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Hans Hyan
Sündenbabel

Roman

Saga

I. Eine vornehme Hochzeit.

In dem grossen Saal, durch dessen weitgeöffnete, mit feinen Stores verhangene Fenster der Märzabend seinen milden Atem hereinblies, wurde ein glänzendes Fest gefeiert.

Kam man von der Tür herein, so sah man zuerst nichts als ein Gewoge und Geflimmer von blendenden Lichteffekten und buntglänzenden Farben.

Die reichen und verwöhnten Menschen, die sich hier zu einem opulenten Mahl versammelt hatten, liebten es nicht, sich von den eindringlich hellen Flammen des mächtigen Kronleuchters überschütten zu lassen, der an der Decke hing. Nur hohe Ständerlampen warfen ihr von gelben Seidenschleiern gedämpftes Licht über die Tafel. Und dazwischen, ebenso wie an den Wänden, duftende Wachskerzen, die in silbernen Armleuchtern brannten und deren Flammen durch rote Schirmchen geschützt waren.

So lag der in matter Farbe tapezierte Raum in einem goldigen Dämmerlicht, und mit dem Duft der Blumen, die in feinen Glaskelchen vor jedem Gaste standen, mischten sich die teuren Parfüms, die gleich unsichtbaren Wölkchen über den reichen Toiletten der Frauen schwebten.

In allen Altersstufen waren sie vertreten unter den vielleicht fünfzig Personen, die sich lachend und mit von der Glut des Weines belebten Wangen unterhielten.

Aber die Jugend herrschte doch vor, und die Schönheit der einzelnen erschien doppelt reizvoll, weil die kostbarsten Toiletten diese herrlichen Gestalten umschmiegten, weil Samt und Seide hier mit dem Schmelz der weissen Schultern wetteiferten und weil man nicht wusste, ob man das Feuer all der seltenen Edelsteine, die diese Damen schmückten, oder den Glanz und die Glut so vieler schöner Augenpaare mehr bewundern sollte.

In diesem Moment erhob sich ein Herr, der als einziger unter all den schwarzgekleideten Männern einen Frack aus feinem roten Tuch mit goldenen Knöpfen trug.

Es war ein beliebter Humorist und Schriftsteller, ein Bekannter des Hauses, der wohl zu den Intimen gehörte und es daher selbst heute wagen durfte, in einem so aussergewöhnlichen Kostüm zu erscheinen.

Und wie Herr Bruno Siegwart, der Schriftsteller, nun, dar Sektglas erhebend, seine mit witzigen Pointen reich gewürzte Rede begann, wie er, sich ein wenig vorbeugend, zu der ihm gegenübersitzenden Dame, der das heutige Fest galt, sprach, da verstummte das Gläserklingen, das Geräusch der lachenden und flüsternden Lippen allmählich, denn alles hörte gespannt zu, und die schöne Frau selbst stützte den klassisch geformten Arm auf die Lehne ihres Fauteuils und lauschte behaglich auf die Worte des geistvollen Schmeichlers dort drüben.

Seit zwei Stunden hiess sie Maria Anna Gräfin von Berghorst. Ihre kaum mehr als mittelgrosse Gestalt, die den vollen Zauber des reifen Weibes atmete, umschloss ein Kleid aus schwarzer Seiden-Panne, jenem dünnen, geplätteten Samtstoff, dessen Lüstre ohnegleichen ist, dessen weichschimmernder Glanz sich wie Schlangenhaut um blühende Formen spannt. Die Taillenärmel fielen an den Ellenbogen in weisse Crêpe de Chine-Puffen aus, und aus dem, der feierlichen Gelegenheit angepassten sehr diskreten Halsausschnitt erhob sich sinnverwirrend ein Nacken, den grosse, an einer kaum sichtbaren Goldkette aufgereihte Brillanten umstrahlten.

Und jetzt, wie sie ihre grossen, südländisch dunklen Augen zu dem Sprecher aufschlug, da sprühte aus diesem stolzen und doch wieder lieblichen Gesicht eine solche Fülle von Lebensdrang und Genusssucht, dass der feine Spott auf den Lippen des Rotbefrackten erstarb, dass nichts mehr als aufrichtige Bewunderung in seinem Auge lag, als sein und der Gräfin Glas aneinanderklangen.

Alsdann erhoben sich, wie es bei solchen Gelegenheiten üblich, die Gäste aus den weichen Polstern der himbeerfarbenen Fauteuils und kamen herbei, um mit der jungen Gattin und ihrem Gemahl, einem von oben herabblickenden Aristokraten, der ein auffallend grosses Monokel in seinem jungen, blasierten Gesicht trug, anzustossen.

Vor der Gräfin selbst stand in diesem Augenblick ein junger Mann in der Offiziersuniform des Potsdamer Garderegiments von auffallend grosser, kräftiger Figur, der den Worten der Dame mit höflich geneigtem Kopf lauschte.

In den Augen der Frau lag, während sie rein gesellschaftliche Phrasen mit dem jungen Manne wechselte, ein undenklich schmachtender Ausdruck. Und wäre jemand dabei gewesen, der wohl sehen, aber nicht hören konnte, er hätte gewiss nicht anders geglaubt, als dass diese soeben in den heiligen Stand der Ehe getretene Dame ihr Herz und vielleicht noch etwas mehr diesem stattlichen jungen Manne entgegenbrachte, den die Uniform so brillant kleidete.

„Wir werden nach einer kurzen Pariser Reise längere Zeit hier verweilen,“ sagte die Gräfin, in deren Stimme so viel verhaltene Glut und Innigkeit bebte, dass der Leutnant innerlich, wie vor etwas Brennendem, zurückschrak.

Mit Sekundenschnelle trat wieder der Salon vor sein geistiges Auge, der kleine, ganz in Tiefgrün dekorierte Salon, in dem er die junge Frau zum ersten Male gesehen hatte. Graf Berghorst selbst hatte ihn eingeführt, war dann aber, um, wie er sagte, einer wichtigen Verabredung zu folgen, bald fortgegangen und hatte den jungen, im Verkehr mit Frauen stets sehr schüchternen Offizier mit seiner Braut allein gelassen.

Die Gesellschafterin, eine ihrer Herrin augenscheinlich sehr ergebene Person, hatte selbst den Tee serviert, und sich dann wieder zurückgezogen.

Und während von Ballenstedts Blick über die grossen, schlanken Blumenmuster glitt, die sich in zartfarbigen Linien von dem tiefen Oliveton der mit englischem Samt bezogenen Möbel abhoben, war er anfänglich nur schwer imstande gewesen, seine Befangenheit zu verbergen. Das Licht quoll so träumerisch sanft unter den Seidenfransen des merkwürdig geformten Lüstres hervor, ein kleines Seidenäffchen hockte in der grünlichen Dämmerung des Kamins auf seiner Stange und knabberte mit den scharfen Zähnen an einer Nuss.

Wie einmal eine längere Gesprächspause eintrat, glaubte der Leutnant die junge Frau heftiger als sonst atmen zu hören.

Es war still, so still in dem grossen Gemach, an dem allerorten die reichen Stoffe in schweren Falten zu Boden fielen, und ein Duft, ein ganz absonderliches, geradezu berauschendes Parfüm ging von der schönen Braut des Grafen Berghorst aus. Hans von Ballenstedt, der seine sonst laute Stimme diesem diskreten Raum angepasst, hatte plötzlich wieder lauter zu sprechen angefangen.

Er wollte sich mit diesen lauten Worten wehren gegen die Heimlichkeit dieses Beisammenseins und gegen die süsse, sanfte Betäubung, welche aus den Kleidern und den Händen der schönen Frau auf ihn einzuströmen schien.

Gerade wie jetzt hatte er auch damals nicht gewagt, sein Gegenüber lange anzusehen. In den nachtleuchtenden Augen lag etwas, worüber sein naives Gemüt sich nicht klar zu werden getraute. Er fand sie schön und entzückend, aber der Gedanke, dass da ein Liebesbaum sich über ihm wölbte, dessen reife Frucht er nur zu pflücken brauchte — der Gedanke war ihm nicht gekommen ...

„Ich hoffe, dass Sie mir dann Gelegenheit geben werden, unsere zwar noch neue, aber doch so reizend begonnene Bekanntschaft fortzusetzen ... ich lade Sie heute schon ein, uns recht oft zu besuchen! ... Nicht wahr, Herr Leutnant, Sie werden meiner Aufforderung Folge geben?“

Hans von Ballenstedt verneigte sich tief.

Aber wenn er hätte wiederholen sollen, was die Gräfin Berghorst soeben zu ihm gesprochen hatte, so wäre er in Verlegenheit geraten.

Jenes eigentümlich helle, glockenhelle Lachen, das ihm am heutigen Tage schon so oft ins Ohr geklungen, war in diesem Moment wieder laut geworden und, ob er wollte oder nicht, Hans von Ballenstedt musste hinübersehen zu der kleinen Elfe, die so kindlich lachte, deren Augen so rein und unschuldig blickten und die ihrer Tante, der Gräfin Maria Anna von Berghorst, trotzdem so ähnlich sah.

Und sie hatte eine Art, zu sprechen und sich zu geben, wegen deren man sie allein schon lieben musste. So ohne einen Schatten von Falschheit und Arg war jede ihrer Mienen, das ganze Gesicht strahlte bei einer scherzhaften Bemerkung ihres Tischnachbars, und in der unbewussten Koketterie, mit der sie dann ihr Köpfchen wie im leisen Zweifel seitwärts neigte, lag ein Charme, eine Anmut, — selbst ein Zyniker hätte sich dieser lieblichen, unschuldigen Jugend beugen müssen.

Sicherlich war Luzie Petersen ihrem Empfinden nach noch ein Kind. Aber mochte es in der Rasse liegen, oder war der Reichtum und die immer gleich gute Pflege daran schuld, diese Kindesseele steckte in einem Körper, der wie eine kräftig entwickelte Blumenknospe all seine zarten Reize soeben zu enthüllen begann.

Ihr kleiner Erdbeermund stand nicht still, und das Gefühl eines stillen Neides beschlich den Leutnant darüber, dass er nicht an der Stelle des geschniegelten Referendars sass, der die kleine, in seegrüne Seide mit gesticktem Tüllüberwurf gekleidete Schönheit während des Diners unterhalten durfte.

Aber Hans von Ballenstedts Blicke hatten zu lange an dem zarten Profil Luzies, dessen antikes Ebenmass der hochblonde griechische Knoten vervollständigte, gehangen, als dass nicht die vor ihm sitzende Gräfin darauf aufmerksam geworden wäre.

Und indem sie sich über die Richtung seines Blickes klar wurde, ging eine merkwürdige Veränderung in ihrem brünetten Antlitz vor; die Falte zwischen den starkgezeichneten Augenbrauen verstärkte sich, die vollen, purpurroten Lippen pressten sich fest aufeinander und die dunklen Augen flogen wie Wetterstrahlen zu der Blonden hinüber, welche in nichtsahnender Fröhlichkeit mit ihrem Kavalier scherzte.

Alles das ging mit Sekundenschnelle vor sich. Als Hans von Ballenstedt sich wieder auf sich selbst und diejenige, der er gegenüberstand, besonnen hatte, als er ihr mit lächelndem Munde — unter seinem dichten, braunen Schnurrbart blitzten dabei die grossen, weissen Zähne — sagte, wie sehr er sich freue, und wie er die Zeit herbeisehne, wo er sich ihr das nächstemal vorstellen dürfe, da war auch die Gräfin Anna Maria wieder ganz die huldvolle, gütig lächelnde Weltdame, deren Mienen im Glücke der vollsten Zufriedenheit leuchteten.

Dann kamen andere, die ihren Champagnerkelch an den der neu kreierten Gräfin klingen lassen wollten.

Leutnant von Ballenstedt wurde fortgeschoben, aber ehe er wieder auf seinen Platz ging, blieb er einen Augenblick vor dem von rotgoldenen Lichtreflexen überhauchten Wandspiegel stehen, und das trotz seiner Jugend schon so ernste und männliche Gesicht bekam einen tiefzärtlichen Schein, als er im Spiegel das süsse Antlitz derjenigen lachen sah, die er heute hier zum erstenmal erblickt, und die doch sogleich sein Herz in leidenschaftliche Begeisterung hatte hoch auflodern lassen.

Vergeblich sann er, wie er bei diesem Diner, dem ein Tanz oder sonstige Festlichkeit nicht folgte, die Bekanntschaft der jungen Dame machen könnte.

Er war ihr wohl vorgestellt worden, aber bei der langen Reihe von Namen und Personen, die heute an dem jungen Mädchen vorübergezogen waren, hatte Luzie Petersen ihn wohl kaum bemerkt ... Hans von Ballenstedt lächelte über sich selbst; Tor, der er war, zu glauben, dieses schöne, reiche und vielumworbene Mädchen würde, sobald er sich nur etwas eingehender mit ihr beschäftigte, seine Neigung erwidern!

Und er wollte, wütend auf sich selbst, sich eben wieder nach der Tafel umdrehen, als eine Hand leise seine Schulter berührte und jemand flüsternd sagte:

„Ich wollte mich nur von Ihnen verabschieden, Herr Leutnant, ich gehe jetzt ...“

Es war ein Berichterstatter der „Unpolitischen Nachrichten“, ein Dr. jur., der sich der journalistischen Karriere zugewandt und den der Leutnant kannte, da er als Einjähriger bei seinem Regiment gedient hatte während der Zeit, als der jetzige Leutnant noch Fähnrich war.

Hans von Ballenstedt war konservativ erzogen und hatte bisher nicht viel von der Presse und ihren Vertretern gehalten, aber diese Bekanntschaft mit Dr. Otto Pfeiffer, in dem er einen ungewöhnlich intelligenten und gebildeten Menschen kennen lernte, hatte ihn ein wenig von seiner Ansicht abgebracht.

„Wollen Sie mich mitnehmen, lieber Doktor? ... Ich habe auch genug.“

Und indem sie scheinbar auf ihre Plätze zurückgingen, entfernten sich die beiden Herren, ohne dass ihr Weggehen in dem Hin und Her der Gäste viel bemerkt worden wäre.

Wie sie aus dem Portal des Hotels hinaustraten und in dem Dämmer des Frühlingsabends, durch das die Flammen der Laternen so hilflos blinkten, die Linden hinabgingen, schwiegen sie anfangs alle beide.

Dann räusperte sich der Offizier und sagte, wie um eine unangenehme Empfindung loszuwerden:

„Ich weiss nicht, wie ich mir das selbst erklären soll, aber für mich hat die Geschichte trotz aller Vornehmheit der Namen und Toiletten doch etwas Protzenhaftes ... oder nein, das ist nicht der richtige Ausdruck! ... und den finde ich vielleicht auch nicht ... aber ich habe das Gefühl, als sei nicht alles so, wie es sein sollte! ...“

Der Journalist wiegte seinen Kopf, dem der schwarze Henriquatre einen etwas französischen Anstrich lieh, und blies leise die Luft durch die gespitzten Lippen aus.

Der Offizier sah ihn forschend an.

„Seien Sie mal offen zu mir, Doktor, und sagen Sie, was Sie von den Leuten halten ... Ich bin seinerzeit mit dem Grafen bekannt geworden, draussen beim Rennen in Hoppegarten. Ich weiss auch, dass er viel mit Offizieren verkehrt ... und habe eigentlich nie was Ungünstiges über ihn gehört ... er soll spielen, aber das tun die Kameraden ja fast alle ... sagen Sie mal, Herr Doktor, wissen Sie was Genaueres?“

„Darf ich fragen, wie Sie mit der Gräfin bekannt geworden sind?“ fragte der Journalist statt einer Erwiderung.

„Ganz einfach, der Graf hat mich seiner Braut vorgestellt ... vor vierzehn Tagen etwa. Ich bin auf mehrfache Aufforderung zweimal dagewesen und kann nichts anderes sagen, als dass ich mich brillant unterhalten habe ...“

Hans von Ballenstedt stockte und wollte augenscheinlich noch etwas hinzusetzen, ohne dass er sich recht dazu entschliessen konnte.

Otto Pfeiffer überlegte unterdessen mit der ihm eigenen Schnelligkeit im Denken die Situation: gewiss, er wusste so manches über das neuvermählte gräfliche Paar! Aber was doch nur gerüchtweise an sein Ohr gedrungen war, hatte er ein Recht, das weiter zu erzählen? ... Wenn die Fama sich nun irrte und der in der Tat wenig schöne Handel, von dem man ihm berichtet hatte, eine Verleumdung war?

Nein, er wollte vorläufig wenigstens Stillschweigen bewahren! Erfuhr er später Näheres über die Geschichte und bewahrheitete sich das Gehörte, so war es noch immer früh genug, auch dem ihm befreundeten Leutnant, für den er ein entschiedenes Interesse hegte, davon Mitteilung zu machen und ihn vor einem Verkehr zu warnen, der seine Stellung als Offizier gefährden konnte.

