte lehrte mich jedoch, dass es zu einem weiteren Durchbruch nicht mehr kommen würde; ich konnte also guten Gewissens auf die letzte Sicherung verzichten.

Vere‘athor Troimus, der Führer der Gegenseite, hatte lediglich zwanzig Verluste zu beklagen. Er verfügte noch über achtzig Einheiten – wobei auch er zehn Raumer aus der Schlacht herausgenommen hatte.

Schwere Schläge erschütterten die TRAVERSANS EHRE. Eine Sekunde lang fiel in der Zentrale die Beleuchtung aus, und in der Dunkelheit glomm allein noch die Galerie der Panoramaschirme. Ich erkannte zwei Schlachtkreuzer der Fusufklasse, die uns unter Feuer genommen hatten.

»Irakhem!«, brüllte ich gegen den Lärm. »Regeln Sie das allein!«

Der Pal‘athor an den Kontrollen machte eine bejahende Geste. Ich versuchte, mich geistig mit seinen Maßnahmen nicht zu befassen.

»Schirmauslastung 120 Prozent!«, hörte ich einen Offizier schreien. »Steigend!«

Die TRAVERSANS EHRE beschleunigte mit maximalen Werten, verzögerte, schüttelte die Schlachtkreuzer ab. Ein Verband Schwerer Kreuzer kam uns von hinten zu Hilfe. Die Thermogeschütze feuerten im Salventakt, positronisch synchronisiert mit den übrigen Einheiten.

Ich entwickelte meinen ersten Plan.

»Die zehn Schiffe über Traversan werden abgezogen!«, kommandierte ich. »Eingliedern in die Kampfverbände!«

»Admiral! Das ist nicht …«

»Befolgen Sie meine Befehle!«, donnerte ich.

Der Orbton, der mich in eine Diskussion hatte verwickeln wollen, hastete wortlos davon.

Ich hatte nicht die Absicht, dem Untergang tatenlos zuzusehen. Wenige Minuten später verfügte ich über sämtliche Einheiten.

Biete dem Gegner einen Köder an!, empfahl der Logiksektor. Und dann schlage zu!

Vere‘athor Troimus versuchte, zwei Lichtminuten von Traversan entfernt eine permanente Kampfzone zu schaffen. Bei permanentem Feuer, wenn sich alle Schiffe stets in Schussreichweite befanden, wog die zahlenmäßige Überlegenheit der imperialen Flotte besonders schwer.

Irakhem schickte mir einen warnenden Blick. Ich nickte unmerklich; als Zeichen, dass ich die Gefahr erkannt hatte.

»Atlan«, drängte Tamarena. »Wir brauchen Distanz, sonst geht es zu schnell!«

»Keineswegs. Wir benötigen einen Köder für den Feind.«

»Müssen wir denn selbst dieser Köder sein?«

»Etwas anderes haben wir nicht.«

Troimus ließ eine große Kugelschale aus Raumschiffen bilden. Alle Einheiten vom Stützpunkt BRY 24 hielten denselben Anstand zueinander. Ich ließ es zu, dass die Kugelschale meine Flotte komplett umschloss. Keines meiner Schiffe konnte sich mehr an einen Ort bewegen, an dem es nicht unter Feuer stand. Troimus dachte wahrscheinlich, dass er jetzt gewonnen hatte.

»Atlan!«, drängte Tamarena.

»Still!«

Ein Orbton meldete: »Schutzschirmauslastung 90 Prozent. Steigend! – 100 Prozent. 110! Energiereserven für Antriebssysteme werden abgezapft!«

Ich ordnete an: »Feuer aussetzen bis auf Widerruf! Keine Einheit schießt, es sei denn im absoluten Notfall! Dreierformationen bilden! Jeweils ein Schlachtkreuzer im Zentrum! Zwei kleinere Einheiten rücken in nächste Nähe auf!«

Meine Flotte gruppierte sich um. Keines der Schiffe unternahm einen Ausbruchsversuch. Ein Schwerer Kreuzer und ein Leichter Kreuzer schoben sich bis auf wenige hundert Meter Entfernung an die TRAVERSANS EHRE heran. Troimus‘ Flotte hielt ihre Formation.

Der Extrasinn flüsterte: Man fühlt sich anscheinend siegessicher. Gut für dich und Traversan.

Was nach einem taktischen Vorteil für das Imperium aussah, hatte in Wahrheit ganz andere Folgen.

Gewiss, jede traversanische Einheit lag unter Dauerfeuer. Allerdings waren an diesem Feuer nur fünfzig Prozent der Imperiumsflotte beteiligt. Alle anderen Schiffe sicherten den leeren Raum, den ich durch unser Zusammenrücken freiwillig preisgegeben hatte. Meine Schiffe dagegen befanden sich in bester Schussposition. Rechnerisch herrschte in diesem Moment ein Gleichgewicht der Kräfte.

»An alle Einheiten! Die Positronik der TRAVERSANS EHRE übermittelt in diesem Augenblick eine Liste von zwölf Schlachtkreuzern der Fusufklasse. Diese Einheiten sind nach unseren Informationen absolut feuerklar, aber möglicherweise durch sehr viele Wirkungstreffer angeschlagen.«

Ich betrachtete die Kugelwolke, die aus knapp siebzig roten Punkten gebildet wurde. Zu jedem Reflex gehörte der Trefferindex. Ich hatte die zwölf Schlachtkreuzer mit den höchsten Werten herausgesucht.

»Auf Kommando synchronisiertes Punktfeuer!«, ordnete ich an. »Die Verbände bleiben zusammen! Flüchtige Einheiten werden nicht verfolgt!«

Ich wartete einige Sekunden ab, dann sagte ich laut:

»Jetzt!«

Die TRAVERSANS EHRE tat einen gewaltigen Satz. Alle Energie, die die Reaktoren hergaben, wurde in die Impulstriebwerke geleitet. Kurzzeitig brachen die Schirme zusammen, versagende Andruckabsorber pressten mich in den Kommandosessel.

Die Panoramagalerie zeigte einen jener 500-Meter-Riesen – exakt das Schiff, das ich für unseren Verband als Ziel ausgewählt hatte.

Es dauerte wenige Sekunden. Dann blähte sich der Schlachtkreuzer zu einer sonnenhellen, explodierenden Masse auf.

»Nächstes Ziel!«, donnerte ich. »Einen Schweren Kreuzer wählen! Bevor Troimus schaltet!«

Irakhem und die Piloten der Flankenschiffe leisteten ganze Arbeit. Nach weniger als zwanzig Sekunden trieben drei weitere Glutbälle durch den Weltraum.

Mit tränenden Augen beobachtete ich mein Hologramm. Als das Manöver beendet war, hatte Troimus 33 Einheiten verloren – ich dagegen keine einzige.

Tamarena starrte mich an wie eine Erscheinung. Ich hatte keine Zeit, mich um sie zu kümmern.

Troimus löste die Kugelschale auf. Der Vere‘athor begriff soeben, worauf er sich eingelassen hatte. Das neue Verhältnis lautete 35 zu 37 für Troimus – nicht mitgerechnet die zehn Schiffe, die der Feldherr der Gegenseite aus der Schlacht genommen hatte. Allerdings verfügte Traversan über eine deutliche Übermacht an Schlachtkreuzern der Fusufklasse.

Er wird jetzt persönlich eingreifen, sagte mein Extrasinn voraus.

Damit rechne ich. Der zweite Köder wird bereits vorbereitet.

Troimus‘ Reserve nahm Fahrt auf. Ich zog meine Schiffe weiter zusammen – und entblößte bewusst eine Schneise, die direkt auf Traversan gerichtet war.

Ob der Vere‘athor reagieren würde, war schwer zu sagen. Anfangs schien mein Plan ins Leere zu gehen. Dann aber nahm exakt jener Verband aus zehn Schiffen Fahrt auf. Die Impulstriebwerke sorgten für hohe Beschleunigung, typisch für die 200 Meter durchmessenden Schweren Kreuzer.

»Verfolgen!«, ordnete ich mit kalter Stimme an. »Sämtliche Leichten Kreuzer aus den Verbänden ausscheren!«

Die Leichten Kreuzer besaßen keine große Kampfkraft. Aber sie verfügten über Beschleunigungswerte, die den Schweren Kreuzern hoch überlegen waren.

»Es ist zu spät, Admiral!«, rief Irakhem mit bleichem Gesicht. »Wir können sie vor Traversan nicht mehr erreichen.«

»Das wollen wir auch gar nicht«, belehrte ich ihn.

Irakhem schnappte nach Luft, sagte aber nichts mehr.

Die Schweren Kreuzer näherten sich Traversan. Die Leichten Kreuzer rückten nahe heran, bewirkten aber nichts außer einer bogenförmigen Kurskorrektur des Gegners.

Das hatte ich vorausgesehen.

Der korrigierte Kurs führte nahe an Travs Nachtauge vorbei, dem Mond von Traversan. Als Troimus‘ Schiffe den mondnächsten Punkt ihrer Bahn erreicht hatten, feuerten die Bodenforts.

Es dauerte keine dreißig Sekunden. Von der Flanke kamen die Leichten Kreuzer heran. Troimus wurde zwischen den Fronten zerrieben. Keiner der Schweren Kreuzer kam davon.

»Admiral!«

»Das ist unmöglich!«

Ich blickte in fassungslose Gesichter.

»Damit haben wir ihren Vere‘athor erwischt«, verkündete ich laut. »Aber es ist noch nicht zu Ende.«

Wir stellten uns zum entscheidenden Kampf. Doch die andere Seite hatte keine kompetente Führung mehr. Traversan verfügte außerdem über zwei Drittel aller Schlachtkreuzer, die sich noch im Kampf befanden.

Noch einmal verfolgte ich das bewährte Konzept: Angriff auf die schwächsten Raumer, gezielte Reduzierung der feindlichen Feuerkraft.

Keine Einheit ging mehr verloren. Zumindest nicht auf meiner Seite.

Die erste Welle nahm der Flotte des Imperiums weitere sieben Schiffe.

Die zweite sollte entscheidend sein; im Augenblick der Begegnung schleusten sämtliche Kreuzer ihre Beiboote aus.

Mit einer scheinbar vielfachen Übermacht schlugen wir die Reste der Imperiumsflotte in die Flucht. Es waren nicht mehr als zwanzig Schiffe, teils schwer beschädigt.

»Wir müssen sie verfolgen!«, schrie Irakhem vom Pilotenstand. »Dann kriegen wir sie alle!«

»Nein.«

»Aber … Admiral!«

»Es bleibt beim Nein. Das Imperium kann uns morgen schon tausend Schiffe schicken. Eine Verfolgung wäre kein taktischer Vorteil in diesem Krieg, sondern nur noch Mord.«

Irakhem wollte etwas sagen. Dann aber verstummte er. Mit schiefgelegtem Kopf schien er auf eine innere Stimme zu lauschen, und ich vermutete, dass er ebenso wie ich über einen aktivierten Logiksektor verfügte.

»Ich bitte um Entschuldigung, Erhabener«, brachte er über die Lippen. »Ich sehe meinen Fehler ein.«

Die Schlacht war vorüber.

Ich hörte niemanden jubeln.

Vergangenheit 5772 v. Chr. / 18. Prago des Tedar 12.402 da Ark

An der Seite Kuriols trat ich ins Freie. Es war kühl geworden. Die Terrasse erlaubte einen weiten Blick über die Stadt Erican.

»Kein schönes Bild, Nert.«

»Das ist wahr. Diese Stadt funkelte einmal wie ein Edelstein.«

»Es wird wieder so sein. Ich habe es gesehen. In zehntausend Jahren.«

Erican versank in einem ungewissen Abendschimmer. Die Zerstörungen, die der Absturz des Kreuzers angerichtet hatte, waren nicht zu übersehen.

»Ich habe Ihnen zu danken, Atlan. Ohne Ihr Eingreifen wäre mein Volk jetzt tot. Traversan würde nicht mehr existieren. Wenn ich etwas zum Ausgleich für Sie tun kann, dann lassen Sie es mich wissen.«

Ich hatte Kuriol bereits den defekten Steuerchip mit der Bitte übergeben, seine Experten darauf anzusetzen. Denn ohne den Chip konnte meine Zeitmaschine nicht funktionieren. Kuriol hatte außerdem versichert, er werde die Speicherbatterien der Anlage füllen und warten lassen.

Die Gestalt des alten Nert, sonst so aufrecht, schien mir einen Moment lang hinfällig und schwach. Er trug sein blaues Cape mit der martialischen Zeichnung der She‘Huhan-Sternengötter, und doch wirkte er verletzlicher denn je.

