Read the book: «Max Reinhardt in Leopoldskron»
Impressum
Dieses Buch basiert auf dem 1980 erschienenen Bandes Gusti Adler »... aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen« Erinnerungen an Max Reinhardt.
Max Reinhardts Leben in und Beziehung zu Leopoldskron
stehen im Mittelpunkt der ausgewählten Texte.
Herausgeber: Leonhard M. Fiedler
Erste Auflage dieser Ausgabe 2021
© Korrektur Verlag Mattighofen∙Wien 2021
Edition Leopoldskron
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz und eBook Erstellung: Aumayer Druck & Verlag, Munderfing
Made in Austria
Cover: 1935 MAX REINHARDT auf Schloss Leopoldskron
© Archiv der Salzburger Festspiele/Photo Ellinger_Blatt 581
ISBN Printausgabe: 978-3-9519832-3-3
ISBN eBook: 978-3-9519832-4-0
Zur Begleitung
Was für ein Glück für Salzburg, dass sich Max Reinhardt als zwanzigjähriger Schauspieler am neu eröffneten Landestheater in unsere Stadt verliebte. Es sei die glücklichste Zeit seines Lebens gewesen. Den Kauf von Schloss Leopoldskron 1918 und die Gründung der Salzburger Festspiele 1920 empfand er deshalb als Nachhausekommen. So erlebte es seine Privatsekretärin »Fräulein Gusti Adler« – eine Anrede auf die sie größten Wert legte.Die ehemalige Schulfreundin von Helene Thimig war zwanzig Jahre lang an Reinhardts Seite, wurde ihm so unentbehrlich, dass, so scherzte Thimig, »mir ab und zu nichts anderes übrigblieb als eifersüchtig zu sein«. Sie war seine ideale und idealistische Privatsekretärin, seine engste Mitarbeiterin. Sie übersetzte seine Texte, erledigte alles Behördliche, beantwortete böse Briefe der Banken, besorgte Kunstwerke, Möbel und Orangenbäume für Leopoldskron – das Reinhardt selbst seine schönste Inszenierung genannt hatte.
»Vergessen Sʼ die chinesischen Nachtigallen nicht!«, soll Reinhardt dem Fräulein Gusti nachgerufen haben, als sie für ihn bei Hagenbeck »exotisches Federvieh, seltene Zierenten, Reiher, Flamingos und Pelikane« bestellte. Und zudem hat sie noch bei allen Inszenierungen wie eine Regieassistentin mitgearbeitet. 1939 folgte sie Reinhardt ins amerikanische Exil. Nach dessen Tod 1943 arbeitete sie in der Dokumentationsabteilung von Warner Bros. in Hollywood und kümmerte sich um den Nachlass des großen Theatermachers. 1964 erschien ihr Buch Max Reinhardt – Sein Leben, 1980 … aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen.
Das Buch ist so aufregend, so außergewöhnlich, so anrührend wie Max Reinhardt selbst. Daher ein besonderes Dankeschön an Thomas Biebl, Vice President des Salzburg Global Seminar, Carl Aigner, verlegerischer Leiter von Artbook und Heiner Gann, Geschäftsführer vom Korrektur Verlag, zum 100-Jahr-Jubiläum der Festspiele diese Erinnerungen von Fräulein Gusti Adler an unseren Gründervater Max Reinhardt wieder aufzulegen.
»Seit ich am Theater bin, will ich Schauspieler und Zuschauer zusammenbringen, so dicht aneinandergedrängt wie nur möglich« – formulierte Max Reinhardt. Das gelang ihm auch mit unserem Gründungsstück, dem Jedermann. Fräulein Gusti Adler lässt uns durch dieses Buch teilhaben an der Strahlkraft des großen Magiers Max Reinhardt.
Als Salzburgerin und als Präsidentin der Salzburger Festspiele erfüllt mich große Dankbarkeit:
– Max Reinhardt erträumte die Festspiele »als eines der ersten Friedenswerke nach dem Ersten Weltkrieg« (O-Ton Reinhardt).
– Max Reinhardt erdachte die Festspiele als künstlerisches, politisches und ökonomisches Gesamtkunstwerk.
– Max Reinhardt pries die Festspiele als Leuchtturm deutscher Kultur auf österreichischem Boden mit einem, heute würde man sagen, Marketing-Geschick sondergleichen. Gerade die kräfteraubende Zeit der Pandemie hat gezeigt, wie wahr Reinhardts Diktum ist. Kunst ist Lebensmittel.
Dass wir gespielt haben, möge er als Verantwortung gegenüber seinem Erbe sehen. Es hätte ihm gefallen.
Helga Rabl-Stadler
Präsidentin Salzburger Festspiele
Gusti Adler in Leopoldskron
»Inszenierung Leopoldskron« – so hat Gusti Adler ein Kapitel ihrer großen Max Reinhardt-Biographie überschrieben. In der Tat kann man die Ausgestaltung des 1918 von dem »Theatrarchen« erworbenen Salzburger barocken Schlosses als Reinhardts größte und umfangreichste Inszenierung ansehen. Zwei Jahrzehnte lang – von 1918 bis 1937 – entwarf, baute und belebte er dieses von seinen Vorbesitzern in verfallenden Zustand hinterlassene Gehäuse, bis zu seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten. In einem Brief aus dem amerikanischen Exil schreibt er: »Ich habe es lebendig gemacht, jeden Tisch, jeden Sessel, jedes Licht, jedes Bild gelebt. Ich habe gebaut, gezeichnet, geschmückt, gepflanzt und geträumt davon, wenn ich nicht da war. Ich habe es geliebt im Winter und im Sommer, im Frühjahr und im Herbst, allein und mit vielen. Ich habe es immer feiertäglich geliebt. Es waren meine schönsten, reifsten Jahre.«
Kaum jemand hat Reinhardt auf so umfassende Weise geholfen, seine Leopoldskroner Träume zu verwirklichen wie Gusti Adler. Sie war von Kind auf die engste Freundin von Reinhardts Lebensgefährtin Helene Thimig, deren Laufbahn als Schauspielerin sie aus großer Nähe verfolgte.
Sie selbst, 1890 geboren, entstammte einem allen Künsten aufgeschlossenen Elternhaus. Der Vater, Bruder des Sozialistenführers Victor Adler, war Redakteur bei verschiedenen Wiener Zeitungen. Er widmete sich daneben eigenen musikalischen Kompositionen. Die Mutter, Gründerin des »Radierclubs Wiener Künstlerinnen«, schuf zahlreiche Ansichten vorwiegend mit Motiven aus
Wien. Die um zwei Jahre ältere Schwester Marianne war Restauratorin am Kunsthistorischen Museum. Beide Schwestern ließen sich mit eigenen Arbeiten von der Gruppe um Gustav Klimt und der »Wiener Werkstätte« inspirieren. Zu ihren bevorzugten, von den Eltern geförderten Beschäftigungen gehörten regelmäßige Theaterbesuche. Bereits als Fünzehnjährige sah Gusti
Adler ein Wiener Gastspiel von Max Reinhardts berühmter ersten Inszenierung von Shakespeares »Sommernachtstraum«. Sie holte sich bei dieser Gelegenheit eine Fotographie von Gertrud Eysoldt als Puck, die sie bis an ihr Lebensende bewahrte. Auch schriftstellerisch betätigte sie sich schon früh. Lange bevor sie selbst für Reinhardt tätig wurde, weist sie in einem kritischen Zeitungsbericht aus dem Jahre 1913 über eine Aufführung der Verdischen »Aida« in der Arena von Verona auf Reinhardts Massenregie als positives Gegenbild hin: »Was für Wirkungen gelänge es Reinhardt aus den Massen hervorzuzaubern! Seine Regie hätte dem Festmarsch zu ungleich größerer Wirkung verholfen und trotzdem selbst die kleinsten theatralischen Anklänge vermieden.« (Wiener Allgemeine Zeitung, 18. September 1913).
In der Folge begleitete sie Helene Thimig, die am Königlichen Schauspielhaus engagiert war, nach Berlin. Von dort aus berichtete sie als Berliner Korrespondentin für das Wiener »Fremdenblatt« und andere Zeitungen über die verschiedenartigsten Kulturereignisse; gelegentlich wurde auch ein Gedicht oder eine Erzählung von ihr gedruckt, wie ihre Feuilletons jeweils unter Pseudonym. Bereits 1917, zwei Jahre, bevor sie selbst zu Reinhardt kam, berichtete
sie in aller Ausführlichkeit über die Probenarbeit des großen Regisseurs. Helene Thimig, die indessen – nicht nur als Schauspielerin – bei Reinhardt engagiert war, hatte ihr den Zugang zur Bühne des Deutschen Theaters verschafft.
Als Reinhardt ihr im Sommer 1919 anbot, als Privatsekretärin für ihn tätig zu werden, brachte Gusti Adler in vielerlei Hinsicht ideale Voraussetzungen mit. Über zwei Jahrzehnte hin wurde sie Reinhardts rechte Hand an dessen Theatern in Berlin, Wien und Salzburg. Neben einer überaus umfangreichen Korrespondenz führte sie in Reinhardts Namen Verhandlungen mit Schauspielern, Dramaturgen, Dichtern und Behörden. Bei Proben notierte sie Reinhardts Bemerkungen und teilte sie den Schauspielern mit. Zunächst aber begannen Reinhardts Bemühungen um das Herzstück seines künftigen Wirkens, Salzburg und Leopoldskron. Die ersten Salzburger Festspiele wurden
vorbereitet, die Ausgestaltung des von Reinhardt ein Jahr zuvor erworbenen Schlosses als Reinhardts zentraler Wohnstätte und zugleich als Anziehungspunkt für seine aus vielen Ländern anreisenden Gäste nahm ihren Anfang. Reinhardt war es darum zu tun, das fürsterzbischöfliche Schloss in seiner historischen Substanz zu erhalten und zu ergänzen und es zugleich mit neuem
Leben zu erfüllen. Gusti Adler wurde bald zu seiner rechten Hand bei diesem Unterfangen. In ihren Aufzeichnungen, Erinnerungen und Briefen berichtet sie darüber. In Kontakten mit Handwerkern aller Art, mit Steinmetzen, Stukkateuren, Malern, Tischlern und Gärtnern wachte sie darüber, dass Reinhardts Visionen Wirklichkeit wurden. Wenn Reinhardt auf Gastspielreisen oder mit einer Inszenierung im Ausland weilte, übermittelte er Gusti Adler in manchmal zehn- oder gar zwanzigseitigen eng beschriebenen Briefen seine Wünsche. Ganz besonders ging es dabei darum, neue, von Reinhardt gewünschte Ein- und Umbauten als stilgerecht und original vorhanden erscheinen zu lassen. So erstand die Schlossbibliothek als eine Nachbildung der Klosterbibliothek von Sankt Gallen. Sie wurde zu einem der zentralen Orte des Schlosses, ohne dass der Besucher ahnen konnte, dass dieser Raum nicht schon seit dessen Erbauung vorhanden war. Oder dass eine nach Gusti Adlers Verhandlungen mit einem Wiener Kunsthändler erworbene und in der Eingangshalle des Schlosses in einer mit Stukkaturen verzierten Nische aufgestellte Madonnenfigur nicht »echt« war. Für das von Reinhardt selbst bis in jedes Detail entworfene »Venezianische Zimmer« besorgte Gusti Adler italienische commedia dell'arte-Bilder aus dem 18. Jahrhundert, die in die von Reinhardt skizzierten vergoldeten Umrahmungen eingelegt wurden. Einige der kleinen ornamentalen Darstellungen an der Zimmerdecke entstammen der Hand von Gusti Adlers Schwester Marianne. Ein von dem Venezianer Maler Pietro Longhi stammendes Frauenportrait fand Gusti Adler bei einem römischen Händler. Die berühmte amerikanische Stummfilmschauspielerin Lillian Gish, mit der Reinhardt an einem Filmprojekt arbeitete, schenkte es ihm zum Dank für seine Gastfreundschaft in Leopoldskron. Es wurde in eine Wand des Venezianischen Zimmers integriert. In Gusti Adlers Nachlass fand sich ein Skizzenbuch Reinhardts mit farbigen Zeichnungen für das Venezianische Zimmer. Desgleichen ein Blatt, auf dem er seine präzisen Vorstellungen für die Ausgestaltung seines Arbeitskabinetts neben der Bibliothek entwickelt. Gusti Adler sollte den Handwerkern die entsprechenden Anweisungen geben.
