Morde und Leben - Leber und Meissner

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Morde und Leben - Leber und Meissner

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Mersdonk

Mord an Birte Schoemaker

Berlin

Mord an Svenja Kollartz

Monika Grüter

Berlin II

Stapler

Die Jagd auf Stapler

Mord an Lisa Kemper

Zu Hause

Nach Amsterdam

Moers

Impressum neobooks

Mersdonk

Die beiden erfahrenen Polizisten standen in Lebers Küche und bereiteten ein italienisches Sommergericht zu, es sollte Spagetti Carbonara mit einem gemischten Salat geben, sie fügten alle Salatgemüse, die es in dieser Saison auf dem Markt zu erstehen gab, in eine Schüssel. Für die Zubereitung des Salates ging die meiste Arbeit drauf, die beiden Kommissare setzten ihren gesamten Fleiß in das Zerschneiden der Gemüse, aber das musste eben sorgfältig gemacht werden, sollte der Salat auch schmecken.

Das Kochen gehörte neben der Polizeiarbeit, in der die beiden sonst aufgingen, zu ihren Hobbys, sie kochten mit Leidenschaft und waren sich des Lobes ihrer Ehefrauen gewiss, die zum einen von der Küchenarbeit befreit waren, der sie sich sonst immer hingeben mussten, und zum anderen schmeckte es wirklich ausgezeichnet, was ihre Männer da zubereiteten. Sie waren im Laufe der Jahre zu versierten Köchen geworden und wussten sich im Prozedere der Speisenzubereitung zu bewegen. Sie wechselten sich mit dem Kochen immer ab, mal wurde bei Lebers und mal bei Meissners gegessen. Sie wohnten in einer Wohnsiedlung in Mersdonk, einer mittelgroßen Stadt am Niederrhein, praktisch in Rufnähe zueinander. Damals, als sie beide von der Polizeischule gekommen waren, das lag inzwischen zwanzig Jahre zurück, hatten sie sich gleich an den Hauskauf gemacht, sie wollten nicht aufwändig mauern lassen, das hätte viel zu lange gedauert, bis sie in ihre Häuser hätten einziehen können, sondern sie hatten sich beide für ein Weber Fertighaus entschieden. Es hat sowohl bei Lebers als auch bei Meissners lange Zeit Vorurteile gegen Fertighäuser gegeben, sie wären in Leichtbauweise errichtet und deshalb von minderer Qualität, dachten sie. Nachdem sie aber gemeinsam Fertighausausstellungen besucht und die ausgestellten Objekte einer eingehenden Prüfung unterzogen hatten, nachdem sie Gespräche mit sachkundigen Freunden über Fertighäuser geführt hatten, revidierten sie ihre Vorurteile, denn das, was sie auf den Ausstellungen zu Gesicht bekamen, war durchaus von gediegener Qualität und überzeugte sie alle.

Weber war der Hersteller, der ihnen allen am meisten zusagte, sie hatten die Ausstellungen aller namhaften Hersteller besucht und konnten sich deshalb ein Urteil erlauben, was das Preis-/Leistungsverhältnis anbelangte und das lag bei Weber eben am günstigsten. Es gab damals keine Schwierigkeiten, ein Grundstück in Mersdonk zu bekommen, man war dort praktisch auf dem Land und hatte die großen Städte des Ruhrgebietes quasi vor der Haustür liegen, man war mit dem Auto in jeweils zwanzig Minuten in Oberhausen, Mülheim, Essen, Duisburg und in dreißig Minuten in Düsseldorf, das machte Mersdonk so attraktiv, ansonsten bot diese Stadt viel Ruhe und gute Landluft, manch einer behauptete, man lebte dort am Arsch der Welt. Das sahen weder Lebers noch Meissners so, für sie war Mersdonk ein idealer Ort zum Wohnen, die Männer konnten dort von ihrer teilweise aufreibenden Arbeit entspannen, die Ruhe genießen oder zusammen mit ihren Frauen Fahrrad fahren. Wenn ihnen der Sinn danach stand, fuhren sie in eine der Großstädte und gingen dort ins Kino, Theater oder einkaufen. Die beiden Männer waren keine großen Liebhaber extensiven Einkaufens, wenn sie von ihren Frauen mitgeschleift wurden, gingen sie schon mit ihnen zum Beispiel ins Centro nach Oberhausen, aber nie für sehr lange.