»Danken Sie mir noch nicht, Erhabener. Noch ist nicht klar, wie wir die Krise bewältigen sollen.«

Der Kopf des alten Nert ruckte nach oben.

»Sie verwenden den Ausdruck wir, Atlan?«

»Ja. Mir ist jetzt klar, dass ich nicht einfach verschwinden und Traversan sich selbst überlassen kann. Und das aus zwei Gründen: Erstens ist meine Zeitmaschine vorerst noch ohne Energie, ich muss also warten. Zweitens ist die Balance der Kräfte zerstört.«

Aufmerksam blickte der Nert mich an.

»Was wollen Sie damit andeuten?«

»Bislang konnten wir uns darauf verlassen, dass Traversan ganz automatisch gerettet wird. Die Geschichte beweist es ja. Aber nun habe ich als fremdes Element entscheidend eingegriffen. Ob ich einen Fehler begangen habe oder nicht, mag dahingestellt sein.«

Ich dachte an die Prinzessin, und meine innere Stimme sagte mir, ich habe völlig richtig gehandelt. Auch wenn es egoistisch war, auch wenn eine Emotion den Ausschlag gegeben hatte.

»Nun muss ich für Traversan geradestehen«, verkündete ich. »Ich muss aktiv dafür sorgen, dass die Geschichte ihren Gang geht. Wer weiß? Vielleicht kehre ich sonst in meine Gegenwart zurück, und die Methanatmer haben den Krieg doch noch gewonnen.«

Kuriol lachte dröhnend.

»Das steht wohl nicht zur Debatte, Atlan. Aber ich verstehe Ihre Überlegungen.«

Wir schauten eine Weile schweigend über die Stadt. Travs Stern zeigte sich als roter Flammenrand, als verglimmendes Licht über einem Horizont aus Wohntrichtern und verbrannten Parks.

»Die nächste Strafexpedition wird nicht lange auf sich warten lassen«, sagte ich. »Nert, wir müssen die Initiative ergreifen.«

Ich drehte mich und schaute zur anderen Seite, auf die Mauern des Palastes und zum dunklen Himmel, an dem Travs Nachtauge gerade aufgegangen war. Ich fragte mich, ob Prinzessin Tamarena bereits eingeschlafen war.

EPILOG

Gegenwart 6. August 1290 NGZ

Fürst Ligatem ließ seine Leute nach Atlan und der Station der Meister suchen, endlose drei Tage lang. Die Spezialisten der RICO gruben einen halben Quadratkilometer Gelände in der Yssods-Wüste um, ohne eine Spur, ohne eine konkrete Hoffnung.

Ligatem ließ sie gewähren. Leute wie Atlan durfte man nicht verloren geben; sie waren unsterblich, und irgendwie haftete ihnen ein seltsamer Nimbus des Unzerstörbaren an.

Am vierten Tag trat das Ereignis ein, welches alle Probleme potenzierte. Aus dem Hyperraum fiel eine Flotte von Kugelraumern. Es handelte sich um hundert Einheiten, schwer bewaffnete Kampfschiffe des Kristallimperiums. Bostich und seine Schergen hatten von der Krise Wind bekommen.

»Was sollen wir tun, Fürst?«, fragte ein Minister. »Die RICO ist noch im Orbit. Und sie werden ohne Atlan nicht verschwinden.«

Ligatem zögerte kurz mit der Antwort. Die RICO war schwer anzugreifen, der Kommandant verfügte über alle Wunder der Camelot-Technik. Und das schien auch die andere Seite zu wissen; die Zeiten, da man Imperiumssoldaten blindlings in den Tod geschickt hatte, waren lange vorbei.

Ligatem hoffte, dass die Flotte des Kristallimperiums stillhielt.

»Wir müssen auf Zeit spielen«, bekundete er. »Ich hoffe, dass wir Atlan noch finden werden.«

Auf Zeit spielen. Buchstäblich.

ZWEITER ROMAN

1.

Irgendetwas hatte mich aufgeschreckt; ich glaubte ein leises, gepresstes Atmen wahrzunehmen. Jemand stand in der Dunkelheit meiner Kabine und starrte mich an.

Unwillkürlich spannte ich die Muskeln an. Der Raum war gesichert; niemand konnte, ohne Alarm auszulösen, eindringen – zumindest niemand außer Prinzessin Tamarena oder …

Mach dich doch nicht zum Sklaven deiner Hormone!, dröhnte die Stimme des Extrasinns unter meiner Schädeldecke. Lass die Augen zu, verliebter Narr! Atme gleichmäßig weiter!

Wie lange hatte ich geschlafen? Kaum länger als eine halbe Stunde, denn immer noch steckte eine bleierne Schwere in meinen Gliedern. Ich erinnerte mich, geträumt zu haben. Von der siegreich beendeten Raumschlacht und der Gefahr, dass ich durch mein Eingreifen vielleicht die Zukunft verändert hatte. Ich gehörte nicht hierher, nicht in diese Zeit, in der das Große Arkon-Imperium den Zenit seiner Macht bereits überschritten hatte und der Degeneration entgegendämmerte.

In meinen Gedanken entstand das Bild eines Schattens, der gekommen war, um mich ins Jenseits zu befördern. Schlagartig hellwach, zog ich langsam die Beine an.

Drei Schritte vor dir …

Die Lider nur leicht geöffnet, verwünschte ich die Dunkelheit. Der Eindringling hatte die automatische Beleuchtung manipuliert. Ein verhaltenes Rascheln erklang. Diesmal glaubte ich erkennen zu können, wie ein Arm in die Höhe ruckte, und – war da nicht ein eisiges metallisches Blitzen?

Der Vibratorklinge entging ich lediglich, weil ich mich abrupt zur Seite wälzte.

Kein Laut der Überraschung, nichts – mein Gegner reagierte mit der tödlichen Präzision eines Roboters. Seine Hand krallte in mein Gesicht, die Finger bohrten sich in die Augen. Gleichzeitig stieß er wieder zu. Doch ich war abermals schneller. Mein Ellenbogen krachte in einem abwehrenden Dagor-Griff gegen seinen Brustkorb.

Obwohl der Angreifer nach wie vor nur ein Schemen in der Finsternis war, spürte ich, dass er taumelte. Jedoch musste sein Zurückweichen einen anderen Grund haben als meinen Abwehrschlag, denn besonders hart hatte ich ihn nicht getroffen.

Sieh dich vor!

Die Warnung des Extrasinns kam zu spät. Siedendheiß schrammte der Dolch über meinen Arm, und sofort fühlte ich es warm und klebrig auf der Haut. Blut quoll mit jedem Pulsschlag aus der verletzten Ader.

Ich bekam das Handgelenk des Angreifers zu fassen und zerrte ihn, seinen eigenen Schwung ausnutzend, nach vorne. Dumpf war sein Aufprall auf der Wand, doch er federte sofort zurück. Diesmal rammte mein Ellenbogen in seine Magengrube.

Der Dolch klirrte zu Boden.

Eher zufällig trat ich die Klinge zur Seite. Zugleich zerrte ich dem Unbekannten die Arme auf den Rücken und drückte ihn auf die Koje.

»Wer sind Sie?«

Keine Antwort. Er rang nach Luft, als hätte er nicht mehr die Kraft, sich zur Wehr zu setzen – doch zweifellos wartete er nur auf eine Chance, mich zu überrumpeln.

Ich packte fester zu. In meinem verletzten Arm tobten Höllenfeuer. Ich schwitzte und fror gleichzeitig, und aus allen Poren perlte plötzlich eisiger Schweiß.

»Warum wollten Sie mich töten?«

Der Boden schien sich mir entgegen zu wölben. Sekundenlang empfand ich ein seltsames Schwindelgefühl, danach war alles wieder wie zuvor.

Vergiftungssymptome!, stellte der Logiksektor fest. Die Klinge war präpariert.

Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren, quälende Übelkeit stieg in mir auf. Mein Griff lockerte sich, doch ein warnender Aufschrei des Extrasinns entriss mich der beginnenden Lethargie. Bevor der Unbekannte sich herumwälzen konnte, presste ich ihn mit meinem ganzen Gewicht auf die Koje.

»Wer hat Sie … geschickt?«

Stockend kam die Frage über meine Lippen.

Ein kaum verständliches Gurgeln antwortete mir. Nur bruchstückweise reimte ich mir zusammen, was ich da eben gehört hatte. Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Im ersten Moment war ich versucht, meinen Gegner niederzuschlagen. Aus Wut und maßloser Enttäuschung.

Warum tust du es nicht, Barbar?

Spöttischer hätte die Bemerkung des Extrasinns nicht sein können.

Ich biss die Zähne zusammen und versuchte mit einem Kopfschütteln, die grässliche Benommenheit zu vertreiben. Trotz der beruhigenden Impulse des Aktivatorchips kämpfte ich bereits gegen eine beginnende Ohnmacht.

»Wer …?«, herrschte ich meinen Gegner an. »Die Wahrheit, oder …«

»Die Prinzessin …«, stieß der Kerl hervor. »Prinzessin Tamarena!«

Er schien förmlich unter mir zu explodieren. Ich spürte seine Reaktion, aber ich reagierte zu langsam. Sein Schädel traf mein Gesicht, ein Tritt in die Magengrube schleuderte mich rückwärts.

Tamarena, hallte ein schreckliches Echo durch meine Gedanken. Obwohl ich sie erst seit wenigen Tagen kannte, schien sie eine der Frauen zu sein, die mir altem Arkoniden durchaus gefährlich werden konnten.

Liebe und Tod lagen schon immer nah beieinander.

Der Kommentar des Extrasinns war bissig wie immer.

Ein Schatten sprang mich an. Vergeblich riss ich die Arme zur Abwehr hoch. Gemeinsam stürzten wir zu Boden und wälzten uns ineinander verkrallt herum. Zwei kräftige Hände umklammerten meinen Hals.

Ich bekam keine Luft mehr. Mein Aufbäumen und der Versuch, den Gegner abzuschütteln, blieben wirkungslos. Er lachte heiser.

»Sie sterben als Erster, Has‘athor. Und nach Ihnen wird Traversan seine gerechte Strafe erhalten.«

Has‘athor nannte er mich, einen Admiral vierter Klasse und Einsonnenträger. Er unterschätzte mich.

Es ist wahrlich beruhigend, mit solchem Wissen in den Tod zu gehen.

Vor meinem inneren Auge explodierten Sonnensysteme. Alles in mir schrie danach, tief und lang anhaltend einzuatmen. Ich konnte es nicht. Dabei schnappte ich wohl nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, aber die Finger des Gegners lagen wie Schraubzwingen um meine Kehle. Meine Sinne begannen zu schwinden.

Viel zu selten hatte ich mir Gedanken über den eigenen Tod gemacht. Wer wie ich die relative Unsterblichkeit besitzt, der denkt nicht so häufig darüber nach. Mit der Empfindlichkeit einer Mimose müsste ich sonst nach Jahrtausenden auf die eigene körperliche Unversehrtheit achten und die Unsterblichkeit nur noch als Fluch und Behinderung empfinden.

Kämpfe, du Narr! Oder wir sterben beide!

Der Aufschrei des Extrasinns, zum ersten Mal seit langem von Panik erfüllt, reißt mich aus der Lethargie. Aber den stahlharten Griff kann ich nicht abschütteln, ich …

… fühle, verzweifelt um mich tastend, einen kühlen Gegenstand unter meiner Hand. Es ist der Griff der Vibratorklinge. Schon auf dem Grat der Bewusstlosigkeit balancierend, zerre ich die Waffe hoch und stoße zu.

Ein gurgelnder Aufschrei beweist, dass ich getroffen habe. Jäh weicht die Last von mir. Keuchend, hustend und nach Luft ringend wälze ich mich auf die Seite. Der Dolch ist mir schon wieder entglitten, aber das spielt keine Rolle mehr. Wie flüssiges Feuer tobt der Sauerstoff durch meine Lungen. Ich glaube innerlich verbrennen zu müssen und atme dennoch hastig ein, bis ich hustend und mit dem schalen Geschmack von Blut auf den Lippen ins Leben zurückfinde.

»Sie sterben trotzdem«, keucht der Unbekannte.

Egal, wie ich ihn verletzt habe, falls noch Gift an der Klinge war, und das dürfte der Fall gewesen sein, kann er mir kaum noch gefährlich werden. Vielleicht rettet schnelle medizinische Hilfe sein Leben.

»Sie entkommen mir nicht«, bringt er stoßweise hervor.

Ich komme schwankend auf die Beine, versuche das Gefühl zu ignorieren, dass die ganze Welt sich rasend schnell um mich dreht.

