Read the book: «Die Stunde der Kurden»
Hans-Joachim Löwer
Die Stunde der
Kurden
Wie sie den Nahen Osten verändern

Inhalt
Cover
Titel
Vorwort
1 Sulaimania
„EINE UN-ORIENTALISCHE FREIHEIT“
Wie eine Fürsten-Dynastie das Tor zur Welt aufstieß
2 Barsan
„WIR STRECKEN DIE HÄNDE AUS“
Woher der Geist der Versöhnung weht
3 Halabdscha
„WIR HATTEN KEINE AHNUNG, WAS DAS WAR“
Wie ein Kurde das Giftgas-Massaker überlebte
4 Sulaimania
„DAS HIER WAR WIRKLICH DIE HÖLLE“
Wie ein Foltergefängnis zu einem Museum wurde
5 Halabdscha
„NUR ALTER UND TOD KÖNNEN MICH STOPPEN“
Weshalb ein verkrüppelter Minenräumer weitermacht
6 Erbil
„DU MUSST NUR DEIN HIRN EINSCHALTEN“
Wie ein junger Peschmerga zum Top-Businessman aufstieg
7 Sulaimania
„MEIN HERZ SCHLÄGT NOCH IMMER LINKS“
Wie ein Kommunist zum Milliardär wurde
8 Erbil
„WIR SIND AUF DEM RICHTIGEN WEG“
Was sich der Bürgermeister von dem Boom in der Hauptstadt erhofft
9 Sulaimania
„MACHT GIBT ES NUR AUF ZEIT“
Was ein 36-jähriger Parlamentspräsident ändern will
10 Koya
„ICH BIN IMMER NOCH TAPFER“
Wie eine unverheiratete Kurdin für ein neues Frauenbild kämpft
11 Kubaschi
„ICH STEHE HIER FÜR MEINE KINDER“
Wie die Kämpfer an der Front ihr Land verteidigen
12 Qala Tschuwalan
„ZUSAMMEN SIND DIE STÜCKE STARK“
Wie ein Brigadegeneral Drill und Kunst verbindet
13 Bahirka
„WIE SOLL MAN DA ZUSAMMENLEBEN?“
Was Kurden für eineinhalb Millionen Flüchtlinge tun – und was nicht
14 Scheichan
„SIE SCHAUEN NACH WESTEN“
Wo die verfolgten Jesiden ihre letzten Kräfte mobilisieren
15 Sulaimania
„ICH WÄRE NUR NOCH EIN KNECHT GEWESEN“
Weshalb ein arabischer Stammesführer zu den Kurden floh
16 Kirkuk
„SIE HABEN VOR SICH SELBER ANGST“
Wie ein Neurochirurg als Gouverneur zwischen den Fronten laviert
17 Kirkuk
„WIR HAUEN EBEN NICHT AB“
Wie eine Polizeitruppe die heiß begehrten Ölfelder schützt
18 Erbil
„WIR WERDEN BESSER ALS ISRAEL“
Weshalb ein Wissenschaftler an einen Staat Kurdistan glaubt
19 Dohuk
„ICH MUSS ALLEN DIENEN“
Was ein christlicher Bischof mit seiner Eliteschule bewirkt
20 Suseh
„ICH BIN IMMER AUFSEITEN DER HÄFTLINGE“
Wie sich eine Kultur in einem Gefängnis spiegeln kann
EIN TRAUM VON 100 JAHREN
Chronik des Kampfes der Kurden im Irak
Dank
Bildnachweis
Anmerkung zur Schreibweise von kurdischen und arabischen Namen und Begriffen
Übersichtskarte Autonome Region Kurdistan
Weitere Bücher
Impressum
Vorwort
Nachrichten aus dem Nahen Osten verheißen üblicherweise nichts Gutes. Die Schlagzeilen in den gedruckten und die Videoblogs in den elektronischen Medien sind beherrscht von Krieg und Grausamkeiten. Doch im Schatten dieser Gewaltorgien, fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, reift im Norden des Irak ein Modell für ein Staatswesen heran, das so ganz anders ist als die Systeme der Nachbarländer. Hundert Jahre lang hat das Bergvolk der Kurden mit der Waffe in der Hand um seine Eigenständigkeit gekämpft. In der Türkei und im Iran sind sie damit bis heute nicht sehr weit gekommen. Im zerfallenden Syrien haben sie sich 2014 an der Nordgrenze immerhin eine Freizone erstritten.

Ausgerechnet aber in dem Land, in dem sie am brutalsten unterdrückt worden sind, stehen sie vermutlich vor der Verwirklichung ihres großen Traums. Seit mehr als zwanzig Jahren gibt es im Nordirak die Autonome Region Kurdistan. Sie entstand aus einer Flugverbotszone, die 1991 auf Druck der USA eingerichtet wurde, um die Kurden vor weiteren Angriffen der Streitkräfte des Diktators Saddam Hussein zu schützen.
Nach ein paar Jahren turbulenter interner Auseinandersetzungen begann in dieser Region eine erstaunliche, für viele fast unerklärliche Entwicklung. Die Kurden, einst nur als tapfere Kämpfer bekannt, lernten die Spielregeln einer parlamentarischen Demokratie, lösten einen Wirtschaftsboom aus und demonstrieren eine Toleranz für politische, ethnische und religiöse Minderheiten, die im Nahen Osten sonst kaum zu finden ist. Was ist das Geheimnis dieses geradezu sensationellen Prozesses? Wie kann eine Insel des Friedens in einem Meer von Gewalt entstehen? Aus welchen Quellen schöpfen diese Kurden? Ich bin einen Monat lang durch das milde und nicht mehr wilde Kurdistan im Norden des Irak gereist, um nach den geistigen Spuren dieser Entwicklung zu suchen. Was ich gefunden habe, müsste eigentlich Stoff für ganz neue Schlagzeilen aus dem Orient liefern – denn es sind endlich einmal Nachrichten, die Hoffnung machen.
Hans-Joachim Löwer
KAPITEL 1
SULAIMANIA
„Eine un-orientalische Freiheit“
Wie eine Fürsten-Dynastie das Tor zur Welt aufstieß
Der Weg zu den Wurzeln eines Volkes ist voll von Windungen. Drei Leute helfen mir in Sulaimania, der „Kulturhauptstadt der Kurden“, bei meiner Spurensuche.
Der Erste heißt Fuad Baban. Er ist praktischer Arzt und hat seine eigene Klinik. Er saß zwei Jahre im Gefängnis, weil er für den Widerstand gegen Bagdad arbeitete, und vier Jahre im kurdischen Regionalparlament, als Bagdad seinen Einfluss zu verlieren begann. Seine Familie war vor 200 Jahren die Dynastie, die Sulaimania beherrschte – und den Kurden das Tor zu einer neuen Epoche aufstieß. Der Zweite heißt Sadik Ahmad. Er sitzt im einzigen großen Archiv der Kurden, „Jien“ genannt. Dort hütet er 500 Originalmanuskripte, Tausende von Dokumenten und 20.000 Bücher. Der Dritte heißt Scheich Salar al-Hafis. Er stammt ebenfalls aus einer angesehenen Familie, ist Rechtsanwalt und kämpft seit Jahren auf internationaler Ebene mit einer Flut von Papieren für die Sache dieses Volkes ohne Staat.