Mit den in Salzburg lebenden Schriftstellern Hermann Bahr und Stefan Zweig und mit dem Maler Anton Faistauer, der später das Große Salzburger Festspielhaus mit Fresken ausstattete, entwickelten sich enge Freundschaften. Die mit Bahr wurde auf eine harte Probe gestellt, als es Gusti Adler gelang, ihn dazu zu bewegen, Reinhardt eine im Garten des jenseits der Salzach gelegegenen Arensbergschlösschens, Bahrs Wohnsitz, aufgestellte Herkulesstatue Reinhardt für den Schlosspark von Leopoldskron zu überlassen. Die Figur fand ihren Platz in der Mitte eines kleinen Teichs neben dem Schloss, wo sie heute noch steht. Den Anweisungen Reinhardts zufolge hatte Gusti Adler dafür zu sorgen, dass das Moos, das die Skulptur im Lauf der Jahrhunderte angesetzt hatte, beim Transport nicht verletzt wurde. Hermann Bahr nahm den »Raub« schließlich nicht übel. In einem seiner an Gusti Adler gerichteten Briefe heißt es: »Metzl (ein Hilfsregisseur bei Reinhardt), mit dem ich neulich in Salzburg zusammen war, kann Ihnen bestätigen, wie traurig es mich macht, gar nichts mehr von Ihnen zu hören. Er behauptete übrigens, daß Sie persönlich gar nicht mehr vorhanden sind, sondern nur noch als Geist existieren, der Geist Max Reinhardts, über den Wassern schwebend.« (26. Mai 1924) In der Tat blieb Gusti Adler bei den vielen Aufgaben, mit denen sie Reinhardt betraute, selbst meistens im Hintergrund. Wichtig war jeweils das Resultat – ob es sich um die Aufstellung von Orangenbäumen aus dem Schloss Schönbrunn auf der Leopoldskroner Terrasse handelte oder um die Organisation von Tischordnungen für Einladungen im weißen Salon. Als sie sich im Sommer 1928 auf den Weg machte, Lillian Gish bei ihrer Ankunft im Hafen von Cuxhafen zu empfangen, bat Reinhardt sie noch in letzter Minute, bei dieser Gelegenheit bei Hagenbeck in Hamburg chinesische Nachtigallen für die bereits mit allerlei exotischen Vögeln bevölkerte Voliere im Park zu besorgen. (Daher der Titel ihres 1980 erschienenen Erinnerungsbuches an Max Reinhardt »…aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen«). Zu den am leidenschaftlichsten ausgeführten Tätigkeiten für Reinhardt gehörte der Erwerb von Büchern. Gusti Adler, aber auch ihr Vater, seinerseits ein bibliophiler Büchersammler und ihre Schwester gingen für Reinhardt in Antiquariate und auf Kunst- und Bücher-Auktionen, so dass die Regale der Leopoldskroner Bibliothek sich bald füllten. In einem Brief aus dem Jahre 1933 bedankt sich Reinhardt für die vielfältige Hilfe der Familie Adler: »Lieber, verehrter Herr Adler, Ihre freundlichen Worte und Wünsche zu meinem Geburtstag waren von einer deutlich spürbaren Gefühlswelle getragen, die mir nahe ging. So darf ich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin auf derselben Welle von Herzen danken für alle Freundschaft, die mir seit vielen Jahren von Ihrem Hause zuströmt und diesem Dank meine wärmsten Grüße und Wünsche für Ihr Wohlergehen beifügen.« Ihr Max Reinhardt. (18. September 1933).
Bald nach den Salzburger Festspielen von 1937 reiste Reinhardt in die Vereinigten Staaten, um dort Filmprojekte zu verwirklichen. Er sollte nicht mehr zurückkehren. Im Frühjahr fand der »Anschluss« Österreichs an Deutschland statt. Leopoldskron und Reinhardts Theater in Berlin und Wien wurden von den Nationalsozialisten enteignet. Gusti Adler, die von Wien aus versuchte, für Reinhardt noch zu retten, was zu retten war, was aber in den meisten Fällen nicht gelang, verblieb zunächst in Österreich. 1939 folgte sie Reinhardt und Helene Thimig ins amerikanische Exil. In Hollywood fand sie eine Anstellung bei der Dokumentationsabteilung des Filmstudios der Warner Brothers, die sie bis in ihr achzigstes Lebensjahr mit großem Engagement beibehielt. In den ersten Jahren war sie dort neben ihrem neuen Beruf noch für Reinhardts Hollywooder Theaterschule tätig, freiwillig, ohne Gehalt. Danach widmete sie sich der ersten Fassung ihres Reinhardt-Buches, das 1964 im Salzburger Festungsverlag erschien. Gemäß ihrer angeborenen Bescheidenheit kommt sie selbst in diesem Buch nicht vor. Es hat ihre Freunde, denen sie gerne bei Fragen nach ihrer Tätigkeit für Reinhardt Auskunft gab, einiger Überzeugungskraft bedurft, sie dazu zu bewegen, eine Erweiterung ihres Buches, in der sie ihre eigene Rolle nicht verschwieg, zu verfassen. Es erschien 1980 im Verlag Langen Müller in München. In dem vorliegenden Bändchen finden sich die Passagen, die Leopoldskron betreffen, zusammengefügt.
Gusti Adler starb bei voller geistiger Verfassung im Alter von fünundzneunzig Jahren am 21. Januar 1985 in Hollywood.
Leonhard M. Fiedler
Ankauf von Leopoldskron
Helene Thimig, Victoriastraße 11, Berlin 16. April 1918
Leopoldvertrag unterzeichnet Gott schenke uns für dieses köstliche Gehäuse die glücklichsten Inhalte Bin froh gut dankbar erkenne wie wundervoll notwendig der Feiertag für den Menschen gespenstische Hindernisse einschrumpfen den Glauben an Erfüllung des Naturnotwendigen wachsen läßt Ich liebe Dich
Dieses Telegramm barg den Keim für alles Künftige. Mit dem Federzug der Unterschrift des Kaufvertrages von Leopoldskron wurden zwanzig Jahre im Leben Reinhardts schicksalhaft bestimmt.
Max Reinhardt hatte seit Jahren nach einem Haus gesucht, das seiner Vorliebe für das Barock entgegenkam. Er konnte, bis an sein Lebensende, niemals widerstehen, wenigstens mit dem Gedanken zu spielen, irgendein altes Schloss, ein altes Bauernhaus, das zum Verkauf ausgeschrieben war, zu erwerben, selbst lange nachdem er schon in Leopoldskron fest verankert war.
Eine solche Möglichkeit war lockend wie eine neue Inszenierung. In Gedanken richtete er dann dieses Haus bis ins letzte ein. Wohin er auch kam: die Suche nach einem derartigen Wohnsitz begann sofort – Kauf oder Miete –, und es war oft schwer, ihn davon abzubringen, sich in ein kostspieliges Abenteuer dieser Art zu verstricken. Freunde und Mitarbeiter wurden auf die Suche geschickt, Pläne mussten beschafft, eigensinnige Besitzer solcher Häuser überredet werden, ihr Haus zum mindesten zu zeigen.
Bei Leopoldskron spielte die Liebe zu Salzburg, dem Salzburg seiner Jugend, noch eine besondere Rolle. Er war verliebt in die Stadt, verliebt in die Landschaft, verliebt in das Barock des Schlosses. Der Gedanke, den Berliner Sorgen entfliehen zu können, eine Ruhe zu genießen, die wie eine Fata Morgana ein Leben lang vor ihm herschwebte, ein Haus zu schaffen, dessen Vollkommenheit er träumte, und wenigstens einen Teil des Jahres so zu leben, wie es seinem innersten Wesen entsprach – dieser Gedanke war zwingend. Die Inflation begünstigte ein solches Unternehmen und ermöglichte es ihm, diesen Besitz um einen erschwinglichen Preis zu erstehen. Es war zunächst eine leere Schale. Nur wenige Möbel standen in den vierzig Zimmern, aber kunsthistorisch wertvolle Stuckdecken, herrliche alte Barocköfen, Bilder, die Halle, das architektonisch vollendete Stiegenhaus, der Marmorsaal gaben Max Reinhardt den Leitton für die schönste Bau-Inszenierung seines Lebens. In den zwei Jahrzehnten, die ihm dort vergönnt waren, hat er diesem verwahrlosten, verfallenden Haus den Glanz seiner barocken Vergangenheit wiedergegeben. Was er hinbrachte, wurde mit empfindsamer Hand eingefügt. Es war für ihn in späteren Jahren immer eine besondere Freude, wenn Sammler oder Kunsthistoriker das Schloss besichtigten und Ursprüngliches nicht mehr von dem unterscheiden konnten, was er hineinkomponiert hatte. (Auch meine Schwester durfte zu dieser Komposition beitragen. Sie war Malerin und Restauratorin, und Max Reinhardt betraute sie mit verschiedenen Aufgaben in Leopoldskron. Er wollte unterhalb der Fenster im Venezianischen Zimmer Blumenstücke haben. Das Deckenbild in diesem Raum mit Commedia-dell’arte-Figuren stammt ebenfalls von ihrer Hand. Für das Speisezimmer malte sie zwei Blumenstücke, die dort in Stuckrahmen eingelassen sind.)
