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Wolf unter Wölfen

Hans Fallada

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil: Die Stadt und ihre Ruhelosen Erstes Kapitel: Man erwacht in Berlin und anderswo

1 Mädchen und Mann

2 Das Mädchen erwacht halb

3 Ein Rittneister kommt nach Berlin

4 Berlin macht sich Frühstück

5 Förster Kniebusch trifft Holzdiebe

6 Hungerrevolte im Zuchthaus Meienburg

7 Die Zofe Sophie schreibt einen Brief

8 Mädchen und Mann erwachen

Zweites Kapitel: Berlin macht sich schwach

1 Der Rittmeister sucht Leute

2 Warten auf ein Frühstück

3 Petra wird von einem Spieler gebildet

4 Der Rittmeister engagiert Leute

5 Frau Pagel frühstückt

6 Ehe und Einsamkeit der Frau Pagel

7 Ein erfolgloser Spielabend

8 Auseinandersetzung zwischen Liebenden

Drittes Kapitel: Jäger und Gejagte

1 Inspektor Meier macht eine Bekanntschaft

2 Besuch auf einer Pfandleihe

3 Der Rittmeister trifft einen Kameraden

4 Petra macht eine Entdeckung

5 Prackwitz findet Berlin ekelhaft

6 Pagel zögert vor Zecke

7 Pagel bekommt kein Geld

8 Pagel läßt sich mitnehmen

9 Frau Pagel hört von einer Heirat

Viertes Kapitel: Nachmittagsschwüle über Stadt und Land

1 Ein Interview im Zuchthaus

2 Petras Austreibung

3 Inspektor Meier macht sich beliebt

4 Der Rittmeister auf dem Präsidium

5 Pagel bei reichen Leuten

6 Negermeier als Liebesbote

7 Frau Pagel besucht Frau von Anklam

8 Petra im Torweg

Fünftes Kapitel: Das Gewitter bricht los

1 Oberwachtmeister Gubalke nimmt Petra fest

2 Wolfgang auf dem Wege zur Mutter

3 Streit mit der Mutter

4 Entlassung der Zofe Sophie

5 Förster Kniebusch erfährt Neues

6 Beim Schulzen Haase

7 Von Studmann fällt die Treppe hinunter

8 Pagel verkauft sein Bild

9 Petra auf der Wache

10 Pagel erfährt Neues über Petra

Sechstes Kapitel: Das Gewitter ist vorbei, aber es bleibt schwül

1 Prackwitz erledigt den Fall Studmann

2 Negermeier schenkt sein Essen der Hartig

3 Weio im Komplott mit Räder und Kniebusch

4 Petra als Pflegerin der Hühnerweihe

5 Geheimrat von Teschow schreibt eine Rechnung

6 Amanda in der Abendandacht

7 Frau Pagel und Minna packen

8 Sophie im Christlichen Hospiz

9 Prackwitz engagiert Studmann

10 Die beiden Freunde treffen Pagel

Siebentes Kapitel: Schwüle Vollmondnacht

1 Amanda und Frau Hartig einigen sich wegen Meier

2 Geheimrats gehen schlafen

3 Negermeier besorgt sich einen Rausch

4 Der Leutnant steigt ein, aber Amanda paßt auf

5 Der Leutnant findet einen Brief

6 Förster Kniebusch fängt einen Wilderer

7 Auf der Straße vor dem Spielklub

8 Pagel spielt erfolglos

9 Der Rittmeister wird Pagels Schüler

Achtes Kapitel: Er verwirrt sich in der Nacht

1 Amanda überredet Hänseken zur Flucht

2 Der Leutnant besucht Herrn Meier

3 Meier schießt

4 Der Leutnant hat es eilig

5 Frau Krupaß erklärt ihren Standpunkt

6 Petra wird Stellvertreterin von Frau Krupaß

7 Streit mit dem Valutenvamp

8 Von Studmanns Irrfahrt

9 Pagel spielt das große Spiel

10 Drei auf dem Alex

11 Pagel an der Pforte

Neuntes Kapitel: Ein neuer Start am neuen Tag

1 Sophie erwacht

2 Negermeier knapp am Tod vorbei

3 Pagel holt sein Gepäck

4 Liebschner verschafft sich Außenarbeit

5 Auch Petra steht auf

6 Weio berichtet wilde Dinge

7 Der Rittmeister und seine Leute

8 Sophie rettet den Rittmeister

Zweiter Teil: Das Land in Brand Zehntes Kapitel: Friede der Felder

1 Studmann zeigt Frau Hartig Fensterputzen

2 Studmann und der Geheimrat in Streit

3 Da gehen sie –!

4 Übermut eines Oberleutnants

5 Räder, der tiefe Diplomat

6 Sophies Abenteuer

7 Der Geheimrat findet Bilderchen

8 Pagel findet einen Brief

9 Fang von Felddieben

Zeitungen, Zeitungen …

Elftes Kapitel: Es kommen des Teufels Husaren

1 Der Rittmeister schreit wegen eines Briefes

2 Die Entlassung Pagels

3 Pagel küßt Weio

4 Studmann erläutert einen Pachtvertrag

5 Einrücken der Husaren

6 Der Geheimrat macht Schwierigkeiten

7 Backsteinkreuz und Gänsemord

8 Nach dem Gänsemord

9 Der Rittmeister und Weio machen eine Entdeckung

10 Räder hat bei Weio einen Erfolg

11 Der Rittmeister wehrt sich

12 Wolfgang und Weio in der Nacht

Aber die Zeitungen …

Zwölftes Kapitel: Such verloren!

1 Neulohe ohne Rittmeister

2 Minna findet Petra

3 Oberwachtmeister Marofke sieht Gespenster

4 Fünf Gespenster laufen

5 Pagel ruft um Hilfe

6 Marofke gestürzt

7 Heimkehr des Rittmeisters

8 Ein Brief von Geheimrat Schröck

9 Ein Gerichtstermin in Frankfurt

10 Eheliche Szene um ein Auto

11 Frau Eva und Studmann kommen einander näher

12 Pagel trifft Negermeier im Wald

Dreizehntes Kapitel: Verloren und verlassen

1 Studmann reist und Frau Eva ist sehr allein

2 Frau Eva bittet den Diener um Auskunft

3 Die alten Teschows reisen

4 Im »Goldenen Hut« zu Ostade

5 Der Leutnant in der Zange

6 Fehlschläge eines Selbstbewußten

7 Der Rittmeister geht verloren und Frau Eva wartet

8 Ende eines Leutnants

9 Familie Prackwitz kehrt heim

10 Das Verschwinden Violets

11 Suche in der Nacht

Vierzehntes Kapitel: Das Leben geht weiter

1 Pagel als Regente

2 Einlaß in eine Kammer

3 Kleine Ehe ohne Ehe

4 Sophie im Kampf

5 Kniebusch: stumm geworden

6 Pagels mutlose Stunde

7 Der Rittmeister erwacht

8 Frau Eva und ihr Inspektor

9 Der Rittmeister spricht wieder

Fünfzehntes Kapitel: Der letzte bleibt nicht allein

1 Höchste Geldnot in Neulohe

2 Heldentod eines Feiglings

3 Pagel versteht zu spät

4 Pagel muß Geld beschaffen

5 Teschow junior hat eine Erbschaftsvision

6 Abschiedsstimmung unter den Leuten

7 Der dicke Kriminalist gibt Nachricht

8 Heimkehr einer Tochter

Sechzehntes Kapitel: Die Wunder der Rentenmark

1 Alles, alles anders!

2 Wolfgang geht wieder zur Schule

3 Petra als Sirene

4 Modesalon Eva von Prackwitz

5 Amanda Backs entlobt sich

6 Abschied von Geheimrats

7 Des Schwimmens unkundig

8 Mann und Frau in der Nacht

Erster Teil Die Stadt und ihre Ruhelosen

Erstes Kapitel
Man erwacht in Berlin und anderswo
1

Auf einem schmalen Eisenbett schliefen ein Mädchen und ein Mann.

Der Kopf des Mädchens lag in der Ellbogenbeuge des rechten Arms; der Mund, sachte atmend, war halb geöffnet; das Gesicht trug einen schmollenden und besorgten Ausdruck – wie von einem Kind, das nicht ausmachen kann, was ihm das Herz bedrückt.

Das Mädchen lag abgekehrt vom Mann, der auf dem Rücken schlief, mit schlaffen Armen, in einem Zustand äußerster Erschöpfung. Auf der Stirn, bis in das krause, blonde Kopfhaar hinein, standen kleine Schweißtropfen. Das schöne und trotzige Gesicht sah ein wenig leer aus.

Es war – trotz des geöffneten Fensters – sehr heiß in dem Zimmer. Ohne Decke und Nachtkleid schliefen die beiden.

Es ist Berlin, Georgenkirchstraße, dritter Hinterhof, vier Treppen, Juli 1923, der Dollar steht jetzt – um 6 Uhr morgens – vorläufig noch auf 414 Tausend Mark.

2

In den Schlaf der beiden sandte der dunkle Schacht des Hinterhofs die flauen Gerüche aus hundert Wohnungen. Hundert Geräusche, sachte noch, drangen durch das offene Fenster, vor dem reglos eine gelblichgraue Gardine hing. Plötzlich schrie, auf der andern Seite des Hofes, keine acht Meter entfernt, ein Flüchtlingskind von der Ruhr angstvoll auf.

Die Lider des schlafenden Mädchens zuckten. Der Kopf hob sich ein wenig. Die Glieder spannten sich. Nun weinte das Kind leiser, eine Frauenstimme schalt schrill, ein Mann brummte – und der Kopf sank zurück, die Glieder entspannten sich neu, das Mädchen schlief weiter.

Im Haus rührte es sich. Türen schlugen, Schritte schlürften über den Hof. Auf den Treppen polterte es, Emaillekannen schlugen gegen eiserne Geländer. In der Küche nebenan lief die Wasserleitung. Im Erdgeschoß, in der Blechstanzerei, schrillte eine Glocke, Räder surrten, Riemen schleiften …

Die beiden schliefen …

3

Über der Stadt lag – trotz früher Stunde und klaren Himmels – ein trüber Dunst. Der Brodem eines verelendeten Volkes stieg nicht gen Himmel, er haftete träg an den Häusern, kroch durch alle Straßen, sickerte durch die Fenster, in jeden atmenden Mund. Die Bäume in den verwahrlosten Anlagen ließen fahl die Blätter hängen.

Dem Schlesischen Bahnhof näherte sich, aus dem Osten des Reiches kommend, ein früher Fernzug, mit klappernden Fenstern, zerbrochenen Scheiben, zerschnittenen Polstern – die Ruine eines Zuges. Schlagend, klirrend, stoßend fuhren die Wagen über die Weichen und Kreuzungen von Stralau-Rummelsburg.

Ein Herr, Rittmeister a. D. und Rittergutspächter, Joachim von Prackwitz-Neulohe, weißhaarig und schlank, doch mit dunkel glühenden Augen, beugte sich hinaus, zu sehen, wo man wäre. Er fuhr zurück – ein glühendes Rußteilchen war ihm ins Auge geflogen. Mit dem Taschentuch wischte er, er schalt zornig: Elende Dreckstadt!

4

Im Herd war Feuer entzündet mit lappigem gelbem Papier und Streichhölzern, die stanken oder deren Kuppe abflog. Feuchtes, schwammiges Holz oder minderwertige Kohle schwelten. Das verfälschte Gas brannte puffend, ohne zu hitzen. Langsam wurde wäßrige blaue Milch warm, das Brot war klitschig oder zu trocken. In der Hitze der Wohnung weich gewordene Margarine roch ranzig.

Eilig aßen die Leute das lieblose Essen, eilig, wie sie eilig in die zu oft entfleckten, gewaschenen, ausgebeutelten Kleider gefahren waren. Eilig überflogen ihre Augen die Zeitungen. Es hatte Teuerungskrawalle, Unruhen und Plünderungen in Gleiwitz und Breslau, in Frankfurt am Main und Neuruppin, in Eisleben und Dramburg gegeben, 6 Tote und 1000 Verhaftete. Daraufhin hat die Regierung Versammlungen unter freiem Himmel verboten. Der Staatsgerichtshof verurteilt eine Prinzessin wegen Begünstigung des Hochverrats und Meineids zu 6 Monaten Gefängnis – aber der Dollar steht auf 414 Tausend Mark gegen 350 Tausend am 23. Am Ultimo, in einer Woche, gibt es Gehalt – wie wird der Dollar dann stehen? Werden wir uns zu essen kaufen können? Für vierzehn Tage? Für zehn Tage? Für drei Tage? Werden wir Schuhsohlen kaufen, das Gas bezahlen können, das Fahrgeld –? Schnell, Frau, hier sind noch 10 000 Mark, kauf was dafür. Was, ist gleichgültig, ein Pfund Mohrrüben, Manschettenknöpfe, die Schallplatte ›Bananen verlangt sie von mir‹ – oder einen Strick, uns aufzuhängen … Nur schnell, lauf, rasch –!

5

Auch über Rittergut Neulohe leuchtete die frühe Sonne. Auf den Feldern stand der Roggen in Stiegen, der Weizen war reif, der Hafer auch. Ein paar Maschinen klapperten verloren in der Felderweite, über der die Lerchen unermüdlich ihre Wirbel und Triller schlugen.

Förster Kniebusch, rotbraunes, faltiges Altersgesicht, mit kahlem Kopf, aber weißgelblichem, rundem Vollbart, tritt aus der Hitze des offenen Feldes in den Wald. Er geht langsam, mit der einen Hand rückt er den Flintenriemen auf der Schulter zurecht, mit der andern wischt er den Schweiß von der Stirn. Er geht nicht fröhlich, nicht eilig, nicht kraftvoll; er geht in seinen eigenen, also wenigstens in den von ihm betreuten Forst sachtfüßig, mit weichen Knien, vorsichtig. Sein Auge sieht auf dem Wege jeden Ast, er vermeidet, auf ihn zu treten, er will leise gehen.

Und doch trifft er trotz aller Vorsicht bei einer Wegbiegung, hinter einem Gebüsch vorkommend, auf eine kleine Prozession von Handwagen. Männer und Frauen. Auf den Wagen liegt frisch geschlagenes Holz, nur schiere Stämme – die Äste sind denen zu schlecht. Förster Kniebusch steigt die Zornröte in die Wangen, seine Lippen bewegen sich, in die vom Alter ausgeblaßten Augen kommt ein tieferer Glanz, ein wenig Feuer, aus der Jugend her.

Der Mann am vordersten Wagen – natürlich der Bäumer – hat gestutzt. Nun geht er schon weiter. Nahe, in kaum einem Meter Abstand, klappern die Wägelchen mit dem gestohlenen Holz am Förster vorüber. Die Leute starren in die Luft oder zur Seite, als sei er nicht da, der da schwer atmend steht … Dann verschwinden sie um die Gebüschecke.

›Sie werden alt, Kniebusch‹, hört der Förster des Rittmeisters von Prackwitz Stimme.

›Ja‹, denkt er trübe. ›Ich bin so alt geworden, daß ich gerne in meinem Bette sterben möchte.‹

Denkt es und geht weiter.

Er wird nicht in seinem Bette sterben.

6

Im Zuchthaus Meienburg schrillen die Alarmglocken, die Wachtmeister rennen von Zelle zu Zelle, der Direktor telefoniert mit der Reichswehr um Verstärkung, die Verwaltungsbeamten schnallen sich Gürtel mit Pistolen um die Bäuche und greifen nach Gummiknüppeln. Vor zehn Minuten hat Gefangener 367 dem Wachtmeister sein Brot vor die Füße geworfen: Ich verlange Brot, vorgeschriebenes Gewicht, und keinen verdammten Gipsbrei! hat er geschrien.

In der gleichen Sekunde war der Tumult, der Aufruhr losgebrochen. Aus zwölfhundert Zellen hatte es geschrien, gebrüllt, gejammert, gesungen, geheult: Kohldampf! Hunger! Kohldampf! Hunger!

Unter den strahlend weißen Mauern des hochgelegenen Zuchthauses lag geduckt das Städtchen Meienburg – in jedes Haus, in jedes Fenster drang das Gebrüll: Kohldampf! Hunger! Nun krachte es, tausend Gefangene waren mit ihren Schemeln gegen die Eisentüren gerannt.

Durch die Gänge liefen die Wachtmeister und Kalfaktoren, flüsterten beschwörend an den Türen der Aufrührerischen. Die Zellen der Gutgesinnten wurden aufgeschlossen: Seid vernünftig, niemand in Deutschland bekommt anderes Essen … der Dollar … das Ruhrrevier … Es werden sofort Erntekommandos zusammengestellt, die auf die großen Güter geschickt werden. Jede Woche ein Paket Tabak, täglich Fleisch … für die mit guter Führung …

Mählich schwillt der Lärm ab. Erntekommandos … Fleisch … Tabak … gute Führung … Es sickert durch die Mauern, es besänftigt die knurrenden Mägen, eine Aussicht, eine Hoffnung auf Sättigung, freien Himmel, vielleicht Flucht … Die letzten Lärmschläger, die von der eigenen Wut Wütenden schleppen die Wachtmeister in die Arrestzellen: Da, versucht, wie es sich ohne den Gipsbrei lebt!

Die Eisentüren fliegen krachend zu.

7

Trotz der frühen Morgenstunde ist im Bayerischen Viertel zu Berlin in der Wohnung der Gräfin Mutzbauer die Zofe Sophie schon wach. Ihre Kammer, die sie mit der noch tief schlafenden Köchin teilt, ist so schmal, daß außer für die zwei Eisenbetten nur noch Platz für zwei Stühle ist – so schreibt sie auf dem Brett des geöffneten Fensters ihren Brief.

Sophie Kowalewski hat schön gepflegte Hände, doch führen sie den Bleistift nur ungeschickt. Grundstrich, Haarstrich, Häkchen, Komma, Haarstrich, Grundstrich … Ach, sie möchte so vieles sagen …: wie er ihr fehlt, wie die Zeit nicht vergehen will, fast noch drei Jahre und kaum erst ein halbes herum … Aber es wird nichts; Gefühle in Geschriebenes umzusetzen, hat Sophie Kowalewski, Tochter des Leutevogts Kowalewski in Neulohe, nicht gelernt. Ja, wenn er hier wäre, wenn es sich um Sprechen handelte, um eine Berührung –! Sie könnte alles ausdrücken, sie könnte ihn mit einem Kuß wild machen, mit einem leisen Anfassen glücklich … Aber so!

Sie starrt vor sich hin. Ach, sie möchte es ihn spüren lassen in diesem Brief! Aus der Fensterscheibe sieht sie mattfarbig eine zweite Sophie an. Unwillkürlich lächelt sie ihr rasch zu. Ein paar Löckchen haben sich gelöst, hängen dunkel in die Stirn. Die Schatten unter den Augen sind auch dunkel. Sie müßte sich wieder einmal die Zeit nehmen, gründlich auszuschlafen – aber gibt es denn Schlafenszeit in dieser Zeit, wo alles so merklich verrinnt, kaum da es deutlich wurde –? Alles zerfällt, nutze die Minute, heute lebst du noch, Sophie!

Sie mag morgens noch so müde sein, die Füße brennen, der Mund schmeckt schal nach all den Likören, dem Wein, den Küssen – am Abend zieht es sie doch wieder in eine der Bars. Tanzen, trinken und toben! Kavaliere genug, lappig wie ihr Geld, Hunderttausende, fünfzigfacher Zofenlohn, lose in einer Jackettasche. Sie ist auch letzte Nacht mit einem von den Kavalieren mitgegangen – was kommt es darauf an? Die Zeit rinnt, läuft, jagt. Vielleicht sucht sie auch Hans, den für dreiundeinviertel Jahr verlorenen Hans (Hochstapelei) in all den immer wiederholten Umarmungen, in all den Gesichtern, die sich über das ihre neigen, so gierig-ruhelos wie das ihre … Aber den Hans, strahlend, rasch, allen überlegen, gibt es kein zweites Mal!

Sophie Kowalewski, der harten Arbeit auf dem Rittergut entflohen, sucht in der Stadt – sie weiß nicht was, irgend etwas, das sie noch härter anfassen wird. Einmalig ist dieses Leben, vergänglich; wenn wir tot sind, sind wir so lange tot; und wenn wir alt sind, schon, wenn wir über fünfundzwanzig sind, sieht uns keiner mehr an. Hans, ach Hans … Sie trägt das Abendkleid der Gnädigen, es ist schnurz, ob die Köchin es sieht. Was die bei den Lieferanten schmuh macht, klaut sie an Seidenstrümpfen und Seidenwäsche. Keiner hat der andern etwas vorzuwerfen. Es ist gleich sieben, schnell noch den Schluß … Und verbleibe ich mit heißen Küssen Deine Dich ewig liebende Braut Sophie …

Sie legt keinen Wert auf das Wort Braut, sie weiß auch gar nicht, ob sie das möchte, ihn heiraten, aber sie muß es schreiben, damit sie ihm im Zuchthaus den Brief auch aushändigen.

Und der Zuchthausgefangene Hans Liebschner wird den Brief seiner Braut erhalten, er gehörte nicht zu denen, die wegen zu wilden Gebrülls in eine Arrestzelle gebracht worden waren. Nein, trotzdem er kaum erst ein halbes Jahr im Zuchthaus Meienburg wohnte, war er ganz gegen alle Hausordnung schon zum Kalfaktor aufgerückt und hatte es verstanden, mit besonderer Überzeugung von Erntekommandos zu reden. Das konnte er, er wußte: Neulohe lag nicht weit ab von Meienburg, und Neulohe war die Heimat einer süßen Puppe namens Sophie …

›Ich werde das Kind schon schaukeln‹, dachte er.

8

Das Mädchen war erwacht.

Den Kopf in die Hand gestützt, lag es und sah nach dem Fenster hinüber. Die gelblichgraue Gardine bewegte sich nicht. Das Mädchen glaubte, die riechende Hitze vom Hof her zu spüren. Es schauderte leicht.

Dabei sah es an sich herunter. Nicht daß es vor Kälte geschaudert hatte – es hatte wegen der häßlichen Hitze, wegen des üblen Geruches geschaudert. Es sah seinen Leib an; der Leib war weiß und fehlerlos; man mußte sich wundern, daß in einer Luft, die wie zersetzt, wie faulig war, etwas so fehlerlos bleiben konnte!

Das Mädchen hatte keinen genauen Begriff, welche Zeit es war, nach den Geräuschen konnte es neun oder zehn oder auch elf sein – die Vormittagsgeräusche blieben sich nach acht ziemlich gleich. Es war möglich, daß die Wirtin, Frau Thumann, gleich mit dem Morgenkaffee hereinkam. Nach Wolfgangs Wünschen hätte sie aufstehen und sich anständig bekleiden, auch ihn zudecken müssen. Nun gut, sie würde es gleich tun. Wolfgang hatte so überraschende Anfälle von Anstand …

Es ist doch gleich, sagte sie etwa zu ihm. Die Thumann ist es so und noch ganz anders gewöhnt. Wenn sie nur ihr Geld bekommt, stört sie gar nichts …

Stören –? hatte Wolfgang zärtlich gelacht. Stören, wenn sie dich so sieht –?!!

Er hatte sie angesehen. Immer wurde ihr unter solchen Blicken von ihm schwach und zärtlich. Sie hätte ihn an sich ziehen mögen, aber da sagte er schon ernster: Es ist doch unsertwegen, Peter, unsertwegen! Wenn wir jetzt auch drinsitzen im Dreck; richtig im Dreck sind wir erst, wenn wir nicht mehr auf uns aufpassen …

Ein Kleid macht doch nicht anständig, kein Kleid nicht unanständig, fing sie an.

Und wenn es nur ein Kleid ist! Darauf kommt es nicht an! hatte er fast heftig gesagt. Wenn es nur irgend etwas ist, was uns erinnert. Wir sind kein Dreck, ich nicht und du auch nicht. Und habe ich es erst einmal geschafft, wird uns alles viel leichter sein, wenn wir uns hier nicht wohlgefühlt haben, in diesem Dreckloch. Wir dürfen bloß nicht mitmachen mit denen hier!

Er murmelte nur noch, seine Worte verloren sich im Unverständlichen. Er dachte wieder daran, wie er es ›schaffen‹ würde, er war weg von ihr. (Er war viel weg von ihr, seinem Peter.)

Wenn du es geschafft hast, werde ich nicht mehr bei dir sein, hatte sie einmal gesagt.

Ein Weilchen war Stille gewesen, dann hatte ihn doch in seinem Grübeln erreicht, was sie gesagt hatte.

Du wirst bei mir sein, Peter! hatte er heftig geantwortet. Immer und immer. Glaubst du denn, ich vergesse das, wie du Nacht für Nacht auf mich wartest?! Ich vergesse das, wie du hier sitzt – in dem Loch – ohne alles?! Ich vergesse, daß du mich nie fragst und nie drängst, wie ich auch komme?! O Peter!! hatte er gerufen, und seine Augen leuchteten mit jenem Glanz, den sie nicht mochte, denn es war ein Glanz, den nicht sie entzündet. Letzte Nacht war es fast soweit! Es war ein Augenblick, wie ein Berg lag das Geld vor mir … Ich fühlte, es war beinahe soweit, nur noch ein-, zweimal … Nein, ich mache dir nichts vor. Ich habe an nichts Bestimmtes gedacht, an kein Haus, keinen Garten, kein Auto, nicht an dich … Es war wie eine plötzliche Helle vor mir, nein, eine strahlende Helle in mir, das Leben war so weit und klar, wie der Himmel, wenn die Sonne aufgeht, es war alles rein …

Dann … er senkte die Stirne … sprach mich eine Nutte an, und von da an ging alles verquer …

Er hatte mit gesenkter Stirn am Fenster gestanden. Sie fühlte, als sie seine zuckende Hand zwischen die ihren nahm, wie jung er war, wie jung seine Begeisterung, wie jung seine Verzweiflung, wie jung und ohne alle Verpflichtung, was er ihr sagte …

Du wirst es schaffen! sagte sie leise. Aber wenn du es geschafft haben wirst, werde ich nicht mehr bei dir sein.

Er zog seine Hand zwischen den ihren hervor.

Du wirst bei mir bleiben, sagte er kalt. Ich vergesse nichts.

Sie wußte, er hatte eben an seine Mutter gedacht, die ihr einmal ins Gesicht geschlagen. Sie wollte nicht darum bei ihm bleiben, weil seine Mutter sie einmal geschlagen hatte.

Und nun, von heute an, würde sie doch bei ihm bleiben, für immer. Noch hatte er es zwar nicht geschafft, und sie wußte längst, auf dem bisherigen Wege würde nie etwas draus werden. Aber was tat das? Weiter dieses schmierige Zimmer, weiter nicht wissen, wovon morgen leben, sich kleiden, weiter alles unklar – aber an ihn gebunden von heute mittag ein Uhr an!

Sie griff auf den Stuhl neben ihrem Bett, faßte die Strümpfe und fing an, sie überzustreifen. –

Plötzlich überfiel sie eine schreckliche Angst, es könne nichts daraus werden, es sei gestern alles fehlgegangen, völlig fehl, bis auf den letzten Tausendmarkschein. Sie wagte nicht aufzustehen, um sich zu überzeugen, sie sah mit brennenden Augen auf Wolfgangs Kleider, die über dem Stuhl neben der Tür hingen. Sie versuchte, die Dicke der rechten Jackettasche, in der er sein Geld aufbewahrte, richtig abzuschätzen.

›Gebühren müssen bezahlt werden‹, dachte sie angstvoll. ›Wenn die Gebühren nicht bezahlt werden können, wird nichts daraus.‹

Es war ein vergebliches Bemühen. Manchmal hatte er auch sein Taschentuch in dieser Tasche. Was konnte es jetzt wieder für neue Scheine geben –? Fünfhunderttausendmarkscheine –? Millionenscheine? Was wußte sie –? Was würde eine Trauung kosten – eine Million? Zwei Millionen? Fünf Millionen – was wußte sie –?! Selbst wenn sie den Mut gehabt hätte, in die Tasche zu fassen, nachzuzählen, sie wußte immer noch nichts! Sie wußte nie etwas.

Die Tasche war nicht dick genug.

Langsam, daß die Bettfedern nicht knarrten, langsam, behutsam, angstvoll drehte sie sich nach ihm um.

Guten Morgen, Peter, sagte er mit fröhlicher Stimme. Sein Arm zog sie gegen seine Brust. Sie legte ihren Mund auf seinen Mund. Sie wollte es nicht hören, jetzt wollte sie es nicht hören, was er sagte:

Ich bin vollkommen blank, Peter. Wir haben keine Mark mehr! Und die Flamme stieg und stieg, lautlos. Ihre reine, weißbläuliche Hitze brannte die verbrauchte Luft des Zimmers rein. Immer noch hoben barmherzige Arme die Liebenden von jedem Liebeslager aus Dunst und Unruhe, aus Kampf, Hunger und Verzweiflung, aus Sünde und Schamlosigkeit hoch in den reinen, kühlen Himmel der Erfüllung.

Zweites Kapitel
Berlin macht sich schwach
1

Viele Straßen um den Schlesischen Bahnhof sind schlimm; damals, 1923, kam zu der Trostlosigkeit, den üblen Gerüchen, dem Elend der öden, dürren Steinwüste eine wilde, verzweifelte Schamlosigkeit, Feilheit aus Elend oder Gleichgültigkeit. Geilheit aus der Gier, sich einmal selbst zu fühlen, selbst etwas zu sein in einer Welt, die in sausender, irrer Fahrt jeden mitriß, unbekannten Dunkelheiten zu.

Der Rittmeister von Prackwitz, viel zu elegant in einen hellgrauen Anzug gekleidet, den ihm ein Londoner Schneider nach gesandten Maßen gefertigt, viel zu auffallend aussehend mit seiner schlanken Figur, dem schlohweißen Haupthaar über dem braun verbrannten Gesicht, mit den dunklen, buschigen Brauen und den dunkel glühenden Augen – der Rittmeister von Prackwitz geht achtsam, sehr grade aufgerichtet, den Bürgersteig entlang, besorgt, niemanden zu streifen. Er sieht gradeaus vor sich hin, auf einen imaginären Fleck, der in Augenhöhe fern von ihm die Straße hinunter liegt, um niemanden und nichts sehen zu müssen. Er möchte auch gerne mit seinen Ohren weghorchen können, etwa in das schwere Rauschen seiner immer noch kaum angemähten, erntereifen Neuloher Kornfelder hinein, er bemüht sich, wegzuhorchen von dem, was ihm Hohn und Neid und Gier nachrufen.

Plötzlich ist es ihm wie in den unseligen Novembertagen des Jahres 1918, als er mit zwanzig Kameraden – dem Rest seiner Schwadron – auch eine Berliner Straße langmarschierte, in der Reichstagsnähe – und plötzlich prasselte aus Fenstern, von Dächern, aus dunklen Torgängen eine wüste Schießerei auf den kleinen Zug herab, ein regelloses, wildes, feiges Geknalle. Auch damals waren sie so weitermarschiert, das Kinn vorgestoßen, den Mund fest geschlossen, mit den Augen einen imaginären Punkt am Ende der Straße fixierend, den sie wohl nie erreichen würden. Und dem Rittmeister ist, als sei er in den fünf Wahnsinnsjahren seitdem eigentlich immer so weitermarschiert, einen imaginären Punkt fixierend, wachend wie schlafend – denn es gab in diesen Jahren keinen Schlaf ohne Traum. Immer eine trostlose Straße voller Feinde, Haß, Gemeinheit, Würdelosigkeit hinunter, und kam, wider alles Erwarten, doch die Ecke, so tat sich nur eine neue, ganz gleiche Straße auf, mit demselben Haß und derselben Gemeinheit. Aber wieder war der Punkt da, auf den man losmarschieren mußte, dieser Punkt, den es gar nicht gab, eine bloße Einbildung – .

Oder war der Punkt etwas, das gar nicht draußen, außerhalb von ihm lag, sondern in ihm, in seiner eigenen Brust – sage ich es denn: in meinem Herzen? Marschierte er, weil ein Mann marschieren muß, ohne auf Haß und Gemeinheit zu horchen, sehen auch aus tausend Fenstern zehntausend böse Augen auf ihn, sei er auch ganz allein – denn wo sind die Kameraden?! Marschierte er, weil man nur so sich näher kommt, das wird, was man auf dieser Erde zu sein hat, nämlich nicht das, was die andern von einem erwarten, sondern man selbst –? Mann selbst!

Und plötzlich ist dem Rittmeister von Prackwitz, hier auf der Langen Straße am Schlesischen Bahnhof in Berlin, einer verfluchten Stadt, ist dem Rittmeister und Rittergutspächter, angesichts von zehn schreienden Kaffeehausschildern, die nichts anzeigen als Bordelle – ist dem Rittmeister und Rittergutspächter und Mann Joachim von Prackwitz-Neulohe, der hierherkam, sehr gegen seinen Willen hierherkam, um mindestens sechzig Leute für die Ernte aufzutreiben, ist ihm, als wenn nun wirklich das Ende seines Marschierens ganz nahe wäre. Als könne er nun wirklich bald einmal das Kinn zurücknehmen, den Blick senken, den Fuß ruhen und sagen wie der Herrgott: siehe da, es war alles sehr gut!

Jawohl, eine gute, fast eine Bombenernte stand auf den Feldern, eine Ernte, die diese Verhungerten in der Stadt sehr wohl hätten gebrauchen können, und er mußte alles stehenlassen, einem jungen, etwas verlotterten Bengel von Inspektor übergeben und in die Stadt fahren und um Leute flehen. Denn es war seltsam und völlig unverständlich: je größer das Elend in der Stadt wurde, je knapper dort das Brot und je mehr nur noch das Land wenigstens die auskömmliche Nahrung bot, um so mehr drängten die Leute in die Stadt. Es war wirklich wie mit den Motten, die von der tötenden Flamme gelockt werden!

Der Rittmeister lachte auf. Ja wahrhaftig, es sah wirklich so aus, als winkte ihm ganz nahebei die himmlische Herrgottsruhe vom sechsten Schöpfungstage! Eine Fata Morgana, ein Oasen-Vorgespiegel, wenn der Durst ganz schlimm wird!

Das Weibsbild, dem er gedankenvoll ins Gesicht gelacht, gießt hinter ihm her einen ganzen Kübel, ein Jauchefaß, ach was, eine ganze Jauchegrube unflätiger Schimpfereien aus. Der Rittmeister aber tritt in einen Laden, über dem, verdreckt und schief, ein Schild hängt ›Berliner Schnitter-Vermittlung‹.

2

Die Flamme steigt empor und sinkt, das Feuer, das eben noch brannte, ist erloschen – glücklich der Herd, der die Glut lange bewahrt! Funken laufen über die Asche, die Flamme sank zusammen, die Glut verglomm, aber noch ist Wärme da.

Wolfgang Pagel sitzt in seinem feldgrauen, schon arg verbrauchten Waffenrock am Tisch. Er hat die Hände auf die leere Wachstuchplatte gelegt. Nun deutet er mit dem Kopf zur Tür. Sein eines Auge zwinkert, er flüstert: Pottmadamm hat’s auch schon gewittert.

Was? fragt Petra, und: Du sollst doch nicht zu Frau Thumann Pottmadamm sagen! Sie setzt uns noch raus.

Bestimmt! sagt er. Heute gibt’s schon kein Frühstück mehr. Sie hat’s schon gewittert.

Soll ich fragen, Wolf –?

I wo. Wer viel fragt, kriegt keinen Kaffee. Warten wir.

Er kippt den Stuhl zurück, wippt und fängt an zu pfeifen: Erhebt euch von der Erde, ihr Schläfer allzumal …

Er ist ganz unbekümmert, ganz ohne Sorgen. Durch das Fenster – der Vorhang ist nun zurückgezogen – kommt etwas Sonne in die graue, öde Höhle, was man so in Berlin Sonne nennt, was die Dunstschicht dem Sonnenlicht noch gelassen … Wie er hin- und herschaukelt, leuchten einmal die breiten, leicht welligen Haarsträhnen auf, einmal das Gesicht mit den hellen, jetzt lustig funkelnden Augen, graugrünen.

Petra, die sich nur seinen abgeschabten Sommermantel übergezogen hat, einen noch aus der Vorkriegszeit – Petra sieht ihn an, sie wird es nie müde, ihn anzusehen, sie bewundert ihn. Sie fragt sich, wie er es fertigbringt, sich in einem Schüsselchen mit einem halben Liter Wasser zu waschen und doch auszusehen, als habe er sich eine Stunde lang in einer Wanne geschrubbt. Sie kommt sich alt und verbraucht gegen ihn vor, obwohl sie ein Jahr jünger ist als er.

Plötzlich hält er mit dem Pfeifen inne, er lauscht zur Tür: Der Feind naht. Gibt es Kaffee? Ich habe Kohldampf noch und noch.

(Sie möchte sagen, daß sie auch Kohldampf hat, schon seit Tagen, denn das bißchen Frühstück mit den zwei Semmeln ist seit vielen Tagen ihre einzige Nahrung – nein, sie möchte es nicht sagen!) Der Schlurfeschritt auf dem Flur ist verhallt, die Etagentür klappte zu. Siehst du, Peter! Pottmadamm ist bloß wieder mit dem Pott aufs Klo gegangen. Auch ein Zug der Zeit: alle Geschäfte werden auf Umwegen erledigt. Pottmadamm läuft mit ihrem Pott.

Er hat den Stuhl wieder zurückgekippt, er fängt wieder an zu pfeifen, unbekümmert, lustig.

Er täuscht sie nicht. Sie versteht lange nicht alles, was er erzählt, sie hört nicht einmal so genau darauf hin. Es ist der Klang seiner Stimme, die leiseste Schwingung, kaum ihm selbst bewußt, sie hört’s doch: er ist nicht so lustig, wie er tut, nicht so unbekümmert, wie er sein möchte. Wenn er sich doch ausspräche – mit wem soll er sich denn aussprechen, wenn nicht mit ihr?! Vor ihr braucht er sich doch nicht zu schämen, sie braucht er doch nicht zu belügen, sie versteht alles von ihm – nein, nicht! Aber sie billigt alles, von vornherein und blindlings! Verzeiht es. Verzeiht? Unsinn! Es ist alles recht, und wenn es ihn jetzt überkäme, zu toben, sie zu schlagen – es wäre schon notwendig gewesen.

Petra Ledig (es gibt solche Namen, die ein Schicksal zu sein scheinen) war ein lediges Kind gewesen, ohne einen Vater. Später eine kleine Verkäuferin, von der nun verheirateten Mutter grade noch gelitten, solange sie ihr Monatsgehalt bis auf den letzten Pfennig als Kostgeld ablieferte. Aber es kam der Tag, da die Mutter sagte: Mit dem Dreck beköstige dich selbst! und nachrief: und wo du schlafen kannst, wirst du auch wissen!

Petra Ledig (es ist anzunehmen, daß der anspruchsvolle Name Petra der einzige Beitrag ihres unbekannten Vaters für ihre Lebensausrüstung war) – Petra Ledig war kein unbeschriebenes Blatt mehr mit ihren zweiundzwanzig Jahren. Ihre Reife war in keine geruhsame Zeit gefallen, Krieg, Nachkrieg, Inflation. Sie wußte schon, was es hieß, wenn die Herren im Schuhgeschäft der Verkäuferin den Schuh so bedeutungsvoll gegen den Schoß drückten. Manchmal nickte sie, traf den und jenen am Abend, nach Geschäftsschluß; und sie steuerte ihr Schifflein ein ganzes Jahr recht mutig durch, ohne völlig zu sinken. Sie brachte es sogar fertig, eine gewisse Auswahl zu treffen, eine Auswahl, die nicht so sehr von ihrem Geschmack als von der Furcht vor Krankheit bestimmt war. Stieg der Dollar einmal ganz schlimm, und entwertete sich alles für die Miete Zurückgelegte zu einem Nichts, so bummelte sie auch einmal durch die Straßen, immer in Angst vor der ›Sitte‹. Bei einem solchen Bummel hatte sie Wolfgang Pagel kennengelernt.

Wolfgang hatte seinen guten Abend gehabt. Er hatte ein wenig Geld, er hatte ein wenig getrunken. Dann war er immer vergnügt, zu tausenderlei Dingen aufgelegt. Komm mit, kleine Dunkle, komm mit! hatte er über die ganze Straße gerufen, und es hatte so etwas wie ein Wettrennen zwischen einem schnurrbärtigen Sittenpolizisten und ihr gegeben. Aber die Autotaxe, eine fürchterliche Karre, hatte sie doch entführt zu einem Abend, nett, aber doch eigentlich einem Abend wie alle solche Abende.

Dann war der Morgen gekommen, dieser graue, trostlose Morgen in dem Zimmer eines Absteigehotels, der immer so mutlos machte. Wo es einem wirklich einmal in den Kopf kommt zu fragen: Was soll das alles? Wozu lebst du?

Wie es sich gehörte, hatte sie sich noch schlafend gestellt, als der Herr sich eilig anzog, auch er recht leise, um sie nicht zu wecken. Denn Morgengespräche danach waren unbeliebt, unerquicklich, weil man entdeckte, daß man sich plötzlich nicht das geringste mehr zu sagen hatte, ja, meistens, daß man sich unausstehlich war. Sie hatte nur durch die Lider zu blinzeln, ob er ihr auch das Geld auf das Nachtkästchen legte. Nun, er hatte das Geld hingelegt. Es nahm alles seinen ordnungsmäßigen Verlauf, es war kein Wort von Wiedersehen gesagt worden, er war schon an der Tür.

Sie weiß nicht, wie es geschehen ist, was über sie gekommen ist, sie hat sich aufgesetzt im Bett und mit stockender Stimme leise gefragt: Würdest du – würden Sie – ach, darf ich nicht mitkommen?

Er hatte erst nicht verstanden, ganz verblüfft hatte er sich umgedreht. Wie bitte –?!

Dann hatte er gemeint, daß sie sich, neu in solcher Lage, vielleicht schämte, an Pensionsmutter und Portier vorbeizugehen. Er hatte sich bereit erklärt zu warten, wenn sie schnell machte. Aber während sie sich hastig anzog, hatte es sich herausgestellt, daß es sich nicht um etwas so Einfaches, wie unbelästigt auf die Straße zu kommen, handelte. Das sei sie gewöhnt. (Sie war von der ersten Minute an völlig ehrlich zu ihm.) Nein, sie wollte ganz mit ihm mitkommen, überhaupt. Ob es denn nicht ginge? Oh, bitte, bitte! Wer weiß, was er sich dachte. Plötzlich hatte er keine Eile mehr. Er stand in dem grauen Zimmer – es war grade die schreckliche Morgenstunde kurz vor fünf, die die Herren immer zum Weggehen wählen, weil sie dann die erste Elektrische in ihre Wohnung bekommen. Sie können sich dann noch vor dem Büro frisch machen, und viele tun auch so, als hätten sie in ihren Betten gelegen, drehen sich schnell noch einmal darin um.

Er tippte mit den Fingern nachdenklich auf einen Tisch. Mit seinen hellen, grünlichen Augen sah er sie überlegend unter der gesenkten Stirn hervor an. Sie erwarte doch wohl nicht, daß er Geld habe?

Nein. Sie habe nicht darüber nachgedacht. Es sei ihr auch gleich.

Er sei Fahnenjunker a. D., also ohne alle Bezüge. Ohne Stellung. Ohne festes Einkommen. Ja, eigentlich ohne Einkommen.

Ja, es sei recht, nicht darum habe sie gefragt.

Er erkundigte sich nicht, warum sie gefragt habe. Er fragte überhaupt nichts weiter. Später erst fiel ihr ein, daß er sehr viele Fragen hätte stellen können, sehr unangenehme. Etwa, ob sie mehr Männer schon so gebeten habe, ob sie ein Kind erwarte – tausend ekelhafte Dinge. Aber er stand nur da und sah sie an. Schon da war sie überzeugt, daß er Ja sagen würde. Müßte. Es war etwas zu Geheimnisvolles, daß sie ihn hatte fragen müssen. Sie hatte nie vorher daran gedacht. Sie war auch – damals – nicht die Spur verliebt in ihn. Es war eine ganz gewöhnliche Nacht gewesen.

Finden Sie, daß Konstanze sich richtig verhält? hatte er den Titel eines damals viel gespielten Stückes zitiert. Zum erstenmal sah sie sein Zwinkern mit dem einen Auge, wenn er scherzte, und die Fältchen im Augenwinkel.

Doch! sagte sie.

Na schön, sagte er gedehnt, wo einer nicht satt wird, können zwei kaum verhungern. Also los! Bist du fertig?

Es war ein seltsames Gefühl gewesen, neben ihm die Treppe hinabzusteigen, in einem ekligen Mietshaus, neben einem Mann, zu dem man nun gehörte. Einmal, als sie über einen schlecht gelegten Läufer stolperte, hatte er Hoppla! gesagt, aber ganz gedankenlos, wahrscheinlich war er sich ihrer Nähe gar nicht recht bewußt.

Plötzlich blieb er dann stehen. Sie erinnerte sich genau. Sie waren unten angelangt, es war in der falschen Marmorpracht und dem gipsernen Stuck des Eingangs. Übrigens heiße ich Wolfgang Pagel, sagte er mit einer leise angedeuteten Verbeugung.

Sehr angenehm, antwortete sie, ganz wie es sich gehörte. Petra Ledig.

Ob es angenehm ist, wird sich weisen, hatte er gelacht. Komm, Kleines. Ich werde dich Peter nennen. Petra ist mir einesteils zu biblisch, anderenteils zu steinig. Aber Ledig ist gut und kann so bleiben.

3

Als Wolfgang Pagel so zu ihr geredet hatte, war Petra noch viel zu erfüllt von dem Geschehenen gewesen, um groß auf seine Worte zu achten. Später lernte sie von ihm, daß der Name Petra so viel wie Fels bedeute und daß ihn zuerst jener Jünger Petrus getragen hatte, auf dem Christus wie auf einem Felsen seine Kirche bauen wollte.

Sie lernte überhaupt in dem einen Jahr gemeinsamen Zusammenlebens viel von Wolfgang. Nicht daß er etwas Lehrhaftes gehabt hätte. Aber es war unvermeidlich, daß er in den langen Stunden ihres Beisammenseins – denn er war ja ohne rechte Beschäftigung – viel mit ihr sprach, bloß weil sie nicht immer schweigend in ihrer Höhle beieinander hocken konnten. Und als Petra erst Zutrauen gewonnen hatte, fragte sie ihn oft etwas, bloß, um ihn vom Grübeln abzuhalten, oder weil es ihr Spaß machte, ihn reden zu hören. So etwa: Wolf, wie wird eigentlich Käse gemacht? Oder: Wolf, ist es wirklich wahr, daß ein Mann im Monde wohnt?

Er lachte sie nie aus, auch wies er ihre Fragen nie zurück. Er antwortete ihr langsam, überlegend, ernst – denn auch mit seiner Wissenschaft aus der Kadettenanstalt sah es nicht berühmt aus. Und wußte er nicht Bescheid, so nahm er sie mit und ging mit ihr in eine der großen Bibliotheken und schlug und las nach. Sie saß dann ganz stille da, irgendein Büchlein vor sich, in dem sie doch nicht las, und sah feierlich-beklommen in den großen Raum, in dem die Leute so still saßen und sachte die Blätter umwandten, so still, als rührten sie sich im Schlaf. Es kam ihr immer wie ein Märchen vor, daß sie, eine kleine Verkäuferin, ein uneheliches Kind, das grade am Versacken gewesen war, nun in solche Häuser gehen durfte, in denen die gebildeten Menschen saßen, die sicher nie etwas erfahren hatten von all dem Schmutz, den sie so genau hatte kennenlernen müssen. Allein hätte sie sich nie hierher gewagt, obwohl ihr die – stumm geduldeten – Elendsgestalten an den Wänden bewiesen, daß hier nicht nur Weisheit gesucht wurde, sondern auch Wärme, Licht, Sauberkeit und eben das, was auch ihr aus den Büchern aufstieg: feierliche Ruhe.

Wußte dann Wolfgang genug, so gingen sie wieder hinaus, und er erzählte ihr, was er erkundet. Sie hörte ihm zu und vergaß es wieder oder behielt es auch, aber nicht das Richtige – doch darauf kam es auch gar nicht an. Worauf es ankam, das war, daß er sie so ernst nahm, daß sie für ihn noch etwas anderes war als ein Leib, den er gern mochte und der ihm guttat.

Manchmal, wenn sie irgend etwas ganz gedankenlos hingesagt hatte, konnte sie, von sich selbst überwältigt, ausrufen: Ach, Wolf, ich bin so schrecklich dumm! Ich lerne und ich lerne auch gar nichts! Ich werde ewig dumm bleiben!

Aber auch dann wieder lachte er nicht über solchen Ausruf, sondern ging freundlich ernst darauf ein und meinte, im Grunde sei es natürlich ganz egal, ob man wisse, wie Käse gemacht werde. Denn so gut wie der Käsemacher werde man es doch nie wissen. Dummheit sei, wie er glaube, etwas ganz anderes. Wenn man sich nämlich sein Leben nicht einzurichten wisse, wenn man nichts aus seinen Fehlern lerne, wenn man sich immer wieder unnötig über jeden Dreck ärgere und wisse doch ganz genau, in zwei Wochen sei er schon vergessen, wenn man mit seinen Mitmenschen nicht umgehen könne – ja, all dies, das scheine ihm rechte Dummheit. Ein wahres Musterbeispiel sei da seine Mutter, die, so viel sie auch gelesen und erfahren habe und so klug sie auch sei, ihn nun glücklich mit lauter Liebe und Besserwissen und Gängelei aus dem Haus getrieben habe, und er sei doch wirklich ein geduldiger, umgänglicher Mensch. (Sagte er.) Sie, Petra, dumm –? Nun, sie hätten sich noch nicht einmal gestritten, und wenn sie auch oft kein Geld gehabt hätten, schlechte Tage hätten sie darum doch nicht gehabt und grimmige Zornesmienen auch nicht. Dumm –?! Was Peter denn meine –?

Natürlich genau das, was Wolf auch meinte! Schlechte Tage? Grimmige Mienen? Sie hatten die allerherrlichste Zeit von der Welt miteinander gehabt, die schönste Zeit ihres ganzen Lebens – schöner konnte es nun überhaupt nicht mehr werden! Im Grunde war es ihr ja auch ganz egal, ob sie dumm oder ob sie nicht dumm war (klug kam trotz all seiner Erklärungen nicht in Frage), so lange er sie nur gerne hatte und ernst nahm.

Schlechte Tage – wahrhaftig! Sie hatte es in ihrem Leben und vornehmlich im letzten Jahr gut genug gelernt, daß Tage ohne Geld wahrhaftig keine schlechten Tage zu sein brauchten. Genau in dieser Zeit, da alles täglich dem Dollarkurs entgegen fieberte, da fast aller Gedanken sich um Geld, Geld drehten, um Zahlen, um bedrucktes Papier, um mit immer mehr Nullen bedrucktes Papier – genau in dieser Zeit hatte dieses kleine, törichte Mädchen die Entdeckung gemacht, daß Geld gar nichts ist. Daß es unsinnig ist, sich um Geld – nämlich um das fehlende – auch nur eine Minute Gedanken zu machen – es war ganz gleichgültig!

(Nur heute morgen nicht, weil sie solch übel machenden Hunger hatte, und weil doch um 1 Uhr 30 die Gebühren bezahlt werden mußten.)

Wie hätte sie zitternd um das Auskommen des nächsten Tages auch nur eine ruhige Glücksminute an der Seite des Fahnenjunkers a. D. Wolfgang Pagel leben können, der es nun schon ein reichliches Jahr fertiggebracht hatte, ihren ganzen Lebensunterhalt – bei dem kleinsten Betriebskapital von der Welt – Abend für Abend vom Spieltisch zu holen –? Abend für Abend, um elf Uhr herum – gab er ihr einen Kuß und sagte: Also denn, Kleines! und ging, während sie ihm nur lächelnd zunickte. Denn sie durfte kein Wort sagen, weil jedes Wort eine Unglück bringende Bedeutung haben konnte.

In der ersten Zeit, nachdem sie erfahren hatte, daß diese ewigen nächtlichen Wege kein ›Fremdgehen‹ bedeuteten, sondern ›Arbeit‹ für ihrer beider Auskommen, hatte sie aufgesessen bis drei, vier … Um ihn dann ankommen zu sehen: bleich, mit nervösen Bewegungen, die Schläfen eingefallen, das Haar noch feucht, der Blick flackernd. Sie hatte seine fieberischen Berichte angehört, sein Triumphieren, wenn es gut gegangen war, seine Verzweiflung, wenn er verloren. Stumm hatte sie sein Schelten über die und jene Frau angehört, die ihm seinen Einsatz weggenommen, oder seine grübelnde Verwunderung, warum an diesem Abend grade die Schwarz siebzehnmal hintereinander gekommen war und sie, die schon an der Schwelle des Reichtums gestanden, in die völlige Armut zurückgeschleudert hatte.

Sie verstand nichts vom Spiel, seinem Spiel, dem Roulette, so viel er ihr auch davon erzählte (er hatte ihr rundweg abgeschlagen, sie einmal ›dorthin‹ mitzunehmen). Aber sie verstand sehr wohl, daß dies sein Zoll war, den er an ihr Leben zahlte, daß er darum so freundlich, so unbekümmert, so ruhig mit ihr sein konnte, weil er in den Stunden am Spieltisch all seine Kraft, all seine Verzweiflung über dies sein verblasenes, zielloses und doch so einmaliges Leben verströmen konnte.

Oh, sie verstand noch weit mehr! Sie verstand, daß er sich selbst täuschte, zum mindesten sich dann selbst täuschte, wenn er immer wieder leidenschaftlich versicherte, er sei kein Spieler …

Sage doch selbst, was kann ich Besseres tun!?! Soll ich als Buchhalter Zahlen in ein Buch kritzeln, um zu Ultimo ein Gehalt zu kriegen, mit dem wir verhungern? Soll ich Schuhe verkaufen, Artikelchen schreiben, Chauffeur werden? Peter, das Geheimnis ist: habe wenig Bedürfnisse und du hast Zeit für dein Leben. Drei, vier, ach, oft nur eine halbe Stunde am Roulette, und wir können eine Woche, einen Monat lang leben! Ich ein Spieler? Aber es ist eine Hundearbeit, ich würde lieber Mauersteine tragen, statt dazustehen und zu warten und mich nicht fortreißen zu lassen, lockt das Glück einmal. Ich bin eiskalt und berechnend, du weißt, sie nennen mich den Pari-Panther. Sie hassen mich, sie ziehen schon saure Mienen, wenn sie mich nur sehen. Weil ich eben kein Spieler bin, weil sie wissen, es ist nichts bei mir zu holen, weil ich mir jeden Tag meinen kleinen Gewinn abhole, und habe ich ihn, Schluß mache, mich nie verleiten lasse, weiterzuspielen …

Und mit einer wunderbaren Inkonsequenz, indem er völlig vergaß, was er eben erst gesagt: Warte nur – laß mich erst einmal den großen Schlag tun! Eine wirkliche Summe, die sich lohnt! Dann sollst du sehen, was wir anfangen! Dann sollst du sehen, daß ich kein Spieler bin! Nie wieder gehe ich denen auf den Leim! Warum denn auch – es ist die gemeinste Viecherei, die es gibt – wer wird denn freiwillig zu so was hingehen, wenn er kein Spieler ist –?!

Derweilen sah sie ihn heimkommen, nachtaus, nachtein, mit hohlen Schläfen, feuchtem Haar, glänzenden Augen.

Beinahe war es soweit, Peter! rief er.

Aber seine Taschen waren leer. Dann versetzte er alles, was sie hatten, behielt nur, was er auf dem Leibe trug (sie war in solchen Tagen zu Bettruhe verurteilt), ging fort, grade genug Geld in der Tasche, um das Minimum an Spielmarken kaufen zu können. Kam wieder, mit einem ganz kleinen Gewinn oder auch einmal – sehr selten – die Taschen gestopft voll Geld. Wenn alles zu Ende schien, das mußte sie zugeben, brachte er immer Geld, wenig oder viel, aber er brachte Geld.

Er hatte da irgendein ›System‹ über das Rollen der Roulettekugel, ein System der Systemlosigkeit, ein System, das darauf aufgebaut war, daß die Kugel oft nicht das tat, was sie aller Wahrscheinlichkeit nach hätte tun müssen. Er hatte ihr dies System hundertmal erklärt, aber da sie nie ein Roulette gesehen hatte, konnte sie sich von all dem, was er erzählte, kein rechtes Bild machen. Sie bezweifelte auch, daß er sich immer an sein eigenes System hielt.

Aber wie dem auch war, er hatte es noch stets geschafft. Längst brachte sie es – im Vertrauen darauf – fertig, sich ruhig schlafen zu legen, nicht auf sein Kommen zu warten. Ja, es war sogar besser, sich schlafend zu stellen, wenn sie zufällig einmal wach war. Denn kam er, heimkehrend vom Spiel, heiß vom Spiel, erst einmal ins Reden, gab es die Nacht keinen Schlaf.

Wie de det nur aushältst, Mächen, konnte manchmal die Thumann, die Pottmadamm, kopfschütteln. Imma alle Nächte wech und imma alle eure Pinke in de Tasche! Und es soll ja da von Edelnutten nur so wimmeln! Ick ließe meinen nich!

Aber Sie lassen Ihren doch auch auf den Bau, Frau Thumann! Eine Leiter kann auch mal abrutschen oder ein Brett durchknacken. Und Nutten gibt es überall.

Gott, verred es nur mit meinem Willem, wo se jrade in’t fünfte Stock mauern! Wo ick mir so schon so ängstje! Aba es is doch ein Schiedunta, Mächen! Bauen muß sein, aber Spielen muß nich sein.

Wenn er’s doch aber braucht, Frau Thumann!

Braucht, braucht! Ick hör imma braucht! Meiner erzählt mir ooch imma ville, wat er braucht. Skat und ’ne Zigarre und Molle kräftig und womöglich noch kleene Mächen (aber det erzählt er mir nich!). Aber ick sare ihm: wat du brauchen tust, is ’en festet Kommando und freitags die Lohntüte vor’m Baubüro in meine Hand! Det brauchste! – Du bist ebent zu jut, Mächen. Aber jut kommt von schwach, und wenn ick dir so ansehe, morjens, wenn ick euch den Kaffe hinserviere, und ick sehe, wie du ihm die Oogen zurollst, bloß, er merkt es jarnich, denn weeß ick ooch, wie dies ausjeht. Spielen als Arbeit – wenn ick det bloß höre! Spielen is nich arbeeten und Arbeeten is nich spielen. Und wenn du es wirklich jut mit ihm meinst, Mächen, nimmst de ihm det Jeld wech, und er jeht mit Willem uffn Bau. Steinetragen wird er ja wohl noch können.

Gott, Frau Thumann, nun reden Sie ja schon genau wie seine Mutter! Die meinte auch, ich sei zu gut und unterstütze ihn noch in seinem Laster, und hat mir deswegen sogar eine Knallschote gegeben.

Knallschote is ooch wieda nich richtig! Denn bist du die Schwiejatochta? Nee, du machst es gewissermaßen nur zu deinem Vajniejen, und wenn es dir zu dumm wird, denn türmste. Nee, Knallschote war ooch nich fein, auf Knallschote kannste sojar klagen!

Aber es hat ja gar nicht weh getan, Frau Thumann. Solche Fingerchen, wie seine Mutter hat. Da war meine Mutter anders. Und überhaupt …

4

Es teilt eine Holzbarriere den Raum der Berliner Schnitter-Vermittlung in zwei Hälften, zwei sehr ungleiche Hälften. Der vordere Teil, in dem jetzt der Rittmeister von Prackwitz steht, ist ganz klein, und die Eingangstür schlägt auch noch hinein. Prackwitz kann sich kaum rühren.

Die hintere, größere Hälfte hat ein kleiner, fetter, schwärzlicher Mann inne – der Rittmeister kann nicht genau sagen, wirkt der Mann so schwärzlich wegen seines dunklen Haarwuchses oder wegen Unsauberkeit? Der schwärzliche Fette im dunklen Tuchanzug redet heftig, wild gestikulierend, mit drei Männern in Manchesteranzügen, die graue Hüte auf dem Kopf und Zigarren im Mundwinkel haben. Die Männer antworten ebenso heftig, und obwohl sie nicht laut reden, wirkt es doch wie Geschrei.

Der Rittmeister versteht kein Wort, natürlich sprechen sie Polnisch. Wenn der Neuloher Gutspächter auch jedes Jahr ein halbes Hundert Polen beschäftigt, Polnisch hat er darum doch, von ein paar Kommandos abgesehen, nicht gelernt.

Ich gebe dir zu, konnte er zu Eva, seiner Frau, sagen, die Polnisch radebrechte, ich gebe dir zu, daß ich es schon aus praktischen Erwägungen lernen müßte. Trotzdem, ich weigere mich, für heute und immer, diese Sprache zu lernen. Ich lehne das ab. Wir sitzen hier zu nahe der Grenze. Polnisch lernen – ah bah!

Aber die Leute machen die unverschämtesten Bemerkungen dir grade ins Gesicht, Achim!

Nun – und? Soll ich Polnisch lernen, damit ich ihre Unverschämtheiten auch noch verstehe –?! Ich denke gar nicht daran! Was also diese vier da im Winkel so heftig verhandelten, verstand der Rittmeister nicht, es interessierte ihn auch nicht. Aber er war kein sehr geduldiger Warter; was getan werden mußte, sollte rasch getan werden. Er wollte mittags nach Neulohe zurück, mit fünfzig oder sechzig Leuten, eine Bombenernte stand draußen auf den Feldern, und die Sonne schien, daß er das Prasseln des Weizens im Ohr zu hören meinte – Kundschaft! Wirtschaft! rief der Rittmeister.

Die redeten weiter, es sah genau so aus, als stritten sie auf Leben und Tod, gleich würden sie sich wohl an die Hälse gehen.

Heh! Sie da! rief der Rittmeister scharf. Guten Tag habe ich gesagt. (Er hatte nicht Guten Tag gesagt.) Grade die richtige Gesellschaft! Vor acht Jahren noch, ach, vor fünf Jahren noch hatte das vor ihm gewinselt und sklavisch versucht, ihm die Hand zu küssen –! Verdammte Zeiten, verfluchte Stadt – wartet nur! Wenn ich euch erst draußen habe!

Herhören, ihr da! schrie er mit seiner schärfsten Kommandostimme und schlug mit der Faust auf die Barre.

Jawohl – und wie sie herhörten! Diese Art Stimme kannten sie! Für diese Generation bedeutete solche Stimme noch etwas, der Klang rief Erinnerungen wach. Sofort hatten sie aufgehört mit reden. Innerlich lächelte der Rittmeister. Jawohl, das alte Ruck-Zuck, es tat doch und noch immer seine Wirkung – bei solchen Verlotterten am meisten. Fuhr ihnen vermutlich wie eine Vorposaune des Jüngsten Gerichts ins liederliche Gebein! Hatten eben immer ein schlechtes Gewissen.

Ich brauche Schnitter! sagte er zu dem dicken Schwärzlichen. Fünfzig bis sechzig. Zwanzig Männer, zwanzig Frauen, der Rest Mädchen und Burschen.

Jawohl, Panje, verbeugte sich der Dicke, höflich grinsend.

Ein tüchtiger Vorschnitter – muß Kaution im Werte von zwanzig Zentnern Roggen stellen können. Die Frau hat für Frauenlohn die Leute zu bekochen.

Jawohl, Panje, grinste der andere.

Hinreisegeld und Ihre Provision zahle ich; bleiben die Leute bis nach der Rübenernte, wird ihnen das Reisegeld nicht abgezogen. Sonst …

Jawohl, jawohl, Panje …

So – und nun ein bißchen dalli! Um 12 Uhr 30 geht der Zug. Dalli! Printgo! Verstehen? Der Rittmeister nickte, eine Last vom Herzen, sogar den drei Gestalten im Hintergrund zu. Machen Sie jetzt die Verträge fertig. In einer halben Stunde bin ich wieder hier. Will nur mal frühstücken.

Jawohl, Panje!

Dann wäre also alles in Ordnung? sagte der Rittmeister abschließend. Irgend etwas in der Haltung des andern machte ihn doch stutzig, das ergebene Lächeln erschien ihm plötzlich nicht so ergeben, mehr hinterhältig. Alles in Ordnung – oder –?

Alles in Ordnung! beruhigte der Dicke, mit einem raschen Aufleuchten des Blicks zu den andern. Alles nach den Befehlen vom Panje. Fünfzig Leut – gut, sind sie da! Eisenbahn – 12 Uhr 30 – gut, fährt sie ab! Ordentlich, pünktlich, nach Befehl – aber ohne Leut! Er grinste.

Was?! schrie der Rittmeister fast und verzog sein Gesicht zu tausend Falten. Was sagen Sie da?! Reden Sie deutsch, Mann! Wieso ohne Leute –?!

Und der Herr, der doch so gut kann befehlen, wird er auch befehlen, woher ich nehme die Leut? Fünfzig Mann – gutt, gutt, find sie, mach sie, schnell, fix, printgo, was?!

Jetzt sah der Rittmeister sich den Mann doch genauer an. Seine erste Verblüffung war vorüber, auch schon der erste Zorn, da er merkte, er sollte gereizt werden. ›Der kann ganz gut Deutsche‹ dachte er, da der andere immer grotesker, überstürzter redete. ›Der will bloß nicht.‹

Und die da hinten? fragte er und zeigte auf die drei im Manchester, denen die Zigarre noch immer wie erloschen im Mundwinkel hing. Sie sind doch Vorschnitter? Kommen Sie doch zu mir! Neue Schnitterkaserne, anständige Betten, keine Wanzenfallen.

Einen Augenblick lang kam es ihm jämmerlich vor, daß er sich so anpries. Aber es ging um die Ernte, eines Tages, eines sehr nahen Tages konnte es Regen geben. Ja, es war heute eigentlich schon hier in Berlin wie Gewitter in der Luft. Auf den dicken Schwärzlichen war nicht mehr zu rechnen, mit dem hatte er es verdorben, wohl durch seine Befehlsstimme. Nun, wie ist es? fragte er ermunternd.

Die drei standen bewegungslos, als hätten sie kein Wort gehört. Es waren Vorschnitter, der Rittmeister war seiner Sache sicher. Er kannte diese vorgestoßenen Kinnladen, diese entschlossenen, etwas wilden und doch trüben Blicke der Antreiber von Beruf.

Der Schwärzliche stand grinsend da, er sah den Rittmeister von der Seite an, sah überhaupt nicht nach den Leuten hin, so sicher war er seiner Sache. (Da ist die Straße und der Punkt, auf den ich sehe. Ich muß entlang!) Laut: Gute Arbeit – guter Lohn, guter Akkord – gutes Deputat! Wie ist es –? Sie hörten nichts. Und für den Vorschnitter dreißig, ich sage, dreißig gute echte Papierdollar in die Hand!

Ich vermittle die Leute! schrie der Schwärzliche.

Aber schon zu spät. Die Vorschnitter standen an der Barriere.

Nimm meine, Panje! Leute wie Ochsen, stark, fromm …

Nein, nicht die vom Josef. Alles faule Gauner, früh nicht aus den Betten, bei Maruschka stark, bei Arbeit schlapp …

Was redest du, Panje, mit Jablonski?! Ist grade gekommen aus Kittchen, hat mit Messer gestochen Panje Inspektor …

Psia krew, pierunna –!

Der eine auf den andern, polnischer Wortsturz – soll es auch hier eine Messerstecherei geben? Der Dicke dazwischen, ununterbrochen redend, gestikulierend, schreiend, zurückdrängend, auch den Rittmeister anfunkelnd – während sich der dritte unvermerkt an den Rittmeister heranpirscht.

Gute Papierdollar, wie, was? Dreißig? Bei Abfahrt in die Hand? Sei der Herr um zwölf auf dem Schlesischen, ich auch da, mit Leute. Nichts sagen! Schnell weggehen! Schlechte Leute hier!

Und schon ist er wieder bei den andern, die Stimmen schreien, vier Gestalten wanken hin und her, sich zerrend …

Der Rittmeister ist froh, die Tür nah und unverstellt zu finden. Er tritt erlöst zurück auf die Straße.

5

Wolfgang Pagel sitzt noch immer am Wachstuchtisch seiner Höhle, wippt mit dem Stuhl, flötet gedankenlos sein ganzes Repertoire an Soldatenliedern und wartet auf den Thumannschen Emaille-Kaffeepott.

Seine Mutter unterdessen, in der wohl eingerichteten Wohnung an der Tannenstraße, sitzt vor einem schönen, dunklen Renaissancetisch. Auf einer gelblichen Klöppelspitzendecke steht ein silbernes Kaffeegeschirr, frische Butter, Honig, echt englische Jams – es ist alles da. Nur vor dem zweiten Gedeck sitzt noch niemand. Frau Pagel sieht auf den Platz, die Uhr. Dann greift sie zur Serviette, zieht sie aus dem Silberring und sagt: Minna, ich fange an. Minna, das ältliche, gelbliche, verstaubte Wesen an der Tür, seit über zwanzig Jahren bei Frau Pagel, nickt mit dem Kopf, sieht auch auf die Uhr und sagt: Gewiß doch. Wer nicht kommt zur rechten Zeit …

Er weiß, wann unsere Frühstückszeit ist …

Gewiß doch – das kann der junge Herr ja gar nicht vergessen!

Die alte Dame, mit dem energischen Gesicht, dem klaren blauen Auge, der das Alter nichts von ihrer straffen Haltung, nichts von ihren festen Grundsätzen hat nehmen können, sagt nach einer Pause: Ich dachte eigentlich, ich würde ihn heute zum Frühstück sehen.

Minna hat seit jenem Streit, an dessen Ende die am wenigsten beteiligte Petra eine Ohrfeige bekam, tagtäglich das Gedeck für den einzigen Sohn auflegen müssen, tagtäglich hat sie es unbenutzt wieder forträumen müssen und tagtäglich hat die Gnädige diese Erwartung ausgesprochen. Aber Minna hat auch gesehen, daß die tägliche Enttäuschung der alten Dame nichts von der Sicherheit genommen hat, mit der sie den Sohn immer neu erwartet (ohne ihm einen Schritt entgegen zu tun). Minna weiß längst, alles Reden hilft nichts, also schweigt Minna.

Frau Pagel schlägt ihr Ei an. Nun, er kann noch im Laufe des Tages kommen, Minna. Was haben wir heute zum Essen?

Minna berichtet, und die gnädige Frau ist zufrieden: alles Dinge, die er mag.

Jedenfalls wird er nun sehr bald kommen. Einmal muß er mit dieser verdammten Spielerei scheitern. Ein Ende mit Schrecken … Nun, von mir soll er kein Wort des Vorwurfs hören …

Minna weiß es besser, aber das muß sie ja nicht sagen, also schweigt sie. Doch Frau Pagel ist auch nicht ohne Verstand und nicht ohne Witterung. Sie dreht den Kopf scharf zu der alten Getreuen unter der Tür und fragt: Sie hatten ja gestern Ihren freien Nachmittag, Minna. Sie waren wohl wieder – da –?

Wohin soll ein alter Mensch gehen? versetzt Minna mürrisch. Er ist doch auch wie mein Junge!

Die gnädige Frau schlägt ärgerlich mit dem Löffel gegen die Tasse. Er ist ein ganz dummer Junge, Minna! sagt sie scharf.

Jugend hat keine Tugend, antwortet Minna völlig ungerührt. Wenn ich bedenke, gnädige Frau, was ich für Dummheiten in meiner Jugend gemacht habe –!

Was haben Sie denn für Dummheiten gemacht, Minna?! ruft die Gnädige empört. Gar keine haben Sie gemacht! Nein, wenn Sie von Dummheiten reden, dann meinen Sie natürlich bloß mich – und das verbitte ich mir, Minna!

Minna schweigt darauf. Aber ist man mit sich unzufrieden, kann auch das Schweigen des andern Öl ins Feuer sein – grade das Schweigen.