„In der Geschichte finden Sie die Antwort auf Ihre Fragen“, so oder ähnlich haben alle drei zu mir gesagt. „Lesen Sie doch einmal nach, was damals dieser Engländer über die Kurden schrieb.“ Ich stöbere in einem detaillierten Reisebericht von Claudius James Rich. Der Altertumsforscher reiste 1820 von Bagdad nach Ninive und streifte dabei durch die Heimat von Stämmen, die der Rest der Welt – wenn überhaupt – nur als kriegerische Nomaden kannte. Rich traf in Sulaimania ein – das war zu jener Zeit eine junge, kaum vierzig Jahre alte Stadt mit 10.000 Einwohnern – und notierte über sie erstaunliche Dinge.
„Mein Bad fand ich bemerkenswert hübsch, hell erleuchtet und gut in Schuss”, schreibt Rich. „Es sah besser aus als alle Bäder, die ich bislang im Osmanischen Reich gesehen hatte.“ „Ich war überrascht über die ganz un-orientalische Freiheit, die Söhne sich gegenüber ihrem Vater herausnahmen“, schreibt Rich. Er staunte, als er Mahmud Pascha Baban, den Herrscher über das kurdische Fürstentum, und dessen Sprösslinge besuchte. „Sie machten es sich vor ihm bequem und rauchten ihre Wasserpfeifen ohne die geringsten Umstände. So wie ich die Türken und Araber kenne – kein Sohn würde sich da vor seinem Vater einfach auf den Boden setzen.“ „In den Häusern laufen die Frauen ganz unbefangen mit den Männern herum“, schreibt Rich, „und ihre Hausarbeit verrichten sie ohne Schleier.“
Er traute seinen Augen nicht, als er vom Herrscher um zehn Uhr morgens zum Frühstück eingeladen war. Was da zum Verzehr zubereitet war, „hätte gereicht für ein üppiges Dinner“: ein ganzes Lamm, gegrillt und gefüllt, alle möglichen Sorten von anderem Fleisch, dazu die üblichen orientalischen Delikatessen, „serviert in persischem Stil“, aber „viel weniger fett und viel schmackhafter als alles, was ich je in Bagdad gegessen habe“.
Meine drei Führer durch die Geschichte der Stadt werden nicht müde, mir darzulegen, was für einen Sprung die Kurden schon vor 200 Jahren gemacht hätten. „Wir waren eben nicht nur Bergbewohner. Wir hatten auch schon eine Stadtkultur.“ Fuad Baban lädt mich in sein Haus ein. Es gibt frische Früchte, Nüsse und Tee und dazu Geschichten aus der Vergangenheit. Einer seiner großen Ahnen, Ibrahim Pascha Baban, tat schon im 18. Jahrhundert einen Schritt aus den Bergen heraus. Seine bisherige Residenzstadt Qala Tschuwalan lag zu weit abseits der Welt, deshalb ließ er zehn Kilometer entfernt eine neue Hauptstadt aus der Ebene stampfen. Sie wurde nach dem Gründer der Baban-Dynastie benannt. „Er hatte Bagdad gesehen“, erklärt mein Gastgeber, „so sollte auch Sulaimania aussehen, es war zu seiner Zeit die einzige größere Stadt in Kurdistan. Dafür holte er Baumeister und Künstler von überallher, die meisten kamen aus Persien.“ Sulaimania war 1784 fertig gebaut. Es hatte nicht nur Moscheen, sondern auch Märkte und öffentliche Bäder. „Und die Abwasserkanäle von einst“, sagt Baban, „sind heute noch intakt.“
„Die kurdischen Emirate waren eingezwängt zwischen Persien und dem Osmanischen Reich“, fährt der 74-Jährige fort. „Mal lagen sie mit einem der Nachbarn im Streit, mal hatten sie mit ihm eine Allianz. Aber immer gab es Verbindungen, kulturelle Beeinflussungen, Austausch von Ideen. Sulaimania war eine multikulturelle Stadt.“
Sadik Ahmad führt mich durch das Jien-Archiv. Wir schreiten an Bücherregalen und an einer Porträtgalerie mit berühmten Kurden entlang, dann stehen wir in einem Raum, wo all das gesammelte Material auf Mikrofilmen gespeichert wird. „Sulaimania hatte damals eine Bibliothek und eine islamische Schule“, teilt er mit. „Hier wurden die ersten Bücher in kurdischer Sprache verfasst.“ Ich nicke und spüre allmählich, was diese Herren mir mit all dem sagen wollen.
Sulaimania wurde das geistige Zentrum für eine kurdische Nationalbewegung. Hier rief 1922 Scheich Mahmud Barsindschi, den die Briten zum Gouverneur ernannt hatten, ein Königreich Kurdistan aus. Hier erschien 1920 das erste Schulbuch in kurdischer Sprache. Hier wurden, zumindest für die Oberschicht, die ersten Mädchenschulen der Region eingerichtet, wenn auch noch versteckt in privaten Häusern. Sulaimania war nicht von einer Schutzmauer umgeben – es war ein Symbol, dass die Stadt offen zur Welt sein wollte.
Die Große Moschee wurde nach der Gründung Sulaimanias in zwölf Jahren erbaut und 2012 restauriert. Hier treffe ich Scheich Salar, den Vorsteher der Moschee. Er hat dicke Wälzer über die Geschichte der Stadt und der Kurden geschrieben und ist so etwas wie der Hüter der Erbes seiner geistigen und geistlichen Vorfahren. „Es gab einmal einen Scheich Mohammed, der hat demonstrativ eine assyrische Christin geheiratet“, erzählt er. „Er war der Führer der Muslim-Gemeinschaft – und trotzdem wollte er deutlich machen, dass in dieser Stadt auch Christen unter seinem Schutz stehen. Den Sohn, den die Frau ihm gebar, nannte er gar Isa – das ist der arabische Name für Jesus.“
Man mag es kaum glauben, was dieser Mann da sagt. Nur hundert Kilometer entfernt von hier käme heute kein Muslim auf die Idee, eine Christin zu heiraten, ohne dass sie vorher zum Islam konvertiert. Es würde ihn nämlich ganz schnell den Kopf kosten – im 21., nicht im 19. Jahrhundert!
Wir gehen zu den Gräbern von Kurden, die Grundsteine für das gelegt haben, was heute in diesem Land heranwächst. Am Rand des großen Gebetssaals liegen elf Mitglieder der Baban-Dynastie begraben. In einem anderen Teil der Moschee steht der Sarkophag von Scheich Mahmud, dem ersten kurdischen Nationalhelden. Hohe, reich verzierte Gitter säumen die Ruhestätte. Besucher strömen in Scharen herein. Männer erheben stehend ihre Hände, Frauen drücken kniend ihre Köpfe gegen die metallenen Stäbe. Feierlich verharren die Menschen vor diesem Grab. Ein Volk, so scheint es, verneigt sich hier vor seinem ersten großen Führer.