»Wir werden gemeinsam zur Hölle fahren, Has‘athor …«

Ich mache einen Schritt, dann einen zweiten – der Kabinenboden wird zur Achterbahn. Er springt mir entgegen und fällt sofort wieder rasend schnell zurück und lässt mich, mit den Armen rudernd, scheinbar im Nichts hängen. Mein Gleichgewichtssinn ist völlig aus den Fugen geraten.

Ein wirres Lachen erklingt. Als es abrupt abbricht, fällt ein Gegenstand zu Boden und rollt einige Meter weit. Trotz meiner Benommenheit höre ich das Geräusch fast überdeutlich. Ein düsterrotes Glimmen entsteht in der Dunkelheit …

… und beginnt zu blinken.

Das ist eine Thermoladung, die ihre Energien freisetzen wird, sobald das Blinken endet. Ich weiß nicht, auf welche Verzögerung sie eingestellt ist. Vielleicht sind es nur wenige Sekunden …

Alles dreht sich und wogt auf und ab. Ich stolpere, spüre eine Wand, habe dennoch das Gefühl, mich im Kreis zu bewegen. Wie viele Sekunden geht das schon? Eine Ewigkeit.

Du hast Zeit, Atlan – genügend Zeit.

Seltsam, aber ich glaube dem Extrasinn nicht.

Endlich, das Schott. Aber es öffnet sich nicht. Zum zweiten Mal schlage ich auf die positronische Verriegelung.

Das Blinken hat aufgehört. Unerbittlich wie das Auge eines Dämons starrt das rote Glühen mich an.

Viel zu langsam gleitet die stählerne Wand auf. Ein schmaler Spalt entsteht. Noch bevor ich mich hindurchzwängen kann, zündet die Thermoladung in einer blendenden Lichtfülle. Schützend reiße ich die Arme hoch, aber das alles verbrennende Feuer ist überall. Ich fühle mich emporgewirbelt und spüre noch die sengende Hitze auf der Haut …

… dann erlischt jede Wahrnehmung.

Ich höre Stimmen. Sie kommen näher. Mehrere Personen reden von Vergeltung. Unsicherheit schwingt in ihren Worten mit, aber auch unbeugsamer arkonidischer Stolz.

Vorübergehend gebe ich mich der Illusion hin, zu Hause zu sein.

Du bist ein unverbesserlicher Narr. Der Extrasinn will mich provozieren, aus welchem Grund auch immer. Dies ist nicht deine Gegenwart, ebenso wenig deine Vergangenheit – und das Tai Ark‘Tussan, das Große Arkon-Imperium, wird dir deine Verdienste um Traversan bestimmt nicht in barer Münze vergelten.

»Keon‘athor Atlan ist aus dem Koma erwacht!«, erklingt ein überraschter Ausruf. »Die Gehirnströme zeigen endlich annähernd normale Werte.«

»Könnt Ihr mich verstehen, Admiral?«

Jemand beugt sich über mich und prüft die feste Verbindung etlicher Sensoren mit meiner Haut.

»Es ist ein Wunder, dass Ihr überlebt habt. Der Attentäter benutzte ein tödlich wirkendes Gift. Im Allgemeinen führt es innerhalb weniger Minuten zum Verlust der psychischen Kontrolle. Der Zusammenbruch aller Körperfunktionen und damit der Tod tritt nach knapp einer Stunde ein.«

»Wir vermuten, dass der Attentäter Ihnen unter der Einwirkung des Giftes Informationen entlocken wollte, Admiral Atlan«, fuhr eine zweite Stimme fort. »Kannten Sie den Mann?«

Sie wissen, dass du die Frage verstanden hast, raunte der Extrasinn. Deine Gehirnströme und der Hautwiderstand verraten es ihnen.

Wissen Sie auch, dass ich erfahren habe, wer hinter dem Attentat steht?, fragte ich ebenso lautlos zurück.

Glaubst du diese Lüge? Sie sollte dich verunsichern.

… und falls nicht?

Das nachfolgende Schweigen war bedeutungsvoll. Welches Spiel spielten die Traversan-Arkoniden, nachdem ich ihnen die Kastanien aus dem Feuer geholt hatte? War ich für sie nichts anderes als eine Garrabo-Figur, die man beliebig hin und her schob? Die Saat des Zweifels war aufgegangen und keimte, doch ich durfte nicht zulassen, dass sie wuchs und um sich griff.

Ich schlug endlich die Augen auf. Hologramme ringsum vermittelten den Eindruck einer sonnenüberfluteten Planetenlandschaft. Nur die Bildschirmgalerien und die inmitten einer Hügelkette deplatziert wirkenden medizinischen Geräte störten den Eindruck. Ein Meer von Khasurn, dem kelchförmigen arkonidischen Riesenlotos, bewegte sich sanft im Wind. Zwei Mediziner hantierten in meiner Nähe.

Du vertraust ihnen demnach immer noch, stellte der Logiksektor fest.

Was stört dich daran?

Nichts, großer Arkonidenhäuptling, rein gar nichts.

Dass ich ungefähr drei Stunden ohne Besinnung gewesen war, erfuhr ich, als Tamarena da Traversan erschien. Die Prinzessin war ernsthaft besorgt. Ihre rauchig-dunkle Stimme zitterte, und die hellroten Augen hatten viel von ihrem Glanz verloren. Dafür zeichneten sich dunkle Ringe unter den Lidern ab.

»Es ist für mich unbegreiflich, Atlan. Traversan steht tief in deiner Schuld, das wissen wir alle. Dennoch sind wir nicht einmal fähig, deinen Schlaf zu bewachen. Zwei Sicherheitskräfte wurden heimtückisch ermordet.«

Sie versucht, deine Gedanken zu lesen.

Ich hab‘s bemerkt.

Der Blick ihrer mandelförmigen Augen war wieder ausdrucksstärker geworden. Mittlerweile wusste ich um Tamarenas telepathische Fähigkeiten; doch meine Abschirmung konnte sie nicht durchdringen, wenn ich es nicht wollte. Selbst im geschwächten Zustand hielt mein mentaler Schirm.

»Nert Kuriol braucht sich meinetwegen nicht zu sorgen«, wehrte ich ab.

»Das tut er aber.«

Mit einer heftigen Bewegung streifte Tamarena ihr halblanges platinblondes Haar zurück.

»Niemand hat mit einem Spion des Tai Ark‘Tussan in den eigenen Reihen gerechnet. Deine Kabine ist ausgeglüht. Wir haben den verkohlten Leichnam des Attentäters geborgen oder vielmehr das, was von ihm übrig ist. Seine Identifizierung ist für uns lebenswichtig.«

Ich nickte und versuchte, mich aufzurichten. Aber Tamarena drückte mich sanft, doch unwiderstehlich zurück. Obwohl ich mich noch schwach fühlte, schob ich ihre Hand zur Seite und setzte mich am Rand der antigravgestützten Liege auf.

Nachdenklich ruhte der Blick der Prinzessin auf mir.

»Andere wären an dem Gift gestorben«, sagte sie leise. »Du scheinst nicht einmal unter den Folgen zu leiden.«

»Mir geht es gut.«

Ich stand langsam auf und streifte die Kleidungsstücke über, die für mich bereitlagen. Die Schnittwunde am Oberarm war mit Bioplasma verklebt, ebenso einige verbrannte Hautfetzen. In ein bis zwei Tagen würde alles narbenfrei abgeheilt sein, dafür sorgte schon der Zellaktivator.

»Unkraut vergeht nicht«, fügte ich hinzu.

»Bitte?«

Ich ignorierte ihren verblüfften Blick ebenso wie das amüsierte Kichern des Extrasinns. Natürlich wohnten zwei Seelen in meiner Brust, die arkonidische, aber auch eine terranische, die in Jahrtausenden gewachsen war. Terra war meine zweite Heimat – dass ich irdische Redewendungen benutzte, war für mich selbstverständlich, darüber zerbrach ich mir schon lange nicht mehr den Kopf.

»Wieso wusstest du von dem Gift?«, stellte ich die Gegenfrage.

»Vielleicht eine Vorsehung der She‘ Huhan«, antwortete einer der Mediziner, nachdem die Prinzessin ihn mit einem kaum merklichen Nicken dazu aufgefordert hatte. »Die brennende Kabine, Ihre blutende Armwunde, Admiral – und so gefährlich das Gift auch ist, seine Molekülgruppen sind mit einem Standardtest zu identifizieren. Sie müssen jetzt ruhen …«

»Ich bin weder krank noch gebrechlich«, fuhr ich auf. »Und darüber wünsche ich keine Diskussion.«

Sollte er meine robuste Konstitution ruhig den She‘Huhan, den arkonidischen Sternengöttern, zuschreiben. Der Zellaktivator war und blieb mein persönliches Geheimnis.

Zweieinhalb Stunden später ging die Sonne über der Hauptstadt Erican auf. Travs Nachtauge, der einzige Mond des Planeten, hing als riesiger, rot schimmernder Ball dicht über dem Horizont. Seine gewaltige Größe entsprang aber einzig und allein einer optischen Täuschung, hervorgerufen durch Lichtbrechung und den nahezu waagerechten Standort.

Die holographische Wiedergabe der erwachenden Stadt war trügerisch, sie gaukelte eine Ruhe vor, die es nicht gab. Unter der scheinbar friedlichen Oberfläche brodelte es – wir hatten eine Schlacht gewonnen, nicht jedoch den Krieg.

Nert Kuriol da Traversans Falten in den Augenwinkeln waren tiefer geworden, überhaupt wirkte sein Gesicht heute eingefallen wie nach einer langen Nacht ohne Schlaf. Mit zwei Fingern massierte er seine Nasenwurzel – aber noch schwieg er. Und keiner der Anwesenden wagte es, vor ihm das Wort zu ergreifen.

Wir hatten uns im kleinen Konferenzraum neben der Hauptzentrale des Flaggschiffs eingefunden, das immer noch auf dem Raumhafen von Erican stand. Der Nert war erst vor wenigen Minuten an Bord gekommen. Zu seiner Linken saß die Prinzessin, ihm gegenüber der Kapitän zweiter Klasse Irakhem, Kommandeur des Flaggschiffs und zugleich ranghöchster Offizier von Traversan. Neben ihm Eshveran on Keithy, Kapitän dritter Klasse und Irakhems Stellvertreter als Befehlshaber der Flotte, sowie Lesantre, der Chef des planetaren Geheimdienstes.

Lesantre war gemeinsam mit dem Nert und zwei schwer bewaffneten Uniformierten eingetroffen, die mittlerweile vor dem Konferenzraum Wache standen – Staffage oder Notwendigkeit, ich würde es vermutlich sehr schnell erfahren.

Prinzessin Tamarena blickte aufmerksam in die Runde. Nur meine Gedanken konnte sie nicht erfassen. Immerhin hatte ich mehr Vertrauen in ihre telepathischen Fähigkeiten als in die hochdekorierten Wachen vor dem Schott.

»Für Traversans Ruhm und Ehre«, begann der Nert.

Mit knappen Worten drückte er seine Bestürzung über den heimtückischen Anschlag auf mein Leben aus und zugleich seine Freude, mich nahezu unverletzt zu sehen. Floskeln zwar, aber ehrlich gemeint.

Gegen Nert Kuriol da Traversan wirkte der Geheimdienstchef mit seinen nur 1,75 Metern Größe untersetzt. Ich hatte inzwischen erfahren, dass er einst mit Kuriol auf diesen Planeten gekommen war und den Geheimdienst aus dem Nichts heraus aufgebaut hatte. Lesantre wirkte gelegentlich brutal, er war aufbrausend, doch auf jeden Fall loyal. Auch jetzt betonte er wieder, tief in Nert Kuriols Schuld zu stehen, ohne jedoch Details preiszugeben.

»Keon‘athor Atlan«, er wandte sich mit einer angedeuteten Verbeugung an mich, »ich habe alles unternommen, damit der erschreckende Vorfall ein einmaliges Geschehen bleibt. Außerdem konnten wir den Attentäter bereits aufgrund einer genetischen Analyse identifizieren. Sein Name war Tomaren – ein illegitimer Spross aus der Verbindung des Patriarchen der unbedeutenden Tomar-Sippe mit einer Essoya, einer Nichtadeligen.«

Ein Springerabkömmling also. Anzunehmen, dass er es auf Traversan zu einigem Reichtum und Ansehen gebracht hatte.