Natürlich hätte ich ihr keine Ohrfeige geben sollen, fährt Frau Pagel noch hitziger fort. Sie ist nur ein kleines, dummes Mädchen, und sie liebt ihn. Ich will nicht sagen, wie ein Hund seinen Herrn liebt, trotzdem sie genau das tut, jawohl, Minna, schütteln Sie nicht mit dem Kopf, genau das … (Frau Pagel hat sich nicht nach Minna umgedreht, aber Minna hat wirklich mit dem Kopf geschüttelt.) … sie liebt ihn, wie Frauen einen Mann eben nicht lieben sollten!

Frau Pagel starrt wütend ihr Brot mit Jam an. Aus einer naheliegenden Erwägung heraus steckt sie den Löffel in die Jamdose und macht den Aufstrich fingerdick. Sich opfern! sagt sie empört. Das glaub ich! Das möchten alle! Weil’s bequem ist, weil’s dann keinen Ärger gibt! Aber Unangenehmes sagen: Wolfgang, mein Sohn, mit der Spielerei ist es aus, keinen Pfennig kriegst du mehr von mir, ihm so was zu sagen, das wäre rechte Liebe … Aber, gnädige Frau, sagt Minna recht nölig, die Kleine hat ja gar kein Geld, das sie ihm geben kann, und ihr Sohn ist er doch auch nicht …

Da!! ruft Frau Pagel zornentbrannt. Da!! Machen Sie, daß Sie rauskommen, Sie undankbare Person, Sie! Mein ganzes Frühstück haben Sie mir verdorben mit Ihrem ewigen Besserwissen und Widersprechen! – Minna! Wo laufen Sie denn hin? Decken Sie auf der Stelle ab! Denken Sie, ich kann noch essen, wenn Sie mich so ärgern?! Sie wissen doch, wie empfindlich ich mit meiner Galle bin! – Ja, den Kaffee auch weg. Ich werde jetzt noch Kaffee trinken – ich bin schon aufgeregt genug! Für Sie mag dies Mädchen meinethalben auch sein wie eine Tochter; ich bin altmodisch, ich glaube nicht daran, daß man seelisch sauber sein kann, wenn man vor der Ehe …

Sie haben grad gesagt, meint Minna ganz ungerührt von dem Ausbruch, denn solche Ausbrüche sind tägliche Kost für sie, und die Gnädige ist ebenso schnell friedlich, wie sie wütend wird … Sie haben grade gesagt, wenn man jemanden gerne hat, sagt man ihm auch mal was Unangenehmes. Da durfte ich Ihnen auch sagen, daß der Wolf nicht der Sohn von der Petra ist?

Und damit entschreitet Minna, das klirrende Tablett in den Händen, und zum Zeichen, daß sie nun erst einmal Ruhe ›in ihrer Küche‹ haben will, schlägt sie die Tür fest zu.

Frau Pagel versteht das auch und sie respektiert dies altgewohnte Zeichen der Getreuen. Sie ruft nur noch schnell hinterdrein: Schafskopf! Immer gleich beleidigt! Immer gleich wütend! Sie lacht vor sich hin, ihr Zorn ist verflogen. ›So eine alte Eule, bildet sich jetzt ein, Liebe besteht darin, dem andern Unangenehmes zu sagen!‹ Sie geht einmal im Zimmer hin und her, sie ist satt, denn der Zornausbruch kam erst, als sie schon genug gegessen hatte, und sie ist bester Stimmung, denn der kleine Streit hat sie erfrischt. Jetzt bleibt sie vor einem Schränkchen stehen, wählt bedachtsam eine lange schwarze Brasil, brennt sie lange und sorgfältig an und geht dann hinüber in ihres Mannes Zimmer.

6

An der Wohnungstür über dem bronzenen Klingelring (Löwenmaul) hängt ein angeschlagenes Namensschild aus Porzellan ›Edmund Pagel – Gesandtschaftsattaché‹. Frau Pagel marschiert bereits auf die Siebzig zu, es sieht danach nicht so aus, als hätte es ihr Mann im Leben sehr weit gebracht. Betagte Gesandtschaftsattachés sind ein rarer Artikel.

Übrigens hatte es Edmund Pagel so weit gebracht, wie es der tüchtigste Botschaftsrat und bevollmächtigte Gesandte nur bringen kann – nämlich auf den Friedhof. Wenn Frau Pagel in ihres Mannes Zimmer geht, so besucht sie nicht ihn, sondern was von ihm auf dieser Welt zurückblieb – und das hat seinen Ruf in der Welt, weit über die Wände des kleinen Heims hinaus.

Frau Pagel stößt die Fenster des Zimmers weit auf: Licht und Luft dringen aus den Gärten herein. Hier in dieser kleinen Straße, so nahe dem Verkehr, daß man abends die Hochbahn in den Bahnhof Nollendorfplatz einfahren und tags wie nachts die Autobusse rumpeln hört – hier ist ein weitläufiges Ineinandergeschiebe alter Gärten mit hohen Bäumen, verschollener Gärten, die sich seit den achtziger, neunziger Jahren kaum geändert haben. Es ist gut hier zu wohnen – für alternde Leute. Die Hochbahn mag donnern und der Dollar klettern – geruhig schaut die verwitwete Frau Pagel in die Gärten. Das Weinlaub ist emporgestiegen bis zu ihren Fenstern, drunten wächst alles immer weiter, blüht weiter, sät sich aus – die Rasenden, Hastigen, Ruhelosen drüben mit ihrem Gepolter und Betrieb wissen es nur nicht. Sie kann zuschauen und sich erinnern, sie braucht nicht zu hetzen, der Garten darf sie erinnern. Aber daß sie hier immer noch wohnen kann, daß sie nicht mit zu hasten braucht – das hat er gemacht, dessen Werk hier in diesem Zimmer ist.

Vor fünfundvierzig Jahren sahen sie sich zum erstenmal, liebten sich, heirateten sich später. Es gab nichts Strahlenderes, Fröhlicheres, Rascheres als ihn. Wenn sie zurückdenkt, ist ihr immer, als sei sie mit ihm bei hellem Wind durch Blütenstraßen gelaufen. Von den Mauern senkten sich die Zweige auf sie. Sie liefen schneller. Über der Spitze des häuserbestandenen Hügels wehte – zwischen zwei Zypressen – der Himmel wie ein Zelt …

Wenn sie nur liefen, gleich würde sich der blauseidene Vorhang vor ihnen öffnen.

Ja, was so recht seines Wesens Zeichen war, das war seine Schnelle, die nichts von Hast hatte, die aus der Kraft kam, dem Wohlgefühl der völligen Gesundheit.

Sie kamen zu einer Wiese mit Herbstzeitlosen. Einen Augenblick hielten sie still auf dem festlichen grünen, lilagestirnten Teppich. Dann bückte sie sich zum Pflücken – doch sie hatte kaum zwanzig Blüten in der Hand, da kam er mit dem Strauß, leicht, rasch, ohne Eile, mit dem großen, fröhlichen Strauß.

Wie machst du das? fragte sie atemlos.

Ich weiß nicht, sagte er. Es ist mir immer, als sei ich ganz leicht, wehe mit dem Wind.

Der Vorhang rauscht. Ein halbes Jahr ist vorbei, sie sind nun schon eine Weile verheiratet, die junge Frau hört in ihrem Schlaf einen klagenden Ruf. Sie wacht auf. Ihr junger Mann sitzt im Bett, er sieht völlig verändert aus, dies Gesicht kennt sie noch nicht.

Bist du es –? fragt sie so leise, als fürchte sie, durch ihre Worte könne der Traum Wahrheit werden.

Der fremdvertraute Mann neben ihr versucht zu lächeln, ein verlegenes, um Verzeihung bittendes Lächeln. Entschuldige, wenn ich dich gestört habe. Es ist so seltsam, ich verstehe es nicht. Mir ist wirklich angst. Und nach einer langen Pause, während er sie zweifelnd ansieht: Ich kann nicht aufstehen …

Du kannst nicht aufstehen? fragt sie ungläubig. Es ist so unwirklich, ein Scherz, Unsinn von ihm, schlechter Unsinn natürlich. So etwas gibt es ja gar nicht, daß man plötzlich nicht aufstehen kann.

Ja, sagt er langsam und scheint es auch nicht zu glauben. Mir ist so, als hätte ich keine Beine mehr. Jedenfalls fühle ich sie nicht mehr.

Unsinn! ruft sie und springt auf. Du hast dich erkältet, oder sie sind dir eingeschlafen. Warte nur, ich helfe dir …

Aber noch während sie dies sagt, noch während sie um die Betten zu ihm geht, dringt ein eisiges Gefühl in sie … Noch während sie spricht, fühlt sie: Es ist wahr, es ist wahr, es ist wahr …

Fühlt sie –? Noch die alte Frau am Fenster macht eine wütende Schulterbewegung. Wie kann sie das Unmögliche fühlen?! Der Schnellste, der Fröhlichste, der Lebendigste – und nicht gehen können, nicht einmal stehen können! Unmöglich, das zu fühlen.

Aber die Eiseskälte bleibt in ihr, es ist, als atme sie die Kälte mit der Lebensluft immer tiefer in sich ein. Das Herz will sich wehren, aber es wird auch schon kalt, der Eispanzer legt sich enger darum.

Edmund! ruft sie beschwörend. Wach auf! Steh auf!

Ich kann nicht, murmelt er.

Er konnte es wirklich nicht. So wie er an jenem Morgen im Bett gesessen, so saß er nun tagaus, tagein, Jahr um Jahr, da – im Bett, im Rollstuhl, in einem Liegestuhl … saß da, völlig gesund, ganz ohne Schmerzen, nur: er konnte nicht gehen. Das Leben, das so flammend begonnen, das hurtige, rasche, leuchtende Leben, das lachende Glücksleben, blaue Seidenzelte und Blüten – vorbei! Vorbei! Einmal und nicht wieder. Warum nicht wieder –? Keine Antwort. Ach, Herre, Herre, warum denn –? Wenn es aber sein mußte, warum dann so plötzlich –? Warum ohne alle Warnung, ohne Übergang –? Glücklich in den Schlaf geglitten – und elend erwacht, unermeßlich elend!

Oh, sie fand sich nicht damit ab, keinesfalls fand sie sich damit ab! Alle zwanzig Jahre, die dies dauerte, fand sie sich nicht darein. Als er schon längst jede Hoffnung aufgegeben hatte, schleppte sie ihn immer noch von Arzt zu Arzt. An Meldungen von einer Wunderheilung, an einer Zeitungsnotiz entzündete sich ihr Hoffen. Nacheinander glaubte sie an Bäder, Bestrahlungen, Packungen, Massagen, Medikamente – wundertätige Heilige. Sie wollte daran glauben, sie tat es.

Laß es doch, lächelte er. Vielleicht ist es gerade gut so.

Das möchtest du! rief sie zornig. Dich darein finden – demütig, was?! Das wäre bequem! Demut mag für die Übermütigen, die Glücklichen gut sein, die einen Zügel brauchen. Ich halte es mit den Alten, die um ihr Glück mit den Göttern kämpften.

Aber ich bin glücklich, sagte er freundlich.

Doch sie wollte dies Glück nicht. Sie verachtete es, es erfüllte sie mit Zorn. Sie hatte einen Gesandtschaftsattaché geheiratet, einen tätigen Mann, Mensch im Umgang mit Menschen, einen künftigen Botschafter. An der Tür aber hing ein Schild ›Edmund Pagel – Gesandtschaftsattaché‹ und dabei blieb es! Sie ließ kein neues machen: ›Pagel – Kunstmaler‹? Nein, sie hatte keinen Farbenreiber und Kleckser geheiratet.

Ja, da saß er nun und malte. Er saß in seinem Rollstuhl und lächelte und pfiff und malte. Eine zornige Ungeduld erfüllte sie. Begriff er denn nicht, daß er sein Leben vertat mit diesen komischen Schildereien, über die alle nur lächelten –?

Laß ihn doch, Mathilde, sagte die Verwandtschaft. Für einen Kranken ist das sehr gut. Er hat doch seine Beschäftigung und Ablenkung.

Nein, sie ließ ihn nicht. Als sie ihn heiratete, war nicht von Malen die Rede gewesen. Ihr war nichts davon bekannt, daß er je einen Pinsel in der Hand gehabt hatte. Sie haßte das alles, schon den Geruch der Ölfarben. Sie stieß ständig gegen die Keilrahmen, die Staffelei war ihr immer im Wege. Sie fand sich nie mit ihr ab. In den Gastzimmern der Badeorte, auf den Böden der Mietswohnungen vergaß sie seine Bilder, die Kohlezeichnungen lagen herum, verkamen.

Manchmal, mitten aus einer Arbeit heraus, aus den Sorgen heraus, aus dem sehr engen Gefängnis ihres eigenen Ich heraus, konnte sie hochsehen und solch Bild an der Wand betrachten, als sähe sie es zum erstenmal. Irgend etwas wollte sie dann leise anrühren, als rege sich etwas im Schlaf – dem Erwachen zu. Halte ein! Halte doch ein! Es war sehr hell, ein Baum etwa, in der Sonne, in der Luft, gegen einen klaren Sommerhimmel. Halte doch ein! Aber der Baum schien sich zu heben, Wind wehte sachte, der Baum bewegte sich – flog er? Doch, die ganze Erde flog, die Sonne, Spiele von Licht und Luft, leise, eilig, zart – halte doch ein, grimmige, dunkle Erde!

Sie trat näher heran. Der Vorhang vor dem Geheimnisvollen wehte. Es war Leinwand, riechende Ölfarbe, Erdenstoff, fester, fester Erdenstoff. Aber Wirbel erklangen, Wind wehte, der Baum bewegte die Äste, das Leben floß, wehte – fliege, halte nicht ein, fliehe und fliege, wie wir armen Irdischen fliehen und fliegen. Umsonst hängen wir die Bleigewichte der Sorgen, der Hoffnungen, der Entwürfe an unsere Sohlen, uns der Stunde zu verhaften. Wir fliehen dahin, wir rinnen ins Meer …

Von einem Gelähmten gemalt, erschaffen aus dem Nichts. Freilich von einem Manne, der Bewegung kannte und liebte, der jetzt nichts mehr ist als ein schwerfälliger Leib, den man aus dem Bett in den Stuhl wälzt – nein, halte nicht ein, wir fliehen, wir fliegen.

Ja, es rührt sich sachte in der betrachtenden Frau. Eine Ahnung will sie überkommen, als hätte sie ihren Mann unvergänglicher, strahlender, rascher als je zuvor – doch sie schüttelt es ab, sie sinkt wieder in Schlaf. Leinwand und Farbe, eine plane Fläche nach bestimmten Regeln bunt gemacht, nichts von Bewegung, nichts von dem Manne!

Weiter in die Bäder! Zu noch mehr Ärzten! Was sagt denn die Welt? Es hat zwei oder drei kleine Ausstellungen gegeben – man hörte nichts darüber, man sah nichts davon –, nie wurde ein Bild verkauft. Gottlob, daß man das wenigstens nicht nötig hatte! Und wer sie dann und wann auf den ruhelosen Reisen durch die Heilstätten der Erde doch zu finden wußte: irgendein junger Mensch, schweigsam, ungelenk, düster oder ein anderer, plötzlich in einen Wortstrom ausbrechend, mit fahrigen Bewegungen, eine neue Zeit kündend – der machte ihr nicht grade Mut, seine Schildereien wichtig zu nehmen!

Komm, der Tag ist so schön, laß uns ausfahren!

Das Licht ist gut. Laß mich noch malen, eine Stunde.

Ich weiß gar nicht mehr, wie es draußen ist. Ich komme um vor Lufthunger!

Gut, setze dich ans Fenster, mach es auf – ich wollte schon lange dich einmal malen …

So war er, freundlich, heiter, nie böse – aber nicht zu erschüttern. Sie redete, sie bat, wurde zornig, wieder gut, hinterhältig, um Verzeihung bittend – er war wie ein Feld, über das Wind, Gewitter, Sonnenschein, Nachtfrost, Regen dahingehen. Es nimmt alles auf, es scheint sich nicht zu ändern, am Ende ist eine Ernte da.

Ja, eine Ernte war da. Aber bis sie reifte, geschah noch etwas anderes, etwas, um das sie zwanzig Jahre gekämpft, gehadert, gerungen, gefleht hatte: eines Tages stand er da! Er ging ein paar Schritte, zögernd zuerst, mit demselben ein wenig beklommenen, um Verzeihung bittenden Gesicht wie vor zwanzig Jahren: Ich glaube wirklich, es geht!

Wie sie gekommen, war die Krankheit geschwunden, unbegreiflich warum. All ihr Eifer, all ihr Sorgen hatten diesem Fortgang nichts dazu tun können; menschlichem Einwirken, ihrem Einwirken war dies alles entrückt – es war zum Verzweifeln!

Inzwischen war ein halbes Leben – und der bessere Lebensteil – verronnen. Sie stand Anfang der Vierzig, einen fünfundvierzigjährigen Gesandtschaftsattaché neben sich – verronnen, verwelkt, vorbei! Ein tätiges Leben, ein eiferndes Leben, ohne Rast, voller Pläne, voller Hoffnungen … Nun sind die Hoffnungen erfüllt, und es bleibt nichts mehr zu hoffen. Alle Pläne, alle Sorgen sind gestaltlos geworden. Ein ganzes Leben zerrann zu Staub in dem Augenblick, da Edmund aufstand und ging!

Unbegreifliches Frauenherz:

Da steht dein Bild, Edmund. Du hast nur noch ein paar Striche zu tun – willst du nicht –?

Bilder, ja, Bilder … sagte er gedankenlos, sah es flüchtig an und ging hinaus, schon ganz draußen.

Nein, er hatte keine Zeit, eine halbe Stunde zu malen. Er hatte zwanzig Jahre Zeit gehabt, geduldig, ohne Klage krank zu sein, nun hatte er nicht eine Minute mehr Zeit! Das ganze Leben wartete draußen auf ihn, mit einem Wirbel von Festlichkeiten, eine strahlender als die andere, mit Hunderten von Menschen, mit denen es herrlich war, zu reden – mit schönen Frauen, mit jungen Mädchen, die so betörend jung waren, daß es einem über den Rücken rieselte, sah man sie nur an …

Und war er selber etwa nicht jung –? Er war fünfundzwanzig; was dann gekommen war, zählte nicht, es war nur Warten gewesen. Er war jung, das Leben war jung, fasse, halte, koste die Frucht – halte ein, halte doch ein! Weiter …

Malen? Jawohl, ja, es hatte ihm geholfen, es war ein angenehmer Zeitvertreib gewesen. Jetzt brauchte nichts mehr die zähe, lastende Zeit zu vertreiben – funkelnd, aus tausend Augen strahlend, Millionen Lieder jauchzend, jagte der Strom dahin – mit ihm, noch mit ihm, endlich wieder mit ihm!

Manchmal, nachts fuhr er auf, todmüde, kaum in den ersten, fieberischen Schlaf der Überwachen gesunken. Er stützte die glühende Schläfe in die heiße Hand. Er meinte, die Zeit rauschen zu hören. Sie entrauschte. Er durfte nicht schlafen; wer durfte schlafen, da Zeit so rasch floß –? Schlaf hieß Versäumnis. Und leise, leise, sie nicht zu wecken, stand er auf, ging in die Stadt, ging noch einmal in die Stadt, wo die Lichter brannten. Er saß an einem Tisch, er sah atemlos in die Gesichter. Dieses dort –? Oder du –? Oh, enttäusche nicht – halte doch ein!

Sie ließ ihn gehen. Sie hörte ihn, aber sie ließ ihn gehen, tags wie nachts. Zu Anfang war sie mitgegangen, sie, deren Hoffnung nun erfüllt, deren Kampf noch siegreich geworden war. Sie sah ihn auf dem Gartenfest einer befreundeten Familie, auf einem Diner – untadelig gekleidet, schlank, rasch, fröhlich – mit grauem Haar, zwei messerscharfen, tiefen Falten von den Nasenflügeln, über die Mundwinkel bis zum Kinn. Er tanzte, untadelig, mit einer Sicherheit, einer spielenden Vollendung –›fünfundvierzig‹ sprach es in ihr. Er scherzte, plauderte, sprach – immer mit den Jüngsten, sah sie. Fast kam sie ein Schaudern an. War es nicht beinahe, als sei ein Toter lebendig geworden, als fordere ein Abgeschiedener Lebensspeise, in dessen Mund der Staub schon knirscht –? Halte doch ein! Das, was ihr eifersüchtiges, zorniges Herz am innigsten festgehalten, das, was ihr zwanzig Jahre hindurch Glücksbrot und Lebensspeise gewesen: die Erinnerung an ihre erste, festliche Zeit – zerging ihr nun. Sie konnte es nicht mehr halten.

Die Nacht steht wie eine Wand um sie, ein enges Gefängnis, ohne Ausweg. Die Uhr auf dem Nachttisch tickt nutzlose Zeit weg, die durchwartet werden muß. Die zitternde Hand läßt das Licht aufleuchten – und von den Wänden grüßen sie seine hellen, eiligen Bilder.

Sie blickt sie an, als sähe sie diese Bilder zum erstenmal. Sie ist wie die Welt draußen, die in dieser Zeit auch anfängt, vor seinen Bildern stille zu stehen, sie zu sehen. Plötzlich ist die Zeit dieser Bilder gekommen – aber für ihren Schöpfer ist die Zeit vorüber. Widerspiel, Widerpart, Unsinn der Zeit, Widersinn – da er sein Werk schuf, zwanzig Jahre, unablässig, geduldig, milde, war er der einzige, der es sah. Nun kommt die Welt, mit Briefen und Abbildungen, mit Kunsthändlern und Ausstellungen, mit Geld, mit goldenem Lorbeer aber seine Zeit verrann, er hat sie ausgeschöpft, der Brunnen ist leer …

Ja, Bilder … sagt er und geht.

Die Frau, die sein Kind erwartet, liegt im Bett, und nun ist sie es, die auf die Bilder starrt. Nun ist sie es, die sein wahres Abbild in ihnen sieht. Seine Schnelle, seine Fröhlichkeit, sein milder Ernst – dahin! Dahin! Dahin –? Hier sind sie, gesteigert, mit einem Strahlenglanz, den die Ewigkeit dem Leben leiht.

Da ist eines, kurz vor seiner ›Genesung‹ gemalt, das letzte fertiggestellte, ehe er den Pinsel fortlegte. Er ließ sie sich an ein Fenster setzen, das Fenster war offen, sie saß starr und still da wie kaum je in ihrem tätigen Leben. Es ist ihr Bild, sie ist es, da sie noch bei ihm war, von ihm gemalt, als sie ihm noch etwas galt. Nichts weiter: eine junge Frau am Fenster, wartend, vielleicht wartend, draußen rauscht die Welt. Junge Frau am Fenster, sie – sein schönstes Bild!

Von ihm gemalt, da er noch bei dir war. Wo ist er jetzt? Der Morgen ist in der rauschenden Welt, strahlend, voller Sonnenglanz (aber dir wird die Sonne fahl), da sie den Mann heimtragen, beschmutzt, die klugen Hände gekrümmt, das Kinn schlaff, an der Schläfe ein Blutgerinnsel. Oh, sie sind sehr achtsam mit ihr, die Herren Polizisten und die Herren Kriminalisten, es ist in einer Straße geschehen, deren Namen ihr natürlich nichts sagt. Ein Unglücksfall – ja, ein Fall. Schweig!

Fliehe dahin, Zeit, eile dich doch! Hier kommt der Sohn. Der Vater stieg auf als ein strahlendes Gestirn, leuchtete dann lange mild und erlosch jäh. Er ist erloschen, wir warten auf den Sohn! Ein kleines Licht in der Nacht, ein Nichts, wärmeloses Feuer. Aber wir sind nicht so allein.

Die Frau im Fenster, die alte Frau, wendet sich um. Da ist das Bild. Jawohl, es ist alles richtig: Junge Frau am Fenster, wartend.

Die alte Frau legt den Rest ihrer Zigarre in den Aschenbecher.

Mir ist wirklich so, als könnte der dumme Junge heute kommen. Zeit wird’s!

7

Die Thumannsche, Eheliebste des Maurers Wilhelm Thumann, schwammig, wabblig, in fließenden Gewändern, mit einem schwammig wabbligen Gesicht, in dem doch ein Zug säuerlicher Strenge vorherrscht – die Thumannsche schlurrt mit dem unvermeidlichen Pott über den Gang, zum Klo, abwärts, eine halbe Treppe tiefer, Klo von drei Parteien. Die Thumannsche, völlig bedenkenlos in der Beherbergung übelst beleumdeter Mädchen mit Anhang (zur Zeit bewohnt die rassige Ida vom Alex das Zimmer vis-à-vis von Pagels), ist voller sanitärer Bedenken, was das Klo anlangt: Da hamm se ja nu diese Baktzillen entdeckt, Liebecken. Sie hätten es können ja ooch sein lassen, aber wo se’s nu mal jetan haben, und die feinsten Leute haben wir hier ooch nich, und manchmal, wenn ick uff den Klosett komme, ick denke doch, mir jeht die Puste wech, und wer weeß, wat dat allens drin rumwirbelt, und eenmal war ooch een schwarzer Käfer da, und er sah mir soo jefährlich an … Nee, wie denn, wat denn, ick wer keene Wanzen kennen, keene Hausbienen! Mir dürfen Se doch so wat nich erzählen, Liebecken, wo ick und de Wanzen, wir sind doch zusammen jroß jeworden. Aber seitdem se die entdeckt haben, sare ick zu meinem Willem: Pott bleibt Pott, und: Gesundheit ist das halbe Leben! Willem, sare ick zu ihm, paß uff, wo de dir hinstellst. Die Biester springen dir an wie die Tiger, und eh de dir umsiehst, bringst de eene janze Mikrokosmetik int Haus! Aber wat soll ick Sie sagen, Liebecken, komisch is der Mensch ja doch injerichtet, seit ick mit dem Pott jehe, loof ick immerzu. Nich daß ick mir beklage, nur: es ist wunderbar! Ick weeß, unser junger Herr, der de kleene, blasse Dunkle hat, sie is aber nich seine Frau, bloß, sie bildt sich ein, sie wird’s, und manchen schmeckt ja so ’ne Inbildung wie uns Kuchen von Hilbrichen, der nennt mich imma Pottmadamm. Nur, sie verbietet’s ihm, was ich wieder hochreell finde. Aber soll er’s ruhig saren, von meinswejen! Denn warum sagt er es? Weil er seinen Jokus haben will! Und warum will er seinen Jokus haben? Weil er jung is! Denn wenn man jung is, jloobt man jar nischt, nich an de Pfaffen, was ich ooch nich tue, un nich an de Baktzillen. Aber wie kommt es? Wie ich mit’em Pott, so loofen die nachher uff die Beratungsstelle, aber mit wat, det sare ick nich, weil wir’s nämlich beede wissen, Liebecken, un manche nennen’s ja ooch bloß ’en Schnuppen. Und da sind se, so dumm se sind, plötzlich klug geworden, und wat den Schnuppen anjeht, so möchten se plötzlich niesen können und einen haben, der ihnen Jesundheit sagt. Aber die is perdü und darum loofe ick lieba mit ’em Pott …

Also diese Sorte Thumannsche, wabblig-schwabbelig, aber von zuviel Magensäure im Gesicht gezeichnet, schlurrt mit ihrem Pott den Gang entlang.

Die Tür zum Pagelschen Zimmer geht auf, und in ihr steht der junge Wolfgang Pagel, groß, mit breiten Schultern und schmalen Hüften, dem hellen, fröhlichen Gesicht, in seiner feldgrauen Litewka mit den schmalen roten Streifen – es ist ein Stoff, der selbst jetzt, nach fünfjährigem Gebrauch noch gut aussieht, sanftsilbrig glänzend wie manche Lindenblätter …

Guten Morgen, Frau Thumann, sagt er ganz vergnügt. Wie ist es denn mit einem kleinen Palaver wegen Kaffee?

Sie! Sie! sagt die Thumann entrüstet und schiebt mit halb abgewandtem Gesicht vorbei. Sie sehen doch, ich bin beschäftigt!

Aber selbstverständlich, entschuldigen Sie bloß, Frau Thumann. Es war ja nur ’ne eilige Anfrage wegen Kohldampf. Wir warten gerne. Es geht ja erst auf elfe.

Verwarten Sie man nich bloß noch de Zwölfe, sagt die Thumann wie eine warnende Schicksalsgöttin in der Eingangstür, und der Topf schwankt in ihrer Hand. Um zwölf kommt der neue Dollar, und wie der Olle im Jemüsekeller jesacht hat, wird er kräftig kommen und Berlin macht sich wieder mal schwach. Denn können Se mir ohne Wimpernklimpern so an ’ne Million Mark mehr auf den Tisch des Hauses lejen. Und Kaffe ohne Jeld is überhaupt nich!

Damit fällt die Tür hinter ihr zu, das Urteil ist gesprochen, und Wolfgang wendet sich zum Zimmer zurück und sagt nachdenklich-unentschlossen: Eigentlich hat sie ja recht, Peter. Ehe ich sie wegen des Kaffees rumgeschmust habe, ist es sicher zwölf, und wenn der Dollar wirklich steigt – was meinst du?!

Er wartet aber ihre Antwort nicht ab, sondern sagt halb verlegen: Leg dich gemütlich ins Bett, ich trag die Sachen gleich zum Onkel. Und in zwanzig Minuten, spätestens in einer halben Stunde bin ich wieder hier und wir frühstücken gemütlich Schrippen und Leberwurst – du im Bett und ich auf der Bettkante, was meinst du, Peter?

Ach, Wolfi, sagt sie schwach, und ihre Augen werden sehr groß. Grade heute …

Obwohl sie heute morgen noch nicht einen Ton von dieser Sache gesprochen hatten, tat er doch nicht einen Augenblick so, als ob er sie nicht verstünde. Ein wenig schuldbewußt sagte er: Ja, ich weiß, es ist dumm. Aber es ist wahrhaftig nicht meine Schuld. Oder fast nicht meine Schuld. Alles ging verquer heute nacht. Ich hatte schon ganz schön gewonnen, aber dann hatte ich plötzlich die wahnsinnige Idee, Null müsse gewinnen. Ich verstehe mich selbst nicht mehr …

Er hielt inne. Er sah den Spieltisch vor sich, weiter nichts als ein abgegriffenes grünes Tuch, über den Eßzimmertisch eines gut bürgerlichen Zimmers gebreitet. In der Ecke stand klobig, mit Türmen, geschnitzten Rittern und Edeldamen, Knäufen und Löwenmäulern das Büfett. Denn die Spielklubs, Spielhöllen jener Tage führten – auf der ständigen Flucht vor dem Spielerdezernat der Krimpo – ein unstetes Dasein. Von einer Nacht zur andern – roch es sauer am alten Ort – mieteten sie bei irgendeinem verarmten Angestellten das Eßzimmer, den Salon. Nur für die paar Nachtstunden – da brauchen Sie es ja doch nicht. Und Sie liegen im Bett und schlafen; was wir tun, geht Sie nichts an!

So kam es, daß bei jenem Oberbuchhalter, bei diesem Abteilungsvorsteher das Vorkriegszimmer, das Schwiegermutter noch ausgesucht hatte, Versammlungsort von Smokings und Jackettanzügen, Blusen und Abendkleidern wurde – ab nachts elf Uhr. In der stillen, geruhig-anständigen Straße trieben Schlepper und Spanner ihr Unwesen, sie holten das Publikum zusammen, auf das es ankam: Provinzonkels, angesäuselte Herren, unentschlossen, wohin nun; Börsenjobber, die von dem täglichen Valutataumel noch nicht genug hatten. Der Portier hatte sein Geld und schlief fest, die Haustür mochte gehen, so oft sie wollte. In der nüchternen Flurgarderobe mit den angegrünten Messinghaken stand ein Tischchen mit dem großen Spielmarkenkasten, den ein bärtiger, traurig aussehender Hüne von Wachtmeistertyp verwaltete. An der Tür des W. C. hing ein Pappschild ›Hier!‹ Es wurde nur geflüstert, jeder hatte ein Interesse, daß niemand im Haus ›etwas‹ merkte. Es gab auch nichts zu trinken. Betrunkene konnte man wegen etwaigen Lärms nicht gebrauchen. Es gab nur das Spiel, Rausch genug.

So still war es, daß man schon vom Vorplatz das Schnurren der Kugel hörte. Hinter dem Croupier standen zwei Männer in Jackettanzügen, jederzeit bereit, einzugreifen und jeden Streit durch die gefürchtete Verweisung auf die Straße, durch Ausschluß vom Spiel, zu schlichten. Der Croupier trägt Frack. Aber sie sehen sich alle drei ähnlich, er und seine beiden hinter ihm stehenden Helfershelfer, diese drei Männer, ob mager oder fett, dunkel oder hell. Alle haben kalte, rasche Augen, krumme, böse Nasen wie Habichtschnäbel, dünne Lippen. Sie sprechen kaum miteinander, sie verständigen sich durch Blicke, allenfalls ein Deuten mit der Schulter. Sie sind böse, gierig, kalt – Abenteurer, Raubritter, Beutelschneider, Zuchthäusler – wer weiß das! Man kann sich unmöglich vorstellen, daß sie ein Privatleben haben, eine Frau, Kinder, die ihnen die Hand geben und ›Guten Morgen‹ sagen. Man kann sich nicht ausmalen, wie sie sind, wenn sie mit sich allein sind, aus dem Bett aufstehen, sich beim Rasieren im Spiegel anschauen. Sie scheinen dafür bestimmt, hinter dem Spieltisch zu stehen, böse, gierig, kalt. Vor drei Jahren gab es sie noch nicht, und in einem Jahr wird es sie nicht mehr geben. Das Leben hat sie emporgespült, da sie gebraucht wurden; es trägt sie wieder mit sich fort, unfaßlich, wohin, wenn ihre Zeit vorüber ist, aber das Leben hat sie, das Leben hat alles, was gebraucht wird.

Um den Tisch sitzt eine Reihe Spieler, die Reichen, die Leute mit der dicken, schwellenden Brieftasche, die ausgenommen werden sollen, die Neulinge, die grünen Heringe. Daß sie stets einen Sitzplatz finden, dafür sorgen die drei schweigsamen, gesträubten Raubvögel schon. Hinter ihnen stehen in zwei, drei Reihen die andern Spieler, dicht aneinandergedrängt. Sie nahm ihre Einsätze über die Schultern der Vordermänner weg, unter den Armen durch, auf ein Fleckchen Spielfeld, das sie grade erspähen können. Oder sie reichen die Spielmarken hoch über die Köpfe der andern fort, einem der drei Männer, mit einer gemurmelten Weisung.

Aber trotz dieser Unübersichtlichkeit, dieses Gedränges gibt es kaum je Streit, denn die Spieler sind viel zu versunken in das eigene Spiel, in das Rollen der Kugel, um auf die andern groß zu achten. Und zudem gibt es so viele Sorten verschiedenfarbiger Spielmarken, daß selbst bei stärkstem Andrang höchstens zwei, drei Spieler dieselbe Farbe spielen. Eng aneinandergedrängt stehen sie: schöne Frauen, gut aussehende Männer sind dabei. Sie lehnen sich aneinander, Hand berührt Brust, Hand streift seidige Hüfte: sie spüren nichts. Wie eine große Glut den Glanz des kleinen Feuers bleich macht und dunkel, hören die eng Gedrängten nur noch das Schnurren der Kugel, das Klappern der beinernen Jetons. Still steht die Welt, die Brust kann nicht atmen, die Zeit steht, während die Kugel läuft, in ein Loch lenkt, sich besinnt, weiterspringt, klappert …

Da! Rot! Ungleich! Einundzwanzig! Und plötzlich atmet die Brust wieder, das Gesicht entspannt sich – ja, dies Mädchen ist schön … Der Einsatz, meine Damen und Herren! Der Einsatz! Der Einsatz! – Nichts mehr! Und die Kugel läuft, schnurrt, klappert … still steht die Welt …

Wolfgang Pagel hat sich in die zweite Reihe der stehenden Spieler gedrängt. Weiter nach vorn kommt er nie, darauf achten die drei Raubvögel schon, die unzufriedene Blicke miteinander tauschen, sehen sie ihn nur eintreten. Er ist der allerunerwünschteste Spieler, er ist der Pari-Panther, der Mann, der vorsichtig spielend sich nicht hinreißen läßt; der Mann mit dem kleinsten Betriebskapital in der Tasche, das nicht einmal das Ansehen lohnt, geschweige denn das Wegnehmen; der Mann, der Abend für Abend mit dem festen Vorsatz kommt, der Bank grade so viel abzunehmen, daß er den nächsten Tag das Leben hat – und dem das meistens gelingt.

Es ist ganz unnütz für Pagel, den Klub zu wechseln (denn es gibt in diesen Tagen Spielklubs wie Sand am Meer, wie es überall Heroin und Koks gibt, Schnee; wie es überall Nackttänze, französischen Sekt und amerikanische Zigaretten gibt; wie es überall Grippe, Hunger, Verzweiflung, Unzucht, Verbrechen gibt). Nein, die Raubvögel am Kopfende des Tisches erkennen ihn immer gleich. Sie erkennen ihn an der Art seines Eintretens, dem prüfenden Blick, der fremd alle Gesichter streift, um an dem Spielfeld haften zu bleiben. Sie erkennen ihn an seiner übertriebenen Ruhe, seiner gespielten Gleichgültigkeit, der Art seines Setzens, an den langen Pausen, die er macht, die Sprünge der Chancen auszulassen, um eine Serie zu fassen: sie erkennen den gleichen Vogel im andern Gefieder!

An diesem Abend war Wolfgang nervös. Zweimal hatten ihm die Schlepper die Haustür vor der Nase zugeschlossen, um den unerwünschten Spieler zu verscheuchen, bis es ihm gelang, sich mit einer Gesellschaft einzuschmuggeln. Der Mann mit dem traurigen Wachtmeistergesicht hatte getan, als höre er seine Bitte um Spielmarken nicht; Wolfgang hatte sich sehr zusammennehmen müssen, um nicht laut zu werden. Schließlich hatte er seine Jetons doch bekommen.

Im Spielraum hatte er sofort gesehen, daß eine gewisse Halbweltdame, von Kennern der Devisenvamp genannt, anwesend war. Er hatte schon einige Male an verschiedenen Orten mit diesem anspruchsvollen, lauten Mädchen Zusammenstöße gehabt, weil sie, in einer Pechsträhne und dem Ende ihrer Mittel nahe, unbedenklich über die Einsätze ihrer Mitspieler zu verfügen pflegte. Am liebsten wäre er umgekehrt. Eine Spielmarke war ihm auf die Erde gefallen, was von unheilvoller Bedeutung war, denn es besagte, daß dieser Raum sein Geld zu behalten wünschte. (Es gab viele Vorzeichen solcher Art – bis auf eines oder zwei alle von schlimmer Vorbedeutung.)

Dann war er doch an den Tisch getreten, um zu spielen. Er konnte es immerhin – im Rahmen seiner Gewohnheiten – versuchen, da er nun einmal hier war. Wie alle Spieler war auch Wolfgang Pagel der unerschütterlichen Überzeugung, daß das, was er tat, gar kein richtiges Spiel war, daß es ›nicht galt‹. Er glaubte fest daran, daß irgendwann einmal, blitzartig, in einer Sekunde, ihn das Gefühl überkommen würde: jetzt ist deine Stunde! In dieser Stunde würde er wirklich Spieler sein, der Liebling des blinden Glücks. Die Kugel im Rade würde schnurren, wie er setzte, das Geld würde herbeiströmen –: Alles, alles werde ich gewinnen! – Wenn er an diese Stunde dachte, manchmal, nicht sehr häufig, wie man den Genuß eines großen Glückes nicht wertlos machen will dadurch, daß man es zu oft vorkostet – wenn Wolfgang daran dachte, fühlte er, wie sein Mund trocken, die Haut über seinen Schläfen pergamenten wurde.

Er meinte, sich zu sehen, leicht vorgeneigt, mit glänzenden Augen – und zwischen die ein wenig auseinandergespreizten Hände glitt ihm das Papier, wie von einem Winde hineingeweht, all dies verschiedenartige Papier mit den ungeheuren Zahlen, Nullen über Nullen, ein betäubender, nie völlig zu verstehender Reichtum – astronomisch!

Bis diese Stunde kam, war er ein kleiner Freitischgänger des Glücks, ein Hungerleider, der mit den mageren Gewinnchancen des Parispiels vorlieb nehmen mußte. Gerne vorlieb nahm, denn ihm winkte die Aussicht auf Großes!

An diesem Abend war er für seine Verhältnisse nicht schlecht bei Kasse. Spielte er ein wenig vorsichtig, mußte sich ein ausreichender Gewinn nach Haus tragen lassen. Wolfgang Pagel hatte sein bestimmtes, auf Grund sorgfältiger Beobachtungen erdachtes System beim Spiel. Von den sechsunddreißig Zahlen des Roulette waren achtzehn rot, achtzehn schwarz. Zog man die siebenunddreißigste Chance, das Null, bei dem alle die Einsätze der Bank verfielen, nicht in Betracht, so stand die Chance für Rot und für Schwarz gleich. In einem unendlich weitergespielten Roulette mußte nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung gleich oft Rot wie Schwarz kommen. Das tat es auch sicher. Aber wie sich im Laufe des Spieles Rot und Schwarz ablösten, darüber schien eine viel geheimnisvollere Regel zu walten, die man halb beobachten, halb im Gefühl haben mußte.

Stand Wolfgang – wie stets, ehe er zum erstenmal setzte – beobachtend am Spieltisch, so sah er etwa, daß Rot kam, und noch einmal Rot, und wieder Rot. Ein viertes, fünftes, sechstes Mal Rot, es konnte bis zum zehntenmal gehen, bis zum fünfzehntenmal, ja, in ganz seltenen Fällen noch höher: Rot, immer Rot. Es war gegen jeden Sinn und Verstand, es widersprach aller Wahrscheinlichkeitsrechnung, es war die Verzweiflung aller ›Spieler mit System‹.

Dann kam auf einmal Schwarz, nach sechs-, achtmal Rot kam Schwarz! Kam zwei-, dreimal; nun kam wieder Rot, und nun ging es mit einem ermüdenden, immerwährenden Wechsel hin und her: Rot und Schwarz, Schwarz und Rot.

Wolfgang aber wartete noch immer. Nichts war zu sagen, kein Einsatz mit einiger Aussicht auf Gewinn zu wagen.

Aber plötzlich fühlte er, wie sich irgend etwas in ihm spannte. Er schaut auf das Fleckchen Spieltisch, das seinem Blicke frei ist. Ihm ist, als sei er eine Weile mit seinen Gedanken fortgewesen, ohne doch zu wissen, wo, als habe er das Spiel nicht verfolgt. Trotzdem weiß er, daß jetzt dreimal hintereinander Schwarz kam, er weiß, daß er nun setzen muß, daß jetzt eine Serie Schwarz begonnen hat – er setzt.

Er setzt drei-, viermal. Öfter getraut er sich nicht. Ach, zwölf-, fünfzehnmal Rot sind eine Ausnahme, da liegen die großen Gewinnchancen: Stehenlassen den Einsatz und Gewinn – verdoppelt! Stehenlassen – verdoppelt … immer weiter, in märchenhafte Zahlen hinein. Aber sein Kapital ist zu klein, er kann keinen Fehlschlag riskieren, er muß mit der hausbackenen Sicherheit vorlieb nehmen. Aber einmal – einmal bestimmt wird die Nacht kommen, und er wird setzen, weitersetzen, immer weiter … Er wird wissen, daß siebzehnmal Rot kommt, er wird es siebzehnmal setzen und keinmal mehr.

Und dann wird er nie wieder spielen. Dann werden sie mit dem Gelde etwas Geruhiges anfangen, ein Antiquitätengeschäft zum Beispiel. Er hat Sinn für so etwas, er geht gerne mit diesen Dingen um. Das Leben wird dann sanft und ruhig strömen, keine äußerste Anspannung mehr, nichts von tiefster Verzweiflung, keine Raubvogelgesichter mehr, die ihn gesträubt mustern, keine ganz unzweifelhaften Halbweltdamen mehr, die ihm seinen Einsatz stehlen …

Er hat seinen Platz am andern Ende des Spieltischs gesucht, um nicht in der Nähe des Valutenvamps zu sein, aber es hilft ihm nichts. Er setzt grade, da hört er schon ihre Stimme: Machen Sie doch Platz! Stehen Sie doch nicht so breit da! Andere möchten auch spielen.

Er macht eine Verbeugung, sieht sie nicht an und räumt ihr das Feld. Er findet einen andern Platz und fängt wieder an zu setzen. Er denkt daran, daß er heute besonders vorsichtig spielen, etwas mehr als sonst nach Haus bringen muß: morgen um halb eins wollen sie heiraten.

Nun gut. Nun gut. Sie ist ein ausgezeichnetes Mädel, es wird nie eine geben, die ihn selbstloser liebt, so wie er ist, ohne ihn mit einem lästigen Ideal zu vergleichen. Sie werden also morgen heiraten, warum eigentlich, ist im Augenblick nicht feststellbar. Es kommt nicht darauf an, es wird schon richtig sein. Aber er wünschte, er würde ein bißchen aufmerksamer spielen, eben hätte er keinesfalls Schwarz setzen dürfen. Dahin! Dahin! Also jetzt …

Plötzlich hört er wieder die böse, gereizte Stimme hinter sich. Sie streitet jetzt mit einem andern Herrn, spricht sehr hoch und empört. Natürlich: ihre Nase ist ganz weiß, die schnupft Schnee, das Luder, kokst. Keinen Zweck, mit ihr anzubinden, die weiß schon nüchtern nicht, was sie will oder tut. Und jetzt erst recht –!

Er sucht sich wiederum einen andern Platz und fängt von neuem zu spielen an.

Diesmal geht alles gut. Er setzt vorsichtig, und holt wieder auf, was er bisher zugesetzt, ja, er kann schon sein ganzes Betriebskapital zurückziehen und mit dem Gewinn operieren. Neben ihm steht ein Jüngling mit flackernden Augen und fahrigen Bewegungen, der todsicher sein Jungfernspiel macht. Solche bringen Glück. Es gelingt ihm, dem Jüngling, ohne daß er es merkt, über den Rücken zu streichen, mit der linken Hand, der linken Hand – so etwas steigert die Gewinnaussichten! Daraufhin läßt er den Einsatz einmal länger stehen, als er sonst gewagt hätte. Er gewinnt wieder. Der Raubvogel schießt ihm einen kurzen, bösen Blick zu. Gut.

Er hat jetzt genug für morgen, für ein paar Tage länger noch (wenn der Dollar nicht gar zu sehr steigt), er könnte nach Haus gehen. Aber es ist noch ganz früh; er weiß, er würde nur Stunden wach im Bett liegen und über das Spiel nachdenken, er weiß, er würde von Reue gepackt sein, daß er diese Glückssträhne nicht ausgenützt hat …

Er steht ruhig da, seine gewonnenen Jetons in der Hand, hört auf die Kugel, die Rufe des Croupiers, das leise, kratzige Scharren der Harken auf diesem Spielsaal, aber vielleicht ist er ganz woanders. Das Klappern der Kugel erinnert an ein klapperndes Mühlrad. Ja, es ist einschläfernd; das Leben, wenn man es spürt, erinnert immer an Wasser, fließendes Wasser; panta rhei, alles fließt, hieß es auf der Penne, noch vor der Kadettenanstalt. Auch weggeflossen.

Er fühlt, daß er sehr müde ist, außerdem ist seine Mundhöhle ledrig vor Trockenheit. Eine Schweinerei, daß es hier nichts zu trinken gibt. Er müßte an den Wasserhahn auf der Toilette gehen. Aber dann weiß er nicht, wie das Spiel weitergeht. Rot – Schwarz – Schwarz – Rot – Rot – Rot – Schwarz … Natürlich, etwas anderes gibt es nicht: rotes Leben und schwarzer Tod. Etwas anderes wird nicht gereicht und erfunden, sie mögen erfinden, soviel sie wollen, Leben und Tod, darüber hinaus gibt es nichts …

Null!

Natürlich – Null hatte er vergessen, das gab es natürlich auch noch. Die Parispieler vergaßen immer Null, und plötzlich war ihr Geld fort. Aber wenn es Null gab, so war Null der Tod, und das war auch ganz richtig. Dann war Rot die Liebe, eine etwas übertriebene Sache, aber nun gut: angenehm, wenn man es hatte. Aber Schwarz – was war Schwarz dann? Nun, für Schwarz blieb noch das Leben, auch wieder übertrieben, aber nach der andern Seite hin. Nicht völlig schwarz, grau hätte auch gereicht. Oft ein lichtes, fast silbriges Grau. Gewiß, Peter ist ein gutes Mädchen.

Ich habe ja Fieber, dachte er plötzlich. Aber ich habe, glaube ich, jeden Abend Fieber. Ich müßte wirklich Wasser trinken. Jetzt gehe ich sofort.

Statt dessen schüttelte er die Spielmarken in der Hand, tat eilig die aus der Tasche dazu und setzte alles, grade als der Croupier rief: Nichts mehr! auf Null. Auf Null.

Das Herz blieb ihm stehen. ›Was tue ich da?‹ fragte er sich verwirrt. Das Gefühl der Trockenheit in seinem Munde verstärkte sich zum Unerträglichen. Die Augen brannten, über den Schläfen spannte pergamenten die Haut. Unfaßbar lange schnurrte die Kugel, ihm war, als sähen ihn alle an.

›Alle sehen mich an. Ich habe auf Null gesetzt. Alles, was wir haben, habe ich auf Null gesetzt – und Null bedeutet Tod. Morgen ist Trauung …‹

Die Kugel schnurrte noch immer; unmöglich war es, den Atem noch länger wartend anzuhalten. Er atmete tief auf – die Spannung ließ nach …

Sechsundzwanzig! rief der Croupier. Schwarz, ungleich, passe … Pagel stieß durch die Nase die Luft, beinahe erleichtert. Es war richtig gewesen: der Spielsaal hatte sein Geld behalten. Der Valutenvamp hatte ihn nicht umsonst verwirrt. Grade sagte das Mädel halblaut: Diese kleinen Nebbichs! Spielen wollen sie – in der Sandkiste sollten sie spielen! Der raubvogelhafte Croupier schoß einen scharfen, triumphierenden Blick auf ihn ab.

Einen Augenblick stand Wolfgang noch wartend. Das Gefühl der Befreiung aus quälender Spannung verging. ›Hätte ich noch eine Spielmarke‹, dachte er. ›Nun, es ist egal. Einmal wird der Tag kommen.‹

Die Kugel schnurrte schon wieder. Langsam ging er hinaus, an dem traurigen Wachtmeister vorüber, die dunkle Treppe hinab. Lange stand er in dem Hauseingang, bis ihn ein Schlepper hinausließ.

8

Was konnte er von allen diesen Dingen seinem kleinen, guten Peter erzählen? Fast nichts. Es ließ sich auf den Satz zusammendrängen: Erst habe ich gewonnen, dann habe ich Pech gehabt. Es war also nichts Besonderes zu berichten, in letzter Zeit hatte er dies öfter sagen müssen. Natürlich konnte sie sich darunter kaum etwas vorstellen. Sie dachte vielleicht, es sei etwas Ähnliches, wie wenn jemand beim Skat verliert oder bei der Lotterie mit einer Niete herauskommt. Von dem Auf und Ab, dem Glück und der Verzweiflung war ihr nichts begreiflich zu machen. Nur das Ergebnis war mitzuteilen: eine leere Tasche – und das war dürftig.

Sie aber wußte von allen diesen Dingen viel mehr, als er glaubte. Zu oft hatte sie sein Gesicht gesehen, nachts, wenn er heimkam, noch halb erhitzt. Und das erschöpfte Gesicht im Schlaf. Und das böse, bewegliche Gesicht, wenn er vom Spiel träumte. (Wußte er eigentlich gar nicht, daß er fast jede Nacht davon träumte, er, der sich und ihr einreden wollte, er sei kein Spieler –?) Und das ferne, dünne Gesicht, wenn er auf ihr Reden nicht hörte, gedankenlos ›Wie?‹ fragte und doch nicht hörte, das Gesicht, auf dem seine Vision einen so starken Ausdruck fand, daß man meinte, sie abheben zu können wie etwas, das Gestalt gewonnen hat. Und das Gesicht beim Haarekämmen vor dem Spiegel, wenn er plötzlich sah, was er für ein Gesicht hatte.

Nein, sie wußte genug; er brauchte nichts zu sagen, sich nicht mit Erklärungen und Entschuldigungen zu quälen.

Es ist ja ganz egal, Wolf, sagte sie rasch. Uns ist doch Geld immer egal gewesen.

Er sah sie nur an, dankbar, daß sie ihm diese Erklärung abgenommen. Natürlich, sagte er dann. Das hole ich schon wieder nach. Vielleicht heute abend schon.

Nur, sagte sie und war zum erstenmal beharrlich, daß wir heute um halb eins aufs Standesamt müssen.

Und ich, sagte er rasch, will deine Kleider zum Onkel bringen. – Kann der Standesbeamte dich nicht als eine Schwerkranke im Bett trauen?

Auch für Schwerkranke wirst du zahlen müssen! lachte sie. Du weißt doch, nicht einmal der Tod ist umsonst.

Aber vielleicht muß man bei Kranken erst nachher zahlen, sagte er, halb lachend, halb nachdenklich. Und wenn dann nichts da ist: getraut ist getraut.

Eine Weile schwiegen sie beide. Die verbrauchte, mit dem Steigen der Sonne immer überhitztere Luft stand fast greifbar im Zimmer, machte sich trocken auf der Haut bemerkbar. In der Stille hörte man den Lärm der Blechstanzerei lauter, dann plötzlich die plärrende, weinerliche Stimme der Frau Thumann, die vor der Tür mit einer Nachbarin ratschte. Die überfüllte Menschenwabe des Hauses summte, schrie, sang, klapperte, rief, weinte mit vielen Stimmen darein.

Du weißt, du mußt mich nicht heiraten, sagte das Mädchen mit einem plötzlichen Entschluß. Und nach einer Pause: Kein Mensch hat so viel für mich getan wie du.

Er sah ein wenig verlegen zur Seite. Das in der Sonne glitzernde Fenster glühte in weißlicher Glut. ›Was habe ich denn eigentlich für sie getan?‹ dachte er betreten. ›Ihr beigebracht, wie man Messer und Gabel hält – und richtiges Deutsch.‹

Er wandte den Kopf und sah sie an. Sie wollte noch etwas sagen, aber ihre Lippen zuckten, als kämpfe sie mit einem Schluchzen. Er fühlte in dem dunklen Blick, der ihn ansah, solche Intensität, daß er lieber weggesehen hätte.

Da sprach sie schon. Sie sagte: Wenn ich wüßte, du fühltest dich bloß verpflichtet, mich zu heiraten, nie wollte ich es.

Er schüttelte, langsam, verneinend, den Kopf.

Oder aus Trotz gegen deine Mutter, fuhr sie fort. Oder weil du denkst, es macht mir Freude.

Er verneinte weiter.

(›Aber weiß sie es denn, warum wir heiraten?‹ dachte er verwundert, verloren.)

… Aber ich glaube immer, du willst es auch, weil du spürst, wir beide gehören zusammen, sagte sie plötzlich. Sie stieß es hervor, nun standen in ihren Augen Tränen. Sie konnte freier sprechen, als sei das Schwerste gesagt. Ach, Wolf, Lieber, wenn es nicht so ist, wenn du aus irgendeinem andern Grunde heiratest, laß es, ich bitte dich, laß es. Damit tust du mir nicht weh. Nicht so weh, sagte sie eilig, wie wenn du mich heiratest, und wir gehören gar nicht zusammen.

Sie sah ihn an, plötzlich fing sie an zu lächeln, in ihren Augen standen noch Tränen. Du weißt doch, ich heiße ›Ledig‹, ich habe von je Ledig geheißen – du warst immer mit dem Namen einverstanden, nur Petra war dir zu steinig.

Ach, Petra, Peter, Peter Ledig! rief er, irgendwie überwältigt in seiner einsamen, eigensüchtigen Höhle von ihrer demütigen Lieblichkeit. Wovon redest du denn?! Er nahm sie, schloß sie in seine Arme, schaukelte sie wie ein Kind und sagte lachend: Wir haben nicht das Geld für die Standesamtsgebühren, und du redest von den tiefsten Dingen?!

Und muß ich nicht davon reden? sagte sie leiser und hielt den Kopf an seiner Brust geborgen, muß ich nicht davon reden, da du selbst davon schweigst – immer und alle Tage, alle Stunden –?! Ich denke so oft, selbst wenn du mich in deinen Armen hältst wie jetzt und küßt wie jetzt, daß du ganz weit fort bist von mir – von allem –

Jetzt redest du aber vom Spiel, sagte er und hielt sie loser.

Nein, ich rede nicht vom Spiel, widersprach sie eilig und lehnte sich fester an ihn. Oder vielleicht rede ich auch davon. Das mußt du wissen, ich weiß ja nicht, wo du bist und was du denkst. Spiele, soviel du willst – aber wenn du nicht spielst, könntest du dann nicht ein bißchen hier sein –? Ach, Wolfi, sagte sie, und jetzt war sie von ihm fortgeglitten, hielt aber seine beiden Arme über den Ellbogen gefaßt und sah ihn fest an. Du denkst immer, du müßtest dich wegen des Geldes entschuldigen oder mir etwas erklären – nichts hast du zu erklären und nichts mußt du entschuldigen. Wenn wir zusammengehören, ist alles richtig, und gehören wir nicht zusammen, ist doch alles falsch – mit und ohne Geld, mit und ohne Trauung.

Sie sah ihn erwartungsvoll an, sie hoffte auf ein Wort, ach, hätte er sie nur auf die rechte Art in seine Arme gezogen, sie hätte es schon gespürt –!

›Was will sie eigentlich von mir?‹ hatte er über ihrem Reden gedacht. Aber er wußte wohl, was sie wollte. Sie hatte sich ganz in seine Hand gegeben, von eh und je, von jenem ersten Morgen an, als sie ihn gefragt hatte, ob sie nicht mit ihm kommen dürfe. Ihr war nichts geblieben. Nun bat sie ihn, ihr einmal, doch nur einmal sein dunkles, fernes Herz zu öffnen …

›Aber wie soll ich das denn tun?‹ fragte er sich. ›Wie mache ich das?‹ Und blitzartig, erleichtert: ›Daß ich das nicht weiß, zeigt ja, sie hat recht: ich liebe sie nicht. Ich will sie bloß so heiraten. Hätte ich gestern‹, dachte er eilig weiter, ›nur nicht auf Null gesetzt. Dann wäre das Geld dagewesen fürs Standesamt. Es hätte keine solche Auseinandersetzung gegeben. Natürlich wäre es jetzt, da ich dies weiß, richtiger, wir heirateten nicht. Aber wie soll ich ihr das sagen? Ich kann nicht mehr zurück. Sie sieht mich noch immer an. Was soll ich ihr sagen –?‹

Die Stille war schwer und drückend zwischen ihnen geworden, sie hielt noch seinen Arm, aber nur lose, als hätte sie vergessen, daß sie ihn hielt. Er räusperte sich. Peter … fing er an.

Da ging die Flurtür, und das Schlurren der Thumannschen wurde hörbar.

Schnell, Wolf, mach die Tür zu! sagte Petra eilig. Frau Thumann kommt, wir können sie jetzt nicht brauchen.

Sie hatte ihn losgelassen. Er ging gegen den Flur, aber ehe er noch die Zimmertür gefaßt hatte, kam die Vermieterin schon in Sicht.

Warten Se noch imma? fragte sie. Ick hab doch schon gesacht: Kaffe is nich ohne Jeld.

Hören Sie, Frau Thumann, sagte Wolfgang eilig. Ich will gar keinen Kaffee. Ich gehe jetzt sofort mit unsern Sachen zum Onkel. Und unterdes geben Sie der Petra Schrippen und Kaffee, sie ist ja halb verhungert.

Kein Laut in seinem Rücken.

Und mit dem Gelde komme ich dann auf der Stelle zu Ihnen und bezahle alles, behalte nur so viel für mich, daß ich in den Grunewald fahren kann. Da habe ich einen Freund, vom Militär her, Zecke heißt er, von Zecke, der pumpt mir sicher was …

Er wagte jetzt einen Blick ins Zimmer. Geräuschlos hatte sich Petra aufs Bett gesetzt, saß dort mit gesenktem Kopf, er sah ihr Gesicht nicht.

So?! antwortete die Thumann, halb fragend, halb drohend. An det Frühstück for det Mächen soll es nich fehlen – heute nich un morgen ooch noch nich – aba wie is es denn mit de Trauung –? Sie stand da, in fließendem Gewande, mit zerfließenden Formen, den Pott in der hängenden Hand – und wie sie so dastand, konnte sie nun freilich einem jeden die Lust an aller Trauung und Bürgerlichkeit für ein langes Leben austreiben.

Oh! sagte Wolfgang leichthin und war im Augenblick wieder obenauf. Wenn es mit dem Frühstück für Peter in Ordnung ist, ist es auch mit der Trauung in Ordnung.

Er sah rasch nach dem Mädchen, aber Peter saß noch wie vorher. In der Pfandleihe werden Se anstehen müssen und Jrunewald is weit, sagte die Thumannsche. Ick hör imma Trauung, aber ick trau nich!

Doch, doch! sagte Petra plötzlich und stand auf. Sie dürfen schon trauen, Frau Thumann, wegen des Geldes und wegen der Trauung, beides. – Komm, Wolf, ich helfe dir die Sachen einpacken. Wir nehmen wieder den Handkoffer, dann braucht er nur einen Blick hineinzutun, und sieht, es ist alles wieder beisammen. Er kennt es ja nun schon. Und sie lächelt ihm zu.

Frau Thumann wandte den Kopf beobachtend von einem zum andern, langsam, wie ein alter, weiser Vogel. Wolfgang rief unendlich erleichtert: Ach, Peter, du bist doch immer die Allerbeste, und vielleicht schaffe ich es wirklich noch bis halb eins. Wenn ich Zecke nun treffe, pumpt er mir sicher genug, daß ich mir ein Auto nehmen kann …

Jewiß doch! sagte statt Petra die Thumannsche. Und denn raus mit det Mächen aus de Betten und rin mit ihr aufs Standesamt, wie sie jeht und steht, mit ’em Herrenpaletot, ohne alles drunter. Wir sind ja janz jroß!!! Sie funkelte giftig. Wenn ick so wat bloß höre! Und det Schlimme is, die Jänse wer’n nich alle, die euch Männern so ’nen Schmus jlooben tun, un wie ick det Mächen kenne, sitzt se de janze Zeit nachher bei mir in de Küche rum und tut, wie wenn se mir helfen will. Aber se will mir jar nich helfen, nich die Bohne, se will bloß een Oje uff de Küchenuhr haben, un halb eens pünktlich sagt se: Ick fühle, er kommt, Frau Thumann! – Aba er kommt jar nich, und wahrscheinlich sitzt er denn jrade bei seinem hochjeborenen Freunde und se kümmeln eenen in aller Jemütsruhe und paffen eene, und wenn er wirklich wat denkt, denkt er: die trauen ja alle Tage! Und wat heute nich is, braucht morgen noch lange nich kommen …

Und damit schoß die Thumann einen vernichtenden Blick auf Wolfgang, einen verächtlich-mitleidigen auf Petra ab, machte mit dem Pott eine kleine Bewegung als Schlußpunkt, Ausrufe- und Fragezeichen in einem, und zog die Tür zu. Die beiden aber standen in ziemlicher Verlegenheit und wagten kaum sich anzusehen, denn man mochte von dem Erguß der Zimmerwirtin denken, was man wollte: angenehm war er nicht.

Schließlich aber sagte Petra: Mach dir nichts draus, Wolfgang. Die und alle andern können sagen, was sie wollen, das ändert doch gar nichts. Und wenn ich vorhin so weinerlich war, vergiß das. Manchmal hat man so eine Stimmung, als wäre man ganz allein, und dann fürchtet man sich und möchte gerne einen Trost hören.

Und jetzt bist du nicht mehr allein, Peter? fragte Wolfgang seltsam bewegt. Jetzt brauchst du keinen Trost mehr?

Ach, sagte sie und sah ihn verloren-verlegen an. Du bist doch da …

Aber, drängte er plötzlich, vielleicht hat Pottmadamm ganz recht, daß ich um halb eins sitze und denke: trauen tun sie alle Tage – was meinst du?

Daß ich trau! rief sie, hob den Kopf und sah ihn mutig an. Und wenn ich dir auch nicht trauen würde, ändert das denn was? Ich kann dich nicht binden. Trauung oder nicht – wenn du mich magst, ist alles gut, und wenn du mich nicht magst … Sie brach ab und lächelte ihn an. Und nun lauf, Wolf. Der Onkel macht um zwölf Mittagspause, und vielleicht stehen wirklich viele an. Sie gab ihm den Koffer in die Hand, sie gab ihm noch einen Kuß. Mach’s gut, Wolf!

Er hätte ihr gerne noch etwas gesagt, aber es fiel ihm nichts ein. So nahm er den Koffer und ging.

Drittes Kapitel
Jäger und Gejagte
1

Auf Rittergut Neulohe ist der kleine Feldinspektor Meier, genannt Negermeier, zwischen der elften und zwölften Vormittagsstunde schon wieder so müde, daß er, wie er ist, in Joppe und Gamaschen, ins Bett fallen und bis zum andern Morgen schlafen könnte. Er sitzt aber nur am Rande eines Roggenschlages, durch ein paar Kiefernkuscheln gut gegen Sicht gedeckt, im langen und trockenen Waldgras und döst so vor sich hin.

Um drei Uhr aufgestanden, in den warmen Dunst des Stalles (so müde, ach, so müde!), Futter ausgegeben, Füttern überwacht, Melken beaufsichtigt, nach dem Putzen gesehen. Ab vier Uhr Raps eingefahren, der im Morgentau eingefahren werden muß, damit er nicht ausfällt. Um dreiviertelsieben eine Tasse Kaffee im Stehen getrunken, hastig was runtergeschlungen (immer noch müde). Und ab sieben das gewohnte Tagewerk.

Dann kam vom Roggenschlag die Nachricht, daß beide Bindemaschinen kaputt seien. Hingejagt mit dem Schmied, rumgeflickt an den Dingern. Nun klappern sie wieder, klappern sie noch – ach, was ist er müde, nun ist er nicht nur noch müde von gestern, nun ist er auch schon müde von heute! Ach, wie gerne würde er jetzt hier, in der Sonne bratend, einschlafen –! Aber er muß vor zwölf noch einmal auf den Zuckerrübenschlag, nachsehen, ob der Leutevogt, der Kowalewski, mit seiner Kolonne auch ordentlich hackt, nicht pfuscht …

Meiers Rad liegt ein paar Schritte um die Kiefernschonung herum im Straßengraben. Aber er ist jetzt zu faul, weiterzufahren, er kann einfach nicht. Wie eine dicke, wollige, ein wenig schmerzende Masse sitzt die Müdigkeit in all seinen Gliedern, besonders aber in der Kehle. Wenn er ganz still liegt, schläft sie gewissermaßen ein. Aber bewegt er nur ein Bein, kratzt und reibt es gleich wie mit Borsten.

Er brennt sich langsam eine Zigarette an, tut wohlig ein paar Züge und starrt dabei auf seine verstaubten, verbrauchten Schuhe. Neue täten auch nötig, jedoch der Rittmeister ist ein großer Mann, fünfhunderttausend Mark sind ein unerhörtes Gehalt für einen Feldinspektor. Warten wir aber nur ab, wie der Dollar zum ersten kommt, dann können wir uns vielleicht nicht einmal die Schuhe besohlen! Es täte vieles not auf Rittergut Neulohe – zwei Beamte müßten mindestens noch her. Aber der Rittmeister ist ein großer Mann und hat entdeckt, daß er alles alleine machen kann – einen Dreck kann er! Heute ist er nach Berlin, Schnitter holen. So kann er jedenfalls einen armen Inspektor nicht aus seiner Vormittagsdöserei hochjagen –›Aber gespannt bin ich doch, was er für Leute anbringt. Wenn er überhaupt welche bringt. Ach, Scheiße –!‹

Meier legt sich zurück, die Zigarette rutscht ganz in den Mundwinkel, der Trillerbibi wird gegen den Sonnenbrand über die Augen geschoben … Die Weiber in den Zuckerrüben können sich mit ihrem Kowalewski für seinswegen sauer kochen lassen, eine freche Bande ist das! Aber eine schicke Tochter hat der Kowalewski, traut man ihm gar nicht zu. Die kann ruhig mal wieder auf Urlaub kommen aus Berlin, er würde das Kind schon schaukeln! Warm ist das, heiß ist das, ein Backofen ist das. Wenn bloß kein Gewitter kommt, dann wird das ganze Getreide naß, und er hat die Schweinerei –! Natürlich hätte man heute einfahren müssen, aber der Rittmeister ist ein großer Mann und nebenbei Wetterprophet: es regnet nicht, wir fahren nicht ein, Sela!

Gottlob, die Bindemaschinen klappern noch, so kann man weiter hier liegen. Bloß nicht einschlafen, dann wird man vor Abend nicht wieder wach. Der Rittmeister erführe es gleich, und morgen säße man draußen. Es wäre auch noch so, wenigstens könnte man sich mal ausschlafen –!

Jawohl, die kleine Kowalewski ist nicht schlecht, die wird in Berlin auch keine schlechten Zicken machen – aber die Amanda, Amanda Backs ist erst recht nicht ohne! Der kleine Meier, Negermeier, wirft sich auf die Seite, er verdrängt endgültig den bohrenden Gedanken, daß der Rittmeister eigentlich nicht gesagt hat, man solle nicht einfahren, sondern vielmehr, der Meier solle das halten, wie es das Wetter eben treibe.

Nein, daran will Meier jetzt nicht denken, er denkt lieber an Amanda. Etwas Leben kommt in ihn, er zieht die Knie an und stößt vor Vergnügen einen grunzenden Laut aus. Dabei fällt die Zigarette aus seinem Mund, aber das ist egal – was braucht er ’ne Zigarette, er hat Amanda! Jawohl, sie nennen ihn den kleinen Meier, den Negermeier – und wenn er sich im Spiegel ansieht, muß er ihnen recht geben. Hinter den runden, großen, gewölbten Brillengläsern sitzen runde, große, gelbliche Eulenaugen, er hat eine eingedrückte Nase und Wulstlippen, eine Stirn, kaum zwei Finger hoch, die Ohren stehen ihm ab – und dazu ist der ganze Mann Meier einen Meter vierundfünfzig hoch!

Aber das ist es eben: er sieht so toll und verboten aus, so grotesk in seiner Häßlichkeit, und er hat dazu eine so freche süße Schnauze, daß die Mädels alle auf ihn fliegen. Als sie mit ihrer Freundin damals an ihm vorüberging – er war noch ganz frisch auf Neulohe –, da sagte die Freundin: Amanda, da brauchst du ja ’nen Tritt, um anzulangen! Doch Amanda sagte: Das macht nischt, er hat so ’ne süße Kerbe! – Das war ihre Art von Liebeserklärung, so waren die Mädchen hier: frech und von himmlischer Unbekümmertheit. Sie hatten Appetit auf einen oder nicht, aber jedenfalls machten sie kein Geschmus darum. Gut waren sie!

Wie die Amanda gestern abend zu ihm ins Fenster stieg – eigentlich hatte er keine Lust, er war zu müde – und die Gnädige fuhr aus den Büschen. (Nicht die junge Gnädige vom Rittmeister, die hätte bloß gelacht, die war selber nicht ohne. Nein, die alte Gnädige, die Schwiegermutter, vom Schloß.) Jede andere hätte gekreischt oder sich versteckt oder seine Hilfe angerufen, nicht so die Amanda. Er konnte ganz unbeteiligt bleiben und sich amüsieren. Ja, gnädige Frau, hatte die Amanda ganz unschuldig gesagt. Ich gehe mit dem Inspektor bloß noch die Geflügelrechnungen durch, am Tag hat er doch nie Zeit.

Und da steigen Sie durchs Fenster?! hatte die alte Gnädige gekreischt, die sehr fromm war. Sie schamlose Person!

Wenn’s Haus doch schon zu ist, antwortete die Amanda.