Scheich Mahmud, 1881 geboren, läutete das blutigste Jahrhundert in der Geschichte der Kurden ein. Er entstammte einer Familie, der die geistige Führung der Region oblag. Die Weltmacht Großbritannien, die nach dem Ersten Weltkrieg das Gebiet beherrschte, setzte ihn als Gouverneur ein, um so die Region indirekt regieren zu können. Barsindschi aber weigerte sich, als bloßer Befehlsempfänger zu fungieren. Er ließ Sulaimania von kurdischen Kämpfern besetzen, kurdische Briefmarken drucken und eine kurdische Flagge mit einem Mond auf grünem Untergrund aufziehen. Er wollte auf den Trümmern des untergegangenen Osmanischen Reiches seinen eigenen Staat gründen.
Barsindschi kämpfte, so war es Tradition, selber mit der Waffe in der Hand an der Front. Die heranrückenden britischen Truppen nahmen ihn, schon schwer verwundet, 1919 am Pass von Basian gefangen. Sie verbannten ihn auf die indischen Andaman-Inseln und nahmen in Kurdistan das Zepter nun direkt in die Hand. Damit hatten sie bald fast alle kurdischen Stämme gegen sich, die noch nie zuvor in der Geschichte eine Zentralgewalt akzeptiert hatten. 62 Würdenträger aus den Gebieten um Mossul, Erbil und Sulaimania forderten in einem Memorandum die Unabhängigkeit, und es hagelte Petitionen, in denen die Rückkehr Barsindschis verlangt wurde.

Einmal Peschmerga, immer Peschmerga:
Mohammed Sahid steht mit 85 Jahren noch an der Front.
Die Engländer gerieten ins Schwanken. 1922 holten sie, um des lieben Friedens willen, den Scheich aus der Verbannung zurück. Kaum zwei Monate später rief Scheich Mahmud sich zum König der Kurden aus. Zwei Jahre lang wehrten sich die mit ihm verbündeten Stämme gegen die Briten. Die setzten wiederum Truppen in Bewegung und auf Sulaimania regneten Brandbomben nieder. 1924 brach der erste große Kurdenaufstand zusammen.
„Unser Nationalismus war immer defensiv“, sagt Scheich Salar, der mich um das Grab herumführt. „Er war und ist nie gegen andere gerichtet. Wir lassen nur nicht zu, dass man uns das Recht auf Selbstbestimmung nimmt.“
SULAIMANIA
„Schlafen verboten“ steht auf den Schildern im Innenhof der Großen Moschee. Was aber tun all die Männer, die sich da auf dem Boden ausgestreckt haben? Sie schlafen, ausnahmslos. Die Mittagssonne brennt, wo sonst gibt es vor ihr einen so guten Schutz? Selbst im Schatten sind es fast 40 Grad.
Ich schaue Scheich Salar al-Hafis, der mich begleitet, fragend an. Er winkt ab und lächelt milde. Allah ist in Kurdistan eben nicht so streng.
KAPITEL 2
BARSAN
„Wir strecken die Hände aus“
Woher der Geist der Versöhnung weht
Noch einmal stehe ich vor einem Grab. Es liegt ganz unscheinbar, fast versteckt, an einem Hang des Berges Schirin. Seit gut deißig Jahren ruht hier der größte Sohn des Landes, der Übervater der Kurden. Wäre ein Stück dahinter nicht eine Gedenkstätte gebaut worden, so liefe man Gefahr, ganz achtlos an diesem Grab vorbeizugehen. Keine Tafel mit irgendeiner Inschrift. Keine Kerze, die feierlich flackert. Nur eine kleine, rechteckige Anhäufung von Erde. Nichts, absolut nichts verrät dem Besucher, wer dieser Tote ist. So wollte es Mustafa Barsani. Schlicht, wie er sein Leben führte, wollte er auch bestattet sein.
Zwei hochkant aufgestellte Steinplatten markieren die Lage des Toten, das ist islamischer Brauch. Sohn Idris, der nur acht Jahre später starb, wurde neben seinen Vater gebettet. Eine hüfthohe Steinmauer grenzt das sechs mal sechs Meter große Geviert ein, man kann sich mit den Händen auf sie stützen. Besucher stehen stumm und andächtig an diesem historischen Platz.
Ein Stück weiter unten liegen fast hundert Männer begraben, die an Barsanis Seite gekämpft haben. „Peschmerga“ nennen die Kurden bis heute all jene, die für die Freiheit ihres Volkes zu den Waffen greifen. Die Bezeichnung bedeutet auf Deutsch: „Die dem Tod ins Auge Sehenden.“ Wer seinen Einsatz mit dem Leben bezahlt, der gilt als „Märtyrer“. Das, aber wirklich nur das, haben sie mit den Islamisten gemein, die heute das Land der Kurden bedrohen.
Der Wind säuselt durch die Blätter der Bäume, die ein wenig Schutz vor der stechenden Sonne bieten. Sanft weht die Brise über die herrliche Landschaft, so als wolle sie alle Wunden streicheln, die sie in den vergangenen hundert Jahren erlitten hat.
Barsanis Erben kamen vor ein paar Jahren zu dem Entschluss, dass sie sich in einem einzigen Punkt über den letzten Willen ihres toten Helden hinwegsetzen müssten. Sein Grab durfte einfach nicht länger einfach so vor sich hin dümpeln. Sie ließen auf einer terrassierten Fläche ein mächtiges Halbrund aus Beton errichten – eine Art Kulturzentrum mit Museum und Veranstaltungsräumen.
Wieder suche ich, diesmal tief in den Bergen, nach den geistigen Wurzeln dieses Volkes. Woher kommt es, dass die irakischen Kurden so ganz anders „ticken“ als ihre Nachbarn? Warum glaubt heute jeder, der in ihr Land kommt, plötzlich in einer anderen Welt zu sein, obwohl sie auf der Landkarte schier eisern umschlossen scheint von Arabern, Türken und Persern?
„Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen“, sagt Mebaschar Hado. Kurden lieben Geschichten, das haben sie aus den Zeiten mitgenommen, in denen es noch kein Fernsehen gab. Da saßen sie in ihren einsamen Dörfern tagsüber vor dem Haus beim Tee, abends drinnen auf dem Teppich bei Huhn und Reis und tauschten die neuesten Nachrichten aus. Mebaschar gehört zum „Gastfreundschaftskomitee“ dieser Gedenkstätte und hat sich für mich ein paar Stunden freigenommen. Denn er will mir erklären, welcher Geist vom Grab des Mustafa Barsani ausgeht.