Hans von Ballenstedt, der sich ebenfalls mit seinen Gedanken beschäftigte, sagte jetzt mehr von innen heraus, als in der Absicht es auszusprechen:

„Nein, das kann ich mir doch nicht denken, sie macht einen so guten, kindlich reinen Eindruck ... so sehr kann man sich nicht täuschen! ...“

„Wen meinen Sie?“ fragte der Journalist, „die Gräfin Berghorst?“

Hans von Ballenstedt schüttelte energisch den Kopf.

„Nein, nein, ihre Nichte ... das blonde junge Mädchen im grünen Tüllkleide, das links von Ihnen neben dem Referendar Lessen sass.“

Der Journalist war zart genug, den jungen Offizier, der sich in einiger Verlegenheit befand, in diesem Moment nicht anzusehen.

Sie wechselten dann noch einige allgemeine Redensarten; plötzlich aber blieb der Gardeleutnant stehen, drückte seinem Begleiter freundschaftlich die Hand und empfahl sich.

Mit einem feinen Lächeln ging der Journalist nach der entgegengesetzten Richtung zu. Um ein paar nette Bildchen für sein heutiges Feuilleton war ihm nicht bange.

II. Vampyre.

Nicht lange, nachdem Hans von Ballenstedt die Tafel verlassen hatte, empfahlen sich auch Braut und Bräutigam.

Die heut Vermählten hatten sich jede Begleitung zum Bahnhof ausdrücklich verbeten, und als das von zwei raschen Pferden gezogene Kupee davonfuhr, hatten die jungen Eheleute vollkommen Musse, sich ihre Herzen gegenseitig auszuschütten.

Die Gräfin, die im Hotel Zeit gefunden hatte, ihre Toilette zu wechseln, trug jetzt einen seidenen Staubmantel, unter dem ihr Kleid, das aus lichtgrauem Tuch mit dunklen Applikationen gefertigt war, kokett hervorsah.

Dazu an Hals und Armen einen diskreten, altertümlich getriebenen Silberschmuck, zu dessen Inkrustierung man Saphire und Rubinen verwandt hatte, grosse durchsichtige, blau und rot leuchtende Steine von erlesener Schönheit.

Um die vollen Lippen der jungen Frau — denn jung war sie, trotzdem die Spuren raffinierter Toilettenkünste an ihr dem Eingeweihten nicht verborgen blieben —, um den brennendroten Mund schwebte ein Lächeln der Geringschätzung, das sie nicht einmal zu verbergen bestrebt war, als sie jetzt zu ihrem Manne sagte:

„Nachdem Sie Ihre Mission zu meiner vollen Zufriedenheit erfüllt haben, mein Herr, gebe ich Ihnen hiermit gern Ihre Freiheit wieder. Sie werden so gut sein und mich zum Bahnhof begleiten ... Und dann werden Sie, sobald als möglich, in einer anderen Richtung, deren Wahl Ihnen selbstverständlich vollkommen freisteht, Berlin ebenfalls verlassen ... So war es ausgemacht, und, nicht wahr, dabei soll es auch bleiben?“

Graf Berghorst, der während dieser Rede etwas nervös die Schnur seines Monokels zwischen den Fingerspitzen wirbelte, nickte zustimmend.

Dann warf er das Glas ins Auge — ein Auge, in dem, wie häufig bei Nachtschwärmern und Spielern, ein unstetes, scheues Glitzern war, und sah die junge Frau an, als wolle er sie etwas fragen.

Aber die Gräfin kam ihm zuvor.

„Was die Erfüllung unserer sonstigen Bedingungen anlangt, mein lieber Graf, so hatte ich anfänglich die Absicht, die Angelegenheit aus leichtbegreiflichen Gründen durch meinen Anwalt ordnen zu lassen. Da ich jedoch bei näherer Überlegung jedes Hineinziehen einer dritten Person tunlichst zu vermeiden wünschte und mir ausserdem denken kann, dass eine Verzögerung gerade dieses Teiles unserer Abmachungen Sie peinlich berühren würde —“

Die Gräfin hatte währenddem eine kleine Tasche aus rotem Corduan geöffnet und ihr ein Kuvert entnommen.

„So bin ich so frei, Ihnen dies persönlich zu übermitteln ...“

Sie reichte dabei dem Grafen das Kuvert, das dieser mit einer leichten Verbeugung entgegennahm.

„Sie werden finden, lieber Graf, dass ich, ebenso wie Sie, mich meiner Verpflichtungen genau erinnere.“

Der Graf erhob seine grosse, gelbbehandschuhte Hand.

„Aber, ich bitte, meine Allergnädigste ... äh ... ich bin nur traurig, dass ich damit nicht auch wirklich von dieser reizenden Hand Besitz ergreifen darf!“

Sie zog schnell ihre Hand, die in einem silbergrauen Handschuh aus Sämisch-Leder steckte, zurück — so schnell, dass es fast den Anschein hatte, als wolle sie die Rechte des Grafen nicht gern unnötigerweise berühren.

Er übersah das absichtlich, aber seine Stimme hatte einen spitzigen Ton, als er hinzusetzte:

„Nun, Sie werden doch nicht leugnen können, meine Verehrte, dass eine Situation, wie die unsere, jedenfalls sehr ... äh ... hm ... wie soll ich mich denn da ausdrücken? ... na, jedenfalls sehr eigenartig für beide Teile ist!“

Sie fasste ihn darauf abermals scharf ins Auge und ihre schweren, schwarzen Brauen rückten wie in innerlicher Entrüstung dicht zusammen. Aber sie liess seine Bemerkung unerwidert.

Er selbst schwieg auch, und man sah es dem bleichen Gesicht mit der grossen Hakennase deutlich an, wie sein Besitzer sich ärgerte. Dann nahm er den Claque ab uno fuhr sich mit dem weissen Seidentuch über die bedenklich verlängerte Stirn, um schliesslich doch mit der Bemerkung herauszuplatzen:

„Wenn ich mich nun jetzt plötzlich in Sie verliebte, meine Gnädige, und mich zu dem zweiten Teil unserer Abmachungen, wie Sie das so überaus zutreffend ... Äh ... zu nennen belieben — wenn ich mich nun damit jetzt nicht mehr einverständen erklärte, was dann?“

Die Gräfin hatte ihn ruhig ausreden lassen. In die braunen Ripspolster des Kupees lässig zurückgelehnt, betrachtete sie ihn mit ihren dunklen Augen, die hart und voller Verachtung auf seinem von Ärger leicht geröteten Gesicht ruhten.

„Ich habe Sie bis jetzt für einen Mann gehalten, dem sein Kavalierswort heilig ist, mein Herr.“

Sie betonte jedes Wort deutlich und lächelte dabei, ein kaum bemerkbares, aber desto vernichtenderes Lächeln.

„... und ich werde damit fortfahren, bis Sie selbst mir die Beweise vom Gegenteil liefern ... ausserdem aber ...

Sie betrachtete jetzt ihre wohlgeformten, für eine Frau aber auffallend kräftigen Hände.

„... ausserdem bin ich auch ein wenig orientiert über die glänzende Gewandtheit, mit der Sie, Herr Graf, das Geld unter die Leute zu bringen verstehen ... ich glaube, ich kann den Zeitpunkt in aller Ruhe abwarten, wo Sie selbst auf Scheidung unseres heut geschlossenen Ehebündnisses dringen werden, um die zweiten hunderttausend Mark zu bekommen.“

Und sie lachte so herzlich, dass ihre klugen, energischen Züge einen Anflug von entzückender Munterkeit bekamen.

Er sah ein, dass es für ihn nichts Vernünftigeres geben könne, als in dieses Lachen einzustimmen, und da der Wagen inzwischen den Anhalter Bahnhof erreicht hatte, so fragte er galant, ob er ihr noch irgendwie bei der Unterbringung des Gepäcks behilflich sein könne.

Sie verneinte.

Ihre Gesellschafterin sei am Bahnhof. Die Koffer, welche sie in Paris zuerst brauchte, seien der Sicherheit halber schon vor mehreren Tagen vorausgeschickt worden. Das übrige besorge ihr Intendant, dem sie, wie immer, die Regelung ihrer Angelegenheiten in ihrer Abwesenheit anvertraut habe.

Mit einem Seufzer verglich der Graf sein eigenes unstetes Leben und seine nur dem äusseren Schein nach geordneten Verhältnisse mit dem wirklich vornehm arrangierten Haushalt dieser Millionärin.

Aber viel zu wohlerzogen, um sich seinen Neid und Ärger äusserlich auch nur im geringsten anmerken zu lassen, öffnete er den Schlag des jetzt eben am Bahnhofsportal haltenden Wagens und half seiner Gemahlin beim Aussteigen.

Die Nacht war inzwischen hereingebrochen. Der Askanische Platz lag im Flimmer der Laternen, unter denen die dunklen Schatten der Passanten sich bewegten. Auf den Bänken der Anlagen sassen ausruhende Arbeiter und Pärchen; auch die Armen, die weder Geld noch Arbeit haben, lungerten dort in Menge umher. Und manches Auge sah neidisch herüber, wo im hellen Schein der Bahnhofslaternen die reichen Leute dem eleganten Gefährt entstiegen.

In der Wartehalle wurde Gräfin Berghorst von der Gesellschafterin, ihrer langjährigen Vertrauten, empfangen, einer älteren, sehr gemessenen Person von gediegen bürgerlichem Aussehen, die sich ihrer Herrin sofort anschloss, nachdem sie sich auch vor dem Grafen höflich verbeugt hatte.

„Meinen Gatten halten noch einige wichtige Besorgungen hier zurück,“ sagte die Gräfin, die dadurch zu erkennen gab, dass sie den Schein einer wirklichen Ehe in jedem Falle aufrecht zu erhalten strebte.

„Er hofft jedoch, dass er uns bald folgen kann! ... Nicht wahr, mein Freund?“

Etwas, von dem er selbst nicht wusste, was es heissen sollte, in seinen breiten, blonden Schnurrbart hineinmurmelnd, beugte sich der Graf und hauchte einen flüchtigen Kuss auf die Stelle des Handgelenks, die der etwas zurückgeschlagene Handschuh der Dame freiliess.

Dann empfahl er sich, als vollendeter Weltmann, den Zylinder in eleganter Pose etwas seitwärts haltend.

Aber während die Gesellschafterin bereits vorausschritt, beugte sich, schon im Gehen, die Gräfin noch einmal leicht zurück und sagte, nur für ihren Gatten hörbar:

„Wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf, mein Lieber, hüten Sie sich vor den Karten!“

Graf Berghorst schnitt eine Grimasse, als habe jemand sein vornehmstes Hühnerauge mit dem Stiefelabsatz in Berührung gebracht; dann drehte er sich, die rechte Gesichtshälfte zusammenkneifend und so das grosse Monokel ins linke Auge bringend, kurz um und schritt dem Ausgange zu.

Als die Gräfin neben ihrer Gesellschafterin über den Vorplatz schritt, um auf den Bahnsteig des Pariser Zuges zu gelangen, blieb sie einen Augenblick stehen.

Ihre Augen richteten sich auf einen Menschen, der ihr entgegenkam und vor dem sie, da auch sein Blick sie stark fixierte, mit einer instinktiven Gebärde den Schleier ihres Reisehütchens herunterliess.

Die grosse, in schlechter, abgerissener Kleidung steckende Gestalt dieses Mannes hatte wenig Vertrauenerweckendes.

Der finstere, schwarzbärtige Kopf, in dem die Augen so unruhig hin und her flogen, war auffällig klein und trug auf dem dunklen, kurzgeschorenen Haar eine sogenannte Wolkenschiebermütze.

Der Mann hatte eine Reisetasche aus schwarzem, abgerissenen Wachstuch in der Hand und schien auf dem anderen Bahnsteig, auf dem ebenfalls ein Zug hielt, fortfahren zu wollen.

Auch er hatte beim Anblick der Gräfin Berghorst, wie elektrisiert, den Schritt verhalten; als aber Maria Anna, einem leichten Ruck von der Hand der Gesellschafterin nachgebend, schnell weiterging, bewegte sich auch jener Mensch, wenn auch zögernd, vorwärts, und obgleich er sich mehrfach nach ihnen umsah, so hatten doch die beiden Frauen in wenigen Sekunden den Bahnsteig betreten und waren hinter dem dessen rechte Seite flankierenden Zuge verschwunden.

Als die Damen in einem Kupee erster Klasse sassen, das der Schaffner zum Dank für ein gutes Trinkgeld, solange wie es irgend anginge, für sie zu reservieren versprochen hatte, da fragte die Gesellschafterin, in deren erblassten Zügen noch immer ein ungläubiges Staunen und Erschrecken lag:

„War er’s denn wirklich, Marie?“

Die Gräfin nickte.

„Ja, da ist kein Zweifel, das war Fred Hunter!“

„Und glaubst du, dass er uns erkannt hat?“

„Sicherlich.“

Danach versank die Gräfin wieder in das Brüten, das sie in ernsten Lebensmomenten stets überfiel.

Und indem an ihrem umfassenden Geiste die Bilder ihres Lebens schnell vorüberzogen, mass sie die Entfernung zwischen ihnen ab, die Möglichkeiten, die das Einst und Jetzt miteinander zusammenstossen lassen konnten ....

Aber soviel sie sich mühte, die Erinnerungen, die so drohend sich herandrängten, zurückzustossen — sie bannte sie nicht, die schweren, schwarzen Wolken, die aus der Vergangenheit heraufzogen, und die ihre dunklen Schatten über den goldenen Strom warfen, an dem jetzt ihr Dasein blühte.

„Na, Herr Graf, wie ist es denn nun mit dem Provisiönchen?“

Graf Berghorst drehte sich um und sah bei dem ungewissen Licht der Laternen in das finnige und von einer rötlichen Bartfrese umrahmte Gesicht des Herrn Kretschmar, jenes Agenten, der ihm in Gemeinschaft mit noch zwei anderen Personen die Heirat mit Maria Anna Petersen vermittelt hatte.

Und gleichzeitig tauchten hinter diesem Herrn noch zwei andere Personen auf.

Eine etwas korpulente Frau im mit Pelz besetzten Seidenplüschmantel und mit einem schwarzen Federhut auf dem Kopf, dessen herabgelassener, dichter, weisser Schleier ihr Gesicht verdeckte. Und ein Mann im schwarzen Hohenzollernmantel, eine grosse deutsche Reckengestalt, mit langem, blondem Vollbart und den blauen Augen der alten Germanen, die allerdings ein wenig unsicher und vom Trinken gerötet schienen.

Graf Berghorst war förmlich zurückgeprallt bei dem plötzlichen Erscheinen dieser drei Leute, die ihm hier offenbar ebenso unerwartet als unerwünscht kamen.

Aber sofort erwachte in dem Aristokraten der hochmütige Stolz, der seiner Rasse stets zu Gebote steht, wo es sich um einen Konflikt mit niederstehenden Personen handelt.

Er trat einen Schritt zurück und fragte mit eisiger Stimme:

„Weshalb, wenn ich fragen darf, lauern Sie mir hier auf, halten Sie mich am Ende für Ihresgleichen?“

„Wie meinen Sie das, liebster Graf?“ meinte der Rotbärtige, dessen schmallippigen Mund ein höhnisches Lächeln umspielte.

„Wenn es Sie danach verlangt, will ich Ihnen die Erklärung nicht vorenthalten, Herrrr!“

Graf Berghorst erregte sich sichtlich, indem er mit diesem schon seinem Äusseren nach perfiden Menschen sprach.

„Bitte, bitte, genieren Sie sich gar nicht, Verehrter!“ höhnte letzterer weiter.

Aber nun legte sich der grosse, blonde Herr im schwarzen Kragenmantel ins Mittel und sagte:

„Lassen Sie doch Ihre spitzen Redensarten, Kretschmar, der Herr Graf wird es uns gewiss nicht übelnehmen, dass wir ihn hier erwartet haben ... mein Gott, jeder will doch sein Heu so bald wie möglich einbringen ... nicht wahr, Herr Graf?“

Er wandte sich mit einer chevaleresken Verbeugung an den Aristokraten.

„Sie verdenken es uns nicht, dass wir Sie bitten wollten, uns heute noch die Heiratsprovision auszuzahlen?“

„Jawohl,“ fiel jetzt die Dame ein.