Sie verstanden die Leute nicht, die sich dort freiwillig stundenlang aufhielten und sich von dem hektischen Treiben und der permanenten Beschallung berieseln ließen. Ganze Busladungen holländischer Käuferinnen und Käufer wurden am Centro ausgeschüttet, nach Stunden wieder eingeladen und nach Holland zurückgebracht. Da sowohl Lebers als auch Meissners vor zwanzig Jahren kleine Kinder hatten, die mittlerweile ihr Elternhaus verlassen hatten, entschieden sich beide Familien für das Weberhaus Balance 200, das im Dachgeschoss über drei Räume und ein Bad verfügte und somit jedem Familienmitglied ausreichend Platz bot. Das Haus kostete 150000 Euro, was eine Menge Geld war, dazu kam ja noch der Preis für das Grundstück, aber der lag in Mersdonk denkbar niedrig und nahm sich gegenüber dem Hauspreis doch bescheiden aus. Mersdonk lag ungefähr fünfundzwanzig Kilometer von Moers entfernt, wo KHK Leber und KOK Meissner in der Asberger Straße auf der Polizeiinspektion arbeiteten. Sie waren Kriminalbeamte und hatten in ihrer Laufbahn schon mit den abscheulichsten Verbrechen zu tun gehabt. Anders als KHK Leber war KOK Meissner noch nicht weiter befördert worden, seine Beförderung zum KHK würde aber in nächster Zeit erfolgen, er war auch ein Jahr jünger als sein Kollege. Max und Paul, die beiden Söhne der Lebers, studierten beide an der Uni Dortmund Elektrotechnik bzw. Energietechnik, sie hatten das Julius-Stursberg-Gymnasium in Neukirchen-Vluyn besucht und beide die Leistungskurse Mathematik und Physik in der Oberstufe belegt, was ihnen im Studium sehr entgegenkam. Max meinte sogar:

„Diese beiden Leistungskurse sind für mein Elektrotechnik-Studium unabdingbare Voraussetzung gewesen, und schon viele sind an der Mathematik-Klausur gescheitert, die wir zu Beginn des Studiums geschrieben haben, und deren Bestehen notwendige Bedingung für ein Weiterstudieren in diesem Studiengang ist“, Paul sah das für die Energietechnik ähnlich. Die beiden lebten in Dortmund in einem Wohnheim in Wohngemeinschaften, es gab in den Wohnheimen an den Studienorten fast nur noch Wohngemeinschaften. Im Prinzip handelte es sich bei der Unterbringung der Studenten um Vierzimmerwohnungen, in denen sich ein Gemeinschaftsbereich mit Küche befand, von dem die Zimmer abgingen. Meissners hatten eine Tochter, die zwei Jahre jünger war als Max und deshalb gerade erst ihr Abitur in Geldern gemacht hatte. Sie war nach Münster gegangen, um dort Pädagogik und Englisch für das Lehramt in der S II zu studieren. Die beiden Ehefrauen der Kommissare hatten ihre Berufe an den Nagel gehängt, als sich die Kinder angekündigt hatten, sie waren Hausfrauen, betätigten sich aber in vielfältiger Weise außer Haus, so besuchten sie das Fitnessstudio in Mersdonk an zwei Nachmittagen pro Woche. Das Studio gab es seit drei Jahren in Mersdonk und erfreute sich großer Beliebtheit, sie besuchten darüber hinaus einen VHS-Kurs in digitaler Fotografie und fuhren oft gemeinsam mit dem Wagen zum Kaffee trinken nach Duisburg oder sogar nach Düsseldorf.

Lebers und Meissners gingen auf die Fünfundvierzig zu, fühlten sich aber nicht alt, wenngleich sie ihre jungen Jahre natürlich längst hinter sich gelassen hatten. Sie pflegten viele Kontakte zu Nachbarn, die beinahe alle in ihrem Alter waren, man hatte sich damals in der Anfangsphase der Wohnsiedlung kennengelernt, vornehmlich über die Kinder und da lagen die Interessen aller auf der gleichen Ebene. Heute lud man sich zu gemeinsamem Grillen ein, oder man unternahm Radtouren am Niederrhein, ein herrlicheres Radrevier war kaum vorstellbar, gern fuhren sie nach Wetten an die Niers oder auch nur in die Leucht, wie ihnen der Sinn gerade stand. Die beiden Frauen sahen gut aus und waren durchtrainiert, Frau Leber hatte blondes Haar und war groß, sie hatte eine Körpergröße von 1.76 m. Sie trug, genauso wie Frau Meissner auch, fast ausschließlich Jeans, die ihre Sportlichkeit noch unterstrichen. In Kleidern fühlten sich die beiden Frauen nicht wohl, schon als Jugendliche trugen sie beinahe nur Jeans, weshalb sie von ihren Müttern oft ausgeschimpft wurden, ein Mädchen müsste doch Kleider tragen, bis sie damit aber aufhörten und ihre Töchter gewähren ließen. Inzwischen waren beide Frauen selbst in dem Alter, in dem ihre Mütter damals gewesen waren, nur weitaus toleranter, was die Kleidung ihrer Kinder betraf.

