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GÜNTER HUTH
Todwald
GÜNTER HUTH
Todwald
Der Spessart tötet leise
Ein Simon Kerner Thriller


Günter Huth wurde 1949 in Würzburg geboren und lebt seitdem in seiner Geburtsstadt. Er kann sich nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben. Er war von Beruf Rechtspfleger (Fachjurist), ist verheiratet und hat drei Kinder. Seit 1975 schreibt er in erster Linie Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher aus dem Hunde- und Jagdbereich. Außerdem hat er bisher Hunderte Kurzerzählungen veröffentlicht. In den letzten Jahren hat er sich vermehrt dem Genre Krimi zugewandt und in diesem Zusammenhang einige Kriminalerzählungen veröffentlicht. 2003 kam ihm die Idee für einen Würzburger Regionalkrimi. »Der Schoppenfetzer« war geboren. Diese Reihe hat sich mittlerweile als erfolgreiche Serie in Mainfranken und zwischenzeitlich auch im außerbayerischen »Ausland« etabliert. 2013 ist der erste Band der Simon-Kerner-Reihe mit dem Titel »Blutiger Spessart« erschienen. Der Autor ist Mitglied der Kriminalschriftstellervereinigung »Das Syndikat«. Seit 2013 widmet er sich beruflich dem Schreiben.
Die Handlung und die handelnden Personen dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.
»Die Organtransplantationen schaffen verzwickte theologische Probleme für den Tag der Auferstehung.«
Gerard Hartley
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Epilog
Prolog
Er schwebte in absoluter Dunkelheit. Das Bewusstsein der eigenen Existenz kehrte nur sehr langsam zurück. Für eine nicht messbare Zeit empfand er sich in einem angenehmen körperlosen Schwebezustand, der ihm das unbestimmte Gefühl von Wärme und Geborgenheit suggerierte. Zögerlich, fast widerwillig, fand er in die Gegenwart zurück. Sein erstes reales Empfinden war höchst unangenehm und dominierte schlagartig seine übrigen Wahrnehmungen: Seine Zunge war geschwollen und fühlte sich wie ein Fremdkörper an. Er kannte diese sandige Trockenheit und den damit verbundenen ekelhaften Geschmack zur Genüge. Schon viele Male war er nach einem Alkoholexzess so aufgewacht. Er schluckte hart. Es dauerte etwas, bis er so viel Speichel gesammelt hatte, dass das Schlucken einigermaßen schmerzfrei geschah.
Mühsam öffnete er die Augen. Er erschrak zutiefst. Seine Wahrnehmung veränderte sich nicht! Mehrmals hintereinander senkte und hob er die Augenlider, aber die völlige Dunkelheit blieb. War er erblindet? Hastig wollte er sich mit der Hand über die Augen fahren. Aber das war nicht möglich! Es dauerte einige Zeit, bis er begriff. Seine Hände waren fixiert, unverrückbar festgebunden. Jetzt spürte er auch seinen übrigen Körper. Er musste nackt sein, denn seine Haut hatte direkten Kontakt mit der glatten, kühlen, aber nicht harten Unterlage, auf der er festgeschnallt war. Deutlich fühlte er mehrere über seinen Körper gespannte breite Bänder, die so gut wie keine Bewegungen zuließen. Die Arme waren an seiner Seite fixiert. Lediglich den Kopf konnte er etwas hin und her bewegen. Die wohlig warme Geborgenheit verflüchtigte sich. Mit seinen frei beweglichen Fingerspitzen berührte er die nackte Haut seines Oberschenkels. Er war teilweise mit einem Tuch zugedeckt.
Langsam kroch Panik in ihm hoch. Was war mit ihm geschehen? Wo befand er sich? Er öffnete den Mund und gab einige krächzende Laute von sich. Das Ergebnis war ein trockener Husten, der seinen Brustkorb erschütterte. Er wollte tief Atem holen, doch das wurde durch den unnachgiebigen Brustgurt erschwert. Für einen Moment hatte er das schlimme Gefühl, ersticken zu müssen.
»Hallo …«, krächzte er kläglich. Dann lauter: »Hallo, ist da jemand?«
Das Geräusch einer sich öffnenden Tür fiel mit dem Aufflammen mehrerer greller Neonlampen zusammen, deren Licht wie Blitze auf seine Netzhaut traf und ihn zwang, geblendet die Augen zu schließen.
Er hörte harte Schritte, die sich ihm näherten. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er den Menschen zu erkennen, der sich jetzt über ihn beugte.
»Bitte … bitte …«, stammelte er. »Was ist …?«
Die blonde Frau, deren Gesicht hinter einer Schutzmaske verborgen war, blieb neben ihm stehen und musterte ihn aus kalten Augen. Jetzt sah er, dass sie einen weißen Kittel trug. War sie eine Ärztin?
»Bitte, wo bin ich? Was geschieht mit mir?« Die trockenen Stimmbänder versagten ihm fast den Dienst. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Die Angst trieb seinen Blutdruck in die Höhe. Neben ihm begann ein Kontrollgerät im Rhythmus seines rasenden Herzens zu piepsen.
Die Frau zeigte keinerlei Reaktion auf seine Fragen. Langsam griff sie in ihre Kitteltasche und holte eine aufgezogene Spritze hervor. Ohne ein Wort der Erklärung schob sie das Tuch vom Arm des Gefesselten und trieb die Nadel in einen Zugang, den er an seinem Handrücken erkennen konnte. Gleichmäßig, ohne Hast, drückte die Frau den Kolben herunter und die klare Flüssigkeit in der Spritze gelangte in seinen Blutkreislauf. Alle seine Abwehrversuche wurden von den Fesseln unterbunden. Die Frau blieb stehen und beobachtete über den Monitor des Kontrollgeräts wortlos, wie das Medikament wirkte.
Die Betäubung kam wie eine heftige Welle und schwemmte jegliche Gedanken weg. Das Letzte, was er spürte, war die Rückkehr eines unbestimmten Gefühls von Wärme und Geborgenheit.
1 
Dr. Simon Kerner, Direktor des Amtsgerichts Gemünden am Main und in dieser Eigenschaft auch Vorsitzender des Schöffengerichts dieser Behörde, sah leicht verärgert auf seine Armbanduhr. Es war zehn Uhr zwölf. Die Protagonisten des Prozesses gegen Georg Habermann wegen Verdachts des Raubes, der Staatsanwalt, die Schöffen, der Angeklagte und die Zeugen, waren alle versammelt und saßen auf ihren Plätzen. Auch einige Zuschauer dieser öffentlichen Strafsitzung warteten auf den Prozessbeginn. Dieser war für zehn Uhr angesetzt gewesen.
Der Angeklagte, ein eher schmächtiger Mann von achtundzwanzig Jahren, der in seinem billigen grauen Anzug wie verkleidet aussah, saß etwas verloren auf der Anklagebank. Nervös fuhr er sich zum wiederholten Male mit der Hand über sein pomadisiertes Haar. Seine Augen in dem schmalen, blassen Gesicht streiften ständig den Eingang des Sitzungssaals. Sie suchten nach seinem Verteidiger, der als einziger Prozessbeteiligter bisher noch nicht aufgetaucht war.
»Frau Wetterstein, gehen Sie doch bitte mal raus und erkundigen Sie sich bei der Pforte, ob Rechtsanwalt Schnitter bereits im Hause ist. Sollte das nicht der Fall sein, dann rufen Sie bitte in seiner Kanzlei an und fragen Sie nach, wo er bleibt.«
Die angesprochene Protokollführerin nickte und erhob sich von ihrem Platz am Kopf des Richtertisches. Mit fliegender Amtsrobe eilte sie hinaus. Kerner wandte sich an die Menschen im Sitzungssaal.
»Tut mir leid, meine Damen und Herren, aber ich werde den Beginn der Sitzung um fünfzehn Minuten verschieben. Ich möchte diesen Strafprozess, wenn irgend möglich, heute zu Ende bringen. Herr Staatsanwalt, meine Herren Schöffen, wir warten am besten oben in meinem Dienstzimmer. Meine Sekretärin wird Ihnen gerne einen Kaffee anbieten.«
Der Vertreter der Staatsanwaltschaft sowie die beiden Laienrichter und Kerner erhoben sich und verließen den Sitzungssaal. Im Hinausgehen winkte Kerner den Dienst habenden Justizwachtmeister zu sich.
»Herr Nottger, sorgen Sie bitte dafür, dass die Prozessbeteiligten hier vor dem Sitzungssaal bleiben und sich der Angeklagte von den Zeugen fernhält.« Der Justizwachtmeister nickte und baute sich mit verschränkten Armen vor dem Sitzungssaal auf.
Kerner saß mit den beiden Schöffen am Besprechungstisch seines Dienstzimmers und unterhielt sich mit ihnen über den Prozess. Der Staatsanwalt hatte sich entschuldigt. Er war vor das Gerichtsgebäude gegangen, um eine Zigarette zu rauchen. Innerhalb des Hauses herrschte Rauchverbot.
Kurz vor Ablauf der fünfzehn Minuten klopfte es an die Tür des Büros und die Protokollführerin trat ein.
»Tut mir leid, Herr Kerner«, erklärte sie etwas gestresst, »es hat bis jetzt gedauert, bis ich eine telefonische Verbindung mit der Kanzlei Schnitter bekommen habe. Die Leitung war ständig belegt.«
»Und…?«, fragte er ungeduldig.
»In der Kanzlei scheint alles drunter und drüber zu gehen. Wie mir die Bürochefin sagte, ist Rechtsanwalt Schnitter heute nicht dort erschienen. Seine Akten für den heutigen Strafprozess liegen unberührt auf seinem Schreibtisch. Sie versuchen ständig ihn zuhause zu erreichen, aber er geht nicht ans Telefon. Die Mitarbeiterinnen sind ziemlich ratlos.« Sie sah Kerner abwartend an.
Dieser erhob sich und zog ärgerlich seine Robe wieder an. »Die hätten uns ja auch verständigen können! In diesem Fall bleibt mir nichts anderes übrig, als den Termin zu vertagen. Der Angeklagte hat selbstverständlich das Recht auf die Anwesenheit seines Verteidigers. Bin gespannt, welche Erklärung Schnitter für sein Versäumnis hat.« Er sah die wartende Protokollführerin an. »Sagen Sie bitte dem Staatsanwalt Bescheid. Wir gehen schon mal in den Sitzungssaal.«
Zehn Minuten später war der Prozess vertagt und alle Prozessbeteiligten entlassen. In sein Büro zurückgekehrt, legte Kerner das Aktenbündel auf seinen Schreibtisch, hängte seine Robe in den Schrank und zog die weiße Krawatte aus. Langsam setzte er sich in seinen Bürostuhl und kippte die Lehne nach hinten. Das Verhalten von Rechtsanwalt Werner Schnitter verwunderte ihn schon sehr. Der Anwalt war nach seiner Erfahrung ein zuverlässiger Strafverteidiger, der sehr um seine Mandanten bemüht war. Unentschuldigtes Fernbleiben von einem Prozess war bisher noch nie vorgekommen. Bei einer Erkrankung hätte er doch sicher angerufen.
Außerhalb des Gerichtssaals duzten sich Kerner und Schnitter. Sie waren Mitglieder im selben Fitnessclub, hatten schon öfters gegeneinander Squash gespielt und nach der anschließenden Sauna ein Bierchen getrunken. Aus Gesprächen wusste er, dass Schnitter unverheiratet war und keine Kinder hatte. Der Beruf war sein Lebensinhalt, allerdings gönnte er sich jedes Jahr eine längere Reise ins Ausland. Mehr wusste Kerner nicht über den Anwalt.
Simon Kerner hatte für einen Moment ein merkwürdiges Gefühl. Mit einem Kopfschütteln schob er diese Empfindung beiseite. Sicher gab es für den Vorfall eine ganz simple Erklärung. Er beugte sich nach vorne, schlug die Akte Habermann auf und formulierte handschriftlich eine entsprechende Aktennotiz.
2 
Der kräftige Mann hinter der dicken Glasscheibe erhob sich und kam sichtlich verärgert aus der Portiersloge.
»Professor, du kennst die Regeln! Wenn du besoffen bist, kommst du hier nicht rein!«
Der mit »Professor« Angesprochene war ein hagerer Mann mittleren Alters, den die Spuren eines Lebens auf der Straße deutlich älter aussehen ließen. Die untere Gesichtshälfte verschwand unter einem ungepflegten Vollbart. Den Rest seiner wettergegerbten Physiognomie schirmte ein breitrandiger Hut ab, dessen Krempe er sich tief in die Stirn gezogen hatte. An den Händen trug er trotz der angenehmen frühsommerlichen Temperaturen fingerlose Wollhandschuhe, die allerdings bereits leicht in Auflösung begriffen waren. Seine übrige Kleidung, planlos zusammengewürfelte Sachen aus einer Kleiderspende, befand sich in ähnlichem Zustand. Der intensive Alkoholgeruch, den sein Atem mit sich trug, überdeckte kaum den unangenehmen, säuerlichen Geruch nach altem Schweiß, der ihn umgab wie eine Aura. Auf dem Rücken trug er einen größeren olivfarbenen, fleckigen Rucksack, dem ein Schlafsack untergeschnallt war.
Er ließ die zwei Plastiktüten in seinen Händen, die einen weiteren Teil seines spärlichen Hab und Guts enthielten, einfach auf den Boden rutschen. Mit wässrigem Blick fixierte er den Leiter der Obdachlosenunterkunft. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand deutete er drohend auf dessen Brust.
»Meyer, du Arschloch, lass mich rein, sonst gibt’s was auf die Zwölf!«, stieß er verwaschen hervor. »Ich bin nicht besoffen!«
»… und ich bin der Kaiser von China«, gab Ronald Meyer scharf zurück. Die Beleidigung perlte an ihm ab wie Wasser. Da war er Schlimmeres gewöhnt. Er hatte seine einschlägigen Erfahrungen mit den Übernachtungsgästen, die zur Schlafenszeit in die Pension Heimkehr kamen, wie die Würzburger Obdachlosenunterkunft für Männer offiziell hieß. Es gab Stammkunden, aber auch einige, die nur gelegentlich von dem Angebot Gebrauch machten. Sie kamen, um sich wieder einmal satt zu essen, zu duschen und zu schlafen. Viele aber auch deshalb, weil dieser Ort einfach sicherer war als die Straße, wo sie immer der Gefahr ausgesetzt waren, von irgendwelchen Schlägern zum Spaß verprügelt zu werden. Der Professor gehörte zur zweiten Gruppe.