Und als die Gnädige noch immer nicht die Nase voll hatte und nicht einsehen wollte, daß sie gegen die jungen Dinger von heute nicht mehr aufkam, nicht mit Frömmigkeit und nicht mit Strenge, da hatte sie gesagt: Und jetzt ist übrigens Feierabend, gnädige Frau. Und was ich nach Feierabend tue, das ist meine Sache. Und wenn Sie ’ne bessere Geflügelmamsell finden als mich (für solchen Schandlohn) – aber Sie finden keine –, dann kann ich ja auch gehen, aber erst morgen!

Und partout hatte sie gewollt, daß er das Fenster nicht zumache. Wenn sie stehen will und lauschen, laß sie doch stehen, Hänsecken! Uns ist’s egal, und ihr macht’s vielleicht Spaß – vom Beten hat sie ihre Tochter ooch nicht!

Der kleine Meier gniggerte höchst vergnügt vor sich hin und drückte die Backe fester gegen den Arm, als fühle er den weichen und doch festen Leib seiner Amanda. Solche war grade richtig für einen Habenichts und Junggesellen wie ihn! Kein Schmus von Liebe, Treue, Heirat, aber immer obenauf, fix bei der Arbeit und fix mit dem Maule. Und keß! Keß, daß einen manchmal das Schaudern ankam! Aber am Ende auch kein Wunder, wie sie aufgewachsen war, mit vier Jahren Krieg und fünf Jahren Nachkrieg und:

Wenn ich mir nischt zu fressen nehme, kriege ich nischt. Und wenn ich dir keine latsche, latschst du mir eine. Immer die Zähne zeigen, junger Mann, auch gegen ’ne olle Frau, spielt gar keine Rolle. Sie hat ihr Gutes gehabt – und ich soll mein Gutes nicht haben, bloß weil sie ’nen dußligen Krieg und ’ne Inflation machen –?! Daß ich nicht lache! Ich bin ich, und wenn ich nicht mehr bin, ist keiner mehr da! Und für die Tränen, die sie mir als braves Mädchen ins Grab weint (es sind aber bloß Drücketränen) und für den Blechkranz, den sie mir auf meine Madenkiste packt, kann ich mir ooch nischt koofen, und darum wollen wir lieber heute vergnügt sein, was, Hänsecken? Mitleid mit der ollen Frau und ein bißchen sachte –? Na, weißte, wer hat denn mit mir Mitleid gehabt? Immer über’n Kopp, und wenn die Neese blutete, war’s grade schön. Und wenn ich bloß mal ein bißken heulen wollte, hieß es gleich: Halt den Rand, oder es gibt noch mehr aus derselben Tüte! Nee, Hänsecken, ich sagte nischt, wenn es einen Sinn hätte. Aber es hat keinen Sinn, und so doof wie meine Hühner, die die Eier zu unserm Vergnügen legen, und denn zum Schluß noch rin in den Kochpott – ich nicht, nee, danke! Wenn du magst, bitte, ich nich!

Richtig, das Mädchen! lacht der kleine Meier noch einmal und ist schon im tiefen Schlaf und hätte nun wohl wirklich bis in den Abendtau – Wirtschaft hin, Rittmeister her – weitergeschlafen, wenn es ihm nicht plötzlich doch zu heiß und vor allem zu stickig geworden wäre.

Auffahrend – aber mit einem gar nicht mehr ermüdeten Ruck und gleich auf beide Beine – sah er, daß er mitten im schönsten, beginnenden Waldbrand lag. Er sah durch den weißlichen, tief ziehenden, beißenden Qualm eine Gestalt springen und trampeln und schlagen, und schon sprang er selbst mit, trampelte auch in die Flammen und schlug mit einem Fichtenast hinein und schrie dem andern zu: Das brennt ja lieblich!

Zigarette! sagte der bloß und löschte weiter.

Fast wär ich mitverbrannt, lachte Meier.

Auch nicht schade! sagte der andere.

Sagen Sie! rief Meier, vor Qualm hustend.

Halte den Rand, Mensch, befahl der andere. Rauchvergiftung ist auch nicht ohne.

Und nun löschten sie beide aus Leibeskräften weiter und Negermeier lauschte dabei gespannt nach seinen beiden Bindemaschinen hinüber, ob die auch weiterklapperten. Denn es wäre ihm doch gar nicht angenehm gewesen, wenn die Leute was gemerkt und dem Rittmeister erzählt hätten.

Aber die schnitten ganz wider Erwarten geruhig weiter ihre Bahn runter, und eigentlich hätte das den Inspektor wieder ärgern müssen, denn es bewies, daß die Kerls auf ihren Sitzen dösten und den Pferden nicht nur die Arbeit, sondern auch den Verstand überließen, und daß ihretwegen ganz Rittergut Neulohe mit allen Gebäuden und achttausend Morgen Forst hätte wegbrennen können – sie hätten ihre eingeäscherten Pferdeställe bei der Heimkunft von der Arbeit angestarrt, als wäre Hexerei im Spiele. Doch für dieses Mal ärgerte sich Meier nicht, sondern war über das Weiterklappern froh und auch über den abnehmenden Qualm. Schließlich standen er und sein Retter sich auf einem zimmergroßen schwarzen Fleck gegenüber, ein wenig atemlos und angerußt, und schauten einander an. Der Retter aber sah ein bißchen wild aus, jung zwar noch, aber mit einem Geflatter und Geweh von rötlichen Haaren um Nase und Kinn, recht stark blickenden blauen Augen, einem alten grauen Waffenrock und ebensolchen Hosen, aber mit einem schönen gelben Ledergurt um den Bauch und einer ebenso schönen gelbledernen Pistolentasche. Es mußte auch etwas darin sein, in der Pistolentasche nämlich, und nicht nur Zuckerbonbons, so schwer hing sie herunter.

Zigarette gefällig? fragte der unverbesserliche Windhund Meier den andern und hielt ihm sein Etui hin, denn er fand, er müsse für seinen Retter auch etwas tun.

Gib schon her, Kamerad, sagte der andere. Meine Flossen sind schwarz.

Meine auch! lachte Meier. Aber er griff doch zu mit zwei spitzen Fingern, und sofort brannten auch die Zigaretten, und die beiden setzten sich ein wenig entfernt von der verkohlten Stelle in den spärlichen Kiefernschatten, schön hinein in das trockene Gras. So viel hatten sie aber doch aus dem Erlebnis eben gelernt, daß der eine einen alten Kiefernstubben, der andere einen flachen Stein zum Aschenbecher nahm.

Der Feldgraue tat ein paar tiefe Lungenzüge, dehnte und reckte sich, gähnte ungeniert mit ein paar tiefen A-Lauten und sprach tiefsinnig: Ja … ja …

Bescheiden, was? stimmte Inspektor Meier zu.

Bescheiden –? Beschissen! sprach der andere, musterte mit zusammengekniffenen Augen noch einmal die hitzeglühende Landschaft und ließ sich rücklings ins Gras fallen, scheinbar grenzenlos gelangweilt.

Eigentlich hatte Meier weder Zeit noch Lust, Partner einer weiteren Vormittagsdöserei zu werden, aber er fühlte sich doch verpflichtet, neben diesem Mann ein Weilchen auszuhalten. So bemerkte er, um die Unterhaltung nicht ganz versickern zu lassen: Heiß, was?

Der grunzte bloß.

Meier sah ihn prüfend von der Seite an und riet: Baltikumer, was?

Aber diesmal bekam er nicht einmal ein Grunzen zur Antwort. Dafür rauschte es in den Kiefern. Es erschien, das Meiersche Rad führend, der Förster Kniebusch, weißbärtig, aber kahlköpfig, warf Meier das Rad vor die Füße und sprach schweißtrocknend: Mensch, Meier, läßt du dein Rad wieder an der offenen Straße liegen?! Und dabei ist es nicht mal deines, sondern Dienstrad – und wenn es reisen geht, tobt der Rittmeister und du –

Darüber aber hatte der Förster den schwarzgebrannten Fleck gesehen, entzündete sich auf der Stelle zornrot (denn bei einem Beamtenkollegen konnte er sich leisten, was er bei Holzdieben wegen Lebensgefahr nicht wagen durfte) und fing an zu schimpfen: Hast du verdammter Lauselümmel wieder deine verfluchten Stinkadores geraucht und mir meinen Wald angekokelt?! Na, warte, Freundchen, da kann von Freundschaft und abendlichem Skatkloppen keine Rede mehr sein – Dienst ist Dienst und heute abend noch erfährt der Rittmeister …

Aber es stand geschrieben, daß für dieses Mal der Förster Kniebusch keinen Satz zu Ende bringen sollte. Denn nun entdeckte er das scheinbar schlafende, höchst verdächtige, liederlich feldgraue Subjekt im Grase und sprach: Hast du einen Penner und Waldbrandstifter erwischt, Meier? Großartig, das gibt ein Lob vom Rittmeister; und eine Weile muß er die Klappe halten von wegen Schlappheit und Nicht-Durchgreifen und Angst vor den Leuten. – Wach auf, du Schwein! schrie der Förster und stieß dem Kerl den Fuß kräftig in die Rippen. Los! Hoch und ab zu Vater Philipp –!

Doch der Getretene schob nur die Feldmütze aus dem Gesicht, schoß einen scharfen Blick auf den Wütenden und sprach mit noch schärferer Stimme: Förster Kniebusch –!

Es war für Negermeier sehr überraschend und noch mehr vergnüglich anzusehen, welche Wirkung dieser bloße Namensruf auf seinen Skatbruder, den Sachtegänger und Angsthasen Kniebusch hatte. Der fuhr förmlich zusammen, wie vom Donner gerührt, alles Geschimpfe verging ihm und er sagte ersterbend im Strammstehen: Herr Leutnant –!

Der andere rekelte sich langsam hoch, strich die trockenen Halme und Zweiglein von Rock und Hose und sagte: Heute abend um zehn beim Schulzen Versammlung. Sie benachrichtigen die Leute. Den kleinen Kerl da kannst du mitbringen. Er stand, rückte an seinem Koppel und sagte noch: Sie können auch melden, wieviel Waffen auf Neulohe greifbar sind, brauchbare Waffen und Munition, verstanden –?!

Zu Befehl, Herr Leutnant! stammelte der alte Rauschebart, aber Meier merkte, wie es ihm einen Puff versetzt hatte.

Das unbestimmte Individuum aber nickte Meier kurz zu, sprach: Geht in Ordnung, Kamerad! und verschwand in den Büschen, Kiefernkuscheln, Kiefernstangen, Wald – weg war er wie ein Traum!

Donnerwetter! sprach Meier ein wenig atemlos und starrte ins Grüne. Aber das war schon wieder regungslos und flimmerte im Mittagsglast.

Ja, Donnerwetter sagst du, Meier, schimpfte der Förster los. Aber ich habe die Rennerei heute nachmittag durchs Dorf. Und ob es allen recht ist, ist noch lange nicht raus. Manche ziehen so komische Gesichter und sagen, es ist alles Quatsch, und sie haben von Kapp genug. -ä Aber … fuhr der Förster womöglich noch kläglicher fort … du hast ihn ja gesehen, wie er ist, ins Gesicht zu sagen, wagt es ihm keiner, und wenn er pfeift, kommen sie alle. Nur ich höre immer die Widerreden.

Wer ist er denn? fragte Meier neugierig. So großmächtig sieht er doch gar nicht aus!

Wer soll er sein? rief der Förster ärgerlich dagegen. Es ist doch ganz egal, wie er sich nennt, seinen richtigen Namen wird er uns schon nicht sagen. Er ist eben der Leutnant …

Na, Leutnant ist heutzutage nun nicht mehr so besonders viel, meinte Meier, aber imponiert hatte es ihm doch, wie der den Förster gestaucht hatte.

Weiß ich, ob Leutnant viel oder wenig ist! murrte der Förster. Jedenfalls parieren ihm die Leute. Und … fuhr er geheimnisvoll fort, bestimmt haben sie eine große Sache vor, und wenn es gelingt, ist es mit Ebert und der ganzen roten Blase alle!

Na, na! sagte Meier. Das hat schon mancher gedacht. Rot scheint ’ne waschechte Farbe, die kratzt ihr nicht so leicht ab!

Diesmal doch! flüsterte der Förster. Sie sollen doch die Reichswehr hinter sich haben, und sie nennen sich selbst die Schwarze Reichswehr. Die ganze Gegend liegt ja voll mit ihnen, aus dem Baltikum und aus Oberschlesien und von der Ruhr auch. Arbeitskommandos werden sie genannt und entwaffnet sind sie auch. Aber du hast ja selbst gesehen und gehört …

Also ein Putsch! sagte Meier. Und ich soll mitmachen? Das muß ich mir erst noch mal gewaltig überlegen. Bloß weil einer sagt: ›Geht in Ordnung, Kamerad!‹ – nee, darum noch lange nicht!

Der Förster war schon weiter. Er grübelte sorgenvoll: Vier Jagdflinten hat der alte Herr und zwei Drillinge. Dann die Büchse. Der Rittmeister …

Richtig! sagte Meier, plötzlich erleichtert. Wie steht denn der Rittmeister dazu? Oder weiß er etwa gar nichts davon –?

Ja, wenn ich das wüßte! sprach der Förster klagend. Aber ich weiß es eben nicht! Ich habe schon überall rumgefragt. Nach Ostade fährt der Rittmeister und pichelt manchmal mit den Reichswehroffizieren. Vielleicht setzen wir uns böse in die Nesseln, und ich verliere, geht die Sache schief, womöglich meine Stellung und ende auf meine alten Tage im Kittchen …

Na, nu weine bloß nicht, altes Walroß! lachte Meier. Die Sache ist doch ganz einfach: warum sollen wir denn den Rittmeister nicht einfach fragen, ob er wünscht, daß wir mitmachen oder nicht?

O Gott! O Gott! rief der Förster und schlug nun wirklich die Hände verzweifelt über dem Kopf zusammen. Du bist doch wirklich der größte Windhund von der Welt, Meier! Nachher weiß der Rittmeister von der ganzen Sache nichts, und wir haben sie ihm verraten. Und das müßtest du doch aus den Zeitungen wissen: Verräter verfallen der Feme! – Und ich – fiel ihm plötzlich ein, und der Himmel wurde ganz schwarz, alle Felle schwammen rauschend davon, der Arm ging ihm mit Grundeis … Und ich Schafskopf habe dir alles verraten! Ach, Meier, tu mir den Gefallen, gib mir auf der Stelle dein Ehrenwort, daß du keinem Menschen was verrätst! Ich werde auch dem Rittmeister nicht sagen, daß du den Wald angebrannt hast …

Erstens einmal, sagte Meier, habe ich den Wald nicht angekokelt, sondern das hat dein Leutnant getan – und wenn du den verrätst, weißt du ja Bescheid. Und wenn ich zweitens den Wald wirklich angezündet hätte, ich gehe heute abend um zehn auch zum Schulzen und gehöre also auch zur Schwarzen Reichswehr. Und wenn du mich dann verrätst, Kniebusch, du weißt doch: Verräter verfallen der Feme …

Da stand Meier, grinsend, mitten auf der Waldschneise, und sah die Klatschbase und den Angsthasen Kniebusch frech und herausfordernd an. ›Und wenn diese ganze Putschgeschichte zu gar nichts weiter gut ist‹, dachte er, ›diesen elenden Ohrwurm erledigt sie – der soll mir nicht noch einmal beim alten Herrn oder beim Rittmeister einen Ton über mich riskieren –!‹

Ihm gegenüber aber stand der alte Förster Kniebusch, und Röte und Blässe stiegen abwechselnd in sein Gesicht. ›Da hat man sich nun‹, dachte er etwa, ›durch vierzig Dienstjahre mit Hangen und Würgen hindurchgewunden und denkt: es wird ruhiger. Aber nein, es wird immer schlimmer, und wie ich jetzt nachts aus dem Schlaf hochfahre vor Angst, es ist was passiert, so ist es noch nie gewesen. Früher waren es nur die Holzrechnungen und die Angst, ob ich auch richtig addiert hatte, und mal ein Bock, ob er auch auf seinem Wechsel ging, wenn der alte Herr auf Anstand saß.

Aber jetzt liegt man die Nacht im Dunkeln und das Herz klopft immer schlimmer, und es sind Holzdiebe und Leutnants und dies freche Aas wird jetzt auch noch frech, und es soll geputscht werden … Und schließlich sitze ich drin, wo ich doch gar nichts gegen den Herrn Reichspräsidenten habe …‹

Laut aber sagte er: Wir sind doch Kollegen, Meier, und haben manchen schönen Skat gekloppt. Ich hab noch nie ein Wort gegen dich beim Herrn Rittmeister gesagt, und das mit dem Waldbrand, das ist mir auch nur so im Zorn herausgefahren. Ich hätte dich nie verraten, natürlich nicht!

Natürlich nicht! sagte Meier und grinste frech. Jetzt ist es bald zwölf und zu den Zuckerrüben komme ich doch nicht mehr. Aber zum Füttern muß ich, und darum setze ich mich aufs Rad. Du kannst ja hinterherlaufen, Kniebusch, dir macht das nichts aus, was?! Und dabei saß Meier schon auf dem Rade und trat an. Im Losfahren aber schrie er noch einmal: Geht in Ordnung, Kamerad! und weg war er!

Der Förster aber starrte ihm nach, schüttelte trübsinnig den Kopf und bedachte, daß er lieber den Schleichpfad statt der großen Straße zur Försterei nehmen wollte. Auf der Straße hätte er vielleicht noch Holzdiebe getroffen, und das wäre doch peinlich gewesen – für den Förster!

2

Der Pfandleiher, der Onkel, saß auf einem hohen Kontorbock und schrieb in seinen Büchern. Ein Angestellter verhandelte halblaut mit zwei Frauen, von denen die eine ein Bündel Betten, in ein Laken geschlagen, hielt. Die andere aber hatte eine schwarze Modellpuppe, wie sie die Schneiderinnen benutzen, umgefaßt. Beide Frauen hatten scharfe Gesichter und den betont unbekümmerten Blick seltener Pfandhausbesucherinnen.

Die Leihe selbst, im Hochparterre eines übergeschäftigen Hauses gelegen, sah wie immer schmierig, staubig, unordentlich aus, obwohl sie peinlich aufgeräumt war. Das durch die weißen Milchglasscheiben der Fenster gefilterte Licht war grau und tot. Wie immer stand der riesige Geldschrank weit offen und eröffnete den Ausblick auf kleine Haufen in weißes Papier geschlagener Päckchen, bei deren Anblick man von kostbaren Juwelen träumen konnte. Wie immer steckten die Schlüssel in dem kleinen eingemauerten Safe, das den Barbestand der Leihe enthielt.

Wolf sah das alles mit einem Blick. Aus Dutzenden von Gängen war es ihm so vertraut, daß er es sah, ohne es recht zu sehen. Es war auch das übliche, daß der Onkel über seine schmale Goldbrille fort einen raschen Blick auf ihn schoß und dann weiterschrieb.

Wolfgang Pagel wandte sich an den Angestellten, der anscheinend mit der Frau, die ihre Modellpuppe versetzen wollte, nicht einig werden konnte, hob den Koffer auf den Tisch und sagte halblaut – leicht: Ich bringe mal wieder das übliche. Bitte, wenn Sie nachsehen wollen …

Und er knipste die Schlösser des Handkoffers auf.

Es war wirklich alles da wie sonst; alles, was sie besaßen: eine zweite, im Boden schon dünne Hose von ihm; zwei weiße Herrenhemden; drei Kleider von ihr; ihre Wäsche (spärlich genug) und – das Glanzstück – ein echtes Silbertäschchen, wohl das Geschenk eines Verehrers an Petra, er hatte nie danach gefragt.

Nicht wahr, drei Dollar wie üblich? sagte er noch, nur um etwas zu sagen, da der Angestellte, wie ihm schien, etwas zögernd auf die Sachen blickte.

Da sagte der aber auch schon: Jawohl, Herr Leutnant!

Und nun, da alles geordnet schien, rief ganz überraschend die hohe Stimme vom Kontorbock: Nein!

Wolfgang, der hier nur der Leutnant hieß, und der Angestellte sahen überrascht hoch.

Nein! sagte der Onkel noch einmal und schüttelte energisch den Kopf. Tut mir leid, Herr Leutnant, aber wir können Ihnen diesmal nicht gefällig sein. Es lohnt sich nicht für uns. Sie holen es immer schon den nächsten Tag wieder, all die Schererei – und, wissen Sie, diese Kleider kommen ja auch aus der Mode! – Vielleicht ein anderes Mal wieder, wenn Sie etwas – Modischeres haben.

Der Onkel sah Pagel noch einmal an, hob die Feder, mit der Spitze gegen ihn, so kam es Wolf vor, und schrieb schon weiter. Der Angestellte schloß langsam, ohne hochzusehen, den Kofferdeckel und ließ die Schlösser einschnappen. Die beiden Frauen blickten Wolfgang verlegen und doch ein wenig schadenfroh an, wie Schüler den Mitschüler von der Seite ansehen, wenn er vom Lehrer wegen eines Fehlers getadelt wird.

Hören Sie einmal, Herr Feld, sagte Pagel lebhaft und ging quer durch die Leihe auf den ruhig Weiterschreibenden zu. Ich habe da einen reichen Freund im Westen, der mir bestimmt aushilft. Geben Sie mir das Fahrgeld. Ich lasse die Sachen hier, komme heute abend noch vor Geschäftsschluß vorbei, gebe Ihnen das Geld wieder, meinethalben das Fünffache. Oder das Zehnfache.

Der Onkel sah Wolfgang durch die Brille nachdenklich an, runzelte die Stirn und sagte: Tut mir leid, Herr Leutnant. Wir geben hier keine Darlehen, wir leihen nur auf Pfänder.

Aber es sind ja nur die lumpigen paar Tausend Fahrgeld, beharrte Wolf. Und ich lasse Ihnen die Sachen hier.

Ohne Pfandschein darf ich die Sachen nicht behalten, sagte der Verleiher. Und ich will sie nicht in Pfand. Tut mir leid, Herr Leutnant.

Er sah Wolfgang noch einmal mit gerunzelter Stirn aufmerksam an, als wolle er die Wirkung seiner Worte ihm vom Gesicht ablesen, dann nickte er leicht und kehrte zu seinen Büchern zurück. Auch Wolfgang hatte die Stirn gerunzelt, auch er nickte dem Schreibenden leicht zu, wie zum Zeichen, daß er die Weigerung nicht übel aufnehme, und wandte sich zur Tür. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er drehte sich rasch um, ging noch einmal auf Herrn Feld zu und sagte: Wissen Sie was, Herr Feld?! Kaufen Sie mir den ganzen Kitt ab. Für drei Dollar. Dann hat die liebe Seele Ruh. Ihm war eingefallen, daß der reiche Zecke ihm sicher mit einer größeren Summe aushelfen würde. Es würde ein Riesenspaß sein, Peter mit einer völlig neuen Ausstattung zu überraschen. Was sollte sie da noch mit dem alten Plunder? Nein, weg mit dem Kram!

Herr Feld schrieb noch eine Weile weiter. Dann steckte er die Feder ins Faß, lehnte sich etwas zurück und sagte: Ein Dollar, mit dem Koffer, Herr Leutnant. Wie gesagt, die Sachen sind – nicht modern. Sein Blick fiel auf die Wanduhr. Es war zehn Minuten vor zwölf. Und zum gestrigen Dollarkurs.

Einen Augenblick wollte sich Wolfgang ärgern. Es war die frechste Beutelschneiderei von der Welt! Einen Augenblick überkam es Wolfgang leise, leise, als müsse er auch an den Peter denken – Waschzeug und sein uralter Sommerpaletot waren zur Zeit ihr einziger Besitz, aber ebenso rasch kam der Gedanke: ›Zecke gibt Geld. Und wenn nicht er, ich habe noch immer Geld geschafft!‹ – Und er sagte mit einer raschen Handbewegung, die zeigen sollte, wie wenig es darauf ankam: Also, in Ordnung! Her mit dem Zaster! Vierhundertvierzehntausend!

Es war wirklich ein Dreck, wenn er bedachte, daß er gestern abend nahezu dreißig Millionen auf Null verspielt hatte. Und man mußte lachen über solche Mikrobe wie den Feld, der sich um diesen Dreck abmühte, um diese lächerlichen Beträge!

Der Onkel, der böse, zähe Onkel, die Mikrobe, kletterte langsam von seinem Kontorbock herunter, ging zum Safe, wühlte eine Weile darin und zählte Wolfgang dann vierhunderttausend Mark auf.

Fehlen noch vierzehn, sagte Wolfgang.

Vier Prozent Skonto gehen wie handelsüblich für Barzahlung ab, sagte Herr Feld. Macht eigentlich dreihundertachtundneunzigtausend. Zweitausend schenke ich Ihnen, weil Sie alter Kunde sind.

Wolfgang lachte: Tüchtig sind Sie nun einmal, Onkelchen! Sie kommen zu was, passen Sie auf! Ich werde dann Chauffeur bei Ihnen, ja?

Herr Feld nahm es ernst. Er protestierte: Von Ihnen mich fahren lassen, Herr Leutnant! Nein, nicht einmal umsonst! Wo es Ihnen doch auf gar nichts ankommt, nicht einmal auf Ihre Sachen. Nein, nein … Und wieder ganz der Pfandleiher: Also wenn wieder einmal etwas ist, Herr Leutnant. Bis dahin!

Pagel ließ die Scheine mit dem schönen Holbeinischen Bild des Kaufmanns Georg Giße – der sich auch nicht gegen den Mißbrauch seiner Person wehren konnte – in der Hand knistern und sagte lachend: Wer weiß, vielleicht verhilft mir dies zu einem eigenen Auto!

Die Miene des Pfandleihers blieb sorgenvoll, er schrieb. Lachend trat Wolfgang auf die Straße.

3

Nach der ekelhaften Verhandlung in der Schnitter-Vermittlung, fand Rittmeister von Prackwitz, hatte er ein wenig Ausspannung verdient. Aber wo ging man hin, so am frühen Vormittag? Dies war eine Zeit, um die der Rittmeister bisher noch nicht oft unterwegs gewesen war in Berlin. Schließlich fiel ihm ein Hotel-Café in der Friedrichstadt ein, wo man angenehm sitzen und vielleicht ein paar gut angezogene Frauen sehen konnte.

Der erste Mensch, den der Rittmeister in der Hotelhalle sah, war natürlich ein Bekannter. (Prackwitz traf in ›seiner‹ Gegend – natürlich nicht am Schlesischen Bahnhof – immer Bekannte. Oder Bekannte von Bekannten. Oder Verwandte. Oder Bekannte von Verwandten. Oder Kameraden vom Regiment. Oder Kameraden aus dem Krieg. Oder Baltikumer. Oder ›Schnöffels‹, wie man im Rrrr’ment die Muschkoten früher genannt hatte. Er kannte in aller Welt alle Welt.)

Diesmal war es sogar ein Regimentskamerad, Oberleutnant von Studmann.

Herr von Studmann stand in der Halle, tadelloser Gehrock, spiegelnde Schuhe (zu so früher Stunde!), und schien einen Augenblick über das Wiedersehen etwas verlegen. Aber der Rittmeister merkte in seiner Freude, einen Gefährten für die zwei Stunden Wartezeit gefunden zu haben, nichts davon.

Studmann, Alter – großartig, daß ich dich mal wiedersehe! Ich habe zwei Stunden Zeit für dich. Hast du schon Kaffee getrunken –? Ich will grade – zum zweitenmal, heißt das. Aber der erste auf dem Schlesischen rechnet nicht, er war schauerlich. Wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal gesehen? In Frankfurt – zum Offizierstreffen? Na, egal, jedenfalls bin ich froh, dich mal wiederzusehen. Aber komm doch, da drinnen sitzt man ganz gemütlich, wenn ich mich recht erinnere …

Oberleutnant von Studmann sagte sehr leise und deutlich, aber etwas mühsam: Gerne, Prackwitz – sobald es meine Zeit erlaubt. Ich bin nämlich – äh – Empfangschef in diesem Laden. Ich will nur erst mal die Gäste vom Neun-Uhr-vierzig-Zug …

Au verdammt! sagte der Rittmeister plötzlich ebenso leise und ganz verdüstert. Die Inflation, was –? Diese Gauner! Na, ich kann auch ein Lied singen!

Von Studmann nickte trübe, als sei ihm selbst das Liedsingen schon längst vergangen. Angesichts des langen, glatten, energischen Gesichts wollte Prackwitz sich eines gewissen Abends erinnern, da man das E. K. Erster dieses selben Studmann gefeiert hatte – es war Anfang fünfzehn gewesen, tatsächlich das erste E. K. Erster, das an das Regiment gefallen war … Er wollte sich an das lachende, frohe, übermütige, allerdings rund acht Jahre jüngere Gesicht dieses selben Studmann erinnern, aber da sagte der grade: Jawohl, Portier, sofort … Er wendete sich mit einer bedauernden, vertröstenden Bewegung an von Prackwitz und ging dann auf eine ziemlich umfangreiche Dame im staubgrauen Seidenmantel zu: Bitte sehr, gnädige Frau –?

Einen Augenblick sah der Rittmeister zu, wie der Freund dort stand, leicht vorgeneigt, und mit ernstem, doch freundlichem Gesicht den heftig vorgebrachten Wünschen oder Beschwerden der Dame lauschte. Dabei stieg ein Gefühl tiefer Trauer in ihm auf, gestaltloser, alles durchdringender Trauer: ›Zu nichts Besserem gut?‹ fragte es in ihm. Etwas wie Scham überkam ihn, als habe er den Kameraden bei etwas Entwürdigendem, Entehrendem beobachtet. Er wandte sich rasch ab und trat in das Café.

Im Hotel-Café war die frühe, vormittägliche Stille, die dort immer herrscht, wenn nur erst die Hausgäste da sind, das Straßenpublikum noch nicht seinen Einzug gehalten hat. Wenige Gäste saßen paarweise oder einzeln an weit voneinander gelegenen Tischen. Eine Zeitung raschelte, ein Paar sprach halblaut, die Kaffeekännchen aus Neusilber glänzten matt, ein Löffel klirrte an einer Tasse. Die wenig beschäftigten Kellner standen still an ihren Plätzen; einer zählte behutsam Bestecke, wobei er jeden unnötigen Lärm vermied.

Der Rittmeister hatte rasch einen zusagenden Platz gefunden. Der sofort auf die Bestellung folgende Kaffee war so gut, daß er sich vornahm, Studmann ein paar anerkennende Worte zu sagen.

Aber er verwarf den Gedanken sofort wieder: ›Das könnte ihn ja beschämen‹, dachte er. ›Oberleutnant von Studmann und ein wirklich frisch gebrühter Hotelkaffee!‹

Der Rittmeister versuchte zu ergründen, warum ihn denn schon wieder dieses Gefühl der Beschämung überkam, als tue Studmann etwas Verbotenes, ja, Unanständiges.

›Es ist doch Arbeit wie jede andere‹, dachte er verwundert. ›So beschränkt sind wir doch alle nicht mehr, daß wir eine Arbeit geringer achten als die andere. Schließlich sitze ich ja auch nur von Schwiegervaters Gnaden auf Neulohe und kratze ihm seine Pacht zusammen – mit vielen Sorgen. Woran liegt es also –?‹

Plötzlich überkam es ihn, daß es vielleicht daran liegen mochte, daß Studmann diese Arbeit nur gezwungen tat. Ein Mann muß arbeiten, gewiß, wenn er vor sich ein Recht haben will, zu sein. Aber es gibt einen freien Willen in der Wahl der Arbeit; verhaßte Arbeit, nur um des Geldes willen, schändet. – ›Er würde sich ja nie diese Arbeit gewählt haben‹, dachte er. ›Es gab keine Wahl für ihn.‹

Und ein Gefühl hilflosen Hasses überfiel den Rittmeister Joachim von Prackwitz. Irgendwo in dieser Stadt stand eine Maschine – natürlich eine Maschine, Menschen würden sich nie zu so etwas mißbrauchen lassen! – und erbrach Tag und Nacht Papier über die Stadt, das Volk. ›Geld‹ nannten sie es, sie druckten Zahlen darauf, wunderbare, glatte Zahlen mit vielen Nullen, die immer runder wurden. Und wenn du gearbeitet hast, wenn du dich geschunden hast, wenn du dir etwas erspart hast auf deine alten Tage – es ist schon alles wertlos geworden, Papier, Papier – Dreck!

Und um dieses Drecks willen stand Kamerad Studmann in der Hotelhalle und machte Dienerchen. Gut, sollte er dort stehen, sollte er Dienerchen machen – aber nicht wegen Dreck. Schmerzhaft deutlich sah der Rittmeister wieder das freundlich-ernste Gesicht des Freundes, wie er es eben gesehen.

Plötzlich wurde es dunkel, langsam dann heller. Eine kleine Rüböllaterne baumelte von dem rohen, nicht zugehauenen Deckbalken. Sie warf ihren warmen, rötlichen Schein direkt in das Studmannsche Gesicht – und dieses Gesicht lachte, lachte! Die Augen funkelten vor Freude, hundert Fältchen sprangen und zuckten in ihren Winkeln.

›Auch das wiedergeschenkte Leben ist in diesem Lachen‹, sprach eine Stimme im Rittmeister.

Es war nichts, nur eine Erinnerung an eine Nacht in einem Unterstand – wo war es gewesen –? Irgendwo in der Ukraine. Es war ein reiches Land, Kürbisse und Melonen wuchsen zu Hunderten auf den Feldern. Sie hatten sich von dem Überfluß in den Unterstand geholt, auf Wandbretter gelegt. Sie schliefen, eine Ratte (es gab Tausende von Ratten), eine Ratte stieß einen Kürbis vom Brett. Er fiel einem Schläfer auf den Kopf, in das schlafende Gesicht. Der Schläfer schrie gräßlich auf, der weiterrollende Kürbis tat Schlag um Schlag. Sie lagen, alle erwacht, atemlos, flach in ihre Decken gedrückt, in Erwartung der Sprengstücke des Einschlages. Sekunden der Todesangst – das Leben verrauscht, jetzt lebe ich noch, ich will etwas denken, was sich lohnt, die Frau, das Kind, das Mädchen Weio, ich habe noch hundertfünfzig Mark in der Tasche, besser hätte ich meine Weinrechnung bezahlt, die sind nun auch futsch …

Und nun das Lachen von Studmann: Kürbis! Kürbis!

Sie lachen, lachen. ›Auch das wiedergeschenkte Leben ist in diesem Lachen.‹ Der kleine Geyer wischt sich die blutende Nase und lacht auch. Richtig, Geyer hieß er. Er fiel wenig später, Kürbisse waren im Kriege Ausnahmen.

Aber das war es gewesen: echte Furcht und echte Gefahr und echter Mut! Zittern – aber dann aufspringen, entdecken, daß es nur ein Kürbis war, und wieder lachen! Über sich, über die Furcht, über dies närrische Leben – weitergehen, die Straße hinunter, auf den nicht existenten Punkt zu. Aber von etwas bedroht zu werden, das Papier kotzte, von etwas gezwungen zu werden, das die Welt um Nullen bereicherte – das war schändlich! Es schmerzte den Mann, der es tat; es schmerzte den Mann, der es den andern tun sah.

Prackwitz sieht aufmerksam den Freund an. Von Studmann ist schon vor einer Weile eingetreten und hört dem Kellner zu, der vor einer Weile so achtsam die Bestecke zählte und der jetzt aufgeregt irgend etwas vorbringt. Sicher eine Beschwerde über irgendeinen Kollegen. Prackwitz kennt aus eigener Erfahrung dieses zänkische, hitzige Reden. (Mit seinen Beamten auf Neulohe ist es ihm nicht anders ergangen. Ewige Zänkerei, ewiger Klatsch. Am liebsten würde er ja weiter mit nur einem Beamten wirtschaften, damit ihm wenigstens dieser Ärger erspart bleibt. Aber er muß wirklich sehen, daß er noch jemanden kriegt. Die Diebstähle nehmen überhand, Meier schafft es nicht, und Kniebusch ist alt und verbraucht. Nun, das nächste Mal. Dieses Mal ist keine Zeit mehr, um zwölf muß er auf dem Schlesischen Bahnhof sein.)

Der Kellner redet noch immer, redet sich in Brand und Flammen. Von Studmann hört ihm zu, freundlich, aufmerksam, ab und an sagt er ein spärliches Wort, nickt auch mal, schüttelt mit dem Kopfe. ›Es ist kein Leben mehr in ihm‹, entscheidet der Rittmeister. ›Ausgebrannt. Erloschen. – Aber‹, denkt er mit plötzlichem Erschrecken, ›vielleicht bin auch ich ausgebrannt und erloschen – merke es bloß nicht?‹

Dann plötzlich – ganz überraschend – sagt Studmann einen einzigen Satz. Der Kellner, völlig aus dem Konzept gebracht, bricht jäh ab. Studmann nickt ihm noch einmal zu und geht an den Tisch des Freundes.

So, sagt er und setzt sich – und sofort wird sein Gesicht lebendiger. Nun, denke ich, habe ich eine halbe Stunde Zeit. Wenn nichts dazwischenkommt. Er lächelt Prackwitz aufmunternd zu. Aber es kommt eigentlich immer was dazwischen.

Du hast viel zu tun? fragt Prackwitz, ein wenig verlegen. Gott, zu tun! Studmann lacht kurz. Wenn du die andern fragst, hier die Liftboys oder die Kellner oder die Portiers, die werden dir erzählen, daß ich gar nichts zu tun habe, nur so rumstehe. Und doch bin ich abends so hundemüde wie nur damals, wenn wir Schwadronsexerzieren hatten und der Alte schliff uns.

So etwas wie einen Alten gibt es hier vermutlich auch?

Einen –? Zehn, zwölf! Generaldirektor, drei Direktoren, vier Subdirektoren, drei Geschäftsführer, zwei Prokuristen –

Bitte, höre auf!

Aber am Ende ist es nicht so schlimm. Es hat viel Ähnlichkeit mit dem Militär. Befehlen, gehorchen – tadellose Organisation …

Aber doch immerhin Zivilisten … meinte von Prackwitz bedenklich und dachte dabei an Neulohe, wo Gehorchen lange nicht immer auf Befehlen folgte.

Natürlich, bestätigte Studmann auch. Es ist etwas loser als damals, zwangloser. Darum schwieriger für den einzelnen, möchte ich sagen. Der ordnet etwas an, und du weißt nicht genau, ob er ein Recht hat, es anzuordnen. Keine ganz klar abgegrenzten Befugnisse, verstehst du?

Das gab es aber auch bei uns, meinte Prackwitz. Irgendein Offizier mit einem Sonderauftrag, weißt du?

Gewiß, gewiß. Aber im ganzen kann man sagen, es ist eine staunenswerte Organisation, ein musterhafter Riesenbetrieb. So etwas wie unsere Wäscheschränke solltest du einmal sehen. Oder die Küche. Oder die Einkaufskontrolle. Staunenswert, sage ich dir!

Es macht dir also ein bißchen Spaß? fragte der Rittmeister vorsichtig.

Die Lebhaftigkeit von Studmanns erlosch. Gott, Spaß! Nun ja, vielleicht. Aber darauf kommt es doch nicht an, nicht wahr? Wir müssen leben – wie? – weiterleben, nach alldem. Ganz einfach weiterleben. Trotzdem man es sich mal anders dachte.

Prackwitz sah prüfend in das umschattete Gesicht des andern. ›Ja, wieso müssen?‹ dachte er flüchtig, ein wenig verärgert. Und er fand die einzig mögliche Erklärung, fragte laut: Du bist verheiratet? Hast Kinder?

Ich? fragte Studmann sehr erstaunt. Aber nein! Kein Gedanke!

Nein, nein, natürlich nicht, sagte der Rittmeister, ein wenig schuldbewußt.

Schließlich, warum nicht? Aber es hat sich nicht so gemacht, sagte von Studmann nachdenklich. Und heute? Nein! Wo die Mark täglich wertloser wird, wo man zu tun hat, das bißchen Geld für sich zusammenzukratzen …

Geld –? Dreck! sagte der Rittmeister scharf.

Ja, natürlich, antwortete Studmann leise. Dreck, ich verstehe dich schon. Ich habe deine Frage vorhin auch ganz richtig verstanden, oder vielmehr deine Gedanken. Warum ich für solchen ›Dreck‹ dies hier tue, ungern tue, meinst du … Prackwitz wollte bestürzt protestieren. Ach, red nicht, Prackwitz! sagte von Studmann zum erstenmal wärmer. Ich kenne dich doch! Geld – Dreck, das ist keine bloße Inflationsweisheit von dir, ein bißchen dachtest du früher schon so. Du –? Wir alle! Geld war jedenfalls etwas, was sich von selbst verstand. Man hatte seinen Wechsel von Haus und seine paar Groschen vom Rrrr’ment, man sprach nicht davon. Und wenn man einmal etwas nicht gleich bezahlen konnte, mußte der Mann eben warten. So war es doch? Geld war etwas, das Nachdenken nicht verlohnte … Prackwitz wiegte zweiflerisch den Kopf und wollte etwas einwenden. Aber Studmann sagte eiliger: Ich bitte dich, Prackwitz, so ungefähr war es. Aber heute frage ich mich – nicht doch, ich bin meiner Sache ganz sicher, daß wir alle ganz falsch davor waren, keine Ahnung von der Welt hatten. Geld, das habe ich mittlerweile entdeckt, ist etwas sehr Wichtiges, etwas, das alles Nachdenken verlohnt …

Geld! sagte von Prackwitz empört. Wenn es wenigstens noch richtiges Geld wäre! Aber dieses Papierzeug …

Prackwitz! sagte Studmann vorwurfsvoll. Was heißt denn richtiges Geld?! So etwas gibt es ja gar nicht, wie es auch kein unrichtiges Geld gibt. Geld, das ist einfach das, was man zum Leben braucht, die Basis des Da-Seins, das Brot, das wir jeden Tag essen müssen, um da zu sein, der Anzug, den wir tragen müssen, um nicht zu erfrieren …

Aber das ist ja Mystik! rief von Prackwitz ärgerlich. Geld ist doch eine sehr einfache Sache! Geld ist eben – früher jedenfalls, meine ich – wenn du da einen Goldfuchs hattest, aber Papier ging auch, Papier war damals was anderes, weil man Gold dafür bekam … Also Geld, ich meine ganz egal welches Geld – du verstehst doch … Nun wurde er über sich selbst wütend, über dieses blödsinnige Gestammel. Sollte man denn das nicht richtig und klar sagen können, was man so richtig und klar empfand –? Also, schloß er, wenn ich Geld habe, will ich wissen, was ich mir dafür kaufen kann.

Ja, natürlich, sagte Studmann und hatte nichts von der Verwirrung des Freundes gemerkt, sondern spann munter seinen eigenen Gedankenfaden fort. Natürlich waren wir falsch davor. Ich habe entdeckt, daß neunundneunzig Prozent der Menschen sich sehr um das Geld quälen müssen, daß sie Tag und Nacht daran denken, davon reden, es einteilen, sparen, wieder anfangen – kurz, daß Geld das ist, worum sich die Welt dreht. Daß es einfach lächerlich lebensfremd ist, nicht an das Geld zu denken, nicht davon reden zu wollen – das wichtigste, was es gibt!

Aber ist das denn richtig?! rief Prackwitz aus, verzweifelt über den neuen Geisteszustand des Freundes. Ist das denn etwa schön –? Bloß leben, um das bißchen Hunger satt zu kriegen?!

Gewiß ist es nicht richtig. Gewiß ist es nicht schön, stimmte Studmann zu. Aber danach wird nicht gefragt, vorläufig ist es so. Und wenn es so ist, darf man nicht die Augen zukneifen, sondern muß sich damit beschäftigen. Und wenn man es nicht schön findet, muß man sich fragen, wie ändert man es?

Studmann, fragte von Prackwitz ganz bestürzt und verzweifelt, Studmann, du bist doch nicht etwa Sozi geworden –?

Der ehemalige Oberleutnant sah einen Augenblick so bestürzt und verblüfft aus, als habe man ihn eines Meuchelmordes verdächtigt. Prackwitz, sagte er, alter Kriegsgenosse, die Sozis denken doch über das Geld genauso wie du! Nur möchten sie es dir wegnehmen, damit sie es haben. Nein, Prackwitz, ein Sozi bin ich gewiß nicht. Und werde es auch nicht.

Aber was bist du denn? fragte von Prackwitz. Zu irgendeiner Gruppe oder Partei mußt du doch schließlich gehören.

Wieso? fragte von Studmann. Warum muß ich das eigentlich?

Ja, ich weiß nicht, sagte von Prackwitz, ein wenig verblüfft. Zu irgendetwas gehört doch schließlich jeder von uns, das ist doch schon wegen der Wahlen. Irgendwie muß man sich doch einordnen, ins Glied treten. Es ist gewissermaßen – ordentlich!

Wenn es für mich aber noch keine Ordnung gibt? fragte von Studmann.

Ja … sagte Prackwitz nachdenklich. Ich weiß noch, erinnerte er sich, ich hatte da mal so einen Kerl in der Schwadron, einen Schnöffel sagten wir ja immer, einen Sektierer, wie hieß er doch? Grigoleit, jawohl, Grigoleit! Ein ganz proprer, ordentlicher Mann. Aber er weigerte sich, einen Karabiner oder ein Seitengewehr anzufassen. Bitten half nichts, Stauchen half nichts, Strafen half nichts. ›Zu Befehl, Herr Leutnant‹, sagte er – ich war Leutnant, es war noch im Frieden. ›Aber ich darf es nicht. Sie haben Ihre Ordnung und ich habe meine Ordnung. Und weil ich meine Ordnung habe, darf ich mich nicht an ihr versündigen. Einmal wird ja doch meine Ordnung Ihre Ordnung sein …‹ Und solches Zeug, irgendein Sektierer, Pazifist, aber von der anständigen Sorte, nicht diese Drückeberger, die ›Nie wieder Krieg!‹ schreien, weil sie feige sind … Nun, man hätte ihm natürlich das Leben zur Hölle machen können. Aber der Alte war auch vernünftig und sagte:

›Er ist ja bloß ein armer Idiot!‹ Und so wurde er D. U. 15 geschrieben, weißt du, wegen bestehender Geisteskrankheit …

Der Rittmeister schwieg nachdenklich, vielleicht sah er den dicken, rundköpfigen Grigoleit mit dem weißblonden Haar vor sich, der so gar nicht nach einem Märtyrer aussah.

Studmann aber lachte hell heraus. O Prackwitz! rief er. Du bist doch noch immer der Alte! Und wie du mir hier eben in aller Unschuld Idiotie und bestehende Geisteskrankheit bescheinigt hast – ohne es auch nur zu merken –, das erinnert mich doch sehr lebhaft daran, wie du damals nach dem Manöver unserm Alten, der wahnsinnig schlecht abgeschnitten hatte, zum Trost von einem Major erzähltest, der sogar bei der Manöverkritik vor der versammelten Generalität vom Gaul gefallen war, und doch nicht den blauen Brief bekommen hatte! Und weißt du noch –?

Damit verloren sich die beiden Freunde in gemeinsame Erinnerungen, ihre Stimmen wurden lebhafter. Aber das machte nichts. Jetzt fing das Café an, sich zu füllen. Geschäftig liefen die Kellner, trugen schon die ersten Biergläser, Stimmen schwirrten. Das Gespräch der beiden war nur eines von vielen.

Nach einer Weile aber, als sie sich genug erinnert und genug gelacht hatten, sagte der Rittmeister: Ich möchte dich auch noch was fragen, Studmann. Ich sitze da so allein auf meiner Klitsche und höre und sehe immer nur dieselben Leute. Aber du bist hier in der Großstadt und noch dazu in solchem Betriebe, und sicher hörst und weißt du mehr als wir alle.

Ach, wer weiß denn heute was?! fragte Studmann und lächelte. Glaub mir, selbst Herr Ministerpräsident Cuno hat keine Ahnung, was morgen wird.

Aber Prackwitz ließ sich nicht beirren. Er saß ein wenig zurückgelehnt, die langen Beine übereinandergeschlagen, rauchte mit Wohlbehagen und sprach: Du denkst vielleicht, der Prackwitz ist fein raus, er hat ein Rittergut und ist ein großer Mann. Aber ich sitze nicht fest, ich muß sehr vorsichtig sein. Neulohe gehört nicht mir, es gehört meinem Schwiegervater, dem alten Herrn von Teschow – ich habe ja schon lange vor dem Kriege die kleine Eva Teschow geheiratet – ach, verzeih, du kennst ja meine Frau! Nun, ich habe Neulohe gepachtet von meinem Schwiegervater – und der alte Knabe hat den Pachtzins nicht billig gemacht, das kann ich dir sagen. Manchmal habe ich ekelhafte Sorgen. – Jedenfalls muß ich sehr vorsichtig sein. Neulohe ist unsere einzige Existenz, und wenn mir was passiert – der alte Mann liebt mich nicht, der nimmt mir die Klitsche bei dem kleinsten Anlaß sofort wieder ab.

Und was kann dir passieren? fragte Studmann.

Ja, sieh mal, ich bin ja kein Einsiedler und die Eva erst recht nicht, und so haben wir unser bißchen Verkehr in der Gegend, und natürlich auch mit den Kameraden von der Reichswehr. Und da hört man denn so allerlei. Und geflüstert wird auch, direkt und indirekt.

Und was hört man und was sieht man?

Daß etwas losgehen soll, Studmann, wieder einmal. Man ist ja auch nicht blind. Das ganze Land steckt voll bei uns von Leuten, Arbeitskommandos nennen sie sich, aber du mußt sie nur sehen. ›Schwarze Reichswehr‹ wird geflüstert.

Das kann wegen Entente und Kontrollkommission sein, Schnüffelkommission, sagte von Studmann.

Natürlich – und daß sie Waffen vergraben und wieder ausgraben und wegholen, das kann auch darum sein. Aber es ist nicht nur darum, Studmann, es wird mehr geflüstert, es ist mehr zu sehen. Kein Zweifel: es wird auch in der Zivilbevölkerung geworben, vielleicht schon in meinem eigenen Dorf. Der Besitzer erfährt ja immer zuletzt davon, daß der Hof brennt. An Neulohe grenzt Altlohe, und da sind viele Industriearbeiter, und das bedeutet natürlich Feindschaft bis aufs Messer mit uns vom Hof und mit den Bauern in Neulohe. Denn wo die einen zu essen haben, und die andern haben Hunger, da ist es wie in einem Pulverfaß – und geht es in die Luft, fliege ich mit.

Ich sehe noch nicht recht, wie du da etwas hindern kannst, sagte von Studmann.

Hindern … Aber vielleicht werde ich mich entscheiden müssen, ob ich mitmache oder nicht? Man will doch nicht unkameradschaftlich sein. Es sind doch die alten Kameraden bei der Reichswehr, Studmann, und wenn die was riskieren wollen und die Karre aus dem Dreck holen, und man wäre dann nicht dabei gewesen – man müßte sich ja zu Tode schämen! Ja, und vielleicht ist doch alles nur Gequatsche, Gemache von ein paar Abenteurern, aussichtsloser Putsch – und darum Hof und Auskommen und Familie riskieren …

Der Rittmeister sah Studmann fragend an. Der meinte: Hast du denn niemanden bei der Reichswehr, den du beiseite nehmen und auf Ehre und Gewissen fragen kannst –?

Gott, fragen, Studmann! Natürlich kann ich fragen, aber wer weiß denn was? Bei so was wissen doch nur drei, vier wirklich Bescheid, und die antworten dir bestimmt nicht. – Hast du mal von einem Major Rückert gehört?

Nein, sagte Studmann. Von der Reichswehr?

Ja, siehst du, Studmann, das ist es ja gerade! Dieser Rückert soll der Mann sein, welcher … Aber ich kann nicht einmal rausbringen, ob er zur Reichswehr gehört oder nicht. Die einen sagen ja, die andern sagen nein, und die ganz Schlauen zucken die Achseln und sagen: ›Das weiß er vielleicht selber nicht!‹ Und das klingt dann wieder so, als stünden andere hinter ihm – es ist wirklich zum Verzweifeln, Studmann!

Ja, sagte Studmann. Ich verstehe schon. Wenn es nötig ist, sofort, aber für irre Abenteuer – danke!

Richtig! sagte Prackwitz.

Dann schwiegen beide. Aber Prackwitz sah weiter erwartungsvoll auf Studmann, den gewesenen Oberleutnant und jetzigen Hotelempfangschef. (Trug beim Rrrr’ment den Spitznamen ›das Kindermädchen‹.) Schließlich ein Mann mit neuerdings sehr merkwürdigen, eigentlich schon verdächtigen Ansichten über Geld und gottgewollte Armut. Sah auf ihn, als erwarte er von seiner Antwort Befreiung aus allen Zweifeln.

Und schließlich sagte dieser Studmann auch langsam: Ich glaube, du solltest dir nicht solche Sorgen machen, Prackwitz. Du solltest einfach warten. Wir kennen das doch eigentlich aus dem Felde. Sorge und auch mal Angst hatte man nur, wenn man in Ruhe oder still im Graben lag. Aber wenn es dann hieß: Raus und vorwärts! – dann war man da und ging los und alles war vergessen. Du wirst das Signal schon nicht überhören, Prackwitz. Wir haben es im Felde doch schließlich gelernt, das ruhige Warten ohne Grübeln – warum soll man es jetzt nicht können?

Recht hast du! sagte der Rittmeister dankbar, und ich will auch daran denken! Es ist komisch, daß man jetzt nicht mehr warten kann! Ich glaube, es macht dieser blöde Dollar. Laufe, renne, schnell noch was einkaufen, hetze, jage …

Ja, sagte Studmann. Jagen und gejagt werden, Jäger und Wild zugleich, das macht so böse und ungeduldig. Aber man braucht beides nicht. Ja … lächelte er, aber nun muß ich wieder los, ganz bin ich ja auch nicht frei davon. Ich sehe da den Portier winken. Vielleicht jagt schon ein Direktor nach mir, wieso und warum ich denn eigentlich nirgendwo zu sehen bin. Und ich werde die Stubenmädchen wieder ein wenig jagen, damit die Zimmer der Abreisen um zwölf fertig sind. Also Weidmannsheil, Prackwitz! Und wenn du heute um sieben noch in der Stadt sein solltest und hast nichts vor …

Dann bin ich schon längst wieder in Neulohe, Studmann, sagte von Prackwitz. Aber ich habe mich wirklich unsinnig gefreut, direkt unsinnig gefreut, dich wiederzusehen, Studmann, und wenn ich mal wieder in die Stadt komme …

4

Das Mädchen saß allein, unbeweglich, beschäftigungslos, immer noch auf dem Bett in der Stube. Der Kopf war ein wenig gesenkt, die Linie, die aus dem Rücken über den Nacken zum Kopf führte, war nachgiebig, weich. Das kleine, klare, reinlinige Gesicht stand weich in der Luft, die Lippen waren halb geöffnet, der auf die verschabten Dielen gerichtete Blick sah nichts. Unter dem auseinander geglittenen Mantel schimmerte das nackte Fleisch, leicht bräunlich, sehr fest. Die Luft war stickig, voller Gerüche … Das voll erwachte Haus marschierte schreiend, rufend, weinend, Türen schlagend und Treppen polternd durch seinen Tag. Das Leben äußerte sich hier vor allem durch Geräusche, und weiter noch durch Zersetzung, durch Gestank. In der Blechstanzerei im Erdgeschoß schrie zerschnittenes Blech auf, es klang, als schrien Katzen oder gequälte Kinder. Dann war es wieder fast still, nur die Treibriemen schnurrten und surrten auf den Transmissionen. Das Mädchen hörte eine Uhr zwölf schlagen.

Unwillkürlich hob es den Kopf und sah nach der Tür. Wenn er nach dem ›Onkel‹ noch einmal zu ihr hereinsah, etwa, um ihr etwas zu essen zu bringen, mußte er jetzt kommen. Er hatte so etwas von gemeinsamen Frühstück gesagt. Aber er kam nicht, sie hatte das bestimmte Gefühl, er kam nicht. Er fuhr sicher direkt zu seinem Freund. Wenn er dort Geld bekam, ging er vielleicht noch zu ihr, vielleicht auch direkt zum Spielen, und sie sah ihn erst gegen Morgen wieder, ausgebeutelt oder mit Geld in den Taschen. Gleichviel, sie sah ihn wieder.

Ja, überfiel es sie plötzlich, war es denn so sicher, daß sie ihn wiedersah –? Sie hatte sich daran gewöhnt: er war immer fortgegangen, und er war immer wiedergekommen. Was er auch getrieben hatte, wo er auch gewesen war, stets hatte sein Weg hier bei ihr in der Georgenkirchstraße geendet. Er war über den Hof gegangen, die Treppen hinaufgestiegen – und er war bei ihr angelangt, freudig erregt oder völlig erschöpft.

Aber, dachte sie zum erstenmal, zutiefst erschreckt: aber ist es denn sicher, daß er immer wiederkommt –?! Es war doch möglich, daß er einmal nicht wiederkam, vielleicht heute schon. Nein, heute kam er natürlich noch wieder, er wußte doch, wie sie dasaß, sehr hungrig, nackt in seinem schäbigen Sommerpaletotchen, ohne die einfachsten Lebensbedürfnisse, mit Schulden bei der Wirtin. Heute kam er bestimmt noch wieder – aber morgen vielleicht schon –?

›Ich habe nie etwas von ihm verlangt‹, denkt sie. ›Warum soll er nicht wiederkommen? Ich war nie eine Last für ihn!‹

Dann fällt ihr ein, daß sie doch etwas von ihm verlangt hat, daß sie es immer weiterverlangt, nicht mit Worten, aber sie verlangt es darum nicht weniger: daß er nämlich zurückkommt zu ihr.

›Auch das kann einmal eine Last für ihn sein‹, denkt sie, von einer grenzenlosen Traurigkeit erfüllt. ›Auch meine Liebe kann einmal eine Last für ihn sein, und dann kehrt er nicht heim.‹

Es wird heiß und heißer. Sie steht mit einem Ruck von der Bettkante auf, geht zum Spiegel und bleibt vor ihm stehen. Ja, das ist sie – Petra Ledig –, aber auch das kann ihn nicht halten. Haar und Fleisch, ein eiliger Ruch, Begehren, Erfüllen – aber die Welt ist voll davon. Flüchtig fallen ihr die tausend Zimmer ein, in die um diese Stunde wieder das Vormittagsbegehren einkehrt: Küsse werden getauscht, Frauen langsam entkleidet, Bettstätten knarren, der flüchtige Seufzer der Lust wird laut und entflieht. Es wird angeknüpft und vollendet, man trennt sich – zu jeder Stunde, in jeder Minute – in tausend Zimmern.

Hat sie geglaubt, sie sei sicher davor? Es könne so weitergehen? Zutiefst weiß sie, hat sie immer gewußt, es würde nicht dauern.

Sie rannten so auf den Straßen, sie hatten alle Eile, liefen, den Zug noch zu fassen, das Mädchen zu treffen, diesen Schein noch vor seiner völligen Entwertung auszugeben. Was dauerte denn –? Und Liebe sollte dauern –?!

Plötzlich begreift sie, daß alles Unsinn ist, woran sie ihr Herz gehängt. Diese standesamtliche Trauung, die ihr heute früh noch so wichtig erschien, daß sie ihm darum eine Szene machte – was änderte die schon? Vorbei! Dahin! Und daß sie hier ohne alles, halbnackt sitzt, überhungrig, mit Schulden – deswegen sollte er heute wiederkommen?! Aber wenn er nicht wiederkommt, ist es doch ganz gleich, wie sie sitzen bleibt – meinethalben mit einem Auto und einer Villa im Grunewald –, er kommt nicht wieder, das ist das einzig Wichtige! Und was sie dann anfängt, ob sie aus dem Fenster springt oder wieder Schuhe verkauft oder auf den Strich geht – das ist dann auch gleich, er kommt nicht wieder!

Sie steht noch immer vor dem Spiegel und sieht sich an, als stehe dort eine gefährliche Fremde, auf die man gut aufpassen muß. Die dort im Spiegel ist sehr blaß, ein von innen verzehrtes, bräunliches Blaß, die dunklen Augen brennen, das Haar hängt mit ein paar losen Strähnen in die Stirn, seufzt noch einmal schläfrig auf und verstummt. Sie atmet noch. Sie schließt die Augen, ein fast schmerzender Glücksschauer überrieselt sie. Sie fühlt, wie Wärme ihr in die Wangen steigt, sie wird heiß. Eine gute Wärme, eine schöne Hitze! O Leben, Lust zu leben! Es hat mich geführt, von da über dort hierher. Häuser, Gesichter, Schläge, Gezänk, Schmutz, Geld, Angst. Hier stehe ich – süßes, süßes Leben! Er kann nie wieder von mir gehen. Ich habe ihn in mir.

Es schnurrt, es saust. Es läuft unermüdlich treppauf, treppab. Es regt sich in jedem Steinwürfel. Es quillt aus den Fenstern. Es schielt und es schilt. Es lacht, ja, es lacht auch. Leben, süßes, herrliches, unvergängliches Leben! Er kann nicht wieder von mir gehen. Ich habe ihn in mir. Nie gedacht, nie gehofft, nie gewünscht. Ich habe ihn in mir. In der hohlen Hand lagen wir, und das Leben lief, lief mit uns. Nie kamen wir irgend an. Alles entglitt. Alles vorbei. Alles dahin. Aber es blieb etwas. Nicht über alle Fußstapfen wächst Gras, nicht jeder Seufzer verweht. Ich bleibe. Und er bleibt. Wir.

Sie sieht sich an. Sie hat die Augen wieder geöffnet und sieht sich an. Das bin ich! denkt sie zum erstenmal in ihrem Leben, ja, sie zeigt mit dem Finger auf sich. Sie ist ohne jede Angst. Er wird schon wiederkommen. Auch er wird eines Tages begreifen, daß sie ›Ich‹ ist, wie sie es begriff. Sie begriff es, seit sie nicht mehr ›Ich‹, sondern ›Wir‹ ist.

5

Sooft der Rittmeister von Prackwitz auch nach Berlin kam, zu seinen Hauptvergnügungen gehörte es, einmal die Friedrichstraße und ein Stück Leipziger entlangzuschlendern und in die Läden zu schauen. Nicht etwa, daß er große Einkäufe machte oder auch nur beabsichtigte, nein, die Schaufenster freuten ihn. Sie waren so herrlich für einen Provinzler zurechtgemacht. In manchen gab es entzückende Sächelchen zu sehen, Dinge, die einen reizten, einfach in den Laden zu gehen, mit den Fingern auf sie zu zeigen, zu sagen: Dies! Und in andern standen wieder so schauerliche Greuel und Scheuel, daß man womöglich noch länger davor stehenblieb, immer von neuem zum Lachen gereizt. Und wiederum kam man in Versuchung, solch Stück nach Haus zu bringen, nur um einmal zu sehen, wie Eva und Weio sich über diesen gläsernen Mannskopf, dessen Mund als Aschenbecher diente, amüsieren würden. (Man konnte den Kopf auch an die Lichtleitung anschließen, dann glühte er schaurig rot und grün.)

Aber die Erfahrung, daß diese Dinge schon nach einem Tage ganz unbeachtet im Hause herumstanden, hatte den Rittmeister vorsichtig gemacht – er begnügte sich mit dem eigenen Lachen. Wenn etwas mitgebracht werden sollte, und man mag ein noch so verabschiedeter, weiß gewordener Reiteroffizier sein, man bringt den Frauen eine Kleinigkeit mit, so blieb er lieber vor einem Wäschegeschäft stehen und suchte etwas Seidenes oder eine Bagatelle mit Spitzen aus. Es war eine Wonne, so etwas zu kaufen. Jedesmal, wenn er in einen solchen Laden trat, war alles noch leichter und duftiger geworden, noch zarter in der Farbe. Man konnte solch Höschen in einer Hand zu einem leichten, winzigen Ball zusammenpressen, und dann breitete es sich, leicht knisternd, wieder aus. Das Leben mochte noch so grau und trostlos geworden sein, Frauenschönheit schien immer leichter, zärtlicher, unirdischer zu werden. Solch ein Büstenhalter nur aus Spitzen – der Rittmeister konnte sich noch sehr gut an die grauen Drillichkorsetts der Vorkriegszeit erinnern, in die der Gatte die Gattin einzuschnüren hatte, als zügle er ein widerspenstiges Pferd!

Oder aber der Rittmeister ging in ein Delikatessengeschäft – und das Geld mochte noch so wertlos geworden sein, hier standen alle Fächer brechend voll: grüner Spargel aus Italien, Artischocken aus Frankreich, Mastgänschen aus Polen, Helgoländer Hummer, Kukuruz aus Ungarn, englische Jams – die ganze Welt gab sich hier ein Stelldichein. Selbst der Kaviar aus Rußland war wieder da – und die seltenen, knappen Devisen, die man nur aus ›Freundschaft‹ und sinnlos teuer bekam, hier konnte man sie zentnerweise aufessen – vollkommen rätselhaft!

Der Rittmeister hatte nach seiner Aussprache mit Studmann noch reichlich Zeit, so bummelte er wieder einmal den alten Weg. Aber die Freude wurde ihm diesmal vergällt: es ging auf der Friedrichstraße zu, wie man sich etwa einen morgenländischen Basar vorstellte. Fast Mann an Mann standen sie an den Hauswänden und auf dem Rande des Gehsteigs: Händler, Bettler, Dirnen. Junge Leute klappten Handkoffer auf, in denen geschliffene Parfumflaschen sanft glänzten. Hosenträger schwenkte ein anderer, johlend, schreiend. Eine Frau, zottig und schmierig, hantierte mit endlos langen, schimmernden Seidenstrümpfen, die sie den Herren mit einem frechen Lächeln anbot: Wat for de Kleene, Herr Jraf. Ziehen Sie se ihr bloß an, und Sie werden schon sehen, wat Sie for Spaß haben for dat lumpije bißken Papier, Herr Jraf –!

Ein Schupo kam in Sicht, verdrossen ausschauend unter seinem lackierten Landwehrtschako. Pro forma wurden die Koffer zugeklappt und waren schon wieder offen, kaum war er zwei Schritte weiter. An den Hauswänden saßen, hockten, lagen Bettler, alles Kriegsverletzte, glaubte man den Schildern, die sie trugen. Doch waren so junge darunter, daß sie im Kriege noch zur Schule gegangen sein mußten, und Greise, die sicher schon vor dem Kriege invalide gewesen waren. Blinde plärrten trostlos monoton, Schüttler schüttelten Kopf oder Arme, Wunden waren zur Schau gestellt, schreckliche Narben leuchteten feurig aus einem grauen, schuppigen Fleisch.

Aber am schlimmsten waren die Mädchen. Überall strichen sie herum, riefen, flüsterten, hängten sich bei jedem ein, liefen mit, lachten. Manche waren weit entblößt, daß es kaum erträglich war. Ein Markt von Fleisch – fettem, weißem, von Likören aufgeschwemmt; und hagerem, dunklem, das die scharfen Schnäpse verbrannt zu haben schienen. Aber am schlimmsten waren die völlig Schamlosen, die fast Geschlechtslosen: die Morphinistinnen mit dem scharfen Stecknadelkopf der Pupille, die Schnupferinnen mit der weißen Nase, und die Kokainspritzerinnen mit den Schreistimmen aus hemmungslos zuckenden Gesichtern. Sie wippten umher, sie schlenkerten ihr Fleisch in den weit ausgeschnittenen oder raffiniert durchbrochenen Blusen. Wenn sie auswichen oder um eine Ecke gingen, rafften sie die Röcke, die an sich nicht bis zum Knie reichten, und zeigten den Streifen fahlweißen Fleisches zwischen Strumpf und Hose, unter dem das grüne oder rosa Strumpfband lief. Sie tauschten ungeniert ihre Bemerkungen über die vorübergehenden Männer, warfen sich Zoten über die Straße zu, und ihre gierigen Augen suchten in der langsam an ihnen vorübertreibenden Menge die Ausländer, in deren Taschen Devisen zu erhoffen waren.

Und zwischen Laster, Elend und Bettelei, zwischen Hunger, Betrug und Gift liefen die jungen, kaum schulentlassenen Mädchen aus den Geschäften mit ihren Kartons und Briefstapeln. Ihren raschen, sicheren Blicken entging nichts, und ihr Ehrgeiz war es, ebenso frech zu sein wie jene, sich von nichts imponieren zu lassen, vor nichts sich zu scheuen, ebenso kurze Röcke zu tragen, ebensoviel Devisen zu raffen.

›Uns imponiert nichts!‹ sagten ihre Blicke. ›Uns macht ihr Alten nichts mehr vor. Jawohl‹, sagten sie und schwenkten Mappen oder Schachteln, ›jetzt sind wir noch Ladenmädchen, Verkäuferinnen, Kontoristinnen. Aber es braucht nur einer ein Auge auf uns zu werfen, der kleine Japs da oder dieser Dicke mit den Koteletten, der seinen Bauch in einer karierten Flanellhose schwenkt – und wir lassen unsern Karton fallen, hier auf der Straße, jawohl, und heute abend sitzen wir schon in einer Bar und morgen haben wir ein Auto!‹

Dem Rittmeister war es, als höre er sie alle rufen, schreien, jagen: nichts gilt außer Geld! Geld!! Aber auch das Geld galt nichts, in jeder Minute mußte der größtmögliche Genuß aus ihm herausgepreßt werden! Für was sich bewahren – für morgen? Wer weiß, wie morgen der Dollar steht, wer weiß, ob wir morgen noch leben, morgen drängen schon wieder Jüngere, Frischere an den Start – komm schon, alter Herr, du hast zwar schon weißes Haar – um so mehr mußt du dich daran halten! Komm, Süßer!

Der Rittmeister erspähte den Eingang der Passage von den Linden zur Friedrichstraße. Er hatte sich immer gerne einmal das Panoptikum angesehen, er floh in den Ladengang. Aber es war, als sei er aus der Vorhölle in die Hölle geraten. Eine dicht gedrängte Menge schob sich unendlich langsam durch den strahlend erleuchteten Tunnel. In den Läden prangten riesige Ölschinken mit nackten Frauen, widerlich nackt, mit widerlich süßen, rosigen Brüsten. Unanständige Postkarten hingen in langen Wimpelketten überall. Es gab Scherzartikel, die einen alten Lüstling hätten erröten lassen, und die Schamlosigkeit der Aktfotos, die einem feucht flüsternde Männer in die Hand drückten, war nicht mehr zu überbieten.

Aber am schlimmsten waren die Jungens. In ihren Matrosenanzügen mit der glatten, bloßen Brust, die Zigarette frei im Munde, glitten sie überall herum, sprachen nicht, aber sie sahen an oder berührten.

Eine große, hellblonde Frau in tief ausgeschnittenem Kleid, sehr elegant, drängte sich, von einer ganzen Schar solcher Kerle geleitet, durch die Menge. Sie lachte überlaut, sprach heftig. Der Rittmeister sah sie ganz nahe, sein Blick fiel auf die schamlos entblößte, dick gepuderte Brust. Die Dame sah ihn lachend mit ihren unnatürlich erweiterten Pupillen an, die Augen waren blau-schwarz untermalt – und plötzlich überfiel ihn ein körperschüttelnder Ekel bei der Erkenntnis, daß dieses aufgedonnerte Weib ein Mann war, das Weib all dieser widerlichen Bengels und doch ein Mann –!

Der Rittmeister drängte sich rücksichtslos durch die Menge. Eine Hure schrie: Bei dem Alten piept’s ja! Emil, lang ihm mal eine! Er hat mich jebufft! Aber der Rittmeister war schon draußen, erwischte eine Taxe, Schlesischer Bahnhof! sagte er und lehnte sich völlig erschöpft in die Kissen zurück. Dann zog er ein weißes, noch ganz unbenutztes Taschentuch aus dem Rock und wischte sich langsam Gesicht und Hände ab.

›Jawohl‹, zwang er sich, intensiv an anderes zu denken – und an was denn intensiver als an seine Sorgen? ›Jawohl, es ist wirklich nicht leicht, in dieser Zeit Neulohe zu bewirtschaften.‹

Ganz abgesehen davon, daß der Schwiegervater ein Aas war (und erst die Schwiegermutter mit ihrer Frömmigkeit!), war die Pacht wirklich zu hoch. Entweder wuchs nichts, wie im vorigen Jahr, oder wenn etwas wuchs, hatte man keine Leute wie in diesem Sommer!