Er berichtet von einer der vielen Schlachten, die zu Marksteinen in der Geschichte der Kurden wurden. 1932 war es, bei Dola Waje, gar nicht weit entfernt von hier. Die Kurden hatten sich wieder einmal gegen die Zentralregierung in Bagdad erhoben. Eine irakische Spezialeinheit, aus der Luft unterstützt von britischen Flugzeugen, rückte gegen sie vor. Die Peschmerga leisteten zunächst keinen Widerstand, lockten die Soldaten immer tiefer ins Tal von Barsan hinein. Sie hatten beiderseits die Höhen besetzt, von dort nahmen sie dann den Feind unter Feuer. Am Ende war es ein Kampf Mann gegen Mann und ein irakischer Soldat schoss dem jungen Barsani, der einen Rebellentrupp kommandierte, eine Kugel in den linken Arm. Die Peschmerga überwältigten ihn und wollten ihn auf der Stelle töten. Barsani aber, gerade einmal 29, fiel ihnen in die Arme. „Lasst ihn leben!“, befahl er. „Er ist ein tapferer Mann.“ Der gefangene Schütze traute seinen Ohren nicht. „Ich bin Kurde“, brach es aus ihm heraus. Von nun an wollte er nicht mehr für Bagdad kämpfen und wurde sozusagen undercover ein wertvoller Informant für die Aufständischen. Die Kurden, so endet diese Geschichte, gewannen die Schlacht. Sie erlaubten, dass alle verwundeten Feinde zu ihren Einheiten zurückgebracht wurden – und halfen in vielen Fällen sogar beim Transport.
Mebaschar macht eine Pause und denkt nach. Dann fällt ihm eine zweite Geschichte ein. Sie spielt 1947, kurz bevor Mustafa Barsani, nunmehr 44, ins Exil in die Sowjetunion aufbrach, das letztlich zehn Jahre dauern sollte. Seine Peschmerga zogen ausgezehrt durch kurdische Dörfer. „Er hat ihnen trotzdem streng verboten, von den Einwohnern Essen zu fordern. ‚Verlangt von ihnen nie etwas mit Gewalt‘, hat er ihnen eingehämmert. ‚Wie wollt ihr sonst ihre Sympathien gewinnen?‘“ Die Folge sei gewesen, dass die Dörfler den Kämpfern aus freien Stücken Nahrung angeboten hätten.
Dann ist da noch eine dritte Geschichte. Sie habe sich Ende der 1960er-Jahre ereignet, sagt Mebaschar. Da war Barsani schon ein alter Kämpe, die Kurden fochten noch immer für ihren eigenen Staat, und Bagdad war so wie eh und je entschlossen, sie lieber zu vernichten als zu verstehen. Ein Mann namens Nasim Kasas war damals Chef des irakischen Geheimdienstes, und er war aus nachvollziehbaren Gründen bei den Kurden besonders verhasst. Zwei junge Peschmerga traten vor Barsani und behaupteten, sie würden es schaffen, ihn umzubringen – mit einem Bombenanschlag auf sein Haus.
„Könnt ihr mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen, dass dabei auch noch andere ums Leben kommen?“, fragte sie der Kurdenführer.
„Nein, natürlich nicht“, antworteten sie. „Wie können wir so etwas garantieren?“
„Dann dürft ihr diesen Anschlag nicht machen“, entschied Barsani. „Merkt euch für immer: Nie dürft ihr Unschuldige töten!“ Mebaschar schweigt und lässt die Anekdoten wirken. „Mitkämpfer, die heute noch leben, brechen in Tränen aus, wenn von Mustafa Barsani die Rede ist“, fährt er fort. „Niemand war so gut zu den Leuten wie er.“ Noch eine Pause und dann fügt er hinzu: „Wenn er mit seinen Peschmerga einen Fluss durchqueren musste, stieg er immer als Letzter ins Wasser.“
Wir streifen über den seltsamen Friedhof, auf dem so gar nichts heroisch wirkt. Nur über unseren Köpfen, in 36 Meter Höhe, flattert die kurdische Flagge, wie sie von der autonomen Regionalregierung verwendet wird. Sie hat drei horizontale Streifen: Rot steht für das vergossene Blut, Weiß steht für den Frieden und Grün für die gebirgige Natur. Im Zentrum der Flagge scheint eine Sonne mit 21 Strahlen – eine uralte Glückszahl dieses Volkes.
Der Boden rund um das Dorf Barsan ist mit besonders viel Blut getränkt. Um den Peschmerga die Unterstützung zu entziehen, ließ Saddam Hussein ab 1983 Siedlungen in diesem Gebiet zerstören und Tausende von Männern hinrichten. Aber heute, dreißig Jahre danach, sind nicht einmal mehr Narben zu sehen. 59 Dörfer sind neu errichtet worden, teils mithilfe internationaler Organisationen, so wirkt die ganze Gegend wie ein einziges Neubauprojekt. Anfangs waren es Witwen, die mit ihren Kindern ein neues Leben begannen, mittlerweile gibt es in diesem Tal jedoch auch wieder tatkräftige Männer. „Wir haben Regenfälle von Oktober bis Mai“, sagt Mebaschar. „Viele Früchte wachsen hier ohne jede Bewässerung: Mandeln und Melonen, Trauben, Feigen und wilde Birnen.“
Ich treffe mit ihm den ersten, aber lange nicht den letzten erstaunlichen Menschen in Kurdistan. Er ist der lokale Chef des kurdischen Geheimdienstes Asaisch, wurde 1973 geboren und offenbart mir, dass er philosophische Werke von Locke, Descartes und Spinoza gelesen habe. „Schon als kleines Kind wollte ich immer Bücher haben“, erzählt er. „Ich wuchs im Iran auf, weil meine Eltern dorthin geflüchtet waren. Dort las ich viel über die kurdische, persische und europäische Geschichte.“ Nach seiner
Rückkehr, als erwachsener Mann, brachte er sich ganz alleine Englisch bei, mit Kopfhörer und Computer.
„Die Leute von Barsan haben schon an Umweltschutz gedacht, als es dieses Wort noch gar nicht gab“, sagt er. „Hier wurden die Bäume nie großflächig abgeholzt. Sie sehen ja, alles ist hier voller Bäume, daher ist die Landschaft besonders grün. Wissen Sie, was hier passiert ist? Eine echte Kulturrevolution!“
„Wie bitte?“, sage ich.
„Ja, das war das Werk von Scheich Abd al-Salam. Sie werden es nicht glauben, aber der setzte von 1885 an bahnbrechende Reformen durch.“ Er zählt sie der Reihe nach auf: Privater Großgrundbesitz wurde abgeschafft, der Boden unter den Bauern verteilt. Zwangsehen, von Eltern arrangiert, wurden ebenso verboten wie die damit verbundene Mitgift. Jedermann wurde vor dem Gesetz gleich. Die Moschee war nicht mehr nur eine Gebetsstätte, sondern auch ein Raum für Diskussionen und Schlichtung von Streitereien. In jedem Dorf wurde ein Komitee gegründet, das sich um die Belange der Allgemeinheit zu kümmern hatte. Es war wie ein Urkommunismus, noch ehe die Oktoberrevolution ausbrach, und wie ein republikanischer Minikosmos, während große Teile Europas noch von Kaisern und Königen regiert wurden.