Meyer griff durch das Fenster seiner Portiersloge in einen Karteikasten und zog eine Karte. Nachdem er kurz darauf geschaut hatte, taxierte er den Professor mit einem kalten Blick. Er überlegte. Dann traf er eine Entscheidung. Einen Moment lauschte er ins Haus. Im nächsten Stockwerk hörte man vereinzelte Männerstimmen, ansonsten war Ruhe. Er senkte die Stimme.
»Ausnahmsweise will ich mal nicht so sein, weil wir nicht voll belegt sind. Wenn du dich zusammenreißt und keinen Ärger machst, lass ich dich heute Nacht hier schlafen.«
»Alles klar!«, gab der Professor zurück und schlug Meyer mit der Hand kumpelhaft auf den Rücken. »Bist kein Arschloch!« Er stieß ein raues Lachen aus.
»Mensch, mach nicht solchen Lärm«, zischte der Heimleiter wütend, packte ihn am Arm und drängte ihn durch eine Tür, die in das Parterre des Wohnheims führte. Hier befanden sich der Speisesaal und das Büro Meyers. Daneben gab es noch einen Behandlungsraum für medizinische Notfälle. Dorthinein bugsierte Meyer den Obdachlosen. Seine beiden Plastiktüten hatte er ihm mitgebracht.
»Was soll das …?«, wollte der Professor protestieren. Er wusste, die Schlafräume lagen im ersten Stock.
»Hier auf der Liege kannst du pennen«, erklärte Meyer. »Ich will nicht, dass die anderen merken, dass ich bei dir eine Ausnahme mache. Morgen früh bist du aber vor den anderen wieder weg. Und mach hier ja keine Sauerei!« Die Liege war mit einer dicken, straffen Kunststofffolie überzogen, so dass sie bei Bedarf leicht desinfiziert werden konnte. Der Professor murmelte etwas Unverständliches. Hier, im Warmen, wurde er schlagartig müde. Mit einer routinierten Bewegung zog er den Rucksack vom Rücken und ließ ihn auf den Boden fallen. Ihm folgten der Mantel und eine untergezogene Jacke.
»Du kannst nebenan meine Toilette benutzen«, erklärte Meyer, der ihn aufmerksam beobachtete. Während der Obdachlose das WC benutzte, blieb der Heimleiter auf dem Flur stehen und wartete. Meyer war nervös. Er musste auf jeden Fall verhindern, dass der Mann mit anderen Übernachtungsgästen zusammentraf. Als er schon nachsehen wollte, wo der Professor so lange blieb, öffnete sich die Tür und er kam heraus, mit ihm ein Schwall schlechter Luft.
Meyer ignorierte sie und schob den maulenden Professor mit Nachdruck in den Behandlungsraum. »So, jetzt Ruhe, sonst fliegst du wieder raus.«
»Ja, ja«, brabbelte der Professor, legte sich in seinen Kleidern nieder und deckte sich mit einer Wolldecke zu, die Meyer ihm gegeben hatte. Als der Heimleiter das Licht löschte und wortlos das Zimmer verließ, begann der Mann auf der Liege bereits zu schnarchen. Das lautlose Drehen des Schlüssels im Schloss bekam er nicht mehr mit.
Angespannt auf seiner Unterlippe kauend ging Meyer zurück in seine Loge. Sofort griff er sich wieder den Karteikasten. Dies war seine persönliche Kundenkartei. Die Daten der Männer, die hier eincheckten, wurden von ihm so weit wie möglich erfasst. Meyer griff bei dem Buchstabenreiter »S« in die Karteikarten. Der Professor hatte ihm bei seinem ersten Besuch der Heimkehr einen alten Blutspendeausweis vorlegen können. Ein anderes Ausweisdokument besaß er nicht. Danach hieß er im bürgerlichen Leben Werner Senglitz, war am 12. Mai 1968 geboren und wohnte früher in der Pestalozzistraße 166 in Lohr am Main. Blutgruppe AB, Rhesus negativ. Aus Gesprächen mit ihm hatte Meyer herausgehört, dass er anscheinend über eine akademische Bildung verfügte. Welches Schicksal ihn auf die Straße getrieben hatte, war ihm allerdings unbekannt. Meyer zögerte noch einen Moment, schließlich gab er sich einen Ruck, griff zum Telefon und wählte. Das Gespräch bestand nur aus wenigen Sätzen.
Eine gute Stunde nach Mitternacht vibrierte Meyers lautlos gestelltes Mobiltelefon. Es war der erwartete Anruf. Mit einem knappen »Ja.« meldete er sich. Er lauschte kurz in den Hörer, dann erwiderte er: »Ich komme.«
Meyer verließ sein Büro und eilte zum Hintereingang der Heimkehr. Es handelte sich dabei um eine ganz gewöhnliche Haustür, die als Notausgang ausgewiesen war und auch von den wenigen Lieferanten genutzt wurde. Der Ausgang führte in eine schmale, düstere Gasse des Mainviertels, die um diese Uhrzeit menschenleer war. Als Meyer die Straße betrat, hielt bereits ein Rettungswagen des Roten Kreuzes dicht vor der Tür. Meyer warf einen nervösen Blick die Straße entlang, aber wie erwartet war keine Menschenseele zu sehen. Er nickte den beiden Männern, die im Wagen saßen, zu. Beide stiegen aus. Sie trugen die Kleidung von Rettungssanitätern. Der Beifahrer ging wortlos zum Heck des Fahrzeugs, öffnete die beiden Flügeltüren und zog eine zusammengeklappte Trage heraus. Der Fahrer sah Meyer durchdringend an.
»Alles klar?« Sein schwäbischer Akzent war unüberhörbar.
Meyer nickte. Vor Nervosität war sein Mund so trocken, dass er kaum sprechen konnte. »Kommt mit, aber seid leise!«
Sie folgten dem Heimleiter zu dem Behandlungszimmer, in dem der Professor schlief. Meyer schloss leise auf, öffnete die Tür einen Spalt und lauschte. Die drei Männer hörten lautes Schnarchen. Meyer öffnete die Tür weit und der Lichtschein des Flurs fiel auf die auf dem Bauch liegende Gestalt des schlafenden Obdachlosen. Meyer trat einen Schritt zur Seite. Von jetzt an verlief alles sehr schnell und routiniert. Der Schwabe zog eine fertig aufgezogene Spritze aus der Tasche und entfernte die Schutzhülle von der Nadel. Sein Kollege, der die Trage auf den Boden gelegt hatte, trat an den Schlafenden heran, dann warf er sich mit seinem gesamten Körpergewicht auf den Professor. Mit einer Hand hielt er ihm den Mund zu. Die verschreckten Grunzlaute des Überwältigten wurden erstickt. Da war der andere schon heran, schob die Decke zur Seite und ein Hosenbein in die Höhe. Gelassen jagte er ihm die Nadel in eine Vene der Kniekehle. Der Kolben wurde heruntergedrückt und das schnell wirkende Betäubungsmittel drang in den Blutkreislauf des Obdachlosen ein. Es dauerte nur kurze Zeit, dann entwickelte das starke Narkotikum seine Wirkung. Als der Professor erschlaffte, erhob sich der Angreifer von seinem Rücken. Sie lauschten einen Moment auf den Atem des Mannes. Er ging leise, aber gleichmäßig. Ohne Zeitversäumnis luden sie den betäubten Mann auf die Trage, deckten ihn zu, schnallten ihn fest und trugen ihn hinaus zu ihrem Fahrzeug. Meyer trug die Kleidungsstücke, den Rucksack und die Plastiktüten hinterher und legte sie dazu. Die Flügeltüren wurden leise geschlossen und die beiden Männer setzten sich in den Wagen. Der Fahrer drückte Meyer aus dem Fenster heraus einen Umschlag in die Hand.
»Bis zum nächsten Mal«, erklärte er knapp, dann startete er den Motor und das Fahrzeug glitt aus der Gasse. Der ganze Vorgang hatte kaum zehn Minuten in Anspruch genommen.
Dem Heimleiter stand der Angstschweiß auf der Stirn. Als er sich zum Haus umdrehte, glaubte er hinter einem der Fenster im oberen Stockwerk eine schemenhafte Bewegung wahrgenommen zu haben. Dort war einer der Schlafräume. War da ein Gesicht gewesen? Er fixierte das Fenster eine ganze Weile. Aber da war nichts. Wahrscheinlich der Vorhang, beruhigte er sich. Unten im Flur blieb er stehen und lauschte nach oben. Nichts. Bekam er langsam schon Wahnvorstellungen? Er wusste, welche Männer dort oben schliefen. Morgen würde er sie scharf beobachten, ob sie irgendwelche auffälligen Reaktionen zeigten.
Langsam ging er in die Pförtnerloge und zog mit zitternden Händen den Karteikasten zu sich heran. Er entnahm die Karte mit dem Namen Werner Senglitz, dann schlurfte er in sein Büro. Mit fahrigen Fingern schaltete er den kleinen Aktenvernichter ein und schob die Karteikarte des Professors in den Aufnahmeschlitz. Mit einem kurzen ratternden Geräusch verwandelte sich Werner Senglitz in kleinste Schnipsel. Meyer holte eine bauchige Flasche aus dem Seitenschrank des Schreibtisches und gönnte sich einen kräftigen Schluck Weinbrand direkt aus dem Flaschenhals. Brennend lief das hochprozentige Getränk die Kehle hinunter und beseitigte den schalen Geschmack im Mund. Danach fühlte er sich entspannter. Langsam öffnete er den Umschlag und entnahm ihm ein Bündel Banknoten. Ein noch viel besseres Mittel, seine Nerven zu beruhigen und sein Gewissen zum Schweigen zu bringen.
In der Szene nannten sie ihn nur den alten Christoph. Sicher eine treffende Bezeichnung, da der alte Stadtstreicher schon so lange in der Würzburger Innenstadt lebte, dass er von dort nicht mehr wegzudenken war. Jeden Tag saß er an verschiedenen Punkten der Stadt und … strickte. Socken, Schals und Topflappen waren die Produkte, die er von Wolle anfertigte, die ihm Frauen schenkten. Mittlerweile hatte sich eine Art kleiner Kundenstamm gebildet, der ihm seine Produkte abnahm. Die Qualität seiner Arbeiten war erstaunlich. Das wenige Geld, das er mit seiner Handarbeit verdiente, gestattete ihm eine sehr bescheidene Existenz. Kaum einer wusste, dass er sich diese Fertigkeit im Knast angeeignet hatte. Vor vielen Jahren war er wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu mehreren Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden. Als er das Gefängnis wieder verließ, war sein Leben zerstört. Frau und Kinder waren weg, seine berufliche Existenz war verloren mit der Folge, dass er auf der Straße landete, von der er nie mehr loskam.
Allerdings gönnte sich Christoph einen kleinen Hauch von Bürgerlichkeit. Er übernachtete regelmäßig in der Heimkehr. Diese Unterkunft gab ihm ein wenig das Gefühl, am Abend nach Hause zu kommen. Duschen und saubere Bettwäsche waren angenehme zivilisatorische Attribute. Alkohol war ihm verpönt.
Auch heute hatte Christoph rechtzeitig eingecheckt. Nach der Dusche suchte er sein Bett auf. Da er Stammkunde war, bekam er immer dasselbe Lager zugewiesen. Nach dem Duschen hatte er seine Socken gewaschen, die er nun über dem metallenen Kopfteil des Bettes zum Trocknen aufhängte. Es dauerte nur wenige Minuten, dann war Christoph eingeschlafen.
Als er erwachte, war es finstere Nacht. Durch das Fenster des Schlafraumes fiel der Lichtschein einer Straßenlaterne. Seine drückende Blase hatte ihn wieder einmal geweckt. Vermutlich die Anzeichen eines beginnenden Prostataleidens. Er seufzte leise. Auch er musste dem Alter Tribut zollen. Außer ihm schliefen noch zwei Gäste im Raum. Die beiden anderen Betten waren unbelegt. Im Sommer war das nicht ungewöhnlich, weil viele Obdachlose lieber im Freien schliefen. Das laute Schnarchen seiner Zimmergenossen störte ihn nicht weiter. Wahrscheinlich gab er im Schlaf ähnliche Geräusche von sich. Er schwang die Beine aus dem Bett, seine Füße berührten den kalten Plattenboden. Hausschuhe besaß er nicht. Barfuß bewegte er sich zur Tür. Die Toilette lag dem Zimmer schräg gegenüber. Kein langer Weg. Nachdem er sich erleichtert hatte, wollte er gerade wieder den Schlafraum betreten, blieb dann aber stehen. Es war ihm, als hätte er aus dem unteren Stockwerk ein Geräusch gehört. Ein Laut, der nicht zu den üblichen Schlafgeräuschen der Gäste der Heimkehr gehörte. Neugierig, wie Christoph war, schlich er sich zum Treppenhaus und lauschte nach unten. Es wurde zwar nicht gesprochen, aber da waren eindeutig mehrere Menschen aktiv. Er besaß zwar keine Uhr, aber da sich seine Blase immer ungefähr zur selben Zeit meldete, musste es weit nach Mitternacht sein. Das Knarren der Hintertür war unverkennbar. Wie er wusste, wurde das Haus in der Nacht verschlossen, um unerwünschte Besucher fernzuhalten, also war da etwas Ungewöhnliches im Gange.
Christoph überlegte einen Augenblick, dann huschte er zu seinem Schlafraum zurück. Von dort aus konnte er auf die Gasse hinter dem Haus sehen. Wenn er sich beeilte, bekam er vielleicht noch etwas mit. Leise, um seine Zimmergenossen nicht zu wecken, schloss er die Tür und schlich sich zum Fenster. Vor dem Hinterausgang stand ein Rettungsfahrzeug mit dem Roten Kreuz, dessen Heckklappe weit geöffnet war. Zwei Rettungssanitäter schoben gerade eine Trage hinein, auf der eindeutig eine menschliche Gestalt festgeschnallt war. Anschließend schlossen sie die Hecktür und stiegen ein. Christoph lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Plötzlich tauchte der Heimleiter in der Szene auf. Der Fahrer reichte Meyer etwas durchs Wagenfenster. Das Auto fuhr los. Meyer verschwand. Offenbar war er zurück ins Haus gegangen. Wenig später lag die Gasse wieder verlassen da.
Christoph starrte noch einen Moment auf den dunklen Asphalt, dann beeilte er sich, wieder ins Bett zu schlüpfen. Obwohl die Zudecke warm war, fror Christoph plötzlich bis ins Mark. Sein auf der Straße entwickelter Instinkt für Gefahren sagte ihm, dass sich hier etwas abgespielt hatte, was das Licht des Tages scheute und nicht für seine Augen bestimmt war. Es ging ihn nichts an, wer oder was da auf der Trage gelegen haben mochte. Er würde das Gesehene schleunigst vergessen. Schließlich wollte er keinen Ärger. Es dauerte allerdings ziemlich lange, bis er schließlich wieder in einen unruhigen Schlummer fiel.