Frau Meissner war nicht so groß wie Frau Leber, sie hatte dunkles Haar und war ebenso schlank und durchtrainiert wie Frau Leber, beide mochten sie sich sehr, schon von Anfang an. KHK Leber hatte einen leichten Bauch und trug ein Kränzchen auf dem Kopf, was ihm einen beinahe gemütlichen Ausdruck verlieh, man durfte sich in ihm aber nicht täuschen, denn er war ein gut trainierter Sportler, der regelmäßig am Polizeisport teilnahm und Nahkampftechniken beherrschte. Genauso wie sein Kollege Meissner, der auch einen Bauch vor sich her trug, allerdings noch volles Haar hatte, am Polizeisport nahmen die beiden Kommissare immer gemeinsam teil. Als sie ihre Spagetti Carbonara mit gemischtem Salat fertig hatten, brachten sie das Essen auf die Terrasse, wo ihre Frauen den Tisch gedeckt hatten. Es duftete nach Knoblauch und Basilikum und sie öffneten eine Flasche Barolo, die sie zum Essen trinken wollten, die beiden Männer tranken aber nur ein Glas aus Sympathie zu ihren Frauen, danach schwenkten sie gleich auf König Pils um, das war schon seit Jahrzehnten ihr Leib- und Magengetränk. Sie nahmen das Lob ihrer Frauen gern entgegen, sie waren aber auch wirklich zwei ernst zu nehmende Köche geworden, die ihr Handwerk verstanden und auch den verwöhntesten Gaumen zufriedenzustellen wussten.

 

Spagetti Carbonara gehörten nicht gerade zu den Gerichten, die ihnen die ganze Bandbreite ihrer Kochkunst abverlangten, sie hatten sich aber dennoch bemüht und den Spagetti, vor allem aber auch dem Salat eine ausgezeichnete Geschmacksnote zu verleihen gewusst Nachdem KOK Meissner jedem ein Glas von dem Barolo eingeschenkt hatte, nahmen sie ihre Gläser hoch und prosteten sich zu. Einerseits fühlten sich die Lebers und auch die Meissners ohne ihre Kinder allein, auf der anderen Seite fühlten sie sich aber auch von den Sorgen um die Erziehung ihrer Kinder befreit, denn so lange die Kinder zu Hause waren, lastete doch eine Verantwortung auf den Eltern, die sie nicht so einfach abschütteln konnten. Da war das Essen zu kochen und die Wäsche zu waschen, da wurde Geld verlangt und um Rat gefragt, man hatte einfach da zu sein und für die Kinder zur Verfügung zu stehen. Das fiel nun für beide Familien weg, was ihnen eine große Erleichterung verschaffte. Natürlich waren sie immer noch in die Verantwortung genommen, aber sie konnten die Verantwortung über die Distanz wahrnehmen, telefonisch oder über eine E-Mail und wenn Max, Paul und Rebecca, so der Name von Meissners Tochter, nach Hause kamen, auch direkt, aber es wurde immer seltener, dass sie kamen. Ganz zu Anfang ihres Studiums kamen sie noch an jedem Wochenende mit einer großen Tasche voller schmutziger Wäsche. Inzwischen wuschen sie ihre Wäsche selbst bei sich im Waschraum, in dem genügend Waschmaschinen für alle standen, und sie wussten auch, wie die Wäsche zu waschen war, und dass man eigentlich nichts mehr in der Maschine kochte.