In diesen frühen Jahren, unmittelbar nach dem Ankauf, trug Reinhardt die Vision dessen, was er aus dem leeren Haus machen wollte, bereits in sich. Auch diesen Traum hat er später verwirklicht: Kammermusik-Abende, Theatervorstellungen im Marmorsaal und im Gartentheater, Serenaden auf der Seeterrasse.
Die Einnahmen seiner Arbeitsjahre hat er in die Ausgestaltung dieses Hauses investiert. Wer wollte die Bilanz ziehen zwischen der schöpferischen Freude, die er dabei Jahre hindurch genoss, und der Sorgenlast, in die sich alles in den Jahren wirtschaftlichen und kulturellen Niederganges wandelte, bis zuletzt nur der unerfüllte Wunsch blieb, dem Moloch, zu dem dieser Besitz geworden war, zu entfliehen, sich der Schuldenlast durch Verkauf zu entledigen. Ungerechtfertigte Steuern, mit denen sein Berliner Theaterbesitz nach 1933 belastet worden war, um ihn der Regierung in die Hände zu spielen, hatten zu der Katastrophe beigetragen und im Zusammenhang damit auch seinen österreichischen Besitz bedroht. Schließlich beschlagnahmte die Gestapo im Juli 1938 Schloss Leopoldskron. Max Reinhardt nahm die Nachricht dieses Verlustes mit stoischer Ruhe auf. In einem Satz fasste er zusammen, was er dazu zu sagen hatte: »Ich habe es gehabt.«
Der Raub Leopoldskrons wurde nach der Einnahme von Salzburg durch die Amerikaner rückgängig gemacht. Max Reinhardt hat es nicht mehr erlebt.
»Jedermann«
Mitte April 1920 wurde von der Salzburger Festspielhausgemeinde feierlich beschlossen, trotz aller Ernährungsschwierigkeiten das »Sommerspiel« vorzubereiten. Man hatte sich entschlossen, auf das Schauspiel in einer Kirche zu verzichten und Reinhardts Vorschlag zu folgen, den Jedermann im Freien, auf dem Domplatz, aufzuführen. Fürsterzbischof Dr. lgnatius Rieder begrüßte dieses Vorhaben. Er schrieb am 21. Juli 1920 an Max Reinhardt:
Für das freundliche Schreiben do. 16. Juli ergebenst dankend, kann ich nur wiederholen, daß ich mich vom Herzen freue, wenn dieses tiefergreifende Spiel zur glücklichen Aufführung kommt; es wird einen mächtigen reinigenden Eindruck machen. Für alle Arbeiten, die Sie, hochgeehrter Herr, im Dienste idealer Zwecke machen, bestens dankend, bin ich
Ihr ganz ergebener
Dr. Ignaz Rieder
Fürsterzbischof von Salzburg
Als es dann im August tatsächlich dazu kam, schien sich zunächst alles gegen dieses Unterfangen zu verschwören: Unruhen in der Stadt und die Unsicherheit des Wetters, mit der man freilich in dem regenreichen Salzburg in bösen und in guten Zeiten immer rechnen musste. Max Reinhardt hat – zwanzig Jahre später – in Amerika in einem Brief geschrieben:
Die Salzburger Festspiele habe ich gegründet, als eine Hungerrevolte in der Stadt wütete und als man den Wein aus den Kellern des Hotel Europe auf die Bahnhofstraße laufen ließ. – Aber am Nachmittag brach die Sonne durch und die Leute saßen stramm auf dem Domplatz. Das ist freilich vorüber, aber es hat immerhin achtzehn Jahre gedauert, und die große Welt ist in die kleine Stadt gepilgert.
Alles, was in späteren Jahren so selbstverständlich schien, musste in diesem ersten Sommer geschaffen und erkämpft werden. Die Bühne auf dem Domplatz, die Tribünen für die Zuschauer, der Raum für Proben – in der Aula der alten Universität – die Verteilung der Schauspieler-Garderoben in die Häuser im Dombezirk, die Jedermann-Rufe von den Türmen der Stadt. In letzter Minute musste ein ansprechendes Programm für die Aufführung entworfen werden. Landeskonservator Eduard Hütter, ein fähiger Zeichner und Architekt, der auch für Reinhardt und die Festspiele tätig war, wurde mit dieser Aufgabe betraut. Aber er war in diesem ersten Festspielsommer so überanstrengt, dass ihm die Ausführung dieses Auftrags nicht leicht fiel. Ich hatte damals gerade Wilhelm Worringers »Altdeutsche Buchillustration« gelesen. Der Holzschnitt »Der reiche Narr und der Tod« aus Sebastian Brants »Narrenschiff« (Basel, Bergmann von Olpe, 1494) schien mir die Lösung des Programm-Problems zu bringen. So zeigte ich Hütter das Buch. Er sah die Reproduktion des Holzschnittes, und die Idee leuchtete ihm ein. Die Programmillustration für die erste Jedermann-Aufführung war gefunden. Eine große Erleichterung für Hütter und eine Freude für mich.
Reinhardt lag, begreiflicherweise, ungemein viel an dem Läuten der Kirchenglocken in entscheidenden Augenblicken der Aufführung. Es gab keinen Präzedenzfall dafür, und es schien hoffnungslos. Schließlich gelang es mir aber doch, es in seinem Namen bei den geistlichen Behörden durchzusetzen, und ich werde seinen Blick zu mir herüber nie vergessen, als bei der Premiere des Jedermann die Glocken zum ersten Mal zu läuten begannen.
Zum ersten Mal trat der Spielansager vor, und über die Stille der Menschen auf dem weiten Platz kam der Auftakt des » Spieles vom Sterben des reichen Mannes« –
zum ersten Mal die Stimme des Herrn von der Höhe des Domes, in seiner Zwiesprache mit dem Tod –
zum ersten Mal der Auftritt Moissis aus der Reihe der Zuschauer, wo er in dunklem Mantel gesessen hatte –
zum ersten Mal der Arme Nachbar; – Schuldknechts Weib, Tiny Senders, mit zwei Salzburger Kindern –
zum ersten Mal die vergnügten Fackelbuben, die in vielen Proben in der Aula vom Hilfsregisseur Richard Metzl abgerichtet worden waren – die Buhlschaft von Johanna Terwin, der Gattin Moissis – das Auftreten der Tischgesellschaft aus den Domarkaden, ihr marionettenhafter Tanz – die lange Tafel, und zum ersten Mal Moissis Erschauern vor der Ungeheuerlichkeit des Todes –
zum ersten Mal Krauß als Tod und als Teufel – den Hofmannsthal allerdings lieber von einem Komiker als von einem Charakterdarsteller gespielt haben wollte. Hofmannsthal hatte dies in einem an mich gerichteten Brief für Reinhardt, in dem es um Besetzungsfragen ging, ausführlich begründet. Er schrieb, dass ihn
…bezüglich der Besetzung von Jedermann alles befriedige bis auf den leidigen Punkt, daß nun abermals den Teufel ein Charakterspieler geben soll an Stelle eines Komikers; wenn auch ein sehr guter Charakterspieler, nämlich Krauß. Der Teufel ist nun aber einmal der Hanswurst, und gar in einer naiveren Sphäre, wie es das katholische und ländliche Salzburg ist, scheint mir alles darauf anzukommen, daß es in diesem Punkt stimmt. Die andere Figur, die unbedingt von einem Komiker gespielt werden müßte, ist der Dünne Vetter …
Zum ersten Mal Helene Thimig, die später den Glauben spielte, damals als Gute Werke, Dieterle, der Gute Gesell, Frieda Richard als Jedermanns Mutter – und dann der dunkle Leichenzug im Schatten des Domes, während Jedermanns Seele sich zum Himmel aufschwingt.
Zum ersten Mal die Jedermann-Rufe von den Türmen der Kirchen und, der erschütterndste von allen: der Jedermann-Ruf von der Festung, den der Wind geisterhaft herabtrug –
zum ersten Mal der Flug der Tauben, die, ihrem eigenen Stichwort folgend, unverhofft aus den Domtüren aufflogen, aber immer, so schien es, an einer Stelle des Dialoges, die ihrem Flug etwas Symbolisches gab –
zum ersten Mal das Spiel von Sonne und Wolken, von jähen Windstößen, die Todesschauer über die gebannte Menge der Zuschauer trugen –
zum ersten Mal die Dämmerung, die sich kühl über den Platz herabsenkte, so dass zuletzt nur noch die Türme des Domes im warmen Licht des Sonnenunterganges ragten. Leise vom Winde bewegt der gotische Faltenwurf des blauen Mantels des Glaubens, der aus der Dunkelheit des Domportales trat, die Engel – und schließlich der Jubel der himmlischen Chöre.
Zum ersten Mal Moissis erschütterndes Vaterunser.
Reinhardt saß in der Nähe des Fürsterzbischofs, dem in andächtigem Zuhören stille Tränen über die Wangen rollten. Als er Reinhardt nach der Vorstellung die Hand drückte, sagte er, dass diese Aufführung besser sei als eine Predigt.
So wurde am 22. August 1920 der Grundstein für ein wahres Festspiel gelegt, das, nach achtzehn triumphalen Jahren, die Okkupation Österreichs, Krieg und Nachkriegsnot überdauern sollte, um selbst heute noch weiterzubestehen.
Januskopf Salzburg
Die Stadt, in der ein Mozart geboren wurde und wirkte –
Die Stadt, deren Fürsterzbischof ein göttliches Genie, eben diesen Mozart, wie einen Dienstboten behandelte –
Die Stadt, über deren Bürger Mozart an seinen Vater 1779 den bitteren Satz schrieb: »Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß ich Salzburg und seine Einwohner – ich rede von geborenen Salzburgern – nicht leiden kann. Mir ist ihre Sprache, ihre Lebensart ganz unerträglich.«
Die Stadt, in der ein Kirchenfürst wie Fürsterzbischof Dr. lgnatius Rieder, ein reiner Mensch von überragendem Menschentum, das Genie Max Reinhardts erkannte und die Aufführung des Jedermann auf dem Domplatz ermöglichte.