„Darum wollten wir alle drei den Herrn Grafen ganz ergebenst gebeten haben. Denn erstens sind da die Vorschüsse, die wir dem Herrn Grafen verschafft haben und für die wir doch auch wieder haften müssen ... und dann hat uns die Zusammenbringung dieser Partie auch wirklich viel Mühe und noch mehr Unkosten gemacht ... schliesslich, nicht wahr, jeder Arbeiter ist doch seines Lohnes wert!“

Dem Grafen stieg der Ekel bis in die Kehle hinauf ... Das waren die Aasgeier, die auf seiner toten Ehre sassen und sich an ihr mästeten ... Er sah den Kretschmar an, der sich jetzt still verhielt, dessen bleiches, argwöhnisches Gesicht aber gespannt an jeder seiner Bewegungen hing, und er sah ein, dass er nichts Besseres tun könne, als so rasch wie möglich die Forderung dieser Leute zu befriedigen und sich ihrer Gesellschaft zu entziehen.

Wenn ihm jetzt einer seiner Bekannten begegnete! ... Welch eine Unvorsichtigkeit war es, sich mit diesen anrüchigen Leuten, die gewiss auch noch anderen ausser ihm bekannt waren, auf offener Strasse in lange Auseinandersetzungen einzulassen! Er suchte und fand eine Kaleschendroschke, die Raum für vier Personen bot.

Und die Herrschaften liessen sich denn auch nicht lange nötigen und stiegen ein.

Er selbst nahm unter dem hochgeschlagenen Rückverdeck Platz, so dass ihm jemand aus seinen Kreisen, der etwa vorüberging, nicht sehen konnte. Dem Kutscher hatte er zugerufen:

„Nach der Ackerstrasse 216!“

„Wieso nach der Ackerstrasse?“ fragte der misstrauische Agent.

„Ich habe dort etwas zu tun,“ erwiderte der Graf kurz.

„Na, aber ...“

Der Rotbärtige hatte etwas entgegnen wollen, überlegte es sich jedoch und fragte:

„Haben Sie denn das Geld, Herr Graf?“

„Ja, in einem Scheck.“

„Ach ’n Scheck! ...“ sagte die dicke Frau, die Leonore Tuto hiess und sich offiziell mit Heiratsvermittelungen befasste, während über ihre inoffiziellen Geschäfte niemand so recht orientiert war.

„Ein Scheck! ... Da sind wir ja noch so klug wie vorher ... heute ist doch keine Bank mehr offen!“

„Lassen Sie das nur,“ meinte der grosse Blonde — sein Name war Traugott Casparius, und er hatte sich als verkrachter Rittergutsbesitzer auf sogenannte Agenturgeschäfte gelegt, das heisst, er machte Hypotheken und Versicherungen, akquirierte auch Inserate und war, wie es hiess, wenig wählerisch in der Art der Unternehmungen, denen er seine Kräfte widmete.

„Lassen Sie nur, Frau Tuto, Herr Kretschmar und ich, wir kennen jemand, der uns auch heute abend noch den Scheck honoriert ... denn, nicht wahr, Herr Graf, Ihnen liegt doch auch daran, heute noch Geld zu sehen ... und auf einhundert Märkchen wird’s Ihnen dafür gewiss nicht ankommen?“

Graf Berghorst neigte zustimmend sein zweiunddreissigjähriges Haupt, dessen Haare von so manchem Sturm bereits stark gelichtet waren.

Und während er einige Worte an den früheren Gutsbesitzer richtete, der ihm aus jener Periode her vom Spieltisch bekannt war, wo Herr Casparius, wie er selbst sagte, den schönsten Teil seines Lebens zugebracht und den grössten Teil seines Rittergutes gelassen hatte — meinte der rothaarige Agent, dessen Stimme allein schon den Grafen in nervöse Unruhe versetzte, so leise, als spräche er zu sich selbst:

„Wenn ich nur wüsste, was der Herr Graf in der Ackerstrasse will!“

Der Graf überhörte das absichtlich.

Doch der Agent fuhr, in der offenbaren Absicht, von Berghorst zu einer Antwort zu reizen, fort:

„Wir haben doch wahrhaftig mehr zu tun, als dem Herrn Grafen bei seinen privaten Angelegenheiten Gesellschaft zu leisten!“

Kretschmar wandte sich dabei an die Tuto, und obwohl diese abwehrende Handbewegungen machte, setzte er hinzu:

„Ich schlage vor, wir fahren sofort nach der Fennstrasse ’raus zu Ephraim und sehen zu, dass die Geldsache sobald wie möglich in Ordnung kommt!“

Jetzt hielt der Graf nicht länger an sich, er wurde wütend.

„Nein!“ schrie er, „zum Donnerwetter, nein! Hören Sie denn nicht, was ich sage! Wir fahren nach der Ackerstrasse, und wenn Ihnen das nicht passt, so steigen Sie gefälligst aus! ... Ihre Gegenwart ist mir sowieso im höchsten Grade chokant!“

Mit dem Blick eines bösen, tückischen Tieres, aber ohne mehr als die blutlosen Lippen zu bewegen, starrte der Agent den Aristokraten an. Dieser Mensch war schlau, sehr schlau! Er wusste wohl, dass er nicht die geringste Handhabe hatte, den Grafen zu zwingen, dass dieser heute noch die Mitgiftsumme auskehrte. Deshalb schwieg er, aber in seinem Herzen schwur er dem Grafen heisse Rache und er war überzeugt, dass er früher oder später schon Gelegenheit finden würde, diesem alles mit Zinsen heimzuzahlen!

Der übrige Teil der Fahrt durch die hellen, menschenbelebten Strassen des Ostens ging fast ohne Unterhaltung vonstatten ... Diese vier Menschen hatten Wichtigeres zu tun, als zu plaudern.

Sie rechneten, wie viel für jeden von den Hunderttausend abfallen würde, und jeder, mit Ausnahme des Grafen vielleicht, hoffte den andern bei der Auszahlung übers Ohr zu hauen.

Als die Droschke in der Ackerstrasse hielt, sprang der Graf sofort leichtfüssig hinaus. Es war, als beflügele eine neue unsichtbare Gewalt seine Schritte. Aber er war kaum in dem matt erleuchteten Torweg des Hauses verschwunden, als auch schon der Agent die Droschke verliess mit den Worten:

„Vor allen Dingen werd’ ich mal untersuchen, ob das Haus auch nicht etwa einen zweiten Ausgang hat!“

III. Ein Kind des Volkes.

Atemlos, ein Rot der Hast und der inneren Erregung auf den sonst so aristokratisch farblosen Wangen, langte Graf Berghorst im vierten Stocke an.

Noch zitterten die Wogen des Unmuts über das Benehmen dieses Menschen da unten in der Droschke in ihm nach, den er viel zu sehr verachtete, um ihn zu fürchten.

Aber der Graf hatte nur nötig, an eine Tür zu klopfen und, als ihm geöffnet wurde, über eine Schwelle zu treten, um alles, alles zu vergessen, was ihn störte und bedrückte.

Mehr als dreissig Jahre waren vergangen, ohne dass es der Liebe gelungen wäre, dieses stolze Männerherz zu bezwingen!

Graf Berghorst wusste wohl, dass Frauenschönheit und Frauengunst dem Manne süss sei: durch braune, blonde und schwarze Locken war seine schmalfingrige Hand geglitten und in mancherlei Mundarten hatten rote Lippen ihm zugeflüstert:

„Ich liebe dich!“

Aber nie hatten solche Geständnisse und Liebkosungen sein Herz mehr als einen flüchtigen Augenblick schneller schlagen lassen.

Vielleicht hatte er das nicht gefunden, was die Leidenschaft in seinem Herzen ausgelöst hätte. Es war auch wohl möglich, dass das Spiel all seine Empfindungen und Gedanken so sehr in Anspruch nahm, dass nicht viel für Amors sanfte Triebe übrigblieb.

Und ihm, der den Luxus so selbstverständlich fand, dem ein Leben, das nicht mit allem Komfort des Reichtums umgeben war, ungeniessbar erschienen wäre — diesem Manne, der die seltensten Treibhauspflanzen kaum beachtete, war es vorbehalten, von einer Heckenrose so gefesselt zu werden, dass es ihn festhielt mit tausend Klammern, dass er niedersank vor ihr und mit scheuem Flehen um einen Blick ihrer sanften Augen, um einen Druck ihrer kleinen, arbeitharten Hände warb.

Was besass denn Käthe Wunderlich, dass sie diesen stolzen, hoffärtigen Charakter, den die eigene Mutter nie hatte bändigen können, mit einem einzigen Blick ihrer blauen Augen zur tiefsten Demut zwang?

Schön war sie doch eigentlich nicht.

Ihre blonden Flechten, die sie wie eine Krone ums Haupt gewunden trug, waren sicherlich das Allerschönste an ihr.

Ihr längliches Gesicht hatte, trotzdem ihre Arbeit sie täglich im engen Zimmer festhielt, eine frische, gesunde Farbe, und der hohe Wuchs ihres kräftigen, wohlgeformten Körpers gefiel jedem.

Aber das erklärte den tiefen Eindruck noch nicht, den sie auf den Mann ausübte, dessen Standesideale sicherlich in einer ganz anderen, viel komplizierteren Frauengattung ihre Erfüllung fanden.

Man musste mit Käthe Wunderlich sprechen, den bestrickenden Klang ihrer tiefen Altstimme hören, und man musste das seelenvolle Aufleuchten ihrer klarblauen Augen, ihres ganzen frommen Angesichts sehen, wenn sie sich an dem Gegenstand, von dem gesprochen wurde, erwärmte!

Sicherlich, ein Hauch von jenen Höhen, denen all unser Bestes immerdar zustrebt, war auch in diese einfache Menschenseele geflossen — ein Hauch, der denen entgegenwehte, die mit Käthe Wunderlich umgingen, der selbst den Verständnislosen Achtung und Bewunderung abnötigte.

Sie hatte an ihrem Arbeitstisch gesessen, als Graf Berghorst klopfte, und dorthin ging sie zurück, als sie ihm geöffnet hatte.

Auf der Platte des Tisches, über den eine einfache Schirmlampe ihr volles, gelbes Licht ergoss, lagen Seidenstreifen, schwarze und bunte von verschiedenem Muster. Daneben in einem Karton kleine blitzende, seltsam geformte Metallstückchen. Dann Schnallen, die einen blinkenden Hügel auf dem braunen Holze bildeten, und, etwas abseits in regelmässige Reihen gelegt, Herrenkrawatten zu Dutzenden.

Käthe erwarb ihr Brot mit Krawattennähen. Sie verfertigte die kleinen bunten, schwarzen und weissen Schleifen, „Diplomates“ genannt, welche die Herrenwelt unter dem Stehkragen über ihren weissen, gestärkten Chemisettes trägt.

Und da das Mädchen geschickte Hände und viel Geschmack besass, so wurde es ihr nicht schwer, sich auf eine anständige Weise zu ernähren.

Der Graf, der ihr bei seinem Kommen nur, wie einer Dame der grossen Welt, die Hand geküsst hatte, sass ihr jetzt gegenüber und sah zu, wie Käthes flinke Finger die bereits fertiggenähten Seidenstreifen zu verschieden geformten Schleifen banden, um sie alsdann mit raschen Nadelstichen zu befestigen.

Während sie dabei harmlos mit ihm plauderte, fühlte der Graf heimlich voll ängstlicher Bedrücktheit nach seinem Trauring, den er in die Westentasche gesteckt hatte.

Hier in der Nähe des angebeteten Mädchens lastete seine Verfehlung doppelt schwer auf ihm.

Dazu kam, dass er ihr heute zum ersten Male gegenüberstand als ein Mann, der seine Freiheit um schnödes Geld verkauft hatte, der im Augenblick wenigstens nicht mehr das Recht hatte, über seine Hand zu verfügen.

Er meinte auch, sie müsse ihm das ansehen.

Ihre heiteren unschuldigen Augen, die er auf sich gerichtet fühlte, brannten in seiner Seele, und nichts hätte er mehr gewünscht, als sich jetzt der Geliebten zu Füssen werfen zu dürfen, um ihr alles, alles einzugestehen.

Aber er wusste genau, sie würde sich dann erheben mit ihrer hohen aufrechten Gestalt, und ihm ruhig und ernst die Tür weisen — für immer!

Und das fürchtete er mehr als alles andere!

Deshalb sagte er nichts von dem, was sein Gemüt mit solch dumpfem Schmerz erfüllte; ja er log sogar, als sie ihn teilnehmend fragte, ob er Kummer habe, und verneinte die Frage lächelnd.

Dabei aber sah er sie immerfort an und verging vor Durst nach ihrem roten Munde ... einmal, einmal ja nur wollte er sie küssen ...

Oh, wer ihm das gesagt hätte, dass er so elend werden würde vor Sehnsucht nach diesen Lippen, damals an jenem Abend, als er sie zum erstenmal gesehen!...

Wie greifbar deutlich das alles plötzlich wieder vor seinem geistigen Auge stand!

Im Dezember war’s gewesen, als er wie gewöhnlich abends nach dem Klub zum Spielen fahren wollte.

Und seine Droschke hätte beinah — das erfuhr er erst später — ein Kind überfahren. Ja, der Kleine wäre sicher unter die Räder gekommen, wenn nicht im letzten Augenblick ein Mädchen zugesprungen wäre und das Kind zurückgerissen hätte.

Das Kind kam mit blossem Schrecken davon, die mutige Retterin aber war von einem Wagenrade erfasst und zu Boden gerissen worden.

Sie sah übel aus, die arme Käthe, aber es war ihr gottlob nichts Ernstliches geschehen, und sie hätte ihren Weg gewiss am liebsten still und unbemerkt fortgesetzt, wenn nicht die schnell zusammengeströmte Menge ihr allzu aufdringlich ihre Huldigungen dargebracht hätte, während sich natürlich gegen den Droschkenkutscher und den im Wagen sitzenden Grafen der ganze Unwille der Menge kehrte.

Dem letzteren hatte der Graf Berghorst allerdings schnell gesteuert, dadurch, dass er der herbeigeeilten und schimpfenden Mutter des Kindes — die Frau hätte eher Schelte verdient! — einen „blauen Lappen“ einhändigte ...

Er war gerade bei Kasse ... und, du lieber Gott! was kam’s ihm schon auf einen Hundertmarkschein mehr oder weniger an ... Als Spieler wird man es gewöhnt, das Geld so schnell kommen und gehen zu sehen, dass die Banknote selbst gar keinen Reiz mehr besitzt ...

Aber auf die armen Leute, die sich um ihn drängten, machte diese Freigebigkeit einen enormen Effekt! Dafür trat sogar das opfermutige Wagnis des jungen Mädchens in den Hintergrund, das, wie jemand unter den Zuschauern ganz offen sagte, „ja nicht mal was abbekommen hätte.“

Käthe Wunderlich verlangte auch gar keine Anerkennung für ihr Tun. Sie wäre still und zufrieden im Bewusstsein ihrer voll erfüllten Menschenpflicht nach Hause gegangen, wenn nicht der Graf selbst ihr seine höchste Anerkennung ausgedrückt und sie gebeten hätte, seinen Wagen zu benutzen, um nach Hause zu gelangen.

Mit einem Blick auf ihre über und über beschmutzte Kleidung hatte Käthe sein Anerbieten akzeptiert, und als der Graf dann ebenfalls einstieg und der Kutscher davonfuhr, waren die beiden Insassen der Droschke peinlich berührt worden durch ein paar recht unschöne Spässe, die sich der allzeit ulklustige Mob selbst bei dieser ernsten Gelegenheit nicht verkneifen konnte.

Vielleicht hatte der Graf auch wirklich, wie die Bemerkungen der Zurückgebliebenen andeuten wollten, im Anfang daran gedacht, er könne hier zu einer leichten Eroberung kommen.

Aber jedenfalls hatte er noch nicht viele Worte mit Käthe Wunderlich gewechselt, als von Berghorst wohl erkannte, er täte gut daran, jede derartige Absicht im Keime zu ersticken.

Der ernste Sinn des Mädchens liess für solche Liebelei gar keinen Raum. Und ehe sich der Graf noch von seinem Staunen über dieses seltsame Menschenkind erholt hatte, das seinen Mitschwestern so gar nicht ähnlich sah, mit dem man wie mit einem Manne reden konnte und das bei all seiner Vernunft doch wieder von einer kaum glaublichen Naivität war — noch ehe sich Graf Berghorst über dieses liebliche Naturwunder so recht klar geworden war, hatte ihn schon eine tiefe Neigung für dieses Mädchen erfasst, eine Neigung, die sich mit jedem Zusammensein steigerte und die zu immer höher aufflammender Leidenschaft wurde, je weniger Käthe sie erwiderte.

Denn in der Tat deutete nichts im Benehmen der Krawattenarbeiterin darauf hin, dass Graf Berghorst ihrem Herzen näher stand als andere Männer.

Sie war lieb und freundlich zu ihm. Wenn er kam, stand eine Tasse Tee für ihn bereit, und sie erkundigte sich teilnehmend nach seinen Arbeiten — er hatte ihr vorgeredet, er sei Ingenieur und arbeite an einem fachwissenschaftlichen Werke, weil tatsächlich die Technik ihn früher interessiert und beschäftigt hatte.