Am nächsten Morgen fiel Christoph auf, dass Meyer sich beim Frühstück längere Zeit im Speiseraum aufhielt und die Anwesenden musterte. Dabei starrte er auch ihn an. Der Alte ließ sich nichts anmerken, aber innerlich war er total angespannt. Hatte der Heimleiter ihn heute Nacht bemerkt? Nach dem Frühstück checkte der alte Obdachlose aus und verließ die Heimkehr. Der kritische Blick Meyers folgte ihm bis zum Schluss.
3 
Es war dreiundzwanzig Uhr. Die attraktive blonde Frau im eng sitzenden dunkelblauen Kostüm betrat das großzügig geschnittene Wohnzimmer im Erdgeschoss des kubistisch gestalteten, einstöckigen Hauses am Rande des Frankfurter Ostends. Ihr ganzes Auftreten und ihre Ausstrahlung vermittelten Dynamik, Selbstsicherheit und Kompetenz. Mit einem Blick erfasste sie die hochwertige, in SchwarzWeiß gehaltene Einrichtung des Raumes, der von verborgenen Leuchten indirekt erhellt wurde. Die späte Besucherin war erwartet worden. Der Hausherr, der ihr geöffnet hatte, wies auf die Frau, die mit ernster Miene auf der schwarzen Couch saß.
»Meine Frau Nadine«, stellte er sie vor.
»Roosen«, nannte die Frau ihren Namen.
Die Hausherrin gab der Frau höflich, aber zurückhaltend die Hand. »Nehmen Sie doch bitte Platz. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht einen Kaffee oder Tee?«
Die Besucherin lehnte dankend ab. Langsam nahm sie im Sessel gegenüber Platz. Der Mann setzte sich neben seine Frau und legte den Arm hinter ihr auf die Rückenlehne. Von ihrem Platz aus hatte die Besucherin einen guten Blick durch die bis zur Decke reichende Fensterfront auf den mit kleinen LED-Leuchten erhellten, großzügigen Garten und einen nierenförmigen Swimmingpool. Sie wusste, dass das Grundstück von einer Mauer umgeben war und Überwachungskameras jede Bewegung auf dem Areal registrierten.
Die Frau, die sich Roosen nannte, hatte im Vorfeld ihres Besuches umfassende Informationen erhalten. Der Hausherr war Dr. Reinhold D. Falkeis, Vorstandsvorsitzender der Bank of Beduin, gegründet von Ölscheichs in Dubai. Die deutsche Hauptniederlassung war im Frankfurter Bankenviertel angesiedelt. Nach ihren Kenntnissen war Falkeis millionenschwer, sein Einfluss in der Bankenszene beträchtlich – und nicht nur dort. Seine Verbindungen zu gewissen militanten islamistischen Organisationen waren der Grund, weshalb sie heute hier war. Man hatte sie angesprochen und eindringlich »gebeten«, dem Banker ihre Möglichkeiten anzubieten. Die Familie des Bankers hatte ein schwerwiegendes Problem, das sie bisher vor der Öffentlichkeit verstecken konnte.
Der Hausherr fixierte die Besucherin, dann sagte er: »Frau Roosen, man hat mir Ihren Besuch avisiert. Ich bin bereit mit Ihnen zu sprechen, weil man mir die Organisation, die Sie vertreten, empfohlen hat. Nehmen Sie aber zur Kenntnis, dass ich skeptisch bin.«
Roosen musterte das Ehepaar mit durchdringendem Blick, dann kam sie gleich zur Sache: »Herr Dr. Falkeis, nach meinen Informationen haben Sie bedauerlicherweise eine große Sorge, von der ich Sie gerne befreien möchte.«
Sie legte gekonnt eine kurze Pause ein. Die Eheleute musterten sie wortlos.
»Nach meiner Kenntnis ist Ihr neunzehnjähriger Sohn Alexander seit vier Jahren Dialysepatient. Mittlerweile befindet er sich bereits im Niereninsuffizienz-Stadium 5, leidet also bedauerlicherweise unter einer Nierenschwäche im Endstadium.«
Frau Falkeis sah ihren Mann an. Man sah, es fiel ihr schwer, die gezeigte Selbstbeherrschung aufrechtzuerhalten.
»Das ist richtig«, gab der Banker knapp zurück. »Wie Sie sehen, regt dieses Gespräch meine Frau sehr auf. Kommen Sie also zum Wesentlichen.«
Roosen nickte. »Sehr gerne. Einflussreiche Menschen aus Ihrem geschäftlichen Umfeld sind an unsere Organisation herangetreten und haben uns ersucht, Ihnen unsere Dienstleistungen anzubieten. – Ihrem Sohn geht es zusehends schlechter und es ist Fakt, dass er dringend eine Spenderniere benötigt. Wie man uns informiert hat, haben Sie erfolglos versucht, Einfluss auf die Rangfolge der Warteliste von Euro-Transplant zu nehmen. Sie haben auch Ihre Fühler nach China ausgestreckt, wo man, wie man hört, sehr erfolgreich die Nieren von hingerichteten Straftätern verpflanzt. Aber Ihr Sohn ist für eine so lange Reise bereits zu schwach, das Risiko wäre exorbitant hoch.«
Die Frau des Bankers stieß ein leises Stöhnen aus und in ihre Augen traten Tränen. Ihr Mann zog sie zu sich heran und strich ihr über die Hand. Seine Lippen waren nur noch ein schmaler Strich.
»Das wissen wir alles! Kommen Sie endlich auf den Punkt!«
Frau Roosen ließ sich nicht beirren. »Fakt ist, wir können Ihnen hier in Deutschland helfen. Was für Ihren Sohn ein deutlich minimiertes Risiko bedeuten würde.« Sie ließ ihre Worte wirken, dann fuhr sie fort: »Meine Organisation betreibt eine hocheffiziente Einrichtung für Nierentransplantationen. Unser medizinisches Personal ist ausgezeichnet. Wir haben alle Möglichkeiten, die auch eine öffentliche Klinik hat. Vielleicht noch bessere. Das Wichtigste aber: Unser Fundus an Spendern ist praktisch unbegrenzt.« Sie schwieg.
»Das hätte ich gerne näher erläutert«, forderte Falkeis. »Sie werden verstehen, dass ich misstrauisch bin. Sie kommen in mein Haus und versprechen uns, das Leben unseres Sohnes zu retten. Aber mein Wunderglaube tendiert gegen null.«
Roosen lächelte leicht. »Selbstverständlich kann ich das verstehen. Lassen Sie es mich einmal so sagen: Euro-Transplant ist für das gemeine Volk. Für die Eliten dieser Welt gibt es weitaus bessere und vor allen Dingen schnellere Alternativen … beispielsweise die Organisation, die ich vertrete.«
Der Banker sah die Frau mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Sie sprechen von … illegalen Alternativen?«
Roosen zuckte mit den Schultern. »Legal, illegal, wer bestimmt das? Für Menschen, die es sich leisten können, gibt es in vielen Bereichen des täglichen Lebens für alles Mögliche einen Markt, der Normalsterblichen verschlossen ist. Man nimmt diesen Menschen also nichts weg, falls Sie jetzt in moralischen Kategorien denken. Was mich bei den geschäftlichen Verbindungen Ihres Mannes allerdings verwundern würde, wenn Sie mir diese Bemerkung gestatten.«
Der Banker sprang auf und lief erregt im Raum hin und her. Schließlich wandte er sich an seine Frau. »Nadine, würdest du uns bitte für einen Moment alleine lassen?« Er sah seine Frau auffordernd an.
Frau Falkeis setzte sich kerzengerade auf. Ihr Gesicht bekam einen harten Zug. »Reinhold, ich denke nicht daran, den Raum zu verlassen. Hier geht es um das Leben unseres einzigen Kindes. Frau Roosen hat uns erklärt, dass es einen Ausweg aus der Spendermisere gibt. Dabei ist es mir verdammt noch einmal völlig egal, ob das legal oder illegal ist und was es kostet. Ich will mein Kind nicht verlieren!«
Der Banker sah seine Frau verwundert an. In so einem Ton hatte sie noch nie mit ihm gesprochen. Sie atmete tief durch und bemühte sich um Mäßigung. »Bitte, du weißt, wie es um Alexander steht. Die üblichen Möglichkeiten sind erschöpft. Wir beide kommen nicht als Spender in Frage und die Warteliste ist lang. Frau Roosen zeigt uns einen Weg auf, der mir Hoffnung macht, und wir befinden uns nicht in der Situation, dieses Angebot einfach vom Tisch zu wischen, nur weil dahinter dunkle Kanäle aus deinem geschäftlichen Umfeld stecken. Es geht um das Leben unseres einzigen Sohnes und ich bin bereit dafür alles zu tun!« Sie sprach mit einer Bestimmtheit, die Roosen ihr gar nicht zugetraut hätte. Sie wusste, damit war die Angelegenheit eigentlich schon entschieden.
»Ich sehe, dass Sie noch Abstimmungsbedarf haben«, erklärte sie mit verständnisvollem Unterton, wobei sie nur Nadine Falkeis anblickte. »Ich gebe Ihnen eine Woche Zeit, sich die Angelegenheit zu überlegen. Danach erlischt diese Option und Sie werden nichts mehr von mir hören.«
»Wie können wir mit Ihnen Kontakt aufnehmen?«, fragte Nadine Falkeis. Der Banker stand hinter der Couch und starrte stumm vor sich hin.
»Ich werde Sie kontaktieren«, gab Roosen zurück. »Ich denke, ich muss Sie nicht darauf aufmerksam machen, dass auf jeden Fall absolute Diskretion erwartet wird.« Den letzten Satz sagte sie mit einer solchen Eindringlichkeit, dass er fast schon bedrohlich klang. Sie erhob sich. »Ich finde alleine hinaus.« Festen Schrittes verließ sie das Haus.
Zwei Straßen weiter bestieg sie ein Taxi, das dort auf sie gewartet hatte. Der Fahrer brachte sie zu einem öffentlichen Parkhaus in der Innenstadt. Dort stieg sie in einen Pkw. Nachdem sie hinter dem Steuer Platz genommen hatte, zog sie mit Schwung die blonde Perücke vom Kopf und ließ sie in einer Plastiktüte verschwinden. Mit zwei Handgriffen entfernte sie die beiden Wangenpolster aus dem Mund, die ihrem Gesicht eine etwas andere Form gegeben hatten. Die blauen Kontaktlinsen würde sie zuhause herausnehmen. Danach startete sie den Motor und verließ das Parkhaus. Ein paar Minuten später war sie auf der Autobahn und fuhr in Richtung Main-Spessart. Gut gelaunt summte sie ein Lied aus dem Autoradio mit.
4 
Mark T. war seit drei Jahren Frührentner und ein passionierter Angler, der am Wochenende regelmäßig am Main seinem Hobby nachging. Sein Stammplatz lag gute zweihundert Meter oberhalb der Schleuse Himmelstadt am linksmainischen Ufer. Hier führte eine kleine Sandbank sanft in den Fluss, wodurch er nahe am Wasser sitzen konnte. Der Platz war von dichtem Gesträuch umgeben, das sich links und rechts am Ufer entlangzog. Auch heute, am Samstag, war Mark schon kurz nach Sonnenaufgang von Würzburg weggefahren, um rechtzeitig vor Ort zu sein. Mark freute sich, weit und breit war kein anderer Petrijünger zu sehen. Mit Schwung warf er seine beiden Angelruten aus. Mark T. liebte es, am Wasser zu frühstücken. Nachdem seine Ruten ausgelegt waren, griff er zum Rucksack, holte eine Thermoskanne und ein in Alufolie eingepacktes belegtes Brot heraus und goss sich Kaffee in eine Tasse. Aromatisch duftender Dampf stieg in die Morgenkühle des beginnenden Sommertages auf. Vorsichtig nippte er an dem heißen Getränk, dann löste er die Folie vom Brot. Während er genüsslich kaute, wanderte sein Blick über die Böschung des diesseitigen Ufers. Ein Stück flussaufwärts entdeckte er einen Graureiher, der im seichten Gewässer am Rande des Mains stand und wie eine zu Stein erstarrte Statue auf Beute lauerte. Wahrscheinlich ist er erfolgreicher als ich, dachte Mark. Aber das war auch in Ordnung, schließlich musste der Vogel von seinem Fang leben.
Ungefähr dreißig Meter von ihm entfernt wucherte der Uferbewuchs bis direkt an den Fluss und Zweige hingen über dem Wasser. Vielleicht eine Stelle, wo er seinen Köder auch einmal platzieren konnte. In diesem Augenblick kräuselte sich das Wasser und der Kopf einer schwimmenden Wasserratte war erkennbar. Mark verzog das Gesicht. Er hasste diese Viecher. Sie wurden von dem Unrat angezogen, den manche »Naturliebhaber« bei ihren nächtlichen Sauforgien am Main zurückließen. Mark stellte die Tasse ab, erhob sich von seinem Klappstuhl und trat näher ans Wasser, um den Bereich, in dem er die Ratte gesehen hatte, besser einsehen zu können.
»Hab ich es mir doch gedacht«, murmelte er verärgert. Durch die Zweige des Uferbewuchses schimmerte es blau. Wahrscheinlich ein Plastiksack. Mit einem kurzen Blick überzeugte er sich davon, dass bei den Angelruten alles ruhig war, dann drang er in das Gesträuch ein, hinter dem der blaue Müllsack lag. Wenig später wurde seine Vermutung bestätigt. Im Uferbewuchs steckte ein großer Müllsack fest, der leicht vom Wasser umspült wurde. Wie vermutet, waren die Ratten bereits aktiv gewesen und hatten Löcher in die Folie gefressen. Eine schwache Brise wehte auf den Angler zu und er verzog angeekelt das Gesicht. Es stank massiv nach Fäulnis und Verwesung. Wie es aussah, hatte hier jemand einen Tierkadaver entsorgt. Von Neugierde geplagt, griff Mark sich einen längeren trockenen Ast vom Boden und stocherte in einem der Löcher herum, dabei riss die Folie weiter auf. Plötzlich erstarrte der Mann und die Augen quollen ihm vor Schreck fast aus den Höhlen.
