Read the book: «Kleinstadt-Hyänen»
Gesa Walkhoff
Kleinstadt-Hyänen
Zickenalarm in Gifhorn
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Julia
Das Wiedersehen
Daniela
Miriam
Nephele
Thekla
Vorbereitungen
Unter Druck
Spielchen
Entdeckungen
Lügen
Eifersucht
Explosionen
Vertuschung
Prüfungen
Entscheidungen
Showdown
Epilog
Impressum neobooks
Julia
Für Bahni, Rienelt, Anike, Mareile und Sven.
Keine Ahnung, wie ich das ohne euch hätte schaffen können.
„Hrrrgrrrrmpf!“
Julia presst ihre Zähne so fest aufeinander, dass ihre Kiefermuskulatur weiß hervortritt. Mit einem scharfen Laut zieht sie die Luft durch ihre Nase ein und stößt sie in einem heftigen Schwall durch den Mund wieder aus. Sie schließt ihre Augen und versucht, sich zu beruhigen. Als sie sie wieder öffnet, merkt sie, dass sie den Hörer noch immer mit eisernem Griff umklammert hält. Mit angewidertem Blick, als sei er zuvor in eine Jauchegrube gefallen, wirft sie ihn zurück auf die Gabel des Telefons, das auf ihrem Schreibtisch im Gifhorner Rathaus steht.
„Dieser jämmerliche Darmausgang wird mich kennenlernen! Den hänge ich an seinen Klöten am Glockenturm der Nicolai-Kirche auf. Das schwöre ich beim Leben meiner Mutter!“
Noch einmal schließt Julia die Augen und saugt Luft durch ihre Nasenlöcher ein. Sie stützt ihre Ellbogen auf der Schreibtischunterlage auf, faltet ihre Hände wie zu einem Gebet und lässt ihre Stirn auf ihre Fingerspitzen sinken. So verweilt sie reglos, wie in tiefe innere Einkehr versunken. Plötzlich, als sei mit einem Mal alles Leben aus ihr gewichen, sackt sie in sich zusammen und lässt sich rücklinks gegen die Lehne ihres voluminösen Schreibtischsessels fallen. Ihr Blick ist starr geradeaus ins Leere gerichtet. Nachdem sie weitere Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit erscheinen, reglos in dieser Position verharrt hat, hebt sich ihr Brustkorb und senkt sich wieder, wobei sie einen tiefen Seufzer ausstößt. Langsam, als sei jede ihrer Bewegungen mit einer immensen Kraftanstrengung verbunden, beugt sich Julia vor und langt nach ihrem privaten Mobiltelefon, das auf der echtledernen Schreibtischunterlage liegt. Sie tippt eine Nummer ein, hält das Gerät ans Ohr und wartet.
„Ahrens“, meldet sich eine schneidige Frauenstimme.
„Ich bin‘s, Mutter“, grüßt Julia kleinlaut zurück.
„Was ist passiert?“ fragt ihre Mutter alarmiert.
Julia seufzt erneut. Mit einem Mal fühlt sie sich entsetzlich müde und es fällt ihr unsagbar schwer, sich zu konzentrieren. So, als habe ihr jemand den Stecker gezogen. Das ist ein Zustand, den sie bislang nicht kannte, denn sie, die Bürgermeisterin der beschaulichen Kleinstadt am Südrand der Heide, findet für jedes Problem eine Lösung. Selbst, wenn sie einmal keine solche ad hoc parat hat, vermag sie doch stets, im Nullkommanichts eine Strategie aus dem Hut zu zaubern, wie sie eine aussichtlos erscheinende Angelegenheit doch noch zu ihren Gunsten herumdrehen kann. Geht nicht, gibt’s nicht in Julias Welt. Sie ist jederzeit auf alles vorbereitet und nichts und niemand kann sie aus dem Konzept bringen. Dafür bewundern sie die einen und fürchten sie die anderen. Doch dieses Mal ist es anders. Noch nie hat sich Julia so hilflos gefühlt. Das macht ihr Angst.
„Reiß dich zusammen, Kind, und raus mit der Sprache!“, herrscht Dorothea Ahrens ihre Tochter an. Unter ihrer offenkundigen Ungeduld ist ihre Besorgnis deutlich herauszuhören, denn auch sie kennt ihre Tochter so nicht.
Für einen Moment herrscht Stille in der Leitung. Dann platzt Julia heraus: „Ich bin aufgeflogen.“
Ihre Mutter seufzt mitleidig. „Vielleicht ist es gut, dass es endlich `raus ist.“
Empört fährt Julia aus ihrem Sessel in die Höhe. „Bist du wahnsinnig geworden?“, faucht sie.
„Nicht in diesem Ton!“, ermahnt Dorothea ihre Tochter.
Julia rollt die Augen. Niedergeschlagen lässt sie sich erneut gegen die Lehne ihres Schreibtischsessels fallen und fährt sich mit der freien Hand über das Gesicht. „Entschuldige bitte, Mutter, aber deine Bemerkung war wenig hilfreich.“
Dorothea seufzt erneut. So, wie eine Mutter es eben tut, wenn sie meint, genau zu wissen, was richtig für ihr Kind ist, das Kind das aber nicht einsehen will. „Sei froh, dass das Versteckspiel ein Ende hat! Ich habe diese ganze Scharade schon immer für reichlich albern gehalten. Wie lange hättest du das noch durchziehen wollen? Es war doch nur eine Frage der Zeit, bis alles herauskommt. Also kneif die Arschbacken zusammen und steh dazu!“
„Pffff!“, zischt Julia durch ihre Vorderzähne hindurch. „Damit ist meine Karriere als Bürgermeisterin beendet. Das wird mir niemand verzeihen.“
„Möglich“, bestätigt ihre Mutter knapp, „aber ich habe dich trotzdem lieb.“
Wider Willen muss Julia schmunzeln. Doch lange hält ihre Erheiterung nicht an. „Meine berufliche und vermutlich sogar meine private Existenz hängen daran“, erklärt sie düster.
Durchs Telefon hört sie, wie ihre Mutter zustimmend seufzt. Julia schüttelt resigniert den Kopf. Einen Augenblick lang ist sie versucht, ihrer Erzeugerin recht zu geben. Wozu sich gegen etwas wehren, das sie sowieso nicht ändern kann?
Unwillkürlich wandern ihre Gedanken zurück zu dem Telefonat, das sie vor einigen Minuten geführt hat. Sie erinnert sich an die Stimme des Reporters vom örtlichen Käseblatt, die vor Bosheit und geheucheltem Verständnis nur so triefte, als er ihr auseinandersetzte, dass er es den Lesern der Zeitung schuldig sei, sie über die Wahrheit aufzuklären. Dabei dürfe er selbstverständlich keine Rücksicht auf etwaige persönliche Befindlichkeiten nehmen. Schließlich sei es die vornehmste Aufgabe der Presse, als Kontrollin-stanz über das politische Geschehen zu wachen. Nicht umsonst würde man sie auch als „vierte Gewalt“ im Staat bezeichnen, und nur unter ganz, ganz, ganz besonderen Umständen sei überhaupt denkbar, dass er die Gifhorner Öffentlichkeit im Unklaren über die Vergehen der Bürgermeisterin lasse. Er könne so etwas eigentlich nur dann mit seinem Gewissen als rechtschaffener Bürger vereinbaren, wenn sie ihm verspräche, ihn bei seiner Kandidatur für den Stadtrat zu unterstützen – nur zum Vorteil der Stadt und ihrer Bürger selbstverständlich. Wenn mit ihm als Stadtratsmitglied Ehrlichkeit, Anstand und Transparenz in Gifhorn zu neuer Blüte gelangen würden, könnte er es im Gegenzug eventuell in Betracht ziehen, von einer Enthüllung ihres „Treibens“, wie er es nannte, abzusehen und so weiter und so fort. Julia realisiert, wie sich ihr Herzschlag erneut beschleunigt, als sie an den unerträglich selbstgefälligen Vortrag des Anrufers denkt. „Von dieser Schabe in Menschengestalt werde ich mir meine Karriere nicht ruinieren lassen“, knurrt sie.
„Von wem sprichst du eigentlich?“, fragt ihre Mutter.
„Lars Kotzlowski“, presst Julia zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Koslowski? Der kleine Schmierfink vom Ise-Boten?“ Julias Mutter stöhnt auf. „Ich wusste immer, dass aus dem nichts rechtes werden würde. Warum ausgerechnet der Reporter wurde, habe ich nie verstanden. Im Aufsatz schreiben war er völlig unbegabt, und ich finde, das merkt man seinen Artikeln heute noch an.“
„Hast du den etwa auch unterrichtet?“, fragt Julia entsetzt.
„Ich konnte mir meine Schüler nicht aussuchen, auch wenn ich das manches Mal bedauert habe“, kontert ihre Mutter trocken. „Ja, er war einer meiner Schutzbefohlenen in der Grundschule. Einer der wenigen, die ich nicht mochte, weil er damals schon heimtückisch war. Wobei man fast noch Verständnis für ihn haben musste, denn dass er so missraten war, ist sicherlich auch den schwierigen Verhältnissen zuzuschreiben, aus denen er kam. Sein Vater war Jurist und seine Mutter saß im niedersächsischen Landtag. Grässliche Leute! Mischten sich in alles ein, hatten von nichts eine Ahnung und …“
„Schon gut, Mutter“, unterbricht Julia sie. Momentan fehlen ihr die Nerven dafür, sich Anekdoten aus dem früheren Schulalltag ihrer Mutter anzuhören. „Ich habe leider gleich schon den nächsten Termin und muss jetzt Schluss machen.“
„Was wirst du tun?“, fragt Dorothea dennoch.
„Das weiß ich noch nicht“, antwortet Julia nachdenklich. „Vermutlich werde ich Kotzlowski erst mal nach allen Regeln der Kunst vermöbeln und dann weitersehen.“
„Eine ordentliche Tracht Prügel zur rechten Zeit hätte ihm in seiner Kindheit bestimmt nicht geschadet. Ich war immer dagegen, die Prügelstrafe komplett abzuschaffen – ganz besonders in der Schule. Man sieht ja, was dabei herauskommt! Allerdings befürchte ich, dass es deiner Karriere ebenfalls schaden würde, wenn du nachholst, was seine pflichtvergessenen Eltern versäumt haben“, gibt Dorothea zu bedenken. Sie überlegt einen Moment, dann ändert sich ihr Ton. Mit eindringlicher Stimme fügt sie hinzu: „Im Ernst, Julia, ich habe mir große Mühe gegeben, dich zu einem Menschen zu erziehen, der aufrecht durchs Leben geht. Findest du nicht, dass es an der Zeit ist, reinen Tisch zu machen?“
„Damit dieser Schreiberling sich an die Brust heften kann, die Bürgermeisterin Gifhorns geteert und gefedert aus dem Rathaus gejagt zu haben? Ich bitte dich!“, begehrt Julia auf.
„Teeren und Federn tat man vorwiegend im wilden Westen des vorletzten Jahrhunderts. In Deutschland ist das nie richtig in Mode gekommen“, korrigiert ihre Mutter sie. „‘Mit Schimpf und Schande aus dem Amt jagen‘ trifft es eher, und damit muss man als Lokalpolitiker heutzutage doch wohl klarkommen, oder?“
Julia rollt die Augen und schüttelt den Kopf über die kleinliche Berichtigung ihrer Formulierung durch ihre Gesprächspartnerin. „Dann lass es mich so ausdrücken: Ich habe nicht vor, meine berufliche Existenz aufs Spiel zu setzen. Ich habe zu hart dafür gekämpft und auf zu Vieles verzichtet, um jetzt einfach aufzugeben. Aber trotzdem danke fürs Zuhören!“
„Du weißt, dass ich immer für dich da bin, mein Kind. Ich habe jederzeit ein Essen und ein warmes Bettchen für dich.“
„Mutter!“, stöhnt Julia genervt auf.
„Schon gut!“, wehrt diese ab. „Ich weiß, ich weiß. Lieber würdest du dich erschießen, als zurück nach Hause zu ziehen. Das hast du oft genug gesagt.“
„Richtig“, bestätigt Julia mit einem gequälten Lächeln. „Ich bin sicher, es ist besser für uns beide.“ Sie atmet tief durch. „Trotzdem danke fürs Angebot. Und jetzt muss ich los. Wir sehen uns.“
„Mach‘s gut mein Kind. Und melde dich, wenn ich etwas für dich tun kann!“
„Ja, Mama“, antwortet Julia artig. Dann beendet sie kopfschüttelnd das Gespräch.
***
Wenige Augenblicke später reißt Julia die Tür zu ihrem Vorzimmer auf und rauscht durch das Reich ihrer Sekretärin. Ingeborg Meinhardt ist eine Institution im Gifhorner Rathaus. Die Dame, deren Berufsbezeichnung hinter vorgehaltener Hand „Gewitterziege“ lautet, sieht auch so aus, wie man sich eine solche vorstellt: Sie ist groß, dürr und trägt ihre mit grauen Strähnen durchwirkten Haare zu einem strengen Dutt zurückgebunden, wodurch sie ihre breite Stirn und ihr spitz zulaufendes Kinn betont. Seit Menschengedenken hütet Ingeborg Meinhardt die Pforte zum Büro des jeweiligen Bürgermeisters und dirigiert sämtliche seiner Angelegenheiten mit harter Hand. Julias zahlreiche Vorgänger wussten es zu schätzen, dass sie ihnen eine Menge Dinge vom Hals hielt, mit denen sie sich nicht beschäftigen wollten. Auch Julia genießt diesen Vorzug ihrer Sekretärin. Deshalb lässt auch sie ihr freie Hand zu entscheiden, wem sie wann und ob überhaupt Zutritt zu ihrem Büro gewährt. Obwohl sie zugeben muss, dass sie den Umgang Ingeborg Meinhardts mit den Mitarbeitern des Hauses manches Mal eine Spur zu autoritär und nicht mehr zeitgemäß findet. Andererseits hat sie als Bürgermeisterin alle Hände voll damit zu tun, die Geschicke der Stadt zu lenken. Und solange Ruhe im Rathaus herrscht – und das tut es! – sieht sie keinen Anlass, an den Verhältnissen etwas zu ändern.
„Ich habe noch einen privaten Termin und komme heute nicht mehr rein“, teilt Julia ihrer Sekretärin im Vorübergehen mit. An der Tür zum Flur dreht sie sich noch einmal um. „Schönen Feierabend!“, wünscht sie.
Statt einer Antwort sieht Ingeborg Meinhardt die Bürgermeisterin über den Rand ihrer schmalen Brille hinweg prüfend und eine Winzigkeit missbilligend an. Julia stutzt. Sie lässt ihren Blick aufmerksam an ihrer Garderobe hinabwandern. Der schmal geschnittene dunkelblaue Anzug sitzt einwandfrei, die Manschetten ihrer Bluse strahlen in makellosem Weiß und schauen genau anderthalb Zentimeter aus den Ärmeln ihres Blazers hervor. Auf ihren dunkelbraunen Pumps und ihrer Handtasche in der gleichen Farbe zeigt sich kein Stäubchen, ebenso wenig auf dem dunkelbraunen Wintermantel, den sie über dem Arm trägt. Irritiert hebt sie den Blick und sieht Ingeborg Meinhardt fragend an. Wortlos führt die ihre Hand zum Hals und nestelt an einem nicht vorhandenen Kragen. Julia versteht. Sie wirft einen Blick in den Spiegel, der neben der Garderobe im Vorzimmer hängt. Ein schmales, dezent geschminktes Gesicht, umrahmt von halblangen, braunen Haaren, die sie im Nacken zu einem Zopf zurückgebunden hat, schaut ihr entgegen. Unter ihrem Gesicht hat sich der linke Teil des Kragens ihrer weißen Bluse über das Revers des Blazers gelegt, während der andere ordentlich darunter liegt. Julia richtet den Kragen. Anschließend dreht sie den Kopf prüfend nach links und nach rechts, um den Sitz ihrer Frisur zu begutachten. Zufrieden mit dem Ergebnis wendet sie sich erneut Ingeborg Meinhardt zu. Die nickt zustimmend und sagt: „Ihnen auch einen schönen Feierabend.“ Dann heftet sie ihre Augen wieder auf den Bildschirm, der auf ihrem wohlsortierten Schreibtisch ruht.
Julia dreht sich endgültig um und schließt die Tür hinter sich. Mit energischen Schritten eilt sie den Flur entlang, vorbei an der Bildergalerie ihrer ausschließlich männlichen Vorgänger, der Tür zum kleinen Sitzungsraum und einer Dattelpalme im fragwürdigen Zustand, die ihre kärglichen sechseinhalb Wedel trotzig in die Höhe streckt. Während die Bürgermeisterin leichten Schrittes die Treppe ins Erdgeschoss hinunterspringt, schlüpft sie in ihren Mantel, grüßt kurz in Richtung der Pförtnerloge, während sie die Halle quert, stößt dann die gläserne Eingangstür auf und tritt ins Freie. Ein kalter Wind weht ihr entgegen. Julia stellt den Kragen ihres Mantels hoch, um sich dagegen zu schützen. Während sie den Marktplatz überquert, schaut sie empor zum schiefergedeckten Glockenturm der hellrosafarben gestrichenen Nicolai-Kirche. Ihre hellblauen Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen, als sie sich vorstellt, wie sie ihren Intimfeind von der örtlichen Presse dort oben befestigen würde. Einen Moment später hat sie sich wieder im Griff. Es ist Teil ihrer Überlebensstrategie, jederzeit einen unverwüstlichen Eindruck zu hinterlassen. Wenn deine Gegner merken, dass sie dich aus der Reserve locken können, hast du schon verloren, ist ihre Überzeugung. Und verlieren tut sie nicht. Niemals! Sie sammelt höchstens Erfahrungen.
Mit aufgeräumter Miene eilt sie die Fußgängerzone hinunter.
Das Wiedersehen
Wenige Minuten später betritt Julia ein Lokal namens „Ziegenstall“. Suchend blickt sie sich nach der Restaurant-Chefin um. Nephele Papas, eine mollige Frau mit langen schwarzen Haaren und einem herzförmigen Gesicht, das von ihren großen ausdrucksstarken Augen dominiert wird, die sie mit dickem schwarzen Kajal zusätzlich betont, kommt hinter dem Tresen hervor und eilt strahlend auf sie zu. Wie immer ist die Wirtin ganz in schwarz gekleidet. Heute ermöglichen der tiefe Ausschnitt ihres knielangen Kleides und die fast durchsichtigen Ärmel aus schwarzer Spitze einen großzügigen Ausblick auf diverse romantische Tattoos in Form von Rosen, verschlungenen Ranken und Schmetterlingen. Eine feine goldene Kette mit einem Kreuz bildet den einzigen Lichtpunkt ihrer Garderobe.
„Julia! Wie schön dich zu sehen“, begrüßt Nephele ihren Gast und breitet erfreut die Arme aus. Während die beiden sich gegenseitig ein Küsschen links und eines rechts auf die Wange hauchen, meint die Wirtin: „Daniela ist schon da. Ich habe sie an einem Tisch weit weg vom Trubel, der hier vorne am Eingang herrscht, platziert. Dort sind wir hoffentlich ungestört.“
Julias Augen folgen Nepheles Kopfnicken. Im hintersten Winkel des Lokals, direkt am Fenster zum Parkplatz hinaus, entdeckt sie die Frau, von der die Rede ist. Sie trägt ihre langen blonden Locken zusammengefasst zu einem unordentlichen Dutt und hat ihre üppigen Rundungen in ein robustes Leinenhemd in verwaschenem Rot und eine blaue Jeans gepresst. Dazu trägt sie derbe Schuhe, die Julias kritischer Einschätzung nach bestimmt schon mehrere Wochen lang nicht mehr geputzt worden sind. Obwohl die Frau ungeschminkt ist und augenscheinlich nicht viel Zeit darauf verwendet hat, sich für das Treffen herzurichten, wirkt sie fast sexy in ihrem legeren Outfit, das ihre weibliche Figur vorteilhaft betont. Ihre Attraktivität wird noch verstärkt durch die ebenmäßigen Gesichtszüge, die denen eines naiven Rauschgoldengels gleichen.