Die Stadt, in der ein verbrecherischer Bombenanschlag auf eben dieses Genie in Schloss Leopoldskron den Auftakt bildete zur Vertreibung von Max Reinhardt und Arturo Toscanini.
Die Stadt, die unter der Ägide eben dieser beiden Genies viele Jahre hindurch während der Sommerwochen die herrlichsten Festspiele veranstaltet hatte, zu denen Menschen aus aller Herren Ländern pilgerten.
Die Stadt, die alljährlich am Tage nach Festspielschluss – eben dieser Festspiele, von deren Ertrag sie dann das Jahr über lebte – Künstler, Veranstalter und Publikum beschimpfte. Der ewige Kleinstadtkampf der »Dasigen« gegen die »Zug’roasten«.
Max Reinhardt kannte den Januskopf dieser Stadt, er gab sich keinen Illusionen hin. Ungetrübt davon bestand daneben, was er an Salzburg liebte: das Ewige, Unverwüstliche, das Österreichische. Die Landschaft, die uralte Kultur, die sich in den Gebäuden so herrlich offenbart. Er hat darüber geschrieben:
Hier wuchs nichts wie sonst zufällig. Ein mächtiger Baumeister hat die ganze Stadt gebaut. Wenig oder nichts verändert. Freudige prunkvolle Ekstase der Gebäude – die barocken Linien der Kirchen, Paläste und Häuser gegen die Höhen der Berge, die in den Himmel ragten – ist Musik.
Max Reinhardt verbrachte einen großen Teil des Sommers und Herbstes 1919 in Leopoldskron. Alles war damals im Werden: Haus, Garten, Landwirtschaft, vor allem aber die Festspiele. Max Reinhardts Plan, in Salzburg Festspiele zu veranstalten, reichte Jahre zurück. Unmittelbar vor dem Krieg war er durch das Obersthofmeister-Amt an den alten Kaiser mit dem Vorschlag herangetreten, Hellbrunn zu einem internationalen Festspiel-Zentrum zu machen. Der Erlös sollte den Invaliden zugute kommen. Der Ausbruch des Weltkrieges und der Tod des Kaisers erstickte dieses Projekt im Keim.
Eine Welt lag in Trümmern, aber den »Heimkehrer« Max Reinhardt umfing in dieser Landschaft, in dieser kulturumwitterten Stadt der alte Zauber mit erneuter Kraft. In Hofmannsthal zog er einen Mitarbeiter heran, einen Dichter, dessen Wissen und Weltklugheit den Plan förderten, schwerflüssige Verhandlungen ins Rollen brachten und der Reinhardts Begeisterung teilte. Klarer denn je hoben sich Ewigkeitswerte von dem düsteren Hintergrund dieser Jahre ab. Ein Kaiserreich war untergegangen, aber die unsterbliche Seele des Landes Österreich brannte wie eine Flamme in den Berufenen. In Weihnachtsspielen, in Calderons Welttheater, im alten Mysterienspiel des Jedermann sollte, was aus der Seele des Volkes geboren war, auferstehen und dem Volke wiedergegeben werden. Nicht einigen wenigen Bevorzugten, sondern Menschen aller Stände, aller Länder, in denen die Freude am Theater, an der Erhebung durch ein Schauspiel ruhte und der Erweckung harrte.
Im Herbst 1919 war es vor allem ein Weihnachtsspiel, das Max Reinhardt zu verwirklichen hoffte. Eine der ersten Aufgaben in dieser Zeit war es damals, die Erlaubnis zu erwirken, dieses Weihnachtsspiel in der Franziskanerkirche aufzuführen. Im geheimnisvollen Dunkel dieser frühen gotischen Kirche, umrahmt von den hohen Säulen, vor uralten Gittern, die Einfachheit des Halleiner Weihnachtsspieles – draußen die schneeklare Winternacht! Es sollte ein Auftakt zu den sommerlichen Festspielen sein. Die Verhandlungen waren überaus schwierig, aber schließlich gelang es, die Hindernisse zu überwinden, was Reinhardt ungemein beglückte.
Er war davon überzeugt, dass noch viele unbekannte Volksschauspiele in den Salzburger Bibliotheken zu entdecken sein müssten. Beim Zusammenstellen einer Bibliographie fand sich die Comedi vom Jüngsten Gericht in der weißkühlen staubduftenden Studienbibliothek. Der Gedanke an eine Bearbeitung und Inszenierung dieses Werkes beschäftigte ihn lange. 1755 zum ersten Mal in Altenmarkt bei Radstadt aufgeführt, hatte es in seiner Bitterkeit sehr viel Zeitgemäßes, das an das bestehende Nachkriegselend anknüpfte.
Reinhardt hörte um diese Zeit auch von einem sogenannten Herbergspiel, das in Oberndorf aufgeführt worden war. Man sagte ihm, dass Grundinger, ein Briefträger in Oberndorf, der im Nebenberuf Dichter und Direktor des Oberndorfer Heimattheaters war, den Text kenne, der nur in mündlicher Überlieferung existierte. Leider wusste Grundinger nur noch das Mittelstück … Da sein Beruf es ihm nicht gestattete, ein Gespräch in seinem Hause zu führen, musste man ihn beim Austragen der Briefe begleiten, während er rezitierte, was ihm noch im Gedächtnis war. Er hatte viel gelesen, geriet aber manchmal mit schwierigen Worten in Konflikt, wie etwa Wallensteins »Trikolore«. Verzweifelt versuchte ich, etwas von dem alten Herbergspiel festzuhalten, aber ich brachte nur die Erinnerung an eines der vielen Originale, die im Salzburgischen leben und noch etwas von der uralten Kultur überliefern, mit.
Reinhardt wollte alle bodenständigen Quellen ausschöpfen, denn es war ihm bewusst, wie tief verwurzelt das Theater in diesen bajuwarischen Ländern war. Da waren Paradeisspiele, die Spiele der Laufener Schiffer, das Fischerstechen, die Küfertänze, die schönen und die wilden Perchten, der Salzburger Hanswurst in den Hanswurstspielen, die durch alle Länder gingen. Im Steintheater von Hellbrunn waren ab 1615 Opern aufgeführt worden. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde im Park des Mirabellschlosses ein Heckentheater errichtet. Hieronymus Colloredo ließ 1775 aus dem alten Ballhaus ein Theater für siebenhundert Personen bauen, wo Shakespeare, Schiller, Goethe, Lessing und auch Opern aufgeführt wurden, und schließlich zog 1780 noch Schikaneder mit einer Truppe dort ein. Das Aulatheater in der Universität war schon seit 1623 der Mittelpunkt für die Barock-Theaterwelt Süddeutschlands. Reinhardt war tief ergriffen von der Tragödie der Passionsspiele und der Marienklagen. Immer wieder hatte er gehofft, vielleicht durch einen einheimischen Dichter, eine würdige bühnenmäßige Gestaltung dafür zu finden. Der gotischen Einfachheit Helene Thimigs wollte er damals den Monolog einer der erschütternden Marienklagen anvertrauen. Seine Liebe zu den Schöpfungen mittelalterlicher Kunst stand seiner Freude an Werken des Barock nicht nach. Frühe Musik, Dichtung, Bildhauerei, vor allem aber Gemälde, hatten für ihn eine magische Anziehungskraft. Im damaligen Herbst sah er zum ersten Mal die Bilder des Meisters von Großgmain, die in der kleinen Kirche von Großgmain, fast versteckt vor der Außenwelt, Jahrhunderte überdauert haben. Immer wieder fuhr er in dieses Dorf, um sie zu sehen. Bis an das Ende seines Lebens zog er sie als Beispiel heran, wenn er eine bestimmte Absicht im Zusammenhang mit einer frühen Dichtung dieser Epoche klarmachen wollte. Ein Bild von Bartholomäus Zeitblom, der Heilige Petrus, das er ein Jahr vorher erworben hatte, war für ihn eine dauernde Quelle der Freude. Es war ein Tafelgemälde, »– auf goldenem Grunde gemalt –«, in leuchtenden Farben. Im Arbeitszimmer Max Reinhardts hat es in den langen Stunden seiner nächtlichen Arbeit auf ihn herabgeschaut, und, wenn es so etwas gäbe, müsste dieses Bild geladen sein mit der Intensität seiner andächtigen Betrachtung. Als er später die Bibliothek in das Schloss einbaute, machte er dieses Bild zum Mittelpunkt des Raumes. Es wurde dem Kamin gegenüber mit seinem dunklen Rahmen in das warme Goldbraun der Holztäfelung eingefügt. Zu den ersten Erwerbungen dieser Jahre gehörte auch noch eine geschnitzte Holzfigur: König David.
Mittelalterliche Mystik, Kirchenmusik, die gregorianischen Gesänge der Nonnen im Stift Nonnberg haben Reinhardt stets aufs Neue angezogen.
»Der Cherubinische Wandersmann« des Spätmystikers Angelus Silesius gehörte zu den Schriften, die er immer wieder las und in dessen Einfachheit er sich vertiefte.
Die Aufführung von Goethes Urfaust im Herbst 1920 im Deutschen Theater mag von seinem damaligen Aufenthalt in Salzburg beeinflusst worden sein. In Helene Thimig hatte er ein Gretchen, das sich in den gotischen Rahmen dieser Inszenierung besonders gut fügte. Der Berliner Kritik aber war dieser Rahmen zu eng, die Einfachheit zu groß.
Es wurde Ende September. Dem Plan der weihnachtlichen Aufführungen stellten sich neue Schwierigkeiten entgegen. Reinhardt hatte damit gerechnet, dass Hugo von Hofmannsthal das Halleiner Weihnachtsspiel bearbeiten würde. Doch dieser befürchtete offenbar, dass das Salzburger Grosse Welttheater, an dem er arbeitete und dessen Aufführung ursprünglich bereits für den ersten Festspielsommer vorgesehen war, dadurch beeinträchtigt werden könnte. In einem Brief an den Dichter – einem der ersten, die ich aus Leopoldskron schrieb – ließ Reinhardt durch mich mitteilen:
Von seiner letzten Unterredung mit Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, hatte [Reinhardt] den Eindruck mitgenommen, daß Sie einverstanden seien, das Spiel zu bearbeiten. Ohne daß natürlich etwas Bindendes darüber gesagt worden wäre. Deshalb hatte er damals gleich mit den Herren von der Festspielhausgemeinde über das Projekt gesprochen, die es mit solcher Begeisterung aufnahmen, daß es schwer wäre, die Sache jetzt direkt abzusagen. Mißtrauen gegen die späteren Unternehmungen könnte daraus allzu leicht entstehen. Aber Herr Professor Reinhardt ist überzeugt davon, daß die Sache nicht mehr zustande kommt, wenn er sie von nun an nicht mehr mit starker Energie betreibt. Von der Lyrik des Weihnachtsspiels wäre das großangelegte Welttheater wohl nicht geschädigt worden, denn die Verschiedenheiten sind doch in jeder Hinsicht so groß, daß die Gefahr einer Kollision wohl nicht zu befürchten gewesen wäre … Durch die Aufführung dieses schönen Weihnachtsspiels hätten viele Körperschaften der Stadt herangezogen, interessiert werden können. Der Festspielsache wäre – vorläufig nur in Salzburg selbst – guter Boden bereitet worden, was unter den augenblicklichen Verhältnissen gewiß nicht unrichtig ist.