»Tomaren erschien vor wenigen Monaten, kurz nach den ersten Unstimmigkeiten mit Sonnenkur Pyrius Bit«, fuhr Lesantre fort. »Inzwischen sehen wir das nicht mehr als Zufall, damals jedoch erbrachten unsere Nachforschungen nichts Nachteiliges. Und dass er sich die Bürgerrechte auf Traversan erkaufte …«

… war vermutlich mit einer beachtlichen Zahlung verbunden gewesen. Ich hörte nur noch mit halbem Ohr hin. Tomaren hatte allein gearbeitet. Jeder seiner Schritte innerhalb der letzten fünf Tage war inzwischen peinlich genau nachvollzogen worden. Er hatte während dieser Zeit keine Möglichkeit gehabt, einen versteckten Funkspruch an den Sonnenkur abzusetzen. An Bord des Flaggschiffs war er durch Bestechung gelangt, der betreffende Thos‘athor, ein Offiziersanwärter also, hatte seine Verfehlung bereits zugegeben und sah seiner strengen Bestrafung entgegen.

»Der Anschlag war wohl nur ein Vorgeschmack des Kommenden«, sagte Nert Kuriol bedeutungsschwer. »Der nächste Angriff auf Traversan wird bald erfolgen.«

»… also müssen wir dem Sonnenkur zuvorkommen!«, platzte Irakhem heraus. »Bevor er weitere Flotten in Marsch setzt.«

Irakhem forderte das mit der Risikofreude des jungen Heißsporns, der er nun mal war. Er war fachlich durchaus kompetent, jedoch keineswegs mit der taktischen und strategischen Erfahrung ausgestattet, die sich altgediente Kommandanten in oftmals schmerzvollen Jahren erworben hatten. Einen gesicherten Sektoral-Stützpunkt anzugreifen war ein Selbstmordunternehmen, vor allem, wenn dies mit einer zahlenmäßig unterlegenen Flotte geschah und die Besatzungen gerade mal auf zwei leidlich überstandene Gefechte zurückblickten.

»Sie scheinen einen Präventivschlag nicht gutzuheißen, Admiral Atlan«, stellte Eshveran on Keithy richtig fest. »Was ist Ihrer Ansicht nach zu unternehmen?«

»Die Parteien sollten Friedensverhandlungen führen.«

Alle starrten mich an, als hätte ich soeben behauptet, die Methanatmer stünden mit einer Flotte ihrer Walzenschiffe nur wenige Lichtstunden vor Travs Stern.

Bist du verrückt?, protestierte der Extrasinn. Traversan hat sich nicht nur gegen den Sonnenkur aufgelehnt, sondern damit auch gegen den Imperator, und das zieht früher oder später Kreise.

Der Sonnenkur wird sich hüten, sein Versagen vorschnell preiszugeben.

Alle redeten durcheinander. Mein Hinweis auf Verhandlungen hätte beinahe die Grenzen ihrer Welt zum Einsturz gebracht. Niemand auf Traversan zog ernsthaft in Erwägung, der Sonnenkur könnte nach einer entsprechend dotierten Entschädigung zur Tagesordnung übergehen. Für den Statthalter des Brysch-Sektors ging es jetzt vor allem darum, das Gesicht und zugleich seine Macht zu wahren.

Nur Tamarena schwieg. Sie musterte mich abwartend, als wisse sie genau, dass mein letztes Wort noch nicht gesprochen war.

»Wir müssen BRY 24 angreifen!«, verlangte Irakhem. »Ob mit oder ohne Atlan, uns bleibt keine andere Wahl.«

»Welche Chance hätten Sie, Pal‘athor, eine solche Offensive zu überleben?«, fragte ich ihn, nicht ohne Ironie in der Stimme.

»Keine schlechte«, antwortete der Kommandeur. »Das hoffe ich zumindest. Wir haben viel von Ihnen gelernt, Atlan.«

»Viel vielleicht, aber ganz sicher noch nicht genug.«

Mit einer knappen Handbewegung wischte ich jeden Protest vom Tisch.

»Was, glauben Sie, geschieht, wenn sich Ihre Schlachtschiffe BRY 24 nähern?«

Eshveran on Keithy verkrampfte die Hände ineinander. Um seine Mundwinkel zuckte es verhalten. Dennoch hielt er meinem forschenden Blick stand und presste nach einigen Sekunden trotzig die Lippen aufeinander.

»Unsere Mannschaften werden kämpfen«, behauptete Lesantre bitter. »Sie wissen, dass es für Traversan nichts anderes mehr geben kann als Sieg oder Untergang.«

»Wem nutzen tote Helden?«, fragte ich.

Alle starrten mich an. Tamarena versuchte sich zum wiederholten Mal mit ihren telepathischen Fähigkeiten an mir.

Balzgehabe!, dröhnte die Stimme des Extrasinns durch meine Gedanken. Warum spannst du sie auf die Folter, alter Arkonide? Doch nur, um Tamarena zu imponieren. Dabei solltest du über das Alter pubertärer Emotionen längst hinaus sein.

Ich zerbiss eine deftige Verwünschung zwischen den Zähnen. Nein, nicht dass ich mich ertappt gefühlt hätte …

Der zweite Frühling ist angebrochen, würde dein Freund Perry jetzt sagen. Jahrtausende liegen zwischen Tamarenas Welt und deiner Zeit, Beuteterraner. Was erwartest du? Eine Liebesnacht mit Tamarena als Dank für die Rettung Traversans …?

Sei still!, herrschte ich den Extrasinn an.

»Keines unserer Schiffe wird sich Brys Stern weiter als bis auf wenige Lichtstunden nähern können, ohne abgeschossen zu werden«, hörte ich mich sagen. »Um ans Ziel zu kommen, brauchen wir ein Raumschiff mit Territorial-Kennung.«

Die einfachsten Methoden waren häufig die wirkungsvollsten. Ich musste mich wundern, weshalb keiner vor mir auf diese Idee gekommen war. Immerhin zeigten die Ortungen deutlich die Überreste der Raumschlacht: treibende Wracks überall zwischen den elf Planeten des Traversan-Systems. Die unbeschädigten Einheiten der Heimatflotte befanden sich im Einsatz, um Überlebende aufzuspüren und zu bergen. Alle übrigen Schiffe hatten die Werften aufgesucht. Es sah wahrlich nicht gut aus mit unserer Verteidigungskraft. Schon deshalb mussten wir dem Sonnenkur zuvorkommen.

»Ich gehe davon aus, Admiral Atlan«, sagte der Nert anerkennend, »dass Sie bereits einen Plan haben. Verfügen Sie über Pal‘athor Irakhem und sein Flaggschiff. Ich bin überzeugt, egal, was Sie tun werden, Sie tun es zum Wohle von Traversan.«

Er erhob sich und gab damit zu verstehen, dass er die Unterredung als beendet betrachtete. Es war nun meine Aufgabe, ein geeignetes gegnerisches Schiff zu finden.

2.

Eben noch hatten die Messwerte Anlass zur Hoffnung gegeben – nun war der Patient tot, innerhalb von Sekunden unter großen Schmerzen gestorben. Blut quoll aus seinen Mundwinkeln, und die Augen blickten in fiebrigem Glanz starr zur Decke empor. Eine stumme Anklage lag in diesem Blick, zugleich auch ein Hauch von Erleichterung. Haggar on Teska hatte den Tod als Freund empfangen, wahrscheinlich sogar als Erlösung.

Einer der besten Triebwerkstechniker innerhalb der Sektoralflotte hatte sein Leben in einer unsinnigen Schlacht verloren. Arkoniden kämpften gegen Arkoniden und zerfleischten sich gegenseitig, anstatt ihre Kräfte dem gemeinsamen Gegner, den Maahks, zu widmen.

Zögernd schob Oros die Injektionsphiole in die sterilisierende Hülle zurück. Der Tote brauchte keine Droge mehr, die seinen Körper vorübergehend schmerzunempfindlich machte und die letzten Reserven mobilisierte.

Ein Name mehr in den Verlustdateien, an den sich schon in wenigen Jahren niemand mehr erinnern würde. Oros‘ Lippen bebten in ohnmächtigem Zorn. Zu viele brauchten Hilfe und Versorgung; von den vierhundert Männern und Frauen der Besatzung hatten mehr als einhundertachtzig die Strafexpedition gegen Traversan mit dem Leben bezahlt. Der 200-Meter-Kreuzer PADOM war ein Wrack, von Hüllenbrüchen und Energieeinschlägen schwer in Mitleidenschaft gezogen, aus eigener Kraft nicht mehr manövrierfähig.

Mit einem heftigen Kopfschütteln versuchte der Mediziner, den brennenden Schweiß und die Tränen aus den Augenwinkeln zu vertreiben. Verbissen kämpfte er um das Leben der Verwundeten, von denen viele großflächige Verbrennungen erlitten hatten. Doch vielleicht tauchte das Wrack der PADOM ausgerechnet in dieser Sekunde in die Atmosphäre eines der Planeten ein, um wie ein Meteor in den dichteren Luftschichten zu verglühen. Ohne Kontrolle über den Antrieb …

Die zentrale Energieversorgung war ausgefallen. Nur ein Notkonverter arbeitete noch, ausreichend für die medizinische Station und einige wenige lebenserhaltende Funktionen …

Oros drückte die Augen des Toten zu und zog ihm das bleiche Laken über das Gesicht. Tai Ark‘Tussan, wohin des Wegs? – diese Frage stellte er sich nicht erst seit heute. Man musste schon mit Blindheit geschlagen sein, übersah man die vielen kleinen verräterischen Zeichen, die einer verderblichen Selbstzufriedenheit und Lethargie das Wort redeten. Längst fehlten die Kraft und die Aufbruchsstimmung früherer Imperatoren. Das Große Arkon-Imperium war satt und träge geworden, ein Tempel der Macht, dessen Säulen zunehmend knirschten.

Spitze, abgehackte Schreie ließen Oros herumfahren. Noch ehe er den Regenerationstank erreichte, in dem eine junge Frau mit dem Tod rang, verstummte sie wieder. Achtzig Prozent ihrer Haut waren verbrannt und hätten längst abgetragen werden müssen, doch für eine Operation fehlte die notwendige Energie. Außerdem hatte die Frau hohe Strahlendosen abbekommen; ihr Ableben war nur mehr eine Frage weniger Stunden.

Zwei nahezu bloßliegende Augen starrten Oros an, als er sich über den Plasmatank beugte und die Zufuhr des Anästhetikums erhöhte. Das halbe Gesicht war bis auf die Knochen verschmort, ein grauenvoller Anblick.

»Sie ist so gut wie tot«, erklang eine befehlsgewohnte Stimme aus Richtung des Schotts. »Also kümmern Sie sich nicht um die Frau, sondern bringen Sie endlich die Simulanten wieder auf die Beine!«

Der Mediziner war jäh zusammengezuckt. Im letzten Moment unterdrückte er die Regung, Haltung anzunehmen und dem Kapitän erster Klasse Luceiver seine Achtung zu bezeugen – ohnehin eine Farce angesichts des dutzendfachen Leids ringsum.

»Ich habe keinen Wunsch ausgesprochen, sondern einen Befehl«, dröhnte der Kapitän.

»Niemand kann dem Tod Vorschriften machen, Vere‘athor Luceiver; obwohl ich wünschte, es wäre anders.«

Verächtlich spuckte der Kapitän aus. Dann wischte er sich aufreizend langsam mit dem Handrücken über die Lippen. In seinen düsterroten Pupillen brannte ein verzehrendes Feuer. Mit 1,82 Metern war er knapp eine Handbreit kleiner als der Mediziner, dafür aber fülliger, ein Bündel aus Muskeln und Energie. Seine von der Raumstrahlung gegerbte, rissig wirkende Haut kontrastierte hart mit dem schlohweißen Haar, das er im Gegensatz zur Tradition nur fingerlang trug.

Steif schritt Luceiver zwischen den Medoliegen hindurch.

»Aufstehen!«, herrschte er einen der offensichtlich leichter Verwundeten an. »Im Bereich des Ringwulstes brauche ich jede Hand, die zupacken kann!«

»Tamatos darf sich nicht bewegen«, wagte Oros zu widersprechen. »Eine Tritium-Vergiftung …«

Um Luceivers Mundwinkel erschien eine tiefe Falte des Missfallens.

»Sehen Sie schwerwiegende Verletzungen?«, stieß er hervor. »Der Mann ist verwendungsfähig. Ich hoffe nicht, dass Sie anderer Meinung sind.«

Das klang lauernd und drohend zugleich.

