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Hans Joachim Gorny
Wohlstand macht unbescheiden
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Veränderungen
Schule
Schule
Altstadt
Natur
Zeitung
Klima
Aufreger
Glaube
Kaufen
Das Häuschen
Feuer
Feuer
Café
Digital
Schwanger
Barkeeper
Geschwister
Corona
Langeweile
Rentner
Impressum neobooks
Veränderungen
Wohlstand macht unbescheiden von Hans Joachim Gorny
In den menschlichen Genen fest verankert sitzt die Angst, zu kurz zu kommen. Das habe ich schon im Kindergarten festgestellt. Nun bin ich Rentner und seit meiner Kindheit hat die Welt sich erstaunlich gewandelt. Ich erlebte, wie meine Eltern, Nachbarn und Verwandte Fernseher anschafften und fahrbare Untersätze. Aus Mopeds und Motorrädern wurden Kleinwagen, dann Limousinen, schließlich SUVs. Die mir bekannten Familien legten sich immer mehr Haushaltsgeräte zu, die irgendwann mit Fernbedienung funktionierten. Heutzutage beherrschen den Haushalt mehr oder minder nützliche elektronische Geräte.
Die meisten meiner Bekannten können sich nun Fernreisen leisten, während sie in ihrer Kindheit vielleicht mal einige Wochen bei einem Onkel oder einer Tante verbringen durften. Ihre Schränke sind voller Klamotten, die sie sich schicken lassen. Einkaufen gehen kommt immer mehr aus der Mode. Selber machen auch; in den wenigsten Haushalten steht noch eine Nähmaschine oder gibt es noch eine Strickmaschine. Früher hatten unsere Mütter Kleider genäht und Pullover gestrickt. Von einem Schrank voller Schuhe konnte man in den fünfziger Jahren nur träumen. Schuhe wurden paarweise von Schuhmachern hergestellt, waren deshalb sehr teuer, meist klobig, aber robust.
Vor einem Computer sitzend seine Freizeit zu verplempern, war in meiner Kindheit jenseits aller Vorstellungen. Außerdem war freie Zeit ein seltenes Gut. Damals mussten die Normalsterblichen nach Feierabend und am Wochenende noch aufs Feld und in den Garten, die Lebensmittel baute man selber an. Die Leute hielten sich eine Kuh oder eine Sau, mehrere Milchziegen, Schafe, Hasen und Hühner. Fleisch, Wurst, Gemüse, Obst und Kartoffeln einzukaufen war unüblich, Supermärkte gab es keine, die Begüterten kauften auf dem Markt.
Wenn ich recht überlege: An verregneten Wintertagen oder in den langen Winternächten wäre so ein Computer gar nicht schlecht gewesen. Die unübersichtlich vielen Spiele hätten die dunkle Jahreszeit erheblich verkürzt.
Sowas wie das Internet hatten nicht einmal die besten Sciencefiction-Autoren auf dem Schirm. Selbst die durchgeknalltesten Fantasten konnten sich so etwas nicht vorstellen. Ohne dicke Bücher wälzen zu müssen, kann man heute Informationen und Wissen kostenlos im Netz abrufen. Auch die Stammtischbeiträge mit den hässlichen Kommentaren und giftigen Anfeindungen.
Vor den Computern fanden Plastikkarten in den Alltag. Kleine Plastikkarten machten die Moderne erst richtig spürbar. Kreditkarten, Karten von Banken, Krankenkassen, Versicherungen, Firmen, Payback-Karten und was weiß ich, was es noch alles gab. Anfangs wollten viele Leute möglichst viele Karten in ihrem Portemonnaie stecken haben, so fühlten sie sich up to date, wichtig und geschäftig. Kreditkarten hatten aber die wenigsten. Da mit der Zeit im Geldbeutel für Geld kein Platz mehr war, hat das Kartensammeln beträchtlich nachgelassen.
Seit die Menschen den Smartphones erlegen sind, ist die Welt noch mal eine andere. Die Leute gehen gebückt, voller Demut vor den Fähigkeiten ihrer Geräte. Der Homo sapiens ist zum Screen-Junky mutiert. Die heutige Bevölkerung beschäftigt sich lieber mit den digitalen Möglichkeiten, als mit ihren Mitmenschen. Sie lässt sich von Smartphones unterhalten, wird von mehr oder weniger nützlichen Informationen zugemüllt. Vereine haben Nachwuchsprobleme.
Aber weil Fernseher, Computer und Smartphones den Menschen wenig Zeit lassen, einander zuleide zu leben, ist zumindest Deutschland gewaltfreier geworden. Die Leute machen sich jetzt lieber via Internet das Leben schwer. Das strengt kaum an, mit Cyber-Mobbing kann man sich bequemer abreagieren und dabei sogar anonym bleiben. Das allerbeste an der heutigen Zeit ist aber die unbeschreibliche lange, für Geschichtsbewusste unbegreiflich lange, Friedenszeit. Ich bin noch mit Kriegsversehrten großgeworden, mit Leuten denen ein Arm, ein Bein oder beide Beine fehlten, die entstellt oder sogar blind waren. Diese Zeugen aus grausamen Kriegszeiten sind gänzlich aus der Öffentlichkeit verschwunden.
Heutzutage, über 70 Jahre nach dem 2. Weltkrieg, herrscht in Deutschland Wohlstand. Niemand muss frieren oder hungern, alle haben sauberes Wasser, alles ist immer verfügbar, das Leben ist Konsum orientiert, die Freizeitmöglichkeiten sind unerschöpflich, die ärztliche Versorgung hervorragend. Und ein großer Teil der Bevölkerung ist übergewichtig und unzufrieden.
Von klein auf interessierte mich, weshalb es so ist, wie es ist. Am meisten interessierte mich, wie die Welt funktioniert und wie die Menschen funktionieren. Schüchtern wie ich noch war, hielt ich mich oft abseits und beobachtete die Gestik, die Reaktionen und das Verhalten der Kinder, Kameraden und Erwachsenen. Und schüttelte des Öfteren ungläubig meinen Kopf, wenn ich hörte, was meine Mitmenschen so von sich gaben. Die meisten Menschen müssen immer reden, wobei sie es inhaltlich häufig nicht so genau nehmen. Vieles wird nur beiläufig erzählt, oft wird vor dem Plaudern nicht einmal nachgedacht. Leider passiert das manchmal auch mir, wonach ich mich über mich ärgere. Menschen sind auch immer neugierig; wenn ihre Neugier nicht bedient wird, bekommen sie schlechte Laune. Das hatte ich schon während meiner Grundschulzeit zu spüren bekommen, weil ich keine familiären Informationen preisgab.
In meiner 30-köpfigen Schulklasse war ich so ziemlich der Einzige, der ernsthaft am Geschichtsunterricht teilnahm. Weshalb ich eine Eins bekam. Die bekam ich auch in bildhafter Gestaltung, denn malen konnte ich wie kein Zweiter, sogar besser als meine hochintelligenten Geschwister. Auch Erdkunde, Biologie und Sport lagen mir so sehr, dass ich auch in diesen Fächern die Bestnote einheimste. Und in Religion. Aber nicht, weil ich mich religiös gab, nein, einfach nur deshalb, weil ich im Unterricht Faxen frei mitmachte ohne die Religionslehrerin zu ärgern. In den Hauptfächern dagegen ließ ich mich hängen, da war ich nur Mittelmaß. Quälte mich durch Physik, Mathe und Deutsch. Der fleißigste Hausaufgaben-Abschreiber der Klasse war ich.
Im Nachhinein denke ich, dass die meisten meiner Klassenkameraden für Gymnasium und Studium genetisch einfach noch nicht reif waren. Da fehlten noch ein, zwei Generationen Zivilisation. Das zeigte sich auch als sie Auto fuhren, jeder musste demonstrieren wie gut er es konnte. So leichtsinnig wie damals fahren heute nur noch von Wenige (Ausnahmen gibt es bei allem, immer und überall.)
Vom Charakter her bin ich meinen Eltern wenig ähnlich; eher dem Großvater mütterlicherseits, der ein cleverer Handwerker war, aber leider früh verstarb. Zu meiner eigenen und aller Überraschung wurde ich als Klassenbester aus der Hauptschule entlassen. Bei der Abschiedsfeier glänzten meine Eltern durch Abwesenheit. In den niederen Gestaden der Volksschule hatten sie sich nie blicken lassen, denn mein sieben Jahre älterer Bruder Franz und meine fünf Jahre ältere Schwester Katharina hatten sich beide mit einem Einser Abitur hervorgetan, was auch meinen Eltern, die meine Geschwister dahin getrieben hatten, Anerkennung brachte.
An meine Zeit im Kindergarten, um auf den zurückzukommen, habe ich intensive Erinnerungen. Mit Unverständnis und Verwunderung hatte ich festgestellt, dass es Kinder gab, die mich und andere grundlos ärgerten, Spiele oder Gebautes kaputt machten, Täschchen und Jacken versteckten. Es gab welche, die mit einer Selbstverständlichkeit logen, die mich fassungslos machte. Die schmutzigsten und disziplinlosesten Kinder waren die größten Angeber. Schon die Kleinen kennen Minderwertigkeitsgefühle. Die am wenigsten hatten und kannten, fantasierten sich ein schillerndes Elternhaus zusammen. Im Kindergarten lernte ich außer Süßigkeiten auch Streit und Aggression kennen. Bei mir zuhause konnte sich jeder beherrschen, nie wurde gebrüllt oder eine Tür zugeknallt.
Damals hatte ich noch nicht kapiert, dass es in anderen Elternhäusern weitaus unfeiner zuging als im eigenen. Dass es Kinder gab, die vernachlässigt und geprügelt wurden, denen daheim man Angst machte und unglaublichen Mist erzählte. Einige wurden von ihren Geschwistern furchtbar drangsaliert, wurden von ihnen oder von Verwandten, oder sogar von den eigenen Eltern, sexuell missbraucht. In einigen Wohnungen und Häusern regierte König Alkohol, es gab Kinder, die Alkohol geschädigt waren. Solche konnten Nerv tötend unruhig sein, unlogisch auf Annäherungsversuche reagieren oder aggressiv werden und ausrasten. In der Regel waren sie unkonzentriert und konnten dem Unterricht nicht lange folgen. Ich hatte Kameraden, die nach mehrmaligem Sitzenbleiben in der fünften Klasse entlassen wurden.
Der Aufwand, der heutzutage schon mit Kleinkindern betrieben wird, wäre damals peinlich gewesen. Sobald die Kinder der Wohlstandsbürger in die Schule kommen, rotieren deren Eltern noch höher. Das arme Volk reagierte anders, Armut macht gelassen, vielleicht auch phlegmatisch. Wohlstand macht unruhig, man hat etwas zu verlieren, der Fatalismus der Besitzlosen ist verloren gegangen. Im Wohlstand ist alles wichtig, der kleinste Missstand ist ein Aufreger, der eigene Vorteil und Materielles haben oberste Priorität. Wie man sein Geld am besten ausgibt, lässt so Manchen schlecht schlafen. Und wer was hat, der will noch mehr, verschuldet sich und führt, trotz Wohlstand, ein sorgenvolles Leben in Unsicherheit.
Mein Name ist Phillip Ludwig. Jetzt, mit fünfundsechzig Jahren, habe ich mir in den Kopf gesetzt ein Buch zu schreiben. Es drängt mich, die Unsinnigkeiten der Menschen zu beschreiben. Dabei sind auf diesem Planeten nicht die Frauen das Problem, sondern die vielen Ungeschickten, die es unter den Männern gibt. Sie dürfen aber keine geschliffene und tiefsinnige Abhandlung erwarten, denn ich bin ein Handwerker. Oder anderes herum, sie haben keine komplizierten Sätze zu befürchten.
Schule
Am 9. November 1955 wurde ich geboren. Der 9.11. ist ein Tag, an dem seit Jahrhunderten viele schreckliche Dinge passieren.