Aber nach der Unterredung mit dem armen Studmann, den es auch schon angesteckt hatte und der sich wirklich reichlich verdrehte Ideen zurechtmachte, und nach diesem kleinen Spaziergang durch Friedrichstraße und Passage dachte der Rittmeister an Neulohe wie an eine reine, unberührte Insel. Gewiß, es gab ewig Ärger: Leuteärger, Steuerärger, Geldärger, Handwerkerärger (und der schlimmste von allen war der Schwiegerärger!), aber da waren nun Eva und Violet, die seit ihren Kindertagen nur Weio hieß.

Gewiß, Eva war ein bißchen sehr lebenslustig, die Art, wie sie tanzte und mit den Offizieren in Ostade flirtete, wäre früher ganz unschicklich gewesen, und Weio hatte sich auch einen reichlich rüden Ton angewöhnt (ihre Großmutter kam wohl manchmal eine Ohnmacht an!) – aber was war das gegen dieses Elend, diese Schamlosigkeit, diese Sittenverderbnis, die sich am hellerlichten Tage in Berlin breit machten?! Der Rittmeister Joachim von Prackwitz war so und er blieb auch so, er hatte gar nicht die Absicht, in dieser Hinsicht sich zu ändern: eine Frau war aus feinerem Stoff gemacht als ein Mann, etwas Zartes, zu Verwöhnendes. Diese Mädchen da auf der Friedrichstraße – ach, das waren doch keine Frauen mehr. Ein wirklicher Mann konnte nur mit Schaudern an sie denken!

In Neulohe hatten sie einen Garten, sie saßen abends in diesem Garten. Der Diener Hubert brachte Windlichter und eine Flasche Mosel, allenfalls sandte noch das Grammophon mit ›Bananen, ausgerechnet Bananen!‹ eine großstädtische Welle in das Blättergeriesel und Blütengedufte. Aber die Frauen waren bewahrt. Rein, sauber.

Man konnte doch wahrhaftig nicht mehr mit einer Dame über die Friedrichstraße gehen, besonders dann nicht, wenn die Dame die eigene Tochter war! Und zu denken, daß ein herrlicher Kerl wie Studmann dieses Pack da von der Straße irgendwie beglücken wollte, sich irgendwie mit ihnen gleichstellen, und sei es nur, weil er wie die Geld verdienen mußte! Nein, danke schön. Daheim in Neulohe konnte man es vielleicht übertrieben finden, wenn die Deutsche Tageszeitung Berlin ein Sündenbabel, einen Asphaltsumpf, ein Sodom und Gomorra nannte. Aber roch man nur einmal hinein, fand man, alles war noch viel zu schwach. Nein, danke! –

Und der Rittmeister hatte sich so weit beruhigt, daß er sich eine Zigarette ansteckte und zufrieden über das vollbrachte Geschäft und die baldige Heimkehr dem Bahnhof zufuhr.

Freilich trank er dort erst einmal im Wartesaal ein paar kräftige Cognacs, denn er hatte das ziemlich sichere Gefühl, daß die Besichtigung seiner neugeworbenen Schnitter kein reines Vergnügen sein werde. Aber dann war es gar nicht so schlimm. Eigentlich das übliche, die Gesichter vielleicht noch ein bißchen frecher, roher, schamloser als sonst – aber was hieß das? Wenn sie nur arbeiteten, die Ernte reinbrachten! Sie sollten es nicht schlecht bei ihm haben, anständiges Deputat, alle Woche einen Schlachthammel, einmal im Monat ein Fettschwein!

Nur der Vorschnitter war genau die Sorte Mensch, die dem Rittmeister völlig verhaßt war – Marke Radler: unten treten, oben buckeln. Er schwänzelte um den Rittmeister, sprudelte einen Schwall halb deutscher, halb polnischer Worte heraus, die Kraft und Tüchtigkeit seiner Leute priesen, und trat dabei unversehens ein Mädchen in den Hintern, das nicht schnell genug mit seinem Packen durch die Tür kam.

Übrigens stellte es sich, als der Rittmeister den Sammelfahrschein lösen wollte, heraus, daß der Vorschnitter nicht fünfzig, sondern nur siebenunddreißig Leute gebracht hatte. Aber auf eine Frage des Rittmeisters schüttete er wieder eimerweise wirre Redensarten aus, die immer polnischer und unverständlicher wurden (›Natürlich hat Eva ganz recht, ich hätte Polnisch lernen sollen, aber ich denke nicht daran –!‹). Der Vorschnitter schien etwas zu beteuern, er spannte den Oberarmmuskel und funkelte den Rittmeister lachend, schmeichlerisch mit kleinen, mäuseflinken schwarzen Augen an. Schließlich zuckte Prackwitz die Achseln und löste den Schein. Siebenunddreißig waren besser als nichts, und jedenfalls waren es gelernte Landarbeiter.

Dann kam der lärmende, schreiende Auszug auf den Bahnsteig; die Verfrachtung in den schon bereitstehenden Zug; der schimpfende Schaffner, der ein die Tür sperrendes Bündel in den Wagen stopfen wollte, während es samt seiner Trägerin von drinnen wieder herausgeschoben wurde; der Streit zweier Burschen; die wilden Gestikulationen und Rufe des Vorschnitters, der dazwischen ununterbrochen auf den Rittmeister einredete, um seine dreißig Dollar bat, forderte, bettelte …

Der Rittmeister meinte zuerst, zwanzig genügten, da ja ein Viertel der Leute fehle. Sie fingen an, hitzig zu rechnen, und schließlich zählte, müde der Streiterei, der Rittmeister dem Vorschnitter drei Zehndollarscheine in die Hand, nachdem auch der letzte Mann seinen Platz gefunden hatte. Jetzt floß der Vorschnitter über vor Dank, verbeugte sich, trat hin und her und brachte es schließlich wirklich fertig, die Hand des Rittmeisters zu erhaschen und inbrünstig zu küssen: Marjosef! Heiliger Wohltäter!

Etwas angeekelt suchte sich der Rittmeister einen Platz ganz vorne im Zug in einem Raucherabteil Zweiter, er setzte sich bequem in eine Ecke und brannte sich eine neue Zigarette an. Alles in allem: es war ein gutes Tagewerk, das er vollbracht hatte. Morgen konnte die Ernte richtig anfangen.

Rumpelnd und pustend kam der Zug endlich in Gang, fuhr aus der traurigen, verrußten, verlotterten Halle mit ihren zerschlagenen Scheiben. Der Rittmeister wartete nur, daß der Schaffner vorbei war, dann wollte er ein Schläfchen machen.

Schließlich kam der Schaffner, knipste die Karte und gab sie dem Rittmeister zurück. Aber er ging noch nicht, wie wartend blieb er stehen.

Nun? fragte der Rittmeister schläfrig. Ein bißchen heiß draußen, was?

Sind Sie nicht der Herr? fragte der Schaffner, mit den polnischen Schnittern?

Jawohl! sagte der Rittmeister und richtete sich grader auf.

Dann wollte ich Ihnen nur melden, sagte der Schaffner (eine Spur schadenfroh), daß die Leute alle gleich wieder auf dem Schlesischen Bahnhof ausgestiegen sind. Ganz klammheimlich.

Was? schrie der Rittmeister und sprang an die Abteiltür.

6

Der Zug fuhr schneller und schneller. Er tauchte in den Tunnel, der erleuchtete Bahnsteig blieb hinten.

Wolf Pagel saß auf dem Löschkasten des überfüllten Raucherwagens, brannte sich eine Lucky Strike aus dem Päckchen an, das er eben aus dem Erlös für ihr ganzes Hab und Gut erstanden. Er tat einen tiefen Zug.

Oh, schön, schön! Die letzte Zigarette hatte er in der vergangenen Nacht auf dem Heimweg vom Spiel geraucht, um so besser schmeckte diese, fast zwölf Stunden später. Lucky Strike hieß ja wohl, wenn ihn sein Schulenglisch nicht ganz im Stich ließ, soviel wie Glücksschlag, Glückstreffer – diese glückverheißende Zigarette sollte für den ganzen Tag von prophetischer Bedeutung sein!

Der Dicke da schnauft cholerisch, raschelt mit der Zeitung, schießt unruhige Blicke – das hilft dir alles nichts, wir wissen es allbereits auch schon: der Dollar kommt heute mit 760 Tausend, über fünfzig Prozent Aufschlag. Der Zigarettenonkel wußte es gottlob noch nicht, sonst hätten wir uns diese Zigarette nicht leisten können. Du hast auch falsch gelegen, Dicker, dein Schnaufen verrät dich, du bist empört! Aber das hilft dir nichts. Dies ist eine ganz großartige, völlig moderne Nachkriegserfindung: man stiehlt dir die Hälfte des Geldes, das du in der Tasche hast – und rührt die Tasche und das Geld doch nicht an – ja, Köpfchen! Köpfchen! Nun fragte sich, ob Freund Zecke richtig oder falsch gelegen hatte. Hatte er falsch gelegen, würde er etwas schwer hören (obwohl nicht einmal das sicher war); kam ihm die neue Entwertung aber zupaß, würde es ihm auf eine Handvoll Millionenscheine nicht ankommen. Seit ein paar Tagen gab es sogar Zweimillionenscheine – Pagel hatte sie im Spielklub gesehen. Sie waren mal wieder richtig auf beiden Seiten bedruckt, sahen aus wie Geld, nicht diese einseitig bedruckten, weißen Fetzen – die Leute sagten schon, das solle nun für ewig der höchste Schein bleiben. Sagten – wegen solcher Sage schnauft der Dicke, hatte an Sagen geglaubt.

Es war kaum anzunehmen, daß Zecke falsch gelegen hatte. So lange Pagel denken konnte, hatte Zecke stets richtig gelegen. Nie hatte er sich in der Beurteilung eines Lehrers geirrt. Er hatte gradezu eine Vorahnung dafür gehabt, was für Fragen gestellt werden würden, welche Themen bei der Examenarbeit ›dran‹ kamen. Im Kriege war er der erste gewesen, der ein großartiges Urlaubersystem zur Verteilung von Salvarsan auf dem Balkan, in der Türkei eingerichtet hatte. Und als dies Geschäft faul zu werden anfing, war er wiederum der erste gewesen, der, ehe er es ganz aufgab, die Salvarsanpackungen mit irgendeinem Dreckzeug füllte, einer Mischung aus Sand und Scheibenhonig vermutlich. Dann hatte er Chanteusen und Diseusen achter Güte an den Bosporus exportiert. Eine liebliche Pflanze also, alles in allem, einerseits horndumm, andrerseits von einer messerscharfen Schlauheit. Nach dem Kriege hatte er sich auf Garn gelegt – weiß der Himmel, was er jetzt handelte! Es kam ihm nicht darauf an – er würde mit Elefantenbullen schieben, wenn damit Geld zu verdienen war!

Eigentlich, dachte man über diesen Mann und sogenannten guten Freund Zecke genau nach, war nicht einzusehen, warum er einem Geld geben sollte – Pagel gab es sich plötzlich zu. Er hatte bisher auch noch nie den Versuch gemacht, ihn anzupumpen. Aber da war nun eben das andere Gefühl in der Wolfgang Pagelschen Brust, das Gefühl, daß Zecke jetzt ›reif‹ war, daß er es unbedingt tun würde. Ein Spielerkompaß gewissermaßen, ein Signal, das plötzlich gezogen wurde, der Henker wußte warum. Unbedingt würde er Geld geben. Es gab solche Augenblicke im Leben. Plötzlich tat man, was man gestern noch um keinen Preis getan hätte. Und aus dem, was man getan hatte, folgte ganz von selbst wieder etwas anderes, zum Beispiel gewann man heute abend eine Riesensumme – und nun veränderte sich plötzlich alles! Das Leben lief in einem Winkel zu der bisherigen Bahn weiter. Man konnte sich zwanzig Mietshäuser in der City kaufen (die Buden waren für einen Dreck zu haben) oder eine Riesenbar aufmachen (achtzig Mädchen hinter dem Bartisch) – noch gar keine schlechte Idee! – oder man brauchte auch einmal gar nichts zu tun, konnte sich auch einmal hinsetzen und die Daumen drehen, sich richtig ausruhen, gut essen und trinken und sich an Peter freuen. Oder besser noch, ein Auto kaufen und mit Peter durch die Welt fahren! Ihr alles zeigen, Kirchen, Bilder, eben alles, das Mädchen hatte Entwicklungsmöglichkeiten – aber selbstverständlich. Bestritt das etwa jemand –?! Er jedenfalls nicht, ein großartiges Mädchen, nie unbequem. (Oder fast nie.)

Fahnenjunker a. D. Wolfgang Pagel ist an der Podbielskiallee ausgestiegen und die paar Straßen bis zur Zeckeschen Villa hinuntergeschlendert. So richtig faul und gemächlich in der Hitze. Nun steht er vor dem Haus, das heißt vor dem Vorgarten natürlich, dem Garten, der Anlage, dem Park. Und nicht direkt davor, natürlich ist ein geschmiedetes Gitter da und irgendwelcher behauene Stein, in Säulenform aufgesetzt, sagen wir Muschelkalk. Ein ganz kleines Messingschild ist auch da, auf dem nichts weiter steht als ›von Zecke‹ und ein messingner Klingelknopf. Gut geputzt. Von dem Haus sieht man nicht viel, es steckt hinter Büschen und Bäumen, man hat nur so eine Ahnung von großen, spiegelnden Scheiben und einer nicht zu hohen, leicht gegliederten Fassade.

Pagel sieht sich die Bescherung an, er hat Zeit. Dann dreht er sich um und sieht die Villen auf der andern Straßenseite an. Pompös – hier also wohnen die Herrschaften, die um keinen Preis an einem Hinterhof beim Alexanderplatz wohnen könnten. Wolfgang Pagel hält sich für befähigt, beides zu tun, mal Dahlem, mal Alex, es kommt ihm nicht darauf an. Aber vielleicht, weil es ihm nicht darauf ankommt, wohnt er nicht in Dahlem, sondern in der Georgenkirchstraße.

Er macht wieder kehrt und betrachtet Schild, Knopf, Blumenbeete, Grün, Fassade. Rätselhaft bleibt, warum Zecke sich mit solchem Kram belastet. Denn so was ist eine Last. Ein Haus haben, eine Riesenvilla, einen halben Palast, der ewig was von einem verlangt: Steuern zahlen, reinmachen lassen; elektrische Lichtleitung versagt, Koks muß gekauft werden – jedenfalls muß Zecke sich geändert haben. Früher hätte er auch gedacht: es ist eine Last. Als er ihn zum letztenmal sah, hatte Zecke zwei höchst elegante Junggesellenzimmer am Kurfürstendamm (mit Freundin, Telefonanschluß und Bad) – das paßte zu Zecke.

Dies nicht. Aber wahrscheinlich war er verheiratet. Jeder Quatsch, den man mit einem Mann erlebte, erklärte sich dadurch, daß er verheiratet war. Daß eine Frau da war. Nun ja, man würde sie ja wahrscheinlich zu sehen kriegen, und sie würde natürlich sofort erraten, daß dieser alte Freund ihres Mannes Geld pumpen wollte. Daraufhin würde sie ihn halb gereizt, halb verächtlich behandeln. Aber das konnte sie seinetwegen gerne tun, wer abends als Pari-Panther auf Raub ausging, war gegen Weiberlaunen völlig gefeit.

Pagel ist schon im Begriff, auf den Klingelknopf zu drücken – einmal muß man es ja tun, so angenehm es auch ist, hier faul in der Sonne zu stehen und an das viele schöne Geld zu denken, das er dem Zecke gleich abnehmen wird. Aber er erinnert sich grade rechtzeitig, daß er noch fast 100 000 Mark in der Tasche trägt. Nun gibt es zwar den Satz, daß Geld zum Gelde will, aber in dieser Form ist der Satz nicht richtig. Er müßte heißen: viel Geld will zu viel Geld. Dafür aber kommt das, was Pagel in der Tasche trägt, nicht in Frage. Unter diesen Umständen ist es viel besser, er steht völlig blank vor Zecke. Unbedingt vertritt man ein Darlehensgesuch überzeugender, wenn man nicht einmal das Fahrgeld nach Haus in der Tasche hat. Für diese hunderttausend wird man etwa zwei Cognacs kriegen, und diese zwei Cognacs werden seinem Darlehensgesuch weiteres Gewicht verleihen!

Pagel hat umgedreht und schlendert wieder die Straße hinunter. Er geht rechts, dann links, wieder rechts, hin und her – aber es erweist sich als schwierig, das Geld in Alkohol umzusetzen. In dieser pikfeinen Villengegend scheint es weder Läden noch Kneipen zu geben. Natürlich, solchen Leuten wird alles ins Haus gebracht, Wein und Schnaps halten sie kellerweise.

Pagel findet nur einen Zeitungsmann, aber in Zeitungen mag er das Geld nicht anlegen. Nein, danke, mit so was hat er nichts zu tun. Wenn er schon die Schlagzeile liest ›Aufhebung der Grenzsperre zum besetzten Gebiet‹ – geht ihn nichts an, macht, was ihr wollt, Scheibe ist es doch!

Als nächstes trifft er eine Blumenfrau, sie steht an einer Autobushaltestelle und hökert mit Rosen. Der Gedanke, Herrn von Zecke, der einen ganzen Garten voller Rosen hat, mit einem Pofel von Rosenstrauß unter die Nase zu gehen, ist so schön, daß Pagel beinahe kauft. Aber dann zuckt er die Achseln und geht weiter. Er ist nicht ganz sicher, daß Zecke seinen Pumpversuch nur leicht und humoristisch nimmt.

Aber raus aus der Tasche muß das Geld – so viel ist sicher. Am liebsten würde Pagel es einem Bettler schenken, das bringt immer Glück. Aber es gibt hier in Dahlem nicht einmal Bettler. Die setzen sich lieber an den Alexanderplatz zu den armen Leuten. Die haben immer noch eher mal ein bißchen Geld über.

Eine Weile ging Wolfgang dann hinter einer älteren, dürren Dame her, die in ihrem grau aussehenden Jäckchen mit verschossenem lila Aufschlag und irgendeinem Gebammel von schwarzen Schmelzperlen ihm den Eindruck einer ›verschämten Armen‹ machte. Aber dann verzichtete er darauf, ihr das Geld in die Hand zu drücken. Denn von allerschlechtester Vorbedeutung wäre es gewesen, das Geld nicht gleich auf Anhieb loszuwerden, sondern es erst einmal wieder zurückzubekommen.

Schließlich geriet Pagel auf den Hund. Stillvergnügt saß er auf einer Bank und pfiff und schmeichelte einen stromernden, weißen, braungefleckten Fox an sich heran. Das Tier war von einer phantastischen Lebenslust erfüllt, es bellte den Schmeichler trotzig, herausfordernd an, war dann plötzlich liebevoll, legte den Kopf prüfend auf die Seite und wackelte mit dem Schwanzstummel. Beinahe hatte Wolf ihn fest, da jagte er schon wieder, fröhlich aufbellend, drüben in den Anlagen, während man ein Dienstmädchen mit geschwungener Leine, verzweifelt Schnaps! Schnaps! rufend, ihm nacheilen sah.

Vor die Wahl zwischen dem geruhig rauchenden Mann und dem aufgeregten Mädchen gestellt, entschied sich der Fox für den Mann. Er stieß mit der Schnauze auffordernd gegen Pagels Bein, und in seinen Augen stand die klare Bitte, ein neues Spiel zu beginnen. Grade hatte Wolf ihm die Scheine fest unter das Halsband geschoben, da kam schon das Mädchen, erhitzt und empört, und stieß atemlos hervor: Lassen Sie unsern Hund los!

Ach, Fräulein, sagte Wolfgang. Für Schnaps sind wir Männer nun mal alle. – Und … setzte er hinzu, denn in dem frisch gewaschenen Kleid steckte ein erfreuliches Mädchen, und für die Liebe.

Ach Sie! sagte das Mädchen, und ihr verärgertes Gesicht verwandelte sich so plötzlich, daß auch Wolfgang lächeln mußte. Sie ahnen ja nicht, sagte sie und versuchte, den tänzelnden und jaulenden Fox an die Leine zu hängen, was ich für Ärger mit dem Hund habe. Und immer sprechen einen Herren an. – Was ist denn das? fragte sie erstaunt, denn sie hatte das Papier unter dem Halsband gefühlt.

Ein Brief, sagte Pagel im Abgehen. Ein Brief für Sie. Sie müssen ja gemerkt haben, ich gehe Ihnen schon eine Woche lang jeden Morgen nach. Aber lesen Sie ihn erst nachher, wenn Sie allein sind, es steht alles drin. Auf Wiedersehen!

Und er ging eilig um die Ecke, denn ihr Gesicht glänzte ihm zu hell, als daß er die Entdeckung der Wahrheit noch hätte miterleben mögen. Wieder um eine Ecke, und jetzt konnte er wohl langsamer gehen, jetzt war er vor ihr sicher. Auch schwitzte er schon wieder; eigentlich hatte er die ganze Zeit geschwitzt, seit er auf der Podbielskiallee ausgestiegen war. So langsam er auch gegangen war. Und plötzlich überkam es ihn, daß es nicht der Sonnenbrand war, der ihm so warm machte, nicht nur der Sonnenbrand. Nein, nein, es war etwas anderes, noch etwas anderes: er war aufgeregt, er hatte Angst!

Mit einem Ruck blieb er stehen und sah um sich. Schweigend standen in der Mittagsglut die Villen zwischen den Schirmen der Kiefern. Irgendwo summte ein Staubsauger. Alles, was er bis jetzt getan hatte, um das Drücken auf den Klingelknopf zu verzögern, war ihm von der Angst eingegeben worden. Und es hatte noch viel früher angefangen: er hätte keine Lucky Strike gekauft, sondern ein Frühstück für sie beide – hätte er keine Angst gehabt. Ohne die Angst hätte er auch die Sachen dem Onkel nicht gelassen.

Ja, sagte er und ging langsam weiter, es treibt auf das Ende zu. Er sah ihrer beider Lage plötzlich, wie sie wirklich war: in Schulden, ohne jede Aussicht für den nächsten Tag, Petra fast nackt in der stinkenden Höhle, ihn hier im Viertel der Reichen mit seinem abgeschabten, feldgrauen Rock, nicht einmal das Fahrgeld in der Tasche.

›Ich muß ihn überreden, uns Geld zu geben‹, dachte er. ›Und wenn es auch nur ganz wenig ist.‹

Aber es war Idiotie, es war völliger Wahnsinn, von Zecke ein Darlehen zu erwarten! Nichts von dem, was ihm über Zecke bekannt war, berechtigte zu der Erwartung, daß er Geld verlieh – mit einem Minimum an Aussicht, es wiederzubekommen. Aber was dann, wenn er ›Nein‹ sagte –? (Und er würde natürlich ›Nein‹ sagen, Wolfgang konnte sich jede Frage ruhig sparen.)

Die lange, ziemlich breite Allee, an deren Ende Zeckes Villa liegt, tut sich vor Pagel auf. Er beginnt, sie hinunterzugehen, ziemlich langsam zuerst. Dann schneller und schneller, als treibe es ihn einen Berghang hinunter, seinem Schicksal entgegen.

›Er muß Ja sagen‹, denkt Wolfgang Pagel wieder einmal, ›und wenn er auch noch so wenig gibt. Dann mache ich Schluß mit dem Spielen. Ich kann immer noch Taxichauffeur werden – Gottschalk hat mir seinen zweiten Wagen fest zugesagt. Dann bekommt Petra es auch leichter.‹

Nun ist er der Villa schon ganz nahe. Er sieht schon wieder Muschelkalk und Eisengitter, Messingschild und Klingelknopf. Von neuem zögernd überquert er die Straße.

›Aber er sagt natürlich Nein. – Oh, verdammt, verdammt!!!‹ Denn beim Umsehen sieht er am Straßenende ein Mädchen kommen; der an der Leine zerrende, kläffende Fox verrät schon, was das für ein Mädchen ist. Und zwischen Auseinandersetzung hier und Bitte dort, gejagt und Jäger, drückt er auf den Klingelknopf, und atmet erst erleichtert auf, als der Türverschluß leise surrt. Ohne einen Blick auf die Heraneilende tritt er ein, zieht sorgfältig die Tür zu und atmet auf, als eine Biegung des Weges ihn zwischen deckende Büsche führt.

Zecke kann schließlich bloß ›Nein‹ sagen, dieser Dienstbolzen da aber unmenschlichen Krach schlagen – Wolfgang haßt Krach mit Frauen. Das wird immer gleich so uferlos.

7

Also da bist du wirklich, Pagel, sagte Herr von Zecke. Halb und halb hatte ich dich erwartet. Und als Wolfgang eine Bewegung machte: Nicht grade heute – aber du warst fällig, nicht wahr?

Und Zecke lächelt überlegen, Wolfgang Pagel aber ärgert sich. Ihm fällt ein, daß Zecke schon immer diese wichtigtuerische Geheimniskrämerei liebte, daß er schon immer dieses überlegene Lächeln gehabt hat, und daß er, Pagel, sich schon immer darüber geärgert hat. Zecke lächelte so, wenn er sich besonders schlau vorkam.

Na, ich meine ja bloß, grinste Zecke also. Schließlich sitzt du ja wirklich hier bei mir – das wirst du wohl nicht bestreiten wollen. Na, laß man. Ich weiß, was ich weiß. Trinken wir einen Schnabus, nimm ’ne Zigarette und schauen wir uns meine Bilder an, was?

Pagel hat die Bilder längst gesehen. Sie sitzen in einem großen, sehr anständig eingerichteten Gartenzimmer. Ein paar Türen zu der sonnenüberglühten Terrasse stehen offen, man sieht Sonne und Grün, aber es ist doch angenehm kühl hier drinnen. Ein schönes Licht, das durch die grünlichen Jalousien vor den Fenstern kommt, hell und dunkel zugleich und vor allem kühl.

Sie sitzen in schönen Sesseln, nicht in diesen schrecklichen, glatten, kalten Ledersesseln, die man jetzt überall sieht, sondern in tiefen, geräumigen Gehäusen, die mit irgendeinem blumigen, englischen Stoff bespannt sind – Chintz vermutlich. Bücher bis zu einem Drittel Höhe der Wand, darüber Bilder, gute moderne Bilder, Pagel hat es gleich gesehen. Aber er reagiert nicht auf Zeckes Frage, er hat schon gemerkt, daß die Atmosphäre ihm gar nicht ungünstig ist, daß dem Herrn von Zecke sein Besuch irgendwie zupaß kommt. Natürlich will Zecke was von ihm, und so kann man geruhig abwarten und ein bißchen pampig sein. (›Mein Geld kriege ich schon!‹)

Pagel zeigt auf die Bücher: Feine Bücher. Du liest viel –?

Aber so dumm ist von Zecke nun auch wieder nicht. Er lacht herzhaft. Ich und lesen –?! Immer noch der kleine Schäker? Das möchtest du wohl, daß ich ›Ja‹ sage, und du ödest mich dann an, was in dem Nietzsche da steht! Plötzlich ändert sich sein Gesicht, es wird nachdenklich. Ich glaube, das ist ’ne ganz gute Kapitalsanlage. Volleder-Einband. Man muß ja sehen, daß man sein Geld irgendwie wertbeständig anlegt. Ich verstehe nichts von Büchern – Salvarsan ist einfacher. Aber ich habe da so einen kleinen Studenten, der berät mich … Er denkt einen Augenblick nach, wahrscheinlich darüber, ob der kleine Student das Geld wert ist, was er ihm zahlt. Dann fragt er wieder: Na – und die Bilder?

Aber Pagel will einfach nicht. Er zeigt auf ein paar Plastiken, die da stehen: Apostelfiguren, eine Madonna mit dem Kind, ein Kruzifix, zwei Beweinungen. Mittelalterliche Holzplastik sammelst du auch?

Zecke macht ein kummervolles Gesicht. Nicht sammeln, nein. Geld anlegen. Aber ich weiß nicht, wie es kommt, es macht mir plötzlich auch Spaß. Guck mal hier, den Burschen hier mit dem Schlüssel, Petrus, richtig. Den hab ich aus Würzburg. Ich weiß nicht, ich verstehe nichts davon, es macht ja wirklich nicht viel her, gar nicht pompös und so – aber es gefällt mir. Und dieser Leuchterengel – der Arm ist ja sicher ergänzt, glaubst du, daß ich angeschwindelt bin –?

Wolfgang Pagel sieht von Zecke prüfend an. Zecke ist ein kleiner Mann, trotz seiner vier- oder fünfundzwanzig Jahre wird er schon rundlich und die Stirn infolge Haarschwund hoch. Auch ist er dunkel – und all dies mißfällt Wolfgang. Es mißfällt ihm auch, daß von Zecke an Holzplastiken Gefallen findet und daß ihm seine Bilder anscheinend wirklich anteilvolle Sorge bereiten. Zecke ist ein roher Schieber, weiter nichts, und so hat er zu bleiben. Interesse an Kunst bei ihm wirkt lächerlich und empörend. Am meisten aber empört es Wolf, daß er diesen verwandelten Zecke um Geld angehen soll. Der ist imstande und gibt es aus Anstand –! Nein, Zecke hat ein Schieber zu sein und zu bleiben, und wenn er Geld verleiht, hat er Wucherzinsen zu nehmen, sonst mag Wolfgang nichts mit ihm zu tun haben. Von einem Zecke will er kein Geld geschenkt!

So sagt denn Pagel, und sieht den Leuchterengel mißbilligend an: Also jetzt sind es Leuchterengel – mit Varieténutten handelst du nicht mehr –?

Pagel sieht sofort aus der Reaktion Zeckes, daß er es zu weit getrieben, daß er einen entscheidenden Fehler gemacht hat. Sie sind nicht mehr auf der Schule, wo man plumpe Vertraulichkeiten ertragen mußte, wo sie gradezu Sport waren. Zeckes Nase wird weiß, das kennt Pagel noch von früher, während das Gesicht stark gerötet bleibt.

Aber wenn von Zecke auch immer noch nicht gelernt hat, Bücher zu lesen, sich zu beherrschen hat er gelernt (und ist in diesem Punkt Pagel weit voraus). Er scheint nichts gehört zu haben. Langsam setzt er den Leuchterengel wieder hin, streichelt noch einmal nachdenklich über den wohl ergänzten Arm und sagt: Jaja, die Bilder. Ihr müßt auch noch ganz schöne zu Haus haben – von deinem Vater.

›Aha! Das möchtest du also!‹ denkt Pagel tief befriedigt. Und laut sagt er: Ja, doch einiges sehr Gutes ist noch da.

Weiß ich, sagt Zecke, gießt noch einen Schnaps ein, erst in Pagels Glas, dann in sein Glas. Er setzt sich gemütlich. Wenn du also einmal Geld brauchst – du siehst, ich kaufe Bilder …

Das war ein Hieb, erste Antwort auf die Frechheit eben, aber Pagel läßt sich nichts anmerken. Ich glaube nicht, daß wir jetzt verkaufen.

Da bist du nicht ganz unterrichtet, lächelt Zecke ihm liebenswürdig zu. Letzten Monat erst hat deine Mutter Bäume im Herbst nach England an die Galerie in Glasgow verkauft. Na, denn Prost! Er trinkt, lehnt sich dann zufrieden zurück und sagt harmlos: Naja, wovon soll denn die alte Frau schließlich leben? Was sie an Papieren hatte, ist heute doch nur Dreck.

Zecke grinst zwar nicht, aber Pagel hat doch sehr stark das Gefühl, daß die Bezeichnung ›guter Freund‹, die er heute früh noch für ihn gebraucht hat, reichlich übertrieben ist. Zwei Hiebe hat Pagel weg, und der dritte wird kaum auf sich warten lassen. Richtig, eine Giftkröte war von Zecke immer gewesen, ein schlimmer Feind. Also ist es schon besser, ihm auf halbem Wege entgegenzukommen – dann ist die Sache wenigstens erledigt und vorbei. Er sagt und versucht, es so leicht wie nur möglich zu sagen: Ich bin ein bißchen in der Klemme, Zecke. Könntest du mir mit ein wenig Geld aushelfen?

Was nennst du ein wenig Geld? fragt Zecke und betrachtet sich seinen Pagel.

Nun, wirklich nicht viel, eine Kleinigkeit für dich, sagt Pagel. Was meinst du zu hundert Millionen?

Hundert Millionen, sagt Zecke, träumerisch. So viel habe ich an den ganzen Varieténutten nicht verdient …

Dritter Schlag, und diesmal scheint es Knockout gewesen zu sein. Aber so leicht läßt sich Wolfgang Pagel nicht niederschlagen. Er fängt an zu lachen, ganz herzhaft und unbekümmert zu lachen. Dann sagt er: Recht hast du, Zecke! Großartig! Und ich bin das Kamel. Quatsche große Töne, und will mir doch Geld von dir pumpen. Werde pampig. Aber weißt du, irgendwie hat es mich gleich geärgert, wie ich hier reinkam … Ich weiß nicht, ob du das verstehst … Ich hause da in so ’ner Höhle am Alex … Zecke nickt, als wisse er es … Habe gar nichts … und dann hier so rin in die Pracht! Gar nicht wie bei Neureichs und Raffkes, wirklich schön – und ich glaube auch nicht einmal, daß der Arm ergänzt ist …

Er bricht ab und sieht prüfend auf Zecke. Mehr kann er nicht tun, mehr bringt er einfach nicht über sich. Aber als sich Zecke auch jetzt nicht rührt, sagt er: Na schön, gib mir auch kein Geld, Zecke. Verdient hab ich das, blöd, wie ich war.

Ich sage ja nicht nein, erklärt Zecke. Ich möchte bloß mal so hören. Geld ist Geld, und du willst es doch nicht geschenkt –?

Nein, sobald ich kann, kriegst du es wieder.

Und wann kannst du?

Unter Umständen, wenn es gut geht, schon morgen.

So, sagt Zecke, nicht sonderlich begeistert. So. – Na, trinken wir noch einen Schnabus. – Und wozu brauchst du das Geld –?

Ach, sagt Pagel, wird verlegen und fängt an, sich zu ärgern. Ich habe da so ein paar Schulden bei meiner Wirtin, Kleinigkeiten eigentlich – weißt du, hundert Millionen klingt gewaltig viel, aber am Ende ist es doch nicht viel mehr als hundert Dollar, nichts so Überragendes …

Also Schulden bei der Wirtin, sagt Zecke ganz ungerührt und sieht den Freund aus dunklen Augen aufmerksam an. Und was sonst noch?

Ja, sagt Pagel verdrießlich, ich habe auch noch was versetzt beim Onkel …

Im gleichen Augenblick fällt ihm ein, daß dies nun wirklich nicht wahr ist. Aber er hat im Moment nicht daran gedacht, daß verkauft nicht versetzt ist, und so läßt er es dabei. Es kommt ja wirklich nicht so genau darauf an …

So, versetzt beim Onkel, sagt von Zecke und sieht weiter dunkel und prüfend aus. Weißt du, Pagel, sagt er dann. Ich muß dich noch was fragen – entschuldige bitte. Geld ist ja schließlich Geld, und selbst sehr wenig Geld (hundert Dollar zum Beispiel) sind für manchen sehr viel Geld – zum Beispiel für dich.

Pagel hat beschlossen, diese Stiche nicht mehr zu beachten, schließlich ist ja die Hauptsache, daß er sein Geld bekommt. Er sagt mürrisch: Also frag schon.

Und was tust du? fragt Zecke. Ich meine, wovon lebst du? Hast du ’ne Stellung, die dir was einbringt? Vertreter gegen Provision? Angestellter mit Gehalt?

Im Moment habe ich nichts, sagt Pagel. Aber ich kann jeden Augenblick als Taxichauffeur eintreten.

Ja so, dann natürlich! sagt Zecke und scheint ganz befriedigt. Wenn du noch einen Schnabus magst, bitte! Ich habe für den Vormittag genug. – Also Taxichauffeur … fängt er wieder an zu bohren, dieses Aas, dieser Schieber, dieser Menschenschinder, dieser Verbrecher. (Sand statt Salvarsan!) Taxichauffeur – sicher ein schönes Brot, auskömmlicher Verdienst … (Wie er höhnt, dieser bösartige Affe!) … Aber doch sicher nicht so auskömmlich, daß du mir morgen mein Geld zurückgeben könntest. Du erinnerst dich doch, du sagtest, wenn es gut geht, schon morgen?! So gut geht Taxifahren doch nicht?

Mein lieber Zecke, sagt Wolfgang und steht auf. Du möchtest mich ein bißchen quälen, was? Aber so wichtig ist mir das Geld nun doch wieder nicht –

Er zittert beinahe vor Zorn.

Aber Pagel! – ruft Zecke und ist ganz erschrocken. Ich dich quälen –?! Wie komme ich denn dazu? Sieh mal, du hast mich doch ausdrücklich nicht um ein Geschenk gebeten – dann hättest du die paar Scheine längst. Du willst doch ein Darlehen, hast Angaben wegen der Rückzahlung gemacht – ich frage also danach, erkundige mich, wie du dir das denkst – und du schimpfst?!! Ich verstehe das nicht.

Ich kann, sagt Pagel, das vorhin nur so hingesagt haben. In Wirklichkeit könnte ich dir das Geld nur in Wochenraten zurückzahlen, etwa zwei Millionen wöchentlich …

Spielt keine Rolle, alter Junge! ruft von Zecke fröhlich. Spielt gar keine Rolle unter uns alten Freunden, nicht wahr? Die Hauptsache ist doch, daß du das Geld nicht wieder verspielst, nicht wahr, Pagel?

Die beiden sehen sich an.

Es hat keinen Zweck, Pagel, sagt Zecke dann eilig und leise, daß du schreist. Ich werde so oft angeschrien, es stört mich gar nicht. Wenn du tätlich werden willst, mußt du es sehr schnell tun – Sieh mal, jetzt habe ich schon auf den Klingelknopf gedrückt – Ach ja, Reimers, dieser Herr wünscht zu gehen. Sie zeigen ihm den Weg, ja? Auf Wiedersehen, Pagel, alter Freund, und wenn du einmal ein Bild von deinem Herrn Vater verkaufen möchtest, ich bin für dich immer zu sprechen, immer … Nanu, bist du verrückt geworden?! unterbricht Zecke sich plötzlich.

Denn Pagel hat zu lachen angefangen, leicht und völlig vergnügt lacht er.

Gott, was bist du für ein wunderbares Schwein geworden, Zecke! ruft Pagel lachend. Das muß dich doch verdammt geschmerzt haben, was ich von den Varieténutten gesagt habe, daß du daraufhin all deinen Dreck von dir gibst. – Er hat nämlich früher mit Varieténutten gehandelt, Ihr Chef, sagt er zu dem Manne hinter sich. (Eine Kreuzung von Mann und Herr.) Er will’s nicht mehr wissen, aber es tut ihm noch weh, wenn man davon spricht. Aber, Zecke, sagt Pagel plötzlich ganz fachmännisch ernst, ich neige doch dazu, daß der Arm von diesem Leuchterengel ergänzt ist, und zwar schlecht. Ich würde es so machen …

Und ehe Zecke und sein Mann ihn noch haben hindern können, ist der Engel ohne Arm. Von Zecke schreit, als fühle er den Schmerz der Amputation. Der Mann Reimers will auf Pagel eindringen, aber der ist, trotz mangelhafter Ernährung, noch ein kräftiger junger Mann. Mit einer Hand wehrt er den Mann ab, in der andern hält er den amputierten Arm mit der Lichttülle. Diese grobe Fälschung möchte ich zum Andenken an dich behalten, alter Freund Zecke, sagt Wolfgang vergnügt. Weißt du: das Licht erlosch – und so. Auf Wiedersehen und ein gedeihliches Mittagessen allerseits. Pagel geht ab, vergnügt und zufrieden, denn wenn von Zecke sich wirklich einmal freuen will, daß er ihm kein Geld gegeben hat, wird er an den Arm des Leuchterengels denken müssen, der in der Pagelschen Tasche steckt. Und der Schmerz wird überwiegen.

8

Unangefochten erreicht Pagel das Tor der Zeckeschen Villa. Als er es aufzieht, steht ein Mädchen davor, ein Mädchen mit einem drängenden Fox an der Leine, mit sehr rotem Gesicht.

Gott; stehen Sie noch immer da, Fräulein?! ruft er entsetzt. An Sie hatte ich gar nicht mehr gedacht.

Hören Sie! sagt sie, und ihr Zorn hat durch das Warten in der Sonne nichts von seiner Hitze verloren. Hören Sie! sagt sie und hält ihm die Scheine hin. Wenn Sie denken, daß ich so eine bin, danke, pfui Deibel! Nehmen Sie Ihr Geld!

Und noch dazu so wenig! sagt Pagel, völlig unbekümmert. Nicht einmal ein Paar Seidenstrümpfe können Sie sich dafür kaufen … Nein, sagt er rasch. Ich will Sie nicht mehr auf den Arm nehmen, hören Sie mal zu, ich möchte Sie sogar um Rat fragen …

Sie steht da und starrt ihn an, die Scheine in der einen, die Leine mit dem zerrenden Fox in der andern Hand, völlig verblüfft über seinen veränderten Ton. Hören Sie –! sagt sie noch einmal, aber die Drohung ist nur schwach.

Gehen wir hier lang? schlägt Pagel vor. Also los! Seien Sie nicht albern, kommen Sie ein Stück mit, Lina, Trina, Stina. Ich kann Ihnen hier auf offener Straße doch nichts tun, und verrückt bin ich auch nicht …

Ich habe keine Zeit, sagt sie. Ich müßte längst zu Hause sein. Die gnädige Frau …

Erzählen Sie der Gnädigen, Schnaps ist ausgerissen, und hören Sie jetzt zu. Ich war da eben drin bei dem feinen Kerl in der Villa, Schulkamerad von mir, wollte mir Geld pumpen …

Und da stecken Sie Ihr Geld meinem Hund …

Seien Sie keine Gans, Miezi!

Liesbeth!

Hören Sie zu, Liesbeth! Natürlich habe ich nichts gekriegt – weil Sie mit meinem Geld vor der Tür standen! Man kriegt nämlich kein Geld, so lange man noch was hat, und darum hatte ich es Ihrem Hund in das Halsband gesteckt. Kapiert –?

Aber bei ihr geht es erheblich langsamer. Da sind Sie mir also gar nicht schon eine Woche lang nachgelaufen und einen Brief haben Sie auch nicht reingesteckt? Ich dachte, der Hund hätte ihn verloren …

Nee, nee, Liesbeth, grinst Pagel zwar frech, aber jämmerlich ist ihm doch zumute. Kein Brief – und mit dem Geld wollte ich Ihnen auch nicht Ihre Reinheit abkaufen. Aber die Frage, die Sie mir nun beantworten sollen, ist die: was soll ich jetzt tun? Keinen Pfennig mehr. Eine Bude am Alex, für die die Miete nicht bezahlt ist. Meine Kleine sitzt als Pfand drin, nur mit meinem Sommerpaletot bekleidet. Alle Sachen habe ich verkauft, um hierher zu kommen.

Ernst? fragt das Mädchen Liesbeth. Kein Quatsch mehr?

Kein Quatsch mehr! Völliger Ernst!

Sie sieht ihn an. Sie wirkt unglaublich frisch gewaschen und sauber – trotz der Hitze –, es riecht gewissermaßen nach Sunlichtseife um sie. Vielleicht ist sie nicht mehr ganz so jung, wie er zuerst dachte, außerdem hat sie ein recht energisches Kinn.

Sie weiß jetzt, daß es wirklich ernst ist. Sie sieht ihn an, dann auf das Geld in der Hand.

›Gibt sie es mir jetzt wieder?‹ überlegt er. ›Dann muß ich zu Peter und muß etwas tun. Aber was ich tun soll, weiß ich wirklich nicht. Ich habe zu nichts mehr Lust. Nein, sie soll mir sagen, was ich tun soll …‹

Sie hat das Geld glattgestrichen und in die Tasche gesteckt.

So, sagt sie, nun kommen Sie erst mal mit mir. Nach Haus muß ich jetzt – und Sie sehen mir auch so aus, als könnten Sie ein Mittagessen in unserer Küche gebrauchen. Ganz grün und gelb sehen Sie aus. Die Köchin sagt nichts und die gnädige Frau ist auch einverstanden. Aber zu denken, daß Ihre Freundin in Ihrem Sommerüberzieher auf Ihrer Bude sitzt, und ’ne knuffige Wirtin womöglich dazu, und vielleicht nichts im Magen – und so was steckt Hunden Geld in das Halsband und möchte gleich wieder von frischem anbändeln – Scheißkerle seid ihr Männer doch!

Sie hat immer rascher geredet, den Hund gezerrt, ist eiliger gegangen, aber keinen Augenblick war sie unsicher, ob er auch mit ihr ging.

Und er ging wirklich mit, Wolfgang Pagel, Sohn eines nicht unbekannten Malers, Fahnenjunker a. D. und Spieler am Ende.

9

Mit dem zweiten Bestellgang um elf hatte der Postbote schon den Brief gebracht. Aber um diese Zeit war Frau Pagel noch unterwegs, machte Besorgungen. So hatte Minna ihn auf den Konsoltisch unter dem Spiegel im Vorplatz gelegt. Da lag er nun, ein grauer Umschlag, irgendein gehämmertes, ziemlich pompöses Büttenpapier, die Adresse mit einer recht ausgeschriebenen Hand steil und sehr groß aufgemalt, und jeder freie Raum vorne wie hinten war vollgeklebt mit den Tausenderwerten der Briefmarken, obwohl es nur ein Stadtbrief war.

Als Frau Pagel etwas verspätet und recht erhitzt aus der Stadt zurückkam, warf sie nur einen flüchtigen Blick auf den Brief. ›Ach, von Kusine Betty!‹ dachte sie. ›Jetzt muß ich mich erst um mein Essen kümmern. Was die alte Klatsche will, höre ich noch früh genug.‹

Erst als sie bei Tisch saß, fiel ihr der Brief wieder ein. Sie schickte Minna danach, Minna, die wie stets hinter ihr in der Tür stand, während wie stets das Gedeck für Wolfgang am andern Tischende unbenutzt dalag. Von Frau von Anklam, sagte sie über die Schulter zu Minna, indem sie den Brief aufriß.

Gott, das wäre auch nicht so eilig gewesen, gnädige Frau, daß Ihr Essen deswegen kalt werden muß.

Aber aus der Stille, der starren Haltung der gnädigen Frau, aus der Reglosigkeit, mit der sie auf den Brief starrte, erriet sie, daß es doch wichtig gewesen war.

Minna wartete lange, still, ohne Bewegung. Dann räusperte sie sich, schließlich sagte sie mahnend: Das Essen wird kalt, gnädige Frau!

Wie –?! schrie Frau Pagel fast, fuhr herum und starrte Minna an, als sei die ihr völlig unbekannt. Ach so … besann sie sich. Es ist nur … Minna, Frau von Anklam schreibt es mir … Es ist nur – unser junger Herr heiratet heute!

Und da war es vorbei. Der Kopf mit den weißen Haaren lag auf der Tischkante; der grade Rücken, den der Wille immer wieder gestrafft hatte, war krumm – die alte Frau weinte.

Gott! sagte Minna. Gott!

Sie trat näher. Zwar fand sie in dieser Heirat gar nicht so viel Schlimmes, aber sie verstand doch Kränkung, Schmerz, Verlassenheit der Herrin. Vorsichtig legte sie ihr die verarbeitete Hand auf den Rücken und sagte: Es braucht ja noch nicht wahr zu sein, gnädige Frau. Es ist noch lange nicht alles wahr gewesen, was Frau von Anklam erzählt hat.

Diesmal ist es wahr, flüsterte Frau Pagel. Irgend jemand hat das Aufgebot gelesen, als es aushing, und hat ihr davon erzählt. Heute um halb eins.

Sie hob den Kopf, sah suchend die Wände entlang. Dann besann sie sich, und der Blick fand die Uhr, die sie suchte, an ihrem Arm. Schon halb zwei! rief sie. Und der Brief hat so lange draußen gelegen, ich hätte es rechtzeitig wissen können …

Wahres Leid findet in allem Nahrung, selbst im Widersinnigen. Daß sie es nicht rechtzeitig gewußt hatte, daß sie nicht um halb eins hatte denken können: ›Jetzt werden sie getraut‹ – das verstärkte Frau Pagels Kummer noch. Mit rinnenden Tränen, bebender Lippe saß sie da, sah ihre Minna an und sprach: Jetzt brauchen wir kein Gedeck mehr aufzulegen, jetzt ist Wolf ganz fort, Minna. Ach, dieses schreckliche Frauenzimmer – und nun heißt sie Frau Pagel, ganz wie ich!

Sie bedachte den Weg, den sie gegangen war unter diesem Namen; den stürmenden, eiligen Blütenweg zuerst. Dann die langen, die endlos langen Jahre an der Seite des gelähmten Mannes, der, immer fremder werdend, ruhig und freundlich Bilderchen pinselte, indes sie für ihn nach einer Gesundheit jagte, nach der er doch nichts mehr zu fragen schien. Schließlich erinnerte sie sich an das Erwachen, an den wieder Auferstandenen mit den weißen Schläfen, der, in die albernsten Geckereien verstrickt, ihr schändlich gestorben ins Haus getragen wurde …

Jeder Schritt dieses weiten Weges war so mühsam gegangen worden von ihr, kein Jahr ohne Sorge; Leid war ihr Bettgenoß gewesen, und ihr Schatten hieß Kummer. Aber darüber war sie eine Pagel geworden, aus den holden Täuschungen jungen Fleisches war die feste Frau erstanden, die nun und für ewig Frau Pagel hieß. Noch im Himmel würde sie eine Pagel sein; es war völlig unmöglich, daß Gott sie je etwas anderes sein ließ als eine Pagel. Aber all dies schwer Erkämpfte, diese Verwandlung, die ein schmerzliches Wachsen gewesen war in ihre Bestimmung hinein, das fiel diesem jungen Ding in den Schoß, als sei es nichts. Liederlich, wie sie zusammengekommen waren, banden sie sich aneinander. ›Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch; da will ich auch begraben sein. Der Herr tue mir dies und das; der Tod muß mich und dich scheiden!‹ – Ja, so hieß es, aber davon wußten sie nichts. Frau Pagel, das war kein Name, das war ein Schicksal! Sie aber machten einen Aushang, ließen halb eins hineinschreiben – und damit war es gut!

Minna sagte es auch grade, ihr zum Trost, aber es war richtig: Es wird bloß Standesamt sein, gnädige Frau, keine Kirche.

Die Gnädige richtete sich ein wenig auf, sie fragte eifriger: Nicht wahr, Minna, Sie denken das auch? Wolfgang hat es sich nicht recht überlegt, er macht es nur, weil ihn dies Mädchen zwingt. Standesamt sieht er auch nicht für voll an. Den Kummer macht er mir nicht.

Es ist wohl, erklärte die unbestechliche Minna, weil Standesamt sein muß, Kirche nicht. Er wird mit Geld knapp sein, der junge Herr.

Ja, sagte Frau Pagel und hörte nur, was ihr recht war. Und was so zusammengelaufen ist, läuft auch ebenso leicht wieder auseinander.

Der junge Herr, meinte Minna, hat es immer zu leicht gehabt. Er hat keine Ahnung, wie ein armer Mensch Geld verdient. Erst haben Sie ihm alles leicht gemacht, gnädige Frau – und jetzt tut es das Mädchen. Manche Männer sind so – das ganze Leben brauchen sie ein Kindermädchen –, und es ist komisch, sie finden auch immer eins.

Geld, wiederholte die alte Frau. Sie werden kaum Geld haben. Ein junges Ding ist eitel, zieht sich gerne hübsch an – wenn wir ihr Geld gäben, Minna?

Sie würde es doch nur ihm geben, gnädige Frau. Und er würde es verspielen.

Minna! rief Frau Pagel entsetzt. Was Sie bloß denken! Er wird doch nicht mehr spielen, jetzt, wo er verheiratet ist! Es können doch Kinder kommen –

Die konnten vorher auch kommen, gnädige Frau, das hat doch mit dem Spielen nichts zu tun.

Die gnädige Frau wollte es nicht hören, sie starrte über den Tisch nach dem leeren Platz hinüber. Decken Sie bloß ab, Minna! rief sie. Ich kann das Zeugs nicht mehr sehen. Ich esse hier Täubchen – und er hat geheiratet! Das Schluchzen kam wieder. Ach, Minna, was tun wir bloß?! Ich kann doch hier nicht weitersitzen, in meinen Zimmern, als sei nichts geschehen! Wir müssen doch irgend etwas tun!

Wenn wir einmal hingingen? fragte Minna vorsichtig.

Hingehen? Wir? Und er kommt nicht zu uns?! Und er schreibt mir nicht einmal, daß er heiratet?! Nein, das ist ganz unmöglich!

Man muß ja nicht tun, als wenn man etwas wüßte!

Ich den Wolf belügen –?! Nein, Minna, damit fange ich nun nicht mehr an! Es ist schon schlimm genug, daß ich merke, ihm kommt es nicht darauf an, mich zu belügen – nein!

Und wenn ich nun allein hinginge? fragt Minna wieder behutsam. Mich sind sie gewöhnt, und mit ein bißchen Schwindeln nehme ich es auch nicht so genau!

Schlimm genug, Minna, sagt Frau Pagel scharf. Sehr häßlich von Ihnen! – Nun, ich lege mich jetzt ein wenig hin, ich habe gräßliche Kopfschmerzen. Bringen Sie mir doch ein Glas Wasser für die Tabletten.

Und sie ging in das Zimmer ihres Mannes. Eine Weile stand sie still vor dem Bilde der jungen Frau, sie dachte vielleicht: ›So wie ich den Edmund kann sie ihn nie lieben. Sie können auch wieder auseinandergehen, sehr, sehr rasch.‹

Sie hört Minna drüben beim Abräumen hin und her gehen, sie überlegt ärgerlich: ›Sie ist ein alter Querkopf. Sie sollte mir doch ein Glas Wasser bringen, nein, sie muß erst abräumen. Ich denke gar nicht daran, ihr den Willen zu tun! Übermorgen hat sie ihren freien Nachmittag, da kann sie machen, was sie will. Geht sie heute, merkt das junge Ding gleich, sie kommt nur darum. Man weiß doch, wie berechnend diese jungen Mädchen sind! Wolf ist ein Schaf, das werde ich ihm auch sagen. Er denkt, sie nimmt ihn seinetwegen. Aber sie hat die Wohnung und die Bilder gesehen, über die Preise weiß sie natürlich längst Bescheid. Auch daß dies Bild eigentlich ihm gehört. Komisch, daß er es noch nie von mir verlangt hat, aber so ist Wolf eben, nie berechnend …‹

Sie hört die Wasserleitung in der Küche laufen. Minna will ihr wohl recht kaltes Wasser bringen. Rasch geht sie zum Sofa und legt sich hin. Sie zieht eine Decke über sich.

Das Wasser hätten Sie mir auch schon vor fünf Minuten bringen können, Minna! Sie wissen doch, ich liege hier mit meinen gräßlichen Kopfschmerzen …

Sie sieht Minna böse an. Aber Minna hat ihr altes, faltiges Holzgesicht, ihr ist nichts anzusehen, wenn sie nicht will.

Also dann gut, Minna! Und seien Sie recht leise in der Küche – ich will ein bißchen schlafen. Wenn Sie alles abgewaschen haben, können Sie gehen. Nehmen Sie heute Ihren freien Nachmittag. Das Fensterputzen lassen Sie für morgen, Sie können sich doch nicht zusammennehmen und leise sein! Sie rumpeln dann immer so mit den Eimern, dann wird doch nichts aus meinem Schlaf. Also adieu, Minna.

Adieu, gnädige Frau, sagt Minna und geht. Sie macht die Tür sehr sachte, gar nicht rumpelig zu.

›Dämliches Frauenzimmer!‹ denkt Frau Pagel. ›Wie sie mich bloß wieder angestarrt hat – wie ’ne alte Eule! Ich will aufpassen, wenn sie geht. Dann laufe ich rasch zu Betty. Vielleicht war sie auf dem Standesamt oder hat jemanden geschickt – keiner ist neugieriger als Betty. Und ich bin noch vor Minna wieder zurück – alles braucht sie nun auch nicht zu wissen!‹

Frau Pagel sieht noch einmal das Bild an der Wand an. Die Frau im Fenster sieht von ihr fort. Von hier aus gesehen, schieben sich die dunklen Schatten hinter dem Frauenkopf auseinander, lichten sich auf – es sieht beinahe so aus, als nähere ein Männerkopf seinen Mund dem Frauennacken. Frau Pagel hat es schon oft gesehen, diesmal ärgert es sie.

›Diese verdammte Sinnlichkeit!‹ denkt sie. ›alles verdirbt sie den jungen Leuten. Ewig fallen sie darauf rein.‹

Dann überlegt sie, daß nun, wo die beiden geheiratet haben, das Bild der jungen Frau eigentlich zur Hälfte mit gehört. So ist das doch?

›Aber sie soll mir nur kommen! Sie soll nur kommen! Einen Backs hat sie schon weg – aber ich habe noch mehr …‹

Fast lächelnd dreht sie sich um und ist in einer Minute eingeschlafen.

Viertes Kapitel
Nachmittagsschwüle über Stadt und Land
1

Hören Sie zu, sagte Direktor Dr. Klotzsche zu dem Reporter Kastner, der ausgerechnet heute auf seiner Fahrt durch Preußens feste Häuser in das Zuchthaus Meienburg gekommen war. Hören Sie zu! Man muß nichts darauf geben, was die im Städtchen unten über uns klatschen. Wenn zehn Gefangene ein wenig laut sind, schallt es in diesem Haus aus Zement und Eisen, als brüllten tausend.

Immerhin haben Sie nach Reichswehr telefoniert, stellte Reporter Kastner fest.

Es ist unerhört … wollte Direktor Klotzsche losbrechen und sich über Pressespionage, die sich bis auf seine Ferngespräche erstreckte, ereifern. Aber zur rechten Zeit fiel ihm noch ein, daß dieser Herr Kastner eine Empfehlung des Herrn Justizministers in der Tasche trug. Zudem hieß der Herr Reichskanzler wohl Cuno, aber er sollte ja schon wieder wackeln, und mit der SPD, deren Presse Herr Kastner vertrat, durfte man es also nicht verderben. Es ist unerhört, fuhr er darum wesentlich gemäßigter fort, wie in diesem Klatschnest aus der einfachen Erfüllung einer dienstlichen Vorschrift eine große Sache gemacht wird. Droht Unruhe im Zuchthaus, habe ich vorsorglich Polizei und Reichswehr zu benachrichtigen. Nach fünf Minuten konnte ich den Alarm schon wieder rückgängig machen. Sie sehen, Herr Doktor –!

Aber auch der Doktor zog bei diesem Manne nicht. Er fragte: Immerhin drohte auch Ihrer Ansicht nach Unruhe. Warum –?

Der Direktor ärgerte sich schändlich – aber was half es? – Es war wegen des Brotes, sagte er langsam. Es war einem nicht gut genug, er schrie. Und als sie das Schreien hörten, schrien gleich zwanzig mit …

Zwanzig, nicht zehn, sagte der Reporter.

Meinethalben hundert, rief der Direktor, dem die Galle überlief. Meinethalben, mein Herr, tausend, alle –! Ich kann es nicht ändern, das Brot ist nicht gut – aber was soll ich machen? Unsere Verpflegungssätze hinken um vier Wochen hinter der Geldentwertung drein. Ich kann kein vollwertiges Mehl kaufen – was soll ich tun?!

Anständiges Brot liefern. Schlagen Sie doch Krach im Ministerium. Machen Sie Schulden für die Justizverwaltung, alles gleich – die Leute sind nach Vorschrift ausreichend zu beköstigen.

Jawohl, sagte der Direktor bitter: Ich riskiere Kopp und Kragen, damit meine Herren nur gut zu essen haben. Und draußen hungert das unbestrafte Volk, was?!

Aber Herr Kastner war für Ironie und Bitterkeit nicht zugänglich. Er hatte einen Mann in Zuchthauskleidung gesehen, der den Gang bohnerte; er rief, plötzlich recht freundlich: Sie, hören Sie mal, Sie da! Ihr Name bitte?

Liebschner.

Hören Sie mal, Herr Liebschner, sagen Sie mir mal ganz ehrlich: wie ist das Essen? Besonders das Brot?

Der Gefangene sah mit raschen Augen von dem Direktor zu dem dunklen Herrn in Zivil, noch unsicher, was man hören wollte. Man konnte nicht wissen, der Fremde konnte von der Staatsanwaltschaft sein, und wenn man die Klappe aufriß, saß man drin. Er entschied sich für Vorsicht: Das Essen? Mir schmeckt es. Ach, Herr Liebschner, sagte der Reporter, der nicht zum erstenmal mit einem Gefangenen sprach, ich bin Presse, vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren. Sie werden keine Nachteile haben, wenn Sie offen sprechen. Wir werden ein Auge auf Sie haben. Also was war das heute früh mit dem Brot?

Ich bitte doch sehr! rief der Direktor, bleich vor Wut. Das grenzt an Aufwiegelei …

Machen Sie sich doch nicht lächerlich! bellte Herr Kastner. Wenn ich den Mann auffordere, die Wahrheit zu sagen, heißt das Aufwiegeln? Reden Sie ruhig frei von der Leber weg – ich bin Kastner vom Sozialdemokratischen Pressekonzern. Sie können mir immer schreiben …

Doch der Gefangene hatte sich schon entschieden. Manche müssen immer meckern, sagte er und sah dem Reporter treu ins Auge. Das Brot ist, wie es ist, und ich mag’s essen. Die hier drinnen am lautesten schreien, schieben draußen meistens Kohldampf und haben keine heile Hose auf dem Hintern.

So, sagte der Reporter Kastner mit gerunzelter Braue, sichtlich unzufrieden, indes der Direktor leichter atmete. So! – Wegen was sind Sie denn bestraft?

Hochstapelei, antwortete Herr Liebschner. Und dann sollen ja jetzt Erntekommandos rausgehen, Tabak und Fleisch, soviel man will …

Danke! sagte der Reporter kurz, und zum Direktor gewandt: Gehen wir weiter? Ich hätte gerne noch eine Zelle gesehen. Man weiß auch, was man vom Geschwätz der Kalfaktoren zu halten hat, die haben alle Angst um ihren Posten. Und dann Hochstapelei – Hochstapler und Zuhälter, das ist das unglaubwürdigste Gesindel von der Welt!

Zuerst schien Ihnen an der Aussage dieses Hochstaplers aber viel zu liegen, Herr Kastner. – Der Direktor lächelte hinter seinem blonden Bart.

Der Reporter sah und hörte nicht. Und dann Erntekommandos! Den Großagrariern ihre Dreckarbeit machen, für die sich sogar die Pollacken zu schade sind! Und für Schandlöhne! Ist das eine Erfindung von Ihnen?

Nicht doch, sagte der Direktor freundlich. Nicht doch. Eine Verfügung Ihres Parteigenossen im Preußischen Justizministerium, Herr Kastner …

2

Frau Thumann, sagte Petra in der Küche ihrer Wirtin, hatte den schäbigen Sommerpaletot fest von oben bis unten zugeknöpft und kümmerte sich gar nicht um ihr Zimmer-Visavis, die rassige, aber versoffene Ida vom Alex, die am Küchentisch saß und schöne, glasierte Schnecken in Milchkaffee tauchte – Frau Thumann, haben Sie nicht ein bißchen was zu tun für mich?

Jotte doch, Mächen! ächzte die Pottmadamm am Spülstein. Was meenst du nu wieder mit wat zu tun? Willste uff de Uhr kieken, ob er kommt, oder haste Kohldampf?

Allet beedet, sagte die Ida mit ihrer tiefen, vom Schnaps kratzigen Stimme und zog schlürfend über ein Stück Zucker im Munde ihren Kaffee.

De jrünen Heringe ha’ck schon ausjenommen und jeschuppt, und den Kartoffelsalat machste doch nich, wie Willem ihn will – und sonst?

Sie sah sich um, aber es fiel ihr nichts ein.

Da ha’ck nu jespannt und jejachtert, dat ick noch rechtzeitig zu de pikfeine Trauung unter de Kirchentür stehe, und nu is es ein Uhr vierzig, und wat de Braut is, die läuft noch in ’nem Herrenpaletot mit nackje Beene. Imma wird man belämmert!

Petra setzte sich auf einen Stuhl. Ihr war wirklich ein wenig sehr schwach im Magen, ein ziehendes Gefühl mit einer leisen Andeutung von kommendem Schmerz, Schwäche in den Knien und immer wieder ein Schweißausbruch, der nicht allein von der stickenden Schwüle kommen konnte. Aber ihre Stimmung war trotzdem recht gut. Eine große, glücklichmachende Gewißheit war in ihr. Sie konnte die beiden ruhig reden lassen, es gab den Stolz nicht mehr und nicht mehr die Scham von früher. Sie wußte, wohin der Weg ging. Daß er ans Ziel führte, darauf kam es an, nicht darauf, daß er beschwerlich war.

Setzen Se sich bloß langsam uff den Stuhl nieda, meine Dame! höhnte die rassige Ida wieder: Sonst hält er nich, bis der Bräutjamm kommt, Sie holen zur Trauung.

Mach es nicht zu schlimm mit ihr in meine Küche, Ida, mahnte die Pottmadamm am Spültisch. Bislang hat er ja noch imma allens bezahlt, und mit zahlende Jäste soll man lieblich sind.

Eenmal is es aba alle, Thumann, sagte die Ida weise. Ich hab en Blick for die Männers, ick weeß, wenn die Marie dünne wird, und er möchte rücken – ihrer is heute jerückt.

Saren Se det bloß nich, Ida! klagte Frau Thumann weinerlich. Wat soll mir denn det Mächen mit nischt als ’en Paletot und nackje Beene?! – O Jott? schrie sie laut und warf mit einem Topf, daß es schepperte, mir jeht doch allens schief, ick kann ihr womöchlich noch ein Kleid koofen, bloß, det ick ihr loswerde!

Ein Kleed koofen! sagte die Ida verächtlich. Zu dumm kleid’t ooch nich hübsch, Thumann! Da saren Se dem nächsten Sipo soundso – et wohnt ja jleich eener ind Vorderhaus – und vastehnse und Betrug und ab mit ihr zur Wache und uff den Alex. Die ziehen Ihnen da schon wat an, Fräulein, wat Sie denken, blauer Husar und Kopftuch, vastehn Se?!

Mir müssen Sie nicht Angst machen, sagte Petra friedlich und ein wenig schwach. Sie hat wohl auch schon einmal einer sitzen lassen. Sie hatte es nicht sagen wollen, aber wes das Herz voll ist, des geht der Mund über – und so hatte sie es gesagt!

Der Ida blieb die Luft fort, als habe sie einer derb vor die Brust gestoßen.

Den haste wech, Mächen! kicherte die Thumann.

Eener, Fräulein?! sagte da die Ida mit erhobener Stimme. Eener – saren Se?! Hundert sollten Se saren! Da reichen keene hundert Male, det ick mir Eisbeene und dicke Knie stehe, und der Seejer uff de Normaluhr jeht und jeht, bis ich dußlijet Aas endlich merke: mir hat wieda eena vasetzt! Aber, ging sie aus den wehmütigen Erinnerungen zum Angriff über, desderwejen brauch mir so eene, die nich mal am Hochzeitstag was uff ’en Leib zu ziehen hat, det noch lange nich vorzuhalten! Eene, die mir nur mit Jieroojen die Schnecken ins Maul kiekt und de Kaffeeschlucker zählt. So eene wie …

Feste, feste! freute sich die Thumann.

Und überhaupt! Is det denn ’ne Sache für ’n anständijet Mächen, det sie in so ’ne bedrängte Laje hochnäsig in ’ne fremde Küche kommt und fracht wie Jräfin Hochkotz: Hamm Se wat for mir zu tun?! Wer nicht hat, muß betteln jehn, det hat mein Vata mir schon mit ’em Scheit auf ’en Buckel jeschrieben, und hätten Se jesacht: Ida, ick schiebe Kohldampf, jib mir ’ne Schnecke, du hätt’st längst eene jehabt! Und überhaupt, Frau Thumann! Ick zahle Sie einen Doller täglich für Ihren Wanzenstall und nich mal Nachtlicht uff de Treppe, wo die Herren imma üba meckern – da hamm Se jarnischt zu lachen und zu schreien: den haste wech, Mächen! Da hamm Se mir jefälligst in Schutz zu nehmen, und wenn so eene keß wird, die janz for umsonst mit ihrem Louis schläft, zum Vajniejen, und de Thumann kann ja sehn, wo se de Pinke herkriegt, wir arbeeten nich, wir jehn doch nich uff den Strich und schaffen nich an – dafor sind wir doch zu fein – nee, Thumann, ich muß mir doch sehr über Sie wundern, und wenn Se det freche Aas, det mir vorwirft, det ick nich imma Jlück mit die Herren habe, wenn Se die nich uff de Stelle rausschmeißen – denn zieh ick!

Die rassige Ida stand zornrot da, eine Schnecke hatte sie noch in der Hand, hochrot war sie und immer röter wurde sie noch, je mehr ihr klarwurde, wie schwer sie beleidigt worden war. Die Thumannsche und Petra sahen ganz fassungslos auf diesen Sturm, der entstanden war; kein Mensch wußte woher und warum. (Und die rassige Ida, hätte sie nur nachdenken können, war sicher über den Schluß ihrer Rede genauso überrascht wie die beiden andern.)

Petra wäre ja am liebsten aufgestanden und in ihr Zimmer geschlüpft, hätte abgeschlossen und sich aufs Bett geworfen – oh, das gute Bett! Aber es wurde ihr immer schwächer und schwächer, es brauste manchmal in ihren Ohren und vor ihren Augen drehte es sich, dann sprach die zornige Stimme ganz ferne. Aber plötzlich kam sie wieder nahe, sie schrie direkt in ihre Ohren, und vor ihren Augen drehte es sich von neuem. Dann lief Feuer über ihren Nacken, den Rücken hinab, schwächender Schweiß brach aus … Wenn sie es genauer rechnete, hatte sie ja lange Tage nichts Rechtes mehr gegessen; immer nur, wenn Wolf grade Geld hatte, eine Bockwurst mit Salat, oder Schrippen und Leberwurst auf der Bettkante. Und seit gestern früh überhaupt nichts mehr, wo es so darauf ankam, daß sie sich gut nährte –! Sie mußte versuchen, schnell in ihr Zimmer zu kommen, und dann abschließen, vor allem fest zuschließen; selbst wenn sie mit Polizei anklopften, nicht öffnen; erst wieder aufmachen, wenn Wolfgang kam …

Jotte doch! hörte sie ganz in der Ferne die Thumann jammern, wat machste mir doch for Stunk mit deine freche Schnauze, Mächen! Solche, die nischt haben, müssen andern ooch nicht det Brot vom Tische quasseln, und de Ida is eene prima Dame, die jeden Tach mit ihrem Doller kommt – so eener haste gar nischt vorzuwerfen, vastanden?! Und nu mach, daß de aus meine Küche kommst, und een bißken dalli, sonst wackelt was …

Nee! schrie die Ida unerträglich scharf. Det jilt nich, Thumann! Entweder jeht die oder entweder ick! Beleidijen lasse ick mir nich von so einer – raus mit ihr aus de Wohnung oder ick ziehe noch diese Minute.

Aber, Mächen, Ida, Herzenskindting! jammerte die Thumann. Du siehst doch, wie se is: Spucke an ’ne Kalkwand, und nischt uff ’en Leib und nischt im Leib – so kann ick se doch nich türmen lassen …

Können Se nich, Thumann? Nee, det können Se nich? So – det wollen wir sehen – da können Se mir jleich in Ihre Entreetüre sehen, Frau Thumann –!

Mächen, Ida, bat die Thumann, warte doch bloß, bis ihr Kerl wiedakommt, tu mir die Liebe! – Dann sollen se ooch jleich beide dieselbe Minute noch jehn müssen! – Mache doch, dat de ihr aus de Oojen kommst, du dußlije Jans, du! flüsterte sie aufgeregt zu Petra. Wenn se dir bloß nich mehr sieht, wird se schon ruhich!