Während sich Julia und Nephele dem Tisch nähern, ist Daniela vollauf damit beschäftigt, etwas in ihr Smartphone einzutippen. Erst, als Julia und Nephele direkt vor ihr stehen, bemerkt sie sie und hebt ihren Blick vom Display. Ein strahlendes Lächeln erhellt ihr Gesicht.
„Julia! Meine Güte, was hast du dich verändert! Ich glaube, ich habe dich seit unserem Abi-Ball nicht mehr gesehen. Nur in der Zeitung, natürlich. Du hast ja richtig Karriere gemacht als Bürgermeisterin Gifhorns! Beeindruckend!“, sprudelt es aus ihr heraus. Sie springt auf und umarmt ihre alte Schulfreundin.
„Du dagegen hast dich scheinbar überhaupt nicht verändert“, erwidert Julia, als sie sich einander gegenüber an den Tisch setzen. „Dein frischer Teint ist der einer Zwanzigjährigen. Wie machst du das nur?“
Daniela zuckt die Schultern. „Das hängt vermutlich mit der guten Landluft zusammen. Ich habe in einen landwirtschaftlichen Betrieb eingeheiratet und auf unserem Hof gibt es immer eine Menge zu tun.“
Julia mustert ihre Freundin genauer. „Kinder hast du anscheinend auch“, bemerkt sie mit anzüglichem Grinsen. Dabei starrt sie auf den deutlich sichtbaren Abdruck, den eine kleine Hand, die vorher anscheinend in ein Nougatglas gegriffen hat, auf Danielas Schulter hinterlassen hat.
Daniela folgt ihrem Blick und verrenkt sich dabei fast den Hals. „Mist!“, schimpft sie. „Ich möchte es einmal schaffen, zivilisiert aus dem Haus zu gehen. Seit ich Kühe und Kinder habe, ist mir das noch nicht gelungen.“ Ärgerlich starrt sie auf das Missgeschick.
„Das ist doch nicht schlimm“, tröstet Nephele. „Wir sind doch unter uns.“
Daniela kramt in ihrer Hose nach einem Taschentuch, spuckt einmal kurz darauf und bearbeitet die Hinterlassenschaft. Viel Erfolg ist ihr damit jedoch nicht beschieden. Im Gegenteil: Zu dem Fleck gesellen sich nun auch noch kleine weiße Papierfasern. Unzufrieden mit dem Ergebnis schüttelt sie den Kopf.
„Es fällt kaum noch auf“, lügt Julia und lächelt Daniela aufmunternd zu.
„Bestimmt nicht“, bestätigt Nephele und wirft Julia ein verschwörerisches Lächeln zu.
Daniela schaut die beiden misstrauisch an. „Ich glaube, ihr schwindelt mich an“, stellt sie mit ernstem Gesicht fest, woraufhin alle drei in schallendes Gelächter ausbrechen.
„Wer beschwindelt wen?“, fragt eine Stimme hinter ihnen. Die Köpfe der drei fahren zu der schlanken Frau mit den langen roten Haaren herum, die wie aus dem Nichts neben ihrem Tisch aufgetaucht ist. Unter ihrem cremefarbenen Wintermantel trägt sie eine enge, makellos weiße Jeans und darüber eine todschicke rehbraune Rüschenbluse, die sich elegant an ihren schlanken Körper schmiegt. Dazu hat sie modische dunkelbraune, spitz zulaufende Stiefeletten mit hohen Absätzen an den Füßen, die exakt den gleichen Farbton aufweisen wie ihre Coco-Chanel-Handtasche, die sie über dem Arm trägt. Eine lange silberne Kette mit einem riesigen tropfenförmigen Bernstein adelt ihr Outfit. Ihr fragender Blick wandert von einer der am Tisch sitzenden Frauen zur nächsten. Dann verharrt er bei Daniela, besser gesagt auf deren Schulter.
„Um Gottes willen, was ist das?“, ruft sie entsetzt. „Das sieht ja aus, als hätte sich jemand an dir den Hintern abgewischt!“ Angewidert verzieht die Rothaarige das Gesicht. Julia und Nephele werfen sich einen amüsierten Blick zu, während Danielas Gesicht von einer zarten Röte überzogen wird.
„Es ist nur ein bisschen Nutella. Ich habe halt Kinder“, rechtfertigt sie sich.
Die Rothaarige schnauft und schüttelt abschätzig den Kopf. „Ich habe auch Kinder. Das ist noch lange kein Grund, sich so gehen zu lassen!“, versetzt sie herablassend.
„Wie schön, Miriam, dass auch du den Weg zu uns gefunden hast“, beeilt sich Julia einzuwerfen, bevor die Situation für die arme Daniela noch unangenehmer werden kann. Innerlich kann sie über Miriam nur den Kopf schütteln. Vermutlich muss man Arztgattin sein und darf keine größeren Probleme als einen abgebrochenen Fingernagel haben, um aus einem simplen Fleck eine so große Sache zu machen, denkt sie bei sich. Gleichzeitig fragt sie sich, ob es vielleicht keine so gute Idee war, Miriam ins Veranstaltungskomitee für die Ausrichtung der Abi-Jubiläumsfeier zu bitten. Julia kann sich noch gut daran erinnern, dass ihre Freundin schon zu Schulzeiten nicht durch übermäßigen Arbeitseinsatz, dafür umso mehr durch eine hohe Anspruchshaltung aufgefallen ist. Für die verwöhnte Tochter ehrgeiziger Eltern war stets nur das Beste gut genug gewesen. Miriam hatte niemals geruht, bis sie das, was ihr ihrer Meinung nach zustand, auch bekam. Auseinandersetzungen darum waren für Mitschüler wie für Lehrer oft sehr anstrengend gewesen. Darüber hinaus findet Julia es komplett überflüssig, die arme Daniela so anzugiften. Noch dazu, wo alle Anwesenden früher nicht nur auf das gleiche Gymnasium gegangen sind, sondern auch miteinander befreundet waren. Doch wie immer ist Julias Miene nichts von ihren Gedanken anzusehen. Stattdessen deutet sie mit einem kurzen Nicken auf den freien Platz neben sich. „Vielleicht magst du dich trotzdem zu uns setzen, auch wenn unsere Garderobe nicht hundertprozentig deinen Ansprüchen genügt?“, fragt sie spöttisch.
„Natürlich.“ Miriam ringt sich ein Lächeln ab und rutscht zu ihr auf die Bank. Irritiert sieht Julia ihr dabei zu. Wenn sie nicht wüsste, dass es völlig undenkbar ist, weil es überhaupt nicht zu Miriam passt, dann hätte sie geschworen, dass deren Wangen eine leichte rosa Färbung angenommen haben. Doch Miriam Schamgefühl zu unterstellen, wäre nun wirklich zu weit hergeholt!
Einen Moment lang herrscht betretene Stille am Tisch. Schließlich bricht Nephele das Schweigen. „Du liebe Güte, wie unaufmerksam von mir! Ihr sitzt ja alle noch auf dem Trockenen! Was haltet ihr von einem Prosecco? Auf die alten Zeiten? Ich lade euch ein.“
Dieses Angebot verbessert die Stimmung im Nu. Alle stimmen begeistert zu und Nephele gibt die Bestellung an eine ihrer Angestellten weiter. Anschließend wendet sie sich wieder der Runde am Tisch zu. „Jetzt warten wir nur noch auf Thekla, stimmt‘s?“, fragt sie Julia, die Initiatorin des Treffens. „Ich wusste gar nicht, dass sie wieder im Lande ist. Das Letzte, was ich hörte, war, dass sie nach Hollywood gegangen ist?“
Julia nickt. „Ich war selbst erstaunt, als sie mir schrieb, dass sie wieder in Gifhorn sei. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie auf die Terminabfrage zur Jubiläumsfeier, die ich per Mail an alle verschickt habe, überhaupt antwortet. Was soll sie sich dafür interessieren, wenn sie auf der anderen Seite des Globus lebt?“
Daniela schaut überrascht. „Im Ernst? Thekla ist wieder hier? Unmöglich! Wer kommt denn freiwillig von Hollywood zurück nach Gifhorn?“ Sie klingt ehrlich betroffen. Unbeabsichtigt erntet sie mit dieser Bemerkung einen Heiterkeitsausbruch der anderen Frauen.
„Ich bitte dich! Was sind denn das für Töne?“, schimpft Julia gespielt empört. „Gifhorn ist die idyllische Mühlenstadt am südlichen Rand der Lüneburger Heide. Hierher kommen sogar Touristen!“
Nun wollen sich alle beinahe ausschütten vor Lachen. Die junge Bedienung, die in diesem Moment mit dem Prosecco in einem silberfarbenen Kühler und fünf Gläsern an den Tisch herantritt, lächelt unsicher in die Runde. Man kann ihr quasi von der Stirn ablesen, dass sie der Meinung ist, dass die Damen keinen Prosecco mehr benötigen, um in Stimmung zu kommen. Ihre Chefin nickt ihr beruhigend zu. „Klassentreffen“, sagt sie mit vielsagendem Blick. Augenblicklich erhellt ein verständnisvolles Lächeln die Miene der jungen Frau. Sie stellt das Tablett auf dem Tisch ab und öffnet die Flasche. Anschließend entfernt sie sich, als Nephele ihr zu verstehen gibt, dass sie das Einschenken des Getränks selbst besorgen wird.
„Vielleicht sollten wir noch auf Thekla warten?“, fragt die Gastwirtin in die Runde.
„Nicht nötig“, ertönt es neben ihr. Überrascht dreht sich Nephele um und schaut direkt in die vergnügt strahlenden dunkelbraunen Augen einer schlanken, hochgewachsenen Frau. Deren ausdrucksstarkes Gesicht, das niemand so schnell vergisst, der es je gesehen hat, ziert ein breites Grinsen. Die langen Beine der Frau stecken in engen grauen zerrissenen Jeans, über denen sie ein weißes Tanktop und einen weiten grobmaschigen dunkelbraunen Wollpullover trägt. Ihr langes zerzaustes aschblondes Haar hat sie mit einem um ihren Kopf geschlungenen bunt gemusterten Tuch halbwegs gebändigt. „Tut mir leid, Mädels, dass ich zu spät bin. Die Gifhorner Rush Hour ist der Horror!“, schimpft sie und rollt die Augen genervt gen Himmel.
Für diese nicht ganz ernst gemeinte Bemerkung erntet sie großes Gelächter. Während Thekla sich auf die Bank neben Daniela schiebt, füllt Nephele den Prosecco in die Gläser und verteilt sie an ihre Gäste. „Auf unser Wiedersehen und eine erfolgreiche Planung unseres Abi-Jubiläums!“, ruft sie und erhebt ihr Glas. Die anderen folgen ihrem Beispiel.
„Wie schön, dass wir uns nach so langer Zeit endlich wiedersehen. Es fühlt sich fast so an, als wäre es gestern gewesen, als wir Abitur gemacht haben!“, meint Thekla.
„Mir geht es genauso“, stimmt Daniela ihr zu. „Wenn ich überlege, was wir fünf früher für einen Mist angestellt haben, dann kann ich gar nicht verstehen, wie wir uns so komplett aus den Augen verlieren konnten. Hatten wir uns nicht damals bei der Abi-Party am Waldsee ewige Freundschaft geschworen?“, fragt sie.
„Stimmt“, bestätigt Thekla schmunzelnd. „Möglicherweise hatte dieser höchst sentimentale Akt aber auch mit dem Joint zu tun, den wir bei dieser Gelegenheit haben kreisen lassen.“ Ein amüsiertes Raunen geht durch die Runde. Daraufhin korrigiert Nephele ihren Trinkspruch: „Auf die Freundschaft!“, ruft sie und prostet den anderen zu. „Auf die Freundschaft!“, echoen die vier übrigen im Chor.
Nachdem sie angestoßen und einen Schluck getrunken haben, tauschen sich die fünf beim Prosecco darüber aus, wie sie die vergangenen zwanzig Jahre seit ihrem Schulabschluss verbracht haben. Bis auf Nephele und Julia, die sich des Öfteren in der Stadt oder im Lokal über den Weg laufen, wo Julia ab und an zu Mittag isst, haben sich die fünf seither kaum oder gar nicht mehr gesehen.
Daniela berichtet, wie sie kurz nach dem Abitur ihre Jugendliebe Erik heiratete und wenig später ihre Ausbildung als Bürokauffrau abbrach, als sie schwanger wurde. Nephele erzählt von ihren erfolglosen Bemühungen, nach dem Abi an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig aufgenommen zu werden, und wie sie sich, um Geld zu verdienen, mit Jobs im Service über Wasser gehalten hat. „Als ich dann mit Ilias schwanger wurde und sein Vater glücklicherweise das Weite suchte, musste ich mich allein durchschlagen. Da mir klar war, dass das als Bedienung schlecht funktionieren würde, habe ich meine Eltern angepumpt und einen hohen Kredit aufgenommen, um dieses Lokal kaufen zu können“, erklärt sie.
„Hat Ilias Vater dich nicht unterstützt?“, fragt Miriam erstaunt. „Du liebe Güte! Das wäre mir nicht passiert! So weit hätte der Kerl gar nicht rennen können, dass ich ihn nicht gefunden und ausgepresst hätte wie eine Zitrone!“
Thekla, Julia und Daniela lachen, obwohl oder gerade weil sie wissen, dass Miriam es todernst meint. Wenn es um ihren Vorteil geht – das wissen alle – schreckt sie vor nichts zurück.
Nephele schüttelt den Kopf und seufzt. „Bei Männern habe ich leider noch nie ein glückliches Händchen besessen. Bei dem schon gar nicht! Ich war heilfroh, als ich den Kerl los war. Ich hätte ihm sogar etwas dafür bezahlt, damit er aus meinem Leben verschwindet!“ Miriam sieht sie verständnislos an, doch Nephele scheint zu finden, dass sie das Thema erschöpfend behandelt hat. Bevor die andere nachhaken kann, hat sie den Spieß schon umgedreht. „Wo wir gerade dabei sind“, meint sie mit anzüglichem Lächeln, während sie ihren Blick an Miriams teurer Garderobe herabwandern lässt und schließlich bei der Coco-Chanel-Tasche landet, die diese neben sich auf der Sitzbank abgestellt hat. „Wie ist das eigentlich bei dir? Du hast ja bereits erwähnt, dass du Kinder hast. Allem Anschein nach zahlt sich das aus?“
Die anderen wenden sich nun ebenfalls mit gespannter Aufmerksamkeit Miriam zu. Bei jeder anderen hätten sie vielleicht Mitleid gehabt, wenn sie auf diese Weise bloßgestellt worden wäre. Doch bei Miriam, das wissen alle, ist übertriebenes Feingefühl überflüssig. Als wolle sie diese Einschätzung bestätigen, streicht sich die Angesprochene mit einer gezierten Geste eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelt zufrieden. „Selbstverständlich tut es das. Mein Mann führt eine gutgehende Privatklinik für plastische und ästhetische Chirurgie. Wir können ganz gut davon leben.“
Ein beeindrucktes Raunen erhebt sich am Tisch.
„Dann bist du dort vermutlich für die Buchhaltung zuständig?“, rät Thekla.
Entsetzt blickt Miriam sie an. „Um Himmels willen, nein! Ich habe genug mit der Erziehung unserer Kinder zu tun. Die Zwillinge sollen schließlich in ordentlichen Verhältnissen aufwachsen. Außerdem kümmere ich mich natürlich um die Hunde, das Haus und den Garten.“
Die anderen Frauen werfen sich belustigte Blicke zu. Miriam bemerkt es und kontert: „Wie ich schon sagte, wirft die Klinik genug ab. Es ist nicht nötig, dass ich arbeiten gehe. Aber selbstverständlich engagiere ich mich für wohltätige Zwecke.“
Für diese Aussage erntet sie gespielt beeindruckte Blicke.
Julia will es genauer wissen. „Und was sind das für Wohltätigkeiten, mit denen du die Welt beglückst?“
„Ich bin im Kirchenvorstand unserer Gemeinde aktiv“, antwortet Miriam geziert. „Da gibt es immer etwas zu tun. Einen Wohltätigkeitsbazar zu organisieren, einen Spendenaufruf für Menschen in Not zu verschicken, ein Senioren-Kaffeetrinken zu veranstalten … na, ihr wisst schon. Was man halt so tut.“
Danielas Augen sind bei Miriams Ausführungen immer größer geworden. Ungläubig schüttelt sie den Kopf. Miriam bemerkt es und wirft ihr einen ungeduldigen Blick zu.
„Ist das alles?“, fragt Daniela verwundert. „Das kann dich doch unmöglich ausfüllen! Was machst du denn sonst noch so?“
Die anderen drei brechen in wieherndes Gelächter aus. Das ist Daniela gar nicht recht, denn sie hatte überhaupt nicht vor, sich über Miriam lustig zu machen. Bevor die zu einer scharfen Erwiderung ansetzen kann, greift Julia ein, um einen neuerlichen Angriff auf Daniela zu verhindern.
„Ich wette, ihr seid nun alle furchtbar neugierig darauf zu erfahren, was ich in den letzten zwanzig Jahren gemacht habe?“, fragt sie in die Runde.
„Und wie“, ruft Nephele, woraufhin alle lachen müssen. Schließlich haben sie bereits mitbekommen, dass sich die Wege der Bürgermeisterin und der Gastronomin, deren Arbeitsplätze nur einen Katzensprung voneinander entfernt liegen, des Öfteren kreuzen. Nichtsdestotrotz berichtet Julia von ihrem Studium in Berlin und wie sie anschließend eigentlich nur für die Zeit, bis sie einen Job findet, in die Kleinstadt zurückkehrte. Dann jedoch, erzählt sie, erhielt sie von einem nahen Autobauer ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte und fand schließlich eher zufällig den Weg in die Kommunalpolitik.
„Zufällig? Das war doch klar, dass du irgendwann auf die schiefe Bahn gerätst!“, widerspricht Thekla. „Du musstest dich doch schon in der Schule in alles einmischen. Warst du nicht Jahrgangssprecherin und später sogar Schulsprecherin?“
Nephele ergänzt: „Nicht nur das! Wir waren bereits auf der Grundschule in derselben Klasse. Schon damals hat sie sich zur Klassensprecherin wählen lassen.“
„Aber nur, um zu verhindern, dass der blöde Thomas das Amt bekam, der uns immer Juckpulver in den Kragen gesteckt hat“, verteidigt sich Julia.
Alle lachen. Anschließend fragt Daniela: „Und wie sieht es privat bei dir aus?“
Bevor Julia darauf antworten kann, mischt sich Miriam ein. „Das weiß doch jeder, dass Julia mit Björn Hemker, dem Kaufhaus-Inhaber verlobt ist. Liest man bei euch im Langenklint keine Zeitung?“, fragt sie bissig.
„Dauerverlobt“, fügt Nephele mit einem anzüglichen Blick in Julias Richtung hinzu, um von dem neuerlichen Giftpfeil Miriams auf die arme Daniela abzulenken. „Der Zustand dauert jetzt schon mindestens vier Jahre an. Findest du nicht, du solltest den armen Kerl endlich mal erlösen und heiraten?“, fragt sie Julia.
„Erlösen und heiraten? Wie soll das gehen?“, wirft Thekla spöttisch ein.
Julia bedenkt sie mit einem strafenden Blick und kontert: „Erzähl du uns lieber, wie es in Hollywood war und was dich zurück nach Gifhorn verschlagen hat. Ich glaube, das interessiert uns alle viel mehr“, wechselt sie geschmeidig das Thema, verschränkt die Arme vor der Brust und blickt Thekla erwartungsvoll an.