Zum Beispiel hatte Napoleon Bonaparte am 9. November (18. Brumaire VIII) 1799 geputscht und den Rat der 500 aufgelöst. Zahlreiche totbringende Feldzüge waren die Folge.
1848 wurde der deutsche Revoluzzer Robert Blum am 9.11. in Wien hingerichtet. Damals ein reichsweiter Skandal. Ausgerechnet am 9. November hatten die deutschen Truppen 1870 gegen die Franzosen bei Coulmiers ihr einziges Gefecht verloren. Am 9.11. 1918 hatte Kaiser Wilhelm der Zweite abgedankt, war 1923 der Putsch in München, 1938 die Kristallnacht. Um nur einige Daten zu nennen. An einem 9. November sind auch große Persönlichkeiten gestorben. Zum Beispiel 1970 Charles de Gaulle.
Der absolut einzige positive 9. November war 1989, als die Mauer geöffnet wurde.
Meine männlichen Vorfahren platzierten, seit Menschen Gedenken, vor ihrem Familiennamen den Namen eines ehemaligen französischen Königs; der weibliche Nachwuchs bekam den Namen einer französischen Königin. So hieß mein Urgroßvater Franz, wurde mein Opa als Karl getauft, mein Vater als Heinrich und mein älterer Bruder heißt wieder Franz, weil Franz I. ein so gigantischer König gewesen war, der allerdings mit den Bourbonen, die alle Ludwig hießen, nicht viel zu tun hatte. Ludwig Ludwig hieß noch keiner meiner Vorfahren. Meine Schwester wurde nach Katharina de Medici getauft, die mit Heinrich II. verheiratet war; ich selber nach Phillip, einem Bruder von Ludwig XIV. Aber mit doppel-„l“, nicht mit doppel-„p“ am Ende, wie der originale Philipp. Mein Vater fand doppel-„l“ schöner. Was mich aber herzlich wenig interessiert und worüber ich selten spreche. Meine Mutter hatte den Quatsch bereitwillig mitgemacht.
Meine Heimatstadt liegt in Baden an der französischen Grenze. Baden ist der wichtigste Landstrich der Welt. Dort wurde das Fahrrad erfunden und bald darauf auch das Auto. Aus Baden stammen solche Titanen wie Oliver Kahn, Jogi Löw, Jürgen Klopp, Hansi Flick, Boris Becker, Steffi Graf und Wolfgang Schäuble, den besten Bundeskanzler den wir nie hatten. Etwas südlicher meiner Heimatstadt wurde sogar Amerika erfunden. Der Offenburger Kartograph Martin Waldsehmüller benutzte 1506 die Daten des Navigators Americo Vespucci für den ersten Globus und nannte den neuen Erdteil, zu Vespuccis Ehren, Amerika. Mit „a“ deshalb, weil Kontinente weiblich benannt wurden. Was mir eine extra Freude bereitet, ist die große politische Bedeutung meiner recht kleinen Heimat. 1871 hatte Friedrich I von Baden in Versailles Wilhelm I zum Kaiser ausgerufen. Max von Baden hatte dann am 9.11. 1918 Wilhelm II entlassen. Und der erste Reichspräsident der Weimarer Republik war auch ein Badener, Friedrich Ebert aus Heidelberg.
Meine Eltern besaßen eine Anwaltskanzlei, die gleichermaßen deutsche wie französische Mandanten vertrat. Mein Elternhaus war ziemlich frankophil. So hatte ich als Kind unbewusst nebenbei Französisch gelernt, weil das bei uns zuhause oft gesprochen wurde. Richtig schreiben und lesen kann ich es bis heute nicht. Anwalt war aber nur mein Vater, sein Beruf war sein ein und alles. Mittelgroß, gertenschlank, mit schütterem dunkelblondem Kurzhaar, war er außerhalb des Hauses nur im Dreireiher anzutreffen. Meiner Mutter Hilde unterlag die Büro-Organisation. Als schwangerschaftsbedingte Studienabbrecherin hatte sie keinerlei Abschlüsse, war aber sehr etepetete. Mager, agil und immer geschäftig, trug sie jeden Tag ein anderes Kostüm und ein anderes Paar Schuhe, dazu leichten aber stark funkelnden Schmuck, sie war dezent geschminkt und ihre üppige blonde Frisur saß immer wie frisch aus dem Coiffeur-Salon. Wer sie kennenlernte, gewann den Eindruck, vor irgendeiner Hauptaktionärin zu stehen. Oder vor Ursula von der Leyens größerer Schwester.
Meine Eltern wirkten vornehm, tranken nur wenig Alkohol und rauchten selbstverständlich auch nicht. Sie verkehrten nur in den Kreisen, die sich für die Elite unserer Kleinstadt hielt. Also mit dem Bürgermeister, den Stadträten, der Ärzteschaft, den Industriellen und angesehenen Geschäftsleuten. Um diese vielen Bekanntschaften und Beziehungen pflegen und auch neue knüpfen zu können, was für die Kanzlei nur von Vorteil sein konnte, waren meine Eltern mehrmals die Woche abends außer Haus.
Lief die Kanzlei gut, verließen sie morgens mit uns schulpflichtigen Kindern das Haus. Alle zu Fuß. Zu Mittag aßen meine Eltern mit Geschäftsleuten in jeweils wechselnden Restaurants, abends wurden noch Überstunden gemacht und Gespräche geführt. Lief die Kanzlei schlecht, blieb der Tagesablauf der gleiche, weil meine Eltern bis spätabends herumtelefonierten, um neue Mandanten zu werben. Mutter Hilde ging meist etwas früher, um uns zu erziehen.
Zuhause ging es gepflegt zu, die Wohnung war immer aufgeräumt. Die Möbel waren aus Frankreich und eingekauft wurde auch nur auf der anderen Seite des Rheins. Selbst unsere Raumpflegerin kam von drüben und durfte nur französisch sprechen. Sie war es dann auch, die uns Kinder mit warmen Mahlzeiten versorgte. Nachdem sie das Haus Richtung la France verlassen hatte, pflegte meine Mutter ins Haus zu schneien. Zuerst mussten alle drei Kinder antreten und vom Tag berichten. Was ich mit einem Satz erledigte. Dann wurde Schulisches durchgekaut, anschließend die neusten Verhaltensregeln ausgegeben. Nachdem sie ihren Nachwuchs ordentlich aufgemischt hatte, wurde sie gnädiger. Manchmal wurde ein wenig Fernsehzeit erlaubt; eine erfolgreiche Anwaltsfamilie musste damals selbstverständlich einen Fernseher besitzen und eine Garage haben, in der ein Mercedes stand. Die Raumpflegerin indes, unsere geliebte Anike, hatte Erbarmen und ließ uns heimlich fernsehen. Wir wollten ja in der Schule mitreden können, was es so alles gab. Vor jeder Sendung mussten wir drei in ritueller Weise Anike schwören, sie nicht zu verraten. Sonst wäre es aus gewesen mit fernsehen, weil sie entlassen worden wäre. Wenn ich mit ihr allein war, ich hatte ja weniger Unterricht als meine älteren Geschwister, konnte ich den Fernseher anmachen wie ich wollte. Sie achtete darauf, dass er rechtzeitig abgestellt wurde, damit er bis zum Eintreffen meiner Geschwister abkühlen konnte. In unserem Haus gab es nur eine verschworene Gemeinschaft, das waren Anike und ich.
Meinen Geschwistern Franz und Katharina wurden Ordnung, Disziplin und Ehrgeiz beigebracht. Eine Erziehung, die in der damaligen Zeit selbstverständlich war. Im Hause Ludwig geschah das aber ohne Gewalt; der gewünschte Erfolg wurde durch moralischen Druck und Stubenarrest erreicht. Trotz ihrer häufigen Abwesenheit, widmeten unsere Eltern ihre wenige Freizeit ganz der Formung ihrer Kinder. Womit aber nur Franz und Katharina gemeint waren. Beide nahmen die Sache Abitur bierernst. Beide waren überdurchschnittlich ehrgeizig und auch begabt, wollten aus ihrem Leben etwas machen, zeigen, dass sie etwas Besonderes waren und sich von den Mitmenschen unterschieden. Haben sich vermutlich in Gedanken über andere erhoben.
Besonders unsere Mutter betrachtete die Erfolge ihrer Kinder als ihre eigenen. Da sie selber keine Lorbeeren eingeheimst hatte, wollte sie wenigstens die errungenen Lorbeeren ihrer Kinder auf sich beziehen. Mutter Hilde sonnte sich in den sehr guten Noten, den Theaterauftritten, sportlichen Erfolgen, künstlerischen Produkten und Einser Abituren ihrer zwei Gymnasiasten. Franz wollte ein erfolgreicher Politiker, Katherina eine berühmte Ärztin werden. Die Eltern unterstützen sie wo sie nur konnten, rieben sich dabei richtiggehend auf. Der Name, den sich die eigenen Kinder machen, wirft auch Licht auf die Eltern.
Während meine Geschwister zu Höherem gepuscht wurden, wuchs ich Spätling unbeschwert heran. Keinen störte, dass ich in den Kindergarten ging wie es mir gerade passte. Keiner vermisste mich, wenn ich auf dem Nachhauseweg in der Stadt herumstromerte und mein Umfeld genauer unter die Lupe nahm, als meinen Eltern recht sein konnte. Die Raumpflegerin-Köchin-Miterzieherin Anike ließ mich gewähren, weil sie mit den zwei anderen schon überfordert war. Meine Eltern waren unglaublich froh, dass ihr Nachzügler sich alleine beschäftigen konnte. Geschwister und Eltern vergaßen zeitweise, dass es mich gab.
Als ich in die Schule kam, waren die Eltern voll und ganz in das gymnasiale Leben meiner Geschwister verstrickt und verbrauchten damit ihre Energie. Um den ganzen Aufwand auch noch mit ihrem Jüngsten durchzuziehen, fehlte ihnen danach der Elan. Meine Mutter hatte schlicht und einfach von Erziehung die Nase voll, mein Vater hatte schon einen erfolgreichen Sohn, was ihm genügte. Ich kleiner Phillip wurde mir selbst überlassen.
Mit Erleichterung registrierten alle Familienmitglieder und Anike, dass ich keine Ansprüche stellte. Für mich galten nicht einmal die allgemeinverbindlichen gemeinsamen Mahlzeiten. Ich bin bei dem und dem, reichte meinen Eltern und Geschwistern als Entschuldigung. Ich behauptete es mit einer angeborenen Selbstverständlichkeit und einem natürlichen Charme, der Gedanken, dass es nicht seine Richtigkeit haben könnte, gar nicht zuließ. Wie ich Erwachsene für mich einnehmen und um den Finger wickeln konnte, hatte ich schon im Kindergarten herausgekriegt. Ich lernte auch früh, mich aus dem Kühlschrank zu versorgen. Ich genoss Freiheiten, von denen meine Geschwister gar nicht wussten, dass es sie gab.
Als ich in die Schule kam, bekam ich, außer einer übertrieben großen Schultüte und einigen halbherzigen Ratschlägen und Ermahnungen, ein üppiges Taschengeld, damit ich als Sohn einer erfolgreichen Familie angegeben konnte, womit sich meine Eltern halbwegs von ihrem schlechten Gewissen befreiten, das sie mir gegenüber hatten.
Mit dem Geld hätte ich mich beliebt machen und Freunde kaufen können, so wie es einige andere vormachten. Doch das hatte ich nicht nötig, denn ich bin von speziellem Charakter und bis heute ein Separatist.
Die Eltern hielten es für gegeben, dass ich in die Fußstapfen meiner Geschwister trat. Mein fröhliches und sorgloses Auftreten ließ sie im Glauben, dass in der Schule alles in Ordnung sei. Für mich war es das auch. Doch in der zweiten Klasse gab es die ersten Noten. Als das Zeugnis zur Unterschrift auf dem Küchentisch lag, hielten meine Eltern es für eine Halluzination. Da standen mehrere Ausreichend drin, d.h. Vieren. Und wenige Gut. Meiner Mutter hatte es die Sprache verschlagen. Auch meinem Vater fehlten zuerst die Worte.