Aber weiter ging ihre Vertraulichkeit bisher nicht. Und der Graf sah gar keinen Weg, auf dem er diesem unberührten keuschen Herzen sich hätte nähern können.

So hatte denn auch zu seinem heutigen Besuch bei Käthe keine andere Veranlassung vorgelegen, als die rastlose Sehnsucht, der glühende Wunsch, sie zu sehen, in ihrer Gegenwart zu atmen und — vielleicht den ersten Kuss auf diesen reinen Mund drücken zu dürfen! ...

Deshalb liess Graf Berghorst seine „Geschäftsfreunde“ unten in der Droschke so lange warten; deshalb blieb er, obwohl ihn dieses Warten der drei in Gedanken peinigte, immer noch länger hier bei Käthe Wunderlich.

Die Uhr ziehend, sah er, dass es bald halb zehn war. Also mehr als eine halbe Stunde hatte er die unten schon warten lassen.

Wenn sie nun ungeduldig würden, ihn suchten und durch irgend wen erfuhren, dass er hier sei, bei seinem geliebten Mädchen.

Dem Kretschmar war die Frechheit zuzutrauen, dass er einfach heraufkam und nach dem Grafen von Berghorst sich erkundigte ..., dass er Berghorst hiess, wusste Käthe, aber von dem Adel und gar von dem „Grafen“ hatte sie keine Ahnung.

Nein, wahrhaftig, er musste gehen!

Unverzüglich! Sofort!!

Aber gerade dieser Zwang, der ihn wider seinen Willen von dannen trieb, liess das Meer seiner Leidenschaft immer höhere Wellen schlagen.

Er stand auf.

Seine Hände zitterten und seine Stimme bebte, als er jetzt sagte:

„Ich habe heut wenig Zeit ... Ich muss gehen.“

Käthe sah auf von ihrer Arbeit.

In ihren Augen blinkte es, wie eine Träne.

Und da — da siegte der Wunsch, sie sein zu nennen, über seine Schüchternheit.

Trunken vor Liebe und Zärtlichkeit, mit den unsicheren Bewegungen einer seiner Sinne nur halb Mächtigen, kam er ihr näher.

Sie hatte sich erhoben.

Und als er jetzt seine Arme um sie schlang, da widerstrebte sie nur schwach.

Ihr armes, einsames Herz, überwältigt von der Grösse dieser Liebe, deren wilder Pulsschlag zu ihr herüberdrang und sie schwach werden liess, gab sich ihm zu eigen.

Sie küssten sich minutenlang. Mit einer Kraft und Innigkeit, als sollte der Tod sie in der nächsten Minute voneinander reissen.

Und dann, als ihre Lippen sich, nach Atem ringend, voneinander lösten, da drängte sie selbst ihn nach der Tür, mit einem Flüstern, das wie ein Hauch durch den stillen Raum klang.

„Morgen! ... komm morgen wieder!“

IV. Ein nächtlicher Besuch.

Als Graf Berghorst wieder zu seinen Begleitern in die Droschke sprang, hatte er auf die spitzen Bemerkungen, mit denen ihn der Agent Kretschmar wegen seines langen Fortbleibens empfing, nur ein Lachen.

Auch fragte er sich jetzt nicht mehr, ob durch das Beisammensein mit diesen drei Personen seine Reputation Schaden nähme, er sprach mit ihnen, scherzte sogar mit Frau Tuto, die er eine brave, rechtschaffene Frau nannte, und schliesslich hatte er nicht übel Lust, dem rotbärtigen Agenten die Hand zur Versöhnung zu reichen.

v. Berghorst befand sich eben in jenem Rauschzustande absoluter Glückseligkeit, in dem der Mensch alles in einem verklärenden Lichte erblickt, wo sein eigner Frieden so schön und ungemessen ist, dass er mit niemand mehr in Feindschaft leben möchte.

Da, mitten im Gespräch, warf Casparius, der Grosse mit dem blonden Vollbart, auf einmal die Frage auf:

„Ja, wie kommen nur denn aber nu’ ins Haus, bei Ephraim? ... es ist doch zehne vorbei, wenn wir da sind!“

Er wie auch die andern mussten mit erhobener Stimme reden, da das Rasseln der Droschke, die jetzt dem Süden Berlins zufuhr, auf dem schlechteren Pflaster der Vorstadtstrassen ihre Worte übertönte.

Aber Kretschmar, der Fuchs — er hatte in der Tat viel Ähnlichkeit mit einem solchen — der überall ein Loch wusste, wo man durchschlüpfen konnte, war auch hier nicht um Rat verlegen.

Es sei da solche Kellerkneipe im Haus, durch die könne man den Hof erreichen, der Pfandleiher wohne nämlich auf dem Hofe.

„So ...“ sagte die Tuto, „was ist denn der Ephraim für einer? Den kenn’ ich doch gar nicht?“

Eine Weile überliessen sich der frühere Rittergutsbesitzer und Kretschmar gegenseitig das Antworten.

Und dann wie Casparius eben etwas erwidern wollte, sagte Graf Berghorst plötzlich mit einem kurzen Auflachen:

„Aber ich kenn’ ihn, Frau Tuto ... wenn Sie mal Ihren Familienschmuck versetzen wollen ... Der alte Ephraim beleiht nur wirkliche Pretiosen .... ausserdem ist er der gerissenste Halsabschneider, der mir jemals vorgekommen ist ... übrigens ist es gut, dass es heute Sonnabend und nicht Freitag ist. Von Freitagabend bis Sonnabend um dieselbe Zeit ist er nicht zu sprechen ... da können Sie ihm ’n Tausendmarkschein auf ’n Tisch legen, er rührt ihn nicht an. Und gern macht er auch am Sonnabend abend keine Geschäfte, seine alten Kunden wissen das schon und kommen dann erst gar nicht zu ihm. Aber vielleicht macht er mit uns eine Ausnahme.“

Der Sprechende nickte zu Casparius und Kretschmar hinüber.

„Jedenfalls können wir’s ja versuchen!“

„Mit mir macht er jedenfalls eine Ausnahme!“ erwiderte der Rotbärtige, wobei sich ein unheimliches Lächeln um seine schmalen Lippen stahl.

Die übrigen sahen dies Lächeln und hatten alle drei das nämliche peinliche Gefühl dabei, dem Casparius Ausdruck gab, indem er gezwungen lachend sagte:

„Sie sind ein Satanskerl, Kretschmar! Ich glaube, mit Ihnen würde der Deubel selbst nicht fertig werden!“

Der Agent erwiderte darauf nichts. Er blickte aus der schwerfällig dahinrollenden Droschke hinaus auf die Strasse, deren linke Seite mit elenden Mietkasernen bebaut war, während rechts hinter weit sich hinstreckenden Bretterzäunen das von den schwarzen Tüchern der Nacht überhangene Feld sich dehnte.

Die Laternen schienen hier in weiteren Zwischenräumen als sonst zu stehen und vermochten mit ihren rötlichen Flammen, die in der nebligen Luft erzitterten, die Finsternis nur auf kurze Strecken zu durchdringen.

„Wie unheimlich es hier ist!“ dachte der Graf, „es riecht förmlich nach Elend und Verbrechen!“

Aber er sagte nichts davon zu den anderen, und so erreichte man in schweigsamer Fahrt das Haus, in dem der alte Ephraim wohnte.

Die Kellerbudike hatte richtig noch Licht.

Einer nach dem andern kletterten die vier sechs aus rotem Backstein gemauerte Stufen hinab.

Kretschmar öffnete die mit einer roten Kattungardine verhangene Glastür, und ein fürchterlicher Brodem, aus Bierdunst, Tabaksrauch, Speisengestank und widerlicher Menschenausdünstung gemischt, schlug den Eintretenden entgegen.

Nie erinnerte sich Graf Berghorst einen derartigen Raum betreten zu haben.

Übrigens war es sicherlich eine Kaschemme, in der man sich befand. Auch nicht einer von den Gästen, die sich an den mit schwarzem Wachstuch beschlagenen Tischen breitmachten, sah aus wie ein ehrlicher Arbeiter. Dagegen sassen verschiedene Frauenzimmer, deren Beruf zweifellos war, zwischen den Männern und tranken mit ihnen.

Der Wirt selbst, ein langer, etwas gebückt gehender Mann, mit einer blauen Brille vor den anscheinend entzündeten Augen, war hinter dem vergitterten Schanktisch hervorgekommen.

Misstrauisch blickte er diesen so seltenen Gästen entgegen; aber kaum hatte er Kretschmar erkannt, so war er die Devotion und Höflichkeit selbst und erbot sich sofort, den Herren nach der Wohnung des alten Ephraim hinaufzuleuchten.

„Ich will bloss erst die Emma rufen, dass se solange uffpasst,“ sagte er und verschwand in der Nebenstube.

Gleich darauf kam er wieder mit einem nachlässig gekleideten Mädel, dem die schwarzen Ponies wild in das dunkelgerötete Gesicht hingen. Man sah ihr’s an, dass sie eben vom Kochherd kam; aber trotz ihrer mangelhaften Toilette lag etwas Hinreissendes in der kleinen üppigen Person, deren Augen wie schwarze Kirschen lachten und deren Blut man unter der glatten, braunen Haut förmlich wirbeln fühlte.

Herr Aloys Schweisser — das war der Wirt des „Münchener Keller“ genannten Lokals — stellte Herrn Kretschmar das Mädchen als seine Nichte Emma vor, dann gab er ihr flüsternd einige Weisungen, wobei er auf verschiedene der Gäste mit den Augen deutete, und sagte:

„So, meine Herren, setzt bitte kommen Sie!“

Durch einen dunklen Korridor, in dem es pestilenzialisch roch, führte Herr Schmeisser die vier hinaus auf den Hof.

Im Vorbeigehen hatte er ein kleines, qualmendes Küchenlämpchen mitgenommen, das schützte er mit der Hand vor dem Luftzug, wie sie über den Hof gingen, und meinte dabei, zum Seitenflügel hinaufsehend:

„Is schon dunkel bei ihm ... der olle Herr wird am Ende schon schlafen ... na, wenn er mich hört, steht er wieder uff!“

„Das glaub’ ich,“ meinte Kretschmar mit seinem undefinierbaren Lächeln, „Sie haben wohl öfter Gelegenheit, den Alten des Nachts herauszuholen, wie?“

Aber der Wirt, der eben mit Casparius einige Worte wechselte, schien das zu überhören. Er antwortete wenigstens nicht.

Sie stiegen nun eine hölzerne, knarrende Treppe hinauf, und der Graf hütete sich wohl, mit der über und über beschmierten Kalkwand in Berührung zu kommen.

Ephraim, der im ersten Stock wohnte, hatte nicht einmal ein Schild an der Tür — ein Beweis, dass die, die ihn brauchten, ihn wohl zu finden wussten.

Der Kellerwirt klingelte. Er klingelte nach einiger Zeit noch einmal. Und dann wiederholte er das Klingeln rasch hintereinander.

Aber niemand kam.

Dann klopfte er mit der Faust und rüttelte an dem Türknopf — ohne Erfolg.

Mit einemmal nahm er die Hand von dem Messingknopf weg und sagte, sie näher an die Lampe bringend:

„Zum Donnerwetter! Was ist denn das?! ... Blut? ...“

Die Tuto, die dem Wirt am nächsten stand, wäre vor Schreck beinahe umgesunken.

„Machen Sie doch keine Dummheiten!“ sagte der Agent ärgerlich, und nahm die Lampe selbst in die Hand. Dann hielt er sie an die Tür, und trotz des trüben Lichtes sah man jetzt deutlich, dass die Pfosten, ebenso wie die Füllung der Tür, mit Blut bespritzt waren.

„Da wer ick woll die Pollezei holen müssen!“ meinte der Wirt.

Graf Berghorst war zurückgetreten; hätte er gekonnt, wie er wollte, so wäre er, so schnell ihn seine Füsse tragen konnten, gelaufen.

Der feinere Mensch in ihm bäumte sich auf gegen das Gemisch von Schmutz, Ekel und Verbrechen, dem er hier begegnete.

Aber seine drei Begleiter hätten ihn sicher nicht fortgelassen. Auch reizte das Geheimnisvolle der Umstände, die er hier antraf, unbewusst seine Phantasie, und zu dieser so begreiflichen Neugierde gesellte sich die instinktive Besorgnis, durch sein plötzliches Fortgehen zu irgendwelchen Missdeutungen Anlass zu geben.

Während sich Casparius, die Tuto und der Wirt leise unterhielten und der Agent mit einer Verwünschung nochmals an die Tür schlug, hörte es sich an, als kämen schleichenden Schrittes mehrere Personen die Treppe herauf.

Der Kellerwirt, der seine Leute kannte, sagte sofort:

„Det sind gewiss die Jungens, die mal sehen wollen, wat hier oben los is.“

Und wirklich tauchten gleich darauf zwei recht fragwürdige Gestalten im Halbdunkel der Treppe auf.

„Du, Aloihs!“ rief der eine mit gedämpfter Stimme.

„Wat willste denn? Bleib doch unten!“

„Die Polentea) is da! ... flebbenb)!“

Und indem die beiden Galgenvögel das sagten, drückten sie sich scheu bei denen vorbei, die vor Ephraims Tür standen, und hasteten geräuschlos die Treppe hinauf; jedenfalls hatten sie Grund, eine Begegnung mit der Polizei zu meiden.

Aber schon wurden andere, festere Tritte hörbar, und nach wenigen Sekunden erschienen zwei Kriminalbeamte, von denen der eine ein Licht in der Hand trug, während der andere den Revolver schussfertig in der Rechten hielt.

Die Beamten, die wohl eine kleine Razzia über die Bodentreppe beabsichtigten, schienen nicht wenig verwundert, hier mitten in der Nacht eine Gesellschaft ihnen gänzlich unbekannter Personen zu finden.

Und zu Herrn Schmeisser, der ihnen recht gut bekannt war, gewendet, sagte der eine von ihnen:

„Na nu, Herr Wirt, hier oben sind Sie? Warum widmen Sie sich denn nicht Ihren Gästen? Ich glaube, Sie werden da unten schmerzlich vermisst ... übrigens, was machen Sie denn eigentlich hier?“

„Ich wollte die Herrschaften man bloss raufführen zu Ephraim,“ erwiderte Herr Schmeisser, und mit einem Achselzucken setzte er hinzu:

„Es macht uns aber keiner auf.“

„Und hier sehen Se mal, Herr Kommissar, hier is Blut an de Türe!“

„Na nu!“

Der Kommissar beugte sich vor.

„Wahrhaftig! Das ist Blut!“

Dann wandte er sich an seinen Kollegen

„Du! da scheint ein schwerer Fall vorzuliegen! ... Lassen Sie mal sofort einen Schlosser holen, Schmeisser!“

„Ja, Herr Kommissar, wen soll ick denn aber schicken? Ick bin doch janz alleene!“

„Wenn Sie keinen zum Schicken haben, dann gehen Sie selber! ...“

„Oder vielleicht haben Sie das gar nicht nötig; unten bei Ihnen im Keller sitzt doch sicher einer, der mit Türenaufmachen Bescheid weiss!“

Der Wirt lachte mit seiner heiseren Stimme und meinte:

„Det kann stimmen, Herr Kommissar, aber Ihnen wer’n sie’s wohl nich vormachen wollen!“

„Geh’n Sie! Geh’n Sie!“ drängte der Beamte, „die Sache sieht hier sehr ernst aus.“

Jetzt wandte sich Graf Berghorst zu seinen Begleitern:

„Sie werden doch alle einsehen, dass wir hier gänzlich überflüssig sind und heute doch nicht mehr zu unserem Ziel kommen.“

Aber Kretschmar opponierte sofort: „Wieso denn, das ist doch noch gar nicht gesagt!“

Der Graf achtete nicht auf ihn, sondern fragte, zu Casparius gewandt: „Kommen Sie mit? Ich gehe!“

Der frühere Rittergutsbesitzer schien unschlüssig. Aber seinem Zögern machten die Kriminalbeamten ein Ende, indem der, der schon vorher gesprochen hatte, sich jetzt zu der Gruppe wendend, ziemlich höflich sagte:

„Ich bedaure sehr, meine Herrschaften, aber vorläufig müssen Sie schon hierbleiben. Solange wir den Tatbestand noch nicht festgestellt haben, kann von dem Fortgehen einer beteiligten Person gar keine Rede sein.“

„Aber ich bitte Sie, Herr Kriminalkommissarius!“ rief jetzt die Tuto weinerlich, „was haben wir denn mit der Sache zu tun?“

„Das ist ganz egal,“ erwiderte der andere Beamte.

„Wer hier ist, bleibt hier, und damit basta!“

Gleich darauf kam Herr Aloys Schmeisser mit einem Schlosser, der zufällig im Hause wohnte, herauf.