„Oh ja!“, ruft Daniela mit leuchtenden Augen. „Wie war‘s da drüben? Mit wem hast du gedreht? Stimmt es eigentlich, dass du ein Verhältnis mit diesem Game-of-Thrones-Star hattest? Wie hieß er noch gleich …“
Thekla unterbricht sie mit süffisantem Grinsen. „Keine Namen, bitte! Seine Frau fand die medialen Spekulationen über die Fehltritte ihres Ehegatten gar nicht lustig. Die bringt es fertig und verklagt dich wegen Verleumdung!“
Daniela lässt sich nicht entmutigen. „Dann erzähl‘ uns wenigstens etwas über die Dinge, über die du reden darfst! Zum Beispiel über die Filme, in denen du mitgespielt hast. Darüber weiß ich gar nichts. Ich habe dich noch in keinem Streifen gesehen!“
Die drei übrigen Frauen werfen sich pikierte Blicke zu. Daniela jedoch scheint das Fettnäpfchen gar nicht zu bemerken, in dem sie bereits knietief steht. Mit leuchtenden Augen und voller Vorfreude auf spannende Neuigkeiten aus der Welt der Stars und Sternchen sieht sie ihre alte Schulfreundin abwartend an.
Thekla reagiert gelassen. „Nun, besonders spektakulär waren meine Engagements bislang nicht. Mit international erfolgreichen Produktionen kann ich nicht dienen. Ein paar Nebenrollen in amerikanischen Fernsehserien, einige Bühnenengagements und auch eine Rolle in einer Broadway-Produktion – das war’s dann schon mehr oder weniger“, erklärt sie vage.
„Und mit wem hast du so gedreht?“, hakt Daniela neugierig nach.
„Vermutlich mit niemanden, den du kennst“, wirft Miriam bissig ein. „Mann, Daniela! Thekla hat es doch gerade gesagt! So großartig ist es für sie da drüben nicht gelaufen. Deshalb wird sie Filmgrößen wie George Clooney, Brad Pitt, Tom Hanks oder Tom Cruise wohl kaum persönlich kennengelernt haben.“
Thekla bläst die Backen auf und wiegt den Kopf hin und her. „Ganz so würde ich das nicht formulieren. Hollywood ist ein Dorf und es gibt jede Menge Partys, in die man sich hineinmogeln kann.“ Sie grinst spitzbübisch, winkt jedoch schon im nächsten Moment ab. „Aber ich glaube tatsächlich, es gibt Spannenderes, als über solche Dinge zu reden. Und vor allem Wichtigeres! Sind wir nicht hier, um unser Abi-Jubiläum vorzubereiten?“
„Sehr richtig!“, pflichtet Julia ihr bei. „Und ich finde, damit sollten wir jetzt auch beginnen, bevor euch der Prosecco zu sehr in den Kopf steigt.“
Als sich am Tisch lautstarker Protest regt, hebt sie beschwichtigend die Hände. Dabei macht sie den Eindruck, als führe sie den Vorsitz bei einer turbulenten Ratssitzung und müsse für Ordnung sorgen, weil sich die Ratsmitglieder wegen irgendeiner Sache in die Haare geraten sind. Natürlich ist auch das wieder ein Anlass zur Erheiterung.
Anschließend fragt Thekla: „Ich habe da gleich mal eine Frage: Feiert man ein Jubiläum nicht eigentlich erst nach fünfundzwanzig Jahren? Warum begehen wir unseres schon nach zwanzig?“
Julia verzieht spöttisch das Gesicht. „Weil das damalige Abi-Feier-Veranstaltungskomitee davon überzeugt war, dass nach 25 Jahren schon zu viele von uns unter der Erde liegen würden. Deshalb hatten wir beschlossen, unser erstes Treffen bereits nach zwanzig Jahren abzuhalten. Meine Güte, wir haben geglaubt, mit vierzig müsse man wenigstens scheintot sein. Erinnert ihr euch an Herrn Hecht, unseren Geschichtslehrer? Der war zu unserer Zeit erst Ende dreißig und wir dachten, der würde kurz vor der Rente stehen. So griesgrämig und vertrocknet, wie der aussah!“
Dem können die anderen nur beipflichten.
„Ich bin jedenfalls jetzt schon mächtig gespannt darauf zu erfahren, was aus den Leuten geworden ist, und muss nicht fünf weitere Jahre warten“, meint Daniela.
„Stimmt“, ruft Nephele und ihre Augen beginnen zu leuchten. „Erinnert ihr euch noch an den ‚schönsten Mann zwischen Harz und Heide‘, wie wir ihn damals nannten?“
Lautes Gejohle beantwortet ihre Frage.
„Er war der Schwarm aller Mädchen unseres Jahrgangs“, erinnert sich Daniela.
„Und aller anderen Jahrgänge auch!“, ergänzt Thekla lachend. Sie wendet sich an Julia. „Was meinst du? Wird er bei unserer Jubiläumsfeier erscheinen?“
„Keine Ahnung“, antwortet die Angesprochene und zuckt die Schultern. „Bislang habe ich nur Kontaktdaten recherchiert und allen eine Terminabfrage geschickt. Von ihm habe ich bislang nicht einmal eine E-Mail-Adresse, weiß aber wenigstens von seiner Mutter, wo er wohnt.“
„Wie hieß der Typ eigentlich? Andi? Oder Andreas?“, will Miriam wissen.
„André Tetzlaff“, antwortet Nephele hingebungsvoll seufzend und richtet den Blick mit einem dramatischen Augenaufschlag gen Himmel. „Wisst ihr noch, wie er sich immer mit den Fingern durch die halblangen blonden Haare fuhr? Er sah damals aus wie Brad Pitt.“
Ein zustimmendes Raunen geht durch die Runde.
„Warst du nicht mal mit ihm zusammen, Thekla?“, fragt Julia.
Die Angesprochene nickt langsam, als würden die Erinnerungen an diese ferne Zeit erst nach und nach zu ihr zurückkehren. „Jahaaa“, sagt sie gedehnt, „aber ich habe ihn auch schnell wieder entsorgt“, erinnert sie sich dann. „Er sah zwar gut aus, war aber innerlich ziemlich hohl.“
„Ich habe auch mal mit ihm herumgeknutscht. Das war kurz vor dem Abi“, schwärmt Nephele mit verträumtem Blick. „Mann, war ich verknallt! Ich war überzeugt davon, dass wir irgendwann heiraten würden.“ Sie seufzt und zuckt die Schultern. „Doch daraus wurde nichts“, fügt sie betrübt hinzu.
Ein vielstimmiges, bedauerndes „Oooh“ erfüllt die Runde am Tisch.
„Und warum wurde nichts daraus?“, will Daniela wissen.
Nepheles Miene verfinstert sich. „Irgend so eine Schlampe hat sich auf dem Abiball an ihn `rangewanzt, einen Joint mit ihm geteilt und ihn dann auf dem Damenklo im Kulturzentrum durchgevögelt. So wurde es mir jedenfalls zugetragen.“
Julia gniggert in sich hinein. Nephele schaut sie empört an. „Du lachst darüber?“
Nun kann Julia nicht mehr an sich halten. Sie prustet lauthals los und schlägt sich auf die Schenkel. Als sie sich ein bisschen erholt hat, beteuert sie: „Es tut mir leid, Nephele, wirklich! Aber ich erinnere mich an die Szene. Und es war wirklich zu komisch!“ Wieder bricht sie in wieherndes Gelächter aus.
Thekla fällt mit ein. „Meine Güte, natürlich! Wie konnte ich das vergessen? Ich war ja auch dabei!“ Die beiden biegen sich über den Tisch vor Lachen. „‘Tschuldigung, Nephele, aber es war wirklich ein Bild für die Götter!“, erklärt Thekla, während sie mühsam versucht, sich zu beherrschen. Als ihr das gelingt, teilt sie ihre Erinnerungen mit den anderen. „Wir standen im Foyer vor dem Ballsaal. Eine Frau kam an uns vorbei – vermutlich eine der Mütter. Sie war leichenblass und ihre Lippen zitterten vor Empörung. Julia fragte besorgt, ob sie helfen könne. ‚Irgendwer vergisst sich auf der Damentoilette. Unmöglich sowas!‘, stammelte die Dame. Wir wussten gar nicht, was sie meint! Aber Julia und ich wurden neugierig und gingen aufs Mädchenklo. Dort hatte sich bereits eine Traube von Schülern, auch ein paar Jungs waren darunter, feixend vor einer der Kabinen versammelt, um dem, was da drinnen vor sich ging, zu lauschen. Ein besonders vorwitziger Bengel probierte die Klinke und tatsächlich: Die Tür sprang auf! Diejenigen, die da drinnen zugange waren, hatten es entweder nicht für nötig befunden oder im Eifer des Gefechts vergessen abzuschließen.“ Erneut wird sie von einer Lachsalve geschüttelt und kann nicht weitersprechen.
Das übernimmt Julia für sie. „André stand auf dem Klo und hielt sich am Wasserkasten unter der Decke fest. Vor ihm stand eine Frau und blies ihm mit Leidenschaft ein Ständchen. Wir haben gebrüllt vor Lachen!“
Das tun nun auch die anderen am Tisch. Sogar Nephele wird davon angesteckt. Schließlich lacht sie selbst am lautesten von allen. „Weiß eigentlich jemand, wer diese kleine Schlampe war? Ich habe ihren Namen nie erfahren“, will sie wissen, während sie sich die Lachtränen aus den Augen wischt.
Daniela schüttelt bedauernd den Kopf. „Tut mir leid – ich war nicht dabei. Ich höre heute zum ersten Mal davon!“
Julia und Thekla schauen sich fragend an, Letztere zuckt die Schultern. „So weit reichen meine Erinnerungen nicht. Es muss wohl jemand aus unserer Penne gewesen sein. Irgendeine, bei der es niemanden überrascht hat, dass sie sich so ungeniert gibt. Andernfalls hätten wir vermutlich im Gedächtnis behalten, wer sich dort um Andrés Wohl bemühte.“
„Demnach kann es keine der Mütter gewesen sein, denn daran hätten wir uns erinnert!“, stimmt Julia zu. Sofort brüllen wieder alle vor Lachen.
Als sie sich von diesem neuerlichen Heiterkeitsausbruch erholt haben, meint Miriam: „Es ist so lange her. Eigentlich ist es doch auch gar nicht mehr wichtig.“
„Für mich schon!“, widerspricht Nephele halb im Ernst, halb im Scherz. „Schließlich haben André und ich deswegen nicht geheiratet. Niemals hätte ich mich an einen Kerl verschwendet, der mich betrügt!“, erklärt sie mit Nachdruck.
„Oooohh“, raunen die vier anderen gespielt betroffen im Chor.
„Miriam hat recht. Sei froh, dass dir diese Frau, wer immer sie auch war, die Augen über Andrés vielseitiges Interesse an der Damenwelt geöffnet hat, und …“ Thekla stockt. Entgeistert starrt sie die Arztgattin an. Die senkt den Blick, zieht ihre Chanel-Tasche auf ihren Schoß und beginnt darin herumzukramen. Die Augen der anderen sind auf Thekla gerichtet in der Erwartung, dass sie ihren Satz beenden wird, doch sie schweigt.
Auf einmal werden auch Julias Augen groß wie Untertassen. Erschrocken blickt sie erst zu Miriam, dann zu Thekla. Einen Moment später hat sie sich wieder im Griff. „Gibt’s noch Prosecco?“, fragt sie beiläufig. Doch ihr Ablenkungsmanöver kommt zu spät.
Statt Julia zu antworten, fährt Nephele wie von der Tarantel gestochen zu Miriam herum: „Du warst das?“
Miriam kramt immer noch in ihrer Tasche. „Daran kann ich mich nun wirklich nicht erinnern“, antwortet sie ausweichend.
Nephele glaubt ihr kein Wort. „Aber natürlich!“, platzt sie heraus. „Wer hätte es sonst sein können? Du warst doch die Jahrgangsmatratze! Du hast mit jedem `rumgemacht, der nicht bei drei auf dem Baum war! Und jeder wusste das!“
Empört hebt Miriam den Kopf. „Ich muss doch sehr bitten!“
Nepheles Augen verengen sich zu Schlitzen. „Gib es wenigstens zu!“, zischt sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.
Julia schreitet ein. „Mädels, das alles ist Jahrzehnte her. Ihr werdet euch doch jetzt nicht wegen so einer Sache in die Haare kriegen?“
„Und warum nicht?“, kontert Nephele aggressiv, ohne Miriam auch nur eine Sekunde lang aus den Augen zu lassen. „Wir waren damals schließlich befreundet! Jedenfalls habe ich das geglaubt.“
Miriam scheint indessen entschieden zu haben, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Energisch klappt sie ihre Tasche zu und stellt sie beiseite. Hochmütig wirft sie den Kopf in den Nacken. „Du liebe Güte! Willst du deswegen jetzt tatsächlich einen solchen Aufstand machen?“, sagt sie von oben herab.
Nepheles Augen beginnen gefährlich zu funkeln. „Bis eben hätte ich darauf verzichten können, aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher“, knurrt sie.
„Mädels, beruhigt euch!“, ermahnt Julia sie erneut. „Nephele, du wirst in deinem eigenen Lokal doch keine Schlägerei anzetteln wollen?“
Die Wirtin denkt über diese Worte nach, ohne jedoch ihren Blick von Miriam zu wenden. Schließlich nickt sie mit dem Kopf in Richtung der Tür. „Raus!“, zischt sie Miriam an.
„Bist du verrückt geworden?“, empört die sich. „Julia hat vollkommen recht. Denk an den Ruf deines Lokals!“
„Das tue ich!“, faucht Nephele. „Deshalb dulde ich hier drinnen keine Schlägerei. Draußen schon. Also Abmarsch! Oder muss ich nachhelfen?“ Blitzschnell schnellt sie von ihrem Platz in die Höhe, langt über den Tisch und packt Miriam an deren langen roten Haaren.
„Geht’s noch?“, empört die sich.
Ihr Protest prallt an Nephele ab. Immer noch hält sie Miriams Haar fest umklammert. Entgeistert verfolgen die drei anderen die Szene. Julia fängt sich als Erste wieder und redet beschwörend auf die Wirtin ein.
„Nephele, Liebes, hältst du das für klug? Willst du wirklich wegen dieser alten Geschichte den Ruf deines Restaurants ruinieren? Das ist sie doch nicht wert!“
„Ich muss doch sehr bitten!“, empört sich Miriam und funkelt Julia böse an.
Julia schnalzt ungeduldig mit der Zunge. „Ich meine die Geschichte“, korrigiert sie sich schnell.
„Ich denke nicht daran, sie einfach so davonkommen zu lassen!“, faucht Nephele, ohne den Griff um Miriams Haar zu lockern.
Julia zuckt die Schultern. „Na gut“, sagt sie und wendet sich Miriam zu. „Dann bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als dich zu entschuldigen.“
„Ich wüsste nicht wofür!“, erwidert Miriam böse, woraufhin Nephele kräftig an ihren Haaren zieht.
„Au!“, kreischt Miriam auf.
Thekla lehnt sich entspannt zurück und verschränkt ihre Arme vor der Brust. „Also, ich habe nichts gegen einen handfesten Skandal, wenn’s gut fürs Geschäft ist. In L.A. hat es so manchem abgehalfterten Star geholfen, wieder ins Gespräch zu kommen. Ob das allerdings auch für eine Restaurant-Besitzerin und eine Gifhorner Arztgattin die richtige Marketingstrategie ist, wage ich zu bezweifeln.“ Sie lässt ihren Blick vielsagend durch den Gastraum des Lokals schweifen. Längst sind die Leute an den umliegenden Tischen auf die Szene aufmerksam geworden.
Nephele schüttelt den Kopf und schnauft verächtlich. „Das ist mir sowas von egal! Diesen Verrat werde ich nicht auf sich beruhen lassen!“ Dann leuchten ihre Augen plötzlich auf und sie verzieht ihren Mund zu einem boshaften Lächeln. „Und wer weiß? Vielleicht finden die Leute das gar nicht verkehrt, wenn sie erfahren, dass es bei mir ab und zu ein bisschen Action zum Zugucken gibt.“
„Nicht auf meine Kosten!“, faucht Miriam.
„Und warum nicht?“, kontert Nephele kämpferisch.
„Mädels, hört auf, euch zu streiten!“, bittet Daniela. Sie scheint als Einzige wirklich besorgt über den Ausgang der Angelegenheit zu sein, doch niemand hört auf sie.
„Raus jetzt!“, befiehlt Nephele, während sie versucht, Miriam an den Haaren aus der Sitzecke zu ziehen.
„Lass sofort los, sonst kriegst du es mit meinem Anwalt zu tun!“, droht die andere.
„Pah!“, schnaubt Nephele. „Entschuldige dich oder ich kann für nichts garantieren!“
„Niemals!“, kreischt Miriam.
„Bitte, Miriam“, mischt sich Daniela mit flehender Stimme ein. „Nenn‘ mich harmoniesüchtig, wenn du willst. Aber ich kann so etwas nicht ertragen!“
„Du ahnst nicht, wie egal mir das im Moment ist!“, blafft Miriam sie an und versucht nun ihrerseits Nephele am Schopf zu packen. Allerdings ist das Unterfangen chancenlos, denn Nephele weicht ihr geschickt aus.
Auch Thekla versucht, die beiden Streithähne zur Vernunft zu bringen. „Mädels, es gucken schon alle her!“, raunt sie den beiden mit verschwörerischer Stimme zu.
Daraufhin blickt sich Julia im Lokal um. Sie richtet ihren Blick auf die Eingangstür und stutzt. „Wenn mich nicht alles täuscht, dann hat soeben die örtliche Presse den Ziegenstall betreten“, warnt sie.
Nephele lacht boshaft auf, lässt Miriam jedoch nicht aus den Augen. „Großartig! Ich darf gespannt sein, ob das mit den Skandalen in Gifhorn ähnlich gut funktioniert wie in Hollywood.“
„Ich aber nicht!“, zischt Miriam, während sie vergeblich versucht, Nepheles Finger aus ihrem Haar zu lösen.
Nephele zuckt die Schultern. „Das liegt ganz an dir“, antwortet sie ungerührt.
„Er guckt schon“, flüstert Julia eindringlich.
Nephele lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie grinst Miriam nur boshaft an. Julia zuckt die Schultern. „Was wohl der Kirchenvorstand dazu sagt, wenn er morgen von dieser Szene in der Zeitung liest?“, überlegt sie laut.
Diese Bemerkung endlich erreicht Miriam. Ein letztes Mal versucht sie verzweifelt, ihr Haar Nepheles Zugriff zu entziehen, doch die denkt gar nicht daran, sie freizugeben. Schließlich gibt sich Miriam geschlagen. „Meinetwegen. Entschuldige bitte!“, knurrt sie genervt.
Nephele hebt überrascht die Augenbrauen. „Geht doch“, sagt sie anerkennend. Einen Moment später lässt sie Miriams Haar tatsächlich los und setzt sich – mit einem Mal wieder seelenruhig – auf ihren Platz, als sei nichts geschehen. Miriam braucht ein bisschen länger, bis sie realisiert hat, dass sie sich wieder frei bewegen kann. Während sie zurück auf die Bank neben Julia rutscht, fährt sie sich mit den Fingern durchs Haar, um es in Ordnung zu bringen.
„Puh, da bin ich aber wirklich froh, dass die Presse genau im richtigen Moment aufgetaucht ist“, sagt Daniela und wirkt ehrlich erleichtert. Neugierig schaut sie in Richtung des Eingangs, kann dort jedoch niemanden stehen sehen. Verwirrt runzelt sie die Stirn. „Wo ist denn der Journalist? Ich sehe keinen“, fragt sie Julia.
Die folgt ihrem Blick und sieht sich scheinbar suchend im Lokal um. Dann zuckt sie die Schultern. „Hm, vermutlich habe ich mich getäuscht“, meint sie leichthin.