Der Mediziner schien ein kurzes Stoßgebet zu allen Sternengöttern zu schicken; seine Stimme vibrierte hörbar, als er antwortete:

»Mit allem Respekt, Vere‘athor, aber der berstende Stützmassetank hat fünf unserer besten Techniker in den Tod gerissen, und nur Tamatos …«

»Wie viel Zeit brauchen Sie, um die Vergiftung zu neutralisieren?«

Der Mediziner setzte zu einer Antwort an, zog es dann aber doch vor, betreten zu schweigen.

»Also ist er ohnehin so gut wie tot«, folgerte Luceiver. »Alle werden sterben, falls es nicht gelingt, die PADOM wieder in einen kampffähigen Zustand zu versetzen! Ich erwarte Ihre Schützlinge innerhalb von fünf Minuten zum Dienst, Sie eingeschlossen. Noch befinden wir uns im Kriegszustand – und das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern.«

Luceiver war ein Schinder, einer der Kapitäne, die glaubten, ihre Macht jeden Tag neu unter Beweis stellen zu müssen. Ohne ihn wäre es an Bord der PADOM vielleicht sogar erträglich gewesen. Immerhin war der 12.000 Lichtjahre von Arkon entfernte Brysch-Sektor ein strategisch unbedeutender Sternhaufen, der nicht einmal die Methans wirklich interessierte. Allein schon die Präsenz der Sektoralflotte genügte, potentielle Gegner auf Distanz zu halten – das heißt, bis vor kurzem war es so gewesen, doch inzwischen hatte die Schieflage ein bedrohliches Ausmaß angenommen.

Der Reihe nach deutete Luceiver auf vier Patienten.

»Ich erwarte Sie umgehend in Sektion 14, auf dem Torpedodeck. Aufräumarbeiten. – Noch Fragen, Oros?«

Offenbar zögerte der Mediziner zu lange mit der Antwort, denn Luceivers Rechte schnellte vor und packte ihn am Uniformaufschlag.

»Sie sollten meine Großherzigkeit schätzen, Oros«, herrschte er den Mediziner an. »Was glauben Sie, weshalb ich Sie nicht zu den Konvertern schicke? Weil ich dort Kerle brauche, keine Waschlappen.«

Mit einer unwilligen Bewegung stieß er Oros zur Seite. Dass die hasserfüllten Blicke des jungen Mediziners ihn wie Dolche in den Rücken trafen, bemerkte er nicht mehr, als er mit dröhnenden Schritten die Krankenstation verließ.

Als Oros den Raumanzug schloss und den Helmfunk aktivierte, schlug eine Vielzahl von Stimmen über ihm zusammen. Flüche, Verwünschungen, Befehle – er wurde mitten in die Hektik der Reparaturarbeiten hineingeworfen. Diese fieberhafte Aufregung war so ganz anders als die gedämpfte Stimmung innerhalb der medizinischen Abteilung. Erst nach einer Weile besann er sich darauf, die Empfindlichkeit des Helmfunks neu zu justieren. Plötzlich waren da nur noch die Stimmen seiner Schützlinge, ganz nahe und überdeutlich zu verstehen.

»Wir schaffen das schon, Oros, und wenn nicht …«

Eben dieses wenn nicht erfüllte ihn mit Unbehagen. Seine Aufgabe war es, Leben zu erhalten, nicht sinnlos zu opfern.

Ihr seid mit Schmerzmitteln und Psychopharmaka vollgepumpt!, wollte er ihnen entgegenschreien. Die Euphorie wird nur von kurzer Dauer sein, und danach kommt der Zusammenbruch, dann werden die Schmerzen unerträglich.

»Kommen Ihre Leute voran, Oros?«, dröhnte Luceivers Stimme aus dem Funkempfang. »Ich erwarte Ergebnisse – so schnell wie möglich. Also vergessen Sie Ihre verweichlichten medizinischen Methoden und benutzen Sie Ihren Verstand.«

Der Mediziner ballte die Hände, aber er schluckte die Verwünschung unausgesprochen hinunter.

Vor ihm fraßen sich die Flammen der atomaren Schneidbrenner durch das Gewirr aus geborstenem, verdrehtem Arkonstahl. Spärlich erhellten die Helmscheinwerfer die Szene.

Nur minimale Schwerkraftwerte herrschten in diesem Bereich des Schiffs. Das Laufen mit den Magnetsohlen war ungewohnt. Inmitten der Träger und ausgeglühten Wandsegmente hangelte sich Oros vorwärts. Teils war der Stahl unter der Einwirkung des gegnerischen Thermobeschusses geschmolzen und zu mitunter scharfkantigen Formen wieder erstarrt.

Dem Kapitän ging es nicht darum, diesen Bereich des Schiffs wieder mit Atmosphäre zu fluten, er wollte einzig und allein die blockierten Abschussschächte der Torpedos funktionsfähig wissen.

… für noch mehr Leid, schoss es Oros durch den Sinn.

Maccom – seine Brustplatte war doppelt gebrochen, und ein Knochensplitter hatte die Lunge durchbohrt – hustete gequält. Die Enge im Raumanzug und die Bewegung waren noch Gift für ihn. Maccom wusste das ebenso wie Oros, aber den Kapitän interessierte das nicht. Luceiver erwartete, dass seine Mannschaft funktionierte. Oft genug schien er zu glauben, dass er Roboter vor sich hatte und keine Wesen aus Fleisch und Blut.

Ein Aufschrei … Oros sah einen Scheinwerfer durch das Gewirr taumeln, aber nicht Maccom hatte in dem stählernen Labyrinth den Halt verloren, sondern einer der anderen. Jede abrupte und unkontrollierte Bewegung in der Hoffnung, sich abzufangen, gab dem Körper eine andere, noch heftigere Drehung.

Fast in Reichweite erlosch die scharf gebündelte Glut des atomaren Schneidbrenners. Fünf oder sechs Meter höher hing die Gestalt im Raumanzug reglos zwischen den Verstrebungen. Wie Dornen ragten geborstene Stahlenden in die Höhe.

Von seinem neuen Standort aus bekam das Leck in der Außenhülle für Oros eine andere Dimension: Eine sternenlose Schwärze schien das Schiff gefangen zu halten. Sekundenlang starrte der Mediziner nach draußen, bevor er weiter in die Höhe kletterte.

Ein stechender Schmerz raste durch seine Finger, als ein kantiger Metallsplitter den Handschuh durchbohrte. Abrupt riss Oros die Hand zurück – und erstarrte entsetzt, denn die rötlich aufwallenden Blasen verrieten die ausströmende Luft.

Alles, was er jemals über Schäden an Raumanzügen gehört hatte, wirbelte durch seine Gedanken, ein buntes Kaleidoskop längst vergessen gewähnter Belehrungen. Er war Mediziner, kein Raumfahrer, hatte sich nie vorstellen können, in eine solche Situation zu geraten. Zu perfekt schien alles in der Flotte des Imperiums; es war ein in Jahrtausenden eingefahrener Mechanismus …

Nur wenige Augenblicke dauerte es, bis der mit seinem Blut vermischte Schaum zu einer rosafarbenen Dichtfolie verhärtete. Allein das rasende Hämmern in der Wunde und das Gefühl, die Finger kaum mehr bewegen zu können, blieben.

Die Helmscheibe des reglos zwischen den Streben hängenden Mannes war mit Erbrochenem verschmiert, er selbst vielleicht inzwischen erstickt, auf jeden Fall aber bewusstlos. Mühsam versuchte Oros, sich den Bewusstlosen über die Schulter zu wuchten. Um Hilfe zu leisten, musste er den Helm öffnen, aber das war im Vakuum der Halle unmöglich.

Erst jetzt bemerkte er den faustgroßen Robotspion, der knapp zwei Meter vor ihm schwebte. Kein Zweifel, Luceiver benutzte die autarken Sonden, um seine Mannschaft zu überwachen.

»Lassen Sie die Toten ruhen, Oros!«, dröhnte die Stimme des Kapitäns aus dem Helmempfänger.

»Tamatos ist nicht tot. Aber er stirbt, wenn ich ihm nicht rasch helfen kann.«

»Ich sage, er ist tot«, erklang es mit eisiger Kälte. »Die Torpedos sind wichtig, nichts sonst. Also führen Sie Ihre Aufgabe aus, die Verteidigungsbereitschaft wiederherzustellen.«

Der Mediziner ertappte sich dabei, dass er gehetzt nach einem Stück Stahl suchte, mit dem er die Sonde zerschmettern konnte. Nur leider würde ihm das nicht weiterhelfen. Niemand hatte es bislang geschafft, diesen Schinder Luceiver zur Rechenschaft zu ziehen.

»Bei Arkon, beschäftigen Sie sich nicht mit Unnützem, Oros.«

»Ein Leben ist nichts Un…«

Der Mediziner brach mitten im Satz ab, weil die Funkverbindung schon nicht mehr bestand. Einen Augenblick lang war er versucht, lautstark das Schicksal zu verfluchen, das ihn zum Handlanger eines unmenschlichen Kapitäns gemacht hatte.

Luceiver war ein Mann wie Arkonstahl, kalt und unnachgiebig; innerhalb weniger Jahre hatte er sich zum Kapitän erster Klasse emporgearbeitet, und es hieß nicht umsonst, dass Leichen seinen Weg pflasterten. Gemunkelt wurde viel, aber nur hinter vorgehaltener Hand und auch nur dann, wenn Luceiver Lichtjahre weit entfernt weilte.

Die Nähe der Sonde empfand er als bedrohlich. Vielleicht fällte in dem Moment der Kapitän ein Urteil über ihn: Zwangsarbeit auf einer der Bergwerkswelten im Randgebiet des Imperiums. Das war gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Über die Zustände auf diesen Welten kursierten schlimme Gerüchte.

Bedrohlicher als an Bord der PADOM konnte das Leben dort auch nicht sein.

In der Schwärze des Alls zeichneten sich wieder Sterne ab, die Sichel eines Planeten wanderte langsam vorbei. Offenbar drehte sich die PADOM langsam um ihre Achse.

Wie weit mochte der Planet entfernt sein? Eine Million Kilometer, kaum mehr. Falls das Wrack bereits vom Schwerefeld angezogen wurde, blieb der Besatzung nicht mehr viel Zeit, dem drohenden Absturz zu entgehen.

Nur von den eigenen hastigen Atemzügen und dem monotonen Klicken der Magnetsohlen begleitet, hangelte Oros sich nach unten. Endlich spürte er ein schwaches Lebenszeichen von Tamatos. Der Mann hatte den Arm bewegt, und seine Finger öffneten und schlossen sich, als suchte er verzweifelt nach einem Halt.

»Sie müssen durchhalten, Tamatos, dann bringe ich Sie hier raus.«

Wie ein lästiges Insekt umschwirrte ihn die Sonde.

»Hau ab!«, brüllte Oros. »Lass mich in Ruhe!«

Kurz darauf hatte er wieder sicheren Boden unter den Füßen. Da lagen Metallverstrebungen, aus dem Chaos herausgeschnitten und an der Wand gestapelt. Zögernd ließ Oros seine Last von der Schulter gleiten, dann umklammerte er ein meterlanges breites Stahlstück und wirbelte es hoch. Der Schwung ließ ihn den Halt verlieren und versetzte ihn in der annähernden Schwerelosigkeit in eine drehende Bewegung. Doch er traf – der Widerstand, als der Stahl gegen die Sonde schmetterte, war deutlich zu spüren.

Die Welt drehte sich, stand plötzlich kopf. Um sich abzufangen, ließ Oros das Stück Stahl los, das sich wie ein Geschoss zwischen die Verstrebungen bohrte.

Die Magnetsohlen griffen wieder. Die Arme wie haltsuchend ausgebreitet, klebte Oros an einer bizarr verformten Wand und sah schräg über sich ein faustgroßes, funkensprühendes Etwas, das rasend schnell rotierte und dabei von einer Stichflamme zerrissen wurde.

Maccom und die anderen hatten das unmöglich Scheinende geschafft und den Zugang zum Torpedoschacht freigelegt. Der gegnerische Strahltreffer hatte das Magazin um Haaresbreite verfehlt, dabei jedoch die positronische Steuerung verschmort und die Verbindung zur Feuerleitzentrale gekappt. Falls die PADOM sich erneut verteidigen musste, konnten die Torpedos nur an Ort und Stelle abgefeuert werden.

Ein Wartungsschacht konnte als Einstieg benutzt werden. Die Röhre, eigentlich halbtransparent, war durch den Energieausfall nahezu undurchsichtig geworden. Lediglich schemenhaft war zu erkennen, wie Maccom sich darin langsam vorwärts arbeitete. Mehrfach kam es zu Entladungen von Speicherenergie, die sein Raumanzug jedoch mühelos ableitete.

Urplötzlich ein Aufschrei, dem ein gequältes Keuchen folgte.