„Humanität war das Topthema jener Zeit“, findet Mebaschar. „Die lokalen Scheichs gingen in die Städte und saugten sich dort mit Informationen voll. Die neuen Ideen wurden zu einem Motto, unter dem sich sieben Stämme zu einer Art Konföderation zusammenschlossen: die Schiwani und Dolameri, die Misuri und Baroschi, die Nisari, Gardi und Harki Binadscheh – sie alle wollten von nun an nur noch Barsanis sein.“
Die ungestümen Demokraten von Barsan schickten 1907 ein Telegramm an die Hohe Pforte in Konstantinopel. Sie stellten an den Herrscher des Osmanischen Reiches, dem sie formell untertan waren, unerhörte Forderungen: In den Kurdengebieten sollte Kurdisch die Amts- und Schulsprache sein, der Gouverneur und seine Beamten Kurdisch sprechen müssen, ein Teil der Steuern für den Bau von Straßen und Schulen in den Kurdengebieten verwendet werden. Für den Sultan war das nichts anderes als Aufruhr und Abtrünnigkeit. Sieben Jahre später wurden Abd al-Salam und dessen drei Leibwächter von einem kurdischen Scheich, der heimlich mit den Türken paktierte, verraten: Sie waren eingeladen, bei ihm zu übernachten, und wurden von seinen Leuten im Tiefschlaf überwältigt. Alle vier wurden in Mossul erschossen. „Das waren“, meint Mebaschar, „unsere ersten Märtyrer.“
Der Geist von Barsan ist die zweite große Quelle, aus der die heutigen Kurden schöpfen.
„Wir haben nie andere Völker angegriffen, sondern immer nur uns selbst verteidigt“, sagt Mebaschar. „Aber wir lassen auch nie zu, dass man uns unsere Rechte nimmt. Wenn wir kämpfen, schauen wir dem Gegner ins Auge – wir schießen ihm nie in den Rücken.“
Ich trinke meinen letzten Tee und wir sprechen über die Kraft zur Versöhnung. Etwa 200.000 Kurden haben, aus welchen Gründen auch immer, unter Saddam Hussein dem Regime in Bagdad gedient, meist als Polizisten und Soldaten. Sie trugen die Uniform des Feindes und wurden daher dschasch genannt, auf Deutsch etwa „Arschlöcher“. Als Saddam stürzte, wurde kein Einziger von ihnen bestraft. Die dschasch zogen ihre Uniformen aus, gingen nach Hause zu Frau und Kind, erlebten keinerlei Vergeltung.
Mebaschar reicht mir zum Abschied die Hand. „Wir sind es gewohnt“, sagt er, „die Hand auszustrecken.“ Für ein paar Stunden habe ich fast vergessen, dass ich im Nahen Osten bin.
„Wir sind halt irgendwie anders“, meint der Geheimdienstmann mit den philosophischen Werken im Regal. „Anders als die Araber – aber auch anders als ihr im Westen.“
ERBIL
„In Bagdad haben sie Mauern errichtet“, sagt Massud Abdul Khalek, Chef der Wochenzeitung „Standard“ und einer der bekanntesten kurdischen Intellektuellen. „So groß ist inzwischen der Hass zwischen Sunniten und Schiiten. Wie soll da jemals noch ein einheitlicher Staat funktionieren? Ihr Deutschen habt doch selber einmal eine Mauer gehabt. Ihr wisst, was das bedeutet.“
In Kurdistan leben eine Menge arabischer Sunniten und Schiiten. Sie machen Geschäfte miteinander und leben friedlich nebeneinander – in einem Ambiente, das von Kurden geprägt ist. Aber außerhalb Kurdistans gehen sie einander an die Gurgel – in einem Ambiente, das von ihnen selber geprägt ist. Allein 2014, so UN-Angaben, kamen im Irak 12.282 Menschen durch Anschläge und gewalttätige Auseinandersetzungen ums Leben – durchschnittlich 34 pro Tag.
Massud drückt diesen Unterschied so aus: „Sie bekämpfen sich im Schatten von Dattelbäumen – aber nicht im Schatten von Nussbäumen.“
KAPITEL 3
HALABDSCHA
„Wir hatten keine Ahnung, was das war“
Wie ein Kurde das Giftgas-Massaker überlebte
„Wir saßen bei unseren Nachbarn im Keller“, erzählt Omed Raschid. „Seit Tagen schon kreisten Flugzeuge über der Stadt, und wir hörten, wie Bomben einschlugen.“ Peschmerga hatten die irakischen Truppen aus Halabdscha vertrieben, nun kam der Gegenangriff aus der Luft. „Eigentlich fühlten wir uns halbwegs sicher in unserem kleinen Bunker. Aber dann fehlte es auf einmal an frischer Luft. Es begann nach Äpfeln und Knoblauch zu riechen. Wir hatten keine Ahnung, was das war.“
Es war der 16. März 1988. Ein Tag, der wie kein anderer in die Geschichte menschlicher Gräueltaten einging. Nichts hat die Welt in jenem Jahr mehr geschockt als die Bilder von krepierten Kurden, die auf Gehsteigen lagen wie weggeworfene Spielpuppen, und das Foto eines leblosen Mannes, der ein kleines, ebenso lebloses Kind noch schützend in den Armen hielt – ein verzweifelter, aussichtsloser Versuch, den unsichtbaren, unheimlichen Tod fernzuhalten.
Ein Museum kann das Massaker lediglich dokumentieren, so wie es die Gedenkstätte in Halabdscha tut. Eine Stunde lang bin ich durch die Hallen des Grauens gelaufen und hatte alle Bilder wieder vor Augen, die sich vor mehr als 25 Jahren tief ins Gedächtnis eingegraben hatten. Doch auch die beste Ausstellung hinterlässt nicht so viel Wirkung wie die Worte eines einzelnen Menschen, der das Inferno überlebt hat. Daher sitze ich nun mit Omed zusammen. Er wurde, seines Schicksals wegen, als Führer für Besucher ausgewählt. Die Geschichte, die er erzählt, dauert deutlich länger als ein Rundgang. Es ist eine der Geschichten, die ein kollektives Trauma der Kurden geschaffen haben.
„Die Mutter war mit uns Kindern allein“, berichtet Omed, der damals 14 war. „Mein Vater war im Krieg. Er musste als irakischer Soldat gegen die Truppen des Iran kämpfen.“ Ein weltlicher Diktator – Saddam Hussein – lag seit acht Jahren mit einem geistlichen Diktator – Ajatollah Khomeini – in einer blutigen Fehde. Um den Erzfeind zu schwächen, gab Teheran den aufständischen Kurden militärische Unterstützung. Das hatte Folgen, die die Kurden noch zu spüren bekommen sollten. Halabdscha war nur ein Glied in einer tragischen Kette – aber es war das Ereignis, das Entsetzen verbreitete wie keines sonst. 5000 Menschen starben in dieser Stadt qualvoll an einem einzigen Tag. Omed spricht leise, nüchtern, ohne Gesten und mit fast monotoner Stimme. Es ist ein akustisches Protokoll, bei dem jeder Satz wie ein Bombeneinschlag wirkt.