Schließlich betraute Reinhardt den österreichischen Dichter Max Mell mit der Aufgabe, das Spiel zu bearbeiten, und Hofmannsthal schrieb mir:
… kurz und gut, wenn die Wintersache zustande kommt, so werde ich ihr auch alle Teilnahme schenken und meinen Freund Max Mell so beraten, als ob ich selbst die Verantwortung dafür hätte. Bitte, verehrtes Fräulein, sagen Sie das noch Max Reinhardt.
Alfred Roller sollte die Dekorationen entwerfen, und Bernhard Paumgartner, ein besonderer Kenner bodenständiger, geistlicher Musik, übernahm die musikalische Ausgestaltung. Im Oktober fand sogar eine Probe in der Franziskanerkirche statt. Im Laufe späterer Verhandlungen war auch eine Aufführung im Salzburger Dom erwogen worden. Die Zeit drängte, und die Arbeit schritt zu langsam vorwärts. Als Mells Manuskript endlich nach Berlin an Max Reinhardt gesandt werden sollte, hatten sich die Verhältnisse in Österreich und Deutschland verhängnisvoll zugespitzt. Eine Verkehrs- und Postsperre wegen Kohlenmangels wirkte lähmend. Nur Entente-Züge durften noch verkehren. Das Weihnachtsspiel musste schließlich vom österreichischen Gesandten, Ludo Hartmann, persönlich nach Berlin mitgenommen werden, um überhaupt in Reinhardts Hände zu gelangen. Die Unmöglichkeit, Festspielgäste zu Weihnachten nach Salzburg zu befördern, in geheizten Zimmern unterzubringen, geschweige denn dort zu verköstigen (obwohl das ursprünglich sichergestellt erschien), brachte schließlich den schönen Plan zum Scheitern.
In den ersten Salzburger Herbstwochen hatte Max Reinhardt nicht nur das Weihnachtsspiel vorbereitet. Die Verhandlungen mit der Salzburger Festspielhausgemeinde griffen in die Zukunft. Reinhardt wusste, dass der Bau eines Festspielhauses eine Lebensnotwendigkeit sei. Nicht zuletzt wegen der Unbeständigkeit des Salzburger Klimas, denn Salzburg gehört zu den regenreichsten Städten der Welt. Die Erfahrung späterer Jahre hat das immer wieder bestätigt, und die Festspielhausgemeinde musste für den Jedermann alljährlich eine Regenversicherung abschließen. Zunächst wurde Reinhardts ursprüngliches Projekt im Hellbrunner Park erwogen, und dort wurde dann auch tatsächlich ein Grundstein gelegt. Helene Thimig beschreibt in ihrem Beitrag zu dem Buch »Hugo von Hofmannsthal, Die Gestalt des Dichters im Spiegel seiner Freunde«, wie Reinhardt beim Weggehen von der Grundsteinlegung zu ihr und Hofmannsthal gesagt habe: »So. Das kommt niemals zustande –« und dann erklärte, dass alles Bleibende aus einem Provisorium wachse, mit einem Wort, dass es nur ein Weiterbauen, Anbauen oder Umbauen gäbe. Wie er dann gleich von der großen Winterreitschule in Salzburg gesprochen und sie in das »provisorische« Festspielhaus umzugestalten begann. Der Umbau der Reitschule sollte es ermöglichen, die Aufführung des Jedermann auch bei Regen abzuhalten. In diesem Gespräch mit Hofmannsthal lag die Keimzelle alles Künftigen, wie es sich dann tatsächlich verwirklicht hat.
Reinhardt hatte der Festspielhausgemeinde Hans Poelzig als Architekten, der die ersten Entwürfe machen sollte, vorgeschlagen. Er kannte ihn als einen genialen Schöpfer, der sich in den barocken Geist der Stadt einfühlen würde. Neben ihm wurde dann noch der berühmte österreichische Architekt Josef Hoffmann zu dem Wettbewerb herangezogen. Ein Salzburger Architekt, den die Festspielhausgemeinde vorschlug, Wunibald Deininger, durfte ebenfalls einen Entwurf einreichen. Poelzig fuhr nach Salzburg, um sich zu orientieren. Seine Pläne und ein Modell wurden 1920, eine etwas vereinfachte Fassung dann 1921 unterbreitet, aber niemals ausgeführt. Sie werden vor der Nachwelt immer als eine grandiose Lösung eines Plans für ein barock-manieristisch anmutendes Festspielhaus bestehen.
Was Max Reinhardt prophezeit hatte, erfüllte sich: durch den Umbau des ehemaligen erzbischöflichen Hofmarstalles, den Wolf Dietrich 1607 erbaut hatte, wurde ein Provisorium geschaffen. Aus diesem Provisorium hat sich dann, in Jahren vielfacher Umbauten, Anbauten und Ausgestaltungen, das Festspielzentrum, wie es 1937 bestand – der letzte Festspielsommer, den Max Reinhardt in Salzburg verbrachte –, entwickelt. Die einzelnen Phasen dieser Entwicklung waren ungemein schwierig. Geldmangel, Inflation, politische Wirren, Kurzsichtigkeit und Neid lokaler Kreise, Bürokratismus und nicht zuletzt der langsame Trott des alten österreichischen Amtsschimmels mussten überwunden werden. Es war ein dorniger Weg, der ungezählte, meist fruchtlose Begehungen einschloss, die dann zumeist in ebenso fruchtlosen Sitzungen endeten. Dem Verständnis und dem Glauben einiger weniger Einsichtsvoller, vor allem aber auch dem Kunstrat (Max Reinhardt, Richard Strauss, Franz Schalk, Hugo von Hofmannsthal und Alfred Roller) ist es zu danken, dass Reinhardts Pläne verwirklicht werden konnten. Der Umbau des Hofmarstalles, zuerst dem Architekten Eduard Hütter anvertraut, von Bürgermeister Ing. Hildmann bis an die Grenzen der Aufopferung weitergeführt, wurde schließlich unter Landeshauptmann Dr. Franz Rehrl, den Reinhardt ungemein verehrte, vollendet. Durch die teilweise Überdachung wurde die unvergessliche Faust-Aufführung Max Reinhardts ermöglicht, nachdem die »Fauststadt« genau nach seinen Angaben und Entwürfen erbaut worden war. Ein bleibendes Zeugnis für das Allumfassende seines Genies, das nicht nur den Schauspieler, sondern auch Dichter, Musiker, Maler und nicht zuletzt Baumeister befruchtete.
In Erzbischof Dr. Ignatius Rieder hatte Reinhardt einen begeisterten, verständnisvollen Förderer, der zum Zustandekommen des Jedermann auf dem Domplatz entscheidend beitrug. In einer Zeit, in der engstirnigster Rassenhass sich bereits bedenklich verdichtete, erklärte er: »Ein guter Jude wie Reinhardt ist mir lieber als ein schlechter Christ.« Max Reinhardt sagte von ihm immer wieder: »Das ist ein Heiliger.«
Schlösser – Häuser – Wohnungen
In diese ersten längeren Aufenthalte in Salzburg fielen aber auch noch andere Pläne, die Reinhardt verfolgte. Er wollte seinen Bruder Edmund, von dem er sich nie lange trennte, in seiner Nähe haben. So suchte er für ihn einen kleinen Besitz, der Edmunds Lebensweise mehr entsprach als die Weitläufigkeit von Leopoldskron. Man erzählte ihm von einem kleinen Schloss Ursprung, auf einer Art Hochebene, oberhalb von Hallwang. An einem schwülen Tag fuhr er hinaus. Er wunderte sich über den merkwürdig grauen, bedeckten Himmel. »Schneeblüat«, sagte der Kutscher, während der Wagen auf der sanft ansteigenden Straße hinaufknarrte. Zwischen uralten Bäumen stand ein kleiner Bau, der Reinhardt entzückte. Einfaches, heiteres Barock. Innen watteauartige Sopraporten, alte Öfen und schöne Parkettböden, die Reinhardt später für die Ausgestaltung der Bibliothek in Leopoldskron erwerben konnte. Unter den mächtigen Bäumen stand ein barocker Steintisch, in den sich Reinhardt ebenfalls sofort verliebte. Erst viele Monate später, nach allerhand fruchtlosen Versuchen, gelang es, ihn vor dem Verfall dort oben zu retten und für Leopoldskron zu kaufen, wo er einen Ehrenplatz auf der »Zwergelwiese« erhielt.
Bei einer Jause unter den hohen Bäumen kam Reinhardt mit einem alten Bauern ins Gespräch, und der Kutscher stimmte in dessen Jammer über die schweren Zeitläufte ein. Über der Salzburger Ebene stiegen der Untersberg, der Hohe Göll und das feingestreckte Tennengebirge in den Abendhimmel Dieses Schloss Ursprung, der Ausblick über das gesegnete Land, die Stimmung dieses Spätherbstabends haben Reinhardt ebenfalls sein Leben hindurch begleitet. Es kam nicht zu dem Kauf, aber Schloss Ursprung blieb für ihn ein Begriff, an dem er im Lauf der Jahre immer wieder vieles maß.
Ein anderes Schloss noch hat Reinhardts Phantasie jahrelang beschäftigt: Kleßheim. Der unvollendete Prachtbau Fischer von Erlachs hatte etwas von einem verwunschenen Schloss. Eine Mauer umgab den ganzen Besitz; dunkel standen Baumgruppen in den moosigen Wiesen und im alten Fasangarten. Ludwig Viktor, ein Bruder des Kaisers Franz Joseph, war dort den größten Teil seines Lebens in einer Art Exil gewesen, wenn er auch offiziell immer wieder an verschiedenen Ereignissen in Salzburg teilnahm. So erinnerte sich Max. Reinhardt immer daran, dass Schauspieler bei Benefizvorstellungen goldene Dukaten vom Erzherzog erhielten. Die Einrichtung des Schlosses war eine Orgie in blau-weiß. An den Wänden der unwohnlichen Zimmer hingen zahllose Stiche und Photographien in Tannenholzrahmen. Am wertvollsten war das – ebenfalls blauweiße – Porzellan verschiedenster alter Marken. Das Ganze ein sonderbares Gemisch von Echtem und Geschmacksverirrungen, die für das Ende des 19. Jahrhunderts und besonders für habsburgische Schlösser dieser Epoche so charakteristisch sind.