»Oh mein Gott!«, stöhnte er, ließ den Ast fallen, drehte sich um, stützte sich an einem schief gewachsenen Weidenstamm ab und erbrach würgend sein Frühstück in den Ufersand. Keuchend kam er wieder zu Atem. Das Bild eines von Ratten angefressenen männlichen Geschlechtsteils, das er durch das Loch im Plastiksack erkannt hatte, war ihm ins Gehirn eingebrannt. Er wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn und wankte zu seinem Angelplatz. Er kramte nach seinem Handy und tippte mit zitternden Fingern die Notrufnummer ein. Es dauerte einige Zeit, bis er dem Koordinator in der Einsatzzentrale den Grund seines Anrufs erklärt hatte. Der Mann bat ihn, bis zum Eintreffen der Polizei vor Ort zu bleiben. Vollkommen geschockt ließ sich Mark T. auf seinen Hocker sinken. Ihm war immer noch speiübel. Langsam trank er einen Schluck des mittlerweile erkalteten Kaffees. Jetzt erst stellte er fest, dass der Schwimmer an der einen Angel völlig untergetaucht und die Angelschnur straff gespannt war. Offenbar hatte ein Fisch angebissen. Wie in Trance beugte er sich nach vorne und holte die Angel ein. Zappelnd kämpfte ein großer Karpfen gegen den Widerhaken, der sich durch seine Oberlippe gebohrt hatte. Mit routinierten Bewegungen löste der Angler den Fisch vom Haken und entließ ihn wieder in den Fluss. Seine Lust auf Beute war ihm gründlich vergangen. Eilig verschwand der Fisch in der Tiefe seines Elements. Mark T. sah ihm nach. Hier an dieser Stelle würde er sicher nie mehr seine Rute auswerfen.
Vierzig Minuten später sah der vormals so ruhige Angelplatz von Mark T. ganz anders aus. Überall standen Einsatzfahrzeuge und der Fundplatz war von der Feuerwehr vorsichtig von Gesträuch befreit worden, damit die Kriminalpolizei sowie die Spurensicherer an den angeschwemmten Plastiksack herantreten konnten, ohne eventuelle Spuren zu zerstören.
Erster Kriminalhauptkommissar Eberhard Brunner, Leiter des Kommissariats 1 der Mordkommission Würzburg, stand mit blauen Überziehern an den Schuhen und Gummihandschuhen an der Fundstelle. Die Feuerwehrleute hatten, nachdem die Spurensicherer die Auffindesituation mehrfach fotografiert und die Umgebung nach Spuren abgesucht hatten, den Plastiksack vorsichtig aus dem Unterholz befreit und auf eine große Plastikfolie gezogen. Der Gestank, der dem Sack entwich, war unbeschreiblich. Etwas Entlastung brachte die Eukalyptussalbe, die sich die Ermittler unter die Nase geschmiert hatten.
Dr. Samuel Karaokleos, der Rechtsmediziner, schien allerdings gegen diese Ausdünstung des Todes völlig gefeit zu sein. Ebenfalls mit Schuhüberziehern und Gummihandschuhen ausgerüstet, stand er nachdenklich neben dem Sack und wartete, bis der Polizeifotograf mit einem Nicken sein Einverständnis zur Weiterarbeit gab.
Zu Brunner gewandt meinte Dr. Karaokleos: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich in diesem Plastiksack eine vollständige Leiche befindet. Dafür ist er zu klein.« Er beugte sich mit einem Skalpell in der Hand über den Sack. »Na, dann wollen wir mal sehen, was wir hier Schönes haben.«
Brunner verzog das Gesicht. Der Mann hatte wirklich ein Gemüt wie ein Fleischerhund. Mit einem einzigen fließenden Schnitt schlitzte der Rechtsmediziner den Plastiksack in seiner ganzen Länge auf und klappte die Folie zur Seite. Der Gestank war einfach unbeschreiblich.
»Dachte ich es mir doch«, stellte Dr. Karaokleos zufrieden fest, »ein klassischer Torso!«
Tatsächlich fehlten dem zum Vorschein gekommenen Körper alle Extremitäten und der Kopf.
»Eindeutig männlich, auch wenn die Ratten sich schon bedient haben.« Der Mediziner betastete die durch die Verwesung bereits schwärzlich verfärbte Haut der entstellten Leiche, die sich bei der Berührung leicht löste.
»Eine typische Waschhaut, was dafür spricht, dass er schon einige Zeit im Wasser liegt. Auch der Leib ist entsprechend aufgedunsen. Die Gase haben ihn an die Wasseroberfläche getrieben.«
Karaokleos hob den Torso im Gesäßbereich leicht an. »Sehen Sie hier.« Er deutete auf eine kleine Tätowierung auf der einen Gesäßhälfte, die wegen der farblichen Hautveränderungen allerdings nur schwer zu erkennen war. »Sieht wie zwei ineinander verschlungene Ringe aus. Das hilft Ihnen vielleicht bei der Identifizierung des Toten. Ich werde bei der Leichenöffnung auf jeden Fall detaillierte Fotos hiervon anfertigen lassen.«
Brunner bedankte sich. »Können Sie etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«
Karaokleos erhob sich. »Das ist schwer zu sagen. Bei den relativ hohen Wassertemperaturen würde ich meinen, vier bis sechs Tage. Nach der Obduktion kann ich sicher Genaueres sagen.« Er zog seine Gummihandschuhe aus und warf sie auf die Plastikfolie. »Lassen Sie den Torso bitte in dem Plastiksack transportieren, damit keine Spuren verloren gehen. Außerdem würde ich das Ufer absuchen lassen. Womöglich wurden die fehlenden Körperteile irgendwo anders angetrieben.« Er musterte die Schnittstellen der abgetrennten Gliedmaßen am Körper. »Hier war kein Stümper am Werk. So wie der Täter Arme und Beine abgetrennt hat, verfügt er zumindest über gewisse anatomische Grundkenntnisse.«
Der Leiter der Mordkommission sah den Rechtsmediziner fragend an. »Woraus schließen Sie das?«
»Nun, hier hat einer nicht wild gewütet. Die Schnitte sind an der richtigen Stelle gesetzt und die Knochen wurden, wie es scheint, mit einer medizinischen Säge durchtrennt. Das sieht man sehr gut an der Schnittstelle. Die Zahnung ist deutlich feiner als bei einer normalen Fleischsäge. – Aber wie gesagt, bei der Obduktion kann ich das besser beurteilen. Für mich steht auf jeden Fall fest, dass der Täter in Ruhe arbeiten konnte. Die Glieder wurden sicher nicht hier am Main abgetrennt.«
Brunner bedankte sich für den Hinweis, dann winkte er die beiden Männer heran, die in einiger Entfernung an einem Leichenwagen warteten. Sie luden den Torso vorsichtig mitsamt der Folie in einen Kunststoffsarg. Fünf Minuten später war der Wagen in Richtung Würzburg zum Rechtsmedizinischen Institut unterwegs. Dr. Karaokleos beeilte sich, hinterherzukommen, damit er das Ausladen der Leiche überwachen konnte.
»Wenn Sie die fehlenden Gliedmaßen finden, lassen Sie es mich wissen«, rief er dem Kriminalbeamten noch zu, dann schwang er sich hinter das Steuer seines Fahrzeugs und gab Gas. Er pfiff leise vor sich hin. Das schien ein interessanter Fall zu werden. Er liebte seinen Beruf.
Brunner griff zum Mobiltelefon und forderte zusätzliche Einsatzkräfte und Leichenhunde an, da das Mainufer oberund unterhalb der Fundstelle abgesucht werden musste. Er ahnte, hier stand ihm ein schwieriger Fall ins Haus.
Die angeforderten Einheiten waren eineinhalb Stunden später vor Ort. Brunner wies die Beamten ein, dann schwärmten sie aus. Es dauerte keine halbe Stunde, dann kam die erste Fundmeldung herein. Mainaufwärts hatte der Leichenhund angeschlagen und die Beamten fanden eine weitere Plastiktüte im Gestrüpp, vielleicht zweihundert Meter vom ursprünglichen Fund entfernt. Darin befanden sich zwei Beine und zwei Arme. Sosehr sich der Suchtrupp aber auch abmühte, der Kopf blieb unauffindbar.
Brunner forderte einen weiteren Leichenwagen an und ließ die abgetrennten Gliedmaßen in die Rechtsmedizin schaffen. Jetzt war es die Sache von Dr. Karaokleos, die abgetrennten Teile wieder so zusammenzusetzen, dass man die Identität des Toten feststellen konnte.
5 
Der Himmel der Lust lag am Rande von Aschaffenburg in einem Industriegebiet und war ein über die Grenzen der Stadt hinaus bekanntes Etablissement für käufliche Liebe aller Art. Gäste dieses Tempels der körperlichen Freuden kamen aus den angrenzenden Landkreisen, aber auch aus dem Nachbarbundesland Hessen, insbesondere auch aus der Finanzmetropole Frankfurt. Auf diese Kunden war der Betreiber des Hauses, Dimitrij »Stalin« Komarow, besonders stolz. Schließlich gab es in der Hessenmetropole zahllose Konkurrenzbetriebe. Die Tatsache, dass Männer trotz der Entfernung die Fahrt auf sich nahmen, um in sein Haus zu kommen, sprach wohl für die Qualität seiner Damen. Den martialischen Zusatznamen Stalin, der Stählerne, hatte sich Dimitrij nach einer wodkaschwangeren Nacht selbst verliehen, wohl als Ausgleich für seinen wenig beeindruckenden Familiennamen, der so viel wie Stechmücke bedeutete. Dimitrij gab sich auch alle Mühe, seinem Zusatznamen gerecht zu werden. Mit eiserner Faust hatte er seinen Platz im Geschäft mit der Lust behauptet. Mehrmals gab es Versuche, ihm seine Mädchen wegzunehmen und ihn zum Teufel zu jagen. Aber nachdem einige Schläger der Konkurrenz mit blutigen Köpfen abgezogen und zwei auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren, wurde er akzeptiert und man ließ ihn in Ruhe.
Im Parterre befand sich die großzügig ausgestattete Bar, in der die Frauen auf ihre Kunden warteten. Im Stockwerk darüber lagen Dimitrijs Büro und die Zimmer der Mädchen. Dimitrij saß am Schreibtisch und kontrollierte am Laptop die Einnahmen des letzten Monats. Zufrieden grunzend, speicherte er das Ergebnis auf einem USB-Stick. Er zog ihn ab und legte ihn in einen geöffneten Tresor, der hinter dem Aktbild einer sich lasziv räkelnden Schönheit in die Wand eingelassen war.
Komarow rollte mit seinem Bürosessel ein Stück zur Seite, bis er vor der Schmalseite des Raumes zum Stehen kam, die mit einer Holzvertäfelung verkleidet war. Er drückte einen Knopf und mit einem summenden Geräusch verschob sich die Vertäfelung seitlich in die Wand. Dahinter kamen vierzehn Monitore zum Vorschein, die alle eingeschaltet waren und verschiedene Ansichten der Bar und der acht Separees auf seinem Stockwerk zeigten. Eine Kamera war am Eingang und eine am Hinterausgang installiert. Sehr praktisch, um die Annäherung unerwünschter Gäste wie Polizei oder, schlimmer, Vertreter der Konkurrenz rechtzeitig zu bemerken. So war man vor Überraschungen sicher.
Plötzlich kniff Komarow die Augen zusammen und widmete seine Aufmerksamkeit einem bestimmten Monitor. Er gab das Bild eines Separees wieder. Auf ihm war ein Kunde zu sehen, der sich nackt mit einer ebenfalls unbekleideten Frau beschäftigte. Janine, wie er erkannte.
Die Szene hätte Dimitrij grundsätzlich nicht sonderlich interessiert, da sie nur zeigte, dass sich ein Kunde des Hauses mit einem der Mädchen amüsierte. Er hatte sie bei den schwarzen Haaren gepackt und zwang sie vor sich auf die Knie. Seine Erregung war unübersehbar. Komarow konnte sehen, dass Janine sich wehrte und ihm mit den Fäusten gegen den Bauch schlug. Er runzelte die Stirn. War das ein Rollenspiel oder war ihr Widerstand ernst gemeint?
Mit einem Knopfdruck schaltete Komarow den Lautsprecher ein, automatisch startete damit auch die Aufzeichnung des Geschehens. Sofort erfüllte lautes Keuchen der beiden Menschen auf dem Bildschirm das Büro.
»Lass mich los, du Arschloch!«, kam die sich überschlagende Stimme Janines quäkend über den Lautsprecher. »Nimm deine verdammten Griffel von mir!«
»Dir werde ich helfen, du Schlampe!«, fauchte der Mann. Der Kunde verpasste Janine einen schallenden Schlag ins Gesicht, der sie niederstürzen ließ. Sofort lief ihr Blut aus der Nase.
Dimitrij Komarow schüttelte verärgert den Kopf. Eine Ohrfeige war grundsätzlich noch im Bereich des Tolerierbaren. Verletzungen aber nicht. Es konnte nicht angehen, dass Frauen tagelang nicht arbeiten konnten, weil sie am Körper Blutergüsse aufwiesen. Er würde dem Kunden anschließend unter Hinweis auf die Gewalttätigkeit einen ordentlichen Aufpreis abverlangen. In diesem Augenblick eskalierte die Situation auf dem Bildschirm radikal. Da ihr Kunde sie immer massiver bedrängte, wurde Janine immer hysterischer. Sie schrie völlig außer sich, schlug um sich und trat dem Mann schließlich hart in den Unterleib. Mit einem heiseren Aufschrei fiel er zusammengekrümmt auf das Bett.
»Ich bring dich um, du verdammte Drecksnutte!«, stieß er gepresst hervor.
Janine lag auf der Seite und erbrach sich würgend mitten auf den Teppichboden. Komarow hatte genug gesehen. Hier musste eingegriffen werden. Er hob den Telefonhörer ab und drückte einen Knopf.
»Sergej, sofort auf Zimmer 7! Janine dreht durch!«
Sein Gesprächspartner stellte offenbar keine Fragen, denn Dimitrij legte sofort wieder auf. Seine Aufmerksamkeit richtete sich erneut auf den Monitor.
Es vergingen kaum fünfzehn Sekunden, als er das Schlagen der Tür des Separees hörte und Sergej plötzlich im Aufnahmebereich der Kamera erschien. Der ein Meter fünfundneunzig große Kaukasier war kahlköpfig, im Gesicht und am Kopf tätowiert und hatte den muskulösen Körperbau eines Bodybuilders. Mit seinem beeindruckenden Körper füllte er fast das gesamte Kamerabild aus. Komarow wusste, in der Regel reichte sein bloßes Erscheinen, um Streitigkeiten schlagartig zu beenden.