„Ist das dein Ernst?“, fragte er schließlich. „Bei deinen Geschwistern stand da überall Sehr gut.“
„Muss ich so unlustig werden wie meine Geschwister?“ fragte ich allen Ernstes mit einem völlig offenen und unschuldigen Gesicht, in dem sich Empörung ankündigte.
„Ja willst du nicht mal was Großes werden und viel Geld verdienen?“ wagte die Mutter einzuwenden.
„Ich wüsste nicht für was das gut sein soll“, sagte ich doch glatt als Zweitklässler. „Ich will mal Bauer werden und nicht immer im Büro sitzen so wie ihr.“ Da war ich schon zu sehr von meinem Freund Michael und dessen Familie beeinflusst, die in einer Gasse der Altstadt lebte.
„Bauer?!“ rief die Mutter empört. „Lokomotivführer und Feuerwehrmann könnte ich noch verstehen. Unsere Kinder machen Abitur und studieren etwas Hochwertiges. Aber ein Bauer mit Stallgeruch kann nicht zu uns gehören.“
„Wenn ich groß bin, muss ich auch nicht mehr zu euch gehören.“
Da merkten die Eltern, dass es schwierig werden könnte.
Lesen konnte ich sehr gut, aber Rechtschreibregeln und Rechnen wollten einfach nicht in meinen Kopf. Die Menge der Leichtsinnsfehler in den Klassenarbeiten und die daraus resultierenden Noten, machten Mama und Papa fassungslos. Mein Zeugnis hatte sich bis zum Ende der dritten Klasse nicht gebessert. Es gab wieder Diskussionen.
„Aber es hat doch gereicht“, war mein Einwand.
„Das Zeugnis reicht gerade zum Tagelöhner“, kommentierte der Vater.
„Das muss bedeutend besser werden“, warnte die Mutter. „Wir wollen dich nach der vierten Klasse auf dem Gymnasium sehen.“
„Damit ich so komisch werde wie meine Geschwister? Die haben doch für nichts Zeit. Haben die überhaupt schon einmal im Heu gespielt? Oder mit einem Kätzchen? Wisst ihr überhaupt wie kuschelig andere wohnen?“
Der Vater runzelte seine Stirn. „Bei uns ist es sauber und ordentlich und wir haben viel Platz. So ist das nur bei Leuten die reich sind.“
Darauf benutzte ich ein verbotenes Wort, was mir erstaunlicher Weise nicht einmal eine Rüge einbrachte. „Reich sein ist Scheiße. Ihr habt jede Menge Zeug, aber keine Zeit.“
Die Eltern vermuteten, dass den Satz mir jemand vorgesagt haben musste. Aber irgendwie hatte er gepasst.
Durch meine bevorzugten Freunde hatte ich von unserer Heimatstadt ein gänzlich anderes Bild als meine Eltern. Es macht einen Unterschied ob man in Villen oder in Mietskasernen, Gassen und Bauernhöfen verkehrt. Zugegeben, in meiner Schulklasse gab es auch einige Idioten, die ihre Minderwertigkeitskomplexe mit viel Getue und Wichtigmacherei überspielten. Gewaltandrohungen oder gar Handgreiflichkeiten gehörten zur Tagesordnung. Aber ich hatte einen ganz anderen Menschenschlag kennengelernt als den, mit dem sich meine Familie umgab. Meine Bekannten waren offener und schnörkelloser.
Schule
Am 9. November 1955 wurde ich geboren. Der 9.11. ist ein Tag, an dem seit Jahrhunderten viele schreckliche Dinge passieren.
Zum Beispiel hatte Napoleon Bonaparte am 9. November (18. Brumaire VIII) 1799 geputscht und den Rat der 500 aufgelöst. Zahlreiche totbringende Feldzüge waren die Folge.
1848 wurde der deutsche Revoluzzer Robert Blum am 9.11. in Wien hingerichtet. Damals ein reichsweiter Skandal. Ausgerechnet am 9. November hatten die deutschen Truppen 1870 gegen die Franzosen bei Coulmiers ihr einziges Gefecht verloren. Am 9.11. 1918 hatte Kaiser Wilhelm der Zweite abgedankt, war 1923 der Putsch in München, 1938 die Kristallnacht. Um nur einige Daten zu nennen. An einem 9. November sind auch große Persönlichkeiten gestorben. Zum Beispiel 1970 Charles de Gaulle.
Der absolut einzige positive 9. November war 1989, als die Mauer geöffnet wurde.
Meine männlichen Vorfahren platzierten, seit Menschen Gedenken, vor ihrem Familiennamen den Namen eines ehemaligen französischen Königs; der weibliche Nachwuchs bekam den Namen einer französischen Königin. So hieß mein Urgroßvater Franz, wurde mein Opa als Karl getauft, mein Vater als Heinrich und mein älterer Bruder heißt wieder Franz, weil Franz I. ein so gigantischer König gewesen war, der allerdings mit den Bourbonen, die alle Ludwig hießen, nicht viel zu tun hatte. Ludwig Ludwig hieß noch keiner meiner Vorfahren. Meine Schwester wurde nach Katharina de Medici getauft, die mit Heinrich II. verheiratet war; ich selber nach Phillip, einem Bruder von Ludwig XIV. Aber mit doppel-„l“, nicht mit doppel-„p“ am Ende, wie der originale Philipp. Mein Vater fand doppel-„l“ schöner. Was mich aber herzlich wenig interessiert und worüber ich selten spreche. Meine Mutter hatte den Quatsch bereitwillig mitgemacht.
Meine Heimatstadt liegt in Baden an der französischen Grenze. Baden ist der wichtigste Landstrich der Welt. Dort wurde das Fahrrad erfunden und bald darauf auch das Auto. Aus Baden stammen solche Titanen wie Oliver Kahn, Jogi Löw, Jürgen Klopp, Hansi Flick, Boris Becker, Steffi Graf und Wolfgang Schäuble, den besten Bundeskanzler den wir nie hatten. Etwas südlicher meiner Heimatstadt wurde sogar Amerika erfunden. Der Offenburger Kartograph Martin Waldsehmüller benutzte 1506 die Daten des Navigators Americo Vespucci für den ersten Globus und nannte den neuen Erdteil, zu Vespuccis Ehren, Amerika. Mit „a“ deshalb, weil Kontinente weiblich benannt wurden. Was mir eine extra Freude bereitet, ist die große politische Bedeutung meiner recht kleinen Heimat. 1871 hatte Friedrich I von Baden in Versailles Wilhelm I zum Kaiser ausgerufen. Max von Baden hatte dann am 9.11. 1918 Wilhelm II entlassen. Und der erste Reichspräsident der Weimarer Republik war auch ein Badener, Friedrich Ebert aus Heidelberg.
Meine Eltern besaßen eine Anwaltskanzlei, die gleichermaßen deutsche wie französische Mandanten vertrat. Mein Elternhaus war ziemlich frankophil. So hatte ich als Kind unbewusst nebenbei Französisch gelernt, weil das bei uns zuhause oft gesprochen wurde. Richtig schreiben und lesen kann ich es bis heute nicht. Anwalt war aber nur mein Vater, sein Beruf war sein ein und alles. Mittelgroß, gertenschlank, mit schütterem dunkelblondem Kurzhaar, war er außerhalb des Hauses nur im Dreireiher anzutreffen. Meiner Mutter Hilde unterlag die Büro-Organisation. Als schwangerschaftsbedingte Studienabbrecherin hatte sie keinerlei Abschlüsse, war aber sehr etepetete. Mager, agil und immer geschäftig, trug sie jeden Tag ein anderes Kostüm und ein anderes Paar Schuhe, dazu leichten aber stark funkelnden Schmuck, sie war dezent geschminkt und ihre üppige blonde Frisur saß immer wie frisch aus dem Coiffeur-Salon. Wer sie kennenlernte, gewann den Eindruck, vor irgendeiner Hauptaktionärin zu stehen. Oder vor Ursula von der Leyens größerer Schwester.
Meine Eltern wirkten vornehm, tranken nur wenig Alkohol und rauchten selbstverständlich auch nicht. Sie verkehrten nur in den Kreisen, die sich für die Elite unserer Kleinstadt hielt. Also mit dem Bürgermeister, den Stadträten, der Ärzteschaft, den Industriellen und angesehenen Geschäftsleuten. Um diese vielen Bekanntschaften und Beziehungen pflegen und auch neue knüpfen zu können, was für die Kanzlei nur von Vorteil sein konnte, waren meine Eltern mehrmals die Woche abends außer Haus.
Lief die Kanzlei gut, verließen sie morgens mit uns schulpflichtigen Kindern das Haus. Alle zu Fuß. Zu Mittag aßen meine Eltern mit Geschäftsleuten in jeweils wechselnden Restaurants, abends wurden noch Überstunden gemacht und Gespräche geführt. Lief die Kanzlei schlecht, blieb der Tagesablauf der gleiche, weil meine Eltern bis spätabends herumtelefonierten, um neue Mandanten zu werben. Mutter Hilde ging meist etwas früher, um uns zu erziehen.
Zuhause ging es gepflegt zu, die Wohnung war immer aufgeräumt. Die Möbel waren aus Frankreich und eingekauft wurde auch nur auf der anderen Seite des Rheins. Selbst unsere Raumpflegerin kam von drüben und durfte nur französisch sprechen. Sie war es dann auch, die uns Kinder mit warmen Mahlzeiten versorgte. Nachdem sie das Haus Richtung la France verlassen hatte, pflegte meine Mutter ins Haus zu schneien. Zuerst mussten alle drei Kinder antreten und vom Tag berichten. Was ich mit einem Satz erledigte. Dann wurde Schulisches durchgekaut, anschließend die neusten Verhaltensregeln ausgegeben. Nachdem sie ihren Nachwuchs ordentlich aufgemischt hatte, wurde sie gnädiger. Manchmal wurde ein wenig Fernsehzeit erlaubt; eine erfolgreiche Anwaltsfamilie musste damals selbstverständlich einen Fernseher besitzen und eine Garage haben, in der ein Mercedes stand. Die Raumpflegerin indes, unsere geliebte Anike, hatte Erbarmen und ließ uns heimlich fernsehen. Wir wollten ja in der Schule mitreden können, was es so alles gab. Vor jeder Sendung mussten wir drei in ritueller Weise Anike schwören, sie nicht zu verraten. Sonst wäre es aus gewesen mit fernsehen, weil sie entlassen worden wäre. Wenn ich mit ihr allein war, ich hatte ja weniger Unterricht als meine älteren Geschwister, konnte ich den Fernseher anmachen wie ich wollte. Sie achtete darauf, dass er rechtzeitig abgestellt wurde, damit er bis zum Eintreffen meiner Geschwister abkühlen konnte. In unserem Haus gab es nur eine verschworene Gemeinschaft, das waren Anike und ich.
Meinen Geschwistern Franz und Katharina wurden Ordnung, Disziplin und Ehrgeiz beigebracht. Eine Erziehung, die in der damaligen Zeit selbstverständlich war. Im Hause Ludwig geschah das aber ohne Gewalt; der gewünschte Erfolg wurde durch moralischen Druck und Stubenarrest erreicht. Trotz ihrer häufigen Abwesenheit, widmeten unsere Eltern ihre wenige Freizeit ganz der Formung ihrer Kinder. Womit aber nur Franz und Katharina gemeint waren. Beide nahmen die Sache Abitur bierernst. Beide waren überdurchschnittlich ehrgeizig und auch begabt, wollten aus ihrem Leben etwas machen, zeigen, dass sie etwas Besonderes waren und sich von den Mitmenschen unterschieden. Haben sich vermutlich in Gedanken über andere erhoben.