„Schliessen Sie uns mal die Tür auf,“ befahl der eine Beamte.

Der Schlosser gehorchte schweigend.

Der Beamte hielt die Lampe, und als die Tür, die nach innen aufging, sich öffnete, sahen alle, die auf dem Treppenflur versammelt waren, von Grauen durchwehter Spannung in den düsteren Korridor hinein, der von altem Gerümpel so angefüllt war, dass nur ein schmaler Spalt als Durchgang freiblieb.

Aber sie bemerkten nichts Auffälliges.

Einer nach dem anderen gingen sie nun vorsichtig, nur mit den Zehen auftretend, als fürchteten sie, sich vorzeitig zu verraten, den ziemlich langen Korridor hinunter bis zu einer offen stehenden Tür, aus der ein Lichtschein glänzte.

Aber das Zimmer, das sie gleich darauf betraten, war leer, eine Lampe stand dort auf dem Tisch und nichts Verdächtiges zeigte sich den spähenden Blicken.

Es war eben die Stube eines alten Junggesellen, unwohnlich kahl und ohne viel Bequemlichkeit.

Einen Augenblick standen die Beamten, von denen der eine ein zweites dahinter befindliches Zimmer untersucht und leer gefunden hatte, überlegend. Dann gingen sie zurück, wobei ihnen Graf Berghorst und seine Gesellschaft immer folgten, und drangen jetzt erst in ein vorher übersehenes Seitengemach, das ebenfalls mit allen möglichen Gegenständen bis an die Decke vollgepfropft war und deshalb den sofortigen Überblick sehr erschwerte.

Aber auch dort war nichts Auffälliges zu bemerken.

„Wo mag er denn bloss schlafen, der Alte?“ fragte der eine Beamte.

„Na, da vorne, im grossen Zimmer,“ erwiderte der andere, „da stand ja doch das Bett!“

Und nun, als sei ihnen eine plötzliche Erleuchtung gekommen, stürzten die Beamten wieder in das Wohnzimmer, wo noch immer die Lampe auf dem Tisch brennend stand, während ihnen die vier Besucher langsam folgten.

Der rothaarige Agent, der gewiss in seinem Leben an manchen Dingen vorübergekommen war, vor denen man wohl erschrecken konnte, dieser kalte, nüchterne und mitleidlose Mensch prallte entsetzt zurück, als er, über die Schwelle tretend, die Beamten bei ihrer Arbeit sah.

Die Schutzleute hatten die rote Bettdecke und das Oberbett von dem breiten altväterlichen Bette heruntergerissen und so den Körper des alten Ephraim blossgelegt, der, von der Waffe eines Meuchlers grauenvoll zerstört, in seinem Blute schwamm.

Die nur mässig grosse, magere Gestalt des alten Mannes, dessen Gesicht den echten Typus des Hebräers zeigte, lag auf dem Rücken, und die ein wenig erhobenen Hände starrten wie die Krallen eines gepeinigten Tieres empor.

Er musste schon in seinem Bett gelegen haben, und vielleicht hatte ihn der Schlaf, jener tiefe, traumlose Schlummer des unermüdlich Tätigen, bereits umfangen, als ihn die Waffe des Mörders ins Leben traf.

Aber trotzdem schien es, als hätte ein Kampf zwischen dem Mörder und seinem Opfer stattgefunden, denn das gestreifte Baumwollhemd, das der Ermordete trug, war von dem Blute des Unglücklichen mit grossen, schwarzen Flecken besudelt und an mehrerer Stellen zerrissen.

Das Gesicht, dieses hässliche Judengesicht mit der erschreckend grossen Nase, die dem Schnabel eines Raubvogels glich, war von den Schauern eines martervollen Todes, von den Qualen der Angst und den wütenden Empfindungen des Hasses so entstellt, dass selbst die Beamten es nicht fertig bekamen, länger darauf hinzusehen.

Dieses kahle, unwohnliche Gemach, in dessen finsteren Winkel das armselige Lampenlicht nicht hineinleuchten konnte, die gelbliche Dämmerung, in der der Tote seine misshandelten Glieder racheheischend zum Himmel streckte, und die vor Entsetzen fahlen Menschengesichter umher boten ein grausiges Bild.

Graf Berghorst hatte die dicke Tuto in seinen Armen auffangen müssen, da sie von einer Ohnmacht befangen zu Boden sinken wollte.

Casparius, der auf seinem Gute wegen seiner rüden Angewohnheiten weit herum in der Gegend verschrien gewesen, fühlte sich so schwach werden, dass er auf einen am Tische stehenden Stuhl sank.

Und Graf Berghorst selbst, dem in seinem Kavaliersleben die Waffe mehr als einmal Recht verschafft hatte, wo er im Unrecht war, empfand ein Zittern, das ihm bis ins Herz drang.

Nur die beiden Beamten, zwei gewiegte Fänger, die in ihrem Dienst stumpf geworden waren gegen Gewalt und Verbrechen, schienen unberührt von den Schrecknissen einer so fürchterlichen Tat ihres Amtes zu walten.

Sie hatten Decken und Betten auf den staubüberzogenen Fussboden geworfen und untersuchten die schrecklichen Verwundungen des Ermordeten, indem sie sich bemühten, diesen selbst soviel als möglich in seiner Lage zu belassen.

„Mutz das ein abgefeimter Schuft gewesen sein,“ meinte der eine gedämpften Tones, „so gründliche Arbeit machen und dann noch jede Spur verwischen, dazu gehört eine Pferdenatur, na, jedenfalls wollen wir mal sehen, ob er uns nicht irgendein kleines Andenken von sich dagelassen hat.

In dem Moment bückte sich der Sprecher und hob mit einem triumphierenden Laut ein am Fussende des Bettes, zwischen Matratze und Holz eingeklemmtes Stilett heraus, dessen schwarzer mit Silberdraht umsponnener Griff das scharfe Auge des Kriminalisten auf sich gelenkt hatte.

„Nummer 1,“ meinte sein Kollege.

„Na, da wette ich, wir finden noch mehr,“ rief der andere.

Aber jetzt hielt es Graf Berghorst nicht mehr lange aus.

Er hatte die von einem nervösen Schluchzen befallene Tuto auf das zerschlissene Ledersofa gesetzt und wandte sich nun mit der ganzen Autorität, die seinem Wesen eigen war, an die Beamten.

„Ich glaube, Sie haben unsere Nerven jetzt genug auf die Probe gestellt. Ich wenigstens habe keine Lust, diesen Widerwärtigkeiten länger beizuwohnen. Ich heisse Gert Graf von Berghorst ...“

Er wirbelte nachlässig seinen langen blonden Schnurrbart.

„Und wohne in Gross-Lichterfelde, Siegmundstrasse, in meiner Villa. Adieu!“

Dem Beamten imponierte dieses herrenmässige Auftreten sichtlich.

„Wenn sich die Herrschaften legitimieren können, hab’ ich natürlich nichts gegen ihr Fortgehen einzuwenden.“

Das taten nun auch die drei anderen, und bald waren die beiden Kriminalisten, der Wirt und der Schlosser mit dem Toten allein.

„Ich kann wohl ooch ziehen?“ meinte der Schlosser.

Herr Aloys Schmeisser sagte, er würde bloss mal unten nach seinem Keller sehen, dann käme er sofort wieder herauf.

Dieser Biedermann wollte sich die Sensation nicht entgehen lassen. Auch hielt er es für opportun, sich mit den Kriminalschutzleuten in jeder Weise gut zu verhalten.

Unterdessen hatte sich einer von diesen die verschliessbaren Möbel im Zimmer näher angesehen und dabei gefunden, dass die Schlüssel zu dem am Fenster stehenden Geldschrank, einem gediegenen feuerfesten Tresor, nicht vorhanden waren.

„Der Kerl scheint es darauf abgesehen zu haben, uns Rätsel aufzugeben,“ sagte der ältere der beiden Beamten, „aber ich glaube, Schmidt, wenn wir uns keinen Rüffel holen wollen, so ist es das Beste, ich bleibe hier, und du telephonierst sofort nach dem Präsidium ... v. Sterkow ist heute sicher da, und du weisst, der wird immer sehr böse, wenn unsereins auf eigene Hand vorgeht.“

Auf die Aufforderung seines Kameraden, der Schultze I hiess, und von den Kollegen der dicke Schultze genannt wurde, entfernte sich Schmidt, der jüngere Kriminalschutzmann, ein hübscher, stattlicher, blonder Mensch, dem man den gewesenen Kürassier ansah.

Wie er aus der Tür trat, huschten mehrere dunkle Gestalten die Treppe hinab.

Wahrscheinlich Gäste des Herrn Schmeisser, die hier kriminalistische Studien machen wollten.

„Na, ihr habt es wohl sehr eilig!“ rief der blonde Kriminalschutzmann und ging die hölzerne Treppe hinab.

V. Herzensfrühling.

Graf Berghorst sass in einer Droschke, er wollte nach Lichterfelde hinaus.

Er hatte einen moralischen Katzenjammer, wie nie vorher, und soviel er sich Mühe gab, an etwas anderes zu denken, fielen ihm doch immer wieder seine Schulden ein.

Gert von Berghorst war ehedem vermögend, wenn auch nicht reich gewesen. Aber auch nicht einen roten Deut hatten die Teufelsblätter, die Karten, in seiner Tasche gelassen! Und der Graf gehörte nicht zu den Männern, die der eintretende Mangel aus ihrem Taumeldasein reisst. Es stand längst nicht mehr in seiner Macht, durch ehrliche Arbeit vorwärts zu kommen und vielleicht das Verlorene mit der Kraft seines Geistes wiederzugewinnen.

Vielleicht hätte auch dazu seine geistige Befähigung nicht ausreicht. Aber selbst wenn er fähig gewesen wäre, zu arbeiten und zu verdienen, so würde er doch sicherlich alles Erworbene immer wieder nur dem Spiel geopfert haben, diesem entsetzlichen Moloch, der schon Hekatomben von Menschenleben gefordert hat und nicht aufhören wird damit, solange die Welt steht.

Es gab Momente, wo der junge Aristokrat sich klar darüber wurde, in wie reissender Fahrt der Wagen seines Schicksals bergab rollte.

Aber die Kraft, diese entsetzliche Fahrt aufzuhalten, besass er nicht mehr. Sein ehemals anständiger Sinn wich allen Vorwürfen und Gewissensbissen aus, und so kam es, dass er sich hatte überreden lassen, diesen schmachvollen Handel einzugehen, der ihm eine Frau in die Arme warf, über deren Herkunft niemand etwas wusste, die nichts weiter als seinen Rang und Titel von ihm wollte, und die ihm dafür aus den Schätzen ihres fast märchenhaften Reichtums ein allerdings königliches Almosen zuwarf.

Hunderttausend Mark hatte er dafür erhalten, dass er mit Anna Maria Petersen vor den Altar trat und sie zur Gräfin von Berghorst machte. Und abermals hunderttausend Mark sollte er erhalten, wenn er sich richterlich von ihr scheiden liess.

Vielleicht ward ihm dieser an und für sich peinliche Rückblick noch besonders unangenehm gemacht durch die Dunkelmänner, welche ihm dieses „Geschäft“ vermittelt hatten.

Ja, ja, er, Gert von Berghorst, der hochgeborene Graf, hatte sich gestern wie ein Kesselflicker mit diesen Menschen herumstreiten müssen!

Durch die Fenster der geschlossenen Droschke blickend — die er absichtlich genommen hatte, sah er um eine Anschlagsäule eine Menge Menschen stehen, die eine auf dem bekannten blutroten Papier gedruckte Ankündigung des Polizeipräsidiums las.

Unter dem milden Sonnenschein des Frühlingstages hatten die Leute nicht anderes zu tun, als sich für die schrecklichen Ereignisse zu interessieren, welche sich in den fernsten Winkeln der Grossstadt unter dem geheimnisvollen Schleier der Nacht zutrugen.

von Berghorst, der ja dabeigestanden hatte, als man den Leichnam des alten Mannes fand, dessen Ermordung jener rote Zettel verkündete — indem er eine Belohnung von tausend Mark auf den Kopf des Mörders setzte — Gert von Berghorst fühlte sich durchschauert bis ins Mark.

Mit Menschen von zweifelhaftem Ruf und offenbarer Ehrlosigkeit in einen Topf geworfen, und mit ihnen gemeinsame Sache machend, in einer seiner unwürdigen Umgebung und von den Blutspritzern des Verbrechens besudelt, kam er sich selbst schon entehrt und ausgestossen vor, fühlte er schon, wie die letzten Fäden rissen, die ihn noch mit seiner hochgebietenden und von der übrigen Welt streng abgesonderten Kaste verbanden.

Sicherlich! Eines Tages würde es offenbar werden, woher er sich seine Einnahmen verschaffte ... Einnahmen? ... aber um Gottes willen, es waren ja gar keine! ...

Nachdem sie gestern das Haus verlassen hatten, in dem der ermordete Pfandverleiher, von den Kriminalbeamten bewacht, zurückblieb, war von Berghorst nicht imstande gewesen, das widerwärtige Geschmeiss, das sich durch seine ewigen Geldkalamitäten an ihn festgesaugt hatte wie Blutegel, von sich abzuschütteln.

Zwar die Tuto und der frühere Rittergutsbesitzer entfernten sich nach einer, wie es schien, vorher heimlich getroffenen Vereinbarung. Aber Kretschmar, jener rothaarige Hund — nie in seinem Leben war ihm ein Mensch unsympathischer gewesen — dieser Kerl hatte die Frechheit gehabt, ihm seine Begleitung aufzudrängen.

Der Graf sagte ihm, er würde in seinen Klub fahren. Darauf antwortete der andere, nun gut, dann werde er warten, bis von Berghorst wieder herauskäme.

Natürlich hatte das den Grafen veranlasst, seinen Vorsatz aufzugeben.

„Ja, was wollen Sie denn eigentlich von mir?“ hatte von Berghorst ihn gefragt.

„Das Geld, was ich und die beiden anderen von Ihnen zu kriegen haben,“ hatte jener andere ebenso kühl erwidert.

„Ich kann es Ihnen doch aber jetzt nicht geben!“

„Dann werde ich eben solange, warten, bis Sie in der Lage dazu sind.“

„Ich fahre aber jetzt nach Haus, nach Lichterfelde, nach meiner Villa.“

„Dann bitte ich um Entschuldigung, dass ich Ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehmen muss ... O, ich bin sehr bescheiden und begnüge mich mit einem Platz auf dem Kanapee.“

Einfach sprachlos über soviel Unverschämtheit, fragte der Graf ... „Ja, glauben Sie denn, dass ich Ihnen mit Ihrem Gelde durchbrennen werde?“

Mit jenem Lächeln, wegen dessen man ihn hätte erwürgen können, erwiderte der Rothaarige:

„Ich glaube gar nichts, lieber Graf, ich will nur das Geld haben, weiter nichts.“

Was blieb dem Grafen weiter übrig, wenn er nicht einen öffentlichen Skandal provozieren wollte? Er räumte diesem unbequemen Menschen seinen Salon ein und hörte am andern Morgen, noch im Bette liegend, voll heimlicher Wut, wie jener, ohne sich im geringsten zu genieren, mit lautem pfeifen Toilette machte.

Dann waren sie zusammen zur Bank gefahren.

von Berghorst hatte das Geld behoben, und es war, trotz all seine Nachgiebigkeit, in der kleinen Weinstube, in der sie ihre Rechnung begleichen wollten, zu einer wütenden Auseinandersetzung gekommen.

Der Graf zweifelte keinen Augenblick daran, man betrog ihn!

Nicht allein, dass diese Vermittler sich die unverschämt hohe Provision von zehn Prozent, also zehntausend Mark geben liessen, sie hatten ihn auch mit Extravergütungen, Kostenrechnungen und Spesen um weitere zehntausend Mark zu prellen versucht. Da er in ihren Händen war und an ein Bekanntwerden dieser ganzen Angelegenheit nur mit Grauen denken konnte, so war es ihm nicht möglich gewesen, mehr als zweitausend Mark von dieser Summe herunterzuhandeln.

Dann kamen aber die Sichtwechsel, die er der Bande für geleistete Vorschüsse hatte geben müssen.

Er hatte im ganzen vierzigtausend Mark empfangen in vier Raten. Und für jedesmal, wo er zehntausend Mark erhalten hatte, hatte er, dem das Wasser stets bis an den Hals ging, und der, um überhaupt nur Geld zu bekommen, sich zu allem verstanden hätte, einen Wechsel über fünfzehntausend Mark gegeben. Das waren allein schon sechzigtausend Mark, die man ihm jetzt abknöpfte.

Aber auch dabei hatten es die Blutsauger nicht gelassen.