Thekla grinst. Sie wirft Julia einen anerkennenden Blick zu: „Respekt, meine Liebe. Andere haben schon für weit weniger überzeugende Vorstellungen einen Oscar erhalten!“
Daniela
Es ist schon fast 21 Uhr, als Daniela den uralten grünen Mercedes ihrer Schwiegereltern auf den Hof im Langenklint lenkt. Eigentlich hätte sie ihren freien Abend, an dem sie die Beaufsichtigung der Kinder und Eriks kranker Eltern ausnahmsweise einmal ihrem Ehemann überlassen hat, gerne noch ein bisschen ausgeweitet. Doch nachdem sie im Ziegenstall die furchtbar leckere Currywurst verspeist hatte, die unter Eingeweihten auch „Werksforelle“ genannt wird, weil sie aus der gleichen Produktion stammt wie das legendäre Kantinengericht des nahen Autobauers, gelang es ihr kaum noch, ihre Augen offen zu halten. Schließlich war sie bereits seit fünf Uhr auf den Beinen!
Ihr Tag hatte damit begonnen, dass sie die Kühe fütterte und den Stall säuberte. Anschließend hatte sie das Frühstück bereitet für ihren Mann Erik, ihre vier Kinder sowie ihre Schwiegereltern, die hinten auf dem Hof in einem eigenen Wohnhaus, dem sogenannten Altenteil leben. Daniela hatte dafür sorgen müssen, dass ihre drei Töchter Sarah, Vicky und Madeleine sowie ihr Sohn Malte den Weg aus dem Bett ins Badezimmer fanden, und zwar in der dafür festgelegten Reihenfolge, die sich nach dem jeweiligen Stunden- beziehungsweise Busfahrplan richtet. Zwischendurch hatte sie ihren dementen Schwiegervater, der am Küchentisch saß und lautstark nach seinem Kaffee und einem Schinkenbrot verlangte, mit dem Gewünschten versorgt. Normalerweise kümmert sich ihre Schwiegermutter beim Frühstück um ihn, doch heute war Alfons ihr vermutlich entwischt, denn er war besonders früh dran und ohne seine Frau bei ihnen aufgetaucht. Kurz darauf hatte ihr Mann Erik mit verschlafenem Gesicht in der Küchentür gestanden und vorwurfsvoll nach seinem Lieblingshemd gefragt. Sie hatte ihm erklären müssen, dass sie es zwar gewaschen, aber noch nicht gebügelt hatte, woraufhin er beleidigt von dannen gezogen war, ohne sich im mindesten dafür zuständig zu fühlen, den Kaffee aufzuwischen, den sein Vater auf der Wachstuchdecke verschüttet hatte, als er die Tageszeitung umständlich aufgeschlagen hatte.
Auch nach dem Frühstück, als ihr Mann und die Kinder glücklich vom Hof gerollt beziehungsweise gegangen und ihre Schwiegereltern in ihr eigenes Haus zurückgekehrt waren, hatte es keine Verschnaufpause gegeben. Daniela hatte sich um die Buchhaltung des Betriebs gekümmert, Futtermittel bestellt, die Kühe gemolken und zwischendurch ihren Schwiegervater mehrfach davon abhalten müssen, sich auf den Trecker zu setzen und die Gülle aus dem Kuhstall, die sie am folgenden Tag zur nahegelegenen Bio-gasanlage bringen wollte, auf den Feldern zu entsorgen. Ihre Argument, dass sie das Land erstens schon vor vielen Jahren an Hinnerk Schmidt verpachtet hatten und zweitens das Ausbringen von Gülle heutzutage in den Wintermonaten verboten ist, hatte ihn überhaupt nicht interessiert. Die Diskussion über dieses Thema hatte sie im Laufe des Vormittages noch fünf weitere Male führen müssen. Dann war es auch schon Zeit fürs Mittagessen gewesen, das ihre Schwiegereltern aus alter Gewohnheit stets pünktlich um halb eins einnahmen, während ihre Töchter um eins, halb zwei und Viertel nach zwei aus der Schule kamen und dann einen riesigen Kohldampf hatten, der umgehend gestillt werden wollte. Malte, ihr Ältester, macht eine Lehre als Tischler und isst auswärts, sodass sie sich um seine Verpflegung glücklicherweise nicht mehr kümmern muss.
Nachmittags hatte Daniela nach der Hausaufgabenbetreuung der beiden Jüngsten und einigen Hilfestellungen für die vierzehnjährige Madeleine, die zu bequem gewesen war, selbst nachzudenken, noch einmal nach den Kühen sehen und eine Tränke reparieren müssen. Kurz, bevor sie sich um siebzehn Uhr auf den Weg in die Stadt gemacht hatte, hatte sie es sogar noch geschafft, ein paar von Eriks Hemden zu bügeln. Zwar fand sie, dass er das eigentlich auch selbst können musste, aber da er das nicht fand und sie eine Neuauflage ihrer morgendlichen Diskussion am folgenden Tag um sein nicht einsatzbereites Lieblingshemd fürchtete, hatte sie es um des lieben Friedens willen erledigt. Ihr Einknicken vor seiner Bequemlichkeit hatte sie vor sich selbst damit gerechtfertigt, dass er ihr versprochen hatte – wenn auch nur widerwillig – an diesem Abend auf die Kinder aufzupassen und ihnen das Abendbrot zu bereiten. Zu diesem Zweck wollte er sogar früher aus seiner Versicherungsagentur nach Hause kommen. Das hatte zwar nicht geklappt – jedenfalls war er zum verabredeten Zeitpunkt noch nicht daheim gewesen, um eine nahtlose Übergabe der Kinderbeaufsichtigung sicherzustellen – doch immerhin hatte Daniela ihre älteste Tochter Madeleine dafür gewinnen können, auf ihre fünf beziehungsweise sieben Jahre jüngeren Schwestern aufzupassen. Das war nur unter Protest der ältesten Tochter gelungen, denn Madeleine hatte ihre Freundin Emilia zu Besuch und nicht die mindeste Lust, ihre Zimmertür offen zu lassen, um wenigstens mit einem Ohr nach ihren jüngeren Geschwistern zu horchen, bis der Vater endlich den Weg nach Hause gefunden hätte. Daniela versuchte zunächst, sie mit dem Argument zu ködern, dass es sich schließlich nur noch um wenige Minuten handeln könne, bis der Vater endlich daheim wäre. Doch daran hatte ihre älteste Tochter genauso wenig geglaubt wie sie selbst. Erst, als Daniela Madeleine gestattet hatte, sich zum Ausgleich für ihren Einsatz eine ganze Folge von Germanys Next Topmodel – und zwar bis zum Schluss! – ansehen zu dürfen, hatte sie eingewilligt.
Erschöpft parkt Daniela nun das altersschwache Auto neben dem schicken dunkelblauen Leasing-Fahrzeug ihres Gatten. Wenigstens ist er mittlerweile zuhause eingetroffen, denkt sie bissig. Im nächsten Moment schalt sie sich ungnädig. Sie muss ja nicht gleich zickig werden, sagt sie sich, nur, weil ihr Mann nicht rechtzeitig aus der Versicherungsagentur nach Hause gekommen ist, um sie abzulösen. Sicher hatte er noch ein Kundengespräch, das er nicht einfach so unterbrechen konnte, vermutet sie und ist sofort wieder friedlich gestimmt. Überhaupt gelingt es Daniela selten, mehr als ein paar Minuten lang böse auf Erik zu sein, wenn er sich wieder einmal aus seinen familiären Pflichten herausgewunden hat. Nachtragend zu sein liegt ihr nicht. Stattdessen freut sie sich jetzt lieber auf ihr gemütliches Sofa. Dort, so hofft sie, kann sie den Abend vor dem Fernseher neben ihrem Mann bei einer Flasche Bier ausklingen lassen, bis sie endgültig reif fürs Bett ist.
Mit Schwung knallt Daniela die Autotür zu, die bei einer weniger energischen Behandlung nicht mehr schließt. Im schwachen Schein der leuchtenden Wand aus Glasbausteinen, die in den Siebzigern so schwer in Mode waren, läuft sie auf die Haustür zu. Als sie sie öffnet, kommt ihr die neunjährige Vicky kreischend aus dem Obergeschoss entgegen. Auf Socken stürmt sie die Treppe herunter und wirft sich ihrer Mutter in die Arme.
„Nanu, junge Dame, du bist ja noch gar nicht im Bett“, stellt Daniela verwundert fest. „Ab ins Bad und Zähne putzen!“
„Och nö! Dann muss Sarah aber auch!“, protestiert der kleine blonde Wirbelwind, der optisch eine Miniaturausgabe ihrer Mutter ist.
Daniela zieht die Augenbrauen in die Höhe. „Wie? Sarah ist auch noch nicht im Bett?“, ruft sie erstaunt. Für die Siebenjährige wäre normalerweise schon vor einer Stunde Schlafenszeit gewesen. „Da hat euer Vater wohl die Zeit vergessen“, schimpft Daniela, seufzt resigniert, packt ihre Tochter unter den Armen und zieht sie hoch auf ihre Hüfte, um sie nach oben ins Badezimmer zu tragen. „Wo ist er überhaupt?“, fragt sie. Dabei schaut sie in Richtung des Wohnzimmers, aus dessen angelehnter Tür der Fernseher zu hören ist, aus dem die Botschaft eines Werbespots für Enthaarungscreme plärrt.
„Der ist nochmal weggegangen“, schallt es aus der Küche. Kurz darauf steht Madeleine kauend mit einer frisch geöffneten Tüte Chips in der Hand im Flur.
Daniela runzelt die Stirn. „Wohin?“, fragt sie verwundert und mit einer Spur Besorgnis in der Stimme. Einen Moment lang befürchtet sie, dass etwas mit ihren Schwiegereltern nicht in Ordnung ist und Erik den dementen Alfons oder die krebskranke Inge ins Krankenhaus hatte fahren müssen. Aber dann hätte sein Auto ja nicht auf dem Hof gestanden, widerspricht sie sich im nächsten Moment selbst.
Madeleine zuckt die Schultern. „Matze Schröder kam vorbei und hat mit seinem neuen Trecker angegeben. Er hat Papa dazu überredet, mit in die Kneipe zu gehen und noch einen Absacker zu nehmen. Er würde einen ausgeben, hat er gesagt.“
Nun ist es dann doch vorbei mit Danielas gnädiger Stimmung, zu der sie sich vorhin im Auto noch durchgerungen hatte. Missbilligend zieht sie die Augenbrauen hoch. Das ist ja wohl die Höhe! Da überlässt sie es ihrem Mann einmal, auf die Kinder aufzupassen und notfalls zur Stelle zu sein, wenn seine kranken Eltern Hilfe brauchen – eine Aufgabe, die normalerweise sie selbst tagein tagaus klaglos erfüllt – und er schafft es nicht einmal heute, seinen Pflichten nachzukommen?
Madeleine realisiert, dass ihre Mutter nicht erfreut ist. „Mit mir musst du das nicht diskutieren!“, mault sie und hebt abwehrend die Hände. „Ich kann mir Besseres vorstellen, als ständig für euch den Babysitter zu spielen.“
Daniela seufzt und bemüht sich um ein Lächeln. „Lieb von dir, dass du eingesprungen bist, mein Schatz“, sagt sie und reißt sich zusammen. Ihre Tochter soll nicht denken, dass sie ihren Unmut an ihr auslassen will. „Ich bin wirklich froh, dass ich dich habe!“, fügt sie dankbar hinzu.
Madeleine nickt gnädig. „Das hat Papa auch gesagt“, sagt sie und versucht es beiläufig klingen zu lassen. Doch Daniela merkt ihr an, wie stolz ihre Tochter auf ihre Rolle als Stütze ihrer Eltern ist und dass sie sich dabei sehr erwachsen fühlt. Als wolle sie diesen Eindruck noch unterstreichen, zieht Madeleine die Stirn kraus und meint altklug: „Wir müssen ein bisschen darauf achtgeben, Papa nicht zu überfordern!“ Bei diesen Worten greift sie erneut in die Chipstüte.
Daniela, die gerade mit Vicky auf dem Arm die Treppe ins Obergeschoss erklimmen wollte, hält mitten in der Bewegung inne. Sie blickt Madeleine teils amüsiert, teils fragend an und wartet darauf, dass die ihre Bemerkung erläutert.
Ihre älteste Tochter schiebt sich erst einmal eine Hand voll gewürzter Kartoffelscheiben in den Mund. Erst dann spricht sie weiter. „Na ja, Papa arbeitet von früh bis spät. Dann kommt er nach Hause und muss sich auch noch um die Kleinen kümmern“, womit sie ihre Schwestern Sarah und Vicky meint. „Außerdem hat er die Sorge um seine Eltern an der Backe. Das ist ihm manchmal einfach alles zu viel!“, erläutert sie ihrer Mutter die Sachlage, die die scheinbar noch nicht begriffen hat.
Die Amüsiertheit verschwindet aus Danielas Gesicht. Zurück bleibt ein Ausdruck grenzenloser Verständnislosigkeit. „Wie kommst du denn auf so etwas?“, fragt sie ihre Tochter, als sie ihre Sprache wiedergefunden hat.
Madeleine schüttelt ob der Begriffsstutzigkeit ihrer Mutter den Kopf. „Denk doch mal nach!“, fordert sie ihre Erzeugerin auf und versprüht dabei eine Ladung winziger Chipskrümel in Danielas Richtung. „Würde dich das nicht belasten, wenn du so viel um die Ohren hättest wie Papa?“
Danielas Miene zeigt nun die komplette geistige Leere, die im Kopf eines Menschen herrscht, der die Welt nicht mehr versteht und gleichzeitig weiß, dass es komplett sinnlos ist, es überhaupt versuchen zu wollen.
Ungeduldig rollt Madeleine die Augen gen Himmel. „Papa hat es selbst gesagt! Bei all dem Stress, den er heute hatte, müsse er jetzt einfach mal an sich denken. Deshalb ist er dann mit Matze losgezogen, um noch ein Bier trinken zu gehen. Matze hat ihn auf dem neuen Trecker mitgenommen.“ Missbilligend schüttelt ihre Tochter den Kopf. „Redet ihr eigentlich nicht miteinander, wenn du nicht mal weißt, was Papa alles um die Ohren hat?“
Einen Moment lang ist Daniela unfähig, etwas zu sagen. Schließlich krächzt sie, weil ihr beim besten Willen nicht einfallen will, was Madeleine meinen könnte: „Von was für einem Stress, den dein Vater hatte, ist denn hier eigentlich die Rede?“
„Na, Opa ist doch wieder ausgebüxt! Er hat den Acker gedüngt, den Hinnerk Schmidt von uns gepachtet hat. Du kannst dir vorstellen, wie glücklich der Öko-Heini war, dass Opa ihm eine satte Ladung Gülle auf seinem Bio-Acker hinterlassen hat! Den halben Tank hatte er schon entleert, bevor Hinnerk es gemerkt hat und ihn stoppen konnte“, raunzt ihre Tochter sie an, als sei Daniela höchstpersönlich für die Tat verantwortlich.
„Ach, du Scheiße!“, rutscht es Daniela heraus.
„Mama!“, ruft Madeleine protestierend und erinnert ihre Mutter dadurch daran, dass man erstens dieses Wort nicht in den Mund nimmt und zweitens schon gar nicht im Beisein der jüngeren Geschwister.
„Scheiße!“, kreischt Vicky denn auch gleich vergnügt auf. „Mama hat Scheiße gesagt!“
„Wann war das?“, fragt Daniela, den Ausbruch ihrer kleinen Tochter ignorierend.
„Kurz nachdem Papa nach Hause kam“, antwortet Made-leine, die damit zugeben muss, dass ihre Mutter unter diesen Umständen nichts von den neuerlichen Eskapaden des dementen Großvaters wissen kann.
„Hat Inge denn nicht gemerkt, dass Opa stiften gegangen ist?“, fragt Daniela hilflos, obwohl sie weiß, wie überflüssig diese Frage ist. Die Gründe für das Unglück eruieren zu wollen, ändert an den Fakten jetzt auch nichts mehr.
„Das hat Papa sie auch gefragt. Er war ganz schön sauer. Mann, hat der geschimpft!“, erzählt Madeleine. Voller Empörung über die Nachlässigkeit ihrer Großmutter schüttelt sie den Kopf. Daniela wirft ihr einen fragenden Blick zu und schließlich lässt sich ihre Tochter dazu herab, auch die restliche Geschichte zu erzählen. „Oma hat wohl wieder geraucht und deshalb nichts mitbekommen. Jedenfalls habe ich das herausgehört, als Papa und sie miteinander zankten.“ Madeleine runzelt die Stirn. „Also, warum Rauchen ein Grund dafür sein soll, nicht mitzubekommen, dass Opa abhaut und Mist baut, verstehe ich nicht. Doch bei Papa hat Omas Ausrede scheint’s gezogen und er war dann auch nicht mehr sauer.“
Daniela steigen Tränen in die Augen. Schnell versucht sie sie wegzublinzeln.
„Ist was?“, fragt Madeleine, die die Regung im Gesicht ihrer Mutter dennoch bemerkt hat.
Die schüttelt den Kopf. „Ich habe nur innerlich gegähnt“, lügt sie. Sie setzt eine betont zuversichtliche Miene auf und wendet sich Vicky zu, die ihren Kopf müde auf ihrer Schulter abgelegt hat. „Und wir beide gehen jetzt in die Heia.“
Mit einem Ruck fährt der Kopf ihrer kleinen Tochter in die Höhe. „Sarah aber auch!“, fordert sie beleidigt.
„Natürlich muss Sarah auch in die Heia“, bestätigt Daniela. Sie wendet sich noch einmal Madeleine zu. „Ich bringe die Kleinen ins Bett und sehe danach nochmal bei Oma und Opa nach dem Rechten. Du machst nicht mehr so lange?“
„GNTM hat doch gerade erst angefangen!“, protestiert Madeleine.
Daniela nickt gottergeben. Sie hat es ihrer Tochter versprochen, und nachdem sie sich an diesem Abend wirklich sehr um die Geschwisterbetreuung verdient gemacht hat, bringt sie es nicht übers Herz, sie vor dem großen Finale ins Bett zu schicken. Auch, wenn sie weiß, dass es dafür morgen umso länger dauern wird, ihre Große aus den Federn zu bekommen. Wieder einmal fragt sie sich, ob diese Fernsehmacher keine halbwüchsigen Töchter haben und ob sie es wirklich okay finden, wenn vierzehnjährige Teenager erst um kurz vor elf an einem ganz normalen Wochentag schlafen gehen. Doch auch die Auseinandersetzung mit dieser Frage wird sie nicht wirklich weiterbringen, ermahnt sie sich. Also schaut sie nur seufzend Madeleine hinterher, die sich eilig vor den Fernseher verzieht, weil die Werbepause vorbei ist und sie keine Sekunde von den Abenteuern der angehenden Models verpassen will. Dann muss Daniela wirklich ein Gähnen unterdrücken. Erschöpft dreht sie sich um und trägt ihre Tochter, die wie ihre Mutter kaum noch die Augen offenhalten kann, die Treppe hoch ins obere Geschoss.
***
Fünfundzwanzig Minuten später verlässt Daniela das Haus. Zuvor hatte sie noch ihre beiden kleineren Töchter ins Badezimmer gescheucht und dann ins Bett gebracht, um ihnen dort eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen, bei der sie selbst fast eingeschlafen wäre. Anschließend hatte sie ihrer Tochter Madeleine das Versprechen abgenommen, gleich nach dem Finale von GNTM selbst ins Bett zu gehen. Nun tastet sie sich im Wintermantel und mit den praktischen grünen Crocs für Hof und Garten an den Füßen den dunklen, matschigen Feldweg entlang zum Haus der Schwiegereltern. Es liegt hinter dem Kuhstall auf einem kleinen Stück Land, das Inge und Alfons, nachdem sie die Verantwortung für die Landwirtschaft abgegeben hatten, in einen picobello gepflegten Garten mit ordentlich gestutzten Hecken und im Sommer üppig blühenden Beeten verwandelt haben. Der Garten ist ihre ganze Freude. Zu der Zeit, als sie selbst noch den Hof geführt hatten, hatte die Zeit für solche Dinge gefehlt.