„Weil wir nicht mehr richtig Luft bekamen, rannten wir aus dem Keller hinaus auf die Straße“, erzählt der Augenzeuge. „Da hörten wir, was die Leute schrien. ‚Chemische Waffen, chemische Waffen!‘ Wir hatten zwar schon etwas davon mitbekommen, dass diese neue Art von Bomben auf kurdische Dörfer geworfen worden waren. Aber wir wussten wirklich nicht, was wir dagegen machen sollten.“
Die irakischen Truppen setzten gegen die Kurden zwei Arten von giftigen Kampfstoffen ein: Senfgas, das die Haut zu Blasen anschwellen lässt und die Bronchien zerstört, und Nervengas, das die Atemmuskeln lähmt; beide führen letztlich zum Ersticken. Gegen Giftgas hilft nur eine Schutzmaske. Oder man rennt so schnell wie möglich einen Berghang hoch, um so den toxischen Schwaden zu entfliehen, die langsam zu Boden sinken. In Halabdscha aber gab es weder Masken noch nahe gelegene Hänge. So rannte Omeds Familie geradewegs in die verseuchte Luft hinein.
Auf der Straße vor ihrem Haus stand ein Pick-up, den irgendjemand organisiert hatte. Von allen Seiten sprangen Menschen auf die Ladefläche, schon nach wenigen Minuten war kein Platz mehr frei. So klammerten sich Leute noch von außen an das Auto, und als der Kleinlaster anfuhr, fielen schon die Ersten herunter. Der Fahrer stoppte und stieg aus, um den Gestürzten wieder hinaufzuhelfen. Aber plötzlich rief er: „Ich kann nichts mehr sehen!“ Er geriet ins Stolpern, taumelte, fiel hin und blieb reglos liegen. Die Leute sahen, wie Schaum aus seinem Mund floss.
„In den nächsten Stunden fielen immer noch Bomben“, fährt Omed fort. „Was sollten wir machen? Wo sollten wir hin? Wir waren mehr als zwanzig Leute, hatten aber niemanden, der das Auto fahren konnte. So blieben wir einfach auf dem Pick-up sitzen und erwarteten die Dunkelheit. Die Nacht, so hofften wir, würde ein wenig Ruhe bringen.“ Als die Dämmerung hereinbrach, sah Omed noch, wie die Mutter ihr jüngstes, sechs Monate altes Baby stillte.
Es wurde still, geisterhaft still in dieser Nacht. „Meine Augen tränten, mein Atem ging ganz schwer“, erinnert sich Omed. Er rief nach seiner Mutter, seiner Schwester, seinen zwei Brüdern, die sich alle auf dem Pick-up befanden. Aber es kam keine Antwort und auch das Baby gab keinen Laut mehr von sich. Waren sie etwa alle eingeschlafen? Als es hell wurde, konnte er seine Familie erblicken. Er stieß die Mutter, die Brüder und die Schwester an. Aber sie rührten sich nicht. Da wurde ihm klar, dass er von diesem Tag an allein auf der Welt war. „Fast alle, die auf dem Pick-up saßen, waren tot. Nur vier Burschen und eine alte Frau waren noch am Leben.“
Sanitäter und Journalisten kamen aus dem Iran über die nur sechzehn Kilometer entfernte Grenze. Sie brachten Omed und all diejenigen, die noch nicht gestorben waren, zu einem Sammelplatz. Er wurde, an das erinnert er sich noch, in einen Helikopter geladen. Dann verlor er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, lag er in einem iranischen Krankenhaus. „Ich hatte unglaublichen Durst und schrie nach Wasser. Aber niemand kam, um mir etwas zu trinken zu geben.“ Da griff er in seiner Verzweiflung zur Selbsthilfe. Er riss die Kanüle an sich, die zu einer Nadel in seinem rechten Arm führte. „Ich hatte keine Ahnung, was durch dieses Röhrchen floss. Aber das war mir völlig egal. Ich wollte nur trinken, nichts als trinken. So saugte ich wie wild an der Kanüle – und derweil floss das Blut an meinem Arm hinunter.“
Zwei Schwestern stürzten ins Zimmer und riefen: „Was hast du denn da gemacht?!“ Sie stoppten die Blutung, brachten die Kanüle wieder an. Dann kam Omed unter die Dusche, um die Haut vom Gift zu reinigen. „Du kannst wirklich von Glück reden, dass du noch am Leben bist“, sagte eine Schwester. Zusammen mit anderen wurde er in einen Bus gelegt, aus dem alle Sitze ausgebaut worden waren. Der Bus sollte sie, das hörte er, in ein anderes Hospital bringen. Dann schwanden Omed erneut die Sinne.
Bei der Ankunft am Ziel stellten die Sanitäter fest, dass der Junge sich nicht mehr bewegte. Sie glaubten, auch ihn habe es nun erwischt. So wickelten sie ihn in ein Leichentuch und legten ihn in einen anderen Bus, der nur mit Toten beladen war. Der Bus fuhr zu einem Friedhof. Dort merkte einer der Bestatter, dass sich eines der Menschenbündel, die er aus dem Bus zog, noch regte. Auf diese Weise entging Omed dem Schicksal, lebendig begraben zu werden. Als er im Lazarett des Lagers Serofarsch wieder erwachte, hörte er die Leute zu ihm sagen: „Du warst deinem Grab schon ganz nah!“
Bald darauf rannte er im Lager umher und suchte nach Verwandten. Vielleicht hatte ja jemand das gleiche Glück gehabt wie er? Ein Bekannter riet ihm, das Lager Hersin aufzusuchen, dort ging er eine Woche lang von Zelt zu Zelt. Am Ende fand er einen Cousin und zwei Cousinen, sie fielen sich weinend um den Hals. Ein Jahr lang blieben sie bei einem Onkel und einer Großmutter, die in Saqqez lebten. Er wusste nicht, was aus seinem Vater geworden war. Trotzdem beschloss er, nach Halabdscha zurückzukehren.
1989 war das Jahr, in dem die „Anfal“-Kampagne vor ihrem Abschluss stand. „Anfal“ heißt auf Arabisch „Beute“, ein treffender Code für eine Operation, die den Kurden ein für alle Mal das Rückgrat brechen sollte. 4500 Dörfer wurden zerstört, 250 davon mit chemischen Waffen angegriffen. 1700 Schulen sanken in Trümmer, 2450 Moscheen und 27 christliche Kirchen.
1,5 Millionen Kurden wurden aus den Bergen vertrieben und in neue, tiefer gelegene Dörfer zwangsumgesiedelt. Ali Hassan al-Madschid, der zuständige Gouverneur, hatte den Befehl ausgegeben, alle Männer zwischen 15 und 70 Jahren hinzurichten. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schätzt die Zahl der „Anfal“-Opfer auf 50.000 bis 100.000, die Kurden sprechen von 182.000.
Omed hatte noch ein letztes Mal Glück, dass er mit dem Leben davonkam. Irakische Soldaten ergriffen ihn, brachten ihn aber nicht um. Stattdessen schleppten sie ihn zur Geheimpolizei. Dort fluchten und prügelten sie auf ihn ein, schließlich kam er in ein Internierungslager bei Erbil, in dem es von Schlangen und Skorpionen wimmelte. Der letzte große Aufstand der Kurden, der 1991 nach der Invasion der US-Truppen losbrach, brachte ihm die Freiheit – das Lager wurde von Kurden gestürmt.