Wie Kretschmar die Wechsel präsentierte, stellte es sich heraus, dass der zuerst gegebene nicht auf fünfzehn, sondern auf fünfundzwanzig lautete ...

Graf Gert wurde totenblass, als er das Papier in die Hand nahm.

Er betrachtete den Wechsel von allen Seiten, hielt ihn gegen das Licht und prüfte, schief darauf hinsehend, die Glätte des Papieres und die Gleichmässigkeit der Buchstaben, während der rote Teufel an seiner Seite ihm mit einem unverschämt gleichmütigen Gesichtsausdruck zusah. Dann legte der Graf das Papier auf den Tisch und sagte:

„Der Wechsel ist trotzalledem gefälscht!“

Nun sprang der Agent mit brillant gespielter Entrüstung von seinem Platz auf und rief:

„Nehmen Sie das zurück, Herr Graf! Mit wem glauben Sie es denn zu tun zu haben?! ... Das ist eine Infamie!“

Graf Berghorst war ebenfalls aufgestanden. Mit der ganzen, vornehm kühlen Ruhe des Guterzogenen stand er dem Agenten gegenüber.

„Alles, was ich tun werde,“ sagte er eisig, „ist, dass ich Sie und Ihre Komplizen verhaften lasse!“

Laut auflachend erwiderte der Agent:

„Das wird ja reizend! Zu dem Termin, wo Graf Berghorst zeugeneidlich über seine Heirat mit Maria Anna Petersen aussagen wird, kommt ganz gewiss tout Berlin!“

Gert von Berghorst’s Lippen zitterten nervös. Vergeblich suchte er nach einer Antwort. Er kam sich vor, als läge er in Fesseln, die ihn so umschnürten, dass er kein Glied rühren konnte, und er musste zusehen, wie dieser „Ehrenmann“ das Geld einsteckte, für das er den letzten Rest seines guten alten Namens hingegeben hatte. Von den hunderttausend Mark, die er auf so wenig schöne Weise erworben hatte, blieben im ganzen zwölftausend Mark — kaum, dass er die notwendigsten Spielschulden davon begleichen konnte.

Mit trüben Augen durch das Fenster der Droschke sehend, erblickte er Hans von Ballenstedt, jenen jungen Offizier, für den die jetzige Gräfin Maria Anna von Berghorst eine so offensichtliche Schwärmerei hatte.

Ein Gefühl von Neid beschlich den in der Droschke Sitzenden; der da hatte sicherlich keine Schulden! Der ging leicht und frei mit einem reinen und unbefleckten Herzen, und mit berechtigtem Stolz auf seinen glänzenden Adelsschild blickend, durchs Leben. Der hatte auch keine Sorgen, und wenn er seinen Dienst getan hatte, so war das Leben für ihn ein Blumengarten.

Der junge Offizier war längst vorüber, und der Graf, den in diesem Augenblick ein ihm sonst fremdes, fast herzliches Gefühl zu dem jungen Manne hinzog, hätte sich beinahe aus der Droschke gebeugt, um ihm noch einmal nachzusehen.

Aber das wäre ganz zwecklos gewesen, denn Hans von Ballenstedt war längst um die Ecke der Anhaltstrasse in die Wilhelmstrasse eingebogen und, seinen an sich hurtigen Schritt heute mehr als sonst beschleunigend, nach dem Brandenburger Tor zugegangen.

Vor einem jener vornehmen Häuser, in deren elegante und umfassende Räume sich nur wenige Mietparteien teilen, blieb der junge Offizier stehen. Er zögerte einen Augenblick ...

War die Entschuldigung, mit der er die Wohnung der Gräfin Berghorst betreten wollte, nicht doch etwas fadenscheinig? Allerdings hatte er seinen Krimstecher dort vergessen, als er neulich vom Dienst kam, und der Graf ihn zu seiner damaligen Braut und jetzigen Frau mitnahm, aber er hätte ja nur eine Karte schreiben brauchen, so wäre ihm der Gegenstand zweifellos sofort übersandt worden.

Die Gräfin und, wie Hans von Ballenstedt annehmen musste, auch Graf Berghorst selber waren verreist. Indessen jemand war zu Hause geblieben, jemand, der nicht zur Dienerschaft gehörte, jemand, der jung, reizend und kaum sechzehn Jahre alt war und der das sonst so ruhige und geordnete Denken des Leutnants die tollsten Sprünge machen liess.

Selbst die Erwägungen hinsichtlich des Grafen und seiner Gemahlin und das schwer erklärliche, darum aber nicht weniger starke Misstrauen, das er gegen die Verbindung dieser beiden Leute hegte, deren Festgast er gestern gewesen war, konnten ihn nicht dazu bringen, seine Sehnsucht zu zügeln.

Dieses Mädchen brachte ihn noch um Sinn und Verstand!

Und trotzdem er noch vor der Haustür hatte umkehren und den Besuch unterlassen wollen, stand er doch, fast ohne zu wissen, wie er dahin gekommen war, plötzlich inmitten des verblüffenden Luxus der von Berghorstschen Wohnung und erwartete den Eintritt seiner Angebeteten.

Das Gemach, in dem er sich befand, schwelgte förmlich in silbergrauen Plüschwogen, zwischen denen überall der schwere, mit seltsamen Arabesken durchwobene Drap d’or hervorleuchtete. An den mit einer Tapete aus steingrauem Rips bekleideten Wänden hingen herrliche Bilder von alten und neueren französischen Meistern, die einen enormen Wert repräsentieren mussten. Besonders ein Meissonnier, eine Fechtszene unter dem Balkon eines Mädchens darstellend, sprang in die Augen durch die Kraft seines wundervollen Kolorits und durch die packende Darstellung des einen von dem Degen des anderen getroffenen Duellanten, der die Arme wie hilfeflehend zu dem verzweiflungsvoll über den Balkon sich herabneigenden Mädchen emporhob und rücklings sterbend zu Boden sank.

Vor diesem Bilde stehend hätte der Leutnant den leichten Schritt des jungen Mädchens fast überhört, das, nach der Mode der Zeit in leichte, weich fliessende Gewänder gekleidet, über den dicken Teppich mit natürlichem Anstande ihm entgegenging.

Luzie Petersen war noch jung. Aber sie hätte kein Weib sein müssen, um die Bewegung zu übersehen, welche sich bei ihrem Anblick des jungen Mannes bemächtigte.

Sie lächelte, und der süsse Reiz, der ihr Gesichtchen bei diesem Lächeln überzog, brachte den jungen Kriegsmann in noch grössere Verwirrung.

„Ich habe meinen Feldstecher bei Ihnen stehen lassen, gnädiges Fräulein,“ sagte er dann und ärgerte sich selbst über sein unvermitteltes Herausplatzen mit dieser Entschuldigung, die keine war.

„Und den wollen Sie wieder haben?“ fragte sie schelmisch.

Er nickte nur. Er war wirklich mit seinem Latein zu Ende.

„Aber so nehmen Sie doch einen Augenblick Platz,“ bat sie und liess sich selbst nieder auf den schimmernden grauen Seidenplüsch eines Fauteuils.

Der Leutnant tat ihr gegenüber dasselbe und zerquälte sich den Kopf nach irgend etwas Geistreichem.

Wäre er mehr Frauenkenner gewesen, so hätte er an den feinen vibrierenden Nasenflügeln des Mädchens gesehen, dass sie innerlich lachte über ihren unbeholfenen, schüchternen Anbeter.

Trotzdem schien er ihr zu gefallen. Und mit dem seinen Takt der gesellschaftlich gut erzogenen jungen Dame half sie ihm über seine Verlegenheit hinweg, indem sie sagte:

„Ich bin Ihnen recht dankbar, Herr Leutnant, dafür, dass Sie gekommen sind, denn jetzt, wo meine Tante verreist ist, fürchtete ich schon, es würde sich niemand mehr um mich bekümmern.“

Hans von Ballenstedt atmete auf ... Dass das gnädige Fräulein seinen Besuch so auffasse, das mache ihn ausserordentlich glücklich. Im übrigen stände er jederzeit zur Verfügung.

Die Kleine quittierte darüber mit einem Neigen ihres liebenswürdigen Köpfchens und erzählte, dass sie ihrer Gesellschafterin, die Verwandte besuchen wollte, für heut Urlaub gegeben habe.

Sofort fragte sich der Leutnant, ob es danach nicht seine Gentlemanspflicht sei, den Besuch kurzerhand abzubrechen. Aber sein Herz fand tausend Entschuldigungen für ein längeres Bleiben, deren vornehmste jedenfalls seine eigene Ehrenhaftigkeit war, welche ihm nicht gestattete, die junge Dame anders als mit dem grössten Respekt zu behandeln.

Luzie Petersen schien dessen auch ganz sicher zu sein. Je mehr die Unterhaltung der beiden in Fluss kam, desto häufiger erklang ihr helles silbernes Lachen, und im Verlauf einer halben Stunde sassen die beiden jungen Menschen beieinander und plauderten, als wäre ihre Bekanntschaft Jahre alt.

Der Leutnant überglücklich, in der Nähe der Geliebten sitzen zu dürfen und sich von dem reinen Hauch ihres jungen Lebens angeweht zu fühlen, fand alle seine Wünsche voll befriedigt.

Sein ernster, streng erzogener Charakter hinderte ihn an jener leichten Auffassung eines schnell begonnenen und ebenso schnell wieder fallengelassenen Verhältnisses, wie er es in den Kreisen, denen er angehörte, fast täglich sah.

Er dachte nicht an die Zukunft.

Aber wenn er daran dachte, so verknüpfte sich für ihn der Gedanke an den Besitz des Mädchens mit der Idee einer unlöslichen und immerwährenden Verbindung. Er sah in ihr reizendes Gesicht, wobei ihm sein eigenes Glück aus den glänzenden Augen Luzie Petersens widerstrahlte, er hörte den Klang ihrer lachenden Worte und fühlte sich in der Nähe dieses sanften, unschuldigen Herzens selbst edler und besser werden.

Das Mädchen aber war selig in der Empfindung, dass ein so schöner, stattlicher und vornehmer Mann sich, ohne das geringste Hehl daraus zu machen, um ihre Gunst bewarb.

Wie ein weisses, zartes Täubchen war ihre Seele bisher durch das Dasein geflattert. Man huldigte ihr und umschwärmte sie; aber in die ersten Empfindungen des Stolzes und der Freude darüber mischten sich doch noch die schalkhaften Wünsche des Kindes, das mit allem, was es erreichen kann und was in seine Nähe kommt, spielen möchte.

Diesem stattlichen, in seiner Uniform so gut aussehenden Jünglinge gegenüber erwachte zum ersten Male das Weib in ihr.

Und als hätten sie ihre Rollen vertauscht, wurde sie jetzt schüchtern und errötete, und wagte die Augen nur dann noch voll zu ihm aufzuschlagen, wenn er die seinigen senkte.

„Sie waren nicht immer in Berlin, gnädiges Fräulein?“ fragte er.

„Nein, ich bin bei meiner Mutter in Hamburg erzogen worden.“

„Ihr Herr Vater?“

„Papa ist leider so früh gestorben, dass ich mich seiner nicht mehr erinnern kann.“

„Aber Sie sind schon lange im Hause Ihrer Tante, der Frau Gräfin?“

„Ja, seit Jahren. Tante Marie kam eines Tages zu uns aus Russland, wo sie damals lebte, und nahm mich mit.“

„Und wurde es Ihnen nicht schwer, Ihre Mutter und Geschwister zu verlassen?“

„Wenn ich ganz offen sein soll, Herr Leutnant, nein ...“

Das junge Mädchen legte nachdenklich die weisse Hand über die Augen, und indem sie an dem Offizier vorüber in die Tiefe des Gemaches schaute, erinnerte sie lebhaft an die Gräfin Maria Anna, die ihre schwarzen Augen mit derselben Gebärde ins Weite richtete, wenn sie sich in Sinnen verlor.

„Geschwister habe ich keine,“ fuhr sie dann fort, „und meine Mutter ... nein, ich will nicht sagen, dass sie meinem Herzen nicht nahe steht, denn es ist ja meine gute Mutter, die mich erzogen hat, und die ich trotz ihrer Strenge und ihres ernsten Wesens immer lieb haben werde; aber die Trennung von ihr hat mich nicht unglücklich gemacht. Ich kann auch nicht sagen, dass ich Sehnsucht nach ihr habe. Tante Marie dagegen, die war kaum in unser Haus gekommen, da wäre ich für sie durchs Feuer gegangen! ... Sie glauben nicht, Herr Leutnant, wie gut meine Tante ist! Ich weiss selbst noch nicht, dass ich einen Wunsch habe, da hat sie mir ihn schon erfüllt ... Mich von ihr auf die Dauer zu trennen, nein, das brächte ich nicht fertig ...“

Luzies Gesicht bekam einen traurigen, fast schmerzlichen Ausdruck, als sie weitersprach:

„Es sind doch noch nicht vierundzwanzig Stunden vergangen, dass sie fort ist, und doch möchte ich mich am liebsten jetzt gleich auf die Bahn setzen und ihr nachreisen ... Sie können sich nicht vorstellen, Herr Leutnant, wie gut ich Tante Marie bin. Und das kann ich Ihnen sagen“ — über das noch eben so ernste Antlitz huschte schon wieder der helle Sonnenschein —, „wenn ich mich einmal verheirate, dann muss mein Gatte zu uns hierher ziehen, oder ich würde Tante Marie einpacken und mit in meine neue Wirtschaft nehmen.“

Da der junge Offizier nicht wusste, was er dem Mädchen erwidern sollte, und sich mit einem Lächeln half, glaubte sie, er lächle über ihre Heiratsideen überhaupt, und erglühte sofort in tiefster Beschämung.

Er fühlte ihr das ganz nach und hätte nichts lieber getan, als sie über das, was ihm durch den Kopf ging, aufzuklären. Aber er fand den Ausdruck nicht, geriet dadurch ebenfalls in Verwirrung, und nun sassen sich die beiden Leutchen mit roten Köpfchen gegenüber und wagten einander kaum anzusehen.

In der Meinung, dass er seinen Besuch schon zu lange ausgedehnt habe und nichts besseres tun könne, als ihn jetzt so schnell wie möglich abzubrechen, erhob sich Hans von Ballenstedt und trat einen Schritt vor.

Auch die junge Dame war aufgestanden, verlegen und eilfertig. Und während ihr voller Busen heftig auf und nieder wogte, liess sie die Arme an ihrem hellseidenen Kleide herunterhängen, und von ihren roten Lippen kam ein Murmeln, das das Ohr des Leutnants vergeblich zu erhaschen strebte.

„Ich will mich jetzt empfehlen,“ sagte Hans von Ballenstedt, „ich fürchte, dass ich das gnädige Fräulein schon zu lange aufgehalten habe,“ um sich gleich darauf zu ärgern, dass er keinen anderen Abschluss als diese nichtige Phrase fand.

„Ja,“ sagte Luzie leise, und gab damit wider ihren Willen das zu, was der, der es gesagt hatte, selbst nicht einmal glaubte.

Nun wusste der Leutnant nicht, ob er es wagen dürfe, ihr die Hand zu geben. Und so machte er denn eine Verbeugung. Aber als ihm Luzie in demselben Augenblick ihr Händchen entgegenstreckte, ergriff er es mit seinen beiden Händen, und ohne recht zu wissen, wie er dazu kam, presste er seine Lippen auf ihre weissen Finger.

Das liebliche Mädchen sah zu ihm auf in seine guten ehrlichen Augen, und wie sein Blick den ihrigen traf, da quoll es empor in ihrer beiden Herzen wie stille Seligkeit ... Sie sprachen nichts, nicht einmal Adieu sagten sie einander mehr, er verneigte sich nur tief vor ihr und verliess schnell das Gemach.

VI. Der Herr Agent.

Auf der Treppe des Hauses Barutherstrasse 24 standen vielleicht dreissig junge Leute. Das heisst, es waren auch schon ältere dabei, aber sie gehörten sämtlich dem Kaufmannsstande an oder waren Insassen der Schreibstube, also alles Männer, denen die kaufmännische Gewohnheit beruflich den Namen „junge Männer“ gibt.

Ebenso wie Grösse, Gestalt, Gesichtsbildung und Sprache unter dieser kleinen Versammlung verschieden waren, in demselben Masse unterschieden sich auch ihre Leistungen und ihre Ansprüche.

Sie hatten in der Vosfischen Zeitung eine Annonce gelesen, in der ein Herr unter X Y Z einen jungen Mann für sein Bureau suchte, der perfekt englisch und französisch sprechen, stenographieren und mit der Schreibmaschine Bescheid wissen, doppelte und einfache Buchführung können und auch sonst im kaufmännischen Geschäft gut orientiert sein sollte.

Dem, der diese Stellung annahm, versprach die Annonce eine gute Behandlung und ein anständiges Salär.