Wenn die Kinder jetzt einmal nach Hause kamen, war die Freude groß und die Eltern gaben sich dann die größte Mühe, ihren Kindern die Wünsche von den Augen abzulesen, was die Kinder immer leidlich auskosteten. Max war zwei Semester weiter als Paul, weil er ein Jahr älter war als er und deshalb auch sein Abitur ein Jahr früher gemacht hatte. Zu Hause trafen sie sich mit Freunden aus vergangenen Zeiten, wenn die auch zu Hause waren und gingen mit denen auf Feten oder in die Kneipe. Es war eine Unbeschwertheit ins Leben eingekehrt, eine Unbeschwertheit, die sie alle zu genießen wussten und auslebten. Die Kinder lernten, sich in der Fremde zu bewähren, sich mit anderen zu arrangieren und auf sie Rücksicht zu nehmen, die Anforderungen des Studiums erledigten sie quasi nebenbei mit. Vom Frühling an, und den gesamten Sommer hindurch widmeten sich die beiden Kommissarsfrauen der Gartenarbeit, mit großer Hingabe und Liebe kümmerten sie sich um die Pflanzen auf ihren Grundstücken und hatten damit genug zu tun, denn ihre Grundstücke waren jeweils rund tausend Quadratmeter groß. Sicher, ein gutes Stück war Rasen, den die Männer mit dem Rasenmäher bearbeiteten, wenn sie von ihren Frauen dazu aufgefordert worden waren, aber die vielen Stauden und Sträucher, die den Garten einfassten, mussten gepflegt werden, wenn sie nicht urwaldartig das ganze Gartengrundstück überwuchern sollten.

Den Männern war der Garten nicht gerade egal, sie sahen aber nicht ein, sich dort großartig engagieren zu sollen, außerdem ließ ihre Zeit das gar nicht zu. Sie schenkten ihren Frauen aber regelmäßig Dinge, die sie für ihre Gartenarbeit gebrauchen konnten wie kleine Astscheren oder Gartenbücher. Großes Interesse zeigten sie aber, als es daran ging, in ihrem Garten eine Kräuterspirale anzulegen, denn die betraf ihre Kochvorliebe direkt, und da wollten sie gern ein Wörtchen mitreden. KHK Leber und KOK Meissner machten auf ihren Grundstücken alles gleich und dachten gar nicht groß darüber nach, was sie da taten oder ob es nicht vielleicht affig wäre, wenn der eine dem anderen alles nachmachte, sie ließen ihre Frauen einfach gewähren, und so kam es, dass sich irgendwann ihre beiden Gärten glichen wie ein Ei dem anderen. Sie hatten bei der Errichtung ihrer Fertighäuser damals darauf geachtet, dass die Häuser vorne an die Grundstückgrenze gesetzt wurden, sie hatten nur einen kleinen Vorgarten gelassen, sodass sich nach hinten ein beträchtliches Gartengrundstück erstreckte. In Wirklichkeit hatten sie aber gar keinen großen Einfluss auf die Position ihrer Häuser nehmen können, denn der Bebauungsplan bestimmte schon sehr rigide, wohin die Häuser kamen. Zum Glück hatten sie nicht den aus heutiger Sicht großen Fehler begangen und aus Sichtschutzgründen Tannen gesetzt, denn alle, die das getan hatten, hatten heute Schatten werfende gigantische zwanzig Meter hohe Bäume im Garten stehen, wenn sie sie nicht schon hatten fällen und abtransportieren lassen.

Lebers und Meissners hatten sich auf ihre Grundstücke blicken lassen, das hatte sie nicht gestört, am wenigsten hatte es die Kinder beim Spielen gestört. Nach und nach wuchsen die Stauden und Sträucher, die die Frauen gepflanzt hatten, zuerst vorne, danach auch als Grundstückgrenzen hinten in ihren Gärten. Im Frühjahr blühten zuerst die Forsythien in kräftigem Gelb und Frau Leber schnitt immer einige Zweige und stellte sie in eine große Vase. Von den Forsythien hatte sie eine Menge Pflanzen gesetzt, beinahe die gesamte rechte Gartenseite blühte von März bis Anfang April gelb. Daneben gab es Kirschlorbeer, auf den man besonders achten musste, denn der pflegte ausufernd zu wachsen und alles in seiner Nachbarschaft in Besitz zu nehmen. Der Kirschlorbeer wuchs sehr kräftig und dicht und war deshalb am ehesten geeignet, Sichtschutz zu bieten und dabei nicht so sehr in die Höhe zu ragen. Von der Farbe ihrer Blüten her waren die Hortensien einzigartig, die Blüten changierten durch alle Pastelltöne in den aberwitzigsten Farbschattierungen, dabei behielten die Pflanzen ihre Blüten beinahe die ganze Saison über, Hortensien sind sehr alte Gartenpflanzen. Auch der Rhododendron ist eine alte Gartenpflanze und bei den Hobbygärtnern beliebt, es gibt riesige Rhododendron-Parks mit einer Unzahl von zusammenhängenden Pflanzen.