Als Daniela den Kuhstall passiert, sieht sie Licht im Gewächshaus, das gleich neben dem Haupthaus steht. Wie sie erwartet hat, entdeckt Daniela ihre Schwiegermutter hinter einem riesigen Oleander, der hier überwintert. An einem alten Esstisch, auf dem Inge normalerweise ihre Blumen und Kräuter umtopft, hat sie sich eine kleine Sitzecke eingerichtet mit zwei Plastikstühlen und einem halbhohen Regal, in welchem sie neben einigen Utensilien zur Pflanzenpflege einen Wasserkocher, eine Teekanne und einige Becher untergebracht hat.
Im Schein einer alten Petroleumlampe auf dem Tisch erblickt Daniela das eingefallene Antlitz ihrer Schwiegermutter. Gerade zieht Inge an einer selbstgedrehten Zigarette, was ihr Gesicht noch hagerer wirken lässt als sonst. Daniela schluckt, und für einen Moment droht sie erneut die Traurigkeit zu übermannen. Sie beobachtet, wie die Zweiundsiebzigjährige, die es sich in eine dicke Decke gehüllt in einem der Plastikstühle bequem gemacht und ihre Beine auf dem anderen abgelegt hat, den Rauch genussvoll inhaliert, dann die Backen aufbläst und anschließend den Qualm in einem Schwall wieder ausstößt. Dabei wirkt die Frau recht zufrieden, ja, man könnte auch sagen heiter und guter Dinge.
Daniela reißt sich zusammen und ruft gespielt gut gelaunt: „Wusste ich es doch, dass ich dich hier finde!“
Die ältere Dame hebt den Kopf, schaut sie an und verzieht das Gesicht zu einem Grinsen. „Wenn ich meine Auszeit brauche, ist das hier der beste Platz der Welt“, erläutert sie ihrer Schwiegertochter mit ihrer tiefen, rauen Stimme. Ächzend richtet sie sich auf und schiebt ihre Beine vom zweiten Plastikstuhl. Mit einer knappen Geste fordert sie Daniela auf, darauf Platz zu nehmen. Die zieht den Stuhl an sich heran, fegt zwei eingetrocknete Lehmbrocken von der Sitzfläche, die Inges Schuhe dort hinterlassen haben, und lässt sich schwerfällig nieder.
„Hast du Schmerzen?“, fragt sie ihre Schwiegermutter und blickt ihr prüfend ins Gesicht.
Die Angesprochene lächelt und sieht mit grimmiger Entschlossenheit auf die unregelmäßig geformte, rot glimmende Papiertüte zwischen ihren knochigen Fingern. „Wenn‘s zu schlimm wird, entspannt mich das Zeug ganz gut.“ Erneut nimmt sie einen Zug und inhaliert tief in ihre Lungen hinein. „Um die Aussetzer meines Göttergatten mit Humor zu nehmen, hilft es ebenfalls“, fügt sie sarkastisch hinzu.
Daniela seufzt. Das bringt ihr ihrerseits einen prüfenden Blick der Schwiegermutter ein. Wortlos reicht Inge ihr die glimmende Papiertüte hinüber, die Daniela kommentarlos ergreift. Sie zieht daran fast ebenso genießerisch wie es Inge vor ihr getan hat. Anschließend entlässt sie den Rauch in einem langgezogenen Luftstoß wieder aus ihrer Lunge und reicht den letzten Rest der Tüte zurück an ihre Schwiegermutter.
„Ich weiß, dass ich bei der Erziehung meines Sohnes Fehler gemacht habe, und es tut mir leid“, bemerkt Inge aufs Geratewohl.
Daniela ringt sich ein schiefes Lächeln ab und schüttelt müde den Kopf. „Du hast nichts falsch gemacht. Erik ist halt ein Mann.“
„Pah!“ Inge lässt ein kurzes verächtliches Lachen hören. „Er ist wie sein Vater.“
„Weil der auch ein Mann ist?“, fragt Daniela spöttisch.
Inge presst die Lippen aufeinander, zieht die Mundwinkel herab und nickt zustimmend. Dann zieht sie ein letztes Mal an dem Glimmstängel und drückt den verbliebenen Stummel im Aschenbecher aus. „Ich bezweifle, dass das als Entschuldigung ausreicht, aber im Kern magst du recht haben“, gibt sie zu. Sie hebt den Kopf und mustert ihre Schwiegertochter mit wissendem Blick. „Erik hat sich mal wieder verpisst, stimmt‘s?“
Daniela nickt. Automatisch beginnt sie, ihren Mann zu verteidigen. „Für ihn ist es auch nicht immer leicht“, setzt sie an und stutzt. Ist das nicht genau die gleiche Argumentation, die ihre Tochter vorhin gebraucht hat und der sie nicht wirklich etwas abgewinnen konnte? Und jetzt sagt sie es selbst? Sie schüttelt den Kopf. Eigentlich weiß sie doch ganz genau, dass es in dieser Situation kaum jemanden gibt, der es leichter hat als ihr Mann. Sein dementer Vater wird von seiner Mutter betreut, die unheilbar an Krebs erkrankt ist. Um beide wiederum kümmert sich seine Frau, die auch die Kinder und die Landwirtschaft versorgt. Tagsüber ist Erik fein raus, sobald er im schicken Anzug das Haus verlässt und in sein von einer Reinigungskraft gepflegtes Filialbüro fährt. Abends und am Wochenende setzt er sich auf den Trecker, wenn er Abwechslung vom Bürojob braucht, und schmeißt bestenfalls den Grill an, um „für die Familie zu kochen“, wie er es nennt. Dabei lässt er die Salate von seiner Frau schnibbeln, die nebenbei noch den Tisch deckt und Brötchen im Ofen aufbackt.
„Vermutlich bin ich selbst schuld, weil ich ihm immer alles abnehme“, sagt Daniela selbstkritisch. „Außerdem bin ich froh, dass er das Geld nach Hause bringt. Von der Landwirtschaft allein könnten wir nicht leben.“
Inge nickt. „Da hast du natürlich recht“, gibt sie zu. „Trotzdem solltest du ein bisschen auf dich aufpassen. Lass dir nicht zu viel gefallen! Er wird es dir nicht danken.“
Daniela lächelt müde. „Ich weiß“, sagt sie. Doch dann ändert sich ihr Blick und in ihre eben noch müden Augen tritt ein warmer Glanz.
Inge bemerkt es wohl. „Du liebst ihn“, stellt sie fest, und es klingt fast ein wenig mitleidig.
Daniela nickt schuldbewusst.
Inge seufzt. „Ich habe Alfons auch geliebt.“
Überrascht wendet Daniela den Kopf. „Habe geliebt?“, fragt sie zweifelnd.
Inge zieht die Augenbrauen hoch und denkt nach. „Nein, vermutlich hast du recht. Ich liebe ihn immer noch. Sonst würde ich das Ganze“, sie nickt in Richtung des Wohnhauses, „gar nicht aushalten.“ Nach einer Pause fährt sie fort. „Aber es ist nicht mehr dasselbe“, murmelt sie.
„Weil er nicht mehr derselbe ist?“, will Daniela wissen. Sie betrachtet ihre Schwiegermutter, die reglos in ihrem weißen Plastikstuhl sitzt, voller Mitgefühl, während die über ihre Frage nachzudenken scheint.
Inge schüttelt schließlich den Kopf. „Nein, das war schon früher so. Vor seiner Krankheit“, gibt sie zu.
Erstaunt zieht Daniela die Augenbrauen empor. Inge bemerkt ihren fragenden Blick. Ein grimmig-süffisantes Lächeln malt sich auf ihrem Gesicht. „Er ist fremdgegangen“, klärt sie ihre Schwiegertochter auf.
Vor Schreck verschluckt sich Daniela und muss husten. Als sie sich wieder gefangen hat, fragt sie: „Bist du dir sicher?“
Inge grinst und es wirkt erneut beinahe mitleidig, als sie antwortet: „Ja, das bin ich wohl. Ich habe die beiden erwischt, als es gerade ordentlich zur Sache ging.“ Sie schüttelt den Kopf. „Da gab es nichts mehr abzustreiten“, murmelt sie. Ihr Blick wirkt plötzlich abwesend, als würde sie die betreffende Szene noch einmal vor ihrem geistigen Auge an sich vorüberziehen lassen.
Daniela schweigt betroffen. „Du bist bei ihm geblieben“, stellt sie nach einer Weile fest. Ihre Frage, die bei dieser Feststellung mitschwingt, ist deutlich herauszuhören: Warum hast du ihn nicht verlassen?
Inge versteht, was Daniela wissen will. „Wir waren schon nicht mehr ganz jung, als ich dahinter kam“, antwortet sie. Dann denkt sie nach und ergänzt: „Beziehungsweise, als ich die Augen nicht mehr davor verschließen konnte, dass er mich hintergeht, weil ich die beiden im Kuhstall erwischt habe.“
Daniela ist schockiert. „Wer war sie?“, will sie wissen.
Ihre Schwiegermutter schüttelt abwehrend den Kopf. „Ist nicht so wichtig“, erklärt sie. „Sie war nicht die Erste und nicht die Einzige.“
Danielas Kinnlade sinkt herab. Sie kann nicht glauben, was sie da hört. Beinahe zwanzig Jahre ist sie schon mit Erik zusammen und seit jener Zeit geht sie auch im Haus seiner Eltern ein und aus. Doch in all der Zeit ist ihr niemals aufgefallen, dass etwas in dieser Richtung in der Ehe von Alfons und Inge nicht stimmen könnte. Erik selbst hat nie etwas darüber erzählt.
„Weiß euer Sohn davon?“, fragt sie atemlos.
Inge bricht in schallendes Gelächter aus. Daniela schaut sie verständnislos an, bis ihre Schwiegermutter sich wieder im Griff hat und nur noch vor sich hingniggert. „Klar weiß er davon“, antwortet sie und schließt mit einem „Hihihi“.
Schockiert lehnt sich Daniela in ihrem Stuhl zurück und lässt das Gehörte auf sich wirken. Sie weiß längst, dass sie in solchen Dingen recht naiv ist und es immer als Letzte mitbekommt, wenn irgendwo in ihrem Bekanntenkreis die Karten in Beziehungsangelegenheiten neu gemischt werden. Aber dass sie nicht einmal etwas davon merkt, wenn so etwas in ihrer eigenen Familie geschieht, ist neu für sie. Und erschreckend!
Während sie noch dabei ist, diese Erkenntnis zu verdauen, fährt Inge fort: „Deshalb sag‘ ich ja: Lass dir nicht so viel gefallen! Er wird es dir nicht danken.“ Plötzlich scheint ein Gedanke durch ihren Kopf zu wandern, der sie erheitert. Sie grinst spitzbübisch und lehnt sich vertraulich zu ihrer Schwiegertochter hinüber. „Wenn dir mal alles zu viel wird, kann ich dir nur raten, dir auch ein Verhältnis zuzulegen“, raunt sie.
Belustigt schaut Daniela sie an. „Du hast geraucht“, entgegnet sie gespielt missbilligend.
Inge lacht. „Das auch“, gibt sie zu. „Aber im Ernst: Warum sollen sich Frauen jeden Spaß verkneifen? Ihre Männer tun es doch auch nicht. Und manchmal ist ein kleiner Seitensprung vielleicht das Vernünftigste, was man tun kann, anstatt gleich die ganze Ehe zu zerstören. Du weißt genauso gut wie ich, dass da viel mehr dran hängt als nur Sex und Liebe.“ Inge seufzt.
Daniela wirft ihr einen mitfühlenden Blick zu. Gleichzeitig weiß sie, dass das, was ihre Schwiegermutter andeutet, für sie selbst keine Option wäre. Mit einem Mann zusammenzuleben, der sie hintergeht? Unmöglich. Ihn selbst zu betrügen? Völlig undenkbar!
„Es tut mir leid“, sagt Daniela zu Inge, ohne auf deren Rat einzugehen. Gleichzeitig spürt sie, wie erleichtert sie darüber ist, dass es hier um das Schicksal ihrer Schwiegermutter geht und nicht um ihr eigenes.
Miriam
Miriam schließt das niedrige Gartentor hinter sich, während ihre beiden Hunde, ein kurzhaariger Chihuahua und ein kaum größerer Kleinspitz, dessen rassespezifisches langes Fell seltsam unregelmäßig geschoren ist, um ihre Beine herum Fangen spielen und sich gegenseitig ankläffen.
„Zeus! Apollo! Wollt ihr euch wohl benehmen!“, herrscht Miriam die beiden an. Mit einem kräftigen Ruck, der den Hunden beinahe den Boden unter den Füßen entzieht, strafft sie die Leinen und bringt ihre Kläffer damit zum Schweigen. Kurzzeitig.
„Brav, meine Schatzis“, säuselt sie sanft, was der Chihuahua sogleich zum Anlass nimmt, mit dem Kläffen fortzufahren. Miriam beugt sich ganz tief zu ihm hinunter, bis ihre Nasenspitze fast die seine erreicht, und bedenkt ihn mit einem finsteren Blick. Sofort verstummt das Tier. Anschließend richtet sich Miriam wieder auf, schüttelt ihr glänzendes rotes Haar, setzt ein selbstzufriedenes Lächeln auf und stolziert in ihrem langen roten, eng taillierten Wollmantel mit dem schwarzen Kunstpelzkragen im Vintage-Style und auf ihren pechschwarzen Wildlederstiefeln mit Pfennigabsätzen die ruhige Wohnstraße des idyllisch gelegenen Gifhorner Stadtteils Winkel entlang.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stutzt ein Ehepaar, beide in den Siebzigern, eine hohe Buchenhecke, die ihr Grundstück zur Straße hin vor neugierigen Blicken schützt. Der Mann, ein ehemaliger Betriebsratsvorsitzender mit zerzaustem grauen, schütteren Haar, bekleidet mit einer zerschlissenen alten Barbour-Jacke, einem dicken grauen Schal und einer ausgeleierten Cordhose, lässt unwillkürlich die elektrische Heckenschere in seiner Hand sinken und starrt Miriam mit offenem Mund hinterher. Seine Frau, eine ehemalige Lehrerin, die mit einer dicken dunkelblauen Weste und einer beigefarbenen Stoffhose bekleidet ist, harkt den Heckenschnitt zusammen. Als sie bemerkt, wie die laufende Schere dem Bein ihres Mannes gefährlich nahe kommt, macht sie ihn zischend darauf aufmerksam. Dann folgt ihr Blick dem ihres Gatten. Miriam grüßt die beiden mit einem vornehm verkniffenen Lächeln. Die Frau beantwortet Miriams Gruß mit einem kurzen Nicken. Ein scheeler Seitenblick auf ihren Mann zeigt ihr, dass er sich immer noch nicht wieder vollständig in der Gewalt hat. Sie schüttelt den Kopf und seufzt missbilligend, sagt jedoch nichts. Auf einmal fängt sich ihr Gatte wieder. Er klappt seinen Unterkiefer hoch und grüßt Miriam ebenfalls, als die sich schon längst abgewendet hat, um ihren Weg fortzusetzen. Ihre beiden Köter, die erneut aneinandergeraten sind und sich gegenseitig angiften, schleift sie hinter sich her.
„Wann erschießt sie die Biester endlich?“, murmelt die Frau, während sie sich bückt, um die zusammengerechten Zweige aufzuheben und in den PopUp-Gartensack zu stopfen.
Ihr Mann kann seinen Blick noch immer nicht von Miriam lösen. Er sieht ihr nach, während sie mit federleichtem Schritt und wiegendem Gang die Straße hinabschwebt. „Als ich letzte Woche die Schrotflinte aus dem Schrank geholt habe, weil die Biester wieder einmal kein Ende fanden mit ihrer Kläfferei, hast du mich genau davon abgehalten“, erwidert er vorwurfsvoll.
Seine Frau sieht auf und stellt fest, dass ihr Gatte immer noch der schönen Nachbarin hinterherstarrt. Mit rollenden Augen fährt sie fort, abgeschnittene Zweige in den Korb zu stopfen. „Du weißt, wie die Leute heutzutage sind. Vermutlich hätte sie die Polizei gerufen und dich angezeigt. Diese Scherereien sind die Viecher nicht wert. Außerdem hätten mir die Kinder leidgetan.“
Endlich gelingt es ihrem Mann, seinen Blick von Miriam zu lösen und sich seiner Frau zuzuwenden. Erstaunt blickt er sie an. „Wieso das?“, fragt er.
Seine Gattin richtet sich stöhnend auf und massiert sich das Kreuz. „Die Zwillinge hängen an den Biestern. Gott allein weiß, warum. Vielleicht, weil sie auf diese Weise wenigstens ein bisschen Nestwärme zu spüren bekommen, wenn sie mit den Drecksviechern herumtoben und kuscheln können. Auf so eine Idee würden ihre Eltern ja nicht kommen.“
Ihr Gatte schnaubt verächtlich. „Pah! Das wüsste ich aber, wenn den beiden Gören etwas an den Kötern läge! Das Mädchen hat letztens versucht, die nackige Teppichratte im Vogelhäuschen einzusperren und der Junge hat dem Spitz Harz ins Fell geschmiert, um ihn anzuzünden. Der Vater ist im letzten Moment dazwischen gegangen.“
Die Frau nickt vielsagend mit dem Kopf. „Da siehst du es! Die Kinder betteln um Aufmerksamkeit. Was erwartest du, wenn sie in einem Elternhaus aufwachsen, wo sich niemand wirklich für sie interessiert?“
„Um Aufmerksamkeit betteln?“, ruft ihr Mann entgeistert.
Seine Gattin zischt ihn an und bedeutet ihm mit Blick auf die benachbarten Häuser, dass er seine Lautstärke reduzieren möge.
„Um Aufmerksamkeit betteln?“, wiederholt ihr Mann, nun in einem durchdringenden Flüsterton. „Die Gören sind der beste Grund dafür, Abtreibungen bis mindestens zum zwölften Lebensjahr zu erlauben. Verzogen bis zum Gehtnichtmehr und grausam gegenüber allem und jedem, der schwächer ist als sie selbst. Eine furchtbare Brut!“
„Wen wundert‘s?“ entgegnet seine Frau. „Die Kinder können doch nichts dafür, dass die Eltern ihnen jeden Luxus in die kleinen Ärsche stopfen, um zu kompensieren, dass sie sich die Bälger eigentlich nur zu Repräsentationszwecken zugelegt haben. Hauptsache, die Schulnoten stimmen und sie können die Gören der staunenden Öffentlichkeit geschniegelt und gebügelt in Edel-Klamotten präsentieren. Jeder soll glauben, alles sei bestens im Hause der perfekten Familie Witt“, schimpft sie. Empört schüttelt sie den Kopf. „Ich bleibe dabei: Es sind arme Kinder!“
Ihr Mann brummt: „Trotzdem sollte man sie erschießen.“ Er blickt auf die elektrische Heckenschere in seiner Hand. Plötzlich scheint er sich daran zu erinnern, wozu er eigentlich mit seiner Frau zusammen auf dem Gehweg steht. Er schaltet das Gerät wieder ein und setzt seine Arbeit an der Hecke fort.
Währenddessen hat Miriam mit ihren Hunden im Schlepptau bereits eine weitere Straße des beschaulichen Viertels hinter sich gelassen. Sie spaziert vorbei an Architektenhäusern auf großzügig geschnittenen Grundstücken mit hohen Bäumen in gepflegten Gärten. In der Einfahrt eines hellgelb verputzten Hauses, das im Stil einer italienischen Villa erbaut wurde, steht eine Frau neben einem makellos sauberen schneeweißen SUV der neuesten Generation aus Ingolstadt und unterhält sich mit einer Bekannten, die auf ihrem Spaziergang bei ihr vorbeigekommen ist. Als sich Miriam den beiden nähert, unterbrechen sie ihre Unterhaltung. Mit undurchdringlicher Miene schauen sie ihr und ihren Hunden entgegen, die sich gegenseitig anknurren und nach einander schnappen. Dabei kommen sie Miriams spitzen Absätzen immer wieder gefährlich nahe, was die jedoch ignoriert.