Besonders unsere Mutter betrachtete die Erfolge ihrer Kinder als ihre eigenen. Da sie selber keine Lorbeeren eingeheimst hatte, wollte sie wenigstens die errungenen Lorbeeren ihrer Kinder auf sich beziehen. Mutter Hilde sonnte sich in den sehr guten Noten, den Theaterauftritten, sportlichen Erfolgen, künstlerischen Produkten und Einser Abituren ihrer zwei Gymnasiasten. Franz wollte ein erfolgreicher Politiker, Katherina eine berühmte Ärztin werden. Die Eltern unterstützen sie wo sie nur konnten, rieben sich dabei richtiggehend auf. Der Name, den sich die eigenen Kinder machen, wirft auch Licht auf die Eltern.
Während meine Geschwister zu Höherem gepuscht wurden, wuchs ich Spätling unbeschwert heran. Keinen störte, dass ich in den Kindergarten ging wie es mir gerade passte. Keiner vermisste mich, wenn ich auf dem Nachhauseweg in der Stadt herumstromerte und mein Umfeld genauer unter die Lupe nahm, als meinen Eltern recht sein konnte. Die Raumpflegerin-Köchin-Miterzieherin Anike ließ mich gewähren, weil sie mit den zwei anderen schon überfordert war. Meine Eltern waren unglaublich froh, dass ihr Nachzügler sich alleine beschäftigen konnte. Geschwister und Eltern vergaßen zeitweise, dass es mich gab.
Als ich in die Schule kam, waren die Eltern voll und ganz in das gymnasiale Leben meiner Geschwister verstrickt und verbrauchten damit ihre Energie. Um den ganzen Aufwand auch noch mit ihrem Jüngsten durchzuziehen, fehlte ihnen danach der Elan. Meine Mutter hatte schlicht und einfach von Erziehung die Nase voll, mein Vater hatte schon einen erfolgreichen Sohn, was ihm genügte. Ich kleiner Phillip wurde mir selbst überlassen.
Mit Erleichterung registrierten alle Familienmitglieder und Anike, dass ich keine Ansprüche stellte. Für mich galten nicht einmal die allgemeinverbindlichen gemeinsamen Mahlzeiten. Ich bin bei dem und dem, reichte meinen Eltern und Geschwistern als Entschuldigung. Ich behauptete es mit einer angeborenen Selbstverständlichkeit und einem natürlichen Charme, der Gedanken, dass es nicht seine Richtigkeit haben könnte, gar nicht zuließ. Wie ich Erwachsene für mich einnehmen und um den Finger wickeln konnte, hatte ich schon im Kindergarten herausgekriegt. Ich lernte auch früh, mich aus dem Kühlschrank zu versorgen. Ich genoss Freiheiten, von denen meine Geschwister gar nicht wussten, dass es sie gab.
Als ich in die Schule kam, bekam ich, außer einer übertrieben großen Schultüte und einigen halbherzigen Ratschlägen und Ermahnungen, ein üppiges Taschengeld, damit ich als Sohn einer erfolgreichen Familie angegeben konnte, womit sich meine Eltern halbwegs von ihrem schlechten Gewissen befreiten, das sie mir gegenüber hatten.
Mit dem Geld hätte ich mich beliebt machen und Freunde kaufen können, so wie es einige andere vormachten. Doch das hatte ich nicht nötig, denn ich bin von speziellem Charakter und bis heute ein Separatist.
Die Eltern hielten es für gegeben, dass ich in die Fußstapfen meiner Geschwister trat. Mein fröhliches und sorgloses Auftreten ließ sie im Glauben, dass in der Schule alles in Ordnung sei. Für mich war es das auch. Doch in der zweiten Klasse gab es die ersten Noten. Als das Zeugnis zur Unterschrift auf dem Küchentisch lag, hielten meine Eltern es für eine Halluzination. Da standen mehrere Ausreichend drin, d.h. Vieren. Und wenige Gut. Meiner Mutter hatte es die Sprache verschlagen. Auch meinem Vater fehlten zuerst die Worte.
„Ist das dein Ernst?“, fragte er schließlich. „Bei deinen Geschwistern stand da überall Sehr gut.“
„Muss ich so unlustig werden wie meine Geschwister?“ fragte ich allen Ernstes mit einem völlig offenen und unschuldigen Gesicht, in dem sich Empörung ankündigte.
„Ja willst du nicht mal was Großes werden und viel Geld verdienen?“ wagte die Mutter einzuwenden.
„Ich wüsste nicht für was das gut sein soll“, sagte ich doch glatt als Zweitklässler. „Ich will mal Bauer werden und nicht immer im Büro sitzen so wie ihr.“ Da war ich schon zu sehr von meinem Freund Michael und dessen Familie beeinflusst, die in einer Gasse der Altstadt lebte.
„Bauer?!“ rief die Mutter empört. „Lokomotivführer und Feuerwehrmann könnte ich noch verstehen. Unsere Kinder machen Abitur und studieren etwas Hochwertiges. Aber ein Bauer mit Stallgeruch kann nicht zu uns gehören.“
„Wenn ich groß bin, muss ich auch nicht mehr zu euch gehören.“
Da merkten die Eltern, dass es schwierig werden könnte.
Lesen konnte ich sehr gut, aber Rechtschreibregeln und Rechnen wollten einfach nicht in meinen Kopf. Die Menge der Leichtsinnsfehler in den Klassenarbeiten und die daraus resultierenden Noten, machten Mama und Papa fassungslos. Mein Zeugnis hatte sich bis zum Ende der dritten Klasse nicht gebessert. Es gab wieder Diskussionen.
„Aber es hat doch gereicht“, war mein Einwand.
„Das Zeugnis reicht gerade zum Tagelöhner“, kommentierte der Vater.
„Das muss bedeutend besser werden“, warnte die Mutter. „Wir wollen dich nach der vierten Klasse auf dem Gymnasium sehen.“
„Damit ich so komisch werde wie meine Geschwister? Die haben doch für nichts Zeit. Haben die überhaupt schon einmal im Heu gespielt? Oder mit einem Kätzchen? Wisst ihr überhaupt wie kuschelig andere wohnen?“
Der Vater runzelte seine Stirn. „Bei uns ist es sauber und ordentlich und wir haben viel Platz. So ist das nur bei Leuten die reich sind.“
Darauf benutzte ich ein verbotenes Wort, was mir erstaunlicher Weise nicht einmal eine Rüge einbrachte. „Reich sein ist Scheiße. Ihr habt jede Menge Zeug, aber keine Zeit.“
Die Eltern vermuteten, dass den Satz mir jemand vorgesagt haben musste. Aber irgendwie hatte er gepasst.
Durch meine bevorzugten Freunde hatte ich von unserer Heimatstadt ein gänzlich anderes Bild als meine Eltern. Es macht einen Unterschied ob man in Villen oder in Mietskasernen, Gassen und Bauernhöfen verkehrt. Zugegeben, in meiner Schulklasse gab es auch einige Idioten, die ihre Minderwertigkeitskomplexe mit viel Getue und Wichtigmacherei überspielten. Gewaltandrohungen oder gar Handgreiflichkeiten gehörten zur Tagesordnung. Aber ich hatte einen ganz anderen Menschenschlag kennengelernt als den, mit dem sich meine Familie umgab. Meine Bekannten waren offener und schnörkelloser.
Altstadt
Früher war es organischer, der Wohlstand macht alles steriler.
Nur eine Minderheit hat es gerne organisch, die Mehrheit liebt es eher anorganisch. Wer sein Haus mit ausländischen Gewächsen, Beton und Kies umgibt, kann auf seinen Vorgarten wahrlich nicht stolz sein. Denn hier können nur wenige Insekten leben, findet kaum ein Vogel etwas zu fressen. Das Leben befindet sich dort, wo der Rasen etwas wachsen darf, das Grundstück ein paar wilde Ecken aufweist und einheimische Büsche stehen.
Meine Heimatstadt hat derzeit ungefähr 40.000 Einwohner, mindestens 10.000 mehr als bei meiner Geburt. Seither wurde unsinnig viel gebaut, Gewerbegebiete und Wohngebiete, was vor allem dem größeren Raumbedarf der Bevölkerung geschuldet ist. Gebaut wurde auf Kosten der Landwirtschaft und der Natur. In den Fünfzigerjahren lebte der Deutsche im Durchschnitt auf 15 Quadratmeter Wohnraum. Der heutige Deutsche verfügt über 45 Quadratmeter und 40% der Bevölkerung leben als Single-Haushalt. Viele alte Leute wohnen, als Überbleibsel einer vielköpfigen Familie, alleine in einer großen Wohnung oder einem Haus. Es wird allein schon deshalb viel gebaut, weil sich die Bürger immer mehr Platz und Einfamilienhäuser leisten können.
Wenn heutzutage etwas neu gemacht wird, sieht es aus wie frisch aus dem Ei gepellt. Fast alle Gebäude sind ordentlich verputzt und gestrichen, denkmalgeschützte werden mit viel Geld und hohem Aufwand aufgemöbelt. Alle Schlupflöcher und Brutgelegenheiten für Tiere werden beseitigt. Alles muss schick, gestylt, geleckt und sauber sein. Selbst Naturschutzmaßnahmen sehen aus wie für eine Repräsentation gemacht. Zum Beispiel werden an Flüssen, als ökologischer Ausgleich, riesige Einlass- und Auslassbauwerke errichtet, um die Auen wieder zu vernässen, oder gewaltige Fischtreppen gebaut. Für die Produktion der vielen hundert Tonnen Beton und für die erforderlichen Lastwagenfahrten müsste eigentlich noch ein weiterer Ausgleich geschaffen werden. Aber ein richtig ökologischer, so mit Lebensraum und Lebewesen.
Bei uns muss möglichst alles klotzig und grau sein. Auf meinen Reisen in fernen Ländern sind mir Städte und Dörfer lebendiger vorgekommen. Und sie waren immer bunter. Grau scheint bei uns unsinnig modern zu sein und seriös zu wirken. Komplette Straßenzüge sind von farblosen Gebäuden flankiert. Architekturbüro, Finanzdienstleister, Gemeinschaftspraxen, Fliesenleger, Modehaus, Küchenstudio, Autohaus stehen, in unterschiedlich hellen und dunklen Grautönen auf Kundschaft wartend, im neusten Gewerbegebiet und finden sich toll. Einzig eine Malerfirma hat auf ihrer grauen Fassade ein großes buntes Emblem. Die Architekten verpassen sogar den Schulen graue Fassaden. Das macht Laune, so richtig für die Fantasie der Kinder.
In den Wohngebieten ist es auch trist. Außer grau dominiert viel weiß; bunte Häuser sind eindeutig in der Minderheit. Die meisten Vorgärten sind so angelegt, wie ich sie hasse. Mäuerchen aus Betonsteinen, Plattenwege aus Betonplatten, Betontröge, Betonsäulen. Dazu möglichst teure exotische Pflanzen. Vor einigen Häusern stehen auch Natursteinbrocken, die von weit herangekarrt wurden. Dazu wird kurzer Rasen gezüchtet. Die ganz schlimmen Hausbesitzer haben Rasen durch Kies ersetzt. Steriler geht es nicht mehr.
Auch die Landwirtschaft bemüht sich, fast schon verbrecherisch, Deutschland immer steriler zu machen. Sie will Fläche und nochmals Fläche, auf die man alles säen und gießen kann was die EU erlaubt. Fläche, die sich leicht bewirtschaften lässt, die frei von Hecken, Bäumen und Tümpeln ist. Organisch ist auf den Feldern nur noch das was geerntet wird.
Mein Leben war auf jeden Fall um einiges organischer als das meiner Familie, die mir im Aussehen und Verhalten immer steril vorkam.
Als ich sechzig wurde - ich feierte diesen Geburtstag nicht, weil ich meine Geburtstage grundsätzlich nicht feiere - bekam ich in einer dösigen Minute einen nicht geringen Schrecken. Sechzig Jahre, sinnierte ich. Bei meinem hervorragenden Zustand könnte ich durchaus noch neunzig werden. Das war der Grund des Schreckens. Das bedeutete nämlich, dass ich noch ein ganzes Drittel Leben vor mir hatte. Was mache ich bloß mit diesem Drittel? grübelte ich und es war mir gar nicht wohl. Noch mehr Bücher lesen, noch mehr Reisen, noch mehr Foto-CDs herstellen, noch mehr Biotope pflegen? Irgendwann werde ich wohl körperlich abbauen und vieles nicht mehr können. Alles läuft sich tot, alles nutzt sich ab.