Viele halten sich einzeln stehende Rhododendren in ihrem Garten, weil die Pflanze ein so markantes Aussehen hat und die meist hellroten Blüten so schön anzusehen sind, Frau Leber hat in ihrem hinteren Gartenteil mehrere Rhododendren zusammenstehen. Besonders stolz ist sie auf ihre Heckenrosen, die kräftig rot blühende Pflanzen sind und lediglich ab und zu in ihrer Höhe gestutzt werden müssen, die Blüten sind sehr empfindlich und man kann sie kaum in der Vase halten. Frau Leber hat sich vor zwanzig Jahren die Heckenpflanzen von ihrem Gärtner geben und sich von ihm einige Pflegetipps zukommen lassen, seitdem blüht die Heckenrose jedes Jahr aufs Neue. Ganz hinten im Garten hatte Frau Leber bei ihrem Einzug in das Haus Birken gesetzt, die inzwischen ein Höhe von acht Metern erreicht hatten aber nicht störten, weil sie erstens ganz hinten im Garten standen und zweitens sehr licht wuchsen, das Sonnenlicht also immer durchließen. Natürlich hatte sie auch Flieder unter ihren Heckenpflanzen, der lila und weiß blühte und einen ganz betörenden Duft von sich gab. Man musste aber bis in den Frühsommer hinein warten, um die Blüten und den Duft genießen zu können. Frau Leber hatte den Flieder irgendwann einmal ganz heruntergeschnitten, er war aber wieder gekommen und stand in voller Größe am linken Rand ihres Gartens.

Einmal hatte sie die Idee, Obstbäume zu ziehen und setzte mitten auf den Rasen einen Apfel- und einen Birnbaum, der Apfel war ein Ingrid Marie und die Birne war von der Sorte Klaps Liebling. Da die Obstbäume regelmäßig geschnitten werden mussten, der Obstbaumschnitt aber nicht ganz einfach war und es dazu die verschiedensten Theorien gab, vernachlässigte Frau Leber die Obstbäume irgendwann, sodass die Obstausbeute stark zurückging. Sie überlegte im Moment, die Bäume zu fällen, brachte es aber nicht übers Herz, sich von den alten Zeugen ihrer Existenz in Mersdonk zu trennen. Neben den Sträuchern und Bäumen hatte Frau Leber aber auch noch jede Menge Stauden wie Lavendel und Blumen im Garten. Bei den Blumen überwogen Rosen und Tulpen, es wuchsen aber auch Narzissen bei ihr. Da Frau Meissner es Frau Leber in allem immer gleich tat, sah ihr Garten ganz genauso aus wie der von Frau Leber, ich sagte ja schon, dass sich die Gärten wie ein Ei dem anderen glichen. Im Sommer gab es immer eine wahre Blütenpracht und einen Duft, der einen die Luft tief einatmen ließ. Über Winter bedeckte Frau Leber die Seitenbeete immer mit Rindenmulch, den die Gemeinde an zwei Terminen für die Bürger bereithielt. Man bezahlte einen ganz geringen Betrag und bekam dafür wertvollen Mulch, der die Beete in der Frostperiode mit Nahrung versorgte und sie vor allzu tiefem Eindringen des Frostes schützte.

Lebers und Meissners liebten es, im Sommer bis in die Nacht hinein draußen zu sitzen und die gute Luft einzuatmen, es herrschte draußen in der Nacht völlige Stille und das unterschied eben die Wohnsituation in Mersdonk vom Wohnen in der Stadt, wo nie absolute Stille herrschte. Sie hatten bei der Gelegenheit Getränke bei sich, die Frauen Wein, die Männer Bier, tranken ab und zu einen Schluck und redeten kaum miteinander, jeder genoss den Moment der totalen Entspannung. Die Männer ließen sich Erlebtes von ihrem Dienst durch den Kopf gehen und die Frauen dachten an sonst was, jeder war mit sich zufrieden und keiner hatte das Bedürfnis, sich zu unterhalten. Es gab kaum Tiere, die man zu so später Stunde wahrnehmen konnte, sie konnten ab und zu den Schrei einer Eule hören, oder es sprang eine Katze durch den Garten, sonst bemerkten sie aber nichts. Gegen 1.00 h nachts, manchmal auch erst gegen 2.00 h, je nachdem wie sie Lust hatten, beendeten sie ihre Soiree. Meissners verabschiedeten sich oder, wenn sie bei Meissners waren, verabschiedeten sich Lebers und sie gingen alle ins Bett. Es war noch nie vorgekommen, dass man bei den Freunden übernachtet hatte, was jetzt, wo die Kinder aus dem Haus waren, überhaupt kein Problem wäre, aber das fiel ihnen einfach nicht ein, es war ja auch nur ein Katzensprung bis nach Hause. In Mersdonk gab es im Ortszentrum neben der Kirche die Kneipe Küppers, die sie schon einmal gemeinsam besuchten und wo man ganz gut essen konnte, sie aßen und tranken dort gelegentlich etwas.