Nun sollte dieser Besitz aufgelöst werden. In einem der Nebengebäude residierte der alte Baron Gautsch, in dessen Händen die Verwaltung des Schlosses lag. Auch er eines der zahlreichen Originale, mit denen gerade Salzburg so reich gesegnet war. Reinhardt, der damals nach Kleßheim fuhr, um alles zu besichtigen, interessierte diese altösterreichische Type nicht weniger als das E.-T.-A.-Hoffmann-Milieu, in dem sie wie eine unförmige Qualle herumschwamm. Er wurde niemals müde, Menschen zu beobachten, und wenn er seiner Sammlung eine neue Spezies hinzufügen konnte, war der Tag für ihn nicht verloren. Sein brennendes Interesse an Menschen war von Güte und Humor durchsetzt. Sein Gedächtnis für Physiognomien war unfehlbar. Er konnte sogar nach vielen Jahren noch rekonstruieren, wo er den Betreffenden gesehen hatte.
Reinhardt erwarb damals in Kleßheim keine Antiquitäten. Hingegen engagierte er im Lauf der nächsten Jahre einige der erzherzoglichen Angestellten für Leopoldskron. Unter ihnen war Franz, einstiger Kammerdiener und Vorleser Ludwig Viktors, vielleicht die interessanteste Erscheinung. Die Rolle, die er in Reinhardts Diensten spielte, war immer etwas chargiert. Auch er eine sonderbare Blüte in Reinhardts Menschensammlung. Sein Tod in Venedig war ein tragisches Ende dieses Kammerdieners par excellence. Was Reinhardt damals noch ganz besonders erschütterte, war das Sterben eines Menschen in dieser strahlenden Sonne, dieser unfasslich grausame Kontrast.
Im Lauf des Jahres sah Max Reinhardt Schloss Kleßheim immer wieder an, denn der Gedanke, es in das Festspielzentrum zu verwandeln oder Aufführungen dort zu veranstalten, tauchte stets aufs Neue auf. Erst dreizehn Jahre später, im August 1932, sollte sich dieser Traum, die Schönheit Kleßheims in eine Inszenierung zu verweben, verwirklichen: in einer der reizvollsten Sommernachtstraum-Aufführungen, einstudiert mit Schülern seines Wiener Schauspielseminars. Die Zuschauer wanderten von Schauplatz zu Schauplatz, Wiesen, Wald und Schloss spielten mit. Der große Prunksaal war der Rahmen für den letzten Akt, und ein unbeschreiblicher Zauber lag über dem Raum, als die letzten Worte Oberons in der Dämmerung verklangen. Schöner und würdiger hat sich Fischer von Erlachs Bau nie erfüllt als an diesem Abend.
Zu den Festspielprojekten in diesem Herbst 1919 gehörte auch der Plan, eine der Wiesenmulden auf dem Mönchsberg für den Bau eines Theaters zu benützen. Die amphitheatralische Form war gegeben und damit die Hoffnung, Baukosten zu verringern. Der Berg mit seinen sanften Wiesen, der Ausblick auf Stadt, Ebene und Berge, die herrlichen alten Bäume – alles schien dafür geschaffen, den Mönchsberg in einen Festspielberg zu verwandeln. »Es is’a freudigs Umanandschaun – « hieß es in einem alten Buch (über die Aussicht vom Mönchstein). »Begehungen« fanden statt, mit viel Kopfschütteln einschlägiger Behörden, Reden und »Anberaumen« von Sitzungen – manches schien auch Max Reinhardt, der den Mönchsberg liebte, einleuchtend, aber schließlich musste, aus vielerlei Gründen, doch von diesem Projekt abgesehen werden.
Reinhardt war immer auf der Suche nach alten Häusern oder kleinen barocken Schlössern. Anfangs war es eher ein Spiel, denn er hatte ja Leopoldskron und in Berlin die Wohnung im Schloss Bellevue, nachdem er vom Kupfergraben ausgezogen war. Als er Bellevue 1933 aufgeben musste, wurde die Wohnungssuche in Wien wirklich akut.
In den frühen Jahren seiner Tätigkeit in Wien war es gelungen, nach endlosen Verhandlungen mit den verzopften Behörden, ihm eine Wohnung in der Hofburg zu verschaffen. Zuerst auf der Adlerstiege, später auf der Zuckerbäckerstiege.
Der Traum, in Schönbrunn zu wohnen, wo er ja später in seinem Seminar im Schönbrunner Schlosstheater unterrichtete, hat sich nie erfüllt. Verhandlungen mit einem Wiener Anwalt, Dr. Dechant, wurden geführt. Reinhardt gab mir – es muss in den Jahren 1924/25 gewesen sein – in einem langen Brief, den ich an Dr. Dechant schreiben musste, die Unterlagen für eine Eingabe, die der Anwalt an das Bautenministerium und das Unterrichtsministerium richten sollte. Es geht daraus hervor, dass Reinhardt damals neben seiner Tätigkeit am Theater ein Filmunternehmen plante, das Amerikaner finanzieren würden. Er wollte in den staatlichen Schönbrunner Ateliers Filme mit einem Ensemble künstlerischer Kräfte und der Heranziehung österreichischer Dichter und Musiker ins Leben rufen. Richard Strauss hatte sich verpflichtet, die Musik für einen Film zu komponieren. Aber alles scheiterte an dem Bürokratismus der Behörden. Reinhardts Konzept für den Brief an Dr. Dechant lautete folgendermaßen:
Für die Eingabe an das Bautenministerium und das Unterrichtsministerium empfiehlt Prof. R. den ausdrücklichen Hinweis auf folgende Punkte: Schon im vergangenen Frühjahr ist ihm (auf besondere Verwendung des damaligen Vizekanzlers und Ministers Dr. Breisky, des Ministers Dr. Grünberger, des Präsidenten der Bundestheaterverwaltung Dr. Vetter u. a.) eine von ihm besichtigte Wohnung in Schönbrunn (rechtsseit. Trakt II. St.) mündlich und brieflich von den entscheidenden Instanzen bestimmt in Aussicht gestellt worden.
Prof. M. R. hat daraufhin alle Dispositionen für eine endgültige Übersiedlung seines gesamten Haushaltes von Berlin nach Wien getroffen. Leider ist die ihm zugesicherte Wohnung in der Folge einem anderen Reflektanten zugewiesen worden, der seine Ansprüche zwar viel später geltend machte, aber trotzdem bevorzugt werden mußte.
Die damals entstandene Mißlichkeit für Prof. R. wiegt um so schwerer, als einerseits auch alle anderen damals in Betracht kommenden Wohnungen inzwischen vergeben sind, andererseits vor allem deshalb, weil er bisher in Berlin (seit mehr als zwölf Jahren) ein von Friedrich dem Großen gebautes historisches Palais in nächster Nachbarschaft des Königl. Schlosses mit einem ganz großen Garten ausschließlich allein mit seiner Familie bewohnt hat.
Dieses dem Staat gehörende Palais wurde ihm für einen Anerkennungszins von ursprünglich zehntausend Mark pro Jahr, zuletzt fünfzehntausend p.a., überlassen, trotzdem Prof. R. niemals Staatsangestellter war. Die maßgebenden Stellen gingen bei diesem Entgegenkommen von der Erkenntnis aus, daß die Wirksamkeit des Prof. R. in besonderem Maße als in öffentlichem und allgemeinem Interesse gelegen zu betrachten sei, daß seine Tätigkeit im Ausland als die fruchtbarste Propaganda, im Inland als ein Kulturfaktor hohen Ranges und eine künstlerische Attraktion von Bedeutung zu bewerten sei. Diese Stellung wurde unter dem alten Regime eingenommen, unter dem neuen aufrechterhalten und auch in der Zeit der Wohnungsnot nicht verändert.
In viel bescheidenerem Umfang glaubt nun Prof. R. erwarten zu dürfen, daß ihm auch von den entscheidenden Behörden dieses Landes jenes Entgegenkommen erwiesen wird, das er bisher überall gefunden hat. Tatsächlich haben sich auch die Herren Minister, die sich bisher mit der Frage der Wohnungszuteilung befaßten, ohne weiteres entschieden auf diesen Standpunkt gestellt. Prof. R. ist in Wien geboren und erzogen worden, er ist seit 7 Jahren Besitzer von Schloß Leopoldskron bei Salzburg, wo er die internationalen Sommerfestspiele (ohne jeglichen Entgelt für seine Person) leitet, und ist im Begriffe, seine gesamte künstlerische Tätigkeit nach Wien zu verlegen.
In Betracht zu ziehen ist ferner auch der Umstand, daß Prof. R. besonders aus dem Grunde in Schönbrunn zu wohnen wünscht, weil er unter Benützung der dem Staate gehörenden Schönbr. Ateliers ein umfangreiches, von Amerikanern finanziertes Filmunternehmen ins Leben zu rufen gedenkt, das große, auf künstlerischer Basis stehende Lichtbildwerke (zum ersten Mal mit einem wirklichen Ensemble erster künstlerischer Kräfte, unter Heranziehung der österreichischen Dichter und wertvoller Musik – Richard Strauss hat sich z. B. verpflichtet, Musik dafür zu komponieren) ausführen will. Dieses Unternehmen würde die von der staatlichen Lichtbildstelle bisher angestrebte Propaganda in breiter Form und in wirkungsvollster Weise übernehmen können, denn das Niveau österreichischer Filmleistung vermag keinen Vergleich mit den ausländischen Filmen auszuhalten und steht auch der reichsdeutschen Arbeit auf diesem Gebiet erheblich nach. Wenn man dabei in Erwägung zieht, daß die Filmindustrie in Deutschland an dritter, in Amerika an fünfter Stelle unter allen Industrien steht, so ergibt sich ein Moment, das auch in wirtschaftlicher Beziehung in die Waagschale fällt und alle Förderung verdient.