„Hallo Beate, hallo Ewa“, grüßt sie höflich lächelnd.
„Hallo Miriam“, antworten die beiden im Chor.
Die Blicke von Beate und Ewa folgen Miriam, während sie an ihnen vorbeistolziert. Kaum treffen sie auf ihren Rücken, wispert Ewa: „Hast du gehört? Unsere fromme Arztgattin soll ein Verhältnis haben.“
Beate lässt einen abschätzigen Grunzlaut hören. „Das kann ich mir kaum vorstellen! Die lässt doch keine Gelegenheit aus, aller Welt aufs Brötchen zu schmieren, was für eine gute Christin sie ist und wie sehr sie sich in ihrer Kirchengemeinde engagiert. Ihr guter Ruf bedeutet ihr alles!“
Ewa schüttelt den Kopf. „Na, ich weiß nicht. Wo Rauch ist …“
Der restliche Satz geht im Geklapper von Miriams Absätzen unter. Sie selbst hat wohl gehört, was die beiden über sie sprachen, doch es stört sie nicht. Im Gegenteil. Ein überlegenes Lächeln malt sich auf ihren Lippen. Miriam weiß selbstverständlich um ihre Wirkung auf Männer. Das war schon immer so und daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Ihre Figur ist trotz ihrer neununddreißig Jahre genauso makellos wie ihre Haut, ihr Haar und ihre Kleidung. Alles an ihr wirkt perfekt. Sie versteht es, ihre Reize durch figurbetonte Outfits zur Schau zu stellen, doch sie tut es mit Stil und stets in untadeliger Form. Sie weiß, was sich gehört, und sie kleidet sich immer so, dass sie jederzeit, ohne Aufsehen zu erregen, ein Gotteshaus betreten könnte: Reizvoll und ihrer Figur schmeichelnd, aber ganz bestimmt nicht billig. Das ist unter ihrer Würde.
Es ist der Neid der Besitzlosen, sagt sie sich im Stillen als Antwort auf den Klatsch, der hinter ihrem Rücken ausgetauscht wurde. Selbstbewusst reckt sie ihren Kopf, der auf einem langen, wohlgeformten Hals ruht, noch ein Stückchen weiter aus dem schwarzen Kunstpelzkragen heraus. Außerdem haben die beiden Damen durchaus recht mit dem, was sie sagen, überlegt sie. Mein tadelloser Ruf ist mein Kapital. Niemals würde ich ihn aufs Spiel setzen!
Miriam weiß, dass ihr Mann das auch nicht tolerieren würde. Philipp Witt, Schönheitschirurg mit eigener Privatklinik, entstammt einer erzkonservativen, alteingesessenen Gifhorner Familie. „Sein“ bedeutet in seinen Kreisen nichts, „Schein“ dafür alles. Das wusste Miriam vom ersten Moment ihrer Bekanntschaft an und das hat sie fasziniert. Sie war ehrgeizig und wollte den gesellschaftlichen Aufstieg. Allerdings wäre ihr nie in den Sinn gekommen, selbst hart dafür zu arbeiten oder sich in einem Unternehmen hochzubuckeln. Es wäre ihr auch zu ungewiss gewesen, sich auf eine Ausbildung oder ein Studium, den eigenen Fleiß und die nötige Portion Glück zu verlassen. Sie suchte sich lieber ein picobello hergerichtetes Nest und setzte sich hinein. Mit ihrem Aussehen, ihrer Intelligenz, ihren Umgangsformen und weil sie jederzeit wusste, was von ihr erwartet wurde, eroberte sie sich ihren Platz an Philipps Seite und damit in der besseren Gifhorner Gesellschaft. Mit der Geburt ihrer Kinder sicherte sie sich ihre Position endgültig. Darüber hinaus ist sie ihrem Mann eine in fast allen Lebenslagen untadelige Ehefrau, die die Fassade des perfekten Familienglücks aufrecht und ihm alle lästigen Privatangelegenheiten vom Hals hält. Das weiß er zu schätzen und dafür zeigt er sich erkenntlich, indem er ihr alle Freiheiten lässt, die sie begehrt, und alle Wünsche erfüllt, die er sich leisten kann.
Das Lächeln auf Miriams Gesicht wird eine Spur kälter. Unwillkürlich zieht sie den Kragen aus schwarzem Kunstpelz dichter an ihren Hals heran. Es ist wirklich ganz schön kalt geworden, denkt sie bei sich. Vielleicht hätte ich mir doch etwas Wärmeres anziehen sollen! Das nächste Mal nehme ich den Daunenmantel, wenn ich bei diesen Temperaturen vor die Tür gehe, überlegt sie.
Doch glücklicherweise hat sie es jetzt nicht mehr weit. Sie wirft einen schnellen Blick über ihre Schulter, überquert die Straße und biegt kurz darauf links ab. Dann hat sie ihr Ziel erreicht. Es liegt hinter einem dunkel gestrichenen Jägerzaun, der die Verlängerung einer Hecke aus riesigen Koniferen bildet. Miriam folgt der mit Betonplatten ausgelegten Einfahrt, deren Ende das breite graue Tor einer Doppelgarage bildet. Die Garage selbst geht nahtlos über in ein klobiges weiß verputztes Haus mit schwarzer Tür, schwarzen Fensterahmen und ebensolchen Fensterläden. Der tadellos kurz gehaltene Rasen, auf dem kein Blatt und nicht einmal eine Nadel von einer der umstehenden Kiefern zu liegen scheint, sowie die ordentlich eingefassten, gerade geschnittenen Beete an der Hauswand entlang vermitteln einen fantasielosen Eindruck, den die Besitzer augenscheinlich durch einen übergroßen Ordnungssinn bis hin zur Pedanterie wettzumachen suchen. Wobei in diesem Haus seit einiger Zeit kein Paar mehr wohnt, sondern nur noch ein alleinstehender älterer Herr von achtundsechzig Jahren. Es ist der Kirchenvorstand von Miriams Gemeinde. Seit dem Tod seiner Frau führt er ein zurückgezogenes Leben und scheint einzig und allein für die Belange der Kirche und die seines Gartens zu leben. Jeder in der Gemeinde weiß, dass Miriam es als ihre christliche Pflicht erachtet, ab und zu nach dem Rechten zu sehen. Sie selbst weiß, dass ihre Besuche ihm guttun, auch wenn er es nicht direkt sagt. Aber er zeigt es ihr – auf seine Weise – und er hat sie noch nie enttäuscht.
Für einen Moment flackert in Miriams Augen eine Gefühlsregung auf, die nicht ganz zu der kühlen, untadeligen Arztgattin zu passen scheint. Schnell hat sie sich wieder im Griff. Während sie den schmalen Weg auf den sorgfältig gekärcherten Betonplatten entlangstolziert, die von der Einfahrt bis zur Haustür führen, herrscht sie ihre zankenden Hunde an, gefälligst still zu sein, und tatsächlich gehorchen sie. Dann betätigt Miriam die Klingel. Im Inneren des Hauses hört sie Schritte und einen Moment später wird die Tür von einem großen, schlanken Mann mit grauen Schläfen und hellblauen Augen geöffnet. Für sein Alter hat er sich gut gehalten und er ist unbestreitbar attraktiv. Gleichzeitig hat sein Auftreten etwas Autoritäres und Abweisendes, das die Menschen normalerweise davon abhält, ihm näher zu kommen. Alle, bis auf Miriam.
Als der Mann sie erkennt, nimmt sein Blick einen wissenden Ausdruck an. „Was kann ich für dich tun?“, fragt er. Sein kühler, strenger Blick scheint sie zu durchbohren.
„Ich möchte beichten“, antwortet Miriam und senkt beschämt den Kopf. „Doch vorher werde ich sündigen.“ Sie knöpft ihren Mantel auf und öffnet ihn. Darunter ist sie splitterfasernackt.
Nephele
Nephele schließt die Tür zu ihrer Vierzimmer-Eigentumswohnung auf und schiebt die schweren Einkaufstaschen in den Flur. Normalerweise ist das Geräusch, das der Schlüssel in der Wohnungstür verursacht, das Signal für ihren sechzehnjährigen Sohn, aus seinem Zimmer herauszustürmen und ihr dabei zu helfen, die Einkäufe in der Küche zu verräumen. Doch heute rührt sich nichts in der Wohnung. Dabei weiß Nephele, dass Ilias da ist, denn sie hat vom Parkplatz hinter dem Mehrfamilienhaus aus gesehen, dass Licht in seinem Zimmer brennt. Sie wirft die Tür hinter sich ins Schloss, lässt ihren Schlüsselbund in die Schale auf der Kommode unter dem goldgerahmten Spiegel fallen, zieht ihre Schuhe aus und schlüpft aus ihrem Mantel, den sie an der Garderobe aufhängt.
„Ilias?“
Sie lauscht, doch aus der Wohnung ist immer noch kein Laut zu hören. Vermutlich hat er wieder die Stöpsel seiner Kopfhörer in den Ohren, denkt Nephele, und eigentlich ist sie froh darüber. Nichts wünscht sie sich nach dem Trubel, der fast immer in ihrem Lokal herrscht, mehr als Ruhe. Weil sie außerdem schon diverse Diskussionen mit ihrem pubertierenden Nachwuchs darüber führen musste, in welcher Lautstärke Musikhören auch für Mitbewohner und Nachbarn erträglich ist, findet sie, dass es eindeutig das kleinere Übel ist, die Einkäufe ohne seine Hilfe einzusortieren. Darüber hinaus läuft ihr regelmäßig ein kalter Schauer über den Rücken, wenn sie die oftmals menschenverachtenden Textzeilen der Songs mit anhören muss, die Ilias Idole des Gangsta-Rap verbreiten und sie würde ihrem Sohn am liebsten verbieten, so ein Zeug zu hören. Da sie jedoch selbst einmal jung war und weiß, dass ein Verbot die Sache für ihn nur interessanter machen würde, lässt sie es bleiben und ist froh, wenn sie nichts davon hören beziehungsweise wissen muss. Nephele hofft, dass sich der Musikgeschmack ihres Sohnes ganz von selbst ändert, wenn er aus dem Gröbsten raus ist. Denn eigentlich weiß sie, dass er das Herz auf dem rechten Fleck hat. Davon ist sie überzeugt und darauf ist sie sehr stolz, denn sie weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Es hätte auch anders kommen können, schießt es ihr durch den Kopf. Sie schaudert.
Nephele geht ans Ende des Flures und klopft an die Tür mit dem Schild „Ich Chef, du nix.“. Sie horcht, doch sie kann keine Reaktion dahinter vernehmen. Sie klopft noch einmal an das Holz – dieses Mal energischer – doch noch immer rührt sich nichts. Nephele drückt die Klinke hinunter und öffnet die Tür einen Spalt breit. Ob ihr Sohn schläft?
Zuerst entdeckt sie nur seine bestrumpften Füße auf dem Bett. Nephele schiebt ihren Kopf durch den Türspalt und sieht nun ihren ganzen Sohn. Er sitzt vollständig angekleidet auf seinem Bett, den Rücken gegen die Wand gelehnt. Wider Erwarten hat er keine Stöpsel im Ohr. Seine Augen sind geöffnet und starren ins Leere. Er scheint in seinen Gedanken so weit weg zu sein, dass er seine Mutter nicht bemerkt.
„Ilias?“, fragt Nephele irritiert. Besorgt reißt sie die Tür weit auf und tritt ins Zimmer. In diesem Moment wendet Ilias ruckartig den Kopf und schaut sie böse an. Wie angewurzelt bleibt Nephele stehen. So hat ihr Sohn sie noch nie angesehen. „Was ist los?“, fragt sie erschrocken. In ihrem Inneren fühlt sie eine kalte Hand nach ihrem Herzen greifen. Plötzlich hat sie Angst. Irgendetwas ist mit Ilias geschehen und das kann nichts Gutes sein.
Nepheles Verhältnis zu ihrem Sohn war immer gut, sie würde es sogar als eng bezeichnen. Sie weiß, dass das bei einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Sohn nichts Ungewöhnliches ist. Natürlich haben sie auch mal Meinungsverschiedenheiten und streiten sich, allerdings geschieht das äußerst selten. Und selbst in jenen Momenten spürt sie zu jedem Zeitpunkt eine enge Verbundenheit zwischen Ilias und sich, das unbedingte Vertrauen zu- und die Fürsorge füreinander. Daran kann auch der Gangsta-Rap nichts ändern. Mit einem Mal jedoch ist Nephele sich dessen nicht mehr sicher. Ein Schauer jagt ihren Rücken hinunter. Unwillkürlich fragt sie sich, inwieweit nicht nur körperliche, sondern auch psychische Dispositionen vererbbar sind und ihr wird beinahe schlecht vor Angst. Reiß dich zusammen, ermahnt sie sich. Du bist seine Mutter, also benimm dich auch so! Sie strafft die Schultern und bemüht sich, ihrer Stimme eine entspannte Färbung zu geben. So, als könne es sich bei dem, was augenscheinlich zwischen ihnen steht, nicht um mehr handeln als ein Lieblings-Kleidungsstück, das versehentlich in die Kochwäsche geraten und deshalb im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr tragbar ist. „Ich höre?“
Etwas raschelt in Ilias‘ Hand. Erstaunt blickt Nephele auf das gefaltete karierte DIN A4-Blatt, das er ihr wortlos entgegenstreckt. Was soll das, fragt sie sich verwundert. Was soll auf einem ganz normalen Zettel von einem Abreißblock schon Großartiges stehen, das das Verhalten ihres Sohnes erklären könnte?
Jetzt schon etwas gefasster, macht Nephele einen Schritt auf ihren Sohn zu. Mit einer energischen Handbewegung greift sie nach dem Blatt Papier und faltet es auseinander. Sie sieht die eng beschriebenen Zeilen und einen Moment später erkennt sie auch die Handschrift. Ihr wird schwindelig. Rasch geht sie ein paar Schritte zur Seite und lässt sich auf Ilias‘ Schreibtischhocker plumpsen. Dort verharrt sie, das Blatt Papier in der Hand, doch sie schaut nicht darauf. Stattdessen starrt sie vor sich auf den Boden, wo sich ein tiefer Abgrund auftut. Nephele schließt die Augen und hofft, dass dieser Moment vorübergehen möge und danach alles wieder ist wie vorher. Gleichzeitig weiß sie, dass das nicht funktionieren wird. Es kostet sie alle Kraft, die sie aufzubringen in der Lage ist, ihren Blick auf das Papier, dieses vermaledeite Blatt Papier, diesen gewöhnlichen karierten Zettel zu richten und zu lesen, was darauf steht.
„Mein lieber Sohn“ – so beginnt der Brief. Nephele muss einen Würgereiz unterdrücken. Sie bringt es nicht über sich, weiterzulesen. Sie lässt den Zettel sinken und schließt die Augen. Fast siebzehn Jahre lang hat sie diesen Teil ihrer Geschichte aus ihrem Leben verbannt. Hat sich eingeredet, dass sie ihn hinter sich lassen kann. Sie müsse nur vergessen und so tun, als sei es niemals geschehen – dann würde es schon gehen, hat sie sich immer wieder gesagt.
Die Stimme ihres Sohnes reißt sie aus ihrer Schockstarre. „Es stimmt also. Er ist gar nicht tot“, stellt er tonlos fest.
Nephele nimmt all ihren Mut zusammen und blickt ihrem Sohn ins Gesicht. Einen Moment lang scheinen beide darüber erschrocken zu sein, wie betroffen der jeweils andere aussieht. Nephele sieht, dass aus Ilias‘ Gesicht alles Kindliche verschwunden ist. Seine Wangen wirken hohl und sein Blick abgeklärt, als hätte er mit einem Mal den naiven Kinderglauben verloren, dass die Erwachsenen letztendlich doch wissen, was richtig ist, und man ihnen im Zweifelsfall vertrauen kann. Ilias dagegen hat seine Mutter, die er nur voller Tatendrang und Selbstbewusstsein kennt, noch nie so schwach und verletzlich erlebt. Aschfahl ist ihr Gesicht geworden und in ihren Augen meint er einen Moment lang Furcht zu erkennen. Kurz darauf ist der Ausdruck wieder verschwunden.
Mühsam reißt sich Nephele zusammen. Mit krächzender Stimme antwortet sie: „Nein, er ist nicht tot“, gibt sie zu. Ich wollte, er wäre es, ergänzt sie im Stillen.
„Warum hast du das immer behauptet?“, fragt Ilias gepresst. „Warum hast du mir nicht die Wahrheit gesagt?“
Nephele sieht, wie ihrem Sohn Tränen in die Augen steigen. Ilias dagegen scheint es nicht einmal zu bemerken. Obwohl er schon seit Jahren nicht mehr geweint hat – jedenfalls nicht vor ihr – und immer den coolen Jungen hat heraushängen lassen, schert er sich jetzt nicht darum, seine Gefühle zu zeigen. Er scheint zutiefst verstört zu sein. Sie kann ihn verstehen und das Bewusstsein ihrer Schuld verursacht ihr einen riesigen Druck im Magen. Sie hat ihrem Sohn den Vater vorenthalten. Auch, wenn sie gute Gründe dafür hatte, das zu tun, weiß sie doch, dass es unverzeihlich ist. Jedenfalls in Ilias‘ Augen. Trotzdem versucht sie, sich zu erklären. „Ich wollte dich beschützen.“
Ilias‘ Reaktion überrascht sie nicht. Wut blitzt in seinen Augen auf. Hilflose Wut über so ziemlich den schlimmsten Verrat, den man an seinem Kind begehen kann. „Davor, dass mein Vater im Knast sitzt? Na und?“, faucht er seine Mutter an. „Ist er deshalb kein Mensch? Kein Vater?“, fragt er wütend und verletzt.
Nein, das ist er nicht, antwortet Nephele ihm im Stillen. Im nächsten Moment fragt sie sich, woher sie das Recht nimmt, sich da so sicher zu sein. Vielleicht hat Karl sich geändert? Vielleicht hat er irgendwo tief in seinem Inneren eine Seite entdeckt, die es ihm ermöglicht, ein fürsorglicher Vater zu sein? Doch ihre Zweifel währen nur kurz. Schon im nächsten Moment realisiert Nephele, wie sich alles in ihr dagegen sträubt, diesen Gedanken auch nur für möglich zu halten. Niemals, denkt sie bei sich, niemals kann ein Mensch wie Karl wahre Gefühle für einen anderen Menschen empfinden. Das ist völlig undenkbar. Aber wie soll ich das meinem Sohn vermitteln? Wenn ich ihm erklären müsste, was für ein Mensch sein leiblicher Vater tatsächlich ist – wäre das nicht unvorstellbar grausam? Würde Ilias mir überhaupt glauben? „Er ist nicht umsonst im Gefängnis“, antwortet Nephele ruhig.
Ilias zieht die Augenbrauen in die Höhe und schaut seine Mutter mit wissender Miene an. „Das weiß ich. Er hat es mir geschrieben“, entgegnet er mit fester Stimme. Er zögert einen winzigen Moment, dann fügt er mit fast ebenso fester Stimme hinzu: „Er hat jemanden umgebracht.“
Unwillkürlich lacht Nephele auf. Im nächsten Moment realisiert sie, dass Ilias ihre Reaktion nicht würde einordnen können. Schnell täuscht sie einen Hustenanfall vor. „So kann man das auch sagen“, entgegnet sie anschließend mit belegter Stimme.
Ilias schaut sie abwartend an, doch mehr ist sie nicht bereit zu sagen. Deshalb ergreift ihr Sohn nun wieder das Wort. „Jeder kann mal einen Fehler machen“, erklärt er ihr von oben herab. Dabei bemüht er sich den Anschein zu wecken, als sei er in der Lage, erwachsen und abgeklärt mit dieser Information umzugehen. Nephele weiß, nein, sie hofft, dass das nur vorgetäuscht ist und diese Reaktion seiner berechtigten Wut auf sie entspringt. Auf einmal muss sie tatsächlich husten. „Hat er das etwa geschrieben?“, fragt sie in ungewollt sarkastischem Ton.