Sergej machte einige Schritte in den Raum, wodurch er wieder das gesamte Bild für seinen Boss freigab. Der Kunde lag noch immer ächzend und fluchend auf dem Bett, schien sich aber langsam zu erholen. Janine musste ihn wirklich voll getroffen haben.
»Ich werde diese verdammte Schlampe umbringen!«, presste er hervor und warf lodernde Blicke in Richtung der Frau, die sich an der Wand aufgesetzt hatte. Ihre Schminke war verschmiert und die Wimperntusche hinterließ auf ihrem Gesicht schwarze Rinnsale. Sie hatte die Beine angezogen und die Arme um die Unterschenkel geschlungen. Sie zitterte am ganzen Körper.
»Hier wird niemand umgebracht!«, kam Sergejs tiefe Stimme aus dem Lautsprecher. »Wir entschuldigen uns für das Verhalten unserer Mitarbeiterin. Selbstverständlich können Sie sofort ein anderes Mädchen haben und sind natürlich für den Rest Ihres Besuches Gast unseres Hauses.«
Während der Mann sich langsam vom Bett erhob, bückte sich Sergej und las die Kleider Janines zusammen. Dann näherte er sich der jungen Prostituierten. Ängstlich sank sie noch mehr in sich zusammen.
»Steh auf!«, befahl Sergej knapp, dabei warf er ihr die Kleidungsstücke zu. »Der Boss will dich sprechen!« Obwohl er seine Stimme nicht gehoben hatte, reagierte Janine sofort. Sie stand auf, raffte ihre Wäsche vor der Brust zusammen und hastete, nackt, wie sie war, auf den Flur. Sie flüchtete ins Umkleidezimmer und zog sich schnell an. Ihr Herz klopfte ihr vor Angst bis zum Hals.
Sergej wandte sich dem Gast zu, der mittlerweile in seine Shorts geschlüpft war. Noch immer trug er eine verbissene Miene zur Schau.
»Sind Sie damit einverstanden, wenn ich Ihnen Natascha hereinschicke? Sie ist eines unserer besten Mädchen. Sie werden nicht enttäuscht sein. Sie wird Sie die Unannehmlichkeiten schnell vergessen lassen. Selbstverständlich lasse ich Ihnen aufs Haus eine Flasche Champagner aufs Zimmer bringen.«
Der Mann brummelte etwas in seinen Bart, dann signalisierte er sein Einverständnis. Einen Moment später klopfte es auch schon an der Tür und unaufgefordert kam eine schlanke, dunkelhäutige Schönheit herein. Für Sergej war klar, Komarow hatte die Szene am Bildschirm verfolgt und Natascha in das Separee geschickt. Sie trug einen spärlichen Bikini, der keine Fragen offen ließ. In den Händen hielt sie eine Flasche Champagner und zwei Gläser.
»Hallo Süßer«, gurrte sie, während sie den Gast lächelnd fixierte. Sergej öffnete die Tür und verschwand diskret.
Janine saß wie ein Häuflein Elend auf der Couch in dem kleinen, spartanisch eingerichteten Umkleideraum, der den Damen auch als Aufenthaltsraum zur Verfügung stand. An der einen Längswand standen mehrere Spinde. Im Augenblick war das Zimmer leer, da alle ihre Kolleginnen arbeiteten. Janine hatte sich einen weißen Bademantel übergeworfen. Trotzdem zitterte sie am ganzen Körper. Komarow stand ihr gegenüber an die Wand gelehnt und fixierte sie mit kaltem Blick.
»Was war das für eine Scheiße?«, fragte er hart.
»Dieser perverse Typ … hat mich … geschlagen«, stieß sie schluchzend hervor. Ihre Schminke war verschmiert.
»Was heißt hier geschlagen? Du hast ihn mit deinem Gezicke wütend gemacht. Du wirst dafür bezahlt, dass du den Wünschen der Gäste entsprichst!« Er kniff die Augen zusammen. »Brauchst du schon wieder einen Schuss?«
»Das Zeug, das mir Sergej besorgt hat, taugt nichts«, gab sie heiser von sich.
In diesem Augenblick ging die Tür auf und Sergej betrat den Raum. Unwillkürlich duckte sich Janine zusammen.
»Sie sagt, der Stoff, den du ihr gegeben hast, sei schlecht?« Komarow sah den Kaukasier prüfend an.
Sergej zuckte mit den Schultern. »Sie hat den gleichen Stoff bekommen wie die anderen, die das Zeug brauchen. Sie will allerdings zwischenzeitlich immer öfter etwas. Sie kann sich den Spaß kaum noch leisten.«
Komarow taxierte die Frau wie ein Händler seine Ware.
Janine wurde unter dem Blick immer kleiner. »Boss, bitte, bitte«, bettelte sie, »es tut mir leid, das wird nicht wieder vorkommen. Bitte …«
Schließlich hatte Komarow eine Entscheidung getroffen. »Sergej, gib ihr einen Schuss, damit sie wieder arbeiten kann. Janine, du wirst die nächsten beiden Gäste kostenlos bedienen. Wenn das noch einmal vorkommt, schicke ich dich zurück. Jetzt geh ins Bad und richte dich wieder her.«
»Danke, Boss … danke«, stammelte sie und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht.
»Ich komme gleich wieder«, sagte Sergej und verließ mit Komarow das Zimmer. Janine erhob sich und verschwand im angrenzenden Bad.
Wortlos winkte Dimitrij Komarow Sergej zu sich ins Büro. Nachdem der Kaukasier die Tür hinter sich geschlossen hatte, sah ihn sein Boss durchdringend an.
»Janine ist fertig?«, fragte er knapp. »Es gab jetzt schon zum dritten Mal Ärger mit ihr.«
Sergej zuckte mit den Schultern. »Lange geht es sicher nicht mehr.«
Komarow ließ sich in seinen Sessel fallen. »Solche Vorfälle wie eben können wir uns nicht leisten. Das spricht sich schnell herum und schadet dem Geschäft.« Er öffnete seine Schreibtischschublade, holte einen Pass heraus und reichte ihn dem Kaukasier. »Sie ist noch jung. Sieh zu, dass du einen ordentlichen Preis herausholst.«
Sergej nahm das Dokument und steckte es in die Brusttasche seines Jacketts. »Wann?«
»Sofort! Ich werde mit Suganow sprechen. Morgen haben wir Ersatz.«
»Wird erledigt.«
Der Kaukasier verließ das Büro seines Chefs und betrat einen Raum am Ende des Flures, in dem er schlief, wenn er einmal hier übernachten musste. Er öffnete die Tür zum angrenzenden Bad, trat an die Toilette und drehte mit einer Münze die Schraube, die den Deckel des Spülkastens für die Toilettenspülung zuhielt. In dem Deckel befand sich eine wasserdichte Dose, die er herausnahm. Sie enthielt kleine Briefchen in zwei verschiedenen Farben. Er entnahm ein hellblaues und steckte es ein. Dann räumte er das Behältnis wieder weg und verschloss das Versteck. Danach öffnete er einen schmalen Schrank und entnahm ihm eine Rolle dicker Plastikfolie. Er entrollte die Folie auf dem Bett, bis es der Länge nach bedeckt war. Wenig später kehrte er in den Aufenthaltsraum zurück, in dem Janine wartete. Sie hatte sich wieder ordentlich geschminkt und sah gut aus. Lediglich ihre offensichtliche Unruhe zeugte davon, dass sie dringend eine Nase voll benötigte.
Sergej legte das blaue Briefchen wortlos auf den Tisch, dann ging er hinaus.
Janine bildete mit dem Inhalt des Briefchens auf einem kleinen Handspiegel hastig zwei Lines und zog sie mit einem gerollten Geldschein in die Nase. Danach ließ sie sich auf die Couch zurückfallen, schloss die Augen und erwartete die schnell eintretende Wirkung.
Wenig später betrat Sergej erneut den Raum. Er hatte der Frau kaum verschnittenen Spitzenstoff gegeben, der sie für einige Zeit außer Gefecht setzen würde. Als er sie mit geschlossenen Augen daliegen sah, nickte er zufrieden. Er hob sie auf die Arme und trug sie in sein Zimmer. Dort legte er sie auf die Plastikfolie auf seinem Bett. Janine lallte leise Worte, die nicht zu verstehen waren.
Sergej holte sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und wählte eine Nummer.
»Ich habe eine Lieferung«, sagte er ohne Einleitung. »Sehr gute Qualität. Kostet das Doppelte.«
Er lauschte der Antwort. Schließlich erklärte er: »Abholung in zwei Stunden, um vier Uhr? Dann ist der Laden leer.«
Nachdem die Uhrzeit bestätigt worden war, legte er auf. Er warf Janine einen langen Blick zu. Eigentlich schade. Aber was konnte man machen? Geschäft war Geschäft.
Kurz nach vier waren die beiden Abholer da. Der Ältere musterte die im Kokainrausch schwebende Frau.
»Warum ist sie so zugedröhnt?«, knurrte er. Sein schwäbischer Akzent war unüberhörbar.
»Wir mussten sie ruhigstellen«, gab Sergej zurück.
Der Mann in Schwarz zog eine Spritze aus der Tasche. »Sie ist ein gottverdammter Junkie. Von wegen gute Qualität. Dafür zahlen wir nur den normalen Preis. Sollte sie nicht zu gebrauchen sein, gibt es gar nichts.« Er trat an Janine heran, packte ihren Arm und drückte ihr die Nadel in die Vene. Die junge Frau lallte einige unverständliche Worte. Als die Spritze zur Hälfte geleert war, hörte er auf.
»Das genügt«, stellte er fest, »sonst geht sie uns noch über den Jordan.« Er gab seinem Kumpel einen Wink. Sie hoben die mittlerweile völlig betäubte Janine mitsamt der Plastikfolie auf die mitgebrachte Trage, schnallten sie fest und transportierten sie aus dem Haus. Sergej sah zu. Nachdem sie in den wartenden Transporter geschoben war, fragte der Kaukasier: »… und die Kohle?«
Der Schwabe sah den Russen durchdringend an. »Erst wenn wir geprüft haben, ob die Ware verwendbar ist, bekommst du dein Geld.«
Sergej wollte erst etwas erwidern, ließ es dann aber sein. Ihm war bekannt, wie gefährlich die beiden Männer waren. Er sah dem Transporter hinterher. Sergej wusste nicht genau, was die beiden mit der jungen Frau vorhatten. Sie hatten ihm nur versichert, dass sie spurlos verschwinden würde. Obwohl Sergej ein kalter, abgebrühter Mensch war, lief ihm bei dem Gedanken ein Schauer den Rücken hinunter. Langsam ging er zurück ins Haus.
6 
Wie lange hast du den Professor nicht mehr gesehen?« Johanna Siedler lehnte lässig an der Wand eines Bankgebäudes in der Eichhornstraße, die Hände in den Taschen ihrer weiten Militärjacke vergraben. Eine Basecap gab ihr ein burschikoses Aussehen. Der Tag neigte sich dem Ende entgegen und sie machte mit ihrem Kollegen ihre alltägliche Runde.
Der alte Christoph, der hier seinen Stammplatz hatte, packte gerade sein Strickzeug zusammen und verräumte alles in seinen Rucksack. Wie viele ihrer Probanden duzte sie ihn und umgekehrt die Obdachlosen sie.
Johanna Siedler, zweiunddreißig Jahre alt, schwarzhaarig, schlank, sportlich, war vor zwei Jahren von der Stadt im Rahmen eines Pilotprojekts als Sozialpädagogin eingestellt worden. Zusammen mit ihrem Kollegen Robert Felgler sollten sie als Streetworkergespann die Obdachlosen und Junkies in Würzburg betreuen. Felgler war zwölf Jahre älter als sie, mit schütterem, grau meliertem Haar, hager und einem Vollbart. Er war, entgegen seiner dynamischen Kollegin, ziemlich desillusioniert, was die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit betraf. Johanna steckte dagegen voller Tatkraft und Pläne. Sie war der Meinung, dass man die Lebensumstände einiger Probanden durchaus verbessern konnte. Dazu gehörte auch der alte Christoph, dem wegen seines Alters ihr besonderes Augenmerk galt.
»Ist schon ein paar Tage her«, gab Christoph zurück. Sein Gesicht war fast völlig hinter einem dichten weißen Vollbart verborgen. Während er sprach, konnte sie seine schlechten Zähne sehen. Auf seiner Stirn trug er eine fast zehn Zentimeter lange, wulstige Narbe, die von einem Unfall stammte. Er trug einen weiten olivfarbenen Parka mit Kapuze, unter dem ein Pullover sichtbar war.
Die junge Frau war sicher, er hatte die Siebzig lange überschritten. Der alte Stadtstreicher hatte sie auf den Professor angesprochen. Schon seit längerer Zeit verbreiteten die Streetworker in der Szene die Botschaft, dass man sie verständigen möge, wenn einer der Obdachlosen plötzlich verschwand.
»Und warum glaubst du, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte?«
»Wir haben uns unterhalten. Er wollte wieder mal in der Heimkehr übernachten. Ihm war nach einer Dusche und einer ordentlichen Mahlzeit. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Das war vor zwei Tagen. Ich schlafe ja regelmäßig in der Heimkehr, da hätte ich ihn doch sehen müssen.«
Robert Felgler, der sich bewusst ein Stück abseits gehalten, aber jedes Wort mitbekommen hatte, trat ein Stück näher.
»Wir wissen beide, dass der Professor ein Trinker ist«, mischte er sich erstmals in das Gespräch ein. »Vielleicht ist er irgendwo versackt? Betrunken hat ihn das Heim bestimmt nicht aufgenommen.«
Christoph, der absolut nicht dem üblichen Obdachlosenklischee entsprach, weil er eine ausgesprochene Abneigung gegen Alkohol hatte, schüttelte den Kopf.
»Stimmt, er hat zwar getrunken, aber irgendwie noch kontrolliert.«
Felgler sah seine Kollegin bedeutungsvoll an. »Alles Gerüchte«, sollte der Blick wohl heißen.
»Wir werden uns mal umhören«, versprach die Streetworkerin. »Vielleicht ist er krank und liegt auf einer Krankenstation.«
Christoph bedankte sich mit einem Nicken, dann drehte er sich um und beschäftigte sich mit seinem Rucksack. Nachdenklich sah er beiden hinterher. Er würde auf jeden Fall in der nächsten Zeit nicht mehr in der Heimkehr übernachten. Dort ging es nicht mit rechten Dingen zu, das sagte ihm sein Instinkt. Leise ächzend schulterte er seinen Rucksack. Jetzt musste er sich im Freien einen Schlafplatz suchen.