Was nun die angeforderten Räume selbst anbelangt, so sind sie auf die persönliche Anregung des Herrn Ministers für Bauten etc. Dr. Kraft (?) besichtigt und als nunmehr einzig übriggebliebene Wohnung gewählt worden. Sie entspricht im wesentlichen genau der korrespondierenden Wohnung im Südwesttrakt von Schönbrunn, die dem Fabrikanten M? … zugewiesen wurde, und bedarf ganz gewiß des Denkmalschutzes in keinem höheren Maße als diese, die nicht nur geräumiger, sondern auch um vieles reicher und schöner ist. Augenblicklich dient die in Frage stehende Wohnung, die sich in demselben Trakte wie die Räume der Kinderfreunde befindet, der Aufbewahrung von Betten, Matratzen und anderem Gerät des täglichen Haushalts.
Da Prof. R. beruflich gezwungen ist, einen Teil des Jahres im Ausland zu verbringen, in den Sommermonaten mit seiner Familie auf seiner Besitzung in Leopoldskron lebt, ist überdies die Gefahr einer Abnutzung durch Verwohnen auf ein kaum nennbares Minimum beschränkt. Dazu kommt, daß Prof. R. aus Leopoldskron, das er in furchtbarer Verwahrlosung und Baufälligkeit übernommen hat, eine Sehenswürdigkeit für Kenner gemacht hat und das Schloß, wie der Landeskonservator von Salzburg, Dr. Hütter, der Direktor des Kunstgewerbemuseums, Hofrat Prof. Roller, und der Geheimrat(?) Dr. Erhardt ohne weiteres bezeugen werden, mit strengster wissenschaftlicher Wahrung der historischen Denkmalwerte erhält und konserviert, also nach der ausdrücklich geäußerten Meinung dieser und anderer Fachleute als der beste Custode jeder Wohnung angesprochen werden darf. Die auf beiliegendem Plan besonders bezeichneten Parterreräume in Schönbrunn stellen einen zusammenhängenden, in sich geschlossenen Complex dar, der mit Leichtigkeit gegen die nach dem Park gehenden Vorderzimmer entsprechend abzumauern ist. Die Wohnung hat einen eigenen Zugang vom Hofe aus, schließt eine bereits vorhandene Küche in sich ein, sie genügt gerade mit ihren fünf heizbaren Wohnräumen, den entsprechenden Nebenräumen und Korridoren den Ansprüchen einer fünfköpfigen Familie mit Dienerschaft und entspricht auch gewissen repräsentativen Anforderungen, die der Person des Mieters auferlegt sind. Durch die vom Minister für Bauten etc. selbst angeregte Zuteilung dieser heute als provisorisches Magazin benützten Wohnung würde es Prof. R. nach langem Harren endlich ermöglicht sein, die geplanten künstlerischen und privaten Dispositionen zur Ausführung zu bringen, und die p.p. Behörden ihrerseits würden damit nicht nur eine durch Zusicherungen eingegangene Verpflichtung erfüllen, sie hätten auch die Gewissheit, durch eine individuelle Behandlung des vorliegenden Falles, keinem Unwürdigen entgegenzukommen und die ihm anvertrauten Räume in die denkbar beste Hut und Pflege zu geben.
1934 suchte Reinhardt ein Standquartier in Wien, nicht nur, weil er des Wohnens in Hotels überdrüssig war, sondern auch, weil damals schon die Geldschwierigkeiten begannen, die sich bis zum Jahr 1937 immer mehr steigern sollten.
Eine Zeitlang dachte Reinhardt an einen kleinen Hof in Grinzing. Zahllose andere Häuser wurden besichtigt, die ihm zum Teil angeboten wurden: das Gomperzhaus, die Villa Bunzel, die Karpeles-Villa auf der Hohen Warte, aber auch das Pötzleinsdorfer Schloss, Schloss Hetzendorf, das Palais Rainer, das DeTornahaus in der Argentinierstraße, das Hertzhaus im Kaasgraben und viele andere Wohnungen. Im Heiligenkreuzerhof in Wien hatte das Ehepaar Coudenhove-Roland eine entzückende Wohnung. Sie waren nicht vollkommen entschlossen, sie aufzugeben, aber ich durfte sie anschauen, als sie erfuhren, dass Reinhardt dafür Interesse hätte. Es wurde aber nichts aus all diesen Plänen, und Reinhardt wohnte bis zuletzt in Hotels, auch am Cobenzl, abgesehen von einer kurzen Zeit, die er im Hause von Hugo Thimig verbrachte.
Selbst kurz vor seinem Tode in Amerika, als seine pekuniären Verhältnisse auf dem größten Tiefstand seines Lebens waren, sah er sich noch bei New York Häuser an, beschrieb sie in langen Telegrammen und Briefen und verschloss sich dem Gedanken, dass es hoffnungslose Träume seien.
Inszenierung Leopoldskron
Der Abschied von Salzburg fiel Max Reinhardt immer schwer. Er beneidete jeden, der nach dem Sommer noch dort bleiben konnte. Das Ausgestalten von Leopoldskron war eine Inszenierung, die nicht wie bei einem Stück in einem Regiebuch zusammengefasst werden konnte. Zwei Jahrzehnte lang hat er an dieser Inszenierung gearbeitet. Sie wuchs wie eine Pflanze und trieb bis zuletzt immer neue Blüten. So glichen die Weisungen, die er vor jeder Abreise zurückließ, die Briefe, die er dann noch schrieb, Regiebemerkungen. Sie waren bis ins letzte durchdacht. Meist in der Nacht vor der Abreise geschrieben. Diese Nacht zog sich fast immer bis in die frühen Morgenstunden. Es war die letzte Möglichkeit, längst Geplantes noch festzuhalten, in konzentrierter Form Dinge zu besprechen, die, bis dahin hinausgeschoben, der Erledigung harrten.
Reinhardt saß dann – inmitten von Reisetaschen und Koffern – in seinem damaligen Arbeitszimmer, bei seinem großen Schreibtisch, auf dem sich Bücher, Manuskripte und Mappen türmten. Ihm gegenüber der wundervolle alte Sakristeischrank, der aus Firmians Zeiten stammte. In der Zimmerecke einer der kostbaren farbigen barocken Kachelöfen, die zum besonderen Schmuck der großen Zimmer von Leopoldskron gehörten. Launische Prunkstücke, von Wind und Wetter abhängig: föhnige Luft oder Sturm drückte den Rauch durch die weiten Kamine zurück, und dieser bläuliche Dunst, der Geruch der ungeheuren Holzscheite (die Öfen mussten von außen geheizt werden) ist mit diesen frühen Zeiten, in denen das Schloss noch keine Zentralheizung hatte, untrennbar verwoben. Reinhardts Weisungen für die kommenden Monate hatten eine große Spannweite. Sie umfassten das Schloss, die Handwerker, die darin arbeiteten, den Garten, vor allem aber auch die uralten Orangen- und Zitronenbäume, die aus der Orangerie des Schlosses Schönbrunn stammten.
Schönbrunn unterstand nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie von 1918 mit seinen Gärten dem Ministerium. Reinhardt hatte durch einen Zufall erfahren, dass diese Bäume (manche waren über hundert Jahre alt) verkauft werden müssten, da es dem Staat in der Nachkriegszeit unmöglich sei, das Heizmaterial aufzutreiben, um sie in strengen Wintern vor Kälte zu schützen. Es war eine einmalige Gelegenheit, solche wertvollen, gepflegten Bäume zu erwerben, und Reinhardt nahm sie unverzüglich wahr. Die Entscheidung musste sehr schnell erfolgen, da Präsident Masaryk ebenfalls Orangenbäume kaufen wollte. Ich fuhr damals auch nach Schloss Laxenburg, um zu ergründen, ob vielleicht dort Bäume zu günstigeren Bedingungen abgegeben werden könnten. Aber es blieb bei Schönbrunn. Ich kaufte 21 Orangenbäume, die 70 Jahre alt waren, und sechs zweieinhalb Meter hohe Bäume um 15.200 Kronen. Außerdem einige vier bis fünf Meter hohe Bäume mit einem Durchmesser von zwei Metern. In späteren Jahren wäre es schwer gewesen, sich die Terrasse zum See hin ohne diese duftenden Bäume in ihren großen Holzkübeln vorzustellen.
Der Transport von Wien nach Salzburg war nicht einfach. 1898 hatte der letzte ähnliche Transport von Orangenbäumen nach Ischl und Gmunden (anlässlich der Verlobung einer Erzherzogin) stattgefunden. Ein Angestellter, der ihn geleitet hatte, konnte die besten Ratschläge für das schwierige Unternehmen geben. Ein Schönbrunner Gärtner fuhr auf dem Loriwagen mit und instruierte dann den Gärtner in Leopoldskron in allem, was die Pflege dieser Bäume anlangte. Die Sorge um die Orangen- und Zitronenbäume kehrte in allen Reinhardtschen Briefen im Laufe der Jahre immer wieder:
Die Orangenbäume sind (nach Anordnung des Gärtners) noch einmal (bei gutem warmen Wetter) auf die Terrasse zu stellen, später in dem besprochenen Eckzimmer, nach Weisung des Gärtners aufzustellen und die Blätter sorgfältig und sachgemäß zu putzen. Das Zimmer soll später schwach geheizt und dauernd etwas temperiert gehalten werden.
Das Überwintern in den Parterreräumen des Schlosses, das Putzen der Blätter, das Regulieren der Temperatur – mitten in Probenarbeit, Direktionssorgen, auf Tourneen: allgegenwärtig, gleichsam im Terzenschritt, begleitete die Welt von Leopoldskron, dieses kleine Reich seiner Phantasie und der Erfüllung so vieler heißer Träume, sein übriges großes Leben. Zum Beispiel beschäftigte ihn der Gedanke, die Halle im Erdgeschoß des Schlosses noch besonders auszugestalten. Die Leere der Wände oberhalb der beiden Kamine missfiel ihm. Er hatte in Wien, in der Bäckerstraße, an der Fassade eines uralten Hauses eine barocke Madonna gesehen, die ihm wie geschaffen dafür schien, in einer Nische oberhalb des einen Kamins angebracht zu werden. So beauftragte er mich, den Kunsthändler Nebehay in Wien aufzusuchen und ihn zu bitten, die Madonna zu erwerben. Wie es sich herausstellte, hatte das Haus, dessen Eingang sie zierte, einen üblen Ruf. Eine groteske Tatsache, die Reinhardt später oft seinen Gästen erzählte. Die Verhandlungen mit Nebehay zogen sich lange hin, aber schließlich gelang es ihm, die entzückende Statue für Reinhardt zu erwerben. Reinhardt entwarf selbst die Nische, in der sie oberhalb des Kamins ihren Platz finden sollte. Der bewährte alte Salzburger Stukkateur Strasser führte Reinhardts Entwurf aus. Niemand, der die »Freudenhaus-Madonna« dort sah, ahnte, dass sie nicht seit der Erbauung des Schlosses durch den Fürsterzbischof Firmian dort gestanden habe.