„Nein“, gibt Ilias zu. „Aber er hat geschrieben, dass er seine Tat bereut. Und dass er bereut, mir kein besserer Vater gewesen zu sein.“
Nephele möchte sich jetzt wirklich gerne übergeben. Ihr Sohn jedoch durchbohrt sie derart mit seinem prüfenden Blick, dass sie nicht wagt, zu zeigen, was sie wirklich denkt und fühlt. Sie ahnt, dass das in dieser Situation fatal wäre. Zurzeit hat sie nicht den Hauch einer Chance, Ilias klarzumachen, was sein Vater für ein Mensch ist. Der Zeitpunkt für eine derartige Offenbarung wäre denkbar schlecht gewählt. Darüber hinaus kann sich Nephele immer noch nicht davon überzeugen, dass Ilias wirklich wissen sollte, von was für einem Monster er abstammt. Wenn ich diese Büchse öffne, denkt sie bei sich, werde ich die Übel, die ihr entweichen, niemals mehr eingefangen können. Was ist, wenn Ilias mit der Wahrheit nicht umgehen kann? Die Folgen wären unabsehbar!
Nephele weiß, dass sie jetzt nur eine Sache tun kann, nämlich Ruhe bewahren und auf Zeit spielen. Vielleicht kann ich das Unheil später noch irgendwie abwenden und die Frage danach, wer der Erzeuger meines Sohnes ist, dorthin verbannen, wo sie hingehört, nämlich in das Nirwana jener Informationen, für die sich niemand interessiert, überlegt sie. Faktisch gesehen spielt es doch ohnehin keine Rolle. Wir sind immer alleine klargekommen, denkt sie. Dass Karl in den Knast wanderte, und zwar für lange Zeit, war das Beste, was uns passieren konnte.
Nephele versucht, ihren inneren Aufruhr unter Kontrolle zu bringen, sodass sie nach außen hin ihre gewohnte Selbstsicherheit zeigen kann. „Ich hielt es damals für das Beste, ihn aus unserem Leben herauszuhalten, Ilias. Als du geboren wurdest, saß Karl bereits im Knast. Ich hatte keinerlei Kontakt zu ihm und den wollte ich auch nicht haben. Darüber hinaus hätte es für mich überhaupt keinen Sinn gemacht, dich damit zu belasten, dass dein Vater ein Schwerstkrimineller ist.“
Völlig unerwartet spürt Nephele, wie in ihr auf einmal lang unterdrückte Gefühle aufsteigen, als sie zum ersten Mal über das spricht, was sie siebzehn Jahre lang allein mit sich herumtragen musste. Wie nah ihr die Vergangenheit plötzlich ist! Sie hatte geglaubt, dass sie mit der Zeit Abstand zu diesem dunkelsten Kapitel ihrer Vergangenheit gefunden hat. Dabei war sie immer gegenwärtig, wird ihr bewusst. Karls Schatten hat uns all die Jahre begleitet. Plötzlich steigt Panik in ihr hoch. Raus! Bloß raus aus diesem Zimmer, sagt ihr der Verstand. Bevor alles aus mir herausbricht und ich mich um Kopf und Kragen rede. Ich muss nachdenken. Ich muss einen Plan schmieden, wie ich meinen Sohn beschützen kann. Ich darf nicht zulassen, dass uns die Vergangenheit einholt und ins Verderben zieht!
Nephele spürt ihre Beine kaum, als sie langsam aufsteht. Sie hofft, dass sie es schaffen wird, ohne zu schwanken das Zimmer zu verlassen. Sie lächelt Ilias zu und geht zur Tür.
Ihr Sohn ruft hinter ihr her: „Ich bin alt genug, das selbst zu entscheiden!“
Nephele weiß, dass das nicht stimmt. Aber auch das sollte sie jetzt tunlichst nicht sagen. Mühsam beherrscht dreht sie sich zu ihrem Sohn um. „Natürlich bist du das, mein Schatz.“ Erneut wendet sie sich zur Tür und will das Zimmer endgültig verlassen. Doch sie kommt nicht weit. Die Worte ihres Sohnes treffen sie wie ein Dolch in den Rücken.
„Er kommt demnächst aus dem Gefängnis und will mich kennenlernen“, verkündet Ilias mit fester Stimme.
Nephele erstarrt. Einen Augenblick später stürzt sie wortlos hinaus.
Thekla
Thekla drückt den Hebel der Mischbatterie über der Badewanne nach unten. Anschließend lässt sie ihre Hand durch dicke Schaumwolken hindurch ins Wasser gleiten. Zufrieden mit der Temperatur zieht sie ihre Hand wieder heraus und schüttelt Wasser und Schaum ab. Sie schlüpft aus ihrer Jeans, dem übergroßen Hoodie und der schwarzen Spitzenunterwäsche. Dann fasst sie ihre langen aschblonden Haare mit einem schwarzen Haargummi zu einem unordentlichen Dutt zusammen und steigt in die Wanne. Langsam taucht sie in das warme Wasser ein, um sich nach und nach an die Temperatur zu gewöhnen. Als sie ganz vom Wasser bedeckt ist und sich behaglich zurückgelehnt hat, greift sie nach der Fernbedienung des Fernsehgeräts, das im Nachbarzimmer an der Wand angebracht ist. Seit sie entdeckt hat, dass sie prima von der Wanne ihres Hotelzimmers aus fernsehen kann, wenn sie die Tür zwischen Bad und Schlaf-Wohnbereich offenlässt und die Halterung an der Wand bis zum Anschlag nach rechts dreht, gönnt sie sich dieses Vergnügen fast jeden Abend. Heute gewährt sie sich sogar noch einen weiteren Luxus. Dafür hat sie sich aus einem Supermarkt in der Stadt eine Flasche Prosecco und eine Schachtel Pralinen mitgebracht. Den Prosecco hatte sie bereits geöffnet, während sie das Wasser in die Badewanne eingelassen hat, und ihn zusammen mit einem Sektglas aus der Minibar und der Pralinenschachtel auf dem Beckenrand abgestellt.
Beim Zappen durch die Kanäle lässt Thekla Spielfilme, Soaps, Talkshows und Dokus links liegen. Das alles interessiert sie heute nicht. Nur bei einer Sendung über Eichhörnchen kann sie nicht widerstehen und schaut einen kurzen Moment lang zu, wie eines der possierlichen Tierchen in unglaublicher Geschwindigkeit um einen dicken Eichenstamm herum nach oben in die Krone saust, dicht gefolgt von einem zweiten Eichhörnchen. Fasziniert verfolgt sie, wie die Gesetze der Schwerkraft für die beiden wendigen Akrobaten keinerlei Bedeutung zu haben scheinen, während sie von einem Baumstamm zum nächsten springen, kopfüber unter waagerecht stehenden Ästen entlanghuschen und dabei so fix sind, dass es schwer fällt, ihrer Verfolgungsjagd mit den Augen zu folgen. Schließlich gelingt es Thekla dann doch, sich loszureißen und weiter zu zappen. Schließlich hat sie den Kanal gefunden, den sie sucht. Die mit einem hochgeschlossenen grünen Blazer bekleidete Nachrichtensprecherin erläutert den Zuschauern gerade auf Englisch, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sich wie immer nicht zu einer gemeinsamen Resolution in einem der zahlreichen Nahost-Konflikte durchringen konnte. Dazu flimmern im Hintergrund Zusammenschnitte von Videomaterial über aktuelle Kampfhandlungen in dem schon seit Jahren vom Bürgerkrieg gebeutelten Land über den Bluescreen. Es folgt eine Live-Schaltung zu einem Korrespondenten vor Ort, der seine Einschätzung zur Lage in einem Land wiedergibt, das hoffnungslos zum Spielball verschiedenster nationaler sowie internationaler Interessen geworden ist und das vermutlich niemals eine Chance haben wird, sich den machtpolitischen Spielchen einiger frustrierter, von ihrer vermeintlichen Wichtigkeit berauschter Psychopathen zu entziehen. Anschließend legt die Sprecherin das Blatt Papier zur Seite, von dem sie die Meldung abgelesen hat, und das Bild im Hintergrund ändert sich. Während die Moderatorin nun von der Verleihung einer hohen Auszeichnung an einen Wissenschaftler berichtet, langt Thekla nach der Proseccoflasche und gießt sich vorsichtig, damit das kohlensäurehaltige Getränk nicht über den Rand hinausschießt, ein Glas ein. Sie prostet dem glücklichen Geehrten zu und nimmt einen Schluck.
Ihre Nervosität steigt. Val hatte ihr vorhin, als sie in der Stadt war, um sich neue Jogging-Schuhe zu kaufen, gesmst, dass ihr „very special friend“, wie sie es nannte, aufgeflogen ist. Die Nachricht hatte Thekla elektrisiert. Zwar hatte sie fest damit gerechnet, dass das passieren würde, aber sicher sein, dass der Plan aufgeht, zu dessen Gelingen sie nicht unwesentlich beigetragen hat, konnte sie nicht. Einen Moment lang hatte sie nicht gewusst, wie sie mit Vals Nachricht umgehen soll. Einerseits fühlte sie sich erleichtert, weil die Sache endlich entschieden war. Kurz darauf drängte sich ihr die bange Frage danach auf, was das für sie bedeuten wird. Schließlich setzte sich jedoch ein Gefühl des Triumphs durch. Sie wollte den Kerl am Boden sehen. Im Dreck. Dort, wo er ihrer Meinung und der ihrer Mitstreiter nach auch hingehört. Er hat es sowas von verdient!
Ohne zu wissen, ob die Nachricht von der Festnahme dieses Mannes wirklich ein Anlass zum Feiern ist oder ob der Preis für ihren Erfolg zu hoch für sie sein wird, hatte Thekla sich spontan dafür entschieden, das Ereignis zu feiern. Wenn nicht jetzt, wann dann, hatte sie sich gefragt und war aus dem kleinen Sportgeschäft in der Fußgängerzone direkt in den nächsten Supermarkt geeilt, um Prosecco und Pralinen zu kaufen. Nun starrt sie gespannt auf den Bildschirm und erwartet jeden Moment, dass die Sprecherin die Nachricht verliest, die sie erhofft und gleichzeitig fürchtet.
Es ist ein beruhigender Gedanke für Thekla, dass sie sich mittlerweile weit weg vom Schauplatz des Geschehens auf der anderen Seite des Erdballs befindet. Nervös macht sie allerdings das Gefühl des Abgeschnittenseins vom Informationsfluss, dass sie trotz der medialen Globalisierung und der Tatsache, dass eine SMS, eine E-Mail oder ein Post im Internet heutzutage genauso schnell bei ihr ist, als wäre sie selbst vor Ort, befällt. Niemand weiß und niemand darf wissen, wie sie zu erreichen ist. Außer ihre Vertrauten Val, Jerry und Angelo natürlich. Doch auch sie müssen extrem vorsichtig sein und die Kommunikation untereinander auf das Nötigste beschränken. Möglicherweise sind die Vorsichtsmaßnahmen übertrieben. Doch so etwas weiß man immer erst hinterher, und zwar dann, wenn man doch zu unvorsichtig war und die fatalen Konsequenzen zu spüren bekommt, schießt es Thekla durch den Kopf. Gleichzeitig wüsste sie wirklich nicht, wie irgendjemand auf die Idee kommen sollte, dass ausgerechnet sie etwas mit der Aufdeckung der kriminellen Machenschaften dieses Verbrechers zu tun hat. Fakt bleibt jedoch, dass sie in der Sache mit drinhängt und nichts unmöglich ist.
Einem plötzlich auftretenden Impuls folgend legt Thekla den Kopf in den Nacken und stürzt den Inhalt des Glases herunter. Anschließend schüttelt sie sich. Und jetzt beruhigst du dich mal wieder, ermahnt sie sich selbst. Sie atmet tief durch, stellt das Glas auf dem Beckenrand ab und taucht in der Badewanne komplett unter. Nach ungefähr zehn Sekunden taucht sie wieder auf, schnappt nach Luft und reibt sich das Wasser aus dem Gesicht. Schon besser, denkt sie. Dann sieht sie sich nach der Flasche auf dem Beckenrand um. Hm, ein weiteres Gläschen zur Entspannung kann nicht schaden, findet sie. Sie schenkt sich noch einmal ein, stellt die Flasche zurück, lehnt sich behaglich zurück und trinkt nun in Ruhe und genüsslich ihren Prosecco. Wer weiß, ob die Presse überhaupt schon Wind von der Sache bekommen hat, überlegt sie währenddessen. Vielleicht gelingt es seinen Anwälten, dafür zu sorgen, die Angelegenheit vor der Öffentlichkeit geheim zu halten – jedenfalls vorläufig. Und überhaupt ist es doch völliger Blödsinn, auf die Nachrichten im Fernsehen zu warten, wenn man die Informationen viel gezielter im Internet abrufen kann!
Just in diesem Moment ändert sich das Bild hinter der Nachrichtensprecherin erneut. Ein Mann mit halblangen zurückgekämmten Haaren, bekleidet mit einem weißen Hemd und einem dunkelblauen Anzug, wird in Handschellen von zwei Polizisten in ein Gerichtsgebäude geführt. Wie elektrisiert setzt sich Thekla in der Wanne auf. Die Sprecherin berichtet von Steuerhinterziehung und Korruption, die dem namhaften Geschäftsmann zur Last gelegt werden, und davon, dass er ein engagierter Unterstützer des amerikanischen Präsidenten ist. Sie spricht davon, dass schon seit längerem sogar öffentlich darüber spekuliert wurde, ob ein großer Teil seines Vermögens auf kriminellen Machenschaften beruhe, man ihm jedoch nie etwas nachweisen konnte. Dann wird ein Film eingespielt, in dem ein älterer Herr, ebenfalls mit sorgfältig über den Hinterkopf gekämmten schütteren dunklen Haaren vor die Kamera tritt. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn, und als sich eine davon löst und an seiner Schläfe hinabrollt, hinterlässt sie eine dunkle Spur auf der sonnengebräunten Gesichtshaut. Bei dem Herrn handelt es sich um den Anwalt des verhafteten Geschäftsmannes. Er erklärt den umstehenden Pressevertretern, die ihm eine Vielzahl von Mikrophonen vor die Nase halten, dass sein Mandant selbstverständlich unschuldig sei und er das beweisen würde. Es handele sich bei den Anschuldigungen um bösartige Verleumdungen eines angesehenen amerikanischen Bürgers und Patrioten und man werde gegen diejenigen, die sie verbreiteten, mit aller Härte und Konsequenz vorgehen.
Thekla schüttelt verächtlich den Kopf. Das übliche Gefasel, denkt sie. Aber was soll der Typ auch sonst sagen? Jeder weiß, dass sein Mandant ein Schwein ist und jede Menge Dreck am Stecken hat. Obwohl – da er auch ein Buddy des Präsidenten ist, kommt er mit seinen Unschuldsbeteuerungen vielleicht sogar durch, schießt es ihr durch den Kopf. Ein kalter Schauer läuft ihr den Nacken hinunter. Thekla lehnt sich erneut zurück und lässt sich am Wannenrand hinabgleiten, bis ihre Schultern vollständig vom wohlig warmen Wasser bedeckt sind. So oder so ist es gut, dass ich jetzt in Deutschland bin, weit entfernt von der Schusslinie, denkt sie bei sich. In diesem Nest vermutet mich bestimmt niemand.
In diesem Moment dringt ein metallisches Scharren an ihr Ohr. Es kommt von ihrer Zimmertür. Thekla erstarrt. Jede Faser ihres Körpers verspannt sich bis hin zu ihren Haarspitzen. Unwillkürlich hält sie die Luft an und lauscht. Da! Da ist es wieder! Zweifellos macht sich jemand an der Tür ihres Hotelzimmers zu schaffen.
Vorsichtig stellt Thekla das Sektglas auf dem Beckenrand ab. Sie greift nach der Fernbedienung und schaltet den Fernseher aus. Durch die plötzlich eintretende Stille ist das Geräusch noch deutlicher zu hören. Geschmeidig und nahezu lautlos taucht sie aus dem Wasser auf und schnappt sich ein Badelaken vom Halter an der Wand. Sie schlingt es sich um die Brust und verharrt erneut. Wieder vernimmt sie das metallische Scharren, das sich so anhört, als versuche jemand ihre Tür mit einer Hotelschlüsselkarte zu öffnen, wobei er oder sie sich allerdings nicht allzu geschickt anzustellen scheint. Dann hört sie eine Männerstimme lallen: „Was issn das hier für’n Schaaeiiß!“
Augenblicklich entspannt sich Thekla. Der Betrunkene hört sich nicht wirklich gefährlich an. Obwohl das auch Tarnung sein kann … Soll sie dem Mann zurufen, dass er sich in der Zimmertür geirrt hat? Oder bringt sie sich damit erst recht in Gefahr, wenn er weiß, dass sie da ist? Unschlüssig bleibt sie in der Wanne stehen und lauscht. Endlich verstummt das Geräusch – der Mann scheint aufgegeben zu haben. Thekla hört ein schleifendes Geräusch, als ob sich jemand schwerfällig vom Türrahmen abstößt, gefolgt von dumpfen Schritten, die vor der benachbarten Zimmertür Halt machen, wo das Spiel mit der Schlüsselkarte von Neuem beginnt.
„Puh!“ Erleichtert atmet Thekla aus. Sie bemerkt, wie sie am ganzen Körper zittert. Bevor ihr die Beine wegsacken können, lässt sie sich vorsichtig auf den Rand der Badewanne sinken. Um Himmels willen! Worauf hat sie sich da nur eingelassen?
Vorbereitungen
„Es ist fünf nach zehn. Wir fangen an!“, bestimmt Julia nach einem Blick auf ihre Armbanduhr.
„Du bist aber streng!“ Daniela schaut sie über den Rand ihrer Speisekarte hinweg verwundert an. „Sicher wird sie gleich auftauchen.“
Nephele schüttelt den Kopf. „Ich sehe das genauso wie Julia. Wir haben schließlich alle unsere Zeit nicht gestohlen!“, stellt sie resolut fest.
Daniela wendet den Kopf und sieht die Wirtin erschrocken an. Die realisiert, dass sie vielleicht ein wenig barsch geklungen hat. Mit um Verständnis heischender Stimme fügt sie hinzu: „Zurzeit fehlt es mir hinten und vorne an Personal. Eigentlich kann ich es mir überhaupt nicht leisten, zu Stoßzeiten wie jetzt gerade hier herumzusitzen.“ Sie dreht sich um und winkt einem ihrer Angestellten zu, damit er ihre Bestellungen aufnehmen kann.
Thekla grinst spitzbübisch. „Nun gib es schon zu! Du bist immer noch sauer auf sie, weil sie deinem Schwarm auf dem Abiball einen gebl….“
„Sprich es nicht aus!“, fällt Nephele ihr streng ins Wort. Sie schüttelt den Kopf, als könne sie damit die Bilder vertreiben, die sich darin aufzubauen drohen. In gemäßigtem Ton fährt sie fort: „Da gibt es nichts zuzugeben. Ich stehe dazu, dass ich der Meinung bin, dass man solche Dinge unter Freundinnen nicht tut. Und außerdem“, mit einer großartigen Geste wirft sie ihre langen schwarzen Haare hinter ihre Schultern zurück, „kann ich mir gut vorstellen, dass Madame die Lust an unserem Projekt sowieso längst vergangen ist. Schließlich handelt es sich hier um ein Arbeitstreffen, und mit dem Arbeiten hatte sie es ja noch nie besonders.“
Julia und Thekla werfen sich über den Tisch hinweg amüsierte Blicke zu.