Doch jetzt, mit 65, ist mir klar was ich bis zu meinem Tod treiben werde. Auch ich habe diesen Trieb, der viele Alte am Leben hält. Ich bin neugierig und will meine Neugier befriedigen und beobachten, wie es mit dem Planeten, Deutschland, meiner Heimatstadt und ihren Menschen weitergeht.
Die Entwicklung meiner Heimatstadt habe ich jahrzehntelang verwundert verfolgt. Mein Elternhaus lag im Osten der Stadt, dort wo im Kaiserreich die Wohlhabenden ihre Villen hingestellt hatten. Die Luft dort war frischer. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurden dem Villenviertel Bauplätze für gehobene Ansprüche angegliedert. Auf der Ostseite der Stadt hatte ich keinen einzigen Freund. Die Westseite, zum Rhein hin, dort wo noch in den Fünfzigerjahren Malariaerreger nisteten, war für mich der interessantere Teil der Stadt.
Dort liegt der nicht kleine Stadtteil Brunnental, in dem früher die Handwerker, Feierabendbauern und auch Tagelöhner gewohnt hatten. Im Brunnental lebte damals der wilde Michael, den ich in der ersten Klasse kennenlernte. Michael wohnte mit seinen Eltern und drei Geschwistern in einer Gasse, in einem alten landwirtschaftlichen Gebäude. In irgendeinem Kämmerchen hauste noch eine alte Tante, die im Haushalt half.
Die Häuser im Brunnental waren klein, alt, undicht und kalt. Der Teil mit Scheune und Stall war in der Regel größer als der Wohnbereich. Die Bewohner lebten in sehr beengten Verhältnissen, meist drei Generationen unter einem Dach - weil die Jungen nicht wussten wo sonst wohnen, und weil sie nicht wussten wohin mit den Alten. So mussten einige Kinder auf dem Dachboden unter den Ziegeln schlafen und wenn es dort zu heiß oder zu kalt wurde, stahlen sie sich ins Heu. Heu fand ich toll und rutschte mit meinen Freunden gerne den Heustock hinunter. Oder wir spielten Fallschirmjäger, die gerade Kreta erobern. Der letzte Krieg war ja noch allgegenwärtig, den Erwachsenen steckte er noch in den Knochen, uns Kindern erzählten sie nur die heroische Propaganda.
Die Alten damals waren noch richtig alt gewesen - mit fünfundsechzig, wenn sie es überhaupt wurden, hatten die keine Sprünge mehr gemacht. Ihre Gesichter waren sonnenverbrannt, windgepeitscht, schmerzgezeichnet und tiefgefurcht. Sie sahen aus wie die rumänischen, irakischen oder afghanischen Bauern aus dem Fernsehen. Kein Vergleich zu den heutigen Rentnern, die unstrapaziert noch joggen und walken und mit ihren Autos die Welt unsicher machen. Wenn damals jemand Krebs oder eine andere schlimme Krankheit bekam, saß und lag er solange zuhause herum, bis er endlich das Zeitliche segnete. Viel mehr als Schmerzmittel wurde nicht verschrieben. Ich habe da einige Omas und Opas in Erinnerung, die den Tag in ihren Sesseln verbrachten. Meist mit Radio. Wenn es die Augen zuließen, was selten der Fall war, wurde noch genäht und gestrickt. Michaels Nachbar saß manchmal vor dem Hühnerstall und rieb die Körner von den Maiskolben. Für den Weg zurück in die Küche, wo ein Weinschorle wartete, brauchte er ewig. Die schwerste Tagesarbeit dieser ausgelaugten Alten war, morgens aus dem Bett und abends wieder hinein zu kommen.
Oft war die Küche der einzige warme Raum. Das Abwaschwasser ging direkt aus dem Spülstein durch die Wand nach außen in den Rinnstein. Die Aborte befanden sich im Stall oder außerhalb neben dem Misthaufen. Vor fast jedem Häuschen dampfte einer. Dementsprechend waren die Küchen voller Fliegen und Fliegendreck und wurden jedes Jahr vor Ostern frisch gekalkt. Gebadet wurde samstagabends in der Küche, in einem Zuber mit warmem Wasser.
Die Türen und Räume waren niedrig. Den Leuten die hier wohnten, fehlte seit Generationen eine gehaltvolle Ernährung, die das Wachstum hätte fördern können. Satt wurden viele nur an Festtagegen; Fleisch auf dem Tisch setzte Grundbesitz voraus, auf dem man das Viehfutter anbauen konnte. Fett, Öl und Zucker waren teuer und mussten aufwendig gewonnen werden. Bis die Walnüsse eines Baumes als Öl in einer Kanne schwappten, waren viele Arbeitsgänge notwendig. Die Männer maßen im Durchschnitt nur ein Meter sechzig bis fünfundsechzig, Frauen etwas weniger. Es war der Stadtteil, in dem die Hühner in den Gassen herumliefen, Rindergespanne über das Kopfsteinpflaster holperten und Katzen den Tag verschliefen.
In den Gassen, gegenüber den Wohnhäusern und Scheunen, im Rücken anderer Häuser, standen Maissilos aus Maschendraht, Hasenställe, Hühnerhäuser, Verschläge in denen ein Schwein gemästet wurde, Brennholzlager und allerlei Gerätschaften. Insgesamt war so ein landwirtschaftlich geprägter Stadtteil eine enge Angelegenheit.
So wie auch Michaels Elternhaus. Wer ins Haus ging, betrat einen schmalen Flur, von dem aus eine steile, ausgetretene und knackende Holztreppe nach oben führte. Links ging es in die Küche, deren Boden, aus rohen blankgeschrubbten Dielen, sich bei jedem Schritt beschwerte. Rechts landete man im Stall, wo sechs oder sieben weiße Milchziegen an der Futterkrippe angekettet standen. Michael und seine Geschwister sind mit Ziegenmilch großgeworden. Stall und Küche kannte ich am besten. Die Eltern und Kinder schliefen in zwei Räumen im Obergeschoss. Das jüngste zwischen den Eltern, was mich neidisch machte. Ich musste immer allein in einem Zimmer schlafen, wo mich nachts meine Fantasie überwältigte. Die zwei nächsten Kinder teilten sich ein Bett, nur Michael hatte ein eigenes. Als ich in den Kleiderschrank der Kinder einen Blick warf und deren magere Ausstattung betrachtete, dachte ich nicht: Ach sind die arm, was haben die wenig. Ich dachte: Ja das reicht doch.
Oft wurde ich zum Essen eingeladen, auch nachdem diese Leute erfahren hatten, dass meine Eltern reiche Anwälte waren. (Untereinander machten sie Scherze über das arme magere Anwaltskind.) Meistens gab es einen Eintopf, in den Brot getunkt wurde. Ich fand die Eintöpfe herrlich und das selbstgebackene Brot sowieso. Manchmal gab es fette Pfannkuchen, die richtig nach etwas schmeckten. Zum Abendessen gab es ein wenig Wurst und Speck und viel Ziegenkäse, welchen ich als Gast anstandslos verzehrte.
Am Tisch ging es locker zu, jeder rutschte auf den zwei Bänken herum wie es ihm guttat. Michaels Vater war meistens gut drauf, denn er hatte eine Stelle in einer Fabrik und somit ein geregeltes Einkommen. Nie mehr die Sorge, ob die Ernte gut wird, die Ziegen gesund bleiben, ob genug eingemacht war für den Winter. Weil die Familie die Sicherheit eines geregelten Einkommens hatte, war auch die Mutter gut gelaunt. Am Tisch wurde über alles Mögliche geredet, gelästert und gelacht, aber nie über Geschäftliches, Politik, Gymnasium und Studium. Und keine Rede davon, was man sich gerne kaufen würde. Und es herrschte kein Zwang aus seinem Leben etwas machen zu müssen. Die Leute waren zufrieden. Vorerst. Natürlich stritten sich manchmal die Geschwister untereinander. Dann wurde der Vater laut und es herrschte Ruhe.
Der Verdienst reichte also, um die Familie zu ernähren, die Landwirtschaft und den Garten gab es aber noch. So konnte es im Sommer passieren, dass die Kinder abends in die Ebene hinausmarschieren mussten, um auf der familieneigenen Wiese, die jemand für sie mit einem Balkenmäher gemäht hatte, das Heu zu Schwaden zusammen zu rechen. Wegen des nächtlichen Taus. Morgens, vor der Schule, musste es wieder ausgebreitet, nachmittags gewendet und abends wieder geschwadet werden. Erst wenn es absolut trocken war, wurde es geholt und auf den Heustock geschafft. Feuchtes Heu kann sich selbst entzünden. Vor allem die Mutter bewirtschaftete den nicht kleinen Garten und noch ein Kartoffel- und Rübenfeld. Mit einem zweirädrigen Karren zog sie morgens los und kam mit Gemüse, Obst, Kartoffeln oder Rüben zurück. Das meiste davon überwinterte im Keller. Meinen Freunden in der Altstadt half ich mehrere Jahre lang beim Unkraut jäten.
Im Brunnental fühlte ich mich wohl, dort spürte Wärme, fand ich es organisch und war für mich das wahre Leben. Was mir besonders gefiel, war das Zusammenleben mit vielen Tieren. Ich kraulte die Katzen, raufte mit den Hunden, spielte mit den Gizzi, den jungen Ziegen. Mit Hilfe eines anderen Klassenkameraden lernte ich sogar, einem Ochsen das Kummet anzulegen und ihn vor den Wagen zu spannen.
Da die Essensreste im Rinnstein und in den winzigen Gässchen zwischen den Häusern landeten, waren die Ratten bestens versorgt. Was die Hunde und Hühner tagsüber verschmähten, reichte nachts den Nagetieren immer noch zum Überleben. Das Rattenproblem war kein kleines. So war es für uns Jungs ein eifriges und hitziges Unternehmen, auf Rattenfang zu gehen. Je nach Vorliebe bewaffnete sich der eine mit Speer, der andere mit Schnellenbogen, wieder andere mit Schleuder oder einfach nur mit Steinen, um eines der flinken Tiere zu erlegen. Aufgeregt und mit viel Geschrei haben wir die lästigen Viecher aufgestöbert und wenn wir es tatsächlich einmal geschafft hatten, eine Ratte zu töten, standen wir angeekelt davor und wussten nicht wohin mit dem Kadaver, weil keiner ihn anfassen wollte. Er blieb dann einfach liegen, Verwerter gab es ja einige.
Meine Familie hatte mit meinem Umgang ein Problem, vor allem ein geruchliches. Als ich das erste Mal von Michael zurückkam, lag etwas Unbekanntes in der Luft. Weder meine Eltern noch meine Geschwister konnten es stofflich einordnen. Anike, die Putz-Fee, verließ zufällig gerade verspätet das Haus. „Sag mal Phillip, warst du in einem Ziegenstall?“, fragte sie auf Französisch. Chevre hatte ich verstanden.
Erst da erzählte ich Erstklässler, der sonst nie viel erzählte, mit flammenden und begeisterten Worten, dass ich Gizzi gestreichelt und Hühner in den Stall getrieben hätte. Es sprudelte nur so aus mir heraus. Die Familie war baff, so kannte sie mich nicht. Irgendwann war auch geklärt was Gizzi waren. Die Eltern hatten sich danach nicht getraut mir die Besuche zu verbieten, befürchteten wohl, dass ich nicht gehorchen würde und sich ernsthafte Konflikte anbahnen könnten. Sie hielten es für eine vorrübergehende Schwärmerei. Aber Anike erhielt die Order, falls ich mal wieder aus dem Ziegenstall nach Hause kommen sollte, mich gleich zu waschen und frisch einzukleiden.