Ich gehe ja schon, flüsterte Petra und stand auf. Plötzlich konnte sie stehen und sie sah auch gut das schwarze Loch der offenstehenden Küchentür in den dunklen Flur hinein, aber die Gesichter der Frauen sah sie nicht. Sie ging langsam, die sagten noch etwas, immer schneller, immer lauter, aber sie hörte es nicht genau, konnte es darum auch nicht verstehen …

Dafür konnte sie aber gehen, und sie ging langsam aus der hellen, heißen Schwüle auf das schwarze Loch zu. Dahinter kam der fast dunkle Flur mit ›ihrer‹ Tür; sie brauchte nur einzutreten, zuzuschließen – und dann das Bett …

Aber sie ging vorüber, es war wie in einem Traum, ihre Glieder gingen anders, als der Kopf es ausdachte. Sie warf im Vorübergehen noch einen Blick in das Zimmer –›das Bett hätte ich doch noch machen müssen‹, dachte sie, und schon war sie vorüber. Schon war die Eingangstür da, und sie machte sie auf, tat einen Schritt über die Schwelle und zog sie hinter sich wieder zu.

Das Helle rechts und links waren Gesichter von Nachbarinnen.

Wat is denn det for Krach bei Ihnen? fragte die eine.

Die haben Sie woll rausjeschmissen, Fräulein?

Jotte doch! Wie ’ne aufjewärmte Leiche!

Aber Petra bewegte nur leise verneinend den Kopf. Sie durfte nicht sprechen, sonst wachte sie auf und saß wieder in der Küche, und die stritten und schrien sie an … Leise, nur leise, sonst schwindet der Traum … Sie faßte vorsichtig das Geländer, sie trat eine Stufe tiefer – und sie kam wirklich tiefer. Es war eine richtige Traumtreppe, man kam auf ihr tiefer, nicht höher.

Dann stieg sie weiter hinab.

Sie mußte sich eilen. Oben hatten sie die Tür wieder aufgemacht, sie riefen irgend etwas hinter ihr her: Mächen, mach doch keene Zicken! Wo willste denn hin, so nackig? Komm wieda ruff, die Ida vazeiht dir ooch …

Petra machte eine verneinende Bewegung mit der Hand und stieg tiefer. Sie stieg und stieg – auf den Grund eines Brunnens. Aber unten war ein helles Tor – wie im Märchen. Es gab so ein Märchen, Wolfgang hatte es ihr erzählt. Und nun ging sie durch das helle Tor in die Sonne hinaus, durch Gänge, über sonnige Höfe … und nun war da die Straße, eine fast leere, sehr sonnige Straße –

Petra sah sie hinauf und hinunter – wo war Wolf?

3

Feldinspektor Meier – Negermeier – ist nun doch gleich nach dem Arbeitsanfang um eins draußen auf dem Zuckerrübenschlag gewesen. Es war genau, wie er es sich gedacht hatte: der Vogt Kowalewski hatte in seiner Schlappheit die Weiber nur so obenhin kratzen lassen, die Hälfte des Unkrauts saß noch fest in der Erde.

Sofort hatte sich der kleine Meier aufgepustet, war rot angelaufen und hatte zu schimpfen angefangen: verfluchte Schweinerei, rumstehen und mit den Weibern poussieren, statt die Augen aufzumachen, elender Schlappschwanz – und so weiter, die ganze schon bekannte und bei jeder Unregelmäßigkeit wiederholte Tonleiter rauf und runter.

Leutevogt Kowalewski hatte den wütenden Sturzbach ohne ein Widerwort über sich ergehen lassen, den grauen, schon fast weißen Kopf gesenkt, und hatte dabei das eine oder andere jämmerliche Unkraut mit den eigenen Pfoten aus der staubigen, festen Erde gepuhlt.

Nicht grabbeln sollen Sie, sondern aufpassen! hatte Meier geschrien. Aber Sie grabbeln natürlich lieber!

Eine völlig grundlose Verdächtigung des alten Mannes. Aber Meier hatte seinen Lacherfolg bei den Leuten und schlug sich in die Fichten. Dort änderte sich seine Truthahnröte sofort in die gewöhnliche Gesichtsfarbe – ein gesundes Rotbraun – und er lachte, daß ihm der Bauch wackelte. Dem hatte er es gegeben, dem alten Trottel! Mindestens die drei nächsten Tage würde diese Abreibung mal wieder vorhalten! Das mußte man gelernt haben, vor Wut zu brüllen, ohne auch nur die Spur wütend zu sein, sonst machte man sich tot mit den Leuten.

Der Rittmeister, obwohl alter Offizier und Rekrutenabrichter, konnte das nicht. Der ärgerte sich, daß er schneeweiß wurde, daß er puterrot anlief, und war nach jedem solchen Ausbruch für vierundzwanzig Stunden völlig erledigt. Komische Nuß, großer Mann, wirklich!

Man durfte gespannt sein, mit was für Leuten er heute wiederkam, wenn er überhaupt welche brachte. Brachte er welche, waren sie natürlich ausgezeichnet, weil er, der Herr Rittmeister, sie verpflichtet hatte – und er, Meier, mußte sehen, wie er mit ihnen zurechtkam. Klagen ausgeschlossen.

Nun, es würde schon gehen. Er, der kleine Meier, war noch immer mit allen großen Männern zurechtgekommen, die Hauptsache blieb, daß ein paar nette Mädchen dabei waren. Amanda war ja soweit ganz gut, aber so ’ne Polenmadka hatte doch noch immer ganz andere Rasse und Feuer, und – vor allem – sie setzte sich nie was in den Kopf. Negermeier sang selbstvergessen vor sich hin: Denn die Rose und das Mädchen will beschissen sein!

Junger Mann – Sie sind nicht allein! sprach eine dröhnende Stimme – und zusammenfahrend sah Feldinspektor Meier unter einer Fichte am Wege den Schwiegervater seines Brötchengebers, den Geheimen Ökonomierat von Teschow, stehen.

Unterwärts war der alte Herr, zumal für solch drückend heißen Sommertag, völlig ausreichend bekleidet, nämlich mit hohen Stulpenstiefeln und grünlodener Büx. Von der Taille an aber, die jedoch ein ungeheurer Schmerbauch war, trug er nur ein Jägerhemd mit farbigem Pikee-Einsatz, das weit offen stand und die grauzottige, mit Schweißperlen bedeckte Brust sehen ließ. Dann kam weiter nach oben wieder Wolle, nämlich ein rötlich-, gräulich-, weißlich-, gelblicher, wolliger Vollbart. Eine rote Knollennase, zwei listig und vergnügt funkelnde kleine Augen, und obenauf ein grüner Lodenhut mit einem Gamsbart. Das Ganze der Geheime Ökonomierat Horst-Heinz von Teschow, Besitzer von zwei Rittergütern und achttausend Morgen Wald, kurz genannt ›der alte Herr‹.

Und natürlich hatte der alte Herr wieder ein paar kräftige Knüppel in der Pfote – sein Jagdwagen hielt sicher irgendwo um die Ecke. Feldinspektor Meier wußte, der alte Herr war dem Beamten seines Schwiegersohnes nicht abgeneigt, denn er haßte alle Duckmäuserei und Feinheit. Darum sagte Meier recht unverzagt: Nach ein bißchen Feuerholz gesehen, Herr Geheimrat?

Herr von Teschow hatte auf seine alten Tage die beiden Güter verpachtet – Neulohe an den Schwiegersohn, Birnbaum an den Sohn. Für sich hatte er nur die ›paar Fichten‹ behalten, wie er seine achttausend Morgen Wald nannte. Und wie er Sohn und Schwiegersohn die höchste nur mögliche Pacht abknöpfte (›dämliche Bande, wenn sie sich von mir übers Ohr hauen läßt‹), so war er auch, wie der Teufel hinter der armen Seele, hinter der Nutzung seines Waldes her. Nichts durfte umkommen; bei jeder Ausfahrt packte er seinen Jagdwagen eigenhändig mit abgestorbenem Brennholz voll. ›Bin kein so feiner Knochen wie mein Herr Schwiegersohn. Kaufe mir kein Brennholz, nich mal aus den eigenen Fichten, such es mir, Armeleuterecht – häh-häh-häh!‹

Für dieses Mal aber war er nicht geneigt, seine Ansichten über Brennholzerwerb kundzutun. Die Knüppel in der Hand, betrachtete er nachdenklich den jungen Mann, der dem bärtigen Greis bis zur Achselhöhle reichte. Fast besorgt fragte er: Wieder Zicken jemacht, was, Jüngling? Meine Gnädige ist auf Touren! Ist die beschissene Rose nun wenigstens die Backs –?

Artig und höflich wie ein braver Sohn antwortete der kleine Meier: Herr Geheimrat, wir sind wirklich nur die Geflügelrechnungen durchgegangen.

Urplötzlich lief der alte Herr violett an: Was geht Sie meine Geflügelrechnung an, Herr?!! Was geht Sie meine Mamsell an, was?!! Sie sind bei meinem Schwiegersohn Beamter, nicht bei meiner Mamsell, verstanden? Auch nicht bei mir!!

Jawohl, Herr Geheimrat! sagt der kleine Meier gehorsam und friedlich.

Muß es denn grade die Mamsell von meiner Frau sein, Meier, Jüngling, Apoll!! klagte der alte Herr wieder. Es gibt doch so viele Mädchen –!! Nehmen Sie Rücksicht auf einen alten Mann! Und wenn’s denn sein muß – müssen Sie es denn grade so machen, daß sie es sieht?! Ich versteh alles, ich bin auch mal jung gewesen, ich hab mir’s auch nicht durch die Rippen geschwitzt – aber muß ich denn nun den Ärger haben, weil Sie so ein Casanova sind?! Ich soll Sie rausschmeißen! Geht nicht, sage ich ihr, ist nicht mein Beamter, ich kann ihn nicht rausschmeißen. Schmeiß du deine Mamsell raus. – Nein, geht nicht, die ist bloß verführt, sagt sie, und außerdem ist sie so tüchtig. Gute Geflügelmamsells sind knapp, Feldbeamte gibt’s wie Sand am Meer. – Nun muckscht sie mit mir, und sobald mein Schwiegersohn zurück ist, wird sie ihm die Ohren volltuten – da sehen Sie!

Wir sind nur Geflügelrechnungen durchgegangen, beharrt der kleine Meier für alle Fälle, denn ›Bloß nichts gestehen‹ ist die Losung aller kleinen Verbrecher. Fräulein Backs kann so schlecht zusammenzählen – da hab ich ihr geholfen.

Na ja, lachte der Greis, sie wird es ja schon lernen von dir, mein Sohn, die Rechnerei, was? Und er lachte schallend. Übrigens, mein Schwiegersohn hat angerufen, er hat Leute gekriegt.

Gott sei Dank! sagte Meier hoffnungsvoll.

Bloß, sie sind ihm schon wieder durch die Lappen gegangen, wird wohl wieder mal ein bißchen zuviel kommandiert haben! Weiß ich nicht, versteh ich auch nicht, meine Enkelin, die Violet, war am Apparat. Er sitzt in Fürstenwalde fest – verstehen Sie das!?! Seit wann ist denn Fürstenwalde Berlin geworden?

Dürfte ich mir die Frage erlauben, Herr Geheimrat, sagte der kleine Meier mit all der Höflichkeit, die er für Vorgesetzte und Höhergestellte stets bereithielt, soll ich nun heute abend Wagen zur Bahn schicken oder nicht?

Keine Ahnung! sagte der Alte. Ich werde euch in eure Wirtschaft reinreden, das möchtest du wohl, mein Sohn. Daß ihr nachher bei euern Fehlern sagt, ich hab das angeordnet! Nee – fragen Sie man die Violet! Die weiß es. Oder weiß es auch nicht. Bei eurer Wirtschaft weiß man das nie!

Jawohl, Herr Geheimrat! sagte der artige Meier.

(›Mit dem Alten muß man sich gut stellen. Wer weiß, wie lange es der Rittmeister bei der Pacht noch macht – und vielleicht übernimmt mich der Alte dann als Beamter.‹)

Der alte Herr pfiff gellend auf zwei Fingern nach seinem Wagen. Sie können mir noch die Knüppel auf die Karre geben, sagte er gnädig. Und wie stehen eigentlich eure Zuckerrüben? Ihr hackt wohl jetzt erst? Wachsen nicht, wie? Da habt ihr Helden wohl das schwefelsaure Ammoniak ganz vergessen, wie, was? Ich wart und wart, keiner streut Dünger, ich denk, na laß sie, ein kluges Kind weiß alles von allein. Und lach mir einen Ast. Morgen, mein Herr!

4

Die schwüle Hitze im Polizeipräsidium Alexanderplatz konnte einen umwerfen. In den Gängen stank es nach gegorenem Urin, fauligem Obst, ungelüfteten, feuchten Kleidern. Überall standen Leute herum, graue Gestalten mit grauen, faltigen Gesichtern, erloschenen oder wild flackernden Augen. Die ermüdeten Polizisten waren stumpf oder gereizt. Rittmeister von Prackwitz, flammend vor Wut, hatte zwanzig Menschen fragen, Dutzende von Gängen laufen, endlose Treppen hinauf- und wieder hinuntersteigen müssen, bis er nun endlich, eine halbe Stunde später, in einem großen, unsauberen, riechenden Amtszimmer saß. Drüben, kaum ein paar Meter entfernt, rasselte die Stadtbahn vor dem Fenster, man hörte es mehr, als daß man es durch die grau verstaubten Scheiben sah.

Von Prackwitz war nicht allein mit dem Beamten. An einem Nebentisch wurde von einem andern Beamten in Zivil ein bleichgesichtiger, großnasiger Bengel wegen irgendeines Taschendiebstahls gefragt. An einem andern Tisch, im Hintergrund, steckten vier Männer die Köpfe zusammen und murmelten pausenlos miteinander. Es war nicht auszumachen, ob auch darunter ›Verbrecher‹ waren, denn alle waren in Hemdsärmeln.

Der Rittmeister hatte seinen Bericht gemacht, zuerst kurz, präzis, unter Zurückdrängung seines Ärgers, dann recht lebhaft und fast laut, als die Wut über seinen Hereinfall ihn doch wieder überwältigt hatte. Der Beamte, ein blasser, abgespannt aussehender Zivilist, hatte mit gesenkten Augen, ohne eine Zwischenfrage zugehört. Oder auch nicht zugehört, jedenfalls war er die ganze Zeit eifrig bemüht gewesen, drei Streichhölzer so aneinander zu stellen, daß sie nicht umfielen.

Nun, da der Rittmeister fertig war, sah der Mann hoch. Farblose Augen, farbloses Gesicht, kurzer Schnurrbart, alles ein bißchen traurig, fast verstaubt, aber nicht unsympathisch.

Und was sollen wir dabei tun? fragte er.

Dem Rittmeister gab es einen Stoß. Die Kerle fassen! rief er.

Weswegen?

Weil er seinen Vertrag nicht eingehalten hat.

Aber Sie hatten ja keinen Vertrag mit ihm geschlossen, nicht wahr?

Doch! Mündlich!

Das wird er leugnen. Haben Sie Zeugen? Der Herr aus der Vermittlungsstelle wird Ihre Behauptungen kaum bestätigen, nicht wahr?

Nein. Aber der Kerl, der Vorschnitter hat mich um dreißig Dollar betrogen!

Das höre ich lieber nicht, sagte der Beamte leise.

Wie –?!

Haben Sie eine Bankbescheinigung über den rechtmäßigen Erwerb der Devisen? Durften Sie sie kaufen? Durften Sie sie weitergeben?

Der Rittmeister saß da, ziemlich weiß, kaute an den Lippen. Dies war also die Hilfe, die ihm der Staat angedeihen ließ! Er war betrogen worden – und ihn bedrohte man! Alle hatten sie Devisen statt des Dreckgeldes – er hätte wetten mögen, der graue Mann da vor ihm trug auch welche in seiner Tasche!

Lassen Sie den Mann laufen, Herr von Prackwitz, sagte der Beamte begütigend. Was ist Ihnen denn damit gedient, daß wir den Mann kriegen und einstecken? Das Geld ist dann längst nicht mehr da und Leute kriegen Sie dadurch auch nicht! Fälle über Fälle, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Ein Fahndungsblatt täglich sooo lang – es hat keinen Sinn, glauben Sie mir! Plötzlich aber ganz dienstlich: Natürlich, wenn Sie es wünschen, da ist die Sache mit dem Fahrgeld … Sie stellen Strafantrag – ich lege dann einen Akt an …

Von Prackwitz zuckte die Achseln, er sagte schließlich: Und ich habe meine Ernte draußen stehen. Verstehen Sie, Brot über Brot! Ausreichend Brot für Hunderte! Ich habe ihm die Devisen ja nicht zu meinem Vergnügen gegeben, einfach, weil keine Leute zu kriegen sind …

Ja, natürlich, sagte der andere. Ich verstehe schon. Also lassen wir die Sache fallen. Um den Schlesischen Bahnhof herum gibt es genug Vermittler – sicher kriegen Sie Leute. Und nichts im voraus zahlen. Auch dem Vermittler nicht.

Schön, sagte der Rittmeister. Ich will’s also noch mal versuchen.

Am Nebentisch, der großnasige Dieb weinte jetzt. Er sah abstoßend aus, er weinte bestimmt nur, weil er keine Lügen mehr wußte.

Also, danke schön, sagte von Prackwitz, fast gegen seinen Willen. Und plötzlich halblaut zu dem andern, fast kameradschaftlich, wie zu einem Leidensgefährten: Finden Sie noch durch – hier – so mit allem? Er machte eine vage Handbewegung.

Der andere hob die Achseln und ließ sie hoffnungslos wieder fallen. Er setzte an, zögerte, schließlich sagte er: Seit Mittag steht der Dollar 760 Tausend. Was sollen die Leute da machen? Hunger tut weh.

Der Rittmeister ließ ebenfalls hoffnungslos die Achseln fallen und ging wortlos zur Tür.

5

In einer oder der andern Stunde seines Lebens läßt auch der tätige Mensch, an einer Daseinswende angelangt, vom Gefühl seiner Ohnmacht überwältigt, die Hände sinken. Wehrlos, ohne den Gedanken auch nur an Gegenwehr, läßt er sich treiben und schieben – nicht einmal den Nacken zieht er ein vor dem Schlag, der ihm droht. Treibe hin, Mensch, Blatt auf dem Strome des Lebens! Auf eiligen Wellen trägt es dich unter einer Uferböschung stilleres Wasser; aber schon faßt dich ein neuer Wirbel, und dir bleibt nichts, als dich wirbeln zu lassen, zu Untergang oder neuem Verweilen – weißt du es?

Petra Ledig, die halbnackt Ausgetriebene, hätte mit ein paar Worten den Sturm der beiden Frauen in der Küche beschworen – es war alles gar nicht so schlimm, hätte sie nur gesprochen. Worte verändern alles, sie schleifen die scharfen Ränder ab – schon ist alles ganz anders; wie war es eben? Nur nicht dieses starre Schweigen, das Hochmut wie Verzweiflung, Hunger wie Verachtung verbergen konnte.

Nichts zwang Petra Ledig, an der offenen Tür ihres Zimmers vorüberzugehen. Eintreten und den Schlüssel umdrehen, sie konnte es, doch sie tat es nicht. Die Lebenswoge hob das Blatt, hob es, hob es. Zu lange schon hatte es in dem stillen Uferwasserwinkel gelegen, nur manchmal leise zitternd unter den letzten Ausläufern von Wirbeln. Nun schwemmte die Woge das Willenlose hinaus, in die völlige Ungewißheit hinein – auf die Straße hinaus.

Es war Nachmittag, vielleicht drei, vielleicht schon halb vier – die Arbeiter waren noch nicht zurück aus den Fabriken, die Frauen gingen noch nicht zu ihren Besorgungen. Hinter den Ladenfenstern, auch in den dunklen, muffig riechenden Hinterstuben der Läden saßen die Ladenbesitzer, nickten und dösten. Kein Kunde in Sicht. Es war so heiß –!

Eine Katze lag blinzelnd auf einem Treppenstein; von gegenüber, von der andern Straßenseite her, spähte ein Hund. Aber dann lohnte es sich ihm nicht, er öffnete weit den sanft rosenfarbenen Rachen und gähnte.

Die Sonne, deren Licht wohl noch blendete, war nur hinter Dunst zu sehen wie ein rötlich über seine Ränder kochender Glutball. Was es auch sein mochte, Hauswände oder Baumrinde, Schaufensterscheibe oder Pflaster, Wäschestück auf dem Balkongitter oder Uringerinnsel eines Pferdes auf dem Fahrdamm – alles atmete, ächzte, schwitzte, roch. Heiß. Glutheiß. Dem stille stehenden Mädchen war es, als höre es ein Summen durch die Stadt, ein leises, eintöniges, immer vor sich hin summendes Geräusch – als koche die ganze Stadt.

Petra Ledig wartete, mit den Augen müde gegen das Licht blinzelnd, wartete auf irgendeinen Anstoß, der das Blatt weitertreiben sollte, gleichviel wohin, irgendwohin. Die Stadt summte vor Hitze. Eine Weile starrte sie angestrengt zu dem Hund hinüber, als könne von ihm irgendein Anstoß ausgehen. Der Hund starrte zurück – dann ließ er sich hinfallen, streckte, vor Hitze ächzend, alle viere von sich und schlief ein. Petra Ledig stand, stand; nein, sie zog nicht den Nacken ein, auch ein Schlag wäre jetzt Erlösung gewesen – aber nichts geschah. Die Stadt summte vor Hitze. –

Und wie sie wartend auf irgend etwas an der überhitzten Georgenkirchstraße stand, saß ihr Liebster, Wolfgang Pagel, wartend in einem fremden Haus, in einer fremden Küche – wartend auf was? Seine Führerin, die so frisch gewaschene Liesbeth, war im Innern des Hauses verschwunden. An dem schneeweißen Herd mit den verchromten Beschlägen hantierte ein anderes junges Mädchen, dem Liesbeth mit einigen Flüsterworten Bescheid gesagt hatte. Ein Topf klapperte auf der Platte, emsig kochend. Wolfgang saß, wartend, kaum noch wartend, den Ellbogen auf ein Knie gestützt, das Kinn in der Hand.

Solche Küche hatte er noch nicht gesehen. Groß wie ein Tanzsaal, weiß, silbern, kupferrot, das matte, körnige Schwarz der Elektrotöpfe – und mitten durch sie lief ein Geländer, hüfthoch, aus weißem Holz, eine Art Podium begrenzend, und trennte den Arbeits- von dem Aufenthaltsraum. Zwei Stufen gab es; unten waren Herd, Küchentisch, Töpfe, Schränke. Oben aber, wo Pagel saß, stand ein langer Eßtisch, schneeweiß, bequeme weiße Stühle. Ja, sogar ein Kamin war hier, aus schönen, rotgebrannten Steinen mit sauberen weißen Fugen.

Oben saß Wolfgang, unten wirtschaftete am Herd das fremde Mädchen.

Er sah gleichmütig, stumpf durch die hohen, hellen Scheiben, vor denen Weinlaub hing, in den sonnenglänzenden Garten – freilich waren Gitter vor den Scheiben. ›Und‹, mußte er zerfahren denken, ›wie man das Verbrechen hinter Gittern verwahrt, so flüchtet sich auch der Reichtum hinter Gitter, fühlt sich dort erst sicher – hinter den Gittern der Banken, den Stahlwänden der Safes, den schmiedeeisernen Zieraten, die doch auch Gitter sind, den stählernen Rolljalousien und Alarmvorrichtungen seiner Villen. Seltsame Ähnlichkeit – nicht so seltsam eigentlich, aber ich bin so müde …‹

Er gähnte. Grade sah das Mädchen vom Herd zu ihm hin. Er nickte, leise lächelnd, nicht ohne betonten Ernst. Also noch ein Mädchen mehr, auch nicht unsympathisch – ach, Mädchen genug, und überall Nicken, Mitgefühl! –›Aber was in aller Welt soll ich tun?! Ich kann doch nicht hier so sitzen … Worauf warte ich eigentlich? Doch nicht auf diese Liesbeth, was soll die mir sagen?! Bete und arbeite, Morgenstunde hat Gold im Munde, Arbeit und Fleiß, das sind die Flügel, Arbeit ist des Bürgers Zierde, Arbeit macht das Leben süß. Aber Arbeit schändet auch nicht, und jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, darum soll er auch ein Arbeiter im Weinberg sein, arbeiten und nicht verzweifeln …‹

›Ach‹, dachte Wolfgang wieder und lächelte sehr schwach, fast als sei er ein wenig angeekelt, ›was haben sich die Menschen doch alles für Sprüche zurechtgemacht, bloß um sich einzureden, daß sie arbeiten müssen und daß Arbeit etwas Gutes ist. Am liebsten säßen sie doch alle hier wie ich, nichts tuend, und warteten auf irgend etwas, ich weiß ja selbst nicht was. Nur abends am Spieltisch weiß ich es, wenn die Kugel schnurrt und klappert und gleich ins Loch fallen wird – da weiß ich, auf was ich warte. Aber wenn sie dann in das Loch gefallen ist, ob nun in das erwünschte oder ein anderes, gleichviel – dann weiß ich es schon wieder nicht mehr.‹

Er starrt vor sich hin, er hat keinen schlechten Kopf, nein, es regen sich Gedanken darin. Aber er ist verlottert und faul, er mag nichts zu Ende denken. Warum auch –? So bin ich und so bleibe ich. Wolfgang Pagel for ever! Er hat ganz sinnlos ihr letztes Hab und Gut verkauft, bloß um Zecke zu besuchen, Geld zu borgen. Aber bei Zecke angelangt hat er ebenso sinnlos, nur um eines boshaften Wortes willen, alle Aussichten auf Geld zerstört. Und wiederum sinnlos ist er mit dem ersten Menschen, der ihm dann über den Weg lief, mitgegangen und sitzt nun da – im trüben, seichten, toten Wasser, das willenlose Blatt, Inbegriff aller willenlosen Blätter. Schlapp, nicht ohne Gaben, nicht einmal ohne Güte, auch nicht lieblos – aber wirklich so, wie es die alte Minna gesagt hat: jetzt müßte nun wieder ein Kindermädchen kommen, ihn bei der Hand nehmen und ihm sagen, was er zu tun hat. Wirklich weiter nichts als ein Fahnenjunker a. D. seit nunmehr etwa fünf Jahren.

Die Kunde seines Hierseins ist wohl durch Liesbeth im Haus verbreitet. Jetzt kommt eine dickliche Frau herein, keine Dame, eine Frau. Sie wirft einen raschen, fast verlegenen Blick auf Wolf und sagt dann laut am Küchenherd: Der Herr hat eben angerufen. Wir essen pünktlich um halb vier.

Gut! sagt das Mädchen am Herd, und die Frau geht wieder, nicht ohne einen zweiten prüfenden Blick auf Wolfgang geworfen zu haben.

›Alberne Gafferei! Ich haue gleich ab!‹

Von neuem geht die Tür. Ein Diener in Livree kommt herein, der Diener. Er braucht nicht wie die dicke Frau irgendeinen Vorwand, er geht quer durch die Küche, steigt die beiden Stufen hinauf und tritt zu Wolfgang an den Tisch. Der Diener ist schon ein älterer Mann, aber mit einem frischfarbigen, freundlichen Gesicht.

Er reicht Wolfgang die Hand, ohne jede Verlegenheit, und sagt: Ich heiße Hoffmann.

Pagel, sagt Wolfgang, nach kurzem Zögern.

Es ist sehr schwül heute, sagt der Diener freundlich, mit einer leisen, aber sehr deutlichen, geschulten Stimme. Darf ich Ihnen vielleicht etwas Kühles bringen – eine Flasche Bier?

Wolfgang überlegt einen Augenblick, dann: Wenn ich um ein Glas Wasser bitten dürfte?

Bier macht schlaff, sagt der andere beistimmend. Und holt ein Glas Wasser. Das Glas steht auf einem Teller, und in dem Wasser schwimmt sogar Eis, alles, wie es sich gehört.

Ja, das tut gut, sagt Wolfgang, gierig trinkend.

Lassen Sie sich Zeit, sagt der andere, immer mit dem gleichen freundlichen Ernst. Sie trinken uns das Wasser nicht alle. –

Auch nicht das Eis, setzt er nach einer Pause hinzu, und in seinen Augenwinkeln entstehen Fältchen. Er holt aber noch ein zweites Glas.

Danke sehr, sagt Wolfgang.

Fräulein Liesbeth hat im Augenblick zu tun, sagt der Diener. Aber sie kommt bald.

Ja, sagt Wolfgang langsam. Und, indem er sich einen Ruck gibt: Ich gehe jetzt lieber, ich bin wieder ganz frisch.

Fräulein Liesbeth, sagt der andere freundlich, ist ein sehr gutes Mädchen, sehr gut und sehr tüchtig.

Sicher, stimmt Wolfgang höflich zu. Nur der Gedanke an sein Geld in der Kleidertasche dieses Fräulein Liesbeth hält ihn noch hier. Diese paar eben noch so verachteten Scheine brächten ihn rasch zum Alexanderplatz. Es gibt viele gute Mädchen, sagt er beistimmend.

Nein, sagt der andere entschieden. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen widerspreche: die Art gute Mädchen, die ich meine, ist selten.

Ja? fragt Wolfgang.

Ja, sagt der andere. Man muß das Gute nämlich nicht grade mal tun, weil es einem Spaß macht, sondern immer, weil man das Gute liebt. Er sieht Wolfgang noch einmal an, nicht mehr ganz so freundlich wie bisher. (›Putzige Kruke‹, denkt Wolfgang.) Der Diener sagt abschließend: Also es dauert nicht mehr lange.

Er geht wieder aus der Küche, ebenso sachte, ebenso besonnen wie vorher. Wolfgang hat das Gefühl, dieser Diener nimmt keinen guten Eindruck von ihm mit, obwohl er kaum etwas gesagt hat.

Jetzt muß er etwas rücken: das Mädchen vom Herd kommt mit einem Tischtuch, dann mit einem Tablett und fängt an, den Tisch zu decken. Bleiben Sie ruhig sitzen, sagt sie. Sie stören nicht.

Auch sie hat eine angenehme Stimme, die Leute in diesem Haus haben eine gute Art zu sprechen, es fällt Wolfgang auf. Sie sprechen sehr rein, sehr deutlich.

Das ist Ihr Gedeck, sagt das Mädchen, als Wolfgang gedankenlos auf die Papierserviette vor sich starrt. Heute mittag essen Sie hier.

Wolfgang macht eine gedankenlose, aber abwehrende Bewegung. Irgend etwas fängt an, ihn zu stören. Es ist ein Haus gar nicht weit ab von Zeckes Palazzo, doch sehr weit entfernt. Aber sie sollten nicht mit ihm reden, als sei er ein Kranker, nein, als sei er jemand, der im Wahn eine schlimme Tat getan hat, mit dem man noch behutsam spricht, um ihn nicht rasch aufzuwecken.

Das Mädchen sagt: Sie werden doch Liesbeth nicht enttäuschen. Und nach einer Pause: Die gnädige Frau ist einverstanden.

Sie deckt, klimpert ein wenig mit den Bestecken – sehr wenig, es geht ihr alles rasch und leise von der Hand. Wolfgang sitzt regungslos, es muß eine Art Lähmung sein, das macht natürlich die Hitze. Also eine Art Bettler, von der Straße hereingekommen, hat Hunger, mit Bewilligung der Herrschaft wird eine Mittagsmahlzeit gereicht. Seine Mutter ließ durch Minna ein paar Stullen schmieren, der Bettler durfte nicht in die Küche. Im höchsten Fall wurde ein Teller Suppe durch die Tür gereicht, der auf dem Treppenabsatz ausgelöffelt werden mußte.

Nun, hier in Dahlem war man feiner, aber für den Bettler machte es wenig aus, Bettler war Bettler, vor der Tür wie in der Küche, von nun an bis in alle Ewigkeit. Amen!

Er haßte sich, daß er nicht ging. Er wollte kein Essen, was lag ihm am Essen? Er konnte bei seiner Mutter essen, Minna hatte erzählt, immer lag ein Gedeck für ihn auf. Nicht daß er sich geschämt hätte, aber sie sollten nicht zu ihm reden, als sei er ein Kranker, den man schonen muß – er war nicht krank! Nur dieses verfluchte Geld! Warum hatte er ihr vorhin diese jämmerlichen Lappen nicht aus der Hand genommen?! Er säße jetzt schon in der Untergrundbahn …

In seiner Nervosität hat er eine Zigarette vorgezogen, er ist schon im Begriff, sie anzubrennen, als das Mädchen sagt: Bitte, wenn Sie es irgend aushalten, jetzt nicht. Sofort, wenn ich das Essen raufgeschickt habe. Der Herr schmeckt so empfindlich …

Die Tür geht auf und herein kommt ein kleines Mädchen, Tochter des Hauses, zehn Jahre oder zwölf, hell, fröhlich, leicht. Die weiß von der bösen grauen, riechenden Stadt draußen bestimmt nichts! Will sich den Bettler mal anschauen, Bettler scheinen in Dahlem wirklich ein rarer Artikel!

Papa ist schon unterwegs, Trudchen, sagt das Kind zu dem Mädchen am Herd. In einer Viertelstunde können wir essen. – Was gibt es, Trudchen?

Topfriecher! lacht das Mädchen und hebt einen Deckel. Dampf steigt auf, das Kind schnuppert eifrig. Dann sagt es: Och, bloß olle Schoten! Nein, sag wirklich, Trudchen.

Suppe, Fleisch und Schoten, sagt Trudchen scheinheilig.

Und –? fragt das Kind drängend.

Und, sagte Herr Rund – da biß ihn der Hund! lacht das Mädchen halb singend.

›Das gibt es noch‹, denkt Wolfgang halb lächelnd, halb verzweifelt. ›All das gibt es also noch. Ich habe es bloß nicht mehr zu sehen bekommen, in meiner Höhle Georgenkirchstraße, habe es darum vergessen. Aber richtige Kinder, Unschuld, unverdorbene, unwissende Unschuld gibt es auch noch. Die Frage nach der süßen Speise eine Wichtigkeit, da hunderttausend die Frage nach dem täglichen Brot überhaupt nicht mehr stellen mögen! Plünderungen in Gleiwitz und Breslau, Lebensmittelkrawalle in Frankfurt am Main und Neuruppin, Eisleben und Dramburg …‹

Er betrachtet das Kind ablehnend. ›Es ist ja Schwindel‹, denkt er weiter, ›eine künstliche Unschuld, eine ängstlich geschützte Unschuld – genau wie sie Gitter vor ihren Fenstern haben. Das Leben kommt doch – was wird in zwei, drei Jahren von dieser Unschuld noch da sein?‹

Guten Tag! sagt das Kind zu ihm. Es hat ihn erst jetzt bemerkt, vielleicht weil er mit dem Stuhl rückte, um aufzustehen und fortzugehen. Er nimmt die Hand, die das Kind ihm hinhält. Es hat dunkle Augen unter einer klaren, schönen Stirn, es sieht ihn ernst an. Sie sind der Herr, der mit unserer Liesbeth gekommen ist? fragt es eindringlich.

Ja, sagt er und versucht, gegen soviel Ernst anzulächeln. Wie alt bist du denn?

Elf Jahre, sagt sie höflich. Und Ihre Frau hat nichts als einen Paletot?

Richtig, sagt er und versucht noch immer zu lächeln und leicht zu tun. Aber es ist eine verfluchte Sache, seinen Taten im Munde anderer, und nun gar schon von Kindern, zu begegnen. Und gegessen hat sie auch nichts – und wird wohl kaum etwas kriegen, nicht einmal Speise mit Makronen.

Aber sie merkt gar nicht, daß er ihr weh tun wollte. Mama hat so viele Sachen, sagt sie nachdenklich. Das meiste zieht sie gar nicht an.

Richtig, vollkommen in Ordnung, sagt er wiederum, und kommt sich doch so schäbig vor mit seiner billigen Schnoddrigkeit. So ist eben das Leben. Das hast du noch nicht in der Schule gehabt? Wie?!

Immer jämmerlicher, immer kläglicher, vor allem vor diesen ernsten Augen, die ihn ansehen – fast traurig.

Ich gehe nicht in die Schule, sagt das Kind mit einem kleinen, ein wenig wichtigtuerischen Ernst. Ich bin nämlich blind. Wieder der Blick, dann: Papa ist auch blind. Aber Papa hat früher noch sehen können. Ich habe nie sehen können.

Sie steht vor ihm – und der für seinen billigen Spott so rasch Gestrafte hat immer stärker das Gefühl, als sähe sie ihn an. Nein, nicht mit den Augen, aber vielleicht mit der klaren Stirn, dem kühn geschwungenen, ein wenig blassen Mund. Als sähe dies blinde Kind mehr von ihm als seine sehende Petra.

Da erzählt sie: Mama kann sehen. Aber sie sagt, sie möchte lieber auch nicht sehen, sie weiß nie, wie Papa und mir zumute ist. Aber wir erlauben es ihr nicht.

Nein, stimmt Wolfgang zu. Das wollt ihr wohl nicht.

Fräulein und Liesbeth und Trudchen und Herr Hoffmann können uns auch erzählen, was sie sehen. Aber wenn Mama es erzählt, ist es doch anders.

Weil es eben die Mama ist, nicht wahr? fragt Wolfgang vorsichtig.

Ja, sagte das Kind. Papa und ich, wir sind beide Mamas Kinder. Papa auch.

Er schweigt, aber das Kind erwartet keine Antwort, diese Dinge, von denen es spricht, sind ihm wohl selbstverständlich, es ist auch nichts dazu zu sagen. Nun meint es: Hat Ihre Frau auch noch eine Mama – oder hat sie niemanden?

Wolfgang steht da, ein sehr dünnes Lächeln um seinen Mund. Nein, niemanden, sagt er entschlossen. Und denkt: ›Fort! Nur fort!‹ Knockout geschlagen in seiner Lieblosigkeit, in seiner Halbheit von einem Kind.

Papa gibt Ihnen bestimmt Geld, meint das Kind. Und Mama will heute nachmittag zu Ihrer Frau fahren. Wo ist es denn?

Georgenkirchstraße 17, sagt er. Zweiter Hof, sagt er. Bei Frau Thumann, sagt er.

Etwas wallt in ihm auf: wenn nur ihr geholfen wird! Ihr soll geholfen werden! Sie ist jeder Hilfe wert!

Entgleitende Welt, in der du triebest, Armer, verstrickt und verstrickend. Plötzlich, da du fühlst, wie sie sich von dir löst, merkst du, wie wert sie dir war. Ausgetrieben ins Dunkel, in der Ferne noch das klare Licht – und nun erlischt es. Du bist allein – und ob du zurückkehren kannst und wirst – du weißt es nicht! Wir hatten gute Stunden, aber sie sind in den Sand geronnen. Manchmal noch ein Geschmack auf der Lippe, flüchtig, süß – und vorbei! Und dahin! Arme Petra …! Bettler wahrhaftig, da jetzt die Wendung kommt, vielleicht Hilfe, da spürt er, daß Hilfe ihm nichts helfen kann, weil er hohl, ausgebrannt, leer ist. Vorbei! Vorbei!

Ich gehe jetzt, sagte er durch die Küche. Er gab dem Kind die Hand, nickte, fragte: Die Adresse weißt du? und ging. Ging hinein in die Schwüle, hinein in die enge, tobende, jagende Stadt, wieder einmal den Streit um Geld und Brot zu bestehen, für was, für wen –?

Er wußte es nicht, noch immer nicht, noch lange nicht.

6

Das, was die Leute ›das Schloß‹ in Neulohe nannten, war das Haus des alten Herrn. Der Rittmeister von Prackwitz wohnte gut fünfhundert Meter weiter, schon zwischen den Feldern, außerhalb des Gutshofes, in einer kleinen Villa. Sechs Zimmer, moderner Maurermeisterstil, ein schlampiger, schon abblätternder Bau aus der ersten Inflationszeit. Das Schloß, aus dem der alte Herr nicht hatte wegziehen mögen, schon, um in der Nähe seiner geliebten Fichten zu bleiben und – nebenbei – dem Schwiegersohn ein wenig auf die Finger zu sehen – das Schloß war auch nur gelber Kasten, aber mit dreimal soviel Zimmern wie bei den jungen Leuten, und immerhin mit einer richtigen Freitreppe, einem Gartenzimmer mit Türen aus Glas bis an die Erde, der ›Saal‹ genannt, und einem Park.

Am Schloß ging Negermeier vorüber. Dort hatte er nichts zu suchen und wollte er für dieses Mal auch nichts suchen – der erbosten Gnädigen wegen. Gleich kam, unbequem nahe, da zu sehr unter Aufsicht gelegen, das Beamtenhaus, in dem das Büro war und sein Zimmer (alles andere stand wegen der rittmeisterlichen Sparmethoden leer – aber der Rittmeister ist ein großer Mann). Da Meier sich beim gnädigen Fräulein wegen des Telefongesprächs mit dem Vater erkundigen wollte, ging er erst einmal auf sein Zimmer und wusch sich Hände und Gesicht. Dann goß er sich ein Parfüm ›Russisch Juchten‹ ausgiebig auf die Brust – es war unbedingt das richtige Parfüm fürs Land. Wie die Annonce gesagt hatte: ›herb, männlich, rassig‹.

Hinterher besah er sich im Spiegel. Die Zeit, da er seine Kleinheit, die Wulstlippen, die eingedrückte Nase, die vorstehenden Augen als Schmach empfunden hatte, war natürlich längst vorbei. Seine Erfolge bei den Weibern hatten ihn gelehrt, daß es auf Schönheit nicht ankam. Im Gegenteil, ein bißchen apartes Aussehen lockte die Mädchen wie die Salzlecke das Wild.

Freilich war es mit der Violet natürlich nicht so einfach wie mit irgendeiner Amanda Backs oder Sophie Kowalewski. Für sicher aber hielt es der kleine Meier – wieder einmal abweichend von seinem Arbeitgeber, dem Rittmeister –, daß die kleine Weio trotz ihrer fünfzehn Jahre schon ein Luder war. Diese Blicke, diese junge, eifrig markierte Brust, diese Redensarten, frech, und die Sekunde darauf blaueste Unschuld – das war für einen so erfahrenen Frauenjäger wie ihn nicht zu verkennen! Es war ja auch klar: schon aus dem Schlafzimmer der damals noch unverheirateten Mutter sollte der alte Herr von Teschow einen Liebhaber hinausgesetzt haben, mit der Peitsche, die nachher auch die Mama zu kosten bekam. Erzählten die Leute – na ja, die Welt war groß und möglich war in ihr alles. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Es wäre etwas übertrieben, den kleinen Feldinspektor Meier wegen seiner Gedanken vor dem Spiegel einen Intriganten und schurkischen Verführer zu nennen. Dies waren keine Pläne, es war jugendliches Gefasel, Eitelkeit – Wunschträume. Wie ein junger Hund hatte er ungeheuren Appetit, am liebsten hätte er alles benagt – und die Violet war wirklich sehr hübsch!

Aber genau wie bei einem jungen Hund war seine Angst mindestens ebenso groß wie sein Appetit – bloß keine Prügel bekommen! So frech wie zu der Amanda ohne Anhang würde er zu dieser Weio nie sein können, hinter der ein jähzorniger Vater stand. Wenn er in seinen Träumen alles bis zur Entführung und heimlichen Trauung bestens erledigt hatte – vor der Heimkehr zum Schwiegervater graulte ihm doch. Nicht einmal die Heimkehrunterhaltung mit ihm konnte er sich ausdenken, am besten erledigte das die junge Frau. Vor ihr brauchte man weder Angst noch Respekt zu haben: wer einmal mit einem geschlafen hat, ist nichts Besseres mehr als der, mit dem sie schlief, und selbst die adlige Abstammung – geheimnisvoll, doch Ehrfurcht heischend – war dann abgegangen wie die Politur von einem Fabrikmöbelstück – alles bloß gemeines Fichtenholz!

Negermeier grinst sich im Spiegel an. ›Dolle Marke bist du doch!‹ heißt das etwa, und wie zur Bestätigung seiner Eigenbewertung fällt ihm ein, daß der ›Leutnant‹ heute früh in einem ganz andern, viel kameradschaftlicheren Ton mit ihm gesprochen hat als mit dem ollen Schleicher, Förster Kniebusch.

Meier grüßt sich mit der Hand im Spiegel, er winkt sich freundlich zu: ›Glück auf den Weg, Sohn des Glücks!‹ Und marschiert ab zu Violet von Prackwitz.

Im Büro räumt Frau Hartig auf, Kutscherfrau, noch ganz gut imstande; möchte auch wohl, aber ab fünfundzwanzig sind die Frauen uralt. Die gute Hartig, etwa siebenundzwanzig, nicht weniger als acht Kinder, hat heute den Mund fest zusammengepreßt. Die Augen funkeln böse, die Stirn ist voller Falten, Meier schert das nicht, aber grade, als er an ihr vorbei will, fällt die gußeiserne Stehlampe mit drohendem Krach vom Schreibtisch, und der grüne Lampenschirm zerklirrt in hundert Scherben.

Da muß Meier doch stehenbleiben und seinen Senf dazugeben.

Na ja, sagt er grinsend. Scherben bringen Glück – gilt das nun Ihnen oder gilt das mir? Und als sie ihn nur stumm, aber böse funkelnd ansieht: Was ist denn mit Ihnen los? Gewitter? Schwül genug ist es dafür.

Und er schaut ganz automatisch auf das Barometer, das seit Mittag langsam, aber ständig fällt.

Mit mir lassen Sie Ihre Schweinereien! sagt die Hartig schrill und böse. Denken Sie, ich räume euch länger euern Dreck nach! Und sie fährt in die Schürzentasche, öffnet die Hand – drei Haarnadeln hat sie in ihr. (1923 hatte der Bubikopf noch nicht das flache Land erobert.) In Ihrem Bett haben die gelegen! kreischt sie fast. Saukerl, elender! Aber ich räume das nicht mehr auf, ich zeig’s der gnädigen Frau!

Welcher denn, Frau Hartig? lacht Meier. Die alte weiß es – und betet schon für mich; die junge aber denkt es sich auch so und lacht erst recht!

Er sieht sie überlegen, spöttisch an.

So ein gemeines Weibsbild! kreischt die Hartig. Kann doch nachsehen im Bett, ehe sie abhaut. Aber nee, ich soll ihr das nachräumen, ich der Geflügelmamsell! Keine Scham hat so ’n Biest!

Doch, doch, Frau Hartig, ganz bestimmt! sagt Negermeier ernst. Und wieder grinst er: Aber Ihr Jüngster hat ja so schöne rote Haare? Genau wie der Futtermeister. Soll der nun Kutscher werden wie der Vater oder Futtermeister wie der Stiefvater?

Und damit marschiert Meier ab, in sich hineinkichernd, herrlich zufrieden, während drinnen noch böse, aber doch halb schon besänftigt Frau Hartig auf die drei Haarnadeln in ihrer Hand starrt. ›Er ist ja ein Aas, aber mit einem Pfiff, so klein er ist!‹

Sie sieht die Haarnadeln noch einmal an, schüttelt sie, daß sie klappern, und steckt sie entschlossen in das eigene Haar.

›Dich krieg ich doch noch‹, denkt sie. ›Amanda regiert auch nicht ewig!‹

Sie räumt die Scherben des Lampenschirms fort, sehr vergnügt plötzlich, denn sie ist fest davon überzeugt, daß sie ihr Glück bringen werden.

Meier denkt auch an die Scherben und an das Glück, das sie ihm nun gleich sofort auf der Stelle bringen werden. In allerbester Stimmung langt er bei der Villa des Rittmeisters an. Erst späht er in den Garten – denn am liebsten träfe er Weio nicht in Hörweite der Mutter –, aber im Garten ist sie nicht. Das ist unschwer festzustellen, denn obwohl der Garten nicht ganz klein ist, kann man ihn doch auf einen Blick übersehen, diese vor ein paar Jahren aus dem blanken Feld gestampfte und halb schon wieder vertrocknete Gelegenheitsschöpfung der gnädigen Frau.

Nichts kann im übrigen Festigkeit der Stellung in Neulohe und Abstand zwischen Besitzer und Pächter besser versinnbildlichen als die Betrachtung des Teschowschen Schloßparks und des Prackwitzschen Gartens: dort hundertjährige große Bäume, in aller Fülle, strotzend von Blättern und Saft, hier ein paar Dutzend kahle Stangen, mit wenigen, schon vergilbten Blättern. Dort weite Rasenflächen, dunkelgrün; hier spärliches Gras, hart, gelb, im aussichtslosen Kampf mit den wieder vordringenden Feldstiefmütterchen, Quecken, Schachtelhalm. Dort ein nicht ganz kleiner Teich mit Ruderboot und Schwan; hier ein sogenanntes Planschbecken, wohl aus Solnhofer Platten, aber mit einer grünen Jauche gefüllt. Dort ererbtes Wachstum, aus der Zeit kommend für die Zeit; hier etwas kaum Geborenes, schon wieder Absterbendes doch: der Rittmeister ist ein großer Mann.

Feldinspektor Meier war schon im Begriff, auf den Klingelknopf zu drücken, da wird er von der Seite her angerufen. Auf dem flachen Dach des Küchenanbaus (bloß Teerpappe) stehen ein Liegestuhl und ein großer Gartenschirm, eine Leiter lehnt am Anbau. Von dort oben hat es gerufen: Herr Meier!

Meier gibt sich den notwendigen dienstlichen Ruck: Jawohl?

Ungnädige Stimme von oben: Was ist denn? Mama ist ganz kaputt von der Hitze, will schlafen – stören Sie sie bloß nicht!

Ich wollte nur fragen, gnädiges Fräulein … Der Herr von Teschow hat mir gesagt, der Herr Rittmeister hätte telefoniert … Ein wenig ärgerlich: Es ist wegen der Wagen … Soll ich heute abend zur Bahn schicken oder nicht?

Schreien Sie doch bloß nicht so! schreit die Stimme von oben. Ich bin doch keines von Ihren Hofgängermädchen! Mama will Ruhe, habe ich Ihnen gesagt!

Meier guckt verzweifelt empor zu dem flachen Dach. Aber es ist zu hoch, und er steht zu tief: er kann nichts von der im Traum Entführten und Geheirateten sehen, sondern nur ein Stück Liegestuhl und ein etwas größeres Stück Pilzschirm. Er entschließt sich zu flüstern – so laut er kann: Ob ich Wagen schicken soll – heute abend – zur Bahn –?

Pause. Stille. Warten.

Dann von oben: Haben Sie was gesagt? Ich versteh immer Bahnhof!

Hä-hä-hä! Meier belacht pflichtschuldig die gängigste Redensart der Zeit. Dann wiederholt er etwas lauter seine Anfrage.

Sie sollen doch nicht schreien! hat er sofort seinen Tadel weg.

Er steht da, er weiß natürlich ganz genau, daß sie ihn nur zwiebeln will. Er ist eben nur der Feldbeamte von Papa. Hat zu tun, was ihm gesagt wird. Hat zu stehen und zu warten, bis das gnädige Fräulein geruhen. Na, warte nur, meine Liebe, eines Tages wirst du stehen und warten müssen – aber auf mich!

Jetzt allerdings scheint er lange genug gewartet zu haben, denn sie ruft von oben (übrigens für eine so rücksichtsvolle Tochter erstaunlich laut): Herr Meier! Sie sagen ja gar nichts mehr?! Sind Sie überhaupt noch da –?!

Jawohl, gnädiges Fräulein.

Ich dachte schon, Sie wären in der Sonne zerflossen. Butter müssen Sie dafür genug auf dem Kopf haben.

(›Weiß natürlich auch schon Bescheid. Schadet aber gar nichts – macht ihr bloß Appetit.‹)

Herr Meier!

Jawohl, gnädiges Fräulein –?

Wenn Sie also lange genug unten gestanden haben, merken Sie vielleicht, daß eine Leiter da ist, und sagen mir hier oben, was Sie eigentlich wollen.

Noch einmal: Jawohl, gnädiges Fräulein! und die Leiter hinauf.

›Jawohl, gnädiges Fräulein‹ ist immer gut, schmeichelt ihr, kostet nichts, betont den Abstand und erlaubt alles. Man kann ihr in den Ausschnitt gucken und dabei voller Demut ›Jawohl, gnädiges Fräulein‹ sagen, man kann es sogar sagen und ihr dabei einen Kuß geben –›Jawohl, gnädiges Fräulein‹ ist ritterlich, kavaliermäßig, schneidig – wie die Offiziere in Ostade, denkt Negermeier.

Er steht jetzt am Fuß ihres Liegestuhls und sieht gehorsam und doch frech blinzelnd auf seine junge Herrin, die da mit nichts als einem sehr kurzen Badeanzug bekleidet vor ihm liegt. Violet von Prackwitz, fünfzehn Jahre, ist schon ein bißchen voll, zu voll mit der schweren Brust, den fleischigen Hüften, dem starken Gesäß, zieht man die Jahre in Betracht. Sie hat das weiche Fleisch, die zu weiße Haut der lymphatischen Mädchen, dazu ein wenig vorstehende Augen wie die Mutter. Sie sind blau, blaßblau, verschlafen blau. Die nackten Arme hat das gute, unschuldige Kind erhoben, sie reckt sich ein wenig, es sieht gar nicht schlecht aus, hübsch ist das Luder und – Donnerwetter! – was für ein Körper! Das muß sich einem doch in den Arm schmiegen.

Schläfrig, genußsüchtig durch die fast geschlossenen Lider blinzelnd, betrachtet sie das Gesicht des Inspektors. Na, was gucken Sie denn so? fragt sie dann herausfordernd. Im Familienbad habe ich auch nichts anderes an. Stellen Sie sich bloß nicht so an. Sie studiert sein Gesicht. Dann: Na ja, Mama sollte uns hier beide mal so sehen …

Er kämpft mit sich. Die Sonne brennt irrsinnig heiß, es flimmert, jetzt streckt sie sich wieder. Er macht einen Schritt …: Ich … Weio, o Weio …

O wei! O wei! lacht sie. Nee, nee, Herr Meier, stellen Sie sich lieber wieder da bei der Leiter auf. Plötzlich ganz Herrin: Sie sind ja komisch! Sie bilden sich wohl was ein? Ich brauche nur einmal zu rufen, und Mama ist an ihrem Fenster!

Dann, als sie sieht, daß er wieder pariert: Heute brauchen Sie nicht zur Bahn zu schicken. Wahrscheinlich morgen früh zum ersten Zug. Papa telefoniert noch mal.

Hat alles vorhin ganz gut verstanden, das freche Luder! Hat sich ihm nur vorführen, ihn quälen wollen! Aber warte, ich kriege dich doch noch!

Warum lassen Sie denn nicht einfahren? fragt jetzt das junge Mädchen, die zu Entführende, die heimlich zu Heiratende.

Weil die Leute binden und aufsetzen müssen. – Ziemlich mürrisch.

Und wenn es ein Gewitter gibt und alles wird naß, macht Papa Ihnen einen Riesenkrach.

Und wenn es kein Gewitter gibt und ich hab einfahren lassen, macht er mir auch Krach.

Es gibt aber ein Gewitter.

Das kann man so genau nicht wissen.

Ich weiß es aber.

Gnädiges Fräulein wünschen also, daß ich einfahren lasse?

Ich denke gar nicht daran! Sie lacht schallend, ihre starke Brust hüpft gradezu im Badeanzug. Daß Sie mir nachher die Schuld geben, wenn es Papa nicht recht ist! Nein, machen Sie Ihre Dummheiten alleine!

Sie sieht ihn wohlwollend-überlegen an. Dieses Gör von fünfzehn Jahren ist derart frech –! Warum frech –? Weil sie zufällig eine geborene von Prackwitz, Erbin von Neulohe ist – nur darum frech!

Dann kann ich also gehen, gnädiges Fräulein? fragt Negermeier.

Ja. Kümmern Sie sich mal ein bißchen um die Wirtschaft. Sie hat sich auf die Seite gewälzt, sieht ihn noch einmal spöttisch an. Er geht schon.

Heh, Herr Meier! ruft sie.

Jawohl, gnädiges Fräulein? – Es hilft nichts, er muß.

Wird eigentlich Dung gefahren?

Nein, gnädiges Fräulein …

Warum riechen Sie denn so komisch?

Es dauert eine ganze Weile, bis er kapiert hat, daß sie sein Parfüm meint. Dann macht er wortlos, aber wutrot kehrt und klettert, so schnell er kann, die Leiter herunter.

›So ein Aas! Mit so einem Aas soll man sich gar nicht abgeben! Die Roten haben ganz recht: an die Wand mit dieser ganzen frechen Bagage! Adel! Verdammt noch mal! Frechheit, unverschämteste Frechheit … Nichts wie großkotzige Manieren …‹

Er ist von der Leiter, er ist im Abmarsch, seine kurzen Beine treten wütend die Erde. Da kommt wieder die Stimme von oben, die Stimme aus dem Himmel, die Stimme der Herrin: Herr Meier!

Er fährt zusammen. Voller Wut – und wiederum geht es doch nicht anders, voller Wut ruft er: Jawohl, gnädiges Fräulein?

Sehr ungnädig kommt es von oben: Ich habe Ihnen schon dreimal gesagt, Sie sollen nicht so schreien. Mama schläft! Und ungeduldig: Kommen Sie noch mal rauf!

Meier klettert wieder die Leiter hoch, den Bauch voller Wut: ›Jawohl, als dein Laubfrosch die Leiter rauf und runter, wie du das Wetter machst. Na, warte mal, habe ich dich erst, dich lasse ich bestimmt sitzen, mit Kind, ohne einen Pfennig …‹

Und doch wieder in strammer Haltung: Bitte, gnädiges Fräulein …?

Sie denkt jetzt nicht mehr daran, ihm ihren Leib vorzuführen, sie überlegt, aber sie hat die Sache schon bei sich entschieden. Sie ist nur noch unsicher, wie sie es ihm sagen soll. Schließlich erklärt sie möglichst harmlos: Sie müssen mir einen Brief besorgen, Herr Meier.

Jawohl, gnädiges Fräulein.

Plötzlich hat sie ihn in den Händen, rätselhaft woher, einen länglichen Umschlag aus bläulichem Papier; so weit man von Meiers Standpunkt aus erkennen kann, ohne jede Aufschrift …

Sie gehen heute abend noch ins Dorf –?

Er ist völlig überrascht und ganz unsicher. Sagt sie das nur so oder weiß sie was? Aber das ist doch unmöglich!

Ich weiß nicht, vielleicht. Wenn Sie es wünschen, gnädiges Fräulein, jedenfalls!

Sie werden nach dem Brief von einem Herrn gefragt werden. Händigen Sie ihn dann aus.

Welcher Herr? Ich versteh nicht …

Sie wird plötzlich ärgerlich, gereizt. Sie brauchen auch gar nichts zu verstehen. Sie sollen einfach tun, was ich Ihnen sage. Ein Herr wird nach dem Brief fragen und dem geben Sie ihn. Das ist doch ganz einfach!

Jawohl, gnädiges Fräulein, sagt er. Es klingt aber etwas schwach, er ist zu sehr in Gedanken.

Also, sagt sie. Das wäre dann alles, Herr Meier.

Er bekommt den Brief in die Hand. Er will es noch nicht glauben, aber nun hat er den Brief in der Hand, diese Waffe gegen sie!

›Warte, mein Schäfchen! Kommst du mir noch einmal dumm!‹

Er reißt sich zusammen: Wird alles bestens erledigt, gnädiges Fräulein!

Und er steigt die Leiter hinunter.

Das wollte ich auch meinen! klingt ihm von oben ihre Stimme ziemlich herausfordernd nach. Sonst erzähle ich Großpapa und Papa, wer den Wald angekokelt hat!

Die Stimme verstummt. Meier ist mitten auf der Leiter halten geblieben, um nur ja kein Wort zu verlieren.

›So! Also! Da hab ich es! So ist das! Angekokelt sagt sie. Genau ins Herz getroffen. Bravo! Für fünfzehn Jahre vorzüglich. Du kannst was werden! Nee, du kannst so bleiben!‹

Und der Herr Leutnant versteht auch schlecht Spaß, sagt die Stimme noch – und nun hört er, wie sie sich oben mit ihrem fetten, faulen Fleisch auf die Seite wälzt. Der Liegestuhl ächzt. Fräulein Violet von Prackwitz gähnt behaglich dort oben, und Herr Feldinspektor Meier darf unten an seine Arbeit gehen – stimmt, geht in Ordnung, der Kram.

Aber Meier, der kleine Meier, Negermeier geht noch nicht an seine Arbeit. Ganz langsam, tief in Sinnen, trottet er den Weg zu seiner Bude. Den Brief hat er in der Außentasche seiner schilfleinenen Joppe, und über seine glatte Fläche hat er die Hand gelegt, damit er ihn auch immer fühlt. Er muß fühlen, daß er den Brief wirklich hat, daß er da ist. Diesen Brief, den er gleich lesen wird. Sie hat wenig genug gesagt, dieses kleine, durchtriebene Luder, aber für ihn hat sie genug gesagt. Längst genug! Sie kennt also den Leutnant, diesen rätselhaften, etwas abgerissenen, doch recht schneidig auftretenden Herrn, der nächtliche Versammlungen beim Schulzen einberuft, und vor dem Förster Kniebusch strammsteht. Und sie hat diesen Herrn Leutnant heute zwischen zwölf und drei getroffen, sonst könnte sie von dem Brand nichts wissen.

Wenn aber dieser Herr Leutnant Herrn Feldinspektor Meier so kameradschaftlich zunickte, so nicht darum, weil er den Negermeier für so viel tüchtiger hielt als den alten Knochenfraß Kniebusch, sondern weil er bereits wußte: Meier war zum heimlichen Briefträger ausersehen! Wußte schon recht gut Bescheid, der Herr Leutnant, auf Neulohe! Längeres, heimliches Einverständnis.

›Ihr seid schon reichlich weit gekommen, ihr zwei beide! Ich kann mir alles denken. Und wenn ich erst den Brief gelesen habe – dumm bist du ja doch, du hochmütige, alberne Gans! Denkst, ich geh den Brief weiter und seh mir nicht an, was drinsteht! Ich will Bescheid wissen, und dann werde ich schon sehen, was ich da tue. Vielleicht dem Rittmeister alles erzählen – was ist dagegen so ein bissel Waldbrand? Damit habt ihr mich noch lange nicht an der Strippe. Aber ich denke, ich werde dem Rittmeister gar nichts sagen. Denn du bist ja auch noch so dumm, daß du nicht einmal merkst, daß so ein Kerl wie der Leutnant dich natürlich sitzenläßt. Da braucht man ihn ja nur einmal anzusehen, um das zu wissen. Aber dann bin ich da – nee, mein Kindchen, mir macht es nichts. An so was stoße ich mich nicht. Junge Pferde einfahren macht wenig Spaß und viel Mühe – besser schon, sie kennen jeden Schritt und Gang! Aber dann sollst du mir bezahlen, für jedes freche, hochmütige Wort, für jedes Jawohl, gnädiges Fräulein – und für diesen Brief vor allem! – Wie macht man solchen Brief überhaupt auf? Ich hab gehört, mit Wasserdampf – aber wo krieg ich in der Eile Wasserdampf auf meiner Bude her? Ach was, ich versuch es einfach mit einem Messer, die Klappe loszumachen, und geht der Umschlag kaputt, nehme ich einen von meinen eigenen. Gelb oder blau – danach wird er wohl kaum sehen …‹ Er ist angelangt auf dem Büro. Ohne auch nur die Mütze abzunehmen, sinkt er in den Schreibtischstuhl. Er legt den Brief vor sich auf den verbrauchten, tintenfleckigen grünen Filz. Starrt ihn an. Er ist schweißnaß, seine Glieder hängen von ihm, dabei ist sein Mund trocken. Er ist völlig erschöpft. Er hört die Hühner auf dem Hof glucksen, die Schweizer klappern im Kuhstall mit Eimern und Milchkannen. (›Wollte ich mir auch ausgebeten haben – höchste Zeit zum Melken!‹)

Der Brief liegt vor ihm. Die Fliegen surren und burren eintönig, es ist unerträglich schwül. Er will einen Blick auf das Barometer an der Wand tun (›Vielleicht kommt doch ein Gewitter?‹), aber er sieht nicht hoch: ›Es ist ja ganz egal!‹

Der Brief, das bläulich-weiße, reine Rechteck auf dem fleckigen grünen Filz! Ihr Brief!

Lässig, halb spielend greift er nach dem Papiermesser, zieht den Brief näher und legt beides wieder hin. Er wischt sich erst an der Joppe die schweißnassen Hände trocken. Dann nimmt er das Papiermesser und langsam, genußreich führt er die stumpfe Spitze in die kleine Öffnung oben zwischen Deckelklappe und Umschlag ein. Seine Augen sind starr, um seine dicken Lippen spielt ein leichtes, befriedigtes Lächeln. Jawohl, er öffnet den Brief. Achtsam schiebend, hebend, stoßend, drückend löste er die nachlässig festgeklebte Klappe. Nun sieht er schon eine Ecke vom Brief, da sind Fäserchen, die sich nicht fügen wollen, wie Härchen – aber zugleich sieht er sie, sieht er Weio, wie er sie eben gesehen hat, auf dem Liegestuhl … Sie streckt ihren Leib, ihr weißes, volles Fleisch zittert ein wenig … sie wirft die Arme hoch und in den Achselhöhlen schimmert es hell, kräuselt sich …

Oh! stöhnt Negermeier. Oh! Er hat die ganze Zeit auf den Brief gestarrt, er hat ihn dabei geöffnet – aber er war fort unterdes, fünfhundert Meter von hier, auf dem flachen, sonnenschwitzenden Pappdach – Fleisch bei Fleisch, Haut bei Haut, Haar bei Haar –: O du! Du!

Die Welle wird flacher. Noch einmal in den Farben schönen, lebendigen Fleisches leuchtend, wie von einem Abendrot bestrahlt, verrinnt sie im Sande. Ächzend atmet Negermeier auf. ›Nein, so was!‹ wundert er sich nun doch. ›Dies Biest muß mich ganz verrückt gemacht haben! Aber die Hitze tut auch was dazu!‹

Der Brief ist tadellos aufgegangen. Man braucht die Klappe nachher nicht einmal frisch zu gummieren, so nachlässig hat Fräulein Violet von Prackwitz zugeklebt. Also, lesen wir … Aber vorher wischt er noch einmal die Hände an der Joppe ab, sie sind schon wieder schweißnaß.

Dann zieht er das Blatt wirklich aus dem Umschlag, schlägt es auf. Er ist nicht sehr lang, der Brief, dafür aber hat er es in sich. Er liest:

Liebster! Allerliebster!! Einziger!!! Eben bist Du erst weg und schon bin ich wieder ganz wild nach Dir! Ich fliege am ganzen Leibe und es summt in mir, daß ich immerzu die Augen zumachen muß! Dann sehe ich Dich! Ich habe Dich ja sooo lieb!! Papa kommt heute bestimmt nicht, und so erwarte ich Dich zwischen elf und zwölf am Teich beim Schwanenhaus. Sieh, daß die dumme Versammlung bis dahin bestimmt alle ist. Ich sehne mich schrecklich nach Dir!

100 000 000 Küsse und noch viel mehr! Ich drücke Dich an mein Herz, das ganz doll klopft Deiner Violet.

Gott! sagt der kleine Meier und starrt auf das Briefblatt. Die liebt ihn wirklich: so lieb mit drei o und Deine unterstrichen. So ein kleines Pimädchen – die wird er schön reinlegen. Na, um so besser!

Er tippt sich den Brief auf der Schreibmaschine ab, zählt dabei sorgfältig die Nullen bei der Kußzahl (›Die reine Inflation – die macht mit!‹), klebt wieder zu. Die Abschrift des Briefes legt er in den Band 1900 des amtlichen Kreisblattes, den Brief steckt er wieder in die Joppentasche. Und nun ist er völlig zufrieden. Und völlig fertig für die Wirtschaft. Er sieht auf das Barometer. Es ist wieder ein bißchen gefallen.

›Ob es doch noch ein Gewitter gibt? Ob ich doch noch einfahren lasse? Ach, Quatsch, die redet ja bloß Unsinn!‹

Er geht ab zu seiner Mähmaschine.

7

Dachte ich es mir doch, daß du mich heute noch aufsuchen würdest, meine liebe, meine arme Mathilde!

Frau von Anklam, verwitwete Generalmajor, über siebzig, schneeweiß, unförmlich dick, ist aus ihrem tiefen Sessel, in dem sie ihren Nachmittagsschlaf hielt, mühsam emporgetaucht. Mit beiden Händen hält sie die Hand der Besucherin und sieht ihr teilnehmend-besorgt mit den großen braunen, immer noch schönen Augen ins Gesicht. Vorläufig spricht sie nur getragen – wie bei einem Todesfall. Sie kennt aber auch noch eine andere Tonart, die der Regierungskommandeuse, die sämtliche Damen des Regiments in Zucht, Ordnung und Anstand hielt.

Wir werden alt, aber unsere Last wird nicht leichter. Unsere Kinder, solange sie jung sind, treten sie auf unsern Schoß. Später dann auf unser Herz.

(Frau von Anklam hat nie Kinder gehabt. Sie konnte Kinder auch nie ausstehen.)

Komm, setze dich hier auf das Sofa, Mathilde. Ich klingle – Fräulein bringt gleich Kaffee und Kuchen. Ich habe heute den Kuchen von Hilbrich holen lassen, er hat doch immer den besten. Nur lohnt es sich nicht recht für mich allein – vierzigtausend Mark Fahrgeld, verstehst du, vierzigtausend! Räuber sind das! – Ja, Fräulein, Gebäck und Kaffee, recht kräftig, meine Kusine hat eine traurige Nachricht bekommen. – Ja, liebe Mathilde, ich habe da eben in meinem Stuhl gesessen und nachgedacht. Fräulein glaubt, ich schlafe, aber ich schlafe natürlich nicht. Ich höre jedes Geräusch in der Küche, und wenn beim Abwaschen ein Teller zerbrochen wird, bin ich sofort da! Zerbricht deine Minna auch soviel –? Es ist noch das alte Nymphenburger Porzellan, das Großvater Kuno vom Hochseligen Herrn zur Diamantenen Hochzeit bekam – Gott, es ist ja genug für mich alte Frau da, aber trotzdem, man muß auch an seine Erben denken! Ich hatte es eigentlich Irene versprochen, aber ich bin in letzter Zeit doch wieder schwankend geworden, Irene hat solch seltsame Ansichten über Kindererziehung – direkt, wie soll ich sagen, revolutionär!

Und die Nachricht ist bestimmt richtig, Betty? fragt Frau Pagel, grade aufgerichtet, dürr – und keine noch so teilnehmende nahe Verwandte konnte ihr ansehen, daß sie Tränen geweint hatte.

Die Nachricht? Welche Nachricht? Ach so, die Nachricht! Aber liebe Mathilde, ich muß doch sagen, wo ich es dir extra geschrieben habe –! Dies ziemlich als Kommandierende, aber nun wieder teilnahmsvoll: Nein, natürlich richtig – der gute Junge, der Eitel-Fritz hatte dort zu tun. Er hat es mit eigenen Augen gelesen, das Aufgebot heißt es ja wohl. Ich weiß allerdings nicht, was er dort zu tun hatte. Ich war so aufgeregt, daß ich ihn nicht danach gefragt habe. Aber du kennst ja Eitel-Fritz, er ist so originell, er geht an die seltsamsten Plätze – Attention! La Servante!

›Das Fräulein‹ erscheint mit dem Kaffeegeschirr, mit dem Tablett, mit dem Nymphenburger von dem diamantenen Großvater. Die Damen verstummen, und lautlos deckt Fräulein, ein ältliches, mausgraues Wesen, den Tisch.

Es ist immer nur ›Fräulein‹ – alle diese häufig wechselnden Gestalten bei Frau Generalmajor von Anklam sind namenlos. Fräulein deckt und Fräulein stopft, Fräulein liest vor und Fräulein erzählt was, und vor allem: Fräulein hört zu! Fräulein hört zu von morgens bis abends, Geschichten von Regimentsdamen, längst verstorben und vergessen (›Ich sage ihr: liebes Kind, was Takt heißt, bestimme ich!‹); Geschichten von Kindern, längst im Besitz eigener Kinder (›Und da sagt doch dieses süße Engelskind zu mir …‹); Geschichten von Verwandten, längst verzankten; Geschichten von blauen Briefen und Beförderungen; Geschichten von Orden; Geschichten von Verwundungen; Geschichten von Eheirrungen und von Ehescheidungen – Wust und Gerümpel eines ganz in Klatsch und Tratsch verbrachten Lebens, Intima, Intimissima!