„Ich freue mich nie, wenn Menschen getötet werden“, sagt er. Aber eine Nachricht, das gibt er zu, hat doch so etwas wie Jubel in ihm ausgelöst. Al-Madschid wurde 2003, nach Saddams Sturz, von amerikanischen Soldaten festgenommen. „Die Kurden schossen an diesem Tag vor Begeisterung in die Luft. Für mich war es ausgerechnet mein Hochzeitstag – wir hatten wirklich eine doppelte Freude.“ „Chemical Ali“, wie sie ihn alle nannten, stand vier Mal vor dem Kadi, einmal wegen Völkermords, zweimal wegen der blutigen Niederschlagung von Schiiten-Rebellionen, schließlich wegen des Giftgasangriffs auf Halabdscha. Vier Mal lautete das Urteil auf Tod durch den Strang. „Der Mann hatte“, meint Omed, „nichts anderes verdient.“
Seit 2009 tut Omed seine Arbeit im Museum, umgeben von Bombensplittern und grauenhaften Bildern. Die Szene auf dem Pick-up, die er miterlebte, ist an eine Wand gemalt. Mehr als 25 Jahre ist das nun her, und er weiß nach wie vor nicht, wo seine Familie begraben liegt. Die Nächte, lässt er uns wissen, seien das Problem. Da werde er noch immer von Albträumen geschüttelt.
Und manchmal wacht er auf, weil er heftig husten muss. „Die Träume und der Husten“, sagt er, „das sind zwei Dinge, die wohl für immer bleiben werden.“
SULAIMANIA
Ein Intellektueller mit vier Leibwächtern? Das gibt es nicht so oft auf der Welt. Mamosta Dschafar hat 14 Exiljahre in Deutschland gelebt, an der Universität Göttingen Soziologie, Ethnologie und Politische Wissenschaften studiert, dann ein Dolmetscher- und Übersetzerbüro eröffnet. Unter dem Namen Fadil Ahmad hat er viel über die Kurden geschrieben, sein Wissen über die Kultur seines Landes ist eine unerschöpfliche Quelle. Die beiden großen Parteien des Landes schmücken sich gern mit solchen Leuten. Dschafar betreibt heute historische Forschungen für die PUK. Und dafür zeigt sich die Partei erkenntlich. „Insgesamt habe ich 16 Leibwächter“, teilt Mamosta mit. „Sie teilen sich in Vierergruppen auf, jede Gruppe arbeitet eine Woche für mich.“ In Kurdistan verdienen schätzungsweise 200.000 Männer als Sicherheitsleute ihr Geld.
KAPITEL 4
SULAIMANIA
„Das hier war wirklich die Hölle“
Wie ein Foltergefängnis zu einem Museum wurde
Amna Suraka, die „Rote Sicherheit“, war für die Kurden so etwas wie ein rotes Tuch. Das Gefängnis aus Backstein lag mitten in der Stadt und war doch kein Teil von ihr. Es war ein Fremdkörper, Feindesland, Hassobjekt. Der irakische Geheimdienst Mukhabarat, Saddam Husseins wichtigstes Herrschaftsinstrument, wütete darin. Ein breiter Sicherheitsgürtel zog sich um die Mauern, kein Mensch durfte da entlangspazieren. Die Einwohner von Sulaimania mieden diesen Ort aber auch aus freien Stücken. Sie hatten keine Lust, dieses hässliche Symbol der Tyrannei auch nur von außen zu sehen – geschweige denn von innen.
Ich trete in den Innenhof und spüre etwas von dem Triumph, den die Kurden empfunden haben müssen, als ihnen diese Stätte der amtlich verordneten Brutalität in die Hände fiel. 1991, als US-Truppen den Irak besetzten und das Regime Saddam Husseins zum ersten Mal wankte, brach sich hier die Volkswut ihre Bahn und das Gefängnis wurde gestürmt. Erbeutete Panzer und Mörser aus den Beständen der irakischen Armee stehen heute als stumme Zeugen hier herum: ein Schrottplatz als Sinnbild der Befreiung. Auf den Mauern liegen wie damals Stacheldrahtrollen. Amna Suraka wurde großteils so belassen, wie es war. Es ist heute ein Museum des Schreckens.
Ein 55-jähriger Kurde ist an meiner Seite. Tahsin Kader ist sein Name, der Mann kennt sich hier besonders gut aus. Er war im Untergrund für die Peschmerga tätig, deshalb hatten Saddams Häscher ihn schon lange auf ihrer Liste, und an einem Januartag des Jahres 1990 schlugen sie zu. Sie stellten ihn auf einer Straße, er versuchte noch davonzurennen, aber schließlich hatten sie ihn. Er wehrte sich verzweifelt gegen seine Festnahme, sein linker Arm wurde dabei gebrochen, so hatte er letztlich keine Chance. Sie verbanden ihm die Augen, und als sie ihm das Tuch abnahmen, lag er in einer finsteren Zelle. Von diesem Tag an versuchten sie fünfzehn Monate lang, diesen Häftling in Amna Suraka zu brechen.
Wir gehen durch schmale Flure mit grauen Wänden, grauen Zellentüren und grauen Gittern. Wir kommen an vier Gemeinschaftszellen für Männer vorbei, diese waren damals stets vollgestopft, und an einer Gemeinschaftszelle für Frauen, dort wurden auch mehrere Kinder geboren. Skulpturen aus Gips tauchen vor uns auf, Werke des Künstlers Kamaran Omer: zwei Kinder, die sich an den Händen halten, und ein Häftling, der an eine Wand gekettet ist. Dreizehn Einzelzellen hatte das Gefängnis, sie waren gerade einmal drei Quadratmeter groß. Wir sehen gekritzelte Graffiti und schmutzige Decken auf dem Boden, man hat sie als Blickfang für den heutigen Besucher liegen lassen.
„Das hier ist Atta Ahmad Kader“, erklärt Ex-Häftling Tahsin und zeigt auf eine Statue. Atta war Lehrer und sang im Gefängnis immer wieder die Hymne des freien Kurdistan, mochten ihn die Wärter deswegen auch noch so fürchterlich prügeln. Er sang so laut, dass die anderen Gefangenen es hörten, es war wie eine Injektion, die alle Insassen stärken sollte. Er wurde ins Gefängnis Abu Ghraib verlegt und dort hingerichtet. „Atta ist“, so Tahsin, „zu unserem Widerstandshelden geworden.“
Tahsin weiß noch genau, wohin er damals gebracht wurde. Er trug die Häftlingsnummer 8 und landete in einer der Einzelzellen. „Jeder von uns hatte drei kleine Schalen: eine für das Essen, eine für Wasser, eine für Urin und Kot. Sie standen immer nebeneinander und es stank fürchterlich.“ Morgens um sieben gab es ein Stück Brot mit Tee oder Suppe, mittags Reis mit Suppe, das war’s. Manchmal hob er vom Mittagessen ein wenig auf, um abends noch einen Bissen zu haben. Wasser gab es einmal am Morgen und einmal am Abend, insgesamt einen Liter pro Tag. „Zweieinhalb Monate saß ich in dieser Zelle“, berichtet Tahsin. „Manchmal, wenn kein Wärter in der Nähe war, wisperten wir Neuigkeiten in die Nachbarzelle hinüber. Wir machten uns gegenseitig Mut. Als Saddam Hussein Kuwait besetzte, klammerten wir uns daran, dass die Amerikaner kommen würden – es war wie ein Traum, den wir ständig träumten.“
Wir kommen in die zwei schlimmsten Räume. In ihnen wurden die Häftlinge verhört. Die Gipsfiguren, ebenfalls von Kamaran gefertigt, zeigen auf realistische Weise, wie das vor sich ging. Wer nicht reden wollte, wurde rücklings auf den Boden gelegt. Zwei Männer banden seine Füße an eine Stange, die sie dann in Hüfthöhe hochzogen, sodass die Füße schräg nach oben zeigten. Ein Dritter schwang einen Stock und ließ ihn auf die Fußsohlen niedersausen. „Das war gar nicht mal so schlimm“, meint Tahsin, „das haben viele ausgehalten.“ Ich starre ihn ungläubig an, schon wieder so eine erstaunliche Person. Er lächelt sanft wie ein christlicher Pfarrer, der einem armen Sünder verzeiht.