Vor Küppers gab es den großen Marktplatz, auf dem immer mittwochs und samstags der Wochenmarkt stattfand, den die beiden Frauen regelmäßig aufsuchten, das taten sie schon seit zwanzig Jahren. Es war nicht so, dass sie immer etwas brauchten, manchmal gingen sie nur zum Markt, um Bekannte zu treffen und sich mit denen zu unterhalten. Es kam auch vor, dass sie sich mit den Bekannten vor das Cafe Kurtz setzten und gemütlich eine Tasse Kaffee tranken.

Das passierte früher aber relativ selten, denn die Frauen mussten nach Hause und ihren Kindern das Essen bereiten, um spätestens 13.30 h kamen sie aus der Schule und hatten Hunger. In letzter Zeit hatten Frau Leber und Frau Meissner viel mehr Gelegenheit, sich vor das Cafe zu setzen, weil sie niemand mehr trieb. Sie mussten auch nicht mehr so viel einkaufen, denn es aß ja niemand mehr zu Mittag, die Frauen hatten sich das Mittagessen abgewöhnt, sie taten ja nichts, also brauchten sie auch nichts zu essen. Abends setzten sie sich mit ihren Männern in der Küche an den Tisch, aßen mit ihnen Brot und tranken Tee dazu. Die Männer hatten in ihrer Kantine zu Mittag gegessen und waren abends nicht mehr so hungrig. Es hatte eben alles einen anderen Rhythmus angenommen, seit die Kinder weg waren, aber der neue Lebensrhythmus spielte sich schnell ein und stellte die Beteiligten auch schnell zufrieden, man ging vieles relaxter an und genoss die Entspanntheit.

Die jungen Leute aßen an ihrer Uni in der Mensa, ein ganz neues Esserlebnis für sie, die Mensa hatte sich im Verlauf der Jahre schwer herausgeputzt, und es gab dort für kleines Geld für jeden Geschmack etwas, sogar Veganer kamen auf ihre Kosten. Wer keine allzu hohen Ansprüche stellte und die Leber-Jungen waren vor allem Fleischesser, die dazu Kartoffeln, Soße und Gemüse brauchten, wurde zufriedengestellt, sie zahlten um die drei Euro für ihr Essen und wurden in jedem Falle satt. Aber auch die etwas anspruchsvollere Rebecca lobte ihre Mensa in Münster, sie aß eigentlich schon seit Jahren gar kein Fleisch mehr und nahm sich in der Mensa immer einen Salatteller oder einen Eintopf, sie klagte nicht und war mit dem Essen zufrieden. Frau Leber kam früher immer mit vollen Einkaufstaschen vom Markt, in denen sie Fleisch und Gemüse für ihre Jungen hatte und das zweimal pro Woche. Sehr gerne machten Lebers und Meissners zusammen Radtouren, sie hatten eine Lieblingsrunde und fuhren über Kapellen querfeldein über die Felder nach Wetten an die Niers und setzten sich dort neben dem Bootsverleih an den Fluss, um etwas zu trinken. Manchmal gingen sie auch zum Metzger und holten sich Fleischwurst mit Brötchen, meistens hatten aber die Frauen etwas zu Essen eingepackt. Anschließend fuhren sie die Kapellener Straße zurück und Am Mühlenwasser, der L 480, zweihundert Meter nach rechts, wo sie in die Waltersheide einbogen, der folgten sie bis zum Mölleweg und bogen anschließend in die Beerenbrouckstraße ein.