Die beiden Streetworker marschierten weiter in Richtung Mainwiesen. Es gab noch einige Probanden, die sie besuchen wollten.
»Robert«, stellte Johanna nachdenklich fest, »die Sache kommt mir langsam spanisch vor. Das ist jetzt innerhalb von einem Vierteljahr der dritte Fall, dass einer dieser Männer spurlos verschwindet.«
»Das sehe ich nicht so problematisch«, entgegnete Felgler schulterzuckend. »Unsere Kunden führen bekanntermaßen kein standorttreues Leben. Heute hier, morgen dort.«
»Prinzipiell stimmt das schon«, gab sie ihm recht, »aber alle drei lebten schon seit Jahren in Würzburg, wie wir wissen. Nur der Professor hatte ein Alkoholproblem. Die beiden anderen hielten sich diesbezüglich zurück. Vielleicht sollte man doch einmal mit der Polizei sprechen?«
»Kannst du ja mal probieren«, gab Felgler zurück. »Mach dir aber keine Illusionen. Wegen ein paar verschwundenen Pennern reißen die sich kein Bein aus.«
Johanna verkniff sich eine scharfe Antwort. Sie mochte diese abfällige Bezeichnung gar nicht. Hinter jedem Obdachlosen stand ein meist schwieriges menschliches Schicksal.
Eberhard Brunner saß auf der Couch in seinem Wohnzimmer, seine Füße lagen auf einem Sessel. Auf einem kleinen Beistelltisch standen zwei halb gefüllte Gläser mit Rotwein. Auf der Couch, den Kopf in seinem Schoß, lag Johanna Siedler, die Frau, die er vor fünf Wochen anlässlich einer Dienstbesprechung kennengelernt hatte.
Damals ging es um einen Kriminalfall in der Obdachlosenszene. Zwei Männer waren mit dem Messer aufeinander losgegangen. Einer wurde so schwer verletzt, dass er nach zwei Tagen verstarb. Nachdem es sich um ein Tötungsdelikt handelte, war die Mordkommission für den Fall zuständig. Die Streetworkerin konnte zu den näheren Umständen eine Aussage machen. Die engagierte junge Frau war ihm nicht zuletzt wegen ihres ansprechenden Äußeren sehr angenehm aufgefallen. Ihre tiefblauen Augen, die zu ihren schwarzen Haaren kontrastierten, hatten ihn in ihren Bann gezogen. Zwei Tage später lud er sie zu einem Abendessen ein und sie sagte zu. Hatte ihm Johanna schon in ihrer Straßenkleidung gut gefallen, war er hin und weg, als er sie an diesem Abend in einer engen schwarzen Jeans und einer weißen Bluse bewundern durfte, die ihre Weiblichkeit eindrucksvoll zur Geltung brachte. Ihr dezentes Parfüm sprach seine Sinne an. Bei diesem Essen unterhielten sie sich dann so lange, bis der Kellner sie diskret darauf aufmerksam machte, dass das Lokal schließen wollte. Danach saßen sie noch bis zur Morgendämmerung am Mainkai und tauschten sich über ihr Leben aus. Es herrschte gleich eine erstaunliche Vertrautheit, ja fast eine Seelenverwandtschaft zwischen ihnen, als würden sie sich schon lange kennen.
Brunner war, was Beziehungen betraf, ein gebranntes Kind. Schon zweimal waren engere Freundschaften mit einer Frau an den Anforderungen seines Berufes gescheitert. Die auf eine Trennung folgenden schmerzhaften Phasen wollte er nicht mehr erleben. Daher blieben seine Kontakte zum anderen Geschlecht, wenn sie sich zufällig ergaben, stets im beiderseitigen Einverständnis unverbindlich. Meist waren es ungebundene Kolleginnen, die in der Regel die gleichen Probleme hatten und daher für die Umstände seines Berufs Verständnis hatten. Frauen, die auch nichts anderes wollten als gelegentliches Ausgehen und, wenn es sich ergab, unverbindlichen Sex.
Mit Johanna Siedler schien es anders zu sein, obwohl sie ihm gleich beim ersten Treffen freundlich, aber unmissverständlich klargemacht hatte, sie sei wegen der zeitlich unregelmäßigen beruflichen Einsätze nicht an einer festen Bindung interessiert. Freundschaft, ja. Gute Gespräche, ja. Miteinander Spaß haben, ja. Brunner war voll damit einverstanden. Gleichwohl spürte er, dass da noch etwas anderes war. Ein schwer beschreibbarer Zauber, der in den Stunden ihrer Zweisamkeit spürbar wurde. Brunner erlaubte sich nicht oft, über diese Empfindung weiter nachzudenken.
Plötzlich richtete Johanna sich wieder auf und ergriff die beiden Weingläser. Sie reichte Brunner seines und animierte ihn, mit ihr anzustoßen. Beide nahmen einen Schluck.
»Eberhard, ich habe da ein Problem«, begann sie, während sie das Glas in ihren Händen drehte. Er sah sie aufmerksam an. »Es ist beruflich. Stört es dich, wenn ich jetzt darüber spreche?« Der faszinierenden Wirkung ihrer Augen konnte er sich nur schwer entziehen.
»Nein, nein, rede nur.«
»In den letzten drei, vier Monaten sind einige der von uns betreuten Probanden verschwunden. Wir können uns das nicht erklären.«
»Was verstehst du unter verschwunden?«, fragte Brunner.
»Weg, wie vom Erdboden verschluckt. Viele denken, dass Obdachlose ein zielloses Vagabundenleben führen. Auf eine ganze Anzahl trifft das auch zu. Heute hier, morgen dort und dann wieder anderswo. Ja, viele sind Einzelgänger, schwer sozialisierbar. Aber weil es in der Regel entwurzelte Persönlichkeiten sind, pflegen einige im weitesten Sinne eine gewisse Standorttreue und haben ortsspezifische Gewohnheiten, die ihnen eine gewisse Sicherheit geben. Das heißt, sie suchen immer wieder bestimmte Plätze auf, wo sie auch auf andere Obdachlose stoßen. Das sind keine Freundschaften im landläufigen Sinne. Das Leben auf der Straße ist kein günstiger Nährboden für solche Beziehungen. Der Überlebenskampf ist hart. Aber sie kennen sich und wissen ungefähr, wo sich der eine oder andere gerade aufhält. Das ist für uns eine Möglichkeit, einen ungefähren Überblick über die Anzahl der Menschen zu bekommen, die unserer Hilfe bedürfen. Deshalb ist es uns auch aufgefallen, dass drei der bis jetzt verhältnismäßig standorttreuen Obdachlosen verschwunden sind.«
Sie nahm einen Schluck, dann sah sie ihn fragend an.
»Jetzt willst du wissen, ob uns im Morddezernat unbekannte Leichen gemeldet wurden, die wir nicht zuordnen können?«
Sie nickte.
»Also, tatsächlich liegt uns ein Leichenfund vor. Es handelt sich um einen männlichen Torso, den wir gestern aus dem Main gefischt haben.«
Johanna sah ihn verwundert an. »Einen Torso?«
»Ja. Der Leiche wurden sämtliche Extremitäten einschließlich des Kopfes entfernt, dann wurde sie in einem Plastiksack im Main entsorgt. Die Extremitäten haben wir später auch gefunden, genauso verpackt, den Kopf allerdings nicht. Wir haben schon die Vermisstenanzeigen überprüft. Bis jetzt kein Ergebnis. Aber ich vermute mal, bezüglich der abgängigen Obdachlosen wurden keine Vermisstenanzeigen erstellt.«
Johanna verzog geschockt das Gesicht und schüttelte den Kopf, dann stieß sie hervor: »Wer macht denn so etwas, eine Leiche dermaßen zu verstümmeln?«
Brunner zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, was den oder die Täter dazu bewogen hat. Wir wissen auch nicht, ob die Extremitäten vor oder nach dem Tod entfernt wurden.«
»Mein Gott, meinst du wirklich, dass jemand in der Lage ist, einen Menschen auf diese entsetzliche Weise zu töten? Das müssen ja unsägliche Qualen sein!« Ihre blauen Augen waren vor Entsetzen weit geöffnet.
»Leider gibt es in unserem Beruf immer wieder Fälle, bei denen man feststellen muss, dass es keine schlimmere Bestie gibt als den Menschen. Wenn er bei der Verstümmelung noch gelebt hat, dann sicher nicht lange. Er wäre dann sehr schnell verblutet. Das Obduktionsprotokoll liegt bis jetzt noch nicht vor.«
Es dauerte einen Moment, ehe Johanna diese Information einigermaßen verdaut hatte. Schließlich ließ sie sich zur Seite sinken und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. »Eberhard, bitte nimm mich in den Arm. Ich muss irgendwie die schlimmen Bilder von einer verstümmelten Leiche aus meinem Kopf kriegen.«
Eberhard Brunner ließ sich nicht zweimal bitten.
7 
Dr. Karaokleos, der Rechtsmediziner, stand im Sektionssaal 2 des Würzburger Instituts für Rechtsmedizin. Fritz Schwarz, der Obduktionsassistent, hatte gerade den Torso der unbekannten Leiche aus dem Main mit einer Rollbahre aus der Kühlkammer geholt. Noch immer lag der Körper auf der Plastikplane. Schwarz stellte die Bahre neben den Sektionstisch, ging auf die andere Seite des Tisches und zog mit Schwung den Leichnam mitsamt der Plane auf die Edelstahlfläche des Tisches.
Schwarz, der absolut abgehärtet war, was Leichen in sämtlichen Verfallsstadien betraf, betrachtete einen Augenblick den gliederlosen Toten.
»Schon merkwürdig, wenn nur so ein zerstückelter Rumpf vor einem liegt.«
Dr. Karaokleos band gerade die Gummischürze zu, die bis hinunter zu seinen Knöcheln reichte. »Das stimmt«, gab er seinem Mitarbeiter recht. »Hoffen wir, dass wir ein paar brauchbare Hinweise finden, damit wir diesem Schlächter auf die Spur kommen.« Er griff nach ein paar Gummihandschuhen und streifte sie sich über. Schwarz kontrollierte zwischenzeitlich die bereitliegenden Skalpelle und Zangen sowie die Knochensäge. Dann schaltete er das Diktiergerät ein, das zwischen den beiden starken OP-Lampen über der Leiche hing. Bedient wurde es von Dr. Karaokleos mittels eines Fußschalters.
»Also, dann wollen wir mal«, erklärte der Rechtsmediziner und trat auf den Kontakt. Zunächst begann er mit der äußeren Besichtigung der Leiche. Er beschrieb ausführlich den Zustand der Haut nach mehrtägigem Aufenthalt im Wasser. Der Leib des Toten war durch die bei der Verwesung entstehenden Fäulnisgase stark aufgedunsen. Zentimeter für Zentimeter suchte der Mediziner den Körper nach irgendwelchen Auffälligkeiten oder Verletzungen ab.
Schließlich untersuchte Dr. Karaokleos die vier Stümpfe und die Schnittfläche am Hals und diktierte die Befunde. Schließlich gab er seinem Assistenten einen Wink.
»Herr Schwarz, bitte fotografieren Sie die Stümpfe möglichst detailliert. So wie es aussieht, war hier ein Fachmann am Werk. Bei den Schnitten wurden sehr scharfe Messer, möglicherweise sogar Skalpelle, benutzt und die Knochen wurden mit Hilfe einer Amputationssäge durchtrennt. Auch die Schnittführung folgt genau den Gelenken und wurde nicht willkürlich angesetzt.«
Schwarz zog seine Gummihandschuhe aus und holte die Kamera. Dabei fragte er: »Sie meinen, der Täter besitzt fachliche Kenntnisse?«
»Ich bin mir sicher, der Bursche hat jedenfalls anatomisches Wissen. Dadurch kommt natürlich trotzdem ein weiter Täterkreis in Frage.«
Nachdem Dr. Karaokleos die Besichtigung der Vorderseite des Torsos beendet hatte, drehten die beiden die Leiche auf den Bauch. Der Rechtsmediziner deutete mit dem Skalpell auf die Tätowierung. »Hiervon bitte ein paar Großaufnahmen!«
Schwarz beeilte sich, dem Wunsch nachzukommen.
Plötzlich stutzte der Rechtsmediziner und beugte sich über den Körper. Wortlos wies er mit der Skalpellspitze auf eine Stelle unterhalb des Ansatzes des letzten Rippenbogens. Schließlich erhob er sich wieder.
»Herr Schwarz, wir unterbrechen die Obduktion. Bitte rufen Sie Herrn Hauptkommissar Brunner an. Er soll sofort hierherkommen. Das sollte er gesehen haben.«
Der Sektionsassistent legte die Kamera zur Seite und eilte zum Telefon, das an der Wand befestigt war. Die Nummer der Mordkommission war gespeichert.
Eine halbe Stunde später betrat Brunner den Sektionssaal 2. Der Leichengeruch, der dem Kommissar entgegenschlug, war so abartig, dass er das Gefühl hatte, gegen eine Mauer zu laufen. Er verzog das Gesicht und kämpfte gegen einen Würgereflex. Brunner war zwar diesbezüglich einiges gewöhnt, sommerliche Wasserleichen übertrafen aber alles Übliche.
Als Dr. Karaokleos Brunners bleiches Gesicht sah, drehte er sich zu Schwarz um. »Herr Schwarz, bitte stellen Sie die Entlüftungsanlage höher, sonst kippt uns der Herr Kommissar noch aus den Schuhen.«
»Hallo Doc«, grüßte Brunner und schüttelte den Kopf, »ich kann einfach nicht verstehen, wie Sie das aushalten.«
Der Rechtsmediziner lachte leise. »Alles Gewohnheit. Dort drüben steht eine Dose mit Eukalyptussalbe. Schmieren Sie sich was unter die Nase.«
Brunner befolgte den Rat, dann stellte er sich neben den Mediziner. Der Anblick des Torsos beeinträchtigte ihn nicht. Da hatte er schon weitaus schlimmere Leichen gesehen.
»Herr Brunner«, begann Dr. Karaokleos und machte eine ausholende Handbewegung, die den gesamten, noch immer auf dem Bauch liegenden Torso einschloss, »was fällt Ihnen an dem Toten auf?«
Eberhard Brunner war klar, der Rechtsmediziner hatte ihn nicht umsonst hierhergebeten. Langsam scannte er mit den Augen die Körperoberfläche der Leiche. Die Tätowierung konnte es nicht sein, denn über die hatten sie schon am Fundort gesprochen. Plötzlich sah er es. Die kurze Wundnaht war wegen der schwärzlichen Haut nur schwer zu erkennen.