„Na, ich denke,“ meinte einer der auf der Treppe anwesenden Jünglinge, dessen blasses, verschwiemeltes Gesicht allerdings keinen besonders tüchtigen Arbeiter vermuten liess, „es werden so ungefähr fünfzig Mark auf die gute Behandlung kommen, und 60 aufs Salär, das macht denn hundertundzehne!“

Darauf erwiderte einer, der eine rote Säufernase im Gesicht hatte und es an Reduziertheit mit jedem Pennbruder aufnehmen konnte:

„Können Sie aber gut rechnen ... da schlage ich Ihnen vor, Sie zahlen Ihrer Wirtin und Ihrem Schneider mit Ihrem Gehalt aus und leben selbst nachher von der guten Behandlung.“

Die Umstehenden lachten.

Indem öffnete sich die Tür, in welcher ein grosses, in Schwarz und Gold gemaltes Blechschild die Aufschrift:

„Theophil Kretschmar, Agentur und Kommission“ trug, und es trat ein junger, recht nett aussehender Mensch heraus, der mit einem freundlichen Lächeln, aber ohne ein Wort zu sagen, sich seinen Weg durch die gedrängt stehenden Kollegen bahnte.

„Der hat sie gewiss gekriegt, die Stelle,“ sagte einer leise zu dem andern.

Und der mit der Kupfernase rief ganz laut:

„Ick jratolliere!“

Während der eben aus der Tür Getretene die Treppe hinunter- und ein anderer zu Herrn Theophil Kretschmar hineinging, kam wieder jemand die Treppe herauf, der augenscheinlich auch auf den hier vakanten Posten spekulierte.

Ein kleiner, schwächlich aussehender Mensch, der auf den ersten Augenblick wie fünfzehn Jahre alt aussah. Bei längerem Ansehen aber war es doch underkennbar, dass man es mit einem viel älteren, sicherlich mehr als zwanzigjährigen Menschen zu tun hatte.

Er hatte dunkelblondes Haar und einen dünn stehenden, wenig gepflegten Schnurrbart. Seine Kleider waren ärmlich, seine Stiefel schief getreten und seine Wäsche nicht allzu sauber. Das Gesicht, in dem die Augen klein, die Nase breit und hässlich und der Mund zu vollippig war, hatte eine merkwürdig schöne, breite und hochgewölbte Stirn. Aber die Trostlosigkeit der unbestimmbar gefärbten, verschlafen blickenden Augen beeinträchtigte wieder deren Wirkung.

Und seine Bewegungen hatten etwas Müdes. Es schien, als würde es ihm schwer, sich aufrecht zu halten. Wie er die Treppe heraufkam, holte er schwer Atem.

„Noch ’ne Kraft!“ sagte der eine mit dem nachtschwärmerischen Gesichtsausdruck, und nun folgte ein Hagel von Witzen und abfälligen Bemerkungen gegen den „Chef“ da drinnen im Kontor, dem alle diese jungen Männer, die fast durchgehends dem kaufmännischen Proletariat angehörten, ohne ihn noch zu kennen, ihr Misstrauen und ihre Abneigung entgegenbrachten.

Als jetzt wieder jemand das Geschäftslokal verliess — es war das ein Individuum, dem schon seinem Äusseren nach gewiss kein Kaufmann auch nur die Portokasse anvertraut hätte — umringten ihn die Wartenden und wollten wissen, was es für eine Stelle wäre und wieviel Gehalt sie brächte.

„Er wollte mir dreihundert Mark geben,“ meinte der spitzbübisch aussehende Mensch mit einem tödlichen Ernst, „aber ich kann so einen Posten nich annehmen, weil ich nich wees, was ich mit det ville Jeld machen soll!“

Damit sprang er lachend die Treppe hinunter und liess die andern in derselben Ungewissheit wie zuvor zurück.

Einer nach dem andern ging jetzt hinein, und die wieder herauskamen, die sagten wie in stillschweigender Verabredung entweder gar nichts oder sie banden den draussen noch harrenden Kollegen offenbare Märchen auf.

Endlich trat einer aus der Tür, der seine gerechte Entrüstung nicht bemeistern konnte, und laut schrie:

„So’n Schubbiack! ... Vierzig Mark hat er mir geboten! ... Der Deibel soll’n holen! ... Da will ich ja lieber hungern, bis ich schwarz werde!“

„Ne, so’ne Arbeit. Da lieber ja keene!“ meinte ein anderer, und ein dritter fügte hinzu:

„Det müsste man wahrhaftig ins Blatt setzen lassen!“

Und plötzlich von einem gemeinsamen Entschluss, wie von einem Wirbelwind erfasst, fegten sie sämtlich, Flüche und Verwünschungen und Schimpfreden auf den Lippen, die Treppe hinunter.

Zurück blieb ausser dem zuletzt Eingetroffenen nur ein alter Mann mit weissem Haar und krummem Rücken, der gewiss bereits an unzähligen Stellen erfahren hatte, dass die Ehrfurcht vor dem Alter zur lächerlichen Phrase wird, sobald es sich darum handelt, solch einem marklosen, abgetriebenen Greise Brot und Verdienst zu geben.

Der Alte war früher gekommen, ging also zuerst hinein. Aber er kam gleich wieder heraus.

In seinem Auge stand eine Träne, und nur mit einem Kopfschütteln sagte er dem jungen Gefährten in der Not, dass es wieder einmal nichts geworden sei mit einem Engagement.

Zitternd und bebend, mit einem inneren Schauder, der ihm die Zähne aufeinanderschlagen liess, ging jetzt der kleine Mensch in das Kontor.

Der Raum, den er nach dem total dunklen Korridor zuerst betrat, unterschied sich in nichts von jenen kleinen, unsauberen Schreibstuben, wie man sie bei Winkelkonsulenten und unbeschäftigten Rechtsanwälten antrifft.

Ein paar Regale an den wänden voll von Staub starrender Aktenstösse und ein paar Tische, an deren einem ein Junge von vierzehn Jahren und ein Mädchen, ein blasses, blutarmes Geschöpf mit grossen Fieberaugen, sassen, und eine Schreibmaschine, damit erschöpfte sich das Mobiliar.

„Ich komme wegen der ausgeschriebenen Stelle,“ meinte der junge Mensch, an den Schreiberlehrling herantretend ... „Sie ist wohl schon besetzt?“

Der Junge, der auf den ersten Blick recht dumm und bäuerisch aussah, zuckte die Achseln und klopfte an der Tür, über welcher ein Schild mit der Aufschrift „Privat-Kontor“ hing.

Das „Herein“, das von drinnen ertönte, hatte gar keinen lauten, aber einen so scharfen, schneidenden Klang, dass der junge Mensch, der wegen der Stellung anfragte, förmlich zusammenzuckte.

Dann trat er ein und machte eine tiefe Verbeugung.

Als er sich wieder aufrichtete, sah er sich in einem ziemlich grossen Erkerzimmer, in das durch eine grüne Gardine das Licht der Mittagsonne hereinfiel. Dieses Zimmer war besser eingerichtet. Es hatte einen Teppich und eine Chaiselongue. Ein grosser Schreibtisch stand fast in der Mitte, und in einem rechtsstehenden Regal standen Bücher und weniger unsaubere Akten; aber das Hauptausstattungsstück des Gemaches war doch sicherlich der massive Geldschrank, der, linksstehend, einen ganzen Teil der Wand einnahm.

Der junge Mensch war in der Tür stehen geblieben, mit niedergeschlagenen Augen und ängstlich an dem Beinkleide herumfingernden Händen.

Der Chef, der sich Mühe zu geben schien, seinem unsympathischen Gesicht einen freundlichen Anstrich zu geben, musste ihn erst näher zu sich heranrufen.

Da kam er denn bis an die Rückseite des Schreibtisches, aber, — sei es nun, dass ihm der Agent so grosse Furcht einflösste, oder lag diese Scheu vielleicht in seinem ganzen Wesen — jedenfalls brachte er es nicht fertig, Herrn Kretschmar frei ins Auge zu blicken.

Dem Agenten war das freilich gar nicht unangenehm, weil er selbst jedesmal, wenn ihm irgendwer fest und scharf ins Gesicht sah, das seine senken musste.

„Sie suchen also eine Stellung, Herr ... wie war doch Ihr Name?“

„Philipp Märker ...“

„Wo waren Sie denn früher?“

Der kleine Mensch überreichte dem Agenten einen stark gefüllten Briefumschlag.

„Hier, bitte, das sind meine Zeugnisse!“

Der Agent las dieselben aufmerksam durch, dann gab er sie zurück.

„Das letzte reicht bis Ende August,“ sagte der Agent, den jungen Mann dabei fest ansehend. „Wo sind Sie denn seitdem gewesen?“

Der junge Mann wurde bei dieser Frage auffallend rot und trat ein paar Schritte von dem Schreibtisch des Agenten zurück.

Theophil Kretschmar bemerkte sofort, dass da etwas nicht in Ordnung sei, und er war nicht der Mann, sich da, wo es sich um die Ausspürung eines Geheimnisses handelte, von dem man nie wusste, wie man es mal benutzen konnte, so leicht abweisen zu lassen.

„Sagen Sie es nur ruhig,“ lächelte er, „zu mir können Sie unbedingtes Vertrauen haben ... Ich weiss recht gut, dass im Leben nicht alles so glatt abgeht, und wenn Ihnen da wirklich etwas passiert ist, worüber ein anderer vielleicht nicht so leicht hinwegsehen würde, bei mir findet auch der irrende und strauchelnde Mitmensch noch volles Verständnis.“

Aber der Kleine hatte sich inzwischen gefasst. Und mit dem eigensinnigen Ausdruck des Verstockten erwiderte er:

„Aber nein, mein Herr, mir ist nichts, gar nichts ist mir passiert ...“

„Wirklich nicht?“ fragte der Agent, und sah sein Gegenüber durchbohrend an.

„Nein, nein!“ beteuerte der junge Mann, „wenn Sie das von mir glauben, dann ist es ja besser, ich gehe gleich wieder.“

Dabei retirierte er auch schon nach der Tür zu, augenscheinlich von dem Wunsche beseelt, so schnell wie möglich von hier fortzukommen.

Aber der Agent liess ihn nicht fort.

„Nun, nun,“ meinte er, „wenn ich mich geirrt haben sollte, dann entschuldigen Sie nur, bitte ... das braucht Sie doch nicht abzuhalten, bei mir in Stellung zu treten.“

Aber der Kleine wollte jetzt nicht mehr.

„Ich möchte doch lieber ... ich möchte doch lieber darauf verzichten, mein Herr ...“

„Sooo ...?“

Der Agent heftete seine unbarmherzigen Blicke auf das kränkliche Gesicht des jungen Mannes, der sich auf seinem Platze wand und drehte, ohne jedoch die Energie aufzubringen, das Zimmer zu verlassen.

„So,“ sagte der Agent, „so, nun das scheint mir allerdings merkwürdig! ... Ich bitte Sie, Vertrauen zu mir zu haben, und gerade das bestimmt Sie, auf die Stellung in meinem Hause zu verzichten ... hm ... das ist doch recht merkwürdig ... wirklich sehr eigentümlich ...“

Der Kleine hatte abermals einen roten Kopf bekommen, jetzt sagte er:

„Aber nein, durchaus nicht! Ich würde sogar die Stellung sehr gern annehmen ...“

Er suchte offenbar nach einer Entschuldigung, weswegen er es nun nicht tun könne, aber sein mattes Gehirn gab diesem Augenblicksbegehren nicht nach, und gegen seine feste Absicht, hier auf keinen Fall länger zu bleiben, nahm er auf die sehr bestimmte Bitte des Agenten hin einen Stuhl und setzte sich Herrn Kretschmar gegenüber.

Der sah ihn an mit jenem Hohnlächeln, das ihm schon so viele Menschen zu Feinden gemacht hatte, und schwieg eine ganze Weile.

„Sie wollen also bei mir arbeiten?“ sagte er dann und weidete sich an der Unfähigkeit des Kleinen, ihm zu widerstreben.

„Die Bureaustunden sind von acht bis acht Uhr mit einer Stunde Mittagzeit ... na, und sollte mal etwas länger gearbeitet werden, so muss man das eben mit in den Kauf nehmen, das wissen Sie ja ... Ich gehe auch nicht mit der Uhr in der Hand nach Hause. Sonntags wird nur in ganz dringenden Fällen gearbeitet. Und von den Feiertagen haben Sie jedenfalls immer einen Tag frei. Das Gehalt beträgt vierzig Mark.“

Der junge Mensch schien von diesen Eröffnungen ganz zu Boden geschmettert, aber es musste in seiner Seele etwas geben, was ihn, ohne das jener andere noch wusste, was es eigentlich war, doch schon in ein Abhängigkeitsverhältnis zu dem Agenten gebracht hatte.

„Mit den Bedingungen sind Sie doch einverstanden?“ fragte Herr Theophil Kretschmar, dessen Grinsen in diesem Augenblick wirklich etwas Teuflisches hatte.

Der Kleine nickte. Ihm war zumute wie einem Vogel, den man in der Schlinge gefangen hat und der froh ist, wenn man ihm nicht sofort den Kopf abreisst.

Indessen wurde es ihm ganz augenscheinlich schwer, das zu sagen, was ihn bedrückte.

„Aber, Herr Kretschmar, ich muss ...“

„Na, was müssen Sie?“

„Ich muss ... ich brauche etwas Geld im voraus, Herr Kretschmar.“

„Im voraus? ... Nee, hören Sie mal, mein Lieber, so was, das gibt’s bei mir nicht ... Regelmässig am letzten des Monats wird Ihr Gehalt ausbezahlt, aber voraus zahlen, das wollen wir nicht einführen!“

Der Kleine schluckte ein paarmal heftig, dann sagte er:

„Ja, dann bedauere ich wirklich ... ich muss doch leben ... und ich besitze nichts, und Kredit geben tut mir auch keiner.“

„So, hm ...“

Der Agent dachte nach.

„Na,“ sagte er dann, „wenn die Sache so liegt, dann müssen wir eben mal eine Ausnahme machen ... dann werde ich Ihnen eben jeden Abend Ihre Mark ausbezahlen.“

„Ja, und ...“ Der Kleine fand wieder das Wort nicht.

„Na, was denn und?“ fragte der Agent, ihn so aufmerksam betrachtend, als hätte er ihn noch nie gesehen.

Der junge Mensch gab sich einen Ruck und meinte:

„Und die übrigen zehn Mark, nicht wahr, die bekomme ich dann am Ende des Monats?“

Der Agent lachte laut auf.

„Zehn Mark, ja, aber hören Sie mal, lieber Freund, ich kann mich doch nicht ohne weiteres in Unkosten stürzen Ihretwegen! Wenn Sie per Ende des Monats Ihr Geld nehmen wollen, dann zahle ich Ihnen vierzig Mark, sonst bekommen Sie eben pro Tag eine Mark ... Sie können mir ja jeden Tag wegbleiben, und dann habe ich die grösste Mühe gehabt, Sie anzulernen, und bin schliesslich selber der Dumme ... Nee, nee, lieber Freund, das wollen wir nicht machen!“

Der Kleine wurde wieder rot vor innerer Erregung, aber er brachte es offensichtlich nicht fertig, noch weiter gegen den Herrn Chef anzukämpfen.

Der Agent nickte lächelnd.

„Übrigens können Sie gleich hierbleiben, das Fräulein draussen wird Ihnen zeigen, was zu tun ist ... und vor allen Dingen hängen Sie einen Zettel an die Tür, dass Sie so glücklich gewesen sind, die Stelle zu erlangen, damit mir Ihre Kollegen nicht noch weiter das Haus einrennen.“

Und Philipp Märker hörte voll heimlicher Wut das laute Gelächter, mit dem ihn sein Chef verabschiedete.

Draussen gab ihm das blasse Mädchen einen Stoss Akten, die er auf der Schreibmaschine kopieren sollte, und bald eilten seine mageren Finger in ruheloser Hast über die Tastatur, und ob es gleich nicht viel mehr als nichts war, was er hier erwarb, so befriedigte es ihn für einen Augenblick doch, dass er einen Platz gefunden hatte, auf dem er sitzen durfte, und eine Arbeit, die ihn vielleicht das vergessen lassen würde, was ihn so unablässig quälte.

Bald darauf begannen die Sprechstunden des Agenten.

Nun kamen eine Menge Leute, die ein Anliegen an Herr Kretschmar hatten. Jeder von Ihnen musste von vornherein mal eine halbe Stunde warten, bis er vorgelassen wurde, und fast alle kamen sie niedergeschlagen oder wütend aus Herrn Kretschmars Zimmer heraus.

Da war zuerst eine Frau, die ein Darlehn suchte.