 

Kurz vor Kapellen fuhren sie durch die Felder bis zum Zitterhuck, überquerten die Straße und fuhren über die K 20 wieder nach Hause. Sie ließen sich immer sehr viel Zeit beim Radfahren, niemand hatte den Ehrgeiz, wieder schnell zu Hause zu sein, sie genossen es, wenn ihnen der Fahrtwind um die Nasen strich und die gute Luft zufächelte. KHK Leber und KOK Meissner waren früher starke Raucher gewesen, sie hatten, während sie auf der Polizeischule waren, sogar noch gedreht. Ihre Frauen hatten auch geraucht, das Rauchen aber mit der Schwangerschaft aufgegeben. Die Männer hatten das Drehen dran gegeben und fertige Zigaretten gekauft, sie waren gleich auf Filterzigaretten umgestiegen, nachdem sie lange Zeit filterlose Drehzigaretten geraucht hatten, weil die billiger waren. Sie hörten zeitgleich auf, das war eine Entscheidung, die über den Kopf lief, sie hatten nichts von den Versuchen vieler gehalten, das Rauchen aufzugeben und zu einem bestimmten Termin die letzte Zigarette zu rauchen, das brachte nie etwas. Silvester war oft so ein Termin, den man gerne nahm, um im Januar irgendwann wieder mit dem Rauchen anzufangen. KHK Leber und KOK Meissner hörten einfach auf, mitten im Jahr, keiner von beiden hatte je wieder Schmacht, auch morgens nicht und seitdem auch nie wieder auch nur einen Zug genommen.

Morgens war die erste Zigarette immer die wichtigste des ganzen Tages, sie erzeugte einen leichten Schwindel und wurde mit einer Tasse Kaffee genossen, noch bevor man etwas gegessen hatte. Die beiden Kommissare waren froh, das Rauchen aufgegeben zu haben. Es war nicht nur so, dass es bei ihnen zu Hause in den Räumen nicht nach Zigarettenrauch stank, sondern sie hatten auch spürbar mehr Kondition, was sie gleich beim Polizeisport merkten. Es gab aber auch in der Polizeiinspektion nicht mehr so viele rauchende Kollegen und die paar, die noch rauchten, mussten vor die Tür, so streng verfuhr man inzwischen mit den Rauchern, die vollkommen aus Kneipen und öffentlichen Gebäuden verbannt wurden. Ihr Dienst begann jeden Morgen um 7.45 h in der Asberger Straße in Moers. Beide standen sie um 6.00 h auf, frühstückten kurz und fuhren anschließend mit dem Wagen zur Autobahnauffahrt Alpen. Früher, als die Autobahn noch nicht fertig war, mussten die Leute über die Landstraße nach Moers fahren, was natürlich aufhielt, zu dieser Zeit wohnten die beiden Kommissare noch nicht in Mersdonk. Spätestens ab dem Autobahnkreuz Kamp-Lintfort wurde es immer voll auf der Autobahn, wenn der Verkehr von der A 42 auf die A 57 wechselte. Wenn der Verkehrsfunk Staus meldete, meistens ab dem Autobahnkreuz Moers, und sich der Verkehr bis zu ihnen zurück staute, fuhren sie auf der A 42 ein Stück in Richtung Dortmund und nahmen die Abfahrt Moers Nord.

Sie fuhren über die Rheinberger Straße in die Stadt, wechselten auf die Klever Straße und gelangten schließlich zur Asberger Straße, in der neben dem St.-Josefs-Krankenhaus die Polizeiinspektion lag. Sie brauchten für die Strecke immer eine gute halbe Stunde, ganz selten kam es vor, dass sie sich verspäteten, so wenn es im Winter Glatteis gab und die Straßen noch nicht gestreut waren, sodass sie nur schleichen konnten, aber das passierte wirklich nur ganz selten. Im Sommer, wenn es morgens um diese Zeit schon lange hell war, ging alles total unkompliziert, die beiden zogen nur ein Hemd und eine Hose über und fuhren los, man merkte kaum, wie die Fahrzeit verging. Einmal waren sie mit dem Wagen liegengeblieben, KOK Meissner war mit dem Fahrdienst dran, als sein alter Opel Vectra auf der Autobahn seinen Geist aufgab, in Höhe der Abfahrt Rheinberg blieb der Wagen plötzlich stehen, nachdem aus dem Motorraum laute und nicht näher identifizierbare Geräusche zu vernehmen waren. Sie rollten auf dem Standstreifen aus, und KOK Meissner fluchte auf seinen Wagen, er war richtig sauer, zog sein Handy aus der Hosentasche und rief zunächst in Moers an, um mitzuteilen, dass sein Kollege und er wegen einer Autopanne später kämen. Auch rief er den ADAC an und ließ sich von dem Fachmann bestätigen, was er schon vermutet hatte, dass nämlich der Motor hinüber war, der Zahnriemen war gerissen und die Nockenwelle hatte daraufhin alle Ventile aus ihren Sitzen gerissen und sie verbogen.