Fräulein, farblos, mausgrau, hört zu, sagt ja, ach nein!, so etwas!, himmlisch! – aber wenn Besuch bei Exzellenz ist, hört sie nichts, Frau Generalmajor flüstert mit dem letzten Rest ihres Lausanner Pensionsfranzösisch: Attention! La Servante!, und die Damen verstummen. Ist Besuch da – wird Fräulein zu Luft, so gehört es sich. (Erst wenn der Besuch wieder fort ist, wird ihr alles erzählt.)

Aber nach dem ersten Verstummen bleibt Frau von Anklam nun nicht etwa stumm, das gehörte sich auch wieder nicht. Sie redet vom Wetter, es ist so schwül heute, vielleicht gibt es ein Gewitter, vielleicht ja, vielleicht aber auch nein. Sie hatte einmal ein Fräulein, das bekam Reißen in der großen Zehe vor Gewitter – sehr seltsam, was? –

Es stimmte immer, und einmal, als Fräulein grade auf Urlaub war, wir hatten damals noch das Gut, weißt du, bekamen wir doch das Gewitter mit dem schweren Hagelschlag, der die ganze Ernte zusammendrasch – wenn Fräulein nun keinen Urlaub gehabt hätte, hätten wir das doch vorher gewußt, und das wäre doch sooo gut gewesen, nicht wahr, liebe Mathilde? Aber natürlich, grade da mußte Fräulein auf Urlaub sein! –

Ja, es ist alles recht, Fräulein, danke. Sie können jetzt noch die Spitzenrüschen an meinem schwarzen Taftkleid plätten. Sie sind schon geplättet, ich weiß, Fräulein. Es ist nicht nötig, daß Sie mir das sagen. Aber sie sind nicht so geplättet, wie ich es gewöhnt bin, sie müssen sein wie ein Hauch … Fräulein! Wie ein Hauch! Also tun Sie das, Fräulein!

Und kaum ist hinter Fräulein die Tür zu, wendet sich Frau von Anklam wieder ganz teilnahmsvoll an Frau Pagel. Ich habe es mir hin und her überlegt, liebe Mathilde, aber es bleibt dabei: sie ist einfach eine Person!

Frau Pagel fährt zusammen, sieht ängstlich zur Tür: Fräulein?

Aber Mathilde, konzentriere dich doch ein bißchen! Von was reden wir? Von der Heirat deines Sohnes! Wenn ich so unkonzentriert sein wollte! Ich habe stets meinen Damen gesagt …

Frau Pagel hat immer noch die Hoffnung, irgend etwas Positives zu erfahren, sie weiß eigentlich nicht was. Es gelingt ihr einzuschieben: Das Mädchen ist vielleicht doch nicht ganz schlecht …

Mathilde! Eine Person! Nur eine Person!!

Sie liebt Wolfgang – in ihrer Art …

Davon will ich nichts hören! Unanständigkeiten, nein, in meinem Heime nicht …

Aber Wolfgang spielt, Betty, verspielt alles …

Frau von Anklam lacht. Wenn man dein Gesicht sieht, beste Mathilde! Der Junge jeut ein bißchen – du mußt nicht ›spielen‹ sagen, ›spielen‹ klingt so gewöhnlich –, alle jungen Menschen jeuen ein bißchen. Ich erinnere mich, wie wir damals das Regiment in Stolp hatten, wurde auch viel gejeut unter den jungen Leuten. Exzellenz von Bardenwiek sagte zu mir: ›Was machen wir bloß, gnädigste Frau von Anklam? Wir müssen etwas dagegen tun.‹ Ich sagte: ›Exzellenz‹, sagte ich, ›wir werden gar nichts tun. Solange die jungen Leute jeuen, machen sie keine andern Dummheiten.‹ Und er pflichtete mir sofort bei … Herein!

Es hat leise und vorsichtig geklopft an der Tür. Nun steckt Fräulein den Kopf herein: Ernst ist zurück, Exzellenz.

Ernst –? Was will er denn –? Was sind denn das für neue Moden, Fräulein?! Sie wissen doch, ich habe Besuch! Ernst – unglaublich!

Trotz dieses Gewitters wagt das Fräulein noch etwas zu sagen, sie piepst wie eine Maus in der Falle: Er war auf dem Standesamt, Exzellenz.

Frau von Anklam verklärt sich: Ach natürlich, er soll sofort hereinkommen, sobald er sich die Hände gewaschen hat. Was Sie für lange Geschichten aus allem machen, Fräulein! – Fräulein, einen Augenblick, rennen Sie doch nicht immer gleich so kopflos fort – warten Sie bitte meine Anordnungen ab. Geben Sie ihm erst noch ein paar Spritzer Eau de Cologne, jawohl, von der Wasch-Eau de Cologne! Man weiß nicht, mit wem er dort zusammen gewesen ist.

Wieder allein mit der Kusine: Ich wollte doch wissen, wie die Trauung verlaufen ist. Ich habe mir lange überlegt, wen ich zu so etwas schicken könnte. Ich habe unsern Ernst geschickt. Nun, jetzt werden wir ja hören …

Und ihr Auge leuchtet, sie rückt die schwere Leibesfülle im Sessel hin und her, ganz Erwartung. Sie wird etwas Neues hören, wieder etwas für die Rumpelkammer – o Gott, großartig!

Der Diener Ernst tritt ein, ein älterer Mann, an die Sechzig, ein Männchen, lange schon, ein Leben schon bei Frau von Anklam.

Unter der Tür! ruft sie. Unter der Tür bleibst du stehen, Ernst!

Ich weiß doch, Exzellenz!

Gleich nachher badest du, ziehst dich frisch um, wer weiß, was für Bakterien auf dir sitzen, Ernst! – Nun los, sage doch endlich: wie war die Trauung?

Gar nicht war sie, Exzellenz!

Siehst du, Mathilde – was sage ich dir immer? Um gar nichts regst du dich auf! Was habe ich dir noch vor drei Minuten gesagt: eine ganz gewöhnliche Person! Sie hat ihn sitzenlassen!

Frau Pagel schwach: Wenn ich Ernst befragen dürfte, liebe Betty –?

Aber natürlich, liebe Mathilde. – Ernst, ich verstehe dich nicht, du stehst wie ein Stock da, du hörst doch, Frau Pagel möchte alles wissen! Erzähle, rede – sie hat ihn natürlich sitzenlassen! Nun weiter – was hat er gesagt dazu?

Halten zu Gnaden, Exzellenz! Ich glaube, der junge Herr hat sie – ist nicht gekommen …

Siehst du, Mathilde, genau, was ich dir gesagt habe! Der Junge ist ganz in Ordnung, das bißchen ›Jeu‹ tut ihm nichts, im Gegenteil – völlig vernünftig, solche Person heiratet man doch nicht!

Endlich dringt Frau Pagel durch: Ernst, ist es auch sicher? War bestimmt keine Trauung? Vielleicht sind Sie ein bißchen zu spät gekommen?

Nein, gnädige Frau, bestimmt nicht. Ich war rechtzeitig da und habe bis zum Schluß gewartet und auch den Beamten gefragt: sie sind beide nicht gekommen.

Siehst du, Mathilde …

Aber warum glauben Sie denn, Ernst, daß es mein Sohn gewesen ist. Sie verstehen schon …

Ich wollte sichergehen, gnädige Frau, es konnte ja auch was passiert sein. Auf dem Standesamt erfuhr ich die Wohnung. Ich bin also hingegangen, gnädige Frau …

Ernst, unbedingt sofort baden und völlig frische Wäsche –!

Zu Befehl, Exzellenz! – Der junge Herr hat sich seit heute früh dort nicht mehr sehen lassen. Und das Mädchen hat man hinausgesetzt, weil die Miete nicht bezahlt war. Sie stand noch unter der Tür. Ich habe sie …

Frau Pagel steht mit einem Ruck auf. Plötzlich ist sie wieder ganz Entschlossenheit, dunkel, energisch, starrer Nacken.

Ich danke Ihnen, Ernst. Sie haben mich sehr beruhigt. Entschuldige, liebe Betty, daß ich so formlos gehe, aber ich muß sofort nach Haus. Ich habe das bestimmte Gefühl, Wolfgang sitzt dort und wartet ganz verzweifelt auf mich. Irgend etwas muß vorgefallen sein. O Gott, und Minna ist auch weg! Nun, er hat ja noch seine Schlüssel zu der Wohnung. Entschuldige, ich bin ganz durcheinander, liebe Betty …

Form! Form, Haltung, liebe Mathilde! Haltung in jeder Lebenslage. Natürlich hättest du an einem solchen Nachmittag zu Haus bleiben müssen, natürlich wartet er auf dich. Ich wäre natürlich an solchem Tage nicht aus dem Haus gegangen. Und vor allem eins – bitte, Mathilde, noch einen Augenblick, du kannst doch nicht so einfach loslaufen – sei hart mit ihm! Keine falsche Weichheit! Vor allem: gib ihm kein Geld, keinen Pfennig! Wohnung, Essen, Kleidung – gut! Aber kein Geld, er verjeut es bloß! Mathilde –! Mathilde! Weg! Keine Form! – Höre mal, Ernst …

Die Thumannsche der oberen Zehntausend spricht weiter, immer weiter …

8

Der Hund schlief noch immer, auch die Katze schlief, noch schlief die Georgenkirchstraße.

Das Mädchen Petra Ledig stand in dem Torweg zu den Hinterhöfen des Hauses im Schatten. Vor ihr flimmerte die Straße von weißer, erbarmungsloser Hitze; das grelle Licht tat in den Augen weh; was sie sah, verlor die Umrisse, schien zu zerfließen. Dann schloß sie die Lider, und nun kam Schwärze in ihren Kopf, Schwärze mit plötzlich aufflackerndem, schmerzendem Purpurrot. Darein hörte sie Uhren schlagen – es war gut, so verging Zeit. Zuerst hatte sie gemeint, sie müsse irgendwohin gehen, etwas tun. Aber als sie fühlte, wie in den Augenblicken halben Dämmerns Zeit verrann, wußte sie, daß sie nur hier zu stehen und zu warten hatte. Er mußte ja kommen, jeden Augenblick mußte er kommen, er brachte Geld mit. Dann würden sie losgehen, um die Ecke war ein Bäckerladen, daneben der Fleischer. Sie fühlt, wie sie hineinbeißt in die frische Schrippe, sie kracht, das gelblichbraune Äußere, ihre krosse Hülle zerbricht, kleine, flache, spitze Splitter bleiben am Rande. Das Innere ist weißlich locker.

Nun schiebt sich wieder etwas Rötliches dazwischen, sie versucht es zu erkennen bei geschlossenen Augen, sie kann das auch, denn es ist ja nicht außer ihr, es ist in ihr, in ihrem Hirn: kreisrunde, kleine, rötliche Flecke. Was kann das nur sein –? Und plötzlich weiß sie: es sind Erdbeeren! Natürlich, sie sind ja weitergegangen, sie steht gar nicht mehr in dem Bäckerladen, sie ist in einem Gemüsegeschäft. In einem Spankorb liegen die Erdbeeren. Sie duften frisch, sie riecht es – oh, wie sie es riecht! Die Erdbeeren liegen auf grünen Blättern, die auch frisch sind … Es ist alles sehr milde und sehr frisch – nun läuft auch noch Wasser, ganz klar und kühl …

Mühsam reißt sie sich von ihrem Traumbild los, aber das Wasser läuft so eindringlich, es plätschert so, als habe es ihr etwas zu sagen. Langsam öffnen sich ihre Augen, langsam erkennt sie wieder den Torweg, in dem sie noch immer steht, die gleißende Straße – endlich den Mann vor sich, der etwas zu ihr sagt, einen ältlichen Mann mit gelbem, dürrem Gesicht und gelbgrauen Koteletten, einen steifen schwarzen Hut auf dem Kopf.

Wie –? fragt sie mit Anstrengung, und mußte es noch einmal fragen, denn beim erstenmal gab es in dem dürren, vertrockneten Mund nur ein kleines, unverständliches Geräusch.

Mancher ist in der Zeit, da sie hier stand, an ihr vorbeigegangen. Sah er wirklich die Gestalt im Torgang, beschattet vom offenstehenden Torflügel, ging er nur schneller. Es ist arme Gegend und blutarme Elendszeit, überall, zu jeder Tagesstunde stehen die Elendsgestalten von Frauen, Mädchen, Witwen, Hunger und Elend in den Gesichtern, die unmöglichsten Fetzen auf den Leib gezogen, der – allerletzte Rettung – noch einen Käufer finden soll. Die um ihre Rente gebrachten Kriegswitwen, die Arbeiterfrauen, denen der Wochenlohn auch des nüchternsten, des fleißigsten Mannes mit jeder Dollarentwertung aus der Hand gelistet wird, Mädchen, fast noch Kinder, die das Elend der kindlichen Geschwister nicht mehr ansehen können – jeden Tag, jede Stunde, jede Minute schlagen sie die Tür ihrer Höhlen, in denen Hunger ihr Geselle, Sorge ihr Bettgenosse war – schlagen sie die Tür endgültig hinter sich zu und sprechen: ›Jetzt tue ich es! Für was denn aufbewahren? Für ein noch größeres Elend? Für die nächste Grippe? Für Armenarzt und Armensarg? Alles flieht, eilt, hastet, verändert sich – und ich soll mich bewahren?!‹

Da stehen sie, in jedem Winkel, zu jeder Zeit, frech oder verängstigt, geschwätzig oder wortlos, bittend, bettelnd: Ach, nur eine Tasse Kaffee und eine Schrippe …

Es ist arme Gegend, Georgenkirchstraße. Der Kassierer der Gasgesellschaft, der Zwischenmeister der Konfektion, der Briefträger – sie gingen nur ein wenig schneller, als sie das Mädchen sahen. Sie verzogen nicht das Gesicht, kein freches Wort, kein Scherz, kein Gedanke an Mätzchen. Nur schnell weiter und vorbei, damit nicht ein Wort, ein Flehen, ein doch zu Herzen gehendes Flehen jenes Herz zu einem Geschenk verführt, das nicht gegeben werden darf. Denn auf jeden wartet zu Haus die gleiche Sorge, jedem im Nacken hockt der böse Gnom – wer weiß, wann meine Frau, meine Tochter, mein Mädchen so stehen wird, im Schatten des Torflügels den ersten Tag, bald aber auf heller Straße! Nichts gesehen haben und vorbei, kein Murmeln erreicht unsere Ohren. Allein bist du, allein bin ich, allein sterben wir alle – rette sich, wer kann!

Aber nun ist eben einer vor Petra stehengeblieben, ein älterer Herr mit Melone, gelblichem Eulengesicht und gelblichen Eulenaugen.

Wie –? hat sie schließlich ganz deutlich gefragt.

Na, Fräulein! Er schüttelt ein bißchen mißbilligend den Kopf. Ob hier Pagels wohnen?

Pagels –? Er will also nicht so etwas, er fragt nach Pagels. Pagels, mehrere Pagels, mindestens zwei. Sie möchte verstehen, wer das ist, was er will, vielleicht ist es für Wolfgang wichtig … Ja –? Sie versucht sich zusammenzunehmen, dieser Herr will etwas von ihnen. Er darf nicht erfahren, daß sie zu Wolfgang gehört, sie, die so im Torweg steht. Pagels –? fragt sie noch einmal, um Zeit zu gewinnen.

Ja, Pagels! Na, Sie wissen es wohl nicht! Bißchen getrunken, was? Er zwinkert mit den Augen, er scheint ein ganz gutmütiger Mann zu sein. Müssen Sie nicht tun, Fräulein, am Tage. Abends meinethalben. Aber am Tage ist es ungesund.

Doch, Pagels wohnen hier, sagt sie. Aber sie sind nicht da. Sind beide weggegangen. (Denn er darf nicht hinauf zur Thumann – was würde er da alles zu hören bekommen, es könnte Wolfgang schaden!)

So? Beide weggegangen? Wohl zur Trauung, wie? Dann müssen sie aber zu spät gekommen sein. Das Standesamt ist schon dicht gemacht.

Auch das weiß er! Wer kann es bloß sein? Wolfgang hat immer gesagt, er hat keine Bekannten mehr.

Wann sind sie denn weggegangen? fragt der Herr wieder.

Vor einer halben Stunde. Nein, schon vor einer Stunde! sagt sie hastig. Und sie haben mir gesagt, sie kommen heute nicht wieder.

(Er darf nicht zur Thumann hinauf! Nur nicht!)

So, haben sie Ihnen das gesagt, Fräulein? fragt der Herr, plötzlich mißtrauisch. Sie sind wohl befreundet mit Pagels?

Nein! Nein! protestiert sie hastig. Sie kennen mich nur vom Sehen. Es ist nur, weil ich hier immer stehe, daß sie es mir gesagt haben.

So … sagt der Herr nachdenklich. Na, dann danke ich auch schön. Und er geht langsam durch den Torweg auf den ersten Hof.

Ach bitte! ruft sie mit schwacher Stimme, geht sogar einige Schritte hinter ihm her.

Was denn noch? fragt er, dreht sich um, geht aber nicht wieder zurück. (Er will durchaus hinauf!)

Bitte! sagte sie flehentlich. Das da oben sind so schlechte Leute! Glauben Sie nicht, was Ihnen die von Herrn Pagel sagen. Herr Pagel ist ein sehr feiner, ein sehr anständiger Mann – ich, ich habe nie etwas mit ihm zu tun gehabt, ich kenne ihn wirklich nur vom Sehen …

Der Mann steht mitten im grellen Sonnenschein auf dem Hof. Er sieht scharf zurück auf Petra, aber er kann sie sicher nicht genau erkennen, wie sie dasteht im dämmrigen Torweg, eine leichte, schwache Gestalt, den Kopf ein wenig vorgebeugt, die Lippen halb geöffnet, gespannt nach der Wirkung ihrer Worte ausschauend, die Hände flehentlich auf die Brust gelegt.

Er reibt den gelbgrauen Bart nachdenklich zwischen Daumen und Zeigefinger; nach einem langen Überlegen sagt er: Keine Angst, Fräulein. Ich glaube auch nicht alles, was mir die Leute erzählen.

Es klingt nicht bissig, vielleicht ist es gar nicht auf sie gemünzt, es klingt sogar freundlich.

Ich kenne den jungen Herrn ganz gut. Ich habe ihn gekannt, als er noch so klein war …

Und er zeigt einen unwahrscheinlich winzigen Abstand von der Erde. Damit aber ist es genug – er nickt Petra noch einmal zu und verschwindet endgültig im Durchgang zum zweiten Hof.

Petra aber gleitet zurück in ihren Schutzwinkel hinter dem Torflügel. Sie weiß jetzt natürlich schon, sie hat alles falsch gemacht, sie hätte diesem alten Herrn, der Wolfgang schon als Kind gekannt hat, gar keine Auskunft geben müssen, nein, sie hätte sagen müssen: Ich weiß nicht, ob hier Pagels wohnen …

Aber sie ist zu müde, zu zerschlagen, zu krank, um darüber weiter nachzudenken. Sie will hier nur stehenbleiben und warten, bis er wieder zurückkommt. Dann wird sie ihm die erhaltene Auskunft vom Gesicht ablesen. Sie wird ihm sagen, was für ein wundervoller Mensch Wolfgang ist, der nie etwas Böses tut, nie jemandem Übles zufügt … Und während sie den Kopf an die kühle Wand legt, die Augen schließt und diesmal fast unwillig die Schwärze kommen spürt, die Fernsein von ihrem Ich und ihren Sorgen bedeutet – währenddem versucht sie, den alten Herrn auf seinem Weg über den Hinterhof zu begleiten. Dann treppauf bis zur Tür der Frau Thumann. Sie meint, ihn klingeln zu hören, und nun möchte sie über sein Gespräch mit Frau Thumann nachdenken … Sie wird reden, die Frau, ach, sie wird reden, alles auskramen, sie beide mit Dreck bewerfen, über das verlorene Geld jammern …

Doch plötzlich taucht ihrer beider Zimmer auf, diese häßliche Höhle ist übergoldet vom Schein ihrer Liebe … Ferner und ferner verklingt die Stimme der Pottmadamm, hier haben sie beide gelacht, geschlafen, gesprochen, gelesen … Er stand zähneputzend am Waschtisch, sie sagte etwas …

Jetzt verstehe ich nichts! schrie er. Red lauter!

Sie tat es.

Er putzte. Lauter! – Verstehe kein Wort, noch lauter!

Sie tat es, er putzte, schäumte.

Lauter, sag ich!

Sie tat es, sie lachten …

Hier waren sie gemeinsam gewesen, zusammen, sie hatte auf ihn warten dürfen, nie umsonst …

Und plötzlich sah sie, in einem raschen, schmerzenden Blinzeln, die Straße, wußte, sie ging weiter … Märchenbrunnen … Hermannspark … weiter, immer weiter, immer noch Stadt … Und nun Land, endloses Land, mit Feldern und Wäldern, Brücken, Büschen … Und wieder Städte voller Häuser mit Torwegen und wieder Land und Wasser, ungeheure Meere … und wieder Länder und Land und Stadt, unfaßbar … Und die Möglichkeit, hinauszugehen, alles hinter sich zu lassen, die tausend Möglichkeiten des Lebens, an jeder Ecke, in jedem Dorf … ›Alles dieses aber‹, verwirrte es sich in ihrem Hirn, ›will ich hingeben und dich anbeten, wenn du mir unser Zimmer wieder schenkst und das Warten auf ihn in ihm …‹

Langsam wurde es schwarz. Alles löschte aus, die Welt wurde undeutlich. Die Schwärzefetzen flogen darüber hin, verdeckten sie … Einen Augenblick meinte sie noch die Gardinen des Zimmers zu sehen, gelblichgrau, schlaff und reglos in der ungeheuren Schwüle hängend – dann verlöschte auch das zu Nacht.

Aber auch die Nacht barg keine Ruhe für sie, nun leuchtete es rot in ihr auf, mit einem glühenden, bösen Rot … ach, der Hund von drüben war aufgestanden. Größer und größer werdend kam er über die Straße auf sie zu. Sein gähnender Rachen mit den spitzen, scharfen Eckzähnen war schon über ihrem Kopf. Böse rot die Augen, böse rot die drohenden Fänge, und nun legte er mit ungeheurem Gewicht seine Pfote auf ihre Schulter, sie schreit vor Angst, aber kein Ton drang bis an ihr Ohr. Sie sinkt hin …

Der Diener Ernst, die Hand auf ihrer Schulter, sagt mahnend: Fräulein, bitte! Fräulein!!

Von weit sah ihn Petra kommen und fragte doch gleich, als habe die Frage seit seinem Fortgehen dringend in ihr gewartet: Was haben die gesagt?

Der Diener bewegte zweifelnd die Schultern. Dann: Wo ist der junge Herr hin? Er sieht sie zögern, er sagt beruhigend: Vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren, ich bin bloß der Diener von seiner Tante. Ich erzähl schon nichts, was ich nicht will.

Und sie, da er doch Schlimmeres nicht erfahren kann, als er oben schon gehört haben wird: Fort. Geld besorgen.

Und ist nicht wiedergekommen?

Nein. Noch nicht. Ich warte.

Sie standen beide eine Weile schweigend da, sie geduldig wartend, was das Schicksal und vielleicht dieser Mann für sie bereithielt, er unschlüssig, ob er so einfach fortgehen könne, seiner Herrin zu berichten. Unschwer war zu erraten, was Frau Generalmajor von Anklam über dieses Mädchen dachte, was sie zu tätiger Hilfe sagen würde. Immerhin …

Der Diener Ernst trat langsam aus dem Torweg auf die Straße, sah unschlüssig auf und ab, der Erwartete war nicht zu sehen … Einen Augenblick hatte er den Gedanken, einfach fortzugehen. Er glaubte, genau zu wissen, daß dieses Mädchen ihn mit keinem Wort daran hindern würde. Es war die einfachste Lösung, jede andere konnte ihm Schwierigkeiten bei Exzellenz machen. Oder aber ihm Geld kosten – und je wertloser das vom Diener Ernst in einem Menschenalter ersparte kleine Kapital wurde, um so fester hing er an diesen Scheinen mit den unsinnigen Zahlen. Zu Haus in seiner kleinen Kammer füllte er eine blecherne Teepackung nach der andern mit ihnen …

Trotzdem …

Er sah noch einmal die Straße auf und ab: nichts. Zögernd, ein wenig unwillig über sein eigenes Tun, ging er in den Torweg zurück und fragte ebenso widerwillig: Und wenn der junge Herr nun kein Geld bringt?

Sie sah ihn nur an, mit einer leichten Bewegung des Kopfes – schon die vage Aussicht in diesen Worten, Wolfgang könne doch noch kommen, wenn auch ohne Geld, belebte sie.

Und wenn er gar nicht wiederkommt, was tun Sie dann?

Ihr Kopf sank ein wenig nach vorn, die Lider schlossen sich – ohne daß ein Wort laut wurde, war klar genug, wie gleichgültig ihr dann alles war.

Fräulein, sagte er zögernd, ein Diener verdient nicht viel. Und dann habe ich ja auch all mein Erspartes verloren, aber wenn Sie dies nehmen wollen …

Er versucht, ihr einen Schein in die Hand zu schieben. Er hat ihn aus der abgegriffenen, dünnen Brieftasche gewählt: Fünfzigtausend. Und da sie ihre Hand zurückzieht, dringender: Nein, nein, Sie können das ruhig nehmen. Es ist ja nur das Fahrgeld, damit Sie auch nach Haus kommen. Er stutzt, überlegt. Sie können doch hier nicht so weiterstehen! Sicher haben Sie irgend jemand Verwandtes, zu dem Sie erst einmal fahren können.

Wieder bricht er ab. Ihm ist eingefallen, daß sie in diesem Aufzug, die Beine bis über die Knie nackt, nur in vertretenen Hausschuhen, mit einem jämmerlichen Herrenpaletot, der zu viel Brust sehen läßt, unmöglich auf eine Elektrische steigen kann.

Er steht da, betreten, verlegen, fast schon ärgerlich. Er möchte ja helfen, aber Herrgott! – wie hilft man denn da?! Er kann sie doch nicht mit sich nehmen, einkleiden – und schließlich: was dann?!

O Gott, Fräulein! sagt er plötzlich traurig. Wie hat es nur der junge Herr so weit kommen lassen können?!

Petra aber hat nur eines verstanden: Sie meinen also auch, daß er nicht wiederkommt?

Der Diener bewegt die Schultern. Wie kann ich das wissen? Haben Sie sich denn gezankt? Sie wollten doch heute heiraten?

Heiraten – richtig! Das Wort erreicht sie noch, sie hat gar nicht mehr daran gedacht. Wir heiraten heute, ja … sagt sie und lächelt vage. Sie erinnert sich, daß sie heute den Namen ›Ledig‹ verlieren sollte, der immer etwas gewesen war wie ein Makel. Sie erinnert sich daran, wie sie erwachte und nicht nach seiner Geldtasche zu sehen wagte und doch noch sicher war: heute würde es sein! Dann waren die ersten Zweifel gekommen, seine unentschlossene Haltung, als sie ihn drängte, dann forderte, dann bat … Und wie sie gefühlt hatte, beim Zuschlagen der Tür schon: heute wird es nun doch nicht sein!

Aber plötzlich dann (und unbegreiflich, doch geschehen: der Hunger hatte ihr brennendes Hirn selbst das vergessen lassen) – plötzlich war vor dem Spiegel die Erkenntnis über sie gekommen, das Wissen, daß er wohl gegangen, aber doch bei ihr geblieben war, ewig unverlierbar in ihr. Was dann geschehen war: das bettelnde Hocken in der Thumannschen Küche mit dem Schielen nach Idas Schnecken, die Austreibung, das tatenlose Warten hier im Durchgang – das hatte nur der Hunger gemacht, arglistiger Feind im Leib und Hirn, der sie hatte vergessen lassen; was nie vergessen werden durfte: dies in ihr.

Was war denn los mit ihr? War sie denn verhext und verzaubert?! Sie hatte es doch immer noch geschafft in ihrem Leben, die Mutter hatte sein mögen mit ihr so roh, wie sie nur konnte – ein paar Tränchen, aber weiter! Die liebenswürdigen Kavaliere mit den messerscharfen Bügelfalten auf der Mädchenjagd mochten nachher noch so gemein und geizig sein – die Zähne zusammen, aber weiter! Wolfgang mochte wiederkommen oder nicht wiederkommen – schlimm, traurig, böse … Aber zweiundzwanzig Jahre lang hatte sie nur um der eigenen Person willen jeden Dreck gefressen – und jetzt sollte sie hier stehen, tatenlos, bestellt und nicht abgeholt – da zum erstenmal im Leben ein anderes auf sie angewiesen ist, auf sie ganz allein, und keine andere Frau auf der Welt kann sie ersetzen – einfach lächerlich!

Eine Fülle von Gedanken strömt auf sie ein, sie kann es alles gar nicht so schnell erfassen. Nachdem der Hunger ihren armen Kopf eine Zeit in Schwärze und vage Träume versenkt hat, macht er ihn jetzt überlebendig, ganz wach und klar: es ist aber alles ganz einfach. Sie hat für jemanden zu sorgen, und da dieser jemand in ihr ist, muß sie zuerst für sich sorgen – nichts ist selbstverständlicher. Alles andere findet sich dann schon.

Und während sie dies denkt, denkt sie auch schon anderes in ihrem Kopf. Sie macht Pläne, was sie zu tun hat, später, aber auch jetzt gleich. Und darum sagt sie plötzlich ganz klar und bestimmt: Ja, es ist nett von Ihnen, daß Sie mir das Geld geben wollen. Ich kann es sehr gut gebrauchen. Danke schön!

Der Diener sieht sie verblüfft an. Es ist nur der Bruchteil einer Minute vergangen, seit er sie daran erinnert hat, daß sie heute heiraten wollte. Der Diener Ernst kann nicht ahnen, welche Gedanken dieser eine Satz in ihrem Hirn wachgerufen hat, was alles sie in diesen wenigen Sekunden erlebte und plante. Er sieht nur die Veränderung in ihrem Gesicht, das plötzlich nicht mehr schlaff, das voller Leben ist, sogar Farbe hat es bekommen. Er hört plötzlich statt der zögernden, halblauten Sprache einen energischen Ton, fast schon Befehl. Ohne auch nur zu überlegen, hat er ihr das Geld in die Hand gelegt.

Na, Fräulein, sagt er überrascht und wieder leise geärgert, plötzlich sind Sie ja so munter! Warum denn? Das Standesamt ist schon zu. Ich glaube wirklich, Sie haben einen sitzen.

Nein, antwortet sie. Mir fiel nur plötzlich etwas Gutes ein. Und daß ich Ihnen so komisch vorkomme, liegt nicht am Trinken. Aber ich habe nichts gegessen, ziemlich lange schon, und davon wird einem so komisch im Kopf …

Nichts gegessen! empört sich nun wirklich der Diener Ernst, der all sein Lebtage stets zur bestimmten Stunde seine bestimmte Mahlzeit gegessen hat. Nichts zu essen! Aber so etwas sollte der junge Herr nun wirklich nicht machen!

Sie sieht ihn an, mit einem halben, verlorenen Lächeln. Sie weiß, was in seinem Kopf vorgeht, was er denkt und voller Empörung fühlt, und sie muß über ihn lächeln. Denn dieses Mal, da der brave, wohlerzogene Diener Ernst, ergraut im Umgang mit den ersten Kreisen, wirklich einmal für sie Stellung nimmt und gegen den jungen Herrn, dieses Mal spürt sie so recht, wie weit Menschen voneinander leben. Der junge Herr hätte sie schlecht behandeln dürfen, er hätte sie betrügen dürfen, er hätte sie sitzenlassen dürfen – das alles hätte den guten Diener Ernst (und seine meisten Mitmenschen) nicht gar so sehr empört. Aber daß er ihr nichts zu essen gab –! Nein, so etwas tat man nun wirklich nicht!!

Er betrachtet sie mit gerunzelter Stirn, sie kann ihm ansehen, vor wie großen Entschlüssen er steht, da macht sie es ihm leicht. Wenn Sie mir bloß ein paar Schrippen holen wollten! sagt sie. Hier gleich um die Ecke ist ein Bäckerladen. Und dann brauchen Sie sich keine Sorgen mehr um mich zu machen. Sobald ich ein bißchen gegessen habe, komme ich schon zurecht. Ich habe einen Plan … Natürlich hole ich Schrippen, sagt er eifrig. Und vielleicht sonst noch etwas, etwas zu trinken, Milch, ja?

Er hastet davon, er geht in drei, vier Läden: Butter, Brot, Semmeln, Wurst, ein paar Tomaten .. Er denkt nicht mehr an sein Geld, die Ersparnisse … Die Tatsache, daß ein Mensch Hunger hat, aber nichts zu essen, hat ihn ganz verwirrt. ›So etwas hätte der junge Herr nicht tun dürfen‹, denkt er immer wieder. ›Sie mag sein, wie sie will, aber hungern lassen – nein!‹

Er ist gelaufen, hat sich und die schläfrigen Ladeninhaber gehetzt, alles mußte eilig gehen, schnell. Am liebsten hätte er gesagt: ›Bitte, es ist nämlich für einen Menschen, der verhungert …‹ – Aber nun, da er zurückkommt, steht er noch verwirrter: sie ist nicht da. Nicht am Torweg, auf der Straße nicht, auch nicht auf dem Hof. Sie ist fort!

Zögernd entschließt er sich, noch einmal zu der Thumann hinaufzusteigen, sicher nicht sehr gerne, denn diese hemmungslos Geschwätzige hatte für ihn eine gar zu fatale Ähnlichkeit mit Ihrer Exzellenz, Frau Generalmajor Bettina von Anklam. Aber er bekam nur die Ida zu sehen, halb schon gewerblich, halb noch häuslich bekleidet, was ihn ziemlich erschreckte. Und diese junge Dame erkundigte sich sehr ungnädig bei ihm, ob es wohl piepe in seinem Hirnkasten, denn: Det Aas kommt mir nich wieder rin! Wenn die bloß schellt, hat se schon ’ne Schelle! Nee, wat sich solche Leute alles einbilden –!

Diener Ernst steigt wieder treppab, geht wieder über die Höfe, kommt wieder in den Torgang.

Im Schatten des Türflügels steht niemand. Kopfschüttelnd geht er auf die Straße: nichts. Diese Tüten und Päckchen mit Lebensmitteln, diese Flasche voll Milch, das kann er doch nicht mit zu seiner Herrschaft nehmen. Fräulein sähe es sicher, und sicher erzählte Fräulein es Ihrer Exzellenz.

Er kehrt wieder um, baut seine Besorgungen im tiefsten, dunkelsten Winkel hinter dem Türflügel auf und geht endgültig ab, nicht ohne sich noch häufig umzusehen. Erst als er in der Untergrund sitzt, denkt er nicht mehr zurück, kann er wieder vorausdenken.

›Was sage ich bloß Exzellenz –?!‹

Nach sorgfältiger Überlegung beschließt er, möglichst wenig zu sagen.

Fünftes Kapitel
Das Gewitter bricht los
1

Der Oberwachtmeister der Schutzpolizei Leo Gubalke war erst gegen drei Uhr aus seinem Schrebergarten dicht beim Betriebsbahnhof Rummelsburg in die Wohnung Georgenkirchstraße zurückgekommen. Er hatte ausreichend Zeit, sich gründlich zu waschen und sich umzuziehen für den Dienst. Aber er hatte keine Zeit mehr, noch ein Schläfchen zu tun, wie er eigentlich gewollt hatte. Denn sein recht anstrengender Dienst ging von vier Uhr nachmittags bis morgens zwei Uhr, und es war immer gut, wenn man sich vorher ein wenig auf das Ohr legte. Es kam dem Dienst, und vor allem den Nerven im Dienst zugute.

Oberwachtmeister Leo Gubalke ist ganz allein in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Frau ist schon seit dem Morgen im Schrebergarten (Kolonie Nordpol), die beiden Gören sind von der Schule direkt dorthin gefahren. Der Polizist hat sich die große Zinkwanne, die von seiner Frau sonst für die Wäsche benutzt wird, in die Küche geholt und schrubbt sich langsam und sorgfältig von oben her ab.

Es ist ein alter Streit zwischen ihm und seiner Frau, wie man sich am besten ganz wäscht. Er tut es von oben her: Kopf, Hals, Schultern, Brust und so weiter, bis er unten bei den Füßen ist. Das ist wirklich ordentlich und sauber, denn nichts bereits Gesäubertes wird durch das Waschen des nächsten Körperteils wieder berührt. Außerdem ist es sparsam, denn das reichlich von oben rinnende, mit Seife versetzte Wasser weicht die später zu reinigenden Körperteile schon ein.

Frau Gubalke will das nicht einsehen, oder, falls sie es doch eingesehen hat, tut sie es nicht. Sie wäscht sich ganz systemlos, jetzt den Rücken, dann die Füße, jetzt die Brust, nun die Schenkel. Oberwachtmeister Leo Gubalke, der dienstlich fast alle Tage mit aufgeregten Frauen zu tun hat, ist fest davon überzeugt, daß auch Frauen Verstand haben können. Aber jedenfalls eine ganz andere Art Verstand als die Männer, und es ist völlig unnütz, sie von etwas überzeugen zu wollen, von dem sie nicht überzeugt sein mögen.

Frau Gubalke ist eine fabelhaft ordentliche Frau, die Küche blitzt nur so, und Gubalke weiß, daß in jeder sorgfältig zugeschobenen Lade, hinter jeder zuverlässig abgeschlossenen Schranktür jedes Stück in Ordnung liegt, aber System in ihre Körperpflege ist nicht zu bekommen. So etwas ist nun einmal bei Frauen so, und wenn es so ist, soll man es auch nicht zu ändern versuchen, sie werden sonst leicht böse. Aber immerhin hatte der Vater den Triumph, daß die beiden Kinder, zwei Mädchen, sich nach seiner Methode wuschen.

Oberwachtmeister Gubalke ist ein Mann Anfang der Vierzig, rotblond, schon ein bißchen fett, ein sehr ordentlicher Mann, nicht ohne Wohlwollen, wenn es nur irgend damit ging. Eine sonderliche Begeisterung empfand er nicht mehr für seinen Beruf, obwohl der eigentlich seiner Neigung zur Ordnung entsprach. Ob er Chauffeuren vorschriftswidriges Fahren verwies, ob er einen randalierenden Betrunkenen auf die Wache brachte oder ob er eine Prostituierte aus der verbotenen Königstraße wies – er hielt die Stadt Berlin in Ordnung, er sorgte dafür, daß alles auf der Straße seine Richtigkeit hatte. Natürlich konnte öffentliche Ordnung nie den Rang privater Ordnung wie etwa in seiner Wohnung erreichen. Vielleicht war es dies, was ihm die Freude an seinem Beruf vergällte.

Lieber hätte er in der Schreibstube gesessen, Register geführt, Karteien in Ordnung gehalten. Dort war mit Papier, Feder und womöglich noch mit einer Schreibmaschine etwas zu erreichen, das seinem Idealbild von der Welt am nächsten entsprach. Aber seine Vorgesetzten wollten ihn nicht von der Straße wegnehmen. Dieser ruhige, besonnene, vielleicht eine Spur langsame Mann war, zumal in dieser schwierigen, wirren Zeit, kaum zu ersetzen.

Während sich Leo Gubalke sein etwas rosiges Fett schrubbt, daß es rot wird, überlegt er wieder einmal, wie er der Sache einen Dreh geben soll, den sie nun einmal scheinbar haben muß, damit sein so oft geäußerter Wunsch auf Versetzung in den Innendienst erfüllt wird. Um diese Versetzung zu erreichen, auch wenn die Vorgesetzten es nicht wollen, gibt es mancherlei Mittel. Zum Beispiel Feigheit – aber Feigheit kommt natürlich nicht in Frage. Oder Aufgeregtheit, die Nerven verlieren – aber Oberwachtmeister Gubalke kann natürlich nicht die Nerven vor allen Leuten auf der Straße verlieren. Man könnte auch zu schneidig werden, jeden Dreck anzeigen, alles auf die Wache schleppen – aber das wäre wieder unkollegial. Oder man müßte einen Fehler begehen, einen groben, dicken Fehler, der die Polizei kompromittiert und über den sich manche Zeitungen so freuen – das würde ihn auf der Straße bestimmt unmöglich machen –, dafür aber ist ihm diese Uniform, ist ihm der Begriff ›Polizei‹, zu der er nun schon so lange gehört, zu lieb.

Der Oberwachtmeister seufzt. Betrachtet man den Fall näher, ist es wirklich erstaunlich, wie sehr die Welt für einen Mann, der auf Ordnung sieht, verstellt ist. Hundert Dinge, die ein weniger Gewissenhafter alltäglich tut, sind für ihn unmöglich. Auf der andern Seite hat man dafür ständig das Gefühl, ohne das man nicht leben möchte, daß man nicht nur die Welt in Ordnung hält, nein, daß man auch mit ihr in Ordnung ist.

Gubalke wischt die Zinkwanne sorgfältig aus, bis auch der letzte Wassertropfen aufgesogen ist, und hängt sie dann auf ihren Haken im Klo. In der Küche wird noch einmal der Boden nachgewischt, obwohl die wenigen Spritzer ohnedies in der beängstigenden Schwüle trocknen würden. Nun wird noch umgeschnallt und zum Schluß der Tschako aufgesetzt. Wie immer versucht Leo Gubalke es zuerst vor dem kaum mehr als handgroßen Küchenspiegel, wie immer stellt er fest, daß man hier nicht genau sehen kann, ob der Tschako vorschriftsmäßig sitzt. Also auf den dunklen Flur vor den großen Spiegel. Es ist ärgerlich, das elektrische Licht für einen so kurzen Augenblick einschalten zu müssen (der Stromverbrauch soll im Augenblick des Einschaltens am höchsten sein), aber es hilft nichts.

Nun ist alles fertig, zwanzig Minuten vor vier – eine Minute vor vier wird Oberwachtmeister Leo Gubalke auf dem Revier sein. Er steigt die Treppe hinab, einen weißen Handschuh hat er angezogen, den andern hält er lose in der Hand – so nähert er sich dem Torweg und dem Mädchen Petra Ledig.

Das Mädchen lehnt wieder mit geschlossenen Augen an der Wand. Als sie eben den Diener Ernst um Schrippen bat, als er fortging, sie zu holen, überfiel sie eine so lebhafte Vorstellung des jetzt ganz nahen Gebäcks … Sie meinte, es zu riechen, es war plötzlich etwas von dem frischen, nahrhaften Geschmack in dem verbrauchten, filzigen Mund eingekehrt – sie mußte schlucken. Dann würgte es sie.

Es wurde wieder schwarz in ihrem Kopf, die Glieder gaben nach, als wäre gar kein Halt mehr in ihnen, die Knie waren weich, und ein ständiges Zittern und Schlagen saß in Armen und Schultern. Oh, komm doch! Bitte, komm doch! Aber sie weiß nicht, wen sie flüsternd, ganz allein in ihrer Hungerhölle herbeiwünscht – den Diener oder den Geliebten.

Der Oberwachtmeister der Schupo Leo Gubalke hat natürlich stehenbleiben müssen, er sieht sich dies erst einmal an. Er kennt das Mädchen vom Sehen, da sie im gleichen Haus mit ihm wohnt, wenn auch hinten. Etwas Ungünstiges über sie ist ihm von Dienst wegen nicht bekannt. Immerhin wohnt sie bei einer Frau, die gelegentlich auch Prostituierte beherbergt, und lebt, ohne verheiratet zu sein, mit einem jungen Mann, der anscheinend nur spielt. Berufsmäßiger Spieler – wenn man etwas auf die Klatschereien der Frauen geben kann. Alles in allem liegt also weder zu besonderer Strenge noch zur Milde irgendein Grund vor – der Beamte beobachtet und überlegt.

Selbstverständlich hat sie zuviel getrunken – aber sie ist nahe bei ihrer Wohnung und wird die Treppen schon hinaufkommen. Außerdem beginnt sein Dienst erst um vier Uhr. Er braucht nichts gesehen zu haben, was um so eher geht, da dies nicht sein Bezirk ist und da sie ihn noch nicht bemerkt hat. Gubalke will schon fortgehen, da wirft ein neuer, heftiger Würgeanfall ihren Oberkörper nach vorn, Gubalke sieht direkt in den Mantelausschnitt hinein – und sieht fort.

Dies geht nun doch nicht. Dies kann er nicht übersehen, ein ganzes, säuberliches, ordentliches Leben steht dagegen auf. Der Oberwachtmeister geht auf das Mädchen zu, tippt die mit geschlossenen Augen Würgende mit dem behandschuhten Finger auf die Schulter und sagt: Na – Fräulein?!

Sein Beruf, der den Polizisten skeptisch gegen alle Mitmenschen macht, läßt auch das Vertrauen auf die eigenen Wahrnehmungen nicht intakt. Bis hierher hatte der Oberwachtmeister Leo Gubalke geglaubt, das Mädchen sei völlig betrunken, und ihr Anzug oder richtiger Auszug konnte diesen Glauben nur bestätigen. Kein Mädchen, das nur ein bißchen auf Ordnung an sich und um sich hielt, ging so auf die Straße.

Aber dieser Blick, der ihn aus den Augen des Mädchens traf, als er ihr die Hand auf die Schulter legte, dieser flammende und doch klare Blick, gequälte Kreatur, doch mißachtend ihre Qual – dieser Blick zerstreute jeden Gedanken an Alkohol. In einem ganz andern Ton fragte er: Sind Sie krank?

Sie lehnte an der Wand. Undeutlich nur waren ihr die Uniform, der Tschako, das rosige, volle Gesicht mit dem rötlichblonden, strubbligen Bart vor Augen. Undeutlich war ihr, wer sie fragte, wem sie antworten sollte, was sie zur Antwort sagen sollte. Doch versteht vielleicht keiner so gut wie ein ordentlicher Mensch, der alle Tage mit aller Unordnung der Welt zu kämpfen hat, welchen Umfang diese Unordnung annehmen kann. Aus wenigen Fragen, mühsamen Antworten hatte sich Oberwachtmeister Gubalke rasch ein Bild des Sachverhalts aufgebaut, er wußte auch schon, daß nur auf ein paar Schrippen gewartet werden sollte, daß das Mädchen dann vorhatte, um die Ecke zum ›Onkel‹ zu gehen, der ihr bestimmt mit einem Kleid aushelfen würde, daß dann irgendwelche Freunde oder Verwandte des Mannes aufgesucht werden sollten (das Fahrgeld hatte sie in der Hand) – kurz, daß das Ärgernis aller Voraussicht nach in wenigen Minuten beseitigt sein würde.

All dies erfuhr der Oberwachtmeister, wußte es nun, und schon war er im Begriff zu sagen: ›Also gut, Fräulein, dies eine Mal will ich es Ihnen noch durchlassen‹, und zu Wache und Dienst zu gehen, als ihn peinlich der Gedanke anfiel, wann er denn eigentlich auf der Wache eintreffen würde –? Ein Blick auf seine Armbanduhr belehrte ihn, daß es drei Minuten vor vier Uhr war. Vor vier Uhr fünfzehn würde er unter keinen Umständen auf der Wache sein können. Fünfzehn Minuten Dienst versäumt – und mit welcher Entschuldigung –?! Daß er mit einem recht unsittlich bekleideten Frauenzimmer diese Viertelstunde verplaudert hatte, ohne zu einer Diensthandlung zu schreiten! Unmöglich – jeder würde denken: ›Der Gubalke hat einfach verpennt!‹

Unmöglich, Fräulein, sagte er dienstlich. Ich kann Sie unmöglich so auf die Straße lassen. Erst einmal müssen Sie mit mir mitkommen.

Sanft und doch fest legte er ihr die behandschuhte Hand auf den Oberarm, sie sanft, aber doch fest haltend ging er mit ihr auf die Straße, auf die er sie unmöglich lassen konnte. (Ordnung bringt oft so Widersinniges mit sich.)

Ihnen passiert gar nichts, Fräulein, sagte er tröstend. Sie haben ja nichts ausgefressen. Aber ließe ich Sie so auf die Straße, könnte es Erregung öffentlichen Ärgernisses und Schlimmeres werden, und dann hätten Sie was ausgefressen.

Das Mädchen geht willig neben ihm her. Der Mann, der sie so nicht ohne Sorgsamkeit führt, hat nichts an sich, was einen unruhig machen könnte, obwohl er eine Uniform trägt. Petra Ledig, die sich, gar nicht lange her, noch unsinnig vor jedem Polizisten geängstet hat, damals, als sie noch unerlaubt ein wenig auf die Straße ging, Petra merkt, daß Polizisten in der Nähe nichts Beängstigendes zu haben brauchen, sie haben sogar etwas Väterliches. Auf der Wache sind wir zwar nicht darauf eingerichtet, sagt er grade, aber ich werde schon sehen, daß Sie gleich was zu essen kriegen. Die auf der Meldeabteilung haben meist nicht so viel Hunger, da werde ich schon ein Butterbrot fassen. Er lacht. So ein fremdes Butterbrot, ein bißchen angetrocknet und in zerknittertem Stullenpapier, ist grade was Schönes. Wenn ich meinen Gören mal so was mitbringe, sind sie immer ganz wild darauf. Hasenbrot nennen sie das. Sagen Sie auch so dafür?

Ja, sagt Petra. Und wenn Herr Pagel mir mal ein Hasenbrot mitbrachte, habe ich mich auch immer gefreut.

Bei der Erwähnung des Herrn Pagel macht der Oberwachtmeister Leo Gubalke sein dienstlichstes Gesicht. Trotzdem Männer einander immer beistehen müssen, und zumal gegen die Weiber, ist er gar nicht einverstanden mit diesem jungen Herrn, der noch dazu ein Spieler sein soll. Dem jungen Mädchen wird er nichts davon sagen, aber er hat doch vor, sich die Lebensführung dieses Herrchens etwas näher anzusehen. Sehr anständig hat sich dieser Herr Pagel kaum benommen, und es ist nur gut, so ein Luftikus merkt mal, man sieht ihm auf die Finger.

Der Oberwachtmeister ist verstummt, er schreitet schneller aus. Das Mädchen geht willig mit, es ist nur gut, wenn sie rasch aus dieser Anglotzerei fortkommt. So entschwinden die beiden, gegen die Wache hin – und umsonst kommt der Diener Ernst mit seinen Schrippen, umsonst wird das Mädchen Minna der Frau Gesandtschaftsattaché Pagel sich nach ihr erkundigen, umsonst fährt in Dahlem der üppige Maybach los, in dem eine Dame mit einem blinden Kind sitzt.

Umsonst auch zerstreitet sich um diese Zeit Wolfgang Pagel endgültig mit seiner Mutter.

Petra Ledig ist fürs erste einmal aller zivilen Einwirkung entzogen.

2

Wolfgang Pagel ist Schritt für Schritt, ohne sonderliche Hast, aber auch ohne einmal anzuhalten, den weiten Weg von den Villen der Reichen in Dahlem über die durchwimmelten Straßen Schönebergs bis in den alten Berliner Westen gegangen. Er kam durch viele Straßen, in denen außer ihm kaum ein Mensch ging, durch leere, verlassene, wie von der Sonne kahlgebrannte Straßen. Und wieder ging er andere Wege, die vom Verkehr durchbraust waren, wimmelte mit den Wimmelnden, trieb ziellos zwischen den Zielstrebenden.

Über ihm hing der Dunst aus Schwüle und Atem der Stadt. Als Pagel zwischen den Baumalleen Dahlems ging, warf er noch einen klaren, scharfen Schatten. Je tiefer er sich aber in der Stadt verlor, um so mehr verblaßte der Schatten, grau verschmolz er mit dem Grau der Granitplatten auf dem Gehsteig. Nicht allein die Mitwimmelnden löschten ihn aus, nicht nur die immer steiler und enger über ihm ragenden Hauswände, nein, der Dunst wurde dichter, die Sonne blasser. Die Hitze, die sie ständig in die überhitzte Stadt schleuderte, löschte sie aus.

Noch war nichts von Wolken zu sehen. Vielleicht lauerten sie schon hinter den Häuserreihen, geduckt längs dem verborgenen Horizont, bereit, hochzusteigen, sich mit Feuer, Donner und strömender Nässe zu ergießen, vergeblicher Einbruch der Natur in eine künstliche Welt.

Wolfgang Pagel geht darum nicht schneller. Zuerst ist er ohne bestimmtes Ziel losgegangen, nur aus dem Gefühl heraus, daß er in jener Herrschaftsküche nicht mehr sitzen dürfe. Dann, als ihm plötzlich das Ziel seines Marsches klar war, ging er darum nicht schneller. Er ist immer ein gemächlicher Mensch gewesen, mit Wissen und Bewußtsein war er langsam, gerne machte er eine Handbewegung, ehe er auf eine Frage Bescheid gab: das schob die Antwort ein wenig hinaus.

Auch jetzt geht er langsam; es schiebt die Entscheidung ein wenig hinaus! In der Küche, beim Gespräch mit dem blinden Kind hatte er noch gemeint, die Sorge um Petra andern Menschen überlassen zu müssen. Er hatte nämlich gedacht, er könne Petra nicht helfen. Hilfe für ein Mädchen ohne Kleider, ohne Essen, mit Schulden konnte nur Geld heißen, er aber hatte kein Geld. Dann aber war ihm eingefallen, daß er doch Geld hatte, oder wenn auch nicht Geld, so doch etwas, das ebensoviel wert war wie Geld. Um es genau zu sagen, hatte von Zecke ihn auf den Gedanken gebracht: er besaß ein Bild. Dieses Bild, junge Frau am Fenster, gehörte unbestreitbar ihm. Er erinnerte sich wohl, wie seine Mutter, als er ins Feld ging, gesagt hatte: Dieses Bild gehört jetzt dir, Wolf. Denke im Felde immer daran: Vaters schönstes Bild wartet hier auf dich.

Er fand es nicht sehr schön, aber es würde seinen Marktpreis haben. Zecke würde er den Gefallen nicht tun, aber es gab Kunsthändler genug, die einen Pagel gerne nahmen. Wolfgang entschied sich für einen großen Kunsthändler in der Bellevuestraße. Dort würde man es bestimmt verschmähen, ihn zu übervorteilen, ein Pagel war auch ohne Übervorteilung ein Geschäft.

Es würde zahlenmäßig eine unerhört große Summe dafür geben, Hunderte von Millionen vermutlich (eine Milliarde?!), aber er würde nichts von dem Geld anrühren, nicht ein Schein sollte gewechselt werden! Sogar zu Fuß würde er in die Georgenkirchstraße gehen – ist man von Dahlem in die Stadt zu Fuß gegangen, kann dieses letzte Stückchen Weg auch nichts bedeuten. Nein, kein Schein wurde gewechselt – mit der ganzen ungeheuren Summe wird er die Wartende überwältigen!

Pagel geht dahin durch die glühende Stadt Berlin, ohne Eile und ohne anzuhalten. Er denkt seine Pläne viele Male durch, es gibt mancherlei dabei zu erwägen. Aber am besten gefällt ihm doch der Augenblick, wenn er ihr eine Unsumme, Scheine über Scheine, auf den Tisch legt, besser noch: auf die im Bett Liegende herabregnen läßt, daß sie ganz im Gelde verschwindet, in der Dreckhöhle mit Geld zugedeckt wird. Diesen Augenblick hat er oft geträumt. Früher hatte er gemeint, es würde der Spielgewinn sein. Nun wird es anderes Geld sein, aus dem Verkauf eines väterlichen Bildes. Erspieltes, den drei Raubvögeln gewissermaßen entrissenes Geld – das wäre freilich noch schöner gewesen. Nun, der Gedanke ist endgültig vorbei, ›daran‹ wird nicht mehr gedacht!

So geht er dahin, Wolfgang Pagel, Fahnenjunker a. D., Spieler a. D., Liebhaber a. D. Er hat wieder mal nichts getan, er geht nur, geht von hier nach dort, von dort nach hier. Vormittags ist er noch gefahren, auch da hatte er Pläne, aber erst diese jetzt sind die richtigen. Er hat die vorzüglichsten Absichten, er geht ohne Hast. Er ist behutsam, im Gleichgewicht mit sich, völlig zufrieden mit sich. Er wird ein Bild verkaufen, zu Geld machen, das Geld wird er dem Peter bringen – großartig! Nicht einen Augenblick kommt ihm der Gedanke, daß seinem Peter vielleicht gar nichts an dem Gelde liegen könnte. Er bringt ihr Geld, viel Geld, mehr Geld, als sie je in ihrem Leben besessen hat – kann man mehr für sein Mädchen tun?! Die Welt jagt, der Dollar steigt, das Mädchen hungert – er geht gemächlich, denn was er tun wird, ist so gut wie getan. Er hat keine Eile, es hat alles seine Zeit, wir sind noch immer zurechtgekommen!

Und nun biegt er in die Tannenstraße ein, die nur eine Sackgasse ist. Er geht die paar Schritte, schließt die Haustür auf und steigt die alte Treppe zur Wohnung der Mutter empor. Das alte Porzellanschild mit dem Gesandtschaftsattaché an der Tür, älter als er selbst, mit der abgeschlagenen Ecke, die er einmal, endlos lange her, mit seinem Schlittschuh abschlug. Der alte Geruch auf dem Flur mit seinen dunklen Truhen, eichenen Schränken, der alten, launischen Standuhr und den eiligen, großen Skizzen des Vaters hoch an den Wänden, die hell wie Wolken über der dunklen Welt zu schweben schienen.

Aber neu sind die beiden großen festlichen Asternsträuße auf dem altmodischen Spiegeltisch, und als Wolfgang sie ansieht, findet er einen Zettel der Mutter zwischen den beiden chinablauen Vasen. ›Guten Tag, Wolf!‹ liest er. ›Kaffee steht in Deinem Zimmer. Mach es Dir gemütlich, ich muß nur schnell noch einmal fort.‹

Einen Augenblick steht er unschlüssig vor diesem Gruß. Er weiß aus Minnas Berichten, daß die Mutter ihn jeden Tag, jede Stunde erwartet – aber dies ist ihm doch zu viel. Er hat sich dieses Warten anders gedacht, nicht so zielbewußt, mehr beiläufig. Ihm kommt der Gedanke, den Kaffee im eigenen Zimmer ungetrunken zu lassen, das Bild zu holen und zu gehen. Aber das mag er auch wieder nicht, wie ein Dieb in der Nacht – nein! Er zuckt die Achseln, der Blasse ihm gegenüber im grünlichen Spiegel tut es auch, und lächelt sich fast verlegen zu. Dann knüllt er den Zettel zusammen und steckt ihn in die Tasche. Nun errät die Mutter aus dem Fehlen des Zettels: er ist da – und sucht ihn. Je eher, je besser.

Er geht auf sein Zimmer.

Auch dort sind Blumen, diesmal Gladiolen. Er erinnert sich dunkel, einmal der Mutter gesagt zu haben, er möge Gladiolen gerne. Natürlich hat sie das behalten und ihm welche hingestellt, jetzt soll er sie abermals gerne mögen. Aber auch fühlen: wie liebt dich deine Mutter, daß sie an all dies denkt –!

Jawohl, darin war sie groß: sie rechnete in der Liebe: tue ich das, hat er so zu fühlen. Er dachte gar nicht daran, die Gladiolen waren nicht schön! Sie waren steif und künstlich mit ihren dünnen Farben – bepinseltes Wachs! Peter würde nie in der Liebe rechnen –!

›Warum denke ich nur plötzlich so gereizt an Mama?‹ überlegt er, während er sich den wirklich noch heißen Kaffee eingoß. (Sie mußte ihn eben erst hingestellt haben. Ein Wunder, daß sie sich auf Treppe oder Straße nicht begegnet waren!) ›Ich bin direkt wütend auf sie. Ob es das Haus ist, der alte Geruch, all die Erinnerungen –? Ich weiß ja erst richtig, seit ich mit Peter hause, wie sie mich immer gegängelt und bevormundet hat … Alles, was sie wollte, war gut; jeder Freund, den ich mir aussuchte, taugte nichts. Und nun dieser aufdringliche Empfang … Jawohl, ich habe es längst gesehen: dort auf dem Schreibtisch liegt schon wieder ein Zettel. Und über dem Stuhl hängt der frisch gebügelte Zivilanzug und die Wäsche. Ein seidenes Oberhemd, in das sie natürlich auch schon die Knöpfe gesteckt hat …‹

Er macht sich seine dritte Schrippe zurecht, es schmeckt ausgezeichnet. Der Kaffee ist stark und milde zugleich, sein voller Geschmack erfüllt sanft die ganze Mundhöhle. Etwas anderes als das flaue und doch krätzige Gebräu der Pottmadamm. (Ob Peter jetzt auch Kaffee trinkt? Hat sie natürlich längst hinter sich! Vielleicht Nachmittagskaffee!)

Während Wolfgang Pagel sich behaglich auf die Chaiselongue streckt, versucht er zu erraten, was da auf dem Zettel stehen könnte. Natürlich irgend etwas wie: ›Den Schlips mußt Du Dir selbst aussuchen, sie hängen an der Innenseite der Schranktür.‹ Oder: ›Badewasser ist heiß.‹

Natürlich, so etwas wird daraufstehen, und wie er nun doch nachsieht, liest er, daß der Badeofen geheizt ist. Ärgerlich schiebt er den einen zerknüllten Zettel zum andern. Daß er die Mutter so gut erraten hat, freut ihn nicht, es macht ihn nur noch ärgerlicher.

›Natürlich‹, denkt er, ›kann ich sie so gut erraten, weil ich sie so gut kenne. Besitzergreifung. Bevormundung. Immer, wenn ich aus der Schule kam, mußte ich sofort die Hände waschen und einen frischen Kragen umbinden. Ich war ja mit den andern zusammen gewesen – wir aber waren anders, besser! Es ist eine glatte Frechheit gegen mich, aber vor allem gegen Peter, die sich die Mama da wieder mal ausgedacht hat! Diesmal genügt ihr Umziehen nicht, ich muß auch noch baden! Ich bin ja mit so einer zusammen gewesen, der Mama glatt eine Schelle gehauen hat! Frechheit – dies lasse ich mir aber nun doch nicht gefallen!‹

Er starrt wütend sein Jugendzimmer an mit dem gelbbirkenen Schreibtischchen, den birkenen Bücherregalen, vor denen halb ein dunkelgrüner, seidener Vorhang hängt. Das birkene Bett schimmert wie Silber und Gold. Licht, Freude – es stehen ja auch Bäume vor dem Fenster, alte Bäume. Alles ist so aufgeräumt, so sauber, so frisch – wenn man an die Thumannsche Höhle denkt, entdeckt man sofort, warum dies alles so adrett und parat gehalten wird. Der Herr Sohn soll vergleichen: so hast du es bei diesem Mädchen, hier aber sorgt für dich deine treu liebende Mutter! Glatte Frechheit und Herausforderung!

›Halt!‹ sagt er wieder und versucht, sich zu bremsen. ›Halt! Du läufst mit dir selber fort. Die Pferde gehen dir durch. Manches stimmt, Blumen und Zettel sind ekelhaft, aber das Zimmer hat nie anders ausgesehen. Warum bin ich also so wütend? Weil ich daran denken mußte, daß Mama den Peter geohrfeigt hat? I wo, so was muß man bei Mama nicht tragisch nehmen, und Peter hat es auch nicht einen Augenblick tragisch genommen. Es muß etwas anderes sein …‹

Er tritt ans Fenster. Ferner stehen die Nachbarhäuser, man sieht hier den Himmel. Und wirklich, hoch am Horizont aufgehäuft liegen schwarze, geduckte Wolken. Das Licht ist fahl, kein Wind rührt sich, kein Blatt bewegt sich am Baum. Auf dem Mansardendach drüben sieht er ein paar Spatzen sitzen, die streitlustigen Gesellen hocken aufgeplustert, regungslos dort, auch sie schon geduckt unter der nahen Drohung des Himmels.

›Ich muß schnell sehen, daß ich weiterkomme‹, denkt er. ›Mit dem Bild unter dem Arm durch ein Gewitter zu laufen, wäre nicht angenehm …‹

Und plötzlich weiß er es. Er sieht sich mit dem Bild, das in irgendein schon beschmutztes Packpapier geschlagen ist, durch die Straßen zu dem Kunsthändler laufen. Nicht einmal eine Taxe kann er sich leisten. Ein Millionen-, vielleicht ein Milliardenobjekt, aber unter den Arm geklemmt, wie ein Dieb! Heimlich, wie ein Säufer seiner Frau die Betten heimlich aus dem Hause trägt zum Onkel.

›Aber es ist mein Eigentum‹, wendet er sich ein. ›Ich brauche mich nicht zu schämen!‹

›Ich schäme mich doch‹, sagt er. ›Es ist nicht recht.‹

›Wieso ist es nicht recht? Sie hat es mir geschenkt!‹

›Du weißt genau, wie sehr sie an diesem Bild hängt. Darum hat sie es dir ja geschenkt, sie wollte dich noch fester an sich binden. Du wirst sie tödlich verletzen, nimmst du es ihr fort.‹

›Dann mußte sie es mir eben nicht schenken. Nun kann ich damit tun, was ich will.‹

›Es ist dir schon öfter schlecht gegangen. Du hast schon öfter an diesen Verkauf gedacht, und hast es doch nie getan.‹

›Weil es uns noch nie so schlecht ging. Jetzt ist es eben soweit.‹

›So, ist es das? Wie finden denn andere heraus, die so etwas nicht in Reserve haben?‹

Andere hätten es nicht so weit kommen lassen. Andere hätten nicht alles gleichgültig treiben lassen, bis es ganz schlecht ging. Andere hätten nicht als letzten Ausweg die Mutter verletzt, um der Geliebten Brot zu geben. Andere hätten nicht bedenkenlos gespielt – bedenkenlos, weil das Bild als Reserve da war. Andere hätten sich beizeiten nach Arbeit umgesehen und hätten Geld verdient. Andere wären nicht gleichgültig versetzen, pumpen und betteln gegangen. Andere hätten nicht von einem Mädchen nur genommen und genommen, ohne sich je Gedanken zu machen: was gibst du?

Der Himmel ist jetzt höher hinauf schwarz. Vielleicht wetterleuchtet es da hinten bereits, man sieht es nicht durch den Dunst. Vielleicht grummelt auch schon ferne der Donner, aber man hört ihn nicht. Es donnert, zischt und schreit noch lauter die Stadt.

›Du bist feige‹, sagt es. ›Arm bist du, vertrocknet mit dreiundzwanzig Jahren. Es war alles da für dich, Liebe und sanfte Sorge, du aber liefest davon. Gewiß, gewiß, du bist jung. Jugend ist ruhelos, Jugend fürchtet sich vor dem Glück, sie will das Glück gar nicht. Denn Glück heißt Ruhe, und Jugend ist ruhelos. Aber wohin bist du gelaufen? Bist du denn zu der Jugend gelaufen? Nein, grade dorthin, wo die Alten sitzen, die den Stachel des Fleisches nicht mehr spüren, die keinen Hunger mehr haben … in die schwelende, trockene Sandwüste der künstlichen Leidenschaften liefest du – schwelend, trocken, künstlich – unjung!‹

›Feige bist du! Jetzt sollst du dich einmal entscheiden. Schon stehst du und zauderst. Du willst die Mutter nicht verletzen und doch dem Peter helfen. Ach, am liebsten wäre es dir, wenn dich die Mutter bitten würde, inständig, mit aufgehobenen Händen bitten würde, doch ja das Bild zu verkaufen. Aber sie wird das nicht tun, sie wird dir die Entscheidung nicht abnehmen, du selbst bist der Mann! Es gibt kein Mittelding, keinen Ausweg, keinen Kompromiß, kein Kneifen. Du hast es zu lange treiben lassen, nun entscheide – eine oder die andere!‹

Die Wolke steigt höher und höher. Wolfgang Pagel steht noch immer entschlußlos am Fenster. Er ist gut anzusehen, mit schmalen Hüften und breiten Schultern, eine Kämpferfigur. Aber er ist kein Kämpfer. Er hat ein offenes Gesicht, mit einer guten Stirn, einer kräftigen, graden Nase – aber er ist nicht offen, er ist nicht grade. In ihm kommen und gehen viele Gedanken, alle sind sie unangenehm, peinigend. Alle verlangen sie etwas von ihm, er ist böse, daß er solche Gedanken denken muß.

›Andere haben es besser‹, denkt er. ›Die tun, was ihnen paßt, und machen sich keine Gedanken. Bei mir ist alles schwierig. Ich muß es mir noch einmal überlegen. Gibt es denn keinen Ausweg – Mutter oder Peter?‹

Eine Weile hält er sich stand, er gibt sich Mühe, will dieses Mal der Verantwortung nicht ausweichen. Aber allmählich, wie er keinen Ausweg findet, wie alles immer wieder die Entscheidung von ihm fordert, wird er müde. Er brennt sich eine Zigarette an, er trinkt noch einen Schluck Kaffee. Er öffnet leise die Zimmertür und lauscht in die Wohnung. Es ist alles still, Mutter ist noch nicht zurück.

Er hat blondes, gekräuseltes Haar, sein Kinn ist nicht sehr stark – er ist weich, er ist schlaff. Er lächelt, er hat seinen Entschluß gefaßt. Wieder einmal ist er der Entscheidung ausgewichen. Er wird die Abwesenheit der Mutter benutzen und ohne Auseinandersetzung mit dem Bild gehen. Er lächelt, plötzlich ist er völlig zufrieden mit sich, die quälenden Gedanken sind fort.

Er geht schnurstracks über den Flur, auf Vaters Zimmer zu. Er hat keine Zeit zu verlieren, das Gewitter ist am Losbrechen, Mama kann jeden Augenblick zurückkommen.

Er öffnet die Tür zu seines Vaters Zimmer, und da, grade vor ihm, in dem großen Lehnstuhl, sitzt schwarz, steif, aufrecht die Mama –!

Guten Tag, Wolfgang! sagt sie. Ich freue mich!

3

Er freut sich gar nicht, im Gegenteil: er kommt sich wie ein erwischter Hausdieb vor.

Ich dachte, du machtest Besorgungen, Mama, sagt er verlegen und gibt ihr schlaff die Hand, die sie energisch und mit Bedeutung drückt.

Sie lächelt. Ich wollte dir Zeit lassen, dich wieder zu Haus zu fühlen, wollte dich nicht gleich überfallen. Nun, setze dich, Wolfgang, steh nicht so unentschlossen herum … Du hast doch jetzt nichts vor, bist nicht auf Besuch hier, bist zu Hause …

Gehorsam setzt er sich, sofort wieder Sohn, unter mütterlichem Befehl und Vormundschaft. Doch auf Besuch! Bloß auf einen Sprung, murmelt er wohl, aber das überhört sie, ob willentlich oder wirklich, wird er später erfahren.

Der Kaffee war noch heiß, ja? Gut. Ich hatte ihn eben gebrüht, als du kamst. Gebadet und umgezogen hast du dich noch nicht? Nun, das hat Zeit. Ich verstehe, du wolltest erst einmal unser Heim ansehen. Es ist eben doch deine Welt. Unsere, setzt sie abschwächend hinzu, denn sie beobachtet sein Gesicht.

Mama, fängt er an, denn diese Betonung der Welt hier, die Unterstellung, die Thumannsche Höhle sei Petras Welt, ärgern ihn. Mama, du irrst dich sehr …

Aber sie unterbricht ihn. Wolfgang, sagt sie in einem andern, viel wärmeren Ton, Wolfgang, du brauchst mir nichts zu erzählen, gar nichts zu erklären. Vieles weiß ich, alles brauche ich nicht zu wissen. Um aber von Anfang an nichts unklar zu lassen, möchte ich dir für dieses eine Mal erklären, daß ich mich nicht ganz richtig gegen deine Freundin benommen habe. Ich bedaure vieles, was ich gesagt habe, mehr noch eines, was ich getan habe. Du verstehst mich. Genügt dir das, Wolfgang? Komm, gib mir deine Hand, Junge!

Wolfgang sieht seiner Mutter prüfend ins Gesicht. Er will es erst nicht glauben, aber es ist kein Zweifel, er kennt doch seine Mutter, kennt ihr Gesicht, sie meint es aufrichtig. Sie bedauert, sie bereut. Sie hat ihren Frieden mit ihm und Peter gemacht – sie ist also versöhnt, weiß der Himmel, wie das zustande gekommen ist. Vielleicht hat die Wartezeit sie weich gemacht.