In diese ersten Zeiten in Salzburg fiel auch die Suche nach Steinfiguren für den Park. Es begann mit den Seepferden, die heute noch am Seeufer vor dem Schloss stehen. Reinhardt hatte sie in Seewalchen gesehen und wollte sie erwerben. Die Verhandlungen mit dem Besitzer, der sich von den Skulpturen nicht trennen wollte, waren schwierig. Der Transport nach Salzburg musste mit allen Vorsichtsmaßnahmen bewerkstelligt werden, um das Moos, das den Seepferden einen besonderen Reiz verlieh, nicht zu gefährden. Fundamente und eine Treppe zum See hinunter wurden beim Baumeister bestellt, der sie genau nach den Angaben Reinhardts ausführte. Dann begann das Aufspüren der Zwergeln. Diese grotesken barocken Sandsteinfiguren standen ursprünglich im Zwergelgarten von Schloss Mirabell. Eine Erzherzogin, die Angst hatte, sich während ihrer Schwangerschaft zu »verschauen«, veranlasste ihre Entfernung. So wurden diese Figuren in alle Winde verstreut und gingen vielfach in Privatbesitz über. Es war keine leichte Aufgabe, sie wieder ausfindig zu machen und dann die Besitzer zu bewegen, sich davon zu trennen. Meistens waren es selbst schrullenhafte ältere Menschen, die sich in die verschrobenen Figuren verliebt hatten, mit denen sie ein geheimes Band zu verknüpfen schien. Im Park von Leopoldskron entstand eine »Zwergelwiese«, auf der die lange getrennten phantastischen Gestalten sich nun wieder zusammenfanden. Manche hatten Lanzen, andere alte Laternen, und Reinhardt ruhte nicht, ehe ihnen alle diese Attribute (die von den Besitzern oft gering geachtet wurden) wiedergegeben worden waren. Da standen sie nun im Schatten der Thujen, besonders geheimnisvoll in feuchtnebligen Mondscheinnächten, als Teil eines Reinhardtschen Sommernachtstraumes.
Die Ausgestaltung des Parkes war in diesen ersten Jahren eine der Hauptsorgen Max Reinhardts. Eine Sorge, der er sich mit viel Freude und leidenschaftlicher Ungeduld hingab. Versumpftes, verwildertes Terrain umgab damals das Schloss. Zunächst musste eine Allee geschaffen werden, die zu dem Teich führte, in dem im nächsten Jahr – als point de vue – eine große barocke Herkulesstatue aufgestellt wurde. Diese stand ursprünglich vor dem Arenberg-Schloss, das damals von Hermann Bahr bewohnt wurde, und schien wie geschaffen für eine kleine Insel in einem Teich im Park von Leopoldskron. Nach langen Verhandlungen gelang es mir, sie zu erwerben. Was mir diesen Kauf erschwerte, war der Zwiespalt zwischen meiner Freundschaft mit Bahr, dem ich damit etwas raubte, was er aus seinen Fenstern sah, und der Wunsch, Reinhardts Traum zu erfüllen. Der Abtransport der Herkulesstatue hatte etwas von einem Kondukt. Die Figur wurde auf einen langen Lastwagen verladen, den »unsere« Ochsen zogen. Ich ging, einer Leidtragenden gleich, im Ochsenschritt, den ganzen Weg von Parsch nach Leopoldskron, hinter dem Wagen her. Der Herkules wurde auf der Teichinsel im Park aufgestellt. Als Bahr und Anna Bahr-Mildenburg später kamen, um sich die Statue auf ihrem neuen Standort anzusehen, waren sie entzückt und verziehen den Raub.
Bäume und Sträucher mussten gepflanzt werden, und innerhalb der folgenden Jahre wurde die Konglomeratmauer gebaut, die den ganzen Besitz umgab und heute ebenfalls nicht mehr wegzudenken wäre. In dem Obergärtner Köpl fand Reinhardt einen treuen, überaus fähigen und verständnisvollen Mitarbeiter, der alle seine Wünsche zu erfüllen trachtete. Nur eines vermochte er nicht: das Wachstum jung gepflanzter Bäume zu beschleunigen! Es wurde zu einer großen Geduldprobe für Reinhardt, dem das endgültige Bild des Geplanten vorschwebte.
Nicht allein die Erfüllung eines Wunsches war bei Reinhardt ausschlaggebend, sondern auch die Geschwindigkeit, mit der dies geschah. Ob es sich um die Erlaubnis von Behörden handelte, irgendeinen sonst unzugänglichen Raum, eine Straße zu benützen, die abgesperrt werden musste, eine bestimmte Antiquität zu erwerben, ein Konzert in Leopoldskron in letzter Stunde zustande zu bringen oder – an einem Weihnachtsabend – Lämmer für seine damals noch kleinen Söhne zu kaufen und nach Leopoldskron zu bringen … Dieser Gedanke kam ihm spät am Nachmittag im Café Tomaselli, wo jede Expedition in Salzburg endete. Sein Vertrauen, dass es an diesem Weihnachtsabend noch gelingen müsse, war unwiderstehlich. Und es gelang: der »Petererhof«, dem Stift St. Peter gehörig, lag etwas außerhalb der Stadt. Der »Moar« war überrascht, als so spät am Nachmittag ein Einspänner über Schnee und vereiste Straßen durch die Winterdämmerung geholpert kam und bei ihm vorfuhr. Kopfschüttelnd ging er aber trotzdem in den warmen Stall und verkaufte mir zwei seiner Lämmer. Diese unruhige Last wurde unter dem Spritzleder des halboffenen Wagens zu meinen Füßen verstaut und nach Leopoldskron verfrachtet. Reinhardt freute sich, fand es aber vollkommen selbstverständlich, dass das scheinbar Unmögliche in dieser kurzen Zeit gelungen war – und die Kinder bekamen ihre Lämmer …
Reinhardt liebte Tiere. Er wurde nicht müde, sie zu beobachten, mit ihnen zu spielen. Eine besondere Freude waren für ihn exotische Vögel. » … aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen!«, das war sein Stoßseufzer bei einem Telefongespräch, in dem ich mich von Reinhardt verabschiedete, als er mich nach Cuxhaven schickte, um Lillian Gish abzuholen. Vorher sollte ich zu Hagenbeck in Stellingen bei Hamburg gehen, um Vögel für seinen Tierpark in Leopoldskron zu kaufen. Die chinesischen Nachtigallen waren ihm in diesem Augenblick zum mindesten ebenso wichtig wie die Ankunft des amerikanischen Filmstars.
Viele Tiere wurden im Laufe der Jahre nach Leopoldskron gebracht. Da waren in einem barocken Pavillon drei Pelikane, über deren gravitätischen Ernst er immer wieder lachen konnte. Befrackte Herren einer Varieténummer, in einem langsamen Pas de trois, vollkommen aufeinander abgestimmt. Kraniche und Kronenreiher führten ein bewegteres Leben. Sie tanzten! Reinhardt konnte einen von ihnen, der besonders an ihm hing, durch Armschwenken und Zurufen zu einer Leidenschaft der Bewegungen steigern, die an afrikanische Tänzer erinnerte. Und dann die Flamingos: eine rosige Wolke, zartgetönt, feingliedrig, immer in Gruppen, zurückhaltend und von einer eigenartigen Schönheit.
Der Herkulesteich gehörte den weißen und den schwarzen Schwänen, während Mandarinenten und andere kleinere Enten auf sumpfigen Kanälen schwammen. In Volieren wurden Wellensittiche gezüchtet. Sie teilten ihre Käfige mit Reisvögeln, chinesischen Nachtigallen und vielen kleinen bunten Vögeln. Raimund von Hofmannsthal hatte von einer Weltreise zwei Affen mitgebracht und sie Reinhardt für seinen Tiergarten geschenkt. Sie bewohnten ein Glashaus, wo Reinhardt sie oft besuchte und fütterte.
Ein Morgenspaziergang durch den Park, zu den Tieren, bis zur barocken Nepomukstatue am äußersten Ende seines Besitzes, war die einzige Erholung, die sich Reinhardt während der Festspiele gönnte. Aber nur selten vermochte er mit Helene Thimig diese kurze Stunde ungestört zu genießen: Ferngespräche, Telegramme, dringende Anfragen zwangen ihn nur allzuoft, halb laufend zum Schloss zurückzukehren. Von diesem Augenblick an war er dann hoffnungslos an den neuen Tag verloren, im Netz der Festspiele eingefangen. Doch der Garten klang nach, das Haus klang nach.
In späteren Jahren hatte er sich allerdings noch eine Zuflucht geschaffen: das Sonnenbad auf dem Dach des Schlosses. Ein Lift war eingebaut worden, der ihn aus seiner Wohnung hinauftrug. Da die Arbeitsleistung, die ihm während der Festspiele auferlegt war, alljährlich immer größere Dimensionen annahm, konnte sie nur noch in angestrengter Nachtarbeit bewältigt werden. So gönnte sich Reinhardt, wenn Zeit für einen Spaziergang fehlte, dann wenigstens eine kurze Atempause im Sonnenbad, wo er frühstücken, lesen und wieder arbeiten konnte.
Leopoldskron war für ihn wie ein Instrument, aus dem er die vielfältigsten Tonschwingungen hervorzaubern konnte. Die großen festlichen Abende rauschten vorbei, bis ins letzte wie Schauspiele inszeniert, und doch Improvisationen, weil Menschen darin agierten, deren Dialog sich nicht auf geschriebene Rollen stützte. Wie in der Commedia dell’arte spielte jeder seinen Part, und Max Reinhardt, der einzigartige Menschenkenner, wusste und erfühlte, was jeder einzelne Vertreter einer bestimmten Menschengattung zu sagen hatte und wie er es ausdrücken würde. Er schaute in dieses Kaleidoskop, freute sich daran und lauschte, unersättlich in seinem Trieb, die menschliche Seele zu ergründen, immer tiefer in sie einzudringen.
Ein Gedicht Richard Beer-Hofmanns, in ein Fremdenbuch geschrieben, das er 1923 Max Reinhardt schenkte, klingt einer Fanfare gleich in die Zukunft, die damals vor ihm lag:
Leopoldskron
Geschwundener Geschlechter stolze Wiege –
Der Dich erbaut, war Tausenden Dynast,
Die in Dir wurden, wuchsen, westen
Fern, fremd war ihnen Menschenmüh’ – und Last.
Hoch schwang ihr Weg sich! Drunten tief die Menge –
Sie selbst erlesen, irdisch, auserwählt
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