Solange sie drinnen leise sprachen, hörten ja die Angestellten im Bureau nichts, aber als sie in Konflikt gerieten und die Frau lauter sprach und der Agent sie mit seiner scharfen Stimme zu überschreien suchte, da verstand man im Bureau jedes Wort.

Die Frau hatte ein Sparkassenbuch hinterlegt, das auf einen Betrag von 1000 Mark lautete, und wollte darauf 300 Mark als Darlehn haben. Nun hatte jedoch Herr Kretschmar, dessen Verbindungen sehr weit reichten und der von tausend Dingen erfuhr, die eigentlich ganz ausser dem Bereich seiner Machtsphäre lagen, in Erfahrung gebracht, dass die Frau auch schon an anderer Stelle 300 Mark auf das Sparkassenbuch geborgt hatte gegen eine blosse Schuldverschreibung. Daraufhin verweigerte er ihr das von ihm geforderte Darlehn und steckte die 20 Mark Kostenvorschuss, die er sich schon hatte zahlen lassen, seelenruhig in die Tasche. Davon wollte natürlich die Frau nichts wissen. So entspann sich ein furchtbarer Streit, der damit endete, dass der Agent der Frau mit einer Betrugsanzeige drohte und sie höchst eigenhändig zur Tür hinauswarf.

Dann kam ein Redakteur, der sich auf sein Mobiliar etwas leihen wollte. Der Agent lachte ihn einfach aus. Möbel? ... hahahahaha ... das wäre gerade das Rechte! ... Er hätte doch kein Trödlergeschäft! Und obendrein Sachen, die wahrscheinlich auf Abzahlung genommen seien ... der Darlehnssucher sollte lieber vorsichtig sein, hinter solchen Geschäften lauere der Staatsanwalt!

Darauf wurde der Redakteur seinerseits sehr böse, und es kam wieder zu einem Wortgefecht, das, wie der Agent dem Besucher versprach, mit einer Klage gegen den letzteren wegen Hausfriedenbruchs enden sollte.

So kam und ging einer nach dem anderen, aber kaum ein einziger verliess das Agenturgeschäft von Theophil Kretschmar mit einem Lächeln.

Die Türglocke ging wieder und ein grosser, breitschultriger Herr mit blondem Vollbart betrat das Bureau.

„Traugott Casparius!“ sagte er.

Der Schreiberlehrling, der August Kothe hiess, ging hinein, ihn zu melden, kam aber sofort wieder mit dem Bescheid, Herr Kretschmar wäre jetzt nicht zu sprechen.

„Was, nicht zu sprechen? ... Warten Sie mal ’nen Augenblick!“

Und schon verfügte sich der frühere Rittergutsbesitzer dröhnenden Schrittes nach der Tür, über welcher „Privat-Kontor“ geschrieben stand, riss dieselbe auf und trat mit den Worten: „Ah, da sind Sie ja!“ bei dem Agenten ein.

Theophil Kretschmar sprang auf.

„Ich habe Ihnen doch sagen lassen, dass ich jetzt nicht für Sie zu sprechen bin!“

Einen Augenblick stand Casparius von soviel Unverschämtheit ganz erstarrt da.

„Was?! ...“ sagte er dann, „was!? ... das wagen Sie mir zu sagen?! ... und Sie frecher Lump, Sie schämen sich nicht, einen erst um sein Geld zu betrügen und dann wollen Sie sich nicht mal sprechen lassen ... ih! ... da soll ja der Deubel reinschlagen!! ... Sie Halunke, Sie erbärmlicher! ... Wenn Sie mir jetzt nicht auf der Stelle mein Geld geben, so schlage ich Ihnen hier in Ihrer eigenen Bude alle Knochen im Leibe entzwei ... Hören Sie? ... entweder mein Geld oder Sie kommen nicht lebendig davon!“

Der Agent war sehr blass geworden. Er sass in seinem Lehnstuhl zurückgelehnt und liess die Daumen seiner langen, knöchernen Hände umeinander spielen. Dabei sah er nach der auf dem Schreibtisch stehenden Klingel hin und suchte nun unauffällig die Hand danach auszustrecken. Casparius aber, der das wohl bemerkt hatte, nahm sie ihm einfach weg, indem er sagte:

„Ich bekomme alles in allem 4000 Mark ... also bitte her damit! ... und ein bisschen cito!“

Dabei zog er eine dicke, lederbeflochtene Hundepeitsche unterm Rock hervor.

Verzweifelt blickte der Agent sich um. Sein Gesicht sah aus, als sollte ihm mindestens eine Hand abgeschlagen werden, aber soviel er sein erfinderisches Hirn anstrengte, hier fand auch er nichts, was er hätte gegen ihn verwerten können. Und nebenbei hatte er eine rasende Furcht vor dem blonden Hünen, denn Kretschmar war ausserordentlich feige.

„Ich habe nicht soviel Geld im Hause,“ sagte er schliesslich.

„Dann schreiben Sie einen Scheck!“ meinte Casparius und machte allerhand verdächtige Bewegungen vor Herrn Kretschmars Gesicht mit seiner Peitsche.

Mit den Augen zwinkernd und dabei vor Wut kochend schrieb der Agent den Scheck aus und warf ihn dem andern hin. Der lachte, steckte ihn gemütlich in sein Portefeuille und verliess pfeifend das Zimmer.

VII. Ein unheimlicher Bote.

Käthe Wunderlich war eben nach Haus gekommen. Sie hatte ihre fertige Arbeit abgeliefert und neue mitgebracht, und war eben dabei, das Paket aufzumachen und die Ware zu sortieren, als es an ihrer Tür klopfte.

Kräftig und mutig, wie sie war, öffnete sie stets selbst am Abend, ohne vorher nach dem Namen des Besuchers zu fragen.

So tat sie auch jetzt, und sah sich, als die Tür aufging, einem ihr unbekannten grossen Manne mit schwarzem Knebelbart gegenüber, der einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck machte.

Auf die Frage, was er wünsche, erwiderte der Fremde, er müsse Fräulein Wunderlich in einer sehr dringenden Angelegenheit sprechen.

Dann möchte er gefälligst näher treten.

Der in einen langen schwarzen Mantel gehüllte Besucher nahm seinen etwas schäbigen Zylinder ab und trat, die Tür hinter sich ins Schloss ziehend, mit scheuem Blick ins Zimmer.

Käthe Wunderlich betrachtete ihn mit einigem Misstrauen.

„Bitte, nehmen Sie Platz!“

Aber der Mann blieb stehen, und mit den unsteten Augen den Boden suchend, sagte er:

„O ... danke bestens ... ich habe nicht viel Zeit übrig.“

Und nach einigem Zögern:

„Ich komme jetzt von Ihren Brüdern.“

Käthe hatte bis jetzt, ebenso wie der Fremde, gestanden. Bei dessen letztem Wort aber setzte sie sich, der Schreck war ihr in die Glieder gefahren.

Sie hatte zwei Brüder — in Gedanken setzte sie hinzu: leider!

Es ist ja nicht selten, dass in einer Familie so ausserordentlich gegensätzliche Menschenexemplare vor kommen. Hier war es auch so. Dieses brave, arbeitsame, tugendhafte Mädchen hatte zwei Brüder, die zu den gefährlichsten Verbrechern Berlins gehörten.

Beide waren sie viel älter als ihre Schwester. Aber ebenso gesund wie Käthe, wurden sie doppelt gefährlich durch ihre aussergewöhnliche Kraft und Gewandtheit. Und das Auge der Polizei richtete sich bei allen Kapitalverbrechen immer zuerst mit auf die beiden Brüder Wunderlich, von denen jeder schon eine stattliche Reihe von Jahren in den Gefängnissen und Zuchthäusern des Landes zugebracht hatte.

Beide waren blond wie die Schwester, so recht der Typus der raublustigen alten Landsknechte. Und der ältere von ihnen, Max, der in der Verbrecherwelt den Spitznamen „Frosch“ führte, war seiner Schwester, vor der sie beide eine grosse Scheu hatten, wirklich zugetan.

Er war zweifellos von den beiden der, wenn man so sagen darf, edler veranlagte. Er wäre auch vielleicht noch ein ordentlicher Mensch geworden, wenn ihn nicht der jüngere, ein ausgemachter Taugenichts, immer wieder zum Bösen verleitet hätte.

Stephan Wunderlich, der übrigens auch schon in den Dreissigern stand, wurde unter seinen Kollegen „Unke“ genannt. Und der Staatsanwalt, der, ihn gelegentlich verurteilend, gesagt hatte, vor diesen Spitznamen hätte man die drei Buchstaben „Hal“ zu setzen vergessen, hatte damit nicht so unrecht gehabt.

Kleiner als sein Bruder Max, der fast ein Riese genannt werden durfte, aber breitschulterig und gedrungen wie ein Bär, gab er dem Älteren an Stärke und frechem Wagemut nichts nach, dagegen übertraf er ihn an List und Verschlagenheit. Er baldowerte1) die Kassoren2), und erst wenn alle Vorbereitungen getroffen waren, schoben sie das Ding3) gemeinsam.

Unter der Chawrusse4) in hohem Ansehen stehend, von der Polizei gefürchtet und ewig bekämpft, und dabei nicht wenig eingebildet auf ihre Bedeutung als schwere Jungen5), waren „Frosch“ und „Unke“ zwei Leute, von denen man sich der schwersten Verbrechen wohl versehen konnte.

So hatte man sie denn unter einer ganzen Reihe ähnlicher Gesellen, als des Mordes an dem alten Ephraim verdächtig, gefänglich eingezogen.

Das war’s, was jener zweifelhafte Gentleman im Schuwaloff und Zylinder der Schwester der beiden mitteilte ...

Die Augen voller Tränen, sah das Mädchen den Mann an und fragte:

„Aber, nicht wahr, Sie glauben doch auch, meine Brüder sind es nicht gewesen?“

Der Mensch schüttelte energisch den Kopf.

„Auf keinen Fall! ... Im übrigen, hier habe ich auch einen Brief, den ich Ihnen geben soll.“

Und er holte aus der Tasche seines langen Rockes ein zusammengefaltetes Stück braunen Packpapieres hervor, das Käte Wunderlich mit bebenden Händen auseinanderfaltete.

Max, der ältere, schrieb darin in einem schauderhaften Deutsch und einer Orthographie, die eigentlich gar keine war, er und der Bruder seien wieder mal unschuldig verhaftet worden, was sich ja in kurzer Zeit herausstellen würde.

Seine Schwester möchte doch nach der Feilnerstrasse 16 zu Frau Bullermann gehen, Hof drei Treppen rechts, da hätten sie noch einen Koffer stehen, worauf sie sechs Mark schuldig geblieben wären. Die möchte Käthe bezahlen und die Sachen so lange an sich nehmen, bis sie wieder herauskämen. Dann würde er sie sich von ihr abholen. Es wäre nicht nötig, dass die Polizei, welche ja in alles ihre spitze Nase hineinstecken müsste, die Sachen in die Hände bekäme.

Mit verweinten Augen nickte Käthe. Ja, das wollte sie tun auf die Gefahr hin, sich dadurch selber straffällig zu machen, sie konnte doch ihre Brüder nicht ganz und gar im Stich lassen.

Und zu dem Boten, der Käthes üppige Figur mit bewundernden Blicken mass, aufsehend, fragte sie:

„Wie sind Sie denn zu dem Brief gekommen?“

Der lächelte überlegen, wobei der sich leise hebende schwarze Schnurrbart ein prachtvolles wolfähnliches Gebiss sehen liess. Dann meinte er wichtig:

„Seine Zelle lag neben meiner. Ich war nämlich auch in Untersuchung, und wie wir neulich zum Baden heruntergeführt wurden, gab er mir den Kassibera) ... Ich kenne ihn ja schon lange, Ihren Bruder, und weiss, dass er ein anständiger Kerl ist. Na, und wie ich heut früh wieder rausgekommen bin, denn sie konnten mir ja nichts beweisen, da kloppte ich es ihm an de Wandb), dass ich heute noch zu Ihnen hinjehen würde. Er lässt Sie schön jrüssen, und, falls es doch etwas länger dauern sollte, möchten Se ein paar Pfennige für ihn einzahlen, wenn’s Ihnen möglich wäre ... von wejen de Beköstigung.“

Käthe nickte wieder, sie war tief unglücklich.

Wieviel tausendmal hatte sie den beiden zugeredet und sie beschworen, doch endlich von diesem schrecklichen Gewerbe abzulassen, freilich, mit Stephan, dem Jüngeren, war nichts auszurichten in dieser Beziehung, das wusste sie. Aber der Ältere hatte es ihr oft genug versprochen, er wolle sich bessern und ein ordentliches Leben anfangen ... es ist zu schrecklich, solche Verwandte zu haben!

Sowie etwas in der Zeitung über die beiden stand, und das kam oft genug vor, schämte sie sich bis in die tiefste Seele. Sie wagte sich dann kaum auf die Strasse und sie fürchtete die Blicke der Menschen, da sie glaubte, jeder müsse es ihr ansehen, dass sie die Schwester der beiden wäre ...

Und obwohl es nicht das erstemal war, dass die Brüder aus dem Gefängnis heraus Boten mit allen möglichen Aufträgen an sie absandten, so lebte sie doch jedesmal wieder von neuem Wochen und Monate, nachdem sie jenen etwas zuliebe getan hatte, was vielleicht ungesetzlich war, in der furchtbarsten Angst und Aufregung.

Was ihr aber die Sache diesmal schlimmer als je erscheinen liess, war ihre Liebe zu dem Grafen, oder, wie er sich ihr gegenüber nannte, dem Ingenieur Berghorst.

Überzeugt, dass es ihre Pflicht sei, kein Geheimnis vor ihm zu haben und ihm alles, ja alles, was sie betraf, mitzuteilen, litt sie schwer unter dem Bewusstsein, dass sie nicht imstande sein würde, ihm über ihre Verwandtschaft mit diesen beiden Verbrechern klaren Wein einzuschenken.

Während sie so überlegte und mit sich selbst zu Rate ging, beobachtete sie der Herr, der sich ihr als Emil Paschke vorgestellt hatte, unausgesetzt durch seine scharfgeschliffenen und im Lampenlicht blitzenden Kneifergläser.

Dieses Glas, das er seiner Kurzsichtigkeit wegen trug, hatte ihm in der Zunft den Namen „Kneiferemil“ eingetragen. Seine Spezialität waren Hoteldiebstähle, auch versuchte er sich gern als Hochstapler und vermehrte seine Einkünfte gelegentlich durch kleine Erpressungen.

Er war aus dem Kaufmannsstande hervorgegangen und besass die sogenannte Bildung derjenigen, welche gelernt haben, mir und mich nicht mehr zu verwechseln.

Als er den Auftrag seines „Freundes Frosch“ übernommen hatte, war er der Absicht gewesen, bei dieser Gelegenheit seinem Portemonnaie dadurch aufzuhelfen, dass er Max Wunderlichs Schwester mit Hilfe irgendeines Schwindels ein wenig schröpfte. Aber jetzt, da er Käthe Wunderlich gegenüberstand, hatte er diese Absicht aufgegeben.

Seine Schicksec) war ihm nämlich während der kurz vor seiner letzten Untersuchungshaft verbüssten Freiheitsstrafe mit einem „Kollegen“ nach Hamburg durchgegangen. Nun stand er so allein und verlassen da, und es fehlte ihm nicht nur der Ruhepunkt für sein zärtliches Herz, sondern es mangelte ihm auch diejenige weibliche Person, die ihm in den Zeiten des schlechten Verdienstes mit ihrem eigenen Gelde unter die Arme greifen konnte.

Und zu diesem Zwecke schien ihm Käte Wunderlich wie geschaffen. Er hatte sie in der halben Stunde, die er jetzt bei ihr war, nach jeder Richtung erforscht und beobachtet, und er hatte die Überzeugung gewonnen, dass ihr nichts von jenen Eigenschaften fehlte, welche seine Erfahrung als unerlässlich bezeichnete für den Zweck, zu dem er sie ausersehen hatte.

Natürlich war er nicht ein solcher Tor, sie vorläufig über seine letzten Ziele aufzuklären. Zuerst musste sie „kirre“ gemacht werden, das war selbstverständlich! Na! und das konnte doch einem Menschen von seiner Bildung und von seinem Aussehen wahrhaftig nicht schwer fallen!

So trat er denn leisen Schrittes neben die noch immer gebeugt und niedergeschlagen dasitzende Käthe und sagte mit einer Stimme, der er sich bemühte, einen etwas umflorten und doch auch lockenden Klang zu geben:

„Weinen Sie nicht, liebes Fräulein, ... glauben Sie mir, es gibt noch Leute, die nichts lieber tun würden, als Sie zu beschützen.“

Ganz verwundert blickte Käthe zu ihm auf.

Aber er hielt es für den Augenaufschlag einer gequälten und schutzsuchenden Seele und fuhr fort:

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