Fast ist es nicht zu glauben. Er hält ihre Hand, er will nun auch nicht mehr Verstecken spielen, er sagt: Mama, das ist sehr nett von dir. Aber sicher weißt du noch nicht, wir wollten heute heiraten. Es ist nur …

Sie unterbricht ihn schon wieder – welche Bereitschaft, welches Entgegenkommen, sie macht ihm alles leicht! Es ist gut, Wolfgang. Es ist ja nun alles erledigt. Ich freue mich so, daß du wieder hier sitzt …

Ein Gefühl ungeheurer Erleichterung überkommt ihn. Eben noch stand er am Fenster seines Zimmers, von Zweifeln gequält, wen er verletzen sollte: Mutter oder Petra. Es schien keinen Ausweg zu geben, nur diese zwei Möglichkeiten. Und schon hatte sich alles gewandelt: die Mutter hatte ihren Fehler eingesehen, der Weg in dieses geordnete Heim stand ihnen beiden offen.

Er ist aufgestanden, er sieht auf den weißen, feinfädigen Scheitel der Mutter hinunter, ein Haar liegt wie das andere, sauber, klar. Plötzlich faßt ihn etwas wie Rührung. Er schluckt, er möchte etwas sagen, fast ruft er: Ich wollte, das Leben wäre ein bißchen anders! Nein, ich wollte, ich wäre anders, dann hätte ich es anders geführt!

Die alte Frau sitzt mit einem hölzernen, steifen Gesicht am Tisch. Sie sieht ihren Sohn nicht an, aber sie klopft scharf mit ihren Knöcheln auf den Tisch. Es klingt hölzern.

Ach, Wolfgang, sagt sie. Bitte, sei kein Kind. Wenn du zu Ostern sitzengeblieben warst, riefst du auch immer: Ich wollte … Und wenn deine Lokomotive kaputt war, bereutest du es auch, hinterher, wie du mit ihr umgegangen warst. Aber das ist nutzlos, und du bist kein Kind mehr. Reue rückwärts hilft gar nichts – Junge, lerne doch endlich: es geht weiter, immer weiter. Vergangenes kann man nicht ändern, aber sich kann man ändern – für die Zukunft!

Ja, gewiß, Mama, sagt er brav. Ich wollte ja auch nur …

Aber er spricht nicht weiter. Draußen hat es geschlossen, eilig, übereilig. Nun kommen schnelle Schritte über den Gang …

Es ist bloß Minna, sagt die Mama erklärend zu ihm.

Die Tür geht ohne Anklopfen auf, sie fliegt auf, in ihr steht die ältliche Minna, gelblich, grau, trocken.

Danke schön, Minna, sagt Frau Pagel rasch, denn sie wünscht im Augenblick keinerlei Botschaft aus der Georgenkirchstraße; sie hat alles, was sie dort interessierte, jetzt hier. Danke schön, Minna, sagt sie darum möglichst streng. Machen Sie bitte sofort das Abendessen zurecht.

Aber Minna ist dieses Mal nicht der gehorsame Dienstbote, sie steht mit bösen, argwöhnischen Augen in der Tür, ihre gelbgrauen, faltigen Backen tragen rote Flecken. Sie beachtet die gnädige Frau gar nicht, böse starrt sie den sonst so geliebten jungen Herrn an.

Pfui! sagt sie dann atemlos. Pfui, Wolfgang, hier sitzt du also …

Sind Sie rein verdreht, Minna?! ruft Frau Pagel empört, denn so etwas hat sie mit ihrer Minna in zwanzig Jahren Zusammensein doch noch nicht erlebt. Sie stören! Gehen Sie jetzt …

Aber sie wird gar nicht gehört. Wolfgang hat sofort begriffen, daß ›dort‹ etwas geschehen ist, eine Ahnung überkommt ihn, er sieht Peter vor sich, wie sie zu ihm gesagt hatte: Mach’s gut, Wolf, und er ging mit dem Handkoffer zum Onkel. Sie gab ihm noch einen Kuß …

Er faßt Minna an den Schultern. Minna, warst du dort? Was ist los? Sag schnell …

Du sagst kein Wort, Minna! ruft Frau Pagel. Oder du bist auf der Stelle entlassen!

Mich brauchen Sie nicht zu entlassen, gnädige Frau, sagt Minna, plötzlich äußerlich ganz ruhig. Ich geh auch so. Denken Sie, ich bleib hier, wo die Mutter den Sohn zu Schlechtigkeiten überredet, und der Sohn tut’s. Ach, Wolfi, daß du das getan hast! Daß du so gemein sein konntest!

Minna, was fällt Ihnen denn ein?! Was erlauben Sie sich, Sie …

Sagen Sie nur ruhig wieder Frauenzimmer oder Gans zu mir, ich bin’s ja gewöhnt, gnädige Frau. Nur habe ich immer gedacht, Sie sagen’s bloß aus Spaß. Aber jetzt weiß ich, Sie meinen’s wirklich, daß wir was anderes sind, ich so eine aus der Küche und Sie eine feine Dame …

Minna! ruft Wolfgang und schüttelt das alte, völlig außer Rand und Band geratene Mädchen kräftig. Minna, sag doch endlich, was ist mit Peter geschehen? Ist sie …?

So? Kümmert’s dich wirklich noch, Wolfi? Wo du ihr weggelaufen bist, grade am Trautag, und hast ihr alle Sachen vom Leibe weg verkauft, und sie hat nichts mehr gehabt als den alten, verschossenen Sommerpaletot – den vom gnädigen Herrn noch, gnädige Frau! –, kein Stück drunter, keine Strümpfe, nichts … Und so hat sie die Polizei mitgenommen. Aber was das Schlimmste gewesen ist und was ich dir nie und nie verzeihe, Wolfi, völlig verhungert war sie! Immerzu hat sie gewürgt, und auf der Treppe ist sie fast hingeschlagen …

Aber wieso denn die Polizei? schreit Wolfgang verzweifelt und schüttelt die Minna so stark er kann. Was hat denn die Polizei damit zu tun –?!

Weiß ich denn das?! schreit Minna dagegen und versucht, sich von dem jungen Herrn loszureißen, der sie unwillkürlich immer fester hält. Weiß ich denn, in was du sie reingerissen hast, Wolfi –?! Denn die Petra hat von sich aus bestimmt nichts Schlimmes getan, dafür kenne ich sie viel zu gut. Und die gemeine Person, die da noch mit auf der Etage wohnt, hat ja extra gesagt, der Petra geschieht es ganz recht, weil sie sich viel zu fein vorkommt, auf den Strich zu gehen. Der habe ich aber eine gelangt –! Die Minna steht einen Augenblick triumphierend da, aber gleich sagt sie wieder, sehr verdrossen: Gott segne sie, daß sie es nicht getan hat, trotzdem du und all ihr Mannskerle es sicher nicht um sie verdient habt.

Wolfgang läßt Minna so plötzlich los, daß sie fast fällt. Und sofort verstummt sie.

Mama, sagt er aufgeregt, Mama, ich habe wirklich keine Ahnung, was da passiert sein kann. Ich kann es mir auch gar nicht denken. Ich bin gegen Mittag fortgegangen, wollte etwas Geld beschaffen. Es ist richtig, daß ich Petras Sachen verkauft habe, wir hatten auch Schulden bei der Wirtin. Und vielleicht hat sie in letzter Zeit wirklich sehr wenig gegessen, ich muß gestehen, ich habe nicht recht darauf geachtet. Ich war viel weg – von dort. Was aber die Polizei mit all dem zu tun hat …

Er hat immer leiser gesprochen. Es wäre viel leichter gewesen, Minna dies alles zu erzählen als der Mama, die so hölzern, so hart dasitzt, grade unter jenem bewußten Bild übrigens – nun vorbei, das ist erledigt, nicht mehr nötig.

Nun, was da auch mit der Polizei los ist, ich bringe das sofort in Ordnung. Es ist ganz sicher, Mama, daß nichts Wirkliches vorliegen kann – wir haben nichts getan, nein. Ich gehe sofort hin. Es muß ein Irrtum sein. Nur, Mama …

Es wird immer schwerer, zu der dunklen Frau zu reden, die ganz unbewegt dasitzt, fern, fremd, völlig abweisend … Nur, Mama, ist es leider so, daß ich im Augenblick ganz ohne Geld bin. Ich brauche etwas Fahrgeld, vielleicht muß ich auch die Schulden bei der Wirtin sofort bezahlen; eine Kaution, was weiß ich, Sachen für Petra, Essen …

Er starrt eindringlich seine Mutter an. Er hat es so eilig, sie muß doch frei werden, er muß doch fort – warum geht sie nicht schon an ihren Schreibschrank und holt das Geld?

Du bist jetzt aufgeregt, Wolfgang, sagt Frau Pagel, aber darum wollen wir doch nicht planlos handeln. Ich bin mit dir vollkommen einig, daß sofort etwas für das Mädchen geschehen muß. Aber ich glaube nicht, daß du, zumal in deinem jetzigen Zustand, der geeignete Mann dafür bist. Vielleicht gibt es langwierige Auseinandersetzungen mit der Polizei – du bist etwas unbeherrscht, Wolfgang. Ich denke, wir rufen sofort Justizrat Thomas an. Er weiß mit solchen Sachen Bescheid, er erledigt das viel rascher und reibungsloser als du.

Wolfgang hat seiner Mutter so gespannt auf den Mund gesehen, als müsse er jedes Wort nicht nur hören, sondern auch von ihren Lippen ablesen. Nun fährt er mit der Hand über sein Gesicht. Er hat da ein trockenes Gefühl, die Haut müßte eigentlich rascheln. Aber die Hand ist feucht geworden.

Mama! bittet er. Es ist doch unmöglich, daß ich diese Sache durch deinen Justizrat erledigen lasse und unterdes hier ruhig sitze, bade und Abendbrot esse. Ich bitte dich, mir dieses einzige Mal so zu helfen, wie ich es möchte. Ich muß dies allein erledigen, allein Peter helfen, sie allein herausholen, selbst mit ihr sprechen …

Das habe ich mir gedacht, sagt Frau Pagel und klopft wieder einmal hart mit den Knöcheln auf den Tisch, daß es hölzern klingt. Dann ruhiger: Ich muß dich leider erinnern, Wolfgang, daß du mich schon hundertmal in deinem Leben gebeten hast, dir in dieser einzigen Sache einmal deinen Willen zu tun. Tat ich es, war es immer verkehrt …

Mama, du kannst doch diesen Fall nicht mit irgendeiner kindischen Kleinigkeit vergleichen!

Lieber Junge, wenn du etwas wolltest, war immer alles andere für dich eine Kleinigkeit. Und diesmal gebe ich schon darum keinesfalls nach, weil diese Bemühungen und Verhandlungen dich wieder mit dem Mädchen zusammenbringen würden. Sei froh, daß du von ihr los bist, fange nicht wieder mit ihr an, wegen irgendeines Irrtums der Polizei und irgendwelchen albernen Treppengeschwätzes. Ein scharfer Blick wurde zu Minna geschossen, die, gelb und trocken, bewegungslos unter der Tür steht – auf ihrem gewohnten Platz. Du hast dich heute endgültig von ihr gelöst, du hast auf diese lächerliche Heirat verzichtet. Du warst zu mir zurückgekommen, und ich habe dich ohne eine Frage, ohne einen Vorwurf aufgenommen. Und nun soll ich es mit ansehen, ja, ich soll es dir ermöglichen, wieder mit dem Mädchen zusammenzukommen? Nein, Wolfgang, keinesfalls!

Sie sitzt grade und hager da. Sie sieht ihn mit flammenden Augen an. In ihr gibt es keine Ahnung eines Zweifels, ihr Entschluß ist eisern. War sie je einmal leicht und beschwingt gewesen? Hatte sie je einmal gelacht, je einmal Liebe zu einem Mann empfunden? Dahin! Dahin! Der Vater hat ihren Rat verachtet, aber das hat sie nicht beirrt, sie ist ihren Weg doch weitergegangen – soll sie sich jetzt etwa dem Sohne fügen? Etwas tun, was sie nicht für richtig hält? Nie!

Wolfgang sieht sie an. Auch er hat jetzt, genau wie die Mutter übrigens, den Unterkiefer ein wenig vorgeschoben, seine Augen schimmern, er fragt ganz sachte: Wie war das eben, Mama? Ich habe mich heute endgültig von Peter gelöst?

Sie macht eine unwirsche Geste. Reden wir nicht davon. Ich verlange keine Erklärungen. Du bist hier, das genügt mir.

Und er fast noch sanfter: Ich habe auf diese lächerliche Heirat verzichtet?

Jetzt wird sie schon schärfer, sie riecht Gefahr, aber das macht sie nicht vorsichtiger, das macht sie angriffslustig. Sie sagt: Wenn der junge Ehemann nicht aufs Standesamt kommt, wird man es wohl so auffassen dürfen.

Mama, sagt Wolfgang, setzt sich an die andere Tischseite und lehnt sich weit über den Tisch, du scheinst dich ja ausgezeichnet über mein Kommen und Gehen unterrichten zu lassen. So müßtest du doch wissen, daß auch die Braut nicht kam.

Draußen ist es ganz dunkel geworden. Ein erster Windstoß fährt brausend in die Baumkronen, ein paar gelbe Blätter wirbeln ins Fenster hinein. Unter der Tür steht hager, reglos das Mädchen Minna, vergessen von der Mutter wie vom Sohn. Jetzt leuchtet es einmal fahlgelb auf, aus dem Dämmer tauchen angespannt, weiß die Gesichter und versinken in noch tieferes Dämmern. Lang nachhallend rollt ein noch ferner Donner.

Die Elemente wollen losbrechen, aber Frau Pagel sucht sich noch einmal zu fangen. Wolfgang, sagt sie fast bittend, wollen wir uns denn darüber streiten, wie weit du dich von Petra schon gelöst hattest? Ich bin fest überzeugt, wäre dieser Zwischenfall mit der Polizei nicht gekommen, du hättest kaum noch an das Mädchen gedacht. Überlaß diese Sache einem Anwalt. Ich bitte dich, Wolfgang, und ich habe dich noch nie so gebeten: tu mir dieses einzige Mal den Willen!

Der Sohn hört die Mutter bitten, genau wie er sie wenige Minuten zuvor bat. Aber das merkt er gar nicht. Er hat im tiefen Dämmer dunkel das Gesicht der Mutter vor sich. Der Himmel hinter dem Kopf leuchtet schwefelgelb auf, versinkt in Schwärze und leuchtet von neuem auf.

Mama, sagt Wolfgang und sein Wille entzündet sich immer stärker an ihrem Widerstand. Du befindest dich in einem entscheidenden Irrtum. Ich kam nicht hierher, weil ich mich, ganz oder teilweise, von Petra gelöst hatte. Ich kam hierher, weil ich mir das Geld für diese lächerliche Trauung holen wollte …

Die Mutter sitzt einen Augenblick reglos, sie antwortet nicht. Aber wenn der Schlag sie auch schwer getroffen haben mag, sie läßt es sich nicht merken. Sie sagt bitterböse: Nun, mein Sohn, so kann ich dir sagen, daß dein Weg umsonst war. Dafür bekommst du hier nicht einen Pfennig.

Ihre Stimme ist sehr leise, aber sie schwankt kein bißchen. Fast noch leiser und ohne eine Spur von Wärme antwortet er: Da ich dich kenne, habe ich nie eine andere Antwort von dir erwartet. Du liebst nur die Menschen, die nach deiner Fasson selig werden wollen, trotzdem man ja eigentlich sagen muß, daß du selbst nicht übermäßig selig geworden bist in deinem Leben ..

Oh … stöhnt die Frau tief, zu Tode getroffen, in ihrem ganzen Leben, in ihrer ganzen Ehe, in ihrer ganzen Mutterschaft, von dem eigenen Sohn.

Den aber erregt dieser eine Laut des Schmerzes nur noch mehr. Wie es sich draußen seit den frühen Morgenstunden aus Dunst, Schwüle und Gestank zusammengebraut hat, jetzt dem Losbrechen nahe – so hat es sich in seinem eigenen Leben zusammengebraut aus Bevormundung, Gängelei, Besserwissen, rücksichtsloser Ausnutzung der Mutterstellung, der Kasseninhaberin. Und was seinen Zorn am gefährlichsten macht, das ist noch nicht einmal dies, das ist auch nicht die Verachtung der Mutter für Petra (die ihm ohne diese Verachtung ja gar nicht so viel bedeutet). Sondern aus seiner eigenen Schwäche, aus seiner eigenen Feigheit schwelt die stärkste Zornesglut. Daß er ihr hundertmal nachgegeben hat, das muß er rächen. Daß er sich vor dieser Auseinandersetzung gefürchtet hat, das macht ihn so fürchterlich. Daß er das Bild heimlich hat wegholen wollen, das macht ihn schamlos in seinem Zorn.

Oh …! hat die Mutter gestöhnt, aber in ihm löst das nur eine tiefe Freude aus. Es ist hungrige Zeit, Wolfzeit. Die Söhne haben sich gegen die eigenen Eltern gekehrt, das hungrige Wolfrudel fletscht gegeneinander die Zähne – wer stark ist, lebe! Aber wer schwach ist, der sterbe! Und er sterbe unter meinem Biß!

Oh …!

Und ich muß dir auch noch sagen, Mama, als ich eben so leise in das Zimmer kam, dachte ich wirklich, du wärest fort. Ich wollte mir nämlich heimlich das Bild holen, das Bild, du weißt schon welches, das Bild, das du mir geschenkt hast …

Sehr schnell, aber mit einem unverkennbaren Zittern in der Stimme: Ich habe dir nie ein Bild geschenkt!

Wolfgang hört dies wohl. Aber er spricht weiter. Er ist trunken vor Rachsucht. Er kennt keine Scham mehr.

Ich wollte es heimlich verkaufen. Viel Geld dafür kriegen, schönes Geld, vieles Geld, Devisen, Dollar, Pfunde, Dänenkronen – und alles Geld wollte ich meiner lieben, guten Petra bringen … Er spottet über sie, aber er spottet auch über sich. Er ist ein Narr. Ach – dies ist ja fast noch besser als Spielen, es erregt, es macht wild. In das Dunkel hineinreden, und die Blitze dazu, und das jetzt fast pausenlose ferne Drohen und Grollen des Donners. Aus den Urgründen alles menschlichen Seins steigt, freigemacht von schlimmer Zeit, der Urhaß der Kinder gegen die Eltern hoch, der Haß der Jugend gegen das Alter, des stürmenden Mutes gegen die langsame Besinnung, des blühenden Fleisches gegen das welke …

Ich habe es mir heimlich holen wollen, aber das war natürlich Unsinn. Es ist ganz gut, daß ich dir endlich einmal alles sagen kann, alles, alles … Und wenn ich es gesagt habe, nehme ich mir das Bild …

Ich gebe es nicht her! ruft sie. Nein! Und sie springt auf und stellt sich vor das Bild.

Ich nehme es mir, sagt er unbeirrt und bleibt sitzen. Ich trage es vor deinen Augen fort und verkaufe es, und alles Geld bekommt Petra, alles Geld …

Du wirst es mir nicht mit Gewalt nehmen … sagt sie rasch, aber es klingt wie Angst in ihrer Stimme.

Ich werde es auch mit Gewalt nehmen, ruft er, denn ich will es haben. Und du wirst vernünftig sein. Du weißt, ich will es haben, und dann kriege ich es auch …

Ich rufe die Polizei! sagt sie drohend und schwankt zwischen Fernsprecher und Bild.

Du rufst nicht die Polizei! lacht er. Denn du weißt wohl, du hast mir das Bild geschenkt!

Sehen Sie ihn an, Minna! ruft Frau Pagel, und jetzt hat auch sie vergessen, daß es der Sohn ist, der dort steht. Sondern es ist der Mann, der Mann, der immer widersinnig handelt, der Gegenpart der Frau, der Feind von Urbeginn an.

Sehen Sie ihn doch an, wie er es nicht abwarten kann, zu seinem geliebten Mädchen zu kommen! Sie von der Polizei zu erlösen! Es ist ja alles Lüge und Theater, das Mädchen ist ihm so gleichgültig wie alles auf der Welt – es geht ihm doch nur um das Geld!

Sie äfft ihn nach: Schönes Geld, vieles Geld, Dollar, Pfunde – aber nicht für die liebe, schöne, gute Petra im Kittchen, das Fräulein Ledig, nein, für den Spieltisch …

Sie macht zwei Schritte, gibt das Bild frei, steht am Tisch, läßt die Knöchel hölzern auf ihm rasseln. Da, nimm das Bild. Ich tue dir das Schlimmste, was ich tun kann, ich lasse dir das Bild. Verkauf es, bekomme Geld dafür, viel Geld. Aber ich, deine dumme, verbohrte, rechthaberische Mutter werde wieder einmal recht behalten – das Mädchen wirst du nicht glücklich machen damit. Du wirst das Geld verspielen, wie du alles verspielt hast: Liebe, Anstand, Leidenschaft, Ehrgeiz, Arbeitskraft.

Sie steht da, atemlos, mit flammenden Augen.

Jedenfalls danke ich dir, Mama, sagt Wolfgang, plötzlich sehr müde, alles Streitens, alles Redens überdrüssig. Damit wären wir nun fertig, wie? Und mit allem andern auch. Meine Sachen werde ich heute abend abholen lassen, ich will dich nicht länger damit belasten. Was aber deine Prophezeiungen anlangt …

Nimm alles! schreit sie lauter und sieht, an allen Gliedern zitternd, wie er das Bild von der Wand nimmt. Möchtest du auch noch etwas vom Silber für die Ausstattung der jungen Frau? Nimm es! Ach, ich kenne doch euch Pagels! ruft sie und ist plötzlich wieder das junge Mädchen, lang, lang vor Brautschaft und Ehe. – Außen freundlich und sanft, aber innen gierig und trocken. Geh, geh nur rasch! Ich mag euch nicht mehr sehen, ich habe euch ein ganzes Leben geopfert, und zum Schluß habt ihr mich mit Schmutz beworfen, Vater wie Sohn, einer wie der andere … Ja, geh nur so, ohne ein Wort, ohne einen Blick. Dein Vater machte es auch so, er war zu vornehm für Auseinandersetzungen, aber wenn er nachts ein schlechtes Gewissen hatte, schlich er auf Strümpfen aus dem Zimmer.

Wolfgang geht schon, das Bild unter dem Arm. Er hatte sich umgesehen, er hatte Minna um Packpapier und Bindfaden bitten wollen, aber sie stand so starr unter der Tür. Und immer war diese Stimme da, diese gelle, erbarmungslose Stimme, wie eine häßlich klingende Glocke aus Eisen, blechern, aber unverwüstlich, seit seinen Kindertagen unverwüstlich.

Er steckt das Bild, wie es ist, unter den Arm. Nur fort, nur schnell – noch regnet es nicht.

Aber als er über die Schwelle des Zimmers geht, immer diese wilde, tobende Stimme hinter sich, sagt das alte Mädchen, diese alberne Gans, der man es natürlich auch nie rechtmachen kann: Pfui! Sagt zu ihm, beinahe in sein Gesicht, hart, böse: Pfui!

Er zuckt bloß die Achseln. Er hat es doch für Petra getan, er soll doch, auch ihrer Ansicht nach, etwas für Petra tun. Aber egal, mögen sie reden.

Nun ist er aus der Wohnung, die Tür fällt zu, aus dem Porzellanschild schlug er einmal eine Ecke. Jetzt steigt er die Treppe hinab.

›Wieviel werde ich wohl kriegen für das Bild –?‹

4

An diesem 26. Juli 1923 wollte die geschiedene Gräfin Mutzbauer, ein geborenes Fräulein Fischmann, mit ihrem derzeitigen Freund, einem Berliner Viehhändler namens Quarkus, über Land fahren, um Höfe zu besichtigen.

Der Viehhändler, ein Mann Ende der Vierzig, untersetzt, mit krausem, dunklem und schon etwas dünn gewordenem Haar, mit faltiger Stirn und ebenso faltigem Specknacken, langjähriger, fast schon silberner Ehegatte und Vater von fünf Kindern – dieser Viehhändler also hatte es zuerst mit Freude angesehen, wie ihn die Inflation immer reicher machte. Wenige Monate hatten ihn aus einem Mann mit einem Wochenumsatz von einem Waggon Schweinen und zwei Dutzend Rindern zu einem Großhändler gemacht, dessen Aufkäufer bis nach Süddeutschland, ja sogar bis ins Holländische hinein reisten. Ehe nämlich das gekaufte und bezahlte Vieh in Berlin eingetroffen, ja, ehe es auch nur verladen wurde, war es um das Doppelte, ja um das Dreifache, Fünffache an Wert gestiegen, und Quarkus hatte noch immer recht behalten, wenn er seinen Herren Aufkäufern gesagt hatte: Bezahlt, was die Leute verlangen – es ist doch immer zu wenig!

Zuerst also hatte Herrn Quarkus dies Geldscheffeln reine Freude gemacht. Zwei Monate hatten genügt, ihm die Schultheißkneipen, die Bötzowbraustübl und die Aschingerquellen zu verleiden. Es war ein großzügiger, sogar beliebter Gast aller Bars der alten Friedrichstadt und des neuen Westens geworden und behauptete mit Überzeugung, daß man nur in drei Lokalen Berlins wirklich anständig essen könne. Und als ihm geschah, daß eine wirkliche Gräfin ihn in ihre Arme schloß, meinte er, kein Erdenwunsch sei ihm noch unerfüllt.

Allmählich aber, je reicher er wurde, je weniger Geld eine Rolle spielte, um so nachdenklicher wurde der Viehhändler Quarkus. Sein unbedenklicher Optimismus, der ihn ohne jeden Gedanken an die Zukunft immer weiter mit dem Fallen der Mark hatte rechnen lassen, wurde verdüstert von den Sprüngen, die er die Mark um den Dollar tun sah, Sprünge, die einen Floh über das Ulmer Münster weggetragen hätten.

Was zuviel ist, ist zuviel, murmelte er, wenn er erfuhr, daß seine Schweine ihm den zwanzigfachen Einkaufspreis gebracht hatten. Und in einer Zeit, da Hunderttausende nicht wußten, wo sie das Geld für ein Stück Brot hernehmen sollten, machte ihn der Gedanke schlaflos, wo er eigentlich mit seinem Gelde hin sollte.

Das Wort ›Sachwerte‹, von vielen Seiten geraunt, hatte auch das Quarkussche Ohr erreicht. Keiner kommt von seiner Jugend los. Der Junge Emil (der Name Quarkus hatte für seine Umwelt erst ab seinem fünfundzwanzigsten Jahr Bedeutung bekommen), der Junge Emil hatte viele deutsche Landstraßen entlang eine Kuh treiben, drei Schweine hüten müssen. Er war Viehtreiber gewesen, ehe er Viehhändler geworden. Der schmächtige, immer hungrige Bengel hatte mit sehnsüchtigen Augen nach den Bauernhäusern längs der Landstraße geschaut, aus deren Türen es so verlockend nach Bratkartoffeln mit Speck roch. Jagte der Wind, trieb Regen oder Schnee, fror es Pickelsteine – immer lagen die Höfe behaglich geduckt am Wege, ihre breiten Stroh- oder Ziegeldächer verhießen Schutz, Wärme, Behaglichkeit. Selbst der Ochse, den Emil Quarkus trieb, merkte das: er hob im Regen, den Schwanz steif von sich reckend, das Maul und brüllte die Höfe sehnsüchtig an.

Was dem Knaben Emil Inbegriff aller Sicherheit und Behaglichkeit gewesen war, blieb für den Mann Quarkus eine feste Burg. In der Zeit der hüpfenden, springenden, stürzenden Mark konnte nichts sicherer sein als ein Bauernhof – höchstens fünf oder zehn Bauernhöfe. Und Quarkus war entschlossen, sie sich zu kaufen.

Die Gräfin Mutzbauer, das geborene Fräulein Fischmann (was sie freilich ihrem Freund Quarkus nicht erzählte), war allerdings mehr für ein Rittergut mit Schloß, Freitreppe und Rennstall gewesen. Doch war diesmal Quarkus eisern. Ich habe genug Vieh auf Rittergütern gekauft, sprach er. Ich werde mir doch keine Sorgen kaufen!

Er war sicher, kam er mit einer Handtasche, besser noch mit einem Koffer voll Geld auf einen Hof, verlangte eine Kuh zu kaufen, kaufte er zehn, warf mit dem Gelde, prahlte mit dem Gelde, lockte mit dem Gelde – kein Besitzer würde widerstehen können! Zu den zehn Kühen kaufte er den Kuhstall, das Stroh, das Land, auf dem das Stroh wuchs, den ganzen Hof schließlich. Und wenn er dem Besitzer dann noch sagte, er könne wohnen bleiben, weiter wirtschaften, mit den Erträgen anfangen, was er wollte – der würde ihn für übergeschnappt halten, ihm andere Verkäufer zuführen, mehr als gewünscht. Bis freilich dann eines Tages der Tag kommen würde, an dem die Mark – ja, wie es mit der Mark an dem Tag sein würde, das konnte sich keiner auch nur ausdenken. Aber jedenfalls war dann der Hof da. Nein, die Höfe.

Dies waren etwa die Quarkusschen Überlegungen, wie er sie oft und oft der Gräfin Mutzbauer vortrug. Da das Rittergut abgelehnt war, interessierte sie die ganze Geschichte eigentlich recht wenig. Aber daß die Gräfin Mutzbauer in ihrer Uninteressiertheit nun so weit gegangen wäre, ihren Freund allein fahren zu lassen, dazu war sie auch wieder zu klug. Immer war es besser, man blieb in der Nähe, es gab überall gemeine Weiber genug, für die das Geld war, was für den Mistkäfer der Mist. Und schließlich: wenn er zehn Höfe kaufte, fiel vielleicht ein elfter für sie ab, und wenn auch der Gedanke, einen Bauernhof zu besitzen, ungefähr so war, als besäße sie eine Lokomotive – verkaufen konnte man ihn jedenfalls wieder, man konnte alles verkaufen. (Gräfin Mutzbauer hatte schon drei Autos, die sie von ihrem Freund bekommen hatte, nacheinander wieder verkauft und Quarkus mit der schönen Erklärung abgespeist: Dazu bist du doch viel zuviel Kavalier, Quarkus, mir solch veralteten, unmodernen Wagen zuzumuten. Und er war wirklich zu sehr Kavalier – außerdem interessierte es ihn kaum.)

Diese Idee von dem elften Bauernhof aber hatte die Gräfin daran erinnert, daß ihre Zofe Sophie vom Lande war. Als sie also gegen Mittag ausgeschlafen hatte, klingelte sie ihre Zofe heran und führte mit ihr folgende Unterhaltung:

Sophie, Sie sind doch vom Lande?

Ja doch, Frau Gräfin, aber ich mag das Land gar nicht.

Sind Sie von einem Bauernhof?

Aber nein, Frau Gräfin, ich bin von einem Rittergut.

Sehen Sie, Sophie, ich habe es Herrn Quarkus auch gesagt, er soll ein Rittergut kaufen. Aber er sagt, er will nur einen Bauernhof.

Ja, Frau Gräfin, so war mein Hans auch. Wenn er Geld hatte für Habel und Rebhühner, dann wollte er durchaus zu Aschinger auf Löffelerbsen mit Speck. So sind nun mal die Männer.

Sie meinen doch aber auch, Sophie, daß ein Rittergut viel besser ist?

Aber natürlich, Frau Gräfin. Ein Rittergut ist ja viel größer, und wenn es einem gehört, braucht man nicht zu arbeiten, sondern hat seine Leute dafür.

Und auf einem Bauernhof muß man arbeiten?

Schrecklich, Frau Gräfin, und lauter Arbeit, die die Haut verdirbt.

Eilig beschloß die Gräfin, auf den elften Bauernhof zu verzichten und statt dessen lieber einen Diamantring als Geschenk zu nehmen. Damit aber entfiel jedes eigene Interesse an der Fahrt, jedes Interesse am guten Einkauf und also jeder Grund, Sophie als Beraterin auf die Fahrt mitzunehmen.

Hören Sie, Sophie, wenn Herr Quarkus Sie auch fragen sollte, erzählen Sie ihm das nicht. Es hat gar keinen Sinn, ihm abzureden, es verdirbt ihm nur die Laune, und er kauft doch!

Genau wie mein Hans! sagte Sophie seufzend, und sie dachte traurig daran, daß die Polente den Hans Liebschner nie geschnappt hätte, wenn er ihrem Rat gefolgt wäre.

Schön, Sophie. Dann ist alles in Ordnung. Ich wußte ja, daß Sie auf dem Lande Bescheid wissen. Herr Quarkus fährt heute mit mir Bauernhöfe kaufen, und eigentlich wollte ich auch einen erwerben. Da hätte ich Sie als Beraterin mitgenommen. Aber wenn es so schlecht mit den Höfen aussieht …

Zu spät merkte Sophie, daß sie vorschnell geredet hatte. Eine Autofahrt mit dem reichen Quarkus über Land wäre nicht so übel gewesen. Sie versuchte es noch: Nun, Frau Gräfin, es gibt natürlich verschiedene Arten von Bauernhöfen …

Nein, nein, sagte das ehemalige Fräulein Fischmann. Sie haben mir alles ganz ausgezeichnet erklärt. Ich kaufe nicht.

Da hier nichts mehr zu retten war, suchte Sophie ihren Vorteil auf der andern Seite. Da bleiben Frau Gräfin wohl länger fort?

Jawohl, Gräfin Mutzbauer würde kaum vor morgen abend zurück sein.

Ach, wenn Frau Gräfin da so gut sein würde … Meine Tante in Neukölln ist doch so schwer krank, und ich soll schon seit Tagen hinkommen … Wenn ich heute nachmittag frei haben könnte –? Und vielleicht bis morgen mittag?

Nun, Sophie, sagte ihre Herrin gnädig, obwohl sie die kranke Tante in Neukölln genau so richtig bewertete, wie Sophie den von der Gräfin erwogenen ›Erwerb‹ eines Hofes. Eigentlich ist wohl Mathilde mit dem Ausgang dran. Aber da Sie mich vorhin so gut beraten haben … Daß es mir aber keine Streitereien mit der Mathilde gibt –!

I wo, Frau Gräfin, wenn ich der ein Kinobillet schenke, ist sie schon ganz glücklich. Die ist ja so geizig! Neulich hat der Schuster zu ihr gesagt: Fräulein, Sie gehen wohl gar nicht aus? Ihre Sohlen halten nun schon das zweite Jahr. – Aber so ist sie wirklich …

Vielleicht war die Köchin Mathilde, was Geiz, Ausgang, Kino anging, wirklich so. Vielleicht hatte Sophie Kowalewski ganz recht berichtet. Aber darin hatte sich Sophie jedenfalls verrechnet, wie Mathilde diesen freien Nachmittag aus der Reihe hinnehmen würde. Sophie hatte recht verächtlich von einer lumpigen Kinokarte geredet, mit der sich die Mathilde ohne weiteres besänftigen lassen würde, aber nichts davon, aber gar nichts derart! Die Köchin Mathilde tobt. Wie wird sie sich das bieten lassen! Sie, die Sparsame, Solide, soll zurückstehen in freien Tagen hinter einer solchen Nutte, die für drei Schnäpse mit jedem Tangokavalier mitgeht! Auf der Stelle verzichtet Sophie auf diesen erschlichenen Ausgang, oder die Mathilde geht sofort zur Gräfin, und was die dann zu hören kriegt, das kann sich die Sophie allein denken! Solchen Dreck nimmt man nicht ohne Not zweimal in den Mund!

Worauf sie ihn gleich vor der Kollegin in den Mund nimmt.

Ach, die dicke, rundliche, bequeme Mathilde – Sophie versteht gar nicht, warum sie eigentlich so tobt. Sie hat sich doch schon zehnmal bei den freien Tagen übergehen lassen, hat freiwillig und unfreiwillig verzichtet, und wenn sie wirklich einmal gemault hat, haben sie eine Schachtel Konfekt oder eine Kinokarte stets besänftigt. Hat denn diese schwüle Hitze die Alte ganz verrückt gemacht?

Einen Augenblick überlegt Sophie, ob sie nicht vielleicht doch nachgibt. Bringt Mathilde all ihren Quatsch vor die Gräfin, kann es einen ziemlichen Stunk geben. Obwohl sich Sophie auch davor nicht fürchtet. Sie ist noch mit jedem stänkernden Angetrunkenen fertig geworden, und die können bestimmt beinahe so schlimm sein wie eine stänkernde Frau.

Sophie überlegt also einen Augenblick … Dann aber sagt sie recht bösartig ruhig: Ich weiß gar nicht, was du hast, Mathilde. Wozu willst du ausgehen? Du hast ja gar nichts anzuziehen.

Oh, wie dieses sanfte Öl aufzischt, wie die Flamme höher und höher schlägt! Nichts anzuziehen, freilich, wenn man so wie andere der Gnädigen Kleiderschrank benutzt –!

Tätest du auch, Mathilde. Nur paßt dir nichts. Du bist ja direkt fett.

Bereits 1923 ist es eine schwere Beleidigung für eine Frau, dick genannt zu werden – und nun gar erst fett! Prompt bricht Mathilde in Tränen aus, schreit wutsprühend: Hure! Hurenmensch! Sauhure! und stürzt ab zur Gnädigen, bei der eben grade auch Herr Quarkus seinen Einzug gehalten hat. Denn nun soll es losgehen aufs Land.

Sophie bleibt achselzuckend zurück. Ihr soll es egal sein, was kommt. Eigentlich hat sie das Leben hier reichlich über, ganz plötzlich. Die Minute vorher hat sie noch nichts davon gewußt, da wäre sie nicht gerne gegangen. Aber das ist jetzt oft so, nichts hat Bestand. Was eben noch galt, ist schon wieder ungültig. Noch niemals ist so oft und so überraschend der Gashahn aufgedreht worden wie in diesen Zeiten.

Plötzlich fühlt Sophie, wie hundemüde, wie ausgepumpt sie ist. Der Gedanke an ein paar Ferienwochen bei den Eltern in Neulohe taucht in ihr auf. Das wäre wirklich schön – ausschlafen, nichts tun, nichts trinken – und vor allem mal keine Kavaliere. Dazu sich den neidischen Schulgefährtinnen von ehemals als vollendete Dame aus der Stadt zeigen, grade jetzt, wo die sich in der Ernte totrackern müssen! Und schließlich und endlich und am wichtigsten: ganz in der Nähe von Neulohe liegt das Städtchen Meienburg. Dort steht ein festes Haus, von der kleinen Sophie bei seltenen Stadtfahrten mit grusligem Schauer angesehen, aber jetzt wohnt darin der Hans. Plötzlich faßt sie eine irrsinnige, ganz körperliche Sehnsucht nach dem Freund – ihr ganzer Leib zittert nach ihm, ihr wird heiß und kalt. Sie muß zu ihm, sie muß in seiner Nähe leben, sie muß ihn wieder einmal spüren – wenigstens sehen muß sie ihn! Sicher wird es ihr gelingen, mit ihm in Verbindung zu kommen … Gefängniswärter sind auch bloß Männer …

Längst hat Sophie mit Silberputzen aufgehört – wozu soll sie noch etwas tun? Sie geht ja heute doch, macht Schluß in diesem Bumms! Befriedigt lächelnd hört sie die gaumig heulende Stimme der Mathilde von vorne, dazwischen die ein bißchen scharfe, immer leicht gereizte der Gräfin, selten die spritrauhe, heisere des Herrn Quarkus. Dis sollen nur kommen und ihr auch nur einen Vorwurf machen – sie wird auspacken, ach, wie wird sie auspacken! Denen soll gar nichts anderes übrigbleiben, als sie auf die Straße zu setzen – aber nicht ohne ihren Lohn bis Ultimo! Und das Trampel, die Mathilde, kann sehen, wo ihr freier Tag bleibt – alle Arbeit wird sie allein tun dürfen, die –!

Nur ungern schickt die Gräfin Mutzbauer ihren Freund Quarkus in die Küche, die Sophie zu rufen. Sie wünscht ganz und gar keinen Streit mit ihrer Zofe, noch dazu vor den Ohren des Freundes. Es gab da vor einiger Zeit einen etwas seltsamen Einbruchsdiebstahl in der Wohnung. Den abhanden gekommenen Schmuck hatte Herr Quarkus zwar großzügig ersetzt, wollte sich aber damals schon durchaus mit der Polizei in Verbindung setzen. Es wäre nicht angenehm, wenn Sophie die Zusammenhänge dieses Diebstahls aufklärte. Noch peinlicher wäre allerdings, wenn sie von gewissen Schlafzimmerbesuchen erzählte.

Gräfin Mutzbauer war überzeugt, der Kavalier Quarkus verstand in diesem Punkt keinen Spaß, und wenn sie auch wußte, daß man einem verlorenen Liebhaber nicht nachweinen soll, denn der zu melkenden Ochsen gibt es überall mehr, als Vater Brehm sich hat träumen lassen – vor einer brutalen Tracht Prügel hatte sie ausgesprochen feige Angst.

Aber was war zu tun? Mathilde hatte vor Herrn Quarkus’ Ohren so ausführlich von der Benutzung nicht nur des Kleider-, nein, auch des Wäscheschrankes durch Herrin und Zofe berichtet (was der Herrin längst bekannt gewesen war), sie hatte auch einen so ausführlichen Bericht über eine ›Orje‹ erstattet, die sich während einer zweitägigen Abwesenheit der Herrin in den Mutzbauerschen Räumen abgespielt hatte, einer Orgie, in der nicht nur ›fremde Louis und Nutten‹, sondern auch sehr eigene Mutzbauerische Zigaretten, Liköre, Sekt und – hier sprang Herr Quarkus hoch und schrie heiser: Au verflucht! –, bei der leider auch das Mutzbauerische Bett eine Rolle spielte.

Die Gräfin hoffte wider allen Sinn und Verstand, Sophie werde vernünftig sein. Von ihrer Seite würde jedenfalls nichts geschehen, die Dinge auf die Spitze zu treiben.

Worauf die besagten Dinge in den ersten drei Minuten auf die Spitze gerieten, um von da in einen schwindelnden Abgrund zu stürzen, in dem es infernalisch stank! Der Viehhändler Emil Quarkus war bestimmt kein verwöhntes Knäblein, und gar manchen Dreck hatte er in seinem Leben verdauen müssen, auch war die Zeit nicht dazu angetan, Empfindlichkeiten zu züchten … was diese drei Weiber da aber sich minutenlang schrill an die Köpfe warfen, das stank so unaussprechlich, wie die Misthaufen all seiner zukünftigen Bauernhöfe nie stinken konnten!

Quarkus schrie auch und tobte auch. Er schmiß jede von den dreien eigenhändig hinaus und holte sie dann, aufheulend vor Wut, zur Vernehmung und Rechtfertigung wieder herein. Er stieß sie mit den Köpfen zusammen, und er riß die Krallenstarrenden wieder auseinander; er telefonierte nach der Polizei und machte das Telefonat umgehend wieder rückgängig; er revidierte die Koffer der Sophie und mußte schon wieder in das gräfliche Schlafzimmer stürzen, wo ein Totschlag im Gange zu sein schien; er nahm seinen Hut und marschierte mit dem verächtlichen Ausruf: Weiber, verdammte, leckt mich alle am Arsch! aus der Wohnung, stieg die Treppe hinab und in sein Auto, und ließ den Wagen doch sofort wieder halten, weil ihm eingefallen war, daß er diesem gemeinen Frauenzimmer ›seinen Schmuck‹ keinesfalls lassen würde …

Am Ende saß er völlig erschöpft und ausgepumpt, zu nichts mehr fähig, auf einer Couch. Noch mit geröteten Wangen und blitzenden Augen ging die Gräfin Mutzbauer auf und ab und mischte ihrem Emil einen Stärkungstrank.

Solche gemeinen Frauenzimmer – alles natürlich erstunken und erlogen. Es ist gut, daß du sie gleich alle beide entlassen hast, Quarkus! (Er hatte nichts dergleichen getan.) Du hast ganz recht, daß du die Polizei nicht gerufen hast (er hätte es liebend gerne getan), schließlich hätte deine Frau davon erfahren, und du weißt ja, wie die ist …

Mathilde sitzt noch in der Küche auf ihrem Schließkorb; leise durch die Nase schnüffelnd wartet sie auf die angerufene Paketfahrt, die den Korb holen soll. Dann wird sie mit der Untergrund zu ihrem Schwager fahren, der an der Warschauer Brücke wohnt. Die Schwester wird zwar nicht sehr begeistert von diesem Überfall sein, das Gehalt eines Straßenbahnschaffners reicht schon so nicht hin und her. Aber im Besitz eines stattlichen Devisenhäufchens, das ihr der durch ihr Kochen bestochene Quarkus nach und nach verschafft hat, fühlt sie sich gegen jeden schwesterlichen Unwillen gewappnet. Im Grunde kommt auch der Mathilde die Entlassung grade recht: nun hat sie wirklich Zeit, sich etwas um ihren unehelichen Sproß, den fünfzehnjährigen Hans-Günther zu kümmern, von dem sie heute früh in der Zeitung gelesen hat, daß er als Anführer einer Revolte im Erziehungsheim der Stadt Berlin verhaftet worden ist. Nur darum war sie ja so wild geworden, daß Sophie ihr den freien Tag gestohlen hatte. Jetzt also hatte sie ihren freien Tag. Sie ist zufrieden.

Am zufriedensten aber ist Sophie Kowalewski. Die Autotaxe fährt mit ihr durch das immer stärker losbrechende Gewitter dem Christlichen Hospiz in der Krausenstraße zu. (In Herrenbegleitung hat Sophie nichts gegen das schmierigste Absteigehotel, als alleinreisende junge Dame aber kennt sie nur das Christliche Hospiz.) Sie fährt in Sommerferien, ihre Koffer sind prall voll von den schönsten Dingen aus gräflichem Besitz, sie hat ihren Monatslohn bekommen und besitzt außerdem noch hinreichend Geld, und sie wird in Verbindung mit dem Hans kommen, ihn vielleicht sogar sehen. Sophie ist sehr zufrieden!

Nur Herr Quarkus ist nicht ganz so zufrieden wie die drei Frauen. Aber dem kommt es nicht so recht zu Bewußtsein, jetzt muß er eilig Bauernhöfe kaufen, stärker als die Frauen jagt ihn die Mark.

5

Förster Kniebusch geht langsam durch das Dorf Neulohe, den Vorstehhund an der Leine. Man kann nie wissen, was kommt, jedenfalls haben die meisten Leute unbegreiflich mehr Angst vor einem Hund als vor einem Menschen.

Ungern ging der alte Kniebusch von je ins Dorf – die Försterei liegt ein Stück abseits, an der Waldgrenze –, heute aber geht er ganz besonders verdrossen. Er hat das befohlene Zusammentrommeln der Leute auf zehn Uhr beim Schulzen so lange wie nur möglich hinausgeschoben. Aber jetzt, da das Gewitter schon pechschwarz den ganzen westlichen Himmel zudeckt – es kommt aus der Berliner Gegend, natürlich, was kann auch aus Berlin Gutes kommen?! –, jetzt hat er eben doch losgemußt. Es hilft ja nichts, er muß, er darf es mit keinem verderben.

Dorf Altlohe kann Kniebusch gottlob links liegenlassen (bildlich gesprochen, von seinem Wege liegt es nämlich rechts), in Altlohe wohnt kein Mensch, der für solche geheime Militärsache in Frage kommt. In Altlohe wohnen lauter Gruben- und Industriearbeiter, also Spartakisten und Kommunisten, sprich Felddiebe, Holzdiebe, Wilderer, meint Herr Kniebusch.

Förster Kniebusch wußte ganz gut, warum er heute früh die Holzdiebe nicht gesehen hatte – es waren eben Altloher gewesen. Die Altloher wurden leicht wütend, sie proklamierten ganz offen so etwas wie ein Recht auf Diebstahl. Förster Kniebusch wußte auch ganz genau, warum er die Flinte im Haus gelassen hatte, aber den Hund mitgenommen: eine Waffe reizte die Leute bloß und machte sie noch bösartiger. Ein Hund aber konnte ein zerrissenes Hosenbein bringen, und eine Hose war eine kostbare Sache!

Bedrückt und langsam schleicht der Förster unter dem immer drohenderen Gewitter durch das Dorf. Ich möchte doch gerne friedlich in meinem Bett sterben, hatte er eben wieder zu seiner vom Rheumatismus fast gelähmten Frau gesagt. Sie hat genickt und gesprochen: Wir stehen alle in Gottes Hand.

›Ach du!‹ hätte er am liebsten geantwortet, denn daß Gott mit all diesem gräßlichen Wirrwarr nichts zu tun haben kann, dessen ist er sich lange sicher. Aber mit einem Blick auf das bunte Abendmahl an der Wand schweigt er lieber. Schon längst kann man nicht einmal der eigenen Frau mehr sagen, was man alles denkt.

Er hat sich sein Alter ein wenig anders gedacht, der Förster Kniebusch. Wäre nicht der Krieg gekommen und diese zehnmal verdammte Inflation, säße er längst im eigenen Häuschen in Meienburg, ließe Dienst Dienst sein und Holzdiebe Holzdiebe, und kümmerte sich nur noch um seine Bienen. Aber das kann sich wohl ein jeder Mensch leicht ausrechnen, wie vorzüglich sich in diesen Zeiten von einer Altersrente verhungern läßt. Und das Sparbuch liegt zwar noch immer, sorglich vor Dieben verborgen, zwischen den Bettlaken im Wäscheschrank seiner Frau, aber die Endsumme, etwas über 7000 Mark, Mark für Mark in vierzig langen Dienstjahren zusammengekratzt, mag man gar nicht mehr ansehen, sonst kommen einem sofort die Tränen in die Augen. Das wäre ein Häuschen in Meienburg gewesen, sauber wie eine Puppe! Und zum Leben hätte man die Zinsen von der Hypothek gehabt, erste Hypothek, gute Hypothek auf den Hof des Schulzen Haase hier in Neulohe, pünktlicher Zinszahler, 4 %, 10 000 Mark Kapital, ein bißchen Ererbtes und wiederum viel Erspartes – 400 Mark im Jahre Ertrag, das wäre ein schöner Zuschuß gewesen zu der Rente!

Aus und vorbei! Unbegreiflich aus und vorbei! Der müde, verbrauchte, alte Mann muß weiterlaufen, arbeiten, aufpassen, sich durchschlängeln zwischen den Übergriffen der Leute und den Ermahnungen des Chefs. Nun fürchtet der Ruhebedürftige nichts mehr, als daß er zur Ruhe gesetzt wird – was rettet sie beide alte Leute dann vor dem Verhungern –?! Die beiden Söhne sind im Krieg gefallen und die Tochter, an einen Eisenbahnsekretär in Landsberg verheiratet, weiß selbst nicht, wie sie mit ihren Kindern satt werden soll. Sie schreibt den Eltern nur, wenn das Schlachten bevorsteht, um an das Fettpaket zu erinnern.

So muß er weiterlaufen, der alte Mann, muß sich Liebkind machen, einschmeicheln, demütig sein – auf solche Weise der drohenden Entlassung vorbeugen. Und wenn solch ein Schnösel von Leutnant winkt, so nimmt man eben die Hacken zusammen und sagt gehorsam: Zu Befehl, Herr Leutnant! Weiß man denn, ob der Chef das nicht wünscht?

Es ist ein trübseliger Rundgang durch das Dorf. Alle Männer, die der Förster sprechen müßte, sind, obwohl es schon auf sechs Uhr geht und Futterszeit wird, noch auf dem Felde. Oder sie hasten schwitzend an dem Förster vorbei, kaum daß sie mit der Hand winken. Sie haben keine Zeit, denn vor dem drohenden Gewitter muß herein, was nur irgend herein kann.

So muß der Förster seine Bestellung bei den Frauen anbringen, und die nehmen natürlich kein Blatt vor den Mund: er ist wohl verrückt geworden, jetzt in der eiligsten Erntezeit die Männer um zehn Uhr nachts zum Schulzen zu bestellen?! Natürlich, er hat es gut, er fühlt seine Knochen nicht, er geht spazieren, während andere sich totarbeiten. Er steht morgens um sechs auf, ihre Männer aber um halb drei! Sie denken gar nicht daran, solchen Unsinn zu bestellen, da mag er sich dümmere suchen! – Die Hände in die Seiten gestemmt: siehst du, da hast du es!

Der Förster muß zureden und betteln, und wenn er schließlich vom Hof geht, ist er doch nicht sicher, daß sie die Bestellung auch wirklich ausrichten.

Manche Frauen aber verkneifen den Mund böse, sie hören sich des Försters Bestellung schweigend an, mit bösen, klein gewordenen Augen. Dann drehen sie sich um und gehen weg, aber der Förster hört sie noch murmeln: ob ein alter Mann sich denn gar nicht schämt, solche Sachen noch mitzumachen?! Ob es nicht schon genug Tote im Weltkrieg gegeben habe? Heimliche Verschwörungen von einem alten Knacker, der lieber an seinen eigenen friedlichen Tod denken sollte –!

Des Försters Gesicht wird immer sorgenvoller, fast verbissen, je weiter er kommt. Er murmelt heftig in seinen weißgrauen Bart. Irgendwie muß er seinen Ingrimm äußern, er hat sich angewöhnt, mit sich selbst zu reden. Sonst hat er ja keinen einzigen, bei dem er seinem Herzen Luft machen kann, die Frau hat auf alles nur Bibelsprüche im Munde. Es ist wie ein ohnmächtiger Zorn, den er da zwischen den mahlenden, fast schon zahnlosen Kiefern zerbeißt – daß er so ohnmächtig ist, macht ihn nur noch schmerzender!

Nun kommt er auf den Dorfplatz, an dem Schulzenhof, Krämerei, Gasthof, Schule und Pfarrei liegen. Mit denen allen hat er eigentlich nichts zu tun: Krämer und Krüger sind viel zu vorsichtig, sich auf irgend etwas einzulassen womit sie es bei einem von der Kundschaft verderben könnten. Kantor Friedemann ist zu alt und Pastor Lehnich tut immer so, als sei er nicht ganz von dieser Welt, trotzdem er sehr gut rechnen kann. Schulze Haase aber weiß sicher schon Bescheid, sonst wäre ja die Versammlung nicht zu ihm bestellt worden.

Trotzdem steht Förster Kniebusch zögernd auf dem Platz, geht nicht weiter, sondern sieht zum Schulzenhof hinüber. Es wäre gar nicht schlecht, dem Schulzen einmal auf die Pelle zu rücken und mit ihm von Zinsen und Hypothek zu reden. Ehe er aber noch zu einem Entschluß gekommen ist, fliegt ein Fenster im Krug auf. Der häßliche Kopf vom kleinen Negermeier fährt mit funkelnden Brillengläsern und ziemlich gerötet heraus. Meier schreit: Na, Kniebusch, altes Wasserhuhn, komm mal rüber und stoß mit mir an auf meinen Abschied von Neulohe!

Eigentlich ist dem Förster nicht nach Trinken, zudem weiß er, daß der angetrunkene Negermeier bösartig wie ein alter Bulle ist, aber dieser Zuruf klingt doch zu sehr nach Neuigkeiten, und Neuigkeiten kann der Förster nur schlecht widerstehen. Er muß alles wissen, um sich auf alles einrichten zu können. So tritt er denn in den Krug, der Hund kriecht mit aller hündischen Ergebenheit in sein Schicksal unter den Tisch und ist bereit, nun lautlos auszuhalten, dauere es eine halbe Stunde oder vier. Der Förster klopft auf den Tisch und sagt warnend: Aber Geld habe ich nicht bei mir!

Ich auch nicht! grinst Negermeier, der schon kräftig vorgelegt hat. Aber deswegen lade ich dich doch ein, Kniebusch. Und gerne! Die sind nämlich alle auf dem Felde, und so habe ich mir eine Flasche Cognac vom Büfett geholt, und Bier kann ich dir auch einschenken, wenn dir das lieber ist.

Dem Förster graust vor den Folgen dieser eigenmächtigen Selbstbedienung. Verlegen sagt er: Nee, danke, Meier, ich trinke lieber nichts.

Sofort läuft Feldinspektor Meier noch röter an. Ach, du meinst, ich klaue?! Ach, du denkst, ich bezahle nicht, was ich mir nehme?! Das verbitte ich mir, Kniebusch! Sage ein einziges Mal, wo ich was geklaut habe … Oder –!

›Oder‹ bleibt unklar, denn der Förster versichert sofort, daß alles in Ordnung ist, und daß er einen Cognac möchte.

Ein Cognac ist gar nichts! schreit der kleine Meier und trotz sanften Widerspruchs schenkt er auch noch kunstgerecht ein Glas Bier ein und holt die Kiste mit den Zigarren. Sich selbst bringt er eine Schachtel Zigaretten mit.

Prost, Kniebusch! Daß unsere Kinder lange Hälse kriegen!

Der Förster runzelt die buschige Braue über diesen Trinkspruch, denn er muß an seine beiden gefallenen Söhne denken. Aber es hat keinen Sinn, bei so einem Menschen, wie es Negermeier ist, zu protestieren, und so fragt er denn lieber: Was ist denn seit heute mittag passiert, daß du so plötzlich deinen Abschied feierst?

Sofort ist Meier verdüstert. Das Gewitter ist passiert, murrt er. Dieses elende Berliner Scheißgewitter! Nie kriegen wir bei Westwind Gewitter. Aber heute kriegen wir es!

Ja, in zehn Minuten pladdert’s, sagt auch Kniebusch und sieht zum dunklen Fenster. Hast nicht einfahren lassen –? Das ganze Dorf fährt ein!

Merke ich auch, du Riesenroß! schreit Meier gereizt. Und es ist wirklich schwer, das nicht zu merken: grade jagt wieder ein Fuder über den Dorfplatz und verschwindet auf der Haaseschen Hofstatt.

Das ist doch aber noch nicht sicher, daß dich der Rittmeister darum rausschmeißt, tröstet Kniebusch. Freilich, ich an deiner Stelle hätte auch lieber einfahren lassen.

Du an meiner Stelle hättest deinen Dreck vor lauter Schlauheit gefressen! schreit Negermeier wütend los. Er trinkt hastig, trinkt noch einmal und sagt dann ruhiger: Hinterher sind alle Dummen schlau. Warum hast du mir denn heute mittag nicht gesagt, du würdest einfahren lassen, heh, was? Er lächelt überlegen, gähnt dann und trinkt nochmals. Nun sieht er den Förster mit zusammengekniffenen Augen geheimnisvoll zwinkernd an und sagt gezwungen: Übrigens schmeißt mich der Rittmeister nicht nur deswegen raus.

Nein? sagt der Förster und fragt: Hast du übrigens gesehen, ob der Schulze auf seinem Hof ist?

Doch, sagt Negermeier. Kam vorhin mit dem Leutnant rein.

Das paßt Kniebusch gar nicht. Wenn der Leutnant drin ist, hat es keinen Zweck, zum Schulzen zu gehen und mit ihm über die Hypothek zu reden. Und es wäre doch notwendig. In fünf Tagen sind die Halbjahreszinsen wieder einmal fällig, und er kann sich doch nicht zweihundert Mark Papier in die Hand stecken lassen!

Bist du doof auf beiden Ohren, Förster?! schrie Meier. Ich frag dich, wie alt die Weio ist!

Das gnädige Fräulein –? Die ist im Mai fünfzehn geworden.

O wei! O wei! markiert Meier. Da schmeißt mich der Rittmeister bestimmt raus!

Wieso denn? Kniebusch versteht nicht, aber die immer wache Neugierde des Zuträgers und Spitzels stachelt ihn schon. Was meinst du denn?

Ach, laß man! Meier macht eine großartige, wegwerfende Gebärde. Erfährst du alles noch früh genug. Er trinkt und sieht den Förster wieder durch die zusammengekniffenen Lider unverschämt feixend an. Aber eine großartige Brust hat das Mädchen, das kann ich dir sagen, Kniebusch, alter Genießer!

Welches Mädchen –? fragt der Förster verblüfft. Dies will er denn doch nicht glauben.

Na, die kleine Krabbe, die Weio! sagt Negermeier nachlässig. Eine süße Puppe, sage ich dir. Wie mich die da vorhin in ihrem Liegestuhl begrüßt hat. Auf dem Küchenanbau, sage ich dir, nur im Badeanzug. Und dann hat sie so die Achselbänder losgemacht und dann – na, reden wir nicht davon, Kavalier bleibt Kavalier!

Du spinnst ja, Meier! sagt der Förster Kniebusch empört. Du sohlst ja! Du bist ja besoffen!

Natürlich sohl ich, sagt Negermeier mit gespielter Gleichgültigkeit. Natürlich bin ich betrunken. Aber wenn dich einer fragt, Kniebusch, dem kannst du von mir bestellen, daß die Weio da – er zeigt auf die Brust, ziemlich tief unterhalb der Achselhöhle – ein kleines braunes Muttermal hat, und ein süßer Knutschfleck ist das, Kniebusch, kann ich dir flüstern …

Meier sieht den Förster erwartungsvoll an.

Der grübelt laut: Daß du sie im Badeanzug gesehen hast, Meier, das will ich dir glauben. Auf dem Küchenanbau hat sie schon ein paarmal so gelegen, und die gnädige Frau will es partout nicht leiden, das weiß ich von der Köchin Armgard. Aber daß sie sonst mit dir … nee, Meier, das nehm ich dir nicht ab, das mußt du Dümmeren als dem Förster Kniebusch erzählen!

Der Förster grinst, jetzt fühlt er sich überlegen. Er schiebt das halb volle Schnapsglas zurück und steht auf: Komm, Cäsar!

Das glaubst du mir nicht?! schreit Negermeier und springt auch auf. Du ahnst ja nicht, Kniebusch, wie verrückt die Weiber nach mir sind. Alle kann ich sie haben, alle! Und die kleine Weio …

Nee, nee, Meier, sagt Kniebusch, verächtlich grinsend, und macht sich mit diesem Ausspruch den kleinen Meier zum ewigen Todfeind. Für ’ne Stallmagd oder Geflügelmamsell reicht es vielleicht bei dir. Aber das gnädige Fräulein, nee, Meier, du bist eben besoffen.

Soll ich dir’s beweisen?! schreit Meier förmlich. Er ist vor Alkohol, Wut, Demütigung völlig von Sinnen. Soll ich dir’s schwarz auf weiß zeigen?! Da, kannst du lesen, du dummes Luder? Da, den Brief hat mir dein gnädiges Fräulein geschrieben! Er reißt den Brief aus der Tasche, fetzt ihn auf. Kannst du lesen –? Deine Violet! ›Deine‹ unterstrichen, siehst du das, Glotzauge?! Da, lies mal: Liebster! Allerliebster!! Einziger!!! – Siehste die Ausrufungszeichen? Da – nee, alles brauchst du auch nicht zu lesen – da das noch: ich habe dich ja sooo lieb! Er wiederholt es: Sooo – na, ist das Liebe? Was sagst du nun?!

Er steht triumphierend da. Seine dicken Lippen zittern, seine Augen funkeln. Das Gesicht ist gerötet.

Aber die Wirkung seiner Worte ist anders, als er erwartet hat. Förster Kniebusch ist von ihm fortgetreten, gegen die Tür der Schenke hin. – Nein, Meier, sagt er. Das hättest du nicht tun sollen, mir den Brief zeigen und mir das alles erzählen. Was bist du für ein Schwein, Meier! Nee, das will ich nicht gesehen haben, davon weiß ich nichts, das könnte mir Kopf und Kragen kosten. Nein, Meier, sagt Kniebusch und sieht ihn ganz unverhohlen feindlich an mit seinen alten, etwas blaß gewordenen Augen. Wenn ich du wäre, packte ich auf der Stelle meinen Koffer und reiste ab, ohne Abmeldung, möglichst weit fort. Denn wenn der Rittmeister das erfährt –

Hab dich doch bloß nicht so, du alter Angsthase, sagt Meier mürrisch, stopft aber den Brief doch wieder in die Tasche. Das erfährt der Rittmeister doch nicht. Wenn du die Klappe hältst …

Ich halte meinen Mund schon, sagt der Förster und will es diesmal wirklich. Ich verbrenne ihn mir nicht gar so gerne. Aber du, du wirst ihn nicht halten … Nee, Meier, tu einmal was Vernünftiges und fahr ab. Und ganz schnell. – Also, da geht es wirklich los …

Die beiden haben nicht mehr auf das Wetter draußen geachtet. Dunkler und dunkler ist der Himmel geworden. Eben hat es taghell in die Gaststube geleuchtet, dann hat es ohrenbetäubend geknattert, und nun bricht es rauschend, prasselnd aus tausend Himmelsquellen.

Du wirst doch nicht in das Unwetter laufen! sagt Meier unwillkürlich.

Doch! sagt der Förster. Ich lauf schnell zum Schulzen rüber. Ich möchte hier nicht … Und er läuft schon.

Negermeier sieht ihn hinter dem dichten Regenvorhang verschwinden. In der Gaststube riecht es nach Alkohol, saurem Bier, Dreck. Langsam macht Meier ein Fenster nach dem andern auf. Er kommt an dem Tisch vorbei, an dem sie gesessen. Unwillkürlich greift er nach der Flasche.

Aber als er sie am Mund hat, schaudert ihm vor dem Geruch des Alkohols, er nimmt die Flasche und läßt sie auf dem Dorfplatz leergluckern. Dann geht er an den Tisch zurück und brennt sich eine Zigarette an. Er greift in die Tasche, zieht den Brief hervor. Der aufgefetzte Umschlag ist endgültig verdorben und der Brief – er legt ihn mit den langsamen, vorsichtigen Bewegungen des Halbtrunkenen auf den Tisch –, und der Brief ist völlig zerknittert. Er versucht, die Falten mit der Hand zu glätten. Dabei denkt er erschöpft: ›Was mach ich nur? Was mach ich nur?‹

Er merkt, daß es langsam feucht wird unter der glättenden Hand. Er sieht hin. Er hat den Brief in eine Cognaclache gelegt, alles ist verschmiert.

›Was mach ich nur?‹ denkt er von neuem.

Er stopft das Geschmier in die Tasche. Dann nimmt er seinen Stock und geht in den strömenden Regen hinaus. Er will erst mal ins Bett, seinen Rausch ausschlafen.

6

Der alte Förster Kniebusch rannte, so schnell er nur konnte, durch den immer stärker fallenden Regen nach dem Haaseschen Gehöft hinüber. So unangenehm es für einen alten Mann auch war, bis auf die Haut naß zu werden – so war das noch immer zehnmal besser, als bei diesem Kerl, dem Negermeier, zu sitzen und seine Schmutzereien anzuhören –!

Im Regenschatten der Haaseschen Scheune blieb Kniebusch stehen: so wie er jetzt war, konnte er nicht zum Schulzen hineingehen. Er trocknete sich schnaufend und umständlich das Gesicht ab und versuchte die klatschnassen Bartsträhnen zu entwirren. Während er aber all dies ganz mechanisch tat, dachte er immerzu, genauso wie der Negermeier drüben in der Schenke: ›Was tu ich nur? Was tu ich nur?‹

Schwer bedrückt es ihn einmal wieder, daß er keine Seele hatte, der er sein Herz ausschütten konnte; hätte er nur einem Menschen von dieser tollen Sache erzählen können, ihm wäre so viel leichter gewesen! So aber brannte und beizte ihn schon jetzt das Gehörte, daß es kaum zu ertragen war. Es war wie eine wunde Stelle am Finger, gegen die man immer wieder stößt; es war wie ein juckendes Ekzem, das man kratzen muß – koste es auch Blut.

Förster Kniebusch wußte wohl – aus mancher bitteren Erfahrung –, wie gefährlich diese immer stärker werdende Geschwätzigkeit und Klatschsucht für ihn war. Die schlimmsten Geschichten hatte er schon damit angerichtet, die unangenehmsten Auftritte gehabt. Wie er da, ziemlich geschützt, am Brettergiebel der Haaseschen Scheune lehnt und immer weiter an sich herumwischt und trocknet, versucht er eifrig, seiner Altersgeschwätzigkeit den Zündstoff fortzunehmen: er hat ja gar nichts zu erzählen! Es ist ja alles nur betrunkenes Gerede von diesem weibstollen Kerl, dem kleinen Meier, gewesen!

Aber wenn er dann so weit ist, wenn er sich schon anschickt, ganz beruhigt und ohne alle gefährliche Ladung in sich, hinein in die Stube des Schulzen zu gehen, dann fällt ein Blitz aus dem Himmel: in der Gaststube steht der Inspektor Meier, reißt den Brief aus der Tasche, fetzt ihn auf, fetzt ihn auf, liest ihn …

Förster Kniebusch pfeift ganz hoch und langgezogen, obwohl es ihm eigentlich den Atem verschlägt. Der vor nasser Kälte zitternde Hund an seinem Bein fährt zusammen und steht da, Vorderfuß hoch, als wittere er Wild. Förster Kniebusch aber ist schon weiter als sein Hund: er hat den Schwarzkittel, das Borstenschwein, den verdammten Eber in seiner Suhle ausgemacht und ihm die Kugel aufs Blatt gesetzt: Negermeier hat doch gelogen!!!

›Es ist ja auch gar nicht anders möglich‹, stöhnt der Förster Kniebusch erleichtert. ›Dieser Neger mit den Wulstlippen und unser gnädiges Fräulein! Das konnte ich nicht fressen. Und es war auch nicht mein Fraß! So ein dummer Prahlhans und Lügner, denkt, ich komme ihm nicht darauf. Reißt den Brief vor meinen Augen auf und weiß doch schon, was drin steht! Sagt, er ist gerade mit Fräulein Violet zusammen gewesen, und hat einen Brief von ihr in der Tasche! Natürlich hat sie ihm den Brief nur zu besorgen gegeben, und der Kerl hat ihn heimlich durchgeschnüffelt. Oh, die Sache muß ich mir heute noch in aller Ruhe und Andacht durchdenken. Es sollte mich doch wundern, wenn ich nicht alles klar herausbrächte, und am meisten sollte mich wundern, wenn ich dir nicht einen Strick draus drehen könnte, Meierchen! Du sollst mich nicht mehr lange Angsthase und Glotzauge nennen dürfen – wir werden schon sehen, wer es mit der Angst bekommt und glotzt!‹

Kniebusch dreht sich um und nimmt Front nach dem Gasthof. Aber der ist noch nicht wieder zu sehen, die Regenschleier sind zu dicht.

›lst auch besser so‹, denkt Kniebusch. ›Nur jetzt nichts Voreiliges tun! Das muß alles genau überlegt werden, denn es ist klar, daß ich die Sache so drehen muß, daß ich beim gnädigen Fräulein einen Stein im Brett bekomme. Die kann mir eines Tages noch sehr nützlich sein.‹

Damit pfeift Kniebusch durchdringend das Signal: ›Zur Attacke, marsch, marsch!‹ und marschiert ab, gradewegs in die Schulzenstube. Nicht einmal den Hund läßt er wie sonst auf dem Backsteinboden der Küche, sondern erlaubt ihm, mit den nassen Pfoten Schmutzkreise auf die gewachsten Dielenbretter zu treten. So siegesgewiß ist er.

In der Stube gibt es ihm aber doch einen Ruck, denn da sitzt nicht nur der lange Schulze Haase, sondern mitten auf dem eingesessenen Kanapee hockt der Leutnant! Seine alte Feldmütze liegt auf dem gehäkelten Schoner der Kanapeelehne, und da sitzt er, ruppig, struppig, doch immer auf Draht. Zu einer großen Tasse Kaffee ißt er Spiegeleier mit Speck, und in das Fett schneidet er sich Brotwürfel, völlig ländlich schändlich. Und nur die Stunde, nachmittags sechs Uhr, ist eigentlich nicht ganz die richtige für Spiegeleier.

Befehl ausgeführt! meldet der Förster und reißt seine Knochen zusammen, wie er das eben vor allen tut, von denen er glaubt, es stecke irgendeine Befehlsgewalt in ihnen.

Rühren! befiehlt der Leutnant. Aber dann ganz freundlich, einen fetten Fetzen Ei auf der Blechgabel: Na, Förster Kniebusch, immer noch munter auf den ollen Beinen? Alles bestellt und ausgerichtet? Alle angetroffen?