»Was ist los, Maccom?«

»Nichts. Es … geht schon wieder.«

Die gesamte Innenwand der Röhre flackerte jetzt in grellen Farben. Es hatte den Anschein, als wolle sie zu pulsieren beginnen.

»Die Abschusssequenz ist labil«, keuchte Maccom.

Er war der Torpedospezialist, deshalb hatte er gehen müssen.

»Ich messe Kriechströme an, aber ich weiß nicht, woher sie kommen.«

Wieder ein Aufschrei.

»Ich … kann den Arm nicht mehr bewegen.«

»Nur den Arm?«

»Auch meine Beine … sind taub.«

»Kommen Sie zurück, Maccom!«

»Drei Meter noch, dann habe ich die Schalt… Bei allen Geistern, Oros, ich habe kein Gefühl mehr für meinen Körper.«

»Nicht mehr bewegen, Maccom, hören Sie! Ihr Rückenmark ist geschädigt. Ich lasse Sie da rausholen.«

»Der Vere‘athor will das nicht, Oros, ich muss meine Arbeit tun. Wenn Sie … Ich schaff‘s nicht, ich … ich kriege den Arm nicht mehr vor.«

Mit einer unwilligen Handbewegung scheuchte Oros die anderen Männer zur Seite und schwang sich selbst in den Durchstieg. Nie zuvor hatte er sich in einem Wartungsschacht befunden. Bunte Schlieren huschten über die Wände und weckten in dem Mediziner die Assoziation von Verdauungsbewegungen.

Mit ruckartigen Bewegungen stemmte er sich vorwärts. Aber das fiel ihm schwerer als erwartet.

»Das Transportsystem arbeitet nicht«, stöhnte Maccom. »Halt finden Sie nur in den Wandvertiefungen.«

Kurz darauf hatte Oros Maccoms Füße vor sich.

»Ich versuche, Sie halbwegs erschütterungsfrei nach draußen zu ziehen. Bewegen Sie sich möglichst wenig.«

»Danke für den guten Rat, Wunderheiler. Glauben Sie, ich ließe mich von Ihnen hier rausholen, wenn ich noch in der Lage wäre, wenigstens auf allen vieren zu kriechen?«

Das klang sarkastisch. Weitaus weniger aggressiv fügte Maccom hinzu:

»Sie kriegen mich doch wieder hin, oder?«

»Mit ein paar Halbleiterchips und nachgezüchteten Nervensträngen bestimmt.«

Allmählich lernte Oros, sich in der Wartungsröhre zu bewegen. So schlimm, wie er anfangs geglaubt hatte, war es gar nicht. Das Gefühl beklemmender Enge wich sogar einer Art wohliger Geborgenheit. Dies war ein eigenes Reich, ein Ruhepol fernab der hektischen Betriebsamkeit an Bord eines jeden Raumschiffs. Und irgendwie schien es dem Mediziner, als hätte Luceiver hier jede Macht verloren.

Fahle Elmsfeuer huschten über seine Fingerspitzen, ein deutliches Zeichen des gestörten Energiehaushalts am Ende der Röhre. Oros ignorierte die flackernden Erscheinungen, die in unregelmäßigen Abständen entstanden und wie Nebel verwehten.

Zehn Minuten brauchte er, um Maccom nach draußen zu schaffen.

»Wie geht es Ihnen?«

»Gut«, log der Techniker, und Oros wusste, dass er log. Er brauchte nur in das verzerrte Gesicht zu sehen, um zu wissen, woran er war.

»Sie erklären mir jetzt, was ich zu tun habe, Maccom. Anschließend werde ich eine Antigravtrage beschaffen und Sie zur Operation bringen, ob das Luceiver passt oder nicht. Aber ein gelähmter Mann kann keine Wunder vollbringen.«

»Worauf warten Sie dann noch, Oros?«, stieß Maccom hervor. »Umso eher bin ich wieder auf den Beinen.«

»Bilden Sie sich nicht ein, dass Sie von heute auf morgen …«

»Ich weiß, ich werde Wochen brauchen. Gerade deshalb sollten Sie sich beeilen.«

Maccom lachte gequält und brach mit einem krampfhaften Husten ab.

»Ist schon gut«, stieß er schwer atmend hervor. »Ich bin ein Wrack – genau wie die PADOM.«

Geschmeidig glitt Oros voran. Zwei Sicherheitssperren, die verhindern sollten, dass Techniker versehentlich in eine Abschusssequenz hineingerieten, lagen noch vor ihm. Die erste Kontrolle hatte Maccom bereits deaktiviert, die zweite reagierte nicht mehr.

»Sie müssen die Schaltung überbrücken, Oros. Lösen Sie die Verschlusskappe und …«

»Welche?«

»Sie haben drei Sensorpunkte vor sich.«

»Nein.«

»Sehen Sie die Kapazitätsanzeige, Oros?«

»Das Hologramm?«

»Richtig.«

Maccoms Husten wurde zu einem qualvollen Nach-Atem-Ringen. Offenbar hatte der Knochensplitter in seiner Lunge weitere Zerstörungen angerichtet.

»Das Holo aktiviert sich, sobald Sie …«

»Schon geschehen. Und weiter?«

»Die Anzeige für die Abschussfreigabe …«

Maccoms Stimme erstarb in einem dumpfen Wimmern. Augenblicke später krächzte er nur noch:

»Oros, Sie dürfen nur weitergehen, solange die Torpedos im Arsenal liegen …«

»Woran erkenne ich …?«

»… mittlere Sensor …«

Würgend brach Maccom ab. Augenblicklich meldete sich einer der anderen Männer:

»Er spuckt Blut. Hören Sie, Oros? Was sollen wir tun?«

»Ich komme zurück.«

»Nein!«

Schneidend scharf Maccoms Ausruf.

»Wir … brauchen die Torpedos … Der mittlere Sensor, dann …«

Das Hologramm wechselte, es zeigte erst die nach außen verriegelte Abschussröhre, danach die in ihren Halterungen liegenden Torpedos. Sechs Stück waren es noch: schlanke, blauschwarze Fische, ausgerüstet mit Triebwerkssätzen, die sie innerhalb kürzester Zeit auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigten. Oros wusste das auch erst seit kurzem. Er hatte sich erst nach dem Start von BRY 24 mit den Waffensystemen vertraut gemacht.

Maccom kämpfte mit einem neuen Erstickungsanfall.

»Umschalten … auf manuelle … Steuerung … Code eingeben, Oros: Er lautet … Tai Ark‘Tussan.«

Der Mediziner brauchte längere Zeit, um die entsprechenden Sensorfelder zu finden. Halb auf dem Rücken liegend, tippte er über sich den Code ein.

Nichts geschah.

»Ich schaffe es nicht, Maccom. Vielleicht liegt es an der ungenügenden Energieversorgung.«

»Wiederholen Sie … den Vorgang!«

Verbindung zur Feuerleitzentrale unterbrochen, flammte ein Schriftband auf. Manuelle Aktivierung wird bestätigt. Bislang ruhender Aktivierungsimpuls hat Vorrang – bitte Vorrangschaltung löschen. Zündung erfolgt in zehn Sekunden.

»Bei allen Göttern, Maccom, was heißt Vorrangschaltung?«

… sieben Sekunden.

Die holographische Wiedergabe wechselte, blendete auf einen im Abschusskanal liegenden Torpedo um. Offenbar war die Kommandostruktur Sekunden vor dem geplanten Abschuss durch den gegnerischen Treffer unterbrochen worden. Die manuelle Manipulation ließ nun die Speicherdaten wirksam werden.

… fünf Sekunden.

»Wie lösche ich die Vorrangschaltung? Maccom!«

Ein ersticktes Röcheln war das Letzte, was der Mediziner im Helmfunk hörte. Von aufwallender Panik getrieben, schlug er wahllos auf die Sensorfelder. Der Schacht war verschlossen. Sobald der Torpedo startete …

Blendende Lichtflut hüllte ihn ein. Oros hatte noch den Eindruck einer heranschießenden Flammenwand. Sein Raumanzug hielt den entfesselten Gluten nur Sekundenbruchteile stand, dann löschte die Sonnenhitze Oros‘ Denken aus.

3.

Die Zahl der Ortungen war längst Legion, aber immer noch erschienen wie hingezaubert neue Reflexe auf den Schirmen. Ausgebrannte Wracks tauchten aus den Ortungsschatten der großen Planeten auf, von mehreren Monden wurden Notrufe abgestürzter Beiboote empfangen. Kurzum: Innerhalb des Traversan-Systems herrschten nach wie vor Aufruhr und eine nie gekannte Hektik.

Fünfunddreißig Schiffe der Heimatflotte hatten die Raumschlacht unbeschädigt überstanden. Ihre Besatzungen waren unermüdlich im Einsatz, um Überlebende zu bergen oder Havaristen vor einem schlimmeren Schicksal zu bewahren. Dabei war abzusehen, dass Tage vergehen würden, bis ein halbwegs umfassendes Bild der Situation vorlag.

Gelegentlich flammten neue Gefechte auf, Geplänkel, verglichen mit dem, was hinter den Mannschaften lag. Diese Vorkommnisse bewiesen, dass selbst die angeschlagenen Imperiums-Raumer eine nicht zu unterschätzende Gefahr bedeuteten. Für Arkons Ruhm und Ehre und den eigenen Platz in der Geschichtsschreibung waren zu allen Zeiten Kommandanten zu Märtyrern geworden, die ihre Besatzungen mit sich in den Tod gerissen hatten. Der Absturz eines einzigen Schlachtschiffs im Westen der Hauptstadt hatte einen hohen Blutzoll unter der Bevölkerung gefordert.

Irakhems Flaggschiff überquerte soeben die Umlaufbahn des siebten Planeten. Ein Trümmerfeld lag vor uns; den Massewerten nach zu schließen, die Überreste eines 200-Meter-Kugelraumers.

»Empfangen Identifizierungscode!«, kam die Meldung aus der Funkzentrale.

»Position?«

»Peilung läuft. Die Abgabeleistung ist schwach, möglicherweise nur der Notsender eines Raumanzugs.«

Grimmig biss Irakhem die Zähne aufeinander, als er sich mit knappen Schaltungen das Ortungsbild auf sein Pult holte.

»Funkkennung bestätigt eigenes Objekt. Die Distanz beträgt viereinhalb Millionen Kilometer. Energiepegel unter der Nachweisgrenze.«

»Neuer Kurs!«, bestimmte Irakhem. »Funkzentrale: Koordinatensatz überspielen!«

Er warf mir einen flüchtigen Blick zu und bedachte dann Prinzessin Tamarena mit einer entschuldigenden Geste.

Der Widerspruch kam von gänzlich anderer Seite. Lesantre, der Geheimdienstchef, war an Bord geblieben; seine knurrig-krächzende Stimme klang in dem Moment unangenehmer, als ich sie je empfunden hatte.

»Wir verlieren unnötig Zeit«, schimpfte er. »Der Sonnenkur wird nicht zögern, die Niederlage zu vergelten. Was wir suchen, ist ein Schiff der Sektoralflotte, keine Leiche in einem Raumanzug.«

»Wir wissen nicht, ob der Betreffende tot ist«, protestierte Irakhem. »Ich lasse keinen Verwundeten oder Sterbenden im Stich.«

»Damit erweisen Sie Traversan einen schlechten Dienst, Pal‘athor.«

»Lassen Sie es gut sein, Lesantre«, sagte ich.

Mit dem Erfolg, dass er mich entgeistert anstarrte. Seine Absicht, den Kommandanten und die Prinzessin gegeneinander auszuspielen und das Wohl und Wehe Traversans über alles zu stellen, war ab dem Moment zum Scheitern verurteilt, in dem ich mich als Außenstehender einmischte. Lesantre mochte zwar immer wieder betonen, tief in Nert Kuriols Schuld zu stehen, das änderte aber nichts daran, dass er wie viele andere Geheimdienstleute auch ein undurchsichtiges Spiel trieb.

»Ich würde nicht anders handeln als Irakhem«, stellte ich fest.

Die Prinzessin fühlte sich dadurch veranlasst, den Geheimdienstchef zurechtzuweisen.

»Sie haben gehört, wie Admiral Atlan die Angelegenheit sieht«, sagte sie scharf. »Ich wünsche keine weitere Diskussion.«

Das Flaggschiff verzögerte. Unzählige Ortungsreflexe ringsum, ausgeglühter Arkonstahl; auf dem großen Panoramaschirm erschienen sie wie ein mattes Sternenmeer. Jedes dieser Details wurde von der Positronik hinsichtlich Masse und Energieabstrahlung analysiert, aber es gab nichts, was eine Überprüfung wert gewesen wäre.

»Objekt erfasst!«, wurde endlich gemeldet.

Die Traktorstrahler griffen in den Raum hinaus. Sekunden später erschien eine reglose Gestalt im Erfassungsbereich der Optiken.

»Nach wie vor kein Funkkontakt. Der Notruf ist abgebrochen.«

Eine Direktschaltung ließ uns in der Zentrale hautnah miterleben, wie der Schiffbrüchige an Bord geholt und nach dem Druckausgleich aus seinem Raumanzug herausgeschält wurde.

Ob der Mann nur bewusstlos war oder bereits tot, konnten wir nicht erkennen. Erst als ein Medoroboter eine Injektion ansetzte, hatte es den Anschein, dass er überleben würde.

»Immerhin kein Soldat des Imperiums«, sagte Lesantre mit eigenwilliger Betonung.

»… den wir ebenfalls nicht seinem Schicksal überlassen hätten«, bemerkte Tamarena scharf.

Der Geheimdienstchef zuckte nur mit den Schultern.

»Einige tausend gut ausgebildete Männer und Frauen haben ihr Leben für Traversan gegeben«, erwiderte er bitter. »Es spielt heute keine Rolle mehr, ob einer mehr oder weniger überlebt – was wir brauchen, sind Material und Schiffe, auf denen wir unsere Soldaten wieder in den Kampf schicken können. Andernfalls stehen wir auf verlorenem Posten.«

Er hat recht, wandte mein Extrasinn ein, bevor ich zu einer heftigen Erwiderung ansetzen konnte. Willst du ihm seine Überzeugung vorwerfen?

Habe ich das gesagt?

Aber du denkst daran.

Aus der Medostation kam wenig später die Mitteilung, dass der Soldat außer Lebensgefahr war. Er hieß Kindonan und hatte auf dem Schweren Kreuzer TSOOL Dienst getan. Die TSOOL galt als Totalverlust.

Einige Tage der Regeneration würde Kindonan allerdings benötigen; er hatte Erfrierungen davongetragen und war wohl für kurze Zeit fast ohne Sauerstoff gewesen. Wenn wir ihn nur fünf Minuten später an Bord geholt hätten, wären irreparable Hirnschäden zurückgeblieben.

»Die Anzugenergie reicht für mehrere Tage«, schnaubte Lesantre. »Der Idiot muss alles mit seinem Notruf verbraucht haben.«

»… ohne den wir ihn nicht gefunden hätten«, widersprach die Prinzessin.

»Wenn nicht wir, dann vermutlich ein anderes Schiff.«

Lesantre, der zuletzt unruhig vor dem Panoramaschirm auf und ab gelaufen war und mich mit seinem Verhalten an ein gefangenes Tier erinnert hatte, verließ ohne weiteren Kommentar die Zentrale. Tamarena blickte ihm hinterher, bis sich das Schott wieder geschlossen hatte. Um ihre Mundwinkel grub sich ein eigenartiges Zucken ein.

Lesantre gibt sich härter, als er ist. Er hat Probleme, die er sich nicht eingestehen will.

»Atlan«, sagte Tamarena in dem Moment, »geh mit ihm nicht zu hart ins Gericht.«

»Ich verstehe nicht.«

»Lesantres Bruder war Offizier auf der TSOOL. Unmittelbar nach der ersten Schlacht gegen die zwölf Imperiums-Raumer haben sie sich bis aufs Blut gestritten. Weil Marelius vor jeder weiteren Eskalation warnte.«

»Und nun fühlt Lesantre sich verantwortlich?«

»Marelius wollte den Dienst quittieren. Lesantre hat ihn deswegen mit der Waffe bedroht und ihn bezichtigt, er trete die Familienehre in den Schmutz.«

Ich brauchte die Prinzessin nicht zu fragen, woher sie ihre Kenntnisse bezog. Telepathische Fähigkeiten waren mitunter von Segen, aber keineswegs immer.

Der 19. Prago des Tedar 12.402 da Ark neigte sich allmählich dem Ende entgegen, als wir auf einem der Monde ein abgestürztes Imperiumsschiff orteten. Die Taster lieferten zwar nur den Aufriss eines Ultraleichtkreuzers mit 60 Metern Durchmesser, aber wie Reginald Bull bei einer solchen Gelegenheit sagen würde: »Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.«

Der Gedanke an Bully erinnerte mich daran, dass ich in die Vergangenheit verschlagen worden war, ins Jahr 5772 v. Chr. irdischer Zeitrechnung. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich mich bereits im Tiefschlaf auf der Barbarenwelt Larsaf III befunden, die später unter dem Namen Terra einige Bekanntheit erlangen sollte.

Vielleicht …

Das wirst du nicht tun, Barbar, protestierte der Extrasinn. Ein solches Spiel mit dem Feuer ist äußerst gefährlich!

Misch dich nicht ein!

Du weißt, dass du ganz schlechte Karten hast. Du bist dir niemals selbst begegnet.

Irgendwann ist immer das erste Mal.

Es reizte mich, Larsaf III anzufliegen und in meine Unterwasserkuppel hinabzutauchen. Rico würde mich zweifellos einlassen und den anderen Atlan, meinen Zeitzwilling …

Narr!

Deutlicher konnte der Logiksektor nicht sagen, wie er solche Pläne einschätzte. Lachend wandte ich mich wieder dem Hauptschirm zu. Irakhem bedachte mich mit einem verwunderten Blick.

Der Mond entpuppte sich als atmosphärelose Geröllwüste. Er war ein unregelmäßiger Brocken mit wenig mehr als 800 Kilometern größtem Durchmesser. Traversan hatte hier eine kleine wissenschaftliche Station unterhalten – von den Kuppelbauten zeugten nur noch bizarre Fragmente.

Der Imperiumsraumer war nahe der zerstörten Anlage abgestürzt. Im scharfen Widerstreit von Licht und Schatten zeigte die Optik eine aufgerissene, in einer Schlucht verkeilte Kugel.

»Das sieht nicht allzu gut aus«, sagte ich abwartend, als Irakhem mir einen fragenden Blick zuwarf.

Distanz noch dreißigtausend Kilometer. Die Energieortung bewegte sich innerhalb eines engbegrenzten Spektrums. Dort unten wurden im Augenblick weder Schutzschirmprojektoren noch Waffen versorgt. Keine Anzeichen von Überlebenden.

Die Ortung lieferte neue Aufrisse des Ultraleichtkreuzers und projizierte sie nebeneinander auf den Hauptschirm. Aber gerade die Details, auf die es ankam, waren durch die Felsen unserem Zugriff entzogen. Die Simulation reichte von lediglich schwachen Hüllenbrüchen bis hin zu massiven Zerstörungen im untenliegenden Ringwulstbereich.

»Unser Anforderungsprofil könnte erfüllt sein«, stellte Irakhem fest. »Voraussichtlich kein langwieriger Reparaturaufwand. Schiffe dieser Klasse finden überwiegend in Kurierflügen und Aufklärungseinsätzen Verwendung, denn sie sind schnell und wendig. Ich lasse einen Landungstrupp ausschleusen.«

»Warum nicht einfach eine Sonde?«

Irakhem nickte zögernd.

»Wenn Sie das für ausreichend halten, Admiral.«

»So ist es«, sagte ich.

Minuten später sahen wir die ersten Bilder von der Unterseite des 60-Meter-Schiffs. Ein massiver Fels hatte sich schräg in den Rumpf gebohrt und ihn wie ein Keil gespalten. Damit war jede weitere Mühe vergebens – die Werften auf Traversan würden zu lange benötigen, um die Stabilität wiederherzustellen, von den vermuteten inneren Schäden ganz zu schweigen. In diesem Bereich lagen Projektoranlagen und Konverterbänke. Überhaupt erschien es mir wie ein unglaublicher Zufall, dass der Raumer nicht in einer gewaltigen Explosion vernichtet worden war. Seine Besatzung hatte sich jedenfalls rechtzeitig abgesetzt – das geöffnete Hangarschott und die leeren Ankerplätze ließen keinen anderen Schluss zu.

»Kampfroboter!«, rief jemand.

In der Bildwiedergabe waren zwei klobige Kolosse erschienen, danach brach das Bild übergangslos zusammen.

»Wir müssen davon ausgehen, dass die Sonde …«

»Natürlich wurde sie vernichtet«, brauste Irakhem auf. »Zielerfassung für zwei Torpedos! Weder das Wrack noch die Roboter sind für uns von Wert.«

Während tief unter uns auf engbegrenztem Raum Explosionen aufflammten und miteinander verschmolzen, beschleunigte das Flaggschiff mit Kurs auf den nächststehenden, den achten Planeten. In dem Sektor hatte unsere Flotte nicht nur zwei Staffeln gegnerischer Einmannjäger, sondern auch den Angriff dreier 500-Meter-Schlachtkreuzer erfolgreich abgewehrt. Im Nachhinein hatte die Auswertung aller Schiffsbewegungen ergeben, dass hier die Bildung eines imperialen Brückenkopfes vorbereitet worden war – zu einem Zeitpunkt, als die Flotte des Sonnenkurs bereits mit schweren Verlusten zu den ersten Rückzugsgefechten angesetzt hatte.

Die Jägerwracks waren über einen Raumkubus von beinahe zwanzig Lichtsekunden Seitenlänge auseinandergedriftet. Hier draußen, in der Randzone des Systems, hatten unsere Schiffe – Fühlst du dich tatsächlich schon heimisch, Admiral?, spottete der Extrasinn –, hatten unsere Schiffe überraschend zugeschlagen und kaum eigene Verluste hinnehmen müssen. Deshalb operierten Nert Kuriols Einheiten derzeit noch an anderen Brennpunkten des Geschehens.

Im Ernst, Flottenhäuptling: Nert Kuriol da Traversan wäre über einen standesgemäßen Stammhalter sicher hoch erfreut.

Schweig!, herrschte ich den Extrasinn an.

Sofort kontrollierte ich meine gedankliche Abschirmung. Prinzessin Tamarena musste nicht unbedingt meine intimsten Gedanken kennen.

Barbaren konnten noch nie ihre Gefühle im Zaum halten.

Es gab Augenblicke wie diesen, da bereute ich, in der ARK SUMMIA meinen Extrasinn aktiviert zu haben.

Seit beinahe zwanzig Minuten spürte ich, wie Tamarena mich taxierte, wie ihr Blick jede Handbreit meines Körpers abtastete, während das Flaggschiff im wahrsten Sinne des Wortes mit Schleichfahrt durch das Sonnensystem kroch. Ohne zwingende Notwendigkeit ging kein Kapitän das Risiko einer Transition im planetennahen Raum ein, schon gar nicht in einem von Wrackteilen unterschiedlichster Größe übersäten Sektor. Die Gefahr einer Kollision bei der Rematerialisation durfte nicht unterschätzt werden; infolgedessen beanspruchte die Berechnung exakter Sprungkoordinaten mehr Zeit als der Flug im Unterlichtbereich. Von den vielen kleinen Rematerialisierungsschocks, denen Mensch und Material ausgesetzt wurden, ganz zu schweigen.

Nimm Tamarena einfach mit!

Alles hatte ich erwartet, jeden spöttischen Kommentar, aber nicht das. Oder trat der Logiksektor schlichtweg die Flucht nach vorne an und wollte mich vor vollendete Tatsachen stellen?

Auf gewisse Weise war ich froh, dass Ortung und Funk nahezu gleichzeitig die Position eines havarierten Leka-Diskus meldeten. Offenbar hatten seine Ortungen unsere Annäherung erfasst, denn seit nicht einmal zwei Minuten wurde ein Notruf auf Normalfrequenz empfangen.

Auf unsere Antwort erhielten wir nach knapp vier Minuten eine Bestätigung. Demnach war der Diskus von Strahltreffern schwer beschädigt worden. Ausfall des gesamten Antriebs und der Hyperfunkanlage; die Schirmfeldprojektoren waren infolge der Überlastung zusammengeschmolzen, entzogen den Speicherbänken aber immer noch Energie.

Von der vierköpfigen Besatzung hatten nur zwei Mann überlebt.

»Wir können die Zentrale nicht verlassen«, meldeten sie. »Der Sauerstoff reicht noch für mehrere Stunden, aber die Temperatur sinkt unter den Gefrierpunkt ab.«

»Sind Sie verletzt?«

Die Rückmeldung traf diesmal schon nach drei Minuten ein.

»Garhim hat Knochenbrüche und Verbrennungen erlitten, er liegt im Fieber. Wenn nur dieses verdammte Wrack nicht wäre …«

Unsere Kursberechnungen hatten bereits ergeben, dass der Leka-Diskus in etwa einer Stunde mit dem Wrack eines großen Kugelraumers kollidieren würde. Beide Schiffe bewegten sich in stumpfem Winkel aufeinander zu.

»Wir nehmen Sie in etwa zehn Minuten an Bord«, versprach Irakhem.

Im selben Atemzug wandte er sich an mich:

»Was halten Sie von dem Schlachtkreuzer, Atlan? Er könnte für unsere Zwecke geeignet sein.«

Wir waren noch zu weit entfernt, um uns ein wirkliches Urteil bilden zu können. In der Vergrößerung wurden jedoch immer weitere Schäden sichtbar. Der Kreuzer musste dem Feuer mehrerer traversanischer Einheiten ausgesetzt gewesen sein. Die Hüllenbrüche und die nachfolgenden Explosionen, die ganze Decks aufgerissen hatten, waren nicht zu übersehen. Vermutlich gab es nur sehr wenige Sektionen ohne Vakuumeinbruch.

Die Positronik generierte ein eindeutiges Schadensprofil. Demnach hatten Strahltreffer die polare Geschützkuppel zur Explosion gebracht. Über vier Hauptdecks reichte der Explosionskrater, doppelte Wände aus Arkonstahl waren wie Papier aufgerissen und nach außen gebogen.

Weitgehend skelettiert wirkte der Bereich der Mannschaftsräume und Labors. Eine Torpedosalve hatte Krater um Krater in das Schiff hineingestanzt und dann die Reste miteinander verschmolzen. Fast die gesamte obere Rumpfhälfte war wohl nur noch mit Mühe zu betreten.

Explodierende Beiboote hatten auch die Hangars über der Bodenschleuse aufgerissen. Zwei ausgefahrene und infolge einer Kollision halb aus dem Rumpf herausgerissene Landebeine klafften auseinander wie die Giftzähne einer zupackenden Viper.

Langsam schüttelte ich den Kopf. Selbst ein Heer von Arbeitsrobotern würde Wochen benötigen, den Kreuzer in einen halbwegs passablen Zustand zu versetzen.

»Denken Sie noch einmal darüber nach, Admiral«, schlug Irakhem vor. »Der gesamte Ringwulstbereich und damit wohl auch die dahinter liegenden Maschinenräume weisen keine Schäden auf. Verlorengegangene Kommandostrukturen lassen sich vergleichsweise schnell erneuern, vor allem wird der Sonnenkur keinen Argwohn hegen, wenn wir mit dem Schiff vor BRY 24 materialisieren.«

»Falls der Kahn nicht vorher auseinanderbricht.«

Irakhem ließ Anzeichen beginnender Nervosität erkennen.

»Woran liegt es, Admiral Atlan, dass unsere Vorstellungen so unterschiedlich sind?«

»An meiner Erfahrung«, antwortete ich knapp.

Der eine oder andere Mann der Besatzung konzentrierte sich plötzlich nur noch auf seine Arbeit. Dafür lauschten sie jedoch umso intensiver, was ich ihrem Kommandanten vorzuwerfen hatte. Vielleicht gönnten sie Irakhem die Abfuhr, möglicherweise sahen sie aber auch in mir den Störenfried, der seine Pflicht erfüllt hatte und nun nicht mehr gebraucht wurde.

»Wir sind uns einig, Atlan, dass wir dem nächsten Schritt des Sonnenkurs zuvorkommen müssen.«

Ich nickte nur.

»Wie lange wollen Sie also noch suchen und kostbare Zeit verlieren?«

»Bis ich das Schiff gefunden habe, das ich für geeignet halte.«

Irakhem war ein Heißsporn, risikofreudig und durchaus kompetent, ihm fehlte einzig und allein die Erfahrung. Der Stolz, mit dem er seine Standarduniform und den obligatorischen dunkelroten Umhang trug, machte dieses Manko auch nicht wett. Mir schien es, als hielte er kurz Zwiesprache mit seinem Extrasinn, dann deutete er eine knappe Ehrenbezeigung an.

»Ich vertraue Ihnen, Admiral.«

»Das habe ich auch nicht anders erwartet.«

Diese Erwiderung konnte ich mir nicht verkneifen.

Spötter, kommentierte mein zweites Ich.

In dem Moment schrie Tamarena warnend auf.

»Nicht einschleusen! Den Traktorstrahl abschalten! Sofort!«

Es gab wohl niemanden in der Zentrale, der die Prinzessin in dem Augenblick nicht völlig entgeistert angestarrt hätte. Ich nicht ausgenommen.

Ein kleiner Monitor auf einem der untergeordneten Plätze ließ erkennen, dass der wracke Leka-Diskus soeben in einen der oberen Hangars gezogen wurde. Von meiner Position aus konnte ich die Wiedergabe einigermaßen gut einsehen. Der zuständige Offizier hatte seine Schaltungen beendet.

»Die Aktion war ein Bilderbuchmanöver, erhabene Prinzessin«, meldete er. »In fünfzig Sekunden ist der Hangar mit Atmosphäre geflutet und …«

»Brechen Sie ab!«

Er verstand nicht. Aber da war ich bereits neben ihm und griff in seine Schaltungen ein. Er war viel zu überrascht, um sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Mehr als zur Hälfte hatte sich das Hangartor bereits geschlossen. Die wuchtigen Stahlplatten reagierten nicht sofort auf meine Schaltungen, glitten noch mindestens zwei Meter weiter aufeinander zu, bevor sie sich langsam wieder öffneten.

Was immer Tamarena zu ihrer Warnung veranlasst hatte, sie war bestimmt nicht grundlos erfolgt. In dem Moment war ich überzeugt davon, dass wir uns mit dem Diskus ein faules Ei an Bord geholt hatten.

Meine Schaltungen polten endlich den Traktorstrahl um. Der Diskus schwebte bereits in der Mitte des Hangars, aber noch war das Tor nicht wieder weit genug geöffnet.

Alarm gellte durch das Schiff. Irakhem riegelte die an den Hangar angrenzenden Decks hermetisch ab.

Immer noch war zu wenig Platz zwischen beiden Schotthälften. Wenn ich den Diskus jetzt hindurchbugsierte, dann musste er auseinanderbrechen …

Die Kommunikation war automatisch auf Interkom umgelegt worden. Verwirrt hallte die Stimme des Schiffbrüchigen durch die Zentrale:

»Weshalb werden wir wieder ausgeschleust? Was ist geschehen?«

»Ein Notfall«, antwortete Irakhem. »Ihnen wird eine andere Position zugewiesen.«

»Ich verstehe nicht.«

Tamarena gab mir ein Zeichen, dass der Mann in der Tat nicht wusste, was geschah. Es war immer noch eine kleine Ewigkeit bis zur vollständigen Öffnung des Hangars. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, nicht länger warten zu dürfen. Der Diskus schien über die Seite abzukippen und auf dem Hangarboden aufzuschlagen, aber schon im nächsten Moment schrammte er am Tor entlang, und …

… die Explosion erfolgte mit einer solchen Heftigkeit und Intensität, dass selbst die Positronik nicht rechtzeitig reagierte und die Filter zu spät vorschaltete.

Ein Blitz schien meine Schädeldecke zu spalten. Ich sah nur noch lodernde Glut und spürte, wie sie mein Innerstes verbrannte. Es waren Schreie ringsum, die im Heulen des Alarms untergingen. Dazwischen erschollen Befehle, die kaum jemand befolgte.

Mühsam blinzelnd versuchte ich, mehr zu erkennen als nur immer neue, ineinanderfließende Feuerbälle. Erst allmählich begannen sich dunklere Schemen abzuzeichnen, Konturen, die sich ruckartig bewegten, sobald ich mich auf sie konzentrierte.

Schadensmeldungen trafen ein. Ich verstand nicht einmal die Hälfte von dem, was die erregte Stimme herunterrasselte. Augenblicke später der dumpfe Donner einer neuen Explosion. Irgendwo im Bereich der Polkuppel, so glaubte ich zu erkennen.

»Notfallsequenz!«, meldete der Bordrechner. »Schirmfeld wurde aktiviert. Ausfall der Projektoren im Bereich des oberen Ringwulsthangars. Ich wiederhole: Notfallsequenz! Schirmfeld wurde aktiviert …«

Tränen schossen mir in die Augenwinkel. Erste Schatten schälten sich wieder aus dem Lodern hervor und verdichteten sich langsam zum gewohnten Bild der Zentrale.

Neue Lichtblitze, inzwischen gedämpft durch die Filter. Das Flaggschiff lag unter schwerem Torpedobeschuss. Auch zwei Dreimannzerstörer attackierten uns, konnten wegen ihrer starr eingebauten Impulskanonen aber jeweils nur wenige Schüsse anbringen und mussten dann abdrehen.

Schirmfeldbelastung 42 Prozent.

Geschwindigkeit 20 Prozent Lichtgeschwindigkeit, steigend.

Irakhem hatte die Feuerleitkontrollen auf sein Pult umgelegt. Zwei unserer Impulsgeschütze feuerten, als die Zerstörer erneut aus unterschiedlichen Richtungen angriffen. Im Salventakt hämmerten die tödlichen Energien in den Weltraum hinaus, positronisch auf den Schirmen sichtbar gemacht. Innerhalb von Sekundenbruchteilen wurde der Vorhaltewinkel kleiner – und dann eine verwehende Glutwolke, glühende Fragmente, die irrlichternd auseinanderstrebten und zum Teil in unserem Schutzschirm verglühten.

»Sie hatten recht, Atlan«, rief Irakhem unvermittelt, »der Schlachtkreuzer ist für uns nicht geeignet!«

Mit knapp zwanzigtausend Kilometern Distanz raste das Flaggschiff an dem Wrack vorbei. Nur wenige Sekunden lang feuerten unsere Geschütze, aber die Einschläge konnten wir deutlich sehen. Atomare Gluten leckten über den 500-Meter-Torso, schnitten tief in seine Eingeweide hinein und ließen ihn innerhalb von Sekunden auseinanderbrechen. Dutzende kleiner Explosionen entlang den Bruchstellen vollendeten das Werk der Zerstörung.

»Keine Rettungsboote in der Ortung!«, wurde gemeldet.

Wir hatten zum Glück nur wenige nennenswerte Schäden zu verzeichnen. Einige Antennensysteme und Projektoren im Außenbereich waren zerstört. Ein Hangar war ausgeglüht, und der erste Torpedoeinschlag hatte einen Hüllenriss verursacht.

Es war nicht auszudenken, was der explodierende Diskus im Schiffsinneren angerichtet hätte. Die Gegner mussten das Beiboot mit hochbrisantem Material vollgepackt und die Überlebenden mittels Psychostrahlern gefügig gemacht haben.

Aus einer Vorahnung heraus hatte Tamarena versucht, die Gedanken der vermeintlich Geretteten zu erfassen. Sie war misstrauisch geworden, als die empfangenen Mentalimpulse nur den Ruf nach Hilfe hatten erkennen lassen. Er musste tief in ihre Psyche eingebrannt gewesen sein.

»Eines ist mir klargeworden«, stieß Irakhem zähneknirschend hervor. »Die Soldaten des Imperiums sind für jede Gemeinheit gut. Aber wir brauchen ein Schiff – und wir bekommen es.«

Seine Entschlossenheit steckte an. Dieses Jetzt-erst-recht-Gefühl war genau das, was Traversan brauchte. Das war arkonidischer Stolz, wie ich ihn kannte, nicht die bestechliche Dekadenz des imperialen Adels, der sich in fetter Selbstzufriedenheit suhlte.

Recht so, Barbar, rüttle das Große Imperium wach, zeige allen, welche Folgen die kommende Lethargie haben wird – und es wird nie einen notgelandeten Kreuzer auf dem irdischen Mond geben. Aber vielleicht einen potentiell unsterblichen Imperator. Nur: Was wird aus dem anderen Atlan, dem, der auf Larsaf III im Tiefschlaf liegt?

Spare dir deinen Zynismus!, gab ich in Gedanken zurück.

Na also, Barbar. Du wirst nachdenklich, und dir fehlen die Argumente. Versuche gar nicht erst, deine innere Zerrissenheit vor mir zu verbergen. Vergiss Tamarena und kehre in deine Zeit zurück.

Das hier ist auch meine Zeit.

Ich atmete tief ein und hielt die Luft an. Ich versuchte dabei vergeblich, mich zu konzentrieren und den Extrasinn in die Schranken zu weisen. Dass die Prinzessin mich besorgt musterte, nahm ich erst nach einer Weile wahr.

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641 p. 2 illustrations
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