„Aber das hier war wirklich die Hölle“, sagt er, als wir in den nächsten Raum gehen, und nun schwindet das freundliche Lächeln doch aus seinem Gesicht. Hier hängt, in Lebensgröße, eine Skulptur an einem Balken unter der Decke und zeigt die Prozedur genau so, wie sie war. „Wir mussten uns auf einen Tisch stellen, die Arme auf dem Rücken gefesselt“, erklärt Tahsin. „Der Tisch hatte Rollen an seinen vier Beinen, den zogen sie dann unter uns weg.“ Die Gesetze der Physik marterten den Häftling auf unerbittliche Weise. Die Arme wurden nach oben gerissen und am Schultergelenk ausgekugelt. Die Schmerzensschreie, die die Gefolterten ausstießen, wurden oft per Tonband aufgenommen – und tags darauf so laut abgespielt, dass alle Insassen sie zu hören bekamen.
„Das war aber noch nicht alles“, fügt Tahsin hinzu. „Oft hat ein Wärter sich noch an mich gehängt, um meine Schmerzen zu erhöhen. Und der Verhörspezialist, der vor mir am Schreibtisch saß, ließ Stromkabel an meinen Genitalien anbringen – so haben sie uns zusätzlich mit Elektroschocks gequält.“ Acht Mal hat er hier an der Decke gehangen und acht Mal hat er den Mund nicht aufgemacht. Er bemerkt meinen fassungslosen Blick. „Ja, stimmt schon“, meint er, „in diesem Raum haben fast alle gestanden. Aber ich eben nicht.“
„Woher hatten Sie nur die Kraft, das zu überstehen?“, stoße ich hervor.
„Wir alle, die Peschmerga waren, wussten von Anfang, dass im Ernstfall der Tod auf uns wartet. Der Name ‚Peschmerga‘ sagt es ja aus. Außerdem wussten wir aber auch: Wer gesteht, rettet sein Leben eben nicht. Alle, die hier etwas preisgegeben haben, wurden nach ihrer Aussage erschossen. Durchhalten war also der einzige Weg, um am Leben zu bleiben. Und solange du lebst, lebt die Hoffnung in dir.“
Ich atme schwer, als wir den Raum verlassen. Doch die Hoffnung, erzählt Tahsin, ging tatsächlich in Erfüllung. Im März 1991 brach in Sulaimania, wie in allen Kurdengebieten, der letzte große Aufstand los. Die Kurden glaubten, nun sei ihre Stunde gekommen, weil die Amerikaner Kuwait befreit hatten und auf Bagdad vorrückten. Amna Suraka wurde vom Volk gestürmt, Tahsin aus seiner Zelle befreit, wie alle anderen Häftlinge auch. „Ich wog zwar nur noch vierzig Kilogramm“, sagt er. „Aber ich war am Leben geblieben.“
In den Büros der Geheimdienstleute gingen fast alle Akten in Flammen auf. Tahsin aber war klüger als die entfesselte Menge. Er füllte einen Sack bis oben hin mit Dokumenten, den schleppte er aus dem Gefängnis heraus. Der Weg zum Ausgang war mit Leichen übersät, alle erschossene Sicherheitsleute. „Glauben Sie mir, ich suchte mir mühsam einen Weg zwischen ihnen hindurch. Auf tote Körper treten – das ist doch irgendwie unmenschlich, oder?“

Vergossenes Blut für die kurdische Fahne: Darstellung im ehemaligen Gefängnis Amna Suraka
Wir gehen zusammen ins Obergeschoss. Dort hat Ako Ghareb, der Museumsdirektor, mit künstlerisch-kreativen Mitteln einen Raum zur Erinnerung an die Operation „Anfal“ gestaltet. Einst hatten Geheimdienstler in höheren Rängen hier einen direkten Verbindungsflur von ihren Büros zur Kantine. Nun ist daraus eine glitzernde Halle geworden, 24 Meter lang, 5 Meter breit, 5,5 Meter hoch, mit 182.000 Spiegelglassplittern, die die Zahl der Opfer repräsentieren. In einer Ecke hängen Karten mit farbigen Pfeilen, die Saddams Vernichtungskrieg generalstabsmäßig darstellen, und die Namensliste der Toten zieht sich – Rot auf Schwarz – schier endlos die Wände entlang. An der Decke leuchten 4500 kleine Lämpchen, sie symbolisieren die Zahl der zerstörten Dörfer. „Die Lichter sollen aussehen wie Sterne“, erklärt Ako. „Die Sterne sind die einzigen Zeugen, die wir haben.“
„Kommen Sie noch mit auf einen Tee?“, fragt Tahsin, der Mann, der dies alles überstand. „Mein Büro liegt gleich hier um die Ecke.“ 2006 bis 2009 war er Minister für Wasservorkommen, nun führt er ein Ingenieurbüro. Es liegt gerade mal 100 Meter von Amna Suraka entfernt.
„Hätten Sie sich“, so frage ich, „nicht eine schönere Nachbarschaft aussuchen können?“
„Mein Mithäftling Dr. Kamaran Karadachi hat es noch viel besser“, sagt er und lacht nun ganz herzhaft. „Er ist Lungenspezialist und hat eine eigene Klinik. Sehen Sie das Gebäude da drüben? Es liegt dem Ex-Gefängnis genau gegenüber. Wenn er will, kann er jeden Tag von seinen oberen Stockwerken aus mitten hineinschauen.“
Dann aber wird er ernst. Er meint, früher seien die Peschmerga-Führer nichts weiter als die Ersten unter Gleichen gewesen – „vergleichen Sie das einmal mit heute“. Früher seien die Kurden im Leiden geeint gewesen – heute drifte die Gesellschaft immer mehr auseinander. Der Kampf, für den er seine ganze Jugend hergab, sei noch immer nicht zu Ende. „Wir müssen jetzt“, sagt er, „den Kampf im Innern gewinnen – und das ist schwerer als gegen den Feind von außen.“
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