Das ist es ja grade! sagt der Förster, plötzlich wieder ganz kummervoll, und erzählt, was er da vorhin auf seinem Bestellgang im Dorf erlebt hat und was Frau Pieplow und was Frau Päplow gesagt haben.

Alter Schafskopp! sagt der Leutnant und ißt geruhig weiter. Dann wirst du eben noch mal, wenn die Kerls zu Hause sind, durchs ganze Kaff botten müssen, verstanden?! Den Weibern so was zu erzählen – ich sage es ja immer, die Öllsten sind die Döllsten!

Und er macht sich ruhig wieder an sein Essen.

Der Förster hat brav Zu Befehl, Herr Leutnant! gesagt und sich nicht anmerken lassen, wie wütend er ist. Er könnte ja diesen jungen Schnösel fragen, mit welchem Recht er ihn hier anblafft und wieso er ihm hier Befehle gibt – aber es lohnt sich nicht, er läßt es lieber.

Dafür wendet sich Kniebusch an den Schulzen, der lang und knitterig, stumm, wie er meistens ist, in seinem Ohrenstuhl gesessen und sich den Knaatsch, ohne eine Miene zu verziehen, angehört hat. Er fragt ihn gar nicht freundlich: Ach, Schulze, wo ich mal hier bin, wollte ich dich doch fragen, wie ist das mit uns und mit meinen Zinsen? In fünf Tagen sind sie fällig, und ich muß doch nun wissen, wie du es machen willst.

Weißt du das denn nicht? fragt der Schulze und sieht achtsam nach dem Leutnant hinüber. Der aber ißt ruhig weiter und kümmert sich um nichts als um seine Spiegeleier und die Brotflöckchen, die er über den Teller treibt. Das steht doch alles im Hypothekenbrief.

Aber Schulze, sagt der Förster fast flehend, wir wollen uns doch nicht erzürnen, alte Leute, wie wir beide sind.

Wie können wir uns da erzürnen, Kniebusch? fragt der Schulze erstaunt. Du bekommst, was geschrieben steht, und so alt wie du bin ich übrigens auch noch lange nicht.

Meine zehntausend Mark, sagt der Förster mit zitternder Stimme, die ich dir auf deinen Hof gegeben habe, waren gutes Friedensgeld – über zwanzig Jahre habe ich gespart, ehe ich sie zusammen hatte. Und am vorigen Zinstage hast du mir so einen Lappen gegeben – er liegt noch daheim in der Schieblade, nicht eine Briefmarke, nicht einen Nagel habe ich mir dafür kaufen können …

Kniebusch kann sich nicht helfen, und es ist dieses Mal nicht nur das schwache Alter, es ist auch ehrlicher Kummer, der ihm die Tränen in die Augen treibt. So sieht er den Schulzen Haase an, der langsam die Hände zwischen den Knien reibt, und grade zur Antwort ansetzt, als die scharfe Stimme vom Sofa her befiehlt: Förster!

Der Förster fährt herum, jäh aus seinem Kummer und aus seinem Flehen gerissen. Zu Befehl, Herr Leutnant?

Geben Sie mir mal Feuer, Förster!

Der Herr Leutnant ist mit seiner Esserei fertig. Er hat die letzte Spur Fett von seinem Teller aufgetrocknet, die Neige vom Kaffee getrunken – nun liegt er, bequem ausgestreckt, mit seinen Schmutzstiefeln auf dem Haaseschen Kanapee, hat die Augen geschlossen, aber eine Zigarette zwischen den Lippen, und verlangt Feuer.

Der Förster gibt es ihm. Als der Leutnant den ersten Rauch einzieht, öffnet er die Lider und sieht grade in das tränende Auge des Försters. Na, was denn?! sagt der Leutnant. Ich glaube gar, Sie heulen, Kniebusch?

Es ist nur der Rauch, Herr Leutnant, antwortet Kniebusch verlegen.

Na, denn ist es ja gut, sagt der Leutnant, schließt die Augen wieder und wirft sich auf die Seite.

Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich mir dein ewiges Meckern anhöre, Kniebusch, sagt der Schulze, als der Förster wieder zu ihm zurückkommt. Zweihundert Mark hast du nach dem Hypothekenbrief zu kriegen. Und das vorige Mal habe ich dir schon einen Tausendmarkschein gegeben, und weil du nicht rausgeben konntest, habe ich ihn dir ganz gelassen …

Nicht einen Nagel habe ich mir dafür kaufen können! wiederholt der Förster verbissen.

Und diesmal will ich auch nicht so sein. Ich hab mir schon einen Zehntausender für dich parat gelegt, und ich will wieder nicht so sein: du sollst mir auch nichts rausgeben müssen, trotzdem zehntausend so viel sind wie deine ganze Hypothek …

Aber Schulze! ruft der Förster. Das ist doch alles lauter Spott und Hohn! Du weißt ganz gut, daß diese zehntausend noch viel weniger sind als die tausend vor einem halben Jahr! Und ich habe dir mein gutes Geld gegeben … Der Kummer bricht ihm fast das Herz.

Aber was geht das mich an! ruft jetzt auch der Schulze Haase ärgerlich. Habe ich dein gutes Geld schlecht gemacht? Da mußt du dich an die Herren in Berlin wenden, ich habe doch keine Schuld daran! Geschrieben ist geschrieben …

Aber es muß doch nach der Gerechtigkeit gehen, Schulze! bittet der Förster. Ich kann nicht zwanzig Jahre gespart und mir nichts gegönnt haben, daß du mir jetzt einen Arschwisch dafür gibst!

So?! sagt der Schulze giftig. Sagst du das, Kniebusch? Und wie war’s im Dürrejahr damals, als ich das Geld nicht zusammenkriegen konnte – wer hat da gesagt: geschrieben ist geschrieben?! Und wie war es, als die fetten Schweine achtzehn Mark der Zentner kosteten, und ich sagte: Das Geld ist zu teuer, du mußt etwas nachlassen, Kniebusch! – Wer hat mir da geantwortet: Geld ist Geld, und wenn du nicht zahlst, Schulze, laß ich pfänden. – Wer hat das gesagt?! Bist du das gewesen, Kniebusch, oder war’s ein anderer?

Aber das war doch etwas ganz anderes, Schulze, sagt der Förster ziemlich kleinlaut. Damals waren es kleine Unterschiede, aber heute ist es doch so, daß du mir überhaupt nichts geben willst. Ich verlange ja nicht, daß du mir den vollen Wert ersetzt, aber wenn du mir statt der zweihundert Mark zwanzig Zentner Roggen geben wolltest.

Zwanzig Zentner Roggen! Haase bricht in ein schallendes Gelächter aus. Ich glaube, Kniebusch, du bist verrückt geworden! Zwanzig Zentner Roggen, das sind ja über zwanzig Millionen Mark …

Und sind noch nicht annähernd das, Schulze, was du mir zahlen müßtest, beharrt Kniebusch. Im Frieden waren’s meistens dreißig Zentner.

Ja, im Frieden! sagt der Schulze ganz aufgebracht, da er merkt, der Förster läßt sich nicht einfach abspeisen, sondern will ihm ernstlich an den Beutel. Aber jetzt haben wir keinen Frieden, sondern die In-Fla-Ti-On – und da muß jeder für sich selber sorgen. Und nun will ich dir sagen, daß ich deine ewige Meckerei über habe, Kniebusch. Im Dorf klatschst du auch ewig über uns rum, und neulich hast du beim Bäcker gesagt, wieso der Schulze Gänsebraten essen kann, wo er seine Zinsen nicht ehrlich bezahlt. (Red nicht, Kniebusch, das hast du gesagt, ich erfahr alles.) Aber nun radle ich morgen nach Meienburg und mit dem Anwalt schicke ich dir die Zinsen, genau zweihundert Mark, wie es sein muß, und die Kündigung von der Hypothek bekommst du dazu, und zu Silvester kriegst du dann dein Geld wieder, genau zehntausend Mark – und wieviel du dir dann dafür kaufen kannst, das soll mir egal sein. Ja, das tue ich, Kniebusch, denn ich habe es satt mit dir, dein ewiges Gejammer um deine Ersparnisse. Ich tue es und ich mache es …

Das werden Sie nicht tun, Schulze Haase, kam eine scharfe Stimme vom Sofa her. Und es wird auch so gehen.

Der Leutnant saß wieder aufrecht, völlig wach, die noch qualmende Zigarette im Mundwinkel.

Sie werden am Letzten dem Förster seine zwanzig Zentner Roggen geben, und wir werden jetzt einen Wisch aufsetzen, daß Sie sich auch weiterhin, so lange dieses Dreckgeld umläuft, zu der gleichen Zahlung verpflichten …

Nee, Herr Leutnant, das schreibe ich nicht, sagt der Schulze entschlossen. Zu so was können Sie mich nun doch nicht kommandieren. Sonst ja, aber dies nicht.

Wenn ich das dem Herrn Major erzähle … gibt er Ihnen einen Tritt in den Hintern und schmeißt Sie raus. Oder stellt Sie auch als Verräter an die Wand, möglich ist das alles, Schulze. – Mann Gottes! rief der Leutnant lebhafter, sprang auf, ging zum Schulzen und faßte ihn am Rockknopf. Sie wissen doch, worum es geht, und Sie altgedienter Mann wollen dabei noch schnell vor Toresschluß an den Schweinereien von den Brüdern in Berlin profitieren! Schämen Sie sich was, Schulze! Er drehte sich um, ging an den Tisch, nahm sich eine neue Zigarette. Er kommandierte: Feuer, Förster!

Kniebusch, tausendfältig erleichtert, sklavisch dankbar, stürzte herzu. Er flüsterte, indes er den Leutnant mit Feuer bediente: Es müßte auch geschrieben werden, daß die Hypothek nicht gekündigt werden darf. Sonst zahlt er mich jetzt mit dem Drecksgeld aus – und es ist doch all mein Erspartes!

Das Mitleid mit sich selbst überwältigte ihn, die Freude über den unerwarteten Retter machte ihn noch weicher: Förster Kniebusch weinte schon wieder.

Angewidert sah es der Leutnant. Kniebusch, altes Waschweib, sagte er. Hau ab – sonst rede ich kein Wort mehr. Glaubst du, es geht mir um dich?! Du und deine filzigen Kröten – ihr seid mir ja soo egal. Es ist um der Sache willen, die Sache muß sauber sein.

Der Förster ging betreten in den Fensterwinkel – war nicht sein Recht sonnenklar? Warum mußte er angeschnauzt werden?

Der Leutnant wandte sich an den Schulzen. Na, wie ist es, Haase? fragte er qualmend.

Herr Leutnant, sagte der fast bittend. Warum soll ich schlechter gestellt sein als die andern? Alle hier in der Gegend stoßen jetzt ihre Hypotheken ab. Und der Kniebusch ist wirklich keiner, auf den man Rücksicht nehmen muß.

Diesmal sagte der Leutnant: Es geht nicht um den Kniebusch, es geht um Sie, Haase. Sie können nicht Ihren Schnitt durch die Betrügereien der Berliner machen und sie wegen dieser Betrügereien stürzen wollen. Das ist sonnenklar, das versteht jedes Kind, das verstehen Sie auch, Haase – und da drinnen, er tippte ihm leicht auf die Weste, und unbehaglich zog sich der Schulze zurück, da drinnen wissen Sie auch recht gut, daß Sie unrecht haben.

Der Schulze Haase stand in schwerem Kampf. Er hatte in einem langen, arbeitsreichen Leben gelernt, festzuhalten; fortzugeben hatte er nicht gelernt. Endlich sagte er langsam: Ich will schreiben, daß ich ihm die Hypothek nicht kündige und daß ich ihm alle halben Jahre den Wert von zehn Zentnern Roggen zahle … Mehr trägt der Hof nicht, Herr Leutnant, es sind schlimme Zeiten …

Pfui, Schulze! sagte der Leutnant leise und sah den alten Mann sehr ernst an. Die ganze Schweinerei trauen Sie Ihrem Gewissen nicht zu, aber die kleine wird’s schon verdauen, was? – Sehen Sie mich an, Mann! Ich bin sonst wirklich nicht des Rühmens wert, aber in diesem Punkt … Ich habe gar nichts, Schulze, seit fünf Jahren habe ich nichts, als was ich auf dem Leibe trage. Manchmal kriege ich Sold, manchmal kriege ich keinen. Es ist auch egal. Entweder glaubt man an eine Sache, dann gibt man alles dafür, oder man glaubt nicht daran – na, und wenn das der Fall ist, Schulze, dann haben wir beide nicht mehr viel miteinander zu reden.

Der Schulze Haase war lange stumm. Schließlich sagte er verdrossen: Sie sind ein junger Mann, und ich bin ein alter. Ich habe einen Hof, Herr Leutnant, ich muß auf den Hof passen. Wir Haases sitzen schon unendlich lange hier, ich möchte mich vor Vater und Großvater nicht sehen lassen, wenn ich den Hof verluderte.

Aber wenn Sie ihn durch einen Betrug erhalten – das macht gar nichts, was, Schulze?

Es ist kein Betrug! rief der Schulze wieder hitzig. Jeder tut es. Und außerdem, Herr Leutnant, sagte er und feixte sachte mit den Fältchen um den Augen, wir sind doch alle Menschen und keine Engel. Der Vater hat auch mal ein Pferd als zugfest verkauft, was es nicht war. Wir werden betrogen, und wir betrügen auch mal – ich denke, daß Gott auch verzeihen kann, steht nicht nur auf dem Papier von der Bibel.

Der Leutnant war schon wieder bei der nächsten Zigarette. Was der Schulze über Gott dachte, interessierte ihn nicht. Ihm lag daran, daß es erst einmal auf dieser Welt besser wurde. Feuer, Förster! befahl er, und der Förster, der mit den Bommeln an den Gardinen gespielt hatte, sprang.

Zurück in Deckung! befahl der Leutnant, und Kniebusch sprang wieder in die Gardinen.

Wenn Sie nicht tun, was ich Ihnen sage, erklärte der Leutnant verbissen – denn er konnte mindestens ebenso hartköpfig sein wie ein alter Bauernschulze –, wenn Sie nicht tun, was einfache Pflicht jedes anständigen Kerls ist, dann kann ich Sie auch bei unserer Sache nicht brauchen, Schulze.

Ich dachte immer, Sie hätten uns nötig, sagte der Schulze ungerührt.

Und wenn Sie bei unserer Sache nicht mitgemacht haben, Schulze, fuhr der Leutnant völlig unbeirrt fort, und wir sind dann in vier Wochen oder zwei Monaten die Herren – glauben Sie, es wird dann sehr vorteilhaft für Sie aussehen? Wie?

Gott, sagte der Schulze Haase gemächlich, wenn Sie alle, die nicht mitgemacht haben, bestrafen wollen, Herr Leutnant – das wird ein Wehgeschrei durch alle Dörfer geben. Und, spottete er, Sie werden ja wohl auch nicht grade der Landwirtschaftsminister werden, Herr Leutnant.

Schön! meinte der Leutnant kurz und fischte seine Mütze vom Kanapee. Sie wollen also nicht, Schulze?

Ich hab gesagt, was ich will, wiederholte der Schulze hartnäckig. Nicht kündigen und zehn Zentner Roggen Wert.

Wir beide sind fertig miteinander, Schulze, sagte der Leutnant. Kommen Sie, Förster, ich sage Ihnen noch, wo heute die Versammlung stattfindet. Hier jedenfalls nicht.

Der Schulze Haase hätte gern noch etwas gesagt, aber er kniff die schmalen Lippen fest zusammen. Der Leutnant war kein Händler, er ließ sich nichts abhandeln, er verlangte alles oder nichts. Da der Schulze alles nicht bewilligen wollte, schwieg er lieber.

Der Leutnant stand in der Tür des Schulzenhauses und sah auf die Hofstatt hinaus. Hinter ihm standen stumm der Förster Kniebusch und sein Hund. Es sah aus, als scheue sich der Leutnant, in den schwächer, aber immer noch kräftig genug fallenden Gewitterregen hinauszutreten. Aber er dachte gar nicht an den Regen, er sah gedankenverloren auf die offene Scheunentenne, wo sie noch schnell vor Feierabend das letzte vor dem Unwetter geborgene Roggenfuder abluden.

Herr Leutnant, sagte der Förster Kniebusch vorsichtig, man könnte die Versammlung vielleicht bei Bauer Bentzien abhalten …

Bentzien, jawohl, Bentzien … sagte der Leutnant nachdenklich und sah weiter dem Fuderabladen zu. Das krachtrockene Stroh raschelte bis zu ihm herüber. Der Leutnant war nicht mehr im Felde gewesen, dafür war er zu jung, aber auch im Baltikum, auch in Oberschlesien hatte man lernen können; daß letzten Endes die größere Zähigkeit entschied. Der Leutnant hatte zum Schulzen gesagt, sie seien beide fertig miteinander, aber wenn Haase das auch glauben mochte, der Leutnant war noch nicht mit dem Schulzen fertig. Grade nicht. Benzin … murmelte er noch einmal, und dann barsch: Sie warten hier, Förster!

Damit macht der Leutnant kehrt und geht wieder ins Haus.

Kaum fünf Minuten später wird auch der Förster hineingerufen. Der Schulze sitzt am Tisch und schreibt seine Bestätigung, daß er auf Kündigung der Hypothek verzichtet und sich zu einer Zinszahlung von vierzig Zentner Roggen, zahlbar in zwei Halbjahresraten, verpflichtet. Dem Schulzen sieht man nichts an, und dem Leutnant sieht man auch nichts an. Der Förster möchte vor Glück heulen, aber das darf er nicht, sonst geht die Sache womöglich noch wieder zurück. So verbeißt er seine Gefühle und macht dabei ein Gesicht wie ein rotlackierter Nußknacker.

So, Laden geht in Ordnung, sagt der Leutnant und unterschreibt auch noch ›als Zeuge‹ mit einem Krakel. Und nun bestellen Sie die Leute, Kniebusch. Hierher, natürlich hierher. Bauer Bentzien? Benzin kommt hier nicht in Frage!

Und er lacht, ein wenig bösartig, während der Schulze schweigt.

***

Die Unterredung zwischen dem Leutnant und dem Schulzen war nur sehr kurz gewesen.

Sagen Sie mal, Schulze, hatte der Leutnant hereinschlendernd gefragt, was mir eben noch eingefallen ist: wie ist es denn mit der Feuerversicherung?

Mit der Feuerversicherung? hatte der Schulze ganz verblüfft gefragt.

Na ja doch! hatte der Leutnant ungeduldig gemeint, als müsse ein Kind das verstehen. Wie sind Sie denn versichert?

Vierzigtausend, sagte der Schulze.

Papiermark, was?

Jaaa … Sehr lang gedehnt.

Ich denke, das sind so etwa vierzig Pfund Roggen, wie?

Jaaa …

Ist das nicht verflucht leichtsinnig? Wo Sie jetzt die Scheune voll von dem trockenen Heu und Stroh haben, wie?

Aber es gibt doch keine andere Versicherung! hatte der Schulze verzweifelt ausgerufen.

Doch, Schulze, doch, hatte der Leutnant gesagt. Nämlich, wenn Sie jetzt den Förster Kniebusch reinrufen und schreiben, was ich Ihnen sage.

Worauf der Förster Kniebusch hereingerufen wurde.

7

An diesem Nachmittag hatte der Empfangschef des Hotels, Oberleutnant a. D. von Studmann, ein recht unangenehmes Erlebnis. Etwa um drei Uhr nachmittags, zu einer Zeit, da keine Reisenden von den Zügen kamen, war in der Eingangshalle ein ziemlich großer, kräftig gebauter Herr erschienen, tadellos in englische Stoffe gekleidet, ein Schweinslederköfferchen in der Hand.

Einbettiges Zimmer mit Bad ohne Telefon im ersten Stock, hatte der Herr verlangt.

Ihm wurde gesagt, daß alle Zimmer des Hotels Telefon hätten. Der Herr, ein Dreißiger etwa, mit scharf geschnittenem, aber gelblich blassem Gesicht, konnte außerordentlich Schrecken erregend mit diesem seinem Gesicht zucken. Das tat er jetzt und verbreitete solchen Schrecken, daß der Portier zurückfuhr.

Studmann trat näher. Wenn es gewünscht würde, könne das Telefon natürlich aus dem Zimmer entfernt werden. Immerhin …

Es wird gewünscht! schrie der Fremde plötzlich unvermittelt. Und ohne Übergang verlangte er ganz friedlich, daß auch die Klingelknöpfe auf seinem Zimmer außer Tätigkeit gesetzt würden. Ich wünsche all diese moderne Technik nicht, hatte er stirnrunzelnd gesagt.

Von Studmann hatte sich schweigend verbeugt. Er wartete darauf, daß als nächstes die Entfernung des elektrischen Lichtes verlangt werden würde, aber entweder rechnete der Herr elektrisches Licht nicht zur modernen Technik, oder er hatte diesen Punkt vergessen. Er stieg murmelnd die Treppe hinauf, einen Boy mit dem Schweinslederköfferchen hinter, den Zimmerkellner mit dem Meldeblock vor sich.

Von Studmann war nun lange genug Empfangschef in einer Großstadt-Karawanserei, um sich noch allzusehr über Wünsche von Gästen zu wundern. Von der alleinreisenden Südamerikanerin an, die schreiend ein Zimmerklosett für ihr Äffchen verlangt hatte, bis zu dem soignierten älteren Herrn, der nachts um zwei Uhr im Pyjama auftauchte und flüsternd sofort – aber bitte sofort! – die Besorgung einer Dame aufs Zimmer verlangt hatte – (Stellen Sie sich bloß nicht so an! Wir sind doch alle Männer!) –, fast nichts konnte noch die Gelassenheit Studmanns verwirren.

Trotzdem war etwas an diesem neuen Gast, das ihn zur Vorsicht mahnte. Im Durchschnitt werden Hotels vom Durchschnitt besucht, und der Durchschnitt liest lieber Skandale in der Zeitung, als daß er sie miterlebt. Irgend etwas in des Empfangschefs Brust warnte ihn. Nicht so sehr die albernen Wünsche, eher schon das Fratzenschneiden, das plötzliche Schreien, der unruhige, bald freche, bald gehetzte Blick in den Augen des Gastes hatten ihn gestört.

Immerhin waren die Rapporte, die von Studmann binnen kurzem empfing, befriedigend. Der Boy hatte einen ganzen amerikanischen Papierdollar Trinkgeld bekommen, die Geldtasche des Gastes war außerordentlich gut gefüllt gewesen. Der Zimmerkellner brachte den Meldeschein. Der Herr hatte sich als ›Reichsfreiherr Baron von Bergen‹ eingetragen.

Der vorsichtige Kellner Süskind hatte sich auch noch den Reisepaß des Fremden vorlegen lassen, wozu er nach einer Bestimmung des Polizeipräsidenten berechtigt war. Der Paß – ein Inlandspaß, ausgestellt von der Amtshauptmannschaft in Wurzen – war zweifelsohne in Ordnung gewesen. Der sofort zu Rate gezogene Gotha erwies, daß es Reichsfreiherren von Bergen tatsächlich gab, sie waren in Sachsen ansässig.

Also alles in Ordnung, Süskind, sagte von Studmann und klappte den Gotha wieder zu.

Süskind wiegte unsicher den Kopf. Ich weiß nicht, meinte er. Komisch ist der Herr.

Wieso komisch? Hochstapler? Wenn er zahlt, kann es uns egal sein, Süskind.

Hochstapler? Kein Gedanke! Aber ich glaube, der spinnt.

Spinnt –? fragte von Studmann, ärgerlich, daß auch Süskind denselben Eindruck wie er selbst hatte. Unsinn, Süskind! Vielleicht ein bißchen nervös. Oder angetrunken.

Nervös? Angetrunken? Kein Gedanke! Der spinnt …

Aber wieso denn, Süskind? Hat er sich denn oben irgendwie komisch benommen –

Gar nicht! gab Süskind bereitwillig zu. Das bißchen Gesichterschneiden und Faxenmachen will gar nichts sagen. Manche denken doch, sie imponieren uns mit so was.

Also –?

Man hat es so im Gefühl, Herr Direktor. Wie vor einem halben Jahr sich der Trikotageonkel auf 43 aufhängte, hab ich’s auch im Gefühl gehabt …

Um Gottes willen, Süskind! Malen Sie bloß nicht den Teufel an die Wand! – Na, ich muß jetzt weiter. Halten Sie mich auf dem laufenden und haben Sie immer ein Auge auf den Herrn …

Von Studmann hatte einen sehr anstrengenden Nachmittag. Der neue Dollarkurs hatte nicht nur eine Neuauszeichnung aller Preise notwendig gemacht, nein, der ganze Etat mußte neu kalkuliert werden. Studmann saß wie auf Kohlen im Sitzungszimmer der Direktion. Unendlich umständlich setzte Generaldirektor Vogel auseinander, daß man erwägen müsse, ob nicht, vorsorglich weiterer Dollarsteigerungen, ein gewisser Aufschlag auf den jetzigen Kurs kalkuliert werden müsse, um sich nicht ›auspowern‹ zu lassen.

Wir müssen die Substanz erhalten, meine Herren! Die Substanz! Und er setzte auseinander, daß beispielsweise unser Vorrat an Alabaster-Schmierseife im letzten Jahre von 17 auf einen halben Zentner gesunken sei.

Trotz der mißbilligenden Blicke seines Vorgesetzten rannte Studmann immer wieder in die Halle hinaus. Nach der vierten Stunde hatte der Strom der Reisenden sehr kräftig eingesetzt, im Empfang hatten alle Angestellten fieberhaft zu tun, und der Strom der Ankommenden staute sich gegen die, die plötzlich den Entschluß, abzureisen, gefaßt hatten.

Flüchtig nur nickte Studmann mit dem Kopf, als Süskind ihm zuflüsterte, der Herr auf 37 habe ein Bad genommen, sich dann ins Bett gelegt und eine Flasche Cognac und eine Flasche Sekt kommen lassen.

›Also doch ein Trinker‹, dachte er gehetzt. ›Wenn er zu randalieren anfängt, schicke ich ihm den Hotelarzt und lasse ihm ein Schlafmittel geben.‹

Und er eilte weiter.

Studmann kam grade wieder aus dem Sitzungszimmer, wo Generaldirektor Vogel jetzt dabei war, auseinanderzusetzen, daß Kalkeier der Ruin des Hotelgewerbes seien. – Immerhin sei unter den heutigen Umständen zu erwägen, ob nicht ein gewisser Vorrat … da die Zufuhren an Frischeiern … und da leider auch die Kühlhauseier …

›Idiot!‹ dachte von Studmann im Wegstürzen. Und verwundert: ›Wieso bin ich eigentlich so gereizt? Ich kenne diese Nölerei doch schon seit ewig … Das Gewitter muß mir in den Knochen sitzen …‹

Der Zimmerkellner Süskind hielt ihn an. Jetzt geht es los, Herr Direktor, sagte er mit gramverzerrtem Gesicht über der schwarzen Frackbinde.

Was geht los? Sagen Sie schnell, was Sie wollen, Süskind. Ich habe keine Zeit.

Aber der Herr von 37 doch, Herr Direktor! sagte Süskind vorwurfsvoll. Er sagt, es ist eine Schnecke im Sekt!

Eine Schnecke –? Von Studmann mußte lachen. Unsinn, Süskind, lassen Sie sich doch nicht durch den Kakao ziehen! Wie sollen Schnecken in den Sekt kommen?! Habe noch nie so was gehört.

Aber es ist eine drin, beharrte Süskind kummervoll. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen. Eine große schwarze Nacktschnecke …

Sie haben –? Plötzlich war Studmann ernst geworden, er überlegte. Es war völlig unmöglich, daß in dem Sekt seines Hauses Schnecken waren! Hier verkaufte man keinen gemanschten Schiebersekt! So hat er sie reingesteckt, um uns einen Possen zu spielen, entschied er. Bringen Sie ihm unberechnet eine andere Flasche. Hier – für den Kellermeister.

Er schrieb mit fliegender Hand den Bon aus.

Und passen Sie gut auf, Süskind. Daß er den Spaß nicht noch einmal macht!

Süskind wiegte ganz gebrochen den Kopf. Wollen Sie nicht doch lieber einmal selbst zu ihm gehen? Ich fürchte …

Unsinn, Süskind. Ich habe keine Zeit für solche Späße. Wenn Sie das nicht selbst in Ordnung bringen können, nehmen Sie sich den Kellermeister mit als Zeugen oder wen Sie wollen …

Studmann rannte schon. In der Halle schrie der bekannte Eisenmagnat Brachwede, er habe die Zimmer für zehn Millionen täglich gemietet, und hier auf der Rechnung stünden fünfzehn … Er hatte den Magnaten über das zu unterrichten, was er längst wußte, nämlich über den gestiegenen Dollar, er hatte hier zuzureden, dort zu lächeln, einem Boy einen zornigen Wink zu geben, er solle etwas besser aufpassen, den Transport einer gelähmten Dame in den Fahrstuhl zu überwachen, drei Telefonanrufe abzuweisen …

Als der betrübte Süskind schon wieder hinter ihm stand.

Herr Direktor! Ach bitte, Herr Direktor! flüsterte er, ein wahres auf die Nerven gehendes Bühnen-Intriganten-Geflüster alten Stils.

Was ist denn nun schon wieder los, Süskind?!

Der Herr auf 37, Herr Direktor …

Was denn? Was denn?! Noch ’ne Schnecke im Sekt?

Herr Tuchmann (dies war der Kellermeister) machte eben die elfte Flasche auf – in allen sind Schnecken!

In allen! schrie von Studmann förmlich. Und leiser, als er die Blicke der Gäste auf sich fühlte: Sind Sie denn nun auch verrückt geworden, Süskind?

Süskind nickte traurig. Der Herr schreit. Schwarze Nacktschnecken verbittet er sich, schreit er …

Los! schrie Studmann und raste schon die Treppe zum ersten Stock hinauf, ganz ohne Rücksicht auf die würdige Haltung, die der Empfangschef und Subdirektor eines so vornehmen Betriebes in jeder Lage zu bewahren hat. Der kummervolle Süskind raste hinterdrein.

Sie spritzten durch die verblüfften Gäste – und es verbreitete sich sofort das Gerücht, unkontrollierbar woher: die Koloratursängerin Contessa Vagenza, die heute abend in den Kammersälen auftreten sollte, habe soeben entbunden.

Sie kamen gleichzeitig vor Nummer 37 an. Angesichts der erhaltenen Berichte meinte von Studmann, auf alle zeitraubenden Höflichkeiten verzichten zu können. Er klopfte nur kurz und trat ein, ohne das Herein abzuwarten. Ihm folgte auf dem Fuß der Kellner Süskind, der sorgfältig die gepolsterte Doppeltür schloß, um den Lärm der etwa kommenden Auseinandersetzung den andern Gästen fernzuhalten.

In dem recht großen Zimmer brannte das elektrische Licht. Die Vorhänge der beiden Fenster waren dicht geschlossen. Ebenso war die Tür zu dem anstoßenden Badezimmer geschlossen – wie sich bald herausstellen sollte, war sie auch verschlossen. Der Schlüssel war abgezogen.

In dem breiten, ganz modernen Metallbett aus Chromstahl lag der Gast. Das Gelb seines Gesichtes, das Studmann schon in der Halle aufgefallen war, sah noch krankhafter gegen die weißen Kissen aus. Dazu trug der Gast einen purpurroten Pyjama aus einem scheinbar sehr kostbaren Brokatstoff – die gelben, dicken Stickereien dieses Pyjamas sahen fahl aus gegen das gallige Gesicht. Eine Hand, eine kräftige Hand mit einem auffallend schönen Siegelring, hielt der Gast offen auf der blauseidenen Steppdecke. Die andere lag unter der Decke.

All dies sah Studmann mit einem Blick, er sah auch den an das Bett geschobenen Tisch, die Unzahl der darauf stehenden Cognac- und Sektflaschen verblüffte ihn. Es mußte viel mehr heraufgeschafft worden sein als die von Süskind erwähnten elf Flaschen.

Ärgerlich stellte von Studmann zugleich fest, daß der überängstliche Süskind sich nicht mit der Zeugenschaft des Kellermeisters begnügt hatte, auch ein Page, das Zimmermädchen, ein Liftboy und irgendein graues, weibliches Wesen, das vermutlich aushilfsweise mit Zimmerreinigen beschäftigt gewesen war, standen in der Nähe des Tisches, eine kleine, sehr ängstliche und verlegene Gruppe.

Einen Augenblick lang überlegte Studmann, ob er erst einmal diese Zeugen eines etwaigen Skandals vor die Tür setzen sollte, aber ein Blick auf das schrecklich zuckende Gesicht des Gastes belehrte ihn, daß Eile am Platz war. So trat er denn mit einer Verbeugung an das Bett, nannte seinen Namen und blieb abwartend stehen.

Sofort lag das Gesicht des Herrn ruhig. Nicht angenehm! näselte er in jenem arroganten Leutnantston, den von Studmann längst ausgestorben geglaubt hatte. Außergewöhnlich unangenehm für – Sie! Schnecken im Sekt – irrsinnige Schweinerei!

Ich sehe keine Schnecken, sagte von Studmann mit einem kurzen Blick auf Sektkelche und Flaschen. Was ihn zutiefst beunruhigte, war nicht diese alberne Reklamation, sondern der Blick grenzenlosen Hasses aus den dunklen Augen des Gastes, diesen Augen, die frech und zugleich feige waren, Augen, wie sie Studmann noch nie gesehen hatte.

Sie sind aber drin! schrie der Gast so plötzlich, daß jeder zusammenfuhr. Er saß jetzt im Bett, eine Hand in die Steppdecke gekrallt, eine andere unter der Decke.

(›Achtung! Achtung!‹ sagte von Studmann zu sich. ›Der hat was vor!‹)

Alle haben die Schnecken gesehen. Nehmen Sie die Flasche, nein, die!

Gleichgültig nahm Studmann die Flasche in die Hand, hielt sie gegen das Licht. Er war vollkommen davon überzeugt, daß der Sekt ganz in Ordnung war – und daß der Gast das ebensogut wie er wußte. Mit irgendeinem Trick hatte er die einfältigen Gemüter von Kellner und Kellermeister überrumpelt – aus einer Absicht heraus, die Studmann jetzt noch nicht wußte, wohl aber rasch erfahren würde.

Achtung, Herr Direktor! rief da schon der Zimmerkellner Süskind – und Studmann fuhr herum. Aber es war schon zu spät. In die Betrachtung der Flasche vertieft, hatte Studmann den Gast aus den Augen gelassen. Unfaßbar leise war der aus dem Bett und zur Tür geglitten, hatte abgeschlossen – und nun stand er dort, in der einen Hand den Schlüssel, in der andern erhobenen eine Pistole.

Von Studmann war manches Jahr im Felde gewesen, eine auf ihn gerichtete Schußwaffe konnte ihn nicht sonderlich aus der Ruhe bringen. Was ihn erschreckte, war der Ausdruck von Haß und trostloser Verzweiflung, der auf dem Gesicht des geheimnisvollen Fremden lag. Dabei war dies Gesicht jetzt ganz ruhig, nichts mehr von Grimassen, eher ein Lächeln, ein sehr höhnisches Lächeln allerdings.

Was soll das? fragte Studmann kurz.

Das soll heißen, sagte der Gast leise, aber sehr deutlich, daß die Stube jetzt auf mein Kommando hört. Wer nicht pariert, wird erschossen.

Haben Sie Absichten auf unser Geld? Die Beute wird sich kaum lohnen. Sind Sie nicht der Baron von Bergen?

Kellner! sagte der Fremde. Prächtig stand er da, in seinem purpurnen, mit Gelb gestickten Pyjama, zu prächtig für das gelbe, kranke Gesicht darüber. Kellner, schenken Sie jetzt in sieben Sektkelche Cognac. – Ich zähle bis drei, wer dann nicht ausgetrunken hat, bekommt einen Schuß. – Nun, wird es?!

Mit einem hilfeflehenden Blick auf Herrn von Studmann hatte sich Süskind an das befohlene Einschenken gemacht.

Was sollen diese Scherze? fragte von Studmann unwillig.

Sie sollen trinken! sagte der gastgebende Gast. Eins – zwei – drei –! Trinkt!! Wird es wohl?! Ihr sollt trinken!

Jetzt schrie er doch wieder.

Die andern sahen auf Studmann – Studmann zögerte …

Der Fremde schrie noch einmal: Trinkt! Austrinken! Und schoß. Nicht nur die Frauen schrien. Allein hätte von Studmann den Kampf mit dem Mann gewagt, aber die Rücksicht auf die fassunglosen Leute im Zimmer, der Ruf des Hotels befahlen ihm Zurückhaltung.

Er wandte sich um, sagte ruhig: Also trinkt! lächelte ermutigend in die ängstlichen Gesichter und trank selbst.

Es waren mehrere sehr große Schlucke Cognac in dem Sektglas, Studmann bezwang sie rasch, aber hinter sich hörte er die andern, wie sie sich verschluckten und prusteten.

Es muß ausgetrunken werden, sagte der Fremde zänkisch. Wer nicht austrinkt, wird erschossen.

Von Studmann durfte sich nicht umdrehen, er mußte den Gast im Auge behalten; immer noch hoffte er, daß der Gast einen Augenblick nicht aufpassen und ihm so das Wegnehmen der Waffe ermöglichen würde.

Sie haben in die Decke geschossen, sagte er höflich. Ich danke Ihnen für die Rücksichtnahme. Darf ich jetzt erfahren, warum wir uns hier betrinken sollen?

Es liegt mir nichts daran, Sie zu erschießen, wenn es mir auch nicht darauf ankommt. Es liegt mir daran, daß Sie sich betrinken. Keiner verläßt diesen Raum lebend, ehe nicht jeder Tropfen Alkohol ausgetrunken ist. – Kellner, gießen Sie jetzt Sekt ein.

Eben, sagte von Studmann, dem daran lag, ein Gespräch in Gang zu halten. Das hatte ich schon verstanden. Es würde mich nun interessieren, warum wir uns betrinken sollen.

Weil ich meinen Spaß haben will. – Jetzt trinkt.

Eine Hand hatte von Studmann von hinten einen Sektkelch in seine Hand geschoben, er trank. Dann sagte er: Weil es Ihnen Spaß macht also. Und möglichst gleichgültig: Ich vermute, Sie wissen, daß Sie geisteskrank sind?

Ich bin, sagte der andere ebenso gleichmütig, bereits seit sechs Jahren entmündigt und in einer Klappskiste untergebracht. – Kellner, jetzt wieder, sagen wir, eine Schale Cognac. Erklärend: Ich will nicht zu hastig vorgehen, das Vergnügen soll länger dauern. Und wieder gleichmütig berichtend: Ich konnte das Schießen im Felde nicht vertragen, alle schossen immer nur auf mich. Seitdem schieße ich allein. – Trinkt!

Von Studmann trank. Er fühlte, wie der Alkohol vorerst wie ein feiner Nebel wolkig in seinem Hirn aufstieg. Aus dem Augenwinkel sah er, ohne den Kopf zu drehen, am andern Zimmerende den Kellner Süskind auftauchen und zu der Badezimmertür schleichen. Aber auch der Baron hatte ihn gesehen. Leider abgeschlossen, sagte er lächelnd, und Süskind verschwand wieder aus dem Gesichtsfeld des Empfangschefs, mit einer bedauernden Bewegung der Schultern.

Dann hörte von Studmann eine Frau hinter sich sanft kreischen und Getuschel der Männer. ›Achtung, Oberleutnant! Achtung!‹ sprach es in ihm, und sein Kopf war wieder ganz klar.

Ich verstehe, sagte er. Doch wie kommen wir zu der Ehre, in diesem Hotel mit Ihnen zu trinken, da Sie doch in einer Anstalt interniert sind?

Ausgerissen! lachte der Baron kurz. Die sind ja so dumm. Der alte Geheimrat wird schön fluchen, wenn er mich wieder holt. Ein paar hübsche Dinger habe ich unterdes angerichtet, ganz abgesehen von dem Wärter, dem ich eins auf die Birne gegeben habe. – Es geht zu langsam, murmelte er plötzlich mürrisch. Viel zu langsam. Noch einen Cognac, Kellner. Der ganze Kelch!

Ich würde um Sekt bitten, versuchte Studmann.

Doch es war falsch.

Cognac! schrie der Gast um so wilder. Cognac! – Wer nicht Cognac trinkt, wird erschossen! – Mir ist es egal! schrie er mit Bedeutung zu Studmann. Ich habe den Paragraphen 51, mir passiert nichts. Ich bin der Reichsfreiherr Baron von Bergen. Kein Polizist darf mich anfassen. Ich bin geisteskrank. – Trinkt!

›Dies muß schiefgehen‹, dachte von Studmann verzweifelt, während das ölige Zeug langsam seine Kehle hinunterrann. ›Die Weiber hinten lachen und kichern schon. In fünf Minuten hat er auch mich so weit, wie er uns haben will, und sieht die Gesunden wie irre Tiere vor dem Geisteskranken kriechen. Ich muß sehen …‹ Aber es war nichts zu sehen. Mit einer unbeirrbaren Aufmerksamkeit stand der Narr unter der Tür, die Pistole in der Hand, den Finger am Abzug – und gab sich keine Blöße.

Einschenken! befahl er grade wieder. Einen ganzen Kelch Sekt, daß der Mund wieder frisch wird.

Richtig, Meister, Sie sind richtig! rief jemand, es war wohl ein Boy, aber die andern lachten zustimmend.

Sie sind Kavalier, versuchte es Studmann noch einmal. Ich mache Ihnen den Vorschlag, daß wir wenigstens die beiden Damen aus dem Zimmer lassen. Keiner von uns andern versucht unterdessen herauszukommen, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort …

Damen raus – is nich! grölte es von hinten. Nich wahr, Miezeken? So fein und so nobel kriegen wir es nicht alle Tage …

Sie hören! lächelte der Baron höhnisch. Und: Trinkt! – Jetzt wieder Cognac. Und setzt euch endlich! Da, richtig, aufs Sofa. Immer los, auch aufs Bett! Sie werden sich auch setzen, mein Herr Direktor! Los! Glauben Sie, ich mach Witze? Ich schieße! Da! Es knallte. Sie schrien. So – trinkt erst wieder. Und nun macht es euch bequem. Röcke aus, Kragen ab, Mädchen da, bind die Schürze ab. Ja, zieht euch ruhig die Blusen aus …

Herr Baron! sagt von Studmann erbittert. Wir sind hier in keinem Bordell. Ich weigere mich …

Und dabei fühlte er doch, wie unter der Einwirkung des Alkohols Wille und Tat nicht mehr parallel liefen: der Gehrock hing schon über der Sessellehne, er nestelte an der Binde.

Ich weigere mich … rief er noch einmal schwach.

Trinkt! schrie der andere. Und höhnisch: In fünf Minuten werden Sie sich nicht mehr weigern. – Jetzt Sekt!

Es gab einen Krach, Geklirr zerbrochenen Glases. Der Kellner Süskind war quer über den Tisch gestürzt, dann zur Erde gefallen. Jetzt lag er da, röchelnd, sichtlich bewußtlos …

Der Kellermeister, die dicke Pranke fest auf der Brust des Mädchens, saß lachend auf dem Bett. Die ältliche Reinmachefrau hielt in jedem Arm einen von den Jungen; hochrot schien sie nichts mehr von der Welt um sich zu merken.

Ihr sollt trinken! schrie der Irre. Sie, Herr, gießen Sie jetzt ein! Sekt!

›In drei Minuten bin ich verloren‹, dachte Studmann, indem er zur Sektflasche griff. ›In drei Minuten bin ich so weit wie die andern …‹

Er fühlte das Ende der Flasche kühl und fest in der Hand, plötzlich war sein Kopf klar.

›Es ist ja alles ganz leicht …‹ dachte er.

Die Sektflasche war zur Handgranate geworden. Er zog ab und warf sie gegen den Kopf des Rotröckigen. Er sprang hinterher.

Der Baron hatte Schlüssel und Pistole fallen lassen, er war hingestürzt, er schrie: Sie dürfen mir nichts tun! Ich bin geisteskrank! Ich habe den Paragraphen 51! Schlagen Sie mich nicht, bitte nicht, Sie machen sich strafbar! Ich habe den Jagdschein!

Und indes von Studmann immer neu in betrunkener Wut auf das Jammergeschöpf einschlug, dachte er wütend: ›Bin ich doch auf ihn reingefallen! Das ist ja bloß ein Feigling, wie sie sich im Felde bei jedem Trommelfeuer die Hosen füllten! In der ersten Minute hätte ich ihm in die Fresse schlagen sollen!‹

Dann ekelte es ihn, weiter in dieses weiche, feige Gewimmer hineinzuschlagen, er sah den Schlüssel neben sich auf der Erde, nahm ihn, stand taumelnd auf, schloß und trat auf den Gang.

***

Die Gäste, die vor dem niederbrechenden Gewitterregen sehr zahlreich Schutz in der großen Hotelhalle gesucht hatten, fuhren erschrocken zusammen, als sie oben auf der breiten, mit roten Läufern belegten Paradetreppe zum ersten Stock einen taumelnden Mann in zerrissenen Hemdsärmeln mit blutendem Gesicht auftauchen sahen. Erst bemerkten ihn nur einige, aber unter ihnen entstand abwartende Stille. Schon sahen sich andere um, starrten, als könnten sie es nicht glauben.

Der Herr, der Mann stand balancierend oben auf der ersten Stufe, er starrte in die menschenwimmelnde Halle hinab, er schien nicht zu wissen, was dies war, wo er war. Er murmelte etwas. Man konnte es nicht verstehen, aber unten wurde es immer stiller. Deutlich klangen jetzt aus dem Café die Geigen der Musiker herüber.

Der Rittmeister von Prackwitz war aus seinem Sessel aufgestanden, ungläubig starrte er auf die Erscheinung.

Die Angestellten des Hotels sahen hinauf, starrten, wollten etwas tun, wußten doch nicht, was …

Narren! schrie der Betrunkene jetzt da oben. Wahnsinnig! Denken, sie haben den Jagdschein, aber ich dresche sie …!

Schwächer schrie er noch einmal zu den von unten Starrenden: Ich dresche euch Idioten!

Er verlor den Halt. Lustig rief er: Hoppla!, sechs Stufen schaffte er noch aufrecht. Dann stürzte er vornüber, und so fiel er die Treppe hinab, den zurückweichenden Gästen vor die Füße.

Da lag er nun, bewegungslos, bewußtlos.

Wo bringen wir ihn hin? fragte der Rittmeister von Prackwitz hastig und faßte ihn schon unter den Achseln.

Plötzlich wimmelte es um den Gefallenen von Angestellten. Die Gäste wurden zurückgedrängt. Unter der Treppe, in dem Gang zu den Wirtschaftsräumen, verschwanden die Träger – mit Studmann und Prackwitz. Die ersten Nachrichten zirkulierten: Junger Deutschamerikaner. Alkohol nicht gewöhnt, Prohibition, Dollarmilliardär, stockbetrunken …

Alles war drei Minuten darauf wieder in Ordnung: schwatzte, langweilte sich, fragte nach Post, telefonierte, sah nach dem Regen.

8

Als Wolfgang Pagel zwischen sechs und sieben Uhr abends aus dem Kunstgeschäft in der Bellevuestraße trat, regnete es noch immer, wenn auch sachter. Zweifelnd sah er die Straße hinauf und hinunter. Sowohl am Esplanade-Hotel wie beim Rolandsbrunnen hielten Autotaxen, sie hätten ihn schnell genug zu Petra gebracht. Aber ein starrköpfiger Eigensinn verbot ihm, dieses allein für sein Mädchen bestimmte Geld anzugreifen.

Er rückte die alte Feldmütze fester und ging los – in einer halben Stunde konnte er gut und gerne bei Peter sein. Vorhin war er, ohne Geld, mit der Elektrischen sehr schön auf den Potsdamer Platz gekommen, obwohl ihn das Bild jedem Schaffner auffällig machte. Aber der durch das Unwetter gesteigerte abendliche Ansturm auf die Bahnen hatte ihm trotz alldem die Schwarzfahrt möglich gemacht. Jetzt, unfaßbare Millionen in der Tasche, konnte so eine Schwarzfahrt unmöglich gewagt werden – ein Nachlösen, wurde er ertappt, hätte seine Millionen angerissen.

Pagel pfeift zufrieden vor sich hin, während er an der endlosen Gartenmauer des Reichskanzlerpalais einhergeht. Er weiß sehr wohl, daß all diese Überlegungen über Fahrgeld oder kein Fahrgeld blanker Unsinn sind, daß es viel wichtiger (und auch anständiger) wäre, Peter rasch Hilfe zu bringen – aber er zuckt die Achseln.

Er ist wieder einmal der Spieler. Er hatte sich vorgenommen, den ganzen Abend, komme, was da wolle, nur Rot zu setzen – und er wird nur Rot setzen, der Teufel hole ihn, die Chancen mögen gegen ihn sein, wie sie wollen! Rot siegt doch! So wird, führt er nur seinen Vorsatz durch, Petra die 760 Millionen unversehrt in die Hände zu legen, ihre Sache zum guten Ende kommen. Fehlen aber nur zehntausend, nur tausend Mark an dem Geld, so sind die schwarzen Folgen gar nicht abzusehen!

Vielleicht dämlich, sicher abergläubisch – aber kann man es denn wissen? Dies Leben ist so verzwickt, kommt immer von hinten herum, vereitelt alle Logik, jede genaue Berechnung – besteht da nicht die allergrößte Aussicht, mit Aberglauben, mit dämlichem Rechnen, mit Widersinn und Unverstand ihm auf die Schliche zu kommen –?! Nun also, Wolfgang, es ist alles richtig, und wenn es nicht richtig ist, ist es auch noch so! Ob man mit Logik oder mit Unverstand falsch rechnet, ist das Privatvermögen jedes einzelnen – er, Wolfgang Pagel, ist für den Unverstand.

So bin ich, so bleibe ich, in Ewigkeit, Amen!

Siebenhundertsechzig Millionen! Runde tausend Dollar! Viertausendzweihundert Friedensmark!!! Ein hübsches Sümmchen in der Abendstunde für einen, der am Mittag noch beim Onkel um einen einzigen Dollar betteln mußte! Für den zwei Schrippen und eine – sehr abgestoßene – Emaillekanne mit Mischkaffee in der Morgenstunde außer dem Bereich alles Möglichen waren!

Pagel ist unter dem Brandenburger Tor angekommen, er möchte hier einen Augenblick Luft holen vor dem ewig niederrinnenden Regen, sich das Gesicht abtrocknen. Aber es ist nicht möglich – unter den Torbogen drängt es sich von Bettlern, Hausierern, Kriegsverletzten. Alle hat – aus den Eingängen des Tiergartens, vom Pariser Platz her – der Regen in diesen Schutz gescheucht, und wenn sich Pagel unter sie stellt, gefährdet seine Unfähigkeit, ›Nein‹ zu sagen, die Unverletzbarkeit seines heiligen Geldtransportes. So entflieht er sich und dem Flehen der Bettler – hart wie viele Menschen aus Schwäche, nicht aus Härte – und geht wieder hinaus in den Regen.

Er hält – ein wenig gezwungen ist diese Haltung – die Hände sorgfältig über die Taschen seines Waffenrockes. In den Hosentaschen nicht, auch nicht in den Innentaschen, wohl aber in diesen Außentaschen ist sein Geld durch Naßwerden gefährdet. Er vergißt nicht eine Sekunde (was er grade auch denken mag), daß er diese Summe bei sich trägt: 760 Millionen. Darunter ein Viertel, also 250 Dollar, in gutem amerikanischem Notenbankpapier, herrliche Papierdollars, das Begehrteste, was es heute gibt in Berlin …

Ich kann die Stadt tanzen lassen dafür heute nacht! denkt Wolfgang und pfeift zufrieden. Der Rest – 570 Millionen – ist deutsches Papier, teilweise in unglaublich kleinen Beträgen.

Wie es aber auch zusammen gekommen war! Schwer genug hatte es gehalten, dem Kunstfritzen diese Summe heute abend noch zu entreißen! Es sei nicht so viel Geld mehr im Hause, zu den Banken könne man auch nicht mehr schicken, sie seien schon geschlossen. Eine Anzahlung, jawohl, und der Rest morgen früh, 9 Uhr 30 durch Boten an jedem Fleck in Berlin, den Herr Pagel nur wünschen würde. Er sei dem Herrn Pagel doch wohl gut für diese Summe, wie?

Und dabei hatte der Händler, ein schwerer, massiger Mann, ziemlich rotes Gesicht und dazu ein Assyrerbart, schwarz, an seinen Wänden entlang gesehen. Mit einem liebevollen Stolz.

Wolfgang war diesem Blick mit seinen Augen gefolgt. So weit war er nun doch der Sohn seines Vaters, er hatte den Stolz verstanden, und auch die Liebe dieses schweren Mannes, der eigentlich gar nicht nach Kunst aussah, zu seinen Bildern.

Drüben, zwei Häuserblocks weiter, an der Potsdamer Straße, verkauften sie im ›Sturm‹ auch Bilder. Da hatte man manchmal lange mit Peter gestanden und diese Marcs, Kampendoncks, Klees, Noldes angesehen. Manchmal hatte man lachen müssen oder den Kopf schütteln oder schimpfen, denn vieles war einfach wichtigtuerische Frechheit – es waren die Zeiten des Kubismus, des Futurismus, des Expressionismus. Sie klebten Zeitungspapier in ihre Bilder und zerbrachen die Welt zu Dreiecken, die man wie ein Puzzlespiel wieder zusammensetzen wollte. Aber manchmal hatte man auch dagestanden, von etwas durchzuckt. Ein Gefühl regte sich, etwas rührte einen an, eine Saite erklang: dies ist doch etwas? Wird doch etwas Lebendiges geboren aus dieser fauligen Zeit?

Hier aber, bei diesem reichen Mann, der Bilder nur kaufte, wenn sie ihm gefielen, dem nur wenig am Verkauf des Erworbenen lag – hier sah man nicht solche Experimente, keine tastenden Versuche. Hier gab es, schon im Empfangsraum, einen Corot, irgendeinen Weiher, ganz in rötliches Licht getaucht, und röter war doch noch die Mütze des einsamen Fährmannes, der den Kahn vom Ufer mit der Ruderstange abstieß. Es gab einen herrlichen van Gogh: die unendliche Weite grünender und gilbender Felder, mit dem noch viel weiteren Blau des Himmels darüber, das schon schwarz vom aufsteigenden Gewitter zu werden beginnt. Es gab einen Gauguin, mit den sanftbraunen, schönbrüstigen Mädchen; jawohl, auch einen Pointillisten wie Signac, einen kindlich unbeholfenen Mann wie Rousseau, ein stilles Tierstück von Zügel, rot besonnte Kiefern von Leistikow … Aber all das war längst dem Experiment entrückt – Verständnis hatte es geprüft und der Liebe für wert gefunden, und nun wurde dies alles geliebt. Diesem Mann konnte man trauen.

Aber wenn Wolfgang Pagel dies alles auch sah und verstand, so wußte er doch ebensogut, daß er hier verlangen konnte, was er wollte, selbst etwas Unmögliches, wie nach sechs Uhr, wenn kein Geld mehr im Hause ist, die Summe von 760 Millionen zusammenzukratzen. Schon als er eingetreten war, triefend naß wie eine gebadete Katze, und unter seinem Waffenrock das Bild hervorgezogen hatte, das er dort vor dem Gewitterschauer, so gut es eben ging, geschützt hatte – als er dieses Bild dem etwas pflaumenweichen Herrn, der ihn empfing, gezeigt und als der sachlich, aber mit einem mißtrauischen Blick auf ihn gesagt hatte: Gewiß, ein Pagel. – Aus seiner ersten Zeit. – Sie verkaufen im Auftrag von –? – schon da hatte er gespürt, daß man hier dieses Bild unter allen Umständen kaufen würde, daß er die Bedingungen machen konnte.

Dann hatte der Pflaumenweiche – auf Pagels Antwort hin: Ich verkaufe im eigenen Auftrag – den Besitzer gerufen, und dieser hatte, ohne auch nur viel Aufhebens von dem Mann im Waffenrock zu machen (in diesen Zeiten verkauften die unwahrscheinlichsten Elendsgestalten unwahrscheinlichste Kostbarkeiten) – dieser hatte nur kurz gesagt: Setzen Sie es einmal dorthin. – Natürlich kenne ich das, Doktor Mainz. Familienbesitz. Ein ganz ungewöhnlich guter Pagel – manchmal kam er eben doch über sich hinaus. Nicht oft drei – oder viermal … Meistens ist er mir zu hübsch. Glatt, geleckt – wie?

Er hatte sich plötzlich an Wolfgang gewendet: Aber davon verstehen Sie nichts? Wie? Sie wollen nur das Geld, was? Möglichst viel, ja?

Unter diesem plötzlichen Angriff war Pagel zusammengefahren. Er fühlte, wie ihm langsam Röte in die Wangen stieg.

Ich bin der Sohn, sagte er möglichst ruhig.

Es hatte vollkommen genügt.

Entschuldigen Sie tausendmal, hatte der Händler gesagt. Ich gebe zu, daß ich ein Esel bin. Ich hätte es an den Augen sehen müssen – wenn an nichts, dann an den Augen. Ihr Herr Vater hat hier oft gesessen. Ja. Kam in seinem Rollstuhl, wollte Bilder sehen. Er sah gerne Bilder. – Sie sehen Bilder auch gerne?

Wieder dies Abrupte, Plötzliche – auch dies war eigentlich ein Angriff. Wenigstens empfand Wolfgang es so. Er hatte nie darüber nachgedacht, ob dieses Bild, das er seiner Mutter fortgenommen hatte, ein schönes Bild war. Im Grunde hatte dieser Bildermann ganz richtig geraten: wenn er auch der ›Sohn‹ war, es hatte sich für ihn nur um Geld gehandelt – allerdings um Geld für Peter.

Ärger, mit ein wenig Trauer vermischt, daß er wirklich so war, wie er eingeschätzt wurde, stieg in Wolfgang auf.

Ja, doch, ganz gerne, sagte er mürrisch.

Es ist ein schönes Bild, sagte der Händler nachdenklich. Ich habe es schon zwei-, nein, dreimal gesehen. Ihre Frau Mutter hatte es nicht gerne, wenn ich es ansah. – Sie ist einverstanden mit diesem Verkauf?

Wiederum ein Angriff. Pagel wurde so ärgerlich. Gott, was für ein Umstand um ein Bild, kaum ein halber Quadratmeter bemalte Leinwand. Ein Bild war etwas, das man ansehen konnte, wenn man wollte; man mußte nicht, es war keineswegs nötig. Ohne Bilder konnte man leben, ohne Geld nicht.

Nein, sagte er böse. Meine Mutter ist ganz und gar nicht mit diesem Verkauf einverstanden.

Der Händler sah ihn höflich an, wartete wortlos.

Sie hat dieses (mit gespielter Gleichgültigkeit) Dings mir mal geschenkt, wie man so in der Familie Sachen schenkt, wissen Sie. Da ich grade Geld brauchte, erinnerte ich mich daran. Ich verkaufe, sagte er betont, gegen den Willen meiner Mutter.

Der Händler hatte schweigend zugehört, dann ziellos, aber merklich kühler Ja, ja. Ich verstehe. Natürlich gesagt.

Der Pflaumenweiche, der unbemerkt verschwunden war, der Doktor Mainz, trat wieder auf. Der Händler sah seinen kunsthistorischen Gehilfen an, der Gehilfe erwiderte den Blick und nickte kurz. Jedenfalls, sagte der Händler, erhebt Ihre Frau Mutter keine Einwendungen gegen den Verkauf. Auf einen fragenden Blick Pagels: Ich habe soeben telefonieren lassen. Bitte, bitte, das ist kein Mißtrauen. Ich bin ein Geschäftsmann, ein vorsichtiger Geschäftsmann. Ich mag keine Schwierigkeiten …

Und Sie zahlen? fragte Pagel kurz und geärgert.

Seine Mutter hätte mit einem Wort am Telefon den Verkauf hindern können. Sie hatte es nicht getan – Wolfgang fühlte, der Bruch war endgültig. Mochte er seine Wege gehen, es waren nun und für immer seine Wege allein. Sie war ohne Interesse.

Ich gebe, sagte der Händler, tausend Dollar, das sind 760 Millionen Mark. – Lassen Sie mir das Bild in Kommission, daß ich es hier aufhänge und in Ihrem Auftrage verkaufe, es ist möglich, daß ich einen sehr viel höheren Preis erziele. Aber wenn ich recht verstanden habe, brauchen Sie das Geld sofort?

Sofort. Diese Stunde.

Nun, sagen wir morgen früh, lächelte der Händler. Das ist auch sehr rasch. Ich schicke es Ihnen mit einem Boten, wohin Sie wollen.

Jetzt! sagte Pagel. Diese Stunde! Ich muß … Er brach ab.

Der Händler sah ihn aufmerksam an. Wir haben unsern Kassenbestand schon zur Bank geschickt, sagte er freundlich, als erkläre er einem Kind etwas. Ich halte nie Geld im Haus über Nacht. Aber morgen früh …

Jetzt! sagte Pagel und legte die Hand auf den Rahmen des Bildes. Oder es kann aus dem Verkauf nichts werden.

Oh, Pagel! hatte die Situation richtig erfaßt! Zwar mißbilligte der Händler diesen Verkauf eines unbotmäßigen Sohnes, der seiner Mutter ihr liebstes Bild fortnahm, zwar hatte er, seit er dies erfuhr, die Gesprächstemperatur auf kühl herabgesetzt, aber trotzdem würde er keinen Augenblick zögern, sich diese Konstellation trotz aller Mißbilligung zunutze zu machen und das Bild zu kaufen. Dieser große, sichere, reiche Mann mit dem schwarzen Assyrerbart hatte eben auch seine faulige Stelle – wie alle. Man hatte nicht die geringste Veranlassung, sich vor ihm zu schämen – im Gegenteil! Er, Pagel, mußte verkaufen; der große Mann aber mußte gar nicht kaufen.

Ich muß, sagte Pagel ruhig, den ganzen Betrag in einer halben Stunde haben. Heute abend brauche ich das Geld, nicht morgen früh. Es gibt noch andere Käufer …

Der Kunsthändler machte eine wegwerfende Handbewegung, jedenfalls für dieses Bild kamen andere Händler nicht mehr in Frage. Das Geld wird beschafft werden. Ich weiß zwar noch nicht, wie. Aber es wird beschafft.

Er flüsterte einen Augenblick mit seinem Adlatus Mainz, der nickte und ging.

Kommen Sie bitte mit mir, Herr Pagel. Doch ja – das Bild können Sie ruhig hier stehenlassen, ich habe es gekauft.

Pagel wurde in das Arbeitszimmer des Mannes geführt, einen großen, fast düsteren Raum; nur groß-stichige Kohlezeichnungen irgendeines unbekannten Künstlers hingen an der Wand.

Bitte, setzen Sie sich. Vielleicht dort. Hier stehen Zigaretten. Ich stelle Ihnen Whisky und die Sodaflasche in Reichweite. Es wird … leiser Spott … vielleicht auch fünfunddreißig Minuten dauern. Also machen Sie es sich bequem. Herein!

Herein kamen sie nun nacheinander, die Angestellten des Hauses – von den akademisch gebildeten Kunsthistorikern an bis zu den ganz unakademischen Reinmachefrauen des Hauses, die schon ihr Abendwerk begonnen hatten. Doktor Mainz hatte ihnen Bescheid gesagt, sie traten ohne ein Wort an den Schreibtisch ihres Herrn, zogen aus Kleidertaschen, Westentaschen, Geldbörsen, Portemonnaies ihre Habe, zählten auf, und der Chef schrieb an: Doktor Mainz: eine Million, vierhundertfünfunddreißigtausend. Fräulein Sieber: zweihundertsechzigtausend, Fräulein Plosch: siebenhundertdreiunddreißigtausend. Ich danke Ihnen, Fräulein Plosch … Es mußte eine gute Verbundenheit zwischen Chef und Angestellten in diesem Hause herrschen, jeder gab ohne ein Wort, mit einer Selbstverständlichkeit, die gut wirkte. Sie verzichteten vielleicht auf etwas, was sie sich für diesen Abend vorgenommen, diese Stenotypistinnen, Buchhalter, Galeriediener. Manchmal fiel ein Blick von ihnen auf den Herrn im Sessel, der da Whiskysoda trank und rauchte; es war nicht etwa ein feindlicher, es war ein ganz fremder Blick.

Es war ihnen gleichgültig, wozu dieser Mann im schäbigen Waffenrock so eilig das Geld brauchte, daß sie auf ihre Abendvergnügen verzichten mußten; es war ihnen nicht gleichgültig, ob ein Bild, das der Chef zu kaufen wünschte, wieder aus dem Hause getragen wurde. Das Hergeben, Aufzählen, Notieren des Geldes geschah auf beiden Seiten so selbstverständlich – auch von Seiten des Kaufmanns ohne jeden beflissenen Dank, ohne billigen Scherz, ohne verlegene Erklärung – daß grade diese Selbstverständlichkeit Pagel beinahe dazu veranlaßte, erklärend, entschuldigend zu sagen: ›Ich brauche das Geld wirklich heute abend noch. Mein Mädchen ist nämlich im Gefängnis und ich muß …‹

Ja, was mußte er eigentlich –? Jedenfalls sofort Geld haben, viel Geld.

Wolfgang Pagel sagte nichts.

Halt, Fräulein Bierla, sagte der Händler. Ich sehe da noch fünfzigtausend in Ihrem Portemonnaie – Sie entschuldigen, aber wir müssen heute abend jede Mark zusammenkratzen …

Verlegen murmelte die bräunliche Schöne etwas von Fahrgeld.

Sie brauchen natürlich kein Fahrgeld. Doktor Mainz hat zu Geschäftsschluß ein paar Taxen vor die Tür bestellt. Die Chauffeure fahren Sie, wohin Sie wollen.

Langsam wuchs der Stoß Papierscheine auf dem Schreibtisch. Unzufrieden sagte der Händler, in der eigenen Brieftasche kramend, sie entleerend, zu Doktor Mainz: Wenn man die Zeitungen liest, auf die Leute hört, schwimmt alles in Geld. In allen Taschen sitzt es, in allen Händen raschelt es. Hier liegt das, was siebenundzwanzig Menschen, Sie und ich eingeschlossen, bei sich trugen. Es sind noch keine siebenhundert Mark, nach Friedenssatz. Eine lächerlich aufgebauschte Angelegenheit, diese Zeit. Wenn die Leute sich einmal klarmachten, wie wenig Ziffern vor so vielen Nullen stehen, würden sie sich nicht so bezaubern lassen.

Doktor Mainz flüsterte etwas Halblautes, Hastiges.

Nun natürlich, telefonieren Sie gleich von hier aus. Ich gehe unterdes zu meiner Frau. Dort finde ich sicher Geld.

Während Doktor Mainz mit irgendeinem Herrn Direktor Nolte telefonierte, der eigentlich heute abend noch 250 Papierdollar bekommen, nun aber bis morgen früh sich gedulden sollte, bedachte Pagel, welch ungewohnte Unordnung sein Verlangen in diesen Betrieb getragen hatte. Aber – stellte er verwundert fest – wie ordentlich wickelte sich selbst solche Unordnung ab! Leise, selbstverständlich – Autos warteten vor der Tür, jeder Angestellte kommt trotzdem dahin, wohin er zu kommen wünscht; auf einem Zettel stehen säuberlich die Einzelbeträge … Während die Unordnung entsteht, geschieht schon alles, um sie nach möglichst kurzer Spanne wieder zu beseitigen.

›Ich‹, denkt Pagel düster, ›habe auch Unordnung entstehen lassen, aber nie habe ich daran gedacht, sie zu beseitigen. Sie ist größer und größer geworden, sie hat Bezirke ergriffen, an die ich nie gedacht hatte. Jetzt ist alles bei mir Unordnung, es gibt nichts Geordnetes mehr bei mir!‹

Einen Augenblick denkt er daran, daß er oft von Petra verlangte, sie sollte sich morgens anziehen, ehe die Thumann den Kaffee brachte.

›Ich habe mir und vor allem ihr etwas vorgespielt. Unordnung wird nicht zur Ordnung, wenn man eine Decke darüber legt. Im Gegenteil: sie wird zur Unordnung, die man nicht mehr zu vertreten wagt. Zu einer verlogenen, feigen Unordnung. Ob Peter wohl etwas davon verstanden hat –? Was sie nur gedacht hat –? Hat ihr darum so viel daran gelegen, daß wir einander heirateten –? War es auch bei ihr der Wunsch nach Ordnung? Immer hat sie ohne ein Wort getan, was ich vorschlug. Im Grunde weiß ich nichts von dem, was sie gedacht hat …‹

Der Händler kommt lachend, ein dickes Bündel Papiergeld schwingend, zurück.

Heute abend bleibt bei mir alles zu Haus. Meine Frau ist selig, sie wollte zu irgendeiner grausigen Premiere, mit nachfolgender Feier des schon jetzt zu einem Ochsenfrosch aufgequollenen Dichters. Sie ist froh, daß wir nun nicht hinkönnen. Sie telefoniert schon begeistert aller Welt, daß wir gänzlich ohne einen Pfennig sind – morgen werde ich meine Zahlungseinstellung in der Zeitung lesen. – Und Sie, Doktor?

Es erwies sich, daß auch Doktor Mainz erfolgreich gewesen war: Herr Direktor Nolte wollte auf seine 250 Dollar bis morgen früh warten.

Bitte, Herr Pagel, sagte der Händler. Tausend Dollar – siebenhundertsechzig Millionen. Es hat allerdings, er zog die Uhr, achtunddreißig Minuten gedauert; ich bitte für die acht Minuten um Entschuldigung.

›Warum verhöhnt er mich eigentlich?‹ dachte Pagel erbittert. ›Er sollte mich lieber fragen, wozu ich das Geld brauche! Man kann doch in eine Lage kommen, in der man sofort Geld braucht!‹ Eine Stimme in ihm sprach, daß man sehr wohl in solche Lage kommen könne, daß es da aber noch so etwas wie eine Schuldfrage gebe … ›Kann ich für die Dämlichkeiten der Polente –?!‹ erbitterte er sich …

Es ist etwas viel Papier, dem Zuge der Zeit entsprechend, lächelte der Kunsthändler. Soll ich Ihnen ein Paket daraus schnüren lassen? Sie stecken es lieber in die Taschen? Es regnet sehr stark draußen. Nun, Sie nehmen wohl ein Auto … Gleich rechts, wenn Sie aus unserer Tür kommen, vor dem Hotel Esplanade … Oder soll ich Ihnen eines rufen lassen?

Nein, danke, hatte Pagel mürrisch gesagt, indem er das Papier in seine Taschen zwängte. Ich gehe …

Und nun ging er schon durch die Königstraße, ziemlich durchnäßt, die Hände schützend über die beiden Außentaschen gebreitet. Sie mochten mit ihm böse werden wie die Mutter, oder höhnisch wie dieser Bilderfritze, sie mochten auch in Bedrängnis geraten wie der Peter – er tat genau das, was er wollte, mit dem Kopf durch die Wand. Er riß das Geld nicht an, er dachte nicht daran, sich ein Auto zu nehmen, und wenn seine Taschen von Geld platzten –! Wollte er nicht, zwangen ihn weder Regen noch Not.

Er ging auch jetzt nicht etwa direkt auf die Polizeiwache, wo die Petra saß; er ging erst einmal zu der Thumannschen – auf Erkundung. Nach wie vor war er überzeugt, daß alles im Leben Zeit hatte. Er war ein Maulesel: je mehr man ihn schlug, um so störrischer wurde er.

Oder aber – hatte er vielleicht einfach Angst vor dem, was er auf der Wache erfahren würde? Fürchtete er sich vor der Scham, die er empfinden mußte, wenn er Petra in dieser kläglichen Lage wiedersah?

Pfeifend überquert er den Alexanderplatz und biegt in die Landsberger Straße ein. Er denkt intensiv darüber nach, was Petra mehr Freude machen würde: ein Zigarrenladen oder ein Blumengeschäft? Oder noch lieber eine Eisdiele –?

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Release date on Litres:
12 November 2025
Volume:
1410 p.
ISBN:
9783985223411
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Bookwire
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