Es wurde normal, dass ich unbemerkt das Haus verließ, unbemerkt zurückkam und mit entwaffnendem Lächeln immer so tat, als wäre alles in bester Ordnung. Außer dass Hosen und Schuhe schmutzig wurden, ist auch nie etwas passiert. Nur blieben die Noten schlecht.
Aber die meiste Freizeit während meiner Schulzeit verbrachte ich außerhalb der Stadt, auf dem Bauernhof von Alex‘ Familie.
Natur
Solange sich Menschheit und Wohlstand vermehren, werden Naturräume weniger. Davon bin ich überzeugt. Der sich ständig vermehrende Verbrauch muss ja irgendwo hergeholt werden. Und primär wird die Menschheit auch weiterhin den billigeren Weg bevorzugen. Denn: Weshalb werden Luft und Wasser verschmutzt und neue Flächen verbraucht? Weil es billiger ist. Die Reste der Urwälder wird man umzäunen und mit Waffengewalt verteidigen müssen. Ebenso die Nationalparks, von denen viele nur so lange bestehen bleiben werden, wie sich der Tourismus lohnt. So lange genug Touristen nach Afrika fliegen, die Elefanten, Nashörner, Löwen und Gorillas in freier Wildbahn erleben wollen, wird es diese Tiere auch geben. Wenn nicht, wird alles was Geld bringt gewildert und die Nationalparks werden als Weideland für Rinder genutzt. Bei vielen Stämmen ist es Brauch, möglichst viele Rinder zu besitzen, ohne auf den wirtschaftlichen Nutzen zu achten.
In meinem Leben habe ich einige Male mein Hobby gewechselt. Als Schüler war ich im Leichtathletikverein, mit achtzehn entdeckte ich das Motorradfahren, danach wurde ich ein bekannter Freizeitsportler. Als Mensch der sich immer zu beschäftigen weiß, fand ich irgendwann wieder ein neues Steckenpferd. In einer Altstadtgasse kaufte ich ein leerstehendes Tagelöhner-Haus. Das Haus mit kleinem Stall und Schopf hatte nur noch Grundstückswert, ich bezahlte gerade mal vierzehntausend D-Mark. Und ich freute mich diebisch, weil die Stadt nicht zum Zuge gekommen war. Denn die Stadt lässt alte Häuser, Ställe und Scheunen, die nicht unter Denkmalschutz stehen, abreißen und macht aus den Grundstücken Parkplätze.
Inzwischen gibt es in der ganzen Altstadt, auch im Brunnental, nicht einmal mehr das Relikt eines Misthaufens. Kein einziges abseits stehendes Aborthäuschen ist mehr zu finden. Einzig ein alter Schweinestall, der steht unter Denkmalschutz. Aber sonst ist die Vorstadt Brunnental aller Zeugen der ehemaligen kleinbäuerlichen Kultur beraubt. Aus den Ställen und Scheunen wurde Wohnraum; wo früher Maissilos, Hasenställe, Holzlager und Karren standen, parken nun die Autos der Bewohner; wo damals eifrig die Hühner pickten, sitzt jetzt Betonpflaster oder liegt Asphalt. Dem Stadtteil wurde sein ursprünglicher Charakter, den er einige Hundert Jahre lang hatte, gründlich genommen. Zwar stehen die meisten alten Häuser noch, aber alle sind schön gestrichen und sehen aus wie eine Filmkulisse. In meiner Kindheit konnten sich die Altstadtbewohner keine Farbe leisten, an vielen Gebäuden bröckelte der Putz, in der Regel wurde nur provisorisch geflickt. Es war das organische Gegenteil zu meinem sterilen perfekten Elternhaus.
Wenn man gemein wäre könnte man behaupten: Der Wohlstand löst in der Bebauung wie auch in den Hirnen die Bescheidenheit auf. Wer es entspannter sieht sagt sich: Leben ist Veränderung, nicht einmal ein Berg bleibt wie er war.
Nachdem meine langjährige Beziehung mit Elfi wackelte, bin ich dem Naturschutzbund beigetreten, eben um etwas für die Natur zu tun. Zumindest mal vor unseren Stadttoren. Denn so, wie am Amazonas, im Kongo und auf Borneo Naturräume zerstört werden, werden sie auch in Deutschland vernichtet. Und in Deutschland ist alles viel kleinstrukturierter. Jede Fläche die verloren geht, ist ein Trittstein weniger, den einheimische Tiere und Pflanzen nutzen können, um ihre Art zu erhalten. Gerade die Rheinebene würden die Bürgermeister gerne zu einem Industriegebiet machen. Kaum eine Feuchtwiese ist noch erhalten, jedes Bächlein ist kanalisiert, alte Gewässer sind am verlanden, wertvoller Baumbestand ist bedroht.
Zum Naturschutz kam ich über meinen Freund Alex, dessen Vater Landwirt war. Damals. Keines der fünf Kinder wollte den Hof übernehmen. Als Alex und ich achtzehn wurden, war das einstmals profitable und stolze landwirtschaftliche Anwesen, das problemlos eine Familie ernährt hatte, unmodern und unrentabel. Alex‘ Vater legte den Hof still und ging in Rente. Sein Nachfolger hätte am Hungertuch genagt.
Am Ende des vierten Schuljahres waren meine Noten immer noch nicht besser, eine Empfehlung fürs Gymnasium in weiter Ferne. Meine Schwester Katharina kam in die Zehnte, mein Bruder Franz in die heiße Phase, die mit einem möglichst ruhmreichen Abitur beendet werden sollte. Das Problem Phillip wurde nur kurz aber intensiv behandelt. Während der Vorhaltungen und Predigten meiner Eltern zog ich meinen Kopf ein, zeigte meine antrainierte schuldbewusste Miene und ließ den wortreichen Schauer über mich ergehen, ohne mich groß zu äußern.
Für ein Abitur war ich einfach nicht zu begeistern. Mir leuchtete die Notwendigkeit nicht ein, mich wie meine Geschwister abzumühen, um etwas zu erreichen, was sowieso schon viele anstrebten. Dazu musste man auch geboren sein. Für ein Streberleben fehlte mir der Sinn und ich sah die Gefahr, so zu werden wie meine Eltern. Deren Dasein war für mich nicht nachahmenswert. Nur für den Beruf zu leben, war das Letzte was ich als Zehnjähriger wollte. Meine Art, alles mit Abstand zu betrachten und locker zu bleiben, passte sowieso nicht zu einer gymnasialen Karriere. Gefühlt waren meine Prioritäten höherwertig als die Prioritäten meiner Familie. Ich spürte deutlich, dass ich nicht so war wie die meisten und ich wollte auch nicht so sein wie die meisten. Was ich wollte, wusste ich damals noch nicht. Das Einzige was ich wusste war: Ich wollte nicht dem Geld hinterherrennen und ich wollte keine Karriere machen. Beides hätte ich als zu gewöhnlich empfunden. Und ich war grundsätzlich immer auf der Seite der Schwächeren. Das war der Einfluss der Karl May Bücher. Schon als Kind war ich ein Einzelgänger, den das Tun der Mehrheit befremdet. In mir steckte die Natur eines Nischenbewohners, der unbeachtete Lebensräume zu nutzen weiß.
Nachdem mein Vater seine Vorhaltungen beendet hatte, meinte er gönnerhaft: „Phillip, dann machen wir das so: Du gehst vorerst auf die Realschule und holst dein Abitur später nach.“ Ich nickte eifrig und war damit entlassen. Im Rechtschreiben aber war ich so schlecht, dass ich eine Aufnahmeprüfung machen musste, die ich nicht bestand. Diese Niederlage hätte ich mir gerne erspart, wollte aber guten Willen zeigen. Meine Eltern schüttelten nur ratlos ihre Köpfe und machten sich zum Vorwurf, dass sie mich nicht zum Nachhilfeunterricht gezwungen hatten. Meiner Kariere als Hauptschüler stand nichts mehr im Wege.
In der fünften Klasse bekam ich neue Mitschüler und der Sportunterricht eine andere Qualität, mein Klasse musste nun um den ganzen Sportplatz rennen. Der Junge, der das am besten konnte, hieß Alex. Ich fragte ihn neidisch, weshalb er so schnell war. Er sei im Leichtathletikverein, sagte Alex stolz und musste erst einmal erklären was das war. Es imponierte mir, in einem Sportverein zu sein und schnell rennen zu können. Ich ging mit Alex ins Schülertraining und fand Gefallen daran, mir die Lunge aus dem Leib zu rennen. Hinterher war ich angenehm schlapp. Nach einigen Probe-Trainingseinheiten legte ich meinen Eltern eine Beitrittserklärung zur Unterschrift vor. Kurz wurde diskutiert, ob ich nicht lieber ein Instrument lernen wolle. „Ich will mich bewegen, was ich beim Musizieren nicht kann“, war meine Antwort. Die Eltern, obwohl sie ihren Jüngsten wenig kannten, konnten das gut nachvollziehen, weil ich schon immer ständig auf Achse war. Einer der gerne unterwegs ist, so ihre Überlegung, ist in einem Leichtathletikverein gut aufgehoben.
Alex und ich wurden dicke Freunde. Er wohnte auf einem Bauernhof, der etwa einen Kilometer vor der Stadt lag. Es war ein alter und ehrwürdiger Hof, mit vielen Nebengebäuden. Das wichtigste Gebäude war einmal die Mühle gewesen. An der Mühle floss ein schmaler Kanal vorbei, über dem ein riesiges Mühlrad hing. Im Gebäude hingen hölzerne Zahnräder und lederne Antriebsriemen, es sah aus wie bei Max und Moritz. Die Mühle aus dem neunzehnten Jahrhundert war noch betriebstauglich, aber leider zu langsam. Sie brachte ihrem Besitzer kein Geld mehr ein. Auf jeden Fall war sie ein herrlicher Spielplatz.
Um eine Freifläche herum standen mehrere Gebäude. Neben der Mühle befand sich die Tordurchfahrt, in der in grauer Vorzeit die Knechte und im Krieg die Zwangsarbeiter geschlafen hatten. Daneben eine Überdachung für die Wagen und Gerätschaften, der Schweinestall und der Misthaufen. Gegenüber der Mühle standen das großzügige Wohnhaus, ein Stall mit zwölf Milchkühen und eine riesige Scheune. Im Hof waren zwei Wachhunde angekettet, die ihre Aufgabe sehr ernst nahmen und jeden Fremden laut und Zähne fletschend empfingen. Wenn man sie von der Kette ließ, waren sie plötzlich friedlich wie Lämmer und schnüffelten nur noch herum. Dann war ihre Dienstzeit beendet. Da ich schon die Hunde aus Brunnentals Gassen kannte, wusste ich die Hofhunde zu nehmen, die mich durch Alex‘ Vermittlung auch schnell akzeptierten.
Wegen der Hunde mussten Besucher und Briefträger außenherum durch den großen Gemüsegarten zur Küchentür. Dort befand sich auch das Maschendraht-Gehege der Hühner, die alles aufpickten was hineingeworfen wurde. Für die Nacht wurden sie von den Kindern in ein gemauertes Häuschen gescheucht. Wo Hühner gehalten wurden, lebte garantiert mindestens ein Fuchs in der Nähe. Bei großem Hunger gruben sich Füchse sogar tagsüber unter dem Zaun hindurch.
Manchmal radelte ich nach der Schule, ohne Anike Bescheid zu sagen, mit Alex zu dessen Hof. Angeblich um Hausaufgaben zu machen. Dort erwartete mich ein deftiges Mittagessen und saß ich mit Alex‘ vier Geschwistern, den Eltern und einer Oma am Tisch. Danach wurde gespielt oder die Gegend unsicher gemacht. Alex war der Zweitjüngste und hatte noch wenig Pflichten. Gespielt wurde meistens mit seiner siebenjährigen Schwester Konstanze, auf die er aufpassen musste. Spielten wir am oder im Kanal, gab es oft nasse und dreckige Schuhe und Hosen. Spielten wir in der Scheune, waren die Klamotten bis in die Unterhosen voll Heu. Wenn wir in den Ställen gespielt hatten, ging ich zuhause sofort freiwillig unter die Dusche.