„Sie ist eben nicht daran gewöhnt“, erklärt Daniela mit verständnisvoller Miene. „Wenn man immer nur zuhause herumsitzt und nie richtig gefordert wird, dann wird man mit den Jahren vielleicht so.“
Die drei anderen lachen. „Du bist wirklich zu gut für diese Welt, Daniela“, meint Julia. „Miriam galt doch schon in der Schule als arbeitsscheu. Allerdings hatte ich gehofft, sie hätte sich geändert. Sonst hätte ich sie gar nicht erst ins Vorbereitungs-Komitee berufen.“
Der junge Angestellte ist an den Tisch herangekommen und nimmt die Frühstücksbestellungen der vier Frauen auf.
„Für mich bitte das Fitness-Frühstück mit Lachs“, trägt Julia ihm auf.
„Und ich hätte gerne das Bauernfrühstück“, fährt Daniela fort.
Thekla runzelt irritiert die Stirn. Sie schaut noch einmal in die Karte und ihre Augen werden groß wie Wagenräder. „Das Bauernfrühstück? Ist das dein Ernst?“, fragt sie entgeistert.
Daniela wirft ihr einen erstaunten Blick zu. „Ja, warum?“
„Bratkartoffeln mit zwei Spiegeleiern und Gewürzgurke“, liest Thekla vor, hebt den Kopf und sieht Daniela fragend an.
Die nickt zustimmend. „Stimmt. So steht es in der Beschreibung“, bestätigt sie und nimmt verwirrt zur Kenntnis, dass die drei anderen anfangen zu lachen.
„Gäste mit einem gesunden Appetit sind mir die liebsten“, ruft Nephele begeistert. „Eine ausgezeichnete Wahl!“
Langsam fällt bei Daniela der Groschen, warum ihre Bestellung für Erheiterung sorgt. Sie rechtfertigt sich. „Ich bin seit fünf Uhr auf den Beinen! Genau genommen ist das hier mein Mittagessen“, erklärt sie.
Thekla zieht bewundernd die Augenbrauen in die Höhe und sagt: „Ich nehme alles zurück.“ Anschließend gibt sie selbst ihre Bestellung auf. „Für mich erst mal nur einen Milchkaffee“, bittet sie. Auch sie erntet erstaunte Blicke. „Sorry, Mädels, aber das ist einfach noch nicht meine Zeit. Dieses Frühstück findet für mich fast noch vor dem Aufstehen statt.“
Nephele beendet den Reigen. „Und für mich bitte das süße Frühstück“, bestellt sie. Dann nickt sie dem jungen Mann zu, der sich daraufhin in Richtung der Theke trollt. Anschließend schaut sie Julia mit erwartungsvoller Miene an. „Da nun das Organisatorische geklärt ist, gebe ich das Wort an unsere geschätzte Ex-Jahrgangssprecherin und Vorsitzende des Abi-Jubiläumsfeier-Komitees weiter!“, verkündet sie großartig.
Alle Augen richten sich auf Julia. Die holt eine dünne Mappe aus ihrer Tasche hervor und legt sie vor sich auf den Tisch. Dann kramt sie erneut in der Tasche und zieht ein schmales rotes Etui heraus. Die anderen drei sehen ihr gespannt dabei zu, wie sie es öffnet, die darin liegende Brille herausfischt und sich auf die Nase setzt. Anschließend öffnet sie die Mappe und schiebt einen Kugelschreiber aus der darin angebrachten Halterung heraus.
„Machst du es immer so spannend?“, fragt Thekla trocken.
Julia sieht sie über den Rand ihrer Brille hinweg strafend an, sagt jedoch nichts weiter. Thekla verzieht gespielt beschämt das Gesicht.
„Mann, du wirkst ja richtig autoritär“, platzt Daniela heraus. „Lernt man das als Bürgermeisterin?“
Julia dreht sich zu Daniela um, zieht eine Augenbraue hoch und wirft ihr einen missbilligenden Blick zu. „Nö“, entgegnet sie knapp. „Das habe ich von meiner Mutter. Sie war Grundschullehrerin“, erklärt sie. „Und wenn ihr jetzt alle brav seid und ordentlich mitarbeitet, lese ich euch nachher auch noch eine Geschichte vor“, verkündet sie mit einem aufgesetzt strahlendem Lächeln.
Die drei anderen jaulen auf vor Vergnügen. Julia wirft einen strafenden Blick in die Runde und das Gelächter reduziert sich auf ein unterdrücktes Gniggern. Nachdem sie noch einmal missbilligend den Kopf geschüttelt hat, blickt sie auf den obersten Zettel in ihrer Kladde und beginnt ihren Vortrag mit einer Bilanz der bisherigen Rückmeldungen. „In unserem Jahrgang haben neunundsechzig Leute Abitur gemacht. Bis auf zwei Ausnahmen habe ich mittlerweile von allen die E-Mail-Adresse erhalten. Pia Kreindler konnte ich immer noch nicht ausfindig machen und Mark Meier soll zur Fremdenlegion gegangen sein. Seitdem hat niemand mehr etwas von ihm gehört. Seine Mutter spricht nicht gerne darüber.“
Nephele zieht erstaunt die Brauen hoch. „Wie hast du es dann herausgefunden, wenn er doch verschwunden ist und seine Mutter nicht darüber reden will?“
„Ich sagte es bereits: Meine Mutter war Grundschullehrerin“, erinnert Julia und ergänzt kopfschüttelnd. „Sie weiß alles. Über ihre ehemaligen Schüler sowieso.“
Die drei anderen nicken beeindruckt und Julia fährt fort, über die bislang eingegangenen Anmeldungen zur Feier zu informieren. „Bis jetzt haben zweiundfünfzig Leute zugesagt, die Ende Mai dabei sein wollen. Vielleicht werden es noch ein paar mehr, denn von einigen habe ich bislang noch gar keine Rückmeldung erhalten.“ Sie wendet sich an Nephele. „Steht dein Angebot noch, das Lokal ausnahmsweise für eine geschlossene Veranstaltung zur Verfügung zu stellen?“
Die Wirtin nickt. „Aber klar doch! Buffet und Getränke gibt’s zum Einkaufspreis.“
„Großartig!“, lobt Julia und setzt einen Haken hinter den Punkt „Essen & Trinken“.
„Oh bitte, lies doch mal vor, wer alles zugesagt hat“, ruft Daniela. Thekla und Nephele stimmen ihrem Vorschlag begeistert zu. Neugierig beugen sich alle drei über den Tisch und schauen Julia erwartungsfroh an. Die protestiert: „Aber das ist doch jetzt überhaupt nicht wichtig!“, doch sie wird überstimmt. „Also gut“, gibt sie nach und verliest die Namen der Angemeldeten. Als sie bei André Tetzlaff, dem Jahrgangs-Schönling angelangt ist, seufzen die drei anderen im Chor auf.
„Oh bitte, geht das schon wieder los?“, schimpft Julia.
Die drei lachen. In diesem Moment blickt Thekla zufällig hinüber zum Eingang und raunt den anderen zu: „Wenn man vom Teufel spricht, taucht manchmal auch seine Großmutter auf!“ Mit einem Kopfnicken macht sie auf ihre Entdeckung aufmerksam. Die anderen folgen ihrem Blick und sehen eine Frau, die augenscheinlich alle Hände voll damit zu tun hat, ihre Hunde durch die Tür ins Lokal zu bugsieren, ohne über den einen oder den anderen zu stolpern. Ungerührt ob ihrer Bemühungen jagen sich die Tiere gegenseitig um ihre Beine herum. Dabei kläffen sie sich erst gegenseitig und dann die Bedienung an, die auf die drei Gestalten zueilt, um das Chaos zu ordnen. Innerhalb kürzester Zeit hat jeder im vollbesetzten Lokal etwas von der tumult-artigen Szene mitbekommen, die sich am Eingang abspielt. Daniela schaut erschrocken, Julia schüttelt missbilligend den Kopf, Thekla unterdrückt ein Lachen und Nephele rollt genervt mit den Augen. Seufzend erhebt sie sich und läuft zielstrebig auf den Eingang zu.
„Ich weiß überhaupt nicht, was Sie meinen!“, hört sie die Frau der Bedienung empört mitteilen. „Die beiden tun keiner Fliege etwas zuleide. Sie sind ganz brav. Nicht wahr, meine beiden Schatzis?“, säuselt sie in Richtung der Miniaturhunde, die aufgeregt erst in die eine und dann in die andere Richtung laufen, dabei wild an der Leine zerren und die Gäste an den umliegenden Tischen wütend ankläffen.
Nephele zwingt sich zu einem Lächeln. „Miriam!“, ruft sie mit schlecht gespielter Freude. „Was hast du uns denn da für zwei reizende kleine Gäste mitgebracht?“
„Nicht wahr? Sind sie nicht entzückend?“, entgegnet Miriam. „Sie sind nur ein bisschen aufgeregt, weil die Umgebung noch ungewohnt für sie ist. Das legt sich gleich.“
Nephele wirft einen misstrauischen Blick auf die Hunde, die sich nun vor ihr aufgebaut haben und sie mit unverminderter Lautstärke angiften.
„Zeus! Apollo! Es reicht jetzt!“, versucht Miriam die beiden zur Ordnung zu rufen.
„Vielleicht ist es besser, wenn sich deine Hunde draußen akklimatisieren, meinst du nicht?“, fragt Nephele mit angespanntem Lächeln.
Miriam wirft ihr einen empörten Blick zu. „Wie? Du wirfst meine zwei kleinen Lieblinge hinaus?“
Nephele atmet tief ein und wieder aus. „Ja!“, bestätigt sie dann. „Genauer gesagt, haben sie nicht mehr als fünf Sekunden Zeit, um das Lokal zu verlassen, bevor ich Souflaki aus ihnen mache.“ Ihr Lächeln wird eine Spur breiter.
Miriam bleibt vor Empörung der Mund offen stehen. Dann poltert sie los: „Das ist ja wohl der Gipfel der Unverfrorenheit! Tierquäler! Kein Wunder, dass die zwei Mäuse so durcheinander sind. Sie merken genau, wenn sie nicht erwünscht sind.“ Sie beugt sich zu dem Chihuahua und dem Zwergspitz hinunter und säuselt: „Was sind das nur für herzlose Menschen, die kein Verständnis für zwei ängstliche kleine Hunde wie euch zwei haben. Das ist wirklich pfui!“ Sie richtet sich wieder auf und funkelt Nephele wütend an, doch die bleibt hart. Als Miriam immer noch keine Anstalten macht, ihre kläffenden Randalierer hinauszubefördern, ruft die Wirtin in Richtung der Küche: „Anthony, ich brauche zwei Spieße!“
Miriam schnappt nach Luft und stemmt die Arme in die Seiten. „Das ist ja wohl die Höhe! Das nimmst du sofort zurück!“, fordert sie empört.
Obwohl Nephele immer noch lächelt, zeigt sich nun in ihren Augen ein gefährliches Funkeln. Sie lässt Miriam nicht eine Sekunde lang aus den Augen, während sie erneut ruft: „Anthony? Ein bisschen Beeilung, wenn ich bitten darf!“
„Komme sofort, Chefin“, hört man es aus der Küche rufen.
Viele der Gäste, die zunächst empört oder verärgert wegen der Störung waren, feixen sich nun eins. Miriam muss einsehen, dass sie verloren hat. Wutschnaubend macht sie auf dem Absatz kehrt und zieht ihre widerstrebenden Hunde hinter sich aus dem Lokal.
„Du kannst sie draußen anbinden. Unwahrscheinlich, dass die einer klaut“, ruft Nephele ihr hinterher. Mit einem zufriedenen Lächeln dreht sie sich um und kehrt an den Tisch zu ihren Freundinnen zurück. Kurze Zeit später folgt Miriam.
„Also, ich finde es wirklich unglaublich, dass ich meine Hunde nicht mit ins Lokal nehmen darf. So etwas Unmenschliches!“, schimpft sie. Wütend reißt sie sich ihren roten Wintermantel vom Leib, wirft ihn nachlässig über die Lehne ihres Stuhls, zieht diesen mit einem Ruck zurück und setzt sich ans Kopfende des Tisches. „Ich vermute, dass dein hartherziges Verhalten damit zusammenhängt, dass du mir immer noch nicht verziehen hast, dass André mich nun einmal attraktiver fand als dich!“ Sie wirft den Kopf zurück und schüttelt Ihr langes rotes Haar hinter ihre Schultern.
Julia, Daniela und Thekla halten die Luft an. Wie gebannt starren sie auf Nephele.
„Mädels, beruhigt euch bitte. Man kann über alles reden!“, versucht Julia die beiden zu beschwichtigen, doch Nephele beachtet sie gar nicht.
Stattdessen wendet sie sich seelenruhig Miriam zu und sagt: „Meine Liebe, jeder geschlechtsreife Bengel an unserer Schule wusste, dass du für ihn zu haben bist. Wer also einen Samenstau hatte, wandte sich vertrauensvoll an dich und konnte sicher sein, dass du ihm zu Diensten sein wirst. Das Ganze hatte also mehr mit leichter Verfügbarkeit als mit Attraktivität zu tun. Aber bitte, wenn es dir damit besser geht, dass du dich für unwiderstehlich hältst …“ Nephele hebt die Hände zum Himmel und lässt den Rest des Satzes offen im Raum stehen.
Miriam läuft knallrot an. Schäumend vor Wut will sie etwas erwidern, doch Nephele schneidet ihr mit einer wegwerfenden Handbewegung das Wort ab. „Schwamm drüber. Ich gestehe, dass ich seit jeher einen grässlichen Männergeschmack habe und verspreche dir hiermit, dass du jeden meiner abgelegten Liebhaber haben darfst so oft und so lange du willst. Ausnahmslos.“ Sie klappert mit den Augenlidern und schenkt Miriam ein strahlendes Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reicht.
„Also, das ist doch …“, beginnt Miriam sich zu empören, doch dieses Mal ist Thekla schneller.
„… ein ziemlich großzügiges Angebot“, ergänzt sie den Satz. Alle außer Miriam lachen darüber. Notgedrungen muss auch sie gute Miene zum bösen Spiel machen und zwingt sich zu einem schiefen Grinsen.
Julia wirft Thekla einen dankbaren Blick zu. Anschließend beeilt sie sich, die Aufmerksamkeit der Runde erneut auf den eigentlichen Grund ihres Treffens zu lenken. Sie rückt die Brille auf ihrer Nase zurecht, beugt sich über ihre Mappe und fährt fort, die Namen derjenigen ehemaligen Schulkameraden aufzuzählen, die ihre Teilnahme an der Feier bereits zugesagt haben. Plötzlich zeigt sich ein süffisantes Grinsen auf ihrem Gesicht. „Katja Göbel …“, liest sie vor und schüttelt seufzend den Kopf. „Madame Göbel besteht dringend darauf, eine Extra-Wurst gebraten zu bekommen, aber ich weiß noch nicht, ob ich dazu bereit bin.“ Sie seufzt.
„Das ist übrigens eine prima Idee!“, ruft Nephele begeistert, was ihr die erstaunten Blicke der anderen einbringt. „Ich baue vor dem Lokal einen Grill auf. Sowas kommt immer gut an!“ Ihr Vorschlag sorgt für allgemeine Erheiterung. Auch Miriam scheint sich jetzt wieder gefangen zu haben und lacht mit.
Anschließend kommt Thekla auf Julias Bemerkung zurück und fragt: „Was wünscht sich Madame Katja denn von dir?“
„Sie will ihren Grafen mitbringen“, antwortet Julia, während sie ihre Lesebrille von der Nase nimmt und mit dem Putztuch aus ihrem Etui reinigt.
„Ihren … was?“, fragt Daniela.
„Du hast schon richtig verstanden“, antwortet Julia. „Obwohl ich ausdrücklich geschrieben hatte, dass die Feier ohne Partner stattfindet, weil der Austausch von Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit in seiner ganzen Albernheit und Belanglosigkeit für Unbeteiligte vermutlich kaum zu ertragen wäre, hat sie einfach verfügt, dass sie den Grafen von Schluck“, Julia schiebt ihre Brille wieder auf die Nase und liest in ihrer Mappe nach, „er heißt übrigens wirklich so“, bestätigt sie ihre Aussage, „also, dass sie ihn mitbringt.“
„Einen Grafen“, wiederholt Daniela ehrfürchtig.
Miriam rollt genervt die Augen. „Meine Güte, Daniela! Adelige sind auch nur Menschen. Sie kacken und furzen genau wie andere Leute auch.“
Die vier übrigen Frauen sehen sich entgeistert an. „Miriam!“, ruft Thekla streng. „Geziemt sich dieses Vokabular für eine Arztgattin und Kirchenvorständin?“
Die Zurechtgewiesene zuckt die Schultern. „Ist doch wahr“, antwortet sie schnippisch. „Wen interessiert es heute noch, ob jemand blauen Blutes ist? Vermutlich ist er aufgrund jahrhundertelanger Inzucht impotent und außerdem komplett verarmt, sonst würde er sich doch nicht mit dieser Schnepfe einlassen.“
Die vier anderen werfen sich vielsagende Blicke zu. Sie kennen Miriam gut genug um zu wissen, dass es diese ordentlich wurmen muss, wenn jemand versucht, ihr den Rang abzulaufen. Dass sie selbst sehr auf ihren Status als Arztgattin und angeheiratetes Mitglied einer angesehenen Gifhorner Familie besteht und es nicht schätzt, wenn ihr andere auf diesem Feld das Wasser abgraben, haben sie bereits mehrfach feststellen können.
Julia nimmt erneut ihre Lesebrille ab und schmunzelt. „Nun, wenn ich mich recht an den Charakter unserer geschätzten Frau Göbel erinnere, dann vermute ich tatsächlich, dass sie mit ihrer Eroberung angeben will. Meinetwegen soll sie das tun. Aber ist das fair gegenüber den anderen, die ihre Partner zuhause lassen müssen?“
„Natürlich nicht!“, beantwortet Miriam ihre Frage sofort.
„Also, ich habe nichts dagegen“, kontert Nephele und lehnt sich mit zufriedenem Lächeln und verschränkten Armen auf ihrem Stuhl zurück.
Thekla wirft Nephele wegen dieser neuerlichen Provokation Miriams einen gespielt missbilligenden Blick zu. Doch dann zuckt sie die Schultern und stimmt ihr im Ergebnis zu. „Ganz ehrlich? Wenn sie sich nicht an die Spielregeln halten will, dann ist das ihre Sache. Deswegen mit einer profilneurotischen Tussi herumstreiten, das willst du dir vermutlich nicht antun, oder Julia?“
„Auch wieder wahr“, meint diese seufzend. „Ich habe ihr bereits gemailt, dass wir uns vor zwanzig Jahren gegen Partner bei der Jubiläumsfeier entschieden haben und fertig. Wenn sie das Blaublut trotzdem mitschleppen will, werde ich ihn nicht hinauswerfen. Wie seht ihr das?“, fragt sie in die Runde. Alle bis auf Miriam nicken. „Sorry, Miriam, du bist überstimmt“, fasst Julia das Ergebnis ihrer Abstimmung mit einem bedauernden Lächeln zusammen.
Miriam rollt genervt die Augen gen Himmel, verschränkt ihre Arme vor der Brust und schnalzt mit der Zunge. „Meinetwegen soll diese Selbstdarstellerin ihren großen Auftritt haben. Vermutlich hat sie nicht mehr vorzuweisen, als mit ihrem Zukünftigen anzugeben. Pfff! Wie erbärmlich!“, stellt sie verächtlich fest.
Thekla und Julia tauschen beredete Blicke aus, Nephele streicht konzentriert den Rock ihres schwarzen Spitzenkleides glatt und Daniela runzelt die Stirn. Sie scheint etwas sagen zu wollen, was Julia im letzten Moment zu verhindern weiß. „Ich lese noch schnell die restlichen Zusagen vor, damit wir diesen Punkt abhaken können, okay? Schließlich haben wir heute noch anderes zu tun.“ Ohne eine Antwort der anderen abzuwarten, senkt sie den Blick auf ihre Aufzeichnungen und fährt mit dem Verlesen der Namen fort. Kurze Zeit später wird sie von Thekla unterbrochen.
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