»Was hat das zu bedeuten?«
Dr. Karaokleos nahm ein Skalpell zur Hand. »Das werden wir gleich wissen.« Er setzte das scharfe Messer an und öffnete mit einem Schnitt die Naht, dabei vergrößerte er die Wunde so, dass man sie gut auseinanderziehen konnte. Anschließend gab er Schwarz ein Zeichen und der verstellte die beiden beweglichen OP-Lampen. Jetzt leuchteten sie direkt in die Öffnung. Der Rechtsmediziner griff mit den Fingern hinein und tastete mit angespannter Miene. Schließlich gab er ein zufriedenes Brummen von sich. »Dachte ich es mir doch.«
Eberhard Brunner sah ihn fragend an. »Was ist los?«
»Diesem Herrn wurde zu seinen Lebzeiten operativ eine Niere entfernt!«
Brunner wollte sich vergewissern. »Sie wollen sagen, ein Arzt hat ihm vor seinem Tod eine Niere entnommen?«
Dr. Karaokleos nickte zustimmend. »Ich muss das natürlich noch durch die Untersuchung der inneren Organe bestätigt finden, aber ich denke, da gibt es keinen Zweifel. Eine Entnahme post mortem würde keinen Sinn machen. Innerhalb kürzester Zeit wäre das Organ unbrauchbar. Man musste den Mann also bis zur Entnahme am Leben erhalten. Ob das Opfer bis zur späteren Enthauptung noch lebte, werden weitere Untersuchungen ergeben. Die Gliedmaßen wurden jedenfalls von einem Fachmann entfernt. So viel kann ich jetzt schon sagen.« Karaokleos machte eine Pause. »Das wollte ich Sie auf jeden Fall wissen lassen. Jetzt werde ich mit der Obduktion fortfahren. Sie können natürlich gerne dabeibleiben, wenn Sie Ihr Wissensdurst quält …«
Brunner winkte ab. »Vielen Dank, Doc, den Rest kann ich dann Ihrem Protokoll entnehmen. Er winkte Dr. Karaokleos und seinem Assistenten freundlich zu, dann verließ er zügig den Sektionssaal. Die reine Luft vor dem Institut für Rechtsmedizin empfand er wie einen erfrischenden Trunk. Während der Fahrt ins Büro dachte er darüber nach, was die soeben gewonnene Erkenntnis für seine Ermittlungsarbeit bedeutete.
8 
Zwei Tage später, am frühen Nachmittag, saß Kerner an seinem Schreibtisch und diktierte gerade einige Briefe. Er war so in seine Arbeit vertieft, dass er das Klopfen fast überhört hätte.
Auf sein »Herein« streckte seine Sekretärin den Kopf durch die Tür. »Herr Kerner, hier ist Frau Rechtsanwältin Helsing-Wiesmann. Sie hätte sie gerne einen Moment gesprochen, falls dies möglich wäre.«
Simon Kerner trat hinter dem Schreibtisch hervor.
»Ja natürlich«, rief er so laut, dass man es auch im Vorzimmer hören konnte, »bitten Sie die Frau Kollegin doch herein.«
Die Sekretärin öffnete die Türe vollends, und die Besucherin trat ein.
»Grüß Gott, Herr Direktor Kerner«, rief die sehr attraktive Mittdreißigerin und streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. Alles an der rothaarigen, sehr gepflegt wirkenden Frau strahlte Dynamik und Energie aus. Entsprechend war auch ihr Händedruck. Ein figurbetontes Kostüm vermittelte dezente Eleganz.
»Bitte keine Förmlichkeiten«, bat Kerner. »Sie trinken eine Tasse Kaffee mit mir?«
»Sehr gerne«, erwiderte Helsing-Wiesmann und setzte sich auf den angebotenen Stuhl am Besprechungstisch. Elegant schlug sie ihre langen Beine übereinander, wobei der Rocksaum ein Paar wohlproportionierte Oberschenkel erahnen ließ. Sie musterte Kerner unverhohlen von Kopf bis Fuß. Kerners Sekretärin verdrehte die Augen, dann verließ sie das Büro. Kerner setzte sich der Anwältin gegenüber und warf ihr dabei einen scannenden Blick zu, der ihr keineswegs entging. Sie war sich ihrer Attraktivität durchaus bewusst und unterstrich diese durch ein gekonntes Make-up. Als sie sich bewegte, entströmte ihrem großzügigen Dekolleté ein dezent anregender Duft, dem sich Kerner nicht ganz entziehen konnte. Er kannte allerdings ihren Ruf. In Kollegenkreisen wurde sie nur das Fallbeil genannt. Wehe dem Gesprächspartner, der sich von ihrem Auftritt betören ließ und unkonzentriert wurde. Kerner wappnete sich entsprechend.
Helsing-Wiesmann war Fachanwältin für Familienrecht mit einer gut gehenden Kanzlei in Aschaffenburg. In dieser Eigenschaft war sie der Schrecken aller betuchten Ehemänner. Sie vertrat fast ausschließlich scheidungswillige Ehefrauen. Jeden Prozess machte sie zu einem Kreuzzug um Unterhalt und Vermögensübertragung zu Gunsten ihrer Mandantinnen. Helsing-Wiesmann handelte getreu dem Motto »Wenn ich mit einem Ehemann fertig bin, dann ist er wirklich fertig«. Das hatte sich unter den scheidungsfreudigen Ehefrauen herumgesprochen und entsprechend war ihr Zulauf.
Helsing-Wiesmann hatte aber noch eine Berufung. Sie war die gewählte Vorsitzende des Rechtsanwaltsvereins im Bezirk. Diese Institution war so etwas wie die Standesvertretung der Rechtsanwälte. Kerner vermutete, dass sie ihn in dieser Eigenschaft sprechen wollte. Er sah diskret auf seine Armbanduhr. Ihm war bekannt, dass seiner Gesprächspartnerin der Ruf einer begnadeten Kommunikatorin vorauseilte. Höflich ausgedrückt. Wenn er Pech hatte, konnte er den Nachmittag abhaken.
»Lieber Herr Kerner, ich freue mich, Sie wieder einmal zu sehen. Wie geht es Ihnen?« Ohne ihm die Möglichkeit einer Antwort zu geben, fuhr sie fort: »Ich nehme an, über mangelnde Beschäftigung können Sie nicht klagen. Wie mir meine Kollegen aus Ihrem Gerichtsbezirk berichten, greifen Sie ja unter den bösen Buben in Main-Spessart ordentlich durch. Recht so, kann ich da nur sagen, recht so.« Während sie sprach, flogen ihre Augen durch das Büro und musterten jeden einzelnen Einrichtungsgegenstand.
Kerner nutzte die Chance einer Atempause. »Freut mich auch, Frau Helsing-Wiesmann, Sie wieder einmal zu sehen. Sie werden von Jahr zu Jahr jünger!«
»Sie Schmeichler«, gab sie mit einem koketten Augenaufschlag zurück.
In diesem Augenblick klopfte es und die Sekretärin kam mit einem Tablett herein. Kerner bedankte sich bei seiner Mitarbeiterin und übernahm es selbst, seinem Gast den Kaffee zu servieren. Seine Sekretärin warf der Rechtsanwältin einen schrägen Seitenblick zu, dann verließ sie das Büro. »Was kann ich denn für Sie tun?«, kam Kerner langsam auf den Punkt, während er seinen Kaffee umrührte.
»Die Leiterin der Kanzlei des Kollegen Werner Schnitter hat sich an mich gewandt. Er ist offenbar seit mehreren Tagen nicht mehr im Büro erschienen und man ist dort ziemlich ratlos. Wie man mir sagte, ist auch bei Ihnen ein Strafprozess wegen der Abwesenheit des Kollegen geplatzt?«
»Das ist richtig«, gab Kerner zurück. »Ich habe den Prozess vertagt und mich dann nicht weiter um die Angelegenheit gekümmert. Werner Schnitter und ich sind ganz gut bekannt. Wir besuchen beide denselben Fitnessclub. Übermorgen hätten wir wieder Training.«
Helsing-Wiesmann stellte ihre Tasse ab. »Der Kollege Schnitter ist ein sehr zuverlässiger Mann und ein unentschuldigtes Fernbleiben von einem Gerichtstermin ist in der Tat befremdlich und bei ihm eigentlich nicht vorstellbar. Ich wollte Sie nur davon in Kenntnis setzen, dass der Rechtsanwaltsverein bei der Polizei eine Vermisstenanzeige einreichen wird, nachdem der Kollege offenbar allein stehend ist und auch keine Angehörigen bekannt sind. Wir werden einen Kollegen aus Lohr bitten, bis zur Klärung der Angelegenheit die Vertretung des Kollegen Schnitter zu übernehmen. Seine Mandanten müssen ja weiterhin betreut werden.« Sie trank ihre Kaffeetasse leer und lehnte dankend ab, als ihr Kerner nachschenken wollte. »Ich habe noch in der Familienabteilung Ihres Hauses zu tun«, erklärte sie und erhob sich. »Dort wartet noch ein untreuer Ehemann mit seinem Anwalt, der denkt, er könne für wenig Unterhalt seine lästige Ehefrau gegen ein jüngeres Modell eintauschen. Da werde ich noch ein wenig die Daumenschrauben anziehen müssen … und in der Causa Schnitter bleiben wir in Verbindung. Sollte es etwas Neues geben, lassen Sie es mich wissen. Ich fand unser Gespräch ausgesprochen anregend.« Sie lächelte Kerner mit einem kaum merklichen Augenzwinkern zu und verließ energischen Schrittes das Dienstzimmer.
Wieder alleine, stieß er vernehmlich die Luft aus. Diese Frau hatte eine bemerkenswerte Präsenz. Seine Gedanken wandten sich Schnitter zu. Hoffentlich steckte nichts Ernstes hinter seinem Verschwinden. Als Strafverteidiger hatte er beruflich immer wieder mit Mandanten zu tun, die mit einer überdurchschnittlichen Gewaltbereitschaft ausgestattet waren. Kerner hoffte zwar, dass seine Überlegungen überzogen waren, aber als ehemaliger Oberstaatsanwalt war er es gewohnt, keine Option von vornherein auszuschließen. Kerner setzte sich an seinen Schreibtisch und griff zum Diktiergerät. Er würde die Angelegenheit zum Anlass nehmen, wieder einmal mit Eberhard Brunner zu telefonieren. Seit ihrem letzten Kontakt waren bestimmt zwei Wochen vergangen. Als Leiter der Mordkommission würde der Freund als Erster davon erfahren, falls Schnitter einer Gewalttat zum Opfer gefallen war.
9 
Kurz nach dreiundzwanzig Uhr verließ Kerner mit Steffi die Hohe Kemenate, den historischen Lesesaal der Stadtbücherei Karlstadt. Beide hatten die Lesung eines bekannten unterfränkischen Mundartautors besucht. Diese Veranstaltung, die mit einer Weinprobe verknüpft war, hatte ihnen viel Spaß bereitet und sie konnten wieder einmal herzhaft lachen.
»Wir gehen viel zu selten zu solchen kulturellen Veranstaltungen«, stellt Steffi fest und hakte sich bei Kerner unter. »Herzhaftes Lachen ist gut fürs Gemüt.«
Kerner gab ihr Recht. So konnte man wenigstens für ein paar Stunden abschalten. Wenig später saßen sie in einem Taxi, da Kerner seinen Defender heute wegen der Weinprobe in der Garage gelassen hatte.
Wenig später näherten sie sich auf der B 26 der Abzweigung nach Gambach.
»Was ist denn das?«, wunderte sich Kerner, als sie sich einem schnell heller werdenden Lichtschein näherten.
»Da brennt was«, stellte der Taxifahrer fest und wurde langsamer. Tatsächlich stand direkt neben dem Bahndamm ein heftig brennender Kastenwagen.
»Fahren Sie dran vorbei und dann halten Sie bitte dort vorne rechts, da ist eine Parkbucht«, bat Kerner.
»Um Gottes willen, ich glaube, da sitzt noch jemand drin«, rief Steffi entsetzt, als sie das Fahrzeug passierten.
»Scheiße! Sieht wirklich so aus!«, stellte der Fahrer erschrocken fest.
Kerner hatte mittlerweile schon sein Handy gezückt, rief die Notrufzentrale in Würzburg an und meldete das Feuer.
Der zuständige Koordinator alarmierte sofort die freiwillige Feuerwehr von Gemünden am Main sowie Polizei, Notarzt und Rettungswagen.
Als das Taxi hielt, wandte sich Kerner dem Taxifahrer zu, der wie gelähmt hinter dem Steuer sitzen blieb.
»Haben Sie denn keinen Feuerlöscher im Wagen?«, schrie er ihn an. »Wir können doch nicht einfach so zusehen, wie dort ein Mensch verbrennt!«
»Dem hilft keiner mehr«, entgegnete der Taxifahrer und wies auf die mittlerweile hochschlagenden Flammen. »Wahrscheinlich geht jeden Moment der Tank hoch.«
Während Kerner noch mit dem Fahrer herumdiskutierte, der schließlich zugab, keinen Feuerlöscher im Auto zu haben, näherte sich schon aus Richtung Gemünden Sirenengeheul. Die Reaktionszeit der Feuerwehr Gemünden war extrem kurz. Mittlerweile schlugen die dichten orangegelben Flammen so hoch, dass die Blätter an den unteren Ästen einer in der Nähe stehende Buche verkohlten.
Kurz nach Eintreffen der Feuerwehr näherte sich ein Streifenwagen. Die Beamten forderten angesichts der Situation vor Ort Verstärkung an und richteten eine Umleitung des Verkehrs über Gambach ein. Zum Glück fuhren um diese Uhrzeit nur wenige Fahrzeuge auf der Strecke. Notarzt und Rettungswagen, die nur Minuten später eintrafen, parkten in respektvollem Abstand, um die Feuerwehr nicht zu behindern.
Simon Kerner sprach kurz mit dem Streifenführer. Der notierte sich die Angaben und erklärte, sie an die Kripo weitergeben zu wollen. Nachdem Kerner nichts mehr beitragen konnte, bat er den Taxifahrer, weiterzufahren. Bis nach Partenstein war es im Wagen sehr still. Sie dachten an den Menschen, der in dieser Feuerhölle offenbar elend umgekommen war.
Als die Verstärkung der Polizei aus Karlstadt eintraf, erstickte die gerade die letzten Flammen unter einem Teppich aus Löschschaum, der wie Schnee die ganze Fahrbahn rund um die Brandstelle bedeckte. Da das gelöschte Fahrzeug eine immense Hitze abstrahlte, konnte man sich ihm nur auf Distanz nähern. Der Notarzt, der eigentlich die Aufgabe gehabt hätte, den Tod der eingeschlossenen Person amtlich festzustellen, erklärte, dies würde jetzt in die Zuständigkeit der Rechtsmedizin fallen. Danach rückten er und der Rettungswagen wieder ab. Für sie gab es hier nichts mehr zu tun.