Das bäuerliche Mittagessen war oft gewöhnungsbedürftig, es gab solche Sachen wie Kohlrouladen, Rinderzungen, Kutteln und Ochsenmaulsalat. Nachdem einmal Rindfleisch mit Meerrettich auf dem Tisch stand, verzichtete ich aufs Mittagessen, aß zuhause und ging lieber später auf den Hof. Dann aber blieb ich bis zum Abendessen, weil es Holzofenbrot, geräucherte Würste, Speckeier und frischen Käse gab. Abends erreichte ich das elterliche Heim immer knapp vor dem Eintreffen meiner Mutter. Meine Hausaufgaben zu kontrollieren, wurde in der Regel vergessen, der schulische Werdegang meiner älteren Geschwister war den Eltern viel wichtiger. Meine Familie hatte einen Tunnelblick der an mir vorbei ging, an dessen Ausgang leuchtete das Wort Abitur. Noch hohler wurde es bei uns zuhause, als Franz einen Studienplatz suchte. Da war jedes gemeinsame Essen eine Qual, es redeten nur noch unser Vater und sein Ältester in masochistischer Weise über das immer gleiche Thema.
Zwei Jahre später begann Alex‘ ältester Bruder eine Lehre als Koch und verließ Hof und Stadt. Alex musste nun öfter auf den Feldern und im Stall helfen und ich half mit. Lernte Rüben aufladen, Heu schwaden sowie Kühe und Schweine füttern. Ein weiteres Jahr später verließ der nächste Bruder den Hof und machte eine Lehre bei der Deutschen Bahn. Alex´ Vater zwang keinen, Bauer zu werden. Vermutlich ahnte er schon damals, dass ein Zehn-Hektar-Hof nicht mehr lange überlebensfähig sein würde. Die Kinder bekamen von den Sorgen nichts mit, weil weder die Mutter noch der Vater viel redeten und die Oma sowieso keinen Durchblick mehr hatte. Jeder der vom Hof ging war eine Entlastung und die Kinder merkten es nicht, weil sie ihre Eltern für tolerant hielten.
Als auch die ältere Schwester in die Fremde ging, erreichten Alex und ich den nächsten bäuerlichen Level, denn wir lernten Traktor fahren. Auf den Höfen war es selbstverständlich, dass die Buben mit zwölf oder dreizehn Jahren Traktor fahren konnten. Alex‘ Vater kaufte einen Heuschwader und einen Ladewagen. Das Heu wurde nun maschinell zu Reihen geschoben, was uns Jungs grandiosen Spaß machte. Dann rasten wir zum Hof zurück und hängten den Ladewagen an. Es war eine Freude, wie einfach das Heu, ohne Handarbeit, von den Zacken aufgenommen wurde und im Wagen verschwand. In der Scheune wurde es maschinell auf den Heustock geblasen.
Beim Pflügen und Sähen war mehr Genauigkeit erforderlich, das ließ sich der Vater nicht nehmen. Es war auch die Zeit, in der der Maisanbau aufkam. Die Rheinebene war das Maisanbaugebiet schlechthin und ist es heute noch. Vielen Einheimischen ist das ein Dorn im Auge, den Naturschützern sowieso. Wegen Arten-Armut. Aber keinem Bauern kann man einen Vorwurf machen, dass er mit Mais das meiste Geld verdient. Allerdings benötigen die Bauernhöfe heute, um überleben zu können, fünfzig bis hundert Hektar Fläche.
Es gab für uns Jungs auch mal nichts zu tun. Dann waren wir auf der Pirsch, suchten seltene Pflanzen und versuchten Tiere aufzustöbern. Alex kannte ein paar Orchideen und tat ganz wichtig. Die seien selten und deshalb wertvoll. Einen Graureiher dagegen hielten wir für einen Kranich. Störche gab es noch, sie waren beim Heuen ständige Begleiter. Einige Jahre später waren sie genauso aus der Landschaft verschwunden wie viele Greifvögel. Da steckte das krebserregende Insektizid DDT dahinter, das sich in der Natur angereichert hatte.
Wenn wir in ein Feldgehölz stiegen, konnten wir sicher sein, dort auf Rehe zu stoßen. Eine Sensation war es, wenn wir im Mai junge Füchse beim Spielen beobachten konnten. Und eine Mutprobe war es, obwohl sie nicht beißen, eine Ringelnatter zu fangen. Denn wenn man eine Ringelnatter in die Hände nimmt, entleerte sie sich sofort. Und das stinkt penetrant. Wer Pech hatte, bekam den weißlichen Dünnpfiff nicht nur auf die Hände, sondern auch auf die Klamotten. Die Schlangenkacke stank so sehr, dass nur noch ausziehen half. Die Hände musste man, um den Geruch restlos loszuwerden, dreimal waschen.
Alex‘ Vater hätte gerne einen eigenen Weinberg gehabt, um abends ein Viertele schlotzen zu können, wie er meinte. Sein Wunsch erfüllte sich nicht. So blieb es beim selbstgebrannten Schnaps nach dem Essen. Entlang der Feldwege standen diverse Obstbäume als Bienenweide, um Schatten zu spenden und um Früchte zu produzieren. Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen, Mirabellen und sogar die zuckersüßen Renekloden wurden weniger gegessen oder eingemacht, als zu Schnaps gebrannt. Bäume schütteln und Obst auflesen war im Herbst die große familiäre Gemeinschaftsarbeit. Im Winter wurde dann aus der Maische der Schnaps gebrannt. Dabei machte ich meine erste Bekanntschaft mit Alkohol. Alex´ Vater ließ mich probieren. Sofort wurde mir warm und stieg mir der Schnaps zu Kopf. Beeindruckt von der plötzlichen Wirkung, hätte ich am liebsten einen Zweiten getrunken. Doch der Bauer war nicht dumm. Er konnte schlecht den jüngsten Sohn eines Anwalts betrunken machen und ihn dann auch noch nach Hause radeln lassen. Den Winter nutzte Alex‘ Vater auch zum Körbe flechten, derweil durften wir Buben die Gülle und den Mist auf die Felder fahren. Um Traktor fahren zu können taten wir alles.
Das einzige Hobby des Vaters war die Bienenzucht. Die Bienenvölker produzierten so viel, dass noch Honig verkauft werden konnte. Ab Hof wurden auch Milch, Butter, Eier und Schnaps verkauft, manchmal auch Wurst und Speck. Schlachttag war Festtag. Was mich immer wieder schockierte war, wenn die schon tote Sau mit brühheißem Wasser übergossen wurde und nochmals zu toben anfing. Das Metzgen kannte ich aber schon aus der Altstadt.
Auf die Jagd gingen Alex und ich auch. Wir jagten die Bisamratten am Kanal, Wildkaninchen und Feldhasen. Gefangen haben wir nie etwas. Als dann die Myxomatose durchs Land zog, saßen die Wildkaninchen völlig zahm mit zugeschwollenen Augen auf den Feldern und Wegen. Da verging uns die Jagd und wir verlegten uns aufs Schwarzangeln. Mit selbstgebastelten Angelruten, Haken und Netzen belagerten wir den Kanal und den etwas entfernteren Bach. Unser Angelzeug taugte aber nichts. So wie wir mit unendlicher Geduld Frösche und Eidechsen von Hand fingen, lernten wir auch, Fische und Krebse von Hand zu fangen.
Mehrere Nachmittage in der Woche und in den Ferien sowieso, verbrachte ich auf dem Bauernhof und Konstanze war meistens dabei. Nach Ende der neunten Klasse machten Alex und ich eine Lehre, kamen danach in die Sturm- und Drangphase, und mussten leider noch zur Bundeswehr. Während des Wehrdienstes sahen wir uns anderthalb Jahre lang nur wenig. Als ich nach der Entlassung den stillgelegten Hof besuchte, stand eine bildhübsche Konstanze vor mir. Sie war das letzte verbliebene Kind und lechzte nach Abenteuer und Leben.
Zeitung
Prinzipiell bin ich gegen alles was bequem macht. Angesichts der Bequemlichkeit meiner Mitmenschen kann ich richtig verächtlich werden. Viele sind inzwischen sogar zu bequem, um beim Autofahren zu Blinken. Bequemlichkeit ist einer der Schwachpunkte des Homo sapiens, was ihn empfänglich für Werbung macht, denn diese suggeriert ihm, was man haben muss. Die meisten Menschen gehen ihr auf den Leim und das ständige Verlangen nach Neuem tut das Übrige. Die Deutschen, so empfinde ich, sind konsumvernebelt und vom Wohlstand sediert.
Mit jeder Neuerung stellt sich mir die Frage: Wie modern und elektronisch willst du eigentlich sein und werden? Und: Muss ich jeden Trend und jede Mode mitmachen? Die meisten Kinder und Jugendlichen wollen irgendwo dazugehören und anerkannt sein, haben deshalb den Drang das Neueste zu wollen. Diesen Drang kannte ich nicht. Ich sah mich immer zwischen den Gruppierungen stehen, fühlte mich nirgends zugehörig. Misstrauisch verfolgte ich, was die Gleichaltrigen so trieben und sich anschafften. Selber konnte ich, weil es die jeweiligen Umstände gerade nicht zuließen, weder einen Kassettenrekorder, noch einen Walkman oder iPod gebrauchen. Und zu keiner Zeit meines Lebens wollte ich mir ein Handy zulegen.
Smartphones waren mir von Anfang deshalb unsympathisch, weil viele Menschen ihr Leben nach dem kleinen Gerät ausrichten. Dass man mich jederzeit überall erreichen könnte, wäre mir unangenehm. Ich kann es nun mal nicht leiden, wenn man mir meine Zeit stiehlt. Wer mit mir reden will, muss das über den guten alten Festnetzanschluss machen. Was ich wissen will, erfahre ich aus der Tageszeitung, der Tagesschau und von Wikipedia. Und bin damit weniger angeschmiert als die Handy-Nutzer. Ich wollte schon immer Zeit haben; Zeit für mich war mir von klein auf das Wichtigste. Das haben meine Eltern und meine Geschwister nie begriffen. Einfach Zeit zu verbrauchen ohne sie fürs Weiterkommen zu nutzen, war für die anderen Ludwigs undenkbar. In meinen Augen war die angeblich verplemperte Zeit immer sinnvoll genutzt, denn so wie der Doktor Faust, (dass ich erkenne was die Welt, im innersten zusammenhält) versuchte ich, die Welt und die Menschen zu begreifen und dachte dabei vermutlich genauso intensiv nach, wie meine Geschwister im Studium. Doch das wurde mir erst im Erwachsenenalter bewusst.
Außerdem traue ich der Elektronik nicht. Elektronik ist nur so gut, wie die Menschen, die sie anwenden, fähig sind. Deshalb habe ich keine Kreditkarte und mache ich auch kein Homebanking. Bei meinem Lebensstil brauche ich das alles sowieso nicht und es widerspricht auch dem Kerngedanken meiner Philosophie. Der Abneigung gegen Bequemlichkeit.
In meiner Jugend war ich ein eifriger Schallplattenkäufer. Das üppige Taschengeld, um das mich viele beneidet hätten, weshalb ich dessen Höhe lieber für mich behielt, machte es möglich. Die Musik der Beatles setzte in mir eine Euphorie frei, die ich nicht gekannt hatte. Später entdeckte ich Slade, T. Rex und Alice Cooper. Deep Purple mit Made In Japan, brachte mich vollends aus dem Häuschen. Wie war es möglich, eine so kraftvolle und lebendige Musik so perfekt zu spielen? Ohne Noten! Meine Geschwister mussten Klavier spielen lernen, obwohl Gitarre angesagt war. Mich hatte man vergessen, zu Klavierstunden zu nötigen. Oder es ganz einfach unterlassen, weil meinen Eltern die Energie fehlte zu überprüfen, ob ihr Herumtreiber überhaupt zum Klavierunterricht ging.