Er ließ einen Abschleppwagen kommen und den Wagen zu Opel Elspass in die Rheinberger Straße nach Moers bringen, dort stellte er seinen Vectra zur Begutachtung auf das Firmengelände. Die beiden Kommissare fuhren mit dem Taxi zum Dienst und machten sich während ihres Dienstes Gedanken wie sie am Abend wieder zu sich nach Hause kämen. Das mit dem öffentlichen Nahverkehr war so eine Sache, sie hätten mit der SB 30 nach Geldern fahren und sich vom Bahnhof von ihrem Frauen abholen lassen können. Die Fahrt vom Bahnhof Moers zum Bahnhof Geldern hätte fünfzig Minuten gedauert, was noch erträglich gewesen wäre. Sie riefen aber im Laufe des Tages ihre Frauen an und baten sie:

„Holt uns bitte sie in Moers ab!“ KOK Meissner musste sich einen neuen Wagen zulegen, die Reparatur des alten schied wegen des Preises aus, auch war der Wagen zehn Jahre alt und hatte eigentlich seinen Dienst getan. Er hatte sich mit seiner Frau beraten, welches Modell sie sich anschaffen sollten und sie kamen beide zu dem Entschluss:

„Wir werden den alten Wagen bei Elspass in Zahlung zu geben, denn wenn wir noch etwas für die alte Schaukel bekommen wollen, dann bei Elspass. Wir wollen uns bei Elspass einen neuen Wagen nehmen, und wir nehmen uns den neuen Vectra, obwohl der für uns beide eigentlich zu groß ist, denn Rebecca ist ja aus dem Haus.“ Den Vectra hatten sie den Meissners bei Elspass ans Herz gelegt und ihnen für ihren alten Wagen noch fünfhundert Euro gegeben. KHK Leber fuhr einen VW Passat und hatte noch nie Ärger mit seinem Wagen, obwohl der auch schon acht Jahre alt war. Er sah sich kurze Zeit später auch nach einem neuen Wagen um und nahm bei Minrath wieder einen Passat, zu dem sie ihm dort geraten hatten, aber auch der Passat war für KHK Leber und seine Frau im Grunde zu groß. Seit einem Monat gab es in Moers ein Novum bei der Polizeiinspektion, die Leitung war von einer Frau übernommen worden. Heidi Fahrenholz wurde Kriminaldirektorin in Moers, was von vielen mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde und woran sie sich nur ganz allmählich gewöhnen konnten. Niemand hatte etwas gegen die Leitung der Polizeiinpsektion in Moers durch ein Frau, der Gedanke war nur völlig neu, man kannte kein Präsidium und keine andere Polizeidienststelle, die von einer Chefin geleitet wurden. Heidi Fahrenholz kam vom Düsseldorfer Innenministerium an den Niederrhein, sie war in Düsseldorf Referentin für Kriminalprävention und Opferschutz gewesen und hatte davor auch schon in anderen Bereichen der Polizeiarbeit Erfahrungen sammeln können. Sie war fünfundvierzig Jahre alt, blond und sah gut aus, was in dem Job, den sie zu verrichten hatte zwar nicht unabdingbare Voraussetzung war, ihr aber den Kollegen gegenüber vielleicht zugutekam. In einem Interview sagte:

„Ich will zur Basis und ich will, dass unsere Stadt sicher wird., darin sehe ich die Hauptaufgabe der Polizeiarbeit.“ Dass sie aber gleich nach Dienstantritt in Moers mit dem seit Jahren schrecklichsten Verbrechen in der Stadt konfrontiert werden würde, das konnte sie vorher nicht wissen. KHK Leber und KOK Meissner waren an jenem Mittwochmorgen gerade zum Dienst erschienen, als es an der Tür zu ihrem Dienstzimmer klopfte und ihre Chefin eintrat, sie begrüßte ihre beiden Kommissare kurz und kam gleich zur Sache: