Read the book: «Misteln – Kraftvolle Krebsheiler aus der Natur»

Vorbeugen, lindern, heilen
AT Verlag
© 2016
AT Verlag, Aarau und München
Lektorat: Diane Zilliges, Murnau
Grafische Gestaltung und Satz: AT Verlag
Bildaufbereitung: Vogt-Schild Druck, Derendingen
E-Book ISBN 978-3-03800-095-2
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Wir widmen dieses Buch der Stiftung Integrative Medizin und der Karl und Veronica Carstens-Stiftung – mit der Hoffnung, dass durch die Förderung dieser beiden Stiftungen weltweit zahlreiche Forschungsprojekte, besonders im Hinblick auf die Mistel, angestoßen werden und unser Buch dazu einen kleinen Beitrag leisten kann.
Dr. Johannes Wilkens und Gert Böhm

Vorwort
Neue Wege in der Krebstherapie sind nicht nur für die betroffenen Patienten wünschenswert, sondern auch zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen dringend erforderlich. Deshalb arbeiten weltweit Forscher und Ärzte in den Labors fieberhaft an neuen, besseren Behandlungsverfahren. Doch der erhoffte Sieg über den Krebs allein durch schulmedizinische Methoden ist nicht sehr wahrscheinlich – zumindest gibt es derzeit keine Hinweise auf einen solchen Erfolg. Die Bevölkerungsentwicklung macht dieses Problem zusätzlich brisant. Denn die wachsende Zahl alter Menschen führt zwangsläufig auch zu immer mehr Krebserkrankungen, weil diese Krankheit meistens erst jenseits des sechzigsten Lebensjahres ausbricht.
Die Gefahr, an Krebs zu erkranken, wird von vielen Menschen zu wenig ernst genommen. Denn so sehr die Ursachen noch im Dunkeln liegen – die meisten Risikofaktoren, die das Entstehen von Karzinomen begünstigen, sind längst bekannt: Rauchen erzeugt Lungenkrebs, zu viel Sonne – direkt vom Himmel oder auf der Liegebank im Sonnenstudio – zerstört die Haut, ein Übermaß an Alkohol führt zu Leberkarzinomen, der falsche Essrhythmus und ungesunde Nahrungsmittel schaden dem Magen-Darm-Trakt, Stress und ein aus den Fugen geratener Lebensrhythmus hetzen den Menschen und schwächen seine Abwehrkräfte. Wenn dann noch im Erbgut beziehungsweise in der Generationenfolge eine Disposition für Krebs besteht, wächst das Risiko, dass die Krankheit tatsächlich ausbricht.
Merkwürdigerweise kennen die meisten Menschen diese Gefahren und ignorieren sie dennoch. Dabei könnten viele Krebsleiden durch eine bewusste Vorbeugung vermieden werden. Doch der Blick auf zig Millionen, die sich von Fertiggerichten, Chips und Süßigkeiten, von Fast Food voller Geschmacksverstärker und Aromastoffe ernähren, der Blick auf Zigarettenraucher und auf ein nachwachsendes Heer unsportlicher, dickleibiger Kinder ist ernüchternd – zu viele Menschen sind nicht bereit, die Vorbeugung gegen den Krebs ernsthaft in ihr Leben zu integrieren.
Eine vernünftige Lebensweise, die gleichermaßen dem Leib, der Seele und dem Geist guttut, wäre die wohl wirkungsvollste Maßnahme, um den Krebs langfristig einzudämmen. Eine zweite Möglichkeit ist die Früherkennung. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen haben bereits Millionen Frauen und Männern das Leben gerettet, weil die Karzinome in einem sehr frühen Stadium entdeckt wurden. Die Heilungschancen sind dann besonders hoch. Neben der Prophylaxe und der Früherkennung liegt gegenwärtig auch große Hoffnung in einer Entwicklung, die viele Forscher und Ärzte allerdings immer noch kategorisch ablehnen: die Zusammenführung von altem und neuem Heilwissen.
Erfreulicherweise scheint jedoch ein Umdenken zu beginnen. Das »Deutsche Ärzteblatt« veröffentlichte 2015, illustriert mit einer Mistelfotografie, einen umfangreichen Fachartikel, in dem die sechs Autoren – allesamt renommierte deutsche Mediziner – feststellten, dass die »Akzeptanz komplementärer Methoden sehr groß ist«. Bei einer Umfrage in von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten onkologischen Zentren waren über 90 Prozent der Mitarbeiter der Meinung, dass die komplementäre und alternative Medizin (KAM) für die psychische Gesundheit der Patienten sehr wichtig sei. Und zwei Drittel der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin sagten bei einer Umfrage, dass sie die komplementäre Medizin »voll akzeptieren«. In dem Fachbeitrag der Ärztezeitschrift hieß es auch: »Zunehmend entdecken Klinikverwaltungen, dass mit einem zusätzlichen (ob komplementären oder alternativen) Angebot Wettbewerbsvorteile auf einem immer enger werdenden Markt entstehen.« Am Ende des Artikels forderten die Autoren »ein qualitätsgesichertes, auf die Onkologie zugeschnittenes Weiterbildungsprogramm«, das engagierten Ärzten und Pflegekräften die Möglichkeiten der komplementären Medizin frei von Vorurteilen aufzeigt. Das sind erfreuliche Perspektiven.
Vielleicht erwächst aus der Bündelung von reichem Erfahrungswissen mit den Erfolgen der konventionellen und komplementären Medizin sogar die stärkste Kraft gegen die Krebserkrankung. Die Misteltherapie ist dafür schon heute eine wegweisende Methode: Sie wird in der modernen Krebstherapie bereits in zwei von drei Fällen als ergänzende Behandlung eingesetzt – und diese Kombination von schulmedizinischem Know-how und anthroposophischen Erkenntnissen wirkt sich für die Patienten segensreich aus. In diesem Buch gehen wir ausführlich auf die Erfolge der Misteltherapie ein – bis hin zu der These, dass sich diese Methode sogar für prophylaktische »Impfungen« gegen Krebs eignet.
Verfasst wurde dieses Buch von einem Autorenduo: Dr. Johannes Wilkens studierte zunächst Theologie, unter anderem bei Professor Hans Küng in Tübingen, danach Humanmedizin in Erlangen. Er arbeitet heute als ärztlicher Leiter der geriatrischen Rehabilitationsklinik Alexander-von-Humboldt-Klinik in Bad Steben und in seiner der Klinik angeschlossenen Privatpraxis. Dr. Wilkens ist für die im engeren Sinne medizinische Seite des Themas verantwortlich. Er bekam für seine wegweisenden Forschungen im Bereich der Komplementärmedizin höchste Auszeichnungen. Als anthroposophisch und homöopathisch arbeitender Spezialist hat er die von Rudolf Steiner erarbeiteten Grundlagen einer differenzierten und optimierten Misteltherapie weiterentwickelt und bringt in den folgenden Kapiteln viele Erkenntnisse und Beispiele aus seiner langjährigen Forschung und Praxis einem breiteren Publikum zur Kenntnis. Der mit mehreren Kulturpreisen ausgezeichnete Journalist und Buchautor Gert Böhm setzt sich seit Jahrzehnten intensiv mit ganzheitlich orientierten Lebensweisen auseinander – vor allem mit den spirituellen Zusammenhängen von Leib und Seele sowie mit dem Einfluss des Lebensrhythmus auf Krankheiten.

Der verlorene Lebensrhythmus
► Jede Epoche hat offensichtlich ihre speziellen Krankheiten. Sie sind die Folge der jeweiligen Verhaltensweisen und Einstellungen der Menschen – von der Ernährung über die Hygiene bis hin zum gelebten Wertesystem und zur Spiritualität. In der Gegenwart sind die »modernen« Menschen übermäßig stark geprägt von materiellem Denken und unentwegtem Tun. Der Mangel an Liebe und Wärme sowie der wachsende Egoismus (ein »soziales Karzinom«) erzeugen körperliche und seelische Krankheiten, die typisch sind für die Veräußerlichung des Lebens: Kalt gewordene, gebrochene Herzen verursachen Infarkte und andere koronare Leiden. Stress, Aggressivität und unser viel zu hohes Lebenstempo verwandeln sich im Körper immer häufiger zu bösartigen Tumoren, in denen entartete Zellen zügellos und ungebremst wuchern.
Unsere modernen Gesellschaften scheinen ein Nährboden für diese »Zivilisationskrankheiten« zu sein, die es in so großer Zahl noch nie gegeben hat. Noch um 1930 erkrankten in den USA lediglich 3 von 100 000 Menschen an einem Lungenkarzinom – heute sind es 80. Im Krebsgeschehen spiegeln sich die Aggressionen und das unbarmherzige, wilde Wachstum des gesellschaftlichen Lebens wider. Vermutlich ist den meisten Menschen das rechte Maß verloren gegangen, der Urrhythmus ihres Lebens ist zerstört. Sie ernähren sich falsch und leben ohne den gesunden Wechsel von Schlafen und Wachsein, von Ruhe und Bewegung, von Spannung und Entspannung, von Arbeit und Pause. Viele übernehmen auch nicht mehr die Verantwortung für ihr eigenes Leben und lassen sich fast nur noch von materiellen Wünschen und Begierden steuern. Diese einseitige Haltung ist gefährlich, weil sie etwas sehr Wichtiges vergisst: dass nämlich im Menschen die Organe mit ihren unterschiedlichen Funktionen, die Zellverbände und die einzelnen Zellen auf schwer durchschaubare, aber wunderbare Weise zueinander in Beziehung stehen. Leib, Seele und Geist sind ein Gesamtkunstwerk des Lebens, in dem alles miteinander verflochten und verwoben ist. Ob kleinste Körperzelle, Gefühle oder das faszinierende Ineinandergreifen einer universalen Ordnung: Alles steht mit allem in Beziehung – der ganze Mensch ist eingebunden in die großen Zusammenhänge der Schöpfung. Deshalb ist es unklug, wenn man eine Krebserkrankung nur punktuell als Tumor behandelt, statt den Blick auf den ganzen Menschen zu erweitern.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag Krebs in der Todesursachen-Statistik noch an siebter Stelle, heute stehen die bösartigen Tumore gemeinsam mit Herz- und Kreislaufkrankheiten an der traurigen Spitze. Wegen der steigenden Lebenserwartung in der westlichen Welt und weil sich die Menschen in der Zukunft vermutlich noch ungesünder ernähren werden als heute, ist sogar zu befürchten, dass die Zahl der Neuerkrankungen weiter drastisch steigt – Fachleute halten in den nächsten zwanzig Jahren eine Zunahme um 50 Prozent für wahrscheinlich. In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 500 000 Menschen an Krebs, in der Schweiz und in Österreich jeweils knapp 40 000, vor allem an Karzinomen in Darm, Brust, Lunge und Prostata.
Die Diagnose Krebs schockiert. Sie wird immer noch mit Hoffnungslosigkeit, meist mit Unheilbarkeit in Verbindung gebracht. Doch die aktuellen Zahlen und Statistiken widerlegen diese Befürchtungen. Vor 1980 starben zwei Drittel aller Krebspatienten an ihrer Krankheit, heute kann mehr als die Hälfte auf dauerhafte Heilung hoffen. So schlimm die Diagnose für die Betroffenen in jedem Einzelfall auch sein mag: Krebs ist kein Todesurteil mehr! Das ist erfreulich – und trotzdem unbefriedigend, weil die meisten Menschen von unserer Hochleistungsmedizin mehr erwarten. Pro Jahr 200 000 Krebstote allein in Deutschland – eine Schreckensbilanz! Angesichts der Milliardeninvestitionen in die Forschung und Entwicklung neuer Therapien erscheinen deshalb die Erfolge der Onkologen eher bescheiden. Mit Operationen, Bestrahlungen und den zunehmend umstrittenen Chemotherapien gewinnt zwar die moderne Medizin in vielen Fällen den Kampf gegen den Krebs, aber von einem Durchbruch, gar von der Ausrottung dieser Volksseuche kann keine Rede sein. Hinzu kommt leider, dass die modernen Krebstherapien für die Patienten fast immer mit schlimmen »Nebenwirkungen« einhergehen. Während Chemotherapien und Bestrahlungen gehen die Menschen oft lebendig durch die Hölle: Sie verlieren ihren Appetit und die Haare, sie leiden an Brechreiz, an Durchfall, Verstopfung und Abgeschlagenheit. Ihre Lebensqualität sinkt dramatisch, weil ihr Immunsystem zusammenbricht.
Es sind aber nicht nur die körperlichen Schmerzen, die die Patienten quälen. Krebs ist eben mehr als »nur« ein Tumor. Für die meisten Menschen, bei denen der Arzt ein Karzinom festgestellt hat, bricht sofort eine Welt zusammen. Sie fallen in ein schwarzes Loch und kommen von ihren Gedanken nicht mehr los: Wie weit ist der Krebs in mir schon fortgeschritten? Haben sich bereits Metastasen gebildet – in der Lunge, im Kopf, im Darm? Habe ich überhaupt Chancen auf Heilung? Wie lange werde ich noch leben?
In den ersten Tagen nach der Diagnose, in denen der betroffene Mensch unter Schock steht, muss er bereits entscheiden, ob er der vom Arzt empfohlenen Behandlungsmethode zustimmt. Aber was bleibt ihm auch anderes übrig, als diesen Rat des Schulmediziners anzunehmen?
Damit beginnt für den Patienten häufig ein Leidensweg, der auch eine Stigmatisierung seines Lebens mit sich bringt. Ein Mann, eine Frau, die während der Chemo- oder Strahlentherapie abmagern und die Haare verlieren, leiden unter diesem Stigma oft mehr als unter den körperlichen Schmerzen. Meistens verändert sich auch noch von einem Tag auf den anderen das Verhältnis zu Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen, weil diese unsicher werden und nicht wissen, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollen: Muss man beim Zusammentreffen das Thema Krebs möglichst vermeiden oder ist es besser, offen darüber zu sprechen? Soll man mit dem Betroffenen vom Tod reden, von Schmerzen – oder das Gespräch lieber auf harmlose Themen lenken? So ist es kein Wunder, dass alte Bekannte und Freunde sich zurückziehen aus Angst, in der Begegnung mit dem Krebskranken falsch zu reagieren. Für den Betroffenen führt dieses Ausweichen leider zu einer Isolation, in der sich die jetzt dringend notwendigen Selbstheilungskräfte nur schwer entfalten können. Es beginnt ein Teufelskreis, in dem der Patient in einem ständigen Stimmungswechsel zwischen Hoch und Tief nicht selten seine berechtigte Hoffnung auf Heilung verliert.
Ein Blick zurück
Alle früheren Seuchen entstanden, weil Bakterien und Viren von außen in den menschlichen Körper einfielen und ihn zerstörten. Mit prophylaktischen Impfungen konnten die Ärzte gezielt gegen virale Infektionen vorgehen und den Ausbruch der tödlichen Krankheiten verhindern. Bei Krebs jedoch dringt der feindliche Erreger nicht von außen in den Körper ein, sondern entsteht im Inneren des Menschen und schwächt sein Immunsystem. Falsche Ernährung, zu wenig Bewegung, Stress in der Arbeit und im Privatleben und nicht verarbeitete Verlusterlebnisse verwandeln sich offenbar auf noch unbekannte Weise im Menschen zu einer hochexplosiven Mischung, die die Zellen verändert und zu Schädigungen und Entartungen führt.
Ein Blick in die Medizingeschichte zeigt: Die großen Seuchen der Menschheit wie Pocken, Pest, Lepra, Cholera, Typhus, Ruhr, Tuberkulose, Kinderlähmung, Syphilis und so weiter konnten durch hygienische Maßnahmen und Impfungen beherrscht, meist sogar ausgerottet werden. So stellt sich in einer Zeit höchstentwickelter Medizin- und Apparatetechnik sogar die Frage: Warum soll es nicht möglich sein, den Krebs durch Impfungen zu besiegen?
Auch mit diesem Thema beschäftigen wir uns im vorliegenden Buch. Dabei kann vor allem das Erfahrungswissen von der Heilkraft der Mistel das Tor zu einer neuartigen Krebsbehandlung öffnen. Diese »Zauberpflanze« weist derzeit den wohl hoffnungsvollsten Pfad zur Zähmung der Krebsleiden. In der Schulmedizin werden Mistelpräparate als ergänzende Therapie bereits sehr erfolgreich gegen Karzinome eingesetzt – und die gegenwärtig entwickelte und teilweise schon eingesetzte Mistelimpfung könnte vielleicht schon bald auf breiter Grundlage den Ausbruch der Volksseuche Krebs eindämmen. Wir werden sehen, dass sich die Mistel als »Impfung« schon in den Vorstadien der Krebserkrankung sehr gut einsetzen lässt. Oft werden dann Patienten frühzeitig aktiver und ändern unter dem Einfluss der Mistel ihre ungesunde Lebensweise.
In der Vergangenheit wurde aus den Forschungslabors immer wieder gemeldet, dass die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Krebs unmittelbar vor dem Abschluss stände. Leider haben sich diese Hoffnungen bisher nicht erfüllt. Das mag auch daran liegen, dass Impfstoffe wegen ihrer Nebenwirkungen sehr gefährlich sind – meistens sind zeitraubende Forschungen und klinische Studien notwendig, bevor die Impfungen beim Menschen durchgeführt werden können. Bei einem so komplexen Krankheitsbild wie Krebs gestaltet sich dieser Prozess besonders schwierig. Deshalb kommt einer vorbeugenden Impfung nach den Grundsätzen der Misteltherapie schon jetzt eine große Bedeutung zu, denn Mistelpräparate sind in der Krebstherapie sehr erfolgreich und haben keine schädlichen Nebenwirkungen. Menschen, bei denen eine Veranlagung für Krebs erkennbar ist, können sich etwa um die Lebensmitte heute bereits vorbeugend einer kurzzeitigen Misteltherapie unterziehen, die einer individuellen Impfung gleichkommt und den späteren Ausbruch der Krankheit verhindern kann.
Was ist nach der Diagnose zu tun?
Wenn ein Mensch mit der Diagnose Krebs konfrontiert wird, stellt sich sofort die Frage: Was tun? Das erste und wichtigste Ziel der konventionellen Krebsbehandlung ist die Zerstörung des Tumors. Dazu gibt es die drei »klassischen« Methoden: Stahl (Skalpell), Strahl (Bestrahlung) und Chemo (Chemotherapie). Sie werden oft auch gebündelt, paarweise oder zeitlich nacheinander angewendet. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Wissen über Krebs durch neue Erkenntnisse der Tumorbiologie und der Immunologie geweitet und zur Entwicklung von monoklonalen Antikörpern und Neoangiogenese-Hemmern geführt – ein therapeutischer Fortschritt, der aber leider die Behandlungskosten in astronomische Höhen treibt, sodass selbst in reichen Ländern die Medizinsysteme überfordert werden.
Erfreulich in der Schulmedizin ist, dass sich für fast alle Krebserkrankungen die Überlebenschancen von Jahr zu Jahr verbessern – auch dank der zunehmenden Früherkennung, weil immer mehr Männer und Frauen zu Vorsorgeuntersuchungen bereit sind. Von einem Durchbruch kann dennoch keine Rede sein. Die Schulmedizin erzielt ihre Erfolge ausschließlich aufgrund der ständig verbesserten Diagnose- und Therapiemethoden in den Labors und direkt am Krankheitsherd. Aber diese punktuelle Betrachtung des Tumors spiegelt nur ein eingeschränktes Krankheitsbild wider. Denn das Krebsgeschehen umfasst den ganzen Menschen – nicht nur seinen Körper. Deshalb könnte eine erweiterte, ganzheitliche Behandlung die Heilungschancen wesentlich verbessern. Die klassische Medizin ist in ihrem Kampf gegen Krebs zwar auf einem guten Weg. Sie könnte aber noch erfolgreicher sein, wenn sie ihre Behandlungsmethoden nicht auf den Körper beschränkte, sondern beim Patienten ganz bewusst auch die feinstofflichen Aspekte auf der Ebene des Willens, der Gefühle und des Denkens in den Genesungsprozess einbezöge.
Alternative und ergänzende Krebstherapien tun das. Von der uralten tibetischen Heilkunde bis zur anthroposophischen Medizin – allen ganzheitlichen Heilsystemen ist eines gemeinsam: Sie sehen die physische Krankheit – auch Krebs – als eine elementare Störung, die ihren Urgrund in der Seele hat. Dieser Zusammenhang erfordert auch für das Krebsgeschehen ein grundlegend anderes Verständnis: Ohne Heilung der Seele keine körperliche Heilung!
Der Mensch ist ein Wesen, in dem sich körperliche, emotionale und geistige Zustände zu einem komplizierten Beziehungsgeflecht vernetzen. Die Zusammenhänge zwischen diesen drei Ebenen sind oft nur schwer durchschaubar, aber es scheint wirklich alles mit allem in Verbindung zu sein. Wenn beim Menschen auf einer der drei Ebenen eine Krankheit auftritt, dann hat das auch Folgen für die anderen Ebenen. So bedeutet Heilung nicht nur das »Beseitigen« des körperlichen Leidens, sondern eine »Kräftigung« der Seele – einschließlich der Überwindung von seelischen Traumen, die auch bei der Krebserkrankung eine wesentliche Rolle spielen, leider aber kaum beachtet werden.
Das alte Heilwissen hat den Menschen immer als Einheit gesehen, eine Trennung von Leib, Seele und Geist gab es nicht. Es ist erfreulich, dass auch in der Gegenwart immer mehr Forscher, Ärzte und Pharmazeuten der wissenschaftlichen Avantgarde zu dieser Einsicht neigen – sie gehen in der Krebsbehandlung mit neuen Methoden weit über die eindimensionalen Ansätze der Schulmedizin hinaus. Die bekanntesten Methoden einer ganzheitlichen Krebsbehandlung finden sich in der Anthroposophischen Medizin (Misteltherapie), in der Homöopathie, in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), in der Phytotherapie, in der Hyperthermie, in der Enzymtherapie und in der so genannten Selbstregulationsmethode. Wir fokussieren uns hier auf die vielfältigen Aspekte der Misteltherapie. Im Anhang finden Sie die anderen gegenwärtig häufigsten Krebstherapien zusammengestellt und kurz erläutert.

Schlüsselrolle in der Krebstherapie: Die Mistel
► Im Zusammenspiel mit den schulmedizinischen Behandlungen ist die Misteltherapie wahrscheinlich die bedeutendste Methode, um dem Krebs in Zukunft seinen Schrecken zu nehmen. Sie kommt aus der Anthroposophischen Medizin, die auf den österreichischen Geisteswissenschaftler Dr. Rudolf Steiner (1861–1925) zurückgeht und heute mit ihren Kliniken und Instituten über die ganze Welt verbreitet ist. Steiners Modell ist im Grunde sehr einfach: Es stützt sich auf die naturwissenschaftliche, klassische Medizin, ergänzt deren Methoden und Ergebnisse jedoch um geisteswissenschaftliche Erkenntnisse, die auch die Seele und die individuelle Persönlichkeit des Menschen einbeziehen. Beides gehört nach Auffassung der Anthroposophischen Medizin zusammen. Insofern ist sie keine »Alternativmedizin«, sondern ein den Blick erweiterndes Heilsystem. Die Anthroposophische Medizin setzt alles ein, was die naturwissenschaftliche Forschung bereithält: Medizintechnik, Laboruntersuchungen, Medikamente, Operationen, Intensivmedizin. Aber sie geht in einem zweiten Schritt darüber hinaus und erfasst den Menschen auch in seinem funktionellen und seelischen Zustand – in seiner Sprache und seinen Bewegungen, in der Atmung und in den wichtigsten Lebensrhythmen wie Schlafen und Wachsein, Ruhe und Bewegung, Spannung und Entspannung, Arbeit und Pause, im Rhythmus des Essens und Verdauens, der Freude und des Leids.
Der anthroposophische Arzt lässt sich in der Behandlung von Krebspatienten von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten, aber zusätzlich berücksichtigt er auch den seelischen, emotionalen Zustand des Kranken – immer mit dem Ziel, die Lebenskräfte des Menschen zu stärken. Dabei ist der Patient nicht nur das Objekt medizinischer Kunst, sondern ein eigenverantwortlicher Partner des Arztes.
Die therapeutische Vielfalt ist groß – auch Musik, Malen, Gesprächstherapien, Entspannungsverfahren, Meditation, die Umstellung der Ernährung und eine Ordnung der Lebensweise gehören dazu. Natürlich verordnet der anthroposophische Arzt bei schweren akuten oder lebensbedrohlichen Erkrankungen auch allopathische Medikamente wie sein Kollege aus der Schulmedizin, aber wenn es sich vermeiden lässt, geht er sanfter vor. Bei der Wahl der anthroposophischen Medikamente wird vor allem darauf geachtet, dass sie die Selbstheilungskräfte des Menschen anregen. Das geschieht meist mit natürlichen, pflanzlichen, oft homöopathischen Arzneien, die sowohl auf den Tumor als auch auf die Gemütslage des Patienten wirken.
Der Schulmediziner findet das Medikament, das er dem Patienten verabreicht, allein auf der Grundlage der wissenschaftlichen Befunde. Dagegen versucht der anthroposophische Arzt, die innere »Verwandtschaft« zwischen dem erkrankten Menschen und dem Medikament zu entdecken. Der Patient muss also in seinem seelisch-geistigen Zustand ein ähnliches Grundmuster in sich tragen wie die Pflanze, deren Wirkstoffe gegen die Krankheit eingesetzt werden.
Diese Zusammenhänge lassen erahnen, wie umfassend ausgebildet und erfahren ein anthroposophischer Arzt sein sollte: Er muss den Patienten in seiner körperlichen und seelischen Verfassung wahrnehmen, begreifen und beurteilen – und gleichzeitig die subtilen Zusammenhänge zwischen dem Charakter der Krankheit und den besonderen Wirkkräften einer bestimmten Pflanze erkennen. Die richtige Zuordnung der stofflichen und seelisch-geistigen Kräfte des Menschen zu den entsprechenden Eigenschaften einer speziellen Pflanze ist nicht allein mit Logik zu bewältigen, sondern erfordert vom Arzt auch Intuition.
Nach anthroposophischer Erkenntnis sind die Wirkstoffe der Mistel das vielleicht stärkste Medikament gegen Krebs. Daraus entwickelte Rudolf Steiner 1920 seine Misteltherapie, die sich inzwischen als Ergänzung zu den konventionellen Krebsbehandlungen auf breiter Basis durchgesetzt hat. Laut Statistik bekommen heute bereits zwei von drei Krebspatienten zusätzlich zur klassischen Therapie auch Mistelpräparate. In klinischen Studien wurde nachgewiesen, dass die Extrakte der Mistel die Lebensqualität der Patienten deutlich erhöhen – dank einer Zunahme des Appetits und der Leistungsfähigkeit, dank verbessertem Schlaf und einer geringeren Anfälligkeit für Infekte. Auch die Rückbildung von Tumoren und die Lebensverlängerung durch Mistelwirkstoffe wurden beobachtet.
Seit Rudolf Steiners visionären Hinweisen im Jahr 1920 gilt die Mistel als hochwirksames Krebsmedikament. Aus den Zweigen mit Stängeln, Blättern, Blüten und Beeren wird – nach intensiver maschineller Aufbereitung und Durchmischung des Sommer- und Wintersaftes – ein Extrakt hergestellt, das meist unter die Bauchhaut gespritzt wird. Das Präparat kann in bestimmten Fällen auch direkt in den Tumor injiziert oder über Infusionen verabreicht werden. Die sehr häufige Injektion unter die Haut kann der Patient schon nach kurzer Zeit – ähnlich wie bei Diabetes – selber vornehmen. In der Regel kommt es kurz danach rund um die Einstichstelle zur erwünschten Reaktion: Die Haut rötet sich, juckt manchmal, schwillt leicht an und erwärmt sich – Zeichen dafür, dass die Mistel zu wirken beginnt. Sie erzeugt anfänglich eine Art Fieber und reizt den Organismus, der daraufhin seine Selbstheilungskräfte stimuliert und das Immunsystem kräftigt. Im Tumor selbst hemmen zur selben Zeit die Inhaltsstoffe der Mistel das wilde Wachstum der Krebszellen, sie können die Geschwulst häufig wieder verkleinern oder manchmal sogar ganz zum Verschwinden bringen.
Trotz aller Erfolge: In der Forschung zur Mistel ist vieles noch nicht erschöpfend geklärt. Nach wie vor ist es den Wissenschaftlern ein Rätsel, warum die Mistel bestimmte Körperzellen (Tumorgewebe) zerstört – und gleichzeitig andere Zellen, die das Immunsystem stärken, in ihrem Wachstum fördert. Auch die Gründe für die positiven Auswirkungen der Mistelbehandlung auf den Gemütszustand des Patienten liegen noch weitgehend im Dunkeln. Doch manchem fehlenden wissenschaftlichen Nachweis stehen die jahrzehntelangen Erfolge in der ärztlichen Praxis gegenüber – in zigtausend Fällen konnte die konventionelle Krebstherapie zum Wohle der Patienten durch Mistelpräparate ergänzt werden. Sie führten nachweislich zur Linderung von Schmerzen, zur Besserung des allgemeinen Befindens, nicht selten sogar zur Rückbildung der Geschwulst oder zur Heilung.
Ein besonderer Vorteil der Misteltherapie liegt auch in ihrer außerordentlich guten Verträglichkeit. Schädliche Nebenwirkungen, wie sie vor allem bei Chemotherapien und Bestrahlungen auftreten, sind bei Mistelbehandlungen nicht bekannt. Bisher wurden in keinem einzigen Fall Veränderungen in der Erbmasse (Mutagenität) festgestellt, es gab weder irgendwelche Missbildungen (Teratogenität) noch führten Mistelinjektionen jemals zur Entstehung neuer Krebsgeschwüre (Kanzerogenität). Die strengen Prüfungen nach den gültigen internationalen Standards ergaben, dass die Mistelpräparate unbedenklich eingesetzt werden können.
Die Mistel ist voller Geheimnisse
Die Misteltherapie bietet – in Ergänzung zur Schulmedizin – derzeit und in Zukunft die vielleicht größten Heilchancen für Krebspatienten. Warum ist das so?
Wer sich mit dieser uralten Pflanze beschäftigt, kommt schnell zu der überraschenden Erkenntnis: An der Mistel ist nichts normal! Sie unterscheidet sich deutlich von allen anderen Pflanzen. Das auffallendste Phänomen: Sie wächst nicht auf der Erde, sondern auf Bäumen und hat statt Wurzeln nur einen pfahlartigen »Senker«, mit dem sie sich im Holz ihres Wirtsbaums verankert. Über diesen Senker holt sich die Mistel ihre Nährstoffe aus dem Baum. Dabei wäre sie durchaus in der Lage, sich wie jede andere Pflanze dank der Sonne über ihre grünen Blätter und Stängel selbst zu versorgen – doch sie tut es nicht, sondern ernährt sich stattdessen überwiegend von ihrem »angezapften« Wirtsbaum. Wie ein Geschwür wächst die Mistel in der Krone ihres Baumes, der unter dem Schmarotzer allmählich seine Kraft verlieren und absterben kann.
Dabei fällt auf: Die Mistel kümmert sich nicht um die irdische Schwerkraft, sondern breitet sich mit ihren Ästen und Zweigen in alle Richtungen aus. Sie nimmt – in scheinbarer Missachtung der Gesetze der Erde und des Sonnenstandes – eine kugelige Gestalt an und richtet sich im wahrsten Sinne »ego-zentrisch« aus.
Die Mistel wächst nur von April bis Mitte Juni, dann hält sie inne und ruht fast bis Weihnachten. Erst wenn die Natur im Winterschlaf liegt, blüht sie auf und trägt ihre Früchte, die charakteristischen weißen Beeren. In der Mitte jeder Beere befindet sich unter der durchscheinenden Haut ein sofort keimfähiger Embryo. Doch dieser Same keimt nicht von selbst aus – er ist in der Beere »eingesperrt« und kann die ledrige Fruchthülle nicht ohne fremde Hilfe verlassen. Die Verbreitung des Samens übernehmen in Mitteleuropa Vögel, unter anderem die Misteldrosseln. Die Vögel fressen die Beeren, und mit dem Kot (»Mistel« ist vom Wort her urverwandt mit »Mist«) gelangt der Samen auf die Äste der Bäume. Das Mistelhaustorium, ein Saugorgan, wächst dann langsam in die Lebensschicht des Baumes, das Kambium, ein. Der Baum selbst bildet den Senker, weil er von der Mistel in seinem Wachstum »umgestimmt« wurde. Ein merkwürdiger Vorgang!
Doch es gibt noch mehr Merkwürdigkeiten. Nicht jeder Mistelembryo gedeiht auf jeder Rinde, sondern braucht immer einen passenden Wirtsbaum: Tannenmistel-Embryos die Tannen, Kiefernmistel-Embryos die Kiefern. Hingegen gilt bei den Laubbäumen das Prinzip, dass die Laubbaummistel fast jeden Laubbaum befallen kann. Nur beim Ginster ist es anders: Auf ihm wachsen sowohl die Mistelsamen von Nadelbäumen als auch von Laubbäumen. Und um die Verwirrung noch größer zu machen: Laubbaummisteln streuen weit – man findet sie auf Birken, Pappeln, Ulmen und sogar Eichen, auf denen Misteln sonst nur äußerst selten ansiedeln. Inzwischen ist fast kein Baum mehr vor einer Besiedlung durch eine Mistel sicher. Nur Buchen und Eiben meidet sie.
In der universalen Ordnung der Natur spielt die Mistel die Rolle des »outlaw«, des Gesetzlosen, der sich eine total verkehrte Welt geschaffen hat – kein Wunder, dass diese geheimnisvolle Pflanze seit jeher auch als Mythos in der Götter- und Sagenwelt auftaucht. Schon in der alten griechischen Sage um den Heilgott Aesculap wird berichtet, dass Krankheiten mit Eichenmisteln geheilt wurden. Im Heldenepos »Aeneas« des römischen Dichters Vergil öffnet die Mistel das Tor zu einer Unterwelt, in der die Verstorbenen leben, und ermöglicht wieder die Rückkehr aus dem Hades – so steht die Mistel symbolisch für den Sieg des Lebens über den Tod.
Der Mythos um die Mistel
Die Unterweltfahrt des trojanischen Helden Aeneas, der mit seinen Gefährten aus Troja entkommen konnte und dann die Stadt Rom gründete, ist in mythischer Form von großer Bedeutung: Sie macht die Wirkung der Mistel in Bildersprache verständlich. Aeneas möchte in der Unterwelt seinen toten Vater Anchises besuchen, um von ihm Ratschläge für seine Fahrt nach Italien zu bekommen. Laut Auskunft der Sibylle ist dies aber nur möglich, wenn er einen goldenen Zweig der Mistel sucht und auf seiner Fahrt trägt. Was tief in der Erde und im Dunkel verborgen ist, wo schreckliche Ungeheuer und finstere Gestalten zu Hause sind und die Toten wohnen – dorthin kommt nur, wer diesen Zweig, der der Göttin Persephone geweiht ist, mitnimmt. Mit ihm wird möglich, was sonst nur nach dem Tod sich eröffnet: Licht ins Dunkle der Triebe und Leidenschaften, ins eigene Schicksal zu bringen. In ähnlicher Form kann das bei einer Misteltherapie erlebt werden, wenn in den Höllenschlunden der Krebserkrankung ein Licht der Klarheit aufstrahlt und ein neues Bewusstsein hervorbringt.1
Diese Symbolik von Tod und Auferstehung findet sich noch eindrucksvoller in der germanischen Mythologie. Baldur, der Gott des Lichts und der Schönheit, wird von allen Göttern geliebt. Keiner der anderen Asen kommt ihm an Weisheit, Reinheit und Barmherzigkeit gleich. Darum wollen ihn die Götter vor Gewalttaten schützen. Die Göttin Frigg nimmt allen Geschöpfen den Eid ab, Baldur nicht zu schaden. Alle schwören – mit Ausnahme der Mistel. Der listenreiche Loki, der Baldur hasst, erfährt davon. Er reißt einen Mistelzweig ab und gibt ihn Baldurs blindem Bruder. Der, von Loki getäuscht, schießt den Pfeil auf Baldur und durchbohrt ihm damit die Brust. Er stirbt. Bei den Germanen galt dieser Tod als das größte Unglück, das je über Götter und Menschen gekommen war. So trug die Mistel die Schuld an der schwersten aller Zerstörungen. Und vielleicht entspricht es einer modernen Mythologie, dass die Mistel heute mit einer Art Wiedergutmachung dazu beitragen kann, die gegenwärtig schlimmste Zerstörung der Gesundheit, nämlich Krebs, zu heilen. Dass der Mistel besondere Kräfte innewohnen, glaubten auch die Kelten. Für sie waren die Mistelbeeren vor allem ein Fruchtbarkeitssymbol, ein allmächtiger göttlicher Samen – eine Vorstellung, die vielleicht damit zusammenhängt, dass die weißliche Frucht an Sperma erinnert. Die Priester der Kelten, Druiden, brauten aus Eichenmisteln, die sie in geheimnisvollen Kulthandlungen zu bestimmten Zeiten mit einer goldenen Sichel abschnitten, einen Zaubertrank, der den Menschen Fruchtbarkeit, Kraft und Heilung schenken sollte. Die Magie der Mistel wird heute vor allem in den Asterix-Comics geschildert, wenn der Druide Miraculix seinen Zaubertrank anrührt, um den Galliern übernatürliche Kräfte zu verleihen.
Auch viele Christen glaubten im Mittelalter an die magischen Kräfte der Mistel. Sie trugen Kreuze und Amulette aus Mistelholz auf ihrer Brust oder ließen beim Beten die Mistelholzperlen des Rosenkranzes durch die Finger gleiten. In Europa – vor allem in den skandinavischen und angelsächsischen Ländern – hat sich ein alter Mistelbrauch bis heute erhalten: In der Weihnachtszeit hängen viele Menschen Mistelzweige an die Tür – sie sollen für das kommende Jahr Glück, Kraft, Gesundheit und reichen Kindersegen bringen.
In der Heilkunde spielte die Mistel vor Rudolf Steiners Entdeckung Anfang des 20. Jahrhunderts allerdings nur eine bescheidene Rolle. Der berühmte Arzt Paracelsus übernahm aus der Antike die Empfehlung, die Mistel bei Epilepsie einzusetzen – ein Verfahren, das auch in der Gegenwart noch in der anthroposophischen Medizin erfolgreich angewendet wird. Die berühmte christliche Mystikerin Hildegard von Bingen verwendete im 12. Jahrhundert die (Birnen-)Mistel gegen Lungenerkrankungen, und 1543 wurde in einem »Kreutterbuch« empfohlen, Mistelbrei auf Geschwüre zu legen, um sie zu heilen. Andere Forschungen ergaben, dass sich die krampflösende Wirkung der Mistel auf das Blutsystem übertragen lässt und den Blutdruck senkt. Und nach einer Empfehlung der Volksmedizin sollen schwangere Frauen Misteln an ihrem Körper tragen, um später die Niederkunft zu erleichtern.
Wie wirkt die Mistel?
In der Krebstherapie war diese geheimnisvolle Pflanze vor Steiners Entdeckung praktisch unbekannt. Offensichtlich war sie den kritischen Blicken der Ärzte, Wissenschaftler und Forscher entgangen.
Die Einsatzmöglichkeiten von Viscum album (Mistel) bei Krebs, auf die Steiner vor etwa hundert Jahren erstmals hingewiesen hatte, wurden 1938 durch die Forschungen von Fr. E. Koch bestätigt, der Experimente mit über einhundert Heilpflanzen machte. Koch suchte damals nach Wirkstoffen, die zur Behandlung lokaler Krebsgeschwüre besser geeignet waren als die seinerzeit eingesetzten Mittel wie Arsen, Quecksilber und Ätzkalk. Die Behandlung mit diesen Stoffen führte zwar dazu, dass lokale Tumore zerstört werden konnten, aber dabei wurde immer auch das angrenzende Gewebe erheblich geschädigt. Außerdem bereitete der nekrotisch zerfallende Tumor den Patienten selten dauerhafte Heilung, aber immer starke Schmerzen. Koch wollte deshalb eine Substanz finden, die den Tumor beseitigte, jedoch das benachbarte Gewebe nicht angriff und für den Gesamtorganismus möglichst ungiftig war. Tatsächlich bestätigten Kochs Untersuchungen, was Steiner verkündet hatte: Die eindeutig stärksten antikarzinomatösen Eigenschaften hatte die Mistel. Aber es sollte noch ein halbes Jahrhundert vergehen, bis die Thesen von Steiner und Koch ernst genommen wurden.
Heute gilt die Misteltherapie fast schon als »klassische« Ergänzung zur schulmedizinischen Krebsbehandlung, obwohl viele Ärzte die inzwischen in großer Zahl vorliegenden wissenschaftlichen Studien anzweifeln und nach wie vor kritisch betrachten. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass diese Ärzte generell zur Anthroposophischen Medizin, aus der die Misteltherapie kommt, ein zwiespältiges Verhältnis haben.
Doch immer mehr Wissenschaftler und Ärzte akzeptieren die Misteltherapien, weil sie nachweislich erfolgreich sind. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wächst das Vertrauen in diese sanfte Methode unaufhörlich weiter. Trotz aller Erfolge muss jedoch festgestellt werden: Vieles über die Wirkweise der Mistelextrakte gegen Krebs liegt noch im Dunkeln.
Heute weiß man, dass die antitumoralen Wirkungen der Mistelsubstanzen auf zweierlei Weise geschehen: Sie zerstören direkt die Tumorzellen oder hemmen deren Wachstum – und gleichzeitig stimulieren sie die Abwehrzellen im Immunsystem, sodass der Körper aus eigener Kraft das Karzinom zähmen und die Zellen wieder zu einer geordneten Entwicklung bringen kann.
In einem noch unerklärlichen Prozess lösen die Mistelsubstanzen in den Krebszellen die sogenannte Apoptose aus, also den in den Erbanlagen programmierten Selbstmord der Zellen. Die Apoptose gehört zum Ordnungsprinzip des menschlichen Lebens. Im normalen Körper erneuern sich ständig Millionen und Milliarden von Zellen. Ohne diesen Austausch könnte der Mensch nicht lange leben. Die zerstörten Zellen werden dann auf natürliche Weise abgebaut. Der Mensch ist in seinen Genen auf wunderbare Weise programmiert: Eine apoptotisch abgestorbene Zelle beseitigt ihre Überreste selbst, sodass die Umgebung des Gewebes nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. Das Gegenteil ist die Nekrose, also der Zelltod aufgrund einer schweren Schädigung (Gifte, zu hohe Temperaturen und so weiter). Bei Nekrosen verbleiben die toten Zellen im Körper, es kommt zu heftigen Entzündungen.
Krebs entsteht, wenn die Apoptose nicht mehr funktioniert, wenn also eine entartete, kranke Zelle die Fähigkeit verloren hat, ihren natürlichen Tod einzuleiten. Dann ist die Apoptoseregulation »entgleist«, die aussortierten Zellen verbleiben im Körper und wachsen weiter. Mit der Chemotherapie oder mit Bestrahlungen der Krebszellen versucht man, die apoptotische Reaktion wiederherzustellen – ein schwieriger und meist auch schmerzhafter Prozess. Mistelpräparate können dabei, wie man aus der Erfahrung zigtausender Krankenberichte weiß, segensreiche Heilwirkungen entfalten.
Doch die einzelnen Vorgänge, die zur Apoptose führen, sind weitgehend ungeklärt – die Einleitung des Tumorzellen-Selbstmords ist noch immer ein großes Geheimnis. Trotz der vielen Untersuchungen, die es mittlerweile gibt, weiß man nicht, warum die Heilerfolge so unterschiedlich sind und was in den Tumorzellen bei deren Selbsttötung wirklich passiert.
Was aber können Misteln dazu beitragen, damit der Mensch seine Krebserkrankung überwindet? Aus den Stängeln, Blättern und den weißen Beeren der Mistel wird ein Extrakt hergestellt, in dem weit über tausend verschiedene Inhaltsstoffe vereint sind. Diese Substanzen wirken häufig einzeln, mehr noch in bestimmten Verbindungen oder in ihrer Gesamtheit gegen Krebs. Von den überaus komplizierten Zusammenhängen zwischen den einzelnen Wirkstoffen ist zwar vieles noch unerforscht, aber die Wirksamkeit gegen Karzinome ist längst erwiesen.
Es sind vor allem die Lektine (Zucker-Eiweiß-Stoffe) der Mistel, die gegen Krebs helfen. In Pflanzen wirken diese Lektine wie eine Schutzimpfung gegen Infektionen und Kälteschäden – und Ähnliches scheint im menschlichen Körper zu geschehen. Allerdings machen die Lektine bei der Mistel nur einen Anteil von etwa 1 Prozent aus – und der Lektingehalt schwankt sogar in Abhängigkeit vom Wirtsbaum, von der Jahreszeit und von der Kälte des Winters, in dem die Mistelbeeren heranwachsen. In jüngster Zeit gibt es sogar Versuche, die Tumorzellen zu »markieren« und dann die Mistellektine wie Geschosse mit einem Zielsuchkopf (»magic bullets«) einzusetzen – die Treffer sollen in der kranken Zelle die Selbsttötung auslösen.
Welche Beziehungen zwischen den Lektinen und den anderen Substanzen bestehen, ist weitgehend unbekannt – wahrscheinlich verbirgt sich gerade in diesem Zusammenspiel der einzelnen Wirkstoffe die erstaunliche Heilkraft der Mistel. Dabei scheinen die in der Mistel gebündelten Wirkstoffe in ihrer Gesamtheit wesentlich stärker zu sein als die Summe ihrer einzelnen Bestandteile.
Die vielfältigen und sehr komplexen Wechselwirkungen der über tausend Mistelsubstanzen untereinander vermischen sich nach der Verabreichung beim Menschen mit den mikrokosmischen Vernetzungen von Zellen, Geweben und Organen innerhalb des Körpers. So entsteht ein gigantisches Beziehungsgeflecht zwischen den Mistelwirkstoffen und dem menschlichen Organismus. Diese Kaskaden von Wechselwirkungen und Vernetzungen machen es unmöglich, beim heutigen Stand der Wissenschaft klare Aussagen über die Heilwirkung der Mistelextrakte zu treffen – bestenfalls lassen sich Vermutungen anstellen.
Auch das Krebsgewebe selbst ist außerordentlich heterogen. In ihm sind zahlreiche Tumorzellen nachgewiesen worden, die sich voneinander unterscheiden – im Wachstumstempo, in ihrer Ausdifferenzierung, in ihrer Neigung zu Metastasen und auch in ihrem Verhalten gegenüber Chemotherapien, Bestrahlungen, Hyperthermie und anderen Methoden. Dieses Geflecht von wechselweisen Beziehungen ist der Grund dafür, dass man derzeit die Misteltherapie in der Tiefe noch nicht verstehen, erklären oder gar in einem wissenschaftlichen Modell beweisen kann. Alles beruht auf systemischen Annahmen, die zwar in der Praxis zu erstaunlichen Erfolgen führen, aber letztendlich unwissenschaftlich sind. Das gilt auch für die sogenannten Spontanremissionen, wenn sich ein Karzinom auf scheinbar unerklärbare Weise zurückbildet oder ganz verschwindet. Spontanremissionen sind außerordentlich selten. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass sie bislang meist weniger genau dokumentiert worden sind.
Spontanremissionen
Spontanremissionen sind natürlich der Wunschtraum eines jeden Krebspatienten und eines jeden Arztes. Häufig gehen sie einher mit ausgefallenen Therapieformen, mit fiebrigen Infektionen, mit einer Allergie, manchmal auch mit Hormoneinflüssen (zum Beispiel bei einer Schwangerschaft oder einer Geburt) aber auch mit psychischen Erlebnissen und Veränderungen. Bei Spontanremission von Tumoren wird angenommen, dass der geordnete Zelltod durch irgendwelche Ereignisse wieder richtig programmiert werden konnte. Diese Fähigkeit wird vor allem Mistelextrakten zugesprochen.
Besonders häufig und auffallend sind Spontanremissionen in Verbindung mit fieberhaften Infektionen (hier könnte auch eine Brücke zum »Mistelfieber« bestehen, das als erwünschte Reaktion bei einer Misteltherapie auftritt). Im Zeitalter der sehr häufig eingesetzten Antibiotika kommt es allerdings kaum noch zu fiebrigen Erkrankungen, sodass Spontanremissionen im Zusammenhang mit Fieber eher selten sind.
Lange Zeit wurde der Nutzen einer Überwärmungsbehandlung bei Krebspatienten eher kritisch gesehen. Das hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Kaum eine Klinik, die nicht eine Chemotherapie mit einer lokalen Überwärmung verbindet. Die Therapie basiert auf der Erkenntnis, dass Krebszellen – ähnlich wie Viren – bei 40 bis 42 Grad Celsius absterben und dass andererseits eine Chemotherapie oft erst in Kombination mit der Überwärmung einen Nutzen zeigt. Nach einer Studie der Universität Düsseldorf war eine anfänglich nur mäßig wirkende Chemotherapie in Verbindung mit Fieber dann fast zu 100 Prozent erfolgreich. Doch auch in anderen Zentren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine erfolgreiche Krebstherapie der Überwärmung bedarf. Bei Knochen- und Weichteiltumoren, den Sarkomen, ist die Wirksamkeit belegt. Einer der deutschen Pioniere der Hyperthermiebehandlung, Rolf Issels, sagt sogar, dass sich die Chancen in der Kombination aus Hyperthermie und Chemotherapie verdoppeln. Beeindruckend sind auch Zahlen holländischer Forscher, die bei dem gefürchteten Gebärmutterhalskarzinom zeigen konnten, dass sich in der Kombination aus Strahlentherapie und Hyperthermie ganz erstaunliche, langfristige Verbesserungen ergeben.
Masernviren gegen Krebs?
Sie sind ein heiß diskutiertes, manchmal fast hysterisch aufgeblähtes Thema, das vielleicht ein neues Zeitalter der Impfpflicht einläuten wird: die Masernviren. Jetzt haben Forscher bei Zellversuchen herausgefunden, dass bestimmte Masernviren auch Krebszellen zum Verschwinden bringen können. Eigentlich ein zu erwartendes Phänomen, weil man schon seit Jahrzehnten weiß, dass »durchgemachte« Masern das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen, besonders Lymphdrüsenkrebs, signifikant verringern. Es klingt paradox, könnte aber in wenigen Jahren schon zur Realität werden: die Masernimpfung bei Kindern verbieten, sie aber für Krebskranke einführen.
Die Misteltherapie ist von ihrem Ursprung her eine aktive Hyperthermiemethode, die anfangs Fieber zu erzeugen versucht. Dadurch wachsen die Chancen, den Tumor zu besiegen. Nach den Erfahrungen an der Humboldt-Klinik in Bad Steben zeigen sich in Fällen, die über viele Jahre nachverfolgt werden konnten, sehr gute Fieberreaktionen. Niemand muss aber vor dem »Mistelfieber« Angst haben. Obgleich die Temperaturen oft auf 40 Grad Celsius ansteigen, vertragen selbst ältere Patienten diese Kur in der Regel sehr gut.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch: Bei Untersuchungen wurde eine besondere Anfälligkeit für Krebs immer dann festgestellt, wenn die Patienten früher selten oder nie an Infektionskrankheiten litten – weder als Kinder noch im Erwachsenenalter. Bei diesen Menschen gab es also kaum Fieber oder erhöhte Körpertemperaturen – ein Mangel, der sich später offenbar fatal auswirken kann. Denn beim Menschen sind die körpereigenen Abwehrkräfte gegen Krebs immer dann besonders stark, wenn früher fieberhafte Infektionen auftraten. Das gilt vor allem im Kindesalter für Mumps, Masern und Windpocken, aber auch – bei Frauen mit Eierstock-Karzinomen – für Lungenentzündungen und Influenza. Paradoxerweise impft man heute gegen Masern und warnt vor ihrer Gefährlichkeit – und versucht gleichzeitig ausgerechnet aus dem Masernvirus einen Impfstoff gegen Krebs zu entwickeln. Allerdings dürfen Schlussfolgerungen aus solchen immunologischen Prozessen nur unter Vorbehalt gezogen werden.
Noch vieles im Dunkeln
In den letzten Jahren hat die Mistelforschung riesige Fortschritte gemacht. Es gibt inzwischen etwa 2000 wissenschaftliche Arbeiten und Studien. Die wichtigsten Erfahrungen wurden 2014 nach der Auswertung von 65 klinischen Studien sowie mehreren systematischen Reviews und Meta-Analysen zusammengefasst. Im Fazit hieß es, dass die Behandlung mit Misteln bei Krebspatienten nachweislich zu einer Lebensverlängerung führt, dass die negativen Symptome einer Chemotherapie gemindert werden und dass sich insgesamt die Lebensqualität erhöht. Auch die gute Verträglichkeit der Mistelpräparate wurde festgestellt.
Trotzdem existiert von den Mistelextrakten noch kein klares Bild. Die Wirkung ist von Tumorzelle zu Tumorzelle unterschiedlich, die Reaktion auf die vielfältigen Immunzellen ist nicht immer gleich – und die Prozesse im Inneren der Zellen unterscheiden sich ebenfalls von Fall zu Fall. Auch die Heilkraft von Mistelpräparaten wirkt nicht einheitlich, sondern schwankt von Mensch zu Mensch. Die Unkenntnis und noch nicht ergründete Logik über die Wirksamkeit betrifft auch die Wirtsbäume und deren Einfluss auf die Mistel – und später auf den Menschen. Die klinischen Forschungen für die Misteltherapien sind mittlerweile zwar sehr umfangreich, aber sie entsprechen meist nicht allen wissenschaftlichen Anforderungen der Schulmedizin. So gilt oft nur die Volksweisheit: »Wer heilt, hat recht.«

Anthroposophische Grundlagen der Misteltherapie
► Die Geburtsstunde der Misteltherapie bei Krebserkrankungen war der 2. April 1920, ein Karfreitag. Damals hielt Dr. Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, einen Vortragszyklus für Ärzte und Medizinstudenten, nachdem er sich bereits jahrelang mit Misteln beschäftigt hatte. Im 13. Referat nahm er zum Krebs und zu einer Therapie mit Mistelextrakten Stellung. Steiners Überlegungen beruhten auf dem von ihm entwickelten anthroposophischen Menschenbild, das neben dem Körper auch die Seele und den Geist umfasst. Es gliedert den Menschen – ähnlich der alten hippokratischen Lehre – in vier Bereiche: in den physischen Leib, den Flüssigkeitsleib (in seiner Sprache: Ätherleib), in die Seele (in seiner Sprache: Astralleib) und in das Ich. Tatsächlich sind die wenigsten Strukturen im Menschen – was auch vielen Mediziner nur selten bewusst ist – physisch fest. Fast alle Körperprozesse spielen sich im Flüssigen, im Luftigen (zum Beispiel der Sauerstoff- und Kohlensäuretransport) oder im Wärmehaften (ohne geregelte Körpertemperatur kein menschliches Leben) ab.
Dabei kommt dem Flüssigkeits- beziehungsweise Ätherleib eine wichtige Rolle zu: Nach Steiner stecken darin alle Kräfte, die das Körperwachstum steuern. Wenn dieses Wachstum das gesunde Maß überschreitet, entsteht im Ätherleib eine Disharmonie, die sich zur Krebserkrankung wandeln kann. Die Symptome treten meist schon viele Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit auf – es sind Signale, die auf einen aus der Balance geratenden Lebensrhythmus aufmerksam machen: ein schlechter, unruhiger und oft unterbrochener Schlaf, der dem Körper und der Seele nicht mehr genügend Kraft zuführt, ferner Verdauungsstörungen, Durchfall oder Verstopfungen, auch die Unverträglichkeit bestimmter Speisen. Doch auch seelische Vorboten können den Tumor ankündigen: Gefühlskälte und innere Verbitterung, eine zunehmende Beziehungslosigkeit zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Natur und zur Schöpfung, oft auch ungelöste Probleme und Konflikte, nicht ausgelebte Gefühle oder Depressionen.
Ein Karzinom hat also eine lange Vorgeschichte und ist schließlich als eine körperliche Revolution physischer und funktionell wirkender Kräfte zu verstehen, die beim Menschen jeden harmonischen Rhythmus mit sich selbst und mit der Schöpfung zerstören. Die Geschwulst koppelt sich von der Grundordnung der Organe und Zellen ab und führt mit ihrem ungestümen Wuchern ein rücksichtsloses Eigenleben.
Diese Erkenntnis übertrug der Anthroposoph Steiner auf ein Gleichnis aus der Natur: Auch die Mistel löst sich vom normalen Jahreskreislauf, rebelliert gegen die Natur und gegen alle vernünftigen Gesetzmäßigkeiten des Wachstums. Deshalb wird die Mistel von Steiner als »irrsinnig« charakterisiert. Nach seiner Auffassung ähnelt die Entwicklung der Mistel dem Entstehen eines Karzinoms im Körper.
In seinem legendären 13. Vortrag sagte Steiner dazu wörtlich: »Nun ist die Mistel zweifellos dasjenige, durch dessen Potenzierung man erreichen wird müssen das Ersetzen des Chirurgenmessers bei den Geschwulstbildungen. Es wird sich dann nur darum handeln, dass man namentlich die Mistelfrucht, aber durchaus im Zusammenhang mit anderen Kräften der Mistel selber, in der richtigen Weise wird behandeln können, um sie zum Heilmittel zu machen.«
Die Mistel, so erkannte Steiner, hat einen Hang zum egoistischen Eigenleben und widersetzt sich fast allem, was die Organisationskräfte im Menschen erreichen wollen – auch der Neubildung von Zellen. Sowohl den Ätherleib als auch den physischen Körper ergreift die Mistel in einem so starken Maß, dass es zu Krampfanfällen kommen kann. Bei anderen Patienten treten unter der Mistelwirkung Schwindelgefühle oder »pollutionsfördernde« Reaktionen im Sexualverhalten auf.
Eine zentrale Passage des Steiner-Vortrags findet sich in folgendem Satz: »Es handelt sich dann darum, dass man namentlich die Leimsubstanz, die leimartige Substanz der Mistel, in den richtigen Zusammenhang bringt mit einem Verreibungsmittel und man allmählich eine sehr hohe Potenzierung dieser mistelartigen Substanz herausbringt.« Steiner wies also darauf hin, dass die Mistelsubstanzen dem Krebspatienten nicht nur als einzelner Wirkstoff oder als Mixtur gegeben werden sollen, sondern vor allem in Form einer potenzierten homöopathischen Dosis. Tatsächlich wurde der Aspekt einer Wirkung der Mistel selbst in homöopathischer Dosierung lange Zeit wenig beachtet – es wurde vor allem mit physiologischen Dosierungen therapiert. Heute zeigt sich, dass beide Möglichkeiten sinnvoll sind. Man kann also sowohl mit physiologischen Dosierungen wie auch mit potenzierten Mistelpräparaten Heilung erzielen. Auf nachfolgenden Seiten dieses Buches wird die weniger bekannte homöopathische Wirkung in Fallbeispielen belegt. Von diesen Erkenntnissen leitet sich die Schlussfolgerung ab, dass es für die Therapie ganz wesentlich ist, auf welchem Wirtsbaum die Mistel herangewachsen ist. Diese Gedanken finden sich schon bei Steiner. An einer anderen Stelle seines Vortrags wird die Wirksamkeit der Mistel nach den verschiedenen Wirtsbäumen spezifiziert: Er sah einen engen Zusammenhang zwischen den jeweiligen Mistelbäumen und bestimmten Organen oder auch Organsystemen im menschlichen Körper.
Steiner war davon überzeugt, dass die besondere Charakteristik des Wirtsbaumes mit dem zu behandelnden Menschen übereinstimmen muss, damit die Misteln ihre volle Wirkkraft entfalten können. Auch die Metallsubstanzen brachte er in einen Bezug zu bestimmten Krebsformen – zum Beispiel empfahl er die Kombination der Apfelbaum-Mistel mit Silbersalzen als heilsames Mittel gegen alle Formen von Unterleibskrebs.
Der Wirtsbaum
Rudolf Steiner zeigte auf, dass die Mistel wie ein Transformator der Kräfte des Baumes wirkt, auf dem sie wuchs. Wer ein Mistelpräparat injiziert bekommt, erhält vor allem die Kräfte des jeweiligen Wirtsbaumes übertragen – seine Wahl ist also extrem wichtig.
Nach Steiners Darstellung wächst die Mistel auf Bäumen, die einen Überschuss an Kräften besitzen. Das ähnelt der Krebserkrankung eines Menschen, der ebenfalls zu viel wuchernde Kräfte in sich trägt. Die Mistel hat die Fähigkeit, diese überschüssigen Kräfte in eine ordnende Struktur zu bringen. Dieses Ordnungsprinzip überträgt die Mistel auf den krebskranken Menschen – mit dem Ergebnis, dass die entarteten Zellen umgewandelt werden.
Die Kernaussagen seiner Misteltherapie fasste Rudolf Steiner in drei Punkten zusammen:
• Pharmakologisch ist die Potenzierung der Mistel beziehungsweise einzelner Bestandteile (insbesondere der Frucht) wichtig.
• Zwischen dem Wirtsbaum der Mistel und den einzelnen Organen im menschlichen Körper gibt es Zusammenhänge, die für die richtige Auswahl der Mistelpräparate ausschlaggebend sind.
• Die Heilkraft einer Misteltherapie wird erhöht, wenn man sie mit einer Metalltherapie kombiniert.
Von der These zur praktischen Anwendung
Bereits 1921 konnte Steiners ärztliche Mitarbeiterin Dr. med. Ita Wegman (1876–1943) erste Therapieergebnisse mit der Mistel vorweisen. Sie hatte bei allen Krebspatienten eine Besserung des subjektiven Befindens festgestellt. Schlaflosigkeit und Müdigkeit waren allmählich zurückgegangen, und nach der Injektion wurde bei den Krebskranken meistens sogar eine Euphorie beobachtet – die Menschen bekamen wieder Mut zu leben. Bei Patienten im letzten Krebsstadium führte die Mistelbehandlung zur Linderung der Schmerzen, sodass Frau Dr. Wegman fast nie zu Morphium greifen musste.
Die vermutlich erste Krankengeschichte, die Ita Wegman im Zusammenhang mit der neuen Misteltherapie dokumentiert hat, ereignete sich drei Jahre vor Steiners Vortrag – hier der Wortlaut:
»1914 Frau W., 56 Jahre alt. Radikal-Operation wegen Mamma-Carcinom. 1917 Metastasen in den supra- und infraclaviculären Drüsen (das heißt am Schlüsselbein, Anm. d. A.) und operative Entfernung derselben mit nachfolgenden Röntgenbestrahlungen. Dann äusserst elend mit Klagen über dauernde Müdigkeit, absolute Schlaflosigkeit und Arbeitsunfähigkeit.
Etwa zwei Monate nach dieser zweiten Operation Beginn der Viscum-Behandlung und nach etwa 28 Injektionen vollkommene Genesung von allen Beschwerden. Die folgenden sechs Jahre war die Patientin wieder voll arbeitsfähig. Sie wurde dann 1923 von neuem mit Viscum behandelt und hat ein hohes Alter erreicht.«2
Ita Wegman 1921 über ihre Erfahrungen mit Mistelbehandlungen3
• Absolut einwandfreie Heilungen, mit denen man der medizinischen Wissenschaft imponieren könnte, sind bis jetzt noch nicht erreicht.
• Eine Besserung des subjektiven Befindens tritt immer ein. Die Schlaflosigkeit und Müdigkeit gingen allmählich zurück, sodass man sogar von einer Euphorie nach der Injektion sprechen kann. Die Patienten bekommen wieder Mut, zu leben.
• Habe ich bei den im letzten Stadium sich befindlichen Kranken eine Linderung der Schmerzen beobachtet, sodass ich bei diesen hoffnungslosen Patienten wenig, ja fast nie zu Morphium zu greifen brauchte.
• Bei denjenigen Patienten, die durch Vererbung (Karzinom in der Familie) zur Karzinombildung veranlagt sind und anfangen zu kränkeln, über Müdigkeit, Schlaflosigkeit klagen, Magenverstimmungen haben, ein alterndes Aussehen bekommen, obgleich physisch nichts bestimmtes, kein Tumor an irgendeinem Organ, keine Schleimhautveränderungen noch zu konstatieren sind: bei dieser Sorte von Patienten hat die Viscum-Behandlung eine außerordentlich gute Wirkung. Hier kann man infolgedessen sprechen von einer Vorbeugungstherapie.
Erste Hinweise auf eine Impfung gegen Krebs
Vergleicht man die Erfahrungen Ita Wegmans mit den Aussagen Rudolf Steiners im erwähnten 13. Ärztevortrag von 1920, so scheint sich zu bestätigen, dass die Mistel vor allem die Seele aktiviert und stärkt. Zwar konnte man nach Ita Wegmans Beobachtungen damals noch nicht auf das Messer des Chirurgen verzichten, aber interessanterweise sprach die Ärztin der Mistel sogar eine vorbeugende Wirkung gegen Krebs zu – eine Feststellung, die erstmals Hinweise auf eine prophylaktische Impfung gibt. Im Kapitel »Mistelimpfung gegen Krebs« behandeln wir diese These aufgrund aktueller Erfahrungen sehr ausführlich; denn eine Anti-Krebs-Impfung mit Mistelpräparaten ist heute keine Utopie mehr, sondern aus anthroposophischer Sicht bereits ein hoffnungsvoller, realistischer Weg in dem Bemühen, den Krebs zu zähmen. Eine vorbeugende Misteltherapie ist schon heute zu empfehlen, wenn Patienten vorgealtert aussehen und wenn in ihrer Familiengeschichte Vorfahren an Karzinomen erkrankt sind.

Misteltherapie heute – Fallbeispiele
► Vergleicht man die derzeit im Markt angebotenen Mistelprodukte mit den Anforderungen Rudolf Steiners, so fällt auf: Es werden nur wenige potenzierte Mistelpräparate angeboten, überwiegend sind nicht potenzierte Arzneien im Einsatz. Auch der Zusammenhang zwischen dem Wirtsbaum der Mistel und dem Wesen des Patienten wird kaum berücksichtigt. Noch seltener sind Bemühungen, die Mistelwirksamkeit durch die heilsame Ergänzung eines Metalls zu steigern. Für eine Misteltherapie, die den Ansprüchen Rudolf Steiners genügt, sind aber die Potenzierung der Wirkstoffe, ferner die richtige Wahl des Wirtsbaums und nicht zuletzt die Optimierung der Therapie durch Metallsubstanzen notwendig.
Obwohl also gegenwärtig Steiners Forderungen nur teilweise erfüllt werden, hat sich die Misteltherapie im Laufe der Jahrzehnte bereits zu einem Segen für Krebspatienten entwickelt, vor allem als komplementäre Therapie zu Stahl, Strahl und Chemie. Doch ihre wahren Möglichkeiten sind offenbar noch lange nicht ausgeschöpft. Die bisherigen Erfolge lassen erahnen, welche Heilkraft tatsächlich in der Mistel steckt, sobald auch die Wechselwirkung zwischen dem Wirtsbaum und dem kranken Menschen beachtet und in die Behandlung einbezogen wird. Nicht auszudenken, was möglich ist, wenn die Misteltherapie weiter optimiert wird – bis hin zur Impfung krebsgefährdeter Menschen.
Um beispielhaft aufzuzeigen, welche Heilwirkung die Misteltherapien gegen Krebs bereits in der Gegenwart besitzen, haben wir aus den zahlreichen dokumentierten Krankengeschichten einige herausgesucht; die Quelle der meisten Beispiele ist das Buch »Die Mistel in der Onkologie« von Kiene und Kienle.
Beispiel: Blutendes Magenkarzinom
Eine 57-jährige Patientin mit blutendem Magenkarzinom befand sich in einem anämischen (blutarmen) Zustand. Eine Operation war nicht erfolgt, weil man röntgenologisch wie optisch ausgedehnte Knochen- und Hautmetastasen feststellen konnte. Nach Bluttransfusion und einjähriger Mistelbehandlung bildeten sich die Hautmetastasen vollständig zurück, die Magenblutungen hörten auf, die verschiedenen Knochenmetastasen verursachten keinerlei Schmerzen mehr. Der gute Zustand hielt sich fast drei Jahre – bei guter Arbeitsfähigkeit. Röntgenologisch wurde auch ein Rückgang der Knochenmetastasen beobachtet. Dann verstarb die Patientin nach vorherigem Wohlbefinden ganz plötzlich an Nierenversagen, dessen Ursache nicht abgeklärt werden konnte.
Beispiel: Pankreaskarzinom
Eine 65-jährige Patientin litt an einem nicht operierbaren, in die Leber metastasiertem Karzinom des Pankreas (Bauchspeicheldrüse). Dieser Frau war von der Klinik eine Überlebenszeit von drei Monaten in Aussicht gestellt worden. Sie erhielt eine Misteltherapie, mit der der anfangs sehr hohe Tumormarker auf normale Werte gesenkt wurde. Auch andere Werte verringerten sich, was auf eine Rückbildung beziehungsweise Stabilisierung des Karzinoms hindeutete. Die Patientin lebte noch 18 Monate und konnte bis drei Tage vor ihrem Tod ein normales Familienleben führen. Es war keine Schmerztherapie notwendig – allein das ist ungewöhnlich für ein metastasierendes Pankreaskarzinom, das zu jenen Tumoren gehört, die am häufigsten starke Schmerzmittel erfordern.
Beispiel: Pankreaskopftumor
Bei einer 1923 geborenen Patientin wurde ein mehr als faustgroßer Tumor am Pankreaskopf mit einer Riesenmetastase im Bereich des linken Leberlappens und weiteren Metastasen im rechten Leberlappen festgestellt. Von einer Chemotherapie wurde ebenso Abstand genommen wie von einer radiologischen Behandlung, da kein wesentlicher Einfluss auf den Krankheitsverlauf zu erwarten war. Die Patientin behandelte sich selbst mit Mistelinjektionen – alle zwei Tage in auf- und absteigender Dosierung –, außerdem nahm sie weitere anthroposophische Arzneimittel ein.
Nach vier Monaten konnte im Ultraschallbefund eine leichte Tumorrückbildung sowohl im Pankreas wie auch im Leberlappen festgestellt werden. Die Patientin fühlte sich wohl. Auch in den nächsten zwei Jahren stabilisierten sich der Allgemeinzustand und das Wohlbefinden. Nach zweieinhalb Jahren beendete die Frau ihre Mistelinjektionen. Prompt verschlechterte sich ihr Allgemeinbefinden, und im Ultraschall wurde nachgewiesen, dass der Tumor wieder wuchs. Daraufhin begann die Patientin erneut mit der Mistelbehandlung – und nach zwei Monaten war sie wieder beschwerdefrei, ihr Körpergewicht stieg an.
Vier Jahre nach der Erstdiagnose war bei der Frau kein weiteres Tumorwachstum zu erkennen, und es ging ihr gut, was angesichts des ursprünglichen Befundes beachtlich ist.
Beispiel: Dickdarmkarzinom
Bei einer 33-jährigen Patientin wurde ein Dickdarmkarzinom operiert. Im weiteren Verlauf infiltrierte aber ein neuer Tumor die Gebärmutter und die Scheide. Daraufhin erfolgte eine Nachbehandlung mit Chemotherapie und Bestrahlung. In einem Computertomogramm (CT) wurden ein Jahr später Metastasen im Bereich des rechten Beckens und der Harnröhre festgestellt, auch die Leber war von Metastasen befallen. Nun begann die Patientin mit einer Mistelbehandlung. Sie erhielt einmal in der Woche eine Infusion mit 40 Ampullen eines Apfelmistel-Präparats. Zusätzlich injizierte die Frau täglich drei Ampullen einer zweiten Apfelmistel-Substanz unter die Haut. Zwei Jahre später erfolgte wieder eine Computertomografie, bei der sich keinerlei Metastasen mehr zeigten. Auch diejenigen im kleinen Becken und in der Leber waren nicht mehr feststellbar. Das Allgemeinbefinden der Patientin war außergewöhnlich gut, sie hatte an Gewicht zugenommen, ihre Lebensqualität hatte sich entschieden verbessert – und das Aussehen der ursprünglich morbid wirkenden Patientin konnte 20 Jahre danach als ausgesprochen gut bezeichnet werden.
Beispiel: Bronchialkarzinom (Lungenkrebs)
Eine sehr angesehene Universitätsklinik berichtete von der Rückbildung eines Bronchialkarzinoms. Bei einem 68-jährigen Patienten war dieses inoperable Bronchialkarzinom im rechten Lungenflügel festgestellt worden. Bei deutlich reduziertem Allgemeinzustand und Bluthusten wurde eine subkutane Behandlung mit einem Mistelpräparat eingeleitet. Nach zwei Monaten gab es bereits eine deutliche Verbesserung des Befundes, im rechten Lungenflügel konnte ein Rückgang des Tumors festgestellt werden. Dieser Zustand war unter der weiteren Verabreichung der Mistelsubstanz ein Jahr stabil. Dann verschlechterte sich der Allgemeinzustand. Der Patient erhielt eine intravenöse Behandlung mit hochdosierten Mistelinfusionen. Daraufhin besserte sich das Allgemeinbefinden wesentlich und der Tumor bildete sich deutlich zurück.
Nach einem dreiviertel Jahr kam es aber zu einer Verschlechterung, auch im Bereich der rechten Lunge. Wieder wurden hochdosierte Mistelinfusionen durchgeführt – und wieder erholte sich der Patient. Sein gutes Allgemeinbefinden hält nunmehr schon seit drei Jahren an.
Beispiel: Brustkrebs
Bei einer 63 Jahre alten Frau wurden beidseitig Brustkarzinome festgestellt, die schon die Knochen befallen hatten. Es fanden sich zahlreiche Metastasen in allen Brustwirbeln, in den Beckenschaufeln, in den Sitzbeinen und in den Oberschenkelknochen. Die Patientin hatte starke Schmerzen, ihre Bewegungsfreiheit war erheblich eingeschränkt, sie konnte kaum noch gehen. Die Ärzte begannen mit Mistelinfusionen. Bereits nach zwei Behandlungsmonaten besserte sich das Befinden, die Patientin konnte längere Strecken zu Fuß zurücklegen – und nach drei Monaten war sie vollständig schmerzfrei. Bei weiteren Untersuchungen wurden keine Metastasen mehr diagnostiziert.
Beispiel: Brustkrebs und Lymphknotenmetastasen
Eine 56-jährige Frau litt an einem metastasierenden Mammakarzinom. Außerdem fanden sich im Bereich des linken Halses Lymphknotenmetastasen, die zwei Jahre nach Abschluss der ersten schulmedizinischen Therapie mit Brustentfernung, Chemotherapie und Bestrahlung aufgetreten waren. Eine weitere Chemotherapie lehnte die Patientin ab, da sie nicht bereit war, den Schrecken dieser Behandlung ein weiteres Mal zu durchleben. Die befallenen Lymphknoten gingen im Verlauf der Behandlung mit einem Mistelpräparat innerhalb von einem Jahr komplett zurück, die Werte des Tumormarkers halbierten sich. Die Patientin hat auch in der Zwischenzeit keine weiteren klinischen oder radiologisch nachweisbaren Metastasen entwickelt.
Beispiel: Brustkrebs und Knochenmetastasen
Bei einer 41-jährigen Patientin mit einem Mammakarzinom musste vor drei Jahren eine Brust entfernt werden. Unter einer Hormontherapie waren schon im Folgejahr Knochenmetastasen aufgetreten, die mit Chemotherapie und mit anderen Hormonen behandelt wurden – doch das weitere Wachsen der Knochenmetastasen konnte nicht eingedämmt werden.
Zwei Jahre nach der Erstdiagnose fanden sich mehrere Metastasen an den Halswirbeln, in der Brustwirbelsäule sowie in den vorderen Rippen, in beiden Schulterblättern und in der rechten Beckenschaufel. Die Patientin hatte bei jeder Bewegung starke Schmerzen und war an den Rollstuhl gefesselt.
Es wurde eine Mistelinfusionstherapie eingeleitet, die zu einem deutlichen Rückgang der Schmerzen und einer spürbaren Verbesserung der Beweglichkeit führte. Die Patientin konnte ihre beruflichen Aktivitäten wieder aufnehmen, ihre Familie versorgen, auch wieder Fahrrad fahren und schwere Einkaufstaschen tragen. Nach viereinhalb Monaten Misteltherapie ergab eine Kontrolluntersuchung, dass das Metastasenwachstum gestoppt war.
Beispiel: Prostatakrebs
Ein 44-jähriger Patient litt an einem Prostatakarzinom. Es bestanden bereits Knochenmetastasen, doch der Mann weigerte sich, eine schulmedizinische Behandlung durchführen zu lassen. Seine starken Schmerzattacken im Bereich der Lendenwirbelsäule wurden von verschiedenen Orthopäden medikamentös behandelt – die Rückenschmerzen wurden durch die Knochenmetastasen hervorgerufen. Die Ärzte führten eine Misteltherapie durch – mit dem Ergebnis, dass die anfangs sehr hohen Werte des Tumormarkers auf ein Viertel sanken, im folgenden Jahr gingen sie noch weiter zurück. Dabei ging es dem Patienten klinisch gut, er hatte keinerlei Schmerzen mehr. Einem Skelettszintigramm (Röntgen-Kontrolluntersuchung mit radioaktiven Substanzen) stimmte der Patient allerdings nicht zu, aber es darf davon ausgegangen werden, dass kein weiteres Tumorwachstum eingetreten ist.
Beispiel: Nierenkrebs
Die Diagnose bei einer 56-jährigen Frau lautete Nierenkrebs. Das Karzinom an der linken Niere wurde operiert, danach gab es Bestrahlungen. Der Allgemeinzustand der Frau blieb jedoch weiterhin schlecht. Ein Jahr später zeigten sich Metastasen in den Knochen, und zwar im Bereich des rechten Rippenbogens und am Oberschenkelhals. Hierauf erfolgte eine Mistelinfusionstherapie, die bei der Patientin zu einer erheblichen Besserung des Allgemeinbefindens führte. Im Computertomogramm zeigte sich ein halbes Jahr später eine komplette Rückbildung der Knochenmetastasen – und auch zwei Jahre später fanden sich keine weiteren Knochenmetastasen.
Beispiel: Bösartiger Hautkrebs
Bei einer 59-jährigen Patientin hatte ein bösartiges Melanom (Hautkrebs) Hirnmetastasen verursacht, die operativ entfernt wurden. Doch wenige Monate später kam es erneut zu Hirnmetastasen. Dieses Mal wurden die Karzinome bestrahlt, sie wuchsen jedoch trotzdem weiter. Nach einem halben Jahr zeigten sich außerdem Lungenmetastasen. Die Ärzte führten eine Misteltherapie durch, die jedoch zunächst keinen Einfluss auf das Tumorwachstum nahm. Ungefähr einen Monat später wurde damit begonnen, das Mistelpräparat direkt in eine Melanommetastase zu spritzen, die unter der Haut der rechten Achsel heranwuchs. Es kam zu einer starken Entzündungsreaktion und zu Schmerzen. Gleichzeitig bildeten sich alle drei Hirnmetastasen vollständig zurück. Die lokale Mistelbehandlung wurde fortgesetzt, doch zwei Jahre später entwickelten sich erneut Hirnmetastasen und eine weitere Hautmetastase. Erneut wurde die Mistel in die Hautmetastase injiziert. Wieder bildete sich die Hirnmetastase zurück, bei der Hautmetastase hingegen sprach das Mistelpräparat nicht an – sie musste operativ entfernt werden.Vier Jahre nach Beginn der Misteltherapie war der Befund unverändert gut.
Beispiel: Lymphknotenkrebs
Eine 34-jährige Patientin mit einem Non-Hodgkin-Lymphom (Lymphknotenkrebs) hatte in den letzten vier Jahren zwar sieben verschiedene Chemotherapien durchgemacht, aber es kam jeweils nur zu vorübergehenden, drei bis vier Monate andauernden Rückbildungen des Lymphoms. Medizinisch galt die Patientin deshalb als »austherapiert«. So wurde sie drei verschiedenen onkologischen Zentren vorgestellt mit der Frage, ob eine weitere chemotherapeutische Behandlung sinnvoll sei. Alle drei Fachkliniken lehnten eine weitere Therapie als nicht erfolgversprechend ab.
Um die Frau in der ihr verbleibenden Lebenszeit nicht weiter zu belasten, erfolgte nur noch eine Misteltherapie. Ihre Befindlichkeit war durch starke Hitzewallungen, Juckreiz und Schlafstörungen schwer gestört – ihr Zustand wurde auf der medizinischen Skala mit der untersten Bewertung 6 (»sehr schlecht«) eingestuft. Die Tumormasse fand sich vor allem im Bereich der Lymphknoten in der linken Achselhöhle, und es gab einen Tumor, der die linke Brustwand bis zum Herzen durchsetzte und sogar schon bis zur Herzaußenwand vorgedrungen war.
Nach einem Jahr Misteltherapie zeigt das Computertomogramm eine fast völlige Rückbildung des Tumors, wobei besonders auch die innerhalb der Brust gelegenen Anteile zurückgegangen waren. Dieser Befund war auch drei Jahre später konstant, die Patientin war nahezu beschwerdefrei, Schmerzmittel wurden nicht benötigt, eine Progression trat nicht ein, es wurden auch keine weiteren Metastasen festgestellt.
Beispiel: Blasenwandkrebs
In diesem Fall handelte es sich um eine 49-jährige Patientin mit einem Tumor, der die hintere Blasenwand fast vollständig durchdrungen hatte. Die Blase war bereits mit dem Schambein verwachsen. Wegen starker Beschwerden wurde eine Bestrahlungstherapie abgebrochen. In der Folge bestanden starke Schmerzen im Unterbauch und im Bereich des Steißbeins, die Patientin litt unter häufigem Wasserlassen und war nicht mehr arbeitsfähig.
Nach Beginn einer Mistelbehandlung gingen die Schmerzen zurück. Innerhalb von vier Monaten betrug die Gewichtszunahme sieben Kilo – und vier Wochen später konnte die Frau wieder arbeiten. Während der nächsten elfeinhalb Jahre kam es unter der Misteltherapie zur allmählichen Rückbildung der Tumormassen und zur weitgehenden Normalisierung des Blasenbefundes. Die Patientin war während der gesamten Krankheitsdauer arbeitsfähig.

Optimierung der Misteltherapie durch bewusste Wahl des Wirtsbaums
► Trotz der bisher erzielten Erfolge der Misteltherapie sind die Möglichkeiten, die Rudolf Steiner aufgezeigt hat, noch längst nicht ausgeschöpft. Anthroposophische Ärzte schätzen, dass gegenwärtig erst 30 bis 50 Prozent des tatsächlich möglichen Wirkungsgrades erreicht werden – in den Mistelbehandlungen stecken also noch gewaltige Potenziale.
Doch schon die bisherigen Ergebnisse können sich sehen lassen, wie auch die Beispiele zeigen, die im vorigen Kapitel beschrieben sind. Die Mistelextrakte aktivieren nachweislich das Immunsystem der Krebspatienten und können das Tumorwachstum stoppen oder sogar dafür sorgen, dass es sich zurückbildet. Die Lebensqualität der Kranken wird verbessert, meistens wirkt die Mistel auch lebensverlängernd. Fast immer führt die Misteltherapie dazu, dass die Patienten leistungsfähiger werden, wieder Appetit bekommen und an Gewicht zunehmen. Sie schlafen wieder ruhiger und tiefer und sind weniger anfällig für Infektionen. Die Krankengeschichten zeigen auch, dass die Misteln die Stimmung der Patienten aufhellen und zur Linderung der Schmerzen beitragen, die der Tumor verursacht.
Jede Misteltherapie ist natürlich eine sehr individuelle Behandlung – die verabreichten Substanzen, die Dosis und die zeitlichen Kriterien bei den gegebenen Medikamenten lassen sich nicht in ein einheitliches Schema pressen, sondern verändern sich von Fall zu Fall. Deshalb ist es bei Misteltherapien normal, dass im Laufe der Behandlung das Medikament oder die Dosierung gewechselt wird – je nachdem, wie der Patient auf die Arznei oder auf einzelne Wirkstoffe der Mistel reagiert. Dem Wissen und der Erfahrung des Arztes kommt daher eine besonders große Bedeutung zu.
Um die Wirksamkeit von Mistelbehandlungen zu optimieren, ist es notwendig, die bisherige Vorgehensweise – ganz im Sinne Rudolf Steiners – um einige wichtige Aspekte zu erweitern. So sollte vor Beginn einer Therapie erst einmal die – bisher zu wenig beachtete – typologische Verwandtschaft zwischen dem Patienten und dem Wirtsbaum, von dem die Mistel stammt, geklärt werden. Zusätzlich sollten den für die Behandlung ausgewählten Mistelwirkstoffen auch Metallsubstanzen beigemischt werden. Denn diese Kombination, so Steiner, kann die Heilchancen bei Krebs noch einmal deutlich verbessern. Das gilt auch für die ergänzende Therapie mit anderen »Winterblühern«, vor allem für die beiden Pflanzen Christrose und Herbstzeitlose. Auch homöopathisierte Arzneien aus Tieren – wie der Ameise, der Kreuzspinne, der Biene und Hornisse sowie den Schlangen – wirken dämpfend auf die Krebsbildung ein. Die künftige Berücksichtigung dieser Faktoren wird den bisher schon hohen Wirkungsgrad der Misteltherapien noch deutlich übertreffen, sodass die Heilungsaussichten bei der Volkskrankheit Krebs wahrscheinlich eine ganz neue Dimension erreichen.
Darüber hinaus gewinnt die Idee für eine Mistelimpfung zunehmend an Bedeutung, weil viele Vorstufen von Krebs, die sogenannten Präkanzerosen, heute bekannt sind und durch den Einsatz von Misteln nachweislich positiv beeinflusst werden. Mehr dazu im Kapitel zur Mistelimpfung.
Die geistig-soziale Analogie zwischen dem Wirtsbaum der Mistel und dem krebskranken oder gefährdeten Menschen sowie die richtige Zuordnung einer metallischen Substanz sind somit die entscheidenden Fortschritte, um die Misteltherapie zu vervollkommnen. In diesem Kapitel versuchen wir, diese wichtigen, aber ziemlich komplizierten Aspekte zu beschreiben. Wir bezeichnen dabei das verbesserte und verfeinerte Verfahren als »optimierte« beziehungsweise »typologische« Misteltherapie.
Gemeinsamkeiten von Baum und Mensch
Die optimierte Misteltherapie ist seit einigen Jahren keine These mehr, sondern wird europaweit in Kliniken und Universitätseinrichtungen sowie in Arztpraxen eingesetzt. Inzwischen sind tausende Krebspatienten, von denen viele sogar als austherapiert galten, nach diesem Verfahren behandelt worden – mit meist außerordentlich guten Erfolgen. Natürlich gab es wie bei allen neuen Methoden auch Enttäuschungen, aber die Ergebnisse sind insgesamt sehr erfreulich.
Selbstverständlich muss jede Form von Krebs zunächst schulmedizinisch behandelt werden. Doch die klinischen Erfahrungen zeigen: In Verbindung mit einer optimierten Misteltherapie kann bei Krebspatienten die Heilquote beziehungsweise die Lebensverlängerung deutlich verbessert werden. Die bisher dokumentierten Fälle reichen selbstverständlich nicht aus, um wissenschaftlichen Anforderungen gänzlich zu genügen, aber sie stoßen ein Tor zu bislang unbekannten Wegen auf. Wer Neuland betritt, kann selten schon von Beginn an beweisen, dass seine Methode richtig ist und allen Nachprüfungen standhält – das gilt auch in der Medizin. Umso wichtiger ist es, dass die optimierte Misteltherapie möglichst bald in eine breit angelegte Studie einbezogen wird, die sich über einen entsprechenden Zeitraum erstreckt, damit die Heilerfolge auch mittel- und langfristig bewertet werden können.
Von entscheidender Bedeutung für die Wahl des richtigen Mistelpräparates ist letztendlich, dass der jeweilige Wirtsbaum zum sozialen Typus des Patienten passen muss. Diese typologische Übereinstimmung, die im vorliegenden Buch erstmals außerhalb von Fachpublikationen dargelegt wird, ergibt sich aus der Analogie von Baum und Mensch. Es wurden dazu die 13 Bäume ausgewählt, deren Mistelpräparate heute in potenzierter Form von den verschiedenen Herstellern angeboten werden. Jeder dieser Wirtsbäume hat in der Botanik und in der Phyto-Pharmakologie, in der Mythologie und Homöopathie charakteristische Merkmale, die auch bei bestimmten Menschen erkennbar sind. Deshalb werden die Eigenschaften der Bäume in eine Beziehung zu den Menschentypen gebracht, wie sie der Arzt und Wissenschaftler Dr. Edward Bach (1886–1936) in seiner berühmten Lehre von der Bach-Blütentherapie beschrieben hat. Dr. Bach hat darin völlig wertfrei Menschen aufgrund ihrer Charaktereigenschaften in typologische Gruppen eingeteilt – mit ihren Stärken, ihren Schwächen und mit ihrer individuellen Problematik. Zum besseren Verständnis haben wir dabei manche Wesenszüge der Bäume und der Menschen schärfer konturiert oder bewusst in vereinfachter Form dargestellt. Am Beispiel von 13 Misteln sollen die Analogien aufgezeigt werden, die zwischen den Bäumen und den verschiedenen Menschentypen bestehen. Die Therapie mit den unterschiedlichen Mistelbäumen ist also analog zur Bach-Blütentherapie zu sehen, sie ist aber erheblich tiefer wirksam.
Vom Wesen eines Baumes
Seit Adam und Eva wissen wir: Mensch und Baum sind innig miteinander verbunden. Wie im Alten Testament beschrieben, tragen die Menschen den Baum des Lebens sowie den Baum der Erkenntnis und des Todes in sich. Auch die Edda, die germanische Sagenwelt, spricht von »Stammbäumen« der Menschheit: von ask und embla, Esche und Ulme.
Tatsächlich erinnern viele Bereiche im Menschen an einen Baum. Das Nervengewebe scheint in der Peripherie des Menschen zu wurzeln, bündelt sich dann im Stamm, dem Rückenmark, und entfaltet seine Äste und Blüten im zentralen Nervensystem. Im Atmungsbereich finden wir einen umgekehrten Baum, den »Bronchialbaum« mit seinen peripheren Ausfaltungen, den Alveolen. Im Blutsystem sehen wir einen arteriellen Baum des Lebens und einen venösen Baum des Todes, die einander umfassen. Kurzum: Überall sind Analogien zu finden.
Am Baum fasziniert uns außerdem, dass er Himmel und Erde zusammenzuspannen scheint. Wie auch der Mensch steht er vermittelnd zwischen Licht und Finsternis. Gleich dem Menschen muss er sich in der Materie verwurzeln, aber mit seiner Krone auch dem Himmel aufrecht entgegenwachsen. Die Analogie von Mensch und Baum ist verblüffend: Beide sind auf vielfache Weise »geerdet«, vergessen aber nicht ihren kosmischen Ursprung.
Vom Wesen der Mistel
Misteln sind weltweit in den tropischen, subtropischen und gemäßigten Zonen verbreitet. Die Anzahl ihrer anerkannten Arten ist umstritten und wird – je nach Familienabgrenzung – auf 400 bis 1400 geschätzt. Für die Misteltherapie wird nur Viscum album verwendet. Sie hat sich als einzige Art weit nordwärts bis nach Südschweden ausgebreitet – und gleicht in der Fauna der Kreuzotter, die als einzige Giftschlange bis in den Norden wanderte, oder unserem Efeu, der als einziger Vertreter seiner tropischen Gattung auch im kühlen Norden wächst.
Typisch für Misteln ist das Fehlen von Wurzeln. Sie dringen stattdessen mit einem saugenden Haustorium in das Kambium ihres Wirtsbaumes ein, um von ihm »Baumwasser« mit den darin gelösten Mineralien zu übernehmen. Bis zur Hälfte der Wirkstoffe des Wirtsbaumes sind in der Mistel wiederzufinden. In ihrer ganzen Organisation und ihrem Wachstum ähnelt die Mistel einer embryonal gebliebenen Pflanze im Keimblattstadium. Andere Pflanzen bilden erst einfache Keimblätter und dann ihre jeweils charakteristischen Blätter. Die Mistel kommt aus dem ersten Stadium nicht heraus.
Viscum album zeigt einen wesentlichen Unterschied zu ihren tropischen Verwandten, die oft eine Art von botanischer Mimikry betreiben und in ihrem Aussehen dem Wirtsbaum ähneln. Im Gegensatz zu den tropischen Misteln besiedelt Viscum album eine Fülle verschiedener Wirtsbäume – und dennoch erkennt nur ein Experte den Unterschied zwischen einer Ahornmistel und einer Apfelmistel. Sie trägt zwar die Stoffe und Kräfte des Wirtsbaumes in sich, lässt sich von diesen aber nicht »überformen«. Sie bleibt ein ideales Gefäß für die Kräfte und Wirkstoffe des Baums.
Der Mistel auf den Leim gehen – Von der Bedeutung der Beeren und Embryonen
Nach Rudolf Steiner sind vor allem die Beeren wichtig für die Therapie – aber warum? Der Mistelembryo steckt in der Beere und ist von einer klebrigen, weißen, schleim- und leimartigen Substanz umgeben. Er muss in der Regel erst durch einen Vogelmagen »wandern«, bevor er sich – im Kot des Vogels von der Beerenhaut befreit – an einem Baum anhaften kann. Im Gegensatz zu allen anderen Samen, die vertrocknen und einen Ruhezustand benötigen, bleibt der Mistelsame in einem lebendigen Grün und photosynthetisch aktiv – ein geradezu einmaliger Vorgang! Doch auch die Beerenbildung ist ungewöhnlich. Sie erfolgt nach der Befruchtung in der Winterzeit sehr langsam und braucht bis zu der charakteristischen weißen Färbung ein halbes Jahr. So stehen sich ein unruhiger, immerzu aktiver Same als »Frühgeburt« und ein sich langsam bildendes Nährgewebe als Spätgeburt in der Beerenfrucht polar gegenüber.


Die Eiche
Baum des männlichen Eroberungswillens
Die Eiche hat den lateinischen Namen Quercus, unter dem 600 Arten zu finden sind. Noch vor dem berühmten Orakel von Delphi in Griechenland gab es die heilige Eiche von Dodona. Die Priesterinnen dieses Kultes weissagten aus den Bewegungen der Blätter. Die Hügel Roms waren ursprünglich mit Eichen bedeckt, die dem Gott Jupiter geweiht waren. Auf dem Kapitol wurde der erste Jupitertempel von Romulus in der Nähe einer seit langer Zeit kultisch verehrten Eiche errichtet. An die Äste dieses Baumes hängte Romulus die Trophäen, die er dem Feind abgenommen hatte. Dies taten nach ihm auch die Helden Roms, die Imperatoren, die zum Kapitol hinaufstiegen und dabei eine schwere Krone aus dem Laub von Eichen trugen. Rom war also eine uralte Kultstätte der Eiche.
Noch höher als bei den Griechen und Römern war das Ansehen der Eiche in der germanischen Sagenwelt. Und bei den Kelten leitet sich sogar der Name »Druide« von der Eiche ab. Die Beziehung der Kelten zur Eiche ist heute den meisten durch die Lektüre von Asterix und Obelix bekannt. Den Kelten war die Eiche der heiligste Baum, und die Mistel von der Eiche – Eichenmisteln gab und gibt es nur sehr selten – wurde in besonderer Weise verehrt. Die Kelten und Germanen verehrten ihre Götter in heiligen Hainen und an Quellen, aber eben auch in Bäumen. Bekannt geworden ist vor allem die Donar-Eiche des Bonifatius in Geismar (bei Fritzlar). Donar war der Herr des Blitzes. Im Zuge der Christianisierung wurden später zahlreiche Eichen gefällt, um den Germanen die Machtlosigkeit der einheimischen Götter zu demonstrieren. Dennoch hat sich im deutschsprachigen Raum der Eichenkult lange bewahrt.
Die Eiche gilt als Lebensbaum, als ein Baum, der Regen bringt und den Kreislauf des Wassers reguliert. Die Eicheln hielt man nicht nur für nahrhaft, sondern auch für fruchtbarkeitsfördernd. Die Esche wurde in der Mythologie als Baum der Kraft betrachtet, die Eiche als der Baum der Fruchtbarkeit, der Fülle und der sozialen Begegnung. Sogar als Thing-Baum, unter dem früher Gericht gehalten wurde, ist die Eiche bekannt geworden – hier zeigen sich Beziehungen zur Linde, die ebenfalls diese Funktion innehatte. Dennoch unterscheiden sich Linde und Eiche deutlich in ihrer Ausstrahlung und in ihrer symbolischen Bedeutung: Während die Linde mit den herzförmigen Blättern und dem süßlichen Duft das weibliche, mütterliche Prinzip ausdrückt, steht die herbe, starke Eiche für das männliche Prinzip, für väterliche Kraft und Strenge.
Die Eiche ist nicht nur der kraftvollste, sondern auch der bekannteste Baum in unseren Breiten. Nicht umsonst spricht man von der »deutschen Eiche« – ein Begriff, der häufig auf Männer bezogen wird. Eichen wachsen langsam und stetig zu einer beachtlichen Größe heran. Insbesondere die Stieleiche bildet knorrige, weit ausladende und markant horizontal abstehende Äste. Die Krone selbst ist mächtig und hat starke Äste. Eichen werden etwa 30 bis 35 Meter hoch, in Ausnahmefällen sogar 60 Meter. Der imposante Baum besitzt eine tief reichende, kräftige Pfahlwurzel, die ihm selbst bei stärkstem Sturm Halt gibt. In den ersten 100 bis 200 Jahren wachsen Eichen rasch in die Höhe, die weiteren Jahre sind dem Dickenwachstum vorbehalten. Der Volksmund unterscheidet im Leben der Eiche 500 Jahre des Aufgangs und 500 Jahre des Niedergangs. In der Jugend hat der Baum eine glatt glänzende, bräunliche bis weißgraue Rinde, die sich später in eine dunkelbraune, längsrissige und außerordentlich gerbstoffhaltige Borke verwandelt. In den Hohlräumen der Eiche leben oft wilde Bienen, deren Honig die Menschen früher ernteten. Eichen sind auch der Lebensraum für den Specht, für zahlreiche Käfer, weitere Vögel und bis zu 1000 Insektenarten – auch in der Natur zeigt sich das schützende Moment dieser Baumart. Kein anderer Baum in unseren Breiten ist so »sozial«.
Die Wohltaten der Eichen sind beeindruckend – sie reichen bis hin zu den kleinen, von der Gallwespe erzeugten weichen Kugeln, die man als Brennstoff für Lampen brauchte. Diese Gallen wurden in der Antike als Färbemittel zur Herstellung von Tinte und zum Gerben von Leder verwendet. Unter allen Bäumen hat die Eiche das widerstandsfähigste Holz. Früher wurde aus 4000 Eichen ein Kriegsschiff gebaut. Das Eichenholz gilt seit jeher als das wichtigste Holz im Hoch- und Tiefbau und wird zu Fässern, Eisenbahnschwellen und Parkettböden verarbeitet. Ebenso diente es der Herstellung von Schleusen, Fußböden, Fenstersimsen und Wasserrädern. Die immergrünen Korkeichen werden in Portugal und Spanien zur Gewinnung von Kork geschält. Die Eicheln sind als Kraftfutter bei den Wildschweinen begehrt, sie wurden aber auch als Kaffeebohnen-Ersatz genutzt.
In der traditionellen europäischen Medizin fand die Eiche bei Infektionen im Verdauungstrakt und der Blase Verwendung. Nebenhöhlenkatarrh und übermäßige Menstruationsblutungen sind weitere Indikationen. Die Substanzen der Eiche dienten der Stärkung der Unterleibsmuskulatur und halfen bei einem Gebärmuttervorfall. Auf Krampfadern und Hämorrhoiden wirken die Eichenextrakte entspannend. Anderen Berichten zufolge neutralisiert die Eichentinktur das Verlangen nach Alkohol. Eichenrindenbäder heilen Hautgeschwüre, und nach Pfarrer Kneipp soll man Eichenpräparate bei Kropf und geschwollenen Lymphdrüsen anwenden. Heutzutage wird die Eiche in der Volksheilkunde vor allem äußerlich bei feuchten Ekzemen eingesetzt. Sie wirkt adstringierend und austrocknend. Erfahrungen aus der Holzindustrie zeigen, dass der Holzstaub von Eichen (und Buchen) auffallend oft zu Tumoren in den Nasennebenhöhlen führt. Tumore bei Schreinern in diesem Bereich werden sogar als Berufskrankheit anerkannt. Es ist damit mehr als wahrscheinlich, dass die Eichenmistel gerade gegen diese Krebsart eingesetzt werden kann. Umgekehrt wird Eichenrinde als ein gutes Mittel bei Katarrh und Verstopfung der Nebenhöhlen verwendet. Als Mundspülung empfiehlt sie sich bei entzündetem Zahnfleisch und Aphten (schmerzhafte Entzündungen der Mundschleimhaut) ebenso wie zum Gurgeln bei Mandel-, Rachen- und Kehlkopfentzündungen.
In der Homöopathie gilt die Eiche als Mittel bei Alkoholmissbrauch, sie stärkt eine kranke Leber. Leberbeschwerden, Bauchwassersucht, Gicht und eine vergrößerte Milz sind die wichtigsten Erkrankungen, die mit Eichensubstanzen behandelt werden können. Die Beziehung der Eiche zur Leber sowie zu trockener und derber Haut wurde vor allem durch medizinische Beobachtungen in jüngster Zeit bestätigt.
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