Wegen der Leiche im Wagen wurde der KDD, der Kriminaldauerdienst, in Würzburg verständigt. Zufälligerweise hatte Eberhard Brunner Dienst. Dem Leiter der Mordkommission fiel am Fahrzeugwrack sofort das Fehlen der Nummernschilder auf. Mittlerweile war der Wagen abgekühlt. Auf Wunsch der Beamten des KDD brachen die Feuerwehrleute die verglühte Fahrertür mit einer hydraulischen Zange auf, um an die Leiche heranzukommen. Die Beamten der Spurensicherung, die man an ihren weißen Overalls erkannte, stellten sogenannte Leuchtgiraffen auf, die das Fahrzeug und die nähere Umgebung taghell ausleuchteten. Eine Polizeistreife war vor Ort geblieben und regelte soweit erforderlich den Verkehr.
»Hast du die Rechtsmedizin verständigt?«, fragte Brunner Kriminalhauptkommissar Reuther, einen Kollegen vom KDD. Der nickte.
»Karaokleos hat sich über meinen Anruf zu dieser Stunde sehr gefreut. Er kam gerade von einer Familienfeier.«
»Kann ich mir gut vorstellen«, erwiderte Brunner, dabei zog er sich Gummihandschuhe über und näherte sich der Leiche. Der beißende Geruch verkohlten Fleisches stieg ihm in die Nase. Die Innenverkleidung des Wagens und die Polster der Sitze waren durch das Feuer total verbrannt. Übrig geblieben waren nur Metallskelette. Die durch die Hitzeentwicklung geschrumpfte Leiche saß angelehnt an den Metallstreben des Rückenteils des Fahrersitzes. Der Kopf war nach vorne auf die Reste des Lenkrads gesunken, die Hände lagen im Schoß. Brunner gab dem Polizeifotografen einen Wink und der schoss einige Bilder von der Auffindesituation. Aufgrund des hohen Verbrennungsgrades war nicht feststellbar, ob es sich bei der Leiche um eine Frau oder einen Mann handelte. Dies würde man erst bei der Obduktion feststellen können.
»Ein schrecklicher Tod, so bei lebendigem Leib zu verbrennen«, stellte Reuther fest, der neben Brunner getreten war.
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Mensch entweder schon tot war, als das Feuer ausbrach, oder zumindest stark betäubt. Sieh dir diese geradezu entspannte Haltung an. Jeder Mensch, der bei Bewusstsein einem solchen Feuer ausgesetzt wird, würde Panik bekommen und versuchen, irgendwie aus dem Fahrzeug herauszukommen. Dafür gibt es hier aber keinerlei Anzeichen.«
»Stimmt«, gab Reuther Brunner Recht. »Auch die fehlenden Nummernschilder deuten darauf hin, dass wir es mit einer Straftat zu tun haben.«
»Ich denke, davon kann man ausgehen.« Brunner winkte den Leiter der Spurensicherung zu sich. »Wir werden die Leiche so nicht bergen können. Organisieren Sie bitte einen Transporter, der das gesamte Fahrzeug in die KTU transportiert. Dr. Karaokleos wird dort mit seinen Untersuchungen beginnen müssen und dann Anordnungen treffen, wie der Tote am besten zu bergen ist.«
»Was muss ich?«, ertönte eine laute Stimme aus dem Hintergrund. Brunner hatte gar nicht bemerkt, dass mittlerweile der Rechtsmediziner eingetroffen war.
»Hallo Doc«, begrüßte Brunner den Mediziner, der neben den Kommissar getreten war und die Leiche kritisch musterte. Er hatte sich bereits Gummihandschuhe übergezogen.
»Da ist wirklich nicht mehr viel übrig«, brummelte Karaokleos, während er eine Taschenlampe aus seiner Jacke zog und sich ins Wageninnere beugte, um die Leiche genau betrachten zu können. So verharrte er einen Moment, ohne etwas zu berühren, während sich der Lichtstrahl Stück für Stück über den Toten bewegte. Plötzlich streckte er den Arm nach hinten aus, wackelte auffordernd mit dem Zeigefinger und rief: »Eine lange Pinzette bitte!«
Einer der Spurensicherer reichte dem Mediziner das gewünschte Werkzeug, der daraufhin vorsichtig nach etwas im Bodenraum des Fahrzeugs fischte.
»Na, wer sagt’s denn«, brummte er kurz darauf zufrieden, zog sich aus dem Wageninneren zurück und hielt mit der Pinzette ein auf den ersten Blick nicht erkennbares Etwas in die Höhe, das sich auf den zweiten Blick als ovales Metallteil entpuppte, das von der Hitze deformiert war.
»Was ist das?«, wollte Brunner wissen und betrachtete das graue Metallstück.
»Ich würde sagen, dass es sich hierbei um eine spezielle Gürtelschließe handelt. Soweit ich weiß, kommen die aus Amerika und werden Buckle genannt. Sie werden mit einem Dorn in das Loch im Ledergürtel eingehakt. Ich selbst besitze auch so ein Teil.« Er drehte das Metallstück und es war tatsächlich eine Art Haken erkennbar. »Die Schließe lag auf dem Fahrzeugboden direkt unter der Leiche. Wahrscheinlich ist sie während des Feuers, als der Gürtel verbrannte, zwischen den Beinen des Toten durch das Skelett des Sitzes hindurch auf den Boden gefallen. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei der Leiche also um einen Mann.«
»Wie kann das sein, dass sie noch erhalten ist? Bei der Hitze des Feuers?«, wollte Brunner wissen.
Der Beamte der Spurensicherung, der dem Rechtsmediziner die Pinzette gereicht hatte, nahm diese entgegen und betrachtete das Beweisstück genauer.
»Dem Gewicht nach hat diese Schließe vermutlich einen hohen Eisenanteil. Wahrscheinlich war die Hitze am Boden des Fahrzeugs nicht so hoch wie weiter oben im Innenraum. So wurde sie nur verformt. Eisen hat einen sehr hohen Schmelzpunkt, der liegt meines Wissens ungefähr bei 1500 Grad Celsius.« Er zog eine Plastiktüte aus der Tasche seines Overalls und tütete das Fundstück ein.
Dr. Karaokleos war mittlerweile um das Fahrzeug herumgegangen und suchte mit der Taschenlampe durch die geborstene Seitenscheibe hindurch die Leiche von der anderen Seite her ab. Schließlich kam er zu Brunner zurück.
»Ich schätze, der Mann war zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Feuers zumindest nicht mehr bewegungsfähig, wenn nicht schon tot. So wie er dasitzt, hat er offenbar keinerlei Versuch unternommen, sich zu befreien.«
»Dies ist auch meine Vermutung«, erwiderte Brunner.
Dr. Karaokleos wandte sich vom Fahrzeug ab. »Ich denke, ich habe für jetzt genug gesehen. Ich bin gespannt, ob die Spezialisten meinen Verdacht bestätigen, dass hier ein Brandbeschleuniger zum Einsatz gekommen ist. Das Fahrzeug ist ziemlich gleichmäßig verbrannt, was ich bei anderen Fahrzeugbränden so nicht beobachten konnte.«
Er sprach den Leiter der Spurensicherer an. »Achten Sie bitte sorgfältig darauf, dass beim Transport die Lage der Leiche nicht verändert wird.« Der Beamte sagte das zu.
»Gut, dann werde ich wieder gehen«, erklärte der Rechtsmediziner. »Bei diesem schwierigen Fall wird es etwas dauern, bis Sie von mir ein Gutachten bekommen.« Er gab Brunner die Hand und ging zu seinem Wagen. Der Kriminalkommissar sah den sich entfernenden Rücklichtern nach.
Der Chef der Spurensicherung betrachtete nachdenklich das Wrack. »Auf jeden Fall war dies hier kein Unfall. Das Fahrzeug ist offenbar mit nichts kollidiert. Und kein Auto beginnt einfach so zu brennen. Da hat jemand nachgeholfen. Aber das werden die weiteren Untersuchungen ergeben.« Er zog sein Telefon heraus. Es musste ein Kranwagen organisiert werden, der das Fahrzeug mitsamt Leiche in die KTU, die Kriminaltechnische Untersuchungsabteilung, brachte.
Brunner betrachtete nachdenklich die Männer der Spurensicherung bei der Arbeit. Er war sich ziemlich sicher, dass sie so gut wie keine verwertbaren Humanspuren finden würden. Das Feuer hatte sicher alles vernichtet. Dies war nach dem unbekannten Torsofund die zweite Leiche, deren Identität nur schwer feststellbar sein dürfte.
10 
Die stechenden Augen des vierschrötigen Mannes in dem fensterlosen, nur mit Neonlampen erhellten Büro, musterten die beiden Typen, die in lässiger Haltung vor seinem Schreibtisch standen, mit durchdringendem Blick. John Hale und seine Männer waren die Gruppe fürs Grobe. Die spurlose Entsorgung des Abfalls, der in ihrem Geschäft immer wieder anfiel, war ein wesentlicher Bestandteil des reibungslosen Ablaufs.
»Ihr habt den Auftrag ordnungsgemäß erledigt und ihn ausgezahlt?«
Die beiden nickten unisono.
»Irgendwelche Schwierigkeiten bei der Übergabe des Pakets?«
»Alles in Ordnung, Chef«, gab Konrad, der Ältere des Duos, Auskunft. Er hatte einen deutlich hörbaren schwäbischen Akzent.
Hale rollte ein kleines Stück mit dem Bürostuhl zurück und öffnete eine Schublade seines Schreibtisches. Er nahm zwei Umschläge heraus und drückte jedem der beiden einen in die Hand.
»Ihr könnt jetzt gehen. Wahrscheinlich gibt es morgen oder übermorgen wieder eine Lieferung abzuholen. Lasst also eure Handys eingeschaltet.«
»Alles klar«, gab der Schwabe, offenbar der Wortführer der beiden, zurück. Er legte zwei Finger in einem angedeuteten militärischen Gruß an die Stirn und wandte sich zur Tür. Sein schweigsamer Kollege folgte ihm.
Hale sah ihnen nach. Er war ein harter Bursche, der beim Geschäft keinerlei Skrupel kannte. Dennoch erzeugten diese zwei Kerle bei ihm bei jeder Begegnung einen leisen Schauer. Sie erledigten für die Organisation die Drecksarbeit. Dabei kannten sie keine Grenzen und schon gar kein Erbarmen.
Er hatte sie vor eineinhalb Jahren angeheuert, als der Bedarf entstand, derartige Dienste zu organisieren. Ihre Vita hatte ihn überzeugt. Beide hatten reichlich Erfahrungen als Kämpfer in Syrien und im Irak gemacht. Dort hatten sie als Söldner getötet, hingerichtet und vergewaltigt. Ohne religiöse oder politische Motivation, nur für Geld. Ihm war klar, dass sie auch ihn ohne jegliche Bedenken töten würden, wenn ihnen jemand ein entsprechend lukratives Angebot unterbreiten würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintreten würde, war aber nicht sehr hoch, denn er bezahlte sie fürstlich. Er erhob sich leicht und zog die durchgeladene Pistole unter seinem Oberschenkel hervor, die er dort griffbereit verborgen hatte. Für alle Eventualitäten! Nachdem er sie gesichert hatte, legte er sie in die Schublade seines Schreibtisches zurück.
Konrad und Thorsten, wie der Schweigsame hieß, bewegten sich über den ebenfalls fensterlosen, mit Neonlampen erhellten Gang im Kellergeschoss des Gebäudes. Die Wände bestanden aus grauem, unverputzten Beton. An der Decke liefen Bündel von Versorgungsleitungen. Über ein Ventilationsrohr wurde Frischluft zugeführt. Eine metallene Seitentür öffnete einen Zugang zur Tiefgarage. Im hinteren Bereich stand ein schwarzer VW Touareg, den der Schwabe mit der Fernbedienung entriegelte.
Einen Augenblick später verließen sie das Gebäude. Ein unbefestigter Forstweg brachte sie zu einer durch den Wald führenden Asphaltstraße. Dort öffneten sie die Fenster und ließen frische Luft in das Fahrzeuginnere. Die beiden waren mit ihrem derzeitigen Job und der daraus resultierenden Einnahmesituation ausgesprochen zufrieden. Er bot kreativen Männern mit ihren Fähigkeiten verschiedene Möglichkeiten, ihre Einnahmen aus unterschiedlichen Quellen zu speisen. Für jede beseitigte Leiche gab es eine Prämie, mit der sie auch den Dienstleister bezahlten, der die endgültige Beseitigung erledigte. Hin und wieder entsorgten sie auch mal selbst eine Leiche in der freien Natur.
So eine spektakuläre Aktion wie die Verbrennung der einen Toten in einem gestohlenen Auto würden sie zukünftig sein lassen. Das erregte zu viel Aufmerksamkeit in den Medien. Sie wussten, dass sie damit ein Risiko eingingen, aber das beunruhigte sie nicht sonderlich. Sie waren ein gefährliches Leben gewohnt und würden ohne Skrupel jeden beseitigen, der sich ihnen in den Weg stellte.
Wenig später betraten sie ihre gemeinsame Wohnung am Rande der Lohrer Innenstadt, eine Dachterrassenwohnung auf einem der höheren Neubauhäuser in der Nähe des Mains. Für den Vermieter waren sie ein schwules Pärchen, das sich diese extravagante Penthousewohnung leisten konnte. Sie ließen die Menschen in der Umgebung in diesem Glauben. In den Augen ihrer Nachbarn waren sie zwei vermögende Männer, die man mit ihrer vermuteten sexuellen Ausrichtung tolerierte. Dies nicht zuletzt deswegen, weil sie freundliche, angenehme Zeitgenossen waren und in den Augen der Öffentlichkeit ein unauffälliges Leben führten.
Niemand in der Nachbarschaft hatte von ihrem Doppelleben eine Ahnung. Ihre durchaus heterogenen sexuellen Neigungen befriedigten sie in weiblicher Gesellschaft in entsprechenden Etablissements in Frankfurt. Innerhalb der Wohnung hatte jeder der beiden ein eigenes großes Zimmer. Diese waren militärisch spartanisch eingerichtet. Jeder hatte einen gepackten Einsatzrucksack in der Ecke stehen, der alles enthielt, was sie bei einer schnellen Flucht benötigten.
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