Meine Schallplattensammlung wurde monatlich größer und umfangreicher. Ich hielt es für ratsam, meinen Musikgeschmack vor den Eltern zu verheimlichen. Die hörten oft Orgelmusik von Bach, auch Beethoven schallte manchmal durchs Haus, seltener etwas Getöse von Richard Wagner. Für mich war das tote Musik, die zudem sich endlos hinzog. Länger als Child in Time von Deep Purple und Stairways to Heaven von Led Zeppelin. Ich hörte meine Musik heimlich mit Kopfhörer, was meine Eltern nie taten. Sie genossen ihre Musik, die seit ewig dieselbe war, hausfüllend.
Dann kam der Kassettenrecorder auf und ich spürte deutlich, wie der Fortschritt und die Wirtschaft die Konsumenten zu einer Verhaltensänderung nötigten. Aber damals waren mir Bier trinken, Discotheken und Konstanze wichtiger gewesen. Einen Kassettenrekorder habe ich nie besessen. Als viele Jahre darauf sich wieder alles änderte und die CDs auf den Markt kamen, war ich mit Elfi und ihren zwei Kindern beschäftigt.
Auf meiner ersten Afrika-Safari, auch ich gönne mir manchmal etwas, wurde ich von einem Naturfotograf in die Fotografie eingeführt. Das begeistert mich so stark, dass ich mir zuhause eine Spiegelreflexkamera mit Wechselobjektiven zulegte. Seither gilt mein Interesse der heimischen Natur und zwischenzeitlich habe ich eine Unmenge Fotos geschossen. In mein analoges Fotografieren war ich so verliebt, dass ich die digitale Entwicklung jahrelang ablehnte. Bis ein Kollege vom NABU mir die neuen Möglichkeiten aufzeigte. Zum Beispiel konnte man Foto-CDs herstellen und vervielfältigen. Nach Jahren gab ich dann wieder viel Geld aus und kaufte mir eine Digitalkamera und einen Computer mit CD-Brenner. Bei Sachen, die ich gut gebrauchen kann, habe ich mit dem Fortschritt kein Problem. So wird es wohl auch anderen ergehen. Nur brauche ich kein Spielzeug, weil ich in meiner Freizeit hauptsächlich lese.
Inzwischen kann ich die neueste Musik endlos umsonst hören und frage mich, ob die Musiker nun von den Einnahmen ihrer Konzerte leben müssen. Auch mit fünfundsechzig interessiere ich mich noch für aktuelle Musik, sitze samstagabends mit Kopfhörer in meinem Häuschen, durchforste die Charts nach neuen Songs, kenne AnnenMayKantereit und Capital Bra, liebe Apache 207 und Rammstein. Einmal Rocker, immer Rocker.
Aber ein Smartphone? So herumlaufen wie die anderen? Das empfinde ich nicht als modern. Ein Smartphone ist der schlimmste Gleichmacher der Gegenwart. Die Geräte haben ihre Besitzer, die bequeme Unterhaltung suchen, voll im Griff. Wenn ich mir gegenüber ehrlich bin, lehne ich vieles schon deshalb ab, weil Besitz mich belastet. Wenn mein Hab und Gut unübersichtlich wird, fühle ich mich sofort unwohl. Außerdem führe ich ja ein Nischendasein in bewusst gelebter Diversität. Aber es hatte Jahrzehnte gedauert, bis ich endlich den Lebensstil gefunden habe, der mir wohltut und mit dem ich sogar glücklich bin.
Ich habe nicht nur eine Abneigung gegen Bequemlichkeit, sondern auch gegen Luxus. Für Luxus fehlt mir der Sinn. Da steckt der ewige Widerstreit dahinter, was nötig ist und was nicht. Ich neige nicht gerade zu Geiz, aber doch zum Einfachen. Um es überspitzt zu schildern: Es gibt Menschen, denen genügt ein Taschenmesser. Andere brauchen jeweils ein Messer für Brot, Butter, Wurst, Speck, Käse, Tomaten, Obst, Gemüse, Fleisch und sonst was. Ich bin eher der mit dem Taschenmesser. Luxus ist fürs Museum.
Meinen Hang zum Einfachen empfinde ich als glückliches Naturell. Damit habe ich auch gut lachen, denn mich plagen keine negativen Eigenschaften. Viele Mitmenschen leiden zum Beispiel unter ihrer Gier. Geldgier, Habgier, Machtgier, Fressgier und was es sonst noch alles an Gierigem gibt. Leiden unter zu wenig Beachtung, Anerkennung, Wertschätzung, Würdigung. Leiden unter ihrem Aussehen, ihrem Status, ihrer Herkunft, unter Krankheiten. Am meisten leiden die Süchtigen. Nikotin-, Alkohol-, Drogen- und Spielsucht sind die bekanntesten Abhängigkeiten, die Familien zerstören und Menschen verarmen lässt. Es gibt sogar Sexsüchtige. Keinem der aufgeführten Laster bin ich verfallen und blieb somit von den schlimmsten Problemen, die man als Mann bekommen kann, seit Geburt verschont. Meinen zeitweiligen Bierkonsum ignoriere ich hiermit.
Mit vierzehn wurde ich Kreismeister im Dreitausendmeterlauf. Am Montagmorgen war mein Bild in der Zeitung. Mein Vater, der als erster die Zeitung las, betrachtete den Bericht mit gemischten Gefühlen. Noch nie hatte es einer der Ludwigs, auch er nicht, in die Zeitung geschafft. Ausgerechnet der Sprössling, der sich weigerte aus seinem Leben etwas Bedeutendes zu machen, lächelte ihm nun zufrieden entgegen.
Die Jahre im Leichtathletikverein waren für mich eine super Zeit, mit viel Kameradschaft und gemeinsamen Feiern. Und den ersten Kontakten zu Mädchen. Alex und ich trainierten zwei Mal in der Woche. An den Wochenenden fuhren wir manchmal zu Wettkämpfen. Mein größter Triumph war der Zeitungsbericht, der meine Eltern und Geschwister fassungslos machte. Der schulische Leistungsverweigerer der Familie strahlte nun aus dem Lokalteil, weil er ein bisschen schneller rennen konnte als andere.
„Du fährst zu Wettkämpfen?“ fragte meine Mutter erstaunt. „Der Wettkampf war aber in Karlsruhe. Wie bist du dahin gekommen?“
„Da gibt es Eltern, die uns Sportler zu Wettkämpfen fahren“, erklärte ich mit meinem entwaffnenden Lächeln. Wie immer wussten meine Eltern nicht, ob ich nur freundlich erzählte oder darin auch eine Anklage versteckte, weil sie sich um mich nicht kümmerten.
Die Wahrheit war, ich wollte nicht, dass sie sich um mich kümmerten. Es war schon schlimm genug, dass meine Lehrer und Trainer versuchten, mich in ihrem Sinne zu lenken. Mir reichte es völlig, dass ich Eltern besaß, auf die ich in der Not zurückgreifen konnte. Fürsorge vermisste ich nicht.
Schon in meiner Kindheit hatte ich ein offenes Gesicht, das ich schnell zum Strahlen bringen konnte. Das war nicht bewusst aufgesetzt, ich hatte es einfach. So nutzte ich meinen Charme auch selten, um andere für mich einzunehmen. Bei Mädchen hätte ich damit bestimmt viel Erfolg gehabt. Aber im menschlichen Umgang war ich von Natur aus vorsichtig, selten ließ ich mich mit jemandem näher ein. Auf diese Art passierte in Punkto Mädchen nicht viel, mehr als Knutschen und Streicheln traute ich mich nicht. Vor allem blockierte mich die Frage, ob ich eine ständige Freundin überhaupt an meiner Seite ertragen könnte und was die von mir alles verlangen würde.
Durch die Geselligkeit im Leichtathletikverein lernte ich auch das Trinken. Auf Siegesfeiern, Geburtstagsfeiern, Straßenfesten überwand ich die Abscheu vor dem furchtbaren Bier, stemmte die Halben bald wie ein Großer. Da zuhause niemand nach mir schaute, merkte auch niemand, dass mein Zimmer gelegentlich nach Alkohol stank. Bis auf Anike, aber die hielt dicht, die liebte mich smarten Phillip mehr als die anderen vier Ludwigs, die eher einen verbiesterten Eindruck machten.
Als Anike zu uns kam, steckte ich in den Windeln und sie war gerade zwanzig Jahre alt. Eine schlanke junge Frau mit schwarzen Locken aus einem Elsässischen Dorf. Ob sie Deutsch konnte, weiß ich gar nicht. Wir unterhielten uns mit ihr nur auf Französisch, weshalb ich es früh sprechen konnte. Ich war dann auch der Grund, weshalb Anike nach achtzehn Jahren gekündigt hat. Kurz nach der Gesellenprüfung kam ich schon nachmittags mit Bierfahne nach Hause. Was für mich kein Risiko bedeutete, Eltern und Geschwister wusste ich weit weg. Nach der Zeugnisübergabe bin ich mit einigen Kameraden sofort in der nächsten Kneipe feiern gegangen. Anike war alleine zuhause und ich befand mich, als Prüfungsbester, in einem Hochgefühl. Ich war so betrunken, dass ich das Fahrrad vor dem Garagentor liegen ließ. Unsicheren Schrittes betrat ich das Haus, Anike kam mir lächelnd entgegen und fragte: „Na Prinz Phillip, wie war’s?“ Ich setzte ein zufriedenes Grinsen auf und fragte sie direkt, ob sie mir zeigen würde wie Sex geht. Nüchtern hätte ich diese Frage nie gestellt, ich hatte auch alle Mühe nicht zu lallen. Mein Wunsch, mit übersprühendem Charme vorgetragen, ließ Anike nur kurz zögern. Sie schob mich vor sich her in mein Zimmer und zog sich aus. Zum ersten Mal sah ich eine nackte Frau aus der Nähe. Eine reife nackte Frau von bald vierzig Jahren. Ich kannte nur die dünnen und strammen Bikini-Körper der jungen Mädchen vom Baggersee, wusste auch, wie die sich anfühlen. Trotz mehrerer Flaschen Bier war ich von Anikes Körper schockiert. Es war mir in den letzten Jahren entgangen, wie dick ihre Schenkel geworden waren. Sie machte dies und das mit mir, ich musste dies und das bei ihr anfassen und das Ganze wurde nicht so der große Hit und war auch bald beendet.
Am nächsten Tag litten wir unter einem großen Katzenjammer und dem Gefühl, etwas Ungehöriges oder vielleicht sogar Verbotenes getan zu haben. Besonders Anike. Sie hätte sich bestimmt ohrfeigen können, weil sie mir nachgegeben hat. Im Prinzip hatte sie den Sohn ihres Arbeitgebers verführt. Den siebzehnjährigen Sohn eines Anwalts, was eines Tages prekär werden könnte. Auf jeden Fall konnten wir uns nicht mehr in die Augen schauen. Sie nicht, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte, ich nicht, weil ich von ihrem wenig frischen Körper enttäuscht war, obwohl sie im Gesicht so nett aussah. Die Raumpflegerin, Köchin und Miterzieherin hielt das nur noch bis zum Jahresende durch und kündigte im Januar aus familiären Gründen, als ich gerade die erste Woche bei der Bundeswehr war.
Mein großer Bruder Franz, der Politikwissenschaft studierte und sich in der Landes-CDU engagierte, hatte sich vor dem Barras gedrückt und Zivildienst geleistet. Ich wollte zur Bundeswehr, damit ich etwas Kerniges erlebe und später etwas zu erzählen habe. Als gelernter Handwerker wurde ich gebraucht und führte beim Militär ein angenehmes Leben. Wenn die Sauferei nicht gewesen wäre. Bei der Bundeswehr wurde Bier zu meinem Hauptnahrungsmittel. Die Leichtathletik ließ ich bleiben.
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